
        
                                 Wilhelm Hauff
                              Mitteilungen aus den
                               Memoiren des Satan
                                   Erster Teil
                                    Einleitung
 Marte, e'rassembra the, qualor dal quinto
 Cielo, di ferro scendi e d'orror cinto.
                                                      Tasso. Jerus. librt. V. 44
                                 Erstes Kapitel
             Der Herausgeber macht eine interessante Bekanntschaft
Wer wie der Herausgeber und Übersetzer vorliegender merkwürdiger Aktenstücke in
den letzten Tagen des Septembers 1822 in Mainz war und in dem schönen Gastof Zu
den drei Reichskronen logierte, wird gewiss diese Tage nicht unter die verlorenen
seines Lebens rechnen.
    Es vereinigte sich damals alles, um das Gastofleben, sonst nicht gerade das
angenehmste, das man führen kann, angenehm zu machen. Feine Weine, gute Tafel,
schöne Zimmer, hätte man auch sonst wohl dort gefunden, seltener, gewiss sehr
selten so ausgesuchte Gesellschaft. Ich erinnere mich nicht, jemals in meinem
Leben, weder vor- noch nachher, einen meiner damaligen Tisch- und Hausgenossen
gesehen zu haben, und dennoch schlang sich in jenen glücklichen Tagen ein so
zartes enges Band der Geselligkeit um uns, wie ich es unter Fremden, deren
keiner den andern kannte, oder seine näheren Verhältnisse zu wissen wünschte,
nie für möglich gehalten hätte.
    Der schöne Herbst von 1822, mit seiner erfreulichen Aussicht, dieser Herbst
am Rhein genossen, mag allerdings zu dieser ruhigen Heiterkeit des Gemüts, zu
diesem Hingeben jedes einzelnen, für die Gesellschaft beigetragen haben, aber
nicht mit Unrecht glaube ich diese Erscheinung einem sonderbaren, mir nachher
höchst merkwürdigen Mann zuschreiben zu müssen.
    Ich war schon beinahe 11/2 Tage in den Drei Reichskronen vor Anker gelegen;
hätte mich nicht ein Freund, den ich seit langen Jahren nicht gesehen hatte, auf
den 25. oder 30. bestellt, ich wäre nicht mehr länger geblieben, denn die
schrecklichste Langeweile peinigte mich. Die Gesellschaft im Hause war
anständig, freundlich sogar, aber kalt; man liess einander an der Seite liegen,
wenig bekümmert um das Wohl oder das Weh des Nachbars; wie man einander die
schönen geschmorten Fische, den feinen Braten, oder die Saladière darzubieten
habe, wusste jeder, »aber das Genie, ich meine den Geist«, wies sich nicht
gehörig an der Tafel, noch weniger nachher aus.
    Ich sah eines Nachmittags aus meinem Fenster auf den freien Platz vor dem
Hotel herab, und dachte nach über meine Forderungen an die Menschen überhaupt
und an die Gastofmenschen (worunter ich nicht Wirt und Kellner allein
verstand), insbesondere; da rasselte ein Reisewagen über das Steinpflaster der
engen Seitenstrasse, und hielt gerade unter meinem Fenster.
    Der geschmackvolle Bau des Wagens liess auf eine elegante Herrschaft
schliessen, sonderbar war es übrigens, dass weder auf dem Bock, noch hinten im
Cabriolet ein Diener sass, was doch eigentlich zu den vier Postpferden, mit
welchen der Wagen bespannt war, notwendig gepasst hätte.
    »Vielleicht ein kranker Herr, den sie aus dem Wagen tragen müssen«, dachte
ich, und richtete die Lorgnette genau auf die Hand des grossen, stattlichen
Oberkellners, der den Schlag öffnete.
    »Zimmer vakant?« rief eine tiefe, wohltönende Männerstimme.
    »So viele Euer Gnaden befehlen,« war die Antwort des Giganten.
    Eine grosse, schlanke Gestalt schlüpfte schnell aus dem Wagen und trat in die
Halle.
    »Nro. 12 und 13«, rief die gebietende Stimme des Oberkellners, und Jean und
George flogen im Wettlauf die Treppe hinan.
    Die Wagentüre war offen geblieben, aber noch immer wollte kein zweiter
heraussteigen.
    Der Oberkellner stand verwundert am Wagen, zweimal hatte er hineingesehen,
und immer dabei mit dem Kopf geschüttelt.
    »Bst, Herr Oberkellner, auf ein Wort«, rief ich hinab, »wer war denn -«
    »Werde gleich die Ehre haben«, antwortete der Gefällige, und trat bald
darauf in mein Zimmer.
    »Eine sonderbare Erscheinung«, sagte ich zu ihm; »ein schwerer Wagen mit
vier Pferden und nur ein einzelner Herr, ohne alle Bedienung.«
    »Gegen alle Regel und Erfahrung«, versicherte jener, »ganz sonderbar, ganz
sonderbar; jedoch der Postillon versicherte, es sei ein Guter, denn er gab immer
zwei Taler schon seit acht Stationen. Vielleicht ein Engländer von Profession,
die haben alle etwas Apartes.«
    »Wissen Sie den Namen nicht?« fragte ich neugieriger, als es sich schickte.
    »Wird erst beim Souper auf die Schiefertafel geschrieben«, antwortete jener;
»haben der Herr Doktor sonst noch etwas?« -
    Ich wusste zu meinem Verdruss im Augenblicke nichts; er ging und liess mich mit
meinen Konjekturen über den Einsamen im achtsitzigen Wagen allein.
    Als ich abends zur Tafel hinabging, schlüpfte der Kellner an mir vorüber,
eine ungeheure Schiefertafel in der Hand. Er wurde mich kaum gewahr, als er in
einer Hand ein Licht, in der andern die Tafel, vor mich hintrat, mir solche
präsentierend.
    »v. Natas, Particulier«, stand aufgeschrieben. »Hat er noch keine
Bedienung?« fragte ich.
    »Nein«, war die Antwort, »er hat zwei Lohnlakaien angenommen, die ihn aber
weder aus - noch ankleiden dürfen.«
    Als ich in den Speisesaal trat, hatte sich die Gesellschaft schon
niedergelassen, ich eilte still an meinen Stuhl, gegenüber sass der Herr v.
Natas.
    Hatte dieser Mann schon vorher meine Neugierde erregt, so wurde er mir jetzt
um so interessanter, da ich ihn in der Nähe sah.
    Das Gesicht war schön, aber bleich, Haar, Auge und der volle Bart von
glänzendem Schwarz, die weissen Zähne, von den feingespaltenen Lippen oft
entüllt, wetteiferten mit dem Schnee der blendend weissen Wäsche. War er alt?
war er jung? man konnte es nicht bestimmen; denn bald schien sein Gesicht mit
seinem pikanten Lächeln, das ganz leise in dem Mundwinkel anfängt und wie ein
Wölkchen um die feingebogene Nase zu dem mutwilligen Auge hinaufzieht, früh
gereifte und unter dem Sturm der Leidenschaften verblühte Jugend zu verraten;
bald glaubte man einen Mann von schon vorgerückten Jahren vor sich zu haben, der
durch eifriges Studium einer reichen Toilette sich zu konservieren weiss.
    Es gibt Köpfe, Gesichter, die nur zu einer Körperform passen und sonst zu
keiner andern. Man werfe mir nicht vor, dass es Sinnentäuschung sei, dass das
Auge sich schon zu sehr an diese Form, wie sie die Natur gegeben, gewöhnt habe,
als dass es sich eine andere Mischung denken könnte. Dieser Kopf konnte nie auf
einem untersetzten, wohlbeleibten Körper sitzen, er durfte nur die Krone einer
hohen, schlanken, zartgebauten Gestalt sein. So war es auch, und die
gedankenschnelle Bewegung der Gesichtsmuskeln, wie sie in leichtem Spott um den
Mund, im tiefen Ernst um die hohe Stirne spielen, drückte sich auch in dem
Körper durch die würdige, aber bequeme Haltung, durch die schnelle, runde,
beinahe zierliche Bewegung der Arme, überhaupt in dem leichten, königlichen
Anstande des Mannes aus.
    So war Herr von Natas, der mir gegenüber an der Abendtafel sass. Ich hatte
während der ersten Gänge Musse genug, diese Bemerkungen zu machen, ohne dem
interessanten Vis-à-vis durch neugieriges Anstarren beschwerlich zu fallen. Der
neue Gast schien übrigens noch mehrere Beobachtungen zu veranlassen, denn von
dem obern Ende der Tafel waren diesen Abend die Brillen mehrerer Damen in
immerwährender Bewegung, mich und meine Nachbarn hatten sie über dem Mittagessen
höchstens mit blossem Auge gemustert.
    Das Dessert wurde aufgetragen, der Direktor der vorzüglichen Tafelmusik ging
umher, seinen wohlverdienten Lohn einzusammeln. Er kam an den Fremden. Dieser
warf einen Taler unter die kleine Münzensammlung, und flüsterte dem überraschten
Sammler etwas ins Ohr. Mit drei tiefen Bücklingen schien dieser zu bejahen und
zu versprechen, und schritt eilig zu seiner Kapelle zurück. Die Instrumente
wurden aufs neue gestimmt.
    Ich war gespannt, was jener wohl gewählt haben könnte; der Direktor gab das
Zeichen, und gleich in den ersten Takten erkannte ich die herrliche Polonaise
von Osinsky. Der Fremde lehnte sich nachlässig in seinen Stuhl zurück, er schien
nur der Musik zu gehören; aber bald bemerkte ich, dass das dunkle Auge unter den
langen schwarzen Wimpern rastlos umherlief - es war offenbar, er musterte die
Gesichter der Anwesenden, und den Eindruck, den die herrliche Polonaise auf sie
machte.
    Wahrlich! dieser Zug schien mir einen geübten Menschenkenner zu verraten.
Zwar wäre der Schluss unrichtig, den man sich aus der wärmern oder kältern
Teilnahme an dem Reich der Töne auf die grössere oder geringere Empfänglichkeit
des Gemüts für das Schöne und Edle ziehen wollte; heult ja doch auch selbst der
Hund bei den sanften Tönen der Flöte, das Pferd dagegen spitzt die Ohren bei dem
mutigen Schmettern der Trompeten, stolzer hebt es den Nacken und sein Tritt ist
fester und straffer.
    Aber dennoch konnte man nichts Unterhaltenderes sehen, als die Gesichter der
verschiedenen Personen bei den schönsten Stellen des Stückes; ich machte dem
Fremden mein Kompliment über die glückliche Wahl dieser Musik, und schnell hatte
sich zwischen uns ein Gespräch über die Wirkung der Musik auf diese oder jene
Charaktere entsponnen.
    Die übrigen Gäste hatten sich indessen verlaufen, nur einige, die in der
Ferne auf unser Gespräch gelauscht hatten, rückten nach und nach näher.
Mitternacht war herangekommen, ohne dass ich wusste, wie, denn der Fremde hatte
uns so tief in alle Verhältnisse der Menschen, in alle ihre Neigungen und Triebe
hineinblicken lassen, dass wir uns stille gestehen mussten, nirgends so
tiefgedachte, so überraschende Schlüsse gehört oder gelesen zu haben.
    Von diesem Abend an ging uns ein neues Leben in den Drei Reichskronen auf.
Es war, als habe die Freude selbst ihren Einzug bei uns gehalten, und feiere
jetzt ihre heiligsten Festtage; Gäste, die sich nie hätten einfallen lassen,
länger als eine Nacht hierzubleiben, schlossen sich an den immer grösser
werdenden Zirkel an, und vergassen, dass sie unter Menschen sich befinden, die der
Zufall aus allen Weltgegenden zusammengeschneit hatte. Und Natas, dieses
seltsame Wesen, war die Seele des Ganzen. Er war es, der sich, sobald er sich
nur erst mit seinen nächsten Tischnachbarn bekannt gemacht hatte, zum Maître de
plaisir hergab. Er veranstaltete Feste, Ausflüge in die herrliche Gegend und
erwarb sich den innigen Dank eines jeden. Hatte er aber schon durch die
sinnreiche Auswahl des Vergnügens sich alle Herzen gewonnen, so war dies noch
mehr der Fall, wenn er die Konversation führte.
    Jenes ergötzliche Märchen von dem Hörnchen des Oberon schien ins Leben
getreten zu sein; denn Natas durfte nur die Lippen öffnen, so fühlte jeder
zuerst die lieblichsten Saiten seines Herzens angeschlagen, auf leichten
Schwingen schwirrte dann das Gespräch um die Tafel, mutwilliger wurden die
Scherze, kühner die Blicke der Männer, schalkhafter das Kichern der Damen, und
endlich rauschte die Rede in so fessellosen Strömen, dass man nachher wenig mehr
davon wusste, als dass man sich »göttlich« amüsiert habe.
    Und dennoch war der Zauberer, der diese Lust heraufbeschwor, weit entfernt,
je ins Rohe, Gemeine hinüberzuspielen. Er griff irgendeinen Gegenstand, eine
Tagesneuigkeit auf, erzählte Anekdoten, spielte das Gespräch geschickt weiter,
wusste jedem seine tiefste Eigentümlichkeit zu entlocken und ergötzte durch
seinen lebhaften Witz, durch seine warme Darstellung, die durch alle
Schattierungen von dem tiefsten Gefühl der Wehmut, bis hinauf an jene Ausbrüche
der Laune streifte, welche in dem sinnlichsten, reizendsten Kostüm auf der
feinen Grenze des Anstandes gaukeln.
    Manchmal schien es zwar, es möchte weniger gefährlich gewesen sein, wenn er
dem Heiligen, das er antastete, geradezu Hohn gesprochen, das Zarte, das er
benagte, geradezu zerrissen hätte; jener zarte, geheimnisvolle Schleier, mit
welchem er dies oder jenes verhüllte, reizte nur zu dem lüsternen Gedanken,
tiefer zu blicken, und das üppige Spiel der Phantasie gewann in manchem Köpfchen
unsrer schönen Damen nur noch mehr Raum; aber man konnte ihm nicht zürnen, nicht
widersprechen; seine glänzenden Eigenschaften rissen unwiderstehlich hin, sie
umhüllten die Vernunft mit süssem Zauber, und seine kühnen Hypotesen schlichen
sich als Wahrheit in das unbewachte Herz.
 
                                Zweites Kapitel
                             Der schauerliche Abend
So hatte der geniale Fremdling mich und noch zwölf bis fünfzehn Herren und Damen
in einen tollen Strudel der Freude gerissen. Beinahe alle waren ohne Zweck in
diesem Haus, und doch wagte keiner, den Gedanken an die Abreise sich auch nur
entfernt vorzustellen. Im Gegenteil, wenn wir morgens lange ausgeschlafen,
mittags lange getafelt, abends lange gespielt und nachts lange getrunken,
geschwatzt und gelacht hatten, schien der Zauber, der uns an dies Haus band, nur
eine neue Kette um den Fuss geschlungen zu haben.
    Doch es sollte anders werden, vielleicht zu unserem Heil. An dem sechsten
Tage unseres Freudenreiches, einem Sonntag, war unser Herr v. Natas im ganzen
Gastof nicht zu finden. Die Kellner entschuldigten ihn mit einer kleinen Reise;
er werde vor Sonnenuntergang nicht kommen, aber zum Tee, zur Nachttafel
unfehlbar da sein.
    Wir waren schon so an den Unentbehrlichen gewöhnt, dass uns diese Nachricht
ganz betreten machte, es war uns, als würden uns die Flügel zusammengebunden und
man befehle uns zu fliegen.
    Das Gespräch kam, wie natürlich, auf den Abwesenden und auf seine
auffallende, glänzende Erscheinung. Sonderbar war es, dass es mir nicht aus dem
Sinne kommen wollte, ich habe ihn, nur unter einer andern Gestalt, schon früher
einmal auf meinem Lebenswege begegnet; so abgeschmackt auch der Gedanke war, so
unwiderstehlich drängte er sich mir immer wieder auf. Aus früheren Jahren her
erinnerte ich mich nämlich eines Mannes, der in seinem Wesen, in seinem Blick
hauptsächlich, grosse Ähnlichkeit mit ihm hatte. Jener war ein fremder Arzt,
besuchte nur hie und da meine Vaterstadt, und lebte dort immer von Anfang sehr
still, hatte aber bald einen Kreis von Anbetern um sich versammelt. Die
Erinnerung an jenen Menschen war mir übrigens fatal, denn man behauptete, dass,
sooft er uns besucht habe, immer ein bedeutendes Unglück erfolgt sei, aber
dennoch konnte ich den Gedanken nicht loswerden, Natas habe die grösste
Ähnlichkeit mit ihm, ja es sei eine und dieselbe Person.
    Ich erzählte meinen Tischnachbarn den unablässig mich verfolgenden Gedanken
und die unangenehme Vergleichung eines mir so grausenhaften Wesens, wie der
Fremde in meiner Vaterstadt war, mit unserm Freunde, der so ganz meine Achtung
und Liebe sich erworben hatte; aber noch unglaublicher klingt es vielleicht,
wenn ich versichere, dass meine Nachbarn ganz den nämlichen Gedanken hatten; auch
sie glaubten unter einer ganz andern Gestalt unsern geistreichen Gesellschafter
gesehen zu haben.
    »Sie könnten einem ganz bange machen«, sagte die Baronin von Tingen, die
nicht weit von mir sass. »Sie wollen unsern guten Natas am Ende zum Ewigen Juden
oder Gott weiss, zu was sonst noch machen!«
    Ein kleiner ältlicher Herr, Professor in T., der seit einigen Tagen sich
auch an unsere Gesellschaft angeschlossen, und immer stillvergnügt, hie und da
etwas weinselig, mitlebte, hatte während unserer »vergleichenden Anatomie«, wie
er es nannte, still vor sich hin gelächelt und mit kunstfertiger Schnelligkeit
seine ovale Dose zwischen den Fingern umgedreht, dass sie wie ein Rad anzusehen
war.
    »Ich kann mit meiner Bemerkung nicht mehr länger hinter dem Berge halten«,
brach er endlich los, »wenn Sie erlauben, Gnädigste, so halte ich ihn nicht
gerade für den Ewigen Juden, aber doch für einen ganz absonderlichen Menschen.
Solange er zugegen war, wollte wohl hie und da der Gedanke in mir aufblitzen,
Den hast du schon gesehen, wo war es doch? aber wie durch Zauber krochen diese
Erinnerungen zurück, wenn er mich mit dem schwarzen umherspringenden Auge
erfasste.«
    »So war es mir gerade auch, mir auch, mir auch«, riefen wir alle verwundert.
    »Hm! he, hm!« lachte der Professor. »Jetzt fällt es mir aber von den Augen
wie Schuppen, dass es niemand ist als der, den ich schon vor zwölf Jahren in
Stuttgart gesehen habe.«
    »Wie, Sie haben ihn gesehen und in welchen Verhältnissen?« fragte Frau v.
Tingen eifrig, und errötete bald über den allzu grossen Eifer, den sie verraten
hatte.
    Der Professor nahm eine Prise, klopfte den Jabot aus und begann: »Es mögen
nun ungefähr zwölf Jahre sein, als ich wegen eines Prozesses einige Monate in
Stuttgart zubrachte. Ich wohnte in einem der ersten Gastöfe und speiste auch
dort gewöhnlich in grosser Gesellschaft an der Wirtstafel. Einmal kam ich nach
einigen Tagen, in welchen ich das Zimmer hatte hüten müssen, zum erstenmal
wieder zu Tisch. Man sprach sehr eifrig über einen gewissen Herrn Barighi, der
seit einiger Zeit die Mittagsgäste durch seinen lebhaften Witz, durch seine
Gewandteit in allen Sprachen entzücke; in seinem Lob waren alle einstimmig, nur
über seinen Charakter war man nicht recht einig, denn die einen machten ihn zum
Diplomaten, die andern zu einem Sprachmeister, die dritten zu einem hohen
Verbannten, wieder andere zu einem Spion. Die Türe ging auf, man war still,
beinahe verlegen, den Streit so laut geführt zu haben; ich merkte, dass der
Besprochene sich eingefunden habe und sah -«
    »Nun? ich bitte Sie! denselben, der uns« - »denselben, der uns seit einigen
Tagen so trefflich unterhält. Dies wäre übrigens gerade nichts Übernatürliches,
aber hören Sie weiter: zwei Tage schon hatte uns Herr Barighi, so nannte sich
der Fremde, durch seine geistreiche Unterhaltung die Tafel gewürzt, als uns
einmal der Wirt des Gastofs unterbrach: Meine Herren, sagte der Höfliche,
bereiten Sie sich auf eine köstliche Unterhaltung, die Ihnen morgen zuteil
werden wird, vor; der Herr Oberjustizrat Hasentreffer zog heute aus, und zieht
morgen ein.
    Wir fragten, was dies zu bedeuten habe, und ein alter grauer Hauptmann, der
schon seit vielen Jahren den obersten Platz in diesem Gastof behauptete, teilte
uns den Schwank mit: Gerade dem Speisesaal gegenüber wohnt ein alter
Junggeselle, einsam in einem grossen öden Haus; er ist Oberjustizrat ausser
Dienst, lebt von einer anständigen Pension, und soll überdies ein enormes
Vermögen besitzen.
    Derselbe ist aber ein kompletter Narr und hat ganz eigene Gewohnheiten, wie
z.B. dass er sich selbst oft grosse Gesellschaft gibt, wobei es immer flott
hergeht. Er lässt zwölf Couverts aus dem Wirtshaus kommen, feine Weine hat er im
Keller, und einer oder der andere unsrer Marqueurs hat die Ehre zu servieren.
Man denkt vielleicht, er hat allerlei hungrige oder durstige Menschen bei sich?
Mitnichten! alte, gelbe Stammbuchblätter, auf jedem ein grosses Kreuz, liegen auf
den Stühlen, dem alten Kauz ist aber so wohl, als wenn er unter den lustigsten
Kameraden wäre; er spricht und lacht mit ihnen, und das Ding soll so greulich
anzusehen sein, dass man immer die neuen Kellner dazu braucht, denn wer einmal
bei einem solchen Souper war, geht nicht mehr in das öde Haus.
    Vorgestern war wieder ein Souper, und unser neuer Franz dort schwört Himmel
und Erde, ihn bringe keine Seele mehr hinüber. Den andern Tag nach dem Gastmahl
kommt dann die zweite Sonderbarkeit des Oberjustizrats. Er fährt morgens früh
aus der Stadt, und kehrt erst den andern Morgen zurück; nicht aber in sein Haus,
das um diese Zeit fest verriegelt und verschlossen ist, sondern hierher ins
Wirtshaus.
    Da tut er dann ganz fremd gegen Leute, welche er das ganze Jahr täglich
sieht, speist zu Mittag, und stellt sich nachher an ein Fenster, und betrachtet
sein Haus gegenüber von oben bis unten.
    Wem gehört das Haus da drüben? fragt er dann den Wirt.
    Pflichtmässig bückt sich dieser jedesmal und antwortet: Dem Herrn
Oberjustizrat Hasentreffer, Ew. Exzellenz aufzuwarten«. - »Aber Herr Professor,
wie hängt denn Ihr toller Hasentreffer mit unserem Natas zusammen?« fragte ich.
    »Belieben Sie sich doch zu gedulden, Herr Doktor«, antwortete jener, »es
wird Ihnen gleich wie ein Licht aufgehen. Der Hasentreffer beschaut also das
Haus und erfährt, dass es dem Hasentreffer gehöre. Ach! derselbe, der in Tübingen
zu meiner Zeit studierte? fragt er dann, reisst das Fenster auf, streckt den
gepuderten Kopf hinaus, und schreit Ha-a-asentreffer - Ha-a-asentreffer.
    Natürlich antwortet niemand, er aber sagt dann, Der Alte würde es mir nie
vergessen, wenn ich nicht bei ihm einkehrte, nimmt Hut und Stock, schliesst sein
eigenes Haus auf, und so geht es nach wie vor.
    Wir alle«, fuhr der Professor in seiner Erzählung fort, »waren sehr erstaunt
über diese sonderbare Erscheinung, und freuten uns königlich auf den morgenden
Spass. Herr Barighi aber nahm uns das Versprechen ab, ihn nicht verraten zu
wollen, indem er einen köstlichen Scherz mit dem Oberjustizrat vorhabe.
    Früher als gewöhnlich versammelten wir uns an der Wirtstafel und belagerten
die Fenster. Eine alte baufällige Chaise wurde von zwei alten Kleppern die
Strasse herangeschleppt, sie hielt vor dem Wirtshaus; Das ist der Hasentreffer,
der Hasentreffer, tönte es von aller Mund, und eine ganz besondere Fröhlichkeit
bemächtigte sich unser, als wir das Männlein, zierlich gepudert, mit einem
stahlgrauen Röcklein angetan, ein mächtiges Meerrohr in der Hand, aussteigen
sahen. Ein Schwanz von wenigstens zehn Kellnern schloss sich ihm an; so gelangte
er ins Speisezimmer.
    Man schritt sogleich zur Tafel; ich habe selten so viel gelacht, als damals,
denn mit der grössten Kaltblütigkeit behauptete der Alte, geraden Weges aus
Kassel zu kommen, und vor sechs Tagen in Frankfurt im Schwanen recht gut logiert
zu haben. Schon vor dem Dessert musste Barighi verschwunden sein, denn als der
Oberjustizrat aufstand, und sich auch die übrigen Gäste erwartungsvoll erhoben,
war er nirgends mehr zu sehen.
    Der Oberjustizrat stellte sich ans Fenster, wir alle folgten seinem
Beispiele und beobachteten ihn. Das Haus gegenüber schien öde und unbewohnt; auf
der Türschwelle sprosste Gras, die Jalousien waren geschlossen, zwischen einigen
schienen sich Vögel eingebaut zu haben.
    Ein hübsches Haus da drüben, begann der Alte zu dem Wirt, der immer in der
dritten Stellung hinter ihm stand. Wem gehört es? Dem Oberjustizrat
Hasentreffer, Eurer Exzellenz aufzuwarten.
    Ei, das ist wohl der nämliche, der mit mir studiert hat? rief er aus; der
würde mir es nie verzeihen, wenn ich ihm nicht meine Anwesenheit kundtäte. Er
riss das Fenster auf, Hasentreffer - Hasentreffer, schrie er mit heiserer Stimme
hinaus - Aber wer beschreibt unseren Schrecken, als gegenüber in dem öden Haus,
das wir wohl verschlossen und verriegelt wussten, ein Fensterladen langsam sich
öffnete; ein Fenster tat sich auf, und heraus schaute der Oberjustizrat
Hasentreffer im zitzenen Schlafrock und der weissen Mütze, unter welcher wenige
graue Löckchen hervorquollen; so, gerade so pflegte er sich zu Haus zu tragen.
Bis auf das kleinste Fältchen des bleichen Gesichtes, war der gegenüber der
nämliche wie der, der bei uns stand. Aber Entsetzen ergriff uns, als der im
Schlafrock mit derselben heiseren Stimme über die Strasse herüberrief: Was will
man, wem ruft man? he!
    Sind Sie der Herr Oberjustizrat Hasentreffer? rief der auf unserer Seite,
bleich wie der Tod, mit zitternder Stimme, indem er sich bebend am Fenster
hielt.
    Der bin ich, kreischte jener, und nickte freundlich grinsend mit dem Kopfe;
steht etwas zu Befehl?
    Ich bin er ja auch, rief der auf unserer Seite wehmütig, wie ist denn dies
möglich?
    Sie irren sich, Wertester, schrie jener herüber, Sie sind der dreizehnte;
kommen Sie nur ein wenig herüber in meine Behausung, dass ich Ihnen den Hals
umdrehe; es tut nicht weh.
    Kellner, Stock und Hut! rief der Oberjustizrat, matt bis zum Tod, und die
Stimme schlich ihm in kläglichen Tönen aus der hohlen Brust herauf. In meinem
Haus ist der Satan, und will meine Seele; - vergnügten Abend meine Herrn; setzte
er hinzu, indem er sich mit einem freundlichen Bückling zu uns wandte, und dann
den Saal verliess.
    Was war das? fragten wir uns, sind wir alle wahnsinnig? -
    Der im Schlafrock schaute noch immer ganz ruhig zum Fenster hinaus, während
unser gutes altes Närrchen in steifen Schritten über die Strasse stieg. An der
Haustüre zog er einen grossen Schlüsselbund aus der Tasche, riegelte - der im
Schlafrock sah ihm ganz gleichgültig zu -, riegelte die schwere, knarrende
Haustüre auf, und trat ein.
    Jetzt zog sich auch der andere vom Fenster zurück, man sah wie er dem
unsrigen an die Zimmertüre entgegenging.
    Unser Wirt, die zehn Kellner waren alle bleich von Entsetzen und zitterten:
Meine Herren, sagte jener, Gott sei dem armen Hasentreffer gnädig, denn einer
von beiden war der Leibhaftige. -
    Wir lachten den Wirt aus, und wollten uns selbst bereden, dass es ein Scherz
von Barighi sei, aber der Wirt versicherte, es habe niemand in das Haus gehen
können, ausser mit den überaus künstlichen Schlüsseln des Rats, Barighi sei 10
Minuten, ehe das Grässliche geschehen, noch an der Tafel gesessen, wie hätte er
denn in so kurzer Zeit die täuschende Maske anziehen können, vorausgesetzt, auch
er hätte sich das fremde Haus zu öffnen gewusst. Die beiden seien aber einander
so greulich ähnlich gewesen, dass er, ein zwanzigjähriger Nachbar, den echten
nicht hätte unterscheiden können. Aber um Gottes willen, meine Herrn, hören Sie
nicht das grässliche Geschrei da drüben?
    Wir sprangen ans Fenster, schreckliche trauervolle Stimmen tönten aus dem
öden Hause herüber, einigemal war es uns, als sähen wir unsern alten
Oberjustizrat, verfolgt von seinem Ebenbild im Schlafrock am Fenster
vorbeijagen. Plötzlich aber war alles still.
    Wir sahen einander an; der Beherzteste machte den Vorschlag, hinüberzugehen;
alle stimmten überein. Man zog über die Strasse, die grosse Hausglocke an des
Alten Haus tönte dreimal, aber es wollte sich niemand hören lassen: da fing uns
an zu grauen; wir schickten nach der Polizei und dem Schlosser, man brach die
Türe auf, der ganze Strom der Neugierigen zog die breite, stille Treppe hinauf,
alle Türen waren verschlossen; eine ging endlich auf, in einem prachtvollen
Zimmer lag der Oberjustizrat im zerrissenen stahlfarbigen Röcklein, die
zierliche Frisur schrecklich verzaust, tot, erwürgt auf dem Sofa.
    Von Barighi hat man weder in Stuttgart, noch sonst irgendwo jemals eine Spur
gesehen.«
 
                                Drittes Kapitel
                             Der schauervolle Abend
                                 (Fortsetzung)
Der Professor hatte seine Erzählung geendet, wir sassen eine gute Weile still und
nachdenkend. Das lange Schweigen ward mir endlich peinlich, ich wollte das
Gespräch wieder anfachen, aber auf eine andere Bahn bringen, als mir ein Herr
von mittleren Jahren in reicher Jagduniform, wenn ich nicht irre, ein
Oberforstmeister aus dem Nassauischen, zuvorkam.
    »Es ist wohl jedem von uns schon begegnet, dass er unzählige Male für einen
andern gehalten wurde, oder auch Fremde für ganz Bekannte anredete, und
sonderbar ist es, ich habe diese Bemerkung oft in meinem Leben bestätigt
gefunden, dass die Verwechslung weniger bei jenen platten, alltäglichen,
nichtssagenden Gesichtern, als bei auffallenden, eigentlich interessanten
vorkommt.«
    Wir wollten ihm seine Behauptung als ganz unwahrscheinlich verwerfen, aber
er berief sich auf die wirklich interessante Erscheinung unseres Natas; »Jeder
von uns gesteht«, sagte er, »dass er dem Gedanken Raum gegeben, unsern Freund,
nur unter anderer Gestalt, hier oder dort gesehen zu haben, und doch sind seine
scharfen Formen, sein gebietender Blick, sein gewinnendes Lächeln ganz dazu
gemacht, auf ewig sich ins Gedächtnis zu prägen.«
    »Sie mögen so unrecht nicht haben«, entgegnete Flasshof, ein preussischer
Hauptmann, der auf die Strafe des Arrestes hin, schon zwei Tage bei uns
gezaudert hatte, nach Koblenz in seine Garnison zurückzukehren, »Sie mögen recht
haben; ich erinnere mich einer Stelle aus den launigen Memoiren des
italienischen Grafen Gozzi, die ganz für Ihre Behauptung spricht: Jedermann,
sagt er, hat den Michele d'Agata gekannt und weiss, dass er einen Fuss kleiner und
wenigstens um zwei dicker war, als ich, und auch sonst nicht die geringste
Ähnlichkeit in Kleidung und Physiognomie mit mir gehabt hat.
    Aber lange Jahre hatte ich alle Tage den Verdruss, von Sängern, Tänzern,
Geigern und Lichtputzern als Herr Michele d'Agata angeredet zu sein und lange
Klagen über schlechte Bezahlung, Forderungen usw. anhören zu müssen. Selten
gingen sie überzeugt von mir weg, dass ich nicht Michele d'Agata sei.
    Einst besuchte ich in Verona eine Dame; das Kammermädchen meldet mich an,
Herr Agata. Ich trat hinein und ward als Michele d'Agata begrüsst und
unterhalten, ich ging weg und begegnete einem Arzt, den ich wohl kannte; Guten
Abend, Herr Agata, war sein Gruss, indem er vorüberging. Ich glaubte am Ende
beinahe selbst, ich sei der Michele d'Agata.«
    Ich wusste dem guten Hauptmann Dank, dass er uns aus den ängstigenden
Phantasien, welche die Erzählung des Professors in uns aufgeregt hatte, erlöste.
Das Gespräch floss ruhiger fort, man stritt sich um das Vorrecht ganzer Nationen,
einen interessanten Gesichterschnitt zu haben, über den Einfluss des Geistes auf
die Gesichtszüge überhaupt und auf das Auge insbesondere, man kam endlich auf
Lavater und Konsorten; Materien, die ich hundertmal besprochen, mochte ich nicht
mehr wiederkäuen, ich zog mich in ein Fenster zurück. Bald folgte mir der
Professor dahin nach, um gleich mir die Gesichter der Streitenden zu betrachten.
    »Welch ein leichtsinniges Volk«, seufzte er, »ich habe sie jetzt soeben
gewarnt und die Hölle ihnen recht heiss gemacht, ja sie wagten in keine Ecke mehr
zu sehen, aus Furcht, der Leibhaftige möchte daraus hervorgucken, und jetzt
lachen sie wieder und machen tolle Streiche, als ob der Versucher nicht immer
umherschliche?«
    Ich musste lachen über die Amtsmiene, die sich der Professor gab; »Noch nie
habe ich das schöne Talent eines Vesperpredigers an Ihnen bemerkt«, sagte ich,
»aber Sie setzen mich in Erstaunen durch Ihre kühnen Angriffe auf die böse Welt
und auf den Argen selbst. Bilden Sie sich denn wirklich ein, dieser harmlose
Natas...«
    »Harmlos nennen Sie ihn?« unterbrach mich der Professor, heftig meine Brust
anfassend, »harmlos? Haben Sie denn nicht bemerkt«, flüsterte er leiser, »dass
alles bei diesem feinen.... Herrn berechneter Plan ist. Oh, ich kenne meine
Leute!«
    »Sie setzen mich in Erstaunen, wie meinen Sie denn?«
    »Haben Sie nicht bemerkt«, fuhr er eifrig fort, »dass der gebildete Herr
Oberforstmeister dort mit Leib und Seele sein ist, weil er ihm fünf Nächte
hindurch alles Geld abjagte, und den Ausgebeutelten gestern nacht
fünfzehnhundert Dukaten gewinnen liess? Er nennt den abgefeimten Spieler einen
Mann von den nobelsten Sentiments und schwört auf Ehre, er müsse über die Hälfte
wieder an den Fremden verlieren, sonst habe er keine Ruhe. - Haben Sie ferner
nicht bemerkt, wie er den Ökonomierat gekörnt hat?«
    »Ich habe wohl gesehen«, antwortete ich, »dass der Ökonomierat, sonst so
moros und misantrop, jetzt ein wenig aufgewacht ist, aber ich habe es dem
allgemeinen Einfluss der Gesellschaft zugeschrieben.«
    »Behüte. Er läuft schon seit zwanzig Jahren in den Gesellschaften umher und
wacht doch nicht auf; auf dem Weg ist er ein Bruder Lüderlich zu werden; der
Esel reist krank im Lande umher, behauptet einen grossen Wurm im Leib zu haben
und macht allen Leuten das Leben sauer mit seinen exorbitanten Behauptungen, und
jetzt? jetzt hat ihn dieser Wundermann erwischt, gibt ihm ein Pülverlein, und
rät ihm, nicht wie ein anderer vernünftiger Arzt, Diät und Mässigkeit, sondern er
soll seine Jugend, wie er die fünfzig Jahre des alten Wurms nennt, geniessen,
viel Wein trinken etc., und das et cetera und den Wein benützt er seit vier
Tagen ärger als der verlorne Sohn.«
    »Und darüber können Sie sich ärgern, Herr Professor? der Mann ist sich und
dem Leben wiedergeschenkt -«
    »Nicht davon spreche ich«, entgegnete der Eifrige, »der alte Sünder könnte
meinetwegen heute noch abfahren; sondern dass er sich dem nächsten besten
Charlatan anvertraut und sich also ruinieren muss, ich habe ihn vor acht Jahren
in der Kur gehabt, und es besserte sich schon zusehends.«
    Der Eifer des guten Professors war mir nun einigermassen erklärlich, der
liebe Brotneid schaute nicht undeutlich heraus. -
    »Und unsere Damen?« fuhr er fort, »die sind nun rein toll. Mich dauert nur
der arme Trübenau, ich kenne ihn zwar nicht, aber übermorgen soll er hier
ankommen, und wie findet er die gnädige Frau? Hat man je gehört, dass eine junge
gebildete Frau in den ersten Jahren einer glücklichen Ehe sich in ein solches
Verhältnis mit einem ganz fremden Menschen einlässt, und zwar innerhalb fünf
Tagen!« -
    »Wie, die schöne, bleiche Frau dort?« rief ich aus.
    »Die nämliche bleiche«, antwortete er, »vor vier Tagen war sie noch schön
rot, wie eine Zentifolie, da begegnet ihr der Interessante auf der Strasse,
fragt, wohin sie gehe, hört kaum, dass sie rouge fin kaufen wolle (denn solche
Toilettengeheimnisse auszuplaudern, heisst bon ton), so bittet und fleht er, sie
solle doch kein Rot auflegen, sie habe ein so interessantes je-ne-sais-quoi, das
zu einem blassen Teint viel besser stehe. Was tut sie? wahrhaftig, sie geht in
den nächsten Galanterieladen und sucht weisse Schminke; ich war gerade dort, um
ein Pfeifenrohr zu erstehen, da höre ich sie mit ihrer süssen Stimme den
rauhhärigen Bären von einem Ladendiener fragen, ob man das Weiss nicht noch etwas
äterischer habe? Hol mich der T....! hat man je so was gehört?«
    Ich bedauerte den Professor aufrichtig, denn wenn ich nicht irrte, so suchte
er von Anfang die Aufmerksamkeit der schönen Frau auf den schon etwas
verschossenen »Einband seiner gelehrten Seele« zu ziehen. Dass es aber mit Natas
und der Trübenau nicht ganz richtig war, sah ich selbst; von der
Schminkgeschichte, die jenen so sehr erboste, wusste ich zwar nichts, aber wer
sich auf die Exegese der Augen verstand, hatte keinen weitern Kommentar nötig,
um die gegenseitige Annäherung daraus zu erläutern.
    Der Professor hatte, in tiefe Gedanken versunken, eine Zeitlang geschwiegen;
er erhob jetzt sein Auge durch die Brille an die Decke des Zimmers, wo allerlei
Engelein in Gips aufgetragen waren; »Himmel«, seufzte er, »und die Tingen hat
er auch; Sie glauben nicht, welcher Reiz in diesem ewig heitern Auge, in diesen
Grübchen auf den blühenden Wangen, in dem Schmelz ihrer Zähne, in diesen
frischen, zum Kuss geöffneten Lippen, in diesen weichen Armen, in diesen runden
vollen Formen der schwellenden -«
    »Herr Professor!« rief ich, erschrocken über seine Ekstase, und schüttelte
ihn am Arm ins Leben zurück. »Sie geraten ausser sich, Wertester, belieben Sie
nicht eine Prise Spaniol?«
    »Er hat sie auch«, fuhr er zähneknirschend fort, »haben Sie nicht bemerkt,
mit welcher Hast sie vorhin nach seinen Verhältnissen fragte? wie sie rot ward?
Jung, schön, wohlhabend, Witwe - sie hat alles, um eine angenehme Partie zu
machen; geistreiche Männer von Ruf in der literarischen Welt, buhlen um ihre
Gunst, sie wirft sie an einen - Landstreicher hin; ach, wenn Sie wüssten, bester
Doktor, was mir neulich der Oberkellner aber mit der grössten Diskretion; dass man
ihn vorgestern nachts aus ihrem Zimmer...«
    »Ich bitte, verschonen Sie mich«, fiel ich ein, »gestehen Sie mir lieber, ob
der Wundermensch Sie selbst noch nicht unter den Pantoffel gebracht hat.«
    »Das ist es eben«, antwortete der Befragte verlegen lächelnd, »das ist es,
was mir Kummer macht. Sie wissen, ich lese über Chemie; er brachte einmal das
Gespräch darauf, und entwickelte so tiefe Kenntnisse, deckte so neue und kühne
Ideen auf, dass mir der Kopf schwindelte; ich möchte ihm um den Hals fallen und
um seine Hefte und Notizen bitten, es zieht mich mit unwiderstehlicher
Geisterkraft in seine Nähe, und doch könnte ich ihm mit Freuden Gift
beibringen.«
    Wie komisch war die Wut dieses Mannes, er ballte die Faust und fuhr damit
hin und her, seine grünen Brillengläser funkelten wie Katzenaugen, sein kurzes
schwarzes Haar schien sich in die Höhe zu richten.
    Ich suchte ihn zu besänftigen; ich stellte ihm vor, dass er ja nicht ärger
losziehen könnte, wenn der Fremde der Teufel selbst wäre; aber er liess mich
nicht zum Worte kommen.
    »Er ist es, der Satan selbst logiert hier in den Drei Reichskronen«, rief
er, »um unsere Seelen zu angeln. Ja, du bist ein guter Fischer, und hast eine
feine Nase, aber ein ....r Professor, wie ich, der sogar in demagogischen
Untersuchungen die Lunte gleich gerochen, und eigens deswegen hieher nach Mainz
gereist ist, ein solcher hat noch eine feinere als du.«
    Ein heiseres Lachen, das gerade hinter meinem Rücken zu entstehen schien,
zog meine Aufmerksamkeit auf sich; ich wandte mich um, und glaubte Natas
höhnisch durch die Scheiben hereingrinsen zu sehen. Ich ergriff den Professor am
Arm, um ihm die sonderbare Erscheinung zu zeigen, denn das Zimmer lag einen
Stock hoch; dieser aber hatte weder das Lachen gehört, noch konnte er meine
Erscheinung sehen; denn als er sich umwandte, sah nur die bleiche Scheibe des
Mondes durch die Fenster dort, wo ich vorhin das greulich verzerrte Gesicht des
geheimnisvollen Fremdlings zu sehen geglaubt hatte.
    Ehe ich noch recht mit mir einig war, ob das, was ich gesehen, Betrug der
Sinne, Ausgeburt einer aufgeregten Phantasie oder Wirklichkeit war, ward die
Türe aufgerissen, und Herr von Natas trat stolzen Schrittes in das Zimmer. Mit
sonderbarem Lächeln mass er die Gesellschaft, als wisse er ganz gut, was von ihm
gesprochen worden sei, und ich glaubte zu bemerken, dass keiner der Anwesenden
seinen forschenden Blick auszuhalten vermochte.
    Mit der ihm so eigenen Leichtigkeit hatte er der Trübenau gegenüber, neben
der Frau von Tingen Platz genommen, und die Leitung der Konversation an sich
gerissen. Das böse Gewissen liess den Professor nicht an den Tisch sitzen, mich
selbst fesselte das Verlangen, diesen Menschen einmal aus der Ferne zu
beobachten, an meinem Platz im Fenster. Da bemerkten wir denn das Augenspiel
zwischen Frau v. Trübenau und dem gewandtesten der Liebhaber, der, indem er der
Tochter des Ökonomierats so viel Verbindliches zu sagen wusste, dass sie einmal
über das andere bis unter die breiten Brüssler Spitzen ihrer Busenkrause
errötete, das feingeformte Füsschen der Frau von Tingen auf seinem
blankgewichsten Stiefel tanzen liess.
    »Drei Mücken auf einen Schlag, das heisse ich doch - meiner Seel, aller Ehre
wert«, brummte der zornglühende Professor, dem jetzt auch seine letzte
Ressource, die ökonomische Schöne, so was man sagt, vor dem Mund weggeschnappt
werden sollte. Mit tönenden Schritten ging er an den Tisch, nahm sich einen
Stuhl und setzte sich, breit wie eine Mauer, neben seine Schöne. Doch diese
schien nur Ohren für Natas zu haben, denn sie antwortete auf seine Frage, ob sie
sich wohl befinde, »übermorgen«, und als er voll Gram die Anmerkung hinwarf, sie
scheine sehr zerstreut, meinte sie »I fl. 30 kr. die Elle«.
    Ich sah jetzt einem unangenehmen Auftritt entgegen. Der Professor, der nicht
daran dachte, dass er durch ein Sonett oder Triolett alles wieder gut machen, ja
durch ein paar ottave rime sich sogar bei der Trübenau wieder insinuieren
könnte, widersprach jetzt geradezu jeder Behauptung, die Natas vorbrachte; und
ach! nicht zu seinem Vorteil; denn dieser, in der Dialektik dem guten
Katedermann bei weitem überlegen, führte ihn so aufs Eis, dass die leichte Decke
seiner Logik zu reissen und er in ein Chaos von Widersprüchen hinabzustürzen
drohte.
    Eine lieblich duftende Bowle Punsch unterbrach einige Zeit den Streit der
Zunge, gab aber dafür Anlass zu desto feindseligeren Blicken zwischen Frau von
Trübenau und Frau von Tingen. Diese hatte, ihrer schönen runden Arme sich
bewusst, den gewaltigen silbernen Löffel ergriffen, um beim Eingiessen die ganze
Grazie ihrer Haltung zu entwickeln; jene aber kredenzte die gefüllten Becher mit
solcher Anmut, mit so liebevollen Blicken, dass das Bestreben, sich gegenseitig
soviel als möglich Abbruch zu tun, unverkennbar war.
    Als aber der sehr starke Punsch die leisen Schauer des Herbstabends
verdrängt hatte, als er anfing, die Wangen unserer Damen höher zu färben, und
aus den Augen der Männer zu leuchten, da schien es mir mit einem Mal, als sei
man, ich weiss nicht wie, aus den Grenzen des Anstands herausgetreten; allerlei
dumme Gedanken stiegen in mir auf und nieder, das Gespräch schnurrte und summte
wie ein Mühlrad, man lachte und jauchzte und wusste nicht über was? man kicherte
und neckte sich, und der Oberforstmeister brachte sogar ein Pfänderspiel mit
Küssen in Vorschlag. Plötzlich hörte ich jenes heisere Lachen wieder, das ich
vorhin vor dem Fenster zu hören glaubte; wirklich, es war Natas, der dem
Professor zuhörte, und trotz dem Eifer und Ernst, mit welchem dieser alles
vorbrachte, alle Augenblicke in sein heiseres Gelächter ausbrach.
    »Nicht wahr, meine Herren und Damen«, schrie der Punsch aus dem Professor
heraus, »Sie haben vorhin selbst bemerkt, dass unser verehrter Freund dort jedem
von Ihnen, nur in anderer Gestalt, schon begegnet ist? Sie schweigen? Ist das
auch Räson, einen so im Sand sitzen zu lassen? Herr Oberforstmeister! Frau von
Tingen, gnädige Frau! sagen Sie selbst; namentlich Sie, Herr Doktor!«
    Wir befanden uns durch die Indiskretion des Professors in grosser
Verlegenheit; »ich erinnere mich«, gab ich zur Antwort, als alles schwieg, »von
interessanten Gesichtern und ihren Verwechslungen gesprochen zu haben, und wenn
ich nicht irre, wurde auch Herr von Natas aufgeführt.«
    Der Benannte verbeugte sich, und meinte, es sei gar zuviel Ehre, ihn unter
die Interessanten zu zählen; aber der Professor verdarb wieder alles.
    »Was da! ich nehme kein Blatt vor den Mund!« sagte er, »ich behauptete, dass
mir ganz unheimlich in Dero Nähe sei, und erzählte, wie Sie in Stuttgart den
armen Hasentreffer erwürgt haben; wissen Sie noch, gnädiger Herr?«
    Dieser aber stand auf, lief mit schrillendem Gelächter im Zimmer umher und
plötzlich glaubte ich den unglückbringenden Doktor meiner Vaterstadt vor mir zu
haben; es war nicht mehr Natas, es war ein älterer, unheimlicher Mensch.
    »Da hat man's ja deutlich«, rief der Professor, »dort läuft er als Barighi
umher.«
    »Barighi?« entgegnete Frau von Trübenau, »bleiben Sie doch mit Ihrem Barighi
zu Hause, es ist ja unser lieber Privatsekretär Gruber, der da hereingekommen
ist.«
    »Ich möchte doch um Verzeihung bitten, gnädige Frau«, unterbrach sie der
Oberforstmeister, »es ist der Spieler Maletti, mit dem ich in Wiesbaden letzten
Sommer assosiert war.«
    »Ha! Ha! wie man sich doch täuschen kann«, sprach Frau von Tingen, den auf
und ab Gehenden durch die perlmutterne Brille beschauend, »es ist ja niemand
anders, als der Kapellmeister Schmalz, der mir die Gitarre beibringt.«
    »Warum nicht gar«, brummte der alte Ökonomierat, »es ist der lustige
Kommissär, der mir die gute Brotlieferung an das Spital in D - n verschafte.«
    »Ach! Papa«, kicherte sein Töchterlein, »jener war ja schwarz und dieser ist
blond! Kennen Sie denn den jungen Landwirt nicht mehr, der sich bei uns ins
Praktische einschiessen wollte?«
    »Hol mich der Kuckuck und alle Wetter«, schrie der preussische Hauptmann,
»das ist der verfluchte Ladenprinz und Ellenreiter, der mir mein Lorchen
wegfischte! Auf Pistolen fordere ich den Hund, gleich morgen, gleich jetzt.« Er
sprang auf und wollte auf den immer ruhig auf und ab Gehenden losstürzen; der
Professor aber packte ihn am Arm: »Bleiben Sie weg, Wertester!« schrie er, »ich
hab's gefunden, ich hab's gefunden, kehrt seinen Namen um, es ist der Satan!«
 
                                Viertes Kapitel
                                 Das Manuskript
So viel als ich hier niedergeschrieben habe, lebt von diesem Abend noch in
meiner Erinnerung; doch kostete es geraume Zeit, bis ich mich auf alles wieder
besinnen konnte; ich muss in einem langen, tiefen Schlaf gewesen sein, denn als
ich erwachte, stand Jean vor mir und fragte, indem er die Gardine für die
Morgensonne öffnete, ob jetzt der Kaffee gefällig sei?
    Es war eilf Uhr; wo war denn die Zeit zwischen gestern und heute
hingegangen? Meine erste Frage war, wie ich denn zu Bett gekommen sei?
    Der Kellner staunte mich an und meinte mit sonderbarem Lächeln, das müsse
ich besser wissen, als er.
    »Ah! ich erinnere mich«, sagte ich leichtin, um meine Unwissenheit zu
verbergen, »nach der Abendtafel....«
    »Verzeihen der Herr Doktor«, unterbrach mich der Geschwätzige; »Sie haben
nicht soupiert; Sie waren ja alle zu Tee und Punsch auf Nr. 15.«
    »Richtig, auf Nr. 15, wollte ich sagen; ist der Herr Professor schon auf?«
    »Wissen Sie denn nicht, dass sie schon abgereist sind?« fragte der Kellner.
    »Kein Wort!« versicherte ich staunend.
    »Er lässt sich Ihnen noch vielmal empfehlen, und Sie möchten doch in T. bei
ihm einsprechen; auch lässt er Sie bitten, seiner und des gestrigen Abends recht
oft zu gedenken, er habe es ja gleich gesagt.«
    »Aha, ich weiss schon«, sagte ich, denn mit einem Mal fiel mir ein Teil des
gestern Erlebten ein; »wann ist er denn abgereist?«
    »Gleich in der Frühe«, antwortete jener, »noch vor dem Ökonomierat und dem
Herrn Oberforstmeister.«
    »Wie? so sind auch diese weggereist?«
    »Ei ja!« rief der staunende Kellner, »so wissen Sie auch das nicht? auch
nicht, dass Frau von Tingen und die gnädige Frau von Trübenau -«
    »Sie sind auch nicht mehr hier?«
    »Kaum vor einer halben Stunde sind die gnädige Frau weggefahren«,
versicherte jener. Ich rieb mir die Augen, um zu sehen, ob ich nicht träume,
aber es war und blieb so; Jean stand nach wie vor an meinem Bette und hielt das
Kaffeebrett in der Hand.
    »Und Herr von Natas?« fragte ich kleinlaut.
    »Ist noch hier; ach das ist ein goldener Herr, wenn der nicht gewesen wäre,
wir wären heute nacht in die grösste Verlegenheit gekommen.«
    »Wieso?«
    »Nun bei der Fatalität mit der Frau von Trübenau; wer hätte aber auch dem
gnädigen Herrn zugetraut, dass er so gut zur Ader zu lassen verstände?«
    »Zur Ader lassen? Herr von Natas?«
    »Ich sehe, der Herr Doktor sind sehr frühzeitig zu Bette gegangen, und haben
eine ruhigere Nacht gehabt, als wir«; Jean belehrte mich in leichtfertigem Ton:
»es mochte kaum eilf Uhr gewesen sein, die Geschichte mit der Polizei war schon
vorbei -«
    »Was für eine Geschichte mit der Polizei?«
    »Nun, Nr. 15 ist vorn heraus, und weil, mit Permiss zu sagen, dort ein ganz
höllischer Lärm war, so kam die Runde ins Haus und wollte abbieten; Herr von
Natas aber, der ein guter Bekannter des Herrn Polizeilieutenants sein muss,
beruhigte sie, dass sie wieder weitergingen. Also gleich nachher kam das
Kammermädchen der Frau von Trübenau herabgestürzt, ihre gnädige Frau wolle
sterben. Sie können sich denken, wie unangenehm so etwas in einem Gastof nachts
zwischen eilf und zwölf Uhr ist. Wir wie der Wind hinauf, auf der Treppe
begegnet uns Herr von Natas, fragt, was das Rennen und Laufen zu bedeuten habe,
hört kaum wo es fehlt, so läuft er in sein Zimmer, holt sein Etui, und ehe fünf
Minuten vergehen, hat er der gnädigen Frau am Arm mit der Lanzette eine Ader
geöffnet, dass das Blut in einem Bogen aufsprang; sie schlug die Augen wieder auf
und es war ihr bald wohl, doch versprach Herr von Natas, bei ihr zu wachen.«
    
    »Ei! was Sie sagen, Jean!« rief ich voll Verwunderung.
    »Ja warten Sie nur! kaum ist eine Stunde vorbei, so ging der Tanz von neuem
los; auf Nr. 18 läutete es, dass wir meinten, es brenne drüben in Kassel; des
Herrn Ökonomierats Rosalie hatte ihre histrionischen Anfälle bekommen; der Alte
mochte ein Glas über Durst haben, denn er sprach vom Teufel, der ihn und sein
Kind holen wolle; wir wussten nichts anderes, als wieder unsere Zuflucht zu Herrn
von Natas zu nehmen; er hatte versprochen, bei Frau von Trübenau mit dem
Kammermädchen zu wachen; aber lieber Gott! geschlafen muss er haben wie ein
Dachs, denn wir pochten drei-, viermal, bis er uns Antwort gab, und die
Kammerkatze war nun gar nicht zu erwecken.«
    »Nun, und liess er der schönen Rosalie zur Ader?«
    »Nein, er hat ihr, wie mir Lieschen sagte, Senfteig zwei Handbreit aufs Herz
gelegt, darauf soll es sich bald gegeben haben.«
    Armer Professor! dachte ich, dein hübsches Röschen mit ihren sechzehn
Jährchen, und dieser Natas in traulicher Stille der Nacht, ein Pflaster auf das
pochende Herz pappend.
    »Der Herr Papa Ökonomierat war wohl sehr angegriffen durch die Geschichte?«
fragte ich, um über die Sache ins klare zu kommen.
    »Es schien nicht, denn er schlief schon, ehe noch Lieschen mit dem
Hirschhorngeist aus der Apoteke zurückkam. Aber es läutet im zweiten Stock und
das gilt mir.« Er sprach's und flog pfeilschnell davon.
    So war also mit einem Male die lustige Gesellschaft zerstoben; und doch
wusste ich nicht, wie dies alles so plötzlich kommen konnte. Ich entsann mich
zwar, dass gestern bei dem Punsch etwas Sonderbares vorgefallen war; was es aber
gewesen sein mochte, konnte ich mich nicht erinnern.
    Sollte Natas mir Aufschluss geben können? Doch, wenn ich recht nachsann, mit
Natas war etwas vorgefallen; der Professor schwankte in meiner Erinnerung umher
- am besten deuchte mir, zu Natas zu gehen und ihn um die Ursache des schnellen
Aufbruchs zu befragen.
    Ich warf mich in die Kleider, und ehe ich noch ganz mit der kurzen Toilette
fertig war, brachte mir ein Lohnlakai folgendes Billet:
»Ew. Wohlgeboren würden mich unendlich verbinden, wenn Sie vor meiner Abreise
von hier, die auf den Mittag festgesetzt ist, mich noch einmal besuchen wollten.
                                                                      v. Natas.«
Neugierig folgte ich diesem Ruf und traf den Freund reisefertig zwischen Koffern
und Kästchen stehen. Er kam mir mit seiner gewinnenden Freundlichkeit entgegen,
doch genierte mich ein unverkennbarer Zug von Ironie, der heute um seinen Mund
spielte, und den ich sonst nie an ihm bemerkt hatte.
    Er lachte mich aus, dass ich mich vor den Damen als schwachen Trinker
ausgewiesen und einen Haarbeutel mir umgeschnallt habe, erzählte mir, dass ich
selig entschlafen sei, und fragte mit einem lauernden Blick, was ich noch von
gestern nacht wisse.
    Ich teilte ihm meine verworrenen Erinnerungen mit, er belachte sie herzlich,
und nannte sie Ausgeburten einer kranken Phantasie.
    Die Abreise der ganzen Gesellschaft gab er einer grossen Herbstfeierlichkeit
schuld, welche in Worms gehalten werde; sie seien alle, sogar der morose
Ökonomierat dortin gereist; ihn selbst aber rufen seine Geschäfte den Rhein
hinab.
    Die Zufälle der Trübenau und der schönen Rosalie mass er dem starken Punsch
bei, und freute sich, durch Liebhaberei gerade so viele medizinische Kenntnisse
zu besitzen, um bei solchen kleinen Zufällen helfen zu können.
    Wir hörten den Wagen vorfahren, der Kellner meldete dies und brachte von dem
dankbaren Hotel eine Flasche des ältesten Rheinweins. Natas hatte sie verdient,
denn wahrlich nur er hatte uns so lange hier gefesselt.
    »Sie sind Schriftsteller, lieber Doktor?« fragte er mich, während wir den
narkotisch duftenden Abschiedstrunk ausschlürften.
    »Wer pfuscht nicht heutzutage etwas in die Literatur?« antwortete ich ihm;
»ich habe mich früher als Dichter versucht, aber ich sah bald genug ein, dass ich
nicht für die Unsterblichkeit singe. Ich griff daher einige Töne tiefer und
übersetzte unsterbliche Werke fremder Nationen fürs liebe deutsche Publikum.«
    Er lobte meine bescheidene Resignation, wie er es nannte, und fragte mich,
ob ich mich entschliessen könnte, die Memoiren eines berühmten Mannes, die bis
jetzt nur im Manuskript vorhanden seien, zu übersetzen? »Vorausgesetzt, dass Sie
dechiffrieren können, ist es eine leichte Arbeit für Sie, da ich Ihnen den
Schlüssel dazu geben würde, und das Manuskript im Hochdeutschen abgefasst ist.«
    Ich zeigte mich, wie natürlich, sehr bereitwillig dazu, dechiffrieren
verstand ich früher und hoffte es mit wenig Übung vollkommen zu lernen. Er
schloss ein schönes Kästchen von rotem Saffian auf, und überreichte mir ein
vielfach zusammengebundenes Manuskript. Die Zeichen krochen mir vor dem Auge
umher wie Ameisen in ihren aufgestörten Hügelchen, aber er gab mir den Schlüssel
seiner Geheimschrift und die Arbeit schien mir noch einmal so leicht.
    Wir umarmten uns und sagten uns Lebewohl; unter warmem Dank für seine Güte,
die er noch zuletzt für mich gehabt, für die schönen Tage, die er uns bereitet
habe, begleitete ich ihn an den Wagen; die Wagentüre schloss sich, der Postillion
hieb auf seine vier Rosse, sie zogen an und die interessante Erscheinung flog
von hinnen; aber aus dem Innern des Wagens glaubte ich jenes heisere Lachen zu
vernehmen, das ich von gestern her unter den Bruchstücken meiner Erinnerung
bewahrte.
    Als ich die Treppe hinanstieg, händigte mir der Oberkellner einen Brief ein.
Der Professor habe ihm solchen zu meinen eigenen Händen zu übergeben befohlen;
ich riss ihn auf -
    »Verehrter, Wertgeschätzter!
    Ich bin im Begriff, mein Ross zu besteigen und aus dieser Höhle des
brüllenden Löwen zu entfliehen. Ich sage Ihnen schriftlich Lebewohl, weil Sie
aus der todähnlichen Betäubung, die Sie härter als uns alle befallen hat, nicht
zu wecken sind. Dass unser fröhliches Zusammenleben so schauerlich endigen musste!
Nicht wahr, lieber Zweifler, jetzt haben Sie es ja klar, dass dieser Natas nichts
anderes als der leibhaftige Satan war!
    Er schaut mir vielleicht in diesem Augenblick über die Schulter und liest,
was ich sage, aber dennoch schweige ich nicht. Den armen Ökonomierat und sein
Töchterlein, die blasse Trübenau, meine schöne Tingen, den Hauptmann und den
Oberforstmeister hat er in seinem Netz. Gott gebe, dass er Sie nicht auch
geködert hat. Mich hat er halb und halb, denn ich habe allzu tief eingebissen,
in seine mit chemischen Ideen bespickte Angel. Ich reisse mich los und mache, dass
ich fortkomme.
    Adieu Bester! Montag den 7. Oktober, früh 6 Uhr.«
    Jetzt kehrten meine Erinnerungen in Scharen zurück. Ja, es war der Teufel,
der sein Spiel mit uns gespielt hatte; es war der Teufel dem es gestern Spass
gemacht hatte, uns zu ängstigen; es mussten des Teufels Memoiren sein, die ich in
der Hand hielt.
    Wer stand mir aber dafür, dass diese Schriftzüge mir nicht durch die Augen
ins Hirn hinaufkrochen und mich wahnsinnig machten; und konnte ich mich nicht
gerade dadurch, dass ich den Dechiffreur und Dekopisten des Satans machte,
unbewusst in seine Leibeigenschaft hineinschreiben?
    Ich packte die Handschrift in meinen Koffer und reiste dem Professor nach,
um ihn um Rat zu fragen. Aber in Worms traf ich keine Spur von irgendeinem der
lustigen Gesellschaft in den Drei Reichskronen. Entweder hat sie der Satan
eingeholt, und in seinem achtsitzigen Wagen in sein ewiges Reich gehaudert, oder
hatte er mich in den April geschickt. Das letztere schien mir wahrscheinlicher.
    In Worms aber traf ich einen frommen Geistlichen, der an der Domkirche
angestellt war. Ich trug ihm meinen Fall vor, und erhielt den Bescheid, ich
solle so viele Messen darüber lesen lassen, als das Manuskript Bogen entalte.
Der Rat schien mir nicht übel. Ich reiste in meine Heimat und schickte am
nächsten Sonntag den ersten Satans-Bogen in die Kirche. Probatum est; am Montag
fing ich an, zu dechiffrieren, und habe noch nicht das geringste Spukhafte weder
an dem Papier noch an mir bemerkt.
    Von meinen Genossen in Mainz habe ich indessen wenig mehr gehört. Der
Professor fährt fort, durch seine Entdeckungen in der Chemie zu glänzen, und ich
fürchte, er ist auf dem Wege, dem Satan Gehör zu geben, der ihn zu einem
Berzelius machen will. Der Hauptmann soll sich erschossen haben, Frau von
Tingen aber, die schöne Witwe, hat, nach einer Anzeige im »Hamburger
Correspondenten«, vor nicht gar langer Zeit wieder geheiratet.
 
                                       I
           Die Studien des Satan auf der berühmten Universität ....en
 Betrogene Betrüger!
 Eure Ringe sind alle drei nicht echt;
 der echte Ring vermutlich ging verloren.
                                                         Lessing, Natan. III. 7
                                Fünftes Kapitel
                            Einleitende Bemerkungen
Alle Welt schreibt oder liest in dieser Zeit Memoiren; in den Salons der grossen
und kleinen Residenzen, in den Ressourcen und Kasinos der Mittelstädte, in den
Tabagien und Kneipen der kleien spricht man von Memoiren, urteilt nach Memoiren
und erzählt nach Memoiren, ja es könnte scheinen, es sei seit zwölf Jahren
nichts Merkwürdiges mehr auf der Erde, als ihre Memoiren. Männer und Frauen
ergreifen die Feder, um den Menschen schriftlich darzutun, dass auch sie in einer
merkwürdigen Zeit gelebt, dass auch sie sich einst in einer Sonnennähe bewegt
haben, die ihrer sonst vielleicht gehaltlosen Person einen Nimbus von
Bedeutsamkeit verliehen.
    Gekrönte Häupter, nicht zufrieden, sich aus ihrer frühern Grandezza, wo sie,
wie in der Bilderbibel, mit der Krone auf dem Haupt zu Bette gingen, erhoben zu
haben; nicht zufrieden damit, dass sie auf Kurierreisen Europa von einem Ende bis
zum andern durchfliegen, um sich gegenseitig von ihrer Freundschaft versichern,
schreiben Memoiren für ihre Völker, erzählen ihnen ihre Schicksale, ihre Reisen.
Die Mitwelt ist zur Nachwelt gemacht worden, man hat ihr einen neuen Massstab,
wornach sie die Handlungen richte, in die Hände gegeben es sind die Memoiren.
    Grosse Generale, berühmte Marschälle, weit entfernt, das Beispiel jenes
Römers nachzuahmen, der in der Musse des Friedens die Taten der Legionen unter
seiner Führung der Nachwelt würdig zu überliefern glaubte, wenn er von sich nur
immer in der dritten Person spräche, haben den bescheideneren Weg eingeschlagen,
sprechen von sich, wie es Männern von solchem Gewichte ziemt als ich, bauen aus
ihren Memoiren ein Odeon in verjüngtem Massstabe, und treten herzhaft vorne auf
der Bühne auf. Mit Schlachtstücken im grossen Stil dekorieren sie die Kulissen,
Staatsmänner und berühmte Damen, die grosse Armee und ihre lorbeerbekränzten
Adler, die ganze Mitwelt stellen sie im Hintergrund als Figuranten auf, sie
selbst aber spielen ihre Sulla oder Brutus würdig des unsterblichen Talma.
    Mundus vult decipi, d.i. die Leute lesen Memoiren; was hält mich ab,
denselben auch ein solches Gericht »Gerngesehen« vorzusetzen?
    Man wendet vielleicht ein, »der Schuster bleibe bei seinem Leisten, der
Satan hat sich nicht mit Memoirenschreiben abzugeben«. Ei! wirklich? Und wenn
nun dieser Satan doch einen Beruf hätte, Memoiren in die Welt zu streuen, wenn
er doch so viel oder noch mehr gesehen hätte, als jene kriegerischen Diplomaten
oder diplomatischen Krieger, welche die Welt mit ihrem literarischen Ruhme
anfüllen, nachdem die Bulletins ihrer Siege zu erwähnen aufgehört haben; wenn
nun dieser arme Teufel einen Drang in sich fühlte, auch für einen homo literatus
zu gelten?
    Ja, ich gestehe es mit Erröten, je länger ich mich in meinem lieben
Deutschland umhertreibe, desto unwiderstehlicher reisst es mich hin, zu
schriftstellern; und wenn es den Damen erlaubt ist, die Finger mit Dinte zu
beschmutzen, so wird es doch dem Teufel auch noch erlaubt sein?
    Und da komme ich auf einen zweiten Punkt; man sagt vielleicht gegen meine
schriftstellerischen Versuche, ich sei kein Literatus, kein Mann vom Gewerbe
etc. Aber fürs erste habe ich soeben die Damen, welche, wenn sie noch so
gelehrt, doch keine Gelehrte von Profession sind, anzuführen die Ehre gehabt;
sodann berufe ich mich auf jene Söhne des Lagers, die unter Gefahren gross
geworden, unter Strapazen ergraut, keine Zeit hatten, Humaniora zu studieren,
und dennoch so glänzende Memoiren schreiben; ich behaupte drittens, dass das
Vorurteil, ich sei ein unstudierter Teufel, ganz falsch ist, denn ich bin in
optima forma Doktor der Philosophie geworden, wie aus meinen Memoiren zu
ersehen, und kann das Diplom schwarz auf weiss aufweisen.
    Der Erzengel Gabriel, als ich ihn mit dem Plan meine Memoiren auszuarbeiten
bekannt machte, warnte mich mit bedenklicher Miene vor den sogenannten
Rezensenten. Er gab mir zu verstehen, dass ich übel wegkommen könnte, indem
solche niemand schonen, ja sogar neuerdings selbst Doktoren der Teologie in
Berlin, Halle und Leipzig hart mitgenommen haben. Ich erwiderte ihm nicht ohne
Gelehrsamkeit, dass das Sprichwort »clericus clericum non decimat« füglich auch
auf mein Verhältnis zu den Rezensenten angewandt werden könne; werde ich ja doch
schon im Alten Testament satán adversarius, das ist Widersacher genannt, was
ganz auch auf jene passe; den schlagendsten Beweis nehme ich aber aus dem Neuen
Testament; dort werde ich diabolos oder Verleumder genannt, da nun diaballein
soviel sei als acerbe recensere, so müsse er, wenn er nur ein wenig Logik habe,
den Schluss von selbst ziehen können.
    Der Erzengel bekam, wie natürlich, nicht wenig Respekt vor meiner
Gelehrsamkeit in Sprachen, und meinte selbst, dass es mir auf diese Art nicht
fehlen könne.
    Man wird bei Durchlesung dieser Mitteilungen aus meinen Memoiren vielleicht
nicht jenes systematische, ruhige Fortschreiten der Rede finden, das den Werken
tiefdenkender Geister so eigen zu sein pflegt. Man wird kürzere und längere
Bruchstücke aus meinem Walten und Treiben auf der Erde finden, und den innern
Zusammenhang vermissen.
    Man tadle mich nicht deswegen; es war ja meine Absicht nicht, ein Gemälde
dieser Zeit zu entwerfen, man trifft deren genug in allen soliden Buchhandlungen
Deutschlands.
    Der Memoirenschreiber hat seinen Zweck erreicht, wenn er sich und seine
Stellung zu der Zeit, welcher er angehört, darstellt und darüber reflektiert,
wenn er Begebenheiten entwickelt, die entweder auf ihn oder die Mitwelt nähere
oder entferntere Beziehungen haben, wenn er berühmte Zeitgenossen und seine
Verhältnisse zu ihnen dem Auge vorführt. Und diese Forderungen glaube ich in
meinen Memoiren erfüllt zu haben, sie sind es wenigstens, die mich bei meiner
Arbeit leiteten, die meine Kühnheit vor mir rechtfertigen, vor einem gelehrten
Publikum als Schriftsteller aufzutreten.1
    Über Persönlichkeit, über berühmte Abstammung oder glänzende Verhältnisse
hat der Teufel nichts zu sagen. Was etwa darüber zu sagen sein könnte, habe ich
in dem Abschnitt »Besuch bei Goete« ausgesprochen, und verweise daher den Leser
dahin.
    Fleissige Leser, d.i. solche, die Bogen für Bogen in einer Viertelstunde
durchfliegen, mögen daher doch diesen Abschnitt nicht überschlagen, da er sehr
zu besserem Verständnis der übrigen eingerichtet ist; sittsamen und ordentlichen
Lesern habe ich hierüber nichts zu sagen, als sie sollen das Buch weglegen, wenn
sie sich langweilen.
Ehe sein Diener mit dem zweiten Bogen aus der Messe zurückkommt, hat der
Unterzeichnete noch Zeit, einige Bemerkungen einzuflicken. Es scheint ihm
nämlich, der Satan besitze eine ziemliche Dosis Eitelkeit; man bemerke nur, wie
wichtig er von jenem Abschnitt spricht, worin er über sich einige Bemerkungen
macht; es wäre genug gewesen, wenn er nur angedeutet hätte, dass dies oder jenes
darin zu finden sei, aber dem Leser zu empfehlen, er möchte doch den Abschnitt,
in welchem jene entalten sind, nicht überschlagen, ist sehr anmassend.
    Sodann die Unordnung, in welcher er alles vorbringt! Ein anderer, wie z.B.
der Herausgeber hätte doch, wenn auch nicht mit dem Taufschein, was nun freilich
beim Teufel nicht wohl möglich ist, doch wenigstens mit der Begebenheit
angefangen, die der Chronologie nach die erste ist. Ich habe das Manuskript
flüchtig durchblättert (zu lesen, ehe jeder Bogen hinlänglich geweiht, nehme ich
mich wohl in acht), und fand, dass er mit Ereignissen anfängt, die der ganz neuen
Zeit angehören, und nachher in buntem Gemische Menschen und ihre Taten von zehn,
zwanzig Jahren her auftreten lässt; man sieht wohl, dass er keine gute Schule
gehabt haben muss.
    Zu grösserer Deutlichkeit, und dass der geneigte Leser trotz dem Teufel wählen
kann was er will, habe ich den Inhalt jedem einzelnen Kapitel vorangesetzt.
                                                                 Der Herausgeber
 
                                Sechstes Kapitel
Wie der Satan die Universität bezieht, und welche Bekanntschaften er dort machte
Deutschland hat mir von jeher besonders wohl gefallen, und ich gestehe es, es
liegt diesem Geständnis ein kleiner Egoismus zugrunde; man glaubt nämlich dort
an mich wie an das Evangelium; jenen kühnen philosophischen Waghälsen, die auf
die Gefahr hin, dass ich sie zu mir nehme, meine Existenz geleugnet und mich zu
einem lächerlichen Phantom gemacht haben, ist es noch nicht gelungen, den
glücklichen Kindersinn dieses Volkes zu zerstören, in dessen ungetrübter
Phantasie ich noch immer schwarz wie ein Mohr, mit Hörnern und Klauen, mit
Bocksfüssen und Schweif fortlebe, wie ihre Ahnen mich gekannt haben.
    Wenn andere Nationen durch die sogenannte Aufklärung so weit
hinaufgeschraubt sind, dass sie, ich schweige von einem Gott, sogar an keinen
Teufel mehr glauben, so sorgen hier unter diesem Volke sogar meine Erbfeinde,
die Teologen, dafür, dass ich im Ansehen bleibe. Hand in Hand mit dem Glauben an
die Gotteit schreitet bei ihnen der Glaube an mich, und wie oft habe ich das
mir so süsse Wort aus ihrem Munde gehört: »Anatema sit, er glaubt an keinen
Teufel.«
    Ich kann mich daher recht ärgern; dass ich nicht schon früher auf den
vernünftigen Gedanken gekommen bin, meine freie Zeit auf einer Universität zu
verleben, um dort zu sehen, wie man mich von Semester zu Semester systematisch
traktiert.
    Ich konnte nebenbei noch manches profitieren. Alle Welt ist jetzt
zivilisiert, fein, gesittet, belesen, gelehrt. Schon oft, wenn ich einen guten
Schnitt zu machen gedachte, fand es sich, dass mir ein guter Schulsack, etwas
Philosophie, alte Literatur, ja sogar etwas Medizin fehle; zwar, als das
Magnetisieren aufkam, habe ich auch einen Kursus bei Messmer genommen, und
nachher manche glückliche Kur gemacht. Aber damit ist es heutzutage nicht getan;
daher die elenden Sprichwörter, die in Deutschland kursieren: ein dummer Teufel,
ein armer Teufel, ein unwissender Teufel, was offenbar auf meine vernachlässigte
wissenschaftliche Bildung hindeuten soll.
    Es ist noch kein Gelehrter vom Himmel gefallen, und ich bin vom Himmel
gefallen, aber nicht als gelehrt; darum entschloss ich mich, zu studieren, und
womöglich es in der Philosophie so weit zu bringen, dass ich ein ganz neues
System erfände, wovon ich mir keinen geringen Erfolg versprach. Ich wählte
....en, und zog im Herbst des Jahres 1819 daselbst auf.
    Ich hatte, wie man sich denken kann, nicht versäumt, mich meinem neuen
Stande gemäss zu kostumieren. Mein Name war von Barbe, meine Verhältnisse
glänzend, das heisst, ich brachte einen grossen Wechsel mit, hatte viel bar Geld,
gute Garderobe, und hütete mich wohl, als Neuling, oder wie man sagt, als Fuchs
aufzutreten; sondern ich hatte schon allentalben studiert, mich in der Welt
umgesehen.
    Kein Wunder, dass ich schon den ersten Abend höfliche Gesellschafter, den
nächsten Morgen vertraute Freunde, und am zweiten Abend Brüder auf Leben und Tod
am Arm hatte. Man denkt vielleicht, ich übertreibe? wäre ich Kavalier, so würde
ich auf Ehre versichern und Holmichderteufel als Verstärkungspartikel dazusetzen
(denn auf Ehre und Holmichderteufel verhalten sich zueinander wie der Spiritus
lenis zum Spiritus asper), in meiner Lage kann ich bloss meine Parole als Satan
geben.
    Es waren gute Jungen, die ich da fand. Es begab sich dies aber
folgendermassen: man kann sich denken, dass ich nicht unvorbereitet kam; wer die
deutschen Universitäten nur entfernt kennt, weiss, dass ein an Sprache, Sitte,
Kleidung und Denkungsart von der übrigen Welt ganz verschiedenes Volk dort
wohnt. Ich las des unsterblichen Herrn von Schmalz Werke über die Universitäten,
Sands Aktenstücke, Haupt über Burschenschaften und Landsmannschaften etc., ward
aber noch nicht recht klug daraus, und merkte, dass mir noch manches abging. Der
Zufall half mir aus der Not. Ich nahm in F. einen Platz in einer Retourchaise;
mein Gesellschafter war ein alter Student, der seit acht Jahren sich auf die
Medizin legte. Er hatte das savoir vivre eines alten Burschen, und ich befliss
mich in den sechs Stunden, die ich mit ihm der Musenstadt zufuhr, an ihm meine
Rolle zu studieren.
    Er war ein grosser wohlgewachsener Mann von 24 - 25 Jahren, sein Haar war
dunkel und mochte früher nach heutiger Mode zugeschnitten sein, hing aber, weil
der Studiosus die Kosten scheute, es scheren zu lassen, unordentlich um den
Kopf, doch bemühte er sich, solches oft mit fünf Fingern aus der Stirne zu
frisieren. Sein Gesicht war schön, besonders Nase und Mund edel und fein
geformt, das Auge hatte viel Ausdruck, aber welch sonderbaren Eindruck machte
es; das Gesicht war von der Sonne rotbraun angelaufen; ein grosser Bart wucherte
von den Schläfen bis zum Kinn herab, und um die feinen Lippen hing ein vom Bier
geröteter Henri quatre.
    Sein Mienenspiel war schrecklich und lächerrlich zugleich, die Augbrauen
waren zusammengezogen und bildeten düstere Falten; das Auge blickte streng und
stolz um sich her, und mass jeden Gegenstand mit einer Hoheit, einer Würde, die
eines Königsohnes würdig gewesen wäre.
    Über die unteren Partien des Gesichtes, namentlich über das Kinn konnte ich
nicht recht klug werden, denn sie staken tief in der Krawatte. Diesem
Kleidungsstück schien der junge Mann bei weitem mehr Sorgfalt gewidmet zu haben,
als dem übrigen Anzug; diese beiläufig einen halben Schuh Höhe messende Binde
von schwarzer Seide zog sich, ohne ein Fältchen zu werfen, von dem Kinn
inklusive bis auf das Brustbein exklusive, und bildete auf diese Art ein feines
Mauerwerk, auf welchem der Kopf ruhte; seine Kleidung bestand in einem
weissgelben Rock, den er »Flaus«, in zärtlichen Augenblicken wohl auch
»Gottfried« nannte, und welchem er von Speisen und Getränken mitteilte; dieser
Gottfried Flaus reichte bis eine Spanne über das Knie und schloss sich eng um den
ganzen Leib; auf der Brust war er offen und zeigte, soviel die Krawatte sehen
liess, dass der Herr Studiosus mit Wäsche nicht gut versehen sein müsse.
    Weite, wellenschlagende Beinkleider von schwarzem Samt schlossen sich an das
Oberkleid an; die Stiefel waren zierlich geformt und dienten ungeheuern Sporen
von poliertem Eisen zur Folie.
    Auf dem Kopfe hatte der Studiosus ein Stückchen rotes Tuch in Form eines
umgekehrten Blumenscherben gehängt, das er mit vieler Kunst gegen den Wind zu
balancieren wusste; es sah komisch aus, fast wie wenn man mit einem kleinen
Trinkglas ein grosses Kohlhaupt bedecken wollte.
    Ich hatte Zachariäs unsterblichen Renommisten zu gut studiert, um nicht zu
wissen, dass, sobald ich mir eine Blösse gegen den Herrn Bruder gebe, sein Respekt
vor mir auf ewig verloren sei; ich merkte ihm daher seine Augenbrauenfalten,
sein ernstes, abmessendes Auge, soviel es ging, ab, und hatte die Freude, dass er
mich gleich nach der ersten Stunde auffallend vor dem »Philister und dem
Florbesen«, auf deutsch einem alten Professor und seiner Tochter, welche unsere
übrige Reisegesellschaft ausmachten, auszeichnete. In der zweiten Stunde hatte
ich ihm schon gestanden, dass ich in Kiel studiert und mich schon einigemal mit
Glück geschlagen habe, und ehe wir nach .....gen einfuhren, hatte er mir
versprochen, eine »fixe Kneipe« das heisst eine anständige Wohnung auszumitteln,
wie auch mich unter die Leute zu bringen.
    Der Herr Studiosus Würger, so hiess mein Gesellschafter, liess an einem
Wirtshaus vor der Stadt anhalten, und lud mich ein, seinem Beispiele zu folgen,
und hier auf die Beschwerden der Reise ein Glas zu trinken. Die ganze
Fensterreihe des Wirtshauses war mit roten und schwarzen Mützen bedeckt, es war
nämlich eine gute Anzahl der Herren Studiosi hier versammelt, um die neuen
Ankömmlinge, die gewöhnlich am Anfang des Semesters einzutreffen pflegen, nach
gewohnter Weise zu empfangen. Würger, der alte »längst bemooste« Bursche, hatte
sich schon unterwegs mit dem Gedanken gekitzelt, dass seine Kameraden uns für
»Füchse« halten werden, und wirklich traf seine Vermutung ein.
    Ein Chorus von wenigstens 30 Bässen scholl von den Fenstern herab, sie
sangen ein berühmtes Lied, das anfängt:
                         »Was kommt dort von der Höh!«
Während des Gesanges entstieg mein Gefährte majestätisch der Chaise, und kaum
hatte er den Boden berührt, so erhob er sein furchtbares Haupt, und schrie zu
den Fenstern empor:
    »Was schlagt ihr für einen Randal auf, Kamele! Seht ihr nicht, dass zwei alte
Häuser aus diesem Philisterkarren gestiegen kommen?« (auf deutsch: lärmt doch
nicht so sehr, meine Herren, Sie sehen ja, dass zwei alte Studenten aus dem Wagen
steigen.)
    Der allgemeine Jubel unterbrach den erhitzen Redner: »Würger! du altes
fideles Haus!« schrien die Musensöhne, und stürzten die Treppen herab in seine
Arme; die Raucher vergassen, ihre langen Pfeifen wegzulegen, die Billardspieler
hielten noch ihre Queues in der Hand. Sie bildeten eine Leibwache von
sonderbarer Bewaffnung um den Angekommenen.
    Doch der Edelmütige vergass in seiner Glorie auch meiner nicht, der ich
bescheiden auf der Seite stand, er stellte mich den ältesten und angesehensten
Männern der Gesellschaft vor, und ich wurde mit herzlichem Handschlag von ihnen
begrüsst. Man führte uns in wildem Tumult die Treppe hinan, man setzte mich
zwischen zwei bemooste Häuser an den Ehrenplatz, gab mir ein grosses Passglas voll
Bier und ein Fuchs musste dem neuen Ankömmling seine Pfeife abtreten.
    So war ich denn in .....en als Student eingeführt, und ich gestehe, es
gefiel mir so übel nicht unter diesem Völkchen. Es herrschte ein offener,
zutraulicher Ton, man brauchte sich nicht in den Fesseln der Konvenienz, die
gewiss dem Teufel am lästigsten sind, umherzuschleppen, man sprach und dachte,
wie es einem gerade gefiel. Wenn man bedenkt, dass ich gerade im Herbst 1819
dortin kam, so wird man sich nicht wundern, dass ich mich von Anfang gar nicht
recht in die Konversation zu finden wusste. Denn einmal machten mir jene
Kunstwörter (termini technici) von welchen ich oben schon eine kleine Probe
gegeben habe, viel zu schaffen; ich verwechselte oft »Sau,« das Glück, mit
»Pech«, was Unglück bedeutet, wie auch »holzen«, mit einem Stock schlagen, mit
»pauken«, mit andern Waffen sich schlagen.
    Aber auch etwas anderes fiel mir schwer; wenn nämlich nicht von Hunden,
Paukereien, Besen oder dergleichen gesprochen wurde, so fiel man hinter dem
Bierglas in ungemein transzendentale Untersuchungen, von welchen ich anfangs
wenig oder gar nichts verstand, ich merkte mir aber die Hauptworte, welche
vorkamen, und wenn ich auch in die Konversation gezogen wurde, so antwortete ich
mit ernster Miene »Freiheit, Vaterland, Deutschtum, Volkstümlichkeit.«
    Da ich nun überdies ein grosser Turner war, und eigentlich »teufelmässige«
Sprünge machen konnte, da ich mir überdies nach und nach ein langes Haar wachsen
liess, solches fein scheitelte und kämmte, einen zierlich ausgeschnittenen Kragen
über den deutschen Rock herauslegte, mich auch auf die Klinge nicht übel
verstand, so war es kein Wunder, dass ich bald in grosses Ansehen unter diesem
Volke kam. Ich benutzte diesen Einfluss soviel als möglich, um die Leute nach
meinen Ansichten zu leiten und zu erziehen, und sie »für die Welt zu gewinnen«.
    Es hatte sich nämlich unter einem grossen Teil meiner Kommilitonen ein
gewisser frömmelnder Ton eingeschlichen, der mir nun gar nicht behagte und nach
meiner Meinung sich auch nicht für junge Leute schickte. Wenn ich an die jungen
Herrn in London und Paris, in Berlin, Wien, Frankfurt etc. dachte, an die
vergnügten Stunden, die ich in ihrem Kreise zubrachte, wenn ich diese Leute
dagegenhielt, die ich ihren schönen hohen Wuchs, ihre kräftigen Arme, ihren
gesunden Verstand, ihre nicht geringen Kenntnisse nur auf dem Turnplatz, nicht
im Tanzsaal, nur zu überschwenglichen Ideen und Idealen, nicht zu lebhaftem
Witz, zu feinem Spott, der das Leben würzt und aufregt, anwenden sah, wenn ich
sie, statt schönen Mädchen nachzufliegen, in die Kirche schleichen sah, um einen
ihrer ortodoxen Professoren anzuhören, so konnte ich ein widriges Gefühl in mir
nicht unterdrücken.
    Sobald ich daher festen Fuss gefasst hatte, zog ich einige lustige Brüder an
mich, lehrte sie neue Kartenspiele, sang ihnen ergötzliche Lieder vor, wusste sie
durch Witz und dergleichen so zu unterhalten, dass sich bald mehrere anschlossen.
Jetzt machte ich kühnere Angriffe. Ich stellte mich sonntags mit meinen Gesellen
vor die Kirchtüre, musterte mit geübtem Auge die vorübergehenden Damen, zog
dann, wenn die Schäflein innen waren, und der Küster den Stall zumachte, mit den
Meinigen in ein Wirtshaus der Kirche gegenüber, und bot alles auf, die Gäste
besser zu unterhalten, als der Dr. N. oder der Professor N. in der Kirche seine
Zuhörer.
    Ehe drei Wochen vergingen, hatte ich die grössere Partie auf meiner Seite.
Die Frömmeren schrieen von Anfang über den rohen Geist, der einreisse; gaben zu
bemerken, dass wir christliche Bursche seien; aber es half nichts, meine
Persiflagen hatten so gute Wirkung getan, dass sie sich am Ende selbst schämten,
in der Kirche gesehen zu werden, und es gehörte zum guten Ton, jeden Sonntag vor
der Kirchtür zu sein, aber bis hieher und nicht weiter. Die Wirtshäuser waren
gefüllter als je, es wurde viel getrunken, ja es riss die Sitte ein, Wettkämpfe
im Trinken zu halten und, man wird es kaum glauben, es gab sogar eigentliche
Kunsttrinker!
    Es predigte zwar mancher gegen das einreissende Verderben, aber die
Altdeutschen trösteten sich damit, dass ihre »Altvordern« auch durch Trinken
exzelliert haben; die Frömmsten liessen sich grosse Humpen verfertigen und zwangen
und mühten sich so lange, bis sie wie Götz von Berlichingen, oder gar wie
Hermann der Cherusker schlucken konnten. Den Feineren, Gebildeteren war es
natürlich vom Anfang auch ein Greuel, ich verwies sie aber auf eine Stelle bei
Jean Paul. Er sagt nämlich in seinem unübertrefflichen »Quintus Fixlein«:
    »Jerusalem bemerkt schön, dass die Barbarei, die oft hart hinter dem
schönsten, buntesten Flor der Wissenschaften aufsteigt, eine Art von stärkendem
Schlammbad sei, um die Überfeinerung abzuwenden, mit der jener Flor bedrohe; ich
glaube, dass einer, der erwägt, wie weit die Wissenschaften bei einem
Studierenden steigen, dem Musensohne ein gewisses barbarisches Mittelalter - das
sogenannte Burschenleben - gönnen werde, das ihn wieder so stählt, dass die
Verfeinerung nicht über die Grenze geht.«
    Wenn ein Meister, wie Jean Paul, dem ich hiemit für diese Stelle meinen
herzlichen Dank öffentlich sage, also sich ausspricht, was konnten die
Kleinmeister und Jünger dagegen? Sie setzten sich auch in die schwarzgerauchte
Kneipe, »verschlammten« sich recht tüchtig in dem »barbarischen Mittelalter«,
und hatten kraft ihres inwohnenden Genies meine älteren Zöglinge bald überholt.
 
                               Siebentes Kapitel
                Satan besucht die Kollegien, was er darin lernte
Indessen ich auf die beschriebene Weise praktisch lebte und leben machte, vergass
ich auch das »dic cur hic« nicht, und legte mich mit Ernst aufs Teoretische.
Ich hörte die Philosophen und Teologen, und hospitierte nicht unfleissig bei den
Juristen und Medizinern. Ich hatte, um zuerst über die Philosophen zu reden, von
einem der hellsten Lichter jener Universität, wenn in der Ferne von ihm die Rede
war, oft sagen hören, der Kerl hat den Teufel im Leib. Eine solche
geheimnisvolle Tiefe, wollte man behaupten, solche überschwengliche Gedanken,
solche Gedrungenheit des Stils, eine so hinreissende Beredsamkeit sei noch nicht
gefunden worden in Israel. Ich habe ihn gehört und verwahre mich feierlich vor
jenem Urteil, als ob ich in ihm gesessen wäre. Ich habe schon viel ausgestanden
in der Welt, ich bin sogar Ev. Mattäi am VIII. 31 u. 32 in die Säue gefahren,
aber in einen solchen Philosophen? - Nein, da wollte ich mich doch bedankt
haben.
    Was der gute Mann in seinem schläfrigen unangenehmen Ton vorbrachte, war für
seine Zuhörer so gut als Französisch für einen Eskimo. Man musste alles gehörig
ins Deutsche übersetzen, ehe man darüber ins klare kam, dass er ebensowenig
fliegen könne, wie ein anderer Mensch auch. Er aber machte sich gross, weil er
aus seinen Schlüssen sich eine himmelhohe Jakobsleiter gezimmert und solche mit
mystischem Firnis angepinselt hatte; auf dieser kletterte er nun zum blauen
Äter hinan, versprach aus seiner Sonnenhöhe herabzurufen, was er geschaut habe,
er stieg und stieg, bis er den Kopf durch die Wolken stiess, blickte hinein in
das reine Blau des Himmels, das sich auf dem grünen Grasboden noch viel hübscher
ausnimmt, als oben, und sah wie Sancho Pansa, als er auf dem hölzernen Pferd zur
Sonne ritt, unter sich die Erde so gross wie ein Senfkorn und die Menschen wie
Mücken, über sich - nichts.
    Sie kommen mir vor, die guten Leute dieser Art wie die Männer von Babel, die
einen grossen Leuchtturm bauen wollten für alles Volk, damit sich keines verlaufe
in der Wüste, und siehe da, der Herr verwirrte ihre Sprache, dass weder Meister
noch Gesellen einander mehr verstanden.
    Da lobe ich mir einen andern der dortigen Philosophen; er las über die Logik
und deduzierte jahrein jahraus, dass zweimal zwei vier sei, und die Herren
Studiosi schrieben ganze Stösse von Heften, dass zweimal zwei vier sei. Dieser
Mann blieb doch ordentlich im Blachfeld und wanderte seinem Ziele mit grösserer
Gelassenheit zu, als seine illustren Kollegen, die, wenn ein anderer ihr
Gewäsche nicht Evangelium nannte, Antikritiken und Metakritiken der Antikritiken
in alle Welt aussandten.
    Ich gestehe redlich, der Teufel amüsiert sich schlecht bei so bewandten
Dingen. Ich schlug den Weg zu einem andern Hörsaal ein, wo man über die Seele
des Menschen dozierte. Gerechter Himmel! wenn ich so viel Umstände machen müsste,
um eine lüderliche Seele in mein Fegefeuer zu deduzieren! Der Mensch auf dem
Kateder malte die Seele auf eine grosse schwarze Tafel, und sagte, »so ist sie,
meine Herren«, damit war er aber nicht zufrieden, er behauptete, sie sitze oben
in der Zirbeldrüse.
    Ich quittierte die Philosophen und besuchte die Teologen. Um meine Leute
näher kennenzulernen, beschloss ich, an einem Sonntag nach der Kirche einem oder
dem andern meine Visite abzustatten. Ich kleidete mich ganz schwarz, dass ich ein
ziemlich teologisches Air hatte, und trat meinen Marsch an; man hatte mir
vorhergesagt, ich sollte keinen zu voreiligen Schluss auf den reinen und frommen
Charakter dieser Männer machen; sie seien etwas nach dem alttestamentarischen
Kostüm, vernachlässigen äussere Bildung, und fallen dadurch leicht ins Linkische.
    Mein Herz mit Geduld gewaffnet, trat ich in das Zimmer des ersten Teologen.
Aus einer bläulichen Rauchwolke erhob sich ein dicker ältlicher Mann in einem
grossgeblümten Schlafrock, eine ganz schwarze Meerschaumpfeife in der Hand. Er
machte einen kurzen Knicks mit dem Kopf und sah mich dann ungeduldig und fragend
an. Ich setzte ihm auseinander, wie mich die Philosophie gar nicht befriedige,
und dass ich gesonnen sei, einige teologische Kollegien zu besuchen. Er murmelte
einige unverständliche, aber wie es schien, gelehrte Bemerkungen, verzog
beifällig lächelnd den Mund und schritt im Zimmer auf und ab.
    Ich setzte die Einladung, ihn auf seinem Spaziergang zu begleiten, voraus,
und schritt in ebenso gravitätischen Schritten neben ihm her, indem ich
aufmerksam lauschte, was sein gelehrter Mund weiter vorbringen werde. Vergebens!
Er grinzte hie und da noch etwas weniges, sprach aber kein Wort weiter,
wenigstens verstand ich nichts als die Worte: »Pfeife rauchen?« ich merkte, dass
er mir höflich eine Pfeife anbiete, konnte aber keinen Gebrauch davon machen,
denn er rauchte wahrhaftig eine gar zu schlechte Nummer.
    Ich habe mir schon lange abgewöhnt, über irgend etwas in Verlegenheit zu
geraten, sonst hätte dieses absurde Schweigen des Professors mich gänzlich ausser
Fassung gebracht. So aber ging ich gemächlich neben ihm her, kehrte um, wenn er
umkehrte, und zählte die Schritte, die sein Zimmer in der Länge mass. Nachdem ich
das alte Ameublement, die verschiedenen Kleider- und Wäscherudera, die auf den
Stühlen umherlagen, das wunderliche Chaos seines Arbeitstisches gemustert hatte
wagte ich meine prüfenden Blicke an den Professor selbst. Sein Aussehen war
höchst sonderbar. Die Haare hingen ihm dünn und lang um die Glatze, die
gestrickte Schlafmütze hielt er unter dem Arm. Der Schlafrock war an den
Ellbogen zerrissen, und hatte verschiedene Löcher, die durch Unvorsichtigkeit
hineingebrannt schienen. Das eine Bein war mit einem schwarzseidenen Strumpf und
der Fuss mit einem Schnallenschuh bekleidet, der andere stak in einem weiten,
abgelaufenen Filzpantoffel, und um das halbentblösste Bein hing ein gelblicher
Socken. Ehe ich noch während dem unbegreiflichen Stillschweigen des Teologen
meine Bemerkungen weiter fortsetzen konnte, wurde die Türe aufgerissen, eine
grosse dürre Frau mit der Röte des Zornes auf den schmalen Wangen, stürzte
herein.
    »Nein, das ist doch zu arg, Blasius!« schrie sie, »der Küster ist da und
sucht dich zum Abendmahl; der Dekan steht schon vor dem Altar und du steckst
noch im Schlafrock?«
    »Weiss Gott, meine Liebe«, antwortete der Doktor gelassen, »das habe ich
hässlich vergessen! doch sieh, einen Fuss hatte ich schon zum Dienste des Herrn
gerüstet, als mir ein Gedanke einfiel, der den Doktor Paulus weidlich schlagen
muss.«
    Ohne darauf zu achten, dass er sich beinahe der letzten Hülle beraube, wollte
er eilfertig den Schlafrock herunterreissen, um auch seinen übrigen Kadaver zum
Dienst des Herrn zu schmücken; sein Eheweib aber stellte sich mit einer
schnellen Wendung vor ihn hin, und zog die weiten Falten ihrer Kleider
auseinander, dass vom Professor nichts mehr sichtbar war.
    »Sie verzeihen Herr Kandidat«, sprach sie, ihre Wut kaum unterdrückend; »er
ist so im Amtseifer, dass Sie ihn entschuldigen werden. Schenken Sie uns ein
andermal das Vergnügen. Er muss jetzt in die Kirche.«
    Ich ging schweigend nach meinem Hut, und liess den Ehemann unter den Händen
seiner liebenswürdigen Xantippe. »Ein schöner Anfang in der Teologie!« dachte
ich, und die Lust, die übrigen geistlichen Männer zu besuchen, war mir gänzlich
vergangen; doch beschloss ich, einige Vorlesungen mit anzuhören, was ich auch den
Tag nachher ausführte.
    Man denke sich einen weiten, niedrigen Saal, vollgepfropft mit jungen Leuten
in den abenteuerlichsten Gestalten; Mützen von allen Farben und Formen, lange
herabwallende, kurze emporsteigende Haare, Bärte, an welchen sich ein Sappeur
der alten Garde nicht hätte schämen dürfen, und kleine zierliche Stutzbärtchen,
galante Fracks und hohe Krawatten, neben deutschen Röcken und ellenbreiten
Hemdkrägen; so sassen die jungen geistlichen Herren im Kollegium; vor sich hatte
jeder seine Mappe, einen Stoss Papier, Dinte und Feder, um die Worte der Weisheit
gleich ad notam zu nehmen. O Platon und Sokrates, dachte ich, hätten eure
Studiosen und Akademiker nachgeschrieben, wie manches Wort tiefer, heiliger
Weisheit wäre nicht umsonst verrauscht; wie majestätisch müssten sich die
Folianten von Socratis opera in mancher Bibliotek ausnehmen! -
    Jetzt wurden alle Häupter entblösst. Eine kurze, dicke Gestalt drängte sich
durch die Reihen der jungen Herren dem Kateder zu, es war der Doktor
Schnatterer, den ich gestern besucht hatte; mit Wonnegefühl schien er die
Versammlung zu überschauen, hustete dann etwas weniges und begann:
    »Hochachtbare, hochansehnliche!« (damit meinte er die, welche sechs Taler
Honorar zahlten).
    »Wertgeschätzte!« (die welche das gewöhnliche Honorar zahlten).
    »Meine Herren!« (das waren die, welche nur die Hälfte oder aus Armut gar
nichts entrichteten), und nun hob er seinen Sermon an, die Federn rasselten, das
Papier knirschte, er aber schaute herab wie der Mond aus Regenwolken.
    Ich hätte zu keiner gelegeneren Zeit diese Vorlesungen besuchen können, denn
der Doktor behandelte gerade den Abschnitt »De angelis malis«, worin ich
vorzüglich traktiert zu werden hoffen durfte. Wahrhaftig, er liess mich nicht
lange warten: »Der Teufel«, sagte er, »überredete die ersten Menschen zur Sünde,
und ist noch immer gegen das ganze Menschengeschlecht feindlich gesinnt.« Nach
diesem Satz hoffte ich nun eine philosophische Würdigung dieses Teufelsglaubens
zu hören; aber weit gefehlt. Er blieb bei dem ersten Wort Teufel stehen, und dass
mich die Juden Beelzebub geheissen hätten. Mit einem Aufwand von Gelehrsamkeit,
wie ich sie hinter dem armen Schlafrock nicht gesucht hätte, warf er nun das
Wort Beelzebub dreiviertel Stunden lang hin und her. Er behauptete, die einen
erklären, es bedeute einen »Fliegenmeister«, der die Mücken aus dem Lande
treiben solle, andere nehmen das »sephub« nicht von den Mücken, sondern als »
Anklage« wie die Chaldäer und Syrier. Andere erklären »sephul« als Grab,
sepulcrum; die Federn schwirrten und flogen, so tiefe Gelehrsamkeit hört man
nicht alle Tage. Zu jenen paar Erklärungen hatte er aber volle dreiviertel
Stunden verwendet, denn die Zitaten aus heiligen und profanen Skribenten nahmen
kein Ende. Von Anfang hatte es mir vielen Spass gemacht, die Dogmatik auf solche
Weise getrieben und namentlich den Satan so gründlich anatomiert zu sehen; aber
endlich machte es mir doch Langeweile und ich wollte schon meinen Platz
verlassen, um dem unendlichen Gewäsch zu entfliehen, da ruhte der Doktor einen
Augenblick aus, die Schnupftücher wurden gebraucht, die Füsse wurden in eine
andere Lage gebracht, die Federn ausgesprjetzt und neu beschnitten - alles
deutete darauf hin, dass jetzt ein Hauptschlag geschehen werde.
    Und es war so; der grosse Teologe, nachdem er die Meinungen anderer
aufgeführt und gehörig gewürdigt hatte, begann jetzt mit Salbung und Würde seine
eigene Meinung zu entwickeln.
    Er sagte, dass alle diese Erklärungen nichts taugen, indem sie keinen
passenden Sinn geben; er wisse eine ganz andere, und glaube sich in diesem Stück
noch über Michaelis und Döderlein stellen zu dürfen. Er lese nämlich saephael
und das bedeute Kot, Mist und dergleichen. Der Teufel oder Beelzebub würde also
hier der »Herr im Dreck«, »der Unreinliche«, To pneima akatarton, »der Stinker«
genannt, wie denn auch im Volksglauben mit den Erscheinungen des Satans ein
gewisser unanständiger Geruch verbunden sei.
    Ich traute meinen Ohren kaum; eine solche Sottise war mir noch nie
vorgekommen; ich war im Begriff, den ortodoxen Exegeten mit dem nämlichen
Mittel zu bedienen, das einst Doktor Luter, welcher gar keinen Spass verstand,
an mir probierte, ihm nämlich das nächste beste Tintenfass an den Kopf zu werfen;
aber es fiel mir bei, wie ich mich noch besser an ihm rächen könnte, ich
bezähmte meinen Zorn und schob meine Rache auf.
    Der Doktor aber schlug im Bewusstsein seiner Würde das Heft zu, stand auf,
bückte sich nach allen Seiten und schritt nach der Türe; die tiefe Stille,
welche im Saal geherrscht hatte, löste sich in ein dumpfes Gemurmel des Beifalls
auf.
    »Welch ein gelehrter Mann, welch tiefer Denker, welche Fülle der tiefsten
Gelehrsamkeit!« murmelten die Schüler des grossen Exegeten. Emsig verglichen sie
untereinander ihre Hefte, ob ihnen auch kein Wörtchen von seinen schlagenden
Beweisen, von seinen kühnen Behauptungen entgangen sei; und wie glücklich waren
sie, wenn auch kein Jota fehlte, wenn sie hoffen durften, ein dickes,
reinliches, vollständiges Heft zu bekommen.
    Sobald sie aber die teuren Blätter in den Mappen hatten, waren sie die alten
wieder; man stopfte sich die ellenlangen Pfeifen, man setzte die Mütze kühn auf
das Ohr, zog singend oder den grossen Hunden pfeifend ab, und wer hätte den
Jünglingen, die im Sturmschritt dem nächsten Bierhaus zuzogen, angesehen, dass
sie die Stammhalter der Ortodoxie seien, und recta via von der kühnsten
Konjektur des grossen Dogmatikers herkommen?
    So schloss sich mein erster teologischer Unterricht, ich war, wenn nicht an
Weisheit und Einsicht, doch um einen Begriff meiner selbst, an den ich nie
gedacht hätte, reicher geworden.
    Ich schwor mir selbst mit den heiligsten Schwüren, keinen Teologen dieser
finstern Schule mehr zu hören. Denn, wenn der oberste unter ihnen solche grasse
Begriffe zu Markt brachte, was durfte ich von den übrigen hoffen? Aber der
ortodoxen saephael oder Dr-ck-Seele hatte ich Rache geschworen, und ich war
Manns genug dazu, sie auszuführen.
 
                                 Achtes Kapitel
            Der Satan bekömmt Händel und schlägt sich; Folgen davon
Indessen ereignete sich etwas anderes, das ich hier nicht übergehen darf, weil
es als ein Kommentar zu den Sitten des wunderlichen Volkes, unter welchem ich
lebte, dienen kann. Ich hatte schon seit einiger Zeit fleissig die Anatomie
besucht, um auch die Ärzte kennenzulernen, da geschah es eines Tages, dass ich
mit mehreren Freunden um einen Kadaver beschäftigt war, indem ich ihnen durch
Zergliederung der Organe des Hirns, des Herzens etc. die Nichtigkeit des
Glaubens an Unsterblichkeit darzutun suchte.
    Auf einmal höre ich hinter mir eine Stimme, »Pfui Teufel! wie riecht's
hier!«
    Ich wandte mich rasch um und erblickte einen jungen Teologen, der mich
schon in jener dogmatischen Vorlesung durch den Eifer und das Wohlbehagen, mit
welchem er die unsinnige Konjektur des Professors niederschrieb, gegen sich
aufgebracht hatte. Als ich nun diese Äusserung »pfui Teufel, wie riecht's hier!«
die ich in jenem Augenblick aus des Teologen Munde nur auf mich, als den »Herrn
im Kot« bezog, hörte, sagte ich ihm ziemlich stark, dass ich mir solche
Gemeinheiten und Anzüglichkeiten verbitte.
    Nach dem uralten heiligen Gesetzbuche der »Burschen«, das man Komment heisst,
war dies eine Beschimpfung, die nur mit Blut abgewaschen werden konnte. Der
Teologe, ein tüchtiger Raufer, liess mich daher am andern Tage sogleich fordern.
Ein solcher Spass war mir erwünscht, denn wer sein Ansehen unter seinen
Kommilitonen behaupten wollte, musste sich damals geschlagen haben, obgleich das
Duell an sich von meinen Freunden als etwas Unvernünftiges, Unnatürliches
angesehen wurde. Ich hatte meinen Gegner bestimmen lassen, die Sache in einem
Vergnügungsort, eine Stunde vor der Stadt, auszumachen, und beide Partien
erschienen zur bestimmten Zeit an Ort und Stelle.
    Feierlich wurde jeder einzelne in ein Zimmer geführt, der Oberrock ihm
ausgezogen, und der »Paukwichs«, das heisst, die Rüstung, in welcher das Duell
vor sich gehen sollte, angelegt. Diese Rüstung oder der Paukwichs bestand in
einem Hut mit breiter Krempe, die dem Gesicht hinlänglichen Schutz verlieh,
einer ungeheuern, fussbreiten Binde, die über den Bauch geschnallt wurde; sie war
von Leder, gepolstert und mit der Farbe der Verbindung, zu welcher man gehörte,
ausgeschmückt; eine ungeheure Krawatte, wogegen Herrn Studiosus Würgers ein
Groschenstrick war, stand steif um die Gegend des Halses und schützte Kinn,
Kehle, einen Teil der Schultern und den obern Teil der Brust. Den Arm, vom
Ellbogen bis zur Hand, bedeckte ein, aus alten seidenen Strümpfen verfertigtes
Rüstzeug, Handschuh genannt. Ich gestehe, die Figur, in diese sonderbare Rüstung
gepresst, nahm sich komisch genug aus; doch gewährte sie grosse Sicherheit, denn
nur ein Teil des Gesichtes, der Oberarm und ein Teil der Brust war für die
Klinge des Gegners zugänglich. Ich konnte mich daher des Lachens nicht
entalten, wenn ich im Spiegel meinen sonderbaren Habit betrachtete; der Satan
in einem solchen Aufzuge und im Begriff, sich wegen des schlechten Geruchs auf
der Anatomie zu schlagen!
    Meine Genossen aber nahmen dieses Lachen für einen Ausbruch der Kühnheit und
des Muts, gedachten, es sei jetzt der rechte Augenblick gekommen, und führten
mich in einen grossen Saal, wo man mit Kreide die gegenseitige feindliche
Stellung auf dem Boden markiert hatte. Ein Fuchs rechnete es sich zur hohen
Ehre, mir den »Schläger« vorantragen zu dürfen, wie man den alten Kaisern
Schwert und Szepter vorantrug. Jener war eine aus poliertem Stahl schön
gearbeitete Waffe mit grossem, schützendem Korb und scharf geschliffen wie ein
Schermesser.
    Wir standen endlich einander gegenüber; der Teologe machte ein grimmiges
Gesicht und blickte mit einem Hohn auf mich, der mich nur noch mehr in dem
Vorsatz bestärkte, ihn tüchtig zu zeichnen.
    Wir legten uns nach alter Fechterweise aus, die Klingen waren gebunden, die
Sekundanten schrien »los«, und unsere Schläger schwirrten in der Luft und fielen
rasselnd auf die Körbe. Ich verhielt mich meistens parierend gegen die wirklich
schönen und mit grosser Kunst ausgeführten Angriffe des Gegners, denn mein Ruhm
war grösser, wenn ich mich von Anfang nur verteidigte, und erst im vierten,
fünften Gang ihm eine Schlappe gab.
    Allgemeine Bewunderung folgte jedem Gang; man haue noch nie so kühn und
schnell angreifen, noch nie mit so vieler Ruhe und Kaltblütigkeit sich
verteidigen sehen. Meine Fechtkunst wurde von den ältesten »Häusern« bis in den
Himmel erhoben und man war nun gespannt und begierig, bis ich selbst angreifen
würde; doch wagte es keiner, mich dazu aufzumuntern. Vier Gänge waren vorüber,
ohne dass irgendwo ein Hieb blutig gewesen wäre. Ehe ich zum fünften
aufmarschierte, zeigte ich meinen Kameraden die Stelle auf der rechten Wange,
wohin ich meinen Teologen treffen wolle. Dieser mochte es mir ansehen, dass ich
jetzt selbst angreifen werde, er legte sich so gedeckt als möglich aus und
hütete sich, selbst einen Angriff zu machen. Ich begann mit einer herrlichen
Finte, der ein allgemeines Ah! folgte, schlug dann einige regelmässige Hiebe, und
klapp! sass ihm mein Schläger in der Wange.
    Der gute Teologe wusste nicht, wie ihm geschah, mein Sekundant und Zeuge
sprangen mit einem Zollstab hinzu, massen die Wunde und sagten mit feierlicher
Stimme: »Es ist mehr als ein Zoll, klafft und blutet, also Ansch-ss«; das hiess
soviel als: weil ich dem guten Jungen ein zollanges Loch ins Fleisch gemacht
hatte, war seiner Ehre genug geschehen.
    Jetzt stürzten meine Freunde herzu, die ältesten fassten meine Hände, die
jüngeren betrachteten ehrfurchtsvoll die Waffe, mit welcher die in der
Geschichte einzige und unerhörte Tat geschehen war; denn wer, seit des grossen
Renommisten Zeiten durfte sich rühmen, vorher die Stelle, die er treffen wollte,
angezeigt und mit so vieler Genauigkeit getroffen zu haben?
    Ernsten Blickes trat der Sekundant meines Gegners herein und bot mir in
dessen Namen Versöhnung an. Ich ging zu dem Verwundeten, dem man gerade mit
Nadel und Faden seine Wunde zunähte und versöhnte mich mit ihm.
    »Ich bin Ihnen Dank schuldig«, sagte er zu mir, »dass Sie mich so gezeichnet
haben. Ich wurde, ganz gegen meinen Willen, gezwungen, Teologie zu studieren;
mein Vater ist Landpfarrer, meine Mutter eine fromme Frau, die ihren Sohn gerne
einmal im Chorrock sehen möchte. Sie haben mit einem Mal entschieden, denn mit
einer Schmarre vom Ohr bis zum Mund, darf ich keine Kanzel mehr besteigen.«
    Die Burschen sahen teilnehmend auf den wackern Teologen, der wohl mit
geheimer Wehmut an den Schmerz des alten Pastors, an den Jammer der frommen Mama
denken mochte, wenn die Nachricht von diesem Unfall anlangte; ich aber hielt es
für das grösste Glück des Jünglings, durch eine so kurze Operation der Welt
wieder geschenkt zu sein. Ich fragte ihn, was er jetzt anzufangen gedenke, und
er gestand offen, dass der Stand eines Kavalleristen oder eines Schauspielers ihn
von jeher am meisten angezogen hätte.
    Ich hätte ihm um den Hals fallen mögen für diesen vernünftigen Gedanken,
denn gerade unter diesen beiden Ständen zähle ich die meisten Freunde und
Anhänger; ich riet ihm daher aufs ernstlichste, dem Trieb der Natur zu folgen,
indem ich ihm die besten Empfehlungsbriefe an bedeutende Generale und an die
vorzüglichsten Bühnen versprach.
    Dem ganzen Personale aber, das dem merkwürdigen Duell angewohnt hatte, gab
ich einen trefflichen Schmaus, wobei auch mein Gegner und seine Gesellen nicht
vergessen wurden. Dem ehemaligen Teologen zahlte ich nachher in der Stille
seine Schulden, und versah ihn, als er genesen war, mit Geld und Briefen, die
ihm eine fröhliche, glänzende Laufbahn eröffneten.
    Meine geheime Wohltätigkeit war so wenig, als der glänzende Ausgang meiner
Affaire ein Geheimnis geblieben. Man sah mich von jetzt wie ein höheres Wesen
an, und ich kannte manche junge Dame, die sogar über meine grossmütigen
Sentiments Tränen vergoss.
    Die Mediziner aber liessen mir durch eine Deputation einen prachtvollen
Schläger überreichen, weil ich mich, wie sie sich ausdrückten, »für den guten
Geruch ihrer Anatomie geschlagen habe«.
    Die Welt bleibt unter allen Gestalten die nämliche, die sie von Anfang war.
Dem Bösen, selbst dem Unvernünftigen huldigt sie gerne, wenn es sich nur in
einem glänzenden Gewande zeigt; die gute, ehrliche Tugend mit ihren rauhen
Manieren und ihrem ungeschliffenen, rohen Aussehen wird höchstens Achtung,
niemals Beifall erlangen.
 
                                Neuntes Kapitel
                        Satans Rache am Dr. Schnatterer
Als ich sah, wie weit die Philosophie und Teologie in .....en hinter meinen
Vorstellungen, die ich mir zuvor gemacht hatte, zurückbleibe, legte ich mich mit
Eifer auf Ästetik, Rhetorik, namentlich aber auf die schöne Literatur. Man
wende mir nicht ein, ich habe auf diese Art meine Zeit unnütz angewendet. Ich
besuchte ja jene berühmte Schule nicht, um ein Brotstudium zu treiben, das
einmal einen Mann mit Weib und Kind ernähren könnte, sondern das »dic-cur-hic«
das ich recht oft in meine Seele zurückrief, sagte mir immer, ich solle suchen,
von jeder Wissenschaft einen kleinen Hieb zu bekommen, mich aber so sehr als
möglich in jenen Künsten zu vervollkommnen, die heutzutage einem Mann von
Bildung unentbehrlich sind.
    Bei Gelegenheit eine Stelle aus einem Dichter zu zitieren, über die
Schönheit eines Gemäldes kunstgerecht mitzusprechen, eine Statue nach allen
Regeln für erbärmlich zu erklären, für die Männer einige teologische Literatur,
einige juridische Phrasen, einige neue medizinische Entdeckungen, einige
exorbitante philosophische Behauptungen in petto zu haben, hielt ich für
unumgänglich notwendig, um mich mit Anstand in der modernen Welt bewegen zu
können, und ohne mir selbst ein Kompliment machen zu wollen, darf ich sagen, ich
habe in den paar Monaten in .....en hinlänglich gelernt.
    Ich habe mir nach dem Beispiel meiner grossen Vorbilder im Memoirenschreiben
vorgenommen, auch die geringfügigsten Ereignisse aufzuführen, wenn sie lehrreich
oder merkwürdig sind, wenn sie Stoff zum Nachdenken oder zum Lachen entalten.
Ich darf daher nicht versäumen, meine Rache am Doktor Schnatterer zu erzählen.
    Besagter Doktor hatte die löbliche Gewohnheit, Sonntag nachmittags mit noch
mehreren andern Professoren in ein Wirtshaus ein halbes Stündchen vor der Stadt
zu spazieren. Dort pflegte man, um die steifgesessenen Glieder wieder
auszurenken, Kegel zu schieben und allerlei sonstigen Kurzweil zu treiben, wie
es sich für ehrbare Männer geziemt; man spielte wohl auch bei verschlossenen
Türen ein Whistchen oder Piquet, und trank manchmal ein Gläschen über Durst, was
wenigstens die böse Welt daraus ersehen wollte, dass sich die Herren abends in
der Chaise des Wirtes zur Stadt bringen liessen.
    Der ehrwürdige Teologe aber pflegte immer lang vor Sonnenuntergang
heimzukehren, man sagt, weil die Frau Doktorin ihm keine längere Frist erlaubt
hatte; er ging dann bedächtlichen Schrittes seinen Weg, vermied aber die breite
Chaussee und schlug den Wiesenpfad ein, der dreissig Schritte seitwärts neben
jener hinlief; der Grund war, weil der breite Weg am schönen Sonntagabend mit
Fussgängern besäet war, der Doktor aber die höhere Röte seines Gesichtes und den
etwas unsichern Gang nicht den Augen der Welt zeigen wollte.
    So erklärten sich die Bösen den einsamen Gang Schnatterers; die Frommen aber
blieben stehen, schauten ihm nach und sprachen: »Siehe, er geht nicht auf dem
breiten Weg der Gottlosen, der fromme Herr Doktor, sondern den schmalen Pfad,
welcher zum Leben führt.«
    Auf diese Gewohnheit des Doktors hatte ich meinen Racheplan gebaut. Ich
passte ihm an einem schönen Sonntagabend, der alle Welt ins Freie gelockt hatte,
auf, und er trat noch bei guter Tageszeit aus dem Wirtshaus. Mit demütigem
Bückling nahte ich mich ihm, und fragte, ob ich ihn auf seinem Heimweg begleiten
dürfe, der Abend scheine mir in seiner gelehrten Nähe noch einmal so schön.
    Der Herr Doktor schien einen kordialen Hieb zu haben; er legte zutraulich
meinen Arm in den seinigen, und begann mit mir über die Tiefen der
Wissenschaften zu perorieren. Aber ich schlug sein Auge mit Blindheit, und indem
ich als ehrbarer Studiosus neben ihm zu gehen schien, verwandelte ich meine
Gestalt und erschien den verwunderten Blicken der Spaziergänger als die »schöne
Luisel«, die berüchtigste Dirne der Stadt. - Ach! dass Hogart an jenem Abend
unter den spazierengehenden Christen auf dem breiten Wege gewandelt wäre! Welch
herrliche Originale für frommen Unwillen, starres Erstaunen, hämische
Schadenfreude hätte er in sein Skizzenbuch niederlegen können.
    Die Vordersten blieben stehen, als sie das seltsame Paar auf dem Wiesenpfad
wandeln sahen, sie kehrten um, uns zu folgen, und rissen die Nachkommenden mit.
Wie ein ungeheurer Strom wälzte sich uns die erstaunte Menge nach, wie ein
Lauffeuer flog das unglaubliche Gerücht: »Der Doktor Schnatterer mit der schönen
Luisel!« von Mund zu Mund der Stadt zu.
    »Wehe dem, durch den Ärgernis kommet!« riefen die Frommen; »hat man das je
erlebt von einem christlichen Prediger?«
    »Ei, ei, wer hätte das hinter dem Ehrsamen gesucht?« sprachen mit
Achselzucken die Halbfrommen, »wenn der Skandal nur nicht auf öffentlicher
Promenade -!«
    »Der Herr Doktor machen sich's bequem!« lachten die Weltkinder, »er predigt
gegen das Unrecht, und geht mit der Sünde spazieren.«
    So hallte es vom Felde bis in die Stadt, Bürger und Studenten, Mägde und
Strassenjungen erzählten es in Kneipen, am Brunnen und an allen Ecken; und
»Doktor Schnatterer« und »schön Luisel« war das Feldgeschrei und die Parole für
diesen Abend und manchen folgenden Tag.
    An einer Krümmung des Wegs machte ich mich unbemerkt aus dem Staube, und
schloss mich als Studiosus meinen Kameraden an, die mir die Neuigkeit ganz warm
auftischten. Der gute Doktor aber zog ruhig seines Weges, bemerkte, in seine
tiefen Meditationen versenkt, nicht das Drängen der Menge, die sich um seinen
Anblick schlug, nicht das wiehernde Gelächter, das seinen Schritten folgte. Es
war zu erwarten, dass einige fromme Weiber seiner zärtlichen Ehehälfte die
Geschichte beigebracht hatten, ehe noch der Teologe an der Hausglocke zog; denn
auf der Strasse hörte man deutlich die fürchterliche Stimme des Gerichtsengels,
der ihn in Empfang nahm, und das Klatschen, welches man hie und da vernahm, war
viel zu volltönend, als dass man hätte denken können, die Frau Doktorin habe die
Wangen ihres Gemahls mit dem Munde berührt.
    Wie ich mir aber dachte, so geschah es. Nach einer halben Stunde schickte
die Frau Doktorin zu mir, und liess mich holen. Ich traf den Doktor mit hoch
aufgelaufenen Wangen, niedergeschlagen in einem Lehnstuhl sitzend. Die Frau
schritt auf mich zu und schrie, indem sie die Augen auf den Doktor
hinüberblitzen liess: »Dieser Mensch dort behauptet, heute abend mit Ihnen vom
Wirtshaus hereingegangen zu sein; sagen Sie, ob es wahr ist, sagen Sie!«
    Ich bückte mich geziemend und versicherte, dass ich mir habe nie träumen
lassen, die Ehre zu geniessen; ich sei den ganzen Abend zu Haus gewesen.
    Wie vom Donner gerührt, sprang der Doktor auf, der Schrecken schien seine
Zunge gelähmt zu haben: »Zu Haus gewesen?« lallte er, »nicht mit mir gegangen, o
mit wem soll ich denn gegangen sein, als mit Ihnen, Wertester?«
    »Was weiss ich, mit wem der Herr Doktor gegangen sind?« gab ich lächelnd zur
Antwort. »Mit mir auf keinen Fall!«
    »Ach, Sie sind nur zu nobel, Herr Studiosus«, heulte die wütende Frau, »was
sollten Sie nicht wissen, was die ganze Stadt weiss; der alte Sünder, der
Schandenmensch! man weiss seine Schliche wohl; mit der schönen Luisel hat er
scharmuziert!«
    »Das hat mir der böse Feind angetan«, raste der Doktor und rannte im Zimmer
umher; »der Böse, der Beelzebub, nach meiner Konjektur der Stinker.«
    »Der Rausch hat dir's angetan, du Lump«, schrie die Zärtliche, riss ihren
breitgetretenen Pantoffel ab und rannte ihm nach; ich aber schlich mich die
Treppe hinab und zum Haus hinaus und dachte bei mir, dem Doktor ist ganz recht
geschehen, man soll den Teufel nicht an die Wand malen, sonst kömmt er.
    Der Doktor Schnatterer wurde von da an in seinen Kollegien ausgepocht, und
konnte, selbst mit den kühnsten Konjekturen, den Eifer nicht mehr erwecken, der
vor seiner Fatalität unter der studierenden Jugend geherrscht hatte. Die
Kollegiengelder erreichten nicht mehr jene Summe, welche die Frau Professorin
als allgemeinen Massstab angenommen hatte, und der Professor lebte daher in
ewigem Hader mit der Unversöhnlichen. Diesem hatte, sozusagen, der Teufel ein Ei
in die Wirtschaft gelegt.
 
                                Zehntes Kapitel
                     Satan wird wegen Umtrieben eingezogen
                    und verhört; er verlässt die Universität
Um diese Zeit hörte man in Deutschland viel von Demagogen, Umtrieben,
Verhaftungen und Untersuchungen. Man lachte darüber, weil es schien, man
betrachte alles durch das Vergrösserungsglas, welches Angst und böses Gewissen
vorhielten. Übrigens mochte es an manchen Orten doch nicht ganz geheuer gewesen
sein; selbst in dem sonst so ruhigen .....en spukte es in manchen Köpfen
seltsam.
    Ich will einen kurzen Umriss von dem Stand der Dinge geben. Wenn man
unbefangen unter den »Burschen« umherwandelte und ihren Gelagen beiwohnte, so
drängte sich von selbst die Bemerkung auf, dass viele unter ihnen von etwas
anderem angeregt seien, als gerade von dem nächsten Zweck ihres Brotstudiums;
wie einige grosses Interesse daran fanden, sich morgens mit ihren Gläubigern und
deren Noten (Philister mit Pumpregistern) herumzuzanken, nachher den Hund zu
baden und ihn schöne Künste zu lehren, sodann Fensterparade vor ihren Schönen zu
machen usw., so hatten sich andere, und zwar kein geringer Teil auf Idealeres
geworfen. Ich hatte zwar dadurch, dass ich sie zum Studium des Trinkens anhielt,
dafür gesorgt, dass die Herren sich nicht gar zu sehr der Welt entziehen möchten;
aber es blieb doch immer ein geheimnisvolles Walten, aus welchem ich nicht recht
klug werden konnte.
    Besonders aber äusserte sich dies, wenn die Köpfe erleuchtet waren; da sprach
man viel von Volksbildung, von frommer deutscher Art, manche sprudelten auch
über und schrien von der Not des Vaterlandes, von -. Doch das ist jetzt
gleichgültig, von was gesprochen wurde, es genügt zu sagen, dass es schien, als
hätte eine grosse Idee viele Herzen ergriffen, sie zu einem Streben vereinigt.
Mir behagte die Sache an sich nicht übel; sollte es auf etwas Unruhiges
ausgehen, so war ich gleich dabei, denn Revolutionen waren von jeher mein
Element; nur sollte nach meiner Meinung das Ganze einen eleganteren, leichteren
Anstrich haben.
    Es gab zwar Leute unter ihnen, die mit der Gewandteit eines Staatsmannes
die Menge zu leiten wussten, die sich eine Eleganz des Stils, eine Leichtigkeit
des Umgangs angeeignet hatten, wie sie in den diplomatischen Salons mit Mühe
erlernt und kaum mit so viel Anstand ausgeführt wird; aber die meisten waren in
ein phantastisches Dunkel geraten, munkelten viel von dem Dreiklang in der
Einheit, von der Idee, die ihnen aufgegangen sei, und hatten Vergangenheit und
Zukunft, Mittelalter und das Chaos der jetzigen Zeit so ineinandergeknetet, dass
kein Teseus sich aus diesen Labyrinten herausgefunden hätte.
    Ich merkte oft, dass einer oder der andere der Koryphäen in einer traulichen
Stunde mir gerne etwas anvertraut hätte; ich zeigte Verstand, Weltbildung, Geld
und grosse Konnexionen, Eigenschaften, die nicht zu verachten sind, und die man
immer ins Mittel zu ziehen sucht. Aber immer, wenn sie im Begriff waren, die
dunkle Pforte des Geheimnisses vor meinen Augen aufzuschliessen, schien sie, ich
weiss nicht was, zurückzuhalten; sie behaupteten, ich habe kein Gemüt, denn
dieses edle Seelenvermögen schienen sie als Probierstein zu gebrauchen.
    Mochte ich aber aussehen, wie ein verkappter Jakobiner, mochte ich durch
meinen Einfluss auf die Menge Verdacht erregt haben? Eines Morgens trat der
Pedell mit einigen Schnurren in mein Zimmer und nahm mich im Namen Seiner
Magnifizenz gefangen. Der Universitätssekretär folgte, um meine Papiere zu
ordnen und zu versiegeln, und gab mir zu verstehen, dass ich als Demagoge
verhaftet sei.
    Man gab mir ein anständiges Zimmer im Universitätsgebäude, sorgte eifrig für
jede Bequemlichkeit, und als der Hohe Rat beisammen war, wurde ich in den Saal
geführt, um über meine politischen Verbrechen vernommen zu werden.
    Die Dekane der vier Fakultäten, der Rector Magnificus, ein Mediziner, und
der Universitätssekretär sassen um einen grünbehängten Tisch in feierlichem
Ornat; die tiefe Stille, welche in dem Saal herrschte, die steife Haltung der
gelehrten Richter, ihre wichtigen Mienen nötigten mir unwillkürlich ein Lächeln
ab.
    Magnificus zeigte auf einen Stuhl ihm gegenüber am Ende der Tafel,
Delinquent setzte sich, Magnificus winkte wieder und der Pedell trat ab.
    Noch immer tiefe Stille; der Sekretär legt das Papier zum Protokoll zurecht,
und schneidet Federn; ein alter Professor lässt seine ungeheure Dose herumgehen.
Jeder der Herren nimmt eine Prise bedächtlich und mit Beugung des Hauptes,
Doktor Saper, mein nächster Nachbar, schnupft und präsentiert mir die Dose, lässt
aber das teure Magazin, von einem abwehrenden Blick Magnifici erschreckt, mit
polterndem Geräusch zu Boden fallen.
    »Alle Hagel, Herr Doktor«, schrie der alte Professor, alle Achtung beiseite
setzend.
    »O Jerum«, ächzte der Sekretär und warf das Federmesser weg, denn er hatte
sich aus Schrecken in den Finger geschnitten.
    »Bitte untertänigst!« stammelte der erschrockene Doktor Saper.
    Diese alle sprachen auf einmal durcheinander und der letztere kniete auf den
Boden nieder und wollte mit der Papierschere, die er in der Eile ergriffen
hatte, den verschütteten Tabak aufschaufeln.
    Magnificus aber ergriff die grosse Glocke und schellte dreimal; der Pedell
trat eilig und bestürzt herein, und fragte, was zu Befehl sei, und Magnificus
mit einem verbindlichen Lächeln zu Doktor Saper hinüber sprach: »Lassen Sie es
gut sein, Lieber, er taugt doch nichts mehr; da wir aber in dieser Sitzung
einiges Tabaks benötigt sein werden, glaube ich dafür stimmen zu müssen, dass
frischer ad locum gebracht werde.«
    Doktor Saper zog schnell sein Beutelein, reichte dem Pedell einige Groschen,
und befahl ihm, eilends drei Lot Schnupftabak zu bringen. Dieser enteilte dem
Saal; vor dem Haus fand er, wie ich nachher erfuhr, die halbe Universität
versammelt, denn meine Verhaftung war schnell bekannt geworden, und alles
drängte sich zu, um das Nähere zu erfahren. Man kann sich daher die Spannung der
Gemüter denken, als man den Pedell aus der Türe stürzen sah; die vordersten
hielten ihn fest und fragten und drängten ihn, wohin er so eilig versendet
werde, und kaum konnte man sich in seine Beteurung finden, dass er eilends drei
Lot Schnupftabak holen müsse.
    Aber im Saal war nach der Entfernung des Götterboten die vorige, anständige
Stille eingetreten. Magnificus fasste mich mit einem Blick voll Hoheit, und
begann:
    »Es ist uns von einer höchstpreuslichen Zentral-Untersuchungskommission der
Auftrag zugekommen, auf gewisse geheime Umtriebe und Verbindungen, so sich auf
unserer Universität seit einiger Zeit entsponnen haben sollen, unser Augenmerk
zu richten. Wir sind nun nach reiflicher Prüfung der Umstände vollkommen darüber
einverstanden, dass Sie, Herr von Barbe, sich höchst verdächtig gemacht haben,
solche Verhältnisse unter unserer akademischen Jugend dahier herbeigeführt und
angesponnen zu haben. Hm! Was sagen Sie dazu, Herr von Barbe?«
    »Was ich dazu sage? Bis jetzt noch nichts, ich erwarte geziemend die
Beweise, die mein Leben und Betragen einer solchen Beschuldigung verdächtig
machen.«
    »Die Beweise?« antwortete erstaunt der Rektor, »Sie verlangen Beweise? ist
das der Respekt vor einem akademischen Senate? Man führe selbst den Beweis, dass
man nicht im sträflichen Verdacht der Demagogie ist.«
    »Mit gütiger Erlaubnis, Euer Magnifizenz«, entgegnete der Dekan der
Juristen, »Inquisit kann, wenn er eines Verdachtes angeklagt ist, in alle Wege
verlangen, dass ihm die Gründe des Verdachtes genannt werden.«
    Dem medizinischen Rektor stand der Angstschweiss auf der Stirne; man sah ihm
an, dass er mit Mühe die Beweisgründe in seinem Haupte hin- und herwälze. Wie ein
Bote vom Himmel erschien ihm daher der Pedell mit der Dose und berichtete
zugleich mit ängstlicher Stimme, »dass die Studierenden in grosser Anzahl sich vor
dem Universitätsgebäude zusammengerottet haben und ein verdächtiges Gemurmel
durch die Reihen laufe, das mit einem Pereat oder Scheibeneinwerfen zu bedrohen
scheine.«
    Kaum hatte er ausgesprochen, so stürzte eine Magd herein, und richtete von
der Frau Magnificussin an den Herrn Magnificus ein Kompliment aus, und er möchte
doch sich nach Haus salvieren, weil die Studenten allerhand verdächtige
Bewegungen machen.
    »Ist das nicht der klarste Beweis gegen Ihre geheimen Umtriebe, lieber Herr
von Barbe?« sprach die Magnifizenz in kläglichem Tone. »Aber der Aufruhr steigt,
videant Consules ne quid detrimenti - man nehme seine Massregeln; - dass auch der
Teufel gerade in meine Amtsführung alle fatalen Händel bringen muss! - Domine
Collega, Herr Doktor Pfeffer, was stimmen Sie?«
    »Es ist eigentlich noch kein Votum zur Abstimmung vorgebracht und zur Reife
gediehen, ich rate aber, Herrn von Barbe bis auf weiteres zu entlassen, und ihm
-«
    »Richtig, gut«, rief der Rektor, »Sie können abtreten, wertgeschätzter
junger Freund, beruhigen Sie Ihre Kameraden, Sie sehen selbst, wie glimpflich
wir mit Ihnen verfahren sind, und zu einer gelegeneren Stunde werden wir uns
wieder die Ehre ausbitten; damit aber die Sache kein solches Aufsehen mehr
erregt - weiss Gott, der Aufruhr steigt, ich höre pereat- so kommen Sie morgen
abend alle zum Tee zu mir, Sie auch, lieber Barbe, da denn die Sachen weiter
besprochen werden können.«
    Ich konnte mich kaum entalten, den ängstlichen Herren ins Gesicht zu
lachen. Sie sassen da, wie von Gott verlassen, und wünschten sich in Abrahams
Schoss, das heisst in den ruhigen Hafen ihres weiten Lehnstuhls.
    »Was steht nicht von einer erhitzen Jugend zu erwarten?« klagten sie;
»seitdem etzliche Lehrer von den Katedern gestiegen sind, und sich unter diese
himmelstürmende Zyklopen gemischt haben, ist keine Ehrfurcht, kein Respekt mehr
da. Man muss befürchten, wie schlechte Schauspieler ausgepfiffen oder am hellen
Tage insultiert zu werden.«
    »Vom Erstechen will ich gar nicht reden«, sagte ein anderer, »es sollte
eigentlich jeder Literatus, der nicht allewege ein gut Gewissen hat, einen
Brustarnisch unter dem Kamisol tragen.«
    Indessen die Philister also klagten, dankte ich meinen Kommilitonen für ihre
Aufmerksamkeit für mich, sagte ihnen, dass sie nachts viel bessere Gelegenheit
zum Fenstereinwerfen haben, und bewog sie durch Bitten und Vorstellungen, dass
sie abzogen. Sie marschierten in geschlossenen Reihen durch das erschreckte
Städtchen, und sangen ihr »ça ira, ça ira«, nämlich: »Die Burschenfreiheit lebe«
und das erhabene »Rautsch, rautsch, rautschitschi, Revolution!«
    Ich ging wieder in den Saal zurück und sagte den noch versammelten Herren,
dass sie gar nichts zu befürchten haben, weil ich die Herren Studiosen vermocht
habe, nach Hause zu gehen. Beschämung und Zorn rötete jetzt die bleichen
Gesichter, und mein bisschen Psychologie musste mich ganz getäuscht haben, wenn
mich die Herren nicht ihre Angst entgelten liessen. Und gewiss! meine Ahnung hatte
mich nicht betrogen. Magnificus ging ans Fenster, um sich selbst zu überzeugen,
dass die Aufrührer abgezogen seien; dann wendete er sich mit erhabener Miene zu
mir, und er, der noch vor einer Viertelstunde »mein wertgeschätzter Freund« zu
mir sagte, herrschte mir jetzt zu: »Wir können das Verhör weiter fortführen,
Delinquent mag sich setzen!«
    So sind die Menschen; nichts vergisst der Höhere so leicht, als dass der
Niedere ihm in der Stunde der Not zu Hülfe eilte, nichts sucht er sogar eifriger
zu vergessen, als jene Not, wenn er sich dabei eine Blösse gegeben, deren er sich
zu schämen hat.
    Nach der Miene des Magnificus richteten sich auch die seiner Kollegen. Sie
behandelten mich grob und mürrisch. Der Rektor entwickelte mit grosser
Gelehrsamkeit den ersten Anklagepunkt.
    »Demagog kömmt her von dhmos und agein. Das eine heisst Volk, das andere
führen oder verführen. Wer ist nach diesem Begriff mehr Demagog, als Sie? Haben
wir nicht in Erfahrung gebracht, dass Sie die jungen Leute zum Trinken
verleiteten? Dass Sie neue Lieder und Kartenspiele hieher verpflanzten? Auch von
andern Orten werden diese Sachen als die sichersten Symptome der Demagogie
angeführt; folglich sind Sie ein Demagog.« -
    Mit triumphierendem Lächeln wandte er sich zu seinen Kollegen; »Habe ich
nicht recht, Doktor Pfeffer? Nicht recht, Herr Professor Saper?« »Vollkommen,
Euer Magnifizenz«, versicherten jene und schnupften.
    »Zweitens, jetzt kommt der andere Punkt«, fuhr der Mediziner fort; »das
Turnen ist eine Erfindung des Teufels und der Demagogen, es ist, um mich so
auszudrücken, eine vaterlandsverräterische Ausbildung der körperlichen Kräfte.
Da nun die Turnplätze eigentlich die Tierparks und Salzlecken des demagogischen
Wildes, Sie aber, wie wir in Erfahrung gebracht haben, einer der eminentesten
Turner sind: so haben Sie sich durch Ihre Saltus mortales und Ihre übrigen
Künste als einen kleinen Jahn, einen offenbaren Demagogen gezeigt. Habe ich
nicht recht, Herr Doktor Bruttler? sage ich nicht die Wahrheit, Herr Doktor
Schrag?«
    »Vollkommen, Euer Magnifizenz!« versicherten diese und schnupften.
    »Demagogen«, fuhr er fort, »Demagogen schleichen sich ohne bestimmten äussern
Zweck ins Land, und suchen da Feuer einzulegen; sie sind unstete Leute, denen
man ihre Verdächtigkeit gleich ansieht; der Herr Studiosus von Barbe ist ohne
bestimmten Zweck hier, denn er läuft in allen Kollegien und Wissenschaften
umher, ohne sie für immer zu frequentieren oder gar nachzuschreiben; was folgt?
Er hat sich der Demagogie sehr verdächtig gemacht; ich füge gleich den vierten
Grund bei: man hat bemerkt, dass Demagogen, vielleicht von geheimen Bünden
ausgerüstet, viel Geld zeigen und die Leute an sich locken; wer hat sich in
diesem Punkt der Anklage würdiger gemacht, als Delinquent? Habe ich nicht recht,
meine Herren?«
    »Sehr scharfsinnig, vollkommen!« antworteten die Aufgerufenen unisono und
liessen die Dose herumgehen.
    Mit Majestät richtete sich Magnificus auf: »Wir glauben hinlänglich bewiesen
zu haben, dass Sie, Herr Studiosus Friedrich von Barbe, in dem Verdacht geheimer
Umtriebe stecken; wir sind aber weit entfernt, ohne den Beklagten anzuhören, ein
Urteil zu fällen, darum verteidigen Sie sich. - Aber mein Gott! wie die Zeit
herumgeht, da läutet es schon zu Mittag; ich denke, der Herr kann seine
Verteidigung im Karzer schriftlich abfassen; somit wäre die Sitzung aufgehoben;
wünsche gesegnete Mahlzeit, meine Herren.«
    So schloss sich mein merkwürdiges Verhör. Im Karzer entwarf ich eine
Verteidigung, die den Herren einleuchten mochte. Wahrscheinlicher aber ist mir,
dass sie sich scheuten, einen jungen Mann, der so viel Geld ausgab, aus ihrer
guten Stadt zu verbannen. Sie gaben mir daher den Bescheid, dass man mich aus
besonderer Rücksicht diesmal noch mit dem Concilium verschonen wolle, und
setzten mich wieder auf freien Fuss.
    Als Demagog eingekerkert zu sein, als Märtyrer der guten Sache gelitten zu
haben, zog einen neuen Nimbus um meinen Scheitel, und im Triumph wurde ich aus
dem Karzer nach Haus begleitet; aber die Freude sollte nicht lange dauern. Ich
hatte jetzt so ziemlich meinen Zweck, der mich in jene Stadt geführt hatte,
erreicht, und gedachte weiterzugehen. Ich hatte mir aber vorgenommen, vorher
noch den Titel eines Doktors der Philosophie auf gerechtem Wege zu erringen. Ich
schrieb daher eine gelehrte Dissertation, und zwar über ein Tema, das mir am
nächsten lag, de rebus diabolicis, liess sie drucken und verteidigte sie
öffentlich; wie ich meine Gegner und Opponenten tüchtig zusammengehauen, erzähle
ich nicht aus Bescheidenheit; einen Auszug aus meiner Dissertation habe ich
übrigens dem geneigten Leser beigelegt.2
    Post exantlata oder nachdem ich den Doktorhut errungen hatte, gab ich einen
ungeheuern Schmaus, wobei manche Seele auf ewig mein wurde. Solange noch die
guten Jungen meinen Champagner und Burgunder mit schwerer Zunge prüften, liess
ich meine Rappen vorführen, und sagte der lieben Musenstadt Valet. Die Rechnung
des Doktorschmauses aber überbrachte der Wirt am Morgen den erstaunten Gästen,
und manches Pochen des ungestümmen Gläubigers, das sie aus den süssen
Morgenträumen weckte, mancher bedeutende Abzug am Wechsel erinnerte sie auch in
spätern Zeiten an den berühmten Doktorschmaus und an ihren guten Freund, den
Satan.
 
                                       II
            Unterhaltungen des Satan und des ewigen Juden in Berlin
                Die heutigen dummen Gesichter sind nur das boeuf à la mode der
                früheren dummen Gesichter.
                                                                   Welt und Zeit
                                Eilftes Kapitel
                       Wen der Teufel im Tiergarten traf
Ich sass, es mögen bald drei Jahre sein, an einem schönen Sommerabend im
Tiergarten zu Berlin, nicht weit vom Weberischen Zelt; ich betrachtete mir die
bunte Welt um mich her und hatte grosses Wohlgefallen an ihr; war es doch schon
wieder ganz anders geworden als zu der frommen Zeit Anno dreizehn und fünfzehn,
wo alles so ehrbar, und, wie sie es nannten, altdeutsch zuging, dass es mich
nicht wenig ennuyierte. Besonders über die schönen Berlinerinnen konnte ich mich
damals recht ärgern, sonst ging es sonntags nachmittags mit Saus und Braus nach
Charlottenburg oder mit Jubel und Lachen die Linden entlang nach dem Tiergarten
heraus; aber damals -? Jetzt aber ging es auch wieder hoch her. Das Alte war dem
Neuen gewichen, Lust und Leben wie früher zog durch die grünen Bäume, und der
Teufel galt wieder was, wie vor Zeiten, und war ein geschätzter, angesehener
Mann.
    Ich konnte mich nicht entalten, einen Gang durch die buntgemischte
Gesellschaft zu machen. Die glänzenden Militärs von allen Chargen mit ihren
ebenso verschieden chargierten Schönen, die zierlichen Elegants und
Elegantinnen, die Mütter, die ihre geputzten Töchter zu Markt brachten, die
wohlgenährten Räte mit einem guten Griff der Kassengelder in der Tasche, und
Grafen, Baronen, Bürger, Studenten und Handwerksbursche, anständige und
unanständige Gesellschaft - sie alle um mich her, sie alle auf dem
vernünftigsten Wege, mein zu werden! In fröhlicher Stimmung ging ich weiter und
weiter, ich wurde immer zufriedener und heiterer.
    Da sah ich, mitten unter dem wogenden Gewühl der Menge ein paar Männer an
einem kleinen Tischchen sitzen, welche gar nicht recht zu meiner fröhlichen
Gesellschaft taugen wollten. Den einen konnte ich nur vom Rücken sehen, es war
ein kleiner beweglicher Mann, schien viel an seinen Nachbar hin zu sprechen,
gestikulierte oft mit den Armen, und nahm nach jedem grösseren Satz, den er
gesprochen, ein erkleckliches Schlückchen dunkelroten Franzweins zu sich.
    Der andere mochte schon weit vorgerückt in Jahren sein, er war ärmlich aber
sauber gekleidet, beugte den Kopf auf die eine Hand, während die andere mit
einem langen Wanderstab wunderliche Figuren in den Sand beschrieb, er hörte mit
trübem Lächeln dem Sprechenden zu und schien ihm wenig, oder ganz kurz zu
antworten.
    Beide Figuren hatten etwas mir so Bekanntes, und doch konnte ich mich im
Augenblick nicht entsinnen, wer sie wären. Der kleine Lebhafte sprang endlich
auf, drückte dem Alten die Hand, lief mit kurzen schnellen Schritten, heiser vor
sich hinlachend, hinweg, und verlor sich bald ins Gedränge. Der Alte schaute ihm
wehmütig nach und legte dann die tiefgefurchte Stirne wieder in die Hand.
    Ich besann mich auf alle meine Bekannten, keiner passte zu dieser Figur; eine
Ahnung durchflog mich, sollte es - doch was braucht der Teufel viel Komplimente
zu machen? Ich trat näher, setzte mich auf den Stuhl, welchen der andere
verlassen hatte, und bot dem Alten einen guten Abend.
    Langsam erhob er sein Haupt und schlug das Auge auf, ja er war es, es war
der Ewige Jude.
    »Bon soir, Brüderchen!« sagte ich zu ihm, »es ist doch schnackisch, dass wir
einander zu Berlin im Tiergarten wiederfinden, es wird wohl so achtzig Jährchen
sein, dass ich nicht mehr das Vergnügen hatte?«
    Er sah mich fragend an; »So, du bist's?« presste er endlich heraus; »hebe
dich weg, mit dir habe ich nichts zu schaffen!«
    »Nur nicht gleich so grob, Ewiger«, gab ich ihm zur Antwort; »wir haben
manche Mitternacht miteinander vertollt, als du noch munter warst auf der Erde,
und so recht systematisch lüderlich lebtest, um dich selbst bald unter den Boden
zu bringen. Aber jetzt bist du, glaube ich, ein Pietist geworden.«
    Der Jude antwortete nicht, aber ein hämisches Lächeln, das über seine
verwitterten Züge flog, wie ein Blitz durch die Ruine, zeigte mir, dass er mit
der Kirche noch immer nicht recht einig sei.
    »Wer ging da soeben von dir hinweg?« fragte ich, als er noch immer auf
seinem Schweigen beharrte.
    »Das war der Kammergerichtsrat Hoffmann«, erwiderte er.
    »So der? ich kenne ihn recht wohl, obgleich er mir immer ausweicht wie ein
Aal; war ich ihm doch zu mancher seiner nächtlichen Phantasien behülflich, dass
es ihm selbst oft angst und bange wurde, und habe ich ihm nicht als sein eigener
Doppelgänger über die Schultern geschaut, als er an seinem Kreisler schrieb? als
er sich umwandte und den Spuk anschaute, rief er seiner Frau, dass sie sich zu
ihm setze, denn es war Mitternacht und seine Lampe brannte trüb. - So, so, der
war's? und was wollte er von dir, Ewiger?«
    »Dass du verkrümmest mit deinem Spott; bist du nicht gleich ewig wie ich, und
drückt dich die Zeit nicht auch auf den Rücken? Nenne den Namen nicht mehr, den
ich hasse! Was aber den Herrn Kammergerichtsrat Hoffmann betrifft«, fuhr er
ruhiger fort, »so geht er umher, um sich die Leute zu betrachten; und wenn er
einen findet, der etwas Apartes an sich hat, etwa einen Hieb aus dem Narrenhaus,
oder einen Stich aus dem Geisterreich, so freut er sich bass und zeichnet ihn mit
Worten oder mit dem Griffel. Und weil er an mir etwas Absonderliches verspürt
haben mag, so setzte er sich zu mir, besprach sich mit mir und lud mich ein, ihn
in seinem Haus auf dem Gendarmenmarkt zu besuchen.«
    »So, so? und wo kommst du denn eigentlich her? wenn man fragen darf?«
    »Recta aus China«, antwortete Ahasverus, »ein langweiliges Nest, es sieht
gerade aus, wie vor fünfzehnhundert Jahren, als ich zum erstenmal dort war.«
    »In China warst du?« fragte ich lachend, »wie kommst du denn zu dem
langweiligen Volk, das selbst für den Teufel zu wenig amüsant ist?«
    »Lass das«, entgegnete jener, »du weisst ja, wie mich die Unruhe durch die
Länder treibt; ich habe mir, als die Morgensonne des neuen Jahrhunderts hinter
den mongolischen Bergen aufging, den Kopf an die lange Mauer von China gerannt,
aber es wollte noch nicht mit mir zu Ende gehen, und ich hätte eher ein Loch
durch jene Gartenmauer des himmlischen Reiches gestossen, wie ein alter Aries,
als dass der dort oben mir ein Härchen hätte krümmen lassen.«
    Tränen rollten dem alten Menschen aus den Augen; die müden Augenlider
wollten sich schliessen, aber der Schwur des Ewigen hält sie offen, bis er
schlafen darf, wenn die andern auferstehen. Er hatte lange geschwiegen, und
wahrlich, ich konnte den Armen nicht ohne eine Regung von Mitleid ansehen. Er
richtete sich wieder auf. - »Satan«, fragte er mit zitternder Stimme, »wieviel
Uhr ist's in der Ewigkeit?«
    »Es will Abend werden«, gab ich ihm zur Antwort.
    »O Mitternacht!« stöhnte er, »wann endlich kommen deine kühlen Schatten und
senken sich auf mein brennendes Auge? Wann nahest du, Stunde, wo die Gräber sich
öffnen, und Raum wird für den Einen, der dann ruhen darf?«
    »Pfui Kuckuck, alter Heuler!« brach ich los, erbost über die weinerlichen
Manieren des ewigen Wanderers; »wie magst du nur solch ein poetisches Lamento
aufschlagen? glaube mir, du darfst dir gratulieren, dass du noch etwas Apartes
hast; manche lustige Seele hat es an einem gewissen Ort viel schlimmer, als du
hier auf der Erde; man hat doch hier oben immer noch seinen Spass, denn die
Menschen sorgen dafür, dass die tollen Streiche nicht ausgehen. Wenn ich so viele
freie Zeit hätte, wie du, ich wollte das Leben anders geniessen. Ma foi,
Brüderchen, warum gehst du nicht nach England, wo man jetzt über die galanten
Abenteuer einer Königin öffentlich zertiert? Warum nicht nach Spanien, wo es
jetzt nächstens losbricht? Warum nicht nach Frankreich, um dein Gaudium daran zu
haben, wie man die Wände des Kaisertums überpinselt, und mit alten Gobelins von
Louis des Vierzehnten Zeiten, die sie aus dem Exil mitgebracht haben, behängt.
Ich kann dich versichern, es sieht gar närrisch aus, denn die Tapete ist überall
zu kurz und durch die Risse guckt immer noch ernst und drohend das Kaisertum,
wie das Blut des Ermordeten, das man mit keinem Gips auslöschen kann, und das,
sooft man es weiss anstreicht, immer noch mit der alten bunten Farbe
durchschlägt!«
    Der alte Mensch hatte mir aufmerksam zugehört, sein Gesicht war immer
heiterer geworden, und er lachte jetzt aus vollem Herzen: »Du bist, wie ich
sehe, immer noch der alte«, sagte er, und schüttelte mir die Hand, »weisst jedem
etwas aufzuhängen, und wenn er gerade aus Abrahams Schoss käme!«
    »Warum«, fuhr ich fort, »warum hältst du dich nicht länger und öfter hier in
dem guten ehrlichen Deutschland auf? Kann man etwas Possierlicheres sehen, als
diese Duodezländer? Das ist alles so - doch stille, da geht einer von der
geheimen Polizei umher; man könnte leicht etwas aufschnappen, und den Ewigen
Juden und den Teufel als unruhige Köpfe nach Spandau schicken; aber um auf etwas
anderes zu kommen, warum bist du denn hier in Berlin?«
    »Das hat seine eigene Bewandtnis«, antwortete der Jude; »ich bin hier, um
einen Dichter zu besuchen.«
    »Du einen Dichter?!« rief ich verwundert; »wie kömmst du auf diesen
Einfall?«
    »Ich habe vor einiger Zeit ein Ding gelesen, man heisst es Novelle, worin ich
die Hauptrolle spielte; es führte zwar den dummen Titel Der Ewige Jude, im
übrigen ist es aber eine schöne Dichtung, die mir wunderbaren Trost brachte! Nun
möchte ich den Mann sehen und sprechen, der das wunderliche Ding gemacht hat.«
    »Und der soll hier wohnen, in Berlin?« fragte ich neugierig, »und wie heisst
er denn?«
    »Er soll hier wohnen, und heisst F. H. Man hat mir auch die Strasse genannt,
aber mein Gedächtnis ist wie ein Sieb, durch das man Mondschein giesst!«
    Ich war nicht wenig begierig, wie sich der Ewige Jude bei einem Dichter
produzieren würde, und beschloss, ihn zu begleiten. »Höre Alter«, sagte ich zu
ihm, »wir sind von jeher auf gutem Fuss miteinander gestanden, und ich hoffe
nicht, dass du deine Gesinnungen gegen mich ändern wirst; sonst -«
    »Zu drohen ist gerade nicht nötig, Herr Satan«, antwortete er, »denn du
weisst, ich mache mir wenig aus dir, und kenne deine Schliche hinlänglich, aber
deswegen bist du mir doch als alter Bekannter ganz angenehm und recht; warum
fragst du denn?«
    »Nun, du könntest mir die Gefälligkeit erweisen, mich zu dem Dichter, der
dich in einer Novelle abkonterfeite, mitzunehmen; willst du nicht?«
    »Ich sehe zwar nicht ein, was für Interesse du dabei haben kannst«,
antwortete der Alte, und sah mich misstrauisch an; »du könntest irgendeinen Spuk
im Sinne haben, und dir vielleicht gar mit bösen Absichten auf des braven Mannes
Seele schmeicheln; dies schlage dir übrigens nur aus dem Sinn; denn der schreibt
so fromme Novellen, dass der Teufel selbst ihm nichts anhaben kann; - doch
meinetwegen kannst du mitgehen.«
    »Das denke ich auch; was diese Seele betrifft, so kümmere ich mich wenig um
Dichter und dergleichen, das ist leichte Ware, welcher der Teufel wenig
nachfragt. Es ist bei mir nur Interesse an dem Manne selbst, was mich zu ihm
zieht. Übrigens in diesem Kostüm kannst du hier in Berlin keine Visiten machen,
Alter!«
    Der Ewige Jude beschaute mit Wohlgefallen sein abgeschabtes braunes Röcklein
mit grossen Perlmutterknöpfen, seine lange Weste mit breiten Schössen, seine
kurzen, zeisiggrünen Beinkleider, die auf den Knien ins Bräunliche spielten; er
setzte das schwarzrote dreieckige Hütchen aufs Ohr, nahm den langen Wanderstab
kräftiger in die Hand, stellte sich vor mich hin und fragte:
    »Bin ich nicht angekleidet stattlich wie König Salomo und zierlich wie der
Sohn Isais? Was hast du nur an mir auszusetzen? Freilich trage ich keinen
falschen Bart wie du, keine Brille sitzt mir auf der Nase, meine Haare stehen
nicht in die Höhe à la Wahnsinn; ich habe meinen Leib in keinen wattierten Rock
gepresst, und um meine Beine schlottern keine ellenweite Beinkleider, wozu
freilich Herr Bocksfuss Ursache haben mag -.«
    »Solche Anzüglichkeiten gehören nicht hieher«, antwortete ich dem alten
Juden; »wisse, man muss heutzutage nach der Mode gekleidet sein, wenn man sein
Glück machen will, und selbst der Teufel macht davon keine Ausnahme. Aber höre
meinen Vorschlag. Ich versehe dich mit einem anständigen Anzug und du stellst
dafür meinen Hofmeister vor; auf diese Art können wir leicht Zutritt in Häusern
bekommen und wie wollte ich dir's vergelten, wenn uns dein Dichter in einen
ästetischen Tee einführte.«
    »Ästetischer Tee, was ist denn das? in China habe ich manches Mass Tee
geschluckt, Blumentee, Kaisertee, Mandarinentee, sogar Kamillentee, aber
ästetischer Tee war nie dabei.«
    »O sancta simplicitas! Jude, wie weit bist du zurück in der Kultur; weisst du
denn nicht, dass dies Gesellschaften sind, wo man über Teeblätter und einige
schöne Ideen genugsam warmes Wasser giesst und den Leuten damit aufwartet? Zucker
und Rum tut jeder nach Belieben dazu und man amüsiert sich dort trefflich.«
    »Habe ich je so etwas gehört, so will ich Hans heissen«, versicherte der
Jude, »und was kostet es, wenn man's sehen darf?«
    »Kosten? nichts kostet es, als dass man der Frau vom Haus die Hand küsst, und
wenn ihre Töchter singen oder mimische Vorstellungen geben, hie und da ein
wundervoll oder göttlich schlüpfen lässt.«
    »Das ist ein wunderliches Volk geworden in den letzten achtzig Jahren. Zu
Friedrichs des Grossen Zeiten wusste man noch nichts von diesen Dingen. Doch des
Spasses wegen kann man hingehen; denn ich verspüre in dieser Sandwüste gewaltig
Langeweile.«
    Der Besuch war also auf den nächsten Tag festgesetzt; wir besprachen uns
noch über die Rolle, die ich als Eleve von zwei- bis dreiundzwanzig Jahren, er
als Hofmeister zu spielen hätte, und schieden.
    Ich versprach mir treffliche Unterhaltung von dem morgenden Tage. Der Ewige
Jude hatte so alte, unbehülfliche Manieren, wusste sich so gar nicht in die
heutige Welt zu schicken, dass man ihn im Gewand eines Hofmeisters zum wenigsten
für einen ausgemachten Pedanten halten musste. Ich nahm mir vor, mir selbst so
viel Eleganz, als dem Teufel nur immer möglich ist, anzulegen und den Alten
dadurch recht in Verlegenheit zu bringen. Zerstreuung war ihm überdies höchst
nötig, denn er hatte in der letzten Zeit auf seinen einsamen Wanderungen einen
solchen Ansatz zur Frömmelei bekommen, dass er ein Pietist zu werden drohte.
    Der Dichter, zu welchem mich der Ewige Jude führte, ein Mann in mittleren
Jahren, nahm uns sehr artig auf. Der Jude hiess sich Doktor Mucker, und stellte
in mir seinen Eleven, den jungen Baron von Stobelberg vor. Ich richtete meine
äussere Aufmerksamkeit bald auf die schönen Kupferstiche an der Wand, auf die
Titel der vielen Bücher, die umherstanden, um desto ungeteilter mein Ohr, und
wenn es unbemerkt möglich war, auch mein Auge an der Unterhaltung teilnehmen zu
lassen.
    Der alte Mensch begann mit einem Lob über die Novelle vom Ewigen Juden; der
Dichter aber, viel zu fein und gebildet, als dass er seinen Gast hätte auf diesem
Lob stehenlassen, wandte das Gespräch auf die Sage vom Ewigen Juden überhaupt,
und dass sie in ihm auf jene Weise aufgegangen sei. Der Ewige schnitt, zur
Verwunderung des Dichters, grimmige Gesichter, als dieser unter anderm
behauptete: es liege in der Sage vom Ewigen Juden eine tiefe Moral, denn der
Verworfenste unter den Menschen sei offenbar immer der, welcher seinen Schmerz
über getäuschte Hoffnung gerade an dem auslasse, der diese Hoffnungen erregt
habe; besonders verworfen erscheine er, wenn zugleich der, welcher die Hoffnung
erregte, noch unglücklicher erscheine, als der, welcher sich täuschte.
    Es fehlte wenig, so hätte der Herr Doktor Mucker sein Inkognito abgelegt,
und wäre dem wirklich genialen Dichter als Ewiger Jude zu Leib gegangen. Noch
verwirrter wurde aber mein alter Hofmeister, als jener das Gespräch auf die
neuere Literatur brachte. Hier ging ihm die Stimme völlig aus, und er sah die
nächste beste Gelegenheit ab, sich zu empfehlen.
    Der brave Mann lud uns ein, ihn noch oft zu besuchen, und kaum hatte er
gehört, wir seien völlig fremd in Berlin, und wissen noch nicht, wie wir den
Abend zubringen sollen, so bat er uns, ihn in ein Haus zu begleiten, wo alle
Montag ausgesuchte Gesellschaft von Freunden der schönen Literatur bei Tee
versammelt sei; wir sagten dankbar zu und schieden.
 
                                Zwölftes Kapitel
           Satan besucht mit dem Ewigen Juden einen ästetischen Tee
Ahasverus war den ganzen Tag über verstimmt; gerade das, dass er in seinem Innern
dem Dichter recht geben musste, genierte ihn so sehr. Er brummte einmal über das
andere über die »naseweise Jugend« (obgleich der Dichter jener Novelle schon bei
Jahren war), und den Verfall der Zeiten und Sitten. Trotz dem Respekt, den ich
gegen ihn als meinen Hofmeister hätte haben sollen, sagte ich ihm tüchtig die
Meinung, und brachte den alten Bären dadurch wenigstens so weit, dass er höflich
gegen den Mann sein wollte, der so artig war, uns in den ästetischen Tee zu
führen.
    Die siebente Stunde schlug; in einem modischen Frack, wohlparfümiert, in die
feinste, zierlichst gefältelte Leinwand gekleidet, die Beinkleider von Paris,
die durchbrochenen Seidenstrümpfe von Lyon, die Schuhe von Strassburg, die
Lorgnette so fein und gefällig gearbeitet, wie sie nur immer aus der Fabrik der
Herren Lood in Werentead hervorgeht, so stellte ich mich den erstaunten Blicken
des Juden dar; dieser war mit seiner modischen Toilette noch nicht halb fertig
und hatte alles höchst sonderbar angezogen, wie er z.B. die elegante, hohe
Krawatte, ein Berliner Meisterwerk, als Gurt um den Leib gebunden hatte, und
fest darauf bestand, dies sei die neueste Tracht auf Morea.
    Nachdem ich ihn mit vieler Mühe geputzt hatte, brachen wir auf. Im Wagen,
den ich, um brillanter aufzutreten, für diesen Abend gemietet hatte, wiederholte
ich alle Lehren über den gesellschaftlichen Anstand.
    »Du darfst,« sagte ich ihm, »in einem ästetischen Tee eher zerstreut und
tiefdenkend als vorlaut erscheinen; du darfst nichts ganz unbedingt loben,
sondern sehe immer so aus, als habest du sonst noch etwas in petto, das viel zu
weise für ein sterbliches Ohr wäre. Das Beifallächeln hochweiser Befriedigung
ist schwer, und kann erst nach langer Übung vor dem Spiegel völlig erlernt
werden; man hat aber Surrogate dafür, mit welchen man etwas sehr loben und
bitter tadeln kann, ohne es entfernt gelesen zu haben. Du hörst z.B. von einem
Roman reden, der jetzt sehr viel Aufsehen machen soll; man setzt als ganz
natürlich voraus, dass du ihn schon gelesen haben müssest, und fragt dich um dein
Urteil. Willst du dich nun lächerrlich machen und antworten, ich habe ihn nicht
gelesen? Nein! du antwortest frisch drauf zu: Er gefällt mir im ganzen nicht
übel, obgleich er meinen Forderungen an Romane noch nicht entspricht; er hat
manches Tiefe und Originelle, die Entwickelung ist artig erfunden, doch scheint
mir hie und da in der Form etwas gefehlt und einige der Charaktere verzeichnet
zu sein.
    Sprichst du so, und hast du Mund und Stirne in kritische Falten gelegt, so
wird dir niemand tiefes und gewandtes Urteil absprechen.«
    »Dein Gewäsch behalte der Teufel«, entgegnete der Alte mürrisch; »meinst du,
ich werde wegen dieser Menschlein, oder gar um dir Spass zu machen, ästetische
Gesichter schneiden? Da betrügst du dich sehr, Satan, Tee will ich meinetwegen
saufen, soviel du willst, aber -«
    »Da sieht man es wieder«, wandte ich ein, »wer wird denn in einer honetten
Gesellschaft saufen? wieviel fehlt dir noch, um heutzutage als gebildet zu
erscheinen! nippen, schlürfen, höchstens trinken - aber da hält schon der Wagen
bei dem Dichter, nimm dich zusammen, dass wir nicht Spott erleben,. Ahasvere!«
    Der Dichter setzte sich zu uns, und der Wagen rollte weiter. Ich sah es dem
Alten wohl an, dass ihm, je näher wir dem Ziele unserer Fahrt kamen, desto bänger
zumut war. Obgleich er schon seit achtzehn Jahrhunderten über die Erde wandelte,
so konnte er sich doch so wenig in die Menschen und ihre Verhältnisse finden,
dass er alle Augenblicke anstiess. So fragte er z.B. den Dichter unterwegs, ob die
Versammlung, in welche wir fahren, aus lauter Christen bestehe, zu welcher Frage
jener natürlich grosse Augen machte, und nicht recht wissen mochte, wie sie
hieher komme.
    Mit wenigen, aber treffenden Zügen entwarf uns der Dichter den Zirkel, der
uns aufnehmen sollte. Die milde und sinnige Frömmigkeit, die in dem zarten
Charakter der gnädigen Frau vorwalten sollte; der feierliche Ernst, die stille
Grösse des ältern Fräuleins, die, wenngleich Protestantin, doch ganz das Air
jener wehmütig heiligen Klosterfrauen habe, die, nachdem sie mit gebrochenen
Herzen der Welt Ade gesagt, jetzt ihr ganzes Leben hindurch an einem
grossartigen, interessanten Schmerz zehren.3 Das jüngere Fräulein, frisch, rund,
blühend, heiter, naiv, sei verliebt in einen Gardelieutenant, der aber, weil er
der ältern nicht sinnig genug sei, nicht zu dem ästetischen Tee komme. Sie habe
die schönsten Stellen in Goete, Schiller, Tieck usw., welche ihr die Mutter
zuvor angestrichen, auswendig gelernt und gäbe sie hie und da mit allerliebster
Präzision preis. Sie singt, was nicht anders zu erwarten ist, auf Verlangen
italienische Arietten mit künstlichen Rouladen; ihre Hauptforce besteht aber im
Walzerspielen.
    Die übrige Gesellschaft, einige schöne Geister, einige Kritiker,
sentimentale und naive, junge und ältere Damen, freie und andere Fräulein4
werden wir selbst näher kennenlernen.
    Der Wagen hielt, der Bediente riss den Schlag auf und half meinem bangen
Mentor heraus; schweigend zogen wir die erleuchtete Treppe hinan; ein lieblicher
Ambraduft wallte uns aus dem Vorzimmer entgegen; Geräusch vieler Stimmen und das
Gerassel der Teelöffel tönte aus der halbgeöffneten Türe des Salons, auch diese
flog auf, und umstrahlt von dem Sonnenglanz der schwebenden Lüsters, sass im
Kreise die Gesellschaft.
    Der Dichter führte uns vor den Sitz der gnädigen Frau und stellte den Doktor
Mucker und seinen Eleven, den jungen Baron von Stobelberg, vor. Huldreich neigte
sich die Matrone, und reichte uns die schöne zarte Hand, indem sie uns
freundlich willkommen hiess; mit jener zierlichen Leichtigkeit, die ich einem
Wiener Incroyable abgelauscht hatte, fasste ich diese zarte Hand, und hauchte ein
leises Küsschen der Ehrfurcht darüber hin. Die artige Sitte des Fremdlings schien
ihr zu gefallen, und gern gewährte sie dem Mentor des wohlgezogenen Zöglings die
nämliche Gunst; aber o Schrecken! indem er sich niederbückte, gewahrte ich, dass
sein grauer, stechender Judenbart nicht glatt vom Kinn wegrasiert sei, sondern
wie eine Kratzbürste hervorstehe; die gnädige Frau verzog das Gesicht grimmig
bei dem Stechkuss, aber der Anstand liess sie nicht mehr, als ein leises Gejammer
hervorstöhnen; wehmütig betrachtete sie die schöne weisse Hand, die rot
aufzulaufen begann, und sie sah sich genötigt im Nebenzimmer Hülfe zu suchen;
ich sah, wie dort ihre Zofe aus der silbernen Toilette Kölnisches Wasser nahm
und die wunde Stelle damit rieb; sodann wurden schöne glacierte Handschuhe
geholt, die Käppchen davon abgeschnitten, so dass doch die zarten Fingerspitzen
hervorsehen konnten, und die gnädige Hand damit bekleidet.
    Indessen hatten sich die jungen Damen unsere Namen zugeflüstert, die Herren
traten uns näher und befragten uns über Gleichgültiges, worauf wir wieder
Gleichgültiges antworteten, bis die Seele des Hauses wieder hereintrat. Die Edle
wusste ihren Kummer um die aufgelaufene Hand so gut zu verbergen, dass sie nur
einem häuslichen Geschäft nachgegangen zu sein schien, und sogar der »alte
Sünder« selbst nichts von dem Unheil ahnete, das er bewirkt hatte.
    Die einzige Strafe war, dass sie ihm einen stechenden Blick für seinen
stechenden Handkuss zuwarf, und mich den ganzen Abend hindurch auffallend vor ihm
auszeichnete.
    Die Leser werden gesehen haben, dass es ein ganz eleganter Tee war, zu
welchem uns der Dichter geführt hatte; die massive silberne Teemaschine, an
welcher die jüngere Tochter Tee bereitete, die prachtvollen Lüsters und Spiegel,
die brennenden Farben der Teppiche und Tapeten, die künstlichen Blumen in den
zierlichsten Vasen, endlich die Gesellschaft selbst, die in vollem Kostüm,
schwarz und weiss gemischt war, liessen auf den Stand und guten Ton der Hausfrau
schliessen.
    Der Tee wies sich aber auch als ästetisch aus; gnädige Frau bedauerte, dass
wir nicht früher gekommen seien; der junge Dichter Frühauf habe einige Dutzend
Stanzen aus einem Heldengedicht vorgelesen, so innig, so schwebend, mit so viel
Musik in den Schlussreimen, dass man in langer Zeit nichts Erfreulicheres gehört
habe; es stehe zu erwarten, dass es allgemein Furore in Deutschland machen werde.
    Wir beklagten den Verlust unendlich, der bescheidene, lorbeerbekränzte junge
Mann versicherte uns aber unter der Hand, er wolle uns morgen in unserm Hotel
besuchen, und wir sollten nicht nur die paar Stanzen, die er hier preisgegeben,
sondern einige vollständige Gesänge zu hören bekommen.
    Das Gespräch bekam jetzt aber eine andere Wendung; eine ältliche Dame liess
sich ihre Arbeitstasche reichen, deren geschmackvolle und neue Stickerei die
Augen der Damen auf sich zog; sie nahm ein Buch daraus hervor und sagte mit
freundlichem Lispeln: »Voyez-là das neueste Produkt meiner genialen Freundin
Johanna; sie hat es mir frisch von der Presse weg zugeschickt, und ich bin so
glücklich, die erste zu sein, die es hier besitzt; ich habe es nur ein wenig
durchblättert, aber diese herrlichen Situationen, diese Szenen, so ganz aus dem
Leben gegriffen, die Wahrheit der Charaktere, dieser glänzende Stil -«
    »Sie machen mich neugierig, Frau von Wollau«, unterbrach sie die Dame des
Hauses, »darf ich bitten -? ah, Gabriele, von Johanna von Schopenhauer; mit
dieser sind Sie liiert, meine Liebe? da wünsche ich Glück.«
    »Wir lernten uns in Karlsbad kennen«, antwortete Frau von Wollau, »unsere
Gemüter erkannten sich in gleichem Streben nach veredeltem Ziel der Menschheit5,
sie zogen sich an, wir liebten uns; und da hat sie mir jetzt ihre Gabriele
geschickt.«
    »Das ist ja eine ganz interessante Bekanntschaft«, sagte Fräulein Natalie,
die ältere Tochter des Hauses; »ach! wer doch auch so glücklich wäre! es geht
doch nichts über eine geniale Dame; aber sagen Sie, wo haben Sie das
wunderschöne Stickmuster her, ich kann ihre Tasche nicht genug bewundern.«
    »Schön, - wunderschön! - und die Farben! - und die Girlanden! - und die
elegante Form!« hallte es von den Lippen der schönen Teetrinkerinnen und die
arme »Gabriele« wäre vielleicht über dem Kunstwerk ganz vergessen worden, wenn
nicht unser Dichter sich das Buch zur Einsicht erbeten hätte. »Ich habe die
interessantesten Szenen bezeichnet«, rief die Wollau, »wer von den Herren ist so
gefällig, uns, wenn es anders der Gesellschaft angenehm ist, daraus vorzulesen?«
    »Herrlich - schön - ein vortrefflicher Einfall -« ertönte es wieder, und
unser Führer, der in diesem Augenblicke das Buch in der Hand hatte, wurde durch
Akklamation zum Vorleser erwählt; man goss die Tassen wieder voll und reichte die
zierlichen Brötchen umher, um doch auch dem Körper Nahrung zu geben, während der
Geist mit einem neuen Roman gespeist wurde, und als alle versehen waren, gab die
Hausfrau das Zeichen, und die Vorlesung begann.
    Beinahe eine Stunde lang las der Dichter mit wohltönender Stimme aus dem
Buche vor; ich weiss wenig mehr davon, als dass es, wenn ich nicht irre, die
Beschreibung von Tableaux entielt, die von einigen Damen der grossen Welt
aufgeführt wurden; mein Ohr war nur halb oder gar nicht bei der Vorlesung; denn
ich belauschte die Herzensergiessungen zweier Fräuleins, die, scheinbar
aufmerksam auf den Vorleser, einander allerlei Wichtiges in die Ohren
flüsterten. Zum Glück sass ich weit genug von ihnen, um nicht in den Verdacht des
Lauschens zu geraten, und doch war die Entfernung gerade so gross, dass ein Paar
gute Ohren alles hören konnten; die eine der beiden war die jüngere Tochter des
Hauses, die, wie ich hörte, an einen Gardelieutenant ihr Herz verloren hatte.
    »Und denke dir«, flüsterte sie ihrer Nachbarin zu, »heute in aller Frühe ist
er mit seiner Schwadron vorbeigeritten, und unter meinem Fenster haben die
Trompeter den Galoppwalzer von letztin anfangen müssen.«
    »Du Glückliche!« antwortete das andere Fräulein, »und hat Mama nichts
gemerkt?«
    »So wenig als letztin, wo er mich im Kotillon fünfmal aufzog; was ich
damals in Verlegenheit kam, kannst du gar nicht glauben. Ich war mit dem...schen
Attaché engagiert und du weisst, wie unerträglich mich dieser dürre Mensch
verfolgt; er hatte schon wieder von den italienischen Gegenden Süddeutschlands
angefangen und mir nicht undeutlich zu verstehen gegeben, dass sie noch schöner
wären, wenn ich mit ihm dortin zöge, da erlöste mich der liebe Fladorp aus
dieser Pein; doch kaum hatte er mich wieder zurückgebracht, als der
Unerträgliche sein altes Lied von neuen anstimmte, aber Eduard holte mich noch
viermal aus seinen glänzendsten Phrasen heraus, so dass jener vor Wut ganz stumm
war, als ich das letztemal zurückkam; er äusserte gegen Mama seine
Unzufriedenheit, sie schien ihn aber nicht zu verstehen.«
    »Ach, wie glücklich du bist«, entgegnete wehmütig die Nachbarin, »aber ich!
weisst du schon, dass mein Dagobert nach Halle versetzt ist? Wie wird es mir
ergehen!«
    
    »Ich weiss es und bedaure dich von Herzen, aber sage mir doch, wie dies so
schnell kam?«
    »Ach!« antwortete das Fräulein und zerdrückte heimlich eine Träne im Auge;
»ach, du hast keine Vorstellung von den Kabalen, die es im Leben gibt. Du weisst,
wie eifrig Dagobert immer für das Wohl des Vaterlandes war; da hatte er nun
einen neuen Zapfenstreich erfunden, er hat ihn mir auf der Fensterscheibe
vorgespielt, er ist allerliebst; seinem Obersten gefiel er auch recht wohl, aber
dieser wollte haben, er solle ihm die Ehre der Erfindung lassen; natürlich
konnte Dagobert dies nicht tun und, darüber aufgebracht, ruhte der Oberst nicht
eher, bis der Arme nach Halle versetzt worden ist. Ach, du kannst dir gar nicht
denken, wie wehmütig mir ums Herz ist, wenn der Zapfenstreich an meinem Fenster
vorbeikommt, sie spielen ihn alle Abend nach der neuen Erfindung, und der,
welcher ihn machte, kann ihn nicht hören!«
    »Ich bedaure dich recht; aber weisst du auch schon etwas ganz Neues? dass sie
bei der Garde andere Uniform bekommen?«
    »Ist's möglich? o sage, wie denn? woher weisst du es?«
    »Höre, aber im engsten Vertrauen: denn es ist noch tiefes, tiefes Geheimnis.
Eduard hat es von seinem Obersten und gestand mir es neulich, aber unter dem
Siegel der tiefsten Verschwiegenheit: sieh, die Knöpfe werden auf der Brust
weiter auseinandergesetzt und laufen weiter unten enger zu, auf diese Art wird
die Taille noch viel schlanker, dann sollen sie auch goldene Achselschnüre
bekommen, das weiss aber der Oberst, und ich glaube selbst der General noch nicht
ganz gewiss; - Eduard muss aussehen wie ein Engel - siehe bisher...«
    Sie flüsterten jetzt leiser, so dass ich über den Schnitt der Gardeuniform
nicht recht ins klare kommen konnte. Nur so viel sah ich, dass schöne Augen bei
platonischen Empfindungen ein recht schönes Feuer haben, dass sie aber viel
reizender leuchten, bei weitem glänzendere Strahlen werfen, wenn sich sinnliche
Liebe in ihnen spiegelt.
 
                              Dreizehntes Kapitel
                         Angststunden des Ewigen Juden
Der Vorleser war bis an einen Abschnitt gekommen und legte das Buch nieder.
Allgemeiner Applaus erfolgte, und die gewöhnlichen Ausrufungen, die schon dem
Stickmuster gegolten hatten, wurden auch der »Gabriele« zuteil. Ich konnte die
Geistesgegenwart und die schnelle Fassungskraft der beiden Fräulein nicht genug
bewundern, obgleich sie nicht den kleinsten Teil des Gelesenen gehört haben
konnten, so waren sie doch schon so gut geschult, dass sie voll Bewunderung
schienen; die eine lief sogar hin zu Frau von Wollau, fasste ihre Hand und
drückte sie an das Herz, indem sie ihr innig dankte für den Genuss, den sie allen
bereitet habe.
    Diese Dame sass aber da, voll Glanz und Glorie, wie wenn sie die »Gabriele«
selbst zur Welt gebracht hätte. Sie dankte nach allen Seiten hin für das Lob,
das ihrer Freundin zuteil geworden, und gab nicht undeutlich zu verstehen, dass
sie selbst vielleicht einigen Einfluss auf das neue Buch gehabt habe; denn sie
finde hin und wieder leise Anklänge an ihre eigenen Empfindungen, an ihre
eigenen Ideen über inneres Leben und über die Stellung der Frauen in der
Gesellschaft, die sie in traulichen Stunden ihrer Freundin aufgeschlossen.
    Man war natürlich so artig, ihr deswegen einige Komplimente zu machen,
obgleich man allgemein überzeugt war, dass die »geniale Freundin« nichts aus dem
innern Wollauschen Leben gespickt haben werde.
    Der Ewige Jude hatte indes bei diesen Vorgängen eine ganz sonderbare Figur
gespielt. Verwunderungsvoll schaute er in diese Welt hinein, als traue er seinen
Augen und Ohren nicht; doch war das Bemühen, nach meiner Vorschrift ästetisch
oder kritisch auszusehen, nicht zu verkennen. Aber weil ihm die Übung darin
abging, so schnitt er so greuliche Grimassen, dass er einigemal während des
Vorlesens die Aufmerksamkeit des ganzen Zirkels auf sich zog, und die Dame des
Hauses mich teilnehmend fragte, ob mein Hofmeister nicht wohl sei.
    Ich entschuldigte ihn mit Zahnschmerzen, die ihn zuweilen befallen, und
glaubte alles wiedergutgemacht zu haben. Als aber Frau von Wollau, die ihm
gegenüber sass, ihren Einfluss auf die Dichterin mitteilte, musste das preziöse
geschraubte Wesen derselben dem alten Menschen so komisch vorkommen, dass er laut
auflachte.
    Wer jemals das Glück gehabt hat, einem eleganten Tee in höchst feiner
Gesellschaft beizuwohnen, der kann sich leicht denken, wie betreten alle waren,
als dieser rohe Ausbruch des Hohns erscholl. Eine unangenehme, totenstille Pause
erfolgte, in welcher man bald den Doktor Mucker, bald die beleidigte Dame ansah;
die Frau des Hauses, eingedenk des stechenden Kusses, wollte schon den unartigen
Fremden, der den Anstand ihres Hauses so gröblich verletzte, ohne Rückhalt
zurechtweisen, als dieser, mit mehr Gewandteit und List, als ich ihm zugetraut
hätte, sich aus der Affaire zu ziehen wusste:
    »Ich hoffe, gnädige Frau«, sagte er, »Sie werden mein allerdings unzeitiges
Lachen nicht missverstehen, und mir erlauben, mich zu rechtfertigen. Es ist Ihnen
allen gewiss auch schon begegnet, dass eine Ideenassoziation Sie völlig ausser
Contenance brachte, ist doch schon manchem, mitten unter den heiligsten Dingen
ein lächerlicher Gedanke aufgestossen, der ihn im Mund kitzelte, und je mehr er
bemüht war, ihn zu verhalten und zurückzudrängen, desto unaufhaltsamer brach er
auf einmal hervor, so geschah es mir in diesem Augenblick. Sie würden mich
unendlich verbinden, gnädige Frau, wenn Sie mir erlaubten, durch offenherzige
Erzählung mich bei Frau von Wollau zu entschuldigen.«
    Gnädige Frau, höchlich erfreut, dass der Anstand doch nicht verletzt sei,
gewährte ihm freundlich seine Bitte und der Ewige Jude begann: »Frau von Wollau
hat uns ihr interessantes Verhältnis zu einer berühmten Dichterin mitgeteilt,
sie hat uns erzählt, wie sie in manchen Stunden über ihre schriftstellerischen
Arbeiten sich mit ihr besprochen, und dies erinnerte mich lebhaft an eine
Anekdote aus meinem eigenen Leben.
    Auf einer Reise durch Süddeutschland verlebte ich einige Zeit in S. Meine
Abendspaziergänge richteten sich meistens nach dem königlichen Garten, der jedem
Stand zu allen Tageszeiten offenstand; die schöne Welt liess sich dort, zu Fuss
und zu Wagen, jeden Abend sehen; ich wählte die einsameren Partien des Gartens,
wo ich, von dichten Gebüschen gegen die Sonne und störende Besuche verschlossen,
auf weichen Moosbänken mir und meinen Gedanken lebte.
    Eines Abends, als ich schon längere Zeit auf meinem Lieblingsplätzchen
geruht hatte, kamen zwei gutgekleidete, ältliche Frauen und setzten sich auf
eine Bank, die nur durch eine schmale, aber dichtbelaubte Hecke von der meinigen
getrennt war. Ich hielt nicht für nötig, ihnen meine Nähe, die sie nicht zu
ahnen schienen, zu erkennen zu geben; Neugierde war es übrigens nicht, was mich
abhielt, denn ich kannte keine Seele in jener Stadt, also konnten mir ihre Reden
höchst gleichgültig sein. Aber stellen Sie sich mein Erstaunen vor, Verehrteste,
als ich folgendes Gespräch vernahm:
    Nun? und darf man Ihnen Glück wünschen, Liebe? haben Sie endlich die
hartnäckige Elise aus der Welt geschafft?
    Ja, antwortete die andere Dame, heute früh nach dem Kaffee habe ich sie
umgebracht.
    Schrecken durchrieselte meine Glieder, als ich so deutlich und gleichgültig
von einem Mord sprechen hörte, so leise als möglich näherte ich mich vollends
der Hecke, die mich von jenen trennte, schärfte mein Ohr wie ein Wachtelhund,
dass mir ja nichts entgehen sollte, und hörte weiter:
    Und wie haben Sie ihr den Tod beigebracht; wie gewöhnlich durch Gift? oder
haben Sie die Unglückliche, wie Otello seine Desdemona, mit der Bettdecke
erstickt?
    Keines von beiden, entgegnete jene, aber recht hart ward mir dieser Mord;
denken Sie sich, drei Tage lang hatte ich sie schon zwischen Leben und Sterben,
und immer wusste ich nicht, was ich mit ihr anfangen sollte; da fiel mir endlich
ein gewagtes Mittel ein: ich liess sie, wie durch Zufall, von einem Steg ohne
Geländer in den tiefen Strom hinabgleiten, die Wellen schlugen über ihr
zusammen, man hat von Elisen nichts mehr gesehen.
    Das haben Sie gut gemacht, und die wievielte war diese, die Sie auf die eine
oder die andere Art umbringen?
    Nun das wird bald abgezählt sein, Pauline Dupuis, Marie usw., aber die
erstere trug mir am meisten Ruhm ein; es waren dies noch die guten Zeiten von
1802, wo noch wenige mit mir konkurrierten.
    Die Haare standen mir zu Berg; also fünf unschuldige Geschöpfe hatte diese
Frau schon aus der Welt geschafft. War es nicht ein gutes Werk an der
menschlichen Gesellschaft, wenn ich einen solchen Greuel aufdeckte und die
Mörderin zur Rechenschaft zog?
    Die Damen waren nach einigen gleichgültigen Gesprächen aufgestanden und
hatten sich der Stadt zugewendet; leise stand ich auf und schlich mich ihnen
nach, wie ein Schatten ihren Fersen folgend; sie gingen durch die Promenade, ich
folgte; sie kehrten um und gingen durchs Tor, ich folgte; sie schienen endlich
meine Beobachtungen zu bemerken, denn die eine sah sich einigemal nach mir um,
ihr böses Gewissen schien mir erwacht, sie mochte ahnen, dass ich den Mord wisse,
sie will mich durch die verschiedene Richtung der Strassen, die sie einschlägt,
täuschen, aber ich - folge. Endlich stehen sie an einem Hause still; sie ziehen
die Glocke, man schliesst auf, sie treten ein. Kaum sind sie in der Türe, so gehe
ich schnell heran, merke mir die Nummer des Hauses und eile, getrieben von jenem
Eifer, den die Entdeckung eines so schauerlichen Geheimnisses in jedem aufregen
muss, auf die Direktion der Polizei.
    Ich bitte den Direktor um geheimes Gehör; ich lege ihm die ganze Sache,
alles was ich gehört hatte, auseinander; weiss aber leider von den Gemordeten
keine mit ihrem wahren Namen anzugeben, als eine gewisse Pauline Dupuis, die im
Jahre 1801 unter der mörderischen Hand jener Frau starb. Doch dies war dem,
unter solchen Fällen ergrauten Polizeimann genug; er dankt mir für meinen Eifer,
schickt sogleich Patrouillen in die Strasse, die ich ihm bezeichnete, und fordert
mich auf, ihn, wenn die Nacht vollends herangebrochen sein werde, in jenes Haus
zu begleiten, die Nacht wähle er lieber dazu, da er bei solchen Auftritten den
Zudrang der Menschen und das Aufsehen wo möglich vermeide.
    Die Nacht brach an, wir gingen; die Polizeisoldaten, die das Haus umstellt
hatten, versicherten, dass noch kein Mensch dasselbe verlassen habe. Der Vogel
war also gefangen. Wir liessen uns das Haus öffnen und fingen im ersten Stock
unsere Untersuchung an. Gleich vor der Türe des ersten Zimmers hörte ich die
Stimmen jener beiden Frauen; ohne Umstände öffne ich und deute dem
Polizeidirektor die kleinere, ältliche Dame als die Verbrecherin an.
    Verwundert stand diese auf, trat uns entgegen und fragte nach unserem
Begehr; in ihrem Auge, in ihrem ganzen Wesen hatte diese Dame etwas, das mir
imponierte; ich verlor auf einen Augenblick die Fassung und deutete nur auf den
Direktor, um sie wegen ihrer Frage an jenen zu weisen. Doch dieser liess sich
nicht so leicht verblüffen; mit der ernsten Amtsmiene eines Kriminalrichters
fragte er sie über ihren heutigen Spaziergang aus; sie gestand ihn zu, wie auch
die Bank, wo sie gesessen; ihre Aussagen stimmten ganz zu den meinigen, der Mann
sah sie schon als überwiesen an; die Frau fing an, ängstlich zu werden, sie
fragte, was man denn von ihr wolle, warum man ihr Haus, ihr Zimmer mit
Bewaffneten besetze, warum man sie mit solchen Fragen bestürme?
    Der Mann der Polizei sah in diesem ängstlichen Fragen nur den Ausbruch eines
schuldbeladenen Gewissens; er schien es für das beste zu halten, durch eine
verfängliche Frage ihr vollends das Verbrechen zu entlocken: Madame, was haben
Sie Anno 1801 mit Pauline Dupuis angefangen? leugnen Sie nicht länger, wir
wissen alles, sie starb durch Ihre Hand, wie heute früh die unglückliche Elise!
    Ja, mein Herr! ich habe die eine wie die andere sterben lassen, antwortete
diese Frau mit einer Seelenruhe, die sogar in ein boshaftes Lächeln überzugehen
schien.
    Und diesen Mord gestehen Sie mit so viel Gleichmut, als hätten Sie zwei
Tauben abgetan? fragte der erstaunte Polizeidirektor, dem in praxi eine solche
Mörderin noch nicht vorgekommen sein mochte; wissen Sie, dass Sie verloren sind,
dass es Ihnen den Kopf kosten kann?
    Nicht doch! entgegnete die Dame, die Geschichte ist ja weltbekannt.
-Weltbekannt? rief jener, bin ich nicht schon seit zweiundvierzig Jahren
Polizeidirektor, meinen Sie, dergleichen könne mir entgehen?
    Und dennoch werde ich recht haben, erlauben Sie, dass ich Ihnen die Belege
herbeibringe?
    Nicht von der Stelle ohne gehörige Bewachung; Wache! zwei Mann auf jeder
Seite von Madame; bei dem ersten Versuch zur Flucht - zugestossen!
    Vier Polizeidiener, mit blanken Seitengewehren begleiteten die Unglückliche,
die mir den Verstand verloren zu haben schien. Bald jedoch erschien sie wieder,
ein kleines Buch in der Hand.
    Hier, meine Herren, werden Sie die Belege zu dem Mord finden, sagte sie,
indem sie uns lächelnd das Buch überreichte.
    ,Taschenbuch für 1802', murmelte der Direktor, indem er das Buch aufschlug
und durchblätterte, was Teufel, gedruckt und zu lesen steht hier: Pauline Dupuis
von -. Mein Gott, Sie sind die Witwe des Herrn von -, und wenn ich nicht irre,
selbst Schriftstellerin?
    So ist es, antwortete die Dame, und brach in ein lustiges Lachen aus, in
welches auch der Direktor einstimmte, indem er, vor Lachen sprachlos, auf mich
deutete.
    Und Elise, wie ist es mit diesem armen Kind? fragte ich, den Zusammenhang
der Sache und die Fröhlichkeit der Mörderin und des Polizeimannes noch immer
nicht verstehend.
    Die liegt ermordet auf meinem Schreibtisch, sagte die Lachende, und soll
morgen durch die Druckerei zum ewigen Leben eingehen. -
    Was brauche ich noch dazuzusetzen? meine Herren und Damen! ich war der Narr
im Spiel und jene Frau war die rühmlichst bekannte, interessante T. v. H. Die
Erzählung Pauline Dupuis ist noch heute zu lesen; ob die geniale Frau ihr Elise,
die sie am Morgen jenes Tages nach dem Kaffee vollendet hatte, herausgegeben,
weiss ich nicht. Ich musste aus S. entfliehen, um nicht zum Gespötte der Stadt zu
werden. Vorher aber schickte mir der Polizeidirektor noch eine grosse
Diätenrechnung über Zeitversäumnis, weil ich durch jene lustige Mordgeschichte
den Durstigen von seinem gewöhnlichen Abendbesuch in einem Klub abgehalten
hatte.« -
    Der Ewige Jude hatte mit einer verbindlichen Wendung an Frau von Wollau
geendet; allgemeiner Beifall ward ihm zuteil, und ein gnädiges Lächeln der
Hausfrau sagte ihm, wie glücklich er sich gerechtfertigt hatte; und, wie die
finstern Blicke dieser Dame vorher die Männer aus seiner unglücklichen Nähe
entfernt hatten, ebenso schnell nahten sie sich ihm wieder, als ihn die
Gnadensonne wieder beschien. Man zog ihn öfter ins Gespräch, man befragte ihn
über seine Reisen, namentlich über jene in Süddeutschland; denn wie Schottland
und seine Bewohner für London und Alt-England überhaupt, so ist Schwaben für die
Berliner, welche nie an den Rebenhügeln des Neckars, und an den fröhlich
grünenden Gestaden der obern Donau eines jener sinnigen herzlichen Lieder aus
dem Munde eines »luschtiga Büebles« oder eines rüstigen hochaufgeschürzten
»Mädles« belauschten, ein Gegenstand hoher Neugierde.
    Welch sonderbare Meinungen über jenes Land, selbst in gebildeten Zirkeln,
wie dieser elegante Tee, im Umlauf seien, hörte ich diesen Abend zu meinem
grossen Erstaunen. In einem Zaubergarten, von sanften Hügeln, von klaren blauen
Strömen, von blühenden, duftenden Obstwäldern, von prangenden Weingärten
durchschnitten, wohne, meinten sie, ein Völkchen, das noch so ziemlich auf der
ersten Stufe der Kultur stehe; immense Gelehrte, die sich nicht auszudrücken
verstünden, phantasiereiche Schriftsteller, die kein Wort gutes Deutsch
sprechen. Ihre Mädchen haben keine Bildung, ihre Frauen keinen Anstand; ihre
Männer werden vor dem vierzigsten Jahre nicht klug, und im ganzen Land werden
alle Tage viele Tausende jener Torheiten begangen, die allgemein unter dem Namen
»Schwabenstreiche« bekannt seien.
    Mir kam dieses Urteil lächerrlich vor; ich war manches Jahr in Schwaben
gewesen, und hatte mich unter den guten Leutchen ganz wohl befunden; hätte ich
nicht befürchten müssen, aus der Rolle eines Zöglings zu fallen, ich hätte
sogleich darauf geantwortet, wie ich es wusste; so aber ersparte mir mein Mentor
die Mühe, welcher, unglücklich genug, die gute Meinung, die er auf einige
Augenblicke gewonnen hatte, nur zu schnell wieder verlieren sollte!
    »Ob die Berliner«, sagte er, »mehr innere Bildung, mehr Eleganz der äussern
Formen besitzen, als die Schwaben, ob man hier im Brandenburgischen mit mehr
Feinheit ausgerüstet auf die Erde, oder vielmehr auf Sand kommt, als in
Schwaben, wage ich nicht zu untersuchen, aber so viel habe ich mit eigenen Augen
gesehen, dass man dort im Durchschnitt unter den Mädchen eine weit grössere Menge
hübscher, sogar schöner Gesichter findet, als selbst in Sachsen, welches doch
wegen dieses Artikels berühmt ist.«
    »Quelle Sottise«, hörte ich Frau von Wollau schnauben, »welche abgeschmackte
Behauptungen dieser gemeine Mensch -«
    Umsonst winkte ich dem Ewigen mit den Augen, umsonst gab ihm der Dichter
einen freundschaftlichen Rippenstoss, ihn zu erinnern, dass er sich unter Damen
befinde, die auch auf Schönheit Anspruch machten, ruhig, als ob er den erzürnten
Schönen das grösste Kompliment gesagt hätte, fuhr er fort:
    »Sie können gar nicht glauben, wie reizend dieser verschriene Dialekt von
schönen Lippen tönt; wie alles so naiv, so lieblich klingt; wie unendlich hübsch
sind diese blühenden Gesichtchen, wenn man ihnen sagt, dass sie schön seien, dass
man sie liebe; wie schelmisch schlagen sie die Augen nieder, wie unschuldig
erröten sie, welcher Zauber liegt dann in ihrem Trotz, wenn sie sich verschämt
wegwenden und flüstern: Ach ganget Se mer weg, moinet Se denn, i glaub's?6 Hier
in Norddeutschland gibt es meist nur Teegesichter, die einen Trost darin finden,
ästetisch oder äterisch auszusehen; sie müssen den Atem erst lange anhalten,
wenn sie es je der Mühe wert halten, über dergleichen zu erröten.«
    O Jude, welchen Bock hattest du geschossen. Kaum hast du das zornblickende
Auge einer Dame versöhnt, so begehst du den grossen Fehler, vor zwölf Damen die
schönen Gesichtchen zweier Länder zu loben, und nicht nur sie nicht mit
aufzuzählen, sondern sogar ihren äterischen Teint, ihre interessante
Mondscheinblässe für Teegesichter zu verschreien!
    Die jungen Damen sahen erstaunt, als trauten sie ihren Ohren nicht, die
ältern an; diese warfen schreckliche Blicke auf den Frevler und auf die übrigen
Herren, die, ebenso erstaunt, noch keine Worte zu einer Replik finden konnten.
Die Teetassen, die goldenen Löffelchen klirrten laut in den vor Wut zitternden
Händen der Mütter, die seit zehn Jahren mit vieler Mühe es dahin gebracht
hatten, dass ihre Töchter nobel und edel aussehen möchten - wozu heutzutage ausser
dem Gefühl der Würde etwas Leidendes, beinahe Kränkliches gehört - welche die
immer wieder anschwellende Fülle ihrer Töchter, die immer wiederkehrende Röte
der Wangen doch endlich zu besiegen gewusst hatten.
    Und jetzt sollte dieser fremde, abenteuerliche gemeine Mensch sie und ihre
Freude, ihre Kunst zuschanden machen; er sollte es wagen, die Damen dieses
deutschen Paris mit jenen schwerfälligen Bewohnerinnen des unkultivierten
Schwabens auch nur in Parallele zu bringen, und ihnen den ersten Rang zu
versagen?! Und dies sollten sie dulden?
    Jamais!! Gnädige Frau nahm das Wort mit einem Blick, der über das eiskalte
Gesicht des stillen Zornes wie ein Nordschein über Schneegefilde herabglänzte:
»Ich muss Sie nur herzlich bedauern, Herr Doktor Mucker, dass Sie das schöne
Schwaben und seine naive Bauerdirnen so treulos verlassen haben; und ich bitte
Sie, Lieber«, fuhr sie fort, indem sie sich zu dem Dichter, der uns eingeführt
hatte, wandte, »ich bitte Sie, muten Sie diesem Herrn da nicht mehr zu, meine
Zirkel zu besuchen. Jotte doch, er könnte bei unsern Damen seine robusten
Naturen und jene Naivität vermissen, die er sich so janz zu eigen jemacht hat.«
    Triumphierend richteten sich die Gebeugten auf, die Mütter spendeten Blicke
des Dankes, die Fräulein kicherten hinter vorgehaltenen Sacktüchern, die jungen
Herren hatten auch wieder die Sprache gefunden und machten sich lustig über
meinen armen Hofmeister. Doch der feine Takt der gnädigen Frau liess diesem
Ausbruch der Nationalrache nur so lange Raum, bis sie den Doktor Mucker
hinlänglich bestraft glaubte. Beleidigt durfte dieser Mann in ihrem Salon nie
werden, wenn er gleich durch seine rücksichtslose Äusserung ihren Unwillen
verdient hatte; sie beugte also schnell mit jener Gewandteit, die
feingebildeten Frauen so eigentümlich ist, allen weitern Bemerkungen vor, indem
sie ihren Neffen aufforderte, sein Versprechen zu halten, und der Gesellschaft
die längst versprochene Novelle preiszugeben.
    Dieser junge Mann hatte schon während des ganzen Abends meine Aufmerksamkeit
beschäftigt. Er unterschied sich von den übrigen jungen Herren, die leer in den
Tag hinein plauderten, sehr vorteilhaft durch Ernst und würdige Haltung, durch
gewählten Ausdruck und kurzes, richtiges Urteil. Er war gross und schlank gebaut,
männlich schön, nur vielleicht für manche etwas zu mager. Sein Auge war glänzend
und hatte jenen Ausdruck stillen Beobachtens, der einen Menschenkenner oder
wenigstens einen Mann verriet, der das Leben und Treiben der grossen und kleinen
Welt in vielerlei Formen gesehen und darüber gedacht hatte.
    Er hatte, was mich sehr günstig für ihn stimmte, an dem Gespräch des Ewigen
Juden und an seiner Persiflage mit keinem Wort, ich möchte sagen, mit keiner
Miene teilgenommen. Zum erstenmal an diesem ganzen Abend entlockte ihm die Frage
seiner Tante ein Lächeln, das sein Gesicht, besonders den Mund noch viel
angenehmer machte; wahrlich, in diesen Mann hätte ich mich, wenn ich eines der
anwesenden Fräulein gewesen wäre, unbedingt verlieben müssen; aber freilich,
junge Damen haben hierüber ganz andere Ansichten als der Teufel, und das
einfache schwarze Gewand des jungen Mannes konnte natürlich die glänzende
Gardeuniform und ihren kühnen, die drallen Formen zeigenden Schnitt nicht
aufwiegen.
 
                              Vierzehntes Kapitel
                                   Der Fluch
                                    Novelle
»Ich habe mich vergebens abgemüht, gnädige Tante«, sprach der junge Mann mit
voller, wohltönender Stimme, »eine artige Novelle oder eine leichte, fröhliche
Erzählung für diesen Abend zu ersinnen. Doch um nicht wortbrüchig zu erscheinen,
muss ich schon den Fehler einigermassen gutzumachen suchen. Wenn Sie erlauben,
will ich etwas aus meinem eigenen Leben erzählen, das, wenn es nicht ganz den
romantischen Reiz und den anziehenden Gang einer Novelle, doch immer den Wert
der Wahrheit für sich hat.«
    Die Tante bemerkte ihm gütig, dass die einfache Wahrheit oft grössern Reiz
habe, als die erfundene Spannung einer Novelle, ja sie gestand ihm, dass sie
etwas sehr Interessantes erwarte, denn er sehe seit der Zurückkunft von seinen
Reisen so geheimnisvoll aus, dass man auf seine Begebnisse recht gespannt sein
dürfe.
    Die älteren Damen lorgnettierten ihn aufmerksam, und gaben dieser Bemerkung
vollkommen Beifall; der junge Mann aber hub an zu erzählen:
    »Als ich vor fünf Jahren in diesem Saal von einer grossen Gesellschaft,
welche die Güte meiner Tante noch einmal um den Scheidenden versammelt hatte,
Abschied nahm, warnten mich einige Damen - wenn ich nicht irre, war Frau von
Wollau mit davon - vor den schönen Römerinnen, vor ihren feurigen, die Herzen
entzündenden Blicken. Ich nahm ihre Warnung dankbar an, noch kräftigeren Schutz
aber versprach ich mir von jenen holden blauen Augen, von jenen freundlichen
vaterländischen Gesichtchen, von all den lieblichen Bildern, die ich in feinem
und treuem Herzen aufbewahrt, mit über die Alpen nahm.
    Und sie schützten mich, diese Bilder, gegen jene dunkeln Feuerblicke der
Römerinnen, wie sie aber vor sanften blauen Augen, welche ich dort sah, sich
unverantwortlich zurückzogen, wie sie mein armes, unbewahrtes Herz ohne
Bedeckung liessen, will ich als bittere Anklage erzählen.
    Der s.... sche Gesandte am päpstlichen Hofe hatte mir in der Karwoche eine
Karte zu den Lamentationen in der Sixtinischen Kapelle geschickt; mehr, um den
alten Herrn, der mir schon manche Gefälligkeit erwiesen hatte, nicht zu
beleidigen, als aus Neugierde, entschloss ich mich, hinzugehen. Ich war nicht in
der besten Laune, als es Abend wurde, statt einer lustigen Partie, wozu mich
deutsche Maler geladen, sollte ich einen Klaggesang mit anhören, der mir schon
an und für sich höchst lächerrlich vorkam.
    Nie hatte ich mich nämlich von der Heiligkeit solcher Ritualien überzeugen
können, selbst in dem ehrwürdigen Kölner Dom, wo die hohen Gewölbe und Bogen,
das Dunkel des gebrochenen Lichtes, die mächtigen vollen Töne der Orgel manchen
andern ernster stimmen mögen, konnte ich nur über die Macht der Täuschung
staunen.
    Meine Stimmung wurde nicht heiliger als ich an das Portal der Sixtinischen
Kapelle kam. Die päpstliche Wache, alte, ausgediente schneiderhafte Gestalten,
hielten hier Wache mit so meisterlicher Grandezza, als nur die Cherubim an der
Himmelstüre. Der Glanz der Kerzen blendete mich, da ich eintrat, und stach
wunderbar ab gegen den dunklen Chor, in das die Finsternis zurückgeworfen
schien. Nur der Hochaltar war dort von dreizehn hohen Kerzen erleuchtet.
    Ich hatte Musse genug, die Gesichter der Gesellschaft um mich her zu mustern.
Ich bemerkte nur sehr wenige Römer, dagegen fast alles, was Rom an Fremden
beherbergte.
    Einige französische Marquis, berüchtigte Spieler, einige junge Engländer von
meiner Bekanntschaft, standen ganz in meiner Nähe. Sie zogen mich auf, dass auch
ich mich habe verführen lassen, dem Spectacle, wie sie es nannten, beizuwohnen;
Lord Parter aber meinte, es sei dies wohl der Schönen zu Gefallen geschehen,
die ich mitgebracht habe. Er deutete dabei auf eine junge Dame, die neben mir
stand. Er fragte nach ihrem Namen und ihrer Strasse, und schien sehr ungläubig,
als ich ihm damit nicht dienen zu können behauptete.
    Ich betrachtete meine Nachbarin näher; es war eine schlanke hohe Gestalt,
dem Wuchs nach keine Römerin; ein schwarzer Schleier bedeckte das Gesicht und
beinahe die ganze Gestalt, und liess nur einen Teil eines Nackens sehen, so rein
und weiss, wie ich ihn selten in Italien, beinahe nie in Rom gesehen hatte.
    Schon pries ich im Herzen meine Höflichkeit gegen den alten Diplomaten,
hoffend, eine interessante Bekanntschaft zu machen; wollte eben - da begann der
Klaggesang und meine Schöne schien so eifrig darauf zu hören, dass ich nicht mehr
wagte, sie anzureden. Unmutig lehnte ich mich an eine Säule zurück, Gott und die
Welt, den Papst und seine Lamentationen verwünschend.
    Unerträglich war mir der monotone Gesang. Denken Sie sich, sechzig der
tiefsten Stimmen, die unisono, im tiefsten Grundton der menschlichen Brust,
Busspsalmen murmeln. Der erste Psalm war zu Ende, eine Kerze auf dem Altar
verlöschte. Getröstet, die Farce werde ein Ende haben, wollte ich eben den
jungen Lord anreden, als von neuem der Gesang anhub.
    Jener belehrte mich zu meinem grossen Jammer, dass noch alle zwölf übrigen
Kerzen verlöschen müssen, bis ich ans Ende denken könne. Die Kirche war
geschlossen und bewacht, an ein Entfliehen war nicht zu denken. Ich empfahl mich
allen Göttern, und gedachte einen gesunden Schlaf zu tun. Aber wie war es
möglich? Wie Strahlen einer Mittagssonne strömten die tiefen Klänge auf mich zu.
Zwei bis drei Kerzen verlöschten, meine Unruhe ward immer grösser.
    Endlich aber, als die Töne noch immer fortwogten, drangen sie mir bis ins
innerste Mark. Das Erz meiner Brust schmolz vor den dichten Strahlen, Wehmut
ergriff mich, Gedanken aus den Tagen meiner Jugend stiegen wie Schatten vor
meiner Seele auf, unwillkürliche Rührung bemächtigte sich meiner, und Tränen
entstürzten seit Jahren zum erstenmal meinem Auge.
    Beschämt schaute ich mich um, ob doch keiner meine Tränen gesehen. Aber die
Spieler, wunderbarer Anblick! lagen zerknirscht auf ihren Knieen, der Lord und
seine Freunde weinten bitterlich. Zwölf Kerzen waren verlöscht. Noch einmal
erhoben sich die tiefen, herzdurchbohrenden Töne, zogen klagend durch die Halle,
immer dumpfer, immer leiser verschwebend. Da verlöschte die letzte Kerze, und
zugleich mit das Feuermeer der Kirche, und bange Schatten, tiefe Finsternis
drang aus dem Chor, und lagerte sich über die Gemeine. Mir war, als wär ich aus
der Gemeinschaft der Seligen hinausgestossen in eine fürchterliche Nacht.
    Da tönten aus des Chores hintersten Räumen, süsse klagende Stimmen. Was jenes
tiefe, schauerliche Unisono unerweicht gelassen, zerschmolz vor diesem hohen
Dolce der Wehmut. Rings um mich das Schluchzen der Weinenden, vom Chor herüber
Töne, wie von gerichteten Engeln gesungen, glaubte ich nicht anders, als in
einer zernichteten Welt mit unterzugehen und zu hören, der Glaube an
Unsterblichkeit sei Wahn gewesen.
    Der Gesang war verklungen, Fackeln erhellten die Szene, die Menge ergoss sich
durch die Pforten und auch ich gedachte mich zum Aufbruch zu rüsten, da gewahrte
ich erst, dass meine schöne Nachbarin noch immer auf den Knien niedergesunken
lag. Ich fasste mir ein Herz.
    Signora, sprach ich, die Tore werden geschlossen, wir sind die letzten in
der Kapelle.
    Keine Antwort. Ich fasste ihre Rechte, die auf der Seite niederhing, sie war
kalt und ohne Leben. Sie lag in Ohnmacht.
    Ich befand mich in sonderbarer Lage. Die Nacht war schon weit vorgerückt;
nur noch einige Flambeaux zogen durch die Kirche, ich musste alle Augenblicke
befürchten, vergessen zu werden. Ich besann mich nicht lange, rief einen der
Fackelträger herbei, um mit seiner Hülfe die Dame aufzurichten.
    Wie ward mir, als ich den Schleier aufschlug. Der düstere Schein der
halbverlöschten Fackel fiel auf ein Gesicht, wie ich es auch auf den
herrlichsten Kartons von Raffael nie gesehen! glänzendbraune Locken hatten sich
aufgelöst und fielen herab bis in den verhüllten Busen und umzogen das liebliche
Oval ihres Angesichtes, auf dem sich eine durchsichtige Blässe gelagert hatte.
Die schönen Bogen der Brauen versprachen ein ernstes, vielleicht etwas
schelmisches Auge, und den halbgeöffneten Mund, umkleidet mit den weissesten
Perlen, konnte Gram, konnte Scherz so gezogen haben.
    Als wir sie aufrichten wollten, schlug sie das herrliche, blaue Auge auf,
dessen eigener, schwärmerischer Glanz mich so überraschte, dass ich einige Zeit
mich zu sammeln nötig hatte. Sie richtete sich plötzlich auf, stand nun in ihrer
ganzen Schöne mir gegenüber. Welch zarte Formen bei so vielem Anstand, bei so
ungewöhnlicher Höhe des Wuchses. Sie schaute verwundert in der Kirche umher,
liess dann ihre Blicke auf mich herübergleiten:
    Und Sie hier, Otto? sprach sie, nicht italienisch, nein, in reinem,
wohlklingendem Deutsch.
    Wie war mir doch so wunderbar! sie sprach so bekannt zu mir, ja sogar meinen
Namen hatte sie genannt; woher konnte sie ihn wissen? - Sie schien verwundert
über mein Schweigen.
    Nicht bei Laune, Freund? und doch haben Sie mich so freundlich unterstützt?
Doch! lassen Sie uns gehen, es wird spät.
    Sie hatte recht. Die Fackel drohte zu verlöschen. Ich gab ihr den Arm. Sie
drückte zärtlich meine Hand.
    Was sollte ich denken, was sollte ich machen? Betrug von ihr war nicht
möglich - das Mädchen konnte keine Dirne sein. Verwechslung war offenbar. Aber
sie wusste mich bei meinem Namen zu nennen, sie war so ohne Arg. - Ich wagte es -
ich übernahm die Rolle eines verstimmten Verehrers, und schritt schweigend mit
ihr durch die Hallen.
    Am Portal geht mein Jammer von neuem an. Welche Strasse sollt ich wählen, um
nicht sogleich meine wahre Unbekanntschaft zu verraten? Ich nahm allen meinen
Mut zusammen, und schritt auf die mittlere Strasse zu.
    Mein Gott, rief sie aus, und zog meinen Arm sanft seitwärts, Otto, wo sind
Sie nur heute, hier wären wir ja an die Tiber gekommen.
    Oh! wie hörte ich so gerne diese Stimme! Wie lieblich klingt unsere Sprache
in einem schönen Munde. Schon oft hatte ich die Römerinnen beneidet, um den
Wohllaut ihrer Töne; hier war weit mehr, als ich je in Rom gehört; es musste
offenbar ein deutsches Mädchen sein, ich sah es aus allem, und doch so reine,
runde Klänge ihrer Sprache! Als ich noch immer schwieg, brach sie in ein leises
Weinen aus. Ihr tränendes Auge sah mich wehmütig an, ihre Lippen wölbten sich,
wie wenn sie einen Kuss erwarteten.
    Bist du mir nicht mehr gut, mein Otto? Ach könntest du mir zürnen, dass ich
die Lamentationen hörte? Oh! zürne mir nicht. Doch du hast recht, wäre ich
lieber nicht hingegangen. Ich glaubte Trost zu finden, und fand keinen Trost,
keine Hoffnung. Alle meine Lieben schienen dem Grab entstiegen, schienen über
die Alpen zu wehen, und mit Tönen der Klage mich zu sich zu rufen. Wie bin ich
so allein auf der Erde, weinte sie, indem ihr blaues Auge in das nächtliche Blau
des Himmels tauchte, wie bin ich so allein - und wenn ich dich nicht hätte, mein
Otto. -
    Meine Lage grenzte an Verzweiflung, das schönste, lieblichste Kind im Arme,
und doch nicht sagen können, wie ich sie liebte! Als ihre Tränen noch nicht
aufhören wollten, flüsterte ich endlich leise: Wie könnte ich dir zürnen?
    Sie schaute freudig dankbar auf - Du bist wieder gut? und oh! wie siehst du
heute doch gar nicht so finster aus, auch deine Stimme klingt heute so weich!
Sei auch morgen so, und lass nicht wieder einen ganzen langen Tag auf dich
warten.
    Sie näherte sich einem Haus und blieb davor stehen, indem sie die Glocke
zog. Und nun gute Nacht, mein Herz, sagte sie, wie gerne säss ich noch zu dir auf
die Bank, aber die Signora wartet wohl schon zu lange. Ich wusste nicht wie mir
geschah, ich fühlte einen heissen Kuss auf meinen Lippen und weg war sie.
    Ich merkte mir die Nummer des Hauses, aber die Strasse konnte ich nicht
erkennen. Nur einen Brunnen, und gegenüber von ihrem Haus eine Madonna in Stein
gehauen, konnte ich als Zeichen für die Zukunft anmerken. Ich wand mich mit
unsäglicher Mühe durch das Gewirre der Strassen und war doch nicht froh, als ich
endlich mein Haus erreichte. Bis an den lichten Morgen kein Schlaf. Zuerst liess
mich der Mond nicht schlafen, der mich durchs Fenster herein angrinste, und als
ich die Gardine vorzog, schien gar der Engelkopf des Mädchens hereinzublicken;
mitunter zogen auch die Lamentationen durch meinen wirren Kopf, und ich
verwünschte endlich ein Abenteuer, das mich eine schlaflose Nacht kostete.
    Sehr frühe am andern Morgen traten Lord Parter und einer seiner Freunde bei
mir ein. Sie wollten mir begegnet sein, als ich meine rätselhafte Schöne zu Haus
brachte, und schalten mich neckend, dass ich sie gestern gänzlich verleugnet
habe. Als ich ihnen mein Abenteuer, dem grössern Teil nach, erzählte, wurden sie
noch ungestümer und behaupteten, mich deutlich schon mehreremal mit derselben
Dame gesehen zu haben. Immer klarer ward mir, dass irgendein Dämon sich in meine
Gestalt gehüllt habe, da ja auch das Mädchen mich so genau zu kennen schien, und
ich war nicht minder begierig, das liebe Mädchen, als das leibhafte Konterfei
meiner Gestalt zu Gesicht zu bekommen. Die beiden Engländer mussten mir
Stillschweigen geloben, indem ich mich vor dem Spott meiner Bekannten fürchtete,
zugleich versprachen sie auch, mir suchen zu helfen.
    Nach langem Umherirren, wobei wir tausend Lügen ersinnen mussten, um die
erwachende Neugierde unserer Freunde zu täuschen, fanden wir endlich in dem
entlegensten Winkel der Stadt jene Merkzeichen, die Madonna und den Brunnen. Ich
sah das Haus der Holden, ich sah die Bank an der Türe, auf welcher ich hätte
selig werden sollen, aber hier ging auch unser Weg zu Ende. Als Fremde hätten
wir zu viel gewagt, so weit entfernt von den uns bekannten Strassen, unter einer
Menschenklasse, die besonders den Engländern so gram ist, uns in ein fremdes
Haus einzudrängen. Wir zogen mehreremal durch die Strasse, immer war die Türe
verschlossen, immer die Fenster neidisch verhängt. Wir verteilten uns, bewachten
tagelang die Promenaden, weder meine Schöne noch mein Ebenbild liessen sich
sehen.
    Geschäfte riefen mich in dieser Zeit nach Neapel. So angenehm mir sonst
diese Reise gewesen wäre, so war sie mir in meiner gegenwärtigen Spannung höchst
fatal. Unaufhörlich verfolgte mich das Bild des Mädchens, im Traum wie im Wachen
hörte ich die liebliche Stimme flüstern. Hatten mich die Gesänge in der Kapelle
so weich gestimmt, hatte das flüchtige Bild der Schönen vermocht, was der Geist
und die Schönheit so mancher andern nicht über mich vermochte?
    Unruhig reiste ich ab. Die Reise, so viele abwechselnde Gegenstände, die
ernsten Geschäfte, der Reiz der Gesellschaft, nichts gab mir meine Ruhe wieder.
    Es war die Zeit des Karnevals, als ich nach Rom zurückkehrte. Durfte ich
hoffen, im Gewühle der Menge den Gegenstand meiner Sehnsucht herauszufinden?
Meine englischen Freunde waren abgereist, ich hatte niemand mehr dem ich mich
vertrauen mochte. Ohne Hoffnung hatte ich mehrere Tage verstreichen lassen, ich
war nicht zu bewegen, mich unter die Freuden des Karnevals zu mischen.
    Wie erstaunte ich aber, als mich am Morgen des vierten Tages der
Karnevalswoche der Gesandte fragte, wie ich mich gestern amüsiert habe. Ich
sagte ihm, ich sei nicht im Korso gewesen. Er erstaunte, behauptete, mich von
seinem Wagen aus mit einer Dame am Arm gesehen und begrüsst zu haben. Er schwieg
etwas beleidigt, als ich es wieder verneinte. Aber plötzlich kam mir der
Gedanke, wie wenn es die Gesuchten wären? - Man war in allen Zirkeln sehr
gespannt auf diesen Abend. Ein prachtvoller Maskenzug, worin Damen aus den
edelsten römischen Häusern eine Rolle übernommen hatten, sollte das Karneval
verherrlichen. Ich gab dem Drängen meiner Bekannten nach und ging mit in den
Korso.
    Erwarten Sie von mir keine Beschreibung dieses Schauspiels. Zu jeder andern
Zeit würde ich ihm alle meine Aufmerksamkeit geschenkt haben, nicht nur weil es
mir als Volksbelustigung sehr interessant gewesen wäre, sondern weil sich der
Charakter der Römer gerade hier am meisten aufdeckt. Aber wenn ich sage, dass von
dem ganzen Abend, von allen Herrlichkeiten des Korso nur noch ein Schatten in
meiner Erinnerung geblieben und nur ein heller Stern aus dieser Nacht auftaucht,
so werden Sie vergeben, wenn ich über das interessante Schauspiel Ihre Neugierde
nicht zur Genüge befriedige.
    Die lange, enge Strasse war schon gefüllt, als wir durch die Porta del popolo
hereintraten; unabsehbar wogten die Wellen der Menge durcheinander; und das Auge
gleitete unbefriedigt darüber hinweg, weil es unter der Mischung der grellsten
Farben keinen Punkt fand, der es festielt. Die Erwartung war gespannt. Überall
hörte man von dem Maskenzug reden, der sich nun bald nahen müsse. Ein
rauschendes Beifallrufen drang jetzt von dem Obelisken auf der Piazza herüber
und verkündete die Auffahrt der Masken. Alle Blicke richteten sich dortin. Von
den Balkons und Gerüsten herab wehten ihnen Tücher und winkten schöne Hände
entgegen, indem die Equipagen sich in die Seiten drängten, um den Wagen des
Zuges Platz zu machen. Er nahte. Gewiss ein herrlicher Anblick. Die Götter der
alten Roma schienen wieder in die alten Mauern eingezogen zu sein, um ihren
Triumph zu feiern. Liebliche, majestätische Gruppen! Welch herrliche Umrisse in
den Gestalten des Apoll und Mars, wie lieblich Venus und Juno, und man konnte es
nicht für Unbescheidenheit halten, sondern musste gerade hierin den schönsten
Triumph finden, wenn das Volk mit Ungestüm den Göttinnen zurief, die Masken
abzunehmen. Unendlich wurde aber der Beifall, als die Gräfin Parvi, die edlen
Formen des Gesichtes unverhüllt, als Psyche sich nahte! Wahrlich, dieser
liebliche Ernst, diese sanfte Grösse hätten einen Zeuxis und Praxiteles
begeistern können.
    Der Abend nahte heran, man rüstete sich, die Gerüste zu besteigen, weil das
Pferderennen beginnen sollte. Ich stand ziemlich verlassen auf der Strasse,
musternd mit sehnsüchtigen Blicken die Galerien und Balkone, ob meine Schöne
nicht darauf zu treffen sei. Plötzlich fühlte ich einen leisen Schlag auf die
Schulter. So einsam? tönte in der lieben Muttersprache eine süsse Stimme in mein
Ohr. Ich sah mich um. Eine reizende Maske, in der Kleidung einer Tirolerin,
stand hinter mir. Durch die Höhlen der Maske blitzten jene blauen Augen, die
mich damals so sehr überraschten. Sie ist's - es ist kein Zweifel. Ich bot ihr
schweigend die Hand, sie drückte sie leise. Du böser Otto, flüsterte sie, den
ganzen Abend habe ich dich vergebens gesucht. Wie musste ich schwatzen, um die
Signora loszuwerden!
    Die Wache rückte die Strasse herab. Es war hohe Zeit, die Galerien zu suchen.
Ich deute hinauf, sie gab mir ihren Arm, sie folgte. Ein heimliches Plätzchen
hinter einer Säule bot sich dar, sie wählte es von selbst. Karneval,
Pferderennen, alle Schönheiten Roms waren für mich verloren, als mein stiller
Himmel sich öffnete, als sie die Maske abnahm. Noch lieblicher, noch unendlich
schöner war sie als an jenem Abend. Die zarte Blässe, die sie damals aus der
Kapelle brachte, war einer feinen, durchsichtigen Röte gewichen; das Auge
strahlte noch von höherem Glanz als damals, und der tiefe, beinahe wehmütige
Ernst der Züge, wie sie sich mir damals zeigte, war durch ein Lächeln gemildert,
das fein und flüchtig um die zarten Lippen wehte.
    Sie heftete wieder einige Minuten schweigend ihr Auge auf mein Gesicht,
strich mir spielend die Haare aus der Stirne, und rief dann plötzlich: Jetzt
bist du's wieder ganz! ganz wie an jenem Abend in der Kapelle, den du mir so
hartnäckig leugnest! Gestehst du ihn deiner Luise noch nicht?
    Welche Pein! was sollte ich sagen? da fiel plötzlich das Signal, die Pferde
rannten durch den Korso. Meine Schöne bog den Kopf abwärts, und ich, meiner
Sinne kaum mächtig, flüchtete hinter die nächste Säule, um nicht im Augenblick
vor dem arglosen Mädchen als ein Tor, oder noch etwas Schlimmeres zu erscheinen.
Und was war ich auch anders, wenn ich mich selbst recht ernstlich fragte? Was
wollte ich von dem Mädchen, was konnte ich von ihr wollen? Und war nicht eine so
weit getriebene Neugierde Frevel?
    Während ich noch so mit mir selbst kämpfte, ob es nicht ehrlicher sei, ein
Abenteuer aufzugeben, dessen Ende nur ein törichtes sein könnte, bemerkte ich,
dass meine Stelle schon wieder besetzt sei. Ich schlich näher herzu, um
wenigstens zu hören, wer der Glückliche sei, da ich ihn, ohne meine
unbescheidene Nähe zu verraten, nicht sehen konnte.
    Wie magst du nur so zerstreut fragen, sagte Luise, du selbst hast mich ja
heraufgeführt.
    Ich hätte dich geführt, der ich diesen Augenblick erst zu dir trete?
Gestehe, du betrügst mich: wer hat dich hergeleitet?
    Mit befangener Stimme, dem Weinen nahe, beharrte sie auf dem, was sie vorhin
sagte. Du bist auch wie unser Wetter über den Alpen, soeben noch so freundlich,
und jetzt so kalt, so finster.
    Jener stand schnell auf: Ich bin nicht gestimmt, meine Gnädige, das Ziel
Ihrer Scherze zu sein, sagte er, und wenn Sie sich in Rätsel vertiefen, wird
meine Gesellschaft Ihnen lästig werden. Er brach auf und wollte gehen. Ich
konnte die Leiden der Armen nicht mehr verlängern, trat hervor hinter der Säule,
um mich als Auflösung des Rätsels zu zeigen. Aber wie ward mir! Meine eigene
Gestalt, mein eigenes Gesicht glaubte ich mir gegenüber zu sehen. Die
überraschende Ähnlichkeit -«
 
                              Fünfzehntes Kapitel
                          Das Intermezzo - Die Trinker
Ein schrecklicher Angstschrei, ein Gerassel, wie Blitz und Donner einander
folgend, unterbrach den Erzähler. Welcher Anblick! Der Jude lag ausgestreckt auf
dem Boden des Saales, überschüttet mit Tee, Trümmer seines Stuhles und der
feinen Meissner Tasse, die er im Sturz zerschmettert, um ihn her. Der Ärger über
eine solche Unterbrechung war auf allen Gesichtern zu lesen; zürnend wandten die
Damen ihr Auge von diesem Schauspiel, von den Herren machte keiner Miene, ihm
beizustehen. Er selbst aber blieb sekundenlang liegen, ohne sich zu rühren und
schaute verwundert herauf.
    Ich sprang auf, ihm beizustehen, ich hob ihn auf und sah mich nach einem
andern Stuhl um, auf welchen ich ihn setzen könnte. Aber ein Verwandter des
Hauses raunte mir in die Ohren, ich möchte machen, dass wir fortkommen, mein
Hofmeister scheine sich nicht in dieser Gesellschaft zu gefallen.
    Wir folgten dem Wink und nahmen unsere Hüte. Als ich mich von der gnädigen
Frau beurlaubte, sagte sie mir viel Schönes und lud mich ein, sie recht oft zu
sehen; meinen armen Hofmeister würdigte sie keines Blickes. Sie neigte sich so
kalt als möglich, und liess ihn abziehen. Gelächter schallte uns nach, als wir
den Saal verliessen, und ich hatte mit meiner Inkarnation so viel menschliche
Eitelkeit angezogen, dass mich dieses Lachen ungemein ärgerte.
    Wie gern hätte ich die Erzählung jenes interessanten jungen Mannes zu Ende
gehört7, wieviel Wichtiges und Psychologisches hätte ich noch von dem
»Gardeuniform-liebenden« Fräulein erlauschen können; und war ich selbst nicht
ganz dazu gemacht, junge Herzen an jenem Abend zu erobern? Ein junger, reicher,
ich darf sagen, hübscher Mann auf Reisen, findet, wo er hinkommt, freundliche
Augen, durch welche er so leicht in die Herzen einzieht - und dies alles hatte
mir das ungeschliffene Wesen des alten Menschen verdorben. Ich hätte ihn würgen
mögen, als wir im Wagen sassen.
    »War es nicht genug«, sagte ich, »dass du mit deinem scharfen Judenbart die
zarte Hand der Gnädigen empfindlich bürstetest? musstest du auch noch die Frau
von Wollau durch dein unzeitiges Gelächter beleidigen? und kaum hast du es
wieder gut gemacht, so bringst du aufs neue alles gegen dich auf? was gingen
dich denn die Schwabenmädel an, dass du ihre Schönheit an den Teetischen Berlins
predigest? darfst du denn sogar in China einer Schönen sagen, sie habe ein
Teegesicht? Und jetzt, nachdem du die spitzigen Worte der ungnädigen Frau
eingesteckt hattest, jetzt als alles auf das erste vernünftige Tema, das diesen
Abend abgehandelt wurde, lauschte, jetzt fällst du, wie der selige Hohepriester
Eli im zweiten Kapitel Samuelis, rücklings in den Saal, und zerschmetterst -
nicht den eigenen hohlen Schädel, wie jener würdige jüdische Papst - nein! einen
zierlich geschnitzten Fauteuil und eine Tasse von Meissner Porzellan; sage,
sprich, schlechter Kamerade, wie fingst du es nur an?«
    »In Eurer Stelle, Herr Satan, wäre ich nicht so arrogant gegen unsereinen«,
antwortete er verdriesslich, »Ihr wisst, dass Euch keine Gewalt über meine Seele
zusteht, denn seit andertalb tausend Jahren kenne ich Eure Schliche und Ränke
wohl. Was aber die Elis-Geschichte betrifft, so will ich Euch reinen Wein
einschenken, vorausgesetzt, Ihr begleitet mich in eine Auberge, denn der
läpperichte Tee hier, mit dem man in China kaum die Tassen ausspülen würde, mit
dem noch schlechtern Arrak, haben mir ganz miserabel gemacht.«
    Ich liess vor einem Restaurateur halten und führte den verunglückten Doktor
Mucker hinein. Es war schon ziemlich tief in der Nacht, und nur noch wenige,
aber echte Trinker in dem Wirtszimmer. Wir setzten uns an einen Tisch zu vier
oder fünf solcher nächtlichen Gesellen; ich liess für den alten Menschen
Burgunder auftragen, und in geläufigem Malabarisch, wovon die Trinker gewiss
nichts verstanden, forderte ich ihn auf, zu erzählen.
    Nachdem der Ewige Jude durch etliche Schlücke sich erholt hatte, begann er:
    »Ich glaube, es ist ein Teil des Fluches, der auf mir ruht, dass ich, sobald
ich mich in höhere Sphären der Gesellschaft wage, lächerrlich werde; ein paar
Beispiele mögen dir genügen:
    Du weisst, dass ich, um mir die Langeweile des Erdenlebens zu vertreiben,
zuweilen einen Liebeshandel suche - nun verziehe dein Gesicht nur nicht so
spöttisch, ich bin eine Stereotypausgabe von einem kräftigen Fünfz'ger, und ein
solcher darf sich schon noch aufs Eis wagen -; nun hatte ich einmal in einem
kleinen sächsischen Städtchen eine Schöne auf dem Korn. Ich hatte schon seit
einigen Tagen Zutritt in das elterliche Haus und die kleine Kokette schien mir
gar nicht abgeneigt. Ich kleidete mich sorgfältiger, um ihr zu gefallen, ich
scherwenzelte um sie her, wenn sie spazierenging, kurz, ich war ein so
ausgemachter Geck, als je einer über das Pflaster von Leipzig ging. In dem
Städtchen gehörte es zum guten Ton, morgens um neun Uhr an dem Haus seiner
Schönen vorbeizugehen; schaute sie heraus, so wurde mit Grâce der Hut gezogen,
und etwas weniges geseufzt.
    Dies hatte ich mir bald abgemerkt, und zog nun pflichtgemäss, wenn die Glocke
neun Uhr summte, an jenem Haus vorüber, und ich hatte die Freude, zu sehen, wie
mein Engel jedesmal zum Fenster herausschaute und huldreich lächelte. Eines
Morgens war es sehr kotig auf der Strasse; ich ging also, um die weissseidenen
Strümpfe zu schonen, auf den Zehenspitzen und machte Schritte wie ein Hahn. Aber
vor dem Haus meiner Schönen war der Schmutz reinlich in grosse Haufen
zusammengekehrt, denn der Papa war eine Art von Polizeiinspektor und musste den
Einwohnern ein gutes Beispiel geben; wie freute sich mein Herz über diese
Reinlichkeit! ich konnte dort fester auftreten, ich konnte mit dem rechten Bein,
wenn ich mein Kompliment machte, zierlich ausschweifen, ohne mich zu
beschmutzen. Mein Engel schaute huldreich herab, freudig ziehe ich den Hut von
dem schönfrisierten Toupet, schwenke ihn in einem kühnen Bogen und - o Unglück -
er entwischt meiner Hand, er fährt wie ein Pfeil in den aufgeschichteten Unrat,
dass nur noch die Spitze hervorsieht.
    Wie schön sagt Schiller:
Einen Blick
nach dem Grabe
seiner Habe
sendet noch der Mensch zurück.
So stand ich wie niedergedonnert an dem Unrat. Sollte ich in zierlicher Stellung
mit den Fingerspitzen den Hut herausziehen? aber dann war zu befürchten, dass er
ganz ruiniert sei; sollte ich völlig chapeau bas weiterziehen, wie einer, der
ohne Hut dem Galgen oder dem Tollhaus entsprungen?
    Wie ein silbernes Feuerglöckchen schlägt jetzt das lustige Lachen meiner
Dulcinea an mein Ohr; brummend wie die schweren Totenglocken, das Grabgeläute
meiner Hoffnung, antworten zehn Bässe aus dem gegenüber stehenden Kaffeehaus,
Husarenlieutenants, Schreiber, Kaufleute brüllen aus den aufgerissenen Fenstern,
und Hussa, Sultan, such verloren! tönt die Stimme meines furchtbarsten Rivalen,
des Grafen Lobau. Eine englische Dogge von Menschenlänge stürzt hervor, packt
den verlornen Hut mit geübter Schnauze, rennt auf mich zu, stellt sich auf die
Hinterbeine, tappt mit seinen Pfoten auf meine Schultern und präsentiert mir das
triefende corpus delicti.
    Was ich dir hier mit vielen Worten erzähle, mein Bester, war das Werk eines
Augenblicks; wie angefroren war ich dagestanden, und erst die Zudringlichkeit
des höflichen Hundes gab mir meine Fassung wieder. Wieherndes, jauchzendes
Gelächter scholl aus dem Café, und auch bei ihr waren alle Fenster mit Lachern
angefüllt; und als ich einen zärtlichen Blick, den letzten, hinauflaufen liess,
sah ich, wie sie das battistene Schnupftuch in den Mund schob, um nicht vor
Lachen zu bersten; da verlor ich von neuem die Fassung. Wütend ergriff ich den
Hut und schlug ihn der Dogge ins Gesicht; aber die Bestie verstand keinen Spass,
sie packte mich an der zierlichen Busenstreife, ich liess ihr diese Spolien und
machte mich eilends davon, durch dick und dünn galoppierend, aber die Bestie
folgte, und andere Hunde und Gassenjungen stürzten nach und die schreckliche
Jagd nahm erst ein Ende, als ich atemlos in das Portal meines Gastofes stürzte.
    Dass es mit meiner Liebe aus war, kannst du denken, besonders da ich nachher
erfuhr, die Kokette habe alle ihre Anbeter um diese Stunde in das Kaffeehaus
bestellt, um täglich meine Fensterparade zu bewundern!«
    Ich bedauerte den Armen von Herzen, er aber griff ruhig nach seinem Glas,
trank und fuhr dann fort:
    »Kann dich versichern, so hundsföttisch ging es mir von jeher, besonders
aber in der neuern aufgeklärten Zeit, wo man so ungemein viel auf das
Schickliche hält und verzweifeln möchte, wenn der vortreffliche Reifrock der
Etikette ein wenig unsanft berührt wird. Darum ist es mir bei einem Gastmahl
immer höllenangst. Wird fette Sauce umhergegeben, so sehe ich schon im Geiste,
dass ich damit zittern und sie verschütten werde; kömmt dann der Bettel an mich,
so bricht mir der Angstschweiss aus, die Saucière klappert in meiner zitternden
Hand fürchterlich, sie schwankt, ich fahre mit der andern Hand darnach und -
richtig meine freundliche Nachbarin hat die ganze Bescherung auf dem neuen drap
d'or, oder genuesischen Samtkleid, dass alles im schönsten Fett schwimmt. Habe
ich aber endlich eine solche Fegefeuertour durchgemacht, ohne Sauce zu
verschütten, ohne ein Glas umzuwerfen, ohne einen Löffel fallen zu lassen, ohne
den Schosshund auf den Schwanz zu treten, ohne der Tochter des Hauses die grössten
Sottisen zu sagen, wenn ich höflich und pikant sein will, so fasst mich irgendein
Unheil noch zum Schluss, dass ich mit Schande abziehe wie heute.«
    »Nun«, fragte ich, »und was warf dich denn heute mitten ins Zimmer?«
    »Als der langweilige Mensch seine Erzählung anhub, wie er ein paar Pfaffen
habe singen hören, und wie er einem hübschen Mädchen nachgelaufen sei - was man
überall tun kann, ohne gerade in Rom zu sein - da übermannte mich die
Langeweile, die eines meiner Hauptübel ist, und so setzte ich, um mich zu
unterhalten, meinen Stuhl rückwärts in Bewegung und schaukelte mich ganz
angenehm, auf einmal, ehe ich mich dessen versah, schlug der Stuhl mit mir
rückwärts über und ich lag -«
    »Das habe ich leider gesehen, wie du lagst«, sagte ich, »aber wie kann man
nur in honetter Gesellschaft so ganz alle gute Sitte vergessen und mit dem Stuhl
schaukeln.«
    »Sei jetzt ruhig und bringe mich nicht auf mit der verdammten Geschichte,
ich habe heute abend kein Glück gemacht, das ist alles. Bibamus diabole!« sagte
der alte Mensch, indem er selbst mit tüchtigem Beispiel voranging und dann
schmunzelnd auf das dunkelrote Glas wies: »Der ist koscher, Herr Bruder, guter
Burgunder, echter Chambertin und wenigstens zwanzig Jahre alt. Du magst mich
jetzt auslachen oder nicht, aber ein gutes altes Weinchen vom Südstamme ist noch
immer meine Leidenschaft, und ich behaupte, die Welt sieht jetzt nur darum so
schlecht aus, weil so viel Tee, Branntwein und Bier, aber desto weniger Wein
getrunken wird.«
    »Du könntest recht haben, Jude!«
    »Wie stattlich«, fuhr er im Eifer fort, »wie stattlich nahmen sich sonst die
Wirtshäuser aus; breite, gedrungene, kräftige Gestalten, den dreispitzigen Hut
ein wenig auf die Seite gesetzt, rote Gesichter, feurige Augen, ins Bläuliche
spielende Nasen, honette Bäuche - so traten sie, das hohe mit Gold beschlagene
Meerrohr in der Faust, feierlich grüssend ins Zimmer; wenn der Hut am Nagel hing,
der Stock in die Ecke gestellt war, schritt der Gast dem wohlbekannten Plätzchen
zu, das er seit Jahren sich zu eigen gemacht hatte, und das oft nach ihm getauft
war; der Wirt stellte mit einem Wohl bekomm's die Weinkanne vor den ehrsamen
Trinker, die gewöhnlichen Becher-Nachbarn fanden sich zur bestimmten Stunde ein,
man trank viel, man schwatzte wenig und zog zur bestimmten Stunde wieder heim;
so war es in den guten alten Zeiten, wie die Menschen sagen, die nach Jahren
rechnen, so war es, und nur der Tod machte darin eine Änderung. Jetzt hängen sie
alles an den Putz, machen Staat wie die Fürsten, und sitzen den Wirten um zwei
Groschen die Bänke ab. Luftiges unstetes Gesindel fährt in den Wirtshäusern
umher, man weiss nie mehr, neben wen man zu sitzen kömmt, und das heissen die
Leute Kosmopolitismus. Höchstens trifft man ein paar alte weingrüne Gesichter
von der echten Sorte, aber dies Geschlecht ist beinahe ausgestorben!«
    »Schau nur dortin«, fiel ich ihm ein, »du Prediger in der Wüste, dort
sitzen ein paar echte; sieh nur das kleine Männlein dort in dem braunen
Röckchen, wie es so feurig die roten Augen über die Flasche hinrollen lässt; er
scheint mir ein rechter Kenner, denn er trinkt den Nierensteiner Kirchhofwein,
den er vor sich hat, in ganz kleinen Zügen, und zerdrückt ihn ordentlich auf der
Zunge, ehe er schluckt. Und dort der grosse dicke Mann mit der roten Nase, ist er
nicht eine Figur aus der alten Zeit? Nimmt er nicht das Glas in die ganze Faust,
statt wie die Heutigen den kleinen und den Goldfinger zierlich auszustrecken?
Ist er nicht schon an der vierten Flasche, seit wir hier sind, und hast du nicht
bemerkt, wie er immer die Pfropfen in die Tasche steckt, um nachher zu zählen,
wie viele Flaschen er getrunken?«
    »Wahrhaftig, diese sind echt!« rief der begeisterte Jude. »Ich bin jung
gewesen und alt geworden, aber solcher gibt es nicht viele; lass uns zu ihnen uns
setzen, mi fratercule!«
    Wir hatten nicht fehl geraten; jene Trinker waren von der echten Sorte, denn
schon seit zwanzig Jahren kommen sie alle Abende in das nämliche Wirtshaus. Man
kann sich denken, wie gerne wir uns an sie anschlossen; ich, weil ich solche
Käuze liebe und aufsuche, der Ewige Jude aber, weil der Kontrast zwischen dem
eleganten Tee und diesen Trinkern in seinen Augen sehr zugunsten der letzteren
ausfiel; er wurde so kordial, dass er zu vergessen schien, dass er mit ihren
Urvätern schon getrunken habe, dass er vielleicht mit ihren späten Enkeln wieder
trinken werde.
    Die alten Gesellen mochten jetzt ihre Ladung haben, denn sie wurden
freundlich, und fingen an zuerst leise vor sich hin zu brummen, dann gestaltete
sich dieses Brummen zu einer Melodie, und endlich sangen sie mit heiserer
Weinkehle ihre gewohnten Lieder. Auch den »alten Menschen« fasste diese Lust. Er
dudelte die Melodien mit, und als sie geendet hatten, fing auch er sein Lied an.
Er sang:
                          »Des Ewigen Juden Trinklied
Wer seines Leibes Alter zählet
Nach Nächten, die er froh durchwacht,
Wer, ob ihm auch der Taler fehlet,
Sich um den Groschen lustig macht,
Der findet in uns seine Leute,
Der sei uns brüderlich gegrüsst,
Weil ihn, wie uns der Gott der Freude
In seine sanften Arme schliesst.
Wenn von dem Tanze sanft gewieget,
Von Flötentönen süss berauscht,
Fein Liebchen sich im Arme schmieget,
Und Blick um Liebesblick sich tauscht;
Da haben wir im Flug genossen
Und schnell den Augenblick erhascht,
Und Herz am Herzen festgeschlossen
Der Lippen süssen Gruss genascht.
Den Wein kannst du mit Gold bezahlen,
Doch ist sein Feuer bald verraucht,
Wenn nicht der Gott in seine Strahlen,
In seine Geisterglut dich taucht;
Uns, die wir seine Hymnen singen,
Uns leuchtet seine Flamme vor,
Und auf der Töne freien Schwingen
Steigt unser Geist zum Geist empor.
Drum, die ihr frohe Freundesworte
Zum würdigen Gesang erhebt.
Euch grüss ich, wogende Akkorde,
Dass ihr zu uns herniederschwebt!
Sie tauchen auf - sie schweben nieder,
Im Vollton rauschet der Gesang,
Und lieblich hallt in unsre Lieder
Der vollen Gläser Feierklang.
So haben's immer wir gehalten
Und bleiben fürder auch dabei,
Und mag die Welt um uns veralten,
Wir bleiben ewig jung und neu.
Denn, wird einmal der Geist uns trübe,
Wir baden ihn im alten Wein.
Und ziehen mit Gesang und Liebe
In unsern Freudenhimmel ein.«
Ob dies des Ewigen Juden eigene Poesie war, kann ich nicht bestimmt sagen, doch
liess er mich zuzeiten merken, dass er auch etwas Poet sei; die zwei alten
Weingeister aber waren ganz erfüllt und erbaut davon; sie drückten dem alten
Menschen die Hand, und gebärdeten sich, als hätte er ihnen die ewige Seligkeit
verkündigt.
    Es schlug auf den Uhren drei Viertel vor zwölf Uhr. Der Ewige Jude sah mich
an und brach auf, ich folgte. Rührend war der Abschied zwischen uns und den
Trinkern, und noch auf der Strasse hörten wir ihre heiseren Stimmen in
wunderlichen Tönen singen:
»Und wird einmal der Geist uns trübe.
Wir baden ihn im alten Wein.
Und ziehen mit Gesang und Liebe
In unsern Freudenhimmel ein.«
 
                                      III
                       Satans Besuch bei Herrn von Goete
                     Nebst einigen einleitenden Bemerkungen
                über das Diabolische in der deutschen Literatur
 Von Zeit zu Zeit seh ich den Alten gern
 Und hüte mich, mit ihm zu brechen,
 Es ist gar hübsch von einem grossen Herrn
 So menschlich mit dem Teufel selbst zu sprechen.
                                                                          Goete
                              Sechzehntes Kapitel
                        Bemerkungen über das Diabolische
                           in der deutschen Literatur
»Die Idee eines Teufels ist so alt als die Welt und nicht erst durch die Bibel
unter die Menschen gekommen. Jede Religion hat ihre Dämonen und bösen Geister -
natürlich weil die Menschen selbst von Anfang an gesündigt haben und nach ihrem
gewöhnlichen Antropomorphismus das Böse, das sie sahen, einem Geiste
zuschrieben, dessen Geschäft es sei, überall Unheil anzurichten.« So würde ich
ungefähr sprechen, wenn ich es bis zum Professor der Philosophie gebracht hätte,
und nun über die »Idee eines Teufels« mich breitmachen müsste.
    In meiner Stellung aber lache ich über solche Demonstrationen, die
gewöhnlich darauf auslaufen, dass man mich mit zehnerlei Gründen
hinwegzudisputieren sucht; ich lache darüber und behaupte, die Menschen, so dumm
sie hie und da sein mögen, merken doch bald, wenn es nicht ganz geheuer um sie
her ist, und mögen sie mich nun Ariman oder das böse Prinzip, Satan oder Herrn
Urian nennen, sie kennen mich in allen Völkern und Sprachen. Es ist doch eine
schöne Sache um das dicier hic est, darum behagt mir auch die deutsche Literatur
so sehr. Haben sich nicht die grössten Geister dieser Nation bemüht, mich zu
verherrlichen, und, wenn ich's nicht schon wäre, mich ewig zu machen?
    In meiner Dissertatio de rebus diabolicis sage ich unter anderm hierüber
folgendes: »§ 8. Die Idee, das moralische Verderben in einer Person
darzustellen, musste sich daher den Dichtern bald aufdrängen; diese waren, wie es
in Deutschland meistens der Fall war, philosophisch gebildet, doch war ihre
Philosophie wie ihre Moral von jener breiten, dicken Sorte, die nicht mit
Leichtigkeit über Gegenstände hinzugleiten weiss, daher kam es, dass auch die
Gebilde ihrer Phantasie jenes philosophische Blei an den Füssen trugen, das sie
nicht mit Gewandteit auftreten liess; sie stolperten auf die Bühne und von der
Bühne, machten sich breit in Philosophemen, die der Zehendste nicht sogleich
verstand, und drehten und wandten sich, als sollten sie auf einer engen Brücke
ohne Geländer in Reifröcken einander ausweichen.
    Daher kam es, dass auch die Teufel dieser Poeten gänzlich verzeichnet waren.
Betrachten wir z.B. Klingers Satan. Wie vielen Bombast hat dieser arme Teufel
zuerst in der Hölle und dann auf der Erde herzuleiern!
    Klingemanns Teufel! glaubt man nicht, er habe ihn nur geschwind aus dem
Puppenspiel von der Strasse geholt, ihm die Glieder ausgereckt, bis er die rechte
Grösse hatte, und ihn dann in die Szene gesetzt? man begreift nicht, wie ein
Mensch sich von einem solchen Ungetüm sollte verführen lassen!«
    Es gibt noch mehrere solcher literarischen Ungetüme, die hier aufzuführen
der Raum nicht erlaubt. Sie alle haben mir von jeher viel Spass gemacht, und ich
kam mir oft vor, wie der Polichinello des italienischen Lustspiels; ich war bei
diesen Leuten eine stehende Figur, die, wenn auch etwas anders aufgeputzt, doch
immer wieder die Hörner herausstreckte, und unter welche man zu besserer
Kenntnis ein »Ecce homo«, sehet, das ist der Teufel, schrieb.
    Doch auch dem Teufel muss man Gerechtigkeit widerfahren lassen, sagt ein
Sprichwort, folglich muss der Teufel zur Revanche auch wieder gerecht sein. »Ein
jeder gibt, wie er's kann«, fuhr ich in der Dissertation fort, »und wie sich in
jenen Poeten das moralische Verderben bei jedem wieder in andern Reflexen
abspiegelte, so gaben sie auch ihre Teufel. Daher kommt es, dass Herr Urian bei
Klopstock wieder bei weitem anders aussieht.
    Jener Abadonna ist ein gefallener Engel, dem das höllische Feuer die Flügel
versengte, der sich aber auch jetzt noch nobel und würdig ausnehmen soll. Aber
leider ist dieser Zweck doch ein wenig verfehlt, mir wenigstens kömmt dieser
Klopstockische Gottseibeiuns vor, wie ein Elegant, der wegen Unarten aus den
Salons verwiesen, sich in den Tabagien und spiessbürgerlichen Klubs nicht recht
zu finden weiss und darum unanständig jammert.«
    So ungefähr sprach ich mich in jener gelehrten Dissertation aus, und ich
gebe noch heute zu, dass die Auffassung wie jeder Idee, so auch der des Teufels
sich nach den individuellen Ansichten des Dichters über das Böse richten muss;
dies alles aber entschuldiget keineswegs jenen berühmten Mann, der, kraft seines
umfassenden Genies, nicht den engen Grenzen seines Vaterlandes oder der Spanne
Zeit, in welcher er lebt, sondern der Erde und künftigen Jahrhunderten angehören
könnte, es entschuldigt ihn nicht darin, dass er einen so schlechten Teufel zur
Welt gebracht hat.
    Der Goetische Mephistopheles ist eigentlich nichts anders, als jener
gehörnte und geschwänzte Popanz des Volkes. Den Schweif hat er aufgerollt und in
die Hosen gesteckt, für die Bocksfüsse hat er elegante Stiefel angezogen, die
Hörner hat er unter dem Baret verborgen - siehe da den Teufel des grossen
Dichters! Man wird mir einwenden, das gerade ist ja die grosse Kunst des Mannes,
dass er tausend Fäden zu spinnen weiss, durch die er seine kühnen Gedanken, seine
hohen überschwenglichen Ideen an das Volksleben, an die Volkspoesie knüpft. -
Halt Freund! ist es eines Mannes, der, wie sie sagen, so hoch über seinem
Gegenstand steht, und sich nie von ihm beherrschen lässt, ist es eines solchen
Dichters würdig, dass er sich in diese Fesseln der Popularität schmiegt; sollte
nicht der königliche Adler dieses Volk bei seinem populären Schopf fassen und
mit sich in seine Sonnenhöhe tragen?
    Verzeihe, Wertester, erhalte ich zur Antwort, du vergissest, dass unter
diesem Volke mancher eine Perücke trägt, würde ein solcher nicht in Gefahr sein,
dass ihm der Zopf breche und er aus halber Höhe wieder zur Erde stürzte? Siehe!
der Meister hat dies besser bedacht; er hat aus jenen tausend Fäden, von welchen
ich dir sagte, eine Strickleiter geflochten, auf welcher seine Jünger säuberlich
und ohne Gefahr zu ihm hinaufklimmen. Der Meister aber setzet sie zu sich in
seine Arche, gleich Noah schwebt er mit ihnen über der Sündflut jetziger Zeit
und schaut ruhig wie ein Gott in den Regen hinaus, der aus den Federn der
kleinen Poeten strömt.
    Ein wässeriges Bild! entgegne ich, und zugleich eine Sottise; befand sich
denn in jener Arche nicht mehr Vieh als Menschen? und will der Meister warten,
bis die Flut sich verlaufe und dann seine Stierlein und Eselein, seine Pfauen
und Kamele, Paar und Paar auf die Erde spazieren lassen?
    Will er vielleicht wie jener Patriarch die Erfindung des Weines sich
zuschreiben, sich ein Patent darüber ausstellen lassen und über seine Schenke
schreiben, hier allein ist Echter zu haben, wie Maria Farina auf sein Kölnisches
Wasser, so für alle Schäden gut ist?
    Aber, um wieder auf Mephistopheles zu kommen; gerade dadurch, dass er einen
so überaus populären und gemeinen Teufel gab, hat Goete offenbar nichts für die
Würde seines schönsten Gedichtes gewonnen. Er wird zwar viele Leser
herbeiziehen, dieser Mephisto, viele Tausende werden ausrufen: »Wie herrlich!
das ist der Teufel wie er leibt und lebt.« Um die übrigen Schönheiten des
Gedichtes bekümmern sie sich wenig, sie sind vergnügt, dass es endlich einmal
eine Figur in der Literatur gibt, die ihrer Sphäre angemessen ist.
    »Aber erkennst du denn nicht«, wird man mir sagen »erkennst du nicht die
herrliche, tiefe Ironie, die gerade in diesem Mephistopheles liegt?«
    Ironie? und welche? ich sehe nichts in diesem meinem Konterfei, als den
gemeinen »Ritter von dem Pferdefuss«, wie er in jeder Spinnstube beschrieben
wird. Man erlaube mir, dieses Bild noch näher zu beleuchten. Ich werde nämlich
vorgestellt als ein Geist, der beschworen werden kann, der sich nach magischen
Gesetzen richten muss:
»Gesteh ich's nur, dass ich hinausspaziere,
verbietet mir ein kleines Hindernis
der Drudenfuss auf Eurer Schwelle«;
und dieser Schwelle Zauber zu zerspalten
»Bedarf ich eines Rattenzahns«,
daher befiehlt:
»der Herr der Ratten und der Mäuse,
der Fliegen, Frösche, Wanzen, Läuse«
in einer Zauberformel seinem dienstbaren Ungeziefer die Kante, welche ihn
bannte, zu benagen. Auch kann ich nicht in das Studierzimmer treten, ohne dass
der Doktor Faust dreimal »Herein!« ruft. In andere Zimmer, wie z.B. bei Frau
Marta und in Gretchens Stübchen trete ich ohne diese Erlaubnis. Doch den
Schlüssel zu diesen sonderbaren Zumutungen finden wir vielleicht in dem Vers:
»Gewöhnlich glaubt der Mensch, wenn er nur Worte hört,
Es müsse sich dabei auch etwas denken lassen!«
Doch weiter.
    Ich stehe auf einem ganz besondern Fuss mit den Hexen. Die in der Hexenküche
hätte mich gewiss liebevoller empfangen, aber sie sah keinen Pferdefuss, und um
mich bei ihr durch mein Wappen zu legitimieren, mache ich eine unanständige
Gebärde.
»Mein Freund, das lerne wohl verstehen,
Das ist die Art, mit Hexen umzugehen.«
Auf dem Brocken in der Walpurgisnacht bin ich noch viel besser bekannt. Das
Gehen behagt mir nicht, ich sage daher zum Doktor:
»Verlangst du nicht nach einem Besenstiele?
Ich wünschte mir den allerderbsten Bock.«
Auch hier
»Zeichnet mich kein Knieband aus,
Doch ist der Pferdefuss hier ehrenvoll zu Haus.«
Um unter diesem gemeinen Gelichter mich recht zu zeigen, tanze ich mit einer
alten Hexe und unterhalte mich mit ihr in Zoten, die man nur durch
Gedankenstriche
»Der hatt ein - - - - -
So - es war, gefiel mir's doch«
anzudeuten wagt.
    Ich bin, selbst in Fausts Augen, ein widerwärtiger, hämischer Geselle, der
»- - kalt und frech
Ihn vor sich selbst erniedrigt -«
Ich bin ohne Zweifel von hässlicher, unangenehmer Gestalt und Gesicht,
zurückstossend, was man, mit mildem Ausdruck markiert, intrikant und im gemeinen
Leben einen abgefeimten Spitzbuben zu nennen pflegt.
    Daher sagt Gretchen von mir:
»Der Mensch, den du da bei dir hast,
Ist mir in tiefer innrer Seele verhasst.
Es hat mir in meinem Leben
So nichts einen Stich ins Herz gegeben
Als des Menschen widrig Gesicht. -
Seine Gegenwart bewegt mir das Blut,
Ich hab vor dem Menschen ein heimlich Grauen. -
- Kommt er einmal zur Tür herein
Sieht er immer so spöttisch drein
Und halb ergrimmt. -
Es steht ihm an der Stirn geschrieben,
Dass er nicht mag eine Seele lieben« etc.
Daher sage ich auch nachher:
»Und die Physiognomie versteht sie meisterlich,
In meiner Gegenwart wird ihr, sie weiss nicht wie,
Mein Mäskchen da weissagt verborgnen Sinn,
Sie fühlt, dass ich ganz sicher ein Genie,
Vielleicht wohl gar der Teufel bin.«
Soll dies bei Gretchen Ahnung sein? Ist sie befangen in der Nähe eines Wesens,
das, wie man sagt, ihren Gott verleugnet? Ist es etwa ein unangenehmer Geruch,
eine schwüle Luft, die ihr meine Nähe ängstlich macht? Ist es kindlicher Sinn,
der den Teufel früher ahnet, als der schon gefallene Mensch, wie Hunde und
Pferde vor nächtlichem Spuk scheuen, wenn sie ihn auch nicht sehen? Nein - es
ist nur allein mein Gesicht, mein Mäskchen, mein lauernder Blick, mein
höhnisches Lächeln, das sie ängstlich macht, so ängstlich, dass sie sagt:
»- Wo er nur mag zu uns treten,
mein ich sogar, ich liebte dich nicht mehr -«
Wozu nun dies? warum soll der Teufel ein Gesicht schneiden, das jedermann
Misstrauen einflösst, das zurückschreckt, statt dass die Sünde, nach den
gewöhnlichsten Begriffen, sich lockend, reizend sehen lässt?
    Wer hat nicht die herrlichen Umrisse über Goetes Faust von dem genialen
Retsch gesehen! Gewiss, selbst der Teufel muss an einem solchen Kunstwerk Freude
haben. Ein paar Striche, ein paar Pünktchen bilden das liebliche, sinnige
Gesicht des kindlichen, keuschen Gretchens, Faust in der vollendeten Blüte des
Mannes steht neben ihr, welche Würde noch in dem gefallenen Göttersohn!
    Aber der Maler folgt der Idee des Dichters, und siehe, ein Scheusal in
Menschengestalt steht neben jenen lieblichen Bildern. Die unangenehmen Formen
des dürren Körpers, das ausgedörrte Gesicht, die hässliche Nase, die
tiefliegenden Augen, die verzerrten Mundwinkel - hinweg von diesem Bild, das
mich schon so oft geärgert hat.8
    Und warum diese hässliche Gestalt? frage ich noch einmal. Darum, antworte
ich, weil Goete, der so hoch über seinem Werk schwebende Dichter, seinen Satan
antropomorphisiert; um den gefallenen Engel würdig genug darzustellen, kleidet
er ihn in die Gestalt eines tief gefallenen Menschen. Die Sünde hat seinen
Körper hässlich, mager, unangenehm gemacht. In seinem Gesicht haben alle
Leidenschaften gewühlt und es zur Fratze entstellt, aus dem hohlen Auge sprüht
die grünliche Flamme des Neides, der Gier; der Mund ist widrig, hämisch wie der
eines Elenden, der alles Schöne der Erde schon gekostet hat und jetzt aus
Übersättigung den Mund darüber rümpft; der Unschuld ist es nicht wohl in seiner
befleckenden Nähe, weil ihr vor diesen Zügen schaudert.
    So hat der Dichter, weil er einen schlechten Menschen vor Augen hatte, einen
schlechten Teufel gemalt.
    Oder steht etwa in der Mytologie des Herrn von Goete, der Teufel könne nun
einmal nicht anders aussehen, er könne sein Gesicht, seine Gestalt nicht
verwandeln? Nein, man lese:
»Auch die Kultur, die alle Welt beleckt,
Hat auf den Teufel sich erstreckt;
Das nordische Phantom ist nun nicht mehr zu schauen,
Wo siehst du Hörner, Schweif und Klauen?
Du nennst mich Herr Baron, so ist die Sache gut,
Ich bin ein Kavalier, wie andre Kavaliere;«
Und an einem andern Ort lässt er mich mein Gesicht ein »Mäskchen« nennen;
folglich kann er sich eine Maske geben, kann sich verwandeln; aber wie gesagt,
der Dichter hat sich begnügt, das nordische Phantom dennoch beizubehalten, nur
dass er mich von »Hörnern, Schweif und Klauen« dispensiert.
    Dies ist das Bild des Mephistopheles, dies ist Goetes Teufel, jenes
nordische Phantom soll mich vorstellen; darf nun ein vom Dichter so hoch
gestellter Mensch durch eine so niedrige Kreatur, die sich schon durch ihre
Maske verdächtig macht, ins Verderben geführt werden? darf jener grosse Geist,
der noch in seinem Falle die übrigen hoch überragt, darf er durch einen
gewöhnlichen »Bruder Lüderlich«, als welchen sich Mephisto ausweist,
herabgezogen werden? Und - muss nicht diese Maske der Würde jener Tragödie
Eintrag tun?
    Doch ich schweige; an geschehenen Dingen ist nichts zu ändern, und meine
verehrte Grossmutter würde über diesen Gegenstand zu mir sagen:
    »Söhnchen! Diabole! Bedenke, dass ein grosser Dichter ein grosses Publikum
haben, und um ein grosses Publikum zu bekommen, so populär als möglich sein muss.«
 
                              Siebzehntes Kapitel
                                   Der Besuch
Bei diesem allem bleibt »Faust« ein erhabenes Gedicht, und Goete einer der
ersten Geister seiner Zeit, und man darf sich daher nicht wundern, dass ich ein
grosses Verlangen in mir fühlte, diesen Mann einmal zu sehen. Ich hätte ihm einen
unerwarteten Besuch machen können, ja wenn ich oft recht ärgerlich über mein
Zerrbild war, stand ich auf dem Sprung, ihm einmal im Kostüm des Mephistopheles
nächtlicherweile zu erscheinen, und ihm einigen Schrecken in die Glieder zu
jagen; aber eine gewisse Gutmütigkeit, die man zuweilen an mir gefunden hat,
hielt mich immer wieder ab, dem alten Mann eine schlaflose Nacht zu machen.
    Ich entschloss mich daher, als Doctor legens, ein ehrsamer Titel auf Reisen,
ihn zu besuchen, und als solcher kam ich in Weimar an. Es ist mit berühmten
Leuten wie mit einem fremden Tiere; kömmt ein ehrlicher Pächter mit seiner
Familie in die Stadt auf den Jahrmarkt, so ist sein erstes, dass er in der
Schenke den Hausknecht fragt: »Wann kann man den Löwen sehen, Bursche?« »Mein
Herr«, antwortet der Gefragte, »die Affen und der Seehund sind den ganzen Tag zu
haben, der Löwe aber ist am besten aufgelegt, wenn er das Futter im Leib hat,
daher rate ich, um jene Zeit hinzugehen.«
    Geradeso erging es mir in Weimar; ich fuhr von Jena aus mit einem jungen
Amerikaner hinüber. Auch in sein Vaterland war des Dichters Ruhm schon längst
gedrungen, und er machte auf der grossen Tour durch Europa dem berühmten Mann zu
Ehren schon einen Umweg von zwanzig Meilen. In dem Gastof, wo wir abgestiegen
waren, fragten wir sogleich, um welche Zeit wir bei Herrn von Goete vorkommen
könnten? Wir waren in Reisekleidern, die besonders bei meinem Gefährten etwas
unscheinbar geworden waren; der Wirt musterte uns daher mit misstrauischen
Blicken und fragte, ehe er noch unsere Frage beantwortete, ob wir auch Fracks
bei uns hätten?
    Wir waren glücklicherweise beide damit versehen, und unser Wirt versprach,
uns sogleich anmelden zu lassen. »Sie werden wahrscheinlich nach dem Diner, um
fünf Uhr angenommen werden, um diese Zeit sind Seine Exzellenz am besten zu
sprechen. Zweifle auch gar nicht, dass Sie angenommen werden, denn wenn man, wie
der Herr hier, eigens deswegen aus Amerika nach Weimar kömmt, wäre es doch
unbarmherzig, einen ungesehen wieder fortzuschicken.«
    Dieser Patriotismus ging doch wahrhaftig sehr weit; doch wir liessen den
guten Mann auf dem Glauben, der junge Philadelphier komme recta nach Weimar, und
gehe von da wieder heim; übrigens hatte er richtig prophezeit: Doctor legens
Supfer, wie ich mich nannte, und Fortill aus Amerika, waren auf fünf Uhr
bestellt.
    Endlich schlug die Stunde, wir machten uns auf den Weg. Der Dichter wohnt
sehr schön. Eine sanfte, geschmackvolle, mit Statüen dekorierte Treppe führt zu
ihm; eine tiefe, geheimnisvolle Stille lag auf dem Hausgang, den wir betraten;
schweigend führte uns der Diener in das Besuchzimmer. Behagliche Eleganz,
Zierlichkeit und Feinheit, verbunden mit Würde, zeichneten dieses Zimmer aus.
Mein junger Gefährte betrachtete staunend diese Wände, diese Bilder, diese
Meubles. So hatte er sich wohl das »Stübchen des Dichters« nicht vorgestellt.
Mit der Bewunderung dieser Umgebungen schien auch die Angst vor der Grösse des
Erwarteten zu steigen. Alle Nüancen von Rot wechselten auf seinem angenehmen
Gesicht; sein Herz pochte hörbar, sein Auge war starr an die Türe geheftet,
durch welche der Gefeierte eintreten musste.
    Ich hatte indes Musse genug, über den grossen Mann nachzudenken. Wieviel
weiter, sagte ich mir, wie unendlich weiter helfen dem Sterblichen Gaben des
Geistes als der zufällige Glanz der Geburt.
    Der Sohn eines unscheinbaren Bürgers von Frankfurt hat hier die höchste
Stufe erreicht, die dem Menschen, nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge,
offensteht. Es hat schon mancher diese Stufe erstiegen. Geschäftsmänner vom Fach
haben vom bescheidenen Plätzchen an der Türe alle Sitze ihrer Kollegien
durchlaufen, bis endlich der Stuhl, der zunächst am Trone steht, sie in seine
Arme aufnahm. Mancher hat sich auf dem Schlachtfeld das Portefeuille erkämpft. -
Goete hat sich seine eigene Bahn gebrochen, auf welcher ihm noch keiner
voranging, noch keiner gefolgt ist; er hat bewiesen, dass der Mensch kann, was er
will; denn man sage mir nichts von einem das All umfassenden Genie, von einem
Geist, der sein Zeitalter gebildet, es stufenweise zu dem Höheren geführt habe -
das Zeitalter hat ihn gebildet.
    Ich kann mir noch wohl denken, welch heilloses Leben »Werter« in das liebe
Deutschland machte. Die Lotten schienen wie durch einen Zauberschlag aus dem
Boden zu wachsen; die Zahl der Werter war Legion. Aber was war hierin Goetes
Verdienst? Hatte es wirklich nur daran gefehlt, dass er das Hörnchen an den Mund
setzte, und bei dem ersten Ton, den er angab, musste Pfaffe und Laie, Nönnchen
und Dämchen in wunderlichen Kapriolen ihren Sankt-Veits-Tanz beginnen? Wie heisst
dieses grosse schöpferische Geheimnis? Alles zu rechter Zeit. Der »Siegwart«
hatte die harten Herzen aufgetaut und sie für allen möglichen Jammer, für
Mondschein und Gräber empfänglich gemacht, da kommt Goete.
    Die Türe ging auf - er kam.
    Dreimal bückten wir uns tief, und wagten es dann an ihm hinauf zu blinzeln.
Ein schöner, stattlicher Greis! Augen so klar und helle, wie die eines
Jünglings, die Stirne voll Hoheit, der Mund voll Würde und Anmut; er war angetan
mit einem feinen schwarzen Kleid, und auf seiner Brust glänzte ein schöner
Stern. - Doch er liess uns nicht lange Zeit zu solchen Betrachtungen; mit der
feinen Wendung eines Weltmannes, der täglich so viele Bewunderer bei sich sieht,
lud er uns zum Sitzen ein.
    Was war ich doch für ein Esel gewesen, in dieser so gewöhnlichen Maske zu
ihm zu gehen. Doctores legentes mochte er schon viele Hunderte gesehen haben.
Amerikaner, die, wie unser Wirt meinte, ihm zulieb auf die See gingen, gewiss
wenige; daher kam es auch, dass er sich meist mit meinem Gefährten unterhielt.
Hätte ich mich doch für einen gelehrten Irokesen oder einen schönen Geist vom
Mississippi ausgegeben. Hätte ich ihm nicht Wunderdinge erzählen können, wie
sein Ruhm bis jenseits des Ohio gedrungen, wie man in den Kapanen von Louisiana
über ihn und seinen »Wilhelm Meister« sich unterhalte? - So wurden mir einige
unbedeutende Floskeln zuteil, und mein glücklicherer Gefährte durfte den grossen
Mann unterhalten.
    Wie falsch sind aber oft die Begriffe, die man sich von der Unterhaltung mit
einem grossen Manne macht! Ist er als witziger Kopf bekannt, so wähnt man, wenn
man ihn zum erstenmal besucht, einer Art von Elektrisiermaschine zu nahen. Man
schmeichelt ihm, man glaubt, er müsse dann Witzfunken von sich strahlen, wie die
schwarzen Katzen, wenn man ihnen bei Nacht den Rücken streichelt; ist er ein
Romandichter, so spitzt man sich auf eine interessante Novelle, die der Berühmte
zur Unterhaltung nur geschwind aus dem Ärmel schütteln werde; ist er gar ein
Dramatiker, so teilt er uns vielleicht freundschaftlich den Plan zu einem neuen
Trauerspiel mit, den wir dann ganz warm unseren Bekannten wieder vorsetzen
können. Ist er nun gar ein umfassender Kopf wie Goete, einer der, sozusagen, in
allen Sätteln gerecht ist - wie interessant, wie belehrend muss die Unterhaltung
werden; wie sehr muss man sich aber auch zusammennehmen, um ihm zu genügen.
    Der Amerikaner dachte auch so, ehe er neben Goete sass; sein Ich fuhr, wie
das des guten Walt, als er zum Flitte kam9, ängstlich oben in allen vier
Gehirnkammern, und darauf unten in beiden Herzkammern wie eine Maus umher, um
darin ein schmackhaftes Ideenkörnchen aufzutreiben, das er ihm zutragen, und
vorlegen könnte zum Imbiss. Er blickte angstvoll auf die Lippen des Dichters,
damit ihm kein Wörtchen entfalle, wie der Kanditat auf den strengen Examinator,
er knickte seinen Hut zusammen, und zerpflückte einen glacierten Handschuh in
kleine Stücke. Aber welcher Zentnerstein mochte ihm vom Herz fallen, als der
Dichter aus seinen Höhen zu ihm herabstieg, und mit ihm sprach, wie Hans und
Kunz in der Kneipe. Er sprach nämlich mit ihm vom guten Wetter in Amerika, und
indem er über das Verhältnis der Winde zu der Luft, der Dünste des wasserreichen
Amerika zu denen in unserem alten Europa sich verbreitete, zeigte er uns, dass
das All der Wissenschaft in ihm aufgegangen sei, denn er war nicht nur lyrischer
und epischer Dichter, Romanist und Novellist, Lustspiel- und Trauerspieldichter,
Biograph (sein eigener) und Übersetzer - nein, er war auch sogar Meteorolog!
    Wer darf sich rühmen, so tief in das geheimnisvolle Reich des Wissens
eingedrungen zu sein? Wer kann von sich sagen, dass er mit jedem seine Sprache,
d.h. nicht seinen vaterländischen Dialekt, sondern das, was ihm gerade geläufig
und wert sein möchte, sprechen könne. Ich glaube, wenn ich mich als reisender
Koch bei ihm aufgeführt hätte, er hätte sich mit mir in gelehrte Diskussionen
über die geheimnisvolle Komposition einer Gänseleberpastete eingelassen, oder
nach einer Sekundenuhr berechnet, wie lange man ein Beefsteak auf jeder Seite
schmoren müsse.
    Also über das schöne Wetter in Amerika sprachen wir, und siehe - das
Armesündergesicht des Amerikaners hellte sich auf, die Schleusen seiner
Beredsamkeit öffneten sich - er beschrieb den feinen weichen Regen von Kanada,
er liess die Frühlingsstürme von New York brausen, und pries die
Regenschirmfabrik in der Franklinstrasse zu Philadelphia. Es war mir am Ende, als
wäre ich gar nicht bei Goete, sondern in einem Wirtshaus unter guten alten
Gesellen, und es würde bei einer Flasche Bier über das Wetter gesprochen, so
menschlich, so kordial war unser Diskurs; aber das ist ja gerade das grosse
Geheimnis der Konversation, dass man sich angewöhnt - nicht gut zu sprechen,
sondern gut zu hören. Wenn man dem weniger Gebildeten Zeit und Raum gibt zu
sprechen, wenn man dabei ein Gesicht macht, als lausche man aufmerksam auf seine
Honigworte, so wird er nachher mit Entusiasmus verkünden, dass man sich bei dem
und dem köstlich unterhalte.
    Dies wusste der vielerfahrene Dichter, und statt uns von seinem Reichtum ein
Scherflein abzugeben, zog er es vor, mit uns Witterungsbeobachtungen
anzustellen.
    Nachdem wir ihn hinlänglich ennuyiert haben mochten, gab er das Zeichen zum
Aufstehen, die Stühle wurden gerückt, die Hüte genommen, und wir schickten uns
an, unsere Abschiedskomplimente zu machen. Der gute Mann ahnete nicht, dass er
den Teufel zitiere, als er grossmütig wünschte, mich auch ferner bei sich zu
sehen, ich sagte ihm zu, und werde es zu seiner Zeit schon noch halten, denn
wahrhaftig, ich habe seinen Mephistopheles noch nicht hinuntergeschluckt. Noch
einen - zwei Bücklinge, wir gingen. -
    Stumm und noch ganz stupid vor Bewunderung folgte mir der Amerikaner nach
dem Gastof; die Röte des lebhaften Diskurses lag noch auf seiner Wange,
zuweilen schlich ein beifälliges Lächeln um seinen Mund, er schien höchst
zufrieden mit dem Besuch.
    Auf unserem Zimmer angekommen warf er sich heroisch auf einen Stuhl, und
liess zwei Flaschen Champagner auftragen. Der Kork fuhr mit einem Freudenschuss an
die Decke, der Amerikaner füllte zwei Gläser, bot mir das eine, und stiess an auf
das Wohlsein jenes grossen Dichters.
    »Ist es nicht etwas Erfreuliches«, sagte er, »zu finden, so hoch erhabene
Männer seien wie unsereiner? War mir doch angst und bange vor einem Genie, das
dreissig Bände geschrieben; ich darf gestehen, bei dem Sturm, der uns auf offener
See erfasste, war mir nicht so bange, und wie herablassend war er, wie vernünftig
hat er mit uns diskurriert, welche Freude hatte er an mir, wie ich aus dem neuen
Lande kam!« Er schenkte sich dabei fleissig ein, und trank auf seine und des
Dichters Gesundheit, und von der erlebten Gnade und vom Schaumwein benebelt,
sank er endlich mit dem Entschluss, Amerikas Goete zu werden, dem Schlaf in die
Arme.
    Ich aber setzte mich zu dem Rest der Bouteillen. Dieser Wein ist von allen
Getränken der Erde der, welcher mir am meisten behagt, sein leichter flüchtiger
Geist, der so wenig irdische Schwere mit sich führt, macht ihn würdig, von
Geistern, wenn sie in menschlichen Körpern die Erde besuchen, gekostet zu
werden.
    Ich musste lächeln, wenn ich auf den seligen Schläfer blickte; wie leicht ist
es doch für einen grossen Menschen, die andern Menschen glücklich zu machen; er
darf sich nur stellen, als wären sie ihm so ziemlich gleich, und sie kommen
beinahe vom Verstand.
    Dies war mein Besuch bei Goete, und wahrhaftig, ich bereute nicht, bei ihm
gewesen zu sein, denn:
»Von Zeit zu Zeit seh ich den Alten gern,
Und hüte mich mit ihm zu brechen,
Es ist gar hübsch von einem grossen Herrn,
So menschlich mit dem Teufel selbst zu sprechen.«
 
                                       IV
                            Der Festtag im Fegefeuer
                                  Eine Skizze
                Das grösste Glück der Geschichtsschreiber ist, dass die Toten
                nicht gegen ihre Ansichten protestieren können.
                                                                Welt und Zeit. I
                              Achtzehntes Kapitel
                            Beschreibung des Festes.
                  Satan lernt drei merkwürdige Subjekte kennen
Ich teile hier einen Abschnitt aus meinen Memoiren mit, welcher zwar nicht mich
selbst betrifft, den ich mir aber aufzeichnete, weil er mir sehr interessant
war, und vielleicht auch anderen nicht ohne einiges Interesse sein möchte. Er
führt die Aufschrift »Der Festtag im Fegefeuer,« und kam durch folgende
Veranlassung zu diesem Titel. Es ist auf der Erde bei allen grossen Herrn und
Potentaten Sitte, ihre Freude und ihre Trauer recht laut und deutlich zu
begehen. Wenn ein aus fürstlichem Blute stammender Leib dem Staube wiedergegeben
wird, haben die Küster im Land schwere Arbeit, denn man läutet viele Tage lang
alle Glocken. Wird eine Prinzess oder gar ein Stammhalter geboren, so verkündet
schrecklicher Kanonendonner diese Nachricht. Landesväterliche oder
landesmütterliche Geburtstäge werden mit allem möglichen Glanz begangen; die
Bürgermilizen rücken aus, die Honoratioren halten einen Schmaus, abends ist
Ball, oder doch wenigstens in den Landstädtchen bière dansante; kurz, alles lebt
in dulci jubilo an solchen Tagen.
    Um nun meiner guten Grossmutter eine Ehre zu erweisen, hielt ich es auch
schon seit mehreren Jahrhunderten so. Im Fegefeuer, wo sie sich gewöhnlich
aufhält, ist immer an diesem Tage allgemeine Seelenfreiheit. Die Seelen bekommen
diesen Tag über den Körper, den sie auf der Oberfläche hatten, ihre Kleider,
ihre Gewohnheiten, ihre Sitten. Was von Adel da ist, muss Deputationen zum
Handkuss der Alten schicken (in pleno können sie nicht vorgelassen werden, weil
sonst die Prozession einige Tage lang dauerte). Ehemalige Hofmarschälle,
Kammerherren usw. haben den grossen Dienst, und schätzen es sich zur Ehre, die
Honneurs zu machen, die Festlichkeiten zu leiten, die Touren bei den Bällen,
welche abends gegeben werden, zu arrangieren usw.
    Ich erfülle durch diese Festlichkeiten einen doppelten Zweck; einmal fühlt
sich chère Grande-Mama ungemein geschmeichelt durch diese Aufmerksamkeit,
zweitens gelte ich unter den Seelen für einen honetten Mann, der ihnen auch ein
Vergnügen gönnt, drittens macht dieser einzige Tag, in Freude und alten
Gewohnheiten zugebracht, dass die Seelen sich nachher um so unglücklicher fühlen;
was ganz zu dem Zweck einer solchen Anstalt, wie das Fegefeuer ist, passt.
    An einem solchen Festtag gehe ich dann verkleidet durch die Menge; manchmal
erkennt man mich zwar, ein tausendstimmiges: »Vivat der Herr Teufel! vive le
diable!« erfreut dann mein landesväterliches Herz, doch weiss ich wohl, dass es
nicht weniger erzwungen ist, als ein Hurra auf der Oberwelt, denn sie glauben,
ich drücke sie noch mehr, wenn sie nicht schreien.
    In meinem Inkognito besuche ich dann die verschiedenen Gruppen; tout comme
chez vous, meine Herren, nur etwas grotesker, Kaffeegesellschaften, Tee von
allen Sorten, diplomatische, militärische, teologische, staatswirtschaftliche,
medizinische Klubs finden sich wie durch natürlichen Instinkt zusammen, machen
sich einen guten Tag und führen ergötzliche Gespräche, die, wenn ich sie
mitteilen wollte, auf manches Ereignis neuerer und älterer Zeit ein hübsches
Licht werfen würden.
    Einst trat ich in einen Saal des Café de Londres (denn, nebenbei gesagt, es
ist an diesem Tag alles auf grossem Fuss und höchst elegant eingerichtet) ich traf
dort nur drei junge Männer, die aber durch ihr Äusseres gleich meine Neugierde
erweckten und mir, wenn sie ins Gespräch miteinander kommen sollten, nicht wenig
Unterhaltung zu versprechen schienen. Ich verwandelte daher meinen Anzug in das
Kostüm eines flinken Kellners und stellte mich in den Saal, um die Herrschaften
zu bedienen.
    Zwei dieser jungen Leute beschäftigten sich mit einer Partie Billard; ich
markierte ihnen und betrachtete mir indes den dritten. Er war nachlässig in
einen geräumigen Fauteuil zurückgelehnt, seine Beine ruhten auf einem vor ihm
stehenden kleineren Stuhl, seine linke Hand spielte nachlässig mit einer
Reitgerte, sein rechter Arm unterstützte das Kinn. Ein schöner Kopf! das Gesicht
länglich und sehr bleich; die Stirne hoch und frei, von hellbraunen,
wohlfrisierten Haaren umgeben, die Nase gebogen und spitzig wie aus weissem Wachs
geformt, die Lippen dünn und angenehm gezogen, das Auge blau und hell, aber
gewöhnlich kalt und ohne alles Interesse langsam über die Gegenstände
hingleitend; dies alles und ein feiner Hut enger oben als unten, nachlässig auf
ein Ohr gedrückt, liessen mich einen Engländer vermuten. Sein sehr feines
blendend weisses Linnenzeug, die gewählte, überaus einfache Kleidung konnte nur
einem Gentleman, und zwar aus den höchsten Ständen gehören. Ich sah in meiner
Liste nach, und fand, es sei Lord Robert Foterhill. Er winkte, indem ich ihn so
betrachtete, mit den Augen, weil es ihm wahrscheinlich zu unbequem war, zu
rufen, ich eilte zu ihm, und stellte auf seinen Befehl ein grosses Glas Rum, eine
Havannazigarre und eine brennende Wachskerze vor ihn hin.
    Die beiden andern Herren hatten indes ihr Spiel geendigt und nahten sich dem
Tische, an welchem der Engländer sass; ich warf schnell einen Blick in meine
Liste und erfuhr, der eine sei ein junger Franzose, Marquis de Lasulot, der
andere ein Baron von Garnmacher, ein Deutscher.
    Der Franzose war ein kleines untersetztes, gewandtes Männchen. Sein
schwarzes Haar und der dichtgelockte schwarze Backenbart standen sehr hübsch zu
einem etwas verbrannten Teint, hochroten Wangen und beweglichen, freundlichen
schwarzen Augen; um die vollen roten Lippen und das wohlgenährte Kinn zog sich
jenes schöne unnachahmliche Blau, welches den Damen so wohl gefallen soll, und
in England und Deutschland bei weitem seltener, als in südlichern Ländern
gefunden wird, weil hier der Bartwuchs dunkler, dichter und auch früher zu sein
pflegt, als dort.
    Offenbar ein Incroyable von der Chaussee d'Antin! Das elegante Negligé, wie
es bis auf die geringste Kleinigkeit hinaus der eigensinnige Geschmack der
Pariser vor vier Monaten (so lange mochte der junge Herr bereits verstorben
sein) haben wollte. Von dem, mit zierlicher Nachlässigkeit umgebundenen
ostindischen Halstuch, dem kleinen blassroten Shawl mit einer Nadel à la Duc de
Berry zusammengehalten, bis herab auf die Kamaschen, die man damals seit drei
Tagen nach innen zuknöpfte, bis auf die Schuhe, die, um als modisch zu gelten,
an den Spitzen nach dem grossen Zehen sich hinneigen, und ganz ohne Absatz sein
mussten, ich sage bis auf jene Kleinigkeiten, die einem Ungeweihten, geringfügig
und miserabel, einem, der in die Mysterien hinlänglich eingeführt ist, wichtig
und unumgänglich notwendig erscheinen, war er gewissenhaft nach dem neuesten
»Geschmack für den Morgen« angezogen.
    Er schien soeben erst seinem Jean die Zügel seines Cabriolets in die Hand
gedrückt, die Peitsche von geglättetem Fischbein kaum in die Ecke des Wagens
gelehnt zu haben und jetzt in meinen Kaffee hereingeflogen zu sein, um mehr
gesehen zu werden, als zu sehen, mehr zu schwatzen, als zu hören.
    Er lorgnettierte flüchtig den Gentleman im Fauteuil, schien sich an dem
ungemeinen Rumglas und dem Rauchapparat, den jener vor sich hatte, ein wenig zu
entsetzen, schmiegte sich aber nichtsdestoweniger an die Seite Seiner Lordschaft
und fing an zu sprechen:
    
    »Werden Sie heute abend den Ball besuchen, mein Herr, den uns Monseigneur le
diable gibt? Werden viel Damen dort sein, mein Herr? ich frage, ich bitte Sie,
weil ich wenig Bekanntschaft hier habe.
    Mein Herr, darf ich Ihnen vielleicht meinen Wagen anbieten, um uns beide
hinzuführen; es ist ein ganz honettes Ding, dieser Wagen, habe ich die Ehre, Sie
zu versichern, mein Herr; er hat mich bei Latonnier vor vier Monaten
achtzehnhundert Franken gekostet. Mein Herr, Sie brauchen keinen Bedienten
mitzunehmen, wenn ich die Ehre haben sollte, Sie zu begleiten, mein Jean ist ein
Wunderkerl von einem Bedienten.«
    So ging es im Galopp über die Zunge des Incroyable. Seine Lordschaft schien
sich übrigens nicht sehr daran zu erbauen. Er sah bei den ersten Worten den
Franzosen starr an, richtete dann den Kopf ein wenig auf, um seine rechte Hand
frei zu machen, ergriff mit dieser - die erste Bewegung seit einer halben Stunde
- das Kelchglas, nippte einige Züge Rum, rauchte behaglich seine Zigarre an,
legte den Kopf wieder auf die rechte Hand, und schien dem Franzosen mehr mit dem
Auge als mit dem Ohr zuzuhören und auch auf diese Art antworten zu wollen, denn
er erwiderte auch nicht eine Silbe auf die Einladung des redseligen Franzosen
und schien, wie sein Landsmann Shakespeare sagt:
                           »der Zähne doppelt Gatter«
vor seine Sprachorgane gelegt zu haben.
    Der Deutsche hatte sich während dieses Gespräches dem Tische genähert, eine
höfliche Verbeugung gemacht und einen Stuhl dem Lord gegenüber genommen. Man
erlaube mir, auch ihn ein wenig zu betrachten. Er war, was man in Deutschland
einen gewichsten jungen Mann zu nennen pflegt, ein Stutzer; er hatte blonde, in
die Höhe strebende Haare, an die etwas niedere Stirne schloss sich ein
»allerliebstes Stumpfnäschen«, über dem Mund hing ein Stutzbärtchen, dessen
Enden hinaufgewirbelt waren, seine Miene war gutmütig, das Auge hatte einen
Ausdruck von Klugheit, der wie gut angebrachtes Licht auf einem grobschattierten
Holzschnitt keinen üblen Effekt hervorbrachte.
    Seine Kleidung, wie seine Sitten schien er von verschiedenen Nationen
entlehnt zu haben. Sein Rock mit vielen Knöpfen und Schnüren war polnischen
Ursprungs; er war auf russische Weise auf der Brust vier Zoll hoch wattiert,
schloss sich spannend über den Hüften an, und formierte die Taille so schlank,
als die einer hübschen Altenburgerin; er hatte ferner enge Reitosen an, weil er
aber nicht selbst ritt, so waren solche nur aus dünnem Nanking verfertigt, aus
ebendiesem Grund mochten auch die Sporen mehr zur Zierde und zu einem
wohltönenden, Aufmerksamkeit erregenden Gang, als zum Antreiben eines Pferdes
dienen. Ein feiner italienischer Strohhut vollendete das gewählte Kostüm.
    Ich sehe es einem gleich bei der Art, wie er den Stuhl nimmt und sich
niedersetzt, an, ob er viel in Zirkeln lebte, wo auch die kleinste Bewegung von
den Gesetzen des Anstandes und der feinen Sitte geleitet wird; der Stutzer
setzte sich passabel, doch bei weitem nicht mit jener feinen Leichtigkeit, wie
der Franzose, und der Engländer zeigte selbst in seiner nachlässigen, halb
sitzenden, halb liegenden Stellung mehr Würde als jener, der sich so gut
aufrecht hielt, als es nur immer ein Tanzmeister lehren kann.
    Diese Bemerkungen, zu welchen ich vielleicht bei weitem mehr Worte verwendet
habe, als es dem Leser dieser Memoiren nötig scheinen möchte, machte ich in
einem Augenblick, denn man denke sich nicht, dass der junge Deutsche mir so lange
gesessen sei, bis ich ihn gehörig abkonterfeit hatte.
    Der Marquis wandte sich sogleich an seinen neuen Nachbar. »Mein Gott, Herr
von Garnmacker«, sagte er, »ich möchte verzweifeln; der englische Herr da
scheint mich nicht zu verstehen und ich bin seiner Sprache zu wenig mächtig, um
die Konversation mit gehöriger Lebhaftigkeit zu führen; denn ich bitte Sie, mein
Herr, gibt es etwas Langweiligeres, als wenn drei schöne junge Leute beieinander
sitzen, und keiner den andern versteht?«
    »Auf Ehre, Sie haben recht«, antwortete der Stutzer in besserem Französisch,
als ich ihm zugetraut hätte; »man kann sich zur Not denken, dass ein Türke mit
einem Spanier Billard spielt, aber ich sehe nicht ab, wie wir unter diesen
Umständen mit dem Herrn plaudern können.«
    »J'ai bien compris, Messieurs«, sagte der Lord ganz ruhig neben seiner
Zigarre vorbei, und nahm wieder einigen Rum zu sich.
    »Ist's möglich, Mylord?« rief der Franzose vergnügt, »das ist sehr gut, dass
wir uns verstehen können! Marqueur, bringen Sie mir Zuckerwasser! O das ist
vortrefflich, dass wir uns verstehen, welch schöne Sache ist es doch um die
Mitteilung, selbst an einem Ort, wie dieser hier.«
    »Wahrhaftig, Sie haben recht, Bester!« gab der Deutsche zu; »aber wollen wir
nicht zusammen ein wenig umherschlendern, um die schöne Welt zu mustern? Ich
nenne Ihnen schöne Damen von Berlin, Wien, von allen möglichen Städten meines
Vaterlandes, die ich bereist habe; ich hatte oben grosse Bekanntschaften und
Konnexionen, und darf hoffen, an diesem verfl... Ort manche zu treffen, die ich
zu kennen das Glück hatte; Mylord nennt uns die Schönen von London, und Sie,
teuerster Marquis, können uns hier Paris im kleinen zeigen.«
    »Gott soll mich behüten!« entgegnete eifrig der Franzose, indem er nach der
Uhr sah, »jetzt, um diese frühe Stunde wollen Sie die schöne Welt mustern?«
    »Meinen Sie, mein Herr, ich habe in diesem détestable purgatoire so sehr
allen guten Ton verlernt, dass ich jetzt auf die Promenade gehen sollte?«
    »Nun, nun«, antwortete der Stutzer, »ich meine nur, im Fall wir nichts
Besseres zu tun wüssten. Sind wir denn nicht hier wie die drei Männer im
Feuerofen? Sollen wir wohl ein Loblied singen wie jene? Doch wenn es Ihnen
gefällig ist, mein Herr, uns einen Zeitvertreib vorzuschlagen, so bleibe ich
gerne hier.«
    »Mein Gott«, entgegnete der Incroyable, »ist dies nicht ein so anständiger
Kaffee, als Sie in ganz Deutschland keinen haben? Und fehlt es uns an
Unterhaltung? Können wir nicht plaudern, soviel wir wollen? Sagen Sie selbst,
Mylord, ist es nicht ein gutes Haus, kann man diesen Salon besser wünschen,
nein! Monsieur le diable hat Geschmack in solchen Dingen, das muss man ihm
lassen.«
    »Une confortable maison!« murmelte Mylord, und winkte dem Franzosen Beifall
zu. »Et ce salon confortable.«
    »Gute Tafel, mein Herr?« fragte der Marquis, »nun die wird auch da sein, ich
denke mir, man speist wohl nach der Charte? Aber meine Herren, was sagen Sie
dazu, wenn wir uns zur Unterhaltung gegenseitig etwas aus unserem Leben erzählen
wollten? Ich höre so gerne interessante Abenteuer, und Baron Garnmacker hat
deren wohl so viele erlebt als Mylord?«
    »God damn! das war ein vernünftiger Einfall, mein Herr«, sagte der
Engländer, indem er mit der Reitgerte auf den Tisch schlug, die Füsse von dem
Stuhl herabzog, und sich mit vieler Würde in dem Fauteuil zurechtsetzte; »noch
ein Glas Rum, Marqueur!«
    »Ich stimme bei«, rief der Deutsche, »und mache Ihnen über Ihren glücklichen
Gedanken mein Kompliment, Herr von Lasulot. - Eine Flasche Rheinwein, Kellner! -
Wer soll beginnen, zu erzählen?«
    »Ich denke, wir lassen dies das Los entscheiden«, antwortete Lord
Foterhill, »und ich wette fünf Pfund, der Marquis muss beginnen.«
    »Angenommen, mein Herr«, sagte mit angenehmem Lächeln der Franzose; »machen
Sie die Lose, Herr Baron, und lassen Sie uns ziehen, Nummer zwei soll beginnen.«
    Baron Garnmacher stand auf und machte die Lose zurecht liess, ziehen und die
zweite Nummer fiel auf ihn selbst.
    Ich sah den Franzosen dem Lord einen bedeutenden Wink zuwerfen, indem er das
linke Auge zugedrückt, mit dem rechten auf den Deutschen hinüberdeutete; ich
übersetzte mir diesen Wink so: »Geben Sie einmal acht, Mylord, was wohl unser
ehrlicher Deutscher vorbringen mag. Denn wir beide sind schon durch den Rang
unserer Nationen weit über ihn erhaben.«
    Baron von Garnmacher schien aber den Wink nicht zu beachten; mit grosser
Selbstgefälligkeit trank er ein Glas seines Rheinweins, wischte in der Eile den
Stutzbart mit dem Rockärmel ab und begann:
 
                              Neunzehntes Kapitel
                       Geschichte des deutschen Stutzers
»Als mein Grossvater, der kaiserlich-königlich -«
    »Ich bitte Sie, mein Herr«, unterbrach ihn der Incroyable, »schenken Sie uns
den Grosspapa, und fangen Sie gleich bei Ihrem Vater an; was war er?«
    »Nun ja, wenn es Ihnen so lieber ist, aber ich hätte mich gerne bei dem
Glanz unserer Familie länger verweilt; mein Vater lebte in Dresden auf einem
ziemlich grossen Fuss -«
    »Was war er denn, der Herr Papa? Sie verzeihen, wenn ich etwas zu neugierig
erscheine, aber zu einer Geschichte gehört Genauigkeit.«
    »Mein Vater«, fuhr der Stutzer etwas missmutig fort, »war Kleiderfabrikant en
gros -«
    »Wie«, fragte der Lord, »was ist Kleiderfabrikant? Kann man in Deutschland
Kleider in Fabriken machen?«
    »Hol mich der Teufel, wie er schon getan!« rief der Stutzer unwillig, und
stiess das Glas auf den Tisch; »das ist nicht die Art, wie man seine Biographie
erzählen kann, wenn man alle Augenblicke von kritischen Untersuchungen
unterbrochen wird; mein Vater hatte ein Haus am Alt-Markt, darin hatte er ein
Atelier und hielt Arbeiter, welche Kleider für die Leute machten!«
    »Mon dieu, also war es, was wir tailleur nennen? ein Schneider?«
    »Nun in Gottes Namen! nennen Sie es, wie Sie wollen, kurz, er hatte die Welt
gesehen, machte ein Haus, und wenn er auch nicht den Adel und die ersten Bürger
in seinen Soirées sah, so war doch ein gewisser guter Ton, ein gewisser Anstand,
ein gewisses, ich weiss nicht was, kurz es war ein ganz anständiger Mann, mein
Papa.«
    Mich selbst erfasste der Lachkitzel, als ich den garçon tailleur so
perorieren hörte, doch fasste ich mich, um den Marqueur nicht aus der Rolle
fallen zu lassen. Der Marquis aber hatte sich zurückgelehnt und wollte sich
ausschütten vor Lachen, der Engländer sah den Stutzer forschend an, unterdrückte
ein Lächeln, das seiner Würde schaden konnte und trank Rum; der deutsche Baron
aber fuhr fort:
    »Sie hätten mich, meine Herren, auf der Oberwelt in Daumenschrauben pressen
können und ich hätte meine Maske nicht vor Ihnen abgenommen. Hier ist es ein
ganz anderes Ding; wer kümmert sich an diesem schlechten Ort um den ehemaligen
Baron von Garnmacher? Darum verletzt mich auch Ihr Lachen nicht im geringsten,
im Gegenteil, es macht mir Vergnügen, Sie zu unterhalten!«
    »Ah! ce noble trait!« rief der Incroyable und wischte sich die Tränen aus
dem Auge, »reichen Sie mir die Hand, und lassen Sie uns Freunde bleiben. Was
geht es mich an, ob Ihr Vater duc oder tailleur war. Erzählen Sie immer weiter,
Sie machen es gar zu hübsch.«
    »Ich genoss eine gute Erziehung, denn meine Mutter wollte mich durchaus zum
Teologen machen, und weil dieser Stand in meinem Vaterland der eigentlich
privilegierte Gelehrtenstand ist, so wurde mir in meinem siebenten Jahre mensa,
in meinem achten amo, in meinem zehnten typto, in meinem zwölften pacat
eingebleut. Sie können sich denken, dass ich bei dieser ungemeinen Gelehrsamkeit
keine gar angenehmen Tage hatte; ich hatte, was man einen harten Kopf nennt; das
heisst, ich ging lieber aufs Feld, hörte die Vögel singen, oder sah die Fische
den Fluss hinabgleiten; sprang lieber mit meinen Kameraden, als dass ich mich oben
in der Dachkammer, die man zum Musensitz des künftigen Pastors eingerichtet
hatte, mit meinem Bröder, Buttmann, Schröder, und wie die Schrecklichen alle
heissen, die den Knaben mit harten Köpfen wie böse Geister erscheinen,
abmarterte.«
    »Ich hatte überdies noch einen andern Gang, der mir viele Zeit raubte; es
war die von früher Jugend an mit mir aufwachsende Neigung zu schönen Mädchen.
Sommers war es in meiner Dachkammer so glühend heiss, wie unter den Bleidächern
des Palastes Sankt Marco in Venedig; wenn ich dann das kleine Schiebfenster
öffnete, um den Kopf ein wenig in die frische Luft zu stecken, so fielen
unwillkürlich meine Augen auf den schönen Garten unseres Nachbars, eines reichen
Kaufmanns; dort unter den schönen Achazien auf der weichen Moosbank sass Amalie,
sein Töchterlein und ihre Gespielinnen und Vertraute. Unwiderstehliche Sehnsucht
riss mich hin; ich fuhr schnell in meinen Sonntagsrock, frisierte das Haar mit
den Fingern zurecht und war im Flug durch die Zaunlücke bei der Königin meines
Herzens.
    Denn diese Charge begleitete sie in meinem Herzen im vollsten Sinne des
Wortes. Ich hatte in meinem eilften Jahre den grössten Teil der Ritter- und
Räuberromane meines Vaterlandes gelesen, Werke, von deren Vortrefflichkeit man
in andern Ländern keinen Begriff hat, denn die erhabenen Namen Cramer und Spiess
sind nie über den Rhein oder gar den Kanal gedrungen. Und doch, wieviel höher
stehen diese Bücher alle, als jene Ritter- und Räuberhistorien des Verfassers
von Waverlei, der kein anderes Verdienst hat, als auf Kosten seiner Leser recht
breit zu sein. Hat der grosse Unbekannte solche vortreffliche Stellen wie die,
welche mir noch aus den Tagen meiner Kindheit im Ohr liegen: Mitternacht,
dumpfes Grausen der Natur, Rüdengebell, Ritter Urian tritt auf.
    Wem pocht nicht das Herz, wem sträubt sich nicht das Haar empor, wenn er
nachts auf einer öden, verlassenen Dachkammer dieses liest; wie fühlte ich da
das Grausen der Natur! und wenn der Hofhund sein Rüdengebell heulte, so war die
Täuschung so vollkommen, dass sich meine Blicke ängstlich an die schlecht
verriegelte Türe hefteten, denn ich glaubte nicht anders, als Ritter Urian trete
auf.
    Was war natürlicher, als dass bei so lebhafter Einbildungskraft, auch mein
Herz Feuer fing? Jede Berta, die ihren Ritter die Feldbinde umhing, jede Ida,
die sich auf den Söller begab, um dem, den Schlossberg hinabdonnernden Liebsten
noch einmal mit dem Schleier zuzuwedeln, jede Agnes, Hulda usw. verwandelte sich
unwillkürlich in Amalien.
    Doch auch sie war diesem Tribut der Sterblichkeit unterworfen. Aus ihrer
Sparbüchse nämlich wurden die Romane angeschafft. Wenn einer gelesen war, so
empfing ich ihn, las ihn auch, trug ihn dann wieder in die Leihbibliotek, und
suchte dort immer die Bücher heraus, welche entweder keinen Rücken mehr hatten,
oder vom Lesen so fett geworden waren, dass sie mich ordentlich anglänzten. Das
sind so die echten nach unserem Geschmack, dachte ich, und sicher war es ein 
Rinaldo Rinaldini ein Domschütz, ein alter Überall und Nirgends, oder sonst
einer unserer Lieblinge.
    Zu Hause band ich ihn dann in alte lateinische Schriften ein, denn Amalie
war sehr reinlich erzogen, und hätte, wenn auch das Innere des Romans nicht
immer sehr rein war, doch nie mit blossen Fingern den fetten Glanz ihrer
Lieblinge betastet. Ehrerbietig trug ich ihn dann in den Garten hinüber, und
überreichte ihn; und nie empfing ich ihn zurück, ohne dass mir Amalie die
schönsten Stellen mit Strickgarn oder einer Stecknadel bezeichnet hätte. So
lasen und liebten wir; unsere Liebe richtete sich nach dem Vorbild, das wir
gerade lasen; bald war sie zärtlich und verschämt, bald feurig und stürmisch, ja
wenn Eifersuchten vorkamen, so gaben wir uns alle mögliche Mühe, einen
Gegenstand, eine Ursache für unser namenloses Unglück zu ersinnen.
    Mein gewöhnliches Verhältnis zu der reichen Kaufmannstochter war übrigens
das eines Edelknaben von dunkler Geburt, der an dem Hof eines grossen Grafen oder
Fürsten lebt, eine unglückliche Leidenschaft zu der schönen Tochter des Hauses
bekommt, und endlich von ihr heimliche, aber innige Gegenliebe empfängt. Und wie
lebhaft wusste Amalie ihre Rolle zu geben; wie gütig, wie herablassend war sie
gegen mich! wie liebte sie den schönen, ritterlichen Edelknaben, dem kein
Hindernis zu schwer war, zu ihr zu gelangen, der den breiten Burggraben (die
Entenpfütze in unserm Hof) durchwadet, der die Zinnen des Walles (den
Gartenzaun) erstiegen, um in ihr Gartengemach (die Moosbank unter den Achazien)
sich zu schleichen. Tausend Dolche (die Nägel auf dem Zaun, die meinen
Beinkleidern sehr gefährlich waren) tausend Dolche lauern auf ihn, aber die
Liebe führt ihn unbeschädigt zu den Füssen seiner Herrin.
    Das einzige Unglück bei unserer Liebe war, dass wir eigentlich gar kein
Unglück hatten. Zwar gab es hie und da Grenzstreitigkeiten zwischen dem armen
Ritter, meinem Vater, und dem reichen Fürsten (dem Kaufmann), wenn nämlich eines
unserer Hühner in seinen Garten hinübergeflogen war, und auf seinen Mistbeeten
spazierenging; oder es kam sogar zu wirklicher Fehde, wenn der Fürst einen
Herold (seinen Ladendiener) zu uns herüberschickte und um den Tribut mahnen liess
(weil mein Vater eine sehr grosse Rechnung in dem Kontobuch des Fürsten hatte).
Aber dies alles war leider kein nötigendes Unglück für unsere Liebe, und diente
nicht dazu, unsere Situationen noch romantischer zu machen.
    Die einzige Folge, die aus meinem Lesen und meiner Liebe entstand, war mein
hartes Unglück, immer unter den letzten meiner Klasse zu sein, und von dem alten
Rektor tüchtig Schläge zu bekommen; doch auch darüber belehrte und tröstete mich
meine Herrin. Sie entdeckte mir nämlich, dass des Herzogs (des Rektors) ältester
Prinz um ihre Liebe gebuhlt und sie aus Liebe zu mir den Jüngling abgewiesen
habe; er aber habe gewiss unsere Liebe und den Grund seiner Abweisung entdeckt
und sie dem alten Vater, dem Rektor, beigebracht, der sich dafür auf eine so
unwürdige Art an mir räche. Ich liess die Gute auf ihrem Glauben, wusste aber
wohl, woher die Schläge kamen; der alte Herzog wusste, dass ich die
unregelmässigen, griechischen Verba nicht lernte, und dafür bekam ich Schläge.
    So war ich fünfzehn, und meine Dame vierzehn Jahre alt geworden, ungetrübt
war bis jetzt der Himmel unserer Liebe gewesen, da ereigneten sich mit einem Mal
zwei Unglücksfälle, wovon schon eines für sich hinreichend gewesen wäre, mich
aus meinen Höhen herabzuschmettern.
    Es war die Zeit, wo nach dem Frieden von Paris die Fouqéschen Romane
anfingen, in meinem Vaterlande Mode zu werden....«
    »Was ist das, Fouquésche Romane?« fragte der Lord.
    »Das sind lichtbraune, fromme Geschichten; doch durch diese Definition
werden Sie nicht mehr wissen als vorher. Herr von Fouqué ist ein frommer
Rittersmann, der, weil es nicht mehr an der Zeit ist, mit Schwert und Lanze zu
turnieren, mit der Feder in die Schranken reitet, und kämpft, wie der gewaltigen
Währinger einer. Er hat das ein wenig rohe und gemeine Mittelalter modernisiert,
oder vielmehr unsere heutige modische Welt in einigen frommen Mystizismus
einbalsamiert, und um fünfhundert Jahre zurückgeschoben. Da schmeckt nun alles
ganz süsslich und sieht recht anmutig, lichtdunkel aus; die Ritter, von denen man
vorher nichts anders wusste, als sie seien derbe Landjunker gewesen, die sich aus
Religion und feiner Sitte so wenig machten, als der Grosstürke aus dem sechsten
Gebot, treten hier mit einer bezaubernden Courtoisie auf, sprechen in feinen
Redensarten, sind hauptsächlich fromm und kreuzgläubig.
    Die Damen sind moderne Schwärmerinnen, nur keuscher, reiner, mit steifen
Krägen angetan, und überhaupt etwas ritterlich aufgeputzt. Selbst die edlen
Rosse sind glänzender als heutzutage und haben ordentlich Verstand, wie auch die
Wolfshunde und andere solche Getiere.«
    »Mon dieu! solchen Unsinn liest man in Deutschland?« rief der Franzose und
schlug vor Verwunderung die Hände zusammen.
    »O ja, meine Herren, man liest und bewundert; es gab eine Zeit bei uns, wo
wir davon zurückgekommen waren, alles an fremden Nationen zu bewundern; da wir
nun, auf unsere eigenen Herrlichkeiten beschränkt, nichts an uns fanden, das wir
bewundern konnten, als die tempi passati - so warfen wir uns mit unserem
gewöhnlichen Nachahmungseifer auf diese und wurden allesamt altdeutsch.
    Mancher hatte aber nicht Phantasie genug, um sich ganz in jene herrliche
vergangene Zeiten hineinzudenken, man fühlte allgemein das Bedürfnis von
Handbüchern, die, wie Modejournale neuerer Zeit, über Sitten und Gebräuche bei
unseren Vorfahren uns belehrt hätten, da trat jener fromme Ritter auf, ein
zweiter Orpheus, griff er in die Saiten und es entstand ein neu Geschlecht; die
Mädchen, die bei den französischen Garnisonen etwas frivol geworden waren,
wurden sittige, keusche, fromme Fräulein, die jungen Herren zogen die modischen
Fracks aus, liessen Haar und Bart wachsen, an die Hemder eine halbe Elle Leinwand
setzen, und Kleider machen Leute sagt ein Sprichwort, probatum est, auch sie
waren tugendlich, tapfer und fromm.«
    »God damn! Sie haben recht, ich habe solche Figuren gesehen«, unterbrach ihn
der Engländer, »vor acht Jahren machte ich die grosse Tour und kam auch nach der
Schweiz. Am Vierwaldstätter See liess ich mir den Ort zeigen, wo die Schweizer
ihre Republiken gestiftet haben. Ich traf auf der Wiese eine Gesellschaft, die
wunderlich, halb modern, halb aus den Garderoben früherer Jahrhunderte sich
gekleidet zu haben schien. Fünf bis sechs junge Männer sassen und standen auf der
Wiese und blickten mit glänzenden Augen über den See hin. Sie hatten wunderbare
Mützen auf dem Kopf, die fast anzusehen waren wie Pfannkuchen. Lange wallende
Haare fielen in malerischer Unordnung auf den Rücken und die Schultern; den Hals
trugen sie frei und hatten breite, zierlich gestickte Krägen, wie heutzutage die
Damen tragen, herausgelegt.
    Ein Rock, der offenbar von einem heutigen Meister, aber nach antiker Form
gemacht war, kleidete sie nicht übel; er schloss sich eng um den Leib und zeigte
überall den schönen Wuchs der jungen Männer. In sonderbarem Kontrast damit
standen weite Pluderhosen von grober Leinwand. Aus ihren Röcken sahen drohende
Dolchgriffe hervor, und in der Hand trugen sie Beilstöcke, ungefähr wie die
römischen Liktoren. Gar nicht recht wollte aber zu diesem Kostüm passen, dass sie
Brillen auf der Nase hatten und gewaltig Tabak rauchten.
    Ich fragte meinen Führer, was das für eine sonderbare Armatur und Uniform
wäre, und ob sie vielleicht eine Besatzung der Grütli-Wiese vorstellen sollten?
Er aber belehrte mich, dass es fahrende Schüler aus Deutschland wären.
Unwillkürlich drängte sich mir der Gedanke an den fahrenden Ritter Don Quijote
auf, ich stieg lachend in meinen Kahn und pries mein Glück, auf einem Platz, der
durch die erhabenen Erinnerungen, die er erweckt, nur zu leicht zu träumerischen
Vergleichungen führt, eine so groteske Erscheinung aus dem Leben gehabt zu
haben. Die jungen Deutschen söhnten mich aber wieder mit sich aus, denn als mein
Kahn über den See hingleitete, erhoben sie einen vierstimmigen Gesang in so
erhabener Melodie, mit so würdigen, ergreifenden Wendungen, dass ich ihnen in
Gedanken das Vorurteil abbat, welches ihr Kostüm in mir erweckt hatte.«
    »Nun ja, da haben wir's«, fuhr der Baron von Garnmacher fort, »so sah es
damals unter alt und jung in Deutschland aus; auch ich hatte Fouquésche Romane
gelesen, wurde ein frommer Knab, trug mich wie alle meine Kameraden altdeutsch
und war meiner Herrin, der wunnigen Maid mit einer keuschen, inniglichen Minne
zugetan. Auf Amalien machte übrigens der Zauberring, die Fahrten Tiodolfs etc.
nicht den gewünschten Eindruck; sie verlachte die sittigen, lichtbraunen,
blauäugigen Damen, besonders die Berta von Lichtenriet, und pries mir
Lafontaine und Langbein, schlüpfrige Geschichten, welche ihr eine ihrer
Freundinnen zugesteckt hatte.
    Ich war zu erfüllt von dem deutschen Wesen, das in mir aufging, als dass ich
ihr Gehör gegeben hätte, aber der lüsterne Brennstoff jener Romane brannte fort
in dem Mädchen, das sich, weil sie für ihr Alter schon ziemlich gross war, für
eine angehende Jungfrau hielt, und kurz - es gab eine Josephsszene zwischen uns;
ich hüllte mich in meinen altdeutschen Rock und meine Fouquésche Tugend ein und
floh vor den Lockungen der Sirene; wie mein Held Tiodolf vor der herrlichen
Zoe.
    Die Folge davon war, dass sie mich als einen Unwürdigen verachtete, und dem
Prinzen, des Rektors Sohn, ihre Liebe schenkte. Ob er mit ihr Lafontaine und
Langbein studierte, weiss ich nicht zu sagen, nur so viel ist mir bekannt, dass
ihn der Fürst, Amaliens Vater, einige Wochen nachher eigenhändig aus dem Garten
gepeitscht hat.
    Ich sass jetzt wieder auf meinem Dachkämmerlein, hatte die hebräische Bibel
und die griechischen Unregelmässigen vor mir liegen und auf ihnen meine Romane.
An manchem Abend habe ich dort heisse Tränen geweint und durch die Jalousien in
den Garten hinabgeschaut, denn die zuchtlose Jungfrau sollte meinen Jammer nicht
erschauen, sie sollte den Kampf zwischen Hass und Liebe nicht auf meinem Antlitz
lesen. Ich war fest überzeugt, dass so unglücklich wie ich, kein Mensch mehr sein
könne und höchstens der unglückliche Otto von Trautwangen, als er in Frankreich
mit seinem vernünftigen lichtbraunen Rösslein eine Höhle bewohnte, konnte
vielleicht so kummervoll gewesen sein wie ich.
    Aber das Mass meiner Leiden war nicht voll; hören Sie, wie aus entwölkter
Höhe, mich ein zweiter Donner traf.
    Der alte Rektor hatte seinen Schülern ein Tema zu einem Aufsatz gegeben,
worin wir die Frage beantworten sollten, wen wir für den grössten Mann
Deutschlands halten? Es sollte sein Wert geschichtlich nachgewiesen, Gründe für
und wider angegeben und überhaupt alles recht gelehrt abgemacht werden. Ich
hatte, wie ich Ihnen schon bemerkt habe, meine Herren, immer einen harten Kopf,
und Aufsätze mit Gründen waren mir von jeher zuwider gewesen, ich hatte also
auch immer mittelmässige oder schlechte Arbeit geliefert. Aber für diese Arbeit
war ich ganz begeistert, ich fühlte eine hohe Freude in mir, meine Gedanken über
die grossen Männer meines Vaterlandes zu sagen und meine Ideale (und wer hat in
diesen Jahren nicht solche) in gehöriges Licht setzen zu können.
    Geschichtlich sollte das Ding abgefasst werden? was war leichter für mich als
dies; jetzt erst fühlte ich den Nutzen meines eifrigen Lesens; wo war einer, der
so viele Geschichten gelesen hatte als ich? Und wer, der irgendeinmal diese
Bücher der Geschichten in die Hand nahm, wer konnte in Zweifel sein, wer die
grössten Männer meines Vaterlandes seien? Zwar war ich noch nicht ganz mit mir
selbst im reinen, wem ich die Krone zuerkennen sollte; Hasper a Spada? es ist
wahr, es war ein Tapferer, der Schrecken seiner Feinde, die Liebe seiner
Freunde; aber, wie die Geschichte sagt, war er sehr stark dem Trinken ergeben
und dies war doch schon eine Schlacke in seinem fürtrefflichen Charakter; Adolph
der Kühne, Raugraf von Dassel? Er hat schon etwas mehr von einem grossen Mann;
wie schrecklich züchtigt er die Pfaffen! Wenn er nur nicht in der Historie nach
Rom wandeln und Busse tun müsste, aber dies schwächt doch sein majestätisches
Bild. Es ist wahr, Otto von Trautwangen glänzt als ein Stern erster Grösse in der
deutschen Geschichte, dachte ich weiter, aber auch er scheint doch nicht der
grösste gewesen zu sein, wiewohl seine Frömmigkeit, die sehr in Anschlag zu
bringen ist, jeden Zauber überwand.
    Island gehörte wohl auch zum deutschen Reich, wahrhaftig unter allen
deutschen Helden ist doch keiner, der dem Tiodolf das Wasser reicht. Stark wie
Simson, ohne Falsch wie eine Taube, fromm wie ein Lamm, im Zorn ein Berserker,
es kann nicht fehlen, er ist der grösste Deutsche.
    Ich setzte mich hin und schrieb voll Begeisterung diese Rangordnung nieder;
wohl zehnmal sprang ich auf, meine Brust war zu voll, ich konnte nicht alles
sagen, die Feder, die Worte versagten mir, wohl zehnmal las ich mir mit lauter
Stimme die gelungensten Stellen vor; wie erhaben lautete es, wenn ich von der
Stärke des Isländers sprach, wie er einen Wolf zähmte, wie er in Konstantinopel
ein Pferd nur ein wenig auf die Stirne klopfte, dass es auf der Stelle tot war,
wie grossmütig verschmäht er alle Belohnung, ja er schlägt einen Kaisertron aus,
um seiner Liebe treu zu bleiben, wie kindlich fromm ist er, obgleich er die
christliche Religion nicht recht kannte, wie schön beschrieb ich das alles; ja!
es musste das harte Herz des alten Rektors rühren!
    Ich konnte mir denken, wie er meine Arbeit mit steigendem Beifall lesen, wie
er morgens in die Klasse kommen würde, um unsere Aufsätze zu zensieren; dann
sendet er gewiss einen milden, freundlichen Blick nach dem letzten Platze, wohin
er sonst nur wie ein brüllender Löwe schaute, dann liest er meine Arbeit laut
vor und spricht: Kann man etwas Gelungeneres lesen als dies, und ratet, wer es
gemacht hat? Die Letzten sollen die Ersten werden; der Stein, den die Bauleute
verworfen haben, soll zum Eckstein werden; tritt hervor, mein Sohn, Garnmachere!
Ich habe immer gesagt, du seist ein bête, konnte ich ahnen, dass du mit so
vielem Eifer Geschichten studierst? Nimm hin den Preis, der dir gebührt.
    So musste er sagen, er konnte nicht anders, ohne das schreiendste Unrecht zu
tun. Eifrig schrieb ich jetzt meinen Aufsatz ins reine, und um zu zeigen, dass
ich auch in den neueren Geschichten nicht unbewandert sei, sagte ich am Schluss,
dass ich nach Erfindung des Pulvers den deutschen Alcibiades, und nächst ihm
Hermann von Nordenschild für die grössten Männer halte. Man könne ihnen den
Ritter Euros, welcher nachher als Domschütz mit seinen Gesellen10 so grosses
Aufsehen gemacht habe, was die Tapferkeit betreffe, vielleicht an die Seite
stellen, doch stehen jene beiden auf einem viel höheren Standpunkt.
    Ich brachte dem Rektor triumphierend den Aufsatz und musste ihm beinahe ins
Gesicht lachen, als er mürrisch sagte: Er wird wieder ein schönes Geschmier
haben, Garnmacher!
    Lesen Sie, und dann - richten Sie, gab ich ihm stolz zur Antwort und verliess
ihn.
    Wenn in Ihrem Vaterlande, Mylord, eine Preisfrage gestellt würde, über den
würdigsten englischen Teologen, und es würden in einer gelehrten, mit Phrasen
wohldurchspickten Antwort die Vorzüge des Vicar of Wakefield dargetan, wer würde
da nicht lachen? Wenn Sie, werter Marquis, nach der würdigsten Dame zu den
Zeiten Louis XIV. gefragt würden und Sie priesen die Neue Heloise, würde man Sie
nicht für einen Rasenden halten? Hören Sie, welche Torheit ich begangen hatte!
    Der Samstag, an welchem man unsere Arbeiten gewöhnlich zensierte, erschien
endlich. Sooft dieser Tag sonst erschienen war, war er mir immer ein Tag des
Unglücks gewesen; gewöhnlich schlich ich da mit Herzklopfen zur Schule, denn ich
durfte gewiss sein, wegen schlechter Arbeit getadelt, öffentlich geschmäht zu
werden. Aber wieviel stolzer trat ich heute auf, ich hatte meinen besten Rock
angezogen, den schönsten, feingestickten Hemdkragen angelegt, mein wallendes
Haar war zierlich gescheitelt und gelockt, ich sah stattlich aus und gestand
mir, ich sei auch im Äusseren des Preises nicht unwürdig, welcher mir heute
zuteil werden sollte.
    Der Rektor fing an, die Aufsätze zu zensieren; wie ärmliche, obskure Helden
hatten sich meine Mitschüler gewählt: Hermann, Karl der Grosse, Kaiser Heinrich,
Luter und dergleichen - er ging viele durch, immer kam er noch nicht an meine
Arbeit; ja es war offenbar, meine Helden hatte er auf die Letzt aufgespart - als
die besten!
    Endlich ruhte er einige Augenblicke, räusperte sich und nahm ein Heft mit
rosenfarber Überdecke, das meinige, zur Hand; mein Herz pochte laut vor Freude,
ich fühlte, wie sich mein Mund zu einem triumphierenden Lächeln verziehen
wollte, aber ich gab mir Mühe, bescheiden bei dem Lob auszusehen; der Rektor
begann:
    Und nun komme ich an eine Arbeit, welche ihresgleichen nicht hat auf der
Erde (eart) ich will einige Stellen daraus vorlesen: er deklamierte mit
ungemeinem Patos gerade jene Kraftstellen, welche ich mit so grosser
Begeisterung niedergeschrieben hatte; ein schallendes Gelächter aus mehr als
vierzig Kehlen unterbrach jeden Satz, und als er endlich an den Schluss gelangte,
wo ich mit einer kühnen Wendung dem furchtbaren Domschützen noch einige Blümchen
gestreut hatte, erscholl Bravo! Ancora! und die Tische krachten unter den
beifalltrommelnden Fäusten meiner Mitschüler. Der Rektor winkte Stille und fuhr
fort: Es wäre dies eine gelungene Satire auf die Herren Spiess und Konsorten,
wenn nicht der Verfasser selbst eine Satire auf die Menschheit wäre. Es ist
unser lieber Garnmacher. Tritt hervor du dedecus naturae, hieher zu mir!
    Zitternd folgte ich dem fürchterlichen Wink. Das erste war, als ich vor ihm
stand, dass er mir das rosenfarbene Heft einmal rechts und einmal links um die
Ohren schlug; und jetzt donnerte eine Strafpredigt über mich herab, von der ich
nur so viel verstand, dass ich ein bête war, und nicht wusste, was Geschichte sei.
    Es begegnet zuweilen, dass man im Traum von einer schönen, blumigen
Sonnenhöhe in einen tiefen Abgrund herabfällt; man schwindelt, indem man die
unermesslichen Höhen herabfliegt, man fühlt die unsanfte Erschütterung, wenn man
am Boden zu liegen glaubt, man erwacht und sieht sich mit Staunen auf dem alten
Boden wieder; die Höhe, von der man herabstürzte, ist mit all ihren Blütengärten
verschwunden, ach, sie war ja nur ein Traum!
    So war mir damals, als mich der Rektor aus meinem Schlummer aufschüttelte,
ein tiefer Seufzer war die einzige Antwort, die ich ihm geben konnte, ich war
arm wie jener Krösus, als er vor seinem Sieger Cyrus stand, auch ich hatte ja
alle meine Reiche verloren!!
    Ich sollte bekennen, woher ich die Romane bekommen, wer mir das Geld dazu
gegeben habe; konnte, durfte ich sie, die ich einst liebte, verraten? Ich
leugnete, ich hielt den ganzen Sturm des alten Mannes auf, ich stand wie Mucius
Scaevola.
    Der langen Rede kurzer Sinn war übrigens der, dass ich von meinem Vater ein
Attestat darüber bringen müsse, dass ich das Geld zu solchen Allotriis von ihm
habe, und überdies habe ich am nächsten Montag vier Tage Karzer anzutreten.
Verhöhnt von meinen Mitschülern, die mir Tiodolf, deutscher Alcibiades und
dergleichen nachriefen; in dumpfer Verzweiflung ging ich nach Hause. Es war gar
kein Zweifel, dass mich mein Vater, wenn er diese Geschichte erfuhr, entweder
sogleich totschlagen, oder wenigstens zum Schneidersjungen machen würde. Vor
beidem war mir gleich bange; ich besann mich also nicht lange, band etwas
Weisszeug und einige seltene Dukaten und andere Münzen, welche mir meine Paten
geschenkt hatten, in ein Tuch, warf noch einen Kuss, und den letzten Blick nach
des Nachbars Garten, sagte meinem Dachstübchen Lebewohl, und eine Viertelstunde
nachher wanderte ich schon auf der Strasse nach Berlin, wo mir ein Oheim lebte,
an welchen ich mich vors erste zu wenden gedachte.
    In meinem Herzen war es öde und leer, als ich so meine Strasse zog; meine
Ideale waren zerronnen. Sie hatten also nicht gelebt, diese tapferen, frommen,
liebevollen, biederen Männer, sie hatten nicht geatmet jene lieblichen Bilder
holder Frauen; jene bunte Welt voll Putz und Glanz, alle jene Stimmen, die aus
fernen Jahrhunderten zu mir herübertönten, die mutigen Töne der Trompete,
Rüdengebell, Waffengeklirr, Sporenklang, süsse Akkorde der Laute - alles, alles
dahin, alles nichts als eine löschpapierene Geschichte, im Hirn eines Poeten
gehegt, in einer schmutzigen Druckpresse zur Welt gebracht!
    Ich sah mich noch einmal nach der Gegend um, die ich verlassen hatte; die
Sonne war gesunken, die Nebel der Elbe verhüllten das liebe Dresden, nur die
Spitzen der Türme ragten vergoldet vom Abendrot über dem Dunstmeer.
    So lag auch mein Träumen, mein Hoffen, Vergangenheit und Zukunft in Nebel
gehüllt, nur einzelne hohe Gestalten standen hell beleuchtet wie jene Türme vor
meiner Seele; wohlan! sprach ich bei mir selbst:
O fortes, pejoraque passi
Mecum saepe viri, nunc cantu pellite curas
Cras ingens iterabimus aequor.
Noch einmal breitete ich die Arme nach der Vaterstadt aus, da fühlte ich einen
leichten Schlag auf die Schulter und wandte mich um.«
Der Herausgeber ist in der grössten Verlegenheit; er hat bis auf den Tag, an
welchem er dies schreibt, dem Verleger das Manuskript zum ersten Teil
versprochen, und doch fehlt noch ein grosser Teil des letzten Abschnittes; er ist
noch nicht geweiht, die Messe ist schon vorüber und eine eigene über die paar
Bogen lesen zu lassen, findet sich weder ein gehöriger Vorwand, noch würde das
Werkchen diese bedeutende Ausgabe wert sein. Wir versparen daher die Fortsetzung
des Festtages in der Hölle auf den zweiten Teil.
 
                                  Zweiter Teil
                                     Vorspiel
Worin von Prozessen, Justizräten die Rede,
nebst einer stillschweigenden Abhandlung
»was von Träumen zu halten sei?«
Dieser zweite Teil der Mitteilungen aus den Memoiren des Satan erscheint um ein
völliges Halbjahr zu spät. Angenehm ist es dem Herausgeber, wenn die Leser des
ersten sich darüber gewundert, am angenehmsten, wenn sie sich darüber geärgert
haben; es zeigt dies eine gewisse Vorliebe für die schriftstellerischen Versuche
des Satan, die nicht nur ihm, sondern auch seinem Übersetzer und Herausgeber
erwünscht sein muss.
    Die Schuld dieser Verspätung liegt aber weder in der zu heissen Temperatur
des letzten Spätsommers, noch in der strengen Kälte des Winters, weder im Mangel
an Zeit oder Stoff, noch in politischen Hindernissen; die einzige Ursache ist
ein sonderbarer Prozess, in welchen der Herausgeber verwickelt wurde, und vor
dessen Beendigung er diesen zweiten Teil nicht folgen lassen wollte.
    Kaum war nämlich der erste Teil dieser Memoiren in die Welt versandt und mit
einigen Posaunenstössen in den verschiedenen Zeitungen begleitet worden, als
plötzlich in allen diesen Blättern zu lesen war eine
                               Warnung vor Betrug
»Die bei Fr. Franckh in Stuttgart herausgekommenen Memoiren des Satan sind nicht
von dem im Alten und Neuen Testament bekannten und durch seine Schriften:
Elixiere des Teufels, Bekenntnisse des Teufels, als Schriftsteller berühmten
Teufel, sondern gänzlich falsch und unrecht; was hiemit dem Publikum zur
Kenntnis gebracht wird.«
    Ich gestehe, ich ärgerte mich nicht wenig über diese Zeilen, die von niemand
unterschrieben waren. Ich war meiner Sache so gewiss, hatte das Manuskript von
niemand anders als dem Satan selbst erhalten, und nun, nach vielen Mühen und
Sorgen, nachdem ich mich an den infernalischen Chiffern beinahe blind gelesen,
soll ein solcher anonymer Totschläger über mich herfallen, meine literarische
Ehre aus der Ferne totschlagen und besagte Memoiren für unecht erklären?
    Während ich noch mit mir zu Rate ging, was wohl auf eine solche
Beschuldigung des Betruges zu antworten sei, werde ich vor die Gerichte zitiert
und mir angezeigt, dass ich einer Namensfälschung, eines literarischen Diebstahls
angeklagt sei und zwar - vom Teufel selbst, der gegenwärtig als Geheimer Hofrat
in persischen Diensten lebe. Er behaupte nämlich, ich habe seinen Namen Satan
missbraucht, um ihm eine miserable Scharteke, die er nie geschrieben,
unterzuschieben; ich habe seinen literarischen Ruhm benützt, um diesem
schlechten Büchlein einen schnellen und einträglichen Abgang zu verschaffen;
kurz, er verlange nicht nur, dass ich zur Strafe gezogen, sondern auch dass ich
angehalten werde, ihm Schadenersatz zu geben, »dieweil ihm ein Vorteil durch
diesen Kniff entzogen worden«.
    Ich verstehe so wenig von juridischen Streitigkeiten, dass mir früher schon
der Name Klage oder Prozess Herzklopfen verursachte; man kann sich also wohl
denken, wie mir bei diesen schrecklichen Worten zumute ward. Ich ging
niedergedonnert heim und schloss mich in mein Kämmerlein, um über diesen Vorfall
nachzudenken. Es war mir kein Zweifel, dass es hier drei Fälle geben könne:
entweder hatte mir der Teufel selbst das Manuskript gegeben, um mich nachher als
Kläger recht zu ängstigen und auf meine Kosten zu lachen; oder irgendein böser
Mensch hatte mir die Komödie in Mainz vorgespielt, um das Manuskript in meine
Hände zu bringen, und der Teufel selbst trat jetzt als erbitterter Kläger auf;
oder drittens, das Manuskript kam wirklich vom Teufel, und ein müssiger Kopf
wollte jetzt den Satan spielen und mich in seinem Namen verklagen.
    Ich ging zu einem berühmten Rechtsgelehrten und trug ihm den Fall vor. Er
meinte, es sei allerdings ein fataler Handel, besonders weil ich keine Beweise
beibringen könne, dass das Manuskript von dem echten Teufel abstamme, doch er
wolle das Seinige tun und aus der bedeutenden Anzahl Bücher, die seit Justinians
Corpus juris bis auf das neue birmanische Strafgesetzbuch über solche Fälle
geschrieben worden seien, einiges nachlesen.
    Das juridische Stiergefecht nahm jetzt förmlich seinen Anfang. Es wurde, wie
es bei solchen Fällen herkömmlich ist, so viel darüber geschrieben, dass auf
jeden Bogen der Memoiren des Satan ein Ries Akten kam, und nachdem die Sache ein
Vierteljahr anhängig war, wurde sogar auf Unrechtskosten eine eigene Aktenkammer
für diesen Prozess eingeräumt; über der Türe stand mit grossen Buchstaben: »Acta
in Sachen des persischen G. H. R. Teufels gegen Dr. H-f, betreffend die Memoiren
des Satan.«
    Ein sehr günstiger Umstand für mich war der, dass ich auf dem Titel nicht
»Memoiren des Teufels«, sondern »des Satan« gesagt hatte. Die Juristen waren mit
sich ganz einig, dass der Name Teufel in Deutschland sein Familienname sei, ich
habe also wenigstens diesen nicht zur Fälschung gebraucht; Satan hingegen sei
nur ein angenommener, willkürlicher, denn niemand im Staate sei berechtigt, zwei
Namen zu führen. Ich fing an, aus diesem Umstand günstigere Hoffnungen zu
schöpfen, aber nur zu bald sollte ich die bittere Erfahrung machen, was es
heisse, den Gerichten anheimzufallen. Das Referat in Sachen des et cetera war
nämlich dem berühmten Justizrat Wackerbart in die Hände gefallen, einem Mann,
der schon bei Dämpfung einiger grossen Revolutionen ungemeine Talente bewiesen
hatte, und neuerdings sogar dazu verwendet wurde, bedeutende Unruhen in einem
Gymnasium zu schlichten. Stand nicht zu erwarten, dass ein solcher berühmter
Jurist meine Sache nur als eine cause célèbre ansehen, und sie also handhaben
werde, dass sie, gleichviel, wem von beiden Recht, ihm am meisten Ruhm
einbrächte? Hiezu kam noch der Titel und Rang meines Gegners; Wackerbart hatte
seit einiger Zeit angefangen, sich an höhere Zirkel anzuschliessen, musste ihm da
ein so wichtiger Mann, wie ein persischer geheimer Hofmann, nicht mehr gelten
als ich Armer?
    Es ging wie ich vorausgesehen hatte. Ich verlor meine Sache gegen den
Teufel. Strafe, Schadenersatz, aller mögliche Unsinn wurde auf mich gewälzt, ich
wunderte mich, dass man mich nicht einige Wochen ins Gefängnis sperrte oder gar
hängte. Man hatte hauptsächlich folgendes gegen mich in Anwendung gebracht:
                             »Entscheidungs-Gründe
                                     zu dem
                     vor dem Kriminalgericht Klein-Justeim
                      unter dem 4. Dezbr. 1825, gefällten
                                   Erkenntnis
                           in der Untersuchungssache
                                     gegen
                          den Dr ....f wegen Betrugs.
1. Es ist durch das Zugeständnis des Angeklagten erhoben, dass er keine Beweise
beizubringen weiss, dass die von ihm herausgegebenen Memoiren des Satan wirklich
von dem bekannten, echten Teufel, so gegenwärtig als Geheimer Hofrat in
persischen Diensten lebt, herrühren. Ferner hat der Angeschuldigte ....f
zugegeben, dass die in den öffentlichen Blättern darüber entaltene Ankündigung
mit seinem Wissen gegeben sei.
    2. Die letztgedachte Ankündigung ist also abgefasst, dass hieraus die Absicht
des Verfassers, die Lesewelt glauben zu machen, dass Die Memoiren des Satan von
dem wahren, im Alten und Neuen Testament bekannten und neuerdings als
Schriftsteller beliebten Teufel geschrieben sei, nur allzu deutlich
hervorleuchten tut.
    3. Durch diese Verfahrungsart hat sich der Angeklagte ....f eines Betruges,
alldieweilen solcher im allgemeinen in jedweder auf inpermissen Commodum für
sich oder Schaden anderer gerichteten unrechtlichen Täuschung anderer, entweder
indem man falsche Tatsachen mitteilt oder wahre dito nicht angibt - besteht;
oder um uns näher auszudrücken, da hier die Sprache von einer Ware und
gedrucktem Buch ist - einer Fälschung schuldig gemacht: Denn, durch den Titel
Memoiren des Satan und die Anpreisung des Buches wurde der Lesewelt fälschlich
vorgespiegelt, dass das Buch ausdrücklich von dem unter dem Namen Satan
bekannten, k. persischen Geheimen Hofrat Teufel verfasst sei, was beim Verkauf
des Werkes verursachte, dass es schneller und in grösserer Quantität abging, als
wenn das Büchlein unter dem Namen des Herrn ....f, so dem Publico noch gar nicht
bekannt ist, erschienen wäre, und wodurch die, so es kauften, in ihrer schönen
Erwartung, ein echtes Werk des Teufels in Händen zu haben, schnöde betrogen
wurden.
    4. Wenn der Herr Dr ....f, um sich zu entschuldigen, dagegen einwendet, dass
der Name Satan in Deutschland nur ein angenommener sei, worauf der Teufel, wie
man ihn gewöhnlich nennt, keinen Anspruch zu machen habe, so bemerken wir
Kriminalleute von Klein-Justeim sehr richtig, dass sich ....f auf den Gebrauch
jenes angenommenen, übrigens bekanntermassen den Teufel sehr wohl bezeichnenden
Namen nicht beschränkt, sondern in dem Werke selbst überall durchblicken lässt,
namentlich in der Einleitung, dass der Verfasser derjenige Teufel oder Satan sei,
welcher dem Publico, besonders dem Frauenzimmer, wie auch denen Gelehrten durch
frühere Opera, z.B. die Elixiere des Teufels et cetera rühmlichst bekannt ist,
wodurch wohl ebenfalls niemand anders gemeint ist, als der Geheime Hofrat
Teufel.
    5. Man muss lachen über die Behauptung des Inkulpaten, dass das in Frage
stehende Opusculum, wie auch nicht destoweniger seine Anzeige, eigentlich eine
Satire auf den Teufel und jegliche Teufelei jetziger Zeit sei! Denn diese
Entschuldigung wird durch den Inhalt der Schrift selbst widerlegt; ja, jeder
Leser von Vernunft muss das auch wohl eher für eine etwas geringe Nachäffung der
Teufeleien, als für - eine Satire auf dieselben erkennen. Wäre aber auch, was
wir Juristen nicht einzusehen vermögen, das Werk dennoch eine Satire, so ist
durchaus kein günstiger Umstand für ....f zu ziehen, weil derjenige Käufer, der
etwas Echtes, vom Teufel Verfasstes kaufen wollte, erst nach dem Kauf entdecken
konnte, dass er betrogen sei.
    6. Ausser der völlig rechtswidrigen Täuschung der Lesewelt, Leihbiblioteken
et cetera, ist in der vorliegenden Defraudation auch ein Verbrechen gegen den
begangen, dessen Name oder Firma missbraucht worden; nämlich, und specialiter
gegen den Geheimen Hofrat Teufel, welcher sowohl als Gelehrter und
Schriftsteller, als von wegen des Honorars seiner übrigen Schriften, sehr dabei
interessiert ist, dass nicht das Geschreibsel anderer als von ihm
niedergeschrieben, wie auch erdacht, angezeigt und verkauft werde.
    7. Wenn endlich der Angeklagte behauptet, dass er das Buch arglos
herausgegeben, ohne das Klein-Justeimer Recht hierüber zu kennen, dass ihn auch
bei der Fälschung durchaus keine gewinnsüchtigen Absichten geleitet hätten, so
ist uns dies gleichgültig, und haben nicht darauf Rücksicht zu nehmen, denn
Fälschung ist Fälschung, sei es, ob man englische Teppiche nachahmt und als echt
verkauft, oder Bücher schreibt unter falschem Namen; ist alles nur verkäufliche
Ware und kann den Begriff des Vergehens nicht ändern, weil immer noch die
Täuschung und Anschmierung der Käufer restiert und zwar ebenfalls nichts
destominder auch alsdann, wenn die Memoiren des Satan gleichen Wert mit den
übrigen Büchern des Teufels hätten (was wir Klein-Justeimer übrigens
bezweifeln, da jener Geheimer Hofrat ist), weil dem Ebengedachten schon durch
das Unterschieben eines fremden Machwerkes unter seinem Namen ein Schaden in
juridischem Sinne sein tut.
    Es ist daher, wie man getan hat, erkannt worden usw. usw.
                                                     Gez. Präsident und Räte des
                                           Kriminalgerichtes zu Klein-Justeim.«
Hast du, geneigter Leser, nie die berühmten Nürnberger Gliedermänner gesehen,
so, kunstreich aus Holz geschnitzelt, ihre Gliedlein nach jedem Druck bewegen?
Hast du wohl selbst in deiner Jugend mit solchen Männern gespielt und allerlei
Kurzweil mit ihnen getrieben, und probiert, ob es nicht schöner wäre, wenn er
z.B. das Gesicht im Nacken trüge und den Rücken hinunterschaue, oder ob es nicht
vernünftiger wäre, wenn ihm die Beine ein wenig umgedreht würden, dass er vor-
und rückwärts spaziere, wie man es haben wolle. Das hast du wohl versucht in den
Tagen deiner Kindheit und es war ein unschuldiges Spiel, denn dem Gliedermann
war es gleichgültig, ob ihm die Beine über die Schulter herüberkamen oder nicht,
ob er den Rücken herabschaute oder vorwärts, er lächelte so dumm wie zuvor, denn
er hatte ja kein Gefühl, und es tat ihm nicht weh im Herzen, denn auch dieses
war ja aus Holz geschnitzelt, und wahrscheinlich aus Lindenholz.
    Aber selbst ein solcher Gliedermann sein zu müssen in den täppischen Händen
der Klein-Justeimer Kriminalen! Sie renkten und drehten mir die Glieder,
setzten mir den Kopf so oder so, wie es ihnen gefällig, oder auch nach
Vorschrift des Justinian, drehten und wendeten mein Recht, bis das Kadaver vor
ihnen lag auf dem grünen Sessionstisch, wie sie es haben wollten, mit verrenkten
Gliedern, und sie nun anatomisch aufnotieren konnten, was für Fehler und Kuriosa
an ihm zu bemerken, nämlich, dass er das Gesicht im Nacken, die Füsse einwärts,
die Arme verschränkt et cetera trage, ganz gegen alle Ordnung und Recht.
    Ware, Ware! nannten sie deine Memoiren, o Satan, Ware! als würde dergleichen
nach der Elle aus dem Gehirn hervorgehaspelt, wie es jener Schwarzkünstler und
Eskamoteur getan, der Bänder verschluckte und sie herauszog Elle um Elle aus dem
Rachen. Warenfälschung, Einschwärzen, Defraudation, o welch herrliche Begriffe,
um zu definieren was man will. Und rechtswidrige Täuschung des Publikums, wer
hat denn darüber geklagt? wer ist aufgestanden unter den Tausenden und hat Zeter
geschrien, weil er gefunden, dass das Büchlein nicht von dem Schwarzen selbst
herrühre, dass er den Missetäter bestraft wissen wolle für diese rechtswidrige
Täuschung? O Klein-Justeim, wie weit bist du noch zurück hinter England und
Frankreich, dass du nicht einmal einsehen kannst, Werke des Geistes seien kein
nachgemachter Rum oder Arrak, und gehören durchaus nicht vor deine Schranken.
    Traurig musterte ich das Manuskript des zweiten Teiles, der nun für mich und
das Publikum verloren war; ich dachte nach über das Hohngelächter der Welt, wenn
der erste nur ein Torso, ein schlechtes abgerissenes Stück, verachtet auf den
Schranken der Leihbiblioteken sitze, trübselig auf die hohe Versammlung der
Romane und Novellen aller Art herabschaue, und ihnen ihre abgenützten Gewänder
beneide, die den grossen Furor, welchen sie in der Welt machen, beurkunden, wie
er seine andere Hälfte, seinen Nebenmann, den zweiten herbeiwünsche, um
verbunden mit ihm schöne Damen und Herren zu besuchen, was ihm jetzt als einem
Invaliden beinahe unmöglich war. Da wurde mir eines Morgens ein Brief
überbracht, dessen Aufschrift mir bekannte Züge verriet. Ich riss ihn auf, ich
las:
»Wohlgeborner, sehr verehrter Herr!
Durch den Oberjustizrat Hammel, der vor einigen Tagen das Zeitliche gesegnet,
und an mein Hoflager kam, erfuhr ich zu meinem grossen Ärger die miserabeln
Machinationen, die gegen Euch gemacht werden. Bildet Euch nicht ein, dass sie von
mir herrühren. Mit grossem Vergnügen denke ich noch immer an unser
Zusammentreffen in den Drei Reichskronen zu Mainz, und in meiner jetzigen
Zurückgezogenheit und bei meinen vielen Geschäften im Norden komme ich selten
dazu, eine deutsche Literaturzeitung zu lesen, aber einige Rezensenten, welche
ich sprach, versichern mich, mit welchem Eifer Ihr meine Memoiren herausgegeben
habt, und dass das Publikum meine Bemühungen zu schätzen wisse. Der Prozess, den
man Euch an den Hals warf, kam mir daher um so unerwarteter. Glaubet mir, es ist
nichts als ein schlechter Kunstgriff, um mich nicht als Schriftsteller aufkommen
zu lassen, weil ich ein wenig über ihre Universitäten schimpfte, und die
ästetischen Tees, und Euch wollen sie nebenbei auch drücken. Lasset Euch dies
nicht kümmern, Wertester; gebet immer den zweiten Teil heraus, im Notfall könnet
Ihr gegenwärtiges Schreiben jedermann lesen lassen, namentlich den Wackerbart,
saget ihm, wenn er meine Handschrift nicht kenne, so kenne ich um so besser die
seinige.
    Ich kenne diese Leutchen, sie sind Raubritter und Korsaren, die jeden
berühmten Prozess, der ihnen in die Hände fällt, für gute Prise erklären, und
wenn sie ihn fest haben in den Krallen, so lange deuteln und drehen, bis sie ihn
dahin entscheiden können, wo er ihnen am meisten Ruhm nebst etzlichem Golde
einträgt. Was war bei Euch von beiden zu erheben? Ihr, ein armseliger Doktor der
Philosophie und Magister der brotlosen Künste, was seid Ihr gegen einen
persischen Geheimen Hofrat? Denket also, die Sache sei ganz natürlich
zugegangen, und grämet Euch nicht darüber. Was den persischen Geheimen Hofrat
betrifft, der meine Rolle übernommen hat, so will ich bei Gelegenheit ein Wort
mit ihm sprechen.
    Hier lege ich Euch noch ein kleines Manuskriptchen bei, ich habe es in den
letzten Pfingstfeiertagen in Frankfurt aufgeschrieben, es ist im ganzen ein
Scherz und hat nicht viel zu bedeuten; doch schaltet Ihr es im zweiten Teile
ein, es gibt vielleicht doch Leute, die sich dabei freundschaftlich meiner
erinnern.
    Gehabt Euch wohl; in der Hoffnung Eure persönliche Bekanntschaft bald zu
erneuern, bin ich
                                                 Euer wohlaffektionierter Freund
                                                                     Der Satan.«
Man kann sich leicht denken, wie sehr mich dieser Brief freute. Ich lief
sogleich damit zu dem wackern Mann, der meine Sache geführt hatte, ich zeigte
ihm den Brief, ich erklärte ihm, appellieren zu wollen, an ein höheres Gericht,
und den Originalbrief beizulegen.
    Er zuckte die Achseln und sprach: »Lieber, sie wohnen zusammen in einer
Hausmiete, die Kriminalen; ob Ihr um eine Treppe höher steigen wollet, aus dem
Entresol in die Beletage zu den Vornehmeren, das ist einerlei, Ihr fallet nur um
so tiefer, wenn sie Euch durchfallen lassen. Doch an mir soll es nicht fehlen.«
    So sprach er und focht für mich mit erneuerten Kräften; doch - was half es;
sie stimmten ab, erklärten den persischen für den echten, alleinigen Teufel, der
allein das Recht habe, Teufeleien zu schreiben, und - der Prozess ging auch in
der Beletage verloren.
    Da fasste mich ein glühender Grimm; ich beschloss, und wenn es mich den Kopf
kosten sollte, doch den zweiten Teil herauszugeben, ich nahm das Manuskript
unter den Arm, raffte mich auf und - - erwachte.
    Freundlich strahlte die Frühlingssonne in mein enges Stübchen, die Lerchen
sangen vor dem Fenster und die Blütenzweige winkten herein mich aufzumachen, und
den Morgen zu begrüssen.
    Verschwunden war der böse Traum von Prozessen, Justizräten, Klein-Justeim
und alles was mir Gram und Ärger bereitete, verschwunden, spurlos verschwunden.
    Ich sprang auf von meinem Lager, ich erinnerte mich, den Abend zuvor bei
einigen Gläsern guten Weins über einen ähnlichen Prozess mit Freunden gesprochen
zu haben; da war mir nun im Traume alles so erschienen, als hätte ich selbst den
Prozess gehabt, als wäre ich selbst verurteilt worden von Kriminalrichtern und
Klein-Justeimer Schöppen.
    Ich lächelte über mich selbst! wie pries ich mich glücklich, in einem Lande
zu wohnen, wo dergleichen juridische Exzesse gar nicht vorkämen; wo die Justiz
sich nicht in Dinge mischt, die ihr fremd sind, wo es keine Wackerbärte gibt,
die einen solchen Fund für gute Prise erklären, das Recht zum Gliedermann machen
und drauflos hantieren und drehen, ob es biege oder breche; wo man Erzeugnisse
des Geistes nicht als Ware handhabt, und Satire versteht und zu würdigen weiss,
wo man weder auf den Titel eines persischen Geheimen Hofrats noch auf irgend
dergleichen Rücksicht nimmt.
    So dachte ich, pries mich glücklich und verlachte meinen komischen
Prozesstraum.
    Doch wie staunte ich, als ich hintrat zu meinem Arbeitstisch! Nein, es war
keine Täuschung, da lag er ja, der Brief des Satans, wie ich ihn im Traum
gelesen, da lag das Manuskript, das er mir im Briefe verheissen. Ich traute
meinen Sinnen kaum, ich las, ich las wieder, und immer wurde mir der
Zusammenhang unbegreiflicher.
    Doch ich konnte ja nicht anders, ich musste seinen Wink befolgen, und seinen
»Besuch in Frankfurt« dem zweiten Teile einverleiben.
    Ich gestehe, ich tat es ungern. Ich hatte schon zu diesem Teile alles
geordnet, es fand sich darin eine Skizze, die nicht ohne Interesse zu lesen war,
ich meine jene Szene, wie er mit Napoleon eine Nacht in einer Hütte von
Malojaroslawez zubrachte, und wie von jenen Augenblicken an, so vieles auf
geheimnisvolle Weise sich gestaltet im Leben jenes Mannes, dem selbst der Teufel
Achtung zollen musste, vielleicht - weil er ihm nicht beikommen konnte, doch -
vielleicht ist es möglich, dieses merkwürdige Aktenstück dem Publikum an einem
anderen Orte mitzuteilen.
    Noch war ich mit Durchsicht und Ordnen der Papiere beschäftigt, da wurde die
Türe aufgerissen, und mein Freund Moritz stürzte ins Zimmer.
    »Weisst du schon?« rief er. »Er hat ihn verloren.«
    »Wer? was hat man verloren?«
    »Nun, von was wir gestern sprachen, den Prozess gegen Clauren meine ich,
wegen des Mannes im Monde!«
    »Wie? ist es möglich!« entgegnete ich, an meinen Traum denkend; »unser
Freund, der Kandidatus Bemperlein? den Prozess?«
    »Du kannst dich drauf verlassen, soeben komme ich vom Museum, der Verleger
sagte es mir, soeben wurde ihm das Urteil publiziert.«
    »Aber wie konnte dies doch geschehen! Moritz! war er etwa auch in
Klein-Justeim anhängig?«
    »Klein-Justeim? Du fabelst, Freund!« erwiderte der Freund, indem er besorgt
meine Hand ergriff; »was willst du nur mit Klein-Justeim, wo gibt es denn einen
solchen Ort?«
    »Ach«, sagte ich beschämt, »du hast recht; ich dachte an - meinen Traum.«
                                   Der Fluch
                                    Novelle
                                 (Fortsetzung)
Man kann sich denken, dass ich in Rom immer viele Geschäfte habe. Die heilige
Stadt hatte immer einen Überfluss von Leuten, die in der ersten, zweiten oder
dritten Abstufung mein waren.
    Man wird sich wundern, dass ich eine Klassifikation der guten Leute (von
anderen Sünder genannt) mache; aber, wer je mit der Erde zu tun hatte, hat den
Menschen bald abgelernt, dass nur das Systematische mit Nutzen bei ihnen
betrieben werden könne. Es ist dies besonders in Städten wie Rom, unumgänglich
notwendig; wo so vielerlei Nüanzen guter Leute vom roten Hut bis auf die Kapuze,
vom Fürsten, der die Macht hat, Orden zu verleihen, bis auf den Armen, dem
solche um dreissig Taler angeboten werden, sich vorfinden, da muss man Klassen
haben. Ich werde in der Bibel und von den heutigen Philosophen als das
negierende Prinzip vorgestellt, daher teilte ich meine guten Leute ein, in: I.
Klasse, mit dem Prädikat »recht gut«, solche, die geradehin verneinen; als da
sind: Freigeister, Gottesleugner, etc. 2. Klasse, »gut«. Sie sagen mit einigem
Umschweif nein; gelten unter sich für Heiden, bei Vernünftigen für liberale
Männer, bei der Menge für fromme Menschen. In dieser Klasse befinden sich viele
Türken und Pfaffen. Die dritte Klasse mit dem Prädikat »mittelmässig«, sind jene,
die ihr »Nein« nur durch ein Kopfschütteln andeuten. Es sind jene, die sich
selbst für eine Art von Gott halten, mögen sie nun Ablass verkaufen, oder als
evangelisch-mystisch-pietistische Seelen einen Seperatfrieden mit dem Himmel
abschliessen; der letzteren gibt es übrigens in Rom wenige.
    Es lässt sich annehmen, dass das Innere dieses Systems, die verschiedenen
Übergänge der Klassen beinahe mit jedem Jahr sich ändern. Geld, Sitten, der
Zeitgeist üben hier einen grossen Einfluss aus, und machen beinahe alle zwei Jahre
eine Reise an Ort und Stelle notwendig.
    Als ich vor einiger Zeit auf einer solchen Visitationsreise in Rom
verweilte, war ich Zeuge folgender Szenen, die ich aufzuzeichnen nicht
unterlassen will, weil sie vielleicht für manchen Leser meiner Memoiren von
Interesse sein möchten.
    Ich ging eines Morgens unter den Säulengängen der Peterskirche spazieren,
dachte nach über mein System und die Veränderungen, die ihm durch die Missionäre
in Frankreich, und das Überhandnehmen der Jesuiten drohte, da stiess mir ein
Gesicht auf, das schon in irgendeiner interessanten Beziehung zu mir gestanden
sein musste. Ich stand stille, ich betrachtete ihn von der Seite. Es war ein
schlanker, schöner, junger Mann; seine Züge trugen die Spuren von stillem Gram;
dem Auge, der Form des Gesichtes nach, war er kein Italiener - ein Deutscher,
und jetzt fiel mir mit einem Male bei, dass ich ihn vor wenigen Monaten in
Berlin, im Salon jener Dame gesehen hatte, die mir und dem Ewigen Juden einen
ästetischen Tee zu trinken gegeben hatte. Es war jener junge Mann, dessen
anziehende Unterhaltung, dessen angenehme Persönlichkeit mir damals ein so
grosses Interesse eingeflösst hatten. Er war es, der uns damals eine Avantüre aus
seinem Leben erzählt hatte, die ich für würdig fand, bei der Beschreibung jenes
Abends mit aufzuzeichnen.
    Ob ihn wohl die Liebe zu jener jungen Dame noch einmal in die heilige Stadt
gezogen hatte? Ob ihm, wie mir, der düstere Himmel seines Landes und die süsse
Langeweile der ästetischen Tees im Hause seiner Tante so drückend wurde, dass er
sich unter eine südlichere Zone flüchtete? Ich beschloss seine Bekanntschaft zu
erneuen, um über jenes interessante Begegnis, dessen Erzählung der Jude
unterbrochen, um über ihn selbst, über seine Schicksale, etwas Näheres zu
vernehmen. Er stand an einer Säule des Portals, den Blick fest auf die Türe
gerichtet; fromme Seelen, schöne Frauen, junge Mädchen strömten aus und ein, ich
sah, er blieb gleichgültig, wenigstens schien ihn keine dieser Gestalten zu
interessieren. Endlich erscheint ein kleiner Florentiner Strohhut in der Türe;
war es die Form dieses Hutes, waren es die weissen wallenden Federn, war es die
einfache Rose, aus welcher dieser Busch hervorwallte, was dem jungen Mann so
reizend, so bekannt dünkte? Noch konnte man weder Gestalt noch Gesicht der Dame
sehen, aber seine Augen glänzten, ein Lächeln der erfüllten Hoffnung flog um
seinen Mund, seine Wangen röteten sich, er richtete sich höher auf, und schaute
unverwandt den Säulengang hin. Noch verdeckten zwei Pfaffen mit ihren Kapuzen
die Nahende, jetzt bogen sie rechts ein, und ich sah ein holdes, süsses Wesen
heranschweben.
    Wer, wie ich, erhaben über jede Leidenschaft, die den Sterblichen auf der
Erde quält, die Dinge betrachtet wie sie sind, nicht wie sie euch Liebe oder
Hass, oder eure tausend befangenen Vorurteile schildern, dem ist eine solche
seltene Erscheinung ein Fest, denn es ist etwas Neues, Originelles. Ich gedachte
unwillkürlich jener Worte des jungen Mannes, wie er uns den Eindruck beschrieb,
den der Anblick jener Dame zum erstenmal auf ihn machte, mit welchem Entzücken
er uns ihr Auge beschrieb; - ich war keinen Augenblick im Zweifel, dass diese
liebliche Erscheinung, die auf uns zukam, und jene rätselhafte Dame eine und
dieselbe sei.
    Ein glühendes Rot hatte die Züge des Jünglings übergossen. Er hatte den Hut
gezogen, es war, als schwebte ihm ein Morgengruss, oder eine freundliche Rede auf
den Lippen, und überrascht von der stillen Grösse des Mädchens sei er verstummt.
Auch sie errötete, sie schlug die Augen auf, als er sich verbeugte, sie warf
einen fragenden Blick auf ihn, hielt einen kurzen Moment ihre Schritte an, als
erwarte sie, von ihm angeredet zu werden; er schwieg, sie eilte bewegt weiter.
    Der junge Mann sah ihr mit trüben Blicken nach, dann folgte er langsamen
Schrittes; oft blieb er, wie in Gedanken verloren, stehen. Ich ging ihm einige
Strassen nach, er trat endlich in ein Kaffeehaus, wo sich die deutschen Künstler
zu versammeln pflegen. Hatte schon früher dieser Mensch und seine Erzählung
meine Teilnahme erregt, so war ich jetzt, da ich Zeuge eines flüchtigen, aber so
bedeutungsvollen Zusammentreffens gewesen war, um so neugieriger, zu erfahren,
in welchem Verhältnis der Berliner zu dieser Dame stehe; dass es kein glückliches
Verhältnis, kein gewöhnliches Liebesverständnis war, glaubte ich in ihren
Mienen, in ihrem sonderbaren Benehmen gelesen zu haben.
    Man wird sich erinnern, dass ich als hoffnungsvoller Zögling des Ewigen
Juden, als Herr von Stobelberg die Bekanntschaft dieses Mannes machte. Daher
trat ich in dieser Rolle in das Café. Der junge Herr sass in einem Fenster, und
las in einem Brief. Ich wartete eine Weile, ob er wohl bald ausgelesen haben
werde, um ihn dann anzureden, aber er las immer. Ich trat von der Seite hinter
ihn, um nach dem Schluss dieses riesengrossen Briefes zu blicken - es waren wenige
Zeilen von einer Frauenhand, die er, wie es schien, gedankenlos anstarrte.
    »Habe ich die Ehre, Herrn von S. vor mir zu sehen?« fragte ich in deutscher
Sprache, indem ich vor ihn trat.
    »Der bin ich«, antwortete er, indem er den düsteren Blick von dem Brief auf
mich schlug, und mein Kompliment durch ein leichtes Neigen des Hauptes
erwiderte.
    »Sie scheinen mich nicht mehr zu kennen; und doch war ich so glücklich,
einmal einen Abend im Hause Ihrer Tante in Berlin zu geniessen, den vorzüglich
Ihre Unterhaltung, Ihre interessanten Mitteilungen mir unvergesslich machen.«
    »Im Hause meiner Tante?« fragte er, aufmerksamer werdend. »Wie, war es nicht
ein höchst ennuyanter Tee? Waren nicht einige männliche Weiber und einige
zartweibliche Herren zugegen? Ich erinnere mich, ich musste etwas erzählen. Doch
Ihr Name, mein Lieber, ist mir leider entfallen.«
    »Baron von Stobelberg; ich reiste damals mit -«
    »Ah - mit einem ganz sonderbaren Kauz von Hofmeister, jetzt erinnere ich
mich ganz, er war so unglücklich, allen Damen, ohne es zu wollen, Sottisen zu
sagen und überschnappte endlich, nämlich mit dem Stuhl?«
    »So ist's; wollten Sie erlauben, meinen Kaffee hier zu trinken? Ich bin noch
so fremd hier, ich kenne keine Seele. Sie sind wohl schon lange hier bekannt?«
    Ein melancholisches Lächeln zog um seinen Mund. »O ja, bin schon lange hier
bekannt«, antwortete er düster. »Ich war früher in Geschäften hier, jetzt zu -
zu meiner Erholung.«
    »Sie erinnern mich da auf einmal wieder an den Abend bei Ihrer Tante, mein
Hofmeister brachte mich damals um einen köstlichen Genuss. Sie erzählten uns ein
kleines Abenteuer, das Sie mit einer Deutschen in Rom gehabt. Ihre Erzählung war
auf dem Punkte, eine Wendung zu nehmen, die uns über vieles, namentlich über
Ihre sonderbare Verwechslung mit einem Ebenbilde aufgeklärt hätte, da zerstörte
mein Mentor durch seinen Fall meine schöne Hoffnung, ich war genötigt, mit ihm
den Salon zu verlassen und plage mich seitdem mit allerlei Möglichkeiten,
Wahrscheinlichkeiten, wie es Ihnen möchte ergangen sein? Ob Sie sich mit Ihrem
Ebenbilde geschlagen haben? Ob Sie auch ferner der schönen Luise sich nahen
konnten, ob nicht endlich ein Liebesverhältnis zwischen Ihnen entstanden? Kurz,
ich kann Sie versichern, es peinigte mich tagelang, die tollsten Konjekturen
erfand ich, aber nie wollten sie passen.«
    Der junge Mann war während meiner Reden nachdenklich geworden; es schien
etwas darin zu liegen, das ihm nicht ganz recht war; vielleicht ahnete er meine
unbezwingliche Neugierde nach seiner Avantüre, er blickte mich scharf an, aber
er wich in seiner Antwort aus.
    »Ich erinnere mich«, sagte er, »dass wir damals alle bedauerten, Ihre
Gesellschaft entbehren zu müssen. Sie waren uns allen wert geworden, und die
Damen behaupteten, Sie haben etwas Eigenes, Anziehendes, das man nicht recht
bezeichnen könne, Sie haben einen höchst pikanten Charakter. Nun, Sie werden in
der Zeit diese Damen entschädigt haben; wann waren Sie das letzte Mal bei meiner
Tante?«
    Ich sah ihn staunend an; »Ich hatte nie die Ehre, bei Ihrer Tante gesehen zu
werden, als an jenem Abend.«
    Er entgegnete hierauf nichts, sprach vom Papst und dergleichen, kam aber
immer wieder darauf zurück, mich durch eine Zwischenfrage nach Berlin, ins Haus
seiner Tante zu verlocken. »Was wollen Sie nur immer wieder mit Berlin?« fragte
ich endlich, »ich war seit jenem Abend nicht mehr dort, und reiste in dieser
Zeit in Frankreich und England. Sehen Sie einmal in meinem Pass, welch ungeheure
Tour ich in dieser Zeit gemacht habe!«
    Er warf einen flüchtigen Blick hinein und errötete; »Verzeihen Sie, Baron!«
rief er, indem er meine Hand ungestüm drückte; »vergeben Sie, ich hielt Sie für
einen Spion meiner Tante. -«
    »Ihrer Tante? für einen Spion, den man Ihnen bis Rom nachschickt?«
    »Ach, die Menschen sind zu keiner Torheit zu gut. Ich halte mich etwa seit
zwei Monaten wieder hier auf. Meine Verwandten toben, weil ich meinen Posten im
Bureau des Ministers plötzlich und ohne Urlaub verlassen habe; sie bestürmten
mich mit Briefen, ich kam nicht; sie wandten sich an die preussische
Gesandtschaft hier; sie fand aber nichts Verdächtiges an mir, und liess mich
ungestört meinen Weg gehen. Vor einigen Tagen schrieb mir ein Freund, ich solle
auf meiner Hut sein, man werde einen Spion in meine Nähe senden, um alle meine
Schritte zu bewachen.«
    »Ist's möglich? und warum denn dies alles?«
    »Ach, es ist eine dumme Geschichte, eine Anordnung meines verstorbenen
Vaters legt mir Pflichten auf, die - ein andermal davon - die ich nicht erfüllen
kann. Und Sie, lieber Stobelberg, hielt ich für den Spion. Vergeben Sie mir
doch?«
    »Unter zwei Bedingungen«, erwiderte ich ihm. »Einmal, dass Sie mir erlauben,
Sie recht oft zu begleiten, um der Spion Ihres Spion zu sein. Halten Sie mich
nicht für indiskret, es ist wahre Teilnahme für Sie, und der Wunsch, Ihnen
nützlich zu werden. Sodann - teilen Sie mir, wenn es Ihnen anders möglich ist,
den Schluss Ihres Abenteuers mit.«
    »Den Schluss?« rief er und lachte bitter, »den Schluss? ich wünschte, es
schlösse sich, könnte es auch nur mit meinem Leben schliessen. Doch kommen Sie,
wir wollen unter jene Arkaden gehen. Die Künstler kommen um diese Zeit hieher,
wir könnten nicht ungestört reden: wer weiss, ob man nicht einen von ihnen zu
meinem Wächter ersehen hat.«
    Ich folgte Otto von S.... - so hiess der junge Mann - unter die Arkaden. Er
legte seinen Arm in den meinigen, wir gingen eine Weile schweigend auf und ab;
er schien mehr nachdenklich als zerstreut.
    »Es ist etwas, was mir Vertrauen zu Ihnen einflösst«, hub er lächelnd an;
»ich habe über den Ausspruch jener Damen in Berlin nachgedacht und finde ihn, so
komisch er mir damals vorkam, dennoch bestätigt. Es ist mir, in den paar
Viertelstunden, die wir beisammen sind, als seien Sie ein Wesen, das ich längst
kannte, als seien Sie schon jahrelang mein Freund. Und doch haben Sie nicht
jenes Gutmütige, Ehrliche, was an den Deutschen sogleich auffällt, was bewirkt,
dass man Ihnen gerne vertraut; Sie haben für Ihre Jahre viel Beobachtungsgeist in
Ihrem Auge, und um Ihren Mund in gewissen Augenblicken einen Zug, der nicht
immer das bestätigt, was Sie sagen wollten. Und dennoch fühle ich, dass mir der
Zufall viel geschenkt hat, der Sie in jenes Haus führte, ich fühle auch, dass man
Ihnen trauen kann, mein Lieber.«
    »Ich halte nichts auf Gesichter, und habe durch Erfahrung gelernt, dass sie
nicht immer der Spiegel der Seele sind. Es freut mich übrigens, wenn etwas an
mir ist, das Ihnen Vertrauen einflösst. Es ist vielleicht der rege Wunsch, Ihnen
dienen zu können, was Ihnen einiges Vertrauen gibt?«
    »Möglich; doch ich bin Ihnen einige Aufschlüsse über mich und mein Abenteuer
hier in Rom schuldig. Ich erzählte Ihnen wie ich mit Luise von Palden bekannt
wurde -«
    »Erlauben Sie, nein! diesen Namen höre ich zum erstenmal. Sie erzählten uns,
dass Sie eine junge Dame in den Lamentationen der Sixtinischen Kapelle
kennenlernten, die Ihre ganze Aufmerksamkeit erregte. Sie wurden von ihr mit
einem andern verwechselt, Sie gefielen sich in diesem Quiproquo, und versetzten
sich unwillkürlich so in die Stelle des Liebhabers, dass Sie das Mädchen sogar
liebten -«
    »Und wie liebe ich sie!« rief er bewegt.
    »Sie suchten die Dame lange vergeblich in Rom, der Zufall führte endlich das
schöne Kind im Karneval als Maske an Ihre Seite. Es ist schon dunkel, sie glaubt
in Ihnen den Freund zu finden; Sie, lieber Freund, benützen die Gelegenheit noch
einmal, diesen Scherz, der Ihnen so angenehm ist, fortzuführen. Sie bringen die
Dame auf eine Loge, um das Pferderennen anzusehen. Da erscheint auf einmal der
rechte Liebhaber, und Sie - erblicken sich. Bis hieher hörte ich damals. Sie
können sich denken, wie begierig ich bin, zu hören, wie es Ihnen erging.«
    »Ich gestehe«, fuhr Herr v. S. fort, »mir selbst fiel die Ähnlichkeit dieses
Mannes mit meinen Zügen, meiner Gestalt, selbst meiner Kleidung überraschend
auf. Das letztere hatte wohl die Mode verschuldet, die damals alle junge Welt
zwang, sich schwarz zu kleiden. Doch auch für die grosse Ähnlichkeit unserer
Züge, so auffallend sie ist, hat man Beispiele. Sie erinnern sich vielleicht des
Falles, der in Frankreich vorkam. Zwei Franzosen trafen in Amerika zusammen.
Ihre Ähnlichkeit war so gross, dass man sie gewöhnlich miteinander verwechselte,
der eine starb, der andere, ein armer Teufel, wusste sich seine Papiere zu
verschaffen, reiste nach Frankreich zurück und lebte mit der Frau des
Verstorbenen noch lange Jahre, bis der Betrug an den Tag kam.11
    Der Herr und die Dame schienen nicht weniger überrascht als ich; die
letztere errötete, sie gedachte vielleicht jenes Kusses, und es wurde ihr wohl
mit einemmal klar, dass es schon an jenem Abend nicht ihr Otto gewesen sei, gegen
den sie sich so zärtlich bewiesen. Der Herr mit meinen Gesichtszügen fragte mich
in etwas barschem Ton in schlechtem Französisch, wie ich dazu komme, diese
Komödie zu spielen. Ich nahm, nicht aus Furcht vor seinem rollenden Auge,
sondern im Gefühl, ein Unrecht, vielleicht eine Unschicklichkeit wieder gut
machen zu müssen, alle Artigkeit, die ich in der Welt gelernt hatte, zusammen,
und bat die Dame, mir einen Scherz zu vergeben, zu dem sie mich selbst verleitet
habe. Sie selbst? rief bei diesen Worten jener Mann, und seine Züge verzogen
sich immer mehr zum Zorn, sie selbst? Es ist ein abgekartetes Spiel, ich sehe
schon, ich bin der betrogene Teil. Doch ich will nicht stören- Er sagte dies vor
Wut zitternd, indem er sich von seinem Platz entfernen wollte. Luise - o ich
habe sie nie so süss, so wundervoll gesehen, wie in jenem Augenblicke; sie schien
mit aller Hingebung der Zärtlichkeit an diesem Manne zu hängen; sie ergriff
bebend seine Hand, sie rief ihn mit den liebevollsten Tönen; sie beteuerte, sich
unschuldig zu wissen, sie rief mich zürnend zum Zeugen auf. Ich war hingerissen
von diesem Zauber der Liebe, der sich mir hier zum erstenmal in seiner ganzen
Schönheit darstellte. Es ist etwas Schönes um ein Mädchen, das in sanfter,
stiller Liebe ist, es ist etwas Heiliges, möchte ich sagen. Aber der Schmerz
inniger Liebe, das Zittern zärtlicher Angst, und diese Tränen in den blauen
Augen, dieses Flüstern der süssesten Namen von den feinen Lippen, und diese Röte
der Angst und der Beschämung auf den zarten Wangen, es ist ein Bild, irdischer
zwar als jenes, aber von einer hinreissenden Gewalt.«
    »Ich kenne das«, unterbrach ich diese rednerischen Schilderungen des
verliebten Berliners, dem die Dame seines Herzens in jeder neuen Form wieder
lieblicher schien, »ich kenne das, so was Heiliges, so was Weinendes,
Madonnenartiges, Grazienhaftes, Süsses, Bitterschmerzliches, kurz so was
Klagendes, Anziehendes, ich kenne das; aber wie war es denn mit dem zornigen
Patron, der Euer Wohlgeboren so ähnlich?«
    »Er glaubte ihren Versicherungen nicht, war es Eifersucht, war es sein
leidenschaftlicher Zorn, den er nicht bemeistern konnte, er stiess sie zurück, er
drohte, sie nie mehr zu sehen. Das Mädchen setzte sich weinend auf ihren Stuhl.
Die tobende Freude der Römer an dem Pferderennen, ihr Jauchzen, ihr Rufen stand
in schneidendem Kontrast mit dem stillen Schmerz dieses Engels. Ich fühlte
inniges Mitleid mit ihr, ich fühlte mich tief verletzt, dass ein Mann, eine Dame,
ein Liebender, die Geliebte so schnöde beleidigen könne. Mein Herr, sagte ich,
das Wort eines Mannes von Ehre kann Sie vielleicht überzeugen, dass die Schuld
dieser Szene allein auf mir ruht. Eines Mannes von Ehre? rief er höhnisch
lachend; so kann sich jeder Tropf nennen. Jetzt glaubte ich die Formen der
gesellschaftlichen Höflichkeit nicht weiter beobachten zu müssen. Ich gab ihm
ein wohlbekanntes Zeichen, flüsterte ihm meinen Namen, die Nummer meines Hauses
und die Strasse zu, in welcher ich wohnte, und verliess ihn.
    Es waren widerstreitende Gefühle, die in meiner Brust erwachten, als ich zu
Haus über diesen Vorfall nachdachte. Ich musste mir gestehen, dass ich unbesonnen,
töricht gehandelt hatte, die Rolle eines andern bei diesem Mädchen zu
übernehmen. Es ist wahr, der Zufall war so überraschend, die Gelegenheit so
lockend, ihre Erscheinung so reizend, so anziehend, dass wohl keiner der
Versuchung widerstanden hätte. Aber musste mich nicht schon der Gedanke
zurückschrecken, dass es ihr bei dem Geliebten schaden könnte, traf er uns beide
zusammen? in welch ungünstigem Lichte musste ich, musste auch sie ihm erscheinen!
    Und doch - wo ist der Mensch, der nicht in einem solchen Falle sich vor sich
selbst zu entschuldigen wüsste; ich fühlte, dass ich dieses unbekannte, reizende
Wesen liebe, und wie leicht entschuldigt Liebe! und weil ich sie liebte, hasste
ich den begünstigten Mann. Er war ein Barbar in meinen Augen; wie konnte er die
Geliebte so grausam behandeln; wie durfte er, wenn er sie wahrhaft liebte, an
ihrer Tugend zweifeln, und wer, der jemals in dieses treue, seelenvolle Auge
gesehen, wer konnte an der Reinheit dieses Engels zweifeln?
    Am Morgen nach dieser Begebenheit bekam ich einen italienischen,
schlechtgeschriebenen Brief, er entielt die Bitte einer Signora Maria Campoco
dem Überbringer des Briefes in ihr Haus zu folgen, wo sie mir etwas Wichtiges zu
sagen habe. Ich kannte keine Dame dieses Namens, ich fragte den Diener nach der
Strasse, er nannte mir eine, von welcher ich nie gehört hatte. Eine Ahnung sagte
mir übrigens, dieser Brief könnte mit meinem Abenteuer von gestern
zusammenhängen; ich entschloss mich zu folgen. Der Diener führte mich durch viele
Strassen in eine Gegend der Stadt, die mir völlig unbekannt war. Er beugte
endlich in eine kleine Seitenstrasse, ein Brunnen, eine Madonna von Stein fiel
mir ins Auge, es war kein Zweifel, ich befand mich an dem Haus, wohin ich Luisen
aus den Lamentationen begleitet hatte.
    Es war ein kleines unscheinbares Haus, dessen Türe der Diener aufschloss;
über einen finstern Gang, eine noch dunklere Treppe, brachte er mich in ein
Zimmer, dessen Eleganz nicht mit dem übrigen Ansehen des Hauses übereinstimmte.
Nachdem ich eine Weile gewartet hatte, erscholl das Klaffen vieler Hunde, die
Türe öffnete sich - aber nicht meine Schöne, sondern eine kleine, wohlbeleibte,
ältliche Frau trat, umgeben von einer Schar kleiner Hunde, ins Zimmer.
    Es dauerte ziemlich lange, bis Tasso, Ariosto, Dante, Alfieri und wie die
Kläffer alle hiessen, über den Anblick eines fremden Mannes beruhigt waren, und
die kleine Dame endlich zum Wort kommen konnte. Sie sagte mir sehr höflich, sie
habe mich rufen lassen, um wegen einer Angelegenheit ihrer Nichte, Luise von
Palden mit mir zu sprechen. - Das Verlangen, das schöne Kind wiederzusehen, mich
bei ihr selbst zu entschuldigen, gab mir eine Notlüge ein: ich fragte sie in so
miserablem Italienisch, als mir nur möglich war, ob sie Französisch oder Deutsch
verstehe? Sie verneinte es, ich zuckte die Achsel und gab ihr mehr durch Zeichen
als Worte zu verstehen, dass ich der italienischen Sprache durchaus nicht mächtig
sei. Sie besann sich eine Weile, sagte dann, ich könne in ihrer Gegenwart mit
ihrer Nichte sprechen, und entfernte sich.
    Wie schlug mein Herz von Erwartung, von Liebe bewegt! Wie beschämt fühlte
ich mich, in ihren Augen als ein Nichtswürdiger zu scheinen, der ihren Irrtum
auf so indiskrete Art benützte! die hündische Leibwache der Signora verkündete,
dass sie nahe. Ich fühlte seit langer Zeit zum erstenmal eine Verlegenheit, ein
Beben; ich fühlte, wie ich errötete, jene Sicherheit des Benehmens, das mich
jahrelang begleitet hatte, wollte mich in diesem Augenblicke verlassen.
    Sie kam, sie dünkte mir in dem einfachen, reizenden Negligé lieblicher als
je, und ihre Verwirrung, als sie mich sah, der Unmut, den ich in ihrem Auge zu
lesen glaubte, vermochte ihre Anmut nicht zu schwächen. Mein Herr! es ist eine
sehr sonderbare Begebenheit, die Sie in dieses Haus führt, sprach sie mit jenen
klangvollen Tönen, die ich so gerne hörte; Sie müssen selbst gestehen, setzte
sie hinzu, aber sei es, dass die Erinnerung an jenen Abend sie zu unangenehm
berührte, sei es, dass sie einem meiner Blicke begegnete, die vielleicht mehr als
Ehrfurcht ausdrückten, sie schlug die Augen nieder, errötete aufs neue und
schwieg.
    Ich fasste mich, ich suchte mich zu entschuldigen so gut es ging; ich
erzählte ihr, wie ich sie hilflos und in Ohnmacht in der Kirche gefunden, wie
ich ihren Irrtum nicht habe berichtigen können, aus Furcht, sie möchte meine
Begleitung ablehnen, die ihr in ihrem damaligen Zustande so notwendig war. Meine
zweite Unbesonnenheit schob ich auf die Maskenfreiheit des Karnevals, ich suchte
einen Scherz daraus zu machen, ich behauptete, es sei an diesem Abend erlaubt,
jede Maske vorzunehmen, und so habe ich die ihres Freundes vorgenommen. Ich
glaubte, sagte ich, in diesen Scherz um so eher eingehen zu dürfen, da wir
Landsleute sind, und die Deutschen in Rom als Kinder einer Heimat, nur eine
grosse Familie sein sollten.«
    »Eine gefährliche Verwandtschaft!« erwiderte ich dem jungen Berliner, indem
ich mich im stillen über seine jesuitische Logik freute; »wie? brachte die Dame
nicht das Corpus juris und den - --- gegen Sie in Anwendung? In Schwaben möchte
zur Not ein solches Verwandtschaftssystem gelten, oder bei den Juden, welche
Herren und Knechte, Norden und Süden unsere Leute nennen; aber Deutschland?
bedenken Sie, dass es in zweiunddreissig Staaten geteilt ist, wo ist da ein
Verwandtschaftsband möglich? Wenn Sie sich im Himmel oder in der Hölle treffen,
so heissen sie nur Österreicher, Preussen, Hechinger und fürstlich Reussische
Landeskinder!«
    »Luise mochte auch so denken«, fuhr er fort. »Doch nötigte ihr meine
Deduktion ein Lächeln ab; es schien ihr angenehm, über diese Punkte so leicht
weggehen zu können. Sie klagte sich selbst an, diesen Irrtum veranlasst zu haben,
sie vergab, sie erlaubte mir, ihre schöne Hand zu küssen. Doch ihre Blicke
wurden wieder düster. Sie sagte, wie sie nur zu deutlich bemerkt habe, dass ich
tiefbeleidigt weggegangen sei, dass dieser Streit noch eine gefährliche Folge
haben könne. Ihr Auge füllte sich mit Tränen, als sie dies sagte. Sie beschwor
mich, ihrem Freund zu vergeben, sie suchte ihn zu entschuldigen, ihn, der sie
selbst so tief beleidigt hatte, sie sprach mit so zärtlicher Wärme für den Mann,
der so ganz vergessen hatte, dass die wahre Liebe glauben und vertrauen müsse,
der so niedrig war, dieser reinen Seele gegenüber gemeine Eifersucht zu zeigen.
Ich wäre glücklich, selig gewesen, hätte dieses Mädchen so von mir gesprochen!
    Ich fragte sie, ob sie in seinem Auftrag mir dieses sage? Sie war betreten,
sie antwortete, dass sie gewiss wisse, dass es ihm leid sei, mir jene Worte gesagt
zu haben; ich versprach, wenn er mir dies selbst sagen werde, nicht mehr an die
Sache zu denken. Wie heiter war sie jetzt, sie scherzte über ihren Irrtum, sie
verglich meine Züge mit denen ihres Freundes, sie glaubte grosse Ähnlichkeit zu
finden, und doch schien es ihr unbegreiflich, wie sie nicht an meinen Augen,
meiner Stimme, an meinem ganzen Wesen ihren Missgriff erkannt habe. Sie rief
ihrer Tante zu, dass sie ihren Zweck vollkommen erreicht habe.
    Signora Campoco, die während der ganzen Szene am Fenster gesessen, und bald
die Leute auf der Strasse, bald ihre Hündchen, bald uns betrachtet hatte, kam
freundlich zu mir, dankte für meine Gefälligkeit, ihr Haus besucht zu haben, und
bemerkte: sie hätte nie geglaubt, dass unsere barbarische Sprache so wohltönend
gesprochen werden könne. Sie sehen, ich hatte jetzt nichts mehr in diesem Hause
zu tun; so gerne ich noch ein Stündchen mit Fräulein von Palden geplaudert
hätte, so neugierig ich war, ihre Verhältnisse in Deutschland und ihre Lage in
Rom zu erfahren - der Anstand forderte, dass ich Abschied nahm, mit dem
unglücklichen Gefühle Abschied nahm, diese Schwelle nie mehr betreten zu können.
Signora, sie hätte sich vielleicht gekreuzt, hätte sie gewusst, dass ein Ketzer
vor ihr stehe, Signora empfahl mich der Gnade der Heil. Jungfrau, und Luise
reichte mir traulich die Hand zum Scheiden. Ich fragte sie noch, wie der Herr
heisse, mit welchem ich das Glück gehabt habe, verwechselt zu werden. Sie
errötete und sagte: Er will zwar hier nicht bekannt sein und so zurückgezogen
als möglich leben, doch warum sollte ich Ihnen seinen Namen verhehlen? Ich
möchte so gerne, dass Sie Freunde würden. Er heisst - - - - und wohnt - - - -«
    So, »etwas breit nach Art der lieben Jugend« hatte mir der junge Mann den
weiteren Verlauf seines Abenteuers erzählt, ich hörte ihm gerne zu, obgleich
nichts peinlicher für mich ist, als eine lamentable Liebesgeschichte recht lang
und gehörig breit erzählen zu hören; aber interessant war mir dabei die Art, wie
er mir erzählte. Sein ausdrucksvolles Auge schien die Glut seiner Gefühle
widerzustrahlen, seine Züge nahmen den Charakter düsterer Wehmut an, wenn er
sich unglücklich fühlte, und ein angenehmes Lächeln erheiterte sie, wenn er mir
die Reize der jungen Dame zu beschreiben suchte. Plötzlich, als er mir eben
erzählte, wie er das Haus der Signora verlassen habe, drückte er meinen Arm
fester und brach in einen kleinen Fluch aus. »So muss der Teufel diesen Pfaffen
doch überall haben«, rief er und wandte sich unmutig um. Ich war erstaunt,
welchen Pfaffen sollte ich denn überall haben? Ich fragte ihn, was ihn so
aufbringen könne.
    »Sehen Sie nicht hin, sonst müssen wir grüssen«, gab er mir zur Antwort, »ich
kann ihn nicht ansehen, den Jesuiten.«
    Ich stellte mich, als befolge ich treulich seinen Befehl, doch konnte ich
nicht umhin, einen Seitenblick in die Strasse zu werfen, und sah wirklich ein
höchst ergötzliches Schauspiel. Die Strasse herauf kam ein hoher Prälat der
Kirche, der Kardinal Rocco, ein Mann, der schon längst als einer der zweiten
Klasse mit dem Prädikat »gut« auf meinen Tafeln verzeichnet ist. Eine grosse
majestätische Gestalt voll stolzer Würde; sein weisses Haar, von einem einfachen
roten Käppchen bedeckt, stach sonderbar ab gegen ein Gesicht, das man eigentlich
reich nennen könnte. Gewölbte Brauen, grosse Augen, eine Adlernase, die
Unterlippe etwas übermütig gezogen, das Kinn und die Wangen voll und kräftig.
Über das rollende Untergewand trug er einen Talar, dessen eines Ende er in
malerischen Falten über den Arm gelegt hatte; das andere Ende hielt in einiger
Entfernung hinter ihm herschleichend sein Diener, ebenfalls ein Mönch, ein
dürres bleiches Geschöpf, dessen tückische Augen nach allen Seiten spähten, ob
seine Eminenz von den Gläubigen ehrfurchtsvoll, wie es sich gebührt, begrüsst
werden.
    Der Gang des Kardinals war der Gang eines Siegers, und eine solche
Erscheinung in diesen Strassen erinnerte nur zu leicht an die Senatoren der
»Ewigen Stadt.«
    »Sehen Sie, wie er hingeht, dieser Pharisäer«, flüsterte der junge Mann mit
den Zähnen knirschend. »Sehen Sie, wie der Pöbel sich zum Handkuss drängt, mit
welcher Würde, mit welcher Grazie er seinen Segen erteilt.
    Teaterpossen! wenn diese Leute wüssten, was ich von ihm weiss, sie würden
diesem Pharisäer, diesem Verfälscher des Gesetzes die Insignien seiner Würde vom
Leibe reissen, oder sie wären wert, von einem Türken beherrscht zu werden.«
    »Was bringt Sie so auf! verehrter Freund? Wer ist dieser Ehrenmann? was hat
er Ihnen zuleid getan? hängt er mit Ihren Abenteuern zusammen?« Ich musste lange
fragen, bis er mich hörte, denn er schaute mit durchbohrenden Blicken der
Eminenz nach, und murmelte Verwünschungen wie ein Zauberer.
    »Ob ich ihn kenne? ob er mir etwas zuleide getan? Oh! dieser Mensch hat ein
Leben vergiftet, ein Herz zu Boden getreten, das - doch Sie werden mehr von ihm
hören; es ist der Kardinal Rocco, der Satan ist nicht schwärzer als er; mit
seinem roten Hut deckt er alle Sünden zu, aber trotzdem, dass er geweiht ist,
wird ihn dennoch der Teufel holen!«
    Da hat es gute Wege, dachte ich; Nro. 2, gute Sorte! doch was konnte dieser
Berliner gegen Rocco haben; unmöglich konnte ich glauben, dass sein
Protestantismus so tief gehe, dass er jeden, der violette Strümpfe trug, in die
Hölle wünschen musste. Er hatte sich wieder gesammelt: »Vergeben Sie diese Hitze,
Sie werden mir einst recht geben, so zu urteilen, wenn ich Sie erst mit dem
Treiben dieser Menschen bekannt mache. Doch jetzt noch einiges zum Verständnis
meines Abenteuers. Die Geschichte mit - - - war bald abgetan. Er schickte einen
Franzosen zu mir, der mir erklärte, dass jener sich in mir geirrt habe und um
Verzeihung bitte. Durch ihn erfuhr ich auch, dass Luisens Geliebter früher
Offizier, und zwar in ....schen Diensten gewesen sei.
    Um diese Zeit kam die Schwester des sächsischen Gesandten nach Rom, sich
einige Zeit mit ihrer Familie bei ihrem Bruder aufzuhalten. Ich war am ersten
Abend ihres Aufentaltes zufällig zugegen, und - stellen Sie sich einmal mein
Erstaunen vor, als ich hörte, wie sie eine andere Dame fragte, ob nicht ein
Fräulein von Palden hier lebe? Ich wandte mich unwillkürlich ab, um nicht dem
ganzen Kreise mein Erröten, mein Entzücken zu zeigen; es war mir etwas so Neues,
so Schönes, Luisens Namen aus einem fremden Munde zu hören. Jedoch keine der
anwesenden Damen wollte von ihr wissen, und ich fühlte mich nicht berufen,
unaufgefordert mein Geheimnis mitzuteilen.
    Deutsche, besonders Frauen pflegen immer grossen Anteil an Landsleuten zu
nehmen; es konnte daher nicht anders sein, als dass man seine Verwunderung laut
darüber aussprach, dass ein deutsches Fräulein in Rom lebe, die auch keinem von
allen bekannt sein sollte? Wer ist sie? ist sie schön? wie kommt sie nach Rom?
fragte man einstimmig, und wie lauschte ich, wie pochte mein Herz, endlich über
das interessante Wesen etwas zu hören.
    Sie erzählte, wie sie in ...t Luisen kennengelernt, die damals durch ihr
schönes Äussere, durch ihre Liebenswürdigkeit, ihren Verstand die ganze Stadt
beschäftigt, ihre näheren Bekannten bezaubert habe. Um so auffallender sei auf
einmal ein Liebeshandel gewesen, der sich zwischen einem Offizier, einem
bürgerlichen Subjekt, und der Tochter des Geheimen Rats Palden entspann. Dieser
Mensch habe ausser seiner schönen Figur und einem blühenden Gesicht keine
Vorzüge, nicht einmal gute Sitten gehabt. Dem Vater sei diese Geschichte zu
ernstlich geworden, er habe den Offizier zu einem Regiment zu versetzen gewusst,
das mit einem Teil der französischen Armee nach Spanien bestimmt war. Man habe
sich in ....t allgemein gefreut über die Art, wie sich Fräulein Palden in diese
Wendung fügte; doch bald erfuhr man, dass die Verbindung mit dem Offizier nichts
weniger als abgebrochen sei, sondern durch Armeekuriere und dergleichen, Briefe
gewechselt werden. Es vergingen so beinahe zwei Jahre. Die Armee kehrte zurück,
doch nicht mit ihr jener Offizier. Man sagte in Gesellschaften und in Luisens
Nähe, er sei wegen einer Ehrensache aus dem Dienst getreten. Seine Kameraden
schwiegen hartnäckig hierüber, doch gab es einige Stimmen im Publikum, die von
einer vorteilhaften Heirat, andere, die von einer Entführung oder von beiden
sprachen, kurz man bemerkte, dass Herr v...., so hiess der Offizier, seiner Dame
ungetreu geworden sei. Um diese Zeit starb der alte Herr von Palden. Seine erste
Frau war eine Römerin, das Fräulein entschloss sich auf einmal, zu grosser
Verwunderung der Stadt ....t zu ihren Verwandten nach Rom zu ziehen.
    So viel wusste die Schwester des Gesandten von Luisen. Es war mir genug, um
ihr Verhältnis zu ..... ganz in der Ordnung zu finden, nur war es mir
unbegreiflich, was ihn bewogen haben könnte, nach Rom zu gehen? oder kam er erst
nach ihr hieher? und warum heiraten sie sich nicht, da doch ihre Hand jetzt frei
und von niemand abhängig ist?
    Ich quälte mich mit diesen Gedanken. Ich hätte so gerne mehr und immer mehr
von dem holden Kind erfahren; ich fühlte lebhaft den Wunsch, sie wiederzusehen,
zu sprechen; ich wollte ja nicht geliebt werden, nur sehen, nur lieben wollte
ich sie. Da fiel mir bei, wie ich dies so leicht möglich machen könnte. Ich
durfte ja nur der Schwester des Gesandten sagen, wo sich Luise aufhalte, und
dann konnte ich gewiss sein, sie schon in den nächsten Tagen im Hotel des
Gesandten zu sehen. Ich tat dies, und mein Wunsch wurde erfüllt.«
    Ein Bekannter des Herrn von S. gesellte sich hier zu uns und unterbrach zu
meinem grossen Ärger die Erzählung. Ich machte noch einige Gänge mit ihnen unter
den Arkaden; als ich aber sah, dass der Bekannte sich nicht entfernen wolle,
fragte ich den Berliner nach seiner Wohnung, und ging, mit dem Vorsatz, ihn am
nächsten Morgen zu besuchen. Ich muss gestehen, ich fing an, die Geschichte des
jungen Mannes weniger anziehend zu finden, weil sie mir in eine gewöhnliche
Liebesgeschichte auszuarten schien. Doch zwei Umstände waren es, die mir von
neuem wieder Interesse einflössten, und mich bestimmten seine Abenteuer zu hören.
Ich erinnerte mich nämlich, wie überraschend sein Anblick, sein ganzes Wesen in
Berlin auf mich gewirkt hatten. Es war nicht der gewöhnliche Kummer der Liebe,
wie er sich bei jedem Amoroso vom Mühlendamm ausspricht, es war ein Gram, ein
tieferes Leiden, das mir um so anziehender dünkte, als es nur ganz unmerklich
und leise durch jene Hülle schimmerte, womit die gesellschaftlichen Formen die
weinende Seele umgeben. Er schien ein Unglück zu kennen, zu teilen, das ihn
unausgesetzt beschäftigte, zu welchem ihn die Erinnerung sogar mitten in einem
ästetischen Tee rettungsvoll zurückführte.
    Das zweite, was mich zu dem jungen Mann und seinem Abenteuer zog, war die
Szene, die ich morgens vor der Peterskirche beobachtet hatte. Ich hatte dort
bemerkt, dass er sie mit Sehnsucht erwarte; sie war gekommen, aber es schien kein
fröhliches Zusammentreffen. Sie schien ihn etwas mit ihren Blicken zu fragen,
das er nicht beantworten, sie schien etwas zu verlangen, das er nicht erfüllen
konnte; wie schwer musste es ihm werden, in der Ferne zu stehen, und dem holden
Mädchen durch keine Silbe zu antworten, er liess sie gehen wie sie gekommen: aber
dann sandte er ihr Blicke voll zärtlicher Liebe nach. Warum sagte er ihr nicht
auf der Stelle, wie er sie liebe? Welche Gewalt musste sie über ihn ausüben, um
ihn in diese engen Schranken einer beinahe blöden Bescheidenheit zurückzuweisen?
Wieviel es sie koste, sah ich an ihrem Auge, in welchem eine Träne perlte, als
sie weiterging.
    Diese Fragen drängten sich mir auf, als ich über den jungen Mann und die
rätselhafte Dame nachdachte. Wo nicht ein blindes Fatum waltet, und ein Uhrwerk
die Gedanken der Sterblichen treibt, da lernt keiner aus, sei er Gott oder
Teufel, wohl sagt der Mensch, der kleinlich nur auf die Resultate seiner
Geschichte sieht: »Es wiederholt sich alles im Leben.« Aber wie es sich
wiederhole, wie der endliche Geist in seiner kurzen Spanne Zeit wächst und ringt
und strebt, und gegen die alte Notwendigkeit ankämpft, das ist ein Schauspiel,
das sich täglich mit ewig neuem Reize wiederholt; und das Auge, das von
Weltintrigen gesättigt, vom Anschauen der Kämpfe grosser Massen ermüdet ist,
senkt sich gerne abwärts zum kleineren Treiben des einzelnen. Drum möge es
keinem jener verehrlichen Leute, für die ich meine Memoiren niederschreibe,
kleinlich dünken, dass ich in Rom, wo so unendlich viel Stoff zur Intrige, ein so
grosser Raum zu einem diabolischen Festtagsspiel ist, mit einer Liebeshistorie
mich befasse - . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
. . !
    Am Abend dieses Tages fuhr ich mit einigen griechischen Kaufleuten auf der
Tiber. Wir hatten eine der grösseren Barken bestiegen, und die freien Sitze des
Vorderteils eingenommen, weil das Zelt in der Mitte, wie uns die Schiffer
sagten, schon besetzt war. Der Abend war schwül und wirkte selbst mitten im Fluss
so drückend und ermattend auf diese Menschen, dass unser Gespräch nach und nach
verstummte. Ich vernahm jetzt ein halblautes Reden und Streiten im Innern des
Zeltes, ich setzte mich ganz nahe hin und lauschte. Es waren zwei Männer und
eine Frau, soviel ich aus ihren Stimmen schliessen konnte. Sie sprachen aber
etwas verwirrt und gebrochen; der eine hatte gutes, wohltönendes Italienisch, er
sprach langsam und mit vieler Salbung, die Dame mischte unter sechs italienische
Worte immer zwei spanische und ein französisches; der andere Mann, der wenig,
aber schnell und mit Leidenschaft sprach, hatte jene murmelnde, undeutliche
Aussprache, an welcher man in Italien sogleich den Deutschen oder Engländer
erkennt.
    Ein kleiner Riss in der Gardine des Zeltes liess mich die kleine Gesellschaft
überschauen; und o Wunder! jene salbungsvolle Rede entströmte dem Kardinal
Rocco! Ihm gegenüber sass eine Dame, schon über die erste Blüte hinaus, aber noch
immer schön zu nennen. Ihre beweglichen schwarzen Augen, ihre vollen roten
Lippen, ihr etwas nachlässiges Kostüm, dessen Schuld der schwüle Abend tragen
musste, zeigten, dass sie mit den ersten Dreissig die Lust zum Leben noch nicht
verloren habe. An ihrer Seite glaubte ich auf den ersten, flüchtigen Anblick
Otto von S. zu erkennen. Doch die Züge des Mannes im Zelte waren düsterer, sein
Auge blickte nicht so offen und frei, wie das des Berliners - ich war keinen
Augenblick im Zweifel, es musste sein verkörperter Doppelgänger, .... sein. Aber
wie! Die Dame war nicht Luise von Palden; durfte dieser Mann so traulich neben
einer andern sitzen, ohne dieselbe Schuld wirklich zu tragen, die er der
Geliebten aufbürden wollte?
    »Gilt dir denn meine Liebe, meine Zärtlichkeit gar nichts?« hörte ich die
Dame sagen; »nichts meine Aufopferung, nichts meine Leiden, nichts meine
Schande, der ich mich um deinetwillen aussetzte? Ein Wort, ein einziges Wort
kann uns glücklich machen. Du sagst immer morgen, morgen! Es ist jetzt Abend,
warum willst du morgen doch wieder nicht?«
    »Mein Sohn!« sprach der Kardinal; »ich will nichts davon sagen, dass Euer
langes Zögern, Eure fortwährende Weigerung, für unsere heilige Kirche
Beleidigung ist. Ich weiss zwar wohl, nicht Ihr seid es, der diese Zögerungen
verschuldet; der Teufel, der leibhaftige Satan spricht aus Euch; es ist das
letzte Zucken Eurer ketzerischen Irrtümer, was Euch die Wahrheit nicht sehen
lässt; aber beim heiligen Kreuz, den Nägeln und der heiligen Erde beschwöre ich
Euch, folget mir; lasset Euch aufnehmen in den heiligen Schoss der Kirche, zur
Verherrlichung Gottes.«
    Ha! dachte ich, den haben sie gerade recht in den Krallen. Ein schönes Weib,
ein Kardinal Rocco, und ein paar Gewissensbisse, wie der Herr im Zelte zu haben
schien. - Da kann es nicht fehlen! - Er seufzte, er blickte bald die Dame, bald
den Priester mit unmutigen Blicken an. »Ich will ja alles tun, ins Teufels
Namen, alles tun«, sagte er, »mein Leben ist ohnedies schon verschuldet und
vergiftet, aber wozu diese sonderbare Prozedur? Warum soll ich vor der Welt zum
Narren werden, um die Ehre von Donna Ines wiederherzustellen?«
    »Mein Sohn, mein Sohn! wie frevelt Ihr! zum Narren werden, sagt Ihr? oh! Ihr
verstockter Ketzer, ihr alle seid von eurer Taufe an, wo der Satan zu Gevatter
steht, Renegaten, Abtrünnige! Es ist also nur eine Rückkehr; kein Übertritt,
keine Ableugnung eines früheren Glaubens. Ihr hattet ja vorher keinen Glauben;
Ihr werdet doch nicht die Ketzerei so nennen wollen, die der Erzketzer in
Wittenberg aus den Fetzen, die er dem Heiligtum gestohlen, zusammenstückelte?«
    »Lasset mich, Eminenz! es ist einmal gegen meine Überzeugung; ich müsste mich
ja vor ganz Deutschland schämen.«
    »O verstockter Ketzer! Schämen, sagt Ihr? hat sich der liebe Mann, der Herr
von Haller, auch geschämt? Schämen! wie ein Heiliger würdet Ihr dastehen,
braucht sich ein Heiliger zu schämen? Hat sich der treffliche Hohenlohe
geschämt, umgeben von Ketzern, seine Wunder zu verrichten? Es sei gegen Eure
Überzeugung, saget Ihr? da sieht man wieder den Deutschen, nicht wahr Donna
Ines, den ehrlichen Deutschen! Zu was denn immer Überzeugung? Das ist ja gerade
das Wunderbare am Glauben, dass er von selbst wirkt ohne Überzeugung. Gesetzt Ihr
wäret krank, mein lieber Freund; man schickt Euch den ersten Arzt der
Christenheit; Ihr seid nicht überzeugt, dass er der alleinige, wahre Arzt ist,
aber Ihr lasst Euch gefallen, seine Arzneien einzunehmen, und siehe, sie wirken
auf Euren Körper ohne Überzeugung, gerade wie unser Glaube auf die Seele.«
    »Otto!« sprach Dame Ines mit schmelzenden Tönen, »teurer Otto! Siehe, wenn
mich der heilige Mann hier nicht absolviert und beruhigt hätte, ich müsste ja
schon längst verzweifelt sein, einen Ketzer so innig zu lieben! Wie leicht wird
es dir gemacht, einer der Unsrigen zu sein, und dann ein Weib auf ewig glücklich
zu machen, das dir alles opferte! Und bedenke die schöne Villa an der Tiber, und
das köstliche Haus neben dem Palast Seiner Eminenz; dies alles will uns der
Heilige Vater zur Ausstattung schenken; bist du nicht gerührt von so vieler
Liebe?«
    »Nicht verhehlen kann ich es Euch, mein Sohn«, fuhr der beredte Mann mit dem
roten Hute fort, »nicht verhehlen kann ich es Euch, dass man im Lateran noch
heute von Euch sprach, dass es sogar Seiner Heiligkeit selbst auffällt, dass Ihr
so lange zögert. Bis über acht Tage naht ein grosses Fest heran, welch herrliche
Gelegenheit, etwas zu Gottes Ehre zu tun bietet sich Euch dar!«
    »Wozu doch diese Öffentlichkeit?« fragte .... , »ich hasse dieses Rühmen und
Ausschreien in alle Welt. Lasset mich still in einer Kapelle die Zeremonie
verrichten; was nützt es Euch, ob ich laut und offen das Opfer bringe. O Luise,
Luise. Es tötet sie, wenn sie es hört!«
    »Elender!« rief die Dame, indem sie in Tränen ausbrach; »sind das deine
Schwüre? Du falsches Herz; ich habe dir alles, alles geopfert, und so kannst du
vergelten? O Barbar! gehe hin zu ihr, lege dich nieder in ihre Fesseln, aber
wisse, dass ich mich in die Tiber stürze, über meine armen Würmer, meine
unglücklichen Kinder mag sich Gott erbarmen!«
    »Kinder, Kinder! Meine fromme Tochter, mein lieber, aber verblendeter Sohn;
wozu dieser Skandal, diese Szene auf dem Schiffe; stillet Eure Tränen, schöne
Frau; es wird noch alles gut werden; kommet, ich will einen väterlichen Kuss auf
Eure Augen drücken, so. Und Ihr, wisset Ihr nicht, dass Ihr Euch versündiget
gegen Donna Ines? Was wollet Ihr nur immer wieder mit der Ketzerin, die einst
Eure Sinnen zu bestricken wusste? Haben wir Euch nicht Beweise genug gegeben, dass
sie in einem strafwürdigen Verhältnis zu dem Teufel ist, der Eure Gestalt und
Sprache angenommen hat?«
    »Welch einfältiges Märchen!« rief der junge Mann; »was wollet Ihr auch den
Teufel ins Spiel ziehen, ein ehrlicher Berliner ist er, ein Tropf, dem ich das
Mädchen nicht gönnen mag, wenn sie mich auch zehnmal betrog?«
    »Mein Sohn, die Heilige Jungfrau schütze uns, aber der Satan selbst ist es;
hat es nicht letztin meinem dienenden Frater Piccolo geträumt, der Teufel gehe
hier in der heiligen Stadt spazieren? Alle seine Träume sind noch eingetroffen;
der deutsche Baron ist der höllische Geist selbst. Wer es aber auch sei; sie hat
Euch betrogen. Hat nicht die fromme Frau Maria Campoco Euch selbst dieses
Geständnis über ihre Nichte gemacht? was wollet Ihr nur auf die treulose
Ketzerin Rücksicht nehmen! - Und schaut, was ich Euch hier mitgebracht habe«,
fuhr Seine Eminenz fort, indem sie ein grosses Papier entfaltete; »sehet wie ich
Wort halte; ich habe Euch versprochen, die Liste aller derer mitzubringen,
welche in Eurem Deutschland öffentliche Ketzer, im geheim aber gute Christen der
wahren Kirche sind; da, leset!«
    Der junge Mann las und staunte; er sah den Kardinal fragend an, ob er denn
wirklich dieser Schrift trauen dürfe? Donna Ines, welche bemerkte, welch
günstigen Eindruck diese Liste mache, zog die Hand des heiligen Mannes an den
Mund, und bedeckte sie mit feurigen Küssen der Andacht.
    »Nicht wahr«, fuhr Rocco fort, »da stehen wohlklingende Namen? Professoren,
Grafen, Fürsten sogar, freilich diese Leute können nicht so öffentlich sich
erklären, Freundchen, die Politik, die Rücksicht auf ihre ketzerischen
Untertanen erlaubt das nicht; aber im Herzen, im Herzen sind sie unser; da,
dieser Nr. 8, ich kann Eure barbarischen Namen nicht aussprechen, der wird sich
sogar öffentlich erklären und seine Irrtümer abschwören. Der da oben wird auch
einen wichtigen Schritt vorwärts tun. Oh! und bedenket, was erst in Frankreich,
selbst in England für uns getan wird, bald, vielleicht erlebe ich es noch, bald
werdet ihr allesamt und sonders zu uns zurückgekehrt sein. Wie herrlich muss dann
ein Name wie der Eurige leuchten, der nicht mit der Menge, sondern lang zuvor
auf unsere heiligen Tafeln verzeichnet wurde!«
    »Aber o Himmel, Kardinal! ich bin ja schlechter als die ganze Liste dieser
Heimlichen. Ihr selbst wisset, dass, wenn ich zu Eurer Kirche abfalle, es nur
geschieht, um den ewigen Klagen der Donna Ines zu entgehen. Diese Heimlichen
haben keinen Vorteil bei ihrer Heimlichkeit. Sie gelten von aussen als echte
Luteraner, und was haben sie davon, dass sie von innen römisch sind?«
    »O Einfalt! es ist gut, dass Ihr nicht die ketzerische Teologie studiert
habt; Ihr wäret durch das Examen gefallen! Was ist denn das Schöne an unserer
Kirche? he? Nicht nur dass sie die Alleinseligmachende, dass sie gleichsam eine
Brandversicherungsanstalt gegen die Hölle, eine Seelenassekuranz gegen den Tod
ist! denn schon aus physischen Gründen kann man annehmen, dass keine Seele von
den Unsrigen lange im Fegfeuer oder gar in der Hölle verweilt, wenn sie auch
ohne Beichte abfährt. Antonio Montani hat berechnet, dass im Durchschnitt
hundertundzwanzig Millionen Menschen in der Hölle und ebenso viele im Fegfeuer
sind. Nun kann man annehmen, dass seit Eurer verfluchten Reformation neunzig
Millionen Ketzer, zwanzig Millionen Türken und zehn Millionen Juden
hinabgefahren sind; das macht zusammen hundertundzwanzig.«
    »O wie gut haben wir es, hochwürdiger Herr!« sagte Ines mit zauberischem
Lächeln. »Ach Otto! dich soll ich an jenem Ort wissen, in der Gesellschaft des
Teufels und seiner Grossmutter? O Gott! es ist nicht möglich!«
    »Sodann weiter«, fuhr der Salbungsvolle fort, »euer Erzketzer in Berlin, der
Schleiermacher, nimmt selbst an, dass alle Menschen prädestiniert sind, und zwar
so beiläufig die Hälfte zum Bösen. Diese müssen nun eine Art von Seelenwanderung
in verschiedenen Stationen des Elends machen, bis sie selig werden, und fangen
mit der Hölle an; der Mann hat vernünftige Gedanken, und wäre wert einst nur ins
Fegfeuer zu kommen; aber das weiss er doch nicht recht; wenn einer auch zehenmal
prädestiniert, zur Hölle plombiert, zum Teufel rekommandiert ist, wir können ihn
doch absolvieren und recta in den Himmel schicken. Nun, und wenn man annimmt,
dass das Fegfeuer hundertundzwanzig Millionen fasst, und darunter hundert
Millionen Türken, und zwanzig Millionen Ketzer, so ist, weiss Gott, auch dort
wenig Raum für eine etwas lüderliche Seele.«
    »Ihr wisset, Eminenz, was ich von solchen Berechnungen halte, machet mir
doch Eure Sache nicht noch lächerlicher. Eure Seelenassekuranz kann mich nicht
locken; doch ist sie gut fürs Volk, und ich begreife nicht, warum Ihr nicht
schon lange ganze Regimenter, Divisionen, ja Armeen, Kavallerie, Infanterie,
Artillerie, samt dem Generalstab öffentlich verassekuriert habt. Das wäre eine
Anstalt à la Mahomed, die Kerls würden sich schlagen wie der Teufel, denn sie
wüssten, wenn sie heute erschossen werden, wachen sie morgen im Paradiese auf.
Lasset mich lieber noch einen Blick in die Liste werfen, sie ist mir
tröstlicher, denn es stehen ganz vernünftige Männer dort.«
    »O dass Ihr nur ein Jahr auf einer deutschen Universität zugebracht hättet!
unsere Agenten geben uns herrliche Berichte, die ketzerische Jugend soll
gegenwärtig ganz absonderlich fromm, heilig und mystisch sein; das Mittelalter,
das gute, liebe Mittelalter versetzt sie in diesen liebenswürdigen Schwindel.
Sie neigen sich schon ganz zu uns, und lasset nur erst die Jesuiten recht in
Deutschland überhandnehmen, dann sollt Ihr erst Wunder sehen! Auch einige brave
Männer, Professoren nehmen sich unserer Sache an: seht dieser da Nro. 172 Signor
Crusado, der umhüllt sie mit einem so tiefen symbolischen Dunkel, dass sie bald
unser sind. Wahrlich, der Hofmechanikus Seiner Heiligkeit, der berühmte Sgn.
Carlo Fiorini hat vollkommen recht. Er hat berechnet, wenn Deutschland einige
Grade südlicher läge, wenn ihr eine schönere Natur, ein wenig mehr Sinnlichkeit
und Phantasie hättet - die Ketzerei hätte nie aufkommen können, oder ihr wäret
wenigstens schon lange wieder zurückgekehrt.«
    Die Barke stiess bei diesen Worten ans Land; wie gerne hätte ich diesem
trefflichen Pfaffen noch länger zugehört, wie er diese deutsche Seele
bearbeitete, es war ein schweres Stück Arbeit, ich gestehe es. Ein Mensch ohne
Phantasie, der in den Zeremonien nur Zeremonien sieht, der die Tendenz dieser
Römer durchschaut, der durch keinen weltlichen Vorteil zu blenden ist, wahrlich
ein solcher ist schwer zu gewinnen. Doch für diesen war mir nicht bange. Ein
Kardinal Rocco und ein schönes Weib haben schon andere geangelt als diesen.
    Der heilige Mann stieg aus; mit Ehrfurcht empfingen die Schiffer seinen
Segen, den er mit einer Würde, einem Anstand, würdig eines Fürsten der Kirche,
erteilte. Donna Ines folgte. Ich bewunderte, während sie über das Brett ging,
ihren feinen, zierlichen Wuchs, die Harmonien in ihren Bewegungen und die Glut,
die aus ihren Augen strahlte, und den Abend schwül zu machen schien. Sie reichte
dem geliebten Ketzer ihre schöne Hand mit so besorgter Zärtlichkeit, mit einem
so bedeutungsvollen Lächeln, dass ich im Zweifel war, ob ich mehr seine
transmontanische Kälte belächeln, oder den Mut bewundern sollte, mit welchem er
den geistlichen Lockungen dieser in Liebe aufgelösten Circe widerstand. - Am
Ufer hielt ein schöner Wagen; der dienende Bruder Piccolo, welchem ich im Traum,
in Rom spazierengehend, erschienen war, stand am Schlag und erwartete Seine
Eminenz. Es kostete einige Zeit, bis dieser sein Gewand zu gehöriger Wirkung
drapiert hatte, dann erst folgte der Frater Piccolo; der Ketzer und seine Dame
schlugen einen Fusspfad ein, und gingen der Stadt zu.
    »Wer sind diese?« fragte ich den Schiffer.
    »Kennt Ihr den heiligen Mann, den Kardinal Rocco nicht; o es ist einer der
besten Füsse des Heiligen Stuhles! Alle Abende fährt er in meiner Barke auf dem
Fluss.«
    »Und die Dame?«
    »Ha! das ist eine gute Christin«, antwortete er mit Feuer. »Sie fährt
beinahe immer mit dem Kardinal, zuweilen allein mit ihm, zuweilen mit dem Mann,
den Ihr gesehen. Dem traue ich nicht ganz, es ist entweder ein Deutscher oder
ein Engländer, und die sind doch Kinder des Teufels.«
    »So? da sagt Ihr mir etwas Neues, und dieser Mann, ist er ihr Gemahl?«
    »Bewahre uns die Heilige Jungfrau! Ihr Gemahl! wo denkt Ihr hin? da würde er
nicht so zärtlich mit ihr spazierenfahren. Ich denke es ist ihr Geliebter.«
    »So ist es«, sagte einer der griechischen Kaufleute, »die Dame wohnt nicht
weit von mir. Sie lebt allein mit ihren Kindern. Sie sieht niemand bei sich, als
einige fromme Geistliche und diesen jungen Mann; es ist ihr Geliebter. Aber sie
führen ein Hundeleben zusammen. Man hört sie oft beide weinen und zanken und
schreien. Der junge Mann flucht und donnert und jammert mit schrecklicher
Stimme, und die Donna weint und klagt, und die Kinder erheben ein Zetergeschrei,
dass die Nachbarn zusammenlaufen. Dann stürzt oft der junge Mann verzweifelnd aus
dem Haus und will fliehen, aber die Donna setzt ihm mit fliegenden Haaren nach,
und die Kinder laufen heulend hintendrein; sie fasst ihn unter der Türe am
Gewand, sie achtet nicht auf die Menschen, die umherstehen; sie zieht ihn zurück
ins Haus und besänftigt ihn, und dann ist es oft auf viele Tage stille, bis das
Wetter von neuem losbricht.«
    »Heilige Jungfrau«, rief der Schiffer, »und hat er sie noch nie totgestochen
im Zorn?«
    »Wie Ihr sehet, nein!« erwiderte der Grieche; »aber krank ist sie schon oft
geworden, wenn er so greulich raste; dann lief er schnell zu drei, vier
Doktoren, um sie wieder ins Leben zurückzurufen. Es sind doch gute Seelen, diese
Deutschen!«
    So sprachen diese Männer, und ich ging von ihnen in tiefen Gedanken, über
das was ich gehört und gesehen hatte. Jenes Wort des jungen Berliners fiel mir
wieder bei, der den Kardinal Rocco beschuldigte, ein schönes, gutes Herz
gebrochen zu haben. Welches andere Herz konnte dies sein, als Luisens? Ich
glaubte deutlich zu sehen, dass der Priester den Kapitän der Geliebten entzogen,
indem er sie verleumdet, dass er ihn in die Fesseln dieser Donna Ines geschmiedet
habe, um ihn für die Kirche zu gewinnen. Aber wie war alles dies geschehen? Wie
hatte er diesen Mann aus den Armen seines Mädchens ziehen, von einem Herzen
hinwegreissen können, das ihn mit so heisser Glut umfing; sollten jene
Beschuldigungen von Untreue wahr sein, die der Kardinal dem Kapitän
einflüsterte, hatte sie wirklich den jungen Mann, der ihm so ähnlich sah,
vorgezogen? Doch ich wusste ja, wo ich mir Gewissheit verschaffen konnte; ich
beschloss bei guter Zeit am nächsten Morgen den Berliner wieder aufzusuchen.
Herr von S..... schien mich liebgewonnen zu haben, denn er empfing mich mit
Herzlichkeit und einem Wohlwollen, das selbst den Teufel erfreut, wenn er auch
schon an dergleichen gewöhnt ist. Ich hatte mir vorgenommen, von meiner
gestrigen Fahrt und den Wunderdingen, die ich gehört hatte, noch nichts zu
erwähnen, um den Verlauf seiner Geschichte zuvor desto ungestörter zu vernehmen.
    »Von allem Unglück, das die Erde trägt«, fuhr er zu erzählen fort, »scheint
mir keines grösser, schmerzlicher und rührender als jener stille, tiefe Gram
eines Mädchens, das unglücklich liebt, oder dessen zartes, glühendes Herz von
einem Elenden zur Liebe hingerissen und dann betrogen wird. Der Mann hat Kraft,
seinen Gram zu unterdrücken, den Verrat seiner Liebe zu rächen, die gepresste
Brust dem Freunde zu öffnen; das Leben bietet ihm tausend Wege, in Mühe und
Arbeit, in weiter Ferne Vergessenheit zu erringen. Aber das Weib? - Der
häusliche Kreis ist so enge, so leer. Jene täglich wiederkehrende Ordnung, jene
stille Beschäftigung mit tausend kleinen Dingen, der sie sich in der Zeit
glücklicher Liebe fröhlich, beinahe unbewusst hingab, wie drückend wird sie, wenn
sich an jeden Gegenstand die Erinnerung an ein verlorenes Glück heftet. Wie
träge schleicht der Kreislauf der Stunden, wenn nicht mehr die süssen Träume der
Zukunft, nicht der Zauber der Hoffnung, nicht die Seligkeit der Erwartung den
Minuten Flügel gibt, wenn nicht mehr das von glücklicher Liebe pochende Herz den
Schlag der Glocke übertönt!
    Doch, wozu Sie auf ein Unglück vorbereiten, das Sie nur zu bald erfahren
werden? hören Sie weiter: Mein Wunsch, Luise von Palden im Hause des Gesandten
zu sehen, gelang. Schon nach einigen Tagen wurde sie durch seine Schwester dort
eingeführt. Sie errötete, als sie mich zum erstenmal dort sah, doch sie schien
mich wie einen alten Bekannten dort zu nehmen, es schien sie zu freuen, unter so
vielen fremden Männern einen zu wissen, der ihr näherstand. Denn so war es; sei
es, dass die Erinnerung an unser sonderbares Abenteuer, mich aus einem Fremden
zum Bekannten machte, sei es, dass sie gerne zu mir sprach, weil ich die Züge
ihres Freundes trug, sie unterschied mich auffallend von allen übrigen Männern,
die dieser seltenen Erscheinung huldigten. Sie lächeln, Freund? Ich errate Ihre
Gedanken -«
    »Ich finde, Sie sind zu bescheiden; könnte es nicht auch Ihre eigene
Persönlichkeit gewesen sein, was das Fräulein anzog?«
    »Nein, denken Sie nicht so von diesem himmlischen Geschöpf; ich gestehe, ich
war ein Tor, ich machte mir Hoffnung, sie für mich gewinnen zu können; ja
Freund, ich sagte ihr sogar, was ich fürchte -«
    »Und Sie wurden nicht erhört? Das treue, ehrliche Kind! und ihr Kapitän lag
vielleicht gerade in den Armen einer andern!«
    Der Berliner stutzte; »Wie? was wissen Sie?« fragte er betroffen; »wer hat
Ihnen gesagt, dass West noch eine andere liebe?«
    »Nun, Sie selbst haben mich genug darauf vorbereitet«, erwiderte ich;
»sagten Sie nicht, dass jener das Mädchen betrog?«
    »Sie haben recht; - nun, ich wurde lächelnd abgewiesen, abgewiesen, auf eine
Art, die mich dennoch glücklich, unaussprechlich glücklich machte. Sie war
keinen Augenblick ungehalten, sie gestand mir, dass ich ihr als Freund willkommen
sei, dass ihr Herz keinem andern mehr gehören könne. Sie sagte mir auch manches
von ihren Verhältnissen, was ganz mit dem übereinstimmt, was uns die Schwester
des Gesandten erzählte, sie gestand, dass sie nur darum nach Rom gezogen sei,
weil den Kapitän seine Verhältnisse hieher riefen; sie gestand, dass er einen
Rechtsstreit wegen einer Erbschaft hier habe, dass er, sobald die Sache
entschieden sei, vielleicht schon in wenigen Wochen, sie zum Altar führen werde.
    Etwa eine Woche nach diesem aufrichtigen Geständnis, rief mich eines Abends
der Gesandte aus dem Salon, in welchem die Gesellschaft versammelt war, zu sich.
Es war nichts Seltenes, dass er sich mir in Geschäftssachen mitteilte, weil ich
sein Vertrauen auf eine ehrenvolle Art besass; doch die Zeit war mir auffallend,
und es musste etwas von Wichtigkeit sein, weswegen er mich aus dem Kreis der
Damen aufstörte.
    Kennen Sie einen gewissen Kapitän West? fragte er, indem er mich mit
forschenden Blicken ansah.
    Ich habe einen Kapitän West flüchtig kennengelernt, gab ich ihm zur Antwort.
    Nun, so flüchtig müsse es doch nicht sein, entgegnete er mir, da ich ein
Duell mit ihm gehabt.
    Ich sagte ihm, dass ich Streit mit ihm gehabt, wegen einer ziemlich
gleichgültigen Sache, es sei aber alles gütlich beigelegt worden. Dennoch war es
mir auffallend, woher der Gesandte diesen Streit erfahren hatte, den ich so
geheim als möglich hielt, und von welchem Luise in seinem Hause gewiss nichts
erwähnt hatte.
    Wegen einer Dame haben Sie Streit gehabt, sagte er; doch möchte ich Ihnen
raten, solche Händel wegen einer so zweideutigen Person zu vermeiden. Sie wissen
selbst, wenn man einmal einen öffentlichen, besonders einen diplomatischen
Charakter hat, ist dergleichen in einem fremden Lande wegen der Folgen für beide
Teile fatal.
    Der Ton, worin dies gesagt wurde, fiel mir auf. Er war sehr ernst, sehr
warnend; noch schmerzlicher berührte mich, was er über jene Dame sagte,
zweideutige Person! Und doch sass gerade diese Person als Krone der Gesellschaft
in seinem Salon, er selbst, ich hatte es deutlich gesehen, er selbst hatte noch
vor einer halben Stunde mit ihr auf eine Art gesprochen, die mich in dem alten
Herrn einen aufrichtigen Bewunderer ihrer Reize und ihres glänzenden Verstandes
sehen liess. Ich konnte eine Bemerkung hierüber nicht unterdrücken, ich bat ihn
höflich, aber so fest als möglich, in meiner Gegenwart nicht mehr so von einer
Dame zu sprechen, die ich achte, und die einen so entschiedenen Rang in der
Gesellschaft einnehme. Ich wolle davon gar nicht reden, dass er selbst sein Haus
beschimpfe, wenn er in solchen Ausdrücken von seinen Gästen spreche.
    Er sah mich verwundert an; er sagte mir, er könne meine Reden nicht
begreifen, denn weder behaupte die Dame einen Rang in der Gesellschaft, die er
sehe, noch habe sie je einen Fuss über seine Schwelle gesetzt. Die Reihe zu
erstaunen war jetzt an mir; ich sah, dass hier ein Irrtum vorwalte, und belehrte
ihn, dass Fräulein von Palden die Dame sei, um die wir uns schlagen wollten.
Verzeihen Sie, rief er, man sagt mir, Sie haben sich wegen der Geliebten dieses
Kapitän West geschlagen, daher glaubte ich Ihnen dies sagen zu müssen.
    Und wenn dies nun dennoch wäre? fragte ich; kennen Sie denn die Geliebte des
Kapitän?
    Gott soll mich bewahren, entgegnete er. Nein, ich glaube er hat schon selbst
genug an seiner Portugiesin.
    Ich staunte von neuem; Von einer Portugiesin sprechen Sie? wie kommen Sie
nur darauf? Ich weiss bestimmt, dass der Kapitän eine deutsche Dame liebt.
    Um so schlimmer für das arme Kind in Deutschland, war seine Antwort; wie die
Sachen stehen, scheint man im Lateran ernstlich daran zu denken, den goldenen
Quadrupeln der schönen Donna Gehör zu geben, und ihre frühere Ehe, weil sie
nicht ganz gültig vollzogen war, für nichtig zu erklären. Der Kapitän macht eine
gute Partie, aber - jeder Mann von Ehre wird diesen Schritt missbilligen.
    Ich stand wie vom Donner gerührt vor dem alten Mann; entweder lag hier eine
Verwechslung der Namen und Personen zugrunde, oder es war ein schreckliches
Geheimnis, und der Kapitän ein Betrüger, der Luisens Glück vielleicht auf ewig
zerstört hatte.
    Ich sagte dem Gesandten geradezu, dass er mit mir über Dinge spreche, die mir
völlig unbekannt seien. Er staunte, doch glaubte er, da er schon so viel gesagt
hatte, mir die weitere Erklärung dieser Rätsel schuldig zu sein. Dieser Kapitän
West ist ein Sachse, erzählte er; er diente früher im Generalstab, und wurde
dann zu einer diplomatischen Sendung nach Spanien verwandt; er soll ein Mann von
vielen Talenten, aber etwas zweideutigem Charakter sein. Warum die Wahl gerade
auf ihn fiel, da noch ältere Leute und aus guten Häusern im Departement waren,
ist mir unbekannt; nur so viel erfuhr ich zufällig, dass man ihn damals von
Dresden habe entfernen wollen. Man erzählt sich, er habe in Madrid in einem
Verhältnis zu einer schönen, jungen Frau gelebt; sie war eine Spanierin, aber an
einen alten Engländer verheiratet, der sie vielleicht nicht so strenge unter
Schloss und Riegel hielt, wie man sonst in Spanien zu tun pflegt.
    Als aber endlich dieses Verhältnis zu den Ohren des Engländers kam, bewirkte
dieser, dass der Kapitän von seinem Posten abgerufen und sogar aus dem Dienst
entlassen wurde. Doch sagen andere, er selbst habe aus Ärger über seine schnelle
Abrufung quittiert. Doch das Beste kommt noch; einige Wochen nach seiner Abreise
war die Frau des Engländers mit ihren beiden Kindern plötzlich verschwunden, man
kann sagen, spurlos verschwunden, denn so viele Mühe sich ihr Gatte gab, ihrer
habhaft zu werden, alles war vergeblich. Vielleicht scheiterten auch seine
Bemühungen an den Unruhen, die gerade in jener Zeit ausbrachen und die
Kommunikation mit Frankreich sehr erschwerten.
    Der Verdacht dieses Engländers fiel, wie natürlich, vor allem auf den
Kapitän West. Er wusste es zu machen, dass dieser in Paris angehalten und verhört
wurde. Man sagt, er solle sehr betreten gewesen sein, als er die Nachricht von
der Flucht dieser Dame hörte; er wies sich aber aus, dass er die Reise bis nach
Paris allein gemacht habe, und bekräftigte mit einem Eid, dass er von diesem
Schritt der Donna nichts wisse.
    Etwa ein Vierteljahr nachher kam er nach Rom, und lebt seitdem hier sehr
still und eingezogen, besucht keine Gesellschaft, hat keinen Freund, keinen
Bekannten, vorzüglich vermeidet er es, mit Deutschen zusammenzutreffen.
    Um diese Zeit, fuhr der Gesandte fort, sei von seinem Hofe die Anfrage an
ihn ergangen, ob dieser West sich in Rom befinde; wie er lebe, und ob er nicht
in Verhältnis mit einer Spanierin sei, die sich ebenfalls hier aufhalten müsse.
Man habe ihm dabei die Geschichte dieses Kapitän West mitgeteilt und bemerkt,
dass der Engländer von neuem Spuren von seiner Frau entdeckt habe, die beinahe
mit Gewissheit annehmen lassen, dass sie in Rom sich aufhalte. Man habe deswegen
von Spanien aus sich an die päpstliche Kurie gewandt, es scheine aber, man wolle
sich hier der Dame annehmen, denn die Antwort sei sehr zweifelhaft und
unbefriedigend ausgefallen. Der Gesandte machte die nötigen Schritte und erfuhr
wenigstens so viel, dass jener Verdacht bestätigt schien. Er wandte sich nun auch
an Consalvi, um zu erfahren, ob der römische Hof in der Tat die Dame in seinen
Schutz nehme und erhielt die, in eine sehr bestimmte Bitte gefasste, Antwort, man
möchte diese Sachen beruhen lassen, da die Ehe der Donna Ines mit dem Engländer
wahrscheinlich für ungültig erklärt werde.
    Dies erzählte mir der Gesandte; er sagte noch hinzu, dass er aus besonderem
Interesse an diesem Fall dem Kapitän immer nachgespürt habe, und so sei ihm auch
der Streit zu Ohren gekommen, den ich im Karneval mit jenem wegen einer Dame
gehabt habe.
    Sie können sich denken, Freund, welche Qualen ich schon während seiner
Erzählung empfand; und als ich das ganze Unglück erfahren hatte, stand ich wie
vernichtet. Der Gesandte verliess mich, um zu der Gesellschaft zurückzukehren;
ich hatte kaum noch so viel Fassung, ihn zu bitten, er möchte niemand etwas von
diesen Verhältnissen wissen lassen, das Warum? versprach ich ihm auf ein
andermal.
    Ich konnte von dem Zimmer, wohin der Gesandte mich gerufen, den Salon
übersehen, ich konnte Luisen sehen, und wie schmerzlich war mir ihr Anblick. Sie
schien so ruhig, so glücklich. Der Friede ihrer schönen Seele lag wie der junge
Tag freundlich auf ihrer Stirne; ihr sanftes blaues Auge glänzte, vielleicht von
der Erwartung einer schönen Abendstunde, und das Lächeln, das ihren Mund
umschwebte, schien der Nachklang einer freudigen Erinnerung hervorgelockt zu
haben. Nein, es war mir nicht möglich, diesen Anblick länger zu ertragen, ich
eilte ins Freie, um dieses Bild durch neue Bilder zu verdrängen; aber wie war es
möglich? der Gedanke an sie kehrte schmerzlicher als je zurück, denn der Friede
der Natur, der zauberische Schmelz der Landschaft, die süsse Ruhe, die diese
Fluren atmeten, erinnerten sie mich nicht immer wieder an jenes holde Wesen? und
die Wolken, die sich am fernen Horizont schwärzlich auftürmten, und ein
nächtliches Gewitter verkündeten, hingen sie nicht über der friedlichen
Landschaft wie das Unglück, das Luisen drohte?
    Ich ging nach Hause; ich dachte nach, ob nicht Rettung möglich sei, ob ich
sie nicht losmachen könne von dieser schrecklichen Verbindung. Doch, war nicht
zu befürchten, dass sie mir misstrauen werde? Sie wusste, ich liebe sie, kannte sie
mich hinlänglich, um nicht an der Reinheit meiner Absichten zu zweifeln? Ich
konnte es nicht über mich gewinnen, ihr selbst ihr Unglück zu verkünden. Nur
einen Ausweg glaubte ich offen zu sehen; ich wollte ihn selbst zur Rede stellen,
den Elenden, ich wollte ihn bewegen, einen entscheidenden Schritt auf die eine
oder die andere Seite zu tun. Ja, darin glaubte ich einen glücklichen Weg
gefunden zu haben; er selbst musste ihr sagen, dass er nicht mehr verdiene von ihr
geliebt zu werden; und dann, dachte ich, dann wird sie zwar unglücklich sein,
aber ich will versuchen, sie glücklich zu machen, durch ein langes Leben voll
Treue und Liebe will ich ihr Unglück zu mildern suchen.«
    »Aber wie konnten Sie glauben«, rief ich, über diese romantischen Ideen
unwillkürlich lächelnd, »wie konnten Sie glauben, Freund, dass ein Kapitän West
zu diesem sonderbaren Geständnisse sich hergeben werde? In Romanen mag dies der
Fall sein, aber Herr! in der Wirklichkeit? Haben Sie je einen Narren der Art
gekannt?«
    »Ach, ich dachte zu gut von den Menschen«, antwortete er. »Ich dachte, wie
ich muss jeder fühlen - Ich ging in die Wohnung des Kapitän West. Er wohnte
schlecht, beinahe ärmlich. Ich traf ihn wie er einen schönen Knaben von acht
Jahren auf den Knien hatte, welchen er lesen lehrte. Errötend setzte er den
Knaben nieder, und stand auf, mich zu begrüssen. Ei Papa! rief der Kleine, wie
sieht dir dieser Herr so ähnlich.
    Der Kapitän geriet in Verlegenheit und führte den Knaben aus dem Zimmer.
Wie, sagte ich zu ihm; Sie haben schon einen Knaben von diesem Alter? waren Sie
früher verheiratet?
    Er suchte zu lachen, und die Sache in einen Scherz zu drehen; er behauptete,
der Knabe gehöre in die Nachbarschaft, besuche ihn zuweilen und nenne ihn Papa,
weil er sich seiner annehme.
    Er gehört wohl der Donna Ines? fragte ich, indem ich ihn scharf ansah. Noch
nie zuvor hatte ich gesehen, wie schrecklich das böse Gewissen sich kundtut; er
erblasste; seine Augen glänzten wie die einer Schlange, ich glaubte er wolle mich
durchbohren. Noch ehe er sich hinlänglich gesammelt hatte, um mir zu antworten,
sagte ich ihm gerade ins Gesicht, was ich von ihm wisse und was ich von ihm
verlange, um das Fräulein nicht völlig unglücklich zu machen.
    Er lief in Wut im Zimmer umher, er schimpfte auf Zwischenträger und
Zudringliche; er behauptete, ich habe die ganze Geschichte aufgedeckt, um Luisen
von ihm zu entfernen. Ich liess ihn ausreden; dann sagte ich ihm mit kurzen
Worten, wie ich sein Verhältnis zu der Spanierin erfahren habe, und bat ihn noch
einmal mit den herzlichsten Tönen unserer Sprache, das Fräulein so schonend als
möglich von sich zu entfernen.
    Es gelang mir ihn zu rühren; aber nun hatte ich eine andere unangenehme
Szene durchzukämpfen; er klagte sich an, er weinte, er verfluchte sich, das
holde Geschöpf so schändlich betrogen zu haben; er schwor sich von der Spanierin
zu trennen; er flehte mich an, ihn zu retten; er gestand mir, dass er sich von
einem Nerz umstrickt sehe, das er nicht gewaltsam durchbrechen könne, weil
einige hohe Geistliche der Kirche kompromittiert würden. Er ging so weit, mich
zu zwingen, seine Geschichte anzuhören, um vielleicht milder über ihn urteilen
zu können. Es war die Geschichte eines - Leichtsinnigen. Dieses Wort möge
entschuldigen, was vielleicht schlecht genannt werden könnte. Es lag in dem
Wesen dieses Mannes ein Etwas, das ihn bei den Frauen sehr glücklich machen
musste. Es war der äussere Anschein von Kraft und Entschlossenheit, die ihm
übrigens sein ganzes Leben hindurch gemangelt zu haben schienen. Er musste eine
für seinen Stand ausgezeichnete Bildung gehabt haben, denn er sprach sehr gut,
seine Ausdrücke waren gewählt, seine Bilder oft wahrhaft poetisch, er konnte
hinreissen, so dass ich oft glaubte, er spreche mit Eifer von einem Dritten,
während er mir seinen eigenen beklagenswerten Zustand schilderte. Ich habe dies
oft an Menschen bemerkt, die sonst ihrem Triebe folgen, in den Tag hinein leben,
ohne sich selbst zu prüfen, und erst in dem Moment der Erzählung über sich
selbst flüchtig nachdenken. Sie werden dann durch die Sprache selbst zu einem
eigentümlichen Feuer gesteigert, sie sprechen mit Umsicht von sich selbst, doch
eben weil diese ihnen sonst abging, ist man versucht zu glauben, sie sprechen
von einem Dritten.
    Es war Luise, die ihn zuerst liebte; er erkannte ihre Neigung; Eitelkeit,
die herrliche aufblühende Schönheit, die Tochter eines der ersten Häuser der
Stadt für sich gewonnen zu haben, riss ihn zu einem Gefühl hin, das er für Liebe
hielt. Der Vater sah dies Verhältnis ungerne. Ich konnte mir denken, dass es
vielleicht weniger Stolz auf seine Ahnen, als die Furcht vor dem schwankenden
Charakter des Kapitäns war, was ihn zu einer Härte stimmte, die die Liebe eines
Mädchens wie Luise immer mehr anfachen musste. Er soll ihr, was ich jetzt erst
erfuhr, auf seinem Sterbebette den Fluch gegeben haben, wenn sie je mit dem
Kapitän sich verbinde.
    West suchte die Geschichte mit der Frau des Engländers auf Verführung zu
schieben. Ich habe eine solche bei einem Mann, der das Bild der Geliebten fest
im Herzen trägt, nie für möglich gehalten. Doch die Strafe ereilte ihn bald. Er
gestand mir, dass er froh gewesen sei, als er, vielleicht durch Vermittlung des
Engländers, von seinem Posten zurückberufen wurde. Donna Ines habe ihm allerlei
sonderbare Vorschläge zur Flucht gemacht, in die er nicht eingehen können; er
sei, ohne Abschied von ihr zu nehmen, abgereist. Was ihn eigentlich bestimmte,
nach Rom zu gehen, sah ich nicht recht ein, und er suchte auch über diesen Punkt
so schnell als möglich hinwegzukommen. Er erzählte ferner, wie er durch Luisens
Ankunft erfreut worden sei, wie er sich vorgenommen, nur ihr, ihr allein zu
leben. Doch da sei plötzlich Donna Ines in Rom erschienen, sie habe sich mit
zwei Kindern geflüchtet, sei ihm nachgereist, und habe jetzt verlangt, er solle
sie heiraten.
    Es entging mir nicht, dass der Kapitän mich hier belog. Ich hatte von dem
Gesandten bestimmt erfahren, dass jener schon in Paris angehalten und über die
Flucht der Donna zur Rede gestellt worden sei; er konnte sich also denken, dass
sie ihm nachreisen werde, und dennoch knüpfte er die Liebe zu Luisen von neuem
an. Ferner, wie hätte es Ines wagen können, ihm zu folgen, wenn er ihr nicht
versprochen hätte, sie zu heiraten, wenn er sie nicht durch tausend
Vorspiegelungen aus ihrem ruhigen Leben herausgelockt und zur Abenteurerin
gemacht hätte?
    Er schilderte mir nun ein Gewebe von unglücklichen Verhältnissen, in welche
ihn diese Frau, die mit allen Kardinälen, namentlich mit Pater Rocco, schnell
bekannt geworden, geführt habe. Es wurde ernstlich an der Auflösung ihrer
früheren Ehe gearbeitet, und es war als bekannt angenommen worden, dass er die
Geschiedene heiraten werde.
    Sie sagten mir hier nichts Neues, antwortete ich ihm; dies alles beinahe
wusste ich vorher. Aber ich hoffe, dass Sie als Mann von Ehre einsehen werden, dass
das Verhältnis zu Fräulein von Palden nicht fortdauern kann, oder Sie müssen
sich von der Spanierin lossagen.
    Das letztere könne er nicht, sagte er, er habe von ihr und dem Kardinal
Rocco Vorschüsse empfangen, die sein Vermögen übersteigen, er könne also
wenigstens im Augenblick keinen entscheidenden Schritt tun.
    Im Augenblick heisst hier nie, erwiderte ich ihm. Sie werden sich aus diesen
Banden, wenn sie so beschaffen sind, nie mit Anstand losmachen können. Ich halte
es also für Ihre heiligste Pflicht, Luisen nicht noch unglücklicher zu machen;
denn was kann endlich das Ziel Ihrer Bestrebungen sein?
    Er errötete und meinte, ich halte ihn für schlechter als er sei. Doch er
fühle selbst, dass man einen Schritt tun müsse. Er glaube aber, es sei dies meine
Sache. Er trete mir Luisen ab, ich solle mir auf jede Art ihre Gunst zu erwerben
suchen und sie glücklich machen. Er hatte Tränen in den Augen, als er dies
sagte, und ich sah mit beinahe zu mitleidigen Augen, wie weit ein Mensch durch
Leichtsinn kommen könne.
    Ich ging um nichts weiser geworden, ohne dass ein wirklicher Entschluss gefasst
worden war, von dem Kapitän; mein Gefühl war eine Mischung von Verachtung und
Bedauern. Auf der Treppe begegnete mir wieder der schöne Knabe und fragte, ob er
wohl jetzt zu Papa kommen dürfte.«
    »Ha! und jetzt setzten Sie wohl alle Segel auf, Freundchen«, fragte ich;
»jetzt machten Sie wohl Jagd auf die schöne Galeere Luise?«
    »Ja und nein«, antwortete er trübe; »sie schien meine Liebe zu übersehen,
nicht zu achten, aber bald bemerkte ich, dass sie ängstlicher wurde in meiner
Nähe, es schmerzte sie, dass mir ihre Freundschaft nicht genügen wolle. Und jener
Elende, sei es aus Bosheit oder Leichtsinn, zog sich nicht von ihr zurück, ich
vermute es sogar, er hat sie vor mir gewarnt. So standen die Sachen, als die
Zeit, die ich in Rom zubringen sollte, bald zu Ende ging. Im Kabinett des
Gesandten arbeitete man schon an Memoiren, die man mir nach Berlin mitgeben
wollte, man wunderte sich, dass ich noch keine Abschiedsbesuche mache - und ich,
ich lebte in dumpfem Hinbrüten, ich sah nicht ein, wie ich dieser Reise
entfliehen konnte, und dennoch hielt ich es nicht für möglich, Luisen zu
verlassen, jetzt da ihr vielleicht bald der schrecklichste Schlag bevorstand.
Oft war ich auf dem Punkt, ihr alles, alles zu entdecken, aber wie war es mir
möglich, ihre himmlische Ruhe zu zerstören, das Herz zu brechen, das ich so
gerne glücklich gewusst hätte?
    Da stürzte eines Morgens der Kapitän West in mein Zimmer; er war bleich,
verstört, es dauerte eine lange Zeit, bis er sich fassen und sprechen konnte.
Jetzt ist alles aus, rief er, sie stirbt, sie muss sterben, dieser Kummer wird
sie zerschmettern! Er gestand, dass Donna Ines oder der Kardinal Rocco seine
Liebe zu Luisen entdeckt hätten, ihr schrieben sie sein Zögern, sein Schwanken
zu, und der Kardinal hatte geschworen, er wolle an diesem Tage zu dem deutschen
Fräulein gehen, und sie zur Rede stellen, wie sie es wagen könne, einen Mann,
der schon so gut als verehelicht sei, von seinen Pflichten zurückzuhalten.
    Ich kannte diesen Priester und seine tückische Arglist; ich erkannte, dass
die Geliebte verloren sei. Ich weiss Ihnen von dieser Stunde, von diesem Tag
wenig mehr zu erzählen. Ich weiss nur, dass ich den Kapitän in kalter Wut zur Türe
hinausschob, mich schnell in die Kleider warf, und wie ein gejagtes Wild durch
die Strassen dem Hause der Signora Campoco zulief. Als ich unten an dieser Strasse
anlangte, sah ich einen Kardinal sich demselben Hause nähern. Er schritt stolz
einher, Frater Piccolo trug ihm den Mantel, es war kein Zweifel, es war Rocco.
Ich setzte meine letzten Kräfte daran, ich rannte wie ein Wahnsinniger auf ihn
zu, doch - ich kam eben an, als mir Piccolo mit teuflischem Lächeln die Türe vor
der Nase zuwarf.
    Eine Art von Instinkt trieb mich, all diesem Jammer zu entfliehen. Ich ging
wie ich war zu dem Gesandten und sagte ihm, dass ich noch in dieser Stunde
abreisen werde. Er war es zufrieden, gab mir seine Aufträge, und bald hatte ich
die heilige - unglückselige Stadt im Rücken. Erst als ich nach langer Fahrt zu
mir selbst kam, als meine Vorstellungen sich wieder ordneten und deutlicher
wurden, erst dann tadelte ich meine Feigheit, die mich zu dieser übereilten
Flucht verführte. Ich tadelte meine ganze Handlungsweise, ich klagte mich an,
die Unglückliche auf diesen Schlag nicht vorbereitet zu haben; - doch es war zu
spät, und wenn ich mir meine Gefühle, meine ganze Lage zurückrief, ach, da
schien es so verzeihlich, die Geliebte verschont zu haben! So kam ich nach
Berlin, in dieser Stimmung trafen Sie mich dort, und ein Teil dieser Geschichte
war es, den ich damals im Hause meiner Tante erzählt habe.«
    Der junge Mann hatte geendet; seine Züge hatten nach und nach jene Trauer,
jene Wehmut angenommen, die ich in seinem Wesen, als ich ihn in Berlin sah, zu
bemerken glaubte; er war ganz derselbe, der er an jenem Abend war, und die Worte
seiner Tante, er sehe seit seiner Zurückkunft so geheimnisvoll aus, kamen mir
wieder in den Sinn, und liessen mich den richtigen Blick dieser Dame bewundern.
An seiner ganzen Historie schienen mir übrigens nur zwei Dinge auffallend.
Unglückliche Mädchen wie das Fräulein, abenteuernde Damen wie Ines, intrigante
Priester wie Kardinal Rocco hatte ich auf der Welt schon viele gesehen. Aber die
beiden Männer waren mir, als Menschenkenner, etwas rätselhaft.
    Der Kapitän hatte allerdings schon einen bedeutenden Grad in meinem
Reglement erlangt, aber unbegreiflich war es mir, wie sich dieser Mann so lange
auf einer Stufe halten konnte, da doch nach moralischen wie nach physischen
Kräften, ein Körper, welcher abwärts gleitet, immer schneller fällt. Er war
falsch, denn er spielte zwei Rollen, er war leichtsinnig, denn er vergass sich
alle Augenblicke, er war eifersüchtig, obgleich er es selbst mit zwei Frauen
hielt, er war schnell zum Zorn reizbar, als deutscher Kapitän liebte er
wahrscheinlich auch das Est, Est, Est, Eigenschaften, die nicht lange auf einer
Stufe lassen. Ein anderer an seiner Stelle wäre vielleicht aus Eifersucht und
Zorn schon längst ein Totschläger geworden, ein zweiter wäre, leichtsinnig wie
er, all diesem Jammer entflohen, hätte die Donna Ines hier, und Fräulein Luise
dort, sitzenlassen, und vielleicht an einem andern Ort eine andere gefreit; ein
dritter hätte vielleicht der Donna Gift beigebracht, um die schöne Sächsin zu
besitzen, oder aus Verzweiflung die letztere erdolcht.
    Aber wie langweilig dünkte es mir, dass das Fräulein noch in demselben
Zustande war, dass die beiden Anbeter noch nicht in Streit geraten waren, dass das
Ende von diesen Geschichten ein Übertritt zur römischen Kirche, eine Hochzeit
der Donna Ines und vielleicht eine zweite, Luisens mit dem Berliner werden
sollte?
    Denn eben dieser ehrliche Berliner! er stand zwar in etwas entfernten
Verhältnissen zu mir, doch wusste ich, wenn ich ihm das Ziel seines heimlichen
Strebens, das Fräulein, recht lockend, recht reizend vorstellte, wenn ich ihren
Besitz ihm von ferne möglich zeige, so machte er Riesenschritte abwärts, denn
seine Anlagen waren gut. Ich beschloss daher, mir ein kleines Vergnügen zu
machen, und die Leutchen zu hetzen.
    Während diese Gedanken flüchtig in mir aufstiegen, wurde dem Herrn von S.
ein Brief gebracht. Er sah die Aufschrift an und errötete, er riss das Siegel
auf, er las, und sein Auge wurde immer glänzender, seine Stimme heiterer. »Der
Engel!« rief er aus, »sie will mich dennoch sehen! wie glücklich macht sie mich!
Lesen Sie, Freund«, sagte er, indem er mir den Brief reichte; »müssen solche
Zeilen nicht beglücken?«
    Ich las:
»Mein treuer Freund!
Mein Herz verlangt darnach, Sie zu sprechen. Ich wollte Sie nicht mehr sehen,
nicht mehr sprechen, bis Sie mir gute Nachrichten zu bringen hätten; Sie selbst
sind es eigentlich, der diesen Bann aussprach. Doch heben Sie ihn auf, Sie
wissen, wie tröstlich es mir ist, mit Ihnen sprechen zu können. Der Fromme ist
wieder hier; er verspricht sich das Beste von West. Ach! dass er ihn
zurückbrächte von seinem Abwege, nicht zu mir, meine Augen dürfen ihn nicht mehr
sehen, nur zurück von dieser Schmach, die ich nicht ertragen kann.
                                                                         L. v. P
N. S. Wissen Sie in Rom keinen Deutschen, der in Mecklenburg bekannt wäre? West
hat dort Verwandte, die vielleicht in der Sache etwas tun könnten.«
»Ich kann mir denken, dass dieses schöne Vertrauen Sie erfreuen muss«, sagte ich,
»doch einiges ist mir nicht recht klar, in diesem Brief, das Sie mir übrigens
aufklären werden. Wegen der Verwandten in Mecklenburg kann sich übrigens das
Fräulein an niemand besser wenden, als an mich, denn ich war mehrere Jahre dort,
und bin beinahe in allen Familien genau bekannt.«
    Der junge Mann war entzückt, dem Fräulein so schnell dienen zu können. »Das
ist trefflich!« rief er, »und Sie begleiten mich wohl jetzt eben zu ihr? Ich
erzähle Ihnen unterwegs noch einiges, was Ihnen die Verhältnisse klarer machen
wird.«
    Ich sagte mit Freuden zu, wir gingen.
    »In Berlin«, erzählte er, »hielt ich es nur zwei Monate aus; ich hatte
niemand hier in Rom, der mir über das unglückliche Geschöpf hätte Nachricht
geben können, und so lebte ich in einem Zustand, der beinahe an Verzweiflung
grenzt; nur einmal schrieb mir der sächsische Gesandte: Der Papst habe sich
jetzt öffentlich für den Kapitän West erklärt, man spreche davon, dass der Preis
dieser Gnade, der Übertritt des Kapitäns zur römischen Kirche sein solle. In
demselben Brief erwähnte er mit Bedauern, dass die junge Dame, die uns alle so
sehr angezogen habe, die mich immer besonders auszuzeichnen geschienen, sehr
gefährlich krank sei, die Ärzte zweifeln an ihrer Rettung.
    Wer konnte dies anders sein, als die arme Luise. Diese letzte Nachricht
entschied über mich. Zwar hätte ich mir denken können, dass das, was ihr der
Kardinal mitteilte, Krankheit, vielleicht den Tod zur Folge haben werde, aber
jetzt erst, als ich diese Nachricht gewiss wusste, jetzt erst kam sie mir
schrecklich vor; ich reiste nach Rom zurück, und meine Bekannten hier haben sich
nicht weniger darüber gewundert, mich so unverhofft zu sehen, als meine
Verwandten in Berlin, mich so plötzlich wieder entlassen zu müssen. Besonders
die Tante konnte es mir nicht verzeihen, denn sie hatte schon den Plan gemacht,
mich mit einer der Fräulein, die Sie beim Tee versammelt fanden, zu verheiraten.
    Erlassen Sie es mir, zu beschreiben, wie ich das Fräulein wiederfand! Nur
eins schien diese schöne Seele zu betrüben, der Gedanke, dass West zu seiner
grossen Schuld noch einen Abfall von der Kirche fügen wolle. Ich lebe seitdem ein
Leben voll Kummer. Ich sehe ihre Kräfte, ihre Jugend dahinschwinden, ich sehe,
wie sie ein Herz voll Jammer unter einer lächelnden Miene verbirgt. Um mich zu
noch tätigerem Eifer, ihr zu dienen, zu zwingen, gelobte ich, sie nicht mehr zu
sprechen, bis ich von dem Kapitän erlangt hätte, dass er nicht zum Apostaten
werde, oder - bis sie mich selbst rufen lasse. Das letztere ist heute geschehen.
Es scheint, sie hat Hoffnung, ich habe keine; denn er ist zu allem fähig, und
Rocco hat ihn so im Netze, dass an kein Entrinnen zu denken ist.«
    »Aber der Fromme«, fragte ich; »soll wohl der seine Bekehrung übernehmen?«
    »Auf diesen Menschen scheint sie ihre Hoffnung zu gründen. Es ist ein
deutscher Kaufmann, ein sogenannter Pietist, er zieht umher, um zu bekehren;
doch leider muss er jedem Vernünftigen zu lächerrlich erscheinen, als dass ich
glauben könnte, er sei zur Bekehrung des Kapitäns berufen. Eher setze ich einige
Hoffnungen auf Sie, mein Freund, wenn Sie durch die Verwandten etwas bewirken
könnten; doch auch dies kommt zu spät! Wie sie sich nur um diesen Elenden noch
kümmern mag!«
    Viel versprach ich mir von diesem Besuch bei dem Fräulein von Palden. Was
ich von ihr gesehen, von ihr gehört, hatte mir ein Interesse eingeflösst, das
diese Stunde befriedigen musste. Ich hatte mir schon lange zuvor, ehe ich sie
sah, ein Bild von ihr entworfen, ich fand es, als sie mir damals im Portikus
erschien, beinahe verwirklicht; nur eines schien noch zu fehlen, und auch das
hatte sich jetzt bestätigt; ich dachte mir sie nämlich etwas fromm, etwas
schwärmerisch, und sie musste dies sein, wie konnte sie sonst einem deutschen
Pietisten die Heilung des Kapitän West zutrauen?
    Wir wurden von der Signora Campoco und ihren Hunden freundlich empfangen;
den Berliner führte sie zu ihrer Nichte, mich bat sie in ein Zimmer zu treten,
wo ich einen Landsmann finden werde. Ich trat ein. Am Fenster stand ein kleiner
hagerer Mann, von kaltem, finsterem Aussehen. Er heftete seine Augen immer zu
Boden, und wenn er sie einmal aufschlug, so glühten sie von einem trüben,
unsicheren Feuer. Ich machte ihm mein Kompliment, er erwiderte es mit einem
leichten Neigen des Hauptes und antwortete: »Gegrüsset seist du mit dem Grusse des
Friedens!«
    Ha! dachte ich, das ist niemand anders als der Pietist! Solche Leute sind
eine wahre Augenweide für den Teufel, er weiss wie es in ihrem Innern aussieht,
und, diese herrliche Charaktermaske, lächerlicher als Polischinello, komischer
als Passaglio, patetischer als Truffaldin, und wahrer als sie alle, trifft man
besonders in Deutschland, und seit neuerer Zeit in Amerika, wohin sie die
Deutschen verpflanzt haben. Diese Protestanten glauben im echten Sinne des
Wortes zu handeln, wenn sie gegen alles protestieren. Der Glaube der
katolischen Kirche ist ihnen ein Greuel; der Papst ist der Antichrist, gegen
ihn und die Türken beten sie alle Tage ein absonderliches Gebet. Nicht zufrieden
mit diesem, protestieren sie gegen ihren eigenen Staat, gegen ihre eigene
Kirche. Alles ist ihnen nicht ortodox, nicht fromm genug. Man glaubt
vielleicht, sie selbst sind um so frömmer? O ja, wie man will. Sie gehen
gesenkten Hauptes, wagen den Blick nicht zu erheben, wagen kein Weltkind
anzuschauen. Ihre Rede ist »Ja, ja, nein, nein.« Auf weitere Schwüre und
dergleichen lassen sie sich nicht ein. Sie sind die Stillen im Lande, denn sie
leben einfach und ohne Lärm für sich; doch diese selige Ruhe in dem Herrn
verhindert sie nicht, ihre Mitmenschen zu verleumden, zu bestehlen, zu betrügen.
Daher kommt es, dass sie einander selbst nicht trauen. Sie vermeiden es, sich
öffentlich zu vergnügen, und wer am Sonntag tanzt, ist in ihren Augen ein
Ruchloser. Unter sich selbst aber feiern sie Orgien, von denen jeder andere sein
Auge beschämt wegwenden würde.
    Drum lacht mir das Herz, wenn ich einen Mystiker dieser Art sehe. Sie gehen
still durchs Leben und wollen die Welt glauben machen, sie seien von Anbeginn
der Welt als extrafeine Sorte erschaffen und plombiert worden, und der heilige
Petrus, mein lieber Cousin, werde ihnen einen näheren Weg, ein Seitenpförtchen
in den Himmel aufschliessen. Aber alle kommen zu mir; Separatisten, Pietisten,
Mystiker, wie sie sich heissen mögen, seien sie Katedermänner oder Schuhmacher,
alle sind Nr. 1 und 2, sie verneinen, wenn auch nicht im Äussern, denn sie sind
Heuchler in ihrem Herzen von Anbeginn.
    Ein solcher war nun der fromme Mann am Fenster. »Ihr seid ein Landsmann von
mir«, fragte ich nach seinem Gruss, »Ihr seid ein Deutscher?«
    »Alle Menschen sind Brüder und gleich vor Gott«, antwortete er; »aber die
Frommen sind ihm ein angenehmer Geruch.«
    »Da habt Ihr recht«, erwiderte ich, »besonders wenn sie in einer engen Stube
Betstunde halten. Seid Ihr schon lange hier in dieser gotteslästerlichen Stadt?«
    Er warf einen scheuen Blick auf mich und seufzte: »O welche Freude hat mir
der Herr gegeben, dass er einen Erweckten zu mir sandte; du bist der erste, der
mir hier saget, dass dies die Stadt der Babylonischen H-, der Sitz des
Antichrists ist. Da sprechen sie in ihrem weltlichen Sinne von dem Altertum der
Heiden, laufen umher in diesen grossen Götzentempeln, und nennen alles Heiliges
Land, selbst wenn sie Protestanten sind; aber diese sind oft die Ärgsten.«
    »Wie freut es mich, Bruder, dich gefunden zu haben. Sind noch mehrere Brüder
und Schwestern hier? Doch hier kann es nicht fehlen; in einer Gemeinde, die der
Apostel Paulus selbst gestiftet hat, müssen fromme Seelen sein.«
    »Bruder, geh mir weg mit dem Apostel Paulus, dem traue ich nur halb; man
weiss allerlei von seinem früheren Leben, und nachher, da hat er so etwas
Gelehrtes wie unsere Professoren und Pfarrer; ich glaube, durch ihn ist dieses
Übel in die Welt gekommen. Zu was denn diese Gelehrteit, diese Untersuchungen;
sie führen zum Unglauben. Die Erleuchtung macht's, und wenn einer nicht zum
Durchbruch gekommen ist, bleibt er ein Sünder. Ein altes Weib, wenn sie
erleuchtet ist, kann so gut predigen und lehren in Israel als der gelehrteste
Doktor.«
    »Du hast recht, Bruder«, erwiderte ich ihm; »und ich war in meinem Leben in
der Seele nicht vergnügter, nie so heiter gestimmt als wenn ich einen Bruder
Schuster, oder eine Schwester Spitälerin das Wort verkündigen hörte. War es auch
lauterer Unsinn was sie sprach, so hatte ihr es doch der Geist eingegeben, und
wir alle waren zerknirscht. Doch sage mir, wie kommst du ins Haus dieser
Gottlosen?«
    »Bruder, in der Stadt Dresden im Sachsenland, wo es mehr Erleuchtete gibt
als irgendwo, da wohnte ich neben ihrem Haus. Damals war sie ein Weltkind, und
lachte, wenn die Frommen am Sonntagabend in mein Haus wandelten, um eine Stunde
bei mir zu halten. Als ich nun hieher kam in dieses Sodom und Gomorra, da gab
mir der Geist ein, meine Nachbarin aufzusuchen.
    Ich fand sie von einem Unglück niedergedrückt. Es ist ihr ganz recht
geschehen, denn so straft der Herr den Wandel der Sünder. Aber mich erbarmte
doch ihre junge Seele, dass sie so sicherlich abfahren soll, dortin wo Heulen
und Zähnklappern. Ich sprach ihr zu und sie ging ein in meine Lehren, und ich
hoffe, es wird bei ihr bald zum Durchbruch kommen. Und da erzählte sie mir von
einem Mann, den der Satan und der Antichrist in ihren Schlingen gefangen haben,
und bat mich, ob ich nicht lösen könne diese Bande krass des Geistes, der in mir
wohnet. Und darum bin ich hier.«
    Während der fromme Mann die letzten Worte sprach, kam der Berliner mit dem
Fräulein. Jener stellte mich vor, und sie fragte errötend, ob ich mit der
Familie des Kapitäns West in Mecklenburg bekannt sei. Ich bejahte es; ich hatte
mit mehreren dieser Leute zu tun gehabt und gab ihr einige Details an, die sie
zu befriedigen schienen.
    »Der Kapitän ist auf dem Sprung, einen sehr törichten Schritt zu tun, der
ihn gewiss nicht glücklich machen kann, S. hat Ihnen wohl schon davon gesagt, und
es kömmt jetzt darauf an, ihm das Missliche eines solchen Schrittes auch von
seiten seiner Familie darzutun.«
    »Mit Vergnügen; dieser fromme Mann wird uns begleiten; er ist in geistlichen
Kämpfen erfahrner als ich; ich hoffe, er wird sehr nützlich sein können.«
    »Es ist mein Beruf«, antwortete der Pietist, die Augen greulich verdrehend,
»es ist mein Beruf, zu kämpfen, solange es Tag ist. Ich will setzen meinen Fuss
auf den Kopf der Schlange, und will ihr den Kopf zertreten wie einer Kröte;
soeben ist der Geist in mich gefahren. Ich fühle mich wacker wie ein gewappneter
Streiter, lieben Brüder, lasset uns nicht lange zaudern, denn die Stunde ist
gekommen; Sela!«
    »Gehen wir!« sagte der Berliner; »sein Sie versichert, Luise, dass Freund
Stobelberg und ich alles tun werden, was zu Ihrer Beruhigung dienen kann. Fassen
Sie sich, sehen Sie mutig, heiter in die Zukunft, die Zeit bringt Rosen.«
    Das schöne, bleiche Mädchen antwortete durch ein Lächeln, das sie einem
wunden Herzen mühsam abgezwungen hatte. Wir gingen, und als ich mich in der Türe
umwandte, sah ich sie heftig weinen.
    Wir drei gingen ziemlich einsilbig über die Strasse, der Pietist, vom Geiste
befallen, murmelte unverständliche Worte vor sich hin, und verzog sein Gesicht,
rollte seine Augen wie ein Hierophant. Der Berliner schien an dem guten Erfolg
unseres Beginnens zu zweifeln und ging sinnend neben mir her, ich selbst war von
dem Anblick der stillen Trauer jenes Mädchens, ich möchte sagen, beinahe
gerührt; ich dachte nach, wie man es möglich machen könnte, sie der Schwärmerei
zu entreissen, sie dem Leben, der Freude wiederzugeben, denn so gerne ich ihr den
Himmel und alles Gute wünschte, so schien sie mir doch zu jung und schön, als
dass sie jetzt schon auf eine etwas langweilige Seligkeit spekulieren sollte.
Durch den Berliner schien ich dies am besten erreichen zu können; besser
vielleicht noch durch Kapitän West, der mir ohnedies verfallen war, doch
zweifelte ich, ob man ihn noch von der Spanierin werde losmachen können.
    Auf der Hausflur des Kapitäns liess uns der Pietist vorangehen, weil er hier
beten und unsern Ein- und Ausgang segnen wolle. Doch, o Wunder! als wir uns
umsahn, nahm er nach jedem Stossseufzer einen Schluck aus einem Fläschchen, das
seiner Farbe nach einen guten italienischen Likör entalten musste. Ha! jetzt muss
der Geist erst recht über ihn kommen, dachte ich, jetzt kann es nicht fehlen, er
muss mit grosser Begeisterung sprechen.
    Der Kapitän empfing uns mit einer etwas finsteren Stirne. Der Berliner
stellte uns ihm vor, und sogleich begann der Pietist vom Geist getrieben, seinen
Sermon.
    Er stellte sich vor den Kapitän hin, schlug die Augen zum Himmel und sprach:
»Bruder! was haben meine Ohren von dir vernommen? So ganz hat dich der Teufel in
seinen Klauen, dass du dich dem Antichrist ergeben willst? Dass du absagen willst
der heiligen, christlichen Kirche, der Gemeinschaft der Heiligen? Sela. Aber da
sieht man es deutlich. Wie heisst es Sirach am 9. im dritten Vers? He? Fliehe die
Buhlerin, dass du nicht in ihre Stricke fallest. -«
    »Zu was soll diese Komödie dienen, Herr von S.«, sprach der Kapitän gereizt.
»Ich hoffe, Sie sind nicht gekommen, mir in meinem Zimmer Sottisen zu sagen.«
    »Ich wollte Sie mit Herrn von Stobelberg, der Ihre Familie kennt, besuchen,
da liess sich dieser fromme Mann, der gehört hat, dass Sie übertreten wollen,
nicht abhalten, uns zu begleiten.«
    »Grosse Ehre für mich, geben Sie sich aber weiter keine Mühe, denn -«
    »Höret, höret wie er den Herrn lästert, in dessen Namen ich komme«, schrie
der Pietist; »der Antichrist krümmet sich in ihm wie ein Wurm, und der Teufel
sitzt ihm auf der Zunge. O warum habt Ihr Euch blenden lassen von Weltehre? Was
sagt derselbe Sirach? Lass dich nicht bewegen von dem Gottlosen in seinen grossen
Ehren; denn du weisst nicht, wie es ein Ende nehmen wird. - Wisse, dass du unter
den Stricken wandelst, und gehest auf eitel hohen Spitzen!«
    »Sie kennen meine Familie, Herr von Stobelberg? Sind Sie vielleicht selbst
ein Landsmann aus Mecklenburg?«
    »Nein, aber ich kam viel in Berührung mit Ihrer Familie, und bin mit einigen
Gliedern derselben sehr nahe liiert. So zum Beispiel mit Ihrem Oncle F., mit
Ihrer Tante W., mit Ihrem Schwager Z.«
    »Wie? Der Satan hat ihm die Ohren zugeleimt«, rief der fromme Protestant,
als sein abtrünniger Bruder ihn völlig ignorierte. »Auf, ihr Brüder, ihr
Streiter des Herrn, lasset uns ein geistliches Lied singen, vielleicht hilft
es.« Er drückte die Augen zu und fing an, mit näselnder, zitternder Stimme zu
singen:
»Herr, schütz uns vor dem Antichrist,
Und lass uns doch nicht fallen;
Es streckt der Papst mit Hinterlist
Nach uns die langen Krallen;
Und lass dich erbitten,
Vor den Jesuiten
Und den argen Missionaren
Wollest gnädig uns bewahren.
Sie sind des Teufels Knechte all,
Nur wir sind fromme Seelen;
Wir kommen in des Himmels Stall,
Uns kann es gar nicht fehlen;
Denn nach kurzem Schlafe
Ziehn wir frommen Schafe
In den Pferch für uns bereitet,
Wo der Hirt die Schäflein weidet.
Dort scheidet er die Böcke aus -«
Man kann eben nicht sagen, dass der Fromme wie eine Nachtigall sang, aber komisch
genug war es anzusehen, wie er vom Geist getrieben, dazu agierte; auf den Wangen
des Kapitäns wechselte Scham und Zorn, und man war ungewiss, ob er mehr über die
Unverschämteit dieses Proselytenmachers staunte, oder mehr über den Inhalt der
frommen Hymne erbost sei. Als der Pietist nach einem tiefen Seufzer den dritten
Vers anhub, ging die Türe auf, und die hohe, majestätische Gestalt des Kardinals
Rocco trat ein. Er war angetan mit einem weissen, faltenreichen Gewand, und der
Purpur, der über seine Schultern herabfloss, gab ihm etwas Erhabenes,
Fürstliches. Er übersah uns mit gebietendem Blick, und die Rechte, die er
ausstreckte, mochte vielleicht den ehrwürdigen Kuss eines Gläubigen erwarten.
    Der Kapitän war in sichtbarer Verlegenheit; er fühlte, dass der Kardinal uns
den Protestantismus sogleich anriechen, dass es ihn erzürnen werde, seinen
Katechumenen in so schlechter Gesellschaft zu sehen. Er nannte der Eminenz
unsere Namen, doch als er Herrn v. S. erblickte, trat er erschrocken einen
Schritt zurück und flüsterte dem Frater Piccolo in der violetten Kutte zu: »Das
ist wohl der Teufel, den du im Traume gesehen?«
    Piccolo antwortete mit drei Kreuzen, die er ängstlich auf seinen Leib
zeichnete, und der Kardinal fing an, leise einige Stellen aus dem Exorzismus zu
beten. Während dieser Szene hatte sich der fromme Kaufmann, dem das Wort auf der
Lippe stehengeblieben war, wieder erholt; er betrachtete die imponierende
Gestalt dieses Kirchenfürsten, doch schien sie ihm nicht mehr zu imponieren,
nachdem er bei sich zu dem Resultat gelangt war, dass nur ein frommer
protestantisch-mystischer Christ zur Seligkeit gelangen könne. Er hub im
heulenden Predigerton auf italienisch an: »Siehe da, ein Sohn der Babylonischen,
ein Nepote des Antichrists. Er hat sich angetan mit Seide und Purpur, um eure
armen Seelen zu verlocken. Hebe dich weg, Satanas!«
    »Ist der Mensch ein Narr?« fragte der Kardinal, indem er näher trat und den
Prediger ruhig und gross anschaute. »Piccolo, merke dir diesen Menschen, wir
wollen ihn im Spital versorgen.«
    Der Pietist geriet in Wut: »Baalspfaffe, Götzendiener, Antichrist!« schrie
er, »du willst mich ins Spital tun? Ha, jetzt kommt der Geist erst recht über
mich. Ich will barmherzig sein mit dir, Sodomiter! ich will dich lehren die
Hauptstücke der Religion, dass du deine ketzerischen Irrtümer einsehest. Aber
zuvor ziehe sogleich den Purpur ab, zu was soll dieser Flitter dienen? Meinst
du, du gefallest dem Herrn besser, wenn du violette Strümpfe anhast? O du Tor!
das sind die eiteln Lehren des Antichrist, des Drachen, der auf dem Stuhle
sitzt, in Sack und Asche musst du Busse tun.«
    Jetzt glühte Roccos Auge vor Wut, seine Stirne zog sich zusammen, seine
Wangen glühten: »Jetzt sehe ich, Kapitän!« rief er, »was Euch so lange zögern
macht; Ihr haltet Zusammenkünfte mit diesen wahnsinnigen Ketzern, die Euch in
Eurem Aberglauben bestärken. Ha! bei der heiligen Erde, Ihr habt uns tief
gekränkt.«
    »Herr Kardinal!« fiel ihm Herr von S. in die Rede, »ich bitte uns nicht alle
in eine Klasse zu werfen; wenn jener Mann dort den Trieb in sich fühlt, alle
Welt zu bekehren, so können wir ihn nicht daran verhindern; doch meine ich, man
habe sich nicht darüber zu beklagen, denn Ew. Eminenz wissen, dass es gleichsam
nur Repressalien für die Missionen und die Jesuiterei sind, mit welcher man
gegenwärtig alle Welt überschwemmt.«
    Jetzt war der rechte Zeitpunkt, die Leutchen zu hetzen; jetzt galt es, sie
zu verwickeln, um sie nachher desto länger trauern zu lassen. »Herr von S.«,
sagte ich, »der Herr Kapitän will, denke ich, durch sein Schweigen beweisen, dass
er Seiner Eminenz recht gebe. Zwar schliesst mich mein Bewusstsein von den
wahnsinnigen Ketzern aus, ich mache keine Proselyten, ich unterrichte niemand in
der Religion; aber Ihrer werten Familie in Mecklenburg werde ich bei meiner
Rückkehr sagen können -«
    »Stille!« rief der Pietist mit feierlicher Stimme; »Bruder, Mann Gottes,
willst du dich so versündigen, mit dem Baalspfaffen zu rechten? Er geht einher
wie ein Pharisäer, aber es wäre ihm besser, ein Mühlstein hänge an seinem Hals,
und er würde ertränket wo es am tiefsten ist.«
    »Hüte dich, einen Pfaffen zu beleidigen«, ist ein altes Sprüchwort, und der
Kapitän mochte auch so denken; ich sah, dass Beschämung vor uns, von Rocco wie
ein Schulknabe behandelt zu werden, und die Furcht, ihn zu beleidigen, in seinem
Gesicht kämpfte.
    »Ich muss Ihren Irrtum berichtigen, Eminenz«, entgegnete er; »diesen Mann
hier kenne ich nicht, und er kann sich auch entfernen wann er will, denn seine
schwärmerischen Reden sind mir zum Ekel, aber über diese Herren hier haben Sie
eine ganz falsche Ansicht. Herr von Stobelberg bringt mir Nachrichten von meiner
Familie, Herr von S. besucht mich. Ich weiss nicht, welche bösliche Absicht Sie
darein legen wollen.«
    Weit entfernt, den Kardinal durch diese Worte zu besänftigen, brachte er ihn
nur noch mehr auf, doch bezähmte er laute Ausbrüche desselben, und seine stille
Wut wurde nur in kaltem Spott sichtbar; »Ja, ich habe mich freilich höchlich
geirrt«, sagte er lächelnd, »und bitte um Verzeihung, meine Herren. Ich dachte,
Ihr Besuch betreffe religiöse Gegenstände, doch nun merke ich, dass es
friedlichere Absichten sind, was Sie herführt. Herr von S. wird wahrscheinlich
den Herrn Kapitän wieder in die süssen Fesseln des deutschen Fräuleins legen
wollen? Trefflich! ob auch eine andere Dame darüber sterben wird, es ist ihm
gleichgültig; ich bewundere nebenbei auch Ihre Gutmütigkeit, Capitano! dass Sie
sich von demselben Mann zurückführen lassen, der Sie so geschickt aus dem Sattel
hob!«
    Zu welch sonderbaren Sprüngen steigert doch den Sterblichen die Beschämung.
Gefühl des Unrechts, wirkliche Beleidigung, Zorn, alle Leidenschaften seiner
Seele hätten den Kapitän wohl nicht so ausser sich gebracht, als das Gefühl der
Scham, vor deutschten Männern von einem römischen Priester so verhöhnt zu
werden. »Die Achtung, Signor Rocco«, sagte er, »die Achtung, die ich vor Ihrem
Gewand habe, schützt mich, Ihnen zu erwidern, was Sie mir in meinem Zimmer über
mich gesagt haben. Ich kenne jetzt Ihre Ansichten über mich hinlänglich, und
wundere mich, wie Sie sich um meine arme Seele so viele Mühe geben wollten.
Diesem Herrn, der, wie Sie sagten, mich aus dem Sattel hob, werde ich folgen;
doch wissen Sie, dass, was er getan hat, mit meiner Zustimmung geschah: ich werde
ihm folgen, obgleich es zuvor gar nicht in meiner Absicht lag; nur um Ihnen zu
zeigen, dass weder Ihr Spott, noch Ihre Drohungen auf mich Eindruck machen; und
wenn Sie ein andermal wieder einen Mann meiner Art unter der Arbeit haben, so
rate ich Ihnen, Ihren Spott oder Ihren Zorn zurückzuhalten, bis er im Schosse der
Kirche ist.«
    Das reiche, rosige Antlitz Roccos war so weiss geworden, als sein seidenes
Gewand. »Geben Sie sich keine Mühe«, entgegnete er, »mir zu beweisen, wie wenig
man an einem seichten Kopf Ihrer Art verliert. Glauben Sie mir, die Kirche hat
höhere Zwecke, als einen Kapitän West zu bekehren -«
    »Wir kennen diese schönen Zwecke«, rief der Berliner mit sehr überflüssigem
Protestantismus; »Ihre Plane sind freilich nicht auf einen einzelnen gerichtet,
sie gehen auf uns arme Seelen alle. Sie möchten gar zu gerne unser ganzes
Vaterland und England und alles was noch zum Evangelium hält, unter den heiligen
Pantoffel bringen. Aber Sie kommen hundert Jahre zu spät, oder zu früh; noch
gibt es, Gott sei Dank, Männer genug in meinem Vaterlande, die lieber des
Teufels sein wollen, als den Heiligen Stuhl anbeten.«
    »Bringe mir meinen Hut, Piccolo!« sagte der Priester sehr gelassen, »Ihnen,
mein Herr von S., danke ich für diese Belehrung; doch lag uns an den dummen
Deutschen wenig. Es liegt ein sicheres Mittel in der Erbärmlichkeit Ihrer Nation
und in ihrer Nachahmungssucht. Ich kann Sie versichern, wenn man in Frankreich
recht fromm wird, wenn England über kurz oder lang zur alleinseligmachenden
Kirche zurückkehrt, dann werden auch die ehrlichen Deutschen nicht mehr lange
protestieren. Drum leben Sie wohl, mein Herr, auf Wiedersehen.« Die Züge des
Kardinals hatten etwas Hohes, Gebietendes, das mir beinahe nie so sichtbar
wurde, als in diesem Moment. Ich musste gestehen, er hatte sich gut aus der Sache
gezogen und verliess als Sieger die Walstatt. Frater Piccolo setzte ihm den roten
Hut auf, ergriff die Schleppe seines Talars, und mit Anstand und Würde grüssend
schritt der Kardinal aus dem Zimmer.
    Der Berliner fühlte sich beschämt und sprach kein Wort; der Pietist murmelte
Stossgebetlein, und war augenscheinlich düpiert, denn der Streit ging über seinen
Horizont, an welchem nur die Ideen »von dem Antichrist, dem Drachen auf dem
Stuhl des Lammes, dem Baalspfaffen, der babylonischen Dame, dem ewigen
Höllenpfuhl und dem Paradiesgärtlein« in lieblichem Unsinn verschlungen,
schwebten.
    Dem Kapitän schien übrigens nicht gar zu wohl bei der Sache zu sein. Ich
erinnerte mich, gehört zu haben, dass er von Donna Ines und diesem Priester
bedeutende Vorschüsse empfangen habe, die er nicht zahlen konnte; es war zu
erwarten, dass sie ihn von dieser Seite bald quälen würden, und ich freute mich
schon vorher, zu sehen, was er dann in der Verzweiflung beginnen werde. Auch zu
diesem Auftritt hatte ihn sein Leichtsinn verleitet, denn hätte er bedacht, was
für Folgen für ihn daraus entstehen können - er hätte sich von falscher Scham
nicht so blindlings hinreissen lassen. Der Berliner fuhr übrigens bei dieser
Partie ebenso schlimm. Ich wusste wohl, dass er die Hoffnung auf Luisens Besitz
nicht aufgegeben hatte, dass er sie mächtiger als je nährte, da sie ihn heute
hatte rufen lassen; ich wusste auch, dass sie den Kapitän nicht gerade zu sich
zurückwünschte, sondern ihn nur nicht katolisch wissen wollte, ich wusste, dass
sie dem Berliner vielleicht bald geneigt worden wäre, weil sie sah, mit welchem
Eifer er sich um sie bemühe; und jetzt hatte der Kapitän vor uns allen
ausgesprochen, dass er das Fräulein wiedersehen wolle; und so war es.
    »Es ist mein voller Ernst, Herr von S.«, sagte er, »ich sehe ein, dass ich
mich diesen unwürdigen Verbindungen entreissen muss. Können Sie mir Gelegenheit
geben, das Fräulein wiederzusehen, und ihre Verzeihung zu erbitten?«
    »Ich weiss nicht, wie Fräulein von Palden darüber denkt«, antwortete der
junge Mann etwas verstimmt und finster; »ich glaube nicht, dass nach diesen
Vorgängen -«
    »Oh! Ich habe die beste Hoffnung«, rief jener, »ich kenne Luisens gutes
Herz, und kann nicht glauben, dass sie aufgehört habe, mich zu lieben. Hören Sie
einen Vorschlag. Signora Campoco hat einen Garten an der Tiber; bitten Sie das
Fräulein, mit ihrer Tante heute abend dortin zu kommen. Ich will sie ja nicht
allein sehen, Sie alle können zugegen sein; ich will ja nichts, als Vergebung
lesen in ihren Augen, ein Wort von ihr soll mir genug sein, um mich mit mir
selbst und mit dem Himmel zu versöhnen. Ach, wie schmerzlich fühle ich meine
Verirrungen!«
    »Gut, ich will es sagen«, erwiderte der Berliner, indem er mit Mühe nach
Fassung rang. »Soll ich Ihnen Antwort bringen?«
    »Ist nicht nötig; wenn Sie keine Antwort bringen, bin ich um sechs Uhr als
reuiger Sünder in dem Garten an der Tiber.«
»Ich gestehe, der Berliner hatte ein sonderbares Geschick. Das Verhängnis zog
ihn in diese Verhältnisse, seine Gestalt, sein Gesicht, zufällig dem Kapitän
West sehr ähnlich, bringt ihm Glück und Unglück; es zieht ihn in die Nähe des
Mädchens, er lernt ihr Schicksal kennen, er sieht sie leiden, er leidet mit ihr;
die Zeit, die alle Wunden heilt, bewirkt endlich, dass sie den Kapitän vielleicht
nicht mehr so sehnlich zurückwünscht; sie will nur, dass er jenen Schritt nicht
tue, den sie für einen törichten hält, sich selbst unbewusst, gibt sie dem armen
S. Hoffnungen; er glaubt sie errungen zu haben durch die vielen Bemühungen um
ihre Wahl, und jetzt muss er den gefährlichen Nebenbuhler, einen Mann, den er
verachtet, zu ihr zurückführen!«
Ich war begierig auf diesen Abend; der Berliner hatte mir gesagt, dass sie
einwillige, ihn, von Signora Campoco begleitet, zu sehen. Sie hatte ihn
eingeladen, zugegen zu sein, und er bat mich, ihn zu begleiten, weil er diese
Szene allein nicht mit ansehen könne. Als ich seiner Wohnung zuging, trat mir
auf einmal Frater Piccolo in den Weg, mit der Frage, wo er wohl den Kapitän
finden könnte?
    Ich forschte ihn aus, zu welchem Zweck er wohl den Kapitän suche, und er
sagte mir ohne Umschweife, dass er ihm von dem Kardinal einen Schuldschein auf
fünftausend Scudi zu überreichen habe, die jener zwölf Stunden nach Sicht
bezahlen müsse. »Wertester Frater Piccolo«, erwiderte ich ihm, »das sicherste
ist, Ihr bemühet Euch nach sechs Uhr in den Garten der Signora Campoco, welcher
an der Tiber gelegen; dort werdet Ihr ihn finden, dafür stehe ich Euch.« Er
dankte und ging weiter. Dass er diese Nachricht dem Kardinal, vielleicht auch
Donna Ines mitteilen werde, glaubte ich voraussetzen zu dürfen. »Fünftausend
Scudi, zwölf Stunden nach Sicht!« sagte ich zu mir, »ich will doch sehen, wie er
sich heraushilft!«
    Den armen Berliner traf ich sehr niedergeschlagen. Er schien zu fühlen, dass
seine Hoffnungen auf ewig zerstört seien; doch nicht nur dies Gefühl war es, was
ihn unglücklich machte; er fürchtete, Luise werde nicht auf Dauer glücklich
werden; »Dieser West!« rief er; »ist es nicht immer wieder Leichtsinn, was ihn
zu uns, zu ihr zurückführt! Wie leicht ist es möglich, wenn einmal die Reue über
ihn kommt, die Spanierin so unglücklich gemacht zu haben, wie leicht ist es
möglich, dass er auch Luisen wieder verlässt.«
    Ja, dachte ich, und wenn erst das Wechselchen anlangt und er nicht zahlen
kann, und wenn ihn Donna Ines mit den funkelnden Augen sucht und bei der Fremden
findet, und wenn erst der Kardinal seine Künste anwendet. Die Schule der
Verzweiflung hat er noch nicht ganz durchgemacht. Aber auch das Fräulein, hoffe
ich, wird jetzt auftauen, und ihre Hilfe zu kleinen Teufeleien und Höllenkünsten
nehmen, und der gute Berliner soll wohl auch bekannter mit mir werden müssen!
    Wir gingen hinaus an die Tiber zum verhängnisvollen Garten der Signora
Campoco. Unterwegs sagte mir der junge Mann, das Fräulein sei ihm unbegreiflich.
Als er ihr die Nachricht gebracht, wie sich im Hause des Kapitäns auf einmal
alles so sonderbar, wie durch eine höhere Leitung gefügt habe, wie West nicht
nur zur protestantischen Kirche zurücktreten, sondern auch als reuiger Sünder zu
ihr zurückkehren wolle, da sei, so sehr sie ihn zuvor angeklagt, ein seliges
Lächeln auf ihren schönen Zügen aufgegangen. Sie habe geweint vor Freude, sie
habe mit tausend Tränen ihre Tante dazu vermocht, uns in ihrem Garten zu
empfangen. Und dennoch sei sie jetzt nicht mehr recht heiter; eine sonderbare
Befangenheit, ein Zittern banger Erwartung habe sie befallen, sie habe ihm
gestanden, dass sie der Gedanke an den Flach ihres Vaters, wenn sie je die Gattin
des Kapitäns werde, immer verfolge. Es sei als liege eine schwarze Ahnung vor
ihrer sonst so kindlich frohen Seele, als fürchte sie, trotz der Rückkehr des
Geliebten, dennoch nicht glücklich zu werden.
    Unter den Klagen des Berliners, unter seinen Beschuldigungen gegen das ganze
weibliche Geschlecht, hatten wir uns endlich dem Garten genähert. Er lag, von
Bäumen umgeben, wie ein Versteck der Liebe. Signora Campoco empfing uns mit
ihren Hündlein aufs freundlichste; sie erzählte, dass sie das deutsche Geplauder
der Versöhnten nicht mehr länger habe hören können, und zeigte uns eine Laube,
wo wir sie finden würden. Errötend, mit glänzenden Augen, Verwirrung und Freude
auf dem schönen Gesicht, trat uns das Fräulein entgegen. Der Kapitän aber schien
mir ernster, ja es war mir, als müsste ich in seinen scheuen Blicken eine neue
Schuld lesen, die er zu den alten gefügt.
    Dem Berliner war wohl das schmerzlichste der feurige Dank, den ihm das
schöne Mädchen für seine eifrigen Bemühungen ausdrückte. Sie umfing ihn, sie
nannte ihn ihren treuesten Freund, sie bot ihm ihre Lippen, und er hat wohl nie
so tief als in jenem Augenblick gefühlt, wie die höchste Lust mit Schmerz sich
paaren könne. Mir, ich gestehe es, war diese Szene etwas langweilig; ich werde
daher die nähere Beschreibung davon nicht in diese Memoiren eintragen, sondern
als Surrogat eine Stelle aus Jean Pauls »Flegeljahren« einschieben, die den
Leser weniger langweilen dürfte: »Selige Stunden, welche auf die Versöhnung der
Menschen folgen! Die Liebe ist wieder blöde und jungfräulich, der Geliebte neu
und verklärt, das Herz feiert seinen Mai, und die Auferstandenen vom
Schlachtfelde begreifen den vorigen, vergessenen Krieg nicht.« So sagt dieser
grosse Mensch, und er kann recht haben, aus Erfahrung; ich habe, seit sich der
Himmel hinter mir geschlossen, nicht mehr geliebt, und mit der Versöhnung will
es nicht recht gehen.
    Bei jener ganzen Szene ergötzte ich mich mehr an der Erwartung als an der
Gegenwart. Wenn jetzt mit einemmal, dachte ich mir, Frater Piccolo durch die
Bäume herbeikäme, um seinen Wechsel honorieren zu lassen - welche Angst, welcher
Kummer bei dem Kapitän, welches Staunen, welcher Missmut bei dem Fräulein! Ich
dachte mir allerlei dergleichen Möglichkeiten, während die andern in süssem
Geplauder mit vielen Worten nichts sagten - da hörte ich auf einmal das
Plätschern von Rudern in der Tiber. Es war nach sechs Uhr, es war die Stunde, um
welche ich Frater Piccolo hieher bestellt hatte; wenn er es wäre! - Die
Ruderschläge wurden vernehmlicher, kamen näher, weder die Liebenden noch der
Berliner schienen es zu hören. Jetzt hörte man nur noch das Rauschen des
Flusses, die Barke musste sich in der Nähe ans Land gelegt haben. Die Hunde der
Signora schlugen an, man hörte Stimmen in der Ferne, es rauschte in den Bäumen,
Schritte knisterten auf dem Sandweg des Gartens, ich sah mich um - Donna Ines
und der Kardinal Rocco standen vor uns.
    Luise starrte einen Augenblick diese Menschen an, als sehe sie ein Gebild
der Phantasie. Aber sie mochte sich des Kardinals aus einem schrecklichen
Augenblick erinnern, sie schien den Zusammenhang zu begreifen, schien zu ahnen,
wer Ines sei, und sank lautlos zurück, indem sie die schönen Augen und das
erbleichende Gesicht in den Händen verbarg. Der Kapitän hatte den Kommenden den
Rücken zugekehrt, und sah also nicht sogleich die Ursache von Luisens Schrecken.
Er drehte sich um, er begegnete zornsprühenden Blicken der Donna, die diese
Gruppe musterte, er suchte vergeblich nach Worten; das Gefühl seiner Schande,
die Angst, die Verwirrung schnürten ihm die Kehle zu.
    »Schändlich!« hub Ines an, »so muss ich dich treffen? Bei deiner deutschen
Buhlerin verweilst du, und vergisst, was du deinem Weibe schuldig bist?
Ehrvergessener! statt meine Ehre, die du mir gestohlen, durch Treue zu ersetzen,
statt mich zu entschädigen für so grossen Jammer, dem ich mich um deinetwillen
ausgesetzt habe, schwelgst du in den Armen einer andern?«
    »Folget uns, Kapitän West!« sagte der Kardinal sehr strenge; »es ist Euch
nicht erlaubt, noch einen Augenblick hier zu verweilen. Die Barke wartet. Gebt
der Donna Euren Arm und verlasset diese ketzerische Gesellschaft.«
    »Du bleibst!« rief Luise, indem sie ihre schönen Finger um seinen Arm
schlang und sich gefasst und stolz aufrichtete; »schicke diese Leute fort. Du
hast ja noch soeben diese Abenteuerin verschworen. Du zauderst? Monsignor, ich
weiss nicht, wer Ihnen das Recht gibt, in diesen Garten zu dringen; haben Sie die
Güte, sich mit dieser Dame zu entfernen.«
    »Wer mir das Recht gibt, junge Ketzerin?« entgegnete Rocco, »diese
ehrwürdige Frau Campoco; ich denke ihr gehört der Garten, und es wird sie nicht
belästigen, wenn wir hier verweilen.«
    »Ich bitte um Euren Segen, Eminenz«, sagte sich tief verneigend Signora
Campoco; »wie möget Ihr doch so sprechen? Meinem geringen Garten ist heute Heil
widerfahren, denn heilige Gebeine wandeln darin umher!«
    »Nicht gezaudert, Kapitän!« rief der Kardinal; »werfet den Satan zurück, der
Euch wieder in den Klauen hat; folget uns, wohin die Pflicht Euch ruft. - Ha!
Ihr zaudert noch immer, Verräter? soll ich«, fuhr er mit höhnischem Lächeln
fort: »soll ich Euch etwa dies Papier vorzeigen? Kennet Ihr diese Unterschrift?
Wie steht es mit den fünftausend Scudi, verehrter Herr? soll ich Euch durch die
Wache abholen lassen?« -
    »Fünftausend Scudi?« unterbrach ihn der Berliner, »ich leiste Bürgschaft,
Herr Kardinal, sichere Bürgschaft.« -
    »Mitnichten!« antwortete er mit grosser Ruhe, »Ihr seid ein Ketzer; haeretico
non servanda fides; Ihr könntet leicht ebenso denken und mit der Bürgschaft in
die Weite gehen. Nein - Piccolo! Sende einen der Schiffer in die Stadt; man
solle die Wache holen.«
    »Um Gottes willen, Otto! was ist das?« rief Luise, indem ihr Tränen
entstürzten. »Du wirst dich doch nicht diesen Menschen so ganz übergeben haben?
O Herr! nur eine Stunde gestattet Aufschub, mein ganzes Vermögen soll Euer sein;
mehr, viel mehr will ich Euch geben als Ihr fordert -«
    »Meinst du, schlechtes Geschöpf!« fiel ihr die Spanierin in die Rede,
»meinst du, es handle sich hier um Gold? Mir, mir hat er seine Seele verpfändet;
er hat mich gelockt aus den Tälern meiner Heimat, er hat mir ein langes seliges
Leben in seinen Armen vorgespiegelt, er hat mich betrogen um diese Seligkeit; du
- du hast mich betrogen, deutsche Dirne, aber sehe zu, wie du es einst vor den
Heiligen verantworten kannst, dass du dem Weib den Gatten raubst, den Kindern,
den armen Würmern, den Vater!«
    »Ja, das ist dein Fluch, alter Vater!« sagte Luise, von tiefer Wehmut
bewegt; »das ist dein Fluch, wenn ich je die Seine würde; er nahte schnell! Ich
hätte dir ihn entrissen, unglückliches Weib? Nein, so tief möchte ich nicht
einmal dich verachten. Er kannte mich längst, ehe er dich nur sah, und die
Treue, die er dir schwur, hat er mir gebrochen!«
    »Von dieser Sünde werden wir ihn absolvieren«, sprach der Kardinal; »sie ist
um so weniger drückend für ihn, als Ihr selbst, Signora, mit einem anderen, der
hier neben sitzt, in Verhältnissen waret. Zaudere nicht mehr, folge uns; bei den
Gebeinen aller Heiligen, wenn du jetzt nicht folgst, wirst du sehen, was es
heisse, den Heiligen Vater zu verhöhnen!«
    Der Kapitän war ein miserabler Sünder. So wenig Kraft, so wenig Entschluss!
Ich hätte ihn in den Fluss werfen mögen; doch es musste zu einem Resultate kommen,
drum schob ich schnell ein paar Worte ein: »Wie? was ist dies für ein Geschrei
von Kindern«, rief ich erstaunt; »es wird doch kein Unglück in der Nähe geben?«
    »Ha! meine Kinder«, weinte die Spanierin, »o weinet nur, ihr armen Kleinen;
der, der Euch Vater sein sollte, hat Erz in seiner Brust. Ich gehe, ich werfe
sie in die Tiber, und mich mit ihnen; so ende ich ein Leben, das du,
Verfluchter! vergiftetest!«
    Sie rief es und wollte nach der Tiber eilen; doch das Fräulein fasste ihr
Gewand; bleich zum Tod, mit halbgeschlossenen Augen, führte sie Donna Ines zu
dem Kapitän, und stürzte dann aus der Laube. Ich selbst war einige Augenblicke
im Zweifel, ob sie nicht denselben Entschluss ausführen wollte, den die Donna für
sich gefasst; doch der Weg, den sie einschlug, führte tiefer in den Garten, und
sie wollte wohl nur diesem Jammer entgehen. Der Berliner aber lief ihr ängstlich
nach, und als sich auch der Kapitän losriss, ihr zu folgen, stürzte die ganze
Gesellschaft, der Kardinal, ich und Signora Campoco in den Garten.
    Wir kamen zu ihnen, als eben Luise erschöpft und der Ohnmacht nahe
zusammensank. S. fing sie in seine Arme auf, und trug die teure Last nach einer
Bank. Dort wollte ihn der Kapitän verdrängen, er wollte vielleicht seinen
Entschluss zeigen, nur ihr anzugehören, er glaubte heiligere Rechte an sie zu
haben, und entfernte den Arm des jungen Mannes um den seinigen unterzuschieben.
    Doch dieser, ergriffen von Liebe und Schmerz, aufgeregt von der Szene, die
wir gesehen, stiess den Kapitän zurück. »Fort mit dir«, rief er: »gehe zu Pfaffen
und Ehebrechern, zu Schurken deines Gelichters. Du hast deine Rolle künstlich
gespielt; um diese Blume zu pflücken, musstest du dich den Armen jenes
hergelaufenen Weibes noch einmal entreissen. Hinweg mit dir, du Ehrloser!«
    »Was sprechen Sie da?« schrie der Kapitän schäumend, es mochte in der Rede
des jungen Mannes etwas liegen, was als Wahrheit um so beissender war. »Welche
Absichten legen Sie mir unter? was hätte ich getan? erklären Sie sich
deutlicher!«
    »Jetzt hast du Worte, Schurke, aber als dieser Engel zu dir flehte, da hatte
deinen Mund die Schande verschlossen. Rühre sie nicht an, oder ich schlage dich
nieder.«
    »Das kann dir geschehen«, entgegnete jener, und einem Blitze gleich fuhr er
mit etwas Glänzendem aus der Tasche nach der Brust des jungen Mannes. - In
Spanien lernt man gut stossen. Der Berliner hatte einen Messerstich in der Brust,
und sank, ohne das Haupt der Geliebten zu lassen, in die Knie.
    »Jetzt wird der tapfere Hauptmann gewiss katolisch!« war mein Gedanke, als
das Herzblut des jungen Mannes hervorströmte; »jetzt wird er sich bergen im
Schosse der Kirche!« Und es schien so zu kommen. Denn willenlos liess sich der
Kapitän von Ines und dem Kardinal wegführen, und die Barke stiess vom Lande.
Wenige Tage nach diesem Vorfall erschien jener glorreiche Tag, an welchem der
Papst vor dem versammelten Volk mir, dem Teufel, alle Seelen der Ketzer
übermacht; ich habe zwar durch diese Anweisung noch nie eine erhalten, und weiss
nicht, ob Seine Heiligkeit falliert haben und nun auf der Himmelsbörse keine
Geschäfte mehr machen, also wenig Einfluss auf das Steigen und Fallen der Seelen
haben, oder ob vielleicht diese Verwünschung nur zur Vermehrung der Rührung
dient, um den Wirten und Gewerbsleuten in Rom auf versteckte Weise zu verstehen
zu geben, dass sie sich kein Gewissen daraus machen sollen, den Beutel der
Engländer, Schweden und Deutschen, zu schröpfen, da ihre Seelen doch einmal
verloren seien.
    An einem solchen Tage pflegt ganz Rom zusammenzuströmen, besonders die
Weiber kommen gerne, um die Ketzer im Geiste abfahren zu sehen. Man drängt und
schlägt sich auf dem grossen Platz, man hascht nach dem Anblick des Heiligen
Vaters, und wenn er den heiligen Bannstrahl herabschleudert, durchzückt ein
mächtiges Gefühl jedes Herz, und alle schlagen an die Brust und sprechen: »Wohl
mir, dass ich nicht bin wie dieser einer.« An diesem Tage aber hatte das Fest
noch eine ganz besondere Bedeutung; man sprach nämlich in allen Zirkeln, in
allen Kaffeehäusern, auf allen Strassen davon, dass ein berühmter, tapferer,
ketzerischer Offizier an diesem Tage sich taufen lassen wolle. Dieser Offizier
machte seine Grade erstaunlich schnell durch. Am Montag hiess es, er sei Kapitän,
am Dienstag er sei Major, am Mittwoch war er Obrist, und wenn man am Donnerstag
frühe ein schönes Kind auf der Strasse anhielt, um zu fragen, wohin es so schnell
laufe, konnte man auf die Antwort rechnen: »Ei, wisset Ihr nicht, dass zur Ehre
Gottes ein General der Ketzer sich taufen lässt, und ein guter Christ wird, wie
ich und Ihr?«
    Wer der berühmte Täufling war, werden die Leser meiner Memoiren leicht
erraten. Endlich, endlich war er abgefallen! Sie hatten ihn wohl nach der Szene
in Signoras Garten so lange und heftig mit Vorwürfen, Bitten, Drohungen,
Versprechungen und Tränen bestürmt, dass er einwilligte, besonders da er durch
den Übertritt nicht nur Absolution für seine Seele, was ihm übrigens wenig
helfen wird, sondern auch Schutz für die Justiz bekam, die ihm schon
nachzuspüren anfing, da der Berliner einige Tage zwischen Leben und Tod
schwebte, und sein Gesandter auf strenge Ahndung des Mordes angetragen hatte.
    Ich stellte mich auf dem Platze so, dass der Zug mit dem Täufling an mir
vorüberkommen musste. Und sie nahten! Ein langer Zug von Mönchen, Priestern,
Nonnen, andächtigen Männern und Frauen kam heran, ihre halblaut gesprochenen
Gebete rollten wie Orgelton durch die Lüfte. Sie zogen im Kreis um den
ungeheuren Platz, und jetzt wurden die Römer um mich her aufmerksamer. »Ecco,
ecco lo«, flüsterte es von allen Seiten; ich sah hin - in einem grauen Gewand,
das Haupt mit Asche bestreut, ein Kruzifix in den gefalteten Händen, nahte mit
unsicheren Schritten der Kapitän. Zwei Bischöfe in ihren violetten Talaren
gingen vor ihm, und Chorknaben aller Art und Grösse folgten seinen Schritten.
    »Ein schöner Ketzer, bei St. Peter! ein schmucker Mann!« hörte ich die
Weiber um mich her sagen. »Welch ein frommer Soldat!«
    »Wie freut man sich, wenn man sieht, wie dem Teufel eine Seele entrissen
wird!« -
    »Werden sie ihn vorher taufen oder nachher?« -
    »Vorher«, antwortete ein schönes, schwarzlockiges Mädchen, »vorher, denn
nachher verflucht der Heilige Vater alle Ketzer, und da würde er ihn ja auf ewig
verdammen, und nachher segnen und taufen.« -
    »Ach das verstehst du nicht«, sagte ihr Vater, »der Papst kann alles was er
will, so oder so.«
    »Nein, er kann nicht alles«, erwiderte sie schelmisch lächelnd; »nicht
alles!«
    »Was kann er denn nicht?« fragten die Umstehenden. »Er kann alles; was
sollte er denn nicht können?«
    »Er kann nicht heiraten!« lachte sie; doch nicht so schnell folgt der Donner
dem Blitz, als die schwere Hand des Vaters auf ihre Wange fiel.
    »Was? Du versündigst dich, Mädchen«, schrie er; »welche unheiligen Gedanken
gibt dir der Teufel ein? Was geht es dich an, ob der Papst heiratet oder nicht?
Dich nimmt er auf keinen Fall.«
    Das Volk begann indes in die Peterskirche zu strömen; und auch ich folgte
dortin. Es ist eine lächerrlich materielle Idee, wenn die Menschen sich
vorstellen, ich könne in keine christliche Kirche kommen. So schreiben viele
Leute C. M. B. (Caspar, Melchior, Baltasar) über ihre Türen und glauben, die
drei Könige aus Morgenland werden sich bemühen, ihre schlechte Hütte gegen die
Hexen zu schützen.
    Ich drängte mich so weit als möglich vor, um die Zeremonien dieser Taufe
recht zu sehen. Der tapfere Kapitän hatte jetzt sein graues Gewand mit einem
glänzend weissen vertauscht, und kniete unweit des Hochaltars. Kardinäle,
Erzbischöfe, Bischöfe standen umher, der ungewisse Schein des Tages, vermischt
mit dem Flackern der Lichter der Kerzen, welche die Chorknaben hielten, umgab
sie mit einem ehrwürdigen Heiligenschein, der jedoch bei manchem wie
Scheinheiligkeit aussah. Auf der andern Seite kniete unter vielen schönen Frauen
Donna Ines mit ihren Kindern. Sie war lockender und reizender als je, und wer
Luisen und ihr sanftes blaues Auge nicht gesehen hatte, konnte dem Täufling
verzeihen, dass er sich durch dieses schöne Weib und einen listigen Priester
unter den Pantoffel Skt. Petri bringen liess.
    Neben mir stand eine schwarzverschleierte Dame. Sie stützte sich mit einer
Hand an eine Säule, und ich glaube, sie wäre ohne diese Hülfe auf den
Marmorboden gesunken, denn sie zitterte beinahe krampfhaft. Der Schleier war zu
dicht, als dass ich ihre Züge erkennen konnte. Doch sagte mir eine Ahnung, wer es
sein könnte. Jetzt erhoben die Priester den Gesang, er zog mit den blauen
Wölkchen des arabischen Weihrauchs hinauf durch die Gewölbe, und berauschte die
Sinne der Sterblichen, übertäubte ihre Seelen, und riss sie hin zu einer Andacht,
die sie zwar über das Irdische, aber auch über die ewigen Gesetze ihrer Vernunft
hinwegführt.
    Die Priester sangen. Jetzt fing er an sein Glaubensbekenntnis zu sprechen.
    »Er hat mich nie geliebt«, seufzte die Dame an meiner Seite, »er hat auch
dich nie geliebt, o Gott, verzeihe ihm diese Sünde!«
    Er sprach weiter, er verfluchte den Glauben, in welchem er bisher gelebt.
    »Gib Frieden seiner Seele«, flüsterte sie; »wir alle irren, solange wir
sterblich sind; vielleicht hat er den wahren Trost gefunden! lass ihn Friede
finden, o Herr!«
    Da fingen die Priester wieder an zu singen. Ihre tiefen Töne drangen
schneidend in das Herz der Dame. Jetzt wurde das Sakrament an ihm vollzogen, der
Kardinal Rocco, im vollen Ornat seiner Würde segnete ihn ein, und Donna Ines
warf dem Getauften frohlockende Grüsse zu.
    »Vater, lass ihm mein Bild nie erscheinen«, betete die Dame an meiner Seite,
»dass nie der Stachel der Reue ihn quäle! Lass ihn glücklich werden!«
    Und mit dem Pomp des heiligen Triumphes schloss die Taufe, und der Kapitän
stand auf, zwar als ein so grosser Sünder wie zuvor, doch als ein rechtgläubiger
katolischer Christ. Das Volk drängte sich herzu und drückte seine Hände, und
Donna Ines führte ihm mit holdem Lächeln ihre Kinder zu. Aber noch war die Szene
nicht zu Ende. Kardinal Luighi führte den Getauften an die Stufen des Altars,
stieg die heiligen Stufen hinan und las die Messe.
    Die Dame im schwarzen Schleier zitterte heftiger, als sie dies alles sah;
ihre Knie fingen an zu wanken. »Wer Ihr auch seid, mein Herr!« flüsterte sie mir
plötzlich zu, »seid so barmherzig und führt mich aus der Kirche, ich fühle mich
sehr unwohl.« Ich gab ihr meinen Arm, und die frommste Seele in Sankt Peters
weiten Hallen ging hinweg, begleitet vom Teufel.
    Auf dem Platze vor der Peterskirche deutete sie schweigend auf eine
Equipage, die unfern hielt. Ich führte sie dortin, ich öffnete ihr den Schlag,
und bot ihr die Hand zum Einsteigen. Sie schlug den dunkeln Schleier zurück, es
war, wie ich mir gesagt hatte, es waren die bleichen, schönen Züge Luisens. »Ich
danke Euch, Herr!« sagte sie, »Ihr habt mir einen grossen Dienst erwiesen.« Noch
zitterte ihre Hand in der meinigen, ihre schönen Augen wandten sich noch einmal
nach Sankt Peter und füllten sich dann mit einer Träne. Aber schnell schlug sie
den Schleier nieder und schlüpfte in den Wagen; die Pferde zogen an, ich habe
sie - nie wieder gesehen.
    Eine wichtige Angelegenheit, die wankende Sache der Hohen Pforte, welcher
ich immer besondere Aufmerksamkeit geschenkt habe, rief mich an diesem Tag nach
...., wo ich mit einem berühmten Staatsmann eine Konferenz halten musste. Man
kennt die Zuneigung dieses erlauchten Veziers eines christlichen Potentaten zum
Halbmond; und ich hatte nicht erst nötig, ihn zu überzeugen, dass die Türken
seine natürlichen Alliierten seien. Von .... eilte ich zurück nach Rom. Ich
gestehe, ich war begierig, wie sich jene Verhältnisse lösen würden, in welche
ich verflochten war, und die mir durch einige Situationen so interessant
geworden waren.
    Der erste, den ich unter der Porta del Popolo traf, war der deutsche
Kaufmann. Er sass in einem schönen Wagen, und hatte, wie es schien, Streit mit
einigen päpstlichen Polizeisoldaten. Ich trat als Stobelberg zu ihm. »Lieber
Bruder«, sagte ich, »es scheint, du willst Sodom verlassen gleich dem frommen
Lot?«
    »Ja, fliehen will ich aus dieser Stätte des Satan«, war seine Antwort; »und
hier lässt mich der Drache auf dem Stuhl des Lammes noch einmal anhalten, aus
Zorn weil ich einen seiner Baalspfaffen im Christentume unterweisen wollte.«
    Ich sah hin und merkte jetzt erst die Ursache des Streites. Die Polizei
hatte, ich weiss nicht aus welchem Grunde, den Wagen noch einmal untersucht. Da
war man auf ein Kistchen gestossen und hatte den Pietisten gefragt, was es
entalte. »Geistliche Bücher«, antwortete er. Man glaubte aber nicht, schloss
auf, und siehe da, es war ein gutes Flaschenfutter, und die Polizeimänner
wollten wegen seines Betruges einige Scudi von ihm nehmen.
    »Aber, Bruder!« sagte ich ihm; »eine fromme Seele sollte nach nichts dürsten
als nach dem Tau des Himmels, nach nichts hungern als nach dem Manna des Wortes,
und doch führst du ein Dutzend Flaschen mit dir, und hier liegt ein ganzer Pack
Salamiwürste? Pfui, Bruder, heisst es nicht, was werden wir essen, was werden wir
trinken, nach dem allem fragen die Heiden?«
    »Bruder«, erwiderte jener, und drehte die Augen gen Himmel; »Bruder, bei dir
muss es noch nicht völlig zum Durchbruch gekommen sein, dass du einen Mann von so
felsenfestem Glauben, dass du mir solche Fragen vorlegst. Gerade, dass ich nicht
zu seufzen brauche: Was werden wir essen, was werden wir trinken, womit uns
kleiden? gerade deswegen habe ich mir den neuen Rock hier gekauft, habe meinen
Flaschenkeller gefüllt, und diese aus Eselsfleisch bereiteten Würste gekauft; es
geschah also aus reinem Glaubensdrang, und der Geist hat es mir eingegeben. Da,
ihr lumpigten Söhne von Astarot, ihr Brut des Basilisken, so auf dem Stuhl des
Lammes sitzt und an seinen Klauen Pantoffeln führt, da nehmet diesen
holländischen Dukaten und lasset mir meine geistlichen Bücher in Ruhe! - So, nun
lebe wohl, Bruder! der Geist komme über dich und stärke deinen Glauben!«
    Da fuhr er hin, und wieder wurde ich in dem Glauben bestärkt, dass diese
christlichen Pharisäer schlimmer sind als die Kinder der Welt. Ich ging weiter,
den Korso hinab. Am unteren Ende der Strassen begegnete mir der Kardinal Rocco
und Piccolo, sein Diener. Der Kardinal schien sehr krank zu sein, denn ganz
gegen die Etiquette trug ihm Piccolo nicht die Schleppe nach, sondern führte ihn
unter dem Arm, und dennoch wankte Rocco zuweilen hin und her. Sein Gesicht war
rot und glühend, seine Augen halb geschlossen, und der rote Hut sass ihm etwas
schief auf dem Ohr.
    »Siehe da, ein bekanntes Gesicht!« rief er, als er mich sah, und blieb
stehen. »Komm hieher, mein Sohn, und empfange den Segen. Haben wir uns nicht
schon irgendwo gesehen?«
    »O ja, und ich hoffe, noch öfters das Vergnügen zu haben; ich hatte die Ehre
Ew. Eminenz im Garten der Frau Campoco zu sehen.«
    »Ja, ja! ich erinnere mich, Ihr seid ein junger Ketzer; wisset Ihr, woher
ich komme? geraden Wegs von dem Hochzeitschmause des lieben Paares!«
    Jetzt konnte ich mir die Krankheit des alten Herrn erklären; die spanischen
Weine der Donna Ines waren ihm wohl zu stark gewesen, und Piccolo musste ihn
jetzt führen. »Ihr waret wohl recht vergnügt?« fragte ich ihn; »es ist doch Euer
Werk, dass die Donna den Kapitän endlich doch noch überwunden hat?«
    »Das ist es, lieber Ketzer!« sagte er stolz lächelnd, »mein Werk ist es,
kommet, gehen wir noch ein paar hundert Schritte zusammen! - Was wollte ich
sagen? ja - mein Werk ist es, denn ohne mich hätte die Donna gar keine Kunde von
ihm bekommen; ich schrieb ihr, dass er in Rom sich befinde; ohne mich wäre ihre
frühere Ehe nicht für ungültig erklärt worden; ohne mich wäre der Kapitän nicht
rechtgläubig geworden, was zur Glorie unserer Kirche notwendig war; ohne mich
wäre er nicht von seiner Ketzerin losgekommen - kurz ohne mich - ja ohne mich
stünde alles noch wie zuvor.«
    »Es ist erstaunlich!«
    »Höret, Ihr gefallt mir, lieber Ketzer. Hört einmal, werdet auch
rechtgläubig; brauchet Ihr Geld? könnet haben soviel Ihr wollt, gegen ein
Reverschen zahlbar gleich nach Sicht; oh! damit kann man einen köstlich in
Verlegenheit bringen. Brauchet Ihr eine schöne, frische, reiche Frau? Ich habe
eine Nichte, Ihr sollt sie haben. Brauchet Ihr Ehren und Würden? Ich will Euch
pro primo den goldenen Sporenorden verschaffen; es kann ihn zwar jeder Narr um
einige Scudi kaufen - aber Ihr sollet ihn umsonst haben. Wollet Ihr in Eurer
barbarischen Heimat grosse Ehrenstellen? dürfet nur befehlen; wir haben dort
grossen Einfluss, geheim und öffentlich; na! was sagt Ihr dazu?«
    »Der Vorschlag ist nicht übel«, erwiderte ich; »Ihr seid nobel in Euren
Versprechungen, ich glaube, Ihr könntet den Teufel selbst katolisch machen?«
    »Anatema sit! anatema sit! Es wäre uns übrigens nicht schwer«, antwortete
der Kardinal. »Wir können ihn von seinen zweitausendjährigen Sünden absolvieren,
und dann taufen. Überdies ist er ein dummer Kerl, der Teufel, und hat sich von
der Kirche noch immer überlisten lassen!«
    »Wisset Ihr das so gewiss?«
    »Das will ich meinen; zum Beispiel, kennet Ihr die Geschichte die er mit
einem Franziskaner gehabt?«
    »Nein, ich bitte Euch, erzählet!«
    »Ein Franziskaner zankte sich einmal mit ihm wegen einer armen Seele. Der
Teufel wollte sie durchaus haben, und hatte allerdings nach dem Mass ihrer Sünden
das Recht dazu. Der Mönch aber wollte sie in majorem dei gloriam für den Himmel
zustutzen. Da schlug endlich der Satan vor, sie wollen würfeln, wer die meisten
Augen mit drei Würfeln werfe, solle die Seele haben. Der Teufel warf zuerst,
und, wie er ein falscher Spieler ist, warf er achtzehn, er lachte den
Franziskaner aus. Doch dieser liess sich nicht irremachen; er nahm die Würfel und
warf - neunzehn; und die Seele war sein.«
    »Herr! das ist erlogen«, rief ich, »wie kann er mit drei Würfeln neunzehn
werfen?«
    »Ei, wer fragt nach der Möglichkeit? Genug, er hat's getan, es war ein
Wunder. Nun, kommet morgen in mein Haus, lieber Sohn, wir wollen dann den
Unterricht beginnen.«
    Er gab mir den Segen und wankte weiter. Nein, Freund Rocco! dachte ich, eher
bekomme ich dich, als du mich, von dir lässt sich der Satan nicht überlisten. Es
trieb mich jetzt, nach dem Hause des Berliners zu gehen, den ich schwer
verwundet verlassen hatte. Zu meiner grossen Verwunderung sagte man mir, er sei
ausgegangen und werde wohl vor Nacht nicht zurückkehren. So musste ich den
Gedanken aufgeben, heute noch zu erfahren, wie es ihm ergangen sei, wie das
Fräulein sich befinde, ob er wohl Hoffnung habe, jetzt, da der Kapitän auf immer
für sie verloren sei, sie für sich zu gewinnen; es blieb mir keine Zeit, ihn
heute noch zu sehen, denn den Abend über wusste ich ihn nicht zu finden, und auf
die kommende Nacht hatte ich eine Zusammenkunft mit jenen kleineren Geistern
verabredet, die als meine Diener die Welt durchstreifen.
    Ich trat zu diesem Zweck, als die Nacht einbrach, ins Coliseum, denn dies
war der Ort, wohin ich sie beschieden hatte. Noch war die Stunde nicht da, aber
ich liebe es, in der Stille der Nacht auf den Trümmern einer grossen Vorzeit
meinen Gedanken über das Geschlecht der Sterblichen nachzuhängen. Wie erhaben
sind diese majestätischen Trümmer in einer schönen Mondnacht! Ich stieg hinab in
den mittleren Raum. Aus dem blauen, unbewölkten Himmel blickte der Mond durch
die gebrochenen Wölbungen der Bogen herein, und die hohen überwachsenen Mauern
der Ruine warfen lange Schatten über die Arena. Dunkle Gestalten schienen durch
die verfallenen Gänge zu schweben, wenn ein leiser Wind die Gesträuche bewegte,
und ihre Schatten hin und wider zogen. Wo sie schwebten, diese Schatten, da sah
man einst ein fröhliches Volk, schöne Frauen, tapfere Männer, und die ernste,
feierliche Pracht der kriegerischen Kaiser. Geschlecht um Geschlecht ist
hinunter, diese Mauern allein überdauerten ihre Zeit, um durch ihre erhabenen
Formen diese Sterblichen zu erinnern, wie unendlich grösser der Sinn jenes Volkes
war, das einst ein Jahrtausend vor ihnen um diese Stätte lebte. Die ernste Würde
der Konsuln und des Senates, der kriegerische Prunk der Cäsaren und - dieser
römische Hof und diese Römer!
    Der Mond war, während ich zu mir sprach, heraufgekommen und stand jetzt
gerade über dem Zirkus. Ich sah mich um, da gewahrte ich, dass ich nicht allein
in den Ruinen sei. Eine dunkle Gestalt sass seitwärts auf dem gebrochenen schafft
einer Säule; ich trat näher hin - es war Otto von S.... Ich war freudig
erstaunt, ihn zu sehen, ich warf mich schnell in den Herrn von Stobelberg, um
mit ihm zu sprechen. Ich redete ihn an und wünschte ihm Glück, ihn so gesund zu
sehen. Er richtete sich auf; der Mond beschien ein sehr bleiches Gesicht,
weinende Augen blickten mich wehmütig an, schweigend sank er an meine Brust.
    »Sie scheinen noch nicht ganz geheilt, Lieber!« sagte ich; »Sie sind noch
sehr bleich, die Nachtluft wird Ihnen schaden!«
    Er verneinte es mit dem Haupt, ohne zu sprechen. Was war doch dem armen
Jungen geschehen, hatte er wohl von neuem einen Korb bekommen? »Nun, ein Mittel
gibt es wohl, Sie gänzlich zu heilen«, fuhr ich fort; »jetzt steht Ihnen ja
nichts mehr im Wege, jetzt wird sie hoffentlich so spröde nicht mehr sein. Ich
will den Brautwerber machen; Sie müssen Mut fassen, Luise wird Sie erhören, und
dann ziehen Sie mit ihr aus dieser unglücklichen Stadt, führen sie nach Berlin,
zu der Tante; wie werden sich die ästetischen Damen wundern, wenn Sie Ihre
Novelle auf diese Art schliessen, und die holde Erscheinung aus den Lamentationen
persönlich einführen!«
    Er schwieg, er weinte stille.
    »Oder wie! haben Sie etwa den Versuch schon gemacht? Sollten Sie abgewiesen
worden sein? Will sie die Rolle der Spröden fortspielen?«
    »Sie ist tot!« antwortete der junge Mann.
    »Ist's möglich! höre ich recht? So plötzlich ist sie gestorben?«
    »Der Gram hat ihr Herz gebrochen; heute hat man sie begraben.«
    Er sagte es, drückte mir die Hand, und einsam weinend ging er durch die
Ruinen des Coliseums.
 
                            Mein Besuch in Frankfurt
          1. Wen der Satan an der Table d'hôte im Weissen Schwanen sah
Kommt man um die Zeit des Pfingstfestes nach Frankfurt, so sollte man meinen, es
gebe keine heiligere Stadt in der Christenheit; denn sie feiern daselbst nicht
wie z.B. in Bayern 1 1/2, oder, wie im Kalender vorgeschrieben, 2 Festtage,
sondern sie rechnen vier Feiertage; die Juden haben deren sogar fünf, denn sie
fangen in Bornheim ihre heiligen Übungen schon am Samstag an, und der Bundestag
hat sogar acht bis zehen.
    Diese Festtage gelten aber in dieser Stadt weniger den wunderbaren
Sprachkünsten der Apostel, als mir. Was die berühmtesten Mystiker am
Pfingstfeste morgens den guten Leutchen ans Herz gelegt, was die immensesten
Rationalisten mit moralischer Salbung verkündet hatten, das war so gut als in
den Wind gesprochen. Die Fragen: ob man am Montag oder am Dienstag, am zweiten
oder dritten Feiertag ins Wäldchen gehen, ob es nicht anständiger wäre, ins
Wilhelmsbad zu fahren, ob man am vierten Feiertag nach Bornheim oder ins
Vauxhall gehen solle, oder beides, diese Fragen schienen bei weitem wichtiger,
als jene, die doch für andächtige Feiertagsleute viel näherlag, ob die Apostel
damals auch Englisch und Plattdeutsch verstanden haben?
    Muss ein so aufgeweckter Sinn den Teufel nicht erfreuen, der an solchen Tagen
mehr Seelen für sich gewinnt, als das ganze Judenquartier in einer guten
Börsestunde Gulden? Auch diesmal wieder kam ich zu Pfingsten nach Frankfurt.
Leuten, die von einem berühmten Belletristen verwöhnt, alles bis aufs kleinste
Detail wissen wollen, diene zur Nachricht, dass ich im Weissen Schwanen auf Nr. 45
recht gut wohnte, an der grossen Table d'hôte in angenehmer Gesellschaft
trefflich speiste, den Küchenzettel mögen sie sich übrigens von dem Oberkellner
ausbitten.
    Schon in der ersten Stunde bemerkte ich ein Seufzen und Stöhnen, das aus dem
Zimmer nebenan zu dringen schien. Ich trat näher, ich hörte deutlich, wie man
auf gut deutsch fluchte und tobte, dann Rechnungen und Bilanzen, die sich in
viele Tausende beliefen, nachzählte, und dann wieder wimmerte und weinte, wie
ein Kind, das seiner Aufgabe für die Schule nicht mächtig ist.
    Teilnehmend, wie ich bin, schellte ich nach dem Kellner und fragte ihn, wer
der Herr sei, der nebenan so überaus kläglich sich gebärde?
    »Nun«, antwortete er, »das ist der stille Herr.«
    »Der stille Herr? lieber Freund, das gibt mir noch wenig Aufschluss, wer ist
er denn?«
    »Wir nennen ihn hier im Schwanen den stillen Herrn, oder auch den Seufzer,
er ist ein Kaufmann aus Dessau, nennt sich sonst Zwerner, und wohnt schon seit
vierzehn Tagen hier.«
    »Was tut er denn hier? ist ihm ein Unglück zugestossen, dass er so gar
kläglich winselt?«
    »Ja! das weiss ich nicht«, erwiderte er, »aber seit dem zweiten Tag, dass er
hier ist, ist sein einziges Geschäft, dass er zwischen zwölf und ein Uhr in der
neuen Judenstrasse auf und ab geht, und dann kommt er zu Tisch, spricht nichts,
isst nichts, und den ganzen Tag über jammert er ganz stille und trinkt Kapwein.«
    »Nun das ist keine schlimme Eigenschaft«, sagte ich, »setzen Sie mich doch
heute mittag in seine Nähe.« Der Kellner versprach es, und ich lauschte wieder
auf meinen Nachbar.
    »Den 12. Mai« - hörte ich ihn stöhnen, »Metalliques 84 3/4. Österreichische
Staatsobligationen 87 3/8. Rotschildsche Lotterielose, der Teufel hat sie
erfunden und gemacht! 132. Preussische Staatsschuldscheine. 81! o Rebekka!
Rebekka! wo will das hinaus! 81! Die Preussen! ist denn gar keine Barmherzigkeit
im Himmel?«
    So ging es eine Zeitlang fort; bald hörte ich ihn ein Glas Kapwein zu sich
nehmen, und ganz behäglich mit der Zunge dazu schnalzen, bald jammerte er wieder
in den kläglichsten Tönen und mischte die Konsols, die Rotschildschen
Unverzinslichen, und seine Rebekka auf herzbrechende Weise untereinander.
Endlich wurde er ruhiger. Ich hörte ihn sein Zimmer verlassen und den Gang
hinabgehen, es war wohl die Stunde, in welcher er durch die neue Judenstrasse
promenierte.
    Der Kellner hatte Wort gehalten. Er wies, als ich in den Speisesaal trat,
auf einen Stuhl: »Setzen sich der Herr Doktor nur dortin«, flüsterte er, »zu
Ihrer Rechten sitzt der Seufzer.« Ich setzte mich, ich betrachtete ihn von der
Seite; wie man sich täuschen kann! Ich hatte einen jungen Mann von
melancholischem, gespenstigem Aussehen erwartet, wie man sie heutzutage in
grossen Städten und Romanen trifft, etwa bleichschmachtend und fein wie Eduard,
von der Verfasserin der »Ourika«, oder von schwächlichem, beinahe lüderlichem
Anblick, wie einige Schopenhauersche oder Pichlersche Helden. Aber gerade das
Gegenteil; ich fand einen untersetzten, runden jungen Mann mit frischen,
wohlgenährten Wangen und roten Lippen, der aber die trüben Augen beinahe immer
niederschlug, und um den hübschen Mund einen weinerlichen Zug hatte, welcher zu
diesem frischen Gesicht nicht recht passte.
    Ich versuchte, während ich ihm allerlei treffliche Speisen anbot, einige
Male mit ihm ins Gespräch zu kommen, aber immer vergeblich; er antwortete nur
durch eine Verbeugung, begleitet von einem halbunterdrückten Seufzer. In solchen
Augenblicken schlug er dann wohl die Augen auf, doch nicht, um auf mich zu
blicken; er warf nur einen scheuen, finstern Blick geradeaus, und sah dann
wieder seufzend auf seinen Teller.
    Ich folgte einem dieser Blicke, und glaubte zu bemerken, dass sie einem Herrn
gelten mussten, der uns gegenüber sass und schon zuvor meine Aufmerksamkeit auf
sich gezogen hatte.
    Er war gerade das Gegenteil von meinem Nachbar rechts. Seine schon etwas
kahle, gefurchte Stirne, sein bräunlichtes, eingeschnurrtes Gesicht, seine
schmalen Wangen, seine spitze, weit hervortretende Nase deuteten darauf hin, dass
er die fünfundvierzig Jährchen, die er haben mochte, etwas schnell verlebt habe.
Den auffallendsten Kontrast mit diesen verwitterten, von Leidenschaften
durchwühlten Zügen, bildete ein ruhiges süssliches Lächeln, das immer um seinen
Mund schwebte, die zierliche Bewegung seiner Arme und seines Körperchens, wie
auch seine sehr jugendliche und modische Kleidung.
    Es sassen etwa fünf oder sechs junge Damen an der Tafel, und nach den
zärtlichen Blicken, die er jeder zusandte, dem süssen Lächeln, womit er seine
Blicke begleitete, zu urteilen, musste er mit allen in genauen Verhältnissen
stehen. Dieser Herr hatte, wenn er mit der abgestorbenen, knöchernen Hand einen
Spargel zum Munde führte und süsslich dazu lächelte, die grösste Ähnlichkeit mit
einem rasierten Kaninchen, während mein Nachbar rechts wie ein melancholischer
Frosch anzusehen war.
    Warum übrigens der Seufzer das Kaninchen mit so finsteren Augen mass, konnte
ich nicht erraten. Endlich, als die Blicke meines Nachbars düsterer und länger
als gewöhnlich auf jenem ruhten, fing das Kaninchen an, die Schultern und Arme
graziös hin und her zu drehen, den Rücken auf künstliche Art auszudehnen, und
das spitzige Köpfchen nach uns herüber zu drehen; mit süssem Lächeln fragte er:
»Noch immer so düster, mein lieber Monsieur Zwerner? etwa gar eifersüchtig auf
meine Wenigkeit!«
    An dem zarten Lispeln, an der künstlichen Art das »r« wie »gr«
auszusprechen, glaubte ich in ihm einen jener adeligen Salonsmenschen zu
erkennen, die von einer feinen, leisen Sprache Profession machen. Und so war es,
denn mein Nachbar antwortete: »Eifersüchtig, Herr Graf? auf Sie in keinem Fall.«
    Graf Rebs, so hörte ich ihn später nennen - faltete sein Mäulchen zu einem
feinen Lächeln, drückte die Augen halb zu, bog die Spitznase auf komische Weise
seitwärts, strich mit der Hand über sein langes knöchernes Kinn, und kicherte.
    »Das ist schön von Ihnen, lieber Monsieur Zwerner; also gar nicht
eifersüchtig? und doch habe ich die schöne Rebekka erst gestern abend noch in
ihrer Loge gesprochen. Ha, ha! Sie standen im Parterre und schauten mit
melancholischen Blicken herauf. Darf ich Sie um jenes Ragout bitten, mein Herr?«
    »Ich war allerdings im Teater, habe aber nur vorwärts aufs Teater, und
nicht rückwärts gesehen, am wenigsten mit melancholischen Blicken.«
    »Herr Oberkellner«, lispelte der Graf, »Sie haben die Trüffeln gespart; aber
nein! Monsieur Zwerner, wie man sich täuschen kann! Ich hätte auf Ehre geglaubt,
Sie schauen herauf in die Loge mit melancholischen Blicken. Auch Rebekka mochte
es bemerken und Fräulein v. Rotschild, denn als ich auf Sie hinabwies -
Kellner, ich trinke heute lieber roten Engelheimer, ein Fläschchen - ja, wollte
ich sagen - das ist mir nun während des Engelheimers gänzlich entfallen, so geht
es, wenn man so viel zu denken hat.«
    Meinem Nachbar mochte das unverzeihlich schlechte Gedächtnis des Grafen
nicht behagen; obgleich er vorhin das Kaninchen ziemlich barsch abgewiesen
hatte, so schien ihm doch dieser Punkt zu interessant, als dass er nicht weiter
geforscht hätte. »Nun, auch Fräulein von Rotschild hat bemerkt, dass ich
melancholisch hinaufsah«, fragte er, indem er seine bitteren Züge durch eine
Zutat von Lächeln zu versüssen suchte; »freilich, diese hat ein scharfes Gesicht
durch die Lorgnette -«
    »Richtig, das war es«, erwiderte Rebs, »das war es; ja, als ich auf Sie
hinabwies und Rebekkchen Ihre Leiden anschaulich machte, schlug sie mich mit
ihrem Jockofächer auf die Hand, und nannte mich einen Schalk.«
    Mein Nachbar wurde wieder finster, seine roten Wangen röteten sich noch
mehr, und die ansehnliche Breite seines Gesichtes erweiterte sich noch durch
wilden Trotz, der in ihm wütete. Er zog den Kopf tief in die Schultern, und
blitzte das Kaninchen hin und wieder mit einem grimmigen Blick an. Er hatte nie
so grosse Ähnlichkeit mit einem angenehmen Froschjüngling, der an einem warmen
Juniabend trauernd auf dem Teichel sitzt, als in diesem Augenblicke.
    Graf Rebs bemerkte dies. Mit angenehmer Herablassung, wobei er das r noch
mehr schnurren liess, als zuvor, sprach er: »Werter Monsieur Zwerner. Sie dürfen
aus dem Schlag mit dem Jockofächer keine argen Folgerungen ziehen. Es ist nur
eine Façon de parler unter Leuten von gutem Ton. Wegen meiner dürfen Sie ruhig
sein. Zwar solange man jung ist«, fuhr er fort, indem er den Halskragen höher
heraufzog und schalkhaft daraus hervorsah, wie das Kaninchen aus dem Busch,
»zwar solange man jung ist, macht man sich hie und da ein Spässchen. Aber ein
ganz anderer Gegenstand fesselt mich jetzt, Liebster! Haben Sie schon die Nichte
des englischen Botschafters gesehen, die seit drei Tagen hier in Frankfurt ist?«
    »Nein«, antwortete mein Nachbar, leichter atmend.
    »Oh, ein deliziöses Kind! Augenbraunen wie, wie - wie mein Rock hier, einen
Mund zum Küssen und in dem schönen Gesicht so etwas Pikantes, ich möchte sagen
so viel englische Race. Nun, wir sind hier unter uns, ich kann Sie versichern,
es ist auffallend aber wahr, ich sollte es nicht sagen, es beschämt mich, aber
auf Ehre, Sie können sich drauf verlassen, obgleich es ein ganz komischer Fall
ist, übrigens hoffe ich mich auf Ihre Diskretion verlassen zu können; nein, es
ist wirklich auffallend, in drei Tagen...«
    »Nun so bitte ich Sie doch um Gottes willen, Herr Graf, was wollen Sie denn
sagen?«
    Es war ein eigener Genuss, das Kaninchen in diesem Augenblick anzusehen. Ein
Gedanke schien ihn zu kitzeln, denn er kniff die Äuglein zu, sein Kinn
verlängerte sich, seine Nase bog sich abwärts nach den Lippen, und sein Mund war
nur noch eine dünne, zarte Linie; dazu arbeitete er mit dem zierlich gekrümmten
Rücken und den Schulterblättern, als wolle er anfangen zu fliegen, und mit den
abgelebten Knöchlein seiner Finger fuhr er auf dem Tisch umher. Noch einmal
musste der Seufzer ihn ermuntern, sein Geheimnis preiszugeben, bis er endlich
hervorbrachte: »Sie ist in mich verliebt. Sie staunen; ich kann es Ihnen nicht
übelnehmen, auch mir wollte es anfangs sonderbar bedünken, in so kurzer Zeit;
aber ich habe meine sicheren Kennzeichen, und auch andere haben es bemerkt.«
    »Sie Glücklicher!« rief der Seufzer nicht ohne Ironie, »wo Sie nur
hintippen, schlagen Ihnen Herzen entgegen; übrigens rate ich, diese Engländerin
ernstlicher zu verfolgen, bedenken Sie, eine so solide Partie -«
    »Merke schon, merke schon«, entgegnete Rebs mit schlauem Lächeln, »es ist
Ihnen um Rebekka, Sie wollen, ich solle dort gänzlich aus dem Felde ziehen.
Solide Partie! Sie werden doch nicht meinen, dass ich schon heiraten will? Gott
bewahre mich! aber wegen Rebekkchen dürfen Sie ruhig sein; ich ziehe mich
gänzlich zurück. Und sollte vielleicht eine vorübergehende Neigung in dem
Mädchen - Sie verstehen mich schon -, das wird sich bald geben, ich glaube
nicht, dass sie mich ernstlich geliebt hat.«
    »Ich glaube auch nicht«, entgegnete der Seufzer mit einem Ton, in welchen
sich bittere Ironie mit Grimm mischte. Die Gesellschaft stand auf, wir folgten.
Graf Rebs tänzelte lächelnd zu den Damen, welchen er während der Tafel so
zärtliche Blicke zugeworfen; ich aber folgte dem unglücklichen Seufzer.
 
                             2. Trost für Liebende
»Was war doch dies für ein sonderbarer Herr?« fragte ich meinen Nachbar, indem
ich mich dicht an ihn anschloss. »Findet er wirklich bei den Damen so sehr
Beifall, oder ist er ein wenig verrückt?«
    »Ein Geck ist er, ein Narr!« rief der Seufzende, indem er mit dem Kopf aus
den Schultern herausfuhr, und die Arme umherwarf; »ein alter Junggeselle von
fünfundvierzig, und spielt noch den ersten Liebhaber. Eitel, töricht, glaubt,
jede Dame, die er aus seinen kleinen Äuglein anblinzelt, ist in ihn verliebt,
drängt sich überall an und ein -«
    »Nun da spielt dieser Graf Rebs eine lächerliche Rolle in der Gesellschaft,
da wird er wohl überall verhöhnt und abgewiesen?«
    »Ja, wenn die Damen dächten wie Sie, wertgeschätzter Herr! aber so
lächerrlich dieser Gnome ist, so töricht er sich überall gebärdet, so - o
Rebekka! der Teufel hat die Weiberherzen gemacht.«
    »Ei, ei!« sagte ich, indem ich schnell Nro. 45 aufschloss und den
Verzweifelnden hineinschob, »ei! lieber Herr Zwerner, wer wird so arge
Beschuldigungen ausstossen. Und auf Fräulein Rebekka, setzen Sie sich doch
gefälligst aufs Sofa, auf das Fräulein sollte er auch Eindruck gemacht haben,
dieser Gliedermann?«
    »Ach, nicht er, nicht er; sie sieht, dass er lächerrlich ist und geckenhaft,
und doch kokettiert sie mit ihm; nicht mit ihm, sondern mit seinem Titel. Es
schmeichelt ihr, einen Grafen in ihrer Loge zu sehen, oder auf der Promenade von
ihm begrüsst zu werden, vielleicht wenn sie eine Christin wäre, hätte sie einen
solidern Geschmack.«
    »Wie, das Fräulein ist eine Jüdin?«
    »Ja, es ist ein Judenfräulein; ihr Vater ist der reiche Simon in der neuen
Judenstrasse, das grosse gelbe Haus neben dem Herrn von Rotschild, und eine
Million hat er, das ist ausgemacht.«
    »Sie haben einen soliden Geschmack, und wie ich aus dem Gespräch des Grafen
bemerkt habe, können Sie sich einige Hoffnung machen?«
    »Ja«, erwiderte er ärgerlich, »wenn nicht der Satan das Papierwesen erfunden
hätte. So stehe ich immer zwischen Türe und Angel. Glaube ich heute einen festen
Preis, ein sicheres Vermögen zu haben, um vor Herrn Simon treten, und sagen zu
können: Herr! wir wollen ein kleines Geschäft machen miteinander, ich bin das
Haus Zwerner und Comp. aus Dessau, stehe so und so, wollen Sie mir Ihre Tochter
geben? Glaube ich nun so sprechen zu können, so lässt auf einmal der Teufel die
Metalliques um zwei, drei Prozent steigen, ich verliere, und meinem
Schwiegerpapa, der daran gewinnt, steigt der Kamm um so viele Prozente höher,
und an eine Verbindung ist dann nicht mehr zu denken.«
    »Aber kann denn nicht der Fall eintreten, dass Sie gewinnen?«
    »Ja, und dann bin ich so schlecht beraten wie zuvor. Herr Simon ist von der
Gegenpartei. Gewinne ich nun durch das Sinken dieser oder jener Papiere, so
verliert er ebensoviel, und dann ist nichts mit ihm anzufangen, denn er ist ein
ausgemachter Narr und reif für das Tollhaus, wenn er verliert. Ach, und aus
Rebekkchen, so gut sie sonst ist, guckt auf allen Seiten der jüdische Geldteufel
heraus.«
    »Wie, sollte es möglich sein, eine junge Dame sollte so sehr nach Geld
sehen?«
    »Da kennen Sie die Mädchen, wie sie heutzutage sind, schlecht«, erwiderte er
seufzend. »Titel oder Geld, Geld oder Titel, das ist es, was sie wollen. Können
Sie sich durch einen Lieutenant zur Gnädigen Frau machen lassen, so ist er ihnen
eben recht, hat ein Mann wie ich Geld, so wiegt dies den Adel zur Not auf, weil
derselbe gewöhnlich keines hat.«
    »Nun, ich denke aber, das Haus Zwerner und Comp. in Dessau hat Geld, woher
also Ihr Zweifel an der Liebe des Fräuleins?«
    »Ja, ja!« sagte er etwas freundlicher, »wir haben Geld, und so viel, um
immer mit Anstand um eine Tochter des Herrn Simon zu freien; aber Sie kennen die
Frankfurter Mädchen nicht, werter Herr! Ist von einem angenehmen,
liebenswürdigen jungen Mann die Rede, so fragen sie, Wie steht er? Steht er nun
nicht nach allen Börsenregeln solid, so ist er in ihren Augen ein Subjekt, an
das man nicht denken muss.«
    »Und Rebekka denkt auch so?«
    »Wie soll sie andere Empfindungen kennenlernen in der neuen Judenstrasse?
Ach! Ihre Neigung zu mir wechselt nach dem Kurs der Börsenhalle! Man weiss hier,
dass ich mich verführen liess, viele Metalliques und preussische
Staatsschuldscheine zu kaufen. Mein Interesse geht mit dem der hohen Mächte und
mit dem Wohl Griechenlands Hand in Hand. Verliert die Pforte, so gewinne ich und
werde ein reicher Mann; gewinnt der Grosstürke und sein Reis-Effendi, so bin ich
um zwanzigtausend Kaisergulden ärmer, und nicht mehr würdig, um sie zu freien.
Das weiss nun das liebenswürdige Geschöpf gar wohl, und ihr Herz ist geteilt
zwischen mir und dem Vater. Bald möchte sie gerne, dass die Pforte das Ultimatum
annehme, um mein Glück zu fördern; bald denkt sie wieder, wieviel ihr Vater
durch diese Spekulation des Herrn von Metternich verlieren könnte, und wünscht
dem Effendi so viel Verstand als möglich. Ich Unglücklicher!«
    »Aber, lieben Sie denn wirklich dieses edle Geschöpf?« fragte ich.
    Tränen traten ihm in die Augen, ein tiefer Seufzer stahl sich aus seiner
Brust. »Wie sollte ich sie nicht lieben«, antwortete er, »bedenken Sie,
fünfzigtausend Taler Mitgift, und nach des Vaters Tod eine halbe Million, und
wenn Gott den Israelchen zu sich nimmt, eine ganze. Und dabei ist sie vernünftig
und liebenswürdig, hat so was Feines, Zartes, Orientalisches; ein schwarzes Auge
voll Glut, eine kühn geschwungene Nase, frische Lippen, der Teint, wie ich ihn
liebe, etwas dunkel und dennoch rötlich. Ha! und eine Figur! Herr! wie sollte
man ein solches Geschöpf nicht lieben!«
    »Und haben Sie keinen Rival als den Gnomen, den Grafen Rebs?«
    »Oh, einige Judenjünglinge, bedeutende Häuser, buhlen um sie, aber ihr Sinn
steht nach einem soliden Christen; sie weiss, dass bei uns alles nobler und freier
geht als bei ihrem Volk, und schämt sich, in guter Gesellschaft für eine Jüdin
zu gelten. Daher hat sie sich auch den Frankfurter Dialekt ganz abgewöhnt und
spricht Preussisch; Sie sollten hören, wie schön es klingt, wenn sie sagt, isssst
es möchlich? oder: Es jienge wohl, aber es jeht nich.«
    Der Seufzer gefiel mir; es ist ein eigenes, sonderbares Volk, diese jungen
Herren vom Handelsstand. Sie bilden sich hinter ihrem Ladentisch eine eigene
Welt von Ideen, die sie aus den trefflichsten Romanen der Leihbiblioteken
sammeln; sie sehen die Menschen, die Gesellschaft nie, es sei denn wenn sie
abends durch die Promenade gehen oder sonntags, gekleidet wie Herren comme il
faut, auf Kirchweihen oder sonstigen Bällen sich amüsieren. Reisen sie hernach,
so dreht sich ihr Ideengang um ihre Musterkarte und die schöne Wirtin der
nächsten Station, welche ihnen von einem Kameraden und Vorgänger empfohlen ist;
oder um die Kellnerin des letzten Nachtlagers, die, wie sie glauben, noch lange
um den »schönen, wohlgewachsenen, jungen Mann« weinen wird. Sie haben irgendwo
gelesen oder gehört, dass der Handelsstand gegenwärtig viel zu bedeuten habe;
drum sprechen sie mit Ehrfurcht von sich und ihrem Wesen, und nie habe ich
gefunden, dass einer von sich sagte: Kaufmann oder Bänderkrämer, sondern: »Ich
reise in Geschäften des Hauses Bäuerlein oder Zwierlein«, und fragte man in
welchen Artikeln, so kann man unter zehn auf neun rechnen, sie ganz bescheiden
antworten hören: Knöpfe, Haften und Haken, Tabak, Schnupf-und Rauch-, und
dergleichen bedeutende Artikel. Haben sie nun gar im Städtchen ihrer Heimat ein
»Schätzchen« zurückgelassen, so darf man darauf rechnen, sie werden, wenn von
Liebe die Rede ist, »ihre sehr interessante Geschichte« erzählen, wie sie
Fräulein Jettchen beim Mondschein kennengelernt haben, sie werden die
Brieftasche öffnen und unter hundert Empfehlungsbriefen Annoncen von Gastöfen
etc., ein Seidenpapier hervorziehen, das ein »Pröbchen Haar von der Stirne der
Geliebten« entält.
    Glückliche Nomaden! Ihr allein seid noch heutzutage die fahrenden Ritter der
Christenheit; und wenn es euch auch nicht zukommt, mit eingelegter Lanze à la
Don Quijote eurer Jungfrauen Schönheit zu verteidigen, so richtet ihr doch in
jeder Kneipe nicht weniger Verwüstung an, wie jener mannhafte Ritter, und seid
überdies meist euer eigener Sancho Pansa an der Tafel.
    Eine solche liebenswürdige Erziehung, aus Comptoir-Spekulationen, Romanen,
Mondscheinliebe und Handelsreisen zusammengesetzt, schien nun auch mein Nachbar
Seufzer genossen zu haben. Nur etwas fehlte ihm, er war zu ehrlich. Wie leicht
wäre es für einen Mann von Zweimalhunderttausend gewesen, Kuriere nicht von
Höchst, oder von Langen, sondern von Wien, sogar mit autentischen Nachrichten
kommen zu lassen, um seinem Glücke aufzuhelfen. Ist denn auf der Erde nicht
alles um Geld feil? und wenn Rotschild mit Geld etwas machen kann, warum sollte
es ein anderer nicht auch können, wenn sein Geld ebensogut ist, als das des
grossen Makkabäers?
    Zwar ein solcher Sperling macht keinen Sommer; eine solche Handelsseele mehr
oder weniger mein, kann mir nicht nützen; doch die Nüanzen ergötzen mich, jenes
bunte Farbenspiel, bis ein solcher Hecht ins Netz geht, und darum beschloss ich
ihm zu nützen, ihn zu fangen.
    »Ich bin«, sagte ich zu ihm, »ich bin selbst einigermassen Papierspekulant,
daher werden Sie mir vergeben, wenn ich Ihre bisherige Verfahrungsart etwas
sonderbar finde.«
    »Wie meinen Sie das?« fragte er verwundert. »Als ich in Dessau war, liess ich
mir nicht jeden Posttag den Kurszettel schicken? und hier, gehe ich nicht jeden
Tag in die Börsenhalle? gehe ich nicht jeden Tag in die neue Judenstrasse, um das
Neueste zu erfragen?«
    »Das ist es nicht was ich meine, ein Genie wie Sie, Herr Zwerner (er
verbeugte sich lächelnd), das heisst, ein Mann mit diesen Mitteln, der etwas
wagen will, muss selbst eingreifen in den Lauf der Zeiten.«
    »Aber mein Gott«, rief er verwunderungsvoll, »das kann ja jetzt niemand als
der Rotschild, der Reis-Effendi und der Herr von Metternich; wie meinen Sie
denn?«
    »Über Ihr Glück, Sie geben es selbst zu, kann ein einziger Tag, eine einzige
Stunde entscheiden; zum Beispiel, wenn die Pforte das Ultimatum verwirft, die
Nachricht schnell hieher kömmt, kann eine Krisis sich bilden, die Sie stürzt.
Ebenso im Gegenteil, können Sie durch eine solche Nachricht sehr gewinnen, weil
dann Ihre Papiere steigen?«
    »Gewiss, gewiss«, seufzete er; »aber ich sehe nur noch nicht recht ein -«
    »Nur Geduld; wer gibt nun diese Nachricht, wer bekommt sie? Das Ministerium
in Wien, oder ein guter Freund, der sehr nahe hingehorcht und dem grossen Portier
ein Stück Geld in die Hand gedrückt hat, lässt noch in der Nacht einen Kurier
aufsitzen; der reitet und fährt und fliegt nach Frankfurt, und bringt die
Depesche, wem?«
    »Ach, dem Glücklichsten, dem Vornehmsten!«
    »Nein, dem, der am besten zahlt. Einen solchen Kurier kann ich Ihnen um Geld
auch verschaffen, ich habe Konnexionen in Wien. Man kann dort mancherlei
erfahren, ohne gerade der österreichische Beobachter zu sein; kurz, wir lassen
einen Brief mit der Nachricht einer wichtigen Krisis, eines bedeutenden
Vorfalls, kommen -«
    »Etwa, der Sultan habe einen Schlag bekommen, oder der Kaiser von Russland
sei plötzlich -«
    »Nichts davon, das ist zu wahrscheinlich, als dass es die Leute glauben;
Unwahrscheinliches, Überraschendes, muss auf der Börse wirken -«
    »Also etwa der Fürst von M. sei ein Türke geworden; habe dem Islam
geschworen?«
    »Ich sage Ihnen ja, nichts Wahrscheinliches; nein, geradezu, die Pforte habe
das Ultimatum angenommen. Bekommen Sie nun diese Nachricht mit allem möglichen
geheimnisvollen Wesen, lassen Sie den Kurier sogleich ein paar Stationen
weiterreisen, lassen Sie den Brief einige Geheimniskrämer lesen, gehen kurze
Zeit darauf in die Börsenhalle, so kann es nicht fehlen, Sie sind ein wichtiger
Mann und setzen Ihre Papiere mit Gewinn ab.«
    »Aber, lieber Herr«, erwiderte der Kaufmann von Dessau kläglich, »das wäre
ja denn doch erlogen, wie man zu sagen pflegt, eine Sünde für einen rechtlichen
Mann, bedenken Sie, ein Kaufmann muss im Geruch von Ehrlichkeit stehen, will er
Kredit haben.«
    »Ehrlichkeit, Possen! Geld, Geld, das ist es, wornach er riechen muss, und
nicht nach Ehrlichkeit. Und was nennen Sie am Ende Ehrlichkeit? ob Sie Ihre
Kunden bei einem Pfunde Kaffee betrügen, ob Sie einem alten Weib ihr Lot
Schnupftabak zu leicht wiegen, oder ob Sie dasselbe Experiment im grossen
vornehmen, das ist am Ende dasselbe.«
    »Ei, verzeihen Sie, da muss ich denn doch bitten; an der Prise, die das Weib
zu wenig bekömmt, stirbt sie nicht, wie man zu sagen pflegt, aber wenn ich einen
solchen Kurier kommen lasse, so kann er durch seine falsche Nachricht ein
Nachrichter der ganzen Börse werden; viele Häuser können fallieren, andere
wanken und im Kredit verlieren, und das wäre dann meine Schuld!«
    »So, mein Herr?« sagte ich mit mitleidigem Lächeln zu der schwachen Seele,
»so, Sie schämen sich nicht, die Moral, das Herrlichste was man auf Erden hat,
so zu verhunzen? also wegen der Folgen wollen Sie nicht? nicht vor dem Beginnen
an sich, als einem unmoralischen, beben Sie zurück? Wer den Anfang einer Tat
nicht scheut, darf auch ihr Ende nicht scheuen, ohne für eine kleine Seele zu
gelten. Oder glauben Sie, eine Rebekka könne man dadurch verdienen, dass man im
Weissen Schwanen wohnt und seufzt, dass man zur Tafel geht und mit dem Kaninchen,
dem Grafen Rebs, grollt?«
    »Aber, mein Herr«, rief der Seufzer etwas pikiert, »ich weiss gar nicht, was
Sie mir, als einem ganz Fremden für eine Teilnahme erzeigen; ich weiss gar nicht,
wie ich das nehmen soll?«
    »Mein Herr, das haben Sie sich selbst zuzuschreiben; Sie haben mir Ihre Lage
entdeckt und mich gleichsam um Rat gefragt, daher meine Antwort. Übrigens bin
ich ein Mann, der reist, um überall das Treffliche und Erhabene kennenzulernen.
In Ihnen glaubte ich gleich auf den ersten Anblick solches gefunden zu haben; -«
    »Bitte recht sehr, eine so ganz gewöhnliche Physiognomie wie die meine -«
    »Das können Sie nicht so beurteilen, wie ein anderer; auf Ihrer Stirne
tront etwas Freies, Mutiges, um Ihren Mund weht ein anziehender Geist -«
    »Finden Sie das wirklich«, rief er, indem er lächelnd meine Hand fasste und
verstohlen nach dem Spiegel blickte; »es ist wahr, man hat mir schon dergleichen
gesagt, und, in Stuttgart hat man mich sogar versichert, ich sei dem berühmten
Dannecker auf der Strasse aufgefallen, und er sei eigens deswegen einigemal in
den König von England gekommen, um von mir etwas für seinen Johannes abzusehen.«
    »Nun sehen Sie, wie muss es nun einen Mann, wie ich bin, überraschen, so
wenig Mut, so wenig Entschluss hinter dieser freien Stirne, diesem mutigen Auge
zu finden!«
    »Ach, Sie nehmen es auch zu strenge; ich habe ja Ihren Vorschlag durchaus
nicht verworfen, nur einiges Bedenken, einige kleine Zweifel stiegen in mir auf,
und - nun Sie haben wahrlich nicht unrecht, ich fühle einen gewissen Mut, eine
gewisse Freiheit in mir, es ist ein gewisses Etwas, ja - so gut es ein anderer
tun kann, will ich es auch versuchen. Es sei, wie Sie sagten, ich will es
daranrücken und einen Kurier kommen lassen; wir wollen die Metalliques
steigern!«
 
                          3. Ein Schabbes in Bornheim
Der einzige Zweifel, der den seufzenden Dessauer noch quälte, war die Furcht,
den Vater seiner Geliebten in bedeutenden Verlust zu stürzen, wenn er seine
Operation nach meinem Plane einrichte. Doch auch dafür wusste ich ein gutes, sehr
einfaches Mittel. Er musste den Herrn Simon in der neuen Judenstrasse auf seine
Seite bringen, musste ihm bedeutende Winke von der nahenden Krisis geben;
entweder nahm dann der Jude an dem ganzen Unternehmen unbewusst teil und gewann
zugleich mit dem Dessauer, oder, er war wenigstens gewarnt und musste einige
Achtung vor einem Mann bekommen, der so genau die politischen Wendungen zu
berechnen wusste, der seine Kombinationen so geschickt zu machen verstand.
    Dem Kaufmann leuchtete dies ein. Er kam von selbst auf den Gedanken, noch an
diesem Tage mit dem alten Simon zu sprechen, und lud mich ein, mit ihm nach
Bornheim zu fahren, wo der Schabbes heute die noble Welt des alten
Judenquartiers, der neuen Judenstrasse, überhaupt alle Stämme Israels versammelt
habe.
    Wir fuhren hinaus; der Seufzer schien ein ganz anderer Mensch geworden zu
sein. Sein trübseliges Gesicht leuchtete freundlich vom Glanze der Hoffnung,
sein Auge hob sich freier, um seine Stirne, seinen Mund war jede Melancholie
verschwunden, sein grosser runder Kopf steht nicht mehr zwischen den Schultern,
er trägt ihn freier, erhabener, als wollte er sagen: »Seht ihr Frankfurter und
Bornheimer, ich bin es, das Haus Zwerner und Comp. aus Dessau, nächstens eine
bedeutende Person an der Börse, und wenn es gut geht, Bräutigam der schönen
Rebekka Simon in der neuen Judenstrasse!«
    Aus dem Garten des Goldenen Löwen in Bornheim tönten uns die zitternden
Klänge von Harfen und Gitarren, und das Geigen verstimmter Violinen entgegen;
das Volk Gottes liess sich vormusizieren im Freien, wie einst ihr König Saul,
wenn er übler Laune war. Wir traten ein; da sassen sie, die Söhne und Töchter
Abrahams, Isaaks und Jakobs, mit funkelnden Augen, kühn gebogenen Nasen, fein
geschnittenen Gesichtern, wie aus einer Form geprägt, da sassen sie vergnügt und
fröhlich plaudernd, und tranken Champagner aus saurem Wein, Zucker und
Mineralwasser zubereitet, da sassen sie in malerischen Gruppen unter den Bäumen,
und der Garten war anzuschauen, als wäre er das gelobte Land Kanaan, das der
Prophet vom Berge gesehen, und seinem Volk verheissen hatte. Wie sich doch die
Zeiten ändern durch die Aufklärung und das Geld!
    Es waren dies dieselben Menschen, die noch vor dreissig Jahren keinen Fuss auf
den breiten Weg der Promenade setzen durften, sondern bescheiden den Nebenweg
gingen; dieselben, die den Hut abziehen mussten, wenn man ihnen zurief: »Jude,
sei artig, mach dein Kompliment!« Dieselben, die von dem Bürgermeister und dem
Hohen Rat der freien Stadt Frankfurt jede Nacht eingepfercht wurden in ihr
schmutziges Quartier. Und wie so ganz anders waren sie jetzt anzuschauen.
Überladen mit Putz und köstlichen Steinen sassen die Frauen und Judenfräulein;
die Männer, konnten sie auch nicht die spitzigen Ellbogen und die vorgebogenen
Knie ihres Volkes verleugnen, suchten sie auch umsonst den ruhigen, soliden
Anstand eines Kaufherrn von der Zeile oder der Million zu kopieren, die Männer
hatten sich sonntäglich und schön angetan, liessen schwere goldene Ketten über
die Brust und den Magen herabhängen, streckten alle zehn Finger, mit blitzenden
Solitairs besteckt, von sich, als wollten sie zu verstehen geben: »Ist das nicht
was ganz Solides? Sind wir nicht das auserwählte Volk? Wer hat denn alles Geld,
gemünzt und in Barren, als wir? Wem ist Gott und Welt, Kaiser und König
schuldig, wem anders als uns?«
    »Dort sitzt sie, die Taube von Juda, dort sitzt sie, die Gazelle des
Morgens«, rief der Seufzer in poetischer Ekstase, und zerrte mich am Arm;
»schauen Sie dort, unter dem Zelt von hölzernem Gitterwerk. Der mit dem runden
Leib, der langen Nase und den grauen Löckchen am Ohr, ist der Vater, Herr Simon
aus der neuen Judenstrasse, die dicke Frau rechts mit den schwarzseidenen Locken
und dem rotbraunen Gesicht ist die Tante; eine fatale Verwandtschaft, aber man
weiss sich in Zukunft zu separieren nach und nach.«
    »Aber wo ist denn die Gazelle, die Taube, ich sehe sie noch nicht -«
    »Geduld, noch bedeckt die neidische Wolke, die Tante, das Gestirn des
Aufgangs; fassen wir ein Herz, treten wir näher. Doch eben fällt mir bei, ich
muss Sie vorstellen; wie nenne ich Sie, mein lieber Freund und Ratgeber?«
    »Ich bin der k. k. Legationsrat Schmälzchen aus Wien«, gab ich ihm zur
Antwort, »reise in Geschäften meines Hofes nach Mainz.«
    »Ah«, rief er, nachdem er schon bei dem kaiserlich-königlich an den Hut
gegriffen hatte, »Le-Legationsrat, wirklicher, und nicht bloss Titular ums liebe
Geld? Das freut mich, Dero werte Bekanntschaft zu machen. Hätte es mir gleich
vorstellen können, Sie haben einen gar tiefen Blick in die Staatsaffären.
Wahrhaftig, hätte es Ihnen gleich ansehen können; haben so etwas Diplomatisches,
Kabinettsmässiges in Dero Visage.«
    »Bitte, bitte, keine Komplimente. Gehen wir zum Juden, ich hoffe Ihnen
nützlich sein zu können.«
    Wir traten zu dem Zelt aus hölzernem Gitterwerk. Mein Begleiter errötete
tiefer, je näher er trat; seine Wangen liefen vom Hellroten ins Dunkelrote, von
da ins bläulich Schattierte an, und als wir vor dem Herrn Simon standen, war er
anzusehen wie eine schöne dunkelrote Herzkirsche. Die Tante, »das neidische
Gewölk«, erhob sich, und nun ward auch das Gestirn des Morgens sichtbar. Das
Schickselchen, die Kalle, ich meine Rebekka des Juden Tochter, war nicht übel. -
Sie hatte, um mich wie Graf Rebs auszudrücken, viel Race und ihre Augen konnten
den Seufzer wohl bis aufs Herz durchbrennen, obgleich er zur Vorsicht und aus
Eleganz drei Westen angetan hatte.
    Nachdem mich mein Freund, der als solides Haus aus Dessau bei der Familie
wohlgelitten schien, vorgestellt hatte, machte er sich an die Taube von Juda,
und überliess es mir, den alten Simon zu unterhalten. Mein Titel schien ihm
einigen Respekt eingeflösst zu haben. »Haben da ein schönes Fach erwählt, Herr
von Schmälzlein«, bemerkte er wohlgefällig lächelnd; »habe immer eine
Inklination für die Diplomatik gehabt, aber die Verhältnisse wollten es nicht,
dass ich ein Gesandter oder dergleichen wurde. Man weiss da gleich alles aus der
ersten Hand; man kann viel komplizieren und dergleichen; was liessen sich da für
Geschäfte machen!«
    »Sie haben recht, mein Herr! Man lernt da die verwickeltsten Verhältnisse
kennen. Allein aber schauen S', das Ding hat auch seinen Haken. Man weiss oft
eigentlich zu viel, es geht einem wie ein Rad im Kopf umher.«
    Der Jude rückte näher. Mit einem Wiener Diplomaten, mochte er denken, nehme
ich es auch noch auf. »Zeviel?« sagte er; »ich für meinen Teil kann nie zeviel
wissen. Was die Papiere betrifft, da kann ein Fingerzeig, ein halber, ein
Viertelsgedanke oft mehr tun, als eine lange Rede im Frankfurter Museum. Nu, Sie
stehen solide in Wien. Ihr Staat ist ein gemachtes Haus trotz einem; was der
Herr von M. auf dem Flageolett vorpfeift, das singen die Staren nach.«
    »Die Staren vielleicht, aber nicht die Zaren!«
    »Gut, très bien bon! gut gegeben, hi! hi! hi! apropos, wissen Sie Neues aus
daher?« Er rückte mir schon näher und wurde verfänglicher.
    »Herr Simon«, sagte ich mit Artigkeit ausweichend, »Sie wissen, es gibt
Fälle -«
    »Wie!« rief er erschrocken, »Gotts Wunder! Neue Fallissements, waas! ist
nicht die Krisis vom letzten Winter schon ein Strafgericht des Herrn gewesen?
Waas?«
    »Um Jottes willen, Papa!« schrie Rebekka, indem sie den Arm des zärtlichen
Seufzers zurückstiess und aufsprang, »doch kein Unglück? Mein Jott! doch nich
hier in Frankfort?«
    »Beruhigen Sie sich doch, gnädiges Fräulein, ich sprach mit Ihrem Herrn Papa
über Politik, und rechnete einige Fälle auf; und er hat mich holter nicht recht
verstanden.«
    Sie presste mit einem zärtlichen, hinsterbenden Blick auf den erschrockenen
Dessauer, ihre Hand auf das Herz und atmete tief. »Nee! was ich erschrocken bin
jeworden, da machen Sie sich keenen Bejriff von!« lispelte sie. »Mein Herz pocht
schrecklich! Na, erzählen Sie man weiter; was sachte der Graf? Sie hätten ins
Parterre jestanden und wären melancholisch jewesen?«
    Das Geflüster der Liebenden wurde leiser und leiser: die Blicke des Seufzers
wurden feuriger, er zog als »das Gewölke« ein wenig im Garten auf und ab ging,
die niedliche Hand der Jüdin an die Lippen und gestand ihr, wenn ich anders
recht gehört habe, dass nächstens die Metalliques und die ...... um drei Prozente
steigen werden.
    »Herr von Schmälzlein!« sagte der Alte, nachdem er einigen koscheren Wein zu
sich genommen, »Sie haben mir da einen Schreck in den Leib gejagt, den ich nie
vergesse. Fallen, Fälle, wie kann man auch nur dies Wort in Gesellschaft
aussprechen!! Nun, Sie wollten sagen?«
    »Es gibt Affären«, fuhr ich fort, »wo der Diplomat schweigen muss. Über das
Nähere meiner Sendung z.B. werden Sie selbst mich nicht befragen wollen; nur so
viel kann ich Ihnen aber, mein Herr Simon, im engsten Vertrauen! -«
    »Der Gott meiner Väter tue mir dies und das!« rief er feierlich; »so ich nur
meinem Nachbar oder seinem Weib, oder seinem Sohn, oder seiner Tochter das
Geringste -«
    »Schon gut! ich traue auf Ihre Diskretion, kurz, so viel kann ich Ihnen
sagen, dass nächstens eine bedeutende Krisis eintreten wird; ganz zu allernächst.
Für oder gegen wen darf ich nicht sagen; doch Herr von Zwerner -«
    »Von Zwerner?«
    »Nun, ich nenne ihn so, man weiss ja nicht, was geschieht; an ihn war ich
besonders empfohlen vom Fürsten, und ich glaube, wenn ich anders richtig
schliesse, er muss in den nächsten Tagen Kuriere aus Wien bekommen.«
    »Der Zwerner?! ei, ei! wer hätte das gedacht! Zwar ich sagte immer, hinter
dem steckt etwas; geht so tiefsinnig, kalkulierend umher, hat wahrscheinlich
nicht umsonst so unsinnig viele Metalliques gekauft; ei, sehe doch einer! Hält
sich Kuriere mit Wien! Und, wenn man fragen darf, es handelt sich wohl um das
Ultimatum mit der Pforte?«
    »Ja.«
    »Ei, darf man fragen? wie ist es ausgefallen? Hat er eingewilligt, der
Effendi? Hat er?«
    »Mein Herr Simon, ich bitte -«
    »O ich verstehe, ich verstehe, Sie wollen es nicht sagen, aus Politik, aus
Politik, aber er hat, er hat?«
    »Trauen Sie auf nichts, ich warne Sie, auf keine Nachricht trauen Sie, als
auf autentische. Der Herr dort weiss vielleicht mancherlei, und hat nicht das
drückende Stillschweigen eines Diplomaten zu beobachten.«
    »Ei, hätte ich das in meinem Leben gedacht, Kuriere von Wien, und der
Zwerner aus Dessau; zwar er ist ein solides Haus, das ist keine Frage, aber denn
doch nicht so ausserordentlich. Ob sich wohl was mit ihm machen liesse?« setzte er
tiefer nachsinnend hinzu, indem er seine Nase herunter gegen den Mund bog, und
das lange Kinn aufwärts drückte, dass sich diese beiden reichen Glieder
begegneten und küssten. Dies war der Moment, wo er anbeissen musste, denn er nagte
schon am Köder. Ich gab dem Seufzer aus Dessau einen Wink, sich dem Papa zu
nähern, und nahm seinen Platz bei der Gazelle des Morgenlandes ein.
 
                         4. Das gebildete Judenfräulein
Wie war sie graziös, das heisst geziert, wie war sie artig, nämlich kokett, wie
war sie naiv, andere hätten es lüstern genannt.
    »Ich liebe die Tiplomattiker«, sagte sie unter anderem mit feinem Lächeln
und vielsagendem Blick; »es is so etwas Feines, Jewandtes in ihren Manieren; man
sieht ihnen den Mann von jutem Jeschmack schon von die Ferne an, und wie
angenehm riechen sie nach Eau de Portugal!«
    »O gewiss, auch nach Fleur d'Orange und dergleichen. Wie nehmen sich denn die
hiesigen Diplomaten? kommen sie viel unter die Leute?«
    »Nun, sehen Sie, wie das nun jeht, die älteren Herren haben sechs bis sieben
Monate Ferien und reisen umher. Die jüngeren aber, die indessen hierbleiben und
die Geschäfte treiben, sie müssen Pässe visieren, sie müssen Zeitungen lesen, ob
nichts Verfängliches drein is, sie müssen das Papier ordentlich zusammenlegen
für die Sitzungen; nun, was nun solche junge Herren Tiblomen sind, das sein janz
scharmante Leute, wohnen in die Chambres garnies, essen an die Tables d'hôte,
jehen auf die Promenade schön ausstaffiert comme il faut, haben zwar jewöhnlich
kein Jeld nich, aber desto mehr Ansehen.«
    »Da haben Sie einen herrlichen Shawl umgelegt, mein Fräulein, ist er wohl
echt?«
    »Ah, jehen Sie doch! meinen Sie, ich werde etwas anderes anziehen, als was
nicht janz echt ist? Der Shawl hat mir jekostet achtundert Gulden, die ich in
die Rotschildischen Los gewunnen. Und sehen Sie, dieses Kollier hier kostet
sechzehnhundert Gulden, und dieser Ring zweitausend; ja, man jeht sehr echt in
Frankfort, das heisst, Leute von den jutem Ton wie unsereine.«
    »Ach, was haben Sie doch für eine schöne, gebildete Sprache, mein Fräulein!
wurden Sie etwa in Berlin erzogen?«
    »Finden Sie das och?« erwiderte sie anmutig lächelnd, »ja, man hat mir schon
oft das Kompliment vorjemacht. Nee, in Berlin drein war ich nie, ich bin hier
erzogen worden; aber es macht, ich lese viel und bilde auf diese Art meinen
Jeist und mein Orkan aus.«
    »Was lesen Sie? wenn man fragen darf.«
    »Nu, Bellettres, Bücher von die schöne Jeister; ich bin abbonniert bei Herrn
Döring in der Sandjasse, nächst der Weissen Schlange, und der verproviantiert
mich mit Almanachs und Romancher.«
    »Lesen Sie Goete, Schiller, Tieck und dergleichen?«
    »Nee, das tu ich nicht. Diese Herren machen schlechte Jeschäfte in
Frankfort; es will sie keen Mensch, sie sind zu studiert, nich natürlich jenug.
Nee, den Jöte lese ich nie wieder! das is was Langweiliges. Und seine
Wohlverwandtschaften! Ich werde rot, wenn ich nur daran denke; wissen Sie, die
Szene in der Nacht, wo der Baron zu die Baronin - ach man kann's jar nicht
sagen, und jedes stellt sich vor -«
    »Ich erinnere mich, ich erinnere mich; aber es liegt gerade in diesem
Gedanken eine erstaunliche Tiefe - ein Chaos von Möglichkeiten -«
    »Nu, kurz den mag ich nich; aber wer mein Liebling ist, das is der Clauren.
Nee, dieses Leben, diese Farben, dieses Studium des Herzens und namentlich des
weiblichen Jemüts, ach, es is etwas Herrliches. Und dabei so natürlich! Wenn mir
die andern alle vorkommen, wie schwere vierhändige Sonaten mit tiefen
Basspartien, mit zierlichen Solos, mit Trillern, die kein Mensch nicht verstehen
und spielen kann, so wie der Mozart, der Haydn, so kommt mir der Clauren akkurat
so vor, wie ein anjenehmer Walzer, wie ein Hopswalzer oder Galopp. Ach, das
Tanzen kommt einem in die Beene, wenn man ihn liest; es ist etwas Herrliches!«
    »Fahren Sie fort, wie gerne höre ich Ihnen zu. Auch ich liebe diesen
Schriftsteller über alles. Diese andern, besonders ein Schiller, wie wenig hat
er für das Vergnügen der Menschheit getan. Man sollte meinen, er wolle
moralische Vorlesungen halten; er ist, um mich eines anderen Gleichnisses zu
bedienen, schwerer, dicker Burgunder, der mehr melancholisch als heiter macht.
Aber dieser Clauren! er kommt mir vor wie Champagner, und zwar wie unechter, den
man aus Birnen zubereitet; der echte verdunstet gleich, aber dieser unechte,
setzt er auch im Grunde viele Hefen an, so brüsselt er doch mit allerliebsten
tanzenden Bläschen auf und ab eine Stunde lang, er berauscht, er macht die Sinne
rege, er ist der wahre Lebenswein.«
    »O sehen Sie, da kann ich Ihnen ja gleich unseren Clauren vormachen mit
Bornheimer Champagner. Man nimmt fremden Wein, so etwa die Hälfte, jiesst
Mineralwasser dazu, und nun jeben Sie acht; ich werfe Zucker in das Janze, und
unser Clauren ist fertig. Sehen Sie, wie es siedet, wie es sprudelt und
brüsselt, wie anjenehm schmeckt es nicht, und ist ein wohlfeiles Jetränke. Nee,
ich muss sagen, er ist mein Liebling. Und das Anjenehmste is das, man kann ihn so
lesen ohne viel dabei zu denken, man erlebt es eigentlich, es is, meine ich,
mehr der Körper, der ins Buch schaut, als der Jeist. Und wie angenehm lässt es
sich dabei einschlafen!«
    »Ich glaube gar, ihr seid in einem gelehrten Gespräch begriffen«, rief
lachend der alte Jude, indem er, den Desaster an der Hand, zu uns trat; »nicht
wahr, Herr Legationsrat, ich habe da ein gelehrtes Ding zur Tochter? Sie spricht
auch wie ein Buch und liest den ganzen Tag.«
    »Nun, und Sie, Papa, und Herr Zwerner, haben wohl tiefe Handelsjeheimnisse
abjemacht? Darf man auch davon hören, wie werden sie in der nächsten Woche
stehen, die Metalliques? recht hoch? hab ich es erraten?«
    »Stille Kind, stille! kein Wort davon! muss alles geheimgehalten werden! Muss
einen grossen Schlag geben. Ist ein Goldmännchen der Herr von Zwerner. Setzen Sie
sich zu ihr hin und klären ihr alles auf. Sie ist auf diesem Punkt ein
verständiges Kind und weiss zu rechnen, die Rebekkchen.«
    Was schlich denn jetzt durch das Gras? was hüpfte auf zierlichen Beinchen
heran? was lächelte schon von weitem so freundlich nach der Kalle des Herrn
Simon? war es nicht das Gräfchen Rebs, das alte, freundliche Kaninchen, das in
alle Damen, verliebt ist, und alle bezaubert? Er war es, er kam
herangeschwänzelt.
    Er schnaufte und ächzte als er heran war, und doch konnte er auch in dem
Zustand höchster Erschöpfung, in welchem er zu sein schien, sein liebliches,
süsses Lächeln nicht unterdrücken. Er warf sich ermattet neben Rebekka in einen
Sessel, streckte die dünnen Beinchen, so mit zierlichen Spörnchen zum
Spazierengehen beschlagen, heftete den matten, sterbenden Blick auf die schöne
Jüdin und sprach: »Habe die Ehre, vergnügten Abend zu wünschen; ich sterbe, mit
mir geht's aus!«
    »Mein Jott! Herr Israels! Graf Rebs was haben Sie doch? Ihre Wangen sind
janz einjeschnurrt, Ihre Augen bleiben stehen; er antwortet nicht! Herr
Tipplomat, Eau de Cologne! haben Sie keines bei sich in die Tasche?«
    So rief das schöne Judenkind und beschäftigte sich um den Ohnmächtigen mit
zarter Sorgfalt. Da ich kein Eau de Cologne bei mir trug, so begann sie etwas
weniges verzweifeln zu wollen, und verlangte von dem Dessauer, er solle ihm
Tabaksrauch in die Nase blasen. Doch der Vater wusste besseren Rat: »Da geht
einer«, rief er freudig, »da geht ein charmanter junger Herr, ist in Kondition
nicht weit von uns, der trägt beständig etzliches Kölnerwasser in seiner
Rocktasche!«
    Wie ein Pfeil schoss er auf den jungen Mann zu und war, als er ihm mit
schrecklichen Gebärden das Eau-de-Cologne-Fläschchen abforderte, anzusehen wie
Sir John Falstaff, als er die Krämer beraubt. Maria Farinas Lebenstropfen
brachten das arme Kaninchen bald wieder zu sich; er schlug die Augen auf,
seufzete tief und lächelte, »mich gehorsamst zu bedanken«, lispelte er mit
zitternder Stimme, »für die gütigst geleistete Hilfe. War mir aber recht elend
zumut; fast als hätte ich mehr Bier getrunken als dienlich.«
    »Sind Sie oft solchen Zufällen unterworfen?« fragte Rebekka, ihn etwas
missfällig betrachtend.
    »Mitnichten und im Gegenteil«, erwiderte er, indem er den Rücken zierlich
wendete und drehte, mit den Schultern über die Brust herausfuhr, und mannhaft
mit den Spörnchen klirrte; »mitnichten, habe sonsten eine überaus starke
Konstitution. Aber der dicke Pfarrer, der dicke Pfarrer...«
    Die Juden schwiegen, und Rebekka schlug die Augen nieder, wie immer wenn von
christlichen Pfarrern oder Zeremonien, oder auch von Schweinfleisch in ihrer
Nähe gesprochen wurde. Der Seufzer aber, dem die Erscheinung des Grafen etwas
lästig schien, fragte ihn ziemlich boshaft, ob er etwa im Goldenen Brunnen
gewesen, sich allda etwas betrunken, und nachher mit dem ehrsamen Pastor Münster
Streit und kirchlichen Skandal angefangen, nach seiner Gewohnheit?
    »Nach meiner Gewohnheit!« rief das Kaninchen erschrocken, »ich ein
Unruhstifter oder Säufer, ich in dem Goldenen Brunnen, ich, der ich nur die
allernobelsten Hotels, den Pariser und den Englischen Hof, den Weidenbusch, in
welchem ich logiere, und den Weissen Schwanen mit meinem Besuch beehre? Nein! er
ist mir begegnet der Pfarrer, und als er an mir vorbeiging, sah er mich mit
schrecklichen Augen an und sagte: Das ist auch so ein Stein des Anstosses, auch
so ein Mystiker. Herr Pfarrer, sagte ich, guten Abend, aber ein Mystiker bin ich
nicht und will auch für keinen gelten, am wenigsten öffentlich, auf der Chaussee
nach Bornheim. So, Sie wollen keiner sein? antwortete er, indem er näher auf
mich zutrat, so dass sein Bauch und das Cachet seiner Uhr mir gerade auf die
Brust zu sitzen kamen und mich heftig drückten; wollen keiner sein? Warum kommen
Sie denn nicht mehr ins Museum? Warum haben Sie an öffentlichen Wirtstafeln, im
Pariser, Weiden und anderen Höfen geschimpft über mich, dass ich ein gewisses
Gedicht von Langbein in besagter Gesellschaft vorgelesen? Es ist wahr, ich hatte
mich ziemlich stark darüber ausgeprochen, aber nicht aus Mystizismus, sondern
weil ich glaubte, es könne zarte Damenohren und weiche Gemüter unangenehm
berühren, jenes Gedicht. Aber er nahm keine Entschuldigung an; ich schlüpfte ihm
unter dem Bauch weg und wollte schnell weitergehen, aber er setzte mir mit
weiten Schritten nach, ging neben mir her und beschuldigte mich, seinem
Gegenpart, dem mystischen Pfarrer, zu einer reichen Frau verholfen zu haben, er
behauptete auch, dass ich mich jeden Morgen, statt des Frühstücks, magnetisieren
lasse, und dergleichen; und erst hier an der Gartentüre liess er mit einer
mürrischen Reverenz von mir ab.«
    »Aber was hat denn dies alles zu bedeuten?« fragte ich; »halten denn die
Pfarrer hier auf der Landstrasse Kirche, wie es Sitte war zur Zeit der Apostel?«
    »In Frankfurt«, belehrte mich der Kaufmann aus Dessau, »in Frankfurt ist
gegenwärtig ein grosser Krieg zwischen den Pfarrern, und ihre Partien befehden
sich ebenfalls. Mystiker und Rationalisten schelten sie sich hin und her, der
eine wirft dem andern vor, er predige nur Moral, der andere entgegnet, sein
Gegner rede tiefen Unsinn. Nicht nur in den Kirchen, auf den Kanzeln, sondern
auch in den Weinhäusern und Trinkstuben, auf Chausseen und Kasinos, wird
gekämpft, und so konnte es leicht geschehen, dass der Herr Graf einem Eiferer der
Vernunft in die Hände fiel. - Doch wie? Herr Graf, wenn ich nicht irre so fährt
dort der Lord und seine Nichte; nicht so? und sie halten vor dem Garten, sie
steigen aus?«
    »Ah, sie hat mich bemerkt«, rief das Kaninchen sehr freundlich, »sie schaut
schon herüber und wedelt, wenn ich nicht irre, mit dem Taschentuch mir zu.
Verzeihen allerseits, dass ich mich entferne; Miss Mary hat ein Auge auf mich
geworfen, und Sie wissen selbst, bei solchen Affären -«
    Er schlüpfte unter diesen Worten aus dem Zelt und eilte mit zierlichen
Sprünglein zu der Gartenpforte, wo er in dem Drang seines Herzens die junge Dame
auf den glacierten Handschuh küsste. Es mochte ihr übrigens dieses Zeichen seiner
Verehrung überaus komisch vorkommen, denn ihr Lachen drang bis zu uns herüber,
und mit tiefem Bass begleitete sie der Lord, indem er dem Kaninchen das Pfötchen
schüttelte.
    Das Gewölk, die Tante Simon, kam jetzt zurück und beklagte sich, dass es
schon etwas kühl werde. Der Jude liess daher seinen schönen Wagen vorfahren und
verliess mit den Seinigen den Garten. Der Seufzer hatte das Glück, Rebekkchen in
den Wagen heben zu dürfen, und kam mit ganz verklärtem Gesicht zurück. Sie hatte
ihm unter der Türe noch die Hand gedrückt und gestanden, dass sie sich diesen
Nachmittag »janz fürtrefflich amüsiert habe«, und der Alte hatte ihn eingeladen,
morgen und alle Tage den Abend in seinem Hause zuzubringen.
 
                        5. Der Kurier aus Wien kommt an
Ich könnte dir, geneigter Leser meiner Memoiren, vieles Ergötzliche und
Interessante erzählen, was ich in der freien Stadt Frankfurt erlebt; nicht von
früheren Zeiten her, wo ich oft hinter den Stühlen der Kurfürsten stand, und den
Kaiser wählen half, wo ich so oft unter guten Freunden im Römer und beim Römer
sass, wenn das neue Haupt des vielgliedrigen Leibes, Deutsches Reich genannt, mit
der Krone geschmückt worden war, nein von den heutigen Tagen könnte ich dir viel
erzählen, von dem tiefen, geheimnisvollen Wesen der Diplomatie, von dem
herrlichen Junitag, in welchem es niemals Abend oder Nacht wird, ich meine den
deutschen Bundestag, von dem herrlichen Treiben und Blühen des Mystizismus, und
wie ich das Feuer anschürte zwischen seinen Anhängern und den Rationalisten, und
wie es im Wirtshaus zum Goldenen Brunnen einigemal zu bedeutenden Raufereien kam
zwischen beiden Partien, dass heisst - nur mit schneidenden Zungen und stechenden
Blicken; ich könnte dir erzählen, wie ich in einem Institut, woselbst man junge
Fräulein für die Welt zustutzt, nützlichen Unterricht gab im Gitarrespielen und
anderen Kleinigkeiten, so eine junge Dame kennen muss, wenn sie in die Welt
tritt. Ich könnte dir erzählen von jener Strasse, Million genannt, wo meine
speziellsten Freunde wohnen, deren der Geringste über Millionen gebietet.
    Doch ich schweige von diesem allem, weil ich mir vorgenommen, dir einen
kleinen Abriss zu geben von der Art, wie ich den ehrlichen seufzenden Sohn
Merkurs aus Dessau zu einem Teufelskind machte. Der erste Schritt vom ehrlichen
Mann zum schlechten oder Betrüger ist an sich klein, und dennoch bedeutend, weil
man leicht, sozusagen, in Schuss kömmt und unaufhaltsam bergab, bergab geht,
anfangs im Trott, nachher im Galopp. Mein guter Seufzer hatte sein bedeutendes
Vermögen mit einem ehrlichen Gemüt geerbt. Er ging in seinen Geschäften den
geraden, ehrlichen Weg, nicht weil er ihm angenehmer war, sondern weil er es
unbequem finden mochte, Winkelzüge und Umwege zu machen.
    Es ist dies die Ehrbarkeit, die Tugend, die nie auf der Probe war und daher
ein negativer Begriff, ein Nichts, auf jeden Fall keine Tugend ist.
    Nicht der Geldgewinn, er ist ziemlich zufrieden mit seinem Los, sondern die
Liebe zu der schönen Kalle des alten Simon macht ihn straucheln, oder vielmehr,
wie Gelegenheit Diebe macht, die süsse Art, wie ich es ihm eingab; jetzt ist er,
um das Kind beim rechten Namen zu nennen, aus dem ehrlichen Mann ein Betrüger
geworden; er wird, weil es ihm diesmal leicht wird, zu betrügen, das nächste Mal
Ähnliches versuchen; das Gewissen, die Ehrlichkeit, die Ruhe, die
Selbstzufriedenheit ist ja doch schon zum Teufel, warum soll er sich also
genieren? Der grosse Gewinn für mich liegt aber darin, dass die ersten Versuche
des ehrlichen Mannes, ein Betrüger zu werden, gewöhnlich gut ausfallen, und zur
Wiederholung locken; denn wer mit mir Geschäfte macht, kann, solange es tunlich
ist, darauf rechnen, sie mit Glück zu machen, und unglückliche Spekulanten, von
denen die Sage geht, dass sie sich erhängt oder ersäuft haben, hatten durch Reue
und Selbstanklage den Kopf verloren, hatten mir zu wenig vertraut und nicht ich
war es, der sie verliess, sie hatten sich selbst verlassen.
    Doch wo gerate ich hin? habe ich mich von dem dicken Pfarrer anstecken
lassen, zu moralisieren? Ist es denn mein Zweck, mit psychologischen
Abhandlungen meinen Leser zu ermüden, oder sogar abzuschrecken? oder wie, liess
ich mich etwa von den Winken einiger gelehrten Leute verführen, die behaupteten,
es liege zu wenig psychologische Teufelei oder teuflische Psychologie in meinen
Memoiren? ich sei für einen deutschen Schriftsteller, als welchen ich mich im
Leipziger Messekatalogus einregistrieren lassen, nicht gründlich genug?
    Der Teufel soll es holen! möchte ich mir selbst zurufen; sobald man vom Wege
abgeht, gerät man immer mehr auf Abwege, so auch im Niederschreiben von
Memoiren. Ich werde kurz sein.
    Ich hatte durch meine dienenden Kleinen erfahren, welche Gedanken der
Reis-Effendi in einer Privatunterredung mit Herrn von Minciaky über das
russische Ultimatum geäussert; ja, um redlich zu sein, ich hatte selbst grossen
Anteil an jener Wendung der Dinge, weil mir dadurch das sogenannte Gleichgewicht
etwas auf die Spitze gerückt zu werden schien, und mehr Leben in das
schlummernde Europa kommen konnte, das von Revolutionen und anderen lustigen
Artikeln nur träumt, und im Schlafe spricht. Ich hatte diese Nachricht früher
vernommen als sie selbst nur nach Petersburg kommen konnte, und in meiner Hand
lag es, die Papiere steigen oder fallen zu machen. Der Vater der schönen Rebekka
hatte in den letzten Tagen auf meinen Rat und seine eigene Einsicht hin seine
Papiere so umgesetzt, dass er beim geringsten Steigen der - - auf grossen Gewinn
zählen konnte. Grosse Spannung herrschte in dem Hause des Herrn Simon in der
neuen Judenstrasse. Der Alte versicherte, seine Gebeine erzittern, sooft er
ansetze, einen wichtigen Brief zu schreiben; die Tante, das neidische Gewölk,
mochte ahnen, was vorging, und schlich trübe und ächzend im Haus umher; die
Kalle war die mutigste von allen. Zwar war auch sie in einiger Bewegung, denn
sie las nicht mehr, weder in Clauren noch in verschiedenen Almanachs, sogar das
Modejournal wollte sie nicht ansehen, sie spielte auch nicht mehr auf der Harfe,
aber doch trug sie das Köpfchen noch so hoch wie zuvor, und ermutigte durch
manche Rede die zagenden Bundestruppen.
    Der Seufzer war gänzlich vom Verstand gekommen. Bald war er tiefsinnig und
zweifelte an seinem Glück, besonders in der Nähe der schönen Jüdin, wenn er sich
die Höhe seiner Seligkeit, den Besitz der lieblichen Kalle dachte; dann war er
wieder ausgelassen fröhlich, und sprach allerlei verwirrtes Zeug, wie er ein
Millionär zu werden gedenke, wie und wo er sich ein Haus bauen wolle, und was
dergleichen überschwengliche Gedanken mehr waren, der Kalle aber flüsterte er
ins Ohr, dass er sich wolle adeln lassen, und sie zur gnädigen Frau Baronesse von
Zwerner zu Zwernersheim machen, welcher Ort noch auf der Landkarte auszumitteln
wäre.
    Endlich, es war am dritten Frankfurter Pfingstfeiertag, und die Mädchen und
Frauen spazierten schon scharenweise hinaus an den Main, um sich übersetzen zu
lassen nach dem Wäldchen, und die Männer riefen ihnen nach, nur einstweilen
alles zuzurüsten daselbst, weil sie nur noch auf die Börse gingen und bald
nachkämen, indem heute nichts Bedeutendes vorkomme, und auch die alte Baubo, die
schnöde Hexe, zog hinaus, doch diesmal nicht auf dem Mutterschwein, sondern in
einem eleganten Wagen; sie hatte ihre schönen Stieftöchter bei sich und nickte
mir freundlich zu, als wollte sie sagen, »Dich kenne ich wohl, Satan, obgleich
du jetzt in schwarzem Frack und seidenen Strümpfen einherzuwandeln beliebst, und
meiner Elise dem allerliebsten Kind, praktische Gitarrestunden gibst, dich kenne
ich wohl, komm aber nur hinaus ins Wäldchen, da sprechen wir wohl wieder ein
Wort zusammen.« Da fuhr sie hin, die gute Alte, eine der ersten Palastdamen
meiner Grossmutter, und sehr angesehen in Frankfurt und auf dem Brocken in
Walpurgisnacht, da fuhr sie hin und viele tausend und wieder tausend fromme
Frankfurter Seelen ihr nach, die alle das Gebot in feinem Herzen trugen: »Du
sollst den Feiertag heiligen, und an Pfingsten auch den dritten und vierten.«
    Jetzt war es Zeit zu operieren. Den Tag zuvor hatte man sich allgemein mit
dem Gerücht getragen, dass die Pforte das Ultimatum nicht annehmen werde, und man
erwartete von heute nichts Besonders. Da jagte um eilf Uhr ein Kurier durch das
Tor, ganz mit Schweiss und Staub bedeckt, er sprengte, gräulich auf dem Postorn
blasend, durch die Strasse, Million genannt, und in einem Umweg durchs neue
Judenquartier, die Leute rissen die Fenster auf und fuhren mit den Köpfen
heraus, um zu schauen nach dem schrecklichen Trompeten- und Strassenlärm; »Wo
kümmt Er här? Wo will Er hün?« riefen sie. »In Weissen Schwanen«, schrie er, »ich
habe den Weg verfehlt, wo geht's in Weissen Schwanen?« »Der Herr is wohl
Korrier?« »Freilich, nur schnell«, rief er, und zog einen Brief mit grossem
Sigill aus der Tasche, »das kommt von Wien, und ist an den Herrn Zwerner aus
Dessau im Weissen Schwanen.« »Da an der Ecke geht's rechts, dann die Strasse
links, dann kömmt Er auf die Zeile, da reitet Er bis an die Hauptwache, und von
dort ist's nimmer weit.« So riefen sie, schauten ihm nach, wie er mit der
Peitsche knallend davonjagte und besprachen sich dann über die Strasse hinüber,
was wohl die Depesche aus Wien entalten möchte. Der Kurier war aber niemand
anders als einer meiner dienstbaren Geister in die Uniform eines hessischen
Postillons gekleidet.
 
             6. Der Reis-Effendi und der Teufel in der Börsenhalle
Im Briefe stand mit dürren Worten, dass der Reis-Effendi dem Herrn von Minciaky
die vertrauliche, jedoch halb offizielle Mitteilung gemacht habe, »dass die
Pforte das Ultimatum, soweit es Russland betreffe, annehmen werde«.
    Der Seufzer bekam nun die nötige Instruktion, was er zu tun hatte; er fuhr
mit dem Brief sogleich zu Papa Simon und mit diesem zu Herrn von R........ , dem
Papst der Börse, dem sichtbaren Oberhaupt der unsichtbaren papierenen Kirche.
Dieser prüfte die Depesche genau; er selbst hatte schon zu oft ähnliche Mittel
angewendet, Pariser Kuriere aus Mainz, und Wiener aus Aschaffenburg kommen
lassen, als dass er so leicht konnte hintergangen werden. Er liess daher ein Licht
bringen und prüfte zuerst Geruch und Flüssigkeit des Siegellacks. »Gotts
Wunder!« sprach er bedächtlich riechend. »Gotts Wunder! das ist echtes
Kaisersiegellack, wie es nur in Wien selbst zubereitet wird, und was Eingeweihte
zu solchen Depeschen zu verwenden pflegen.« Dann betrachtete er genau das
Couvert des Briefes und fand darauf die gedruckten Zeichen jeder Poststation von
Wien bis Frankfurt, und keines fehlte. Er verglich sodann diese Zeichen mit der
Liste der Postzeichen, die er zur Hand hatte, und - sie waren richtig.
    Hatte er zuvor den Herrn Zwerner, Handelsmann aus Dessau, als ein kleines
Paarmalhunderttausend-Gulden-Männchen so obenhin behandelt, wie der Löwe das
Hündchen; so wuchs jetzt seine Achtung mit unglaublicher Schnelle. Er hätte zwar
am liebsten selbst den Kurier bekommen, samt der inhaltschweren Depesche, doch,
da dies nicht mehr zu ändern war, machte er gute Miene zum bösen Spiel, dankte,
dass man ihn sogleich von der wichtigen Nachricht avertiert habe und berechnete
dabei, welche Summen dem Dessauer diese Nachricht gekostet haben könnte, indem
er annahm, dieser Kaufmann müsse die Preise, die er in Wien für solche Winke
bezahlte, überboten haben. Es war Börsenzeit, er selbst fuhr mit auf die
Börsenhalle.
    Börsenhalle! unter diesem Namen stellt sich wohl der Fremde, der diese
Einrichtung noch nie gesehen, ein weitläufiges Gebäude vor, wie es der Stadt
Frankfurt würdig wäre, mit weiten Sälen, Seitengängen, schönen Portalen und
dergleichen. Wie wundert er sich aber und lächelt, wenn er in diese Börsenhalle
tritt! Man stelle sich einen ziemlich kleinen, gepflasterten Hof, von
unansehnlichen Gebäuden eingeschlossen, vor, wo man mit Bequemlichkeit Pferde
striegeln, Wagen reinigen, waschen, Hühner und Gänse füttern, und dergleichen
solide häusliche Hantierungen verrichten könnte. Statt des ehrwürdigen
Trutahns, statt der geschwätzigen Hühner und Gänse, statt des Stallknechts mit
dem Besen in der Faust, statt der Küchendame, die hier ihren Salat wascht -
sieht man hier zwischen zwölf und ein Uhr mittags ein buntes Gedränge; Männer
mit dunkelgefärbten, markierten Gesichtern, mit schwarzen Bärten und lauernden
Augen, mit kühn gebogenen Nasen und breiten Mäulern, mit schmutzigen Hemden und
unsauberer Kleidung schleichen mit gebogenen, schlotternden Knien und spitzigen
Ellbogen, den Hut tief in den Nacken zurückgedrückt umher, und fragen einander,
»Nu, wie stehen sie heute?« Du wandelst staunend durch dieses Gewühl und fühlst
einen kleinen unbehaglichen Schauer, wenn dich eine der unsauberen Gestalten im
Vorübergehen anstreift. Du begreifst zwar, dass du dich unter den Kindern Israels
befindest, aber zu welchem Zweck treiben sie sich hier unter freiem Himmel in
einem Hühnerhof umher? Endlich wirst du eine Tafel, etwa wie ein Wirtshausschild
anzusehen, gewahr; drauf steht mit goldenen Buchstaben deutlich zu lesen: -
»Börsenhalle«. Also in der Börsenhalle der freien Stadt Frankfurt befindest du
dich; du hörst heute ein sonderbares Gemunkel und Geflüster; die Leute gehen
staunend umher, mehr mit Blicken als mit Worten fragend: »Ä Korrier es Wien? -
Gotts Wunder. Wer hat'n gekriecht?« »Ä Fremder, der Zwerner von Dessau.« - »Wie?
kaner von unsere Lait? Nicht der Rotschild, der grausse Baron, nicht der
Betmann? Auch nicht der Mezler? Waas.«
    »Was hat'r gebracht, der Korrier! Abraham, wie stehen se?«
    »Wie werden se stehen! Wer kann's wissen, solange der Zwerner aus Dessau
nicht ist auf der Börsenhalle!«
    »Levi! hat er's Oltemat'm angenommen, der Reis-Effendi? hat er oder hat er
nicht? Wie werden se stehen?«
    »Ich hab's genug, 'sis a Vertel auf eins, und noch will keiner verkaufen,
aus Schrecka vor die Korrier. Wär nur der Zwerner aus Dessau da! Auch der
Rotschild bleibt so lang aus und der Simon von die neue Strasse. Wirst sehen, 's
wird geben ä grausse Operation! Der Herr wird verstockt haben das Herz des
Effendi, ass er hat nicht angenomme das Oltematum von dem Moskeviter?«
    »Betmannische Obligationen, will man nicht kaufen, sind gefallen um
Vertelpurzent!«
    »Wie steht's mit die Metalliques? Wie verkauft sie der Mezler? Wie stehen
se, Abraham? tu mer de Gefallen und sag, die Metalliques, wie stehen se?«
    »Ass ich der sag, ich weiss nicht, wo mer steht der Kopf, weiss heut keiner,
wer iss Koch oder Keller? ass ich nicht kann riechen wie se stehen, die
Metalliques!«
    Plötzlich entsteht ein Geräusch, ein Gedränge nach der Türe zu. Ein Wagen
ist vorgefahren, die Leute stehen auf die Zehen, machen lange Hälse, um die
Mienen der Kommenden zu sehen. Drei Männer arbeiteten sich durch die Menge und
stellen sich ernst und gravitätisch an ihrem Platz zur Seite, wie es
wohllöblicherweise auf anderen Börsen der Brauch ist, wo nur die Mäckler
umherlaufen und sich drängen. Es war der grosse Baron, der an der Seite stand, zu
seiner Rechten das Gestirn des Tages, der Kaufmann Zwerner aus Dessau, jetzt
nicht mehr Seufzer zu nennen, denn sein Herz schien zu jubilieren und allerlei
verliebte Streiche ausführen zu wollen, während er doch die Sinne bedächtlich
und gesetzt beisammen behalten musste, um sich nicht zu verrechnen. Zur Linken
stand der Jude Simon, angetan mit seinem Sabbater-Rock und einer schneeweissen
Halsbinde, mit feierlicher, hochzeitlicher Miene, so dass sein Volk gleich sah,
es müsse was ganz Ausserordentliches sich zugetragen haben.
    Jetzt nahten die Käufer und Verkäufer, und fragten nach den Preisen. Sie
wurden bleich, sie sanken in die Knie und schlichen zitternd umher; sie
lamentierten schrecklich mit den Armen, sie steckten die Finger in den Mund, sie
fluchten ebräisch und syrisch auf den Christen, der sich einen Kurier kommen
lassen, auf den Vater, der den Kurier gezeugt, auf das Pferd, welches das Pferd
des Kuriers zur Welt gebracht, auf seinen Kopf, auf seine vier Füsse, kurz auf
alles, selbst auf Sonne, Mond und Sterne, und auf Frankfurt und die Börsenhalle.
Jetzt merkte man, warum der schlaue Simon seine Papiere in den letzten Tagen
umgesetzt habe; jetzt konnte man sich den Tiefsinn des Kaufmanns aus Dessau
erklären -! »Das Ultimatum ist angenommen«, scholl es durch den Hof, »der
Reis-Effendi hat zugesagt«, hallte es durch die Ecken; und obgleich die drei
wichtigen Männer nur entfernt auf ihren Brief anspielten, nur einige nähere
Umstände angaben, nichts Bestimmtes aussprachen, so stiegen doch die
östreichischen, die Rotschildschen und wenige andere Papiere, von welchen durch
Zwerners und des alten Simons Sorge gerade nicht sehr viele auf dem Platz waren,
in Zeit von einer halben Stunde um vier und einen halben Prozent. Mehrere
Häuser, die sich nicht vorgesehen hatten, fingen an zu wanken, eines lag schon
halb und halb, und hatte es nur seiner nahen Seitenverwandtschaft mit dem
regierenden (Börsen-)Hause zu verdanken, dass ihm noch einige Stützen
untergeschoben wurden.
    Als man um ein Uhr auseinanderging, lautete der Kurszettel der Frankfurter
Börsenhalle:
        Metalliques 87 5/8.
        Betmännische 75 1/2.
        Rotschildsche Lose 132.
        Preussische Staatsschuldenscheine 84.
In den übrigen war nichts geändert worden.
 
                                7. Die Verlobung
Dieses kleine Börsengemetzel entschied über das Schicksal des Seufzers aus
Dessau. In den zwei nächsten Tagen wirkte er durch die grosse Menge Metalliques,
die er in Händen hatte, mächtig auf den Gang der Geschäfte, und als einige Tage
nachher Herr von Rotschild Privatmitteilungen aus Wien erhielt, wodurch seine
Nachrichten vollkommen bestätigt wurden, da drängte sich alles um den
hoffnungsvollen, spekulativen Jüngling, um den genialen Kopf, der auf
unglaubliche Weise die Umstände habe berechnen können.
    Seine Zurückgezogenheit zuvor galt nun für tiefes Studium der Politik, seine
Schüchternheit, sein geckenhaftes Stöhnen und Seufzen für Tiefsinn, und jedes
Haus hätte ihm freudig eine Tochter gegeben, um mit diesem sublimen Kopf sich
näher zu verbinden. Da aber die Polygamie in Frankfurt derzeit noch nicht
förmlich sanktioniert ist, und das Herz des Dessauers an Rebekka hing, so schlug
er mit grosser Tapferkeit alle Stürme ab, die aus den Verschanzungen in der
Zeile, aus den Trancheen der Million, selbst aus den Salons der neuen
Mainzerstrasse mit glühenden Liebesblicken und Stückseufzern auf ihn gemacht
wurden.
    Der alte Herr Simon, konnte sich auch der Dessauer in Hinsicht auf Geld und
Glücksgüter ihm nicht gleichstellen, rechnete es sich dennoch zur besonderen
Ehre, einen so erleuchteten Schwiegersohn zu bekommen. Ja, er sah es als eine
glückliche Spekulation an, ihn durch Rebekka gefangen zu haben. Er sah ihn als
eine prophetische Spekulationsmaschine an, die ihn in kurzer Zeit zum reichsten
Mann Europas machen musste; denn, wenn er immer mit seinem Schwiegersohn zugleich
kaufte oder verkaufte, glaubte er nie fehlen zu können.
    Fräulein Rebekka ging ohne vieles Sträuben in die Bedingungen ein, die ihr
der Zärtliche auferlegte; da er eine gewisse Abneigung verspürte, ein Jude zu
werden, so hielt er es für notwendig, dass sie sich taufen lasse. Sie nahm schon
folgenden Tages insgeheim Unterricht bei dem Herrn Pastor Stein, und gab dafür
auf einige Zeit ihre Klavierstunden auf, wobei, wie sie behauptete, noch etwas
Erkleckliches profitiert würde, da sie dem Klaviermeister einen Taler für die
Stunde hatte bezahlen müssen. Sie selbst legte dafür dem Dessauer die Bedingung
auf, dass er sich für einige hundert Gulden in den Adelsstand erheben lassen, und
in dem »jöttlichen Frankfort« leben müsse.
    Er ging es freudig ein, und überliess mir dieses diplomatische Geschäft. Um
nun auch von mir zu reden, so traf pünktlich ein was ich vorausgesehen hatte.
Der Seufzer beschwichtigte fürs erste sein Gewissen, das ihm allerlei vorwerfen
mochte, z.B. dass das ganze Geschäft unehrlich und nicht ohne Hülfe des Teufels
habe zustande kommen können. Sobald er mit dieser Beschwichtigung fertig war,
war auch seine Dankbarkeit verschwunden. Weil ihn alles als den sublimsten Kopf,
den scharfsinnigen Denker pries, glaubte er ohne Zaudern selbst daran, wurde
aufgeblasen, sah mich über die Achsel an, und erinnerte sich meiner, sehr gütig,
als eines Menschen, mit welchem er im Weissen Schwanen einigemal zu Mittag
gespeist habe.
    Was mich übrigens am meisten freute, war, dass er die Strafe seines Undanks
in sich und seinen Verhältnissen trug. Es war vorauszusehen, dass seine
prophetische Kraft, sein spekulativer Geist sich nicht lange halten konnten.
Missglückten nur erst einige Spekulationen, die er, auf sein blindes Glück und
seinen noch blinderen Verstand trauend, unternahm, verlor er erst einmal fünfzig
oder hunderttausend, und zog seinen Schwiegerpapa in gleiche Verluste, so fing
die Hölle für ihn schon auf Erden an.
    Rebekkchen, das liebe Kind, sah auch nicht aus, als wollte sie mit dem neuen
Glauben auch einen neuen Menschen anziehen. War sie erst »Gnädige Frau von
Zwerner«, so war zu erwarten, dass die Liebesintrigen sich häufen werden; junge
wohlriechende Diplomaten, alte Sünder wie Graf Rebs, fremde Majors mit
glänzenden Uniformen, waren dann willkommen in ihrer Loge und zu Hause, und der
Dessauer hatte das Vergnügen, zuzuschauen. Und wie wird dieser sanfte Engel,
Rebekka, sich gestalten zur Furie, wenn die spekulative Kraft ihres Eheherrn
nachlässt, und damit zugleich sein Vermögen, wenn man das glänzende Hotel in der
Zeile, die Loge im ersten Rang, die Equipage und die hungernden Liebhaber samt
der köstlichen Tafel aufgeben, wenn man nach Dessau ziehen muss, in den alten
Laden des Hauses Zwerner und Comp.; wenn die gnädige Frau herabsinkt aus ihrem
geadelten Himmel und zur ehrlichen Kaufmannsfrau wird, wenn man den Gemahl statt
mit Papieren, wie es nobel ist und gross, mit Ellenwaren und Bändern, ganz klein
und unnobel handeln sieht! Welche Perspektive!!
    Doch, am vierten Pfingstfeiertag 1826, dachte man noch nicht an dergleichen
im Hause des Herrn Simon in der neuen Judenstrasse. Da war ein Hin- und
Herrennen, ein Laufen, ein Kochen und Backen; es wurde ungemein viel
Gänseschmalz verbraucht, um koscheres Backwerk zu verfertigen; ein Hammel wurde
»geschächt«, um köstliche Ragouts zu bereiten.
    Der geneigte Leser errät wohl, was vorging in dem gesegneten Hause? Nämlich
nichts Geringeres als die Verlobung des trefflichen Paares. Die halbe Stadt war
geladen und kam. Hatte denn der alte Simon nicht treffliche alte Weine? Speiste
man bei ihm, das Gänsefett abgerechnet, nicht trefflich? Hatte er nicht die
schönsten jüdischen und christlichen Fräulein zusammengebeten, um die
Gesellschaft zu unterhalten durch geistreiche Spiele und herrlichen Gesang?
    Auch Graf Rebs, das treffliche Kaninchen, war geladen, und nur das brachte
ihn einigermassen in Verlegenheit, dass nicht weniger als zwanzig Frauen und
Fräulein zugegen waren, mit denen er schon in zärtlichen Verhältnissen gestanden
hatte. Er half sich durch ausdrucksvolle Liebesblicke, die er allentalben
umherwarf, wie auch durch die eigene Behendigkeit seiner Beinchen, auf welchen
er überall umherhüpfte und jeder Dame zuflüsterte: sie allein sei es eigentlich,
die sein zartes Herz gefesselt. Die übergrosse Anstrengung, zwanzig auf einmal zu
lieben, da er es sonst nur auf fünf gebracht hatte, richtete ihn aber dergestalt
zugrunde, dass er endlich elendiglich zusammensank, und in seinem Wagen nach
Hause gebracht werden musste.
    Die Gesellschaft unterhielt sich ganz angenehm, und bewies sich nach Herrn
Simons Begriffen sehr gesittet und anständig, denn als er am Abend, nachdem alle
sich entfernt hatten, mit seiner Tochter Rebekka, das Silber ordnete und zählte,
riefen sie einmütig und vergnügt:
    »Gotts Wunder! Gotts Wunder! was war das für noble Gesellschaft, für
gesittete Leute! Es fehlt auch nicht ein Kaffeelöffelchen, kein
Dessertmesserchen oder Zuckerklämmchen ist uns abhanden gekommen! Gotts Wunder!«
 
                            Der Festtag im Fegefeuer
                                  Fortsetzung
 Am Horizont in diesem Jahr
 Ist es geblieben, wie es war.
                                                                     M. Claudius
        1. Der junge Garnmacher fährt fort, seine Geschichte zu erzählen
Das Manuskript, aus welchem wir diese infernalischen Memoiren dechiffrieren und
ausziehen, fährt bei jener Stelle, die wir im ersten Teile notgedrungen
abbrachen, fort, die Geschichte des jungen deutschen Schneider-Baron zu geben.
Er ist aus seiner Vaterstadt Dresden entflohen, er will in die weite Welt, fürs
erste aber nach Berlin gehen, und erzählt was ihm unterwegs begegnete.
    »Meine Herren«, fuhr der edle junge Mann fort, »als ich mich umsah, stand
ein Mann hinter mir, gekleidet wie ein ehrlicher, rechtlicher Bürger; er fragte
mich, wohin meine Reise gehe und behauptete, sein Weg sei beinahe ganz der
meinige, ich solle mit ihm reisen. Ich verstand so viel von der Welt, dass ich
einsah, es würde weniger auffallend sein, wenn man einen halberwachsenen Jungen
mit einem älteren Mann gehen sieht, als allein. Der Mann entlockte mir bald die
Ursache meiner Reise, meine Schicksale, meine Hoffnungen. Er schien sich sehr zu
verwundern, als ich ihm von meinem Oncle, dem Herrn von Garnmacher in der
Doroteenstrasse in Berlin erzählte. Euer Oncle ist ja schon seit zwei Monaten
tot! erwiderte er, o du armer Junge, seit zwei Monaten tot; es war ein braver
Mann, und ich wohnte nicht weit von ihm, und kannte ihn gut. Jetzt nagen ihn die
Würmer!
    Sie können sich leicht meinen Schrecken über diese Trauerpost denken, ich
weinte lange und hielt mich für unglücklicher als alle Helden; nach und nach
aber wusste mich mein Begleiter zu trösten: Erinnerst du dich gar nicht, mich
gesehen zu haben? fragte er; ich sah ihn an, besann mich, verneinte. Ei, man hat
mich doch in Dresden so viel gesehen, fuhr er fort; alle Alten und besonders die
Jugend strömte zu mir und meinem jungen Griechen.
    Jetzt fiel mir mit einemmal bei, dass ich ihn schon gesehen hatte. Vor
wenigen Wochen war nach Dresden ein Mann mit einem jungen unglücklichen Griechen
gekommen; er wohnte in einem Gastof und liess den jungen Atener für Geld sehen,
das Geld war zur Erhaltung des Griechen und der Überschuss für einen
Griechenverein bestimmt. Alles strömte hin, auch mir gab der Vater ein paar
Groschen, um den unglücklichen Knaben sehen zu können. Ich bezeugte dem Mann
meine Verwunderung, dass er nicht mehr mit dem Griechen reise.
    Er ist mir entlaufen, der Schlingel, und hat mir die Hälfte meiner Kasse und
meinen besten Rock gestohlen, er wusste wohl, dass ich ihm nicht nachsetzen
konnte; aber wie wäre es, Söhnchen, wenn du mein Grieche würdest? Ich staunte,
ich hielt es nicht für möglich; aber er gestand mir, dass der andere ein
ehrlicher Münchner gewesen sei, den er abgerichtet und kostümiert habe, weil nun
einmal die Leute die griechische Sucht hätten.«
    »Wie?« unterbrach ihn der Engländer, »selbst in Deutschland nahm man Anteil
an den Schicksalen dieses Volkes? und doch ist es eigentlich ein deutscher
Minister, der es mit der Pforte hält und die Griechen untergehen lässt.«
    »Wie es nun so geht in meinem lieben Vaterland«, antwortete Baron von
Garnmacher, des Schneiders Sohn, »was einmal in einem anderen Lande Mode
geworden, muss auch zu uns kommen. Das weiss man gar nicht anders. Wie nun vor
kurzem die Parganioten ausgetrieben wurden und bald nachher die griechische
Nation ihr Joch abschüttelte, da fanden wir dies erstaunlich hübsch, schrieben
auf der Stelle viele und dicke Bücher darüber und stifteten Hilfsvereine mit
sparsamen Kassen. Sogar Philhellenen gab es bei uns und man sah diese Leute mit
grossen Bärten, einen Säbel an der Seite, Pistolen im Gürtel, rauchend durch
Deutschland ziehen. Wenn man sie fragte, wohin? so antworteten sie: In den
heiligen Krieg, nach Hellas gegen die Osmanen! Bat sich nun etwa eine Frau, oder
ein Mann, der in der alten Geographie nicht sehr erfahren, eine nähere Erklärung
aus, so erfuhr man, dass es nach Griechenland gegen die Türken gehe. Da
kreuzigten sich die Leute, wünschten dem Philhellenen einen guten Morgen und
flüsterten, wenn er mit dröhnenden Schritten einen Fusspfad nach Hellas
einschlug, Der muss wenig taugen, dass er im Reich keine Anstellung bekommt und
bis nach Griechenland laufen muss.«
    »Ist's möglich?« rief der Marquis, »so teilnahmelos sprachen die Deutschen
von diesen Männern?«
    »Gewiss; es ging mancher hin mit einem schönen Gefühl, einer unterdrückten
Sache beizustehen; mancher um sich Kriegsruhm zu erkämpfen, der nun einmal auf
den Billards in den Garnisonen nicht zu erlangen ist; aber alle barbierte man
über einen Löffel, wie mein Vater zu sagen pflegte, und schalt sie Landläufer.«
    »Mylord«, sagte der Franzose; »es sind doch dumme Leute, diese Deutschen!«
    »O ja«, entgegnete jener mit grosser Ruhe, indem er sein Rumglas gegen das
Licht hielt. »Zuweilen; aber dennoch sind die Franzosen unerträglicher, weil sie
allen Witz allein haben wollen.«
    Der Marquis lachte und schwieg. Der Baron aber fuhrt fort: »Auf diese Sitte
der Deutschen hatte jener Mann seinen Plan gebaut, und noch oft muss ich mich
wundern, wie richtig sein Kalkül war. Die Deutschen, dachte er, kommen nicht
dazu, etwas für einen weit aussehenden Plan, für ein fernes Land und dergleichen
zu tun; entweder sagen sie: Es war ja vorher auch so, lasset der Sache ihren
Lauf, wer wird da etwas Neues machen wollen. Oder sie sagen: Gut, wir wollen
erst einmal sehen, wie die Sache geht, vielleicht lässt sich hernach etwas tun.
Fällt aber etwas in ihrer Nähe vor, können sie selbst etwas Seltenes mit eigenen
Augen sehen, so lassen sie es sich etwas kosten.
    Man war dem Griechen früher oft in mancher kleinen Stadt sehr dankbar, dass
er doch wieder eine Materie zum Sprechen herbeigeführt habe, eine Seltenheit,
welche die Weiber beim Kaffee, die Männer beim Bier traktieren konnten.
    Was für Aussichten blieben mir übrig? mein Oncle war tot, ich hatte nichts
gelernt, so schlug ich ein, Grieche zu werden. Jetzt fing ein Unterricht an, bei
welchem wir bald so vertraut miteinander wurden, dass mir mein Führer sogar
Schläge beibrachte. Er lehrte mich alle Gegenstände auf neugriechisch nennen,
bleute mir einige Floskeln in dieser Sprache ein, und nachdem ich hinlänglich
instruiert war, schwärzte er mir Haar und Augbraunen mit einer Salbe, färbte
mein Gesicht gelblich, und - ich war ein Grieche. Mein Kostüm, besonders das für
vornehme Präsentationen war sehr glänzend, manches sogar von Seide. So zogen wir
im Land umher, und gewannen viel Geld.«
    »Aber mein Gott«, unterbrach ihn der Franzose, »sagen Sie doch, in
Deutschland soll es so viele gelehrte Männer geben, die sogar Griechisch
schreiben. Diese müssen doch auch sprechen können; wie haben Sie sich vor diesen
durchbringen können?«
    »Nichts leichter als dies, und gerade bei diesen hatte ich meinen grössten
Spass; diese Leute schreiben und lesen das Griechische so gut, dass sie vor
zweitausend Jahren mit Tukydides hätten korrespondieren können, aber mit dem
Sprechen will es nicht recht gehen; sie mussten zu Haus immer die Phrasen im
Lexikon aufschlagen, wenn sie sprechen wollten; da hatte ich nun, um aus aller
Verlegenheit zu kommen, eine herrliche Floskel bereit: - - - - Mein Herr! das
ist nicht griechisch. Mein Führer unterliess nicht, sogleich, was ich gesagt, dem
Publikum ins Deutsche zu übersetzen, und jene Katedermänner kamen gewöhnlich
über das Lächeln der Menschen dergestalt ausser Fassung, dass sie es nie wieder
wagten, Griechisch zu sprechen.
    So zogen wir längere Zeit umher, bis endlich in Karlsbad die ganze Komödie
auf einmal aufhörte. Wir kamen dortin zur Zeit der Saison und hatten viele
Besuche. Unter andern fiel mir besonders ein Herr mit einem Band im Knopfloch
auf, der mir grosse Ähnlichkeit mit meinem Vater zu haben schien. Er besuchte uns
einigemal und endlich, denken Sie sich mein Erstaunen, höre ich, wie man ihn
Herrn von Garnmacher tituliert. Ich stürzte zu ihm hin, fragte ihn mit
zärtlichen Worten, ob er mein verehrter Herr Oncle sei, und entdeckte ihm auf
der Stelle wie ich eigentlich nicht auf klassischem Boden in Aten, sondern als
köngl. sächsisches Landeskind in Dresden geboren sei. Es war eine rührende
Erkennungsszene. Das Staunen des Publikums, als der Grieche auf einmal gutes
Deutsch sprach, die Verlegenheit meines Oheims, der mit vornehmer Gesellschaft
zugegen war, und nicht gerne an meinen Vater den marchand tailleur erinnert sein
wollte, die Wut meines Führers, alles dies kam mir trotz meiner tiefen Rührung
höchst komisch vor.
    Der Führer wurde verhaftet, mein Oncle nahm sich meiner an, liess mir Kleider
machen und führte mich nach Berlin. Und dort begann für mich eine neue
Katastrophe.«
                        2. Der Baron wird ein Rezensent
»Mein Oncle war ein nicht sehr berühmter Schriftsteller, aber ein berüchtigter,
anonymer Kritiker. Er arbeitete an zehn Journalen, und ich wurde anfänglich dazu
verwendet, seine Hahnenfüsse ins reine zu schreiben. Schon hier lernte ich nach
und nach in meines Oncles Geist denken, fasste die gewöhnlichen Wendungen und
Ausdrücke auf und bildete mich so zum Rezensenten. Bald kam ich weiter; der
herrliche Mann brachte mir die verschiedenen Klassen und Formen der Kritik bei,
über welche ich übrigens hinweggehen kann, da sie einen Fremden nicht
interessieren.«
    »Nein, nein!« rief der Lord; »ich habe schon öfters von dieser kritischen
Wut Ihrer Landsleute gehört. Zwar haben auch wir, z.B. Edinburg und London
einige Anstalten dieser Art, aber sie werden, höre ich, in einem ganz anderen
Geiste besorgt als die Ihrigen.«
    »Allerdings sind diese Blätter in meinem Vaterlande, eine sonderbare, aber
eigentümliche Erscheinung. Wie in unserer ganzen Literatur immer noch etwas
Engbrüstiges, Eingezwängtes zu verspüren ist, wie nicht das, was leicht und
gesellig, sondern was mit einem recht schwerfälligen gelehrten Anstrich
geschrieben ist, für einzig gut und schön gilt, so haben wir auch eigene
Ansichten über Beurteilung der Literatur. Es traut sich nämlich nicht leicht ein
Mann oder eine Dame in der Gesellschaft ein Urteil über ein neues Buch zu, das
sich nicht an ein öffentlich ausgesprochenes anlehnen könnte; man glaubt darin
zu viel zu wagen. Daher gibt es viele öffentliche Stimmen, die um Geld und gute
Worte ein kritisches Solo vortragen, in welches dann das Tutti oder der Chorus
des Publikums einfällt.«
    »Aber wie mögen Sie über diese Institute spotten, mein Herr Baron?«
unterbrach ihn der Lord; »ich finde das recht hübsch. Man braucht selbst kein
Buch als diese öffentlichen Blätter zu lesen, und kann dann dennoch in der
Gesellschaft mitstimmen.«
    »Sie hätten recht, wenn der Geist dieser Institute anders wäre. So aber
ergreift der, welcher sich nach diesen Blättern richtet, unbewusst irgend eine
Partie, und kann, ohne dass er sich dessen versieht, in der Gesellschaft für
einen Goetianer, Müllnerianer; Vossiden oder Creuzerianer, Schellingianer oder
Hegelianer, kurz für einen Y-aner gelten. Denn das eine Blatt gehört dieser
Partie an, und haut und sticht mehr oder minder auf jede andere, ein anderes
gehört diesem oder jenem gossen Buchhändler. Da müssen nun fürs erste alle seine
Verlagsartikel gehörig gelobt, dann die seiner Feinde grimmig angefallen werden,
oft muss man auch ganz diplomatisch zu Werk gehen, es mit keinem ganz verderben,
auf beiden Achseln (Dichter-) Wasser tragen und indem man einem freundlich ein
Kompliment macht, hinterrücks heimlich ihm ein Bein unterschlagen.«
    »Aber schämen sich denn Ihre Gelehrten nicht, auf diese Art die Kritik und
Literatur zu handhaben?« fragte der Marquis; »ich muss gestehen, in Frankreich
würde man ein solches Wesen verachten.«
    »Ihre politischen Blätter, mein Herr, machen es nicht besser. Übrigens sind
es nicht gerade die Gelehrten, die dieses Handwerk treiben. Die eigentlichen
Gelehrten werden nur zu Kernschüssen und langsamen, gründlichen Operationen
verwandt, und mit vier Groschen bezahlt. Leichter, behender sind die
Halbgelehrten, die eigentlichen Voltigeurs der Literatur. Sie plänkeln mit dem
Feind, ohne ihn gerade gründlich und mit Nachdruck anzugreifen; sie richten
Schaden in seiner Linie an, sie umschwärmen ihn, sie suchen ihn aus seiner
Position zu locken. Auch dürfen sie sich gerade nicht schämen, denn sie
rezensieren anonym, und nur einer unterschreibt seine kritischen Bluturteile mit
so kaltem Blute, als wollte er seinen Bruder freundlich zu Gevatter bitten.«
    »Das muss ja ein eigentlicher Matador sein!« rief der Lord lächelnd.
    »Ein Matador in jedem Sinne des Worts. Auf spanisch - ein Totschläger, denn
er hat schon manchen niedergedonnert; und wahrhaftig, er ist der höchste Triumph
dieser Matador, und zählt für zehen, wenn er Pacat ultimo macht. Und bei den
literarischen Stiergefechten ist er Matador! denn er, der Hauptkämpfer ist es,
der dem armen gehetzten und gejagten Stier den Todesstoss gibt.«
    »Gestehen Sie, Sie übertreiben; - Sie haben gewiss einmal den unglücklichen
Gedanken gehabt, etwas zu schreiben, das recht tüchtig vorgenommen wurde, und
jetzt zürnen Sie der Kritik?«
    Der junge Deutsche errötete. »Es ist wahr, ich habe etwas geschrieben, doch
war es nur eine Novelle, und leider nicht so bedeutend, dass es wäre rezensiert
worden; aber nein; ich selbst habe einige Zeit unter meines Oncles Protektion
den kritischen kleinen Krieg mitgemacht, und kenne diese Affären genau. Nun,
mein Oncle brachte mir also die verschiedenen Formen und Klassen bei. Die erste
war die sanftlobende Rezension. Sie gab nur einige Auszüge aus dem Werk, lobte
es als brav und gelungen, und ermahnte auf der betretenen Bahn fortzuschreiten.
In diese Klasse fielen junge Schriftsteller, die dem Interesse des Blattes
entfernter standen, die man aber für sich gewinnen wollte. Hauptsächlich aber
war diese Klasse für junge schriftstellerische Damen.«
    »Wie?« erwiderte der Lord, »haben Sie derer so viele, dass man eine eigene
Klasse für sie macht?«
    »Man zählte, als ich noch auf der Oberwelt war, sechsundvierzig jüngere und
ältere; Sie sehen, dass man für sie schon eine eigene Klasse machen kann, und
zwar eine gelinde, weil diese Damen mehr Anbeter und Freunde haben, als ein
junger Schriftsteller. Die zweite Klasse ist die lobposaunende. Hier werden
entweder die Verlagsartikel des Buchhändlers, der das Blatt bezahlt, oder die
Parteimänner gelobt. Man preist ihre Namen, man ist gerührt, man ist glücklich,
dass die Nation einen solchen Mann aufweisen kann. Die dritte Klasse ist dann die
neutrale. Hier werden die Feinde, mit denen man nicht in Streit geraten mag,
etwas kühl und diplomatisch behandelt. Man spricht mehr über das Genus ihrer
Schrift und über ihre Tendenz, als über sie selbst, und gibt sich Mühe, in recht
vielen Worten nichts zu sagen, ungefähr wie in den Salons, wenn man über
politische Verhältnisse spricht, und sich doch mit keinem Wort verraten will.
    Die vierte Klasse ist die lobhudelnde. Man sucht entweder einen, indem man
ihn scheinbar und mit einem Anstrich von Gerechtigkeit ein wenig tadelt, zu
loben, oder umgekehrt, man lobt ihn mit vielem Anstand und bringt ihm einige
Stiche bei; die ihn entweder tief verwunden oder doch lächerrlich machen. Die
fünfte Klasse ist die grobe, ernste; man nimmt eine vornehme Miene an, setzt
sich hoch zu Ross und schaut hernieder auf die kleinen Bemühungen und geringen
Fortschritte des Gegners. Man warnt sogar vor ihm und sucht etwas Verstecktes in
seinen Schriften zu finden, was zu gefährlich ist, als dass man öffentlich davon
sprechen möchte. Diese Klasse macht stillen, aber tiefen Eindruck aufs Publikum.
Es ist etwas Mystisches in dieser Art der Kritik, was die Menschen mit Scheu und
Beben erfüllt. Die sechste Klasse ist die Totschläger-Klasse. Sie ist eine Art
von Schlachtbank, denn hier werden die Opfer des Zornes, der Rache,
niedergemetzelt ohne Gnade und Barmherzigkeit, sie ist eine Säge- und
Stampfmühle, denn der Müller schüttet die Unglücklichen, die ihm überantwortet
werden, hinein, und zerfetzt, zersägt, zermalmt sie.«
    »Aber, wer trägt denn die Schuld von diesem unsinnigen Vertilgungssystem?«
fragte Lasulot.
    »Nun, das Publikum selbst! Wie man früher an Turnieren und Tierhetzen die
Freude hatte, so amüsiert man sich jetzt am kritischen Kriege; es freut die
Leute, wenn man die Schriftsteller mit eingelegten Lanzen aufeinander anrennen
sieht, und - wenn die Rippen krachen, wenn einer sinkt, klatscht man dem Sieger
Beifall zu. Ländlich, sittlich! Ein Stier, ein Stier, ruft's dort und hier! In
Spanien treibt man das in der Wirklichkeit, in Deutschland metaphorisch, und
wenn ein paar tüchtige Fleischerhunde einen alten Stier anfallen, und sich zu
Helden an ihm beissen, wenn der Matador von der Galerie hinab in den Zirkus
springt,
und zieht den Degen
und fällt verwegen
zur Seite den wütenden Ochsen an -
da freut sich das liebe Publikum, und von Bravo! schallt die Gegend wider!«
    »Das ist köstlich!« rief der Engländer, doch war man ungewiss, ob sein
Beifall der deutschen Kritik oder dem Rum gelte, den er zu sich nahm; »und ein
solcher Klassen-Kritikus wurden Sie, Master Garnmacher?«
    »Mein Oncle war, wie ich Ihnen sagte, für mehrere Journale verpachtet;
wunderbar war es übrigens, welches heterogene Interesse er dabei befolgen musste.
Er hatte es so weit gebracht, dass er an einem Vormittag ein Buch las, und sechs
Rezensionen darüber schrieb, und oft traf es sich, dass er alle sechs Klassen
über einen Gegenstand erschöpfte. Er zündete dann zuerst dem Schlachtopfer ein
kleines gelindes Lobfeuer aus Zimtolz an; dann warf er kritischen Weihrauch
dazu, dass es grosse Wolken gab, die dem Publikum die Sinne umnebelten und die
Augen beizten. Dann dämpfte er diese niedlichen Opferflammen zu einer düsteren
Glut, blies sie dann mit dem kalten Hauch der vierten Klasse frischer an, warf
in der fünften einen so grossen Holzstoss zu, als die Sancta simplicitas in
Konstanz dem Huss, und fing dann zum sechsten an, den Unglücklichen an dieser
mächtigen Lohe des Zornes zu braten und zu rösten bis er ganz schwarz war.«
    »Wie konnte er aber nur mit gutem Gewissen sechserlei so verschiedene
Meinungen über einen Gegenstand haben? Das ist ja schändlich!«
    »Wie man will. Ich erinnere Sie übrigens an die liberalen und an die
ministeriellen Blätter Ihres Landes; wenn heute einer Ihrer Publizisten eine Ode
an die Freiheit auf der Posaune geblasen hat, und ihm morgen der Herr von ...
einige Sous mehr bietet, so hält er einen Panegyrikus gegen die linke Seite, als
hätte er von je in einem ministeriellen Vorzimmer gelebt.«
    »Aber dann geht er förmlich über«, bemerkte der Marquis; »aber Ihr Oncle,
der Schuft, hatte zu gleicher Zeit sechs Zungen und zwölf Augen, die Hälfte mehr
als der Höllenhund.«
    »Die Deutschen haben es von jeher in allen mechanischen Künsten und
Handarbeiten weit gebracht«, erwiderte mit grosser Ruhe der junge Mann. »So auch
in der Kritik. Als mich nun mein Oncle so weit gebracht hatte, dass ich nicht nur
ein Buch von dreissig Bogen in zwei Stunden durchlesen, sondern auch den Inhalt
einer unaufgeschnittenen Schrift auf ein Haar erraten konnte, wenn ich wusste,
von welcher Partei sie war; so gebrauchte er mich zur Kritik. Ich will dir,
sagte er, die erste, zweite, fünfte und sechste Klasse geben. Die Jugend, wie
sie nun einmal heutzutag ist, kann nichts mit Mass tun. Sie lobt entweder über
alle Grenzen, oder sie schimpft und tadelt unverschämt. Solche Leute, besonders
wenn sie ein recht scharfes Gebiss haben, sind übrigens oft nicht mit Gold zu
bezahlen. Man legt sie an die Kette bis man sie braucht, und hetzt sie dann mit
unglaublichem Erfolg, denn sie sind auf den Mann dressiert, trotz der besten
Dogge. Zu den Mittelklassen, zu dem Neutralitätssystem, zu dem verdeckten Tadel,
zu dem ruhigen, aber sicheren Hinterhalt gehört schon mehr kaltes Blut.
    So sprach mein Oncle und übergab mir die Kränze der Gnade und das Schwert
der Rache. Alle Tage musste ich von frühe acht bis ein Uhr rezensieren. Der Oncle
schickte mir ein neues Buch, ich musste es schnell durchlesen und die
Hauptstellen bezeichnen. Dann wurden Kritiken von Nr. 1 und 2 entworfen und dem
Alten zurückgeschickt. Nun schrieb er selbst 3 und 4, und war dann noch ein
Hauptgericht zu exequieren, so liess er mir sagen: Mein lieber Neffe; nur immer
Nr. 5 und 6 draufgesetzt; es kann nicht schaden, nimm ihn ins Teufels Namen
tüchtig durch; und den ich noch vor einer Stunde mit wahrer Rührung bis zum
Himmel erhoben, denselben verdammte ich jetzt bis in die Hölle. Vor Tisch wurden
dann die kritischen Arbeiten verglichen, der Oncle tat, wie er zu sagen pflegte,
Salz hinzu, um das Gebräu pikanter zu machen; dann packte ich alles ein und
verschickte die heil- und unheilschweren Blätter an die verschiedenen Journale.«
    »God damn! habe ich in meinem Leben dergleichen gehört?« rief der Lord mit
wahrem Grauen; »aber wenn Sie alle Tage nur ein Buch renzensierten, das macht ja
im Jahr 365! Gibt es denn in Ihrem Vaterland jährlich selbst nur ein Dritteil
dieser Summe?«
    »Ha! da kennen Sie unsere gesegnete Literatur schlecht, wenn Sie dies
fragen. So viele gibt es in einer Messe, und wir haben jährlich zwei. Alle Jahre
kann man achtzig Romane, zwanzig gute und vierzig schlechte Lust- und
Trauerspiele, hundert schöne und miserable Erzählungen, Novellen, Historien,
Phantasien etc., dreissig Almanachs, fünfzig Bände lyrischer Gedichte, einige
erhabene Heldengedichte in Stanzen oder Hexametern, vierhundert Übersetzungen,
achtzig Kriegsbücher rechnen, und die Schul-, Lehr-, Kateder-, Professions-,
Konfessionsbücher, die Anweisungen zum frommen Leben, zu Bereitung guten
Champagners aus Obst, zu Verlängerung der Gesundheit, die Betrachtungen über die
Ewigkeit, und wie man auch ohne Arzt sterben könne, usw. sind nicht zu zählen;
kurz man kann in meinem Vaterland annehmen, dass unter fünfzig Menschen immer
einer Bücher schreibt; ist einer einmal im Messkatalog gestanden, so gibt er das
Handwerk vor dem sechzigsten Jahr nicht auf. Sie können also leicht berechnen,
meine Herren, wieviel bei uns gedruckt wird. Welcher Reichtum der Literatur,
welches weite Feld für die Kritik!«
    Der junge Deutsche hatte diese letzten Worte mit einer Ehrfurcht, mit einer
Andacht gesprochen, die sogar mir höchst komisch vorkam; der Lord und der
Marquis aber brachen in lautes Lachen aus, und je verwunderter der junge Herr
sie ansah, desto mehr schien ihr Lachreiz gesteigert zu werden.
    »Monsieur de Garnmackre! nehmen Sie es nicht übel, dass ich mich von Ihrer
Erzählung bis zum Lachen hinreissen liess«, sagte der Marquis, »aber Ihre Nation,
Ihre Literatur, Ihre kritische Manufaktur kam mir unwillkürlich so komisch vor,
dass ich mich nicht entalten konnte, zu lachen. Ihr seid sublime Leute! das muss
man euch lassen.«
    »Und der Herr hier hat recht«, bemerkte Mylord mit feinem Lächeln. »Alles
schreibt in diesem göttlichen Lande, und was das schönste ist, nicht jeder über
sein Fach, sondern lieber über ein anderes. So fuhr ich einmal auf meiner grand
tour in einem deutschen Ländchen. Der Weg war schlecht, die Pferde womöglich
noch schlechter. Ich liess endlich durch meinen Reisebegleiter, der deutsch reden
konnte, den Postillon fragen, was denn sein Herr, der Postmeister, denke, dass er
uns so miserable Pferde vorspanne? Der Postillon antwortete: Was das Post- und
das Stallwesen anbelangt, so denkt mein Herr nichts.
    Wir waren verwundert über diese Antwort, und mein Begleiter, dem das
Gespräch Spass machte, fragte, was sein Herr denn anderes zu denken habe? Er
schreibt! war die kurze Antwort des Kerls. Wie? Briefverzeichnisse, Postkarten?
Ei, behüte, sagt er, Bücher, gelehrte Bücher. Über das Postwesen? fragten wir
weiter. Nein, meinte er; Verse macht mein Herr, Verse, oft so breit als meine
fünf Finger und so lang als mein Arm! und klatsch! klatsch! hieb er auf die
mageren Brüder des Pegasus und trabte mit uns auf dem stossenden Steinweg, dass es
uns in der Seele wehe tat. God damn! sagte mein Begleiter, wenn der Herr
Postmeister so schlecht auf dem Hippogryphen sitzt wie sein Schwager auf diesen
Kleppern, so wird er holperigte Verse zutage fördern! Und auf Ehre, meine
Herren, ich habe mich auf der nächsten Station erkundigt, dieser Postmeister ist
ein Dichter, und wie Sie, Mr. Garnmacher, ein grosser Kritiker.«
    »Ich weiss, wen Sie meinen«, erwiderte der Deutsche mit etwas unmutiger
Miene, »und Ihre Erzählung soll wohl ein Stich auf mich sein, weil ich
eigentlich auch nicht für dieses Gebiet der Literatur erzogen worden. Übrigens
muss ich Ihnen sagen, Mylord, in Ihrem kalten, systematischen, nach Gesetzen
ängstlich zugeschnittenen Land, möchte etwas dergleichen auffallen, aber bei uns
zulande ist das was anderes. Da kann jeder in die Literatur hineinpfuschen, wann
und wie er will, und es gibt kein Gesetz, dass einem verböte, etwas Miserables
drucken zu lassen, wenn er nur einen Verleger findet. Bei den Kritikern und
Poeten meines Vaterlandes ist nicht nur in Hinsicht auf die Phantasie, die
schöne romantische Zeit des Mittelalters, nein, wir sind, und ich rechne mich
ohne Scheu dazu, samt und sonders edle Rauhritter, die einander die Blumen der
Poesie abjagen und in unsere Verliese schleppen, wir üben das Faustrecht auf
heldenmütige Weise, und halten literarische Wegelagerungen gegen den reich
beladenen Krämer und Juden. Die Poesie ist bei uns eine Gemeindewiese, auf
welcher jedes Vieh umherspazieren, und Blumen und Gras fressen kann nach
Belieben.«
    »Herr von Garnmacker«, unterbrach ihn der Marquis de Lasulot; »ich würde
Ihre Geschichte erstaunlich hübsch und anziehend finden, wenn sie nur nicht so
langweilig wäre. Wenn Sie so fortmachen, so erzählen Sie uns achtundvierzig
Stunden in einem fort. Ich schlage daher vor, wir verschieben den Rest und
unsere eigenen Lebensläufe auf ein andermal, und gehen jetzt auf die
Höllenpromenade, um die schöne Welt zu sehen!«
    »Sie haben recht«, sagte der Lord, indem er aufstand und mir ein
Sixpencestück zuwarf, »der Herr von Garnmacher weiss auf unterhaltende Weise
einzuschläfern. Brechen wir auf; ich bin neugierig, ob wohl viele Bekannte aus
der Stadt hier sind?«
    »Wie?« rief der junge Deutsche nicht ohne Überraschung, »Sie wollen also
nicht hören, wie ich mich in Berlin bei den Herren vom Mühlendamm zu einem
Elegant perfektionierte? Sie wollen nicht hören, wie ich einen Liebeshandel mit
einer Prinzessin hatte, und auf welche elendigliche Weise ich endlich verstorben
bin? Oh, meine Herren, meine Geschichte fängt jetzt erst an, interessant zu
werden.«
    »Sie können recht haben«, erwiderte ihm der Lord mit vornehmem Lächeln,
»aber wir finden, dass uns die Abwechslung mehr Freude macht. Begleiten Sie uns;
vielleicht sehen wir einige Figuren aus Ihrem Vaterland, die Sie uns zeigen
können.«
    »Nein, wirklich! ich bin gespannt auf Ihre Geschichte«, sagte der Marquis
lachend, »aber nur jetzt nicht. Es ist jetzt die Zeit, wo die Welt promeniert,
und um keinen Preis, selbst nicht um Ihre interessante Erzählung möchte ich
diese Stunde versäumen. Gehen wir.«
    »Gut«, antwortete der deutsche Stutzer, resigniert und ohne beleidigt zu
scheinen. »Ich begleite Sie; auch so ist mir Ihre werte Gesellschaft sehr
angenehm, denn es ist für einen Deutschen immer eine grosse Ehre, sich an einen
Franzosen oder gar an einen Engländer anschliessen zu können.«
    Lachend gingen die beiden voran, der Baron folgte, und ich veränderte
schnell mein Kostüm, um diese merkwürdigen Subjekte auf ihren Wanderungen zu
verfolgen, denn ich hatte gerade nichts Besseres zu tun.
    Die Menschen bleiben sich unter jeder Zone gleich - es ist möglich, dass
Klima und Sitten eines anderen Landes eine kleine Veränderung in manchem
hervorbringe; aber lasset nur eine Stunde lang Landsleute zusammen sprechen, der
Nationalcharakter wird sich nicht verleugnen, wird mehr und mehr sich wieder
hervorheben und deutlicher werden. So kommt es, dass dieser Geburtstag meiner
lieben Grossmutter mir Stoff zu tausend Reflexionen gibt, denn selbst im
Fegfeuer, wenn diesen Leutchen nur ein Tag vergönnt ist, findet sich Gleiches zu
Gleichem, und es spricht und lacht, und geht und liebt wie im Prater, wie auf
der Chaussee d'Antin oder im Palais Royal, wie Unter den Linden, oder wie in
.........
    Welchen Anblick gewährte diese höllische Promenade! Die Stutzer aller
Jahrhunderte, die Kurtisanen und Merveilleuses aller Zeiten; Teologen aller
Konfessionen, Juristen aller Staaten, Financiers von Paris bis Konstantinopel,
von Wien bis London; und sie alle in Streit über ihre Angelegenheiten, und sie
alle mit dem ewigen Refrain: »Zu unserer Zeit, ja! zu unserer Zeit war es doch
anders!« Aber ach, meine Stutzer kamen zu spät auf die Promenade, kaum dass noch
Baron von Garnmacher einen jungen Dresdner Dichter umarmen, und einer Berliner
Sängerin sein Vergnügen ausdrücken konnte, ihre Bekanntschaft hier zu erneuern!
Der edle junge Herr hatte durch seine Erzählung die Promenadezeit verkümmert,
und die grosse Welt strömte schon zum Teater.
 
                          3. Das Teater im Fegefeuer
Man wundert sich vielleicht über ein Teater im Fegefeuer? Freilich ist es weder
Opera buffa noch seria, weder Trauer- noch Lustspiel; ich habe zwar
Schauspieldichter, Sänger, Akteurs und Aktricen, Tänzer und Tänzerinnen genug;
aber wie könnte man ein so gemischtes Publikum mit einem dieser Stücke
unterhalten? Liesse ich von Zacharias Werner eine schauerlich - tragi - komisch -
historisch - romantisch - heroische Komödie aufführen - wie würden sich
Franzosen und Italiener langweilen, um von den Russen, die mehr das Trauerspiel
und Mordszenen lieben, gar nicht zu sprechen. Wollte ich mir von Kotzebue ein
Lustspiel schreiben lassen, etwa »Die Kleinstädter in der Hölle«, wie würde man
über verdorbenen Geschmack schimpfen! Daher habe ich eine andere Einrichtung
gestroffen.
    Mein Teater spielt grosse pantomimische Stücke; welche wunderbarerweise
nicht die Vergangenheit, sondern die Zukunft zum Gegenstand haben; aber mit
Recht. Die Vergangenheit, ihr ganzes Leben liegt abgeschlossen hinter diesen
armen Seelen. Selten bekömmt eine einen Erlaubnisschein als revenant die Erde um
Mitternacht besuchen zu dürfen. Denn was nützt es mir, was frommt es dem irren
Geist einer eifersüchtigen Frau, zum Lager ihres Mannes zurückzukehren? was
nützt es dem Mann, der sich schon um eine zweite umgetan, wenn durch die Gardine
dringt -
»Eine kalte weisse Hand,
wen erblickt er? seine Wilhelmine,
die im Sterbekleide vor ihm stand?«
Was kann es dem Teufel, was einer ausgeleerten herzoglichen Kasse helfen, wenn
der Finanzminister, der sich aus Verzweiflung mit dem Federmesser die Kehle
abschnitt, allnächtlich ins Departement schleicht, angetan mit demselben
Schlafrock, in welchem er zu arbeiten pflegte, schlurfend auf alten Pantoffeln
und die Feder hinter dem Ohr; zu was dient es, wenn er seufzend vor die Akten
sitzt, und mit glühendem Auge seinen Rest immer noch einmal wieder berechnet?
    Was kann es dem fürstlichen Keller helfen, wenn der Schlossküfer, den ich in
einer bösen Stunde abgeholt, durch einen Kellerhals herniederfährt, und mit
krampfhaft gekrümmtem Finger an den Fässern anpocht, die er bestohlen? Zu
welchem Zweck soll ich den General entlassen, wenn oben der Zapfenstreich ertönt
und die Hörner zur Ruhe blasen? zu was den Stutzer, um zu sehen, ob sein
bezahltes Liebchen auf frische Rechnung liebt? Zwar sie alle, ich gestehe es,
sie alle würden sich unglücklicher fühlen, könnten sie sehen, wie schnell man
sie vergessen hat, es wäre eine Schärfung der Strafe, wie etwa ein König, als
ihm ein Urteil zu lebenslänglicher Zuchtausstrafe vorgelegt wurde, »noch sechs
Jahre länger« unterschrieb, weil er den Mann hasste. Aber sie würden mir auf der
andern Seite so viel verwirrtes Zeug mit herabbringen, würden mir manchen fromm
zu machen suchen, wie der reiche Mann im Evangelium, der zu Lebzeiten so viel
getrunken, dass er in der Hölle Wasser trinken wollte - ich habe darin zu viele
Erfahrungen gemacht, und kann es in neuern Zeiten, wo ohnedies die Missionarien
und andere Mystiker, genug tun, nicht mehr erlauben. Daher kommt es, dass es in
diesen Tagen wenig mehr in den Häusern, desto mehr aber in den Köpfen spukt.
    Um nun den Seelen im Fegefeuer dennoch Nachrichten über die Zukunft zu
geben, lasse ich an Festtagen einige erhebliche Stücke von meiner höllischen
Bande aufführen. Auf dem heutigen Zettel war angezeigt:
                         Mit allerhöchster Bewilligung.
                           Heute als am Geburtsfeste
                      Der Grossmutter, diabolischen Hoheit.
                       »Einige Szenen aus dem Jahr 1826.«
                           Pantomimische Vorstellung
                                        
                         mit Begleitung des Orchesters.
                   Die Musik ist aus Mozarts, Haydns, Glucks
                   und anderen Meisterwerken zusammengesucht
                                  von Rossini.
(Bemerkungen an das Publikum.) Da gegenwärtig sehr viele allerhöchste Personen
und hoher Adel hier sind, so wird gebeten, die ersten Ranglogen den Hoheiten,
Durchlauchten und Ministern bis zum Grafen abwärts inklusive, die zweite Galerie
der Ritterschaft samt Frauen bis zum Lieutenant abwärts zu überlassen.
             Die Direktion des infernal. Hof- und Nationalteaters.
Das Publikum drängte sich mit Ungestüm nach dem Haus. Ich bot mich den drei
jungen Herren als Cicerone an, und führte sie glücklich durch das Gedränge ins
Parkett; obgleich der Lord ohne Anstand auf die erste, der Marquis und der
deutsche Baron auf die zweite Loge hätten eintreten dürfen. Diese drei Subjekte
fanden es aber amüsanter, von ihrem niederen Standpunkt aus Logen und Parterre
zu lorgnettieren. Wie mancher Ausruf des freudigen Staunens entschlüpfte ihnen,
wenn sie wieder auf ein bekanntes Gesicht trafen. Besonders Garnmacher schien
vor Erstaunen nicht zu sich selbst kommen zu können. »Nein, ist es möglich!«
rief er wiederholt aus; »ist es möglich? Sehen Sie, Marquis; jener Herr dort
oben in der zweiten Galerie rechts, mit den roten Augen, er spricht mit einer
bleichen jungen Dam; dieser starb in Berlin im Geruch der Heiligkeit, und soll
auch hier sein an diesem unheiligen Ort? und jene Dame, mit welcher er spricht,
wie oft habe ich sie gesehen und gesprochen! Sie war eine liebenswürdige fromme
Schwärmerin, ging lieber in die Dreifaltigkeitskirche als auf den Ball - sie
starb, und wir alle glaubten, sie werde sogleich in den dritten Himmel schweben,
und jetzt sitzt sie hier im Fegefeuer! Zwar wollte man behaupten, sie sei in
Töplitz an einem heimlichen Wochenbett verschieden, aber wer ihren frommen
Lebenslauf gesehen, wer konnte das glauben?« -
    »Ha! die Nase von Frankreich!« rief auf einmal der Baron mit Ekstase.
»Heiliger Ludwig, auch Ihr, auch Ihr unter Euren verlorenen Kindern? Ha! und
ihr, ihr verdammten Kutten, die ihr mein schönes Vaterland in die Kapuze stecken
wollet. Sehen Sie, Mylord, jene hässlichen, kriechenden Menschen? Sehen Sie dort
- das sind berühmte Missionäre, die uns glauben machen wollten, sie seien
frömmer als wir. Dem Teufel sei es gedankt, dass er diese Schweine auch zu sich
versammelt hat.«
    »Oh, mein Herr«, sagte ich, »das hätten Sie nicht nötig gehabt bis ins
Teater sich zu bemühen, um diese Leutchen zu sehen. Sie zeigen sich zwar nicht
gerne auf den Promenaden, weil selbst in der Hölle nichts Erbärmlicheres zu sein
pflegt, als ein entlarvter Heuchler; aber im Café de Congrégation wimmelt es von
diesen Herren. Vom Kardinal bis zum schlechten Pater; Sie können manche heilige
Bekanntschaft dort machen.«
    »Mein Herr, Sie scheinen bekannt hier«, erwiderte Mylord; »sagen Sie doch,
wer sind diese ernsten Männer in Uniform nebenan? Sie unterhalten sich lebhaft,
und doch sehe ich sie nicht lächeln. Sind es Engländer?«
    »Verzeihen Sie«, antwortete ich, »es sind Soldaten und Offiziers von der
alten Garde, die sich mit einigen Preussen über den letzten Feldzug besprechen.«
    Alle drei schienen erstaunt über dieses Zusammentreffen, und wollten mehr
fragen, aber der Kapellmeister hob den Stab, und die Trompeten und Pauken der
Rossinischen Ouvertüre schmetterten in das volle Haus. Es war die herrliche
Ouvertüre aus »Il maestro ladro«, die Rossini auf sich selbst gedichtet hat, und
das Publikum war entzückt über die schönen Anklänge aus der Musik aller Länder
und Zeiten, und jedes fand seinen Lieblingsmeister, seine Lieblingsarie in dem
herrlich komponierten Stück. Ich halte auch ausser der Gazza ladra den Maestro
ladro für sein Bestes, weil er darin seine Tendenz und seine künstlerische
Gewandteit im Komponieren ganz ausgesprochen hat. Die Ouvertüre endete mit dem
ergreifenden Schluss von Mozarts »Don Juan«, dem man zur Vermehrung der Rührung,
einen Nachsatz von Pauken, Trommeln und Trompeten angehängt hatte und - der
Vorhang flog auf.
    Man sah einen Saal der Börsenhalle von London. Ängstlich drängten sich Juden
und Christen durcheinander; in malerischen Gruppen standen Geldmäkler, grosse und
kleine Kaufleute, und steigerten die Papiere. Nachdem diese Introduktion einige
Zeitlang gedauert hatte, kamen in sonderbaren Sprüngen und Kapriolen zwei
Kuriere hereingetanzt. Allgemeine Spannung; die Depeschen werden in einem Pas de
deux entsiegelt, die Nachrichten mitgeteilt. In diesem Augenblick erscheint mein
erster Solotänzer, das Haus Goldsmit vorstellend, in der Szene. Seine Mienen,
seine Haltung drücken Verzweiflung aus; man sieht, seine Fonds sind erschöpft,
sein Beutel leer, er muss seine Zahlungen einstellen. Ein Chor von Juden und
Christen dringen auf ihn ein, um sich bezahlt zu machen. Er fleht, er bittet,
seine Gebärdensprache ist bezaubernd - es hilft nichts. Da raffte er sich
verzweiflungsvoll auf; er tanzte ein Solo voll Ernst und Majestät; wie ein
gefallener König ist er noch im Unglück gross, seine Sprünge reichen zu einer
immensen Höhe und mit einem prachtvollen Fusstriller fällt das Haus Goldsmit in
London. Komisch war es nun anzusehen, wie das Chor der englischen, deutschen und
französischen Häuser vorgestellt von den Herren vom Corps de Ballet diesen Fall
weiter fortsetzten. Sie wankten künstlich und fielen noch künstlicher, besonders
exzellierten hiebei einige Berliner Börsekünstler, die durch ihre ungemeine
Kunst einen wahrhaft tragischen Effekt hervorbrachten, und allgemeine Sensation
im Parterre erregten.
    Plötzlich ging die lamentable Börsenmusik in einen Triumphmarsch über; die
herrliche Passage aus der »Italienerin in Algier«: »Heil dem grossen Kaimakan«
ertönte; ein glänzender Zug von Christensklaven, Goldbarren und Schüsseln mit
gemünztem Gold tragend, tanzten aufs Teater. Es war wie wenn in der Hungersnot
ein Wagen mit Brot in eine ausgehungerte Stadt kommt. Man denkt nicht daran, dass
der spekulative Kopf, der das Brot herbeischafte, nichts als ein gemeiner
Wucherer ist, der den Hunger benützt und sein Brot zu ungeheuren Preisen
losschlägt; man denkt nicht daran, man verehrt ihn als den Retter, als den
schützenden Schild in der Not. So auch hier. Die gefallenen Häuser richteten
sich mit Grazie empor, sie schienen Hoffnung zu schöpfen, sie schienen den
Messias der Börse zu erwarten. Er kam. Acht Finanzminister berühmter Könige und
Kaiser trugen auf ihren Schultern eine Art von Triumphwagen, der die
transparente Inschrift: »Seid umschlungen Millionen« trug. Ein Herr mit einer
pikanten, morgenländischen Physiognomie, wohlbeleibt, und von etwas schwammigem
Ansehen, sass in dem Wagen, und stellte den Triumphator vor.
    Mit ungemeinem Applaus wurde er begrüsst, als er von den Schultern der
Minister herab auf den Boden stieg. »Das ist Rotschild! es lebe Rotschild!«
schrie man in den ersten Ranglogen und klatschte und rief Bravo, dass das Haus
zitterte. Es war mein erster Grotesktänzer, der diese schwierige Rolle
meisterhaft durchführte; besonders als er mit dem englischen, österreichischen,
preussischen und französischen Ministerium einen Cosaque tanzte, übertraf er sich
selbst. Rotschild gab in einer komischen Solopartie seinem Reich, der Börse,
den Frieden, und der erste Akt der grossen Pantomime endigte sich mit einem
brillanten Schlusschor, in welchem er förmlich gekrönt und zu einem allerhöchsten
cher Cousin gemacht wurde.
    Als der Vorhang gefallen war, liess sich Mylord ziemlich ungnädig über diese
Szene aus. »Es war zu erwarten«, sagte er, »dass diese Menschen bedeutenden
Einfluss auf die Kurse bekommen werden, aber dass auf der Börse von London ein
solcher Skandal vorfallen werde, im Jahr I826, das ist unglaublich!«
    »Mein Herr!« erwiderte der Marquis lachend, »unglaublich finde ich es nicht.
Bei den Menschen ist alles möglich, und warum sollte nicht einer, wenn er auch
im Judenquartier zu Frankfurt das Licht der Welt erblickte, durch Kombination so
weit kommen, dass er Kaiser und Könige in seinen Sack stecken kann?«
    »Aber England, Alt-England! ich bitte Sie«, rief der Lord schmerzlich. »Ihr
Frankreich, Ihr Deutschland hat von jeher nach jeder Pfeife tanzen müssen! Aber
God damn! das englische Ministerium mit diesem Hephep einen Cosaque tanzen zu
sehen; oh! es ist schmerzlich!«
    »Ja, ja!« sprach Baron von Garnmacher, des Schneiders Sohn, sehr ruhig; »es
wird und muss so kommen. Freilich, ein bedeutender Unterschied zwischen 1826 und
der Zeit des Königs David.«
    »Das finde ich nicht«, antwortete der Marquis, »im Gegenteil, Sie sehen ja,
welch grossen Einfluss die Juden auf die Zeit gewinnen!«
    »Und dennoch finde ich einen bedeutenden Unterschied«, erwiderte der
Deutsche. »Damals, mein Herr, hatten alle Juden nur einen König, jetzt aber
haben alle Könige nur einen Juden.«
    »Wenn Sie so wollen, ja. Aber neugierig bin ich doch, was für eine Szene uns
der Teufel jetzt geben wird. Ich wollte wetten, Frankreich oder Italien kommt
ans Brett.«
    »Ich denke, Deutschland«, erwiderte Garnmacher; »ich wenigstens möchte wohl
wissen, wie es im Jahr 1826 oder 1830 in Deutschland sein wird. Als ich die Erde
verliess, war die Konstellation sonderbar. Es roch in meinem Vaterland wie in
einer Pulverkammer, bevor sie in die Luft fliegt. Die Lunte glühte, und man roch
sie allerorten. Die feinsten diplomatischen Nasen machten sich weit und lang, um
diesen geheimnisvollen Duft einzuziehen und zu erraten, woher der Wind komme.
Meinen Sie nicht auch, es müsse bedeutende Veränderungen geben?«
    »Es wird heissen - auch in diesem Jahr, ist es geblieben wie es war«,
antwortete ich dem guten Deutschen. »Um eine Lunte auszulöschen, bedarf es keine
grosse Künste. Man wird bleiben wie man war, man wird höchstens um einige
Prozente weiser vom Rataus kommen. Sie wollen Ihr Vaterland in die Szene
gesetzt sehen, um zu erfahren, wie es Anno 1826 dort aussieht? Armer Herr! da
müsste ich ja zuvor noch fragen, was für ein Landsmann Sie sind.«
    »Wie verstehen Sie das?« fragte der Baron unmutig.
    »Nun? was könnte man Ihnen denn Allgemeines und Nationelles vorspielen, da
Sie keine Nation sind? Sind Sie ein Bayer, so müsste man Ihnen zeigen, wie man
dort noch immer das alte ehrliche Bier, nur nach neuen Rezepten braut; sind Sie
Württemberger, so könnten Sie erfahren, wie man die Landstände wählte. Sind sie
ein Rheinpreusse und drückt Sie der Schuh, so lassen Sie sich den eigenen Fuss
operieren, denn an dem Normalschuh darf nichts geändert werden. Sind Sie ein
Hesse, so trinken Sie ganz ruhig ihren Doppelkümmel zum Butterbrot, aber denken
Sie nichts, nicht einmal ob es in der letzten Woche schön war und in der
nächsten regnen wird; sind Sie ein Brandenburger, so machen Sie, dass Ihnen die
Haare zu Berg stehen, und hungern Sie, bis Sie eine schöne Taille bekommen - -«
    »Herr, Sie sind des Teufels!« fuhr der Baron auf; »wollen Sie uns alles
Nationalgefühl absprechen? Wollen sie -«
    »Stille! Sie sehen, der Vorhang geht wieder in die Höhe!« rief der Marquis;
»wie, was sehe ich? das ist ja das Portal von Notre Dame! das finde ich
sonderbar. Wenn man von Frankreich etwas in die Szene setzen will, warum gibt
man uns kein Vaudeville, warum nicht den Kampf der Kammer.«
    Die Glocken von Notre Dame ertönten in feierlichen Klängen. Chorgesang und
das Murmeln kirchlicher Gebete näherte sich, und eine lange Prozession,
angeführt von den Missionären, betrat die Bühne. Da sah man königliche Hoheiten
und Fürsten mit den Mienen zerknirschter Sünder, den Rosenkranz in der Hand,
einherschleichen; da sah man Damen des ersten Ranges, die schönen Augen gen
Himmel gerichtet, die à la Madonna gekämmten Haare mit wohlriechender Asche
bestreut, die niedlichen Füsschen bloss und bar in dem Staube wandelnd. Das
Publikum staunte; man schien seinen Augen nicht zu trauen, wenn man die Herzogin
D-s, die Comtesse de M-u, die Fürstin T-d im Kostüm einer Büssenden zur Kirche
wandeln sah. Doch, als Offiziere der alten Armee, nicht mit Adlern, sondern mit
heiligen Fahnen in der Hand, hereinwankten, als sogar ein Mann in der reichen
Uniform der Marschälle, den Degen an der Seite, die Kerze in der Hand und
Gebetbücher unter dem Arm, über die Szene ging, da wandte sich der Marquis ab,
die Soldaten der alten Garde an unserer Seite, ballten die Fäuste und riefen
Verwünschungen aus, und wer weiss, was meinen Acteurs geschehen wäre, hätte man
faule Äpfel oder Steine in der Nähe gehabt. Das hohe Portal von Notre Dame hatte
endlich die Prozession aufgenommen, und nur der Schluss ging noch über die Szene.
Es war ein Affe, der eine Kerze in der Hand, und unter dem Arm eine Vulgata
trug; man hatte ihm einen ungeheuren Rosenkranz als Zaum um den Hals gelegt, an
welchem ihn zwei Missionäre wie ein Kalb führten. Sooft er aus dem ruhigen
Prozessionsschritt in wunderliche Seitensprünge fallen wollte, wurde er mit
einer Kapuzinergeissel gezüchtigt, und schrie dann, um seine Zuchtmeister zu
versöhnen: »Vive le bon Dieu! vive la croix!« So brachten sie ihn endlich mit
grosser Mühe zur Kirche, Orgel und Chorgesang erscholl, und der Vorhang fiel.
    »Haben Sie nun Genugtuung?« sagte der Marquis zu dem Lord; »was ist Ihr
Skandal auf der Börse gegen diesen kirchlichen Unfug? o mein Frankreich, mein
armes Frankreich!«
    »Es ist wahr«, antwortete Mylord sehr ernst, indem er dem Franzosen die Hand
drückte; »Sie sind zu beklagen. Aber ich glaube nicht an diese tollen Possen;
Frankreich kann nicht so tief sinken, um sich so unter den Pantoffel zu begeben.
Frankreich, das Land des guten Geschmacks, der fröhlichen Sitten, der feinen
Lebensart, Frankreich sollte schon im Jahr 1826 vergessen haben, dass es einst
der gesunden Vernunft Tempel erbaute, und den Jesuiten die Kutte ausklopfte?
Nicht möglich, es ist ein Blendwerk der Hölle!«
    »Das möchte doch nicht so sicher sein«, sagte ich. »Das Vaterland des Herrn
Marquis gefiel sich von jeher in Kontrasten; wenn einmal der Jesuitismus dort
zur Mode wird, möchte ich für nichts stehen.«
    »Aber was wollten sie nur mit dem Affen in Notre Dame?« fragte der Baron,
»was hat denn dieses Tier zu bedeuten.«
    »Das ist, wie ich von der Teaterdirektion vernahm, der Affe Jocko, der
sonst diese Leute im Teater belustigte. Jetzt ist er wohl auch von den
Missionären bekehrt worden, und wenn er, wie man aus seinen Seitensprüngen
schliessen könnte, ein Protestant ist, so werden sie ihn wohl in der Kirche
taufen.«
    »God damn! was Sie sagen; doch Sie scheinen mit der Teaterdirektion
bekannt; sagen Sie uns, was noch aufgeführt wird; wenn es nichts Interessantes
ist, so denke ich, gehen wir weiter, denn ich finde diese Pantomimen etwas
langweilig.«
    »Es kommt nur noch ein Akt, der mehr allgemeines Interesse hat«, antwortete
ich; »es wird nämlich ein diplomatisches Diner aufgeführt, das der Reis-Effendi
den Gesandten hoher Mächte gibt. Das Siegesfest der Festung Missolunghi
vorstellend. Es werden dabei Ragouts aus Griechenohren, Pastetchen von
Philhellenennasen aufgetischt. Das Hauptstück der Tafel macht ein Rostbeuf von
dem griechischen Patriarchen, den sie lebendig geröstet haben, und zum Beschluss
wird ein kleiner Ball gegeben, den ein besternter Staatsmann, so alt er sein
mag, mit der schönsten Griechensklavin aus dem Harem seiner muhamedanischen
Majestät eröffnet.«
    »Ei!« rief der Marquis; »was, wollen wir diese Schande der Menschheit sehen.
Ihre Londner Börse war lächerrlich, die Prozession gemein und dumm, aber diese
ekelhafte Erbärmlichkeit, ich kann sie nicht ansehen! Kommet, meine Freunde; wir
wollen lieber noch die Geschichte des Herrn von Garnmacher hören, so langweilig
sie ist, als dieses diplomatische Diner betrachten!«
    Der Lord und der deutsche Baron willigten ein. Sie standen auf, und
verliessen mein Teater, und der Lord sah, als er heraustrat, mit einem derben
Fluche zurück, und rief:
    »Wahrlich, es steht schlimm mit der Zukunft von 1826!«
                             Ende des zweiten Teils
 
                                    Fussnoten
1 Was der Satan hier ernstaft und gelehrt spricht, er gebärdet sich beinahe wie
ein junger Kandidat der Teologie, der seine erste Predigt drucken lässt!
                                                           Anm. d. Herausgebers.
2 Diesen Auszug habe ich nicht finden können, es müsste denn die Einleitung zum
Besuch bei Goete sein.
3 Ganz in der Eile nimmt sich der Herausgeber die Freiheit, den Aufriss des
Boudoirs dieser protestantischen Nonne, wie er sich ihn denkt, hier beizufügen;
im Fenster stehen Blumen, in der Ecke ein Betpult mit einem gusseisernen
Kruzifix; eine Gitarre ist notwendiges Requisit, wenn auch die Eigentümerin
höchstens »O Sanctissima« darauf spielen kann; ein Heiligenbild über dem Sofa,
ein mit Flor verhängtes Bild des Verstorbenen oder Ungetreuen von etzlichem
sinnigem Efeu umrankt; sie selbst in weissem oder aschgrauem Kostüm, an der Wand
ein Spiegel.
4 Satan scheint hier zwischen Freifräulein und anderen Fräulein zu
unterscheiden, unter jenen versteht er die von gutem Adel, unter letzteren die,
welche man sonst Jungfer oder Mamsell heisst; ich finde übrigens, den Unterschied
auf diese Art zu bezeichnen, sehr unpassend; denn man wird mir zugeben, dass die
bürgerlichen Fräulein oft ebenso frei in ihren Sitten und Betragen sind, als die
echten.
5 Frau von Wollau will wahrscheinlich sagen, »nach dem Ziel der Veredlung« -
                                                                 Der Herausgeber
6 Gehen Sie doch! meinen Sie denn, ich glaube daran?
7 Die Fortsetzung dieser Novelle findet sich im zweiten Teile.
                                                                 Der Herausgeber
8 Man erlaube mir hier eine kleine Anmerkung: Wenn ich nicht irre, so ertappt
man hier den Satan auf einer grössern Eitelkeit, als man ihm fast zutrauen
sollte; gewiss hat ihn nichts anderes gegen jenen verehrten Dichter aufgebracht,
als dass er ihn mit etwas lebhaften Farben als hässlich darstellt; diese Bemerkung
wird um so wahrscheinlicher, wenn man sich erinnert, dass er oben in dem zweiten
Abschnitt selbst gesteht, dass durch seine Inkarnation einige Eitelkeit in ihn
gefahren sein; Meister Urian gibt sich übrigens durch den übertriebenen Eifer,
mit welchem er seine Missgestalt rügt, eine Blösse, die ihm nicht hätte beigehen
sollen.
9 Jean Paul. »Flegeljahre«.
10 Romane von Cramer. (Der Herausgeber)
11 Die Möglichkeit einer solchen Verwechslung beweist ein Fall, der sich vor
einigen Monaten in Ravensburg im Württembergischen zutrug. Zwei Zwillingsbrüder
sahen sich täuschend ähnlich. Der eine tötete einen Mann und floh. Er wusste, dass
sein Bruder, der in Bregenz in einem österreichischen Regiment diente,
desertiert war. Der Mörder wandte sich dortin, zeigte sich in der Gegend, liess
sich als Deserteur gefangen nehmen und viermal Spiessruten jagen. Er diente
einige Zeit in der Stelle seines Bruders, bis der Betrug durch einen Zufall
entdeckt wurde.
 
    