
        
                              Johanna Schopenhauer
                                    Gabriele
                           Ein Roman in drei Teilen
  Du standest an dem Eingang in die Welt,
 Die ich betrat mit klösterlichem Zagen,
 Sie war von tausend Sonnen aufgehellt,
 Ein guter Engel schienst du hingestellt,
 Mich aus der Kindheit fabelhaften Tagen
 Schnell auf des Lebens Gipfel hinzutragen,
 Mein erst Empfinden war des Himmels Glück,
 In dein Herz fiel mein erster Blick.
                                                                       Schiller.
 
                                  Erster Teil
                                     Meinen
                         lieben und treuen Freundinnen
                       der verwittweten Oberkammerherrin
                               Karoline Freifrau
                            von und zu Egloffstein,
                            geb. Freiin von Aufseess,
                            Henrietten von Pogwisch,
                      geb. Gräfin Henkel von Donnersmark,
               Hofdame Ihro Königl. Hoheit der Frau Grossherzogin
                   Luise zu Sachsen-Weimar-Eisenach etc. etc.
                                      und
                         Karolinen Gräfin Egloffstein,
               Hofdame Ihro Kaiserl. Hoheit, der Frau Grossfürstin
           Maria Pawlowna von Russland, vermählten Erbgrossherzogin zu
                       Sachsen-Weimar-Eisenach etc. etc.
                    zur Erinnerung an froh und traurig,
                    aber immer in treuer Liebe durchlebte Tage
                    freundlich gewidmet
                                      von
                                                                der Verfasserin.
                                    Vorwort
Der freundliche Empfang, welcher den Beschreibungen meiner Reisen durch
mancherlei Städte und Länder wiederfuhr, munterte mich auf, auch mit einigen
Ansichten hervorzutreten, die ich auf der grossen Reise durch das Leben sammlete.
    Jene Reisebeschreibungen sind Abbildungen nach der Natur, mit möglichster
Wahrheit wiedergegeben, wie ich sie auffasste. Ich möchte sie Landschaftsgemälde
nennen, auf denen ich mich bemühte, jeden treu kopirten Gegenstand genau an den
Platz hinzustellen, wo er in der Wirklichkeit sich befindet, indem ich mich wohl
hütete, den Regeln der Gruppirung oder dem Zauber des Effekts das kleinste
Opfer zu bringen. Diese Blätter hingegen bieten willkührliche Zusammensetzungen
einzelner Studien nach Gegenständen, wie sie mir auf dem Lebenswege begegneten,
die ich nach Gefallen trennte und vereinte, so dass oft zu einer meiner Figuren
mehrere Individuen und Oertlichkeiten beitragen mussten. Obgleich diesem nach
keine einzige derselben ein Portrait im strengen Sinne genannt werden darf, so
würde es mich doch freuen, wenn jede einzelne für ein solches gehalten würde.
Denn so wäre mir gelungen, wonach jeder Historienmaler streben muss, und was
unser grosser Meister durch Wahrheit und Dichtung so treffend bezeichnet.
    Uebrigens fühle ich mich in meinem Gewissen verpflichtet, zu bekennen, dass
mir die Gabe des Gesanges vom Himmel versagt ward und dass daher die in diesem
Buche entaltnen Gedichte nicht von mir sind. Ich danke sie einem Freunde, den
ich gern von der Welt nenne. Friedrich von Gert stenbergk, von dem wir schon so
manches schöne Lied, so manche zarte Dichtung mit Dank und Freude empfingen, der
Verfasser der »kaledonischen Erzählungen« und der »Phalänen« steuerte meine
Gabriele mit diesem Schmucke aus.
Geschrieben zu Weimar am ersten Pfingstfeiertage 1819.
                                                           Johanna Schopenhauer.
 
»Niemand liebt seine Freunde inniger als ich, mein Leben gäbe ich willig für sie
hin, aber Unmöglichkeiten darf mir niemand zumuten.« Mit diesen Worten verliess
Gräfin Eugenia ziemlich erhitzt den Salon der Gräfin Rosenberg, in welchem die
Hauptprobe einer für den folgenden Abend bestimmten Darstellung von Tableaus so
eben gehalten ward, und rauschte mit einer leichten Verbeugung an der
eintretenden Aurelia vorüber. Flammend vor Zorn, blieb die Gräfin Rosenberg auf
ihrem königlichen Trone sitzen. Ein reichgestickter Baldachin erhob sich über
ihrem Haupte, ein Purpurmantel umwallte in weiten Falten ihre majestätische
Gestalt, in ihrem schwarzen Haare funkelte ein Diadem von Brillanten, und ihre
Hand hielt das goldne Zepter. Vor ihr stand ein mit reichen Teppichen und
Prachtvasen geschmückter Tisch, um sie her waren mehrere Herren und Damen in
altrömischer und ägyptischer Kleidung eifrig, aber fruchtlos, bemüht, sie zu
beruhigen. Die Scene ging in einer alkovenartigen, von einem grossen goldnen
Rahmen umfassten Vertiefung der Zimmerwand vor, gerade der Türe gegenüber,
verborgne Lampen gossen einen magischen Strom von Licht über sie aus, im Zimmer
selbst herrschte tiefe Dämmerung, doch verriet ein leises Flüstern und Rauschen
die Gegenwart mehrerer Personen.
    Sprachlos vor Erstaunen über das ihr unbegreifliche, plötzlich
hereingebrochne Unheil, blieb Aurelia, die Tochter der Gräfin, in der eben
geöffneten Türe stehen; hinter ihr schmiegte sich furchtsam die sechzehnjährige
Gabriele, welche in diesem Moment aus der tiefsten Einsamkeit eines alten
Bergschlosses angelangt war, um einige Monate im hause ihrer Tante zuzubringen.
Aurelia, ihre Kusine, hatte sie mit der Versichrung empfangen, dass sie zum
Glücke heute ganz unter sich wären; und nun stand sie da, einen freundlichen
Empfang erwartend, und wusste bei dem wunderbaren Anblick, der sich ihr darbot,
nicht, ob sie wache oder träume.
    »Tue mir die Liebe,« rief die Gräfin Aurelien entgegen, so wie sie ihrer
ansichtig ward, »tue mir die einzige Liebe, und werde morgen krank, bleib den
ganzen Tag im Bette; ich lasse früh alles absagen, mit der Feier deines
Geburtstages ist es vorbei, wir haben weder Konzert, noch Ball, noch Tableaus;
Eugeniens prätentiöser Eigensinn vernichtet alles. Mit ihrer winzig-kleinen
Figur besteht sie darauf, an meiner Stelle die Kleopatra vorzustellen, und da
ich ihr beweise, wie unmöglich dies sei und ihr die Rolle der Dienerin, welche
das Schmuckkästchen trägt, zuteile, eilt sie davon und derangirt mir den ganzen
Plan.« »Könnten wir nicht die Dienerin ganz weglassen?« stammelte furchtsam ein
junger Mann in römischer Tracht, welcher wahrscheinlich den Antonius vorstellte.
»Unmöglich,« erwiederte Kleopatra, »wo soll ich die köstliche Perle hernehmen,
wenn das Schmuckkästchen fehlt? und überdies ist die Figur unumgänglich
notwendig zur Gruppirung des Ganzen. Es ist vorbei,« fuhr sie fort, indem sie
sich in höchst unmutiger Stellung auf ihrem Trone zurück warf! »Eugenia macht
heute Abend und morgen früh gewiss noch funfzig Visiten, um ihren Triumph zu
sichern. Keine Dame wird an die Stelle treten, welche sie verschmähte, und alle
Welt ist doch schon von der Darstellung unsrer morgenden Tableaus voll. Ottokar
beschleunigt seine Zurückkunft von der Reise, um sie zu sehen, er trifft morgen
ein, und nun ist alles zerstört! Ich könnte vor Verdruss weinen,« setzte sie
hinzu, das Gesicht in beide Hände verbergend.
    Aurelia benutzte diese Pause in der heftigen Rede ihrer Mutter, um
Gabrielens Ankunft zu melden. »Lass die Kusine von Aarheim an Eugeniens Stelle
treten,« riet sie, indem sie das bange Kind hinter sich hervor zog und vor den
Rahmen hinstellte. »Die Kleine?« fragte die Gräfin, sich emporrichtend und
Gabrielen von oben bis unten mit prüfendem Blicke betrachtend. »Nun,« fuhr sie
fort, »stehen wird sie ja können; nötigen Falls stellen wir sie auf eine
Erhöhung. Willkommen, liebes Kind!« Mit diesen Worten zog sie Gabrielen zu sich
in den Rahmen, küsste sie auf die Stirn, gab ihr ein goldnes Kästchen in die
Hand, stellte sie in die gehörige Attitüde und schob sie an den von der Gräfin
Eugenia verlassenen Platz, indem sie selbst wieder ihren Tron einnahm. Alle
andere, zur Gruppe gehörende Personen reihten sich im nämlichen Moment in
gebührender Ordnung um sie her.
    »Es geht!« rief hocherfreut die ganze Gesellschaft im Zimmer. »Aber,« setzte
lachend Aurelia hinzu, »deliziös sieht es jetzt aus, das blasse Gesicht, die
roten Augen und das schwarze Kleid mitten in all der bunten Pracht und
Herrlichkeit; doch sei nur getrost, Gabriele, morgen soll es besser werden, Wind
und Staub haben dir heut auf der Reise übel mitgespielt, das ist morgen vorüber
und ich will dich schon kostümiren.« Die arme Gabriele, welche bei allen diesen
Vorgängen noch kein Wort hatte aufbringen können, flüsterte jetzt, halb nur
hörbar und in grosser Beklommenheit, die Frage: was sie denn eigentlich morgen
tun solle? »Was du heute tust,« war die kurze Antwort, »hier einige Minuten
stehen und das Kästchen halten.« »In dem tiefen Traueranzug?« wandte Gabriele
zur grossen Belustigung der Uebrigen ein. Kaum konnte Aurelia vor Lachen dazu
kommen, ihr zu bedeuten, dass sie morgen ohnehin auf einen Tag die Trauer ablegen
müsste.
    Gabrieleblickte sehr ernst um sich her. »Wie?« sprach sie, »die Trauer um
meine Mutter ablegen, ehe die Zeit verflossen ist, während welcher die Sitte mir
erlaubt, dieses Zeichen meines Schmerzes zu tragen? Nein, gnädige Tante! Das
befehlen Sie mir nicht,« setzte sie mit fester Stimme hinzu, obgleich dabei zwei
grosse Tränen, die schon lange in ihren dunkeln Augen geschimmert hatten, über
ihre jetzt hochrot erglühenden Wangen herab rollten. »Nur zwei Monate sind es,
seit meine Mutter begraben ward; wie könnte ich ihr Andenken nur Eine Stunde
verleugnen! Ich kann es nicht, ich werde es nicht, ich will es nicht,« sprach
sie höchst entschieden, und hob dabei, dennoch wie flehend, ihre kleinen zarten
Händchen empor. Die Gräfin und Aurelia schwiegen eine Weile vor Erstaunen über
Gabrielens plötzlichen Mut, ehe sie begonnen auf das arme Mädchen heftig
einzustürmen. Gabriele musste verstummen, ängstlich blickte sie, wie Beistand
suchend, um sich her, und erschrak dennoch nicht wenig, als ihr dieser höchst
unerwarteter Weise zu Teil ward.
    Aus dem dunkelsten Winkel des Zimmers, dicht neben dem Rahmen, erscholl
mitten durch den Streit eine männliche Stimme: »Ich vereinige meine Bitte mit
der des jungen Fräuleins; mir dünkt wahrlich, sie hat nicht ganz Unrecht.«
»Ottokar!« rief Aurelia; »willkommen, so viel früher als wir es erwarteten,« die
Gräfin. Aller Zwiespalt ward augenblicklich beseitigt, und die ganze
Gesellschaft drängte sich freudig um den unbemerkt Hereingetretenen her.
Gabriele taumelte fast in freudiger Ueberraschung, sie schlug die Augen nicht
auf, sie wagte keinen Blick auf ihren Fürsprecher, aber sie wusste dennoch, wer
er sei.
    Jedermann beeiferte sich nun um die Wette, Eugeniens unverantwortliches
Benehmen mit allen seinen entsetzlichen Folgen dem eben Angekommenen auf das
weitläuftigste auseinanderzusetzen. Er hörte alle gelassen an und schlug dann an
der Stelle der Dienerin einen Edelknaben vor, deren er am folgenden Tage
wenigstens ein Dutzend zur Auswahl in aller Frühe zu stellen versprach. Dieser
Ausweg war niemanden von der Gesellschaft eingefallen, und die Idee ward mit dem
allgemeinsten Beifall ergriffen.
    Kleopatra verliess beruhigt ihren Königssitz, den ein herabrollender seidner
Vorhang verhüllte, Römer und Aegypter begaben sich in die Nebenzimmer, um als
moderne Herren und Damen wiederzukehren, die Lichter im Saal wurden angezündet,
der Teetisch hereingebracht, und alles ordnete sich in friedlicher Eintracht um
ihn her.
    Die Gesellschaft bestand grösstenteils aus dem engen Ausschusse der
Bekannten der Gräfin, aus sogenannten Hausfreunden, die sich an freien Abenden
gewöhnlich bei ihr versammelten; das Gespräch wogte rasch und lebendig, nur
Gabriele blieb stumm. Niemand achtete sonderlich auf sie, denn ihr erstes
auffallendes Erscheinen war über Ottokars unerwarteten Eintritt gänzlich
vergessen. Desto mehr Zeit gewann sie, fürs erste Atem zu schöpfen, und dann
die neue Welt, in die sie versetzt war, zu betrachten. Zum erstenmal in ihrem
Leben befand sie sich unter so vielen, ihr gänzlich fremden Gestalten, und das
Gefühl, dass auch sie ihnen fremd sei und es wohl lange noch bleiben würde,
machte ihr Herz beklommen. Der Anblick der Gräfin versetzte sie in immer neues
Erstaunen, sie erschien ihr um zwanzig Jahre jünger als sie vor wenig Tagen zum
erstenmal im Schloss ihres Vaters sie gesehen hatte, dessen Schwester sie war.
Dem mit allen Toilettenkünsten unbekannten Kinde kam diese Verwandlung ganz
unbegreiflich vor, ja sie hätte geglaubt, dass es gar nicht die Tante sei, wäre
Aurelia nicht zugegen gewesen und hätte sie nicht Mutter genannt. Aurelien
betrachtete sie mit dem heissen Wunsch, sogar mit dem Entschlusse, solche zu
lieben; dennoch fühlte sie innerlich, dass ihr dies nie gelingen würde. Der
scharfe Blick der grossen dunkelblauen Augen, das spöttische Lächeln, welches bei
jedem Anlass um die Rosenlippen der schönen Aurelia spielte, vernichtete jede
Möglichkeit herzlichen Vertrauens zu ihr.
    Endlich wagte es auch Gabriele, den Blick zu Ottokarn zu erheben. Sie konnte
es unbemerkt; er stand hinter Aureliens Stuhl im eifrigen Gespräche mit dieser.
Seine hohe schlanke Gestalt, die Anmut seiner Bewegungen waren von Gabrielen
schon früher als heute bemerkt worden. Sie erkannte ihn jetzt daran; auch die
edlen Züge seines Gesichts waren ihr nicht fremd, sie erschienen ihr wie die
eines längst Bekannten, obgleich sie sie noch nie deutlich erblickt hatte. Eine
Fülle hellbrauner Locken kräuselte sich um seine hochgewölbte Stirn, die blauen,
mutig und kühn um sich her blitzenden Augen hatten bei allem Feuer etwas
unbeschreiblich mildes und freundliches, und die dünnen Lippen des
festgeschlossnen Mundes gaben seinem Gesicht einen sehr ernsten, fast wehmütigen
Ausdruck, der aber beim Sprechen in ein höchst anmutiges Lächeln verschwebte.
Sein ganzes Wesen trug das Gepräge kräftiger, zum Manne herangereifter
Jugendblüte. Er schien etwa achtundzwanzig bis dreissig Jahre alt.
    Es tat Gabrielen heimlich weh, dass er sie so gar nicht bemerkte, obgleich
sie sich auch freute, ihn ungestört ansehen zu können. Da stimmte er das
einseitige Gespräch zum Allgemeinen um, und sie konnte nun mit der gespanntesten
Aufmerksamkeit auf jedes seiner Worte horchen. Er erzählte von seiner eben
beendigten Reise, und seine lebendige Darstellung wusste auch dem
Allergewöhnlichsten Leben und Interesse zu geben. dabei entgieng es Gabrielen
nicht, dass er dem Gespräch absichtlich diese Wendung gab, um nur die ewigen
Spötteleien über die abwesende Eugenia zu beenden, und ihr Gefühl wusste es ihm
heimlich Dank. Es lag ein eigener, aller Herzen sich bemächtigender Zauber in
dem vollen, reinen Klange seiner Stimme. Gabriele horchte so lange auf diesen
Ton, dass sie zuletzt nur ihn hörte, wie man einer lieblichen Musik sich
hingibt, ohne dabei die Worte des Gesanges zu beachten. Alles andere um sich
her vergessend, sass sie da, als ganz unerwartet ein ältlicher Mann, ihr Nachbar
am Tische, sie durch eine gleichgültige Frage auf eine unangenehme Weise aus
dieser süssen Selbstverlorenheit riss. Erschrocken darüber, fuhr sie zusammen,
zerbrach beinah ihre Tasse und stammelte endlich hocherrötend eine Antwort, die
niemand verstehen konnte. Die Augen der ganzen Gesellschaft wandten sich
plötzlich ihr zu, und die Verlegenheit des armen Mädchens war entsetzlich, sie
stieg bis zur qualvollsten Pein, als Aurelia nach ihrer schonungslosen Art laut
ausrief: »Ich glaube die Kleine war eingeschlafen; kein Wunder, sie ist müde von
der Reise!« und indem sie aufstehend ihre Hand ergriff, hinzusetzte: »Komm,
Liebchen, ich bringe dich zu deiner Bonne, die wohl auch mit Schmerzen auf dich
harrt, die Abschiedsknixe kannst du übrigens sparen;« und damit zog sie das
tiefgekränkte Mädchen zur Türe.
    Beinahe weinend vor Schaam und Zorn über Aureliens unfreundliches Benehmen
und ihre eigne Ungeschicklichkeit, langte Gabriele bei der guten Frau Dalling
an, der Pflegerin ihrer Kindheit, und vermochte es kaum über sich, ihr die
Begebenheiten dieses Abends nur ganz im Allgemeinen kund zu tun. Alles schwamm
in bunter Verworrenheit vor ihrem betäubten Sinn; nur Ottokars Gestalt, seine
Stimme, seine Worte waren ihr deutlich in der Erinnerung geblieben. In ihrer
jungen Brust gegen einander ankämpfend, wogten tausend nie zuvor gekannte süsse
und bittre Empfindungen und machten sie verstummen; Freude über Ottokars
Wiederbegegnen, Schmerz, dass er sie gar nicht bemerkte, und dazu das herbe
Gefühl des Alleinseins, mitten unter fröhlichen Menschen. Noch nie war Gabriele
sich selbst so unbedeutend erschienen, nie zuvor hatte sie Demütigung vor
Zeugen, Unzufriedenheit mit sich selbst wie heute empfunden, und es gelang ihr
nur mit grosser Anstrengung, sich zum tröstenden Selbstbewusstsein endlich wieder
empor zu ringen und den festen Entschluss zu fassen, äussere Zufälligkeiten nicht
höher zu stellen als deren eigentlicher Standpunkt es fordert. Eine
unaussprechliche Sehnsucht nach ihrer Mutter ergriff ihr tief verwundetes
Gemüt, wie ein müdes Kind weinte sie sich endlich spät in den Schlaf; aber alle
die vielen neuen Gestalten des vergangnen Abends umschwirrten sie noch im
ängstlichen Traume, und zwischen ihnen hindurch tönte tröstend Ottokars Stimme,
mit der er die Worte sprach: »Ich bitte für das junge Fräulein, sie hat wahrlich
nicht Unrecht!«
Ehe wir Gabrielen auf ihrem fernern Lebenspfade begleiten, wird es nötig sein,
den Leser zu ihrer früheren Jugendgeschichte zurückzuführen und ihn mit ihren
Eltern bekannt zu machen.
    Ihr Vater, Baron Aarheim, war schon im frühen Jünglingsalter unumschränkter
Gebieter seiner eignen Taten und eines sehr bedeutenden Vermögens geworden. Er
verbrachte seine Jugend teils auf Reisen, teils an Höfen auswärtiger Fürsten,
und fand überall die Aufnahme, zu welcher Rang, Reichtum und eine ausgezeichnet
vorteilhafte Gestalt ihn berechtigten. Durch keinen äussern Zwang
zurückgehalten, stürzte er sich in den Strudel des grossen Lebens, suchte rastlos
alle Genüsse, gab sich ohne Maass und Ziel allen Freuden hin, welche es bietet,
bis er, erschöpft und abgestumpft, im reifern Alter des ewig wiederkehrenden
Einerleis überdrüssig ward und ihm entsagte, um ernstern Plänen zu folgen.
Herrschsucht und Ehrgeiz traten jetzt in seinem Gemüt an die Stelle der Sucht
nach ewigem Wechsel des Vergnügens; die Gunst des Fürsten, an dessen Hofe er
eben lebte, zeichnete ihn vor allen andern aus und steigerte seinen Wunsch nach
dem nächsten Platz neben dem Tron bis zur Leidenschaft, indem sie ihm ein Recht
darauf zu geben schien. Anfänglich war es, als ob das Glück sein Streben
begünstigen wollte; er erklimmte eine Stufe nach der andern, stieg immer höher
und höher; aber das Gelingen machte ihn unvorsichtig, es schläferte seine
Wachsamkeit ein, Feinde, die er gar nicht beachtete, arbeiteten im Verborgnen
ihm entgegen; und so ward auch ihm das Schicksal, das schon so viele in seiner
Lage traf, er fiel plötzlich, als er am sichersten zu stehen glaubte, und um so
tiefer, je höher er gestiegen war.
    Aarheims Fall zerriss die Verbindung mit der Tochter eines grossen, glänzenden
Hauses, wenig Tage vor dem zur Vermählungsfeier bestimmten, und als er Besinnung
genug gewann, um sich zu schauen, sah er sich furchtbar verlassen. Kein einziger
Freund war ihm geblieben, seine Jugend früh und längst an ihm vorüber
geschwunden, den grössten Teil seines Vermögens hatten seine frühere Lebensweise
und seine spätern grossen Pläne verzehrt, seine Gesundheit war zerrüttet, er
selbst erkannte in sich nur noch den Schatten von dem, was er einst gewesen war.
    Sein Gemüt erstarrte in bitterm Hass, in tiefer Verachtung aller Menschen,
vor allem der Frauen, und er schwur sich selbst, jeden geselligen Umgang so viel
möglich Zeitlebens zu meiden. Von seinen vielen Gütern war ihm nur sein Stammgut
geblieben, es lag tief im Gebirge, im Gebiet eines andern Fürsten; dortin
beschloss er vor dem Anblick der Welt zu fliehen, die ihn so unbarmherzig
gemisshandelt hatte. Er raffte die Trümmern seiner übrigen Habe zusammen und
eilte, sich in die tiefste Einsamkeit zu vergraben, in welcher nur demütige
Diener und zitternde Untertanen seine Umgebung bildeten. So lebte er mehrere
Jahre und ward mit jedem Tage härter, schroffer und finsterer.
    Der Brief eines Verwandten erinnerte ihn endlich einmal an die Aussenwelt,
die er so gern ganz vergessen hätte; es fiel ihm ein, dass sein noch immer sehr
beträchtliches Gut Mannlehn war, und nach seinem Tode an einen entfernten Vetter
fallen müsse, den er allein schon deshalb als seinen ärgsten Feind betrachtete,
ohne ihn weiter zu kennen. Er war es leider gewohnt worden, von allen Menschen
das Aergste zu vermuten, und ahnete also auch bei seinem mutmasslichen Erben
das sehnlichste Verlangen nach seinem baldigen Tode, vielleicht gar Pläne, ihn
zu beschleunigen; daher beschloss er plötzlich, sich noch im Späterbst seines
Lebens zu vermählen, um seinem Agnaten diese Hoffnung und Freude zu verderben.
    Seine Wahl fiel auf Augusten von Rohrbach, die elternlos und arm auf einem
kleinen Gute unfern Schloss Aarheim einsam traurige Tage bei einer alten Tante
verlebte. Er hatte das Fräulein nie gesehen, ehe er um ihre Hand sich bewarb,
aber der Ruf ihrer Schönheit und der unermüdeten Geduld, mit der sie den Launen
einer höchst wunderlichen Frau sich fügte, war bis in seine Einsamkeit
gedrungen, und dies hinlänglich, ihn für sie zu bestimmen. An Liebe glaubte er
nicht und war weit entfernt, sie zu fordern; ihm genügte Gehorsam von seiner
künftigen Gattin, und diesen zweifelte er nicht unter solchen Umständen zu
erlangen oder zu erzwingen.
    Auguste von Rohrbach war in frühester Kindheit zur mutterlosen Waise
geworden; ihr Vater hatte sie erzogen. Sein diplomatischer Beruf erlaubte ihm
keinen festen Wohnsitz, sondern trieb ihn rastlos durch fast alle die
glänzendsten Städte Europens; doch liess er sich dadurch nicht hindern, seinem
einzigen Kinde die möglichste Sorgfalt zu weihen. Ueberallhin musste Auguste
ihrem Vater folgen, und sobald ihr Alter es erlaubte, benutzte er alle
Gelegenheiten, ihr in jeder Stadt, wo sie längere Zeit lebten, die besten Lehrer
zu verschaffen, um sie in allen, ihrem Geschlechte zusagenden Wissenschaften und
Künsten unterrichten zu lassen.
    Die freigebige Natur hatte das Kind nicht nur mit einer höchst anmutigen
Gestalt ausgestattet, sie begünstigte es auch mit seltenem Talent und schneller
Fassungsgabe. Und so geschah es denn gar bald, dass Auguste der Stolz ihres
Vaters ward, ein Kleinod, mit dem er gern bei jeder Gelegenheit prunkte und auf
dessen seltnen Wert er grosse Pläne für kommende Zeiten erbaute. So wie sie
älter ward, suchte er alle ihre Vorzüge ins hellste Licht zu stellen; kein
Schmuck, der ihre schöne Gestalt erheben konnte, war ihm zu kostbar, überall
musste das junge Mädchen vor den erlesensten Zirkeln ihr musikalisches Talent
üben, im einzelnen Tanz oder durch die zu jener Zeit als etwas ganz neues
bewunderten Attitüden der Lady Hamilton die Zuschauer entzücken, und auf alle
Weise bestmöglichst glänzen und schimmern.
    Bei dieser Erziehung wäre Auguste eine eitle Törin geworden, wenn nicht zum
Glück den Kindern auffallende Fehler ihrer Eltern oft zu schützenden Warnern auf
ihrem Lebenswege würden, besonders wenn sie sich durch sie in ihrer angebornen
Eigentümlichkeit behindert fühlen. Dies war eben bei Augusten der Fall. Bis zur
Furchtsamkeit bescheiden, kostete es ihr, als ganz jungem Mädchen, manche heisse,
bittre Träne, wenn sie auf Befehl ihres Vaters vor grossen Gesellschaften mit
ihren Künsten auftreten musste. Späterhin gewann sie freilich durch lange
Gewohnheit mehr Mut, aber auch hellern Beobachtungsgeist. Das heimliche,
neidische Hohnlächeln der Anwesenden und deren leise geflüsterten Anmerkungen
entgingen Augustens Scharfblick nicht, obgleich ihr Vater nichts davon ahnete.
Diesen blendete der rauschende Beifall, welchen alle die Herren und Damen seiner
Tochter um so reichlicher zollten, je schärfer sie, von ihm unbeachtet, die
Geissel der Kritik über sie schwangen. Auguste wagte es nicht, gegen ihren Vater
ihre Bemerkungen laut werden zu lassen, er war zu glücklich in seiner
Verblendung, als dass es sie nicht hätte schmerzen sollen, ihn daraus zu wecken;
aber innerlich fühlte sie sich durch diese Falschheit seiner vorgeblichen
Freunde oft schmerzlich verwundet. Sie selbst ward indessen wenigstens dadurch
in der anspruchlosen Bescheidenheit erhalten, zu welcher ihr ganzes Wesen sich
ohnehin neigte, und ihr tiefes Erröten bei jedem laut ausgesprochnen Lobe
zeigte deutlich, wie wenig sie sich bewusst war, es zu verdienen.
    Ihre reine, schöne Natur wäre dennoch vielleicht dem ewigen Entgegenarbeiten
des eitlen Vaters erlegen, doch frühe Liebe erhob sich ihr zum Schutzgeist. Rein
und innig loderte die stille Flamme heisser Neigung zu einem edeln jungen Manne
in ihrer jungen Brust, ihr selbst fast unbekannt und nur im Schmerz der Trennung
sich zuerst ihr ganz offenbarend.
    Ihr Geliebter war Sekretär bei der Legation ihres Vaters und in seinem
Hause, zum Teil mit Augusten erzogen. Er lebte mit ihr unter einem Dache,
teilte mit ihr alle ihre Freuden, half ihr bei ihren musikalischen Uebungen,
war am Tische und auf Reisen überall in ihrer Nähe. Was konnten beide mehr vom
Schicksal zu erlangen wünschen? Sie waren glücklich wie Kinder, die sich des
heutigen Tages freuen, ohne dabei an morgen zu denken.
    Augustens Vater aber dachte nicht nur an heut und morgen, sondern auch an
alle, diesen folgende Tage und Jahre. Ein Zufall entdeckte ihm das Geheimnis der
Liebenden, es stimmte nicht zu seinen hohen Plänen mit der einzigen, glänzend
erzognen Tochter, aber er schwieg dazu, weil er das menschliche Herz genug
kannte, um zu wissen, dass hier mit Einreden wenig abgeändert werden würde. Er
handelte lieber, wie er es gewohnt war, sobald sein Vorteil es heischte, kalt
und ruhig, besonnen und sicher. Eines Morgens erwartete Auguste vergebens ihren
Freund bei ihren musikalischen Uebungen; bei Tafel vermisste sie sein Couvert; er
war spurlos verschwunden, und ihre erbleichende, zitternde Lippe vermochte
nicht, eine Frage nach ihm auszusprechen. Unter dem Vorwand eines geheimen
Auftrags von der äussersten Wichtigkeit war er in der Nacht weit weg versendet
worden, am Orte seiner Bestimmung hatte man schon dafür gesorgt, dass er in noch
entferntere Länder geschickt wurde, und so war er auf ewig von Augusten
geschieden, ohne eine Ahnung davon zu empfinden. Die Argusaugen seines Gebieters
bewachten ihn zu sorgfältig in jener verhängnisvollen Nacht, als dass er nur ein
Wort des Abschieds an Augusten hätte gelangen lassen können, überdem glaubte er
auch, nur auf wenige Wochen sich von ihr zu trennen. Späterhin ward es ihm ganz
unmöglich gemacht, einen Brief auf sicherm Wege in ihre Hände zu bringen. Beide
hatten keine Vertrauten, ihre reine jugendliche Liebe bedurfte deren nicht, sie
scheute jede Berührung der Aussenwelt; wie hätten sie Fremden ein Geheimnis
gestehen können, das sie gegen einander selbst kaum in Worten auszusprechen
versucht hatten.
    Ganz auf sich zurückgeworfen, blieb nun Auguste in der glänzendsten
Gesellschaft einsam, wie in einer Wüste. Kein Laut des einzigen Wesens in der
Welt, zu dem sie allein zu gehören sich bewusst war, tönte zu ihr herüber, nie
hörte sie mehr den geliebten Namen nennen, als wenn sie selbst in stiller
Mitternacht, unter heissen, langverhaltnen Tränen, ihn den stummen Wänden ihres
einsamen Zimmers zurief. Ihr Vater wusste in aller Freundlichkeit so
abschreckend-schroff vor ihr zu stehen, dass das bange Mädchen es kaum wagen
mochte, in seiner Gegenwart nur an den Geliebten zu denken. Er sah wohl ihre
stille Trauer, aber er fragte nie nach der Ursache derselben und hoffte alles
von der Zeit.
    Dem Anschein nach verfehlte diese auch nicht, ihre gewohnte Macht zu
bewähren. Auguste fand allmälig eine wehmütige Freude im Schmerz um das
verlorne Glück, in der unaussprechlichen Sehnsucht, die jetzt einzig in ihrem
Busen lebte, und auch ihr Aeussres wurde von diesem Gefühl verklärt. Sie gewöhnte
sich daran, ihren Freund unter den Todten zu denken. Ihr Vater, der es bemerkte,
suchte schweigend sie in diesem Glauben zu bestärken, und nun wandte sie ihren
Blick einzig nach oben, der Heimat ihres Lebens und ihrer Liebe. Hier unten
ging sie willig den ihr von ihrem Vater vorgezeichneten Pfad, lächelte
freundlich zu allen seinen Wünschen, und suchte wenigstens ihn zu erfreuen, da
für sie auf der Erde keine Freude mehr blühte.
    So verlebte Auguste noch drei Jahre in verschiednen Ländern und äussern
Umständen, ohne eine befreundete Seele um sich zu wissen. Selbst des
Mädchenglücks, eine gewöhnliche Jugendfreundin zu besitzen, hatte sie zeitlebens
entbehrt. Sie war selten viel länger als ein Jahr an dem nehmlichen Orte
geblieben, hatte unzähligemal alle ihre Umgebungen wechseln müssen, und nie Zeit
oder Gelegenheit gefunden, irgend eine dauernde Verbindung zu knüpfen. Die
letzte Stadt, in welcher sie mit ihrem Vater längere Zeit verweilte, war
Stockholm. Auf einer Reise von dort aus erkrankte er plötzlich in einem kleinen
schwedischen Städtchen und starb.
    Nie war eine Waise verlassner, als die jetzt zwanzigjährige Auguste am Grabe
ihres Vaters. Sie harrte dort, bis der ihr in den letzten Augenblicken vom
Verstorbnen bestimmte Vormund sie nach Deutschland abzuholen kam. Der Nachlass
ihres Vaters war sehr gering, eignes Vermögen hatte er nie besessen und dabei in
der Welt zu glänzend Haus gehalten, um beträchtliche Summen für seine Tochter
zurücklegen zu können; ihr blieb kaum genug, um davon notdürftig zu leben.
Willenlos, wie sie von jeher war, folgte sie jetzt ohne Widerrede dem Rat ihres
Vormunds, und liess sich von ihm zu der einzigen Verwandtin führen, die sie ihres
Wissens noch in der Welt hatte, und die allein ihrer Jugend einen anständigen
Zufluchtsort bieten konnte.
    Unter Entsagungen aller Art, unter steten Uebungen unbeschreiblicher Geduld,
schwanden von nun an Augustens Tage auf dem einsamen Landgute ihrer Tante, einer
nach dem andern, einer wie der andre. So lebte sie mehrere Jahre lang.
Erinnerungen der glänzenden Vergangenheit machten ihr die düstre Gegenwart nicht
noch trüber, denn sie hatte keine Freude an deren flüchtigem Schimmer gefunden;
aber das verklärte Bild des verlornen Geliebten wohnte noch immer tief verborgen
in ihrem Herzen, von ewigem Jugendglanz umflossen, wie das Bild eines Heiligen
in einem dunkeln Grabmal, das eine nie erlöschende Lampe erleuchtet.
    Uebrigens war Auguste weder fröhlich noch traurig, nur freundlich und still.
Die Wenigen, welche sie kannten, ahneten nicht die ganze Freudenlosigkeit ihres
Daseins, aber alle bewunderten ihre Anmut, ihr anspruchloses Wesen, und priesen
die unerschöpfliche Langmut und engelgleiche Gelassenheit, mit denen sie den
wunderlichsten, unerträglichsten Launen ihrer Tante gefällig entgegen kam.
    Letztere war eine jener scheinheiligen alten Betschwestern, die unter dem
Mantel der Frömmelei die abschreckendsten Eigenschaften zu verdecken suchen, und
mit dem glattesten, herzlosesten Egoism die ganze Welt nur einzig zu ihrer
Bequemlichkeit erschaffen glauben. In der schriftlich an sie gerichteten
Bewerbung des Baron Aarheim um Augustens Hand, sah sie nur den Finger Gottes,
der sie von einer ihr lästigen Hausgenossin befreien wollte, und verkündete
daher schonungslos ihrer Nichte das ihr unverdienter Weise zugefallne grosse
Glück; dabei ermangelte sie nicht, dieses einzig ihrem eifrigen Gebet für
Augustens Wohlfahrt zuzuschreiben. Dieser ihr Leben war jetzt mehr als je ganz
nach Innen gekehrt, die Aussenwelt kümmerte sie wenig, weniger noch ihr eignes
Schicksal; an Glück auf der Erde zu glauben hatte sie längst verlernt, und all
ihr Hoffen ging weit über dieses Prüfungsleben hinaus. Daher fügte sie sich ohne
Widerstreben dem deutlich ausgesprochnen Willen der Tante, wie sie sich früher
dem ihres Vaters gefügt hatte. Mit ruhiger Fassung reichte sie dem Baron die
Hand, als er sie heimzuführen kam. Sie war es sich bei diesem Schritte deutlich
bewusst, dass sie nur ein unerfreuliches Dasein mit einem ähnlichen, vielleicht
noch unerfreulicherem vertauschte, aber sie folgte willenlos dem Winke des
Schicksals.
    Fest entschlossen, durch Treue, Sorgfalt und jede Aufopferung, dem Manne,
der sie gewählt hatte, alles zu werden, was sie ihm zu werden vermochte, und bei
allen ihren Handlungen einzig sein Glück zu bezwecken, betrat sie die dunkle
Schwelle vom Schloss Aarheim. Und doch fühlte sich Auguste unendlich glücklicher
wie sie es je zu träumen gewagt hatte, als sie nach Jahresfrist Gabrielens
Mutter ward. Nun hatte sie ein lebendes Wesen, das sie umfassen und beglücken
konnte, mit all der bis jetzt tiefverborgnen Liebe, die der Grundton ihres
Daseins war. Sie lebte nun nicht mehr ohne Plan und Zweck in dieser Welt, sie
wusste jetzt, für wen sie lebte, und trug nicht mehr bloss ergeben sondern freudig
alle andere Zumutungen des ihr im übrigen noch immer nicht freundlicher
gewordnen Geschicks.
    Gabriele ward beim Eintritt in das Leben vom Vater nicht freundlich
willkommen geheissen. Er hatte auf einen Erben seines alten Namens und seines
Stammgutes gehofft, und suchte nicht den Unmut über die getäuschte Erwartung
seiner Gemahlin schonend zu verhehlen. Jahre vergingen, Gabriele blieb das
einzige Kind, und der Vater blickte nie mit Liebe, oft mit verbissnem Zorn auf
sie herab.
    Augustens unaussprechliche Milde, ihre unermüdete, allen Wünschen des Barons
zuvorkommende Sorgfalt für ihn, siegten doch endlich einigermassen über sein von
der Welt verwahrlosetes Gemüt. Ihm war jetzt zu wohl in seinem Hause geworden,
als dass er die Urheberin dieses ihm bis jetzt unbekannt gebliebnen behaglichen
Zustandes nicht hätte von den übrigen Menschen unterscheiden sollen. Zwar blieb
er hart und kalt im Leben wie zuvor, aber er duldete Augustens stilles Walten,
in seinem Schloss sowohl als auf seinem Gute, und liess ihr schweigend die
Freiheit, das Schicksal seiner Untertanen auf manigfache Weise zu erleichtern.
Allmählig ward sein Vertrauen zu ihr immer grösser, so dass er ihr zuletzt die
ganze Verwaltung seiner Geschäfte allein übertrug, allem menschlichen Umgang,
ausser mit ihr und den ihn zunächst umgebenden Dienern, völlig entsagte und sich
auf den entferntesten Flügel des weitläuftigen Schlosses zurückzog, wo er sich
eine von allen übrigen Bewohnern desselben ganz abgesonderte Wohnung einrichten
liess.
    Eine von seinen Vorfahren vor langer Zeit gesammelte Bibliotek war in der
von ihm erwählten gänzlichen Abgeschiedenheit der einzige Zeitvertreib, welcher
sich dem Baron gewissermaassen entgegendrängte. Zuerst bewog ihn Langeweile, die
alten Bücher zu mustern und zu ordnen, aus welchen sie bestand; bald aber zog
ihn der Inhalt eines Teils derselben unwiderstehlich an. Eine sehr vollständige
grosse Sammlung alter alchymistischer Schriften, gedruckt und im Manuskript, war
ihm in die Hände gefallen; er hatte sie Anfangs nur aus blosser Neubegier
durchblättert, aber diese Blätter fingen bald an, ihn immer ernstlicher zu
beschäftigen, so dass er zuletzt mit unermüdetem Eifer sie Tag und Nacht studirte
und alles Uebrige dabei vergass, bis ihm die Möglichkeit, mit der Natur in ihrem
geheimsten Walten zu wetteifern, völlig erwiesen schien.
    Schon lange hatte er mit einem, aus gekränktem Stolz und Mitleid gemischten
bittern Gefühl auf seine Gemahlin und seine Tochter geblickt, wenn er bedachte,
dass diese nach seinem Tode Schloss Aarheim verlassen müssten, und in einer, wenn
auch nicht hülflosen, doch gegen jetzt sehr beschränkten Lage zurückbleiben
würden. Nun, da die Möglichkeit, Gold zu machen, ihm immer deutlicher, ja
zuletzt zur Gewissheit ward, regte sein alter eingeschlummerter Ehrgeiz aufs neue
die Flügel. Schon sah er im Geist Gabrielen zur reichsten Erbin von Europa
erhoben, um deren Hand einst Fürsten werben würden. Im voraus genoss er den hohen
Triumph über seine Feinde, die ihn in den Staub getreten zu haben wähnten, aus
dem er jetzt zu ihrer Beschämung glorreich empor zu steigen hoffte, und er
beschloss, sein ganzes übriges Leben an dieses grosse Ziel zu setzen, zu dessen
Erreichung ihm nichts zu kostbar schien.
    Er liess dicht neben seinem Zimmer ein eignes Laboratorium erbauen, in
welchem er sich unablässig mit alchymistischen Versuchen beschäftigte, wenn er
nicht über den Schriften brütete, die ihm jetzt als das Höchste erschienen. Den
Seinigen ward er nur bei der Mittagstafel sichtbar und sass selbst dann stumm und
in Gedanken verloren, ohne auf irgend etwas zu achten, was um ihn her geschah.
Niemand im Hause konnte den eigentlichen Zweck seines Strebens nur ahnen, denn
er arbeitete immer bei verschlossnen Türen, und nahm nur im äussersten Notfall
einen alten Diener zur Hülfe, der gar nicht wusste, was er tat, indem er seinem
Herrn bei alchymistischen Prozessen Handreichung leistete. Auguste selbst durfte
nie die Schwelle der Zimmer ihres Gemahls betreten. Sie glaubte mit allen
übrigen Hausgenossen, dass der Baron sich mit Erfindung neuer Färbestoffe
beschäftige, denn er selbst hatte auf eine geschickte Weise diese Meinung zu
veranlassen gewusst. Herzlich gern gönnte sie ihm diese harmlose Beschäftigung,
ohne weiter darüber zu grübeln, und war nur besorgt, jede Störung mit
verdoppelter Aufmerksamkeit von ihm abzuwenden.
    Auguste erfreute sich jetzt der glücklichsten Zeit ihres Lebens. Jede Stunde
des Tages durfte sie ungehindert dem Liebling ihrer Seele weihen, nie störte die
Aussenwelt sie in dieser süssen Beschäftigung, denn kein Besuch betrat jemals das
Schloss, und die alte Tante war bald nach ihrer Verheiratung gestorben.
    Die kleinen Sorgen für das Hauswesen hatte Frau Dalling anfangs redlich mit
ihr geteilt, zuletzt sie deren völlig entoben. Diese wackere, nicht
ungebildete Frau war noch vor Gabrielens Geburt in Augustens Dienste getreten
und hatte bald nicht nur Vertrauen sondern auch Achtung und Liebe ihrer
Herrschaft und der übrigen Hausgenossen sich erworben. Sogar der finstre,
strenge Gebieter Aller bemerkte ihre treuen Dienste nicht ohne Wohlgefallen.
Frau Dalling selbst hing mit der treusten Liebe an ihrer freundlichen Herrin und
dem holdseligen Kinde, und hätte im Fall der Not ihr Leben für beide willig
geopfert.
    Den schwachen Lebensfunken, mit welchem Gabriele zur Welt kam, konnte nur
Mutterliebe und die sorgsamste Pflege vor frühem, völligen Erlöschen bewahren;
sehr langsam wuchs sie kräftiger heran und ward endlich ein zwar gesundes, aber
kein blühendes Kind. Ihre ganze Erscheinung hatte etwas äterisches. Wenn das
kleine zierliche Geschöpf durch den Garten hüpfte, die vollen, goldnen Locken um
den blendend weissen Hals flogen, das dunkelbraune Auge fröhlich blitzte, und ein
blasses Rot das einer weissen Rosenknospe ähnliche Gesichtchen sanft
überhauchte; dann glich es mehr der Elfenkönigin Titania, als einem sterblichen
Wesen. So blieb Gabriele bis in ihr sechzehntes Jahr, dem Ansehen nach völlig
ein Kind. Die köstlichsten Blumen zögern ja immer am längsten, ehe sie die
schützende Knospe durchbrechen.
    Wehmütig bange sah Auguste dem Zeitpunkt entgegen, in welchem der goldne
Traum der Kindheit dem ihr vom Himmel zum Trost gesandten Engel entschweben
musste; sie suchte ihn so lange als möglich zu entfernen; aber das ohne alle
Gespielen ihres Alters, einzig bei dieser Mutter aufwachsende Mädchen reifte im
Innern weit früher heran als im Äußern.
    Augustens Natur war die reinste, alles opfernde Liebe. Schüchtern geworden
in der ihr so unfreundlichen Welt, hatte sie sich immer tief verborgen gehalten,
und nur gestrebt, alles, was sie berührte, unbemerkt zu beglücken, bis sie in
Gabrielen ein Wesen fand, bei dem es Pflicht ward, sich unverschleiert zu
zeigen. Nun ward die mütterliche Liebe in ihrem so lange verwaist gebliebenen
Gemüt zur hell lodernden Flamme der Leidenschaft. Sie zog Gabrielen mit sich in
ihre schöne innerliche Welt, dort lebten Mutter und Tochter ein, allen Uebrigen
verborgenes, engelgleiches Leben, in gegenseitigem Verstehen, wie diese Erde es
selten birgt. Vertrauen auf Gott, Mut und Ergebung zum Schutz gegen die
unvermeidlichen Stürme des Lebens wusste Auguste frühe dem jungen Herzen ihrer
Tochter einzuflössen. Gabriele lernte von ihr, stilles Dulden, bei festem
Anhalten an das Rechte, als der Frauen höchste Pflicht erkennen; aber in
wehmütig vertrauten Stunden lernte sie auch von der Mutter, dass nur in der
Brust des Weibes stille, durch sich selbst beglückte und beglückende Liebe
wohnt, die selten echte Gegenliebe findet, und ihrer auch nicht bedarf, um des
Lebens höchste, schönste Blüte zu sein.
    Fröhlich suchte Auguste nun alles wieder hervor, was sie früher im Geräusch
der ihr jetzt so fernen Welt erlernt hatte, um auch äusserlich ihren Liebling
damit zu schmücken. Sie brachte dadurch in ihre düstre Einsamkeit ein
wunderliches Feenleben voll Wechsel und Glanz, von dem, ausser der vertrauten
Frau Dalling niemand etwas ahnen konnte. In den ausländischen Sprachen, die der
Mutter während ihres langen Aufentalts in fremden Ländern so geläufig als die
eigne geworden waren, lernte Gabriele sich mit Leichtigkeit ausdrücken. Musik
und bildende Kunst blieben auch in den trübsten Tagen Augustens freundliche
Tröster; jetzt übte sie sie mit Gabrielen und fühlte die reinste entzückendste
Freude bei deren Fortschritten in beiden. Sie lehrte sie, die unsterblichen
Lieder der Dichter durch den Wohllaut der Stimme zu beleben. Uebung jeder
schönen Kunst machte aus jedem Tage ihres stillen Beisammenseins ein Fest.
Gabriele lernte sogar, von der Mutter geleitet, sich durch Blumenkränze mit
gemessnem Schritte winden, oder mit einem Shawl die reizendsten Stellungen der
Antike nachbilden. Auguste sah oft mit wonneglänzendem Auge die kleine Grazie,
das Tamburin schwingend, im leichten, südlichen Tanze auf und niederschweben;
sie gedachte dabei der trüben Tage ihrer eignen Jugend, in denen sie lächelnd,
wenn gleich mit halb gebrochnem Herzen, sich auf Befehl ihres Vaters vor
schimmernden Versammlungen so zeigen musste, und pries dankbar das Geschick ihres
glücklichen Kindes und seine ungetrübte Freude an der heitern Kunst.
    Stunden ernstern Unterrichts wechselten mit diesen, dem Schmuck des Lebens
geweihten. Auguste selbst hatte eine zu sorgfältige Erziehung genossen, als dass
sie nicht ihrer Tochter eine sehr vorzügliche Lehrerin hätte werden können. Sie
las mit ihr aufmerksam und nötigen Falls erläuternd, das Beste, was in unsrer
und in fremden Sprachen für den Unterricht der Jugend geschrieben ward; sie
führte sie früh in die Geschichte der Völker ein, aber sie öffnete ihr auch früh
das Wunderreich der Poesie; Gabrielens leicht bewegliche Fantasie versank in
seinem Zauber, und das rege Mutterherz mit ihr.
    So geschah es denn, dass Gabrielens liebliche Erscheinung allen Reiz kindlich
unbefangener Unschuld mit Kenntnissen und Talenten vereinte, welche sonst nur
durch die liberalste Erziehung reicher Eltern in grossen Städten erworben werden
können. In ihrer tiefen Einsamkeit kam ihr keine Ahnung von dem, was sie
eigentlich war; alle Mädchen ihres Alters und Standes dachte sie sich weit
unterrichteter, kunstreicher, liebenswürdiger als sich selbst, denn sie hatte
noch nie eines gesehen, und fremdes Lob noch nie ihr Ohr berührt. Selbst ihr
Vater hatte keine Ahnung von dem, was sie wusste und war; er sah sie nur bei
Tische, wo Frau und Tochter in bangem Schweigen vor ihm erstarrten, und er
selbst nur den Mund öffnete, um nach Vollziehung früherer Befehle zu fragen,
oder neue zu erteilen. Gabrielen fiel übrigens der Zwang, welchen seine
Gegenwart ihr und der Mutter auflegte, nicht im geringsten auf. Von Jugend an
dessen gewohnt, glaubte sie, es sei in allen Familien so, könne und dürfe nicht
anders sein, und Auguste hütete sich, sie in diesem Glauben irre zu machen.
    Nie hätte das Band gelöst werden sollen, das Mutter und Tochter so
beglückend vereinte, ihre Herzen hätten immer zusammen, in gleicher Bewegung
schlagen müssen, bis von Einem Grabe beide in einer Stunde aufgenommen worden
wären. Aber im Buche dort oben war es anders geschrieben. Auguste erkrankte
plötzlich und starb. Wenige Tage nur hatte das verzehrende Fieber in ihrem
Innern gewütet, der Schmerz des Todes war schonend an ihr vorüber gegangen;
aber die Krankheit zerstörte gleich anfangs ihr Bewusstsein, sie entschlief ohne
auch nur einigermassen für Gabrielens künftige Verhältnisse sorgen zu können.
Das Bild dieser Tochter am Grabe dieser Mutter verdecke ein undurchdringlicher
Schleier; wer könnte es unternehmen, solch einen Schmerz beschreiben zu wollen!
    Baron Aarheim erstarrte vor Schrecken über das so plötzlich über ihn
hereingebrochene Unheil. Geliebt hatte er Augusten nicht, denn sein
versteinertes Gemüt konnte nicht lieben; ihren vollen Wert hatte er nie klar
erkannt, nur dumpf empfunden; aber schmerzlich fühlte er die durch ihren Tod
entstandne Unbequemlichkeit, für sein Haus und sein Kind selbsteigen sorgen zu
müssen. Sobald er nur einigermassen wieder zur Besinnung kam, war er ernstlich
darauf bedacht, sich dieser Sorgen zu entledigen, um nur wieder ungestört seinen
alchymistischen Arbeiten leben zu können, von denen er sich hoffnungsreicher als
je, den glänzendsten Erfolg ganz nahe versprach. Zum erstenmale würdigte er
seine Tochter eines ernstlichen Bemerkens; ihre jugendliche Anmut gefiel ihm.
Von der seltnen Ausbildung ihres Geistes und ihrer Talente wusste und ahnete er
fortwährend nichts, sie blieben ihm verhüllt, denn früherer Gewöhnung eingedenk,
wagte es das traurige, schüchterne Mädchen kaum, in seiner Ehrfurcht gebietenden
Nähe zu atmen.
    Des Barons eifrigstes Bestreben ging jetzt dahin, Gabrielen irgendwo
unterzubringen, wo sie alles lernen sollte, was ihr seiner Meinung nach noch
fehlte. Seine Schwester, die Gräfin Rosenberg, schien ihm bei reiflichem
Nachsinnen die Einzige, an die er sich in dieser Angelegenheit wenden konnte.
Sie war mehrere Jahre jünger als er, frühe verwitwet, und lebte mit ihrer
einzigen Tochter mitten im Geräusch einer drei Tagereisen vom Schloss Aarheim
entfernten grossen Stadt, in welcher sie eines der glänzendsten Häuser bildete.
Hier sollte Gabriele für den ausgezeichneten Platz gebildet werden, auf dem sie,
wie der Vater fest glaubte, in der Welt zu glänzen bestimmt war. Seit mehr als
zwanzig Jahren ergriff der Freiherr zum erstenmal wieder die Feder, um seiner
Schwester zu schreiben. Er machte sie mit seinem Verluste bekannt, stellte ihr
die Verlegenheit vor, in der er sich wegen der Erziehung seiner einzigen Tochter
befand, und wandte alles an, um sie zu einem Besuch auf seinem einsamen Schloss
zu bewegen.
    Aurelien war diese Einladung höchst unwillkommen, ihre Mutter hingegen
ergriff sie mit einer Art von Begeisterung, die ihr sogar den Mut gab, dem
Willen ihrer Tochter für dieses Mal gerade entgegen zu handeln. Eine Wallfahrt
zum Stammhause ihrer Vorfahren, welches die Gräfin noch nie besucht hatte,
schien ihr so romantisch, sie dachte sich die dunkeln, hohen Gemächer, die
gemalten Fensterscheiben, die langen Gallerieen voll alter Bilder ihrer Ahnen so
interessant, sie freute sich so sehr auf den neuen Stoff zur geselligen
Unterhaltung, dass sie, ungeachtet aller Einwendungen Aureliens, die Reise so
viel möglich beschleunigte, und mehrere Tage früher im Schloss Aarheim eintraf
als der Baron es erwarten konnte.
    Doch kaum hatte sie einige Stunden dort verlebt, so sehnte sie sich schon
wieder recht herzlich in ihre gewohnten Umgebungen zurück. Alles, was sie sah,
machte auf sie einen weit andern Eindruck, als sie erwartet hatte. Die todte
Stille in dem grossen öden Gebäude ängstigte sie, die dunkeln winkligen Gänge und
Säle, die viele Ellen-dicken Mauern schienen sie erdrücken zu wollen, vor allen
aber erregte ihr der Anblick ihres Bruders ein nie gefühltes unüberwindliches,
Grausen. Als einen grossen stattlichen Mann hatte sie ihn zum letztenmal
erblickt, nach einer langen Reihe von Jahren sah sie ihn jetzt, wieder zum
hinfälligen, hagern Greise gealtert, und suchte vergebens in seinen von
mannigfachen Leidenschaften durchwühlten Zügen, in seinen tiefliegenden, dunkel
glühenden Augen nach einer Spur von dem, was er in frühern Tagen gewesen war.
Seine ganze Erscheinung blieb ihr nur eine stete ernste Erinnerung an die
mächtige Gewalt der Zeit, die sie so gern für immer vergessen hätte, er stand
vor ihr wie ein Gespenst, das aus einem schönen Traum sie erweckt, und seine
Gegenwart war ihr um so entsetzlicher, je mehr sie zu verbergen strebte, was sie
dabei empfand.
    Auf Aurelien, die, vier Jahre älter als Gabriele, in der höchsten Pracht
völlig erblühter Schönheit strahlte, machte der Baron freilich nicht den
Eindruck als auf ihre Mutter, dafür aber fühlte sie sich beim ersten Schritt in
das Schloss von der grässlichsten Langenweile ergriffen. Besonders aber war sie
ärgerlich über die kleine blasse Kusine, der unschuldigen Veranlassung dieser
ihr widerwärtigen Reise. Um diesem Zorn Luft zu machen, auch wohl, um sich doch
auf irgend eine Weise zu amüsiren, verfolgte sie die arme Gabriele mit tausend
lustigen Einfällen über das, was sie altmodisch-empfindsames Wesen nannte, und
spottete ganz ohne Erbarmen, wenn das arme verschüchterte Kind dadurch in
Verlegenheit geriet, und sich irgend eine kleine Unbehülflichkeit zu Schulden
kommen liess. In bessern Stunden kramte sie vor ihr alle die Künste aus, um
derentwillen man sie in der Stadt unter dem Namen einer zweiten Korinna zu
vergöttern pflegte. Gabrielens sprachloses Staunen dabei schien ihr ein grosser
Triumph, ihr ahnete nicht, dass diese nur zu begreifen suchte, wie man von
solchen Künsten so viel Wesens machen könne, die sie selbst nur gewohnt war als
Erholung von ernstern Beschäftigungen zu üben. Noch weniger fiel es ihr ein, dass
die unbedeutende Kleine in Manchem wohl nicht ohne Erfolg mit ihr zu wetteifern
fähig wäre, denn Gabriele war zu furchtsam, und auch zu bescheiden gewöhnt, um
auf die entfernteste Weise etwas davon zu äussern.
    Es bedurfte nicht Aureliens ungestümes Treiben, um die Gräfin zur
möglichsten Abkürzung eines Aufentalts zu bewegen, der ihren Erwartungen so gar
nicht entsprach, besonders da der Baron weit entfernt war, auf dessen
Verlängerung zu bestehen. Die Gräfin versprach ihrem Bruder in allgemeinen
Ausdrücken, Gabrielen bis zum Frühlinge zu sich zu nehmen, ihr den nämlichen
Unterricht zu verschaffen, den die glänzende Aurelia gehabt hatte, und sie in
die Welt einzuführen. Dies genügte ihm. Sie selbst hatte Gabrielen kaum des
Bemerkens würdig geachtet. Von ihrer sehr kleinen Gestalt, und ihrem ganzen
Ansehen getäuscht, hielt sie sie für ein kaum vierzehnjähriges Kind, und dies
musste ein jeder, der solche zum erstenmale sah, und nicht Gelegenheit hatte,
ihren weit über ihre sechzehn Jahre hinaus gebildeten Geist zu erkennen.
    Am dritten Tage nach ihrer Ankunft rollten beide Damen sehr fröhlich über
die Zugbrücke der alten Burg der Stadt wiederum zu. Gabriele atmete erleichtert
auf, indem sie ihnen nachsah, aber im nämlichen Moment traf sie wie ein
Donnerschlag aus heitrer Luft die Erklärung ihres Vaters, dass sie in acht Tagen
den Damen folgen würde, um wenigstens bis zum Frühling bei diesen zu verweilen.
Dennoch vernahm sie den Befehl, ohne eine Einwendung dagegen zu wagen, denn die
Möglichkeit, mit Blicken oder Worten dem Willen ihres Vaters zu widerstreben,
war ihr nie in ihre Seele gekommen.
    Es tat ihr sehr weh, alle liebe, gewohnte, durch die einstige Gegenwart
ihrer Mutter geheiligte Umgebungen verlassen zu müssen, besonders da sie
vernahm, dass Frau Dalling sie zwar begleiten aber gleich nach vollendeter Reise
zurückkehren würde, um wie sonst dem Haushalt ihres Vaters vorzustehen. Der
schmerz über den Tod ihrer Mutter ergriff sie mit verdoppelter Gewalt; sie
fühlte, wie trostlos sie in der Stadt unter Fremden sein würde, von denen keiner
ihre Mutter gekannt hatte. Hier im Schloss war sie es nicht, wenn sie auch
weinte; der Mutter Geist wehte noch über alles, was sie umgab, sie setzte
gleichsam unter seinem Schutz das gewohnte Dasein fort, und achtete sich nicht
durch das Grab gänzlich von ihrer Mutter geschieden. dabei fühlte sie ein
unnennbares Grauen, wenn sie sich das künftige Leben mit der Gräfin und Aurelien
lebhaft dachte, ein Gefühl, das durch die Art, wie beide sich in diesen Tagen
gegen sie benommen hatten, recht wohl zu entschuldigen war; aber sie hatte Kraft
genug ihr innres Widerstreben während der ganzen acht Tage, die sie noch im
Schloss ihres Vaters blieb, zu verbergen, und mit schweigender Ergebung allen
Anstalten zu ihrer Abreise zuzusehen. Sie gedachte dabei der Lehren und des
Beispiels ihrer Mutter, jeder Tag des Lebens der früh Verklärten war ja auch
durch alle die unzähligen, unbemerkten Opfer bezeichnet, die das Loos so vieler
Frauen sind, welche die nur nach dem Schein urteilende Welt glücklich preist.
Gabriele hatte von ihr gelernt, sie für die Bestimmung ihres ganzen Geschlechts
zu halten, aber auch das Unvermeidliche mit guter Art zu ertragen.
    Nur am Abend des letzten Tages im väterlichen Hause ward die Last des
Schmerzes und der Sorge der jungen Brust zu mächtig und zwang ihr laute Klagen
ab. Zum letztenmal sass sie mit ihrer lieben Frau Dalling in dem vertrauten
Zimmer, wo sie gewohnt hatte, seit sie geboren war; sie hatte an diesem Tage
alle ihre lieben Plätze in Garten und Wald noch einmal einsam besucht, hatte im
Zimmer, welches sonst ihre Mutter bewohnte, und am stillen Grabe, in welchem
diese jetzt ruhte, zu ihr wie zu einer Heiligen gebetet; auch ihr Vater hatte
ihr schon Lebewohl gesagt, und seine ihr ganz ungewohnte Freundlichkeit beim
Abschied war ihr tief ins Herz gedrungen. Allen Bedienten im Schloss, unter deren
Augen sie aufgewachsen war, hatte sie freundlich die Hand gereicht, sie zum
letztenmal durch kleine Gaben erfreut und betrübt, und ihrer Sorgfalt die
einzigen Spielgefährten ihrer Kindheit aufs dringendste empfohlen. Dieses waren
schöne Blumen, ihre lieben Zöglinge, und viele freundliche zahme Tiere, welche
sich jeden Morgen in buntem Gewühl um sie drängten. Jetzt ward ihr zu Mute, als
wäre sie von ihrem ganzen Jugendleben geschieden, und mit einem Strom heisser,
langverhaltner Tränen warf sie sich in die treuen Arme der Pflegerin ihrer
Kindheit, von der sie auch in wenigen Tagen sich trennen sollte.
    Frau Dalling stellte vergebens dem weinenden Mädchen vor, dass Tausende an
seiner Stelle sich überglücklich fühlen würden, wenn sie das öde Schloss mit dem
glänzenden Hause der Gräfin Rosenberg vertauschen sollten. Gabriele aber hatte
keinen Sinn für die Freuden, die dort sie erwarten mochten. Wie die Tante und
Aurelien, so dachte sie sich die Welt, in welcher sie künftig leben sollte. Aus
deren Benehmen gegen sie schloss sie auf den Empfang, welcher sie in der
Gesellschaft erwartete. Uebersehen oder verspottet zu werden, ist eine gar zu
traurige Alternative für ein junges, an Liebe gewöhntes Wesen, und etwas anders
glaubte sie nicht hoffen zu dürfen. Auch der Trost, dass der Frühling sie wieder
in ihre Heimat zurückführen würde, machte keinen Eindruck auf das tiefbetrübte
Kind. Die Bäume begannen eben erst, sich herbstlich zu färben, acht Monate
mussten wenigstens vergehen, ehe sie wieder im Blütenschmuck prangten. Im
reifern Alter reihen sich die Tage sehr schnell zu Wochen und Monden, sie werden
zu Jahren, ehe wir uns dessen versehen, aber im sechzehnten Jahre dünken uns
acht Monate eine so unabsehbare Zukunft, dass Gabriele sie kaum zu erleben
glaubte.
    Mit wahrer Freude sah Baron Aarheim am folgenden Morgen den Wagen in aller
Frühe nach der Schlossbrücke fahren, in welchem die trauernde Gabriele neben
ihrer Dalling sass. Er atmete dabei hoch auf, als sei er einer schweren Sorge
entledigt, und verschloss sich sorgsamer und eifriger als je bei seinem Forschen
nach den dunkeln Geheimnissen der Natur, fest bestimmt, durch keine andern
Geschäfte sich davon abhalten zu lassen. Frau Dalling hatte im Lauf von mehr als
sechzehn Jahren sich zu treu bewiesen, als dass er ihr nicht bei ihrer baldigen
Rückkehr die Besorgung seiner häuslichen Angelegenheiten ohne Bedenken hätte
überlassen sollen; übrigens bekümmerte ihn die Verwaltung seines Gutes jetzt
sehr wenig, da er in kurzem der Besitzer unermesslichen Reichtums zu werden
gedachte.
    Zum erstenmal überschritt jetzt Gabriele die enge Gränze des kleinen Gebiets
ihres Vaters, denn Auguste hatte auch hierin seinen deutlich ausgesprochnen
Willen geehrt, und war mit ihrer Tochter gern in den Schranken geblieben, welche
er ihr zu setzen für gut hielt. Als Gabriele die letzten bekannten Bäume und
Hütten hinter sich gelassen hatte, kam ihr alles unheimlich und unabsehbar gross
vor, was sie erblickte. Das Rasseln der Räder ihres Wagens durch die engen,
schmutzigen Strassen des ersten kleinen Städtchens erschreckte und beängstigte
sie; die Leute, denen sie darin begegnete, erregten ihr Grauen, denn sie grüsste
sie freundlich, wie sie es gewohnt war, und sie starrten sie verwundert an, ohne
ihren Gruss zu erwiedern. Endlich mochte sie gar nichts mehr sehen, schloss die
Jalusieen des Wagens, wickelte sich in ihren Schleier und sass lange in
schweigendem Sinnen verloren, bis Frau Dalling dem Wunsch nicht mehr widerstehen
konnte, durch liebkosende Fragen ihre junge Reisegefährtin aus ihren Träumereien
zu erwecken.
    Sei ruhig, gute Dalling, entgegnete ihr Gabriele, ich dachte jetzt an meine
Mutter, und überlegte was ich tun muss, um zu sein, wie sie es wünschen würde.
Der Zeitpunkt ist sehr früh gekommen, den sie mir so oft mit schmerzlichem
Vorgefühl andeutete; ich trete jetzt in die fremde Welt, und ohne sie. Aber sie
soll mir nicht gestorben sein, ich will wie unter ihren Augen mein Leben
fortsetzen, denn hier in meiner Brust fühle ich zu deutlich alles, was sie mir
raten würde, und die fremden Leute sollen mich nicht darin stören. Finde ich
ein Wesen, das ich lieben könnte, so will ich lieben, auch wenn man mich nicht
bemerkt, und ich werde glücklich sein, denn wer liebt, ist glücklich; alles
andre was kommen kann, werde ich gefasst zu ertragen streben, wie meine Mutter
auch tat; darum, liebe Dalling, gräme dich nicht um mich, auch wenn du mich in
wenigen Tagen verlassen musst; freilich tut mir noch das Herz sehr weh, aber
alles soll dennoch gut werden.
    Von diesem Moment an ward Gabriele augenscheinlich heiterer, Frau Dalling
sah mit einiger Freude, wie das junge Kind gegen seine vorige Trostlosigkeit
ankämpfte, selbst gegen das Bangen vor dem ersten Eintritt in das gefürchtete
Haus der Tante und in neue unbekannte Verhältnisse. Sie ist ganz wie die Mutter,
dachte die gute Frau, aber doch auch ein wenig wie der Vater.
Am Abend des zweiten Tages der Reise langten unsre Wandrer ziemlich früh in dem
ihnen vom Baron bestimmten Nachtquartiere an; es war das letzte unterwegs, denn
sie gedachten, am folgenden Tage noch bei guter Zeit den Ort ihrer Bestimmung zu
erreichen. Der Wagen hielt vor der Türe eines grossen ansehnlichen Gastofes,
mitten auf dem gewühlvollen Marktplatz der ersten bedeutenden Stadt, welche
Gabriele sah. Viele Fremde füllten die Fenster des Hauses und betrachteten mit
und ohne Brille neugierig die Aussteigenden. Diesen kam der auf ihre Ankunft
vorbereitete sehr elegante Gastwirt höflich entgegen. Alles war Gabrielen neu
und beängstigte sie nicht wenig, sie eilte durch die Schaar der zu ihrem Empfang
geschäftig hin und her laufenden Aufwärter, und war herzlich froh, so schnell
als möglich in das für sie bereitete Zimmer flüchten zu können. Dort fühlte sie
sich vor allen den vielen Augen gerettet und blickte mit Wohlgefallen aus dem
Fenster auf das ihr ganz neue Schauspiel der Kutschen und geputzten Leute, die
dem nahen Teater zuwogten.
    Lautes Lachen dicht unter ihrem Fenster machte sie aufmerksam; sie sah eine
Menge Zuschauer um einen sehr schönen Reisewagen vor der Türe des Gastofes
versammelt, aus welchem eben zu Gabrielens Verwunderung ein altes Mütterchen in
der ärmlichsten Bauerntracht, gebückt und mühsam heraus kletterte. Ein junger
Mann von vornehmem Ansehen unterstützte sie mit seinem Bedienten und geleitete
sie mit grosser Sorgfalt in das Haus, ohne sich durch die lauten Anmerkungen der
Umstehenden im mindesten dabei stören zu lassen.
    Da hat uns der Herr Graf einen angenehmen Gast mitgebracht, Herr Lorenz!
hörte Gabriele den Kellner zu dem eben wieder hinaustretenden Kammerdiener des
Fremden sagen, die Alte sieht ja aus, als wäre ihr die Ofengabel unterwegs scheu
geworden und habe sie abgeworfen. Viel anders wird es auch wohl nicht sein,
erwiederte Herr Lorenz sehr vedriesslich, wir fanden sie im Chaussee-Graben, und
denken sie nur, fuhr er fort, ich musste wegen des hässlichen Ungetüms aus dem
Wagen und auf den Kutschbock neben den Jäger mich setzen. Unerhört! rief der
Kellner, mit allen Zeichen des höchsten Erstaunens. Ach was unerhört! antwortete
Herr Lorenz noch verdriesslicher, mein Herr macht mir alle Tage ähnliche Streiche,
und am Ende fällt der Schimpf immer auf mich, wenn wir so wie heute vor den
Leuten zum Spektakel werden, denn ihm ist das einerlei. Hören Sie, lieber Herr
Lorenz, sprach beschwichtigend der eben hinaustretende Wirt, das verstehen Sie
nur nicht recht, der Herr Graf machen den Spleen mit, das ist jetzt unter den
jungen Herrn eine ganz neue Mode aus England.
    Gabriele mochte nichts weiter hören, sie wandte sich vom Fenster, konnte
aber das kleine Abenteuer den ganzen übrigen Abend nicht vergessen. Der Wunsch,
von der wunderlichen Reisegesellschaft mehr zu erfahren, überwand zuletzt die
Furcht, in dem fremden Hause allein im Zimmer zu bleiben, und Frau Dalling musste
sich entschliessen, ihrem Bitten nachzugeben und auf Erkundigung hinunter zu
gehen. Der Name des Fremden war der Wirtin unbekannt, obgleich er schon
einigemal ihr Haus besucht hatte. Uebrigens hörte Frau Dalling erzählen, dass der
Fremde wirklich die arme Frau unterwegs halb ohnmächtig im Chausseegraben
liegend gefunden und sie zu sich in den Wagen genommen habe, weil sie nicht
weiter gehen konnte, und sich auf dem hohen Kutschersitz nicht festzuhalten
vermochte. Die gute Alte war vor wenigen Wochen durch den Tod ihrer Tochter
ihrer einzigen Stütze beraubt, und wollte jetzt nach Böhmen zu ihrem dort
ansässigen Sohne. Mühselig hatte sie sich viele lange Tage auf dem Wege dahin
fortgeschleppt, bis sie vor Ermattung nicht weiter konnte, und ohne den Beistand
des Fremden wäre ihr wahrscheinlich in der kalten Herbstnacht der Tod geworden.
Jetzt war ihr geholfen, der Fremde hatte nicht nur für ihre augenblickliche
Erquickung gesorgt, sondern sie auch so reichlich beschenkt, dass sie den Rest
des Weges fahren konnte, ohne deshalb mit ganz leeren Händen bei ihrem Sohne
anzulangen.
    Die halbe Nacht hindurch musste Gabriele an den Unbekannten und seine
menschenfreundliche Handlung denken, sie träumte sogar von nichts Anderem. Nicht
die Tat selbst war es, was sie in Bewunderung versetzte, diese kam ihr gar
nicht ausserordentlich vor, denn oft hatte sie ihre Mutter Aehnliches üben
gesehen, wohl aber, dass ein Mann solchen zarten Mitleids, solcher tätigen
Teilnahme an fremden Leiden fähig sei. Dieses feinere Gefühl hatte sie bis
jetzt einzig für das Eigentum der Frauen gehalten; sie kannte keinen Mann ausser
ihrem Vater, dessen in Erbitterung erstarrtes Gemüt bei jedem ähnlichen Anlasse
nur zu deutlich sich aussprach. Mehr oder weniger ihm ähnlich dachte sie sich
fast alle Männer im wirklichen Leben, und Auguste hatte absichtlich diese
Meinung unangefochten gelassen.
    Kein Wunder war es demnach, dass der Unbekannte Gabrielen wie eine seltene
Erscheinung aus einer andern Welt vorschwebte. Gern hätte sie wenigstens die
Züge seines Gesichts deutlich gesehen; obgleich sie aber am andern Morgen weit
früher als Frau Dalling erwachte und vom Geräusch Abreisender sich an das
Fenster locken liess, so sah sie doch nur seine Gestalt, als er in den Wagen
stieg, und hörte seine Stimme, indem er der alten Frau noch einige freundliche
Abschiedsworte zurief. Etwas ungeduldiger als gewöhnlich fing Gabriele nun an,
ihre eigene Abreise zu betreiben, im Wagen beschäftigte sie nur der Unbekannte,
sie bildete sich tausend Möglichkeiten, ihn im Hause der Tante anzutreffen, sie
dachte sich allerlei Verhältnisse, in welche sie mit ihm geraten könnte, und
sprach so lange mit ihrer Reisegefährtin von nichts Anderem, bis sie selbst über
ihre kindische Einbildung lächelnd ausrief: Was denke ich weiter an ihn, er ist
jetzt fern von hier und ich sehe ihn in meinem Leben nicht wieder. Aber in ihrem
Herzen behauptete eine dem Wunsch sehr gleichende Ahnung das Gegenteil, und
diese traf früher ein, als sie hoffen konnte, denn der Fremde war Ottokar.
Ein ungeheures Lärmen im Hause erweckte Gabrielen am ersten Morgen in ihrem
neuen Aufentalt. Türen wurden auf- und zugeschlagen, Treppen und Vorsäle
dröhnten von den Tritten der hin und her laufenden Bedienten und Handwerker, es
war ein Hämmern, ein Fluchen, ein Rufen und Schelten, als sei eine feindliche
Armee eingerückt und das Haus dem Abendfeste zu Ehren in völligem Aufruhr.
    Gabriele schmiegte sich vor dem ungewohnten Getöse wie ein schüchternes
Vögelchen in eine Ecke, bis die Stunde schlug, in der sie der Tante ihren
Morgenbesuch abstatten musste. Mit Erstaunen begegnete sie auf der Treppe dem
wohlbekannten Herrn Lorenz, schwer belastet mit einem Korbe voll der
auserlesensten Blumen. Seine Erscheinung freute sie, als ein Beweis, dass sie
nicht irrte, indem sie in Ottokarn den Unbekannten aus dem Gastofe wieder zu
finden glaubte. Aber als sie weiterhin ihn selbst durch die halb geöffnete Türe
eines Zimmers erblickte, und dadurch die Gewissheit erhielt, mit ihm in Einem
Hause zu leben, ihn alle Tage zu sehen und zu hören, da bemächtigte sich ihrer
ein freudig-ängstliches Gefühl. Es war ein Glück für sie, dass die Gräfin, zu
beschäftigt mit Anordnungen für den Abend, Gabrielens Eintritt kaum bemerkte und
noch weniger ihr höchst befangnes Wesen. Kurz, aber freundlich entliess die Tante
sie gleich in der ersten Minute, und gab ihr nur noch die Weisung mit auf den
Weg, sich zu Aurelien zu begeben, die sie in ihrem Zimmer finden würde, umringt
von Freundinnen, welche heut mit einander in Geschenken zu ihrem zwanzigsten
Geburtstage wetteiferten.
    Den Geburtstag hatte die arme Gabriele ganz vergessen, und ein Geschenk für
die gefürchtete Kusine setzte sie in die höchste Verlegenheit. Sie eilte zurück
in ihr Zimmer, ergriff ohne grosse Wahl eine ihrer besten Zeichnungen und betrat
damit atemlos die Schwelle des zierlichen Zimmers, in welchem Aurelia in
frischer, einfacher Morgentracht, schön wie der junge Tag, vor einem grossen
Tische stand, auf dem alles ausgebreitet lag was die Mode in unsern Tagen
köstliches und elegantes zum Schmuck der Jugend erfand. Eine Schaar junger
Mädchen half ihr alle die Geschenke bewundern, mustern und ordnen, mitten unter
ihnen stand Ottokar mit sichtbarer Freude an dem jugendlichen Wesen und Treiben.
Die seltensten, schönsten Blumen aller Jahreszeiten und Zonen blüheten und
dufteten an Wänden und Fenstern. Gabriele erkannte die Blüten auf den ersten
Blick für die nehmlichen, welche Lorenz vorhin an ihr vorüber trug.
    Da kommt unser kleiner Eigensinn von gestern Abend, rief Aurelie, als sie
Gabrielen erblickte, und trat freundlich der Verlegnen entgegen, die es kaum
wagen mochte, ihr bescheidnes Geschenk neben allen jenen Herrlichkeiten zu
zeigen. Das ist ja leibhaftig die Gespensterburg deines Vaters, fuhr Aurelia
fort, indem sie die Zeichnung besah; so nimmt sie sich vortrefflich aus, aber
behüte mich der Himmel davor, sie in der Wirklichkeit wieder zu sehen! Gemalt
sind die alten Schlösser ganz allerliebst; auch auf dem Teater oder in Romanen
mag ich sie wohl leiden, besonders wenn ganz erschrecklich wundersame
Begebenheiten sich darin zutragen, aber sitzt man selbst in solch einem alten
Neste und lebt so allein fort, ohne etwas zu erleben, dann täte man besser, vor
Graun und Langeweile zu sterben. Ich wundre mich wirklich, dass ich während der
zwei Tage im Schloss Aarheim noch mit dem Leben davon kam. Es ist eine betrübte
Existenz; danke Gott, liebes Kind, dass du ihr entronnen und bei uns bist, du
wärst dort auch so eine Art von Käuzlein in den krausen alten Türmen geworden;
Anlagen hast du dazu, sprach sie lächelnd, indem sie Gabrielen umarmte und sie
dann allen ihren gegenwärtigen Freundinnen der Reihe nach vorstellte.
    Die Menge der Namen rauschte an Gabrielens Ohr vorüber, ohne dass sie einen
zu fassen vermochte, nur fiel es ihr auf, dass auch die Gräfin Eugenia sich unter
den Glück wünschenden Freundinnen befand. Diese hier zu sehen, hätte sie nach
der Scene des gestrigen Abends nicht erwartet, noch weniger in so anscheinend
vertrautem Verhältnis mit Aurelien. Alle die jungen Damen waren gegen Gabrielen
sehr zuvorkommend freundlich; aber diese blieb verlegen, sie hasste sich selbst
in diesem Moment wegen ihrer Unbehülflichkeit, die sie doch nicht abzuwerfen
vermochte. Ihre Bänglichkeit stieg mit jeder Minute, denn sie sah, dass Ottokar
ihre Zeichnung aufmerksam betrachtete; und als er nun vollends die geistreich
kühne und dennoch vollendete Ausführung derselben lobte, und sich mit der Frage
nach dem Namen des Künstlers an sie wendete, da konnte Gabriele vor gewaltigem
Herzklopfen kaum ihre eigne Antwort hören, dass sie selbst unter Anleitung ihrer
Mutter sie gezeichnet habe. Er sprach noch einige lobende Worte und verliess bald
darauf die Gesellschaft.
    Gabriele langte bei ihrer Dalling mit dem Gefühl an, als sei eine höchst
wichtige Begebenheit vorgefallen, etwas ganz Unerhörtes geschehen, das sie der
Einzigen kund tun müsse, die noch in der Welt Teil an ihrem Schicksal nahm;
und dennoch wusste sie nichts zu sagen, was sich nicht in der Erzählung höchst
gewöhnlich ausgenommen hätte. Eine nie gefühlte Unruhe trieb sie rastlos umher.
Wenn sie ihres ungeschickten Benehmens gegen Aureliens Freundinnen gedachte,
wenn sie sich errinnerte, wie jene von ihrem Äußern und ihrem Betragen irre
geführt, sie wie ein Kind behandelt hatten, dem man freundlich tut, damit es
nur nicht weine; dann verging sie fast in der fürchterlichen Qual, sich ihrer
selbst zu schämen, denn sie konnte es sich nicht verhehlen, dass sie
grösstenteils durch eigne Schuld in diesem Lichte erschienen war. Ottokars Lob
ihrer Zeichnung vermochte nicht, sie zu trösten, sie glaubte eine Spur
ungläubigen Lächelns an ihm bemerkt zu haben, da sie sich selbst nannte, als er
nach dem Namen des Künstlers gefragt hatte, und dies kränkte sie noch tiefer als
alles übrige. Frau Dalling selbst war in diesem Moment über die auf den
folgenden Morgen bestimmte Trennung von dem Liebling ihres Herzens zu betrübt,
als dass sie fähig gewesen wäre, Gabrielen Trost und Mut einzusprechen, sie
verstand sogar den Kummer und das beklommne, unruhige Wesen derselben nicht,
sondern schrieb alles dem Gefühl zu, von dem sie selbst niedergebeugt ward. Und
so wusste die gute Frau nichts bessres zu tun, als Gabrielen recht mütterlich in
ihre Arme zu schliessen und herzlich mit ihr zu weinen, da diese, von innerm Weh
überwunden, zuletzt in heisse, bittre Tränen ausbrach.
    Gabriele errang auch diesmal ihre gewohnte Fassung zuerst wieder. »Ich will
nicht mehr weinen,« sprach sie, trocknete ihre Augen und richtete sich hoch auf.
»Lass mich jetzt von dir Abschied nehmen, liebe Dalling,« setzte sie hinzu,
»jetzt in dieser ruhigen Stunde, nicht heute Abend, wenn ich erschöpft aus der
Gesellschaft komme, nicht morgen früh im Geräusch des Einpackens und der
Abreise. Du gehst mit Tagesanbruch von mir, geleite dich Gott, du meine einzige
Freundin in dieser Welt, grüsse meine Berge, meine Bäume, meine Blumen; ich war
unter ihnen sehr glücklich, aber auch hier werde ich nicht unglücklich sein, der
Gedanke an meine Mutter wird mich vor Unrecht behüten, und alles andre ist zu
ertragen. Noch bin ich hier fremd, noch ist mir alles ungewohnt, und der Abstand
zwischen jetzt und ehemals ist sehr gross; aber ich werde mich eingewöhnen und
lernen, was mir noch fehlt, um in diesen neuen Verhältnissen mich zurecht zu
finden. Mein Vater schickte mich her, um mich für die Welt zu bilden; sage ihm,
dass ich ihm gehorsam sein und alles tun werde, seinen Wunsch zu erfüllen so
viel ich es vermag. Und nun nimm meinen Dank für deine unaussprechliche Liebe
und Treue. Sehnen werde ich mich immer nach dir, aber glaube nur, ich weiss es,
ich finde auch hier ein Wesen, das ich lieben kann, und bin dann glücklich; lass
dies nochmals dir zum Troste gesagt sein, wenn du im Schloss Aarheim sorgend
meiner gedenkst.«
Bei aller ihrer mühsam errungnen Fassung sah Gabriele dennoch mit Zittern der
Stunde entgegen, in welcher sie sich am Abend zur Gesellschaft begeben musste;
sie fürchtete neue Verlegenheiten, neue Demütigungen, ohnerachtet sie sich fest
vorgenommen hatte, ihre scheue Blödigkeit so viel möglich zu besiegen. Kein
Zureden Aureliens und ihrer Kammerjungfern, sogar nicht das Zürnen der Tante
hatten sie bewegen können, in ihrer, die tiefste Trauer bezeichnenden Kleidung
etwas abzuändern. Selbst dem Bitten ihrer lieben Frau Dalling hatte sie
widerstanden, die durch die Wichtigkeit, welche man der Sache gab, in ihrer
eignen Ansicht wankend geworden war. »So geh denn, eigensinniges Kind!«
entschied endlich die Tante, des Streitens müde, »geh wie du willst und verdanke
dir es selbst, wenn du ausgelacht wirst.«
    Die vielen Lichter, die emsig hin und her laufenden Diener, die glänzende
Versammlung in der langen Reihe prächtig dekorirter Zimmer erregten in Gabrielen
jene Art Bangigkeit, welche wohl einen Jeden beim ersten Eintritt in die Welt
ergreift, der auch nicht so klösterlich aufwuchs wie sie. Giebt es doch viele in
der Gesellschaft, denen dies Gefühl zeitlebens bleibt, selbst aus den höhern
Ständen, die für abstossend stolz gelten, während sie nur verlegen sind. Wenige
von den Gegenwärtigen bemerkten Gabrielens Eintritt in den Saal, aber diese
Wenigen staunten beim Anblick des bleichen, der Kindheit kaum entwachsenen
Mädchens im langen schwarzwollnen Trauerkleide, dem tief hinunter wallenden
Kreppschleier, mit der breiten, die Stirne bedeckenden Schneppe, unter der sich
nur einige ihrer wie Gold glänzenden reichen Locken hervordrängten. Der Tante
Prophezeihung ward nicht erfüllt, niemanden fiel es ein, zu lachen, aber
jedermann wich ihr mit einer Art Aengstlichkeit aus, denn diese dunkle
Erscheinung mitten im festlichen Glanze hatte wirklich etwas Geisterartiges.
Vergebens blickte Gabriele um sich her und suchte in dem Gewühl, ein bekanntes
Gesicht heraus zu finden, sie erblickte keines; selbst die Gräfin und Aurelia
waren nicht gegenwärtig, der Anzug für die Tableaus hielt sie entfernt. Eine
schöne Frau mittleren Alters vertrat die Stelle der Frau vom Hause beim Empfang
der Gesellschaft. Gabriele fühlte sich mächtig von ihr angezogen, sie glaubte,
in ihr eine entfernte Aehnlichkeit mit ihrer Mutter zu finden und konnte kaum
den Blick von ihr wenden, aber sie kannte sie nicht und wagte es daher auch
nicht, sich ihr zu nähern.
    So stand Gabriele lange ganz allein, sah, wie überall Gruppen von Bekannten
sich bildeten, wie einzelne Paare einander aufsuchten und sich im eifrigen
Gespräch von den übrigen absonderten. Niemand suchte sie, niemand hatte ihr
etwas freundliches zu sagen, sie war und blieb einsam mitten in der grossen
Versammlung und ward darüber recht innerlich betrübt. Der Gedanke, wie sie
eigentlich eben so verlassen in der ganzen Welt dastehe als hier in der
Gesellschaft, fiel mit lastender Schwere auf ihr nach Liebe sich sehnendes
Gemüt. Schon war sie im Begriff, sich von alle den Glücklichern zurückzuziehn
und in ihr einsames Zimmer zu schleichen, als sie ihre Hand ergriffen fühlte. Es
war der freundliche ältliche Mann, dessen unerwartete Anrede sie am vergangnen
Abende so erschreckt hatte, und der ihr jetzt den Arm bot, um sie im Gefolge der
übrigen Gesellschaft in das zu den Tableaus bestimmte Zimmer zu führen.
    Eine von Haydns herrlichsten Symphonieen verkündete dort das nahe
Aufrauschen des die Darstellung noch verhüllenden Vorhangs. Nie zuvor hatte
Gabriele den Einklang vieler Instrumente zugleich gehört, er ergriff sie mit
seinem allgewaltigen Zauber, vor welchem alles Beengende von ihr abzufallen
schien. Die Töne trugen sie weit weg auf unsichtbaren Flügeln in ihr magisches
Reich, sie sprachen mit ihr von ihrer Vergangenheit, von allem, was ehemals sie
beglückt hatte, und hauchten ihr neue Freude am Leben und frischen Jugendmut
ein. Die Dämmrung in dem nur durch die Lichter der Nebenzimmer
schwacherleuchteten Saal erlaubte es ihr, ungehindert sich ihrem Gefühl zu
überlassen; ihr Führer war neben ihrem Sitz stehen geblieben; mit dankbarem
Vertrauen blickte sie zu ihm auf und entdeckte im nehmlichen Moment dicht neben
ihm Ottokars hohe Gestalt, der sie begrüssend sich gegen sie verbeugte.
    Ein Gruss im gewöhnlichen Gange des Lebens ist gar wenig, aber unendlich viel
für den, der vereinzelt in einer grossen Gesellschaft, mit dem Gefühl der
Verlassenheit dasteht; dies Zeichen des Bemerktwerdens, gerade von ihm, gab
Gabrielen ein so tröstendes Selbstbewusstsein, dass sie dadurch beruhigt, in den
Stand gesetzt ward, sich des eben beginnenden Schauspiels wirklich teilnehmend
zu erfreuen.
    Tante Kleopatra nahm sich auf ihrem königlichen Tron zum Bewundern gut aus.
Mit aller ersinnlichen Grazie hielt sie die reiche Perle über den Becher, und
hatte keine Ahnung von den Anmerkungen, die links und rechts unter den
Zuschauern hingeflüstert wurden. Dreimal senkte sich der Vorhang, dreimal musste
er auf lautes Bitten der Anwesenden sich wieder heben, die alle behaupteten, des
herrlichen Anblicks gar nicht müde werden zu können.
    Am entzücktesten stellte sich die Gräfin Eugenia, ihr Beifall war der
rauschendste und kannte weder Maass noch Ziel, während sie zu gleicher Zeit
tausend witzigboshafte Einfälle über die herbstliche Kleopatra und ihren das
Schmuckkästchen tragenden Edelknaben den jungen Herren zuflüsterte, die dicht
zusammengedrängt hinter ihrem Stuhle standen, ihr aufs kräftigste applaudiren
halfen, und dabei jedes ihrer Worte mit allen Zeichen des Beifalls von ihren
Lippen gierig auffingen. Sie sass so nahe bei der von ihr ganz übersehenen
Gabriele, dass diese keine Sylbe von dem, was sie sprach, verlieren konnte; auch
manches andre spottende Wort einiger der übrigen Anwesenden traf deren Ohr und
kontrastirte so sehr mit der, von allen laut ausgesprochnen Bewunderung, dass
Gabriele ein innres Grausen über die Falschheit der Menschen empfand, unter
denen sie leben sollte. Ihr war zu Mute, als sei sie unter gespenstische Larven
gefallen, die im nächsten Moment sich umwandeln und in eigentümlicher,
fürchterlicher Gestalt dastehen müssten. Wie nach Rettung sah sie ängstlich um
sich her.
    »Sein sie ruhig, liebes Fräulein!« flüsterte eine leise Stimme ihr zu,« auch
ich sehe und höre, was Sie empört, aber es ist nicht so böse, als Sie in ihrer
Unschuld es glauben.« Verwundert blickte Gabriele auf und sah ihren Führer, der
noch immer neben ihr stand. Seine Gegenwart erschien ihr in diesem Moment wie
ein Trost vom Himmel. »Die Welt,« fuhr der freundliche Mann mit mildem Lächeln
fort, indem er zu ihr sich hinabbeugte, »die Welt ist leider lange nicht so gut,
als Sie in ihrer Unerfahrenheit es vielleicht noch vor acht Tagen glaubten, aber
auch wahrlich lange nicht so arg, als sie jetzt Ihnen vorkommen muss. Diese
kleinen Bosheiten, vor denen Sie sich in diesem Augenblick mit Recht entsetzen,
werden Ihnen in kurzem ziemlich harmlos scheinen, wenn Sie diese Menschen und
ihr wahres Meinen erst näher kennen, denn in der Tat diese Einfälle haben
keinen Zweck und erreichen auch keinen, wie den, für den Moment als witzig
bewundert zu werden. Sie werden sich daran gewöhnen und sie endlich ganz
gleichgültig betrachten.« »Nie! nie!« rief Gabriele so laut, dass sie selbst
darüber erschrak, besonders da sie gewahr ward, dass der noch immer in ihrer Nähe
sich befindende Ottokar dadurch aufmerksam auf ihr Gespräch gemacht ward.
»Gewiss!« erwiederte ihr Führer leise und beschwichtigend, indem er zugleich auf
den sich wieder hebenden Vorhang hinwies.
    Mehrere Tableaus folgten dem der Kleopatra, alle wurden laut gepriesen und
leise bekrittelt, bis ganz zuletzt Aurelia in wahrhaft himmlischer Glorie als
Raphaels Jardiniere erschien. Die Kinder standen so anmutig da, sie selbst war
in dieser Stellung mit gesenktem Auge so hinreissend schön, dass sogar der Neid
verstummen musste. Ein einziger Atemzug der Bewunderung säuselte durch die
Stille des glänzenden Kreises und löste sich erst spät in lauten Beifall auf.
Gabrielens für Freude glänzendes Auge traf auf Ottokarn, Dieser starrte
vorgebeugt, wie in Bewunderung verloren, noch immer den Vorhang an, welcher
schon lange die holde Erscheinung verhüllt hatte. Als sich Ottokar endlich
wandte, traf sein Blick auf Gabrielen, er lächelte ihr in teilnehmendem
Entzücken wie einer Bekannten zu, und dieser kleine Zufall durchströmte sie mit
Empfindungen, die sie zu verstehen weit entfernt war.
    Die Gesellschaft verteilte sich wieder in den Nebenzimmern, um dort die
Damen des Hauses nebst den übrigen bei den Tableaus beschäftigt gewesenen
Personen zu erwarten und nochmals mit Bewunderung und Dank zu überschütten.
Gabriele blieb mit ihrem Begleiter beinah allein in dem dämmernden Saal, und er
benutzte diese Pause, um sich ihr als einen Maler zu erkennen zu geben, dessen
bedeutender Name im neuern Gebiet der Kunst ihr schon rühmlichst bekannt war.
Signor Ernesto hatte man ihn der Landessitte gemäss in Italien genannt, wo jeder
Zuname dem Taufnamen weichen muss, und diese Benennung blieb ihm auch in der
Gesellschaft, seitdem er vor kurzem nach einem, viele Jahre langen Aufentalt in
Rom, wieder in sein deutsches Vaterland zurückkehrte.
    »Ich war gestern bei Ihrer Ankunft zugegen, mein teures Fräulein,« sprach
Ernesto weiter zu Gabrielen, »ich erkannte in Ihnen beim ersten Blick das
Ebenbild Ihrer Mutter; so wie Sie jetzt vor mir stehen, so sah ich sie einst in
Rom, jugendlich blühend, mit glänzendem Auge vor den hohen Wundern der
unsterblichen Kunst. Mir ward das seltene Glück, ihr Begleiter auf ihren
Wanderungen durch die Königin der Städte, ihr erster Lehrer in der bildenden
Kunst zu sein; ich werde auch Ihr Lehrer, Gabriele, ich habe mich schon gestern
bei der Gräfin dazu erboten, sobald ich den Zweck Ihres hiesigen Aufentaltes
vernahm. Schlagen Sie es mir nicht ab, Sie brauchen einen väterlichen Freund zu
Schutz und Rat, der will ich Ihnen werden, und ich kann es nur, wenn der
Unterricht im Zeichnen mir Gelegenheit verschafft, Sie täglich ohne äussre
Störung zu sehen. Mir ist bei Ihrem Anblick,« fuhr er fort, weil Gabriele
schweigend ihm zuhörte, »mir ist, als hätte ich in Ihnen eine geliebte Tochter
gefunden, als wäre der schöne Frühling meines Lebens zurückgekehrt, als stünde
Auguste und mit ihr Roms alte Herrlichkeit wieder vor meinem frischen
jugendlichen Sinn. Und darum will ich auch väterlich um Sie sorgen, Sie leiten
auf dem unbekannten, gefährlichen Pfade in der Ihnen so fremden Welt, wenn Sie
mich nicht zurückweisen.«
    Ernesto hätte noch lange fortsprechen können, ohne dass er von ihr
unterbrochen worden wäre, sie vermochte sogar kaum, ihm zu antworten, aber ihr
beredtes Auge sagte ihm alles, was in ihrem tiefbewegten Gemüte vorging. Nicht
mehr allein und verlassen, hatte sie jetzt einen Freund ihrer Mutter zur Seite,
der auch ihr wie ein Bekannter aus früheren Tagen erschien. Mit Entzücken fühlte
sie dies, und alles, was sie umgab, zeigte sich ihr in einem neuen, schönern
Licht, die Tante, Aurelia, die ganze Gesellschaft, zu der sie jetzt, von Ernesto
begleitet, wie ein fröhliches Kind an der Hand seines Vaters zurückkehrte.
    Die Gräfin und Aurelia standen mitten in einem dichten Kreise von
Bewunderern, die sie mit den ausschweifendsten Lobsprüchen überströmten. Nur
mühsam gelang es Gabrielen, bis zu ihnen sich durchzuwinden, und ihr Staunen
beim Anblick der rosig blühenden, Freude strahlenden Tante war fast noch grösser
als gestern. Die Gräfin benutzte die Gelegenheit, ihre Nichte vielen der eben
anwesenden Damen vorzustellen, eine Ceremonie, welche noch vor einer Stunde
Gabrielen sehr verlegen gemacht hätte, über die sie aber jetzt, durch Ernestos
Gegenwart ermutigt, mit grosser Fassung und leidlichem Anstande hinauskam. Die
Reihe traf endlich auch die Dame, welche vorhin, während der Abwesenheit der
Gräfin, die Stelle derselben beim Empfange der Gesellschaft vertreten hatte, und
deren Aehnlichkeit mit ihrer Mutter Gabrielen jetzt, da sie sie in der Nähe sah,
mit einer unendlichen Wehmut erfüllte. Die Gräfin Rosenberg nannte sie Frau von
Willnangen, eine nahe Verwandte ihres verstorbenen Gemahls. Gabriele erstarrte
beinah, als sie diesen Namen hier hörte, den ihre Mutter ihr nur in Stunden des
engsten Vertrauens als den Namen ihres verlornen Jugendfreundes genannt hatte.
Aengstlich suchte sie wieder, in Ernestos Nähe zu gelangen, um von ihm zu
erfragen, in welchem Verhältnis diese Frau mit Ferdinand von Willnangen
gestanden haben mochte, den er gewiss auch gekannt hatte, aber ein Chor von Damen
hielt ihn umlagert und machte es ihr unmöglich.
    Ein Konzert begann jetzt, die letzte Stunde vor der Abendtafel auszufüllen,
nach welcher ein Ball die Freuden des Tages beschliessen sollte. Die rauschende
Symphonie hatte vorhin Gabrielen auf mächtigen Wogen in eine andere Welt
versetzt; jetzt versenkte ein Quartett, von Meistern meisterhaft durchgeführt,
sie ganz in sich selbst, die Töne verstummten endlich, aber sie hallten noch in
ihrem Innern wieder, und sie sass da, ihnen lauschend, als sie plötzlich von
neuem sich erhoben und eine einzige Stimme, voller, reiner als alle, sie
übertönte. Gabriele blickte auf und sah Ottokar neben Aurelien am Pianoforte
stehen. Beide sangen mit einander ein italienisches Duett, voll Sehnsucht und
Liebe. Gabriele kannte es, sie hatte es einigemal mit ihrer Mutter gesungen, in
ihrem Innern sang sie auch jetzt es mit, und ihr ganzes Wesen verschwebte im
süssesten Verein mit Ottokars Tönen. Die Verzierungen und Manieren, welche nach
der neueren Weise Aurelie der einfachen Melodie anhängte, schienen Gabrielen ein
fast frevelhaft störendes Beginnen, obgleich sie ihre Kunst, so wie ihre sehr
schöne Stimme, bewundern musste. Ihr Leben hätte sie in der Minute freudig
hingegeben, um an Aureliens Stelle so neben Ottokar zu stehen, und doch fühlte
sie in der nächsten, wie unmöglich es ihr sein würde, nur einen Ton
hervorzubringen.
    »Leidvoll und freudvoll« eilte Gabriele gleich nach dem Konzert hinauf in
ihr stilles Zimmer, zu welchem später, wie aus weiter Ferne, die frohe Tanzmusik
herüber tönte. Ihr Herz war übervoll von allen Ereignissen dieses bangen und
freudigen Abends, zu voll zur Mitteilung; nur Ernestos Erscheinung blieb ihr
ganz klar, und diese war ein grosser Trost für die um das Kind ihrer innigsten
Liebe mütterlich besorgte Frau Dalling.
Mit schwerem, sorgenvollem Herzen war am folgenden Morgen Frau Dalling beim
Anbruch des Tages von ihrer Gabriele geschieden, und diese suchte nun mit der
neuen, ihr von der Tante zugegebenen Kammerjungfer sich einigermassen zu
befreunden. Es war ihr unmöglich, gegen die hübsche, zierlicher als sie selbst
geputzte Annette den Ton der Gebieterin anzunehmen, und Annette konnte sich auch
nicht sogleich in die freundliche Art ihrer neuen Herrschaft finden, die gar
nichts zu ersinnen wusste, was sie ihr hätte befehlen können. So waren beide ein
Paar Stunden in ziemlicher Verlegenheit einander gegenüber geblieben, als
Ernestos früher Besuch, der erste, den Gabriele je erhielt, der Not endlich ein
Ende machte.
    »Ich erscheine in dieser unschicklich frühen und deshalb visitenfreien
Stunde, um Sie zu zwei Freundinnen zu geleiten, die mit offnen Armen und Herzen
Sie erwarten,« sprach Ernesto; »Frau von Willnangen sendet mich.« »Frau von
Willnangen?« unterbrach ihn Gabriele, aufs neue von dem Namen heftig aufgeregt;
»höre ich recht? wirklich Willnangen? um Gotteswillen! wer ist diese Frau, die
meiner Mutter so ähnlich sieht? Ist sie mit Ferdinand von Willnangen verwandt?
Gewiss, Sie kannten auch diesen Ferdinand.« »Wohl kannte ich auch ihn,«
erwiederte Ernesto, von trüben Erinnerungen sichtbar bewegt. »Frau von
Willnangen,« fuhr er fort, »ist die Mutter seiner Tochter, eines lieben
Mädchens, das wohl verdient, ihre schwesterliche Freundin zu werden.« »O
Auguste! meine liebe, liebe Mutter!« rief tief erschüttert, in fast betender
Stellung, Gabriele, »auch dortin verfolgt dich unerbittlich dein Geschick! Der
selige Geist deines Freundes hat dich auf deinem stillen Lebenswege nicht
schützend umschwebt, wie du fromm es wähntest, er geleitete dich nicht aus der
bittern Stunde deines Scheidens zur frohen Ewigkeit, die keine Trennung kennt;
Ferdinand lebt, er war dir nah, und vergass deiner, die du wie ein Heiligtum
sein Andenken in treuer Brust bewahrtest! So lieben Männer,« fuhr sie mit
zürnendem Ernst fort; »treue Liebe wohnt nur im Herzen der Frauen und bleibt
dort ihr eigner, einziger Lohn. So lehrte mich meine Mutter mit Recht; wer darf
noch hoffen, sie ausser sich zu finden, wenn diese Frau vergessen werden konnte!«
    Mit teilnehmendem Staunen blickte Ernesto auf das schwärmende, sich seinem
Gefühl ganz überlassende Mädchen. »Ich mag Ihren schönen Glauben von unsern
Erwartungen jenseits nicht stören, wenn er auch nicht ganz der meinige ist,«
sprach er endlich mit sehr bewegter Stimme, indem er ihre gefalteten Hände sanft
ergriff. »Erlauben es die Gesetze jenes Landes, von dessen dunkeln Gränzen noch
nie ein Wandrer zurückkehrte, der uns Kunde brachte, so empfing Ferdinands
seliger Geist Augusten beim Scheiden aus dieser Welt, so umschwebte er sie
schützend schon lange vorher auf ihrem Lebenspfad, denn seit mehreren Jahren
verliess er dieses Leben, in welchem sein Geschick ihn rastlos umhertrieb und nur
späte Ruhe ihm vergönnte. Ich führe Sie jetzt zu seiner Witwe, die gestern
hocherfreut in Ihnen die Tochter der Frau erblickte, deren Andenken, ohne dass
sie jemals sie sah, ihr dennoch heilig ist, weil es der Mann, den sie liebte,
stets im Herzen trug. Sie glaubt es nicht besser ehren zu können, als indem sie
Gabrielen mütterliche Liebe entgegen trägt; doch wähnt sie deshalb nicht, ihr
jemals Augustens Verlust ersetzen zu können. Das reine, stille Gemüt dieser
seltnen Frau war stets zu demütig, dies sogar bei Ferdinanden zu hoffen, und
ohne alles neidische Streben begnügte sie sich immer damit, sein Leben durch
Liebe zu erheitern, mit ihm zu trauern, wenn Wehmut über verlornes Jugendglück
in ihm erwachte und ihm die Gegenwart trübte. Kommen Sie, Gabriele,« fuhr
Ernesto eifriger fort, »folgen Sie mir in das Haus der Frau von Willnangen, Sie
werden einen dem Andenken Ihrer Mutter geweihten Tempel betreten. Die Blumen,
die sie vor allen liebte, werden dort noch immer sorgsam gepflegt, ihr Bild ist
noch immer der geehrteste Schmuck des Hauses, ich malte es heimlich in Rom für
mich und konnte Ferdinands ungestümen Bitten eine Kopie davon nicht versagen;
Ferdinands Tochter erhielt bei ihrer Geburt den ihm so teuren Namen Auguste.
Glauben Sie mir, Sie werden dort heimisch sein wie unter verwandten Freunden;
vielleicht auch dort überzeugt werden, dass treue Liebe in der stärkern Brust des
Mannes oft nur um so sichrer wohnt, als in dem weicheren Herzen der Frauen,«
setzte er lächelnd hinzu.
    Was Ernesto von Ferdinands späterem Geschick Gabrielen noch ferner
mitteilte, lässt sich in wenig Worte fassen. Auf eine ihm unerklärbare Weise von
der Geliebten getrennt, währte es beinahe ein Jahr, ehe er den ganzen Umfang
seines Unglücks erkannte, und tröstende Hoffnungen begleiteten ihn lange von
Land zu Land. Augustens Vater leitete fortwährend mit unsichtbarer Hand sein
Geschick; er hatte den Zweck erreicht, ihn auf immer von seiner Tochter zu
trennen, und war übrigens nicht weniger als sonst für das zeitliche Glück seines
ehemaligen Pfleglings besorgt. Er glaubte sogar, ihm gewissermaassen Ersatz
schuldig zu sein, und ebnete deshalb, so viel er es konnte, Ferdinands Weg auf
der einmal angetretnen Laufbahn seines Strebens, ohne dass dieser es ahnete. Bis
Konstantinopel hatte er ihn zu bringen gewusst, als der Tod ihn in Schweden
übereilte. An der südlichsten Gränze von Europa erfuhr Ferdinand sehr spät aus
den Zeitungen die Nachricht von dem Hinscheiden seines ehemaligen Beschützers,
und die weite Entfernung, in der er sich von jenem nördlichen Lande befand,
vernichtete den Erfolg jedes schriftlichen Versuches, Augusten, die dort
verschwunden war, wieder aufzufinden. Er eilte selbst nach Schweden, sobald
seine Verhältnisse es ihm möglich machten, aber vergebens suchte er aufs
ängstlichste eine Spur von ihr. In der Residenz war Augustens vorübereilende
Erscheinung längst vergessen, in dem kleinen Städtchen, in welchem ihr Vater
starb, hatte niemand sie gekannt; nur wenige erinnerten sich ihrer Existenz,
keiner wusste nur von ferne anzudeuten, wohin sie sich gewendet haben könne, und
in der tiefen Einsamkeit, in welcher sie auf dem Landgute ihrer Tante damals
lebte, war und blieb sie ihm verloren.
    Ferdinand führte von nun an ein trübes, unstätes Leben, ewig suchend nach
dem Glück seiner Jugend und nimmer es findend, bis das Fruchtlose seines
Strebens ihm endlich die Ahnung von Augustens Tod zur Gewissheit machte. Jetzt
beschwichtigten allmählich wehmütige Sehnsucht und fromme Hoffnung den
wütenden Schmerz in seinem Innern und wandelten ihn in stille Trauer. Seine
äussere Lage befriedigte übrigens alles, was er sonst vom Leben noch wünschen
mochte, denn er war durch Tätigkeit und Treue im Dienst seines Fürsten zu einer
bedeutenden Stelle in seinem Vaterlande gelangt. Still und trübe lebte er seine
Tage hin, bis er einst von ungefähr ein Fräulein Rosenberg erblickte, dessen
auffallende Aehnlichkeit mit der Verlornen alle alte Wunden in seinem Innern
wieder erneute.
    Zuerst fühlte er sich von dieser Aehnlichkeit bald unwiderstehlich
angezogen, bald schmerzlich zurückgestossen. Sie war Auguste und war es doch
nicht, aber bei näherer Bekanntschaft fand er in ihr ein mildtröstendes Wesen,
das einzige, dem er je die traurige Geschichte seiner Jugend vertrauen mochte.
Des Fräuleins innige Teilnahme an seinem Schmerz, ihre demütige Verehrung
Augustens fesselten ihn immer mehr an ihre Nähe, sie gab ihm den einzigen Trost,
der ihm noch werden konnte, und bald kam es dahin, dass kein Tag verging, ohne
dass er sie zu sehen suchte.
    In zarter Frauen-Brust wandelt sich die Teilnahme an den Leiden eines
Freundes nur zu leicht in ein glühenderes Gefühl, und Ferdinand konnte sich
endlich nicht mehr die Art des Eindrucks verhehlen, den er und seine Schmerzen
auf das Herz seiner jungen Freundin gemacht hatten. Er fühlte zugleich, dass sein
der Liebe erstorbnes Gemüt dennoch des Trostes inniger, vertrauensvoller
Freundschaft nicht mehr entbehren konnte, nachdem es dessen gewohnt geworden
war, und so bat er das Fräulein: sein durch tiefen Gram und ewige Sehnsucht
getrübtes Dasein mit ihm zu teilen, ohne sie über die Art seiner Empfindungen
für sie zu täuschen, indem er ihr seine Hand bot.
    Der schöne Verein alles opfernder Liebe und treuer, inniger Freundschaft,
währte kaum ein Jahr; Ferdinand starb, und Familienverhältnisse bestimmten seine
Witwe, den Ort ihres bisherigen Aufentalts mit der Stadt zu vertauschen, in
welcher fast alle ihre Verwandten wohnten, und wo Gabriele sie fand. Frau von
Willnangen lebte dort mit ihrer Tochter nicht mitten im Strudel der grossen Welt,
aber doch auch nicht ganz von ihr abgesondert, sie war nicht reich, aber ihre
äussre Lage erlaubte ihr, sich keinen wirklichen Lebensgenuss zu versagen, und
ihre anspruchlose Bildung, die milde Würde in ihrem ganzen Wesen zogen bald
einen kleinen Kreis auserwählter Freunde um sie her, in dessen Mitte sie sich zu
wohl befand, um sich nach rauschendern Freuden zu sehnen. Nur selten erschien
sie in grössern Gesellschaften und stets ungern.
    Die Gräfin Rosenberg ehrte in ihr die nahe Verwandte ihres verstorbenen
Gemahls, lieben konnte sie sie nicht, dazu war ihr ganzes Wesen zu sehr von dem
der Frau von Willnangen verschieden, und eigentlich sahen beide Damen einander
nur selten. Aber da die allgemeine Achtung Frau von Willnangen vor allen Andern
auszeichnete, so fühlte die Gräfin sich dadurch bewogen, bei jeder öffentlichen
Gelegenheit mit der nahen Verbindung zu prunken, in welcher sie sich gegenseitig
befanden. Deshalb hatte sie sie auch gebeten, bei dem Feste die Honneurs des
Hauses zu machen, so lange sie selbst abwesend sein musste, und da es Aureliens
Geburtstage zu Ehren angestellt war, so mochte ihr Frau von Willnangen diese
Bitte nicht abschlagen.
    Gabriele betrat mit hochbewegter Brust an Ernestos Hand das Haus, in welchem
alles, besonders die Besitzerin desselben, sie auf das lebhafteste an ihre
Mutter erinnerte. Der freundliche Empfang, der ihr ward, tat ihrem, in den
letzten Tagen so vielfältig verletzten Gemüt unendlich wohl, und jede Spur der
scheuen Blödigkeit, die im Hause der Tante sie ängstlich beklemmt hatte,
verschwand vor ihm. Die prunklose, aber bequem-zierliche Einrichtung der Zimmer
versetzte sie ganz in die frohe Zeit ihrer ersten Jugend zurück; alles deutete
darin auf heitern Lebensgenuss, auf Fleiss und Kunstliebe der Bewohner, alles war
so, wie sie es bei ihrer Mutter zu sehen gewohnt gewesen war. Ihr ward in diesen
Umgebungen, als ob sie nach einer langen Abwesenheit wieder zu Hause angekommen
wäre, und mit wahrer kindlichen Freude hörte sie die Einladung, recht oft, wenn
es möglich wäre täglich, zu kommen, und jede freie Stunde bei der Frau von
Willnangen und ihrer Tochter in ruhiger Gemütlichkeit zuzubringen.
    Der erste Anblick der achtzehnjährigen Auguste eignete sich durchaus nicht
dazu, die Herzen mit Sturm zu erobern. Ihr Äußeres zeichnete sich nur durch
eine hohe, regelmässig schlanke Gestalt aus, und ihr Gesicht war nichts weniger
als schön, so lange sie schwieg; aber der Geist, der es belebte, sobald sie
sprach, der Ausdruck, den die klaren, grossen Augen dann gewannen, gaben ihr
einen ganz eignen Reiz, sie fesselten die Herzen wie die Blicke, man sah
Augusten eben so gern sprechen, als man sie hörte, und wurde endlich beinah
verleitet, sie schön zu finden. Bei dem neuen Gefühl, sich von einem jungen, ihr
ähnlichen Wesen liebevoll umfangen zu sehen, ging Gabrielen in nie zuvor
empfundner Freude das Herz auf; ein Vorgefühl jugendlich vertraulicher
Freundschaft bemächtigte sich ihrer, und glücklicher, als sie es je seit dem
Tode ihrer Mutter gewesen war, verliess sie das Haus der Frau von Willnangen mit
dem festen Entschluss, sobald als möglich dahin zurückzukehren.
Gabrielens Tante war eine der Frauen, wie man in grossen Städten so viele findet,
die mit wahrem Heldenmut allen ihren Neigungen geradezu entgegen handeln,
sobald der eben herrschende Ton es gebeut. Funfzig Jahre früher geboren, hätte
sie, schwimmend in Moschus- und Ambra-Duft, mit aller damals üblichen Ziererei
einer französischen petite maitresse über Vapeurs geklagt, in Gesellschaft Gold
gezupft, oder Trisett gespielt, und ihr Haus wäre eine Menagerie von
Schoosshündchen und Papageien gewesen. Die Zeiten, in denen so etwas galt, sind
aber vorüber gezogen, und Kunst und Wissenschaft jetzt bei uns an der
Tagesordnung. So sah sich die Gräfin gezwungen, sich zur eifrigen Beschützerin
derselben aufzuwerfen, wenn sie sich in dem Kreise, den sie die Welt nannte,
geltend machen wollte, und die Langeweile nicht zu achten, welche sie dabei
empfand.
    Im Grunde waren ihr die Figuren in den Modejournälen weit lieber, als alle
Raphaele und Kunstgespräche, von denen sie nichts verstand; die Donaunixe oder
Rochus Pumpernickel ergötzten sie weit mehr auf der Bühne als Göte oder
Schiller, bei denen sie immerfort heimlich durch die Nase gähnen musste; und
obgleich in ihrem Kabinette alle unsre vorzüglichsten Dichter in goldigem
Einbande hinter Spiegelglas strahlten, so griff sie doch ganz in der Stille nur
nach Cramer, Spiess und deren Nachfolgern, wenn Migräne oder eine seltne einsame
Stunde ihr ein Buch in die Hand spielten. Dennoch wusste sie durch stete
Anstrengung, geleitet von einem angebornen Taktgefühl, diesen ihr eignen
Geschmack so künstlich zu verbergen, dass niemand merken konnte, wie sehr alles,
wonach sie im Äußern strebte, ihr im Innern zuwider war. Man konnte lange mit
ihr umgehen, und dennoch darauf schwören, sie sei geistreich und unterrichtet.
Sie wusste sehr gut, wenn es im Teater Zeit war den Kopf verächtlich
wegzuwenden, oder auch in Extase zu geraten, und in ihrem. Gespräch vermisste
man keinen technischen Kunstausdruck, kein einziges der vielen neuen Worte, mit
welchen unsre Poeten und Kunstjünger die deutsche Sprache neuerdings
bereicherten; sie hatte sich alle durch den Umgang zu eigen gemacht. Es geschah
wohl dann und wann, dass sie sich in der Anwendung derselben ein wenig vergriff,
aber doch immer selten genug, um nicht auffallend zu werden. In zweifelhaften
Fällen half sie sich mit einem Ach! oder Oh! die jedermann auslegen konnte, wie
er wollte, und übrigens hütete sie sich gar sehr, über irgend ein neues
Kunsterzeugniss ihre Meinung voreilig an den Tag zu legen, sondern wartete
bescheiden, bis jemand aus der Gesellschaft, auf dessen Ansicht sie sich
verlassen konnte, ihr zu einem sichern Urteil verhalf.
    Mit aller dieser Anstrengung war es ihr wirklich gelungen, ihren Zweck zu
erreichen. Das Haus der Gräfin Rosenberg galt allgemein für das angenehmste in
der Stadt, dem alles zuströmte, was für geistreich und gebildet geachtet sein
wollte, oder auch es wirklich war. Es wimmelte bei ihr von fremden Künstlern,
Gelehrten und schönen Geistern, und eine Addresse an die Gräfin schien den
mehresten dieser Ankömmlinge nicht minder notwendig als ein Reisepass. Wer keine
mitbrachte, den wusste sie auf andre Weise sich zuführen zu lassen, denn sie wäre
untröstlich gewesen, wenn ein berühmter Mann das Weichbild der Stadt betreten
hätte, ohne über ihre Schwelle zu gehen. Freilich schlich sich auch mancher bloss
titulär-schöne Geist unter der Menge mit ein, denn an Auswahl war hier nicht zu
denken; aber alle vereint brachten doch den Reiz einer mannigfaltigern
Unterhaltung, eines geistigern Lebens in die Gesellschaft, als man in andern
grossen Zirkeln zu finden gewohnt ist, und selbst sehr ausgezeichnete Männer
besuchten gern den Vereinigungs-Punkt, der ihnen hier geboten ward. Ueberdem
verstand die Gräfin die Kunst, eine sehr angenehme Wirtin zu sein. Mit
anscheinender Sorglosigkeit überliess sie es jedem, nach Gefallen seine
Unterhaltung zu wählen, und trachtete nur ganz unmerklich dahin, dass es nie an
Stoff dazu mangle. Den feinen Takt echter Geselligkeit hatte lange Gewohnheit
ihr zur zweiten Natur gemacht, und jedermann fühlte sich in ihrem Hause frei und
behaglich.
    Ernesto war der tägliche Gast desselben. Früher zog ihn heiterer Hang zu
Geselligkeit dahin, später die Sorge um Gabrielen. Den Gedanken, auch auf
Aurelien vorteilhaft zu wirken, den ihre Schönheit zuerst in ihm erregte, gab
er auf, sobald er mit gewohntem Scharfblick sie und ihre Mutter durchschaute.
Sein durchaus rechtliches Benehmen, sein heller Geist, seine Kenntnisse, vor
allem die ihm eigne heitre Unterhaltungsgabe und sein fröhlicher, wenn auch
zuweilen etwas kaustischer Witz erwarben ihm allgemeine Achtung und Liebe. Fast
immer war er der von Allen gesuchte Mittelpunkt der Gesellschaft, um so mehr, da
er bei seiner Genügsamkeit und strengen Mässigkeit sich von jedermann unabhängig
erhielt, und sich nie dahin bringen liess, seiner Würde in etwas zu vergeben.
    Die Gräfin fühlte den ganzen Wert seiner Gegenwart in ihrem Kreise, und
strebte auf alle Weise, sich solche zu erhalten, obgleich ihr dabei zuweilen
etwas unheimlich zu Mute wurde. Ernesto war beinah der einzige Mensch, der ihr
imponirte, sie fühlte sich gezwungen, ihn zu ehren und sich, sobald er es
ernstlich wollte, seinem Willen in manchen Dingen zu fügen. Deshalb wagte sie es
auch nicht, ihm zu widersprechen, als er sich ziemlich eigenmächtig
gewissermaassen zu Gabrielens Vormund aufwarf. Die Gräfin musste es ihm sogar Dank
wissen, dass er es unternahm, den mannigfaltigen Unterricht zu leiten, welchen
Gabriele zufolge des Willens ihres Vaters in der Stadt erhalten sollte, denn er
entledigte sie dadurch einer grossen Last, die sie übereilt sich aufgeladen
hatte, ohne die dabei vorwaltenden Schwierigkeiten und Mühn gehörig zu bedenken.
Sie bat ihn, nur vor allem die ersten Wochen eifrigst zu benutzen, in denen
Gabrielens tiefe Trauer, welche diese nicht vor der bestimmten Zeit ablegen
wollte, deren eigentliche Einführung in die Welt noch verzögerte, und überliess
alles übrige recht gern seinem bessern Wissen und Wollen.
Erwünschteres konnte für Gabrielen nichts geschehen, als dass sie Ernestos
Führung übergeben ward, und von ihm geleitet begann ihr Leben bei der Tante sehr
bald, sich beruhigend und erfreulich für sie zu ordnen. Bei der Gräfin und
Aurelien brach der Tag wenigstens drei Stunden später an als bei ihr; Toilette
und Visiten raubten diesen Damen alle übrige Zeit vor der Mittagstafel, es
konnte ihnen daher nicht einfallen, Gabrielens Lehrstunden und Uebungen zu
unterbrechen, und diese behielt also die vollkommenste Musse für sie und für
Ernesto, der jeden Morgen mehrere Stunden mit Zeichnen und im Gespräch bei ihr
verweilte.
    Er sowohl, als die Lehrer, welche er für sie gewählt hatte, staunten nicht
wenig bei der Entdeckung, welche Fortschritte Gabriele schon früher bei ihrer
Mutter in alle dem gemacht hatte, was sie ihr von den ersten Anfangsgründen an
lehren zu müssen geglaubt hatten, und mehrere von ihnen befanden sich wirklich
mit dieser Schülerin in einiger Verlegenheit. Im gewöhnlichen Sinn des Wortes
konnte Gabrielens Erziehung wirklich für mehr als vollendet gelten, aber die
Gelegenheit zu fernern Fortschritten und Uebung im schon Erlernten war ihr zu
willkommen, um sie nicht aufs beste zu benutzen. Uebrigens gewöhnte sie sich
durch den Umgang mit ihren Lehrern immer mehr an den mit der Welt, und diese
hingegen nahmen wieder recht gern den mühelos erworbenen Ruhm an, in
unbegreiflich kurzer Zeit ihre Schülerin so weit gebracht zu haben.
    Mit allen lebte Gabriele in der vollkommensten gegenseitigen Zufriedenheit,
ausser mit ihrem Singmeister, einem sehr vorzüglichen Künstler, der aber von der
neuen italienischen Metode bezaubert war. Er bestand darauf, ihre ungewöhnlich
reine biegsame Stimme an alle die immer wiederkehrenden Verzierungen und
Manieren zu gewöhnen, mit welchen jetzt manche unsrer berühmtesten Sänger und
Sängerinnen auf Kosten der Melodie und des Ausdrucks ihren Gesang oft so
überladen, dass der ursprüngliche Gedanke des Komponisten eigentlich ganz dabei
zu Grunde geht und nur noch das Tempo und die Worte eine grosse Arie von der
andern unterscheiden. Gabriele hingegen war von ihrer Mutter nach der ältern
reinern Metode unterrichtet, sie suchte nur, den echten Sinn des Gesanges
einfach, wahr und gefühlvoll so wiederzugeben, als der Meister, der ihn
niederschrieb, ihn sich dachte, und wollte sich auf keine Weise zu jenen
künstlichen Schnörkeleien bequemen. Dies gab Anlass zu unzähligen ziemlich
lebhaften Zwistigkeiten zwischen ihr und ihrem Lehrer, bei welchen aber Gabriele
nie von ihrer Ueberzeugung abweichen wollte. Glauben Sie, sprach sie zu ihm, dass
Gluck oder Mozart diese krausen Läufer, diese Vorschläge und Triller nicht
hätten vorschreiben können und es auch nicht getan haben würden, wenn sie sie
für zweckmässig hielten? Niemanden fällt es je beim Vorlesen ein, sich an Göten
oder Schillern durch den eigenmächtigen Zusatz nur eines einzigen Wortes zu
versündigen. Sollten die Meister der Tonkunst, die so klar ohne Worte zu uns zu
sprechen wissen, dass wir sie deutlich verstehen, uns weniger heilig sein?
Vergebens bekämpfte der Musikmeister diese Meinung seiner Schülerin mit allen
nur ersinnlichen Gegengründen, keiner derselben schien ihr bedeutend genug, um
ihre eigne Ueberzeugung umzustossen.
    Ernesto war zufällig einmal Zeuge eines solchen Zwistes, und da der erzürnte
Sänger ihn endlich zum Schiedsrichter aufrief, so erklärte dieser sich mit
wenigen Einschränkungen für Gabrielen. Dies beendete wenigstens den Streit, aber
der Lehrer seufzte doch jedesmal über den Eigensinn seiner sonst so gelehrigen
Schülerin, wenn er gezwungen sich ihrem Willen fügen musste.
    Eigensinnig! So hatten auch die Tante und Aurelie sie mehreremale genannt,
und dennoch war sie es nicht. Gabriele scheute nur das Unrecht, und war in ihrem
Gemüte bei aller ihrer Furchtsamkeit fest genug, um sich durch keine
Ueberredung von dem abwenden zu lassen, was sie für das Rechte anerkannte,
sobald sie aber ihren Irrtum einsah, war auch niemand bereitwilliger, ihn
abzulegen, und Ernestos welterfahrnem, klarem Sinne gelang es immer, sie zum
Bessern zu leiten.
    Eines Morgens traf sie dieser in sehr lebhaftem Gespräch mit ihrer
Kammerjungfer. Er fürchtete, in einer wichtigen Toilettenangelegenheit zu
stören, und wollte eben bescheiden sich zurückziehn, als er zu seiner grossen
Verwunderung entdeckte, dass die Rede von nichts geringerem sei, als von
Alexanders des Grossen Zug nach Indien.
    »Um Gotteswillen, was hat die kleine, hübsche Annette mit dem grossen
krummhälsigen Alexander zu tun?« fragte Ernesto, so wie er mit Gabrielen allein
war. Lächelnd erzählte ihm diese, wie sie das Mädchen bei allen Stunden ihres
eignen Unterrichts habe im Zimmer mit seiner Handarbeit bleiben heissen, und wie
es anfangs aus Langerweile, endlich mit wirklicher Teilnahme, eifrig zugehört
und vieles gelernt und behalten habe. In freien Stunden machte es sich Gabriele
jetzt zum angenehmen Geschäft, die oberflächlichen Bruchstücke, welche Annette,
oft nur halb gehört, auffasste, in ihrem Köpfchen zu ordnen, und sie gründlicher
zu unterrichten. Jugendliche Freude am Lehren des eben Erlernten mochten an
diesem Unternehmen wohl vielen Teil haben, mehr aber noch der Wunsch, dem
artigen Mädchen nützlich zu sein, das mit grosser Liebe an seiner jungen
Gebieterin hing, und sich dabei als eine äusserst gelehrige Schülerin bewies.
    »Sie glauben da etwas recht Vortreffliches zu stiften, liebe Gabriele,«
sprach Ernesto zu seiner jungen Freundin, »ich aber fürchte, Sie bereiten dem
armen Mädchen eine traurige Zukunft. Lassen Sie sich freundlich von mir warnen
und an Annettens einstige Bestimmung errinnern. Wahrscheinlich wird sie die Frau
eines Handwerkers, wenn es hoch kommt eines Krämers oder eines untergeordneten
Beamten; höheres darf sie nicht erwarten, und heiraten wird sie doch wollen,
denn das will jedes Mädchen. Und nun denken Sie sich Annetten mit der geistigen
Bildung, die Sie ihr zu geben im Begriff stehen, ein Paar Kinder um sie her,
eine grosse Wäsche im Hause, und auf dem Heerde das Mittagsmahl für ihren Mann
und vielleicht für noch ein Dutzend Gehülfen bei seinem Gewerbe!«
    »Und warum sollte ich sie mir so nicht denken können?« unterbrach ihn
ziemlich lebhaft Gabriele; »warum sollte diese geistige Bildung sie in der
Uebung ihrer Pflicht hindern? Sagt man mir doch, es stünden oft die
geistreichsten Männer in Aemtern, welche ihrem Genius gerade entgegen streben,
ohne dass weder ihre Pflicht noch ihr Talent darunter leiden.«
    »Sie vergessen, oder vielmehr Sie wissen noch nicht, liebe Gabriele, wie
viel günstiger das Loos der Männer als das der Frauen fiel,« erwiederte Ernesto;
»wie viel Freiheit Jenen ausser dem Hause bleibt, und wie schneckenartig diese
das ihrige immer mit sich herumtragen müssen, wenn Reichtum sie nicht von den
drückendsten Banden befreit. Sie kennen den Mittelstand nicht,« fuhr er fort;
»Ihr vornehmen Leute kennt ihn überhaupt alle nicht; bittre Armut, das höchste
Elend, so wie alle Extreme kann Eure Fantasie Euch allenfalls malen, Mitleid
führt Euch auch wohl ein paarmal in Eurem Leben in Hütten, aus denen Ihr mit
einer Hand voll Eures überflüssigen Goldes alle Not verbannt, aber das
beschränkte Wesen von Menschen, welche einen sogenannten kleinen Haushalt führen
müssen, bleibt Euch ewig verborgen. Ich aber kenne es, denn Künstler und
Handwerker sind einander im Leben näher verwandt, als unser Hochmut es
eingestehen will. Schütteln Sie nicht so vornehm das Köpfchen, liebe Gabriele,
es bleibt dennoch wahr, beide haben gleiche Hülfsmittel und oft gleiche Not.
Von dieser bezwungen, sinkt der Künstler in unsern Tagen nicht selten zum
Handwerker herab, dafür aber erstanden auch in frühern Zeiten viele grosse
Meister aus der engen Werkstatt des Handwerkers.«
    »Aber gerade den Mittelstand dachte ich mir immer als den glücklichsten,«
wandte Gabriele, das Gespräch wieder zurücklenkend, ein. »Mann und Frau, jeder
auf seine Weise, bringen den Tag im emsigen Bemühen für das Wohl der Ihrigen zu.
Die Ruhestunden führen sie Abends wieder zusammen, sie erzählen einander die
Geschichte ihres wohlgelungenen Tagewerks, und vergessen alle Mühe des Lebens
beim gemeinschaftlichen Lesen eines Buchs, das ihren Geist aus dem
Werkeltags-Staub wieder erhebt. Bei Musik, im geistreich erheiternden Gespräch,
beim Zauber der Poesie, schwinden ihnen die Feierstunden, und jedes geht am
folgenden Morgen frisch und fröhlich an die Arbeit und freut sich den ganzen Tag
über auf den Abend.«
    »Sie malen da ein Bild, das Ihrer Fantasie alle Ehre macht,« sprach lächelnd
Ernesto; »leider aber ist es im wirklichen Leben ganz anders. Wenn Sie die
höhere Klasse des Mittelstandes meinen, zu welcher der reiche, angesehne, grosse
Kaufmann, der wohlhabende, auf den ersten Stellen stehende Beamte gehören, so
haben sie Recht, dort ist es zuweilen so, und könnte es immer sein. Aber zu den
niedrigern Klassen, in welchen Annette einst leben wird, passt dieses nicht.
Können Sie sich wirklich einen Schneider oder Tischler denken, der das Leben
führte, welches sie eben geschildert haben? und setzen sie selbst den Fall, dass
Annette einen untergeordneten Beamten oder einen Landprediger heiratete. Was
diese Männer auf Universitäten an geistiger Bildung vielleicht gewannen, geht
gewöhnlich in überhäufter Arbeit und Nahrungssorgen wieder zu Grunde, was sie
von geistiger Unterhaltung brauchen, gewähren ihnen die politischen Weltändel,
und Abends verlangt der abgemattete Mann nur nach einer guten Suppe, während die
Frau ihrerseits auch froh ist, wenn sie die Kinder erst zur Ruhe weiss.«
    »Meine arme Annette!« rief Gabriele dazwischen. »Und nun die Frau Basen, die
Frau Gevattern,« fuhr Ernesto fort, »von diesen Leuten hat ein hochgebornes
Fräulein, wie Sie sind, keinen Begriff. Familienbande sind im eigentlichen
Bürgerstande viel fester und dabei weiter umfassend als in dem Ihrigen. Was mit
einander in irgend einem Grad von Verwandtschaft steht, muss an Ehrentagen und
bei Kaffeevisiten zusammen kommen, da gilt keine Ausnahme. Und nun denken Sie
sich die hochgebildete Annette in einer solchen Gesellschaft. Die gelehrte Frau
Meisterin, welche französisch und italienisch kann, von den Griechen und Römern
zu reden weiss, und dabei vielleicht einmal den Festkuchen verbrennen liess, wie
würde es ihr ergehen! wie müsste ihr selbst in diesen Umgebungen zu Mute werden!
und welche Qual wäre es für sie, den ewig unbefriedigten Hang zum Höhern, zum
geistig Schönen mit sich herum zu tragen, während sie den ganzen Tag arbeiten
müsste, um ihr Hauswesen zu beschicken, und bei noch unerwachsenen Kindern selbst
Nachts auf keine sicher ruhige Stunde rechnen könnte. Ihr Mann mag sie noch so
herzlich lieben, er mag noch so gut und brav in seiner Art sein, er wird doch in
geistiger Hinsicht immer tief unter ihr stehen, und oft gar nicht wissen, was
sie meint, wenn sie von etwas anderm, als dem ganz Alltäglichen mit ihm zu
sprechen versucht.«
    »So sehe ich denn keine Rettung für meine arme Annette, als dass sie immer
bei mir bleibt,« rief schmerzlich bewegt Gabriele. »Nichts hat je mein innigstes
Mitleid mehr erregt,« fuhr sie fort, »als wenn ich las, wie Jean Paul das
vernähte, verwaschne, verkochte Leben der armen Weiber schildert, die nur einmal
im sonnenhellen kurzen Tage der Liebe ihr Haupt erhoben, und dann mit beraubtem
Herzen auf ewig in die Tiefe versinken. Ich hoffte, es könne in der Wirklichkeit
anders sein, Sie, Ernesto, lehren mich das Gegenteil, ich traue Ihrem
erfahrnen, weltklugen Sinn, aber ich möchte darüber weinen, dass der grösste Teil
meines Geschlechts so elend sein muss.«
    »Sie gehen in Ihrem Eifer wieder zu weit, gute Gabriele,« sprach Ernesto,
»gerade wie an jenem ersten Abend bei den Tableaus. Erinnern Sie sich noch, wie
Sie um einiger unschuldig-boshafter Anmerkungen willen die ganze Gesellschaft
für lauter maskirte Tigerkatzen ansahen? und doch haben Sie jetzt schon
gefunden, dass ich Recht hatte, indem ich Sie versicherte, dass jene Leute
wirklich so übel nicht sind, und dass sie, ihrer Lust am Medisiren unbeschadet,
für Unglückliche nicht nur einen Dukaten in der Hand, sondern sogar eine Träne
im Auge in Bereitschaft halten, wenn man ihnen den Jammer nur recht deutlich zu
machen versteht. So wie damals die Verderbnis der Welt, so denken Sie sich jetzt
das Unglück, sich nicht auf Ihre Weise des Lebens freuen zu können, wieder viel
zu gross. Und nehmen Sie denn die Mutterfreuden, welche eine Handwerkers-Frau
eben so gut empfindet als eine Gräfin, für gar nichts? für nichts das Gelingen
in ihrem Hauswesen? die treuherzige, ehrliche Liebe eines guten, wenn gleich
nicht geistig gebildeten Mannes? Selbst bei Ihrem Jean Paul können Sie des
Trostes genug finden; gegen die eine Stelle, welche Sie anführten, will ich
Ihnen zwanzig andere zeigen, wo er die Freuden dieser Frauen an schönen neuen
Hauben und Kleidern, an festlichen Gastereien, an einem wohleingerichteten
Hausstande eben so wahr schildert, als ihr mühseliges Alltagsleben. Rauben Sie
Ihrer Annette nur nicht die Fähigkeit, an dem Glück sich genügen zu lassen, das
ihrem Stande gebührt. Entbehrt sie die Freuden höherer Bildung, so entgeht sie
auch vielen aus ihr entspringenden Schmerzen, und es ist noch immer nicht
entschieden, wohin die Wage sich neigt.«
    »Soll ich sie denn so ganz ohne allen Unterricht lassen?« fragte Gabriele.
»Lehren Sie sie richtig deutsch schreiben und sprechen,« war Ernestos Antwort,
»aber um des Himmelswillen keine fremden Sprachen, die sie nur dazu bringen
könnten, sich über ihres gleichen zu erheben. Annette wird in Deutschland leben
und sterben, und sollte ein seltenes Geschick sie ins Ausland versetzen, so
lehrt Not nicht nur beten sondern auch englisch und französisch. Lassen Sie ihr
artiges Stimmchen mit den Waldvögeln um die Wette singen, aber wie diese, ohne
Noten und ohne Guitarre, Mann und Kinder werden sich an ihren Liedern doch
ergötzen. Von Alexander dem Grossen und seines gleichen braucht sie vollends
keine Sylbe zu wissen, um eine tätige, freundliche Hausfrau zu werden, deshalb
kann sie aber doch Sonntags manches gute Buch beim Strickstrumpf lesen, das
ihren literarischen Horizont nicht übersteigt, und wenn es sein muss bei
Lafontaines rührenden Geschichten ihr bitter-süsses Tränchen weinen, obgleich
ich ihr gerade diese am wenigsten anpreisen möchte.«
    »Aber Annette hat doch so viel Anlagen,« wandte halb besiegt Gabriele ein.
    »Sie ist auch hübsch und wohlgewachsen,« erwiederte schnell Ernesto. »Wollen
Sie sie deshalb in die kostbarsten, feinsten Stoffe kleiden, die eine schöne
Gestalt am vorteilhaftesten bezeichnen? Liebe Gabriele!« fuhr er fort, »alle
Welt schreit jetzt über den alles entnervenden äussern Luxus, in unsrer der
höchsten Kraft bedürftigen Zeit, ich aber halte den geistigen Luxus für weit
gefährlicher; mir graut weit mehr, wenn ich die Töchter unsrer wohlhabenden
Handwerker in französische Schulen, als wenn ich ihre Mütter in gestickten
Kleidern gehen sehe. Schöne Kleider lassen sich allenfalls erwerben und
bezahlen, wie aber setzt man ein durch halbes Wissen verdrehtes Köpfchen wieder
zurechte?«
    »Und doch redeten Sie noch gestern Abend bei der Tante allem Luxus gar sehr
das Wort,« wandte lächelnd Gabriele ein.
    »Das tat ich und werde es immer tun,« antwortete Ernesto, »aber nur bei
denen, welche Zeit und Geld genug dazu haben. Alles, was wir zu besitzen
streben, ohne es zu brauchen, ist Luxus, aber in unsern Tagen ist vieles
Bedürfnis geworden, was noch vor dreissig Jahren Luxus war. Auch sprach ich jetzt
gar nicht vom äusseren Luxus, denn jedes Kind weiss, dass wir ohne ihn wieder zum
eichelnessenden Naturzustande unsrer Vorfahren herabsänken. Ich spreche vom
innerlichen, geistigen, den sollen und müssen die Reichen freilich treiben. Was
würde sonst aus Autoren, Verlegern und aus Künstlern, wenn niemand ein Buch oder
ein Kunstwerk kaufte, als wer Freude und Genuss davon hat? Sehen Sie nur ihre
Tante an, die treibt den rechten geistigen Luxus, und ich kann sie darum nicht
genug loben und ehren, denn sie hat Geld und Zeit im Überfluss. Für sich bedarf
sie weder Bücher noch Kunstwerke, weder Gelehrte noch Künstler zum Umgange, im
Gegenteil sie sind ihr alle recht lästig, dennoch kauft sie die erstern,
bereitet den zweiten ein angenehmes Dasein, und ahnet nicht einmal, wie viel
Gutes sie damit stiftet. Aber eine Frau des arbeitenden Mittelstandes darf ihr
das nicht nachtun. Wenn eine solche Bildchen malt, Guitarre spielt und Lektüre
treibt, so verschwendet sie wenigstens die Zeit, welche ihrem Haushalt gehört,
und oft köstlicher als Gold ist; obendrein bereitet sie sich eine traurige
Existenz, weil sie gegen ihren, ihr bestimmten Kreis anstrebt, von welchem sie
sich doch nicht losreissen kann. Darum, liebe Gabriele, bitte ich Sie nochmals,
versuchen Sie es nicht, aus einer niedlichen Wiesenblume eine Prachtpflanze zu
ziehen, die in dem rauhen Klima zu Grunde gehen müsste, in welchem sie in ihrem
natürlichen Zustande recht ergötzlich blüht! Lehren Sie Annetten weder
französisch noch italienisch, und sagen Sie ihr kein Wort mehr von Alexander dem
Grossen.«
    Gabriele versprach endlich, ihrem erfahrnen Freunde zu folgen, obgleich mit
innerm Widerstreben, denn er hatte nur ihren Verstand aber nicht ihr Gemüt
besiegt; obendrein erschwerten ihr sowohl Annettens Eitelkeit, als ihre
wirkliche Lust am Lernen diesen Entschluss, aber sie blieb ihm treu, nicht nur
weil sie es versprochen hatte, sondern auch weil sie einsah, dass es wirklich so
besser sei.
Ottokar blieb noch immer Gabrielens Hausgenosse. Als den Sohn eines
entferntlebenden, aber mit ihrem Gemahl innigst verbunden gewesenen Freundes,
hatte die Gräfin Rosenberg ihn dringend eingeladen, in ihrem sehr geräumigen
Hause bei ihr zu wohnen, so lange er in der Stadt verweilen musste, in welcher er
seine nahe Anstellung zu einem Gesandtschaftsposten erwartete. Aus den wenigen
zu seinem dortigen Aufentalt bestimmt gewesenen Wochen wurden Monate, ohne dass
weder er noch seine gastlichen Freundinnen es zu bemerken schienen. Ottokar
befand sich zu wohl in ihrer Nähe, um über dieses Zögern der Entscheidung seines
Schicksals in Ungeduld zu geraten. Die Gräfin sowohl als Aurelia hatten
ebenfalls ihre eignen triftigen Gründe, ihn gerne bei sich zu sehen, und so
lebten alle drei in grosser Zufriedenheit neben einander hin, ohne die Tage zu
zählen.
    In der ersten Zeit sah Gabriele Ottokarn weit seltner, als sie es im Stillen
gehofft und gefürchtet hatte, denn der geselligen Abende im Hause ihrer Tante
gab es jetzt sehr wenige.
    In grossen Städten tritt zwar nie eine gänzliche Ebbe der Vergnügungen ein,
aber oft eine alles mit sich fortreissende Flut, während welcher Feste an Feste
sich reihen, und die Zahl der Tage für alle kaum hinreichen will. Solch eine
Flut fiel gerade in die Zeit, wo Gabriele noch nicht öffentlich erschien.
Bälle, grosse Soupers, auffallende teatralische Neuigkeiten zogen die Gräfin und
ihre Tochter an jedem Abende aus dem Hause, ohne ihnen Zeit für ihre eignen
Zirkel zu lassen, und auch Ottokar ward von dem Strome mit fortgerissen.
Gabrielen entging dadurch jede Gelegenheit, ihn anders als an der Mittagstafel
zu sehen, und auch an dieser vermisste sie ihn oft. Sowohl seine persönliche
Liebenswürdigkeit, als seine äussern Verhältnisse zogen ihm vielfältige
Einladungen in andern Häusern zu, und die Gräfin hielt ihn nie davon zurück,
solche anzunehmen. Sie blieb auch in Hinsicht seiner ihrem Systeme treu: keinen
ihrer Gäste in seiner Freiheit zu beschränken, denn Erfahrung hatte sie gelehrt,
dass dies der sicherste Weg sei, sie immer fester an sich zu binden.
    Mit gewaltigem Herzklopfen hörte Gabriele jedesmal die Stunde schlagen,
welche sie in den Speisesaal rief; ihre sonst ziemlich überwundne ängstliche
Blödigkeit kehrte dann mit verdoppelter Gewalt zurück, und nur heimlich wagte es
ihr Blick, unter den Anwesenden nach Ottokar zu suchen. Stumm und traurig nahm
sie ihren Platz ein, wenn er abwesend war; die Unterhaltung rauschte unbeachtet
an ihr vorüber, und nur Aureliens lustiger Übermut versuchte es zuweilen, sie
hinein zu verflechten. Die Uebrigen, mit Stadtgesprächen beschäftigt, schienen
fast gar nicht sie zu bemerken. Ohnehin war die Gesellschaft nie zahlreich, die
Gräfin liebte keine Diners, sie schimmerte lieber bei Kerzenschein, und auch
Ernesto war ein seltner Gast an ihrem Tische.
    Ganz anders aber gestaltete sich die Unterhaltung, wenn sie durch Ottokars
Gegenwart belebt ward. Mit Entzücken sah dann Gabriele, wie alles in seiner Nähe
sich veredelte, wenn sie auch dabei bald hochrot erglühte, bald blütenweiss
erblasste, und ihr Herz sich zitternd in ihrer Brust bewegte. Es konnte ihr nicht
entgehen, dass Alle strebten, sich vor ihm vom Gemeinen entfernt zu halten, und
ihn offenbar als den Ersten unter sich anerkannten, obgleich er mit der
anspruchlosesten Bescheidenheit sich über keinen zu erheben suchte. Sein Platz
an der runden Tafel zwischen der Gräfin und Aurelien war dem von Gabrielen
gerade gegenüber. Ihr entging fast kein einziges seiner Worte, und wenn er im
Gespräch sich gegen seine Nachbarinnen wendete, so konnte sie dem freundlichen
Strahlen seiner Augen, dem anmutigen Spiel seiner Gesichtszüge zusehen, ohne
dass jemand es bemerkte. Oft wünschte sie recht sehnlich, dass er auch an sie mit
freundlichen Worten sich wenden möge, und wenn er es tat, so raubte süsses
Erschrecken ihr den Atem zur Antwort. Ottokar konnte nicht umhin, ihre ewige
Verlegenheit zu bemerken, er sah, dass sie auch mit den übrigen Anwesenden nur
dann sprach, wenn sie gefragt ward, und immer in möglichst wenigen Worten. Er
schrieb ihr Benehmen einzig der unüberwindlichen Furchtsamkeit zu, die er an
einem so jungen, in der tiefsten Einsamkeit erzogenen Mädchen sehr natürlich
fand, und begnügte sich endlich, aus Mitleid mit ihrer Angst, sie nur mit einem
freundlichen Lächeln zu begrüssen, ohne sie ferner durch Anreden in Verlegenheit
zu setzen.
    Gabriele bemerkte dies, ohne zu wissen, ob sie sich darüber freue oder
betrübe. Immer mehr verstummte sie in seinem Beisein und strebte nur, nichts von
dem zu verlieren, was er zu den Uebrigen sprach. Ihr war dabei, als ob er
dennoch nur sie damit meine, als wenn nur sie den Sinn seiner Rede vollkommen
verstünde, weil nur sie so an jedem seiner Worte hing, denn die andern konnten
doch manches zuweilen achtlos überhören. Jeder seiner Gedanken war wie aus ihrer
tiefsten Seele herausgesprochen, bei jedem vorkommenden Gegenstande fühlte sie
im voraus, wie er sich darüber äussern würde, und doch war und blieb sie die
Einzige, zu der er niemals mit Worten sich wendete.
    Träfe er mich nur einmal im Zimmer allein! dann müsste er doch zu mir reden,
ich hätte gewiss dann auch den Mut, ihm zu antworten, und alles wäre anders! So
dachte sie oft, während alles blieb wie es war.
    Auch wusste sie nicht, was denn eigentlich anders werden solle. Ihre Wünsche,
ihre Hoffnungen schwammen formlos vor ihrem sonst so klaren Sinn, aber tief in
ihrem Gemüt herrschte eine unaussprechliche Sehnsucht nach jenem seligen
Moment, ohne dass ihr nur von ferne der Gedanke kam, ihn auf irgend eine Weise
herbeiführen zu wollen.
    Keiner von denen, welche sie kannte, schien ihr würdig, an Ottokars Seite zu
stehen, selbst Ernesto nicht, in dessen hellem, scharfem Blick sie die milde Güte
oft vermisste, durch welche Ottokar ihr vor Allen liebenswert erschien, und so
stieg dieser nach jedem Wiedersehen immer höher in ihrer Verehrung, und ihr
Anerkennen seines seltnen Wertes ward immer demütiger.
    In ihrem einsamen Zimmer rief sie sich jedes seiner Worte, jede seiner
Bewegungen zurück, aber sie vermochte es nie, vor andern seinen Namen zu nennen,
selbst nicht vor der sich immer fester an sie schliessenden Auguste von
Willnangen. Es betrübte sie, sie schalt sich undankbar, wenn es ihr unmöglich
war, das herzliche Vertrauen im gleichen Maass zu erwiedern, mit welchem diese,
mädchenhaft traulich, sie auf den tiefsten Grund ihres Herzens blicken liess.
Aber sie war an das Leben mit einem Wesen gewöhnt, das ohne Worte sie verstand,
und dessen jetzt ruhendes Herz sonst mit dem ihrigen in stetem Einklange schlug,
wie zwei gleichgestimmte Saiten, die nur eines Hauches bedürfen, um zugleich im
nämlichen Tone zu erbeben. Es blieb ihr unbegreiflich, dass nicht Ernesto, Frau
von Willnangen, deren Tochter, dass nicht alle nur von Ottokar sprachen, dass sie
ihn nicht alle als den Einzigen, Seltnen laut anerkannten, wie er ihr schon beim
ersten Anblick auf der Reise erschienen war. Aber da jedermann schwieg, so
verstummte auch sie.
    Nur in der stillen Nacht ergoss sich ihr volles Herz in dem Tagebuche,
welches sie schon früh zu führen gewöhnt worden war, und in welchem sie von
jeher alles Merkwürdige aus ihrem äussern und innern Leben oft nur in kurzen
Sätzen niederschrieb. Oft glaubte sie bei dieser einsamen Beschäftigung, die
beseligende Nähe des Geistes ihrer Mutter zu fühlen, der ihrer Ueberzeugung
nach, als schützender Engel sie umschwebte. Dann redete sie die Mutter als noch
lebend an, ihr und den Blättern ihres Tagebuchs vertraute sie allein das
glühende Gefühl, welches sie jetzt allmächtig beherrschte, dem sie immer
wehrloser sich hingab, weil sie es nicht erkannte. Ottokar ward gar bald durch
das Schreiben von ihm zum Geschöpf ihrer jugendlichen Fantasie, zu einem
himmlischen Gebilde; er stand in einer Glorie vor ihrem Sinne, zu welcher sie
ihm selbst die Strahlen lieh, ohne sich dessen bewusst zu werden.
    Alles, was wir in der Einsamkeit dem Papier vertrauen, übt dadurch
tausendfache Gewalt an uns, Liebe, Freude, vor allem der Schmerz. Wir selbst
schärfen bei dieser stillen Beschäftigung jeden Stachel des Lebens, wir drücken
ihn immer tiefer in das wunde Herz, während wir uns alles verhehlen, was ihn
sänftigen könnte. Und so kommen wir bald dahin, in fruchtlosem Mitleid mit uns
selbst zu vergehen, und kein Strahl aus der helleren Wirklichkeit erleuchtet
mehr die sternlose Nacht, die wir selbst immer dichter und dichter um uns und
unser Geschick ziehen.
    So war es auch mit Gabrielen; aber keiner von den Wenigen, die an ihr Teil
nahmen, konnte vor dieser Gefahr sie warnen, denn allen blieb sogar das Dasein
ihres Tagebuchs ein Geheimnis und musste seiner Natur nach es bleiben.
Alle Abende, an denen Feste und Lustbarkeiten ihre Hausgenossen entfernt
hielten, brachte Gabriele bei der Frau von Willnangen zu. Das Gefühl, mit
welchem die edle Frau zuerst der Tochter Augustens entgegen kam, hatte sich bald
in wahrhaft mütterliche Liebe zu dem verwaisten Mädchen umgewandelt, und oft
betrachtete sie es mit ängstlicher Sorge. Ihrem tief eindringenden Blick entging
es nicht, dass Gabriele von einer einzigen, vielleicht ihr ganzes künftiges
Dasein bestimmenden Empfindung beherrscht ward, aber vergebens strebte sie, den
Gegenstand ihrer jugendlichen Neigung zu entdecken, denn bis jetzt hatte sie in
Ottokars Gegenwart sie fast nie gesehen, auch kannte Frau von Willnangen
Letztern ohnehin nur oberflächlich, da er so ganz zu den nächsten Umgebungen der
Gräfin Rosenberg gehörte. Ahnendes Vorgefühl liess sie wenig Erfreuliches für
Gabrielens Zukunft hoffen, desto fester aber begründete sich der Vorsatz in
ihrem Gemüt, dieses so vereinzelt und hülflos dastehende anmutige Wesen in
keinem des Trostes bedürfenden Moment zu verlassen, und bei Gabrielen, wie
ehemals bei Ferdinand, an die Stelle der früh verklärten Auguste zu treten, so
viel die Möglichkeit dies erlaubte.
    Im nähern Umgang mit ihrer welterfahrnen Freundin ward Gabrielens Blick in
das Leben allmählich immer mehr erweitert. Blieb sie allein mit ihr und
Augusten, so verlebte sie Abende, während welchen sie sich in ihre frühere Zeit
auf Schloss Aarheim wieder versetzt glaubte. Musik, gemeinschaftliches Lesen,
vertraulich heitres Gespräch und Uebung mancher weiblichen Kunst liehen den
Stunden dann Flügel. Oft aber erweiterte sich auch der kleine Kreis durch das
Hinzukommen mehrerer Freunde der Frau von Willnangen, und freie, frohe
Mitteilung belebte dann die kleine Gesellschaft. Gabriele fühlte sich in ihr
weit heimischer als im Hause ihrer Tante, aber sie vermochte es doch noch nicht,
ihr zurückhaltendes Wesen im Beisein Mehrerer ganz abzulegen, und blieb darum
gewöhnlich nur eine stumme, wenn gleich fröhlich teilnehmende Zuhörerin.
    So verging der Anfang des Winters; immer näher kam das neue Jahr, welches
bestimmt war, Gabrielen diesen stilleren Freuden zu entreissen, um sie in grössere
Zirkel einzuführen. Sie sah ihm deshalb mit bangem Widerstreben entgegen.
    Eines Abends ward die Gesellschaft weit grösser und glänzender als
gewöhnlich, viele, die sonst mitten im Geräusch lebten und selten Frau von
Willnangen besuchten, traten nach und nach in ihr Zimmer, denn ein ungewöhnlich
spät anfangender Ball liess ihnen zufällig den Abend frei, und sie benutzten
diese Gelegenheit, sich vorher hier zu versammeln, wo sie die Frau vom Hause
immer zu finden gewiss waren. Unter mehreren Personen, welche Gabriele schon im
Hause ihrer Tante gesehen hatte, erkannte diese vorzüglich die Gräfin Eugenia
und den jungen Mann, welcher den Antonius vorgestellt hatte; ganz zuletzt kam
auch Ernesto hinzu und mit ihm Ottokar.
    Frau von Willnangen wurde Gabrielens Erschrecken bei Ottokars Eintritt, ihr
hohes Erröten und eben so plötzliches Erbleichen gewahr, und das bis dahin
vergebens gesuchte Geheimnis des jungen Herzens lag nun entschleiert vor ihrem
Blick. Ihre Ansicht von Gabrielens Zukunft klärte sich auf, denn ohne Ottokarn
genau zu kennen, wusste sie doch genug von ihm, um ihn günstig zu beurteilen.
Zum erstenmal fiel es ihr ein, dass er und Gabriele in einem Hause lebten; dass
die ihr eigne Liebenswürdigkeit bei diesem steten Zusammensein sich ihm
offenbaren müsse; und dass auch er von ihr sich bald mächtig angezogen fühlen
würde, schien ihr gewiss. Sie beschloss daher, von nun an Ottokarn genauer zu
beobachten, und keine Gelegenheit dazu entschlüpfen zu lassen. Der Gedanke,
Gabrielen recht bald unter dem Schutz, am liebenden Herzen eines edlen Mannes zu
sehen, war ihr zu tröstend, zu erfreulich, als dass sie sich nicht hätte geneigt
fühlen sollen, auf das Tätigste dazu mitzuwirken, sobald die Gelegenheit sich
darbot. Fürs erste aber wollte sie sich auf blosses Bemerken beschränken.
    Das Gespräch wandte sich diesen Abend sehr bald wieder auf die Tableaus bei
der Gräfin Rosenberg. Als die ersten und bis jetzt einzigen, welche man hier
gesehen hatte, waren diese Darstellungen noch unvergesslich, und in den
Gesellschaften ward viel herüber und hinüber, preisend und tadelnd, darüber
gesprochen. Gräfin Eugenia fand es seit jenem Feste für gut, überall so wie
hier, als die erklärteste Widersacherin dieses neuen geselligen Vergnügens
aufzutreten. »Ich war herzlich froh,« sprach sie, »als ich einen schicklichen
Vorwand ersonnen hatte, mich von der Teilnahme davon loszumachen. Nie hätte ich
es ausgehalten; mich bewegungslos von mehr als hundert Augen anstarren zu
lassen, dazu gehört ein Grad von Mut, welchen ich mich wenigstens nicht rühmen
darf zu besitzen.«
    »Und doch waren Sie so gütig, uns auf unserm Privatteater recht oft durch
ihre Erscheinung zu entzücken,« wandte mit einer höflichen Verbeugung der
Antonius jenes Abends ein. »Das ist ja ganz etwas anderes,« erwiederte Eugenia,
»dort auf den Bretern bin ich nicht mehr ich, die Dichtung, die Kunst reissen
mich hin, ich sehe die Zuschauer und ihre Blicke nicht mehr. Ueberdem gehört ein
gewisses Talent dazu, um auf der Bühne aufzutreten; aber schön geputzt einige
Minuten bewegungslos dastehen, kann jedes Gänschen vom Lande, wenn es nur hübsch
ist.«
    »Vor allen Dingen ist der hohe Grad von Eitelkeit und Leichtsinn wohl zu
erwägen, welcher dazu gehört, sich in fantastischer, oft unanständiger, ja sogar
heidnischer Kleidung zur allgemeinen Bewunderung hinzustellen,« sprach langsam
bedächtig ein Fräulein Silberhain. Diese junge Dame stand schon seit einiger
Zeit auf der zweiten Gränze ihres Lebensfrühlings. Früher war sie eine
Naturphilosophin, jetzt wandte sie sich zur Frömmigkeit, weil diese moderner
ist, aber sie hatte Schelling und Tomas a Kempis in ihrem Köpfchen noch nicht
recht zu einigen gewusst, und warf daher Redensarten aus beiden im Gespräch
verwirrt und wunderlich durcheinander. Uebrigens hing ein fein gearbeites
Kruzifix an einer goldenen Kette von ihrem Halse herab, ein zweites krümmte sich
sehr widerwärtig zu einem Ringe an ihrer Hand, und ihre gemessenen Worte
drängten sich mühsam durch die kaum geöffneten, fast regungslosen Lippen.
    »Ich begreife nicht wie man um so nichtigen Zweck seine Identität zu opfern
vermag,« fuhr Fräulein Silberhain in ihrer Rede fort, »wie kann ein in seinen
tiefsten Tiefen vom Höchsten erfülltes Gemüt so ganz dieses vergessen und dem
prunkenden Schimmer irrdischer Vergänglichkeit huldigen! Die Stille des Gemüts,
das beseligende Gefühl dessen, was unser Eins und Alles sein soll, müssen ja in
der aus Tand und flüchtigen Glanz entstehenden Verblendung auf lange von uns
weichen, und der verirrte Sinn braucht vielleicht viele Monate, ehe er wieder
zur anschauenden Klarheit gelangt.«
    »Hätte ich nur einen recht schönen türkischen Shawl gehabt, ich wäre für
mein Leben gern dabei gewesen, wenn ich auch nur ein ganz unbedeutendes
Nebenpersönchen hätte vorstellen sollen; und was wetten wir? mein frommes,
gelehrtes Schwesterchen würde sich unter dieser Bedingung auch wohl dazu haben
bewegen lassen,« rief überlaut das sehr junge Fräulein Fanny Silberhain, indem
es sich lachend hinter Gabrielen vor den zürnenden Blicken der viel ältern
Schwester verbarg.
    »Allerdings,« sprach ein ansehnlicher, schwarz gekleideter Mann, »allerdings
wüsste ich wenigstens keine bessere Gelegenheit, um sowohl jene kostbaren Hüllen
als überhaupt alle Pracht der Gewänder und auch körperliche Vorzüge ins schönste
Licht zu stellen, als solche Tableaus. Bei Maskeraden verlieren die
ausgesuchtesten Masken sich im Gewühl, und obendrein verhüllen die hässlichen
Larven das Gesicht, hier aber wird uns der ungestörteste Genuss der Anschauung
des Schönen, verbunden mit der aestetischen Freude an dem Kunstwerk, welches,
gleichsam ins Leben gerufen, vor uns tritt.«
    »Echte Freude an der Kunst ist allemal religiös, hier aber, Herr Professor!
sehe ich nur die traurige Erscheinung ungebändigten Weltsinns und unverhüllter
Eitelkeit,« sprach, sanftmütig zürnend, das Fräulein mit dem Kruzifix.
    »Erlauben Sie indessen, meine Gnädige!« erwiederte der Professor, »dass ich
Sie daran erinnere, wie untrennbar die Neigung zur Eitelkeit von jeder höhern
Natur ist, die man die organische zu nennen pflegt; bemerkt man sie doch sogar
an einigen der edleren Tiergattungen. Sie ganz ausrotten zu wollen, wäre eben
so vergeblich als schädlich, so wie alles, was gegen die Natur anstrebt. Es ist
vielleicht unschicklich, hier den nackten Wilden als Beweis, wie tief der Hang
zum Putz in unserem Wesen liegt, anzuführen, der sich tattowirt und mit grellen
Farben bemalt um sich zu verschönern, aber blicken Sie nur um sich her, Sie
finden bei Reichen und Armen dasselbe, nur anders gestaltet. Dass man sich, schön
geschmückt, auch Andern gerne zeigt, ist ebenfalls natürlich und war es vom
Anbeginn der Welt. Damals, als Weichlichkeit und Prachtliebe das alte Rom seinem
Untergange näher führten, war es unter den vornehmen Römerinnen gebräuchlich,
sich, wenn sie einander besuchten, nicht nur auf das herrlichste zu schmücken,
sondern sich auch durch ihre Sklavinnen mehrere reiche Gewänder und Schmuck
nachtragen zu lassen, die sie im Hause der den Besuch empfangenden Dame alsdann
sich anlegen liessen, wie Sie alle, meine Gnädigen, aus der weltberühmten
Anekdote der Mutter der Grachen längst wissen werden. Man behauptet, dass diese
Sitte auch unter den, allen männlichen Augen verborgen lebenden, vornehmen
Frauen des Orients noch heut zu Tage im Schwange sei. Aber wie ärmlich, wie
unbequem, wie ungraziös selbst erscheint diese Art von Schaustellung gegen eine
Reihe von Tableaus, welche die glücklichste Wahl unter den Kostüms aller Völker,
aller Jahrhunderte frei lassen. Die Pracht der Steine und der Gewänder erscheint
in ihnen nur als das begleitende Attribut der Schönheit, des geistreichen
Ausdrucks und der anmutigsten Stellungen, und wir können es in der Tat der
Gräfin Rosenberg nicht genug verdanken, dass sie mit diesem erhöhten Genuss uns
bekannt machte.«
    »In welchen wunderlichen Zeiten leben wir! ein Professor muss gegen Damen die
Eitelkeit in Schutz nehmen!« rief ein alter Herr.
    »Mich dünkt, wir leben in einer in dieser Hinsicht recht verständigen Zeit,
in welcher man endlich einmal aufhört, die Frauen allein eines Fehlers zu
beschuldigen, den ich am liebsten eine Tugend nennen möchte,« erwiederte schnell
Ottokar. »Wir Männer mögen uns noch so weise anstellen,« fuhr er lächelnd fort,
»wir sind eben so wenig frei von ihm als die Frauen, und ich danke Gott dafür.
Der Hang zum Gefallen erscheint mir als die Würze des geselligen Lebens, als die
Wurzel aller seiner Freuden und Tugenden, die ohne ihn zu Grunde gehen müssten.
Man täte ja am besten, in Höhlen und Wälder zu ziehen, wenn niemand mehr das
Bestreben zeigen wollte, liebenswürdig zu erscheinen, und sogar durch den blossen
Anblick zu gefallen.«
    »Sollte denn aus diesen Tableaus, über welche wir so viel streiten, nicht
auch für die Kunst manches Gute entstehen können?« fragte Auguste von
Willnangen.
    »Dochwohl nur, indem sie mehr Teilnahme an ihr und ihren Erzeugnissen
aufregen,« erwiederte Ottokar, »sonst glaube ich nicht, dass sie in dieser
Hinsicht von grossem Nutzen sind. Sie bleiben doch nur die Kopie einer Kopie der
Natur, und zwar eine unvollkommne, denn vieles muss aus jedem Gemälde hier
wegbleiben, das doch durchaus dazu gehört, die Hintergründe, die Architekturen,
die Landschaften, das Gewölk.«
    »Eine angenehme, gesellige Unterhaltung zur Abwechselung mit den ewigen
Charaden und Sprichwörtern scheinen sie mir doch wenigstens zu bieten,« sprach
Frau von Willnangen, »auch hoffe ich, sollen sie dazu beitragen, die unseligen
Jeux d'esprit aus der Gesellschaft zu verbannen, in welchen der arme Geist so
gemartert wird, um zu erscheinen, dass er sich endlich ganz in Langeweile
auflöst. Nur tut es mir leid, dass die Vorbereitungen zu Tableaus für die kurze
Dauer ihrer Erscheinung zu viel Zeit und Mühe kosten.«
    »Alles lässt sich vereinfachen,« erwiederte Ernesto, »und ich getraue mir mit
sehr wenigen Vorrichtungen, ganz aus dem Stegreif, dennoch manches Ergötzliche
in dieser Art Ihnen vorzuführen. Wir brauchen zum Beispiel nur diese Flügeltür
auszuheben, einen Vorhang vorzuhängen, eine grosse spanische Wand dahinter zu
stellen, und wir haben das Lokal dazu. Einige grosse Lampen, oder ein Paar
Dutzend zu einer Fackel vereinigte Wachslichter, und die Beleuchtung ist fertig.
Schminke und etliche falsche Bärte für die Herren sind bald herbeigeschaft, und
wenn die Damen ihre schönen Schawls zur Garderobe herleihen wollen, so lässt sich
mit diesen wenigen Requisiten schon manch guter und glänzender Effekt
hervorbringen. Auch für die Kunst selbst könnte auf diese Weise Bedeutendes
geschehen, wenn die Gesellschaft einem Künstler erlaubte, mit ihrer Hülfe nicht
bloss schon vorhandene Gemälde nachzubilden, sondern seine eignen Gedanken, die
oft noch beinah formlos ihm vorschweben, auszuführen. Manches erfreuliche
Kunstwerk könnte diesem Spiele seine Entstehung verdanken, wenn ein talentvoller
Künstler auf diese Weise gleichsam ein Vorbild von dem sähe, was er auszuführen
Willens ist; der Zufall würde manches ordnen, manches in ihm erwecken, an das er
ausserdem nie gedacht hätte, und der aus solchen Proben für die Kunst entstehende
Gewinn könnte leicht unschätzbar werden.«
    Kaum hatte Ernesto geendet, als schon Auguste von Willnangen und Fanny
Silberhain fröhlich aufsprangen und ihn mit Bitten bestürmten, gleich auf der
Stelle eine solche Darstellung anzuordnen. Ottokar, Antonius und der grösste
Teil der Gesellschaft, selbst Frau von Willnangen nicht ausgenommen,
vereinigten ihre Bitten mit jenen, und Ernesto musste dem allgemeinen Wunsche
nachgeben; nur tat er es mit der Bedingung, dass es ihm erlaubt sei, seine
Figuranten selbst zu wählen. Fanny sammelte sogleich aufs eifrigste alle Shawls
ein und wählte dabei in Gedanken den glänzendsten unter ihnen für sich aus;
Auguste besorgte aufs schnellste alles übrige und trug noch eine Menge
zweckdienliche Sachen herbei, die von frühern Maskenanzügen und kleinen
teatralischen Vorstellungen her, sich noch in der Garderobe vorfanden. In
weniger als einer halben Stunde war alles zum Anfangen der Vorstellungen in
Bereitschaft. Mehrere Tableaus folgten nun einander, ernste und heitere, im
mannigfaltigen Wechsel, denn Ernesto war unerschöpflich im Erfinden, und Ottokar
sowohl als der Professor standen ihm bei der Anordnung treulich bei. Die ganze
Gesellschaft geriet in eine so fröhliche Stimmung, dass Alle die Wagen
überhörten welche allmählich, herbeirasselten, um sie zu einem glänzenderen
Feste abzuholen. Nur Fräulein Silberhain sass ernst in sich gekehrt, und wies im
voraus alle Einladungen zur tätigen Teilnahme unerbittlich ab, ehe noch eine
an sie gelangte. Gräfin Eugenia hingegen hatte eine Weile zugesehen; da es aber
Ernesto nicht einfallen wollte, ihr eine Rolle anzubieten, winkte sie Antonius
herbei, der eben müssig dastand. Leise flüsterte sie ihm den Auftrag zu, Ernesto
auf nicht auffallende Weise an sie zu erinnern, und ihm zu verstehen zu geben,
dass sie in einem so kleinen, aus lauter Freunden bestehenden Zirkel ihren
Widerwillen wohl überwinden werde, und nötigen Falles sich entschliessen könne,
etwa als Grazie oder Muse aufzutreten. Antonius erklärte ihr sein Entzücken über
diesen Auftrag, versicherte, nicht mit Worten ausdrücken zu können, wie geehrt
er sich durch dieses holde Vertrauen in seine Geschicklichkeit fühle, und flog
in das Nebenzimmer, um ihren Befehl zu vollbringen. Leider aber gelang es ihm
durchaus nicht, Ernesto nur auf eine Minute allein habhaft zu werden, es kam ihm
sogar vor, als ob dieser ihm geflissentlich ausweiche. Vielleicht hatte Ernesto
wirklich von dem ausgesprochenen Wunsch der Gräfin etwas gemerkt, und vermied
mit Vorbedacht die Gelegenheit, ihn an sich kommen zu lassen, vielleicht lag
aber auch die Schuld an der gar zu höflichen Unbeholfenheit des Abgesandten;
genug, Eugenia blieb den ganzen Abend unangefochten als Zuschauerin, und war die
erste, welche die laute Bemerkung machte, dass die zum Anfange des Balls
bestimmte Stunde schon längst geschlagen habe.
    Gedankenvoll sass Frau von Willnangen dicht neben Gabrielen in der fernsten
Ecke des Zimmers. Sie sah, wie jene jedem Tone Ottokars lauschte, wie ihr Auge
entzückt auf ihm ruhte so oft er in den Tableaus erschien, und das unruhige,
fast hörbare Klopfen des jungen Herzens erregte so tiefes Mitgefühl, so bange
Sorge in ihrem Gemüt, dass sie fast eben so sehr als Gabriele selbst erschrak,
als Ernesto plötzlich vor beiden stand, und sie zur tätigen Teilnahme an dem
Tableau aufforderte, welches für heute die Reihe derselben beschliessen sollte.
Doch bald fasste sie sich wieder und stand mit gewohnter Freundlichkeit auf, um
ihm mit ihrer jungen Freundin in das Nebenzimmer zu folgen. Gabrielens Hand
zuckte in der ihrigen, ihr Blick bat, sie frei zu lassen, doch er ward nicht
erhört, und Ernesto erinnerte sie mit komischer Feierlichkeit an das ihm
zugestandne Recht, seine Figuranten nach Belieben wählen zu dürfen.
    Das Tableau stellte die Nacht vor, die ihren dunkelblauen Sternenschleier
über ihre Kinder, den Schlaf und den Tod, ausgebreitet hält. Der Frau von
Willnangen hohe Gestalt, der ruhige, milde Ausdruck ihres noch immer schönen
Gesichts eignete sich ganz zum Bilde einer stillen, heitern Sommernacht. Zu
ihren Füssen schlummerten zwei liebliche, blonde Genien, der eine war mit
Mohnblumen geschmückt, der andre, mit der ausgelöschten Fackel, trug einen Kranz
von Zypressen. Bunte, fantastische Traumgestalten drängten sich hinter ihr,
unter ihnen stand Gabriele, als ein trüber, Unheil verkündender Traum, in ihren
langen, schwarzen Schleier gehüllt, unter welchem die goldglänzenden Locken tief
herabrollten. Beim Lampenlicht, mitten unter rosenwangigen, schimmernden
Gestalten schien sie, ohne alle Schminke noch blässer als sonst. Sie glich
Pygmalions Meisterwerk bei der ersten Regung des erwachenden Lebens. So glühend
strahlte ihr dunkles Auge aus dem Marmorgesicht, denn ihr Blick traf auf
Ottokarn, der in einiger Entfernung in ihrem Anschaun verloren stand.
    Alle Anwesende erklärten einstimmig dieses Tableau für die Krone von allen,
welche dieser genussreiche Abend an ihnen vorüber geführt hatte.
    »Ich stimme gern mit Ihnen ein,« sprach Ernesto, »denn die Erfindung dieser
Gruppe ist nicht mein, ich habe nur die Träume hinzugefügt. Ich bildete sie nach
einer Zeichnung meines leider viel zu früh unter der Pyramide des Cestus zur
Ruhe gegangenen Freundes, Carstens,« fuhr er mit bewegter Stimme fort. »Lange
fesselte ihn ein trübes Missgeschick, das wie ein böser Zauber auf seinem Leben
ruhte und ihn verhinderte, aus dem Reich der Formen in das der Farben zu
dringen. Und da es endlich überwunden war, da sein hoher Genuss die Flügel freier
zu regen begann, da entschwand er uns ganz. Die Kunst wird ewig um ihren
Liebling trauern, um so mehr, da jetzt ein dem seinen ganz entgegen gesetztes
verderbliches Streben unter ihren Jüngern täglich herrschender wird.«
    Die Gesellschaft musste nun ernstlich zum Aufbruch eilen, denn das Stampfen
der Pferde unter den Fenstern mahnte sie immer lauter. In dem dadurch
entstehenden Gewimmel fand sich Gabriele plötzlich neben Ottokar. Er beugte sich
freundlich zu ihr herab und ergriff ihre zitternde Hand. »Ich fürchte keine
bösen Träume mehr,« flüsterte er ihr zu, »seit ich die Vorbedeutung des Unglücks
so anmutig erscheinen sah.« Der fortwogende Strom der Gesellschaft riss ihn im
nämlichen Moment fort, ohne dass Gabriele zur Antwort Zeit gewann.
                           Aus Gabrielens Tagebuche.
Ich fürchte keinen bösen Traum mehr, seit mir die Vorbedeutung des Unglücks so
anmutig erschien! Sprach er nicht so? Warum musste ich auch dieses Mal, nur
stumm mich verneigend, vor ihm stehen und vermochte nicht, ihm zu antworten?
Ach, weil ich bin, was ich zu sein schien, weil mein ganzes Dasein ein schwerer,
banger Traum ist! Immer ringe ich nach dem Erwachen; bin ich einst erwacht,
dann, Ottokar, dann werde ich zu dir sprechen, dich fragen, dir antworten
können, und, gewiss! du wirst mich verstehen.
Wie oft versuchte ich es schon, sein Bild auf dem Papier fest zu halten! aber
ich ermüde im fruchtlosen Streben. Ja, wenn ich mit den Zügen seines Gesichts
auch die unbeschreibliche Harmonie in seinem ganzen Wesen wiederzugeben
vermöchte! Er ist immer er selbst! ganz und ungeteilt er selbst, in jeder
seiner Bewegungen, in jedem seiner Worte, im Scherz wie im Ernst! Nur er, einzig
er kann so dastehen, so sprechen, so aussehen, und doch ist es nicht seine
Gestalt allein, die ihn vor allen auszeichnet, es ist der Einklang, die
Uebereinstimmung in seiner ganzen Erscheinung. Wo lebt der Künstler, der diese
darzustellen vermöge? Ohne sie bleiben meine Bilder leblos und starr, bei aller
übrigen Aehnlichkeit gleichen sie Wachsbildern, die das Leben ungeschickt
nachäffen wollen, und ich muss sie vernichten, denn sie erregen mir Grauen.
Nichts wollen, nichts wissen, nichts wünschen als Lieben, sich selbst vergessen
im Glück des geliebten Wesens, ohne Erwiederung zu hoffen oder zu wünschen,
stellt uns den Engeln gleich, ist Vorgefühl himmlischen Glücks! So lehrtest du
mich, meine Mutter! Warum bin ich denn nicht glücklich? Warum treibt
unerklärliche Unruhe mich rastlos umher? Warum beklemmt meine Brust ein
Wünschen, ein etwas Erwarten von der nächsten Minute, für das ich sogar nicht
einen Namen habe? Könnte ich nur einmal recht Grosses, recht Schweres für ihn
vollbringen, ohne dass er ahnete, von wo es aus ginge. Könnte ich, ungesehen von
ihm, ein trübes Geschick, ein grosses Unheil von seinem geliebten Haupte auf das
meinige lenken und dann, in mich geschmiegt und still aus meinem Dunkel hinauf
zu ihm blicken und mich in seinem freudigen Lächeln sonnen. Dann, dünkt mich,
wäre ich ruhig und glücklich für mein ganzes übriges Leben.
Nie werde ich mich darüber trösten, dass meine Mutter starb, ohne ihn gesehen zu
haben. Ach hättest du Verklärte ihn gekannt, wie lieb wäre er dir geworden! Wie
glücklich ich im Anschaun von euch geliebten Beiden!
Arme Pflanzen, die sie verstiess, weil ihr verblüht seid, wie will ich euch
pflegen und lieben! Ich fand sie heute alle im Vorsaal, die schönen Blumen,
welche Ottokar Aurelien an ihrem Geburtstage schenkte; verdorrt, losgerissen von
ihren Stäben, mit Staub bedeckt, erkannte ich sie kaum. »Sie taugen nur noch zum
Wegwerfen,« sprach Aurelia, »sie sind verblüht.« »Ja,« setzte sie mit komischem
Patos hinzu, »sieh hier, gutes Kind, das Bild der Vergänglichkeit aller Dinge,
und nimm dir ein Beispiel daran. Alles Fleisch vergeht wie Heu, singt die
christliche Gemeine, darum verträume deine Blütezeit nicht, sie kehrt dir so
wenig wieder als diesen armen Sträuchen, die Anton alsobald wegschaffen soll.«
»Liebe Aurelia,« erwiederte ich, »mit uns ist es wie es ist, aber diese Blumen
können wirklich wieder blühen, nimm sie nur wieder in dein Zimmer, trage sie an
die Sonne, begiesse sie.« - »Allerliebste Gabriele, tu du das selbst, ich
schenke sie dir«, unterbrach mich Aurelia, und machte mir nach ihrer lustigen
Art einen tiefen Knicks. Ich erschrak; »aber du hast sie von Ottokar,« stammelte
ich, und fühlte dabei, wie ich rot ward; weiss ich doch nicht ob vor Freuden
über die Blumen oder vor Verdruss, dass ich Aurelien an ihren Geber erinnern
musste. »Mag er mir frische Blumen schicken, wenn er will, dass sein Andenken bei
mir grüne und blühe,« antwortete sie lächelnd; »seit ich nicht mehr vierzehn
Jahre alt bin, bewahre ich nichts länger auf, als es des Bewahrens wert ist.
Damals freilich, da hatte ich auch ein Heumagazin von gedörrten Rosen,
Vergissmeinnicht und sonst noch allerlei Grünlichkeiten, so gut wie eine von euch
zarten Seelen, wie ich aber einmal gewahr ward, dass ich alle das Zeug sogar
nicht zum Kräuterkissen bei Zahnweh brauchen konnte, warf ich es zum Fenster
hinaus.«
Ottokar weiss, dass ich seine Blumen besitze, er hat Aurelien meine Zeichnung
dafür geraubt und auf sein Zimmer getragen, gewiss nur im Scherz, gewiss er gibt
sie ihr wieder. Warum hat mich denn Annettens Erzählung dieses unbedeutenden
Umstandes so erschreckt? Warum strebe ich jetzt so ängstlich, mir diese
Zeichnung Zug für Zug recht deutlich zu denken? Er wird sie ja doch nicht
behalten.
Wenn er unglücklich würde! Nein diese Möglichkeit kann ich mir nicht denken.
Nicht einmal die, dass ich oder andre es in seiner Nähe sein könnten. Ihm
gegenüber, seinem freundlich hellen Blick gegenüber, muss ja das Unglück eine so
stille rührende Gestalt annehmen, dass es zur schmerzlich süssen Freude sich
darüber umwandelt.
Sonst nannte Frau von Willnangen nie Ottokars Namen, jetzt höre ich ihn täglich
aus dem Munde der geliebten Frau und lausche mit Freuden seinem Lobe. Während
Gewohnheit und Arbeit mich zu Hause in meinem Zimmer festalten, bringt er die
Morgen bei ihr und Augusten zu. Meine Freundinnen streben auf vielfache Weise,
mich zu einem Besuche zur nämlichen Zeit zu veranlassen, ohne jedoch mich
geradezu einzuladen, und oft regt sich auch in mir der Wunsch, ihren Winken
folgen zu dürfen, aber ein innres Widerstreben hält dennoch mich zurück.
Abends singt mir Auguste die Lieder, welche er ihr brachte, ihre Mutter gibt
mir fast wörtlich den Inhalt ihrer Gespräche mit ihm. Ich bewundre die Freiheit
des Geistes, welche es ihr möglich macht, sich mit ihm so in Rede und Gegenrede
zu verständigen, denn in seiner Nähe wird mein ganzes Wesen nur ein Spiegel des
seinen.
Ich wollte, ich könnte dichten, oder komponiren; oft ist es mir, als müsse ich
beides können, aber vergebens suche ich Worte oder Töne für das, was ich so
gerne singen oder sagen möchte. Auch in meinen Büchern, in meinen Dichtern,
finde ich nicht, was ich suche, nirgends, was auf ihn passte. Alle Gestalten,
welche sie mir vorführen, sind nicht wie er, mild und hoch, kräftig und
bescheiden.
Er hat meine Zeichnung behalten, sie hängt über seinem Schreibtisch, freilich
als ein Geschenk Aureliens. Ernesto sah sie bei ihm. Ich bin darüber froh wie
ein Kind, ich möchte sagen, ich fühle mich geehrt, so wie sonst, wenn die
geliebte Mutter irgend eine Arbeit von mir sich zum Gebrauch aneignete. Wenn er
die Zeichnung ansieht, muss er nicht zuweilen meiner gedenken?
Heute Abend war ich zeitiger als gewöhnlich zu Frau von Willnangen gegangen, ich
fand die liebe Frau allein mit Augusten, trübe und traurig schien ein
schmerzliches Andenken schwerer als sonst auf ihrem Gemüte zu lasten. Sie bat
uns, etwas zu singen, und wir wählten das himmlische Duett aus Pärs Sargino, das
mir von jeher wie die Sprache klingt, in welcher Engel einander sagen, wie sie
sich lieben. Dolce dell' anima, fing ich an; speme e diletto di questo cor, und
meine Seele schwebte auf den süssen Tönen himmelan. Da erscholl es dicht hinter
mir, dolce dell' anima, es war nicht Augustens Stimme, es war seine, seine!
unbemerkt von mir war er ins Zimmer und an Augustens Stelle getreten. Ich wagte
nicht, mich umzusehen, aber ich hatte den unbegreiflichen Mut, fortzusingen, la
pura fiamma che m'arde in petto! Ich fühlte mir das Herz in der Brust, jeden
Puls meines Lebens erzittern, aber meine Stimme bebte nicht, ich wusste kaum, dass
ich sang, die Töne strömten unwillkürlich aus meiner tiefsten Brust, aus dem
Herzen meines Herzens, und ich hörte mich selbst wie die Stimme eines Dritten.
Atemlos, bewustlos sogar, stand ich da, als das Duett geendet war, und konnte
nichts als mich tiefer und immer tiefer vor Ottokar neigen, während er zu mir
sprach. Auguste sagt, er habe viel zum Lobe meiner Stimme, meines einfachen
Vortrags gesagt; ich weiss es nicht, ich habe sogar nicht gesehen, wie er sich
bald darauf entfernte. Als er fort war, schloss mich Frau von Willnangen mit
verdoppelter Zärtlichkeit in ihre Arme, Augustens schönes Auge blitzte freudig,
beide waren den ganzen Abend unerschöpflich in seinem Lobe, in Erzählungen
kleiner Züge von ihm. Zu jeder andern Zeit hätte diese Unterhaltung mich sehr
glücklich gemacht, jetzt konnte ich kaum darauf achten. Ja Musik ist die Sprache
seliger Geister, das weiss ich jetzt mit Ueberzeugung, in Tönen konnte ich ihm
singen, wofür ich nimmer Worte fände, und der Nachhall dieser Stunde wird mein
ganzes kommendes Leben durchtönen.
Einmal, nur einmal möchte ich doch Aurelia sein, neben ihm sitzen, ihn ansehen,
und mit ihm sprechen können wie sie.
Es war mein Stolz und meine Freude, mit Ottokar, wenn gleich ihm unbewusst, ein
Geheimnis zu teilen, etwas, allen andern Verborgnes von ihm zu wissen, daher
vertraute ich keiner lebenden Seele die Geschichte unsers ersten
Zusammentreffens. So lange ich allein darum wusste, wähnte ich, sie sei ein
unsichtbares Band, das mich allein vor allen andern mit ihm vereinte. Nun ist es
zerrissen. Woran ich Wochen und Monde hindurch in der Stille mich freute, ist
die Neuigkeit des Tages geworden und geht entstellt von Mund zu Mund. Die ganze
ungewöhnlich zahlreiche Gesellschaft, Aurelien an der Spitze, strömte mir heut
entgegen, so wie ich den Speisesaal betrat, nur Ottokar blieb in der Ferne. Mein
Blick sucht immer ihn zuerst, ich bemerkte einen leisen Zug des Unmuts auf
seinem Gesicht, ein vielleicht nur meinem Auge sichtbares schnell wieder
verfliegendes, zorniges Erröten. Erstarrt blieb ich in der Türe stehen,
Aurelia und alle Uebrige mochten lange mit Fragen und Redensarten in mich
hineingestürmt haben, ehe ich nur begriff, wovon eigentlich die Rede sei. Ich
sah nur Ottokar in dieser mir unerklärlichen Bewegung. Ernesto, der, sonst um
diese Stunde ein seltner Gast, bei uns ist, kam mir zu Hülfe. Seit meinem ersten
Eintritt in dieses Haus ist er mir immer nah, so bald ich seiner bedarf. Wie er
es anfing, weiss ich nicht, ich war zu aufgeregt, um es zu bemerken, aber der
ganze gesellige Knäuel drehte sich bald von uns ab, um Aurelien her, und ich
stand mit Ernesto allein im Fenster. Hier erfuhr ich von ihm, dass Ottokars
Kammerdiener Aureliens Kammerjungfer erzählt habe, wie sein Herr eine arme alte
Frau unterweges in den Wagen genommen habe, auch dass ich damals mit ihnen in
einem Gastofe wohnend, die Geschichte mit grosser Teilnahme gehört und durch
Frau Dalling mich näher darnach erkundigt habe, denn obgleich Lorenz mich nicht
zu Gesichte bekam, so hatte er diese doch dort gesehen und hier wiedererkannt.
Die Jungfer hatte nichts angelegentlicheres zu tun, als ihrer Gebieterin bei
der nächsten Gelegenheit diese Anekdote wieder zuzutragen. »Sie können denken,«
fuhr Ernesto fort, »wie willkommen ein solcher Stoff Aurelien sein muss, um ihren
nie zu ermüdenden Mutwillen daran auszulassen. Gönnen Sie ihr die Freude,
folgen Sie Ottokars Beispiel und lachen Sie mit, anstatt sich darüber zu ärgern.
Die Tante trat zu uns, anscheinend recht fröhlich, aber in ihren Augen zuckte
doch eine gewisse Unruhe, sie vermochte nicht ganz die Furcht zu verbergen, dass
Aurelia den Scherz zu weit treiben könne; der lustige Tumult in dieser und
Ottokars Nähe ward immer grösser und lauter, die Tante immer ängstlicher und
freundlicher, und mir ward das Herz schwer und schwerer mit jeder Minute.
Mehrere Spottbilder, mit erklärenden Knittelversen, alle von Aurelien selbst,
nur zu geistreich erfunden und ausgeführt, hatten bisher die Gesellschaft
ergötzt, endlich gelangten sie auch zu uns. Ottokar war darauf als Don Quixotte
dargestellt, wie er seine durch Zauberkünste in die Gestalt einer alten
hässlichen Frau verkappte Dulcinea von Toloso in eine Schenke bringt, die er für
ein Kastell ansieht. Auf einem andern Blatt erscheint er als ein Schäfer, der
eine zur Bettlerin verwandelte Fee vom Tode befreit, und gleich darneben, wie er
zum Danke dafür in einen wunderschönen Prinzen mit Krone und Scepter verwandelt
wird. Dann sahen wir ihn auch in Hofgalla, die Bettlerin am Arm, und mich im
Hintergrunde, ganz in Extase vor Rührung und Bewunderung, neben mir eine ganze
Reihe nassgeweinter Schnupftücher auf einer Leine zum Trocknen aufgehängt.
Ottokar selbst näherte sich uns und betrachtete diese Ergiessungen einer nichts
schonenden, übermütigen Laune mit beifälligem Lächeln. »Wir sind diesesmal
Leidensgefährten, liebes Fräulein,« sprach er, indem er sich freundlich zu mir
neigte, während ich, errötend vor Zorn und Verlegenheit, nicht wusste, wohin ich
die Blicke wenden sollte. »Sie sehen so ernstaft aus, tun Sie das nicht,
nehmen Sie einen geselligen Scherz nicht höher auf, als er aufgenommen sein
will,« setzte er leiser, fast bittend, hinzu. Alles schwamm vor meinen Augen bei
dem unerwarteten Glück, einen von ihm ausgesprochnen Wunsch erfüllen zu können.
Ich hätte Aurelien, auf die ich eben erst zürnte, jetzt mit Freuden an mein Herz
gedrückt, weil sie die Veranlassung dazu lieh, und ich hoffe, dass jede Spur des
Unmuts in diesem Moment eben so von meiner Stirne schwand wie aus meinem
Herzen. Um meiner Zufriedenheit die Krone aufzusetzen, sammelte Ernesto die
Zeichnungen alle sorgfältig zusammen und legte sie in seine Schreibetafel, mit
der Erklärung, dass er sie als das gelungenste Werk seiner Schülerin aufbewahren
wolle, und weder die Bitten der Gesellschaft noch Aureliens Zürnen konnten ihn
bewegen, sie wieder herauszugeben.
    Der einmal angestimmte Ton wollte bei Tische noch nicht gleich verhallen,
aber Ernesto und Ottokar bemeisterten sich des Gesprächs, die Tante unterstützte
sie auf das kräftigste, und so nahm es bald eine für mich erfreulichere Wendung,
die ich mit angestrengter Aufmerksamkeit verfolgte. Ottokars Blick gleitete
wärend dem Gespräch oft von dem neben mir sitzenden Ernesto auf mich herab, ich
sah es nicht, denn meine Augen senken sich immer vor den seinen, aber ich fühlte
seinen Blick wie einen Sonnenstrahl in meinem Innern.
    Jetzt bin ich allein, und das durch Ottokars Nähe unterdrückte bittre Gefühl
regt sich von neuem in meiner Brust. Ach ich fürchte die Spottsucht, die flache
Charakterlosigkeit der Gesellschaft um mich her wird auch mich noch ergreifen.
Am besten wär es wohl für mich, ich ginge. Aber wohin? Arme Gabriele, wohin? Wo
er nicht ist? Freilich werden Tage kommen, an denen ich ihn nicht sehe,
vielleicht ein Tag, der von ihm auf dieses ganze Leben mich scheidet, aber soll
ich denn schon jetzt dem Licht der Sonne mich entziehn, weil vielleicht bald die
Nacht herein brechen wird?
Mit dem neuen Jahre war endlich der Zeitpunkt erschienen, der eine gänzliche
Umänderung in Gabrielens, ihr allmählich lieb gewordnen Lebensweise
hervorbrachte. Von nun an ward sie die beständige Begleiterin ihrer Tante durch
die ganze lange bunte Reihe von Lustbarkeiten, welche das Karneval in der
grossen, lebenslustigen Stadt herbeiführte. Bälle, Soirees, Schauspiele aller Art
raubten ihr jeden Abend, und die Zurüstungen zu diesen verkümmerten ihr manche
Morgenstunde, die sie sonst andern Beschäftigungen zu widmen gewohnt war.
    Mit aller Kraft ihres Geistes suchte sie jetzt die ängstliche Blödigkeit zu
überwinden, welche ihre ersten Schritte in der Gesellschaft so unsicher gemacht
hatte. Es gelang ihr nach und nach. Das Blendende der Erscheinungen, das
betäubende Geräusch verloren allmählich die Gewalt, ihr zu imponiren, ihre
Existenz in der Welt ward mit jedem Tage angenehmer und obgleich sie sich oft
nach den stillen, genussreichen Abenden sehnte, welche sie sonst bei Frau von
Willnangen zu verleben gewohnt war, so gab es doch auch oft Stunden, in denen
sie sich recht jugendlich heiter an dem bunten Leben ergötzte.
    Dennoch war ihre Erscheinung in demselben nichts weniger als brilliant. Als
eine nahe Verwandte der von allen gefeierten Gräfin Rosenberg, in deren
Begleitung sie überall erschien, verfehlte man zwar nicht, ihr die
Aufmerksamkeit zu erzeigen, zu welcher dieses Verhältnis sie berechtigte; aber
eigentlich betrachtete man sie doch noch immer als ein halbes Kind, und sie
hätte gewiss an manchem Abend die Reihe der ungestört gähnenden Opfer der
Sozietät vermehrt, welche man in allen Salons-Ecken sitzen sieht, wäre nicht
Ernesto ihr treuer Beschützer geblieben, und hätte nicht Frau von Willnangen
diesen Winter der gewohnten Ruhe weit öftrer als sonst entsagt, um ihren
Liebling in so ungewohnten Verhältnissen nicht ganz verlassen zu wissen.
    Ottokar sah Gabrielen jetzt täglich, ohne dass beide einander deswegen viel
näher gekommen wären. Er zeichnete sie nicht minder als Aurelien aus, durch
tausend kleine Aufmerksamkeiten, die er, als der Gast der Gräfin, ihnen vor
andern schuldig zu sein glaubte, übrigens aber blieb ihr gegenseitiges
Verhältnis fremd und abgemessen wie zuvor.
    Nur selten, besonders aber am Neujahrsabende, bei ihrem Eintritt in die
grosse Welt, hatte er ihr einige Teilnahme gezeigt. Die Gräfin feierte den
Schluss des festlichen Tages mit einem Ball, den sie den jüngern Bekannten
Aureliens gab. Einsam und vergessen sass Gabriele lange in einer Ecke des
Tanzsaales. Sie gedachte der Neujahrsabende, welche sie als fröhliches Kind an
der Hand der Mutter in den hohen, düstern Sälen von Schloss Aarheim verlebt
hatte. Die Tanzmusik tönte nur wie aus weiter Ferne in ihre Träume, als Ottokar
plötzlich vor ihr stand und ihr seine Hand bot, um auch sie den fröhlichen
Reihen zuzuführen. Es war der erste festliche Tanz ihres Lebens, ihr
schwindelte, noch ehe sie den Tanzplatz betrat. Ottokar merkte ihr Schwanken,
schrieb es ihrer gewohnten Furchtsamkeit zu, und umfasste sie nur um so fester,
um sie vor jedem möglichen Zufall zu sichern. Gabriele fühlte den Druck seines
Arms, das Säuseln feines Atems in ihren Locken, sie sah sein freundliches Auge
ganz nahe auf sie herabblitzen und schwebte, an ihn gelehnt, wie auf geflügelten
Sohlen durch den weiten Saal, so leicht, so anmutig, dass selbst die Tante ihr
freundlich Beifall zunickte. Mit ihm so durch das Leben! Der Gedanke flog zum
ersten Mal wie ein Pfeil, in stechendem Schmerz, durch ihr Innres; ein unendlich
betrübendes Gefühl bewegte sie fast bis zum Weinen, und noch nie hatte sie sich
so vereinzelt, so ganz verlassen gefühlt, als da Ottokar nach beendigtem Walzer
sie zu einem Sitz führte und sie dann mit einer stummen Verbeugung verliess, um
sich eine andre Tänzerin zu wählen.
Eines Abends, in einer grossen Gesellschaft, wandte sich das Gespräch auf den
echt spanischen Fandango. Aurelie war eben in sehr glänzender Laune, und so
bedurfte es nicht grosser Ueberredungskraft, um sie zu bewegen, ihn zu tanzen,
obgleich die musikalische Begleitung, ausser dem Tambourin und den Kastagnetten,
nur noch aus einem Pianoforte bestehen konnte, und an einen Mittänzer gar nicht
zu denken war.
    »Du kennst die Figuren des Fandango, ich weiss es vom Tanzmeister,« sprach
Aurelia zu Gabrielen, indem sie die sich vergeblich Sträubende in die Mitte des
Saales mit sich fortzog; »übrigens,« setzte sie noch, wie ihr zum Troste hinzu,
indem sie ihr die Kastagnetten aufzwang, »übrigens hat es wenig zu bedeuten, wer
neben mirherhüpft.«
    Die mehresten der Anwesenden, sogar die Gräfin, blickten mit mitleidiger
Besorgnis auf die arme Gabriele, die beinahe zitternd, mit niedergeschlagnen
Augen dastand, während ein dichter Kreis von Zuschauern sich um sie und ihre
Kusine bildete. Endlich sah sie auf, ihr erster Blick fiel auf Ottokar, der
neben Ernesto stand, und sie mit ängstlicher Teilnahme betrachtete. Unfern von
beiden winkte ihr Frau von Willnangen Mut zu, und nie war diese Gabrielen der
verlornen Mutter so täuschend ähnlich erschienen. Der Anblick der befreundeten
Gestalten, die ersten Takte der ihr bekannten Musik, aus welcher ihr
Erinnerungen an ihre glückliche Kindheit wiederhallten, begeisterten sie; die
Gewalt, mit der sie ihre Aengstlichkeit niederzukämpfen suchte, verknüpft mit
dem lebhaften Wunsche, die durch ihr Gelingen zu erfreuen, welche ihr
wohlwollten, versetzten sie in eine Art von Extase. Wider alles Erwarten gelang
es ihr, mit unnachahmlicher Grazie auch den künstlichsten Wendungen Aureliens zu
folgen, die jetzt in vollem Ernst mit der eben Verachteten zu wetteifern begann.
    Wie ein weisser Schmetterling die prachtvoll erblühte Centifolie umflattert,
so schwebte die kleine Silfidengestalt um die hohe schöne Aurelia her. Der
Anblick war wirklich entzückend, lauter, rauschender Beifall übertönte fast das
Pianoforte; nach beendetem Tanze drängte sich alles, um beide mit Lob- und
Danksprüchen zu überschütten, vorzüglich aber Gabrielen; denn ein unerwartet neu
entdecktes Talent gilt immer mehr als ein längst bekanntes. Frau von Willnangen,
Ernesto, Ottokar sogar, erhoben Gabrielen bis in die Wolken, andre folgten
diesen anerkannten Koriphäen des guten Geschmacks, sogar die Gräfin erklärte
sich für stolz auf ihre liebe Nichte und umarmte sie mit grosser Zärtlichkeit. So
ward das Unerhörte herbei geführt, dass Aurelia wirklich zu ihrem eignen höchsten
Erstaunen ein paar Minuten lang um der kleinen Kusine willen vergessen und
verlassen dastand, und diese Erfahrung war ihr nicht weniger neu, als Gabrielen,
die der allgemeinen, laut ausgesprochnen Bewunderung.
Mit dem Scharfblick besorgter Mutterliebe bewachte Frau von Willnangen Ottokars
Benehmen gegen Gabrielen bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Nichts war ihrem
genauen Aufmerken entgangen, weder jenes festere Umfangen ihres Lieblings beim
ersten Tanze in der Neujahrsnacht, noch sein Besorgtsein um Gabrielen, als
Aurelia sie zum Fandango hinzog. Freudig hatte sie gesehen, mit welchem
Entzücken er hierauf jeden ihrer Schritte mit den Augen verfolgte, zuletzt in
laute Bewunderung ausbrach und sich allen Andern vordrängte, um der Erste zu
sein, der ihr für das Allen gewährte Vergnügen seinen Dank aussprach.
    Auch in Ottokars übrigem Betragen gegen Gabrielen glaubte sie, wenn gleich
nicht leidenschaftliche Liebe, doch ein stilles Hinneigen zu ihr zu erblicken,
denn Wunsch und Hoffnung sind zu nahe verwandt, als dass sie im Laufe des Lebens
nicht oft sollten eins für das andere gehalten werden. Frau von Willnangen
gewöhnte sich nach und nach, alle die kleinen Aufmerksamkeiten mit in ihre Waage
zu legen, durch welche Ottokar die Hausgenossin, die nahe Verwandte seiner
Gastfreundin, vor andern auszeichnete. Sie sah, mit welcher zarten Schonung und
zugleich mit welcher Gewandteit er so manche kleine, Gabrielen drohende
Verlegenheit von dieser abzuwenden wusste; sie legte alles zum Vorteil ihrer
Wünsche aus, und wahrhaft mütterliche Liebe verleitete sie endlich zu
Missgriffen, welche bei der welterfahrnen, klugen Frau sich nur durch dieses
vorherrschende Gefühl entschuldigen lassen.
    Zu diesen Missgriffen gehörte, dass sie nicht nur es nie vermied, mit
Gabrielen über alle jene ihr bedeutend dünkenden Zufälligkeiten in Ottokars
Benehmen gegen sie zu sprechen, sondern sie sogar aufmerksam darauf machte, und
sie ihr aus einem Gesichtspunkt zeigte, der für Gabrielens Ruhe durchaus
gefährlich werden musste. Augustens ewig heitre Fantasie, ihre warme
Anhänglichkeit an Gabrielen verleiteten auch diese, das Gemälde einer Zukunft
vollends auszumalen, welche keine von ihnen mit deutlichen Worten zu nennen
wagte, die aber Mutter und Tochter für jedes andere Gemüt, als Gabrielens,
dennoch nur zu deutlich bezeichnet haben würden. Diese, zu wenig vertraut mit
allem, was auf das wirkliche Leben Bezug hat, verlor sich nur mit süsser
Schwärmerei in die von ihren Freundinnen ihr geöffnete helldunkle Aussicht. In
ruhigen, einsamen Stunden strebte sie freilich, zu ihrer ehemaligen Resignazion
wieder zu gelangen, und war es sich sogar nicht bewusst, wie weit sie von ihr
gewichen sei. Ottokarn zu werden, was er ihr war, diese Möglichkeit hatte sie
noch nie mit klaren Worten sich gedacht, aber noch weniger die, dass eine Andre
so über alles von ihm geliebt werden könne. So verwirrten sich ihre Wünsche,
ihre Hoffnungen immer mehr, sie vermied sogar, zur Klarheit über sie zu
gelangen, und ihr Tagebuch entielt von nun an nur die Ergiessungen eines
leidenschaftlich aufgeregten Gemüts, das sich scheut, ein Dunkel zu
durchdringen, in welches es sich vor sich selbst verhüllt.
Der Winter zog allmählig fort, die Tage wurden länger, und im wärmeren
Sonnenstrahl erglänzten schon die schwellenden Knospen der Bäume. An Gabrielens
Rückkehr nach Schloss Aarheim ward indessen nicht gedacht, obgleich der
anfänglich dazu bestimmte Zeitpunkt nicht mehr fern war. Der Baron, welcher mit
jedem Tage seinem grossen Ziele sich zu nähern glaubte, und deshalb ungestört zu
bleiben wünschte, hatte schon früher die Gräfin schriftlich um die Erlaubnis
gebeten, den Aufentalt seiner Tochter bei ihr auf unbestimmte Zeit verlängern
zu dürfen, und Gabriele war zu sehr von der Gegenwart befangen, als dass sie den
Wechsel der Zeiten hätte bemerken können. Tage und Monden gingen an ihr vorüber,
ohne dass sie an die Möglichkeit einer Abänderung in ihren Verhältnissen
gedachte.
    Indessen konnte eine um diese Zeit entstehende geheimnisvolle Bewegung im
Hause ihrer Tante ihr doch nicht verborgen bleiben, welche auch ausser ihr
jedermann bemerkte und niemand verstand; sogar Ernesto nicht, denn die Gräfin
pflegte nach Art aller Frauen, die in der grossen Welt eine Rolle zu spielen
gewohnt sind, ihr eignes Geheimnis sicher zu bewahren, sobald sie es wollte. Sie
selbst blieb still und freundlich, wie jemand, der dem Gelingen grosser Pläne mit
Zuversicht entgegen sieht. dabei konnte sie indessen es doch nicht lassen, sich
zuweilen mit halbverhüllten Winken an Gabrielen zu wenden, von denen es schien,
als wollten sie dieser eine grosse Freude, ja sogar ein hohes Glück verkünden.
    Aurelia erschien in dieser Zeit strahlender und übermütiger als je zuvor,
Ottokar war mehr in sich gekehrt, und man bemerkte eine ihm sonst nicht
gewöhnliche Ungleichheit der Gemütsstimmung in seinem Betragen. Unter der
Dienerschaft herrschte ein immerwährendes leises Treiben, die Gräfin selbst
leitete es, es sah aus wie Zubereitungen zu einem prächtigen Feste, oder zu
einer grossen Reise, oder zu beiden; niemand von den dabei Beschäftigten wusste es
zu erklären, und alle zerbrachen sich darüber die Köpfe.
    Gabriele bemerkte wohl, dass alle diese Erscheinungen auch auf sie Bezug
haben müssten, sie sann über ihre Bedeutung nach, bis sie von der allgemeinen,
dumpfen Unruhe quälend ergriffen wurde, und war nach jedem, so in vergeblichem
Aufmerken verlebten Tage herzlich froh, wenn der Abend hereinbrach und der
gewohnte Kreis sich in den Zimmern der Gräfin versammelte, welcher jetzt, nach
den vorübergezognen Zerstreuungen des Karnevals, wieder in seine alten Rechte
getreten war.
    Eines Tages schien die allgemeine Spannung der Hauptpersonen des Hauses auf
das höchste gestiegen, noch nie waren die Gräfin so geheimnisvoll, Ottokar so
ernst in sich gekehrt, Aurelia so übertrieben lustig gewesen. Allen, welche
diesen Tag an der Mittagstafel der Gräfin Teil nahmen, fiel dieses unheimliche
Wesen bis zum Aengstlichwerden auf. Nichts konnte ihnen daher Erwünschteres
kommen, als der für den Abend verheissne Besuch eines berühmten Deklamators, denn
er versprach nicht nur Schutz gegen die bei dieser Stimmung der Gesellschaft zu
befürchtenden Langenweile, sondern auch gegen etwannige Ausbrüche einer innern
Aufgeregteit der Gemüter, von der sich jedes ergriffen fühlte. Unter allen
aber freute sich Gabriele darüber; noch nie war ihr Gelegenheit geworden, einen
Künstler dieser Art zu hören, sie hatte überhaupt keinen Begriff, wie man das,
was sie als Deklamation kannte, zum Hauptzweck seines Lebens machen könne, und
erwartete daher etwas ganz ausserordentliches von einem sich einzig diesem Zwecke
weihenden Künstler. Alles, was sie jemals von Improvisatoren, von Troubadours,
von Barden, die als überall willkommne Gäste mit ihren Liedern durch die Länder
zogen, ja sogar vom Wanderleben Homers gehört und gelesen hatte, kam ihr wieder
ins Gedächtnis. Sie erwartete nicht viel Geringeres als alles dies zusammen, und
war daher nicht wenig verwundert, als der Erwartete in Gestalt eines hagern,
kleinen, schwarzgekleideten, sehr jungen Männchens hereintrat und der Gräfin
vorgestellt ward. Seine Ungeduld, sich hören zu lassen, schien nicht minder
gross, als die der Anwesenden, ihn zu hören. Er ergriff die erste Gelegenheit,
sich anscheinend nachlässig in einen Lehnstuhl zu werfen, und begann mit nicht
auffallend angenehmem Sprachton seine Rezitationen.
    Es war wunderlich anzusehen, wie er sich ängstlich abmühete, zu deklamiren,
ohne dabei zu agiren. Mit der untern Hälfte des Körpers gelang es ihm, er sass
mit kreuzweis über einander geschlagnen Beinen wie angebunden auf seinem Sessel,
aber die Züge seines Gesichts, Arme und Hände waren gleichsam wider seinen
Willen in ewiger teatralischer Bewegung. Er hatte kein Buch nehmen wollen, weil
er behauptete, sich vollkommen auf sein Gedächtnis verlassen zu können, dies
aber vermehrte die Verlegenheit, in welche ihn die Haltung seiner Hände
augenscheinlich versetzte. Freilich hätte er auch eine ganze Bibliotek
herbeischaffen müssen, so viele ganz heterogene Dichtungen der heterogensten
Dichter liess er im schnellsten Wechsel auf einander folgen. Endlich kam auch
Macbets bekannter Monolog an die Reihe. Schauerliches Schweigen herrschte im
Saal, alles horchte seinen dumpfen, geisterartigen Tönen. »Ist das ein Dolch?«
rief er mit Macbets stierem Blick und einem plötzlichen Griff auf den vor ihm
stehenden Tisch. »Es ist nur die Lichtschere,« flüsterte Aurelia, laut genug, um
von den nahe Stehenden, wahrscheinlich auch vom Deklamator selbst gehört zu
werden, denn sobald dieser den Monolog beendet hatte, erinnerte er sich eines
Versprechens, noch diesen Abend in einer andern Gesellschaft zu erscheinen, und
eilte davon.
    »Shakespear! ach Shakespear!« rief die Gräfin, indem sie sich entzückt auf
dem Sopha zurück lehnte, und so es vermied, ihr Urteil über den Deklamator zu
frühe zu äussern. Beim Shakespeare war sie ihrer Sache gewiss, nicht so bei jenem,
obgleich dem in allen Zeitungen Gepriesenen in jeder Pause seines Vortrags von
einem grossen Teil der Anwesenden lauter Beifall gezollt worden war. »Wie gross
erscheint Shakespear, wo man auch immer ihn antrifft!« fuhr die Gräfin fort;
»wie sogar nicht zu ertödten! Welch eine Höhe! und welche Tiefe! Wie treten
seine Gebilde hinaus in die Wirklichkeit!« »Ich bin nur froh, dass der Deklamator
endlich zum Saal hinaus getreten ist,« sprach Ernesto ganz gelassen. Erstaunt
sah die Gräfin ihn an, und war doppelt froh, sich an Shakespeare gehalten zu
haben, da nun auch der Professor anfing, Klopstocks Ode, Teone, zu rezitiren.
Still auf dem Blatt ruhet das Lied, noch erschrocken
Von dem Getös' des Rhapsoden, der es herlas,
Unbekannt mit der sanfteren Stimme
Laut, und dem volleren Ton.
»Die armen Lieder!« sprach lächelnd Auguste, »sie haben nicht einmal ein Blatt,
auf dem sie ruhen könnten, er sagte sie auswendig her, und mir ist daher noch
immer, als fühle ich die heimatlosen Geister mich ängstlich umschwirren.«
Antonius wollte wenigstens das grosse Gedächtnis des Deklamators bewundert
wissen, konnte aber nicht damit zu Stande kommen, denn Ernesto verdammte gerade
dies aus dem Kopfe-Hersagen, als einen der ärgsten Missgriffe, welche sich der
Deklamator hatte zu Schulden kommen lassen, und der Professor trat ihm treulich
bei. »Wodurch wird das Lied zum Liede?« sprach dieser; »durch den Rhytmus, den
Versbau, die Wahl des Ausdrucks, nicht durch die poetische Idee allein. Mit der
strengsten Auswahl wägt der Poet jedes Wort, jede Silbe, überall sucht er den
Geist und die Harmonie aufs genauste zu vereinen, und Gott weiss, wie schwer ihm
dieses in unsrer an guten Reimen so armen Sprache oft wird. Verzweifeln müsste
er, wenn er es anhörte, wie solch ein Deklamator alle seine Mühe vernichtet und
die auswendig gelernten Lieder misshandelt! »Das ists ja eben,« setzte Ernesto
hinzu, »die Herren haben es nur auswendig und nicht inwendig, sonst müssten sie
fühlen, was sie zerstören, wenn sie hier ein fremdes Wort einschalten, weil das
rechte ihrem untreuen Gedächtnis entschlüpfte, dort einen falschen Akzent
anbringen, oder ein kurzes Wort dehnen, weil sie vom vorhergehenden eine Silbe
verschluckten, und nun mit dem Versmaass nicht auskommen. Auch das beste
Gedächtnis sichert vor dergleichen nicht. Auf dem Teater verdecken Spiel und
teatralische Täuschungsmittel diese Mängel so ziemlich, auch Sängern und
Sängerinnen will ich es allenfalls nachsehen, wenn sie unsre Dichter
verstümmeln, man versteht sie ohnehin nur selten, und wird es also nicht gewahr;
aber der Deklamator, der uns den vollkommensten Genuss eines poetischen Werkes
verspricht, müsste sich nie in den Fall setzen, so fehlen zu können.«
    »Ich wünschte fast, es gäbe gar keine Deklamatoren in der Welt,« sprach Frau
von Willnangen; »wenigstens fühle ich immer das innigste Mitleid, wenn ich einen
jungen Menschen sehe, der von falschverstandner Kunstliebe sich verleiten liess,
diesen Weg zu wählen, um darauf durch die Welt zu kommen.«
    »Denen jungen Herren, die weder Lust zum Graben noch zum Erlernen
gründlicher Kenntnisse haben, scheint dieser Weg aber sehr lustig und bequem,«
erwiederte der Professor, »sie denken noch obendrein, etwas Ungemeines für die
Kunst zu tun, wenn sie von Stadt zu Stadt gehen und patetisch hersagen, was
andre Leute gedichtet haben, und was jeder seit der Erfindung der
Buchdruckerkunst in seinem Kabinet lesen und sich dabei das gerade für ihn
Passende auswählen kann.«
    »dabei sind sie gewöhnlich in offenbarem Zwiespalt mit sich selbst,« setzte
Ernesto hinzu. Deklamiren mit Aktion oder ohne Aktion, das ist die Frage, die
sie nie lösen können. Ersteres mitten im Zimmer auf plattem Boden, hat denn doch
immer etwas komisches, abgerechnet, dass es auch dem eigentlichen Begriffe des
Deklamirens ganz entgegen steht. Und sich beim Deklamiren im übrigen ganz ruhig
zu verhalten, ist fast unmöglich, oder wird es erzwungen, so kann niemand sich
an dem Anblick freuen. Eigentliches Deklamiren möchte ich ganz auf das Teater
oder auf die Bühne der Volksredner verweisen, wenn es deren noch ausser den
Kanzeln welche gäbe; zur gesellschaftlichen Unterhaltung aber würde ich blosses
Vorlesen mit Ausdruck und Präzision allen Deklamatorien vorziehen.«
    Es ward über diesen Gegenstand noch viel hin- und hergestritten, bis Ernesto
Gabrielen aufforderte, den Streit zu beenden und der Gesellschaft zu zeigen, was
er mit Vorlesen eigentlich meine. Er kannte ihr schönes, sorgfältig von der
Mutter gebildetes Talent, und ergriff gern diese, wie jede Gelegenheit, seine
junge Freundin nicht sowohl an das Licht zu ziehen, als vielmehr sie von der
ängstlichen Befangenheit gänzlich zu befreien, von welcher sie noch zuweilen
befallen ward. Auch diesesmal gewährte sie nur mit innerm Zagen seinen Wunsch,
überflog schnell mit den Augen ein Blatt, welches Ernesto ihr reichte, während
die Lichter gerückt wurden und der Kreis der Anwesenden sich um sie her ordnete.
Sie las zuerst etwas zaghaft, dann aber mit immer steigendem Affekt, immer
eindringender, immer wahrer in Ton und Ausdruck, ganz sich und alle um sich her
vergessend, wie an jenem Abende, als sie in Ottokars Gegenwart sang: la pura
fiamma che m' arde in petto. Kein Hauch regte sich, alle waren an ihren Vortrag
wie gebannt, denn man hörte, was sie las, war der innigste Ausdruck ihres
eigensten Gefühls, und sie bezwang alle Herzen mit der Wahrheit Gewalt. Sie
hatte das Gedicht, welches sie vorlas, zuvor nie gesehen, es war das neueste
Erzeugniss eines jungen Poeten von Ernesto's Bekanntschaft.
    Hier ist es:
O lasst mich ruh'n an dieser lieben Stelle
Nur einen kurzen, stillen Augenblick!
Hier zog mein Tag herauf, so licht, so helle;
O lasst mich ruh'n an dieser lieben Stelle!
Vergönnet mir dies arme, einz'ge Glück!
Ich will nicht um mich schau'n; lasst mich vergessen,
Dass eine Zukunft ist, dass Morgen kommt.
Was über heute liegt, ist unermessen,
Und über Nacht zu denken, ist vermessen,
Mit Sonst zu sprechen, meinem Herzen frommt.
Wenn es der Welt noch einmal tagt, umdichten
Mich Gram und Nacht. Dein Bild kann nur allein
Die Nacht zur Dämm'rung eines Traumes lichten,
Und wie ein Traum musst du vorüberflüchten,
Geflügelt Glück! dein bin ich, du nicht mein.
Der hat ein süsses, hold Geschick, empfangen,
Wer dich, du zartes Bild! nur einmal sah;
Mich hat dies Glück für immerdar umfangen,
Bist du auch, Klara! weit von mir gegangen;
Mein Herz bringt ewig deine Fernen nah.
In meiner tiefsten Seele stillen Tiefen
Steh'n deine Worte, rufen nach und nach
- Wie Glockentöne, die am Tage schliefen,
Vom Abend aufgeweckt, zur Vesper riefen -
Das Heiligste in meiner Brust mir wach.
Und diese Augen sollten wiedersehen,
Was nicht zu dir gehört, was du nicht bist?
Es sollten and're Töne mich umwehen?
Und deine liebe Stimme mir vergehen?
Giebt es solch' Aufersteh'n, was Grab nur ist?
Wer hörte dich und darf noch Unglück denken?
Noch an das Böse glauben und dich seh'n?
Dein liebend Auge könnte Sonnen lenken,
Und meinen Stern, den könntest du versenken
In ew'ger Trennung namenlose Wehn?
Es muss die Zeit hinab zur Zeit wohl gehen,
Doch meine Liebe nicht und nicht mein Schmerz;
Selbst dieser Schmerz darf nicht die Lieb' umstehen
Gewaltsam, rauh; er soll wie Frühlingswehen
Wachrufen, Blumen gleich, ein sehnend Herz.
Und wenn der Winter schlafen legt die Blumen alle,
Und Herz und Sehnsucht starrt in Grabesfrost,
Wenn todtgekühlt die Blumen, Herzen alle,
Dann seh' ich dich allein aus meiner Halle
Noch diamanten-strahlend hoch im Ost.
Bis dahin lasst an dieser lieben Stelle
Mich ruhen meines Lebens Augenblick.
Hier kam mein Tag, hier bleibt die Nacht mir helle;
O lasst mich ruh'n an dieser lieben Stelle!
Euch sei die ganze Welt mit ihrem Glück!!
Während des Lesens waren Gabrielen schon bei der Stelle:
»Es sollten and're Töne mich umwehen?
Und deine liebe Stimme mir vergehen?«
einzelne Tränen in die Augen getreten; sie ward im Fortfahren immer bewegter
und bewegter. Bei den Worten:
»Hier kam mein Tag, hier bleibt die Nacht mir helle.«
versagte ihr die Stimme, und sie strebte vergebens, die beiden letzten Strophen
des Liedes zu geben, dieses zu beenden. Erbleichend, verstummend stand sie
endlich auf, bedeckte das Gesicht mit ihrem Tuche und eilte zum Zimmer hinaus,
jede Begleitung durch eine bittende Bewegung der Hand von sich ablehnend.
    Ottokar, der zunächst der Türe sich befand, war dennoch unbemerkt bis in
den Vorsaal ihr gefolgt, dann fasste er ihre Hand und führte sie zu einem Sitz im
Fenster, während er die Bedienten fortschickte, um Annetten herbei zu rufen.
Gabriele erbebte sichtbarlich, als sie ihn erkannte; ein Strom von Tränen
schaffte ihrem gepressten Herzen Luft, während er, den sorgenden Blick auf sie
geheftet, vor ihr stand. »Fräulein,« sprach er, indem er noch immer ihre Hand
hielt, »liebes Fräulein, Sie haben uns allen einen so hohen Genuss gewährt, wir
alle müssen ihnen so dankbar dafür sein; was ist es denn, das jetzt Sie so
gewaltsam niederdrückt? Zürnen Sie mir nicht,« fuhr er fort, da es ihm schien,
als wolle Gabriele sich von ihm loswinden, »zürnen Sie mir nicht, dass ich Ihrem
Winke nicht gehorchte und Ihnen hierher folgte; dass ich die Besorgnis, mit der
ich Ihren schwankenden Schritt bemerkte, nicht unterdrückte. Als ihr Hausgenosse
glaubte ich dies wagen zu dürfen, und vielleicht, hoffentlich sogar, geben mir
die nächsten Tage, vielleicht der morgende schon, das schöne Vorrecht, an allem,
was Sie betrifft, recht innigen Anteil zu nehmen.«
    Gabriele horchte bebend auf seine Worte, sie war unfähig, ihm zu antworten,
und fühlte sich zum erstenmal in ihrem Leben einer Ohnmacht nah. Ottokar konnte
nichts, als sie unterstützen, bis die erschrockne Annette kam und sie in ihr
Zimmer geleitete.
Die Nacht verging Gabrielen unter lautem Herzklopfen, unter tausend wechselnden
Ahnungen, Gedanken, halb verstandnen Wünschen. Jedes Wort, das Ottokar am
vergangnen Abend zu ihr gesprochen hatte, tönte unaufhörlich in ihrem Innern
wieder, jedes war ihr ein Rätsel, dessen Lösung sie mit Entzücken und Grauen
suchte und nicht fand, bis sie ermattet spät gegen den Morgen in unerquickliche
Bewusstlosigkeit versank.
    Ihr Erwachen zu einer ungewöhnlich späten Stunde glich ganz dem ersten im
Hause ihrer Tante. So wie an jenem Morgen, durchtoseten auch heute Bediente und
Handwerker das Haus mit Zurüstungen zu einem Feste. Weder Aurelia, noch die
Gräfin waren den ganzen Morgen über sichtbar, selbst die Bedienten taten
geheimnisvoll, wenn sie einander auf der Treppe begegneten. Gabriele sass in
ängstlicher Spannung; unfähig zu jeder sonst gewohnten Beschäftigung, lauschte
sie auf jeden Fusstritt, auf jedes Knarren der Türen in zitternder Unruhe. Sie
ahnete das Herannahen einer für ihr ganzes Leben entscheidenden Stunde, sie
ahnete einen Zusammenhang zwischen dieser Stunde und dem, was Ottokar am
gestrigen Abende zu ihr gesprochen hatte, ohne doch begreifen zu können, wie
dieses möglicher Weise sein könne. Gegen Mittag liess die Gräfin ihr sagen, dass
sie und Aurelia allein in ihrem Zimmer speisen würden, zugleich schickte sie ihr
einen sehr glänzenden Anzug für den Abend. Alles dieses so ganz Ungewohnte
vermehrte Gabrielens peinliche Unruhe, sie begann weit früher, als sonst, sich
anzukleiden, und zählte hernach jeden Pendelschlag ihrer Uhr.
    Endlich strahlten die Kronleuchter, Equipagen rollten herbei, und schon
durchrauschten die Tritte vieler herannahenden Gäste Treppe und Vorsaal, ehe
Gabriele sich wirklich entschliessen konnte, den Versammlungs-Saal zu betreten,
und eine immer steigende Angst hemmte jeden ihrer Schritte. Unter lautem
Herzklopfen blieb sie unfern der Türe stehen; wie durch einen dichten Flor
zeigte sich ihr die ganze glänzende Versammlung, welche längs den Wänden des
Zimmers einen weiten Kreis bildete. Alle nahe und entferntere Verwandte der
Gräfin, alle ihre vornehmsten Bekannten waren gegenwärtig, nur Frau von
Willnangen fehlte, weil eine plötzliche Unpässlichkeit Augustens sie zu Hause
hielt, und weder Ernesto, noch irgend einer der Künstler und Gelehrten, welche
sonst das Haus besuchten, waren zugegen. Am obersten Ende des Kreises stand die
Gräfin, reich und festlich gekleidet, neben ihr Aurelia, im weiss und silbernen
Kleide, diamantne Sterne im dunkeln, mit Perlen durchflochtnem Haar; ihr grosses
blaues Auge überschaute die ganze Gesellschaft, so wie etwa eine Königin ihren
Hofstaat übersieht, ob niemand fehle, und als sie Gabrielen an der Türe
gewahrte, winkte sie sie zu sich heran. Uebrigens herrschte tiefe Stille in der
Versammlung, man konnte das Picken der Uhren hören, so regungslos erwartend
stand alles da. Da trat Ottokar in völliger Hofkleidung aus einem Seitenzimmer
in der Nähe der Gräfin herein, zum erstenmal sah Gabriele ihn von einem breiten
Ordensband umschlungen, und einen blitzenden Stern auf seiner Brust. Mit
freundlichem Ernst, etwas bleicher, als sonst, näherte er sich der Gräfin, die
seine und Aureliens Hand ergreifend, mit würdevollem Anstande beide einige
Schritte vorwärts gegen die Mitte des Kreises führte, und Ottokarn als Aureliens
verlobten Bräutigam der Gesellschaft vorstellte.
    Die Gräfin schien sich zu dieser Festlichkeit eine kleine Rede ausgesonnen
zu haben, die sie, zwischen Ottokar und Aurelien stehend, mit dem Anstande der
Fürstin von Messina an die Anwesenden richtete. »Der Wunsch ihrer Väter,« sagte
sie unter andern, »der Wunsch ihrer Väter, wenn gleich nicht ihr unabänderlicher
Wille, bestimmte dieses Paar schon seit Aureliens Geburt für einander, doch
blieb dieses, meinem Willen gemäss, beiden ein Geheimnis, bis ich überzeugt sein
konnte, dass kein innres oder äussres Hindernis sich ihrer Verbindung
entgegenstelle. Die Gnade des Fürsten hat auch das letzte beseitigt, indem sie
den Grafen in den Stand setzt, seiner Braut mit seiner Hand auch einen meinen
Wünschen angemessnen Rang in der Gesellschaft zu bieten; Ottokar erhielt heute
seine Ernennung zum Gesandten in Rom, und Aurelia folgt ihm entzückt in das
schöne Land, zu welchem schon längst sie, wie jeden Gebildeten, die Sehnsucht
zog. Auch ich werde sie dortin begleiten, und da Graf Ottokars Bestimmung die
schnellste Ausführung des längst Vorbereiteten fordert, so wird uns leider das
schöne Fest des heutigen Tages durch den Schmerz des Abschiednehmens von so
werten Freunden getrübt. Schon morgen verlassen wir die Stadt, in wenig Tagen
wird das hochzeitliche Band auf meinem Landgute ganz in der Stille geknüpft, und
in weniger als einem Monat eilen wir Italien zu, wohin Pflicht, Liebe und
Sehnsucht uns rufen. In Jahr und Tag hoffe ich indessen Sie alle hier wieder zu
sehen, ich kehre dann mit der festen Ueberzeugung des Glücks meiner Kinder
zurück und hoffe, in Erinnerung und Gegenwart mit meinen Freunden frohe Tage zu
verleben. Auch meine Nichte, Gabriele von Aarheim, wird mich begleiten. Ich habe
dich von deinem Vater dazu erbeten,« sprach sie, in ihrem natürlichen Ton, sich
plötzlich zu Gabrielen wendend, »du sollst auch Italien sehen, freue dich recht,
Kleine, und wünsche deiner Kusine und ihrem Bräutigam Glück,« setzte sie hinzu,
indem sie ihr näher zu treten winkte.
    Gabriele, welche schon früher auf Aureliens ersten Wink sich genähert hatte,
drängte sich jetzt mit wunderbarem Ungestüm durch die Versammlung, welche sich
in dem Moment auch in Bewegung setzte, um Aurelien ebenfalls ihre Glückwünsche
zu bringen. Gabriele wankte, als sie der Tante näher kam; im Begriff zu sinken,
umfasste sie unwillkürlich das Knie der Gräfin, um sich aufrecht zu halten.
»Wunderliches Kind, wie stürmisch ist deine Freude! Hier, hier bringe deinen
Glückwunsch an,« sprach lächelnd die Gräfin, indem sie sie umarmte und dann zu
Aurelien und Ottokar wendete. »Glück! Glück!« rief Gabriele, atemlos und wie
verwildert, sie konnte in augenscheinlicher Bewusstlosigkeit kein anderes Wort
hervorbringen, als dieses eine, das sie mehreremale schnell wiederholte. Die
Gräfin, welche auch in der höchsten Bewegung die feingezogne Linie des
hergebracht Schicklichen nie aus den Augen verlor, wurde von dem Aufsehen
beunruhigt, welches Gabrielens sonderbares Benehmen unter den Zunächststehenden
schon zu erregen begann. Sie schob sie daher mit sanfter Gewalt der Türe zu,
durch welche Ottokar hereingetreten war. »Dortin, dortin,« flüsterte sie ihr
leise ins Ohr, »erhole dich erst von deiner ausgelassnen Freude, und dann kehre
wieder.«
    Gabriele ging, der Weisung der Tante gehorsam; sie ging und ging, einen
endlosen Weg, wie es ihr schien, die Kronleuchter drehten sich in einem
wunderlichen Tanz um sie her, die Tapeten und Fussteppiche hoben und senkten
sich, sie sah alles und erkannte nichts, bis sie am äussersten Ende der
erleuchteten Reihe von Zimmern in einem nur von einer Dämmrungslampe erhellten
Kabinet auf den Divan sank.
Ueber eine Stunde mochte wohl verflossen sein, seit Gabriele sich von der
Gesellschaft entfernte; im freudigen Tumult hatte weiter niemand an sie gedacht,
selbst die Gräfin nicht, welche jetzt, nachdem die Gratulationen vorüber waren,
alle Aufmerksamkeit darauf verwandte, die Spieltische zu Jedermanns
Zufriedenheit zu ordnen. Aurelia zog sich indessen mit ihren jüngern Freundinnen
in ihr Zimmer zurück, Ottokars prächtige Brautgeschenke mit ihnen zu mustern und
zu bewundern, und so entstand für diesen eine Pause in der geselligen
Unterhaltung, die ihm in seiner jetzigen Stimmung höchst willkommen war. Er
fühlte dringend das Bedürfnis einiger einsamen, ruhigen Minuten, um sich selbst
wieder zu finden. Jede auffallende Abänderung des Gewohnten, und sei sie noch so
erwünscht, führt ihre eignen Schauer mit sich, die uns mit unwillkommner Gewalt
ergreifen, oft im Momente, wo wir es sogar als Pflicht fühlen, nur Freude äussern
zu dürfen. Sogar das höchste Entzücken unverhofften Wiedersehens geliebter
Freunde ist im ersten Augenblick ein Schmerz, wir müssen mit jedem Glück erst
Bekanntschaft machen, ehe wir uns dessen recht erfreuen können, und wir
erschrecken sogar vor unsern eignen Wünschen, wenn sie plötzlich in Erfüllung
treten.
    So ging es auch Ottokar. Ihn schauerte, als er sich nun wirklich an dem
Wendepunkt seines Lebens sah, den er doch seit Monden zu erreichen strebte. Oft
hatte er den bittersten Unmut empfunden über den langsamen Kabinetsgang, der
seine Anstellung verzögerte, und jetzt schien ihm alles überraschend schnell
gekommen zu sein. Er konnte es sich nicht verhehlen, dass das leichte, luftige,
freie Schmetterlingsleben durch den heutigen Tag beendet werde. Bande aller Art,
ehrenvolle Tätigkeit, ernste Pflichten im häuslichen Leben erwarteten ihn,
tausend Rücksichten mussten seinem bisherigen harmlosen Umherschweifen jetzt ein
Ende machen, die Blütezeit seines Jugendlebens war dahin, und er vermochte es
nicht, ohne Schmerz von ihr zu scheiden.
    Leise hatte er sich, die hellerleuchteten Säle entlang, neben den eben
besetzten Spieltischen durchgeschlichen, ohne dass jemand es bemerkte, ausser der
Gräfin, die auch heute, wie immer, ihm Freiheit liess zu gehen und zu kommen. Er
öffnete vorsichtig die Türe des Kabinets, in welches Gabriele sich geflüchtet
hatte, und fuhr fast wie vor einer Geistererscheinung zurück, da er sie beim
Schein der schwach leuchtenden Alabasterlampe erblickte, wie sie sich bleich und
langsam bei seinem Eintritt vom Divan erhob und ihm ein paar Schritte entgegen
trat.
    »Sie sind es? Sie sind es wirklich, Ottokar?« redete sie ihn an. »Sie sind
es wirklich? ich sehe Sie noch einmal und kann von Ihnen Abschied nehmen? ich
darf einmal im Leben zu Ihnen noch sprechen, ehe ich auf immer scheide? Nun so
ward doch ein heisser Wunsch im Leben mir gewährt!«
    Ottokar erschrak vor dem zitternd bewegten Ton ihrer Stimme, vor der
heftigen Spannung, in der augenscheinlich ihr ganzes Wesen sich befand. Er
näherte sich ihr, indem er beschwichtigend ihre bebende Hand ergriff und sie
wieder zum Divan zurückführte. »Sie reden vom Scheiden, vom Abschiednehmen?«
sprach er, »liebe teure Gabriele, - mit dieser vertraulichen Benennung darf ich
jetzt doch Sie anreden? - liebe, liebe Gabriele, an Scheiden, an Trennen ist nun
gar nicht zu denken. Verstehen Sie jetzt meine Worte von gestern Abend?« fuhr er
fort, indem er recht vertraulich sich neben sie setzte. »Giebt der heutige Tag
mir nicht ein Recht, an allem, was Sie betrifft, innigen, warmen Anteil zu
nehmen?«
    Gabriele schwieg, ihre Hand zitterte noch immer in der seinen, schwere
Tropfen fielen einzeln aus ihren gesenkten Augen.
    »Morgen gehen wir zusammen auf das Land,« fuhr Ottokar etwas verlegen fort,
da es ihm gar nicht gelingen wollte, sie zur Gegenrede zu bringen. »Morgen auf
das Land, und wenig Tage später durch den blühenden Frühling nach Italien. Wie
wird diese liebliche weisse Rosenknospe in jenem schönen Garten hold erblühen!«
sprach er, indem er sich zurückbeugte und Gabrielen mit Wohlgefallen
betrachtete. Welche Freude wird es sein, dort in der Heimat der Kunst alle die
Anlagen, die Talente sich bis zur Vollkommenheit entfalten zu sehen, die Ihre zu
grosse Bescheidenheit uns jetzt kaum erraten lässt. Wird es mir dort vielleicht
gelingen, Ihr Zutrauen zu erwerben? ich ahne schon lange, dass Sie nicht
glücklich sind, liebe Gabriele,« sprach er, ihre Hand fester fassend, »oft wenn
Sie, von mir sich unbemerkt glaubend, am Tisch mir gegenüber sassen, sah ich den
Schmerz auf Ihren Lippen beben. Ich weiss es wohl, Ihnen fehlt das höchste Glück
der Jugend, eine liebende Mutter, Geschwister. Nehmen Sie mich, liebe Gabriele,
nehmen Sie mich zu ihrem Bruder an, jetzt, da ohnehin Verwandtschaftsbande uns
vereinen werden; geben Sie mir ein Recht, mit liebender Sorgfalt um Sie
geschäftig zu walten. In dem fremden Lande, wohin wir gehen, so schön es ist,
werden wir doch unter uns unbekannten Menschen allein zusammen stehen, die
vielleicht gar nicht zu uns passen; aber wir werden uns dafür auch desto fester
an einander schliessen und einander um so näher angehören, je isolirter wir sind.
Darum adoptiren Sie mich zum Bruder, ehe die Not Sie dazu treibt, gewiss, ich
will ein recht guter Bruder sein,« setzte er fast scherzend hinzu.
    Er schwieg, ihre Antwort erwartend, während sie sichtbar nach Fassung, nach
Atem rang; plötzlich richtete sie sich auf und legte auch ihre zweite Hand auf
die seinige. Er blickte verwundert, voll Erwartung sie an.
    »Ich danke Ihnen, Ottokar,« sprach sie, »ich danke Ihnen herzlich; Sie
wollen ein krankes Kind mit erfreulichen Bildern zur Ruhe einlullen, aber ich
bin nicht krank, ich bin auch kein Kind, ich darf es ja nicht sein, von jetzt an
nicht mehr. Ach wäre ich es, und läge tief gebettet bei meiner Mutter!« rief sie
schmerzlich, ermannte sich aber gleich wieder. »Sie zeigen mir eine entzückend
schöne Aussicht in die Zukunft, Ottokar,« fuhr sie fort. »Noch gestern hätte der
Gedanke an die Möglichkeit derselben mir ein Traum vom Himmel gedünkt, aber in
dieser Stunde fühle ich, dass ich selbst mir diesen Himmel verschliessen muss.
Ottokar, ich nehme hier an dieser Stelle, in dieser Stunde Abschied von Ihnen,
ich kann nicht mit Ihnen gehen. Fragen Sie mich nicht: warum?« setzte sie mit
bittender Stimme hinzu, »fragen Sie mich nicht: warum.? Es ist mir selbst nicht
deutlich, ich vermag nicht, es in klaren Worten vor mir selbst auszusprechen,
aber eine Stimme in meinem Herzen ruft laut, dass wir uns hier trennen müssen,
und ich darf ihr nicht widerstreben. Ich danke Gott, dass mir vor dem Scheiden
der Augenblick wird, nach dem ich Monden lang mich sehne, und auch Mut und
Fassung ihn festzuhalten. So scheide ich doch nicht von Ihnen als eine ganz
Unbekannte, so nehme ich doch das Bewusstsein Ihrer Teilnahme an meinem Dasein
mit mir. Sie werden in dem schönen Lande, wohin Sie ziehen, der armen Gabriele
nicht vergessen, die hier immer Ihrer gedenken wird, auch wenn mächtige Gewässer
und himmelhohe Alpen zwischen uns liegen.«
    In immer steigender Bewegung hörte und sah sie Ottokar, so lange sie sprach,
immer fester hielt er ihre Hand, immer näher suchte sein Auge das ihre, während
die zarte Gestalt, im Schmerz des Scheidens aufgelöst, das müde Haupt an seine
Brust lehnte, und mit der arglosen Sicherheit eines Kindes verstummend, neben
ihm sass. Ihm war, als schwände vor seinen Augen ein dichter Nebel, der ihn bis
jetzt verhindert hatte, ein Juweel, nach welchem er lange überall vergebens
suchte, dicht neben sich glänzen zu sehen. »Wie war es möglich,« rief er
endlich, »dass Sie so lange fast unbemerkt neben mir standen? Ja ich ahnete Ihren
höhern Wert, wann ich Sie so jung, so allein, so schweigend, mitten im Wirrwar
der ungeselligsten Geselligkeit stehen sah; welche unselige Verblendung, welche
eitle Verknüpfung unbedeutender Zufälligkeiten hielt mich ab, Sie näher kennen
zu lernen! und sollen wir jetzt, da wir uns eben fanden, den herben Schmerz des
Scheidens mutwillig auf uns laden, mit dem das Geschick uns dennoch freundlich
verschont? Nein, Gabriele, Sie irren, es muss nicht sein, wir dürfen uns nicht
trennen. Ich bin Ihr Bruder, Sie selbst mir die geliebteste Schwester, denn Sie
können mich nicht verschmähen, und auch Aurelia wird der Gegenwart einer
liebenden Freundin aus der Heimat in dem fremden Lande doppelt bedürfen.
    »Aurelia!« rief beinahe schreiend Gabriele, und verhüllte einen Augenblick
ihr Gesicht. Dann hob sie gefasster die schönen, durch Tränen lächelnden Augen
zu Ottokar auf.
    »Nach dieser Stunde darf nichts halbes in unserm Verhältnis mehr bleiben,«
sprach sie, »ganz verhüllt oder ganz erkannt muss ich von Ihnen scheiden. So
bringe ich denn mein Herz Ihnen offen dar und fürchte kein Missverstehen. Seit
ich zuerst Sie sah, Ottokar, sind Sie ein Teil meines Daseins, Ihr Glück ist
das meine! Sie legen jetzt Ihr Geschick in Aureliens Hände - du liebst Aurelien
- o liebe sie recht innig, recht treu - treue, innige Liebe, alles, sich selbst
sogar, opfernde Liebe, bringt uns den Himmel, wenn auch das Herz darüber bricht.
- Auch Aurelia liebt Sie,« fuhr Gabriele nach einer kurzen Pause fort. »Sie
liebt Sie, aber jeder Einzelne hat wohl seine eigne Liebe, ihre Weise ist nicht
die meine, ich würde nie sie verstehen, so wenig wie sie mich jemals verstand.
Darum muss ich fort, ich würde in ewiger unendlicher Sorge um dich in deiner Nähe
vergehen, ich würde dich mit mir herabziehn zu meinen ängstlichen Zweifeln. Ach
schon jetzt suche ich vergebens Worte, um auszusprechen, was doch so klar vor
meiner Seele steht, meine Reden verwirren sich unwillkürlich, so würde ich auch
in euer Leben nur Verworrenheit bringen. Darum muss ich zurück in meine
Einsamkeit, meine Nähe wäre euch nur unheilbringend. Ich bedarf Ihrer Gegenwart
nicht zu meinem Glücke, Ottokar, Sie sind doch immer mit mir, und diese an
Tränen und Freuden so reiche Stunde bleibt ewig der hellschimmernde Lichtpunkt
meines Lebens, er kann nie verlöschen.«
    »O Gabriele!« rief Ottokar, mit leuchtenden Augen und tiefbewegter Stimme,
»Gabriele! warum schlug diese Stunde uns nicht früher! wie anders könnte alles
sein!« - »Sprich diesen Gedanken nicht aus, hüte dich, ihn nur auszudenken, rein
und treu musst du bleiben, wenn ich nicht im Schmerz um dich vergehen soll,«
unterbrach ihn Gabriele, in heftiger Bewegung.
    »Ich bleibe rein, ich bleibe treu,« erwiederte Ottokar, »aber noch bin ich
nicht gebunden, noch hat die Kirche nicht« - »Ottokar! Ottokar! ich flehe zu
dir!« rief Gabriele, in höchster Angst, mit gefaltnen Händen, indem sie vom
Divan hinabgleitend fast zu seinen Füssen hinsank.
    Ottokar fasste sie schnell in seinen Armen auf; beide sassen einige Minuten
sprachlos mit hochpochenden Herzen, Hand in Hand neben einander. »So lass uns
wenigstens in dieser entscheidenden Stunde unsers Lebens nichts übereilen.«
sprach er endlich mit mühsam errungner Fassung, »höre auch mich an, und dann
entscheide du selbst, ich lege willenlos mein Geschick in deine Hände, du kannst
kein Unrecht wollen, du reiner Engel des Himmels. Liebe war der süsse Traum
meiner Jugend, ich trat früh in die Welt, ich suchte sie, ich fand sie nicht,
und so gab ich ihn als unerreichbar auf, den schönen Traum, und bereitete mich,
mit freiem Herzen bei der Wahl einer Gemahlin dem Wunsch meines Vaters zu
folgen. Fern vom Geräusch der Welt, lebt er in tiefer Einsamkeit. Mit der
starren Anhänglichkeit des Alters, klammert er sich an die Vergangenheit, die er
so gern wieder zurückbrächte, und der Gedanke, mich mit der Tochter seines
Jugendfreundes verbunden zu sehen, war immer der einzige Plan für die Zukunft,
den er fassen mochte Doch liebt er mich zu sehr, um das Opfer meiner Ruhe zu
fordern. Sehen sollte ich sie, Monden lang in ihrer Nähe leben, ehe ich mich
erklärte, nur eignes Wollen sollte mich binden, darum sandte er mich hierher.
Ich sah sie, Gabriele! wen sollte diese hohe Schönheit nicht blenden? dieser
heitre, immer spielende Geist, dieses Talent für alles, was das Leben verschönt?
ich glaubte, sie zu lieben, ja ich liebte sie wirklich, wenn unaussprechliches
Wohlgefallen an einem reizenden Wesen Liebe genannt werden kann. Wenn mich, wie
oft geschah, etwas Befremdendes in ihrem Benehmen auf Augenblicke von ihr
zurückscheuchte, wenn ein Ahnen, ein Sehnen höhern Empfindens mich beschlich, so
gedachte ich meines guten alten Vaters und entfernte alles, was mir die
Erfüllung seines Wunsches hätte erschweren können. So lebte ich Monate neben dem
reizenden Mädchen. War auch sie vom Wunsch unsrer Väter unterrichtet?
beobachtete auch sie mich im Stillen? ich wusste es nicht, auch galt es gleich.
In jedem Fall war sie zu stolz, mich täuschen zu wollen, sie zeigte sich mir
immer, wie sie ist, und achtete es nicht, wenn sie es auch bemerkte, dass sie mir
deshalb nicht in jeder Stunde gleich liebenswert erschien. Vor einigen Wochen
brachte mein Vater, - Ach! auf mein Bitten, - das frühere Versprechen ihres
Gatten bei der Gräfin Rosenberg wieder in Anregung. Sie weigerte sich nicht, es
zu erneuern, doch unter der Bedingung, dass ich nur dann gegen Aurelien mich
erklären dürfe, wenn ich ihr zugleich den Rang, den Glanz bieten könne, der
ihren Vorzügen gebühre. Bis dahin achtete die Gräfin weder ihre Tochter noch
mich durch dieses Versprechen gebunden und verhehlte es auch nicht, dass mehrere
Männer sich um die Hand derselben bewürben. Jetzt, Gabriele, jetzt da ich die
Gefahr sah, Aurelien zu verlieren, jetzt erst fühlte ich mich mächtig zu ihr
gezogen. Denn Eifersucht gleicht der Liebe, obgleich jene nicht immer diese
begleitet, sie ist gar oft nur das Kind gekränkter Eitelkeit. Die von den
ausgezeichnetsten Männern gefeierte Aurelia konnte mein werden, wenn ich sie zu
fesseln verstand, dies bannte mich an jeden ihrer Schritte, während ihr
Leichtsinn, ihre auch mich nicht schonende Spottlust mich auf die Folter
spannten. Endlich vor einigen Tagen kam mit der Gewissheit meiner Ernennung zu
der Gesandten-Stelle auch der Tag meiner Erklärung gegen Aurelien. Kalt,
gemütlos, spottend beinahe, gab sie mir das Versprechen, die meine zu werden,
und alle Lust am Leben schwand mir in der Minute dahin. Ich fühlte mit
Bewusstsein, dass dieses kalte, über alles lachende, mit allem seinen Spott
treibende Wesen nie lieben kann. Sie wird mir treu sein, sie wird mich
vielleicht freundlich behandeln, ich will es glauben; aber mehr darf ich nie von
ihr hoffen, und alle die schönen Ahnungen häuslichen Glücks, denen ich doch nie
ganz hoffnungslos entsagen konnte, sinken mir an ihrer Seite in das Reich der
Unmöglichkeit. Mir zum Troste suchte ich mich zu bereden, dass, was ich wünsche,
zu schön für dieses Werkeltagsleben, nur in andern Welten heimisch sei. Ich war
gefasst, eine gewöhnliche Konvenienz-Heirat einzugehen, und weder mehr noch
minder glücklich zu sein, als alle die Tausende um mich her, und nun, in der
letzten Minute, da ich mit halber Freiheit noch atme, kommst du wie eine
himmlische Erscheinung, du wunderbares Wesen, und zeigst mir ein Glück, das mir
Verblendeten bis heute noch erreichbar war. Und wäre es denn wirklich zu spät?
nein! mein guter Engel sandte dich, ich habe dich gefunden, ich gehöre zu dir,
und bin noch nicht ganz gefesselt. Gabriele, sprich nicht zu rasch unser
Urteil! ein Wink von dir, und meine Fesseln reissen, und« - »Ottokar! Ottokar!«
rief Gabriele erbleichend und trat einige Schritte von ihm zurück - gefasster
näherte sie sich indessen ihm bald wieder. »Wie du mich erschreckst!« sprach
sie, »wie du mich erschreckst mit einer mir so fremden Ansicht unserer Zukunft,
dass ich es nicht fasse, wie sie dir kommen konnte, dir, dessen Gedanken ich
sonst stets lange vorher wusste, ehe du sie aussprachst. Auch ist das, was du
sagtest, nicht die wahre Meinung deines Herzens,« fuhr sie fort, »du kannst
nicht wortbrüchig werden, weil kein Schwur dich bindet, du kannst deinem guten
Vater nicht die nahe Erfüllung seines letzten Wunsches vorspiegeln und dann
grausam ihn täuschen, du kannst nicht meiner Tante mit der Schmach ihrer Tochter
heimtückisch dafür lohnen, dass sie ihr Haus zu dem deinen machte und dir
vertraute. Ottokar, ich brauche nicht zu entscheiden, du selbst hast entschieden
in der rechten Tiefe deines Gemüts, du weisst es wohl, was geschehen muss,«
setzte sie mit sanftem Weinen hinzu. »Aber ist es denn wirklich so? müssen wir
scheiden auf ewig? und du, du Arme, was wird aus dir in den Wüsten des Lebens?«
rief Ottokar. »Ich bin beglückt,« sprach Gabriele, kraftlos auf den Divan
hinsinkend, »lass mir nur die Hoffnung, dass du streben willst, mit Aurelien
glücklich zu sein.« »Ich will es, Gabriele! ich will alles, was du willst. Guter
Gott! wie soll ich es aber anfangen, dich zu vergessen?« erwiederte Ottokar.
»Vergiss mich nicht!« bat Gabriele, »lass mich mit dir leben, wie du ewig mit mir
leben wirst, vielleicht sehen wir einst uns hier noch wieder, nach langen,
langen Jahren, dort finden wir uns gewiss; dortin wende den Blick,« sprach sie
mit aufgehobnen Händen, und sank sogleich wieder zurück.
    »Und kein Andenken dieser Stunde gewährst du mir?« sprach Ottokar. »Du hast
meine Zeichnung von Schloss Aarheim, betrachte die alten düstern Mauern, in denen
ich von nun an leben werde, denke, dass dein Bild sie mir erhellt, und nun lebe
wohl, meine Kräfte reichen nicht weiter,« sprach Gabriele mit erlöschender
Stimme.
    Ottokar kniete vor ihr hin, mit heissen Tränen netzte er die Hände der jetzt
beinahe ganz Bewusstlosen, als eine Tapetentüre sich öffnete. Erschrocken fuhr
er auf, es war Annette. Von einer unerklärlichen Angst getrieben, hatte sie das
ganze Haus durchstreift, um ihre junge Gebieterin zu suchen, nachdem sie
vergeblich sich in der Gesellschaft nach ihr umgesehen hatte. Angst leitete ihre
Schritte, auch in das an die Gesellschaftssäle anstossende Kabinet, und der
Zustand, in welchem sie ihre geliebte Herrin dort fand, erschreckte sie so sehr,
dass sie kaum Ottokars Gegenwart, noch weniger die an Verzweiflung grenzende
Bewegung bemerkte, in welcher er sogleich nach ihrem Eintritt das Kabinet
verliess. Es gelang ihm, auf der bis jetzt ihm unbekannt gebliebnen verborgnen
Treppe, welche Annetten herbei geführt hatte, sein Zimmer zu erreichen, ohne dass
ihn jemand bemerkte. Eben erhaltne Briefe von höchster Wichtigkeit mussten für
diesen Abend sein Nichtwiedererscheinen bei der Gesellschaft entschuldigen,
während Gabriele, sanft und schweigend, sich von Annetten in ihr Zimmer führen
liess. Der starre Blick, das wunderliche Lächeln, das ununterbrochne Schweigen
Gabrielens trieben die arme Annette, unerachtet der dunkeln Nacht, auf die
Strasse hinaus, um Frau von Willnangen zu Hülfe zu rufen, denn im Hause war alles
zu beschäftigt, um auf ihr Bitten zu hören, und glücklicher Weise Augustens
Uebelbefinden zu unbedeutend, als dass es Gabrielens mütterliche Freundin hätte
abhalten sollen, dem Kinde ihres Herzens zu Hülfe zu eilen.
Schon am zweiten Tage nach diesen Ereignissen war alles Leben aus dem sonst so
geräuschvollen Hause der Gräfin Rosenberg gewichen. Nur in Gabrielens Zimmer
waltete und flüsterte bange Sorge am Bette der zum Tode Erkrankten. Durch die
übrigen verödeten Gemächer schlichen nur noch ein paar halb invalider Diener, um
die Vorhänge an den Fenstern herabzulassen und das kostbare Hausgeräte gegen
den Staub sorgfältig zu bewahren. Bald war auch dieses getan, und die ehemals
glänzende Wohnung gewann nach und nach ganz das Ansehen jener verlassenen
Schlösser, die man auf Reisen so oft besehen muss, die wie verzauberte Palläste
in einem Feenmährchen dastehen, und einen unbeschreiblich traurigen Eindruck
machen, weil sie mit allem versehen sind, dessen das üppigste Leben nur bedarf,
ohne dass eine fröhliche lebende Seele zwischen den reichgeschmückten Wänden
atmet.
    Kaum hatte die Gräfin am Morgen der Verlobung ihrer Tochter die Nachricht
von Gabrielens plötzlichem Erkranken vernommen, so ahnete sie mit der ihr in
solchen Fällen gewöhnlichen Lebhaftigkeit ein bösartiges Nervenfieber in dieser
Krankheit. Der Arzt wagte es nicht, sogleich für oder wider ihre Mutmaassung zu
entscheiden, Frau von Willnangen hingegen wünschte, die Pflege ihrer jungen
Freundin ganz ungehindert übernehmen zu können, und bemühte sich daher nicht
sonderlich, der Gräfin die Furcht vor einer möglichen Gefahr der Ansteckung
auszureden. Halb todt vor Angst, konnte diese von dem Momente an keinen andern
Gedanken fassen, als wie die Stunde ihrer Abreise auf das Land möglichst zu
beschleunigen wäre. Alles dazu Nötige war ohnehin schon lange vorbereitet, und
es gelang ihr deshalb ohne zu grosse Anstrengung, sich noch im Laufe des
Vormittags, begleitet von Ottokar, Aurelien, und Eugenien, auf dem Wege nach
ihrem Landgute Rosenhain zu sehen.
    Frauen, wie die Gräfin, pflegen aus angebornem Instinkt genau zu wissen, was
sie zu verhehlen, was sie bekannt zu machen haben. Dieses Gefühl leitete sie
daher auch diesesmal ganz richtig, indem es sie bestimmte, der Krankheit ihrer
Nichte gegen Ottokar nicht zu erwähnen. Nichts in der Welt hätte diesen dazu
bringen können, seine Braut und ihre Mutter zu begleiten, wenn er nur eine
Ahnung von der Todesgefahr gehabt hätte, in welcher die ihm eben so schnell
Verlorne als Gefundne im Augenblick seiner Abreise schwebte. Indem er seinen
Reisewagen bestieg, dachte er nur an sie und die unausweichbare Trennung von
ihr. Selbst in dem Unwahrscheinlichen des Vorwandes, mit welchem die Gräfin das
Zuhausebleiben ihrer Nichte gegen ihn zu beschönigen suchte, wähnte er Gabrielen
selbst zu erkennen. In der ungeschickten Art, mit welcher man ihn täuschen
wollte, sah er nur ihre reine, jeder Unwahrheit widerstrebende Natur, er ergab
sich und schien alles zu glauben, was man ihn glauben machen wollte, weil er
dadurch ihrem Willen gemäss zu handeln sich bewusst war.
    Aurelia würde vielleicht gar nicht nach Gabrielen gefragt haben, wenn sie
nicht zu ihrer grossen Freude bemerkt hätte, dass ein Windspiel, welches sie seit
zwei Tagen leidenschaftlich liebte, weit bequemern Platz auf dem Rücksitz des
Wagens fand, als sie gehofft hatte. Mit halbem Ohr hörte sie auf die Ursachen,
die wegen Gabrielens Zurückbleiben angegeben wurden, und hatte diese, wie ihre
Kusine selbst, längst vergessen, ehe sie noch über die Vorstadt hinaus war.
Mehrere lange Tage und längere Nächte lag Gabriele ruhig da, im dumpfen
bewusstlosen Schlummer, wenn nicht fieberhafte Träume ihre innre Welt aufregten
und mit verworrenen wechselnden Bildern vor ihrem Geiste spielten. Frau von
Willnangen hatte diese ganze Zeit über an dem Bette der geliebten Kranken in
banger Besorgnis gewacht und gebetet; nur wenn die höchste Erschöpfung aller
ihrer Kräfte es gebot, wagte sie es, sich einem kurzen unruhigen Schlummer zu
überlassen. Auguste und die treue Annette traten dann mit verdoppelter Sorgfalt
an ihren Platz vor dem Krankenbette, von welchem sie ohnehin fast nie sich
entfernten.
    Dankbar, wenn gleich tiefbetrübt, erkannte es Frau von Willnangen, als eine
besonders gütige Fügung der ewigen Vorsicht, dass lauter freundliche Gestalten
das kranke Haupt der oft sanft Lächelnden umschwebten, dass keine
Schreckensträume dem Sterbekissen ihrer geliebten Gabriele nahen durften, und
die vielleicht nicht entfernte Stunde ihres Scheidens mild und ruhig, wie ihr
ganzes übriges Leben, vorüber zu gehen versprach. Sie belauschte mit der
angespanntesten Aufmerksamkeit alle Bilder, welche Gabrielens exaltirte Fantasie
dieser vorüberführte, sie horchte auf jedes verständliche Wort von den in wilder
Fieberhitze glühenden Lippen. Bald führte diese innige vertraute Gespräche mit
der ihr nun zum Schutzgeist gewordnen verklärten Mutter, bald dünkte es ihr, als
sei sie wieder ein fröhliches Kind im Schloss Aarheim, spiele mit freundlichen
Engeln in ihrem eignen Gärtchen, unter hohen wunderschönen Blumen. Oft sagte sie
ganze Stellen aus Schillers Wallenstein her, besonders aus der Abschieds-Scene
zwischen Max und Tekla. Dann sah sie Ottokar, wie von einer langen Reise
heimkehrend, und nannte ihn Max und eilte ihm freudig entgegen.
    Unter diesen Zuständen war endlich die bange, über Tod und Leben
entscheidende Nacht herangekommen. Ernst und schweigend sass der Arzt am Haupte
des Bettes, auf welchem Gabriele glühend, in schwerem Schlummer und völlig
bewusstlos lag. Neben ihm horchte Frau von Willnangen auf jeden Atemzug der
Kranken, und erbleichte vor Entsetzen, wenn die Pulse schneller auf einander
folgten, oder zuweilen gänzlich auszubleiben schienen. Die arme Annette lag auf
dem Fussboden neben dem Bette, und betete in höchster Angst ganz leise vor sich
hin; sie war fest überzeugt, dass auch sie mit ihrem Fräulein aus Jammer über
dasselbe sterben müsse. Ernesto und Auguste sassen schweigend neben einander auf
dem Sopha, sie zählten jede Sekunde an dem Picken der Uhr, und wagten es nicht,
einander anzublicken, um nicht eines in des andern Gesichte die starren Züge
innrer steigender Hoffnungslosigkeit zu gewahren.
    Jetzt schlug die erste Stunde nach Mitternacht. Der Arzt beugte sich mit
forschendem Blick über Gabrielen hin, weil er einer fast unmerklichen Aenderung
in ihrem Atmen gewahr ward. Annette richtete sich im nehmlichen Moment auf
ihren Knieen von der Erde auf, und blickte starr nach dem Fenster. »Dort fliegt
er hin, dort fliegt er hin,« flüsterte sie so innerlich leise, dass sie kaum die
Lippen dabei regte, und zupfte Frau von Willnangen am Kleide, und zeigte dabei
auf das Fenster. »Sie ist gerettet,« sprach sie darauf in fast unhörbarem Tone
zu ihr, die im bängsten Erwarten kaum noch atmete. »Sehen Sie dort?« setzte sie
hinzu, immer auf das Fenster zeigend, »dort hoch über dem Turme? den kleinen
weissen Wolken am Monde vorüber? Ach Gott, dort senkt er sich wieder!« rief sie
einen Augenblick später und verhüllte schluchzend ihr Gesicht.
    Eine bange ängstliche Stille herrschte jetzt um Gabrielen, man hörte das
Summen der Fliegen im Nebenzimmer, den Schwung der Flügel eines
Nachtschmetterlings, der um die Lampe flatterte. Da schlug Gabriele plötzlich
gross und hell die Augen auf. »Sind sie schon so früh da? liebe mütterliche
Frau?« sprach sie zur Frau von Willnangen, die sie zum erstenmal, seit sie krank
ward, wieder erkannte. »Ich habe wohl lange geschlafen, und bin doch noch müde,«
setzte sie hinzu. Ein mattes Lächeln glitt über ihr Gesicht, von neuem schlief
sie ein, aber die krampfhafte Anspannung in ihren Zügen, die Fieberröte auf
ihren Wangen waren verschwunden; sie lag bleich und schön, gleich einem
Marmorbilde jetzt da, und atmete zwar matt aber ruhig. Noch ehe die Sonne
aufging, wagte es der Arzt, für die Erhaltung ihres Lebens zu bürgen, wenn man
seinen Vorschriften pünktlich Folge zu leisten verspräche.
    Ein Arzt, der solch ein Wort mit fester Zuversicht aussprechen darf, wenn
von der Rettung eines heiss geliebten Wesens die Rede ist, steht in dem Momente
wie ein göttergleiches Wesen vor uns da. Auch bedarf es wohl solcher
Augenblicke, um ihn für die vielen bittern Stunden zu trösten, in welchen er die
Ohnmacht alles menschlichen Wissens anerkennen muss, und die dennoch von seinem
wohltätigen hohen Beruf sich nicht trennen lassen. Ernesto und Frau von
Willnangen, Auguste und Annette, alle drängten sich im freudigsten Tumult um den
Retter Gabrielens, alle wussten ihrem Dank, ihrem Entzücken keine Worte zu geben.
Es war, als habe er jedem von ihnen neues Leben geschenkt, indem er jene
tröstenden Worte aussprach: Ihr unaussprechliches Glück kennt nur, wer in einem
einzigen entzückenden Momente den unausweichlich geglaubten Verlust eines über
alles geliebten Wesens von sich abgewendet sah.« »Ach! wenn ich nur dies einemal
nicht träume,« rief zwischendurch Annette; »aber es ist doch gewiss wahr, ich sah
ihn fortfliegen, gewiss ich sah es,« setzte sie dann ganz leise vor sich hinzu,
gleichsam um sich selbst zu beruhigen. »Was sahest du denn fortfliegen?
Annettchen,« fragte Ernesto, aber sie erwiederte ihm, »dass es in dieser Stunde
noch nicht gut sei, davon zu sprechen. Er ist noch nicht weit,« setzte sie,
betrübt und vorsichtig um sich her blickend, hinzu, »ich sah ihn auf das Haus
der Frau von Felsberg sich senken, deren Kinder so krank sind.« Und damit nahm
sie wieder ihren Platz auf der Erde neben dem Bette ein, legte das Gesicht auf
Gabrielens Decke, und wandte kein Auge mehr von ihr ab.
    Viele Tage vergingen, ehe Gabriele ihren Freunden anders, als mit
unaussprechlich freundlichen Blicken, ihre liebevolle Pflege verdanken konnte,
Wochen schwanden hin, ehe sie es vermochte, sich nur wenige Stunden ausser dem
Bette zu halten.
    In den Armen der Liebe von einer schweren Krankheit zu genesen, ist eine
unbeschreiblich rührende, heilige Freude, die für alle erlittene Schmerzen
reichlich Entschädigung beut. Das Gefühl des neu erwachenden Lebens verschönt
alle Gegenwart, und jeder alte Schmerz wird wenigstens fürs erste
zurückgeschoben, dass wir nicht gleich seiner gedenken. Wir selbst sind
liebender, als im gewöhnlichen Gange des Lebens, und auch von unsern Freunden
mehr geliebt. Die nahe Gefahr des Verlustes, der furchtbare Gedanke des
Scheidens für das ganze irdische Dasein hat uns ihnen teurer gemacht; ihnen ist
zu Mute, als hätten sie zuvor unsern Wert nicht genugsam anerkannt, als hätten
sie deshalb ein Unrecht gegen uns gut zu machen, und müssten sich dankbar dafür
erweisen, dass wir noch länger unter ihnen weilen wollen. Wir hingegen, mit
Sinnen, in der Einsamkeit des Krankenzimmers neugestärkt, wir wissen nicht, wie
wir genugsam ihrer grossen Liebe uns erkenntlich beweisen sollen, und jeder
kleine Dienst, den sie in unsrer Schwäche uns leisten, hat, als Zeuge ihrer
treusten Anhänglichkeit, für uns unschätzbaren Wert.
    Und so war es auch mit Gabrielen. Sie fühlte sich durch die liebevolle
Pflege ihrer Freunde höchst beglückt, und die Ereignisse, welche sie auf das
Krankenlager geworfen hatten, waren in der ersten Zeit ihres Genesens fast
spurlos aus ihrem Gemüte verlöscht. Nur mit der allmähligen Erneuerung ihrer
Kräfte regte sich eben so allmählig der alte Schmerz wieder auf, und verflocht
sich in den Gang ihres Lebens, jemehr sich dieses der Aussenwelt wieder
zuwendete.
    Allmählig war es jetzt völlig Frühling geworden. Draussen im Garten
schwärmten die Vögelchen schon gar lustig, zwischen rötlichen Blüten ihren
kleinen Haushalt beschickend, und die Sonne schien warm und lockend durch die
immer blühenden Rosen auf Gabrielens Fenster. Auch Ottokars Pflanzen trieben
wieder Knospen, und Gabriele stand oft vor ihnen, versunken in stilles
Nachdenken, aus welchem nur die angestrengtesten Bemühungen ihrer Freunde sie zu
ziehen vermochten.
    Eines Morgens hatte sie bis zur Erschöpfung ihrer wenigen Kräfte bei ihnen
verweilt, und sank darauf in den tiefen Schlummer der Ermattung. Ernesto mit
Augusten, welche eben zugegen waren, zogen sich in das Nebenzimmer zurück, um
sie nicht durch ihre Gegenwart im Schlafe zu stören. Auch Annette musste mit,
denn das treue Kind war durch ihre grosse Liebe zu Gabrielen allen wert
geworden, und wurde mehr wie ein zur Familie gehörendes Mitglied derselben, als
wie eine um Lohn dienende Kammerjungfer betrachtet.
    »Jetzt ist es heller lichter Tag, und für dein Fräulein ist Gottlob alle
Gefahr verschwunden,« sing Ernesto an, »jetzt sage uns, liebe Annette! was sahest
du fliegen in jener ängstlichen und frohen Nacht, die wir mit dem Arzte
durchwachten?« Feuerrot warf Annette einen ängstlichen Blick auf das Fenster
und flüsterte dann schnell und leise: »Wen anders als den Todesengel.«
    »Den Todesengel?« erwiederte Ernesto lächelnd; »den sahest du fliegen? und
wie sah er denn aus, dieser Schreckensengel?«
    »Ach schrecklich genug,« antwortete Annette, »mir graust es noch, wenn ich
daran denke, wie er aussah, und doch war er so sehr schön, wie ich noch nichts
gesehen habe, kein Mensch auf Erden kann so aussehen. Er ist kein Kind, wie die
andern Engel, die in der Kirche und in der gnädigen Gräfin ihrem Zimmer abgemalt
sind. Er sah aus wie eine sehr schöne Frau, die pechschwarzen Locken hingen ihm
zu beiden Seiten des todtenbleichen Gesichts lang herab. dabei sah er recht
grässlich, recht grausam ernstaft aus und über alle massen traurig und herzlich
betrübt, und doch war es auch, als ob er mitleidig wäre und sich recht gerne
tröstlich bezeugen wolle. So flog er mit den breiten dunkeln Flügeln über das
Bette meines Fräuleins, bald in weiten Kreisen rings darum her, bald zwischen
den Vorhängen unter dem Bettimmel durch. Ich wollte immer die Vorhänge
zuziehen, aber dann dachte ich, er kömmt doch wohl hindurch, und ich sähe nicht,
wie er sie zu Tode küsse, denn im Kusse hätte er ihre Seele genommen, das weiss
ich gewiss.«
    »Liebe Annette! mir schaudert jetzt am hellen Tage bei deiner Erzählung,
unmöglich kannst du das gesehen haben, du musstest ja vor Angst und Schrecken bei
dem Anblicke von Sinnen kommen,« wandte Auguste ein.
    »Ich wäre auch gewiss dabei von Sinnen gekommen,« erwiederte Annette, »wenn
nicht die weit grössere Angst um mein Fräulein mich aufrecht erhalten hätte. Er
flog ihr immer näher und näher, zuletzt schwebte er so dicht über sie hin, dass
ich jeden Augenblick dachte: jetzt wird er sie küssen, und dann ist sie todt.
Ich lag auf der Erde neben ihr, und rückte recht mit Bedacht mein Gesicht dicht
neben ihrem Gesicht, und dachte immer daran, wie ich es so machen könne, dass er
mich an der Stelle meines Fräuleins küssen solle, oder doch wenigstens mit ihr
zugleich. Herr Gott! ich begreife gar nicht, wie Sie alle ihn nur nicht gesehen
haben, wie Sie alle nur nicht das ängstliche Schwirren in der Luft hörten, wenn
er so über meinem armen Fräulein hin und her flog.«
    »Und wo blieb er denn zuletzt, wo flog er hin?« fragte Ernesto. »Er flog
durch das Fenster hinaus,« war die Antwort, »wie er durch die Scheiben kam, kann
ich nicht beschreiben, er drang hindurch wie der Mondschein, und schwebte noch
lange von aussen um die Fenster her. Endlich, Gottlob! endlich flog er ganz fort!
Hoch durch die Luft, dicht neben dem Monde hin, ich sah es recht deutlich, wie
die dunkeln Flügel durch die weissen Wolken neben dem Monde, wie durch einen
Silberflor hindurch schimmerten. Auf einmal senkte er sich nieder; mir stand das
Herz still vor Angst; aber er flog weiter und liess sich zuletzt auf dem Hause
der Frau von Felsberg herab. Sehen sie wohl dort das grüne Türmchen mit dem
weissen Balkon rings herum? man sieht es fast in der ganzen Stadt. Das Türmchen
steht oben auf dem Hause der Frau von Felsberg. Ach Gott! und ihre lieben
kranken Kinderchen sind auch beide in derselben Nacht gestorben. Ich habe schon
so viel um sie geweint,« setzte Annette schluchzend hinzu, indem die hellen
Tränen ihr über die Wangen liefen.
    Eine lange Pause entstand, Auguste vermochte es nicht vor Grausen ein Wort
aufzubringen, und auch Ernesto fühlte von der treuherzigen Erzählung der jungen
Engelseherin sich befangner, als ihm lieb zu sein schien. Endlich wollte er
einiges über die ängstliche Wallung sagen, in der sie sich alle während jener
Nacht befunden, dann sprach er davon, dass Annette aufgeregter und überwachter
sein musste, als jeder von ihnen, weil sie allein, vom Anfange der Krankheit
Gabrielens an, bis zu jenem entscheidenden Moment, sich keine Stunde ruhigen
Schlummers gewährt hatte. Auch versuchte er, von den wunderlichen Bildern zu
sprechen, die unsre Fantasie uns schon auf nächtlichen Reisen oft vorspiegelt,
besonders, wenn wir mehrere Nächte hindurch fahren, ohne auszuruhen, aber die
Worte standen ihm nicht so zu Gebote wie wohl sonst. »Am besten ist es,« sagte
er endlich, »wir danken Gott, dass der Furchtbare diesmal vorüberzog; sei es auf
welche Weise es sei, sichtbar oder unsichtbar, grübeln wir weiter nicht darüber,
und hüten wir uns, davon zu sprechen, denn solche Gespräche taugen überall
nichts. Vor allen Dingen aber wünsche ich, dass unsre Kranke nie etwas von dieser
Erscheinung erfahre.«
So wie sich Gabriele stark genug dazu fühlte, trug man Sorge, sie aus ihrer
verödeten Wohnung hinweg, in das Haus der Frau von Willnangen zu bringen, wo sie
ihre völlige Genesung bequemer abwarten konnte. Ottokars Name war seit seiner
Abreise noch von keinem von ihnen genannt worden, und Frau von Willnangen sah
nicht ohne Besorgnis dem Augenblick entgegen, wo dieses zum erstenmal geschehen
würde. Bei aller Ueberzeugung, dass Gabrielens Krankheit mit der unerwarteten
Erklärung der nahen Vermählung Ottokars Zusammenhang habe, war sie doch weit
entfernt, nur eine Silbe von der wunderbaren Zusammenkunft zu ahnen, welche an
jenem Abend zwischen beiden statt gefunden hatte. Sie wusste daher gar nicht, wie
sie sich über Ottokar zu äussern habe, um Gabrielen nicht weh zu tun. Sie war
uneins mit sich selbst, wie jeder, der es sich nicht verhehlen kann, dass er von
der rechten Bahn abwich, und nun gern wieder gut machen möchte, was er sich
gestehen muss verdorben zu haben, wenn es auch in der besten Absicht geschah. Die
Verblendung, in welcher sie Gabrielens Neigung stets mehr entflammt hatte, statt
sie zu mässigen, war ihr jetzt unerklärlich. Sie begriff es nicht, wie ihre im
Laufe eines langen Lebens erworbne Welterfahrenheit sie diesesmal so irre gehen
liess, aber eben so wenig begriff sie noch immer, wie Ottokar Aurelien wählen
konnte, da Gabriele neben dieser stand. »Habe ich gefehlt,« sagte sie sich
endlich selbst zum Trost, »so stürzte die herzlichste Liebe zu dem
liebenswürdigen Kinde mich in den Irrtum; mag denn diese Liebe, so lang ich
lebe, auch streben, wieder gut zu machen, was sie übel gemacht hat.«
    Gabrielens Kräfte nahmen unter der treuen Pflege ihrer Freunde beinahe mit
jedem Tage sichtbar zu. Ihre Jugend, ihr stilles, von jedem innren Vorwurf
freies Gemüt, und auch des Frühlings allbelebende Kraft waren des Arztes
mächtige Gehülfen. Es hatte fast den Anschein, als ob ihre physische Natur
dieses heftigen Stosses bedurft habe, um zur völligen Entwickelung zu gelangen,
so auffallend war die Veränderung, welche jetzt in ihrem Äußern vorging, und
sie fast bis zum Unkenntlichwerden verschönte. Das kindlich runde Gesichtchen
gewann jetzt den hohen, edlen Ausdruck vollendeter Jungfräulichkeit, ohne
dadurch an jugendlichem Reize zu verlieren; ihre mit jedem Tage höher
erscheinende Gestalt entwickelte sich zu der edelsten Form, und ihrem ganzen
Wesen fehlte nur noch der Glanz blühender Jugendfrische, um aller Augen zu
entzücken.
    Mit Gabrielens wiederkehrender Gesundheit nahm aber auch der schweigende
kalte Ernst zu, mit welchem sie jetzt alles um sich her zu betrachten schien.
Eine nachdenkliche, unteilnehmende Stille in ihrem ganzen Benehmen beängstigte
Frau von Willnangen weit mehr, als wenn sie sie traurig gesehen hätte. Ihr
verging dabei völlig der Mut, endlich eine Erklärung des Vergangnen
herbeizuführen, deren Notwendigkeit sie anerkannte, obgleich sie vor den
möglichen Folgen derselben zitterte. Sie wusste ja nicht, welche Art von
Schmerzen sich mit dieser in dem armen getäuschten Herzen ihres Lieblings wieder
aufs neue, vielleicht zerstörend regen würden. Vom ersten Moment der Krankheit
an hatte sie ihren Pflegling vor allen fremden Besuchen gehütet, nicht allein
aus Rücksicht auf ärztliche Vorschrift, sondern auch weil sie es gern vermeiden
wollte, Ottokars gefürchteten Namen vor unberufnen Zeugen zum erstenmal in
Gabrielens Gegenwart nennen zu hören. Im Anfange ward ihr dieses nicht schwer
gemacht. Die übereilte, einer Flucht ähnliche Abreise der Gräfin Rosenberg hatte
das Gerücht von der in ihrem Hause obwaltenden Gefahr der Ansteckung bis zum
Ungeheuern vergrössert. Sogar ihre genausten Bekannten hüteten sich, ihm vorüber
zu gehen, und wählten lieber Umwege, um nur nicht die verrufne Strasse zu
betreten. Doch mit der Zeit verschwand auch diese Furcht, und da Gabriele
späterhin im Hause der Frau von Willnangen sich befand, so drängte sich bald die
gewöhnliche Schaar von Besuchenden herbei, welche jedes Krankenzimmer für einen
erwünschten Vereinigungspunkt anzusehen pflegt. Keiner von diesen gelangte
indessen bis zu Gabrielen; Auguste machte in einem Nebenzimmer die Honneurs, und
entschuldigte ihre Freundin mit dem, ausdrücklich gegen Annahme aller Besuche
gerichteten Verbote des Arztes. Man liess diese Entschuldigung um so lieber
gelten, ohne etwas dagegen einzuwenden, da sich eigentlich niemand für das Leben
oder Sterben des jungen Mädchens wirklich interessirte, das bis jetzt eine so
wenig bedeutende Rolle in der Gesellschaft gespielt hatte.
Nach vielen, in ihrem Krankenzimmer still verlebten Wochen wagte es Gabriele
endlich, zum erstenmal ihre Freundinnen an einem warmen Frühlingsmorgen im
eignen Wohnzimmer zu überraschen. Freudig erschrocken fuhren beide vom Sopha
auf, als sie die schöne Gestalt am Arme Annettens hereinschweben sahen. Frau von
Willnangen hätte sie kaum erkannt, so verändert stand Gabriele jetzt, zum
erstenmal ausser dem Halbdunkel des Krankenzimmers, im hellsten Strahl der
Morgensonne vor ihr da. Das schöne Gesicht mit den blassroten Wangen sah
wunderlieblich aus dem feinen Spitzenhäubchen hervor, unter welchem die
lichtellen Locken sich einzeln um die blütenweisse Stirn hervordrängten. Die
dunkeln Augen strahlten in erneutem Jugendglanz, und das in den wenigen Wochen
merklich zu kurz gewordne blendend weisse Morgenkleid zeigte die
allerzierlichsten Füsschen. »Mein Kind, mein liebliches, schönes Kind!« rief Frau
von Willnangen, hingerissen von der himmlischen Erscheinung, und drückte unter
freudigen Tränen sie an ihre Brust, während Auguste sie zum Sopha hinzog, und
beide hernach in der Freude ihres Herzens tausend einander widersprechende
Anstalten trafen, um es dem lieben Gast nur recht wohl und bequem zu machen.
Endlich sassen sie in traulicher Gemütlichkeit neben einander, als plötzlich die
Türe aufging, und Gräfin Eugenia mit dem ältesten Fräulein Silberhain
unangemeldet hereintraten.
    »Nun da sieht man die liebe Kranke doch wieder! Und wie gross geworden! wie
schön! man möchte bald verleitet werden, sich ein Fieber von solchen Folgen zu
wünschen. Sie sehen ja in der Tat aus, als könnten sie uns die neueste Kunde
aus dem Lande der Seeligen bringen,« rief Gräfin Eugenia, indem sie die zu ihrem
Empfange aufgestandne Gabriele umarmte.
    »Auch war meine Gabriele der Himmelstüre nahe genug. Ein Glück für uns, dass
sie bei Zeiten wieder umkehrte, um noch bei uns zu weilen,« erwiederte lächelnd
Auguste.
    »Achten Sie es wirklich für ein Glück wenn der Engel zum Fluge in die ewige
Heimat schon die Flügel entfaltet hat, und dann, aufs neue gefesselt von
irdischen Banden, sie wieder zusammen legen muss?« fragte Fräulein Silberhain;
»ach! wir wissen vielleicht nicht, welch ein Unrecht wir tun,« fuhr sie fort,
»wenn wir uns der anscheinenden Genesung unsrer Freunde freuen! Was ist denn
längeres Leben anders als längeres Harren.«
    »Liebe Silberhain,« fiel Eugenia ein, »Gabriele und wahrscheinlich die
mehresten Leute harren doch recht gern, so lange als möglich, denn in den
himmlischen Freudensaal kommen wir alle zeitig genug. Aber einer Reise nach
Italien entsagen zu müssen, wenn schon beinahe der Wagen vor der Türe steht,
das ist ein Unglück, von dem ich gar nicht begreife, wie man es überlebt, ohne
wenigstens vor Verdruss darüber den Verstand zu verlieren. Armes, armes Kind!
warum mussten Sie auch so ganz zur unrechten Zeit von dem bösen Fieber befallen
werden! Sie dauern mich ungeheuer, ach! und hätten Sie nur, wie ich, die
Glücklichen abfahren gesehen! Ehegestern ging es fort, gleich am frühen Morgen
nach dem Hochzeittage. Das junge Ehepaar fuhr allein, in einem ganz neuen,
delizieusen, englischen Wagen; den Platz in der Batarde der Gräfin, der Ihnen
bestimmt war, nahm Aureliens Bella ein. Das ist pikant, nicht wahr? gewiss
niemand darf es Ihnen verdenken, wenn sie ein wenig mit dem Schicksal grollen,
es spielt Ihnen warlich diesmal übel mit.«
    »Soll ich dich nicht auf dein Zimmer führen?« fragte ängstlich Auguste; aber
Gabriele bestand darauf, da zu bleiben, versicherte, sich sehr wohl zu befinden,
und bat die Gräfin Eugenia um nähere Nachricht von der Tante und Aurelien.
    »Von beiden bringe ich Ihnen tausend Abschiedsgrüsse,« sprach Eugenia, »ich
kam erst gestern Abend von Rosenhain wieder zu Hause, denn einem alten
gegenseitigen Versprechen zu Folge, musste ich Aurelien als Brautführerin zum
Altar geleiten. Es war recht gut, dass ich gleich mitreisen konnte, da Sie zu
Hause bleiben mussten, liebe Gabriele! Die Gräfin und Aurelia hätten sich sonst
in Rosenhain vielleicht zu oft allein gefühlt, denn Ottokar machte sich sehr
selten. Geschäfte und Reiseanstalten hielten ihn fern von uns, sagte man.
Ueberhaupt hat er, meiner Meinung nach, als Bräutigam an Amabilität nicht
gewonnen; vielleicht kommt das im Ehestande nach. So lange ich jetzt in
Rosenhain mit ihm zusammen lebte, war er wenigstens - maussader als je - möchte
ich sagen, wenn ich mich nicht hier vor den strafenden Blicken der Mamma
Willnangen fürchtete, die von jeher diesem ihrem lieben Schoosskinde in allen
seinen Arten und Unarten gefälligst nachzusehen gewohnt ist.«
    »Schelten Sie den Grafen nicht, weil er nicht leichtsinnig den wichtigsten
Schritt seines Lebens vollbrachte,« sprach Fräulein Silberhain. »Ach! wer müsste
nicht in einem solchen Zeitpunkte sich und sein Gemüt in der tiefsten Stille zu
heiligen suchen! Lehrt uns nicht die schöne Geschichte vom jungen Tobias« - - -
    »Ob Ottokar so fromm ist, wie der junge Tobias, oder wie Sie, liebe
Silberhain, ihn sich denken, weiss ich nicht;« unterbrach Eugenia das Fräulein!
»aber langweilig genug war er wenigstens. Ich schiebe alles dies einzig auf die
Luft, die um jene Zeit im Rosenbergschen Hause höchst perniziö's gewesen sein
muss. Unsre liebe kleine Gabriele erkrankte ja auch am Verlobungs-Abend, und
Ottokar muss ebenfalls zur nehmlichen Stunde von einem besondern Schwindel
ergriffen worden sein; denn er plantirte beim Soupé nicht nur die Gesellschaft,
- das hätte noch hingehen mögen, aber auch die zärtliche Braut, die neben einem
leeren Stuhl sitzen musste. Sein Lorenz erschien zwar, wie wir uns schon an der
Tafel rangirten, mit einer sehr lahmen Entschuldigung seines Herrn, der
plötzlich höchstwichtige Briefe erhalten haben sollte, aber der naseweise Mensch
schnitt zu dieser Entschuldigung ein so pfiffig hämisches Gesicht, dass alle
merken mussten, woran sie waren; selbst die, welche nicht wie ich daran dachten,
dass Mittwochs keine einzige Post hier eintrifft.«
    Frau von Willnangen verging fast vor Angst um Gabrielen bei diesem Gespräch,
vergebens bemühte sie sich, ihm eine andere Wendung zu geben, oder doch
wenigstens Gabrielen zum Fortgehen zu bewegen. Diese wollte keinen ihrer sie
dazu einladenden Winke verstehen, und sowohl Fräulein Silberhains Lust am
Fragen, als Eugeniens Lust am Antworten liessen die Unterhaltung nicht fallen,
welcher Gabriele mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zuhörte.
    »Nie in meinem Leben habe ich eine einer wandelnden Leiche so ähnliche
Gestalt gesehen, als Ottokar beim Antritt der Reise nach Rosenhain,« sprach
Eugenia weiter. »Gewiss! er war sehr krank, denn solche Todtenblässe, solche
trübe, zugeschwollne Augen, solche Veränderung in allen Zügen finden sich über
Nacht bei keinem Gesunden ein. Auch in Rosenhain wankte er so schattenähnlich
umher, dass ich jeden Morgen zu hören fürchtete, er sei in der Nacht zum Tode
erkrankt. Die Gräfin war deshalb in nicht geringerer Besorgnis als ich, allein
er hielt sich aufrecht. Uebrigens, wie gesagt, war er am Tage kaum sichtbar,
wichtige Arbeiten fesselten ihn in seinem Kabinete, wie es hiess, obgleich ich
nicht begreife, was sein Hof jetzt gerade mit Italien, wohin er gesendet wird,
so wichtiges zu verhandeln haben kann. Auch die Gräfin wunderte sich gewiss im
Stillen darüber, aber sie kennen ihre Art, sich zu verbergen, und immer dasselbe
Gesicht zu behalten. Mir schien es, die Wahrheit zu sagen, als ob die Depeschen,
welche ihn so beschäftigten, von hier oder doch sehr aus der Nähe kämen, denn an
Botentagen kam er gar nicht vom Fenster weg, bis er die grün lederne Brieftasche
erblickte, und eilte immer, der Erste zu sein, der sie aufschloss, um sein
Päckchen herauszunehmen. Ich erkannte sogar einmal, kurz vor der Hochzeit,
Ernestos Hand auf der Adresse eines seiner Briefe.« »Und Aurelia?« fragte
Gabriele.
    »Von der lässt sich wenig sagen,« erwiederte Eugenia, »Sie kennen ja das
fröhliche Geschöpf. Sie sah nichts, sie merkte nichts, sogar nicht, dass der
Hochzeittag von Woche zu Woche, endlich einen ganzen Monat hinaus verschoben
ward. Ueber die Freude, einige Offiziere, die in der Nachbarschaft einquartirt
waren, zu erobern und auszulachen, und über die noch grössere, ein paar
Landjunker zu mistifiziren, vergass sie Italien und die Hochzeit mit sammt dem
Bräutigam.«
    »Sie behandeln das junge Paar zu strenge,« sprach endlich Frau von
Willnangen, »ich hoffe, sie lieben einander, und wenn gleich keine heftige
Leidenschaft« - -
    »Wer leugnet denn, dass sie einander lieben?« unterbrach sie Eugenia ziemlich
eifrig, »keines von beiden liess es an Beweisen davon fehlen. Aurelia neckte
ihren Ottokar, so wie sie seiner ansichtig ward, und, Sie wissen es ja, nach dem
alten Sprichwort liebt sich, was sich neckt. Ottokar gab hingegen seine
Zärtlichkeit für seine Braut auf modernere Art zu erkennen. Es war, als ob er
alle Modisten, Blumisten und Juweliere, auf zwanzig Meilen in die Runde, mit
einem Zauberstabe regiere, so unerschöpflich war der Reichtum mannigfaltiger
Geschenke, mit welchem er sie überschüttete. Jeder Morgen brachte ihr irgend
eine elegante, oft sehr kostbare Kleinigkeit von ihm, Abends überraschte er sie
durch Nachtmusiken, Feuerwerke, kleine ländliche Feten. Welche andere Beweise
seiner Liebe konnte Aurelia sich wünschen? zum Glück besitzt Graf Ottokar ein
unerschöpfliches Genie für die Anordnung dergleichen Dinge an seinem Lorenz,
aber gut war es doch, dass endlich der Hochzeittag dem allen ein Ende machte,
denn die Erfindungen des Kammerdieners wollten doch nicht mehr recht zureichen,
um die geistigen und körperlichen Abwesenheiten seines Herrn zu bedecken.«
    So plauderte Eugenia ungestört fort. Frau von Willnangen, sowohl als
Auguste, hatten es aufgeben müssen, sie unterbrechen zu wollen. Ihnen blieb
nichts weiter übrig, als den Eindruck zu beobachten, welchen ihre Erzählung auf
Gabrielen machte, besonders da die Erzählerin vom Fräulein Silberhain durch noch
dringendere Fragen angeregt, sich anschickte, die eigentliche Hochzeitfeier auf
das Umständlichste zu beschreiben.
    »Die Trauung geschah in der Dorfkirche, und zwar sehr früh am Morgen. Beinah
mit Sonnenaufgang, denn so hatte es Ottokar gewollt,« sprach Eugenia. »Und da er
zum erstenmal etwas wollte,« fügte sie hinzu, »so staunte man zwar ein wenig
über dieses Ansinnen, liess es aber dennoch gelten, obgleich Aurelia hoch und
teuer versicherte, dass sie und wir alle die abscheulichste Migräne vom frühen
Aufstehen davon tragen würden.«
    Nun liess sich Eugenia auf eine sehr genaue Beschreibung des prächtigen
Negligees von Brüssler Spitzen ein, welches die Braut an dem festlichen Morgen
getragen hatte, auch der kleinsten Garnierung desselben geschah ehrenvolle
Erwähnung, ehe das Betragen des Brautpaars während der Trauung zur Sprache
kommen konnte. Eugenia lobte Aureliens sich durchaus gleichbleibende Fassung und
ihren vornehmen, man möchte sagen königlichen Anstand während der Zeremonie,
indessen Ottokar bei der endlosen, langweiligen Vorbereitungs-Rede des Pfarres
todtenbleich hin- und herschwankte, bis der Moment kam, das feierliche Ja
auszusprechen. Da war es denn doch,« erzählte Eugenia weiter, »als ob es ihm
einfiel, dass sein Benehmen nicht ganz das eines Menschen sei, der sich am Ziele
lang ersehnter Wünsche sieht, und dass es deshalb allen Gegenwärtigen als höchst
befremdend auffallen müsse. Er nahm sich ordentlich mit einem Ruck zusammen,«
sprach sie, »stand plötzlich aufrecht da, und sein Gesicht belebte sich zu einem
Ausdruck, den wir, so lange er in Rosenhain war, an ihm vermisst hatten. Ich muss
gestehen, es gab einen Augenblick, während welchem er wieder recht schön war,
als er mit glänzenden, himmelwärts gewendeten Augen zum Gewölbe der Kirche
aufblickte, und dann, nach einer fast unmerklich kleinen Pause, das
verhängnisvolle Ja laut und vernehmlich von sich hören liess. Aber dies Wörtchen
musste auch wie ein Zauberspruch auf ihn gewirkt haben, denn auf dem Wege aus der
Kirche war der steinerne Mann mit einemmal wieder lebendig geworden. So wie wir
zu Hause angelangt waren, drückte er zum erstenmal seine Braut an seine Brust,
wenigstens sahen wir es zum erstenmal. »Aurelia!« fing er höchst feierlich, ich
glaube gar mit Tränen in den Augen an, und hätte wahrscheinlich ein Supplement
zu des Pfarrers Rede geliefert, aber Aurelia machte sich bei Zeiten los,
versicherte, todtmüde zu sein, und eilte in ihr Zimmer. Gleich darauf schickte
sie uns ihre Jungfer mit dem Bedeuten, dass sie nicht eher als bei der Tafel
sichtbar werden könne, weil sie durchaus vom frühen Aufstehen ruhen müsse, um
nicht den ganzen Tag unwohl zu sein. Ich gestehe es, wir sowohl als der eben
aufgetaute Bräutigam blieben bei dieser Erklärung mit recht langen Gesichtern
stehen.
    »Und wie äusserte sich denn der Bräutigam bei dieser Laune seiner Braut?«
fragte jetzt Frau von Willnangen.
    »Er sagte das klügste, was sich unter solchen Umständen sagen liess, nehmlich
gar nichts, kein einziges Wörtchen;« antwortete Eugenia. »Die Gräfin, die sich
immer zu helfen weiss, ergriff gleich seinen Arm, um mit ihm die Anstalten zur
Bewirtung einiger hundert Bauern aus der Umgegend zu besehen, denn der
festliche Tag sollte bloss durch ein Volksfest gefeiert werden, da man am
folgenden Morgen sehr früh abzureisen beschlossen hatte. Ottokar ging ganz in
die Ideen seiner neuen Schwiegermutter ein, und nahm sich des Empfanges und der
Unterhaltung seiner ländlichen Gäste mit grossem Eifer an, bis später, kurz vor
der Tafel, die holde Braut ungerufen erschien, und mit ihm im vollen Schmuck,
unter dem Vivatrufen der Bauern, durch ihre Reihen zog.
»Sehen Sie mich nicht so unruhig, nicht so bekümmert an, liebe, teure Frau,«
sprach Gabriele zur Frau von Willnangen, sobald Eugenia endlich mit ihrer
Erzählung zugleich ihren Besuch beendet und das Zimmer verlassen hatte. »Auch
du, meine Auguste, sei getrost! Was ängstigt euch denn, ihr lieben Beide?«
setzte sie hinzu, indem sie ihre vereinten Hände an ihre Brust drückte, und mit
den klaren, treuen Augen zu ihnen aufblickte. Beide umarmten sie schweigend, und
Gabriele fuhr fort zu reden.
    »Wonach ich lange im Stillen mich sehnte, ist mir in dieser Stunde
geworden,« sprach sie gleichsam zu sich selbst. »Ich habe Nachricht von ihm, von
seinem Leben, seit wir uns trennten, vom Vollbringen dessen, was geschehen
musste, alles ist vorbei - alles, alles ist vorbei,« wiederholte sie und sank in
die Kissen des Sophas zurück. Doch ermannte sie sich sogleich wieder und
richtete sich auf, mit der in solchen Momenten ihr eigentümlichen Kraft. Frau
von Willnangen vermochte es nicht, ihr etwas zweckmässiges, oder auch nur
zusammenhängendes zu erwiedern, nicht allein, weil sie in zu heftiger Bewegung
sich befand, auch ihre Ansichten von Gabrielens Geschick schwebten noch immer in
zu verworrener Gestaltung ihr vor. In der Verlegenheit, doch etwas sagen zu
müssen, stammelte sie einige Worte von unbegreiflichen Täuschungen, von
unerklärlichem Benehmen, doch schnell unterbrach sie Gabriele: »Glauben Sie
mir,« sprach diese, »keine Täuschung, nichts Unerklärliches liegt zwischen mir
und Ottokar; um uns ist alles hell und klar wie das Sonnenlicht. Zwar werden wir
auf Erden uns schwerlich wieder sehen, aber dennoch halten wir fest im Glauben
an einander. Wir haben uns einmal gefunden, wir haben uns einmal verstanden, und
das genügt uns, um nie, in keinem Moment des Lebens an einander irre werden zu
können.«
    Die Lebhaftigkeit, mit welcher Gabriele diese Worte sprach, versetzte Frau
von Willnangen in die höchste Besorgnis um sie. Sie hatte den Moment, von dem
sie so vieles aufgeklärt zu sehen hoffte, das bis jetzt ihr dunkel geblieben
war, schon lange im Verborgnen herbeigesehnt. Jetzt war er unerwartet ihr
erschienen, und sie wünschte beinah noch weit sehnlicher, ihn verschieben zu
können, wär es auch auf immer. Das stürmische Pulsiren des jungen Herzens, das,
wie Ruhe suchend, sich im Laufe des Gesprächs an ihre Brust gelehnt hatte,
erfüllte sie mit Angst um die kaum Genesene. Sie sah mit Entsetzen, wie alles
Blut aus diesem armen Herzen in einem Moment auf Gabrielens Wange glühte, im
nächsten in dessen Tiefen zurückströmte, und nur die bleiche Farbe des Grams auf
dem holden Gesichte zurück blieb. Aber alle Versuche, die ihr jetzt so furchtbar
scheinende Unterredung abzubrechen, waren vergeblich.
    »Lassen Sie mich jetzt die Brust mir frei sprechen,« erwiederte Gabriele
ihren Einwendungen; »fürchten Sie nicht, dass mir die Kräfte dazu fehlen, ich
fühle mich und weiss, dass ich in dieser Stunde es vermag. Es ist mir ein Trost,
denn schon lange sehne ich mich, Ihre unsägliche Liebe durch eben so ungemessnes
kindliches Vertrauen zu erwiedern. Hernach will ich ruhen, und Sie werden gewiss
mit dem kranken Kinde nachsichtig umgehen. Ja! ich liebe Ottokar, und er weiss
es, denn in der höchsten Stunde meines Lebens, die mir ewig allein dastehen
wird, in Freude und Schmerz, habe ich es ihm gesagt. Wovor erschreckt ihr denn
wieder? Gott kennt ja meine Liebe, ich schämte mich ihrer nicht vor ihm, warum
sollte ich sie denn dem einzigen Wesen verbergen, das gewiss nach seinem Willen
zu mir gehört, wenn wir gleich, durch irdische Verhängnisse eingezwängt, jedes
seinen eignen Weg fern von einander gehen müssen. Auch Ottokar liebt mich! wir
fanden uns in seligen Schmerzen, in trüber Wonne, nur einen Moment, um uns
gleich wieder zu trennen; und nun ist es gut. - Es ist alles sehr gut!«
wiederholte sie nach einer kleinen Pause, und drückte, sanft weinend, Mutter und
Tochter fester an sich. Beide weinten verstummend mit ihr.
    »Wir sollten eigentlich nicht weinen,« sprach Gabriele bald darauf, »ich bin
ja nicht unglücklich, ich bin ja nicht beklagenswert, warum weinen wir denn?
ich habe gelebt und geliebt! Beut mir die Zukunft keine Freude mehr, so brauche
ich auch dafür sie nicht mehr zu scheuen. Wohin Sie, liebe Mutter! durch Jahre
voll Schmerz hingelangten, dahin bin ich in früher Jugend, in einer kurzen
Stunde gekommen; ich bin in ihr alt geworden, und kann nun ohne Furcht überall
hintreten, meine Ruhe ist gesichert. Ein zweiter Schmerz wie dieser droht mir
nicht wieder, denn das Herz liebt nur einmal, wie es nur einmal bricht. Es war
ein artiges Spiel des Zufalls, dass unter den Blumen, die ich von Ottokar
erhielt, auch die Eine sich befindet, welche nur einmal um Mitternacht eine
Stunde lang blüht und dann auf immer sich schliesst. Ich erhielt in dieser Blume
ein Vorbild meines Geschicks, und von ihm.«
    »Gabriele, wüsstest du, wie diese deine kalte Verzweiflung mich quält!« rief
Frau von Willnangen; was soll, was kann ich tun, um dich davon zu retten? ach
ich selbst, ich Unbesonnene, war es ja, welche in deinem jungen Gemüte Wünsche
und Hoffnungen immer mehr entflammte, die ich hätte unterdrücken sollen, die nun
dein Verderben sind! Jetzt weiss ich dies, aber damals blendete ich mich selbst.
Ich wollte an die Erfüllung jener Wünsche und Hoffnungen glauben, weil auch ich
sie im Herzen hegte, und du gehst nun an ihnen zu Grunde.«
    »Wie Sie mich missverstehen, teure Frau!« erwiederte mit wehmütigem Lächeln
Gabriele. »Ich bin ja fern von Verzweiflung, glauben Sie mir, ich bin sogar
nicht unglücklich, denn wehmütige Erinnerungen, tiefgefühlte Sehnsucht sind ja
nicht Unglück. Verstehen Sie doch alles wörtlich, wie ich es Ihnen sage, ich
flehe darum, denn wie ich es meine, spreche ich es aus, immer in einfacher
Wahrheit. Nie hegte ich die Wünsche, die Hoffnungen, auf welche Sie mit Winken
hindeuteten, die ich jetzt erst verstehe. Nie sogar habe ich mit Bewusstsein mir
ihre Möglichkeit gedacht, nie sie empfunden. Ich liebte Ottokar, wie ich atme,
wie ich die Sonne, das Leben liebte. Ich vergass bei ihm der Vergangenheit und
gedachte keiner Zukunft; ich war glücklich und unglücklich in der Gegenwart,
ohne mich weiter um etwas zu kümmern. Ja ich will Ihnen nichts verhehlen; nur
wie ich Aurelien als seine Braut sah, da erst fiel es mir ein, dass auch auf mich
seine Wahl hätte fallen können, da erst, liebe Mutter! und legen Sie es mir
nicht als Unwahrheit aus, wenn ich sage, ich hätte eingewilligt, wenn er mich
gewählt hätte, wie ich in alles willigen müsste, was er so recht aus der Tiefe
seines Gemüts wollen könnte, aber es wäre ein Opfer gewesen, das ich seinem
Wollen brachte. Neidlos sehe ich Aureliens Geschick; ich habe es nie für mich
gewünscht, glauben Sie es mir; segnen will ich sie, sie lieben wie ihn, wenn sie
ihn so glücklich macht, wie er es durch eine solche heilige Verbindung werden
könnte.«
    Mit diesen Worten und der Bitte, den Tag ganz allein bleiben zu dürfen, zog
Gabriele sich in ihr Zimmer zurück. Dort in der Einsamkeit liess allmählig die
Spannung nach, in welche Eugeniens Erzählung und das darauf folgende Gespräch
mit ihren Freundinnen sie versetzt hatten. Sie versank in tiefes Nachdenken;
jedes Wort, jede noch so leise Andeutung Eugeniens gingen nochmals ihrem Geiste
vorüber; alle waren ihr ein unerschöpflicher Quell von Freude und Schmerz, von
dem sie zu fühlen glaubte, dass er ihr ganzes Leben hindurch nicht versiegen
könne.
    Aus dem von Eugenien nur ganz obenhin erwähnten Umstande, dass sie Ernestos
Hand auf einem Briefe an ihn bemerkt habe, ahnete Gabriele, was wirklich
geschehen war. Ottokar war auf irgend eine Weise von ihrem Erkranken
benachrichtiget worden, er hatte alle Qualen der bängsten, zur Hülfe
ohnmächtigen Sorge um sie gelitten, er hatte in martervoller Todesangst um sie
gebebt, während sie an den Pforten des Todes in süsser Bewusstlosigkeit lag und
wahrscheinlich so hinüber geschlummert wäre, ohne Schmerzen zu fühlen. Durch
Ernesto hatte er gewusst bestimmte Nachricht von ihr zu erhalten, ohne ihn
dennoch zum Vertrauten der Art des Anteils zu machen, den Gabriele in ihm
erregte. Als ob Ottokar selbst es ihr gestanden habe, so bestimmt wusste Gabriele
jetzt, dass nur Besorgnis um ihr Leben seinen auffallenden Trübsinn veranlasste,
über den Eugenia sich so spottend geäussert hatte; dass nur diese Sorge ihn bewog,
den Tag seiner Vermählung immer weiter hinaus zu schieben, und dass nur die
Ueberzeugung, sie sei genesen, ihn ermutigen konnte, das unvermeidliche Opfer
endlich zu bringen, welches für das ganze Leben ihn von ihr trennte und ihn
sogar aus der Luft verbannte, in welcher sie atmete.
    Aureliens und ihrer sich immer gleichbleibenden Art sich gegen Ottokar zu
benehmen, gedachte Gabriele nur mit tiefem Schmerz; denn alles überzeugte sie,
dass diese kalte, lieblose, spottende Natur sich nie an seiner Seite erwärmen,
nie ihn liebend beglücken könne. Daher vermied sie den Gedanken an sie, oder
versuchte wenigstens, sich selbst durch die Hoffnung zu täuschen, dass es am Ende
ihm doch wohl gelingen könne, die bösen Geister, die sein Glück verhinderten,
durch die seiner höhern Natur eigne Güte zu bannen und die Gefährtin seines
Lebens für sich zu gewinnen. Wenn alles fehl schlägt, so bleibt ihm der Trost,
an den auch ich mich halte, die Ueberzeugung, das Rechte gewollt und vollbracht
zu haben, und mein Andenken, setzte sie ganz leise sich zur Beruhigung hinzu.
Noch während dem Laufe des Winters hatte Frau von Willnangen den Entschluss
gefasst, den grössten Teil des Sommers in den böhmischen Bädern zuzubringen.
Durch Gabrielens Krankheit war die Ausführung dieses Plans einstweilen in
Vergessenheit geraten; nun sie aber wieder genas, kam er aufs neue zur Sprache.
Der Arzt drang sogar darauf, ihn baldmöglichst, und zwar in Gabrielens
Begleitung, auszuführen; er hoffte viel Erfreuliches für ihre völlige
Herstellung, nicht sowohl von den Heilquellen, als von den Zerstreuungen, welche
stets im Gefolge einer solchen Reise sind.
    Es war durchaus notwendig, die Erlaubnis des Baron Aarheim zu dieser Reise
seiner Tochter einzuholen, und Frau von Willnangen übernahm es sehr gern, ihn
schriftlich darum zu ersuchen. Seine Einwilligung erfolgte sogleich und in den
verbindlichsten Ausdrücken; nur war die einzige Bedingung beigefügt, dass
Gabriele jede Stunde bereit sein müsse, zu ihrem Vater zu eilen, sobald er ihre
Gegenwart verlange.
    Nicht ohne Schrecken hatte der Baron die Nachricht vernommen, dass Gabriele
mit der Tante nicht hatte nach Italien reisen können, denn er fürchtete nun
jeden Augenblick, sie in seinem alten Bergschlosse eintreffen zu sehen. Diese
schickliche Gelegenheit, sie noch einige Zeit von sich entfernt zu halten,
überhob ihn einstweilen jener Sorge, und ward deshalb freudig von ihm ergriffen.
Dennoch war er jetzt sehr zufrieden, dass nicht die Alpen zwischen ihm und seiner
Tochter als Scheidewand dastünden, weil er seit einigen Tagen dem Ziel seines
Strebens ganz nahe zu sein dachte, so dass er oft die völlige Entschleierung des
grossen Geheimnisses von der nächsten Sekunde erwartete.
    Seit er so ganz allein, fern von jeder äussern Störung, in Schloss Aarheims
düstern Mauern hauste, hatte er sich mit rastloser Leidenschaft, ja bis zur
Erschöpfung aller seiner Kräfte, jenen geheimnisvollen Arbeiten hingegeben. Kein
freundliches, lebendes Wesen durfte ihm nahen, der Wechsel der Jahreszeiten ging
unbemerkt an ihm vorüber, er wusste nicht, ob die Bäume grünten oder ob Schnee
sie bedeckte; er sah sogar nicht das Licht der Sonne, denn die schweigenden
Nächte sagten seinem dunklen Treiben am besten zu. Deshalb schlief er, wenn
alles wachte, und während jedes glückliche Geschöpf nach des Tages Last und Lust
Ruhe sucht, begann sein ängstliches Wirken im dunkeln Kreise der finstern
Mächte, die kein Sterblicher ungestraft ruft, wenn gleich vielleicht keiner je
von ihnen Antwort erhielt.
    So verkehrte er die Ordnung der Zeiten. Dennoch verhehlte er sich nicht die
bei dieser unnatürlichen Lebensweise für seine Gesundheit obwaltende Gefahr. Er
wusste bestimmt, dass er auf keine lange Reihe von Jahren mehr rechnen dürfe, in
denen er die Früchte seiner Arbeit zu geniessen hoffen könne, aber er achtete
dieses nicht, denn er strebte nach keinem dauernden Genuss. In nie gesehnem Glanz
aus dem Dunkel seiner Ahnenburg hervortreten, sein uraltes Geschlecht aufs neue
in seiner Tochter erstehen sehen, aufs neue für kommende Jahrhunderte der
Stifter desselben werden, seine alten Feinde, knirschend vor Neid, in
ohnmächtiger Wut erbleichen sehen, und dann sich hinlegen und sterben; das war
es, was er vom Geschick zu erzwingen dachte; und nur der Gedanke, dass irgend
einer von denen, welche er hasste, vor dem Gelingen seines grossen Werkes dieses
Leben verlassen könne, machte ihn beben.
    Nicht weniger, als dieses rastlose Treiben, ängstigte ihn ein ewiges
Ueberlegen, wie er sein Geheimnis auf das schnellste und vorteilhafteste
benutzen könne, sobald es ihm gelungen wäre, es ganz zu entschleiern. Sollte er
seine Tochter zur Erbin seines durch mühseliges, unablässiges Forschen und
tausendfache Opfer erworbnen Wissens einsetzen? sollte er sich daran genügen
lassen, ihr noch bei seinem Leben unermessliche Schätze zuzuwenden und sein
Geheimnis mit sich in die Gruft seiner Ahnen hinabzunehmen? Diese Zweifel
erregten einen nie zu stillenden Zwiespalt in seinem Innern, der, zerstörender,
als Wachen und Arbeit, ihn langsam verzehrte. Es war ihm unmöglich, einem
weiblichen Wesen den Mut, die Klugheit, ja selbst die Verschwiegenheit
zuzutrauen, welche unumgänglich dazu gehören, ein solches Geheimnis nicht nur zu
verwalten, sondern auch zu verbergen. Die Gefahren, welche jedem drohen, den die
Gewaltgen dieser Erde im Besitz solcher Kenntnisse wähnen, waren ihm nur zu
bekannt, und das Geschick Böttchers, des unglücklichen Erfinders des sächsischen
Porzellans, trat oft warnend vor seinen Geist. Alle diese Ueberlegungen machten
ihn geneigt, sein Geheimnis mit sich sterben zu lassen; dann aber ergriff ihn
der Gedanke, wie gross es sei, die Erbin seines Namens, mit dieser mächtigsten
aller irdischen Gewalten ausgerüstet, zurück zu lassen. Ihn schwindelte, ein
neuer Kampf entstand in seinem Gemüt, und so konnte der unglückliche Greis
nimmer zur Ruhe gelangen. Rastlos schwankte er ewig in banger Sorge von einem
Entschlusse zum andern und verwachte die langen, endlosen Stunden des Tages auf
seinem Lager, bis die Abendsonne die Zinnen seiner Burg rötete und ihn mahnte,
aufzustehen, um sein nächtliches Tagewerk zu beginnen.
Frau von Willnangen zögerte keinen Augenblick, die Erlaubnis des Barons zu
benutzen und die Reise in das Bad anzutreten, denn der Sommer war indessen schon
ziemlich weit vorgerückt, und da der Herbst dem rauheren Klima der Gebirge
selten günstig ist, so hatte sie keine Zeit zu verlieren.
    Ernesto suchte und erhielt sehr leicht die Erlaubnis, sich der kleinen
Karavane seiner Freundinnen anschliessen zu dürfen, welche ihrerseits froh waren,
ihn zum Beschützer auf der Reise zu haben. Nicht Furcht vor der, während der
schönen Jahreszeit mit jedem Tag überhandnehmenden Oede der Stadt hatte ihn zu
diesem Entschlusse bewogen, wie Auguste im fröhlichen Mute ihm oft Schuld gab,
sondern wahrhaft väterliche, treue Liebe für die verwaisete Tochter der Frau,
deren Andenken ihm noch immer wie ein hell leuchtender Stern am fernen Horizont
seiner längst hinter ihm zurück gebliebnen Jugend strahlte. Gabrielens Geschick
und der Zustand ihres Gemüts waren dem treuen, beobachtenden Freunde nicht
verborgen geblieben, obgleich ihm niemand darüber etwas anvertraut hatte.
    Zwischen ihm, Frau von Willnangen und auch Gabrielen war sogar eine Art von
stillschweigender Uebereinkunft darüber entstanden; man behandelte ihn, als
wisse er alles, ohne doch je ausdrücklich irgend eines näheren Umstandes zu
erwähnen. Er, der lebenskundige Mann, sah Gabrielens Zustand in weit hellerem
Licht, als Frau von Willnangen. Er glaubte Gabrielens Ruhe nicht für immer
zerstört, er hielt sie sogar in diesem Augenblick nicht für unglücklich. Er
wusste, wie der Zauber der Jugend alles, selbst den Schmerz, zu verschönern
vermag und ihn zuletzt in das süsseste aller Spiele umwandelt, das aber zugleich
auch das gefährlichste ist, weil es dem Gemüte die Kraft entzieht für den Ernst
des Lebens in später kommenden Jahren. Die Tränen jener nie wiederkehrenden
Frühlingszeit gleichen den Tau-Tropfen auf der Rosenknospe, sie verhauchen in
süssen Düften, so lange der Morgen frisch atmet, aber wenn die glühenden
Strahlen der Mittagssonne sie noch finden, so brennen sie sie ätzend zu
unzerstörbaren Flecken ein; die entstellten, früh welkenden Blätter bleiben
geschlossen und vermögen es nie, sich in der ihnen von der Natur bestimmten
Herrlichkeit zu entfalten.
    Uebrigens wusste Ernesto auch, dass der Frauen Herz ewig jung bleibt, wenn
gleich ihre Locken unter der Hand der Zeit erbleichen; dass sie immer geneigt
bleiben, mit ihren jüngern Freundinnen sich aufs neue den Wonnen und Schmerzen
hinzugeben, welche einst auch ihren Frühling erhellten und trübten, und die der
Machtspruch des spätern Alters nur entschlummern hiess, aber nicht vernichten
konnte. Deshalb fürchtete er Frau von Willnangens zu weiche Teilnahme für
Gabrielen, jetzt da diese an dem ihre ganze Zukunft bestimmenden Wendepunkt
ihres Lebens stand, und achtete es für Pflicht, in ihrer Nähe zu bleiben, um sie
mit starker väterlicher Hand zu fassen, zu stützen, zu leiten, sobald es Not
täte.
Die kleine Reise ward in wenigen Tagen, und ohne alle Abenteuer zurückgelegt.
Gabrielens stille Heiterkeit während derselben hatte zwar oft einen höchst
wehmütigen Ausdruck, der aber nie in wilderen Schmerz, in tiefere Trauer
ausartete.
    Die Reisegesellschaft kam über Eger nach Karlsbad, und die Gegend in der
Nähe dieses ersten Ziels ihrer Reise, besonders aber die mit keinem andern
Badeorte zu vergleichende Einfahrt in das Städtchen selbst, entzückte sie alle.
»Warlich,« rief Auguste, »es verlohnt sich der Mühe, alle Jahre nach Karlsbad zu
reisen, einzig um darin anzukommen. Ich wollte, ich könnte, so lange wir hier
bleiben, wenigstens jede Woche einmal die Freude haben, mich so lustig vom
Türmer anblasen zu hören. während ich am Fuss dieser prächtigen Felsen unter den
wilden Rosenbüschen hinrolle und ihre Wälder, ihre schimmernde Kreuze, ihre
Pyramidenzacken hoch über mir sehe.«
    Gabriele lehnte indessen schweigend zum Wagen hinaus, ihr Blick ruhte auf
den Felsen, ihre Gedanken flogen der Heimat zu. So, ja eben so umstarrte hohes
Gebirge das alte Schloss, in welchem sie das Licht der Sonne zuerst erblickt
hatte. Nicht so geschmückt mit jeder Anmut der Kultur und einer üppigen
Vegetation, aber doch diesem ähnlich, nur beinah enger noch und tiefer, war das
stille Tal, in welchem sie an der Hand ihrer Mutter zu wandeln pflegte. Seit
sie Schloss Aarheim verliess, war sie immer in der Ebne geblieben, nur ganz von
Ferne hatte sie mit der allen im Gebirge gebornen eignen Sehnsucht ihre lieben
blauen Berge zu sich herüber schimmern gesehen. Beinahe ein Jahr war
vorübergezogen, seit sie von ihnen schied. Ihr war, als kehre sie in diesem
Augenblick wieder heim zu ihnen aus der fernen Welt, welche sie mit so wenig
Erwartungen betreten hatte, in der sie so unendlich viel fand, was nur noch in
der Erinnerung ihr gehörte, und von der sie, ohnerachtet ihrer Jugend, jetzt zu
wissen glaubte, dass sie ihr nichts weiter mehr zu bieten habe als ein Grab.
    Der wirkliche Eintritt in Karlsbad und in ihre freundliche Wohnung riss sie
aus ihren trüben Träumen, und Augustens herzliche Freude an allen neuen
Umgebungen erweckte auch sie zur Teilnahme. Bald gewahrte sie sich selbst in
einer neuen Welt. Die geputzten Brunnengäste, welche an dem wunderschönen lauen
Sommerabend unter ihrem Fenster auf- und abgingen, schienen ihr unzählbar, so
dass die grosse lebensreiche Stadt welche sie eben verlassen hatte, ihr wie todt
dünkte gegen diesen kleinen, einem Ameisenhaufen ähnlichen Fleck Erde, und sie
sich an dem ungewohnten Schauspiel fast eben so sehr ergötzte als Auguste.
Der Julimonat, und mit ihm die Zeit, während welcher Karlsbad am glänzendsten
erscheint, war über die Hälfte vorübergezogen, als Frau von Willnangen mit ihren
Begleitern dort anlangte. Einige fürstliche Personen, die bisher einen kleinen
Hof gebildet hatten, welcher den vornehmern Brunnengästen einen, alle übrige
ausschliessenden Vereinigungspunkt gewährte, hatten sich schon zur Nachkur in
andere Bäder begeben. Täglich sah man lange Reihen mit Koffern hochgepackter
grosser Berlinen über die Wiese ziehen, in welchen vornehme Familien ihnen
nacheilten. Dennoch blieb die Gesellschaft noch immer zahlreich genug, um keine
Lücke merkbar werden zu lassen, und neue Ankömmlinge ersetzten täglich die
Stelle der Abreisenden.
    Frau von Willnangen besass unter vielen angenehmen Eigenschaften auch die,
sich überall, wohin sie kam, leicht anzusiedeln und heimisch zu werden. Auf
Reisen wusste sie dem aller ungemütlichsten Gastofszimmer in wenigen Minuten
ein wohnliches Ansehen zu geben, ohne dass man sonderlich bemerken konnte, was
sie darin verändert habe. Wo sie an fremden Orten längere Zeit blieb, da
gewannen alle ihre Umgebungen bald einen so behaglich-häuslichen Anstrich, dass
jedem wohl darin ward, dem es erlaubt war, sich ihr zu nahen.
    Darum sammelte sich auch in Karlsbad wie überall ein sehr angenehmer Kreis
der Liebenswürdigsten und Gebildetsten um sie her. Es war als ob sie durch einen
Zauberspruch alle an sich zöge, die zu diesen gezählt werden durften, oder als
ob sie ein Zeichen an sich trüge, an dem die Gleichgestimmten sie erkannten.
Dennoch wunderte sich jeder, der sie zum erstenmal sah, wie diese einfache,
weder durch jugendlichen Reiz noch glänzenden Witz ausgezeichnete Frau dazu
gekommen sei, der Mittelpunkt der Gesellschaft zu werden, so anspruchlos und
zuvorkommend war sie in ihrem Betragen gegen Alle.
    Gabrielen hatte der Arzt nur ein paar Gläser des Teresienbrunnens, als des
schwächsten von allen, zu trinken erlaubt, damit sie sich doch auch mit Ehren in
die Reihe der Brunnengäste stellen dürfe; denn es ist nichts unangenehmer, als
bei einem, Allen gemeinschaftlichen Zweck, allein ausgeschlossen zu bleiben.
Frühes Aufstehen, Bewegung in der vom Duft der Bergkräuter und frischem
Waldeshauch erfüllten Luft, und vor allem Rückkehr zu der regelmässigen
Lebensart, deren sie während dieses Winters sich hatte entwöhnen müssen, waren
die eigentlich ihr vom Arzt verordnete Kur, und der Erfolg bewies, dass er in der
Wahl nicht geirrt hatte. Gabriele, die jetzt eben ihr siebzehntes Jahr
vollendete, blühte von Tage zu Tage schöner auf. Der Rosenglanz der Gesundheit
gab ihr einen neuen Reiz, ohne den fast äterischen Ausdruck zu zerstören, der
von ihrer frühsten Jugend an sie ausgezeichnet und ihr das Ansehn einer
Bewohnerin andrer Welten gegeben hatte. dabei lag in ihrem
freundlichanspruchlosen Wesen etwas so unaussprechlich liebliches, dass jedermann
sich zu ihr gezogen fühlen musste, obgleich der stille Ernst, mit dem sie das
Leben nur als Zuschauerin zu betrachten schien, niemanden zu näherer
Vertraulichkeit aufforderte.
Unter den Reisegesellschaftern der Frau von Willnangen war Ernesto der Einzige,
der mit dem Ton und überhaupt dem Leben in Karlsbad nicht recht zufrieden sein
wollte. Sie selbst war zu oft sowohl hier als an ähnlichen Orten gewesen, um
mehr von ihnen zu fordern, als sie ihrer jetzigen Einrichtung nach leisten
können. Augustens heitre Natur befand sich in ihrer Mutter und Gabrielens
Gesellschaft überall wohl, und diese freute sich zwar der herrlichen Umgegend,
war aber in ihrer innern Welt noch zu befangen, um sonst noch Ansprüche irgend
einer Art an die äussre zu machen.
    Anders aber verhielt es sich mit Ernesto. Dieser hatte noch nie zuvor einen
Brunnenort besucht, denn zu der Zeit, da er im frühen Jünglingsalter Deutschland
verliess, um die Ausbildung seines Talents in Italien zu suchen, war es noch
nicht wie jetzt Gebrauch, die Bäder als Erholungsorte zu betrachten. Eine
Badereise betrachtete man damals als einen grossen Entschluss, und fast immer nur
als den letzten Versuch zu genesen, ja der Ausspruch des Arztes, welcher die
Kranken dortin verwies, klang den mehresten von ihnen wie ein halbes
Todesurteil. Daher kannte sie Ernesto nur aus lobpreisenden Aufsätzen in
Zeitschriften und hochtönenden, an Ort und Stelle verfertigten Beschreibungen,
die ihn freilich weit mehr erwarten liessen, als er fand.
    »Wir sitzen hier ganz vortrefflich,« sprach er einst in halb unmutiger,
halb zufriedner Stimmung zu der Gesellschaft, die sich an einem warmen
Nachmittag, im Schatten der schönen Bäume vor dem böhmischen Saal recht häuslich
niedergelassen hatte. »Wir sitzen hier ganz vortrefflich. Frau von Willnangen
macht die angenehme Wirtin, als wäre sie zu Hause, die übrigen Damen arbeiten
an allerliebsten Kleinigkeiten, und wir Männer führen weise Gespräche. Uns ist
wohl! aber wir bilden doch einen Staat im Staate, und das ist hier nicht recht.
Mir wenigstens tut mitten in meiner Glückseligkeit das Herz weh, wenn ich die
einzelnen Paare ansehe, die dort auf der Wiese und hier in den Alleen langweilig
und langsam neben einander herschlendern. Da Gott hier für alle und jede seinen
Segen in den Quellen fliessen lässt, so sollten auch wir niemanden von unsern
Vergnügungen ausschliessen und alle zusammen darnach streben, dass allgemeine
Freude die ganze Brunnengesellschaft zu einer Familie vereine.«
    Die Gesellschaft, an welche Ernesto diese Worte richtete, bestand ausser den
Hausgenossen der Frau von Willnangen noch aus der im nördlichen Deutschland
einheimischen Familie des Baron Wallburg. Dieser bewohnte mit seiner Frau, zwei
Töchtern und einem Sohne den obern Stock des nehmlichen Hauses, von welchem Frau
v. Willnangen die erste Etage inne hatte. Nicht sowohl diese nahe Nachbarschaft,
als vielmehr eine gewisse Uebereinstimmung in ihrer Lebensweise hatte beide
Familien zuerst einander näher gebracht. Gegenseitiges Gefallen, besonders des
jüngern Teils derselben, machte sie in kurzer Zeit zu unzertrennlichen
Gefährten in allen der Geselligkeit geweihten Stunden.
    General Lichtenfels, ein heitrer Greis, und sein Neffe Adelbert gehörten als
frühere Bekannte des Barons Wallburg mit zu dem kleinen Kreise, in welchem
Adelbert der einzige bedeutend Kranke war. Ehrenvoll im Kriege erhaltene, aber
übel geheilte Wunden hatten diesen nach Karlsbad geführt, um Genesung oder doch
wenigstens Linderung zu suchen. Im Innern schien er noch schmerzlicher verletzt
zu sein als im Äußern, denn alle seine Züge trugen tiefe Spuren eines
verzehrenden Kummers. Gewöhnlich nahm er nur schweigenden Anteil an der
Gesellschaft, und schien gern in Gabrielens Nähe sich zu halten, deren ebenfalls
nicht fröhliche Stimmung der seinen am besten zusagte. Sein ihn väterlich
liebender und von ihm kindlich verehrter Oheim war einzig ihn zu begleiten, nach
Karlsbad gekommen, und es gewährte einen eignen rührenden Anblick, wenn der alte
eisgraue aber noch immer rüstige Krieger die schöne hohe Gestalt des jüngern
unterstützte, der, von einer Fusswunde gelähmt, sich nur mühsam und gebeugt
fortbewegen konnte. Allwill, ein junger Dichter, und Wollmer, ein
ausgezeichneter Tonkünstler, hatten sich auch diesmal, wie gewöhnlich, der
Gesellschaft angeschlossen. Beide waren wegen ihrer Talente und ihres angenehmen
Humors immer höchst willkommen.
    Ernestos Klage über den Mangel allgemeiner Geselligkeit regte sogleich alle
Mitglieder des Kreises zum lebhaftesten Widerspruch auf, denn sie befanden sich
in dieser Abgeschlossenheit von den übrigen nicht minder behäglich als im Grunde
Ernesto selbst und nahmen sie deshalb gern gegen ihn in Schutz. Auguste und
Rosalie von Wallburg überhäuften den italienisirten Signor, wie sie ihn spottend
nannten, mit Vorwürfen über seinen Wankelmut, der ihn verleite, sich nach
andrer Gesellschaft zu sehnen, und die kleine zwölfjährige Luzie Wallburg sprang
gar von der Stelle neben ihm auf, wo sie als seine erklärte Geliebte gewöhnlich
zu sitzen pflegte, indem sie versicherte, von einem so ungetreuen Liebhaber
wollte sie nichts weiter wissen.
    Friede und Ruhe wurden indessen bald wieder hergestellt, und Frau von
Willnangen nahm den Faden des Gesprächs wieder auf, indem sie Karlsbad gegen
Ernestos Tadel verteidigte. »Kommen Sie nur nach Töplitz, Wiesbaden oder
überall hin,« sprach sie, »wo nur gebadet wird und nicht getrunken. Dort, wo
Morgens kein Brunnen Gelegenheit zum Bekanntschaftenmachen bietet, dort mag es
Ihnen allenfalls erlaubt sein, über Isolirung der Einzelnen und alle die tausend
Schwierigkeiten zu klagen, die sich jeder nur einigermassen allgemeineren
Geselligkeit entgegenstellen.«
    
    »Damit, dass es anderswo noch ärger ist, wird aber dem nicht abgeholfen, was
ich hier als mangelhaft schelte,« erwiederte Ernesto. »Ich bleibe dabei, dass der
grösste Teil der Brunnengäste sich in Karlsbad noch immer mehr langweilt, als
recht und billig ist, oder selbst bei einem solchen Zusammenfluss von Leuten
möglich sein sollte, die alle nichts zu tun haben, als sich zu belustigen.«
    »Ich muss hier auf Ernestos Seite treten,« nahm der Kapellmeister Wollmer das
Wort. »Blicken Sie nur um sich her, die Sonne beginnt zu sinken, längstens in
einer Stunde verweiset der Aerzte strenges Gebot uns alle aus der Abendluft
unter Dach und Fach, und dennoch werden dann noch vor Schlafengehen ein paar
Abendstündchen übrig bleiben, die wohl jedermann gern auf angenehme Weise in
Gesellschaft zubrächte. Sehen sie indessen nur, wie sich schon alles vereinzelt
und nach seiner vielleicht ziemlich unbequemen Wohnung hinzieht, während beide
Säle leer bleiben, in denen man sich doch recht bequem noch zum erheiternden
Gespräch versammeln könnte.«
    Leo von Wallburg meinte, wenigstens der Bälle lobend erwähnen zu dürfen, die
zweimal die Woche einen allgemeinen Vereinigungspunkt bieten, ward aber von
Ernesto schnell unterbrochen. »Geht mir,« sprach dieser, »mit euren Bällen, auf
welchen niemand tanzt, als wer seine Mittänzer gleich mitbringt. Diese beweisen
gerade, wie sehr der Kotterie-Geist hier herrschend ist. Tanzte wohl am
verwichnen Sonntag im sächsischen Saal noch irgend eine Seele ausser den
verwünscht hübschen Polinnen? und auch sie nur mit den Herren, welche sie auf
den Ball geführt hatten. Freilich schweben diese Sarmatinnen wie Grazien einher;
aber ringsum an den Wänden des Saals sassen auch deutsche und andre Grazien die
Menge in langen Reihen da, ohne dass es einem von den vielen jungen Herren
eingefallen wäre, sie zum Tanz aufzufordern.
    »Eigentlich,« nahm der General wieder das Wort, »eigentlich fehlt es uns
hier nur an jemanden, der Aufopferung, Geschicklichkeit und Ansehen genug
besässe, um sich an die Spitze aller übrigen stellen zu können, und nicht nur bei
Festen und Bällen, sondern überall als Wirt die Honneurs zu machen. Ohne einen
solchen Mittelpunkt gedeiht bei uns keine Geselligkeit. Wir Deutsche sind nun
einmal bei solchen Gelegenheiten nicht sowohl träge als unbehülflich. Genau wie
die Kinder, die wenn sie zum erstenmal zusammen kommen, um mit einander zu
spielen, lange verschämt dastehen, einander kaum ansehen, und dabei tun, als
läge ihnen im mindesten nichts am Spiel, während sie sich vor innerlicher
Ungeduld darnach nicht zu lassen wissen. Da muss durchaus jemand eintreten, der
jedem zeigt, was es zu tun hat, um sich zu belustigen, und alle mit linder
Gewalt an einander treibt, sonst bleibt jeder für sich und ärgert sich dabei
über den Nachbar, der nicht den ersten Schritt tun will.«
    »Tun Sie diesen ersten Schritt und machen Sie der allgemeinen Not ein
Ende, lieber Herr General,« sprach lächelnd Frau von Willnangen; »in jeder
Hinsicht eignet sich niemand zu unserm Anführer besser als Sie, und ich bin im
voraus überzeugt, dass jedermann dies dankbar anerkennen wird.«
    Der General verbeugte sich und fuhr fort zu reden. »In jüngern Jahren habe
ich oft aus eignem Antrieb es versucht, den Ehrenposten zu bekleiden, den Sie,
meine gütige Freundin! mir jetzt wieder zuteilen möchten, dem ich mich aber um
keinen Preis wieder unterziehen würde. In Bädern, in Garnisonen oder wo sonst
der Zufall eine ungewohnte Zahl Menschen aus den Ständen zusammenführt, welchen
geselliges Vergnügen Bedürfnis ist, bin ich oft von eigner Lebenslust verleitet
worden, mich zum maitre des plaisirs aufzuwerfen, aber lag es an meiner
Ungeschicklichkeit oder an etwas anderm, ich weiss nur, es ist mir jedesmal so
schlecht bekommen, dass ich noch jetzt nicht ohne Aerger daran denken kann.
    »In der Tat,« sprach Baron Wallburg, »das Amt eines Zeremonien- oder wenn
sie wollen, Vergnügen- ist eines der anerkannt mühseligsten und unbelohnendsten,
am Hofe wie in der Stadt, vor allem aber in einer Republik, wie doch jeder
Brunnenort eine ist, und ich begreife nicht, wie man anders, als durch den Drang
der Umstände dazu gezwungen, sich ihm unterziehen mag.«
    »Sollten Sie mich auch wieder der Anglomanie beschuldigen, lieber Vater!«
sprach Leo, »ich muss hier doch bemerken, dass das Talent der Britten, überall das
komfortabelste zu erfinden, sich auch in dem vorliegenden Fall bewährt. Bei
ihrer, jeder geselligen Verbindung mit Unbekannten noch weit mehr, als wir
Deutschen, widerstrebenden Nation trafen sie dennoch den rechten Weg, alle
zufrieden zu stellen. In jedem bedeutenden Brunnenort wählen die Badegäste einen
Zeremonienmeister, dessen Anordnungen jeder gern Folge leistet, und der um einen
anständigen Ehrensold für die gesellige Unterhaltung Aller, wie jedes Einzelnen,
unermüdlich besorgt ist. So darf dort niemand über Vernachlässigung oder
Langeweile klagen, der dies nicht selbst durch sein Betragen verschuldet.«
    »Dacht' ichs doch, dass die grosse Erfindung auf etwas Fabrikmässiges hinaus
laufen würde,« sprach Baron Wallburg, »denn hoffentlich hat dieser
Zeremonienmeister auch Gehülfen, die ihm vorarbeiten, und der Fremde, der
amüsirt werden soll, geht dabei aus einer Hand in die andre, wie ein englischer
Knopf.«
    »Haben sie nicht auch aus Holz und Stahl vortrefflich gearbeitete Herrn und
Damen, die eingeschoben werden, wenn es an lebendigen Tänzern fehlt?« fragte
Ernesto.
    Die Idee solcher unermüdlichen Tänzer erweckte grosses Vergnügen bei dem
jüngern Teil der Gesellschaft. Vor allem äusserte die kleine Luzie den
sehnlichen Wunsch, dass auf dem nächsten Ball deren ein halbes Dutzend, wo
möglich in Husarenuniform, erscheinen möchten. Dann, meinte sie, käme auch wohl
einmal die Reihe an sie, mit so einem hölzernen Husaren zu tanzen, denn die
grossen Mädchen nähmen ihr die lebendigen Tänzer alle weg.
    »Auch ich kenne die Badekönige, denn so pflegt man in England sie zu
nennen,« nahm endlich der Kapellmeister das Wort, »und ich habe mich während
meines vieljährigen Aufentalts in jenem Lande zu wohl unter ihrem sanften
Scepter befunden, als dass ich mich nicht laut für sie erklären sollte. Aus
Reisebeschreibungen ist zwar jedermann von den Statuten ihres Reichs
unterrichtet, aber den ganzen wohltätigen Einfluss derselben auf das Badeleben
kann nur der ermessen, der wie ich einst zu ihren Untertanen gezählt ward.«
    Noch vieles sprach man, bald lobend, bald tadelnd über diese englische
Einrichtung, deren Einzelheiten selbst dabei sehr umständlich zur Sprache kamen.
»Leo hatte in der Tat Recht,« entschied endlich der General, »und ich wünsche
herzlich, recht bald solche Könige auf deutschem Grund und Boden zu begrüssen.
Ernestos fromme Wünsche können wahrscheinlich nur durch ihre Einführung bei uns
in Erfüllung gehen, aber ich fürchte aus mancherlei Gründen, dass sich unendliche
Schwierigkeiten ihr entgegen stellen würden. Indessen käme es auf einen Versuch
an, und wäre die Brunnenzeit nicht ihrem Ende so nahe, so möchte ich sie wohl,
wenigstens als Probestück, auf einige Wochen in Vorschlag bringen, obgleich ich
nicht weiss, wo ich sogleich einen würdigen Kandidaten zu diesem sehr schweren
Posten finden würde.« »Ein Mann von Stande könnte sich doch unmöglich dazu
entschliessen,« meinte Frau von Wallburg. »Und warum denn nicht? meine gnädige
Frau!« erwiederte ihr schnell Ernesto. »Ich halte die Stelle eines solchen
Königs für recht ehrenvoll, und um so mehr, da nicht gemeine Eigenschaften dazu
gehören, sie mit Würde zu bekleiden.« »Glauben Sie vielleicht, dass die Stelle
eines Banquiers am Pharao-Tische, die so mancher Sprössling eines sehr edlen
Stammes ausfüllt, für ehrenvoller gelten dürfe?« setzte der General lächelnd
hinzu.
    Die letzten Strahlen der sinkenden Sonne mahnten jetzt die Gesellschaft zum
Aufbruch, doch traf man noch vorher die Verabredung, es an einem der nächsten
Abende zu versuchen, ob nicht der grössere Teil der in Karlsbad gegenwärtigen
Fremden zu einer zahlreicheren Versammlung in einem der Säle zu veranlassen sei,
um so vielleicht den Grund zu künftiger allgemeinerer Geselligkeit zu legen.
Niemand wandte gegen diesen Plan etwas ein, ausser Frau von Wallburg. »Ich weiss
nicht,« sprach sie, »warum wir uns um die Uebrigen, die sich um uns nicht
bekümmern, so viel Mühe geben wollen, da wir ihrer doch nicht bedürfen, um uns
recht wohl zu befinden. Unser Zirkel genügt uns, er ist gross genug, um uns zu
amüsiren, und wir werden uns da eine Menge Bekanntschaften aufladen, unter denen
sich gewiss Leute befinden, die gar nicht zu uns passen, und die uns in Zukunft
vielleicht recht lästig und beschwerlich in unserm eignen Hause werden können.«
    Herr von Wallburg tröstete indessen seine Frau mit der Versicherung, dass
Badebekanntschaften sich nie über die wenigen Wochen hinaus erstrecken dürfen,
die man mit einander verlebt, und dass es anerkannt herkömmlich sei, auch die
genausten dieser Art in seiner Heimat zu ignoriren, sobald man nicht durch
eigne Beweggründe sich veranlasst finde sie fortzusetzen; und so wanderte sie
beruhigt mit der übrigen Gesellschaft ihrer Wohnung zu.
    Die letzten, auf eine eigne, gleichsam etwas bezeichnen sollende Weise
betonten Worte des Baron Wallburg machten indessen auf Frau von Willnangen einen
nichts weniger als angenehmen Eindruck. Sie hörte sie mit dem prophezeienden
Vorgefühl, mit welchem der kundige Schiffer bei sonst heiterem Himmel das kleine
dunkle Wölkchen am fernsten Horizonte erblickt, welches ihm den nahenden Orkan
verkündigt. Ueberhaupt wohnt in vielen Frauen ein Vorahnen dessen, was sie von
denen, welchen sie auf ihrem Lebenspfade begegnen, zu erwarten haben, sei es
Freude, sei es Schmerz. Liebe oder Feindseligkeit, sie empfinden beide lange im
Voraus, ehe sich noch die Person ihrer bewusst wird, in deren Brust diese
Empfindungen später erwachen. Von diesem wunderbaren Gefühl geleitet, würde Frau
von Willnangen den Umgang mit dem Baron Wallburg und seiner Frau vielleicht
gänzlich vermieden haben, aber sie hielt es für unbillig und töricht, auf eine
Ahnung zu achten, für welche sich durchaus kein vernünftiger Grund erdenken
liess, und überdem erschien ihr der jüngere Teil dieser Familie so
liebenswürdig, dass sie um seinetwillen manches ihr minder Angenehme gern
übersehen mochte.
    Nicht ohne Wohlgefallen hatte sie das Aufkeimen einer Neigung Leos von
Wallburg zu ihrer Tochter bemerkt, deren Erwiederung von Augustens Seite ihr
durchaus nicht unerwünscht gekommen wäre. Leo zeichnete sich in der Tat auf
eine vorteilhafte Weise vor andern jungen Männern aus. Mit einem sehr
gebildeten Geist und einem angenehmen Äußern verband er die schätzenswertesten
Eigenschaften des Gemüts, die sich auf das Unverkennbarste bei jeder
Gelegenheit, besonders aber im Umgang mit den Seinen äusserten. Und so war es
wohl sehr verzeihlich, wenn Frau von Willnangen sich bisweilen süssen, allmählig
zu Wünschen und Hoffnungen ausartenden Träumen vom künftigen Glück ihrer Tochter
überliess, besonders da der einstigen Erfüllung derselben sich auch im Äußern
nichts entgegen zu stellen schien. Dennoch hütete sie sich wohl, mit Augusten
darüber zu sprechen, sie liess das Herz ihrer Tochter ungestört seinen stillen
Gang gehen; der Reue Schmerzen, die sie noch immer bei Gabrielens Anblick
empfand, lehrten sie jetzt Vorsicht üben, da es vielleicht der ganzen Zukunft
ihres geliebten einzigen Kindes galt.
    Das vom Baron Wallburg über die Bade-Bekanntschaften ausgesprochene Urteil
wäre vielleicht von ihr unbeachtet geblieben, hätte es sie nicht plötzlich an
ein Gespräch erinnert, welches sie mit dem General auf einem einsamen
Spaziergange am nehmlichen Morgen gehalten hatte. Er, der immer offen zu Werke
zu gehen gewohnt war, hatte mit einer höchst auffallenden Absichtlichkeit die
Gelegenheit gesucht, vom Baron Wallburg und dessen Gemahlin zu sprechen. Beide
wurden zwar als sehr vorzüglich in jeder Hinsicht von ihm gepriesen, dabei aber
zu wiederholten Malen und fast warnend des Ahnenstolzes erwähnt, der in ihrem
Vaterland überall mehr als in irgend einem andern Teile Deutschlands
vorherrsche. Auch dieses sonst so liberal gesinnte Paar sollte, nach des
Generals Versicherung, in dieser Hinsicht mit unüberwindlichen Vorurteilen
erfüllt sein; nur feine Sitte verhindre es, diese auch im gewöhnlichen Leben
laut werden zu lassen.
    Die Dazwischenkunft des Barons selbst und die übrigen Zerstreuungen des
Tages hatten Frau von Willnangen abgehalten, dieses Gespräch mit dem Ernst zu
würdigen, zu welchem es augenscheinlich des Generals Absicht war, sie zu
stimmen. Jetzt aber stand jedes Wort desselben plötzlich wieder vor ihrem Geist,
und dabei fiel der Gedanke ihr mit Zentnerschwere auf das Herz, dass Augustens
Stammbaum wirklich nicht von der Art sei, um vor strengen Richtern als gültig zu
bestehen. Ihr Vater war der Sohn eines sehr angesehenen aber bürgerlichen
Hauses, seinen später erworbnen Adel verdankte er nur seinen Verdiensten und dem
Range, den er bekleidete. Die lange Reihe von Ahnen, welche Frau v. Willnangen
als eine geborne Rosenberg zählte, vermochte es leider nicht, die ihm fehlenden
zu ersetzen.
    Frau von Willnangen fühlte sich bei ihrer Zuhausekunft von diesen Gedanken
so verstimmt, dass sie es ausschlug, noch, wie sonst gewöhnlich, ein paar Stunden
bei der Gesellschaft zu bleiben, und sich vielmehr mit den Ihrigen in ihr Zimmer
zurückzog. Diese Verstimmung teilte sich auch den Uebrigen mit, alle
vereinzelten sich, und der Abend nach diesem so fröhlich begonnenen Nachmittag,
der eine allgemeine Geselligkeit einzuführen bestimmt schien, war der erste, an
dem jedermann sich bestmöglichst zu isoliren strebte.
Ein wunderschöner, wenn gleich schwüler Morgen folgte diesem Abend. Die ganze,
durch das Hinzutreten mehrerer entfernteren Bekannten sehr vergrösserte
Gesellschaft beschloss deshalb, einen längst entworfnen Plan auszuführen. Das
Frühstück sollte auf dem höchsten der über dem schönen Tal tronenden Berge
eingenommen werden, neben den drei Kreuzen, die dessen Gipfel bezeichnen. Auch
Frau von Willnangen hatte sich mit ihrer Tochter von dem allgemeinen Vergnügen
nicht ausschliessen mögen. Ernesto mit der fröhlichen Luzie waren als Heerführer
an die Spitze der kleinen Schaar gestellt, die singend und jubelnd vom Brunnen
weg durch den blinkenden Morgentau hinzog. Allwill hatte einen eignen
Rundgesang für diese Wallfahrt gedichtet, der Kapellmeister erfand auf der
Stelle eine Melodie dazu, dies erhöhte die laute Freude, mit der alle sich auf
den Weg machten.
    Nur Adelbert und Gabriele blieben einsam zurück. Mit seinem gelähmten Fuss
konnte ersterer gar nicht daran denken, eine solche Wanderung zu unternehmen,
und Gabriele durfte es auch noch nicht wagen, sich der Ermüdung eines so weiten
Spazierganges auszusetzen. Nach dem Scheiden der fröhlichen Gesellschaft
begleitete Adelbert Gabrielen schweigend und langsam zu Hause, aber der Morgen
war zu schön, um ihn ganz ungenossen vergehen zu lassen, und so wandten sie sich
daher bald den lieblichen Schattengängen zu, die das anmutige Tal von allen
Seiten bekränzen.
    Nie zuvor hatten beide Gelegenheit gehabt, so ganz allein mit einander zu
sein. Adelbert fühlte sich zwar vom ersten Augenblick ihrer Bekanntschaft an
durch die stille sanfte Schwermut zu ihr hingezogen, die wie ein Schleier über
Gabrielens ganzes Wesen sich verbreitete, und der milde Strahl ihres schönen
dunkeln Auges war oft wie ein erwärmendes Licht in seine wunde Brust gedrungen,
aber die reine Güte ihres Gemüts und selbst ihre hohe geistige Bildung konnten
ihm dennoch nie zuvor, wie jetzt im ungestörten Gespräch mit ihr, in dieser
Klarheit sichtbar werden. Auch hatte sie sich ihm noch nie so unaussprechlich
freundlich und vertrauend gezeigt.
    Beide waren heute durch ähnliche Leiden von der allgemeinen Freude
ausgeschlossen geblieben, und Gabriele fühlte sich dadurch Adelberten
gewissermaassen schwesterlich verwandt. Sie neigte sich deshalb zu ihm und sprach
mit ihm, wie eine liebende Schwester mit ihrem kranken leidenden Bruder sprechen
könnte. Ein wahrhaft und tief verwundetes Gemüt erkennt das andre ohne Worte,
daher wusste Gabriele recht wohl, dass Adelbert freundlicher Teilnahme weit
bedürftiger sei, als es selbst seine im Äußern zerstörte Jugendblüte vermuten
liess, und dass vielleicht nur diese ihn von völligem Untergang in Tiefsinn und
Schwermut erretten könne. Sie wandte sich deshalb unendlich mitleidig zu ihm;
alles was sie sagte und tat, drückte das Bestreben aus, ihm tröstlich zu
werden. Ihre ohnehin sanfte melodische Stimme klang wie das Flöten einer
Nachtigall, denn sie suchte sie noch mehr zu mildern, indem sie zu ihm sprach,
und Adelberten ging dabei in lange nicht empfundner Seligkeit das Herz auf.
    So in ernstes und vertrauliches Gespräch verloren, wanderten beide langsam
neben einander hin, länger und weiter, als sie selbst es bemerkten. An sich
unbedeutende Anhöhen, die Adelberten aber noch gestern unübersteiglich
geschienen hatten, ging er jetzt, seiner Krücke nicht gedenkend, an Gabrielens
Seite hinauf und hinab, ohne es zu gewahren. An den Stellen, welche ihr am
schwierigsten dünkten, bot sie ihm hülfreich die kleine weisse Hand, und indem er
sie berührte, war ihm, als ob unsichtbare Engel ihn mit ihren Flügeln
unterstützten. Zwar dachte Gabriele nicht ohne Sorge an den Rückweg, indem sie
neben ihm herging, aber sie vermochte es nicht über sich zu gewinnen, ihn aus
dem augenblicklichen Vergessen seines traurigen Zustandes zu erwecken, und
verschwieg daher ihre Besorgnisse.
    Endlich erreichten sie den kleinen Tempel, welcher den Namen des Lords
Finlater, des Verschönerers dieser Gegend, trägt, und mit ihm die beinahe
äusserste Gränze der eigentlichen Promenaden. Bei ihrer, ihnen jetzt erst recht
fühlbar werdenden Ermüdung und der ungewöhnlichen Schwüle des Tages war ihnen
dieser Ruhepunkt höchst willkommen. Sie setzten sich traulich neben einander und
fuhren in dem Gespräche fort, dessen Interesse sie so unvermerkt bis zu diesem,
von ihrer Wohnung ziemlich weit abgelegnen Platz hingeführt hatte.
    Die Unterhaltung war zuerst von der Poesie und dem verschiednen Wert der
neuesten Erzeugnisse unsrer Dichter ausgegangen, unmerklich aber hatte sie sich
der Liebe und ihren Leiden und Freuden zugewendet. Gabrielens beredtes Auge
hatte Adelberten längst eine unglückliche Liebe als das stille Geheimnis ihres
Herzens verraten, obgleich sie auch nicht auf die leiseste Art darauf
hindeutete. Er strebte daher mit der zartesten Schonung, alles zu vermeiden, was
ihm das Ansehen geben konnte, als suche er ihr Vertrauen zu erschleichen, oder
wolle die nähern Umstände eines Geschicks erspähen, das er nicht umhin konnte,
sich dem eigenen ähnlich zu denken. Der Anblick des unaussprechlich anmutigen
und doch so tief verletzten Wesens an seiner Seite stimmte ihn dabei immer
wehmütiger, indem er doch zugleich über seine eignen Schmerzen für den
Augenblick sich beruhigter fühlte.
    »Nur eines kann ich mir denken, wogegen kein Trost zu finden wäre,« sprach
Gabriele im Verlauf des Gesprächs zu Adelbert. »Trennung, Tod des Geliebten,
sind zwar ein unnennbares Weh, das schwache Herz möchte darüber brechen, wenn
nicht die Liebe selbst und der schöne Hoffnungsstrahl von jenseits es hielten,
aber dieser Schmerz reicht doch nicht an jenen, alle Hoffnung, sogar jeden
Wunsch nach Trost vernichtenden, für dessen Möglichkeit ich zurückbebe. - Er
heisst Unwert des Geliebten, Verachten dessen, was wir dennoch lieben müssen. -
Nein, die menschliche Natur kann dies Entsetzliche nicht ertragen!«
    Todtenblässe überzog bei diesen Worten Adelberts Gesicht, das er im nächsten
Moment, krampfhaft zitternd, mit beiden Händen verhüllte. »Und doch, mein
Fräulein! und doch,« stammelte er fast unhörbar. »Sie haben in zwei Worten die
traurige Bestimmung meines Daseins ausgesprochen. Lieben und Verachten! Die
menschliche Natur erträgt es wohl, Sie sehen, ich lebe noch.«
    Gabriele hätte vor Reue darüber vergehen mögen, dass sie ihn, den sie
beruhigen und trösten zu wollen sich bewusst war, so unvorsichtig verletzt hatte.
Sie fand und suchte kein Wort zu ihrer Entschuldigung, aber Adelbert hob den
getrübten Blick zu ihr auf und las in ihrem schimmernden Auge innigere
Teilnahme, schmerzlichere Reue, als sie mit aller Beredtsamkeit ihm hätte
ausdrücken können. Sein Herz öffnete sich zum erstenmal wieder nach langer Zeit
im Ergusse des reinsten Vertrauens; auch sie fand allmählig herzliche
beschwichtigende Worte für ihn, und bald vernahm sie die Geschichte seiner
glücklich verlebten früheren Zeit und die Ursache des jetzt ihn zerstörenden
Kummers, die er mit der, allen Unglücklichen eignen Umständlichkeit ihr
vertrauend mitteilte.
Früh verwaiset, wuchs Adelbert im Schloss seines edlen Oheims auf, der das
hoffnungsvolle Kind mit wahrhaft väterlicher Liebe erzog. Zwei Knaben und ein
jüngeres Mädchen, Herminie genannt, teilten mit ihm die Stunden des Unterrichts
wie die der Erholung. Sie waren die Kinder einer benachbarten Familie, welche
durch enge Bande der Freundschaft mit seinem Oheim von jeher vereinigt, fast
immer in seiner Nähe lebte. Adelberts Auge strahlte noch einmal im Wiederschein
der untergegangnen Sonne seines Frühlingslebens, als er jetzt erwähnte, wie
schon in früher Jugend die innigste Liebe zu Herminien ihn zu allem Guten
entstammte, wie er stets sich auszuzeichnen strebte, um ihr zu gefallen, und wie
auch sie mit unverkennbarer Zärtlichkeit an ihm hing. Sein Oheim und Herminiens
Eltern blickten lächelnd auf die frühe Liebe ihrer Kinder, und bauten darauf
goldne Pläne für ihre Zukunft. »O wäre ich damals gestorben!« rief Adelbert mit
schimmernden Augen, »damals in der Morgenröte des Lebens, die den herrlichsten
aller Tage schien verkünden zu wollen, der jetzt mir untergegangen ist in Nacht
und Graus.«
    Die Kinder wuchsen zum Jünglingsalter heran; mit diesem erschienen Jahre der
Trennung, aber diese sollte ja den Zeitpunkt ewiger Vereinigung herbeiführen.
Adelbert fühlte die Notwendigkeit, sich erst für das Leben zu rüsten, sich
Eigenschaften zu erwerben, die ihn einst berechtigen könnten, nach dem Preise zu
streben, der in rosiger Glorie vor ihm stand. Auch lockte ihn, den in der
Einsamkeit erzognen Jüngling, die ferne bunte Welt mit alle dem magischen Reiz,
durch welchen sie jeden Unerfahrnen blendet, und so bestieg er, ziemlich gefasst,
den Reisewagen, der ihn nach einer entfernten Universität führen sollte, während
Herminie in wildem Schmerz zu vergehen glaubte. Ein Briefwechsel mit dem
Geliebten, zu welchem Eltern und Oheim, nach der feierlichen Verlobung des
jungen Paars, ihre Einwilligung gegeben hatten, blieb ihr einziger Trost.
    So vergingen drei Jahre. Adelbert verlebte sie unter Arbeit, Sehnsucht und
Hoffnung. Herminiens Andenken hielt ihn hoch über den Strudel wüster
Verwilderung, in welchem viele seiner jugendlichen Genossen neben ihm versanken.
Herminiens Briefe zu beantworten, sein ganzes Herz ihr offen darzulegen, war die
höchste Wonne seines Lebens. Er fühlte ganz den hohen Zauber, mit der diese Art,
uns das Geliebte zu vergegenwärtigen, zuweilen sogar das Glück der wirklichen
Gegenwart besiegt. Auge in Auge, macht die Lippen verstummen, aber in der
einsamen Beschäftigung mit einem geliebten Wesen reihen sich die Worte zum
Ausdruck unsrer innigsten Gefühle von selbst an einander, und wir vermögen zu
schreiben, was wir nimmermehr sagen könnten.
    Dennoch nannte Herminie Adelberts Briefe oft kalt und liebeleer, und
obgleich sie von allem, was ihn nur auf die entfernteste Weise berührte,
unterrichtet zu werden verlangte, so konnte sie doch auch oft darüber zürnen,
dass er fähig wäre, irgend etwas anders zu erwähnen als seine Liebe. »Du kannst
Mannigfaltigkeit in deine Briefe bringen,« schrieb sie ihm, »du bist ein Mann,
du lebst in der Welt. Ich Einsame lebe nur in dir, ich kann nichts denken als
dich, darum vergieb, wenn ich langweilig dir nur von dir schreibe; du bist ja
meine Welt, von der ich jetzt nur träumen darf.«
    Endlich war der Zeitpunkt ganz nahe, in welchem Adelbert zu seinem Oheim
zurückkehren sollte, um wenige Wochen später mit Herminien auf ewig vereint zu
werden. Mit kaum zu mässigender Ungeduld sah er dem unfernen Tage seiner Abreise
von der Universität entgegen, als ganz unerwartet ein vom General abgesandter
Eilbote erschien, mit dem Auftrage, ihn zur möglichsten Beschleunigung seiner
Rückkehr in die Heimat zu mahnen. Dieser an sich höchst willkommne Befehl
seines Oheims überraschte dennoch Adelberten, besonders da der in höchster Eil
abgesandte Bote ihn durchaus nichts näheres darüber zu sagen wusste. Adelbert
eilte rastlos Tag und Nacht, bis er das Schloss seines Oheims erreichte. Dort
fand er den edlen Greis gerüstet, um in den Kampf gegen die Feinde zu ziehen,
deren Horden damals aufs neue unser Vaterland zerstörend zu überschwemmen
drohten. Ob Adelbert ihn auf diesem Zuge begleiten würde, blieb nicht die Frage
eines einzigen Augenblicks; der General hatte schon alles dazu vorbereitet, der
nächste Morgen war zur Abreise bestimmt, und beiden Liebenden blieb nur dieser
einzige Abend zum Wiedersehn und zum Scheiden.
    Schweigend betrachteten sie einander in der Stunde des Wiedersehns. Mit
süssem Erröten schlug Herminie die langen seidnen Augenwimpern nieder vor den
liebeglühenden Blicken des hoch und schön vor ihr stehenden, zum Mann
heranblühenden Jünglings, während dieser, verloren in Entzücken, den
unbegreiflichen Zauber anstaunte, welchen drei kurze Jahre hier geübt hatten.
Die Stunde der Trennung schlug unter den heiligsten Schwüren ewiger Liebe in
Not und Tod. Bewusstlos sank Herminie aus Adelberts Armen in die ihrer Mutter,
während er die glänzenden Augen seitwärts wendete, indem er sein Ross bestieg,
damit keiner der alten Krieger, die mit ihm und seinem Oheim auszogen, die still
über seine Wange hinrollende Träne gewahren möge.
    Von neuem begann der Briefwechsel der Liebenden. Herminie lebte nur mit der
Feder in der Hand, Adelbert verwandte für sie jede freie Minute, bis die immer
steigenden Unruhen des Krieges alle Möglichkeit einer freien Mitteilung
vernichteten. Unglück häufte sich auf Unglück, Jammer auf Jammer.
    Nach der Schlacht bei E..... blieb Adelbert unter den Todten liegen, und
ward nur durch ein halbes Wunder vom lebendig Begrabenwerden gerettet. Als
Kriegsgefangner wurde er in ein Hospital gebracht. Seine Jugendkraft liess ihn
die Behandlung der französischen Wundärzte überleben. Nach abgeschlossnem Frieden
erschien sein Oheim selbst, ihn abzuholen. Traurig wandten sich beide der
Heimat zu, aber die Hoffnung, Herminien dort zu finden, glänzte wie ein heller
Stern dem alten wie dem jungen Krieger durch die dunkle Nacht der Trauer, die
jede andre Hoffnung ihnen verhüllte. »Herminiens sanfte Hand wird unsre Wunden
heilen, sie wird künftig dich führen, dich stützen, armer Adelbert,« sprach der
General, wenn er den Gelähmten sich mühsam an Krücken fortelfen sah. »Jetzt in
einer Stunde sehen wir sie wieder,« sprach er endlich.
    Aber sie fanden sie nicht. Ihr Schloss war öde und leer, ihre Eltern waren
mit ihr, aus Furcht vor den auf dem flachen Lande sich immer weiter
verbreitenden Unruhen des Krieges, in eine ziemlich entfernte Residenz gezogen,
man wusste nicht, ob und wenn sie wiederkehren würden.
    Nach wenigen, der notwendigen Erholung vergönnten Stunden, sassen Adelbert
und der General wieder im Wagen auf dem Wege zu ihr. Kein Zweifel an Herminiens
Treue kam in ihnen auf. Adelbert dachte nur ihre Freude, ihn lebend wieder zu
sehen. Dass der Arm, den er noch in der Binde trug, der gelähmte Fuss, das bleiche
Gesicht, die nach der langen Krankheit nur spärlich es umwehenden Locken
Herminien von ihm zurückscheuchen könnten, fiel ihm nicht ein. »Sie wird dich um
so mehr lieben, jemehr du ihrer Hülfe bedarfst,« sprach der General, »denn die
Weiber sind alle Engel des Trostes in Menschengestalt, sie sind am
glücklichsten, wenn sie etwas zu pflegen und zu heilen haben.«
    Sie kamen an. Wie wenig glich dieses Wiedersehen dem vorigen! Herminie
erbebte, sichtbar erschrocken über Adelberts Anblick; sie wollte sich
überwinden, man sah deutlich, wie sie sich deshalb Gewalt antat, aber sie
vermochte es doch nicht, den Entstellten anders als mit heissen Tränen, mit
bittern Klagen über dieses Geschick zu empfangen, und keine Sylbe verriet ein
frohes Gefühl über sein wunderbar gerettetes Leben. Auch Adelbert fand Herminien
verändert. Zwar stand sie im sorgsam gewählten schimmernden Putz fast reizender
noch vor ihm, als da er sie verliess, aber ihre Erscheinung hatte etwas
fremdartiges, etwas teatralisches angenommen, wovon bei dem einfachen
Landmädchen sonst keine Spur zu finden gewesen war, und Tanzmeister-Künste
suchten die Stelle der natürlichen, alle Herzen gewinnenden Anmut zu ersetzen,
welche ehedem jede ihrer Bewegungen begleitet hatte.
    Adelbert ward tief betrübt über diese, in so kurzer Zeit aus dem Geräusch
des Stadtlebens hervorgegangnen Verwandlung der Vielgeliebten, aber er blieb
doch noch immer ihr eigen, und tröstete sich mit schönen Hoffnungen von der
Zukunft. »Gewiss sie kehrt zurück, gewiss sie wird wieder, was sie war, wenn wir
erst dem Gewühl glücklich entgangen sind, welches jetzt durch seine Neuheit sie
betäubt.« Mit diesen Worten suchte er oft sich und seinen Oheim zufrieden zu
sprechen. Plötzlich aber zerstörte Herminiens Mutter jede Hoffnung, indem sie
mit der Erklärung hervortrat, dass ihre Pflicht ihr nicht erlaube, die junge
schöne Herminie für ihre ganze Lebenszeit zur Krankenwärterin auf einem Dorfe zu
verurteilen, dass Herminie selbst ihre Kraft einem solchen Opfer nicht gewachsen
fühle, und dass sie deshalb sich gezwungen sähe, das früher unter günstigern
Aussichten gegebne Versprechen zurückzunehmen. Adelbert verlor bei dieser
Erklärung alle Besinnung, aber der General bestand darauf, sie von Herminien
selbst bekräftigen zu hören, und als dies, obgleich unter Tränenströmen und mit
vielen schönen Worten, dennoch wirklich geschah, da blieb dem edlen Greise
nichts weiter übrig, als seinen unglücklichen Adelbert an seine väterliche Brust
zu nehmen und mit ihm hinaus zu fahren in die Welt. Wenige Wochen darauf kam die
Nachricht, dass Herminie einem der Angesehensten aus Napoleons Gefolge ihre Hand
gegeben habe, und sich mit ihm auf dem Wege nach Paris befinde.
Nicht in so zusammengedrängter Kürze, sondern in wechselndem Gespräch, belebt
durch mehrere Nebenumstände, die hier wegbleiben mussten, hatte Adelbert die
Geschichte seiner Leiden Gabrielen anvertraut. Vertieft in klagender und
tröstender Rede und Gegenrede, mochten beide wohl lange neben einander gesessen
haben, ohne den Blick ins Freie zu wenden, als ein heftiger Donnerschlag sie
plötzlich aufschreckte. Ein schweres Gewitter war mit der in Gebirgen nicht
ungewöhnlichen Schnelle, von ihnen unbemerkt, heraufgezogen, und entlud sich
jetzt gerade über ihren Häuptern in schmetternden Donnerschlägen, in unzähligen,
einander durchkreuzenden, gelben, zischenden Blitzen. Heulender Sturm
durchtosete die Wipfel der Bäume, laut krachte der Fall einzelner Tannen durch
den Wiederhall des Donners, bis endlich, gleich einem Wolkenbruch, mit wildem
Brausen herabströmender Regen den allgemeinen lauten Aufruhr der Natur allmählig
beschwichtigte.
    »Und unsre Freunde oben auf dem Gipfel des unwirtbaren Berges, ohne alles
Obdach, dem Zorn der Elemente ausgesetzt!« rief klagend Gabriele. »Gewiss sind
sie längst im Schutz einer Bauerhütte am Fusse des Berges,« erwiederte tröstend
Adelbert, »das Gewitter konnte sie auf der Höhe, auf welcher sie sich befanden,
nicht so hinterrücks überschleichen als uns. In der Tat,« setzte er nach einem
Blick auf seine Uhr etwas verlegen hinzu - »in der Tat, obgleich ich die
Möglichkeit davon nicht begreife, aber ich muss glauben, dass alle längst zu Hause
angelangt sind und nun um uns in der grössten Sorge schweben, denn die
Mittagsstunde ist eigentlich schon lange vorüber. Die engelgleiche Güte, mit der
Sie, mein Fräulein! einem Unglücklichen den Trost freundlicher Teilnahme
gewährten, hat uns die Stunde vergessen lassen. Wir sind viel länger hier
geblieben, als wir es dachten oder eigentlich sollten.«
    Gabriele blickte ängstlich hinaus ins Freie, der Regen strömte zwar minder
heftig, aber um so eindringender, Wege und Fusspfade glichen rieselnden Bächen.
Sie sprach kein Wort, aber Adelbert bemerkte nur zu deutlich, wie der Gedanke an
Frau von Willnangen und Augusten sie mit banger Sorge erfüllte. »Was fangen wir
nun an?« seufzte sie endlich mit einem Blick auf ihre seidnen Schuhe. »Der Arzt
hat mich besonders vor aller Erkältung gewarnt.« »Ach! wie fröhlich, wie leicht,
liebes Fräulein! hätte ich Sie ehemals auf meinen Armen hinunter getragen!« rief
Adelbert, und blickte traurig und finster auf seine Krücke. »Jetzt, ich muss es
Ihnen leider gestehen, jetzt könnte ich Sie auf diesen schlüpfrig gewordnen
Pfaden, ohne eine festere Stütze als diese, nicht einmal hinunter begleiten,
selbst wenn der Regen nachliesse. Hätte ich es ahnen können, dass ich noch heute
die erste Stunde des Trostes, seit ich alles verlor, so bitter bereuen würde!
Aber so will es das jammervolle Loos, das mir zu Teil ward,« setzte er im
finstersten Unmut hinzu.
    »Briccone maledetto! Verwünschter Taschenspieler! Damn'd Juggler!« erscholl
es in diesem Augenblick dicht neben ihnen, und eine wunderliche ganz durchnässte
Gestalt schlüpfte in den Tempel hinein, ohne die schon Anwesenden sogleich zu
bemerken, warf dann einen ungewöhnlich dicken keulenartigen Stock von sich und
arbeitete darauf mit Zähnen und Nägeln an dem Knoten eines Bandes, welches ein
kleines braunes Päckchen zusammen hielt. dabei schimpfte der neue Ankömmling in
einem weg und in verschiednen Sprachen, bald auf den Knoten, bald auf den Regen.
    Adelbert und Gabriele betrachteten, höchst verwundert, die sonderbare
Gestalt. Nach seinem Äußern zu urteilen, hätte man den Fremden für einen
Taschenspieler oder für den Pagliasso einer herumziehenden Seiltänzerbande
halten können, und doch lag etwas in der Art, mit der er Adelbert und Gabrielen,
ihrer gewahr werdend, begrüsste, das eine feinere Bildung verriet. Seine vom
Regen triefende Kleidung bestand aus einer kurzen Jacke und weiten wunderlichen
Pantalons von weissem buntstreifigem Leinenzeuge, in Schuhen von gelbbraunem
Leder, Kamaschen von Nanking und einem grossen Strohhut mit breitem Rande und
flachem Kopf. Eigentlich war er ziemlich treu nach Ebels Vorschrift für Reisende
in der Schweiz gekleidet, was aber hier in Böhmen und zu seiner kurzen
gedrängten Gestalt sich sehr lächerrlich ausnahm, besonders da er wenigstens
funfzig Jahre alt zu sein schien.
    Eines der gewöhnlichen Gespräche, wie man sie in ähnlichen Fällen zu führen
pflegt, entspann sich jetzt zwischen Adelbert und dem Fremden, der dabei
unermüdet, aber mit allen Zeichen der höchsten Ungeduld, daran arbeitete, den
Knoten zu lösen, welchen er dabei immerfort und in allen möglichen europäischen
Sprachen halb laut vermaledeite.
    »Mercè di Dio!« rief er endlich, denn der Knoten war plötzlich aufgegangen.
»Mais voyez, monsieur! sehen Sie nur, ob es nicht zum Verzweifeln war,« sprach
er zu Adelberten, der verwundert auf den Inhalt des Päckchens blickte; »
Vraiement c'étoit fait pour enrager. Gestern lasse ich mir von einem
herumreisenden Physiker im Alexandersbad lehren einen Knoten zu schlingen, der
fester als alle Schlösser ist, weil er nur der Hand des mit dem Geheimnis
Bekannten weicht, ich knüpfe meinen Regenmantel, my Patent cloak, den ich immer
mit mir trage, auf diese Weise zu, und jetzt, da mich der Platzregen überrascht,
habe ich Unglückseliger die Lösung des Knotens vergessen. Ich habe einen Mantel
in der Hand, mit dem ich unter dem Staubbach hingehen könnte, ohne dass mir ein
Tropfen Wassers an die Haut käme, und muss mich durchregnen lassen. No it is too
bad, too bad; es ist zu toll.«
    Während der Zeit zog er den Regenmantel von dünnem durchsichtigem
Wachstaffet an, setzte eine gleiche von allen Seiten herabhängende Kapuze auf
den Kopf, und sah in dieser Vermummung noch viel abenteuerlicher aus als zuvor,
fast wie ein in Bernstein inkrustirter Käfer. »Könnte ich mich nur auf das
Geheimnis des heillosen Knotens wieder besinnen,« murmelte der Fremde vor sich
hin, ich muss es doch zufällig getroffen haben, weil er aufsprang.« dabei
arbeitete er wieder aufs emsigste und mit grosser Anstrengung an dem dicken
Stock, den er beim Eintritt weggeworfen, hernach aber wieder hervorgesucht
hatte, bis es ihm gelang, ihn auseinander zu schrauben und in mehrere Stücke zu
zerlegen. »Oserois-je Madame, Ihnen diesen Patent Umbrello zum Heimgehen
anzubieten?« sprach er zu Gabrielen, indem er ihr einen sehr zerbrechlichen
Regenschirm, ebenfalls mit Wachstaffet überzogen, darreichte, den er aus einem
Teil seines Stocks zusammengesetzt hatte. »Avouez, que c'est l' invention la
plus belle, la plus commode, enfin es gibt nichts bequemers,« sprach er weiter,
indem er aus vier dünnen Messingstäbchen und einem Stückchen Leinen eine Art von
kleinem Feldstuhl zusammenfügte und Gabrielen nötigte, sich darauf zu setzen.
»Sehen Sie,« sprach er mit sehr grosser Selbstzufriedenheit, »so trage ich in
diesem Stock gleichsam ein kleines Haus mit mir, das mir selbst auf den höchsten
Bergen Schutz gegen die Witterung und einen bequemen Ruhesitz gewährt. Das
Futteral, welches Schirm und Sessel beherbergt, dient mir obendrein nicht nur
zum Wanderstab, sondern auch zum Fernrohr, wenn ich die dazu gehörigen Gläser
hineinschraube, und ich denke nur noch auf eine Vorrichtung, um diesen Stuhl zu
einem vollständigen Fauteuil zu vervollkommnen.«
    Der Regen hörte endlich auf und der wunderliche Fremde erbot sich auf die
gutmütigste Weise, Adelberten auf dem Wege nach Karlsbad zum Führer zu dienen.
dabei bedauerte er nur, dass diesem nicht das gelähmte Bein bis an das Knie
abgenommen sei, ohnerachtet ihm Adelbert wiederholt versicherte, dass er hoffe,
nicht zeitlebens lahm zu bleiben. »N' importe,« sprach der Fremde, »ich könnte
Ihnen ein ganz vortreffliches hölzernes Bein verschaffen, Sie sollten damit
gehen, reiten, sogar tanzen können, il n' y a rien de plus beau et de plus
commode au monde, indessen kommen Sie nur, ich will Sie gewiss nicht fallen
lassen.« Adelbert dankte ihm lächelnd, und äusserte zugleich die Besorgnis, dass
seine Begleiterin in ihren seidnen Schuhen wohl schwerlich würde den Weg zu Fuss
machen können. »Ah Cospetto di bacco!« rief der Fremde, »warum habe ich nicht
ein einzigs Paar der Pattens der Dutchess of Devonshire bei mir! Auf diesen
zierlichen Koturnen könnte das Fräulein gerade durch einen Bach gehen, ohne nass
zu werden; sie sind die allervortrefflichste Erfindung« - »Ich erkenne höchst
dankbar Ihre Güte, mit der Sie wünschen mir helfen zu können,« unterbrach ihn
Gabriele. »Da es indessen auf diese Weise nicht möglich ist, so wage ich es, Sie
zu bitten, die Meinigen bald möglichst zu beruhigen, die gewiss um mich in der
grössten Besorgnis sind. Haben Sie die Gefälligkeit, Frau von Willnangen im
steinernen Hause auf der Wiese aufzusuchen, und ihr zu sagen, dass Gabriele von
Aarheim« -
    »Aarheim? Sie sind ein Fräulein von Aarheim? Aarheim? von Schloss Aarheim?«
rief im grössten Entzücken der Fremde, »mais permettez que je vous embrasse, mon
aimable petite Cousine, ich bin Ihr Vetter, Ihr nächster Verwandter, Moritz von
Aarheim, Ihr Vater und ich sind Cousins à la mode de Bretagne. Ihr Aelter-Vater
war der Bruder meines Grossvaters. Haben Sie denn nie von mir sprechen gehört?«
    »Mein Vater lebt so fern von der Welt,« stotterte Gabriele etwas
erschrocken. »Es ist wahr, das tut er,« erwiederte Moritz von Aarheim, »ich
habe ihm einmal vor vielen langen Jahren geschrieben, er hat mich aber keiner
Antwort gewürdigt. Mais je ne lui porte pas rancune, seine Tochter ist die Krone
unsers alten Geschlechts, and I forgive him. Ich will ihn besuchen, den alten
Herrn, ich habe mich schon nach ihm erkundigt, ich höre, er beschäftigt sich mit
alchymistischen Untersuchungen der Färbestoffe. Ich habe die göttlichsten
Vorschriften zum Färben aus England mitgebracht, auch aus der Türkei habe ich
deren mir zu verschaffen gewusst, er soll sie alle haben, er hat zwar auf meinen
Brief nicht geantwortet, but I do not care for it, er soll sie doch haben.«
    So schwatzte Moritz von Aarheim noch lange fort, und legte dabei seine
Freude über Gabrielen in fast allen lebendigen Sprachen an den Tag, bis ihm
plötzlich der Nachteil einfiel, der aus diesem langen Verweilen in der feuchten
Luft für Gabrielens Gesundheit entstehen konnte. So schnell als möglich eilte er
nun fort, auch währte es nicht lange, bis der General Lichtenfels und Ernesto
mit einer Sänfte für Gabrielen im Tempel anlangten, um das dortin vom Sturm
verschlagne Paar heim zu geleiten.
Gabriele fand bei ihrer Nachhausekunft den neuen Vetter so eingewohnt, als wäre
er Zeit seines Lebens der vertrauteste Freund der Frau von Willnangen gewesen.
Alle Tische und Stühle in ihrem Zimmer waren mit kleinen Modellen und
Zeichnungen von neuen Erfindungen belastet, deren Erklärung und Nutzen er dem
ältern Herrn von Wallburg auf das eifrigste zu demonstriren suchte. Die Damen
und Leo hielten sich dabei in einiger Entfernung, um nicht an dem Streite Teil
zu nehmen, der sich zwischen jenen beiden schon entsponnen hatte, denn Herr von
Wallburg war der abgesagteste Feind aller Neuerungen. Gabrielens Erscheinung
machte indessen dem Zwist ein Ende. Moritz von Aarheim liess alles im Stich, um
seiner neugefundenen Kusine unter einem halben Dutzend Fläschchen mit
Präservativen gegen Erkältung die Auswahl anzubieten, und suchte auf alle Weise
sie zu bewegen, wenigstens aus einem derselben ein paar Tropfen zu nehmen. Sein
zudringliches Bitten hatte zwar etwas ungemein Lästiges, so wie im Grunde auch
sein ganzes übriges Betragen, aber es lag auch wieder etwas so ausgezeichnet
Gutmütiges selbst in dieser Zudringlichkeit, dass es Gabrielen wirklich schwer
ward, ihm seinen Wunsch nicht zu gewähren.
    Mehr aber als alles übrige war ihr der vertrauliche Ton unangenehm, zu
welchem er als ein naher Verwandter gegen sie berechtigt zu sein glaubte, und es
ward ihr beinah unmöglich, sich daran zu gewöhnen, noch unmöglicher, ihn zu
erwiedern. Nie zuvor war es ihr eingefallen, dass sie, ausser der Gräfin Rosenberg
und Aurelien, noch Blutsverwandte in der Welt haben könne, nie hatte sie solche
nennen hören, und nun kam gerade eine der lächerlichsten Erscheinungen und
wollte Familienverbindungen geltend machen, welche sie kaum im Stande war zu
begreifen.
    Den durchnässten Schweizeranzug hatte Herr von Aarheim zwar abgelegt, und
alles, was er jetzt trug, war wirklich so neu und elegant als möglich, aber er
sah deshalb nicht minder abenteuerlich aus. Seine Kleidung war wie seine
Sprache, allen Nationen abgeborgt; kein Stück seines Anzugs passte zu den
übrigen, alle aber verdankten der aller neuesten und dabei barocksten Erfindung
ihren Ursprung. Auch seine Bewegungen hatten etwas unstätes, das mit seinen
grauen Haaren und seiner ganzen Gestalt auf eine widerliche Weise kontrastirte.
Uebrigens waren die Züge seines Gesichts nicht unangenehm und wurden zuweilen
durch einen gewissen Ausdruck von treuherzigem Wohlwollen sogar recht leidlich.
Da er im Gespräch immer von einem Gegenstand zu dem andern überging, ohne sich
und andern zum gehörigen Auffassen eines einzigen Zeit zu lassen, so war sein
Umgang höchst ermüdend, und der ganze Kreis wäre seiner gewiss sehr überdrüssig
geworden, wenn er längere Zeit in Karlsbad verweilt hätte. Aber er eilte schon
am dritten Tage zum kunstliebenden Scharfrichter nach Eger, den er durchaus
sprechen zu müssen behauptete, obgleich er sich augenscheinlich höchst ungern so
schnell von Gabrielen trennen mochte. Er verliess sie mit der Erklärung, dass er
sie auf Schloss Aarheim wieder zu sehen gedenke, und wollte sich durchaus nicht
daran kehren, dass ihr Vater keinen Besuch annähme. Er war auf jeden Fall
überzeugt, dass er ihm mit den englischen und türkischen Farbengeheimnissen
willkommen wäre, wenn jener auch ihre nahe Verwandtschaft bei der Annahme seines
Besuchs nicht in Betracht ziehen wollte. Uebrigens hielt ihn ein innres
Zartgefühl ab, Gabrielen zu gestehen, dass er des Freiherrn nächster Agnat und
der künftige Besitzer von Schloss Aarheim sei, der als solcher doch einigermassen
sich berechtigt glauben konnte, bei seinem Verwandten, den er nie beleidigt
hatte, vorgelassen zu werden.
Ganz nahe den die Gesellschafts-Säle von Karlsbad umgebenden Alleen steht eine
der Madonna geweihte kleine Kapelle zwischen hohen Bäumen und dichtem Gebüsch.
Die Mädchen und Frauen der Umgegend schmücken das in ihr wohnende freundliche
Muttergottesbild mit dem Schönsten, was sie nur aufzubringen wissen. Nie mangelt
es ihm an strahlenden Flittern, an schönen Bändern und Perlen. Frische
Blumensträusse duften jeden Morgen auf dem kleinen Altar, so lange die Jahreszeit
dies vergönnt, und an jedem Abend werden helle Kerzen vor dem Bilde angezündet,
von denen oft ein funkelnder Strahl durch das dichte Laub bis mitten in die
fröhlichen Kreise der vornehmen Welt den Weg findet, und auch da manches stille
fromme Herz mit heiliger Sehnsucht erfüllt. Sobald der Abend hereinbricht,
bevölkert sich der kleine Betstuhl vor dem Bilde mit Andächtigen; grösstenteils
sind es Weiber und Mädchen aus den umliegenden Dörfern, die von der Arbeit
kommen und zuvor an dieser heiligen Stätte ihr Abendgebet verrichten, ehe sie
heimkehren.
    Auch Gabriele weilte oft und gern bei der kleinen Kapelle. Wenn frühere
Schmerzen sich wieder regten, wenn Ergebung, Hoffnung und die schwer errungne
Ruhe des Gemüts im Geräusch ihr fremder werden wollten, dann flüchtete sie sich
hierher und kehrte nach kurzem Verweilen immer mit einer Brust voll Frieden zu
ihren Umgebungen zurück. Die unerwartete Ankunft ihres Vetters, die unruhige
Bewegung, in welche alles um sie her während der Zeit seines Dableibens geriet,
und nun zuletzt noch sein sehr tumultuarischer Abschied und seine Abreise
machten ihr am Abende nach letzterer eine einsame Stunde höchst wünschenswert.
Ohnehin waren diesmal die Stunden nach Sonnenuntergang zu der jüngstin
verabredeten allgemeinen Versammlung in einem der Säle bestimmt, und Gabriele
wusste wohl, dass sie alle ihre Freunde beunruhigen und betrüben würde, wenn sie
nicht dabei erschien. Daher flüchtete sie sich eben, als die Sonne hinter die
Felsen zu sinken begann, zu dem Ort, an welchem sie schon oft Trost und
Beruhigung fand, um sich für das Geräusch der nächsten Stunden in ruhiger Stille
zu erholen, zu stärken und zu sammeln. Sie traf nur eine einzige, auf ihren
Knien in tiefer Andacht hingesunkene Beterin in der Kapelle, und schlich sich
leise an die andre äussre Ecke des Betstuhls, um durch ihre Gegenwart so wenig
als möglich störend zu werden.
    Lange hatte sie sich nicht so durchaus beklommen, so recht innerlich betrübt
gefühlt als heute. Durch Adelberts Erzählung seines unwürdigen trüben Geschicks
war nicht nur ihr wärmstes Mitgefühl in Anspruch genommen worden, es hatte
solche auch alle ihre eignen Schmerzen und Sorgen wieder angeregt. Ottokars Bild
stand seitdem lebendiger als je wieder vor ihrem Geist, begleitet von einer
düstern bangen Ahnung, die ihr weder Rast noch Ruhe liess, und sie um so mehr
beängstigte, je undeutlicher und verworrner die Vorstellungen waren, durch
welche ihr aufgeregtes Gemüt sich mit Grausen erfüllte.
    In der Kapelle ward ihr indessen bald ruhiger zu Mute. Die Stille des Orts,
die Abendsonne, welche zwischen dem hohen Gezweige der ihn umgebenden Bäume
hindurch ihre goldnen Lichter auf das Marienbild streute, stimmten sie zu süsser
seliger Wehmut. Bald erleichterten Tränen ihr gepresstes Herz, sie weinte recht
herzlich, ohne doch eigentlich zu wissen, wem ihre Tränen flossen; aber sie
fühlte, dass sie ihr unendlich wohl taten.
    »Gelobt sei Jesus Christus!« Mit dieser in Karlsbad gewöhnlichen Begrüssung
hörte sie sich plötzlich von der Frau angeredet, die vorhin in der Kapelle
gebetet hatte und jetzt dicht neben ihr stand. »In Ewigkeit!« erwiederte
Gabriele und stand auf, um sie an sich vorbei gehen zu lassen; aber die Frau
ging nicht, sondern begrüsste Gabrielen nochmals mit dem zweiten, in Karlsbad
üblichen Gruss: »Gott schenk Euer Gnaden die Gesundheit!«
    »Ich danke euch, gute Frau!« sprach Gabriele, und blickte etwas verwundert
auf. Ihr Auge traf in das fromme, stille, halb erloschne Auge eines uralten,
ärmlich, aber höchst reinlich gekleideten Mütterchens mit schneeweissen, glatt
gekämmten Haaren, das mit unaussprechlicher Freundlichkeit sie betrachtete. »Ihr
habt recht andächtig gebetet, fromme alte Mutter! euch muss Gott erhören; gedenkt
auch meiner künftig in eurem Gebete!« mit diesen Worten reichte Gabriele der
Alten eine Gabe.
    »Das will ich,« antwortete die Frau in einer diesen Gegenden fremden
Mundart, »recht herzlich will ich für Sie beten, aber nicht um ihres Geschenks
willen. Doch nehme ich es gern, Sie sind reich und gut, und ich will meinen
Urenkelchen eine Freude damit machen.«
    
    »Für diese Urenkelchen habt ihr auch wohl hier gebetet?« fragte Gabriele.
    »Alle Tage bete ich für sie und segne sie,« war die Antwort; »aber nicht
hier, hier bete ich weder für mich noch die Meinen, nur für Einen, den ich nicht
einmal zu nennen weiss. Aber Gott kennt ihn und hat den Nahmen in sein Buch
geschrieben; Er weiss, wen ich in meiner Einfalt meine, und wird mich wohl
erhören. Liebes gnädiges Fräulein!« fuhr die Alte fort, indem sie sich neben
Gabrielen setzte, »halten Sie mirs zu gut. Als ich Sie vorhin so jung, so schön,
so vornehm und so reich und doch so herzlich betrübt weinen sah, da konnte ich
nicht anders, ich musste mich zu Ihnen stellen und mit Ihnen zu reden suchen.
Glauben Sie mir nur, Gott wird seinen Engel senden, Sie zu trösten, wenn es Zeit
ist, bleiben Sie nur in der Geduld und in der Hoffnung. Hat er ihn doch auch mir
gesendet, als meine Margarete gestorben war und ich deshalb zu meinem Sohn nach
Böhmen wandern musste. Da blieb ich in einem wild fremden Lande, von aller Welt
verlassen, in Todesnöten auf freiem Felde liegen, rings um war es Nacht und
kalt, ich konnte die Lippen nicht mehr regen und betete nur noch innerlich:
»Vater unser, der du bist im Himmel,« und er hörte mich doch und sandte den
Retter.«
    Freudiges Schrecken durchrieselte Gabrielen bei diesen Worten; sie fragte,
die Frau antwortete, und bald fand es sich, dass es so sei, wie sie es geahnt
hatte. Es war die nehmliche alte Mutter, welche Ottokar vor ungefähr Jahresfrist
vom Verschmachten gerettet hatte. Mit heissen Freuden-Tränen fiel Gabriele ihr
um den Hals.
    »Er ist Ihnen wohl nahe verwandt?« fragte die Frau.
    »Ja wohl verwandt! nahe verwandt!« erwiederte Gabriele,« die nassen Augen
gen Himmel gerichtet.
    »Das hätte ich gleich sehen können, dass Sie Schwester und Bruder sind, Sie
sind beide so gut und so schön. Sagen Sie Ihrem Bruder doch, wenn Sie ihn sehen,
wie seine Wohltat mir Segen gebracht hat, ich denke, es muss ihn freuen, wenn er
es hört. Ueberall fand ich weiterhin gute Seelen, die sich einer armen alten
Mutter annahmen, und so habe ich von seinem Gelde so viel erübrigt, dass ich
meinem Aloys eine Kuh kaufen konnte. Und nun lebe ich bei ihm und meinen Enkeln
und Urenkeln dort unten im Dorfe. Aber alle Abende steige ich hier herauf,
sobald es Vesperzeit wird, im Winter und Sommer, im Regen, im Schnee, im
Sonnenschein, nichts hält mich ab, denn ich habe ein Gelübde getan und das will
ich halten, so lange Gott mir die Kräfte verleiht. Hier bete ich immer einen
Rosenkranz für meinen Erretter und empfehle ihn dem Schutz aller lieben
Heiligen, besonders der heiligen Jungfrau, denn so habe ich es gelobt. Lieber
Gott, denke ich, er ist zwar ein Engel an Güte, aber doch ein junger, reicher,
vornehmer Herr. Da kann es wohl geschehen, dass solch ein junges Blut mitten im
Vergnügen einmal das Beten vergisst, und mein einfältiges Gebet kommt doch aus
treuem Herzen, das muss ihm frommen, wo er auch sein mag.«
    »Wo er auch sein mag! wo er auch sein mag! O gute Mutter, vergiss ja nie dein
Gelübde und gedenke auch meiner, wenn du für ihn den Himmel anrufst!« Mit
diesen, in hoher Bewegung ausgesprochnen Worten drückte Gabriele der Alten ihr
Taschenbuch mit Bankzetteln in die Hand und eilte mit verhülltem Gesicht ihrer
Wohnung zu.
    Jetzt war es ihr unmöglich geworden, noch heute den Abendzirkel zu besuchen,
und Frau von Willnangen, der sie mit wenigen Worten das Vorgefallne mitteilte,
war auch sehr bereit, sie zu entschuldigen. Allein in ihrem Zimmer gab sie sich
ganz den Erinnerungen hin, welche der Anblick jener Frau aufs neue belebt hatte.
Jede in Ottokar's Nähe verlebte Stunde ging in ihrem Geiste vorüber, vor allen
die erste, in der sie ihn sah, ohne ihn nennen zu können, und dann die letzte
entscheidende.
    Die Sonne war untergegangen, tiefe Dämmerung, gemildert durch das Licht des
eben aufsteigenden Mondes, erfüllte das Zimmer; noch immer sass Gabriele sinnend
und im Äußern regungslos da, obgleich sie innerlich bei jedem auch noch so
leisem Geräusch zusammenzuckte, denn ihr war als dürfe sie jetzt auch ihn
erwarten, ja als müsse Ottokar in der nächsten Sekunde hereintreten, so sehr
hatte die Erscheinung der Alten ihr die Vergangenheit zur Gegenwart gemacht.
Annette, die schon lange aus dem Nebenzimmer jede Bewegung ihrer jungen Herrin
beobachtet hatte, wagte es endlich, sich ihr zu nahen; mit bittender Geberde
legte sie ihr die Harfe in den Arm und kniete dann neben ihr hin.
    »Gutes Kind! dein Herz sagt dir, was mir frommt,« sprach Gabriele, indem sie
liebkosend ihre Locken berührte. Dann stimmte sie die Harfe und sang ein Lied,
welches Allwill ihr einst auf ihre Veranlassung gedichtet hatte.
Sie sieht mich nicht!
Ich sehe ewig Sie,
Und wenn auch meine Augen einst erblinden,
Mein Geist wird dieses teure Bild doch finden,
Auch wenn ich dahin flieh,
Wo ausglimmt alles Licht.
Sie hört mich nicht!
Ich höre ewig Sie!
Von süssen Lippen flossen Geister-Worte,
Die mich ergriffen, leise Mollakkorde;
Der Ton erstirbt mir nie,
Wenn auch kein Laut mehr spricht.
Beklagt mich nicht,
Dass ferne, ferne Sie;
Bin ich nicht glücklich, ewig Sie zu lieben?
Mein war Sie, mein für immer ist geblieben,
Was Leben mir verlieh
Und auch der Tod nicht bricht.
Da öffnete sich leise die Türe, und eine im Dunkel kaum erkennbare weibliche
Gestalt trat herein, ein paar Schritte brachten sie näher. »Erschrick nicht vor
mir, meine Gabriele,« sprach eine liebe bekannte Stimme, ein paar Arme breiteten
sich aus, und Gabriele sank mit einem freudigen Schrei an das treue Herz ihrer
Dalling.
    »Kehrt denn alles, alles heute wieder, was früher mich beglückte? auch du,
auch du?« rief sie im frohen Taumel des Wiedersehens, während Frau Dalling mit
Erstaunen die unglaubliche Veränderung bemerkte, die in der kurzen Zeit mit
Gabrielen vorgegangen war. Statt des kaum der Kindheit entwachsenen, bleichen
Mädchens, welches sie verlassen hatte, fand sie jetzt Augustens, ihrer Mutter,
verklärtes, verschönertes Bild in der Pracht eben erblühender Jungfräulichkeit
und wusste kaum, wie sie es anfangen solle, um Gabrielen mit aller der
mütterlichen Liebe zu umfangen, die sie im Busen trug, ohne doch die Ehrfurcht
zu verletzen, welche diese hohe, schöne Erscheinung von ihr zu fordern
berechtigt schien.
Während die beiden wieder Vereinten im ersten freudigen Taumel ein fast
unverständliches Gespräch mit einander führten und Fragen und Antworten auf die
wunderlichste Weise durch einander wirrten, kehrten auch Ernesto, Frau v.
Willnangen und Auguste aus der Gesellschaft wieder nach Hause.
    Niemand hatte an diesem Abende sonderliche Freuden gefunden. Was der General
vorher gesagt hatte, war zum Teil eingetroffen, überall hatte es an jemanden
gefehlt, der es übernehmen wollte, durch innern Zusammenhang diese Versammlung
zu einer Gesellschaft zu bilden. Einige der Anwesenden waren in stummer
Unbehülflichkeit neben einander stehen geblieben, andre hatten sich mit ihren
Bekannten flüsternd beraten, was denn eigentlich hier vorgehen solle, nur
wenigen war der feinere geselligere Zweck dieser Zusammenkunft klar geworden,
und diese wenigen hatten sich sogleich dem eigentlichen Kreise der Frau von
Willnangen anzuschliessen gesucht, ohne sich um die weiter zu bekümmern, welche
sich in verlegner oder stolzer Entfernung hielten. Ungeduld trieb endlich den
Kapellmeister an das verstimmte Fortepiano, Allwill brachte in der Not
gesellige Spiele in Vorschlag, zuletzt wurden glücklicherweise die Musikanten
von der ungewohnten Erleuchtung herbeigezogen und spielten ein paar Walzer auf,
mit denen die geselligen Freuden dieses Abends sich endigten.
    Jubelnd und fröhlich, wie ein Kind, führte Gabriele die sorgsame, treue
Pflegerin ihrer ersten Jugend ihren Freunden zu, und war nun doppelt froh, bei
jenem verunglückten Versuche zur Beförderung der Geselligkeit nicht gegenwärtig
gewesen zu sein.
    Ein Unglück weissagendes Gefühl ergriff Frau von Willnangen, als sie Frau
Dalling erblickte, aber sie schwieg davon, denn sie sah deutlich, wie es
Gabrielen noch gar nicht eingefallen war, dass diese ihr so liebe Erscheinung ihr
dennoch unheilbringend sein könne. Auch Frau Dalling schien über das Wiedersehen
ihres teuren Kindes den eigentlichen Zweck ihrer Sendung ganz vergessen zu
haben. Sie konnte kein Auge von Gabrielen wenden. In der einen Minute schalt sie
sich, dass sie die zu ihrer Gebieterin herangewachsene Jungfrau noch immer wie
ein Kind behandle, in der nächsten nahm sie sie wieder liebkosend an ihr Herz
und nannte sie mit allen den tändelnden Namen, die sie ihr sonst gegeben hatte,
als sie sie noch auf ihren Armen trug. So verging die übrige Abendzeit. Frau
Dalling ward späterhin sichtbar ernst, wie jemand, dem etwas trauriges, das er
vergass, plötzlich wieder einfällt; aber ein bittender Wink der Frau von
Willnangen bestimmte sie, ihren Liebling noch diese Nacht dem ungestörten
Schlummer zu überlassen, dessen Gabriele nach den mannigfaltigen Begegnissen des
Tages augenscheinlich höchst bedürftig war. Erst nachdem diese mit Augusten das
Zimmer verlassen hatte, um sich zur Ruhe zu begeben, kam der eigentliche Zweck
zur Sprache, welcher Frau Dalling nach Karlsbad geführt hatte. Frau v.
Willnangen hatte in ihren Vermutungen nicht geirrt, sie kam, um Gabrielen auf
das schleunigste zu ihrem Vater zu geleiten, der ohne eigentlich gefährlich
krank zu sein, doch höchst ängstlich nach seiner Tochter verlangte.
Kurze Zeit vor der Ankunft der Frau Dalling in Karlsbad sass der Baron Aarheim um
Mitternacht ganz allein in seinem Laboratorium, so wie er es seit vielen Jahren
gewohnt war. Sein starrer Blick ruhte bald auf den Retorten, Gläsern und
Tiegeln, welche im Ofen am Feuer standen, bald auf mago-kabbalistischen Figuren,
die er an der Wand gezeichnet hatte, und aus denen er den Stand der Sterne, und
ob es an der Zeit sei, ersehen zu können glaubte. Alles sagte ihm, es sei an der
Zeit, die Stunde der Vollendung sei gekommen, und ein leises Flüstern und
Knistern um ihn her bestärkte ihn in diesem Glauben, während es sein zitterndes
Erwarten fast bis zur Bewusstlosigkeit steigerte.
    Nur nichts vergessen! nur nichts vergessen! musste er immerfort innerlich mit
wahrer Todesangst wiederholen, während er mit bebenden Lippen unverständliche
Formeln stammelte, durch welche er die Elementar-Geister zu bändigen oder zu
gewinnen gedachte. Unverwandt blickte er jetzt die Glut im Ofen an, die Flammen
regten sich lustig, er sah wunderliche Gestalten in ihnen spielen. Langbärtige
Menschengesichter nickten ihm aus dem Feuer zu und verzogen sich dann grinsend
zur grässlichsten Unform, bis sie in Dampf sich auflösten; glänzend geringelte,
blaue und grüne Schlangen wanden sich hoch empor und reckten die langen,
feuerroten, dreigespjetzten Zungen nach allen Seiten aus, immer höher und höher.
Aber über alles sah er ein einziges, riesig grosses Greisenhaupt sich erheben,
mit einem langen, schneeweissen Bart und einer wie Rubin glühenden Krone. So wie
der Baron diese Gestalt gewahrte, ward es ihm unmöglich, den Blick von ihr
abzuwenden; sein Haar sträubte sich in der Angst, mit welcher er sich bemühte,
an alles, für diese Stunde in seinen Büchern Vorgeschriebne sich zu erinnern,
während es ihm immerfort warnend in die Ohren dröhnte: Nur nichts vergessen! nur
nichts vergessen! Das Riesenhaupt dehnte sich über den Herd des Ofens hinaus, er
sah es, wie ihn begrüssend, sich neigen, er sah ganz in der Nähe das grässliche
Durcheinanderflimmern aller Züge desselben, und nun folgte dem Haupte die ganze
Gestalt. Der weite, wie aus Feuernebel gewobene Mantel, welcher sie in grosse
bauschende Falten verhüllte, quoll weit über den Herd hinaus und begann
allmählig sich im ganzen Gemache zu verbreiten. Der Baron raffte sich mit aller
Kraft zusammen, um das Grausen zu überwinden, was ihn ergriffen hatte, und ward
wirklich wieder auf einen Augenblick Meister seiner Gedanken. Er warf einen
Blick auf den Herd und gewahrte, dass die Flamme dort zu mächtig lodre, er wollte
sie dämpfen, aber er vermochte nicht, dies allein zu vollbringen. Jetzt breitete
sich das Feuernebel-Gewand des riesenhaften Greises immer weiter aus, der Baron
glaubte, ihn immer zürnender auf sich blicken zu sehen, es war, als ob er ihn in
die Falten seines Mantels einwickeln und ersticken wolle; er versuchte, sich
davon loszuwinden, aber der unkörperliche Stoff liess sich mit Händen nicht
erfassen, obgleich er schwer auf ihn drückte.
    In der höchsten Not sucht der Mensch immer den Menschen, auch ohne Hoffnung
auf Hülfe, und diese hatte der Baron doch noch nicht aufgegeben. Entschlossen
riss er die ins Vorgemach führende Türe auf. »Franz!« rief er mit donnernder
Stimme, »Franz!« so hiess der alte Bediente, der einzige, welcher mit ihm diesen
Flügel des Schlosses bewohnte und zuweilen bei seinen Arbeiten ihm Handreichung
leistete. Keine Antwort erfolgte. Der Baron durchschritt mit festem Tritte das
Zimmer. Als er an der andern Türe desselben stand, blickte er sich um und sah
mit Entsetzen das feuerrote Gewand des Greises ihm durch die Türe des
Laboratoriums nachquellen. Pfeilschnell stürzte er durch das zweite Zimmer. Ein
Blick rückwärts verriet ihm abermals, dass das Grässliche ihm immer langsam
nachfolge. Er floh in das dritte Zimmer; dort lag Franz auf einem Ruhebette, der
Baron erfasste ihn, wollte ihn wach schütteln; umsonst! der siebenzigjährige
treue Diener lag starr und kalt, ob durch einen Schlagfluss plötzlich entseelt?
ob nur ohnmächtig oder in tiefem Schlaf begraben? der Baron hatte nicht Zeit,
dieses zu untersuchen. Ein furchtbarer Knall schien den Felsen, auf welchem
Schloss Aarheim steht, bis in den Grund zu spalten, die alten Mauern erbebten,
als stürzten sie zusammen. Der Baron sah das Feuergewand mit Macht
hervorquellen, die blauen und grünen Schlangen waren riesengross geworden und
wanden sich dazwischen hin und streckten die feuerroten Zungen nach ihm, als
wollten sie ihn durchbohren. Da öffnete er im wahnsinnigen Entsetzen auch die
äussre Tür, floh auf Flügeln der Angst pfeilschnell hinab in den Hof, und sah
nun den ganzen Teil des Gebäudes, den er bewohnt hatte, rettungslos flammend
gen Himmel lodern.
    Des Barons erste Bewegung war ein Versuch, in wilder Verzweiflung das eigne
Leben auf diesem Scheiterhaufen seines Glücks und seiner Hoffnungen zu opfern,
aber er fühlte sich von starken Händen gehalten. Alle Einwohner des Schlosses
waren von der heftigen Explosion im nehmlichen Augenblick erweckt worden, und
hatten sogleich im ersten Schreck sich in den Hof geflüchtet. Diese seine
Diener, von welchen viele ihren Herrn in diesem Moment zum erstenmal erblickten,
verhinderten ihn jetzt, den grässlichen Tod in den Flammen zu suchen, welchen der
alte Franz vielleicht im nehmlichen Moment, hoffentlich bewusstlos, starb.
    Regungslos und ohne alle Besinnung stand nun der Baron, anscheinend ruhig,
und blickte wieder in die zischenden, prasselnden Flammen. Im Rauch, im
Feuerdampf sah er noch immer das weite erglühende Gewand des Greises und hoch
über sich dessen drohendes Haupt; der weisse, nebelgleiche Bart wehte, wie der
Schweif eines Kometen, weit hin durch die Nacht, im Sturmwinde, den die Flammen
erregten. An Rettung des brennenden Flügels war nicht zu denken; es war, als ob
er an allen Ecken zugleich sich entzündet habe, er sank in weniger als einer
Stunde in sich selbst zusammen; nur die aus Felsen für eine Ewigkeit
aufgetürmten Aussenmauern widerstanden, alles Innere verzehrte die wütende
Feuersbrunst. Nichts blieb von allem, worauf der Baron Schwindel erregende
Hoffnungen erbaut hatte, und auch die Gebeine des armen alten Franz verglühten
mit im allgemeinen Untergang, und seine Asche fand ihr Grab in den Trümmern.
    Mit Anstrengung aller ihrer Kräfte gelang es den Bedienten und den Bewohnern
des Dorfs, das Hauptgebäude des Schlosses vom Untergange zu retten, aber der
Baron schien ihr Bemühen und ihre Anstalten gar nicht zu bemerken. Ganz still
stand er und sah in das Feuer, bis der letzte Balken einstürzte und alles
Zerstörbare vernichtet war. Dann wandte er sich und ging mit feierlichem
Schritt, begleitet von seinen vornehmsten Dienern, die grosse Treppe im
Mittelgebäude hinauf, in das ehemalige Zimmer seiner Gemahlin, das er seit dem
Tage ihres Todes nicht wieder betreten hatte. Dort setzte er sich an ein
Fenster, der dampfenden Brandstätte gegenüber, und schlug nach kurzem Besinnen
ein so furchtbar gellendes Gelächter auf, dass alle, die ihn umgaben, sich fast
bis zum Wahnsinn davon erschüttert fühlten.
    Dieser entsetzliche Zustand währte mehrere Stunden, kein Arzt war in der
Nähe, der ihn zu mildern versuchen konnte. Das Gesicht des unglücklichen Greises
verzerrte sich im furchtbarsten Krampfe, seine ermattete Brust hob sich immer
gewaltsamer, während das herzzerreissende unaufhaltsame Lachen immer forttönte,
bis die erschöpfte Natur sich endlich seiner erbarmte und ihn nach und nach in
ohnmächtiges Erstarren hinsinken liess, das sich später in tiefen Schlaf
auflöste.
    Erst als am Abende dieses Tages die Sonne sank, erwachte der Baron, aber
unglaublich verändert. Die ohnehin tiefen Züge seines Gesichts waren ganz
eingesunken, keine Spur mehr von krampfhafter Anstrengung. Er war still und
gelassen, jedermann durfte zu ihm kommen, aber er sprach mit niemanden. Ganz in
sich gekehrt sass er da, ass und trank, was ihm gereicht ward, und eben nur genug,
um das Leben zu fristen, forderte aber nichts. Die Türe seines Zimmers blieb
offen stehen, seine Bedienten, seine Bauern, Fremde, die des Wegs vorbei kamen,
alles strömte, teils aus Neugier, teils aus Teilnahme, herbei, alles wanderte
ungehindert bei ihm aus und ein, er aber achtete auf niemand, obgleich er auch
niemand zurückscheuchte. Seine ganze Haltung war die des tiefsten Nachsinnens
über einen höchst wichtigen Gegenstand. Endlich um Mitternacht rief er Frau
Dalling herbei und befahl ihr, in möglichster Eile nach Karlsbad zu reisen, um
Gabrielen abzuholen und sie zu ihm zu führen. Nach diesem deutlich und bestimmt
ausgesprochenen Befehl, versank er wieder in sein voriges Schweigen.
Frau Dalling konnte den teilnehmenden Freunden Gabrielens nur den heftigen
Schreck über die unglückliche Feuersbrunst als die Ursache von des Barons
traurigem Zustande angeben, aus welchem der Wunsch, Gabrielen zu sehen,
natürlicherweise entspringen musste. Denn von dessen lange gehegten und jetzt so
furchtbar zertrümmerten Hoffnungen hatte sie noch immer keinen Begriff. Frau von
Willnangen und Ernesto hingegen blickten tiefer. Aus dem, was sie von des Barons
Äusserungen und seinem entsetzlichen Anfall nach dem Brande hörten,
durchschauerte sie die Ahnung eines Geheimnisses, das ihre Angst, Gabrielen in
solchen Händen zu wissen, noch um vieles vermehrte. Der Schmerz der Frau von
Willnangen über die plötzliche Trennung von ihrem Lieblinge leidet keine
Beschreibung; er überstieg alle Gränzen, wenn sie an das Schicksal dachte,
welches die arme Gabriele im Schloss ihres Vaters erwartete, und dabei keine
Möglichkeit sah, es zu mildern. Ihre gewohnte Fassung hatte sie gänzlich
verlassen. »Was wird aus dem weichen, liebebedürfenden Gemüt in jener starren
Umgebung werden!« rief sie mit Augen voll Tränen. »Welche Opfer wird der Mann,
der das Herz ihrer Mutter mit kalter Hand zerdrücken konnte, nicht von diesem,
seiner Willkür ganz preisgegebnen Geschöpf fordern, das wir schutz- und wehrlos
ihm ausliefern müssen!«
    »Das müssen wir nicht und werden es auch nicht,« erwiederte plötzlich nach
einigem Sinnen Ernesto, »denn ich begleite Gabrielen. Das Schicksal und mein
Herz haben mich einmal zu Gabrielens Vormund, zu ihrem Beschützer erkoren, ich
will es bleiben, solange dieses nur irgend ausführbar ist, ich reise mit ihr.
    Beide Frauen hörten mit hoher Freude diese Erklärung Ernesto's, nur wagte
Frau Dalling einige Zweifel wegen der Aufnahme, die Ernesto im Schloss Aarheim
finden würde. »Vielleicht,« sprach sie, »hat sich der Baron während meiner
Abwesenheit völlig erholt, und dann kehrt er gewiss zu seiner gewohnten
Abgeschiedenheit von allen Menschen zurück.«
    »Weiss ich es doch selbst nicht, ob ich mich werde Gabrielens Vater zeigen
wollen oder nicht,« erwiederte Ernesto; »das mögen die Umstände bestimmen. Ich
bleibe auf jedem Fall in ihrer Nähe, ihr Schutz, ihr Freund, ja ich kann sagen
ihr eigentlicher Vater, wenn väterliche Liebe zu diesem Namen berechtigen kann.
Sorgen Sie nur, dass Gabriele morgen früh ihre Bestimmung auf die schonendste
Weise erfährt, und dass sie dann wo möglich in der nehmlichen Stunde abreisen
kann. Verkürzen Sie ihr die bittern Stunden des Scheidens, ein langer Abschied
ist eine lange Qual, die wir ihren Kräften nicht zumuten dürfen, sie wird sie
nötiger brauchen.«
    »Lassen Sie uns übrigens das beste hoffen,« sprach Ernesto zur Frau von
Willnangen, sobald er mit dieser allein war. »Nach dem, was ich von des Barons
eigentlichem Geschick ahne, und nach dem, was Frau Dalling von der plötzlichen
Veränderung in seinem ganzen Wesen erzählt, achte ich ihn seiner letzten Stunde
sehr nahe, und leider ist der herbste Verlust für ein glückliches Kind, unsrer
armen Gabriele der höchste Gewinn. Sie, die schon Mutterlose, kann nur glücklich
werden, wenn sie auch vaterlos ist. Ich wiederhole es Ihnen, ich bleibe in
Schloss Aarheims Nähe, und so wie eine günstige Veränderung in Gabrielens Lage
eintritt, so wie sie der Fesseln entledigt ist, die jetzt sie drücken, nehme ich
sie auf und bringe sie in Ihre schützenden Arme, an Ihr mütterliches Herz. Bis
dahin wache ich über sie, ohne zu wanken oder zu weichen.«
    »Haben Sie Dank, guter, edler Ernesto!« erwiederte Frau von Willnangen. »Sie
wollen mir Trost geben, indem Sie mir die Aussicht für meine Gabriele zu
erheitern suchen, aber mein ahnendes Herz will sich nicht zufrieden sprechen
lassen. Sie auch künftig in Gabrielens Nähe zu wissen, ist freilich viel; es ist
das Einzige, woran ich in dieser trüben Stunde mich noch halte. Möge ein
freundlich Geschick Ihr wohlmeinendes Streben begünstigen! Ich bete mit Inbrunst
darum, aber ich fürchte, sie ist dennoch von nun an verloren, verloren uns und
verloren sich selbst.«
Mit dem Gefühl, mit welchem ein halb Erwachter sich völlig von den Fesseln eines
ängstigenden Traumes loszuwinden strebt, sass Gabriele schon am folgenden
Vormittage im Wagen. Unverwandt haftete ihr Blick auf dem raschen Umschwunge der
Räder, welche sie einer Bestimmung entgegen führten, von der sie noch vor
wenigen Stunden keine Ahnung gehabt hatte. Keiner ihrer Begleiter unterbrach
auch nur mit einem einzigen Worte die im Wagen herrschende Stille. Ernesto
kannte zu gut das weiche aber auch starke Gemüt seiner Schülerin, um nicht
überzeugt zu sein, dass sie gewiss aus dem schweren Kampf zwischen ihrem Herzen
und ihrem Pflichtgefühl als Siegerin hervorgehen würde, wenn man sie nur
ungestört sich selbst überliess. Frau Dalling schwieg, weil unaussprechliches
Mitleid mit ihrem geliebten Kinde ihr die Sprache hemmte, und die arme Annette
hatte genug mit ihrem eignen Schmerz zu tun; sie weinte ganz in der Stille über
sich sowohl als über ihre Herrin.
    Der Erfolg rechtfertigte Ernesto's Erwartungen von Gabrielen. Nach wenigen
Stunden richtete sie sich rasch und mutig auf, wie schon oft in ähnlichen
Fällen, und suchte von nun an ihre alte Freundin recht liebkosend und hold für
das bisherige unteilnehmende Verhalten zu entschädigen. Aber der Geist der
Freude blieb dennoch fern von der kleinen Reisegesellschaft. Bei aller
gegenseitiger Freundlichkeit sass doch jedes Mitglied derselben trübe und in sich
gekehrt da. Keines vermochte sich des Zieles der Reise zu freuen, während alle
sich bestrebten, die eignen Besorgnisse den übrigen, so viel es nur möglich war,
zu verhehlen.
    So kam allmählig der letzte Tag der Reise heran. Der Wagen hielt zur
Mittagszeit vor einem Eisenhammer, der schon zu den Besitzungen des Baron
Aarheims gehörte.
    Das vom ewigen Rauch und Kohlendampf geschwärzte Gebäude steht in einem von
öden Felsen eingeengten Tal, oder vielmehr in einer wilden Schlucht, durch
deren Mitte ein schäumender Bach über moosbewachsne Steine hinrauscht. Wenn
Mittags die Sonne von ihrem höchsten Standpunkt einige erwärmende Strahlen in
diesen, einem Grabe ähnlichen Winkel der Erde herabsendet, dann werfen ein paar
halb verdorrte Fichten ihren spärlichen Schatten auf die schwarzen Wellen und
auf das moosbedeckte Ufer, die übrige Zeit des Tages liegt alles farbelos und
erstorben da. Nichts belebt diese schauerliche Einöde, als das einförmige
unaufhörliche Klopfen des Hammers, das Schwirren und Tosen der Räder. Wände und
Fussboden der engen dunkeln Gemächer des zu dem Eisenhammer gehörenden Hauses
dröhnen und zittern immerwährend. Gabriele und Ernesto eilten deshalb sobald als
möglich hinaus ins Freie, um diesem ängstlichen Aufentalt zu entgehen, Frau
Dalling aber blieb zurück, um sich bei den Bewohnern desselben nach dem
gegenwärtigen Befinden des Barons zu erkundigen.
    Gleich beim ersten Schritte ausser dem Hause erinnerte sich Gabriele, in
früher Kindheit einmal mit ihrer Mutter hier gewesen zu sein. Am Bach stand noch
die alte halb verfallne Bank, wo sie damals an ihrer Seite mit Epheukränzen
gespielt hatte, und zum erstenmal auf dieser Reise bemächtigte sich ihrer ein
heimatliches Gefühl. Mit wehmütiger Freude ergriff sie Ernesto's Hand, führte
ihn zu dem Plätzchen, welches die ehemalige Gegenwart der Mutter ihr zum Tempel
geheiligt hatte, und setzte sich dort recht vertraulich neben ihn hin.
    »Ich fürchte, guter Ernesto!« hob sie in grosser Bewegung an, »ich fürchte,
wir werden sobald nicht wieder eines so traulichen, ungestörten Beisammenseins
uns erfreuen können. Umsonst streben wir, es uns zu verbergen, wir müssen
scheiden, heute oder morgen, gleichviel. Ich muss mich auch von Ihnen trennen,
wie ich mich schon von meiner ewig teuren Willnangen, von meiner geliebten
Auguste, von - ach! von so Vielem trennen musste, für das mein künftiges Leben
mir nie Ersatz bieten kann. Vergebens suchten Sie es mir durch ihre Begleitung
auf dieser traurigen Reise zu verbergen, wie ich so ganz verlassen von meinen
Freunden künftig sein werde. Aber ich danke es Ihnen doch, mit dem innigsten
Gefühl, dass Sie es mir mitleidig verbergen wollten. Guter, sorgsamer Freund,
treuer Beschützer meiner verwaisten Jugend, ich danke Ihnen, mehr kann ich
nicht.«
    »Wollen Sie mich denn fortschicken, liebe Gabriele?« fragte Ernesto mit
etwas gezwungnem Lächeln. »Ich bin noch gar nicht gesonnen, so bald zu gehen.
Meine Meinung war, noch recht lange in ihrer Nähe zu verweilen, oder Sie recht
bald in Ihre eigentliche Heimat zu Frau von Willnangen zurück zu begleiten.«
    »Guter Ernesto! was hülfe es, wenn ich Sie täuschte, und mir selbst
Hoffnungen erregte, die doch nie in Erfüllung gehen können;« erwiederte
Gabriele. »Ich weiss es, ich stehe hier an der Schwelle eines sehr dunkeln, sehr
einförmigen, und in den Augen der Welt sehr freudenlosen Lebens. Ich muss Sie
darauf vorbereiten, ehe Sie die wenigen Stunden zwischen hier und Schloss Aarheim
zurücklegen, dass kein Fremder, sogar kein Freund dort gastlich aufgenommen wird.
Mein Vater flieht die Menschen, bittre Erfahrungen haben ihn sogar ihren Anblick
hassen gelehrt.« -
    »Ich weiss es,« unterbrach sie Ernesto, »und habe auch nie darauf gerechnet,
von ihm freundlich empfangen zu werden! Dennoch bin ich entschlossen, Sie bis zu
ihm zu begleiten. Mein Herz sehnt sich nach dem Orte, wo der Stern meiner Jugend
unterging. Ich feiere dort ein teures Andenken und kehre gleich darauf in
dieses Tal zurück. Ich denke im Försterhause, das dort in der Felsenecke so
malerisch liegt, mich häuslich niederzulassen, und Frau Dalling bemüht sich
diesen Augenblick, mit meinem künftigen Hausherrn die deshalb nötigen
Verabredungen zu treffen. Ich bleibe so recht sehr in ihrer Nähe, liebe
Gabriele, denn wie ich höre, führt ein Fusssteig in weniger als einer Stunde von
hier nach Ihrer Burg, während wir auf dem Fahrwege wohl viermal so viel Zeit
brauchen werden, wie das zwischen Bergen so oft der Fall ist.«
    »Hier wollten Sie bleiben? Hier in dieser grässlichen Wüste? Guter Gott,
Ernesto! wie kann ich je eines solchen Opfers mich wert achten!« rief Gabriele.
    »Wie leid ist es mir, dass ich diese bewundernden Ausrufungen nicht
verdiene,« sprach Ernesto in seinem gewöhnlichen humoristischen Ton, »denn ich
bin leider nicht halb so edelmütig, als Sie es sich denken. Schon längst
wünschte ich die mir oft gerühmte wilde Pracht dieses Gebirges kennen zu lernen.
Ich will hier Studien für meinen Johannes in der Wüste nach der Natur malen, den
ich, wie Sie wissen, schon längst im Sinne trage. Farben, Leinwand, alles habe
ich mitgebracht, vielleicht fange ich morgen schon an, denn seit ich diese
Felsengegend sah, bin ich überzeugt, dass ich in der Welt keine bessere Einöde für
meinen Heiligen finden kann.«
    »Sie sollen ihren edlen Willen haben, Ernesto! ich will tun, als merkte ich
nicht, wie Sie meinem Dank ausweichen wollen,« sprach Gabriele und neigte sich
kindlich über Ernesto's Hand, die sie an ihr Herz drückte. »Aber,« fuhr sie
fort, und sah mit ihren klaren Augen recht treuherzig zu ihm auf, »nehmen Sie
auch die Beruhigung an, die ich mit aller Aufrichtigkeit Ihnen zu geben im
Stande bin. Glauben Sie meiner Versicherung, dass ich auch die abgeschiedenste
Einsamkeit, zu der mein Vater mich bestimmen kann, für kein Unglück halte. Vor
Langerweile haben Sie und meine Mutter mich durch die Sorgfalt geschützt, mit
der beide für meinen Unterricht sorgten; meinem Herzen bleibt Erinnerung und
Liebe, die lassen niemand einsam. Ueber alles tröstend aber ist mir das Gefühl,
dass ich hier auf dem einzigen Punkte stehe, auf welchen ich in der Welt
hingehöre. Das einzige Kind eines greisen, kränkelnden Vaters darf ja keine
andre Freude suchen und kennen, als ihn zu pflegen und die trüben Stunden seines
Abends zu erheitern.«
    »Mein Heldenmädchen!« rief Ernesto und strebte vergebens, die tiefe Rührung,
von der er sich ergriffen fühlte, unter heiterm Lächeln zu verbergen. »Ich weiss,
Gabriele! was Sie zu tragen vermögen,« setzte er sehr ernst hinzu, »und darum
fürchte ich so sehr die edle jugendliche Lust, die Sie verleiten kann, das
Schwerste zu wählen, weil es das Schwerste ist. Wer weiss, zu welchen unerhörten
Opfern man Sie in jener finstern Burg auffordern wird! Das in langer Einsamkeit,
unter der Last eines freudenlosen Alters verhärtete Gemüt Ihres Vaters, wird es
sich an Ihrem milden Wesen erwärmen? wird es sich daran nur erfreuen? Gabriele!
eine mir selbst unerklärliche Angst verleitet mich in diesem Augenblick, es zu
vergessen, dass ich zu der Tochter von ihrem Vater spreche, aber ich kann nicht
anders, ich muss Sie bittend warnen. Hier auf dem kalten Boden, wo Ihre Mutter,
einsam und verlassen, vor der Zeit hinwelken musste, wird es hier ihrem zarten
jugendlichen Ebenbilde, das sie uns hinterliess, besser ergehen?«
    »Was fürchten Sie denn eigentlich für mich von meinem Vater? lieber
Ernesto!« erwiederte Gabriele. Welches Opfer kann er denn von mir fordern? doch
keines, als das der geselligen Freuden und meiner Zeit, die ich ohnehin von nun
an einzig ihm weihen muss; ich habe ja nichts anders, das ich ihm darbringen
könnte. Beruhigen Sie sich. Das hohe Beispiel meiner Mutter leuchtet mir vor auf
der Bahn, die ich betrete. Sie sagen: ich gleiche ihr. O lassen Sie mich in
Allem ihr immer ähnlicher werden, selbst in ihrem Geschick, wenn es sein muss,
denn was kann ich Höheres wünschen, als zu sein wie sie war.«
    »Nun so segne dich Gott, du reines Wesen! und behüte dich vor gar zu grosser
Versuchung, dich selbst zu vergessen!« rief Ernesto, und drückte zum erstenmal
Gabrielen an seine Brust. »Nur noch den einzigen Trost gewähren Sie mir, um den
ich jetzt Sie bitte, und ich will ruhig sein,« setzte er hinzu. »Versprechen Sie
mir feierlich, ohne meinen Rat, ohne mein Mitwissen keinen Ihre Zukunft
bestimmenden Schritt zu tun. Versprechen Sie es mir, Gabriele! wenn Sie
wirklich glauben, dass ich irgend Dank um Sie verdiene; versprechen Sie es mir,
ich muss, ich muss dieses Versprechen von Ihnen erflehen, erzwingen, genug ich muss
es erhalten.«
    »Ich begreife Sie nicht, Ernesto! warlich ich glaube, diese dunkeln
Umgebungen, diese schwarzen Felsen erfüllen ihre Einbildungskraft mit
grauenvollen Bildern,« sprach freundlich Gabriele, indem sie ihre Rechte in
Ernesto's dargebotne Hand legte. »Hier haben Sie mein feierliches Versprechen,
wie Sie es wünschen. Es bedurfte dessen nicht, denn wie könnte ich ohne den Rat
meines einzig treuen, erfahrnen Freundes irgend etwas wichtiges für mich
entscheiden, sobald ich so glücklich bin, ihn in meiner Nähe zu wissen. Ich ehre
und liebe meinen Vater, wie es die Pflicht dem Kinde gebeut, aber ich kenne ihn
wenig; ich habe mich nie in meinem Leben vertrauend ihm genaht. Sein ernstes,
Ehrfurcht und Gehorsam gebietendes Ansehen schreckte mich stets von ihm zurück,
und dieser Eindruck ist bleibend. Aber deshalb rührt es mich eben so
unbeschreiblich, dass er gerade jetzt, da ein Unheil ihn traf, sich meiner
erinnert und meine Gegenwart verlangt. Wenn ich mir denke, dass er gestorben sein
könnte, ohne mich wieder gesehen zu haben, dann, Ernesto! dann fühle ich erst
lebendig das Glück, noch für ihn tätig sein zu können, ich erkaufe es mit
keinem Opfer zu teuer. Das Gefühl eines Kindes, welches nicht mit dem
Bewusstsein am Grabe der Eltern steht, nach Kräften alles für sie getan zu
haben, muss entsetzlich sein.«
    Schweigend reichte Ernesto ihr die Hand, um sich mit ihr dem Eisenhammer
wieder zuzuwenden, wo schon alles zu ihrer Abfahrt bereit war.
Zu Gabrielens grosser Verwunderung war der neu gefundne Vetter, Moritz von
Aarheim, der Erste, der ihr in der dunkeln Vorhalle ihres väterlichen Schlosses
entgegen kam. Er bewillkommte sie mit einem Wortschwall, der sich sogar beim
babylonischen Turmbau hätte füglich hören lassen können; auch Ernesto ward mit
ungeheuchelter Freude von ihm empfangen, und überhaupt zeigte sein ganzes
Benehmen, wie höchst erwünscht ihm die endliche Ankunft der Erwarteten sei.
Dennoch fiel es deshalb diesen nicht weniger auf, ihn hier, und zwar in der
Eigenschaft eines gebietenden Herrn zu finden. Als solcher beeiferte er sich,
Ernesto ein Zimmer anzuweisen und lud ihn dringend ein, doch ja recht lange zu
verweilen. Besonders setzte er Frau Dalling, die ihn gar nicht kannte, in
Erstaunen und in Verlegenheit.
    Seine Gegenwart im Schloss des Barons war indessen auf sehr gewöhnlichem
Wege herbeigeführt worden. Nächst seiner Vorliebe für fremde Sprachen und neue
Erfindungen, beschäftigte er sich sehr gern mit Nachforschungen über die
ursprüngliche Bildung der Erde, und besass in der Tat nicht gemeine geologische
Kenntnisse. Er hatte sich längst vorgenommen, das Gebirge, in dessen Mitte
Schloss Aarheim liegt, mit Hinsicht auf dieses sein Lieblingsfach zu bereisen,
und wollte auch bei der Gelegenheit seinen Verwandten einen Besuch abstatten;
das zufällige Zusammentreffen mit Gabrielen in Karlsbad bestimmte ihn, diesen
Plan sogleich auszuführen. Nach einem Aufentalt von ;139;nur wenigen Stunden in
Eger,;155; eilte er, sich in die Nähe von Schloss Aarheim zu begeben, und sein
wissenschaftliches Forschen hatte ihn in nicht gar zu grosse Entfernung von der
Burg seiner Ahnen geführt, als ihm die Kunde von dem Brande daselbst zu Ohren
kam, und zwar durch das Gerücht bis ins Ungeheure vergrössert. Er musste fürchten,
dort keinen Stein mehr auf dem andern zu finden, es war also ganz natürlich, dass
er so schnell als möglich sich hinbegab, teils um dem Baron beizustehen, teils
um zu retten, was noch zu retten sei, und wenigstens raubbegierigen Händen das
zu entreissen, was die Flammen übrig gelassen haben mochten.
    Frau Dalling war schon auf dem Wege nach Karlsbad, als Moritz von Aarheim im
Schloss anlangte. Er fand die Zugbrücke heruntergelassen, das äussere Tor, so
wie auch alle innre Türen des Gebäudes, standen weit offen, und ein Schwall von
Menschen drängte sich durch dieselben und auf den Treppen, hinaus und hinein,
hinauf und hinab. Niemand schien den Neuangekommnen zu bemerken, er folgte dem
Schwarm der Hineinströmenden und gelangte so in das Zimmer des Barons.
    Schweigend sass dort die hohe düstre Greisengestalt auf einem grossen
altvätrischen Lehnstuhl dicht am Fenster, den starren Blick auf die Brandstätte
fest geheftet, kaum noch einem lebenden Wesen mehr ähnlich. Ein paar alte
Diener, schweigend wie ihr Gebieter, schienen bei ihm Wache zu halten. Der Baron
bemerkte Moritzens Eintritt eben so wenig, als er die Menge unverschämter
Neugieriger zu bemerken schien, die unablässig bei ihm aus- und eingingen. Er
sass immer gleich finster und gleich regungslos da, wie die alten grauen
Standbilder auf den Gräbern seiner Ahnen.
    Des Barons nächster Verwandter musste bei diesem Anblick die Verbindlichkeit
fühlen, hier tätig einzutreten. Sein erstes Tun war, sich dessen Dienern zu
erkennen zu geben; mit ihrer Hülfe die fremden Zudringlichen auszutreiben, einen
Boten nach einem geschickten Arzt in das nächste Städtchen zu senden, und dann
die Tore zu schliessen. Dieses vollbracht, begann er, sich der Pflege und
Wartung des Barons selbst eifrig anzunehmen, wobei seine Vorliebe für neue
Erfindungen wieder eine glänzende Gelegenheit fand, sich zu zeigen. Diese, und
seine den Bedienten beinahe ganz unverständliche Art sich auszudrücken, führten
freilich manchen Missgriff, manches lächerliche Missverständnis herbei, doch die
baldige Ankunft des Arztes verhinderte wenigstens jedes Unheil, welches hätte
entstehen können.
    Ruhe, Stille und stärkende Mittel verhalfen dem Baron in unglaublich kurzer
Zeit zur völligen Besonnenheit. Verwundert erblickte er bei seinem Erwachen den
ihm so lange ganz unbekannt gebliebenen Verwandten, und obendrein mit einer Art
Autorität um ihn geschäftig, welche sich von selbst auf dessen früheres
Nichtbemerktwerden gegründet hatte.
    Der Baron fand in dem sonst so bitter Gehassten jetzt den einzigen Menschen,
welcher sich seiner angenommen hatte, während er unfähig war, sich selbst zu
helfen. Alle seine übrigen Umgebungen waren ihm fast nicht minder fremd als
dieser neue Ankömmling, denn seit Jahren hatte er mit keinem von seinen Dienern
gesprochen, ausgenommen mit Frau Dalling und Franz. Jene war abwesend, dieser
todt. Moritz von Aarheim überhob ihn jeder Notwendigkeit irgend eines Verkehrs
mit andern Menschen, der Baron fühlte dies als wohltätig und bequem; gern, wenn
gleich nicht dankbar, liess er es sich schweigend gefallen, und sein Agnat
behielt die Freiheit von ihm ungestört alles im Hause einstweilen nach eigner
Ansicht zu ordnen. Nur als dieser, durch schweigende Nachsicht dreist gemacht,
einst dem Baron einen Plan zum Wiederaufbau des zerstörten Flügels vorlegen
wollte, da geriet der Greis in eine furchtbare Aufwallung. Seine zürnenden
Augen schienen Feuer zu sprühen, seine grauen Locken sich zu sträuben, seine
ohnehin sehr hohe Gestalt dehnte sich zu fast übermenschlicher Grösse, während er
laut und mit donnernder Stimme in ganz unverständliche Flüche und Verwünschungen
ausbrach. Halb todt vor Schrecken, vor Angst, packte Moritz seine Pläne
zusammen, suchte den Baron durch das Versprechen zu beruhigen, diesen Punkt nie
wieder zu berühren, und tröstete sich im Stillen mit der sichern Aussicht,
spätstens in wenigen Jahren hier bauen und einreissen zu können, ohne irgend
jemand darum zuvor befragen zu müssen.
    Während Moritz sogleich nach der Ankunft der Reisenden den armen Ernesto mit
einem unerträglichen Wortschwall in dem ihm angewiesnen Zimmer peinigte, schlich
die zitternde Gabriele am Arm ihrer Dalling bis an die Türe des Gemachs, in
welchem ihr Vater sich befand. Frau Dalling trat allein zu dem Baron herein, um
vom Erfolg der Reise ihm Rechenschaft abzulegen und ihn auf Gabrielens Ankunft
vorzubereiten, doch er liess sie nicht zum Worte kommen. »Gabriele!« rief er mit
gebietendem Ton, »Gabriele!« Bebend, mit ausgebreiteten Armen, überschritt diese
auf den Ruf die Schwelle. Ein grässlicher Schrei des Barons fesselte sie an der
Stelle, auf welcher sie stand. »Du!« rief er, »du! was willst du von mir!« »Sie
befahlen ja das Fräulein Gabriele,« sprach leise und zitternd Frau Dalling. Der
Baron atmete tief auf; »es ist Gabriele,« sprach er, sich selbst beruhigend,
und blickte nach der Türe, wo diese noch immer bleich und bebend in höchster
Unentschlossenheit stand. Aber sein Blick war scheu, die Hand zitterte, mit der
er ihr winkte näher zu treten, und seine Lippe bebte, indem er sie zu sich rief.
Gabriele eilte herbei und kniete neben ihm hin. »Steh auf! du bist wohl
erschrocken?« sprach der Baron, und bemühte sich, mild zu erscheinen. »Steh auf,
ich erkannte dich nicht gleich. Ich glaubte, du wärst - ich hielt dich für - für
etwas - für jemand anders. Steh auf, gieb mir die Hand. - Du bist gewachsen, wie
es mir scheint, du bist - du gleichst sehr deiner Mutter! ruhe aus, geh zu
Bette, morgen, wenn ich aufgestanden bin, gleich nach dem Frühstück lasse ich
dich rufen. Dann sprechen wir uns, jetzt geh. Geh mein Kind,« sprach er endlich
und wollte lächeln, aber die starren Muskeln versagten ihm den Dienst, und sein
Gesicht verzog sich wunderlich.
Am andern Tage war Gabriele schon mit Sonnenaufgang bereit, vor ihrem Vater zu
erscheinen, aber der Nachmittag ging vorüber, der Abend näherte sich, und noch
immer ward sie nicht zu ihm gerufen. Seit er wieder zum Bewusstsein gekommen war,
blieb er älterer Gewohnheit getreu, und lebte nur in der Nacht.
    Gabriele hatte volle Musse, an Ernestos Hand das ganze Schloss zu
durchwandern, und auch ausser demselben alle die Plätze im Garten und Wald
aufzusuchen, von welchen ihr vor kaum Jahresfrist das Scheiden so schmerzlich
gewesen. Alles war wie damals. Die Blätter der Bäume begannen, sich rot, gelb
und braun zu färben, ihre wohlgepflegten Blumen blühten in bunter, herbstlicher
Pracht. Ihr zahmes Reh sprang ihr entgegen, sie fand ihre Tauben, ihre Vögel,
ihre Hündchen, alle ihre freundlichen lieben Tiere wieder; die treue
Anhänglichkeit der Leute im Schloss hatte für sie alles gepflegt und ihr
aufbewahrt. Alles war wie damals, nur sie selbst war es nicht. Ihr waren die
Freuden ihrer Kindheit im Gewirre des Lebens verloren gegangen; abgeschiedne
Geister mögen so in Wehmut den Schauplatz ihres irdischen Lebens betrachten,
wie Gabriele den ihres viel zu früh entschwundenen Frühlings. Auch Ernesto
wandelte stumm und in sich gekehrt an ihrer Seite, trübe Erinnerungen drückten
auch ihn nieder.
    »Am besten ist es, ich gehe heute, ich gehe jetzt gleich und suche meine
Einsiedelei zwischen den Felsen auf,« sprach plötzlich Ernesto, indem er mit
Gabrielen vor der Schlossbrücke stand. »Ich bedarf der Ruhe,« fuhr er fort, »ich
bedarf der Arbeit; hier komme ich zu keinem von beiden. Auch kann ich es nicht
läugnen, dieser Vetter Moritz wird mir allmählig so lästig, dass ich fürchte,
mich einst gegen ihn auf eine Art zu vergessen, die dieses, bei aller
Lächerlichkeit doch höchst gutmütige Wesen nicht verdient. Und so leben Sie
wohl, Gabriele! gedenken Sie Ihres Versprechens. Ich verlasse Sie jetzt
unbesorgt, denn meine Entfernung von Ihnen ist zu gering, um irgend einer
Befürchtung Raum zu geben. Auch werde ich schwerlich einen Tag vorübergehen
lassen, ohne Sie zu sehen.«
    Eine unbeschreibliche Traurigkeit ergriff Gabrielen, indem Ernesto sich zum
Weggehen wandte, obgleich sie gewiss war, ihn morgen wieder zu sehen. In ihm
verlor sie den letzten ihrer Freunde, gleichsam den Repräsentanten aller ihrer
Lieben. Ohne je Ottokars Namen vor ihm ausgesprochen zu haben, wusste sie doch,
dass sie durch ihn, und allein durch ihn, von dem Fernen Kunde erhalten könne,
sobald sie es wolle. Die furchtbare Macht des Augenblicks, die sie in ihrem
kurzen Leben schon mehrmals erfahren hatte, fiel ihr schwer aufs Herz, indem sie
Ernesto schon tiefer unten am Schlossberge wandeln sah.
    »Wenn ich ihn nie wieder sähe! wenn er diese Nacht stürbe, und mit ihm jede
Hoffnung, von Ottokar Kunde zu erhalten!« Kaum in Worte gefasst, erfüllte sie
dieser Gedanke mit unaussprechlicher Angst; von einer unsichtbaren Gewalt
getrieben, rief sie, winkte sie. Ernesto sah noch einmal sich nach ihr um, sie
flog den Felsen hinab, er eilte wieder hinauf ihr entgegen, und beide trafen an
einem uralten steinernen Ruhesitz auf der Hälfte des Schlossberges wieder
zusammen.
    »Ich möchte in meiner Einsamkeit gern aller meiner Freunde recht lebhaft
gedenken,« sprach atemlos und tief errötend Gabriele. »Die Tante,« fuhr sie in
grosser Verwirrung fort, »Aurelia, - und - Ernesto! haben Sie keine Nachricht aus
Rom?«
    »Den Tag, ehe wir Karlsbad verliessen, erhielt ich Briefe von dort,«
erwiederte Ernesto und vermied es, Gabrielen anzusehen, um ihre Verwirrung nicht
zu steigern. »Aurelia kränkelt oder glaubt zu kränkeln, die Luft in Rom sagt ihr
nicht zu. Sie wird mit ihrer Mutter den Winter in Neapel zubringen, wo es
freilich lustiger hergeht als in jenem, der Nemesis und der Vergangenheit
geweihten grossen Tempel, in der heiligen Roma, deren Andenken mich noch immer
schmerzlich und freudig bewegt. Ottokar führt dort ein schönes, ernstes, der
Erinnerung geweihtes Leben, unter den Trümmern versunkner Grösse, unter den
Wundern der Kunst. Ihn umgeben die ausgezeichnetsten Künstler, welche er
gastfrei um sich zu versammlen weiss. Für jetzt hindern ihn Geschäfte daran, die
Damen zu begleiten, vielleicht folgt er ihnen später nach, wenn das neue Jahr in
jenen glücklichen Zonen den Frühling weckt.
    Annettens Stimme erscholl jetzt sehr ängstlich, sie rufte Gabrielen zu dem
Vater und ersparte dieser dadurch die Verlegenheit einer Antwort auf Ernestos
Erzählung. Den widerstrebendsten Gefühlen hingegeben, stieg sie, auf Annettens
Arm gestützt, stumm und langsam den Felsen hinauf, während Ernesto sich
gedankenvoll abwärts wandte.
    Noch schüchterner beklommen als in der ersten Zeit ihres Aufentaltes bei
der Gräfin Rosenberg, betrat Gabriele das Zimmer, in welchem ihr Vater sie
erwartete. Zu ihrem Erstaunen fand sie ihn von allen ihren Mappen umgeben. Ihre
Stickereien, ihre Zeichnungen, ihre geschriebnen Auszüge aus Büchern, ihre
Musikalien, alles lag auf einem grossen Tische ausgebreitet vor ihm da. Auch ihre
Laute, ihre Harfe, und ein schönes Fortepiano, welches einst ihrer Mutter
angehörte, waren gestimmt und bereit. Auf des Barons Befehl hatte Frau Dalling
alle diese Dinge müssen herbei schaffen lassen, während Gabriele mit Ernesto
sich ausser dem Schloss befand.
    Jetzt begann ein förmliches Examen, in welchem der Baron mit grosser
Aufmerksamkeit und Sachkenntniss Gabrielen prüfte. Von allem, was sie früher und
später erlernt hatte, musste sie ihm Rechenschaft ablegen, von allem verlangte er
Proben. Sie musste auf sein Geheiss in fremden Sprachen ihm vorlesen und mit ihm
sprechen, sie musste singen, und auf den verschiednen Instrumenten sich hören
lassen, welche eben zur Hand waren. Ihre Zeichnungen und andre künstliche
Arbeiten betrachtete und beurteilte er sehr verständig, und erforschte auch,
wie weit ihr Unterricht in andrer wissenschaftlicher Hinsicht gereicht haben
mochte.
    Zuerst wagte es Gabriele nur zitternd, auf seine Fragen zu antworten, doch
allmählig gewann sie mehr Mut. Der Baron äusserte zwar keineswegs durch Worte
seine Zufriedenheit mit dem, was sie leisten konnte, aber der Eifer, mit welchem
er sie prüfte, die Aufmerksamkeit, deren er sie würdigte, bewiesen ihr solche.
    Vier Stunden waren auf diese Weise hingebracht worden, Mitternacht war nicht
mehr fern, und Gabriele konnte sich vor Erschöpfung kaum noch aufrecht erhalten
oder die Lippen regen, während ihr Vater noch immer unermüdet schien. »Nun ist
es genug,« sprach er endlich, und machte mit der Hand eine verabschiedende
Bewegung. »Ich weiss jetzt, dass du deine Zeit in der Stadt nicht schlecht
angewendet hast, du hast viel und vieles gelernt. Ich bin zufrieden mit dir.
Ruhe aus, morgen um die nehmliche Stunde lasse ich dich wieder rufen, bis dahin
tue, was dir gefällt.«
    Gabriele vermochte es nicht, sich sogleich zu entfernen; sie blieb stehen,
als erwarte sie von ihm noch ein freundliches Wort, während er, in Gedanken
verloren, vor sich hinstarrte. Auf ein kleines Geräusch vor der Türe sah er
sich um und ward Gabrielen gewahr, die mit bittendem Blicke noch dastand. »Warum
gehst du nicht?« fragte er, »du musst die Nächte schlafen, deine Jugend verlangt
dies, meine Zeitordnung ist nicht für dich. Und nun genug,« sprach er nochmals
mit gebietendem Ton, und winkte wieder mit der Hand, so dass Gabriele sich auf
das schnellste entfernte, um ihm nicht widerspenstig zu erscheinen. An der Türe
begegnete ihr Moritz von Aarheim, der auf des Barons Einladung kam, um jetzt
gegen Mitternacht bei dessen Mittagsessen gegenwärtig zu sein.
Ohnerachtet seines unruhigen Hanges zur Tätigkeit und seiner unermüdlichen
Sprechlust, sass Moritz von Aarheim dennoch während der ganzen Mahlzeit
schweigend und stumm dem Baron gegenüber und wartete nur auf eine Frage von
diesem, um alsdann durch Antworten ein Gespräch herbei zu führen, das er so ohne
alle Veranlassung nicht zu beginnen wagte. Des Barons gespenstisches, finsteres
Wesen kam ihm unbeschreiblich grauenvoll vor. Und besonders seit jener heftigen
Scene, die er bei Erwähnung eines künftigen Schlossbaues mit ihm gehabt hatte,
ging er ihm gern überall aus dem Wege. Längst wäre er abgereist, wenn er nicht
Gabrielens Ankunft hätte abwarten wollen, um das Eigentum seines Verwandten
doch nicht wieder ohne alle Aufsicht der Willkühr der Bedienten zu überlassen.
Seit Gabriele und Frau Dalling in dieser Hinsicht seine Gegenwart überflüssig
machten, hatte er nur auf eine Gelegenheit geharrt, sich beim Baron zu
beurlauben, um dann sogleich abzureisen. Er hoffte, die Einladung für diesen
Abend, die erste die er erhielt, dazu zu benutzen, und war fest entschlossen,
gleich am andern Tage einem Aufentalt zu entfliehen, der ihm höchst peinlich zu
werden begann.
    Unter gegenseitigem Schweigen ward die Mahlzeit sehr schnell beendet. Der
Baron stand auf, ein Wink von ihm entfernte auf das eiligste die Bedienten. Auch
Moritz erhob sich und nahte sich dem Baron, um Abschied zu nehmen, aber dieser
schritt feierlich dem Fenster zu, nahm wieder in seinem tronartigen Lehnsessel
Platz und heftete, wie gewöhnlich, den starren Blick auf die dunkeln, ihm
gegenüberliegenden Trümmer der Brandstätte. Der Mond war hinter ihnen
aufgegangen, sein Licht blinkte durch die hohlen, ausgebrannten Fensterlücken,
während die in Schatten gehüllten halb zerstörten Mauern scharf und schwarz sich
auf dem von leichten Silberwölkchen überzognen Himmel zeichneten.
    In höchster Verlegenheit stand Moritz da, und wusste nicht, wie er es
anfangen solle, um die Aufmerksamkeit des Barons auf sich zu ziehen, als dieser
von selbst sich nach ihm umwandte. »Bleibt!« rief er ihm zu, indem er gewahrte,
dass jener sich abschiednehmend verbeugte! »bleibt, ich habe mit Euch zu reden,
Vetter! setzt Euch zu mir. Ich will mein Haus bestellen und dann zur Ruhe, denn
ich bin müde.« Moritz setzte sich erwartungsvoll auf ein Taburett, dem Baron
gegenüber, das jener ihm anwies.
    »Ihr seid mein erster Agnat, darum muss ich an Euch mich wenden,« sprach der
Baron weiter. »Unterbrecht mich nicht, ich habe mit Euch zu reden, Ihr könnt mir
nichts zu sagen haben, antwortet nur, wenn ich frage. Ihr seht dort die
Brandstätte; das weite Grab! Wisst Ihr, was dort begraben liegt? wisst Ihr es?
Schweigt! Antwortet nicht. Wie kämt Ihr zu dieser Wissenschaft! - Doch was Ihr
fassen könnt, sollt Ihr erfahren. - Wenn ich todt bin, sind diese Burg, diese
Güter Euer Eigentum. Ich hinterlasse nichts weiter. Was sonst noch mein war,
liegt auch dort unter jenem Schuttaufen begraben, begraben; Gabriele behält
nichts.«
    Mit hastiger Gutmütigkeit und einem Schwall ein-und ausländischer Worte
beeilte sich Moritz von Aarheim, den Baron über das künftige Schicksal seiner
Tochter zu beruhigen, versprach, wie ein liebender Bruder für sie zu sorgen, sie
in Schloss Aarheim, oder wo sie sonst wolle, wohnen zu lassen, und würde noch
lange fortgesprochen haben, wenn nicht ein Blick auf den Baron ihm plötzlich die
Zunge gelähmt hätte. Schrecklich, wie damals, als Moritz des Schlossbaues erwähnt
hatte, stand der Alte vor ihm da, sichtbar kämpfend mit innerlichem Zorn, der
konvulsivisch seine Gesichtszüge verzog und ihm die Sprache hemmte.
    »Frecher, eingebildeter Tor!« brach endlich der Baron mit donnernder Stimme
los. »Meint Ihr, der Freiherr Aarheim von Schloss Aarheim bettle bei Euch für
seine Tochter? Meint Ihr, der letzte echte Spross des uralten Hauptstamms, zu
dessen Nebenzweigen Ihr die Ehre habt Euch rechnen zu dürfen, könne von Euch
Almosen nehmen?«
    Bleich und zitternd stand Moritz von seinem Sitze auf; der Baron war in
dieser Minute wirklich furchtbar, doch schien er sich bald wieder zu
besänftigen. »Ich sehe,« sprach er gelassner, »Ihr habt nicht bedacht, was und zu
wem Ihr redetet; auch habe ich nicht mehr Zeit zum Zorn.« Mit diesen Worten nahm
er wieder seinen Lehnstuhl ein und deutete mit einer Bewegung der Hand dem immer
noch bebenden Moritz an, sich ebenfalls wieder zu setzen.
    »Ihr wisst jetzt, dass ich Euch nicht zu mir forderte, um von Euch etwas zu
bitten. Ihr habt begriffen, dass dies nie der Fall sein kann?« fragte der Baron.
Moritz bejahete es mit einer stummen Verbeugung. » Ich bin es, der Euch
beschenken will,« fuhr der Baron fort, »ich biete Euch eine köstlich hohe Gabe,
vor wenigen Wochen noch hielt ich sie wohl der Hand eines Fürsten wert, und
eigentlich ist sie es noch. Ich biete Euch Gabrielen, sie sei Eure Gemahlin.
Antwortet noch nicht. Hört mich aus, ehe Ihr redet. Gleich vielen deutschen
Fürstentöchtern, bringt Gabriele ihrem Gemahl keine Aussteuer. Mögen Krämer die
bequeme Versorgung ihrer Töchter mit Golde aufwiegen, das reine edle Blut, das
in Gabrielens Adern fliesst, überhebt sie und ihres gleichen diesem elenden
Zoll.«
    Jetzt schwieg der Baron und gab seinem Verwandten ein Zeichen, nun ebenfalls
das Wort zu nehmen.
    Moritz versuchte es, in allen Sprachen Gabrielens Reize, ihre Talente und
sein Glück bis zu den Sternen zu erheben. Dann aber wagte er es auch, einige
bescheidne Zweifel über sich selbst und sein Wertsein eines solchen Glücks zu
äussern. Er erwähnte mit der grössten Gutmütigkeit sein Alter und seine Gestalt,
als welche zu solchen Hoffnungen ihn keinesweges berechtigen könnten, und
ermutigte sich endlich sogar zu der Erklärung, das ihm dargebotne Glück, so
reizend es sei, dennoch dem Zwange nicht verdanken zu wollen.
    »Niemand wird gezwungen, nicht Ihr, nicht Gabriele,« erwiederte der Baron.
»Dass Gabriele schön ist, weiss ich; ich sah in der Welt wenige, die in dieser
Hinsicht mit ihr sich messen dürften, keine sah ich, die an Geist, Talent,
Bildung ihr nahe käme. Jetzt, nach vierzig Jahren, bei eurer hochgepriesnen
Kultur, mag das nun wohl anders sein. Auch gebe ich Euch Gabrielens Hand nur als
Ersatz für etwas, das ich von Euch fordern will; die Freiherren von Aarheim
waren immer gewohnt, kleine Leistungen gross zu lohnen. Gabriele wird nur unter
der Bedingung die Eure, dass Ihr mir bei Eurer Ehre versprecht, das zu erfüllen,
was ich im Moment, da sie für Euch sich erklärt, verlangen werde. Ihr dürft es
ohne Sorgen. Unrechtes, Entehrendes forderte noch kein Freiherr von Aarheim.
Wollt Ihr diese Bedingung eingehen?« Moritz verbeugte sich abermals schweigend,
denn aus Furcht, zu beleidigen, wagte er es nicht, den Mund zu öffnen.
    Der Baron ward jetzt sichtbarlich heitrer, es war, als beginne die Eisrinde
um seine Brust sich zu lösen. »Vetter, von Euch kann ich nichts bitten und
nichts annehmen, das seht Ihr wohl ein, und doch muss mein Wunsch erfüllt
werden,« sprach er gewissermassen mit behaglichem Zutrauen. »Es liegt mir mehr
daran, als Ihr und die Welt zu fassen vermögen. Darum biete ich Euch den
höchsten Lohn, den ich zu gewähren habe. Ihr werdet mein Sohn, und unser alter
Stamm blüht vielleicht glorreich wieder auf. Um Gabrielens Versorgung willen
tue ich nichts, für sie wäre auch ohne Euch gesorgt, selbst wenn sie Euch
verschmäht, selbst dann!« Hier versank der Baron aufs neue in tiefes Nachsinnen,
er blickte unverwandt auf die jetzt vom Monde hell beleuchtete Brandstätte, und
ward wieder zusehends düstrer.
    »Habt Ihr nie vom Virginius gehört? vom Römer Virginius?« fragte er nach
einer ziemlich langen Pause plötzlich mit wunderlich heimlichem Ton.
    Moritz von Aarheim eilte, auf diese Frage bejahend zu antworten, und
verbreitete sich darauf sehr weitläuftig in Lobpreisungen der Heldentat des
Römers, die er höchlich bewunderte1. »Ultimo pegno d' amor ricevi - libertade e
morte,« rief er endlich aus.
    »Ich sehe, Vetter! Ihr habt Euren Alfieri recht gut inne,« sprach der Baron,
pegno d' amor - libertade e morte. Freiheit und Tod: haltet Ihr die wirklich für
Liebespfänder, wie Alfieri es dem Virginius in den Mund legt?« Mit diesen Worten
zog der Baron ein ganz kleines, hermetisch versiegeltes Fläschchen hervor, das
er an einer goldnen Kette um den Hals hangen hatte. »Libertade e morte!« rief
er, und hielt das Fläschchen von geschliffnem Krystall hoch gegen das Licht, so
dass es in bunten Farben blitzte und funkelte. »Kennt Ihr den diesen Gotteiten
geweihten Lorbeer? hier seht Ihr ihn, die Gelehrsamkeit verleumdet ihn zwar und
nennt ihn falsch. Er ist der echte! wer ihn errungen hat und ihn zu brauchen
weiss, kümmert sich weder um Kronen noch Kränze, und trotzt dem Geschick wie den
Gebietern der Welt. Virginius war ein Tor, sein blutiger Dolch erregt
Entsetzen. Hier bedarf es nur eines balsamisch duftenden Hauches, und Gabriele
tritt schmerzlos mit mir die Reise nach jenem Lande der Freiheit an. Nicht
blutig, nicht entstellt, ihre Hülle bleibt die Zierde der Welt, so lange das
Licht des Tages sie bescheint, die Oberfläche der Erde sie trägt.«
    Mit einem Schrei des Entsetzens warf Moritz von Aarheim sich unwillkürlich
auf den Baron und strebte das Fläschchen ihm zu entreissen, doch dieser hielt ihn
mit starkem Arm ferne von sich.
    »Was wollt Ihr?« sprach er mit blitzenden Augen, »Ihr habt es ja selbst
ausgesprochen, Libertade c morte, ultimo pegno d' amor! O ihr armen Toren! Was
steht Ihr denn entzückt vor Bildern? was preist ihr Taten? was prahlt Ihr mit
Gesinnungen, die Euch mit Entsetzen erfüllen, wenn Ihr sie ins wirkliche Leben
treten seht? Seid ruhig, ich gäbe Euch gern dieses Fläschchen, denn ich habe
mehr dergleichen, wenn so etwas Euch nur anvertraut werden dürfte. Seid ruhig!
Eure Person ist sicher, mit Euch hat kein Lorbeer etwas zu schaffen. Erfüllt
meinen Willen, Gabriele wird die Eure, obgleich es mir leid um sie tut. Ihr
wäre besser, sie ginge mit mir, ohne zu wissen, wohin die Hand des Vaters sie
führt. Ein Hauch, und es wäre vorbei mit aller Not und aller Langenweile, die
sie bei Euch erwarten. Doch lebt wohl, beruhigt Euch, wir sehn uns morgen
wieder, und nun geht!«
Bleich wie ein Todter, bebend vor innerem Grausen, durcheilte Moritz von Aarheim
die langen düstern Gänge, welche zu seinem Zimmer führten. Kein Schlaf kam die
ganze lange Nacht hindurch in seine Augen. Er blieb angekleidet. Unruhig
wandelte er auf und ab und trat jeden Augenblick an das Fenster, um zu sehen, ob
der Tag noch nicht zu grauen beginne. In dieser Minute blickte er auf zu
Gabrielens Zimmer, und sah, wie der ruhige Schimmer ihrer Nachtlampe das Fenster
schwach erhellte; in der nächsten horchte er wieder hinaus, ob nicht etwa das
Verderben herumschleiche, ob nicht leise Tritte hörbar würden; doch alles blieb
stille und ruhig.
    Endlich begann der Himmel, sich zu röten. Moritz schlich sich auf die andre
Seite des Schlosses und sah nach den Zimmern des Barons. Dort erloschen nach und
nach alle Lichter, zum Zeichen, dass für jenen jetzt auch die Zeit der Ruhe
herbei käme. Nochmals lauschte Moritz, und da alles immerwährend ruhig blieb,
eilte er in den Stall, sattelte selbst sein Pferd und pochte schon beim Aufgang
der Sonne an die Türe von Ernesto's bescheidener Wohnung.
    Ernestos erstes Empfinden beim Anblick des frühen Besuchs war Zorn über die
Zudringlichkeit des Lästigen, doch als er ihn näher betrachtete und Unruhe und
banges Entsetzen in seinen entstellten bleichen Zügen las, fühlte er sich selbst
von gleichem Gefühle vorahnend ergriffen.
    Moritz begann sogleich, das zwischen ihm und dem Baron Vorgegangne zu
erzählen, aber so verworren, so weitschweifig, so seltsam in Form und Ausdruck,
dass Ernesto dabei in tödtlicher Ungeduld zu vergehen glaubte. Und doch musste er
sich fast jeden Umstand des Gesprächs zwischen Moritzen und dem Baron
mehreremale wiederholen lassen, denn was er vernahm, schien ihm so unglaublich,
dass er immer meinte, den Erzähler falsch verstanden zu haben.
    Recht ehrlich und treuherzig bat Moritz ihn endlich, nach vollendeter
Erzählung, um Beistand mit Rat und Tat, zu Gabrielens Errettung. »Ich wäre der
glücklichste Mensch, wenn sie mich heiraten wollte,« setzte er in seiner
gewöhnlichen Art zu reden hinzu. »Ich wollte sie recht gut halten, alles wollte
ich aufbieten, was ihr Vergnügen machen könnte. Sie ist es wert, sie ist wie
Miltons Eva, all softness and sweet attractive grace. Ich will auch nicht, dass
sie mich wie einen jungen amoroso lieben soll, ils sont passé ces jours de fêtes
, wo ich dergleichen Prätensionen machen konnte, ich weiss es wohl. Aber gut sein
müsste sie mir, und mir vor allen. Ich könnte es nicht ertragen, wenn sie als
meine Frau jemanden lieber hätte als mich. Auch müsste ich sie zufrieden und
heiter sehen. Eine empfindsame Dame mit ewigen Tränen in den Augen, eine
pleureuse éternelle, will ich nicht um mich haben. Sagen Sie ihr das alles,
Signor Ernesto, und fühlt sie dann keine Abneigung gegen mich, so biete ich ihr
mit wahrer Liebe die Hand. Unglücklich aber will ich uns beide nicht machen.
Schlägt sie mich aus - Eh bien, je m' en consolerai - Doch will ich auch dann
für sie noch wie für eine nahe werte Verwandte sorgen, sie soll nicht Not
leiden. Aber wie retten wir sie vor der Wut ihres Vaters, wenn sie mich
ausschlägt? Comment la sauver des mains d'un fanatique cruel, qui l' immolera a
ses fantaisies? Wollen wir Gabrielen die grausame Gefahr entdecken, in welcher
sie von Seiten des eignen Vaters schwebt? Signor Ernesto, reden Sie, schaffen
Sie Rat, ich vergehe vor Angst.«
    »Lassen Sie mir Zeit, das ganz Unerwartete nur zu fassen,« sprach Ernesto,
»ich hoffe einen Ausweg zu finden.«
    »What shall we do! What shall we do! was fangen wir an!« rief Moritz in
höchster Angst und lief, die Hände ringend, auf und ab. »Ich bitte, sprechen
Sie, ich muss zu Hause, der Baron könnte erwachen und - oh Dio! ich will gleich
fort, ich will sie hüten, ihre Türe, sie selbst nicht aus den Augen lassen.
Sagen Sie mir nur noch mit einem einzigen Wort, was ich tun soll!«
    »Halten Sie zu jeder Stunde Pferde und Wagen bereit, und nun eilen Sie. Ich
folge Ihnen sogleich, und gelange auf dem Fusssteige vielleicht noch früher hin
als Sie,« sprach endlich Ernesto. »Eilen Sie, und hüten Sie sich, Gabrielen
etwas zu verraten, am besten ist es, Sie vermeiden es sogar, mit ihr zu
sprechen. Sie können sie und die Zugänge zu ihr doch im Auge behalten.«
    »Addio!« rief Moritz, und eilte in vollem Galopp davon, von Herzen froh,
einen Auftrag erhalten zu haben, der ihn in Tätigkeit setzte, und seinem
ängstlichen fruchtlosen Sinnen ein Ende machte. Während dessen durchwanderte
Ernesto nachdenkend und langsam sein dunkles Tal, um den Felsensteig zu
erreichen, welcher in gerader Linie zum Schloss hinaufführt.
    Unwillkürlich verweilte er einige Minuten an der alten moosbedeckten Bank,
wo er beim ersten Eintritt in diese düstre Einöde mit Gabrielen gesessen hatte.
Alles, was damals in schweren, trüben Ahnungen vor seinem Geiste schwebte, und
ihn so ungewöhnlich niederdrückte, lag jetzt im hellsten Licht der nahen
Wirklichkeit vor ihm, und weit furchtbarer, als er es sich hatte denken können.
Frau von Willnangens Worte: »Sie ist verloren sich, verloren uns,« tönten
unaufhörlich in seinem Innern, während er doch mit aller Anstrengung seines
Geistes darauf sinnen musste, Gabrielen wo möglich noch zu retten. Die Gefahr,
welche ihrem Leben drohte, schien ihm bei weitem nicht so nah und nicht so gross,
als Moritz im ersten Schrecken sie ihm geschildert hatte. Ihm kam sogar der
Gedanke nicht unwahrscheinlich vor, dass der halb wahnsinnige Greis in einer bei
seiner Gemütsstimmung nicht ungewöhnlichen, boshaft-fröhlichen Laune, sich eine
Lust daraus gemacht haben könne, den armen Moritz auf diese Weise in Angst zu
setzen. Desto entsetzlicher aber war ihm die Gefahr, Gabrielen mit einem bei
manchen achtenswerten Eigenschaften, dennoch höchst widrigen, lächerlichen
Wesen, auf lebenslang verbunden zu sehen. Und doch begriff er nicht, wie sie
dieser Verbindung würde entgehen können. Woher sollte ihr frommes Gemüt die
Kraft gewinnen, dem Befehle, vielleicht gar dem Bitten eines Vaters zu
widerstehen, den sie von jeher gewohnt war als den unumschränkten Gebieter ihres
Daseins zu betrachten? Keine Hoffnung, sogar kein Wunsch einer glücklichen
Zukunft konnten ihren Mut dazu stählen, sie achtete ihre Rechnung mit dem
irdischen Leben für geschlossen, denn sie hatte geliebt. Ernesto hatte Gabrielen
zu genau beobachtet, um an dieser ihrer Ueberzeugung zu zweifeln. Der Gedanke,
dass es mit Bitten, Raten, Warnen ihm doch vielleicht gelingen könne, sie zur
bessern Ansicht des wirklich Rechten und Wahren zu bringen und sie dadurch zur
standhaften Weigerung zu ermutigen, gewährte ihm ebenfalls wenig Trost, denn
wie schauderhaft wurde alsdann doch vielleicht vom eignen Vater ihr Leben
bedroht!
    Flucht, schnelle Flucht, blieb der einzige Weg. Aber wie die Tochter
bewegen, ihren alten Vater wider seinen Willen zu verlassen, und vielleicht
seinen Fluch auf sich zu laden! Sollte Erneste ihr entdecken, in welcher
entsetzlichen Gefahr ihr Leben bei ihm schwebte? Wahrscheinlich würde sie ihm
nicht Glauben beimessen, und gelänge es ihm, sie von der traurigen Wahrheit zu
überzeugen, so musste der Gedanke an solche Gräuel ihre ganze Zukunft trüben. Wer
bürgte ihm dafür, dass Gabriele nicht in einem, durch das Gefühl ihres Unglücks
exaltirten Augenblick, den Tod von Vatershänden ohne Widerstreben annähme!
Ernesto kannte den Geist unsrer, jedem überspannten Gefühl günstigen Zeit,
welcher der Jugend statt froher Tätigkeit, bloss leidende schmerzliche Sehnsucht
als Zweck eines Daseins zeigt, dem das innige Wohlbehagen, die reine Freude am
Leben mit jedem Tage sich mehr entfremden.
    In diese Ueberlegungen vertieft, war Ernesto dem Schloss schon ganz nahe
gekommen, ohne eine andre Auskunft gefunden zu haben, als die, welche sich im
ersten Augenblick ihm dargeboten hatte, die er als zu eigenmächtig verwarf, und
welche zuletzt doch ergreifen zu müssen er jetzt befürchtete. Er nahm sich
indessen vor, erst die Ueberzeugung zu gewinnen, dass alles wirklich so sei, wie
Moritz es ihm vorgestellt hatte, ehe er Anstalten traf, Gabrielen im äussersten
Notfall ohne ihr Vorwissen und ihre Einwilligung vom väterlichen Schloss
fortzubringen. Moritzen sollte alsdann die Sorge bleiben, den Wahnsinn seines
Verwandten gesetzlich anerkennen zu lassen und ihn dadurch unschädlich zu
machen.
    Ernesto konnte und mochte es sich nicht verbergen, wie viel er durch diesen
Eingriff in Gabrielens Schicksal auf das Spiel setzte, aber er sah keine andre
Möglichkeit, ihr zu helfen, und musste sogar davor zittern, dass Zufälligkeiten
ihm auch diese vereiteln könnten.
Moritz von Aarheim war bei Ernestos Ankunft noch eifrig bemüht, sein dampfendes
Pferd im Schlosshofe herumführen zu lassen, und dem Jokei dabei in eigner Person
unter lautem Demonstriren zu zeigen, wie man in England diesen Tieren nach
jeder Erhitzung den Kopf und die Ohren mit einem Tuche abreibe. »Sie sehen, wie
beschäftigt ich bin,« flüsterte er geheimnisvoll dem eben Angekommnen zu,
»sobald ich nur eine Minute Zeit gewinne, besorge ich die verlangten Pferde und
Wagen. Uebrigens schläft der Baron hoffentlich noch mehrere Stunden, und die
Kusine finden Sie mit ihrer Cameriera im Blumengarten.«
    Schön und heiter wie der Morgen trat Gabriele schon an der Türe des Gartens
ihrem Freunde entgegen. Sie trug eine Vase voll malerisch geordneter bunter
Herbstblumen. Mit der Linken drückte sie die Vase fester an sich, um sie nicht
fallen zu lassen, während sie ihm die Rechte zum Willkommen freundlich entgegen
reichte. Die frische Herbstluft hatte ihre Wangen höher gerötet, ihr Auge
strahlte glänzender, Ernesto glaubte, sie noch nie so reizend gesehen zu haben.
Beim Anblick des holden Geschöpfs, das arglos wie ein Kind am Rande des
Verderbens noch lächelnd mit Blumen spielte, ergriff ihn ein unaussprechlich
mitleidiges Gefühl. Woher sollte er Mut gewinnen, den rührenden Frieden dieses
schuldlosen Wesens durch seine Warnung zu stören, den milden Glanz dieses hellen
Auges zu trüben? Es ward ihm, als sei er selbst im Begriff, eine frevelhafte
Tat zu üben, als würde er mitschuldig an ihrem Untergange, wenn er jetzt
spräche. Vor ihrem ruhig schönen Anblick verlor er selbst für den Moment den
Glauben an die obwaltende Gefahr, und seine sonst so klare Besonnenheit musste
der mächtigen Sprache seines Herzens einstweilen weichen.
    Seit sie von Frau von Willnangen sich getrennt hatte, war Gabriele noch
nicht so fröhlich gewesen. Ihr Herz schwamm in Wonne bei der Erinnerung an die
teilnehmende Art, mit der ihr Vater am gestrigen Abend sich mit ihr beschäftigt
hatte. Sie war entzückt, wenn sie seiner deutlich ausgesprochnen Zufriedenheit
mit ihrem bisherigen Streben gedachte. Freude macht geschwätzig; wortreicher als
jemals erzählte daher Gabriele ihrem Freunde jeden kleinen Umstand des
vergangnen Abends, und suchte auch ihm ihre eigne Ueberzeugung mitzuteilen, dass
sie von nun an immer höher in der Gunst ihres Vaters steigen, ihm immer
notwendiger werden müsse und würde.
    Ernesto hingegen ward immer mutloser, immer unfähiger, ihr das Entsetzliche
zu verkünden, je länger er den fröhlichen Ergiessungen ihres reinen Herzens
zuhörte. Er litt unbeschreibliche Qual bei dem Gedanken, sie aus ihren Träumen
von einem heissersehnten Glücke zum Elend erwecken zu müssen. Schonend sie und
sich, verschob er es von Stunde zu Stunde, denn jede Minute, während welcher er
noch schwieg, war, seiner Ueberzeugung nach, ihrer künftigen traurigen Zukunft
abgewonnen.
    So kam die Zeit des Mittagsmahls heran. Der Gerichtsdirektor war diesmal
dabei gegenwärtig, denn der Baron hatte ihn zum heutigen Abend auf das Schloss
einladen lassen. Und auch ohne diesen würde das Beisein der Bedienten und selbst
Moritzens Gegenwart jede freie Mitteilung während der Mahlzeit unmöglich
gemacht haben.
    So ganz widerwärtig, wie heute an dem kleinen Tische dicht neben Gabrielen,
war Moritz noch nie ihrem Freunde erschienen; sein läppisches verstecktes
Winken, sein geheimnisvoll sein sollendes Fragen, seine Anspielungen, mit denen
er Ernesto, so lange die Mahlzeit währte, zu verfolgen nicht aufhörte, machten
ihn ganz unerträglich, und dieser war deshalb herzlich froh, als endlich die
Tafel aufgehoben ward, und er mit Gabrielen sich wieder allein sah.
    Die herbstliche Sonne senkte sich schon dem Felsen zu, die Stunde der früh
eintretenden Dämmerung nahte heran, und Ernesto fühlte mit bitterm Schmerz, dass
es jetzt nicht möglich sei, länger zu schweigen. Um Gabrielen zu schonen, auch
wohl um selbst Mut zu gewinnen, wendete er zuerst das Gespräch auf Gabrielens
Verhältnis zu Moritz von Aarheim, als Lehnerbe ihres Vaters, und machte gleich
die Entdeckung, dass sie durchaus keinen Begriff davon habe. Alles, was er ihr
darüber zu sagen für gut fand, machte auch weiter keinen Eindruck auf sie, als
dass es sie an die Zeit erinnerte, in welcher ihr Vater nicht mehr sein würde,
und sie deshalb ernster und trüber stimmte.
    »Behalte ich doch Sie, meine Willnangen und meine Auguste, wenn Gott meinen
Vater zu sich ruft, dazu Genügsamkeit und Freude an wohlgeordneter Tätigkeit,
diese Güter kann kein Gesetz mir rauben,« sprach endlich Gabriele. »Möge mir das
Glück, meinen Vater zu pflegen, recht lange gegönnt werden! kommt aber die Zeit,
wo ich ihn zu verlieren bestimmt bin, so weiss ich, dass meine Freunde sich um
mein künftiges Fortkommen auf dem Lebenswege weit mehr kümmern werden als ich
selbst.«
    »Auch ich wäre um Ihre Zukunft unbesorgt, teure Gabriele! wenn nicht die
Pläne Ihres Vaters mich beängstigten,« erwiederte Ernesto; »vielleicht entdeckt
er sie Ihnen heute noch« - Ein eintretender Diener unterbrach ihn mit der
Nachricht, dass der Baron Gabrielen sogleich zu sprechen verlange. Ernesto ward
bleich wie ein Sterbender.
    »Beinahe zwei Stunden früher als gestern! Sehen Sie wie er allmählig meine
Gesellschaft lieb gewinnt?« rief frohlockend Gabriele, und bemerkte nicht, in
welcher Todesangst ihr Freund vor ihr stand, bis sie im Forteilen sich von ihm
fest gehalten fühlte.
    »O Gabriele!« rief er, »Sie wissen nicht! armes, unglückliches Kind! Sie
wissen nicht, wem Sie entgegen gehn, was Sie erwartet! Worauf ich langsam Sie
vorbereiten wollte, muss ich jetzt Ihnen ohne Milderung eilend zurufen. Ihr Vater
will Sie vermählen, er will das Unglaublichste, er will an Moritz von Aarheim
Sie vermählen, gerade wegen jener Familienverhältnisse, die ich eben Ihnen zu
erklären begann. Moritz selbst entdeckte mir dies, er gab mir den Auftrag, Sie
vorzubereiten, er ist zu gutmütig, um Sie dem Zwange verdanken zu wollen.«
    Gabriele ward bleich, sie zitterte, sie verstummte einige Minuten lang, doch
wusste sie sich bald wieder zu fassen. »Dank! Dank Ihnen, Ernesto, für Ihre
Warnung!« sprach sie, »jetzt aber lassen Sie mich, ich darf meinen Vater nicht
länger auf mich warten lassen. Ich hoffe, diese Gefahr soll an mir vorüber
gehen, ich werde meinen Vater gewinnen, er soll ohne mich nicht leben können, er
soll mich lieben lernen, dann wird er mich nicht verstossen wollen.« »Gabriele!«
rief Ernesto in höchster Angst, und eilte neben ihr her, die schnell die langen
Gallerieen durchstreifte, um zu den Zimmern ihres Vaters zu gelangen. -
»Gabriele! nur einige Worte noch. Gedenken Sie Ihres Versprechens im Felsental,
ehren Sie diesmal meinen Rat. Erzürnen Sie Ihren Vater nicht durch Weigerung,
wenn er Ihnen seinen Willen kund tut, um Gotteswillen nicht. Bitten Sie um
Bedenkzeit, hören Sie mich? um Bedenkzeit. Geloben Sie es mir, um Bedenkzeit zu
bitten, ohne irgend eine Abneigung gegen seinen Willen zu äussern, oder ich
dringe mit Ihnen in sein Zimmer, werde dann weiter daraus was da wolle;« setzte
er wie ausser sich hinzu.
    »Ernesto, wie fürchterlich sind Sie!« rief Gabriele, und stand einen
Augenblick still, ihn betrachtend. Sie sah Tränen in seinen Augen glänzen, sie
gewahrte den Ausdruck des ängstlichsten Mitleids, der höchsten Unruhe in allen
seinen Zügen. »Ich sehe es,« sprach sie tief bewegt, »ich sehe es, Ihrer Angst
um mich liegt noch ein Geheimnis zum Grunde, das Sie mir nicht entdecken wollen.
So bleibe es mir dann verborgen, ich ehre Ihre Gründe, es mir zu verschweigen
und traue Ihrer Freundschaft. Ich gelobe, Ihrem Rate zu folgen, meinen Vater
nicht durch Widerspruch zu reizen, ihn um Bedenkzeit zu bitten. Darf ich nun
hoffen, Sie beruhigt zu haben?«
    Ernesto vermochte vor innrer Bewegung nicht ihr zu antworten. Die dunkeln
Mauern von Schloss Aarheim übten ohnehin an ihm eine Zaubermacht aus, welche
seine Geisteskraft lähmte. Er wähnte dort noch Augustens Seufzer zu atmen, die
einst ungehört hier verwehten; ferne Töne umschwirrten ihn wie der Wiederhall
ihrer längst verklungnen Stimme, und ihre holde Gestalt schien ihm aus jeder
Ecke entgegentreten zu wollen. Bei dem schwachen Schimmer einer einsamen Lampe
in der hochgewölbten düstern Gallerie, in welcher Gabriele mit ihm sich befand,
war es ihm, als sähe er plötzlich neben ihr den Geist ihrer Mutter; er bebte
ergriffen zurück, im nehmlichen Augenblick öffnete sich die Türe vom Vorzimmer
des Barons, in deren Nähe sich beide befanden, und schlug klingend hinter
Gabrielen zu, sobald diese die Schwelle überschritten hatte.
    Ernesto wollte ihr nach, um wenigstens, wenn auch durch eine zweite Türe
von ihr getrennt, in ihrer Nähe zu bleiben, aber er hörte die Stimme des Barons,
der seiner Tochter gebot, ihm in sein Zimmer zu folgen, und dann den innern
Riegel vorschob. Auf Flügeln der Angst durcheilte Ernesto jetzt wieder die
Gallerieen, um Frau Dalling aufzusuchen, ihr alles zu entdecken und dann wo
möglich mit ihrer Hülfe ein Mittel zu finden, der gefürchteten Unterredung
zwischen Vater und Tochter ungesehen beizuwohnen.
Festlich gekleidet, geschmückt mit allen Zeichen ehemaliger Würden und Ehren,
war der Baron seiner Tochter bis an die Türe des Vorzimmers entgegen gekommen,
die er, wie schon erwähnt ward, hinter ihr verriegelte. Dann schritt er
feierlich vor ihr her, nahm seinen gewöhnlichen Platz im Lehnstuhl am Fenster
ein, und winkte ihr schweigend, sich auf ein Taburet ihm gegenüber zu setzen.
    Der Eindruck, welchen seine ganze Gestalt auf sie machte, war heute noch
imponirender als ehemals, der Baron schien sogar grösser als sonst, und der
versteinerte Ernst aller seiner Züge beklemmte ihre Brust und raubte ihr den
Atem.
    »Ich wiederhole die schon gestern dir erteilte Zusicherung meiner
Zufriedenheit mit deinen in der Stadt erworbnen Kenntnissen,« hob der Baron nach
einer ziemlich langen Pause an, »sie haben mein Erwarten übertroffen. Wer so
fleissig war wie du, hatte wahrscheinlich nicht Zeit, Torheiten zu begehen.
Daher hoffe ich, dass kein innres Hindernis dich abhalten wird, meine Wünsche zu
erfüllen, und dass du auch neben so vielem anderm gelernt hast, kindlichen
Gehorsam zu üben. Ich bin entschlossen, dich meinem Lehnserben, Moritz von
Aarheim, zu vermählen, doch habe ich ihm versprechen müssen, es dir frei zu
stellen, seine Hand auszuschlagen. Entscheide also ohne Zwang: ob du meinem
Willen folgen willst oder nicht, so wie du glaubst, dass es recht sei.«
    Der Baron schwieg, und Gabriele strebte vergebens, ihre zitternden Lippen
zur Antwort zu bewegen. Einige Minuten vergingen im schweigenden Kampf mit ihrer
innern Angst. »Entscheide!« - rief endlich der Baron mit flammenden Augen, und
richtete sich hoch in die Höhe.
    »Mein Vater,« stammelte Gabriele, »wie kann ich so schnell - ich flehe nur
um Bedenkzeit.«
    »Bedenkzeit!« wiederholte der Baron, und liess sich langsam wieder nieder,
»Bedenkzeit! Toren, Schwächlinge bedenken sich. Der Tapfre, der Weise, wissen
gleich, was sie wollen oder müssen. Doch du bist ein Mädchen, und diese
Alfanzerei war schon vor vierzig Jahren unter euch Mode, wunderbarbar, dass sie
in der langen Zeit nicht wieder abkam. Nun, es sei - du hast Bedenkzeit, bleib
sitzen, bedenke dich.«
    Seiner Gewohnheit gemäss wandte sich der Baron nach der Brandstätte, eine
bange Viertelstunde verging, während welcher Gabriele es nicht wagte, sich zu
regen. Endlich kehrte sich der Baron mit fragendem ernstem Blick ihr wieder zu.
    »Vater!« rief sie und hob flehend die Augen voll erstarrter Tränen zu ihm
auf, »Vater, ich brauche keine Bedenkzeit. Bei Ihnen will ich bleiben! Ihnen
allein widme ich mein Leben, Sie pflegen will ich, Ihnen dienen, keine andre
Pflicht erkennen, als jedem Ihrer Wünsche zuvorzukommen!«
    »Und weigerst dich dennoch, den ersten, welchen ich aussprach, zu erfüllen?«
erwiederte der Baron und durchbohrte sie fast mit seinen glühenden Augen.
    »Nein, o nein, mein Vater!« erwiederte schnell Gabriele, »ich bitte Sie nur,
mich nicht zu verstossen. So lange ich lebe, ist Ihnen mein Dasein geweiht. Ich
kann mich nicht entschliessen, einem Andern anzugehören als meinem Vater, ich
fühle einzig den Beruf, um Sie zu sein, so lange mir Gott Ihr Leben erhält; was
später aus mir wird, macht mir keine Sorge.«
    »Auch mir sollte es keine machen - besser wäre es, wenn« - murmelte der
Baron nur halb hörbar vor sich hin, dann versank er wieder in tiefes Nachdenken.
Abermals vergingen einige stumme Minuten, dann wandte er sich plötzlich wieder
zu Gabrielen.
    »Höre mir aufmerksam zu,« sprach er. »So viel du davon zu fassen vermagst,
will ich dir die Gründe entwickeln, welche mich bestimmen, diese Verbindung zu
wünschen. Hernach entscheide. Forderst du dann noch längere Bedenkzeit, so sei
sie dir im Voraus gewährt. Höre mich jetzt.
    Unermüdetes Forschen, Streben, Arbeiten war mein Leben, so lange du atmest;
die Nacht mir Tag. Ich habe Schrecken getrotzt, Gefahren, bei deren blossem Namen
dein jugendliches Blut in den Adern erstarren müsste. Meine Umgebungen waren -
Mein Umgang war - Nein, ich will deine Sinne nicht durch die Namen jener
Schrecklichen verwirren, ich will dich nicht dem Wahnsinn zuführen. Ich schweige
von dem, was ich tat, was ich litt, was ich überwand. Für dich, Gabriele, für
dich! dich wollte ich erheben, dich erhöhen zur Glorreichsten unseres alten
Geschlechts! hoch über alle jene edlen Frauen deiner Ahnen, deren lange Reihe
der edelste Schmuck unsers Hauses ist.«
    Hier schwieg der Baron wieder einige Minuten lang, Gabriele wagte es nicht,
sich zu regen. Dann fuhr er mit fast tonloser Stimme fort: »Die doppelte
schuppige Schlange, deren gekröntes Haupt in roter Erde sich birgt, war mein,
die Königin ruhte in ihrer Kammer, der Rabe wandelte sich zum hochfliegenden
Aar, und ernährte den in ihrem Schoss schlummernden grünen Löwen, es nahte sich
der Alte, der zwischen den Bergen geht, die rote und die weisse Lilie prangten
in seinen Händen. - Da - da - fort mit der Erinnerung, wie alles vernichtet
ward,« rief der Baron jetzt laut und fürchterlich, »fort - es ward vernichtet.
Weh mir! ich vergass den Fluch, der auf der fünften Zahl ruht, feindliche dunkle
Mächte, auf mein Verderben lauernd, irrten mich. - Freundliche zürnten mir -
Verloren - verloren - verloren - ist das grosse Spiel.«
    Mit geschlossnen Augen lehnte sich der Baron jetzt in seinen Lehnstuhl zurück
und lag regungslos da. Gabriele war vor ihm auf die Knie hingesunken; sie
blickte in sein farbloses Antlitz, auf seine grauen Haare, welche spärlich die
eingefallnen Schläfe umgaben, sie sah die tiefliegenden geschlossnen Augen in
ihren weiten Höhlen, von den überhängenden schneeweissen Augenbraunen beschattet.
Er glich so ganz einem Todten, dass der Gedanke sie grausend überfiel, er könne
in diesem Moment gestorben sein.
    »Mein Vater, mein Vater!« rief sie, und wagte es, leise seine Hand zu
berühren; da richtete er, gleich einem Erwachenden, sich wieder auf.
    »Du weinst?« sprach er, »du zitterst? weisst du warum? wovor?« Dann blickte
er sie eine Weile starr an. »Ich lese in deiner Seele,« fuhr er fort, »du
glaubst, ich sei wahnsinnig, weil du meine Reden nicht verstehst. Du irrst, hohe
Weisheit liegt hinter diesen Bildern, aber ihr hört nur, und vernehmt nicht,
eure Sinne hält Wahn befangen. Die Vergangenheit entüllte ich dir, so weit ich
es durfte. Die Gegenwart, - tritt her zu mir ans Fenster, blicke hinaus, dort
liegt sie, dort in Trümmern. Was diese decken, bleibe ewig verborgen. Fluch der
Hand, die es wagt, diesen Schuttaufen zu berühren!« rief er mit furchtbarem
Ton, in hoher aufrechter Stellung, mit flammenden Augen, wie ein Begeisterter.
»Fluch dem, der dem Unheil, das dort im dunkeln tiefen Gewölbe sicher ruht, den
Weg bahnt zum Licht. Niemand darf dort den Faden finden, ihn wieder aufnehmen,
der meiner starken Hand entfiel! denn niemanden darf gelingen, was mir misslang.«
    »Moritz von Aarheim gebietet hier nach meinem Tode,« sprach der Baron nach
einer kleinen Pause, während welcher er sich mit Anstrengung zu besänftigen
schien. »Sein erstes Tun wird sein, dort zu graben, zu bauen, zu wühlen, er
selbst hat mir es ins Angesicht gestanden. Du allein kannst mir die Sicherheit
jenes Heiligtums auf ewige Zeiten erkaufen, und erkauft muss sie werden. Es gilt
der Ruhe meiner Todesstunde, es gilt dem ruhigen Schlaf meiner Gebeine im
stillen Grabe, weit, weit, auf Jahrhunderte hinaus! Gabriele, du darfst jetzt
nicht ohnmächtig werden, fasse dich, du darfst jetzt nicht die Besinnung
verlieren, du musst mich aushören, denn nie darf ich wieder wie in dieser Stunde
zu dir reden.«
    Mit leisem, wunderlich-heimlichem Tone fuhr der Baron nach kurzem Schweigen
in seiner Rede weiter fort. »Kennst du die Geheimnisse der Unterwelt? Wie
solltest du! Ich aber wagte es, mit dieser Hand ihren Schleier zu lüften. Nicht
alle, meine Tochter, nicht alle, die hier entschliefen, ruhen dort in Frieden.
Furchtbare Vorhöfe führen zum finstern Reich, dort in Tophet und Scheol weilen
rastlos die Seelen derer, die beunruhigt über die Zukunft dessen hinübergingen,
was sie hier erstrebten. Jede Mitternacht ruft sie herauf, gespenstisch
umwandern sie den Gegenstand ihrer Sorge in banger Qual, bis der Morgenhauch sie
wieder zur kalten düstern Tiefe scheucht - jede Nacht sehe ich dort drüben den
alten Franz, Sorge um mich lässt ihn nicht ruhen, er hebt das bleiche Haupt aus
der Asche, mit langem Todtenfinger winkt er mir zu sich, zu sich, zur
jammervollen Wache um das dort Verborgne.«
    »Ich habe vollendet, du weisst jetzt genug. Ruhe oder Verzweiflung deines
Vaters in der letzten Stunde und im Grabe sei das Werk deiner freien Wahl.
Bedenk es wohl, es gilt nicht einer Hand voll Tage, die ihr ein Leben nennt, es
gilt der Ewigkeit. Meine Todesstunde kann jetzt schlagen, in dieser Minute, aber
du hast Bedenkzeit. Willige ein, verwirf, bringe durch törichtes Zögern das
Unheil über mich, ich breche mein gegebnes Wort nicht, du bist frei, du hast
auch Bedenkzeit.«
    »Vater, Vater!« rief Gabriele, »kann denn mein Leben nicht das Opfer sein?«
    Hastig griff der Baron an seine Brust, dann liess er die Hand wieder sinken.
»Nein,« sprach er halb leise, und blickte milder als vorher Gabrielen an.
    »Nun denn, ich will nicht ängstlich berechnen, was ich meinem Vater opfre,
hier bin ich, Ihr Kind! mein Schicksal lege ich in Ihre Hand und murre nicht.«
    Erschöpft an allen Kräften, doch nicht bewusstlos, sank sie mit diesen Worten
vor ihm hin.
    »Ich danke dir,« sprach der Baron, und liess einen Moment seine Hand auf
ihrem schön gelockten Haupte wie segnend ruhen; dann hob er Gabrielen sorgsam
auf, und setzte sie in seinen Lehnstuhl. »Ermanne dich, fasse Mut, du hast
entschieden wie es recht war. Uebrigens geschehe gleich, was geschehen muss;
alles ist vorbereitet. Zögern ist Qual, ist Gefahr, und ich bin müde und will
zur Ruhe.«
    Mit diesen Worten zog er die Schelle und ging in das Vorzimmer, um die Türe
zu öffnen. Atemlos stürzte dort Frau Dalling ihm entgegen, ein lauter Schrei
des Schreckens, als sie Gabrielen bleich und regungslos im Lehnstuhl erblickte,
verriet, dass Ernesto ihr alles vertraut habe, was er wusste. Der Baron achtete
nicht darauf. »Führen Sie Ihr Fräulein auf ihr Zimmer,« sprach er, »schmücken
Sie die Braut mit dem Hausschmuck, den seit Jahrhunderten jede Braut von Schloss
Aarheim an ihrem Ehrentage trägt,« fügte er hinzu, indem er ihr ein uraltes
Kästchen mit einem goldnen Schlüssel übergab. »In einer Stunde kommt der
Bräutigam, sie zur Trauung abzuholen.«
    Matt zum Tode, aber fromm lächelnd wie ein seliger Engel neigte, sich
Gabriele vor ihrem Vater, dann wankte sie am Arm der Frau, die einst an der
Schwelle des Lebens sie empfing, still hinaus. Ernesto eilte schon im Vorzimmer
ihr entgegen. Ein Strom lindernder Tränen machte beim Anblick des treuen
Freundes dem armen gepressten Herzen Luft. »Sie hatten Recht,« flüsterte Gabriele
ihm zu, und lehnte das schöne bleiche Köpfchen auf seine Schulter, indem sie
erschöpft auf einen Stuhl sank. Frau Dalling und Ernesto knieten vor ihr hin,
sie zu unterstützen.
    »Noch ist Rettung möglich!« sprach Ernesto ängstlich und schnell. »Fliehen
Sie, alles ist bereit. Frau Dalling begleitet uns, Moritz selbst befördert und
beschützt unsre Flucht, er will Sie nicht dem Zwange verdanken. Keine Pflicht
bindet Sie, den Willen eines verwirrten Sinnes zu erfüllen, wenn es dem Glücke
Ihres ganzen künftigen Lebens gilt. Kommen Sie, verlieren Sie keine Zeit, Pferde
und Wagen stehen unten am Schlossberge, jede Minute ist kostbar, Moritz selbst
will hier uns vertreten, wir eilen zur Frau von Willnangen.«
    »Der Rat kam nicht aus Ihrer Seele, Ernesto,« erwiederte Gabriele sehr
ernst und trocknete ihre Tränen. »Wohin könnten Sie mich führen, dass nicht der
Fluch meines Vaters mich erreichte? dass nicht die Schrecken der eben durchlebten
Stunde mich verfolgten, nicht die Angst um einen sterbenden Vater, dem ich den
Trost verweigerte, welchen zu geben in meiner Macht stand? Ernesto,« setzte sie
hinzu, und blickte ihn zutrauend an, indem sie seine beiden Hände fasste, »können
Sie mir wirklich raten jetzt zu fliehen?«
    »Nein! ich kann es nicht, und du bist verloren,« rief Ernesto, »dort in der
Freiheit würde Reue dich verzehren, ich fühle es. So gehe denn gefasst dem
entgegen, was du, reine Seele! als Pflicht anerkennst. Damals, als du diesen
fürchterlichen Mauern zueiltest, in denen alles Gute und Schöne untergehen muss,
damals hätten wir, deine Freunde, dich zurückhalten, dich nicht so unbedacht der
Gewalt eines Wahnsinnigen ausliefern, wir hätten seinen Zustand vorher erkunden
sollen. Jetzt ist es zu spät,« setzte er mit verhülltem Gesicht hinzu.
Die zum Schmuck der Braut vom Baron bestimmte Stunde war vorüber. Bleich wie ein
Marmorbild, keine Spur von Lebenswärme auf Wangen und Lippen, sass Gabriele auf
ihrem Sopha, und schauderte bei jedem Geräusch. Nur ihr schwimmendes Auge, die
zitternde Bewegung ihres hochklopfenden Herzens, von welcher der diamantne
Blumenstrauss an ihrer Brust erbebte, verrieten innres Leben und innern Kampf.
Schweigend, aber vergebens, strebte sie wie sonst dem Unvermeidlichen wenigstens
äusserlich gefasst entgegen zu treten, ihr unwillkürliches Zittern, ihre
Unfähigkeit, sich aufrecht zu erhalten, vermochte sie nicht zu überwinden.
    Ernesto stand bleich wie sie selbst neben ihr, sein Blick ruhte auf den vor
alter Zeit in wunderliche Schnörkel gefassten Diamanten, die, zum Brautkranz
zusammengefügt, Gabrielens blonde Locken niederdrückten. Plötzlich ergriff ihn
der Gedanke, dass dieser nehmliche Kranz wahrscheinlich auch an Augustens
Opfertage in ihren Haaren geschimmert hatte, und die Ironie des Zufalls, der
hier den kalten schweren Stein statt der weichen lieblichen Myrte erwählte,
erhöhte den bittern Schmerz, der ihn, den sonst so ruhigen Mann, in diesem
Augenblick der Verzweiflung nahe führte.
    »Alle Liebe erstirbt in diesen Mauern,« rief er aus, »darum ist auch ihr
Symbol daraus verbannt, und spitziger Steine flimmernder Glanz muss dessen Stelle
ersetzen. O Gabriele! mögen Sie nie auf Ihrem Lebenswege die Myrte vermissen,
die jetzt auch Ihrem Schmucke fehlt, und nie ihr begegnen! Dies ist der einzige
Segen, den ich heute Ihnen geben kann, und es klingt wie ein Fluch.«
    »Ich denke Sie zu verstehen, guter Ernesto, und möchte gern Sie trösten,
wenn Sie mir nur glauben wollten,« erwiederte sanft und gelassen Gabriele. »Mein
Leben ist vorüber, wenn Lieben Leben ist. Andern mag Hoffnung strahlen, mein
Stern ist Erinnerung, Erinnerung an eine kurze Stunde voll Wonne und Schmerz,
die nie mir wiederkehren kann und dennoch ewig mich beglückt. In meinem Herzen
ist der Sturm beschwichtigt, um nie wieder zu erwachen, ich weiss es, seit
gestern, da ich es vermochte, vor Ihnen den Namen auszusprechen, den ich nie
wieder nennen werde, obgleich ich es dürfte, denn mein Empfinden ist ruhig und
schuldlos. Das Opfer, welches ich meinem Vater bringe, ist daher nicht so gross,
als Sie es sich wohl denken. Ich opfre keine Hoffnungen, denn ich hatte keine,
kein Glück der Zukunft, denn mir blüht keins, als in der Liebe meiner Freunde,
und die bleibt mir. Für die Freiheit weniger Jahre gewinne ich meines Vaters
Ruhe, seinen Segen, und Frieden mit mir selbst. Es werden der Jahre sehr wenige
sein, mir sagt es mein ahnendes Herz, und warum sollte ich um so hohen Preis mit
einer Hand voll Tage noch geizen!«
    Die Türe öffnete sich, Moritz von Aarheim trat herein. Gabriele zuckte bei
seinem Anblick krampfhaft zusammen, doch erholte sie bald sich wieder, und ging,
gestützt auf ihre Dalling, ihm einige Schritte entgegen. »Haben Sie den Wunsch
meines Vaters erfüllt?« fragte sie leise und zitternd.
    »Ich habe es. In allen Formen, wie er es verlangte, habe ich gerichtlich
mich und meine Nachkommen auf ewige Zeiten verbindlich gemacht, keinen Stein in
Schloss Aarheim zu verrücken, weder zu bauen noch einzureissen,« erwiederte Moritz
in ungewohnter Kürze, denn innre Bewegung und Gabrielens überirdischer Anblick
hemmten den gewohnten Fluss seiner Rede.
    »Wollen Sie auch mir eine Bitte gewähren?« fragte Gabriele. Moritz
antwortete schweigend mit einer bejahenden Verbeugung. »Nun so versprechen Sie
mir, mich nie von meinem Vater zu trennen, solange mir Gott sein Leben erhält,«
bat Gabriele, mit unendlich weicher rührender Stimme und Geberde.
    »Ich verheisse es Ihnen,« erwiederte Moritz, »gewähren Sie mir dagegen die
Versicherung, dass Sie freiwillig und ohne Zwang mir die Hand reichen.«
    »Freiwillig, ohne Zwang,« wiederholte Gabriele kaum hörbar.
    »Der Baron erwartet uns,« sprach Moritz ebenfalls sehr leise.
    Gabriele wankte, indem sie hinausschreiten wollte, Ernesto bot zur rechten
Zeit ihr den Arm, um sie vor dem Fall zu schützen; auf ihn gelehnt, betrat sie
die an das Zimmer ihres Vaters grenzende Kapelle des Schlosses.
    Dort stand der Baron, neben dem Priester am hellerleuchteten Altar, nur die
Bewohner des Schlosses und der Gerichtsdirektor waren als Zeugen gegenwärtig,
bange Grabesstille herrschte unter allen Anwesenden. Feierlich schritt der Baron
dem langsam herannahenden Paare entgegen, er nahm die zitternde Hand der Braut,
die so lange auf Ernestos Arm geruht hatte, und schien dabei diesen in der
Zerstreuung nicht zu bemerken.
    Todesbleiche wechselte mit der Purpurröte des Zorns in Ernestos Gesicht,
während dieses geschah, sein Herz pochte hoch, sein Auge flammte, seine Hand
ballte sich wie zum Kampf. Ungehindert hatte indessen die Zeremonie begonnen,
welche Gabrielens Schicksal unwiderruflich bestimmte.
    Sie ward beendet, alles blieb still, kein fröhliches Getümmel
Glückwünschender drängte sich um die Neuvermählten, und wie bewusstlos schwankte
Gabriele am Arm ihres Vaters in sein Zimmer. Ernesto folgte mit Moritz von
Aarheim, zuletzt Frau Dalling und Annette. Alle übrigen blieben in der Kapelle
zurück, die Türe derselben, welche in des Barons Zimmer führt, ward
geschlossen.
    Der Baron trat in seinem Zimmer an das Fenster und blickte hinüber zur
Brandstätte; wütender Sturm durchtobte heulend die schwarzen Trümmer. »Dort ist
Aufruhr, hier endlich Ruhe,« sprach der Baron, und setzte sich auf seinen
gewohnten Platz. Gabriele, unfähig sich aufrecht zu erhalten, kniete vor ihm
hin. »Dir danke ich diese Ruhe, Gabriele; auch deine Mutter hat viel für mich
getan,« sprach der Baron. »Ich segne dich nochmals, mein Kind,« setzte er
höchst feierlich hinzu, indem er ihre Stirn mit seiner Hand berührte; »auch dich
segne ich, mein Sohn Moritz von Aarheim! halte das Kleinod hoch, das ich dir
übergab.« Es lag etwas besonders mildes in dem Ton, mit welchem der Baron diese
Worte sprach. Ungewohnte Ruhe ebnete die harten Züge seines Gesichts und machte
sie fast unkenntlich. »Jetzt ist mein Haus bestellt. Lebt wohl! ich bin müde und
gehe zur Ruhe,« sprach er noch, und winkte verabschiedend wie gewöhnlich.
    Halb getragen von Annetten und ihrer Dalling, schritt Gabriele langsam der
Türe zu, Moritz und Ernesto folgte ihr; kaum aber hatten sie die Mitte des sehr
geräumigen Zimmers erreicht, als Ernesto den Baron in seinem Lehnstuhl
zusammensinken sah, zugleich verbreitete sich ein betäubender mandelartiger
Geruch. Alle wandten sich plötzlich wieder dem Baron zu. An seinem Halse hing
das kristallne Fläschchen erbrochen an der goldnen Kette herab, er selbst lag
regungslos in seinem Lehnstuhl, kein Zweifel war möglich. Im Geiste des
Kirschlorbeers hatte er den schnellen schmerzlosen Tod eingeatmet, welchen er
einst Gabrielen bestimmte, die einzige Frucht seines jahrelangen, mühseligen,
alchymistischen Forschens.
    In tiefer Ohnmacht sank Gabriele neben der entseelten Hülle ihres Vaters zu
Boden.
 
                                 Zweiter Teil
Wie dem Blitz der Donner, so schnell war bei der Entscheidung von Gabrielens
Geschick die Erfüllung dem ersten Drohen der Gefahr auf dem Fusse gefolgt.
    Ernesto hatte im Drange der Begebenheiten keinen ruhigen Augenblick
gefunden, um Frau von Willnangen auf die Möglichkeit des fast Unglaublichen
vorzubereiten, und selbst, nachdem schon alles entschieden war, währete es noch
mehrere Tage, ehe er Mut und Ruhe des Geistes genug gewinnen konnte, um ihr zu
schreiben. Ueberdies stand er nach dem Tode des Barons wirklich ganz allein in
der alten grausenvollen Burg, mitten unter einem Haufen verschüchterter,
hülfloser Menschen, die alle zu ihm aufblickten, die von ihm beraten und in
Tätigkeit gesetzt zu werden verlangten, um nur dadurch ihren eignen Gedanken zu
entgehen.
    Moritz war zufolge seiner armen, schwachen, an tausend Kleinigkeiten sich
anklammernden Natur, im ersten Schrecken ganz unfähig geworden, nur einen
einzigen Gedanken klar zu fassen; noch weniger vermochte er, einigermassen
zweckdienliche Anstalten zu treffen, wie sie die Umstände heischten. Seine
unglaubliche Unbeholfenheit, Gabrielens bewusstloser Zustand, selbst die
ängstliche müssige Neugier der Bedienten, alles vereinigte sich, die ganze
Tätigkeit des einzigen hellen Geistes in Anspruch zu nehmen, der mitten in
diesem Wirrwarr fähig geblieben war, für die Uebrigen zu denken.
    Ernestos erste Sorge musste das feierliche Leichenbegängnis des Barons sein,
dessen selbst gewählte Todesart er um Gabrielens Ruhe willen möglichst zu
verheimlichen suchte. Der Uebung dieser traurigen Pflicht folgte des neuen
Besitzers festliche Uebernahme der Güter und dem zunächst die Untersuchung der
bisherigen sehr nachlässig betriebnen Verwaltung derselben. Ernesto übernahm
gern jedes Geschäft, teils um Gabrielens willen, teils weil er wirklich
unausgesetzter Tätigkeit bedurfte, um sich selbst aufrecht zu halten.
    Moritz wendete indessen seine Aufmerksamkeit auf unzählige unbedeutende
Kleinigkeiten, die aber alle mit der höchsten Wichtigkeit von ihm betrieben
wurden.
    Ruhig, keiner Erdennot sich bewusst, aber krank zum Tode, lag während der
Zeit Gabriele in tiefer Betäubung auf ihrem Bette, bis sie nach mehreren Tagen
wieder zur Besinnung und ins Leben zurückgerufen ward. Ihr Erwachen glich dem
eines Kindes, das nach einer Nacht voll ängstlicher Träume beim ersten
Aufschlagen der Augen in das milde treue Antlitz der Mutter blickt. Ihr war, als
fände sie sich wieder im Hause der Frau von Willnangen wie bei ihrer ersten
Krankheit. Wie damals, sah sie Ernesto und Annette neben ihrem Bette; freundlich
reichte sie beiden die Hand und begrüsste mit mildem Lächeln den tiefblauen
Himmel voll goldner Herbstwolken, in den sie durch ein grosses Fenster, ihrem
Bette gegenüber, blicken konnte.
    »Ich bin wohl wieder krank gewesen?« sprach sie, »ich habe euch wohl wieder
recht viel Sorge gemacht? mir ist auch, als sei ein grosses Unglück geschehen,
aber ich weiss nicht welches? und so habe ich doch wohl nur davon geträumt.« Da
ging die Türe auf, Moritz trat herein, sein Anblick, seine laute wunderliche
Freude über ihre Besserung, riefen sie plötzlich in helles Bewusstsein zurück.
Alles, alles, was geschehen war, stand in einem fürchterlichen Momente vor ihr,
klar wie der Tag, die ganze Hoffnungslosigkeit ihrer Zukunft, alle Schrecken der
nächsten Vergangenheit. Sie verbarg das Gesicht in die Kissen, ihre Augen
schlossen sich wieder, sehnlich betete sie in ihrem Herzen um neuen Schlummer
ohne Erwachen, aber sie ward nicht erhört, ihre Jugendkraft siegte und jeder Tag
führte sie von nun an näher der völligen Genesung.
    Der Tod ihres Vaters war das einzige Ereignis, dessen Gabriele sich nicht
deutlich erinnerte. Sie selbst hatte ja, fast im nehmlichen Momente als er
zusammensank, ebenfalls das Bewusstsein verloren, und so konnte es Ernestos
sorgsamer Freundschaft gelingen, sie nach und nach auf diese traurige
Begebenheit vorzubereiten, und vor allem ihr das Entsetzen über die Todesart des
Barons zu ersparen.
    Heiss und bitter quollen Gabrielens Tränen als sie endlich vernahm, dass sie
ihrem Vater mit allem, was sie ihm opferte, nur ein paar ruhige Minuten hatte
erkaufen können. Alle ihre, auf dieses Opfer gegründete Hoffnungen von seiner
zufriedenen Zukunft, seinem heitern Alter, seiner Wiederkehr zu den Menschen und
zu milderm Gefühle waren nun verschwunden auf immer; alles, woran sie unter der
ungeheuren Last der übernommenen Pflichten, sich zu halten gehofft, war nun mit
ihm zu Grabe getragen. Gabrielen blieb kein Trost als das Bewusstsein, der
heiligen Stimme in ihrem Innern gefolgt zu sein.
    Nach langem Zögern ergriff Ernesto endlich die Feder, um Frau von Willnangen
die traurige Geschichte der im Schloss Aarheim verlebten Tage kund zu tun. Das
grausenvolle Gespräch zwischen Vater und Tochter, durch welches zuletzt
Gabrielens traurige Bestimmung entschieden ward, konnte er ihr fast wörtlich
mitteilen. Denn als sich der Baron mit seiner Tochter eingeschlossen, hatte
Ernesto in der höchsten Angst seine Zuflucht zu Frau Dalling genommen. Zwar war
diese nicht im Stande gewesen, ihn in das fest verriegelte Vorzimmer zu bringen,
aber sie hatte ihn auf verborgnen Wegen und Treppen zu einem kleinen Behältnis
neben dem Kamine des Barons geführt, von wo aus beide alles deutlich vernehmen
konnten, was im Zimmer gesprochen ward. Nachdem Ernesto Gabrielens mütterliche
Freundin mit jedem, auch dem kleinsten Umstande bekannt gemacht hatte, der zur
Entscheidung ihres Geschickes beitrug, fuhr er in seinem Briefe also weiter
fort:
    »Alle die Bilder und Rätsel, mit denen der Baron Gabrielen betäubte, der
grüne Löwe, die schlummernde Königin, alle bestätigen es mir, dass Forschen nach
übermenschlichen Kenntnissen, besonders nach dem Stein der Weisen ihn dem
Untergange zuführte. In dem zunächst vergangnen Jahrhundert verfielen manche an
Geist ausgezeichnete, bedeutende Männer in den nehmlichen Irrtum und gingen
unter wie der Baron. Auch in unsern, jedem verjährten Unsinn, jeder Schwärmerei
so günstigen Tagen fällt dem Streben nach sogenanntem verborgnem Wissen manches
beklagenswerte Opfer, ohne dass die Welt viel davon erfährt.
    Ich bin zufällig mit der Tendenz und dem Ton der in jenes Fach
einschlagenden Schriften wohl bekannt. Mir fiel ein staubiger Wust
magokabbalistischer und teosophischer Bücher einst in Italien, beim Aufräumen
einer alten Bibliotek, in die Hände. Neugierig durchblätterte ich sie, und
vieles ist mir aus ihnen im Gedächtnis geblieben, was mir jetzt das Betragen von
Gabrielens Vater erklärt. Unter andern entsinne ich mich einer sehr feierlichen
Warnung vor der fünften Wiederholung eines chemischen Prozesses, der, viermal
geübt, jedesmal die Kraft des Steines der Weisen verdoppelt, aber dem, der ihn
zum fünftenmal wagt, unwiderrufliches Verderben bringt. Diese Warnung erklärt
mir des Barons Verzweiflung beim Ausbruch der Flamme, sein späteres Klagen über
das Vergessen der fünften Zahl, durch die er wahrscheinlich das Unheil sich
selbst zugezogen zu haben wähnte. Ich glaube auch die Angst zu verstehen, mit
der sein in Wahn versunkner Geist, kämpfend zwischen Sehnsucht und Grausen, der
Todesstunde entgegen sah. Wer sich solchen Träumereien überlässt wie dieser
unglückliche Greis es tat, der ist auch jeder quälenden Einwirkung des
Aberglaubens und vor allem dem Grauen der Gespensterwelt verfallen, welchem auch
wohl hellere Geister, in dunkeln Momenten nicht immer glücklich entgegenstreben.
    Unter der vor Jahrhunderten schon erbauten Burg Aarheim erstrecken sich
unabsehbare, in den Fels selbst hineingehauene feuerfeste Gewölbe. Ich habe sie
untersucht, so weit ich vordringen konnte. Nach allen Richtungen hin bilden sich
zwei Reihen, unter und über einander, in bedeutender Tiefe; viele sind
verschüttet, viele von den jetzigen Burgbewohnern nie besucht, einige werden von
ihnen noch als Keller benutzt. Ich habe erfahren, dass der verstorbene Baron oft
Stunden lang in den Gewölben unter dem jetzt abgebrannten Flügel des Schlosses
verweilte. Vermutlich ruht dort manches ihm wichtige Geheimnis, manches
Resultat seiner ängstlichen mühsamen Arbeit, auch wohl manche Schrift, die auf
seiner dunkeln Bahn ihn leitete. Was dort liegt, entzog der schützende Fels
wahrscheinlich den Flammen, aber der Zugang dazu ist beim Einsturz des Gebäudes
durch hohe Schuttaufen, durch zertrümmerte Mauern und schwere Steine
unzugänglich gemacht. Des Barons Blick ruhte stets auf diesen Trümmern, sein
Sinnen und Trachten ging nur dahin, jede dort begrabene Spur seines Hoffens und
Misslingens der Welt zu verbergen. Es war ihm unmöglich, nur einen Augenblick
seine Gedanken von diesem Wunsche abzuziehen, der dadurch bei ihm zur fixen Idee
geworden. Kein Wunder daher, dass ihm vor der Möglichkeit graus'the, dort noch
nach Jahrhunderten gespenstisch Wache zu halten, im Fall er ohne die Gewissheit
der Erfüllung dieses seines einzigen Wunsches von der Oberwelt scheiden musste.
Seine Bücher konnten ihn nur in dieser Angst bestärken; ich erinnere mich in
einer solchen Schrift sogar eine förmliche Abbildung des Aufentalts unseliger
Geister gesehen zu haben, die, wie jene Schwärmer lehren, ihn allnächtlich mit
der Oberwelt vertauschen müssen, bis der letzte Wunsch erfüllt ist, der sterbend
sie beunruhigte.
    Es wird Ihnen unglaublich scheinen, liebe Frau von Willnangen! dass ein Mann,
der, wie der Baron, durch Geist, Bildung und Verstand sich einst in der Welt
auszeichnete, bis zu dem Glauben an solchen Unsinn sinken konnte; aber
Einsamkeit, Ehrgeiz und durch diesen erregtes stetes Hinstreben nach einem
Punkte haben wohl noch hellere Geister verdüstert. Uebrigens fiel des Barons
Jugend in die herzlose, trostlose, jedes höhere Gefühl austrocknende Zeit von
Voltaire und Konsorten, und glauben Sie mir, wer in seiner Jugend sich über den
bon Dieu mockiren lernte, der kommt im spätern Alter leicht dahin, vor dem
Teufel zu zittern.
    Unerachtet seiner jammervollen Ansicht von unsrer Zukunft jenseits, peinigte
den Baron dennoch ein unsäglicher Überdruss am Leben, eine ewige Sehnsucht nach
der Stunde des Scheidens aus dieser Welt, in welcher alle sein Hoffen zerstört
war. Ich danke Gott, dass Gabriele die unselige Verknüpfung ihres Geschicks nicht
ganz zu übersehen vermag. Wüsste sie, dass sie selbst ihrem Vater das längst
erwartete Signal gab, die Bürde des Lebens getrost abzuwerfen, unter deren Last
er längst seufzte, wüsste sie, dass sie sein Todesurteil sprach, während sie Ruhe
und Freude für den Späterbst seines Lebens ihm erkaufen wollte, ich glaube sie
überlebte diese Entdeckung nicht. Nur einmal wagte ich die Äusserung gegen sie,
dass vielleicht lebhafte Freude über die Erfüllung seiner Wünsche ihm den
Schlagfluss zuzog, an dem sie glaubt, dass er gestorben sei, und ich bereute es
bitter, als ich sah, wie gewaltsam erschütternd dieser Gedanke ihr Gemüt
ergriff.
    Und so habe ich denn das Verderben des liebenswürdigsten Wesens vor meinen
Augen bereiten sehen, und durfte es nicht abwenden. Vergebens war meine
ängstliche Sorge, vergebens dass ich wie Argus sie bewachte! Wie schwach ist die
Hand der Freundschaft, um gegen das Schicksal anzukämpfen! Ich sah alles und
durfte nichts ändern, um Gabrielens willen durfte ich es nicht. Ich danke meinem
guten Genius, dass er mich mit unsichtbarer Hand im Augenblick der Ausführung von
einem Plan zurückhielt, den die Verzweiflung mir eingegeben hatte, dass ich
Gabrielen nicht gewaltsam entführte, wie ich es Willens war, als ich jeden
andern Weg der Rettung mir versperrt sah. Umsonst hätte sie den Schmerz gefühlt,
mich einer solchen Tat fähig zu wissen. Nichts als offenbare Gewalt hätte sie
abhalten können, zu ihrem Vater zurück zu gehen und seinem Willen sich zu
unterwerfen; ich selbst hätte sie ihm ausliefern oder sie gefangen halten
müssen. Ihre Achtung, ihr Vertrauen, jede Möglichkeit ihr in Zukunft als treuer
Freund zur Seite zu stehen, hätte ich auf ewig und nutzlos verloren. Wir beide,
teure Freundin! wir beide kannten bis jetzt noch nicht die Tiefe und Festigkeit
dieses Gemüts, nicht die seltne Kraft, mit der dieses sonst so zarte Geschöpf
alles zu tragen, allem zu widerstehen weiss, nur nicht dem innern Vorwurf des
Unrechts oder auch nur versäumter Pflicht. Bei aller unbeschreiblichen
Aehnlichkeit mit dem Engel, der ihr zur Mutter gegeben ward, trägt Gabrielens
Wesen doch auch starke Züge von dem felsenfesten Sinne ihres Vaters, dessen
angestammte Geistesgrösse ich, trotz seiner Verfinsterung, anerkennen musste.
    Unerachtet des unaussprechlichsten Mitleids, beobachte ich jetzt mit
Bewunderung, wie Gabriele den furchtbaren Kampf mit sich selbst besteht. Sie
geht gewiss als Siegerin hervor, aber vielleicht sterbend. Schweigend muss ich es
sehen, wie sie die Einsamkeit ihres Krankenzimmers benutzt, um mit ihrem armen
wunden Herzen fertig zu werden, und sich auf den Weg vorzubereiten, welchen sie
künftig zu gehen hat. Ich darf und kann ihr weder einreden noch raten; beides
darf man überhaupt so selten, gerade wenn es der Mühe wert wäre. Und so ergriff
ich heute den ersten besten Anlass, als ich sie eben heitrer als sonst sah, den
Wunsch zu äussern, nächstens meine Einsiedelei im Felsental aufsuchen zu dürfen.
Ich gab vor, diese letzten schönen Tage des Späterbstes zu Studien für meinen
Johannes benutzen zu wollen, aber ich sah deutlich, wie wenig dieses Vorgeben
sie täuschte.
    Lange ruhte ihr schönes dunkles Auge auf mir ehe sie mir antwortete, dann
reichte sie lächelnd unter Tränen mir die Hand. Wo lebt noch ein Freund, der
wie Sie zu kommen und zu gehen und alles zu erraten weiss, was gut wäre und
nützlich? sprach sie. Gehen Sie, lieber Ernesto! weil Sie es wollen, setzte sie
hinzu, gehen Sie morgen, um wo möglich täglich wieder zu kehren. Es ist freilich
nötig, dass ich mich gewöhne allein zu stehen, aber nur allmählig, wie es die
Kinder lernen, darum lassen Sie mich nicht mit einemmale ganz ohne Stütze.
    Es blieb mir nicht verborgen, wie die Gewissheit, dass ich nicht mehr
stündlicher Augenzeuge von den Lächerrlichkeiten Moritzens sein werde, Gabrielen
über meine Entfernung tröstet, obgleich ich mir keine Anmerkung mehr über ihn
erlaubte, seit jenes unselige Band geknüpft ward.
    Arme, arme Gabriele! Giebt es ein härteres Frauenloos als das, sich des
Mannes schämen zu müssen dem man alles aufopferte! Oft ist mir, als wäre
Augustens Geschick neben ihrem harten starren Gebieter, doch noch dem ihrer
unglücklichen Tochter weit vorzuziehen gewesen.
    Dieser Moritz, den ich nie mich werde entschliessen können Gabrielens Gemahl
zu nennen, dieser Moritz geht umher wie einer der nicht weiss, ob ihm ein
Königreich zufiel, oder ob ihm nur davon träume. Noch wage ich es nicht, von
seinem Benehmen gegen Gabrielen eine Meinung zu fassen, mich dünkt, es sei
unstät und wechselnd, wie seine ganze Erscheinung, bis auf die Sprache sogar.
Meine Ueberzeugung, dass er wirklich zu gutmütig ist, um einem lebenden Geschöpf
wissentlich wehe zu tun, gibt mir zuweilen einigen Trost, aber leider schmerzt
jede unversehens erhaltne Wunde deshalb nicht weniger, weil sie uns
ungeschickter Weise und ohne Vorbedacht versetzt ward. Am beunruhigendsten ist
mir eine Spur von misstrauischem Wesen, das ich leider an ihm bemerke;
vermutlich ist es das dumpfe Gefühl eigner Unliebenswürdigkeit, was ihn
argwöhnisch macht, aber ich fürchte davon die schlimmsten Einwirkungen auf
Gabrielens künftige Ruhe.«
Der gesellige Kreis, zu welchem Frau von Willnangen und Auguste gehörten, weilte
noch immer in Karlsbad, obgleich die Brunnenzeit beinahe vorüber war, und die
Zahl der übrigen Fremden mit jedem Tag merklich abnahm. Alle, den Kapellmeister
und den Dichter mit eingeschlossen, hatten dem General Lichtenfels versprechen
müssen, ihn auf sein nur wenige Tagereisen entferntes Gut zu begleiten, um dort
die letzten schönen Tage des Späterbstes mit ihm zuzubringen. Man harrte nur
auf bestimmte Nachricht von Gabrielen, von der man noch nichts als ihre Ankunft
in Schloss Aarheim erfahren hatte, um dann sogleich die kleine Reise
gemeinschaftlich anzutreten.
    Frau von Willnangen hätte sich eigentlich gern davon ausgeschlossen, da sie
vernahm, dass auch die Familie Wallburg mit von der Partie sein würde, aber sie
wusste nicht wie sie dieses anfangen solle, ohne den General durch eine
abschlägige Antwort zu kränken, auch fürchtete sie durch gewaltsames Eingreifen
dem Glück ihrer Tochter vielleicht in den Weg zu treten.
    Augustens sich stets gleichbleibende Heiterkeit, mit der sie Leos
augenscheinliche Huldigung sich gefallen liess, ohne ihn weder geflissentlich
anzuziehen noch zurückzustossen, beruhigte sie ebenfalls nicht wenig. Das
fröhliche Mädchen nahm augenscheinlich das Leben noch zu leicht, als dass man
ihrer Zukunft wegen hätte ernsten Besorgnissen Raum geben müssen. Mit ächt
jungfräulicher Grazie wusste sie den Ernst zum Spiel, das Spiel zum Ernst zu
wandeln, und, gleich entfernt von Leidenschaftlichkeit und Ziererei, nichts zu
gewähren und dennoch gefällig zu erscheinen. Auch verstand es niemand besser als
sie, sich herzlich zu bezeigen, ohne doch zur Vertraulichkeit herabzusinken.
    Ernestos lange erwarteter Brief langte endlich in Karlsbad an. Der Schmerz
der Frau von Willnangen und ihrer Tochter lässt sich mit Worten nicht ausdrücken,
als sie nun die Lösung von Gabrielens Geschick vernahmen. Sie lasen den Brief
wieder und immer wieder, und trauten dabei ihren Sinnen nicht, denn was
geschehen war, liess alles, was sie im Augenblick des Scheidens gefürchtet
hatten, so weit hinter sich zurück, dass es ihnen fast unmöglich ward, an solche
abenteuerliche und fabelhaft erscheinende Ereignisse zu glauben.
    Auguste zerfloss beinah in Tränen, als ihr endlich jedes Bestreben, länger
an Gabrielens Unglück zu zweifeln, misslang. »Ach! wäre sie doch damals in unsern
Armen gestorben,« rief sie, »schmerzlicher als jetzt hätte ich nicht um sie
weinen können und ihr liebes Bild würde zeitlebens wie ein tröstender Engel mich
umschwebt haben. In jeder frohen wie in jeder trüben Stunde hätte ich sie in
himmlischer seliger Glorie mir gedacht. Jetzt, wenn ich wieder froh werden
sollte, muss ich doch mitten in der Freude mich betrüben, so oft es mir einfällt,
welch ein Leben sie indessen an der Seite jenes verhassten lächerlichen Menschen
führet, und jeder Schmerz, der mich trifft, wird mir doppelt wehe tun, weil ich
immer denken werde: Gabriele ist doch noch tausendmal unglücklicher als ich es
je werden kann.«
    »Frevle nicht mit dem Schicksal, mein armes Kind,« sprach Frau von
Willnangen, indem sie die weinende Tochter in ihre Arme schloss. »Du weisst eben
so wenig, welche Pfeile es für dich aufbewahren mag, als du im Stande bist, den
ganzen Umfang von Gabrielens Elend zu übersehen. So drückend ihr häusliches
Leben an der Seite des ungeliebten, sogar widerwärtigen Mannes auch
wahrscheinlich sein wird, es ist doch nicht der höchste Punkt ihres Unglücks.
Jedes stille heimliche Opfer lässt sich bringen, das fast Unleidliche lässt sich
ertragen, wenn wir es nur den Augen der Welt verheimlichen können. Shakspeares »
Smiling at grief«2 ist mehr oder weniger das Loos und die Tugend der besten
unsers ganzen Geschlechts; wir sind dazu geboren. Nur das Mitleid der Welt ist
eine fast unerträgliche Last, und doch wird unsre arme Gabriele diese Last
tragen müssen, wenn sie sich nicht in Einsamkeit begraben will oder kann.«
    »Mit Moritz von Aarheim in der Einsamkeit!« rief Auguste.
    »Es ist furchtbar, ich gebe es zu,« erwiederte Frau von Willnangen, »aber
immer doch noch besser, als das Mitleid der guten Freundinnen, die von nun an
sich alle berufen fühlen werden, zu Gabrielen stets wie zu einer Kranken zu
sprechen, und sich einbilden, die Stimme immer ein paar Töne höher nehmen zu
müssen, um mit recht kläglichem Laut und Blick zu fragen: wie sie sich denn
befinde? Und denke dir Gabrielens Gefühl in der Gesellschaft, wenn sie bei jeder
Platteit des Menschen, zu dem sie doch nun einmal gehört, unaufhörlich erröten
muss; denke dir, wie ihr sein wird, wenn sie das heimliche verlegne Lächeln der
Anwesenden und die ängstlich ungeschickte Sorgfalt sich nicht verbergen kann,
mit der die Bessern um ihrer willen sich stellen werden, als hätten sie nichts
bemerkt! Ich weiss nichts traurigeres als solch ein Loos.«
    »Und was fängt Gabriele nun mit Ottokars Bild in ihrem Herzen an?« rief
Auguste.
    »Ich hoffe, sie soll es heilig und treu bewahren in reiner Brust,« erwiderte
Frau von Willnangen. »Möge sie es immer in der Strahlenglorie sehen, in welcher
es ihrem jugendlich erwachenden Blicke zuerst erschien, so bleibt es der
Schutzgeist ihres Lebens auf einer sehr gefahrvollen Bahn. Meine arme Gabriele
ist sehr jung, sehr unerfahren, um in der Welt als Gattin eines Mannes
dazustehen, den sie nicht einmal zu lieben vorgeben kann, ohne abgeschmackt oder
als Heuchlerin zu erscheinen. Und doch fürchte ich nicht wegen dessen für sie,
was die Welt ihr etwa anhaben könnte, ich fürchte nur ihr Herz, wenn es erwacht.
Möge Ottokars Angedenken es behüten!«
    Sobald Frau von Willnangen nur Fassung dazu erringen konnte, eilte sie, die
traurige Entscheidung von Gabrielens Schicksal der Gesellschaft mitzuteilen.
Alle hörten sie zuerst mit Entsetzen und bald mit der innigsten Teilnahme,
obgleich mancher Nebenumstand im Betragen des Barons und auch die Art seines
Todes ihnen um Gabrielens willen verschwiegen ward. Zorn über die Bestimmung des
liebenswürdigen Wesens war bei dem ältern Teil der Gesellschaft das
überwiegende Gefühl, während Leo und seine Schwestern recht innig mit Augusten
trauerten. Herr von Wallburg behauptete, es dem Novitätenkrämer, wie er Moritz
von Aarheim nannte, gleich angesehen zu haben, dass sein Erscheinen nichts Gutes
bedeuten könne; der General ging schweigend, aber heftig bewegt, im Zimmer auf
und ab, und stand dann vor Adelbert still, der wie vernichtet, bleich und stumm
allein in der fernsten Ecke des Zimmers sass.
    »Armer Adelbert!« sprach der General, und strich liebkosend ihm über die
dunklen Locken hin, »ich hoffte freilich, es solle anders kommen!«
    Mit höchst schmerzlicher Geberde ergriff Adelbert seines Oheims Hand,
drückte sie an seine brennenden Augen, an sein hochschlagendes Herz. »Vater,«
sprach er, »mein gütiger Vater! ich hoffte nichts, ich wünschte nichts, ach! ich
kenne mich ja zu gut, was kann ein Unglücklicher wie ich noch hoffen oder
wünschen! Aber ich erfreute mich ihrer Nähe, ihres Anblicks, wie ich der Sterne
mich freue, ohne sie zu mir herabziehen zu wollen. Sie war so gut, so tröstend
gegen mich wie ein Engel des Himmels, und eben weil sie es war, musste sie
untergehen. Ich bin es, ich, der sie dem Verderben entgegenführte; die
Ueberzeugung davon vernichtet mich, und doch ist es so. Nie hätte Moritz von
Aarheim nur ihr Dasein geahnet, wenn sie nicht mitleidig dort im Tempel neben
mir verweilte. Er wäre den nehmlichen Abend abgereist, wie er es sich
vorgenommen hatte, er wäre nimmer bei Lebzeiten des Barons nach Schloss Aarheim
gekommen; nur um meinetwillen durfte das Verderben sie überschleichen. Ich bin
vom Schicksal geächtet, niemand darf freundlich mir nahen!« Mit verhülltem
Gesicht verliess Adelbert nach diesen Worten das Zimmer, nur Allwill wagte es ihm
zu folgen, dessen weiche Natur sich von ihm stets angezogen fühlte.
    Der General sandte noch den nehmlichen Abend einen Eilboten nach Schloss
Aarheim, um die Bewohner desselben, nebst Ernesto auf das dringendste zu sich
einzuladen. Am folgenden Morgen eilte die ganze Gesellschaft Karlsbad zu
verlassen, wo sie nichts mehr fesselte.
    Ob Herr von Aarheim die Einladung des Generals annehmen, wie er sie
aufnehmen würde, war die ganze Reise über der Gegenstand der allgemeinen
Unterhaltung. Viele von der Gesellschaft glaubten nach diesem ersten Schritte
sein ganzes künftiges Betragen gegen Gabrielen in voraus beurteilen zu können,
sie bedachten nicht die Unmöglichkeit, bei diesem wankenden formlosen Charakter
auch nur von der jetzigen Minute auf die zunächst folgende schliessen zu können.
Alle blieben indessen voll Erwartung, und die, welchen Gabriele am teuersten
war, zitterten heimlich vor dem Gedanken an die erste Stunde des Wiedersehens,
so sehnlich sie auch diese herbei wünschen mochten.
Das bequeme heitre Schloss des Generals, die schönen Umgebungen im bunten
herbstlichen Schmuck, vor allem aber des Eigentümers ungezwungne edle
Gastfreundlichkeit verfehlten nicht, am Ziel der Reise auf die Ankommenden den
angenehmsten Eindruck zu machen. Ein möglichst freier Lebensplan, der jedermann
zufrieden stellen sollte, kam bald zur Sprache und ward förmlich angenommen. Die
Männer beschlossen, den Morgen den Freuden der Jagd zu weihen, während es den
Frauen überlassen blieb, sich einzeln in ihren Zimmern oder versammelt im
gemeinschaftlichen Gesellschaftssaal, nach eigner Wahl zu beschäftigen, bis die
späte Stunde der Mittagstafel Damen und Jäger vereinte. Gesellige Freuden,
Spiel, Tanz, Musik, gemeinschaftliches Lesen sollten die Abendstunden ausfüllen
und geladne Gäste aus der nächsten Umgegend zuweilen Mannigfaltigkeit und
Abwechselung in die Gesellschaft bringen.
    Unter Allwills und des Kapellmeisters Leitung vergingen die ersten Tage
grösstenteils in Anordnungen geselliger Feste, und in Proben kleiner
teatralischer Kunstleistungen, die gewöhnlich mehr Freude gewähren als die
Aufführung selbst. Letztere ward bis zu Gabrielens Ankunft verschoben, denn der
General wünschte Herrn von Aarheim glauben zu lassen, dass alles einzig zu
Gabrielens und ihres Gemahls Empfang veranstaltet worden sei. Herrn von Aarheims
dadurch geschmeichelte Eitelkeit, hoffte er, würde ihn dann freundlicher
stimmen, und ihn bewegen, Gabrielen recht lange im Kreise ihrer Freunde zu
lassen.
    Weder die Gemütsstimmung, noch die Gesundheit Adelberts erlaubte diesem, an
dem edlen Waidwerk Teil zu nehmen, welchem die Herren den Morgen über, alles
andre ausschliessend, oblagen. Angezogen von Frau von Willnangens Güte und
Augustens traulicher Freundlichkeit, gewöhnte er sich daher gar bald, die
Stunden des Vormittags grösstenteils im Zimmer dieser Damen, gewöhnlich mit
ihnen allein zu verleben. Oft war Gabriele der Gegenstand ihres Gesprächs, und
Adelbert konnte dann nie aufhören, den Unstern anzuklagen, welcher ihn, wenn
gleich schuldlos, zur ersten Veranlassung ihres traurigen Geschicks machte.
    »Mutter!« sprach eines Morgens Auguste, da er eben niedergeschlagener als
gewöhnlich sich bezeigte, »liebe Mutter! der Rittmeister verdient unser ganzes
Vertrauen, ich kann es nicht länger tragen ihn so sich quälen zu sehen. Ich
bitte dich, erlaube, dass ich ihm alles sage, was wir aus Ernestos Briefe von den
Umständen wissen, die Gabrielens Vermählung begleiteten. Was du allen andern mit
Recht verhehlst, darf er erfahren, denn gewiss er ist jeder Unbesonnenheit
unfähig, die Gabrielens Ruhe gefährden könnte.«
    Adelbert blickte verwundert auf Augusten, wie sie mit blitzenden Augen und
glühenden Wangen bei ihrer Mutter für ihn sich verwendete. »Fräulein!« sprach er
endlich, halb lächelnd, halb gerührt, »Sie wünschen mir Trost zu geben, Sie
nehmen Teil an meinem Kummer, o hüten Sie sich! auch Sie sind liebenswürdig,
jung, ein Engel an Güte, wie ihre Freundin, auch Sie ergreift das Verderben,
wenn Sie mit Wohlwollen sich mir nahen.«
    »Ich wage es darauf,« erwiderte lächelnd Auguste, »denn Sie retteten meiner
Gabriele das Leben. Ja, das taten Sie, Herr Rittmeister! und eben so unbewusst,
als Sie dem unseligen Moritz sie auslieferten. Wollen Sie über das letzte
verzweifeln, so müssen Sie auch des erstern sich rühmen. Sagen Sie mir nicht,
dass es vielleicht besser sei, Gabriele wäre gestorben; im ersten Schmerz dachte
ich das auch; aber eigentlich halte ich doch viel vom Leben. Im Leben ist
Hoffnung, wer weiss, welche Freuden es Gabrielen noch aufbewahrt, die sie alle
dann Ihnen verdanken muss.«
    Frau von Willnangen hatte indessen Ernestos Brief hervorgesucht. »Ich wage
es auf Augustens Verantwortung,« sprach sie, indem sie ein Blatt desselben
Adelberten hinreichte. »Ja, ich will Ihnen vertrauen, was aus tausend Gründen
jedem Andern ein Geheimnis bleiben muss. Der Anteil, den sie an meiner Gabriele
nehmen, ist zu innig, als dass ich nicht wünschen sollte Sie von der
unverschuldeten Qual zu erlösen. Wissen Sie denn, der eigne Vater hatte
Gabrielen dem Tode geweiht; gekränkter Hochmut brachte den wahnsinnig
Verzweiflenden zu dem entsetzlichen Entschlusse, sie, der er keine, ihrer Geburt
gemässe Existenz zu sichern wusste, mit sich hinabzuziehen in das Grab. Darum liess
er so plötzlich sie zu sich entbieten, und nur durch Moritzens unerwartete
Ankunft ward sie gerettet, ohne selbst die entsetzliche Gefahr zu ahnen, in
welcher sie geschwebt hatte. Der Baron fand in der Vermählung des letzten Zweigs
des Hauptstammes seines Geschlechts mit dem Erben der Vorrechte desselben den
einzig möglichen ehrenvollen Ausweg. Gabriele wurde dem Leben erhalten, während
der verfinsterte Geist ihres Vaters allein, freiwillig, hinabstieg ins Reich der
Schatten. Lesen Sie hier die Bestätigung des Unglaublichen.«
    Adelbert las; das lebhafteste Entsetzen malte sich während dessen in seinen
Zügen.
    »Sind Sie nun überzeugt?« fragte Auguste, als er schweigend das Blatt
zurückgab, »oder werden Sie noch ferner fortfahren, sich selbst mit fruchtloser
Reue zu peinigen?«
    »Das sollten wir überhaupt nie,« sprach Frau von Willnangen, »denn wie wenig
wissen wir was wir tun, wenn es auf den Erfolg unsrer Taten ankommt! Wie
selten hilft uns unsre Klugheit! Was half es denn, dass Ernesto Gabrielen
begleitete? Vermochte er es, sie zu beschützen? Das Leben geht mit uns seinen
gemessenen Gang; wir werden mitgezogen; unsre besten, überdachtesten Plane
scheitern heute am Zufall, unsre Unbesonnenheiten schlagen morgen uns und andern
zum Glück aus. Was hilft es, darüber zu klügeln? Lasst uns nur immer das Gute
ernstlich wollen und üben, und uns darein ergeben, wenn es anders wird als wir
dachten, oder wenn aus unseren an sich gleichgültigen Handlungen ein
unvorhergesehenes Uebel entspringt. Der Zukunft vorgreifen wollen, ist
vermessen. Nicht umsonst bietet uns die Vorzeit so manches Beispiel von Orakeln,
die gerade das angedrohte Unheil herbeiführten, weil die Menschen zu ängstlich
strebten, ihm auszuweichen.«
Der Eilbote, welchen der General nach Schloss Aarheim gesandt hatte, kehrte zur
rechten Zeit zurück, und zwar mit einem Danksagungsschreiben des Herrn von
Aarheim, sehr zierlich, auf goldnem Papier, mit himmelblauer Tinte geschrieben,
in welchem dieser bedauerte, dass Geschäfte, tiefe Familientrauer und die noch
immer schwankende Gesundheit seiner jungen Gemahlin es ihm unmöglich machten,
die an ihn ergangne Einladung anzunehmen.
    Alle fühlten sich durch diese abschlägige Antwort verstimmt, und da
unbefriedigte Neugier keinen kleinen Anteil an dieser Verstimmung haben mochte,
so sah man sich wenige Tage später durch die ganz unerwartete Ankunft Ernestos
um so freudiger überrascht.
    Die ganze Gesellschaft eilte ihm entgegen, drängte sich an ihn mit tausend
Fragen und Erkundigungen nach allem, was Gabrielen betraf, und es bedurfte
seiner ganzen bekannten Geistesgewandheit, um dem überlästigen Forschen
schicklich auszuweichen, nicht bald hier zu viel, bald dort zu wenig zu sagen.
Mit Not und Mühe gelang es ihm endlich, eine ruhige Stunde zu erringen, in
welcher er vor seinen und Gabrielens innigsten Freundinnen sein volles Herz
ungestört ausschütten konnte. Der Schmerz über alles was vorgegangen war seit
sie sich zum letztenmal sahen, erneute sich auf das lebhafteste in dieser
traulichen Zusammenkunft, und es währte ziemlich lange, ehe Ernesto dazu kommen
konnte, von Gabrielens jetziger Lage Bericht zu geben.
    »Das unerträglichste bei Gabrielens Geschick, dünkt mir, ist dessen
Farblosigkeit,« sprach Ernesto. »Ihr Leben gleicht einem jener grauen Tage, wo
es weder friert noch regnet, sondern alles in einem dicken handgreiflichen Nebel
eingehüllt ist, der erkältend jedes Leben erstarren lässt, ohne es eben zu
tödten. Blumen und Blätter sind nicht erfroren, nicht verwelkt, nicht erstorben,
aber sie sehen aus, als wären sie das alles. Ein rechtschaffner Orkan, in
welchem die Welt zittert und splittert, wäre mir tausendmal lieber.«
    »Moritz ist gut,« fuhr er im Laufe des Gesprächs fort, »aber es ist nicht
die rechte, warme, menschliche Güte, die ihn beseelt; nicht jene Güte, die zum
Herzen geht, weil sie recht aus dem Grunde des Herzens kommt, und bei der
jedermann wohl wird. Er ist gut, weil er nicht böse ist, er ist nicht böse weil
es sich nicht schicken will, weil nichts dabei herauskommt, weil - ich weiss, Sie
werden mich nicht missverstehen wenn ich es ausspreche - weil er nicht den Mut
dazu hat, wenn gleichwohl zuweilen die Neigung. Er ist feig, wie alle Narren
seiner Art, obwohl ihn dann und wann der Moment hinreisst, wie damals als er dem
Baron das Fläschchen mit Kirschlorbeergeist entwinden wollte. Dies scheint
indessen die grösste Heldentat seines Lebens gewesen zu sein, denn er hörte
nicht auf davon zu sprechen wenn er mit mir allein war. Ich halte diese Feigheit
Moritzens für dessen gefährlichste Eigenschaft, denn in ihr ruht der Keim zu
tausend andern, als da sind: Misstrauen, Eifersucht, Unwahrheit, Kleinlichkeit,
Eigensinn.« -
    »O genug, genug von ihm,« rief Auguste, »sprechen Sie uns von unsrer
Gabriele.«
    »Die ist ein Engel, von dem sich eben nichts weiter sagen lässt, wenn man den
Erdenklumpen nicht erwähnen darf, an den diese Psyche leider gefesselt ist,« war
Ernestos Antwort. »Woher das junge Kind den Mut, die Geduld, ja sogar die
Lebensklugheit hernimmt, die sie bei jeder Gelegenheit an den Tag legt, ist mir
unbegreiflich. Wahrlich ja, ich fange an in ihren kindlichen Glauben einzugehen,
dass der Mutter verklärter Geist unsichtbar sie umschwebe und sie leite. Sie
erinnern sich, wie nach der Trennung von Ottokar sich ihr ganzes Wesen so
gewaltsam emporrang, dass nach überstandner Lebensgefahr die Genesene, obgleich
immer dieselbe, uns damals wie in einem verklärten erhöhten Zustande erschien.
Jetzt ist sie von jeder Hoffnung auf eine glückliche Zukunft geschieden, wie
damals von dem Gegenstande ihrer stillen Liebe, und zum zweitenmal hat die
nehmliche Veränderung mit ihr sich zugetragen, denn zum zweitenmal fühlt sie
sich erhoben und gekräftigt durch das Bewusstsein des schweren Siegs über sich
selbst. So hoch die Gabriele, welche in Karlsbad von Ihnen schied, über dem
furchtsamen, blassen, zitternden Kinde steht, das bei den Tableaus der Gräfin
Rosenberg zuerst erschien, so hoch erhebt sich die jetzige Gabriele über jene,
die Sie verlassen musste. Auch im Äußern ist sie verändert. Sie ist grösser,
lieblicher, schöner als je. Bescheiden, demütig sogar, vereint sie mit dem
Ausdruck sichrer stiller Ruhe im Gemüt, eine Würde, einen edlen Anstand, der
sogar mir imponirt, und den armen Moritz oft dahin bringt, dass er ärger als je
alle Sprachen durcheinander jagt, um das rechte Wort zu finden; besonders wenn
er ihr etwas anzukündigen hat, von dem er ahnet, dass es ihren Wünschen nicht
zusagen möchte, wie zum Beispiel das Ablehnen der Einladung des Generals.«
    »War es denn nicht möglich ihn zu bewegen, diese anzunehmen?« fragte
Auguste.
    »Ich glaube, es wäre Gabrielen möglich gewesen, aber sie scheint sich
Verhaltungs-Regeln vorgeschrieben zu haben, denen ich nicht einzureden wage,«
war die Antwort. »Ihre ersten Schritte auf der neuen Lebensbahn sind so
bestimmt, so sicher, dabei so eigen, dass es Pflicht ist sie ungestört gehen zu
lassen. Ihr eignes Vergnügen, jeden Genuss opfert sie Moritzen auf, sobald er den
Wunsch davon nur äussert, ohne es der Mühe wert zu achten, ihm merken zu lassen,
dass sie ihm ein Opfer bringt. Im Gegenteil, sie ist gerade in solchen Momenten
noch freundlicher gegen ihn als sonst. Zu Bitten erniedrigt sie sich nie, denn
wen man nicht liebt oder wenigstens achtet, von dem kann ein edler Sinn nichts
für sich erbitten wollen. Gilt es aber ihrem Gefühle von Recht und Unrecht, dann
erklärt sie ihre Meinung, ruhig und bescheiden, und hält sie fest, und lässt sich
nicht irren, ohne sich weiter mit ihm darüber zu streiten. Freilich habe ich
dieses nur einmal erlebt, aber sie ist ja auch noch nicht viel über einen Monat
ihm vermählt. Herr von Aarheim machte Anstalt sie von Annetten zu trennen, die
er bei Frau Dalling in Schloss Aarheim lassen wollte. Er war im Begriffe für
Gabrielen eine Pariser und eine Londoner Kammerfrau zu verschreiben, und
kündigte ihr dieses mit grossem Triumf als einen Beweis seiner ungemeinen
Sorgfalt für sie an. Gabriele erklärte ihm mit wenigen Worten, dass Annette ihr
zu grosse Beweise der liebevollsten Treue gegeben habe, als dass sie je sie von
sich lassen könnte. Die fremde Bedienung verbat sie sich gänzlich, weil
dergleichen zu einem deutschen Haushalt nicht passe. Moritz redete sich Stunden
lang ausser Atem, um die Kunstfertigkeit und Vortrefflichkeit der ausländischen
Kammerfrauen zu beweisen, Gabriele gab alles zu, behauptete aber ganz gelassen,
nichts von diesen Talenten nötig zu haben, und Annette bleibt bei ihr nach wie
vor.«
    »Raubt er ihr denn alle Zeit zum Briefwechsel mit ihren Freunden? zur Uebung
ihrer Talente? zum Genuss ihrer selbst?« fragte Frau von Willnangen.
    »Gottlob nein,« sprach Ernesto, »wenigstens nicht für jetzt, so lange die
Marotte vorhält, die er sich in den Kopf gesetzt hat, seinen Ehestand auf
englische Weise zu führen. Gabriele gewinnt dadurch unendlich an Freiheit, und
fühlt sich obendrein sehr glücklich, dass diese Art zu leben sie einer Menge
lästiger Vertraulichkeiten überhebt. So fällt es ihnen zum Beispiel gar nicht
ein, einander mit Du anzureden. Er nennt sie Madame oder Frau von Aarheim, sie
ihn Herr von Aarheim. Da er wie alle Nachahmer die englische Sitte karikirt, so
würde er es höchst unschicklich finden, wenn ein Fremder an ihrer Art mit
einander umzugehen merken könnte, dass sie ein verheiratetes Paar sind, und er
beeifert sich deshalb, besonders vor Leuten, einer oft höchst lächerlichen
formellen Höflichkeit gegen sie, die ihn immer drei Schritte von ihr entfernt
hält. Bei Tische steht sie nach englischem Gebrauch früher auf als er, um sich
in ihr Zimmer zu begeben. Er bleibt dann noch ein Stündchen allein sitzen,
knackt Nüsse auf, und da er kein Trinker ist, so lässt er seinen Wein vor sich
stehen und verrauchen; dabei langweilt er sich fürchterlich ohne es zu achten,
denn es geschieht à l'angloise. Durch diese Lebensweise gewinnt Gabriele den
grössten Teil des Tages für sich, den sie in ihrem Zimmer bei gewohnten
Beschäftigungen zubringt, ohne dass es Herrn von Aarheim oft einfiele, sie durch
seine Gegenwart zu unterbrechen. Er ist zufrieden, wenn sie nur bei den
Mahlzeiten die Honneurs macht, mehr fordert man ja auch in England von keiner
Lady. Leider aber hat diese Nachahmung englischer Sitte uns auch um ihre
Gegenwart hier im Schloss gebracht. Moritz behauptet, ein neuvermähltes Paar
dürfe wohl gleich nach der Hochzeit auf Reisen gehen, was leider Gabrielens
Gesundheit nicht erlaubt hat, aber während der Flitterwochen sich in
Gesellschaft zu zeigen, wäre unschicklich, undelikat und gemein, und eigentlich
müsse er sich wundern, wie man ihm nur habe so etwas zumuten können. Ich glaube
aber der Ursache seiner Weigerung besser auf den Grund zu sehen, sie heisst
Eifersucht, Eifersucht ohne bestimmten Gegenstand, und deshalb um so
gefährlicher. Herr von Aarheim möchte alle Welt von Gabrielen entfernt halten,
eigentlich mehr aus Misstrauen in sich als in sie. Seine englischen Grundsätze,
welche dem Mädchen jede, der Frau keine gesellige Freiheit erlauben, kommen ihm
dabei trefflich zu statten. Vor jetzt schwebt indessen obendrein Adelberts Bild,
trotz der Narben und des lahmen Fusses ihm als das eines höchst gefährlichen
Nebenbuhlers vor. Unaufhörlich suchte er mich und Gabrielen auf das ängstlichste
über ihn auszuforschen, nannte ihn alle Augenblicke und beobachtete dabei
Gabrielens Mienen auf eine wirklich lächerliche Art. Uebrigens aber, glaube ich,
tut er auch mir die Ehre an, mich für gefährlich zu halten, da er mit Gabrielen
nach seinen Gütern am Rheine gegangen ist, wo er den Winter zubringen will, ohne
mich einzuladen, sie zu begleiten, oder auch nur späterhin zu besuchen. Im
Gegenteil nahm er es als ganz bekannt an, dass ich hieher gehen müsste.«
Die Abende wurden immer länger. Graue Nebel verhüllten Tage lang die Sonne und
trieben die eifrigsten Waidmänner bei ungewohnt früher Zeit dem warmen
kerzenhellen Versammlungs-Saale zu, wo die gesellige Freude in steter
Abwechselung an jedem Abende lebendiger sich regte.
    Seit es entschieden war, dass die zur Königin der Feste bestimmte Gabriele
nicht erscheinen würde, hatte alles einen raschen lebendigen Gang genommen. Zwar
war sie weder vergessen, noch war der Anteil gesunken, welchen Freunde und
Bekannte an ihrem Geschick nahmen, aber man hatte sich darüber ausgesprochen und
wandte nun gerne seine Aufmerksamkeit andern Gegenständen zu.
    Jeder Eindruck verlischt, der nicht täglich erneut wird, vergebens sucht man
ihn festzuhalten, vergebens strebt man, sich länger zu freuen oder zu betrüben,
sobald die Zeit ihre Rechte geltend zu machen beginnt. Selbst Auguste liess oft
vom fröhlichen Taumel sich hinreissen, obschon sie gleich darauf sich
leichtsinnig schalt, so fröhlich gewesen zu sein, während ihre freudenarme
Gabriele einsam-traurige Stunden verlebte.
    »Sie versündigen sich an der Natur und an sich selbst,« erwiderte ihr einst
Ernesto auf eine ähnliche Äusserung, welche sie über ihre jugendliche
Fröhlichkeit tat. »Wie könnten wir nicht nur den Schmerz, sondern auch die
Freude tragen, bliebe ihr Empfinden immer sich gleich? Glauben Sie mir; Niemand
von uns überlebte das zwanzigste Jahr, wenn uns nicht die alles ebnende, alles
erleichternde Gewöhnung zur tröstenden Begleiterin auf dem Lebenswege gegeben
wäre; lebenssatt, oder mit gebrochnem Herzen sänken wir alle lange vor der Zeit
in das Grab.«
    Im übrigen Schloss ging es unterdessen gar fröhlich her, und je bunter und
lauter das Leben von den aus der ganzen Umgegend herbeiströmenden Gästen
betrieben wurde, je zufriedner bezeigte sich der General. Mit der
zuvorkommendsten Gastfreiheit bot er zu allem die Hand, munterte zur Ausführung
jedes Einfalls auf, den irgend einer seiner Gäste zum allgemeinen Vergnügen
angab, und ward dabei selbst mit jedem Tage heitrer. Auch die Freude über
Adelberts sichtbares Genesen verjüngte augenscheinlich den liebenswürdigen
Greis, der mit mehr als väterlicher Liebe an diesem hing. Seine Augen glänzten,
wenn sie auf der Gestalt des geliebten Pflegesohns ruhten, dessen Wange in der
Farbe der Gesundheit wieder zu erblühen begann, und dessen ganzes Wesen von
neuem in frischer lebendiger Teilnahme an der Aussenwelt erwachte.
    Adelberts Wunden heilten wie durch ein Wunder, der Arm blieb freilich steif,
obgleich fast unmerklich, aber der gelähmte Fuss erlaubte ihm schon an Augustens
Seite im Polonoisen-Takte den Saal zu durchwandern, und sei es nun die oft
belobte Nachwirkung der Brunnenkur, oder die Wirkung des gegenwärtigen heitren
Lebens, Adelbert behielt bald nicht mehr vom Ansehen eines Kranken als er
bedurfte, um von allen Fräuleins drei Meilen in der Runde für höchst interessant
erklärt zu werden.
    Die Zeit, welche man ursprünglich im Schloss des Generals zu verweilen
beschlossen hatte, war unbemerkt längst vorübergezogen und der mit starken
Schritten herannahende Winter bestimmte jetzt die Gesellschaft, sehr ernstlich
an den Abschied von ihrem freundlichen Wirte zu denken, sich zur Heimreise zu
rüsten.
    Die Ungewissheit der Frau von Willnangen in Hinsicht auf Leo und Augusten
machte dieser indessen manche Sorge. Vergebens hatte sie fortwährend Beide mit
der grössten Aufmerksamkeit beobachtet; Leos Benehmen und Augustens Herz wurden
ihr mit jedem Tage rätselhafter, und sie selbst immer unentschiedener, ob es
nicht die Pflicht der Mutter heische, Augusten um ihr Verhältnis zu dem jungen
Manne zu befragen, dessen auffallende Weise, sie allen andern vorzuziehen, von
der ganzen Gesellschaft als ein Beweis gegenseitigen Verstehens angesehen wurde.
    »Wecken Sie keinen Nachtwandler, indem Sie ihn beim Namen rufen,« sprach
Ernesto, den sie deshalb zu Rate zog. »Sie geraten in Gefahr, ihn eben dadurch
in den Abgrund zu stürzen, wodurch Sie ihn warnen wollten. Leo ist ein ganz
guter Mensch, aber leider gehört er zu jener Legion von Kurmachern, die in der
Mädchenwelt so viel Unheil stiften. Zum Glück ist Auguste mit ihrer
gegenwärtigen Lage zufrieden genug, um keine Veränderung ihres Zustandes herbei
zu sehnen. Ich bin überzeugt, dass Leo keinen tiefen Eindruck auf sie gemacht
haben kann, obgleich sie seine Huldigungen sich recht gern gefallen lässt. Bei
alle dem wäre es aber dennoch möglich, dass sie eine Zeitlang sich einbildete,
ihn zu lieben, wenn man durch unnütze Fragen sie auf diese Gedanken brächte; sie
könnte in diesem Glauben sogar dahin kommen ihm ihre Hand zu reichen, wenn er
sich erklärte und sich für unglücklich zu halten, wenn er es unterliesse, was aus
Furcht vor dem gnädigen Papa und der gnädigen Mama wahrscheinlich geschehen
wird.«
    »Glauben Sie in der Tat nicht, dass Leo Augusten genug liebt um wenigstens
einen Versuch zu wagen, die Beistimmung seiner Eltern zu einer Verbindung mit
ihr zu erhalten?« fragte Frau von Willnangen.
    »Ich glaube es nicht,« erwiderte Ernesto; »denn was konnte ihn bestimmen,
fast bis zum Abschiedstage damit zu zögern? Mir scheint es, er gehört zu der
Zahl junger Leute, welche wie im Traume umherwandeln, ohne eigentlich zu wissen,
was sie wollen. Sie seufzen, sie werfen mit zärtlichen Blicken um sich, sie tun
bedeutend, alles ohne Plan und Zweck. dabei sind sie wetterwendisch wie eine
Kokette aus dem vorigen Jahrhundert. Heute glühend, morgen kalt wie Eis,
scheinen sie die gestern zur Huldgöttin Erhobene kaum noch zu kennen, und sehen
gelassen, und eigentlich nicht ohne heimliches Behagen drein, wenn es ihnen
gelingt, ein helles Auge zu trüben, eine jugendliche Wange erbleichen oder
erröten zu machen, und ein unerfahrnes junges Herz in schmerzliche Unruhe zu
versetzen.«
    »Welch ein Bild!« rief Frau von Willnangen. »Ist es möglich, dass Sie Leo von
Wallburg dadurch bezeichnen wollen, der noch vor wenigen Wochen in Karlsbad so
viel bei Ihnen galt?«
    »Was er mir galt, gilt er noch bis auf einen gewissen Punkt,« erwiderte
Ernesto. »Seit ich hier bin, habe ich um Augusten willen ihn genauer beobachtet,
und ihn auf mancher der Ungleichheiten betroffen, welche ich eben rügte. Ich
hätte deren wahrscheinlich noch mehrere an ihm erlebt, wenn Augusten von dieser
Seite nur etwas anzuhaben gewesen wäre; sie blieb aber in vollkommner Ruhe,
wenigstens äusserlich, und da musste er das Spiel freilich aufgeben. Uebrigens
streite ich ihm keine der vorzüglichen Eigenschaften ab, um derentwillen ich ihn
sonst schätzte. Er ist hübsch, artig, gewandt, unterrichtet, als Sohn und Bruder
lobenswert, wahrscheinlich wird er auch einmal ein Ehemann, mit dem eine Frau,
die mit ihrer Glückseligkeit nicht gar zu hoch hinaus will, ein zufriednes Leben
führen kann. Aber sein Betragen gegen Augusten erkläre ich deshalb doch für
unmännlich und unwürdig. Es kann ihm nicht verborgen sein, dass der Ahnenstolz
seiner Eltern sich einer Verbindung mit ihr stets auf das ernstlichste entgegen
stellen wird; er fühlt, dass es ihm an Mut, Kraft und Liebe gebricht, dieses
Hindernis zu bekämpfen; er wagt nicht einmal einen Versuch dazu und dennoch
strebt er Augustens Herz zu gewinnen und sogar indirekt der Welt weis zu machen,
es sei gewonnen, ohne doch sich selbst auf irgend eine Weise verbindlich zu
machen. Das ist es, was mich an ihm empört, denn solche Künste sind verächtlich.
Gilt das einfach gegebne Wort dem rechtlichen Manne so viel als ein Eid, so
sollte ihm auch jede absichtlich erregte Erwartung so viel gelten als ein
Versprechen.«
    »Das, was Sie über den jungen Wallburg jetzt aussprachen, habe ich mir immer
dunkel gedacht,« erwiderte Frau von Willnangen, »aber dabei blieb ich stets in
der Ungewissheit, was ich tun könne. Oft glaubte ich den General bitten zu
müssen, dass er den jungen Mann geradezu über sein Verhältnis zu Augusten zur
Rede stellen möge, denn als Mutter dies selbst zu übernehmen, dazu fehlte es mir
an Mut oder an Demut.«
    »An beiden wahrscheinlich, und das ist ein rechtes Glück,« erwiderte
Ernesto. »Aus solchem Einmischen dritter Personen kommt selten etwas gescheutes
heraus, wenn gleich zuweilen eine Heirat, die mich denn immer an Molieres
mariage forçé erinnert, und bei welcher beide Teile sich gewöhnlich sehr
schlecht befinden.«
    »Aber wie meinen Sie, dass ich mich jetzt benehme, sowohl gegen Leo als
Augusten?« fragte Frau von Willnangen.
    »Am besten, Sie benehmen sich gar nicht, sondern lassen alles gehen wie es
geht,« war die Antwort. »Gönnen Sie Augusten noch die paar Tage hindurch die
Freude, sich von Leo adoriren zu lassen, die Trennung kann wohl einen halb
erstickten Seufzer kosten, vielleicht wird auch beim Abschied ein Tränchen mit
den Augenwimpern zerdrückt werden müssen, aber dabei bleibt es gewiss. In vier
Wochen gedenkt sie Leos nur noch als eines vortrefflichen Partners bei Tanz und
Spiel, und vermisst ihn höchstens, wenn sie auf der Promenade ihren Shawl selbst
tragen muss. Auguste steht zu hoch über den gewöhnlichen Mädchen, als dass Leos
Koketterie wirklich hätte Eindruck auf ihr Herz machen können, und schon ihre
ungetrübte Heiterkeit muss Sie hievon überzeugen. Aber wäre dies auch wider
Vermuten geschehen, so wird dieser Eindruck nur um so leichter schwinden, wenn
sie niemanden hat, mit dem sie darüber sprechen kann. Glauben Sie mir, die
Vertrauten sind oft der Ruhe gefährlicher, als die Liebhaber selbst. Eine
ermahnende Mutter ist auch eine Art von Vertraute, sie nennt doch wenigstens den
teuren Namen, und der süsse Klang verfehlt selten, die Töchter über das Tadeln
der Mutter zu trösten.«
    »Wenn ich Sie nicht kennte wie ich Sie kenne, Freund Ernesto,« sprach Frau
von Willnangen, »so müsste ich Sie nach diesen Äusserungen nicht nur für höchst
frivol, sondern auch für herzlos und gemütlos halten. Sind das Ihre Ansichten
der Liebe?«
    »Der Liebelei,« erwiderte Ernesto, »des kalten chinesischen Feuerwerks von
ausgeschnittenem Papier, hinter denen man Lämpchen stellt, womit die Jugend so
gross tut. Glauben Sie mir, nur Wenige sind berufen, den göttlichen Funken in
reiner Brust zu hegen, welcher der Ursprung der heiligsten Gefühle und alles
Grossen und Herrlichen ist. Wem dieser einmal sich entzündet, dem verlischt er
nie, auch nicht im Sturme des Lebens, auch nicht im Grabesdunkel der Trennung,
auch nicht unter dem Schnee des Alters. Aber es gibt auch luftige Irrlichter
für die Menge, welche ihnen nachjagt. Man läuft, man fällt, man verirrt sich,
verlockt andre, aber am Ende kommt doch alles in eine Art von Ordnung, und
wenigstens stirbt die Welt dabei nicht aus.«
Am vorletzten Abend des Abschiedstages sollte die schon längst angekündigte
Aufführung eines Lustspiels sein. Allwill war dessen Verfasser, und das Stück
bestimmt, die lange Reihe der in dem gastlichen Schloss des Generals genossnen
Freuden würdig zu beschliessen. Zuschauer und Schauspieler sahen dieser
Darstellung mit der gespanntesten Erwartung entgegen, welche freilich die vielen
Proben und andre Vorkehrungen erregen mussten, mit denen Allwill die ganze Zeit
über gestrebt hatte, die Erscheinung seines Stücks so vollkommen als möglich
vorzubereiten.
    Zum erstenmal in seinem Leben, wenn gleich nur auf einem Privatteater,
sollte dem Dichter die Erfüllung seines sehnlichsten Wunsches werden; er sollte
die Schöpfung seiner Fantasie auf den magischen Bretern ins plastische Leben
gerufen sehn. Mit welchem Entusiasm er daher bei der Anordnung dieses Festes zu
Werke ging, ist leicht zu erachten. Jahrelang hatte er gestrebt bis zur
lampenhellen Bühne durchzudringen, ohne dass es ihm, trotz der Klagen über Mangel
an guten neuen Komödien, gelungen wäre. Ein Schicksal, welches fast alle Dichter
mit ihm teilen, die ihre teatralischen Arbeiten nicht eher schwarz auf weiss
dem Urteil der Welt ausliefern mögen, als bis sie sich von der Wirkung
überzeugt haben, welche dieselben an dem Platz machen, für welchen sie bestimmt
wurden.
    Das Ausland ist in dieser Hinsicht billiger als wir, selten erscheint dort
ein Schauspiel gedruckt, das nicht vorher auf der Bühne die grosse Probe
überstand. Aber unsre Teaterdirekzionen bedenken nicht, dass es eben so
unmöglich ist, vor der Aufführung über den teatralischen Wert eines Stücks ein
ganz genügendes Urteil zu fällen, als ohne gehörige Beleuchtung über den Effekt
eines Gemäldes zu entscheiden. Schwerlich wird ein Dichter zur möglichsten
Ausbildung seines Talents gelangen können, dem diese praktische Erfahrung
versagt ward, und der heutige Mangel an guten für das Teater passenden neuen
Schauspielen ist vielleicht grössten Teils nur den Schwierigkeiten
zuzuschreiben, die sich zu diesem Zweck dem Dichter überall entgegenstellen.
    Bei Privatbühnen sind die Proben bei weitem das Ergötzlichste für die
Mitspielenden, das weiss jedermann. Auch Allwill erfuhr es, denn er wollte oft
über die gute Laune seiner Schauspieler verzweifeln. Dafür erklärten ihn diese
für den wunderlichsten, krittlichsten, herrsüchtigsten aller Teaterdirektoren,
und zuletzt galt es für ausgemacht, dass zwei Allwills im Schloss hauseten,
feindliche Zwillingsbrüder, die nie zusammen erschienen; der eine, der Dichter,
die Liebenswürdigkeit selbst, der andre aber, der Teaterkönig, ein Despot ohne
Gleichen, ein heftiger mürrischer Kautz, mit dem eben kein Auskommen sei.
    Des armen Allwills gute Laune war indessen schon bei der Austeilung der
Rollen auf fürchterliche Proben gesetzt worden. Es gab dabei unendliche, zum
Teil sehr lächerliche Schwierigkeiten, die er aber sich nur zu sehr zu Herzen
nahm. Wenigstens dreimal so viel Schauspieler und Schauspielerinnen als man
bedurfte, hatten anfangs sich mit grossem Eifer gemeldet, und zuletzt kostete es
dennoch nicht geringe Mühe, nur so viele zusammenzubringen, als man notwendig
brauchte, um alle Rollen des Stücks gehörig zu besetzen. An ersten Liebhabern
und Liebhaberinnen fehlte es freilich nicht, aber ein redseliges altes Fräulein
und einen etwas rauhen invaliden Papa wollte niemand übernehmen. Einer der
besten Freunde des Generals, welcher schon vor dreissig Jahren den Major Tellheim
mit dem grössten Beifall gespielt hatte, fuhr im Zorn auf und davon, weil Allwill
durchaus den ersten Liebhaber von niemand anders als Leo von Wallburg spielen
lassen wollte. Andre, die ebenfalls mit den ihnen zugeteilten Rollen nicht
zufrieden waren, folgten dem ehemaligen Tellheim, indem sie sich ganz in der
Stille fortschlichen, und Allwill war wirklich in Gefahr, die Aufführung seines
Stücks hier eben so gut, als wäre es ein öffentliches Teater, an Rollenneid
scheitern zu sehen.
    Endlich liess Frau von Grünborn, die Nichte jenes Tellheims, sich durch
unablässiges Bitten und Zureden der übrigen Gesellschaft bewegen, die alte Tante
zu übernehmen; ihrem Beispiele folgten andre, und so kam das Ganze zur
allgemeinen Freude allmählig in anscheinende Ordnung. Frau von Grünborn brütete
indessen ganz im Stillen noch über einen grossen Plan, denn so ganz gutwillig
konnte sie sich doch nicht entschliessen, in einer, ihrer Meinung nach,
undankbaren Rolle aufzutreten, und bei dem ersten einsamen Spaziergang mit
Augusten, den sie herbeizuführen wusste, nahm sie Gelegenheit, zu versuchen, ob
es ihr nicht gelingen könne, diese ihren Wünschen günstig zu stimmen.
    »Sie dauern mich unbeschreiblich, liebes Fräulein von Willnangen,« wendete
sie das Gespräch nach unendlichen Liebkosungen gegen Augusten, sobald sie weit
genug vom Hause entfernt waren um keine Lauscher fürchten zu müssen. »Sie dauern
mich, Allwills Eigensinn zwingt Sie, die Elise zu spielen, und ich fühle recht
gut, wie entsetzlich es Ihnen sein muss, vor aller Welt mit Leo von Wallburg
zärtlich zu tun. Gewiss der Gedanke an die Aufführung des Stücks ist Ihnen
deshalb recht peinlich, es kann nicht anders sein, und ich habe es Ihnen schon
lange angesehen. Sie wissen nicht, wie sehr ich Sie liebe, teure Auguste, um
Ihnen einen Beweis davon zu geben habe ich ganz in der Stille Ihre Rolle neben
der meinen gelernt, und bin nun im Stande, Ihnen einen Tausch anzubieten. Das
hätten Sie wohl von Ihrer Nanny nicht erwartet?« setzte sie hinzu, indem sie
Augusten feurig umarmte.
    Mit dem allergrössten Erstaunen hörte Auguste den absurdesten Vorschlag von
der Welt aus dem Munde einer Frau, die alt genug war, um ihre Mutter zu sein,
und die nun, schalkhaft lächelnd, in jugendlicher Verschämteit vor ihr stand.
Die Anspielung auf ein näheres Verhältnis zum jungen Wallburg war ihr freilich
so unangenehm als unerwartet, und eine leichte zornige Regung rötete dabei ihre
Wangen, bald aber siegte das unbeschreiblich Lächerliche in der ganzen Zumutung
ihrer neuen Freundin, und lächelnd gab sie ihr Gehör, als diese mit der
selbstzufriedensten Redseligkeit fortfuhr, ihren Plan weiter aus einander zu
setzen.
    »Vor allen Dingen,« sprach Frau von Grünborn, »müssen wir unsern
Rollentausch aller Welt verschweigen, bis zur Stunde der Ausführung, sonst gibt
ihn Allwill nimmermehr zu; er hat es sich zu fest in den Kopf gesetzt, dass wir
alle seinen Befehlen folgen müssen; steckt er aber erst in seinem
Souffleurkasten, so muss er sich schon alles gefallen lassen, was über seinem
Haupte auf der Oberwelt vorgeht. Ich habe mir in den Proben Ihr Spiel genau
gemerkt, wenn Sie die Rolle noch ein paar Mal mit mir durchgehen, so wird Herr
von Wallburg keinen Unterschied finden, und des Beifalls der Gesellschaft können
wir gewiss sein. Auguste ward dem Vorschlage immer geneigter, je länger sie ihm
zuhörte. Der Gedanke, wie komisch Leos Verwunderung und Allwills zorniges
Schrecken sich ausnehmen müssten, gewann immer mehr lockendes, so dass sie,
zuletzt in einem Anfall von Übermut, sich wirklich entschloss, in den Tausch zu
willigen, und nun, nicht minder eifrig als Frau von Grünborn, selbst sich
bemühte, alles darauf vorzubereiten.
    Der lustige Erfolg übertraf bei weitem Augustens Erwartung. Beide Damen
fanden mit leichter Mühe einen Vorwand bis zum Aufrollen des Vorhangs in ihrem
Ankleidezimmer allein zu bleiben.
    Leo, der mit einem Monolog zuerst die Bühne betrat, erstarrte über den
Anblick der Frau von Grünborn, wie Hamlet indem er den Geist seines Vaters
erblickt. Allwill reckte sich lang aus seinem Souffleurkasten empor, und machte
Miene, ganz auf das Teater heraufsteigen zu wollen, um wegen des Rollenwechsels
Rechenschaft zu fordern, ja selbst die Zuschauer begannen sehr lebhaft zu
werden. Frau von Grünborn liess sich indessen von allem was vorging, nicht im
mindesten anfechten. Sie hatte ihre Rolle zu gut gelernt, um der Eingebungen des
Souffleurs zu bedürfen und besass auch überdem ziemliche Gewandheit und
teatralische Uebung. An Schminke und jugendlichem Putz hatte sie ebenfalls
nichts gespart; man sah deutlich wie sie in grosser Herzensfreudigkeit sich
selbst Illusion machte, und so war denn die Gesellschaft endlich gutmütig
genug, sich diese ebenfalls gefallen zu lassen und dem Wagestück ward von allen
Seiten applaudirt.
    Doch dieser gemässigte Beifall verwandelte sich in ein laut donnerndes
Bravo-Rufen, in ein ganz unerhörtes Händeklatschen, wie man es in einem
Privatteater gar nicht für möglich halten sollte, als Auguste erschien. Die
altmodische Tracht erteilt jungen Personen immer durch den Kontrast des
Scheinenwollen mit dem wirklichen Sein einen eignen unbeschreiblichen Reiz. Das
gepuderte Touppée, die zu beiden Seiten des jugendlichen Gesichtchens tief
hineingehende altmodische Dormeuse, aus der die wunderschönen hellen Augen
schalkhaft herausbljetzten, die schlanke Taille, welche das lange Korsett erst
recht versichtbarte, die netten Füsschen in ihren spitzen Hackenschuhen, die man
bei der hochaufgeschürzten altfränkischen Zirkassienne deutlich sah, alles
dieses verlieh Augustens Erscheinung eine wunderbare Anmut, von der niemand
eine Ahnung haben konnte, der sie nur im gewöhnlichen Leben zu sehen gewohnt
war. Ihr mit der heitersten Laune aufgefasstes und durchgeführtes Spiel liess den
Taumel der Bewunderung, den ihr Anblick erregt hatte, gar nicht enden. Alles
ward dadurch versöhnt. Leo konnte über den Streich, welchen sie ihm gespielt
hatte, nicht länger zürnen, Allwill setzte sich getröstet wieder auf seinem
unterirdischen Ehrenposten zurecht, Frau von Grünborn umarmte sie mit
anscheinendem Entzücken, sobald sie wieder zwischen die Kulissen trat, und pries
überlaut die eigne Selbstverleugnung, mit der sie Augusten die interessanteste
Rolle im Stück freiwillig abgetreten haben wollte.
Je lauter die Freude im Schauspielsaale sich äusserte, je trüber ward Adelbert.
Kaum vermochte er es über sich, das Ende eines kleinen Liederspiels abzuwarten,
in welchem die scheidenden Gäste unter der Leitung des Kapellmeisters dem
gastfreien Hausherren zuletzt ihren Dank brachten. Schmerzlich bewegt verliess er
den Saal, sobald er es unbemerkt tun zu können glaubte, und erschrak nicht
wenig, als mit ihm zugleich auch Auguste durch eine andre Türe in ein an das
Teater stossendes Nebenzimmer trat.
    Verlegen, wie sonst nie, standen sie da, und keines wagte das andre
anzublicken, bis der Abschied zur Sprache kam, der beiden das Herz
zusammenpresste.
    »Sie gehen,« sprach Adelbert, »und in diesem Moment fühle ich erst, wie sehr
Ihre Nähe das Element meines Lebens ward. Erinnerung ist alles, was mir nun
übrig bleibt; ich weiss, um wie viel reicher durch diese mein Dasein geworden
ist, aber wenn mich nun die Sehnsucht ergreift, wie werde ich diese überwinden?
Und wenn ich ihr nachgebe, wenn ich über Berg und Tal hineile, um wieder einmal
in den Strahlen ihrer lieben, gütigen Augen mein Herz zu erwärmen, ach Auguste!
wie werde ich dann Sie finden?«
    »Ich hoffe wie jetzt,« erwiderte Auguste sehr freundlich; »hier nehmen Sie
meine Hand darauf, Sie finden mich wie jetzt, und kämen Sie auch erst nach
langen Jahren; dann vielleicht um so gewisser, genau so,« setzte sie lächelnd
mit einem Blick auf ihre Teater-Kleidung hinzu.
    »Zwingen Sie mich nicht, mich selbst zu täuschen,« sprach Adelbert, und
drückte mit trübem Blick ihre ihm dargebotene Hand an seine hochbewegte Brust.
»Mein tröstender Engel betrat mit Ihnen die Schwelle dieses Hauses, mit Ihnen
verlässt er es wieder, ich weiss es. Diese Hand, welche jetzt in der meinen ruht,
wird in wenigen Tagen einem Glücklichern gereicht. Leo - doch ich missbrauche
ihre Nachsicht, verzeihen Sie mir, ich fühle beschämt, wie unbescheiden ich
ward.«
    »Leo?« rief Auguste und ward dabei feuerrot, »Leo? Nun der zieht übermorgen
jen Norden, während wir dem Süden uns zuwenden, und fast möchte ich wetten, dass
ich Sie früher wieder sähe als ihn.«
    »Fräulein! wäre es möglich! verstehe ich Sie?« fragte Adelbert sehr bewegt.
»Ach ich weiss nicht, welch ein böser Dämon mich in dieser Stunde zwingt, immer
auszusprechen was ich eigentlich verschweigen müsste!« Es ist wohl Ihr fremdes
Ansehen, was so mich verwirrt,« fuhr er, mit trübem Lächeln sie betrachtend,
fort. »Sie sind Sie selbst, und sind es auch nicht. Gewiss wäre es sündlich
vermessen, zu wünschen, Sie wären wirklich, was sie diesen Abend scheinen
wollen, aber ich kann den Gedanken daran nicht los werden und einem armen
Invaliden ist er wohl zu verzeihen, der so Ihnen näher zu stehen wähnen dürfte.
Sie sind so reich, dass Sie dennoch bleiben was Sie sind, wenn gleich diese Rosen
verblüht wären.«
    »Hat es wohl je in der Welt einen jungen Mann gegeben, der einem artigen
Mädchen dreissig Jahre mehr und dazu ein gepudertes Touppée wünscht, bloss um ihr
etwas schönes zu sagen?« rief Auguste ein wenig gezwungen lächelnd, und wandte
sich der Türe zu, in welcher der General ihr plötzlich entgegentrat, um sie zur
Gesellschaft abzuholen.
    Bei Spiel und Tanz schwärmte man noch bis tief in die Nacht hinein. Es war
als ob die Freude jetzt, so nahe vor dem Scheiden, erst recht lebendig werden
wollte. Nur Leo irrte vedriesslich und abgesondert von den übrigen durch die
lange Reihe der Zimmer. Seit mehr als einer Stunde vermisste er Augusten, ohne
sie eigentlich suchen zu mögen, als Frau von Grünborn zu ihm trat und unter der
Behauptung, sie habe Augusten zu einer Quadrille höchst nötig, lachend seinen
Arm ergriff, um mit ihm das ganze Schloss nach ihr zu durchstreifen.
    Beide gelangten auf ihrer Wanderung an das Vorzimmer der Frau von
Willnangen, es ward darin gesprochen, das hörte man deutlich, die Türe war nur
angelehnt, neugierig blickte Frau von Grünborn durch die Spalte und fuhr im
nehmlichen Moment mit einem ganz eigenen Gesicht zurück, um in grosser Hast ihren
Begleiter an ihre Stelle zu schieben.
    Leo traute seinen Augen nicht, er erblickte Augusten in Adelberts Armen und
neben dieser Gruppe Frau von Willnangen und den General. Eingewurzelt wäre er
stehen geblieben, hätte nicht Frau von Grünborn ihn wieder mit sich fort zur
Gesellschaft gezogen, wo sie jedem, der ihr in den Weg kam, die eben gemachte
Entdeckung im strengsten Vertrauen zuflüsterte.
    Bald wurden aller Blicke forschend dem armen Leo zugewendet, der, von der
allgemeinen Aufmerksamkeit gedrückt, verstimmt, erschrocken sogar, es dennoch
nicht wagen mochte, sich früher zu entfernen, als die übrigen, um niemanden Raum
zu lauten Bemerkungen hinter seinem Rücken zu geben. Doch da der General sich
unter dem Vorwand eines ihm plötzlich überkommenen Geschäfts entschuldigen liess,
so zerstreute sich bald darauf die ganze Gesellschaft.
    Tausend unangenehme, einander widerstrebende Empfindungen bemächtigten sich
Leos, sobald er in seinem Zimmer allein sich befand, und raubten ihm für diese
Nacht den Schlummer. So wenig es ihm in den Sinn gekommen sein mochte, sich
ernstlich um Augusten zu bewerben, so schien sie ihm doch in diesem Moment
unendlich reizend und ihr Besitz höchst wünschenswert, gerade weil er ihm
unerreichbar geworden war. Am meisten aber peinigte ihn Reue über sein
bisheriges Streben, sich vor der Welt den Anschein eines innigern Verhältnisses
mit Augusten zu geben; und die Eitelkeit, welche ihn dazu angetrieben hatte,
ward jetzt seine empfindlichste Strafe. Wie oft hatte er nicht Augusten die
gleichgültigsten Dinge absichtlich mit einem höchst wichtigen Gesicht
zugeflüstert! wie oft sich bemüht, dankbar gerührt auszusehen, während sie mit
ihm vom Wetter sprach! Unzähligemal hatte er den unbedeutendsten gegenseitigen
Gefälligkeiten ein geheimnisvolles Ansehen zu geben gesucht und gewusst! Alle
diese Veranstaltungen, die er mit so grosser Mühe ersonnen und ausgeführt hatte,
halfen jetzt zu nichts, als ihm in den Augen der Gesellschaft das Ansehen eines
Abgewiesenen, Zurückgesetzten zu geben. Augustens Charakter stand zu hoch, als
dass selbst der Neid es hätte wagen mögen, ihn in ein zweideutiges Licht zu
stellen. Leo begriff bei so gestellten Dingen, dass ihm keine andere Wahl blieb,
als entweder morgen demütig, wie ein Verstossener, das öffentliche Mitleid und
den heimlichen Spott der Anwesenden zu ertragen, oder in der Stille sich zu
entfernen, ehe es im Schloss Tag ward. Ein innerer Widerwille, den glücklichen
Adelbert zu sehen, trug viel bei, ihn zu der Wahl des letztern zu bestimmen; er
hatte die Flamme zu nahe umgaukelt, um nicht jetzt sich von ihr ergriffen zu
fühlen, und fürchtete daher, vor den Augen des glücklichen Paars etwas trübselig
dazustehen. Nach vorher genommener Rücksprache mit seinen Eltern, machte er sich
daher in aller Frühe auf den Weg. Die Ueberzeugung, dass er aus einem Lande und
von Menschen scheide, welche nie wieder zu sehen in seiner Macht stand, und dass
kein spöttisches Wort aus dieser Ferne in seiner Heimat ihn erreichen könne,
war das einzig Tröstliche, was er mit sich nahm.
Strahlend in einer Freudenglorie, als wäre er selbst der beglückte Bräutigam,
stellte der General am folgenden Morgen die Braut seines Adelberts der
Gesellschaft vor. Die herzlichste Teilnahme aller Anwesenden empfing sie mit
lauten Glückwünschen, nur Herr und Frau von Wallburg machten hierin eine
Ausnahme, und was sie anscheinend Freundliches sich nicht entbrechen konnten dem
Brautpaar zu sagen, war augenscheinlich nur ein Opfer mit kalten Lippen, aus
kaltem Herzen der Konvenienz gebracht. Es mag wunderlich scheinen, dass sie, die
eine Verbindung Augustens mit ihrem Sohne zwar zuweilen fürchteten, aber nie
wünschten, und gewiss nur gezwungen sie zugelassen haben würden, sich jetzt
beleidigt fühlten, weil man es nicht in ihre Macht gestellt hatte, solche
auszuschlagen. Sie bildeten sich ein, Augustens Verlobung als ein gegen Leo
begangenes Unrecht ansehen zu müssen, eigentlich aber verstimmte sie nur die
angeborene Unart mancher Naturen, welche nicht ohne heimlich-neidische Regung
einen Andern im Besitz dessen glücklich sehen können, was sie selbst
verschmähten. Unter dem Vorwande dringender Geschäfte, welche ihren Sohn schon
gezwungen hätten, bei Tagesanbruch ohne Abschied fortzureisen, beurlaubten auch
sie sich noch in der nehmlichen Stunde und eine allgemeine Erkältung, wie man
sie vor weniger Zeit noch nimmer hätte vermuten können, begleitete ihren
Abschied.
    Der übrige Teil der Gesellschaft liess sich gerne bewegen, noch einige Tage
beisammen zu verweilen, um sich des neuen Ereignisses zu erfreuen, dessen
unerwartetes und schnelles Entstehen zu mancher abgesonderten Unterhaltung den
Stoff hergeben musste.
    Adelberts und Augustens gegenseitiges Wohlgefallen hatte sich indessen weit
früher als Andere und sogar sie selbst es vermuteten in eine herzliche, innige
Neigung verwandelt. Verlassen, verraten, an schweren Wunden geistig und
körperlich erkrankt, war Adelbert früher nur durch seines Oheims väterliche
Liebe über dem Abgrund der Verzweiflung gehalten worden, der jedem sich öffnet,
welcher aus goldenen Jugendträumen plötzlich in einer Welt voll höhnender,
treuloser, verächtlicher Larven zu erwachen glaubt. Herminiens Angedenken liess
nicht ab, ihn zu verfolgen, es war zu innig mit seinem Dasein verwoben, er hatte
nur sie gekannt, einzig sie. Zu Hause war sie die Sonne seines Frühlings
gewesen, auf der Universität beflügelte die nahe Hoffnung auf ihren Besitz
seinen Fleiss, im Kriege hatte diese Hoffnung ihm Elend, Wunden, tiefgefühlten
Schmerz über sein zerrüttetes Vaterland ertragen helfen. Sie schwand und mit ihr
der leitende Stern seines Lebens. Er blickte auf die kurze Laufbahn, die er
zurückgelegt hatte. Ueberall, seit er ins tätige Leben trat, starrte
mannichfaches Unrecht, Elend und Verrat ihm entgegen, seine Jugend fiel in eine
sehr trostarme Zeit, in der auch die Zukunft sich immer düsterer verhüllte. Was
blieb ihm daher anders, als jene ungemessene Sehnsucht, zu sterben, welche so
leicht die Jugend zu ergreifen und in trübe Untätigkeit zu versenken pflegt! Da
strahlte plötzlich Gabrielens mildes Licht in die trübe Nacht seiner Schwermut,
er sah, wie fromm, wie ergeben, wie freundlich sie einen grossen Schmerz trug,
dessen Dasein zwar keine Klage verriet, aber ihr ganzes Wesen bezeugte. Er
blickte zu ihr auf, wie zu einem höhern Wesen, wie zu einer Heiligen, der man
nur in demütiger Ferne nachzustreben wagt. Ihr Mitleid, ihre Teilnahme an
seinem Geschick nahm er als einen unverdienten Beweis ihrer Huld, bis sie ihm
entschwand und Auguste an ihre Stelle trat. Auch diese war freundlich, mild,
teilnehmend und voll zarter Schonung. Weniger überirrdisch als ihre Freundin,
schien sie in ihrem fröhlichen Jugendglanz ihm näher zu stehen. Ihr
anscheinendes Verhältnis zu Leo von Wallburg beunruhigte ihn nicht, er wähnte
sich auf ewig von jedem Anspruch in Liebe und Glück ausgeschlossen; um so
getroster überliess er sich der süssen Gewohnheit, nur in Augustens Nähe zu leben.
Tausend Zufälligkeiten banden mit unsichtbaren Fäden ihn immer fester an sie,
jeder Tag brachte ihm neue Beweise ihrer zarten Teilnahme an allem, was ihn
betraf, besonders rührte ihn ihr Bestreben, die Angst um Gabrielens Geschick,
das er veranlasst zu haben glaubte, von seiner Seele zu nehmen. So lebten beide
über zwei Monate lang im wechselndem, aber stets freundlichem Verhältnisse neben
einander. Auguste freute sich am Gelingen ihres Strebens, das verfinsterte
Gemüt eines edlen Menschen zu erheitern, ihn der Welt und dem Leben wieder zu
geben, die so viel Ansprüche an ihn hatten; sie gewann ihn lieb, wie Frauen
alles lieb gewinnen, dessen sie mit treuer Pflege sich annehmen. Jeder Tag
lehrte sie Adelberts schönen, reinen Sinn besser kennen, und Leos wechselndes
Benehmen fing an, sie immer weniger zu interessiren. So nahte die Zeit der
Trennung, und Adelbert wie Auguste gewahrten erst jetzt, wie viel sie indessen
einander geworden waren. Der General hatte, ohne es zu wollen, ihrer Unterredung
nach dem Schauspiel zugehört; längst bemerkte er mit innigem Wohlgefallen, aber
ganz in der Stille, das Heranblühen der Erfüllung seines sehnlichsten Wunsches,
und der jetzige Moment schien ihm günstig, durch sein Hinzutreten alles zu
ordnen und mit klarem Sinn dem jungen Paare in der eignen Erkenntnis seiner
selbst zurecht zu helfen.
    Und so geschah es denn bald, dass liebend und freudig Auguste ihre Hand
abermals in Adelberts legte, um sie ihm nie zu entziehen. Entzückt drückte
dieser das liebliche Wesen an seine Brust, das ihm zum Lohn für den Kampf um
Vaterland und Ehre, die mit Rosen der Liebe durchflochtene Bürgerkrone
häuslichen Glücks bot. Zwar fühlte er nicht die flammende Glut, welche in einem
ähnlichen Momente an Herminiens Seite ihn Sinnenverwirrend zu einer Zeit
ergriffen hatte, von welcher er jetzt gern den Blick abwandte, ohne sie doch
ganz vergessen zu können. Er fühlte sich aber um so glücklicher, je ruhiger er
war, denn diese Ruhe nahm er als das Pfand einer heitern segensreichen Zukunft,
die aus Augustens seelenvollem Auge ihm lächelnd winkte. Auguste war zu
glücklich, um der unlängst verflossenen Tage oft zu gedenken, in welcher Leo sie
umflattert hatte, und geschah es ja zuweilen, so erschienen sie ihr wie ein
jugendliches Spiel, aus dem zu ihrem eigenen grossen Glück nicht Ernst geworden
war.
    Von Frau von Willnangen mütterlicher Freude, von Ernestos Triumph über den
Scharfblick, mit dem er Augustens Herz durchschaut hatte, schweigen wir. In
Adelberts Begleitung traten beide mit Augusten froh und hoffnungsreich den Weg
in ihre Heimat an, wohin ihnen der General noch vor Ende des Winters zum
Hochzeitfeste zu folgen versprach.
Ein langer Brief von Gabrielen, der erste ausführliche, begrüsste Frau von
Willnangen bei ihrer Ankunft zu Hause.
    »Ich weiss es,« schrieb Gabriele, »ich weiss, Ihr mütterlich liebendes Herz
sehnt sich schon lange nach genauer Kunde vom Geschick des armen verwaisten
Wesens, das Ihnen so viel, ach so unendlich viel verdankt; aber ich weiss auch,
Sie lassen statt aller Entschuldigungen meines bisherigen Schweigens die blosse
Versicherung Ihrer Gabriele gelten, dass sie nicht schrieb, weil sie es nicht
konnte, weil sie nichts zu schreiben wusste, so sonderbar dieses auch klingen
mag.
    Den äussern Gang meines Geschicks meldete Ihnen Ernesto; er, der
teilnehmende Augenzeuge, vermochte dies weit besser als ich. Schwindelnd,
beinahe bewusstlos den widerstrebendsten Gefühlen zum Raube, war ich vom Wirbel
des Lebens fortgerissen worden. Jede schicksalsschwere Minute übergab mich der
ihr folgenden, ich konnte kaum die Gegenstände erkennen, an denen ich
vorübergeschleudert ward, bis zur unabänderlichen Entscheidung meiner Zukunft,
während jene Minuten sich zu weniger als vier und zwanzig Stunden an
einanderreihten.
    Sie wissen es, ich tat was ich musste, ich duldete, was keine irrdische
Macht von mir abzuwenden vermochte, doch am Ziele schwand meine Kraft. Ich ward
krank, liebe, gütige Frau! sehr krank. Aus der Betäubung, während welcher meine
physischen Kräfte sich wieder gesammelt hatten, erwachte ich zum tiefsten
Schmerz über den Tod meines Vaters, ich blickte in meinem Jammer um mich her
nach Trost, ich erkannte den treuen Freund Ernesto und Annetten, alles andere
aber war mir fremd, wildfremd, ich selbst sogar, ich und meine künftige
Bestimmung. Das Fremde aber soll man nie beurteilen, bis es zum Bekannten
geworden ist, damit später keine Ungerechtigkeit uns zu Schulden komme. Darum
musste Ihre Gabriele wohl schweigen, es währte lange, ehe ihr alles klar ward.
    Nun bin ich genesen, bin meiner selbst wieder mächtig. Ich erkenne mich
wieder; mein Gefühl, mein Sein, mein Leben, alles was mich umgibt, ist mir
deutlich geworden, so dass ich es nun wagen darf, Ihnen von allem Rechenschaft
abzulegen. Vorahnend sehe ich, wie bei Lesung dieser Stelle meines Briefs Ihr
Herz höher schlägt, wie Furcht vor der nächsten Zeile sie ergreift, und Sie
Klagen erwarten lässt, welche alle Ihre Güte und Liebe nicht zu stillen vermögen.
Nein, geliebte, mütterliche Frau! beruhigen Sie sich, Ihre Gabriele klagt um
nichts, als um den Tod ihres Vaters. Der lebensmüde Greis ruht im Grabe sanft
und still von einem Dasein aus, das er, ich bin dessen überzeugt, um keinen
Preis wieder aufnähme. Gern und schnell entfloh sein entfesselter Geist zu
Regionen des Friedens; darum sollte ich nicht trauern. Aber ich bin eigennützig
und in den Tiefen meines Herzens regt sich der Glaube, dass es meinem Streben
gelungen sein würde, ihm auch dieses irrdische Dasein wieder lieb zu machen,
wäre er mir nur nicht sobald entschwunden. Es dünkt mich oft hart, dass kaum ein
einziger Augenblick seiner Zufriedenheit mir zum Lohne meines Gehorsams ward,
und oft muss ich gewaltsam mich zusammennehmen, um mich daran zu erinnern, dass
ich ja mein eignes Heil bereitete, indem ich ihm gehorchte; dass ein qualvolles
Dasein, innere unauslöschliche Vorwürfe mein Loos geworden wären, wenn er in
Unfrieden mit mir dieses Leben verlassen hätte.
    Und hast du denn Heil dir bereitet? bist du glücklich? Gabriele! So höre ich
Sie fragen. Glücklich, meine teure Freundin, glücklich ist undenkbar viel! Wer
ist denn glücklich? Die Kinder sind es, auch ich war es, da ich ein Kind war.
Ich war es auch noch in einem einzigen Tränenund Wonnenreichen Moment, an der
ersten Grenze der Jugend, die jetzt in meinem kaum angetretenen achtzehnten Jahr
mir schon so fern zu liegen scheint! Und später, als die segnende Hand meines
Vaters meine Stirn berührte, sein Dank bis in die tiefste Tiefe meines Gemüts
erklang, war ich da nicht auch glücklich? Ja ich erkenne es dankbar, ich war es,
wenn gleich nur in seligen Momenten. Mir wurden Lichtpunkte im Leben, wie
Wenigen, und damit darf das Kind Ihrer Wahl sich zufrieden gestellt dünken.
»Gabriele du weichst der Wahrheit aus, du sprichst von der Vergangenheit, und
verhehlst mir die Gegenwart!« Nein geliebteste Frau! ich weiche nicht aus,
ehrlich und offen wie immer, will ich Wahrheit Ihnen geben.
    Ich bin zufrieden, denn ich bin resignirt, möchte ich sagen, wenn Sie diesen
fremdartigen Ausdruck, für den ich aber in unserer Sprache keinen Ersatz zu
finden weiss, nicht in zu trübem Sinne nehmen wollen. Friede mit mir selbst aus
reinem Bewusstsein entsprossen, gibt meinen Tagen Heiterkeit und meinen Nächten
Schlaf. Was darf ich mehr wollen? Alle jene Uebungen, jene süssen
Beschäftigungen, die ich sonst unter Ihren Augen trieb, füllen auch jetzt in der
Einsamkeit meine Stunden vergnüglich aus, mir bleibt Zeit für alles, was sonst
auch mir lieb war. Meine äussern Umgebungen lassen mir nichts zu wünschen übrig.
Eine reiche Kupferstichsammlung, mehrere vorzügliche Gemälde, plastische
Kunstwerke, eine in frühern günstigern Jahren gesammelte reiche Bibliotek sind
der Schmuck unseres Hauses und stehen mir stündlich zu Gebot. Wir wohnen in
einer entzückenden Gegend; mit unaussprechlicher Sehnsucht male ich mir des
Frühlings Erwachen in diesen wunderherrlichen Tälern, auf diesen Rebenhügeln,
wenn um sie die grünen Wogen des von Eisesbanden befreiten Stromes den
fröhlichen Tanz wieder beginnen werden.
    Herr von Aarheim (er selbst wünscht es, dass ich stets so ihn nenne) Herr von
Aarheim begünstigt freundlich und nachsichtig alle meine kleinen Liebhabereien,
er ist wohlwollend, aufmerksam und gütig gegen mich. Ob er manche Sonderbarkeit,
die uns bei seinem ersten Anblick von ihm auffiel, teilweise abgelegt hat, oder
ob Gewohnheit sie mir weniger auffallend macht, wage ich nicht zu entscheiden;
so viel ist gewiss, dass diese seine Angewöhnungen sehr selten störend in unser
häusliches Leben eintreten, und wo sie es könnten, fühle ich die Verpflichtung,
jeden Misston schonend und zuvorkommend abzuwenden, so viel dies in meiner Macht
steht. Auch ohne das Band, durch welches mein Vater in seinen letzten Stunden
mich Herrn von Aarheim vereinte, wäre er als mein nächster Verwandter zugleich
der natürliche Vormund und Beschützer meiner Jugend gewesen, und als solcher
berechtigt, Achtung und Fügung in seinen Willen von mir zu fordern. Meine
jetzige Verbindung mit ihm macht mir beides zur heiligsten Pflicht, ich übe sie
gern, und seine wohlwollende nachsichtige Art mir zu begegnen, erleichtert mir
vieles.
    Wahr ist es, wir leben sehr einsam, die Nachbarschaft ist wie ausgestorben,
alles nun dem Winter auf dem Lande ausgewichen, dem lustigen Leben in den
Städten zugezogen, nur wir allein von allen Güterbesitzern der Gegend, sind hier
geblieben. Doch Sie wissen, Einsamkeit war von jeher die Freundin meiner Jugend,
und jetzt bedarf ich ihrer doppelt. Denn ich hatte und habe noch manches mit mir
allein abzumachen, wozu ich vieler Zeit bedarf. Herr von Aarheim glaubt auch, es
wäre gut, wenn ich, ehe ich in die Welt gehe, mich erst in häuslicher Stille an
meine jetzigen Pflichten gewöhne, und lerne, was künftig mir obliegen wird zu
verwalten. Ich fühle, wie sehr er Recht hat, und selbst, wenn ich seinen Gründen
etwas entgegen zu setzen wüsste, würde ich aus Wahl vermeiden es zu tun, denn
das stille Familienleben auf dem Lande hat auch im Winter für mich grossen Reiz.
Sehnte ich mich nur nicht so unaussprechlich und oft nach Ihrer und Augustens
lieber Gegenwart! Vermisste ich nur nicht so schmerzlich den heitern belehrenden
Umgang Ernestos, des treuen vielerfahrnen Freundes!
    Herr von Aarheim gedenkt im nächsten Spätjahre eine Reise nach Italien zu
unternehmen. Vielleicht gelingt es mir dann, während der Zeit seiner Abwesenheit
mich in Ihrer geliebten Nähe für die lange Trennung von Ihnen zu entschädigen.
Oft wenn mich gar zu sehr nach Ihnen bangt, beschwichtige ich mich selbst mit
dieser lieben Aussicht. Es wird mir ja hoffentlich nicht schwer werden, Herrn
von Aarheims Zustimmung zu einem Besuche bei Ihnen zu erhalten. Zwar liegt es in
seinem Reiseplan, dass ich ihn begleiten soll, aber ich bin entschlossen, dieses
nicht zu hun, und ich werde zu Hause bleiben, weil ich es für besser achte,
jetzt noch Ottokars Nähe zu meiden.
    Ottokar! Da steht er, der Name, den ich je wieder zu nennen, mir einst auf
ewig verbieten zu müssen glaubte, und meine Hand zitterte nicht indem ich ihn
jetzt niederschrieb. Dass er dasteht, sei Ihnen Bürge meines innern Friedens; es
ist der Name des Schutzgeistes meiner jetzigen Ruhe, und der ganzen Zukunft
meines Lebens. Jetzt erst verstehe ich die wahre Meinung meiner verewigten
Mutter, wenn sie mich lehrte: Liebe ist der Quell unaussprechlicher Seligkeit,
durch sich allein, ohne Hoffnung, ohne Erwiderung, ohne Wunsch sogar. Ja
wahrlich, in dieser höchsten Reinheit, muss sie die Seligkeit der Engel sein, die
von uns unerkannt, schützend uns umschweben!
    Ich denke Ottokar, und bin versöhnt mit allen Ereignissen, die in einer Welt
mich treffen können, in welcher auch er lebt, um seinetwillen liebe und ertrage
ich alle Menschen, die mich in meinem Wirkungskreis berühren, die guten wie die
bösen, die freundlichen wie die widerwärtigen. Er ist mir fern, und nie
vielleicht sehe ich ihn wieder, aber er lebt, lebt wirklich, ist nicht das
Geschöpf meiner Fantasie. Dass ich dieses mit Ueberzeugung weiss, beseligt mein
Gemüt mit unnennbarem Frieden. In mir regt sich auch nicht der leiseste Wunsch,
dass etwas in unserem gegenseitigen Verhältnisse anders wäre als es ist. Darum
reise ich nicht nach Italien, denn alles muss so bleiben. Der Schmerz der
Trennung ist vorüber, und nun halte ich mich an die Seligkeit, ihn gefunden zu
haben. Meine Liebe ist ja nur Freude an seinem schönen Dasein, und diese wird
mich begleiten bis an mein Grab, sie wird mich bewahren, rein und treu mich
schützen vor jeder zerstörenden Leidenschaft, sie kann nicht vergehen so lange
ich lebe und sie zu erhalten braucht es keines Wiedersehens.
    Gewiss, meine liebevolle zweite Mutter! Sie zittern nicht für Ihr Kind bei
diesem Bekenntnis? Zittern Sie nicht! Ohne Erröten darf ich sogar in Herrn von
Aarheims Gegenwart Ottokars gedenken, ich dürfte es, wäre der Mann, dem mein
Vater mich verband, zugleich der Gegenstand meiner freien Wahl. Ich kenne den
ganzen Umfang der heiligen ernsten Pflicht, die mir auferlegt ward, aber mein
Herz schlägt ruhig und zeiht mich keiner Untreue. Vor dem Altare gelobte ich
Treue dem Gemahl, gefällige Achtung, Ergebenheit und liebevolle Teilnahme an
allem, was ihn berührt in Freude und Leid; mehr kann niemand geloben und ich
werde halten was ich versprach. Was aber hat dieses Geloben mit dem Gefühl zu
tun, das mein inneres Dasein mit Ottokar aufs innigste verwebt? Dieses ist
nicht von dieser Welt, hat mit ihr so ganz und gar keinen Zusammenhang, dass jede
ihrer Einrichtungen es nur enteiligen könnte. Wozu jemals geloben, Ottokar ewig
zu lieben? Gelobt man denn zu leben? zu atmen? Das kommt ja alles von selbst,
und die Liebe, die ich meine, ist ja nur reines äterisches Leben ohne Absicht,
ohne Wollen entstanden, und kann nie vergehen. Wie ich Ottokars, so trug meine
Mutter Ferdinands Bild in reiner, treuer Brust, und sie war das Muster der
Frauen.
    Sie sehen demnach, meine teure zweite Mutter! Sie können ruhig sein um Ihr
entferntes Kind. Ich bin zufrieden. Im Äußern nichts, das tief mich verletzen
könnte; im Innern Kraft und Mut, Liebe und Frieden. Was darf der arme Mensch
vom Schicksal Höheres fordern? Ich wende den Blick hinab auf die Tausende, die
neidend zu mir heraufblicken, und schaue nicht hinauf zu jenen, denen ein
vollerer Freudenkranz, von wenigern Dornen durchflochten, gereicht ward, als
mir.«
Wer einer Feuersbrunst, oder der Raubsucht plündernder Feinde alle seine Habe
hingegeben sah, der nimmt, was unverhofft ihm gerettet ward, so dankbar auf, als
wäre es ein Geschenk. In der ersten Freude über das schon verloren Geglaubte
dünkt man sich anfangs mit dem zehnten Teil seines Eigentums beinah reicher
als vorher im Besitz des ganzen, und nur allmählig gewöhnt man sich wieder, ein
jedes gehörig zu würdigen.
    Gleich einem solchen, dem Feuer oder den Feinden entrissnem Kleinode,
betrachteten Gabrielens Freundinnen diesen ihren ersten Brief seit ihrer
Vermählung. Mit innerem Zagen und mit widerstrebender Hand hatte Frau von
Willnangen ihn entsiegelt; sie fürchtete in herzzerschneidenden Klagen ihres
Lieblings die traurige Bestätigung aller der trüben Ahnungen lesen zu müssen,
welche Gabrielens Geschick ihr in den dunkelsten Farben vorspiegelten. Was sie
von ihr las, übertraf daher so ganz ihre Erwartung, dass wenig daran fehlte, sie
hätte sich dadurch verleiten lassen, sie glücklich zu preisen. Freilich schwand
dieser erste Freudentaumel früh genug, aber der tröstende Eindruck konnte
dennoch nicht gänzlich verlöschen. Allen den lieben Sorgen, allen den
mannigfaltigen Beschäftigungen, welche Augustens Ausstattung und Vermählung
notwendig machten, unterzog sich Frau von Willnangen von nun an mit weit
leichterem Herzen, und auch die junge Braut gab an Adelberts Seite sich dem
Glück unbefangener hin als zuvor. Gabrielens trauernde Gestalt war in manchen
Momenten oft wie ein stiller Vorwurf zwischen Augusten und die Freude getreten.
Die Ueberzeugung, dass die geliebte Freundin weit weniger beklagenswert sei, als
sie es sich gedacht hatte, schien ihr jetzt erst die rechte Erlaubnis zu geben,
es sich selbst zu gestehen wie glücklich sie sich fühle.
    Der General Lichtenfels und Adelbert teilten freudig die Hoffnungen,
welchen Frau von Willnangen und ihre Tochter sich so unbedingt überliessen, nur
Ernesto ward sichtbar trübe und verstimmt nach Lesung des Briefes, der alle
andern beruhigt hatte. Verstummend gab er ihn in die Hände der Frau von
Willnangen zurück, und antwortete nur mit einem halberstickten Seufzer und
abgewandtem Blicke ihren, um Bestätigung des eignen frohen Gefühls bittenden
Augen.
    Nicht Gabrielens gegenwärtige Lage beängstigte so den treuen Beschützer
ihrer Jugend. Er kannte die Elastizität ihres Gemüts, dessen Kraft zum Guten
durch Uebung, auch der schwersten Tugend, nur erhöht, nicht gemindert werden
konnte und baute fest darauf. Aber seit er Gabrielens Brief gelesen hatte,
vermochte er es nicht ein banges Vorgefühl künftigen Unheils von sich
abzuschütteln. Er zitterte vor dem Gedanken, sie einst, vielleicht bald die
tiefe Einsamkeit verlassen zu sehen, in welcher ihr jetzt alle ihre Tage in
steter Dämmerung, von lieben Erinnerungen umgaukelt, hinschwanden. Denn Ruhe,
ungestörte einförmige Ruhe, dieses trübe Surrogat des Glücks, waren, seiner
Ueberzeugung nach, alles, was die Freunde der armen Gabriele dieser von nun an
noch wünschen konnten, damit nichts sie völlig aus dem schönen Traume erwecken
möge, den sie, wie er fürchtete, schon halb erwacht, sich noch fortzuträumen
bemühte.
Es hatte wirklich den Anschein, als ob Ernestos fromme Wünsche für Gabrielens
Ruhe auf das pünktlichste in Erfüllung gehen sollten, denn sie lebte lange Zeit
am schönen Ufer des Rheins, in abgeschiedener, beinahe klösterlicher Einsamkeit.
Nie sah man sie ausserhalb des Bezirks der zu ihrem Schloss gehörenden
Gartenanlagen, als in Herrn von Aarheims Gesellschaft, höchstens mochte sie es
zuweilen an schönen Abenden wagen, allein oder nur von Annetten begleitet, in
ihrer Gondel auf den goldig grünen Wellen des Stroms hinzugleiten. Argwohn und
Eifersucht hatten ihrem Gemahle gelehrt, sie von allen Seiten so schlau
einzuengen, dass es gar keines ausdrücklichen Verbots von ihm bedurfte, um
Gabrielen jede Verbindung mit der Aussenwelt unmöglich zu machen. Dass man in
seinem Schloss nach englischer Sitte die Tageszeiten einteilte, die
Frühstücksstunde auf den Mittag, die Mittagsstunde auf den Abend verlegte, damit
war schon ein grosser Schritt zur Absonderung von der ganzen Nachbarschaft
geschehen, der grösste aber dadurch, dass Moritz bei seiner Ankunft unterliess, mit
seiner jungen Gemahlin die gewohnten Besuche zu machen, um sie vorzustellen.
    Nichts wird strenger und sichrer geahndet, als eine solche absichtliche
Verletzung der allgemein hergebrachten Sitte, besonders in kleinen Städten, oder
in einem nachbarlichen Kreise auf dem Lande. Man erklärt sich dadurch selbst in
die Acht, und alle die, mit denen nicht sein zu wollen wir bezeigen, halten sich
durch unser Verfahren berechtigt, wider uns zu sein.
    Die arme Gabriele würde dieses schwer empfunden haben, hätte ihre natürliche
Anspruchslosigkeit sie nicht verhindert zu bemerken, wie man bei allen
Gelegenheiten sogar ihre Existenz zu ignoriren beflissen war. Auch das aller
unbedeutendste Geschöpf kann nicht so total übersehen werden, als sie es wurde,
so oft ein seltner Zufall sie in die Nähe derer brachte, welche Herr von Aarheim
ohne ihr Zutun beleidigt hatte. Dieser fühlte das zu seiner grossen Kränkung
sehr deutlich, und strebte durch tausend kleine Künste es Gabrielen zu
verbergen; aber er hätte diese Mühe füglich sparen können, denn Gabriele schien
in ihrer Lebensweise nicht die mindeste Abweichung vom allgemein Ueblichen zu
finden. Briefe, welche sie von den Freunden ihrer Jugend empfing, oder an sie
schrieb, waren in ihrem gleichförmig-stillen Leben die einzige Auszeichnung
eines Tages vor dem andern und eine unbestimmte süsse Sehnsucht bemächtigte sich
ihrer allmählig in dieser ungestörten Einsamkeit. Oft sass sie Stundenlang
allein, das blühende Lockenköpfchen auf die weisse Hand gestützt, in dämmernden
Träumen verloren. Hell und einzeln perlten Tränen unter den langen seidnen
Augenwimpern hervor, und fielen langsam herab, wie wenn der West eine
tropfenschwere Rose wiegt. Ein namenloses süsses Weh durchzuckte schmerzlich und
freudig ihr volles Herz, dann nannte sie leise Ottokars Namen, und blickte
verwundert, gleichsam sie zählend, auf die Tränen, die ihrem Auge entquollen,
sie wusste nicht warum. Zum Glück wurde Frau von Willnangen und Ernesto durch den
Ton, der in Gabrielens Briefen vorzuherrschen begann, auf die jetzige Stimmung
ihres Lieblings sehr bald aufmerksam gemacht, und ihre warnende Stimme kam nicht
zu spät, um die Träumerin zu erwecken.
    Gabriele riss sich mit gewohnter Kraft plötzlich empor. Die Gefahr bei diesem
süssen Verlieren in sich selbst entging von nun an ihrem klaren Blicke nicht,
noch weniger die Notwendigkeit, in nützlicher Tätigkeit Schutz gegen jene
Lähmung des Geistes zu suchen, deren leises Heranschleichen sie jetzt deutlich
erkannte. Ein würdiger Gegenstand dieser Tätigkeit zeigte sich ihr, so wie sie
nur Gewalt genug über sich gewann, den Blick auf das ihr Zunächstliegende zu
wenden.
    Seit Moritz so einsam auf dem Lande lebte, hatte er sich mit seiner
gewohnten Oberflächlichkeit auf die praktische Oekonomie geworfen. Und sie bot
seiner Vorliebe für neue Erfindungen ein unübersehbares Feld. Täglich ward etwas
Neues unternommen, sein unruhiges, in sich selbst sich zersplitterndes Wesen
erlaubte ihm aber nicht, irgend etwas vollenden zu lassen. Was gestern erbaut
ward, musste heute wieder eingerissen werden; Menschen und Tiere wurden
stündlich von den notwendigsten Feldarbeiten abgerufen, um zur Fröhnung irgend
einer momentanen Laune ihres Gebieters ihre Kräfte herzuleihen. Die alten treuen
Arbeiter, welche an dem Boden, den ihre Urgrossväter schon im Schweisse ihres
Angesichts gebaut hatten, sich eine Art von Anrecht erworben zu haben glaubten,
sträubten sich vergebens gegen dieses Verfahren; vergebens verteidigten sie
ihre alte Art das Land zu bauen mit dem, dem Landmann eignen Widerwillen gegen
alle Neuerungen. Die Starrsinnigen wurden des Dienstes entlassen und Fügsamere
traten an ihre Stelle. Pflüge und Pflüger, Hirten und Heerden, Pflanzen und
Gärtner wurden mit unendlichen Kosten aus dem Auslande verschrieben, aus
England, aus der Schweiz, aus Spanien sogar. Die Umgegend füllte sich mit
fremdartigen Gestalten, Abenteurer aller Art drängten sich herbei, welche Herrn
von Aarheim mit den niedrigsten Schmeicheleien zu gewinnen wussten, und die ganze
Nachbarschaft sah in stiller Schadenfreude zu, wie er, der sich das Ansehen gab,
klüger sein zu wollen als alle, auf das gröbste hintergangen ward.
    Alle diese Missbräuche konnten Gabrielen nicht entgehen, sobald sie mit Ernst
um sich blickte, und indem sie solche gewahrte, musste sie zugleich die
Verpflichtung fühlen, die gutmütige Schwäche ihres Gemahls nicht länger als
untätige Zuschauerin missbrauchen und verspotten zu lassen. Das Beispiel ihrer
Mutter schwebte ihr vor, die mit sanfter Hand und klugem Auge der Verwaltung der
Güter von Schloss Aarheim vorgestanden hatte, und das Gefühl, wie unendlich viel
zur Erreichung dieses Vorbilds ihr noch mangle, durfte Augustens Tochter nicht
abschrecken, ihm wenigstens von ferne nachzustreben. Zum Glück fand Gabrielens
Unerfahrenheit bald einen verständigen und treuen Beistand in einem alten
Wirtschaftsbeamten, dem einzigen aus der vorigen Zeit, der unter einem wüsten
Haufen aus allen Teilen Europens zusammen gelaufnen Gesindels noch da stand.
Eine Art von Scheu vor seiner durch lange Dienstjahre bewährten Treue hatte
Herrn von Aarheim abgehalten, ihn, gleich den übrigen alten Dienern zu
entlassen.
    Die Gärten waren der erste Gegenstand, welchen Gabriele unter ihre besondere
Obhut nahm. Dies schöne Gebiet gehört ohnehin, wenigstens zur Hälfte, in das
Reich der Frauen, und Herr von Aarheim trug freudig seiner Gemahlin alle vom
Gartenbau handelnde Bücher aus seiner Bibliotek selbst herbei, sobald sie nur
den Wunsch äusserte, sich mit der Oberaufsicht desselben zu beschäftigen. Der
Gedanke, dass Gabriele beginne, an seinen Verbesserungsplanen Teil zu nehmen,
entzückte ihn um so mehr, da seiner Meinung nach gerade der Teil derselben,
welchen sie erwählte, sie immer mehr von der Aussenwelt trennen und in die Nähe
des Schlosses bannen musste.
    Sie begann ihr neues Geschäft mit dem grössten Eifer zu treiben. Die Tische
in ihrem Zimmer waren bald mit Plänen zu Gartengebäuden, Anlagen und
Treibhäusern aller Art bedeckt, sie kamen nach und nach unter ihren, durch
vieles Zeichnen geübten Augen ins Dasein und der grosse Garten ward unter ihrer
Leitung sehr bald ein Paradies voll Duft und Blumen und Früchte. Herr von
Aarheim, im Entzücken über das Gedeihen der exotischen Pflanzen, welche er mit
grossen Kosten aus fremden Ländern hatte kommen lassen, übersah es gern, dass
Gabriele deshalb auch die Einheimischen nicht verbannte und Weinstöcken und
Obstbäumen nicht minder die ihnen zukommende Pflege angedeihen liess, als dem
Pisang oder der Ananas.
    So verging das erste Jahr ihrer Ehe. Uebung vermehrte Gabrielens Kraft und
Moritz bemerkte mit Erstaunen die ernste Tätigkeit seiner jungen Gemahlin. Die
Gewandteit, die Sicherheit, die Ruhe, mit der sie alles vollbrachte, was sie
unternahm, erregten seine Bewunderung, während ihr ganzes Betragen ihm eine
Achtung einflösste, vor der das ängstliche Misstrauen, mit welchem er sie bisher
bewacht hatte, es wenigstens nicht wagte, sich zu zeigen. Seine innere Unruhe,
die ihn von jeher rastlos in der Welt nach Neuigkeiten herumjagte, erwachte, so
wie er in Hinsicht auf Gabrielen ruhiger zu werden begann, und unwiderstehlicher
als je fühlte er in sich den Wunsch, ihr nachgeben zu dürfen. Des ökonomischen
Steckenpferdes, so wie der ländlichen Einsamkeit war er eigentlich längst
überdrüssig geworden; nichts konnte ihm daher erwünschteres kommen, als dass
Gabriele späterhin ihre Neigung erklärte, sich nicht allein der Gärten, sondern
auch der ganzen Verwaltung des Gutes anzunehmen. Er fand die Bereitwilligkeit zu
bequem, mit der sie ihn so mancher, ihm jetzt höchst lästigen Sorge überhob, als
dass er sie sich nicht recht gern hätte gefallen lassen sollen, um so mehr, da er
sich dabei das Ansehen geben konnte, als erzöge er sich in seiner Gemahlin eine
Schülerin seiner ausserordentlichen ökonomischen Kenntnisse. Vielleicht war er
auch eitel genug, sich dieses selbst einzubilden, während Gabriele, nach dem
Rate ihres redlichen Inspektors allmählig alle schädliche Neuerungen abstellte,
welche Herr von Aarheim eingeführt hatte, und nur die bessern beibehielt, ohne
dass dieser irgend eine Veränderung bemerkt hätte. Immer sorgloser, fasste er
endlich gar den Mut, Gabrielen erst auf Tage, sodann auf Wochen sich selbst zu
überlassen, und zuletzt sie zur unumschränkten Regentin seines Gutes und seines
Hauswesens zu machen, während er in den naheliegenden Städten umherzog, oder
sich auf kleinen mineralogischen Reisen in das Gebürge vertiefte.
    Bald unter dem Vorwande des Heimwehs, bald ganz ohne Abschied in der Stille,
verschwanden nun auch nach und nach die fremden Abenteurer, welche Herr von
Aarheim früher um sich her versammelt hatte; eigentlich wohl, weil keiner von
ihnen unter der Oberaufsicht des alten Inspektors mehr seine Rechnung fand. Die
alten, von ihnen vertriebenen deutschen Gesichter erschienen wieder, doch Herr
von Aarheim nahm von allen diesem keine Notiz. Wenn er zuweilen eine Säemaschine
oder einen neuerfundenen Pflug in Aktivität erblickte, war er vollkommen
zufrieden, gab sich das Ansehen, als sei er überzeugt, dass alles noch nach
seiner Vorschrift betrieben werde und vermied jede Aufklärung oder Rechenschaft,
welche Gabriele ihm zu geben stets bereit war. Sein ewig wechselnder Sinn hatte
ihn eigentlich dem Himmel zugeführt, indem er ihn der Erde abwendete, und es war
nicht sowohl Vertrauen in Gabrielens Kenntnisse, als Überdruss und Eckel an
seiner ehemaligen Lieblingsbeschäftigung, was zu diesem Benehmen ihn bewog.
Quadranten, Globen, Ferngläser aller Art, gaben jetzt seinen Zimmern das Ansehen
eines Observatoriums, aus welchem Fellenberg, Taer und Artur Young völlig
verbannt wurden, denn Astronomie war für dem Augenblick sein Lieblingsstudium
geworden. Diese neue Leidenschaft begann endlich, ihn so mächtig zu beherrschen,
dass er, der früher die Reise nach Italien aufgegeben hatte, um Gabrielen nicht
zu verlassen, sich jetzt mitten im Kriege nach England schlich, einzig um in
Slowe auf Herrschels hohem Sessel in den Lüften zu schweben, mit einem Fernglase
in dessen kolossalen Tubus zu kuken und dessen neuerfundenen Kometenjäger zu
bewundern.
So waren drei Jahre verstrichen, und Gabriele hatte in steter Einsamkeit, fern
von den Freunden ihrer Jugend, ihr zwanzigstes Jahr vollendet, doch war sie
durch einen ununterbrochenen Briefwechsel mit Ernesto, Augusten, Frau von
Willnangen, sogar mit der guten alten Frau Dalling, die rege Teilnehmerin an
allen ihren Leiden und Freuden geblieben. Ja dieser war es eigentlich, welcher
noch Abwechselung und Bewegung in den Lauf ihres Lebens zu bringen vermochte,
denn ihre eigene Existenz glitt so einförmig an ihr vorüber, dass das Schwinden
der Tage ihr nur durch den Wechsel der Jahreszeiten bemerkbar werden konnte. Die
Zeit, welche sie bei ihrer Tante verlebt hatte, die Tage voll Schmerz und Lust
im Hause der Frau von Willnangen, ja selbst Ottokars Bild schwebten nur noch in
dämmerndem Scheine vor ihrer Seele, wie die Tage der Kindheit vor dem innern
Auge des lebensmüden Greises schweben, der liebend noch an ihnen hängt, obgleich
er es nicht mehr vermag, sie noch deutlich aus der weiten Ferne zu erkennen. Im
ruhigen Bewusstsein erfüllter Pflicht, aufrecht erhalten durch rege Tätigkeit,
konnte Gabriele nicht in dumpfe Apatie versinken. Der Anblick der Natur, das
Gelingen ihres Strebens, liess sie nicht unergötzt, aber kein frohes, glückliches
Empfinden rötete je ihre Wangen höher, strahlte in ihrem Blick, oder
beschleunigte das ruhige Pulsiren ihres Herzens zu rascheren Schlägen. Sie war
ruhig, so ruhig, dass sie fast keinen Wunsch mehr kannte, und dieses Gefühl
teilte sie in ihren Briefen ihren Freunden mit. Ernesto selbst musste endlich
aufhören, für ihre Zukunft besorgt zu sein.
    So lange Gabrielens Gemahl in England verweilte, setzte sie die eingezogene
Lebensweise fort. Gewohnheit hatte sie ihr täglich werter gemacht und bei
Moritzens Heimkehr überraschten diesen überall Beweise ihres unermüdeten,
stillen, wohlgeordneten Wirkens. Was er noch von seiner ehemaligen
Eifersüchtelei beibehalten haben mochte, verschwand, wie Eis an der Sonne, vor
dem ruhigen Blick und der über das ganze Wesen der schönen Frau ergossenen
Würde, mit der sie freundlich, doch nicht heuchelnd ihm entgegen trat und ihn
willkommen hiess. Die englische Manie hatte er ohnehin in England verloren, er
kehrte heim, fest entschlossen, einen neuen Lebensplan zu ergreifen; nur
schwankte er noch in der Wahl desselben, als bei Gabrielens Anblick ihn ein
freudiger Übermut ergriff. Er fühlte plötzlich eine Art von Sehnsucht, vor
aller Welt mit dem Glück glänzen zu können, dessen eigentlichen Wert zu
würdigen er doch weit entfernt war. Sein alter Hang, von einem Extrem zum andern
zu eilen, ward mächtiger in ihm als je zuvor, und er, der noch vor kurzem sogar
den Sonnenstrahlen den Anblick seiner Gemahlin gern verwehrt hätte, begann jetzt
sehr ernstlich darauf zu denken, wie er sie bereden könne, den kommenden Winter
in Paris, mitten im Strudel der grossen Welt mit ihm zu verleben.
    Alle seine Gespräche gingen von nun an einzig darauf hinaus, ihren
Widerwillen gegen eine solche Veränderung ihres Wohnorts zu bekämpfen, und je
inniger sie an ihrer Einsamkeit zu hängen schien, je eifriger bezeigte er sich,
sie ihr zu entreissen und sie den rauschendsten Vergnügungen wieder zuzuführen.
    Inzwischen wurde Herr von Aarheim in England nicht nur der englischen
Lebensweise untreu, sondern auch seiner neuern Leidenschaft der Sternkunde. Der
Landwirtschaft mochte er sich nicht wieder zuwenden, und so schwebte er
wirklich vakant, wie nach einem alten Glauben die Seelen der ungetauft
gestorbenen Kinder, zwischen Himmel und Erde, in tödtlicher Langerweile, welche
das ewige Disputiren mit Gabrielen über ihren künftigen Winteraufentalt doch
nicht ganz zu bannen vermochte. Ein Zufall brachte ihn endlich auf den Gedanken,
die Sorge für Requisitionen, Einquartirungen und andere Kriegsübel, welche mit
jedem Tage in der Gegend sich häuften, in eigner Person zu übernehmen, und darin
einen Zeitvertreib zu suchen.
    Wie durch ein Wunderwerk, lag bis jetzt sein Schloss, gleich einer
glücklichen Insel, mitten in einem stürmischen Meer. Gabriele, welche die
Gränzen der nächsten Umgebungen ihrer Wohnung selten zu überschreiten pflegte,
hatte noch nie einen der Feinde erblickt, die ringsum, wenn gleich nicht den
Krieg selbst, doch manches Unheil und manche der Unruhen herbeiführten, welche
diesen zu begleiten pflegen. Sie verdankte diese Schonung den wohlgetroffenen
Massregeln ihres Wirtschaftsinspektors, der als Elsasser der französischen
Sprache kundig genug war, um jede Verhandlung übernehmen zu können, welche das
Ausheben der Konscribirten, der Durchmarsch der Armeen und ähnliche Kriegslasten
notwendig machten. Er hatte überdem ein sehr artiges Jagdhaus zum Empfang der
Einquartirungen einrichten lassen, es lag nahe am Schloss, doch ausser dem
Gesichtskreis desselben. Dort nahm er einstweilen selbst seine Wohnung und wusste
bald durch freundliches Zuvorkommen, bald durch ernstes, gefasstes Betragen jeden
Unfug abzuwenden, welchen der Übermut der ungeladenen Gäste hätte stiften
können.
    Herr von Aarheim, seiner alten Weise getreu, alles besser wissen zu wollen,
war weit davon entfernt zu begreifen, wie nützlich diese Einrichtung ihm bis
jetzt gewesen sei. Unter dem Vorwande, dass die Gegenwart des Inspektors anderswo
nötiger wäre, vertrieb er diesen aus dem Jagdschlosse, schlug dann selbst seine
Wohnung darin auf und schuf sich ein eigenes System zur Erleichterung der
Kriegslasten, sowohl für die Armee als den Landeigentümer. Dieses mochte
seltsam genug ausgefallen sein, wenigstens war niemand mit den neuen
Einrichtungen zufrieden, deren Ausführung Herr von Aarheim persönlich übernahm,
und Unmut und Streit traten an die Stelle des ehemaligen gegenseitig guten
Vernehmens. Endlich kam es sogar so weit, dass Gabriele durch ihr plötzliches
Dazwischentreten ihren Gemahl einst von Misshandlungen retten musste, die er
anfangs durch Knickerei und Übermut, dann durch feiges, ängstliches Betragen
sich selbst zugezogen hatte. Ihre unerwartete glänzende Erscheinung machte zwar
aller Fehde gleich ein Ende, und Moritz war herzlich froh, seine Persönlichkeit
unverletzt gerettet zu sehen, aber ihn überlief dabei doch wieder ein kleiner
eifersüchtelnder Schauer. Um den neugestifteten Frieden dauerhaft zu gründen,
sah Gabriele sich genötigt, die fremden Offiziere jetzt in das Schloss selbst
einzuladen. Sie folgten ihr mit allen Zeichen der höchsten Verehrung, kamen mit
aller Galanterie ihrer Nation jedem Winke der schönen Frau zuvor, leisteten
anscheinend jeder ihrer Äusserungen den pünktlichsten Gehorsam, fanden es aber
auch zugleich höchst nötig, das Schloss des Herrn von Aarheim zum Mittelpunkt zu
machen, von wo aus sie ihre Geschäfte in der Umgegend dirigirten und alle ihre
Anstalten deuteten auf einen recht langen Aufentalt in demselben.
    Moritz war zu feig, um gegen diese Einrichtung etwas einzuwenden, aber ihm
war dennoch gar nicht wohl dabei zu Mute. Vor allem quälte seine arme schwache
Seele sich mit der Furcht, dass Gabriele bei dieser Gelegenheit sich leicht eine
Herrschaft über ihren Gemahl anmassen könne, welche in ruhigern Zeiten ihr wieder
zu entreissen ihm schwer werden möchte. Unfähig, länger diese Besorgnisse zu
tragen, kam er endlich auf den Gedanken, ihr, die er jetzt nicht mehr nach Paris
zu führen verlangte, einen Besuch bei der Frau von Willnangen vorzuschlagen.
Eine freudige Aufwallung färbte zum erstenmal seit langer Zeit Gabrielens Wangen
und ihre Augen leuchteten vor Entzücken, als sie diesen Vorschlag vernahm.
Dankbar ergriff sie ihn; mit der gewohnten ruhigen Einsamkeit hatte der
Aufentalt am Rhein ohnehin seinen höchsten Reiz für sie verloren; die Anstalten
zur Reise wurden daher so schnell als möglich getroffen, das Gut der
Barmherzigkeit des Himmels und der Aufsicht des treuen Inspektors empfohlen, und
kurze Zeit darauf feierte Gabriele im Arme ihrer Freundinnen eine höchst selige
Stunde des Wiedersehens.
Nicht in der Stadt, in welcher Frau von Willnangen früher lebte und wo Ottokars
Bild Gabrielen auf jedem Schritt entgegen getreten wäre, wurde dieses
Wiedersehen gefeiert. Die Gestaltung der Zeit, welche Gabrielen von den schönen
Ufern des Rheins verbannte, hatte auch ihre Freundin bewogen, sich mit ihren
Kindern auf das Gut des Generals Lichtenfels zurückzuziehen, und Ernesto den
dringenden Bitten, seine Freunde zu begleiten, nicht widerstehen können. So
lebten alle auf dem schönen Schloss im fröhlichsten Verein, doch nicht wie
sonst in rauschenden Festen.
    Mit freudestrahlendem Blicke, wenn gleich noch ein wenig bleich, hielt
Auguste von dem Sopha, auf welchem sie ruhte, eine kleine, wenige Tage alte
Gabriele der Freundin auf ihrem Arme entgegen. Neben ihr lag ein funfzehn Monate
älterer rosenwangiger Adelbert und jauchzte laut im lustigen Spiel mit dem
Vater. Ein einziger Blick auf die häuslich frohe Gruppe verkündete Gabrielen das
stille Glück dieser Menschen. Und als nun Auguste, nach dem ersten freudigen
Verstummen des Wiedersehens, mit froher Redseligkeit die Aehnlichkeit der
kleinen Gabriele mit der grossen zu beweisen suchte, als Adelbert seinen Knaben
tanzen, lachen und einzelne Töne stammeln liess, um Gabrielen alle
erstaunenswürdige Künste desselben gleich in der ersten Stunde zu zeigen, da
perlte eine helle Träne Gabrielen im Auge und ein leiser Seufzer hob langsam
ihren Busen, an welchen sie Augusten fester drückte.
    Mitleidig betrachtete Frau von Willnangen ihre Gabriele in diesem Moment,
doch bald erglühte sie fast zornig bei Moritzens Eintritt, der gleich nach der
ersten Begrüssung die Kleidung der Kinder zu untersuchen und zu tadeln begann,
dann eine lange Rede über die neuesten Arten derselben hielt, welcher niemand
zuhören mochte. Zuletzt verlangte er, alle in das Schloss gehörende Hunde zu
sehen, um einen heraus zu finden, der Genie genug besässe zu lernen, wie er
vermittelst eines Rades die Wiege des Neugeborenen in Bewegung setzen könne. »Er
ist noch wie sonst!« seufzte Ernesto leise vor sich hin und hütete sich
schonend, Gabrielens Blicken zu begegnen.
    Keine Sylbe über ihr gegenwärtiges Verhältnis, viel weniger eine Klage
entschlüpfte beim längern Beisammensein Gabrielens Lippen, selbst im
vertrautesten Gespräch mit ihren Freunden. Nur überflog zuweilen ein dunkleres
Rot ihre Wangen, wenn Herrn von Aarheims Eigenheiten in zu grellem Lichte sich
zeigten, und ihre Worte folgten dann schneller wie gewöhnlich auf einander, in
dem Bestreben, dem Gespräche, in welchem er zu unvorteilhaft erschien, eine
andere Wendung zu geben. Selten misslang ihr dieses und ihre Freunde fühlten sich
oft bewogen es zu bewundern, wie künstlich sie dann gerade die wenigen
Gegenstände zur Sprache zu bringen wusste, über welche ihr Gemahl mit
erträglicher Sachkenntniss sich zu äussern fähig war. Uebrigens erschien sie ihnen
in ihrem ganzen Betragen völlig unverändert, obgleich alle die Unmöglichkeit
fühlten, zu fragen, was sie nicht von selbst gestand und was alle sich doch
sehnten zu erfahren. Nicht weil sie in geheimnisvolles Dunkel sich hüllte,
verloren ihre Freunde den Mut dazu, sondern im Gegenteil, weil ihr ganzes
Wesen so krystallhell vor ihnen stand, dass man keine Nachforschung wagen mochte,
um es nicht zu trüben.
    Endlich brach Gabriele selbst zuerst dieses Schweigen. Es war an einem jener
dunkelhellen warmen Herbstabende, wo alles zur wehmütigen Feier einer lieben
Vergangenheit uns auffordert. Langsam, von keinem Lüftchen berührt, sinken die
purpurfarbenen und goldenen Blätter einzeln von den Bäumen herab und ein
seltsames Rauschen flüstert in den Wipfeln, während unten auf der Erde die
tiefste Stille herrscht. Die Menschen rücken dann näher zusammen und haben
einander lieber als sonst, denn alle fühlen ahnungsvoll die Gewissheit des
vielleicht nahen Scheidens und der Vergänglichkeit aller Blüte und aller
Pracht.
    Gabriele, Frau von Willnangen, Auguste und Ernesto sassen in der Dämmerung
allein unter den Säulen vor dem Hause. Der General und Adelbert hatten mit dem
überlästigen Moritz schon am frühen Morgen zu einer Jagdpartie sich begeben,
wie sie oft taten, um den Frauen ein ungestörtes Beisammensein zu gewähren.
Vieles aus der Vergangenheit war unter den Daheimgebliebenen schon den Tag über
leise zur Sprache gekommen und aller Gemüt weicher gestimmt. Da fragte Gabriele
plötzlich wie an jenem verhängnisvollen Abend vor ihrer Vermählung: »Ernesto!
haben Sie keine Briefe aus Rom? Weiss Ottokar, welchen Gang das Geschick mit mir
nahm?« setzte sie nach einer kleinen Pause hinzu.
    »Er weiss es, er nimmt Teil an Gabrielen, wie Gabriele an ihm. In wenigen
Jahren, vielleicht noch früher, hofft er uns alle wiedersehen zu dürfen,«
erwiderte Ernesto in einiger Bewegung über die unerwartete Frage. Doch fuhr er
bald mit festerer Stimme fort, von Ottokars Lage zu sprechen, und von dem
Einflusse des gegenwärtigen Ganges der Welt auf diese. Er erzählte, wie Ottokar
fortwährend in Rom lebe; doch, für den Augenblick fern von allen öffentlichen
Geschäften und Verbindungen; wie er seine Zeit einzig seiner Neigung zur Kunst
widme und der fröhlichen Sorge für einen lieblichen Knaben, seinem einzigen
Kinde.
    Die sichtbare Bewegung, in welche Gabriele bei dieser Nachricht geriet,
bestimmte Frau von Willnangen, eine Frage nach Aurelien hinzuwerfen, um ihrer
jungen Freundin Zeit zu geben, sich zu fassen. »Aurelia,« erwiderte Ernesto,
»ist ihrem Gemahl als Mutter seines Sohnes viel werter geworden, ohne dass er
deshalb grössere Ansprüche an sie machte. Er erlaubt ihr gern, ihren Launen zu
folgen, ihren Aufentalt nach Belieben zu wählen, wenn sie nur zuweilen zu ihm
zurückkehrt. Dieses tut sie und ist dann freundlich und angenehm, da sie bei
Ottokar keinen Widerspruch antrifft. Im übrigen ist sie sich völlig gleich
geblieben. Sie erklärt Rom für ein weites ödes Grab, in dem die Gespenster
füglich bei hellem Tage herumwandeln könnten, und behauptet, die Lüneburger
Haide sei in Anmut der römischen Campagna bei weitem vorzuziehen. Deshalb lebt
sie bald in Neapel, bald in Florenz oder Venedig. Einen Sommer brachte sie in
der Schweiz zu, einen Winter in Paris, wo die Gräfin Rosenberg nach einem kurzen
Besuch in Deutschland, sich für immer niedergelassen zu haben scheint.«
    Es ward noch vieles über Ottokars Leben in Rom gesprochen, von welchem
Ernesto manche angenehme Einzelheiten zu erzählen wusste. Im fernern Laufe des
Gesprächs bemerkte Frau von Willnangen bedauernd, wie wenig Aurelia doch
eigentlich beitrage, dieses Leben zu verschönern.
    »Sie irren, teure Frau,« erwiderte schnell Gabriele, »oder vielmehr Sie
vergessen, wie liebenswürdig Aurelia erscheinen kann, sobald sie es will, und
bei Ottokar, diesem nachsichtigsten aller Menschen, muss sie immer es wollen.
Gewiss bemerkt er ihre kleinen Schwächen nur, um durch sie ihr Freude zu bereiten
und ist dann zwiefach glücklich in ihrem Ergötzen.« Alle hefteten bei diesen
Worten aufmerksam und gerührt den Blick auf Gabrielen. Sie bemerkte es und fuhr
mit glänzenden Augen weiter fort. »Ich danke Gott, dass keine neidische Regung je
in meinem Gemüte Raum fand; auch danke ich Ihnen, Ernesto, dass Sie das
freundliche Bild Ottokars mit seinem Knaben mir zum Troste hinstellten an meinen
einsamen Lebenspfad, dessen einziger Schmuck Mitgefühl ist und Erinnerung. Jetzt
weiss ich, dass alles, was ich je liebte, glücklich ist, dort oben oder hier. Um
mich her hat der Sturm ausgetobt, es ist und bleibt jetzt stille. Was kann ich
mehr wollen? In meinem Gemüt regt sich kein Wunsch zu einem andern Glück, ich
glaube sogar, dass ich keines andern fähig wäre, selbst nicht an Ottokars Seite.
Darum bitte ich Euch alle, meine Lieben! seid in Zukunft ruhig um mich; ich
wandle zwar einsam meinen Pfad, aber ich blicke von ihm in die hellerleuchteten
Häuser meiner Freunde in Rom und hier, und auch dort hinauf,« sprach sie mit
einem zu dem eben aufgehenden Abendstern gehobenen Blicke. »Und so,« fuhr sie
nach einer kleinen Pause fort, »und so fühle ich mich weder allein, noch betrübt
und verlassen.« Ruhe des Himmels leuchtete bei diesen Worten aus Gabrielens
Zügen und alle fühlten sich näher zu ihr hingezogen. Auguste schmiegte mit ihrem
Knaben sich an sie, während Frau von Willnangen unter Tränen sie umarmte und
Ernesto ihre Hand ergriff und liebend und bewundernd mit glänzenden Augen sie
betrachtete.
    Moritzens lärmende Ankunft scheuchte die Gruppe auseinander, seine Stirne
umwölkte sich, so wie er sie erblickte und noch am nehmlichen Abend kündigte er
den dritten Tag nach diesem als den zur Abreise unwiderruflich bestimmten an. Es
war nicht Eifersucht, was zu diesem plötzlichen Entschluss ihn bewog, aber er
vermochte es nicht, die bittere Empfindung niederzukämpfen, welche sich allemal
seiner bemächtigte, wenn er Gabrielen im kleinen stillen Kreise ihrer Freunde
erblickte, in Liebe sie umfassend und von ihnen umfangen. Ein dumpfes
Bewusstsein, wie fremd und fern er selbst ihr bleiben müsse, obgleich es ihm
vergönnt war, sie die Seine zu nennen, regte ihn stets zu einer Art Ingrimm
gegen diese Freunde auf, und unerachtet der Gefälligkeit und Güte, mit der man
ihm entgegenkam, ergriff er freudig die erste Veranlassung, ihnen mit Gabrielen
zu entfliehen.
Am Morgen ihrer Abreise stand Ernesto vor dem Schloss, unter den nehmlichen
Säulen, wo sie vor zwei Abenden noch alle im herzlichen Vereine versammelt
waren. Sinnend blickte er dem Wagen nach, in welchem Moritz, triumfirend über
Gabrielens Freunde, sie ihnen entführte, bis auch die letzte Staubwolke seinem
Blick entschwand. Dann wandte er sich, schmerzlich aufseufzend, und gewahrte
dicht neben sich Frau von Willnangen, die forschend ihn betrachtete.
    »Sie sind betrübt,« sprach sie, »und ich bin es mit Ihnen, denn seit ich
Gabrielens liebe Gestalt in diesen Räumen einmal erblickte, werde ich sie immer
um so schmerzlicher vermissen. Da wir aber scheiden mussten, so gereicht es mir
doch zum Troste, dass sie nicht mehr allein mit dem langweiligsten Narren der
Welt in jenem alten Raubschloss am Rhein hausen wird. Sie geht, wenn gleich nicht
einer glücklichen, doch einer heiterern Existenz entgegen, wie ihre Jugend sie
fordert. Sie scheinen meiner Meinung nicht zu sein, Ernesto? Sie der
Geselligste, Lebensfrohste unter uns. Ich glaube fast, Sie fürchten den
Eindruck, welchen die Vergnügungen der Residenz auf Gabrielen machen könnten,
und ich gestehe es Ihnen, ich begreife weder Sie noch Ihre Sorgen. Was kann die
grosse Welt einem so erprobten Gemüte, wie das von Gabrielen ist, anhaben? Ach!
leider wissen wir es ja, es gibt für sie weder Hoffnung noch Gefahr; der kurze
Frühling meines armen Kindes ist dahin und wird nie wieder erwachen.«
    Schweigend stand Ernesto eine Weile da, dann nahm er, nach seiner gewohnten
Art, zu einem Gleichniss seine Zuflucht. »Hörten Sie nie,« sprach er zu seiner
Freundin, »hörten Sie nie von jenem Baume, dessen beim ersten warmen
Frühlingshauch erscheinende Blüten mit allen Wundern des frühen Lenzes sich
befreunden? mit Schneeglöckchen und Krokus, mit Himmelsschlüsseln und Veilchen,
und dann verschwinden, wenn die Sonne höher steigt? Der Sommer findet von ihnen
keine Spur mehr, aber neue Blüten entstehen dann an der Stelle der
Verschwundenen, sie sind weniger glänzend, werden aber zu Früchten, zu süssen
oder herben, je nachdem Sonne und Zeit dem Baum es gewähren, der so, nach dem
gauckelnden Spiele seines Frühlings, die Bestimmung seines Daseins erreicht.«
    »Das Bild nimmt sich recht artig aus,« erwiderte Frau von Willnangen, »aber
entweder ist das Gleichniss unpassend oder ich verstehe es eben so wenig als Ihre
jetzige Sorge. Sie selbst verwiesen mich ja tröstend auf Gabrielens Liebe zu
Ottokar, Sie nannten sie den Schutzgeist, welcher durch die Wüsten und Steppen
ihres Lebenspfades sie begleiten würde. Wie haben Sie denn nun plötzlich diesen
Glauben verloren? Was fürchten Sie für Gabrielens Ruhe, selbst wenn Zeit und
Entfernung ihr Gefühl für Ottokar gemildert hätten? Kann man denn zweimal
lieben, wie Ihr Gleichniss es andeuten zu wollen scheint? und wenn Andere es
könnten, kann es ein Wesen wie Gabriele?«
    »Nein! warlich nein!« rief Ernesto. »Ward Ottokar einst wahrhaft geliebt von
Gabrielen, so liebt sie ihn bis zum letzten Hauch ihres Lebens, und ist durch
diese reine Liebe gesichert gegen Schmerz und Reue. Aber so sehr ich auch
dagegen mich sträube, immer von neuem ergreift mich der Gedanke, den ich früher
nur leise anzudeuten wagte, dass dies Gefühl für Ottokar nur des erwachenden
geistigen Lebens erstes jugendliches Sich-Loswinden aus den Banden der Kindheit
war. Was wir in früher Jugend die erste Liebe nennen, ist es selten, oder nie.
Ist doch auch die Morgenröte, in aller ihrer Pracht, noch nicht die Sonne,
welche unsern ganzen Lebenstag erleuchten und erwärmen soll.«
    Vergebens bestritt Frau von Willnangen diesen Gedanken Ernestos mit allen
Gründen, welche ihr Herz und ihr Verstand ihr nur anzugeben vermochten. »Blicken
Sie um sich« erwiderte er ihr, »wie viele der zum Glück nicht zahlreichen Ehen,
welche einer sogenannten ersten Liebe ihr Dasein verdankten, sind wahrhaft
glücklich zu nennen? Könnte dies sein, wie es denn unleugbar ist, wenn nicht
hier Täuschung, Missverstehen seiner selbst so leicht, ja fast unausweichbar
wären? Lassen Sie es uns zum trüben Trost dienen, dass Gabriele vielleicht in
Zukunft nicht glücklicher geworden wäre als sie jetzt es ist, wenn ein
anscheinend günstigeres Geschick sie an Aureliens Platz gestellt hätte. Ich
verkenne nicht Ottokars seltnen Wert, aber die Strahlenglorie musste im Laufe
des Lebens vor Gabrielens Blick dennoch schwinden, mit der sie selbst sein
geliebtes Haupt sich zur Anbetung schmückte. Und wenn sie nun vollends vor dem
mächtigern Glanz einer höhern, Gabrielen näher verwandten Erscheinung hätte
erbleichen müssen? und wenn nun diese Erscheinung ihr jetzt auf ihrem neuen
Pfade begegnete? Ach! Frau von Willnangen, ich bin nicht Herr über die bange
Vorempfindung, welche mich ergreift! Warum, warum, musste Gabriele ihrer sichern
Einsamkeit entrissen werden?!«
Gabriele verlebte von nun an einige Jahre, getrennt von ihren Freunden, den
Winter in einer grossen lebensreichen Residenz, den Sommer in den besuchtesten
Bädern. Sobald Moritzens verschrobner Sinn nur den Gedanken aufgefasst hatte, dass
alle Huldigungen, welche die Gesellschaft seiner Gemahlin darbringen mochte, auf
ihn zurückfallen müssten, dass jeder ihrer Verehrer nur seinen Triumfzug
verherrlichen könne, weil sie ihm allein angehöre, so hatte er weder Ruhe noch
Rast, bis er Gabrielen auf eine Höhe gestellt hatte, von der sie seiner
Ueberzeugung nach alles überstrahlen musste. Ueberall, wo er länger sich
aufhielt, war es seine erste Sorge, ein grosses glänzendes Haus einzurichten.
Gabriele musste die Honneurs desselben machen, und Moritz tanzte vor Freude und
rieb sich die Hände wund, wenn ihre Vorzüge recht blendend hervortraten. In
allen Sprachen posaunte er das Lob seiner Frau, sogar in ihrem Beisein, ohne es
zu achten, dass die peinlichste Verlegenheit sie in solchen Momenten fast zu
Boden drückte. Alles Bitten und Ermahnen von ihrer Seite war an dem eitlen
Toren verschwendet, er blieb bei seiner Weise mit all dem starren Eigensinn
eines beschränkten Geistes, und Gabriele fand endlich keinen andern Ausweg, als
dem Willen ihres Gemahls zu folgen und nur dabei durch noch einfachere
Bescheidenheit und Anspruchlosigkeit den verhassten Schein eitler Gefallsucht von
sich abzuwenden. Es gelang ihr; sogar die Frauen hassten sie nicht, während alle
Männer ihr huldigten und ihr Talent für die Welt bildete sich immer glänzender
aus, je länger sie in dieser lebte. Von jener Blödigkeit, mit der sie im Hause
der Tante erschien, konnte nicht die Rede sein, noch weniger aber von jenem
dreisten Blick, jenem arroganten Auftreten, die so oft die Stelle früher
übertriebener Zurückgezogenheit ausfüllen. In kleinen gewählten Zirkeln wusste
Gabriele durch ihr Gespräch mit der hinreissendsten Grazie die Aufmerksamkeit zu
fesseln, doch besonders liebenswürdig war sie wenn sie erzählte; dann lauschte
ihr jedes Ohr und Aller Blicke hingen an dem lebendigen Ausdrucke des schönen
Gesichts. Aber sie wusste auch ihre glänzenderen Talente vor der Menge geltend zu
machen, sobald es erforderlich war. Sie sang, spielte, tanzte, erschien sogar
auf Privatbühnen, gewöhnlich weil Herr von Aarheim es wollte, zuweilen aber auch
aus wahrer Lust an dem fröhlichen geselligen Treiben, das ihr die Tage ihres
frühern Zusammenlebens mit Ottokarn zurückrief. Moritz genoss bei alle diesem die
Gewissheit, der Gemahl der brillantesten Frau in der Residenz zu sein, mit dem
aller behaglichsten Gefühl, während Gabriele da stand, als ahne sie nichts von
der Höhe, zu welcher die allgemeine Bewunderung sie erhob. Auch wagte es
niemand, sie unbescheiden darauf aufmerksam zu machen. Bei aller Frische des
Jugendglanzes, der sie umstrahlte, gab die seltene Würde ihres Anstandes ihr
etwas matronenhaftes, und so wie man in ihrem sechszehnten Jahr sie überall für
noch weit jünger ansah, so schien jedermann jetzt in ihrem vier und zwanzigsten
Jahre geneigt, sie für älter zu halten als sie war. Oder vielmehr, man dachte
weder an Alter noch Jugend bei der nicht weniger Achtung als Liebe einflössenden
Erscheinung, für die es, wie für die himmlischen, keine Zeitrechnung zu geben
schien.
Der Winter war vorüber, überall zeigten sich schon die ersten Vorboten des
Frühlings. Bei der Unmöglichkeit, den vielfältigen Einladungen des Generals
Lichtenfels schicklicher Weise länger auszuweichen, hatte sich Moritz endlich
entschlossen, mit Gabrielen den Besuch auf dem Landgute desselben zu
wiederholen, als Gabrielens Tante, die Gräfin Rosenberg, ganz unerwartet in der
Residenz eintraf. Napoleons weit aussehende Plane vertrieben sie aus Paris,
indem sie letzteres verödeten. In ihrem ehemaligen Wohnorte fand sie ihr Haus
von fremden Gästen eingenommen und ihre ehemaligen Zirkel zerstört. Beinah alle
ihre Bekannten waren ausgewandert und ihr blieb also keine andere Wahl, als sich
einstweilen in einer Stadt niederzulassen, die ihr, bei allen Annehmlichkeiten
des geselligen Lebens, die vollkommenste Ruhe und Sicherheit bot.
    Die Wahl einer Wohnung, in welcher sie im gewohnten Glanze auftreten konnte,
war gleich nach ihrer Ankunft in der Residenz die erste Sorge der Gräfin
gewesen; ihr zweiter Wunsch war, sich bei Hofe und in der Gesellschaft auf eine
auszeichnende Weise eingeführt zu sehen. Rang und Reichtum, diese mächtigsten
Talismane auf Erden, verhalfen ihr zu beiden in unglaublich kurzer Zeit, und
kaum waren vierzehn Tage verstrichen, als sich schon in einem der schönsten
Hotels alles, was nur auf Eleganz, Ton und Talent Anspruch machte, um sie und
ihre Begleiterin, die junge, schöne Markise d'Aubincourt versammelte. Von Paris
aus, wo sie einander kennen lernten, waren diese beiden Damen unzertrennliche
Reisegefährtinnen geblieben und gedachten jetzt mit vereinten Kräften ein
glänzendes Haus zu bilden, das bei ihrem Vermögen und ihren Talenten alle andern
in der Residenz zu verdunkeln drohte.
    Gegenseitiges Bedürfen hatte gar bald das lockere Band blosser Bekanntschaft
enger zusammengezogen, welches anfangs die Gräfin und die Markise vereinte. Es
ward eine jener Liaisons daraus, wie die Welt deren so manche aufzuweisen hat.
Sie mit dem Namen der Freundschaft zu bezeichnen, wäre Entweihung. Es kann weder
von Liebe noch Achtung bei diesen Vereinen die Rede sein, aber sie trotzen doch
oft Jahre lang manchem Stosse von aussen, ja selbst der langsam auflösenden Gewalt
der Zeit, und erhalten dadurch bei aller ihrer Frivolität einen Anstrich von
Ehrwürdigkeit, den sie mit allem Dauernden gemein haben.
    Die Gräfin hatte bei ihrer Rückkehr aus Rom nach Deutschland, und auch
später in Paris es sich nicht verbergen können, wie sie, unerachtet aller ihrer
noch immer anerkannten geselligen Vorzüge, dennoch mit Aurelien einen grossen
Teil jener Zaubermacht verloren habe, durch welche sie sonst alles in ihre Nähe
zog und fest bannte. Ihr feiner Takt kam ihr bei dieser Entdeckung mächtig zu
Statten, und weit entfernt, sich durch dieselbe gedehmütiget zu fühlen, suchte
sie von der nehmlichen Stunde an, wo sie solche gemacht hatte, nach einem Wesen,
das fähig war, jene Lücke in ihrer Umgebung auszufüllen.
    Die Markise d'Aubincourt, eine junge, blendend schöne Frau, war in Paris zur
nehmlichen Zeit ebenfalls aus ihrer gewohnten Sphäre getrieben; ihr Gemahl musste
sie verlassen, um seinem Kaiser in weit entfernte Länder zu folgen, und da die
französische Sitte die strengste Wächterin des äussern Scheines ist, so blieb ihr
bei ihrer Jugend keine andere Wahl, als sich entweder während der Abwesenheit
des Markis der Welt gänzlich zu entziehen, oder sich unter den Schutz einer
ältern Frau von Rang und unbescholtenem Ruf zu begeben, in deren Begleitung es
ihr allerdings erlaubt war, überall öffentlich zu erscheinen. Was konnte daher
diesen beiden Damen wohl erwünschteres kommen, als ihr Zusammentreffen zur Zeit
gegenseitiger, völlig ähnlicher Not? Der Bund zwischen ihnen war bald
geschlossen, und da späterhin Langeweile beide aus Paris vertrieb, so erwarb die
Markise noch den Anstrich einer exemplarischen Treue, indem sie sich den
Mühseligkeiten der langen Reise aussetzte, einzig, um, wie sie versicherte,
ihrem bei den Eisbären hausenden Gemahle in Deutschland näher zu sein.
In allen Zirkeln, aus Aller Munde vernahmen die Gräfin und die Markise, so bald
sie ein wenig einheimisch geworden waren, den Namen Gabriele von Aarheim,
überall erscholl ihr Lob, Männer und Frauen klagten über ihre Abwesenheit. Die
Markise begann die Deutschen etwas langweilig zu finden, welche in Gegenwart
einer schönen Frau es wagten, einer zweiten auf diese Weise zu erwähnen, während
die Gräfin die ganze Familie Aarheim in ihrem Gedächtnis die Revue passiren
liess, um diese berühmte Gabriele aufzufinden.
    »Unmöglich,« sprach sie sehr bedenklich, »unmöglich kann es meine kleine
Nichte mit dem blassen Mondscheinsgesichte sein! In seinem sechzehnten Jahre
wusste das arme Kind kaum drei zu zählen, so entwickelt kann sie sich nicht
haben, und doch gibt es meines Wissens keine andere Gabriele in meiner Familie.
Vor fünf bis sechs Jahren ward mir die Nachricht ihrer Vermählung mit dem
halbverrückten Erben unserer Mannlehngüter mitgeteilt; es ist unmöglich, dass
sie es sei.«
    »Ach Gott! sie wird es wohl sein,« rief kläglich Graf Hippolit, der
gegenwärtige Verehrer der Markise, »sie wird es sein, die Mondscheinsdame; sie
wird zu allgemein gepriesen, als dass wir viel von ihr erwarten könnten!« »Also
Ihre Kusine? liebe Rosenberg, nun ich sterbe vor Neugier, wenn ich nicht bald
dieses Wunder der Welt zu Gesichte bekomme!« fiel halb jähnend die Markise ein.
    »Ach, wie gerne täte ich das auch,« rief lustig Hippolit, »aber mir sind
leider schon in der Welt zu viele dergleichen Wunder vorgekommen, die,
entschleiert, eigentlich alle sehr gewöhnlich und natürlich dastanden. Es ist
immer das alte Buch mit einem neuen Titel, das nehmliche Rätsel in ein anderes
Gewand eingekleidet, was man uns da zu studiren gibt. Bei alle dem bleibt es
aber doch ein Studium, dessen man nie überdrüssig wird, besonders wenn uns, wie
hier, jede Stunde mit einer neuen ganz unerhörten Kaprize beglückt.« Indem er
dies hinzusetzte, wollte er die Hand der Markise an seine Lippen drücken, sie
entzog sie ihm aber, heftig und unwillig sich sträubend. »Schöne Dame,« rief
Hippolit in seinem Übermut, »indem Sie zürnen, beweisen Sie, dass ich Recht
habe; die kleine Wut steht Ihnen so allerliebst, dass ich dadurch leicht
verleitet werden könnte, Sie alle Tage halb todt zu ärgern. Die Versöhnungen,
die doch auch nicht zu verachten sind, hätte ich dann für meine Mühe noch
obendrein.«
    Die Markise begann recht ernstlich sich zu erzürnen, doch nicht auf lange;
die Gräfin warf sich zur Vermittlerin auf, und der Friede war bald geschlossen.
    Der glänzende Graf Hippolit, entsprossen aus einem der edelsten Geschlechter
in Ungarn, schön wie Apoll, kaum zwanzig Jahre alt, und dabei schon
unumschränkter Herr grosser Reichtümer, war allerdings eine Eroberung, welche
eine Frau, wie die Markise, sich auf alle Weise zu erhalten streben musste. Auch
war es ihr seit dem Moment gelungen, da er in Paris, als ein weitläufiger
Verwandter der Gräfin ihr vorgestellt ward. Ihre seltene Schönheit, ihr leichter
Sinn, vor allem eine gewisse pickante Ungleichheit in ihrem Betragen entzückte
ihn, und Gewohnheit, Überdruss am Wechsel, hatten bis jetzt ihn fest gehalten.
    Als die Damen Paris verliessen, wusste er eben nichts besseres zu tun, als
ihnen nach Deutschland zu folgen, und bei dieser Gelegenheit späterhin einen
Besuch in seinem Vaterlande und auf seinen Gütern abzustatten. Vor jetzt war er
der tägliche Gast in ihrem Hause, ihr steter Begleiter ausser demselben, aber die
Strenge, mit welcher die Gräfin über die Gesetze des Anstandes zu wachen gewohnt
war, hatte ihn veranlasst, sich eine von ihnen abgesonderte eigene Wohnung zu
wählen.
    Ungeachtet seiner frivolen Aussenseite, war Hippolit von Natur zu allem
Grossen und Edlen geeignet, aber das Schicksal, welches sein äusseres Leben mit
jedem Vorzuge reichlich ausstattete, hatte ihn schon früh im Innern tief
verletzt und sein Entwickeln verhindert. Von einer leichtsinnigen Mutter als
fünfjähriger Knabe verlassen, von einem durch das Betragen seiner Gattin mit der
Welt und dem Leben entzweiten, verbitterten Vater erzogen, war der arme Hippolit
um jenes Vertrauen in die Menschen gebracht worden, ohne welches keine
Jugendblüte fröhlich gedeiht. Sein ganzes Wesen widerstrebte der strengen
klösterlichen Zucht, in welcher er bis in sein funfzehntes Jahr gehalten ward,
er fühlte zur Freude sich geboren, aber jede Jugendlust, wie jede sanftere
Regung, ward von der Strenge seiner Zuchtmeister niedergedrückt. Er war zu
stolz, die Hülfe der, in ihm ihren künftigen Herrn schmeichelnden Diener
anzunehmen, und seinen Vater zu betrügen, um wenigstens Stundenlang seinem
Kerker zu entgehen, aber in ihm wogte ein verzehrendes Feuer, das, weit entfernt
sein Herz zu erwärmen, es nur immer enger zusammenzog, während seine Fantasie
ihm das Glück künftiger Freiheit in den glühendsten Farben mahlte. Das jedem
gutgearteten Kinde eigene Sehnen nach Liebe sprach zwar auch mächtig in seiner
Brust, aber er drückte es, als seiner unwürdig, nieder, denn wen sollte er
lieben? Rings um sich sah er nur fühllose Strenge oder erbärmliche Kriecherei.
Künftiger Genuss ward ihm die Loosung des Lebens. Worin dieser bestehen sollte,
wusste er nicht deutlich sich zu sagen, aber einstweilen gedachte er, die
freudenlose Zeit, welche er jetzt verlebte, durch eifriges Bestreben nach Wissen
als vorbereitend zu benutzen. Mit dem grössten Eifer verfolgte er daher den Gang
der ihm von seinem Vater vorgeschriebenen Studien, jede Stunde bereicherte
seinen Geist, aber in seinem Gemüt ward es immer ärmer, immer mehr erstorben,
bis der Zufall den einzigen Bruder seines Vaters in seine Nähe führte. Hippolit
war jetzt funfzehn Jahr alt, und zum erstenmal seit seiner frühesten Kindheit
hörte er nun wieder mit milden Worten sich anreden. Da brach die Eisrinde, in
welcher sein Herz beinahe erstarrt war. Mit der kindlichsten Liebe, mit der
innigsten Treue eines jugendlichen Gemüts hing er sich nun an den Oheim, der
wie eine himmlische Erscheinung in die Nacht seines Daseins strahlte und sogar
auch die düstere Stimmung seines Vaters milderte, als letzterer plötzlich
erkrankte. Ein seit langen Jahren allmählig heranschleichendes Uebel warf den
alten Grafen wenig Monate nach der Ankunft seines Bruders auf das Sterbebette.
Bleich und bebend kniete Hippolit neben demselben, als der Vater zum erstenmal
liebend und segnend die schwere kalte Todtenhand auf sein lockiges Haupt legte,
in den rührendsten Ausdrücken den zum Jüngling heranreifenden Knaben der
Vorsorge seines Oheims empfahl, und dann, getröstet durch dessen heiligstes
Versprechen, ihn wie seinen eigenen Sohn zu betrachten, die müden Augen auf ewig
schloss.
    Der weinende, tief erschütterte Knabe folgte nun dem vom Vater ihm gegebenen
Beschützer seiner Jugend auf dessen Güter, von wo er in Jahresfrist, begleitet
von einem Hofmeister, auf eine von seinem Vaterlande Ungarn weit entfernte
Universität gesandt ward. Während er dort, von heissem Durst nach Wissen
getrieben, jede Stunde auf das gewissenhafteste anwendete, erhob sein Oheim in
seiner Abwesenheit einen Prozess gegen ihn, der ihn um sein väterliches Erbe
bringen sollte. Aller seiner, dem sterbenden Bruder mit in die Ewigkeit
gegebenen Versprechen vergessend, jedem menschlichen Gefühl entsagend, benutzte
der Eigennützige den Leichtsinn der Mutter des Jünglings, dem er Vater zu sein
geschworen hatte, um die Aechteit seiner Geburt anzugreifen, und dann seinen
eigenen Söhnen die beträchtlichen Güter desselben zuzuwenden. Der Versuch
misslang, er hatte nur die Folge, dass Hippolit etwas früher als gewöhnlich für
mündig erklärt ward. Empört bis in den tiefsten Grund seiner Seele, überzeugter
als je von der Erbärmlichkeit der Menschen, ging dieser nun nach vollendeten
Studien auf Reisen; die Zeit des Genusses schien ihm gekommen, er war
entschlossen, sie zu benutzen. Sein Rang, sein Reichtum, seine glänzende
Persönlichkeit öffneten ihm Herzen und Türen, er taumelte von einem Vergnügen
zum andern, und übertäubte so den alten bittern Unmut in seinem Gemüt, der
aber dennoch stets von neuem sich regte. Er sah, wie man ihn mit Schmeicheleien
überhäufte, um ihn um so sicherer zu elenden Zwecken zu missbrauchen, aber er
verachtete die Menschen und in einzelnen schrecklichen Momenten sich selbst zu
sehr, um es der Mühe wert zu achten, dem plumpen Netz entgehen zu wollen, das
man ihm stellte. Es genügte ihm, seine sogenannten Freunde zuweilen in wilder
Lustigkeit mit bittern Hohn zu misshandeln, und dann mit Ekel sich von den
ängstlichen Windungen wegzuwenden, in welchen sie strebten, ihn nicht zu
verstehen, um nur auf guten Fuss mit ihm bleiben zu dürfen.
    Auch Frauen kamen überall dem schönen reichen Jünglinge entgegen, kämpften
unter einander um ihn, mit allen Waffen der Schönheit und Kunst, suchten überall
mit Blumen ihn zu fesseln, und gern vergass er bei ihrer lieblichen Erscheinung
alles, was ihn hätte warnen können. Noch einmal überliess er sich Träumen
himmlischer Seligkeit, er glaubte sogar zu lieben, aber er ward grausam erweckt.
Ohne zu bedenken, wie so ganz ohne Umsicht er sich hingegeben hatte, klagte er
jetzt das ganze Geschlecht des Verrats der Einzelnen an und schwur sich selbst,
nie wieder die Maske für Wahrheit zu nehmen. Dem trostlosesten Unglauben zum
Raube, vermochte er aber doch nicht, der Freude zu entsagen, sich wissentlich
täuschen zu lassen, so lange dies irgend nur möglich war. Bitter lachendes
Spotten seiner selbst übertönte dann oft nur mühsam das Weinen in seiner Brust,
wenn ein schöner Traum, den er lange festgehalten hatte, in Nichts zerrann, aber
er achtete dessen nicht, auch nicht der bittern Schmerzen, mit denen er jede
Regung des Bessern gewaltsam in sich erstickte, um zu sein wie die Andern.
Dennoch sank er nie zum Gemeinen herab, so achtlos er auch dem Treiben der Welt
sich hingeben mochte. Was ihn blenden und verführen konnte, musste wenigstens den
Anstrich des Reinen und Sittlichen zu erhalten streben; denn seine bessere Natur
und Reminiszenzen der früher bei seinem Vater ihm eingeprägten strengern
Grundsätze hielten ihn noch immer über den Abgrund empor.
»Das Wunder der Welt ist endlich angelangt, wie ich sehe,« rief Hippolit freudig
aus, indem er die Visitenkarten auf dem Tisch der Gräfin musterte und Gabrielens
Karte hoch in die Höhe hielt. »Da steht der geheimnisvolle Name des Erzengels,
und mein törigtes Herz erbebt sogar ein wenig bei seinem Anblick! Ich bitte
Sie, teuerste Gräfin!« fuhr er mit komischen Patos fort, »ist es die
Mondscheinskusine? sagen Sie: nein! ich flehe darum.«
    »Dass sie die Gabriele ist, die ich meine, weiss ich jetzt gewiss,« erwiderte
die Gräfin, »obgleich ich sie noch nicht gesehen habe; wir verfehlten einander
bei unsern gegenseitigen Besuchen, und so bleibt uns nichts übrig, als die
Soirée zu erwarten, mit der wir, wie Sie wissen, morgen hier debütiren wollen.«
    »Also morgen, morgen ist der grosse, der entscheidende Tag,« rief Hippolit,
und wendete sich gleich darauf zur Markise mit der Bitte um den zweiten Tanz.
»Den ersten,« setzte er hinzu, »bin ich so gut als versagt, den tanze ich mit
der Wunderdame, meine Ehre duldet es nicht anders, ich muss der erste sein, mit
dem sie auftritt.«
    »Ich überlasse Sie ihr mit Vergnügen auf den ersten, den zweiten, den
dritten und alle folgende Tänze; ich tanze morgen gar nicht; entweder ich habe
Migräne, oder ich habe mir den Fuss verrenkt; ich bin noch nicht entschlossen,
welches von beiden,« erwiderte die Markise, ein wenig pickirt.
    Hippolit blickte lang schweigend und verwundernd sie an. »Wahrhaftig,
Markise! ich erkenne Sie nicht mehr,« sprach er endlich. »Zum erstenmal sehe
ich, dass auch Sie etwas schwerfällig nehmen können; doch hoffe ich, Sie werden
sich eines bessern besinnen, und allen Erzengeln und Erzengelinnen zum Trotz
morgen tanzen, wie immer!«
    »Diessmal beliebt es wohl dem Herrn Grafen selbst, sich etwas schwerfällig zu
zeigen; denn, um des Himmels willen! wer denkt denn an Ihre Erzengelin?«
erwiderte spottend die Markise. »Schon in Paris nahm ich mir vor, morgen krank
zu sein; sehen Sie hier den Beweis davon,« fuhr sie fort, indem sie einer
Kammerfrau ein Kleid, welches diese eben durch das Zimmer trug, vom Arme nahm
und vor dem Grafen entfaltete.
    Mit dem grössten Erstaunen erblickte dieser ein ganz einfaches, blendend
weisses Gewand, fein und durchsichtig, wie aus Aeter gewoben, doch schien es für
eine Riesin bestimmt; es musste, wenn die Markise es trug, nicht nur hinten,
sondern auch vorne und von allen Seiten mehrere Ellen lang ihr auf dem Fussboden
nachschleppen. »Aber wie in aller Welt wollen Sie es anfangen, in diesem Gewande
nur zwei Schritte zu gehen?« rief er endlich.
    »Gehen,« erwiderte die Markise, und lachte jetzt wirklich recht herzlich,
»gehen? Aber, lieber Graf! Sie werden immer schwerfälliger. Wer geht denn, wenn
man krank ist?«
    »Ach Gott,« seufzte Hippolit, »eigentlich fängt es an, mir leid zu tun, dass
diese Gabriele morgen erscheint; abwesend gab sie zu so manchem guten Einfall,
zu so manchem pickanten Scherze Anlass, und ihre Gegenwart wird gewiss nichts
weniger als pickant oder amüsant sein. Ich sehe sie schon im Geiste vor mir mit
dem Mondscheinsgesichte, wie sie an der Seite ihres alten Gecken die gestrenge
Penelopeia mitten unter den übermütigen Freiern zu spielen bemüht ist. Die
Maske ist übrigens schon etwas verbraucht, indessen wenn sie ihr nur halb so gut
steht als die Leute es behaupten, so mag es drum sein. Ich fürchte aber, der
morgende Triumf unserer schönen Freundin wird kaum der Mühe des Erkämpfens wert
sein, obgleich ich diese sehr gering anschlage.«
Der Abend kam. Die glänzende Reihe kerzenheller Säle füllte sich nach und nach
und die Gräfin bemühte sich mit gewohnter Liebenswürdigkeit, die Abwesenheit der
Markise mit einer heftigen Migräne zu entschuldigen, welche aber hoffentlich
späterhin zur gewohnten Stunde nachlassen und ihr erlauben würde, die
Gesellschaft, in kleinere Partien geteilt, in ihrem Zimmer wenigstens auf
Minuten zu sehen. Hippolit wich beim Empfange der Gäste der Gräfin nicht von der
Seite. Mit dem Bedeuten, er müsse sie erraten, hatte diese es abgeschlagen, ihm
Gabrielen gleich bei deren Eintritt bemerkbar zu machen, daher hielt er es für
das sicherste, auf diese Weise seinen Willen durchzusetzen. Indessen war es spät
geworden, die Erwartete fehlte noch immer, Graf Hippolit begann aus Verdruss
darüber der Gräfin allerlei witzig-bittere Mutmassungen über die Abwesende
zuzuflüstern, als ein Kreis seiner Bekannten ihn einen Augenblick festielt, und
dadurch ihn von der Gräfin trennte, ohne dass er solches bemerkte.
    Ein lächerrlich modern gekleideter dicker Mann stand mitten im Kreise der
jungen Leute, sprach alle Sprachen zugleich und erzählte, heftig gestikulirend
und im völligen Ernste, die Geschichte einer heftigen Leidenschaft, welche vor
einigen Jahren eine Nepotessa des Papstes für ihn gefühlt hatte. dabei erwähnte
er der mannichfachen Gefahren, deren er sich ausgesetzt gesehen, um ihr und den
Verfolgungen ihrer mächtigen Verwandten in Rom zu entgehen. Die jungen Herren um
ihn her stürmten mit Fragen auf ihn ein; er wusste für alle eine Antwort, löste
alle Zweifel, die man ihm in den Weg warf; das Lachen, der Lärmen wurden bald
lauter, als man es in einer solchen Assemblée hätte erwarten sollen. Hippolit
nahm recht herzlichen Anteil daran, als plötzlich erst ein leises Geflüster,
dann ein allmähliges Verstummen in dem Kreise entstand. Die, so den lebhaftesten
Anteil an den Neckereien genommen, welche man an dem alten Herrn ausgeübt
hatte, begannen, sich leise davon zu schleichen, die übrigen nahmen sich
sichtbar zusammen und standen dann in etwas feierlich verlegener Fassung; alles
verkündete den Eintritt einer allgemein geachteten Person. Hippolit suchte mit
den Augen den Gegenstand, der diese plötzliche Umstimmung des Tones verursacht
haben mochte und erblickte die Gräfin, welche eben eine Dame hereinführte, deren
anmutige und doch würdevolle Haltung und seltne Schönheit ihm gleich in ihr die
lang Erwartete erraten liess. Vor dem Zauberton ihrer Stimme, in dem sie einige
ihr nahestehende Bekannte anredete, war plötzlich jede Spur wilder Lustigkeit
verschwunden. Selbst als der alte dicke Herr mit dem Ausruf: »ma femme, ma
petite femme vous voilà!« auf sie lossprang, um sie zu begrüssen, wagte es
niemand, den Mund zu einem spöttischen Lächeln zu verziehen. »Die ist es?«
flüsterte Hippolit der Gräfin zu, und diese beantwortete seine Frage, indem sie
ihn erst Gabrielen vorstellte und dann ihn mit Adelberten bekannt machte,
welcher Geschäfte halber Gabrielen und Herrn von Aarheim in die Residenz
begleitet hatte.
    Hippolit vermochte von nun an nicht, sein Auge von Gabrielen zu verwenden;
er sah, wie mehrere Bekannte, Männer und Frauen herbeieilten, um die lang
Entbehrte zu begrüssen, wie alles um sie sich drängte, als sei mit ihr die Seele
der Gesellschaft heimgekehrt.
    Moritz wich nicht von der Seite Gabrielens, rieb immerfort freudig die Hände
an einander und brach in tausenderlei Redensarten aus, auf welche niemand
achtete, obgleich die meisten mit ma femme dit, oder ma femme sait, anfingen.
Der leise Schmerz, der dabei in Gabrielens Lippen fast unmerkbar zuckte, die
ängstliche Röte, welche, schnell entstehend und entschwindend, ihr Wange, Hals
und Busen überhauchte, entgingen Hippolitens Späherblick nicht. Eine wunderbar
fremde Regung des Mitleids überschlich ihn dabei und er begann mit einer Art
Aengstlichkeit darauf zu sinnen, wie der Lästige auf gute Art aus Gabrielens
Kreise zu entfernen sei, um diese in ungestörter Anmut sich bewegen zu sehen,
als sie ihren Gemahl mit wenigen, leicht hingeworfenen Worten auf einige Vasen
von seltner Schönheit aus kostbaren Steinarten geformt, aufmerksam machte. Der
Tisch, auf welchem diese Vasen standen, war mit farbigem Marmor aller Art
ausgelegt, und Moritz fand und benutzte hier ein reiches Feld, auf welchem er
mit der einzigen Wissenschaft, welche er wirklich besass, glänzen konnte. Bald
gesellten mehrere Sachkundige aus der Gesellschaft sich zu ihm, ein lebhaftes
Gespräch entstand, und Gabriele wendete sich sichtbar heiterer ab, um in den
Nebenzimmern die übrige Gesellschaft aufzusuchen.
    Sinnend folgte ihr Hippolit mit immer regerem Bemerken. So hatte er sie sich
nicht gedacht, nicht so fein, nicht so gewandt, nicht so heiter. Die Melodie
ihrer Worte, die Harmonie in allen ihren Bewegungen zogen ihn noch
unwiderstehlicher an, als ihre Schönheit.
    »Es ist doch nur eine Maske, wie sie alle,« dachte er, »aber diese steht ihr
vortrefflich und ist so herrlich angepasst, dass schon der Versuch, sie zu lüften,
Belohnung verdient.« Er versuchte es hierauf, Gabrielen anzureden, aber es war,
als ob eine ihm fremde Gewalt den gewohnten Fluss seiner Worte hemmte; Gabrielens
gerader kalter Blick brachte ihn aus der Fassung; zum erstenmale fühlte er sich
verlegen, und war froh, als die Gräfin mit der Bitte erschien: Gabriele möge sie
zur Markise begleiten, welche eben etwas besser sich fühle und den Augenblick
kaum erwarten könne, in dem es ihr vergönnt würde, die geliebte Nichte ihrer
Freundin zu umarmen.
    Der kleine Zug der zu diesem Besuch Auserwählten, welchem auch Hippolit sich
anschloss, folgte der Gräfin durch die ganze lange Enfilade prächtiger Säle,
welche, wie es in Paris gebräuchlich ist, mit dem Schlafkabinet der Markise
endeten.
    Ein reicher seidner Vorhang verhüllte noch den Tempel, nachdem schon die
Flügeltüren sich geöffnet hatten, aber der berauschende Duft der auserlesensten
Aromas des Orients verkündete die Nähe der Göttin. Auch der Vorhang wurde
beseitigt und selbst der verwöhnte Hippolit stand jetzt geblendet von dem
unerwarteten Anblick.
    Auf einer Estrade, zu welcher einige, mit prächtigen Teppichen belegte
Stufen hinaufführten, stand, schimmernd von Gold und Elfenbein, das, der
edelsten antiken Form nachgebildete Bette. Eine purpurrote, mit goldner
Stickerei und goldnen Franzen geschmückte Decke war darüber hingebreitet, auf
welcher die Markise in der anmutigsten Stellung hingegossen ruhte. Ein grosser
Spiegel an der Hinterwand desselben, ein anderer an der Decke des Baldachins
über ihrem Haupte, und mehrere, anscheinend vom Ungefähr, aber eigentlich mit
sorgfältiger Wahl im Zimmer geordnete grosse Ankleidespiegel vervielfältigten die
schöne Erscheinung, indem sie sie von allen Seiten zeigten. Der Genius des
Schweigens von Bronze, den Finger auf die Lippen gedrückt, schien den leicht vom
Baldachin herabrollenden Schleier zu heben, der sie zu ver hüllen drohte, und
blühende Rosenbüsche, Orangenbäumchen, Jasminsträuche, in köstlichen Vasen zu
beiden Seiten auf den Stufen der Estrade, gaben der Nische, in welcher das Bette
stand, das Ansehen einer Laube aus dem Paradiese der Muhamedaner.
Alabasterlampen verbreiteten den zauberhaften Schimmer einer mondhellen Nacht
und kleine bläuliche Wölkchen kräuselten sich, aus Kassoletten aufsteigend, in
welchen das ausgesuchteste Räucherwerk brannte. Das Auge irrte geblendet auf
alle dem mannichfaltigen Geräte von köstlichen Hölzern, von Krystall, von
Marmor und Bronze, welches das Schlafzimmer einer eleganten Pariserin zum
glänzendsten Prunkzimmer des Hauses macht.
    Mitten in alle dieser Pracht lag die Markise, ganz einfach gekleidet und
dennoch alles überstrahlend. Der wohl berechnete Überfluss des früher erwähnten
weissen langen Gewandes, in grosse malerische Falten von Künstlerhänden geordnet,
umschwebte ihre Gestalt, ohne sie neidisch zu verhüllen; die schönen Formen
schimmerten hindurch, wie der Mond durch Silberwölkchen, die an ihn sich
heranzudrängen scheinen. Unter der Brust hielt ein grosser strahlender Rubin das
Gewand zusammen, der eine der weiten Aermel, wie von ungefähr zurückfallend,
entüllte einen wunderschönen Arm, auf dem gestützt, das reizende Köpfchen im
lieblichsten Ausdruck der Ermattung ruhte. Eine um den Arm geschmiedete goldne
Sentimentskette und einige Perlenschnuren schienen sich abstreifen zu wollen.
Den andern Arm bedeckte der Aermel bis zu den zierlichen Fingerspitzen, die, dem
Kopfweh zu Ehren, ein Riechfläschchen hielten. Um die hohe Stirne schwebten die
glänzendschwarzen Locken in zierlicher Unordnung, nur ein einfaches Band hielt
sie und die reichen Flechten zusammen, welche den ganzen Kopfschmuck bildeten.
Die Markise war unbeschreiblich reizend in diesen Umgebungen, auch fesselte
stummes Erstaunen alles bei ihrem Anblick; nur Hippolit wagte es, sich in ihre
Nähe zu schleichen und ihr ein leises »Bravo!« zuzuflüstern.
    Gabriele ward mit der entzückendsten Freundlichkeit von ihr empfangen; sie
zog sie liebkosend zu sich herab, um sie zu umarmen, und als die hohe, schlanke
Gestalt sich zu der auf dem Bette Ruhenden niederbeugte, umschwebte ihr goldnes
Haar die dunkeln Locken der Markise wie mit einer Strahlenglorie, während diese
mit beiden Lilienarmen den stolzen Marmornacken der geliebten Nichte ihrer
Freundin umschlang, und ihr Entzücken darüber in den schmeichelhaftesten
Ausdrücken laut verkündete.
    Nichts kann einander ungleicher sein, als beide Frauen in diesem Augenblick.
Farbe, Augen, Haare, Ausdruck des Gesichts, nichts von alle dem hatten sie mit
einander gemein, und doch war es unmöglich zu entscheiden, welcher von ihnen die
Palme der Schönheit gebühre?
    Zu matt für eine fortgesetzte Konversation, bat die Markise eine wie durch
Zufall gegenwärtige berühmte Künstlerin, die Gesellschaft für ihre kranke
Langweiligkeit durch die Zaubertöne ihrer Harfe zu entschädigen. Die Dame liess
sich dazu willig finden, denn eigentlich war sie, nach Pariser Sitte, der die
Markise in Deutschland treu blieb, um eine bedeutende Summe von letzterer für
den Abend erkauft. Ein griechischer Sessel ward für sie zu den Füssen des
Ruhebettes auf die Estrade gestellt, die grosse goldige Harfe strahlte in ihren
Armen, und kaum hatte die Virtuosin mit prüfenden Akkorden die Saiten berührt,
als mehrere wunderschöne, fast idealisch gekleidete Kinder aus dem Nebenzimmer
herbeieilten, und sich in malerischen Gruppen zwischen den Rosen- und
Orangenbäumchen ordneten. Als grosse Lieblinge der Markise hatten sie in deren
Wohnzimmer gespielt und waren von den Tönen der Harfe herbeigelockt worden. So
wenigstens suchte ihre Beschützerin das unerwartete Erscheinen mit lächelndem
Zorne darüber zu entschuldigen, aber es bedurfte keiner Entschuldigung, denn
jedermann fühlte sich von dem wirklich feenhaften Anblick hingerissen, den die
Estrade in diesem Augenblick gewährte; es war als sähe man die Liebesgöttin von
Amorinen umflattert.
    Endlich ward Ruhe. Der Zirkel war allmählig grösser geworden; Mehrere, die
nicht mit der Gräfin gekommen waren, hatten nach und nach sich vor und in dem
Kabinette selbst versammelt, dessen Türen jetzt weit offen standen. Allgemein
herrschte die tiefste Stille einer zur Bewunderung bereiten Erwartung; aber kaum
hatte die Künstlerin in leisen Akkorden begonnen, als ein wunderliches
fortwährendes Klirren sie wieder verstummen machte.
    Zürnend blickten alle in die Ecke, aus welcher das störende Geräusch zu
kommen schien. Dort stand Adelbert, todtenbleich, den stieren Blick auf die
Markise geheftet. An allen Gliedern heftig bebend, hielt er sich, anscheinend
völlig bewusstlos, an einem Gestelle fest, welches in einer Ecke des Zimmers mit
Porzellan beladen stand, sein Zittern teilte sich denen darauf befindlichen
Prunkvasen und Tassen mit, alles stiess tönend aneinander, ohne dass Adelbert
weder dieses, noch die daraus entstehende Störung gewahr ward. Seine Seele war
in seinen Augen, sein Herz klopfte in ängstlichen Schlägen gegen seine Brust,
als wollte es sie zersprengen, denn mit dem ersten Blick auf die Markise hatte
er in ihr Herminien erkannt.
    »Adelbert!« rief Gabriele und sprang erschrocken von ihrem Sessel auf, dem
Freunde, den sie plötzlich erkrankt glaubte, zu Hülfe zu eilen.
    Ein allgemeiner Aufruhr entstand, die Damen drängten sich um die Markise
her, welche vor Schreck ohnmächtig zu werden drohte, die Herren führten
Adelberten in ein Nebenzimmer, der noch immer bewusstlos mit erstorbnen Augen
jedermann anstarrte. Alle umstanden ihn unschlüssig, auch Gabriele, die im
ersten Schrecken, jede konventionelle Regel vergessend, ihm gefolgt war.
Plötzlich erkannte er diese und mit einem erstickten Schrei des Schmerzes
ergriff er ihre Hände, drückte sie an seine Augen, unter fast konvulsivischem
Beben, während einzelne Tropfen kalt und schwer ihm über die Wangen rollten.
    »Um Gotteswillen einen Wagen, einen Arzt! der Rittmeister ist sehr krank,«
rief Gabriele wie ausser sich; »er muss gleich zu Hause gebracht werden.«
    »Liebe Nichte, das ist ja ein entsetzlicher Zufall,« sprach die Gräfin,
welche als Frau vom Hause eben hinzutrat; »doch beruhigen Sie sich, mein Wagen
wird angespannt, der Arzt wird gleich hier sein den Herrn von Lichtenfels zu
begleiten, und nun bitte ich, folgen Sie mir zu den übrigen Damen, beruhigen Sie
sich, bitte ich nochmals, für alles nötige wird gesorgt.«
    Gabriele war indessen zu aufgeregt um auf alle diese Redensarten zu achten,
sie schien im Gegenteil völlig entschlossen, den Rittmeister, der in ihrem
Hause wohnte, zu begleiten. Die Gräfin stand in peinlicher Verlegenheit und
sogar von ihrem Betragen etwas beleidigt, dabei, als plötzlich Moritz, mit dem
Geschrei, ma che cosa che cosa? what's the matter? ihr zum Trost erschien,
gerade im Momente, als das Bereitsein des Wagens gemeldet ward.
    Die Gräfin beeiferte sich Gabrielens Gemahl den Vorgang zu erklären. »Herr
von Lichtenfels ist von einem plötzlichen Schwindel ergriffen,« sprach sie, »er
braucht schnelle Hülfe, gewiss werden Sie ihn begleiten, und unsre Gabriele wird
sich beruhigen, uns ihre Gesellschaft nicht entziehen, wenn sie ihn unter Ihrer
Vorsorge weiss.«
    »Certainement« erwiderte Moritz, und begann in der Kürze die Reichtümer
seiner Hausapoteke anzupreisen, die seltensten arcana, die kostbarsten
Wunderessenzen gegen Schlagfluss, Schwindel und bösen schnellen Tod. »Sie stehen
ihm alle zu Diensten,« rief er, »ich freue mich der Gelegenheit ihre Kräfte
einmal erproben zu können. Vous resterez, ma chère!« setzte er, gegen Gabrielen
gewendet, etwas scharf und schneidend hinzu, da er bemerkte wie sie dennoch
Miene machte ihn begleiten zu wollen.
    Hippolit hatte bis jetzt ganz ohne alle äussre Teilnahme, den prüfenden
Blick auf Gabrielen geheftet, dagestanden; doch jetzt, als er sie besonders bei
Erwähnung der Hausapoteke, ängstlich noch bleicher werden sah, konnte er einer
mitleidigen Regung sich nicht erwehren. Er nahte sich ihr unbemerkt. »Vertrauen
Sie mir,« flüsterte er ihr zu, »ich begleite ihn auch, und verlasse ihn nur
unter der Aufsicht des Arztes. Sobald er meiner Gegenwart nicht mehr bedarf,
bringe ich Ihnen Nachricht von ihm; von dem Glücklichen, der so Ihre Teilnahme
zu gewinnen wusste!« Mit einer leichten Wendung kehrte er sich nach diesen wie im
Fluge gesprochnen Worten gegen Adelberten, der sich eben etwas erhohlte, um ihn
die Treppe hinunter zu führen. Moritz folgte Beiden, immerfort seine
Wunderessenzen anpreisend.
Die Markise hatte es indessen für gut befunden, den leichten Schreck bald zu
überwinden, und als Gabriele am Arme der Gräfin zu ihr zurückkehrte, fand sie
zwar sie noch immer in der Lage einer Kranken, aber voll Lust und Leben, voll
Witz und Laune.
    Ein in Paris auf das höchste gebildeter Instinkt lehrte sie, jedesmal den
Ton der Unterhaltung der Neigung derer anzupassen, welche sie gewinnen wollte,
und eigentlich wollte sie das gewöhnlich ohne Unterschied bei allen. Daher war
sie witzig, trübe, oder auch gefühlvoll, wie es die Umstände erforderten, oft
alles dieses in einer Stunde. Was sie sprach, war selten bedeutend, aber es
gewann in ihrem Munde einen eignen Reitz; bei der höchsten Frivolität verstand
sie entweder mit der Naivetät eines Kindes den Schein der unbefangensten
Unschuld beizubehalten, oder auch mit glücklicher Keckheit bis an die äusserste
Grenze weiblicher Zarteit zu treten, ohne dennoch diese je zu verletzen und so
gefiel sie Allen, weil sie Allen Alles zu sein wusste.
    Indessen misslang es ihr diesesmal dennoch Gabrielen an sich zu ziehen,
obgleich sie sehr wünschte, durch sie etwas näheres von Adelberts gegenwärtiger
Lage zu erfahren. Sie hatte ihn auf den ersten Blick eben so wohl wiedererkannt
als er sie, aber aus mancherlei Gründen wünschte sie, die frühere Bekanntschaft
mit ihm zu verschweigen und suchte daher, nur ganz von weitem, Gabrielen zu
einem Gespräch über ihn zu bewegen. Doch diese blieb einsilbig, sichtbar
befangen, bis endlich Herr von Aarheim und Hippolit mit der Nachricht von
Adelberts besserem Befinden anlangten. Ihr Blick erheiterte sich jetzt, sie
vermochte es nicht, Hippoliten den Tanz zu versagen, den dieser, von Moritzen
unterstützt, als Botenlohn für die günstige Nachricht von ihr erbat. Triumfirend
führte er sie in den Saal und alles strömte dem schönen Paare nach, um es walzen
zu sehen.
    Mit unverstellter Verwunderung sah die Markise sich allmählig von allen
verlassen, ausser von einigen Fräulein, die, durch traurige Erfahrungen
gewitzigt, den Tanzsaal gern mieden. Zu diesen gesellten sich noch ein paar alte
Damen, welche die gute Gelegenheit sich nicht entgehen lassen wollten, jedes
einzelne Stück des Ameublements im Kabinette recht ungestört zu betrachten und
nach den Preisen sich zu erkundigen. Von Männern war nur Moritz von Aarheim
dageblieben. Dieser unterhielt die Gesellschaft sehr lang und breit von
Adelberts glücklicher Ehe, von Gabrielens innigem Verhältnis zu dessen Gemahlin
und zur Frau von Willnangen, und wie gewöhnlich hörte niemand auf ihn, sogar die
Markise nicht, obgleich sie dies Gespräch selbst veranlasst hatte.
    Tausend Sorgen beschäftigten diese; ihr so künstlich ersonnenes
Krankenkostüm begann, sie in die peinlichste Verlegenheit zu setzen, sie hätte
in diesem Augenblick gern alles darum gegeben, es wieder los zu sein, um die
Vorgänge im Ballsaal mit eignen Augen beobachten zu können, aber sie sah doch
keine Möglichkeit, es abzuändern, ohne sich lächerrlich zu machen. Auch das
Zusammentreffen mit Adelberten, den sie nie wieder zu sehen gehofft hatte,
beunruhigte sie; Allen, sogar der Gräfin Rosenberg, hatte sie den Glauben
wenigstens gelassen, dass sie eine geborne Französin aus einem grossen Hause sei,
die Entdeckung des Gegenteils, das konnte sie sich nicht verhehlen, musste ihr
das Ansehen einer Abenteurerin geben; vor allem aber fürchtete sie das
Bekanntwerden ihrer früheren Verbindung mit Adelberten. Diesen schnell wieder zu
gewinnen, das schien ihr der sicherste Weg um allen möglichen Unannehmlichkeiten
vorzubeugen, und seine äussre Erscheinung konnte sie diesem Plan nur geneigter
machen, besonders in diesem Augenblick, da sie Hippolits Benehmen gegen
Gabrielen als für sich höchst beleidigend empfand. Zu ihrem grossen Verdrusse
blieb ihr volle Musse allen diesen Betrachtungen nachzuhängen; denn auch die
alten Damen hatten sich, nach richtig aufgenommenem Verzeichnisse der im
Kabinette entaltenen Kostbarkeiten, den Spielzimmern zugewendet, Moritz aber
war dem Ballsaal zugeeilt, um seinen Teil an dem Triumfe seiner Gemahlin sich
zu holen. Nur die verlassenen Fräulein waren da geblieben, und die Markise fühlte
sich auf eine kränkende Weise mit ihnen auf gleichen Fuss gestellt. Hippolit, der
sonst ausser ihrem Kreise keine gesellige Freude anerkennen wollte, liess sich
nicht wieder blicken, vermutlich huldigte er, wie alle andere, in diesem
Augenblick nur jener Gabriele, die ihr immer verhasster ward.
    Endlich vermochte es die Markise nicht länger, der peinigenden Ungewissheit
zu widerstehen. Bei der Unmöglichkeit, gekleidet wie sie war, bis in den
Ballsaal zu gehen, schickte sie die Fräulein auf Kundschaft dortin aus, aber
die armen Kinder kamen nach kurzer Zeit mit dem betrübten Geständnis zurück,
nichts gesehen zu haben. Es war ihnen unmöglich gewesen, den dichten Kreis von
Zuschauern zu durchdringen, in dessen Mitte, wie sie gehört hatten, Gabriele mit
dem Grafen Hippolit eben die Gavotte tanzte. Niemand hatte auf ihre Bitten,
durchgelassen zu werden, geachtet, denn alle waren zu eifrig mit dem Schauspiele
beschäftigt, welches, wie überlaute, bis in das Kabinett dringende
Beifallszeichen jetzt verkündeten, so eben beendet ward.
    Allmählig kamen jetzt auch mehrere Herren und Damen herbei; alle schilderten
den eben gehabten Genuss in den lebhaftesten Farben, und bedauerten zwiefach die
unselige Krankheit, welche die Markise um den schönsten einzigsten Anblick in
der Welt gebracht habe. Da riss dieser endlich der letzte schwache Geduldsfaden,
besonders als noch immer weder Gabriele noch Hippolit sich blicken liessen. Die
Migräne kehrte plötzlich wieder, und ward bald so unleidlich, dass die
Gesellschaft verabschiedet und die Türe des Kabinetts wieder verschlossen
werden musste. Innerlich hoffte die Markise, dass ihr Ungetreuer, durch diese
Massregeln beunruhigt, in banger Besorgnis herbeieilen würde. Sie blieb sogar
noch in der einmal gewählten Attitüde, so lästig ihr diese auch zu werden
begann, aber umsonst, der Erwartete kam nicht.
    Längst schon hatte dieser sich in seine Wohnung zurückgezogen, während die
Markise noch immer auf ihn harrte. Dort sass er in wortlosem Sinnen verloren, und
horchte in die Nacht hinaus auf das ferne Rollen einzelner Wagen, wie es
allmählig in den erstorbenen Strassen verhallte. »Morgen, Morgen! Wir werden ja
sehen,« sprach er endlich leise vor sich hin, und befahl dann seinem
Kammerdiener, ihn früh zu wecken, denn ihm war, als stünde ihm in dem morgenden
schon anbrechenden Tage etwas höchst Wichtiges bevor.
    Die Nacht verging ihm zwischen Schlaf und Wachen, immer noch schwebte
Gabrielens Gestalt, jede ihrer anmutigen Bewegungen, jedes ihrer noch
anmutigeren Worte ihm vor. In fast nie gefühlter Wonne war er an ihrer Seite
durch den Saal geschwebt, mit ungeheuchelter Bewunderung hatte er in der Gavotte
jede malerische Wendung ihrer eleganten Gestalt, den Ausdruck des schönen
Gesichts, das Spiel der zierlichsten Füsschen unverwendeten Blickes verfolgt, und
da sie späterhin alles Tanzen verweigerte, hatte er, bis sie die Gesellschaft
verliess, den Platz hinter ihrem Stuhle behauptet. Dort lauschte er auf jedes
ihrer Worte, und ihr Geist entzückte ihn nicht minder als ihre Schönheit. Leicht
und unbefangen, gleich entfernt von Übermut und Ziererei, sah er sie die
Lobsprüche annehmen und ablehnen, mit denen man von allen Seiten sie
überströmte. Er fand sogar keine Spur von dem sentimentalen steifen Tugendbilde,
das seiner Fantasie vorgeschwebt, keine von der Maske, die er abzuziehen sich
bereitet hatte. »Sie ist ganz Leben, ganz Natur, Geist und Wahrheit,« flüsterte
er noch im Lauf des Abends der Gräfin zu, die ihrerseits auch anfing auf ihre
Nichte stolz zu werden, mit grossem Selbstbehagen ihn um seine Meinung von ihr
fragte und ihm erzählte, wie Gabriele von Kindheit an unter ihrer Aufsicht, in
ihrem Hause erzogen worden sei.
    »Dass sie jenen glückseligen Adelbert liebt?« sprach Hippolit weiter, »nun
Honny soit qui mal y pense! Wer kann es ihr verargen, der die in Eselshaut
gebundne Enzyklopädie aller Künste und Wissenschaften sieht, welche der Himmel,
er selbst mag es verantworten warum? ihr zum Gemahl erkohr. Mir ist sie durch
diese Liebe nur um so verehrlicher und herrlicher. Ein Weib ohne Liebe ist ein
Weib ohne Seele. Sogar die Hässliche wird leidlich wenn sie liebt, die Schöne
wird dadurch zum Engel verklärt. Und dass diese Gabriele es unter ihrer Würde
hält ihre Liebe zu verheimlichen, gefällt mir nun gar über die Massen, sie
heuchelt doch wenigstens nicht wie alle ihres Geschlechts, die etwas zu
verschweigen haben was der Mühe verlohnt. Die Gräfin war ähnlicher Äusserungen
ihres jungen Schützlings zu gewohnt, um sich ernstlich darüber zu erzürnen;
Ermahnungen aber achtete er nicht, sondern entging ihnen gewöhnlich und auch
diesesmal durch schnelle Flucht. Wir werden ja sehen, ob es sich mit dem lahmen
Helden nicht aufnehmen lässt! dachte er dabei in seinem Herzen.
Alle alte Schmerzen regten sich indessen von neuem in Adelberts Brust; Hass,
Liebe, Verachtung im furchtbarsten Kampf. Vergebens strebte er das
verführerische Bild der Markise aus seiner Fantasie zu verbannen, vergebens rief
er zu Augusten wie zu einer Heiligen, Herminia schwebte die ganze Nacht hindurch
in all ihrer blendenden Schönheits-Pracht vor seinen aufgeregten Sinnen. So
hatte er nie sie gesehen, nie geahnet, dass sie so über allen Ausdruck entzückend
ihm erscheinen könne. Er bemühte sich, ihres Leichtsinns, ihrer Treulosigkeit,
der unverantwortlichen Art mit der sie ihn verstiess, zu gedenken, er glaubte sie
zu hassen, er wähnte sie zu verachten, und doch sah er noch immer die lockende
Gestalt, gelagert unter Rosen, von Liebesgöttern umschwärmt. Er gedachte der
Möglichkeit sie wieder zu sehen, und eine unbeschreibliche Angst bemächtigte
sich seiner bei dem Gedanken. Sehnsucht zog ihn zu ihr, Erinnerung in einem
blutig zerrissnen Herzen hielt ihn zurück. Dieser Zustand erreichte eine so
peinliche Höhe, dass er endlich, um ihm zu entgehen, den Entschluss fasste zu
fliehen, ohne jeden andern Verlust weiter zu achten, der aus dieser Flucht im
Laufe der Geschäfte, welche ihn hergeführt hatten, für ihn entstehen konnte.
    Herzlich froh endlich, der peinigenden Ungewissheit entgangen zu sein,
beschloss er nur die schickliche Stunde abzuwarten, um Gabrielen Lebewohl zu
sagen, und dann zu eilen, um in Augustens Armen gegen sich selbst Schutz zu
finden; doch graute ihm innerlich mit diesem Entschluss in der Seele allein und
müssig zu bleiben. Er rief mit Tages Anbruch deshalb seinen Bedienten, gab ihm
mehrere auf die nahe Abreise Bezug habende Aufträge, fing selbst an, Papiere zu
ordnen und einzupacken, um nur in erzwungner Tätigkeit sein Gefühl nicht zur
Sprache kommen zu lassen, als plötzlich, er begriff selbst nicht recht wie, eine
der gestrigen Amorinen, in Gestalt eines artigen kleinen Mädchens von etwa zehn
Jahren, ihm ein rosenduftendes Zettelchen in die Hand schob, bei dessen Anblick
ihm beinahe, wie gestern beim Anblick der Schreiberin desselben, die Sinne
vergingen. Das Briefchen war nicht versiegelt, es war nur zusammengedreht, genau
wie jene Zettelchen, die Herminia sonst ihm heimlich zuzustecken pflegte, als
den Liebenden noch der ganze Tag, den sie im Hause ihrer Aeltern mit einander
verlebten, zu kurz war für alles was sie sich zu sagen hatten. Gedankenlos
öffnete er das duftende Papier ohne bestimmt zu wissen was er tat. Hier der
Inhalt desselben.
    »Ich will nicht Vergebung, ich will nicht Mitleid, ich will nicht einmal
andeuten dass ich zu beiden wohl berechtigt wäre. Ich verbanne mich auf ewig aus
meinem Vaterlande, die nächste Stunde trifft mich nicht mehr hier. Der verhasste
Anblick der armen Herminia soll nicht mehr den Abscheu des Mannes erregen der -
genug ich reise. Doch einmal, einmal noch möchte ich zum Abschiede die Hand
ergreifen, die einst bestimmt war, mich durch das Leben zu geleiten! einmal
noch, ehe ich auf immer gehe! Ich weiss es, dieser Wunsch wird mir nicht gewährt
werden, aber ich spreche ihn aus, ich fürchte nicht den Schmerz einer
Verweigerung, denn ich fürchte keine Schmerzen mehr. Marion würde ungesehen,
unbemerkt den Weg zu mir zu leiten wissen, ich wage es nicht noch eine Sylbe
hinzuzufügen. Bitten klingt ja wie Hoffnung, Herminia hat seit gestern keine
mehr.«
    Unschlüssig starrte Adelbert die lange nicht erblickten, wohlbekannten
Schriftzüge an, dann hob er mechanisch den Blick zur Türe, dort stand Marion
mit einem schlauen ächt französischen Kindergesichtchen. Sie machte einen
kleinen Knix, schob die nur angelehnte Türe auf, und trippelte, den Blick
rückwärts ihm zugewendet, die Treppe des Seitengebäudes hinab, auf welcher sie
zu Adelberts Zimmer gelangt war. Gedankenlos schritt Adelbert ihr nach, über den
Hof; auf der Strasse erwachte er zwar wieder und war im Begriffe umzukehren, aber
er bildete sich ein, sich der Feigheit einer solchen Flucht vor der Gefahr
schämen zu müssen, und dieses Gefühl trieb ihn vorwärts.
Hippolit hatte indessen die Stunde sehr ungeduldig erwartet, in welcher er
Gabrielens Wohnung aufsuchen konnte, um bei Adelberten einen Krankenbesuch
abzustatten, und vernahm mit nicht weniger Unmut als Erstaunen, dass der,
welchen er, von Aerzten umgeben, im Bette zu finden geglaubt hatte, schon am
frühen Morgen ausgegangen sei. Niemand wusste, wohin? Hippolit hatte bei diesem
Besuche auf irgend einen günstigen Zufall gerechnet, der ihn bedeutender, als
eine blosse zeremonielle Visite, bei Gabrielen Zutritt verschaffen sollte, und
verweilte jetzt unschlüssig auf der Treppe, darüber nachsinnend, ob es geratner
sei, schon jetzt sich bei ihr melden zu lassen, oder später wiederzukehren, als
Moritz, ihm begegnend, seinen Bedenklichkeiten ein Ende machte, indem er ihn
erst auf das freundlichste begrüsste und dann sogleich an das Ziel seiner Wünsche
führte. Mit unendlichem Bedauern verliess der Baron dort aus Mangel an Zeit
Hippolit, nachdem er diesen für den Mittag eingeladen, denn noch am nehmlichen
Morgen hatte er der Auktion eines Naturalienkabinetts, einer Vorlesung über die
Möglichkeit, den Luftballon zu regieren, und einer Opernprobe beizuwohnen.
Schöner noch als im festlichen Schmuck des gestrigen Abends trat Gabriele
Hippoliten im zierlich einfachen Morgenkleide entgegen. Ihr helles Auge ruhte
mit sichtbarem Wohlgefallen auf ihm, ihr schöner Mund lächelte ihn freundlich
an, während sie mit ihrer süssen melodischen Stimme für die ihrem Gastfreunde
geleistete Hülfe ihm nochmals dankte. Er, sonst so vorlaut, aller Frauen Gunst
so sicher, stand dabei fast unbehülflich da, und suchte vergeblich nach einer
passenden Antwort, er fürchtete, Gabrielen etwas zu erwidern, weil er sie dann
nicht mehr hören würde, und fühlte dabei doch mit innerer Angst das Lächerliche
seines fortwährenden Schweigens. Endlich suchte er gewaltsam den Zauber zu
zerreissen, der seine Zunge fesselte, er strebte wieder in den gewohnten Ton zu
gelangen, mit dem er bis jetzt noch immer bei den Frauen Glück gemacht hatte,
und ward zuletzt aus blosser Verlegenheit zuerst vorlaut, und endlich beinahe
unverschämt. Mit erzwungner Bedeutung brachte er ziemlich ungeschickt einige
witzig sein sollende Anspielungen auf den Kranken an, der solcher Teilnahme
sich erfreuen könne, sprach dann von der Verpflichtung aller Männer, einem so
ausgezeichneten Günstling des Glücks zu dienen, wenn gleich sie eben dieser
Auszeichnung wegen ihn alle tödtlich hassen müssten. Das Unziemende solcher
verbrauchten Scherzreden, Gabrielen gegenüber, fiel ihm selbst auf und vermehrte
seine Verlegenheit; er wollte es mildern, und geriet immer tiefer hinein, bis
sie ihn endlich unterbrach, nachdem sie ihm lange genug, zuletzt recht mitleidig
ernstaft zugehört hatte.
    »Ich könnte mich stellen, als verstünde ich Sie nicht,« sprach sie, »oder
ich könnte Sie auch verstehen, und dann mit gutem Fug und Recht mich erzürnen,
und eigentlich sollte ich dieses auch wohl, aber Ihr ganzes Wesen, vor allem
Ihre Jugend lassen mich hoffen, dass Sie mir eben eine Lection hersagten, die Ihr
Kopf in der Welt, in der Sie bis jetzt lebten, auswendig lernte, von der aber in
Ihrem Herzen keine Sylbe steht. Ich freue mich um so mehr der Aussicht, Sie oft
und lange in unserm Kreise zu sehen, dem es vielleicht gelingen wird, Ihnen das
Leben und auch die Frauen aus einem andern Gesichtspunkt zu zeigen.« Hier
schwieg sie, gleichsam eine Antwort erwartend, doch Hippolit, hochrot vor Zorn
und Scham, vermochte kein Wörtchen aufzubringen und suchte nur in seinem Äußern
noch das sonst gewohnte dreiste Selbstbewusstsein auszudrücken. »Stehen Sie nicht
so wie ein zürnender Heros vor mir,« setzte daher nach einer kleinen Pause
Gabriele lächelnd hinzu, »nehmen Sie lieber meine Äusserungen, wenn sie Ihnen
auch nicht ganz gefallen sollten, so auf, wie ich die Ihrigen, das heisst, mit
Duldung.«
    Gleich nach diesem suchte sie dem Gespräch eine leichtere, gleichgültigere
Wendung zu geben, aber es misslang ihr. Hippolit war zu sehr aus dem
Gleichgewicht gekommen, um es sogleich wieder zu finden, und ergriff deshalb den
ersten schicklichen Augenblick, um seinen Besuch zu beenden.
    Von Gabrielen entfernt, fühlte er mit tiefer Beschämung, dass er wie ein
ausgescholtener Schulbube vor ihr dagestanden, vor ihr, die ohne den geringsten
Versuch, ihm seine vorgefasste Meinung von dem Verhältnis zwischen ihr und
Adelbert zu benehmen, dennoch, wie völlig gerechtfertigt, stolz und klar sich
erhob, und zugleich eine Art Herrschaft über ihn übte, zu welcher er sich nicht
bewusst war, sie berechtigt zu haben.
    Aergerlich und mit dem festen Vorsatze, kalt und unbefangen aufzutreten,
stellte er zur Zeit der Mittagstafel zum zweitenmale sich in Gabrielens Zimmer
ein, aber er konnte sich die Mühe sparen, denn sie begrüsste ihn nur mit einer
leichten Verbeugung, und setzte dann sehr lebhaft ihr Gespräch mit einem Fremden
fort, der eben aus Rom kam und Ottokarn dort gesehen hatte. Moritz hingegen, der
seit gestern eine ganz eigene Zärtlichkeit für Hippoliten gefasst zu haben
schien, bemächtigte sich sogleich seiner, um ihm eine Sammlung von Missgeburten
zu zeigen, welche er am nehmlichen Morgen in der Auktion gekauft hatte. So ward
im einzelnen Gespräch beinahe eine Stunde von der nur aus acht oder neun
Personen bestehenden Gesellschaft hingebracht. Gabriele blickte oft auf die Uhr,
man erwartete sichtbar noch jemanden. Blas und verstört trat endlich Adelbert
herein, beantwortete sehr in der Kürze alle Fragen nach seinem Befinden, schob
einige unverständliche Entschuldigungen seines späten Erscheinens dazwischen,
und versicherte dann wieder, nur der Blumenduft, einzig der Blumenduft im
Kabinett der Markise habe ihm gestern den Zufall zugezogen, von dem er sich
jetzt völlig hergestellt fühle.
    Hippolit fand an der Tafel neben dem Herrn des Hauses seinen Platz,
Gabrielen und Adelberten gegenüber. Letzterer blieb sichtbar verstimmt und
Gabriele betrachtete ihn mit augenscheinlicher Besorgnis. Dann aber wendete sie
sogleich alle ihre Aufmerksamkeit der Gesellschaft zu. Jeden und jedes wusste sie
an seinen Platz zu stellen, hatte Allen einzeln etwas angenehmes zu sagen oder
zu erzeigen; und das auf so natürliche Weise, als müsste es so und nicht anders
sein. Sie war die Seele der Unterhaltung ohne damit prunken zu wollen, im
Gegenteil, es war, als ob der Abglanz ihrer Anmut sich auf die verbreitete,
welche sie umgaben. Wer ihr nahte, gewann an Liebenswürdigkeit, an Geist, Witz,
Verstand, denn sie wusste jeden lichten Funken hervorzulocken, und seit sie in
der grossen Welt lebte, war, ausser Hippoliten, vielleicht noch nie jemand anders,
als höchst zufrieden mit sich selbst, von ihr geschieden.
    Adelbert versank inzwischen in immer trüberes Nachsinnen, aus welchem er,
sichtbar sich zusammennehmend, auffuhr, wenn man ihn anredete. Moritz hingegen
war seelenvergnügt und eine Albernheit jagte die andere aus seinem Munde.
Vergebens strebte diesmal Gabriele, das Gespräch abzuändern, Hippolit sah, wie
sie alle Kraft ihres Geistes anwendete, um die Schwäche des Mannes, dem sie
angehörte, zu verdecken, und die Nachtseite des Geschicks der schönen anmutigen
Frau trat plötzlich in all' ihrem hoffnungslosen Dunkel vor seine Seele. »So,«
dachte er, »so muss das holde Wesen unablässig arbeiten, sich anstrengen, sich
quälen lebenslänglich, und warum? Um der Welt zu verbergen, was sie leidet! Um
fremden Augen das Unwürdige der Fesseln zu entziehen, die sie zu Boden drücken,
und welche nur der Tod lösen kann!
    Von unsäglichem Mitleide hingerissen, bemühte er sich von nun an, ihr zu
helfen, und gewandt wie er war, gelang es ihm wirklich, den Faden der
Unterhaltung behend zu ergreifen, ein Gespräch aufzubringen, welches unter
seiner Leitung interessant genug ward, um selbst Moritzen zum Zuhören zu
bewegen. Gabrielens dankbare Zufriedenheit, die er in ihren Augen las, lohnte
ihn überreich, besonders da Moritz ihn einlud, morgen und an jedem Tage, so oft
es ihm bequem sei, wiederzukehren; eine Erlaubnis, welche er sich vornahm, recht
oft zu benutzen.
Mehrere Tage vergingen, während denen Adelbert und Hippolit die Rollen getauscht
zu haben schienen. Ersterer war nur selten, und nie in Gabrielens Nähe zu
finden, wenn er vermuten konnte, mit ihr allein zu sein. Er verliess mit dem
frühesten das Haus, und kehrte nur selten, und spät wieder heim, während
Hippolit dort fast jede Stunde des Tages verlebte, und die Markise nie anders,
als umringt von fremden Zeugen, im geselligen Kreise sah. Er hatte sein
Verhältnis zu ihr nie bindend gefühlt und auch sie konnte, nach der
stillschweigenden Uebereinkunft der Welt, in der sie zu leben gewohnt war, sich
hierüber keine Illusion machen. Jetzt war das Band, welches ihn ihr verknüpfte,
nicht gelöst, es war zergangen vor Gabrielens Erscheinung, wie Sommerwölkchen
vor der Sonne in Nichts sich auflösen, und er achtete übrigens die Markise zu
wenig, um ferner nach ihr, noch den Verbindungen zu fragen, die sie jetzt zu
schliessen für gut finden mochte.
    Nicht listig absichtlich, sondern vom ehrlichen Wunsche geleitet, Gabrielens
Geschick zu erleichtern, hatte Hippolit sich in kurzer Zeit ihrem schwachen
Gemahl so lieb und wert zu machen gewusst, dass dieser ihn ungern von der Seite
liess, und ihn mit Einladungen bestürmte, sein Haus als das seinige anzusehen. Je
länger er Gabrielen sah, je deutlicher ward es ihm, dass diese Frau von allen,
die er bis jetzt gekannt hatte, sich himmelweit unterschied, und so konnte es
ihm nie einfallen, auf gewöhnlichem Wege sie zu gewinnen. Auch dachte er nie
daran, planlos lebte er in ihrer Nähe fort, strebte auf jede Weise, sich dort zu
erhalten, und sann nie darüber nach, warum er ihr nach und nach seine liebsten
Gewohnheiten und Neigungen opferte, warum sie mit mächtiger Allgewalt ihn zu
beherrschen beginne; es war ihm, als müsse alles dies so und nicht anders sein.
    Gabrielen konnte es indessen nicht entgehen, wie zart und schonend der
übrigens in allem so rücksichtslos handelnde Jüngling es vermied, die
Lächerrlichkeiten eines Mannes zu bemerken, der alt genug war, um sein Vater sein
zu können. Sie sah, wie oft er gegen die Spottlust der übrigen jungen Leute ihn
in Schutz nahm, und ihre holdeste Freundlichkeit lohnte ihm ein Betragen,
welches sie für den untrüglichsten Beweis reiner Herzensgüte nahm. Der frühern
jugendlichen Unbesonnenheit, mit welcher er in der ersten Stunde ihrer
Bekanntschaft es gewagt hatte, sie zu beleidigen, wurde nicht mehr gedacht; oder
wenn es geschah, so schämte Gabriele sich des Ernstes, mit dem sie eine
kindische, nichts bedeutende Ungezogenheit gerügt hatte. So gewöhnte jeder Tag
sie immer mehr an die Gegenwart Hippolits, den sie zuletzt oft im Scherz ihren
Edelknaben nannte.
    Adelbert hingegen verlebte diese Zeit in stetem Schwanken zwischen Himmel
und Hölle, bald in der wollustatmenden Nähe der Markise alles ausser ihr
vergessend, bald niedergeschmettert von Reue und Selbstverachtung, wenn ein
sorgender Blick aus Gabrielens Augen, wie ein Strahl aus der schuldlosen,
seligen Heimat ihn traf. Herminia hatte, als er, von Marion geführt, ihr Zimmer
betrat, mit unwiderstehlichem Zauber den ganzen vollen Freudenkranz ihrer Beider
Jugend neubelebt, in Himmelsfarben glühend, ihm zu zeigen gewusst. Ohne die
frühere Schuld, welche diesen Kranz zerriss, wegleugnen zu wollen, aber auch ohne
Reue darüber in Worten auszudrücken, hatte sie vor dem Beleidigten sich nicht
gebeugt. Aber, während sie vorgab, ihm Lebewohl auf ewig zu sagen, musste er
wähnen, in ein von Liebe, Reue, Schmerz zerrissenes Gemüt zu blicken, das in
kalter Selbstverleugnung sich verloren gab, und nur bedacht schien, sich und
seine Qualen ihm zu entziehen. Entschlossen, die Treubrüchige mit kalter
wortarmer Vergebung verachtend niederzuschmettern, war er gekommen, nur wenige
Minuten vergingen, und er lag zu ihren Füssen, sie entschuldigend, gegen ihre
eignen Anklagen sie in Schutz nehmend, die jetzt erst laut zu werden begannen.
Diese ihre erste Zusammenkunft endete von seiner Seite mit dem feierlichen
Versprechen, noch am nehmlichen Abend wiederzukehren, um dann gefasster, mit
Bewusstsein den Augenblick ewiger Trennung zu feiern und so in Zukunft sein Bild
liebend vergebend und mild in ihrer Erinnerung leben zu lassen.
    Zur unglücklichsten Stunde hielt Adelbert sein Wort. Der vereinte Zauber
früherer Unschuld und jetziger blendend strahlender Schönheit, in Reue, in
Verzweiflung, in aller Glut der hingebendsten Liebe, riss ihn hin, er vergass
alles, auch die Augusten geschworne Treue. Ihr bescheidnes Bild trat weit zurück
in den verborgensten Winkel seines Herzens, schmerzlich fühlte er es dort, ohne
es sich selbst zu bekennen.
    In bitterer Selbstverachtung gab er von nun an jede Hoffnung der möglichen
Rückkehr zum Bessern auf. Er wollte nur Betäubung und fand sie; er sah und hörte
nur Herminien, wie sie einzig in seiner Liebe leben und atmen zu können schwur,
ihre Versicherungen, ihn nie ganz vergessen zu haben, ihr Geloben künftiger
ewiger Treue, er glaubte Alles und Nichts. Im Wahnsinn äussern Sinnenrausches,
gefoltert von innern Vorwürfen in jeder Minute helleren Selbstbewusstseins, mied
er aufs geflissentlichste alles, was ihn zu diesem bringen konnte, vor allen
Gabrielen.
    Herminia hatte bei Adelberts Wiedersehen wirklich eine Regung jener Gefühle
empfunden, die einst ihre Jugend beglückten. Sie sah ihn zum edlen stolzen Manne
herangereift, sogar die Narbe über der Stirn, welche früher ihr so entsetzlich
dünkte, erhob jetzt sein Gesicht, weit davon entfernt, es zu entstellen, zu dem
eines Helden. Seine Erschütterung bei ihrem Anblick verriet ihr die Gewalt,
welche sie noch immer über ihn üben konnte, und Gabrielens unverhohlne
Teilnahme an seinem anscheinend plötzlichen Uebelbefinden liessen sie sogleich
in dieser eine, wahrscheinlich beglückte Nebenbuhlerin ahnen. Gabrielens von
allen gefeierter Name erregte schon ihre Eifersucht ehe sie selbst sie noch sah,
jetzt da Hippolit ihr um jener willen untreu zu werden drohte, ward sie ihr ganz
unerträglich. Sechs in den gefährlichsten Umgebungen verlebte Jahre hatten
Herminien sehr tief herabgezogen; Wechsel und Intrigue waren in dieser Zeit
ihrem leidenschaftlichen Wesen zum Bedürfnis geworden, und unbekannt mit jeder
bessern Regung, beurteilte sie alle und somit auch Gabrielen nach sich. Sie
glaubte daher, sich nicht besser an dieser rächen zu können, als indem sie
Adelberten von ihr abzuwenden und wieder in die alten Fesseln zu ziehen suchte.
Zugleich hoffte sie dadurch Hippolits Eifersucht rege zu machen, und so auch ihn
wieder zu gewinnen, den sie, ohne ihn zu lieben, dennoch nicht freigeben wollte,
besonders nicht an Gabrielen. Alles dieses vereint bestimmte sie zuerst zu jener
mühevollen Vorstellung, mit der sie Adelberten umgarnte, aber es ging ihr bald
mit dieser Rolle, wie jeder guten Schauspielerin mit der ihrigen, sie gewann sie
lieb, so dass sie selbst nicht mehr Täuschung und Wahrheit von einander zu
unterscheiden wusste, und das Spiel immer weiter trieb, zuletzt hauptsächlich nur
um des Spieles willen.
    Nicht mit jener quälenden Empfindung, welche Herminia in ihr erregen wollte,
aber doch schmerzlich besorgt, sah Gabriele Adelberten sich täglich ihr mehr
entfremden. Sie sah die Angst, die ihn in ihrer Nähe ergriff, sie bemerkte wie
geflissentlich er jedes Gespräch mit ihr vermied, ohne erraten zu können
wodurch sie sein Zutrauen verscherzt habe. Auch zeigte er sich ihr durchaus
nicht feindselig, aber ihr Beisein übte über ihn eine sichtlich vernichtende
Gewalt. Das Geschäft, welches ihn in die Residenz geführt hatte, vernachlässigte
er durchaus und brachte dennoch fast alle seine Zeit ausser dem Hause zu. Sie
begriff nicht, wo? und womit? Bei der Markise traf sie ihn selten, denn sie
besuchte diese nur wenn sich dort Gesellschaft versammelte, und dann pflegte
Adelbert gewöhnlich zu fehlen. Tausend Vermutungen drängten sich Gabrielen
entgegen, doch keine brachte sie der Wahrheit nahe, und ihr Gefühl widerstrebte
jedem heimlichen Nachforschen, aber dieses unerklärliche Betragen des Gemahls
ihrer Auguste lastete recht schwer auf ihrem Gemüte.
    Zwischen der Markise und der Gräfin Rosenberg war indessen seit Gabrielens
Ankunft eine Spannung entstanden welche, und vielleicht bald, in einen
förmlichen Riss auszuarten drohte. Herminie hasste Gabrielen zu sehr, um diesen
Hass nicht auch der Gräfin sichtbar werden zu lassen, besonders seit es mit jedem
Tage ihr entschiedner wurde, dass Hippolit um jener willen ihr unwiederbringlich
verloren sei. Die Gräfin hingegen nahm Gabrielen stets in Schutz; sie hatte sie
auf ihre Art lieb gewonnen, sie wusste sich nicht wenig damit, dass eine so
glänzende Erscheinung aus ihrem Hause ausgegangen, unter ihren Augen gebildet
sei. Nichts konnte ihr ein beifälligeres Lächeln ablocken, als wenn man Züge von
Aehnlichkeit zwischen der Tante und der Nichte entdeckt haben wollte; auch
konnte sie Gabrielen nicht entbehren, ihre stete Gegenwart machte die geselligen
Abende der Gräfin zu den gesuchtesten und glänzendsten der Stadt, unerachtet
schwache Nerven jetzt sehr oft das Nichterscheinen der Markise entschuldigen
mussten; zum Teil, weil diese die Abendstunden lieber mit Adelberten allein
zubrachte, mehr aber noch, weil sie das Rivalisiren mit Gabrielen scheute.
Ausser sich wäre sie gewesen, wenn sie gewusst hätte, wie wenig die Gesellschaft
im Salon der Gräfin ihre Gegenwart vermisste. Ihr erstes blendendes Auftreten war
zwar nicht vergessen, aber man gedachte dessen nur als eines angenehmen und
zugleich fremden Schauspiels, welches sich indessen seiner Art nach doch nicht
ganz mit deutschem Sinn und deutscher Sitte vereinen liess, während Gabrielens
sich stets gleichbleibende anspruchslose Liebenswürdigkeit auf Geist, Sinn und
Herz immerwährend wohltuend wirkte.
Unerachtet der tausend Schwachheiten, zu welchen ungemessne Eigenliebe und Lust
zu glänzen die Gräfin Rosenberg verführen mochten, hielt dennoch niemand fester
als sie, an das was sie ihre Grundsätze nannte. Achtung vor äusserem Anstande,
Sitte und guten Ruf, diese Kardinal-Tugend vornehmer Leute besass sie in hohem
Grade; sie war eine abgesagte Feindin alles offenbaren Unrechts, und Adelberts
Verhältnis zu Herminien musste ihr grosses Missfallen erregen, sobald sie es für
das erkannte, was es war. Hippolits jetziges Benehmen gegen die Markise machte
sie zuerst aufmerksam darauf. Sie sah, wie er, der sonst nur in den Blicken der
Markise d'Aubincourt zu leben schien, ihr jetzt mit unverkennbarer Kälte
begegnete, wie zuvorkommend er Adelberten jedesmal, wenn beide bei ihr
zusammentrafen, den Platz neben ihr einräumte, und sie hatte selbst zu lange und
in zu mannigfaltigen Verhältnissen in und mit der Welt gelebt, um nicht, wenn
gleich diesesmal ungerechter Weise, den Grund einer so auffallenden Veränderung
im Betragen ihrer Hausgenossin zu suchen. Die dunkle Seite desselben blieb ihrem
Scharfblick nicht lange verborgen, und gränzenloser Zorn ergriff sie bei der
Entdeckung, dass die Markise es wage, unter ihren Augen, in ihrem Hause und
gleichsam unter ihrem Schutze mit dem Gemahl einer ihrer nächsten Verwandtinnen
ein solches Verständnis zu unterhalten. Hätte die Gräfin Rosenberg den ersten
Regungen ihres empörten Gemüts zu folgen gewagt, so wäre die Markise in der
nächsten Stunde durch öffentliche Kundmachung ihres Betragens vor der Welt auf
das beschämendste bestraft worden; aber sie war von jeher gewohnt, nur mit der
äussersten Umsicht vorzuschreiten, und jedes, nicht durch Bewunderung erregte
Aufsehen zu scheuen, wie den Tod. Der Familienstolz, welcher einst den Baron von
Aarheim so mächtig beherrschte, war auch der Brust seiner Schwester nicht fremd,
und das Bekenntnis, dass Auguste, ihre Verwandtin, um einer andern willen
verlassen werden konnte, schien ihr unwürdig und entehrend. Schmerzlich vermisste
sie jetzt Ernestos gewohnte leitende Hand, doch dieser Freund war fern, auf dem
Wege nach Italien, wohin Ottokars wiederholte Einladungen ihn zogen, und so
blieb der Gräfin nichts übrig, als an seiner Stelle Gabrielen zu Rat und
Mitwirkung aufzufordern, um mit ihrer Hülfe die Markise ohne äusseres Aufsehen zu
entlarven, zu entfernen, und hernach Adelberten reuig und gebessert Augusten
wieder zuzuführen.
    Gabriele stritt lange und heftig mit unglaublichem Erstaunen für Adelberten,
gegen die Beschuldigungen der Gräfin, ehe sie sich entschliessen konnte, solche
als Wahrheit anzuerkennen, und selbst dann bemühte sie sich noch, sein Vergehen
in gemildertem Lichte zu sehen. Weder sie, noch ihre Tante hatten die leiseste
Ahnung davon, dass er in der Markise d'Aubincourt Herminien wieder gefunden habe;
um so auffallender musste ihnen diese plötzlich entstandne Leidenschaft
erscheinen, aber auch um so leichter die Möglichkeit solche zu besiegen.
Adelberts schleunige Entfernung von der gefährlichen Zauberin, welche ihn
umstrickt hielt, schien beiden Frauen nach langem Beraten, das einzige Mittel,
ihn wieder zu sich selbst, zu Augusten zurückzuführen und der innigste Wunsch
dieser wo möglich die über dem Glück ihres Lebens schwebende Gefahr gänzlich zu
verbergen, bestimmte Gabrielen, sich an Frau von Willnangen zu wenden, um durch
diese Adelberts schleunige Zurückberufung zu bewirken. Denn so sehr sie auch den
freundlichen Greis, Adelberts Oheim, liebte und ehrte, so wusste sie dennoch
nicht, in wie weit man in einer, für Augustens Zukunft so wichtigen Sache auf
dessen Leitung sich verlassen könne, und durfte demnach es nicht wagen, das
Muttergefühl der geliebten Freundin zu schonen.
    Mildernd, begütigend, aber doch eindringend und ernst machte Gabriele sie
mit Adelberts trauriger Verirrung so schonend als möglich bekannt. Die Markise
zeigte sie ihr, so wie sie ihr selbst erschien, als ein für den ersten
Augenblick höchst einnehmendes blendendes Geschöpf, reich an allem was reizt,
gefällt und verführt, aber eigentlich doch arm an innerem Werte, mit keiner
einzigen der Eigenschaften begabt, die einst Augusten das Herz ihres Gatten
gewannen. Auguste wird ihn wieder gewinnen, setzte Gabriele dieser Beschreibung
hinzu. Sie muss ihn wieder gewinnen, um auf ewig ihn zu halten, sobald es uns nur
gelingt, ihn dem magischen Kreise dieser neuen Armida zu entrücken, deren Nähe
ihn allen seinen Freunden und sich selbst zum Unkenntlichen verwandelt. Um nicht
zu ängstlich bei diesem Hauptzweck ihres Briefes allein zu verweilen, versuchte
es weiterhin Gabriele, der Frau von Willnangen ein heiteres lebendiges Bild
ihres jetzigen Lebens und des glänzenden Horizonts zu geben, an welchem sie
selbst ein Stern erster Grösse war. »Sie sehen,« schrieb sie ferner, »aus ihrer
sonst so furchtsamen Gabriele ist nach und nach ein ziemliches Weltkind
geworden; doch fürchten Sie nicht zu viel für meinen häuslichen Sinn. Ach liebe
liebe Mutter! ich sehne mich oft so, dass mir die Tränen in die Augen treten,
nach einer einzigen Stunde, wie ich deren so unzählig viele bei Ihnen, mit
Ihnen, mit Augusten, mit Ernesto verlebt habe. Wissen Sie noch den Abend, wo wir
sangen: Dolce dell' anima, speme del mio cor? Wie laut, wie töricht flatterte
damals dies Herz, das jetzt so leise sich regt! Alles ist anders wie in jenen
Tagen und doch im Grunde dasselbe. Was je mir teuer war, ist noch das Leben
meines Lebens; jede Freude, jedes Gelingen, jeden guten Vorsatz knüpfe ich an
ein liebes Bild; aber dies Bild glänzt weit, weit von mir in meinem Jugendlande.
Ich träume davon, wie schlafende Kinder mit Engelbildern spielen, aus einer
fernen, goldnen, himmlischen Heimat, und wenn ich erwache, lächelt der Abglanz
des Morgenrotes meines Lebens noch immer freundlich in meinen Werkeltag hinein.
    Wirklich, ich komme mit meinen vierundzwanzig Jahren mir oft recht alt,
recht matronenhaft vor, und ich glaube, ich erscheine auch Andern so; meinem
Zöglinge wenigstens gewiss, denn ich muss es nur bekennen, ich gebe mich jetzt mit
der Erziehung ab, und zwar bei einem recht verwarloseten Kinde, das ich dem
Untergange entreissen will. Freilich ist es schon einundzwanzig Jahre alt, aber
erschrecken Sie nicht darüber, mein Zögling geberdet sich gewöhnlich, als zähle
er deren kaum sieben; er ist unbändig, ungehorsam und wieder lenksam, folgsam
und gut wie es kommt. Er verbindet alle Arten und Unarten eines Kindes mit jeder
glänzenden Eigenschaft der reifern Jugend. Denken Sie sich ihn hoch, schlank,
schön wie Achill; schmiegsam, biegsam, fast kindliche Grazie in jeder Bewegung,
mit dunkeln Locken und schwarzen blitzenden Augen, wie Mignon. So wunderlich wie
in seinem Äußern eint sich der Widerspruch auch in seinem Innern. Er ist
stolz, auch wohl hochmütig verachtend, eitel, argwöhnisch,
suffisant-ausgelassen und oft recht von Herzen betrübt. Alles das teils durch
das Leben, welches er bis jetzt lebte und durch die Leute, mit denen er in
Verbindung geriet, mehr aber noch, wie er mir nicht vertraute, aber erraten
liess, durch früh erlittenen Verrat, Misshandlung und Betrug von Seiten derer,
welchen es Pflicht war, ihn zu lieben. Von Natur ist er mild, bescheiden,
heiter, vertrauend, jeder Aufopferung fähig, aber diese edleren Eigenschaften
treten nur zuweilen hervor, und werden oft verdüstert. Er ist sehr unterrichtet,
sogar gelehrt wie es mich dünkt. Er weiss von Kunst zu reden, bläst die Flöte,
zeichnet, skizzenhaft aber geistreich. Doch alles dies ist ihm nur ein
Erlerntes, er weiss es nicht zu brauchen, er weiss nur damit zu glänzen. Er geht
umher wie ein Nachtwandler in eines Königs Pallast, man muss ihn bei Namen rufen,
damit er die Herrlichkeit gewahr werde die ihn umgibt, aber man muss ihn dabei
auch recht sorglich festalten, um ihn vor dem Falle zu schützen und auf rechte
Bahn zu bringen.
    Dies zu versuchen, habe ich mir nun vorgenommen. Ich fand ihn am
Scheidewege, oder vielmehr, dass ich es nur gestehe, ich fand ihn schon eine
ziemliche Strecke über die Gränze hinaus verlockt. Ein wunderliches Begegnen
brachte ihn mir nahe; zuerst war er ungezogen, ich schalt wie billig, er schämte
sich etwas ungeschickt, vielleicht zum erstenmale in seinem Leben bei solchem
Anlasse, und mitten durch alles dieses blickte so viel Gutes, ja selbst Edles
hervor, dass er mein innigstes Bedauern erregte, und ich den Wunsch fühlen musste,
ihm wieder zurecht zu helfen. Die Frauen mögen an seinem Verderben nicht wenig
Schuld sein. Nun es sei gewagt. Vielleicht gelingt es mir, wieder zu erbauen,
was Andere meines Geschlechts zerstörten. Hippolit scheint Vertrauen zu mir
gefasst zu haben, und das ist schon viel.
    Möge es Ihnen ein Beweis seiner Herzensgüte sein, dass er zu meinem eignen
Erstaunen das Wohlwollen meines Gemahls sich in so hohem Grade zu erwerben
gewusst hat, dass dieser ihn immer um sich haben möchte, und Hippolit deshalb
beinah wie einer unserer Hausgenossen anzusehen ist; nur dass er nicht bei uns
wohnt. Manche kleine körperliche Schwäche des Alters beginnt, früh wie mich
dünkt, Herrn von Aarheims Dasein zu trüben, ohne dass ich deshalb ernstlich um
ihn besorgt zu sein Ursache hätte. Er wäre gewiss weit öfterer leidend und
grämlich als er es ist, doch Hippolit macht ihm vieles vergessen, denn er
umspielt ihn in Jugendlust und heiterer Lebensfülle. Der allmählig zum Greise
heranalternde Mann scheint oft zu wähnen, er habe in ihm einen lieben Sohn
wieder gefunden, der seine grauen Locken ehrt und seine kleinen Schwachheiten
schonend erträgt. Wie sehr ich dabei an häuslicher Ruhe und Lebensfreiheit
gewinne, werden Sie, die Sie uns so genau kennen, leicht ermessen, und sich
nicht darüber wundern, dass Hippolit, in diesem freundlichen Verhältnis zu uns,
mir selbst ein Verwandter zu sein dünkt, der Anspruch hat an mich, dass ich für
ihn tue was ich kann.«
Einige Wochen waren nach Absendung dieses Briefes vergangen und Gabriele sah
längst der Antwort entgegen, als eines Abends sich ein kleiner gewählter Kreis
zum musikalischen Verein in ihrem Zimmer versammelt hatte.
    Umflossen von Licht, Glanz und Schönheit sass die Markise auf dem Divan unter
einer strahlenden Girandole von Kristall. Vor ihr stand die reich geschmückte
grosse Pariser Harfe, hinter ihr über sie hingebeugt Hippolit, dessen Flöte die
Töne begleitete, welche sie mit Meisterhand dem goldnen Saitengewebe entlockte.
Die ganze Gesellschaft im Saal war in der Andacht des Zuhörens und des Anschauns
versunken. Nur Adelbert sass einsam und abgewendet in der fernsten Ecke
desselben. Mit den so eben verklungenen einfachen Tönen eines alten oft gehörten
Liedes hatte Gabriele eine Welt von Schmerz und Sehnsucht in seinem Busen
aufgeregt. Die Melodie des Liedes war eine von jenen, welche wie Töne aus der
Heimat in uns wiederklingen und den Worten so fest sich anschliessen, dass es
unmöglich wird jene ohne diese oder diese ohne jene zu denken. Hier ist das
Lied:
Noch einmal muss ich vor Dir stehn,
Noch einmal in Dein Auge sehn
So lieb und klar;
Die Hand, so fest und wahr,
Noch einmal fassen inniglich
Die liebe Hand und Dich - und Dich!
Drum wenn ich nur erst bei Dir wär',
Dann wär' schon alles recht,
Und wenn ich nur erst bei Dir wär',
Wie's Gott dann schicken möcht'!
Ich muss Dir sagen noch einmal
All' meine Freud', all' meine Qual;
Du kennst sie beid',
Mein Glück und auch mein Leid,
Doch ich muss sagen Dir auf's neu
All' meiner Seele Lieb' und Treu!
Drum wenn ich nur erst bei Dir wär',
Dann wär' schon alles recht,
Und wenn ich nur erst bei Dir wär',
Wie's Gott dann schicken möcht'!
Muss hören noch ein einzigmal
Den süssen vollen Glockenschall
Von deiner Stimm',
Denn, - ging's mir noch so schlimm, -
Wenn sie von deinen Lippen weht
Wird meine Klage still Gebet.
Drum wenn ich nur erst bei Dir wär',
Dann wär' schon alles recht,
Und wenn ich nur erst bei Dir wär',
Wie's Gott dann schicken möcht'!
Will rufen all' mein schmerzlich Glück
Mir noch ein einzigmal zurück;
Will lauschen sacht':
Wie du an mich gedacht?
Noch einmal muss auf Erden mein,
Nur einmal noch der Himmel sein.
Drum wenn ich nur erst bei Dir wär',
Dann wär' schon alles recht,
Und wenn ich nur erst bei Dir wär',
Wie's Gott dann schicken möcht'!
Diesen Worten, diesen Tönen hatte Adelbert unzähligemal im innigsten Gefühl
seines Glücks an Augustens Seite zugehorcht, wenn Gabriele, wie eben jetzt, mit
ihrer süssen rührenden Stimme sie sang; und nun erfüllten sie das Gemüt des
einsam Verirrten mit einer unendlichen Sehnsucht nach dem häuslichen glücklichen
Heerd. dabei ward ihm, als trennten weite Meere, unüberwindliche Klüfte ihn von
den Seinen, als werde er nimmer und nimmer sie wiedersehn. Allmählig versank er
so in immer trostlosere Wehmut und beachtete weder das Spiel der Markise noch
alles was ihn umgab. Ein leises Oeffnen der Türe bewog ihn endlich mechanisch
die Augen zu erheben und zu seinem unsäglichen Schrecken erblickte er dicht vor
sich die ehrwürdige Gestalt seines, viele Meilen weit entfernt geglaubten
Oheims, des Generals Lichtenfels. Blitzschnell fuhr Adelbert bei dem
unerwarteten Anblick in die Höhe, er wollte ihn begrüssen, aber die Stimme
versagte ihm den Dienst; bleich, wie entgeistert, blieb er auf seinem Platze
regungslos stehen, den stieren Blick auf den eben Eingetretenen geheftet, der
ihn indessen eben so wenig bemerkte, als er selbst von der ganz der Musik
zugewendeten Gesellschaft bemerkt ward.
    Leise auftretend, durchschritt der General das Zimmer der Länge nach, bis er
dicht vor der Markise still stand, nur durch die Harfe von ihr geschieden. Mit
immer zorniger werdendem Ernste betrachtete er sie, jede Sekunde überzeugte ihn
immer fester, sie sei wirklich die, für welche er sie im ersten Augenblicke
erkannt hatte, bis endlich eine Pause in der Musik entstand. Die Markise, welche
bis dahin ihr Harfenspiel ganz unbefangen fortgesetzt hatte, wendete sich jetzt
gegen ihre Zuhörer, um in ihren Augen die dankbarste Bewunderung zu lesen, und
ihr erster Blick fiel auf die hohe, drohende Gestalt, die, ganz nahe vor ihr,
über die Harfe weg, sie anstarrte. Gelähmt vom Schrecken bei der unerwarteten
Erscheinung, die auch sie nur zu wohl wieder erkannte, fühlte sie dennoch die
dringende Notwendigkeit, hier ruhig und besonnen zu bleiben. Sogar ein Gedanke
der Möglichkeit, unerkannt durchzuschlüpfen, fuhr ihr durch den Kopf, wenn sie
Fassung genug behielt, ferner für eine Französin zu gelten, deren grosse
Aehnlichkeit mit der ehemaligen Braut seines Neffen den General verwirre. Aber
ein Seitenblick auf Adelbert, der wie vernichtet da stand, brach ihr den Mut,
und als nun vollends der General die wohlbekannte Stimme donnernd erhob, sank
sie erbleichend auf dem Divan zurück, und vermochte es kaum noch, auf ihrem Sitz
sich aufrecht zu erhalten.
    Erzürnt, tief empört, vom Augenblick hingerissen, vergass der General alle
ihm sonst eigne Milde und Schonung und begann eine laute lange Strafpredigt. Der
ganze Zusammenhang von Adelberts Verirrung war ihm klar geworden wie der Tag, so
wie er in der Markise Herminien wieder fand, und er überströmte die ihm jetzt
zwiefach strafbar Erscheinende mit Fragen, mit Vorwürfen, mit Anklagen, welche
den dabei Gegenwärtigen ihre früheren und jetzigen Verhältnisse in dem
allerungünstigsten Licht offenbaren mussten. Die duldende Verlegenheit der
Markise galt bei Allen für das vollkommenste Eingestehen jeder Beschuldigung,
besonders da sie in der Angst der früheren Verstellung vergass, und plötzlich in
sehr reinem geläufigem Deutsch ihren Widersacher zu besänftigen und manche
Anklage von sich abzuwenden suchte. Die Scene ward immer verwirrender und
Gabriele, die, wenn sie gleich auf diese Art es nicht gewollt hatte, sich doch
bewusst war, sie veranlasst zu haben, geriet in immer drückendere Verlegenheit.
Denn jetzt erhob sich auch die Gräfin, um die Angeklagte vollends zu
zerschmettern.
    Mit richtendem Ernst, stolz und hoch wie eine Königin, betrachtete sie sie
einige Sekunden, dann wandte sie sich an Gabrielen mit der laut ausgesprochnen
Bitte, ihr zu verzeihen, dass sie, auf beispiellose Art getäuscht, sich durch
ihre gewohnte arglose Gefälligkeit habe verleiten lassen, eine Dame bei ihr
einzuführen, mit deren Verhältnissen sie, wie sie jetzt gewahr werde, dazu nicht
bekannt genug gewesen sei. Mit einer verbeugenden Bewegung, welche die nehmliche
Bitte auch den übrigen Anwesenden wiederholte, verliess sie alsdann das Zimmer,
nur begrüsste sie noch vorher die Markise mit einem nachlässig vornehmen: Madame!
J'ai l'honneur de Vous saluer und umarmte nochmals ihre verlegen dastehende
Nichte.
    Auch Adelbert hatte sich früher, ohne bemerkt zu werden, entfernt.
    Jedes Bestreben, dem General Einhalt zu tun, war vergeblich. Mitleidig
versuchte es endlich Gabriele, der Markise wenigstens den Weg zur Flucht zu
bahnen, aber dieser war nicht zu helfen, sie sass regungslos auf dem Divan, von
der einen Seite durch die grosse Harfe eingeengt, von der andern durch den
General, der sich selbst immer zorniger sprach, und seinen Anschuldigungen immer
schonungslosere Worte gab. Hippolit hatte indessen sich lange fruchtlos bemüht,
die bei diesem widerwärtigen Vorgange nicht persönlich interessirten Zuschauer
zum Weggehen zu bewegen, alle bildeten aber einen neugierigen Kreis und niemand
hatte die mindeste Lust zu wanken oder zu weichen. Doch jetzt, da die Gräfin das
Beispiel gab, konnte man sich nicht mehr anständig weigern, ihr zu folgen. Die
Gesellschaft brach also mit ihr auf, und Hippolit ergriff nun das einzige
Mittel, das ihm übrig blieb, um diese unangenehme Scene gänzlich zu beenden. Er
nahte sich der Markise, schob die schwere Harfe bei Seite, und unerachtet der
General, den er nicht kannte, noch immer fort sprach, bot er ihr den Arm, um sie
an ihren Wagen zu geleiten. Doch es schien als ob das Regen der Gesellschaft um
sie her, sie plötzlich aus ihrer Bewusstlosigkeit erwecke; sie stand auf, wiess
mit einer verachtenden Bewegung Hippolits dargebotnen Arm von sich, und wandte
sich dann gegen den General, der nun seiner Seits auch über das Unerwartete wie
verwundert verstummte.
    »Ihr Alter, Herr General! gibt Ihnen das Privilegium, unartig zu sein,
daher verzeihe ich Ihnen,« sprach Herminia sehr vernehmlich. »Ob Sie aber Ihr
heutiges Betragen sich selbst und denen, welche Sie dazu aufreizten, werden
verzeihen können, das mögen Sie bei kälterem Blute selbst entscheiden. Morgen,
wenn Sie das Fieber verschlafen haben, in welches die Ermüdung der Reise Sie
versetzt hat, werden bei hellerem Bewusstsein Ihnen vielleicht die Gründe klar
werden, welche diese Dame und diesen Herrn veranlasst haben können, Sie zu einer
Scene zu verschreiben, deren Herbeiführung freilich den Forschungsgeist und das
savoir faire derselben in der skandalösen Kronick der Stadt rühmlichst verewigen
muss.« Mit einem höhnischen Lächeln verbeugte sie sich bei diesen Worten gegen
Hippolit und Gabrielen und verliess dann das Zimmer. Hippolit folgte ihr dennoch,
um sie sicher bis an den Wagen zu geleiten, während Gabriele beim General blieb,
der zornbleich und von der heftigen Gemütsbewegung erschöpft in einen Armsessel
gesunken war, aus dem er aber mit dem Ausdruck eines schreckhaften Sichbesinnens
bald wieder auffuhr.
    »Auguste!« rief er, »Auguste! Dass ich diese vergessen konnte! Aber wie war
es möglich, ein solches Zusammentreffen vorauszusehen? Wir meinten es gut, Frau
von Willnangen und ich; ungern mochte ich Adelberten vor Beendigung seines
Geschäftes von hier abrufen. Augustens Wiedersehen, so hofften wir, sollte
schnell die Fesseln der Buhlerin lösen. Wer konnte die Möglichkeit denken, in
der Markise d'Aubincourt Herminien zu finden?!«
    »Um Gotteswillen, wo ist Auguste?« rief Gabriele.
    »Die Arme,« erwiderte der General, der noch immer seine gewöhnliche Fassung
nicht wieder gewonnen hatte; »die Arme! Sie weiss von nichts. Auf mein Bitten
begleitete sie mich, Adelberten, wie sie glaubt, zu seinem heutigen Geburtstage
durch ihre Gegenwart freudig zu überraschen. Wir vernahmen beim Aussteigen aus
dem Wagen, hier sei Konzert, Gott weiss, ich ahnete nichts von der Scene, die nun
erfolgt ist. Ich glaubte nicht die Markise in dieser Gesellschaft zu finden. Gut
nur, dass Auguste sich nicht in Reisekleidern zeigen mochte.«
    »Wo ist sie? wo ist sie?« fragte Gabriele noch ängstlicher und zog hastig
die Klingelschnur, um Annetten herbei zu rufen.
    »In Adelberts Zimmer,« erwiderte der General, »sie wollte eiligst sich
umkleiden.«
    Pfeilschnell flog jetzt Gabriele, die Freundin aufzusuchen, der General
folgte ihr; unten von der Treppe herauf hörten sie unterweges Hippolits und
Adelberts Stimmen, wie im heftigen Wortwechsel ertönen und auch der Markise
Stimme ward vernehmbar.
    Zu jeder andern Zeit würde dies alles Gabrielen sehr beunruhigt haben, jetzt
achtete sie kaum darauf und dachte nur an Augusten. Sie fand sie wirklich in
Adelberts Zimmer allein, zwar mit allem Geschehenen unbekannt, aber doch
zitternd vor einem namenlosen Unglück, das ihr um so furchtbarer erschien, je
weniger sie im Stande war, ihm eine Gestaltung zu geben.
    Adelbert war vor einigen Minuten heftig bewegt und, wie sie meinte, freudig
über ihren unvermuteten Besuch in das Zimmer gestürzt. Mit offnen Armen war sie
ihm entgegen getreten, er aber hatte mit vorgestreckten Händen sie von sich
abgewehrt, hatte furchtbar sie angestarrt und war dann davon geflohen wie ein
Verzweifelnder. Auguste war ihm gefolgt, aber er in dem ihr fremden Hause
schnell ihr aus dem Gesicht geschwunden. Mit Mühe hatte sie sich in das Zimmer
zurück gefunden, und dann versucht sich zu erholen, um Gabrielen aufsuchen zu
können, als diese mit dem General zu ihr eintrat.
Gabriele kannte das zutrauensvolle Gemüt ihrer Freundin, sie wusste, dass diese
liebende, neidlose Brust keinen Funken Eifersucht verbarg, und blickte mit um so
herzlicherem Mitgefühl auf die Arme, die nur vor einem ihr unbekannten äussern
Unglück zitterte, welches ihren Adelbert betroffen zu haben schien, während sie
gar nicht daran dachte, dass sie anders als in ihm beklagenswert sein könne.
Gabrielens erste Sorge war, Augusten unter einem Vorwande aus dem Zimmer zu
entfernen, in welchem Adelbert selbst jeden Augenblick überraschend eintreten
konnte. Dann suchte sie die schwere Aufgabe zu lösen, Augusten so schonend als
möglich mit Adelberts und Herminiens zufälligem Zusammentreffen und dessen
Folgen bekannt zu machen. Die Natur hatte Augusten mit Lebensmut und mit
heiterem, alles ebnendem Sinn, diesen zum Glück des Lebens notwendigsten Gaben,
reichlich ausgestattet und so wäre es der sorgenden Freundschaft wohl gelungen,
die Bitterkeit des Kelches wenigstens zu mildern, den sie nicht mehr an ihr
vorüber führen durfte, doch Moritzens unseliger Unbedacht vereitelte ihr
Bemühen.
    Unbekannt mit allem früher Vorgefallnen, kehrte er von einem späten
Männerdiner zurück und gewahrte mit grosser Verwunderung den ungewohnt zeitigen
Aufbruch der bei Gabrielen versammelt gewesenen Gesellschaft, deren Wagen sich
eben von seinem Hause aus in alle vier Winde verstreuten. Mit noch grösserem
Erstaunen fand er in der Vorhalle die Markise, Adelbert und Hippoliten in
heftigem Wortwechsel begriffen. Ohne dessen Entstehen zu kennen, bemühte er
sich, ihn zu schlichten, und stürzte, da dieses misslang, ganz verstört in
Gabrielens Zimmer, ohne die Anwesenheit des Generals und Augustens zu bemerken.
    »Sono ammazato! sie sind todt oder vielmehr so gut als todt, alle beide! Sie
schlagen sich mit Tagesanbruch auf Pistolen, der Rittmeister und Hippolit,« rief
er aus, und lief wie ein Verrückter im Zimmer umher. Vergebens bemühten sich der
General und Gabriele ihn zum Schweigen oder zu einer bestimmten Erzählung des
Vorganges, den er andeutete, zu bewegen; er fuhr nach seiner unverständigen
Weise fort, die bängsten Befürchtungen zu erregen, ohne sich deutlicher erklären
zu wollen, bis Auguste, freilich bebend und bleich, sich erhob und des Generals
Arm ergriff.
    »Kommen Sie, Vater!« sprach sie, »zu ihm führen Sie mich!«
    »Bravissimo!« rief plötzlich sehr freudig Moritz von Aarheim, »das ist ein
herrlicher Einfall, mein Wagen steht zum Glück noch angespannt und ich selbst
will Sie zur Frau Markise begleiten. Dort ist er, die gute Dame zog ihn beinahe
gewaltsam mit in ihren Wagen, gewiss hält sie ihn bei sich fest, to keep him out
of harms way.«
    »Er folgte Herminien?« rief wie ausser sich der General, und wütender als je
flammte sein Zorn auf. »Ja ich nehme Ihren Wagen, ich will den Ehrlosen bei der
Ehrlosen finden!«
    Auguste sank an Gabrielens Busen. »Herminia! Und du verschwiegst es mir?«
sprach sie leise und fiel dann, nicht ohnmächtig, aber wie zerbrochen an allen
Gliedern, auf den Sopha zurück.
    »What shall we do, what shall we do?« wimmerte Moritz in einem fort, nach
seiner gewohnten Art in jeder Angst. Der General war indessen zum Zimmer
hinausgestürmt, eben rollte der Wagen fort, in welchem er zur Markise fuhr.
Moritz kam glücklicher Weise auf den Gedanken, sich ebenfalls aufzumachen, um
seinerseits den Grafen Hippolit aufzusuchen, und so erhielt Gabriele endlich
eine ruhige Stunde, um mit der innigsten Liebe Augustens Sorge und Schmerz zu
beschwichtigen.
    Die Zeit verging im trüben Gespräche, es ward Mitternacht, schlaflos
horchten die Freundinnen auf jeden, durch die immer einsamer werdenden Strassen
hinrollenden Wagen, unzählige mal musste die treue Annette hinaus auf den Balkon,
um nachzusehen ob niemand käme? Vergebens. Draussen blieb alles ruhig, und in
ihnen ward es immer trostloser und bänger.
    Schonend, um ihn trauernd, ihn vertretend, wie nur der Schutzengel seines
Lebens vor dem ewigen Richter es könnte, hatte indessen Gabriele versucht,
Adelberts Verirrung zu entschuldigen, und Hoffnungen einer glücklichern Zukunft
zu erregen. Sie hatte es mit einem Herzen zu tun, das ohnehin so bereit war zu
vergeben, und der Sieg über die Vergangenheit ward ihr in dieser Hinsicht nicht
schwer. Desto bänger aber zitterte Auguste den nächsten Morgenstunden entgegen,
die sie, Unheil weissagend, den Himmel schon röten sah. Gabriele war hier
weniger besorgt und bemühte sich eifrig, der Freundin den Glauben beizubringen,
den sie selbst so gern festielt: dass Herr von Aarheim sich geirrt habe und von
gar keinem Streit, der einen blutigen Ausgang drohe, die Rede gewesen sein
könne.
    Von jeher war sie fern von allen Stadtsagen und aller Anekdotenjägerei
geblieben, ihr ganzes Wesen schlug jeden Versuch nieder, sie mit irgend etwas,
diesen schmutzigen Quellen Entfliessendem bekannt zu machen. Daher war Hippolits
früheres Verhältnis zur Markise ihr ein Geheimnis geblieben und sie begriff
wirklich nicht, wie und warum Adelbert mit ihm gerade in diesem Momente so
heftig an einander hätte geraten sollen. Die beleidigenden Worte, mit welchen
die Markise das Zimmer verliess, hatte sie als Ausbrüche ohnmächtiger Wut zu
wenig geachtet, um sich die Mühe zu geben, sie verstehen zu wollen. Doch während
sie auf diese Weise ihre zitternde Freundin zu beruhigen suchte, erhob plötzlich
Annette ihre Stimme aus dem dunkeln Winkel, in welchem sie neben Augustens
Ruhebette sass, und gab beiden Frauen eine Gewissheit, welche diese so gern
entbehrt hätten.
    Das treue Mädchen war der Liebling ihrer Herrin geblieben und hatte als
solcher so manches kleines Vorrecht; unter andern das, an Konzertabenden in
einem Nebenzimmer der Musik lauschen zu dürfen. Auch an diesem Abende hatte sie
diese Erlaubnis benutzt. Aengstlich über die ihr so ganz ungewohnte Scene,
welche die Freuden desselben unterbrach, wollte sie die grosse Treppe hinab, der
unerwartet schnelle Aufbruch der Gesellschaft hielt sie auf, und so kam sie in
der Vorhalle des Hauses an, als eben der Zwist zwischen Hippolit und Adelberten
begann.
    »Liebe gnädige Frauen!« sprach Annette, »es schmerzt mich in der Seele,
Ihnen Ihren Trost zu benehmen, aber Wahrheit bleibt doch immer das Beste, und so
denke ich, muss ich sie Ihnen gestehen, da ich sie weiss. Die beiden gnädigen
Herren sind freilich leider in gefährlichem Zwist geraten.«
    Gabriele erschrack nicht weniger über dieses Geständnis, als über Augustens
Gegenwart dabei und suchte, so viel sie unbemerkt es konnte, Annetten zum
Schweigen zu bringen, aber vergebens. Ein unglücklicher Stern schien heute über
diesem Hause aufgegangen, der jede Schonung vernichtete, und Auguste drang mit
so heftigen, ungeduldigen Fragen in das Mädchen, dass Gabrielen nichts übrig
blieb, als sie gewähren zu lassen.
    »Die Frau Markise,« erzählte Annette, »ging eben ganz hochtrabend durch die
Halle und der junge Herr Graf hinter ihr drein; sie sah sich aber gar nicht nach
ihm um, sondern nur immer mit steifem Nacken gerade aus, als der Herr
Rittmeister neben mir die Treppe hinabstürmte. Er war so todtenbleich und so
zerstört, dass ich ohne die Uniform gar nicht gewusst hätte, er sei es. So wollte
er neben der Frau Markise zur Türe hinaus, aber sie hielt ihn am Arme fest,
trat dicht vor ihm und sah ihm starr und fest in die Augen. Da ward er immer
bleicher, und zitterte so, und sah aus wie an dem Abende, als er aus der ersten
Gesellschaft bei der Frau Gräfin kam. Die Frau Markise sprach französisch zu
ihm, und weinte dabei, und lehnte den Kopf an seine Schulter vor allen
Bedienten! Ich glaubte es nicht, wenn ich es nicht gesehen hätte.«
    »Und er? und er?« fragte ängstlich leise Auguste.
    »Nun der Herr Rittmeister stand da und regte sich nicht,« war die Antwort;
»er trat sogar ein kleines bisschen zurück, wie mir dünkt, aber es half ihm
nichts. Die böse Dame, Gott verzeih es mir, aber das ist sie, fasste ihn und
drehte ihn plötzlich gegen den jungen Herrn Grafen. Danken Sie diesem Herrn,
sprach sie auf einmal auf deutsch, dass er zur Besserung des unartigen Knaben den
Herrn Onkel kommen liess, und dann gehen Sie herauf, bitten Sie ab, küssen Sie
die Hand die Sie straft, man wird Ihnen am Ende vergeben und Sie werden auf Ihre
Art glücklich sein. Was aus mir wird, aus meiner gemordeten Ehre, gilt Dir
gleich und so auch mir. Ja wahrhaftig, sie hat ihn geduzt, und dann weinte sie
und lehnte sich wieder an ihn. Da trat der junge Herr Graf heran, kommen Sie,
gnädige Frau, sprach er, Sie geben hier ein Schauspiel, dessen Sie morgen sich
schämen werden, und so nahm er ihren Arm und wollte sie an den Wagen führen,
aber sie riss sich los. Soll ich vor Ihren Augen um Ihrerwillen mich misshandeln
lassen? rief sie dem Herrn Rittmeister zu. Soll ich den Befehlen dieses Menschen
gehorchen, durch dessen Künste ich morgen das Mährchen der Stadt sein werde? und
Sie, um den alles dieses geschieht, sehen gelassen zu? Da ward der Herr
Rittmeister so feuerrot als er vorher bleich gewesen war; auch Graf Hippolit
ward heftig, und unser gnädiger Herr, der eben zur Türe hereintrat, sprach auch
darein und wollte sie besänftigen, auf spanisch und italienisch, aber es wollte
alles nichts helfen. Der Streit ward immer heftiger und mir wurde so angst
dabei, dass ich zuletzt auch nicht mehr vernahm, was sie auf deutsch zu einander
sagten, bis der junge Herr Graf endlich gelassener wurde und sich verständlich
machen konnte. Herr Rittmeister, sagte er, lassen Sie uns eine Scene enden, die
schon zu lange gewährt hat und hier doch nicht entschieden werden kann. Morgen
bin ich zu jeder Erläuterung bereit. Gut dann, morgen, erwiderte der
Rittmeister, und trat ganz nah zu ihm heran und flüsterte ihm etwas ins Ohr,
worauf der Herr Graf eine bejahende Verbeugung machte, als wolle er sagen, ich
bins zufrieden, und dann fortging. Die Frau Markise tat nun ganz ohnmächtig und
der Herr Rittmeister musste sie begleiten, damit sie nicht allein im Wagen wäre.
So wurde dann Ruhe, aber gewiss, es war nur zu deutlich zu sehen, die beiden
Herren haben so leise nichts gutes mit einander abgemacht.«
    »Komm« rief Auguste mit erzwungner Ruhe, »jetzt muss ich zu ihm und wäre er
auch bei ihr, ich muss ihn sehen. Ihr Auge flammte, ihre Bewegungen waren
fieberhaft und Gabriele kämpfte der Ausführung dieses Gedankens mit aller Macht
entgegen. Sie stellte ihr vor, wie misslich und zweckwidrig jedes Einmischen der
Frauen bei Männerstreitigkeiten in der Regel auszufallen pflege, aber sie hätte
schwerlich gesiegt, wenn nicht das Rollen eines Wagens in den Hof hinein,
Augusten wenigstens für den Augenblick zurückgehalten hätte.
    Es war der General, der so ganz mit dem Ausdrucke einer guten Botschaft zu
den Frauen hineintrat, dass sie alles geschlichtet und jede Besorgnis für
überwunden achten mussten. Doch was den Oheim so freudig machte, war nur die
Gewissheit, dass weder Bitten noch Drohen, weder Tränen noch Gründe Adelberten
hätten bewegen können, die Markise weiter als bis an die Türe ihrer Wohnung zu
begleiten. Die Gräfin Rosenberg, bei welcher der General, spät wie es war,
Zutritt suchte und die freundlichste Aufnahme fand, hatte als Augenzeugin ihn
dessen versichert, überdem war sein Zorn gegen Adelberten durch diese Dame um
vieles gemildert worden. Mit ihrer gewohnten Klugheit hatte sie dem Oheim alle
Künste und Lockungen auf das lebhafteste geschildert, mit welcher Herminia fast
unwiderstehlich den Arglosen anzog und festielt. Die seltne Schönheit der
verführerischen Frau, des Neffen früheres Verhältnis zu ihr, Augustens
Abwesenheit wurde ebenfalls in Anschlag gebracht, und so gelang es ihr, den
Oheim halbversöhnt mit dem Liebling seines Herzens wieder heimzusenden.
    »Die Tante ist eine Frau, vor welcher ich alle Achtung habe,« sprach er zu
Gabrielen, »Welt und Erfahrung haben sie mild und verständig gemacht. Sie kennt
das Leben, und weiss dass Adams Söhne aus gröberem Stoffe geformt wurden als ihr,
die ihr doch immer den Engeln näher verwandt seid als uns, nehmlich, wenn ihr
einmal etwas taugt. Die Herminien nehme ich aus, die gehören zu den gefallenen
Engeln, vor welchen jeder gute Christ ein Kreuz schlägt. Getrost liebe Nichte!
Jugend ist freilich ein strengerer Richter als das Alter, aber ich hoffe doch,
der Sünder Adelbert soll Gnade finden wenn er heimkehrt. Und somit gute Nacht.
Der heutige Tag hat der Plage genug gehabt, lasst uns Kräfte sammeln für den
morgenden, ehe er uns hier überrascht.«
    »Und Adelbert? wo ist er?« fragte Gabriele mitleidsvoll, denn Auguste sass da
und vermochte keinen Laut aufzubringen.
    »Das weiss ich nicht,« erwiderte der General, »wie ich höre hat er weder
Freunde noch Bekannte, bei denen man ihn vermuten könnte, und nachdem ich die
Gräfin verlassen, bin ich nach allen Gastöfen herumgefahren, ihn zu suchen, ich
habe schlaftrunkne Portiers und Hausknechte die Menge ins Verhör genommen, aber
niemand wollte von ihm etwas wissen. Und wenn ich ihn auch gefunden hätte, was
hätte es geholfen? Liebe Frauen, ich will es zugeben, es mag um die Gesetze
unsrer Ehre ein barbarisches Ding sein, aber sie sind für's erste nicht zu
ändern. Uebrigens hat er es, wie ich höre, mit einem braven edlen Gegner zu
tun, lasst das euern Trost sein wie er der meinige ist. An das Leben geht es
nicht gleich, und ein kleines Andenken an diese Geschichte kann ihm für die
Zukunft ganz gesund sein, wenn es nicht zu arg kommt.«
    Die weichen liebenden Herzen der Frauen konnten dieser Ansicht nicht
beipflichten, sie schlugen ängstlich und ahnungsvoll in immer wachsender
Besorgnis, als auch Moritz bei jetzt ganz hellem Tage heimkehrte.
    Der Arme bebte im Fieberfrost und musste sogleich zu Bette gebracht werden.
Seine Nachforschungen waren nicht glücklicher gewesen als die des Generals.
Vergebens hatte er Hippoliten in dessen Wohnung aufgesucht, vergebens war er von
Haus zu Haus gefahren, wo er nur eine Spur von ihm zu finden hoffen konnte.
Endlich war er bis an die Sternwarte gekommen, wo eben der Professor der
Astronomie, den er kannte, hinaufstieg, um eine beim Aufgang der Sonne sich
ereignende Finsternis zu beobachten. So wie die Vorliebe für die Astronomie von
Moritz gewichen war, hatte er auch solchen Beobachtungen entsagt, aber es kam
ihm der grosse Gedanke: so wie der Tag anbräche, mit Hülfe eines Teleskops alle
Tore der Stadt zu bewachen, um zu entdecken, nach welcher Seite Hippolit und
Adelbert sich wenden würden, ihr feindseliges Vorhaben auszuführen; denn er
vermutete mit grosser Wahrscheinlichkeit, dass sie weder in der Stadt noch bei
Nacht ihren Zwist ausfechten könnten. Mit heldenmütiger Standhaftigkeit begann
er auf dem Balkon des Observatoriums seine Beobachtungen der Wege so wie der Tag
graute, aber der kalte Morgentau und die oben herrschende Zugluft griffen ihn
nach der durchwachten Nacht und der vorhergegangenen Ermüdung so an, dass er bald
seinen Plan aufgeben und mit einem bedeutenden Erkältungsfieber sich nach Hause
bringen lassen musste.
Gleich einer sorglichen Mutter pflegt die Natur ihre leidenden Kinder gern dem
allberuhigenden Schlafe in die Arme zu legen, wenn sie sich ausgeweint haben,
und auch Auguste war endlich in den schweren todtähnlichen Schlummer völliger
Erschöpfung gesunken. Trüb und gedankenschwer blickte die neben ihrem Bette
wachende Gabriele in den draussen hellleuchtenden Morgen hinaus, als Annette
leise die Türe öffnete, geheimnisvoll und schweigend ihr winkte, und gleich
darauf leicht und unhörbar wie eine Elfe auf den Fussspitzen über den Teppich
hineilte und den Platz neben Augusten einnahm, denn ihre Herrin eben verlassen
hatte. Gabriele schwankte, einen Augenblick erschrocken, an der Türe, mit
fragendem Blick sah sie das Mädchen an, aber an dem ängstlichen Klopfen ihres
eignen Herzens fühlte sie die Unmöglichkeit, lautlos die traurige Nachricht zu
vernehmen, die sie zu hören befürchten musste, und so eilte sie zitternd und
stumm die Treppe hinab.
    In ihrem Wohnzimmer fand sie Adelberten. Mit dem Ausdrucke der Verzweiflung
sank er vor ihr hin, so wie sie hereintrat und umfasste, tief zur Erde gebeugt,
ihre Knie. Sie bebte bei seinem Anblick unwillkührlich zurück, eine Ahnung, der
sie nicht Worte zu geben sich getraute, drückte ihr Herz bis zum Stillstehen
zusammen; ängstlich blickte sie auf den Trostlosen, der noch immer vor ihr lag
und hatte kaum Kräfte genug, ihn aufstehen zu heissen.
    »Hier zu den Füssen des Schutzengels, dessen Trost, dessen Hülfe ich auf ewig
entsagen muss, lege ich meinen Abschied von jedem Glück nieder, von jeder Freude,
von mir selbst! Ich gehe, gleichviel wohin, ich suche das Elend, ich finde es
überall fern von Augusten, fern von meinen Kindern,« sprach kaum verständlich
Adelbert. Dann sprang er auf, trat einige Schritte von Gabrielen zurück und rief
mit wildem Blick und heftig gerungenen Händen: »Nein! nein! es ist nicht
möglich. Ich träume, ich will erwachen, ich muss erwachen! Es ist nicht möglich,
dass ich selbst mir meinen eignen Himmel so schnöde verschlossen habe. Er war ja
mein, er ist es noch, ich will erwachen, ich muss erwachen!«
    »Sie sind erwacht. Gottlob Sie sind es,« sprach jetzt Gabriele mild und
gefasst. »Hoffen Sie, haben Sie Vertrauen zu denen die Sie lieben. Das ärgste ist
doch nicht geschehen?« setzte Sie mit unsichrer Stimme hinzu. »Kein Blut hoffe
ich? - Hippolit?« -
    »O hoffen Sie nichts gutes mehr von mir,« unterbrach sie Adelbert mit vor
dem Gesicht gefalteten Händen.
    Grausen ergriff Gabrielen bei diesen Worten; abgewendeten Blicks wankte sie
der Türe zu, doch er warf sich, sie aufhaltend, ihr in den Weg.
    »Nein, ein Mörder bin ich nicht,« rief er, »doch ist es nicht mein Verdienst
dass ich es nicht bin. Augustens guter Engel bewahrte mich; der meine nicht; der
hat auf ewig sich von mir gewendet!«
    »So lebt Hippolit? Sie schlugen sich nicht?« fragte Gabriele.
    »Sein Blut floss, es floss von meiner Hand, ich Rasender! Aber er lebt, er
wird leben,« rief Adelbert. »Um Augustens Willen wird er leben.«
    Lange noch fuhr er fort sich bald zu verdammen, bald sein Geschick
anzuklagen, während Gabriele, jetzt selbst beruhigter, sich abmühte, in dem
armen umdunkelten Geiste ihres Freundes einen Strahl tröstender Hoffnung zu
leiten.
    »O bewahren Sie alle Ihre Milde, alle Ihren Trost für Augusten, mich
überlassen Sie dem Untergange,« rief er. »Lieben und Verachten! Bezeichnete ich
so nicht einst den höchsten Schmerz? Wie wird Auguste ihn tragen? Muss ich denn
wünschen, sie möge mein vergessen?«
    Gabrielens sanfte Stimme beschwigtigte indessen doch allmählig seine wilde
Leidenschaftlichkeit. Sein Herz erwarmte, sein altes Vertrauen erwachte vor
ihrer holdseligen Anmut, und so gelangte er bald dahin, ihr alles zu bekennen.
Und wer erst dazu gekommen ist, vor einem Zweiten sich laut anklagen zu können,
der beginnt im nehmlichen Moment, halbausgesöhnt mit sich selbst, im eignen
Herzen sich leise zu entschuldigen.
Bittre Beschämung, Reue, unaussprechliche Sehnsucht nach seinem ehemaligen
glücklichen Leben hatten ihn aus dem Salon hinaus ins Freie getrieben; bekannte
Stimmen, welche auf der Strasse ihm entgegen kamen, bewogen ihn wieder
umzukehren, und die stillere Einsamkeit seines abgelegenen Zimmers aufzusuchen.
Dort überraschte ihn geisterhaft Augustens nicht geahnete Gegenwart; mit seinem
ganzen Dasein, sogar mit seinen Sinnen zerfallen, wusste er nicht zu
unterscheiden: ob die beschämende Wirklichkeit ihn quäle, oder ob Scheinbilder,
durch innres Bewusstsein ins Dasein gerufen, ihn irrten? Er floh halb wahnsinnig,
mit der Hast des wildesten Entsetzens die Treppe wieder hinab, und am Fusse
derselben empfingen ihn Herminiens ungebändigter Zorn, ihre schonungslosen
Vorwürfe. Ach! er glaubte in jenem Augenblick diese alle zu verdienen, denn sein
Herz lag wie Eis in der wild-bewegten Brust; die Täuschung der Sinne war
geschwunden und er fühlte sich zwiefach meineidig, gegen sie wie gegen Augusten.
Er hätte die ganze Welt, am liebsten sich selbst in diesem Moment vernichten
mögen, in welchem mitten durch den Sturm seines Gemüts noch der zitternde
Klagelaut bebte, mit dem Augustens Erscheinung ihm entschwunden war. Hippolits
besonnene Klarheit, die sichere Ruhe, mit welcher dieser die schleunige
Entfernung der Markise als das zunächst Notwendigste betrieb, erbitterten den
Aufgebrachten noch mehr. In seiner leidenschaftlichen Verworrenheit war ihm
alles willkommen, was sich ihm bot, um seiner innern Verzweifelung in
verzweiflendem Tun Luft zu machen. Und so ergriff er mit Freuden die jedes
Missverstehn ausgleichen sollenden Worte Hippolits als eine förmliche
Ausforderung, die ihm Gelegenheit geben konnte, alle Schuld gegen Herminien wie
gegen Augusten mit Blut zu sühnen.
    Im Wagen neben Herminien befiel ihn ein unaussprechliches Grauen vor ihr wie
vor dem Dämon seines Lebens; vergebens sprach sie ihm zu; er hörte ihre Stimme,
ohne ihre Worte zu vernehmen, floh, von einem dumpfen Instinkt geleitet, und
liess sich nicht halten, so wie sie die Türe ihres Hauses erreicht hatten.
Gequält vom ängstlichen Bewusstsein verdienter Verlassenheit, in wilder Hoffnung
auf den folgenden Morgen, irrte er nun heimatlos die ganze Nacht hindurch im
Freien umher und strebte nur Hippolits Bild als das eines Feindes festzuhalten.
Gleich zerstört von innen und aussen, mit jenem Trotz, welcher das innere
Bewusstsein eines Unrechts, das man nicht anzuerkennen fest entschlossen ist,
allemal begleitet, betrat er zur bestimmten Stunde um fünf Uhr des Morgens das
Zimmer Hippolits, der ruhig und heiter dem Erwarteten entgegen kam.
    Ganz anders als der arme Adelbert, hatte dieser die Nacht zugebracht. Zwar
war auch sein Blut bei der gestrigen Scene in Wallung geraten und er hatte
deshalb, vom Zorn überwältigt, nicht widersprochen, da sein Erbieten zu jeder
Erläuterung ganz anders aufgenommen wurde, als er es eigentlich gemeint hatte;
doch in der ruhigen Einsamkeit seines Kabinetts ward er bald Herr seines leicht
aufbrausenden Sinnes. Der pünktliche Gehorsam seines Kammerdieners hatte diese
Einsamkeit gegen jeden Angriff, besonders gegen Moritzens Nachfragen zu sichern
gewusst und so war Hippolit ungestört im ernsten Kampfe mit sich selbst, fähig
geworden, dem feindselig zu ihm Eintretenden freundlich-ernst die Hand entgegen
zu reichen.
    Adelbert stutzte einen Augenblick bei diesem unerwarteten Empfang, dennoch
war er weit von dem Gedanken entfernt, die dargebotne Hand zu ergreifen, die er
mit erzwungner Kälte, doch nicht auf beleidigende Art ablehnte.
    »Herr Graf!« sprach er, so ruhig als es ihm möglich war, »haben Sie die Güte
auch für mich ein Pferd sattlen zu lassen, denn Sie begreifen wohl, dass ich
jetzt das meinige nicht aus Herrn von Aarheims Stall holen lassen kann.
    »Alle meine Pferde stehen zu Ihrem Befehl, Sie sollen die Wahl haben, es
sind schöne Tiere darunter, die Ihnen gewiss gefallen werden;« war Hippolits
sehr höfliche Antwort. »Doch wäre es nicht besser, den schönen Morgen erst nach
der Erläuterung zu geniessen, zu welcher ich gestern mich erbot?«
    »Ihr kalter Hohn soll mich nicht aus der Fassung bringen,« rief jetzt
Adelbert beinahe schäumend vor Wut. »Kommen Sie dann zu Fuss wenn Sie Ihre
Pferde schonen wollen, doch ohne Säumen bitte ich, mich verlangt nach Ihrer
sogenannten Erläuterung; mit der schönen Natur halten Sie es späterhin nach
Belieben.«
    In Hippolits Angesicht flammte bei diesen Worten die glühende Röte des
Zorns auf, doch gelang es ihm schnell, die vorige Fassung wieder zu gewinnen.
»Eben deshalb, weil auch ich keine Zeit zu verlieren wünsche, bitte ich, den
Ritt bis nach der Erläuterung, die ich Ihnen versprach, zu verschieben,«
erwiderte er gelassen. »Nirgend kann ich bequemer sie Ihnen geben als hier.«
    »Hier?« rief Adelbert, mit wildem zornigem Lachen, »nun meinetwegen auch.
Das Zimmer geht nach dem Hofe zu, in dem engen Raume kommen wir vielleicht um so
eher zum Zweck. Nun es sei, auch hier. Wo sind Ihre Pistolen? Ich habe keine
mitgebracht, mein rechter Arm vermag zwar nicht mehr, den Säbel zu führen, mit
dem linken aber nehm ich es im Schiessen mit jedem auf.«
    »Hier sind zwei Paar Pistolen, sie sind alle geladen,« sprach Hippolit,
indem er sie auf den Tisch legte, dann ging er zur Türe, schloss ab und steckte
den Schlüssel zu sich. »Sie sehen meine Bereitwilligkeit, alle Ihre Forderungen
zu erfüllen, Herr Rittmeister! nur eine muss ich bestimmt Ihnen versagen, ich
schiesse nicht auf Sie, Sie hören mich denn zuvor an. Dann tun Sie, was Ihnen
recht deucht. Lassen Sie mich vollenden was ich zu sagen habe,« rief er mit
erhobener Stimme, da Adelbert heftig gegen ihn anfuhr, »nur wenige Augenblicke
erbitte ich mir, dann können Sie, ich wiederhole es, tun was Sie wollen. Einer
Dame zu Gefallen wie die Markise d'Aubincourt ist, schlagen sich Männer wie wir
beide nicht; dass dem so sei, liegt in der Erläuterung, die ich Ihnen versprach,
klar zu Tage. Und sollten wir uns schlagen, um unsre Tapferkeit zu beweisen?
Ihre ehrenwerten Narben, Herr Rittmeister, überheben Sie dieser Mühe, und
obgleich ich leider keine ähnlichen aufzuweisen habe, so verkündet das Gerücht
doch zu viel solcher Heldentaten von mir, wie die ist, zu der Sie mich jetzt
auffordern, als dass ich fürchten müsste, in der Welt für feig zu gelten, weil ich
erkläre, mich diesmal nicht schlagen zu wollen.«
    »Genug, genug der Worte,« unterbrach ihn Adelbert. »Die Zeit entflieht und
meine Geduld mit ihr. Haben Sie mich gestern gefordert, warum wollen Sie mir
heute nicht Rede stehen? Und war Ihr Versprechen einer Erläuterung keine
Ausforderung, nun so fordere ich Sie jetzt, weil Sie es wagen, eine Dame zu
lästern, die zu schützen mir, besonders seit dem gestrigen Abend, Pflicht ist.
Ihnen gehört jetzt der erste Schuss, ich bin bereit, wählen Sie, hier sind die
Pistolen.«
    
    »Nicht eher,« rief Hippolit, »bis Sie den Inhalt des Taschenbuchs untersucht
haben, welches dort neben den Pistolen liegt; es entält die versprochnen
Erläuterungen. Und auch dann, ich will Sie nicht betrügen, ich bleibe auf jeden
Fall meiner ersten Erklärung treu, ich schiesse nicht auf Sie, ich habe Gründe,
es nicht zu tun.«
    Mit immer steigender, rasender Wut drang nun Adelbert auf ihn ein, ohne auf
ihn zu hören, und wollte ihm ein Pistol aufzwingen, doch Hippolit wehrte ihn ab,
indem er bei seiner Erklärung blieb.
    »Tun Sie, was Sie wollen,« sprach er endlich, »bleiben Sie meinetwegen
dabei, wenn Sie es für Recht halten, meine gestrigen Worte als eine Forderung zu
nehmen, der Glaube, es sei so, brachte Sie ja hieher, und ich stelle mich Ihnen,
schiessen Sie. Nur geben Sie mir Ihr Ehrenwort, das Zimmer nicht zu verlassen,
ehe Sie jenes Taschenbuch untersucht haben, und dann geloben Sie mir, den Inhalt
desselben vor jedermann auf ewig zu verschweigen. Gewähren Sie mir das.«
    Adelbert, vor Zorn bewusstlos, spannte das Pistol. Hippolit stand ihm
gegenüber in aufrechter Stellung am Fenster, während Jener der Türe zuflog.
Sein Mund sprach unverständliche Worte, sein Herz klopfte, hörbar bewegt vom
wildkochenden Blute, Feuerflammen tanzten vor seinen Augen. »Sie wollen es! Sie
wollen es!« schrie er, wie einer, der nicht weiss, dass er spricht, und ohne zu
zielen drückte er ab.
    Hippolit wankte erbleichend, und sank dann in einem neben ihm stehenden
Sessel. »Sie halten Ihr durch die Tat abgelegtes Versprechen, Sie können nicht
eher hinaus, ich habe den Schlüssel und Sie werden keinen Wehrlosen berauben
wollen,« sprach er mit leiser Stimme, und hob den linken Arm gegen den Tisch,
der rechte, überquellend von Blut, hing bewegungslos herab.
    Adelbert stand da wie ein Starrsüchtiger. Fast noch bleicher als der
blutende Hippolit, staunte er mit dem Ausdruck völligen Unbewusstseins ihn an,
und hielt dabei das unglückliche Pistol noch immer in drohender Stellung in die
Höhe.
    »Fassen Sie sich, erfüllen Sie, was ich von Ihnen erbat, Sie sehen, ich
blute sehr, und mir kann eher keine Hülfe werden,« sprach Hippolit.
    Adelbert schien zu erwachen. Mit einem unterdrückten Schrei des Entsetzens
flog er auf den Verwundeten zu.
    »Dortin, das Taschenbuch,« stammelte dieser fast unverständlich und wies
immerfort nach dem Tische hin, »lassen Sie mich nicht verbluten.«
    In wilder Hast flog jetzt Adelbert an den Tisch, mit zitternden Händen und
unstätem Blicke öffnete er das Buch, das Bild Herminiens fiel zuerst ihm
entgegen, dann einige Porträte junger Männer, unter ihnen sein eignes, das er
ihr gab als er die Universität bezog, auch Briefe quollen den Bildern nach, doch
alles flimmerte vor seinen Augen und draussen wurden Hippolits Diener immer
lauter vor der verschlossenen Türe, denn der Knall des Pistols hatte sie
herbeigezogen.
    »Lassen Sie mich öffnen,« rief endlich bittend Adelbert, »ich kann nicht
lesen in dieser Angst, ich will es, ich gelobe es, ich will eher nichts anders
unternehmen, aber lassen Sie mich jetzt öffnen.« Hippolit willigte ein.
    »Ein Spiel, ein dummes Spiel, wir wussten nicht, dass sie geladen seien,«
stammelte er den erschrocken Eindringenden entgegen und sank dann, vom
Blutverlust erschöpft, ohnmächtig hin.
    Sein Kammerdiener, der zum Glück zugleich Wundarzt war, begann jetzt die
Wunde zu untersuchen und Adelbert erwartete in stummer Angst mit gesenkten
Blicken seinen Ausspruch. Die Verletzung war schmerzhaft, bedeutend, doch nicht
gefährlich, die Kugel war in den Oberarm gedrungen, aber nur der starke
Blutverlust konnte Besorgnis erregen. Die Schmerzen des ersten Verbandes
erweckten den Verwundeten aus seiner Ohnmacht; ohne reden zu können, reichte er
Adelberten die linke Hand, zeigte abermals nach dem Tisch, auf welchem das
Taschenbuch lag, und schloss dann ermattet die Augen wieder.
    Adelbert versuchte zu halten, was er versprochen hatte, er ergriff das Buch,
aber die Luft im Zimmer, der Anblick Hippolits, der mit geschlossnen Augen wie
ein Todter auf dem Ruhebett lag, beraubten ihn aller Besinnung; in zitternder
Hast, ohne eigentlich zu wissen, was er tat, raffte er Buch, Gemälde, Briefe,
alles zusammen, und floh damit hinaus, zum Zimmer, zum Hause, zur Stadt hinaus.
Erst in der lautlosen Einsamkeit eines abgelegnen, um diese Tageszeit ganz
unbesuchten Lustwäldchens fand er sich wieder.
    Der gestrige Abend, die darauf zum Teil an dieser nehmlichen Stelle
durchwachte lange Nacht, und die eben durchlebten wildbewegten Morgenstunden
gingen, nach und nach heller werdend, an ihm vorüber; ihn hatte alles ein wüster
Traum gedünkt, nur das Taschenbuch, gegen welches sein Herz in heftiger Bewegung
anschlug, war ihm ein beängstender Zeuge der Wahrheit. Abermals ergriff und
öffnete er das Buch; eine heisse Träne entfiel seinem Auge als er sein
Jugendbild betrachtete, dessen reine von keiner Leidenschaft entstellten Züge
ihn mit kindlicher Himmelsseligkeit anlächelten. Es war so wenig ihm noch
ähnlich, dass Hippolit ihn wahrscheinlich nie darin wieder erkannt hatte.
    »Ja so war ich! Auch sie war so!« seufzte er und verhüllte die brennenden
Augen im tauigen Grase und weinte laut. Er gedachte jener Zeit, da er, fast
noch ein Knabe, dies Bild heimlich malen liess; er gedachte der Freude, mit der
Herminia es empfing und wie sie gelobte, allen fremden Augen verborgen, es ewig
auf ihrem Herzen zu tragen. Endlich ermannte er sich wieder, und begann nun
ernstlich, die im Taschenbuch vorgefundnen Briefe zu untersuchen.
    Der erste, der ihm in die Hände fiel, war von Herminien an Hippolit. Er
hatte das Geschenk sämmtlicher Porträte, das von Adelbert mit eingeschlossen,
begleitet. Sie wollte, schrieb sie, durch dieses Opfer Hippoliten, dem Einzigen,
den sie geliebt habe und lieben könne, jeden Argwohn benehmen, als ob sie noch
in irgend einer Art von Verbindung mit einem jener Männer wäre, die sie freilich
einst, ehe sie Ihn erblickt, zu lieben geglaubt habe. Mit ächt französischer
Leichtigkeit, unübertrefflichem Witz und hinreissender Lebendigkeit gab sie ihm
die Schilderung der moralischen Eigenschaften und Eigenheiten der Originale, als
Zugabe zu jenen Porträten. Vor allem aber hielt sie sich lange bei der
Geschichte ihrer ersten Liebe auf. Ohne ihn zu nennen, malte sie Adelberten,
recht ausgelassen mutwillig, zuerst als eine Art von zärtlichem Jocrise, im
langen Kinderrock, hernach als sentimentalen, invaliden Bramarbas. Auch sich
selbst vergass sie nicht, und spottend schilderte sie sich in ihrer damaligen
ländlichen Naivität und Einfalt. Sie wusste dabei doch sehr geschickt sich durch
manche liebenswürdige Schwäche, durch manches reizende Detail interessant zu
zeigen, während sie sich das Ansehen gab, sich über sich selbst lustig machen zu
wollen. Versicherungen ihrer unwandelbaren, ewigen Liebe, fast in den nehmlichen
zärtlichen Worten, in den nehmlichen Wendungen, deren sie unzähligemal auch
gegen Adelberten sich bedient hatte; Eifersüchtleien, Klagen, tausend Neckereien
füllten viele Seiten der übrigen Briefe an Hippoliten an. Andre waren von den
Originalen jener Porträte, mit denen sie ehemals in zärtlichem Verhältnis
gestanden, die sie mit den Bildnissen zugleich Hippoliten überliefert hatte.
Alle waren so viel Beweise eines sehr frivolen, ja man möchte sagen, eines
zügellosen Lebens.
    Adelbert mochte bald nicht weiter lesen. Das Unwahre in Herminiens Wesen
eckelte ihn unbeschreiblich an; die Torheit des ungeheuern Opfers, welches er
dieser Unwürdigen gebracht hatte, fiel mit Zentnerlast ihm aufs Herz. Er fühlte
sich plötzlich von ihr losgerissen, frei auf ewig. Aber das Gefühl dieser
Freiheit glich dem des Gefangenen, der, dem Kerker entlassen, vor der Türe
desselben steht, ohne Heimat, ohne Freund, ohne in der ganzen weiten Welt eine
menschliche Seele zu wissen, zu der er sagen dürfe, nimm mich auf, denn ich
gehöre dir an. Leidenschaftlich in allem, auch in der Reue, glaubte er im
Übermass derselben, dass sein Hauch nie wieder mit der reinen Luft sich einen
dürfe, in der Auguste, in der seine Kinder atmeten. Er beschloss in seiner
Verzweiflung, auf immer aus ihrer Nähe sich zu verbannen, nie wieder sollte der
Klang seiner Stimme Augustens Ohr verwunden, nie ihr Auge mit Abscheu von seinem
Anblicke sich wenden müssen. Doch so ganz ohne Spur zu verschwinden, ohne alles
Lebewohl, ohne allen Segen in die Wüsten des Lebens hinaus zu gehen, diese
Aufgabe ward seinem liebegewohntem Herzen doch zu schwer, und dies Gefühl hatte
ihn mit allen seinen Klagen zu Gabrielens Füssen geführt.
    Noch immer bekämpfte diese seinen wilden Schmerz, und wandte, wenn gleich
fast hoffnungslos, alles an, ihn von dem Vorsatz zur Flucht abzubringen, als der
General Lichtenfels zu ihnen hereintrat. Ernst, wenn gleich nicht zürnend, ruhte
sein Blick eine stumme Minute lang auf Adelberten, der vor dem Gefürchteten sich
gern in den Mittelpunkt der Erde verborgen hätte; dann aber trat ein feuchter
Schimmer in das milder werdende Auge des edlen Greises. »Komm!« sprach er, und
schloss den beinahe Widerstrebenden fest an seine Brust. »Komm, hier trug ich den
Knaben, hier ruhtest Du wundenmatt, nach ehrenvollem Kampf, dem Tode nah. Hier
weintest Du im schönen Schmerz um die gesunknen Hoffnungen Deiner Jugend, hier
ist auch jetzt noch Dein Platz. Du warst ja immer das Kind meines Herzens;
welcher Vater wird sein Kind von sich stossen, weil es fiel? Komm, ich helfe Dir
auf, und dann wollen wir beide frisch ans Werk, um zu retten, zu bessern, wieder
herzustellen; Gott wird uns helfen.«
    Vergebens strebte Adelbert in den Armen des Generals sein übervolles Herz in
verständlichen Worten vor ihm auszuschütten. »Sei ruhig,« sprach dieser, »ich
weiss alles, Du hast mir nichts zu bekennen. Ich komme von Deinem edlen Gegner,
er leidet viel, doch hoffentlich ohne Gefahr. Nur der heftige Blutverlust kann
seine Heilung verzögern, die Kugel hat eine Ader zerrissen und er blieb lange
ohne Hülfe.«
    Adelbert versuchte abermals zu reden, doch der General verhinderte es, indem
er nochmals versicherte, die Gräfin Rosenberg und Hippolit hätten ihm alles
erklärt. »Ich kenne den ganzen Umfang Deiner Schuld,« sprach er, »aber ich weiss
auch was sie mildert. Der Graf wollte freilich anfangs auch mir, wie seinen
Leuten, aus eurem Duell ein Geheimnis machen,« -
    »Duell?« unterbrach jetzt Adelbert den General, »Duell nennt er es? meine
Tat ist Mord, meuchelmörderisch überfiel ich ihn, der wehrlos vor mir stand« -
    »Lass das,« erwiderte der General, »Du wusstest diesen Morgen eben so wenig
was Du tatest, als ich gestern Abend wusste was ich tat. Zorn und Ueberraschung
sind gefährliche Feinde, die uns, auf das Mildeste genommen, zu wenigstens
dummen Streichen verleiten, deren man hernach Zeitlebens sich zu schämen hat.
Das haben wir beide erfahren, ich gestern, Du heute. Jetzt stehe ich aber als
Abgesandter des Grafen vor Dir, durch mich fordert er zurück was er Deiner Ehre
vertraute, und erinnert Dich nochmals an das heilige Versprechen ewigen
Schweigens über diesen Gegenstand. Ich lese in Deinen und Frau von Aarheims
Blicken, dass Du es bei ihr schon jetzt vergessen hast,« sprach nach einer
kleinen Pause der General, beide mit prüfendem Blick betrachtend. »Es ist nicht
recht, aber auch diesmal noch mag der Zustand Deines Gemüts Dich entschuldigen.
Unsere edle Freundin ist unfähig, ihre Kenntnis eines solchen Geheimnisses zu
missbrauchen, darum übergieb ihr jetzt getrost das Buch, so kommt es am
sichersten in die Hände seines Eigentümers. Gabriele wird gewiss nicht den
reinen Blick mit dessen leidigen Inhalt besudeln wollen. Und nun komm, alles ist
bereit, wir gehen mit einander auf Reisen. Unsere hollsteinischen Güter
entbehren schon lange unsrer Gegenwart, dort wollen wir hin. Es ist gut, dass Du
jetzt Augusten noch nicht wieder siehst; eigentlich verdienst Du es auch noch
nicht, also ohne Abschied, Gabriele und Deine Kinder werden Dich indessen schon
bei ihr vertreten und Deine Fürsprecher sein.«
    Gabriele versuchte es, hierin dem General einzureden, doch er verhinderte
sie daran mit sanfter Gewalt. »Schöne, gute Frau!« sprach er, »ich weiss, im
Grunde Ihres Herzens billigen Sie mein Vorhaben, warum denn versuchen, gegen
Ihre eigne Ueberzeugung mich eines andern überreden zu wollen? Wir sollten das
nie; es kommt davon so vieles Ueble in der Welt, und dennoch lassen sich auch
die Besten und Klügsten unter uns nur zu oft von ihrem Gefühl dazu hinreissen.
Von Ihnen aber weiss ich, dass Sie über diese Schwäche erhaben sind, sobald Sie
sich nur recht besinnen wollen. Jetzt lege ich Augustens armes, wundes Herz an
das Ihrige, und reise in dieser Hinsicht getrost, Sie werden es zu heilen
wissen, wenn es geheilt werden kann. Ich komme von ihr, sie schläft noch. Armes
Kind! Körper und Geist sind todt-müde, denn wir sind zwei Nächte hinter einander
durchreiset; ich und ihre Liebe liessen ihr keine Rast, und so wollen wir ihr die
Erholung gönnen, welche die Natur gütig ihr gewährt. Morgen bringt eine
Staffette Ihnen die erste Nachricht von uns; Auguste wird sich um Adelberts
Geschick beruhigen, wenn sie ihn bei mir weiss. Uebrigens reisen wir Tag und
Nacht bis wir über die Gränze hinaus sind, denn die Polizei könnte doch wohl
Lust bekommen, sich nach dem von ungefähr losgegangnen Pistol zu erkundigen,
darum fort, fort, wir haben keine Zeit zu verlieren.«
    Mit diesen Worten zog er Adelberten sich nach, der wie im bewusstlosen Traume
ihm folgte, Gabriele blieb einsam zurück. Beinahe nicht minder betäubt als er,
starrte sie gedankenlos vor sich hin, bis Annette sie mit der Nachricht ins
tätige Leben zurückrief, dass Auguste erwacht sei und sehnlichst nach ihr
verlange.
In stiller Ergebung betrachtete Auguste ihr Geschick, so wie allmählig die Hand
der Freundschaft den Schleier sorgsam lüftete, der so lange nur in verworrner
Gestaltung es ihr gezeigt hatte. Dann aber begann sie auch recht innig in ihre
ländliche Einsamkeit, zu ihrer Mutter, zu ihren Kindern sich zurück zu sehnen.
Sie hatte noch immer manchen harten Kampf mit ihrem Herzen zu bestehen, so fern
auch alle Bitterkeit ihr war und blieb. Mit dem Glauben an Adelberts
unerschütterliche Liebe, an seine felsenfeste Treue, war ihr auch die Ruhe
verloren gegangen, mit der sie bis dahin der süssen Gewohnheit, glücklich zu
sein, sich hingegeben hatte, ohne weder über ihr Glück noch über die
Möglichkeit, dass es anders werden könne, nachzudenken. Es konnte noch alles gut
werden, das fühlte sie, das hoffte sie, darum betete sie mit Inbrunst; doch wie
konnte es so werden wie es gewesen war? Und dies Gefühl musste ihr Gemüt mit
einer Sehnsucht, einer stillen Trauer erfüllen, welche nur der Anblick ihrer
Kinder zu mildern vermochte. In ihnen lebte ja noch der Adelbert, den ihr Herz,
trotz alles Gegenstrebens ihres Verstandes, dennoch verloren geben musste.
    Adelberts Briefe, voll des Ausdrucks der tiefsten Reue, betrübten ihr Gemüt
statt es zu trösten. Die glühende Leidenschaftlichkeit, mit der er Augusten zu
einem engelgleichen Wesen erhob, von dem er in tiefer Selbstzerknirschung nur
Mitleid erflehte, während er sich ihrer Liebe und ihrer Achtung auf ewig für
unwert erklärte, konnte ihre Aussicht in die Zukunft nicht erheitern. Nur des
Generals Ansicht ihrer und Adelberts Lage, die er in seinen Briefen ihr offen
mitteilte, gewährten ihr einigen Trost. Sein Ermuntern zum Rechten, Vorstellen
dessen, was ihr oblag zu dulden und zu vollbringen, stälten ihren Mut. Ihr
Blick erheiterte sich, wenn sie las, wie kräftig er Adelberts, durch frühen
Schmerz entnervtes Gemüt aufzurichten strebe, wie er durch Tätigkeit ihn zu
zerstreuen und aus seiner jetzigen trostlosen Versunkenheit wieder empor zu
richten suche, und wie er alles anwende, um ihm nur wieder zum Vertrauen in sich
selbst zu verhelfen.
    »Der Zustand unsrer hiesigen, durch unsre jahrelange Abwesenheit sehr
verwahrloseten Besitzungen gewähren ein weites, fast unabsehbares Feld zur
Arbeit,« schrieb ihr der General, »und somit lasse ich unsern Adelbert vor
lauter Tätigkeit kaum zu Atem kommen. Morgens, mit Sonnenaufgang, ziehn wir
hinaus in Feld und Wald, Abends gibts zu richten und zu schlichten,
nachzurechnen, Papiere zu ordnen, bis in die sinkende Nacht. Da müssen die
Grillen ihm verschwinden, denn ihm bleibt keine Zeit weder sie zu fangen noch zu
pflegen. Mutig, liebe Auguste! lass Du mich nur gewähren, sobald es Zeit ist,
bringe ich ihn gesund und geheilt, von innen und aussen, zu Deinen Füssen hin,
und Du gute weiche Seele wirst ihn dann wieder an Deinen Busen nehmen, das weiss
ich, und fürchte nicht Deine Strenge, sondern nur Deine Milde, die mir ihn
wieder verderben könnte.«
    Augusten nach Lichtenfels zu begleiten, wäre Gabrielens sehnlichster Wunsch
gewesen, als endlich der Tag der Trennung herbeikam; doch Herrn von Aarheims
fortdauernde Kränklichkeit erforderte ihre stete Gegenwart. Seit jener auf der
Sternwarte töricht durchwachten Nacht plagten ihn Rheumatism und alle Uebel,
welche diesen Unhold in tausendfacher Gestalt zu begleiten pflegen. Gabrielens
mitleidige Geduld vermochte es kaum, alle die mannigfaltigen Wunderlichkeiten
und Launen zu ertragen, mit denen der grämlichste und unleidlichste aller
Kranken, zu jeder Stunde des Tages, zuweilen auch der Nacht, sie quälte. Die
Besuche, welche anfangs über manche lange Schmerzensstunde ihr hinüberhalfen,
blieben nach und nach aus, denn sein böser Humor verscheuchte alle, die nicht,
wie Gabriele, durch Pflichtgefühl gebunden, bei ihm ausharren mussten. Hippolit,
der Einzige, der die Langeweile von der Moritz sich hauptsächlich geplagt
fühlte, hätte verscheuchen können, befand sich selbst noch leidend. Mehrere
Wochen waren seit dem Vorgange zwischen ihm und Adelberten vergangen, und noch
immer durfte er das Zimmer nicht verlassen. Gabriele hatte noch in keiner Lage
ihres Lebens sich so ganz auf sich selbst zurückgewiesen gefühlt, selbst nicht
am Rhein, wo frische lebendige Tätigkeit ihre tiefe Einsamkeit erheiterte.
Sogar die Tante hatte sie verlassen; um der Markise auszuweichen, war sie am
Tage nach der Konzert-Scene nach einem nicht weit entfernten Badeorte gereist,
obgleich noch vor der eigentlichen glänzenden Kurzeit. Ein kaltes höfliches
Billet hatte einstweilen Herminien deren Anteil an der gemeinschaftlichen
Wohnung aufgekündigt, denn diese war nur im Namen der Gräfin Rosenberg dem
Eigner abgemietet worden.
    Die Markise aber eilte sich eben nicht, von dieser Aufkündigung Notitz zu
nehmen, sondern verweilte noch mehrere Wochen als einzige Bewohnerin des Hauses,
in anscheinend vollkommner Ruhe. Sie zeigte während dieser Zeit sich weit öftrer
als sonst im Teater und bei andern öffentlichen Vergnügungen, auch suchte sie
auf andre Weise, durch vielfältig ausgesendete Einladungen zu glänzenden Festen,
die öffentliche Meinung irre zu leiten, oder auch zu braviren, doch gelang ihr
dieses nur bei sehr wenigen Mitgliedern der Gesellschaft. Obendrein gehörten
diese wenigen nicht zu denen, deren Beispiel auf die übrigen Einfluss haben
konnte. Nie hatte es so viel Migränen und Katarrhe in der Residenz gegeben, als
an den Abenden, wo die Markise einen recht glänzenden Kreis um sich her zu
versammeln gedachte. So musste Sie es bald müde werden, in ihren hell
erleuchteten, aber spärlich bevölkerten Sälen ihre kleinen Koketterien zu üben,
und Unmut und Überdruss bewogen sie endlich, Paris, den einzigen Schauplatz
wieder aufzusuchen, auf dem ihre glänzende Erscheinung gehörig gewürdigt werden
konnte. Kein sehnender Blick folgte ihr dortin, wo sie wie ein strahlendes
Meteor wieder in den Strudel versank, dem sie, weder sich noch Andern zum Heil,
auf kurze Zeit entstiegen war.
Müde und erschöpft von einer zum grössten Teil am Schmerzenslager ihres Gemahls
durchwachten Nacht, sass Gabriele nach kurzem unerfreulichen Schlummer in der
Jelängerjelieber-Laube des kleinen Gartens am Hause, dem einzigen Orte, wo es
ihr jetzt vergönnt war, des im höchsten Schmucke prangenden Frühlings sich zu
erfreuen. Alles um sie her funkelte und blitzte im Sonnenstrahl von Diamanten,
die ein warmer Frühregen verschwenderisch gestreut hatte; ihre Rosen flammten in
höchster Blütenpracht, fast sichtbar stieg der Opferduft von den Lilien und
tausend andern Blumen, die in üppiger Fülle ihre Beete schmückten, zum Himmel
auf, und mischte sich in den noch berauschendern Wohlgeruch der hohen
Orangenbäume, die auf dem Rasenplatz vor der Laube lichte Schatten streuten.
Endlich einmal entronnen der ängstlich beklommenen Atmosphäre des dunkeln
Zimmers, in der sie jetzt den grössten Teil des Tages, unter dem ungeduldigen
Klagen ihres Kranken verleben musste, atmete hier die arme Gabriele mit vollen
Zügen neues Leben und Erquickung. Allmählig überschlich sie jene stille
Sehnsucht, jener wonnige Frühlingsschmerz, der das Auge mit süssen Tränen füllt
und das Herz rascher pulsiren macht. Sie gedachte ihrer ersten Jugend, ferne
Gestalten gingen an ihr vorüber, und sie versank in immer lieberes Träumen, von
ihrer Mutter, von Ernesto, von Ottokar. Dann gedachte sie auch des jungen
Freundes, der so keck das Leben daran gesetzt hatte und alle Vorurteile seiner
Jugend, seines Standes, ja das eigne Gemüt mit eigensinniger Entsagung
überwand, um einen ihm fast fremden Mann aus einem gefährlichen Traume zu
erwecken. Diese Tat Hippolits war ihr immer im romantischen Licht eines
Heldenmuts erschienen, den sie sehr geneigt war übertrieben zu nennen und
dessen Äusserung gerade auf diese Weise in dem feurigen, sonst alle Schranken so
gern durchbrechenden Jüngling, ihr unerklärlich blieb, so oft sie auch schon
darüber nachgedacht haben mochte. Seit seiner Verwundung hatte sie ihn nicht
wieder gesehen, doch liess sie täglich mehreremale Nachricht von ihm einziehen,
denn Moritz sehnte sich stündlich nach seiner erheiternden Gegenwart, und auch
sie vermisste oft ihren Edelknaben.
    Ein leichtes Geräusch weckte endlich die Träumerin aus ihrem fast wortlosen
Sinnen; sie blickte auf und an einer grossen Zipresse gelehnt, stand dicht vor
der Laube Hippolit selbst, die dunkeln blitzenden Augen auf sie geheftet. Das
selige Lächeln eines Verklärten umspielte die bleichen Lippen und der Ausdruck
langer körperlicher Leiden gaben der sonst so lebenskräftigen jugendlichen
Gestalt etwas unbeschreiblich Rührendes. Ihn erblicken und mit einem hellen
freudigen Ausruf ihm entgegen treten, war das Werk des ersten Moments, während
er, wie überwältigt von der Seligkeit desselben, vor ihr auf das Knie sank und
die Hand, welche sie ihm bewillkommend gereicht hatte, mit Feuerküssen bedeckte.
    »So! so! begrüsse ich das neue Leben! Hier begrüsse ich die Sonne, die ich so
lange entbehrte!« rief Hippolit, wie ausser sich vor Entzücken.
    »Unvorsichtiger!« schalt freundlich und bewegt Gabriele, »Sie sind noch
krank, Ihre Lippen brennen heiss; wie konnten Sie in diesem Zustande sich
auswagen? Wahrlich Sie sind im Fieber, Ihr ganzes Wesen ist so unnatürlich
gereizt, ruhen Sie, ich bitte, ruhen Sie aus,« sprach sie beinahe ängstlich
werdend, und bemühte sich ihm aufzuhelfen.
    »Mir ist wohl, mir ist unnennbar wohl, freilich meinem Arzt entsprungen, und
- mir ist unaussprechlich wohl,« stammelte Hippolit, ward immer bleicher und
sank endlich mit geschlossnen Augen in den Sessel, aus welchem Gabriele bei
seinem Eintritt aufgesprungen war. Sie wollte fort, sie wollte Hülfe
herbeirufen, doch er hielt mit übernatürlicher Kraft ihre Hand fest umschlossen;
auch öffnete er nach wenigen Sekunden die Augen wieder, und atmete hoch auf,
sichtbar sich erholend.
    »Zürnen Sie nicht, schelten Sie nicht,« bat er, »dass ich die schöne warme
Sonne, den blauen Himmel, nicht länger nur aus dem Fenster ansehen mochte. Ihre
Pappeln dort am Bassin sind Schuld. Ganz in der Ferne sehe ich von meinem Zimmer
aus ihre Wipfel, das einzige Grün weit umher. Stundenlang habe ich während
meiner Krankheit sie betrachtet, sie allein verkündeten mir den Sommer, und wenn
der Wind in den schlanken Zweigen spielte war mir, als ob sie von Ihnen mir
erzählen wollten. Heute, heute regten sie sich und nickten und winkten so sehr
und die Nachtigall vor meinem Fenster sang so schmerzliche Sehnsucht, es war
nicht länger zu ertragen; ich öffnete ihr den Käfig und sie und ich, wir flogen
beide auf und davon. Hier werde ich genesen, glauben Sie mir es nur, hier atme
ich Lebensluft.«
    Gabriele waltete ämsig und arglos geschäftig um ihn her, während er so sich
zu entschuldigen suchte, recht wie ein sorgliches Mütterchen um ihr liebes
krankes Kind. Sie breitete ihren Shawl an den Zweigen der Laube aus, um ihn
gegen das Sommerlüftchen zu schützen, das draussen sanft und linde die Blumen
und Blüten umspielte; aus einem Körbchen mit Orangen, welches zufällig neben
ihr stand, wählte und bereitete sie zu seiner Erquickung die süsseste Frucht,
dann brachte sie ihm die schönsten Rosen herbei, es war als wolle sie ihn in
diesem Moment für alle Entbehrungen der schönen Tage entschädigen, die der Arme,
im dumpfen Zimmer eingekerkert, hatte verleben müssen. Nach Frauen Art vergass
sie in ihrer Geschäftigkeit beinahe, wer der Gegenstand ihrer sorgsamen Pflege
eigentlich sei und Hippolit sass still und selig da, liess sich alles gefallen und
hütete sich wohl, diese schönen Augenblicke durch ein unbedachtes Wort sich zu
verkümmern.
    Inzwischen war unter ihnen beiden doch eine Art von zusammenhängendem
Gespräch aufgekommen. Gabriele erzählte von Augustens jetzigem Leben, und wie
alle Hoffnung da sei, dass Adelbert in Liebe und Tätigkeit wieder genesen und zu
sich selbst kommen werde.
    »Das alles danken wir Ihnen, Ihrem uns Allen unbegreiflichen Heldenmute.
Sie sind ein Kronenwerter Sieger,« sprach sie und blickte mit unbeschreiblicher
Freundlichkeit ihn an. »Den schwersten aller Siege, den über sich selbst, haben
Sie errungen. Doch gestehen Sie mir, was konnte Sie bewegen, des Mannes, der mit
so unerträglichem Trotz Sie zu beleidigen suchte, mit so fast eigensinnigem
Unbedacht zu schonen und Ihr eignes Leben einem Rasenden wehrlos in die Hände zu
geben? Adelbert war Ihnen kaum ein Bekannter, und für einen solchen wagten und
ertrugen Sie das Unglaubliche, das fast Unmögliche, um ihn sich und den Seinen,
die Sie noch weniger kannten als ihn, am Rande des Unterganges zu retten! Die
Welt wird diese Tat eben so wenig zu würdigen wissen, als wir, Ihre Freunde,
sie verstehen, obgleich wir sie bewundern, wärs auch nur der Seltenheit wegen.
Gestehen Sie es mir im Vertrauen, lieber Hippolit, was bewog Sie zu diesem
ungeheuern, unglaublichen Opfer?«
    »Sie fragen im Ernst?« erwiderte gelassen Hippolit. »Konnte ich denn anders?
Sie selbst schwebten ja immer zwischen ihm und mir, da musste er ja wohl sicher
sein. Wie hätte ich nach dem Leben des Gemahls einer Frau zielen können, die
Gabrielen so wert ist, deren Leiden und Freuden sie wie die eignen empfindet!
Wäre er gefallen, hätte ich ja Sie betrübt.«
    Eine schöne Perl stieg bei dieser unerwarteten Erklärung in Gabrielens
helles Auge. Sie wollte sprechen, aber der Atem versagte ihrer bewegten Brust.
Lächelnd durch Tränen, wie ein seliger Engel, trat sie endlich ganz nah vor
Hippoliten hin, strich mit sanfter Hand ihm die dunklen Locken zurück und
hauchte einen leisen, kaum fühlbaren Kuss ihm auf die Stirne. Ihre Lippen
bewegten sich, im Begriff ihm etwas recht freundliches zu sagen, aber sie bebte
erschrocken zurück da sie ihn ansah. Sein eben noch so bleiches Gesicht flammte
in dunkler Purpurröte, seine Augen blitzten wie verzehrendes Feuer, er machte
eine Bewegung, als wolle er sie umfassen, sie an seine ungestüm wogende Brust
drücken, und riss sich im nehmlichen Moment mit sichtbarer Gewalt von ihr los und
floh bis in die fernste Ecke der Laube. Dort warf er sich auf die Knie nieder;
sich selbst unbewusst, hatte er den verwundeten Arm aus der ihn stützenden Binde
gezogen, und hob nun in flehender Stellung beide Hände zu ihr auf.
    »Nein, nein,« rief er wie ausser sich, »dies Übermass von Wonne und Schmerz
erträgt keine menschliche Brust!« Und nun ergoss sich sein übervolles Herz im
glühendsten Ausbruch einer Leidenschaft, die in diesem Moment der seligsten
Pein, in wütenden verzehrenden Flammen hell aufloderte und sich nicht mehr
bändigen lassen wollte.
    Zitternd vor Schrecken blickte ihn Gabriele eine Weile an, ehe sie Fassung
genug gewann, ihm zu antworten. »Stehen Sie auf, Graf Hippolit,« sprach sie
endlich sehr ernst, »vergessen Sie den kranken Arm nicht; wahrlich ich sehe
immer mehr, wie Unrecht Sie taten, schon heut das Haus zu verlassen. Kehren Sie
heim, armer Kranker!« setzte sie nach einer kleinen Pause etwas milder hinzu,
»ich will es nicht verbergen, Sie haben mich erschreckt, doch das ist schon
vorüber; die Ruhe wird Ihnen wohltun, es soll sogleich eine Sänfte geholt
werden.«
    »Gabriele, Gabriele! wenn Sie jetzt mich fortschicken, werde ich Sie nie
wieder sehen dürfen, ich ahne es,« rief Hippolit; »ich verdiene Ihren Zorn;
lange, lange habe ich geschwiegen, weil ich ihn fürchtete. Glauben Sie mir, ich
habe mich bekämpft, ich wollte ewig schweigen, kein Hauch, kein Wink sollte das
Geheimnis meines Lebens verraten, damit Sie nur ferner mich um sich dulden
möchten, damit ich nur ferner Ihre süsse Stimme hören, im Strahl Ihrer lieben
Augen den Himmel erblicken könne, ich erlaubte mir ja keinen grössern Wunsch. Ich
wollte ja nichts hoffen, nichts erflehen; das wilde Toben hier sollte sich Ihnen
nie zeigen. Ein einziger unbewachter Augenblick hat mich verraten, und nun darf
ich nie wieder vor Ihnen erscheinen, ich weiss es wohl, ich bin verbannt!«
    Gabriele sprach in milden Worten zu ihm; er hörte sie wohl, doch er verstand
sie nicht, er konnte nur den Gedanken fassen, sie beleidigt, ihren Zorn erregt
zu haben.
    »Wie werde ich künftig leben können!« rief er. »Entfernung von Gabrielen ist
Tod, ist Hölle, das fühlte ich jeden Abend in meiner Einsamkeit wenn ich Ihre
Schwelle verlassen hatte. Und nun gehe ich ganz hoffnungslos, kein Morgen kommt,
wo ich mir sagen kann, ich werde Sie wieder sehen. O Gabriele! O gnädige Frau!
muss es denn sein? ich will ja ewig schweigen, ich will ja nichts, als was Sie
dem Würmchen dort auf dem Grashalm, der Mücke hier in der Luft auch gewähren,
nur sehen, nur dulden sollen. Sie mich, und wenn gleich nicht freundlich wie
sonst, nur ohne Zorn.
    Endlich gewann Gabriele einen Augenblick, sich verständlich zu machen. »Graf
Hippolit,« sprach sie sehr ruhig gefasst, »Sie verkennen sich und mich, und Ihr
eignes Gefühl. Dass Sie dieses bald selbst einsehen werden, weiss ich gewiss. Für
jetzt bitte ich Sie ernstlich, beruhigen Sie sich, ich zürne nicht, ich vergesse
von heut an die wilden Ausbrüche, zu welchen gereizte Fantasie den Kranken
verleitete; ich wünsche dass auch Sie dieses tun mögen; nur so allein kann unser
ruhiges freundliches Verstehen ungetrübt bleiben. Kehren Sie jetzt heim, und
lassen Sie Ihre völlige Widerherstellung einstweilen Ihre erste grösste Sorge
sein. Leben Sie wohl.«
    »Sagen Sie nur, dass ich Sie wieder sehen werde,« flehte Hippolit in
demütiger Entfernung.
    »Darf ich denn mit meinem jungen Freunde so streng ins Gericht gehen? kann
ich es denn vergessen, dass Sie für das Glück meiner Auguste Ihr Leben wagten?«
erwiderte ihm Gabriele.
    Ein Bedienter unterbrach sie, er kam, um Hippoliten zu Herrn von Aarheim zu
rufen. Dieser hatte bei seinem Erwachen dessen Anwesenheit im Garten erfahren
und drang nun mit kränklicher Hast darauf, ihn augenblicklich bei sich zu sehen.
    »Jetzt? jetzt? in dieser Minute? Nimmermehr! jetzt nicht, jetzt kann ich
nicht zu ihm,« rief Hippolit, bald erglühend bald erbleichend.
    »Nein, Sie können und dürfen es auch Ihrer Gesundheit wegen nicht, und ich
selbst will dieses ihm erklären,« erwiderte Gabriele, gab dann schnell dem
Bedienten Befehl, den Grafen in einer Sänfte nach Hause zu geleiten und ergriff
die Gelegenheit, mit leichtem Gruss an ihm vorüber zu eilen, um Moritzen über
sein Nichterscheinen zu beruhigen.
    Sie verschwand bald unter den Säulen der Vorhalle, und Hippolit starrte noch
immer ihr nach. Er fühlte nicht, dass die Binde wieder um den verwundeten Arm
gelegt ward, er merkte kaum, dass man dem Ausgange des Gartens ihn zuführte. Nur
als er zu Hause in seinem eignen Zimmer, aus den Fenstern desselben, Gabrielens
Pappeln wieder ganz in der Ferne erblickte, nur da kam ein lichter Gedanke an
die zunächst vergangne Stunde in ihm auf. Ein schnell aufsteigendes Wetter
türmte sich schwarz und drohend hinter Gabrielens Garten am Himmel empor, schon
fielen einzelne grosse Regentropfen schwer herab und die schlanken Wipfel der
Pappeln beugten sich tief vor dem plötzlich sich erhebenden Gewittersturm. Mit
bangem vorahnenden Herzen starrte Hippolit in den Aufruhr der Natur, der über
Gabrielens Wohnung herein brechen zu wollen schien, als die Sonne die Wolken
zerriss. Die Regentropfen wandelten sich in glänzend flüssiges Silber, und hoch
über den Pappeln wölbte sich prächtig der leichte Farbenbogen des Friedens und
der Hoffnung.
Mit so anscheinender Kälte Gabriele auch immer die unerwartete Erklärung ihres
jungen Freundes aufgenommen haben mochte, in ihrem Innern fühlte sie sich doch
dabei von Mitleid, Schrecken und zürnendem Erstaunen bewegt. Vergebens versuchte
sie das ganze unangenehme Ereignis zu vergessen, sie konnte sich nicht entalten
in der Einsamkeit darüber nachzudenken. Seit Jahren hatte nichts ihre Ruhe in
dem Gräde erschüttert, es war ihr als laste seit jener Minute ein innrer Vorwurf
auf ihrem Gemüte und doch war es ihr unmöglich, zu entdecken, wo und wie sie
gefehlt habe.
    Missmütig über dieses beängstigende Empfinden, ergriff sie endlich die
Feder, um sich gegen Frau von Willnangen über den Vorgang auszusprechen der es
veranlasste, und so vielleicht auch mit sich selbst darüber ins Reine zu kommen.
Doch kaum hatte sie einige Zeilen geschrieben, als sie mit unwilligem Lächeln
alles von sich schob und ihren Schreibtisch wieder zuschloss.
    »Bin ich nicht töricht!« sprach sie bei sich selbst. »Müsste Frau von
Willnangen nicht laut auflachen, wenn sie läse wie ich eifrig ernstaft, gleich
einem sechszehnjährigen Mädchen, ihr in grosser Herzensangst die Liebeserklärung
eines kaum dem Knabenalter entwachsenen Jünglings mitteile, und sie bitte, in
dieser entsetzlichen Not mir zu raten? Nein! wahrlich nein! so grossen Lärmen
wollen wir über ein solches Flackerfeuer nicht anstellen! Ihre Wangen erglühten
in tiefer Beschämung. Wie war es mir möglich, die brausenden Ausbrüche eines
exaltirten jugendlichen Sinnes so zu missverstehen?« dachte sie, während sie den
angefangnen Brief wieder aus dem Schreibtisch nahm und vernichtete. Weichheit
des eben Genesenden, Frühlingsfreude nach langem Entbehren, liessen ihn sich
selbst verkennen; warum denn nicht auch mich? Er wird froh sein, wenn ich zu
vergessen scheine, was ich nur vergessend verzeihen kann, und was er gewiss nie
wieder wagen wird in Anregung zu bringen. Höchstens könnte nur durch Widerspruch
erregter Eigensinn ihn zur Beharrlichkeit bewegen, und das muss vermieden
werden.«
Herrn von Aarheims Arzt erschien am folgenden Morgen, um Hippoliten die
Erlaubnis zu erbitten, ihn am Abend besuchen zu dürfen. Moritz suchte seinen
Jubel darüber in allen Sprachen, deren er mächtig war, auszudrücken und
versicherte, nun ebenfalls in den nächsten Tagen wieder ausgehen zu können.
    »Wir wollen uns damit denn doch nicht übereilen,« erwiderte der Arzt, zu
Gabrielen gewendet. Auch dem jungen Grafen wäre es sehr gesund, wenn er noch
einige Tage daheim bleiben wollte, aber er lässt sich nicht halten und so ist es
geratner, wenn wir ihm das Ausgehen mit gehöriger Sorgfalt erlauben, als dass er
uns, wie gestern geschah, entspringt, und unnützer Weise in Angst versetzt. Ich
fand ihn Nachmittags in heftiger fieberhafter Bewegung; auch seine Wunde schien
sich wieder entzünden zu wollen, und doch war er augenscheinlich mehr exaltirt
als krank. Ich wusste nicht, was ich aus dem wunderbaren Zustand machen sollte
und war schon im Begriff, ihn im Verdacht eines bedeutenden Vergehens gegen die
ihm vorgeschriebene Diät zu halten, als ich erfuhr, dass er in der Sonnenhitze
von einem Ende der Stadt bis zum andern gelaufen sei.«
    Hippolit erschien gegen Abend. Gabriele war absichtlich bei seiner Ankunft
in Moritzens Zimmer zugegen. Er errötete, erbleichte und kam bei ihrem Anblick
sichtbar ausser Fassung, doch Moritzens ausgelassene Freude über das Wiedersehen
seines Lieblings überstimmte alles, und verbarg auch die kleine Verlegenheit,
deren Gabriele im ersten Augenblick sich doch nicht gänzlich erwehren konnte.
Moritz war an diesem Abend, vielleicht zum erstenmal in seinem Leben, die Seele
des kleinen Vereins; er scherzte, lachte über seine eignen Einfälle, und liess
übrigens niemanden zum Worte kommen. Hippolit bemühte sich zwar, wie sonst
munter und unterhaltend zu erscheinen, aber der Zwang, den er sich dabei antat,
konnte nur einem Beobachter, wie Moritz war, entgehen. Gabriele ward dessen wohl
gewahr, sie nahm ihn als Beweis des beschämenden Gefühls, mit dem er des
gestrigen Morgens gedenken mochte, und strebte nur, durch möglichste
Unbefangenheit das Andenken einer Scene zu vernichten, die sie am liebsten ganz
in Vergessenheit begraben hätte.
    Vierzehn Tage vergingen, während welchen Hippolit Gabrielen täglich, doch
nie alleine sah. Er selbst schien dieses zu vermeiden und hütete seine Blicke
wie seine Worte, so dass sie wiederum gegen ihn, sie wusste selbst kaum wie, in
ihren gewohnten zutraulichen Ton geraten konnte. Seine Genesung vollendete sich
in dieser Zeit, und auch Moritz erholte sich genugsam, um Tagelang mit Planen
für den Rest des Sommers sich zu beschäftigen. Jeden Tag wurde eine andere Reise
in Vorschlag gebracht, alle Beschreibungen grosser und kleiner Bäder, in der Nähe
und Ferne, wurden herbeigeschaft, aber es fanden sich immer am Morgen triftige
Gründe, das gestern Abend Gewählte wieder zu verwerfen.
    Gabriele hatte allen diesen Beratschlagungen immer sehr gelassen und
gleichgültig beigewohnt, bis Moritz eines Morgens mit ganz ungewohnt adeligen
und ritterlichen Gesinnungen aufstand, sich zum Frühstück bei ihr melden liess,
und ihr dabei sehr feierlich erklärte, dass er jeden Edelmann für einen Toren
achte, der ohne Not, ferne von dem Sitz seiner Ahnen, im bunten Gewühl der
Menge sich herumstossen lasse, und dass er deshalb gesonnen sei, sich mit ihr
innerhalb zweier Tage nach Schloss Aarheim zu begeben, um dort wenigstens bis zum
nächsten Winter zu residiren.
    Schloss Aarheim wieder zu sehen! Tausend widersprechende Gefühle wechselten
in Gabrielens Gemüt bei diesem Gedanken. Es ward ihr, als harre ihrer in den
heiligen Mauern irgend etwas Unerwartetes, etwas Unerhörtes. Nicht um die Welt
hätte sie eine Sylbe gesprochen und Moritzens Entschluss wankend gemacht, aber
sie bebte in ängstlicher Freude vor dessen Ausführung.
    Mit den altritterlichen Gesinnungen überkam dem Baron auch ein Anflug von
altritterlicher Gastfreiheit. Rechts und links lud er nun Freunde und Bekannte
ein, Wochen, ja Monate lang in der Burg seiner Ahnen bei ihm zu weilen. Auch
Gabriele musste an Frau von Willnangen schreiben und sie bitten, mit Augusten und
den Kindern die noch übrige Zeit bis zur Heimkehr Adelberts und des Generals bei
ihr zuzubringen. Während sie mit diesem Briefe sich beschäftigte, trat Hippolit
in ihr Zimmer und zum erstenmal seit dem Morgen in der Laube sah sie sich mit
ihm allein.
    Niemand hätte in dem, bange und beklommen, in augenscheinlicher Verlegenheit
Dastehenden die vorlaute Zierde der elegantesten Zirkel, den dreisten Liebling
der glänzendsten Damen wieder zu erkennen vermocht. Er hatte recht ehrlich mit
sich gekämpft, ob er nicht die Reise nach Aarheim als Anlass ergreifen solle, um
sich wenigstens auf einige Zeit von dem Gegenstand einer Leidenschaft zu
entfernen, deren Hoffnungslosigkeit sowohl, als deren Unbezwingbarkeit ihm mit
jedem Tage fühlbarer wurde. Schon glaubte er sich Sieger, als Moritzens
Einladung ihn von der geträumten Stufe herunterriss. So lange er noch an der
Möglichkeit zweifeln konnte, in Gabrielens Nähe, unter ihrem Dache, in der
glücklichen Zwangslosigkeit eines ländlichen Aufentalts selige Tage zu
verleben, so lange schien es ihm, als könne er entsagen; doch jetzt, da dieses
Glück ihm wirklich so nahe geboten ward, dass er es beinahe ohne Unschicklichkeit
nicht von sich weisen durfte, jetzt musste er es ergreifen, und sollte er darüber
zu Grunde gehen. Er dachte gar nicht mehr daran, freiwillig darauf resigniren zu
können, und nur der Zweifel marterte ihn, ob Gabriele ihm erlauben werde, die
Einladung anzunehmen.
    »Herr von Aarheim hatte die Güte, mich einzuladen,« flüsterte er ängstlich
und kaum vernehmbar -
    »Und Sie fürchten die Burggeister? und möchten uns lieber nicht begleiten?«
unterbrach ihn Gabriele mit etwas erzwungner guter Laune, denn Hippolits
Verlegenheit steckte auch sie an. »Wenn ich Ihnen raten darf,« fuhr sie
lächelnd weiter fort, »so überwinden Sie Ihre Geisterfurcht und begleiten uns;
finden Sie dort nicht das Gewohnte, so finden Sie dafür das Ihnen Neue. Die
ehrwürdige Burg, das wilde, schöne Tal, die Felsen und Höhlen, ja selbst die
tiefe Einsamkeit, Aehnliches ist Ihnen vielleicht im Leben noch nicht
vorgekommen. An geselliger Abwechselung wird es uns ebenfalls nicht gänzlich
fehlen; viele unserer hiesigen Freunde versprachen auf ihrer Rückkehr aus den
böhmischen Bädern einige Tage bei uns zuzubringen, und den kurzen Umweg weniger
Meilen nicht zu scheuen. Und um Sie nicht ganz mit der Zukunft vertrösten zu
müssen, so habe ich auch Hoffnung, mir Ida und Bella von Schöneck von ihrer
Mutter zur Begleitung zu erbitten. Die kaum zwei Tagereisen entfernte grosse
Stadt, wo ich bei meiner Tante zuerst in der Welt erschien, wird uns hoffentlich
ebenfalls manchen angenehmen Besuch früherer Bekannten zusenden,« setzte sie
hinzu, da Hippolit noch immer schwieg.
    »Wie über allen Ausdruck gütig ist es, dass Sie sich das Ansehen geben
wollen, als wünschten Sie mich zum Mitgehen zu bereden, während ich in Demut
Ihrer Entscheidung harre, ob ich Sie begleiten darf,« sprach er endlich,
sichtbar erleichtert. »Doch darf ich es gestehen? Dass die Aussicht, von so viel
gleichgültigen Besuchern umschwärmt -«
    »Es wird damit so gar arg nicht werden als Sie es sich denken,« unterbrach
ihn Gabriele; »wir werden genug der Tage, vielleicht sogar der Wochen frei
behalten, um unsre alten Uebungen wieder vorzunehmen; ich wette, es tut damit
Not, denn Sie sind gewiss während Ihrer Krankheit nicht fleissig gewesen; eben so
wenig als ich bei der meines Gemahls es sein konnte. Das müssen wir wieder
einbringen. Für Ihr Landschaftzeichnen bietet mein Tal Ihnen bei jedem Schritt
die herrlichsten Punkte. Auch unsere musikalischen Uebungen und vor allem unser
Studium der Kunstgeschichte wollen wir mit Eifer wieder vornehmen. So wie wir
uns in Schloss Aarheim nur ein wenig eingerichtet haben, sollen Winkelmann und
der alte Vasari wieder an die Reihe kommen. Ida und Bella werden gern an alle
diesem tätigen Anteil nehmen.«
    Ziemlich gegen ihre sonstige Art, hatte Gabriele rasch hinter einander weg
gesprochen, als ob sie eine Indiskrezion von Hippoliten befürchtete, und ihn
deshalb lieber gar nicht zu Worte kommen lassen wollte. Er selbst hingegen war
während der Zeit seiner innern Bewegung Meister geworden und so nahm von nun an
das Gespräch eine ruhigere Wendung, während dessen beide vereint eine Auswahl
unter Büchern, Musikalien und allerlei Kunstgerät trafen, die sie mit nach
Schloss Aarheim nehmen wollten. Hippolit schwamm dabei in einem Meer von Wonne,
doch hütete er sich gar sehr vor jeder, auch der unmerklichsten Äusserung seines
Empfindens.
    Gabriele hatte sich bis jetzt täglich unzähligemal wiederholt, dass nichts
lächerlicher sein könne, als wenn sie jene Erklärung Hippolits für etwas mehr
nehmen wolle als für jugendliche Uebereilung, in einem durch Zufälligkeiten bis
zur Ueberspannung gereizten Zustande. Auch war sie von der Wahrheit dieser
Ansicht fest überzeugt, vielleicht weil sie es sein wollte, denn wer vermag zu
unterscheiden, was ihr selbst immer dunkel blieb? Eine Art ängstlicher
Uebereilung im Gespräch, die ihr nicht eigen zu sein pflegte, schien freilich
oft, wie eben auch jetzt, geheimes Fürchten einer Aufklärung anzudeuten, das
denn doch, ihr selbst unbewusst, in einem Winkel ihres Herzens lauschen musste,
den sie, aus verzeihlicher Zaghaftigkeit vielleicht, zu ergründen nicht wagen
mochte.
    Fern von Allen, welche sie liebte, in der trostlosen Umgebung, zu der das
Schicksal sie verurteilte, hatte sie in Hippoliten endlich eine für ihr Gemüt
wie für ihren Geist gleich wohltuende Erscheinung gefunden. Sie konnte nicht
ohne die reinste Freude, nicht ohne inniges Wohlwollen den glücklichen Einfluss
bemerken, den ihre Leitung und warum sollte sie es sich nicht aussprechen? den
ihre Nähe an ihm übten. Jemehr angebornen Edelsinn, unglaubliche Güte, und
andere glänzende Eigenschaften des Geistes und Gemüts er im Umgange mit ihr
entfaltete, je deutlicher sah sie mit Schaudern, wie nahe er bei alle diesem dem
Untergehen in Eitelkeit, Unglauben und Lieblosigkeit gewesen war. Nie, unter
keinen Umständen, hätte sie ohne den tiefsten Schmerz ihn wieder loslassen, nie
ihn dem eitelsten Treiben wieder übergeben können, dem er an ihrer Hand so
tapfer sich entwunden hatte. Und nun, nach seinem an Adelberten geübten Edelmut
fühlte sie noch durch das heilige Band inniger Dankbarkeit sich ihm
verpflichtet. Daher fiel es ihr nicht ein, ihm eine strenge Richterin werden zu
wollen, daher sah sie so gern in der Unruhe, die ihn in ihrer Nähe ergriff, nur
das Bestreben, jedes Erinnern an ein Betragen zu verhüten, dessen er, ihrer
Meinung nach, sich jetzt herzlich schämen musste! Und wer mag sie deshalb tadeln?
Wer mag es verdammen, dass ihrem reinen Gemüte nie der Gedanke kam, um einer dem
Irrtum verfallnen Minute willen, ihn dem Verderben Preis zu geben? Gabriele war
zu rein tugendhaft, um je daran zu denken es sein zu wollen; daher konnte ihr
der Gedanke gar nicht kommen, dass sie hier vielleicht ein Opfer zu bringen habe.
Ida und Bella von Schöneck waren ein paar gute, liebe und schöne Kinder, deren
harmlose Gesellschaft nur dazu dienen konnte, das Einerlei eines zu kleinen
Kreises zu unterbrechen, ohne durch grosses Uebergewicht störend zu werden. Bei
ihrer in sehr beschränkten Umständen lebenden Mutter hatten sie nur einsame Tage
gesehen, bis Gabriele der armen lebenslustigen Mädchen sich annahm und ihnen zu
mancher ihrem Alter und ihrem Range angemessenen Freude verhalf, nach der sie
bis jetzt sich um so heisser gesehnt hatten je ferner sie ihnen geblieben waren.
    Alles neue war ihnen willkommen; daher fanden sie sich am Tage der Abreise
mit frohen erwartungsvollen Gesichtern bei Gabrielen ein, um sie nach Schloss
Aarheim zu begleiten. Sie fuhren in Gabrielens Wagen. Moritz hatte seinem jungen
Freunde einen Platz neben sich in seiner, nach ganz eigner Erfindung erbauten
Batarde bestimmt, doch dieser zog es gewöhnlich vor, auf einem der schönen
Pferde, die er sich nachführen liess, bald Gabrielens Wagen zu umschwärmen, bald
Morgens einige Stunden früher aufzubrechen, um die Uebrigen im
gemeinschaftlichen Absteigequartier zu empfangen.
    Den beiden jungen Mädchen zu Gefallen, deren Fantasie sich aus Romanen und
Beschreibungen ein himmlisch schönes Bild von den Freuden des Badelebens
zusammen gesetzt hatte, war der Umweg über Karlsbad beschlossen worden. Mit dem
Gefühle des frommen Wallfahrers an heiliger Stätte, sah Gabriele sich zum
zweiten Mal auf diesem Wege, der sie vor sieben Jahren zu dem Wendepunkte ihres
Lebens geführt hatte, von welchem die lange Reihe der strengen Entsagungen und
der den schwersten Opfern geweihten Tage ausging, die sie seitdem verlebte.
    In Karlsbad selbst knüpfte sich eine oder die andere frohe oder bittere
Erinnerung an jeden ihrer Schritte; in stiller Wehmut suchte sie jedes
Plätzchen auf, das irgend ein ihr merkwürdiges Ereignis bezeichnete; vor allem
aber versäumte sie es nicht, in einer stillen feierlichen Abendstunde zur
kleinen Marienkapelle im Walde einsam zu wallfahrten, während ihre
Begleiterinnen unter Moritzens Schutze sich im sächsischen Saal im lustigen
Wirbeltanz drehten.
    Es war am Vorabend eines heiligen Festes. Die Betstühle waren leer, nur ein
Kind lag in einem Winkel der Kapelle auf den Knien, während der Sakristan den
Altar abstäubte, den morgenden Festputz des Muttergottes-Bildes zurecht legte
und die welken Blumen und Kränze wegnahm, um sie durch neue zu ersetzen.
    Gabriele sah dem einfältig-frommen Treiben eine Weile zu, ehe sie ihrer
Stimme Festigkeit genug zutraute, um nach der armen alten Frau zu fragen, die
sonst um diese Stunde hier zu beten pflegte, und die sie jetzt mit trübem
Vorahnen vermisste.
    »Die ist bei Gott,« erwiderte der Sakristan; »ich kannte sie wohl, sie war
eine fromme Frau dort unten aus dem Dorfe; sie hatte ein Gelübde getan und
hielt es redlich, bei Frost und Hitze, im Sonnenschein und Regen. Und so ist sie
zum Lohne hier an heiliger Stätte vor drei Monaten sanft und selig entschlafen.
Wir wollten sie wecken, da es dunkel ward, und sie noch immer auf den Knien wie
betend lag, aber sie erwachte nimmermehr auf Erden.«
    Gabriele zerfloss in Tränen der innigsten Rührung, während der Sakristan so
sprach. Ottokars Bild stand vor ihr und jedes entschlummerte Gefühl in ihrem
Herzen regte sich mächtig und laut; ihr war als seien die Jahre zwischen jetzt
und jenem Abend, wo sie an dieser nehmlichen Stelle gestanden hatte, ganz aus
der Reihe der Zeiten getilgt, als sei alles noch wie damals.
    Indessen hatte das Kind sich ihnen genähert und wollte mit schüchternem
Grusse vorüber, als der Sakristan es anhielt. »Das ist ein Urenkelchen der alten
frommen Mutter, Ihro Gnaden,« sprach er, und klopfte freundlich die vollen
blühenden Wangen des Mädchens. »Nun schäme dich nicht,« fuhr er fort, »du bist
ein frommes Kind, Gott und die Heiligen werden deinen Vater und deine Mutter
dafür segnen, denn das Gebet frommer Kinder dringt durch die Wolken.«
    »Ich hab nicht für Vater und Mutter gebetet,« sprach das Kind.
    »Nicht für Vater und Mutter? für wen denn,« fragte der Sakristan.
    »Weiss nicht,« war die Antwort, »aber die heilge Jungfrau wird schon
verstehen, wem es angeht, sprach Aeltermutter selige, und weil Mutter es ihr
einmal versprochen hat, da sie krank war, so geht immer Eins von uns zur
Vesperzeit hieher und betet wie Aeltermutter sonst, da sie noch lebte.«
    Gabriele sank auf der Stelle, wo das Kind gebetet hatte, in stiller Rührung
hin, der Sakristan und das Kind, reichlich von ihr beschenkt, entfernten sich
schweigend und ehrfurchtsvoll. Ihr Auge schwamm in süssen Tränen, ihr Herz in
seliger Wehmut. War es Gebet, war es Erinnerung, war es Hoffnung, was ihren
Busen in lange nicht gefühlter Wonne hob, sie wusste es nicht zu unterscheiden,
aber sie lag da auf den Knien, in Andacht und Freude verloren, bis die fast zur
Dunkelheit gewordne Dämmerung sie erweckte. Langsam erhob sie sich und sah dicht
hinter sich Hippoliten in ihrem Anblick versunken. Sie wickelte sich als sie ihn
gewahrte, fester in ihren grossen Shawl, den sie wie einen Schleier über den Kopf
nahm, als solle er gegen die Abendkühle sie schützen.
    Hippolit verstand diese Bewegung, stumm und ehrfurchtsvoll zog er sich
zurück während sie an ihm vorüberging und wagte es nicht ihr den Arm zu bieten.
Er drückte nur die zurückflatternde Ecke ihres Shawls demütig an seine Lippen,
ohne dass sie dieses bemerkte und folgte dann von ferne, um sie auf dem Wege nach
ihrer Wohnung zu beschützen.
    Wenig Tage darauf verliessen sie Karlsbad.
                                 Dritter Teil
 Ihn musst' ich lieben, weil mit ihm mein Leben
 Zum Leben ward, wie ich es nie gekannt.
                                                                          Göte.
Karlsbad im Rücken, ging die Reise schnell vorwärts. Bald waren die beiden
schroff und zackig emporstrebenden Felsen erreicht, die, einander
gegenüberstehend, von dieser Seite die Gränze der zu Schloss Aarheim gehörenden
Ländereien bezeichnen, und den, einem Riesentor ähnlichen Eingang zu dem
schauerlichen Felsentale bilden, in welchem der Eisenhammer liegt.
    Im ärmlichen Gepränge, so gut sie es vermochten, mit ihren dürftigen
Festkleidern geschmückt, harrten dort die Einwohner des Tals, um die
Gutsherrschaft vor allen andern zuerst in ihrem Eigentum zu begrüssen. Die
Kinder streuten Blumen, die Alten riefen ein Lebehoch, und Gabrielens
überwallendes Herz erlaubte ihr kaum, im Wagen zu bleiben, während Moritz mit
echt spanischer Grandezza da sass, und sich allen möglichen Zwang antat, um sich
nicht an seiner Würde durch zu freundlichen Dank etwas zu vergeben, zu dem seine
angeborne Gutmütigkeit ihn dennoch trieb. Denn wunderlich genug war es ihm
plötzlich in den Sinn gekommen, sich hier das stolze Betragen seines Vorfahren,
des alten Barons Aarheim, zum Muster zu nehmen. Gabriele hingegen rief viele der
Landleute, welche sie erkannte, bei Namen, erkundigte sich nach ihrem Ergehen,
liebkoste die Kinder, und schickte endlich alle beschenkt und glücklich in ihre
armen schwarzgeräucherten Hütten zurück. Dann eilte sie fort aus dem frohen
dankbaren Gedränge, um in dem Hause des Försters Ernestos ehemalige Wohnung
aufzusuchen. Ida und Bella begleiteten sie; ihrer gutartigen Neubegier war alles
interessant, Moritz folgte ihnen etwas langsamer mit Hippoliten.
    Im Gedränge des Lebens, unter ewigen Zerstreuungen hatte Moritz sich der
Gewohnheit hingegeben, Gabrielen die Seine zu nennen, ohne weiter daran zu
denken wie sie es ward; hier aber rief ihm alles Scenen zurück, bei deren
erneuertem Andenken sein Blut noch erstarrte. Das Knarren der elenden hölzernen
Treppe des armseligen Hauses erinnerte ihn auf das lebhafteste, wie er am Morgen
seines schauerlichen Vermählungstages Erneston hier aufsuchte, um von ihm Rat
und Trost zu erflehen. Ohnerachtet eines gewissen innern Grauens kam ihm doch
jene stolze Freude an, die der armseligste Tor am lebhaftesten empfindet, der
ein merkwürdiges oder gar gefahrvolles Ereignis erzählen kann, in welchem ihm
eine Hauptrolle ward. Eben wandte er sich an Hippolit mit einem recht wichtigen
Gesicht und allerlei geheimnissreichen Redensarten, die deutlich den Wunsch,
befragt zu werden, verrieten, als Ida oben im Hause an das offne Fenster trat,
und die Herren antrieb, eilends hinauf zu kommen, weil oben viel Schönes zu
sehen sei.
    Hippolits Aufmerksamkeit beim Eintritt in Ernestos kleinem Stübchen zogen
zuerst die weissen Wände an, auf denen er mit kunstreicher Hand allerlei Skizzen
von Felsen, Baumgruppen und Gesträuch höchst geistreich mit der Kohle entworfen
hatte. Die Fräulein beschäftigten sich indessen mit einer grossen Mappe voll
Zeichnungen, welche, wahrscheinlich aus Vergessenheit, in der Schublade des
Tisches zurückgelassen worden war, und Gabriele, das schöne Haupt gedankenvoll
auf die Hand gestützt, schaute hinaus auf die dunkeln Felsenspitzen rings umher.
    »Mein Gott! welche Aehnlichkeit!« rief plötzlich Ida überlaut. Moritz und
Hippolit näherten sich, die Zeichnung, welche ihr diesen Ausruf abgelockt hatte,
zu betrachten, und ihre Äusserungen, die eher Tadel als Lob anzudeuten schienen,
machten auch Gabrielen darauf aufmerksam. Sie trat zu den Uebrigen an den Tisch,
doch kaum hatte sie einen Blick auf das Blatt geworfen, so bebte sie mit einem
Schrei des Entsetzens zurück. Sie sah sich selbst. Unverkennbar ähnlich war sie
hier als Virginia dargestellt, über deren schuldlosem Herzen der Vater eben den
Dolch gezückt hielt. Icilius eilte aus der Ferne herbei, näher ein alter Römer
im sichtbaren Bestreben, den Streich abzuwenden; unten standen die Worte:
Libertade e morte ultimo pegno d'amor. Die Zeichnung war sehr ausgeführt, fast
ganz vollendet; Virginius trug unverkennbar die Züge des verstorbnen Freiherrn
Aarheim, der zur Hülfe herbeieilende Alte glich Erneston selbst, Icilius war
sehr in der Ferne gehalten, doch glaubte Gabriele in ihm eine Aehnlichkeit mit
Ottokar zu entdecken.
    »Welch eine Darstellung! Wie konnte Ernesto sie ersinnen! rief Gabriele fast
zürnend aus, und wendete den Blick mit Grausen von dem Bilde ab; bald aber fasste
sie es wieder und betrachtete es mit immer grössrer Teilnahme. Obgleich sie mit
der eigentlichen Veranlassung desselben unbekannt geblieben war, so erkannte sie
darin doch eine Allegorie auf ihr Leben, die sie schmerzlich berühren musste.
Eine stille Träne stieg ihr ins Auge, als sie Ottokars nur undeutlich, wie aus
einem Nebel hervortretende Gestalt erblickte. Dann betrachtete sie Ernestos
Bild, und die in seinen Zügen ausgedrückte schmerzliche Angst erinnerte sie auf
das lebhafteste an seine ihr von jeher bewiesene Liebe und Treue. Es fiel ihr
ein, dass er wohl nie daran gedacht habe, der Zufall könne ihr die Zeichnung
entgegen führen, und sie ward ihr jetzt zur wortlosen Klage des fernen Freundes.
Immer tiefer sah sie sich hinein und kaum vermochte sie es, den Blick wieder
davon abzuwenden.
    »Die Aehnlichkeit der Gesichter ist unverkennbar, aber eine weit grössere
innre Aehnlichkeit liegt zum Grunde, von der Gabriele nichts ahnet,« flüsterte
Moritz Hippoliten ziemlich hörbar zu. Gabriele vernahm die Bemerkung, die sie
aus Moritzens Munde zu hören nie erwartet hätte. Unwillkührlich suchte ihn ihr
Blick, er stand dicht vor ihr und sah sie mit einem so eignen zweideutigen
Ausdruck an, dass sie darüber erschrack. Mit zitternden Händen packte sie die
Zeichnung nebst allen übrigen schnell in die Mappe, die sie mit nach Schloss
Aarheim nehmen wollte, um sie dort dem Eigentümer sichrer aufzubewahren; dann
eilte sie, das Haus und so bald als möglich auch das Tal zu verlassen.
    Durch die Zeichnung sowohl, als durch Moritzens rätselhafte Äusserungen auf
das Höchste gespannt, konnte Hippolit den Augenblick kaum erwarten, wo er mit
Herrn von Aarheim im Wagen allein sein würde, um diesen mit Fragen und
Nachforschungen zu bestürmen. Doch Moritzens ungemeine Redseligkeit liess es
nicht dazu kommen. Ueber allen Ausdruck vergnügt die Hände in einander reibend,
begann er, sobald er sich bequem zurecht gesetzt hatte, von sich zu erzählen. Er
redete von sich und immer von sich und war selig in diesem Bewusstsein, ohne im
mindesten auf den Eindruck zu achten, welchen seine Worte auf seinen Zuhörer
machten.
    Hippolit ward in diesem Gespräch von allem unterrichtet, was er längst zu
erfahren so sehnlich gewünscht hatte; von Gabrielens früherm Geschick und durch
welche sonderbare Verknüpfung der Zufälligkeiten sie eben die Gemahlin der
Lächerrlichsten und Lästigsten aller Karrikaturen geworden war. Von Grausen und
unaussprechlichem Mitleid im Innersten der Seele erschüttert, hörte er die
seltsame Erzählung an. Es ward ihm nicht ganz klar, welche Mittel der furchtbare
Wahnsinnige angewandt haben mochte, um Gabrielen in Moritzens Arme zu treiben,
denn Gabrielens Gemahl hatte nie die nähren Umstände von dem letzten, alles
entscheidenden Gespräch zwischen Vater und Tochter erfahren dürfen. Hippolit
fühlte aber mit fester Ueberzeugung, dass ein unausweichbares Geschick hier
gewaltet habe, über welches nachzudenken, er schaudernd vermied, um seiner Sinne
mächtig zu bleiben. Plötzlich ergriff ihn der Gedanke, dass Moritz in seiner
jetzigen offenherzigen Laune auch Gabrielen hier, an Ort und Stelle, zur
Vertrauten dessen machen könne, was ihr ewig verborgen bleiben musste. Er fühlte
im eignen Herzen mit unaussprechlicher Angst, dass sie diesen Moment vielleicht
nicht überleben werde, und begann nun all' seinen Einfluss zu erschöpfen, um
ihren Gemahl zum Geloben ewigen unverbrüchlichen Schweigens über diesen
Gegenstand zu bewegen. Er ging sogar so weit, ihm nicht undeutlich zu verstehen
zu geben, wie man doch so ganz eigentlich nicht wissen könne, auf welche Weise
der alte Baron im Geisterreiche, dem er doch lebend schon halb angehört habe,
eine Indiskrezion über diesen Punkt aufnehmen dürfe.
    Dieser Bewegungsgrund wirkte mehr als alle übrigen, Moritz erbleichte und
blickte sehr bedenklich zu den grauen alten Türmen und zackigen Mauern hinauf,
welche wie aus dem Felsen, der sie trug, hervorgewachsen, bei einer Biegung des
Weges jetzt zum erstenmal sichtbar wurden.
    Auch auf Hippoliten machte der Anblick des alten Gebäudes einen tiefen
Eindruck, das ihm, wie von einer unersteiglichen Höhe, entgegenstarrte. Und als
er nun vollends Gabrielens Wagen vor sich, in der alle Gegenstände verwirrenden
Dämmerung, auf dem steilen Wege sich hinaufwinden und dann zum düstern Aussentor
hineinfahren sah, da ward ihm, als versänke sie in einem offnen Grabe.
    In der hochgewölbten Eintrittshalle, beleuchtet vom schwankenden Schimmer
vieler Fackeln, hatten sich die verlebten Gestalten der einst hier im Dienst von
Gabrielens Vater ergrauten alten Diener zum Empfange versammelt. In ihren nach
der Farbe des Wappens auf das strengste gewählten altmodischen Galla-Livreen
standen sie ehrfurchtsvoll in eine Reihe geordnet; Frau Dalling an ihrer Spitze.
Auch das Haar dieser war weiss geworden und ihre Gestalt hatte sich gebeugt.
    Gabriele schwang sich, so wie sie ihrer gewahr ward, ganz allein aus dem
Wagen, beinahe ehe er noch hielt, warf sich der geliebten mütterlichen Frau in
die Arme, und begrüsste sie mit tausend sonst gewohnten kindlichen
Schmeichelnamen. Dann wandte sie sich an die alten Diener mit den
allerfreundlichsten Worten; sie reichte ihnen die Hände und alle drängten sich,
zum Teil knieend, um sie her und küssten unter verworrnen freudigen Ausrufungen
bald ihren Shawl, bald den Saum ihres Kleides.
    Moritz trat mit dem erhabensten Anstande, den er aufzubringen wusste, herein,
aber die freudige Gruppe ward seiner nicht gewahr. Hippolit schauderte zurück,
da er Gabrielen von alle den greisen bleichen Gestalten umgeben sah, die kaum
noch dem Leben anzugehören schienen; er glaubte die geliebte Gestalt schon im
Gebiete der Unterirrdischen zu erblicken, während Ida und Bella in einiger
Beklommenheit seinen Arm ergriffen, als würde es ihnen so besser gelingen, das
Grausen zu bekämpfen, welches der erste Eintritt in das alte wunderlich-dunkle
Schloss in ihnen erregte.
Unter Gabrielens sorgfältiger Leitung ward indessen gar bald alles zu Jedermanns
Zufriedenheit geordnet. Die Fräulein kamen unter den Schutz der Frau Dalling,
und vergassen dort alles Grauen, obgleich das Schloss Ubaldo und andre
Reminiszensen aus ihren Romanen, ihnen oft genug in den Sinn kamen. Gabriele
bezog wieder die einfachen Zimmer, welche sie von jeher im Schloss bewohnt
hatte. Gute Geister, von denen einst ihre harmlose Kindheit beschützt worden,
umwehten sie auch jetzt dort, und hauchten in seligen Träumen ihr Ruhe und
Hoffnung in die jetzt nicht weniger als damals schuldlose Brust.
    Auch Hippolit war mit seiner Wohnung zufrieden, denn aus einer Fensterecke
derselben konnte er zu Gabrielen hinüber sehen, und Abends zuweilen ihren
Schatten belauschen, wenn dieser an den heruntergelassnen Vorhängen
vorüberstreifte.
    Nur Moritz befand sich in einer trübseligen Lage. Er hatte es seiner Würde
angemessen erachtet, die alten Prunkgemächer zu beziehen, welche von seinem
Vorfahren zuletzt bewohnt worden waren, und nun ergriff ihn jedesmal eine
unüberwindliche Gespensterfurcht, wenn er, besonders Nachts, sich dort allein
fand. Ueberall vernahm er ein geisterartiges Rauschen und Rascheln, von den
Ruinen der Brandstätte tönten wunderliche Klänge zu ihm herüber, und ein paarmal
glaubte er sogar im hellen Dämmerlichte der Sommernacht den alten Baron auf
seinem gewohnten Platz im Lehnstuhl am Fenster, den Ruinen gegenüber, zu
erblicken.
    Wie alle, die mit sich nicht im Klaren sind, war auch Moritz ein
wunderliches Gemisch von Freigeisterei, Vernünftelei und ganz gemeinem
Aberglauben. Vergeblich strebte er diesen wegzuspötteln und wegzuraisonniren,
immer und ehe er sich dessen versah, übte derselbe seine Gewalt über ihn aus,
aber um aller Güter der Welt willen hätte er dieses nicht eingestanden. Deshalb
konnte er sich auch nicht entschliessen, die ihm so furchtbaren Zimmer mit andern
zu vertauschen, obgleich er beinahe in keiner Nacht eines ruhigen Schlafs sich
in ihnen erfreute.
    Am Tage ging es nicht viel besser, denn da marterte ihn der Anblick der
seinen Fenstern gegenüberliegenden Brandstelle. Die Lust, etwas ganz Unerhörtes,
nie Gesehenes hier aus der Asche entstehen zu lassen, regte sich um so
unwiderstehlicher, je enger ihm in dieser Hinsicht die Hände gebunden waren.
Sogenannte Nachbarn, von der Neugier meilenweit zu ihm geführt, machten ihm
durch ihre Aufforderungen und Vorschläge zum Bauen die Entsagung noch schwerer;
denn er mochte nicht gestehen, was ihn eigentlich zurückhielt. Unzähligemal nahm
er den Bauriss, der einst des alten Barons Zorn so heftig erregt, zur Hand,
betrachtete ihn mit sehnsuchtsvollen Blicken, und legte ihn mit ängstlichem
Frösteln wieder hin. Endlich kam es so weit, dass er sogar Gabrielen fast nie
ohne eine geheime widerwärtige Regung anblicken mochte, denn alles erinnerte ihn
daran, dass er ohne sie hier als unumschränkter Gebieter nach Belieben würde
schalten und walten, einreissen und bauen dürfen. Gleich allen erklärten
Günstlingen des Glücks war es ihm unmöglich, nicht gerade das Einzige, was ihm
versagt war, für das Allerwünschenswerteste zu achten. Dieses ärgerliche
Empfinden verleitete ihn nicht selten zu Ungleichheiten im Betragen und
ungeduldigen Ausfällen, wie er sich früher deren nie gegen seine Gemahlin
erlaubt hatte. Gabriele wusste indessen diesem allen mit so edler Gelassenheit zu
begegnen, ohne sich ihrer Würde im mindesten dabei zu vergeben, dass Moritz
gewöhnlich im nächsten Moment über seine eigne Unart erschrak und sich sichtbar
schämte, doch ohne es anerkennen zu wollen.
    Niemand beschreibt den wilden Schmerz Hippolits bei solchen Anlässen. Seit
er als Hausgenosse Gabrielen in ihren häuslichen Verhältnissen genauer
beobachten konnte, stieg sein Gefühl für sie bis zur Anbetung; er hätte sein
Leben hinbluten mögen, um ihr einen frohen Augenblick zu erkaufen. Keins der
unzähligen Opfer, welche sie ihrer Pflicht täglich brachte, entging seinem
Scharfblick. Und wenn sie dann mit ihrem schuldlosen Lächeln, in milder
Heiterkeit vor ihm stand, mit Leichtigkeit und Sorgfalt nur auf das Vergnügen
ihrer nächsten Umgebungen bedacht schien, so hätte er vor ihr in den Staub
sinken mögen, wie vor einer himmlischen Erscheinung.
    »Nein! sie ist nicht von dieser Welt!« rief er oft in die schweigende Nacht,
wenn er mit sich allein den eben verlebten Tag überdachte, »sie gehört nicht zu
uns. Sie ist ein Engel, der, uns zum Vorbild, einige Zeit unter uns wandeln muss;
weder Wonne noch Schmerzen, wie wir sie empfinden, können das Gemüt dieser
Heiligen berühren!«
    Aengstlicher als je zuvor bewachte er den Sturm in seiner Brust, kein Wort,
kein Blick durfte ihn verraten. Nur wenn er ganz unbeachtet sich glaubte, wagte
er es zuweilen, ihr Kleid zu berühren, eine Blume aufzunehmen, welche sie
achtlos liegen liess, oder an den Platz sich hinzuwerfen, den sie eben verlassen
hatte. Wenn sie auf Spaziergängen ihren Schawl ihm anvertraute, oder wenn er
vollends ihren Gesang mit seiner Flöte begleitete; und ihr Hauch an seiner Wange
streifte, dann erbebte er in Seligkeit, aber er schwieg und wagte nicht, die
Augen zu erheben, damit sie nicht an ihm zu Verrätern würden.
    So vergingen einige Wochen. Am Ende derselben sah Gabriele sich mit ihren
beiden jungen Gesellschafterinnen und Hippoliten fast immer allein, denn Moritz,
der noch nie eine der unzähligen Torheiten seines Lebens so schmerzlich bereut
hatte, als den Entschluss, nach Schloss Aarheim zu gehen, schämte sich doch, durch
seine Abreise vor der dazu bestimmten Zeit, dieses einzugestehen. Er wählte
lieber einen Mittelweg, der seiner Schwäche besser zusagte. Er war nie zu Hause,
machte Besuche zehn Meilen in die Runde, suchte die in der Umgegend wohnenden
Mineralogen auf, und unternahm mit ihnen kleine Reisen; denn für dieses
Lieblingsfach seines Wissens blieb seine Vorliebe beständig sich gleich.
Hippolit begleitete ihn selten, seine Unwissenheit im mineralogischen Fache
diente ihm meistens zur Entschuldigung, und da Moritz die gewohnte Erheiterung
in seiner Gesellschaft jetzt weder suchte noch fand, so erlaubte er ihm recht
gern, zum Schutz und Zeitvertreib der Damen zu Hause zu bleiben. Er tat sich
noch dabei auf seinen Scharfblick etwas zu gute, der ihm eine entstehende
Leidenschaft Hippolits zu der schönen Ida entdecken liess. In besonders
aufgeweckten Momenten ermangelte er auch nicht, seinen jungen Freund mit dieser
Vermutung zu necken, und dessen aus andern Gründen sehr verlegnes Läugnen
bestärkte ihn in dem Glauben daran, statt ihm denselben zu rauben.
Ruhig von innen und aussen, sah Gabriele den Herbst herannahen. Moritzens
Gegenwart trat jetzt sehr selten störend ein und sie zählte wirklich Tage und
Wochen, die ihr ein recht anmutiges Bild der früher an der Hand der Mutter
verlebten glücklichen Jugend gewährten. Das Schloss war voll Reliquien jener
Zeit. Zeichnungen, Bücher, Musikalien, was nur die geliebte Verklärte berührt
hatte, ward von Gabrielen zusammengetragen, aufbewahrt, in ihrem Geiste benutzt.
Musikalische Uebungen, gemeinschaftliches Zeichnen, geistige Beschäftigungen
aller Art, liessen dem kleinen Kreise keine rauschendern Freuden vermissen.
    Ida und Bella wurden gar nicht gewahr, in welcher fast gänzlichen Einsamkeit
sie sich eigentlich befanden. Ihre Begriffe, ihr Wissen, ihre Ansichten von der
Welt und über das Leben erweiterten sich mit jedem Tage, sie wussten nicht wie?
Denn sie erhielten keinen eigentlichen Unterricht, der in der Stadt im Hause
ihrer Mutter sie oft bis zum Sterben langweilte. Auch Hippolit, obgleich er im
eigentlichen geordneten Wissen sich über Gabrielen erheben durfte, fühlte
dennoch, wie im Umgange mit ihr alles, was er jemals gelernt hatte, ihm erst zur
Wahrheit wurde, weil es in das wirkliche Leben verflochten ward, statt dass es
sonst nur kalt und todt ihm eben zur Hand gewesen war, wie etwa ein Lexikon, in
welchem man aufsucht, was man für den Augenblick braucht.
    Hätte Gabriele jemals ahnen können, wie schwer der junge Freund, an dessen
geistigem Entwickeln sie so innig sich freute, für jede selig mit ihr verlebte
Stunde in der Einsamkeit unter den wütendsten Qualen glühender, hoffnungsloser
Leidenschaft büssen musste! Aber ihrem unbefangnen Sinn kam nie ein solcher
Gedanke. Sein durchaus vorsichtiges Benehmen hatte längst jede Erinnerung an
jenen unbewachten Augenblick in der Laube verlöscht, und wenn auch in seltnen
Momenten ein Wort, ein Blick ihm entschlüpfte, der sie daran hätte erinnern
können, so war Gabriele weder eitel noch argwöhnisch genug, dieses zu bemerken.
Er ward ihr mit jedem Tage lieber, wie aller Frauen wird, was sie sorgsam
pflegen und erziehen. Die sichtbare Veredlung seines Wesens, sein eigentliches
Selbst war ihr Werk, das musste sie mit freudigem Stolz sich gestehen, und dabei
pries sie dankbar die Gelegenheit, die ihr ward, ihm so zu vergelten.
    Freilich vergingen Tage, in denen auch Hippolit der Gegenwart sich hingab
wie ein Kind, ihm genügte dann, sie zu sehen, zu hören, von ihr angelächelt zu
werden. Aber wenn nun Moritz nach einiger Abwesenheit zu Hause kam, wenn dieser
es wagte, Gabrielen vertraulich zu begrüssen, und nun plötzlich der Dämon der
tollsten Eifersucht Hippoliten zuflüsterte: sie ist sein, des missgeschaffnen,
lächerlichen Alten, sein, ganz sein, auf immer! Dann stürmte er fort, hinaus in
den Wald, in Klüfte, zwischen Felsen, wie ein gejagter Hirsch, der den Pfeil in
der wunden Brust mit sich trägt. Oft irrte er in tiefer Nacht zwischen den
Ruinen der Brandstelle, kletterte mit Lebensgefahr über die morschen Mauern und
suchte die verschütteten Eingänge zu den Gewölben. Ganz verwilderten Sinnes,
wollte er schlechterdings die ihm oft beschriebne Riesengestalt des alten Barons
dort erblicken.
    »Steig herauf!« rief er in halbem Wahnsinn, »steig herauf aus Deinem
Steinhaufen, dem Du die Tochter opfertest! Libertade e morte! Gieb uns Leben und
Freiheit im Tode! Zieh uns beide hinab! Was soll sie hier mit leerer, kalter
Brust länger einsam umherwandeln? Dort wird sie lieben, dort drüben, auf ihren
heimatlichen Sternen. Mich wird sie lieben, sie muss es, denn ich gehöre zu ihr.
Mein ganzes Dasein ist ein Strahl, ein Abglanz ihrer Herrlichkeit, den sie ins
Dasein rief, der ohne sie auf ewig verlosch!«
    Moritz hörte ihn oft, und verwachte dann eine Angstnacht, die ihn gewöhnlich
bewog, mit Sonnenaufgang wieder von dannen zu ziehen.
    Einst hatte Hippolit die halbe Nacht so in fast wahnwitziger Raserei
vertobt. Es war weit nach Mitternacht. An allen Kräften erschöpft, sank er
zwischen dem Gemäuer der Brandstelle hin; seine Wildheit löste sich plötzlich in
unsägliche Weichheit auf; ihm war, als zerflösse sein Dasein in diesem stillen
Weh; er mochte sich nicht regen, sondern überliess sich fast gedankenlos dem
angenehmen Gefühl gänzlicher Ermattung, bis ihm die Sinne schwanden und der
Schlaf ihn überschlich.
    Die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne erweckten ihn wieder; der kühle
Morgenhauch wehte beruhigend ihn an, er starrte auf seine wunderliche Ruhestätte
hin, und begriff nicht sogleich, was ihn hieher gebracht haben könne? Dann
begann er, wie immer bei kühlerem Bewusstsein, sich seines leidenschaftlichen
Unmuts recht herzlich zu schämen, nannte ihn unmännlich, und versprach sich
selbst, sich künftig Gabrielens würdiger zu betragen.
    Noch nie hatte Hippolit sich zu so früher Tageszeit zwischen den Ruinen
befunden. Er blickte um sich, und ihn ergötzte das Spiel der fast noch
horizontal fallenden Sonnenstrahlen, die hin und wieder, durch Lücken und
Mauerspalten dringend, in einzelnen feurigen Lichtern durch das tiefste Dunkel
auf den vom Rauch geschwärzten Mauern glänzten. Er stand in dem Teil des
Flügels, der zur Zeit des Brandes, um das Hauptgebäude zu schützen,
grösstenteils eingerissen ward, dicht vor einem der gewölbten Eingänge, welche
einst zu den Souterrains führten. Einige ziemlich erhaltene steinerne Stufen
führten noch in die Tiefe des kellerartigen Gewölbes hinab, doch nur wenige
Schritte weiterhin war alles verschüttet. Hippolit blickte in die Tiefe, wo ein
bläulich glänzender Punkt seine Aufmerksamkeit erregte; es war als ob der Reflex
eines einzelnen Sonnenstrahls dort von einer metallnen Fläche zurückgeworfen
würde. Je länger er hinsah, je wunderlicher schien ihm das seltsame Blinken.
Endlich bahnte er sich, nicht ohne Gefahr, den Weg zum Gegenstand seiner
Neugier, und stand bald vor einer, in den Fels, welcher dem Gebäude zur
Grundlage gedient hatte, eingehauenen kleinen Vertiefung. Spuren einer eisernen
Türe, die einst sie verschlossen haben mochte, waren noch sichtbar. Unter
Ueberbleibseln zerbrochner Gläser, vermoderter Schriften und Pergamente, welche
die Vertiefung anfüllten, glänzte noch immer der Schein hervor, und Hippolit zog
endlich eine kleine Kapsel von weissem Metall aus dem Wuste. Schmutz und Staub
verhinderten ihn, die darauf eingegrabnen Charaktere zu lesen, bis er, in seinem
Zimmer angelangt, den sonderbaren Fund bequemer untersuchen konnte.
    Das Metall, aus welchem die Kapsel bestand, erkannte er für Platina.
Liberorum Salus stand darauf eingegraben. Von sonderbarem Schaudern ergriffen,
schob er sie weit von sich weg, aber die Neugier siegte, er ergriff sie wieder,
und ruhte nicht, bis es seinem Bestreben gelang, sie zu öffnen. Ein ganz
kleines, hermetisch verschlossnes Fläschchen von Bergkrystall funkelte ihm aus
dem schwarzen Sammt, mit dem die Kapsel gefüttert war, entgegen; es war wit
wenigen ganz hellen Wassertropfen angefüllt. Sein Haar sträubte sich bei dem
Anblick. Alles, was Moritz ihm auf dem Wege vom Eisenhammer nach dem Schloss
vertraut hatte, trat plötzlich in furchtbarer Lebendigkeit vor seine Seele. Ihm
war zu Mute, als stände der beunruhigte Geist hinter ihm, den er im wilden Wahn
so oft zur nächtlichen Stunde herbeirief, als beuge die Riesengestalt sich über
ihm weg, um ihm hohnlachend ins Antlitz zu starren. Mit abgewandtem Blick schloss
er die Kapsel wieder, vergrub sie tief im verborgensten Fach seines
Schreibtisches unter Papieren, und eilte dann hinaus, als folge das Verderben
ihm auf dem Fusse.
Alles in Schloss Aarheim gewann eine andre Gestalt, so wie der Herbst näher
herankam. Gabrielens Zeitordnung ward verstört, zwischen den alten Mauern
wimmelte es von modernen geputzten Herren und Damen, lustige Tanzmusik wirbelte
Abends durch die hochgewölbten Säle und laute Freude hallte durch alle Gemächer.
Die rückkehrenden Brunnengäste aus Böhmen stellten sich weit zahlreicher ein als
man es erwartet hatte, jeder Tag führte neue Besuche herbei, während die früher
Angekommnen sich wieder entfernten. Auch ältre Bekannte Gabrielens aus der
nächsten Stadt fanden sich ein. Es war ein Leben, ein Treiben, ein Lachen, eine
Lustigkeit unter den Leuten, über die Hippolit zuweilen von Sinnen hätte kommen
mögen, der er aber auch in andern Stunden sich wieder recht
jugendlich-teilnehmend hingab.
    Auch Moritz war mit der neuen Gestaltung der Dinge in seinem Schloss wohl
zufrieden. Wo es so geräuschvoll herging, meinte er, hätten die Geister wohl,
wenigstens fürs erste, ihre Macht verloren, und so wagte er es, wieder mehr zu
Hause zu sein, um seine Gäste zu empfangen und zu unterhalten.
    Ein glänzendes Fest, welches auf einem, ein paar Meilen weit entferntem Gute
gefeiert werden sollte, hatte am Vorabende desselben eine ungewöhnlich
zahlreiche Gesellschaft auf Schloss Aarheim versammelt, die von dort aus in
Begleitung der Bewohner desselben sich mit dem frühesten auf den Weg zum
bestimmten Versammlungsorte machen wollte. Gräfin Eugenia, der Professor und der
sogenannte Antonius, lauter alte Bekannte aus dem Hause der Gräfin Rosenberg,
kamen spät Abends noch ganz unerwartet an. Eugenia warf sich mit lauten,
freudigen Ausrufungen in Gabrielens Arme und beteuerte: seit sie der Letztern
Ankunft auf Schloss Aarheim erfahren, habe sie ihrem Gemahl keine ruhige Stunde
gegönnt, bis sie ihn bewogen, sie zu ihr zu führen. Dann stellte sie den wie
gewöhnlich verlegen lächelnden Antonius in dieser Qualität vor. Dieser fing mit
vielem Anstand eine schöne Rede an, in der er aber unglücklicher Weise sich so
verwickelte, dass er zuletzt nicht mehr wusste, wie er daran war und mitten in
einem Paragraphen endete ohne zu schliessen. Gabriele achtete nicht sonderlich
darauf, und begrüsste indessen mit recht herzlicher Freundlichkeit den Professor,
den sie schon im Hause ihrer Tante ausgezeichnet hatte. Moritz bemächtigte sich
des Antonius als eines alten Bekannten, um ihm, Gott weiss welche Raritäten zu
zeigen. Einige der Anwesenden folgten ihnen, andre, unter ihnen Eugenia,
ordneten sich in einem geräumigen Pavillon von neuem um den geselligen
Teetisch.
    Gegen ihre Gewohnheit sah sich indessen Gabriele bald darauf genötigt, ihr
wirtliches Amt an diesem Tische an Fräulein Ida abzutreten und die Gesellschaft
auf eine kleine Weile zu verlassen. Die Zahl der Fremden im Schloss war nämlich
durch den neuen Zuwachs so gross geworden, dass die gute Frau Dalling, trotz der
vielen Zimmer in dem weitläufigen Gebäude, sich dennoch, ohne den Rat ihrer
Herrin, nicht zu helfen wusste, um jedermann anständig und würdig für die Nacht
unterzubringen. Mit leichtem Schritt eilte Gabriele, ihrem Rufe folgend, durch
den hohen Lindengang, der vom Pavillon zum Schloss führt, und die
Zurückgebliebnen blickten ihr mit heiterem Wohlgefallen nach. An der Türe des
Pavillons stand Hippolit, die blitzenden Augen in sprachlosem Entzücken auf die
schöne Gestalt geheftet, die leicht, wie eine Silfide, vor ihm hinschwebte. Ihr
weisses Gewand ward durch das Dunkel des hochgewölbten Bogenganges erhoben, die
hie und da durch die Blätter dringenden Sonnenstrahlen bestreuten es mit
einzelnen in Rosenglanz brennenden Sternen; die lichten, blonden Locken, goldig
im Abendrot schimmernd, umgaben ihr Haupt mit der Glorie einer Heiligen.
Zuweilen verschwand sie im tiefern Dunkel vor den sie verfolgenden Blicken, und
bald darauf glänzte sie wieder im vollen Sonnenschein wie eine Verklärte, bis
sie sich endlich in der düstern Vorhalle des Schlosses völlig verlor.
    »Aus Kindern werden Leute, das habe ich lange schon gewusst,« rief jetzt
Gräfin Eugenia, »und doch,« fuhr sie fort, »würde es mir nie einfallen, die
kleine, blasse, zimperliche, etwas alberne Gabriele der Gräfin Rosenberg in
dieser schönen, eleganten Frau von Aarheim wieder zu erkennen, wenn nicht die
unwidersprechlichsten Beweise mich überzeugten, dass sie es wirklich ist. Wie die
Frau sich ausgebildet hat, so etwas ist mir noch in meinem Leben nicht
vorgekommen, es gränzt an Wunder. Erinnern Sie sich noch, lieber Professor! wie
sie vor sieben oder acht Jahren zitternd, und knixend und halbweinend dazu, bei
der Gräfin Rosenberg erschien? Sie fiel gerade in die famose Tableaugeschichte
hinein, die Sie unmöglich können vergessen haben.«
    »Ja wohl erinnere ich mich dessen genau,« erwiderte der Professor, auch kann
ich noch immer nicht ohne Bewunderung des Muts gedenken, mit dem das sonst so
übermässig blöde Kind sich erdreistete, das ihm Heilige gegen alle Angriffe
standhaft zu verteidigen; ich meine die Trauer um die jüngst verstorbne
Mutter.«
    »Der lange schwarze Schlepp, die Pleureusen, die hässliche Schneppe und der
Schleier, mit dem sie aussah wie eine Nachteule, das war ja eben der Gipfel
aller Abgeschmackteit,« antwortete lachend Eugenia.
    »Alle zivilisirten Völker legen um ihre verstorbnen Verwandten Trauer an,«
sprach der Professor, »und sogar unter den Wilden finden sich Spuren dieses
Gebrauches, der denn doch wohl eines tiefern Ursprungs sein mag, als bloss der
Mode. Doch davon ist hier nicht die Rede, Gabriele soll in der Sache selbst
Unrecht gehabt haben, ihr Wollen war dennoch rein. Ich behaupte nur, dass, so wie
sie damals stand, ihre Weigerung, das eigne Gefühl des Schicklichen dem Willen
der Tante zum Opfer zu bringen eine Heldentat war, deren Wert aber vielleicht
nur der ganz zu übersehen vermag, der einst wie sie, ängstlich beklommen und
allein, in die ihm fremde Welt geworfen ward.«
    Die Neugier der Gesellschaft war rege geworden, und Eugenia musste erzählen
was sie selbst nur vom Hörensagen kannte, denn sie war bei Gabrielens Ankunft im
Zimmer der Tante nicht mehr gegenwärtig gewesen, wohl aber der Professor, der
als strenger Censor über die Erzählerin wachte, und jede Uebertreibung oder
Unwahrheit ohne Gnade rügte und berichtigte. Hippolit hörte Beiden mit der
gespanntesten Aufmerksamkeit zu.
    »Nun wohl, Sie mögen Recht haben,« schloss endlich Eugenia, des Streitens
müde, »Sie mögen Recht haben, und Gabriele äusserte schon damals Spuren jener
Festigkeit, überhaupt jenes vernünftigen Ueberlegens, das sie später bewiess, als
sie drei Monate, nachdem sie aus Schmerz über die Trennung von einem gewissen
Herrn hatte sterben wollen, sich plötzlich eines andern bedachte, der
Auszehrung, in die sie zu verfallen drohte, und überhaupt der ganzen traurigen
Liebesgeschichte den Abschied gab, und kurz und gut diesen etwas possirlichen
Herrn Vetter heiratete, der sie bei alle dem zur reichsten Frau im Lande
machte, und auch sonst, wie ich höre, sich ziemlich lenken lässt.«
    »Gräfin! Gräfin!« unterbrach sie unwillig der Professor.
    »Stille, stille, lieber Freund!« erwiderte Eugenia und drückte ihre Hand auf
seine Lippen, »ich weiss was ich weiss, und behaupte nichts, als was ich mit
Beweisen belegen kann. Ich war mit dem Rosenbergischen Hause zu genau liirt, als
dass mir diese Geschichte hätte verborgen bleiben können.«
    Gabrielens Rückkehr zur Gesellschaft zwang Eugenien mitten im Strome ihrer
Rede zu verstummen. Alles brach auf um die letzten Stunden des milden
Herbstabends noch im Freien zu geniessen. Doch mochte das, was Eugenia noch etwa
zu erzählen haben konnte, nicht für alle verloren gehen, denn einige der im
Pavillon gegenwärtig gewesnen Damen bemächtigten sich ihrer mit ungemeinem
Eifer, um ihr noch bei Mondenschein die Schönheiten des altvätrischen
Schlossgartens zu zeigen.
    Auf Hippoliten hatte niemand geachtet; ausser sich vor Zorn über die
Erzählerin, deren unverkennbare Bosheit seine ganze Verachtung erregte, unfähig
ihr zu glauben, und doch von ihr tief in der Seele verwundet, war er auf seinem
Platze stehen geblieben, bis der Professor, der letzte welcher den Pavillon
verliess, an ihm vorüberging. Mit einem freudigen Auffahren ergriff er diesen am
Arm, und zog ihn mit sich fort, ins Schloss hinein. Ein Blick in Hippolits
bittendes Auge, und einzelne abgebrochene Worte bewogen den freundlichen Mann,
sich ihm unbedingt hinzugeben, und, freilich etwas verwundert über sein
seltsames Benehmen, ihm zu folgen, wohin er ihn führen möchte.
So wie sie in Hippolits Zimmer angelangt waren begann dieser, noch atemlos von
äusserer und innerer Bewegung, dieses sein unziemend erscheinendes Betragen gegen
seinen Gast so gut er es vermochte zu entschuldigen. »Es war mir unmöglich,«
sprach er, »eine Frau welche die Anbetung der ganzen Welt verdient, so lästern
zu hören« -
    »Dann bedürfen Sie bei mir keiner Entschuldigung, Herr Graf,« unterbrach ihn
der Professor; »konnte ich selbst es doch auch nicht, und liess mich, wie Sie
werden bemerkt haben, dadurch verleiten, mitten unter mir ganz Unbekannten als
ihr Verteidiger aufzutreten. Und doch habe ich sie nur als ein halbes Kind
gekannt. Jetzt stehe ich wirklich geblendet vor ihr.«
    »O könnten Sie jetzt erst sie recht kennen lernen! Würde es Ihnen vergönnt
wie mir, ein Augenzeuge ihres Lebens zu sein!« rief Hippolit, von seinem Gefühl
hingerissen, und der eben aufgehende Mond spiegelte sich in seinem glänzenden,
himmelwärts gerichtetem Auge.
    Es entstand eine kleine Pause, während welcher der Professor Hippoliten
aufmerksam und mit Wohlgefallen betrachtete. Dann nahm dieser gefasster wieder
das Wort.
    »Mag denn die freudige Empfindung, mit der ich Ihnen zuhörte, mir und meinem
Ungestüm das Wort reden,« sprach er, »und mich auch entschuldigen, dass ich Sie,
mit dem ich so zusammentraf, nicht gleich wieder verlassen kann; dass ich sogar
es wage, Sie als einen längst gekannten Freund zu betrachten, und mit vielleicht
zu jugendlicher Zutraulichkeit Sie um die Gewährung einer Bitte zu ersuchen.«
    »Es sollte mich in Erstaunen setzen, wenn ich im Stande wäre Ihnen eine zu
gewähren, Herr Graf! obgleich ich fühle, dass ich Ihnen schwerlich eine
abschlagen könnte,« erwiderte der Professor, indem er Hippoliten freundlich die
Hand bot.
    »Die Macht der Verläumdung ist gross,« sprach Hippolit verwirrt nach Worten
suchend, und mit abgewendetem Gesicht; »sie ist darum so über allen Ausdruck
entsetzlich, weil sie unser Heiligstes untergräbt, ohne dass es möglich wäre, ihr
entgegen zu arbeiten. Man glaubt ihr nicht, man bauet fest auf seinen Freund,
man stösst mit Abscheu jeden aufkeimenden Verdacht von sich, und doch bleibt ein
geheimer Stachel tief im Verborgensten der Brust zurück, und gräbt und gräbt
leis' und unmerklich, bis das alte Vertrauen wankt.« -
    »Versteh' ich Sie, Herr Graf?« unterbrach ihn der Professor, und sah mit
weniger freundlichem Blick ihn forschend an. »Wäre es möglich? Sie? Wie! Sie?
der Sie Gabrielen genau zu kennen vorgeben, Sie könnten die Möglichkeit sich
denken, dass elendes Berechnen von Rang und Vermögen sie dahin bringen konnte,
sich diesem Herrn von Aarheim zu verkaufen?«
    »O sprechen Sie das entsetzliche Wort nicht aus!« rief Hippolit, »schon dies
allein ist ein Verbrechen gegen jenes himmlisch reine Wesen! Wie konnten Sie
mich so missverstehen! Ich, der ich, und vielleicht besser als sie selbst den
schauerlich-dunkeln Weg kenne, den das Schicksal mit Gabrielen nahm, um sie in
dieses Elend zu führen, ich -«
    »Ich weiss nichts von den nähern Umständen, die bei der Vermählung der Frau
von Aarheim sich zugetragen haben mögen, auf die Sie anzuspielen scheinen, und
verlange auch nichts davon zu wissen,« unterbrach der Professor ihn abermals,
noch immer halb erzürnt. »Ich bedarf nichts von alle dem, um überzeugt zu sein,
dass dieses verächtliche sich selbst Wegwerfen ihr unmöglich war, denn Liebe
schützte sie damals vor jeder Erniedrigung ihrer edlern Natur; eben jene Liebe,
welche die Frau Gräfin Eugenia in so unwürdigem Lichte zu zeigen sich abmühte.«
    Ein unartikulirter Ausruf Hippolits, den er bei diesen Worten nur halb zu
unterdrücken vermochte, wurde vom Professor nicht beachtet, der, hingerissen von
dem Vergnügen Gabrielen zu verteidigen, im Feuer seiner Rede fortfuhr.
    »Ich war freilich bei Gabrielens Ankunft und bei jener Tableauscene zugegen,
dessen die Gräfin Eugenia so spöttisch erwähnte. Ich pflegte damals immer gern
die mir zur Erholung gegönnten Stunden in dem gastfreien Hause und in dem
geistreichen Kreise der Gräfin Rosenberg zuzubringen. Die kindliche Grazie, das
unglaublich schüchterne Wesen des jungen Mädchens, bei dem Geiste, der unter den
dunkeln Wimpern hervorbljetzte, so wie die über ihr ganzes Wesen ergossene
unverkennbare Traurigkeit, machten sie mir gleich in der ersten Stunde höchst
interessant. Die gänzliche Verlassenheit, in der sie bald darauf oft mitten in
den grössten Gesellschaften, furchtsam in sich gekehrt, dastand, erregte mein
innigstes Mitleid; schon wollte ich als väterlicher Freund ihr mich nähern, aber
da entdeckte ich, dass ein Andrer mir zuvorgekommen sei, der in jeder Hinsicht
sich freilich besser zu ihrem Beschützer eignete als ich, ein bedeutender
Künstler und wie ich späterhin vernahm, ein alter Freund ihrer Mutter.«
    Hippolit, der bei Erwähnung dieses Freundes sehr aufmerksam geworden war,
atmete bei den letzten Worten des Professors hoch auf, mit sichtbar
erleichterter Brust, und jener fuhr fort.
    »So begnügte ich mich denn, dem Entfalten dieser lieblichen Blume von
weitem, ohne tätige Teilnahme zuzusehen. Mit unaussprechlichem Vergnügen
beobachtete ich das erste Erwachen des reinsten Herzens, das vielleicht je in
einer Mädchenbrust geschlagen hat. Es zu erwecken, war einem Manne beschieden,
den ich vor allen andern dieses hohen Glücks wert achten musste. Wie oft
betrachtete ich mit wahrer Freude das schöne Paar, wenn beide der Zufall neben
einander gestellt hatte! Er, das Bild männlicher Hoheit, sie ganz weibliche
Anmut und Bescheidenheit.«
    »Er ist todt? Er starb?« fragte Hippolit beinahe atemlos.
    »Nicht dass ich wüsste,« erwiderte der Professor, er hat mit letzter Post mir
geschrieben. Aber seit Jahren sind sie getrennt, und so viel man menschlicher
Weise die Zukunft berechnen kann, sind sie getrennt auf immer. O hätten Sie
Gabrielen damals gesehen! Zwar ihre sterbliche Hülle wäre dem Schmerz der
Trennung beinahe erlegen, doch Psyche hob die glänzenden Flügel, und schwebt
noch immer in ewiger Klarheit. Darum, mein junger Freund! trägt diese seltne
Frau alles so leicht, was andre erdrücken würde, sie hat ja das Schwerste früher
überwunden.«
    Schweigend erhob sich Hippolit von seinem Sitze, und beantwortete des
Professors Bitte, dieses Gesprächs gegen niemanden zu gedenken, nur mit einem
Händedruck. Dieser blickte abermals verwundert ihn an und eine leise Ahnung, dass
er hier wohl Unheil gestiftet haben könne, während er durch Gabrielens
Verteidigung gegen jeden Argwohn, Gutes zu stiften gedachte, flog ihm durch den
Sinn, doch blieb ihm zu keiner Äusserung hierüber Zeit. Es ward zur Abendtafel
geläutet, und Hippolit eilte, noch immer in düsterem Schweigen versunken, an
seinem Arm dem jetzt hell erleuchteten Pavillon zu, wo die Gesellschaft eben im
Begriff war, an mehrein kleinen Tischen sich zu ordnen.
    Gabriele, die den Professor schon längst vermisst hatte, trat ihm an der
Türe entgegen, um ihm in ihrer Nähe seinen Platz anzuweisen, und Hippolit nahm
diesen Augenblick wahr, um sich, von jedermann unbemerkt, in das dichte wilde
Gebüsch neben dem Pavillon zu stürzen.
    Unfähig, jetzt Gabrielens Anblick zu ertragen, irrte er planlos umher. Auf
ungebahntem Wege, zwischen Felsentrümmern gelangte er in der tiefen Dunkelheit
zum Eisenhammer; über wüstes Gestein, am Rande tiefer Abgründe hin, hatte er den
Weg gefunden, ohne ihn zu suchen. Die Stille der Nacht verdoppelte das dröhende
Tosen der Räder, das Klopfen des Hammers. Die Glut im hohen Ofen, um welche
schwarze, wie der Unterwelt entstiegene Gestalten sich bewegten, leuchtete mit
rotem Schein fernhin durch die Einöde; die verdorrten Tannen, die wunderlichen
Felsenzacken schienen im flackernden Licht zu gespenstischen Erscheinungen sich
umzuwandeln und in seltsamem Tanze auf- und abzuschweben. Jede rege Phantasie
musste hier mit grausenvollen Bildern sich erfüllen. Hippolit fühlte den
Eindruck, ohne sich dessen deutlich bewusst werden zu können. Ermattet an Seele
und Leib, warf er sich auf die alte steinerne Bank neben dem Felsbach hin, und
überliess sich dumpfen ängstlichen Träumen. Weit nach Mitternacht traf ihn dort
der Förster, welcher mit seinen Hunden in den Wald wollte, um nächtlichem
Holzfrevel zu wehren. Er erkannte ihn, und führte ihn auf dem kürzesten Wege
nach seiner Wohnung, wo er ihn einlud, in Ernestos Stübchen bis zum Morgen zu
verweilen; denn es war zu spät geworden, als dass Hippolit noch in das Schloss
hätte gelangen können, ohne die Hälfte von dessen Bewohnern aus dem Schlaf zu
stören. Hippolit liess sich schweigend alles gefallen.
In der stillen Einsamkeit der einfachen engen vier Wände, zu denen nur aus der
Ferne das Dröhnen des Hammers, das Rauschen der Wasserbäche herüber tönte, kam
Hippolit bald wieder zu einigem Besinnen. Doch mit diesem erwachte auch das
ganze volle Gefühl des Schmerzes, der, sein Innres zerreissend, durch Nacht und
Wald ihn bis hieher gejagt hatte.
    Sie hatte geliebt? Sie liebte vielleicht noch! Diese Ueberzeugung ward der
Untergang seiner bis zu diesem Augenblicke mühsam errungnen und erhaltnen
Herrschaft über sich selbst. Gabriele, die er sonst gleich einer über jede
Leidenschaft erhabnen Heiligen verehrt hatte, ward ihm jetzt nur zum schönen,
liebeglühenden, irrdischen Weibe; die Höhe, auf der sie bis jetzt hoch über ihm
stand, war eingesunken und alle Qualen verzehrender Eifersucht, alle Flammen der
glühendsten Liebe schlugen hochauflodernd, jeder Mässigung spottend, über seinem
Haupte zusammen. In dem engen Raum, der ihn umgab, wandelte er rastlos auf und
ab, bis er, vom Schwindel ergriffen, auf das Lager sank. Kein Schlaf kam in
seine Augen, kein einziger Augenblick Ruhe in die wildbewegte Brust. Er wollte
fort, er wollte zu ihr, er wollte hinaus in die weite Welt; ganz mit sich selbst
zerfallen, arbeitete er sich planlos und vergebens ab, einen festen Zweck des
innern und äussern Strebens zu finden.
    Der Morgen graute indessen, die Sonne ging auf, sie stieg immer höher, ohne
dass er von alle dem etwas bemerkt hätte, bis die Frau des Försters mit
freundlichem Morgengruss hereintrat, um ihm ein Frühstück zu bringen. Wie ein
gefangner Vogel, dem der Käfig geöffnet wird, rauschte er da, ohne sie
anzusehen, durch die von ihr offen gelassene Türe, hinaus zum Zimmer, zum Hause
hinaus.
    Erst auf der Hälfte des steilen Weges, der zum Schloss führt, ward es
Hippoliten klar, was ihn so schnell fort und hieher getrieben habe; es war der
plötzlich gefasste Entschluss, den Professor zu sprechen und von ihm durch Bitten
oder mit Gewalt Namen und Aufentalt des Mannes zu erpressen, den Gabriele
liebte.
    Mit diesem Vorhaben beschäftigt, kam er im Schlosshofe an und fand dort alles
in ganz ungewohnter Oede und Stille. Nirgends liess ein Einziger von der Schaar
von Dienern sich erblicken, die sonst immer dort ämsig hin und wieder lief. Die
Pferdeställe, die Wagenremisen standen alle offen und leer, das ganze Schloss
schien wie ausgestorben.
    »Wo kommen der gnädige Herr denn so spät noch her? Die Herrschaften sind
schon seit mehr als zwei Stunden nach der Rotenburg gefahren; sie dachten alle,
Euer Gnaden wären längst vorausgeritten,« rief Hippoliten endlich der Gärtner
zu, der mit einem grossen Korbe voll Herbstblumen aus dem Garten kam.
    Hippolit hatte der heutigen Lustpartie gar nicht weiter gedacht, um
derentwillen sich am vergangnen Abend eine so grosse Gesellschaft im Schloss
versammelt hatte. Jetzt beschloss er, freilich mit einigem Widerwillen, den
Professor in der Rotenburg selbst aufzusuchen; doch während er sich dazu
anschickte, fiel ihm plötzlich ein, dass auch Eugenia dort sein, dass er auch
Gabrielen dort finden werde. Er fühlte mit unwidersprechlicher Gewissheit, dass es
ihm unmöglich sei, sie mit diesem Sturm in der Brust wieder zu sehen, ohne vor
all den neugierigen Blicken, ja vor der Frau, die er als ihre grimmige Feindin
betrachtete, das heiligste Geheimnis seines Herzens Preis zu geben. Ein neuer
Kampf begann in seinem Innern, den endlich der Entschluss endete, statt nach der
Rotenburg, nach der Stadt zu reisen, den Professor dort in seiner Wohnung zu
erwarten, und sobald er von ihm erfahren, was er wissen wollte, hinaus zu ziehen
in die Welt, um den Mann aufzusuchen, dessen Dasein ihn mit unerhörten Qualen
peinigte. Ihn finden wollte er, ihn sehen von Angesicht zu Angesicht. Was dann
aber noch ferner geschehen, was aus dieser Zusammenkunft entstehen sollte? dies
schwebte ihm nur in dunkeln Bildern vor, die er gar nicht zu beleuchten wagte.
    So wie er über seine nächste Zukunft mit sich im Reinen war, glaubte er sich
ruhiger zu fühlen; körperliche Ermattung nach der wilddurchtobten Nacht schien
ihm jetzt Fassung zu sein. Er bedachte die Ungewissheit seiner Wiederkehr und
begann manches aufzuräumen und einzupacken, was er fremden Augen zu entziehen
wünschte. Briefe, Gedichte, glühende Ergüsse der ihn verzehrenden Leidenschaft,
die er dem Papier anvertraut hatte, alles suchte er zusammen, und mitten unter
dieser Beschäftigung rollte ihm die längst vergessne Kapsel von Platina entgegen,
welche er einst unter den Ruinen der Brandstätte gefunden hatte.
    Kalte Schrecken durchrieselten ihn mit Todesschauern bei diesem Anblick.
Sein Herz stand einige Sekunden, und grosse Schweisstropfen perlten auf seiner
Stirne, wie auf der Stirne eines Sterbenden. Er sank vor seinem Schreibtisch auf
die Knie hin, das stiere Auge haftete an der Kapsel; er las die Inschrift »
Liberorum Salus,« Rettung der Freien. Er musste sie immer wieder lesen, und
vermochte nicht den Blick abzuwenden. Zischende Lichter, die er seitwärts sah,
ohne das Haupt zu wenden, blitzten um ihn her; über sich hörte er ein Rauschen
wie von mächtigen Flügeln, es war das seine Adern durchrieselnde Entsetzen, mit
dem das junge Leben sich gegen den furchtbaren Gedanken sträubte, der in diesem
Moment ihn mit Riesenstärke ergriff. Und dabei musste er innerlich doch immer
wiederholen: Liberorum Salus.
    Dieser Zustand währte indessen nur wenige Minuten, dann stand er auf, fasste
und öffnete die Kapsel mit fester Hand und hob das funkelnde Fläschchen gen
Himmel. »Ich danke dir!« rief er, »wie durch ein Wunder zeigst du mir die rechte
Bahn; so sei es denn!« Von diesem Momente stand die Ueberzeugung fest gegründet
in seinem Gemüt, dass nur der selbstgewählte Tod ihm einen Ausweg öffnen könne.
Was sollte er ohne Ruhe und Rast die Welt durchirren, um ein Wesen zu suchen,
dessen Dasein ihn in Verzweiflung setzte! Wenn er ihn nun gefunden hätte? Nur
blutig konnte dies enden. »Nein! Gabriele soll um ihn nicht weinen! mir, mir
gehören ihre Tränen, wenn gleich ihm ihre Liebe,« rief er. »Uns beiden zugleich
kann diese Sonne nicht länger scheinen, so wähle ich denn für sie den kleineren
Schmerz und lege ihrer Ruhe mein Leben willig zum Opfer hin.«
    Mit dem feierlichen Wesen, welches die Jugend im Schmerz so gern annimmt,
fuhr er nun fort, Papiere zu vernichten, andre zu versiegeln und an entfernte
Verwandte zu addressiren. Er versuchte es mehreremale an Gabrielen zu schreiben,
doch dieses überstieg seine Kräfte. Allmählig überschlich ihn ein unnennbares
Mitleid mit sich selbst, mit tiefer Betrübnis feierte er den Abschied vom
schönen, heitern Sonnenlicht. Sein eigner Entschluss erschien ihm als eine
unabänderliche äussre Bestimmung; er vergass ganz, dass es nur von ihm abhing, sie
abzuwenden. Er hatte ausgetobt, seit dem vergangnen Tage hatten weder Schlaf
noch Nahrung ihn erquickt. Er fühlte kein Bedürfen, aber er war einer völligen
Erschöpfung aller seiner Kräfte nah, und so gab er sich ohne Widerstreben
sanftern Gefühlen hin. Traurig, aber mit festem Willen beschloss er, die Bande
langsam zu lösen, die ihn noch an das Leben fesselten.
    Feierlich und still durchzog er das ganze Schloss, er suchte noch einmal alle
die Platze auf, wo er sie gesehen, auf jedem Schritte drängten tausend süsse und
bittre Erinnerungen sich ihm entgegen. Rings um ihn her herrschte das tiefste
Schweigen, kein neugieriges Auge, kein geschäftiger Tritt belästigte ihn
störend, denn der Teil der Dienerschaft, welchen die Herrschaft zurückgelassen
hatte, benutzte den seltnen freien Tag, um sich ausserhalb des Schlosses zu
vergnügen.
    Hippolit gelangte endlich an die Türe zu Gabrielens Zimmern, er fand sie
verschlossen und sank, von seinem Gefühl überwältigt, auf der Schwelle nieder.
Alle Furien der Verzweiflung erwachten aufs neue in seiner Brust, er ergriff das
Fläschchen, im Begriff, es hier zu öffnen, aber der Gedanke an Gabrielen, an
ihren Schrecken, an den Abscheu, mit dem sie gerade hier vielleicht von seiner
entstellten Hülle sich wenden würde, hielt ihn zurück. Er riss sich wieder empor,
eilte, vor sich selbst fliehend, eine in der Nähe befindliche Treppe hinab, und
fand sich erst in einem abgelegnen Seitenhofe wieder, vor dem äussern Eingange
zur Kapelle, welche von der andern Seite an die Reihe von Zimmern stiess, die
einst der alte Baron und jetzt der gegenwärtige Besitzer des Schlosses bewohnte.
Ohne sich dessen deutlich bewusst zu sein, stieg er die Treppe hinauf, die Türe
der Kapelle stand offen.
    Es war zur herbstlichen Zeit des immer merklicher werdenden Abnehmens der
Tage, und die Sonne neigte sich schon dem Untergange zu, obgleich es noch gar
nicht spät war. Ihr Strahl brach sich in den mannigfaltigen, gleich reichen
Edelsteinen glänzenden Farben der alten Heiligenbilder und Familienwappen,
welche, bunt und kunstreich gemalt, die Fenster schmückten. Purpurrote
Dämmerung, mit tiefdunkeln Schatten wechselnd, erfüllte das hohe Gewölbe, als
Hippolit in die Kapelle trat. Der Altar, hinter welchem die Türe sich öffnete,
schien erleuchtet. Langsam, von der Feierlichkeit des Ortes besänftigt und
erhoben, schritt Hippolit vorwärts und erblickte - und traute seinen Augen nicht
- und glaubte einer überirdischen Erscheinung gewürdigt zu sein - denn auf den
Stufen des Altars lag Gabriele betend, in Andacht versunken.
    Langsam erhob sie sich, vom Geräusche seiner Tritte aus ihren Himmeln zurück
gerufen. Ein langes schwarzseidnes Gewand breitete in reichen Falten sich weit
um sie her; sie war ungewöhnlich bleich, aber ein Schimmer überirdischer
Seligkeit umleuchtete sie, als sie die tränenschweren Wimper hob, und, in der
Dämmerung ihn nicht gleich erkennend, ihm einige Schritte entgegentrat.
    »Sie sind es, Hippolit?« rief sie erschrocken aus. »Was führt so schnell Sie
von der Rotenburg zurück? Ist meinem Gemahl oder sonst jemanden von meinen
Freunden dort ein Unglück widerfahren? Ihr zerstörtes Ansehen lässt mich alles
befürchten. Um Gotteswillen was ist es? Ich kann alles eher ertragen als diese
Ungewissheit, darum bitte ich, sprechen Sie.«
    Hippolit, völlig unfähig, nur eine Sylbe zu erwidern, zitterte so, dass er
sich an einen der den Altar umgebenden Pfeiler festalten musste, um nicht zu
Boden zu sinken.
    »Reden Sie, reden Sie,« bat Gabriele mit vor Angst fast unhörbarer Stimme
und immer bleicher werdend.
    »In der Rotenburg ist hoffentlich alles wohl; ich war nicht dort,«
antwortete ihr endlich leise und bebend Hippolit. Dann stürzte er, von seinem
Gefühl hingerissen, plötzlich vor sie hin, rief laut ihren Namen, verhüllte sein
Gesicht in den Saum ihres Kleides, und das Fläschchen, welches er bis dahin noch
immer krampfhaft festgehalten hatte, entfiel ihm, jedoch ohne zu zerbrechen. Mit
lautem schrillenden Tone rollte es über den Marmorboden hin.
    Ein Schrei Gabrielens schreckte Hippoliten auf, er sah sie im Begriffe, zu
sinken, und umschlang sie mit seinen Armen; sein Herz pochte hörbar, seine Augen
glühten gleich verzehrenden Flammen, seine zitternden Lippen berührten ihren
Schleier und die goldnen Locken, er drückte sie fest und immer fester an seine
schweratmende Brust. Sie bemerkte nichts von dem allen, ihre Blicke hafteten
mit dem Ausdruck des Entsetzens auf dem blinkenden Krystalle, der zu ihren Füssen
die Strahlen der Altarlichter zurückwarf.
    »Allmächtiger Gott! was ist das?« rief sie mit zusammengeschlagnen Händen,
indem sie sich aus Hippolits Armen wand, ohne sich dessen bewusst zu sein. »Ich
kenne dieses Fläschchen - und doch weiss ich nicht - mir ist als hätte ich einmal
davon geträumt, einen fürchterlichen Traum - oder mein Vater - Heiliger Gott!
mein Vater!« rief sie mit so wildem Tone, dass Hippolit davon zusammenschauderte,
an allen Gliedern bebend, sie los liess, und mit gesträubtem Haar in die tiefe
Dunkelheit am andern Ende der Kapelle hinstarrte, als erwarte er dort dessen
düstern Schatten emporsteigen zu sehen.
    »Guter Hippolit! ich habe Sie erschreckt,« sprach jetzt Gabriele, indem sie
sich erholte und sichtbar nach Fassung rang, »ich wollte es nicht, aber Sie
selbst sind Schuld daran.« Sie setzte sich ermattet auf die Stufen des Altars
nieder, das Auge noch immer starr auf das Fläschchen geheftet. Ihn sah sie nicht
an, der, verzehrendes Feuer im Blick, wie im Kampfe zwischen Himmel und Hölle,
über ihr hing.
    »Ich kann meine Augen nicht von dort wenden,« sprach sie ernst nachdenkend,
»irgend eine entsetzliche Erinnerung knüpft sich an diesen Gegenstand, und doch
schwebt mir alles so undeutlich vor, so verworren, wie aus einem frühern Dasein
in einer andern Welt. O rühren Sie es nicht an!« rief sie heftig, und stand auf
und fasste Hippolits Arm, als dieser sich bückte, um das Fläschchen aufzunehmen.
»Rühren Sie es ja nicht an; ich bin wohl schwach und kindisch, aber mir ist, als
müsse irgend ein entsetzliches Unglück hereinbrechen, wenn Sie es berühren - als
wäre der Tod darin verborgen. Der Tod! - Mein Gott, mein Gott, wie ist mir denn!
- Wo habe ich es früher gesehen? Wo kommt es jetzt denn her?« Bei diesen Worten
hob sie den Blick zu Hippoliten auf. In der scheuen Zerstörung, die aus seinen
Augen, aus seinem ganzen Wesen hervorleuchtete, schien ihr mit einemmale ein
Strahl der Wahrheit aufzugehen.
    »Hippolit!« rief sie, »es ist Gift und Sie brachten es hieher! Sagen Sie:
nein! Sehen Sie meine Angst um Sie, um Gotteswillen sagen Sie: nein.«
    Verstummend sank er vor ihr hin und verhüllte sein Gesicht.
    »Um Gotteswillen sagen Sie: nein,« wiederholte sie, an allen Gliedern
bebend; »diese Stunde, dieser Ort, Ihr Zurückbleiben von der Gesellschaft, der
Ausdruck Ihrer ganzen Gestalt - Was ist Ihnen denn geschehen? Was konnte Sie
bewegen? Reden Sie mit mir, vertrauen Sie mir! O Hippolit! Das konnten Sie mir
tun?« rief sie endlich und brach in Tränen aus. »Reden Sie mit mir,« bat sie,
immer heftiger weinend, indem sie mit aller Kraft den Gebeugten aufzurichten
strebte, ihre Tränen fielen auf ihn, sie benetzten seine Hände, sein Gesicht,
indem sie ihn zum Aufstehen zu bewegen, sich vergeblich bemühte.
    »O Gabriele!« rief er; »Du weinst um mich! Nach dieser Seligkeit gibts
keine mehr für mich in dieser Welt. Vergieb mir, ich wollte Dich nicht betrüben.
Segne mich und verlasse mich dann, lass mich zur Ruhe gelangen, ich unterliege
dem schweren Kampf, aber ich habe ihn redlich gekämpft.«
    Der Schleier, der bis dahin Gabrielen die Wahrheit verhüllt hatte, fiel bei
diesen Worten Hippolits von ihren Augen. Sein Anblick, die tödtliche Heftigkeit
in seinem Wesen, vereint mit der Erinnerung an tausend bis dahin von ihr
unbeachtete Züge, traten plötzlich als unwiderrufliche Beweise seiner
Leidenschaft vor ihre Seele. Sie gedachte dabei ihrer ersten Jugendzeit, sie
gedachte Ottokars, sie gedachte der eignen frühern Schmerzen, und fühlte
unaussprechliches Mitleid für den vom Unglück nie gebeugten Jüngling, der dem
wilden Kampf gegen ein Geschick zu unterliegen im Begriff war, welches das
sanftre Mädchen in stiller Duldung zu tragen gewusst hatte.
    »Hippolit!« sprach sie mit unendlich weicher Stimme, »Hippolit! wenn es wahr
ist, wenn wirklich ein unseliges Gefühl, dem ich bis jetzt so gern allen Glauben
versagte, Ihre Brust erfüllt, wie war es Ihnen möglich, mich so betrüben zu
wollen? Fiel es Ihnen denn gar nicht ein, was aus mir werden solle, nach solchem
Erleben?«
    Ein Tränenstrom erleichterte jetzt auch Hippolits Brust; ihm war, als lüfte
sich damit ein eisernes Band, das bis dahin sie zusammengepresst hielt. Gabrielen
zu antworten, vermochte er noch nicht, doch er gab nach, da sie abermals ihn
aufzurichten strebte, und setzte sich, ihrem Winke gehorchend, neben sie, auf
die Stufen des Altars. Das Fläschchen blinkte immerfort zu ihrer beiden Füssen.
    Der Heiligkeit des Orts und seinem edlen Sein vertrauend, wendete sich
Gabriele jetzt ganz zu ihm und fasste seine beiden Hände; sie blickte ihn mit dem
vollen Ausdrucke des unendlichen Mitleids, der unsäglichen Besorglichkeit für
ihn an, die in diesem Moment bis zum Zerspringen ihre Brust bewegten.
    »Sie glauben mich zu lieben,« sprach sie. »Ach! was ist Liebe wohl anders,
als der innigste Wunsch, das Geliebte zu beglücken, sei es auch auf Kosten des
Teuersten, was wir in dieser Welt besitzen? Und ist denn dieses irdische Dasein
das Höchste, was wir opfern können? Ist Leben nicht oft so unendlich schwerer
als der Tod?«
    Nach diesen Worten erhob sie sich langsam, bückte sich und fasste das
Fläschchen, obgleich sie schaudernd zusammenfuhr, indem sie es berührte.
Schweigend stand sie einen Moment, das betende Auge fromm zum Altar erhoben, und
es war, als ob sie hiermit wieder die Fassung errungen habe, welche immer zur
Zeit der Not aus ihrem Tun hervorleuchtete. Sie wendete sich mit hohem Ernste
zu Hippoliten und überreichte ihm das Fläschchen.
    »Ich weiss, dass ich dieses jetzt Ihnen anvertrauen darf,« sprach sie; »ich
lege das Glück, die Ruhe meiner künftigen Tage hiemit in Ihre Hände. Und nun
geleiten Sie mich ins Schloss, wir sind beide erschöpft und die Natur fordert
ihre Rechte. Morgen seh ich Sie wieder, morgen soll alles Verworrene sich lösen.
Die Nacht ist düster und schwer, aber die kommende Sonne wird uns Kraft, Mut
und Entschluss in die Seele strahlen.«
    Sie ergriff seine Hand und führte ihn, wie ein Kind, durch die Kapelle zur
Türe hin, die in ihres verstorbnen Vaters Zimmer sich öffnete, und durch die
sie einst, von Ernesto geleitet, zum Traualtar hinwankte. Im Zimmer selbst
harrten ihrer Frau Dalling und Annette.
    »Ich bringe Dir einen Kranken, den ich Deiner sorgsamsten Pflege empfehle,
liebe Dalling,« sprach sie mit der Geistesgegenwart, die sie in schweren
Momenten sich immer zu erhalten wusste. »Mich soll Annette auf mein Zimmer
begleiten, denn auch ich bin der Ruhe höchst bedürftig.« Hierauf wendete sie
sich zu Hippoliten, reichte ihm nochmals die Hand, und blickte mit ihren klaren
treuen Augen ihm Hoffnung und Frieden in das hart verwundete Gemüt. »Gute
Nacht,« sprach sie, »gedenken Sie meiner in Ihrem Gebet, ich werde Ihrer
gedenken. Ich werde den Geist meiner Mutter für Sie anrufen, der an diesem Tage,
an welchem er mich einst verwaist in der Welt zurückliess, gewiss noch
freundlicher als sonst mich umschwebt. Ich werde die Verklärte bitten, dass sie
meinen jungen Freund wie mich, in diesen dunkeln Stunden vor nächtlichem Grauen
und jedem Unheil behüte. Morgen sehen wir uns wieder.«
    Und so schieden sie.
Mit sich allein in der ungestörten Ruhe ihres Zimmers, fühlte Gabriele erst die
zerstörende Gewalt der eben durchlebten erschütternden Stunde. In stiller
Betrachtung, in frommen Gebete hatte sie ganz einsam diesen Tag zugebracht, an
dem vor acht Jahren der erste Schmerz ihr kindliches Gemüt mit
unaussprechlichem Jammer erfüllte. Der verklärte Geist ihrer Mutter war damals
von irdischen Fesseln befreit, zu höherem Leben gerufen worden, und was auch
Gabriele seitdem Trübes und Schmerzliches erfuhr, so hatte doch nichts den
Eindruck dieses ersten Verlustes zu verlöschen vermocht. Immer hatte sie sich
gesehnt, nur einmal noch den Sterbetag ihrer Mutter in den, durch das stille
Walten der Verklärten geheiligten Räumen zu feiern, und der ihr so selten
freundliche Zufall schien diesesmal den frommen Wunsch zu begünstigen. Er liess
gerade auf diesen Tag das glänzende Verlobungsfest eines jungen Paares aus der
Nachbarschaft fallen, und Schloss Aarheim sowohl, als alle Schlösser in der Nähe
standen während der zwei Tage verödet da, die auf Schloss Rotenburg in allen
erdenklichen Lustbarkeiten dem Brautpaar zu Ehren zugebracht wurden.
    Gabriele gehörte nicht zu den Frauen, die mit ihren Empfindungen vor den
Augen der Welt Prunk zu treiben suchen. Still und geheim mochte sie das, was ihr
heilig war, vor jedem kalten fremden Auge gern bewahren. Daher hatte sie gegen
niemanden geäussert, welche ernste Feier an diesem Tage sie von dem
Verlobungsfeste entfernt halten würde. Unter dem Vorwande einer leichten
Unpässlichkeit, ward es ihr im letzten Augenblicke nicht schwer bei Herrn von
Aarheim ihr Zuhausebleiben zu entschuldigen. Von den übrigen der Gesellschaft
ward sie im geräuschvollen Moment der Abreise, wo eine grosse Anzahl Wagen und
Pferde den Hof anfüllten, nicht vermisst. Denn jeder, der sie in seiner Nähe
nicht erblickte, vermutete sie bei den Andern. Auch den zurückgelassenen
Bedienten blieb die Anwesenheit ihrer Herrin verborgen, denn Frau Dalling hatte
sie, um die ungestörte Einsamkeit Gabrielens zu sichern, alle aus dem Schloss zu
entfernen gewusst. Und so herrschte denn an diesem Tage die feierliche Stille
einer Kartause, wo sonst alles vom lebendigsten Treiben der Geselligkeit
wiederhallte.
    Ihrerseits hatte Gabriele, mit sich und ihrem Gemüt beschäftigt, eben so
wenig daran gezweifelt, dass Hippolit mit dem Strome der Gesellschaft nach der
Rotenburg gezogen sei, als sie am vergangnen Abend sein Wegbleiben von der
Gesellschaft bemerkt hatte. Sie war zu gewohnt, ihn völlig als ihren
Hausgenossen zu betrachten, um bei solchen Gelegenheiten mit besondrer Rücksicht
sich seiner zu erinnern, und da an diesem Abend die ungewöhnlich zahlreichen
Gäste an mehreren kleinen Tischen soupirten, so konnte es ihr um so weniger
auffallen, dass sie in ihrer Nähe seiner nicht gewahr ward.
    Um so mehr war es bewundernswert, dass Gabriele das Schrecken, welches sein
Erscheinen in der Kapelle ihr erregen musste, so ertragen konnte, ohne auch nur
für einen Augenblick ihm zu erliegen, besonders da sie sich geistig und
körperlich von der ernsten Feier des Tages höchst angegriffen fühlte. Aus dem
Sterbezimmer ihrer Mutter, wo sie den ganzen Tag zugebracht hatte. war sie erst
gegen Abend, begleitet von der treuen Pflegerin ihrer Kindheit, zu der unter der
Kapelle befindlichen Familiengruft herabgestiegen, um an den Särgen ihrer
Aeltern zu beten, die sich hier der langen Reihe derer ihrer Ahnherren
anschlossen. Den Rückweg nahm sie durch die Kapelle, dort wollte sie noch in
stiller Andacht vor dem Altare harren, bis die Sonne, welche diesem
tränenvollen und hoffnungsseligen Tage geleuchtet hatte, hinter den Felsen sich
neigte; und gerade in dieser Stunde war es, wo Hippolits düstere Erscheinung sie
so gewaltsam zwang, sich der Erde und dem Leben auf ihr wieder zuzuwenden.
    Mitternacht war längst vorüber und noch immer zitterten Schrecken und
Schmerz in den Nerven der armen Gabriele. Vergebens bemühte sie sich, auf das
morgende entscheidende Gespräch mit Hippoliten sich vorzubereiten; es war ihr
unmöglich, irgend etwas darüber zu beschliessen.
    »Wahr und treu und schonend will ich sein, und das Uebrige Dem überlassen,
der heut mich würdigte, wie durch ein Wunder Hippoliten als Retterin vom
Untergange zu erscheinen,« sprach sie endlich sich zum Troste.
    Immer musste sie indessen des Fläschchens noch gedenken und wohin sie auch
die Augen wenden mochte, glaubte sie es sich entgegen blinken zu sehen. Ihr
schauderte davor, und doch konnte sie es nicht lassen, mit Nachdenken und
Forschen sich zu quälen: wo sie es früher gesehen haben könne? Glücklicherweise
ohne Erfolg. Denn hätte sie sich darauf besonnen, dass gerade ein solches
Fläschchen in der Todesstunde ihres Vaters an einer goldnen Kette von seinem
Nacken geöffnet herabhing, so wäre ihr auch mit einemmale die Art seines Todes
klar geworden, und mit dieser Klarheit ein ewig nagender Schmerz in ihr kindlich
frommes Gemüt gedrungen. Vielleicht hatte das Bild dieses Fläschchens sich ihr
in jenem Moment eingeprägt, wo sie von Schmerz, Schrecken und Angst; auch wohl
von dem durch das ganze Zimmer sich verbreitenden betäubenden Duft des
Kirschlorbeers ergriffen, zu den Füssen ihres sterbenden Vaters ohnmächtig
hinsank. Vielleicht war auch die Ahnung einer Vergiftung damals in ihrer Seele
entstanden, war in bewusstlosem Zustande, in welchem sie sich während ihrer,
gleich darauf folgenden langen Krankheit befand, wieder verloschen, und jetzt
durch den Anblick des Fläschchens aufs neue in ihr rege geworden. Vielleicht
aber auch hatte der verklärte Geist, dessen Nähe sie den ganzen Tag über
erfleht, und zu empfinden geglaubt, diese Ahnung ihr in die Seele gegeben, um
Hippoliten zu retten, und ihr das Glück zu gewähren, ihn gerettet zu haben. Wer
vermag es, hier zu entscheiden? und wer, der es könnte, möchte hart genug sein,
diesen frommen Glauben, den Gabriele endlich freudig ergriff, als törichten
Wahn zu verdammen oder zu verspotten?
Hippolits Erwachen aus schwerem betäubendem Schlummer, glich am andern Morgen
dem Erwachen aus Grabesdunkel in einer andern Welt. Die ganze Vergangenheit war
ihm entschwunden und nur in ängstlichen Traumbildern schwebten die zuletzt
verlebten Stunden vor seiner Seele. Als er allmählig zur vollen Besinnung
gelangte, wünschte er nun wieder einzuschlafen, um von neuem alles zu vergessen.
Mit unendlichem Grausen ergriff es ihn, wie alles jetzt so ganz anders sein
könne, hätte nicht Gabriele ihn wunderbar vor sich selbst errettet. Er bebte mit
Entsetzen vor dem geheimnissreichen Schleier der Ewigkeit zurück, den er gestern
im verzweiflungsvollem Erdreisten mit kecker Hand zu lüften im Begriffe stand.
Dann wendete er den Blick zur Erde. Er sah sich selbst bleich, regungslos
erkaltet, entstellt vielleicht zum Unkenntlichen, ein Grausen- nicht Wehmut
erregender Todter, von dem Layen und Geistliche sich fromm bekreuzend den Blick
abwandten. Fern, Allen zum Graus in ungeweihte Erde gebettet, hob kein
beträntes Auge von dem niedrigen Hügel sich mit tröstender Hoffnung gen Himmel.
Freunde und Verwandte konnten nur den Wunsch hegen, ihn sobald als möglich der
Vergessenheit zu übergeben; darum durfte kein Stein mit seinem Namen den Ort
bezeichnen, wo man ihn hinlegte.
    Hippolit hatte den Tod nie gescheut, oft in jugendlichem Unmut ihn herbei
gerufen, wenn das Leben sich in frühern Zeiten seinen Wünschen nicht fügen
wollte. Späterhin war er ihm oft dreist entgegen gegangen, wenn er aus keckem
Übermut, oder um das Lächeln einer schönen Frau, oder wegen ein paar unbedacht
hingeworfener Worte seiner Jugendgesellen das Leben wagte, als wäre es eine
Seifenblase. Doch vor der abschreckenden Gestalt, in welcher der Tod jetzt
seiner Fantasie vorschwebte, konnte er nur schaudernd sich abwenden. Das Blinken
des krystallnen Fläschchens, das noch auf seinem Tische lag, verwundete ihn mit
stechendem Schmerz, und er eilte, es wieder tief und sorgsam zu bewahren, um nur
das Entsetzliche nicht mehr zu sehen. Dann bereitete er sich zu der gewünschten
und gefürchteten Zusammenkunft, die ihm in den nächsten Morgenstunden
bevorstand. Es gelang ihm, eine ruhigere Stimmung zu erringen, und nun begann
er, seiner gestrigen Verzweiflung sich herzlich zu schämen. Wie damals, als er
zwischen den Ruinen der Brandstätte erwacht war, schalt er auch jetzt sich
unmännlich feig, und fühlte mit tiefer Reue, wie grausam und unwürdig er im
Begriff gewesen war, auch Gabrielens Frieden auf immer zu zerstören, den
geringen Anteil häuslichen Glücks, der ihr ward, zu vernichten, und vielleicht
selbst ihre Ehre vor der Welt unheilbar zu verwunden.
    Endlich ward er zu Gabrielen gerufen. Er wagte es nicht, die Augen zu ihr zu
erheben, bis er ihre sanfte rührende Stimme hörte, mit der sie freundlich ihn
begrüsste, nach seinem körperlichen Befinden sich erkundigte. Doch als er sie
anblickte, wär' er beinah in ehrfurchtsvoller Anbetung vor ihr hingesunken. So
glaubte er noch nie sie gesehen zu haben. Hoch und hehr, bei aller gewohnten
Einfachheit, stand sie vor ihm wie eine Königin; ihr Auge stralte in ungewohntem
Glanz, ihre Wange war höher gerötet und alle Züge ihres schönen Gesichts trugen
den Ausdruck festen, wenn gleich durch innre Güte gemilderten Ernstes. Hippolit
fühlte in diesem Moment alle seine Wünsche in Demut und Ergebung untergehen.
Mit einer anmutigen, wenn gleich etwas feierlichen Bewegung der Hand wies sie
ihm seinen Platz ihr gegenüber an, einige Minuten vergingen, und keines von
ihnen sprach ein Wort; doch Gabrielens Fassung überwand gar bald dieses verlegne
Verstummen.
    »Ich habe in vergangner Nacht recht viel, recht besorgt um Sie, Ihrer
gedacht, lieber Hippolit!« sprach sie zu ihm. »Ich möchte so gern dazu
beitragen, Sie in ungetrübtem Jugendmute Ihrem eignen klaren Bewusstsein wieder
zu geben. Dann wäre alles gut. Denn ein düstrer unverstandner Wahn hat
wunderlich Sie betäubt. Sie verkennen sich, die Welt und das Leben. Es wäre wohl
die Pflicht der ältern erfahrneren Freundin, Ihnen wieder zurecht zu helfen,
wüsste ich nur, wo zu beginnen!«
    »O Gabriele! ich bin Ihrer Sorge nicht wert. Gefühle, Leidenschaft,
Erinnerungen, deren Vorstellungen Ihnen ewig fremd bleiben müssen, nagen an mir,
reissen mich hin zu wildem verworrenem Tun; geben Sie mich auf! mir ist nicht
zu helfen;« erwiderte schmerzlich Hippolit.
    »Wie Sie mich betrüben!« rief Gabriele; »nach dem gestrigen Abend« -
    »Erwähnen Sie ihn nicht, aus Mitleid nicht, ich flehe darum,« unterbrach
Hippolit sie in heftiger Bewegung. »Die Hälfte meines Lebens gäbe ich willig, um
ihn zurückzukaufen. Wüssten Sie, welche wunderbare Verknüpfung unendlicher
Zufälligkeiten bis zu diesem Wahnsinn mich trieb! Doch warum mit der trüben
Erzählung Sie behelligen? Vergeben Sie dem Unglücklichen; wenn es möglich ist,
so vergessen Sie. Fürchten Sie nicht Aehnliches von mir, so lange ich meiner
Besinnung mächtig bleibe. Ich werde harren, ich brauche dem Untergange nicht zu
rufen, ich weiss, er wird mich früh genug ereilen.«
    »An diesem Morgen des neugeschenkten Lebens hoffte ich Sie anders gestimmt
zu finden. Doch gebe ich darum die Hoffnung noch nicht auf, Sie besänftigend zum
Bessern zu leiten,« erwiderte Gabriele. »Geduld ist die Pflicht der Frauen und
der Freunde, ich will gern sie üben, aber üben Sie sie auch, lieber Hippolit.
Hören Sie mich an, und ohne Widerstreben, ohne eigenwillig Ihr Gemüt gegen
meine Stimme zu verhärten.«
    Hippolit unterbrach hier zwar Gabrielen mit lauten leidenschaftlichen
Ausrufungen, doch sie achtete dessen nicht. Ein halb bittender, halb befehlender
Blick machte ihn wieder verstummen, und sie fuhr fort zu reden.
    »In meiner Sorge um Sie, in meinem Gebet um Erleuchtung, wie Ihnen zu helfen
wäre, kam mir plötzlich der Gedanke, Ihnen mit meiner Erfahrung zu nützen. Die
Klippen, die ein Freund vor uns bezeichnete, sind leicht vermieden, und der
Sieg, den Andre vor unsern Augen errungen, scheint uns nicht mehr unmöglich.
Darum will ich allen Bedenklichkeiten entsagen, ich will Ihnen vertrauen was ich
noch keinem sterblichen Wesen, so in Worte gefasst, bekannte. Ich gebe Ihnen das
teuerste Geheimnis meines Lebens in der Geschichte meines eignen Herzens. Sie
sehen, ich achte Sie noch, Sie sind mir noch immer wert, was ich kann, gebe ich
Ihnen, Hippolit! und mehr dürfen und werden Sie nicht wünschen,« setzte sie, ihm
freundlich die Hand bietend, hinzu.
    Mit hohem Erröten begann sie nun von jener Zeit zu sprechen, da sie, früh
verwaist, in eine ihr ganz fremde Welt versetzt, mit beklommnen Herzen,
vereinzelt dastand. Doch Blick und Ton wurden immer lebendiger, als sie deren
erwähnte, welche ihr so freundlich entgegen traten, Ernestos, der Frau von
Willnangen und ihrer Auguste. Hippolit, ihr gegenübersitzend, blickte mit
stummen Entzücken in ihr seelenvolles Gesicht, in ihre klaren Augen, die,
während sie sprach, oft mit dem Ausdrucke herzlichen Wohlwollens auf ihm ruhten.
    »Ohne Ansprüche, geliebt zu werden, betrat ich die Welt,« sprach Gabriele,
»doch bereit, mit inniger Liebe zu umfassen, was Liebenswertes und Edles mir
nahen werde. Denn ächte edle Liebe ist die Blüte des Lebens; sie bedarf keiner
Gegenliebe um zu beglücken, sie ist sich selbst ihr eigner hoher Lohn. So hatte
meine Mutter mich gelehrt.«
    Dann erwähnte Gabriele mit glänzenden Augen Ottokars erstes Erscheinen. Ohne
ihn zu nennen, oder sonst auf kenntliche Weise zu bezeichnen, beschrieb sie ihn
wie er ihr damals erschienen war und noch immer in ihrer Erinnerung lebte. Mit
hinreissender Einfachheit und jungfräulichem Erröten bekannte sie, wie sie
zuerst in Demut neben ihm gestanden hatte, und all ihr Wünschen einzig darauf
hinausgegangen war, nur einmal so wie die Andern mit ihm sprechen zu können; wie
sie zuletzt in ihrem Gemüt doch zu der Ueberzeugung gelangt wäre, dass sie
allein zu ihm gehöre, dass nur sie ihn ganz verstehe, obgleich er nie im Gespräch
sich an sie gewendet habe, und wie dies völlig von ihm Uebersehenwerden in
verborgnen, schweigenden Nächten oft schmerzlich von ihr beweint worden sei.
Dann kam sie zur Beschreibung jener einzigen Stunde, die in aller Seligkeit des
Himmels und allem herzzerreissenden Schmerz des Erdenlebens beide auf ewig
vereinte, indem sie für das ganze Erdenleben sie trennte.
    »Und so ist es noch jetzt;« setzte Gabriele nach einem kurzen deutungsvollen
Schweigen hinzu. »Sieben Jahre sind seit jener Stunde vorübergezogen. Wir sind
für dieses Leben so ganz von einander geschieden, dass in all dieser langen Zeit
kein Gruss, kein Blättchen, von uns mit unserm Namen bezeichnet, über die Kluft
hinschwebte, die das Geschick und unser eignes Gefühl des Rechten zwischen uns
zog. Wir sind mit unserm Loose zufrieden. Der irdische Schmerz ist
niedergekämpft und nur die reine Freude, einander gefunden zu haben, ist uns
geblieben. Bei jeder Erdennot, jedem Zweifel, der im Gewühle des Lebens sich an
mich drängt, hebt und hält mich das Bewusstsein, dass er lebt, dass er kein Gebilde
meiner Fantasie ist. Und auch ich - ich bin dessen überzeugt, - auch ich
erscheine ihm zum Trost, wenn er es bedarf. Weiter haben wir für dieses Leben
keine Wünsche mehr, sogar der, einander hier noch einmal wieder zu sehen,
verstummte allmählig. Doch will ich meinem jungen Freunde nicht bergen, dass die
Ruhe, welche jetzt mich beseligt, nur im schweren Kampfe errungen ward.
Hippolit! auch Sie sind zu diesem Kampfe berufen und werden siegen.«
    »Nimmermehr!« rief Hippolit in leidenschaftlichem Schmerz. »Wie könnte ich
je dahin gelangen, wo Gabriele in der Glorie einer Heiligen strahlt! Seliger
Engel! warum bliebst du nicht in deinen Himmeln? Warum musstest du in dieser
entzückenden Gestalt herabschweben, uns zu verderben?«
    »Hippolit! ich wiederhole es, Sie betrüben mich mit diesem wilden
leidenschaftlichen Wesen; Sie ängstigen mich, und es ist wohl besser, ich ende
dieses Gespräch, um schriftlich einen vielleicht günstigern Moment zu treffen,«
sprach Gabriele sehr ernst, als wolle sie aufstehen und das Zimmer verlassen,
doch Hippolits Verzeihung erflehender Blick und sein sichtbares Bestreben, sich
zu mässigen, bewogen sie, noch zu bleiben.
    »Verzeihen Sie mir die Behauptung,« sprach endlich Hippolit, »Gabriele,
schönes engelreines Wesen! was Sie Liebe nennen, ist es nicht. So lieben nicht
sterbliche Menschen; wie Sie jenen namenlosen Glücklichen lieben, so lieben
selige Geister« -
    »So lieben Frauen,« unterbrach ihn Gabriele, und ihrem Augen leuchteten in
verdoppeltem Glanze.
    »Wie gern stimmte ich in kindlicher Demut diesem Ausspruche bei,« rief
Hippolit und wagte errötend kaum, die Augen aufzuschlagen, aber ich darf gegen
Sie nicht falsch sein,« fuhr er fort. »Ich muss es bekennen, ein feindliches
Geschick hat schon früh mich mit der Kehrseite des Lebens bekannt gemacht. Aus
Erfahrung, deren ich jetzt nur in tiefer Beschämung gedenke, weiss ich, wie
einsam Gabriele auf der Höhe steht, die über ihr Geschlecht sie erhebt, wie ohne
alle Ahnung dessen« -
    Ein zürnender Ausruf Gabrielens unterbrach ihn. »Fürchten Sie nichts!« fuhr
er bittend fort; »kein kühn ausgesprochnes Wort soll Sie beleidigen; möge der
Himmel mich noch elender machen, als ich es bin, wenn je die hohe Ehrfurcht mich
verlässt, die in Ihrer Nähe mich immer ergreift. Doch wenn Sie je - wenn jemals -
ach! wie fange ich es an, um Ihnen gegenüber, das was ich denke, was ich fühle,
in Worte zu fassen? Wie soll ich Sie erbitten, es nicht Lästerung zu nennen,
wenn ich bekenne, dass ich jetzt, von Ihrem holden Vertrauen beruhigt, ihn nicht
mehr beneide, dessen nie zuvor geahnetes Dasein schon gestern die Bosheit Ihrer
Feindin und die unbedachte Vertraulichkeit Ihres Freundes mir verrieten. In nie
gefühlten Qualen der Eifersucht jagte es mich in Wahnsinn und Tod.«
    »Sie sollen ihn auch nicht beneiden, Sie sollen neidlos ihm nacheifern, Sie
sind es wert, neben ihm zu stehen,« sprach Gabriele mit begütigendem Tone, doch
Hippolit fuhr fort, wie nachdenkend vor sich hin, weiter zu sprechen.
    »Dies ruhige Gefühl wäre Liebe? Nein, ich wiederhole es, Gabriele hat nie
die Liebe gekannt. O - kennten Sie dieses verzehrende Feuer, dies Wünschen ohne
Namen und Ziel, diese Unmöglichkeit, anders wo zu atmen, als in der Nähe des
Geliebten! - O Gabriele, was soll aus mir werden? Was soll mich schützen vor
Wahnsinn und Verzweiflung?« rief er, von seinem Schmerz aufs neue überwältigt;
»was kann mich retten?«
    »Was auch mich und meinen Freund vor Untergang und Unwürdigkeit schützte,«
erwiderte Gabriele fest und mild. Sie fasste die Hand, mit welcher er im wildem
Unmute sein Gesicht verhüllte. »Blicken Sie mich an,« sprach sie; »glauben Sie,
dass diese Augen nie weinten? Dass nicht auch meine Brust in schlaflosen Nächten
nach Trost, nach Hoffnung, nach Beruhigung schmerzlich rang? dass nicht auch er?
- o Hippolit, ich fordre ja nichts Unmögliches, nur was ich und er auch taten
und trugen.«
    »Entfernung ist Tod!« rief Hippolit, alle Mässigung vergessend, im wilden
Schmerze.
    »Und Sie glauben mich zu lieben? Kennt Liebe denn Trennung? Ist sie nicht
ewige Nähe? Giebt es für sie Raum oder Zeit?« erwiderte ihm Gabriele.
    Lange kämpfte sie mit ihm, erschöpfte Gründe und Bitten, um ihn zu einem
Schritt zu bewegen, den sie im Fall seines unüberwindlichen Widerstandes
entschlossen war, selbst zu tun. Mit der Ueberzeugung von Hippolits wirklich
leidenschaftlicher Liebe war ihr auch die Notwendigkeit klar geworden, ihn aus
ihrer Nähe zu entfernen. Sie fühlte unendliches Mitleid mit ihm in ihrem Herzen,
es betrübte sie unsäglich, ihn wieder ganz allein seiner leidenschaftlichen
Natur überlassen zu müssen, ihn Ratund Hülflos in die ihm so gefährliche Welt
hinauszustossen. Auch dachte sie nicht ohne ein sehr schmerzliches Gefühl für
sich selbst an die Trennung von ihm; sie war seiner Gegenwart so gewohnt worden,
dass sie kaum wusste, wie sie es anfangen solle, um sich von ihm loszureissen. Der
schönste Schmuck ihres jetzigen Lebens ging ihr mit ihm verloren, das konnte sie
sich nicht verhehlen, und gestand es auch ihm, offen und wahr. Ihr Mitgefühl
milderte die Wildheit seines Schmerzes und machte ihn fähig, Bitten und Gründen
seine Aufmerksamkeit zu schenken. Mit der grössten Zarteit lenkte Gabriele auch
seine Blicke auf ihre eigne häusliche Lage, die er nur zu genau kannte, auf die
Gefahr, in welche er in unbedachten Augenblicken sie stürzen könnte, dieses
Schattenbild von häuslicher Ruhe zu verlieren, das sie bisher mühsam erkämpft,
mit unzähligen Opfern sich erhalten hatte. Selbst auf das Urteil der Welt, das
man ehren muss, ohne es achten zu können, machte sie in leisen Andeutungen ihn
aufmerksam. Hippolit war es gewohnt, sie beinahe ohne Worte zu verstehen. Er
konnte sich die Wahrheit dessen nicht verhehlen, was sie ihn mehr erraten liess,
als dass sie es ausgesprochen hätte, und der Gedanke, ihrer Ruhe dies grosse Opfer
zu bringen, ermutigte ihn. Ihre bittenden Blicke besiegten ihn mehr als ihre
Gründe; der gebietenden Herrin hätte er vielleicht noch lange Widerstand
geleistet, der mit ihm fühlenden Freundin musste er nachgeben. Und so gelangte er
denn endlich zu dem Entschlusse, zuerst in Ungarn Freunde und Verwandte zu
besuchen, seine Güter zu bereisen und dann nach Italien zu gehen. In Jahresfrist
sollte er selbst entscheiden, ob er dann siegreich genug aus dem schweren Kampfe
mit seinem Herzen hervorgegangen sei, um zu verdienen, wieder in Gabrielens Nähe
zu leben.
    »Was ich mir und meinem fernen Freunde versagen musste, darf ich Ihnen
erlauben,« sprach sie zu ihm. »Ich bitte Sie sogar, mir wöchentlich zu
schreiben. Ich will an allem teilnehmen, was Ihnen begegnet, und auch Sie
sollen von mir zuweilen Kunde erhalten, obgleich ich nicht versprechen kann,
jeden Ihrer Briefe regelmässig zu beantworten. Der Reisende hat immer leichter
schreiben als der, welcher zu Hause bleibt, doch will ich gern freundlich und
ratend Ihnen auch aus der Ferne die Hand reichen. Uebrigens vertraue ich Ihrem
eignen Gefühle, ich bin gewiss, Sie werden nur schreiben was ich lesen darf; Sie
werden nie mich zwingen, einen Ihrer Briefe ganz unbeantwortet zu lassen, oder
wohl gar alle zuletzt uneröffnet zurücksenden zu müssen. Hippolit wird so das
Gemüt der Frau nicht verwunden, die ihn so gern und freudig ihren Edelknaben
nannte,« setzte Gabriele, lächelnd unter Tränen, hinzu, indem sie ihm
freundlich die Hand reichte, um so den vielleicht zu streng erscheinenden Ernst
zu mildern, mit welchem sie diesen Ausspruch tat.
    Hippolits endlicher Abschied von der hochgeliebten Frau duldet keine
Beschreibung. Schon in der nächsten Stunde sass er auf seinem prächtigen, stolzen
Araber, denn er wollte, nach seinen eignen und Gabrielens Wünschen, die noch am
nehmlichen Abend von der Rotenburg zurückkehrende Gesellschaft vermeiden. Als
er über den Schlosshof sprengte, sah er noch einmal zu Gabrielens Fenster auf;
sie stand da und winkte ihm das letzte Lebewohl zu. Sein Herz zuckte, als wolle
es brechen, da er sie erblickte. Er vermochte es nicht, ihren Gruss zu erwidern,
sondern spornte sein edles Ross so, dass es hoch auf sich bäumte und dann, wie vom
Sturmwind getrieben, mit ihm zum Schlosstor hinaus den steilen Felsweg
hinunterflog. Die ihm am Tore nachsehenden Bedienten schrien alle vor Schrecken
darüber laut auf; Gabriele lauschte bebend am Fenster, bis die Ruhe, mit welcher
sie Alle sich dem Schloss zuwenden sah, sie überzeugte, dass jede Gefahr vorüber
sei und kein Unfall ihren jungen Freund betroffen habe.
    Dann wandte sie sich langsam vom Fenster ab, in stille Trauer und in
wehmütigem Andenken versunken.
Sowohl Gabriele als Hippolit waren gleich bei der Ankunft auf der Rotenburg von
der Gesellschaft vermisst worden, und obgleich Herr von Aarheim seine Gemahlin
durch die ihr plötzlich zugestossne Unpässlichkeit sehr umständlich zu
entschuldigen suchte, so fehlte es dennoch nicht an mannigfaltigen Mutmassungen
über den sonderbaren Zufall, der zugleich auch Hippolits Abwesenheit veranlasst
habe. Eugenia, mehr vielleicht aus Gewohnheit als aus böser Absicht, trug
redlich dazu bei, die Aufmerksamkeit der Gesellschaft so lange als möglich mit
diesem Problem zu beschäftigen; Moritz selbst ward zuletzt dadurch angeregt,
doch da niemand in seinem Beisein ganz verständlich sich auszudrücken wagte, so
begriff er nicht recht, mas man eigentlich meinen mochte, und die ganze
Geschichte machte keinen grossen Eindruck auf ihn. Anders wurde es als er, wenig
Stunden nach Hippolits Abreise, wieder zu Hause angelangt war. Hier vernahm er,
dass sein junger Freund, durch dringende Ursachen bestimmt, plötzlich nach Ungarn
gereist sei, ohne sich vorher bei ihm zu beurlauben. Das halbverstandne
Geflüster und Gezische auf der Rotenburg kam ihm wieder in den Sinn, und
brachte ihn jetzt auf den albernen Gedanken, seine Gemahlin könne aus
wunderlicher Eifersucht den Augenblick benutzt haben, um den einzigen Menschen,
dessen Gesellschaft ihn ergötzte, von ihm zu entfernen. So lächerrlich diese
Vermutung auch war, so ermangelte er doch nicht, Gabrielen deshalb anzuklagen,
und ihr dadurch manche böse Stunde zu machen.
    Der Verlust Hippolits und die Verpflichtung, die Fräulein Schöneck wieder in
die Arme ihrer Mutter zu geleiten, mussten ihm jetzt zum Vorwande dienen, die
Rückreise nach der Residenz zu beschleunigen.
    Ida und Bella gingen mit eben der fröhlichen Erwartung dem Geräusch der
Stadt entgegen, mit der sie auf die romantische Einsamkeit der alten Burg sich
gefreuet hatten. Mit nassem Auge und manchem unterdrückten Seufzer trennte sich
Gabriele von dem geliebten Aufentalte; Moritz hingegen vermaass sich hoch und
teuer in seinem Herzen, die Schwelle des alten verwünschten Schlosses nie
wieder zu betreten; er fand jedoch für gut, diesen Vorsatz nicht laut werden zu
lassen.
    Mit einem sehr unbehaglichen Gefühle, zu welchem die jetzige Gestaltung
ihres häuslichen Verhältnisses nicht wenig beitragen mochte, betrat Gabriele in
der Residenz abermals die gewohnte Bahn im geselligen Leben der grossen Welt. Nie
war ihr diese freudenarmer und uninteressanter erschienen, und dennoch durfte
sie ihr, um ihres Gemahls willen, nicht entsagen. Letzterer ward mit jedem Tage
mürrischer und unleidlicher. Gegen die Freude an Gabrielens glänzender
Erscheinung in der Welt, hatte die Zeit ihn abgestumpft; er bildete sich nicht
mehr ein, die Bewunderung, welche sie überall erregte, mit ihr zu teilen, und
sein ewiges Ausposaunen ihrer Vortrefflichkeit quälte sie nicht, wie wohl
ehemals. Dafür machte ihn aber die fürchterlichste Langeweile zum
unerträglichsten Gesellschafter, bis er durch irgend eine schnell aufgefasste
Lieblingsidee wieder angeregt und in Tätigkeit gesetzt ward. Doch als er diese
endlich am Spieltisch gefunden hatte, gewährte sie ihm nur neue Anreizung zum
ärgerlichsten Missmute. Sein Verlust an demselben konnte bei seinem grossen
Vermögen zwar nicht in Anschlag gebracht werden, aber leider bildete er sich
ein, das Geheimnis erfunden zu haben, den Gang des Spiels im Voraus aus
mancherlei Nebenumständen berechnen zu können, und das öftere Misslingen seiner
mühsamen Kalkulazionen versetzte ihn beinahe an jedem Abende in den
allerwiderwärtigsten Humor.
    Der Briefwechsel mit ihren entfernten Freunden gewährte Gabrielen wenig
Erheiterung ihres jetzigen trüben Lebens. Ernesto liess aus Italien selten von
sich hören, und Frau von Willnangen mit ihrer Auguste waren selbst des Trostes
bedürftig. Denn der General fand für gut, Adelberten noch immer entfernt zu
halten, und beide Frauen führten auf dem Lande, in Sehnsucht und banger
Erwartung, ein sehr einförmiges Leben. Gabriele hatte ihrer Freundin die
Ereignisse nicht mitgeteilt, welche Hippolits Entfernung aus ihrer Nähe
herbeiführten, denn sie achtete sich nicht berechtigt, das Geheimnis ihres
Freundes ohne Not zu verraten. Indessen hatte sich doch eine Art Zwang in den
Briefwechsel der Freundinnen durch dieses Verschweigen eingeschlichen, den beide
fühlten, ohne sich ihn zu gestehen. Stille Trauer über den Jüngling, den sie
gezwungen hinaus in die Verbannung gestossen, waltete noch immer in Gabrielens
Gemüt; überall vermisste sie ihn, und seine Briefe, eigentlich das Tagebuch
seines Lebens, waren fast die einzige Unterbrechung ihres bis zum Überdruss
einförmigen Umhertreibens mitten im Geräusche.
»Ich muss fort,« schrieb Hippolit Gabrielen, wenige Wochen nach seiner Ankunft im
Vaterlande, »ich muss fort, ich halte es so nicht länger aus. Ruhe zu hoffen,
wäre lächerrlich; so will ich denn Betäubung suchen. Betäubung andrer Art als mir
die glänzenden Feste, die grossen Jagdpartien geben, welche meine Verwandten mir
zu Ehren hier anstellen. Wenn sich Abends, von unzähligen Fackeln beleuchtet,
unsere oft aus zwanzig und mehr Wagen bestehenden Karavanen von dem Schloss
eines Verwandten, wo wir einige Tage oder Wochen lang hauseten, zu dem Gute
eines andern begeben, wo wir uns wieder im nehmlichen Kreise von Lustbarkeiten
umherzutreiben gedenken, dann kommt mir unser Zug, dem die Landleute bewundernd
nachstaunen, oft wie ein prächtiges Leichenbegängnis vor. Ich hörte einmal ein
altes einfaches Lied singen, sein Anfang war:«
»Mein Herz, das ist begraben,
Tief und gar weit von hier«
Mein Gedächtnis hat von dem Liede nichts aufbewahrt als diese wenigen Worte,
aber ich kann sie nicht wieder los werden. Oft möchte ich meine Verwunderung
laut darüber ausdrücken, dass man so viel Umstände mit mir macht, um mich zu
ergötzen, aber die guten Leute wissen nicht, dass es eben sowohl Scheinlebende
als Scheintodte gibt. Sie ahnen nicht, dass ich mit kalter, hohler Brust unter
ihnen herumwandle, weil ich ohngefähr eben so aussehe wie alle andere Menschen,
aber - Mein Herz, das ist begraben tief und gar weit von hier!
    Eine freudige Regung, einen Strahl jugendlichen Lebens, hat mir denn doch
das Wiedersehen, oder ich sollte lieber sagen, das Widerfinden, eines ehemaligen
Jugendgefährten hier gewährt. Auf einer jener glänzenden Familienreisen führte
unser Weg dicht neben dem Schloss meines Oheims vorbei, dem ich als ein
Unmündiger vom sterbenden Vater anvertraut ward, und der mich zum Lohne dieses
Vertrauens für einen der Familie aufgedrungnen Bastard erklären lassen wollte,
um mein reiches Erbteil seinem eignen Sohne zuzuwenden. Seit einem halben Jahre
ist der Oheim todt, aber ich mochte selbst den Ort nicht wiedersehen, wo er mit
heuchlerischer Freundlichkeit mich umfing, und mich Sohn nannte, während er im
Herzen den Plan, mich zu verderben, umhertrug.
    Sein Sohn, mein ehemaliger Spielgefährte, bewohnt jetzt das Gut, ich schlug
indessen das Frühstück aus, das uns bei ihm erwartete, und bestand darauf,
weiter zu fahren. Ich mochte die Brut des heuchlerischen Alten nicht sehen, die
durch meinen Raub hatte bereichert werden sollen, und äusserte dieses ganz
unverholen. Heute früh stand Vetter Max vor mir in meinem eignen Zimmer, ehe ich
mich dessen versah, und bot mir die Hand zur Versöhnung. Ein einziger Blick in
sein ehrliches, treuherziges Gesicht entwaffnete mich, und nun höre und sehe ich
zu meiner unsäglichen Beschämung, was Max alles für mich getan hat. Selbst mit
Vernachlässigung seiner eignen Geschäfte, hat er Tag und Nacht nur dahin
getrachtet, die Ordnung auf meinen Gütern wieder herzustellen; und dass ich,
unerachtet der sinnlosen Verschwendung meiner frühern Jugend, dennoch jetzt weit
reicher bin als ich es je zu sein glaubte, verdanke ich einzig ihm.
    Schweigt davon nur ganz stille, antwortete mir der gute Max, als ich meinem
Danke Worte geben wollte, ich tat wohl etwas um Euch, mehr aber noch um des
Vaters willen. Ich meine, wenn ich jetzt gut zu machen versuche, was er schlecht
machen wollte, so soll das seiner armen Seele vielleicht besser frommen als
etliche Dutzend Seelenmessen, die wir indessen auch nicht versäumen. Euch aber,
Vetter! wenn ich Euch wirklich einen Gefallen tat, bitte ich übrigens, da Ihr
doch meines Vaters nicht im Guten gedenken könnt, so tut mir die Liebe, und
denkt gar nicht an ihn. Er war doch mein Vater und hatte mich lieb, zu lieb; und
das mag leicht sein grösster Fehler gewesen sein.
    Morgen soll ich ganz allein mit Max herüber reiten, seine Frau und sein Kind
zu sehen, er ist einige Jahre älter als ich und schon Hausvater.«
                                                   Am Abend des folgenden Tages.
»Maxens Kind heisst Gabriele! Gabriele, rief ich, Gabriele! und riss das kleine
zweijährige Mädchen vom Arme der Mutter, so wie sie es mir genannt hatte. Ich
konnte es nicht lassen, ich bedeckte es mit tausend glühenden Küssen, es
streckte die Aermchen nach mir aus, es lächelte mich an, es wollte mich
liebkosen und ich - Nein ich darf in diesem Momente nicht weiter schreiben -
Gabriele! Gabriele! welch ein Zauber liegt in diesem Namen! Er ruft den Himmel
und die Hölle in meinem Busen wach.«
                                               Einige Wochen später geschrieben.
»Max ruhte nicht, ich musste ihm hieher folgen, zum uralten hochgetürmten Sitze
meiner Ahnen, am Fusse der Karpaten. Er meinte: wo ich eigentlich zu Hause sei
und hingehöre, müsse doch endlich jener Trübsinn weichen, der in meiner Nähe
sogar ihn, den immer Lebensfrohen, wie ein böser Geist ergreift, und ihn oft so
seltsam beängstigt, dass er das Vorgefühl einer nahen schweren Krankheit zu
empfinden glaubt. Und dennoch will der gute treue Freund nicht von mir lassen;
mag er denn immerhin meinen einstweiligen Aufentalt wählen; ich bin froh,
dieser Mühe überhoben zu sein, ich gebe mich seiner Leitung hin, und um so
lieber, da ich, mit ihm allein, endlich einmal freier atmen kann.
    Ehegestern langten wir ziemlich spät gegen Abend hier an. Aus Hütten und
Bauerhöfen strömte Jung und Alt uns schon auf dem Wege entgegen, mit Kränzen,
mit grünen Zweigen, und endlosen gutgemeinten lateinischen Reden. Hörner und
Trompeten lärmten dazwischen, und der Wiederhall aus den nahen Bergen sandte uns
das luftige Losknallen der Feuergewehre, zum fernen Donner umgewandelt, zurück.
    Max suchte mit seelenvergnügter Erwartung Freude über seine wohlgetroffnen
Anstalten in meinen Augen zu lesen, während die trostloseste Erinnerung an
unsern Einzug in Schloss Aarheim mir das Herz zerriss.
    An unsern Einzug! Gabriele! an unsern! Wie war es möglich, dass dieser
Ausdruck jetzt mir entschlüpfen konnte? Unser! Die Seligkeit des Himmels umfasste
sonst für mich dies kleine Wort, ich suchte tausendfältige Gelegenheit, es
auszusprechen. Jetzt ists damit vorbei! Ich darf ja mit Gabrielen nichts mehr
gemein haben als das Tageslicht. Doch still davon.
    Ich stand denn ehegestern eine ziemliche Weile unter den hohen Bäumen vor
dem Schloss und war himmelweit von allen jenen Regungen entfernt, die Max in
mir zu wecken gehofft hatte. Noch nie hatte ich so verwaist mich gefühlt als
eben hier, in dem von meinen Vätern mir vererbten Eigentume; noch nie war es
mir so schwer aufs Herz gefallen, wie ich doch nirgend und zu niemanden mehr
hingehöre, seit der Stern meines Lebens mir nicht mehr leuchtet.
    Alle diese Menschen blicken hoffend zu mir auf, alle dünken sich, zu mir zu
gehören, sie sind bereit, ihr Wünschen und Klagen und Bitten mir zu vertrauen,
und ich will gern geben was ich kann; doch das, was sie eigentlich und mit Recht
von mir fordern, vermag ich doch nicht, ihnen zu gewähren. Ich stehe, in Sitte,
Kleidung und Sprache ein Fremder, in meinem Vaterlande mitten unter meinem
Volke.
    Warum liess mein Vater den mutterlosen Knaben nicht hier aufwachsen in diesen
alten Mauern, unter diesen Menschen, die so grosse Ansprüche an ihn haben? Ich
wäre dann einfachen Sinnes und doch treu und brav, wie mein Vetter Max; ich
nähme, wie er, das Leben arglos hin, ohne grosse Ansprüche, wie es gerade käme.
Es stände dann gewiss viel besser um meine Ruhe, und doch ergreift mich ein
Schauder, wie vor dem Gedanken ewiger Vernichtung, wenn ich es mir recht
ausmale, wie es mit mir sein könnte, wenn Gabriele mir nicht erschienen wäre,
wenn Kunst, Wissen und jeder verfeinerte Schmuck des Lebens für mich gar nicht
existirten, wenn ich, versunken in farblose Apatie, so hinlebte von einem Tage
zum andern, und die Jahre über mir hinrollten, ohne dass ich es anders als an
meinen ergrauenden Haaren gewahr würde. Nein! nein! ich will fühlen, dass ich
bin, sei es auch nur durch den Schmerz! Doch zurück zu meiner Erzählung unsrer
Ankunft. Sie wollen ja, ich soll erzählen.
    Immer peinlicher ward das beängstende Gefühl, das unter meinen jubelnden
Untertanen mich ergriffen hatte. Immer unmöglicher ward es mir, ihrer Freude,
die mit jedem Augenblicke lauter sich aussprach, wenigstens auf halbem Wege zu
begegnen. Ich weiss was ich gesollt hätte; ich fühlte recht gut, welche
Erwiderung die rührende Anhänglichkeit dieser Menschen, wenn auch nur an meinem,
durch die Zeit ihnen heilig gewordnen Namen, von mir fordern durfte, und doch
fürchte ich, teure Gabriele, ich fürchte, ich habe mich nicht benommen wie ich
sollte. Ich konnte es nicht, weder mich zu freuen, noch Freude zu heucheln
vermag ich, und so kam es denn wohl nicht ohne mein Zutun, dass das muntre
Getöse um mich her allmählig verstummte. Alles begann nach und nach, sich mit
scheuem Blick, mit unsicherm Verneigen aus meiner Nähe zurück zu ziehen und
endlich sich zu zerstreuen, ehe noch völlige Dämmerung eintrat.
    Max hat recht ernstlich mein Benehmen getadelt; ich stand beschämt vor ihm
und wusste zuletzt nur körperliches Uebelbefinden zu meiner Entschuldigung
anzuführen. Er meint es so gut, und obgleich er mich oft eigensinnig schilt, ist
doch sein Herz voll Mitleid mit mir; aber wie könnte er je Wunden schonend
behandeln, deren Möglichkeit er nie begreifen wird. Ich bat ihn also nur, bei
einem Feste, das ich allen meinen Untertanen zu geben Willens bin, mich als
Wirt zu vertreten. Dies stellte die treue Seele völlig zufrieden, nur musste ich
ihm noch versprechen, dabei zu erscheinen, sei es auch nur auf wenige Minuten.
    Morgen also. Von Morgen an wird laute Freude drei Tage lang unten durch die
weiten Hallen meiner Burg tosend dröhnen. Für mich hoffe ich indessen ein
stilles Plätzchen zu finden, wohin kein Ton von dorter dringen kann, wo ich
allein sein mag mit meinen lieben Gedanken an ehemals, an Gabrielen.
»Sie tanzen, sie singen, sie lachen; wie das ferne Brausen des Meeres, tönt es
selbst zu dem kleinen runden Eckturm herüber, in welchen ich mich vor alle dem
Lärmen geflüchtet habe. Ist das Freude? Die ungebändigste Lustigkeit eines
Bauerngelages, so wie die ausgesuchtesten Feste der vornehmen Welt, was sind sie
im Grunde anders als Schlachtmusik, die der arme Mensch sich macht, um nur nicht
zu sehen und zu hören, wie der vernichtende Arm der Zeit die Sichel führt.«
»Schon beim ersten Eintritte in dieses Schloss kam alles so bekannt mir vor. Das
altmodisch gestickte goldne Laubwerk auf den schweren rotsammtnen Gardinen
meines Bettes, die vergoldeten Löwenköpfe, welche meinen Schreibtisch tragen,
die hohen geschnitzten Stühle, die kolossalen unbeweglichen Tische. Mir war, als
hätte ich vor langer Zeit das alles schon gesehen, und doch hatte ich dieses
Schloss kaum jemals nennen gehört; mein Vater besuchte es nie, so lange ich
denken konnte, obgleich es unser Stammhaus ist. Von Unruhe getrieben, durchzog
ich heute die lange Reihe unbewohnter Zimmer, die noch in ihrer altertümlichen
verbleichenden Pracht genau so wie schon vor hundert Jahren dastehen. Ein grosser
Saal am Ende derselben hielt mich endlich fest. Von seinen Wänden schienen die
Bilder meiner Vorfahren aus ihren breiten kunstreich geschnitzten Rahmen auf
mich, den letzten trüben Sohn ihres Stammes, mitleidig herabzublicken, und ich
betrachtete sie der Reihe nach. Zuletzt stand ich beim Bilde meines Vaters
still, sein trauriges Alter und die Tage meiner, nicht freudiger bei ihm
verlebten Kindheit traten mir vor die Seele. Ich versank in immer tieferes
Sinnen, so, dass ich über die Stimme des alten Kastellans wirklich zusammenfuhr,
der, von mir unbemerkt hereingetreten war.
    Er ist ein alter fast kindischer Greis, der hier, wo er sein ganzes Leben
hinbrachte, in spielender Geschäftigkeit den Tod erwartet. Mit der Redseligkeit
des Alters begann er, mir die Geschichte aller Feste und grossen Jagden, welche
er zu meines Grossvaters Zeiten hier erlebt hatte, herzuerzählen, bis ich, um ihn
zu unterbrechen, nach einem Bilde fragte, von dessen Existenz der leere Raum
neben dem meines Vaters zeugte, und das augenscheinlich aus der Reihe
weggenommen war. Der Alte wiegte bedächtig das schneeweisse Haupt, ich hab's
gerettet, flüsterte er mir endlich zu und öffnete dann eine verborgne
Tapetentüre in einer Ecke des Saals. Beklemmend schlug mir die schwüle
eingeschlossne Luft das wohl seit vielen Jahren nicht geöffneten dunkeln Zimmers
entgegen, doch trat ich hinein, eigentlich ohne Neugier und ohne zu wissen
warum. Der Alte öffnete die Fensterladen und ich sah mich in dem Kabinette einer
Dame aus der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. Auf dem mit Spitzen auf
verblichner rosenfarbner Seide umkleideten Nachttische schimmerten noch die
silbernen mit getriebner Arbeit gezierten Putzkästchen; ein dicht zugezogner
Schleier von altmodischen Spizzen verhüllte den kleinen ebenfalls in silberne
Schnörkel eingefassten Spiegel und seitwärts stand eine reich mit Perlmutter und
Elfenbein geschmückte Wiege, auf deren seidner Decke wohl längst zerfallne Hände
mit mühsamer Kunst eine Grafenkrone gestickt hatten.
    In ganz eigner Bewegung betrachtete ich die kleine Schlafstätte und die
prunkenden Anstalten, welche Mutterliebe und Eitelkeit zum Empfange des
hülflosen kleinen Erdenbürgers hier getroffen hatten, den das Schicksal
späterhin wohl schwerlich wieder so weich gebettet haben wird, ehe er zu jener
Ruhestätte gelangte, die der spanische Dichter die zweite umgekehrte Wiege
nennt, und die uns noch tiefern ruhigern Schlaf verheisst. Der Alte machte mich
jetzt auf das über der Wiege hängende Bild einer jugendlich schönen Frau
aufmerksam. Sie lächelte mit so bekannten Zügen mich an, dass ich den Blick nicht
wieder zu wenden vermochte. Plötzlich fiel es wie ein Schleier mir von den
Augen, ich stand vor dem Bilde meiner Mutter, ich erkannte dies Kabinett, in
welchem ich, ein glückliches Kind, bis in mein fünftes Jahr neben ihrem dicht
daranstossenden Zimmer gewohnt habe. Ich bin in diesem Schloss geboren, teure
Gabriele, ich wusste es nur nicht, aber der Greis sagte es mir jetzt. Es war
meine Wiege an der ich stand, in der auch mein Vater, vielleicht mein Grossvater
einst ruhten; denn seit einem Jahrhundert wenigstens ist hier nichts verändert
worden. Die Morgensonne meines Lebens ging mir plötzlich wieder auf und
leuchtete um mich her, so klar, dass ich alles, was mich umgab, in ihrem rosigen
Abglanz wieder erkannte. Ich blickte auf zum Bilde meiner Mutter, in ihren Augen
schienen mir jetzt Tränen zu glänzen, wie in jener Nacht, da ich, halb erweckt
von ihren heissen Küssen, sie weinen sah und mit ihr weinend, wieder einschlief.
Am Morgen nach dieser Nacht, erwachte ich das erstemal zum Schmerz der Trennung,
der bängsten Sehnsucht nach einem geliebten entschwundnen Wesen.
    Die Fenster des Kabinetts gehen in einen kleinen Nebenhof; ich erkannte
jetzt auch in ihm die Stelle, wo vor beinahe zwanzig Jahren der Wagen hielt, in
welchen ich von ganz fremden Leuten getragen ward und dann still weinend und,
bänglich neben dem ernsten schweigenden Vater sitzend, von allen Freuden meiner
Kindheit Abschied nahm. Ich habe seit jener Nacht meine Mutter nicht wieder
gesehen, nie hat man wieder mit mir von ihr gesprochen, und die unglückliche
Ursache unsrer Trennung ist mir nie recht deutlich geworden. Ich weinte lange
der Mutter nach, endlich vergass ich sie doch nach Kinderart. Die Liebe blieb
aber dennoch in meinem Herzen, und hielt ihr Bild darin fest; darum erkannte ich
es in dem Gemälde gleich wieder, so wie dieses mir vor die Augen trat. Es ist
das Einzige was von ihr übrig ist. Dank sei es dem alten treuen Kastellan, der
es heimlich gerettet. Alle andere sie darstellenden Gemälde, die sich im
Schloss befanden, wurden nach der Entdeckung ihrer Flucht von uns, auf Befehl
meines erzürnten Vaters verbrannt. Der Unglückliche! Das Eine Bild in seinem
Herzen vermochte er doch nicht zu vertilgen, das wie ein unheilbringender Dämon
ihn überall hin verfolgte, alle seine Tage trübte, ihn in Lebenshass und
Bitterkeit erstarren liess. War es Schuld meiner Mutter, oder ihr Unstern, der
hier vorwaltete? Fern von mir sei es, hierüber forschen zu wollen. Sie hat mich
einst geliebt, sie hat um mich geweint, dies genügt meinem Herzen. Ich beziehe
noch heut mein ehemaliges Kabinett, vielleicht senkt in der Wohnung meiner
harmlosen Kindheit sich mir ein Strahl ehemaligen Friedens wieder in das wunde
Herz.«
»Es ist vergebens. Auch hier, wo ich zuerst atmete, wohnt für mich keine Ruhe!
Gabriele, hörten Sie je das Mährchen von jenem Unglückseligen erzählen, der seit
langen Jahrhunderten rastlos umher wandert, ohne den Tod zu finden, von den
Menschen geflohen, in deren Mitte auch ihm grimmiges Schauern erkältend bis tief
in das innerste Herz dringt und dem müden Fusse keine Ruhestätte gönnt? Ich
dachte lange nicht mehr daran, aber hier, in diesem Zimmer, wo ich als Kind mit
ängstlichem Behagen darauf horchte, und es mir immer wieder und wieder erzählen
liess, hier fällt es mir oft recht grausenhaft ein. Von jeher dünkte mir das
Geschick dieses Rastlosen ganz über allen Ausdruck entsetzlich, und nun wandre
auch ich so ohne Ruhe und Rast, und wohin ich mich wende, verstöre auch ich
jedes glückliche Geschöpf. Lachen und Freude verstummen im Dorfe, so wie ich
mich zeige; meine Bedienten schleichen leise wie Gespenster um mich her, wenn
ihr Dienst oder der Zufall sie in meine Nähe bringt; die alten Leute, welche
meinen Grossvater, der stets hier gewohnt, noch gekannt haben, sehen meiner
bleichen trüben Gestalt bedenklich nach, und flüstern einander mitleidige
Bemerkungen, oder abenteuerliche Vermutungen über mich zu, wenn sie bei meinen
einsamen Spaziergängen mir begegnen. Glauben Sie mir es, Gabriele, ich möchte
gern Ihrem Willen folgen, ich möchte mich wenigstens zwingen, auszusehen, als
nähme ich das Leben wie andre Leute tun; doch kann ich dafür, dass alles, was
ich ergreifen müsste, um zu sein, wie jene, mir so schaal, so abgeschmackt
vorkommt?«
»Jede Not und jede Freude, jede Tugend und jedes Vergehen der Bewohner meiner
Herrschaft, während der ganzen Zeit dass diese mein ist, möchte Max mir jetzt ans
Herz legen, und quält mich dabei unaufhörlich, zu entscheiden, ob ich mit dieser
oder jener seiner Einrichtungen zufrieden sei. Dazu wimmelt das Schloss von
Nachbarn und Verwandten, die Max zwar allein besucht hat, weil er mit aller
freundlichen Gewalt, die er über mich übt, es doch nicht vermochte mich mit sich
zehn Meilen in die Runde umher zu schleppen. Doch da er mein Hiersein nicht
verschweigen konnte, hat er mein Nichtkommen durch den üblen Zustand meiner
Gesundheit zu entschuldigen gesucht, und nun strömt alles in freundlicher
Teilnahme herbei, den Kranken zu besuchen. Fremde, nie gesehne Gestalten
umschwärmen mich, deren Namen ich zu meiner grossen Beschämung alle Augenblicke
verwechsele, und die doch durch Bande der Verwandtschaft oder des früheren nahen
Umgangs mit meinen Eltern, bedeutende Ansprüche an mein Vertrauen und meine Zeit
zu haben glauben. Nein, wenn es denn so sein muss, wenn ich denn im Geräusche
leben soll, so will ich es doch lieber in einer grossen lebensreichen Stadt, wo
ich mitten im Getümmel mit meinem tiefen Herzeleid einsam und unbeachtet
dastehen kann, und niemand fragt: was fehlt Dir? warum blickst Du so trübe? Ich
folge den Einladungen meiner Verwandten, ich ziehe mit ihnen in ihren gewohnten
Winter-Aufentalt. - Und wenn ich nun dort sein werde, was denn?«
    Aus Hippolits Briefen auf der Reise durch Deutschland nach der Schweiz.
»Die Sonne geht auf, die Tage sind so lang. Gottlob! sage ich Abends, nun wird
es Nacht, aber die Nacht frommt mir nicht, denn nur die Glücklichen schlafen.
Vor der Morgenröte wecke ich meinen Bedienten, das ganze Haus kommt in Allarm,
Pferde müssen herbeigeschaft werden, ein Kourier vorauf, ich habe Eile, fort!
fort! nur immer rasch vorwärts. Aber wohin? Die Wege, das Wetter sind
entsetzlich, aber nur fort, und wohin? Weiss ich es denn? Gabriele! musste es denn
sein? mussten Sie mich denn verbannen?
    Ich will nicht klagen, ich unterwerfe mich Ihrem Willen, und wenn ich nur
den Gedanken so recht innig, so recht lebendig zu fassen vermag, dass ich durch
diese Unterwerfung vielleicht Ihnen einige trübe Minuten erspare, dann segne ich
mein Elend.
    Ja, unsre Altväter hatten Recht, welche die Fremde das Elend nannten, das
fühle ich. Ich bin in der Fremde; ausgestossen aus meiner süssen Heimat, zu der
ich nie wiederkehren werde! und wie elend!«
»Nun habe ich es erjagt! Ich habe Ihren Brief noch nicht gelesen, ich kann das
Siegel nicht brechen, ich muss Ihnen erst danken; ich habe sie, ich halte sie,
die unschätzbaren Züge, die Gabrielens Hand für mich niederschrieb. Dieses
Papier hat sie berührt, ihr Atem wehte drüber hin, ihr Auge ruhte darauf; nein
ich kann noch nicht lesen, das Gefühl dieser Seligkeit duldet es nicht.«
»Ich wusste, dass ich hier das einzige Glück meines jetzigen Lebens zu finden
hoffen durfte, ich warf mich auf das schnellste meiner Pferde, die ich
vorausgeschickt hatte, so wie ich die wohl bekannten Türme von *** erblickte.
So sprengte ich zum Tor hinein, die Strasse hinauf vor das Postaus; ich kenne
die Stadt noch von vorigen Zeiten her. Am Ziel ergriff es mich mit tödtlicher
Angst als wäre kein Brief an mich da. Eiseskälte in allen Gliedern, vermochte
ich es kaum, eine Karte mit meinem Namen aus meinem Taschenbuch zu nehmen und
hinzureichen. Da - da - o Gabriele! ich erkannte gleich das rosenfarbne Kuvert.
Segen über Sie, tausendfältigen, dass Sie es wählten! Welche Masse von Seligkeit
ruft dieses gefärbte Papier mir zurück! Es war Regenwetter gewesen, mehrere Tage
lang, und Ida und Bella und ich, wir mussten artig sein und uns neben Ihnen
sitzend mit nützlichem Fleisse beschäftigen. Ich Ungeschickter, ich konnte nichts
brauchbares hervorbringen als diese Briefkuverts, und ward von den Mädchen
verhöhnt, von Ihnen in Schutz genommen, und, o Gabriele! Sie haben die armen
bunten Papierschnizzelchen nicht verworfen, Sie haben sie mit sich genommen, und
nun fliegt eines davon zu mir herüber, von Ihnen gesandt, ein stummer Bote des
Friedens und des Entzückens.
    Ihr Brief ist ernst, er ist mehr als das, würde ich sagen, durchwehte ihn
nicht bei aller anscheinender Strenge die himmlische Güte und Milde, die Sie
niemalen verlässt. Ich hätte bei meinen Verwandten noch verweilen, ich hätte
überall im Winter nicht reisen sollen! so war Ihr Wille. Teure Gabriele! hätte
ich ihn gekannt, ich hätte ihn erfüllt und wäre ich auch zu Grunde darüber
gegangen. So habe ich in meiner Unwissenheit von meinem Gefühl mich hinreissen
lassen und wäre untröstlich, ohne die Ueberzeugung, dass Sie mir selbst würden
geheissen haben fortzureisen, wenn Sie mich und meine Umgebungen in der Nähe
gesehen hätten. Nein! mit diesem wunden Herzen konnte Gabriele ihren armen
Edelknaben nicht in den wildesten Strudel der Faschingslustbarkeiten stürzen
wollen; nicht in jenes Tosen, wo der Schmerz am einsamsten sich fühlt, wo alle
Wunden bluten, mit glühenden Krallen unnennbares Weh uns packt und hält und
nicht loslässt, und fremdes Lachen um uns zum Larvenartigen Grinsen wird, das uns
in stummer Angst von Ort zu Ort treibt, aus wüsten Träumen uns wach schmettert,
bis der fürchterliche Kontrast zwischen Aussen und Innen uns zu wahnsinnigem Tun
treibt, in welchem wir Betäubung suchen, weil es keine Ruhe mehr auf Erden
gibt.«
»Gottlob! der Winter ist überlebt, die Bäume knospen, die Natur erwacht! Alte
liebe Bekannte suchen den armen Verbannten auch in der Fremde auf; die
Nachtigallen singen mir auch hier den einen, einen Namen zu, der alle Harmonie
der Welt in seinen süssen Tönen vereint. Und die Pappeln! sie wiegen die grünlich
goldigen Häupter hoch in der blauen Luft, und flüstern mit einander, wie jene am
Bassin im kleinen Gärtchen - o Gabriele, Gabriele, wie selig und wie elend macht
mich Erinnerung! - Verzeihung, ich wage keine Sylbe mehr. Aber zu Fusse will ich
ganz allein die Schweiz durchstreifen, fortwandern, bis ich Abends in
todtähnlicher Ermüdung hinsinke, und mir im betäubenden Schlummer vielleicht
Vergessenheit wird auf wenige Stunden. So will ich das Ziel meiner Verbannung
erreichen; Sie wollen es; es sei! Das Meer und mächtige Ströme und himmelhohe
Alpen sollen zwischen uns treten, ich soll sogar der Luft des Landes entsagen,
in dem Sie atmen und leben, sogar den mir so lieb gewordenen Tönen Ihrer
Sprache. Es sei! Aber Gabriele, es hilft Ihnen nichts! Nachts leuchten mir und
Ihnen dieselben Sterne, und wenn ich die Augen schliesse, stehen zwei dunkele,
blitzende Sonnen vor mir, und strahlen mild und warm mir bis ins innerste Herz.
Sehnsucht spottet des Meers und der Ströme und der Alpen, und zaubert ein
unaussprechlich anmutiges Bild auf allen meinen Wegen mir vor. Freilich
schwindet es bald wieder, und ach! in welche dunkle hoffnungslose Nacht!«
                           Aus Konstanz am Bodensee.
»Mir war diesen Morgen so still, so ruhig zu Mute; aller Jammer der Welt schien
sich mir in sanfte Liebesklage auflösen zu wollen. Gewiss, teure Gabriele, auch
Sie erlebten solche Stunden, wo jeder Schmerz eine Zeitlang verstummt, wo es wie
Feiertag in uns wird und wir beschwichtiget und still in immer lieberes Träumen
versinken. So lag auch ich heute früh in eine Ecke meines Wagens gedrückt;
rollte viele Stunden weit über Berg und Tal, ich weiss selbst nicht wie lange,
aber ich mochte mich nicht regen; es war, als ob flüsternde Engelstimmchen mir
leise zusängen: Bleibe still, sieh dich nicht um, öffne die Augen nicht; draussen
steht der Schmerz, drum bleibe in dir selbst verhüllt.
    Endlich hielt der Wagen. Mag er immerhin halten, dachte ich, und strebte in
meiner süssen Abgeschiedenheit von der Aussenwelt zu verharren, aber die
überlauten bewundernden Ausrufungen meines Kammerdieners rissen mich wider
Willen auf. Ich blickte um mich her, und fand mich zu meinem Erstaunen nur in
den allergewöhnlichsten Umgebungen, mitten auf dem Marktplatze eines kleinen
schwäbischen Landstädtchens. Verdrüsslich sprang ich zum Wagen heraus, ging
einige Schritte vorwärts, und glaubte nun von neuem zu träumen, denn eine
Zauberwelt, wie durch Feengunst mir aufgeschlossen, lag blühend und duftend im
Morgenrote vor meinen geblendeten Augen. Die ganze unabsehbare Reihe der hohen
Schweizer-Gebürge bis zu den Tyroler-Alpen hinauf, stand in schimmernder Ferne
vor mir, gleich himmelstürmenden Riesengebilden, in einen weiten feierlichen
Halbkreis geordnet. Ihr Diadem aus ewigem Eise strahlte hell im Sonnenglanz zu
mir herüber, während der Morgenschein noch die niedrigen Felsengipfel rötete.
An den Seiten der Berge, wo sie den menschlichen Wohnungen sich zuneigen,
glaubte ich sogar die grünen Alpenmatten zu entdecken, so nahe schienen mir mit
einemmale die Wunder jenes Landes entgegengerückt, dem Ihr Wollen mich zusendet.
In Andacht und Bewunderung verloren, ward mir, als wandle ich in einem heiligen
Tempel. Gabriele, ich war recht fromm in dieser Stunde, ich dachte Sie und mich
und meine stille trübe Zukunft. Die Brust ward mir weit in hoher Zuversicht auf
Den, dessen mächtige Hand diese Berge pflanzte und hält. Ich fühlte Mut und
Kraft in mir sich neu beleben, und war in dem Momente gerüstet, jeder Bestimmung
meines Lebens hoffend und vertrauensvoll entgegen zu treten, sei sie auch
düstere Verborgenheit und ewiges Schweigen.
    O Gabriele, warum konnte diese Stimmung meines Gemüts nicht dauernd
bleiben? warum musste sie verschwinden wie der Tau der Wiese vor der höher
steigenden Sonne? Ach! nichts ist dauernd und treu als der Schmerz und die
Sehnsucht, das fühle ich mehr und mehr mit jedem Tage!
    Ich war allmählig in ein offenstehendes duftendes Blütengärtchen seitwärts,
dicht neben der Stadt, hineingeraten, ich wusste selbst nicht wie. Von hier aus
übersah ich ganz das tiefe tiefe Tal, das zwischen mir und jenen glänzenden
Titanen-Gestalten noch eine weite Kluft bildete. Und welch ein Tal ist dies!
Gleich einem herrlich glänzenden Kleinode schimmerte zwischen Wald, Obstainen
und Weinbergen der prächtige Bodensee zu mir herauf, überall blitzten im
Sonnenschein Städtchen, Klöster, Dörfer, einzelne Wohnungen durch das üppigste
Grün. Nie und nirgend sah ich so das Anmutigste neben dem Erhabnen im
zauberhaften Verein, als hier in dem fast unbekannten Städtchen Heiligenberg.
    Rechts dicht neben demselben tront ein ansehnliches weit in die Ferne hin
leuchtendes Schloss, auf hohem, fast senkrecht aus der Tiefe aufsteigendem
Felsen; es steht unbewohnt da, der Eigentümer desselben sucht die Freude in
London oder Rom oder Paris, genug in der weiten Welt, wo sie so selten sich
treffen lässt. O Gabriele, hier mit einem einzigen geliebten Wesen zu wohnen,
einsam wie die Götter, im Angesicht aller dieser Pracht! Mir schwindelt und die
Sinne vergehen mir, wenn ich mir recht ausmale, wie das sein müsste. Und wenn ich
mir denke, dass ein solches Leben möglich ist, dass es vielleicht schon einmal
hier, an dieser nehmlichen Stelle heimisch war! Nein diese Last von Seligkeit
wäre doch zu viel für ein sterbliches Dasein, nur in Verzweiflung würde es
enden, denn was kann der Himmel unserem beschränkten Geiste Höheres verheissen
nach einem solchen Leben auf Erden? Was könnte über solches Scheiden trösten?
    Unten am Ufer des Sees gestaltete sich alles zur höchsten idyllischen
Anmut, was oben so herrlich, so prachtvoll mir erschienen war. In einem
kleinen, von einem einzigen Fischerknaben geführten Nachen schiffte ich einsam
über dem Wasser hin, und überliess meinen Leuten die lärmende Sorge für das
Herüberbringen der Pferde und Wagen. Der See war spiegelglatt, nur hie und da
tauchten einzelne Wellen auf, spielten ein paar Sekunden lang im Sonnenschein,
und verschwanden dann schnell wieder. Die Insel Meinau, das Ziel meiner
Schifffahrt, schwamm bald in dem grünen Frühlingsschmuck ganz nahe vor mir auf
der silberhellen Flut; das kleine Eiland liegt so still vertraut im leuchtenden
See, und in immer lichterer Klarheit schwebte Gabrielens schönes Bild vor mir
hin auf den Wogen! Ich glaubte in seliger Wehmut zu vergehen.
    Plötzlich sang es hell und wunderfremd über mir in der Luft, und halb
flatternd, halb taumelnd sank ein Vögelchen mit müden, hängenden Flügeln zu
meinen Füssen in den Kahn hin. Ich nahm das arme kleine Geschöpf auf, zu meiner
Verwunderung war es ein Kanarienvogel, zahm und furchtlos wie Ihr kleiner
Liebling, Gabriele, der mir so oft den guten Morgen entgegen sang. Damals! ach
damals! - Hat auch Dich der Ausflug in die fremde Welt schon ermüdet, und Du
sehnst Dich zurück in die warme Heimat? fragte ich ihn. Das arme Ding neigte
das Köpfchen zur Seite, und blickte so klug aus den schwarzen Korallenäuglein
mich an, als verstände es mich. Wir haben ein langes Gespräch mit einander
geführt; Ihr Edelknabe, teure Gabriele, war wieder einmal recht kindisch, aber
ich weiss, Sie schelten ihn deshalb nicht.
    Wir landeten an der Insel und ich wendete mich, den kleinen Reisegefährten
auf der Hand, den nahen schattenden Bäumen zu; da regte er sich, zwitscherte und
flog plötzlich auf und davon. Ich blickte besorgt ihm nach und sah jetzt alle
Zweige von unzähligen Vögeln seiner Art belebt; sie hatten ihre Nester dort
erbaut und waren völlig wie daheim; leider zerstörte ungebeten ein
vorübergehendes Mädchen die schöne Illusion des Augenblicks, die mich in andre
Zonen versetzte. Sie erzählte mir: die Vögel würden Winters in einem nahen Hause
verpflegt, zur Sommerzeit aber liesse man sie frei auf der Insel herumfliegen, da
ihre schwachen Flügel es doch nicht vermöchten, sie über den breiten See der
Insel fortzutragen. Ich blickte nach dieser Erläuterung mit wahrer Betrübnis die
armen kleinen Fremdlinge an, die in ihrer Beschränkteit die ganze Welt sich zu
Gebote wähnen. Ach Gabriele, ist es denn mit uns anders? Auch uns halten
unsichtbare Bande, und wehe uns, wenn wir den kühnen Flug über sie hinaus wagen
wollen. Mit gelähmtem Fittig sinken auch wir dann nur zu bald dem lauernden
Abgrunde zu, wenn nicht ein seltnes Wunder bei Zeiten uns rettet, wie jenen
armen Vogel, den ein glücklicher Zufall über meinen Nachen wegführte.
    Ich wandelte immer weiter und vermied sorgsam die menschlichen Wohnungen
dieses kleinen Eilandes. Die hellen Mauern des Schlosses, einer ehemaligen
Komturei des Malteserordens, schimmerten noch durch die Bäume; ich wandte mich
ab. Lange war mir es nicht sowohl ums Herz gewesen! An der, meinem
Landungsplatze entgegengesetzten Seite der Insel warf ich mich ins hohe
Ufergras. Niedern Wellen gleich, schlug es über mich zusammen, ich sah nicht
Himmel, nicht Erde, nur grüne dichte Dämmerung um mich, und leise schlich es
über den Wellen zu meinem Ohr heran, wie fernes Hörnertönen. Ich lauschte ihm
mit stillem Entzücken.
    O Gabriele, da ward dies Tönen immer lauter und lauter. Und Lachen und
helles Jauchzen und kurzes, abgerissnes Singen scholl dazwischen. Ich sah auf.
Eine ganze Flotte von Kähnen zeigte sich dicht neben meinem Ruheplätzchen, fast
schon im Begriffe, zu landen. Es war ein hochzeitlicher Zug, gewiss, gewiss, ich
erkannte den Nachen, der die Braut trug, an den Blumenkränzen, die ihn
schmückten, an den bunten fliegenden Wimpeln. Ich sah sie selbst, Arm in Arm mit
dem Geliebten.
    Da erwachte der Schmerz und riss mich fort, wie die Furien von Orest. Ich
floh gemartert, verwildert vor den freudigen Tönen. In furchtsamer Hast, als
folge das Verderben mir auf den Fersen nach, suchte ich nach einem Auswege, um
dem Anblicke der Glücklichen zu entkommen; ich fand ihn, in einer Entfernung von
wenigen Schritten, wo ein sehr langer schwankender Stieg mich über den dort
schmäleren See zum festen Lande führte. Dort folgte ich dem ersten Wege, der
sich mir bot. Nur fort! nur fort! weiter dachte ich nichts, aber kalte Tränen
der Verzweiflung füllten mein Auge. So gelangte ich nach Konstanz, ohne es zu
wollen oder zu wissen.
    Gabriele, Sie behaupteten einst, dass der Schmerz edlere Naturen noch mehr
veredelt und erhebt, sie noch milder und gütiger macht, und wer, der Sie und ihr
Geschick kennt, möchte daran zweifeln! Warum denn, o warum musste mich der
Anblick jener Beglückten so schmerzlich verletzen? Warum jenen Ingrimm in mir
erregen, den der gefangene Verbrecher fühlt, wenn er aus dem Gitterfenster
seines kalten Kerkers auf die Glücklichen schaut, die in der warmen, blühenden
Welt in Freiheit sich ergehen? Neid, Hass, und alles diesem Verwandte waren
meinem Herzen sonst so fremd! O Gabriele, soll ich auch noch mich verlieren, da
ich alles verloren habe was mich beglückte? Ich flehe, lassen Sie mich nicht in
mir selbst untergehen; Sie retteten mich von einem furchtbaren Abgrund, lassen
Sie mich jetzt nicht wieder sinken, wahrlich nur die Gewissheit, dass Sie Ihre
Hand nicht ganz von mir abziehen, dass Sie mich noch Ihrer Sorge wert achten,
kann mich noch oben erhalten.
    Düster und einsam sitze ich jetzt in dieser düstern öden Stadt. Ich bin noch
einmal an den See hinausgegangen, ich blickte hinüber zu jenen jetzt in Nebel
verhüllten Bergen, die diesen Morgen mir im Sonnenstrahl so freudig entgegen
glänzten. Jetzt konnte ich sie nur als die Scheidewand betrachten, die sich, von
morgen an, zwischen mir und dem glücklichen Lande erhebt, wo Gabriele atmet.
Morgen ergreife ich den Wanderstab, die Schweiz zu durchziehen. Auf einem andern
Wege soll mein Wagen mir folgen, ich gehe zu Fuss. Die Entfernung zwischen mir
und Ihnen wächst von nun an mir fühlbarer, mit jedem Schritte, den ich tue. Ich
könnte darüber verzweiflen, doch ich befolge auf das Pünktlichste Ihren Willen;
der Gedanke daran ist ja alles was mir übrig blieb. Selbst in dem Schmerze, der
mir die Seele zerreisst, finde ich eine wilde Freude, denn Sie waren es, Sie
Gabriele! die ihn mir auferlegte.«
                                Auf der Grimsel.
»Ich stand heut, wo die Aar die dunkeln Wellen von grässlicher Höhe hinabstürzt.
Felsen und Tannen erbeben rings umher, die Axe der Erde schien unter mir sich
dröhnend umzuwälzen. Wie der Eingang zur Hölle, so schwarz und fürchterlich
gähnt der entsetzliche Schlund am Fusse des Felsen, der die in Schaum, in Staub
aufgelöste tobende Wassermasse aufnimmt. Von noch höherer senkrechter Höhe
stürzt sich der Erlebach der Aar nach, rasch wie die Verzweiflung hinab, hinab
in den nehmlichen Abgrund, den er, in Miriaden schimmernder Tropfen zertrümmert,
zuletzt erreicht. Den Kampf der Fluten dort unten verhüllen Dampfwolken jedem
sterblichen Auge, aber tausendstimmige Donner verkünden ihn laut den zitternden
Felsen rings umher. Ergrimmt fasst der mächtige Strom endlich den überwundnen
Bach und schleudert in rasender Wut die weissen Wogen wieder hinaus aus seiner
Grotte, an die gegenüberstehende Felsenwand und höher hinauf den Wolken zu. Sie
zerstäuben und sinken in ewigen Nebeldämpfen nieder, gepeitscht vom heulenden
Sturm, der nie ablässt, hier zu wüten. Das laute ängstliche Geschrei meiner
Führer, da ich, vielleicht ein wenig zu verwegen, auf den überhängenden Felsen
hinkletterte, verhallte in diesem Aufruhr der Natur, gleich dem Zirpen einer
Heuschrecke. Anbetend, wortlos, sank ich hin; ich ein Atom, ein Nichts in
diesen, alle Sinne betäubenden Schrecknissen; und doch fühlte ich, selbst
Angesichts ihrer, Kraft und Mut im glühenden Herzen, mich überselig, gleich
jenem neidenswerten Edelknaben, von dem des Dichters unsterbliches Lied uns
singt, hinabzustürzen, und, wie er, den grässlichen Kampf auf Tod und Leben mit
dem empörten Element dort in der Tiefe zu bestehen, würde nur auch mir der hohe
Preis geboten, den zu erringen, jener endlich unterging.«
                                  Aus Mailand.
»Ein Strahl des Trostes ist mir hier geworden, hier wo ich ihn nimmer erwartet
hätte. Ich bin nicht mehr so ganz verlassen, allein, denn ich höre Gabrielens
geliebten Namen auch von andern Lippen als den meinigen.
    Noch einmal, an dem zu meiner Abreise von hier bestimmten Tage, suchte ich
das Dominikaner-Kloster neben der Kirche S. Maria delle Grazie auf; ich wollte
von Leonardos Meisterwerk den letzten Abschied nehmen, wie von einem Freunde;
eigentlich war er mir der einzige, den ich hier hatte und der mit jedem Tage mir
immer lieber ward. Ich fliehe in meiner jetzigen Stimmung jede nähere
Bekanntschaft mit Menschen; das zwecklose unteilnehmende Umhertreiben in ihrer
Mitte verletzt mich auf tausendfache Weise, und ist mir entsetzlich. Aber im
stillen Gebiete der freien Natur, im noch stilleren der Kunst, da finde ich
Vertraute, und von der stummen Leinwand, von der verblichnen, durch Kerzendampf
geschwärzten Wand, blickt es oft tröstend mich an. Dann dünkt es mich, als
umwehe mich mit lindem Fittig der stille Geist in seinem Heiligtum, der einst
hier schaffend waltete, und darüber eine Welt voll Unruhe und Entbehrung gern
vergass; als hauche er mir Ergebung und höheres Hoffen in die wild bewegte Brust.
Ach! und wie oft sehe ich mit Entzücken auch von der Leinwand einzelne Züge des
Bildes mir entgegenstrahlen, was in unerreichbaren Farben ewig vor meinem innern
Sinne schwebt!
    Diessmal fand ich das Refektorium der guten Mönche nicht unbesucht wie ich es
gehofft und gewünscht; ein junger Mensch sass vor dem wundervollen Bilde des
heiligen Abendmahls, ämsig bemüht, seiner Mappe eine Kontur desselben
einzuverleiben. Nun ist mir aber nichts verhasster, als wenn ich dem ängstlichen,
nüchternen Streben zusehen muss, das, was mich erhebt, begeistert, entzückt,
schwarz auf weiss nach Hause zu tragen, damit man es sicher bei der Hand habe,
und es sich haushälterisch auftrocknen und aufbewahren könne zu künftigem
beliebigem Gebrauch. Mag meine, jede Anstrengung hassende Ungeduld, die Sie so
oft an mir tadelten, Schuld daran sein und mich ungerecht machen, ich muss es
doch bekennen, mich ärgert es immer, wenn die Herren und Damen, denen ich auf
Reisen begegne, vor den hohen Wundern der Natur, wo sie anbeten oder doch
wenigstens geniessen sollten, sich mit einem Blättchen Papier und einem Stückchen
Kreide zurecht setzen, um schülerhaft zu krizeln, was sie in jedem Bilderladen
tausendmal besser kaufen können, als ihre arme Kunst es hervorzubringen vermag.
Auch begreife ich nie, wie der vom ächten Geiste belebte Schüler der Kunst
dadurch zum Künstler gebildet werden soll, dass er die Linien, welche die längst
in Staub versunkne Hand des hohen Meisters einst zog, mühsam nachzuzirkeln sich
abmüht. Mir dünkt, es wäre ihm geratner, wenn er das Ganze im Geist aufzufassen
strebte, dann demütig und doch freudig nach Hause ginge, und im Gefühl der
Schöpferkraft, die dem reich begabten Menschen von der Gotteit gegeben ward,
selbst versuchte, jenen hohen Vorbildern sich zu nahen, ohne knechtisch sie
nachzuahmen.
    Voll von diesem Gefühl, und dazu halb ärgerlich, hier nicht, wie ich es
gehofft hatte, allein zu sein, näherte ich mich dem Zeichnenden, und sah
ziemlich verächtlich, ich will es nur gestehen, ihm über die Schulter auf seine
Zeichnung. Eigentlich war ich nicht übel geneigt, meinem Verdrusse beim
mindesten Anlasse dazu Luft zu machen, als ich ihn deutsch reden hörte mit
seinem neben ihm stehenden Begleiter, einem ältlichen Manne von edler
einnehmenden Gestalt, den ich jetzt erst bemerkte.
    Seid doch froh, sprach dieser zu dem jungen Künstler, der sich wohl über den
leider wirklich sehr traurigen Zustand des Gemäldes beklagt haben mochte, seid
doch froh, dass die Zeichnung und die Anordnung des Ganzen uns erhalten ward;
haltet euch an den Geist des Schöpfers, der ja noch immer hier in seinem
edelsten Werke waltet, wenn gleich das Körperliche desselben fast nicht minder
dahin geschwunden ist, als die Hand, die es schuf. O wie fällt alle Farbenpracht
weg, gegen dieses alte edle schmucklose Werk! Nie und nirgend ausser Rafael hat
einer diese Einfalt des Herzens mit der hohen apostolischen Würde so zu einen
gewusst! setzte er halblaut hinzu, in tiefe Betrachtung des Gemäldes verloren.
Nach einer kleinen Pause redete er weiter, nicht vor sich, nicht zu uns,
gleichsam nur laut denkend, wie man wohl auch laut liest, was uns entzückt, wenn
gleich niemand uns zuhört. Er sprach von der glücklichen Wahl des dargestellten
Augenblicks der Handlung, durch welche die Einförmigkeit der Anordnung von
dreizehn Personen hinter einer langen Tafel glücklich und schicklich vermieden
ward. Mild, mit ruhigem Ernst spricht der Herr das bedeutende schwere Wort:
Einer von denen, so mit mir sind, wird mich verraten! Er sieht vor sich nieder,
um keinen seiner Jünger mit dem Blicke zufällig zu bezeichnen, aber alle fahren,
wie von einem Wetterstrahl getroffen, bei diesem Ausspruch ihres Meisters in die
Höhe, alle werden in Handlung gesetzt, einige der von ihm am entferntesten
Sitzenden suchen sich ihm zu nähern und bilden so die mannigfaltigsten Gruppen.
Gesicht, Stellung, Geberde bezeugen die Reinheit und Unschuld eines jeden unter
ihnen, doch, nur mit sich beschäftigt, bemerkt keiner den wilden trüben Blick
des schreckhaft zurückfahrenden Judas. Nur dem dicht hinter diesem sitzenden
Apostel scheint ein vorahnender Gedanke wie ein Blitz durch die Seele zu fahren.
    Je länger der Fremde so sprach, je mehr fühlte ich von ihm mich angezogen.
Ich wagte es endlich, ihm einiges zu erwidern und so gelang es mir, ein Gespräch
mit ihm anzuknüpfen. Von einem Apostel zum andern übergehend, gab er mir in
wenigen treffenden Worten eine kurze Charakteristik eines jeden derselben. Nie
zuvor habe ich jemanden über ein Kunstwerk und über die Kunst selbst so klar, so
bedeutsam, und, bei so tiefer Kenntnis, so anspruchslos reden gehört. Immer
lebendiger stieg in mir eine freudige wenn gleich dunkle Ahnung auf, er kam mir
so bekannt vor, mir war, als sei in ihm ein alter lang entbehrter Freund mir
begegnet, von dem ich nichts vergessen hatte als den Namen. Nennt ihn Ihr Herz
Ihnen nicht Gabriele? Der immerfort ämsig Zeichnende nannte ihn endlich,
obgleich er deutsch mit ihm sprach: Signor Ernesto.
    Mit einem lauten Freudenschrei hätte ich mich gern in seine Arme gedrängt,
als ich mit diesem Namen ihn nennen hörte, doch bei aller Freundlichkeit liegt
in seinem klugen dunkelblauen Auge, in einem scharfen Zuge seines Mundes,
besonders wenn er halblächelnd spricht, etwas, das gebietet, in seiner Gegenwart
sich zu bemeistern. Und so nahm ich mich denn zusammen, zog mein Taschenbuch
hervor und überreichte ihm die Karte, mit welcher Ihre Güte mich für den Fall
eines Zusammentreffens mit ihm ausrüstete. O Gabriele! wie hängt alles ewig an
Ihnen, was einmal Sie erkannte! Hätten Sie den freudigen Strahl gesehen, der
über das Gesicht des strengen ernsten Mannes sich verbreitete, während er die
wenigen von Ihrer Hand an ihn gerichteten Zeilen las! Es war als ob ein heller
Abglanz Ihrer eignen Anmut von der kleinen Karte ausginge und die scharf
gezognen Züge des würdigen, von Silberlocken umgebnen Antlitzes verklärte.
    Als sei auch ihm ein längst vermisster Liebling seines Herzens unverhofft
wiedergekehrt, so freudig begrüsste Ernesto mich nun. Er ergriff meinen Arm,
beurlaubte sich leichtin von dem Zeichnenden, mit dem er, wie ich jetzt sah, in
keiner genauern Verbindung stand, und begleitete mich in meinen Gastof, wo
sogleich die Pferde wieder abgesagt und alle Anstalten zum längern Verweilen in
Mailand getroffen wurden.
    Mir traten die Tränen ins Auge, als er mit mir allein auf meinem Zimmer
sich nun recht teilnehmend nach Plan und Zweck meiner jetzigen Reise zu
erkundigen begann; freilich nicht eher, als bis er mich über Sie, Ihr Leben,
Ihre nähern Verhältnisse, Ihre Gesundheit, Ihr Aussehen recht inquisitorisch
abgehört hatte. So väterlich wie er, hat noch keiner zu mir gesprochen; stets
war ich Elternlos, von meiner ersten Jugend an, wenn gleich nicht verwaiset
durch den Tod. In diesem Augenblick fühlte ich recht lebendig, welch ein Glück
ich so lange entbehrte, ohne je es gekannt zu haben. Mein Herz schloss sich auf
im wahrhaft kindlichen Vertrauen zu dem weiseren, wohlmeinenden Freunde. Sie
werden es verzeihen, Gabriele, Sie müssen es verzeihen, wenn, indem ich von
Ihnen sprach, Auge und Ton ihm vielleicht mehr als meine Worte gestanden. Wie
wäre es möglich gewesen, diesen hellen Blick zu täuschen, der mir fühlbar bis in
das tiefste Herz drang! Seit langen Monden zum erstenmal hörte ich Ihren Namen,
und wie? o Gabriele! Wie ward er ausgesprochen! Jedes Wort Ernestos war der
Nachhall meines eignen Gefühls.
    Noch hatte ich keine Stunde mit ihm verlebt, als ich schon vor der
Möglichkeit zu zittern begann, dass er, den ich nie wieder zu lassen sehnlichst
wünschte, vielleicht auf der Rückreise wäre, nach Deutschland, zu Ihnen -
Gabriele, zu Ihnen! Doch meine Furcht war vergebens, das zeigte sich bald. Ein
bedeutendes Geschäft, das er für einen Freund hier abzumachen versprach, hatte
ihn nach Mailand geführt; es war jetzt vollendet und er im Begriffe nach Florenz
zu gehen, wo er den grössten Teil des Sommers zu verleben gedachte.
    Nun habe ich mir ihn gewonnen. Ich habe mich fest an ihn geklammert, und er
stösst mich nicht zurück, denn Gabrielens Name ist der Talisman, der ihn mir
verbindet.
    Langsam will er mit mir noch einmal Italien durchziehen, vielleicht wandern
wir bis Syrakus ehe er mir Rom zeigt. Wahrscheinlich komme ich erst im folgenden
Jahre dortin, gegen die Zeit der grossen kirchlichen Feste, welche die Ostertage
herbeiführen.
    So habe ich denn wieder eine Bestimmung, der ich entgegen gehe. Ernesto
leitet mich wie er will, er nimmt meiner sich an, weil ich von Ihnen gesendet
ihm scheine. Er hängt an Ihnen mit Jünglingsfeuer und somit auch an allem, was
nur auf die entfernteste Weise Ihnen angehört. Wie besorgt ist er um Ihr Wohl!
So wie die seine, denke ich mir die Liebe eines Schutzgeistes. Er ist ein
seltner Mensch, aber trüge er auch keine Spur seines hohen, ungewöhnlichen
Wertes, so müsste ich dennoch seinen Schritten folgen, denn ich kann mit ihm von
Gabrielen sprechen und fürchte weder Hohn noch Missverstehen.«
                                  Aus Florenz.
»Nun weiss ich, wie es dem Schweizer ist, den, fern vom geliebten Vaterlande, ein
Ton aus seinen heimatlichen Bergen traf und alle Qualen des Heimwehs über ihn
rief! Ich stand an Ernestos Seite im Garten des Pallastes Boboli, oben auf der
höchsten Terrasse. Die Sonne ging unter; als wäre der Aetna umgestürzt und
schütte alle seine Gluten aus, so flammte es in Westen und zwischen diesem
Abendgolde und dem Aeterblau prangte der Horizont im herrlichsten
durchsichtigen Grün, wie ich noch nie es sah. Die fernen Appeninen glühten
dunkel-violet zu uns herüber, zu unsern Füssen glänzte die Stadt, das Schloss, der
Garten und das ganze reiche herrliche Tal, welches der Arno durchströmt, alles
wie verklärt im Lichte der brennenden Himmelspracht. Nur einen solchen Abend
hier an Ihrer Seite! ich konnte den Wunsch dem Freunde nicht verhehlen, er
teilte ihn mit mir, und ein liebes beruhigendes Gespräch, das nach Schloss
Aarheim uns versetzte, hatte sich zwischen uns beiden entsponnen, als plötzlich
der Ton Ihrer Stimme, Ihrer Stimme, Gabriele, mein Ohr traf. Was ich rief, was
ich tat, weiss ich nicht, nur dass Ernesto mich beim Arm ergriff und sehr ernst
mich zur Ruhe ermahnte. Dies brachte mich wieder in leidliche äussre Fassung,
obgleich ich seine Worte nur halb verstand.
    Eine Gesellschaft Herren und Damen, lustwandelnd wie wir, näherte sich uns
vom Pavillon her unter lautem Lachen und Gespräch, und immer tönte noch der
Klang der süssen Stimme in ihrer Mitte. Ich zitterte, und als ich aufmerksamer
hinblickte, glaubte ich zu vergehen. Sie waren es, Sie selbst, Gabriele, Sie
traten hervor, Sie eilten auf uns zu. Signor Ernesto! riefen Sie in so bekanntem
Ton! und doch waren Sie es nicht. Nein! wo hatte ich meine Augen gehabt? Sobald
man die Gestalt genauer betrachtete, war ausser dem Ton der Sprache kein Zug von
Aehnlichkeit zwischen Ihnen und der blendendschönen Frau, die jetzt dicht vor
mir stand. Diese dunkle Lockenpracht, dies weitgeöffnete hohe blaue Auge voller
Blitze, wie verschieden von der lichten Strahlenglorie, die Gabrielens schönes
Haupt umwallt, von dem sanften Mondlicht der frommen braunen Augen, die, gleich
lieben freundlichen Sternen, süssberuhigend uns leuchten? Und dennoch hatte diese
Ihnen so ganz entfremdete Erscheinung auch etwas in ihren Bewegungen, dem ich
unverwendeten Blicks zusehen musste, weil es eben wie der Ton ihrer Stimme mir
Gabrielen vor die Sinne zauberte. Es zog mich an und stiess mich zurück,
entzückte und betrübte mich, hundertmal in wenigen Minuten.
    Nachdem die Dame ziemlich lange mit Ernesto geplaudert, und ich weiss nicht,
welche Vernachlässigungen ihm mit scherzhaftem Tone vorgeworfen hatte, wandte
sie den fragenden Blick mir zu und Ernesto konnte es nun nicht vermeiden, mich
ihr vorzustellen. Er tat es mit einer Art von Verlegenheit, die ich bis jetzt
noch nie an ihm bemerkt hatte und ich mir nicht zu erklären weiss. Nach
italienischer Sitte nannte er sie mir nur Signora Aurelia und erst da wir wieder
allein waren, erfuhr ich, dass sie die Tochter der Gräfin Rosenberg und Ihnen
nahe verwandt sei. So war mir denn der Zauber der Aehnlichkeit zwischen ihnen
beiden durch dieses Familienband erklärt. Ihre Kusine ist im Begriffe, mit einer
englischen Familie eine Reise nach Griechenland anzutreten, weil ihr in Italien
das Klima nicht zusagt. Ihr Gemahl lebt in Rom. »Haben Sie ihn jemals gesehen?
Ernesto vermeidet von ihm zu sprechen; es muss eine eigne Bewandtnis mit diesem
Menschen haben.«
»Was Ernesto durch Gründe, Bitten, Zureden nicht erhalten konnte, hat Aurelia
ohne ein Wort darüber zu verlieren bewirkt. Ich gehe wieder in die Welt, die ich
ewig meiden wollte, besuche Soiréen, Akademien, Konversaziones; denn nur da kann
ich ungestört in irgend einem Winkel sitzend, mich mit verschlossnen Augen der
süssesten Täuschung hingeben, während Aurelia zu den Andern spricht. Ihr selbst
mich zu nahen, vermeide ich soviel ich es schicklicher Weise kann, weil sie
stets von Gabrielen mit mir sprechen will. Letztin hat sie einen ganzen Abend
hindurch mich über Sie ausgefragt. Ausgefragt, das ist das rechte Wort - für
dieses neugierige, unteilnehmende Auskundschaften. Mir war dabei zu Mute, als
spräche jene Eugenia, die einst mit ähnlichen Redensarten mich dem Abgrunde
entgegentrieb, von welchem nur die Hand eines Engels mich retten konnte.
    Und doch hat diese Aurelia eine gewisse, mir so liebe Art, den Kopf ein
wenig vorzubeugen und dann seitwärts aufzublicken! Im Gespräch hebt sie oft die
zarte wunderschöne Hand, deren gleichen es nur noch einmal in der Welt gibt,
und regt die rosigen Fingerchen so, dass ich nicht müde werden kann, ihr
zuzusehen. Oft höre ich ihrer Stimme zu, und strenge mich an, auf ihre Worte
nicht zu merken, dann träume ich mir, ein böser Zauber habe Gabrielen in diese
Gestalt gebannt, und die Zeit desselben wäre nun um; ich blicke auf zu ihr und
bei jeder Ihnen abgestohlnen Bewegung wähne ich, jetzt müsse die fremde Gestalt
verschwinden und meine Sonne mir aufgehen.«
»Was man so in der Welt liebenswürdig nennt, ist diese Aurelia, sobald sie es
sein will, in hohem Grade. Zu ihrer Ehre sei es gesagt, dass dieses oft der Fall
ist, und doch gibt es Momente, in welchen sie mir sogar hassenswert vorkommt,
weil sie nicht Gabriele ist und sich doch unterfängt, ihr ähnlich zu scheinen.
Dann graust mir vor ihr, wie vor einem Leben heuchelnden Wachsbilde.
    Aber ist es nicht wunderbar, dass Ernesto, ausser der Stimme, welche er
allenfalls noch zugibt, mir jede weitre Aehnlichkeit Aureliens mit Ihnen
durchaus abläugnet? Er sucht sogar, und oft ziemlich auffallend mich von ihr
fern zu halten, als fürchte er für mich in ihrer gefährlichen Nähe. Ahnet er
denn gar nicht, dass es nur der Schatten von Gabrielens Schatten ist, was zu ihr
mich zieht?«
          Aus gleichzeitigen Briefen Ernestos an Frau von Willnangen.
»Ich weiss es, teure Freundin! Sie lachen über meine Bedenklichkeiten und
Besorgnisse, aber ich lasse es mir gefallen und gebe ohne Widerstreben Ihrem
gutmütigen Spotte mich Preis, wenn ich nur nach gewohnter Art Ihnen vertrauen
darf, was Herz und Sinne mir trübt. Und dies ist jetzt Aureliens blendendschöne
Erscheinung, ungeachtet ihres zuvorkommenden Betragens gegen mich, und des
schmeichelnden Klanges ihrer Worte. Ich kann mich nun einmal des peinlichsten
Gefühls in ihrer Nähe nicht erwehren, und seit ein Zufall, den ich durchaus
boshaft und unheilbrütend nennen muss, uns hier in Florenz ihr entgegen warf,
habe ich innerlich weder Ruhe noch Rast.
    Schon seit sie aufhörte ein Kind zu sein, spürte ich bei ihr etwas
Unheimliches, das meinen Unmut erregte, obgleich ihre äussere Liebenswürdigkeit
mir oft recht hinreissend erschien. Jetzt wird dieses Gefühl lauter in mir als
je, ihr Lachen, ihr Scherzen klingen mir wie bittrer, dem Leben gesprochner
Hohn, der sich nur in erzwungne Lustigkeit zu verkleiden sucht, und ihr ganzes
Wesen hat in meinen Augen etwas so verstörtes, unheilweissagendes, dass ich weder
mich selbst, noch die, welche ich liebe, in ihrer Nähe wissen mag. Vor allem
änstigt es mich, wenn ich Hippoliten, verloren in ihrem Anschauen und in dem
Klange ihrer Worte, neben ihr sitzen sehe; dann drängt es mich, ihn von ihr
fortzureissen, und müsste ich auch mit meinem geliebten Zöglinge von irgend einem
Felsen herabspringen, wie einst der weise Mentor mit dem Sohne des Odysseus. Dass
es übrigens mit dem Einflusse dieser neuen Kalypso bei meinem Telemach keine
grosse Gefahr hat, weiss ich, gottlob; sie wird ihn mir weder bezaubern noch
verhexen, obgleich sie zu beiden wohl Lust und auch Talent hätte, denn er steht
zum Glücke unter höherem Schutze. Wäre mir dies auch früher nicht schon klar
geworden, so hätte mir es ein Lied gesagt, welches er sich schrieb mitten in
einer rauschenden Gesellschaft, wo Aurelia und andre schöne Frauen ihn
aufforderten, mehr Teil an der Geselligkeit zu nehmen. Es war an dem Ufer eines
kleinen Flusses, wo er sich unter überhängende Pinien setzte und in seine
Schreibtafel die Worte aufzeichnete, die er mir beim Nachhausegehen als Antwort
auf die Aufforderung der Damen stumm überreichte, die ich ihm wortlos zurückgab
und die ich ihn seitdem oft nach einer Melodie singen höre, welche er dazu fand.
Ich schliesse die einfachen Worte diesem Briefe bei.
    Trotz alle dem suche ich doch absichtlich aber unmerklich die Gelegenheiten
zu entfernen, wo Hippolit mit Aurelien zusammentreffen kann; denn der Umgang mit
Wesen ihrer Art bringt nichts Gutes, macht Niemanden besser; und darum soll man
ihn nach meiner Ueberzeugung meiden, so viel man nur immer kann.«
                                Hippolits Lied.
Lasst mich, ob ich auch still verglüh',
Lasst mich nur stille gehn;
Sie seh' ich spät, Sie seh' ich früh
Und ewig vor mir stehn.
Was ladet ihr zur Ruh' mich ein?
Sie nahm die Ruh' mir fort;
Und wo Sie ist, da muss ich sein,
Hier sei es oder dort.
Zürnt diesem armen Herzen nicht,
Es hat nur einen Fehl:
Treu muss es schlagen bis es bricht,
Und hat dess nimmer Hehl.
Lasst mich, ich denke doch nur Sie;
In Ihr nur denke ich;
Ja! ohne Sie wär' ich einst nie
Bei Engeln ewiglich.
Im Leben denn und auch im Tod',
Im Himmel, so wie hier,
Im Glück und in der Trennung Not
Gehör' ich einzig Ihr.
     Fortsetzung von Auszügen aus Briefen Ernestos an Frau von Willnangen.
»Ich fange an, recht tiefes Mitleid für diese Aurelia zu empfinden, die denn
doch vielleicht etwas vorzügliches und glückliches hätte werden können, wäre ihr
Gemüt minder verwarloset von Jugend an. Allein dieses Mitleid ist nicht jenes
schöne, erwärmende Gefühl, mit dem ich Gabrielens gedenke, Schauder und
Widerwillen mischen sich darein, und ich möchte auf immer von einem Wesen mich
abwenden können, welches so ganz hoffnungslos in sich zerfallen ist, dass kein
Gott und kein Sterblicher hier mehr rechten dauernden Trost gewähren kann.
    Mit kalter Brust, mit einem Herzen, das nie, weder Liebe noch Hass empfand,
das von frühester Jugend an nur mit der unersättlichsten Eigenliebe erfüllt war,
stand Aurelia stets in hoher Selbstzufriedenheit da, auf eine Tugend gestützt,
die bei ihr, so wie sie einmal ist, kaum noch den Namen derselben verdient. Wer
ihr nahte, huldigte ihrem Geiste, ihrer Schönheit, auch wohl oft nur dem
Standpunkte, auf welchen das Schicksal und ihre in Eitelkeit versunkne Mutter
sie gestellt hatten, und der Stolzen schien die Welt zu Füssen zu liegen. So sind
bis jetzt die Jahre, eines nach dem andern, an ihr vorübergezogen, von ihr
unbemerkt. Doch jetzt ist die Zeit des Erwachens endlich gekommen und das, woran
sie früher in ihrem Leben nicht gedacht hatte, erfüllt sie mit ängstlichem
Grausen vor einer Zukunft, der sie doch nicht auszuweichen vermag. Unter dem
triumphirenden Lächeln, das sie noch immer beibehält, sehe ich deutlich ihre
innere Herzensangst hervorblicken. Und wissen Sie, wem diese Angst gilt? Dem
dreissigsten Geburtstage, dem fürchterlichen, der als Schreckbild am Lebenspfade
aller Frauen steht, die Aurelien gleichen. Er naht unaufhaltsam mit schnellen
Schritten, dieser entsetzliche Tag, denn Aurelia zählt wenigstens volle vier
Jahre mehr als unsre Gabriele, und sie beneidet ihr gewiss keinen der übrigen
Vorzüge so ganz von Herzen als diesen flüchtigsten von allen.
    Im Grunde quält sie sich viel zu früh, denn nie war ihre äussre Erscheinung
brillanter. Auch ist die Klippe, die sie scheut, eigentlich nur im gewöhnlichen
bürgerlichen Kreise des Frauenlebens recht gefährlich, wo es Tanten und Basen
gibt, die über alle Familienereignisse Buch und Rechnung halten und alle Data
nachzuweisen wissen. In der Welt, in welcher Aurelia lebt, gleitet man über
alles leichter hin; man ist toleranter; man gewinnt kaum Zeit, an sich selbst zu
denken, geschweige an Andre, und jeden, der sich nur geschickt zu benehmen weiss,
lässt man gern für das gelten, wofür er sich geben will. Geist, Witz,
Leichtigkeit und Vielseitigkeit im Umgange werden über alles geschätzt, darum
trifft auch die glänzendste Periode im Leben berühmter schöner Frauen der grossen
Welt sehr selten mit ihrer ersten Jugendblüte zusammen, denn man muss gelebt
haben, wenn man sich aufs Leben genugsam verstehen will, um es wie ein Kunstwerk
behandeln zu können. Aurelia weiss dieses alles so gut und besser als ich, aber
sie denkt nicht daran, oder achtet es für einen traurigen Trost. Sie ist noch
immer von einer bewundernden Schar demütiger Verehrer umgeben, über die sie
nach Lust und Laune unumschränkt gebietet, aber sie fühlt dennoch ihren Tron
unter sich wanken und ich sehe deutlich, wie das trübe Vorgefühl einer dunkeln,
freudenarmen Zeit sie Tag und Nacht unablässig quält und nagt. Mit ängstlicher
Hast wirft sie sich nun auf alles, wovon sie noch in spätern Jahren Glanz und
Bewunderung sich versprechen zu können glaubt, auf Musik, Literatur,
Kunststudium; sogar Chemie und Astronomie hat sie eine Zeitlang getrieben, weil
diese Wissenschaften einmal zufälliger Weise Mode wurden. Ihr mangelt, wie Sie
wissen, weder Geist noch Talent zu allem was sie unternehmen möchte, aber sie
ist unfähig, irgend etwas sich selbst zum Trost fest zu halten. Ihre rastlose
Natur trieb sie von jeher immer von einem zum andern und erlaubt ihr jetzt sogar
kaum, länger als einige Monate an dem nehmlichen Orte zu verweilen. Dass sie in
manchen Stunden die Unzulänglichkeit eines so zerstückelten Strebens tief
empfindet, vermehrt noch ihr Unglück auf jede Weise, denn dieses an sich
peinigende Gefühl reizt und erbittert sie innerlich mehr und mehr, und treibt
sie zu seltsamen, ihrem Zwecke ganz entgegenarbeitenden Launen.
    Manche ihrer Anbeter, welche ihre wirklich zuweilen unwürdigen Misshandlungen
nicht ertragen mögen, ziehen sich allmählig zurück und dadurch wird das Uebel
immer ärger. Sie muss mit ungewohnter Anstrengung die so Verlornen durch neue
Eroberungen wieder zu ersetzen suchen, und sie treibt dies mit einem Eifer,
einer Ungeduld, die deutlich beweisen, wie anschaulich ihr jetzt mit einemmale
die Flüchtigkeit der Zeit geworden ist. Die arme Frau gerät dabei oft ausser
Atem und Tackt, obgleich nicht jedermann dies gewahr wird.
    Dass mein glänzender Hippolit gleich auf ihre Liste kam, brauche ich Ihnen
wohl nicht zu sagen. Bei seiner Jugend musste sie ihn für einen vollkommnen
Neuling in der Welt ansehen, und bei dem sichtbaren Eindrucke, den ihr erstes
Erscheinen auf ihn machte, hielt sie seine Eroberung für ein leichtes
Kinderspiel. Um so grösser war ihr Erstaunen als sie alle ihre kleinen Künste an
ihm abgleiten sah. Ich bin überzeugt, dass sie bis diese Stunde noch nicht weiss,
wie sie eigentlich mit ihm daran ist, doch eben dieser Zweifel gibt ihm in
ihren Augen ein erhöhtes seltnes Interesse.
    Ich sehe zuweilen mit wahrem Vergnügen dem kleinen Kriege zwischen beiden
zu. Allen den haarfeinen Schlingen, die Aurelia mit unendlicher Klugheit und
tiefer Berechnung ihm legt, weiss mein junger Held mit so unbefangnem Gesicht und
so gewandt aus dem Wege zu gehen, dass es mir oft schwer wird, meinen innern
Triumf darüber zu verbergen. Wenn ich ihn aber wiederum in den Assembléen hinter
ihrem Sessel stehen sehe, wie er jede ihrer Bewegungen belauscht, jedes ihrer,
nicht zu ihm gesprochnen Worte von ihren Lippen wegzuhaschen sucht, und dabei
immer tiefer in sich selbst sich verliert, so dass zuletzt ausser Aurelien nichts
mehr für ihn zu existiren scheint, dann werde ich wieder irre, auf Augenblicke
wenigstens. Zwar weiss ich, Aureliens Zaubergewalt über Hippoliten liegt nur in
einer nie zuvor von mir bemerkten Familienähnlichkeit mit Gabrielen, die sich
erst später entwickelt haben muss, und über die er im Stande ist, Stundenlang in
Extase zu geraten, aber solche Aehnlichkeiten haben doch auch ihre Gefahren,
und ich wollte, wir oder Aurelia hätten die Terrasse des Gartens Boboli nie
gesehen.«
»Wünschen Sie mir Glück, liebe Frau von Willnangen, ich atme freier! Aurelia
hat heute in aller Frühe Florenz verlassen, um die grosse, lange beabsichtigte
Reise durch Sicilien nach Griechenland endlich anzutreten, und es scheint mir,
als ob Hippolit das trügerische Schattenbild Gabrielens, das in der letzten Zeit
ihn wohl öftrer betrübt als erfreut haben mag, nicht ungern endlich schwinden
sah. Ein kleiner Missgriff, zu welchem Aurelien ihre Unsicherheit in Hinsicht
seiner wohl verleitet haben kann, ist wahrscheinlich die nächste Veranlassung
dieses plötzlichen Aufbruches gewesen. Vermutlich ward sie ungeduldig über
seine anscheinende Blödigkeit, die ihn, wie sie meinte, verhinderte eine Bitte
auszusprechen, welche sie ihm oft genug so nahe legte, dass ich kaum begreife wie
er ihr ausweichen konnte, nehmlich die, sie auf der Reise nach Griechenland
begleiten zu dürfen. Ihre Ungeduld brachte sie dahin ihm anzubieten, was sie
freilich lieber seinen dringenden Bitten zögernd gewährt hätte, und nun stellen
Sie sich das bittre Erstaunen vor, mit dem sie den so furchtsam gehaltenen
Jüngling das Anerbieten von sich weisen sah, und zwar auf die feinste aber auch
bestimmteste Weise! Ich gestehe Ihnen, ich selbst muss dieses feste Entsagen
bewundern, denn sowohl die Reise als die Reisegesellschaft können schwerlich
reizender erdacht werden.
    Dass Aurelia nach der ersten bittren Sekunde, die sie benutzte, um sich von
ihrem Erstaunen zu erholen, genug Fassung behielt, um aus dem ganzen Anerbieten
einen gar nichts sagen wollenden Scherz zu machen, war ihr wohl zuzutrauen, doch
scheint sie den Verdruss über Hippolitens Benehmen recht tief empfunden zu haben.
Dies schliesse ich unter andern auch aus der Eile, mit der plötzlich alle so
lange vernachlässigte Reiseanstalten betrieben wurden, und aus ihren
wiederholten Versicherungen, dass sie die englische Familie, mit der sie schon
längst diese Reise verabredet hatte, unmöglich länger auf sich warten lassen
könne. In der Tat hatte sie diese, unter allerlei nichtigen Vorwänden, von
einer Woche zur andern hingehalten, und ich musste schon längst die Geduld der
guten Leute im Stillen bewundern.
    Genug, die Wagen wurden gepackt und sie ist fort! So fahre sie denn hin!
Recht glücklich - aber - wenn es sein kann, auch recht weit und auf recht lange
von uns und auch von meinem Ottokar, auf dessen Frieden ihre Gegenwart doch
störender wirkt, als er es sich selbst vielleicht gestehen mag.
    Ist es aber nicht entsetzlich, dass dieses durch so viele seltne herrliche
Gaben ausgezeichnete Wesen weder glücklich ist noch glücklich macht? Wie weit
steht Aurelia in dieser Hinsicht hinter ihrer Mutter, der Gräfin Rosenberg,
zurück! so weit, als diese wohl von jeher, selbst in ihren blühendsten Zeiten,
in jeder andern Hinsicht hinter dem zurückgestanden haben mag, was Aurelia ist
und war. Und doch ist die Mutter, selbst jetzt noch, schwerlich weniger
gefallsüchtig und eitel als die Tochter, nur äussert sich diese ihre Gefallsucht
auf andre Weise. Die Gräfin wollte von jeher nicht sowohl bewundert, als gesucht
sein, nicht sowohl blendend erscheinen als liebenswert, und dies gibt ihr bei
allen ihren übrigen Schwächen einen Anstrich von Gutmütigkeit, welche jedem
wohltut, der ihr nahen darf. Aurelien hingegen beten selbst ihre
alleruntertänigsten Sklaven nur mit Furcht und Zittern an. Sie reizt, sie
entzückt, aber wohl ist noch Keinem bei ihr geworden. Sie fahre hin.«
»Wunderbar! Dieses Zusammentreffen mit der gefährlichen Dame, das mir so viel
Sorge ohne Not machte, hat meinen Hippolit mir nur noch inniger verbunden,
statt mir ihn zu entfremden. Ich glaubte, je länger ich darüber dachte, seine
Verweigerung, Aureliens Einladung zu folgen, zum Teil auf meine eigne Rechnung
setzen zu dürfen, denn ich war nicht ausdrücklich darin mit einbegriffen
gewesen. Ich wollte ihm darüber etwas freundliches sagen, und da gesteht er mir
mit der liebenswürdigsten Offenheit, dass ich gar keinen Anteil an dieser seiner
Entsagung habe, dass ich sie ihm überhaupt viel zu hoch anrechne; weil durch eine
frühere Reise mit einer französischen Dame ihm jede ähnliche auf Lebenszeit
verleidet sei. Mein Erstaunen über diese unerwartete Entdeckung brachte die
Geschichte seines frühern Lebens zur Sprache. Guter Gott! in welches Labirint
von Gefahren und Verirrungen haben Unbedacht, Eitelkeit, jugendlicher Übermut,
den zu früh sich selbst Ueberlassnen geführt! Welch ein Glück, dass die Folgen
einer frühern streng tugendhaften Erziehung seine, im Grunde doch sehr edle
reine Natur, mitten in all der Verworrenheit bei Kräften erhielt, dass es nur
einer hülfreichen Hand von aussen bedurfte, um ihn aus dem Sumpfe von Torheit zu
erretten, an dessen Rande er in jugendlicher Unvorsichtigkeit und kindischem
Mutwillen herumgauckelte.«
Dass Gabriele dieser rettende Engel gewesen sei, brauchte Hippolit seinem
weltklugen Freunde nicht zu vertrauen, um ihn davon zu überzeugen. Auch
schwiegen beide über diesen Punkt, aber es entstand zwischen ihnen jenes zarte
wortlose Verstehen, das einem wunden Gemüte so wohl tut. Ernesto machte es
sich von nun an zur heiligsten Pflicht, durch ernste Vorstellungen und
anhaltendes Beschäftigen mit einem grossen Gegenstande, den ihm mit jedem Tage
werter gewordnen Jüngling dem mutlosen Schmerz, der trübsinnigen Verworrenheit
zu entreissen, in die er nur zu oft noch versank. Der klassische Boden, den sie
jetzt langsam durchzogen, bot ihnen Anlass und Stoff zu geisterhebender
Betrachtung einer kolossalen Vorwelt, und Ernesto benutzte alles, um seinen
Liebling auf das gründlichste und vielseitigste auszubilden. Es währte nicht
lange, so entdeckte er in ihm einen jener Seltenen, von der Natur
Hochbegünstigten, denen das Schwere leicht wird, denen das unerreichbar
Scheinende von selbst zufällt, und die ohne Anstrengung, ja beinahe ohne Fleiss,
alles Wissenswerte nicht sowohl erlernen, als es sich aneignen mit Kraft und
Geist. dabei bemerkte er abermals mit grossem Wohlgefallen, wie ihm Hippolits
erste fast gelehrte Erziehung kräftig vorgearbeitet habe. Bei jedem Anlass dazu
entwickelte dieser Kenntnisse, von deren Besitz er kurz vorher kaum selbst eine
Ahnung gehabt haben mochte; weil sie in ihm geschlummert, und nun, durch den
Zufall geweckt, wie neu gewonnen ihm erschienen. So knüpfte jede mit einander
verlebte Stunde beide fester an einander, und Ernestos Blick ruhte oft mit
wahrhaft väterlichem Stolz auf dem geliebten Zögling, der ihn dafür, wie ein
liebender Sohn, treu und innig verehrte.
Moritz zog indessen von einem Bade in das andre, um seine neuerfundene Teorie
des Spieles zu vervollkommnen, jedoch ohne dabei auf Gabrielens Begleitung
Ansprüche zu machen; eine Schonung, die sie ihm um so herzlicher verdankte, da
sie dadurch zu der lange gewünschten Reise zu ihren Freundinnen in Lichtenfels
Zeit gewann. Der kleine Kreis, in dessen Mitte sie einst so schöne Tage
verlebte, fand sich dort wieder ungetrennt beisammen, denn der General hatte
Adelberten mit dem Anfange des Frühlings den Seinigen wieder gegeben.
    Alle empfingen Gabrielen, wie man ein lang vermisstes Glück empfängt, und das
Leben ging im Äußern wieder den lieben gewohnten Gang; doch im Innern war es
anders geworden.
    Adelbert und Auguste wandelten so still, mit so ängstlicher Schonung neben
einander her, als wären sie von Todtkranken umgeben. Die Liebe war geblieben,
aber das Vertrauen war entflohen, und eben weil es entflohen war, strebten sie
sich zutraulicher als je zuvor gegen einander zu bezeigen, um nur keinem
geliebten Herzen wehe zu tun. Nur der von allen gleich verehrte Greis, der
General Lichtenfels, trat mit gewohnter Sicherheit, fröhlich und nichts ahnend
unter ihnen auf. Weil keine Klage laut ward, weil aller Blicke ihm lächelten,
glaubte er jede Wunde geheilt. Und wenn er auch zuweilen das ehemalige rege
Leben unter ihnen vermisste, so schob er dieses auf die zu grosse Einförmigkeit,
in der sie so lange Zeit hingebracht hatten. Gastfrei, wie in glücklichern
Tagen, suchte er diesem bald abzuhelfen; er öffnete von neuem sein Haus; Freunde
und Bekannte strömten wieder herbei, und aufs neue wurde das frühere gesellige
Treiben in Gang gebracht, das einst Augusten und Adelberten zusammenführte.
Alles zeigte sich ihm heiter und fröhlich wie damals, und so glaubte er gern an
ein Glück, das er so innig wünschte und so angelegentlich herbeizuführen sich
bemühte.
    In stiller Wehmut betrachtete indessen Gabriele das zerstörte Lebensglück
ihrer Freunde; obgleich man ihre Ehe nicht eigentlich unglücklich nennen konnte.
Nie ward ein Zwiespalt zwischen ihnen laut, vielmehr suchte jedes von ihnen dem
unausgesprochnen Wunsche des andern mit geschäftiger Aemsigkeit zuvorzukommen.
Mit ängstlicher Sorgfalt vermied Auguste jedes Wort, jede Miene, die in ihrem
Gemahl den leisesten Argwohn erregen konnten, als gedenke sie noch jener
Verirrung, die er so schmerzlich bereute und so streng zu büssen im Begriff
gewesen. Adelbert war seinerseits ebenfalls lauter Liebe und Aufmerksamkeit und
beide erschienen in der Gesellschaft als Muster des schönsten ehelichen
Verhältnisses. Nur das scharfblickende Auge inniger Freundschaft konnte hier
ahnen, dass jenes sonst sie beseligende Empfinden gegenseitigen Glücks, jenes
Leben des einen in dem andern, den laut Gepriesnen auf ewig entschwunden sei.
Sie liebten sich noch, aber wie Verstossene aus dem Paradiese einer Unschuldswelt
sich lieben können. Das stille, ruhige, vertrauensvolle Gefühl war zu einer Art
Leidenschaft umgewandelt, die in Momenten des glühendsten Aufwallens oft in der
Tiefe ihres Gemütes einem verbissenen Hassen glich. Trotz aller Anstrengung
konnte Adelbert nie vergessen, dass Auguste ihm vergeben habe, so wie sie stets
daran denken musste, dass sie ihm etwas zu vergeben gehabt habe. Beide fühlten den
Zwang, auf etwas achten zu müssen, was ihnen sonst nie in den Sinn gekommen war,
auf ihr Benehmen gegen einander. Und so geschah es denn oft, dass sie mit
ausbrechender Wehmut sich von einander abwandten, wenn der Zufall sie ohne
Zeugen einmal zusammen führte, und sich dann mit wilder Hast mitten im Strudel
der Gesellschaft vor dem eignen Herzen zu retten suchten, welches ihnen ihre
ehemalige Seligkeit und ihr jetziges Elend laut zurief.
    Frau von Willnangen sah anfangs tief bekümmert dem Verhältnisse ihrer Kinder
zu, dessen trübe Seite ihr nicht entgehen konnte. Bald aber bewährte sich von
neuem ihr glückliches Talent, stets das Beste zu hoffen; sie gedachte ihrer
eignen Ehe an der Seite eines über alles geliebten Gatten, dem sie mit Freuden
ihr Leben weihte, und dadurch unendlich beglückt war, obgleich er ihre glühende
Liebe nicht in eben dem Maass zu erwidern vermochte. Ihre Fantasie spiegelte ihr
in dem jetzigen Verhältnisse ihrer Auguste eine trügerische Aehnlichkeit mit dem
eignen früheren vor, und so kam sie nach und nach zu der beruhigenden
Ueberzeugung, dass Zeit und Liebe zu den, mit jedem Tage sich anmutiger
entwickelnden beiden Kindern alles bald wieder auf das Schönste ordnen und
beruhigen werde. Sie versuchte es auch, Gabrielen ihren heitern Glauben an die
Zukunft mitzuteilen, und diese liess ihr gern den beruhigenden Irrtum, dem sie
selbst sich hinzugeben nicht vermochte.
    Gabriele durchschaute zu klar die tiefe, nie wieder herzustellende
Zerrüttung eines einst seltnen Verhältnisses, das, so wie die Dinge jetzt
standen, sich höchstens nur noch zu etwas sehr Gewöhnlichem gestalten konnte, zu
einer leidlichen Ehe, in der man aus Gewohnheit und um der Kinder willen
einander gegenseitig erträgt. Ihr Herz blutete für Augusten, deren gegenwärtiges
Loos ihr sogar trauriger als das eigne dünkte, weil der zur Armut
herabgesunkene Reiche weit beklagenswerter ist, als der in Dürftigkeit Geborne.
Aber sie hütete sich eben so sehr, das Herz ihrer mütterlichen Freundin durch
diese ihre eigne Ansicht zu verwunden, als sie jedes Gespräch mit Augusten
sorgfältig vermied, das zu irgend einer Erklärung über diesen Gegenstand führen
konnte. Gabriele wusste aus eigner Erfahrung, dass es Seiten im menschlichen
Herzen und Verhältnisse im Leben gibt, welche selbst die zarteste innigste
Freundschaft nicht mit einem Hauche zu berühren wagen darf.
Den Schmerz um ihre Freunde abgerechnet, erfreute Gabriele sich indessen doch
eines Zustandes, der mit den letzt vergangnen unruhvollen Jahren sehr angenehm
kontrastirte. Augustens Kinder waren die Freude ihres Lebens, mit ihnen und in
der stillen Beschäftigung mit sich selbst, welche ihr durch das zerstreute Leben
in der Residenz so erschwert worden war, brachte sie die erste Hälfte des Tages
in der ruhigen Einsamkeit ihres Zimmers zu. Der Abend wurde ihren Freunden
geschenkt, besonders der Erheiterung des freundlichen Oheims, den sie, seit sie
ihn näher kennen gelernt hatte, gleich einer liebenden Tochter verehrte. Die
Verlängerung von Moritzens Reise, die sich auf unbestimmte Zeit über den Winter
hinaus ausdehnte, erlaubte ihr, den Bitten ihrer Freunde nachzugeben und bis zu
seiner Rückkehr bei ihnen zu verweilen. Sie tat dieses um so lieber, da sie
wohl einsah, wie erfreulich ihre Gegenwart den armen Verstörten, wenigstens
momentan, den Schein vergangner Glückseligkeit zurückgab.
    Hippolits Tagebuch-ähnliche Briefe waren ihr jedesmal wie ein lieber Besuch,
dem sie immer zur bestimmten Zeit mit froher Erwartung entgegen sah; und auch
wenn er nicht schrieb, gedachte sie seiner mit einer eignen Rührung. Nie konnte
ihr dankbares Gemüt des hochherzigen Jünglings zarte Aufopferung vergessen, mit
der er ertragen hatte, was seiner kühnen Natur das Unerträglichste sein musste,
um nur sie nicht in ihrer Freundin zu betrüben. Für die wilde
Leidenschaftlichkeit, der er sich bis zur höchsten Verblendung überlassen hatte,
fand ihre nachsichtsvolle, alles gern ausgleichende Natur von jeher tausend
Entschuldigungen und seine jetzigen Briefe bekräftigten diese. Aus jedem
derselben leuchtete die höhere Entwickelung seines Geistes unter Ernestos
Leitung hervor. Sie sah aus ihnen, wie der bis jetzt nur in seinen Gefühlen
lebende Jüngling heranreifte zum festen edlen Manne, der mit hellem Blicke die
Welt anschaut, und aufhört, sich und sein Herz für den Mittelpunkt derselben zu
halten. Ihr selbst unbemerkt, regte sich dabei oft der Wunsch baldigen ruhigen
Wiedersehens in ihrem Gemüt und ward allmählig zur süssen Sehnsucht, die ihrem
Leben neuen Wert gab. Das Gefühl, dessen Bekenntnis Hippolits Entfernung
veranlasst hatte, schimmerte zwar noch fortwährend aus seinen Äusserungen hervor,
aber es glich einem goldnen Faden, der das ganze Gewebe seiner jetzigen Existenz
zusammenhielt, und es schien, als sähe er es doch als seiner und ihrer unwürdig
an, ihr länger nur von sich und seinen Empfindungen zu schreiben. dabei waren
seine Bemerkungen über Natur und Kunst, über Welt und Leben, von einer Tiefe und
Originalität, über die sie oft in freudiges Erstaunen geriet.
    Ernestos Briefe bestärkten von Zeit zu Zeit ihr frohes Hoffen von der
Zukunft ihres jungen Freundes. »Sie sind noch immer die hohe Dame seiner
Gedanken, an der er mit der tiefen Verehrung eines ächten Chevaliers der
Tafelrunde hängt,« schrieb er ihr einst. »Leugnen Sie mir nicht ab, obgleich ich
auch nicht fordre, dass Sie es mir gestehen sollen, dass ich Ihnen hiemit nichts
neues verkünde. Machen Sie es wie er, geben Sie es mir schweigend zu. Weiss ich
doch nicht, ob er mehr als ein solches schweigendes Geständnis auch gegen Sie
jemals gewagt hat, obgleich ich es aus dem Stottern wohl schliessen könnte, das
ihn allemal befällt, wenn ich der nächsten Veranlassung seiner Reise nach
Italien nachforschen will. Nicht minder aus einer gewissen reuigen Wehmut, die
ihn leicht bis zu Tränen bewegt, wenn er der letzten Tage gedenkt, die er in
Schloss Aarheim verlebte. Dem sei wie ihm wolle, ich danke den Göttern, für ihn
und mich, dass wir einander fanden. Was ich für ihn tue, ist alles und nichts;
das hohe Gelingen lohnt mir tausendfältig. Schön und traurig, wie ein Antinous,
stand er vor mir bei unserm ersten Zusammentreffen, und erregte schon durch
seine äussre Erscheinung das lebhafteste Interesse; aber sein Festalten an mir,
da er mich erkannte, sein Ergeben in meinen Rat, in meine Leitung gewann bald
bei dieser seiner rüstigen Jugendkraft, etwas so unaussprechlich Rührendes, dass
ich mich seiner hätte annehmen müssen, und hätte es mich auch das höchste Opfer
gekostet. Und so entstand denn eine Verbindung, die mir jetzt gegen das Ende
meiner irdischen Laufbahn die höchste Freude gewährt. Denn was kann belohnender
sein, als der Anblick einer edlen kräftigen Natur, die aus geistiger und
irdischer Verirrung mancherlei Art sich tapfer loswindet, und dabei das selige
Bewusstsein, ihr hülfreich und schützend zur Seite zu stehn. Sie, Gabriele! mögen
immer das schöne Gefühl mit mir teilen; Sie haben mir kräftig vorgearbeitet, so
kräftig, dass ich oft Sie zu sehen und zu hören glaube, wenn er recht aus dem
Herzen spricht oder handelt. Und so ist es billig, dass auch Sie sich Ihres Werks
erfreuen mögen.«
Still und ruhig hatte Ottokar indessen seit mehreren Jahren in Rom gelebt, in
selbsterwählter Zurückgezogenheit von öffentlichen Geschäften und
Ehrenbezeugungen, nur mit sich, seinem Knaben, der Natur, der Kunst, und wenigen
auserwählten Freunden. Tausend sehr ernste Erfahrungen hatten ihn endlich
überzeugt, dass nur in der Kunst, entsagen zu können, der ächte Stein der Weisen
verborgen liegt. An Aureliens marmor-glatter und kalter Natur waren alle seine
Versuche fruchtlos abgeglitten, sie sich und dem ächten Genuss des Lebens zu
gewinnen. So hatte er sie denn endlich aufgegeben, und begnügte sich damit,
seine Gemahlin nach der von ihr selbst gewählten Weise das Glück suchen zu
lassen, indem er ihr Geld und Freiheit gab, so viel sie bedurfte oder verlangte.
Ersteres machte sein grosses Vermögen und eigne Genügsamkeit ihm möglich, und dass
Aurelia ihre unumschränkte Freiheit nie auf eine, seine Ehre verletzende Weise
missbrauchen könne, dafür bürgte ihm ihr Stolz auf die einzige Frauentugend, die
sie eigentlich anerkannte, und zu deren strenger Richterin sie sich überall
aufwarf. Der kleine Herrmann, Ottokars sehr anmutig heranwachsender Knabe,
gewährte ihm wenigstens einen Teil des häuslichen Glücks, nach dem er sich
stets gesehnt und das er leider an Aureliens Seite nie hatte finden können. In
der Freude über ihn, vergass er gern alles, was die Welt sonst noch ihm versagt
hatte. Er näherte sich jetzt dem Alter, in welchem die Stürme in der Brust,
denen er früher mit Mut und Kraft entgegen kämpfen musste, allmählig von selbst
sich beschwichtigen. Seine Jugend lag hinter ihm, wie ein halb schöner, halb
ängstlicher Traum, aus dem Gabrielens kurze Erscheinung gleich einem hellen
Sterne hervorleuchtete. Er gedachte ihrer, wie einer himmlischen Gestalt, die
auf irdischem Pfade ihm einst segnend vorüberschwebte und von höhern Sfären
Kunde und Gewissheit verlieh.
    Von ihrem fernen Leben auf Erden seit jener Stunde wusste er nur wenig.
Ernesto hatte immer vermieden, ihm genaueren Bericht davon zu geben; er wollte
gern dem ohnehin auf mancherlei Weise Verletzten unnütze Schmerzen ersparen, und
konnte es schweigend nur, da er ihm so wenig Erfreuliches zu melden hatte.
Ottokar wusste nur dass Gabriele vermählt sei, dass sie mit diesem Schritte ihrem
Vater und ihrer Pflicht ein schweres Opfer freudig und willig gebracht. Dies war
ja einst sein eignes Loos auch gewesen, und nach der ihn dafür beseligenden Ruhe
seines eignen Bewusstseins musste er auch sie für beglückt halten. Freilich vergass
er dabei der Verschiedenheit des Verhältnisses, welches den Frauen das als eine
sehr schwere drückende Last aufbürdet, was das freie glücklichere Loos der
Männer diesen auf tausendfache Weise erleichtert.
    So fand ihn Ernesto als er gegen Weihnachten mit seinem jungen Freunde in
Rom anlangte. Denn die Reise nach Sicilien war aus mehreren bewegenden Gründen
einstweilen aufgegeben. Bis jetzt hatte Ernesto sich von innerem Bangen immer
abhalten lassen, Hippoliten mit Ottokar bekannt zu machen. Von diesem Gefühle
geleitet, hatte er sogar die Reise nach Rom so weit hinausgeschoben und Ottokars
nur immer in sehr allgemeinen Redensarten gedacht. Eigentlich fürchtete er, dass
Gabrielens Name, zur Unzeit genannt, bei Beiden Gefühle und Erinnerungen
aufregen, ja vielleicht Scenen herbeiführen könne, die wenigstens ihrer mühsam
errungenen Ruhe neue Gefahr brächten. Doch jetzt musste er sich endlich
entschliessen, den Schritt zu wagen, den er nicht länger schicklicher Weise zu
vermeiden wusste. Er führte beide einander zu, und hoffte dabei, weil er es
wünschte, dass jeder von ihnen das heiligste Geheimnis seiner Brust wohl zu
bewahren wissen werde.
    Hippolit fühlte sich gleich in den ersten Minuten ihres Beisammenseins von
Ottokars Erscheinung mächtig ergriffen. Kein sterbliches Wesen, selbst Gabriele
nicht, hatte sein Herz mit so unaussprechlicher Ergebung, mit so ganz
rücksichtsloser reiner Neigung beim ersten Anblick erfüllt, als der schöne,
ernste und dabei so unsäglich milde Mann, aus dessen hell leuchtendem Auge
jugendliche Kraft und Wärme sprach, während er, ausgerüstet mit aller Würde und
allen Vorzügen des reifern Alters vor ihm stand.
    Auch Ottokar ward von Hippolits liebenswürdigem und bescheidnem Wesen
angezogen, dieser kam ihm, wie ein jüngerer Bruder vor, zu dessen vollendeter
Bildung mitzuwirken, er mit der lebendigsten Teilnahme sich verpflichtet
fühlte. Und so erbot er sich, mit Ernesto sein steter Begleiter zu allen jenen
Wundern der Vorwelt zu werden, welche keine feindliche Macht dem heiligen Boden
entführen konnte, der eine lange Reihe von Jahrhunderten hindurch sie treu
aufbewahrte und aufbewahren wird. Innigst erfreut über Hippolits reges und
richtiges Gefühl, schwelgte er an seiner Seite im frohen Nachempfinden jener
Tage, in denen er selbst zuerst dies klassische Land betrat. Dafür teilte
Hippolit Ottokars Freude an dem kleinen Herrmann, der sich sehr schnell
gewöhnte, ihn als seinen liebsten Spielgefährten zu betrachten. So ordnete sich
bald ein für Alle sehr genussreiches Zusammenleben; nur Ottokars Nähe schien
Hippoliten noch gefehlt zu haben, um ihn ganz auf die Stufe der Bildung zu
heben, für welche seine Natur ihn bestimmte; bei ihm fand er im glücklichsten
Verein den würdevollen Ernst des vollendeten Mannes mit fast weiblich weichem
Zartgefühl auf das innigste verbunden; und während Ernesto Hippolits Geist,
dessen Verstand und Wissen mit alle dem Reichtum ausstattete, den er selbst in
so hohem Grade besass, würkte Ottokar nicht minder wohltätig auf sein Gemüt. Er
verhalf ihm zu jener Klarheit in seinem Empfinden, welche er selbst mühsam
errungen hatte, und weihte ihn dadurch zu jedem Opfer, jeder Entsagung, welche
das Leben im Laufe einer wahrscheinlich sehr langen Zukunft von ihm ferner noch
heischen mochte.
So waren mehrere Wochen vergangen, während welchen sich Hippolit immer fester an
Ottokar anschloss, als dieser zufällig von einer leichten Unpässlichkeit gezwungen
ward, einige Tage zu Hause zu bleiben. Hippolit eilte auf die erste Nachricht
davon herbei und fand ihn allein, in einem abgelegnen Kabinett, zu welchem sonst
jedermann der Zutritt versagt ward, und das auch selbst er noch nie vorher
betrat.
    Eine einzige Zeichnung über dem Schreibtisch schmückte die mit grüner Seide
ganz einfach bekleideten Wände des kleinen traulichen Gemachs, sie musste dem
Eintretenden gleich in die Augen fallen, und erstarrt, bleich wie ein Sterbender
blieb Hippolit wie eingewurzelt vor Gabrielens Abbildung ihrer väterlichen Burg
stehen; dem einzigen Angedenken von ihr, das Ottokar vor jedem fremden Blick
hier wie ein Heiligtum aufbewahrte.
    Ottokar fuhr, über den Zustand seines Freundes erschrocken, vom Divan auf,
auf welchem er lag. Er musste ihn von einem plötzlichem Uebel befallen glauben
und wollte ihm zur Hülfe eilen, als dieser in aller früheren, mühsam bekämpften
Heftigkeit seines Wesens in seine Arme sich warf und ihn fest umklammerte.
    »Ja Du bist es,« rief er, und das Weh eines ganzen Lebens lag in dem
schmerzlichen Ton dieser Worte, »Du bist es! Wer anders konnte es sein als Du?
Wie war es möglich, dass ich Dich nicht gleich erkannte! Nun ist mir alles klar,
ja nur Dich, nur Dich konnte Gabriele lieben, und nur Du konntest ihr entsagen.
O ich Verblendeter! Dass ich erst jetzt dieses weiss!«
    Auch Ottokar erstarrte als er diesen Namen von diesen Lippen so nennen
hörte. »Gabriele!« rief er, »kennst Du Gabrielen? Kennst Du dies Schloss?«
    »Ob ich es kenne? ob ich Gabrielen, ob ich Schloss Aarheim kenne?« antwortete
Hippolit; seine Augen blitzten und alles Blut aus seinem Herzen färbte die
erblichnen Wangen in Purpurglut. Er sprang auf und riss sein Taschenbuch hervor,
in welchem er eine kleine Kopie von Ernestos Virginia aufbewahrte, die er auf
Schloss Aarheim heimlich zu zeichnen Gelegenheit gefunden hatte. »Sieh her,« rief
er, »blick her, und Du, Du bist ja Icilius, unverkennbar; mein Gott! wie gehen
mir jetzt erst die Augen auf!«
    Ottokar betrachtete das Blatt; auch er erbleichte, tief erschüttert, und
kaum vermochte die zitternde Hand es fest zu halten; denn eine Ahnung des ganzen
Umfanges von Gabrielens traurigem Geschick ging ihm zum erstenmal aus diesen
Zügen auf. Mit einer Art Beschämung fühlte er plötzlich, wie vergleichungsweise
glücklich er diese Reihe von Jahren verlebt hatte, während sie den bittersten
Kampf mit dem Leben bestand. Schweigend standen beide einige Minuten einander
gegenüber, doch dem geprüften festeren Manne gelang es eher, Fassung zu erringen
als dem wild bewegten, sturmvollen Herzen des Jünglings. Ottokar nahm ihn an
seine Brust, wie ein Vater sein liebes verwundetes Kind, er zog ihn zu sich, er
sprach ihm liebkosend zu, mit seiner sanften beruhigenden Stimme. Hippolit
erkannte die Töne, die einst auch in Gabrielens Herzen wiederhallten, er konnte
ihrem Zauber nicht widerstehen, sie beschwichtigten allmählig das Toben in
seinem Innern, und nun begann zwischen beiden edlen Menschen eine Scene des
innigsten Vertrauens. Ihre Seelen, alle ihre Gedanken ergossen sich in einander;
was nie über ihre Lippen gekommen war, gestanden sie sich hier, offen, wahr,
ohne Rückhalt, alles tief im Herzen Verborgne kam zur Sprache und diese Stunde,
die bei minder Vorzüglichen vielleicht eine ewige Trennung bewirkt hätte,
verband sie einander für Zeit und Ewigkeit.
    Den ganzen Tag hindurch liess Ottokar den jetzt ganz Gewonnenen nicht von
seiner Seite. Ernesto kam hinzu, es war unmöglich ihm, was vorgegangen, zu
verhehlen, und er sah mit freudiger Rührung neues, ihm unerwartetes Heil aus
einer Entdeckung entstehen, die er nur deshalb so ängstlich abzuwenden gesucht
hatte, weil die Erfahrung eines langen Lebens unter den Menschen ihn um den
Glauben an die hohe Reinheit des Gemüts gebracht hatte, die ihm doch hier, fast
am Ende seiner Laufbahn, aus der Brust seiner Lieblinge so hell entgegen
strahlte.
Ottokar nachzustreben, in allem nur Erreichbaren, war von nun an Hippolits
felsenfester Entschluss.
    »Sie hat ihn geliebt und er konnte ihr entsagen,« sprach er in einer ernsten
Stunde des reinsten Vertrauens zu Ernesto. »Auch ich entsage, ich der
Ungeliebte, der, hoffnungsloser als je, doch ewig ihr Bild im Herzen tragen muss.
Ich kann sie nie gewinnen, nun so sei all' mein Streben, ihrer wert zu werden,
wie Ottokar es ist. Kein Laut, kein Blick verrate von nun an meinen stillen
Schmerz, auch Sie Ernesto, ich flehe darum, ehren ihn durch Schweigen.«
    Andre Pläne, andre Hoffnungen reiften indessen in Ottokars edler Brust. Erst
jetzt, durch die Zeichnung Ernestos zur Sprache gebracht, hatte er von diesem
treuen Freunde vernommen, welche lange Reihe von Entsagungen und Opfern jeden
Tag in Gabrielens Leben bis zu dieser Stunde bezeichnete. Seine reuige Wehmut,
wenn er den Abstand zwischen seinem und ihrem Geschick betrachtete, steigerte
sich zu einer ängstlich drückenden Höhe, ihm war, als habe auch er ihr Unglück
mit verschuldet, und müsse jetzt nur suchen, sie zu erretten. In aller
unerträglichen Lächerlichkeit und Widerwärtigkeit sah er Moritz neben Gabrielen,
unablässig wie ein Schreckbild stand dieser vor seiner Fantasie. Er vermochte es
nicht, sich von ihm abzuwenden; im Gegenteil ward er nicht müde, Ernesto über
seine Persönlichkeit auszufragen, als hoffe er, dennoch endlich etwas zu
vernehmen, das ihm Trost zu geben vermöchte. Und zuletzt blitzte wirklich
während eines solchen Gesprächs wenigstens ein Hoffnung verheissender Strahl in
ihm auf.
    »Nein,« sprach er endlich, sich selbst zum Troste, »die Natur wird nicht
ungerecht sein, sie wird nicht die Lebenszeit des kränklichen Greises bis an die
äusserste Gränze des menschlichen Lebens hinaus rücken, um die Qual jenes
himmlischen Wesens zu verlängern. Gabriele wird frei, vielleicht bald, und wer
wäre dann des Glücks würdiger die trübe Erfahrung ihres Lebens auszugleichen,
jede qualvolle Erinnerung zu verlöschen, als dieser seltne Hippolit, mit seiner
unendlichen Liebe! An sich selbst dachte Ottokar nicht dabei, von jeher glich
sein Gefühl für Gabrielen mehr der anbetenden Bewunderung, als irdischer Liebe.
Jugendlich schön, fast noch in holder Kindlichkeit, wie sie in jener einzigen
unvergesslichen Stunde ihm erschienen war, um schnell wieder zu verschwinden,
schwebte ihr Bild noch immer unverändert vor seinem inneren Sinn; es konnte ihm
nicht einfallen sich selbst des Glücks noch würdig zu halten, ihr alle ihre
Leiden zu lohnen, sogar wenn ein unerwartetes Geschick die Bande zerreissen
sollte, die ihn an Aurelien fesselten, und die er selbst nie eigenmächtig zu
lösen längst entschlossen war. Die bedeutende Reihe von Jahren die er vor
Gabrielen vorauszählte, hatte ihn jener Zeit zugeführt, wo jedes
jugendlich-wild-aufbrausende Gefühl in milderes Empfinden übergegangen ist.
Gabrielen noch dereinst glücklich zu wissen, mit dem Bewusstsein, selbst zu ihrem
Glück beigetragen zu haben, ward ihm jetzt zum vorherrschenden Wunsch, der immer
und überall ihn verfolgte. Hippolits unveränderte mit jedem Tage steigernde
Liebe zu ihm, die ganze Liebenswürdigkeit seiner Natur, zogen ihn immer mehr an,
er gewöhnte sich, ihn nur mit Hinsicht auf Gabrielen zu betrachten. Bald kam er
dahin, sich Beide schon jetzt als Eins zu denken, und so machte er es sich zum
angelegentlichsten Geschäfte, ihm überall zur Seite zu stehen. Gabrielens Name
ward nach jenen ersten Stunden heiligen Vertrauens nie wieder unter ihnen
genannt, doch beide lasen ihn oft, eins in des andern Blicken. Auch Ernesto
schwieg, und beruhigt durch Hippolits Herrschaft über sich selbst, gab er sich
heiterer wie zuvor, der Freude an den Fortschritten seines Zöglings in allem
Edlen, Guten und Schönen hin, ohne weder über die Vergangenheit noch über die
Zukunft ängstlich zu grübeln.
An der Seite seiner edlen Freunde, angeregt und ermutigt durch Ottokars Nähe
und Ernestos klaren welterfahrnen Sinn, gelangte Hippolit zu immer sicherer
Gewalt über sich selbst. Das Jahr neigte sich zu Ende, und er fühlte jetzt im
gerechten Vertrauen auf sich, dass er es wagen dürfe, Gabrielen um die Erlaubnis
zur Rückkehr zu bitten. Sie hatte sie ihm beim Scheiden unter Bedingungen
versprochen, deren Erfüllung ihm zwar noch schwer, aber doch nicht mehr
unmöglich dünkte.
    So schmerzlich auch Ottokar die Trennung fühlen mochte, bestärkte dieser ihn
doch durch seine Zustimmung in diesem Entschluss, und so wagte es Hippolit denn
endlich, ihn gegen Gabrielen auszusprechen.
    »Fürchten Sie keinen neuen Ausbruch jener vernichtenden Leidenschaftlichkeit
mehr von mir, deren ich jetzt nur noch mit einem sehr beschämenden Gefühl
gedenken mag,« schrieb er ihr. »Sie werden Ihren wilden Edelknaben in nichts
wieder erkennen, als in der treusten Anhänglichkeit und unbedingten Ergebung in
Ihren Willen. Mögen Sie ihn zum zweitenmal und auf immer verbannen, wenn je ein
Wort, ein Blick, ein Atemzug jene trüben Tage Ihnen zurückruft, in denen er mit
umdüsterten befangnem Sinn alles vergass, was er Gott, sich selbst und Ihnen
schuldig ist. Gabriele! sein Sie wieder mild und gütig, wie Sie es immer waren,
Sie können es ohne Sorge, ich will ja nichts als in Ihrer Nähe sein, Sie sehen,
Sie hören. Sie selbst sollen bestimmen, wie oft, wie lange? Und wenn Sie mir nur
eine Stunde, ja nur wenige Minuten des Tages vergönnen, ich will nicht murren
gegen Ihr Gebot, das ich dankbar verehre.«
Wenige Wochen nach dem Empfange dieses Briefes stand Hippolit selbst vor
Gabrielen.
    Er fand sie allein in ihrem stillen Zimmer in der Residenz, wohin sie von
Lichtenfels zur Pflege ihres Gemahls zurückkehren musste, der vor einigen Monaten
sehr krank von seinen ermüdenden Streifereien zu Hause angelangt war. Hippolit
wankte zwar, als er Gabrielen zuerst wieder erblickte, doch half ihm die
Bewegung, in die sie selbst in diesem Momente geriet, dies zu verbergen. Ihr
Auge strahlte mit ungewohntem Feuer, ein blühenderes Rot färbte ihre Wangen,
ihre Gestalt schien noch äterischer als sonst, die Zeit hatte ihrer Schönheit
höheren Glanz verliehen und mit der ersten Blüte früher Jugend ihr keinen Reiz
geraubt. So erhob sie sich bei seinem Eintritte von ihrem Sessel und suchte
vergebens nach freundlichen Worten, ihn damit zu begrüssen. Er wagte es nicht,
die Hand zu berühren, die sie wie unwillkührlich ihm halb entgegenreichte, aber
sein Herz sprach laut aus seinem gesenkten Blicke, aus der edlen und doch so
demütigen Stellung, in der er vor ihr, wie vor einem Götterbilde, sich
ehrerbietig neigte. Der Edelknabe war zum Manne geworden, zum männlichschönsten,
den ihr Auge je erblickte, aus dessen edlen, rein harmonischen Zügen jede Spur
jenes wilden Feuers verschwunden war, von dem sie sonst so oft erschreckt
worden. So hatte Ottokar ihren Jugendträumen vorgeschwebt, jetzt erblickte sie
das Traumbild ins Leben gerufen, aber veredelt, verklärt, wie sie selbst in
ihren fantasiereichsten Stunden es nie sich gedacht hatte.
    Beide schwiegen in den ersten Momenten; Hippolit fand zuerst den Mut, dies
Schweigen zu brechen. Er brachte Briefe, Zeichnungen, Kameen, Pasten, kleine
Mosaiken, die Ernesto ihm für Gabrielen mitgegeben hatte, und kramte alle die
glänzenden Gaben in liebenswürdiger Geschäftigkeit vor ihr auf dem Tische aus.
    Von ihnen wendete sich das Gespräch auf sein Leben und seine Reisen in
Italien. Er sprach viel von Ernesto, endlich wagte er es, sogar Ottokars Namen
zu nennen und Gabrielen manches Angenehme von dessen jetzigem Leben
mitzuteilen. Er tat es mit etwas unsichrer Stimme und gesenktem Blick; ohne
jedoch Ottokars in irgend einer genauern Beziehung zu Gabrielen zu erwähnen. Er
sprach von ihm nur als von einem ihm sehr teueren Freunde, dem er unendlich
viel verdanke. Es war das letzte schwerste Erproben seiner Standhaftigkeit, das
er sich selbst auferlegt. Er hatte darin bestanden, aber jetzt vermochte er auch
nicht mehr. Er erhob sich um Abschied zu nehmen, und bat nur noch um die
Erlaubnis, zu einer gelegenen Stunde auch Moritzen begrüssen zu dürfen.
    Hippolit hatte während seines Besuchs beinah allein gesprochen, denn
Gabriele vermochte es kaum über sich, dann und wann einige Worte der
Schicklichkeit zu Liebe einzuschieben; sie war ganz Auge, ganz Ohr, hingerissen
vom lebhaftesten Erstaunen über die unglaubliche Veränderung, die, in weniger
als zwei Jahren, wie durch ein Wunder bewirkt, ihr hier entgegenleuchtete.
    In tiefem Nachsinnen und doch fast ohne Worte für ihre Gedanken, blieb
Gabriele lange wie in sich verloren. War das der Hippolit, welcher einst so keck
und vorlaut an dieser nemlichen Stelle auftrat? War das der wilde rohe Jüngling,
dessen ungebändigten Sinn sie unlängst mit so ernster Strenge zurecht zu weisen
gezwungen war? Ihr Herz regte sich laut in ungestümen Schlägen, ihre Wangen
glühten vor Freude, meinte sie, über diese glückliche Verwandlung. Eine ihr
unerklärliche Unruhe hielt sie mitten in diesem frohen Gefühle befangen, die bei
dem Gedanken, ihn am Abend wieder zu sehen, in ihr ein Bangen erregte, wie sie
kaum damals es empfunden hatte, als sie, ein Neuling in der Welt, zwischen
Fürchten und Hoffen Ottokars Gegenwart im Salon ihrer Tante entgegenging.
    Endlich am Abend erschien Hippolit in Moritzens Zimmer. Der mürrische Kranke
empfing ihn mit bittern Vorwürfen über seine plötzliche Abreise von Schloss
Aarheim, die Hippolit mit vieler Sanftmut ertrug. Bald fühlte sich Moritz
wieder von dem gewohnten Zauber hingerissen, den die Gegenwart seines ehemaligen
Lieblings stets an ihm übte. Er wurde immer freundlicher, zuletzt war alles
Unangenehme so weit vergessen, dass er nur aufs neue mit Bitten in ihn drang,
sein Haus wie ehemals als sein eignes zu betrachten. Der ihm nun wieder ganz
zugeneigte Alte trug ihm sogar eine Wohnung in demselben an, er drang sie ihm
fast auf, und Hippolit bedurfte aller seiner Gewandheit im Leben, um dies
Anerbieten bescheiden von sich abzuweisen. Er tat es, ohne dabei den Blick zu
Gabrielen zu erheben, die hocherrötend und schweigend der Verhandlung zuhörte,
ohne die mindeste Äusserung über sie zu wagen. Sie schämte sich innerlich ihrer
Verlegenheit dabei, denn sie glaubte nun fest überzeugt sein zu können, dass in
Hippolits Gemüt keine Spur von jenem Gefühl mehr lebe, das sie einst zwang, ihn
zu verbannen, und doch vermochte sie es nicht über sich, diese wunderbare, ihr
selbst unerklärliche Befangenheit zu besiegen.
Von nun an war Hippolit aufs neue Gabrielens täglicher Gast. Sein Betragen blieb
sich immer gleich. Immer erschien er gelassen, sanft, freundlich gegen Moritzen;
voll inniger Teilnahme und ungeheuchelter Ehrfurcht gegen Gabrielen. Zuweilen
fand er sie allein, öfter am Krankensessel ihres Gemahls, der von einem
unheilbaren Astma ergriffen, in manchen Augenblicken Todespein litt, von der er
sich aber stets nach einigen qualvollen Minuten schnell wieder erholte. Zufolge
des Ausspruchs der Aerzte konnte er noch viele Jahre lang mit diesem Uebel
kämpfen, ehe es ihn überwältigte.
    Einst, nicht lange nach seiner Ankunft, überraschte Hippolit Gabrielen, eben
da sie zitternd vor Frost, in der unfreundlichsten Jahreszeit, bei
weitgeöffneten Türen und Fenstern den atemlosen Kranken unterstützte, der für
seine gequälte Brust nur in der fürchterlichsten Zugluft einige Erleichterung
fand, und sie dabei in seinem bewusstlosen Zustand fest umklammert hielt. Der
Anfall ging vorüber und Hippolit gewann Zeit und Kraft, Gabrielen zu betrachten,
welche, mitleidige Tränen im schönen Auge, erschöpft hinsank.
    Sein Herz stand still vor Entsetzen, da ihm in diesem Momente die Gefahr
plötzlich entgegenstarrte, der sich dieses zarte Wesen täglich aussetzte. Und
für wen?
    Die auf ihren vorher so bleichen Wangen schnell erblühende tiefe Röte, das
ungewohnte Strahlen ihrer Augen bezeichnete sie seinem vorahnenden Herzen auf
einmal als eines jener Opfer, welche der langsam heranschleichende Tod erst mit
überirdischer Schönheit schmückt, ehe er sie früh und auf immer erbleichen lässt.
    Von ungeheurer Angst getrieben, ergriff er nun die erste einsame Stunde mit
ihr, um sie um Schonung für sich selbst anzuflehen. Es war die erste Bitte, die
er seit seiner Rückkehr aus Italien an sie wagte; wenn sie sie ihm gewährte,
sollte es auch die letzte sein, dies gelobte er auf das Heiligste. Gabriele
konnte sie ihm weder versagen noch gewähren, und Hippolit sah sich dadurch
gezwungen, sie von nun an gleich einem teuren Kleinod argwöhnisch zu bewachen.
Er beschloss, so viel Zeit als möglich in ihrem Hause zuzubringen, entstehe
daraus was da wolle, um nur gleich zur Stelle zu sein, wenn der Kranke so
gefahrvollen Beistand verlange. Denn eigensinnig wie immer erklärte dieser, ihn
nur von seiner Gemahlin oder Hippoliten annehmen zu wollen.
    Die Welt, eigentlicher was man in grossen Städten die Welt zu nennen pflegt,
begann freilich hier und da des glänzenden Fremdlings stete Anwesenheit im
Aarheimischen Hause zum Ziel ihrer Bemerkungen zu machen; doch in der
Abgeschiedenheit, in welcher Gabriele jetzt lebte, vernahm diese wenig davon.
Weniger noch Hippolit. Denn sowohl sein Äußeres, als die Erinnerung an sein
Betragen gegen Adelberten waren ganz dazu geeignet, jedermann den Mut zu einem
unziemenden Scherze gegen ihn zu benehmen.
    Und so war Hippolit jetzt glücklicher als er es je zu werden gehofft hatte;
er war es in der Ueberzeugung, dass es ihm wirklich gelänge, zur Erhaltung und
Erleichterung des geliebten Wesens beizutragen, für das er mit Freuden sein
Leben hingegeben hätte. Ein freundlicher Stern schien dabei sein Bemühen zu
begünstigen, denn Moritz ward bald darauf scheinbar besser, wie das bei Kranken
seiner Art zuweilen wohl auf kurze Zeit geschieht, und er ermangelte nicht, dies
einzig der treuen Pflege seines jungen Freundes zuzuschreiben. Seine
beängstenden Anfälle verliessen ihn einstweilen fast gänzlich, dafür aber stellte
sich seine alte Feindin, die Langeweile, wieder ein, und er machte jetzt weit
stärkere Ansprüche als je zuvor auf Hippolits und Gabrielens Gesellschaft in den
Abendstunden.
    Um der Unterhaltung eine leidliche Wendung zu geben, trug Hippolit allmählig
alle seine in Italien gesammelten Kunstschätze herbei. Gemälde, Zeichnungen,
Kupferstiche, kleine Antiken gaben Moritzens Zimmer gar bald das Ansehen eines
Museums. Wunderbarer Weise bildete dieser sich mit einemmale ein, ein grosser
Kunstkenner geworden zu sein; da indessen seine Redseligkeit durch sein Uebel
sehr gehemmt ward, so war er weit weniger störend als sonst, und blieb
gewöhnlich nur ein grösstenteils stummer Zuhörer von dem, was Hippolit und
Gabriele mit einander sprachen. Er behauptete indessen sehr ernstlich, diese
Unterhaltungen, besonders Hippolits Erzählungen ungemein ergötzlich zu finden,
spielte aber dabei doch mit sich ganz allein eine Schachpartie nach der andern,
wie Philadelphia sie in seinem Schachbuche vorschreibt, sammt allen Abänderungen
jedes einzelnen Spieles. Triumfirend rief er sein »Matt!« aus, wenn die Weissen
gewannen, die er nach seines Meisters Beispiel, der die Schwarzen gewöhnlich
schlecht spielen lässt, in besondern Schutz genommen hatte. dabei glaubte er
steif und fest, sich den ganzen Abend über einzig mit der Kunst beschäftigt zu
haben.
    Hippolits und Gabrielens Unterhaltung gewann durch dieses sonderbare
Beisammensein einen ganz eignen Reiz, eine fast grössere Freiheit, als wären sie
ganz ohne Zeugen gewesen. Moritz vertiefte sich immer mehr in sein Studium des
Schachspiels und mischte sich immer weniger in ihr Gespräch. Die Kunstwerke um
sie her, und Hippolits in Italien, unter Ernestos Leitung sehr ausführlich
geschriebnes Tagebuch gaben ihnen stets neuen unendlichen Stoff.
    Gabriele ward in mancher Hinsicht jetzt wirklich die Schülerin ihres
Freundes, anstatt dass er sonst in Schloss Aarheim von ihr lernte. Lächelnd
erwähnte sie einst gegen ihn dieser seltnen Umwandlung.
    »Bin ich nicht alles durch Sie?« erwiderte er ihr. »Sie allein erweckten
mich ja zu diesem neuen erhöhten Leben. Sie öffneten mir ja zuerst das Reich der
Kunst und führten mich zur beseligenden Erkenntnis der ewigen Schönheit. O
Gabriele, wüssten Sie, mit welchem Wonnegefühl ich mir täglich zurückrufe, was
ich Ihnen alles verdanke! Möge nur ein günstiges Geschick mir erlauben, Ihnen
stets zur Seite zu stehen wie jetzt, um mit jedem Atemzuge Ihnen zu beweisen,
dass ich nur für Sie lebe, für Sie, die mich allein dem Sonnenlichte und der
Hoffnung erhielt.«
    Ein Monat nach dem andern verging auf diese Weise, und Hippolit fühlte mit
immer tiefrer Ueberzeugung, dass weder Zeit noch Veränderung des Ortes seinem
Gemüt in Hinsicht auf Gabrielen eine andre Richtung gegeben habe, noch geben
könne. Sie nur tronte, gleich einem Götterbilde, in seinem Herzen, und die
Einsamkeit war noch oft Zeuge seines Schmerzes. Unendliches Mitleid mit ihr, mit
sich und auch mit Ottokar hielt manche bange lange Nacht hindurch den Schlummer
fern von seinem Lager. Doch er hatte gelobt, sich zu beherrschen, und er führte
es mit bewundernswerter Standhaftigkeit aus. Er kam und ging, und kein Wort,
kein Blick durfte sein Geheimnis verraten. Er dachte wohl daran, dass Gabriele
auf diese Weise setne frühere Liebe zu ihr als erloschen, und in ruhige
Freundschaft umgewandelt betrachten würde, aber er war bereit, auch dieses zu
tragen, um nur den innern Himmelsfrieden der hochgeliebten Frau nie wieder zu
trüben.
Aechte Liebe und Bescheidenheit gehen stets Hand in Hand. Deshalb kam in
Hippolits Seele keine Ahnung von dem, was in qualvoller Seligkeit ihn vielleicht
zum Wahnsinn getrieben hätte, wäre es von ihm erkannt worden. Ach! jener
Himmelsfriede, den er schonen wollte, war längst aus Gabrielens Brust gewichen
und entfremdete sich ihr immer mehr und mehr mit jedem Tage, den Hippolit in
ihrer Nähe verlebte. Während die unablässige Sorgfalt, mit der er in Gabrielens
Gegenwart stets über sich selbst wachte, ihm keine Zeit liess, sie anders als in
Hinsicht auf ihre Zufriedenheit mit ihm zu beobachten, entzückte ihn zwar die
holde Freundlichkeit, mit der sie ihn gewöhnlich behandelte, aber er dachte
dabei nur daran, sich dieses sein gegenwärtiges Glück zu erhalten, und war weit
davon entfernt, zu kühnern Hoffnungen den Blick zu erheben.
    Auch Gabriele blieb Wochen- und Mondenlang sich selbst ein Rätsel, dessen
Auflösung sie, ohne sich dessen bewusst zu sein, immer weiter hinaus schob. Vom
Rückblick auf das frühere, von ihrer Seite so ruhige reine Verhältnis zu
Hippoliten geblendet, glaubte sie, es sei noch wie ehemals. Sie ahnete nicht,
was alles Blut ihres Herzens in heissen tobenden Strömen ihren Wangen zutrieb,
wenn sie aus fast unhörbarer Ferne den Ton seiner Stimme, das Nahen seiner
Schritte vernahm. Neues, nie zuvor geahnetes Leben war ihr aufgegangen, doch sie
erkannte weder dessen Ursprung, noch das Stürmen und Wogen, welches ihre Brust
mit süssem Schmerz beklemmte, himmelweit abweichend von jedem früheren Gefühl.
Früh, wenn sie erwachte, war Hippolit ihr erster Gedanke, Sehnsucht, ihn wieder
zu sehen, ihr erstes Empfinden, und dennoch erschrak sie, und hätte es gern
abgewendet, wenn sein Besuch ihr gemeldet ward. War er aber erst da, dann begann
ein hohes genussreiches Leben. Seine Worte, seine Äusserungen entwickelten ihr
täglich eine zuvor nicht gekannte Liebenswürdigkeit, eine neue, höhere Achtung
fordernde Eigenschaft an dem edlen schönen Manne, der dabei in ungeheuchelter
Verehrung sich und jede seiner Handlungen ihrem Willen unterwarf. Sie hing an
seinen Blicken, an jeder seiner Bewegungen, alles andre vergessend, bis irgend
ein unbedeutender Zufall sie aufschreckte. Verlegen wandte sie sich dann von ihm
ab, floh aus seiner Nähe oder suchte ihre, ihr selbst unbegreifliche, tiefe
Beschämung hinter irgend einem kleinen Geschäft, das sie plötzlich unternahm, zu
verbergen. Zwanzigmal des Tages fühlte sie sich auf diese Weise von ihm
angezogen und fortgetrieben. Sie war von einer Unruhe, einer Unbestimmteit
ergriffen, die sie mit Angst erfüllten, die ihr nicht erlaubten, irgend etwas zu
unternehmen oder gar zu vollenden, als nur in Bezug auf Hippolit. Jene, ihr
eignes Wesen wie die Welt, hellüberschauende Klarheit, war für den Moment
gänzlich von ihr gewichen; Gedanken, Empfindungen stiegen in ihr auf, ihr so
fremd, dass sie oft sich überredete: das Herannahen einer bedeutenden Krankheit
vorzuempfinden. Ein Zufall musste sie über sich selbst klar werden lassen, wenn
gleich auf schmerzliche Weise.
Unerachtet ihres jetzt sehr merklich herannahenden höheren Alters hing
Gabrielens Tante, die Gräfin Rosenberg, noch immer mit gewohnter
Leidenschaftlichkeit an der Welt, an deren Freuden, und war keinesweges
gesonnen, den Platz aufzugeben, den sie in ihr so lange ehrenvoll behauptet
hatte. Mehr als je zuvor beruhte jetzt ihr Glück auf Glanz und Geräusch, denn
sie bedurfte beides, um manchem ernsteren Gedanken zu entweichen, der sich
zuweilen doch ungerufen ihr entgegendrängte. Ein einziger unbesuchter
Assembleeabend in ihrem Hause hätte ihr den Tod geben können. Dies fühlend, und
treu ihren früheren Grundsätzen, suchte sie daher bei Zeiten in dem sie
umgebenden Kreise nach einem jungen liebenswürdigen Wesen, das fähig wäre,
Gabrielens Alle herbeizaubernde Gegenwart ihr einigermassen zu ersetzen. Denn
sie musste leider diesen Winter über in ihrem Salon Gabrielen vermissen, weil die
Pflicht diese an das Krankenzimmer des Gemahls gefesselt hielt.
    Der Gräfin gewohnter Scharfblick fand gar leicht den geselligen Magnet,
welchen sie suchte, in der im üppigsten Jugendreiz eben aufblühenden Ida von
Schöneck, Gabrielens ehemaliger Begleiterin nach Schloss Aarheim. Seltne
Schönheit und manches angenehme Talent hatten sich seit jener Zeit auf das
schnellste und liebenswürdigste in diesem jungen Mädchen entwickelt. Die Gräfin
konnte keine glücklichere Wahl treffen, denn der ewige Kampf zwischen einem
unbegränzten Hange zum Vergnügen und sehr beschränkten häuslichen Verhältnissen
machten die arme Ida zur Gefälligkeit selbst, was auch immer von ihr gefordert
werden mochte. Sie verliess das Haus ihrer Mutter und bezog ein Zimmer im Hotel
ihrer neuen Beschützerin.
    Alle Stunden, welche Toilette und Gesellschaft ihr übrig liessen, wurden dort
mit unermüdetem Eifer auf den Unterricht gewendet, den ihr die Gräfin in Musik,
Tanz und allen jenen Künsten geben liess, welche in unsern verfeinerten Tagen den
höchsten Schmuck der darüber selbst zur Kunst gewordnen Geselligkeit ausmachen.
Von Eitelkeit gespornt, ersetzte der angestrengteste Fleiss, was hie und da die
Natur versagt haben mochte, und die einmal der Dunkelheit entrissne, vor kurzem
noch so unbedeutende Ida trat ganz unerwartet als eine leuchtende Sonne hervor,
deren Glanz alle ihre Umgebungen überstrahlte. Der Gräfin Rosenberg Haus ward
durch Ida wieder, was es stets gewesen war, der Mittelpunkt aller guten
Gesellschaft in der Residenz, sie selbst schwamm in Seligkeit, und vergötterte
beinahe die kleine Zauberin, welche alle diese Wunder bewirkte.
    Zwar war Ida himmelweit davon entfernt, Gabriele zu sein; ihre Talente, ihr
Wissen, waren nur ein oberflächlich Erlerntes, auf den Licht-Effekt berechnet;
aber eben diese Licht-Effekte hatte sie meisterhaft studirt. Dazu besass sie den
Reiz der Neuheit, der frischesten Jugend und obendrein eine seltne Fähigkeit,
fremde Liebenswürdigkeit sich anzueignen. Sogar das Mondenlange Zusammenleben
mit Gabrielen hatte sie, wenigstens für das Äussere, vorteilhaft zu benutzen
gewusst, und nichts bezeichnet sie besser, als das französische Wort: je ne suis
pas la Rose, mais j'ai habité avec elle.
    Begleitet von diesem ihrem jungen glänzenden Lieblinge, trat nun die Gräfin
eines Abends ganz unerwartet in Gabrielens Zimmer ein, um ihre vielgeliebte
Nichte einmal wieder zu sehen, nach der sie sich, ihrer Versicherung nach,
Mondenlang vergebens gesehnt hatte. Sie erklärte, den ganzen Abend bei ihr
bleiben zu wollen und etablirte sich förmlich mit ihrer Knötchen-Arbeit auf dem
Sopha, um dieses zu beweisen, denn der heutige Tag war eben ein allgemeiner
Busstag gewesen, der ohnehin still und mitunter auch wohl langweilig selbst von
denen zugebracht werden musste, die wie die Gräfin und Ida im ewigen Wechsel des
Vergnügens sich herumzudrehen gewohnt sind. Der seltne Besuch der Tante ward von
Gabrielen mit gewohnter Holdseligkeit empfangen und auch Idas beinahe ungestüme
Liebkosungen wurden so von ihr erwidert. Wie entzückt, warf sich diese ihr in
die Arme, und ward nicht müde, ihrer Freude über dieses lang ersehnte
Wiedersehen Worte zu geben.
    Mit innigem Wohlgefallen und stiller Bewunderung betrachtete indessen
Gabriele das, alle frühere Erwartungen weit hinter sich lassende Erblühen des
jugendlichen Wesens, das noch in diesem Moment durch ein, bei Hippolits Anblick
aufleuchtendes freudiges Strahlen der schönen Augen unendlich reizender ward.
Sie liess Ida lächelnd gewähren, wie man einem artig spielenden Kinde den Willen
tut, als diese nun mit anmutiger Geschäftigkeit sich der Verwaltung des
Teetisches bemächtigte, dabei die in Schloss Aarheim selig verlebten Tage pries,
und überhaupt alle ihre kleinen Künste spielen liess, um sich so interessant und
liebenswürdig als möglich zu zeigen. In Gabrielens reine Seele kam noch immer
keine Ahnung von diesen Künsten, unerachtet ihre genaue Bekanntschaft mit der
Welt sie in dieser Hinsicht wohl hätte einsichtiger machen können. Sie aber war
zu wahr geblieben, um an das Falsche oder Schlechte zu glauben, ehe Tatsachen
davon sie unwidersprechlich überzeugten. Und so wie sie als sechszehnjähriges
Kind die jugendliche frische Farbe ihrer schon damals mehr als vierzigjährigen
Tante bewundert hatte, eben so liess sie sich auch jetzt zehn Jahre später, von
der gutgespielten kindlichen Naivetät eines achtzehnjährigen Mädchens blenden,
ohne in ihr die geübte Schauspielerin zu erkennen. Das Vergnügen, mit dem sie
dem anmutigen Wesen zusah, stieg mit jeder Minute, ihr Auge suchte endlich
Hippoliten auf, um auch ihn zur Teilnahme daran aufzufordern, doch sie ward
gewahr, dass es dessen nicht bedürfe. Fest gebannt, alle seine Aufmerksamkeit
ausschliessend dem reizenden Geschöpfe zugewendet, sah sie ihn hinter Idas Stuhl
stehen, die glänzenden Augen nur auf diese geheftet, und ein ganz eignes
stechendes Weh durchbebte in dem Momente ihre Brust.
    Ida ward immer lebendiger in ihren Bewegungen und im Gespräche. Die ihr ganz
eigne Grazie in all' ihrem Tun wurde immer sichtbarer, und Hippolit geriet
dadurch nach und nach in eine ihm jetzt seltne fröhliche Laune. Unter dem
Vorwande, ihr wie wohl ehemals in Schloss Aarheim geschah, bei ihrem Geschäfte
helfen zu wollen, rückte er sich einen Stuhl dicht neben den ihrigen, verwirrte
lachend und schäckernd die Tassen, reichte ihr den Rum statt des Rahms, warf
Zucker in die Tassen die dessen nicht bedurften, liess sich von ihr ausschelten
ohne sich deshalb zu bessern, und trieb tausend kindische Possen, worüber sie
herzlich lachen musste, was ihr über die Massen wohl stand, und ihn zu immer neuen
lustigen Einfällen hinriss.
    Die Gräfin sah dem artigen Spiele des schönen jungen Paars mit unverhehltem
Vergnügen darüber zu, und begann nach Art älternder Frauen, auf diese Stunde
Pläne für ihre Ida zu bauen, die sie durch manchen heimlichen Wink auch
Gabrielen mitzuteilen versuchte; doch diese war nicht gestimmt, sie zu
verstehen.
    Mit nie empfundner Angst fühlte sie in ihren Augen aufsteigende Tränen, sie
wollte nach dem Beispiel der Andern den heimlichen Schmerz weglachen, aber es
war ihr unmöglich. Je lustiger jene wurden, je ernster ward sie. Zum ersten mal
in ihrem Leben dünkte sie sich launig, vedriesslich zu sein; sie strebte, ihre
Verstimmung wenigstens zu verbergen, da sie nicht vermochte sie zu unterdrücken,
und zuletzt hielt sie dieses sogar für überflüssig, denn sie glaubte zu
bemerken, dass niemand sie beachte. Hippolit wie die Tante, hatten nur Augen für
Ida, die ihren Mutwillen immer höher trieb, und dabei immer reizender ward,
während Gabriele in immer steigender Angst den Abstand ihres innern Missmuts mit
der allgemeinen Stimmung empfand.
    Es ist Besorgnis um Moritzen, was so mich quält, dachte sie endlich, er ist
so verlassen, vielleicht schmerzlich leidend, in seinem einsamen Zimmer. Sie
wünschte Hippoliten an ihn zu erinnern, aber ein wunderliches Schämen hemmte
ihre Worte. Sie dachte darauf, sich selbst auf einige Minuten bei der Tante zu
beurlauben um nach ihm zu sehen, aber auch dazu fehlte ihr Entschlossenheit. So
kämpfte sie eine ziemliche Weile mit sich selbst und ward immer ernster, als der
vermeinte Gegenstand ihrer Sorge ihrer Ueberlegung ein ganz unerwartetes Ende
brachte, denn Moritz selbst trat in ihr Zimmer, was er lange nicht gewagt hatte.
    Heiter und wohl, wie er es seit Monden nicht gewesen, wollte er seine
Gemahlin durch diesen Besuch angenehm überraschen, und ward selbst durch das
lustige Treiben überrascht, in das er hier ganz unerwarteter Weise
hineingeriet, und das ihm in diesem seinen Anflug von guter Laune höchst
willkommen war.
    Die Stunden flogen, der Abend verging ehe man es dachte. Idas naiver Witz
zeigte sich unerschöpflich, ihre Fröhlichkeit unverwüstlich, so dass Moritz nach
ihrer Entfernung nicht aufhören konnte, sie und den angenehmen Abend, den sie
ihm gewährt hatte, zu preisen. Er erinnerte sich mit einemmale, schon in Schloss
Aarheim eine stille Neigung Hippolits zu dem reizenden Mädchen bemerkt zu haben,
alle jene alten Neckereien und Anspielungen, mit denen er seinen jungen Freund
dort oft genug gelangweilt hatte, wurden wieder hervorgeholt, und mit ernsten
Ermahnungen begleitet, das Glück ja zu ergreifen und festzuhalten, so lange es
ihm lächle.
    Hippolit erwiderte wenig; er stand da, in ängstlicher Verlegenheit, die
Moritzens Vermutungen zu bestätigen schien, und dachte nicht daran, sich gegen
Angriffe zu verteidigen, die er kaum vernahm. Denn er sah Gabrielen bleich und
leidend im Sofa hingesunken, ohne sichtbare Teilnahme an dem Geschwätz, in
welches Moritzens lange nicht geübte Redseligkeit, überströmend von
Albernheiten, sich ergoss. All sein Sinnen und Denken ging nur dahin, den
überlästigen Schwätzer auf eine schickliche Art zu entfernen, um ihr, die er
krank glauben musste, endlich die nötige Ruhe zu verschaffen. Es gelang ihm
zuletzt, ihn auf sein Zimmer geleiten zu dürfen, aber noch in der Türe wandte
Moritz sich um. »Allons Madame« rief er Gabrielen laut lachend zu, »ne faites
pas la sainte Nitouche! Mustern Sie nur morgen mit Sonnenaufgang Ihre Mirten
und Rosen zum Brautkranze, ersinnen Sie ein recht elegantes Hochzeits-Cadeau;
vous en aurez besoin; sehen Sie nicht hier das leibhafte Bräutigamsgesicht? Wie
trübselig der arme Teufel da steht! Courage, mon ami! La petite non sarà
crudele; Courage! faint heart never won fair Lady.«
Ein langer mühsam verhaltner Strom heisser bittrer Tränen machte Gabrielens
gepresstem Herzen Luft, sobald sie sich allein sah. Ernsteres Nachdenken folgte
diesem während einer unendlich langen schlaflosen Nacht, bis hell und klar, wie
die eben aufgehende Sonne der Abgrund von Unglück vor ihr lag, an dessen Rande
sie bebte, ohne die Möglichkeit, sich abzuwenden.
    Ja, sie musste es sich endlich, ohnerachtet alles innern Widerstrebens,
selbst gestehen, es war Liebe was sie empfand, heisse glühende Liebe, die sie
jetzt nur an ihren Qualen erkannte, und o wie himmelweit verschieden von jenem
Ideale, mit welchem ihre sanfte, der unbedingtesten Hingebung geweihte Mutter
schon in früher Kindheit ihr junges Herz erfüllt hatte! Wie fern stand ihr jetzt
jener kindliche Glaube, dass Liebe in sich beglücke, und nur das unbedingte Glück
des Geliebten fordere, um dieses irdische Leben zum seligen der Engel zu
erheben. Ihr ungestüm pochendes Herz, sie konnte es sich nicht ableugnen, es
forderte Gegenliebe, Treue, Nähe des Geliebten; ihr Auge verlor sich in
undurchdringliches Dunkel, im welchem all' ihr Wünschen, ihr Sehnen, ihr Hoffen
unausgesprochen und unaussprechlich verschwebte.
    Reuevoll, mit schmerzlich gerungenen Händen, warf sie sich vor dem wehmütig
lächelnden Bilde ihrer Mutter hin, wie vor dem einer Heiligen, und betete zur
ihr um Mut, um Kraft und Beistand, sich aus den mächtigen Zauberbanden
loszuwinden, die sie umstrickt hielten. Sie überdachte alles früher mit
Hippoliten Erlebte; sein erstes Auftreten bei ihr, die Scene im Gärtchen, die
spätere in der Kapelle; vergebens! Aus dem Ideal von Hoheit und Schöne, das
jetzt vor ihr stand, war jede Spur jenes wilden unbesonnenen Knaben gewichen,
ihn konnte sie zurückstossen, doch dieses musste sie lieben, mit all der
schwärmerischen Anbetung, die ihr sonst nur als Dichtertraum erschienen war.
    Um sich zu retten, rief sie Ottokars Andenken herauf aus ihrem Herzen, es
sollte ihr helfen zum Sieg über eine Leidenschaft, deren verzehrende Glut sie
mit Schrecken erfüllte. Alle frühere Erinnerungen ihrer Jugend wurden von ihr
hervorgesucht, vor allem jenes Tagebuch, dessen Blätter auch das flüchtigste
Empfinden ihres Gemüts während jener Zeit, die sie mit Ottokar verlebte, treu
aufbewahrten. Sie wollte sich der Untreue gegen ihn anklagen, sie las, und sah
mit Erstaunen, je weiter sie las, dass sie dem ersten geliebten Freunde ihres
neuen jugendlichen Herzens nicht untreu sei. Was er ihr gewesen, war er ihr noch
immer; der Stern ihres Lebens, zu dem sie ohne Wunsch hinaufblickte in Freude
und Leid, dessen blosses Dasein sie tröstete in allem Zweifel, allem Bangen,
allem Ueberdrusse ihres freudenarmen Lebens. Zu ihm allein hätte sie sich mit
allen ihren Schmerzen flüchten mögen, ohne Furcht ihn zu beleidigen, in aller
Zuversicht des reinsten Vertrauens, um von ihm zu lernen, wie man über sich
selbst Macht gewinnt.
    Immer klarer ward sie, je weiter sie in ihrem Tagebuche las; sie gewann es
über sich, ihr ganzes Ich als ein Fremdes deutlich zu erkennen, so wie auch den
Unterschied zwischen Jetzt und Damals, als sie in eine fremde Welt gestossen
ward, noch halb ein Kind, mit jugendlich-neuen Sinnen, das Herz voll Sehnsucht
nach Liebe, welche die nur in ihrer Ideenwelt lebende Mutter viel zu früh in ihr
erweckt hatte. Verlassen, unbemerkt, auch wohl verspottet stand sie damals da,
ohne Schutz, ohne Sicherheit, in furchtsamer Verlegenheit mitten unter fremden
Gestalten, die kalt und achtlos an ihr vorüber rauschten, bis er erschien. Er,
Ottokar! so hoch über alle jene Figuranten erhaben, dass sie in ihrer
Unerfahrenheit ihn wie eine göttergleiche Erscheinung nur aus der Ferne
bewundernd verehrt hätte, wär' er ihr nicht zugleich auch der erste Mann
gewesen, den sie mild und gütig sah, und hätte sie nicht einzig deshalb sich ihm
näher als Alle verwandt wähnen müssen. Ihr durch den Tod einer angebeteten
Mutter tief verwundetes Gemüt bedurfte eines Gegenstandes für die ängstlich
suchende verwaiste Liebe, von der es überfloss, und wo war ein würdigerer zu
finden als Ottokar? Sie nahte ihm in fast kindlicher Verehrung, sie wagte es,
ihn zu lieben - so wie sie ihre Mutter geliebt hatte; und wähnte ihre Bestimmung
erfüllt. Sie kannte ja keine andre Liebe, und konnte keine kennen als aus ihren
Dichtern, deren Gebilde, von ihrer Mutter gewarnt, sie weit entfernt war in der
Wirklichkeit zu suchen. Aber auch er schien achtlos an ihr vorüberzugehen, wie
die übrigen, der Schmerz darüber täuschte ihr Bewusstsein, und führte endlich
jene feierliche Stunde voll Wonne und Schmerzen herbei, deren Andenken sie bis
jetzt in einem schönen Irrtum über sich selbst erhalten hatte.
    Und nun! Zu neuem, nie geahnetem Leben war sie erwacht, zu nie gedachten
Schmerzen und Wonnen. Jetzt erst verstand sie ihre Dichter, jetzt erst die Natur
um sich her. Eine neue Sprache, neue Begriffe und Ansichten waren mit diesem
neuen Leben ihr gewonnen, ihr war, als erhöbe sie sich aus langem, traumbewegten
Schlummer zum Licht. Mit richterlichem Ernst überblickte sie ihre Vergangenheit;
sie wollte sich schuldig finden, aber sie konnte nie ungerecht sein, auch nicht
gegen sich selbst. Ihr heller Geist hatte endlich den rechten Standpunkt
gefunden, und sie gestand sich, einer Gefahr erlegen zu sein, die sie nicht
erkannt hatte, und ihrer Natur nach nicht erkennen konnte. Sie fühlte sich
schuldlos an dem Irrtum ihres reinen, nichts ahnenden Gemüts; sie fühlte, dass
schon ein Grad von Verderbteit dazu gehört, um ewig sich selbst zu bewachen und
Gefahren zu fliehen, deren Möglichkeit wahre Unschuld nie sich denken kann, und
ihre unbedachte Sicherheit, die sie nicht verdammen konnte, obgleich sie sie als
den Quell ihres Unglücks betrachten musste, flösste ihr Mitleid mit sich selbst
ein.
    Dies reine Bewusstsein ermutigte sie endlich wieder zu der Festigkeit und
Kraft des Gemüts, die schon so oft in ihrem Leben ihr aus jener schmerzlichen
Versunkenheit emporhalf, in welcher Schwächere untergehen.
    »Herr meines Empfindens bin ich nicht, und kann es nicht sein, doch Herr
meiner Handlungen will ich sein!« sprach sie, und fühlte sich in dem Momente
erhaben über sich und ihr Geschick.
    Den ganzen langen Tag, den sie unter dem Vorwande eines leichten
Uebelbefindens ganz einsam in ihrem Zimmer verlebte, verwendete sie zum ernsten
Ueberdenken, wie das Unabänderliche würdig zu bestehen sei. Hippoliten abermals
von sich zu entfernen! Wütender unaussprechlicher Schmerz durchzuckte sie bei
dem blossen Gedanken an dieses Opfer, das ihr schwerer als der Tod dünkte, aber
sie hielt ihn fest. Doch wie? wie sollte sie ihn entfernen? unter welchem
Vorwande? ihn, der durch sein Betragen sie auch nicht auf die entfernteste Weise
zu einem solchen Schritte berechtigte, der in inniger ehrfurchtsvoller Ergebung
nichts wollte, als in ihrer Nähe atmen; der keine Aufopferung scheute ihr
dieses zu beweisen und daneben ihr trübes Leben auf tausendfältige Weise zu
schmücken! Wahrscheinlich hatte er jene jugendliche leidenschaftliche Aufwallung
längst auf ewig besiegt, wohl gar vergessen, die er einst für die Bestimmung
seines Lebens hielt, und von deren Dasein seit seiner Rückkehr aus Rom, jede
Spur in seinem Betragen gegen sie verschwunden war. So verwandelt wie sein
ganzes Wesen, war vielleicht auch sein Herz, und nur Mitleid, Dankbarkeit und
hoher Edelmut fesselten ihn noch an sie. Ihre Liebe, die einst das höchste
Ideal von Seligkeit ihm schien, würde jetzt vielleicht nur in wehmütiger Trauer
über ihre Schwäche ihn niederdrücken; und wenn gerade ihre Bitte sich zu
entfernen ihm ihr Geheimnis verriete, wenn er dadurch entdeckte - Gabriele
vermochte es nicht den Gedanken zu vollenden; mit hohem Erröten, mit dem
ängstlichsten Gefühle der tiefsten Beschämung verhüllte sie sich vor dem Lichte
des Tages, vor sich selbst, und träumte dabei doch eine Minute lang von der
Himmelsseligkeit, ihm einmal nur sagen zu dürfen: »dich habe ich geliebt!« und
dann zu sterben!
    Schaudernd wie vor einem Verbrechen, eilte sie, von diesem Gedanken sich
loszureissen. Sie wusste es, sie musste leben, sie war bestimmt, den blutigen Pfeil
im Busen zu tragen und gleichgültig dazu lächelnd, ihren Weg zu gehen, wenn er
gleich zum Untergange führte.
    Mit möglichster Gelassenheit begann sie jetzt, über ihr künftiges Verhalten
gegen Hippoliten nachzudenken; sie wollte eine Richtschnur ihres Lebens in
seiner gefahrvollen Nähe ersinnen, und sah bald ein, dass beinah alles bleiben
musste wie es war, wenn sie nicht in ihm und vielleicht auch in ihrem Gemahle
Aufmerksamkeit, sogar Argwohn erregen wollte. Im Äußern war so wenig
abzuändern, und in ihrem Innern, das fühlte sie mit Ueberzeugung, konnte es nie
anders werden. Trennung von ihm konnte sie zwar vor Verrat ihres heiligsten
Geheimnisses bewahren, aber sein Bild stand auf ewig in unverlöschlichen Zügen
ihrem Herzen eingegraben, und Abwesenheit oder Gegenwart galten hier gleich.
    Schnell wie ein Blitzstrahl durchzuckte sie plötzlich der Gedanke: wie wenn
auch ihn heilige Pflichten bänden! wenn er, glücklich an der Seite eines
geliebten Wesens, von selbst sich nach und nach entfernte, und beseligt durch
alle die süssesten Bande des häuslichen Lebens, nun immer seltner käme, zuletzt
ganz ausbliebe? Tausendmal schöner und reizender als sie gestern Ida gesehen
hatte, schwebte diese ihrem Geiste vorüber; abermals sah sie Hippolit in
Bewunderung des anmutigen Wesens verloren, der ganze Abend des vergangenen
Tages, selbst Moritzens plumpe Scherze und Anspielungen kehrten ihr zurück, und
alle Schmerzen der fürchterlichen Nacht, die darauf folgte, wurden wieder in
ihrem Busen wach. Ida ward das Gebilde ihrer Fantasie, das sie zu ihrer eignen
Qual mit jedem Liebreize verschwenderisch sich schmückte. Je länger sie es
betrachtete, je überzeugter ward sie, dass nur dieses jugendlich schöne Wesen
wert sei, den Gegenstand ihrer eignen glühenden Liebe zu beglücken, dass es für
ihn geschaffen, einzig bestimmt, von ihm geliebt zu sein. Ein neuer schwerer
Kampf erhob sich in ihrem Gemüte, aber auch aus diesem trat ihr besseres Selbst
bald wieder siegreich hervor. Edlen Seelen gilt die schwerste Pflicht oft für
die Einzige, daher ward auch bald in Gabrielens Gemüte der Entschluss fest:
Hippoliten selbst zu einem Schritt aufzufordern, zu welchem ihre Einwilligung zu
erbitten, ihm vielleicht der Mut gebrechen möchte. Ihr Gefühl bei dem Gedanken
an die Ausführung dieses Entschlusses lässt sich nicht in Worten aussprechen,
aber sie schwelgte in ihrem Schmerz, ohne Linderung zu suchen, als in dem
Bewusstsein, das Rechte erwählt zu haben, für sich und für ihn.
Eine zweite, wenn gleich minder stürmisch, doch nicht minder schmerzlich
durchwachte Nacht führte endlich den Morgen herbei, den Gabriele dem höchsten
Opfer geweiht hatte, das sie der Pflicht und dem Glück des Hochgeliebten bringen
zu müssen glaubte.
    Die bängste Sorge um sie, die er ernstlich krank glaubte, trieb indessen
Hippoliten lange vor der sonst gewohnten Stunde an Gabrielens Türe. Er war die
ganze Nacht hindurch bis zum grauenden Morgen vor ihrem Hause auf- und
abgegangen, hatte zu ihren Fenstern hinaufgeblickt und diese mit
unaussprechlicher Angst von einem weit helleren Licht erleuchtet gesehen, als
die verschleierte nächtliche Lampe geben konnte, deren schwachen Schimmer er in
ruhigen Nächten so oft von dieser Stelle aus beobachtet hatte. Er sah an den
herabgelassenen grün-seidenen Rouleaus Gabrielens Schatten einigemal
vorüberschweben; er hielt ihn für den ihrer, um sie beschäftigten Frauen, und
dachte vor ungeduldiger Sorge dabei zu vergehen. Um so freudiger überraschte ihn
jetzt die kaum gehoffte Erlaubnis, sie sehen zu dürfen; denn die kurze Trennung
eines einzigen Tages dünkte dem Verwöhnten, schon unerträglich lange gewährt zu
haben.
    Anfangs stockte das Gespräch. Gabriele schwieg oft und lange; sie schien
bleich und erschöpft, Hippolit glaubte sie noch immer körperlich leidend, und
verhielt sich ebenfalls still und in bescheidner Entfernung, um ihr nicht lästig
zu werden; er war ja zufrieden, sie nur zu sehen.
    Mit der äussersten Anstrengung ihrer geistigen Kraft begann Gabriele endlich,
das, was in ihr so stürmisch wogte, ruhig zur Sprache zu bringen. Idas Name
glitt zuerst fast unverständlich über ihre Lippen, doch nach und nach ermutigte
sie sich. Immer lebhafter werdend, sprach sie endlich von ihr, ihrer Schönheit,
ihrer Anmut, ihren geistigen Vorzügen, wie eine Begeisterte; auch war sie es in
diesem Moment durch das Bewusstsein des mit fast übermenschlicher Kraft errungnen
Sieges über sich selbst.
    Hippolit hörte ihr indessen mit lächelndem Beifall zu, wie man etwa die
geistreiche Beschreibung eines schönen Gemäldes anhört. Er war so himmelweit
davon entfernt, nur eine Ahnung von dem zu haben, was Gabriele mit ihren Worten
eigentlich meinte, dass er sogar nur jetzt erst durch sie wieder an Idas
liebliche Erscheinung erinnert ward, die ihn zwar während eines flüchtigen
Moments recht angenehm beschäftigen konnte, die aber sammt den Ereignissen des
mit ihr verlebten Abends, über der Besorgnis um Gabrielen von ihm gänzlich
vergessen worden war. Die unerwartete Gegenwart der Gräfin Rosenberg hatte ihn
damals wie immer sehr unangenehm berührt, denn er ward durch sie stets an
Herminien und an einen Abschnitt in seinem Leben erinnert, dessen er nie ohne
tiefe Beschämung und Reue gedenken konnte. Bewacht von ihren scharfen stehenden
Augen, die ihn immer verfolgten, als wollten sie seine geheimsten Gedanken
erspähen, mochte er es in ihrem Beisein kaum wagen, Gabrielen anzusehen, doch da
er gern unbefangen und heiter erscheinen wollte, so war er darüber in jenen ihm
sonst fremden Ton geraten, in welchen Ida so meisterhaft einzufallen wusste, dass
sie ihn viel weiter mit sich fortriss als er es anfangs gemeint hatte.
    Jeder von uns hat ja wohl im Leben erfahren, wie leicht man gerade in recht
trüber Stimmung, um diese zu verbergen, sich den Schein ungewohnter Lustigkeit
zu geben sucht, die dann leicht in ein wildes freudenloses Toben ausartet, und
späterhin in nur noch herberen Schmerz sich auflöst.
    Gabriele, durch Hippolits schweigende Aufmerksamkeit in ihrer Ansicht immer
mehr bestärkt, begann indessen immer deutlicher das anzudeuten, was sie meinte,
ohne dass Hippolit sie verstand. Und als er endlich denn doch aufmerksam ward,
Gabrielen einiges erwiderte, und ihre Antworten ihn immer mehr ins Klare
setzten, da suchte er nur den Zweck eines Scherzes aufzufinden, der so ganz dem
bittersten Ernste glich, und den er dafür zu nehmen sich doch unmöglich
entschliessen konnte. Zum erstenmal erschien Gabriele ihm fremd und
unbegreiflich; er geriet dadurch in eine peinliche Spannung, die sie ebenfalls
verkannte, weil auch sie, vom Gange ihrer eignen Ideen hingerissen, ihn nicht
mehr verstand. Seine immer steigende Verwirrung, seine unzusammenhängenden Reden
schienen ihr ein Bekenntnis, das ihm, sie fühlte dies in seiner Seele, freilich
schwer werden musste, vor ihr auszusprechen. Ihr Herz brach dabei, aber ihre
Stimme, ihre Blicke blieben fest, ihre Augen trocken, als sie nun endlich in
deutlichen Worten sich erbot, selbst für ihn bei Ida zu sprechen.
    Als wäre aus blauer Luft ein Blitzstrahl vor ihm niedergeschmettert, so, von
bleichen Schrecken ergriffen, fuhr Hippolit jetzt von seinem Sessel auf; sie
sank völlig erschöpft zurück, und eine bange Pause entstand, während welcher
kein Laut den bebenden Lippen beider sich zu entringen vermochte.
    »Ist es möglich?« rief endlich Hippolit mit unendlich schmerzlichem Ton und
Blick. »Gabriele! was habe ich verbrochen, dass Sie so mich strafen? Jetzt erst
verstehe ich Ihre Meinung; ich werde zum zweitenmal verbannt. Doch weshalb? und
warum so? O Gabriele! und warum eben so? Wie ist es möglich, dass ich so ganz und
gar keiner Schuld mir bewusst bin, und doch schwer genug gefehlt habe, um dieses
zu verdienen? Ich sehe es wohl, gnädige Frau! ich habe Ihre Achtung, mein
einziges Glück verscherzt, denn Sie, Sie sonst so wahr und offen gegen
jedermann, Sie sind es nicht mehr gegen mich!«
    Vom Schmerz überwältigt, wandte sich hier Hippolit mit verhülltem Gesicht
von Gabrielen ab, während sie vergebens nach Atem rang zu beruhigenden
tröstenden Worten.
    »Gnädige Frau,« begann Hippolit wieder mit einem ganz eignen, an
Verzweiflung gränzenden Ausdrucke, »ich flehe,« rief er halb knieend, »ich flehe
darum wie ein Schwerverwundeter um den Tod, sagen Sie mir: ich sei unwürdig in
Ihrer Nähe zu atmen, sagen Sie mir, ich soll fort, ich soll aus der Welt, ich
will nicht mehr fragen, warum? denn sie können nicht ungerecht sein; aber sagen
Sie es mir nur unumwunden, geben Sie es mir nur nicht so zu verstehen, nur nicht
so! O mein Gott, nur nicht so!«
    »Ich wollte - ich will Ihr Glück!« hauchte Gabriele fast unhörbar.
    »Mein Glück!« erwiderte Hippolit, »Sie wollten mein Glück! und zeigen mir
deshalb, dass es noch ein höheres Unglück für mich gibt als das, von Ihnen
verbannt zu sein, ein Unglück, dessen Möglichkeit ich vor einer Stunde noch
nicht ahnen konnte! Gabriele achtet mich nicht mehr ihrer Befehle würdig, sie
will mich nicht ausdrücklich verbannen, sie will mich vertreiben. Dagegen
freilich ist Verbannung Seligkeit!« rief er, wie ausser sich. Doch mitten im
höchsten Sturme seines empörten Gemüts fiel ein Strahl aus Gabrielens jetzt
überquellenden Augen auf ihn und er verstummte. Gefasster näherte er sich ihr
nach einigen Augenblicken, und betrachtete sie mit immer steigender Wehmut.
    »Oder wäre es möglich? konnten Sie wirklich wähnen?« fragte er jetzt so
sanft und leise als er es nur vermochte, »konnten Sie es? Nein es ist unmöglich!
eben so unmöglich, als dass Sie zu einer Ehe ohne Liebe mich führen, mich zum
Heuchler, zum Meineidigen herabwürdigen wollten. Verzeihung, dass ich in dieser
Trostlosigkeit einen Gedanken nur zu berühren wage, der Ihnen so fern steht.
Einmal nur noch würdigen Sie mich Ihres Vertrauens, um meine Zweifel zu lösen,«
setzte er bittend hinzu, »Ihr Schweigen treibt mich sonst dem Wahnsinn entgegen,
ich flehe darum, erklären Sie mir, was meine schwachen Sinne zu begreifen nicht
vermögen.«
    Gabriele sammelte jetzt alle ihre Kraft, um ihm mild und begütigend die
zitternde Hand wie zur Versöhnung zu reichen. Er hielt sie, doch wagte er es
nicht, sie an seine Lippen zu drücken, sein Auge ruhte in angstvoller Erwartung
auf dem ihrigen. »Ich wollte Ihr Glück,« wiederholte sie endlich, »ich will es
stets, ich werde es immer wollen, möge dies Ihnen genügen, forschen Sie nicht
weiter.«
    »Mein Glück?« rief er sehr bewegt. »Und wo ist es ausser bei Gabrielen? O
lassen Sie es stets nur bleiben wie es war! ich verlange ja nichts Höheres.
Lassen Sie mich nur in Ihrer Nähe, nur täglich Sie sehen, mehr will ich nicht,
doch hieran hängt mein Leben.«
    »Gabriele!« fuhr er nach einer kleinen Pause fort, »Sie sind bewegt,
erschöpft, und alles in dieser Stunde Vorgegangne ist mir so unbegreiflich! doch
ich frage nicht, ich forsche nicht. Nur ein Blick, ein Wink sage mir, dass auch
Sie des Gegenstandes dieser Unterredung nie wieder erwähnen wollen, nur dies
gewähren Sie mir, und ich bin wieder ruhig.«
    Mit schmerzlichem Lächeln hob Gabriele das trübe Auge zu Hippoliten auf und
senkte hocherrötend schnell es wieder.
    Ein Blick drückte Hippolits Dank aus. Ruhiger setzte er dann hinzu: »Ich
sehe es aus Ihrem Schmerze, ich fühle es in meiner Brust, es war nicht Gabriele
selbst, die vorhin jene entsetzlichen Worte zu mir sprach, aus dieser reinen
Seele konnten sie nicht kommen. Ich ahne fremde Einwirkung; vielleicht war es
Ihr Gemahl, vielleicht sogar - nein ich frage, ich forsche nicht weiter,« setzte
er schnell hinzu, da er Gabrielens Bewegung bei diesen Worten bemerkte; »ich
will sogar jetzt Sie der Ruhe überlassen, deren Sie so sichtlich bedürfen, ich
gehe freudig, denn ich darf zur glücklichen Stunde wieder kommen, und bin nicht
verbannt.«
Der Zustand, in welchem Gabriele nach Hippolits Entfernung allein zurückblieb,
lässt sich kaum in Worte fassen. Lange ruhte sie in jener stillen wehmütigen
Ermattung, der treuen tröstenden Nachfolgerin zerreissender Schmerzen, in der wir
es nicht wagen, uns zu regen, kaum zu atmen, und nur ganz leise, leise uns
sagen: es ist überstanden!
    Vieles war in der Tat überstanden. Die Qualen gehässiger, dem Neide und dem
Misstrauen doch immer nah verwandter Eifersucht waren aus Gabrielens reiner Brust
gewichen; das Opfer, welches sie der Pflicht und dem Glücke des Geliebten mit
brechendem Herzen zu bringen bereit gewesen, wurde nicht von ihr gefordert und
er war unwandelbar derselbe geblieben, in verschwiegner Liebe, stiller Ergebung
und fester Treue! Das freudige Gefühl gänzlich niederzukämpfen, das bei diesem
Bewusstsein unter Schmerzen und Wonnen in ihr rege werden musste, überstiege wohl
jede menschliche Kraft.
    Doch allmählig gelangte sie zu hellerem Ueberdenken dessen, was die so ganz
veränderte Ansicht ihres Verhältnisses und selbst der nächste Moment von ihr
fordern mochten. Sie rief sich mit aller möglichsten Treue ihr Betragen und
jedes ihrer Worte während der eben durchlebten erschütternden Scene zurück, und
gewann wirklich die beruhigende Ueberzeugung, sich und ihr Geheimnis Hippoliten
auf keine Weise verraten zu haben. So konnte sie denn mit der Vergangenheit
zufrieden sein; für die Zukunft blieb ihr kein Ausweg, als nach Hippolits
Beispiel ihr Inneres fest zu verschleiern und übrigens, getreu der Tugend und
ihrem eignen innern Gefühl des Rechten, mutig und getrost auf der gewohnten
Bahn fortzugehen. Ihr klarer Sinn erkannte zu gut den Unterschied zwischen
Schuld und Unschuld, zwischen Pflicht und überspannter Unnatur, als dass sie bei
diesem Entschlusse sich der Unwahrheit gegen Hippoliten oder ihren Gemahl hätte
zeihen können. Und so war sie denn abermals bereit, ihrer eignen Ueberzeugung
gefassten Sinnes zu folgen.
Jene innere Feigheit, die uns verleitet, einem unausweichbarem Schmerze so lange
als möglich aus dem Wege zu gehen, war Gabrielens entschlossnem Gemüt stets fern
geblieben, daher gewann sie es auch diesesmal über sich, Hippoliten noch am
Abend des nehmlichen Tages in Moritzens Beisein wieder zu sehen. Er fand sie wie
sonst, freundlich und mild, wenn gleich übrigens ermattet und bleich, und war zu
glücklich im Gefühle des alten unzerstörten Verhältnisses zu ihr, als dass er
sich beobachtenden Mutmassungen über die nächste Vergangenheit hätte hingeben
mögen. Beide wandelten eine Weile neben einander so hin, er ohne Hoffen, fast
ohne Wunsch, weil jeder seinem der innigsten Ergebung geweihten Gemüte anmassend
dünkte. Sie in aller Wonne des Bewusstseins, so geliebt zu sein, in aller Qual
eines ewigen fruchtlosen Kampfes mit sich selbst, in ewiger Anstrengung, jeden
ihrer Blicke, jedes ihrer Worte zu bewachen, um nicht zu verraten, was ihre
bewegte Brust oft bis zum Zerspringen erfüllte.
    Das Letztere gelang ihr so, dass in Hippolits Seele keine Ahnung dessen kam,
was sie ihm verbergen wollte; ihr Geist siegte unter dem heiligen Schutze der
Tugend, doch ihre körperliche Kraft erlag der ungeheuern Anstrengung. Moritzens
höchst beschwerliche Pflege während seiner langen Krankheit mochte ohnehin ihre
sonst so blühende Gesundheit untergraben haben, sie erkrankte, und die
herbeigerufnen Aerzte erklärten ihr Uebel für um so bedeutender, da man sogar
nicht einen Namen dafür sogleich aufzufinden wusste.
    Fast zu gleicher Zeit kehrte auch Moritzens peinliches Leiden mit
verdoppelter Heftigkeit zurück, und Hippolit sah sich zwischen beiden
Krankenzimmern in einer ganz unbeschreiblichen Lage. Während Herr von Aarheim
durch alle die vielen Ansprüche an ihn seine Geduld aufs äusserste brachte, hätte
Hippolit jede Minute mit einem Tage seines künftigen Lebens erkaufen mögen, in
der es ihm vergönnt gewesen wäre, Gabrielen nur aus der Ferne zu sehen. Aber das
Herkommen, das man so gern strenge Sitte nennt, hielt unerbittlich Wache an
ihrer Türe, und übergab die angebetete Frau der Pflege gemieteter Hände.
Gabriele, in deren Bewunderung sich sonst alles erschöpfte, wenn sie, von Glanz
und Pracht umgeben, sich zeigte, sie, der sonst überall die innigsten
Freundschaftsversicherungen entgegenstürmten, sie fand jetzt in der ganzen
grossen volkreichen Stadt keine einzige liebende Seele, die sich ihrer Pflege
angenommen hätte. Dass der Tante längst bekannte Scheu vor Krankenzimmern diese
und auch Ida von diesem ebenfalls entfernt hielt, versteht sich von selbst; aber
auch die treue Annette war nicht zugegen, denn sie lebte jetzt in Lichtenfels,
wo sie an einen der dortigen Beamten recht glücklich verheiratet war.
    Hippolit schrieb in seiner Todesangst an Ottokar, an Ernesto, an Frau von
Willnangen, die er gar nicht kannte, er hätte mit einem einzigen Schrei die
ganze Welt zu Hülfe rufen mögen, und musste sich begnügen, an der Türe ängstlich
zu lauschen, bis der Arzt oder jemand von Gabrielens Bedienung heraustrat und
ihm versicherte, dass sie noch atme. Die Aerzte wichen ihm aus, wo sie nur
konnten, denn er quälte sie mit Fragen und Bitten, denen sie nichts bestimmtes
entgegen zu setzen hatten. Oft wenn es ihm im Hause zu enge ward, lief er hinaus
auf die Strasse und starrte hinauf zu denen verödeten Fenstern, aus welchen so
manches freundliche Grüssen und Winken ihm sonst entgegengelächelt hatte, bis die
vorübergehenden Leute stille standen und ihn verwundert angafften. Dann erschrak
er beschämt über seine Unvorsichtigkeit, eilte fort und nahm sich von neuem vor,
so lange Gabriele atme, strenge zu halten was er ihr gelobte.
    Endlich kam ihm Trost, denn noch ehe die Antwort auf Hippolits Brief zu
erwarten gewesen wäre, erschien Frau von Willnangen selbst. Sie hatte sich
gleich nach dem Empfang desselben in ihren Wagen geworfen. Hippolit empfing sie
wie man einen Rettung und Heil verkündenden Engel empfängt; er hätte gern
dankbar ihre Knie umfasst, da sie ihm entgegentrat. »Nun wird alles, alles gut,
und Gabriele uns wiedergeschenkt!« rief er beinahe jubelnd aus, während er sie
bis zur Türe des Zimmers der geliebten Kranken mehr trug als geleitete.
    Hippolit hatte mit prophetischem Geist gesprochen. Freude über das
unverhoffte Wiedersehen der teuren Beschützerin ihrer Jugend, vielleicht auch
sorgsamere Pflege von der Hand der Freundschaft übten an Gabrielen eine höchst
wohltätige Wunderkraft aus, so dass die Aerzte sie nach wenigen Tagen für
gerettet erklären konnten. Freilich vergingen von nun an noch Wochen, bis sie,
völlig hergestellt, das Zimmer verliess, doch Hippoliten war es unter dem Schutze
der Frau von Willnangen jetzt zuweilen erlaubt, sie zu sehen, und mehr bedurfte
es nicht, um ihm das Leben wieder liebzumachen.
    Der Tag, an dem sie am Arme ihrer Freundin zum erstenmal aus ihrem Zimmer
hervorging, war ihm ein heiliges Fest. Unwillkürlich beugte er das Knie, als die
rührende Gestalt, leicht und äterisch, wie eine Auferstandne ihm
entgegenschwebte. Sie wollte ein paar freundliche Worte ihm lächelnd sagen, aber
der Atem fehlte ihr; nur ein leises Rot, wie der Abglanz, den die vollblühende
Zentifolie auf die neben ihr stehende silberweisse Lilie wirft, überflog mit
einem flüchtigen Hauche das schöne Gesicht, während Hippolit, ebenfalls
schweigend, die Hand der Frau von Willnangen dankbar an seine Lippen drückte und
nur den feuchten glänzenden Blick zu Gabrielen erhob.
Gabriele fand ihren Gemahl mit Anstalten zu einer grossen Reise vollauf
beschäftigt. Die Bäder von Pisa und die wärmeren italienischen Lüfte waren ihm
als einziges Rettungs- und Linderungsmittel verordnet worden, und er hatte
Gabrielens Herstellung bis jetzt mit der grössten Ungeduld erwartet, weil er auf
ihre Begleitung rechnete. Doch ihre fortdauernde Schwäche schien die Möglichkeit
derselben auf viele Monate hinausschieben zu wollen, und er, der wenig Zeit zu
verlieren hatte, sah sich deshalb durch den Ausspruch der Aerzte genötigt,
einstweilen, wenn gleich ungern, darauf zu verzichten. Ein geschickter
angehender Arzt, der gerne diese Gelegenheit benutzte, Italien zu sehen, erbot
sich indessen, während der Reise die Pflege des Kranken zu übernehmen, und sein
Erbieten wurde um so lieber angenommen, da ihn Moritz schon seit geraumer Zeit
als einen vorzüglich heitern Gesellschafter und ausgezeichnet-guten
Schachspieler kannte.
    Nach der Abreise ihres Gemahls blieb Gabriele in so wunderbar-schwankendem
Zustande zurück, dass Frau von Willnangen es gar nicht wagen mochte, ihre
Rückreise nach Lichtenfels zu den Ihrigen nur zu erwähnen. Zwar war Gabriele
eigentlich nicht mehr krank zu nennen, denn kein merkliches Fieber, kein
entschieden-schmerzhaftes Empfinden quälte sie am Tage oder raubte ihren Nächten
den Schlaf. Ihr Auge strahlte heller als je, ihr ganzes Wesen zeugte von
erhöhtem innern Leben, aber eine unerhörte Mattigkeit lähmte und hemmte jede,
noch so wenig anstrengende Äusserung desselben, und zwang sie oft Stundenlang,
nur mit den Augen zu ihren Lieben zu sprechen. Jeder Tag schien sanft und linde
die Lösung eines nahen Bandes der gefesselten Psyche zu beginnen, die schon
jetzt freier sich bewegte und, halb der ewigen Heimat zugewendet, dem
schwindenden Erdenleben noch wie zu guter Letzt alle Liebe und Teilnahme
zeigte, die sie ihm noch zuzuwenden vermochte.
    Abends sank Gabriele oft wie halb vernichtet hin, wenn die fragelustige
Schar gewöhnlicher Besuche an ihr vorübergerauscht war, denen sie jetzt während
der Entfernung ihres Gemahls wenigstens auf ein paar Stunden des Tages ihre
Türe öffnen musste, wollte sie um der Welt willen sie nicht auch zugleich
Hippoliten verschliessen.
    Die Kunst der berühmtesten Aerzte der Residenz wurde aufgeboten; Frau von
Willnangen wachte mit unermüdlicher Sorgfalt über die geliebte Tochter ihres
Herzens, und war nur bedacht, Unangenehmes oder Schädliches von ihr zu
entfernen. Hippolit brachte alles herbei, war es noch so selten, noch so schwer
zu erhalten, was er nur irgend zur Erquickung oder Pflege der geliebten
Leidenden ersinnen konnte; doch ihr Zustand blieb immer und unabänderlich
derselbe. Früh, beim ersten Morgengrusse, fand Frau von Willnangen sie oft in
wehmütigem Nachdenken versunken, aber so wie die Freundin sich zeigte,
erglänzte ihr Blick wie gewöhnlich; sie winkte sie zu sich und lehnte
schmeichelnd das Haupt voll lichter Locken an ihre Brust; ein liebseliges
Lächeln glitt über dem bleichen Gesichte hin, wie ein winterlicher Sonnenstrahl
über ein Schneegefilde, und die durchsichtig zarte blendende Hand strich
freundlich unter beruhigenden Schmeichelworten jede sorgliche Falte von der
Stirne der geliebten mütterlichen Frau. So blieb Gabriele gewöhnlich den ganzen
Tag über, bis sie Abends, gänzlich erschöpft, dem Schlummer sich zuneigte, stets
liebevoll, freundlich und ihren Freunden in heitrer Aufmerksamkeit zugewendet.
Nur wenn ihr Blick auf Hippoliten, von ihm ungesehen, ruhen konnte, dann zuckte
zuweilen ein schmerzliches, dem Weinen nahverwandtes Lächeln um die
sanftgeschlossnen Lippen. Eine ängstlich unbestimmte Ahnung ergriff dann oft das
Herz der Frau von Willnangen, denn ihrem stets wachen Blicke durfte auch nicht
die kleinste Bewegung ihres Lieblings entgehen. Zuweilen stiegen aber auch in
solchen Momenten freudigere Hoffnungen in ihr auf, ähnlich denen, welche Ottokar
sich zum Troste ersann. Ernestos frühere Briefe aus Italien hatten die edle Frau
längst zur Vertrauten Hippolits gemacht, ohne dass dieser es ahnete, und sie
bemerkte jetzt in schweigender Bewunderung, wie treu er seine glühende Liebe und
seine bange Sorge mit gleicher Anstrengung und, wie sie glaubte, auch mit
gleichem Glücke Gabrielen zu verbergen suchte. Nur wenn der Zufall die Freundin
der Heissgeliebten mit ihm allein zusammenbrachte, dann rief ein einziger
zitternder Druck seiner Hand, ein einziger schmerzenvoller Blick ihr seine
innere Qual weit deutlicher zu, als Worte es vermocht hätten. Doch blieb jede
laute Klage fern von ihm; denn, wo hätte er anfangen sollen und wo enden? Aber
das weiche Herz der Frau von Willnangen zerfloss dennoch in Mitleid mit dem
Armen. »Lassen Sie uns auf den Frühling hoffen, guter Graf Hippolit!« sprach sie
in solchen Stunden ihm oft zum Troste. »Im Frühlinge richten alle Blumen sich
wieder auf, auch unsre schöne Freudenblume wird in ihm wieder erblühen, lassen
Sie uns nur getrost die nahe Zeit erwarten.«
    Der Frühling kam, mit seiner Herrlichkeit, mit seinem milden belebenden
Hauche. Ueberall sprossten neue Blumen, überall erwachte das schlummernde Leben,
aber Gabrielens Zustand blieb sich gleich, ohne alle merkliche Abänderung weder
zum Schlimmern noch zum Guten, und die bange ängstliche Besorgnis ihrer Freunde
stieg peinlicher mit jedem Tage.
Endlich kam es dahin, dass den Aerzten nichts übrig blieb, als die gewöhnliche
Zuflucht in Fällen, wo ihre Kunst sie verlässt, der Rat: Heil und Genesung in
einem ruhig ländlichen Aufentalte und in frischer Waldesluft zu suchen.
    »Ja auf dem Lande!« rief, als sie dieses vernahm, Gabriele mit ungewohnter
Lebendigkeit. »Ja auf dem Lande, da werde ich genesen; in Schloss Aarheim, wo ich
geboren ward! Dortin liebe Frau von Willnangen, dortin bringen Sie mich, dort
wird es mit mir besser werden, ich weiss es. In den Armen meiner zweiten Mutter
werde ich in Schloss Aarheim alles Weh schwinden sehen, und ein neues Leben
beginnen!«
    Eine eigne Bangigkeit bemächtigte sich der Frau von Willnangen bei diesen,
in fast prophetischer Begeisterung ausgesprochnen Worten, so tröstlich sie
übrigens klangen, und auch Hippolit, der eben zugegen war, fühlte sich sonderbar
dabei ergriffen. Gabriele bemerkte es, und strebte durch erheiterndes Gespräch
den Eindruck wieder zu verlöschen, den sie unwillkührlich bei ihren Lieben
erregt hatte. Sie sprach viel von der wilden ernsten Pracht ihres Gebürges und
von dem ehrwürdigen Ansehen und Alter ihrer Burg.
    »Sie können mich jetzt doch nicht verlassen!« setzte sie hinzu, den
bittenden Blick zur Frau von Willnangen erhoben. »Sie müssen ja die Wiege ihres
Kindes sehen, und den Ort, wo meine Mutter lebte; ach! wie werden meine armen
alten Burgbewohner sich wundern und freuen, wenn sie die Nievergessene in ihrem
hochverehrten Ebenbilde wieder unter sich wandeln zu sehen glauben werden!«
    »Mein Kind, mein herzliebes Kind, meine Gabriele!« rief Frau von Willnangen
und nahm sie recht liebend in ihre Arme; »wie könnte ich jetzt von Dir gehen, so
lange Du meiner Pflege noch bedarfst? Mögen die Meinigen noch immer mich ein
Weilchen entbehren; Auguste hat ihre Kinder und den Oheim, die geben ihr Freude
und Beschäftigung, wenn gleich Adelbert, von mancherlei Geschäften behindert,
jetzt wenig daheim ist. Ich weiss, sie selbst würde mich schelten, wenn ich ohne
die Gewissheit deiner völligen Genesung zurück käme.«
    Beide Frauen vertieften sich nun im Gespräche über die Vorkehrungen zu
dieser kleinen Reise, die sie, von Gabrielens sehnsüchtiger Ungeduld getrieben,
gleich in den nächsten Tagen anzutreten beschlossen. Hippolit blieb dabei ein
stummer Zuhörer, während Gabrielens hochklopfendes Herz ihr nicht erlaubte, ihm
nur einen Blick, vielweniger ein Wort, zuzuwenden. In banger Ungewissheit sprach
sie immer fort, sie wusste kaum was, bis Frau von Willnangen, die nur zu gut sie
verstand, sie aus dieser Verlegenheit zog.
    »Und Sie, Graf Hippolit! wo bleiben Sie?« fragte diese, den freundlichen
Blick ihm zugewendet, da Gabriele eben von der Wahl des Fuhrwerks sprach.
    »Und ich!« erwiderte er mit einem Ton, in welchem all sein Wünschen, sein
Hoffen, sein sehnendes Erwarten lag.
    Gabriele fühlte in den tiefsten Tiefen ihres Herzens diesen Ton
wiederhallen. »Mag Frau von Willnangen entscheiden, ob wir in Abwesenheit meines
Gemahls den Grafen nach Schloss Aarheim einladen dürfen;« fiel sie hoch errötend
ein, und wagte es nicht die Augen dabei aufzuschlagen, um durch keinen Blick den
Ausspruch der Freundin zu leiten.
    »Ich sehe nicht recht ein, warum wir es nicht dürften,« erwiderte nach sehr
kurzem Bedenken Frau von Willnangen, mit möglichster Gleichgültigkeit, und
blickte dabei recht ämsig auf ihre Arbeit, um beide zu schonen; doch niemand
antwortete ihr. Es entstand eine für den Moment recht drückende Pause, der Frau
von Willnangen nur dadurch ein Ende zu machen wusste, dass sie begann, etwas
umständlich ihre Meinung von dem q'uen dira-t-on, und von der Nachgiebigkeit,
die man ihm schuldig ist, aus einander zu setzen.
    »Diese sogenannte Welt,« sprach sie, »der wir von Kind auf so manches
schwere Opfer bringen müssen, ist doch beim Lichte besehen, ein sehr
schwankendes Kameleonartiges Wesen; jeder von uns hat seine eigne, die Hofdame
wie die Schneidersfrau, so wie man sagt, dass auch jeder seinen eignen Regenbogen
hat; jeder ehrt nur die seine und ignorirt alle übrigen, und am Ende läuft es
mit allen diesen ideellen Welten, wie mit dem Regenbogen auch, nur auf eine
optische Täuschung hinaus. Millionen Regentropfen, von denen ein einzelner doch
nur sehr wenig ist, setzen vor unsern Augen das stattliche Fantom zusammen, das
im kühnen Bogen die halbe Erde zu umfassen scheint, und wenn wir die einzelnen
Glieder der Menge betrachten, deren gesammtes Urteil uns so bedeutend dünkt,
dass wir es zur Richtschnur unsrer Handlungen erheben, so möchte die Mehrzahl
derselben wohl auch nicht viel grössern inneren Gehalt haben als solch ein
kleiner farbloser fader Wassertropfen.«
    »Sie sprechen aus meiner Seele,« rief Hippolit mit ungewohnter
Lebhaftigkeit. »Warlich ja, Sie haben recht! Wir brauchen nur die Einzelnen
recht ernstlich ins Auge zu fassen, die wir, in unsrer Idee zu einem Ganzen
versammelt, als Richter über Glück und Unglück anzusehen uns gewöhnten, um
verachtend, und über unsre bisherige Verblendung lachend, aus der schimpflichen
Knechtschaft zu scheiden.«
    »Sachte, sachte, junger Freund,« erwiderte freundlich wenn gleich mit
aufgehobnem drohendem Zeigefinger Frau von Willnangen. »Was ich andeuten wollte,
war nicht ganz so gemeint, wie Sie es nehmen. Nie soll man, ohne die äusserste
Not der öffentlichen Meinung den Krieg ankündigen. Eine grosse Masse, sie sei
zusammengesetzt wie sie wolle, ist immer etwas Furchtbares und hat Ansprüche auf
unser Nachgeben in billigen Dingen; sie rächt sich schwer und sicher, wenn wir
es ihr versagen. Indessen muss ich mich aber doch zu dem Glauben bekennen, dass es
Fälle geben kann, in welchen es erlaubt, sogar billig ist, einmal eine Ausnahme
von der grossen Regel zu machen und sich nicht viel um das zu kümmern, was die
andern etwa sagen möchten. Zum Glück aber sind diese Fälle obendrein gewöhnlich
solche, bei denen gerade diese aus Leuten zusammengesetzte Welt, trotz ihrer
gewohnten Kälte und ziemlicher Absurdität, dennoch zuletzt sich bewogen findet,
uns beizustimmen.«
    Frau von Willnangen schwieg hier, doch da niemand das Gespräch fortzusetzen
den Mut bezeigte, nahm sie nach einer kleinen Pause es wieder auf. »Ich
glaube,« sprach sie, »dass die Frage, ob der Graf uns nach Schloss Aarheim
begleiten soll oder nicht, gerade zu jenen Fällen gehört, deren ich eben
erwähnte. Man hat sich seit langem schon gewöhnt, ihn als zu uns gehörend zu
betrachten, man hat sich schon tausend mal darüber so müde gesprochen und
gewundert, dass man vielleicht sogar recht erfreut wäre, durch sein Hierblieben
während wir fortgehen, neuen Anlass zur Verwunderung und zu Mutmassungen zu
erhalten. Ueberdem bin ich überzeugt, dass das, was man über seinen Besuch auf
Schloss Aarheim sagen könnte, so wenig von dem verschieden sein wird, was man bis
jetzt wahrscheinlich schon gesagt hat, dass es deshalb wohl schwerlich der Mühe
verlohnen möchte, uns ein Entbehren aufzulegen, welches wir alle Drei doch
schmerzlich empfinden müssten.«
    »Ich bitte, lassen Sie uns in dieser Stunde noch nichts entscheiden,« nahm
jetzt Gabriele das Wort. »Morgen sind wir ruhiger, dann sehen wir alle heller,
was zu tun ist, was nicht? Ich würde es dann vielleicht am liebsten Hippolits
eigner Entscheidung überlassen, ob er sogleich in diesen Tagen uns begleiten
will, oder ob er es für besser hält später meiner Einladung zu folgen wenn -«
eine kleine augenblickliche Schwäche verhinderte sie hier zu vollenden und zwang
sie Ruhe zu suchen.
Ernestos höchst unerwartete erfreuliche Erscheinung machte am folgenden Tage
allem Zweifel und allem Beraten über diesen Gegenstand ein Ende. Er stand
plötzlich in der Mitte seiner Freunde, ohne dass einer von ihnen seine nahe
Ankunft nur geahnet hatte, denn der Brief, der sie Hippoliten verkünden sollte,
war verspätet oder vielleicht verloren; ein gar nicht ungewöhnlicher Fall auf
den italienischen Posten. Hippolits beängstende Darstellungen von Gabrielens
Zustand, vereint mit Ottokars dadurch veranlasster und mit jedem Tage wachsender
Besorgnis um sie, hatten ihn aus seinem geliebten Rom getrieben. Er wollte
selbst sehen, helfen, retten, trösten wo es Not tat, und nun schien bei seinem
lange entbehrtem Anblicke Gabrielen neues Leben zu durchströmen. Sie eilte auf
die erste Nachricht seiner Ankunft ihm entgegen, fröhlich und leicht, fast wie
ehemals; ihre bleichen Wangen rötete die Freude und ihr ganzes Wesen schien mit
einemmale alle bange Besorgnisse ihrer Freunde vernichten zu wollen.
    Ernesto und Frau von Willnangen erklärten scherzend den Anstand für völlig
abgefunden, jetzt da die Damen nicht mehr nur einen, sondern zwei Männer des
Glückes würdigten, sie begleiten zu dürfen, und Gabriele hatte ihre eignen
stillen Gründe, ihren Freunden hierin nicht zu widersprechen.
    Die Reise ging vor sich, wenige Tage nach Ernestos Ankunft, und unter den
frohesten Hoffnungen, zu denen Gabrielens fortwährendes Wohlbefinden Alle zu
berechtigen schien. Die Luft ihres Geburtsortes, die Ruhe, die Stille, der
balsamische Waldeshauch bewirkten augenscheinlich ein Wunder, dessen Anblick
alle Bewohner der Burg mit unbeschreiblicher Freude erfüllte. Nur Ernesto hatte
dem kleinen Kreise dieser durch die innigsten Bande vereinigten Menschen noch
gefehlt; mit ihm war erst das rechte Leben unter sie gekommen, im ernsten
Scherze und frohem Ernste, in ewig rascher Teilnahme und stetem unterhaltendem
Wechsel der sie aufregenden Gegenstände. Ihnen selbst schien ihr Glück
unermesslich. Doch leider sank es nur zu bald wieder, wie alles Glück dieser
Erde.
    Gabriele vermochte nur kurze Zeit alle den Wonnen und Schmerzen zu
widerstehen, die stärker als je zuvor heimlich auf sie einstürmten. Ihre Kräfte
schwanden eben so schnell, als sie wiedergekehrt waren, und ihre Lieben begannen
von neuem, sie und einander mit immer hoffnungsloserem Blicke zu betrachten;
besonders Ernesto. Er allein las deutlich in Gabrielens Herzen alles
unausgesprochne Weh, unter dessen Last es erlag, und sein eignes drohte vor
Schmerz und Reue zu zerspringen, wenn er daran dachte, dass er Jahre vorher mit
prophetischem Geiste alles vorhergesagt habe, was jetzt in trauriger Erfüllung
ihn der Verzweiflung nahe brachte, und dass er doch dabei verblendet genug
gewesen sei, um nicht Hippolits Rückkehr zu Gabrielen aus allen Kräften zu
verhindern. Er begriff es nicht, wie es ihm möglich gewesen, später die Gefahr
zu übersehen, welche die Nähe des schönen liebenswerten Mannes, verbunden mit
seiner heissen, edlen, alles opfernden Liebe ihrem Frieden, ja ihrem Leben
bringen musste. Die drei Jahre, welche, wie er wusste, Gabriele mehr zählte als
Hippolit, hatten freilich aus der Ferne ihm ihr Verhältnis zu diesem verschoben
und ihn einem Irrtum zugeführt, den Gabriele mit ihm teilte, bis auch sie zu
spät ihn erkannte. Das Einzige, woran er sich noch aufrecht zu halten vermochte,
waren jetzt Ottokars, auf Moritzens baldigen Tod gebaute Hoffnungen, die er
diesem bis jetzt aus Schonung des Freundes nur halb zugegeben hatte.
Indessen ward in dieser Zeit das Leben in Schloss Aarheim das rührendste und
erfreulichste, das schmerzlichste und seligste, das man zu erdenken vermag.
Gabriele wandelte unter ihren Lieben wie ein schöner verklärter Geist, der
schmerzensfrei nur die Seligkeit empfindet, welche die Gegenwart der
geliebtesten Freunde zu gewähren vermag. Niemand wagte es, in ihrem Beisein nur
durch einen Blick den bangen vorahnenden Schmerz auszusprechen, der allen am
Herzen nagte, ja sie vergassen ihn oft, in ihrer erhebenden Nähe. Es war als ob
Gabriele jetzt am Rande des Grabes noch die Quintessenz des Lebens geniessen
wollte, denn sie sammlete alles, was jemals es ihr verschönt hatte, mit zartem
Sinn und fern von aller Ziererei um sich her: erheiterndes Gespräch, bildende
Kunst, Poesie und Gesang. Sie nahm an allem Teil mit ewig frischem jugendlichem
Geist; nichts, was Trauer bezeichnet, keine noch so ferne Andeutung von
Scheiden, von Trennung durfte ihr nahen. Ihre innre Heiterkeit stieg mit jedem
Tage, je tiefer ihre körperlichen Kräfte sanken, ihr ganzes Wesen bezeichnete
nur die innigste Liebe zu ihren Freunden und die reinste Freude an dieser
schönen Welt. Ihre Blumen, ihre Vögel, alles was schon ihre Kindheit beglückt
hatte, musste wieder um sie her gestellt werden, und sie liebte das alles und
pflegte es, soviel es ihr möglich war, wie sonst. So genoss sie lächelnd, wie zur
Zeit ihrer herrlichsten Blüte, jede kleinere Freude, welche die Natur beut, und
verlor sich in bewunderndem Entzücken vor der höheren Pracht, die mit
unendlichem Reichtum in den wilden Umgebungen ihres Wohnortes sich täglich neu
entfaltete.
    Hippolit ertrug den Schmerz, den keine Sprache nennen kann, mit
unbeschreiblicher Gewalt über sich selbst. Er ging ganz in den Geist der
Hochgeliebten ein, lebte nur in ihr, lächelte wenn sie lächelte, und schien nur
von dem Licht ihrer Augen Worte und Bewegung zu empfangen. Nie wich er von ihrer
Seite, so lange es ihm vergönnt war, bei ihr zu weilen. Ihr nahe, vermochte er
es, sein Herz zusammen zu drücken, und seinen unaussprechlichen Schmerz wie
seine glühende Liebe zu beherrschen; denn Gabrielens heilige Gegenwart erhob ihn
über Tod, Trennung und Grab. Keine Klage kam über seine Lippen, keine Träne in
seine Augen, bis die Nacht ihn und seinen ausbrechenden Jammer verhüllte.
    Gabriele bewachte minder ängstlich als sonst ihr Benehmen gegen ihn und
suchte nicht mehr ganz so wie ehemals ihm den Grund ihres Gemüts zu
verschleiern. Manche Ahnung des ganzen Umfangs der unnennbaren Seligkeit, die
ihm hier vor seinen Augen unterging, durchschauerte den Armen mit allen Freuden
des Himmels und versenkte ihn in selige Träume, aus denen er leider mit dem
Gefühl des Unglücklichen wieder auffuhr, der im Schlafe den Himmel offen sah,
und aufgerüttelt zu jahrelanger Pein, im Kerker wieder erwacht.
    Nicht minder unaussprechlich als Hippolits Schmerz war auch das tiefe,
unsägliche Mitleid, welches Gabriele für ihn empfand, denn sie fühlte für ihn
den unendlichen Jammer seines treuen liebenden Herzens. Sie selbst war beglückt
in der seligsten Hoffnung, und die nahe Trennung, deren Gewissheit ihr an jedem
Morgen deutlicher entgegentrat, erschien ihr nur als ein Schritt aus dem Dunkel
zum Lichte, zur sicheren, ewigen Vereinigung, deren nahe Seligkeit sie schon
hier vorempfand. Abends, wenn wieder einer ihrer Tage zur Ewigkeit hinabsank,
wiederholte sie jetzt in der unbelauschten Einsamkeit ihres Zimmers oft die
einfachen Worte eines Liedes, welches sie unter den Papieren ihrer verehrten
Mutter gefunden hatte. Hier ist es:
                             Gabrielens Abendlied.
Zur letzten Tages-Stunde
Flammt goldner noch das Licht,
Spricht mit dem Purpur-Munde;
»Ich gehe schlafen nicht;
Unsichtbar, zu dem Osten
Zieh' ich den Sternen-Pfad;
Auch Du sollst Aeter kosten,
Den frisch der Morgen hat.«
Wenn all' die Welten schlafen,
So ist's die Lieb', die wacht,
Und landet sie im Hafen,
Sagt sie: »Welt, gute Nacht!«
Ich musste still verschliessen
Was Schmerzreich mich entzückt,
Was tödtlich mich beglückt
In tiefster Brust verschliessen.
Ich musst' im Dunkel gehen
Als hell es draussen war,
Nun Schatten mich umwehen,
Nun wird es licht und klar;
Aus Sonnenschein gewoben
Mein Aeter-Kleid so blank,
Die Sprache bald Gesang
In blauen Sfären droben;
Wo mich der Engel-Flügel
Leicht trägt auf lichtem Steg',
Wo Sonnen sind mein Weg
Fern von der Erde Hügel.
Ich möchte mehr noch singen
Aus meiner tiefsten Brust,
Was Niemand war bewusst,
Es sollten's Töne klingen;
Es möchte mehr noch sagen
Die Lippe treu und bleich,
Doch sieh', es will schon tagen
Herauf aus licht'rem Reich'.
Denn, wenn die Welt geht schlafen,
Ist's Liebe noch, die wacht.
Mein Herz erblickt den Hafen;
Zu tausend gute Nacht.
Früher schon verdankte Gabriele diesem Liede oft wehmütigen Trost und
erleichternde Tränen; jetzt klangen sie in ihrem Innern wie Jubelgesang, wenn
gleich die atemlose Brust ihm nur leise Töne noch zu leihen vermochte.
    So lebte sie hin in stiller Freundlichkeit. Nur wenn sie Hippolits gedachte,
des Verlassenen, dann wollte ihr das Herz brechen bei dem Gedanken an den
langen, einsamen, freudenarmen Lebensweg, der von nun an öde und düster sich vor
dem Freunde durch eine unabsehbare Wüste hoffnungslos ausdehnen musste; und all
ihr Streben ging nun dahin, seine Zukunft ihm wenigstens mit frohen Erinnerungen
auszustatten, zu schmücken. Daher zeigte sie sich Hippoliten wie seine stille
Ergebung es glorreich verdiente. Sie war ihm die liebendste Schwester, die
innigste teilnehmendste Freundin, und jeder Tag brachte ihm neue rührende
Beweise des reinsten, von keinem irdischen Hauche befleckten Vertrauens.
Die Tage schwanden, der Sommer flog vorüber, immer tiefer senkte sich die Sonne
und der Wald schmückte sich abermals mit Purpur und Gold. Wieder ging der
Sterbetag von Gabrielens Mutter auf, doch diesmal feierte sie ihn in frommer
stiller Heiterkeit, gleich einem Feste der Auferstehung, nicht des Todes. Der
kalte Stein, der die geliebte Hülle bedeckte, ward nach ihrer Angabe mit einer
Fülle reicher Blumenkränze geschmückt, statt der Zypressen, die sie einst mit
frommer Hand gewunden hatte. Von ihr selbst blieben ebenfalls alle ihr sonst an
diesem Tage gewohnten äussern Zeichen der Trauer entfernt, und kein langes
schwarzes Gewand, kein dichter Kreppschleier verhüllte sie. Wie immer in
blendendes Weiss gekleidet, sass sie am Abend des festlichen Tages an ihrem
gewohnten Platze in einem grossen Bogenfenster; die seitwärts in das Eckzimmer
fallenden letzten Strahlen der untergehenden Sonne verklärten ihre blonden
Locken zur himmlischen Glorie, genau wie an jenem für Hippolit unvergesslichen
Abende, da dieser fast an der nehmlichen Stelle bewundernd ihr nachsah, als sie
den dunkeln Lindengang hinabschwebte. Sie blickte hinaus in die herbstliche
Wolkenpracht, die rosig und golden im tief-blauen Aeter verglühte;
überirdisches Lächeln schwebte auf dem verklärten Angesicht, ihr
dunkelstrahlendes Auge haftete mit dem Ausdrucke des unaussprechlichsten
Entzückens auf der schimmernden Ferne, als schwebe aus ihr eine geliebte Gestalt
herbei, und ihre Lippe regte sich unhörbar leise wie im Gebet.
    Ernesto und Frau von Willnangen hatten es nicht vermocht, der heitern Feier
dieses Tages länger zuzusehen, deren Deutung sie nur zu wohl verstanden; sie
hatten beide sich entfernt, um in gegenseitigen Klagen neue Kraft zu suchen, und
niemand war bei Gabrielen geblieben als Hippolit. Schweigend betrachtete er sie,
und wagte es kaum zu atmen, um sie nicht zu wecken. Auch er ahnete, von ihrem
Gefühl durchdrungen, welche Gebilde ihrem Auge jetzt vorüberschweben mochten;
ihm war, als empfinde auch er die Nähe der an diesem Tage zur ewigen Freude
eingegangnen Mutter, der halb schon Verklärten, und kalt und geheimnisvoll
hauchten Schauer aus einer andern Welt ihn, den Lebenden, an.
    Wie ein Engel, der vom Himmel herabschwebt, um Sterblichen von seinen
Freuden Kunde und Gewissheit zu geben, wandte Gabriele sich dem geliebten Freunde
endlich wieder zu; sein Herz erwärmte sich an ihrem Blick, es war, als wolle sie
zu ihm sprechen, als wolle sie irgend etwas wichtiges ihm vertrauen, doch schien
sie bald wieder anders entschlossen, und bat ihn nur mit den Augen, ihr die
Harfe zu reichen, die seit mehreren Tagen von ihr unberührt in einer Ecke
lehnte. Hippolit gehorchte wie immer ihrem Winken, und nun begann unter ihren
schwachen zarten Händen leise und langsam ein fremdartiges Tönen, gleich dem
Nachhall himmlischer Lieder. Endlich erhob sich auch ihre süsse Stimme,
lieblicher, herzdurchdringender als Hippolit sie jemals gehört hatte, wenn
gleich unendlich zart und leise. Es war gleichsam ein innerliches Singen, ein
wunderbar-ergreifendes Heraufklingen aus der Tiefe ihres Herzens.
    In kurzen abgerissenen Sätzen, oft unterbrochen von Harfenklängen, die, der
Erdensprache erst Bedeutung gebend, wie zur Erläuterung forttönten, wenn diese
wortarm verstummen musste, sang Gabriele ein regelloses Lied, von der
Begeisterung des Augenblicks eingegeben.
    Nie hatten ihre Freunde diese Gabe der Dichtkunst in ihr vermutet, die
jetzt erst neu in ihr erwacht, der halb schon dem irdischen Leben Entschwebten
eine nie zuvor von ihr geübte Sprache lieh. Gleich dem Schwane, der nur dann zum
erstenmale mit süssen Klängen die Sterne begrüsst, wenn sie zum letztenmale die
stille Flut ihm versilbern, auf welcher er sterbend wogt.
    Gabrielens Lied sang alles Hoffen, Sehnen, Erwarten ihrer in Himmelswonne
vergehenden Brust. Es waren Worte, es waren Töne, welche der Unsterblichkeit
angehören und der schwache Hauch des Erdenlebens wiederzugeben nicht vermag.
    Sie sang, bis sie erbleichend, verstummend in ihren Lehnstuhl erschöpft
zurückfiel. Noch eine Weile flüsterten die Harfentöne, endlich verstummten auch
sie. Die zarten Lilienfinger entglitten matt den goldnen Saiten und Gabrielens
Auge schloss sich einige Minuten lang wie im Schlummer; doch bald öffnete es sich
wieder und suchte Ihn, der, zum erstenmal in ihrer Gegenwart vom Schmerz
überwältigt, in einer Ecke des Zimmers in der trostlosesten Stellung hingesunken
war.
    »Mein Freund! mein teurer herzlich lieber Freund! warum so?« sprach sie zu
ihm. »Ich dachte Mut und Hoffnung in Ihre Seele zu singen, denn ich selbst bin
sehr freudig, sehr hoffnungsreich in meinem Gemüte. Das Leben ist nicht minder
kurz als schön, darum sollten wir nie die köstlichen Stunden der Gegenwart in
voreiliger Trauer über eine vielleicht nahe, dunklere Zukunft verschwenden.
Denken Sie daran dass ohne Trennung kein Wiedersehen möglich wäre. Und welches
Wiedersehen erwartet uns dort über jenen glänzenden Welten, die durch unsre
kurze Erdendämmerung leuchten!«
    Es war zum erstenmale, dass Gabriele auf die Nähe ihres Scheidens so
hindeutete. Hippolit glaubte dabei in neuem nie gefühltem Schmerze zu vergehen,
denn das ausgesprochne unheilverkündende Wort ist weit furchtbarer als unsre
trübesten Gedanken es sein können. Doch übte er auch in dieser bangen Stunde die
gewohnte Kraft über sich selbst. Er erhob sich und nahete ihr mit Ergebung in
seinen Zügen.
    »Das Singen hat mich ein wenig angegriffen, weit mehr als ich es
vermutete,« sprach Gabriele sehr freundlich. »Und doch sind wir so ungestört,
so traulich beisammen! ich möchte die Zeit nützen, recht gern, recht viel mit
Ihnen reden, auch wohl etwas von Ihnen erbitten; ich werde ganz leise flüstern
müssen. Doch das tut nichts, setzen Sie sich nur recht nahe zu mir, damit Sie
mich verstehen, recht nahe, ich bitte.«
    Hippolit schauerte vor innerer ihm selbst unerklärlicher Angst, denn er
hatte Gabrielen schon weit ermatteter gesehen als sie es in diesem Augenblicke
zu sein schien; aber er nahm sich zusammen, zog ein Taburett aus dem Fenster
herbei und setzte sich dicht zu ihren Füssen. Sein Auge ruhte in ihrem, ihre Hand
lag kalt und regungslos in der seinen, während sie mit der ihm so bekannten
anmutigen Beugung des schönen Hauptes sich gegen ihn hinneigte, und ganz leise
und vertraulich zu ihm sprach.
    »Sehen Sie, wie das Abendrot sich noch so glänzend dort in den Fenstern der
Kapelle spiegelt? Ist es nicht genau so, wie heute vor vier Jahren -«
    »Guter Gott, teure Gabriele, an welche Stunde erinnern Sie mich in diesem
Momente!« rief Hippolit erbleichend aus, von unwiderstehlichem Grauen und
Schrecken ergriffen.
    »Ruhig, ruhig, mein Freund!« erwiderte ihn beschwichtigend Gabriele, »Sie
können ja jener Stunde immer nur mit Dank und Rührung gedenken, so wie ich es
auch tue. Gott würdigte mich damals des Glücks, Sie von einer grossen Gefahr zu
erretten,« setzte sie mit einem durch die Wolken hindurch leuchtenden, zum
Himmel gerichteten Blick hinzu. Dann wandte sie sich wieder an ihn, der, mit
seinem Gefühle sichtbar kämpfend, jetzt wieder ruhiger da sass. »Die Vorsehung
führte Sie damals vom Rande des furchtbarsten Abgrundes, in den wir Verblendete
versinken können, hin, auf den Weg, der zum neuen, erhöhten Dasein Sie gelangen
liess. Gottes Führungen sind unbegreiflich und gütig wie er selbst. Wer hat das
anschaulicher erfahren als wir beide? Darum, lieber Hippolit! wollen wir auch
nie uns Eigenmächtigkeit oder Widerstand erlauben. Wir wollen immer vertrauen,
immer, immer, auch wenn es recht dunkel um uns wird; jeder Nacht folgt ein hell
leuchtender Tag, der alles Grauen verscheucht.«
    Sie schwieg einige Minuten, dann begann sie von neuem. »Vergeben Sie, wenn
ich Ihnen wehe tat durch die Erinnerung an jenen grossen Wendepunkt ihrer
Existenz, von dem alles Gute und Edle und Schöne ausgeht, das Sie seitdem sich
aneigneten. - Ich wollte es nicht, doch was ich von Ihnen bitten wollte, hängt
zu genau damit zusammen, und ich bin verlegen und weiss nicht wie ich es
aussprechen soll. - Jenes Fläschchen, jener Kristall, der damals Ihren Händen
entsank, den ich wenige Minuten später Ihrer Bewahrung anvertraute, bewahren Sie
ihn noch? und wo?«
    »Ich bewahre ihn, auf meinem Herzen,« erwiderte nach kurzem Schweigen
Hippolit, mit fast unhörbarem klanglosem Tone.
    »Hippolit!« rief Gabriele mit ungewohnter Kraft, und richtete sich plötzlich
hoch und ernst in ihrem Sessel empor. »Sie tragen das Entsetzliche auf ihrem
Herzen? und seit wenn?«
    »Seit - seit den letzten Wochen unsers Hierseins,« entgegnete Hippolit, und
verhüllte sein Gesicht in die weiten Falten ihres herabhängenden Shawls.
    »Mut, armer Freund, und Friede Ihrem bangem Herzen,« sprach Gabriele, ihre
schwachen Hände strebten ihn aufzurichten, und eine warme Träne sank auf seine
Stirne. »Ach Hippolit!« sprach sie mit unendlich sanfter Stimme weiter, wie oft
vergessen wir auf den Himmel zu bauen, wenn uns das Leben hier unter die ernste
dunkle Seite zuwendet! Darum sollten wir es wo möglich nie in unsere Macht
stellen, der gefährlichen Wirkung des Augenblicks folgen zu können. Wir Schwache
sollten schon von Ferne der Gefahr ausweichen, die ein einziger unbewachter
Moment über unser Haupt rufen kann. - Der Tod,« fuhr sie nach einer kleinen
Pause fort, »der Tod ist immer unserm Herzen nah; warum, lieber Hippolit, warum
ihn noch auf demselben tragen?«
    Hippolit vermochte nicht, ihr zu antworten. Nach einigem Schweigen fuhr sie
fort zu reden.
    »Jenes furchtbare Fläschchen, ich habe viel darüber nachgedacht und weiss
jetzt, dass es ein Eigentum meines Vaters war. Sie fanden es dort in den Ruinen,
die, seinem letzten Wunsch gemäss, in sich selbst versinken müssen, mit allem was
sie bedecken; ist es nicht so?«
    Hippolit bejahte die Frage mit einer stummen Neigung des Hauptes.
    »Nichts von allem, was dort auf ewig begraben ward, darf das Licht des Tages
wieder bescheinen; so wollte es mein sterbender Vater,« fuhr Gabriele fort.
»Darum bitte ich Sie mein Freund, ich bitte recht ernstlich, recht dringend,
geben Sie der Finsternis wieder was ihr geweiht ward. Tragen Sie noch heute,
noch diesen Abend Ihren schauerlichen Fund zurück zu jenem geheimnisvollen
Gemäuer, versenken Sie ihn dort in tiefe, selbst Ihnen unzugängliche Kluft. Dort
mag er ruhen, in dem weiten Grabe wo so vieles ruht. Wollen Sie es? Wollen Sie
mir die Freude gönnen, den letzten Wunsch meines Vaters auch im kleinsten Punkt
erfüllt zu sehen?«
    »Noch heute, noch in dieser Stunde,« erwiderte Hippolit, und drückte seine
brennenden Augen auf ihre liebe Hand. »Wie könnte ich je Ihrem ausgesprochnen
Willen widerstreben!«
    »Dank Ihnen, innigen Dank,« erwiderte Gabriele, mit einem fast unfühlbaren
Händedruck. »Sie haben Nachsicht mit meiner Schwäche,« setzte sie matt lächelnd
hinzu, »Sie spotten nicht einer vielleicht kindischen Ehrfurcht gegen den Willen
der Todten. Aber das Zuviel ist hier in unserm Dunkel doch noch immer dem
Zuwenig vorzuziehen; nicht wahr lieber Hippolit?«
    »Gabriele! himmlisches Wesen! nicht diese Engelmilde gegen mich, wenn ich
nicht ganz vernichtet werden soll!« rief Hippolit tief erschüttert. »Ich fühle
alles, was Sie mir verbergen und andeuten, vergebens suchen Sie es mir zu
verschleiern um auch nur die Idee eines Vorwurfes von Ihnen mir zu ersparen.
Jene noch immer rot schimmernden Fenster der Kapelle, Ihre eigne verklärte
Gestalt, sogar die Dämmerung um uns her rufen mir die Vergangenheit zurück.
Alles ist wie es war, alles heute wie damals! Und doch, wie ist es auch so
furchtbar anders! Kindischer Tor der ich war! dass ich damals schon das Unglück
zu kennen wähnte!«
    »Sie kannten es damals nicht,« fiel Gabriele ein; »und glauben Sie mir, es
kommt ein Tag, wo alles, was Ihr Herz heut so schwer belastet, Ihnen eben so
erscheinen wird, als jetzt jener Schmerz, der damals Sie in Tod und Verzweiflung
jagte, Ihnen erscheint. O mein teurer Hippolit, es kommt eine Stunde, in
welcher die Erde mit all ihrem Weh unter uns zusammen sinkt und der Himmel mit
seinen Freuden sich uns öffnet. Wie leicht, wie klein sehen wir dann alles, was
uns vor kurzem noch so schwer, so unübersteiglich gross dünkte! Geloben Sie mir,
mein geliebter Freund, geloben Sie mir, diese meine Worte nie zu vergessen.
Lieber lieber Hippolit, sie nicht zu vergessen, in keiner noch so dunkeln
schweren Stunde Ihres Lebens. Ach Sterben ist oft so viel leichter als Leben!
Wer würfe nicht gern alles, was uns belastet, von sich, um einer geliebten
entschwebenden Seele durch alle Himmel zu folgen? Doch mein edler Freund wird
das Schwerere wählen, und es tragen, so lange die ewige Vorsicht es will.«
Gabriele streckte ihre rechte Hand gegen ihn aus, doch er legte nicht
versichernd die seine hinein. Dunkel, fast verzweifelnd starrte sein Blick
hinaus in die Dämmerung, durch welche die Fenster der Kapelle noch immer im
Abendschimmer rötlich erglänzten.
    »Undurchdringliche Nacht verhüllt uns das Jenseits,« sprach jetzt mit
bewegter Stimme Gabriele, wir ahnen seine Schrecken wie seine Seligkeit, und es
ist verwegen, mit sterblicher Zunge von Göttlichem stammeln zu wollen. Doch den
Rand des Grabes vergoldet ein purpurner Schein, der den ewigen herrlichen Ost
uns verkündet; er heisst Hoffnung des Wiedersehens! Ach und doch wäre es möglich,
dass eigenmächtiges Eingreifen in den Willen der Vorsicht eine Kluft risse, die
dieses Hoffen vielleicht vernichtet, vielleicht auf Jahrtausende hinausschiebt.
Längre Prüfung in andern Welten erwartet vielleicht den, der ungerufen diese
verlässt. - Schrecklich, schrecklich muss es sein, furchtbar über alle
Beschreibung,« sprach sie lauter und heftiger; »es würde mir den Tod erst zum
Tode machen, wenn ich entschlummern müsste, ohne die beruhigende Zuversicht, dass
alle, die ich liebe, vertrauend, wenn gleich weinend mir nachblicken werden, und
dass keines von ihnen sich vom Schmerz zu einem Schritt verleiten lassen wird,
der mein Hoffen eines nahen seligen Wiedersehens in der ungemessenen Ewigkeit
vernichten könnte.«
    An allen Kräften erschöpft, bleich, leblos beinah, sank Gabriele mit diesen
Worten in ihren Sessel zurück, aber ihr bittendes Auge haftete noch immer mit
unaussprechlichem Ausdruck auf Hippoliten.
    »Heilige! Verklärte!« rief jetzt dieser, ausser sich vor unaussprechlicher
Angst, und warf sich, ihre Knie umfassend, vor ihr nieder. »O entschwebe mir
noch nicht! Nimm mein Gelübde mit, dass ich Deinen Willen erfülle, sei es noch so
schwer; dass ich keine Kluft ewiger Trennung zwischen uns reissen will. Ja ich
will noch leben, weil Du es gebeutst, ich will noch leben und atmen so lange
ich kann, auch wenn Du -« Tränen erstickten seine Worte. Gabriele vermochte es
nicht ihm zu antworten, aber ihre Hände ruhten segnend auf seinem Haupte, ein
dankbares Lächeln umspielte ihre Lippen, und ihr gen Himmel gerichtetes
glänzendes Auge erhob sich betend für ihn.
Bange, leise, wehmütig einander zulächelnd, und doch unfähig jeder
ausgesprochnen Mitteilung ihres Gefühls, wandelten in den nächstfolgenden Tagen
Gabrielens Freunde neben einander her. Im Schloss herrschte eine bange schwüle
Stille, wie vor einem Gewitter, und auch draussen war es so in der Natur. Alle
Gipfel ruhten, kein Lüftchen spielte in den goldigen Blättern, sie fielen von
selbst leise und langsam, man hörte das flüsternde Rieseln ihres Niedersinkens,
weil kein stärkerer Ton durch den schweigenden Wald rauschte.
    Gabriele blickte täglich aus ihrem Bogenfenster hinaus in die herbstliche
Pracht, denn weiter zu gehen verstattete ihr ihre grosse, wenn gleich schmerzlose
Mattigkeit nicht mehr. Mit jeder Stunde beinah sahen ihre Freunde die schöne
Blume bleicher und immer bleicher sich neigen, aber ihr Geist loderte immer
sichrer und heller auf, ihre Teilnahme an dem Leben ihrer Freunde entwickelte
sich immer freudiger. Diese durften sie jetzt fast gar nicht mehr verlassen,
denn sie schien mit jeder Minute des Beisammenseins noch geizen zu wollen und
wendete alle ihr noch immer zu Gebote stehende Liebenswürdigkeit daran, sie alle
so lange als möglich in ihrer Nähe festzuhalten. Ihr Auge wandte sich in dem
kleinen Kreise mit unaussprechlicher Liebe von einem zum andern. Lächelnd suchte
es den treuen Ernesto, der liebenden Freundin Mut und Licht in die Seele zu
strahlen; dann ruhte es wehmütig auf Hippoliten, der, ganz in sich verloren,
sich und den Schmerz, und jede Klage, selbst Zukunft und Vergangenheit in ihrem
Anblick vergass, während Frau von Willnangen und Ernesto nur mit der mühsamsten
Anstrengung aller ihrer Kräfte ihrem tiefen Schmerz gebieten konnten.
    Gabriele redete in diesen Tagen ungewöhnlich viel von Ottokar, und von einer
frohen Ahnung seines nahen Wiedersehens nach so langer Trennung. »Ernesto war
nur sein Vorläufer, gebt Acht, unversehens ist er da!« sprach sie mit einer
eignen Art von Gewissheit, für die sie doch selbst keinen rechten Grund anzugeben
wusste, denn er hatte nur kürzlich geschrieben, und den Willen, Rom zu verlassen,
auf keine Weise geäussert.
Am dritten Morgen nach dem Todestage ihrer Mutter liess Gabriele etwas früher als
gewöhnlich Hippoliten zu sich entbieten. Er eilte herbei. Alles im Zimmer hatte
ein eignes festliches Ansehen. Wölkchen von Wohlgerüchen durchkräuselten es in
bläulichem Duft, Gabriele schien auf ihrem gewohnten Sessel im Fenster wie in
einer Blumenlaube zu ruhen, denn aller Schmuck des sinkenden Jahres stand in
schönen Vasen zierlich um sie her geordnet und Blumen und Früchte fügten sich im
gefälligsten Vereine um ihre Umgebung zu verherrlichen. Die durch die
herabgelassnen roten Vorhänge gemilderten Sonnenstrahlen verbreiteten ein
lieblich-rosiges Scheinen im ganzen Gemach und liehen auch der bleichen Gabriele
noch einmal den flüchtigen Schimmer der Gesundheit. Sie selbst hatte mit mehr
als gewohnter Sorgfalt wie zu einem Feste sich schmücken lassen, ihre reichen
Zöpfe waren zierlicher aufgeflochten, ihre Locken umkräuselten die schöne Stirn
in gewählterer Form, und ein weiter, kostbarer Shawl von himmelblauer Farbe
umwallte in reichen Falten die im zierlichsten weissen Morgenkleide ruhende
schlanke Gestalt. Nie war Gabriele schöner gewesen als in diesem Moment, doch
war ihre Schönheit nicht mehr von dieser Welt.
    Freundlich winkte sie dem Eintretenden, näher zu kommen. Er tat es und sank
unwillkürlich zu ihren Füssen hin, in Anbetung und Liebe verloren. Eine eigne
Freudigkeit des Herzens hatte sich seiner bei ihrem Anblick bemächtigt, sie
leuchtete aus seinen Augen, während er bewundernd die Hochgeliebte betrachtete.
»Hippolit,« flüsterte sie leise, »teurer, geliebter Hippolit! ja ich fühle es,
Sie werden durch ungestümen Schmerz die heiligste schönste Stunde meines Lebens
mir nicht stören; sie ist die Krone unsers Daseins, ihr darf keine andre folgen.
Auch gehöre ich den Lebenden nicht mehr an; - erschrick nicht so über dieses
Wort, erschrick nicht, dass ich gewiss weiss, ich werde die Sonne, die jetzt uns
leuchtet, nicht mehr sinken sehen.«
    Mit einem kaum unterdrückten Schrei fuhr Hippolit in die Höhe, der Türe zu,
als wolle er Beistand, Hülfe herbei rufen oder suchen, doch ihre sanfte Gewalt,
ihr flehendes Auge und die innre Ueberzeugung, dass jeder Versuch, zu helfen,
hier nur quälend misslingen könne, zogen ihn wieder zu ihren Füssen hin. Sein
starrendes Auge, sein Beben, sein tödtliches Erbleichen machten ihn einem
Sterbenden weit ähnlicher als Gabriele es war.
    »Erwache, o erwache,« rief sie, »geliebtester aller Menschen, erwache und
segne mit mir diese Stunde, die den lange gehegten einzigen Wunsch meines
Herzens, den Lohn alles meines Strebens mir gewährt. Die Sterbende darf
gestehen, was der Lebenden strenge Pflicht war, tief in der Brust, unter
unsäglichen Schmerzen zu vergraben.«
    Ihr Auge strahlte von neuem himmlischen Feuer, ihre Wangen färbten sich,
alle ihre Züge verklärten sich zu unaussprechlicher Schönheit. »Ja Dich, Dich
habe ich geliebt!« sprach sie mit vor Entzücken bebender Stimme, »Dich liebe
ich, Dich allein, Du Einziger, Geliebtester, Du mein Hippolit, nur Dich! ich
liebe Dich wie Du mich liebst, und lange schon trage ich Dein Bild im Herzen.
Ich sterbe, weil ich Dich liebte, ich sterbe beglückt, dass ich nur einmal mein
Herz Dir öffnen darf, entzückt, beglückt, und nun lass mich enden. Die Erde beut
mir nichts mehr nach dieser Stunde, die alle meine Fesseln zerreisst! Ich darf
dem Leben nicht mehr angehören, aber ich gehöre Dein! Dein! von nun an, und an
diesen Moment gränzt eine wonnevolle Ewigkeit!«
    Das seligste Entzücken, der zerreissendste Schmerz, Gabrielens geliebte
Stimme rief Hippolit schnell wieder zu klarem Bewusstsein; in Tränen, Seufzern,
Blicken mehr noch als in Worten, tauschten die Liebenden alles Weh und alle
Wonnen ihres Daseins gegen einander aus. Die Stunde, die sie so mit einander
zubrachten, gehört nicht ins irdische Leben, keine Vergangenheit, keine Zukunft
begränzt sie; sie steht da, einzig, für sich allein gleich der Ewigkeit, jedem
Versuch, sie zu schildern, unerreichbar.
Es war stille im Zimmer geworden, ganz still. Ernesto trat leise herein, ihm
folgte Frau von Willnangen. Die Geschichte eines grossen unverhofften frohen
Ereignisses glänzte in Beider Augen, schwebte sichtbar auf Beider Lippen. Sie
fanden Hippoliten auf dem Taburett neben Gabrielens Sessel knieend, ihr Haupt
ruhte an seiner Brust, einer ihrer Arme hielt ihn umschlungen, die Hand des
andern hielt er in der seinen, ein liebes Lächeln umspielte ihre Lippen, sie
schlummerte tief und süss. Hippolit regte sich nicht beim Eintritt seiner
Freunde. Sie winkten ihm, sie riefen leise seinen Namen, er achtete nicht darauf
oder ward es nicht gewahr. Endlich nahte sich ihm Frau von Willnangen leise und
behutsam. »Sie schläft,« flüsterte sie, »wie sanft, wie fest, doch auch wie
unbequem; sehen Sie, wie ihr Arm, ihre Wange gedrückt werden.« Mit diesen Worten
versuchte sie es, Gabrielen mit grosser Sorgfalt, wie ein unter Spielen
eingeschlummertes Kind, zurück in die Kissen zu legen. Es gelang. Hippolit liess
es ohne Widerstand geschehen, und Gabriele erwachte nicht.
    Ernesto nahte und zog Hippoliten in die fernste Ecke des Zimmers, Frau von
Willnangen blieb gleich einer über die Wiege ihres kranken Kindes gebeugten
Mutter neben Gabrielen stehen und bewachte ihren Schlummer; Hippolit folgte
gelassen dem Freunde, wohin er ihn führen wollte.
    »Gabrielen steht beim Erwachen eine grosse Erschütterung bevor,« flüsterte
Ernesto Hippoliten mit freudig glänzenden Augen zu. »Da gilt es Vorsicht und die
sorgsamste Behutsamkeit. Lieber Hippolit! weiss ich doch kaum wie ich Dir es
entdecken soll. Gabrielens Prophezeihung ist eingetroffen, Ottokar ist wirklich
da und harrt der Erlaubnis, ihr zu nahen. Was er bringt, wird sie weit später,
nach und nach erfahren müssen; es ist ein Glück, aber es wird ihr sanftes Gemüt
doch verwunden. Ottokar kommt von Pisa. Lieber Hippolit! Moritz ist gestorben,
ach! nun kann alles noch sehr gut werden, und -«
    »Gabriele ist tod!« schrie Frau von Willnangen mit dem klanglosen Tone des
wildesten Schreckens, und sank neben ihr hin.
Was lässt sich von den Ueberlebenden ferner sagen? Allein, von niemanden gesehen,
verweilte Ottokar eine Weile neben der geliebten Todten, der untergesunknen
Sonne seiner Jugend; dann schloss er den unglücklichen Freund in seine Arme, der
bewusstlos und starr ohne Tränen, ohne einen Laut, kaum noch dem Leben
anzugehören schien. Seinen mit ihm gekommnen Sohn übergab Ottokar dem treuen
Ernesto, und bat ihn, den armen, mit den Weinenden ängstlich weinenden Knaben
zurück nach Rom zu begleiten, dort seiner Zurückkunft zu harren. Er selbst nahm
den durchaus in nichts widerstrebenden Hippolit an seine Brust, führte ihn in
den noch dastehenden Reisewagen, in welchem er eben gekommen war, und fuhr mit
ihm fort, gleichviel wohin.
    Man sagt, Ottokar sei nach etwas mehr als Jahresfrist traurig und ganz
allein wieder in seinem Hause in Rom angelangt, eben noch früh genug, um den
treuen Ernesto zur Piramide des Cestius zu geleiten.
 
                                    Fussnoten
1 Nimm das letzte Pfand meiner Liebe -
Freiheit und Tod.
                                          Aus Virginia, Trauerspiel von Alfieri.
2 Dem Schmerze lächeln.
 
    