
        
                             Johann Wolfgang Goete
                       Wilhelm Meisters Wanderjahre oder
                                Die Entsagenden
                                   Erstes Buch
                                  Erstes Kapitel
                            Die Flucht nach Ägypten
Im Schatten eines mächtigen Felsen sass Wilhelm an grauser, bedeutender Stelle,
wo sich der steile Gebirgsweg um eine Ecke herum schnell nach der Tiefe wendete.
Die Sonne stand noch hoch und erleuchtete die Gipfel der Fichten in den
Felsengründen zu seinen Füssen. Er bemerkte eben etwas in seine Schreibtafel, als
Felix, der umhergeklettert war, mit einem Stein in der Hand zu ihm kam. »Wie
nennt man diesen Stein, Vater?« sagte der Knabe.
    »Ich weiss nicht«, versetzte Wilhelm.
    »Ist das wohl Gold, was darin so glänzt?« sagte jener.
    »Es ist keins!« versetzte dieser, »und ich erinnere mich, dass es die Leute
Katzengold nennen.«
    »Katzengold!« sagte der Knabe lächelnd, »und warum?«
    »Wahrscheinlich weil es falsch ist und man die Katzen auch für falsch hält.«
    »Das will ich mir merken«, sagte der Sohn und steckte den Stein in die
lederne Reisetasche, brachte jedoch sogleich etwas anders hervor und fragte:
»Was ist das?« - »Eine Frucht«, versetzte der Vater, »und nach den Schuppen zu
urteilen, sollte sie mit den Tannenzapfen verwandt sein.« - »Das sieht nicht aus
wie ein Zapfen, es ist ja rund.« - »Wir wollen den Jäger fragen; die kennen den
ganzen Wald und alle Früchte, wissen zu säen, zu pflanzen und zu warten, dann
lassen sie die Stämme wachsen und gross werden, wie sie können.« - »Die Jäger
wissen alles; gestern zeigte mir der Bote, wie ein Hirsch über den Weg gegangen
sei, er rief mich zurück und liess mich die Fährte bemerken, wie er es nannte;
ich war darüber weggesprungen, nun aber sah ich deutlich ein paar Klauen
eingedrückt; es mag ein grosser Hirsch gewesen sein.« - »Ich hörte wohl, wie du
den Boten ausfragtest.« - »Der wusste viel und ist doch kein Jäger. Ich aber will
ein Jäger werden. Es ist gar zu schön, den ganzen Tag im Walde zu sein und die
Vögel zu hören, zu wissen, wie sie heissen, wo ihre Nester sind, wie man die Eier
aushebt oder die Jungen, wie man sie füttert und wenn man die Alten fängt: das
ist gar zu lustig.«
    Kaum war dieses gesprochen, so zeigte sich den schroffen Weg herab eine
sonderbare Erscheinung. Zwei Knaben, schön wie der Tag, in farbigen Jäckchen,
die man eher für aufgebundene Hemdchen gehalten hätte, sprangen einer nach dem
andern herunter, und Wilhelm fand Gelegenheit, sie näher zu betrachten, als sie
vor ihm stutzten und einen Augenblick stillhielten. Um des ältesten Haupt
bewegten sich reiche blonde Locken, auf welche man zuerst blicken musste, wenn
man ihn sah, und dann zogen seine klarblauen Augen den Blick an sich, der sich
mit Gefallen über seine schöne Gestalt verlor. Der zweite, mehr einen Freund als
einen Bruder vorstellend, war mit braunen und schlichten Haaren geziert, die ihm
über die Schultern herabhingen und wovon der Widerschein sich in seinen Augen zu
spiegeln schien.
    Wilhelm hatte nicht Zeit, diese beiden sonderbaren und in der Wildnis ganz
unerwarteten Wesen näher zu betrachten, indem er eine männliche Stimme vernahm,
welche um die Felsecke herum ernst, aber freundlich herabrief: »Warum steht ihr
stille? versperrt uns den Weg nicht!«
    Wilhelm sah aufwärts, und hatten ihn die Kinder in Verwunderung gesetzt, so
erfüllte ihn das, was ihm jetzt zu Augen kam, mit Erstaunen. Ein derber,
tüchtiger, nicht allzu grosser junger Mann, leicht geschürzt, von brauner Haut
und schwarzen Haaren, trat kräftig und sorgfältig den Felsweg herab, indem er
hinter sich einen Esel führte, der erst sein wohlgenährtes und wohlgeputztes
Haupt zeigte, dann aber die schöne Last, die er trug, sehen liess. Ein sanftes,
liebenswürdiges Weib sass auf einem grossen, wohlbeschlagenen Sattel; in einem
blauen Mantel, der sie umgab, hielt sie ein Wochenkind, das sie an ihre Brust
drückte und mit unbeschreiblicher Lieblichkeit betrachtete. Dem Führer ging's
wie den Kindern: er stutzte einen Augenblick, als er Wilhelmen erblickte. Das
Tier verzögerte seinen Schritt, aber der Abstieg war zu jäh, die
Vorüberziehenden konnten nicht anhalten, und Wilhelm sah sie mit Verwunderung
hinter der vorstehenden Felswand verschwinden.
    Nichts war natürlicher, als dass ihn dieses seltsame Gesicht aus seinen
Betrachtungen riss. Neugierig stand er auf und blickte von seiner Stelle nach der
Tiefe hin, ob er sie nicht irgend wieder hervorkommen sähe. Und eben war er im
Begriff, hinabzusteigen und diese sonderbaren Wandrer zu begrüssen, als Felix
heraufkam und sagte: »Vater, darf ich nicht mit diesen Kindern in ihr Haus? Sie
wollen mich mitnehmen. Du sollst auch mitgehen, hat der Mann zu mir gesagt.
Komm! dort unten halten sie.«
    »Ich will mit ihnen reden«, versetzte Wilhelm.
    Er fand sich auf einer Stelle, wo der Weg weniger abhängig war, und
verschlang mit den Augen die wunderlichen Bilder, die seine Aufmerksamkeit so
sehr an sich gezogen hatten. Erst jetzt war es ihm möglich, noch einen und den
andern besondern Umstand zu bemerken. Der junge, rüstige Mann hatte wirklich
eine Polieraxt auf der Schulter und ein langes, schwankes eisernes Winkelmass.
Die Kinder trugen grosse Schilfbüschel, als wenn es Palmen wären; und wenn sie
von dieser Seite den Engeln glichen, so schleppten sie auch wieder kleine
Körbchen mit Esswaren und glichen dadurch den täglichen Boten, wie sie über das
Gebirg hin und her zu gehen pflegen. Auch hatte die Mutter, als er sie näher
betrachtete, unter dem blauen Mantel ein rötliches, zart gefärbtes Unterkleid,
so dass unser Freund die Flucht nach Ägypten, die er so oft gemalt gesehen, mit
Verwunderung hier vor seinen Augen wirklich finden musste.
    Man begrüsste sich, und indem Wilhelm vor Erstaunen und Aufmerksamkeit nicht
zu Wort kommen konnte, sagte der junge Mann: »Unsere Kinder haben in diesem
Augenblicke schon Freundschaft gemacht. Wollt Ihr mit uns, um zu sehen, ob auch
zwischen den Erwachsenen ein gutes Verhältnis entstehen könne?«
    Wilhelm bedachte sich ein wenig und versetzte dann: »Der Anblick eures
kleinen Familienzuges erregt Vertrauen und Neigung und, dass ich's nur gleich
gestehe, ebensowohl Neugierde und ein lebhaftes Verlangen, euch näher kennen zu
lernen. Denn im ersten Augenblicke möchte man bei sich die Frage aufwerfen, ob
ihr wirkliche Wanderer oder ob ihr nur Geister seid, die sich ein Vergnügen
daraus machen, dieses unwirtbare Gebirg durch angenehme Erscheinungen zu
beleben.«
    »So kommt mit in unsere Wohnung«, sagte jener. »Kommt mit!« riefen die
Kinder, indem sie den Felix schon mit sich fortzogen. »Kommt mit!« sagte die
Frau, indem sie ihre liebenswürdige Freundlichkeit von dem Säugling ab auf den
Fremdling wendete.
    Ohne sich zu bedenken, sagte Wilhelm: »Es tut mir leid, dass ich euch nicht
sogleich folgen kann. Wenigstens diese Nacht noch muss ich oben auf dem
Grenzhause zubringen. Mein Mantelsack, meine Papiere, alles liegt noch oben,
ungepackt und unbesorgt. Damit ich aber Wunsch und Willen beweise, eurer
freundlichen Einladung genugzutun, so gebe ich euch meinen Felix zum Pfande mit.
Morgen bin ich bei euch. Wie weit ist's hin?«
    »Vor Sonnenuntergang erreichen wir noch unsere Wohnung«, sagte der
Zimmermann, »und von dem Grenzhause habt Ihr nur noch andertalb Stunden. Euer
Knabe vermehrt unsern Haushalt für diese Nacht; morgen erwarten wir Euch.«
    Der Mann und das Tier setzten sich in Bewegung. Wilhelm sah seinen Felix mit
Behagen in so guter Gesellschaft, er konnte ihn mit den lieben Engelein
vergleichen, gegen die er kräftig abstach. Für seine Jahre war er nicht gross,
aber stämmig, von breiter Brust und kräftigen Schultern; in seiner Natur war ein
eigenes Gemisch von Herrschen und Dienen; er hatte schon einen Palmzweig und ein
Körbchen ergriffen, womit er beides auszusprechen schien. Schon drohte der Zug
abermals um eine Felswand zu verschwinden, als sich Wilhelm zusammennahm und
nachrief: »Wie soll ich euch aber erfragen?«
    »Fragt nur nach Sankt Joseph!« erscholl es aus der Tiefe, und die ganze
Erscheinung war hinter den blauen Schattenwänden verschwunden. Ein frommer,
mehrstimmiger Gesang tönte verhallend aus der Ferne, und Wilhelm glaubte die
Stimme seines Felix zu unterscheiden.
    Er stieg aufwärts und verspätete sich dadurch den Sonnenuntergang. Das
himmlische Gestirn, das er mehr denn einmal verloren hatte, erleuchtete ihn
wieder, als er höher trat, und noch war es Tag, als er an seiner Herberge
anlangte. Nochmals erfreute er sich der grossen Gebirgsansicht und zog sich
sodann auf sein Zimmer zurück, wo er sogleich die Feder ergriff und einen Teil
der Nacht mit Schreiben zubrachte.
                              Wilhelm an Natalien
Nun ist endlich die Höhe erreicht, die Höhe des Gebirgs, das eine mächtigere
Trennung zwischen uns setzen wird als der ganze Landraum bisher. Für mein Gefühl
ist man noch immer in der Nähe seiner Lieben, solange die Ströme von uns zu
ihnen laufen. Heute kann ich mir noch einbilden, der Zweig, den ich in den
Waldbach werfe, könnte füglich zu ihr hinabschwimmen, könnte in wenigen Tagen
vor ihrem Garten landen; und so sendet unser Geist seine Bilder, das Herz seine
Gefühle bequemer abwärts. Aber drüben, fürchte ich, stellt sich eine Scheidewand
der Einbildungskraft und der Empfindung entgegen. Doch ist das vielleicht nur
eine voreilige Besorglichkeit: denn es wird wohl auch drüben nicht anders sein
als hier. Was könnte mich von dir scheiden! von dir, der ich auf ewig geeignet
bin, wenngleich ein wundersames Geschick mich von dir trennt und mir den Himmel,
dem ich so nahe stand, unerwartet zuschliesst. Ich hatte Zeit, mich zu fassen,
und doch hätte keine Zeit hingereicht, mir diese Fassung zu geben, hätte ich sie
nicht aus deinem Munde gewonnen, von deinen Lippen in jenem entscheidenden
Moment. Wie hätte ich mich losreissen können, wenn der dauerhafte Faden nicht
gesponnen wäre, der uns für die Zeit und für die Ewigkeit verbinden soll. Doch
ich darf ja von allem dem nicht reden. Deine zarten Gebote will ich nicht
übertreten; auf diesem Gipfel sei es das letztemal, dass ich das Wort Trennung
vor dir ausspreche. Mein Leben soll eine Wanderschaft werden. Sonderbare
Pflichten des Wanderers habe ich auszuüben und ganz eigene Prüfungen zu
bestehen. Wie lächle ich manchmal, wenn ich die Bedingungen durchlese, die mir
der Verein, die ich mir selbst vorschrieb! Manches wird gehalten, manches
übertreten; aber selbst bei der Übertretung dient mir dies Blatt, dieses Zeugnis
von meiner letzten Beichte, meiner letzten Absolution statt eines gebietenden
Gewissens, und ich lenke wieder ein. Ich hüte mich, und meine Fehler stürzen
sich nicht mehr wie Gebirgswasser einer über den andern.
    Doch will ich dir gern gestehen, dass ich oft diejenigen Lehrer und
Menschenführer bewundere, die ihren Schülern nur äussere, mechanische Pflichten
auflegen. Sie machen sich's und der Welt leicht. Denn gerade diesen Teil meiner
Verbindlichkeiten, der mir erst der beschwerlichste, der wunderlichste schien,
diesen beobachte ich am bequemsten, am liebsten.
    Nicht über drei Tage soll ich unter einem Dache bleiben. Keine Herberge soll
ich verlassen, ohne dass ich mich wenigstens eine Meile von ihr entferne. Diese
Gebote sind wahrhaft geeignet, meine Jahre zu Wanderjahren zu machen und zu
verhindern, dass auch nicht die geringste Versuchung des Ansiedelns bei mir sich
finde. Dieser Bedingung habe ich mich bisher genau unterworfen, ja mich der
gegebenen Erlaubnis nicht einmal bedient. Hier ist eigentlich das erstemal, dass
ich stillhalte, das erstemal, dass ich die dritte Nacht in demselben Bette
schlafe. Von hier sende ich dir manches bisher Vernommene, Beobachtete,
Gesparte, und dann geht es morgen früh auf der andern Seite hinab, fürerst zu
einer wunderbaren Familie, zu einer heiligen Familie möchte ich wohl sagen, von
der du in meinem Tagebuche mehr finden wirst. Jetzt lebe wohl und lege dieses
Blatt mit dem Gefühl aus der Hand, dass es nur eins zu sagen habe, nur eines
sagen und immer wiederholen möchte, aber es nicht sagen, nicht wiederholen will,
bis ich das Glück habe, wieder zu deinen Füssen zu liegen und auf deinen Händen
mich über alle das Entbehren auszuweinen.
                                                                        Morgens.
Es ist eingepackt. Der Bote schnürt den Mantelsack auf das Reff. Noch ist die
Sonne nicht aufgegangen, die Nebel dampfen aus allen Gründen; aber der obere
Himmel ist heiter. Wir steigen in die düstere Tiefe hinab, die sich auch bald
über unserm Haupte erhellen wird. Lass mich mein letztes Ach zu dir
hinübersenden! Lass meinen letzten Blick zu dir sich noch mit einer
unwillkürlichen Träne füllen! Ich bin entschieden und entschlossen. Du sollst
keine Klagen mehr von mir hören; du sollst nur hören, was dem Wanderer begegnet.
Und doch kreuzen sich, indem ich schliessen will, nochmals tausend Gedanken,
Wünsche, Hoffnungen und Vorsätze. Glücklicherweise treibt man mich hinweg. Der
Bote ruft, und der Wirt räumt schon wieder auf in meiner Gegenwart, eben als
wenn ich hinweg wäre, wie gefühllose, unvorsichtige Erben vor dem Abscheidenden
die Anstalten, sich in Besitz zu setzen, nicht verbergen.
 
                                Zweites Kapitel
                            Sankt Joseph der Zweite
Schon hatte der Wanderer, seinem Boten auf dem Fusse folgend, steile Felsen
hinter und über sich gelassen, schon durchstrichen sie ein sanfteres
Mittelgebirg und eilten durch manchen wohlbestandnen Wald, durch manchen
freundlichen Wiesengrund immer vorwärts, bis sie sich endlich an einem Abhange
befanden und in ein sorgfältig bebautes, von Hügeln rings umschlossenes Tal
hinabschauten. Ein grosses, halb in Trümmern liegendes, halb wohlerhaltenes
Klostergebäude zog sogleich die Aufmerksamkeit an sich. »Dies ist Sankt Joseph«,
sagte der Bote; »jammerschade für die schöne Kirche! Seht nur, wie ihre Säulen
und Pfeiler durch Gebüsch und Bäume noch so wohlerhalten durchsehen, ob sie
gleich schon viele hundert Jahre im Schutt liegt.«
    »Die Klostergebäude hingegen«, versetzte Wilhelm, »sehe ich, sind noch
wohlerhalten.« - »Ja«, sagte der andere, »es wohnt ein Schaffner daselbst, der
die Wirtschaft besorgt, die Zinsen und Zehnten einnimmt, welche man weit und
breit hierher zu zahlen hat.«
    Unter diesen Worten waren sie durch das offene Tor in den geräumigen Hof
gelangt, der, von ernstaften, wohlerhaltenen Gebäuden umgeben, sich als
Aufentalt einer ruhigen Sammlung ankündigte. Seinen Felix mit den Engeln von
gestern sah er sogleich beschäftigt um einen Tragkorb, den eine rüstige Frau vor
sich gestellt hatte; sie waren im Begriff, Kirschen zu handeln; eigentlich aber
feilschte Felix, der immer etwas Geld bei sich führte. Nun machte er sogleich
als Gast den Wirt, spendete reichliche Früchte an seine Gespielen, selbst dem
Vater war die Erquickung angenehm, mitten in diesen unfruchtbaren Mooswäldern,
wo die farbigen, glänzenden Früchte noch einmal so schön erschienen. Sie trage
solche weit herauf aus einem grossen Garten, bemerkte die Verkäuferin, um den
Preis annehmlich zu machen, der den Käufern etwas zu hoch geschienen hatte. Der
Vater werde bald zurückkommen, sagten die Kinder, er solle nur einstweilen in
den Saal gehen und dort ausruhen.
    Wie verwundert war jedoch Wilhelm, als die Kinder ihn zu dem Raume führten,
den sie den Saal nannten. Gleich aus dem Hofe ging es zu einer grossen Tür
hinein, und unser Wanderer fand sich in einer sehr reinlichen, wohlerhaltenen
Kapelle, die aber, wie er wohl sah, zum häuslichen Gebrauch des täglichen Lebens
eingerichtet war. An der einen Seite stand ein Tisch, ein Sessel, mehrere Stühle
und Bänke, an der andern Seite ein wohlgeschnjetztes Gerüst mit bunter
Töpferware, Krügen und Gläsern. Es fehlte nicht an einigen Truhen und Kisten
und, so ordentlich alles war, doch nicht an dem Einladenden des häuslichen,
täglichen Lebens. Das Licht fiel von hohen Fenstern an der Seite herein. Was
aber die Aufmerksamkeit des Wanderers am meisten erregte, waren farbige, auf die
Wand gemalte Bilder, die unter den Fenstern in ziemlicher Höhe, wie Teppiche, um
drei Teile der Kapelle herumreichten und bis auf ein Getäfel herabgingen, das
die übrige Wand bis zur Erde bedeckte. Die Gemälde stellten die Geschichte des
heiligen Joseph vor. Hier sah man ihn mit einer Zimmerarbeit beschäftigt; hier
begegnete er Marien, und eine Lilie sprosste zwischen beiden aus dem Boden, indem
einige Engel sie lauschend umschwebten. Hier wird er getraut; es folgt der
englische Gruss. Hier sitzt er missmutig zwischen angefangener Arbeit, lässt die
Axt ruhen und sinnt darauf, seine Gattin zu verlassen. Zunächst erscheint ihm
aber der Engel im Traum, und seine Lage ändert sich. Mit Andacht betrachtet er
das neugeborene Kind im Stalle zu Betlehem und betet es an. Bald darauf folgt
ein wundersam schönes Bild. Man sieht mancherlei Holz gezimmert; eben soll es
zusammengesetzt werden, und zufälligerweise bilden ein paar Stücke ein Kreuz.
Das Kind ist auf dem Kreuze eingeschlafen, die Mutter sitzt daneben und
betrachtet es mit inniger Liebe, und der Pflegevater hält mit der Arbeit inne,
um den Schlaf nicht zu stören. Gleich darauf folgt die Flucht nach Ägypten. Sie
erregte bei dem beschauenden Wanderer ein Lächeln, indem er die Wiederholung des
gestrigen lebendigen Bildes hier an der Wand sah.
    Nicht lange war er seinen Betrachtungen überlassen, so trat der Wirt herein,
den er sogleich als den Führer der heiligen Karawane wiedererkannte. Sie
begrüssten sich aufs herzlichste, mancherlei Gespräche folgten; doch Wilhelms
Aufmerksamkeit blieb auf die Gemälde gerichtet. Der Wirt merkte das Interesse
seines Gastes und fing lächelnd an: »Gewiss, Ihr bewundert die Übereinstimmung
dieses Gebäudes mit seinen Bewohnern, die Ihr gestern kennenlerntet. Sie ist
aber vielleicht noch sonderbarer, als man vermuten sollte: das Gebäude hat
eigentlich die Bewohner gemacht. Denn wenn das Leblose lebendig ist, so kann es
auch wohl Lebendiges hervorbringen.«
    »O ja!« versetzte Wilhelm. »Es sollte mich wundern, wenn der Geist, der vor
Jahrhunderten in dieser Bergöde so gewaltig wirkte und einen so mächtigen Körper
von Gebäuden, Besitzungen und Rechten an sich zog und dafür mannigfaltige
Bildung in der Gegend verbreitete, es sollte mich wundern, wenn er nicht auch
aus diesen Trümmern noch seine Lebenskraft auf ein lebendiges Wesen ausübte.
Lasst uns jedoch nicht im Allgemeinen verharren, macht mich mit Eurer Geschichte
bekannt, damit ich erfahre, wie es möglich war, dass ohne Spielerei und Anmassung
die Vergangenheit sich wieder in Euch darstellt und das, was vorüberging,
abermals herantritt.«
    Eben als Wilhelm belehrende Antwort von den Lippen seines Wirtes erwartete,
rief eine freundliche Stimme im Hofe den Namen Joseph. Der Wirt hörte darauf und
ging nach der Tür.
    »Also heisst er auch Joseph!« sagte Wilhelm zu sich selbst. »Das ist doch
sonderbar genug und doch eben nicht so sonderbar, als dass er seinen Heiligen im
Leben darstellt.« Er blickte zu gleicher Zeit nach der Türe und sah die Mutter
Gottes von gestern mit dem Manne sprechen. Sie trennten sich endlich: die Frau
ging nach der gegenüberstehenden Wohnung. »Marie!« rief er ihr nach, »nur noch
ein Wort!« - »Also heisst sie auch Marie!« dachte Wilhelm; »es fehlt nicht viel,
so fühle ich mich achtzehnhundert Jahre zurückversetzt.« Er dachte sich das
ernstaft eingeschlossene Tal, in dem er sich befand die Trümmer und die Stille,
und eine wundersam altertümliche Stimmung überfiel ihn. Es war Zeit, dass der
Wirt und die Kinder hereintraten. Die letztern forderten Wilhelm zu einem
Spaziergange auf, indes der Wirt noch einigen Geschäften vorstehen wollte. Nun
ging es durch die Ruinen des säulenreichen Kirchengebäudes, dessen hohe Giebel
und Wände sich in Wind und Wetter zu befestigen schienen, indessen sich starke
Bäume von alters her auf den breiten Mauerrücken eingewurzelt hatten und in
Gesellschaft von mancherlei Gras, Blumen und Moos kühn in der Luft hängende
Gärten vorstellten. Sanfte Wiesenpfade führten einen lebhaften Bach hinan, und
von einiger Höhe konnte der Wanderer nun das Gebäude nebst seiner Lage mit so
mehr Interesse überschauen, als ihm dessen Bewohner immer merkwürdiger geworden
und durch die Harmonie mit ihrer Umgebung seine lebhafte Neugier erregt hatten.
    Man kehrte zurück und fand in dem frommen Saal einen Tisch gedeckt. Obenan
stand ein Lehnsessel, in den sich die Hausfrau niederliess. Neben sich hatte sie
einen hohen Korb stehen, in welchem das kleine Kind lag; den Vater sodann zur
linken Hand und Wilhelm zur rechten. Die drei Kinder besetzten den untern Raum
des Tisches. Eine alte Magd brachte ein wohlzubereitetes Essen. Speise- und
Trinkgeschirr deuteten gleichfalls auf vergangene Zeit. Die Kinder gaben Anlass
zur Unterhaltung, indessen Wilhelm die Gestalt und das Betragen seiner heiligen
Wirtin nicht genugsam beobachten konnte.
    Nach Tische zerstreute sich die Gesellschaft; der Wirt führte seinen Gast an
eine schattige Stelle der Ruine, wo man von einem erhöhten Platze die angenehme
Aussicht das Tal hinab vollkommen vor sich hatte und die Berghöhen des untern
Landes mit ihren fruchtbaren Abhängen und waldigen Rücken hintereinander
hinausgeschoben sah. »Es ist billig«, sagte der Wirt, »dass ich Ihre Neugierde
befriedige, um so mehr, als ich an Ihnen fühle, dass Sie imstande sind, auch das
Wunderliche ernstaft zu nehmen, wenn es auf einem ernsten Grunde beruht. Diese
geistliche Anstalt, von der Sie noch die Reste sehen, war der heiligen Familie
gewidmet und vor alters als Wallfahrt wegen mancher Wunder berühmt. Die Kirche
war der Mutter und dem Sohne geweiht. Sie ist schon seit mehreren Jahrhunderten
zerstört. Die Kapelle, dem heiligen Pflegevater gewidmet, hat sich erhalten, so
auch der brauchbare Teil der Klostergebäude. Die Einkünfte bezieht schon seit
geraumen Jahren ein weltlicher Fürst, der seinen Schaffner hier oben hält, und
der bin ich, Sohn des vorigen Schaffners, der gleichfalls seinem Vater in dieser
Stelle nachfolgte.
    Der heilige Joseph, obgleich jede kirchliche Verehrung hier oben lange
aufgehört hatte, war gegen unsere Familie so wohltätig gewesen, dass man sich
nicht verwundern darf, wenn man sich besonders gut gegen ihn gesinnt fühlte; und
daher kam es, dass man mich in der Taufe Joseph nannte und dadurch gewissermassen
meine Lebensweise bestimmte. Ich wuchs heran, und wenn ich mich zu meinem Vater
gesellte, indem er die Einnahmen besorgte, so schloss ich mich ebenso gern, ja
noch lieber an meine Mutter an, welche nach Vermögen gern ausspendete und durch
ihren guten Willen und durch ihre Wohltaten im ganzen Gebirge bekannt und
geliebt war. Sie schickte mich bald da-, bald dortin, bald zu bringen, bald zu
bestellen, bald zu besorgen, und ich fand mich sehr leicht in diese Art von
frommem Gewerbe.
    Überhaupt hat das Gebirgsleben etwas Menschlicheres als das Leben auf dem
flachen Lande. Die Bewohner sind einander näher und, wenn man will, auch ferner;
die Bedürfnisse geringer, aber dringender. Der Mensch ist mehr auf sich
gestellt, seinen Händen, seinen Füssen muss er vertrauen lernen. Der Arbeiter, der
Bote, der Lastträger, alle vereinigen sich in einer Person; auch steht jeder dem
andern näher, begegnet ihm öfter und lebt mit ihm in einem gemeinsamen Treiben.
    Da ich noch jung war und meine Schultern nicht viel zu schleppen vermochten,
fiel ich darauf, einen kleinen Esel mit Körben zu versehen und vor mir her die
steilen Fusspfade hinauf und hinab zu treiben. Der Esel ist im Gebirg kein so
verächtlich Tier als im flachen Lande, wo der Knecht, der mit Pferden pflügt,
sich für besser hält als den andern, der den Acker mit Ochsen umreisst. Und ich
ging um so mehr ohne Bedenken hinter meinem Tiere her, als ich in der Kapelle
früh bemerkt hatte, dass es zur Ehre gelangt war, Gott und seine Mutter zu
tragen. Doch war diese Kapelle damals nicht in dem Zustande, in welchem sie sich
gegenwärtig befindet. Sie ward als ein Schuppen, ja fast wie ein Stall
behandelt. Brennholz, Stangen, Gerätschaften, Tonnen und Leitern, und was man
nur wollte, war übereinander geschoben. Glücklicherweise, dass die Gemälde so
hoch stehen und die Täfelung etwas aushält. Aber schon als Kind erfreute ich
mich besonders, über alles das Gehölz hin und her zu klettern und die Bilder zu
betrachten, die mir niemand recht auslegen konnte. Genug, ich wusste, dass der
Heilige, dessen Leben oben gezeichnet war, mein Pate sei, und ich erfreute mich
an ihm, als ob er mein Onkel gewesen wäre. Ich wuchs heran, und weil es eine
besondere Bedingung war, dass der, welcher an das einträgliche Schaffneramt
Anspruch machen wollte, ein Handwerk ausüben musste, so sollte ich, dem Willen
meiner Eltern gemäss, welche wünschten, dass künftig diese gute Pfründe auf mich
erben möchte, ein Handwerk lernen, und zwar ein solches, das zugleich hier oben
in der Wirtschaft nützlich wäre.
    Mein Vater war Bötticher und schaffte alles, was von dieser Arbeit nötig
war, selbst, woraus ihm und dem Ganzen grosser Vorteil erwuchs. Allein ich konnte
mich nicht entschliessen, ihm darin nachzufolgen. Mein Verlangen zog mich
unwiderstehlich nach dem Zimmerhandwerke, wovon ich das Arbeitszeug so
umständlich und genau, von Jugend auf, neben meinem Heiligen gemalt gesehen. Ich
erklärte meinen Wunsch; man war mir nicht entgegen, um so weniger, als bei so
mancherlei Baulichkeiten der Zimmermann oft von uns in Anspruch genommen ward,
ja bei einigem Geschick und Liebe zu feinerer Arbeit, besonders in Waldgegenden,
die Tischler- und sogar die Schnitzerkünste ganz nahe liegen. Und was mich noch
mehr in meinen höhern Aussichten bestärkte, war jenes Gemälde, das leider
nunmehr fast ganz verloschen ist. Sobald Sie wissen, was es vorstellen soll, so
werden Sie sich's entziffern können, wenn ich Sie nachher davor führe. Dem
heiligen Joseph war nichts Geringeres aufgetragen, als einen Tron für den König
Herodes zu machen. Zwischen zwei gegebenen Säulen soll der Prachtsitz aufgeführt
werden. Joseph nimmt sorgfältig das Mass von Breite und Höhe und arbeitet einen
köstlichen Königstron. Aber wie erstaunt ist er, wie verlegen, als er den
Prachtsessel herbeischaft: er findet sich zu hoch und nicht breit genug. Mit
König Herodes war, wie bekannt, nicht zu spassen; der fromme Zimmermeister ist in
der grössten Verlegenheit. Das Christkind, gewohnt, ihn überallhin zu begleiten,
ihm in kindlich demütigem Spiel die Werkzeuge nachzutragen, bemerkt seine Not
und ist gleich mit Rat und Tat bei der Hand. Das Wunderkind verlangt vom
Pflegevater, er solle den Tron an der einen Seite fassen; es greift in die
andere Seite des Schnitzwerks, und beide fangen an zu ziehen. Sehr leicht und
bequem, als wär' er von Leder, zieht sich der Tron in die Breite, verliert
verhältnismässig an der Höhe und passt ganz vortrefflich an Ort und Stelle, zum
grössten Troste des beruhigten Meisters und zur vollkommenen Zufriedenheit des
Königs.
    Jener Tron war in meiner Jugend noch recht gut zu sehen, und an den Resten
der einen Seite werden Sie bemerken können, dass am Schnitzwerk nichts gespart
war, das freilich dem Maler leichter fallen musste, als es dem Zimmermann gewesen
wäre, wenn man es von ihm verlangt hätte.
    Hieraus zog ich aber keine Bedenklichkeit, sondern ich erblickte das
Handwerk, dem ich mich gewidmet hatte, in einem so ehrenvollen Lichte, dass ich
nicht erwarten konnte, bis man mich in die Lehre tat; welches um so leichter
auszuführen war, als in der Nachbarschaft ein Meister wohnte, der für die ganze
Gegend arbeitete und mehrere Gesellen und Lehrbursche beschäftigen konnte. Ich
blieb also in der Nähe meiner Eltern und setzte gewissermassen mein voriges Leben
fort, indem ich Feierstunden und Feiertage zu den wohltätigen Botschaften, die
mir meine Mutter aufzutragen fortfuhr, verwendete.«
                                Die Heimsuchung
»So vergingen einige Jahre«, fuhr der Erzähler fort. »Ich begriff die Vorteile
des Handwerks sehr bald, und mein Körper, durch Arbeit ausgebildet, war
imstande, alles zu übernehmen, was dabei gefordert wurde. Nebenher versah ich
meinen alten Dienst, den ich der guten Mutter, oder vielmehr Kranken und
Notdürftigen leistete. Ich zog mit meinem Tier durchs Gebirg, verteilte die
Ladung pünktlich und nahm von Krämern und Kaufleuten rückwärts mit, was uns hier
oben fehlte. Mein Meister war zufrieden mit mir und meine Eltern auch. Schon
hatte ich das Vergnügen, auf meinen Wanderungen manches Haus zu sehen, das ich
mit aufgeführt, das ich verziert hatte. Denn besonders dieses letzte Einkerben
der Balken, dieses Einschneiden von gewissen einfachen Formen, dieses Einbrennen
zierender Figuren, dieses Rotmalen einiger Vertiefungen, wodurch ein hölzernes
Berghaus den so lustigen Anblick gewährt, solche Künste waren mir besonders
übertragen, weil ich mich am besten aus der Sache zog, der ich immer den Tron
Herodes' und seine Zieraten im Sinne hatte.
    Unter den hilfsbedürftigen Personen, für die meine Mutter eine vorzügliche
Sorge trug, standen besonders junge Frauen obenan, die sich guter Hoffnung
befanden, wie ich nach und nach wohl bemerken konnte, ob man schon in solchen
Fällen die Botschaften gegen mich geheimnisvoll zu behandeln pflegte. Ich hatte
dabei niemals einen unmittelbaren Auftrag, sondern alles ging durch ein gutes
Weib, welche nicht fern das Tal hinab wohnte und Frau Elisabet genannt wurde.
Meine Mutter, selbst in der Kunst erfahren, die so manchen gleich beim Eintritt
in das Leben zum Leben rettet, stand mit Frau Elisabet in fortdauernd gutem
Vernehmen, und ich musste oft von allen Seiten hören, dass mancher unserer
rüstigen Bergbewohner diesen beiden Frauen sein Dasein zu danken habe. Das
Geheimnis, womit mich Elisabet jederzeit empfing, die bündigen Antworten auf
meine rätselhaften Fragen, die ich selbst nicht verstand, erregten mir
sonderbare Ehrfurcht für sie, und ihr Haus, das höchst reinlich war, schien mir
eine Art von kleinem Heiligtum vorzustellen.
    Indessen hatte ich durch meine Kenntnisse und Handwerkstätigkeit in der
Familie ziemlichen Einfluss gewonnen. Wie mein Vater als Bötticher für den Keller
gesorgt hatte, so sorgte ich nun für Dach und Fach und verbesserte manchen
schadhaften Teil der alten Gebäude. Besonders wusste ich einige verfallene
Scheuern und Remisen für den häuslichen Gebrauch wieder nutzbar zu machen; und
kaum war dieses geschehen, als ich meine geliebte Kapelle zu räumen und zu
reinigen anfing. In wenigen Tagen war sie in Ordnung, fast wie Ihr sie sehet;
wobei ich mich bemühte, die fehlenden oder beschädigten Teile des Täfelwerks dem
Ganzen gleich wiederherzustellen. Auch solltet Ihr diese Flügeltüren des
Eingangs wohl für alt genug halten; sie sind aber von meiner Arbeit. Ich habe
mehrere Jahre zugebracht, sie in ruhigen Stunden zu schnitzen, nachdem ich sie
vorher aus starken eichenen Bohlen im ganzen tüchtig zusammengefügt hatte. Was
bis zu dieser Zeit von Gemälden nicht beschädigt oder verloschen war, hat sich
auch noch erhalten, und ich half dem Glasmeister bei einem neuen Bau, mit der
Bedingung, dass er bunte Fenster herstellte.
    Hatten jene Bilder und die Gedanken an das Leben des Heiligen meine
Einbildungskraft beschäftigt, so drückte sich, das alles nur viel lebhafter bei
mir ein, als ich den Raum wieder für ein Heiligtum ansehen, darin, besonders zur
Sommerszeit, verweilen und über das, was ich sah oder vermutete, mit Musse
nachdenken konnte. Es lag eine unwiderstehliche Neigung in mir, diesem Heiligen
nachzufolgen; und da sich ähnliche Begebenheiten nicht leicht herbeirufen
liessen, so wollte ich wenigstens von unten auf anfangen, ihm zu gleichen: wie
ich denn wirklich durch den Gebrauch des lastbaren Tiers schon lange begonnen
hatte. Das kleine Geschöpf, dessen ich mich bisher bedient, wollte mir nicht
mehr genügen; ich suchte mir einen viel stattlicheren Träger aus, sorgte für
einen wohlgebauten Sattel, der zum Reiten wie zum Packen gleich bequem war. Ein
paar neue Körbe wurden angeschafft, und ein Netz von bunten Schnüren, Flocken
und Quasten, mit klingenden Metallstiften untermischt, zierte den Hals des
langohrigen Geschöpfs, das sich nun bald neben seinem Musterbilde an der Wand
zeigen durfte. Niemanden fiel ein, über mich zu spotten, wenn ich in diesem
Aufzuge durchs Gebirge kam: denn man erlaubt ja gern der Wohltätigkeit eine
wunderliche Aussenseite.
    Indessen hatte sich der Krieg, oder vielmehr die Folge desselben, unserer
Gegend genähert, indem verschiedenemal gefährliche Rotten von verlaufenem
Gesindel sich versammelten und hie und da manche Gewalttätigkeit, manchen
Mutwillen ausübten. Durch die gute Anstalt der Landmiliz, durch Streifungen und
augenblickliche Wachsamkeit wurde dem Übel zwar bald gesteuert; doch verfiel man
zu geschwind wieder in Sorglosigkeit, und ehe man sich's versah, brachen wieder
neue Übeltaten hervor.
    Lange war es in unserer Gegend still gewesen, und ich zog mit meinem
Saumrosse ruhig die gewohnten Pfade, bis ich eines Tages über die frisch besäte
Waldblösse kam und an dem Rande des Hegegrabens eine weibliche Gestalt sitzend
oder vielmehr liegend fand. Sie schien zu schlafen oder ohnmächtig zu sein. Ich
bemühte mich um sie, und als sie ihre schönen Augen aufschlug und sich in die
Höhe richtete, rief sie mit Lebhaftigkeit aus: Wo ist er? habt Ihr ihn gesehen?
Ich fragte: Wen? Sie versetzte: Meinen Mann! Bei ihrem höchst jugendlichen
Ansehen war mir diese Antwort unerwartet; doch fuhr ich nur um desto lieber
fort, ihr beizustehen und sie meiner Teilnahme zu versichern. Ich vernahm, dass
die beiden Reisenden sich wegen der beschwerlichen Fuhrwege von ihrem Wagen
entfernt gehabt, um einen nähern Fussweg einzuschlagen. In der Nähe seien sie von
Bewaffneten überfallen worden, ihr Mann habe sich fechtend entfernt, sie habe
ihm nicht weit folgen können und sei an dieser Stelle liegengeblieben, sie wisse
nicht wie lange. Sie bitte mich inständig, sie zu verlassen und ihrem Manne
nachzueilen. Sie richtete sich auf ihre Füsse, und die schönste, liebenswürdigste
Gestalt stand vor mir; doch konnte ich leicht bemerken, dass sie sich in einem
Zustande befinde, in welchem sie die Beihülfe meiner Mutter und der Frau
Elisabet wohl bald bedürfen möchte. Wir stritten uns eine Weile: denn ich
verlangte, sie erst in Sicherheit zu bringen; sie verlangte zuerst Nachricht von
ihrem Manne. Sie wollte sich von seiner Spur nicht entfernen, und alle meine
Vorstellungen hätten vielleicht nicht gefruchtet, wenn nicht eben ein Kommando
unserer Miliz, welche durch die Nachricht von neuen Übeltaten rege geworden war,
sich durch den Wald her bewegt hätte. Diese wurden unterrichtet, mit ihnen das
Nötige verabredet, der Ort des Zusammentreffens bestimmt und so für diesmal die
Sache geschlichtet. Geschwind versteckte ich meine Körbe in eine benachbarte
Höhle, die mir schon öfters zur Niederlage gedient hatte, richtete meinen Sattel
zum bequemen Sitz und hob, nicht ohne eine sonderbare Empfindung, die schöne
Last auf mein williges Tier, das die gewohnten Pfade sogleich von selbst zu
finden wusste und mir Gelegenheit gab, nebenher zu gehen.
    Ihr denkt, ohne dass ich es weitläufig beschreibe, wie wunderlich mir zumute
war. Was ich so lange gesucht, hatte ich wirklich gefunden. Es war mir, als wenn
ich träumte, und dann gleich wieder, als ob ich aus einem Traume erwachte. Diese
himmlische Gestalt, wie ich sie gleichsam in der Luft schweben und vor den
grünen Bäumen sich her bewegen sah, kam mir jetzt wie ein Traum vor, der durch
jene Bilder in der Kapelle sich in meiner Seele erzeugte. Bald schienen mir jene
Bilder nur Träume gewesen zu sein, die sich hier in eine schöne Wirklichkeit
auflösten. Ich fragte sie manches, sie antwortete mir sanft und gefällig, wie es
einer anständig Betrübten ziemt. Oft bat sie mich, wenn wir auf eine entblösste
Höhe kamen, stillezuhalten, mich umzusehen, zu horchen. Sie bat mich mit solcher
Anmut, mit einem solchen tief wünschenden Blick unter ihren langen schwarzen
Augenwimpern hervor, dass ich alles tun musste, was nur möglich war; ja ich
erkletterte eine freistehende, hohe, astlose Fichte. Nie war mir dieses
Kunststück meines Handwerks willkommener gewesen; nie hatte ich mit mehr
Zufriedenheit von ähnlichen Gipfeln, bei Festen und Jahrmärkten, Bänder und
seidene Tücher heruntergeholt. Doch kam ich diesesmal leider ohne Ausbeute; auch
oben sah und hörte ich nichts. Endlich rief sie selbst mir, herabzukommen, und
winkte gar lebhaft mit der Hand; ja, als ich endlich beim Herabgleiten mich in
ziemlicher Höhe losliess und heruntersprang, tat sie einen Schrei, und eine süsse
Freundlichkeit verbreitete sich über ihr Gesicht, da sie mich unbeschädigt vor
sich sah.
    Was soll ich Euch lange von den hundert Aufmerksamkeiten unterhalten, womit
ich ihr den ganzen Weg über angenehm zu werden, sie zu zerstreuen suchte. Und
wie könnte ich es auch! denn das ist eben die Eigenschaft der wahren
Aufmerksamkeit, dass sie im Augenblick das Nichts zu Allem macht. Für mein Gefühl
waren die Blumen, die ich ihr brach, die fernen Gegenden, die ich ihr zeigte,
die Berge, die Wälder, die ich ihr nannte, so viel kostbare Schätze, die ich ihr
zuzueignen dachte, um mich mit ihr in Verhältnis zu setzen, wie man es durch
Geschenke zu tun sucht.
    Schon hatte sie mich für das ganze Leben gewonnen, als wir in dem Orte vor
der Türe jener guten Frau anlangten und ich schon eine schmerzliche Trennung vor
mir sah. Nochmals durchlief ich ihre ganze Gestalt, und als meine Augen an den
Fuss herabkamen, bückte ich mich, als wenn ich etwas am Gurte zu tun hätte, und
küsste den niedlichsten Schuh, den ich in meinem Leben gesehen hatte, doch ohne
dass sie es merkte. Ich half ihr herunter, sprang die Stufen hinauf und rief in
die Haustüre: Frau Elisabet, Ihr werdet heimgesucht! Die Gute trat hervor, und
ich sah ihr über die Schultern zum Hause hinaus, wie das schöne Wesen die Stufen
heraufstieg, mit anmutiger Trauer und innerlichem schmerzlichen Selbstgefühl,
dann meine würdige Alte freundlich umarmte und sich von ihr in das bessere
Zimmer leiten liess. Sie schlossen sich ein, und ich stand bei meinem Esel vor
der Tür, wie einer, der kostbare Waren abgeladen hat und wieder ein ebenso armer
Treiber ist als vorher.«
                               Der Lilienstengel
»Ich zauderte noch, mich zu entfernen, denn ich war unschlüssig, was ich tun
sollte, als Frau Elisabet unter die Türe trat und mich ersuchte, meine Mutter
zu ihr zu berufen, alsdann umherzugehen und wo möglich von dem Manne Nachricht
zu geben. Marie lässt Euch gar sehr darum ersuchen, sagte sie. - Kann ich sie
nicht noch einmal selbst sprechen? versetzte ich. - Das geht nicht an, sagte
Frau Elisabet, und wir trennten uns. In kurzer Zeit erreichte ich unsere
Wohnung; meine Mutter war bereit, noch diesen Abend hinabzugehen und der jungen
Fremden hülfreich zu sein. Ich eilte nach dem Lande hinunter und hoffte, bei dem
Amtmann die sichersten Nachrichten zu erhalten. Allein er war noch selbst in
Ungewissheit, und weil er mich kannte, hiess er mich die Nacht bei ihm verweilen.
Sie ward mir unendlich lang, und immer hatte ich die schöne Gestalt vor Augen,
wie sie auf dem Tiere schwankte und so schmerzhaft freundlich zu mir
heruntersah. Jeden Augenblick hofft' ich auf Nachricht. Ich gönnte und wünschte
dem guten Ehemann das Leben, und doch mochte ich sie mir so gern als Witwe
denken. Das streifende Kommando fand sich nach und nach zusammen, und nach
mancherlei abwechselnden Gerüchten zeigte sich endlich die Gewissheit, dass der
Wagen gerettet, der unglückliche Gatte aber an seinen Wunden in dem benachbarten
Dorfe gestorben sei. Auch vernahm ich, dass nach der früheren Abrede einige
gegangen waren, diese Trauerbotschaft der Frau Elisabet zu verkündigen. Also
hatte ich dort nichts mehr zu tun noch zu leisten, und doch trieb mich eine
unendliche Ungeduld, ein unermessliches Verlangen durch Berg und Wald wieder vor
ihre Türe. Es war Nacht, das Haus verschlossen, ich sah Licht in den Zimmern,
ich sah Schatten sich an den Vorhängen bewegen, und so sass ich gegenüber auf
einer Bank, immer im Begriff anzuklopfen und immer von mancherlei Betrachtungen
zurückgehalten.
    Jedoch was erzähl' ich umständlich weiter, was eigentlich kein Interesse
hat. Genug, auch am folgenden Morgen nahm man mich nicht ins Haus auf. Man wusste
die traurige Nachricht, man bedurfte meiner nicht mehr; man schickte mich zu
meinem Vater, an meine Arbeit; man antwortete nicht auf meine Fragen; man wollte
mich los sein.
    Acht Tage hatte man es so mit mir getrieben, als mich endlich Frau Elisabet
hereinrief. Tretet sachte auf, mein Freund, sagte sie, aber kommt getrost näher!
Sie führte mich in ein reinliches Zimmer, wo ich in der Ecke durch halbgeöffnete
Bettvorhänge meine Schöne aufrecht sitzen sah. Frau Elisabet trat zu ihr,
gleichsam um mich zu melden, hub etwas vom Bette auf und brachte mir's entgegen:
in das weisseste Zeug gewickelt den schönsten Knaben. Frau Elisabet hielt ihn
gerade zwischen mich und die Mutter, und auf der Stelle fiel mir der
Lilienstengel ein, der sich auf dem Bilde zwischen Maria und Joseph als Zeuge
eines reinen Verhältnisses aus der Erde hebt. Von dem Augenblicke an war mir
aller Druck vom Herzen genommen; ich war meiner Sache, ich war meines Glücks
gewiss. Ich konnte mit Freiheit zu ihr treten, mit ihr sprechen, ihr himmlisches
Auge ertragen, den Knaben auf den Arm nehmen und ihm einen herzlichen Kuss auf
die Stirn drücken.
    Wie danke ich Euch für Eure Neigung zu diesem verwaisten Kinde! sagte die
Mutter. - Unbedachtsam und lebhaft rief ich aus: Es ist keine Waise mehr, wenn
Ihr wollt!
    Frau Elisabet, klüger als ich, nahm mir das Kind ab und wusste mich zu
entfernen.
    Noch immer dient mir das Andenken jener Zeit zur glücklichsten Unterhaltung,
wenn ich unsere Berge und Täler zu durchwandern genötigt bin. Noch weiss ich mir
den kleinsten Umstand zurückzurufen, womit ich Euch jedoch, wie billig,
verschone. Wochen gingen vorüber; Maria hatte sich erholt, ich konnte sie öfter
sehen, mein Umgang mit ihr war eine Folge von Diensten und Aufmerksamkeiten.
Ihre Familienverhältnisse erlaubten ihr einen Wohnort nach Belieben. Erst
verweilte sie bei Frau Elisabet; dann besuchte sie uns, meiner Mutter und mir
für so vielen und freundlichen Beistand zu danken. Sie gefiel sich bei uns, und
ich schmeichelte mir, es geschehe zum Teil um meinetwillen. Was ich jedoch so
gern gesagt hätte und nicht zu sagen wagte, kam auf eine sonderbare und
liebliche Weise zur Sprache, als ich sie in die Kapelle führte, die ich schon
damals zu einem wohnbaren Saal umgeschaffen hatte. Ich zeigte und erklärte ihr
die Bilder, eins nach dem andern, und entwickelte dabei die Pflichten eines
Pflegevaters auf eine so lebendige und herzliche Weise, dass ihr die Tränen in
die Augen traten und ich mit meiner Bilderdeutung nicht zu Ende kommen konnte.
Ich glaubte ihrer Neigung gewiss zu sein, ob ich gleich nicht stolz genug war,
das Andenken ihres Mannes so schnell auslöschen zu wollen. Das Gesetz
verpflichtet die Witwen zu einem Trauerjahre, und gewiss ist eine solche Epoche,
die den Wechsel aller irdischen Dinge in sich begreift, einem fühlenden Herzen
nötig, um die schmerzlichen Eindrücke eines grossen Verlustes zu mildern. Man
sieht die Blumen welken und die Blätter fallen, aber man sieht auch Früchte
reifen und neue Knospen keimen. Das Leben gehört den Lebendigen an, und wer
lebt, muss auf Wechsel gefasst sein.
    Ich sprach nun mit meiner Mutter über die Angelegenheit, die mir so sehr am
Herzen lag. Sie entdeckte mir darauf, wie schmerzlich Marien der Tod ihres
Mannes gewesen und wie sie sich ganz allein durch den Gedanken, dass sie für das
Kind leben müsse, wieder aufgerichtet habe. Meine Neigung war den Frauen nicht
unbekannt geblieben, und schon hatte sich Marie an die Vorstellung gewöhnt, mit
uns zu leben. Sie verweilte noch eine Zeitlang in der Nachbarschaft; dann zog
sie zu uns herauf, und wir lebten noch eine Weile in dem frömmsten und
glücklichsten Brautstande. Endlich verbanden wir uns. Jenes erste Gefühl, das
uns zusammengeführt hatte, verlor sich nicht. Die Pflichten und Freuden des
Pflegevaters und Vaters vereinigten sich; und so überschritt zwar unsere kleine
Familie, indem sie sich vermehrte, ihr Vorbild an Zahl der Personen, aber die
Tugenden jenes Musterbildes an Treue und Reinheit der Gesinnungen wurden von uns
heilig bewahrt und geübt. Und so erhalten wir auch mit freundlicher Gewohnheit
den äussern Schein, zu dem wir zufällig gelangt und der so gut zu unserm Innern
passt: denn ob wir gleich alle gute Fussgänger und rüstige Träger sind, so bleibt
das lastbare Tier doch immer in unserer Gesellschaft, um eine oder die andere
Bürde fortzubringen, wenn uns ein Geschäft oder Besuch durch diese Berge und
Täler nötigt. Wie Ihr uns gestern angetroffen habt, so kennt uns die ganze
Gegend, und wir sind stolz darauf, dass unser Wandel von der Art ist, um jenen
heiligen Namen und Gestalten, zu deren Nachahmung wir uns bekennen, keine
Schande zu machen.«
 
                                Drittes Kapitel
                              Wilhelm an Natalien
Soeben schliesse ich eine angenehme, halb wunderbare Geschichte, die ich für dich
aus dem Munde eines gar wackern Mannes aufgeschrieben habe. Wenn es nicht ganz
seine Worte sind, wenn ich hie und da meine Gesinnungen bei Gelegenheit der
seinigen ausgedrückt habe, so war es bei der Verwandtschaft, die ich hier mit
ihm fühlte, ganz natürlich. Jene Verehrung seines Weibes, gleicht sie nicht
derjenigen, die ich für dich empfinde? und hat nicht selbst das Zusammentreffen
dieser beiden Liebenden etwas Ähnliches mit dem unsrigen? Dass er aber glücklich
genug ist, neben dem Tiere herzugehen, das die doppelt schöne Bürde trägt, dass
er mit seinem Familienzug abends in das alte Klostertor eindringen kann, dass er
unzertrennlich von seiner Geliebten, von den Seinigen ist, darüber darf ich ihn
wohl im stillen beneiden. Dagegen darf ich nicht einmal mein Schicksal beklagen,
weil ich dir zugesagt habe, zu schweigen und zu dulden, wie du es auch
übernommen hast.
    Gar manchen schönen Zug des Zusammenseins dieser frommen und heitern
Menschen muss ich übergehen: denn wie liesse sich alles schreiben! Einige Tage
sind mir angenehm vergangen, aber der dritte mahnt mich nun, auf meinen weitern
Weg bedacht zu sein.
    Mit Felix hatte ich heut einen kleinen Handel: denn er wollte fast mich
nötigen, einen meiner guten Vorsätze zu übertreten, die ich dir angelobt habe.
Ein Fehler, ein Unglück, ein Schicksal ist mir's nun einmal, dass sich, ehe ich
mich's versehe, die Gesellschaft um mich vermehrt, dass ich mir eine neue Bürde
auflade, an der ich nachher zu tragen und zu schleppen habe. Nun soll auf meiner
Wanderschaft kein Dritter uns ein beständiger Geselle werden. Wir wollen und
sollen zu zwei sein und bleiben, und eben schien sich ein neues, eben nicht
erfreuliches Verhältnis anknüpfen zu wollen.
    Zu den Kindern des Hauses, mit denen Felix sich spielend diese Tage her
ergötzte, hatte sich ein kleiner, munterer, armer Junge gesellt, der sich eben
brauchen und missbrauchen liess, wie es gerade das Spiel mit sich brachte, und
sich sehr geschwind bei Felix in Gunst setzte. Und ich merkte schon an allerlei
Äusserungen, dass dieser sich einen Gespielen für den nächsten Weg auserkoren
hatte. Der Knabe ist hier in der Gegend bekannt, wird wegen seiner Munterkeit
überall geduldet und empfängt gelegentlich ein Almosen. Mir aber gefiel er
nicht, und ich ersuchte den Hausherrn, ihn zu entfernen. Das geschah auch, aber
Felix war unwillig darüber, und es gab eine kleine Szene.
    Bei dieser Gelegenheit macht' ich eine Entdeckung, die mir angenehm war. In
der Ecke der Kapelle oder des Saals stand ein Kasten mit Steinen, welchen Felix,
der seit unserer Wanderung durchs Gebirg eine gewaltsame Neigung zum Gestein
bekommen, eifrig hervorzog und durchsuchte. Es waren schöne, in die Augen
fallende Dinge darunter. Unser Wirt sagte, das Kind könne sich auslesen, was es
wolle. Es sei dieses Gestein überblieben von einer grossen Masse, die ein Fremder
vor kurzem von hier weggesendet. Er nannte ihn Montan, und du kannst denken, dass
ich mich freute, diesen Namen zu hören, unter dem einer von unsern besten
Freunden reist, dem wir so manches schuldig sind. Indem ich nach Zeit und
Umständen fragte, kann ich hoffen, ihn auf meiner Wanderung bald zu treffen.
Die Nachricht, dass Montan sich in der Nähe befinde, hatte Wilhelmen nachdenklich
gemacht. Er überlegte, dass es nicht bloss dem Zufall zu überlassen sei, ob er
einen so werten Freund wiedersehen solle, und erkundigte sich daher bei seinem
Wirte, ob man nicht wisse, wohin dieser Reisende seinen Weg gerichtet habe.
Niemand hatte davon nähere Kenntnis, und schon war Wilhelm entschlossen, seine
Wanderung nach dem ersten Plane fortzusetzen, als Felix ausrief: »Wenn der Vater
nicht so eigen wäre, wir wollten Montan schon finden.« - »Auf welche Weise?«
fragte Wilhelm. Felix versetzte: »Der kleine Fitz sagte gestern, er wolle den
Herrn wohl aufspüren, der schöne Steine bei sich habe und sich auch gut darauf
verstünde.« Nach einigem Hin- und Widerreden entschloss sich Wilhelm zuletzt, den
Versuch zu machen und dabei auf den verdächtigen Knaben desto mehr Acht zu
geben. Dieser war bald gefunden und brachte, da er vernahm, worauf es abgesehen
sei, Schlegel und Eisen und einen tüchtigen Hammer nebst einem Säckchen mit und
lief in seiner bergmännischen Tracht munter vorauf.
    Der Weg ging seitwärts abermals bergauf. Die Kinder sprangen miteinander von
Fels zu Fels, über Stock und Stein, über Bach und Quelle, und ohne einen Pfad
vor sich zu haben, drang Fitz, bald rechts bald links blickend, eilig hinauf. Da
Wilhelm und besonders der bepackte Bote nicht so schnell folgten, so machten die
Knaben den Weg mehrmals vor- und rückwärts und sangen und pfiffen. Die Gestalt
einiger fremden Bäume erregte die Aufmerksamkeit des Felix, der nunmehr mit den
Lärchen- und Zirbelbäumen zuerst Bekanntschaft machte und von den wunderbaren
Genzianen angezogen ward. Und so fehlte es der beschwerlichen Wanderung von
einer Stelle zur andern nicht an Unterhaltung.
    Der kleine Fitz stand auf einmal still und horchte. Er winkte die andern
herbei: »Hört ihr pochen?« sprach er. »Es ist der Schall eines Hammers, der den
Fels trifft.« - »Wir hören's«, versetzten die andern. - »Das ist Montan!« sagte
er, »oder jemand, der uns von ihm Nachricht geben kann.« - Als sie dem Schalle
nachgingen, der sich von Zeit zu Zeit wiederholte, trafen sie auf eine Waldblösse
und sahen einen steilen, hohen, nackten Felsen über alles hervorragen, die hohen
Wälder selbst tief unter sich lassend. Auf dem Gipfel erblickten sie eine
Person. Sie stand zu entfernt, um erkannt zu werden. Sogleich machten sich die
Kinder auf, die schroffen Pfade zu erklettern. Wilhelm folgte mit einiger
Beschwerlichkeit, ja Gefahr: denn wer zuerst einen Felsen hinaufsteigt, geht
immer sicherer, weil er sich die Gelegenheit aussucht; einer, der nachfolgt,
sieht nur, wohin jener gelangt ist, aber nicht wie. Die Knaben erreichten bald
den Gipfel, und Wilhelm vernahm ein lautes Freudengeschrei. »Es ist Jarno!« rief
Felix seinem Vater entgegen, und Jarno trat sogleich an eine schroffe Stelle,
reichte seinem Freunde die Hand und zog ihn aufwärts. Sie umarmten und
bewillkommten sich in der freien Himmelsluft mit Entzücken.
    Kaum aber hatten sie sich losgelassen, als Wilhelm ein Schwindel überfiel,
nicht sowohl um seinetwillen, als weil er die Kinder über dem ungeheuren
Abgrunde hängen sah. Jarno bemerkte es und hiess alle sogleich niedersitzen. »Es
ist nichts natürlicher«, sagte er, »als dass uns vor einem grossen Anblick
schwindelt, vor dem wir uns unerwartet befinden, um zugleich unsere Kleinheit
und unsere Grösse zu fühlen. Aber es ist ja überhaupt kein echter Genuss als da,
wo man erst schwindeln muss.«
    »Sind denn das da unten die grossen Berge, über die wir gestiegen sind?«
fragte Felix. »Wie klein sehen sie aus! Und hier«, fuhr er fort, indem er ein
Stückchen Stein vom Gipfel loslöste, »ist ja schon das Katzengold wieder; das
ist ja wohl überall?« - »Es ist weit und breit«, versetzte Jarno; »und da du
nach solchen Dingen fragst, so merke dir, dass du gegenwärtig auf dem ältesten
Gebirge, auf dem frühesten Gestein dieser Welt sitzest.« - »Ist denn die Welt
nicht auf einmal gemacht?« fragte Felix. - »Schwerlich«, versetzte Montan; »gut
Ding will Weile haben.« - »Da unten ist also wieder anderes Gestein«, sagte
Felix, »und dort wieder anderes, und immer wieder anderes!« indem er von den
nächsten Bergen auf die entfernteren und so in die Ebene hinab wies.
    Es war ein sehr schöner Tag, und Jarno liess sie die herrliche Aussicht im
einzelnen betrachten. Noch standen hie und da mehrere Gipfel, dem ähnlich,
worauf sie sich befanden. Ein mittleres Gebirg schien heranzustreben, aber
erreichte noch lange die Höhe nicht. Weiter hin verflächte es sich immer mehr,
doch zeigten sich wieder seltsam vorspringende Gestalten. Endlich wurden auch in
der Ferne die Seen, die Flüsse sichtbar, und eine fruchtreiche Gegend schien
sich wie ein Meer auszubreiten. Zog sich der Blick wieder zurück, so drang er in
schauerliche Tiefen, von Wasserfällen durchrauscht, labyrintisch miteinander
zusammenhängend.
    Felix ward des Fragens nicht müde und Jarno gefällig genug, ihm jede Frage
zu beantworten; wobei jedoch Wilhelm zu bemerken glaubte, dass der Lehrer nicht
durchaus wahr und aufrichtig sei. Daher, als die unruhigen Knaben
weiterkletterten, sagte Wilhelm zu seinem Freunde: »Du hast mit dem Kinde über
diese Sachen nicht gesprochen, wie du mit dir selber darüber sprichst.« - »Das
ist auch eine starke Forderung«, versetzte Jarno. »Spricht man ja mit sich
selbst nicht immer, wie man denkt, und es ist Pflicht, andern nur dasjenige zu
sagen, was sie aufnehmen können. Der Mensch versteht nichts, als was ihm gemäss
ist. Die Kinder an der Gegenwart festzuhalten, ihnen eine Benennung, eine
Bezeichnung zu überliefern, ist das Beste, was man tun kann. Sie fragen ohnehin
früh genug nach den Ursachen.«
    »Es ist ihnen nicht zu verdenken«, versetzte Wilhelm. »Die Mannigfaltigkeit
der Gegenstände verwirrt jeden, und es ist bequemer, anstatt sie zu entwickeln,
geschwind zu fragen: woher? und wohin?« - »Und doch kann man«, sagte Jarno, »da
Kinder die Gegenstände nur oberflächlich sehen, mit ihnen vom Werden und vom
Zweck auch nur oberflächlich reden.« - »Die meisten Menschen«, erwiderte
Wilhelm, »bleiben lebenslänglich in diesem Falle und erreichen nicht jene
herrliche Epoche, in der uns das Fassliche gemein und albern vorkommt.« - »Man
kann sie wohl herrlich nennen«, versetzte Jarno, »denn es ist ein Mittelzustand
zwischen Verzweiflung und Vergötterung.« - »Lass uns bei dem Knaben verharren«,
sagte Wilhelm, »der mir nun vor allem angelegen ist. Er hat nun einmal Freude an
dem Gestein gewonnen, seitdem wir auf der Reise sind. Kannst du mir nicht so
viel mitteilen, dass ich ihm, wenigstens auf eine Zeit, genugtue?« - »Das geht
nicht an«, sagte Jarno. »In einem jeden neuen Kreise muss man zuerst wieder als
Kind anfangen, leidenschaftliches Interesse auf die Sache werfen, sich erst an
der Schale freuen, bis man zu dem Kerne zu gelangen das Glück hat.«
    »So sage mir denn«, versetzte Wilhelm, »wie bist du zu diesen Kenntnissen
und Einsichten gelangt? denn es ist doch so lange noch nicht her, dass wir
auseinandergingen!« - »Mein Freund«, versetzte Jarno, »wir mussten uns
resignieren, wo nicht für immer, doch für eine gute Zeit. Das erste, was einem
tüchtigen Menschen unter solchen Umständen einfällt, ist, ein neues Leben zu
beginnen. Neue Gegenstände sind ihm nicht genug: diese taugen nur zur
Zerstreuung; er fordert ein neues Ganze und stellt sich gleich in dessen Mitte.«
- »Warum denn aber«, fiel Wilhelm ihm ein, »gerade dieses Allerseltsamste, diese
einsamste aller Neigungen?« - »Eben deshalb«, rief Jarno, »weil sie
einsiedlerisch ist. Die Menschen wollt' ich meiden. Ihnen ist nicht zu helfen,
und sie hindern uns, dass man sich selbst hilft. Sind sie glücklich, so soll man
sie in ihren Albernheiten gewähren lassen; sind sie unglücklich, so soll man sie
retten, ohne diese Albernheiten anzutasten; und niemand fragt jemals, ob du
glücklich oder unglücklich bist.« - »Es steht noch nicht so ganz schlimm mit
ihnen«, versetzte Wilhelm lächelnd. - »Ich will dir dein Glück nicht
absprechen«, sagte Jarno. »Wandre nur hin, du zweiter Diogenes! Lass dein
Lämpchen am hellen Tage nicht verlöschen! Dort hinabwärts liegt eine neue Welt
vor dir; aber ich will wetten, es geht darin zu wie in der alten hinter uns.
Wenn du nicht kuppeln und Schulden bezahlen kannst, so bist du unter ihnen
nichts nütze.« - »Unterhaltender scheinen sie mir doch«, versetzte Wilhelm, »als
deine starren Felsen.« - »Keineswegs«, versetzte Jarno, »denn diese sind
wenigstens nicht zu begreifen.« - »Du suchst eine Ausrede«, versetzte Wilhelm,
»denn es ist nicht in deiner Art, dich mit Dingen abzugeben, die keine Hoffnung
übriglassen, sie zu begreifen. Sei aufrichtig und sage mir, was du an diesen
kalten und starren Liebhabereien gefunden hast?« - »Das ist schwer von jeder
Liebhaberei zu sagen, besonders von dieser.« Dann besann er sich einen
Augenblick und sprach: »Buchstaben mögen eine schöne Sache sein, und doch sind
sie unzulänglich, die Töne auszudrücken; Töne können wir nicht entbehren, und
doch sind sie bei weitem nicht hinreichend, den eigentlichen Sinn verlauten zu
lassen; am Ende kleben wir am Buchstaben und am Ton und sind nicht besser dran,
als wenn wir sie ganz entbehrten; was wir mitteilen, was uns überliefert wird,
ist immer nur das Gemeinste, der Mühe gar nicht wert.«
    »Du willst mir ausweichen«, sagte der Freund; »denn was soll das zu diesen
Felsen und Zacken?« - »Wenn ich nun aber«, versetzte jener, »eben diese Spalten
und Risse als Buchstaben behandelte, sie zu entziffern suchte, sie zu Worten
bildete und sie fertig zu lesen lernte, hättest du etwas dagegen?« - »Nein, aber
es scheint mir ein weitläufiges Alphabet.« - »Enger, als du denkst; man muss es
nur kennen lernen wie ein anderes auch. Die Natur hat nur eine Schrift, und ich
brauche mich nicht mit so vielen Kritzeleien herumzuschleppen. Hier darf ich
nicht fürchten, wie wohl geschieht, wenn ich mich lange und liebevoll mit einem
Pergament abgegeben habe, dass ein scharfer Kritikus kommt und mir versichert,
das alles sei nur untergeschoben.« - Lächelnd versetzte der Freund: »Und doch
wird man auch hier deine Lesarten streitig machen.« - »Eben deswegen«, sagte
jener, »red' ich mit niemenden darüber und mag auch mit dir, eben weil ich dich
liebe, das schlechte Zeug von öden Worten nicht weiter wechseln und betrieglich
austauschen.«
 
                                Viertes Kapitel
Beide Freunde waren, nicht ohne Sorgfalt und Mühe, herabgestiegen, um die Kinder
zu erreichen, die sich unten an einem schattigen Orte gelagert hatten. Fast
eifriger als der Mundvorrat wurden die gesammelten Steinmuster von Montan und
Felix ausgepackt. Der letztere hatte viel zu fragen, der erstere viel zu
benennen. Felix freute sich, dass jener die Namen von allen wisse, und behielt
sie schnell im Gedächtnis. Endlich brachte er noch einen hervor und fragte: »Wie
heisst denn dieser?« Montan betrachtete ihn mit Verwunderung und sagte: »Wo habt
ihr den her?« Fitz antwortete schnell: »Ich habe ihn gefunden, er ist aus diesem
Lande.« - »Er ist nicht aus dieser Gegend«, versetzte Montan. Fitz freute sich,
den überlegenen Mann in einigem Zweifel zu sehen. - »Du sollst einen Dukaten
haben«, sagte Montan, »wenn du mich an die Stelle bringst, wo er ansteht.« -
»Der ist leicht zu verdienen«, versetzte Fitz, »aber nicht gleich.« - »So
bezeichne mir den Ort genau, dass ich ihn gewiss finden kann. Das ist aber
unmöglich: denn es ist ein Kreuzstein, der von St. Jakob in Compostell kommt und
den ein Fremder verloren hat, wenn du ihn nicht gar entwendet hast, da er so
wunderbar aussieht.« - »Gebt Euren Dukaten«, sagte Fitz, »dem Reisegefährten in
Verwahrung, und ich will aufrichtig bekennen, wo ich den Stein her habe. In der
verfallenen Kirche zu St. Joseph befindet sich ein gleichfalls verfallener
Altar. Unter den auseinandergebrochenen obern Steinen desselben entdeckt' ich
eine Schicht von diesem Gestein, das jenen zur Grundlage diente, und schlug
davon so viel herunter, als ich habhaft werden konnte. Wälzte man die obern
Steine weg, so würde gewiss noch viel davon zu finden sein.«
    »Nimm dein Goldstück«, versetzte Montan, »du verdienst es für diese
Entdeckung. Sie ist artig genug. Man freut sich mit Recht, wenn die leblose
Natur ein Gleichnis dessen, was wir lieben und verehren, hervorbringt. Sie
erscheint uns in Gestalt einer Sibylle, die ein Zeugnis dessen, was von der
Ewigkeit her beschlossen ist und erst in der Zeit wirklich werden soll, zum
voraus niederlegt. Hierauf als auf eine wundervolle, heilige Schicht hatten die
Priester ihren Altar gegründet.«
    Wilhelm, der eine Zeitlang zugehört und bemerkt hatte, dass manche Benennung,
manche Bezeichnung wiederkam, wiederholte seinen schon früher geäusserten Wunsch,
dass Montan ihm so viel mitteilen möge, als er zum ersten Unterricht des Knaben
nötig hätte. - »Gib das auf«, versetzte Montan. »Es ist nichts schrecklicher als
ein Lehrer, der nicht mehr weiss, als die Schüler allenfalls wissen sollen. Wer
andere lehren will, kann wohl oft das Beste verschweigen, was er weiss, aber er
darf nicht halbwissend sein.« - »Wo sind denn aber so vollkommene Lehrer zu
finden?« - »Die triffst du sehr leicht«, versetzte Montan. - »Wo denn?« sagte
Wilhelm mit einigem Unglauben. - »Da, wo die Sache zu Hause ist, die du lernen
willst«, versetzte Montan. »Den besten Unterricht zieht man aus vollständiger
Umgebung. Lernst du nicht fremde Sprachen in den Ländern am besten, wo sie zu
Hause sind? wo nur diese und keine andere weiter dein Ohr berührt?« - »Und so
wärst du«, fragte Wilhelm, »zwischen den Gebirgen zur Kenntnis der Gebirge
gelangt?« - »Das versteht sich.« - »Ohne mit Menschen umzugehen?« fragte
Wilhelm. - »Wenigstens nur mit Menschen«, versetzte jener, »die bergartig waren.
Da, wo Pygmäen, angereizt durch Metalladern, den Fels durchwühlen, das Innere
der Erde zugänglich machen und auf alle Weise die schwersten Aufgaben zu lösen
suchen, da ist der Ort, wo der wissbegierige Denkende seinen Platz nehmen soll.
Er sieht handeln, tun, lässt geschehen und erfreut sich des Geglückten und
Missglückten. Was nützt, ist nur ein Teil des Bedeutenden. Um einen Gegenstand
ganz zu besitzen, zu beherrschen, muss man ihn um sein selbst willen studieren.
Indem ich aber vom Höchsten und Letzten spreche, wozu man sich erst spät durch
vieles und reiches Gewahrwerden emporhebt, seh' ich die Knaben vor uns, bei
denen klingt es ganz anders. Jede Art von Tätigkeit möchte das Kind ergreifen,
weil alles leicht aussieht, was vortrefflich ausgeübt wird. Aller Anfang ist
schwer! Das mag in einem gewissen Sinne wahr sein; allgemeiner aber kann man
sagen: aller Anfang ist leicht, und die letzten Stufen werden am schwersten und
seltensten erstiegen.«
    Wilhelm, der indessen nachgedacht hatte, sagte zu Montan: »Solltest du
wirklich zu der Überzeugung gegriffen haben, dass die sämtlichen Tätigkeiten, wie
in der Ausübung, so auch im Unterricht zu sondern seien?« - »Ich weiss mir nichts
anderes noch Besseres«, erwiderte jener. »Was der Mensch leisten soll, muss sich
als ein zweites Selbst von ihm ablösen, und wie könnte das möglich sein, wäre
sein erstes Selbst nicht ganz davon durchdrungen?« - »Man hat aber doch eine
vielseitige Bildung für vorteilhaft und notwendig gehalten.« - »Sie kann es auch
sein zu ihrer Zeit«, versetzte jener; »Vielseitigkeit bereitet eigentlich nur
das Element vor, worin der Einseitige wirken kann, dem eben jetzt genug Raum
gegeben ist. Ja, es ist jetzo die Zeit der Einseitigkeiten; wohl dem, der es
begreift, für sich und andere in diesem Sinne wirkt. Bei gewissen Dingen
versteht sich's durchaus und sogleich. Übe dich zum tüchtigen Violinisten und
sei versichert, der Kapellmeister wird dir deinen Platz im Orchester mit Gunst
anweisen. Mache ein Organ aus dir und erwarte, was für eine Stelle dir die
Menschheit im allgemeinen Leben wohlmeinend zugestehen werde. Lass uns abbrechen!
Wer es nicht glauben will, der gehe seinen Weg, auch der gelingt zuweilen; ich
aber sage: von unten hinauf zu dienen, ist überall nötig. Sich auf ein Handwerk
zu beschränken, ist das Beste. Für den geringsten Kopf wird es immer ein
Handwerk, für den besseren eine Kunst, und der beste, wenn er eins tut, tut er
alles, oder, um weniger paradox zu sein, in dem einen, was er recht tut, sieht
er das Gleichnis von allem, was recht getan wird.«
    Dieses Gespräch, das wir nur skizzenhaft wiederliefern, verzog sich bis
gegen Sonnenuntergang, der, so herrlich er war, doch die Gesellschaft nachdenken
liess, wo man die Nacht zubringen wollte. »Unter Dach wüsste ich euch nicht zu
führen«, sagte Fitz; »wollt ihr aber bei einem guten alten Köhler, an warmer
Stätte die Nacht versitzen oder verliegen, so seid ihr willkommen.« Und so
folgten sie ihm alle durch wundersame Pfade zum stillen Ort, wo sich ein jeder
bald einheimisch fühlen sollte.
    In der Mitte eines beschränkten Waldraums lag dampfend und wärmend der
wohlgewölbte Kohlenmeiler, an der Seite die Hütte von Tannenreisern, ein helles
Feuerchen daneben. Man setzte sich, man richtete sich ein. Die Kinder waren
sogleich um die Köhlersfrau geschäftig, welche, gastfreundlich bemüht, erhitzte
Brotschnitten mit Butter zu tränken und durchziehen zu lassen, köstlich fette
Bissen den hungrig Lüsternen bereitete.
    Indes nun darauf die Knaben durch die kaum erhellten Fichtenstämme
Versteckens spielten, wie Wölfe heulten, wie Hunde bellten, so dass auch wohl ein
herzhafter Wanderer darüber hätte erschrecken mögen, besprachen sich die Freunde
vertraulich über ihre Zustände. Nun aber gehörte zu den sonderbaren
Verpflichtungen der Entsagenden auch die: dass sie, zusammentreffend, weder vom
Vergangenen noch Künftigen sprechen durften, nur das Gegenwärtige sollte sie
beschäftigen.
    Jarno, der von bergmännischen Unternehmungen und den dazu erforderlichen
Kenntnissen und Tatfähigkeiten den Sinn voll hatte, trug Wilhelmen auf das
genaueste und vollständigste mit Leidenschaft vor, was er sich alles in beiden
Weltteilen von solchen Kunsteinsichten und Fertigkeiten verspreche; wovon sich
jedoch der Freund, der immer nur im menschlichen Herzen den wahren Schatz
gesucht, kaum einen Begriff machen konnte, vielmehr zuletzt lächelnd erwiderte:
»So stehst du ja mit dir selbst im Widerspruch, indem du erst in deinen ältern
Tagen dasjenige zu treiben anfängst, wozu man von Jugend auf sollte eingeleitet
sein.« - »Keineswegs!« erwiderte jener; »denn eben dass ich in meiner Kindheit
bei einem liebenden Oheim, einem hohen Bergbeamten, erzogen wurde, dass ich mit
den Pochjungen gross geworden bin, auf dem Berggraben mit ihnen kleine
Rindenschiffchen niederfahren liess, das hat mich zurück in diesen Kreis geführt,
wo ich mich nun wieder behaglich und verjüngt fühle. Schwerlich kann dieser
Köhlerdampf dir zusagen wie mir, der ich ihn von Kindheit auf als Weihrauch
einzuschlürfen gewohnt bin. Ich habe viel in der Welt versucht und immer
dasselbe gefunden: in der Gewohnheit ruht das einzige Behagen des Menschen;
selbst das Unangenehme, woran wir uns gewöhnten, vermissen wir ungern. Ich
quälte mich einmal gar lange mit einer Wunde, die nicht heilen wollte, und als
ich endlich genas, war es mir höchst unangenehm, als der Chirurg ausblieb, sie
nicht mehr verband und das Frühstück nicht mehr mit mir einnahm.«
    »Ich möchte aber doch«, versetzte Wilhelm, »meinem Sohn einen freieren Blick
über die Welt verschaffen, als ein beschränktes Handwerk zu geben vermag. Man
umgrenze den Menschen, wie man wolle, so schaut er doch zuletzt in seiner Zeit
umher; und wie kann er die begreifen, wenn er nicht einigermassen weiss, was
vorhergegangen ist. Und müsste er nicht mit Erstaunen in jeden Gewürzladen
eintreten, wenn er keinen Begriff von den Ländern hätte, woher diese
unentbehrlichen Seltsamkeiten bis zu ihm gekommen sind?«
    »Wozu die Umstände?« versetzte Jarno; »lese er die Zeitungen wie jeder
Philister und trinke Kaffee wie jede alte Frau. Wenn du es aber doch nicht
lassen kannst und auf eine vollkommene Bildung so versessen bist, so begreif'
ich nicht, wie du so blind sein kannst, wie du noch lange suchen magst, wie du
nicht siehst, dass du dich ganz in der Nähe einer vortrefflichen
Erziehungsanstalt befindest.« - »In der Nähe?« sagte Wilhelm und schüttelte den
Kopf. - »Freilich!« versetzte jener; »was siehst du hier?« - »Wo denn?« - »Grad
hier vor der Nase.« Jarno streckte seinen Zeigefinger aus und deutete und rief
ungeduldig: »Was ist denn das?« - »Nun denn!« sagte Wilhelm, »ein Kohlenmeiler;
aber was soll das hierzu?« - »Gut! endlich! ein Kohlenmeiler! Wie verfährt man,
um ihn anzurichten?« - »Man stellt Scheite an-und übereinander.« - »Wenn das
getan ist, was geschieht ferner?« - »Wie mir scheint«, sagte Wilhelm, »willst du
auf sokratische Weise mir die Ehre antun, mir begreiflich zu machen, mich
bekennen zu lassen, dass ich äusserst absurd und dickstirnig sei.«
    »Keineswegs!« versetzte Jarno; »fahre fort, mein Freund, pünktlich zu
antworten. Also! was geschieht nun, wenn der regelmässige Holzstoss dicht und doch
luftig geschichtet worden?« - »Nun denn! man zündet ihn an.« - »Und wenn er nun
durchaus entzündet ist, wenn die Flamme durch jede Ritze durchschlägt, wie
beträgt man sich? lässt man's fortbrennen?« - »Keineswegs! man deckt eilig mit
Rasen und Erde, mit Kohlengestiebe und was man bei der Hand hat, die durch und
durch dringende Flamme zu.« - »Um sie auszulöschen?« - »Keineswegs! um sie zu
dämpfen.« - »Und also lässt man ihr so viel Luft als nötig, dass sich alles mit
Glut durchziehe, damit alles recht gar werde. Alsdann verschliesst man jede
Ritze, verhindert jeden Ausbruch, damit ja alles nach und nach in sich selbst
verlösche, verkohle, verkühle, zuletzt auseinandergezogen als verkäufliche Ware
an Schmied und Schlosser, an Bäcker und Koch abgelassen und, wenn es zu Nutzen
und Frommen der lieben Christenheit genugsam gedient, als Asche von Wäscherinnen
und Seifensiedern verbraucht werde.«
    »Nun«, versetzte Wilhelm lachend, »in Bezug auf dieses Gleichnis, wie siehst
du dich denn an?« - »Das ist nicht schwer zu sagen«, erwiderte Jarno, »ich halte
mich für einen alten Kohlenkorb tüchtig büchener Kohlen, dabei aber erlaub' ich
mir die Eigenheit, mich nur um mein selbst willen zu verbrennen, deswegen ich
denn den Leuten gar wunderlich vorkomme.« - »Und mich?« sagte Wilhelm, »wie
wirst du mich behandeln?« - »Jetzt besonders«, sagte Jarno, »seh' ich dich an
wie einen Wanderstab, der die wunderliche Eigenschaft hat, in jeder Ecke zu
grünen, wo man ihn hinstellt, nirgends aber Wurzel zu fassen. Nun male dir das
Gleichnis weiter aus und lerne begreifen, wenn weder Förster noch Gärtner, weder
Köhler noch Tischer, noch irgendein Handwerker aus dir etwas zu machen weiss.«
    Unter solchem Gespräch nun zog Wilhelm, ich weiss nicht zu welchem Gebrauch,
etwas aus dem Busen, das halb wie eine Brieftasche, halb wie ein Besteck aussah
und von Montan als ein Altbekanntes angesprochen wurde. Unser Freund leugnete
nicht, dass er es als eine Art von Fetisch bei sich trage, in dem Aberglauben,
sein Schicksal hange gewissermassen von dessen Besitz ab.
    Was es aber gewesen, dürfen wir an dieser Stelle dem Leser noch nicht
vertrauen, so viel aber müssen wir sagen, dass hieran sich ein Gespräch
anknüpfte, dessen Resultate sich endlich dahin ergaben, dass Wilhelm bekannte:
wie er schon längst geneigt sei, einem gewissen besondern Geschäft, einer ganz
eigentlich nützlichen Kunst sich zu widmen, vorausgesetzt, Montan werde sich bei
den Verbündeten dahin verwenden, dass die lästigste aller Lebensbedingungen,
nicht länger als drei Tage an einem Orte zu verweilen, baldigst aufgehoben und
ihm vergönnt werde, sich zu Erreichung seines Zweckes da oder dort, wie es ihm
belieben möge, aufzuhalten. Dies versprach Montan zu bewirken, nachdem jener
feierlich angelobt hatte, die vertraulich ausgesprochene Absicht unablässig zu
verfolgen und den einmal gefassten Vorsatz auf das treulichste festzuhalten.
    Dieses alles ernstlich durchsprechend und einander unablässig erwidernd,
waren sie von ihrer Nachtstätte, wo sich eine wunderlich verdächtige
Gesellschaft nach und nach versammelt hatte, bei Tagesanbruch aus dem Wald auf
eine Blösse gekommen, an der sie einiges Wild antrafen, das besonders dem
fröhlich auffassenden Felix viel Freude machte. Man bereitete sich zum Scheiden,
denn hier deuteten die Pfade nach verschiedenen Himmelsgegenden. Fitz ward nun
über die verschiedenen Richtungen befragt, der aber zerstreut schien und gegen
seine Gewohnheit verworrene Antworten gab.
    »Du bist überhaupt ein Schelm«, sagte Jarno; »diese Männer heute nacht, die
sich um uns herum setzten, kanntest du alle. Es waren Holzhauer und Bergleute,
das mochte hingehen, aber die letzten halt' ich für Schmuggler, für Wilddiebe,
und der lange, ganz letzte, der immer Zeichen in den Sand schrieb und den die
andern mit einiger Achtung behandelten, war gewiss ein Schatzgräber, mit dem du
unter der Decke spielst.«
    »Es sind alles gute Leute«, liess Fitz sich darauf vernehmen; »sie nähren
sich kümmerlich, und wenn sie manchmal etwas tun, was die andern verbieten, so
sind es arme Teufel, die sich selbst etwas erlauben müssen, nur um zu leben.«
    Eigentlich aber war der kleine, schelmische Junge, da er Vorbereitungen der
Freunde, sich zu trennen, bemerkte, nachdenklich; er überlegte sich etwas im
stillen, denn er stand zweifelhaft, welchem von beiden Teilen er folgen sollte.
Er berechnete seinen Vorteil: Vater und Sohn gingen leichtsinnig mit dem Silber
um, Jarno aber gar mit dem Golde; diesen nicht loszulassen, hielt er fürs beste.
Daher ergriff er sogleich eine dargebotene Gelegenheit, und als im Scheiden
Jarno zu ihm sagte: »Nun, wenn ich nach St. Joseph komme, will ich sehen, ob du
ehrlich bist, ich werde den Kreuzstein und den verfallenen Altar suchen« - »Ihr
werdet nichts finden«, sagte Fitz, »und ich werde doch ehrlich bleiben; der
Stein ist dorter, aber ich habe sämtliche Stücke weggeschafft und sie hier oben
verwahrt. Es ist ein kostbares Gestein, ohne dasselbe lässt sich kein Schatz
heben; man bezahlt mir ein kleines Stück gar teuer. Ihr hattet ganz recht, daher
kam meine Bekanntschaft mit dem hagern Manne.«
    Nun gab es neue Verhandlungen, Fitz verpflichtete sich an Jarno, gegen einen
nochmaligen Dukaten, in mässiger Entfernung ein tüchtiges Stück dieses seltenen
Minerals zu verschaffen, wogegen er den Gang nach dem Riesenschloss abriet; weil
aber dennoch Felix darauf bestand, dem Boten einschärfte, die Reisenden nicht zu
tief hineinzulassen, denn niemand finde sich aus diesen Höhlen und Klüften
jemals wieder heraus. Man schied, und Fitz versprach, zu guter Zeit in den
Hallen des Riesenschlosses wieder einzutreffen.
    Der Bote schritt voran, die beiden folgten; jener war aber kaum den Berg
eine Strecke hinaufgestiegen, als Felix bemerkte, man gehe nicht den Weg, auf
welchen Fitz gedeutet habe. Der Bote versetzte jedoch: »Ich muss es besser
wissen! Denn erst in diesen Tagen hat ein gewaltiger Sturm die nächste
Waldstrecke niedergestürzt; die kreuzweis übereinandergeworfenen Bäume
versperren diesen Weg: folgt mir, ich bring' euch an Ort und Stelle.« Felix
verkürzte sich den beschwerlichen Pfad durch lebhaften Schritt und Sprung von
Fels zu Fels und freute sich über sein erworbenes Wissen, dass er nun von Granit
zu Granit hüpfe.
    Und so ging es aufwärts, bis er endlich auf zusammengestürzten schwarzen
Säulen stehenblieb und auf einmal das Riesenschloss vor Augen sah. Wände von
Säulen ragten auf einem einsamen Gipfel hervor, geschlossene Säulenwände
bildeten Pforten an Pforten, Gänge nach Gängen. Ernstlich warnte der Bote, sich
nicht hineinzuverlieren, und an einem sonnigen, über weite Aussicht gebietenden
Flecke, die Aschenspur seiner Vorgänger bemerkend, war er geschäftig, ein
prasselndes Feuer zu unterhalten. Indem er nun an solchen Stellen eine frugale
Kost zu bereiten schon gewohnt war und Wilhelm in der himmelweiten Aussicht von
der Gegend näher Erkundigung einzog, durch die er zu wandern gedachte, war Felix
verschwunden; er musste sich in die Höhle verloren haben, auf Rufen und Pfeifen
antwortete er nicht und kam nicht wieder zum Vorschein.
    Wilhelm aber, der, wie es einem Pilger ziemt, auf manche Fälle vorbereitet
war, brachte aus seiner Jagdtasche einen Knaul Bindfaden hervor, band ihn
sorgfältig fest und vertraute sich dem leitenden Zeichen, an dem er seinen Sohn
hineinzuführen schon die Absicht gehabt hatte. So ging er vorwärts und liess von
Zeit zu Zeit sein Pfeifchen erschallen, lange vergebens. Endlich aber erklang
aus der Tiefe ein schneidender Pfiff, und bald darauf schaute Felix am Boden aus
einer Kluft des schwarzen Gesteines hervor. »Bist du allein?« lispelte
bedenklich der Knabe. - »Ganz allein!« versetzte der Vater. - »Reiche mir
Scheite! reiche mir Knüttel!« sagte der Knabe, empfing sie und verschwand,
nachdem er ängstlich gerufen hatte: »Lass niemand in die Höhle!« Nach einiger
Zeit aber tauchte er wieder auf, forderte noch längeres und stärkeres Holz. Der
Vater harrte sehnlich auf die Lösung dieses Rätsels. Endlich erhub sich der
Verwegene schnell aus der Spalte und brachte ein Kästchen mit, nicht grösser als
ein kleiner Oktavband, von prächtigem altem Ansehn, es schien von Gold zu sein,
mit Schmelz geziert. »Stecke es zu dir, Vater, und lass es niemand sehn!« Er
erzählte darauf mit Hast, wie er, aus innerem geheimem Antrieb, in jene Spalte
gekrochen sei und unten einen dämmerhellen Raum gefunden habe. In demselben
stand, wie er sagte, ein grosser eiserner Kasten, zwar nicht verschlossen, dessen
Deckel jedoch nicht zu erheben, kaum zu lüften war. Um nun darüber Herr zu
werden, habe er die Knüttel verlangt, sie teils als Stützen unter den Deckel
gestellt, teils als Keile dazwischengeschoben, zuletzt habe er den Kasten zwar
leer, in einer Ecke desselben jedoch das Prachtbüchlein gefunden. Sie
versprachen sich beiderseits deshalb ein tiefes Geheimnis.
    Mittag war vorüber, etwas hatte man genossen, Fitz war noch nicht, wie er
versprochen, gekommen; Felix aber, besonders unruhig, sehnte sich von dem Orte
weg, wo der Schatz irdischer oder unterirdischer Wiederforderung ausgesetzt
schien. Die Säulen kamen ihm schwärzer, die Höhlen tiefer vor. Ein Geheimnis war
ihm aufgeladen, ein Besitz, rechtmässig oder unrechtmässig? sicher oder unsicher?
Die Ungeduld trieb ihn von der Stelle, er glaubte die Sorge loszuwerden, wenn er
den Platz veränderte.
    Sie schlugen den Weg ein nach jenen ausgedehnten Gütern des grossen
Landbesitzers, von dessen Reichtum und Sonderbarkeiten man ihnen so viel erzählt
hatte. Felix sprang nicht mehr wie am Morgen, und alle drei gingen stundenlang
vor sich hin. Einigemal wollt' er das Kästchen sehn, der Vater, auf den Boten
hindeutend, wies ihn zur Ruhe. Nun war er voll Verlangen, Fitz möge kommen. Dann
scheute er sich wieder vor dem Schelmen; bald pfiff er, um ein Zeichen zu geben,
dann reute ihn schon, es getan zu haben, und so dauerte das Schwanken immerfort
bis Fitz endlich sein Pfeifchen aus der Ferne hören liess. Er entschuldigte sein
Aussenbleiben vom Riesenschlosse, er habe sich mit Jarno verspätet, der Windbruch
habe ihn gehindert; dann forschte er genau, wie es ihnen zwischen Säulen und
Höhlen gegangen sei? Wie tief sie vorgedrungen? Felix erzählte ihm ein Märchen
über das andere, halb übermütig, halb verlegen; er sah den Vater lächelnd an,
zupfte ihn verstohlen und tat alles mögliche, um an den Tag zu geben, dass er
heimlich besitze und dass er sich verstelle.
    Sie waren endlich auf einen Fuhrweg gelangt, der sie bequem zu jenen
Besjetztümern hinführen sollte; Fitz aber behauptete, einen näheren und bessern
Weg zu kennen; auf welchem der Bote sie nicht begleiten wollte und den geraden,
breiten, eingeschlagenen Weg vor sich hinging. Die beiden Wanderer vertrauten
dem losen Jungen und glaubten wohlgetan zu haben, denn nun ging es steil den
Berg hinab, durch einen Wald der hoch- und schlankstämmigsten Lärchenbäume, der,
immer durchsichtiger werdend, ihnen zuletzt die schönste Besitzung, die man sich
nur denken kann, im klarsten Sonnenlichte sehen liess.
    Ein grosser Garten, nur der Fruchtbarkeit, wie es schien, gewidmet, lag,
obgleich mit Obstbäumen reichlich ausgestattet, offen vor ihren Augen, indem er
regelmässig, in mancherlei Abteilungen, einen zwar im ganzen abhängigen, doch
aber mannigfaltig bald erhöhten, bald vertieften Boden bedeckte. Mehrere
Wohnhäuser lagen darin zerstreut, so dass der Raum verschiedenen Besitzern
anzugehören schien, der jedoch, wie Fitz versicherte, von einem einzigen Herrn
beherrscht und benutzt ward. Über den Garten hinaus erblickten sie eine
unabsehbare Landschaft, reichlich bebaut und bepflanzt. Sie konnten Seen und
Flüsse deutlich unterscheiden.
    Sie waren den Berg hinab immer näher gekommen und glaubten nun sogleich im
Garten zu sein, als Wilhelm stutzte und Fitz seine Schadenfreude nicht verbarg:
denn eine jähe Kluft am Fusse des Berges tat sich vor ihnen auf und zeigte
gegenüber eine bisher verborgene hohe Mauer, schroff genug von aussen, obgleich
von innen durch das Erdreich völlig ausgefüllt. Ein tiefer Graben trennte sie
also von dem Garten, in den sie unmittelbar hineinsahn. »Wir haben noch hinüber
einen ziemlichen Umweg zu machen«, sagte Fitz, »wenn wir die Strasse, die
hineinführt, erreichen wollen. Doch weiss ich auch einen Eingang von dieser
Seite, wo wir um ein gutes näher gehen. Die Gewölbe, durch die das Bergwasser
bei Regengüssen in den Garten geregelt hineinstürzt, öffnen sich hier; sie sind
hoch und breit genug, dass man mit ziemlicher Bequemlichkeit hindurchkommen
kann.« Als Felix von Gewölben hörte, konnte er vor Begierde sich nicht lassen,
diesen Eingang zu betreten. Wilhelm folgte den Kindern, und sie stiegen zusammen
die ganz trocken liegenden hohen Stufen dieser Zuleitungsgewölbe hinunter. Sie
befanden sich bald im Hellen, bald im Dunkeln, je nachdem von Seitenöffnungen
her das Licht hereinfiel oder von Pfeilern und Wänden aufgehalten ward. Endlich
gelangten sie auf einen ziemlich gleichen Fleck und schritten langsam vor, als
auf einmal in ihrer Nähe ein Schuss fiel, zu gleicher Zeit sich zwei verborgene
Eisengitter schlossen und sie von beiden Seiten einsperrten. Zwar nicht die
ganze Gesellschaft: nur Wilhelm und Felix waren gefangen. Denn Fitz, als der
Schuss fiel, sprang sogleich rückwärts, und das zuschlagende Gitter fasste nur
seinen weiten Ärmel; er aber, sehr geschwind das Jäckchen abwerfend, war
entflohen, ohne sich einen Augenblick aufzuhalten.
    Die beiden Eingekerkerten hatten kaum Zeit, sich von ihrem Erstaunen zu
erholen, als sie Menschenstimmen vernahmen, welche sich langsam zu nähern
schienen. Bald darauf traten Bewaffnete mit Fackeln an die Gitter und
neugierigen Blicks, was sie für einen Fang möchten getan haben. Sie fragten
zugleich, ob man sich gutwillig ergeben wolle. »Hier kann von keinem Ergeben die
Rede sein«, versetzte Wilhelm; »wir sind in eurer Gewalt. Eher haben wir Ursache
zu fragen, ob ihr uns schonen wollt. Die einzige Waffe, die wir bei uns haben,
liefere ich euch aus«, und mit diesen Worten reichte er seinen Hirschfänger
durchs Gitter; dieses öffnete sich sogleich, und man führte ganz gelassen die
Ankömmlinge mit sich vorwärts, und als man sie einen Wendelstieg hinaufgebracht
hatte, befanden sie sich bald an einem seltsamen Orte; es war ein geräumiges,
reinliches Zimmer, durch kleine, unter dem Gesimse hergehende Fenster
erleuchtet, die ungeachtet der starken Eisenstäbe Licht genug verbreiteten. Für
Sitze, Schlafstellen, und was man allenfalls sonst in einer mässigen Herberge
verlangen könnte, war gesorgt, und es schien dem, der sich hier befand, nichts
als die Freiheit zu fehlen.
    Wilhelm hatte sich bei seinem Eintritt sogleich niedergesetzt und überdachte
den Zustand; Felix hingegen, nachdem er sich von dem ersten Erstaunen erholt
hatte, brach in eine unglaubliche Wut aus. Diese steilen Wände, diese hohen
Fenster, diese festen Türen, diese Abgeschlossenheit, diese Einschränkung war
ihm ganz neu. Er sah sich um, er rannte hin und her, stampfte mit den Füssen,
weinte, rüttelte an den Türen, schlug mit den Fäusten dagegen, ja er war im
Begriff, mit dem Schädel dawiderzurennen, hätte nicht Wilhelm ihn gefasst und mit
Kraft festgehalten.
    »Besieh dir das nur ganz gelassen, mein Sohn«, fing der Vater an, »denn
Ungeduld und Gewalt helfen uns nicht aus dieser Lage. Das Geheimnis wird sich
aufklären; aber ich müsste mich höchlich irren, oder wir sind in keine schlechten
Hände gefallen. Betrachte diese Inschriften: Dem Unschuldigen Befreiung und
Ersatz, dem Verführten Mitleiden, dem Schuldigen ahndende Gerechtigkeit. Alles
dieses zeigt uns an, dass diese Anstalten Werke der Notwendigkeit, nicht der
Grausamkeit sind. Der Mensch hat nur allzusehr Ursache, sich vor dem Menschen zu
schützen. Der Misswollenden gibt es gar viele, der Misstätigen nicht wenige, und
um zu leben, wie sich's gehört, ist nicht genug, immer wohlzutun.«
    Felix hatte sich zusammengenommen, warf sich aber sogleich auf eine der
Lagerstätten, ohne weiteres Äussern noch Erwidern. Der Vater liess nicht ab und
sprach ferner: »Lass dir diese Erfahrung, die du so früh und unschuldig machst,
ein lebhaftes Zeugnis bleiben, in welchem und in was für einem vollkommenen
Jahrhundert du geboren bist. Welchen Weg musste nicht die Menschheit machen, bis
sie dahin gelangte, auch gegen Schuldige gelind, gegen Verbrecher schonend,
gegen Unmenschliche menschlich zu sein! Gewiss waren es Männer göttlicher Natur,
die dies zuerst lehrten, die ihr Leben damit zubrachten, die Ausübung möglich zu
machen und zu beschleunigen. Des Schönen sind die Menschen selten fähig, öfter
des Guten; und wie hoch müssen wir daher diejenigen halten, die dieses mit
grossen Aufopferungen zu befördern suchen.«
    Diese tröstlich belehrenden Worte welche die Absicht der einschliessenden
Umgebung völlig rein ausdrückten, hatte Felix nicht vernommen; er lag im
tiefsten Schlafe, schöner und frischer als je; denn eine Leidenschaft, wie sie
ihn sonst nicht leicht ergriff, hatte sein ganzes Innerste auf die vollen Wangen
hervorgetrieben. Ihn mit Gefälligkeit beschauend, stand der Vater, als ein
wohlgebildeter junger Mann hereintrat, der, nachdem er den Ankömmling einige
Zeit freundlich angesehen, anfing, ihn über die Umstände zu befragen, die ihn
auf den ungewöhnlichen Weg und in diese Falle geführt hätten. Wilhelm erzählte
die Begebenheit ganz schlicht, überreichte ihm einige Papiere, die seine Person
aufzuklären dienten, und berief sich auf den Boten, der nun bald auf dem
ordentlichen Wege von einer andern Seite anlangen müsse. Als dieses alles so
weit im klaren war, ersuchte der Beamte seinen Gast, ihm zu folgen. Felix war
nicht zu erwecken, die Untergebenen trugen ihn daher auf der tüchtigen Matratze,
wie ehmals den unbewussten Ulyss, in die freie Luft.
    Wilhelm folgte dem Beamten in ein schönes Gartenzimmer, wo Erfrischungen
aufgesetzt wurden, die er geniessen sollte, indessen jener ging, an höherer
Stelle Bericht abzustatten. Als Felix erwachend ein gedecktes Tischchen, Obst,
Wein, Zwieback und zugleich die Heiterkeit der offenstehenden Türe bemerkte,
ward es ihm ganz wunderlich zumute. Er läuft hinaus, er kehrt zurück, er glaubt
geträumt zu haben; und hatte bald bei so guter Kost und so angenehmer Umgebung
den vorhergegangenen Schrecken und alle Bedrängnis, wie einen schweren Traum am
hellen Morgen, vergessen.
    Der Bote war angelangt, der Beamte kam mit ihm und einem andern, ältlichen,
noch freundlichern Manne zurück, und die Sache klärte sich folgendergestalt auf.
Der Herr dieser Besitzung, im höhern Sinne wohltätig, dass er alles um sich her
zum Tun und Schaffen aufregte, hatte aus seinen unendlichen Baumschulen, seit
mehreren Jahren, fleissigen und sorgfältigen Anbauern die jungen Stämme umsonst,
nachlässigen um einen gewissen Preis und denen, die damit handeln wollten,
gleichfalls, doch um einen billigen, überlassen. Aber auch diese beiden Klassen
forderten umsonst, was die Würdigen umsonst erhielten, und da man ihnen nicht
nachgab, suchten sie die Stämme zu entwenden. Auf mancherlei Weise war es ihnen
gelungen. Dieses verdross den Besitzer um so mehr, da nicht allein die
Baumschulen geplündert, sondern auch durch Übereilung verderbt worden waren. Man
hatte Spur, dass sie durch die Wasserleitung hereingekommen, und deshalb eine
solche Gitterfalle mit einem Selbstschuss eingerichtet, der aber nur als Zeichen
gelten sollte. Der kleine Knabe hatte sich unter mancherlei Vorwänden mehrmals
im Garten sehen lassen, und es war nichts natürlicher, als dass er aus Kühnheit
und Schelmerei die Fremden einen Weg führen wollte, den er früher zu anderm
Zwecke ausgefunden. Man hätte gewünscht, seiner habhaft zu werden; indessen
wurde sein Wämschen unter andern gerichtlichen Gegenständen aufgehoben.
 
                                Fünftes Kapitel
Auf dem Wege nach dem Schloss fand unser Freund zu seiner Verwunderung nichts,
was einem älteren Lustgarten oder einem modernen Park ähnlich gewesen wäre;
gradlinig gepflanzte Fruchtbäume, Gemüsfelder, grosse Strecken mit Heilkräutern
bestellt, und was nur irgend brauchbar konnte geachtet werden, übersah er auf
sanft abhängiger Fläche mit einem Blicke. Ein von hohen Linden umschatteter
Platz breitete sich würdig als Vorhalle des ansehnlichen Gebäudes, eine lange,
daranstossende Allee, gleichen Wuchses und Würde, gab zu jeder Stunde des Tags
Gelegenheit, im Freien zu verkehren und zu lustwandeln. Eintretend in das
Schloss, fand er die Wände der Hausflur auf eigene Weise bekleidet; grosse
geographische Abbildungen aller vier Weltteile fielen ihm in die Augen;
stattliche Treppenwände waren gleichfalls mit Abrissen einzelner Reiche
geschmückt, und in den Hauptsaal eingelassen, fand er sich umgeben von
Prospekten der merkwürdigsten Städte, oben und unten eingefasst von
landschaftlicher Nachbildung der Gegenden, worin sie gelegen sind, alles
kunstreich dargestellt, so dass die Einzelnheiten deutlich in die Augen fielen
und zugleich ein ununterbrochener Bezug durchaus bemerkbar blieb.
    Der Hausherr, ein kleiner, lebhafter Mann von Jahren, bewillkommte den Gast
und fragte, ohne weitere Einleitung, gegen die Wände deutend: ob ihm vielleicht
eine dieser Städte bekannt sei, und ob er daselbst jemals sich aufgehalten? Von
manchem konnte nun der Freund auslangende Rechenschaft geben und beweisen, dass
er mehrere Orte nicht allein gesehen, sondern auch ihre Zustände und Eigenheiten
gar wohl zu bemerken gewusst.
    Der Hausherr klingelte und befahl, ein Zimmer den beiden Ankömmlingen
anzuweisen, auch sie später zum Abendessen zu führen; dies geschah denn auch. In
einem grossen Erdsaale entgegneten ihm zwei Frauenzimmer, wovon die eine mit
grosser Heiterkeit zu ihm sprach: »Sie finden hier kleine Gesellschaft, aber
gute; ich, die jüngere Nichte, heisse Hersilie, diese, meine ältere Schwester,
nennt man Juliette, die beiden Herren sind Vater und Sohn, Beamte, die Sie
kennen, Hausfreunde, die alles Vertrauen geniessen, das sie verdienen. Setzen wir
uns!« Die beiden Frauenzimmer nahmen Wilhelm in die Mitte, die Beamten sassen an
beiden Enden, Felix an der andern langen Seite, wo er sich sogleich Hersilien
gegenüber gerückt hatte und kein Auge von ihr verwendete.
    Nach vorläufigem allgemeinem Gespräch ergriff Hersilie Gelegenheit zu sagen:
»Damit der Fremde desto schneller mit uns vertraut und in unsere Unterhaltung
eingeweiht werde, muss ich bekennen, dass bei uns viel gelesen wird und dass wir
uns, aus Zufall, Neigung, auch wohl Widerspruchsgeist, in die verschiedenen
Literaturen geteilt haben. Der Oheim ist fürs Italienische, die Dame hier nimmt
es nicht übel, wenn man sie für eine vollendete Engländerin hält, ich, aber
halte mich an die Franzosen, sofern sie heiter und zierlich sind. Hier, Amtmann
Papa erfreut sich des deutschen Altertums, und der Sohn mag denn, wie billig,
dem Neuern, Jüngern seinen Anteil zuwenden. Hiernach werden Sie uns beurteilen,
hiernach teilnehmen, einstimmen oder streiten; in jedem Sinne werden Sie
willkommen sein.« Und in diesem Sinne belebte sich auch die Unterhaltung.
    Indessen war die Richtung der feurigen Blicke des schönen Felix Hersilien
keineswegs entgangen, sie fühlte sich überrascht und geschmeichelt und sendete
ihm die vorzüglichsten Bissen, die er freudig und dankbar empfing. Nun aber, als
er beim Nachtisch über einen Teller Äpfel zu ihr hinsah, glaubte sie, in den
reizenden Früchten ebenso viel Rivale zu erblicken. Gedacht, getan, sie fasste
einen Apfel und reichte ihn dem heranwachsenden Abenteurer über den Tisch
hinüber; dieser, hastig zugreifend, fing sogleich zu schälen an; unverwandt aber
nach der reizenden Nachbarin hinblickend, schnitt er sich tief in den Daumen.
Das Blut floss lebhaft; Hersilie sprang auf, bemühte sich um ihn, und als sie das
Blut gestillt, schloss sie die Wunde mit englischem Pflaster aus ihrem Besteck.
Indessen hatte der Knabe sie angefasst und wollte sie nicht loslassen; die
Störung ward allgemein, die Tafel aufgehoben, und man bereitete sich zu
scheiden.
    »Sie lesen doch auch vor Schlafengehn?« sagte Hersilie zu Wilhelm; »ich
schicke Ihnen ein Manuskript, eine Übersetzung aus dem Französischen von meiner
Hand, und Sie sollen sagen, ob Ihnen viel Artigeres vorgekommen ist. Ein
verrücktes Mädchen tritt auf! das möchte keine sonderliche Empfehlung sein, aber
wenn ich jemals närrisch werden möchte, wie mir manchmal die Lust ankommt, so
wär' es auf diese Weise.«
                              Die pilgernde Törin
Herr von Revanne, ein reicher Privatmann, besitzt die schönsten Ländereien
seiner Provinz. Nebst Sohn und Schwester bewohnt er ein Schloss, das eines
Fürsten würdig wäre; und in der Tat, wenn sein Park, seine Wasser, seine
Pachtungen, seine Manufakturen, sein Hauswesen auf sechs Meilen umher die Hälfte
der Einwohner ernähren, so ist er durch sein Ansehn und durch das Gute, das er
stiftet, wirklich ein Fürst.
    Vor einigen Jahren spazierte er an den Mauern seines Parks hin auf der
Heerstrasse, und ihm gefiel, in einem Lustwäldchen auszuruhen, wo der Reisende
gern verweilt. Hochstämmige Bäume ragen über junges, dichtes Gebüsch; man ist
vor Wind und Sonne geschützt; ein sauber gefasster so Brunnen sendet sein Wasser
über Wurzeln, Steine und Rasen. Der Spazierende hatte wie gewöhnlich Buch und
Flinte bei sich. Nun versuchte er zu lesen, öfters durch Gesang der Vögel,
manchmal durch Wanderschritte angenehm abgezogen und zerstreut.
    Ein schöner Morgen war im Vorrücken, als jung und liebenswürdig ein
Frauenzimmer sich gegen ihn her bewegte. Sie verliess die Strasse, indem sie sich
Ruhe und Erquickung an dem frischen Orte zu versprechen schien, wo er sich
befand. Sein Buch fiel ihm aus den Händen, überrascht wie er war. Die Pilgerin
mit den schönsten Augen von der Welt und einem Gesicht, durch Bewegung angenehm
belebt, zeichnete sich an Körperbau, Gang und Anstand dergestalt aus, dass er
unwillkürlich von seinem Platze aufstand und nach der Strasse blickte, um das
Gefolge kommen zu sehen, das er hinter ihr vermutete. Dann zog die Gestalt
abermals, indem sie sich edel gegen ihn verbeugte, seine Aufmerksamkeit an sich,
und ehrerbietig erwiderte er den Gruss. Die schöne Reisende setzte sich an den
Rand des Quells, ohne ein Wort zu sagen und mit einem Seufzer.
    »Seltsame Wirkung der Sympatie!« rief Herr von Revanne, als er mir die
Begebenheit erzählte, »dieser Seufzer ward in der Stille von mir erwidert. Ich
blieb stehen, ohne zu wissen, was ich sagen oder tun sollte. Meine Augen waren
nicht hinreichend, diese Vollkommenheiten zu fassen. Ausgestreckt wie sie lag,
auf einen Ellbogen gelehnt, es war die schönste Frauengestalt, die man sich
denken konnte! Ihre Schuhe gaben mir zu eigenen Betrachtungen Anlass; ganz
bestaubt, deuteten sie auf einen langen zurückgelegten Weg, und doch waren ihre
seidenen Strümpfe so blank, als wären sie eben unter dem Glättstein
hervorgegangen. Ihr aufgezogenes Kleid war nicht zerdrückt; ihre Haare schienen
diesen Morgen erst gelockt; feines Weisszeug, feine Spitzen; sie war angezogen,
als wenn sie zum Balle gehen sollte. Auf eine Landstreicherin deutete nichts an
ihr, und doch war sie's; aber eine beklagenswerte, eine verehrungswürdige.
    Zuletzt benutzte ich einige Blicke, die sie auf mich warf, sie zu fragen, ob
sie allein reise. Ja, mein Herr, sagte sie, ich bin allein auf der Welt. - Wie?
Madame, Sie sollten ohne Eltern, ohne Bekannte sein? - Das wollte ich eben nicht
sagen, mein Herr. Eltern hab' ich, und Bekannte genug; aber keine Freunde. -
Daran, fuhr ich fort, können Sie wohl unmöglich schuld sein. Sie haben eine
Gestalt und gewiss auch ein Herz, denen sich viel vergeben lässt.
    Sie fühlte die Art von Vorwurf, den mein Kompliment verbarg, und ich machte
mir einen guten Begriff von ihrer Erziehung. Sie öffnete gegen mich zwei
himmlische Augen vom vollkommensten, reinsten Blau, durchsichtig und glänzend;
hierauf sagte sie mit edlem Tone: sie könne es einem Ehrenmanne, wie ich zu sein
scheine, nicht verdenken, wenn er ein junges Mädchen, das er allein auf der
Landstrasse treffe, einigermassen verdächtig halte: ihr sei das schon öfter
entgegen gewesen; aber ob sie gleich fremd sei, obgleich niemand das Recht habe,
sie auszuforschen, so bitte sie doch zu glauben, dass die Absicht ihrer Reise mit
der gewissenhaftesten Ehrbarkeit bestehen könne. Ursachen, von denen sie niemand
Rechenschaft schuldig sei, nötigten sie, ihre Schmerzen in der Welt
umherzuführen. Sie habe gefunden, dass die Gefahren, die man für ihr Geschlecht
befürchte, nur eingebildet seien und dass die Ehre eines Weibes, selbst unter
Strassenräubern, nur bei Schwäche des Herzens und der Grundsätze Gefahr laufe.
    Übrigens gehe sie nur zu Stunden und auf Wegen, wo sie sich sicher glaube,
spreche nicht mit jedermann und verweile manchmal an schicklichen Orten, wo sie
ihren Unterhalt erwerben könne durch Dienstleistung in der Art, wonach sie
erzogen worden. Hier sank ihre Stimme, ihre Augenlider neigten sich, und ich sah
einige Tränen ihre Wangen herabfallen.
    Ich versetzte darauf, dass ich keineswegs an ihrem guten Herkommen zweifle,
so wenig als an einem achtungswerten Betragen. Ich bedaure sie nur, dass
irgendeine Notwendigkeit sie zu dienen zwinge, da sie so wert scheine, Diener zu
finden; und dass ich, ungeachtet einer lebhaften Neugierde, nicht weiter in sie
dringen wolle, vielmehr mich durch ihre nähere Bekanntschaft zu überzeugen
wünsche, dass sie überall für ihren Ruf ebenso besorgt sei als für ihre Tugend.
Diese Worte schienen sie abermals zu verletzen, denn sie antwortete: Namen und
Vaterland verberge sie, eben um des Rufs willen, der denn doch am Ende
meistenteils weniger Wirkliches als Mutmassliches entalte. Biete sie ihre
Dienste an, so weise sie Zeugnisse der letzten Häuser vor, wo sie etwas
geleistet habe, und verhehle nicht, dass sie über Vaterland und Familie nicht
befragt sein wolle. Darauf bestimme man sich und stelle dem Himmel oder ihrem
Worte die Unschuld ihres ganzen Lebens und ihre Redlichkeit anheim.«
    Äusserungen dieser Art liessen keine Geistesverwirrung bei der schönen
Abenteurerin argwohnen. Herr von Revanne, der einen solchen Entschluss, in die
Welt zu laufen, nicht gut begreifen konnte, vermutete nun, dass man sie
vielleicht gegen ihre Neigung habe verheiraten wollen. Hernach fiel er darauf,
ob es nicht etwa gar Verzweiflung aus Liebe sei; und wunderlich genug, wie es
aber mehr zu gehen pflegt, indem er ihr Liebe für einen andern zutraute,
verliebte er sich selbst und fürchtete, sie möchte weiterreisen. Er konnte seine
Augen nicht von dem schönen Gesicht wegwenden, das von einem grünen Halblichte
verschönert war. Niemals zeigte, wenn es je Nymphen gab, auf den Rasen sich eine
schönere hingestreckt; und die etwas romanhafte Art dieser Zusammenkunft
verbreitete einen Reiz, dem er nicht zu widerstehen vermochte.
    Ohne daher die Sache viel näher zu betrachten, bewog Herr von Revanne die
schöne Unbekannte, sich nach dem Schloss führen zu lassen. Sie macht keine
Schwierigkeit, sie geht mit und zeigt sich als eine Person, der die grosse Welt
bekannt ist. Man bringt Erfrischungen, welche sie annimmt, ohne falsche
Höflichkeit und mit dem anmutigsten Dank. In Erwartung des Mittagessens zeigt
man ihr das Haus. Sie bemerkt nur, was Auszeichnung verdient, es sei an Möbeln,
Malereien, oder es betreffe die schickliche Einteilung der Zimmer. Sie findet
eine Bibliotek, sie kennt die guten Bücher und spricht darüber mit Geschmack
und Bescheidenheit. Kein Geschwätz, keine Verlegenheit. Bei Tafel ein ebenso
edles und natürliches Betragen und den liebenswürdigsten Ton der Unterhaltung.
So weit ist alles verständig in ihrem Gespräch, und ihr Charakter scheint so
liebenswürdig wie ihre Person.
    Nach der Tafel machte sie ein kleiner mutwilliger Zug noch schöner, und
indem sie sich an Fräulein Revanne mit einem Lächeln wendet, sagt sie: es sei
ihr Brauch, ihr Mittagsmahl durch eine Arbeit zu bezahlen und, sooft es ihr an
Geld fehle, Nähnadeln von den Wirtinnen zu verlangen. »Erlauben Sie«, fügte sie
hinzu, »dass ich eine Blume auf einem Ihrer Stickrahmen lasse, damit Sie künftig
bei deren Anblick der armen Unbekannten sich erinnern mögen.« Fräulein von
Revanne versetzte darauf, dass es ihr sehr leid tue, keinen aufgezogenen Grund zu
haben, und deshalb das Vergnügen, ihre Geschicklichkeit zu bewundern, entbehren
müsse. Alsbald wendete die Pilgerin ihren Blick auf das Klavier. »So will ich
denn«, sagte sie, »meine Schuld mit Windmünze abtragen, wie es auch ja sonst
schon die Art umherstreifender Sänger war.« Sie versuchte das Instrument mit
zwei oder drei Vorspielen, die eine sehr geübte Hand ankündigten. Man zweifelte
nicht mehr, dass sie ein Frauenzimmer von Stande sei, ausgestattet mit allen
liebenswürdigen Geschicklichkeiten. Zuerst war ihr Spiel aufgeweckt und
glänzend; dann ging sie zu ernsten Tönen über, zu Tönen einer tiefen Trauer, die
man zugleich in ihren Augen erblickte. Sie netzten sich mit Tränen, ihr Gesicht
verwandelte sich, ihre Finger hielten an; aber auf einmal überraschte sie
jedermann, indem sie ein mutwilliges Lied, mit der schönsten Stimme von der
Welt, lustig und lächerrlich vorbrachte. Da man in der Folge Ursache hatte zu
glauben, dass diese burleske Romanze sie etwas näher angehe, so verzeiht man mir
wohl, wenn ich sie hier einschalte.
Woher im Mantel so geschwinde,
Da kaum der Tag in Osten graut?
Hat wohl der Freund beim scharfen Winde
Auf einer Wallfahrt sich erbaut?
Wer hat ihm seinen Hut genommen?
Mag er mit Willen barfuss gehn?
Wie ist er in den Wald gekommen
Auf den beschneiten, wilden Höhn?
Gar wunderlich von warmer Stätte
Wo er sich bessern Spass versprach,
Und wenn er nicht den Mantel hätte
Wie grässlich wäre seine Schmach!
So hat ihn jener Schalk betrogen
Und ihm das Bündel abgepackt:
Der arme Freund ist ausgezogen,
Beinah wie Adam bloss und nackt.
Warum auch ging er solche Wege
Nach jenem Apfel voll Gefahr,
Der freilich schön im Mühlgehege
Wie sonst im Paradiese war!
Er wird den Scherz nicht leicht erneuen;
Er drückte schnell sich aus dem Haus,
Und bricht auf einmal nun im Freien
In bittre, laute Klagen aus:
»Ich las in ihren Feuerblicken
Doch keine Silbe von Verrat!
Sie schien mit mir sich zu entzücken
Und sann auf solche schwarze Tat!
Konnt ich in ihren Armen träumen,
Wie meuchlerisch der Busen schlug?
Sie hiess den raschen Amor säumen,
Und günstig war er uns genug.
Sich meiner Liebe zu erfreuen,
Der Nacht, die nie ein Ende nahm,
Und erst die Mutter anzuschreien
Jetzt eben, als der Morgen kam!
Da drang ein Dutzend Anverwandten
Herein, ein wahrer Menschenstrom!
Da kamen Brüder, guckten Tanten,
Da stand ein Vetter und ein Ohm!
Das war ein Toben, war ein Wüten!
Ein jeder schien ein andres Tier.
Da forderten sie Kranz und Blüten
Mit grässlichem Geschrei von mir.
Was dringt ihr alle wie von Sinnen
Auf den unschuld'gen Jüngling ein!
Denn solche Schätze zu gewinnen,
Da muss man viel behender sein.
Weiss Amor seinem schönen Spiele
Doch immer zeitig nachzugehn:
Er lässt fürwahr nicht in der Mühle
Die Blumen sechzehn Jahre stehn. -
Da raubten sie das Kleiderbündel
Und wollten auch den Mantel noch.
Wie nur so viel verflucht Gesindel
Im engen Hause sich verkroch!
Da sprang ich auf und tobt' und fluchte,
Gewiss, durch alle durchzugehn.
Ich sah noch einmal die Verruchte,
Und ach! sie war noch immer schön.
Sie alle wichen meinem Grimme,
Doch flog noch manches wilde Wort;
So macht' ich mich mit Donnerstimme
Noch endlich aus der Höhle fort.
Man soll euch Mädchen auf dem Lande
Wie Mädchen aus den Städten fliehn!
So lasset doch den Fraun von Stande
Die Lust, die Diener auszuziehn!
Doch seid ihr auch von den Geübten
Und kennt ihr keine zarte Pflicht,
So ändert immer die Geliebten,
Doch sie verraten müsst ihr nicht.«
So singt er in der Winterstunde,
Wo nicht ein armes Hälmchen grünt.
Ich lache seiner tiefen Wunde,
Denn wirklich ist sie wohlverdient;
So geh' es jedem, der am Tage
Sein edles Liebchen frech belügt
Und nachts, mit allzu kühner Wage,
Zu Amors falscher Mühle kriecht.
Wohl war es bedenklich, dass sie sich auf eine solche Weise vergessen konnte, und
dieser Ausfall mochte für ein Anzeichen eines Kopfes gelten, der sich nicht
immer gleich war. »Aber«, sagte mir Herr von Revanne, »auch wir vergassen alle
Betrachtungen, die wir hätten machen können, ich weiss nicht, wie es zuging. Uns
musste die unaussprechliche Anmut, womit sie diese Possen vorbrachte, bestochen
haben. Sie spielte neckisch, aber mit Einsicht. Ihre Finger gehorchten ihr
vollkommen, und ihre Stimme war wirklich bezaubernd. Da sie geendigt hatte,
erschien sie so gesetzt wie vorher, und wir glaubten, sie habe nur den
Augenblick der Verdauung erheitern wollen.
    Bald darauf bat sie um die Erlaubnis, ihren Weg wieder anzutreten; aber auf
meinen Wink sagte meine Schwester: wenn sie nicht zu eilen hätte und die
Bewirtung ihr nicht missfiele, so würde es uns ein Fest sein, sie mehrere Tage
bei uns zu sehen. Ich dachte ihr eine Beschäftigung anzubieten, da sie sich's
einmal gefallen liess zu bleiben. Doch diesen ersten Tag und den folgenden
führten wir sie nur umher. Sie verleugnete sich nicht einen Augenblick: sie war
die Vernunft, mit aller Anmut begabt. Ihr Geist war fein und treffend, ihr
Gedächtnis so wohl ausgeziert und ihr Gemüt so schön, dass sie gar oft unsere
Bewunderung erregte und alle unsere Aufmerksamkeit festielt. dabei kannte sie
die Gesetze eines guten Betragens und übte sie gegen einen jeden von uns, nicht
weniger gegen einige Freunde, die uns besuchten, so vollkommen aus, dass wir
nicht mehr wussten, wie wir jene Sonderbarkeiten mit einer solchen Erziehung
vereinigen sollten.
    Ich wagte wirklich nicht mehr, ihr Dienstvorschläge für mein Haus zu tun.
Meine Schwester, der sie angenehm war, hielt es gleichfalls für Pflicht, das
Zartgefühl der Unbekannten zu schonen. Zusammen besorgten sie die häuslichen
Dinge, und hier liess sich das gute Kind öfters bis zur Handarbeit herunter und
wusste sich gleich darauf in alles zu schicken, was höhere Anordnung und
Berechnung erheischte.
    In kurzer Zeit stellte sie eine Ordnung her, die wir bis jetzt im Schloss
gar nicht vermisst hatten. Sie war eine sehr verständige Haushälterin; und da sie
damit angefangen hatte, bei uns mit an Tafel zu sitzen, so zog sie sich nunmehr
nicht etwa aus falscher Bescheidenheit zurück, sondern speiste mit uns ohne
Bedenken fort; aber sie rührte keine Karte, kein Instrument an, als bis sie die
übernommenen Geschäfte zu Ende gebracht hatte.
    Nun muss ich freilich gestehen, dass mich das Schicksal dieses Mädchens
innigst zu rühren anfing. Ich bedauerte die Eltern, die wahrscheinlich eine
solche Tochter sehr vermissten; ich seufzte, dass so sanfte Tugenden, so viele
Eigenschaften verlorengehen sollten. Schon lebte sie mehrere Monate mit uns, und
ich hoffte, das Vertrauen, das wir ihr einzuflössen suchten, würde zuletzt das
Geheimnis auf ihre Lippen bringen. War es ein Unglück, wir konnten helfen; war
es ein Fehler, so liess sich hoffen, unsere Vermittelung, unser Zeugnis würden
ihr Vergebung eines vorübergehenden Irrtums verschaffen können; aber alle unsere
Freundschaftsversicherungen, unsre Bitten selbst waren unwirksam. Bemerkte sie
die Absicht, einige Aufklärung von ihr zu gewinnen, so versteckte sie sich
hinter allgemeine Sittensprüche, um sich zu rechtfertigen, ohne uns zu belehren.
Zum Beispiel, wenn wir von ihrem Unglücke sprachen: Das Unglück, sagte sie,
fällt über Gute und Böse. Es ist eine wirksame Arzenei, welche die guten Säfte
zugleich mit den üblen angreift.
    Suchten wir die Ursache ihrer Flucht aus dem väterlichen Hause zu entdecken:
Wenn das Reh flieht, sagte sie lächelnd, so ist es darum nicht schuldig. Fragten
wir, ob sie Verfolgungen erlitten: Das ist das Schicksal mancher Mädchen von
guter Geburt, Verfolgungen zu erfahren und auszuhalten. Wer über eine
Beleidigung weint, dem werden mehrere begegnen. Aber wie hatte sie sich
entschliessen können, ihr Leben der Roheit der Menge auszusetzen, oder es
wenigstens manchmal ihrem Erbarmen zu verdanken? Darüber lachte sie wieder und
sagte: Dem Armen, der den Reichen bei Tafel begrüsst, fehlt es nicht an Verstand.
Einmal, als die Unterhaltung sich zum Scherze neigte, sprachen wir ihr von
Liebhabern und fragten sie: ob sie den frostigen Helden ihrer Romanze nicht
kenne? Ich weiss noch recht gut, dieses Wort schien sie zu durchbohren. Sie
öffnete gegen mich ein Paar Augen, so ernst und streng, dass die meinigen einen
solchen Blick nicht aushalten konnten; und sooft man auch nachher von Liebe
sprach, so konnte man erwarten, die Anmut ihres Wesens und die Lebhaftigkeit
ihres Geistes getrübt zu sehen. Gleich fiel sie in ein Nachdenken, das wir für
Grübeln hielten und das doch wohl nur Schmerz war. Doch blieb sie im ganzen
munter, nur ohne grosse Lebhaftigkeit, edel, ohne sich ein Ansehn zu geben,
gerade ohne Offenherzigkeit, zurückgezogen ohne Ängstlichkeit, eher duldsam als
sanftmütig, und mehr erkenntlich als herzlich bei Liebkosungen und
Höflichkeiten. Gewiss war es ein Frauenzimmer, gebildet, einem grossen Hause
vorzustehn; und doch schien sie nicht älter als einundzwanzig Jahre.
    So zeigte sich diese junge, unerklärliche Person, die mich ganz eingenommen
hatte, binnen zwei Jahren, die es ihr gefiel bei uns zu verweilen, bis sie mit
einer Torheit schloss, die viel seltsamer ist, als ihre Eigenschaften ehrwürdig
und glänzend waren. Mein Sohn, jünger als ich, wird sich trösten können; was
mich betrifft, so fürchte ich, schwach genug zu sein, sie immer zu vermissen.«
    Nun will ich die Torheit eines verständigen Frauenzimmers erzählen, um zu
zeigen, dass Torheit oft nichts weiter sei als Vernunft unter einem andern
Äussern. Es ist wahr, man wird einen seltsamen Widerspruch finden zwischen dem
edlen Charakter der Pilgerin und der komischen List, deren sie sich bediente;
aber man kennt ja schon zwei ihrer Ungleichheiten, die Pilgerschaft selbst und
das Lied.
    Es ist wohl deutlich, dass Herr von Revanne in die Unbekannte verliebt war.
Nun mochte er sich freilich auf sein funfzigjähriges Gesicht nicht verlassen, ob
er so schon frisch und wacker aussah als ein Dreissiger; vielleicht aber hoffte
er, durch seine reine, kindliche Gesundheit zu gefallen durch die Güte,
Heiterkeit, Sanfteit, Grossmut seines Charakters; vielleicht auch durch sein
Vermögen, ob er gleich zart genug gesinnt war, um zu fühlen, dass man das nicht
erkauft, was keinen Preis hat.
    Aber der Sohn von der andern Seite, liebenswürdig, zärtlich, feurig, ohne
sich mehr als sein Vater zu bedenken, stürzte sich über Hals und Kopf in das
Abenteuer. Erst suchte er vorsichtig die Unbekannte zu gewinnen, die ihm durch
seines Vaters und seiner Tante Lob und Freundschaft erst recht wert geworden. Er
bemühte sich aufrichtig um ein liebenswürdiges Weib, die seiner Leidenschaft
weit über den gegenwärtigen Zustand erhöht schien. Ihre Strenge mehr als ihr
Verdienst und ihre Schönheit entflammte ihn; er wagte zu reden, zu unternehmen,
zu versprechen.
    Der Vater, ohne es selbst zu wollen, gab seiner Bewerbung immer ein etwas
väterliches Ansehn. Er kannte sich, und als er seinen Rival erkannt hatte,
hoffte er nicht, über ihn zu siegen, wenn er nicht zu Mitteln greifen wollte,
die einem Manne von Grundsätzen nicht geziemen. Dessenungeachtet verfolgte er
seinen Weg, ob ihm gleich nicht unbekannt war, dass Güte, ja Vermögen selbst, nur
Reizungen sind, denen sich ein Frauenzimmer mit Vorbedacht hingibt, die jedoch
unwirksam bleiben, sobald Liebe sich mit den Reizen und in Begleitung der Jugend
zeigt. Auch machte Herr von Revanne noch andere Fehler, die er später bereute.
Bei einer hochachtungsvollen Freundschaft sprach er von einer dauerhaften,
geheimen, gesetzmässigen Verbindung. Er beklagte sich auch wohl und sprach das
Wort Undankbarkeit aus. Gewiss kannte er die nicht, die er liebte, als er eines
Tages zu ihr sagte, dass viele Wohltäter Übles für Gutes zurückerhielten. Ihm
antwortete die Unbekannte mit Geradheit: »Viele Wohltäter möchten ihren
Begünstigten sämtliche Rechte gern abhandeln für eine Linse.«
    Die schöne Fremde, in die Bewerbung zweier Gegner verwickelt, durch
unbekannte Beweggründe geleitet, scheint keine andere Absicht gehabt zu haben,
als sich und andern alberne Streiche zu ersparen, indem sie in diesen
bedenklichen Umständen einen wunderlichen Ausweg ergriff. Der Sohn drängte mit
der Kühnheit seines Alters und drohte, wie gebräuchlich, sein Leben der
Unerbittlichen aufzuopfern. Der Vater, etwas weniger unvernünftig, war doch
ebenso dringend; aufrichtig beide. Dieses liebenswürdige Wesen hätte sich hier
wohl eines verdienten Zustandes versichern können: denn beide Herren von Revanne
beteuren, ihre Absicht sei gewesen, sie zu heiraten.
    Aber an dem Beispiele dieses Mädchens mögen die Frauen lernen, dass ein
redliches Gemüt, hätte sich auch der Geist durch Eitelkeit oder wirklichen
Wahnsinn verirrt, die Herzenswunden nicht unterhält, die es nicht heilen will.
Die Pilgerin fühlte, dass sie auf einem äussersten Punkte stehe, wo es ihr wohl
nicht leicht sein würde, sich lange zu verteidigen. Sie war in der Gewalt zweier
Liebenden, welche jede Zudringlichkeit durch die Reinheit ihrer Absichten
entschuldigen konnten, indem sie im Sinne hatten, ihre Verwegenheit durch ein
feierliches Bündnis zu rechtfertigen. So war es, und so begriff sie es.
    Sie konnte sich hinter Fräulein von Revanne verschanzen; sie unterliess es,
ohne Zweifel aus Schonung, aus Achtung für ihre Wohltäter. Sie kommt nicht aus
der Fassung, sie erdenkt ein Mittel, jedermann seine Tugend zu erhalten, indem
sie die ihrige bezweifeln lässt. Sie ist wahnsinnig vor Treue, die ihr Liebhaber
gewiss nicht verdient, wenn er nicht alle die Aufopferungen fühlt, und sollten
sie ihm auch unbekannt bleiben.
    Eines Tages, als Herr von Revanne die Freundschaft, die Dankbarkeit, die sie
ihm bezeigte, etwas zu lebhaft erwiderte, nahm sie auf einmal ein naives Wesen
an, das ihm auffiel. »Ihre Güte, mein Herr«, sagte sie, »ängstigt mich; und
lassen Sie mich aufrichtig entdecken, warum. Ich fühle wohl, nur Ihnen bin ich
meine ganze Dankbarkeit schuldig; aber freilich -« - »Grausames Mädchen!« sagte
Herr von Revanne, »ich verstehe Sie. Mein Sohn hat Ihr Herz gerührt.« - »Ach!
mein Herr, dabei ist es nicht geblieben. Ich kann nur durch meine Verwirrung
ausdrücken -« - »Wie? Mademoiselle, Sie wären -« - »Ich denke wohl ja«, sagte
sie, indem sie sich tief verneigte und eine Träne vorbrachte: denn niemals fehlt
es Frauen an einer Träne bei ihren Schalkheiten, niemals an einer Entschuldigung
ihres Unrechts.
    So verliebt Herr von Revanne war, so musste er doch diese neue Art von
unschuldiger Aufrichtigkeit unter dem Mutterhäubchen bewundern, und er fand die
Verneigung sehr am Platze. - »Aber, Mademoiselle, das ist mir ganz unbegreiflich
-« - »Mir auch«, sagte sie, und ihre Tränen flossen reichlicher. Sie flossen so
lange, bis Herr von Revanne, am Schluss eines sehr verdriesslichen Nachdenkens,
mit ruhiger Miene das Wort wieder aufnahm und sagte: »Dies klärt mich so auf!
Ich sehe, wie lächerrlich meine Forderungen sind. Ich mache Ihnen keine Vorwürfe,
und als einzige Strafe für den Schmerz, den Sie mir verursachen, verspreche ich
Ihnen von seinem Erbteile so viel, als nötig ist, um zu erfahren, ob er Sie so
sehr liebt als ich.« - »Ach! mein Herr, erbarmen Sie sich meiner Unschuld und
sagen ihm nichts davon.«
    Verschwiegenheit fordern ist nicht das Mittel, sie zu erlangen. Nach diesen
Schritten erwartete nun die unbekannte Schöne, ihren Liebhaber voll Verdruss und
höchst aufgebracht vor sich zu sehen. Bald erschien er mit einem Blicke, der
niederschmetternde Worte verkündigte. Doch er stockte und konnte nichts weiter
hervorbringen als: »Wie? Mademoiselle, ist es möglich?« - »Nun was denn, mein
Herr?« sagte sie mit einem Lächeln, das bei einer solchen Gelegenheit zum
Verzweifeln bringen kann. - »Wie? was denn? Gehen Sie, Mademoiselle, Sie sind
mir ein schönes Wesen! Aber wenigstens sollte man rechtmässige Kinder nicht
enterben; es ist schon genug, sie anzuklagen. Ja, Mademoiselle, ich durchdringe
Ihr Komplott mit meinem Vater. Sie geben mir beide einen Sohn, und es ist mein
Bruder, das bin ich gewiss!«
    Mit ebenderselben ruhigen und heitern Stirne antwortete ihm die schöne
Unkluge: »Von nichts sind Sie gewiss; es ist weder Ihr Sohn noch Ihr Bruder. Die
Knaben sind bösartig; ich habe keinen gewollt; es ist ein armes Mädchen, das ich
weiterführen will, weiter, ganz weit von den Menschen, den Bösen, den Toren und
den Ungetreuen.«
    Darauf ihrem Herzen Luft machend: »Leben Sie wohl!« fuhr sie fort, »leben
Sie wohl, lieber Revanne! Sie haben von Natur ein redliches Herz; erhalten Sie
die Grundsätze der Aufrichtigkeit. Diese sind nicht gefährlich bei einem
gegründeten Reichtum. Sein Sie gut gegen Arme. Wer die Bitte bekümmerter
Unschuld verachtet, wird einst selbst bitten und nicht erhört werden. Wer sich
kein Bedenken macht, das Bedenken eines schutzlosen Mädchens zu verachten, wird
das Opfer werden von Frauen ohne Bedenken. Wer nicht fühlt, was ein ehrbares
Mädchen empfinden muss, wenn man um sie wirbt, der verdient sie nicht zu
erhalten. Wer gegen alle Vernunft, gegen die Absichten, gegen den Plan seiner
Familie, zugunsten seiner Leidenschaften Entwürfe so schmiedet, verdient die
Früchte seiner Leidenschaft zu entbehren und der Achtung seiner Familie zu
ermangeln. Ich glaube wohl, Sie haben mich aufrichtig geliebt; aber, mein lieber
Revanne, die Katze weiss wohl, wem sie den Bart leckt; und werden Sie jemals der
Geliebte eines würdigen Weibes, so erinnern Sie sich der Mühle des Ungetreuen.
Lernen Sie an meinem Beispiel sich auf die Standhaftigkeit und Verschwiegenheit
Ihrer Geliebten verlassen. Sie wissen, ob ich untreu bin, Ihr Vater weiss es
auch. Ich gedachte durch die Welt zu rennen und mich allen Gefahren auszusetzen.
Gewiss diejenigen sind die grössten, die mich in diesem Hause bedrohen. Aber weil
Sie jung sind, sage ich es Ihnen allein und im Vertrauen: Männer und Frauen sind
nur mit Willen ungetreu; und das wollt' ich dem Freunde von der Mühle beweisen,
der mich vielleicht wieder sieht, wenn sein Herz rein genug sein wird, zu
vermissen, was er verloren hat.«
    Der junge Revanne hörte noch zu, da sie schon ausgesprochen hatte. Er stand
wie vom Blitz getroffen; Tränen öffneten zuletzt seine Augen, und in dieser
Rührung lief er zur Tante, zum Vater, ihnen zu sagen: Mademoiselle gehe weg,
Mademoiselle sei ein Engel, oder vielmehr ein Dämon, herumirrend in der Welt, um
alle Herzen zu peinigen. Aber die Pilgerin hatte so gut sich vorgesehen, dass man
sie nicht wiederfand. Und als Vater und Sohn sich erklärt hatten, zweifelte man
nicht mehr an ihrer Unschuld, ihren Talenten, ihrem Wahnsinn. So viel Mühe sich
auch Herr von Revanne seit der Zeit gegeben, war es ihm doch nicht gelungen,
sich die mindeste Aufklärung über diese schöne Person zu verschaffen, die so
flüchtig wie die Engel und so liebenswürdig erschienen war.
 
                                Sechstes Kapitel
Nach einer langen und gründlichen Ruhe, deren die Wanderer wohl bedürfen
mochten, sprang Felix lebhaft aus dem Bette und eilte, sich anzuziehn; der Vater
glaubte zu bemerken, mit mehr Sorgfalt als bisher. Nichts sass ihm knapp noch
nett genug, auch hätte er alles neuer und frischer gewünscht. Er sprang nach dem
Garten und haschte unterwegs nur etwas von der Vorkost, die der Diener für die
Gäste brachte, weil erst nach einer Stunde die Frauenzimmer im Garten erscheinen
würden.
    Der Diener war gewohnt, die Fremden zu unterhalten und manches im Hause
vorzuzeigen; so auch führte er unsern Freund in eine Galerie, worin bloss
Porträte aufgehangen und gestellt waren, alles Personen, die im achtzehnten
Jahrhundert gewirkt hatten, eine grosse und herrliche Gesellschaft; Gemälde sowie
Büsten, wo möglich, von vortrefflichen Meistern. »Sie finden«, sagte der
Kustode, »in dem ganzen Schloss kein Bild, das, auch nur von ferne, auf Religion,
Überlieferung, Mytologie, Legende oder Fabel hindeutete; unser Herr will, dass
die Einbildungskraft nur gefördert werde, um sich das Wahre zu vergegenwärtigen.
Wir fabeln so genug, pflegt er zu sagen, als dass wir diese gefährliche
Eigenschaft unsers Geistes durch äussere reizende Mittel noch steigern sollten.«
    Die Frage Wilhelms: wenn man ihm aufwarten könne? ward durch die Nachricht
beantwortet: der Herr sei, nach seiner Gewohnheit, ganz früh weggeritten. Er
pflege zu sagen: »Aufmerksamkeit ist das Leben!« - »Sie werden diesen und andere
Sprüche, in denen er sich bespiegelt, in den Feldern über den Türen
eingeschrieben sehen, wie wir hier z.B. gleich antreffen: Vom Nützlichen durchs
Wahre zum Schönen.«
    Die Frauenzimmer hatten schon unter den Linden das Frühstück bereitet, Felix
eulenspiegelte um sie her und trachtete, in allerlei Torheiten und
Verwegenheiten sich hervorzutun, die Aufmerksamkeit auf sich zu leiten, eine
Abmahnung, einen Verweis von Hersilien zu erhaschen. Nun suchten die Schwestern
durch Aufrichtigkeit und Mitteilung das Vertrauen des schweigsamen Gastes, der
ihnen gefiel, zu gewinnen; sie erzählten von einem werten Vetter, der, drei
Jahre abwesend, zunächst erwartet werde, von einer würdigen Tante, die, unfern
in ihrem Schloss wohnend, als ein Schutzgeist der Familie zu betrachten sei. In
krankem Verfall des Körpers, in blühender Gesundheit des Geistes ward sie
geschildert, als wenn die Stimme einer unsichtbar gewordenen Ursibylle rein
göttliche Worte über die menschlichen Dinge ganz einfach ausspräche.
    Der neue Gast lenkte nun Gespräch und Frage auf die Gegenwart. Er wünschte
den edlen Oheim in rein entschiedener Tätigkeit gerne näher zu kennen; er
gedachte des angedeuteten Wegs vom Nützlichen durchs Wahre zum Schönen und
suchte die Worte auf seine Weise auszulegen, das ihm denn ganz gut gelang und
Juliettens Beifall zu erwerben das Glück hatte.
    Hersilie, die bisher lächelnd schweigsam geblieben, versetzte dagegen: »Wir
Frauen sind in einem besondern Zustande. Die Maximen der Männer hören wir
immerfort wiederholen, ja wir müssen sie in goldnen Buchstaben über unsern
Häupten sehen, und doch wüssten wir Mädchen im stillen das Umgekehrte zu sagen,
das auch gölte, wie es gerade hier der Fall ist. Die Schöne findet Verehrer,
auch Freier, und endlich wohl gar einen Mann; dann gelangt sie zum Wahren, das
nicht immer höchst erfreulich sein mag, und wenn sie klug ist, widmet sie sich
dem Nützlichen, sorgt für Haus und Kinder und verharrt dabei. So habe ich's
wenigstens oft gefunden. Wir Mädchen haben Zeit zu beobachten, und da finden wir
meist, was wir nicht suchten.«
    Ein Bote vom Oheim traf ein mit der Nachricht, dass sämtliche Gesellschaft
auf ein nahes Jagdhaus zu Tische geladen sei, man könne hin reiten und fahren.
Hersilie erwählte zu reiten. Felix bat inständig, man möge ihm auch ein Pferd
geben. Man kam überein, Juliette sollte mit Wilhelm fahren und Felix als Page
seinen ersten Ausritt der Dame seines jungen Herzens zu verdanken haben.
    Indessen fuhr Juliette mit dem neuen Freunde durch eine Reihe von Anlagen,
welche sämtlich auf Nutzen und Genuss hindeuteten, ja die unzähligen Fruchtbäume
machten zweifelhaft, ob das Obst alles verzehrt werden könne.
    » Sie sind durch ein so wunderliches Vorzimmer in unsere Gesellschaft
getreten und fanden manches wirklich Seltsame und Sonderbare, so dass ich
vermuten darf, Sie wünschen einen Zusammenhang von allem diesem zu wissen. Alles
beruht auf Geist und Sinn meines trefflichen Oheims. Die kräftigen Mannsjahre
dieses Edlen fielen in die Zeit der Beccaria und Filangieri; die Maximen einer
allgemeinen Menschlichkeit wirkten damals nach allen Seiten. Dies Allgemeine
jedoch bildete sich der strebende Geist, der strenge Charakter nach Gesinnungen
aus, die sich ganz aufs Praktische bezogen. Er verhehlte uns nicht, wie er jenen
liberalen Wahlspruch: Den Meisten das Beste! nach seiner Art verwandelt und
Vielen das Erwünschte zugedacht. Die Meisten lassen sich nicht finden noch
kennen, was das Beste sei, noch weniger ausmitteln. Viele jedoch sind immer um
uns her; was sie wünschen, erfahren wir, was sie wünschen sollten, überlegen
wir, und so lässt sich denn immer Bedeutendes tun und schaffen. In diesem Sinne«,
fuhr sie fort, »ist alles, was Sie hier sehen, gepflanzt, gebaut, eingerichtet,
und zwar um eines ganz nahen, leicht fasslichen Zweckes willen; alles dies
geschah dem grossen, nahen Gebirg zuliebe. Der treffliche Mann, Kraft und
Vermögen zusammenhaltend, sagte zu sich selbst: Keinem Kinde da droben soll es
an einer Kirsche, an einem Apfel fehlen, wornach sie mit Recht so lüstern sind;
der Hausfrau soll es nicht an Kohl noch an Rüben oder sonst einem Gemüse im Topf
ermangeln, damit dem unseligen Kartoffelgenuss nur einigermassen das Gleichgewicht
gehalten werde. In diesem Sinne, auf diese Weise sucht er zu leisten, wozu ihm
sein Besitztum Gelegenheit gibt, und so haben sich seit manchen Jahren Träger
und Trägerinnen gebildet, welche das Obst in die tiefsten Schluchten des
Felsgebirges verkäuflich hintragen.«
    »Ich habe selbst davon genossen wie ein Kind«, versetzte Wilhelm; »da, wo
ich dergleichen nicht anzutreffen hoffte, zwischen Tannen und Felsen,
überraschte mich weniger ein reiner Frommsinn als ein erquicklich frisches Obst.
Die Gaben des Geistes sind überall zu Hause, die Geschenke der Natur über den
Erdboden sparsam ausgeteilt.«
    »Ferner hat unser würdiger Landherr von entfernten Orten manches Notwendige
dem Gebirge näher gebracht; in diesen Gebäuden am Fusse hin finden Sie Salz
aufgespeichert und Gewürze vorrätig. Für Tabak und Branntwein lässt er andere
sorgen; dies seien keine Bedürfnisse, sagt er, sondern Gelüste, und da würden
sich schon Unterhändler genug finden.«
    Angelangt am bestimmten Orte, einem geräumigen Försterhause im Walde, fand
sich die Gesellschaft zusammen und bereits eine kleine Tafel gedeckt. »Setzen
wir uns«, sagte Hersilie; »hier steht zwar der Stuhl des Oheims, aber gewiss wird
er nicht kommen, wie gewöhnlich. Es ist mir gewissermassen lieb, dass unser neuer
Gast, wie ich höre, nicht lange bei uns verweilen wird: denn es müsste ihm
verdriesslich sein, unser Personal kennen zu lernen, es ist das ewig in Romanen
und Schauspielen wiederholte: ein wunderlicher Oheim, eine sanfte und eine
muntere Nichte, eine kluge Tante, Hausgenossen nach bekannter Art; und käme nun
gar der Vetter wieder, so lernte er einen phantastischen Reisenden kennen, der
vielleicht einen noch sonderbarern Gesellen mitbrächte, und so wäre das leidige
Stück erfunden und in Wirklichkeit gesetzt.«
    »Die Eigenheiten des Oheims haben wir zu ehren«, versetzte Juliette; »sie
sind niemanden zur Last, gereichen vielmehr jedermann zur Bequemlichkeit. Eine
bestimmte Tafelstunde ist ihm nun einmal verdriesslich, selten, dass er sie
einhält, wie er denn versichert: eine der schönsten Erfindungen neuerer Zeit sei
das Speisen nach der Karte.«
    Unter manchen andern Gesprächen kamen sie auf die Neigung des werten Mannes,
überall Inschriften zu belieben. »Meine Schwester«, sagte Hersilie, »weiss sie
sämtlich auszulegen, mit dem Kustode versteht sie's um die Wette; ich aber
finde, dass man sie alle umkehren kann und dass sie alsdann ebenso wahr sind, und
vielleicht noch mehr.« - »Ich leugne nicht«, versetzte Wilhelm, »es sind Sprüche
darunter, die sich in sich selbst zu vernichten scheinen; so sah ich z.B. sehr
auffallend angeschrieben: Besitz und Gemeingut; heben sich diese beiden Begriffe
nicht auf?«
    Hersilie fiel ein: »Dergleichen Inschriften, scheint es, hat der Oheim von
den Orientalen genommen, die an allen Wänden die Sprüche des Korans mehr
verehren als verstehen.« Juliette, ohne sich irren zu lassen, erwiderte auf
obige Frage: »Umschreiben Sie die wenigen Worte, so wird der Sinn alsobald
hervorleuchten.«
    Nach einigen Zwischenreden fuhr Juliette fort, weiter aufzuklären, wie es
gemeint sei: »Jeder suche den Besitz, der ihm von der Natur, von dem Schicksal
gegönnt ward, zu würdigen, zu erhalten, zu steigern, er greife mit allen seinen
Fertigkeiten so weit umher, als er zu reichen fähig ist; immer aber denke er
dabei, wie er andere daran will teilnehmen lassen: denn nur insofern werden die
Vermögenden geschätzt, als andere durch sie geniessen.«
    Indem man sich nun nach Beispielen umsah, fand sich der Freund erst in
seinem Fache; man wetteiferte, man überbot sich, um jene lakonischen Worte recht
wahr zu finden. Warum, hiess es, verehrt man den Fürsten, als weil er einen jeden
in Tätigkeit setzen, fördern, begünstigen und seiner absoluten Gewalt gleichsam
teilhaft machen kann? Warum schaut alles nach dem Reichen, als weil er, der
Bedürftigste, überall Teilnehmer an seinem Überflusse wünscht? Warum beneiden
alle Menschen den Dichter? weil seine Natur die Mitteilung nötig macht, ja die
Mitteilung selbst ist. Der Musiker ist glücklicher als der Maler, er spendet
willkommene Gaben aus, persönlich unmittelbar, anstatt dass der letzte nur gibt,
wenn die Gabe sich von ihm absonderte.
    Nun hiess es ferner im allgemeinen: Jede Art von Besitz soll der Mensch
festalten, er soll sich zum Mittelpunkt machen, von dem das Gemeingut ausgehen
kann; er muss Egoist sein, um nicht Egoist zu werden, zusammenhalten, damit er
spenden könne. Was soll es heissen, Besitz und Gut an die Armen zu geben?
Löblicher ist, sich für sie als Verwalter betragen. Dies ist der Sinn der Worte
»Besitz und Gemeingut«; das Kapital soll niemand angreifen, die Interessen
werden ohnehin im Weltlaufe schon jedermann angehören.
    Man hatte, wie sich im Gefolg des Gesprächs ergab, dem Oheim vorgeworfen,
dass ihm seine Güter nicht eintrügen, was sie sollten. Er versetzte dagegen: »Das
Mindere der Einnahme betracht' ich als Ausgabe, die mir Vergnügen macht, indem
ich andern dadurch das Leben erleichtere; ich habe nicht einmal die Mühe, dass
diese Spende durch mich durchgeht, und so setzt sich alles wieder ins gleiche.«
    Dergestalt unterhielten sich die Frauenzimmer mit dem neuen Freunde gar
vielseitig, und bei immer wachsendem gegenseitigem Vertrauen sprachen sie über
den zunächst erwarteten Vetter.
    »Wir halten sein wunderliches Betragen für abgeredet mit dem Oheim. Er lässt
seit einigen Jahren nichts von sich hören, sendet anmutige, seinen Aufentalt
verblümt andeutende Geschenke, schreibt nun auf einmal ganz aus der Nähe, will
aber nicht eher zu uns kommen, bis wir ihm von unsern Zuständen Nachricht geben.
Dies Betragen ist nicht natürlich; was auch dahinterstecke, wir müssen es vor
seiner Rückkehr erfahren. Heute abend geben wir Ihnen einen Heft Briefe, woraus
das Weitere zu ersehen ist.« Hersilie setzte hinzu: »Gestern machte ich Sie mit
einer törigen Landläuferin bekannt, heute sollen Sie von einem verrückten
Reisenden vernehmen.« - »Gestehe es nur«, fügte Juliette hinzu, »diese
Mitteilung ist nicht ohne Absicht.«
    Hersilie fragte soeben etwas ungeduldig, wo der Nachtisch bleibe, als die
Meldung geschah, der Oheim erwarte die Gesellschaft, mit ihm die Nachkost in der
grossen Laube zu geniessen. Auf dem Hinwege bemerkte man eine Feldküche, die sehr
emsig ihre blank gereinigten Kasserollen Schüsseln und Teller klappernd
einzupacken beschäftigt war. In einer geräumigen Laube fand man den alten Herrn
an einem runden, grossen, frischgedeckten Tisch, auf welchem soeben die schönsten
Früchte, willkommenes Backwerk und die besten Süssigkeiten, indem sich jene
niedersetzten, reichlich aufgetragen wurden. Auf die Frage des Oheims, was
bisher begegnet, womit man sich unterhalten, fiel Hersilie vorschnell ein:
»Unser guter Gast hätte wohl über Ihre lakonischen Inschriften verwirrt werden
können wäre ihm Juliette nicht durch einen fortlaufenden Kommentar zu Hülfe
gekommen.« - »Du hast es immer mit Julietten zu tun«, versetzte der Oheim, »sie
ist ein wackres Mädchen, das noch etwas lernen und begreifen mag.« - »Ich machte
vieles gern vergessen, was ich weiss, und was ich begriffen habe, ist auch nicht
viel wert«, versetzte Hersilie in Heiterkeit.
    Hierauf nahm Wilhelm das Wort und sagte bedächtig: »Kurzgefasste Sprüche
jeder Art weiss ich zu ehren, besonders wenn sie mich anregen, das
Entgegengesetzte zu überschauen und in Übereinstimmung zu bringen.« - »Ganz
richtig«, erwiderte der Oheim, »hat doch der vernünftige Mann in seinem ganzen
Leben noch keine andere Beschäftigung gehabt.«
    Indessen besetzte sich die Tafelrunde nach und nach, so dass Spätere kaum
Platz fanden. Die beiden Amtleute waren gekommen, Jäger, Pferdebändiger,
Gärtner, Förster und andere, denen man nicht gleich ihren Beruf ansehen konnte.
Jeder hatte etwas von dem letzten Augenblick zu erzählen und mitzuteilen, das
sich der alte Herr gefallen liess, auch wohl durch teilnehmende Fragen
hervorrief, zuletzt aber aufstand und, die Gesellschaft, die sich nicht rühren
sollte, begrüssend, mit den beiden Amtleuten sich entfernte. Das Obst hatten sich
alle, das Zuckerwerk die jungen Leute, wenn sie auch ein wenig wild aussahen,
gar wohl schmecken lassen. Einer nach dem andern stand auf, begrüsste die
Bleibenden und ging davon.
    Die Frauenzimmer, welche bemerkten, dass der Gast auf das, was vorging, mit
einiger Verwunderung achtgab, erklärten sich folgendermassen: »Sie sehen hier
abermals die Wirkung der Eigenheiten unsers trefflichen Oheims; er behauptet:
keine Erfindung des Jahrhunderts verdiene mehr Bewunderung, als dass man in
Gastäusern, an besonderen kleinen Tischchen, nach der Karte speisen könne;
sobald er dies gewahr worden, habe er für sich und andere dies auch in seiner
Familie einzuführen gesucht. Wenn er vom besten Humor ist, mag er gern die
Schrecknisse eines Familientisches lebhaft schildern, wo jedes Glied mit fremden
Gedanken beschäftigt sich niedersetzt, ungern hört, in Zerstreuung spricht,
muffig schweigt und, wenn gar das Unglück kleine Kinder heranführt, mit
augenblicklicher Pädagogik die unzeitigste Missstimmung hervorbringt. So manches
Übel, sagt er, muss man tragen, von diesem habe ich mich zu befreien gewusst.
Selten erscheint er an unserm Tische und besetzt den Stuhl nur augenblicklich,
der für ihn leer steht. Seine Feldküche führt er mit sich umher, speist
gewöhnlich allein, andere mögen für sich sorgen. Wenn er aber einmal Frühstück,
Nachtisch oder sonst Erfrischung anbietet, dann versammeln sich alle zerstreuten
Angehörigen, geniessen das Bescherte, wie Sie gesehen haben. Das macht ihm
Vergnügen; aber niemand darf kommen, der nicht Appetit mitbringt, jeder muss
aufstehen, der sich gelabt hat, und nur so ist er gewiss, immer von Geniessenden
umgeben zu sein. Will man die Menschen ergötzen, hörte ich ihn sagen, so muss man
ihnen das zu verleihen suchen, was sie selten oder nie zu erlangen im Falle
sind.«
    Auf dem Rückwege brachte ein unerwarteter Schlag die Gesellschaft in einige
Gemütsbewegung. Hersilie sagte zu dem neben ihr reitenden Felix: »Sieh dort, was
mögen das für Blumen sein? sie decken die ganze Sommerseite des Hügels, ich hab'
sie noch nie gesehen.« Sogleich regte Felix sein Pferd an, sprengte auf die
Stelle los und war im Zurückkommen mit einem ganzen Büschel blühender Kronen,
die er von weitem schüttelte, als er auf einmal mit dem Pferde verschwand. Er
war in einen Graben gestürzt. Sogleich lösten sich zwei Reiter von der
Gesellschaft ab, nach dem Punkte hinsprengend.
    Wilhelm wollte aus dem Wagen, Juliette verbat es: »Hülfe ist schon bei ihm,
und unser Gesetz ist in solchen Fällen, dass nur der Helfende sich von der Stelle
regen darf; der Chirurg ist schon dorten.« Hersilie hielt ihr Pferd an:
»Jawohl«, sagte sie, »Leibärzte braucht man nur selten, Wundärzte jeden
Augenblick.« Schon sprengte Felix mit verbundenem Kopfe wieder heran, die
blühende Beute festaltend und hoch emporzeigend. Mit Selbstgefälligkeit reichte
er den Strauss seiner Herrin zu, dagegen gab ihm Hersilie ein buntes, leichtes
Halstuch. »Die weisse Binde kleidet dich nicht«, sagte sie, »diese wird schon
lustiger aussehen.« Und so kamen sie zwar beruhigt, aber teilnehmender gestimmt
nach Hause.
    Es war spät geworden, man trennte sich in freundlicher Hoffnung morgenden
Wiedersehens; der hier folgende Briefwechsel aber erhielt unsern Freund noch
einige Stunden nachdenklich und wach.
                              Lenardo an die Tante
Endlich erhalten Sie nach drei Jahren den ersten Brief von mir, liebe Tante,
unserer Abrede gemäss, die freilich wunderlich genug war. Ich wollte die Welt
sehen und mich ihr hingeben und wollte für diese Zeit meine Heimat vergessen,
von der ich kam, zu der ich wieder zurückzukehren hoffte. Den ganzen Eindruck
wollte ich behalten, und das einzelne sollte mich in die Ferne nicht irremachen.
Indessen sind die nötigen Lebenszeichen von Zeit zu Zeit hin und her gegangen.
Ich habe Geld erhalten, und kleine Gaben für meine Nächsten sind Ihnen indessen
zur Austeilung überliefert worden. An den überschickten Waren konnten Sie sehen,
wo und wie ich mich befand. An den Weinen hat der Onkel meinen jedesmaligen
Aufentalt gewiss herausgekostet; dann die Spitzen, die Quodlibets, die
Stahlwaren haben meinen Weg, durch Brabant über Paris nach London, für die
Frauenzimmer bezeichnet; und so werde ich auf Ihren Schreib-, Näh- und
Teetischen, an Ihren Negligés und Festkleidern gar manches Merkzeichen finden,
woran ich meine Reiseerzählung knüpfen kann. Sie haben mich begleitet, ohne von
mir zu hören, und sind vielleicht nicht einmal neugierig, etwas weiter zu
erfahren. Mir hingegen ist höchst nötig, durch Ihre Güte zu vernehmen, wie es in
dem Kreise steht, in den ich wieder einzutreten im Begriff bin. Ich möchte
wirklich aus der Fremde wie ein Fremder hineinkommen, der, um angenehm zu sein,
sich erst erkundigt, was man in dem Hause will und mag, und sich nicht
einbildet, dass man ihn wegen seiner schönen Augen oder Haare gerade nach seiner
eigenen Weise empfangen müsse. Schreiben Sie mir daher vom guten Onkel, von den
lieben Nichten, von sich selbst, von unsern Verwandten, nähern und fernern, auch
von alten und neuen Bedienten. Genug, lassen Sie Ihre geübte Feder, die Sie für
Ihren Neffen so lange nicht eingetaucht, auch einmal zu seinen Gunsten auf dem
Papiere hinwalten. Ihr unterrichtendes Schreiben soll zugleich mein Kreditiv
sein, mit dem ich mich einstelle, sobald ich es erhalten habe. Es hängt also von
Ihnen ab, mich in Ihren Armen zu sehen. Man verändert sich viel weniger, als man
glaubt, und die Zustände bleiben sich auch meistens sehr ähnlich. Nicht was sich
verändert hat, sondern was geblieben ist, was allmählich zu- und abnahm, will
ich auf einmal wieder erkennen und mich selbst in einem bekannten Spiegel wieder
erblicken. Grüssen Sie herzlich alle die Unsrigen und glauben Sie, dass in der
wunderlichen Art meines Aussenbleibens und Zurückkommens so viel Wärme entalten
sei als manchmal nicht in stetiger Teilnahme und lebhafter Mitteilung. Tausend
Grüsse jedem und allen!
                                  Nachschrift
Versäumen Sie nicht, beste Tante, mir auch von unsern Geschäftsmännern ein Wort
zu sagen, wie es mit unsern Gerichtshaltern und Pachtern steht. Was ist mit
Valerinen geworden, der Tochter des Pachters, den unser Onkel kurz vor meiner
Abreise, zwar mit Recht, aber doch, dünkt mich, mit ziemlicher Härte austrieb?
Sie sehen, ich erinnere mich noch manches Umstandes; ich weiss wohl noch alles.
Über das Vergangene sollen Sie mich examinieren, wenn Sie mir das Gegenwärtige
mitgeteilt haben.
                             Die Tante an Julietten
Endlich, liebe Kinder, ein Brief von dem dreijährigen Schweiger. Was doch die
wunderlichen Menschen wunderlich sind! Er glaubt, seine Waren und Zeichen seien
so gut als ein einziges gutes Wort, das der Freund dem Freunde sagen oder
schreiben kann. Er bildet sich wirklich ein, im Vorschuss zu stehen, und will nun
von unserer Seite das zuerst geleistet haben, was er uns von der seinigen so
hart und unfreundlich versagte. Was sollen wir tun? Ich für meinen Teil würde
gleich in einem langen Brief seinen Wünschen entgegenkommen, wenn sich mein
Kopfweh nicht anmeldete, das mich gegenwärtiges Blatt kaum zu Ende schreiben
lässt. Wir verlangen ihn alle zu sehen. Übernehmt, meine Lieben, doch das
Geschäft. Bin ich hergestellt, eh Ihr geendet habt, so will ich das Meinige
beitragen. Wählt Euch die Personen und die Verhältnisse, wie Ihr sie am liebsten
beschreibt. Teilt Euch darein. Ihr werdet alles besser machen als ich selbst.
Der Bote bringt mir doch von Euch ein Wort zurück?
                             Juliette an die Tante
Wir haben gleich gelesen, überlegt und sagen mit dem Boten unsere Meinung, jede
besonders, wenn wir erst zusammen versichert haben, dass wir nicht so gutmütig
sind wie unsere liebe Tante gegen den immer verzogenen Neffen. Nachdem er seine
Karten drei Jahre vor uns verborgen gehalten hat und noch verborgen hält, sollen
wir die unsrigen auflegen und ein offenes Spiel gegen ein verdecktes spielen.
Das ist keinesweges billig, und doch mag es hingehen; denn der Feinste betriegt
sich oft, gerade weil er zu viel sichert. Nur über die Art und Weise sind wir
nicht einig, was und wie man's ihm senden soll. Zu schreiben, wie man über die
Seinigen denkt, das ist für uns wenigstens eine wunderliche Aufgabe. Gewöhnlich
denkt man über sie nur in diesem und jenem Falle, wenn sie einem besonderes
Vergnügen oder Verdruss machen. Übrigens lässt jeder den andern gewähren. Sie
könnten es allein, liebe Tante; denn Sie haben die Einsicht und die Billigkeit
zugleich. Hersilie, die, wie Sie wissen, leicht zu entzünden ist, hat mir in der
Geschwindigkeit die ganze Familie aus dem Stegreif ins Lustige rezensiert; ich
wollte, dass es auf dem Papier stünde, um Ihnen selbst bei Ihren Übeln ein
Lächeln abzugewinnen; aber nicht, dass man es ihm schickte. Mein Vorschlag ist
jedoch, ihm unsere Korrespondenz dieser drei Jahre mitzuteilen; da mag er sich
durchlesen, wenn er Mut hat, oder mag kommen, um zu sehen, was er nicht lesen
mag. Ihre Briefe an mich, liebe Tante, sind in der besten Ordnung und stehen
gleich zu Befehl. Dieser Meinung tritt Hersilie nicht bei; sie entschuldigt sich
mit der Unordnung ihrer Papiere u.s.w., wie sie Ihnen selbst sagen wird.
                             Hersilie an die Tante
Ich will und muss sehr kurz sein, liebe Tante, denn der Bote zeigt sich unartig
ungeduldig. Ich finde es eine übermässige Gutmütigkeit und gar nicht am Platz,
Lenardon unsere Briefe mitzuteilen. Was braucht er zu wissen, was wir Gutes von
ihm gesagt haben, was braucht er zu wissen, was wir Böses von ihm sagten, um aus
dem letzten noch mehr als dem ersten herauszufinden, dass wir ihm gut sind!
Halten Sie ihn kurz, ich bitte Sie. Es ist so was Abgemessenes und Anmassliches
in dieser Forderung, in diesem Betragen, wie es die Herren meistens haben, wenn
sie aus fremden Ländern kommen. Sie halten die daheim Gebliebenen immer nicht
für voll. Entschuldigen Sie sich mit Ihrem Kopfweh. Er wird schon kommen; und
wenn er nicht käme, so warten wir noch ein wenig. Vielleicht fällt es ihm
alsdann ein, auf eine sonderbare, geheime Weise sich bei uns zu introduzieren,
uns unerkannt kennen zu lernen, und was nicht alles in den Plan eines so klugen
Mannes eingreifen könnte. Das müsste doch hübsch und wunderbar sein! das dürfte
allerlei Verhältnisse hervorbringen, die bei einem so diplomatischen Eintritt in
seine Familie, wie er ihn jetzt vorhat, sich unmöglich entwickeln können.
    Der Bote! der Bote! Ziehen Sie Ihre alten Leute besser, oder schicken Sie
junge. Diesem ist weder mit Schmeichelei noch mit Wein beizukommen. Leben Sie
tausendmal wohl!
                           Nachschrift um Nachschrift
Sagen Sie mir, was will der Vetter in seiner Nachschrift mit Valerinen? Diese
Frage ist mir doppelt aufgefallen. Es ist die einzige Person, die er mit Namen
nennt. Wir andern sind ihm Nichten, Tanten, Geschäftsträger; keine Personen,
sondern Rubriken. Valerine, die Tochter unseres Gerichtshalters! Freilich ein
blondes, schönes Kind, das dem Herrn Vetter vor seiner Abreise mag in die Augen
geleuchtet haben. Sie ist verheiratet, gut und glücklich; das brauche ich Ihnen
nicht zu sagen. Aber er weiss es so wenig, als er sonst etwas von uns weiss.
Vergessen Sie ja nicht, ihm gleichfalls in einer Nachschrift zu melden: Valerine
sei täglich schöner geworden und habe auch deshalb eine sehr gute Partie getan.
Sie sei die Frau eines reichen Gutsbesitzers. Verheiratet sei die schöne
Blondine. Machen Sie es ihm recht deutlich. Nun aber, liebe Tante, ist das noch
nicht alles. Wie er sich der blonden Schönheit so genau erinnern und sie mit der
Tochter des liederlichen Pachters, einer wilden Hummel von Brünette, verwechseln
kann, die Nachodine hiess und die wer weiss wohin geraten ist, das bleibt mir
völlig unbegreiflich und intrigiert mich ganz besonders. Denn es scheint doch,
der Herr Vetter, der sein gutes Gedächtnis rühmt, verwechselt Namen und Personen
auf eine sonderbare Weise. Vielleicht fühlt er diesen Mangel und will das
Erloschene durch Ihre Schilderung wieder auffrischen. Halten Sie ihn kurz, ich
bitte Sie; aber suchen Sie zu erfahren, wie es mit den Valerinen und Nachodinen
steht und was für Inen, Trinen vielleicht noch alle sich in seiner
Einbildungskraft erhalten haben, indessen die Etten und Ilien daraus
verschwunden sind. Der Bote! der verwünschte Bote!
                             Die Tante den Nichten
                                   (Diktiert)
Was soll man sich viel verstellen gegen die, mit denen man sein Leben
zuzubringen hat! Lenardo mit allen seinen Eigenheiten verdient Zutrauen. Ich
schicke ihm Eure beiden Briefe; daraus lernt er Euch kennen, und ich hoffe, wir
andern werden unbewusst eine Gelegenheit ergreifen, uns auch nächstens ebenso vor
ihm darzustellen. Lebet wohl! ich leide sehr.
                             Hersilie an die Tante
Was soll man sich viel verstellen gegen die, mit denen man sein Leben zubringt!
Lenardo ist ein verzogener Neffe. Es ist abscheulich, dass Sie ihm unsere Briefe
schicken. Er wird uns daraus nicht kennen lernen, und ich wünsche mir nur
Gelegenheit, mich nächstens von einer andern Seite darzustellen. Sie machen
andere viel leiden, indem Sie leiden und blind lieben. Baldige Besserung Ihrer
Leiden! Ihrer Liebe ist nicht zu helfen.
                             Die Tante an Hersilien
Dein letztes Zettelchen hätte ich auch mit an Lenardo eingepackt, wenn ich
überhaupt bei dem Vorsatz geblieben wäre, den mir meine inkorrigible Neigung,
mein Leiden und die Bequemlichkeit eingegeben hatten. Eure Briefe sind nicht
fort.
                              Wilhelm an Natalien
Der Mensch ist ein geselliges, gesprächiges Wesen; seine Lust ist gross, wenn er
Fähigkeiten ausübt, die ihm gegeben sind, und wenn auch weiter nichts dabei
herauskäme. Wie oft beklagt man sich in Gesellschaft, dass einer den andern nicht
zum Worte kommen lässt, und ebenso kann man sagen, dass einer den andern nicht zum
Schreiben kommen liesse, wenn nicht das Schreiben gewöhnlich ein Geschäft wäre,
das man einsam und allein abtun muss.
    Wie viel die Menschen schreiben, davon hat man gar keinen Begriff. Von dem,
was davon gedruckt wird, will ich gar nicht reden, ob es gleich schon genug ist.
Was aber an Briefen und Nachrichten und Geschichten, Anekdoten, Beschreibungen
von gegenwärtigen Zuständen einzelner Menschen in Briefen und grösseren Aufsätzen
in der Stille zirkuliert, davon kann man sich nur eine Vorstellung machen, wenn
man in gebildeten Familien eine Zeitlang lebt, wie es mir jetzt geht. In der
Sphäre, in der ich mich gegenwärtig befinde, bringt man beinahe so viel Zeit zu,
seinen Verwandten und Freunden dasjenige mitzuteilen, womit man sich
beschäftigt, als man Zeit sich zu beschäftigen selbst hatte. Diese Bemerkung,
die sich mir seit einigen Tagen aufdringt, mache ich um so lieber, als mir die
Schreibseligkeit meiner neuen Freunde Gelegenheit verschafft, ihre Verhältnisse
geschwind und nach allen Seiten hin kennen zu lernen. Man vertraut mir, man gibt
mir einen Pack Briefe, ein paar Hefte Reisejournale, die Konfessionen eines
Gemüts, das noch nicht mit sich selbst einig ist, und so bin ich in kurzem
überall zu Hause. Ich kenne die nächste Gesellschaft; ich kenne die Personen,
deren Bekanntschaft ich machen werde, und weiss von ihnen beinahe mehr als sie
selbst, weil sie denn doch in ihren Zuständen befangen sind und ich an ihnen
vorbeischwebe, immer an deiner Hand, mich mit dir über alles besprechend. Auch
ist es meine erste Bedingung, ehe ich ein Vertrauen annehme, dass ich dir alles
mitteilen dürfe. Hier also einige Briefe, die dich in den Kreis einführen
werden, in dem ich mich gegenwärtig herumdrehe, ohne mein Gelübde zu brechen
oder zu umgehen.
 
                               Siebentes Kapitel
Am frühsten Morgen fand sich unser Freund allein in die Galerie und ergötzte
sich an so mancher bekannten Gestalt; über die Unbekannten gab ihm ein
vorgefundener Katalog den erwünschten Aufschluss. Das Porträt wie die Biographie
haben ein ganz eigenes Interesse; der bedeutende Mensch, den man sich ohne
Umgebung nicht denken kann, tritt einzeln abgesondert heraus und stellt sich vor
uns wie vor einen Spiegel; ihm sollen wir entschiedene Aufmerksamkeit zuwenden,
wir sollen uns ausschliesslich mit ihm beschäftigen, wie er behaglich vor dem
Spiegelglas mit sich beschäftiget ist. Ein Feldherr ist es, der jetzt das ganze
Heer repräsentiert, hinter den so Kaiser als Könige, für die er kämpft, ins
Trübe zurücktreten. Der gewandte Hofmann steht vor uns, eben als wenn er uns den
Hof machte, wir denken nicht an die grosse Welt, für die er sich eigentlich so
anmutig ausgebildet hat. Überraschend war sodann unserm Beschauer die
Ähnlichkeit mancher längst vorübergegangenen mit lebendigen, ihm bekannten und
leibhaftig gesehenen Menschen, ja Ähnlichkeit mit ihm selbst! Und warum sollten
sich nur Zwillingsmenächmen aus einer Mutter entwickeln? Sollte die grosse Mutter
der Götter und Menschen nicht auch das gleiche Gebild aus ihrem fruchtbaren
Schosse gleichzeitig oder in Pausen hervorbringen können?
    Endlich durfte denn auch der gefühlvolle Beschauer sich nicht leugnen, dass
manches anziehende, manches Abneigung erweckende Bild vor seinen Augen
vorüberschwebe.
    In solchem Betrachten überraschte ihn der Hausherr, mit dem er sich über
diese Gegenstände freimütig unterhielt und hiernach dessen Gunst immer mehr zu
gewinnen schien. Denn er ward freundlich in die innern Zimmer geführt, wo er
köstliche Bilder bedeutender Männer des sechzehnten Jahrhunderts sah, in
vollständiger Gegenwart, wie sie für sich leibten und lebten, ohne sich etwa im
Spiegel oder im Zuschauer zu beschauen, sich selbst gelassen und genügend, nur
durch ihr Dasein wirkend, nicht durch irgendein Wollen oder Vornehmen.
    Der Hausherr, zufrieden, dass der Gast eine so reich herangebrachte
Vergangenheit vollkommen zu schätzen wusste, liess ihn Handschriften sehen von
manchen Personen, über die sie vorher in der Galerie gesprochen hatten; sogar
zuletzt Reliquien, von denen man gewiss war, dass der frühere Besitzer sich ihrer
bedient, sie berührt hatte.
    »Dies ist meine Art von Poesie«, sagte der Hausherr lächelnd; »meine
Einbildungskraft muss sich an etwas festalten; ich mag kaum glauben, dass etwas
gewesen sei, was nicht noch da ist. Über solche Heiltümer vergangener Zeit suche
ich mir die strengsten Zeugnisse zu verschaffen, sonst würden sie nicht
aufgenommen. Am schärfsten werden schriftliche Überlieferungen geprüft; denn ich
glaube wohl, dass der Mönch die Chronik geschrieben hat, wovon er aber zeugt,
daran glaube ich selten.« Zuletzt legte er Wilhelmen ein weisses Blatt vor mit
Ersuchen um einige Zeilen, doch ohne Unterschrift; worauf der Gast durch eine
Tapetentüre sich in den Saal entlassen und an der Seite des Kustode fand.
    »Es freut mich«, sagte dieser, »dass Sie unserm Herrn wert sind; schon dass
Sie zu dieser Türe herauskommen, ist ein Beweis davon. Wissen Sie aber, wofür er
Sie hält? Er glaubt einen praktischen Pädagogen in Ihnen zu sehen, den Knaben
vermutet er von vornehmem Hause, Ihrer Führung anvertraut, um mit rechtem Sinn
sogleich in die Welt und ihre mannigfaltigen Zustände nach Grundsätzen
frühzeitig eingeweiht zu werden.« »Er tut mir zu viel Ehre an«, sagte der
Freund, »doch will ich dies Wort nicht vergebens gehört haben.«
    Beim Frühstück, wo er seinen Felix schon um die Frauenzimmer beschäftigt
fand, eröffneten sie ihm den Wunsch: er möge, da er nun einmal nicht zu halten
sei, sich zu der edlen Tante Makarie begeben und vielleicht von da zum Vetter,
um das wunderliche Zaudern aufzuklären. Er werde dadurch sogleich zum Gliede
ihrer Familie, erzeige ihnen allen einen entschiedenen Dienst und trete mit
Lenardo ohne grosse Vorbereitung in ein zutrauliches Verhältnis.
    Er jedoch versetzte dagegen: »Wohin Sie mich senden, begeb' ich mich gern;
ich ging aus, zu schauen und zu denken; bei Ihnen habe ich mehr erfahren und
gelernt, als ich hoffen durfte, und bin überzeugt, auf dem nächsten
eingeleiteten Wege werd' ich mehr, als ich erwarten kann, gewahr werden und
lernen.«
    »Und du artiger Taugenichts! Was wirst denn du lernen?« fragte Hersilie,
worauf der Knabe sehr keck erwiderte: »Ich lerne schreiben, damit ich dir einen
Brief schicken kann, und reiten wie keiner, damit ich immer gleich wieder bei
dir bin.« Hierauf sagte Hersilie bedenklich: »Mit meinen zeitbürtigen Verehrern
hat es mir niemals recht glücken wollen, es scheint, dass die folgende Generation
mich nächstens entschädigen will.«
Nun aber empfinden wir mit unserm Freunde, wie schmerzlich die Stunde des
Abschieds herannaht, und mögen uns gern von den Eigenheiten seines trefflichen
Wirtes, von den Seltsamkeiten des ausserordentlichen Mannes einen deutlichen
Begriff machen. Um ihn aber nicht falsch zu beurteilen, müssen wir auf das
Herkommen, auf das Herankommen dieser schon zu hohen Jahren gelangten würdigen
Person unsere Aufmerksamkeit richten. Was wir ausfragen konnten, ist folgendes:
    Sein Grossvater lebte als tätiges Glied einer Gesandtschaft in England,
gerade in den letzten Jahren des erhabenen William Penn. Das hohe Wohlwollen,
die reinen Absichten, die unverrückte Tätigkeit eines so vorzüglichen Mannes,
der Konflikt, in den er deshalb mit der Welt geriet, die Gefahren und
Bedrängnisse, unter denen der Edle zu erliegen schien, erregten in dem
empfänglichen Geiste des jungen Mannes ein entschiedenes Interesse; er
verbrüderte sich mit der Angelegenheit und zog endlich selbst nach Amerika. Der
Vater so unseres Herrn ist in Philadelphia geboren, und beide rühmten sich,
beigetragen zu haben, dass eine allgemein freiere Religionsübung in den Kolonien
stattfand.
    Hier entwickelte sich die Maxime, dass eine in sich abgeschlossene, in Sitten
und Religion herkömmlich übereinstimmende Nation vor aller fremden Einwirkung,
vor aller Neuerung sich wohl zu hüten habe; dass aber da, wo man auf frischem
Boden viele Glieder von allen Seiten her zusammenberufen will, möglichst
unbedingte Tätigkeit im Erwerb und freier Spielraum der allgemein-sittlichen und
religiösen Vorstellungen zu vergönnen sei.
    Der lebhafte Trieb nach Amerika im Anfange des achtzehnten Jahrhunderts war
gross, indem ein jeder, der sich diesseits einigermassen unbequem befand, sich
drüben in Freiheit zu setzen hoffte; dieser Trieb ward genährt durch
wünschenswerte Besitzungen, die man erlangen konnte, ehe sich noch die
Bevölkerung weiter nach Westen verbreitete. Ganze sogenannte Grafschaften
standen noch zu Kauf an der Grenze des bewohnten Landes, auch der Vater unseres
Herrn hatte sich dort bedeutend angesiedelt.
    Wie aber in den Söhnen sich oft ein Widerspruch hervortut gegen väterliche
Gesinnungen und Einrichtungen, so zeigte sich's auch hier. Unser Hausherr, als
Jüngling nach Europa gelangt, fand sich hier ganz anders; diese unschätzbare
Kultur, seit mehreren tausend Jahren entsprungen, gewachsen, ausgebreitet,
gedämpft, gedrückt, nie ganz erdrückt, wieder aufatmend, sich neu belebend, und
nach wie vor in unendlichen Tätigkeiten hervortretend, gab ihm ganz andere
Begriffe, wohin die Menschheit gelangen kann. Er zog vor, an den grossen,
unübersehlichen Vorteilen sein Anteil hinzunehmen und lieber in der grossen,
geregelt tätigen Masse mitwirkend sich zu verlieren, als drüben über dem Meere
um Jahrhunderte verspätet den Orpheus und Lykurg zu spielen; er sagte: »Überall
bedarf der Mensch Geduld, überall muss er Rücksicht nehmen, und ich will mich
doch lieber mit meinem Könige abfinden, dass er mir diese oder jene Gerechtsame
zugestehe, lieber mich mit meinen Nachbarn vergleichen, dass sie mir gewisse
Beschränkungen erlassen, wenn ich ihnen von einer andern Seite nachgebe, als dass
ich mich mit den Irokesen herumschlage, um sie zu vertreiben, oder sie durch
Kontrakte betriege, um sie zu verdrängen aus ihren Sümpfen, wo man von Moskitos
zu Tode gepeinigt wird.«
    Er übernahm die Familiengüter, wusste sie freisinnig zu behandeln, sie
wirtschaftlich einzurichten, weite, unnütz scheinende Nachbardistrikte klüglich
anzuschliessen und so sich innerhalb der kultivierten Welt, die in einem gewissen
Sinne auch gar oft eine Wildnis genannt werden kann, ein mässiges Gebiet zu
erwerben und zu bilden, das für die beschränkten Zustände immer noch utopisch
genug ist.
    Religionsfreiheit ist daher in diesem Bezirk natürlich, der öffentliche
Kultus wird als ein freies Bekenntnis angesehen, dass man in Leben und Tod
zusammengehöre; hiernach aber wird sehr darauf gesehen, dass niemand sich
absondere.
    Man wird in den einzelnen Ansiedelungen mässig grosse Gebäude gewahr; dies ist
der Raum, den der Grundbesitzer jeder Gemeinde schuldig ist; hier kommen die
Ältesten zusammen, um sich zu beraten, hier versammeln sich die Glieder, um
Belehrung und fromme Ermunterung zu vernehmen. Aber auch zu heiterm Ergötzen ist
dieser Raum bestimmt: hier werden die hochzeitlichen Tänze aufgeführt und der
Feiertag mit Musik geschlossen.
    Hierauf kann uns die Natur selbst führen. Bei heiterer Witterung sehen wir
gewöhnlich unter derselben Linde die Ältesten im Rat, die Gemeinde zur Erbauung
und die Jugend im Tanze sich schwenkend. Auf ernstem Lebensgrunde zeigt sich das
Heitere so schön, Ernst und Heiligkeit mässigen die Lust, und nur durch Mässigung
erhalten wir uns.
    Ist die Gemeinde anderes Sinnes und wohlhabend genug, so steht es ihr frei,
verschiedene Baulichkeiten den verschiedenen Zwecken zu widmen.
    Wenn aber dies alles aufs Öffentliche und gemeinsam Sittliche berechnet ist,
so bleibt die eigentliche Religion ein Inneres, ja Individuelles, denn sie hat
ganz allein mit dem Gewissen zu tun, dieses soll erregt, soll beschwichtigt
werden. Erregt, wenn es stumpf, untätig, unwirksam dahinbrütet, beschwichtigt,
wenn es durch reuige Unruhe das Leben zu verbittern droht. Denn es ist ganz nah
mit der Sorge verwandt, die in den Kummer überzugehen droht, wenn wir uns oder
andern durch eigene Schuld ein Übel zugezogen haben.
    Da wir aber zu Betrachtungen, wie sie hier gefordert werden, nicht immer
aufgelegt sind, auch nicht immer aufgeregt sein mögen, so ist hiezu der Sonntag
bestimmt, wo alles, was den Menschen drückt, in religioser, sittlicher,
geselliger, ökonomischer Beziehung, zur Sprache kommen muss.
»Wenn Sie eine Zeitlang bei uns blieben«, sagte Juliette, »so würde auch unser
Sonntag Ihnen nicht missfallen. Übermorgen früh würden Sie eine grosse Stille
bemerken; jeder bleibt einsam und widmet sich einer vorgeschriebenen
Betrachtung. Der Mensch ist ein beschränktes Wesen; unsere Beschränkung zu
überdenken, ist der Sonntag gewidmet. Sind es körperliche Leiden, die wir im
Lebenstaumel der Woche vielleicht gering achteten, so müssen wir am Anfang der
neuen alsobald den Arzt aufsuchen; ist unsere Beschränkung ökonomisch und sonst
bürgerlich, so sind unsere Beamten verpflichtet, ihre Sitzungen zu halten; ist
es geistig, sittlich, was uns verdüstert, so haben wir uns an einen Freund, an
einen Wohldenkenden zu wenden, dessen Rat, dessen Einwirkung zu erbitten: genug,
es ist das Gesetz, dass niemand eine Angelegenheit, die ihn beunruhigt oder
quält, in die neue Woche hinübernehmen dürfe. Von drückenden Pflichten kann uns
nur die gewissenhafteste Ausübung befreien und was gar nicht aufzulösen ist,
überlassen wir zuletzt Gott als dem allbedingenden und allbefreienden Wesen.
Auch der Oheim selbst unterlässt nicht solche Prüfung, es sind sogar Fälle, wo er
mit uns vertraulich über eine Angelegenheit gesprochen hat, die er im Augenblick
nicht überwinden konnte; am meisten aber bespricht er sich mit unserer edlen
Tante, die er von Zeit zu Zeit besuchend angeht. Auch pflegt er Sonntag abends
zu fragen, ob alles rein gebeichtet und abgetan worden. Sie sehen hieraus, dass
wir alle Sorgfalt anwenden, um nicht in Ihren Orden, nicht in die Gemeinschaft
der Entsagenden aufgenommen zu werden.«
    »Es ist ein sauberes Leben!« rief Hersilie; »wenn ich mich alle acht Tage
resigniere, so hab' ich es freilich bei dreihundertundfünfundsechzigen zugute.«
    Vor dem Abschiede jedoch erhielt unser Freund von dem jüngern Beamten ein
Paket mit beiliegendem Schreiben, aus welchem wir folgende Stelle ausheben:
    »Mir will scheinen, dass bei jeder Nation ein anderer Sinn vorwalte, dessen
Befriedigung sie allein glücklich macht, und dies bemerkt man ja schon an
verschiedenen Menschen. Der eine, der sein Ohr mit vollen, anmutig geregelten
Tönen gefüllt, Geist und Seele dadurch angeregt wünscht, dankt er mir's, wenn
ich ihm das trefflichste Gemälde vor Augen stelle? Ein Gemäldefreund will
schauen, er wird ablehnen, durch Gedicht oder Roman seine Einbildungskraft
erregen zu lassen. Wer ist denn so begabt, dass er vielseitig geniessen könne?
    Sie aber, vorübergehender Freund, sind mir als ein solcher erschienen, und
wenn Sie die Nettigkeit einer vornehm reichen französischen Verirrung zu
schätzen wussten, so hoffe ich, Sie werden die einfache, treue Rechtlichkeit
deutscher Zustände nicht verschmähen und mir verzeihen, wenn ich nach meiner Art
und Denkweise, nach Herankommen und Stellung kein anmutigeres Bild finde, als
wie sie uns der deutsche Mittelstand in seinen reinen Häuslichkeiten sehen lässt.
    Lassen Sie sich's gefallen und gedenken mein.«
 
                                 Achtes Kapitel
                             Wer ist der Verräter?
»Nein! nein!« rief er aus, als er heftig und eilig ins angewiesene Schlafzimmer
trat und das Licht niedersetzte; »nein! es ist nicht möglich! Aber wohin soll
ich mich wenden? Das erstemal denk' ich anders als er, das erstemal empfind'
ich, will ich anders. - O mein Vater! Könntest du unsichtbar gegenwärtig sein,
mich durch und durch schauen, du würdest dich überzeugen, dass ich noch derselbe
bin, immer der treue, gehorsame, liebevolle Sohn. - Nein zu sagen! des Vaters
liebstem, lange gehegtem Wunsch zu widerstreben! wie soll ich's offenbaren? wie
soll ich's ausdrücken? Nein, ich kann Julien nicht heiraten. - Indem ich's
ausspreche, erschrecke ich. Und wie soll ich vor ihn treten, es ihm eröffnen,
dem guten, lieben Vater? Er blickt mich staunend an und schweigt, er schüttelt
den Kopf; der einsichtige, kluge, gelehrte Mann weiss keine Worte zu finden. Weh
mir! - O ich wüsste wohl, wem ich diese Pein, diese Verlegenheit vertraute, wen
ich mir zum Fürsprecher ausgriffe! Aus allen dich, Lucinde! und dir möcht' ich
zuerst sagen, wie ich dich liebe, wie ich mich dir hingebe, und dich flehentlich
bitten: Vertritt mich, und kannst du mich lieben, willst du mein sein, so
vertritt uns beide!«
    Dieses kurze, herzlich-leidenschaftliche Selbstgespräch aufzuklären, wird es
aber viele Worte kosten.
    Professor N. zu N. hatte einen einzigen Knaben von wundersamer Schönheit,
den er bis in das achte Jahr der Vorsorge seiner Gattin, der würdigsten Frau,
überliess; diese leitete die Stunden und Tage des Kindes zum Leben, Lernen und zu
allem guten Betragen. Sie starb, und im Augenblicke fühlte der Vater, dass er
diese Sorgfalt persönlich nicht weiter fortsetzen könne. Bisher war alles
Übereinkunft zwischen den Eltern; sie arbeiteten auf einen Zweck, beschlossen
zusammen für die nächste Zeit, was zu tun sei, und die Mutter verstand alles
weislich auszuführen. Doppelt und dreifach war nun die Sorge des Witwers,
welcher wohl wusste und täglich vor Augen sah, dass für Söhne der Professoren auf
Akademien selbst nur durch ein Wunder eine glückliche Bildung zu hoffen sei.
    In dieser Verlegenheit wendete er sich an seinen Freund, den Oberamtmann zu
R., mit dem er schon frühere Plane näherer Familienverbindungen durchgesprochen
hatte. Dieser wusste zu raten und zu helfen, dass der Sohn in eine der guten
Lehranstalten aufgenommen wurde, die in Deutschland blühten und worin für den
ganzen Menschen, für Leib, Seele und Geist, möglichst gesorgt ward.
    Untergebracht war nun der Sohn, der Vater jedoch fand sich gar zu allein:
seiner Gattin beraubt, der lieblichen Gegenwart des Knaben entfremdet, den er,
ohne selbsteigenes Bemühen, so erwünscht heraufgebildet gesehn. Auch hier kam
die Freundschaft des Oberamtmanns zustatten; die Entfernung ihrer Wohnorte
verschwand vor der Neigung, der Lust, sich zu bewegen, sich zu zerstreuen. Hier
fand nun der verwaiste Gelehrte in einem gleichfalls mutterlosen Familienkreis
zwei schöne, verschiedenartig liebenswürdige Töchter heranwachsen; wo denn beide
Väter sich immer mehr und mehr bestärkten in dem Gedanken, in der Aussicht, ihre
Häuser dereinst aufs erfreulichste verbunden zu sehn.
    Sie lebten in einem glücklichen Fürstenlande; der tüchtige Mann war seiner
Stelle lebenslänglich gewiss und ein gewünschter Nachfolger wahrscheinlich. Nun
sollte, nach einem verständigen Familien- und Ministerialplan, sich Lucidor zu
dem wichtigen Posten des künftigen Schwiegervaters bilden. Dies gelang ihm auch
von Stufe zu Stufe. Man versäumte nichts, ihm alle Kenntnisse zu überliefern,
alle Fähigkeiten an ihm zu entwickeln, deren der Staat jederzeit bedarf: die
Pflege des strengen gerichtlichen Rechts, des lässlichern, wo Klugheit und
Gewandteit dem Ausübenden zur Hand geht; der Kalkül zum Tagesgebrauch, die
höheren Übersichten nicht ausgeschlossen, aber alles unmittelbar am Leben, wie
es gewiss und unausbleiblich zu gebrauchen wäre.
    In diesem Sinne hatte Lucidor seine Schuljahre vollbracht und ward nun durch
Vater und Gönner zur Akademie vorbereitet. Er zeigte das schönste Talent zu
allem und verdankte der Natur auch noch das seltene Glück, aus Liebe zum Vater,
aus Ehrfurcht für den Freund seine Fähigkeiten gerade dahin lenken zu wollen,
wohin man deutete, erst aus Gehorsam, dann aus Überzeugung. Auf eine auswärtige
Akademie ward er gesendet und ging daselbst, sowohl nach eigener brieflicher
Rechenschaft als nach Zeugnis seiner Lehrer und Aufseher, den Gang, der ihn zum
Ziele führen sollte. Nur konnte man nicht billigen, dass er in einigen Fällen zu
ungeduldig brav gewesen. Der Vater schüttelte hierüber den Kopf, der Oberamtmann
nickte. Wer hätte sich nicht einen solchen Sohn gewünscht!
    Indessen wuchsen die Töchter heran, Julie und Lucinde. Jene, die jüngere,
neckisch, lieblich, unstät, höchst unterhaltend; die andere zu bezeichnen
schwer, weil sie in Geradheit und Reinheit dasjenige darstellte, was wir an
allen Frauen wünschenswert finden. Man besuchte sich wechselseitig, und im Hause
des Professors fand Julie die unerschöpflichste Unterhaltung.
    Geographie, die er durch Topographie zu beleben wusste, gehörte zu seinem
Fach, und sobald Julie nur einen Band gewahr worden, dergleichen aus der
Homannischen Offizin eine ganze Reihe dastanden, so wurden sämtliche Städte
gemustert, beurteilt, vorgezogen oder zurückgewiesen; alle Häfen besonders
erlangten ihre Gunst; andere Städte, welche nur einigermassen ihren Beifall
erhalten wollten, mussten sich mit viel Türmen, Kuppeln und Minaretten fleissig
hervorheben.
    Der Vater liess sie wochenlang bei dem geprüften Freunde; sie nahm wirklich
zu an Wissenschaft und Einsicht und kannte so ziemlich die bewohnte Welt nach
Hauptbezügen, Punkten und Orten. Auch war sie auf Trachten fremder Nationen sehr
aufmerksam, und wenn ihr Pflegvater manchmal scherzhaft fragte: ob ihr denn von
den vielen jungen, hübschen Leuten, die da vor dem Fenster hin und wider gingen,
nicht einer oder der andere wirklich gefalle? so sagte sie: »Ja freilich, wenn
er recht seltsam aussieht!« - Da nun unsere jungen Studierenden es niemals daran
fehlen lassen, so hatte sie oft Gelegenheit, an einem oder dem andern
teilzunehmen; sie erinnerte sich an ihm irgendeiner fremden Nationaltracht,
versicherte jedoch zuletzt, es müsse wenigstens ein Grieche, völlig nationell
ausstaffiert, herbeikommen, wenn sie ihm vorzügliche Aufmerksamkeit widmen
sollte; deswegen sie sich auch auf die Leipziger Messe wünschte, wo dergleichen
auf der Strasse zu sehen wären.
    Nach seinen trocknen und manchmal verdriesslichen Arbeiten hatte nun unser
Lehrer keine glücklichern Augenblicke, als wenn er sie scherzend unterrichtete
und dabei heimlich triumphierte, sich eine so liebenswürdige, immer
unterhaltene, immer unterhaltende Schwiegertochter zu erziehen. Die beiden Väter
waren übrigens einverstanden, dass die Mädchen nichts von der Absicht vermuten
sollten, auch Lucidorn hielt man sie verborgen.
    So waren Jahre vergangen, wie sie denn gar leicht vergehen: Lucidor stellte
sich dar, vollendet, alle Prüfungen bestehend, selbst zur Freude der obern
Vorgesetzten, die nichts mehr wünschten, als die Hoffnung alter, würdiger,
begünstigter, gunstwerter Diener mit gutem Gewissen erfüllen zu können.
    Und so war denn die Angelegenheit mit ordnungsgemässem Schritt endlich dahin
gediehen, dass Lucidor, nachdem er sich in untergeordneten Stellen musterhaft
betragen, nunmehr einen gar vorteilhaften Sitz nach Verdienst und Wunsch
erlangen sollte, gerade mittewegs zwischen der Akademie und dem Oberamtmann
gelegen.
    Der Vater sprach nunmehr mit dem Sohn von Julien, auf die er bisher nur
hingedeutet hatte, als von dessen Braut und Gattin, ohne weiteren Zweifel und
Bedingung, das Glück preisend, solch ein lebendiges Kleinod sich angeeignet zu
haben. Er sah seine Schwiegertochter im Geiste schon wieder von Zeit zu Zeit bei
sich, mit Karten, Planen und Städtebildern beschäftigt; der Sohn dagegen
erinnerte sich des allerliebsten, heitern Wesens, das ihn zu kindlicher Zeit
durch Neckerei wie durch Freundlichkeit immer ergötzt hatte. Nun sollte Lucidor
zu dem Oberamtmann hinüberreiten, die herangewachsene Schöne näher betrachten,
sich einige Wochen, zu Gewohnheit und Bekanntschaft, mit dem Gesamtause
ergehen. Würden die jungen Leute, wie zu hoffen, bald einig, so sollte man's
melden, der Vater würde sogleich erscheinen, damit ein feierliches Verlöbnis das
gehoffte Glück für ewig sicherstelle.
    Lucidor kommt an, er wird freundlichst empfangen, ein Zimmer ihm angewiesen,
er richtet sich ein und erscheint. Da findet er denn, ausser den uns schon
bekannten Familiengliedern, noch einen halberwachsenen Sohn, verzogen, geradezu,
aber gescheit und gutmütig, so dass, wenn man ihn für den lustigen Rat nehmen
wollte, er gar nicht übel zum Ganzen passte. Dann gehörte zum Haus ein sehr
alter, aber gesunder, frohmütiger Mann, still, fein, klug, auslebend nun hie und
da auszuhelfen. Gleich nach Lucidor kam noch ein Fremder hinzu, nicht mehr jung,
von bedeutendem Ansehn, würdig, lebensgewandt und durch Kenntnis der weitesten
Weltgegenden höchst unterhaltend. Sie hiessen ihn Antoni.
    Julie empfing ihren angekündigten Bräutigam schicklich, aber zuvorkommend,
Lucinde dagegen machte die Ehre des Hauses wie jene ihrer Person. So verging der
Tag ausgezeichnet angenehm für alle, nur für Lucidorn nicht; er, ohnehin
schweigsam, musste von Zeit zu Zeit, um nicht gar zu verstummen, sich fragend
verhalten; wobei denn niemand zum Vorteil erscheint.
    Zerstreut war er durchaus: denn er hatte vom ersten Augenblick an nicht
Abneigung noch Widerwillen, aber Entfremdung gegen Julien gefühlt; Lucinde
dagegen zog ihn an, dass er zitterte, wenn sie ihn mit ihren vollen, reinen,
ruhigen Augen ansah.
    So bedrängt, erreichte er den ersten Abend sein Schlafzimmer und ergoss sich
in jenem Monolog, mit dem wir begonnen haben. Um aber auch diesen zu erklären,
und wie die Heftigkeit einer solchen Redefülle zu demjenigen passt, was wir schon
von ihm wissen, wird eine kurze Mitteilung nötig.
    Lucidor war von tiefem Gemüt und hatte meist etwas anders im Sinn, als was
die Gegenwart erheischte; deswegen Unterhaltung und Gespräch ihm nie recht
glücken wollte; er fühlte das und wurde schweigsam, ausser wenn von bestimmten
Fächern die Rede war, die er durchstudiert hatte, davon ihm jederzeit zu
Diensten stand, was er bedurfte. Dazu kam, dass er, früher auf der Schule, später
auf der Universität, sich an Freunden betrogen und seinen Herzenserguss
unglücklich vergeudet hatte; jede Mitteilung war ihm daher bedenklich; Bedenken
aber hebt jede Mitteilung auf. Zu seinem Vater war er nur gewohnt unisono zu
sprechen, und sein volles Herz ergoss sich daher in Monologen, sobald er allein
war.
    Den andern Morgen hatte er sich zusammengenommen und wäre doch beinahe ausser
Fassung geruckt, als ihm Julie noch freundlicher, heiterer und freier
entgegenkam. Sie wusste viel zu fragen, nach seinen Land- und Wasserfahrten, wie
er, als Student, mit dem Bündelchen auf'm Rücken die Schweiz durchstreift und
durchstiegen, ja über die Alpen gekommen. Da wollte sie nun von der schönen
Insel auf dem grossen südlichen See vieles wissen; rückwärts aber musste der
Rhein, von seinem ersten Ursprung an, erst durch höchst unerfreuliche Gegenden
begleitet werden, und so hinabwärts durch manche Abwechselung; wo es denn
freilich zuletzt, zwischen Mainz und Koblenz, noch der Mühe wert ist, den Fluss
ehrenvoll aus seiner letzten Beschränkung in die weite Welt, ins Meer zu
entlassen.
    Lucidor fühlte sich hiebei sehr erleichtert, erzählte gern und gut, so dass
Julie entzückt ausrief: so was müsse man selbander sehen. Worüber denn Lucidor
abermals erschrak, weil er darin eine Anspielung auf ihr gemeinsames Wandern
durchs Leben zu spüren glaubte.
    Von seiner Erzählerpflicht jedoch wurde er bald abgelöst; denn der Fremde,
den sie Antoni hiessen, verdunkelte gar geschwind alle Bergquellen, Felsufer,
eingezwängte, freigelassene Flüsse: nun hier ging's unmittelbar nach Genua;
Livorno lag nicht weit, das Interessanteste im Lande nahm man auf den Raub so
mit; Neapel musste man, ehe man stürbe, gesehen haben, dann aber blieb freilich
Konstantinopel noch übrig, das doch auch nicht zu versäumen sei. Die
Beschreibung, die Antoni von der weiten Welt machte, riss die Einbildungskraft
aller mit sich fort, ob er gleich weniger Feuer darein zu legen hatte. Julie,
ganz ausser sich, war aber noch keineswegs befriedigt, sie fühlte noch Lust nach
Alexandrien, Kairo, besonders aber zu den Pyramiden, von denen sie ziemlich
auslangende Kenntnisse durch ihres vermutlichen Schwiegervaters Unterricht
gewonnen hatte.
    Lucidor, des nächsten Abends (er hatte kaum die Türe angezogen, das Licht
noch nicht niedergesetzt), rief aus: »Nun besinne dich denn! es ist Ernst. Du
hast viel Ernstes gelernt und durchdacht; was soll denn Rechtsgelehrsamkeit,
wenn du jetzt nicht gleich als Rechtsmann handelst? Siehe dich als einen
Bevollmächtigten an, vergiss dich selbst und tue, was du für einen andern zu tun
schuldig wärst. Es verschränkt sich aufs fürchterlichste! Der Fremde ist
offenbar um Lucindes willen da, sie bezeigt ihm die schönsten, edelsten
gesellig-häuslichen Aufmerksamkeiten; die kleine Närrin möchte mit jedem durch
die Welt laufen, für nichts und wieder nichts. Überdies noch ist sie ein Schalk,
ihr Anteil an Städten und Ländern ist eine Posse, wodurch sie uns zum Schweigen
bringt. Warum aber seh' ich diese Sache so verwirrt und verschränkt an? Ist der
Oberamtmann nicht selbst der verständigste, der einsichtigste, liebevollste
Vermittler? Du willst ihm sagen, wie du fühlst und denkst, und er wird
mitdenken, wenn auch nicht mitfühlen. Er vermag alles über den Vater. Und ist
nicht eine wie die andere seine Tochter? Was will denn der Anton Reiser mit
Lucinden, die für das Haus geboren ist, um glücklich zu sein und Glück zu
schaffen? hefte sich doch das zapplige Quecksilber an den ewigen Juden, das wird
eine allerliebste Partie werden.«
    Des Morgens ging Lucidor festen Entschlusses hinab, mit dem Vater zu
sprechen und ihn deshalb in bekannten freien Stunden unverzüglich anzugehn. Wie
gross war sein Schmerz, seine Verlegenheit, als er vernahm: der Oberamtmann, in
Geschäften verreist, werde erst übermorgen zurückerwartet. Julie schien heute so
recht ganz ihren Reisetag zu haben, sie hielt sich an den Weltwanderer und
überliess mit einigen Scherzreden, die sich auf Häuslichkeit bezogen, Lucidor an
Lucinden. Hatte der Freund vorher das edle Mädchen aus gewisser Ferne gesehen,
nach einem allgemeinen Eindruck, und sie sich schon herzlichst angeeignet, so
musste er in der nächsten Nähe alles doppelt und dreifach entdecken, was ihn erst
im allgemeinen anzog.
    Der gute alte Hausfreund, an der Stelle des abwesenden Vaters, tat sich nun
hervor; auch er hatte gelebt, geliebt und war, nach manchen Quetschungen des
Lebens, noch endlich an der Seite des Jugendfreundes aufgefrischt und
wohlbehalten. Er belebte das Gespräch und verbreitete sich besonders über
Verirrungen in der Wahl eines Gatten, erzählte merkwürdige Beispiele von
zeitiger und verspäteter Erklärung. Lucinde erschien in ihrem völligen Glanze,
sie gestand, dass im Leben das Zufällige jeder Art, und so auch in Verbindungen,
das Allerbeste bewirken könne; doch sei es schöner, herzerhebender, wenn der
Mensch sich sagen dürfe: er sei sein Glück sich selbst, der stillen, ruhigen
Überzeugung seines Herzens, einem edlen Vorsatz und raschen Entschlusse schuldig
geworden. Lucidorn standen die Tränen in den Augen, als er Beifall gab, worauf
die Frauenzimmer sich bald entfernten. Der alte Vorsitzende mochte sich in
Wechselgeschichten gern ergehen, und so verbreitete sich die Unterhaltung in
heitere Beispiele, die jedoch unsern Helden so nahe berührten, dass nur ein so
rein gebildeter Jüngling nicht herauszubrechen über sich gewinnen konnte; das
geschah aber, als er allein war.
    »Ich habe mich gehalten!« rief er aus. »Mit solcher Verwirrung will ich
meinen guten Vater nicht kränken; ich habe an mich gehalten: denn ich sehe in
diesem würdigen Hausfreunde den Stellvertretenden beider Väter; zu ihm will ich
reden, ihm alles entdecken, er wird's gewiss vermitteln und hat beinahe schon
ausgesprochen, was ich wünsche. Sollte er im einzelnen Falle schelten, was er
überhaupt billigt? Morgen früh such' ich ihn auf; ich muss diesem Drange Luft
machen.«
    Beim Frühstück fand sich der Greis nicht ein; er hatte, hiess es, gestern
abend zu viel gesprochen, zu lange gesessen und einige Tropfen Wein über
Gewohnheit getrunken. Man erzählte viel zu seinem Lobe, und zwar gerade solche
Reden und Handlungen, die Lucidorn zur Verzweiflung brachten, dass er sich nicht
sogleich an ihn gewendet. Dieses unangenehme Gefühl ward nur noch geschärft, als
er vernahm: bei solchen Anfällen lasse der gute Alte sich manchmal in acht Tagen
gar nicht sehen.
    Ein ländlicher Aufentalt hat für geselliges Zusammensein gar grosse
Vorteile, besonders wenn die Bewirtenden sich, als denkende, fühlende Personen,
mehrere Jahre veranlasst gefunden, der natürlichen Anlage ihrer Umgebung zu Hülfe
zu kommen. So war es hier geglückt. Der Oberamtmann, erst unverheiratet, dann in
einer langen, glücklichen Ehe, selbst vermögend, an einem einträglichen Posten,
hatte nach eignem Blick und Einsicht, nach Liebhaberei seiner Frau, ja zuletzt
nach Wünschen und Grillen seiner Kinder erst grössere und kleinere abgesonderte
Anlagen besorgt und begünstigt, welche, mit Gefühl allmählich durch Pflanzungen
und Wege verbunden, eine allerliebste, verschiedentlich abweichende,
charakteristische Szenenfolge dem Durchwandelnden darstellten. Eine solche
Wallfahrt liessen denn auch unsere jungen Familienglieder ihren Gast antreten,
wie man seine Anlagen dem Fremden gerne vorzeigt, damit er das, was uns
gewöhnlich geworden, auffallend erblicke und den günstigen Eindruck davon für
immer behalte.
    Die nächste so wie die fernere Gegend war zu bescheidenen Anlagen und
eigentlich ländlichen Einzelnheiten höchst geeignet. Fruchtbare Hügel wechselten
mit wohlbewässerten Wiesengründen, so dass das Ganze von Zeit zu Zeit zu sehen
war, ohne flach zu sein; und wenn Grund und Boden vorzüglich dem Nutzen gewidmet
erschien, so war doch das Anmutige, das Reizende nicht ausgeschlossen.
    An die Haupt- und Wirtschaftsgebäude fügten sich Lust-, Obst- und
Grasgärten, aus denen man sich unversehens in ein Hölzchen verlor, das ein
breiter, fahrbarer Weg auf und ab, hin und wider durchschlängelte. Hier in der
Mitte war, auf der bedeutendsten Höhe, ein Saal erbaut, mit anstossenden
Gemächern. Wer zur Haupttüre hereintrat, sah im grossen Spiegel die günstigste
Aussicht, welche die Gegend nur gewähren mochte, und kehrte sich geschwind
wieder um, an der Wirklichkeit von dem unerwarteten Bilde Erholung zu nehmen:
denn das Herankommen war künstlich genug eingerichtet und alles klüglich
verdeckt, was Überraschung bewirken sollte. Niemand trat herein, ohne dass er von
dem Spiegel zur Natur und von der Natur zum Spiegel sich nicht gern hin und
wider gewendet hätte.
    Am schönsten, heitersten, längsten Tage einmal auf dem Wege, hielt man einen
sinnigen Flurzug um und durch das Ganze. Hier wurde das Abendplätzchen der guten
Mutter bezeichnet, wo eine herrliche Buche rings umher sich freien Raum gehalten
hatte. Bald nachher wurde Lucindens Morgenandacht von Julien halb neckisch
angedeutet, in der Nähe eines Wässerchens zwischen Pappeln und Erlen, an
hinabstreichenden Wiesen, hinaufziehenden Äckern. Es war nicht zu beschreiben,
wie hübsch! schon überall glaubte man es gesehen zu haben, aber nirgends in
seiner Einfalt so bedeutend und so willkommen. Dagegen zeigte der Junker, auch
halb wider Willen Juliens, die kleinlichen Lauben und kindischen
Gärtchenanstalten, die, nächst einer vertraulich gelegenen Mühle, kaum noch zu
bemerken; sie schrieben sich aus einer Zeit her, wo Julie, etwa in ihrem zehnten
Jahre, sich in den Kopf gesetzt hatte, Müllerin zu werden und, nach dem Abgang
der beiden alten Leute, selbst einzutreten und sich einen braven Mühlknappen
auszusuchen.
    »Das war zu einer Zeit«, rief Julie, »wo ich noch nichts von Städten wusste,
die an Flüssen liegen, oder gar am Meer, von Genua nichts u.s.w. Ihr guter
Vater, Lucidor, hat mich bekehrt, seit der Zeit komm' ich nicht leicht hierher.«
Sie setzte sich neckisch auf ein Bänkchen, das sie kaum noch trug, unter einen
Holunderstrauch, der sich zu tief gebeugt hatte. »Pfui übers Hocken!« rief sie,
sprang auf und lief mit dem lustigen Bruder voran.
    Das zurückgebliebene Paar unterhielt sich verständig, und in solchen Fällen
nähert sich der Verstand auch wohl dem Gefühl. Abwechselnd einfache, natürliche
Gegenstände zu durchwandern, mit Ruhe zu betrachten, wie der verständige, kluge
Mensch ihnen etwas abzugewinnen weiss, wie die Einsicht ins Vorhandene, zum
Gefühl seiner Bedürfnisse sich gesellend, Wunder tut, um die Welt erst bewohnbar
zu machen, dann zu bevölkern und endlich zu übervölkern, das alles konnte hier
im einzelnen zur Sprache kommen. Lucinde gab von allem Rechenschaft und konnte,
so bescheiden sie war, nicht verbergen, dass die bequemlich angenehmen
Verbindungen entfernter Partien ihr Werk seien, unter Angabe, Leitung oder
Vergünstigung einer verehrten Mutter.
    Da sich aber denn doch der längste Tag endlich zum Abend bequemt, so musste
man auf Rückkehr denken, und als man auf einen angenehmen Umweg sann, verlangte
der lustige Bruder: man solle den kürzern, obgleich nicht erfreulichen, wohl gar
beschwerlichern Weg einschlagen.
    »Denn«, rief er aus, »ihr habt mit euren Anlagen und Anschlägen geprahlt,
wie ihr die Gegend für malerische Augen und für zärtliche Herzen verschönert und
verbessert; lasst mich aber auch zu Ehren kommen.«
    Nun musste man über geackerte Stellen und holprichte Pfade, ja wohl auch auf
zufällig hingeworfenen Steinen über Moorflecke wandern und sah, schon in einer
gewissen Ferne, allerlei Maschinenwerk verworren aufgetürmt. Näher betrachtet,
war ein grosser Lust-und Spielplatz, nicht ohne Verstand, mit einem gewissen
Volkssinn eingerichtet. Und so standen hier, in gehörigen Entfernungen
zusammengeordnet, das grosse Schaukelrad, wo die Auf- und Absteigenden immer
gleich horizontal ruhig sitzenbleiben, andere Schaukeleien, Schwungseile,
Lustebel, Kegel- und Zellenbahnen, und was nur alles erdacht werden kann, um
auf einem grossen Triftraum eine Menge Menschen verschiedentlichst und
gleichmässig zu beschäftigen und zu erlustigen. »Dies«, rief er aus, »ist meine
Erfindung, meine Anlage! und obgleich der Vater das Geld und ein gescheiter Kerl
den Kopf dazu hergab, so hätte doch ohne mich, den ihr oft unvernünftig nennt,
Verstand und Geld sich nicht zusammengefunden.«
    So heiter gestimmt kamen alle vier mit Sonnenuntergang wieder nach Hause.
Antoni fand sich ein; die Kleine jedoch, die an diesem bewegten Tage noch nicht
genug hatte, liess einspannen und fuhr über Land zu einer Freundin, in
Verzweiflung, sie seit zwei Tagen nicht gesehen zu haben. Die vier
Zurückgebliebenen fühlten sich verlegen, ehe man sich's versah, und es ward
sogar ausgesprochen, dass des Vaters Ausbleiben die Angehörigen beunruhige. Die
Unterhaltung fing an zu stocken, als auf einmal der lustige Junker aufsprang und
gar bald mit einem Buche zurückkam, sich zum Vorlesen erbietend. Lucinde
entielt sich nicht zu fragen, wie er auf den Einfall komme, den er seit einem
Jahre nicht gehabt; worauf er munter versetzte: »Mir fällt alles zur rechten
Zeit ein, dessen könnt ihr euch nicht rühmen.« Er las eine Folge echter Märchen,
die den Menschen aus sich selbst hinausführen, seinen Wünschen schmeicheln und
ihn jede Bedingung vergessen machen, zwischen welche wir, selbst in den
glücklichsten Momenten, doch immer noch eingeklemmt sind.
    »Was beginne ich nun!« rief Lucidor, als er sich endlich allein fand: »die
Stunde drängt; zu Antoni hab' ich kein Vertrauen, er ist weltfremd, ich weiss
nicht, wer er ist, wie er ins Haus kommt, noch was er will; um Lucinden scheint
er sich zu bemühen, und was könnte ich daher von ihm hoffen? Mir bleibt nichts
übrig, als Lucinden selbst anzugehn; sie muss es wissen, sie zuerst. Dies war ja
mein erstes Gefühl; warum lassen wir uns auf Klugheitswege verleiten! Das Erste
soll nun das Letzte sein, und ich hoffe, zum Ziel zu gelangen.«
    Sonnabend morgen ging Lucidor, zeitig angekleidet, in seinem Zimmer auf und
ab, was er Lucinden zu sagen hätte hin und her bedenkend, als er eine Art von
scherzhaftem Streit vor seiner Türe vernahm, die auch alsobald aufging. Da schob
der lustige Junker einen Knaben vor sich hin, mit Kaffee und Backwerk für den
Gast; er selbst trug kalte Küche und Wein. »Du sollst vorangehen«, rief der
Junker, »denn der Gast muss zuerst bedient werden, ich bin gewohnt, mich selbst
zu bedienen. Mein Freund! heute komme ich etwas früh und tumultuarisch; geniessen
wir unser Frühstück in Ruhe, und dann wollen wir sehen, was wir anfangen: denn
von der Gesellschaft haben wir wenig zu hoffen. Die Kleine ist von ihrer
Freundin noch nicht zurück; diese müssen gegeneinander wenigstens alle vierzehn
Tage ihr Herz ausschütten, wenn es nicht springen soll. Sonnabend ist Lucinde
ganz unbrauchbar, sie liefert dem Vater pünktlich ihre Haushaltungsrechnung; da
hab' ich mich auch einmischen sollen, aber Gott bewahre mich! Wenn ich weiss, was
eine Sache kostet, so schmeckt mir kein Bissen. Gäste werden auf morgen
erwartet, der Alte hat sich noch nicht wieder ins Gleichgewicht gestellt, Antoni
ist auf die Jagd, wir wollen das gleiche tun.« Flinten, Taschen und Hunde waren
bereit, als sie in den Hof kamen, und nun ging es an den Feldern weg, wo denn
doch allenfalls ein junger Hase und ein armer, gleichgültiger Vogel geschossen
wurde. Indessen besprach man sich von häuslichen und gegenwärtig geselligen
Verhältnissen. Antoni ward genannt, und Lucidor verfehlte nicht, sich nach ihm
näher zu erkundigen. Der lustige Junker, mit einiger Selbstgefälligkeit,
versicherte: jenen wunderlichen Mann, so geheimnisvoll er auch tue, habe er
schon durch und durch geblickt. »Er ist«, fuhr er fort, »gewiss der Sohn aus
einem reichen Handelshause, das gerade in dem Augenblick fallierte, als er, in
der Fülle seiner Jugend, teil an grossen Geschäften mit Kraft und Munterkeit zu
nehmen, daneben aber die sich reichlich darbietenden Genüsse zu teilen gedachte.
Von der Höhe seiner Hoffnungen heruntergestürzt, raffte er sich zusammen und
leistete, andern dienend, dasjenige was er für sich und die Seinigen nicht mehr
bewirken konnte. So durchreiste er die Welt, lernte sie und ihren
wechselseitigen Verkehr aufs genaueste kennen und vergass dabei seines Vorteils
nicht. Unermüdete Tätigkeit und erprobte Rechtlichkeit brachten und erhielten
ihm von vielen ein unbedingtes Vertrauen. So erwarb er sich allerorten Bekannte
und Freunde, ja es lässt sich gar wohl merken, dass sein Vermögen so weit in der
Welt umher verteilt ist, als seine Bekanntschaft reicht, weshalb denn auch seine
Gegenwart in allen vier Teilen der Welt von Zeit zu Zeit nötig ist.«
    Umständlicher und naiver hatte dies der lustige Junker erzählt und so manche
possenhafte Bemerkung eingeschlossen, eben als wenn er sein Märchen recht
weitläufig auszuspinnen gedächte.
    »Wie lange steht er nicht schon mit meinem Vater in Verbindung! Die meinen,
ich sehe nichts, weil ich mich um nichts bekümmere; aber eben deswegen seh'
ich's nur desto besser, weil mich's nichts angeht. Vieles Geld hat er bei meinem
Vater niedergelegt, der es wieder sicher und vorteilhaft unterbrachte. Erst
gestern steckte er dem Alten ein Juwelenkästchen zu; einfacher, schöner und
kostbarer hab' ich nichts gesehen, obgleich nur mit einem Blick, denn es wird
verheimlicht. Wahrscheinlich soll es der Braut zu Vergnügen, Lust und künftiger
Sicherheit verehrt werden. Antoni hat sein Zutrauen auf Lucinden gesetzt! Wenn
ich sie aber so zusammen sehe, kann ich sie nicht für ein wohl assortiertes Paar
halten. Die Ruschliche wäre besser für ihn, ich glaube auch, sie nimmt ihn
lieber als die Älteste; sie blickt auch wirklich manchmal nach dem alten
Knasterbart so munter und teilnehmend hinüber, als wenn sie sich mit ihm in den
Wagen setzen und auf und davon fliegen wolle.« Lucidor fasste sich zusammen; er
wusste nicht, was zu erwidern wäre, alles, was er vernahm, hatte seinen
innerlichen Beifall. Der Junker fuhr fort: »Überhaupt hat das Mädchen eine
verkehrte Neigung zu alten Leuten; ich glaube, sie hätte Ihren Vater so frisch
weg geheiratet wie den Sohn.«
    Lucidor folgte seinem Gefährten, wo ihn dieser auch über Stock und Stein
hinführte; beide vergassen die Jagd, die ohnehin nicht ergiebig sein konnte. Sie
kehrten auf einem Pachtofe ein, wo, gut aufgenommen, der eine Freund sich mit
Essen, Trinken und Schwätzen unterhielt, der andere aber in Gedanken und
Überlegungen sich versenkte, wie er die gemachte Entdeckung für sich und seinen
Vorteil benutzen möchte.
    Lucidor hatte nach allen diesen Erzählungen und Eröffnungen so viel
Vertrauen zu Antoni gewonnen, dass er gleich beim Eintritt in den Hof nach ihm
fragte und in den Garten eilte, wo er zu finden sein sollte. Er durchstrich die
sämtlichen Gänge des Parks bei heiterer Abendsonne; umsonst! Nirgends keine
Seele war zu sehen; endlich trat er in die Türe des grossen Saals, und, wundersam
genug, die untergehende Sonne, aus dem Spiegel zurückscheinend, blendete ihn
dergestalt, dass er die beiden Personen, die auf dem Kanapee sassen, nicht
erkennen, wohl aber unterscheiden konnte, dass einem Frauenzimmer von einer neben
ihr sitzenden Mannsperson die Hand sehr feurig geküsst wurde. Wie gross war daher
sein Entsetzen, als er bei hergestellter Augenruhe Lucinden und Antoni vor sich
sah. Er hätte versinken mögen, stand aber wie angewurzelt, als ihn Lucinde
freundlichst und unbefangen willkommen hiess, zuruckte und ihn bat, zu ihrer
rechten Seite zu sitzen: Unbewusst liess er sich nieder, und wie sie ihn anredete,
nach dem heutigen Tage sich erkundigte, Vergebung bat häuslicher Abhaltungen, da
konnte er ihre Stimme kaum ertragen. Antoni stand auf und empfahl sich Lucinden;
als sie, sich gleichfalls erhebend, den Zurückgebliebenen zum Spaziergang
einlud. Neben ihr hergehend, war er schweigsam und verlegen; auch sie schien
beunruhigt; und wenn er nur einigermassen bei sich gewesen wäre, so hätte ihm ein
tiefes Atemholen verraten müssen, dass sie herzliche Seufzer zu verbergen habe.
Sie beurlaubte sich zuletzt, als sie sich dem Hause näherten, er aber wandte
sich, erst langsam, dann heftig, gegen das Freie. Der Park war ihm zu eng, er
eilte durchs Feld, nur die Stimme seines Herzens vernehmend, ohne Sinn für die
Schönheiten des vollkommensten Abends. Als er sich allein sah und seine Gefühle
sich im beruhigenden Tränenerguss Luft machten, rief er aus:
    »Schon einigemal im Leben, aber nie so grausam hab' ich den Schmerz
empfunden, der mich nun ganz elend macht: wenn das gewünschteste Glück endlich
Hand in Hand, Arm in Arm zu uns tritt und zugleich sein Scheiden für ewig
ankündet. Ich sass bei ihr, ging neben ihr, das bewegte Kleid berührte mich, und
ich hatte sie schon verloren! Zähle dir das nicht vor, drösele dir's nicht auf,
schweig und entschliesse dich!«
    Er hatte sich selbst den Mund verboten, er schwieg und sann, durch Felder,
Wiesen und Busch, nicht immer auf den wegsamsten Pfaden hinschreitend. Nur als
er spät in sein Zimmer trat, hielt er sich nicht und rief: »Morgen früh bin ich
fort, solch einen Tag will ich nicht wieder erleben!«
    Und so warf er sich angekleidet aufs Lager. - Glückliche, gesunde Jugend! Er
schlief schon; die abmüdende Bewegung des Tages hatte ihm die süsse Nachtruhe
verdient. Aus tröstlichen Morgenträumen jedoch weckte ihn die allerfrühste
Sonne; es war eben der längste Tag, der ihm überlang zu werden drohte. Wenn er
die Anmut des beruhigenden Abendgestirns gar nicht empfunden, so fühlte er die
aufregende Schönheit des Morgens nur, um zu verzweifeln. Er sah die Welt so
herrlich als je, seinen Augen war sie es noch; sein Inneres aber widersprach:
das gehörte ihm alles nicht mehr an, er hatte Lucinden verloren.
 
                                Neuntes Kapitel
Der Mantelsack war schnell gepackt, den er wollte liegenlassen; keinen Brief
schrieb er dazu, nur mit wenig Worten sollte sein Ausbleiben vom Tisch,
vielleicht auch vom Abend, durch den Reitknecht entschuldigt werden, den er
ohnehin aufwecken musste. Diesen aber fand er unten, schon vor dem Stalle, mit
grossen Schritten auf und ab gehend. »Sie wollen doch nicht reiten?« rief der
sonst gutmütige Mensch mit einigem Verdruss. »Ihnen darf ich es wohl sagen, aber
der junge Herr wird alle Tage unerträglicher. Hatte er sich doch gestern in der
Gegend herumgetrieben, dass man glauben sollte, er danke Gott, einen
Sonntagmorgen zu ruhen. Kommt er nicht heute frühe vor Tag, rumort im Stalle,
und wie ich aufspringe, sattelt und zäumt er Ihr Pferd, ist durch keine
Vorstellung abzuhalten; er schwingt sich drauf und ruft: Bedenke nur das gute
Werk, das ich tue! Dies Geschöpf geht immer nur gelassen einen juristischen
Trab, ich will sehen, dass ich ihn zu einem raschen Lebensgalopp anrege. Er sagte
ungefähr so und verführte andere wunderliche Reden.«
    Lucidor war doppelt und dreifach betroffen, er liebte das Pferd, als seinem
eigenen Charakter, seiner Lebensweise zusagend; ihn verdross, das gute,
verständige Geschöpf in den Händen eines Wildfangs zu wissen. Sein Plan war
zerstört, seine Absicht, zu einem Universitätsfreunde, mit dem er in froher,
herzlicher Verbindung gelebt, in dieser Krise zu flüchten. Das alte Zutrauen war
erwacht, die dazwischenliegenden Meilen wurden nicht gerechnet, er glaubte schon
bei dem wohlwollenden, verständigen Freunde Rat und Linderung zu finden. Diese
Aussicht war nun abgeschnitten; doch sie war's nicht, wenn er es wagte, auf
frischen Wanderfüssen, die ihm zu Gebote standen, sein Ziel zu erreichen.
    Vor allen Dingen suchte er nun aus dem Park ins freie Feld, auf den Weg, der
ihn zum Freunde führen sollte, zu gelangen. Er war seiner Richtung nicht ganz
gewiss, als ihm, linker Hand, über dem Gebüsch hervorragend, auf wunderlichem
Zimmerwerk die Einsiedelei, aus der man ihm früher ein Geheimnis gemacht hatte,
in die Augen fiel und er, jedoch zu seiner grössten Verwunderung, auf der Galerie
unter dem chinesischen Dache den guten Alten, der einige Tage für krank gehalten
worden, munter um sich blickend erschaute. Dem freundlichsten Grusse, der
dringenden Einladung heraufzukommen widerstand Lucidor mit Ausflüchten und
eiligen Gebärden. Nur Teilnahme für den guten Alten, der, die steile Treppe
schwankenden Tritts heruntereilend, herabzustürzen drohte, konnte ihn vermögen,
entgegenzugehen und sodann sich hinaufziehen zu lassen. Mit Verwunderung betrat
er das anmutige Sälchen: es hatte nur drei Fenster gegen das Land, eine
allerliebste Aussicht; die übrigen Wände waren verziert oder vielmehr verdeckt
von hundert und aber hundert Bildnissen, in Kupfer gestochen, allenfalls auch
gezeichnet, auf die Wand nebeneinander in gewisser Ordnung aufgeklebt, durch
farbige Säume und Zwischenräume gesondert.
    »Ich begünstige Sie, mein Freund, wie nicht jeden; dies ist das Heiligtum,
in dem ich meine letzten Tage vergnüglich zubringe. Hier erhol' ich mich von
allen Fehlern, die mich die Gesellschaft begehen lässt, hier bring' ich meine
Diätfehler wieder ins Gleichgewicht.«
    Lucidor besah sich das Ganze, und in der Geschichte wohl erfahren, sah er
alsbald klar, dass eine historische Neigung zugrunde liege.
    »Hier oben in der Friese«, sagte der Alte, »finden Sie die Namen
vortrefflicher Männer aus der Urzeit, dann aus der näheren auch nur die Namen,
denn wie sie ausgesehen, möchte schwerlich auszumitteln sein. Hier aber im
Hauptfelde geht eigentlich mein Leben an, hier sind die Männer, die ich noch
nennen gehört als Knabe. Denn etwa funfzig Jahre bleibt der Name vorzüglicher
Menschen in der Erinnerung des Volks, weiterhin verschwindet er oder wird
märchenhaft. - Obgleich von deutschen Eltern, bin ich in Holland geboren, und
für mich ist Wilhelm von Oranien, als Stattalter und König von England, der
Urvater aller ausserordentlichen Männer und Helden.
    Nun sehen Sie aber Ludwig den Vierzehnten gleich neben ihm, als welcher« -
wie gern hätte Lucidor den guten Alten unterbrochen, wenn es sich geschickt
hätte, wie es sich uns, den Erzählenden, wohl ziemen mag: denn ihn bedrohte die
neue und neueste Geschichte, wie sich an den Bildern Friedrichs des Grossen und
seiner Generale, nach denen er hinschielte, gar wohl bemerken liess.
    Ehrte nun auch der gute Jüngling die lebendige Teilnahme des Alten an seiner
nächsten Vor- und Mitzeit, konnten ihm einzelne individuelle Züge und Ansichten
als interessant nicht entgehen, so hatte er doch auf Akademien schon die neuere
und neueste Geschichte gehört, und was man einmal gehört hat, glaubt man für
immer zu wissen. Sein Sinn stand in die Ferne, er hörte nicht, er sah kaum und
war eben im Begriff, auf die ungeschickteste Weise zur Türe hinaus und die
lange, fatale Treppe hinunter zu poltern, als ein Händeklatschen von unten
heftig zu vernehmen war.
    Indessen sich Lucidor zurückhielt, fuhr der Kopf des Alten zum Fenster
hinaus, und von unten ertönte eine wohlbekannte Stimme: »Kommen Sie herunter,
um's Himmels willen, aus Ihrem historischen Bildersaal, alter Herr! Schliessen
Sie Ihre Fasten und helfen mir unsern jungen Freund begütigen - wenn er's
erfährt. Lucidors Pferd hab' ich etwas unvernünftig angegriffen, es hat ein
Eisen verloren, und ich musste es stehen lassen. Was wird er sagen? Es ist doch
gar zu absurd, wenn man absurd ist.«
    »Kommen Sie herauf!« sagte der Alte und wendete sich herein zu Lucidor:
»Nun, was sagen Sie?« Lucidor schwieg, und der wilde Junker trat herein. Das
Hin- und Widerreden gab eine lange Szene; genug, man beschloss, den Reitknecht
sogleich hinzuschicken, um für das Pferd Sorge zu tragen.
    Den Greis zurücklassend, eilten beide jungen Leute nach dem Hause, wohin
sich Lucidor nicht ganz unwillig ziehen liess; es mochte daraus werden, was
wollte, wenigstens war in diesen Mauern der einzige Wunsch seines Herzens
eingeschlossen. In solchem verzweifelten Falle vermissen wir ohnehin den
Beistand unseres freien Willens und fühlen uns erleichtert für einen Augenblick,
wenn von irgendwoher Bestimmung und Nötigung eingreift. Jedoch fand er sich, da
er sein Zimmer betrat, in dem wunderlichsten Zustande eben als wenn jemand in
ein Gastofsgemach, das er soeben verliess, unerwünscht wieder einzukehren
genötigt ist, weil ihm eine Achse gebrochen.
    Der lustige Junker machte sich nun über den Mantelsack um alles recht
ordentlich auszupacken, vorzüglich legte er zusammen, was von festlichen
Kleidungsstücken, obgleich reisemässig, vorhanden war; er nötigte Lucidorn, Schuh
und Strümpfe anzuziehen, richtete dessen vollkrause, braune Locken zurecht und
putzte ihn aufs beste heraus. Sodann rief er hinwegtretend, unsern Freund und
sein Machwerk vom Kopf bis zum Fusse beschauend: »Nun seht Ihr doch Freundchen,
einem Menschen gleich, der einigen Anspruch auf hübsche Kinder macht, und
ernstaft genug dabei, um sich nach einer Braut umzusehn. Nur einen Augenblick!
und Ihr sollt erfahren, wie ich mich hervorzutun weiss, wenn die Stunde schlägt.
Das hab' ich Offizieren abgelernt, nach denen die Mädchen immer schielen, und da
hab' ich mich zu einer gewissen Soldateska selbst enrolliert, und nun sehen sie
mich auch an und wieder an, weil keine weiss, was sie aus mir machen soll. Da
entsteht nun aus dem Hin-und Hersehen, aus Verwunderung und Aufmerksamkeit oft
etwas gar Artiges, das, wär' es auch nicht dauerhaft, doch wert ist, dass man ihm
den Augenblick gönne.
    Aber nun kommen Sie, Freund, und erweisen mir den gleichen Dienst! Wenn Sie
mich Stück für Stück in meine Hülle schlüpfen sehen, so werden Sie Witz und
Erfindungsgabe dem leichtfertigen Knaben nicht absprechen.«
    Nun zog er den Freund mit sich fort, durch lange, weitläufige Gänge des
alten Schlosses. »Ich habe mich«, rief er aus, »ganz hinten hingebettet. Ohne
mich verbergen zu wollen, bin ich gern allein: denn man kann's den andern doch
nicht recht machen.«
    Sie kamen an der Kanzlei vorbei, eben als ein Diener heraustrat und ein
Urvater-Schreibzeug, schwarz, gross und vollständig, heraustrug; Papier war auch
nicht vergessen.
    »Ich weiss schon, was da wieder gekleckst werden soll«, rief der Junker; »geh
hin und lass mir den Schlüssel. Tun Sie einen Blick hinein, Lucidor! es unterhält
Sie wohl, bis ich angezogen bin. Einem Rechtsfreund ist ein solches Lokale nicht
verhasst wie einem Stallverwandten«; und so schob er Lucidorn in den
Gerichtssaal.
    Der Jüngling fühlte sich sogleich in einem bekannten, ansprechenden
Elemente: die Erinnerung der Tage, wo er, aufs Geschäft erpicht, an solchem
Tische sass, hörend und schreibend sich übte. Auch blieb ihm nicht verborgen, dass
hier eine alte, stattliche Hauskapelle zum Dienste der Temis, bei veränderten
Religionsbegriffen, verwandelt sei. In den Reposituren fand er Rubriken und
Akten, ihm früher bekannt; er hatte selbst in diesen Angelegenheiten, von der
Hauptstadt her, gearbeitet. Einen Faszikel aufschlagend, fiel ihm ein Reskript
in die Hände, das er selbst mundiert ein anderes, wovon er der Konzipient
gewesen. Handschrift und Papier, Kanzleisiegel und des Vorsitzenden
Unterschrift, alles rief ihm jene Zeit eines rechtlichen Strebens jugendlicher
Hoffnung hervor. Und wenn er sich dann umsah und den Sessel des Oberamtmanns
erblickte, ihm zugedacht und bestimmt, einen so schönen Platz, einen so würdigen
Wirkungskreis, den er zu verschmähen, zu entbehren Gefahr lief, das alles
bedrängte ihn doppelt und dreifach, indem die Gestalt Lucindens zu gleicher Zeit
sich von ihm zu entfernen schien.
    Er wollte das Freie suchen, fand sich aber gefangen. Der wunderliche Freund
hatte, leichtsinnig oder schalkhaft, die Türe verschlossen hinter sich gelassen;
doch blieb unser Freund nicht lange in dieser peinlichsten Beklemmung, denn der
andere kam wieder, entschuldigte sich und erregte wirklich guten Humor durch
seine seltsame Gegenwart. Eine gewisse Verwegenheit der Farben und des Schnitts
seiner Kleidung war durch natürlichen Geschmack gedämpft; wie wir ja selbst
tatouierten Indiern einen gewissen Beifall nicht versagen. »Heute«, rief er aus,
»soll uns die Langeweile vergangener Tage vergütet werden; gute Freunde, muntere
Freunde sind angekommen, hübsche Mädchen, neckische, verliebte Wesen, und dann
auch mein Vater, und Wunder über Wunder! Ihr Vater auch; das wird ein Fest
werden, alles ist im Saale schon versammelt beim Frühstück.«
    Lucidorn war's auf einmal zumute, als wenn er in tiefe Nebel hineinsähe,
alle die angemeldeten bekannten und unbekannten Gestalten erschienen ihm
gespenstig; doch sein Charakter in Begleitung eines reinen Herzens hielt ihn
aufrecht, in wenigen Sekunden fühlte er sich schon allem gewachsen. Nun folgte
er dem eilenden Freunde mit sicherem Tritt, fest entschlossen, abzuwarten, es
geschehe, was da wolle, sich zu erklären, es entstehe, was da wolle.
    Und doch war er auf der Schwelle des Saals betroffen. In einem grossen
Halbkreis rings an den Fenstern umher entdeckte er sogleich seinen Vater neben
dem Oberamtmann beide stattlich angezogen. Die Schwestern, Antoni und sonst noch
Bekannte und Unbekannte übersah er mit einem Blick der ihm trübe werden wollte.
Schwankend näherte er sich seinem Vater, der ihn höchst freundlich willkommen
hiess, jedoch mit einer gewissen Förmlichkeit, die ein vertrauendes Annähern kaum
begünstigte. Vor so vielen Personen stehend suchte er sich für den Augenblick
einen schicklichen Platz; er hätte sich neben Lucinden stellen können, aber
Julie, dem gespannten Anstand zuwider, machte eine Wendung dass er zu ihr treten
musste; Antoni blieb neben Lucinden.
    In diesem bedeutenden Momente fühlte sich Lucidor abermals als Beauftragten,
und gestählt von seiner ganzen Rechtswissenschaft, rief er sich jene schöne
Maxime zu seinen eignen Gunsten heran: »Wir sollen anvertraute Geschäfte der
Fremden wie unsere eigenen behandeln, warum nicht die unsrigen in eben dem
Sinne?« - In Geschäftsvorträgen wohl geübt, durchlief er schnell, was er zu
sagen habe. Indessen schien die Gesellschaft, in einen förmlichen Halbzirkel
gebildet, ihn zu Überflügeln. Den Inhalt seines Vortrags kannte er wohl, den
Anfang konnte er nicht finden. Da bemerkte er, in einer Ecke aufgetischt, das
grosse Tintenfass, Kanzleiverwandte dabei; der Oberamtmann machte eine Bewegung,
seine Rede vorzubereiten; Lucidor wollte ihm zuvorkommen, und in demselben
Augenblicke drückte Julie ihm die Hand. Dies brachte ihn aus aller Fassung, er
Überzeugte sich, dass alles entschieden, alles für ihn verloren sei.
    Nun war an gegenwärtigen sämtlichen Lebensverhältnissen, diesen
Familienverbindungen, Gesellschafts- und Anstandsbezügen nichts mehr zu schonen;
er sah vor sich hin, entzog seine Hand Julien und war so schnell zur Türe
hinaus, dass die Versammlung ihn unversehens vermisste und er sich selbst draussen
nicht wiederfinden konnte.
    Scheu vor dem Tageslichte, das im höchsten Glanze über ihn herabschien, die
Blicke begegnender Menschen vermeidend, aufsuchende fürchtend, schritt er
vorwärts und gelangte zu dem grossen Gartensaal. Dort wollten ihm die Kniee
versagen, er stürzte hinein und warf sich trostlos auf den Sofa unter dem
Spiegel: mitten in der sittlich-bürgerlichen Gesellschaft in solcher
Verworrenheit befangen, die sich wogenhaft um ihn, in ihm hin und her schlug.
Sein vergangenes Dasein kämpfte mit dem gegenwärtigen, es war ein greulicher
Augenblick.
    Und so lag er eine Zeit, mit dem Gesichte in das Kissen versenkt, auf
welchem gestern Lucindens Arm geruht hatte. Ganz in seinen Schmerz versunken,
fuhr er, sich berührt fühlend, schnell in die Höhe, ohne die Annäherung
irgendeiner Person gespürt zu haben: da erblickt' er Lucinden, die ihm nahe
stand.
    Vermutend, man habe sie gesendet, ihn abzuholen, ihr aufgetragen, ihn mit
schicklichen, schwesterlichen Worten in die Gesellschaft, seinem widerlichen
Schicksal entgegen zu führen, rief er aus: »Sie hätte man nicht senden müssen,
Lucinde, denn Sie sind es, die mich von dort vertrieb; ich kehre nicht zurück!
Geben Sie mir, wenn Sie irgendeines Mitleids fähig sind, schaffen Sie mir
Gelegenheit und Mittel zur Flucht. Denn, damit Sie von mir zeugen können, wie
unmöglich es sei, mich zurückzubringen, so nehmen Sie den Schlüssel zu meinem
Betragen, das Ihnen und allen wahnsinnig vorkommen muss. Hören Sie den Schwur,
den ich mir im Innern getan und den ich unauflöslich laut wiederhole: Nur mit
Ihnen wollt' ich leben, meine Jugend nutzen, geniessen, und so das Alter im
treuen, redlichen Ablauf. Dies aber sei so fest und sicher als irgend etwas, was
vor dem Altar je geschworen worden, was ich jetzt schwöre, indem ich Sie
verlasse, der bedauernswürdigste aller Menschen.«
    Er machte eine Bewegung zu entschlüpfen, ihr, die so gedrängt vor ihm stand;
aber sie fasste ihn sanft in ihren Arm. - »Was machen Sie!« rief er aus. -
»Lucidor!« rief sie, »nicht zu bedauern, wie Sie wohl wähnen, Sie sind mein, ich
die Ihre; ich halte Sie in meinen Armen, zaudern Sie nicht, die Ihrigen um mich
zu schlagen. Ihr Vater ist alles zufrieden; Antoni heiratet meine Schwester.«
Erstaunt zog er sich von ihr zurück. »Das wäre wahr?« Lucinde lächelte und
nickte, er entzog sich ihren Armen. »Lassen Sie mich noch einmal in der Ferne
sehen, was so nah, so nächst mir angehören soll.« Er fasste ihre Hände, Blick in
Blick! »Lucinde, sind Sie mein?« - Sie versetzte: »Nun ja doch«, die süssesten
Tränen in dem treusten Auge; er umschlang sie und warf sein Haupt hinter das
ihre, hing wie am Uferfelsen ein Schiffbrüchiger; der Boden bebte noch unter
ihm. Nun aber sein entzückter Blick, sich wieder öffnend, fiel in den Spiegel.
Da sah er sie in seinen Armen, sich von den ihren umschlungen; er blickte wieder
und wieder hin. Solche Gefühle begleiten den Menschen durchs ganze Leben.
Zugleich sah er auch auf der Spiegelfläche die Landschaft, die ihm gestern so
greulich und ahnungsvoll erschienen war, glänzender und herrlicher als je; und
sich in solcher Stellung, auf solchem Hintergrunde! Genugsame Vergeltung aller
Leiden.
    »Wir sind nicht allein«, sagte Lucinde, und kaum hatte er sich von seinem
Entzücken erholt, so erschienen geputzt und bekränzt Mädchen und Knaben, Kränze
tragend, den Ausgang versperrend. »Das sollte alles anders werden«, rief
Lucinde; »wie artig war es eingerichtet, und nun geht's tumultuarisch
durcheinander!« Ein munterer Marsch tönte von weitem, und man sah die
Gesellschaft den breiten Weg her feierlich heiter heranziehen. Er zauderte
entgegenzugehen und schien seiner Schritte nur an ihrem Arm gewiss; sie blieb
neben ihm, die feierliche Szene des Wiedersehens, des Danks für eine schon
vollendete Vergebung von Augenblick zu Augenblick erwartend.
    Anders war's jedoch von den launischen Göttern beschlossen; eines Postorns
lustig schmetternder Ton, von der Gegenseite, schien den ganzen Aufstand in
Verwirrung zu setzen. »Wer mag kommen?« rief Lucinde. Lucidorn schauderte vor
einer fremden Gegenwart, und auch der Wagen schien ganz fremd. Eine zweisitzige,
neue, ganz neuste Reisechaise! Sie fuhr an den Saal an. Ein ausgezeichneter,
anständiger Knabe sprang hinten herunter, öffnete den Schlag, aber niemand stieg
heraus; die Chaise war leer, der Knabe stieg hinein, mit einigen geschickten
Handgriffen warf er die Spriegel zurück, und so war in einem Nu das niedlichste
Gebäude zur lustigsten Spazierfahrt vor den Augen aller Anwesenden bereitet, die
indessen herankamen. Antoni, den übrigen voreilend, führte Julien zu dem Wagen.
»Versuchen Sie«, sprach er, »ob Ihnen dies Fuhrwerk gefallen kann, um darin mit
mir auf den besten Wegen durch die Welt zu rollen; ich werde Sie keinen andern
führen, und wo es irgend not tut, wollen wir uns zu helfen wissen. Über das
Gebirg sollen uns Saumrosse tragen, und den Wagen dazu.«
    »Sie sind allerliebst!« rief Julie. Der Knabe trat heran und zeigte mit
Taschenspielergewandteit alle Bequemlichkeiten, kleine Vorteile und
Behendigkeiten des ganzen leichten Baues.
    »Auf der Erde weiss ich keinen Dank«, rief Julie, »nur auf diesem kleinen,
beweglichen Himmel, aus dieser Wolke, in die Sie mich erheben, will ich Ihnen
herzlich danken.« Sie war schon eingesprungen, ihm Blick und Kusshand freundlich
zuwerfend. »Gegenwärtig dürfen Sie noch nicht zu mir herein, da ist aber ein
anderer, den ich auf dieser Probefahrt mitzunehmen gedenke, er hat auch noch
eine Probe zu bestehen.« Sie rief nach Lucidor, der, eben mit Vater und
Schwiegervater in stummer Unterhaltung begriffen, sich gern in das leichte
Fuhrwerk nötigen liess, da er ein unausweichlich Bedürfnis fühlte, nur einen
Augenblick auf irgendeine Weise sich zu zerstreuen. Er sass neben ihr, sie rief
dem Postillon zu, wie er fahren solle. Flugs entfernten sie sich, in Staub
gehüllt, aus den Augen der verwundert Nachschauenden.
    Julie setzte sich recht fest und bequem ins Eckchen. - »Rücken Sie nun auch
dortin, Herr Schwager, dass wir uns recht bequem in die Augen sehen.«
    Lucidor. Sie empfinden meine Verwirrung, meine Verlegenheit; ich bin noch
immer wie im Traume, helfen Sie mir heraus.
    Julie. Sehen Sie die hübschen Bauersleute, wie sie freundlich grüssen! Bei
Ihrem Hiersein sind Sie ja nicht ins obere Dorf gekommen. Alles wohlhabende
Leute, die mir alle gewogen sind. Es ist niemand zu reich, dem man nicht einmal
wohlwollend einen bedeutenden Dienst erweisen könne. Diesen Weg, den wir so
bequem fahren, hat mein Vater angelegt und auch dieses Gute gestiftet.
    Lucidor. Ich glaub' es gern und geb' es zu; aber was sollen die
Äusserlichkeiten gegen die Verworrenheit meines Innern!
    Julie. Nur Geduld, ich will Ihnen die Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit
zeigen. Nun sind wir oben! Wie klar das ebene Land gegen das Gebirg hinliegt!
Alle diese Dörfer verdanken meinem Vater gar viel, und Mutter und Töchtern wohl
auch. Die Flur jenes Städtchens dort hinten macht erst die Grenze.
    Lucidor. Ich finde Sie in einer wunderlichen Stimmung; Sie scheinen nicht
recht zu sagen, was Sie sagen wollten.
    Julie. Nun sehen Sie hier links hinunter, wie schön sich das alles
entwickelt! Die Kirche mit ihren hohen Linden, das Amtaus mit seinen Pappeln
hinter dem Dorfhügel her. Auch die Gärten liegen vor uns und der Park.
    Der Postillon fuhr schärfer.
    Julie. Jenen Saal dort droben kennen Sie; er sieht sich von hier aus ebenso
gut an wie die Gegend von dort her. Hier am Baume wird gehalten; nun gerade hier
spiegeln wir uns oben in der grossen Glasfläche, man sieht uns dort recht gut,
wir aber können uns nicht erkennen. - Fahre zu! - Dort haben sich vor kurzem
wahrscheinlich ein Paar Leute näher bespiegelt und, ich müsste mich sehr irren,
mit grosser wechselseitiger Zufriedenheit.
    Lucidor, verdriesslich, erwiderte nichts; sie fuhren eine Zeitlang
stillschweigend vor sich hin, es ging sehr schnell. »Hier«, sagte Julie, »fängt
der schlechte Weg an, um den mögen Sie sich einmal verdient machen. Eh es
hinabgeht schauen Sie noch hinüber, die Buche meiner Mutter ragt mit ihrem
herrlichen Gipfel über alles hervor. Du fährst«, fuhr sie zum Kutschenden fort,
»den schlechten Weg hin, wir nehmen den Fusspfad durchs Tal und sind eher drüben
wie du.« Im Aussteigen rief sie aus: »Das gestehen Sie doch, der ewige Jude, der
unruhige Anton Reiser, weiss noch seine Wallfahrten bequem genug einzurichten,
für sich und seine Genossen: es ist ein sehr schöner, bequemer Wagen.«
    Und so war sie auch schon den Hügel drunten; Lucidor folgte sinnend und fand
sie auf einer wohlgelegenen Bank sitzend, es war Lucindens Plätzchen. Sie lud
ihn zu sich.
    Julie. Nun sitzen wir hier und gehen einander nichts an, das hat denn doch
so sein sollen. Das kleine Quecksilber wollte Ihnen gar nicht anstehen. Nicht
lieben konnten Sie ein solches Wesen, verhasst war es Ihnen.
    Lucidors Verwunderung nahm zu.
    Julie. Aber freilich Lucinde! Sie ist der Inbegriff aller Vollkommenheiten,
und die niedliche Schwester war ein für allemal ausgestochen. Ich seh' es, auf
Ihren Lippen schwebt die Frage, wer uns so genau unterrichtet hat?
    Lucidor. Es steckt ein Verrat dahinter! -
    Julie. Jawohl! ein Verräter ist im Spiele.
    Lucidor. Nennen Sie ihn.
    Julie. Der ist bald entlarvt. Sie selbst! - Sie haben die löbliche oder
unlöbliche Gewohnheit, mit sich selbst zu reden, und da will ich denn in unser
aller Namen bekennen, dass wir Sie wechselsweise behorcht haben.
    Lucidor (aufspringend). Eine saubere Gastfreundschaft, auf diese Weise den
Fremden eine Falle zu stellen!
    Julie. Keineswegs; wir dachten nicht daran, Sie zu belauschen, so wenig als
irgendeinen andern. Sie wissen, Ihr Bett steht in einem Verschlag der Wand, von
der Gegenseite geht ein anderer herein, der gewöhnlich nur zu häuslicher
Niederlage dient. Da hatten wir einige Tage vorher unsern Alten genötigt zu
schlafen, weil wir für ihn in seiner abgelegenen Einsiedelei viele Sorge trugen;
nun fuhren Sie gleich den ersten Abend mit einem solchen leidenschaftlichen
Monolog ins Zeug, dessen Inhalt er uns den andern Morgen angelegentlichst
entdeckte.
    Lucidor hatte nicht Lust, sie zu unterbrechen. Er entfernte sich.
    Julie (aufgestanden ihm folgend). Wie war uns mit dieser Erklärung gedient!
Denn ich gestehe gern: wenn Sie mir auch nicht gerade zuwider waren, so blieb
doch der Zustand, der mich erwartete, mir keineswegs wünschenswert. Frau
Oberamtmännin zu sein, welche schreckliche Lage! Einen tüchtigen, braven Mann zu
haben, der den Leuten Recht sprechen soll und vor lauter Recht nicht zur
Gerechtigkeit kommen kann! der es weder nach oben noch unten recht macht und,
was das Schlimmste ist, sich selbst nicht. Ich weiss, was meine Mutter
ausgestanden hat von der Unbestechlichkeit, Unerschütterlichkeit meines Vaters.
Endlich, leider nach ihrem Tod, ging ihm eine gewisse Mildigkeit auf, er schien
sich in die Welt zu finden, an ihr sich auszugleichen, die er sich bisher
vergeblich bekämpft hatte.
    Lucidor (höchst unzufrieden über den Vorfall, ärgerlich über die
leichtsinnige Behandlung, stand still). Für den Scherz eines Abends mochte das
hingehen, aber eine solche beschämende Mystifikation Tage und Nächte lang gegen
einen unbefangenen Gast zu verüben, ist nicht verzeihlich.
    Julie. Wir alle haben uns in die Schuld geteilt, wir haben Sie alle
behorcht; ich aber allein büsse die Schuld des Horchens.
    Lucidor. Alle! desto unverzeihlicher! Und wie konnten Sie mich den Tag über
ohne Beschämung ansehen, den Sie des Nachts schmählich-unerlaubt überlisteten?
Doch ich sehe jetzt ganz deutlich mit einem Blick, dass Ihre Tagesanstalten nur
darauf berechnet waren, mich zum besten zu haben. Eine löbliche Familie! und wo
bleibt die Gerechtigkeitsliebe Ihres Vaters? - Und Lucinde! -
    Julie. Und Lucinde! - Was war das für ein Ton! Nicht wahr, Sie wollten
sagen: wie tief es Sie schmerzt, von Lucinden übel zu denken, Lucinden mit uns
allen in eine Klasse zu werfen?
    Lucidor. Lucinden begreif' ich nicht.
    Julie. Sie wollen sagen: diese reine, edle Seele, dieses ruhig gefasste
Wesen, die Güte, das Wohlwollen selbst, diese Frau, wie sie sein sollte
verbindet sich mit einer leichtsinnigen Gesellschaft, mit einer überhinfahrenden
Schwester, einem verzogenen Jungen und gewissen geheimnisvollen Personen! das
ist unbegreiflich.
    Lucidor. Jawohl ist das unbegreiflich.
    Julie. So begreifen Sie es denn! Lucinden wie uns allen waren die Hände
gebunden. Hätten Sie die Verlegenheit bemerken können, wie sie sich kaum
zurückhielt, Ihnen alles zu offenbaren, Sie würden sie doppelt und dreifach
lieben, wenn nicht jede wahre Liebe an und für sich zehn- und hundertfach wäre;
auch versichere ich Sie, uns allen ist der Spass am Ende zu lang geworden.
    Lucidor. Warum endigten Sie ihn nicht?
    Julie. Das ist nun auch aufzuklären. Nachdem Ihr erster Monolog dem Vater
bekannt geworden und er gar bald bemerken konnte, dass alle seine Kinder nichts
gegen einen solchen Tausch einzuwenden hätten, so entschloss er sich, alsobald zu
Ihrem Vater zu reisen. Die Wichtigkeit des Geschäfts war ihm bedenklich. Ein
Vater allein fühlt den Respekt, den man einem Vater schuldig ist. - »Er muss es
zuerst wissen«, sagte der meine, »um nicht etwan hinterdrein, wenn wir einig
sind, eine ärgerlich-erzwungene Zustimmung zu geben. Ich kenne ihn genau, ich
weiss, wie er einen Gedanken, eine Neigung, einen Vorsatz festält, und es ist
mir bange genug. Er hat sich Julien, seine Karten und Prospekte so zusammen
gedacht, dass er sich schon vornahm, das alles zuletzt hierher zu stiften, wenn
der Tag käme, wo das junge Paar sich hier niederliesse und Ort und Stelle so
leicht nicht verändern könnte: da wollt' er alle Ferien uns zuwenden, und was er
für Liebes und Gutes im Sinne hatte. Er muss zuerst erfahren, was die Natur uns
für einen Streich gespielt, da noch nichts eigentlich erklärt, noch nichts
entschieden ist.« Hierauf nahm er uns allen den feierlichsten Handschlag ab, dass
wir Sie beobachten und, es geschehe, was da wolle, Sie hinhalten sollten. Wie
sich die Rückreise verzögert, wie es Kunst, Mühe und Beharrlichkeit gekostet,
Ihres Vaters Einwilligung zu erlangen, das mögen Sie von ihm selbst hören.
Genug, die Sache ist abgetan, Lucinde ist Ihnen gegönnt. -
    Und so waren beide, vom ersten Sitze lebhaft sich entfernend, unterwegs
anhaltend, immer fortsprechend und langsam weitergehend, über die Wiesen hin auf
die Erhöhung gekommen an einen andern wohlgebahnten Kunstweg. Der Wagen fuhr
schnell heran; augenblicks machte sie ihren Nachbar aufmerksam auf ein seltsames
Schauspiel. Die ganze Maschinerie, worauf sich der Bruder so viel zugute tat,
war belebt und bewegt; schon führten die Räder eine Menschenzahl auf und nieder,
schon wogten die Schaukeln, Mastbäume wurden erklettert, und was man nicht alles
für kühnen Schwung und Sprung über den Häuptern einer unzählbaren Menge gewagt
sah! Alles das hatte der Junker in Bewegung gesetzt, damit nach Tafel die Gäste
fröhlich unterhalten würden. »Du fährst noch durchs untere Dorf«, rief Julie,
»die Leute wollen mir wohl, und sie sollen sehen, wie wohl es mir geht.«
    Das Dorf war öde, die Jüngern sämtlich hatten schon den Lustplatz ereilt,
alte Männer und Frauen zeigten sich, durch das Postorn erregt, an Tür und
Fenstern, alles grüsste, segnete, rief: »O das schöne Paar!«
    Julie. Nun, da haben Sie's! Wir hätten am Ende doch wohl zusammengepasst; es
kann Sie noch reuen.
    Lucidor. Jetzt aber, liebe Schwägerin! -
    Julie. Nicht wahr, jetzt »lieb«, da Sie mich los sind.
    Lucidor. Nur ein Wort! Auf Ihnen lastet eine schwere Verantwortlichkeit; was
sollte der Händedruck, da Sie meine überschreckliche Stellung kannten und fühlen
mussten? So gründlich Boshaftes ist mir in der Welt noch nichts vorgekommen.
    Julie. Danken Sie Gott, nun wär's abgebüsst, alles ist verziehen. Ich wollte
Sie nicht, das ist wahr, aber dass Sie mich ganz und gar nicht wollten, das
verzeiht kein Mädchen, und dieser Händedruck war, merken Sie sich's! für den
Schalk. Ich gestehe, es war schalkischer als billig, und ich verzeihe mir nur,
indem ich Ihnen vergebe, und so sei denn alles vergeben und vergessen! Hier
meine Hand.
    Er schlug ein, sie rief: »Da sind wir schon wieder! in unserm Park schon
wieder, und so geht's bald um die weite Welt und auch wohl zurück; wir treffen
uns wieder.«
    Sie waren vor dem Gartensaal schon angelangt, er schien leer; die
Gesellschaft hatte sich, im Unbehagen, die Tafelzeit überlang verschoben zu
sehen, zum Spazieren bewegt. Antoni aber und Lucinde traten hervor. Julie warf
sich aus dem Wagen ihrem Freund entgegen, sie dankte in einer herzlichen
Umarmung und entielt sich nicht der freudigsten Tränen. Des edlen Mannes Wange
rötete sich, seine Züge traten entfaltet hervor, sein Auge blickte feucht, und
ein schöner, bedeutender Jüngling erschien aus der Hülle.
    Und so zogen beide Paare zur Gesellschaft, mit Gefühlen, die der schönste
Traum nicht zu geben vermöchte.
 
                                Zehntes Kapitel
Vater und Sohn waren, von einem Reitknecht begleitet, durch eine angenehme
Gegend gekommen, als dieser, im Angesicht einer hohen Mauer, die einen weiten
Bezirk zu umschliessen schien, stillehaltend, bedeutete, sie möchten nun zu Fusse
sich dem grossen Tore nähern, weil kein Pferd in diesen Kreis eingelassen würde.
Sie zogen die Glocke, das Tor eröffnete sich, ohne dass eine Menschengestalt
sichtbar geworden wäre, und sie gingen auf ein altes Gebäude los das zwischen
uralten Stämmen von Buchen und Eichen ihnen entgegenschimmerte. Wunderbar war es
anzusehen, denn so alt es der Form nach schien, so war es doch, als wenn Maurer
und Steinmetzen soeben erst abgegangen wären, dergestalt neu, vollständig und
nett erschienen die Fugen wie die ausgearbeiteten Verzierungen.
    Der metallne, schwere Ring an einer wohlgeschnjetzten Pforte lud sie ein zu
klopfen, welches Felix mutwillig etwas unsanft verrichtete; auch diese Tür
sprang auf, und sie fanden zunächst auf der Hausflur ein Frauenzimmer sitzen von
mittlerem Alter, am Stickrahmen mit einer wohlgezeichneten Arbeit beschäftigt.
Diese begrüsste sogleich die Ankommenden als schon gemeldet und begann ein
heiteres Lied zu singen, worauf sogleich aus einer benachbarten Türe ein
Frauenzimmer heraustrat, das man für die Beschliesserin und tätige Haushälterin,
nach den Anhängseln ihres Gürtels, ohne weiteres zu erkennen hatte. Auch diese
freundlich grüssend führte die Fremden eine Treppe hinauf und eröffnete ihnen
einen Saal, der sie ernstaft ansprach, weit, hoch, ringsum getäfelt, oben
drüber eine Reihenfolge historischer Schilderungen. Zwei Personen traten ihnen
entgegen, ein jüngeres Frauenzimmer und ein ältlicher Mann.
    Jene hiess den Gast sogleich freimütig willkommen. »Sie sind«, sagte sie,
»als einer der Unsern angemeldet. Wie soll ich Ihnen aber kurz und gut den
Gegenwärtigen vorstellen? Er ist unser Hausfreund im schönsten und weitesten
Sinne, bei Tage der belehrende Gesellschafter, bei Nacht Astronom, und Arzt zu
jeder Stunde.«
    »Und ich«, versetzte dieser freundlich, »empfehle Ihnen dieses Frauenzimmer
als die bei Tage unermüdet Geschäftige, bei Nacht, wenn's not tut, gleich bei
der Hand, und immerfort die heiterste Lebensbegleiterin.«
    Angela, so nannte man die durch Gestalt und Betragen einnehmende Schöne,
verkündigte sodann die Ankunft Makariens; ein grüner Vorhang zog sich auf, und
eine ältliche wunderwürdige Dame ward auf einem Lehnsessel von zwei jungen,
hübschen Mädchen hereingeschoben, wie von zwei andern ein runder Tisch mit
erwünschtem Frühstück. In einem Winkel der ringsumher gehenden massiven eichenen
Bänke waren Kissen gelegt, darauf setzten sich die obigen dreie, Makarie in
ihrem Sessel gegen ihnen über. Felix verzehrte sein Frühstück stehend, im Saal
umherwandelnd und die ritterlichen Bilder über dem Getäfel neugierig
betrachtend.
    Makarie sprach zu Wilhelm als einem Vertrauten, sie schien sich in
geistreicher Schilderung ihrer Verwandten zu erfreuen; es war, als wenn sie die
innere Natur eines jeden durch die ihn umgebende individuelle Maske
durchschaute. Die Personen, welche Wilhelm kannte, standen wie verklärt vor
seiner Seele, das einsichtige Wohlwollen der unschätzbaren Frau hatte die Schale
losgelöst und den gesunden Kern veredelt und belebt.
    Nachdem nun diese angenehmen Gegenstände durch die freundlichste Behandlung
erschöpft waren, sprach sie zu dem würdigen Gesellschafter: »Sie werden von der
Gegenwart dieses neuen Freundes nicht wiederum Anlass zu einer Entschuldigung
finden und die versprochene Unterhaltung abermals verspäten; er scheint von der
Art, wohl auch daran teilzunehmen.«
    Jener aber versetzte darauf: »Sie wissen, welche Schwierigkeit es ist, sich
über diese Gegenstände zu erklären, denn es ist von nichts wenigerem als von dem
Missbrauch fürtrefflicher und weit auslangender Mittel die Rede.«
    »Ich geb' es zu«, versetzte Makarie, »denn man kommt in doppelte
Verlegenheit. Spricht man von Missbrauch, so scheint man die Würde des Mittels
selbst anzutasten, denn es liegt ja immer noch in dem Missbrauch verborgen;
spricht man von Mittel, so kann man kaum zugeben, dass seine Gründlichkeit und
Würde irgendeinen Missbrauch zulasse. Indessen, da wir unter uns sind, nichts
festsetzen, nichts nach aussen wirken, sondern nur uns aufklären wollen, so kann
das Gespräch immer vorwärtsgehen.«
    »Doch müssten wir«, versetzte der bedächtige Mann, »vorher anfragen, ob unser
neuer Freund auch Lust habe, an einer gewissermassen abstrusen Materie
teilzunehmen, und ob er nicht vorzöge, in seinem Zimmer einer nötigen Ruhe zu
pflegen. Sollte wohl unsere Angelegenheit, ausser dem Zusammenhange, ohne
Kenntnis, wie wir darauf gelangt, von ihm gern und günstig aufgenommen werden?«
    »Wenn ich das, was Sie gesagt haben, mir durch etwas Analoges erklären
möchte, so scheint es ungefähr der Fall zu sein, wenn man die Heuchelei angreift
und eines Angriffs auf die Religion beschuldigt werden kann.«
    »Wir können die Analogie gelten lassen«, versetzte der Hausfreund, »denn es
ist auch hier von einem Komplex mehrerer bedeutender Menschen, von einer hohen
Wissenschaft, von einer wichtigen Kunst und, dass ich kurz sei, von der
Matematik die Rede.«
    »Ich habe«, versetzte Wilhelm, »wenn ich auch über die fremdesten
Gegenstände sprechen hörte, mir immer etwas daraus nehmen können: denn alles,
was den einen Menschen interessiert, wird auch in dem andern einen Anklang
finden.«
    »Vorausgesetzt«, sagte jener, »dass er sich eine gewisse Freiheit des Geistes
erworben habe; und da wir Ihnen dies zutrauen, so will ich von meiner Seite
wenigstens Ihrem Verharren nichts entgegenstellen.«
    »Was aber fangen wir mit Felix an?« fragte Makarie, »welcher, wie ich sehe,
mit der Betrachtung jener Bilder schon fertig ist und einige Ungeduld merken
lässt.«
    »Vergönnt mir, diesem Frauenzimmer etwas ins Ohr zu sagen«, versetzte Felix,
raunte Angela etwas stille zu, die sich mit ihm entfernte, bald aber lächelnd
zurückkam, da denn der Hausfreund folgendermassen zu reden anfing.
    »In solchen Fällen, wo man irgend eine Missbilligung, einen Tadel, auch nur
ein Bedenken aussprechen soll, nehme ich nicht gern die Initiative; ich suche
mir eine Autorität, bei welcher ich mich beruhigen kann, indem ich finde, dass
mir ein anderer zur Seite steht. Loben tu' ich ohne Bedenken, denn warum soll
ich verschweigen, wenn mir etwas zusagt? sollte es auch meine Beschränkteit
ausdrücken, so hab' ich mich deren nicht zu schämen; tadle ich aber, so kann mir
begegnen, dass ich etwas Fürtreffliches abweise, und dadurch zieh' ich mir die
Missbilligung anderer zu, die es besser verstehen; ich muss mich zurücknehmen,
wenn ich aufgeklärt werde. Deswegen bring' ich hier einiges Geschriebene, sogar
Übersetzungen mit: denn ich traue in solchen Dingen meiner Nation so wenig als
mir selbst; eine Zustimmung aus der Ferne und Fremde scheint mir mehr Sicherheit
zu geben.« Er fing nunmehr nach erhaltener Erlaubnis folgendermassen zu lesen an.
-
    Wenn wir aber uns bewogen finden, diesen werten Mann nicht lesen zu lassen,
so werden es unsere Gönner wahrscheinlich geneigt aufnehmen, denn was oben gegen
das Verweilen Wilhelms bei dieser Unterhaltung gesagt worden, gilt noch mehr in
dem Falle, in welchem wir uns befinden. Unsere Freunde haben einen Roman in die
Hand genommen, und wenn dieser hie und da schon mehr als billig didaktisch
geworden, so finden wir doch geraten, die Geduld unserer Wohlwollenden nicht
noch weiter auf die Probe zu stellen. Die Papiere, die uns vorliegen, gedenken
wir an einem andern Orte abdrucken zu lassen und fahren diesmal im
Geschichtlichen ohne weiteres fort, da wir selbst ungeduldig sind, das
obwaltende Rätsel endlich aufgeklärt zu sehen.
    Entalten können wir uns aber doch nicht, ferner einiges zu erwähnen, was
noch vor dem abendlichen Scheiden dieser edlen Gesellschaft zur Sprache kam.
Wilhelm, nachdem er jener Vorlesung aufmerksam zugehört, äusserte ganz
unbewunden: »Hier vernehme ich von grossen Naturgaben, Fähigkeiten und
Fertigkeiten, und doch zuletzt, bei ihrer Anwendung, manches Bedenken. Sollte
ich mich darüber ins Kurze fassen, so würde ich ausrufen: Grosse Gedanken und ein
reines Herz, das ist's, was wir uns von Gott erbitten sollten!«
    Diesen verständigen Worten Beifall gebend, löste die Versammlung sich auf;
der Astronom aber versprach, Wilhelmen in dieser herrlichen, klaren Nacht an den
Wundern des gestirnten Himmels vollkommen teilnehmen zu lassen.
    Nach einigen Stunden liess der Astronom seinen Gast die Treppen zur
Sternwarte sich hinaufwinden und zuletzt allein auf die völlig freie Fläche
eines runden, hohen Turmes heraustreten. Die heiterste Nacht, von allen Sternen
leuchtend und funkelnd, umgab den Schauenden, welcher zum erstenmale das hohe
Himmelsgewölbe in seiner ganzen Herrlichkeit zu erblicken glaubte. Denn im
gemeinen Leben, abgerechnet die ungünstige Witterung, die uns so oft den
Glanzraum des Äters verbirgt, hindern uns zu Hause bald Dächer und Giebel,
auswärts bald Wälder und Felsen, am meisten aber überall die inneren
Beunruhigungen des Gemüts, die, uns alle Umwelt mehr als Nebel und Misswetter zu
verdüstern, sich hin und her bewegen.
    Ergriffen und erstaunt hielt er sich beide Augen zu. Das Ungeheure hört auf,
erhaben zu sein, es überreicht unsre Fassungskraft, es droht, uns zu vernichten.
»Was bin ich denn gegen das All?« sprach er zu seinem Geiste; »wie kann ich ihm
gegenüber, wie kann ich in seiner Mitte stehen?« Nach einem kurzen Überdenken
jedoch fuhr er fort: »Das Resultat unsres heutigen Abends löst ja auch das
Rätsel des gegenwärtigen Augenblicks. Wie kann sich der Mensch gegen das
Unendliche stellen, als wenn er alle geistigen Kräfte, die nach vielen Seiten
hingezogen werden, in seinem Innersten, Tiefsten versammelt, wenn er sich fragt:
Darfst du dich in der Mitte dieser ewig lebendigen Ordnung auch nur denken,
sobald sich nicht gleichfalls in dir ein beharrlich Bewegtes, um einen reinen
Mittelpunkt kreisend, hervortut? Und selbst wenn es dir schwer würde, diesen
Mittelpunkt in deinem Busen aufzufinden, so würdest du ihn daran erkennen, dass
eine wohlwollende, wohltätige Wirkung von ihm ausgeht und von ihm Zeugnis gibt.
    Wer soll, wer kann aber auf sein vergangenes Leben zurückblicken, ohne
gewissermassen irre zu werden, da er meistens finden wird, dass sein Wollen
richtig, sein Tun falsch, sein Begehren tadelhaft und sein Erlangen dennoch
erwünscht gewesen?
    Wie oft hast du diese Gestirne leuchten gesehen, und haben sie dich nicht
jederzeit anders gefunden? sie aber sind immer dieselbigen und sagen immer
dasselbige: Wir bezeichnen, wiederholen sie: durch unsern gesetzmässigen Gang Tag
und Stunde; frage dich auch, wie verhältst du dich zu Tag und Stunde? - Und so
kann ich denn diesmal antworten: Des gegenwärtigen Verhältnisses hab' ich mich
nicht zu schämen, meine Absicht ist, einen edlen Familienkreis in allen seinen
Gliedern erwünscht verbunden herzustellen; der Weg ist bezeichnet. Ich soll
erforschen, was edle Seelen auseinanderhält, soll Hindernisse wegräumen, von
welcher Art sie auch seien. Dies darfst du vor diesen himmlischen Heerscharen
bekennen; achteten sie deiner, sie würden zwar über deine Beschränkteit
lächeln, aber sie ehrten gewiss deinen Vorsatz und begünstigten dessen
Erfüllung.«
    Bei diesen Worten oder Gedanken wendete er sich, umherzusehen, da fiel ihm
Jupiter in die Augen, das Glücksgestirn, so herrlich leuchtend als je; er nahm
das Omen als günstig auf und verharrte freudig in diesem Anschauen eine
Zeitlang.
    Hierauf sogleich berief ihn der Astronom herabzukommen und liess ihn eben
dieses Gestirn durch ein vollkommenes Fernrohr in bedeutender Grösse, begleitet
von seinen Monden, als ein himmlisches Wunder anschauen.
    Als unser Freund lange darin versunken geblieben, wendete er sich um und
sprach zu dem Sternfreunde: »Ich weiss nicht, ob ich Ihnen danken soll, dass Sie
mir dieses Gestirn so über alles Mass näher gerückt. Als ich es vorhin sah, stand
es im Verhältnis zu dem übrigen Unzähligen des Himmels und zu mir selbst; jetzt
aber tritt es in meiner Einbildungskraft unverhältnismässig hervor, und ich weiss
nicht, ob ich die übrigen Scharen gleicherweise heranzuführen wünschen sollte.
Sie werden mich einengen, mich beängstigen.«
    So erging sich unser Freund nach seiner Gewohnheit weiter, und es kam bei
dieser Gelegenheit manches Unerwartete zur Sprache. Auf einiges Erwidern des
Kunstverständigen versetzte Wilhelm: »Ich begreife recht gut, dass es euch
Himmelskundigen die grösste Freude gewähren muss, das ungeheure Weltall nach und
nach so heranzuziehen, wie ich hier den Planeten sah und sehe. Aber erlauben Sie
mir, es auszusprechen: ich habe im Leben überhaupt und im Durchschnitt gefunden,
dass diese Mittel, wodurch wir unsern Sinnen zu Hülfe kommen, keine sittlich
günstige Wirkung auf den Menschen ausüben. Wer durch Brillen sieht, hält sich
für klüger, als er ist, denn sein äusserer Sinn wird dadurch mit seiner innern
Urteilsfähigkeit ausser Gleichgewicht gesetzt; es gehört eine höhere Kultur dazu,
deren nur vorzügliche Menschen fähig sind, ihr Inneres, Wahres mit diesem von
aussen herangerückten Falschen einigermassen auszugleichen. Sooft ich durch eine
Brille sehe, bin ich ein anderer Mensch und gefalle mir selbst nicht; ich sehe
mehr, als ich sehen sollte, die schärfer gesehene Welt harmoniert nicht mit
meinem Innern, und ich lege die Gläser geschwind wieder weg, wenn meine
Neugierde, wie dieses oder jenes in der Ferne beschaffen sein möchte, befriedigt
ist.«
    Auf einige scherzhafte Bemerkungen des Astronomen fuhr Wilhelm fort: »Wir
werden diese Gläser so wenig als irgendein Maschinenwesen aus der Welt bannen,
aber dem Sittenbeobachter ist es wichtig, zu erforschen und zu wissen, woher
sich manches in die Menschheit eingeschlichen hat, worüber man sich beklagt. So
bin ich z.B. überzeugt, dass die Gewohnheit, Annäherungsbrillen zu tragen, an dem
Dünkel unserer jungen Leute hauptsächlich schuld hat.«
    Unter diesen Gesprächen war die Nacht weit vorgerückt, worauf der im Wachen
bewährte Mann seinem jungen Freunde den Vorschlag tat, sich auf dem Feldbette
niederzulegen und einige Zeit zu schlafen, um alsdann mit frischerem Blick die
dem Aufgang der Sonne voreilende Venus, welche eben heute in ihrem vollendeten
Glanze zu erscheinen verspräche, zu schauen und zu begrüssen.
    Wilhelm, der sich bis auf den Augenblick recht straff und munter erhalten
hatte, fühlte auf diese Anmutung des wohlwollenden, vorsorglichen Mannes sich
wirklich erschöpft, er legte sich nieder und war augenblicklich in den tiefsten
Schlaf gesunken.
    Geweckt von dem Sternkundigen sprang Wilhelm auf und eilte zum Fenster; dort
staunte, starrte er einen Augenblick dann rief er entusiastisch: »Welche
Herrlichkeit! welch ein Wunder!« Andere Worte des Entzückens folgten, aber ihm
blieb der Anblick immer ein Wunder, ein grosses Wunder.
    »Dass Ihnen dieses liebenswürdige Gestirn, das heute in Fülle und
Herrlichkeit wie selten erscheint, überraschend entgegentreten würde, konnt' ich
voraussehen, aber das darf ich wohl aussprechen, ohne kalt gescholten zu werden:
kein Wunder seh' ich, durchaus kein Wunder!«
    »Wie könnten Sie auch?« versetzte Wilhelm, »da ich es mitbringe, da ich es
in mir trage, da ich nicht weiss, wie mir geschieht. Lassen Sie mich noch immer
stumm und staunend hinblicken, sodann vernehmen Sie!« Nach einer Pause fuhr er
fort: »Ich lag sanft, aber tief eingeschlafen, da fand ich mich in den gestrigen
Saal versetzt, aber allein. Der grüne Vorhang ging auf, Makariens Sessel bewegte
sich hervor, von selbst wie ein belebtes Wesen; er glänzte golden, ihre Kleider
schienen priesterlich, ihr Anblick leuchtete sanft, ich war im Begriff, mich
niederzuwerfen. Wolken entwickelten sich um ihre Füsse, steigend hoben sie
flügelartig die heilige Gestalt empor, an der Stelle ihres herrlichen
Angesichtes sah ich zuletzt, zwischen sich teilendem Gewölk, einen Stern
blinken, der immer aufwärts getragen wurde und durch das eröffnete Deckengewölb
sich mit dem ganzen Sternhimmel vereinigte, der sich immer zu verbreiten und
alles zu umschliessen schien. In dem Augenblick wecken Sie mich auf;
schlaftrunken taumle ich nach dem Fenster, den Stern noch lebhaft in meinem
Auge, und wie ich nun hinblicke - der Morgenstern, von gleicher Schönheit,
obschon vielleicht nicht von gleicher strahlender Herrlichkeit, wirklich vor
mir! Dieser wirkliche, da droben schwebende Stern setzt sich an die Stelle des
geträumten, er zehrt auf, was an dem erscheinenden Herrliches war, aber ich
schaue doch fort und fort, und Sie schauen ja mit mir, was eigentlich vor meinen
Augen zugleich mit dem Nebel des Schlafes hätte verschwinden sollen.«
    Der Astronom rief aus: »Wunder, ja Wunder! Sie wissen selbst nicht, welche
wundersame Rede Sie führten. Möge uns nur dies nicht auf den Abschied der
Herrlichen hindeuten, welcher früher oder später eine solche Apoteose
beschieden ist.«
    Den andern Morgen eilte Wilhelm, um seinen Felix aufzusuchen, der sich früh
ganz in der Stille weggeschlichen hatte, nach dem Garten, den er zu seiner
Verwunderung durch eine Anzahl Mädchen bearbeitet sah; alle, wo nicht schön,
doch keine hässlich, keine, die das zwanzigste Jahr erreicht zu haben schien. Sie
waren verschiedentlich gekleidet, als verschiedenen Ortschaften angehörig,
tätig, heiter grüssend und fortarbeitend.
    Ihm begegnete Angela, welche die Arbeit anzuordnen und zu beurteilen auf und
ab ging; ihr liess der Gast seine Verwunderung über eine so hübsche, lebenstätige
Kolonie vermerken. »Diese«, versetzte sie, »stirbt nicht aus, ändert sich, aber
bleibt immer dieselbe. Denn mit dem zwanzigsten Jahr treten diese, so wie die
sämtlichen Bewohnerinnen unserer Stiftung, ins tätige Leben, meistens in den
Ehestand. Alle jungen Männer der Nachbarschaft, die sich eine wackere Gattin
wünschen, sind aufmerksam auf dasjenige, was sich bei uns entwickelt. Auch sind
unsre Zöglinge hier nicht etwan eingesperrt, sie haben sich schon auf manchem
Jahrmarkte umgesehen, sind gesehen worden, gewünscht und verlobt; und so warten
denn mehrere Familien schon aufmerksam, wenn bei uns wieder Platz wird, um die
Ihrigen einzuführen.« Nachdem diese Angelegenheit besprochen war, konnte der
Gast seiner neuen Freundin den Wunsch nicht bergen, das gestern abend
Vorgelesene nochmals durchzusehen. »Den Hauptsinn der Unterhaltung habe ich
gefasst«, sagte er; »nun möcht' ich aber auch das einzelne wovon die Rede war,
näher kennen lernen.«
    »Diesen Wunsch«, versetzte jene, »zu befriedigen, finde ich mich
glücklicherweise sogleich in dem Falle; das Verhältnis, das Ihnen so schnell zu
unserm Innersten gegeben ward, berechtigt mich, Ihnen zu sagen, dass jene Papiere
schon in meinen Händen und von mir nebst andern Blättern sorgfältig aufgehoben
werden. Meine Herrin«, fuhr sie fort, »ist von der Wichtigkeit des
augenblicklichen Gesprächs höchlich überzeugt; dabei gehe vorüber, sagt sie, was
kein Buch entält, und doch wieder das Beste, was Bücher jemals entalten haben.
Deshalb machte sie mir's zur Pflicht, einzelne gute Gedanken aufzubewahren, die
aus einem geistreichen Gespräch, wie Samenkörner aus einer vielästigen Pflanze,
hervorspringen. Ist man treu, sagt sie, das Gegenwärtige festzuhalten, so wird
man erst Freude an der Überlieferung haben, indem wir den besten Gedanken schon
ausgesprochen, das liebenswürdigste Gefühl schon ausgedrückt finden. Hiedurch
kommen wir zum Anschauen jener Übereinstimmung, wozu der Mensch berufen ist,
wozu er sich oft wider seinen Willen finden muss, da er sich gar zu gern
einbildet, die Welt fange mit ihm von vorne an.«
    Angela fuhr fort, dem Gaste weiter zu vertrauen, dass dadurch ein bedeutendes
Archiv entstanden sei, woraus sie in schlaflosen Nächten manchmal ein Blatt
Makarien vorlese; bei welcher Gelegenheit denn wieder auf eine merkwürdige Weise
tausend Einzelnheiten hervorspringen, eben als wenn eine Masse Quecksilber fällt
und sich nach allen Seiten hin in die vielfachsten unzähligen Kügelchen
zerteilt.
    Auf seine Frage, inwiefern dieses Archiv als Geheimnis bewahrt werde,
eröffnete sie: dass allerdings nur die nächste Umgebung davon Kenntnis habe, doch
wolle sie es wohl verantworten und ihm, da er Lust bezeige, sogleich einige
Hefte vorlegen.
    Unter diesem Gartengespräche waren sie gegen das Schloss gelangt, und in die
Zimmer eines Seitengebäudes eintretend, sagte sie lächelnd: »Ich habe bei dieser
Gelegenheit Ihnen noch ein Geheimnis zu vertrauen, worauf Sie am wenigsten
vorbereitet sind.« Sie liess ihn darauf durch einen Vorhang in ein Kabinett
hineinblicken, wo er, freilich zu grosser Verwunderung, seinen Felix schreibend
an einem Tische sitzen sah und sich nicht gleich diesen unerwarteten Fleiss
enträtseln konnte. Bald aber ward er belehrt, als Angela ihm entdeckte, dass der
Knabe jenen Augenblick seines Verschwindens hiezu angewendet und erklärt,
Schreiben und Reiten sei das einzige, wozu er Lust habe.
    Unser Freund ward sodann in ein Zimmer geführt, wo er in Schränken ringsum
viele wohlgeordnete Papiere zu sehen hatte. Rubriken mancher Art deuteten auf
den verschiedensten Inhalt, Einsicht und Ordnung leuchtete hervor. Als nun
Wilhelm solche Vorzüge pries, eignete das Verdienst derselben Angela dem
Hausfreunde zu; die Anlage nicht allein, sondern auch in schwierigen Fällen die
Einschaltung wisse er mit eigener Übersicht bestimmt zu leiten. Darauf suchte
sie die gestern vorgelesenen Manuskripte vor und vergönnte dem Begierigen, sich
derselben sowie alles übrigen zu bedienen und nicht nur Einsicht davon, sondern
auch Abschrift zu nehmen.
    Hier nun musste der Freund bescheiden zu Werke gehen, denn es fand sich nur
allzuviel Anziehendes und Wünschenswertes; besonders achtete er die Hefte
kurzer, kaum zusammenhängender Sätze höchst schätzenswert. Resultate waren es,
die, wenn wir nicht ihre Veranlassung wissen, als paradox erscheinen, uns aber
nötigen, vermittelst eines umgekehrten Findens und Erfindens rückwärtszugehen
und uns die Filiation solcher Gedanken von weit her, von unten herauf wo möglich
zu vergegenwärtigen.
    Auch dergleichen dürfen wir aus oben angeführten Ursachen keinen Platz
einräumen. Jedoch werden wir die erste sich darbietende Gelegenheit nicht
versäumen und am schicklichen Orte auch das hier Gewonnene mit Auswahl
darzubringen wissen.
Am dritten Tage morgens begab sich unser Freund zu Angela, und nicht ohne einige
Verlegenheit stand er vor ihr. »Heute soll ich scheiden«, sprach er, »und von
der trefflichen Frau, bei der ich gestern den ganzen Tag leider nicht
vorgelassen worden, meine letzten Aufträge erhalten. Hier nun liegt mir etwas
auf dem Herzen, auf dem ganzen innern Sinn, worüber ich aufgeklärt zu sein
wünschte. Wenn es möglich ist, so gönnen Sie mir diese Wohltat.«
    »Ich glaube Sie zu verstehen«, sagte die Angenehme, »doch sprechen Sie
weiter.« - »Ein wunderbarer Traum«, fuhr er fort, »einige Worte des ernsten
Himmelskundigen, ein abgesondertes, verschlossenes Fach in den zugänglichen
Schränken, mit der Inschrift: Makariens Eigenheiten, diese Veranlassungen
gesellen sich zu einer innern Stimme, die mir zuruft, die Bemühung um jene
Himmelslichter sei nicht etwa nur eine wissenschaftliche Liebhaberei, ein
Bestreben nach Kenntnis des Sternenalls, vielmehr sei zu vermuten: es liege hier
ein ganz eigenes Verhältnis Makariens zu den Gestirnen verborgen, das zu
erkennen mir höchst wichtig sein müsste. Ich bin weder neugierig noch
zudringlich, aber dies ist ein so wissenswerter Fall für den Geist- und
Sinnforscher, dass ich mich nicht entalten kann anzufragen: ob man zu so vielem
Vertrauen nicht auch noch dieses Übermass zu vergönnen belieben möchte?« -
»Dieses zu gewähren, bin ich berechtigt«, versetzte die Gefällige. »Ihr
merkwürdiger Traum ist zwar Makarien ein Geheimnis geblieben, aber ich habe mit
dem Hausfreund Ihr sonderbares geistiges Eingreifen, Ihr unvermutetes Erfassen
der tiefsten Geheimnisse betrachtet und überlegt, und wir dürfen uns ermutigen,
Sie weiterzuführen. Lassen Sie mich nun zuvörderst gleichnisweise reden! Bei
schwer begreiflichen Dingen tut man wohl, sich auf diese Weise zu helfen.
    Wie man von dem Dichter sagt, die Elemente der sichtlichen Welt seien in
seiner Natur innerlichst verborgen und hätten sich nur aus ihm nach und nach zu
entwickeln, dass ihm nichts in der Welt zum Anschauen komme, was er nicht vorher
in der Ahnung gelebt: ebenso sind, wie es scheinen will, Makarien die
Verhältnisse unsres Sonnensystems von Anfang an, erst ruhend, sodann sich nach
und nach entwickelnd, fernerhin sich immer deutlicher belebend, gründlich
eingeboren. Erst litt sie an diesen Erscheinungen, dann vergnügte sie sich
daran, und mit den Jahren wuchs das Entzücken. Nicht eher jedoch kam sie
hierüber zur Einheit und Beruhigung, als bis sie den Beistand, den Freund
gewonnen hatte, dessen Verdienst Sie auch schon genugsam kennen lernten.
    Als Matematiker und Philosoph ungläubig von Anfang, war er lange
zweifelhaft, ob diese Anschauung nicht etwa angelernt sei; denn Makarie musste
gestehen, frühzeitig Unterricht in der Astronomie genossen und sich
leidenschaftlich damit beschäftigt zu haben. Daneben berichtete sie aber auch:
wie sie viele Jahre ihres Lebens die innern Erscheinungen mit dem äussern
Gewahrwerden zusammengehalten und verglichen, aber niemals hierin eine
Übereinstimmung finden können.
    Der Wissende liess sich hierauf dasjenige, was sie schaute, welches ihr nur
von Zeit zu Zeit ganz deutlich war, auf das genaueste vortragen, stellte
Berechnungen an und folgerte daraus, dass sie nicht sowohl das ganze Sonnensystem
in sich trage, sondern dass sie sich vielmehr geistig als ein integrierender Teil
darin bewege. Er verfuhr nach dieser Voraussetzung, und seine Calculs wurden auf
eine unglaubliche Weise durch ihre Aussagen bestätigt.
    So viel nur darf ich Ihnen diesmal vertrauen, und auch dieses eröffne ich
nur mit der dringenden Bitte, gegen niemanden hievon irgendein Wort zu erwähnen.
Denn sollte nicht jeder Verständige und Vernünftige, bei dem reinsten
Wohlwollen, dergleichen Äusserungen für Phantasien, für übelverstandene
Erinnerungen eines früher eingelernten Wissens halten und erklären? Die Familie
selbst weiss nichts Näheres hievon, diese geheimen Anschauungen, die entzückenden
Gesichte sind es, die bei den Ihrigen als Krankheit gelten, wodurch sie
augenblicklich gehindert sei, an der Welt und ihren Interessen teilzunehmen.
Dies, mein Freund, verwahren Sie im stillen und lassen sich auch gegen Lenardo
nichts merken.«
    Gegen Abend ward unser Wanderer Makarien nochmals vorgestellt; gar manches
anmutig Belehrende kam zur Sprache, davon wir nachstehendes auswählen.
    »Von Natur besitzen wir keinen Fehler, der nicht zur Tugend, keine Tugend,
die nicht zum Fehler werden könnte. Diese letzten sind gerade die
bedenklichsten. Zu dieser Betrachtung hat mir vorzüglich der wunderbare Neffe
Anlass gegeben, der junge Mann, von dem Sie in der Familie manches Seltsame
gehört haben und den ich, wie die Meinigen sagen, mehr als billig, schonend und
liebend behandle.
    Von Jugend auf entwickelte sich in ihm eine gewisse muntere, technische
Fertigkeit, der er sich ganz hingab und darin glücklich zu mancher Kenntnis und
Meisterschaft fortschritt. Späterhin war alles, was er von Reisen nach Hause
schickte, immer das Künstlichste, Klügste, Feinste, Zarteste von Handarbeit, auf
das Land hindeutend, wo er sich eben befand und welches wir erraten sollten.
Hieraus möchte man schliessen, dass er ein trockner, unteilnehmender, in
Äusserlichkeiten befangener Mensch sei und bleibe; auch war er im Gespräch zum
Eingreifen an allgemeinen, sittlichen Betrachtungen nicht aufgelegt, aber er
besass im stillen und geheimen einen wunderbar feinen praktischen Takt des Guten
und Bösen, des Löblichen und Unlöblichen, dass ich ihn weder gegen Ältere noch
Jüngere, weder gegen Obere noch Untere jemals habe fehlen sehen. Aber diese
angeborne Gewissenhaftigkeit, ungeregelt wie sie war, bildete sich im einzelnen
zu grillenhafter Schwäche; er mochte sogar sich Pflichten erfinden, da wo sie
nicht gefordert wurden, und sich ganz ohne Not irgendeinmal als Schuldner
bekennen.
    Nach seinem ganzen Reiseverfahren, besonders aber nach den Vorbereitungen zu
seiner Wiederkunft, glaube ich, dass er wähnt, früher ein weibliches Wesen
unseres Kreises verletzt zu haben, deren Schicksal ihn jetzt beunruhigt, wovon
er sich befreit und erlöst fühlen würde, sobald er vernehmen könnte, dass es ihr
wohl gehe, und das Weitere wird Angela mit Ihnen besprechen. Nehmen Sie
gegenwärtigen Brief und bereiten unsrer Familie ein glückliches Zusammenfinden.
Aufrichtig gestanden: ich wünschte, ihn auf dieser Erde nochmals zu sehen und im
Abscheiden ihn herzlich zu segnen.«
 
                                Eilftes Kapitel
                             Das nussbraune Mädchen
Nachdem Wilhelm seinen Auftrag umständlich und genau ausgerichtet, versetzte
Lenardo mit einem Lächeln: »So sehr ich Ihnen verbunden bin für das, was ich
durch Sie erfahre, so muss ich doch noch eine Frage hinzufügen. Hat Ihnen die
Tante nicht am Schluss noch anempfohlen, mir eine unbedeutend scheinende Sache zu
berichten?« Der andere besann sich einen Augenblick. »Ja«, sagte er darauf, »ich
entsinne mich. Sie erwähnte eines Frauenzimmers, das sie Valerine nannte. Von
dieser sollte ich Ihnen sagen, dass sie glücklich verheiratet sei und sich in
einem wünschenswerten Zustande befinde.«
    »Sie wälzen mir einen Stein vom Herzen«, versetzte Lenardo. »Ich gehe nun
gern nach Hause zurück, weil ich nicht fürchten muss, dass die Erinnerung an
dieses Mädchen mir an Ort und Stelle zum Vorwurf gereiche.«
    »Es ziemt sich nicht für mich zu fragen, welch Verhältnis Sie zu ihr
gehabt«, sagte Wilhelm; »genug, Sie können ruhig sein, wenn Sie auf irgendeine
Weise an dem Schicksal des Mädchens teilnehmen.«
    »Es ist das wunderlichste Verhältnis von der Welt«, sagte Lenardo;
»keinesweges ein Liebesverhältnis, wie man sich's denken könnte. Ich darf Ihnen
wohl vertrauen und erzählen, was eigentlich keine Geschichte ist. Was müssen Sie
aber denken, wenn ich Ihnen sage, dass mein zauderndes Zurückreisen, dass die
Furcht, in unsere Wohnung zurückzukehren, dass diese seltsamen Anstalten und
Fragen, wie es bei uns aussehe, eigentlich nur zur Absicht haben, nebenher zu
erfahren, wie es mit diesem Kinde stehe.
    Denn glauben Sie«, fuhr er fort, »ich weiss übrigens sehr gut, dass man
Menschen, die man kennt, auf geraume Zeit verlassen kann, ohne sie verändert
wiederzufinden, und so denke ich auch bei den Meinigen bald wieder völlig zu
Hause zu sein. Um dies einzige Wesen war es mir zu tun, dessen Zustand sich
verändern musste und sich, Dank sei es dem Himmel, ins Bessere verändert hat.«
    »Sie machen mich neugierig«, sagte Wilhelm. »Sie lassen mich etwas ganz
Besonderes erwarten.«
    »Ich halte es wenigstens dafür«, versetzte Lenardo und fing seine Erzählung
folgendermassen an.
    »Die herkömmliche Kreisfahrt durch das gesittete Europa in meinen
Jünglingsjahren zu bestehen, war ein fester Vorsatz, den ich von Jugend auf
hegte, dessen Ausführung sich aber von Zeit zu Zeit, wie es zu gehen pflegt,
verzögerte. Das Nächste zog mich an, hielt mich fest, und das Entfernte verlor
immer mehr seinen Reiz, je mehr ich davon las oder erzählen hörte. Doch endlich,
angetrieben durch meinen Oheim, angelockt durch Freunde, die sich vor mir in die
Welt hinausbegeben hatten, ward der Entschluss gefasst, und zwar geschwinder, ehe
wir es uns alle versahn.
    Mein Oheim, der eigentlich das Beste dazu tun musste, um die Reise möglich zu
machen, hatte sogleich kein anderes Augenmerk. Sie kennen ihn und seine
Eigenheit, wie er immer nur auf eines losgeht und das erst zustande bringt, und
inzwischen alles andere ruhen und schweigen muss; wodurch er denn freilich vieles
geleistet hat, was über die Kräfte eines Particuliers zu gehen scheint. Diese
Reise kam ihm einigermassen unerwartet; doch wusste er sich sogleich zu fassen.
Einige Bauten, die er unternommen, ja sogar angefangen hatte, wurden
eingestellt, und weil er sein Erspartes niemals angreifen will, so sah er sich
als ein kluger Finanzmann nach andern Mitteln um. Das Nächste war, ausstehende
Schulden, besonders Pachtreste, einzukassieren; denn auch dieses gehörte mit zu
seiner Art und Weise, dass er gegen Schuldner nachsichtig war, solange er bis auf
einen gewissen Grad selbst nichts bedurfte. Sein Geschäftsmann erhielt die
Liste; diesem war die Ausführung überlassen. Vom einzelnen erfuhren wir nichts;
nur hörte ich im Vorbeigehen, dass der Pachter eines unserer Güter, mit dem der
Oheim lange Geduld gehabt hatte, endlich wirklich ausgetrieben, seine Kaution zu
kärglichem Ersatz des Ausfalls innebehalten und das Gut anderweit verpachtet
werden sollte. Es war dieser Mann von Art der Stillen im Lande, aber nicht, wie
seinesgleichen, dabei klug und tätig; wegen seiner Frömmigkeit und Güte zwar
geliebt, doch wegen seiner Schwäche als Haushalter gescholten. Nach seiner
Frauen Tode war eine Tochter, die man nur das nussbraune Mädchen nannte, ob sie
schon rüstig und entschlossen zu werden versprach, doch viel zu jung, um
entschieden einzugreifen; genug, es ging mit dem Mann rückwärts, ohne dass die
Nachsicht des Onkels sein Schicksal hätte aufhalten können.
    Ich hatte meine Reise im Sinn, und die Mittel dazu musst' ich billigen. Alles
war bereit, das Packen und Loslösen ging an, die Augenblicke drängten sich.
Eines Abends durchstrich ich noch einmal den Park, um Abschied von den bekannten
Bäumen und Sträuchen zu nehmen, als mir auf einmal Valerine in den Weg trat:
denn so hiess das Mädchen; das andere war nur ein Scherzname, durch ihre
bräunliche Gesichtsfarbe veranlasst. Sie trat mir in den Weg.«
    Lenardo hielt einen Augenblick nachdenkend inne. »Wie ist mir denn?« sagte
er; »hiess sie auch Valerine? Ja doch«, fuhr er fort; »doch war der Scherzname
gewöhnlicher. Genug, das braune Mädchen trat mir in den Weg und bat mich
dringend, für ihren Vater, für sie ein gutes Wort bei meinem Oheim einzulegen.
Da ich wusste, wie die Sache stand, und ich wohl sah, dass es schwer, ja unmöglich
sein würde, in diesem Augenblick etwas für sie zu tun, so sagte ich's ihr
aufrichtig und setzte die eigne Schuld ihres Vaters in ein ungünstiges Licht.
    Sie antwortete mir darauf mit so viel Klarheit und zugleich mit so viel
kindlicher Schonung und Liebe, dass sie mich ganz für sich einnahm und dass ich,
wäre es meine eigene Kasse gewesen, sie sogleich durch Gewährung ihrer Bitte
glücklich gemacht hätte. Nun waren es aber die Einkünfte meines Oheims; es waren
seine Anstalten, seine Befehle; bei seiner Denkweise, bei dem, was bisher schon
geschehen, war nichts zu hoffen. Von jeher hielt ich ein Versprechen hochheilig.
Wer etwas von mir verlangte, setzte mich in Verlegenheit. Ich hatte mir es so
angewöhnt abzuschlagen, dass ich sogar das nicht versprach, was ich zu halten
gedachte. Diese Gewohnheit kam mir auch diesmal zustatten. Ihre Gründe ruhten
auf Individualität und Neigung, die meinigen auf Pflicht und Verstand, und ich
leugne nicht, dass sie mir am Ende selbst zu hart vorkamen. Wir hatten schon
einigemal dasselbe wiederholt, ohne einander zu überzeugen, als die Not sie
beredter machte, ein unvermeidlicher Untergang, den sie vor sich sah, ihr Tränen
aus den Augen presste. Ihr gefasstes Wesen verliess sie nicht ganz; aber sie sprach
lebhaft, mit Bewegung, und indem ich immer noch Kälte und Gelassenheit
heuchelte, kehrte sich ihr ganzes Gemüt nach aussen. Ich wünschte die Szene zu
endigen; aber auf einmal lag sie zu meinen Füssen, hatte meine Hand gefasst,
geküsst, und sah so gut, so liebenswürdig flehend zu mir herauf, dass ich mir in
dem Augenblick meiner selbst nicht bewusst war. Schnell sagte ich, indem ich sie
aufhob: Ich will das Mögliche tun, beruhige dich, mein Kind! und so wandte ich
mich nach einem Seitenwege. Tun Sie das Unmögliche! rief sie mir nach. - Ich
weiss nicht mehr, was ich sagen wollte, aber ich sagte: Ich will, und stockte.
Tun Sie's! rief sie auf einmal, mit einem Ausdruck von himmlischer Hoffnung. Ich
grüsste sie und eilte fort.
    Den Oheim wollte ich nicht zuerst angehen, denn ich kannte ihn nur zu gut,
dass man ihn an das Einzelne nicht erinnern durfte, wenn er sich das Ganze
vorgesetzt hatte. Ich suchte den Geschäftsträger; er war weggeritten; Gäste
kamen den Abend, Freunde, die Abschied nehmen wollten. Man spielte, man speiste
bis tief in die Nacht. Sie blieben den andern Tag, und die Zerstreuung
verwischte jenes Bild der dringend Bittenden. Der Geschäftsträger kam zurück, er
war geschäftiger und überdrängter als nie. Jedermann fragte nach ihm. Er hatte
nicht Zeit, mich zu hören: doch machte ich einen Versuch, ihn festzuhalten;
allein kaum hatte ich jenen frommen Pachter genannt, so wies er mich mit
Lebhaftigkeit zurück: Sagen Sie dem Onkel um Gottes willen davon nichts, wenn
Sie zuletzt nicht noch Verdruss haben wollen. - Der Tag meiner Abreise war
festgesetzt; ich hatte Briefe zu schreiben, Gäste zu empfangen, Besuche in der
Nachbarschaft abzulegen. Meine Leute waren zu meiner bisherigen Bedienung
hinreichend, keineswegs aber gewandt, das Geschäft der Abreise zu erleichtern.
Alles lag auf mir; und doch, als mir der Geschäftsmann zuletzt in der Nacht eine
Stunde gab, um unsere Geldangelegenheiten zu ordnen, wagte ich nochmals, für
Valerinens Vater zu bitten.
    Lieber Baron, sagte der bewegliche Mann, wie kann Ihnen nur so etwas
einfallen? Ich habe heute ohnehin mit Ihrem Oheim einen schweren Stand gehabt;
denn was Sie nötig haben, um sich hier loszumachen, beläuft sich weit höher, als
wir glaubten. Dies ist zwar ganz natürlich, aber doch beschwerlich. Besonders
hat der alte Herr keine Freude, wenn die Sache abgetan scheint und noch manches
hintennachhinkt; das ist nun aber oft so, und wir andern müssen es ausbaden.
Über die Strenge, womit die ausstehenden Schulden eingetrieben werden sollen,
hat er sich selbst ein Gesetz gemacht; er ist darüber mit sich einig, und man
möchte ihn wohl schwer zur Nachgiebigkeit bewegen. Tun Sie es nicht, ich bitte
Sie! es ist ganz vergebens.
    Ich liess mich mit meinem Gesuch zurückschrecken, jedoch nicht ganz. Ich
drang in ihn, da doch die Ausführung von ihm abhänge, gelind und billig zu
verfahren. Er versprach alles, nach Art solcher Personen, um für den Augenblick
in Ruhe zu kommen. Er ward mich los; der Drang, die Zerstreuung wuchs! ich sass
im Wagen und kehrte jedem Anteil, den ich zu Hause haben konnte, den Rücken.
    Ein lebhafter Eindruck ist wie eine andere Wunde; man fühlt sie nicht, indem
man sie empfängt. Erst später fängt sie an zu schmerzen und zu eitern. Mir ging
es so mit jener Begebenheit im Garten. Sooft ich einsam, sooft ich unbeschäftigt
war, trat mir jenes Bild des flehenden Mädchens, mit der ganzen Umgebung, mit
jedem Baum und Strauch, dem Platz, wo sie knieete, dem Weg, den ich einschlug,
mich von ihr zu entfernen, das Ganze zusammen wie ein frisches Bild vor die
Seele. Es war ein unauslöschlicher Eindruck, der wohl von andern Bildern und
Teilnahmen beschattet, verdeckt, aber niemals vertilgt werden konnte. Immer
erneut trat er in jeder stillen Stunde hervor, und je länger es währte, desto
schmerzlicher fühlte ich die Schuld, die ich gegen meine Grundsätze, meine
Gewohnheit auf mich geladen hatte, obgleich nicht ausdrücklich, nur stotternd,
zum erstenmal in solchem Falle verlegen.
    Ich verfehlte nicht, in den ersten Briefen unsern Geschäftsmann zu fragen,
wie die Sache gegangen. Er antwortete dilatorisch. Dann setzte er aus, diesen
Punkt zu erwidern; dann waren seine Worte zweideutig, zuletzt schwieg er ganz.
Die Entfernung wuchs, mehr Gegenstände traten zwischen mich und meine Heimat;
ich ward zu manchen Beobachtungen, mancher Teilnahme aufgefordert; das Bild
verschwand, das Mädchen fast bis auf den Namen. Seltener trat ihr Andenken
hervor, und meine Grille, mich nicht durch Briefe, nur durch Zeichen mit den
Meinigen zu unterhalten, trug viel dazu bei, meinen frühern Zustand mit allen
seinen Bedingungen beinahe verschwinden zu machen. Nur jetzt, da ich mich dem
Hause nähere, da ich meiner Familie, was sie bisher entbehrt, mit Zinsen zu
erstatten gedenke, jetzt überfällt mich diese wunderliche Reue - ich muss sie
selbst wunderlich nennen - wieder mit aller Gewalt. Die Gestalt des Mädchens
frischt sich auf mit den Gestalten der Meinigen, und ich fürchte nichts mehr,
als zu vernehmen, sie sei in dem Unglück, in das ich sie gestossen, zugrunde
gegangen; denn mir schien mein Unterlassen ein Handeln zu ihrem Verderben, eine
Förderung ihres traurigen Schicksals. Schon tausendmal habe ich mir gesagt, dass
dieses Gefühl im Grunde nur eine Schwachheit sei, dass ich früh zu jenem Gesetz,
nie zu versprechen, nur aus Furcht der Reue, nicht aus einer edlern Empfindung
getrieben worden. Und nun scheint sich eben die Reue, die ich geflohen, an mir
zu rächen, indem sie diesen Fall statt tausend ergreift, um mich zu peinigen.
dabei ist das Bild, die Vorstellung, die mich quält, so angenehm, so
liebenswürdig, dass ich gern dabei verweile. Und denke ich daran, so scheint der
Kuss, den sie auf meine Hand gedrückt, mich noch zu brennen.«
    Lenardo schwieg, und Wilhelm versetzte schnell und fröhlich: »So hätte ich
Ihnen denn keinen grössern Dienst erzeigen können als durch den Nachsatz meines
Vortrags wie manchmal in einem Postskript das Interessanteste des Briefes
entalten sein kann. Zwar weiss ich nur wenig von Valerinen: denn ich erfuhr von
ihr nur im Vorbeigehen; aber gewiss ist sie die Gattin eines wohlhabenden
Gutsbesitzers und lebt vergnügt, wie mir die Tante noch beim Abschied
versicherte.«
    »Schön«, sagte Lenardo: »nun hält mich nichts ab. Sie haben mich absolviert,
und wir wollen sogleich zu den Meinigen, die mich ohnehin länger, als billig
ist, erwarten.« Wilhelm erwiderte darauf: »Leider kann ich Sie nicht begleiten:
denn eine sonderbare Verpflichtung liegt mir ob, nirgends länger als drei Tage
zu verweilen und die Orte, die ich verlasse, in einem Jahr nicht wieder zu
betreten. Verzeihen Sie, wenn ich den Grund dieser Sonderbarkeit nicht
aussprechen darf.«
    »Es tut mir sehr leid«, sagte Lenardo, »dass wir Sie so bald verlieren, dass
ich nicht auch etwas für Sie mitwirken kann. Doch da Sie einmal auf dem Wege
sind, mir wohlzutun, so könnten Sie mich sehr glücklich machen, wenn Sie
Valerinen besuchten, sich von ihrem Zustand genau unterrichteten und mir alsdann
schriftlich oder mündlich - der dritte Ort einer Zusammenkunft wird sich schon
finden - zu meiner Beruhigung ausführliche Nachricht erteilten.«
    Dieser Vorschlag wurde weiter besprochen; Valerinens Aufentalt hatte man
Wilhelmen genannt. Er übernahm es, sie zu besuchen; ein dritter Ort wurde
festgesetzt, wohin der Baron kommen und auch den Felix mitbringen sollte, der
indessen bei den Frauenzimmern zurückgeblieben war.
    Lenardo und Wilhelm hatten ihren Weg, nebeneinander reitend, auf angenehmen
Wiesen unter mancherlei Gesprächen eine Zeitlang fortgesetzt, als sie sich
nunmehr der Fahrstrasse näherten und den Wagen des Barons einholten, der, von
seinem Herrn begleitet, die Heimat wiederfinden sollte. Hier wollten die Freunde
sich trennen, und Wilhelm nahm mit wenigen, freundlichen Worten Abschied und
versprach dem Baron nochmals baldige Nachricht von Valerinen.
    »Wenn ich bedenke«, versetzte Lenardo, »dass es nur ein kleiner Umweg wäre,
wenn ich Sie begleitete, warum sollte ich Valerinen nicht selbst aufsuchen?
warum nicht selbst von ihrem glücklichen Zustande mich überzeugen? Sie waren so
freundlich, sich zum Boten anzubieten; warum wollten Sie nicht mein Begleiter
sein? Denn einen Begleiter muss ich haben, einen sittlichen Beistand, wie man
sich rechtliche Beistände nimmt, wenn man dem Gerichtshandel nicht ganz
gewachsen zu sein glaubt.«
    Die Einreden Wilhelms, dass man zu Hause den so lange Abwesenden erwarte, dass
es einen sonderbaren Eindruck machen möchte, wenn der Wagen allein käme, und was
dergleichen mehr war, vermochten nichts über Lenardo, und Wilhelm musste sich
zuletzt entschliessen, den Begleiter abzugeben, wobei ihm wegen der zu
fürchtenden Folgen nicht wohl zumute war.
    Die Bedienten wurden daher unterrichtet, was sie bei der Ankunft sagen
sollten, und die Freunde schlugen nunmehr den Weg ein, der zu Valerinens Wohnort
führte. Die Gegend schien reich und fruchtbar und der wahre Sitz des Landbaues.
So war denn auch in dem Bezirk, welcher Valerinens Gatten gehörte, der Boden
durchaus gut und mit Sorgfalt bestellt. Wilhelm hatte Zeit, die Landschaft genau
zu betrachten, indem Lenardo schweigend neben ihm ritt. Endlich fing dieser an:
»Ein anderer an meiner Stelle würde sich vielleicht Valerinen unerkannt zu
nähern suchen; denn es ist immer ein peinliches Gefühl, vor die Augen derjenigen
zu treten, die man verletzt hat; aber ich will das lieber übernehmen und den
Vorwurf ertragen, den ich von ihren ersten Blicken befürchte, als dass ich mich
durch Vermummung und Unwahrheit davor sicherstelle. Unwahrheit kann uns
ebensosehr in Verlegenheit setzen als Wahrheit; und wenn wir abwägen, wie oft
uns diese oder jene nutzt, so möchte es doch immer der Mühe wert sein, sich ein
für allemal dem Wahren zu ergeben. Lassen Sie uns also getrost vorwärtsgehen;
ich will mich nennen und Sie als meinen Freund und Gefährten einführen.«
    Nun waren sie an den Gutshof gekommen und stiegen in dem Bezirk desselben
ab. Ein ansehnlicher Mann, einfach gekleidet, den sie für einen Pachter halten
konnten, trat ihnen entgegen und kündigte sich als Herrn des Hauses an. Lenardo
nannte sich, und der Besitzer schien höchst erfreut, ihn zu sehen und kennen zu
lernen. »Was wird meine Frau sagen«, rief er aus, »wenn sie den Neffen ihres
Wohltäters wiedersieht! Nicht genug kann sie erwähnen und erzählen, was sie und
ihr Vater Ihrem Oheim schuldig ist.«
    Welche sonderbare Betrachtungen kreuzten sich schnell in Lenardos Geist.
»Versteckt dieser Mann, der so redlich aussieht, seine Bitterkeit hinter ein
freundlich Gesicht und glatte Worte? Ist er imstande, seinen Vorwürfen eine so
gefällige Aussenseite zu geben? Denn hat mein Oheim nicht diese Familie
unglücklich gemacht? und kann es ihm unbekannt geblieben sein? Oder«, so dachte
er sich's mit schneller Hoffnung, »ist die Sache nicht so übel geworden, als du
denkst? denn eine ganz bestimmte Nachricht hast du ja doch niemals gehabt.«
Solche Vermutungen wechselten hin und her, indem der Hausherr anspannen liess, um
seine Gattin holen zu lassen, die in der Nachbarschaft einen Besuch machte.
    »Wenn ich Sie indessen, bis meine Frau kommt, auf meine Weise unterhalten
und zugleich meine Geschäfte fortsetzen darf, so machen Sie einige Schritte mit
mir aufs Feld und sehen sich um, wie ich meine Wirtschaft betreibe: denn gewiss
ist Ihnen, als einem grossen Gutsbesitzer, nichts angelegener als die edle
Wissenschaft, die edle Kunst des Feldbaues.« Lenardo widersprach nicht; Wilhelm
unterrichtete sich gern; und der Landmann hatte seinen Grund und Boden, den er
unumschränkt besass und beherrschte, vollkommen gut inne; was er vornahm, war der
Absicht gemäss; was er säete und pflanzte, durchaus am rechten Ort; er wusste die
Behandlung und die Ursachen derselben so deutlich anzugeben, dass es ein jeder
begriff und für möglich gehalten hätte, dasselbe zu tun und zu leisten: ein
Wahn, in den man leicht verfällt, wenn man einem Meister zusieht, dem alles
bequem von der Hand geht.
    Die Fremden erzeigten sich sehr zufrieden und konnten nichts als Lob und
Billigung erteilen. Er nahm es dankbar und freundlich auf, fügte jedoch hinzu:
»Nun muss ich Ihnen aber auch meine schwache Seite zeigen, die freilich an jedem
zu bemerken ist, der sich einem Gegenstand ausschliesslich ergibt.« Er führte sie
auf seinen Hof, zeigte ihnen seine Werkzeuge, den Vorrat derselben sowie den
Vorrat von allem erdenklichen Geräte und dessen Zubehör. »Man tadelte mich oft«,
sagte er dabei, »dass ich hierin zu weit gehe; allein ich kann mich deshalb nicht
schelten. Glücklich ist der, dem sein Geschäft auch zur Puppe wird, der mit
demselbigen zuletzt noch spielt und sich an dem ergötzt, was ihm sein Zustand
zur Pflicht macht.«
    Die beiden Freunde liessen es an Fragen und Erkundigungen nicht fehlen.
Besonders erfreute sich Wilhelm an den allgemeinen Bemerkungen, zu denen dieser
Mann aufgelegt schien, und verfehlte nicht, sie zu erwidern; indessen Lenardo,
mehr in sich gekehrt, an dem Glück Valerinens, das er in diesem Zustande für
gewiss hielt, stillen Teil nahm, obgleich mit einem leisen Gefühl von Unbehagen,
von dem er sich keine Rechenschaft zu geben wusste.
    Man war schon ins Haus zurückgekehrt, als der Wagen der Besitzerin vorfuhr.
Man eilte ihr entgegen; aber wie erstaunte, wie erschrak Lenardo, als er sie
aussteigen sah. Sie war es nicht, es war das nussbraune Mädchen nicht, vielmehr
gerade das Gegenteil; zwar auch eine schöne, schlanke Gestalt, aber blond, mit
allen Vorteilen, die Blondinen eigen sind.
    Diese Schönheit, diese Anmut erschreckte Lenardon. Seine Augen hatten das
braune Mädchen gesucht; nun leuchtete ihm ein ganz anderes entgegen. Auch dieser
Züge erinnerte er sich; ihre Anrede, ihr Betragen versetzten ihn bald aus jeder
Ungewissheit: es war die Tochter des Gerichtshalters, der bei dem Oheim in grossem
Ansehen stand, deshalb denn auch dieser bei der Ausstattung sehr viel getan und
dem neuen Paare behülflich gewesen. Dies alles und mehr noch wurde von der
jungen Frau zum Antrittsgrusse fröhlich erzählt, mit einer Freude, wie sie die
Überraschung eines Wiedersehens ungezwungen äussern lässt. Ob man sich
wiedererkenne, wurde gefragt; die Veränderungen der Gestalt wurden beredet,
welche merklich genug bei Personen dieses Alters gefunden werden. Valerine war
immer angenehm, dann aber höchst liebenswürdig, wenn Fröhlichkeit sie aus dem
gewöhnlichen gleichgültigen Zustande herausriss. Die Gesellschaft ward gesprächig
und die Unterhaltung so lebhaft, dass Lenardo sich fassen und seine Bestürzung
verbergen konnte. Wilhelm, dem der Freund geschwind genug von diesem seltsamen
Ereignis einen Wink gegeben hatte, tat sein mögliches, um diesem beizustehen;
und Valerinens kleine Eitelkeit, dass der Baron, noch ehe er die Seinigen
gesehen, sich ihrer erinnert, bei ihr eingekehrt sei, liess sie auch nicht den
mindesten Verdacht schöpfen, dass hier eine andere Absicht oder ein Missgriff
obwalte.
    Man blieb bis tief in die Nacht beisammen, obgleich beide Freunde nach einem
vertraulichen Gespräch sich sehnten, das denn auch sogleich begann, als sie sich
in dem Gastzimmer allein sahen.
    »Ich soll, so scheint es«, sagte Lenardo, »meine Qual nicht loswerden. Eine
unglückliche Verwechslung des Namens, merke ich, verdoppelt sie. Diese blonde
Schönheit habe ich oft mit jener Braunen, die man keine Schönheit nennen durfte,
spielen sehen; ja ich trieb mich selbst mit ihnen, obgleich so vieles älter, in
den Feldern und Gärten herum. Beide machten nicht den geringsten Eindruck auf
mich, ich habe nur den Namen der einen behalten und ihn der andern beigelegt.
Nun finde ich die, die mich nichts angeht, nach ihrer Weise über die Massen
glücklich, indessen die andere, wer weiss wohin, in die Welt geworfen ist.«
    Den folgenden Morgen waren die Freunde beinahe früher auf als die tätigen
Landleute. Das Vergnügen, ihre Gäste zu sehen, hatte Valerinen gleichfalls
zeitig geweckt. Sie ahnete nicht, mit welchen Gesinnungen sie zum Frühstück
kamen. Wilhelm, der wohl einsah, dass ohne Nachricht von dem nussbraunen Mädchen
Lenardo sich in der peinlichsten Lage befinde, brachte das Gespräch auf frühere
Zeiten, auf Gespielen, aufs Lokal, das er selbst kannte, auf andere
Erinnerungen, so dass Valerine zuletzt ganz natürlich darauf kam, des nussbraunen
Mädchens zu erwähnen und ihren Namen auszusprechen.
    Kaum hatte Lenardo den Namen Nachodine gehört, so entsann er sich dessen
vollkommen; aber auch mit dem Namen kehrte das Bild jener Bittenden zurück, mit
einer solchen Gewalt, dass ihm das Weitere ganz unerträglich fiel, als Valerine
mit warmem Anteil die Auspfändung des frommen Pachters, seine Resignation und
seinen Auszug erzählte, und wie er sich auf seine Tochter gelehnt, die ein
kleines Bündel getragen. Lenardo glaubte zu versinken. Unglücklicher- und
glücklicherweise erging sich Valerine in einer gewissen Umständlichkeit, die,
Lenardon das Herz zerreissend, ihm dennoch möglich machte, mit Beihülfe seines
Gefährten, einige Fassung zu zeigen.
    Man schied unter vollen, aufrichtigen Bitten des Ehepaars um baldige
Wiederkunft und einer halben, geheuchelten Zusage beider Gäste. Und wie dem
Menschen, der sich selbst was Gutes gönnt, alles zum Glück schlägt, so legte
Valerine zuletzt das Schweigen Lenardos, seine sichtbare Zerstreuung beim
Abschied, sein hastiges Wegeilen zu ihrem Vorteil aus und konnte sich, obgleich
treue und liebevolle Gattin eines wackern Landmanns, doch nicht entalten, an
einer wiederaufwachenden oder neuentstehenden Neigung, wie sie sich's auslegte,
ihres ehemaligen Gutsherrn einiges Behagen zu finden.
    Nach diesem sonderbaren Ereignis sagte Lenardo: »Dass wir, bei so schönen
Hoffnungen, ganz nahe vor dem Hafen scheitern, darüber kann ich mich nur
einigermassen trösten, mich nur für den Augenblick beruhigen und den Meinen
entgegengehen, wenn ich betrachte, dass der Himmel Sie mir zugeführt hat, Sie,
dem es bei seiner eigentümlichen Sendung gleichgültig ist, wohin und wozu er
seinen Weg richtet. Nehmen Sie es über sich, Nachodinen aufzusuchen und mir
Nachricht von ihr zu geben. Ist sie glücklich, so bin ich zufrieden; ist sie
unglücklich, so helfen Sie ihr auf meine Kosten. Handeln Sie ohne Rücksichten,
sparen, schonen Sie nichts.«
    »Nach welcher Weltgegend aber«, sagte Wilhelm lächelnd, »hab' ich denn meine
Schritte zu richten? Wenn Sie keine Ahnung haben, wie soll ich damit begabt
sein?«
    »Hören Sie!« antwortete Lenardo. »In voriger Nacht, wo Sie mich als einen
Verzweifelnden rastlos auf und ab gehen sahen, wo ich leidenschaftlich in Kopf
und Herzen alles durcheinanderwarf, da kam ein alter Freund mir vor den Geist,
ein würdiger Mann, der, ohne mich eben zu hofmeistern, auf meine Jugend grossen
Einfluss gehabt hat. Gern hätt' ich mir ihn, wenigstens teilweise, als
Reisegefährten erbeten, wenn er nicht wundersam durch die schönsten Kunst- und
altertümlichen Seltenheiten an seine Wohnung geknüpft wäre, die er nur auf
Augenblicke verlässt. Dieser, weiss ich, geniesst einer ausgebreiteten
Bekanntschaft mit allem, was in dieser Welt durch irgendeinen edlen Faden
verbunden ist; zu ihm eilen Sie, ihm erzählen Sie, wie ich es vorgetragen, und
es steht zu hoffen, dass ihm sein zartes Gefühl irgend einen Ort, eine Gegend
andeuten werde, wo sie zu finden sein möchte. In meiner Bedrängnis fiel es mir
ein, dass der Vater des Kindes sich zu den Frommen zählte, und ich ward im
Augenblick fromm genug, mich an die moralische Weltordnung zu wenden und zu
bitten: sie möge sich hier zu meinen Gunsten einmal wunderbar gnädig
offenbaren.«
    »Noch eine Schwierigkeit«, versetzte Wilhelm, »bleibt jedoch zu lösen: wo
soll ich mit meinem Felix hin? denn auf so ganz ungewissen Wegen möcht' ich ihn
nicht mit mir führen und ihn doch auch nicht gerne von mir lassen; denn mich
dünkt, der Sohn entwickele sich nirgends besser als in Gegenwart des Vaters.«
    »Keineswegs!« erwiderte Lenardo, »dies ist ein holder väterlicher Irrtum:
der Vater behält immer eine Art von despotischem Verhältnis zu seinem Sohn,
dessen Tugenden er nicht anerkennt und an dessen Fehlern er sich freut; deswegen
die Alten schon zu sagen pflegten: Der Helden Söhne werden Taugenichtse, und ich
habe mich weit genug in der Welt umgesehen, um hierüber ins klare zu kommen.
Glücklicherweise wird unser alter Freund, an den ich Ihnen sogleich ein eiliges
Schreiben verfasse, auch hierüber die beste Auskunft geben. Als ich ihn vor
Jahren das letztemal sah, erzählte er mir gar manches von einer pädagogischen
Verbindung, die ich nur für eine Art von Utopien halten konnte; es schien mir,
als sei, unter dem Bilde der Wirklichkeit, eine Reihe von Ideen, Gedanken,
Vorschlägen und Vorsätzen gemeint, die freilich zusammenhingen, aber in dem
gewöhnlichen Laufe der Dinge wohl schwerlich zusammentreffen möchten. Weil ich
ihn aber kenne, weil er gern durch Bilder das Mögliche und Unmögliche
verwirklichen mag, so liess ich es gut sein, und nun kommt es uns zugute; er weiss
gewiss Ihnen Ort und Umstände zu bezeichnen, wie Sie Ihren Knaben getrost
vertrauen und von einer weisen Leitung das Beste hoffen können.«
    Im Dahinreiten sich auf diese Weise unterhaltend, erblickten sie eine edle
Villa, die Gebäude im ernst-freundlichen Geschmack, freien Vorraum und in
weiter, würdiger Umgebung wohlbestandene Bäume; Türen und Schaltern aber
durchaus verschlossen, alles einsam, doch wohlerhalten anzusehn. Von einem
ältlichen Manne, der sich am Eingang zu beschäftigen schien, erfuhren sie, dies
sei das Erbteil eines jungen Mannes, dem es von seinem in hohem Alter erst kurz
verstorbenen Vater soeben hinterlassen worden.
    Auf weiteres Befragen wurden sie belehrt: dem Erben sei hier leider alles zu
fertig, er habe hier nichts mehr zu tun und das Vorhandene zu geniessen sei
gerade nicht seine Sache; deswegen er sich denn ein Lokal näher am Gebirge
ausgesucht, wo er für sich und seine Gesellen Mooshütten baue und eine Art von
jägerischer Einsiedelei anlegen wolle. Was den Berichtenden selbst betraf,
vernahmen sie, er sei der mitgeerbte Kastellan, sorge aufs genaueste für
Erhaltung und Reinlichkeit, damit irgendein Enkel, in die Neigung und Besitzung
des Grossvaters eingreifend, alles finde, wie dieser es verlassen hat.
    Nachdem sie ihren Weg einige Zeit stillschweigend fortgesetzt, begann
Lenardo mit der Betrachtung, dass es die Eigenheit des Menschen sei, von vorn
anfangen zu wollen; worauf der Freund erwiderte, dies lasse sich wohl erklären
und entschuldigen, weil doch, genau genommen, jeder wirklich von vorn anfängt.
»Sind doch«, rief er aus, »keinem die Leiden erlassen, von denen seine Vorfahren
gepeinigt wurden; kann man ihm verdenken, dass er von ihren Freuden nichts missen
will?«
    Lenardo versetzte hierauf: »Sie ermutigen mich zu gestehen, dass ich
eigentlich auf nichts gerne wirken mag als auf das, was ich selbst geschaffen
habe. Niemals mocht' ich einen Diener, den ich nicht vom Knaben heraufgebildet,
kein Pferd, das ich nicht selbst zugeritten. In Gefolg dieser Sinnesart will ich
denn auch gern bekennen, dass ich unwiderstehlich nach uranfänglichen Zuständen
hingezogen werde, dass meine Reisen durch alle hochgebildeten Länder und Völker
diese Gefühle nicht abstumpfen können, dass meine Einbildungskraft sich über dem
Meer ein Behagen sucht und dass ein bisher vernachlässigter Familienbesitz in
jenen frischen Gegenden mich hoffen lässt, ein im stillen gefasster, meinen
Wünschen gemäss nach und nach heranreifender Plan werde sich endlich ausführen
lassen.«
    »Dagegen wüsst' ich nichts einzuwenden«, versetzte Wilhelm, »ein solcher
Gedanke, ins Neue und Unbestimmte gewendet, hat etwas Eigenes, Grosses. Nur bitt'
ich zu bedenken, dass ein solches Unternehmen nur einer Gesamteit glücken kann.
Sie gehen hinüber und finden dort schon Familienbesitzungen, wie ich weiss; die
Meinigen hegen gleiche Plane und haben sich dort schon angesiedelt; vereinigen
Sie sich mit diesen umsichtigen, klugen und kräftigen Menschen, für beide Teile
muss sich dadurch das Geschäft erleichtern und erweitern.«
    Unter solchen Gesprächen waren die Freunde an den Ort gelangt, wo sie
nunmehr scheiden sollten. Beide setzten sich nieder, zu schreiben; Lenardo
empfahl seinen Freund dem oberwähnten sonderbaren Mann, Wilhelm trug den Zustand
seines neuen Lebensgenossen den Verbündeten vor, woraus, wie natürlich, ein
Empfehlungsschreiben entstand; worin er zum Schluss auch seine mit Jarno
besprochene Angelegenheit empfahl und die Gründe nochmals auseinandersetzte,
warum er von der unbequemen Bedingung, die ihn zum ewigen Juden stempelte,
baldmöglichst befreit zu sein wünsche.
    Beim Auswechseln dieser Briefe jedoch konnte sich Wilhelm nicht erwehren,
seinem Freund nochmals gewisse Bedenklichkeiten ans Herz zu legen.
    »Ich halte es«, sprach er, »in meiner Lage für den wünschenswertesten
Auftrag, Sie, edler Mann, von einer Gemütsunruhe zu befreien und zugleich ein
menschliches Geschöpf aus dem Elende zu retten, wenn es sich darin befinden
sollte. Ein solches Ziel kann man als einen Stern ansehen, nach dem man schifft,
wenn man auch nicht weiss, was man unterwegs antreffen, unterwegs begegnen werde.
Doch darf ich mir dabei die Gefahr nicht leugnen, in der Sie auf jeden Fall noch
immer schweben. Wären Sie nicht ein Mann, der durchaus sein Wort zu geben
ablehnt, ich würde von Ihnen das Versprechen verlangen, dieses weibliche Wesen,
das Ihnen so teuer zu stehen kommt, nicht wiederzusehen, sich zu begnügen, wenn
ich Ihnen melde, dass es ihr wohlgeht; es sei nun, dass ich sie wirklich glücklich
finde oder ihr Glück zu befördern imstande bin. Da ich Sie aber zu einem
Versprechen weder vermögen kann noch will, so beschwöre ich Sie bei allem, was
Ihnen wert und heilig ist, sich und den Ihrigen und mir, dem neuerworbenen
Freund zuliebe, keine Annäherung, es sei unter welchem Vorwand es wolle, zu
jener Vermissten sich zu erlauben; von mir nicht zu verlangen, dass ich den Ort
und die Stelle, wo ich sie finde, die Gegend, wo ich sie lasse, näher bezeichne
oder gar ausspreche: Sie glauben meinem Wort, dass es ihr wohl geht, und sind
losgesprochen und beruhigt.«
    Lenardo lächelte und versetzte: »Leisten Sie mir diesen Dienst, und ich
werde dankbar sein. Was Sie tun wollen und können, sei Ihnen anheimgegeben, und
mich überlassen Sie der Zeit, dem Verstande und wo möglich der Vernunft.«
    »Verzeihen Sie«, versetzte Wilhelm; »wer jedoch weiss, unter welchen
seltsamen Formen die Neigung sich bei uns einschleicht, dem muss es bange werden,
wenn er voraussieht, ein Freund könne dasjenige wünschen, was ihm in seinen
Zuständen, seinen Verhältnissen notwendig Unglück und Verwirrung bringen müsste.«
    »Ich hoffe«, sagte Lenardo, »wenn ich das Mädchen glücklich weiss, bin ich
sie los.«
    Die Freunde schieden, jeder nach seiner Seite.
 
                                Zwölftes Kapitel
Auf einem kurzen und angenehmen Wege war Wilhelm nach der Stadt gekommen, wohin
sein Brief lautete. Er fand sie heiter und wohlgebaut; allein ihr neues Ansehn
zeigte nur allzudeutlich, dass sie kurz vorher durch einen Brand müsse gelitten
haben. Die Adresse seines Briefes führte ihn zu dem letzten, kleinen,
verschonten Teil, an ein Haus von alter, ernster Bauart, doch wohlerhalten und
reinlichen Ansehns. Trübe Fensterscheiben, wundersam gefügt, deuteten auf
erfreuliche Farbenpracht von innen. Und so entsprach denn auch wirklich das
Innere dem Äussern. In saubern Räumen zeigten sich überall Gerätschaften, die
schon einigen Generationen mochten gedient haben, untermischt mit wenigem Neuen.
Der Hausherr empfing ihn freundlich in einem gleich ausgestatteten Zimmer. Diese
Uhren hatten schon mancher Geburts- und Sterbestunde geschlagen, und was
umherstand, erinnerte, dass Vergangenheit auch in die Gegenwart übergehen könne.
    Der Ankommende gab seinen Brief ab, den der Empfänger aber, ohne ihn zu
eröffnen, beiseitelegte und in einem heitern Gespräche seinen Gast unmittelbar
kennen zu lernen suchte. Sie wurden bald vertraut, und als Wilhelm, gegen
sonstige Gewohnheit, seine Blicke beobachtend im Zimmer umherschweifen liess,
sagte der gute Alte: »Meine Umgebung erregt Ihre Aufmerksamkeit. Sie sehen hier,
wie lange etwas dauern kann, und man muss doch auch dergleichen sehen, zum
Gegengewicht dessen, was in der Welt so schnell wechselt und sich verändert.
Dieser Teekessel diente schon meinen Eltern und war ein Zeuge unserer
abendlichen Familienversammlungen; dieser kupferne Kaminschirm schützt mich noch
immer vor dem Feuer, das diese alte, mächtige Zange anschürt; und so geht es
durch alles durch. Anteil und Tätigkeit konnt' ich daher auf gar viele andere
Gegenstände wenden, weil ich mich mit der Veränderung dieser äussern Bedürfnisse,
die so vieler Menschen Zeit und Kräfte wegnimmt, nicht weiter beschäftigte. Eine
liebevolle Aufmerksamkeit auf das, was der Mensch besitzt, macht ihn reich,
indem er sich einen Schatz der Erinnerung an gleichgültigen Dingen dadurch
anhäuft. Ich habe einen jungen Mann gekannt, der eine Stecknadel dem geliebten
Mädchen, Abschied nehmend, entwendete, den Busenstreif täglich damit zusteckte
und diesen gehegten und gepflegten Schatz von einer grossen, mehrjährigen Fahrt
wieder zurückbrachte. Uns andern kleinen Menschen ist dies wohl als eine Tugend
anzurechnen.«
    »Mancher bringt wohl auch«, versetzte Wilhelm, »von einer so weiten, grossen
Reise einen Stachel im Herzen mit zurück, den er vielleicht lieber los wäre.«
Der Alte schien von Lenardos Zustande nichts zu wissen, ob er gleich den Brief
inzwischen erbrochen und gelesen hatte, denn er ging zu den vorigen
Betrachtungen wieder zurück. »Die Beharrlichkeit auf dem Besitz«, fuhr er fort,
»gibt uns in manchen Fällen die grösste Energie. Diesem Eigensinn bin ich die
Rettung meines Hauses schuldig. Als die Stadt brannte, wollte man auch bei mir
flüchten und retten. Ich verbot's, befahl, Fenster und Türen zu schliessen, und
wandte mich mit mehreren Nachbarn gegen die Flamme. Unserer Anstrengung gelang
es, diesen Zipfel der Stadt aufrechtzuerhalten. Den andern Morgen stand alles
noch bei mir, wie Sie es sehen und wie es beinahe seit hundert Jahren gestanden
hat.« - »Mit allem dem«, sagte Wilhelm, »werden Sie mir gestehen, dass der Mensch
der Veränderung nicht widersteht, welche die Zeit hervorbringt.« - »Freilich«,
sagte der Alte, »aber doch der am längsten sich erhält, hat auch etwas
geleistet.
    Ja sogar über unser Dasein hinaus sind wir fähig, zu erhalten und zu
sichern; wir überliefern Kenntnisse, wir übertragen Gesinnungen so gut als
Besitz, und da mir es nun vorzüglich um den letzten zu tun ist, so hab' ich
deshalb seit langer Zeit wunderliche Vorsicht gebraucht, auf ganz eigene
Vorkehrungen gesonnen; nur spät aber ist mir's gelungen, meinen Wunsch erfüllt
zu sehen.
    Gewöhnlich zerstreut der Sohn, was der Vater gesammelt hat, sammelt etwas
anders, oder auf andere Weise. Kann man jedoch den Enkel, die neue Generation
abwarten, so kommen dieselben Neigungen, dieselben Ansichten wieder zum
Vorschein. Und so hab' ich denn endlich, durch Sorgfalt unserer pädagogischen
Freunde, einen tüchtigen jungen Mann erworben, welcher womöglich noch mehr auf
hergebrachten Besitz hält als ich selbst und eine heftige Neigung zu
wunderlichen Dingen empfindet. Mein Zutrauen hat er entschieden durch die
gewaltsamen Anstrengungen erworben, womit ihm das Feuer von unserer Wohnung
abzuwehren gelang; doppelt und dreifach hat er den Schatz verdient, dessen
Besitz ich ihm zu überlassen gedenke; ja er ist ihm schon übergeben, und seit
der Zeit mehrt sich unser Vorrat auf eine wundersame Weise.
    Nicht alles jedoch, was Sie hier sehen, ist unser. Vielmehr, wie Sie sonst
bei Pfandinhabern manches fremde Juwel erblicken, so kann ich Ihnen bei uns
Kostbarkeiten bezeichnen, die man, unter den verschiedensten Umständen, besserer
Aufbewahrung halber hier niedergestellt.« Wilhelm gedachte des herrlichen
Kästchens, das er ohnehin nicht gern auf der Reise mit sich herumführen wollte,
und entielt sich nicht, es dem Freunde zu zeigen. Der Alte betrachtete es mit
Aufmerksamkeit, gab die Zeit an, wann es verfertigt sein könnte, und wies etwas
Ähnliches vor. Wilhelm brachte zur Sprache: ob man es wohl eröffnen sollte? Der
Alte war nicht der Meinung. »Ich glaube zwar, dass man es ohne sonderliche
Beschädigung tun könne«, sagte er; »allein da Sie es durch einen so wunderbaren
Zufall erhalten haben, so sollten Sie daran Ihr Glück prüfen. Denn wenn Sie
glücklich geboren sind und wenn dieses Kästchen etwas bedeutet, so muss sich
gelegentlich der Schlüssel dazu finden, und gerade da, wo Sie ihn am wenigsten
erwarten.« - »Es gibt wohl solche Fälle«, versetzte Wilhelm. »Ich habe selbst
einige erlebt«, erwiderte der Alte; »und hier sehen Sie den merkwürdigsten vor
sich. Von diesem elfenbeinernen Kruzifix besass ich seit dreissig Jahren den
Körper mit Haupt und Füssen aus einem Stücke, der Gegenstand sowohl als die
herrlichste Kunst ward sorgfältig in dem kostbarsten Lädchen aufbewahrt; vor
ungefähr zehn Jahren erhielt ich das dazugehörige Kreuz mit der Inschrift, und
ich liess mich verführen, durch den geschicktesten Bildschnitzer unserer Zeit die
Arme ansetzen zu lassen; aber wie weit war der Gute hinter seinem Vorgänger
zurückgeblieben; doch es mochte stehen, mehr zu erbaulichen Betrachtungen als zu
Bewunderung des Kunstfleisses.
    Nun denken Sie mein Ergötzen! Vor kurzem erhielt ich die ersten, echten
Arme, wie Sie solche zur lieblichsten Harmonie hier angefügt sehen, und ich,
entzückt über ein so glückliches Zusammentreffen, entalte mich nicht, die
Schicksale der christlichen Religion hieran zu erkennen, die, oft genug
zergliedert und zerstreut, sich doch endlich immer wieder am Kreuze
zusammenfinden muss.«
    Wilhelm bewunderte das Bild und die seltsame Fügung. »Ich werde Ihrem Rat
folgen«, setzte er hinzu; »bleibe das Kästchen verschlossen, bis der Schlüssel
sich findet, und wenn es bis ans Ende meines Lebens liegen sollte.« - »Wer lange
lebt«, sagte der Alte, »sieht manches versammelt und manches auseinanderfallen.«
    Der junge Besitzgenosse trat soeben herein, und Wilhelm erklärte seinen
Vorsatz, das Kästchen ihrem Gewahrsam zu übergeben. Nun ward ein grosses Buch
herbeigeschaft, das anvertraute Gut eingeschrieben; mit manchen beobachteten
Zeremonien und Bedingungen ein Empfangschein ausgestellt, der zwar auf jeden
Vorzeigenden lautete, aber nur auf ein mit dem Empfänger verabredetes Zeichen
honoriert werden sollte.
    Als dieses alles vollbracht war, überlegte man den Inhalt des Briefes,
zuerst sich über das Unterkommen des guten Felix beratend, wobei der alte Freund
sich ohne weiteres zu einigen Maximen bekannte, welche der Erziehung zum Grunde
liegen sollten.
    »Allem Leben, allem Tun, aller Kunst muss das Handwerk vorausgehen, welches
nur in der Beschränkung erworben wird. Eines recht wissen und ausüben gibt
höhere Bildung als Halbheit im Hundertfältigen. Da, wo ich Sie hinweise, hat man
alle Tätigkeiten gesondert; geprüft werden die Zöglinge auf jedem Schritt; dabei
erkennt man, wo seine Natur eigentlich hinstrebt, ob er sich gleich mit
zerstreuten Wünschen bald da-, bald dortin wendet. Weise Männer lassen den
Knaben unter der Hand dasjenige finden, was ihm gemäss ist, sie verkürzen die
Umwege, durch welche der Mensch von seiner Bestimmung, nur allzu gefällig,
abirren mag.
    Sodann«, fuhr er fort, »darf ich hoffen, aus jenem herrlich gegründeten
Mittelpunkt wird man Sie auf den Weg leiten, wo jenes gute Mädchen zu finden
ist, das einen so sonderbaren Eindruck auf Ihren Freund machte, der den Wert
eines unschuldigen, unglücklichen Geschöpfes durch sittliches Gefühl und
Betrachtung so hoch erhöht hat, dass er dessen Dasein zum Zweck und Ziel seines
Lebens zu machen genötigt war. Ich hoffe, Sie werden ihn beruhigen können; denn
die Vorsehung hat tausend Mittel, die Gefallenen zu erheben und die
Niedergebeugten aufzurichten. Manchmal sieht unser Schicksal aus wie ein
Fruchtbaum im Winter. Wer sollte bei dem traurigen Ansehn desselben wohl denken,
dass diese starren Äste, diese zackigen Zweige im nächsten Frühjahr wieder
grünen, blühen, sodann Früchte tragen könnten; doch wir hoffen's, wir wissen's.«
 
                                  Zweites Buch
                                  Erstes Kapitel
Die Wallfahrenden hatten nach Vorschrift den Weg genommen und fanden glücklich
die Grenze der Provinz, in der sie so manches Merkwürdige erfahren sollten; beim
ersten Einritt gewahrten sie sogleich der fruchtbarsten Gegend, welche an
sanften Hügeln den Feldbau, auf höhern Bergen die Schafzucht, in weiten
Talflächen die Viehzucht begünstigte. Es war kurz vor der Ernte und alles in
grösster Fülle; das, was sie jedoch gleich in Verwunderung setzte, war, dass sie
weder Frauen noch Männer, wohl aber durchaus Knaben und Jünglinge beschäftigt
sahen, auf eine glückliche Ernte sich vorzubereiten, ja auch schon auf ein
fröhliches Erntefest freundliche Anstalt zu treffen. Sie begrüssten einen und den
andern und fragten nach dem Obern, von dessen Aufentalt man keine Rechenschaft
geben konnte. Die Adresse ihres Briefs lautete: »An den Obern, oder die Dreie.«
Auch hierin konnten sich die Knaben nicht finden; man wies die Fragenden jedoch
an einen Aufseher, der eben das Pferd zu besteigen sich bereitete; sie
eröffneten ihre Zwecke; des Felix Freimütigkeit schien ihm zu gefallen, und so
ritten sie zusammen die Strasse hin.
    Schon hatte Wilhelm bemerkt, dass in Schnitt und Farbe der Kleider eine
Mannigfaltigkeit obwaltete, die der ganzen kleinen Völkerschaft ein sonderbares
Ansehn gab; eben war er im Begriff, seinen Begleiter hiernach zu fragen, als
noch eine wundersamere Bemerkung sich ihm auftat: alle Kinder, sie mochten
beschäftigt sein, wie sie wollten, liessen ihre Arbeit liegen und wendeten sich
mit besondern, aber verschiedenen Gebärden gegen die Vorbeireitenden, und es war
leicht zu folgern, dass es dem Vorgesetzten galt. Die jüngsten legten die Arme
kreuzweis über die Brust und blickten fröhlich gen Himmel, die mittlern hielten
die Arme auf den Rücken und schauten lächelnd zur Erde, die dritten standen
strack und mutig; die Arme niedergesenkt, wendeten sie den Kopf nach der rechten
Seite und stellten sich in eine Reihe, anstatt dass jene vereinzelt blieben, wo
man sie traf.
    Als man darauf haltmachte und abstieg, wo eben mehrere Kinder nach
verschiedener Weise sich aufstellten und von dem Vorgesetzten gemustert wurden,
fragte Wilhelm nach der Bedeutung dieser Gebärden; Felix fiel ein und sagte
munter: »Was für eine Stellung hab' ich denn einzunehmen?« - »Auf alle Fälle«,
versetzte der Aufseher, »zuerst die Arme über die Brust und ernstaft-froh nach
oben gesehen, ohne den Blick zu verwenden.« Er gehorchte, doch rief er bald:
»Dies gefällt mir nicht sonderlich, ich sehe ja nichts da droben; dauert es
lange? Doch ja!« rief er freudig, »ein paar Habichte fliegen von Westen nach
Osten; das ist wohl ein gutes Zeichen?« - »Wienach du's aufnimmst, je nachdem du
dich beträgst«, versetzte jener; »jetzt mische dich unter sie, wie sie sich
mischen.« Er gab ein Zeichen, die Kinder verliessen ihre Stellung, ergriffen ihre
Beschäftigung oder spielten wie vorher.
    »Mögen und können Sie mir«, sagte Wilhelm darauf, »das, was mich hier in
Verwunderung setzt, erklären? Ich sehe wohl, dass diese Gebärden, diese
Stellungen Grüsse sind, womit man Sie empfängt.« - »Ganz richtig«, versetzte
jener, »Grüsse, die mir sogleich andeuten, auf welcher Stufe der Bildung ein
jeder dieser Knaben steht.«
    »Dürfen Sie mir aber«, versetzte Wilhelm, »die Bedeutung des Stufengangs
wohl erklären? denn dass es einer sei, lässt sich wohl einsehen.« - »Dies gebührt
Höheren, als ich bin«, antwortete jener; »so viel aber kann ich versichern, dass
es nicht leere Grimassen sind, dass vielmehr den Kindern zwar nicht die höchste,
aber doch eine leitende, fassliche Bedeutung überliefert wird; zugleich aber ist
jedem geboten, für sich zu behalten und zu hegen, was man ihm als Bescheid zu
erteilen für gut findet; sie dürfen weder mit Fremden noch unter einander selbst
darüber schwatzen, und so modifiziert sich die Lehre hundertfältig. Ausserdem hat
das Geheimnis sehr grosse Vorteile: denn wenn man dem Menschen gleich und immer
sagt, worauf alles ankommt, so denkt er, es sei nichts dahinter. Gewissen
Geheimnissen, und wenn sie offenbar wären, muss man durch Verhüllen und Schweigen
Achtung erweisen, denn dieses wirkt auf Scham und gute Sitten.« - »Ich verstehe
Sie«, versetzte Wilhelm, »warum sollten wir das, was in körperlichen Dingen so
nötig ist, nicht auch geistig anwenden? Vielleicht aber können Sie in einem
andern Bezug meine Neugierde befriedigen. Die grosse Mannigfaltigkeit in Schnitt
und Farbe der Kleider fällt mir auf, und doch seh' ich nicht alle Farben, aber
einige in allen ihren Abstufungen, vom Hellsten bis zum Dunkelsten. Doch bemerke
ich, dass hier keine Bezeichnung der Stufen irgendeines Alters oder Verdienstes
gemeint sein kann, indem die kleinsten und grössten Knaben untermischt so an
Schnitt als Farbe gleich sein können, aber die von gleichen Gebärden im Gewand
nicht miteinander übereinstimmen.« - »Auch was dies betrifft«, versetzte der
Begleitende, »darf ich mich nicht weiter auslassen; doch müsste ich mich sehr
irren, oder Sie werden über alles, wie Sie nur wünschen mögen, aufgeklärt von
uns scheiden.«
    Man verfolgte nunmehr die Spur des Obern, welche man gefunden zu haben
glaubte; nun aber musste dem Fremdling notwendig auffallen, dass, je weiter sie
ins Land kamen, ein wohllautender Gesang ihnen immer mehr entgegentönte. Was die
Knaben auch begannen, bei welcher Arbeit man sie auch fand, immer sangen sie,
und zwar schienen es Lieder jedem Geschäft besonders angemessen und in gleichen
Fällen überall dieselben. Traten mehrere Kinder zusammen, so begleiteten sie
sich wechselsweise; gegen Abend fanden sich auch Tanzende, deren Schritte durch
Chöre belebt und geregelt wurden. Felix stimmte vom Pferde herab mit ein, und
zwar nicht ganz unglücklich, Wilhelm vergnügte sich so an dieser die Gegend
belebenden Unterhaltung.
    »Wahrscheinlich«, so sprach er zu seinem Gefährten, »wendet man viele
Sorgfalt auf solchen Unterricht, denn sonst könnte diese Geschicklichkeit nicht
so weit ausgebreitet und so vollkommen ausgebildet sein.« - »Allerdings«,
versetzte jener, »bei uns ist der Gesang die erste Stufe der Bildung, alles
andere schliesst sich daran und wird dadurch vermittelt. Der einfachste Genuss
sowie die einfachste Lehre werden bei uns durch Gesang belebt und eingeprägt, ja
selbst was wir überliefern von Glaubens- und Sittenbekenntnis, wird auf dem Wege
des Gesanges mitgeteilt; andere Vorteile zu selbsttätigen Zwecken verschwistern
sich sogleich: denn indem wir die Kinder üben, Töne, welche sie hervorbringen,
mit Zeichen auf die Tafel schreiben zu lernen und nach Anlass dieser Zeichen
sodann in ihrer Kehle wiederzufinden, ferner den Text darunterzufügen, so üben
sie zugleich Hand, Ohr und Auge und gelangen schneller zum Recht- und
Schönschreiben, als man denkt, und da dieses alles zuletzt nach reinen Massen,
nach genau bestimmten Zahlen ausgeübt und nachgebildet werden muss, so fassen sie
den hohen Wert der Mess- und Rechenkunst viel geschwinder als auf jede andere
Weise. Deshalb haben wir denn unter allem Denkbaren die Musik zum Element
unserer Erziehung gewählt, denn von ihr laufen gleichgebahnte Wege nach allen
Seiten.«
    Wilhelm suchte sich noch weiter zu unterrichten und verbarg seine
Verwunderung nicht, dass er gar keine Instrumentalmusik vernehme. »Diese wird bei
uns nicht vernachlässigt«, versetzte jener, »aber in einen besondern Bezirk, in
das anmutigste Bergtal, eingeschlossen geübt; und da ist denn wieder dafür
gesorgt, dass die verschiedenen Instrumente in auseinanderliegenden Ortschaften
gelehrt werden. Besonders die Misstöne der Anfänger sind in gewisse Einsiedeleien
verwiesen, wo sie niemand zur Verzweiflung bringen: denn Ihr werdet selbst
gestehen, dass in der wohleingerichteten bürgerlichen Gesellschaft kaum ein
trauriger Leiden zu dulden sei, als das uns die Nachbarschaft eines angehenden
Flöten- oder Violinspielers aufdringt.
    Unsere Anfänger gehen, aus eigener löblicher Gesinnung, niemand lästig sein
zu wollen, freiwillig länger oder kürzer in die Wüste und beeifern sich,
abgesondert, um das Verdienst, der bewohnten Welt nähertreten zu dürfen, weshalb
jedem von Zeit zu Zeit ein Versuch, heranzutreten, erlaubt wird, der selten
misslingt, weil wir Scham und Scheu bei dieser wie bei unsern übrigen
Einrichtungen gar wohl hegen und pflegen dürfen. Dass Eurem Sohn eine glückliche
Stimme geworden, freut mich innigst, für das übrige sorgt sich um desto
leichter.«
    Nun waren sie zu einem Ort gelangt, wo Felix verweilen und sich an der
Umgebung prüfen sollte, bis man zur förmlichen Aufnahme geneigt wäre; schon von
weitem hörten sie einen freudigen Gesang; es war ein Spiel, woran sich die
Knaben in der Feierstunde diesmal ergötzten. Ein allgemeiner Chorgesang
erscholl, wozu jedes Glied eines weiten Kreises freudig, klar und tüchtig an
seinem Teile zustimmte, den Winken des Regelnden gehorchend. Dieser überraschte
jedoch öfters die Singenden, indem er durch ein Zeichen den Chorgesang aufhob
und irgendeinen einzelnen Teilnehmenden, ihn mit dem Stäbchen berührend,
aufforderte, sogleich allein ein schickliches Lied dem verhallenden Ton, dem
vorschwebenden Sinne anzupassen. Schon zeigten die meisten viel Gewandteit,
einige, denen das Kunststück misslang, gaben ihr Pfand willig hin, ohne gerade
ausgelacht zu werden. Felix war Kind genug, sich gleich unter sie zu mischen,
und zog sich noch so leidlich aus der Sache. Sodann ward ihm jener erste Gruss
zugeeignet; er legte sogleich die Hände auf die Brust, blickte aufwärts, und
zwar mit so schnackischer Miene, dass man wohl bemerken konnte, ein geheimer Sinn
dabei sei ihm noch nicht aufgegangen.
    Der angenehme Ort, die gute Aufnahme, die muntern Gespielen, alles gefiel
dem Knaben so wohl, dass es ihm nicht sonderlich wehe tat, seinen Vater abreisen
zu sehen; fast blickte er dem weggeführten Pferde schmerzlicher nach; doch liess
er sich bedeuten, da er vernahm, dass er es im gegenwärtigen Bezirk nicht
behalten könne; man versprach ihm dagegen, er solle, wo nicht dasselbe, doch ein
gleiches, munter und wohlgezogen, unerwartet wiederfinden.
    Da sich der Obere nicht erreichen liess, sagte der Aufseher: »Ich muss Euch
nun verlassen, meine Geschäfte zu verfolgen; doch will ich Euch zu den Dreien
bringen, die unsern Heiligtümern vorstehen, Euer Brief ist auch an sie
gerichtet, und sie zusammen stellen den Obern vor.« Wilhelm hätte gewünscht, von
den Heiligtümern im voraus zu vernehmen, jener aber versetzte: »Die Dreie werden
Euch, zu Erwiderung des Vertrauens, dass Ihr uns Euren Sohn überlasst, nach
Weisheit und Billigkeit gewiss das Nötigste eröffnen. Die sichtbaren Gegenstände
der Verehrung, die ich Heiligtümer nannte, sind in einen besondern Bezirk
eingeschlossen, werden mit nichts gemischt, durch nichts gestört; nur zu
gewissen Zeiten des Jahrs lässt man die Zöglinge, den Stufen ihrer Bildung gemäss,
dort eintreten, um sie historisch und sinnlich zu belehren, da sie denn
genugsamen Eindruck mit wegnehmen, um, bei Ausübung ihrer Pflicht, eine Zeitlang
daran zu zehren.«
    Nun stand Wilhelm am Tor eines mit hohen Mauern umgebenen Talwaldes; auf ein
gewisses Zeichen eröffnete sich die kleine Pforte, und ein ernster, ansehnlicher
Mann empfing unsern Freund. Dieser fand sich in einem grossen, herrlich grünenden
Raum, von Bäumen und Büschen vielerlei Art beschattet, kaum dass er stattliche
Mauern und ansehnliche Gebäude durch diese dichte und hohe Naturpflanzung
hindurch bemerken konnte; ein freundlicher Empfang von den Dreien, die sich nach
und nach herbeifanden, löste sich endlich in ein Gespräch auf, wozu jeder das
Seinige beitrug, dessen Inhalt wir jedoch in der Kürze zusammenfassen.
    »Da Ihr uns Euren Sohn vertraut«, sagten sie, »sind wir schuldig, Euch
tiefer in unser Verfahren hineinblicken zu lassen. Ihr habt manches Äusserliche
gesehen, welches nicht sogleich sein Verständnis mit sich führt; was davon
wünscht Ihr vor allem aufgeschlossen?«
    »Anständige, doch seltsame Gebärden und Grüsse hab' ich bemerkt, deren
Bedeutung ich zu erfahren wünschte; bei euch bezieht sich gewiss das Äussere auf
das Innere, und umgekehrt; lasst mich diesen Bezug erfahren.«
    »Wohlgeborne, gesunde Kinder«, versetzten jene, »bringen viel mit; die Natur
hat jedem alles gegeben, was er für Zeit und Dauer nötig hätte; dieses zu
entwickeln, ist unsere Pflicht, öfters entwickelt sich's besser von selbst. Aber
eins bringt niemand mit auf die Welt, und doch ist es das, worauf alles ankommt,
damit der Mensch nach allen Seiten zu ein Mensch sei. Könnt Ihr es selbst
finden, so sprecht es aus.« Wilhelm bedachte sich eine kurze Zeit und schüttelte
sodann den Kopf.
    Jene, nach einem anständigen Zaudern, riefen: »Ehrfurcht!« Wilhelm stutzte.
»Ehrfurcht!« hiess es wiederholt. »Allen fehlt sie, vielleicht Euch selbst.
    Dreierlei Gebärde habt Ihr gesehen, und wir überliefern eine dreifache
Ehrfurcht, die, wenn sie zusammenfliesst und ein Ganzes bildet, erst ihre höchste
Kraft und Wirkung erreicht. Das erste ist Ehrfurcht vor dem, was über uns ist.
Jene Gebärde, die Arme kreuzweis über die Brust, einen freudigen Blick gen
Himmel, das ist, was wir unmündigen Kindern auflegen und zugleich das Zeugnis
von ihnen verlangen, dass ein Gott da droben sei, der sich in Eltern, Lehrern,
Vorgesetzten abbildet und offenbart. Das zweite: Ehrfurcht vor dem, was unter
uns ist. Die auf den Rücken gefalteten, gleichsam gebundenen Hände, der
gesenkte, lächelnde Blick sagen, dass man die Erde wohl und heiter zu betrachten
habe; sie gibt Gelegenheit zur Nahrung; sie gewährt unsägliche Freuden; aber
unverhältnismässige Leiden bringt sie. Wenn einer sich körperlich beschädigte,
verschuldend oder unschuldig, wenn ihn andere vorsätzlich oder zufällig
verletzten, wenn das irdische Willenlose ihm ein Leid zufügte, das bedenk' er
wohl: denn solche Gefahr begleitet ihn sein Leben lang. Aber aus dieser Stellung
befreien wir unsern Zögling baldmöglichst, sogleich wenn wir überzeugt sind, dass
die Lehre dieses Grads genugsam auf ihn gewirkt habe; dann aber heissen wir ihn
sich ermannen, gegen Kameraden gewendet nach ihnen sich richten. Nun steht er
strack und kühn, nicht etwa selbstisch vereinzelt; nur in Verbindung mit
seinesgleichen macht er Fronte gegen die Welt. Weiter wüssten wir nichts
hinzuzufügen.«
    »Es leuchtet mir ein!« versetzte Wilhelm; »deswegen liegt die Menge wohl so
im argen, weil sie sich nur im Element des Misswollens und Missredens behagt; wer
sich diesem überliefert, verhält sich gar bald gegen Gott gleichgültig,
verachtend gegen die Welt, gegen seinesgleichen gehässig; das wahre, echte,
unentbehrliche Selbstgefühl aber zerstört sich in Dünkel und Anmassung. Erlauben
Sie mir dessenungeachtet«, fuhr Wilhelm fort, »ein einziges einzuwenden: Hat man
nicht von jeher die Furcht roher Völker vor mächtigen Naturerscheinungen und
sonst unerklärlichen, ahnungsvollen Ereignissen für den Keim gehalten, woraus
ein höheres Gefühl, eine reinere Gesinnung sich stufenweise entwickeln sollte?«
Hierauf erwiderten jene: »Der Natur ist Furcht wohl gemäss, Ehrfurcht aber nicht;
man fürchtet ein bekanntes oder unbekanntes mächtiges Wesen, der Starke sucht es
zu bekämpfen, der Schwache zu vermeiden, beide wünschen es loszuwerden und
fühlen sich glücklich, wenn sie es auf kurze Zeit beseitigt haben, wenn ihre
Natur sich zur Freiheit und Unabhängigkeit einigermassen wieder herstellte. Der
natürliche Mensch wiederholt diese Operation millionenmal in seinem Leben, von
der Furcht strebt er zur Freiheit, aus der Freiheit wird er in die Furcht
getrieben und kommt um nichts weiter. Sich zu fürchten ist leicht, aber
beschwerlich; Ehrfurcht zu hegen ist schwer, aber bequem. Ungern entschliesst
sich der Mensch zur Ehrfurcht, oder vielmehr entschliesst sich nie dazu; es ist
ein höherer Sinn, der seiner Natur gegeben werden muss und der sich nur bei
besonders Begünstigten aus sich selbst entwickelt, die man auch deswegen von
jeher für Heilige, für Götter gehalten. Hier liegt die Würde, hier das Geschäft
aller echten Religionen, deren es auch nur dreie gibt, nach den Objekten, gegen
welche sie ihre Andacht wenden.«
    Die Männer hielten inne, Wilhelm schwieg eine Weile nachdenkend; da er in
sich aber die Anmassung nicht fühlte, den Sinn jener sonderbaren Worte zu deuten,
so bat er die Würdigen, in ihrem Vortrage fortzufahren, worin sie ihm denn auch
sogleich willfahrten. »Keine Religion«, sagten sie, »die sich auf Furcht
gründet, wird unter uns geachtet. Bei der Ehrfurcht, die der Mensch in sich
walten lässt, kann er, indem er Ehre gibt, seine Ehre behalten, er ist nicht mit
sich selbst veruneint wie in jenem Falle. Die Religion, welche auf Ehrfurcht vor
dem, was über uns ist, beruht, nennen wir die etnische, es ist die Religion der
Völker und die erste glückliche Ablösung von einer niedern Furcht; alle
sogenannten heidnischen Religionen sind von dieser Art, sie mögen übrigens Namen
haben, wie sie wollen. Die zweite Religion, die sich auf jene Ehrfurcht gründet,
die wir vor dem haben, was uns gleich ist, nennen wir die philosophische: denn
der Philosoph, der sich in die Mitte stellt, muss alles Höhere zu sich herab,
alles Niedere zu sich herauf ziehen, und nur in diesem Mittelzustand verdient er
den Namen des Weisen. Indem er nun das Verhältnis zu seinesgleichen und also zur
ganzen Menschheit, das Verhältnis zu allen übrigen irdischen Umgebungen,
notwendigen und zufälligen, durchschaut, lebt er im kosmischen Sinne allein in
der Wahrheit. Nun ist aber von der dritten Religion zu sprechen, gegründet auf
die Ehrfurcht vor dem, was unter uns ist; wir nennen sie die christliche, weil
sich in ihr eine solche Sinnesart am meisten offenbart; es ist ein Letztes, wozu
die Menschheit gelangen konnte und musste. Aber was gehörte dazu, die Erde nicht
allein unter sich liegen zu lassen und sich auf einen höhern Geburtsort zu
berufen, sondern auch Niedrigkeit und Armut, Spott und Verachtung, Schmach und
Elend, Leiden und Tod als göttlich anzuerkennen, ja Sünde selbst und Verbrechen
nicht als Hindernisse, sondern als Fördernisse des Heiligen zu verehren und
liebzugewinnen. Hievon finden sich freilich Spuren durch alle Zeiten, aber Spur
ist nicht Ziel, und da dieses einmal erreicht ist, so kann die Menschheit nicht
wieder zurück, und man darf sagen, dass die christliche Religion, da sie einmal
erschienen ist, nicht wieder verschwinden kann, da sie sich einmal göttlich
verkörpert hat, nicht wieder aufgelöst werden mag.«
    »Zu welcher von diesen Religionen bekennt ihr euch denn insbesondere?« sagte
Wilhelm. »Zu allen dreien«, erwiderten jene; »denn sie zusammen bringen
eigentlich die wahre Religion hervor; aus diesen drei Ehrfurchten entspringt die
oberste Ehrfurcht, die Ehrfurcht vor sich selbst, und jene entwickeln sich
abermals aus dieser, so dass der Mensch zum Höchsten gelangt, was er zu erreichen
fähig ist, dass er sich selbst für das Beste halten darf, was Gott und Natur
hervorgebracht haben, ja, dass er auf dieser Höhe verweilen kann, ohne durch
Dünkel und Selbsteit wieder ins Gemeine gezogen zu werden.«
    »Ein solches Bekenntnis, auf diese Weise entwickelt, befremdet mich nicht«,
versetzte Wilhelm, »es kommt mit allem überein, was man im Leben hie und da
vernimmt, nur dass euch dasjenige vereinigt, was andere trennt.« Hierauf
versetzten jene: »Schon wird dieses Bekenntnis von einem grossen Teil der Welt
ausgesprochen, doch unbewusst.«
    »Wie denn und wo?« fragte Wilhelm. »Im Credo!« riefen jene laut; »denn der
erste Artikel ist etnisch und gehört allen Völkern; der zweite christlich, für
die mit Leiden Kämpfenden und in Leiden Verherrlichten; der dritte zuletzt lehrt
eine begeisterte Gemeinschaft der Heiligen, welches heisst: der im höchsten Grad
Guten und Weisen. Sollten daher die drei göttlichen Personen, unter deren
Gleichnis und Namen solche Überzeugungen und Verheissungen ausgesprochen sind,
nicht billigermassen für die höchste Einheit gelten?«
    »Ich danke«, versetzte jener, »dass ihr mir dieses, als einem Erwachsenen,
dem die drei Sinnesarten nicht fremd sind, so klar und zusammenhängend
aussprechen wollen, und wenn ich nun zurückdenke, dass ihr den Kindern diese hohe
Lehre erst als sinnliches Zeichen, dann mit einigem symbolischen Anklang
überliefert und zuletzt die oberste Deutung ihnen entwickelt, so muss ich es
höchlich billigen.«
    »Ganz richtig«, erwiderten jene; »nun aber müsst Ihr noch mehr erfahren,
damit Ihr Euch überzeugt, dass Euer Sohn in den besten Händen sei. Doch dies
Geschäft bleibe für die Morgenstunden; ruht aus und erquickt Euch, damit Ihr
uns, vergnügt und vollkommen menschlich, morgen früh in das Innere folgen
könnt.«
 
                                Zweites Kapitel
An der Hand des Ältesten trat nun unser Freund durch ein ansehnliches Portal in
eine runde oder vielmehr achteckige Halle, die mit Gemälden so reichlich
ausgeziert war, dass sie den Ankömmling in Erstaunen setzte. Er begriff leicht,
dass alles, was er erblickte, einen bedeutenden Sinn haben müsste, ob er sich
gleich denselben nicht so geschwind entziffern konnte. Er war eben im Begriff,
seinen Begleiter deshalb zu befragen, als dieser ihn einlud, seitwärts in eine
Galerie zu treten, die, an der einen Seite offen, einen geräumigen,
blumenreichen Garten umgab. Die Wand zog jedoch mehr als dieser heitre,
natürliche Schmuck die Augen an sich: denn sie war durchaus gemalt, und der
Ankömmling konnte nicht lange daran hergehen, ohne zu bemerken, dass die heiligen
Bücher der Israeliten den Stoff zu diesen Bildern geliefert hatten.
    »Es ist hier«, sagte der Älteste, »wo wir diejenige Religion überliefern,
die ich Euch der Kürze wegen die etnische genannt habe. Der Gehalt derselben
findet sich in der Weltgeschichte, so wie die Hülle derselben in den
Begebenheiten. An der Wiederkehr der Schicksale ganzer Völker wird sie
eigentlich begriffen.«
    »Ihr habt«, sagte Wilhelm, »wie ich sehe, dem israelitischen Volke die Ehre
erzeigt und seine Geschichte zum Grunde dieser Darstellung gelegt, oder vielmehr
ihr habt sie zum Hauptgegenstande derselben gemacht.« - »Wie Ihr seht«,
versetzte der Alte; »denn Ihr werdet bemerken, dass in den Sockeln und Friesen
nicht sowohl synchronistische als symphronistische Handlungen und Begebenheiten
aufgeführt sind, indem unter allen Völkern gleichbedeutende und Gleiches
deutende Nachrichten vorkommen. So erblickt Ihr hier, wenn in dem Hauptfelde
Abraham von seinen Göttern in der Gestalt schöner Jünglinge besucht wird, den
Apoll unter den Hirten Admets oben in der Friese; woraus wir lernen können, dass,
wenn die Götter den Menschen erscheinen, sie gewöhnlich unerkannt unter ihnen
wandeln.«
    Die Betrachtenden schritten weiter. Wilhelm fand meistens bekannte
Gegenstände, jedoch lebhafter und bedeutender vorgetragen, als er sie sonst zu
sehen gewohnt war. Über weniges bat er sich einige Erklärung aus; wobei er sich
nicht entalten konnte, nochmals zu fragen, warum man die israelitische
Geschichte vor allen andern gewählt. Hierauf antwortete der Älteste: »Unter
allen heidnischen Religionen, denn eine solche ist die israelitische
gleichfalls, hat diese grosse Vorzüge wovon ich nur einiger erwähnen will. Vor
dem etnischen Richterstuhle, vor dem Richterstuhl des Gottes der Völker, wird
nicht gefragt, ob es die beste, die vortrefflichste Nation sei, sondern nur, ob
sie daure, ob sie sich erhalten habe. Das israelitische Volk hat niemals viel
getaugt, wie es ihm seine Anführer, Richter, Vorsteher, Propheten tausendmal
vorgeworfen haben; es besitzt wenig Tugenden und die meisten Fehler anderer
Völker; aber an Selbstständigkeit, Festigkeit, Tapferkeit und, wenn alles das
nicht mehr gilt, an Zäheit sucht es seinesgleichen. Es ist das beharrlichste
Volk der Erde, es ist, es war, es wird sein, um den Namen Jehova durch alle
Zeiten zu verherrlichen. Wir haben es daher als Musterbild aufgestellt, als
Hauptbild, dem die andern nur zum Rahmen dienen.«
    »Es ziemt sich nicht, mit Euch zu rechten«, versetzte Wilhelm, »da Ihr mich
zu belehren imstande seid. Eröffnet mir daher noch die übrigen Vorteile dieses
Volks, oder vielmehr seiner Geschichte, seiner Religion.« - »Ein Hauptvorteil«,
versetzte jener, »ist die treffliche Sammlung ihrer heiligen Bücher. Sie stehen
so glücklich beisammen, dass aus den fremdesten Elementen ein täuschendes Ganze
entgegentritt. Sie sind vollständig genug, um zu befriedigen, fragmentarisch
genug, um anzureizen; hinlänglich barbarisch, um aufzufordern, hinlänglich zart,
um zu besänftigen; und wie manche andere entgegengesetzte Eigenschaften sind an
diesen Büchern, an diesem Buche zu rühmen!«
    Die Folge der Hauptbilder sowohl als die Beziehung der kleinern, die sie
oben und unten begleiteten, gab dem Gast so viel zu denken, dass er kaum auf die
bedeutenden Bemerkungen hörte, wodurch der Begleiter mehr seine Aufmerksamkeit
abzulenken als an die Gegenstände zu fesseln schien. Indessen sagte jener bei
Gelegenheit: »Noch einen Vorteil der israelitischen Religion muss ich hier
erwähnen: dass sie ihren Gott in keine Gestalt verkörpert und uns also die
Freiheit lässt, ihm eine würdige Menschengestalt zu geben, auch im Gegensatz die
schlechte Abgötterei durch Tier- und Untiergestalten zu bezeichnen.«
    Unser Freund hatte sich nunmehr auf einer kurzen Wanderung durch diese
Hallen die Weltgeschichte wieder vergegenwärtigt; es war ihm einiges neu in
Absicht auf die Begebenheit. So waren ihm durch Zusammenstellung der Bilder,
durch die Reflexionen seines Begleiters manche neue Ansichten entsprungen, und
er freute sich, dass Felix durch eine so würdige sinnliche Darstellung sich jene
grossen, bedeutenden, musterhaften Ereignisse für sein ganzes Leben als wirklich,
und als wenn sie neben ihm lebendig gewesen wären, zueignen sollte. Er
betrachtete diese Bilder zuletzt nur aus den Augen des Kindes, und in diesem
Sinne war er vollkommen damit zufrieden; und so waren die Wandelnden zu den
traurigen, verworrenen Zeiten und endlich zu dem Untergang der Stadt und des
Tempels, zum Morde, zur Verbannung, zur Sklaverei ganzer Massen dieser
beharrlichen Nation gelangt. Ihre nachherigen Schicksale waren auf eine kluge
Weise allegorisch vorgestellt, da eine historische, eine reale Darstellung
derselben ausser den Grenzen der edlen Kunst liegt.
    Hier war die bisher durchwanderte Galerie auf einmal abgeschlossen, und
Wilhelm war verwundert, sich schon am Ende zu sehen. »Ich finde«, sagte er zu
seinem Führer, »in diesem Geschichtsgang eine Lücke. Ihr habt den Tempel
Jerusalems zerstört und das Volk zerstreut, ohne den göttlichen Mann
aufzuführen, der kurz vorher daselbst noch lehrte, dem sie noch kurz vorher kein
Gehör geben wollten.«
    »Dies zu tun, wie Ihr es verlangt, wäre ein Fehler gewesen. Das Leben dieses
göttlichen Mannes, den Ihr bezeichnet, steht mit der Weltgeschichte seiner Zeit
in keiner Verbindung. Es war ein Privatleben, seine Lehre eine Lehre für die
Einzelnen. Was Völkermassen und ihren Gliedern öffentlich begegnet, gehört der
Weltgeschichte, der Weltreligion, welche wir für die erste halten. Was dem
Einzelnen innerlich begegnet, gehört zur zweiten Religion, zur Religion der
Weisen: eine solche war die, welche Christus lehrte und übte, solange er auf der
Erde umherging. Deswegen ist hier das Äussere abgeschlossen, und ich eröffne Euch
nun das Innere.«
    Eine Pforte tat sich auf, und sie traten in eine ähnliche Galerie, wo
Wilhelm sogleich die Bilder der zweiten heiligen Schriften erkannte. Sie
schienen von einer andern Hand zu sein als die ersten: alles war sanfter,
Gestalten, Bewegungen, Umgebung, Licht und Färbung.
    »Ihr seht«, sagte der Begleiter, nachdem sie an einem Teil der Bilder
vorübergegangen waren, »hier weder Taten noch Begebenheiten, sondern Wunder und
Gleichnisse. Es ist hier eine neue Welt, ein neues Äussere, anders als das
vorige, und ein Inneres, das dort ganz fehlt. Durch Wunder und Gleichnisse wird
eine neue Welt aufgetan. Jene machen das Gemeine ausserordentlich, diese das
Ausserordentliche gemein.« - »Ihr werdet die Gefälligkeit haben«, versetzte
Wilhelm, »mir diese wenigen Worte umständlicher auszulegen: denn ich fühle mich
nicht geschickt, es selbst zu tun.« - »Sie haben einen natürlichen Sinn«,
versetzte jener, »obgleich einen tiefen. Beispiele werden ihn am geschwindesten
aufschliessen. Es ist nichts gemeiner und gewöhnlicher als Essen und Trinken;
ausserordentlich dagegen, einen Trank zu veredeln, eine Speise zu
vervielfältigen, dass sie für eine Unzahl hinreiche. Es ist nichts gewöhnlicher
als Krankheit und körperliche Gebrechen; aber diese durch geistige oder
geistigen ähnliche Mittel aufheben, lindern ist ausserordentlich, und eben daher
entsteht das Wunderbare des Wunders, dass das Gewöhnliche und das
Ausserordentliche, das Mögliche und das Unmögliche eins werden. Bei dem
Gleichnisse, bei der Parabel ist das Umgekehrte: hier ist der Sinn, die
Einsicht, der Begriff das Hohe, das Ausserordentliche, das Unerreichbare. Wenn
dieser sich in einem gemeinen, gewöhnlichen, fasslichen Bilde verkörpert, so dass
er uns als lebendig, gegenwärtig, wirklich entgegentritt, dass wir ihn uns
zueignen, ergreifen, festalten, mit ihm wie mit unsersgleichen umgehen können,
das ist denn auch eine zweite Art von Wunder und wird billig zu jenen ersten
gesellt, ja vielleicht ihnen noch vorgezogen. Hier ist die lebendige Lehre
ausgesprochen, die Lehre, die keinen Streit erregt; es ist keine Meinung über
das, was Recht oder Unrecht ist; es ist das Rechte oder Unrechte
unwidersprechlich selbst.«
    Dieser Teil der Galerie war kürzer, oder vielmehr es war nur der vierte Teil
der Umgebung des innern Hofes. Wenn man jedoch an dem ersten nur vorbeiging, so
verweilte man hier gern; man ging gern hier auf und ab. Die Gegenstände waren
nicht so auffallend, nicht so mannigfaltig; aber desto einladender, den tiefen,
stillen Sinn derselben zu erforschen. Auch kehrten die beiden Wandelnden am Ende
des Ganges um, indem Wilhelm eine Bedenklichkeit äusserte, dass man hier
eigentlich nur bis zum Abendmahle, bis zum Scheiden des Meisters von seinen
Jüngern gelangt sei. Er fragte nach dem übrigen Teil der Geschichte.
    »Wir sondern«, versetzte der Älteste, »bei jedem Unterricht, bei aller
Überlieferung sehr gerne, was nur möglich zu sondern ist; denn dadurch allein
kann der Begriff des Bedeutenden bei der Jugend entspringen. Das Leben mengt und
mischt ohnehin alles durcheinander, und so haben wir auch hier das Leben jenes
vortrefflichen Mannes ganz von dem Ende desselben abgesondert. Im Leben
erscheint er als ein wahrer Philosoph - stosset Euch nicht an diesen Ausdruck -,
als ein Weiser im höchsten Sinne. Er steht auf seinem Punkte fest; er wandelt
seine Strasse unverrückt, und indem er das Niedere zu sich heraufzieht, indem er
die Unwissenden, die Armen, die Kranken seiner Weisheit, seines Reichtums,
seiner Kraft teilhaftig werden lässt und sich deshalb ihnen gleichzustellen
scheint, so verleugnet er nicht von der andern Seite seinen göttlichen Ursprung;
er wagt, sich Gott gleichzustellen, ja sich für Gott zu erklären. Auf diese
Weise setzt er von Jugend auf seine Umgebung in Erstaunen, gewinnt einen Teil
derselben für sich, regt den andern gegen sich auf und zeigt allen, denen es um
eine gewisse Höhe im Lehren und Leben zu tun ist, was sie von der Welt zu
erwarten haben. Und so ist sein Wandel für den edlen Teil der Menschheit noch
belehrender und fruchtbarer als sein Tod: denn zu jenen Prüfungen ist jeder, zu
diesem sind nur wenige berufen; und damit wir alles übergehen, was aus dieser
Betrachtung folgt, so betrachtet die rührende Szene des Abendmahls. Hier lässt
der Weise, wie immer, die Seinigen ganz eigentlich verwaist zurück, und indem er
für die Guten besorgt ist, füttert er zugleich mit ihnen einen Verräter, der ihn
und die Bessern zugrunde richten wird.«
    Mit diesen Worten eröffnete der Älteste eine Pforte, und Wilhelm stutzte,
als er sich wieder in der ersteren Halle des Eingangs fand. Sie hatten, wie er
wohl merkte, indessen den ganzen Umkreis des Hofes zurückgelegt. »Ich hoffte«,
sagte Wilhelm, »Ihr würdet mich ans Ende führen, und bringt mich wieder zum
Anfang.« - »Für diesmal kann ich Euch weiter nichts zeigen«, sagte der Älteste;
»mehr lassen wir unsere Zöglinge nicht sehen, mehr erklären wir ihnen nicht, als
was Ihr bis jetzt durchlaufen habt; das äussere allgemein Weltliche einem jeden
von Jugend auf, das innere besonders Geistige und Herzliche nur denen, die mit
einiger Besonnenheit heranwachsen, und das übrige, was des Jahrs nur einmal
eröffnet wird, kann nur denen mitgeteilt werden, die wir entlassen. Jene letzte
Religion, die aus der Ehrfurcht vor dem, was unter uns ist entspringt, jene
Verehrung des Widerwärtigen, Verhassten, Fliehenswerten geben wir einem jeden nur
ausstattungsweise in die Welt mit, damit er wisse, wo er dergleichen zu finden
hat, wenn ein solches Bedürfnis sich in ihm regen sollte. Ich lade Euch ein,
nach Verlauf eines Jahres wiederzukehren, unser allgemeines Fest zu besuchen und
zu sehen, wie weit Euer Sohn vorwärts gekommen; alsdann sollt auch Ihr in das
Heiligtum des Schmerzes eingeweiht werden.«
    »Erlaubt mir eine Frage«, versetzte Wilhelm. »Habt ihr denn auch, so wie ihr
das Leben dieses göttlichen Mannes als Lehr- und Musterbild aufstellt, sein
Leiden, seinen Tod gleichfalls als ein Vorbild erhabener Duldung herausgehoben?«
- »Auf alle Fälle«, sagte der Älteste. »Hieraus machen wir kein Geheimnis; aber
wir ziehen einen Schleier über diese Leiden, eben weil wir sie so hoch verehren.
Wir halten es für eine verdammungswürdige Frechheit, jenes Martergerüst und den
daran leidenden Heiligen dem Anblick der Sonne auszusetzen, die ihr Angesicht
verbarg, als eine ruchlose Welt ihr dies Schauspiel aufdrang, mit diesen tiefen
Geheimnissen, in welchen die göttliche Tiefe des Leidens verborgen liegt, zu
spielen, zu tändeln, zu verzieren und nicht eher zu ruhen, bis das Würdigste
gemein und abgeschmackt erscheint. So viel sei für diesmal genug, um Euch über
Euren Knaben zu beruhigen und völlig zu überzeugen, dass Ihr ihn auf irgendeine
Art, mehr oder weniger, aber doch nach wünschenswerter Weise gebildet und auf
alle Fälle nicht verworren, schwankend und unstät wiederfinden sollt.«
    Wilhelm zauderte, indem er sich die Bilder der Vorhalle besah und ihren Sinn
gedeutet wünschte. »Auch dieses«, sagte der Älteste, »bleiben wir Euch bis übers
Jahr schuldig. Bei dem Unterricht, den wir in der Zwischenzeit den Kindern
geben, lassen wir keine Fremden zu; aber alsdann kommt und vernehmt, was unsere
besten Redner über diese Gegenstände öffentlich zu sagen für dienlich halten.«
    Bald nach dieser Unterredung hörte man an der kleinen Pforte pochen. Der
gestrige Aufseher meldete sich, er hatte Wilhelms Pferd vorgeführt, und so
beurlaubte sich der Freund von der Dreie, welche zum Abschied ihn dem Aufseher
folgendermassen empfahl: »Dieser wird nun zu den Vertrauten gezählt, und dir ist
bekannt, was du ihm auf seine Fragen zu erwidern hast: denn er wünscht gewiss
noch über manches, was er bei uns sah und hörte, belehrt zu werden; Mass und Ziel
ist dir nicht verborgen.«
    Wilhelm hatte freilich noch einige Fragen auf dem Herzen, die er auch
sogleich anbrachte. Wo sie durchritten, stellten sich die Kinder wie gestern;
aber heute sah er, obgleich selten, einen und den andern Knaben, der den
vorbeireitenden Aufseher nicht grüsste, von seiner Arbeit nicht aufsah und ihn
unbemerkt vorüberliess. Wilhelm fragte nun nach der Ursache und was diese
Ausnahme zu bedeuten habe. Jener erwiderte darauf: »Sie ist freilich sehr
bedeutungsvoll: denn es ist die höchste Strafe, die wir den Zöglingen auflegen,
sie sind unwürdig erklärt, Ehrfurcht zu beweisen, und genötigt, sich als roh und
ungebildet darzustellen; sie tun aber das mögliche, um sich aus dieser Lage zu
retten, und finden sich aufs geschwindeste in jede Pflicht. Sollte jedoch ein
junges Wesen verstockt zu seiner Rückkehr keine Anstalt machen, so wird es mit
einem kurzen, aber bündigen Bericht den Eltern wieder zurückgesandt. Wer sich
den Gesetzen nicht fügen lernt, muss die Gegend verlassen, wo sie gelten.«
    Ein anderer Anblick reizte, heute wie gestern, des Wanderers Neugierde; es
war Mannigfaltigkeit an Farbe und Schnitt der Zöglingskleidung; hier schien kein
Stufengang obzuwalten, denn solche, die verschieden grüssten, waren überein
gekleidet, gleich Grüssende waren anders angezogen. Wilhelm fragte nach der
Ursache dieses scheinbaren Widerspruchs. »Er löst sich«, versetzte jener, »darin
auf, dass es ein Mittel ist, die Gemüter der Knaben eigens zu erforschen. Wir
lassen, bei sonstiger Strenge und Ordnung, in diesem Falle eine gewisse Willkür
gelten. Innerhalb des Kreises unserer Vorräte an Tüchern und Verbrämungen dürfen
die Zöglinge nach beliebiger Farbe greifen, so auch innerhalb einer mässigen
Beschränkung Form und Schnitt wählen; dies beobachten wir genau, denn an der
Farbe lässt sich die Sinnesweise, an dem Schnitt die Lebensweise des Menschen
erkennen. Doch macht eine besondere Eigenheit der menschlichen Natur eine
genauere Beurteilung gewissermassen schwierig; es ist der Nachahmungsgeist, die
Neigung, sich anzuschliessen. Sehr selten, dass ein Zögling auf etwas fällt, was
noch nicht dagewesen, meistens wählen sie etwas Bekanntes, was sie gerade vor
sich sehen. Doch auch diese Betrachtung bleibt uns nicht unfruchtbar, durch
solche Äusserlichkeiten treten sie zu dieser oder jener Partei, sie schliessen
sich da oder dort an, und so zeichnen sich allgemeinere Gesinnungen aus, wir
erfahren, wo jeder sich hinneigt, welchem Beispiel er sich gleichstellt.
    Nun hat man Fälle gesehen, wo die Gemüter sich ins Allgemeine neigten, wo
eine Mode sich über alle verbreiten, jede Absonderung sich zur Einheit verlieren
wollte. Einer solchen Wendung suchen wir auf gelinde Weise Einhalt zu tun, wir
lassen die Vorräte ausgehen; dieses und jenes Zeug, eine und die andere
Verzierung ist nicht mehr zu haben; wir schieben etwas Neues, etwas Reizendes
herein, durch helle Farben und kurzen, knappen Schnitt locken wir die Muntern,
durch ernste Schattierungen, bequeme, faltenreiche Tracht die Besonnenen und
stellen so nach und nach ein Gleichgewicht her.
    Denn der Uniform sind wir durchaus abgeneigt, sie verdeckt den Charakter und
entzieht die Eigenheiten der Kinder, mehr als jede andere Verstellung, dem
Blicke der Vorgesetzten.«
    Unter solchen und andern Gesprächen gelangte Wilhelm an die Grenze der
Provinz, und zwar an den Punkt, wo sie der Wanderer, nach des alten Freundes
Andeutung, verlassen sollte, um seinem eigentlichen Zweck entgegenzugehen.
    Beim Lebewohl bemerkte zunächst der Aufseher: Wilhelm möge nun erwarten, bis
das grosse Fest allen Teilnehmern auf mancherlei Weise angekündigt werde. Hierzu
würden die sämtlichen Eltern eingeladen und tüchtige Zöglinge ins freie,
zufällige Leben entlassen. Alsdann solle er, hiess es, auch die übrigen
Landschaften nach Belieben betreten, wo, nach eigenen Grundsätzen, der einzelne
Unterricht in vollständiger Umgebung erteilt und ausgeübt wird.
 
                                Drittes Kapitel
Der Angewöhnung des werten Publikums zu schmeicheln, welches seit geraumer Zeit
Gefallen findet, sich stückweise unterhalten zu lassen, gedachten wir erst,
nachstehende Erzählung in mehreren Abteilungen vorzulegen. Der innere
Zusammenhang jedoch, nach Gesinnungen, Empfindungen und Ereignissen betrachtet,
veranlasste einen fortlaufenden Vortrag. Möge derselbe seinen Zweck erreichen und
zugleich am Ende deutlich werden, wie die Personen dieser abgesondert
scheinenden Begebenheit mit denjenigen, die wir schon kennen und lieben, aufs
innigste zusammengeflochten worden.
                          Der Mann von funfzig Jahren
Der Major war in den Gutshof hereingeritten, und Hilarie, seine Nichte, stand
schon, um ihn zu empfangen, aussen auf der Treppe, die zum Schloss hinaufführte.
Kaum erkannte er sie; denn schon war sie wieder grösser und schöner geworden. Sie
flog ihm entgegen, er drückte sie an seine Brust mit dem Sinn eines Vaters, und
sie eilten hinauf zu ihrer Mutter.
    Der Baronin, seiner Schwester, war er gleichfalls willkommen, und als
Hilarie schnell hinwegging, das Frühstück zu bereiten, sagte der Major freudig:
»Diesmal kann ich mich kurz fassen und sagen, dass unser Geschäft beendigt ist.
Unser Bruder, der Obermarschall, sieht wohl ein, dass er weder mit Pächtern noch
Verwaltern zurechtkommt. Er tritt bei seinen Lebzeiten die Güter uns und unsern
Kindern ab; das Jahrgehalt, das er sich ausbedingt, ist freilich stark; aber wir
können es ihm immer geben: wir gewinnen doch noch für die Gegenwart viel und für
die Zukunft alles. Die neue Einrichtung soll bald in Ordnung sein. Da ich
zunächst meinen Abschied erwarte, so sehe ich doch wieder ein tätiges Leben vor
mir, das uns und den Unsrigen einen entschiedenen Vorteil bringen kann. Wir
sehen ruhig zu, wie unsre Kinder emporwachsen, und es hängt von uns, von ihnen
ab, ihre Verbindung zu beschleunigen.«
    »Das wäre alles recht gut«, sagte die Baronin, »wenn ich dir nur nicht ein
Geheimnis zu entdecken hätte, das ich selbst erst gewahr worden bin. Hilariens
Herz ist nicht mehr frei; von der Seite hat dein Sohn wenig oder nichts zu
hoffen.«
    »Was sagst du?« rief der Major; »ist's möglich? indessen wir uns alle Mühe
geben, uns ökonomisch vorzusehen, so spielt uns die Neigung einen solchen
Streich! Sag' mir, Liebe, sag' mir geschwind, wer ist es, der das Herz Hilariens
fesseln konnte? Oder ist es denn auch schon so arg? Ist es nicht vielleicht ein
flüchtiger Eindruck, den man wieder auszulöschen hoffen kann?«
    »Du musst erst ein wenig sinnen und raten«, versetzte die Baronin und
vermehrte dadurch seine Ungeduld. Sie war schon aufs höchste gestiegen, als
Hilarie, mit den Bedienten, welche das Frühstück trugen, hereintretend, eine
schnelle Auflösung des Rätsels unmöglich machte.
    Der Major selbst glaubte das schöne Kind mit andern Augen anzusehn als kurz
vorher. Es war ihm beinahe, als wenn er eifersüchtig auf den Beglückten wäre,
dessen Bild sich in einem so schönen Gemüt hatte eindrücken können. Das
Frühstück wollte ihm nicht schmecken, und er bemerkte nicht, dass alles genau so
eingerichtet war, wie er es am liebsten hatte und wie er es sonst zu wünschen
und zu verlangen pflegte.
    Über dieses Schweigen und Stocken verlor Hilarie fast selbst ihre
Munterkeit. Die Baronin fühlte sich verlegen und zog ihre Tochter ans Klavier;
aber ihr geistreiches und gefühlvolles Spiel konnte dem Major kaum einigen
Beifall ablocken. Er wünschte das schöne Kind und das Frühstück je eher je
lieber entfernt zu sehen, und die Baronin musste sich entschliessen, aufzubrechen
und ihrem Bruder einen Spaziergang in den Garten vorzuschlagen.
    Kaum waren sie allein, so wiederholte der Major dringend seine vorige Frage;
worauf seine Schwester nach einer Pause lächelnd versetzte: »Wenn du den
Glücklichen finden willst, den sie liebt, so brauchst du nicht weit zu gehen, er
ist ganz in der Nähe: dich liebt sie.«
    Der Major stand betroffen, dann rief er aus: »Es wäre ein sehr unzeitiger
Scherz, wenn du mich etwas überreden wolltest, das mich im Ernst so verlegen wie
unglücklich machen würde. Denn ob ich gleich Zeit brauche, mich von meiner
Verwunderung zu erholen, so sehe ich doch mit einem Blicke voraus, wie sehr
unsere Verhältnisse durch ein so unerwartetes Ereignis gestört werden müssten.
Das einzige, was mich tröstet, ist die Überzeugung, dass Neigungen dieser Art nur
scheinbar sind, dass ein Selbstbetrug dahinter verborgen liegt, und dass eine
echte, gute Seele von dergleichen Fehlgriffen oft durch sich selbst oder doch
wenigstens mit einiger Beihülfe verständiger Personen gleich wieder
zurückkommt.«
    »Ich bin dieser Meinung nicht«, sagte die Baronin, »denn nach allen
Symptomen ist es ein sehr ernstliches Gefühl, von welchem Hilarie durchdrungen
ist.«
    »Etwas so Unnatürliches hätte ich ihrem natürlichen Wesen nicht zugetraut«,
versetzte der Major.
    »Es ist so unnatürlich nicht«, sagte die Schwester. »Aus meiner Jugend
erinnere ich mich selbst einer Leidenschaft für einen älteren Mann, als du bist.
Du hast funfzig Jahre; das ist immer noch nicht gar zu viel für einen Deutschen,
wenn vielleicht andere, lebhaftere Nationen früher altern.«
    »Wodurch willst du aber deine Vermutung bekräftigen?« sagte der Major.
    »Es ist keine Vermutung, es ist Gewissheit. Das Nähere sollst du nach und
nach vernehmen.«
    Hilarie gesellte sich zu ihnen, und der Major fühlte sich, wider seinen
Willen, abermals verändert. Ihre Gegenwart deuchte ihn noch lieber und werter
als vorher; ihr Betragen schien ihm liebevoller, und schon fing er an, den
Worten seiner Schwester Glauben beizumessen. Die Empfindung war für ihn höchst
angenehm, ob er sich gleich solche weder gestehen noch erlauben wollte. Freilich
war Hilarie höchst liebenswürdig, indem sich in ihrem Betragen die zarte Scheu
gegen einen Liebhaber und die freie Bequemlichkeit gegen einen Oheim auf das
innigste verband; denn sie liebte ihn wirklich und von ganzer Seele. Der Garten
war in seiner vollen Frühlingspracht, und der Major, der so viele alte Bäume
sich wieder belauben sah, konnte auch an die Wiederkehr seines eignen Frühlings
glauben. Und wer hätte sich nicht in der Gegenwart des liebenswürdigsten
Mädchens dazu verführen lassen!
    So verging ihnen der Tag zusammen; alle häuslichen Epochen wurden mit der
grössten Gemütlichkeit durchlebt; abends nach Tisch setzte sich Hilarie wieder
ans Klavier; der Major hörte mit andern Ohren als heute früh; eine Melodie
schlang sich in die andere, ein Lied schloss sich ans andere, und kaum vermochte
die Mitternacht die kleine Gesellschaft zu trennen.
    Als der Major auf seinem Zimmer ankam, fand er alles nach seiner alten,
gewohnten Bequemlichkeit eingerichtet; sogar einige Kupferstiche, bei denen er
gern verweilte, waren aus andern Zimmern herübergehängt; und da er einmal
aufmerksam geworden war, so sah er sich bis auf jeden einzelnen kleinen Umstand
versorgt und geschmeichelt.
    Nur wenig Stunden Schlaf bedurfte er diesmal; seine Lebensgeister waren früh
aufgeregt. Aber nun merkte er auf einmal, dass eine neue Ordnung der Dinge
manches Unbequeme nach sich ziehe. Er hatte seinem alten Reitknecht, der
zugleich die Stelle des Bedienten und Kammerdieners vertrat, seit mehreren
Jahren kein böses Wort gegeben: denn alles ging in der strengsten Ordnung seinen
gewöhnlichen Gang; die Pferde waren versorgt und die Kleidungsstücke zu rechter
Stunde gereinigt; aber der Herr war früher aufgestanden, und nichts wollte
passen.
    Sodann gesellte sich noch ein anderer Umstand hinzu, um die Ungeduld und
eine Art böser Laune des Majors zu vermehren. Sonst war ihm alles an sich und
seinem Diener recht gewesen; nun aber fand er sich, als er vor den Spiegel trat,
nicht so, wie er zu sein wünschte. Einige graue Haare konnte er nicht leugnen,
und von Runzeln schien sich auch etwas eingefunden zu haben. Er wischte und
puderte mehr als sonst und musste es doch zuletzt lassen, wie es sein konnte.
Auch mit der Kleidung und ihrer Sauberkeit war er nicht zufrieden. Da sollten
sich immer noch Fasern auf dem Rock und noch Staub auf den Stiefeln finden. Der
Alte wusste nicht, was er sagen sollte, und war erstaunt, einen so veränderten
Herrn vor sich zu sehen.
    Ungeachtet aller dieser Hindernisse war der Major schon früh genug im
Garten. Hilarien, die er zu finden hoffte, fand er wirklich. Sie brachte ihm
einen Blumenstrauss entgegen, und er hatte nicht den Mut, sie wie sonst zu küssen
und an sein Herz zu drücken. Er befand sich in der angenehmsten Verlegenheit von
der Welt und überliess sich seinen Gefühlen, ohne zu denken, wohin das führen
könne.
    Die Baronin gleichfalls säumte nicht lange zu erscheinen, und indem sie
ihrem Bruder ein Billet wies, das ihr eben ein Bote gebracht hatte, rief sie
aus: »Du rätst nicht, wen uns dieses Blatt anzumelden kommt.« - »So entdecke es
nur bald!« versetzte der Major; und er erfuhr, dass ein alter teatralischer
Freund nicht weit von dem Gute vorbeireise und für einen Augenblick einzukehren
gedenke. »Ich bin neugierig, ihn wiederzusehen«, sagte der Major; »er ist kein
Jüngling mehr, und ich höre, dass er noch immer die jungen Rollen spielt.« - »Er
muss um zehn Jahre älter sein als du«, versetzte die Baronin. - »Ganz gewiss«,
erwiderte der Major, »nach allem, was ich mich erinnere.«
    Es währte nicht lange, so trat ein munterer, wohlgebauter, gefälliger Mann
herzu. Man stutzte einen Augenblick, als man sich wiedersah. Doch sehr bald
erkannten sich die Freunde, und Erinnerungen aller Art belebten das Gespräch.
Hierauf ging man zu Erzählungen, zu Fragen und zu Rechenschaft über; man machte
sich wechselsweise mit den gegenwärtigen Lagen bekannt und fühlte sich bald, als
wäre man nie getrennt gewesen.
    Die geheime Geschichte sagt uns, dass dieser Mann in früherer Zeit, als ein
sehr schöner und angenehmer Jüngling, einer vornehmen Dame zu gefallen das Glück
oder Unglück gehabt habe; dass er dadurch in grosse Verlegenheit und Gefahr
geraten, woraus ihn der Major eben im Augenblick, als ihn das traurigste
Schicksal bedrohte, glücklich herausriss. Ewig blieb er dankbar, dem Bruder
sowohl als der Schwester; denn diese hatte durch zeitige Warnung zur Vorsicht
Anlass gegeben.
    Einige Zeit vor Tische liess man die Männer allein. Nicht ohne Bewunderung,
ja gewissermassen mit Erstaunen hatte der Major das äussere Behaben seines alten
Freundes im ganzen und einzelnen betrachtet. Er schien gar nicht verändert zu
sein, und es war kein Wunder, dass er noch immer als jugendlicher Liebhaber auf
dem Teater erscheinen konnte. - »Du betrachtest mich aufmerksamer als billig
ist«, sprach er endlich den Major an; »ich fürchte sehr, du findest den
Unterschied gegen vorige Zeit nur allzu gross.« - »Keineswegs«, versetzte der
Major, »vielmehr bin ich voll Verwunderung, dein Aussehen frischer und jünger zu
finden als das meine; da ich doch weiss, dass du schon ein gemachter Mann warst,
als ich, mit der Kühnheit eines wagehalsigen Gelbschnabels, dir in gewissen
Verlegenheiten beistand.« - »Es ist deine Schuld«, versetzte der andere, »es ist
die Schuld aller deinesgleichen; und ob ihr schon darum nicht zu schelten seid,
so seid ihr doch zu tadeln. Man denkt immer nur ans Notwendige; man will sein
und nicht scheinen. Das ist recht gut, solange man etwas ist. Wenn aber zuletzt
das Sein mit dem Scheinen sich zu empfehlen anfängt und der Schein noch
flüchtiger als das Sein ist, so merkt denn doch ein jeder, dass er nicht übel
getan hätte, das Äussere über dem Innern nicht ganz zu vernachlässigen.« - »Du
hast recht«, versetzte der Major und konnte sich fast eines Seufzers nicht
entalten. - »Vielleicht nicht ganz recht«, sagte der bejahrte Jüngling; »denn
freilich bei meinem Handwerke wäre es ganz unverzeihlich, wenn man das Äussere
nicht so lange aufstutzen wollte, als nur möglich ist. Ihr andern aber habt
Ursache, auf andere Dinge zu sehen, die bedeutender und nachhaltiger sind.« -
»Doch gibt es Gelegenheiten«, sagte der Major, »wo man sich innerlich frisch
fühlt und sein Äusseres auch gar zu gern wieder auffrischen möchte.«
    Da der Ankömmling die wahre Gemütslage des Majors nicht ahnen konnte, so
nahm er diese Äusserung im Soldatensinne und liess sich weitläufig darüber aus:
wie viel beim Militär aufs Äussere ankomme und wie der Offizier, der so manches
auf seine Kleidung zu wenden habe, doch auch einige Aufmerksamkeit auf Haut und
Haare wenden könne.
    »Es ist zum Beispiel unverantwortlich«, fuhr er fort, »dass Eure Schläfe
schon grau sind, dass hie und da sich Runzeln zusammenziehen und dass Euer
Scheitel kahl zu werden droht. Seht mich alten Kerl einmal an! betrachtet, wie
ich mich erhalten habe! und das alles ohne Hexerei und mit weit weniger Mühe und
Sorgfalt, als man täglich anwendet, um sich zu beschädigen oder wenigstens
Langeweile zu machen.«
    Der Major fand bei dieser zufälligen Unterredung zu sehr seinen Vorteil, als
dass er sie so bald hätte abbrechen sollen; doch ging er leise und selbst gegen
einen alten Bekannten mit Behutsamkeit zu Werke. - »Das habe ich nun leider
versäumt!« rief er aus, »und nachzuholen ist es nicht; ich muss zu mich nun schon
darein ergeben, und Ihr werdet deshalb nicht schlimmer von mir denken.«
    »Versäumt ist nichts!« erwiderte jener, »wenn ihr andern ernstaften Herren
nur nicht so starr und steif wäret, nicht gleich einen jeden, der sein Äusseres
bedenkt, für eitel erklären und euch dadurch selbst die Freude verkümmern
möchtet, in gefälliger Gesellschaft zu sein und selbst zu gefallen.« - »Wenn es
auch keine Zauberei ist«, lächelte der Major, »wodurch ihr andern euch jung
erhaltet, so ist es doch ein Geheimnis, oder wenigstens sind es Arcana,
dergleichen oft in den Zeitungen gepriesen werden, von denen ihr aber die besten
herauszuproben wisst.« - »Du magst im Scherz oder im Ernst reden«, versetzte der
Freund, »so hast du's getroffen. Unter den vielen Dingen, die man von jeher
versucht hat, um dem Äusseren einige Nahrung zu geben, das oft viel früher als
das Innere abnimmt, gibt es wirklich unschätzbare, einfache sowohl als
zusammengesetzte Mittel, die mir von Kunstgenossen mitgeteilt, für bares Geld
oder durch Zufall überliefert und von mir selbst ausgeprobt worden. dabei bleib'
ich und verharre nun, ohne deshalb meine weitern Forschungen aufzugeben. So viel
kann ich dir sagen, und ich übertreibe nicht: ein Toilettenkästchen führe ich
bei mir, über allen Preis! ein Kästchen, dessen Wirkungen ich wohl an dir
erproben möchte, wenn wir nur vierzehn Tage zusammenblieben.«
    Der Gedanke, etwas dieser Art sei möglich und diese Möglichkeit werde ihm
gerade in dem rechten Augenblicke so zufällig nahe gebracht, erheiterte den
Geist des Majors dergestalt, dass er wirklich schon frischer und munterer aussah
und, von der Hoffnung, Haupt und Gesicht mit seinem Herzen in Übereinstimmung zu
bringen, belebt, von der Unruhe, die Mittel dazu bald näher kennen zu lernen, in
Bewegung gesetzt, bei Tische ein ganz anderer Mensch erschien, Hilariens
anmutigen Aufmerksamkeiten getrost entgegenging und auf sie mit einer gewissen
Zuversicht blickte, die ihm heute früh noch sehr fremd gewesen war.
    Hatte nun durch mancherlei Erinnerungen, Erzählungen und glückliche Einfälle
der teatralische Freund die einmal angeregte gute Laune zu erhalten, zu beleben
und zu vermehren gewusst, so wurde der Major um so verlegener, als jener gleich
nach Tische sich zu entfernen und seinen Weg weiter fortzusetzen drohte. Auf
alle Weise suchte er den Aufentalt seines Freundes, wenigstens über Nacht, zu
erleichtern, indem er Vorspann und Relais auf morgen früh andringlich zusagte.
Genug, die heilsame Toilette sollte nicht aus dem Hause, bis man von ihrem
Inhalt und Gebrauch näher unterrichtet wäre.
    Der Major sah sehr wohl ein, dass hier keine Zeit zu verlieren sei, und
suchte daher gleich nach Tische seinen alten Günstling allein zu sprechen. Da er
das Herz nicht hatte, ganz gerade auf die Sache loszugehen, so lenkte er von
weitem dahin, indem er, das vorige Gespräch wieder auffassend, versicherte: er
für seine Person würde gern mehr Sorgfalt auf das Äussere verwenden, wenn nur
nicht gleich die Menschen einen jeden, dem sie ein solches Bestreben anmerken,
für eitel erklärten und ihm dadurch sogleich wieder an der sittlichen Achtung
entzögen, was sie sich genötigt fühlten an der sinnlichen ihm zuzugestehen.
    »Mache mich mit solchen Redensarten nicht verdriesslich!« versetzte der
Freund; »denn das sind Ausdrücke, die sich die Gesellschaft angewöhnt hat, ohne
etwas dabei zu denken, oder, wenn man es strenger nehmen will, wodurch sich ihre
unfreundliche und misswollende Natur ausspricht. Wenn du es recht genau
betrachtest: was ist denn das, was man oft als Eitelkeit verrufen möchte? Jeder
Mensch soll Freude an sich selbst haben, und glücklich, wer sie hat. Hat er sie
aber, wie kann er sich verwehren, dieses angenehme Gefühl merken zu lassen? Wie
soll er mitten im Dasein verbergen, dass er eine Freude am Dasein habe? Fände die
gute Gesellschaft, denn von der ist doch hier allein die Rede, nur alsdann diese
Äusserungen tadelhaft, wenn sie zu lebhaft werden, wenn des einen Menschen Freude
an sich und seinem Wesen die andern hindert, Freude an dem ihrigen zu haben und
sie zu zeigen, so wäre nichts dabei zu erinnern, und von diesem Übermass ist auch
wohl der Tadel zuerst ausgegangen. Aber was soll eine wunderlich-verneinende
Strenge gegen etwas Unvermeidliches? Warum will man nicht eine Äusserung lässlich
und erträglich finden, die man denn doch mehr oder weniger sich von Zeit zu Zeit
selbst erlaubt? ja, ohne die eine gute Gesellschaft gar nicht existieren könnte:
denn das Gefallen an sich selbst, das Verlangen, dieses Selbstgefühl andern
mitzuteilen, macht gefällig, das Gefühl eigner Anmut macht anmutig. Wollte Gott,
alle Menschen wären eitel, wären es aber mit Bewusstsein, mit Mass und im rechten
Sinne: so würden wir in der gebildeten Welt die glücklichsten Menschen sein. Die
Weiber, sagt man, sind eitel von Hause aus; doch es kleidet sie, und sie
gefallen uns um desto mehr. Wie kann ein junger Mann sich bilden, der nicht
eitel ist? Eine leere, hohle Natur wird sich wenigstens einen äussern Schein zu
geben wissen, und der tüchtige Mensch wird sich bald von aussen nach innen zu
bilden. Was mich betrifft, so habe ich Ursache, mich auch deshalb für den
glücklichsten Menschen zu halten, weil mein Handwerk mich berechtigt, eitel zu
sein, und weil ich, je mehr ich es bin, nur desto mehr Vergnügen den Menschen
schaffe. Ich werde gelobt, wo man andere tadelt, und habe, gerade auf diesem
Wege, das Recht und das Glück, noch in einem Alter das Publikum zu ergötzen und
zu entzücken, in welchem andere notgedrungen vom Schauplatz abtreten oder nur
mit Schmach darauf verweilen.«
    Der Major hörte nicht gerne den Schluss dieser Betrachtungen. Das Wörtchen
Eitelkeit, als er es vorbrachte, sollte nur zu einem Übergang dienen, um dem
Freunde auf eine geschickte Weise seinen Wunsch vorzutragen; nun fürchtete er,
bei einem fortgesetzten Gespräch das Ziel noch weiter verrückt zu sehen, und
eilte daher unmittelbar zum Zweck.
    »Für mich«, sagte er, »wäre ich gar nicht abgeneigt, auch zu deiner Fahne zu
schwören, da du es nicht für zu spät hältst und glaubst, dass ich das Versäumte
noch einigermassen nachholen könne. Teile mir etwas von deinen Tinkturen, Pomaden
und Balsamen mit, und ich will einen Versuch machen.«
    »Mitteilungen«, sagte der andere, »sind schwerer, als man denkt. Denn hier
z.B. kommt es nicht allein darauf an, dass ich dir von meinen Fläschchen etwas
abfülle und von den besten Ingredienzien meiner Toilette die Hälfte zurücklasse;
die Anwendung ist das Schwerste. Man kann das Überlieferte sich nicht gleich zu
eigen machen; wie dieses und jenes passe, unter was für Umständen, in welcher
Folge die Dinge zu gebrauchen seien, dazu gehört Übung und Nachdenken; ja selbst
diese wollen kaum fruchten, wenn man nicht eben zu der Sache, wovon die Rede ist
ein angebornes Talent hat.«
    »Du willst, wie es scheint«, versetzte der Major, »nun wieder zurücktreten.
Du machst mir Schwierigkeiten, um deine freilich etwas fabelhaften Behauptungen
in Sicherheit zu bringen. Du hast nicht Lust, mir einen Anlass, eine Gelegenheit
zu geben, deine Worte durch die Tat zu prüfen.«
    »Durch diese Neckereien, mein Freund«, versetzte der andere, »würdest du
mich nicht bewegen, deinem Verlangen zu willfahren, wenn ich nicht selbst so
gute Gesinnungen gegen dich hätte, wie ich es ja zuerst dir angeboten habe.
dabei bedenke, mein Freund, der Mensch hat gar eine eigne Lust, Proselyten zu
machen, dasjenige, was er an sich schätzt, auch ausser sich in andern zur
Erscheinung zu bringen, sie geniessen zu lassen, was er selbst geniesst, und sich
in ihnen wiederzufinden und darzustellen. Fürwahr, wenn dies auch Egoismus ist,
so ist er der liebenswürdigste und lobenswürdigste, derjenige, der uns zu
Menschen gemacht hat und uns als Menschen erhält. Aus ihm nehme ich denn auch,
abgesehen von der Freundschaft, die ich zu dir hege, die Lust, einen Schüler in
der Verjüngungskunst aus dir zu machen. Weil man aber von dem Meister erwarten
kann, dass er keine Pfuscher ziehen will, so bin ich verlegen, wie wir es
anfangen. Ich sagte schon: weder Spezereien noch irgendeine Anweisung ist
hinlänglich; die Anwendung kann nicht im Allgemeinen gelehrt werden. Dir zuliebe
und aus Lust, meine Lehre fortzupflanzen, bin ich zu jeder Aufopferung bereit.
Die grösste für den Augenblick will ich dir sogleich anbieten. Ich lasse dir
meinen Diener hier, eine Art von Kammerdiener und Tausendkünstler, der, wenn er
gleich nicht alles zu bereiten weiss, nicht in alle Geheimnisse eingeweiht ist,
doch die ganze Behandlung recht gut versteht und für den Anfang dir von grossem
Nutzen sein wird, bis du dich in die Sache so hineinarbeitest, dass ich dir die
höheren Geheimnisse endlich auch offenbaren kann.«
    »Wie!« rief der Major, »du hast auch Stufen und Grade deiner
Verjüngungskunst? Du hast noch Geheimnisse für die Eingeweihten?« - »Ganz
gewiss!« versetzte jener. »Das müsste gar eine schlechte Kunst sein, die sich auf
einmal fassen liesse, deren Letztes von demjenigen gleich geschaut werden könnte,
der zuerst hereintritt.«
    Man zauderte nicht lange, der Kammerdiener ward an den Major gewiesen, der
ihn gut zu halten versprach. Die Baronin musste Schächtelchen, Büchschen und
Gläser hergeben, sie wusste nicht wozu; die Teilung ging vor sich, man war bis in
die Nacht munter und geistreich zusammen. Bei dem späteren Aufgang des Mondes
fuhr der Gast hinweg und versprach, in einiger Zeit zurückzukehren.
    Der Major kam ziemlich müde auf sein Zimmer. Er war früh aufgestanden, hatte
sich den Tag nicht geschont und glaubte nunmehr das Bett bald zu erreichen.
Allein er fand statt eines Dieners nunmehr zwei. Der alte Reitknecht zog ihn
nach alter Art und Weise eilig aus; aber nun trat der neue hervor und liess
merken, dass die eigentliche Zeit, Verjüngungs- und Verschönerungsmittel
anzubringen, die Nacht sei, damit in einem ruhigen Schlaf die Wirkung desto
sicherer vor sich gehe. Der Major musste sich also gefallen lassen, dass sein
Haupt gesalbt, sein Gesicht bestrichen, seine Augenbraunen bepinselt und seine
Lippen betupft wurden. Ausserdem wurden noch verschiedene Zeremonien erfordert;
sogar sollte die Nachtmütze nicht unmittelbar aufgesetzt, sondern vorher ein
Netz, wo nicht gar eine feine lederne Mütze übergezogen werden.
    Der Major legte sich zu Bette mit einer Art von unangenehmer Empfindung, die
er jedoch sich deutlich zu machen keine Zeit hatte, indem er gar bald
einschlief. Sollen wir aber in seine Seele sprechen, so fühlte er sich etwas
mumienhaft, zwischen einem Kranken und einem Einbalsamierten. Allein das süsse
Bild Hilariens, umgeben von den heitersten Hoffnungen, zog ihn bald in einen
erquickenden Schlaf.
    Morgens zur rechten Zeit war der Reitknecht bei der Hand. Alles, was zum
Anzuge des Herrn gehörte, lag in gewohnter Ordnung auf den Stühlen, und eben war
der Major im Begriff, aus dem Bette zu steigen, als der neue Kammerdiener
hereintrat und lebhaft gegen eine solche Übereilung protestierte. Man müsse
ruhen, man müsse sich abwarten, wenn das Vorhaben gelingen, wenn man für so
manche Mühe und Sorgfalt Freude erleben solle. Der Herr vernahm sodann, dass er
in einiger Zeit aufzustehen, ein kleines Frühstück zu geniessen und alsdann in
ein Bad zu steigen habe, welches schon bereitet sei. Den Anordnungen war nicht
auszuweichen, sie mussten befolgt werden, und einige Stunden gingen unter diesen
Geschäften hin.
    Der Major verkürzte die Ruhezeit nach dem Bade, dachte sich geschwind in die
Kleider zu werfen; denn er war seiner Natur nach expedit und wünschte noch
überdies, Hilarien bald zu begegnen; aber auch hier trat ihm sein neuer Diener
entgegen und machte ihm begreiflich, dass man sich durchaus abgewöhnen müsse,
fertig werden zu wollen. Alles, was man tue, müsse man langsam und behaglich
vollbringen, besonders aber die Zeit des Anziehens habe man als angenehme
Unterhaltungsstunde mit sich selbst anzusehen.
    Die Behandlungsart des Kammerdieners traf mit seinen Reden völlig überein.
Dafür glaubte sich aber auch der Major wirklich besser angezogen denn jemals,
als er vor den Spiegel trat und sich auf das schmuckeste herausgeputzt
erblickte. Ohne viel zu fragen, hatte der Kammerdiener sogar die Uniform
moderner zugestutzt, indem er die Nacht auf diese Verwandlung wendete. Eine so
schnell erscheinende Verjüngung gab dem Major einen besonders heitern Sinn, so
dass er sich von innen und aussen erfrischt fühlte und mit ungeduldigem Verlangen
den Seinigen entgegeneilte.
    Er fand seine Schwester vor dem Stammbaume stehen, den sie hatte aufhängen
lassen, weil abends vorher zwischen ihnen von einigen Seitenverwandten die Rede
gewesen, welche, teils unverheiratet, teils in fernen Landen wohnhaft, teils gar
verschollen, mehr oder weniger den beiden Geschwistern oder ihren Kindern auf
reiche Erbschaften Hoffnung machten. Sie unterhielten sich einige Zeit darüber,
ohne des Punktes zu erwähnen, dass sich bisher alle Familiensorgen und Bemühungen
bloss auf ihre Kinder bezogen. Durch Hilariens Neigung hatte sich diese ganze
Ansicht freilich verändert, und doch mochte weder der Major noch seine Schwester
in diesem Augenblick der Sache weiter gedenken.
    Die Baronin entfernte sich, der Major stand allein vor dem lakonischen
Familiengemälde. Hilarie trat an ihn heran, lehnte sich kindlich an ihn,
beschaute die Tafel und fragte: wen er alles von diesen gekannt habe? und wer
wohl noch leben und übrig sein möchte?
    Der Major begann seine Schilderung von den Ältesten, deren er sich aus
seiner Kindheit nur noch dunkel erinnerte. Dann ging er weiter, zeichnete die
Charaktere verschiedener Väter, die Ähnlichkeit oder Unähnlichkeit der Kinder
mit denselben, bemerkte, dass oft der Grossvater im Enkel wieder hervortrete,
sprach gelegentlich von dem Einfluss der Weiber, die, aus fremden Familien
herüber heiratend, oft den Charakter ganzer Stämme verändern. Er rühmte die
Tugend manches Vorfahren und Seitenverwandten und verschwieg ihre Fehler nicht.
Mit Stillschweigen überging er diejenigen, deren man sich hätte zu schämen
gehabt. Endlich kam er an die untersten Reihen. Da stand nun sein Bruder, der
Obermarschall, er und seine Schwester und unten drunter sein Sohn und daneben
Hilarie.
    »Diese sehen einander gerade genug ins Gesicht«, sagte der Major und fügte
nicht hinzu, was er im Sinne hatte. Nach einer Pause versetzte Hilarie
bescheiden, halblaut und fast mit einem Seufzer: »Und doch wird man denjenigen
niemals tadeln, der in die Höhe blickt!« Zugleich sah sie mit ein paar Augen an
ihm hinauf, aus denen ihre ganze Neigung hervorsprach. - »Versteh' ich dich
recht?« sagte der Major, indem er sich zu ihr wendete. - »Ich kann nichts
sagen«, versetzte Hilarie lächelnd, »was Sie nicht schon wissen.« - »Du machst
mich zum glücklichsten Menschen unter der Sonne!« rief er aus und fiel ihr zu
Füssen. »Willst du mein sein?« - »Um Gottes willen stehen Sie auf! Ich bin dein
auf ewig.«
    Die Baronin trat herein. Ohne überrascht zu sein, stutzte sie. - »Wäre es
ein Unglück«, sagte der Major, »Schwester! so ist die Schuld dein; als Glück
wollen wir's dir ewig verdanken.«
    Die Baronin hatte ihren Bruder von Jugend auf dergestalt geliebt, dass sie
ihn allen Männern vorzog, und vielleicht war selbst die Neigung Hilariens aus
dieser Vorliebe der Mutter, wo nicht entsprungen, doch gewiss genährt worden.
Alle drei vereinigten sich nunmehr in einer Liebe, einem Behagen, und so flossen
für sie die glücklichsten Stunden dahin. Nur wurden sie denn doch zuletzt auch
wieder die Welt um sich her gewahr, und diese steht selten mit solchen
Empfindungen im Einklang.
    Nun dachte man auch wieder an den Sohn. Ihm hatte man Hilarien bestimmt, das
ihm sehr wohl bekannt war. Gleich nach Beendigung des Geschäfts mit dem
Obermarschall sollte der Major seinen Sohn in der Garnison besuchen, alles mit
ihm abreden und diese Angelegenheiten zu einem glücklichen Ende führen. Nun war
aber durch ein unerwartetes Ereignis der ganze Zustand verruckt; die
Verhältnisse, die sonst sich freundlich ineinanderschmiegten, schienen sich
nunmehr anzufeinden, und es war schwer vorauszusehen, was die Sache für eine
Wendung nehmen, was für eine Stimmung die Gemüter ergreifen würde.
    Indessen musste sich der Major entschliessen, seinen Sohn aufzusuchen, dem er
sich schon angemeldet hatte. Er machte sich nicht ohne Widerwillen, nicht ohne
sonderbare Ahnung, nicht ohne Schmerz, Hilarien auch nur auf kurze Zeit zu
verlassen, nach manchem Zaudern auf den Weg, liess Reitknecht und Pferde zurück
und fuhr mit seinem Verjüngungsdiener, den er nun nicht mehr entbehren konnte,
der Stadt, dem Aufentalte seines Sohnes, entgegen.
    Beide begrüssten und umarmten sich nach so langer Trennung aufs herzlichste.
Sie hatten einander viel zu sagen und sprachen doch nicht sogleich aus, was
ihnen zunächst am Herzen lag. Der Sohn erging sich in Hoffnungen eines baldigen
Avancements; wogegen ihm der Vater genaue Nachricht gab, was zwischen den ältern
Familiengliedern wegen des Vermögens überhaupt, wegen der einzelnen Güter und
sonst verhandelt und beschlossen worden.
    Das Gespräch fing schon einigermassen an zu stocken, als der Sohn sich ein
Herz fasste und zu dem Vater lächelnd sagte: »Sie behandeln mich sehr zart,
lieber Vater, und ich danke Ihnen dafür. Sie erzählen mir von Besjetztümern und
Vermögen und erwähnen der Bedingung nicht, unter der, wenigstens zum Teil, es
mir eigen werden soll; Sie halten mit dem Namen Hilariens zurück, Sie erwarten,
dass ich ihn selbst ausspreche, dass ich mein Verlangen zu erkennen gebe, mit dem
liebenswürdigen Kinde bald vereinigt zu sein.«
    Der Major befand sich bei diesen Worten des Sohnes in grosser Verlegenheit;
da es aber teils seiner Natur, teils einer alten Gewohnheit gemäss war, den Sinn
des andern, mit dem er zu verhandeln hatte, zu erforschen, so schwieg er und
blickte den Sohn mit einem zweideutigen Lächeln an. - »Sie erraten nicht, mein
Vater, was ich zu sagen habe«, fuhr der Lieutenant fort, »und ich will es nur
rasch ein für allemal herausreden. Ich kann mich auf Ihre Güte verlassen, die,
bei so vielfacher Sorge für mich, gewiss auch an mein wahres Glück gedacht hat.
Einmal muss es gesagt sein, und so sei es gleich gesagt: Hilarie kann mich nicht
glücklich machen! Ich gedenke Hilariens als einer liebenswürdigen Anverwandten,
mit der ich zeitlebens in den freundschaftlichsten Verhältnissen stehen möchte;
aber eine andere hat meine Leidenschaft erregt, meine Neigung gefesselt.
Unwiderstehlich ist dieser Hang; Sie werden mich nicht unglücklich machen.«
    Nur mit Mühe verbarg der Major die Heiterkeit, die sich über sein Gesicht
verbreiten wollte, und fragte den Sohn mit einem milden Ernst: wer denn die
Person sei, welche sich seiner so gänzlich bemächtigen können. - »Sie müssen
dieses Wesen sehen, mein Vater: denn sie ist so unbeschreiblich als
unbegreiflich. Ich fürchte nur, Sie werden selbst von ihr hingerissen, wie
jedermann, der sich ihr nähert. Bei Gott! ich erlebe es und sehe Sie als den
Rival Ihres Sohnes.«
    »Wer ist sie denn?« fragte der Major. »Wenn du ihre Persönlichkeit zu
schildern nicht imstande bist, so erzähle mir wenigstens von ihren äussern
Umständen: denn diese sind doch wohl eher auszusprechen.« - »Wohl, mein Vater!«
versetzte der Sohn; »und doch würden auch diese äusseren Umstände bei einer
andern anders sein, anders auf eine andere wirken. Sie ist eine junge Witwe,
Erbin eines alten, reichen, vor kurzem verstorbenen Mannes, unabhängig und
höchst wert, es zu sein, von vielen umgeben, von ebenso vielen geliebt, von
ebenso vielen umworben, doch, wenn ich mich nicht sehr betriege, mir von Herzen
angehörig.«
    Mit Behaglichkeit, weil der Vater schwieg und kein Zeichen der Missbilligung
äusserte, fuhr der Sohn fort, das Betragen der schönen Witwe gegen ihn zu
erzählen, jene unwiderstehliche Anmut, jene zarten Gunstbezeigungen einzeln
herzurühmen, in denen der Vater freilich nur die leichte Gefälligkeit einer
allgemein gesuchten Frau erkennen konnte, die unter vielen wohl irgendeinen
vorzieht, ohne sich eben für ihn ganz und gar zu entscheiden. Unter jeden andern
Umständen hätte er gewiss gesucht, einen Sohn, ja nur einen Freund auf den
Selbstbetrug aufmerksam zu machen, der wahrscheinlich hier obwalten könnte; aber
diesmal war ihm selbst so viel daran gelegen, wenn der Sohn sich nicht täuschen,
wenn die Witwe ihn wirklich lieben und sich so schnell als möglich zu seinen
Gunsten entscheiden möchte, dass er entweder kein Bedenken hatte oder einen
solchen Zweifel bei sich ablehnte, vielleicht auch nur verschwieg.
    »Du setzest mich in grosse Verlegenheit«, begann der Vater nach einiger
Pause. »Die ganze Übereinkunft zwischen den übriggebliebenen Gliedern unsers
Geschlechts beruht auf der Voraussetzung, dass du dich mit Hilarien verbindest.
Heiratet sie einen Fremden, so ist die ganze, schöne, künstliche Vereinigung
eines ansehnlichen Vermögens wieder aufgehoben, und du besonders in deinem Teile
nicht zum besten bedacht. Es gäbe wohl noch ein Mittel, das aber ein wenig
sonderbar klingt und wobei du auch nicht viel gewinnen würdest: ich müsste noch
in meinen alten Tagen Hilarien heiraten, wodurch ich dir aber schwerlich ein
grosses Vergnügen machen würde.«
    »Das grösste von der Welt!« rief der Lieutenant aus; »denn wer kann eine
wahre Neigung empfinden, wer kann das Glück der Liebe geniessen oder hoffen, ohne
dass er dieses höchste Glück einem jeden Freund, einem jeden gönnte, der ihm wert
ist! Sie sind nicht alt, mein Vater; wie liebenswürdig ist nicht Hilarie! und
schon der vorüberschwebende Gedanke, ihr die Hand zu bieten, zeugt von einem
jugendlichen Herzen, von frischer Mutigkeit. Lassen Sie uns diesen Einfall,
diesen Vorschlag aus dem Stegreife ja recht gut durchsinnen und ausdenken. Dann
würde ich erst recht glücklich sein, wenn ich Sie glücklich wüsste; dann würde
ich mich erst recht freuen, dass Sie für die Sorgfalt, mit der Sie mein Schicksal
bedacht, an sich selbst so schön und höchlich belohnt würden. Nun führe ich sie
erst mutig, zutraulich und mit recht offnem Herzen zu meiner Schönen. Sie werden
meine Empfindungen billigen, weil Sie selbst fühlen; Sie werden dem Glück eines
Sohnes nichts in den Weg legen, weil Sie Ihrem eigenen Glück entgegengehen.«
    Mit diesen und andern dringenden Worten liess der Sohn den Vater, der manche
Bedenklichkeiten einstreuen wollte, nicht Raum gewinnen, sondern eilte mit ihm
zur schönen Witwe, welche sie in einem grossen, wohleingerichteten Hause, umgeben
von einer zwar nicht zahlreichen, aber ausgesuchten Gesellschaft, in heiterer
Unterhaltung antrafen. Sie war eins von den weiblichen Wesen, denen kein Mann
entgeht. Mit unglaublicher Gewandteit wusste sie den Major zum Helden dieses
Abends zu machen. Die übrige Gesellschaft schien ihre Familie, der Major allein
der Gast zu sein. Sie kannte seine Verhältnisse recht gut, und doch wusste sie
darnach zu fragen, als wenn sie alles erst von ihm recht erfahren wollte; und so
musste auch jedes von der Gesellschaft schon irgendeinen Anteil an dem
Neuangekommenen zeigen. Der eine musste seinen Bruder, der andere seine Güter und
der Dritte sonst wieder etwas gekannt haben, so dass der Major bei einem
lebhaften Gespräch sich immer als den Mittelpunkt fühlte. Auch sass er zunächst
bei der Schönen; ihre Augen waren auf ihn, ihr Lächeln an ihn gerichtet; genug,
er fand sich so behaglich, dass er beinahe die Ursache vergass, warum er gekommen
war. Auch erwähnte sie seines Sohnes kaum mit einem Worte, obgleich der junge
Mann lebhaft mitsprach; er schien für sie, wie die übrigen alle, heute nur um
des Vaters willen gegenwärtig.
    Frauenzimmerliche Handarbeiten, in Gesellschaft unternommen und scheinbar
gleichgültig fortgesetzt, erhalten durch Klugheit und Anmut oft eine wichtige
Bedeutung. Unbefangen und emsig fortgesetzt, geben solche Bemühungen einer
Schönen das Ansehen völliger Unaufmerksamkeit auf die Umgebung und erregen in
derselben ein stilles Missgefühl. Dann aber, gleichsam wie beim Erwachen, ein
Wort, ein Blick versetzt die Abwesende wieder mitten in die Gesellschaft, sie
erscheint als neu willkommen; legt sie aber gar die Arbeit in den Schoss nieder,
zeigt sie Aufmerksamkeit auf eine Erzählung, einen belehrenden Vortrag, in
welchem sich die Männer so gern ergehen, dies wird demjenigen höchst
schmeichelhaft, den sie dergestalt begünstigt.
    Unsere schöne Witwe arbeitete auf diese Weise an einer so prächtigen als
geschmackvollen Brieftasche, die sich noch überdies durch ein grösseres Format
auszeichnete. Diese ward nun eben von der Gesellschaft besprochen, von dem
nächsten Nachbar aufgenommen, unter grossen Lobpreisungen der Reihe nach
herumgegeben, indessen die Künstlerin sich mit dem Major von ernsten
Gegenständen besprach; ein alter Hausfreund rühmte das beinahe fertige Werk mit
Übertreibung, doch als solches an den Major kam, schien sie es als seiner
Aufmerksamkeit nicht wert von ihm ablehnen zu wollen, wogegen er auf eine
verbindliche Weise die Verdienste der Arbeit anzuerkennen verstand, inzwischen
der Hausfreund darin ein penelopeisch zauderhaftes Werk zu sehen glaubte.
    Man ging in den Zimmern auf und ab und gesellte sich zufällig zusammen. Der
Lieutenant trat zu der Schönen und fragte: »Was sagen Sie zu meinem Vater?«
Lächelnd versetzte sie: »Mich deucht, dass Sie ihn wohl zum Muster nehmen
könnten. Sehn Sie nur, wie nett er angezogen ist! Ob er sich nicht besser trägt
und hält als sein lieber Sohn!« So fuhr sie fort, den Vater auf Unkosten des
Sohnes zu beschreien und zu loben und eine sehr gemischte Empfindung von
Zufriedenheit und Eifersucht in dem Herzen des jungen Mannes hervorzubringen.
    Nicht lange, so gesellte sich der Sohn zum Vater und erzählte ihm alles
haarklein wieder. Der Vater betrug sich nur desto freundlicher gegen die Witwe,
und sie setzte sich gegen ihn schon auf einen lebhafteren, vertraulichern Ton.
Kurz, man kann sagen, dass, als es zum Scheiden ging, der Major so gut als die
übrigen alle ihr und ihrem Kreise schon angehörte.
    Ein stark einfallender Regen hinderte die Gesellschaft, auf die Weise nach
Hause zu kehren, wie sie gekommen war. Einige Equipagen fuhren vor, in welche
man die Fussgänger verteilte; nur der Lieutenant, unter dem Vorwande, man sitze
ohnehin schon zu enge, liess den Vater fortfahren und blieb zurück.
    Der Major, als er in sein Zimmer trat, fühlte sich wirklich in einer Art von
Taumel, von Unsicherheit seiner selbst, wie es denen geht, die schnell aus einem
Zustande in den entgegengesetzten übertreten. Die Erde scheint sich für den zu
bewegen, der aus dem Schiffe steigt, und das Licht zittert noch im Auge dessen,
der auf einmal ins Finstere tritt. So fühlte sich der Major noch von der
Gegenwart des schönen Wesens umgeben. Er wünschte, sie noch zu sehen, zu hören,
sie wieder zu sehen, wieder zu hören; und nach einiger Besinnung verzieh er
seinem Sohne, ja er pries ihn glücklich, dass er Ansprüche machen dürfe, soviel
Vorzüge zu besitzen.
    Aus diesen Empfindungen riss ihn der Sohn, der mit einer lebhaften Entzückung
zur Türe hereinstürzte, den Vater umarmte und ausrief: »Ich bin der glücklichste
Mensch von der Welt!« Nach solchen und ähnlichen Ausrufen kam es endlich unter
beiden zur Aufklärung. Der Vater bemerkte, dass die schöne Frau im Gespräch gegen
ihn des Sohnes auch nicht mit einer Silbe erwähnt habe. - »Das ist eben ihre
zarte, schweigende, halb schweigende, halb andeutende Manier, wodurch man seiner
Wünsche gewiss wird und sich doch immer des Zweifels nicht ganz erwehren kann. So
war sie bisher gegen mich; aber Ihre Gegenwart, mein Vater, hat Wunder getan.
Ich gestehe es gern, dass ich zurückblieb, um sie noch einen Augenblick zu sehen.
Ich fand sie in ihren erleuchteten Zimmern auf und ab gehen; denn ich weiss wohl,
es ist ihre Gewohnheit: wenn die Gesellschaft weg ist, darf kein Licht
ausgelöscht werden. Sie geht allein in ihren Zaubersälen auf und ab, wenn die
Geister entlassen sind, die sie hergebannt hat. Sie liess den Vorwand gelten,
unter dessen Schutz ich zurückkam. Sie sprach anmutig, doch von gleichgültigen
Dingen. Wir gingen hin und wider durch die offenen Türen die ganze Reihe der
Zimmer durch. Wir waren schon einigemale bis ans Ende gelangt, in das kleine
Kabinett, das nur von einer trüben Lampe erhellt ist. War sie schön, wenn sie
sich unter den Kronleuchtern her bewegte, so war sie es noch unendlich mehr,
beleuchtet von dem sanften Schein der Lampe. Wir waren wieder dahin gekommen und
standen beim Umkehren einen Augenblick still. Ich weiss nicht, was mir die
Verwegenheit abnötigte, ich weiss nicht, wie ich es wagen konnte, mitten im
gleichgültigsten Gespräch auf einmal ihre Hand zu fassen, diese zarte Hand zu
küssen, sie an mein Herz zu drücken. Man zog sie nicht weg. Himmlisches Wesen,
rief ich, verbirg dich nicht länger vor mir. Wenn in diesem schönen Herzen eine
Neigung wohnt für den Glücklichen, der vor dir steht, so verhülle sie nicht
länger, offenbare sie, gestehe sie! es ist die schönste, es ist die höchste
Zeit. Verbanne mich oder nimm mich in deinen Armen auf!
    Ich weiss nicht, was ich alles sagte, ich weiss nicht, wie ich mich gebärdete.
Sie entfernte sich nicht, sie widerstrebte nicht, sie antwortete nicht. Ich
wagte es, sie in meine Arme zu fassen, sie zu fragen, ob sie die Meinige sein
wolle. Ich küsste sie mit Ungestüm; sie drängte mich weg. - Ja doch, ja! oder so
etwas sagte sie halblaut und wie verworren. Ich entfernte mich und rief: Ich
sende meinen Vater, der soll für mich reden! - Kein Wort mit ihm darüber!
versetzte sie, indem sie mir einige Schritte nachfolgte. Entfernen Sie sich,
vergessen Sie, was geschehen ist.«
    Was der Major dachte, wollen wir nicht entwickeln. Er sagte jedoch zum
Sohne: »Was glaubst du nun, was zu tun sei? Die Sache ist, dächt' ich, aus dem
Stegreife gut genug eingeleitet, dass wir nun etwas förmlicher zu Werke gehen
können, dass es vielleicht sehr schicklich ist, wenn ich mich morgen dort melde
und für dich anhalte.« - »Um Gottes willen, mein Vater!« rief er aus, »das hiesse
die ganze Sache verderben. Jenes Betragen, jener Ton will durch keine
Förmlichkeit gestört und verstimmt sein. Es ist genug, mein Vater, dass Ihre
Gegenwart diese Verbindung beschleunigt, ohne dass Sie ein Wort aussprechen. Ja,
Sie sind es, dem ich mein Glück schuldig bin! Die Achtung meiner Geliebten für
Sie hat jeden Zweifel besiegt, und niemals würde der Sohn einen so glücklichen
Augenblick gefunden haben, wenn ihn der Vater nicht vorbereitet hätte.«
    Solche und ähnliche Mitteilungen unterhielten sie bis tief in die Nacht. Sie
vereinigten sich wechselseitig über ihre Plane; der Major wollte bei der schönen
Witwe nur noch der Form wegen einen Abschiedsbesuch machen und sodann seiner
Verbindung mit Hilarien entgegengehen; der Sohn sollte die seinige befördern und
beschleunigen, wie es möglich wäre.
 
                                Viertes Kapitel
Der schönen Witwe machte unser Major einen Morgenbesuch, um Abschied zu nehmen
und, wenn es möglich wäre, die Absicht seines Sohnes mit Schicklichkeit zu
fördern. Er fand sie in zierlichster Morgenkleidung in Gesellschaft einer ältern
Dame, die durch ein höchst gesittetes, freundliches Wesen ihn alsobald einnahm.
Die Anmut der Jüngern, der Anstand der Älteren setzten das Paar in das
wünschenswerteste Gleichgewicht, auch schien ihr wechselseitiges Betragen
durchaus dafür zu sprechen, dass sie einander angehörten.
    Die Jüngere schien eine fleissig gearbeitete, uns von gestern schon bekannte
Brieftasche soeben vollendet zu haben; denn nach den gewöhnlichen
Empfangsbegrüssungen und verbindlichen Worten eines willkommenen Erscheinens
wendete sie sich zur Freundin und reichte das künstliche Werk hin, gleichsam ein
unterbrochenes Gespräch wieder anknüpfend: »Sie sehen also, dass ich doch fertig
geworden bin, wenn es gleich wegen manchen Zögerns und Säumens den Anschein
nicht hatte.«
    »Sie kommen eben recht, Herr Major«, sagte die Ältere, »unsern Streit zu
entscheiden oder wenigstens sich für eine oder die andere Partei zu erklären;
ich behaupte, man fängt eine solche weitschichtige Arbeit nicht an, ohne einer
Person zu gedenken, der man sie bestimmt hat, man vollendet sie nicht ohne einen
solchen Gedanken. Beschauen Sie selbst das Kunstwerk, denn so nenn' ich es
billig, ob dergleichen so ganz ohne Zweck unternommen werden könne.«
    Unser Major musste der Arbeit freilich allen Beifall zusprechen. Teils
geflochten, teils gestickt, erregte sie zugleich mit der Bewunderung das
Verlangen, zu erfahren, wie sie gemacht sei. Die bunte Seide waltete vor, doch
war auch das Gold nicht verschmäht, genug, man wusste nicht, ob man Pracht oder
Geschmack mehr bewundern sollte.
    »Es ist doch noch einiges daran zu tun«, versetzte die Schöne, indem sie die
Schleife des umgeschlungenen Bandes wieder aufzog und sich mit dem Innern
beschäftigte. »Ich will nicht streiten«, fuhr sie fort, »aber erzählen will ich,
wie mir bei solchem Geschäft zumute ist. Als junge Mädchen werden wir gewöhnt,
mit den Fingern zu tifteln und mit den Gedanken umherzuschweifen; beides bleibt
uns, indem wir nach und nach die schwersten und zierlichsten Arbeiten
verfertigen lernen, und ich leugne nicht, dass ich an jede Arbeit dieser Art
immer Gedanken angeknüpft habe, an Personen, an Zustände, an Freud und Leid. Und
so ward mir das Angefangene wert und das Vollendete, ich darf wohl sagen,
kostbar. Als ein solches nun durft' ich das Geringste für etwas halten, die
leichteste Arbeit gewann einen Wert, und die schwierigste doch auch nur dadurch,
dass die Erinnerung dabei reicher und vollständiger war. Freunden und Liebenden,
ehrwürdigen und hohen Personen glaubt' ich daher dergleichen immer anbieten zu
können; sie erkannten es auch und wussten, dass ich ihnen etwas von meinem
Eigensten überreichte, das, vielfach und unaussprechlich, doch zuletzt zu einer
angenehmen Gabe vereinigt, immer wie ein freundlicher Gruss wohlgefällig
aufgenommen ward.«
    Auf ein so liebenswürdiges Bekenntnis war freilich kaum eine Erwiderung
möglich; doch wusste die Freundin dagegen etwas in wohlklingende Worte zu fügen.
Der Major aber, von jeher gewohnt, die anmutige Weisheit römischer
Schriftsteller und Dichter zu schätzen und ihre leuchtenden Ausdrücke dem
Gedächtnis einzuprägen, erinnerte sich einiger hierher gar wohl passender Verse,
hütete sich aber, um nicht als Pedant zu erscheinen, sie auszusprechen oder auch
ihrer nur zu erwähnen; versuchte jedoch, um nicht stumm und geistlos zu
erscheinen, aus dem Stegreif eine prosaische Paraphrase, die aber nicht recht
gelingen wollte, wodurch das Gespräch beinahe ins Stocken geraten wäre.
    Die ältere Dame griff deshalb nach einem bei dem Eintritt des Freundes
niedergelegten Buche; es war eine Sammlung von Poesien, welche soeben die
Aufmerksamkeit der Freundinnen beschäftigte; dies gab Gelegenheit, von
Dichtkunst überhaupt zu sprechen, doch blieb die Unterhaltung nicht lange im
Allgemeinen, denn gar bald bekannten die Frauenzimmer zutraulich, dass sie von
dem poetischen Talent des Majors unterrichtet seien. Ihnen hatte der Sohn, der
selbst auf den Ehrentitel eines Dichters seine Absichten nicht verbarg, von den
Gedichten seines Vaters vorgesprochen, auch einiges rezitiert; im Grunde, um
sich mit einer poetischen Herkunft zu schmeicheln und, wie es die Jugend gewohnt
ist, sich für einen vorschreitenden, die Fähigkeiten des Vaters steigernden
Jüngling bescheidentlich geben zu können. Der Major aber, der sich
zurückzuziehen suchte, da er bloss als Literator und Liebhaber gelten wollte,
suchte, da ihm kein Ausweg gelassen war, wenigstens auszuweichen, indem er die
Dichtart, in der er sich allenfalls geübt habe, für subaltern und fast für
unecht wollte angesehen wissen; er konnte nicht leugnen, dass er in demjenigen,
was man beschreibend und in einem gewissen Sinne belehrend nennt, einige
Versuche gemacht habe.
    Die Damen, besonders die jüngere, nahmen sich dieser Dichtart an; sie sagte:
»Wenn man vernünftig und ruhig leben will, welches denn doch zuletzt eines jeden
Menschen Wunsch und Absicht bleibt, was soll uns da das aufgeregte Wesen, das
uns willkürlich anreizt, ohne etwas zu geben, das uns beunruhigt, um uns denn
doch zuletzt uns wieder selbst zu überlassen; unendlich viel angenehmer ist mir,
da ich doch einmal der Dichtung nicht gern entbehren mag, jene, die mich in
heitere Gegenden versetzt, wo ich mich wiederzuerkennen glaube, mir den
Grundwert des Einfach-Ländlichen zu Gemüte führt, mich durch buschige Haine zum
Wald, unvermerkt auf eine Höhe zum Anblick eines Landsees hinführt, da denn auch
wohl gegenüber erst angebaute Hügel, sodann waldgekrönte Höhen emporsteigen und
die blauen Berge zum Schluss ein befriedigendes Gemälde bilden. Bringt man mir
das in klaren Rhytmen und Reimen, so bin ich auf meinem Sofa dankbar, dass der
Dichter ein Bild in meiner Imagination entwickelt hat, an dem ich mich ruhiger
erfreuen kann, als wenn ich es, nach ermüdender Wanderschaft, vielleicht unter
andern, ungünstigen Umständen vor Augen sehe.«
    Der Major, der das vorwaltende Gespräch eigentlich nur als Mittel ansah,
seine Zwecke zu befördern, suchte sich wieder nach der lyrischen Dichtkunst
hinzuwenden, worin sein Sohn wirklich Löbliches geleistet hatte. Man widersprach
ihm nicht geradezu, aber man suchte ihn von dem Wege wegzuscherzen, den er
eingeschlagen hatte, besonders da er auf leidenschaftliche Gedichte hinzudeuten
schien, womit der Sohn der unvergleichlichen Dame die entschiedene Neigung
seines Herzens nicht ohne Kraft und Geschick vorzutragen gesucht hatte. »Lieder
der Liebenden«, sagte die schöne Frau, »mag ich weder vorgelesen noch
vorgesungen; glücklich Liebende beneidet man, eh' man sich's versieht, und die
Unglücklichen machen uns immer Langeweile.«
    Hierauf nahm die ältere Dame, zu ihrer holden Freundin gewendet, das Wort
auf und sagte: »Warum machen wir solche Umschweife, verlieren die Zeit in
Umständlichkeiten gegen einen Mann, den wir verehren und lieben? Sollen wir ihm
nicht vertrauen, dass wir sein anmutiges Gedicht, worin er die wackere
Leidenschaft zur Jagd in allen ihren Einzelheiten vorträgt, schon teilweise zu
kennen das Vergnügen haben, und nunmehr ihn bitten, auch das Ganze nicht
vorzuentalten? Ihr Sohn«, fuhr sie fort, »hat uns einige Stellen mit
Lebhaftigkeit aus dem Gedächtnis vorgetragen und uns neugierig gemacht, den
Zusammenhang zu sehen.« Als nun der Vater abermals auf die Talente des Sohns
zurückkehren und diese hervorheben wollte, liessen es die Damen nicht gelten,
indem sie es für eine offenbare Ausflucht ansprachen, um die Erfüllung ihrer
Wünsche indirekt abzulehnen. Er kam nicht los, bis er unbewunden versprochen
hatte, das Gedicht zu senden, sodann aber nahm das Gespräch eine Wendung, die
ihn hinderte, zugunsten des Sohnes weiter etwas vorzubringen, besonders da ihm
dieser alle Zudringlichkeit abgeraten hatte.
    Da es nun Zeit schien, sich zu beurlauben, und der Freund auch deshalb
einige Bewegung machte, sprach die Schöne mit einer Art von Verlegenheit,
wodurch sie nur noch schöner ward, indem sie die frisch geknüpfte Schleife der
Brieftasche sorgfältig zurechtzupfte: »Dichter und Liebhaber sind längst schon
leider im Ruf, dass ihren Versprechen und Zusagen nicht viel zu trauen sei;
verzeihen Sie daher, wenn ich das Wort eines Ehrenmannes in Zweifel zu ziehen
wage und deshalb ein Pfand, einen Treupfennig nicht verlange, sondern gebe.
Nehmen Sie diese Brieftasche, sie hat etwas Ähnliches von Ihrem Jagdgedicht,
viel Erinnerungen sind daran geknüpft, manche Zeit verging unter der Arbeit,
endlich ist sie fertig; bedienen Sie sich derselben als eines Boten, uns Ihre
liebliche Arbeit zu überbringen.«
    Bei solch unerwartetem Anerbieten fühlte sich der Major wirklich betroffen;
die zierliche Pracht dieser Gabe hatte so gar kein Verhältnis zu dem, was ihn
gewöhnlich umgab, zu dem übrigen, dessen er sich bediente, dass er sie sich,
obgleich dargereicht, kaum zueignen konnte; doch nahm er sich zusammen, und wie
seinem Erinnern ein überliefertes Gute niemals versagte, so trat eine klassische
Stelle alsbald ihm ins Gedächtnis. Nur wäre es pedantisch gewesen, sie
anzuführen, doch regte sie einen heitern Gedanken bei ihm auf, dass er aus dem
Stegreife mit artiger Paraphrase einen freundlichen Dank und ein zierliches
Kompliment entgegenzubringen im Falle war; und so schloss sich denn diese Szene
auf eine befriedigende Weise für die sämtlichen Unterredenden.
    Also fand er sich zuletzt nicht ohne Verlegenheit in ein angenehmes
Verhältnis verflochten; er hatte zu senden, zu schreiben zugesagt, sich
verpflichtet, und wenn ihm die Veranlassung einigermassen unangenehm fiel, so
musste er es doch für ein Glück schätzen, auf eine heitere Weise mit dem
Frauenzimmer in Verhältnis zu bleiben, das bei ihren grossen Vorzügen ihm so nah
angehören sollte. Er schied also nicht ohne eine gewisse innere Zufriedenheit;
denn wie sollte der Dichter eine solche Aufmunterung nicht empfinden, dessen
treufleissiger Arbeit, die so lange unbeachtet geruht, nun ganz unerwartet eine
liebenswürdige Aufmerksamkeit zuteil wird.
    Gleich nach seiner Rückkehr ins Quartier setzte der Major sich nieder, zu
schreiben, seiner guten Schwester alles zu berichten, und da war nichts
natürlicher, als dass in seiner Darstellung eine gewisse Exaltation sich
hervortat, wie er sie selbst empfand, die aber durch das Einreden seines von
Zeit zu Zeit störenden Sohns noch mehr gesteigert wurde.
    Auf die Baronin machte dieser Brief einen sehr gemischten Eindruck; denn
wenn auch der Umstand, wodurch die Verbindung des Bruders mit Hilarien befördert
und beschleunigt werden konnte, geeignet war, sie ganz zufriedenzustellen, so
wollte ihr doch die schöne Witwe nicht gefallen, ohne dass sie sich deswegen
Rechenschaft zu geben gedacht hätte. Wir machen bei dieser Gelegenheit folgende
Bemerkung.
    Den Entusiasmus für irgendeine Frau muss man einer andern niemals
anvertrauen; sie kennen sich untereinander zu gut, um sich einer solchen
ausschliesslichen Verehrung würdig zu halten. Die Männer kommen ihnen vor wie
Käufer im Laden, wo der Handelsmann mit seinen Waren, die er kennt, im Vorteil
steht, auch sie in dem besten Lichte vorzuzeigen die Gelegenheit wahrnehmen
kann; dahingegen der Käufer immer mit einer Art Unschuld hereintritt, er bedarf
der Ware, will und wünscht sie und versteht gar selten, sie mit Kenneraugen zu
betrachten. Jener weiss recht gut, was er gibt, dieser nicht immer, was er
empfängt. Aber es ist einmal im menschlichen Leben und Umgang nicht zu ändern,
ja so löblich als notwendig, denn alles Begehren und Freien, alles Kaufen und
Tauschen beruht darauf.
In Gefolge solches Empfindens mehr als Betrachtens konnte die Baronesse weder
mit der Leidenschaft des Sohns noch mit der günstigen Schilderung des Vaters
völlig zufrieden sein; sie fand sich überrascht von der glücklichen Wendung der
Sache, doch liess eine Ahnung wegen doppelter Ungleichheit des Alters sich nicht
abweisen. Hilarie ist ihr zu jung für den Bruder, die Witwe für den Sohn nicht
jung genug; indessen hat die Sache ihren Gang genommen, der nicht aufzuhalten
scheint. Ein frommer Wunsch, dass alles gut gehen möge, stieg mit einem leisen
Seufzer empor. Um ihr Herz zu erleichtern, nahm sie die Feder und schrieb an
jene menschenkennende Freundin, indem sie nach einem geschichtlichen Eingang
also fortfuhr.
»Die Art dieser jungen, verführerischen Witwe ist mir nicht unbekannt;
weiblichen Umgang scheint sie abzulehnen und nur eine Frau um sich zu leiden,
die ihr keinen Eintrag tut, ihr schmeichelt und, wenn ihre stummen Vorzüge sich
nicht klar genug dartäten, sie noch mit Worten und geschickter Behandlung der
Aufmerksamkeit zu empfehlen weiss. Zuschauer, Teilnehmer an einer solchen
Repräsentation müssen Männer sein, daher entsteht die Notwendigkeit, sie
anzuziehen, sie festzuhalten. Ich denke nichts Übles von der schönen Frau, sie
scheint anständig und behutsam genug, aber eine solche lüsterne Eitelkeit opfert
den Umständen auch wohl etwas auf, und, was ich für das Schlimmste halte: nicht
alles ist reflektiert und vorsätzlich, ein gewisses glückliches Naturell leitet
und beschützt sie, und nichts ist gefährlicher an so einer gebornen Kokette als
eine aus der Unschuld entspringende Verwegenheit.«
Der Major, nunmehr auf den Gütern angelangt, widmete Tag und Stunde der
Besichtigung und Untersuchung. Er fand sich in dem Falle, zu bemerken, dass ein
richtiger, wohlgefasster Hauptgedanke in der Ausführung mannigfaltigen
Hindernissen und dem Durchkreuzen so vieler Zufälligkeiten unterworfen ist, in
dem Grade, dass der erste Begriff beinahe verschwindet und für Augenblicke ganz
und gar unterzugehen scheint, bis mitten in allen Verwirrungen dem Geiste die
Möglichkeit eines Gelingens sich wieder darstellt, wenn wir die Zeit als den
besten Alliierten einer unbesiegbaren Ausdauer uns die Hand bieten sehen.
    Und so wäre denn auch hier der traurige Anblick schöner, ansehnlicher,
vernachlässigter, missbrauchter Besitzungen zu einem trostlosen Zustande
geworden, hätte man nicht durch das verständige Bemerken einsichtiger Ökonomen
zugleich vorausgesehen, dass eine Reihe von Jahren, mit Verstand und Redlichkeit
benutzt, hinreichend sein werde, das Abgestorbene zu beleben und das Stockende
in Umtrieb zu versetzen, um zuletzt durch Ordnung und Tätigkeit seinen Zweck zu
erreichen.
    Der behagliche Obermarschall war angelangt, und zwar mit einem ernsten
Advokaten, doch gab dieser dem Major weniger Besorgnisse als jener, der zu den
Menschen gehörte, die keine Zwecke haben oder, wenn sie einen vor sich sehen,
die Mittel dazu ablehnen. Ein täglich- und stündliches Behagen war ihm das
unerlässliche Bedürfnis seines Lebens. Nach langem Zaudern ward es ihm endlich
Ernst, seine Gläubiger loszuwerden, die Güterlast abzuschütteln, die Unordnung
seines Hauswesens in Regel zu setzen, eines anständigen, gesicherten Einkommens
ohne Sorge zu geniessen, dagegen aber auch nicht das geringste von den bisherigen
Bräuchlichkeiten fahren zu lassen.
    Im ganzen gestand er alles ein, was die Geschwister in den ungetrübten
Besitz der Güter, besonders auch des Hauptgutes, setzen sollte, aber auf einen
gewissen benachbarten Pavillon, in welchem er alle Jahr auf seinen Geburtstag
die ältesten Freunde und die neusten Bekannten einlud, ferner auf den daran
gelegenen Ziergarten, der solchen mit dem Hauptgebäude verband, wollte er die
Ansprüche nicht völlig aufgeben. Die Meublen alle sollten in dem Lustause
bleiben, die Kupferstiche an den Wänden sowie auch die Früchte der Spaliere ihm
versichert werden. Pfirsiche und Erdbeeren von den ausgesuchtesten Sorten,
Birnen und Äpfel, gross und schmackhaft, besonders aber eine gewisse Sorte
grauer, kleiner Äpfel, die er seit vielen Jahren der Fürstin Witwe zu verehren
gewohnt war, sollten ihm treulich geliefert sein. Hieran schlossen sich noch
andere Bedingungen, wenig bedeutend, aber dem Hausherrn, Pächtern, Verwaltern,
Gärtnern ungemein beschwerlich.
    Der Obermarschall war übrigens von dem besten Humor; denn da er den Gedanken
nicht fahren liess, dass alles nach seinen Wünschen, wie es ihm sein leichtes
Temperament vorgespiegelt hatte, sich endlich einrichten würde, so sorgte er für
eine gute Tafel, machte sich einige Stunden auf einer mühelosen Jagd die nötige
Bewegung, erzählte Geschichten auf Geschichten und zeigte durchaus das heiterste
Gesicht; auch schied er auf gleiche Weise, dankte dem Major zum schönsten, dass
er so brüderlich verfahren, verlangte noch etwas Geld, liess die kleinen
vorrätigen grauen Goldäpfel, welche dieses Jahr besonders wohl geraten waren,
sorgfältig einpacken und fuhr mit diesem Schatz, den er als eine willkommene
Verehrung der Fürstin zu überreichen gedachte, nach ihrem Witwensitz, wo er denn
auch gnädig und freundlich empfangen ward.
    Der Major an seiner Seite blieb mit ganz entgegengesetzten Gefühlen zurück
und wäre an den Verschränkungen, die er vor sich fand, fast verzweifelt, wäre
ihm nicht das Gefühl zu Hülfe gekommen, das einen tätigen Mann freudig
aufrichtet, wenn er das Verworrene zu lösen, als entworren vor sich zu sehen
hoffen darf.
    Glücklicherweise war der Advokat ein rechtlicher Mann, der, weil er sonst
viel zu tun hatte, diese Angelegenheit bald beendigte. Ebenso glücklich schlug
sich ein Kammerdiener des Obermarschalls hinzu, der gegen mässige Bedingungen in
dem Geschäft mitzuwirken versprach, wodurch man einem gedeihlichen Abschluss
entgegensehen durfte. So angenehm aber auch dieses war, so fühlte doch der Major
als ein rechtlicher Mann im Hin- und Widerwirken bei dieser Angelegenheit, es
bedürfe gar manches Unreinen, um ins Reine zu kommen.
    Bei einer Pause des Geschäfts, die ihm einige Freiheit liess, eilte er auf
sein Gut, wo er, des Versprechens eingedenk, das er an die schöne Witwe getan
und das ihm nicht aus dem Sinne gekommen war, seine Gedichte vorsuchte, die in
guter Ordnung verwahrt lagen; zu gleicher Zeit kamen ihm manche Gedenk- und
Erinnerungsbücher, Auszüge beim Lesen alter und neuer Schriftsteller entaltend,
wieder zur Hand. Bei seiner Vorliebe für Horaz und die römischen Dichter war das
meiste daher, und es fiel ihm auf, dass die Stellen grösstenteils Bedauern
vergangner Zeit, vorübergeschwundner Zustände und Empfindungen andeuteten. Statt
vieler rücken wir die einzige Stelle hier ein:
»Heu!
Quae mens est hodie, cur eadem non puero fuit?
Vel cur his animis incolumes non redeunt genae!«
»Wie ist heut mir doch zumute?
So vergnüglich und so klar!
Da bei frischem Knabenblute
Mir so wild, so düster war.
Doch wenn mich die Jahre zwacken,
Wie auch wohlgemut ich sei,
Denk' ich jene roten Backen,
Und ich wünsche sie herbei.«
Nachdem unser Freund nun aus wohlgeordneten Papieren das Jagdgedicht gar bald
herausgefunden, erfreute er sich an der sorgfältigen Reinschrift, wie er sie vor
Jahren mit lateinischen Lettern, gross Oktav, zierlichst verfasst hatte. Die
köstliche Brieftasche von bedeutender Grösse nahm das Werk ganz bequem auf, und
nicht leicht hat ein Autor sich so prächtig eingebunden gesehen. Einige Zeilen
dazu waren höchst notwendig; Prosaisches aber kaum zulässig. Jene Stelle des
Ovid fiel ihm wieder ein, und er glaubte jetzt durch eine poetische
Umschreibung, so wie damals durch eine prosaische, sich am besten aus der Sache
zu ziehen. Sie hiess:
»Nec factas solum vestes spectare juvabat,
Tum quoque dum fierent; tantus decor adfuit arti.«
                                  Zu Deutsch:
»Ich sah's in meisterlichen Händen
- Wie denk' ich gern der schönen Zeit! -
Sich erst entwickeln, dann vollenden
Zu nie gesehner Herrlichkeit.
Zwar ich besitz' es gegenwärtig,
Doch soll ich mir nur selbst gestehn:
Ich wollt', es wäre noch nicht fertig,
Das Machen war doch gar zu schön!«
Mit diesem Übertragenen war unser Freund nur wenige Zeit zufrieden; er tadelte,
dass er das schöne flektierte Verbum: dum fierent, in ein traurig abstraktes
Substantivum verändert habe, und es verdross ihn, bei allem Nachdenken die Stelle
doch nicht verbessern zu können. Nun ward auf einmal seine Vorliebe zu den alten
Sprachen wieder lebendig, und der Glanz des Deutschen Parnasses, auf den er doch
auch im stillen hinaufstrebte, schien ihm sich zu verdunkeln.
    Endlich aber, da er dieses heitere Kompliment, mit dem Urtexte unverglichen,
noch ganz artig fand und glauben durfte, dass ein Frauenzimmer es ganz wohl
aufnehmen würde, so entstand eine zweite Bedenklichkeit: dass, da man in Versen
nicht galant sein kann, ohne verliebt zu scheinen, er dabei als künftiger
Schwiegervater eine wunderliche Rolle spiele. Das Schlimmste jedoch fiel ihm
zuletzt ein: jene Ovidischen Verse werden von Arachnen gesagt, einer ebenso
geschickten als hübschen und zierlichen Weberin. Wurde nun aber diese durch die
neidische Minerva in eine Spinne verwandelt, so war es gefährlich, eine schöne
Frau, mit einer Spinne, wenn auch nur von ferne, verglichen, im Mittelpunkte
eines ausgebreiteten Netzes schweben zu sehen. Konnte man sich doch unter der
geistreichen Gesellschaft, welche unsre Dame umgab, einen Gelehrten denken,
welcher diese Nachbildung ausgewittert hätte. Wie sich nun der Freund aus einer
solchen Verlegenheit gezogen, ist uns selbst unbekannt geblieben, und wir müssen
diesen Fall unter diejenigen rechnen, über welche die Musen auch wohl einen
Schleier zu werfen sich die Schalkheit erlauben. Genug, das Jagdgedicht selbst
ward abgesendet, von welchem wir jedoch einige Worte nachzubringen haben.
    Der Leser desselben belustigt sich an der entschiedenen Jagdliebhaberei und
allem, was sie begünstigen mag; erfreulich ist der Jahreszeitenwechsel, der sie
mannigfaltig aufruft und anregt. Die Eigenheiten sämtlicher Geschöpfe, denen man
nachstellt, die man zu erlegen gesinnt ist, die verschiedenen Charaktere der
Jäger, die sich dieser Lust, dieser Mühe hingeben, die Zufälligkeiten, wie sie
befördern oder schädigen: alles war, besonders was auf das Geflügel Bezug hatte,
mit der besten Laune dargestellt und mit grosser Eigentümlichkeit behandelt.
    Von der Auerhahnbalz bis zum zweiten Schnepfenstrich und von da bis zur
Rabenhütte war nichts versäumt, alles wohl gesehen, klar aufgenommen,
leidenschaftlich verfolgt, leicht und scherzhaft, oft ironisch dargestellt.
    Jenes elegische Tema klang jedoch durch das Ganze durch; es war mehr als
ein Abschied von diesen Lebensfreuden verfasst, wodurch es zwar einen
gefühlvollen Anstrich des heiter Durchlebten gewann und sehr wohltätig wirkte,
aber doch zuletzt, wie jene Sinnsprüche, nach dem Genuss ein gewisses Leere
empfinden liess. War es das Umblättern dieser Papiere oder sonst ein
augenblickliches Missbefinden, der Major fühlte sich nicht heiter gestimmt. Dass
die Jahre, die zuerst eine schöne Gabe nach der andern bringen, sie alsdann nach
und nach wieder entziehen, schien er auf dem Scheidepunkt, wo er sich befand,
auf einmal lebhaft zu fühlen. Eine versäumte Badereise, ein ohne Genuss
verstrichener Sommer, Mangel an stetiger gewohnter Bewegung, alles liess ihn
gewisse körperliche Unbequemlichkeiten empfinden, die er für wirkliche Übel nahm
und sich ungeduldiger dabei bewies, als billig sein mochte.
    Wie aber den Frauen der Augenblick, wo ihre bisher unbestrittene Schönheit
zweifelhaft werden will, höchst peinlich ist, so wird den Männern in gewissen
Jahren, obgleich noch im völligen Vigor, das leiseste Gefühl einer
unzulänglichen Kraft äusserst unangenehm, ja gewissermassen ängstlich.
    Ein anderer eintretender Umstand jedoch, der ihn hätte beunruhigen sollen,
verhalf ihm zu der besten Laune. Sein kosmetischer Kammerdiener, der ihn auch
bei dieser Landpartie nicht verlassen hatte, schien einige Zeit her einen andern
Weg einzuschlagen, wozu ihn frühes Aufstehn des Majors, tägliches Ausreiten und
Umhergehen desselben sowie der Zutritt mancher Beschäftigten, auch bei der
Gegenwart des Obermarschalls mehrerer Geschäftslosen zu nötigen schien. Mit
allen Kleinigkeiten, die nur die Sorgfalt eines Mimen zu beschäftigen das Recht
hatten, liess er den Major schon einige Zeit verschont, aber desto strenger hielt
er auf einige Hauptpunkte, welche bisher durch ein geringeres Hokuspokus waren
verschleiert gewesen. Alles, was nicht nur den Schein der Gesundheit bezwecken,
sondern was die Gesundheit selbst aufrechterhalten sollte, ward eingeschärft,
besonders aber Mass in allem und Abwechselung nach den Vorkommenheiten, Sorgfalt
sodann für Haut und Haare, für Augenbraunen und Zähne, für Hände und Nägel, für
deren zierlichste Form und schicklichste Länge der Wissende schon länger gesorgt
hatte. dabei wurde Mässigung aber- und abermals in allem, was den Menschen aus
seinem Gleichgewicht zu bringen pflegt, dringend anempfohlen, worauf denn dieser
Schönheits-Erhaltungs-Lehrer sich seinen Abschied erbat, weil er seinem Herrn
nichts mehr nütze sei. Indes konnte man denken, dass er sich doch wohl wieder zu
seinem vorigen Patron zurückwünschen mochte, um den mannigfaltigen Vergnügungen
eines teatralischen Lebens fernerhin sich ergeben zu können.
    Und wirklich tat es dem Major sehr wohl, wieder sich selbst gegeben zu sein.
Der verständige Mann braucht sich nur zu mässigen, so ist er auch glücklich. Er
mochte sich der herkömmlichen Bewegung des Reitens, der Jagd und was sich daran
knüpft, wieder mit Freiheit bedienen, die Gestalt Hilariens trat in solchen
einsamen Momenten wieder freudig hervor, und er fügte sich in den Zustand des
Bräutigams, vielleicht den anmutigsten, der uns in dem gesitteten Kreise des
Lebens gegönnt ist.
    Schon einige Monate waren die sämtlichen Familienglieder ohne besondere
Nachricht voneinander geblieben; der Major beschäftigte sich, in der Residenz
gewisse Einwilligungen und Bestätigungen seines Geschäfts abschliesslich zu
negoziieren; die Baronin und Hilarie richteten ihre Tätigkeit auf die heiterste,
reichlichste Ausstattung; der Sohn, seiner Schönen mit Leidenschaft
dienstpflichtig, schien hierüber alles zu vergessen. Der Winter war angekommen
und umgab alle ländlichen Wohnungen mit unerfreulichen Sturmregen und
frühzeitigen Finsternissen.
    Wer heute durch eine düstre Novembernacht sich in der Gegend des adeligen
Schlosses verirrt hätte und bei dem schwachen Lichte eines bedeckten Mondes
Äcker, Wiesen, Baumgruppen, Hügel und Gebüsche düster vor sich liegen sähe, auf
einmal aber bei einer schnellen Wendung um eine Ecke die ganz erleuchtete
Fensterreihe eines langen Gebäudes vor sich erblickte, er hätte gewiss geglaubt,
eine festlich geschmückte Gesellschaft dort anzutreffen. Wie sehr verwundert
müsste er aber sein, von wenigen Bedienten erleuchtete Treppen hinaufgeführt, nur
drei Frauenzimmer, die Baronin, Hilarien und das Kammermädchen, in hellen
Zimmern zwischen klaren Wänden, neben freundlichem Hausrat, durchaus erwärmt und
behaglich, zu erblicken.
    Da wir nun aber die Baronin in einem festlichen Zustande zu überraschen
glauben, so ist es notwendig, zu bemerken, dass diese glänzende Erleuchtung hier
nicht als ausserordentlich anzusehen sei, sondern zu den Eigenheiten gehöre,
welche die Dame aus ihrem frühern Leben mit herübergebracht hatte. Als Tochter
einer Oberhofmeisterin bei Hof erzogen, war sie gewohnt, den Winter allen
übrigen Jahrszeiten vorzuziehen und den Aufwand einer stattlichen Erleuchtung
zum Element aller ihrer Genüsse zu machen. Zwar an Wachskerzen fehlte es
niemals, aber einer ihrer ältesten Diener hatte so grosse Lust an
Künstlichkeiten, dass nicht leicht eine neue Lampenart entdeckt wurde, die er im
Schloss hie und da einzuführen nicht wäre bemüht gewesen, wodurch denn zwar die
Erhellung mitunter lebhaft gewann, aber auch wohl gelegentlich hie und da eine
partielle Finsternis eintrat.
    Die Baronin hatte den Zustand einer Hofdame durch Verbindung mit einem
bedeutenden Gutsbesitzer und entschiedenen Landwirt aus Neigung und
wohlbedächtig vertauscht, und ihr einsichtiger Gemahl hatte, da ihr das
Ländliche anfangs nicht zusagte, mit Einstimmung seiner Nachbarn, ja nach den
Anordnungen der Regierung, die Wege mehrere Meilen ringsumher so gut
hergestellt, dass die nachbarlichen Verbindungen nirgends in so gutem Stande
gefunden wurden; doch war eigentlich bei dieser löblichen Anstalt die
Hauptabsicht, dass die Dame, besonders zur guten Jahrszeit, überall hinrollen
konnte; dagegen aber im Winter gern häuslich bei ihm verweilte, indem er durch
Erleuchtung die Nacht dem Tag gleich zu machen wusste. Nach dem Tode des Gemahls
gab die leidenschaftliche Sorge für ihre Tochter genugsame Beschäftigung, der
öftere Besuch des Bruders herzliche Unterhaltung und die gewohnte Klarheit der
Umgebung ein Behagen, das einer wahren Befriedigung gleichsah.
    Den heutigen Tag war jedoch diese Erleuchtung recht am Platze; denn wir
sehen in einem der Zimmer eine Art von Christbescherung aufgestellt, in die
Augen fallend und glänzend. Das kluge Kammermädchen hatte den Kammerdiener dahin
vermocht, die Erleuchtung zu steigern, und dabei alles zusammengelegt und
ausgebreitet, was zur Ausstattung Hilariens bisher vorgearbeitet worden,
eigentlich in der listigen Absicht, mehr das Fehlende zur Sprache zu bringen als
dasjenige zu erheben, was schon geleistet war. Alles Notwendige fand sich, und
zwar aus den feinsten Stoffen und von der zierlichsten Arbeit; auch an
Willkürlichem war kein Mangel, und doch wusste Ananette überall da noch eine
Lücke anschaulich zu machen, wo man ebensogut den schönsten Zusammenhang hätte
finden können. Wenn nun alles Weisszeug, stattlich ausgekramt, die Augen
blendete, Leinwand, Musselin und alle die zarteren Stoffe der Art, wie sie auch
Namen haben mögen, genugsames Licht umherwarfen, so fehlte doch alles bunte
Seidene, mit dessen Ankauf man weislich zögerte, weil man bei sehr
veränderlicher Mode das Allerneueste als Gipfel und Abschluss hinzufügen wollte.
    Nach diesem heitersten Anschauen schritten sie wieder zu ihrer gewöhnlichen,
obgleich mannigfaltigen Abendunterhaltung. Die Baronin, die recht gut erkannte,
was ein junges Frauenzimmer, wohin das Schicksal sie auch führen mochte, bei
einem glücklichen Äussern auch von innen heraus anmutig und ihre Gegenwart
wünschenswert macht, hatte in diesem ländlichen Zustande so viele abwechselnde
und bildende Unterhaltungen einzuleiten gewusst, dass Hilarie bei ihrer grossen
Jugend schon überall zu Hause schien, bei keinem Gespräch sich fremd erwies und
doch dabei ihren Jahren völlig gemäss sich erzeigte. Wie dies geleistet werden
konnte, zu entwickeln, würde zu weitläufig sein; genug, dieser Abend war auch
ein Musterbild des bisherigen Lebens. Ein geistreiches Lesen, ein anmutiges
Pianospiel, ein lieblicher Gesang zog sich durch die Stunden durch, zwar wie
sonst gefällig und regelmässig, aber doch mit mehr Bedeutung; man hatte einen
Dritten im Sinne, einen geliebten, verehrten Mann, dem man dieses und so manches
andere zum freundlichsten Empfang vorübte. Es war ein bräutliches Gefühl, das
nicht nur Hilarien mit den süssesten Empfindungen belebte; die Mutter mit feinem
Sinne nahm ihren reinen Teil daran, und selbst Ananette, sonst nur klug und
tätig, musste sich gewissen entfernten Hoffnungen hingeben, die ihr einen
abwesenden Freund als zurückkehrend, als gegenwärtig vorspiegelten. Auf diese
Weise hatten sich die Empfindungen aller drei in ihrer Art liebenswürdigen
Frauen mit der sie umgebenden Klarheit, mit einer wohltätigen Wärme, mit dem
behaglichsten Zustande ins gleiche gestellt.
 
                                Fünftes Kapitel
Heftiges Pochen und Rufen an dem äussersten Tor, Wortwechsel drohender und
fordernder Stimmen, Licht- und Fackelschein im Hofe unterbrachen den zarten
Gesang. Aber gedämpft war der Lärm, ehe man dessen Ursache erfahren hatte; doch
ruhig ward es nicht, auf der Treppe Geräusch und lebhaftes Hin-und Hersprechen
heraufkommender Männer. Die Türe sprang auf ohne Meldung, die Frauen entsetzten
sich. Flavio stürzte herein in schauderhafter Gestalt, verworrenen Hauptes, auf
dem die Haare teils borstig starrten, teils vom Regen durchnässt niederhingen;
zerfetzten Kleides, wie eines, der durch Dorn und Dickicht durchgestürmt,
greulich beschmutzt, als durch Schlamm und Sumpf herangewadet.
    »Mein Vater!« rief er aus, »wo ist mein Vater?« Die Frauen standen bestürzt;
der alte Jäger, sein frühster Diener und liebevollster Pfleger, mit ihm
eintretend, rief ihm zu: »Der Vater ist nicht hier, besänftigen Sie sich; hier
ist Tante, hier ist Nichte, sehen Sie hin!« - »Nicht hier, nun so lasst mich weg,
ihn zu suchen; er allein soll's hören, dann will ich sterben. Lasst mich von den
Lichtern weg, von dem Tag, er blendet mich, er vernichtet mich.«
    Der Hausarzt trat ein, ergriff seine Hand, vorsichtig den Puls fühlend,
mehrere Bediente standen ängstlich umher. - »Was soll ich auf diesen Teppichen,
ich verderbe sie, ich zerstöre sie; mein Unglück träuft auf sie herunter, mein
verworfenes Geschick besudelt sie.« - Er drängte sich gegen die Türe, man
benutzte das Bestreben, um ihn wegzuführen und in das entfernte Gastzimmer zu
bringen, das der Vater zu bewohnen pflegte. Mutter und Tochter standen erstarrt,
sie hatten Orest gesehen, von Furien verfolgt, nicht durch Kunst veredelt, in
greulicher, widerwärtiger Wirklichkeit, die im Kontrast mit einer behaglichen
Glanzwohnung im klarsten Kerzenschimmer nur desto fürchterlicher schien.
Erstarrt sahen die Frauen sich an, und jede glaubte in den Augen der andern das
Schreckbild zu sehen, das sich so tief in die ihrigen eingeprägt hatte.
    Mit halber Besonnenheit sendete darauf die Baronin Bedienten auf Bedienten,
sich zu erkundigen. Sie erfuhren zu einiger Beruhigung, dass man ihn auskleide,
trockne, besorge; halb gegenwärtig, halb unbewusst lasse er alles geschehen.
Wiederholtes Anfragen wurde zur Geduld verwiesen.
    Endlich vernahmen die beängstigten Frauen, man habe ihm zur Ader gelassen
und sonst alles Besänftigende möglichst angewendet; er sei zur Ruhe gebracht,
man hoffe Schlaf.
    Mitternacht kam heran, die Baronin verlangte, wenn er schlafe, ihn zu sehen;
der Arzt widerstand, der Arzt gab nach; Hilarie drängte sich mit der Mutter
herein. Das Zimmer war dunkel, nur eine Kerze dämmerte hinter dem grünen Schirm,
man sah wenig, man hörte nichts; die Mutter näherte sich dem Bette, Hilarie,
sehnsuchtsvoll, ergriff das Licht und beleuchtete den Schlafenden. So lag er
abgewendet, aber ein höchst zierliches Ohr, eine volle Wange, jetzt blässlich,
schienen unter den schon wieder sich krausenden Locken auf das anmutigste
hervor, eine ruhende Hand und ihre länglichen, zartkräftigen Finger zogen den
unsteten Blick an. Hilarie, leise atmend, glaubte selbst einen leisen Atem zu
vernehmen, sie näherte die Kerze, wie Psyche in Gefahr, die heilsamste Ruhe zu
stören. Der Arzt nahm die Kerze weg und leuchtete den Frauen nach ihren Zimmern.
    Wie diese guten, alles Anteils würdigen Personen ihre nächtlichen Stunden
zugebracht, ist uns ein Geheimnis geblieben; den andern Morgen aber von früh an
zeigten sich beide höchst ungeduldig. Des Anfragens war kein Ende, der Wunsch,
den Leidenden zu sehen, bescheiden, doch dringend; nur gegen Mittag erlaubte der
Arzt einen kurzen Besuch.
    Die Baronin trat hinzu, Flavio reichte die Hand hin - »Verzeihung, liebste
Tante, einige Geduld, vielleicht nicht lange« - Hilarie trat hervor, auch ihr
gab er die Rechte - »Gegrüsst, liebe Schwester« - das fuhr ihr durchs Herz, er
liess nicht los, sie sahen einander an, das herrlichste Paar, kontrastierend im
schönsten Sinne. Des Jünglings schwarze, funkelnde Augen stimmten zu den
düstern, verwirrten Locken; dagegen stand sie scheinbar himmlisch in Ruhe, doch
zu dem erschütternden Begebnis gesellte sich nun die ahnungsvolle Gegenwart. Die
Benennung »Schwester« - ihr Allerinnerstes war aufgeregt. Die Baronin sprach:
»Wie geht es, lieber Neffe?« - »Ganz leidlich, aber man behandelt mich übel.« -
»Wieso?« - »Da haben sie mir Blut gelassen, das ist grausam; sie haben es
weggeschafft, das ist frech; es gehört ja nicht mein, es gehört alles, alles
ihre.« Mit diesen Worten schien sich seine Gestalt zu verwandeln, doch mit
heissen Tränen verbarg er sein Antlitz ins Kissen.
    Hilariens Miene zeigte der Mutter einen furchtbaren Ausdruck, es war, als
wenn das liebe Kind die Pforten der Hölle vor sich eröffnet sähe, zum erstenmal
ein Ungeheures erblickte und für ewig. Rasch, leidenschaftlich eilte sie durch
den Saal, warf sich im letzten Kabinett auf den Sofa, die Mutter folgte und
fragte, was sie leider schon begriff. Hilarie, wundersam aufblickend, rief: »Das
Blut, das Blut, es gehört alles ihre, alles ihre, und sie ist es nicht wert. Der
Unglückselige! der Arme!« Mit diesen Worten erleichterte der bitterste
Tränenstrom das bedrängte Herz.
Wer unternähme es wohl, die aus dem Vorhergehenden sich entwickelnden Zustände
zu entüllen, an den Tag zu bringen das innere, aus dieser ersten Zusammenkunft
den Frauen erwachsende Unheil? Auch dem Leidenden war sie höchst schädlich, so
behauptete wenigstens der Arzt, der zwar oft genug zu berichten und zu trösten
kam, aber sich doch verpflichtet fühlte, alles weitere Annähern zu verbieten.
dabei fand er auch eine willige Nachgiebigkeit, die Tochter wagte nicht zu
verlangen, was die Mutter nicht zugegeben hätte, und so gehorchte man dem Gebot
des verständigen Mannes. Dagegen brachte er aber die beruhigende Nachricht,
Flavio habe Schreibzeug verlangt, auch einiges aufgezeichnet, es aber sogleich
neben sich im Bette versteckt. Nun gesellte sich Neugierde zu der übrigen Unruhe
und Ungeduld, es waren peinliche Stunden. Nach einiger Zeit brachte er jedoch
ein Blättchen von schöner, freier Hand, obgleich mit Hast geschrieben, es
entielt folgende Zeilen:
»Ein Wunder ist der arme Mensch geboren,
In Wundern ist der irre Mensch verloren,
Nach welcher dunklen, schwer entdeckten Schwelle
Durchtappen pfadlos ungewisse Schritte?
Dann in lebendigem Himmelsglanz und Mitte
Gewahr', empfind' ich Nacht und Tod und Hölle.«
Hier nun konnte die edle Dichtkunst abermals ihre heilenden Kräfte erweisen.
Innig verschmolzen mit Musik, heilt sie alle Seelenleiden aus dem Grunde, indem
sie solche gewaltig anregt, hervorruft und in auflösenden Schmerzen
verflüchtigt. Der Arzt hatte sich überzeugt, dass der Jüngling bald wieder
herzustellen sei; körperlich gesund, werde er schnell sich wieder froh fühlen,
wenn die auf seinem Geist lastende Leidenschaft zu heben oder zu lindern wäre.
Hilarie sann auf Erwiderung; sie sass am Flügel und versuchte die Zeilen des
Leidenden mit Melodie zu begleiten. Es gelang ihr nicht, in ihrer Seele klang
nichts zu so tiefen Schmerzen; doch bei diesem Versuch schmeichelten Rhytmus
und Reim sich dergestalt an ihre Gesinnungen an, dass sie jenem Gedicht mit
lindernder Heiterkeit entgegnete, indem sie sich Zeit nahm, folgende Strophe
auszubilden und abzurunden:
»Bist noch so tief in Schmerz und Qual verloren,
So bleibst du doch zum Jugendglück geboren;
Ermanne dich zu rasch gesundem Schritte,
Komm in der Freundschaft Himmelsglanz und Helle,
Empfinde dich in treuer Guten Mitte,
Da spriesse dir des Lebens heitre Quelle.«
Der ärztliche Hausfreund übernahm die Botschaft, sie gelang, schon erwiderte der
Jüngling gemässigt; Hilarie fuhr mildernd fort, und so schien man nach und nach
wieder einen heitern Tag, einen freien Boden zu gewinnen, und vielleicht ist es
uns vergönnt, den ganzen Verlauf dieser holden Kur gelegentlich mitzuteilen.
Genug, einige Zeit verstrich in solcher Beschäftigung höchst angenehm; ein
ruhiges Wiedersehen bereitete sich vor, das der Arzt nicht länger als nötig zu
verspäten gedachte.
    Indessen hatte die Baronin mit Ordnen und Zurechtlegen alter Papiere sich
beschäftigt, und diese dem gegenwärtigen Zustande ganz angemessene Unterhaltung
wirkte gar wundersam auf den erregten Geist. Sie sah manche Jahre ihres Lebens
zurück, schwere drohende Leiden waren vorübergegangen, deren Betrachtung den Mut
für den Moment kräftigte; besonders rührte sie die Erinnerung an ein schönes
Verhältnis zu Makarien, und zwar in bedenklichen Zuständen. Die Herrlichkeit
jener einzigen Frau ward ihr wieder vor die Seele gebracht und sogleich der
Entschluss gefasst, sich auch diesmal an sie zu wenden: denn zu wem sonst hätte
sie ihre gegenwärtigen Gefühle richten, wem sonst Furcht und Hoffnung offen
bekennen sollen?
    Bei dem Aufräumen fand sie aber auch unter andern des Bruders
Miniaturporträt und musste über die Ähnlichkeit mit dem Sohne lächelnd seufzen.
Hilarie überraschte sie in diesem Augenblick, bemächtigte sich des Bildes, und
auch sie ward von jener Ähnlichkeit wundersam betroffen.
    So verging einige Zeit; endlich mit Vergünstigung des Arztes und in seinem
Geleite trat Flavio angemeldet zum Frühstück herein. Die Frauen hatten sich vor
dieser ersten Erscheinung gefürchtet. Wie aber gar oft in bedeutenden, ja
schrecklichen Momenten etwas Heiteres, ja Lächerliches sich zu ereignen pflegt,
so glückte es auch hier. Der Sohn kam völlig in des Vaters Kleidern; denn da von
seinem Anzug nichts zu brauchen war, so hatte man sich der Feld- und
Hausgarderobe des Majors bedient, die er, zu bequemem Jagd- und Familienleben,
bei der Schwester in Verwahrung liess. Die Baronin lächelte und nahm sich
zusammen; Hilarie war, sie wusste nicht wie, betroffen, genug, sie wendete das
Gesicht weg, und dem jungen Manne wollte in diesem Augenblick weder ein
herzliches Wort von den Lippen noch eine Phrase glücken. Um nun sämtlicher
Gesellschaft aus der Verlegenheit zu helfen, begann der Arzt eine Vergleichung
beider Gestalten. Der Vater sei etwas grösser, hiess es, und deshalb der Rock
etwas zu lang; dieser sei etwas breiter, deshalb der Rock über die Schulter zu
eng. Beide Missverhältnisse gaben dieser Maskerade ein komisches Ansehen.
    Durch diese Einzelnheiten jedoch kam man über das Bedenkliche des
Augenblicks hinaus. Für Hilarien freilich blieb die Ähnlichkeit des jugendlichen
Vaterbildes mit der frischen Lebensgegenwart des Sohnes unheimlich, ja
bedrängend.
    Nun aber wünschten wir wohl den nächsten Zeitverlauf von einer zarten
Frauenhand umständlich geschildert zu sehen, da wir nach eigener Art und Weise
uns nur mit dem Allgemeinsten befassen dürfen. Hier muss denn nun von dem Einfluss
der Dichtkunst abermals die Rede sein.
    Ein gewisses Talent konnte man unserm Flavio nicht absprechen, es bedurfte
jedoch nur zu sehr eines leidenschaftlich-sinnlichen Anlasses, wenn etwas
Vorzügliches gelingen sollte; deswegen denn auch fast alle Gedichte, jener
unwiderstehlichen Frau gewidmet, höchst eindringend und lobenswert erschienen
und nun, einer gegenwärtigen, höchst liebenswürdigen Schönen mit
entusiastischem Ausdruck vorgelesen, nicht geringe Wirkung hervorbringen
mussten.
    Ein Frauenzimmer, das eine andere leidenschaftlich geliebt sieht, bequemt
sich gern zu der Rolle einer Vertrauten; sie hegt ein heimlich, kaum bewusstes
Gefühl, dass es nicht unangenehm sein müsste, sich an die Stelle der Angebeteten
leise gehoben zu sehen. Auch ging die Unterhaltung immer mehr und mehr ins
Bedeutende. Wechselgedichte, wie sie der Liebende gern verfasst, weil er sich von
seiner Schönen, wenn auch nur bescheiden, halb und halb kann erwidern lassen,
was er wünscht und was er aus ihrem schönen Munde zu hören kaum erwarten dürfte.
Dergleichen wurden mit Hilarien auch wechselsweise gelesen, und zwar, da es nur
aus der einen Handschrift geschah, in welche man beiderseits, um zu rechter Zeit
einzufallen, hineinschauen und zu diesem Zweck jedes das Bändchen anfassen
musste, so fand sich, dass man, nahe sitzend, nach und nach Person an Person, Hand
an Hand immer näher rückte und die Gelenke sich ganz natürlich zuletzt im
verborgnen berührten.
    Aber bei diesen schönen Verhältnissen, unter solchen daraus entspringenden
allerliebsten Annehmlichkeiten fühlte Flavio eine schmerzliche Sorge, die er
schlecht verbarg und immerfort nach der Ankunft seines Vaters sich sehnend, zu
bemerken gab, dass er diesem das Wichtigste zu vertrauen habe. Dieses Geheimnis
indes wäre, bei einigem Nachdenken, nicht schwer zu erraten gewesen. Jene
reizende Frau mochte in einem bewegten, von dem zudringlichen Jüngling
hervorgerufnen Momente den Unglücklichen entschieden abgewiesen und die bisher
hartnäckig behauptete Hoffnung aufgehoben und zerstört haben. Eine Szene, wie
dies zugegangen, wagten wir nicht zu schildern, aus Furcht hier möchte uns die
jugendliche Glut ermangeln. Genug, er war so wenig bei sich selbst, dass er sich
eiligst aus der Garnison ohne Urlaub entfernte und, um seinen Vater aufzusuchen,
durch Nacht, Sturm und Regen nach dem Landgut seiner Tante verzweifelnd zu
gelangen trachtete, wie wir ihn auch vor kurzem haben ankommen sehen. Die Folgen
eines solchen Schrittes fielen ihm nun bei Rückkehr nüchterner Gedanken lebhaft
auf, und er wusste, da der Vater immer länger ausblieb und er die einzige
mögliche Vermittlung entbehren sollte, sich weder zu fassen noch zu retten.
    Wie erstaunt und betroffen war er deshalb, als ihm ein Brief seines Obristen
eingehändigt wurde, dessen bekanntes Siegel er mit Zaudern und Bangigkeit
auflöste, der aber nach den freundlichsten Worten damit endigte, dass der ihm
erteilte Urlaub noch um einen Monat sollte verlängert werden.
    So unerklärlich nun auch diese Gunst schien, so ward er doch dadurch von
einer Last befreit, die sein Gemüt fast ängstlicher als die verschmähte Liebe
selbst zu drücken begann. Er fühlte nun ganz das Glück, bei seinen
liebenswürdigen Verwandten so wohl aufgehoben zu sein; er durfte sich der
Gegenwart Hilariens erfreuen und war nach kurzem in allen seinen
angenehm-geselligen Eigenschaften wiederhergestellt, die ihn der schönen Witwe
selbst sowohl als ihrer Umgebung auf eine Zeitlang notwendig gemacht hatten und
nur durch eine peremtorische Forderung ihrer Hand für immer verfinstert worden.
    In solcher Stimmung konnte man die Ankunft des Vaters gar wohl erwarten,
auch wurden sie durch eintretende Naturereignisse zu einer tätigen Lebensweise
aufgeregt. Das anhaltende Regenwetter, das sie bisher in dem Schloss
zusammenhielt, hatte überall, in grossen Wassermassen niedergehend, Fluss um Fluss
angeschwellt; es waren Dämme gebrochen, und die Gegend unter dem Schloss lag
als ein blanker See, aus welchem die Dorfschaften, Meierhöfe, grössere und
kleinere Besitztümer, zwar auf Hügeln gelegen, doch immer nur inselartig
hervorschauten.
    Auf solche zwar seltene, aber denkbare Fälle war man eingerichtet; die
Hausfrau befahl, und die Diener führten aus. Nach der ersten allgemeinsten
Beihülfe ward Brot gebacken, Stiere wurden geschlachtet, Fischerkähne fuhren hin
und her, Hülfe und Vorsorge nach allen Enden hin verbreitend. Alles fügte sich
schön und gut, das freundlich Gegebene ward freudig und dankbar aufgenommen, nur
an einem Orte wollte man den austeilenden Gemeindevorstehern nicht trauen;
Flavio übernahm das Geschäft und fuhr mit einem wohlbeladenen Kahn eilig und
glücklich zur Stelle. Das einfache Geschäft, einfach behandelt, gelang zum
besten; auch entledigte sich, weiterfahrend, unser Jüngling eines Auftrags, den
ihm Hilarie beim Scheiden gegeben. Gerade in den Zeitpunkt dieser Unglückstage
war die Niederkunft einer Frau gefallen, für die sich das schöne Kind besonders
interessierte. Flavio fand die Wöchnerin und brachte allgemeinen und diesen
besondern Dank mit nach Hause. dabei konnte es nun an mancherlei Erzählungen
nicht fehlen. War auch niemand umgekommen, so hatte man von wunderbaren
Rettungen, von seltsamen, scherzhaften, ja lächerlichen Ereignissen viel zu
sprechen; manche notgedrungene Zustände wurden interessant beschrieben. Genug,
Hilarie empfand auf einmal ein unwiderstehliches Verlangen, gleichfalls eine
Fahrt zu unternehmen, die Wöchnerin zu begrüssen, zu beschenken und einige
heitere Stunden zu verleben.
    Nach einigem Widerstand der guten Mutter siegte endlich der freudige Wille
Hilariens, dieses Abenteuer zu bestehen, und wir wollen gern bekennen, in dem
Laufe, wie diese Begebenheit uns bekannt geworden, einigermassen besorgt gewesen
zu sein, es möge hier einige Gefahr obschweben, ein Stranden, ein Umschlagen des
Kahns, Lebensgefahr der Schönen, kühne Rettung von seiten des Jünglings, um das
lose geknüpfte Band noch fester zu ziehen. Aber von allem diesem war nicht die
Rede, die Fahrt lief glücklich ab, die, Wöchnerin ward besucht und beschenkt;
die Gesellschaft des Arztes blieb nicht ohne gute Wirkung, und wenn hier und da
ein kleiner Anstoss sich hervortat, wenn der Anschein eines gefährlichen Moments
die Fortrudernden zu beunruhigen schien, so endete solches nur mit neckendem
Scherz, dass eins dem andern eine ängstliche Miene, eine grössere Verlegenheit,
eine furchtsame Gebärde wollte abgemerkt haben. Indessen war das wechselseitige
Vertrauen bedeutend gewachsen; die Gewohnheit, sich zu sehen und unter allen
Umständen zusammen zu sein, hatte sich verstärkt, und die gefährliche Stellung,
wo Verwandtschaft und Neigung zum wechselseitigen Annähern und Festalten sich
berechtigt glauben, ward immer bedenklicher.
    Anmutig sollten sie jedoch auf solchen Liebeswegen immer weiter und weiter
verlockt werden. Der Himmel klärte sich auf, eine gewaltige Kälte, der
Jahreszeit gemäss, trat ein, die Wasser gefroren, ehe sie verlaufen konnten. Da
veränderte sich das Schauspiel der Welt vor allen Augen auf einmal; was durch
Fluten erst getrennt war, hing nunmehr durch befestigten Boden zusammen, und
alsobald tat sich als erwünschte Vermittlerin die schöne Kunst hervor, welche,
die ersten raschen Wintertage zu verherrlichen und neues Leben in das Erstarrte
zu bringen, im hohen Norden erfunden worden. Die Rüstkammer öffnete sich,
jedermann suchte nach seinen gezeichneten Stahlschuhen, begierig, die reine,
glatte Fläche, selbst mit einiger Gefahr, als der erste zu beschreiten. Unter
den Hausgenossen fanden sich viele zu höchster Leichtigkeit Geübte; denn dieses
Vergnügen ward ihnen fast jedes Jahr auf benachbarten Seen und verbindenden
Kanälen, diesmal aber in der fernhin erweiterten Fläche.
    Flavio fühlte sich nun erst durch und durch gesund, und Hilarie, seit ihren
frühsten Jahren von dem Oheim angeleitet, bewies sich so lieblich als kräftig
auf dem neu erschaffenen Boden; man bewegte sich lustig und lustiger, bald
zusammen, bald einzeln, bald getrennt, bald vereint. Scheiden und Meiden, was
sonst so schwer aufs Herz fällt, ward hier zum kleinen, scherzhaften Frevel, man
floh sich, um sich einander augenblicks wieder zu finden.
    Aber innerhalb dieser Lust und Freudigkeit bewegte sich auch eine Welt des
Bedürfnisses; immer waren bisher noch einige Ortschaften nur halb versorgt
geblieben, eilig flogen nunmehr auf tüchtig bespannten Schlitten die nötigsten
Waren hin und wider, und was der Gegend noch mehr zugute kam, war, dass man aus
manchen der vorübergehenden Hauptstrasse allzu fernen Orten nunmehr schnell die
Erzeugnisse des Feldbaues und der Landwirtschaft in die nächsten Magazine der
kleinen Städte und Flecken bringen und von dorter aller Art Waren zurückführen
konnte. Nun war auf einmal eine bedrängte, den bittersten Mangel empfindende
Gegend wieder befreit, wieder versorgt, durch eine glatte, dem Geschickten, dem
Kühnen geöffnete Fläche verbunden.
    Auch das junge Paar unterliess nicht, bei vorwaltendem Vergnügen mancher
Pflichten einer liebevollen Anhänglichkeit zu gedenken. Man besuchte jene
Wöchnerin, begabte sie mit allem Notwendigen; auch andere wurden heimgesucht:
Alte, für deren Gesundheit man besorgt gewesen; Geistliche, mit denen man
erbauliche Unterhaltung sittlich zu pflegen gewohnt war und sie jetzt in dieser
Prüfung noch achtenswerter fand; kleinere Gutsbesitzer, die kühn genug vor
Zeiten sich in gefährliche Niederungen angebaut, diesmal aber, durch
wohlangelegte Dämme geschützt, unbeschädigt geblieben - und nach grenzenloser
Angst sich ihres Daseins doppelt erfreuten. Jeder Hof, jedes Haus, jede Familie,
jeder einzelne hatte seine Geschichte, er war sich und auch wohl andern eine
bedeutende Person geworden, deswegen fiel auch einer dem andern Erzählenden
leicht in die Rede. Eilig war jeder im Sprechen und Handeln, Kommen und Gehen,
denn es blieb immer die Gefahr, ein plötzliches Tauwetter möchte den ganzen
schönen Kreis glücklichen Wechselwirkens zerstören, die Wirte bedrohen und die
Gäste vom Hause abschneiden.
    War man den Tag in so rascher Bewegung und dem lebhaftesten Interesse
beschäftigt, so verlieh der Abend auf ganz andere Weise die angenehmsten
Stunden; denn das hat die Eislust vor allen andern körperlichen Bewegungen
voraus, dass die Anstrengung nicht erhitzt und die Dauer nicht ermüdet. Sämtliche
Glieder scheinen gelenker zu werden und jedes Verwenden der Kraft neue Kräfte zu
erzeugen, so dass zuletzt eine selig bewegte Ruhe über uns kommt, in der wir uns
zu wiegen immerfort gelockt sind.
    Heute nun konnte sich unser junges Paar von dem glatten Boden nicht
loslösen, jeder Lauf gegen das erleuchtete Schloss, wo sich schon viele
Gesellschaft versammelte, ward plötzlich umgewendet und eine Rückkehr ins Weite
beliebt; man mochte sich nicht voneinander entfernen, aus Furcht, sich zu
verlieren, man fasste sich bei der Hand, um der Gegenwart ganz gewiss zu sein. Am
allersüssesten aber schien die Bewegung, wenn über den Schultern die Arme
verschränkt ruhten und die zierlichen Finger unbewusst in beiderseitigen Locken
spielten.
    Der volle Mond stieg zu dem glühenden Sternenhimmel herauf und vollendete
das Magische der Umgebung. Sie sahen sich wieder deutlich und suchten
wechselseitig in den beschatteten Augen Erwiderung wie sonst, aber es schien
anders zu sein. Aus ihren Abgründen schien ein Licht hervorzublicken und
anzudeuten, was der Mund weislich verschwieg, sie fühlten sich beide in einem
festlich behäglichen Zustande.
    Alle hochstämmigen Weiden und Erlen an den Gräben, alles niedrige Gebüsch
auf Höhen und Hügeln war deutlich geworden; die Sterne flammten, die Kälte war
gewachsen, sie fühlten nichts davon und fuhren dem lang daherglitzernden
Widerschein des Mondes, unmittelbar dem himmlischen Gestirn selbst entgegen. Da
blickten sie auf und sahen im Geflimmer des Widerscheins die Gestalt eines
Mannes hin und her schweben, der seinen Schatten zu verfolgen schien und selbst
dunkel, vom Lichtglanz umgeben, auf sie zuschritt; unwillkürlich wendeten sie
sich ab, jemanden zu begegnen wäre widerwärtig gewesen. Sie vermieden die
immerfort sich herbewegende Gestalt, die Gestalt schien sie nicht bemerkt zu
haben und verfolgte ihren geraden Weg nach dem Schloss. Doch verliess sie auf
einmal diese Richtung und umkreiste mehrmals das fast beängstigte Paar. Mit
einiger Besonnenheit suchten sie für sich die Schattenseite zu gewinnen, im
vollen Mondglanz fuhr jener auf sie zu, er stand nah vor ihnen, es war
unmöglich, den Vater zu verkennen.
    Hilarie, den Schritt anhaltend, verlor in Überraschung das Gleichgewicht und
stürzte zu Boden, Flavio lag zu gleicher Zeit auf einem Knie und fasste ihr Haupt
in seinen Schoss auf, sie verbarg ihr Angesicht, sie wusste nicht, wie ihr
geworden war. - »Ich hole einen Schlitten, dort unten fährt noch einer vorüber,
ich hoffe, sie hat sich nicht beschädigt; hier, bei diesen hohen drei Erlen
find' ich euch wieder!« so sprach der Vater und war schon weit hinweg. Hilarie
raffte sich an dem Jüngling empor. - »Lass uns fliehen«, rief sie, »das ertrag'
ich nicht.« - Sie bewegte sich nach der Gegenseite des Schlosses heftig, dass
Flavio sie nur mit einiger Anstrengung erreichte, er gab ihr die freundlichsten
Worte.
    Auszumalen ist nicht die innere Gestalt der drei nunmehr nächtlich auf der
glatten Fläche im Mondschein Verirrten, Verwirrten. Genug, sie gelangten spät
nach dem Schloss, das junge Paar einzeln, sich nicht zu berühren, sich nicht zu
nähern wagend, der Vater mit dem leeren Schlitten, den er vergebens ins Weite
und Breite hülfreich herumgeführt hatte. Musik und Tanz waren schon im Gange,
Hilarie, unter dem Vorwand schmerzlicher Folgen eines schlimmen Falles, verbarg
sich in ihr Zimmer, Flavio überliess Vortanz und Anordnung sehr gern einigen
jungen Gesellen, die sich deren bei seinem Aussenbleiben schon bemächtigt hatten.
Der Major kam nicht zum Vorschein und fand es wunderlich, obgleich nicht
unerwartet, sein Zimmer wie bewohnt anzutreffen, die eignen Kleider, Wäsche und
Gerätschaften, nur nicht so ordentlich, wie er's gewohnt war, umherliegend. Die
Hausfrau versah mit anständigem Zwang ihre Pflichten, und wie froh war sie, als
alle Gäste, schicklich untergebracht, ihr endlich Raum liessen, mit dem Bruder
sich zu erklären. Es war bald getan, doch brauchte es Zeit, sich von der
Überraschung zu erholen, das Unerwartete zu begreifen, die Zweifel zu heben, die
Sorge zu beschwichtigen; an Lösung des Knotens, an Befreiung des Geistes war
nicht sogleich zu denken.
    Unsere Leser überzeugen sich wohl, dass von diesem Punkte an wir beim Vortrag
unserer Geschichte nicht mehr darstellend, sondern erzählend und betrachtend
verfahren müssen, wenn wir in die Gemütszustände, auf welche jetzt alles
ankommt, eindringen und sie uns vergegenwärtigen wollen.
    Wir berichten also zuerst, dass der Major, seitdem wir ihn aus den Augen
verloren, seine Zeit fortwährend jenem Familiengeschäft gewidmet, dabei aber, so
schön und einfach es auch vorlag, doch in manchem Einzelnen auf unerwartete
Hindernisse traf. Wie es denn überhaupt so leicht nicht ist, einen alten
verworrenen Zustand zu entwickeln und die vielen verschränkten Fäden auf einen
Knaul zu winden. Da er nun deshalb den Ort öfters verändern musste, um bei
verschiedenen Stellen und Personen die Angelegenheit zu betreiben, so gelangten
die Briefe der Schwester nur langsam und unordentlich zu ihm. Die Verirrung des
Sohnes und dessen Krankheit erfuhr er zuerst; dann hörte er von einem Urlaub,
den er nicht begriff. Dass Hilariens Neigung im Umwenden begriffen sei, blieb ihm
verborgen, denn wie hätte die Schwester ihn davon unterrichten mögen!
    Auf die Nachricht der Überschwemmung beschleunigte er seine Reise, kam
jedoch erst nach eingefallenem Frost in die Nähe der Eisfelder, schaffte sich
Schrittschuhe, sendete Knechte und Pferde durch einen Umweg nach dem Schloss,
und sich mit raschem Lauf dortin bewegend, gelangte er, die erleuchteten
Fenster schon von ferne schauend, in einer tagklaren Nacht zum unerfreulichsten
Anschauen und war mit sich selbst in die unangenehmste Verwirrung geraten.
    Der Übergang von innerer Wahrheit zum äussern Wirklichen ist im Kontrast
immer schmerzlich; und sollte Lieben und Bleiben nicht eben die Rechte haben wie
Scheiden und Meiden? Und doch, wenn sich eins vom andern losreisst, entsteht in
der Seele eine ungeheure Kluft, in der schon manches Herz zugrunde ging. Ja der
Wahn hat, solange er dauert, eine unüberwindliche Wahrheit, und nur männliche,
tüchtige Geister werden durch Erkennen eines Irrtums erhöht und gestärkt. Eine
solche Entdeckung hebt sie über sich selbst, sie stehen über sich erhoben und
blicken, indem der alte Weg versperrt ist, schnell umher nach einem neuen, um
ihn alsofort frisch und mutig anzutreten.
    Unzählig sind die Verlegenheiten, in welche sich der Mensch in solchen
Augenblicken versetzt sieht; unzählig die Mittel, welche eine erfinderische
Natur innerhalb ihrer eignen Kräfte zu entdecken, sodann aber auch, wenn diese
nicht auslangen, ausserhalb ihres Bereichs freundlich anzudeuten weiss.
    Zu gutem Glück jedoch war der Major durch ein halbes Bewusstsein, ohne sein
Wollen und Trachten, schon auf einen solchen Fall im tiefsten vorbereitet.
Seitdem er den kosmetischen Kammerdiener verabschiedet, sich seinem natürlichen
Lebensgange wieder überlassen, auf den Schein Ansprüche zu machen aufgehört
hatte, empfand er sich am eigentlichen körperlichen Behagen einigermassen
verkürzt. Er empfand das Unangenehme eines Überganges vom ersten Liebhaber zum
zärtlichen Vater; und doch wollte diese Rolle immer mehr und mehr sich ihm
aufdringen. Die Sorgfalt für das Schicksal Hilariens und der Seinigen trat immer
zuerst in seinen Gedanken hervor, bis das Gefühl von Liebe, von Hang, von
Verlangen annähernder Gegenwart sich erst später entfaltete. Und wenn er sich
Hilarien in seinen Armen dachte, so war es ihr Glück, was er beherzigte, das er
ihr zu schaffen wünschte, mehr als die Wonne, sie zu besitzen. Ja er musste sich,
wenn er ihres Andenkens rein geniessen wollte, zuerst ihre himmlisch
ausgesprochene Neigung, er musste jenen Augenblick denken, wo sie sich ihm so
unverhofft gewidmet hatte.
    Nun aber, da er in klarster Nacht ein vereintes junges Paar vor sich
gesehen, die Liebenswürdigste zusammenstürzend, in dem Schosse des Jünglings,
beide seiner verheissenen hülfreichen Wiederkunft nicht achtend, ihn an dem genau
bezeichneten Orte nicht erwartend, verschwunden in die Nacht, und er sich selbst
im düstersten Zustande überlassen: wer fühlte das mit und verzweifelte nicht in
seine Seele?
    Die an Vereinigung gewöhnte, auf nähere Vereinigung hoffende Familie hielt
sich bestürzt auseinander; Hilarie blieb hartnäckig auf ihrem Zimmer, der Major
nahm sich zusammen, von seinem Sohne den früheren Hergang zu erfahren. Das
Unheil war durch einen weiblichen Frevel der schönen Witwe verursacht. Um ihren
bisher leidenschaftlichen Verehrer Flavio einer andern Liebenswürdigen, welche
Absicht auf ihn verriet, nicht zu überlassen, wendet sie mehr scheinbare Gunst,
als billig ist, an ihn. Er, dadurch aufgeregt und ermutigt, sucht seine Zwecke
heftig bis ins Ungehörige zu verfolgen, worüber denn erst Widerwärtigkeit und
Zwist, darauf ein entschiedener Bruch dem ganzen Verhältnis unwiederbringlich
ein Ende macht.
    Väterlicher Milde bleibt nichts übrig, als die Fehler der Kinder, wenn sie
traurige Folgen haben, zu bedauern und, wo möglich, herzustellen; gehen sie
lässlicher, als zu hoffen war, vorüber, sie zu verzeihen und zu vergessen. Nach
wenigem Bedenken und Bereden ging Flavio sodann, um an der Stelle seines Vaters
manches zu besorgen, auf die übernommenen Güter und sollte dort bis zum Ablauf
seines Urlaubs verweilen, dann sich wieder ans Regiment anschliessen, welches
indessen in eine andere Garnison verlegt worden.
    Eine Beschäftigung mehrerer Tage war es für den Major, Briefe und Pakete zu
eröffnen, welche sich während seines längeren Ausbleibens bei der Schwester
gehäuft hatten. Unter andern fand er ein Schreiben jenes kosmetischen Freundes,
des wohlkonservierten Schauspielers. Dieser, durch den verabschiedeten
Kammerdiener benachrichtigt von dem Zustande des Majors und von dem Vorsatze,
sich zu verheiraten, trug mit der besten Laune die Bedenklichkeiten vor, die man
bei einem solchen Unternehmen vor Augen haben sollte; er behandelte die
Angelegenheit auf seine Weise und gab zu bedenken, dass für einen Mann in
gewissen Jahren das sicherste kosmetische Mittel sei, sich des schönen
Geschlechts zu entalten und einer löblichen, bequemen Freiheit zu geniessen. Nun
zeigte der Major lächelnd das Blatt seiner Schwester, zwar scherzend, aber doch
ernstlich genug auf die Wichtigkeit des Inhaltes hindeutend. Auch war ihm
indessen ein Gedicht eingefallen, dessen rhytmische Ausführung uns nicht gleich
beigeht, dessen Inhalt jedoch durch zierliche Gleichnisse und anmutige Wendung
sich auszeichnete:
    »Der späte Mond, der zur Nacht noch anständig leuchtet, verblasst vor der
aufgehenden Sonne; der Liebeswahn des Alters verschwindet in Gegenwart
leidenschaftlicher Jugend; die Fichte, die im Winter frisch und kräftig
erscheint, sieht im Frühling verbräunt und missfärbig aus, neben hell
aufgrünender Birke.«
    Wir wollen jedoch weder Philosophie noch Poesie als die entscheidenden
Helferinnen zu einer endlichen Entschliessung hier vorzüglich preisen; denn wie
ein kleines Ereignis die wichtigsten Folgen haben kann, so entscheidet es auch
oft, wo schwankende Gesinnungen obwalten, die Waage dieser oder jener Seite
zuneigend. Dem Major war vor kurzem ein Vorderzahn ausgefallen, und er
fürchtete, den zweiten zu verlieren. An eine künstlich scheinbare
Wiederherstellung war bei seinen Gesinnungen nicht zu denken, und mit diesem
Mangel um eine junge Geliebte zu werben, fing an, ihm ganz erniedrigend zu
scheinen, besonders jetzt, da er sich mit ihr unter einem Dach befand. Früher
oder später hätte vielleicht ein solches Ereignis wenig gewirkt, gerade in
diesem Augenblicke aber trat ein solcher Moment ein, der einem jeden an eine
gesunde Vollständigkeit gewöhnten Menschen höchst widerwärtig begegnen muss. Es
ist ihm, als wenn der Schlussstein seines organischen Wesens entfremdet wäre und
das übrige Gewölbe nun auch nach und nach zusammenzustürzen drohte.
    Wie dem auch sei, der Major unterhielt sich mit seiner Schwester gar bald
einsichtig und verständig über die so verwirrt scheinende Angelegenheit; sie
mussten beide bekennen, dass sie eigentlich nur durch einen Umweg ans Ziel gelangt
seien, ganz nahe daran, von dem sie sich zufällig, durch äussern Anlass, durch
Irrtum eines unerfahrnen Kindes verleitet, unbedachtsam entfernt; sie fanden
nichts natürlicher, als auf diesem Wege zu verharren, eine Verbindung beider
Kinder einzuleiten und ihnen sodann jede elterliche Sorgfalt, wozu sie sich die
Mittel zu verschaffen gewusst, treu und unablässig zu widmen. Völlig in
Übereinstimmung mit dem Bruder, ging die Baronin zu Hilarien ins Zimmer. Diese
sass am Flügel, zu eigner Begleitung singend und die eintretende Begrüssende mit
heiterem Blick und Beugung zum Anhören gleichsam einladend. Es war ein
angenehmes, beruhigendes Lied, das eine Stimmung der Sängerin aussprach, die
nicht besser wäre zu wünschen gewesen. Nachdem sie geendigt hatte, stand sie
auf, und ehe die ältere Bedächtige ihren Vortrag beginnen konnte, fing sie zu
sprechen an: »Beste Mutter! es war schön, dass wir über die wichtigste
Angelegenheit so lange geschwiegen; ich danke Ihnen, dass Sie bis jetzt diese
Saite nicht berührten, nun aber ist es wohl Zeit, sich zu erklären, wenn es
Ihnen gefällig ist. Wie denken Sie sich die Sache?«
    Die Baronin, höchst erfreut über die Ruhe und Milde, zu der sie ihre Tochter
gestimmt fand, begann sogleich ein verständiges Darlegen der frühern Zeit, der
Persönlichkeit ihres Bruders und seiner Verdienste; sie gab den Eindruck zu, den
der einzige Mann von Wert, der einem jungen Mädchen so nahe bekannt geworden,
auf ein freies Herz notwendig machen müsse, und wie sich daraus, statt
kindlicher Ehrfurcht und Vertrauen, gar wohl eine Neigung, die als Liebe, als
Leidenschaft sich zeige, entwickeln könne. Hilarie hörte aufmerksam zu und gab
durch bejahende Mienen und Zeichen ihre völlige Einstimmung zu erkennen; die
Mutter ging auf den Sohn über, und jene liess ihre langen Augenwimpern fallen;
und wenn die Rednerin nicht so rühmliche Argumente für den Jüngeren fand, als
sie für den Vater anzuführen gewusst hatte, so hielt sie sich hauptsächlich an
die Ähnlichkeit beider, an den Vorzug, den diesem die Jugend gebe, der zugleich,
als vollkommen gattlicher Lebensgefährte gewählt, die völlige Verwirklichung des
väterlichen Daseins von der Zeit wie billig verspräche. Auch hierin schien
Hilarie gleichstimmig zu denken, obschon ein etwas ernsterer Blick und ein
manchmal niederschauendes Auge eine gewisse in diesem Fall höchst natürliche
innere Bewegung verrieten. Auf die äusseren glücklichen, gewissermassen
gebietenden Umstände lenkte sich hierauf der Vortrag. Der abgeschlossene
Vergleich, der schöne Gewinn für die Gegenwart, die nach manchen Seiten hin sich
erweiternden Aussichten, alles ward völlig der Wahrheit gemäss vor Augen
gestellt, da es zuletzt auch an Winken nicht fehlen konnte, wie Hilarien selbst
erinnerlich sein müsse, dass sie früher dem mit ihr heranwachsenden Vetter, und
wenn auch nur wie im Scherze, sei verlobt gewesen. Aus alle dem Vorgesagten zog
nun die Mutter den sich selbst ergebenden Schluss, dass nun mit ihrer und des
Oheims Einwilligung die Verbindung der jungen Leute ungesäumt stattfinden könne.
    Hilarie, ruhig blickend und sprechend, erwiderte darauf, sie könne diese
Folgerung nicht sogleich gelten lassen, und führte gar schön und anmutig dagegen
an, was ein zartes Gemüt gewiss mit ihr gleich empfinden wird, und das wir mit
Worten auszuführen nicht unternehmen.
    Vernünftige Menschen, wenn sie etwas Verständiges ausgesonnen, wie diese
oder jene Verlegenheit zu beseitigen wäre, dieser oder jener Zweck zu erreichen
sein möchte, und dafür sich alle denklichen Argumente verdeutlicht und geordnet,
fühlen sich höchst unangenehm betroffen, wenn diejenigen, die zu eignem Glücke
mitwirken sollten, völlig andern Sinnes gefunden werden und aus Gründen, die
tief im Herzen ruhen, sich demjenigen widersetzen, was so löblich als nötig ist.
Man wechselte Reden, ohne sich zu überzeugen; das Verständige wollte nicht in
das Gefühl eindringen, das Gefühlte wollte sich dem Nützlichen, dem Notwendigen
nicht fügen; das Gespräch erhitzte sich, die Schärfe des Verstandes traf das
schon verwundete Herz, das nun nicht mehr mässig, sondern leidenschaftlich seinen
Zustand an den Tag gab, so dass zuletzt die Mutter selbst vor der Hoheit und
Würde des jungen Mädchens erstaunt zurücktrat, als sie mit Energie und Wahrheit
das Unschickliche, ja Verbrecherische einer solchen Verbindung hervorhob.
    In welcher Verwirrung die Baronin zu dem Bruder zurückkehrte, lässt sich
denken, vielleicht auch, wenngleich nicht vollkommen, nachempfinden, wie der
Major, der, von dieser entschiedenen Weigerung im Innersten geschmeichelt, zwar
hoffnungslos, aber getröstet vor der Schwester stand, sich von jener Beschämung
entwunden und so dieses Ereignis, das ihm zur zartesten Ehrensache geworden war,
in seinem Innern ausgeglichen fühlte. Er verbarg diesen Zustand augenblicklich
seiner Schwester und versteckte seine schmerzliche Zufriedenheit hinter eine in
diesem Falle ganz natürliche Äusserung: man müsse nichts übereilen, sondern dem
guten Kinde Zeit lassen, den eröffneten Weg, der sich nunmehr gewissermassen
selbst verstünde, freiwillig einzuschlagen.
    Nun aber können wir kaum unsern Lesern zumuten, aus diesen ergreifenden
inneren Zuständen in das Äussere überzugehen, worauf doch jetzt so viel ankam.
Indes die Baronin ihrer Tochter alle Freiheit liess, mit Musik und Gesang, mit
Zeichnen und Sticken ihre Tage angenehm zu verbringen, auch mit Lesen und
Vorlesen sich und die Mutter zu unterhalten, so beschäftigte sich der Major bei
eintretendem Frühjahr, die Familienangelegenheiten in Ordnung zu bringen; der
Sohn, der sich in der Folge als einen reichen Besitzer und, wie er gar nicht
zweifeln konnte, als glücklichen Gatten Hilariens erblickte, fühlte nun erst ein
militärisches Bestreben nach Ruhm und Rang, wenn der androhende Krieg
hereinbrechen sollte. Und so glaubte man in augenblicklicher Beruhigung als
gewiss vorauszusehen, dass dieses Rätsel, welches nur noch an eine Grille geknüpft
schien, sich bald aufhellen und auseinanderlegen würde.
    Leider aber war in dieser anscheinenden Ruhe keine Beruhigung zu finden. Die
Baronin wartete tagtäglich, aber vergebens, auf die Sinnesänderung ihrer
Tochter, die zwar mit Bescheidenheit und selten, aber doch, bei entscheidendem
Anlass, mit Sicherheit zu erkennen gab, sie bleibe so fest bei ihrer Überzeugung,
als nur einer sein kann, dem etwas innerlich wahr geworden, es möge nun mit der
ihn umgebenden Welt in Einklang stehen oder nicht. Der Major empfand sich
zwiespältig; er würde sich immer verletzt fühlen, wenn Hilarie sich wirklich für
den Sohn entschiede; entschiede sie sich aber für ihn selbst, so war er ebenso
überzeugt, dass er ihre Hand ausschlagen müsse.
    Bedauern wir den guten Mann, dem diese Sorgen, diese Qualen wie ein
beweglicher Nebel unablässig vorschwebten, bald als Hintergrund, auf welchem
sich die Wirklichkeiten und Beschäftigungen des dringenden Tages hervorhoben,
bald herantretend und alles Gegenwärtige bedeckend. Ein solches Wanken und
Schweben bewegte sich vor den Augen seines Geistes; und wenn ihn der fordernde
Tag zu rascher, wirksamer Tätigkeit aufbot, so war es bei nächtlichem Erwachen,
wo alles Widerwärtige, gestaltet und immer umgestaltet, im unerfreulichsten
Kreis sich in seinem Innern umwälzte. Dies ewig wiederkehrende Unabweisbare
brachte ihn in einen Zustand, den wir fast Verzweiflung nennen dürften, weil
Handeln und Schaffen, die sich sonst als Heilmittel für solche Lagen am
sichersten bewährten, hier kaum lindernd, geschweige denn befriedigend wirken
wollten.
    In solcher Lage erhielt unser Freund von unbekannter Hand ein Schreiben mit
Einladung in das Postaus des nahe gelegenen Städtchens, wo ein eilig
Durchreisender ihn dringend zu sprechen wünschte. Er, bei seinen vielfachen
Geschäfts- und Weltverhältnissen an dergleichen gewöhnt, säumte um so weniger,
als ihm die freie, flüchtige Hand einigermassen erinnerlich schien. Ruhig und
gefasst nach seiner Art begab er sich an den bezeichneten Ort, als in der
bekannten, fast bäuerischen Oberstube die schöne Witwe ihm entgegentrat, schöner
und anmutiger, als er sie verlassen hatte. War es, dass unsere Einbildungskraft
nicht fähig ist, das Vorzüglichste festzuhalten und völlig wieder zu
vergegenwärtigen, oder hatte wirklich ein bewegterer Zustand ihr mehreren Reiz
gegeben, genug, es bedurfte doppelter Fassung, sein Erstaunen, seine Verwirrung
unter dem Schein allgemeinster Höflichkeit zu verbergen; er grüsste sie
verbindlich mit verlegener Kälte.
    »Nicht so, mein Bester!« rief sie aus, »keineswegs hab' ich Sie dazu
zwischen diese geweissten Wände, in diese höchst unedle Umgebung berufen; ein so
schlechter Hausrat fordert nicht auf, sich höfisch zu unterhalten. Ich befreie
meine Brust von einer schweren Last, indem ich sage, bekenne: in Ihrem Hause
hab' ich viel Unheil angerichtet.« - Der Major trat stutzend zurück. - »Ich weiss
alles«, fuhr sie fort, »wir brauchen uns nicht zu erklären; Sie und Hilarien,
Hilarien und Flavio, Ihre gute Schwester, Sie alle bedaure ich.« Die Sprache
schien ihr zu stocken, die herrlichsten Augenwimpern konnten hervorquellende
Tränen nicht zurückhalten, ihre Wange rötete sich, sie war schöner als jemals.
In äusserster Verwirrung stand der edle Mann vor ihr, ihn durchdrang eine
unbekannte Rührung. »Setzen wir uns«, sagte, die Augen trocknend, das
allerliebste Wesen. »Verzeihen Sie mir, bedauern Sie mich, Sie sehen, wie ich
bestraft bin.« Sie hielt ihr gesticktes Tuch abermals vor die Augen und verbarg,
wie bitterlich sie weinte.
    »Klären Sie mich auf, meine Gnädige«, sprach er mit Hast. - »Nichts von
gnädig!« entgegnete sie himmlisch lächelnd, »nennen Sie mich Ihre Freundin, Sie
haben keine treuere. Und also, mein Freund, ich weiss alles, ich kenne die Lage
der ganzen Familie genau, aller Gesinnungen und Leiden bin ich vertraut.« - »Was
konnte Sie bis auf diesen Grad unterrichten?« - »Selbstbekenntnisse. Diese Hand
wird Ihnen nicht fremd sein.« Sie wies ihm einige entfaltete Briefe hin. - »Die
Hand meiner Schwester, Briefe, mehrere, der nachlässigen Schrift nach vertraute!
Haben Sie je mit ihr in Verhältnis gestanden?« - »Unmittelbar nicht, mittelbar
seit einiger Zeit; hier die Aufschrift: An ***.« -
    »Ein neues Rätsel: An Makarien, die schweigsamste aller Frauen.« - »Deshalb
aber auch die Vertraute, der Beichtiger aller bedrängten Seelen, aller derer,
die sich selbst verloren haben, sich wiederzufinden wünschten und nicht wissen
wo.« - »Gott sei Dank!« rief er aus »dass sich eine solche Vermittlung gefunden
hat, mir wollt' es nicht ziemen, sie anzuflehen, ich segne meine Schwester, dass
sie es tat; denn auch mir sind Beispiele bekannt, dass jene Treffliche, im
Vorhalten eines sittlich-magischen Spiegels, durch die äussere verworrene Gestalt
irgendeinem Unglücklichen sein rein schönes Innere gewiesen und ihn auf einmal
erst mit sich selbst befriedigt und zu einem neuen Leben aufgefordert hat.« -
    »Diese Wohltat erzeigte sie auch mir«, versetzte die Schöne; und in diesem
Augenblick fühlte unser Freund, wenn es ihm auch nicht klar wurde, dennoch
entschieden dass aus dieser sonst in ihrer Eigenheit abgeschlossenen merkwürdigen
Person sich ein sittlich-schönes, teilnehmendes und teilgebendes Wesen
hervortat. - »Ich war nicht unglücklich, aber unruhig«, fuhr sie fort, »ich
gehörte mir selbst nicht recht mehr an, und das heisst denn doch am Ende nicht
glücklich sein. Ich gefiel mir selbst nicht mehr, ich mochte mich vor dem
Spiegel zurechtrücken, wie ich wollte, es schien mir immer, als wenn ich mich zu
einem Maskenball herausputzte; aber seitdem sie mir ihren Spiegel vorhielt, seit
ich gewahr wurde, wie man sich von innen selbst schmücken könne, komm' ich mir
wieder recht schön vor.« Sie sagte das zwischen Lächeln und Weinen und war, man
musste es zugeben, mehr als liebenswürdig. Sie erschien achtungswert und wert
einer ewigen treuen Anhänglichkeit.
    »Und nun, mein Freund, fassen wir uns kurz: hier sind die Briefe! sie zu
lesen und wieder zu lesen, sich zu bedenken, sich zu bereiten, bedürften Sie
allenfalls einer Stunde, mehr, wenn Sie wollen; alsdann werden mit wenigen
Worten unsere Zustände sich entscheiden lassen.«
    Sie verliess ihn, um in dem Garten auf und ab zu gehen; er entfaltete nun
einen Briefwechsel der Baronin mit Makarien, dessen Inhalt wir summarisch
andeuten. Jene beklagt sich über die schöne Witwe. Wie eine Frau die andere
ansieht und scharf beurteilt, geht hervor. Eigentlich ist nur vom Äussern und von
Äusserungen die Rede, nach dem Innern wird nicht gefragt.
    Hierauf von seiten Makariens eine mildere Beurteilung. Schilderung eines
solchen Wesens von innen heraus. Das Äussere erscheint als Folge von
Zufälligkeiten, kaum zu tadeln, vielleicht zu entschuldigen. Nun berichtet die
Baronin von der Raserei und Tollheit des Sohns, der wachsenden Neigung des
jungen Paars, von der Ankunft des Vaters, der entschiedenen Weigerung Hilariens.
Überall finden sich Erwiderungen Makariens von reiner Billigkeit, die aus der
gründlichen Überzeugung stammt, dass hieraus eine sittliche Besserung entstehen
müsse. Sie übersendet zuletzt den ganzen Briefwechsel der schönen Frau, deren
himmelschönes Innere nun hervortritt und das Äussere zu verherrlichen beginnt.
Das Ganze schliesst mit einer dankbaren Erwiderung an Makarien.
 
                                Sechstes Kapitel
                               Wilhelm an Lenardo
Endlich, teuerster Freund, kann ich sagen, sie ist gefunden, und zu Ihrer
Beruhigung darf ich hinzusetzen, in einer Lage, wo für das gute Wesen nichts
weiter zu wünschen übrigbleibt. Lassen Sie mich im allgemeinen reden; ich
schreibe noch hier an Ort und Stelle, wo ich alles vor Augen habe, wovon ich
Rechenschaft geben soll.
    Häuslicher Zustand, auf Frömmigkeit gegründet, durch Fleiss und Ordnung
belebt und erhalten, nicht zu eng, nicht zu weit, im glücklichsten Verhältnis
der Pflichten zu den Fähigkeiten und Kräften. Um sie her bewegt sich ein
Kreislauf von Handarbeitenden im reinsten, anfänglichsten Sinne; hier ist
Beschränkteit und Wirkung in die Ferne, Umsicht und Mässigung, Unschuld und
Tätigkeit. Nicht leicht habe ich mich in einer angenehmeren Gegenwart gesehen,
über welche eine heitere Aussicht auf die nächste Zeit und die Zukunft waltet.
Dieses, zusammen betrachtet, möchte wohl hinreichend sein, einen jeden
Teilnehmenden zu beruhigen.
    Ich darf daher in Erinnerung alles dessen, was unter uns besprochen worden,
auf das dringendste bitten: der Freund möge es bei dieser allgemeinen
Schilderung belassen, solche allenfalls in Gedanken ausmalen, dagegen aber aller
weitern Nachforschung entsagen und sich dem grossen Lebensgeschäfte, in das er
nun wahrscheinlich vollkommen eingeweiht sein wird, auf die lebhafteste Weise
widmen.
    Ein Duplikat dieses Briefes sende an Hersilien, das andere an den Abbé, der,
wie ich vermute, am sichersten weiss, wo Sie zu finden sind. An diesen geprüften,
im Geheimen und Offenbaren immer gleich zuverlässigen Freund schreibe noch
einiges, welches er mitteilen wird; besonders bitte, was mich selbst betrifft,
mit Anteil zu betrachten und mit frommen, treuen Wünschen mein Vorhaben zu
fördern.
                              Wilhelm an den Abbé
Wenn mich nicht alles triegt, so ist Lenardo, der höchst wertzuschätzende,
gegenwärtig in eurer Mitte, und ich sende deshalb das Duplikat eines Schreibens,
damit es ihm sicher zugestellt werde. Möge dieser vorzügliche junge Mann in
euren Kreis zu ununterbrochenem bedeutendem Wirken verschlungen werden, da, wie
ich hoffe, sein Inneres beruhigt ist.
    Was mich betrifft, so kann ich, nach fortdauernder tätiger Selbstprüfung,
mein durch Montan vorlängst angebrachtes Gesuch nunmehr nur noch ernstlicher
wiederholen; der Wunsch, meine Wanderjahre mit mehr Fassung und Stetigkeit zu
vollenden, wird immer dringender. In sicherer Hoffnung, man würde meinen
Vorstellungen Raum geben, habe ich mich durchaus vorbereitet und meine
Einrichtung getroffen. Nach Vollendung des Geschäfts zugunsten meines edlen
Freundes werde ich nun wohl meinen fernern Lebensgang unter den schon
ausgesprochenen Bedingungen getrost antreten dürfen. Sobald ich auch noch eine
fromme Wallfahrt zurückgelegt, gedenke ich in *** einzutreffen. An diesem Ort
hoff' ich eure Briefe zu finden und meinem innern Triebe gemäss von neuem zu
beginnen.
 
                               Siebentes Kapitel
Nachdem unser Freund vorstehende Briefe abgelassen, schritt er, durch manchen
benachbarten Gebirgszug fortwandernd, immer weiter, bis die herrliche Talgegend
sich ihm eröffnete, wo er, vor Beginn eines neuen Lebensganges, so manches
abzuschliessen gedachte. Unerwartet traf er hier auf einen jungen, lebhaften
Reisegefährten, durch welchen seinem Bestreben und seinem Genuss manches zu
Gunsten gereichen sollte. Er findet sich mit einem Maler zusammen, welcher, wie
dergleichen viele in der offnen Welt, mehrere noch in Romanen und Dramen
umherwandeln und spuken, sich diesmal als ein ausgezeichneter Künstler
darstellte. Beide schicken sich gar bald ineinander, vertrauen sich
wechselseitig Neigungen, Absichten, Vorsätze; und nun wird offenbar, dass der
treffliche Künstler, der aquarellierte Landschaften mit geistreicher, wohl
gezeichneter und ausgeführter Staffage zu schmücken weiss, leidenschaftlich
eingenommen sei von Mignons Schicksalen, Gestalt und Wesen. Er hatte sie gar oft
schon vorgestellt und begab sich nun auf die Reise, die Umgebungen, worin sie
gelebt, der Natur nachzubilden; hier das liebliche Kind in glücklichen und
unglücklichen Umgebungen und Augenblicken darzustellen und so ihr Bild, das in
allen zarten Herzen lebt, auch dem Sinne des Auges hervorzurufen.
    Die Freunde gelangen bald zum grossen See, Wilhelm trachtet, die angedeuteten
Stellen nach und nach aufzufinden. Ländliche Prachtäuser, weitläufige Klöster,
Überfahrten und Buchten, Erdzungen und Landungsplätze wurden gesucht und die
Wohnungen kühner und gutmütiger Fischer so wenig als die heiter gebauten
Städtchen am Ufer und Schlösschen auf benachbarten Höhen vergessen. Dies alles
weiss der Künstler zu ergreifen, durch Beleuchten und Färben der jedesmal
geschichtlich erregten Stimmung anzueignen, so dass Wilhelm seine Tage und
Stunden in durchgreifender Rührung zubrachte.
    Auf mehreren Blättern war Mignon im Vordergrunde, wie sie leibte und lebte,
vorgestellt, indem Wilhelm der glücklichen Einbildungskraft des Freundes durch
genaue Beschreibung nachzuhelfen und das allgemeiner Gedachte ins Engere der
Persönlichkeit einzufassen wusste.
    Und so sah man denn das Knaben-Mädchen in mannigfaltiger Stellung und
Bedeutung aufgeführt. Unter dem hohen Säulenportale des herrlichen Landhauses
stand sie, nachdenklich die Statuen der Vorhalle betrachtend. Hier schaukelte
sie sich plätschernd auf dem angebundenen Kahn, dort erkletterte sie den Mast
und erzeigte sich als ein kühner Matrose.
    Ein Bild aber tat sich vor allen hervor, welches der Künstler auf der
Herreise, noch eh' er Wilhelmen begegnet, mit allen Charakterzügen sich
angeeignet hatte. Mitten im rauhen Gebirg glänzt der anmutige Scheinknabe, von
Sturzfelsen umgeben, von Wasserfällen besprüht, mitten in einer schwer zu
beschreibenden Horde. Vielleicht ist eine grauerliche, steile Urgebirg-Schlucht
nie anmutiger und bedeutender staffiert worden. Die bunte, zigeunerhafte
Gesellschaft, roh zugleich und phantastisch, seltsam und gemein, zu locker, um
Furcht einzuflössen, zu wunderlich, um Vertrauen zu erwecken. Kräftige Saumrosse
schleppen, bald über Knüppelwege, bald eingehauene Stufen hinab, ein
buntverworrenes Gepäck, an welchem herum die sämtlichen Instrumente einer
betäubenden Musik, schlotternd aufgehängt, das Ohr mit rauhen Tönen von Zeit zu
Zeit belästigen. Zwischen allem dem das liebenswürdige Kind, in sich gekehrt
ohne Trutz, unwillig ohne Widerstreben, geführt, aber nicht geschleppt. Wer
hätte sich nicht des merkwürdigen, ausgeführten Bildes gefreut? Kräftig
charakterisiert war die grimmige Enge dieser Felsmassen; die alles
durchschneidenden schwarzen Schluchten, zusammengetürmt, allen Ausgang zu
hindern drohend, hätte nicht eine kühne Brücke auf die Möglichkeit, mit der
übrigen Welt in Verbindung zu gelangen, hingedeutet. Auch liess der Künstler mit
klugdichtendem Wahrheitssinne eine Höhle merklich werden, die man als
Naturwerkstatt mächtiger Kristalle oder als Aufentalt einer
fabelhaftfurchtbaren Drachenbrut ansprechen konnte.
    Nicht ohne heilige Scheu besuchten die Freunde den Palast des Marchese; der
Greis war von seiner Reise noch nicht zurück; sie wurden aber auch in diesem
Bezirk, weil sie sich mit geistlichen und weltlichen Behörden wohl zu benehmen
wussten, freundlich empfangen und behandelt.
    Die Abwesenheit des Hausherrn jedoch empfand Wilhelm sehr angenehm; denn ob
er gleich den würdigen Mann gerne wieder gesehen und herzlich begrüsst hätte, so
fürchtete er sich doch vor dessen dankbarer Freigebigkeit und vor irgendeiner
aufgedrungenen Belohnung jenes treuen, liebevollen Handelns, wofür er schon den
zartesten Lohn dahingenommen hatte.
    Und so schwammen die Freunde auf zierlichem Nachen von Ufer zu Ufer, den See
in jeder Richtung durchkreuzend. In der schönsten Jahrszeit entging ihnen weder
Sonnenaufgang noch -untergang und keine der tausend Schattierungen, mit denen
das Himmelslicht sein Firmament und von da See und Erde freigebigst überspendet
und sich im Abglanz erst vollkommen verherrlicht.
    Eine üppige Pflanzenwelt, ausgesäet von Natur, durch Kunst gepflegt und
gefördert, umgab sie überall. Schon die ersten Kastanienwälder hatten sie
willkommen geheissen, und nun konnten sie sich eines traurigen Lächelns nicht
entalten, wenn sie, unter Zypressen gelagert, den Lorbeer aufsteigen, den
Granatapfel sich röten, Orangen und Zitronen in Blüte sich entfalten und Früchte
zugleich aus dem dunklen Laube hervorglühend erblickten.
    Durch den frischen Gesellen entstand jedoch für Wilhelm ein neuer Genuss.
Unserm alten Freund hatte die Natur kein malerisches Auge gegeben. Empfänglich
für sichtbare Schönheit nur an menschlicher Gestalt, ward er auf einmal gewahr:
ihm sei durch einen gleichgestimmten, aber zu ganz andern Genüssen und
Tätigkeiten gebildeten Freund die Umwelt aufgeschlossen.
    In gesprächiger Hindeutung auf die wechselnden Herrlichkeiten der Gegend,
mehr aber noch durch konzentrierte Nachahmung wurden ihm die Augen aufgetan und
er von allen sonst hartnäckig gehegten Zweifeln befreit. Verdächtig waren ihm
von jeher Nachbildungen italienischer Gegenden gewesen; der Himmel schien ihm zu
blau, der violette Ton reizender Fernen zwar höchst lieblich, doch unwahr und
das mancherlei frische Grün doch gar zu bunt; nun verschmolz er aber mit seinem
neuen Freunde aufs innigste und lernte, empfänglich wie er war, mit dessen Augen
die Welt sehen, und indem die Natur das offenbare Geheimnis ihrer Schönheit
entfaltete, musste man nach Kunst als der würdigsten Auslegerin unbezwingliche
Sehnsucht empfinden.
    Aber ganz unerwartet kam der malerische Freund ihm von einer andern Seite
entgegen; dieser hatte manchmal einen heitern Gesang angestimmt und dadurch
ruhige Stunden auf weit- und breiter Wellenfahrt gar innig belebt und begleitet.
Nun aber traf sich's, dass er in einem der Paläste ein ganz eigenes Saitenspiel
fand, eine Laute in kleinem Format, kräftig, vollklingend, bequem und tragbar;
er wusste das Instrument alsbald zu stimmen, so glücklich und angenehm zu
behandeln und die Gegenwärtigen so freundlich zu unterhalten, dass er, als neuer
Orpheus, den sonst strengen und trocknen Kastellan erweichend bezwang und ihn
freundlich nötigte, das Instrument dem Sänger auf eine Zeitlang zu überlassen,
mit der Bedingung, solches vor der Abreise treulich wiederzugeben, auch in der
Zwischenzeit an irgendeinem Sonn- oder Feiertage zu erscheinen und die Familie
zu erfreuen.
    Ganz anders war nunmehr See und Ufer belebt, Boot und Kahn buhlten um ihre
Nachbarschaft, selbst Fracht- und Marktschiffe verweilten in ihrer Nähe, Reihen
von Menschen zogen am Strande nach, und die Landenden sahen sich sogleich von
einer frohsinnigen Menge umgeben; die Scheidenden segnete jedermann, zufrieden,
doch sehnsuchtsvoll.
    Nun hätte zuletzt ein Dritter, die Freunde beobachtend gar wohl bemerken
können, dass die Sendung beider eigentlich geendigt sei: alle die auf Mignon sich
beziehenden Gegenden und Lokalitäten waren sämtlich umrissen, teils in Licht,
Schatten und Farbe gesetzt, teils in heissen Tagesstunden treulich ausgeführt.
Dies zu leisten, hatten sie sich auf eine eigne Weise von Ort zu Ort bewegt,
weil ihnen Wilhelms Gelübde gar oft hinderlich war; doch wussten sie solches
gelegentlich zu umgehen durch die Auslegung: es gelte nur für das Land, auf dem
Wasser sei es nicht anwendbar.
    Auch fühlte Wilhelm selbst, dass ihre eigentliche Absicht erreicht sei, aber
leugnen konnte er sich nicht, dass der Wunsch, Hilarien und die schöne Witwe zu
sehen, auch noch befriedigt werden müsse, wenn man mit freiem Sinne diese Gegend
verlassen wollte. Der Freund, dem er die Geschichte vertraut, war nicht weniger
neugierig und freute sich schon, einen herrlichen Platz in einer seiner
Zeichnungen leer und ledig zu wissen, den er mit den Gestalten so holder
Personen künstlerisch zu verzieren gedachte.
    Nun stellten sie Kreuz-und-Quer-Fahrten an, die Punkte, wo der Fremde in
dieses Paradies einzutreten pflegt, beobachtend. Ihre Schiffer hatten sie mit
der Hoffnung, Freunde hier zu sehen, bekannt gemacht, und nun dauerte es nicht
lange, so sahen sie ein wohlverziertes Prachtschiff herangleiten, worauf sie
Jagd machten und sich nicht entielten sogleich leidenschaftlich zu entern. Die
Frauenzimmer, einigermassen betroffen, fassten sich sogleich, als Wilhelm das
Blättchen vorwies und beide den von ihnen selbst vorgezeichneten Pfeil ohne
Bedenken anerkannten. Die Freunde wurden alsbald zutraulich eingeladen, das
Schiff der Damen zu besteigen, welches eilig geschah.
    Und nun vergegenwärtige man sich die viere, wie sie, im zierlichsten Raum
beisammen, gegen einander über sitzen in der seligsten Welt, von lindem
Luftauch angeweht, auf glänzenden Wellen geschaukelt. Man denke das weibliche
Paar, wie wir sie vor kurzem geschildert gesehen, das männliche, mit dem wir
schon seit Wochen ein gemeinsames Reiseleben führen, und wir sehen sie nach
einiger Betrachtung sämtlich in der anmutigsten, obgleich gefährlichsten Lage.
    Für die drei, welche sich schon, willig oder unwillig, zu den Entsagenden
gezählt, ist nicht das Schwerste zu besorgen, der Vierte jedoch dürfte sich nur
allzubald in jenen Orden aufgenommen sehen.
    Nachdem man einigemal den See durchkreuzt und auf die interessantesten
Lokalitäten sowohl des Ufers als der Inseln hingedeutet hatte, brachte man die
Damen gegen den Ort, wo sie übernachten sollten und wo ein gewandter, für diese
Reise angenommener Führer alle wünschenswerten Bequemlichkeiten zu besorgen
wusste. Hier war nun Wilhelms Gelübde ein schicklicher, aber unbequemer
Zeremonienmeister; denn gerade an dieser Station hatten die Freunde vor kurzem
drei Tage zugebracht und alles Merkwürdige der Umgebung erschöpft. Der Künstler,
welchen kein Gelübde zurückhielt, wollte die Erlaubnis erbitten, die Damen ans
Land zu geleiten, die es aber ablehnten, weswegen man sich in einiger Entfernung
vom Hafen trennte.
    Kaum war der Sänger in sein Schiff gesprungen, das sich eiligst vom Ufer
entfernte, als er nach der Laute griff und jenen wundersam-klagenden Gesang, den
die venezianischen Schiffer von Land zu See, von See zu Land erschallen lassen,
lieblich anzustimmen begann. Geübt genug zu solchem Vortrag, der ihm diesmal
eigens zart und ausdrucksvoll gelang, verstärkte er, verhältnismässig zur
wachsenden Entfernung, den Ton, so dass man am Ufer immer die gleiche Nähe des
Scheidenden zu hören glaubte. Er liess zuletzt die Laute schweigen, seiner Stimme
allein vertrauend, und hatte das Vergnügen, zu bemerken, dass die Damen, anstatt
sich ins Haus zurückzuziehen, am Ufer zu verweilen beliebten. Er fühlte sich so
begeistert, dass er nicht endigen konnte, auch selbst als zuletzt Nacht und
Entfernung das Anschauen aller Gegenstände entzogen; bis ihm endlich der mehr
beruhigte Freund bemerklich machte, dass, wenn auch Finsternis den Ton
begünstige, das Schiff den Kreis doch längst verlassen habe, in welchem derselbe
wirken könne.
    Der Verabredung gemäss traf man sich des andern Tags abermals auf offener
See. Vorüberfliegend befreundete man sich mit der schönen Reihe merkwürdig
hingelagerter, bald reihenweis übersehbarer, bald sich verschiebender Ansichten,
die, im Wasser sich gleichmässig verdoppelnd, bei Uferfahrten das mannigfaltigste
Vergnügen gewähren. dabei liessen denn die künstlerischen Nachbildungen auf dem
Papier dasjenige vermuten und ahnen, was man auf dem heutigen Zug nicht
unmittelbar gewahrte. Für alles dieses schien die stille Hilarie freien und
schönen Sinn zu besitzen.
    Aber nun gegen Mittag erschien abermals das Wunderbare: die Damen landeten
allein, die Männer kreuzten vor dem Hafen. Nun suchte der Sänger seinen Vortrag
einer solchen Annäherung zu bequemen, wo nicht bloss von einem zart und lebhaft
jodelnden allgemeinen Sehnsuchtston, sondern von heiterer, zierlicher
Andringlichkeit irgendeine glückliche Wirkung zu hoffen wäre. Da wollte denn
manchmal ein und das andere der Lieder, die wir geliebten Personen der
»Lehrjahre« schuldig sind, über den Saiten, über den Lippen schweben; doch
entielt er sich, aus wohlmeinender Schonung, deren er selbst bedurfte, und
schwärmte vielmehr in fremden Bildern und Gefühlen umher, zum Gewinn seines
Vortrags, der sich nur um desto einschmeicheln der vernehmen liess. Beide Freunde
hätten, auf diese Weise den Hafen blockierend, nicht an Essen und Trinken
gedacht, wenn die vorsichtigen Freundinnen nicht gute Bissen herübergesendet
hätten, wozu ein begleitender Trunk ausgesuchten Weins zum allerbesten
schmeckte.
    Jede Absonderung, jede Bedingung, die unsern aufkeimenden Leidenschaften in
den Weg tritt, schärft sie, anstatt sie zu dämpfen; und auch diesmal lässt sich
vermuten, dass die kurze Abwesenheit beiden Teilen gleiche Sehnsucht erregt habe.
Allerdings! man sah die Damen in ihrer blendend-muntern Gondel gar bald wieder
heranfahren.
    Das Wort Gondel nehme man aber nicht im traurigen venezianischen Sinne; hier
bezeichnet es ein lustig-bequemgefälliges Schiff, das, hätte sich unser kleiner
Kreis verdoppelt, immer noch geräumig genug gewesen wäre.
    Einige Tage wurden so auf diese eigene Weise zwischen Begegnen und Scheiden,
zwischen Trennen und Zusammensein hingebracht; im Genuss vergnüglichster
Geselligkeit schwebte immer Entfernen und Entbehren vor der bewegten Seele. In
Gegenwart der neuen Freunde rief man sich die ältern zurück; vermisste man die
neuen, so musste man bekennen, dass auch diese schon starken Anspruch an
Erinnerung zu erwerben gewusst. Nur ein gefasster, geprüfter Geist wie unsere
schöne Witwe konnte sich zu solcher Stunde völlig im Gleichgewicht erhalten.
    Hilariens Herz war zu sehr verwundet, als dass es einen neuen, reinen
Eindruck zu empfangen fähig gewesen wäre; aber wenn die Anmut einer herrlichen
Gegend uns lindernd umgibt, wenn die Milde gefühlvoller Freunde auf uns
einwirkt, so kommt etwas Eigenes über Geist und Sinn, das uns Vergangenes,
Abwesendes traumartig zurückruft und das Gegenwärtige, als wäre es nur
Erscheinung, geistermässig entfernt. So abwechselnd hin und wider geschaukelt,
angezogen und abgelehnt, genähert und entfernt, wallten und wogten sie
verschiedene Tage.
    Ohne diese Verhältnisse näher zu beurteilen, glaubte doch der gewandte,
wohlerfahrene Reiseführer einige Veränderung in dem ruhigen Betragen seiner
Heldinnen gegen das bisherige zu bemerken, und als das Grillenhafte dieser
Zustände sich ihm endlich aufgeklärt hatte, wusste er auch hier das Erfreulichste
zu vermitteln. Denn als man eben die Damen abermals zu dem Orte, wo ihre Tafel
bereitet wäre, bringen wollte, begegnete ihnen ein anderes geschmücktes Schiff,
das, an das ihrige sich anlegend, einen gut gedeckten Tisch mit allen
Heiterkeiten einer festlichen Tafel einladend vorwies; man konnte nun den
Verlauf mehrerer Stunden zusammen abwarten, und erst die Nacht entschied die
herkömmliche Trennung.
    Glücklicherweise hatten die männlichen Freunde auf ihren früheren Fahrten
gerade die geschmückteste der Inseln aus einer gewissen Naturgrille zu betreten
vernachlässigt und auch jetzt nicht gedacht, die dortigen, keineswegs im besten
Stand erhaltenen Künsteleien den Freundinnen vorzuzeigen, ehe die herrlichen
Weltszenen völlig erschöpft wären. Doch zuletzt ging ihnen ein ander Licht auf!
Man zog den Führer ins Vertrauen, dieser wusste jene Fahrt sogleich zu
beschleunigen, und sie hielten solche für die seligste. Nun durften sie hoffen
und erwarten, nach so manchen unterbrochenen Freuden drei volle himmlische Tage,
in einem abgeschlossenen Bezirk versammelt, zuzubringen.
    Hier müssen wir nun den Reiseführer besonders rühmen; er gehörte zu jenen
beweglichen, tätig gewandten, welche, mehrere Herrschaften geleitend, dieselben
Routen oft zurücklegen; mit Bequemlichkeiten und Unbequemlichkeiten genau
bekannt, die einen zu vermeiden, die andern zu benutzen, und ohne Hintansetzung
eignen Vorteils, ihre Patrone doch immer wohlfeiler und vergnüglicher durchs
Land zu führen verstehen, als diesen auf eigene Hand würde gelungen sein.
    Zu gleicher Zeit tat sich eine lebhafte weibliche Bedienung der Frauenzimmer
zum erstenmal entschieden tätig hervor, so dass die schöne Witwe zur Bedingung
machen konnte, die beiden Freunde möchten bei ihr als Gäste einkehren und mit
mässiger Bewirtung vorliebnehmen. Auch hier gelang alles zum günstigsten: denn
der kluge Geschäftsträger hatte, bei dieser Gelegenheit wie früher, von den
Empfehlungs- und Kreditbriefen der Damen so klugen Gebrauch zu machen gewusst,
dass, in Abwesenheit der Besitzer, Schloss und Garten, nicht weniger die Küche zu
beliebigem Gebrauch eröffnet wurden, ja sogar einige Aussicht auf den Keller
blieb. Alles stimmte nun so zusammen, dass man sich gleich vom ersten Augenblick
an als einheimisch, als eingeborne Herrschaft solcher Paradiese fühlen musste.
    Das sämtliche Gepäck aller unserer Reisenden ward sogleich auf die Insel
gebracht, wodurch für die Gesellschaft grosse Bequemlichkeit entstand, der grösste
Vorteil aber dabei erzielt ward, indem die sämtlichen Portefeuilles des
trefflichen Künstlers, zum erstenmal alle beisammen, ihm Gelegenheit gaben, den
Weg, den er genommen, in stetiger Folge den Schönen zu vergegenwärtigen. Man
nahm die Arbeit mit Entzücken auf. Nicht etwa wie Liebhaber und Künstler sich
wechselsweise präkonisieren, hier ward einem vorzüglichen Manne das gefühlteste
und einsichtigste Lob erteilt. Damit wir aber nicht in Verdacht geraten, als
wollten wir mit allgemeinen Phrasen dasjenige, was wir nicht vorzeigen können,
gläubigen Lesern nur unterschieben, so stehe hier das Urteil eines Kenners, der
bei jenen fraglichen sowohl als gleichen und ähnlichen Arbeiten mehrere Jahre
nachher bewundernd verweilte.
    »Ihm gelingt, die heitere Ruhe stiller Seeaussichten darzustellen, wo
anliegend-freundliche Wohnungen, sich in der klaren Flut spiegelnd, gleichsam zu
baden scheinen; Ufer, mit begrünten Hügeln umgeben, hinter denen Waldgebirge und
eisige Gletscherfirnen aufsteigen. Der Farbenton solcher Szenen ist heiter,
fröhlich-klar; die Fernen mit milderndem Duft wie übergossen, der, nebelgrauer
und einhüllender, aus durchströmten Gründen und Tälern hervorsteigt und ihre
Windungen andeutet. Nicht minder ist des Meisters Kunst zu loben in Ansichten
aus Tälern, näher am Hochgebirg gelegen, wo üppig bewachsene Bergeshänge
niedersteigen, frische Ströme sich am Fuss der Felsen eilig fortwälzen.
    Trefflich weiss er in mächtig schattenden Bäumen des Vordergrundes den
unterscheidenden Charakter verschiedener Arten so in Gestalt des Ganzen wie in
dem Gang der Zweige, den einzelnen Partien der Blätter befriedigend anzudeuten;
nicht weniger in dem auf mancherlei Weise nuancierten frischen Grün, worin
sanfte Lüfte mit gelindem Hauch zu fächeln und die Lichter daher gleichsam
bewegt erscheinen.
    Im Mittelgrund ermattet allmählich der lebhafte grüne Ton und vermählt sich
auf entferntern Berghöhen schwach violett mit dem Blau des Himmels. Doch unserm
Künstler glücken über alles Darstellungen höherer Alpgegenden; das einfach Grosse
und Stille ihres Charakters, die ausgedehnten Weiden am Bergeshang, mit dem
frischesten Grün überkleidet, wo dunkel einzeln stehende Tannen aus dem
Rasenteppich ragen und von hohen Felswänden sich schäumende Bäche stürzen. Mag
er die Weiden mit grasendem Rindvieh staffieren oder den engen, um Felsen sich
windenden Bergpfad mit beladenen Saumpferden und Maultieren, er zeichnet alle
gleich gut und geistreich; immer am schicklichen Ort und nicht in zu grosser
Fülle angebracht, zieren und beleben sie diese Bilder, ohne ihre ruhige
Einsamkeit zu stören oder auch nur zu mindern. Die Ausführung zeugt von der
kühnsten Meisterhand, leicht mit wenigen sichern Strichen und doch vollendet. Er
bediente sich später englischer glänzender Permanentfarben auf Papier, daher
sind diese Gemälde von vorzüglich blühendem Farbenton, heiter, aber zugleich
kräftig und gesättigt.
    Seine Abbildungen tiefer Felsschluchten, wo um und um nur totes Gestein
starrt, im Abgrund, von kühner Brücke übersprungen, der wilde Strom tobt,
gefallen zwar nicht wie die vorigen, doch ergreift uns ihre Wahrheit; wir
bewundern die grosse Wirkung des Ganzen, durch wenige bedeutende Striche und
Massen von Lokalfarben mit dem geringsten Aufwand hervorgebracht.
    Ebenso charakteristisch weiss er die Gegenden des Hochgebirges darzustellen,
wo weder Baum noch Gesträuch mehr fortkommt, sondern nur zwischen Felszacken und
Schneegipfeln sonnige Flächen mit zartem Rasen sich bedecken. So schön und
gründuftig und einladend er dergleichen Stellen auch koloriert, so sinnig hat er
doch unterlassen, hier mit weidenden Herden zu staffieren, denn diese Gegenden
geben nur Futter den Gemsen, und Wildheuern einen gefahrvollen Erwerb.«
Wir entfernen uns nicht von der Absicht, unsern Lesern den Zustand solcher
wilden Gegenden so nah als möglich zu bringen, wenn wir das eben gebrauchte Wort
Wildheuer mit wenigem erklären. Man bezeichnet damit ärmere Bewohner der
Hochgebirge, welche sich unterfangen, auf Grasplätzen, die für das Vieh
schlechterdings unzugänglich sind, Heu zu machen. Sie ersteigen deswegen, mit
Steigehaken an den Füssen, die steilsten, gefährlichsten Klippen, oder lassen
sich, wo es nötig ist, von hohen Felswänden an Stricken auf die besagten
Grasplätze herab. Ist nun das Gras von ihnen geschlagen und zu Heu getrocknet,
so werfen sie solches von den Höhen in tiefere Talgründe herab, wo dasselbe,
wieder gesammelt, an Viehbesitzer verkauft wird, die es der vorzüglichen
Beschaffenheit wegen gern erhandeln.
Jene Bilder, die zwar einen jeden erfreuen und anziehen müssten, betrachtete
Hilarie besonders mit grosser Aufmerksamkeit; ihre Bemerkungen gaben zu erkennen,
dass sie selbst diesem Fache nicht fremd sei; am wenigsten blieb dies dem
Künstler verborgen, der sich von niemand lieber erkannt gesehen hätte als gerade
von dieser anmutigsten aller Personen. Die ältere Freundin schwieg daher nicht
länger, sondern tadelte Hilarien, dass sie mit ihrer eigenen Geschicklichkeit
hervorzutreten auch diesmal, wie immer, zaudere; hier sei die Frage nicht,
gelobt oder getadelt zu werden, sondern zu lernen. Eine schönere Gelegenheit
finde sich vielleicht nicht wieder.
    Nun zeigte sich erst, als sie genötigt war, ihre Blätter vorzuweisen, welch
ein Talent hinter diesem stillen, zierlichsten Wesen verborgen liege; die
Fähigkeit war eingeboren, fleissig geübt. Sie besass ein treues Auge, eine
reinliche Hand, wie sie Frauen bei ihren sonstigen Schmuck- und Putzarbeiten zu
höherer Kunst befähigt. Man bemerkte freilich Unsicherheit in den Strichen und
deshalb nicht hinlänglich ausgesprochenen Charakter der Gegenstände, aber man
bewunderte genugsam die fleissigste Ausführung; dabei jedoch das Ganze nicht aufs
vorteilhafteste gefasst, nicht künstlerisch zurechtgerückt. Sie fürchtet, so
scheint es, den Gegenstand zu entweihen, bliebe sie ihm nicht vollkommen getreu,
deshalb ist sie ängstlich und verliert sich im Detail.
    Nun aber fühlt sie sich durch das grosse, freie Talent, die dreiste Hand des
Künstlers aufgeregt, erweckt, was von Sinn und Geschmack in ihr treulich
schlummerte; es geht ihr auf, dass sie nur Mut fassen, einige Hauptmaximen, die
ihr der Künstler gründlich, freundlich-dringend, wiederholt überlieferte, ernst
und sträcklich befolgen müsse. Die Sicherheit des Striches findet sich ein, sie
hält sich allmählich weniger an die Teile als ans Ganze, und so schliesst sich
die schönste Fähigkeit unvermutet zur Fertigkeit auf: wie eine Rosenknospe, an
der wir noch abends unbeachtend vorübergingen, morgens mit Sonnenaufgang vor
unsern Augen hervorbricht, so dass wir das lebende Zittern, das die herrliche
Erscheinung dem Lichte entgegenregt, mit Augen zu schauen glauben.
    Auch nicht ohne sittliche Nachwirkung war eine solche ästetische Ausbildung
geblieben: denn einen magischen Eindruck auf ein reines Gemüt bewirkt das
Gewahrwerden der innigsten Dankbarkeit gegen irgend jemand, dem wir
entscheidende Belehrung schuldig sind. Diesmal war es das erste frohe Gefühl,
das in Hilariens Seele nach geraumer Zeit hervortrat. Die herrliche Welt erst
tagelang vor sich zu sehen und nun die auf einmal verliehene vollkommenere
Darstellungsgabe zu empfinden! Welche Wonne, in Zügen und Farben dem
Unaussprechlichen näher zu treten!
    Sie fühlte sich mit einer neuen Jugend überrascht und konnte sich eine
besondere Anneigung zu jenem, dem sie dies Glück schuldig geworden, nicht
versagen.
    So sassen sie nebeneinander; man hätte nicht unterscheiden können, wer
hastiger, Kunstvorteile zu überliefern oder sie zu ergreifen und auszuüben,
gewesen wäre. Der glücklichste Wettstreit, wie er sich selten zwischen Schüler
und Meister entzündet, tat sich hervor. Manchmal schien der Freund auf ihr Blatt
mit einem entscheidenden Zuge einwirken zu wollen, sie aber, sanft ablehnend,
eilte, gleich das Gewünschte, das Notwendige zu tun, und immer zu seinem
Erstaunen.
    Der letzte Abend war nun herangekommen, und ein hervorleuchtender, klarster
Vollmond liess den Übergang von Tag zu Nacht nicht empfinden. Die Gesellschaft
hatte sich zusammen auf einer der höchsten Terrassen gelagert, den ruhigen, von
allen Seiten her erleuchteten und rings widerglänzenden See, dessen Länge sich
zum Teil verbarg, seiner Breite nach ganz und klar zu überschauen.
    Was man nun auch in solchen Zuständen besprechen mochte, so war doch nicht
zu unterlassen, das hundertmal Besprochene, die Vorzüge dieses Himmels, dieses
Wassers, dieser Erde, unter dem Einfluss einer gewaltigern Sonne, eines mildern
Mondes nochmals zu bereden, ja sie ausschliesslich und lyrisch anzuerkennen.
    Was man sich aber nicht gestand, was man sich kaum selbst bekennen mochte,
war das tiefe, schmerzliche Gefühl, das in jedem Busen stärker oder schwächer,
durchaus aber gleich wahr und zart sich bewegte. Das Vorgefühl des Scheidens
verbreitete sich über die Gesamteit; ein allmähliches Verstummen wollte fast
ängstlich werden.
    Da ermannte, da entschloss sich der Sänger, auf seinem Instrumente kräftig
präludierend, uneingedenk jener früheren wohlbedachten Schonung. Ihm schwebte
Mignons Bild mit dem ersten Zartgesang des holden Kindes vor. Leidenschaftlich
über die Grenze gerissen, mit sehnsüchtigem Griff die wohlklingenden Saiten
aufregend, begann er anzustimmen:
»Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn,
Im dunklen Laub - - -«
Hilarie stand erschüttert auf und entfernte sich, die Stirne verschleiernd;
unsere schöne Witwe bewegte ablehnend eine Hand gegen den Sänger, indem sie mit
der andern Wilhelms Arm ergriff. Hilarien folgte der wirklich verworrene
Jüngling, Wilhelmen zog die mehr besonnene Freundin so hinter beiden drein. Und
als sie nun alle viere im hohen Mondschein sich gegenüberstanden, war die
allgemeine Rührung nicht mehr zu verhehlen. Die Frauen warfen sich einander in
die Arme, die Männer umhalsten sich, und Luna ward Zeuge der edelsten,
keuschesten Tränen. Einige Besinnung kehrte langsam erst zurück, man zog sich
auseinander, schweigend, unter seltsamen Gefühlen und Wünschen, denen doch die
Hoffnung schon abgeschnitten war. Nun fühlte sich unser Künstler, welchen der
Freund mit sich riss, unter dem hehren Himmel, in der ernst-lieblichen
Nachtstunde, eingeweiht in alle Schmerzen des ersten Grades der Entsagenden,
welchen jene Freunde schon überstanden hatten, nun aber sich in Gefahr sahen,
abermals schmerzlich geprüft zu werden.
    Spät hatten sich die Jünglinge zur Ruhe begeben, und am frühen Morgen zeitig
erwachend, fassten sie ein Herz und glaubten sich stark zu einem Abschied aus
diesem Paradiese, ersannen mancherlei Plane, wie sie ohne Pflichtverletzung in
der angenehmen Nähe zu verharren allenfalls möglich machten.
    Ihre Vorschläge deshalb gedachten sie anzubringen, als die Nachricht sie
überraschte, schon beim frühsten Scheine des Tages seien die Damen abgefahren.
Ein Brief von der Hand unserer Herzenskönigin belehrte sie des Weitern. Man
konnte zweifelhaft sein, ob mehr Verstand oder Güte, mehr Neigung oder
Freundschaft, mehr Anerkennung des Verdienstes oder leises, verschämtes
Vorurteil darin ausgesprochen sei. Leider entielt der Schluss die harte
Forderung, dass man den Freundinnen weder folgen noch sie irgendwo aufsuchen, ja,
wenn man sich zufällig begegnete einander treulich ausweichen wolle.
    Nun war das Paradies wie durch einen Zauberschlag für die Freunde zur
völligen Wüste gewandelt; und gewiss hätten sie selbst gelächelt, wäre ihnen in
dem Augenblick klar geworden, wie ungerecht-undankbar sie sich auf einmal gegen
eine so schöne, so merkwürdige Umgebung verhielten. Kein selbstsüchtiger
Hypochondrist würde so scharf und scheelsüchtig den Verfall der Gebäude, die
Vernachlässigung der Mauern, das Verwittern der Türme, den Grasüberzug der
Gänge, das Aussterben der Bäume, das vermoosende Vermodern der Kunstgrotten, und
was noch alles dergleichen zu bemerken wäre, gerügt und gescholten haben. Sie
fassten sich indes, so gut es sich fügen wollte; unser Künstler packte sorgfältig
seine Arbeit zusammen sie schifften beide sich ein, Wilhelm begleitete ihn bis
in die obere Gegend des Sees, wo jener nach früherer Verabredung seinen Weg zu
Natalien suchte, um sie durch die schönen landschaftlichen Bilder in Gegenden zu
versetzen, die sie vielleicht so bald nicht betreten sollte. Berechtigt ward er
zugleich, den unerwarteten Fall bekennend vorzutragen, wodurch er in die Lage
geraten, von den Bundesgliedern des Entsagens aufs freundlichste in die Mitte
genommen und durch liebevolle Behandlung, wo nicht geheilt, doch getröstet zu
werden.
                               Lenardo an Wilhelm
Ihr Schreiben, mein Teuerster, traf mich in einer Tätigkeit, die ich Verwirrung
nennen könnte, wenn der Zweck nicht so gross, das Erlangen nicht so sicher wäre.
Die Verbindung mit den Ihrigen ist wichtiger, als beide Teile sich denken
konnten. Darüber darf ich nicht anfangen zu schreiben, weil sich gleich
hervortut, wie unübersehbar das Ganze, wie unaussprechlich die Verknüpfung. Tun
ohne Reden muss jetzt unsre Losung sein. Tausend Dank, dass Sie mir auf ein so
anmutiges Geheimnis halb verschleiert in die Ferne hindeuten; ich gönne dem
guten Wesen einen so einfach glücklichen Zustand, indessen mich ein Wirbel von
Verschlingungen, doch nicht ohne Leitstern, umhertreiben wird. Der Abbé
übernimmt, das Weitere zu vermelden, ich darf nur dessen gedenken, was fördert;
die Sehnsucht verschwindet im Tun und Wirken. Sie haben mich - und hier nicht
weiter; wo genug zu schaffen ist, bleibt kein Raum für Betrachtung.
                              Der Abbé an Wilhelm
Wenig hätte gefehlt, so wäre Ihr wohlgemeinter Brief, ganz Ihrer Absicht
entgegen, uns höchst schädlich geworden. Die Schilderung der Gefundenen ist so
gemütlich und reizend, dass, um sie gleichfalls aufzufinden, der wunderliche
Freund vielleicht alles hätte stehen und liegen lassen, wären unsre nunmehr
verbündeten Plane nicht so gross und weitaussehend. Nun aber hat er die Probe
bestanden, und es bestätigt sich, dass er von der wichtigen Angelegenheit völlig
durchdrungen ist und sich von allem andern ab- und allein dortin gezogen fühlt.
    In diesem unserm neuen Verhältnis, dessen Einleitung wir Ihnen verdanken,
ergaben sich bei näherer Untersuchung für jene wie für uns weit grössere
Vorteile, als man gedacht hätte.
    Denn gerade durch eine von der Natur weniger begünstigte Gegend, wo ein Teil
der Güter gelegen ist, die ihm der Oheim abtritt, ward in der neuern Zeit ein
Kanal projektiert, der auch durch unsere Besitzungen sich ziehen wird und
wodurch, wenn wir uns aneinander schliessen, sich der Wert derselben ins
Unberechenbare erhöht.
    Hierbei kann er seine Hauptneigung, ganz von vorne anzufangen, sehr bequem
entwickeln. Zu beiden Seiten jener Wasserstrasse wird unbebautes und unbewohntes
Land genugsam zu finden sein; dort mögen Spinnerinnen und Weberinnen sich
ansiedeln, Maurer, Zimmerleute und Schmiede sich und ihnen mässige Werkstätten
bestellen; alles mag durch die erste Hand vernichtet werden, indessen wir andern
die verwickelten Aufgaben zu lösen unternehmen und den Umschwung der Tätigkeit
zu befördern wissen.
    Dieses ist also die nächste Aufgabe unsers Freundes. Aus den Gebirgen
vernimmt man Klagen über Klagen, wie dort Nahrungslosigkeit überhandnehme; auch
sollen jene Strecken im Übermass bevölkert sein. Dort wird er sich umsehen,
Menschen und Zustände beurteilen und die wahrhaft Tätigen, sich selbst und
andern Nützlichen in unsern Zug mit aufnehmen.
    Ferner hab' ich von Lotario zu berichten, er bereitet den völligen Abschluss
vor. Eine Reise zu den Pädagogen hat er unternommen, um sich tüchtige Künstler,
nur sehr wenige, zu erbitten. Die Künste sind das Salz der Erde; wie dieses zu
den Speisen, so verhalten sich jene zu der Technik. Wir nehmen von der Kunst
nicht mehr auf als nur, dass das Handwerk nicht abgeschmackt werde.
    Im ganzen wird zu jener pädagogischen Anstalt uns eine dauernde Verbindung
höchst nützlich und nötig werden. Wir müssen tun und dürfen ans Bilden nicht
denken; aber Gebildete heranzuziehen ist unsre höchste Pflicht.
    Tausend und aber tausend Betrachtungen schliessen sich hier an; erlauben Sie
mir nach unsrer alten Weise nur noch ein allgemeines Wort, veranlasst durch eine
Stelle Ihres Briefes an Lenardo. Wir wollen der Hausfrömmigkeit das gebührende
Lob nicht entziehen: auf ihr gründet sich die Sicherheit des Einzelnen, worauf
zuletzt denn auch die Festigkeit und Würde des Ganzen beruhen mag; aber sie
reicht nicht mehr hin, wir müssen den Begriff einer Weltfrömmigkeit fassen,
unsre redlich menschlichen Gesinnungen in einen praktischen Bezug ins Weite
setzen und nicht nur unsre Nächsten fördern, sondern zugleich die ganze
Menschheit mitnehmen.
    Um nun zuletzt Ihres Gesuches zu erwähnen, sag' ich so viel: Montan hat es
zu rechter Zeit bei uns angebracht. Der wunderliche Mann wollte durchaus nicht
erklären, was Sie eigentlich vorhätten, doch er gab sein Freundeswort, dass es
verständig und, wenn es gelänge, der Gesellschaft höchst nützlich sein würde.
Und so ist Ihnen verziehen, dass Sie in Ihrem Schreiben gleichfalls ein Geheimnis
davon machen. Genug, Sie sind von aller Beschränkteit entbunden, wie es Ihnen
schon zugekommen sein sollte, wäre uns Ihr Aufentalt bekannt gewesen. Deshalb
wiederhol' ich im Namen aller: Ihr Zweck, obschon unausgesprochen, wird im
Zutrauen auf Montan und Sie gebilligt. Reisen Sie, halten Sie sich auf, bewegen
Sie sich, verharren Sie! was Ihnen gelingt, wird recht sein; möchten Sie sich
zum notwendigsten Glied unsrer Kette bilden.
    Ich lege zum Schluss ein Täfelchen bei, woraus Sie den beweglichen
Mittelpunkt unsrer Kommunikationen erkennen werden. Sie finden darin vor Augen
gestellt, wohin Sie zu jeder Jahrszeit Ihre Briefe zu senden haben; am liebsten
sehen wir's durch sichere Boten, deren Ihnen genugsame an mehreren Orten
angedeutet sind. Ebenso finden Sie durch Zeichen bemerkt, wo Sie einen oder den
andern der Unsrigen aufzusuchen haben.
                                  Zwischenrede
Hier aber finden wir uns in dem Falle, dem Leser eine Pause und zwar von einigen
Jahren anzukündigen, weshalb wir gern, wäre es mit der typographischen
Einrichtung zu verknüpfen gewesen, an dieser Stelle einen Band abgeschlossen
hätten.
    Doch wird ja wohl auch der Raum zwischen zwei Kapiteln genügen, um sich über
das Mass gedachter Zeit hinwegzusetzen, da wir längst gewohnt sind, zwischen dem
Sinken und Steigen des Vorhangs in unserer persönlichen Gegenwart dergleichen
geschehen zu lassen.
    Wir haben in diesem zweiten Buche die Verhältnisse unsrer alten Freunde
bedeutend steigern sehen und zugleich frische Bekanntschaften gewonnen; die
Aussichten sind derart, dass zu hoffen steht, es werde allen und jeden, wenn sie
sich ins Leben zu finden wissen, ganz erwünscht geraten. Erwarten wir also
zunächst, einen nach dem andern, sich verflechtend und entwindend, auf gebahnten
und ungebahnten Wegen wiederzufinden.
 
                                 Achtes Kapitel
Suchen wir nun unsern seit einiger Zeit sich selbst überlassenen Freund wieder
auf, so finden wir ihn, wie er von seiten des flachen Landes her in die
pädagogische Provinz hineintritt. Er kommt über Auen und Wiesen, umgeht auf
trocknem Anger manchen kleinen See, erblickt mehr bebuschte als waldige Hügel,
überall freie Umsicht über einen wenig bewegten Boden. Auf solchen Pfaden blieb
ihm nicht lange zweifelhaft, er befinde sich in der pferdenährenden Region, auch
gewahrte er hie und da kleinere und grössere Herden dieses edlen Tiers,
verschiedenen Geschlechts und Alters. Auf einmal aber bedeckt sich der Horizont
mit einer furchtbaren Staubwolke, die, eiligst näher und näher anschwellend,
alle Breite des Raums völlig überdeckt, endlich aber, durch frischen Seitenwind
entüllt, ihren innern Tumult zu offenbaren genötigt ist.
    In vollem Galopp stürzt eine grosse Masse solcher edlen Tiere heran, sie
werden durch reitende Hüter gelenkt und zusammengehalten. An dem Wanderer
sprengt das ungeheure Gewimmel vorbei, ein schöner Knabe unter den begleitenden
Hütern blickt ihn verwundert an, pariert, springt ab und umarmt den Vater.
    Nun geht es an ein Fragen und Erzählen; der Sohn berichtet, dass er in der
ersten Prüfungszeit viel ausgestanden, sein Pferd vermisst und auf Äckern und
Wiesen sich zu Fuss herumgetrieben; da er sich denn auch in dem stillen,
mühseligen Landleben, wie er voraus protestiert, nicht sonderlich erwiesen; das
Erntefest habe ihm zwar ganz wohl, das Bestellen hinterdrein, Pflügen, Graben
und Abwarten keineswegs gefallen, mit den notwendigen und nutzbaren Haustieren
habe er sich zwar, doch immer lässig und unzufrieden beschäftigt, bis er denn
zur lebhafteren Reiterei endlich befördert worden. Das Geschäft, die Stuten und
Fohlen zu hüten, sei mitunter zwar langweilig genug, indessen wenn man ein
muntres Tierchen vor sich sehe, das einen vielleicht in drei, vier Jahren lustig
davontrüge, so sei es doch ein ganz anderes Wesen, als sich mit Kälbern und
Ferkeln abzugeben, deren Lebenszweck dahinaus gehe, wohl gefüttert und
angefettet fortgeschaft zu werden.
    Mit dem Wachstum des Knaben, der sich wirklich zum Jüngling heranstreckte,
seiner gesunden Haltung, einem gewissen frei-heitern, um nicht zu sagen
geistreichen Gespräche konnte der Vater wohl zufrieden sein. Beide folgten
reitend nunmehr eilig der eilenden Herde, bei einsam gelegenen weitläufigen
Gehöften vorüber, zu dem Ort oder Flecken, wo das grosse Marktfest gehalten ward.
Dort wühlt ein unglaubliches Getümmel durcheinander, und man wüsste nicht zu
unterscheiden, ob Ware oder Käufer mehr Staub erregten. Aus allen Landen treffen
hier Kauflustige zusammen, um Geschöpfe edler Abkunft, sorgfältiger Zucht sich
zuzueignen. Alle Sprachen der Welt glaubt man zu hören. Dazwischen tönt auch der
lebhafte Schall wirksamster Blasinstrumente, und alles deutet auf Bewegung,
Kraft und Leben.
    Unser Wanderer trifft nun den vorigen, schon bekannten Aufseher wieder an,
gesellt zu andern tüchtigen Männern, welche still und gleichsam unbemerkt Zucht
und Ordnung zu erhalten wissen. Wilhelm, der hier abermals ein Beispiel
ausschliesslicher Beschäftigung und, wie ihm bei aller Breite scheint,
beschränkter Lebensleitung zu bemerken glaubt, wünscht zu erfahren, worin man
die Zöglinge sonst noch zu üben pflege, um zu verhindern, dass bei so wilder,
gewissermassen roher Beschäftigung, Tiere nährend und erziehend, der Jüngling
nicht selbst zum Tiere verwildere. Und so war ihm denn sehr lieb zu vernehmen,
dass gerade mit dieser gewaltsam und rauh scheinenden Bestimmung die zarteste von
der Welt verknüpft sei: Sprachübung und Sprachbildung.
    In dem Augenblick vermisste der Vater den Sohn an seiner Seite, er sah ihn
zwischen den Lücken der Menge durch mit einem jungen Tabulettkrämer über
Kleinigkeiten eifrig handeln und feilschen. In kurzer Zeit sah er ihn gar nicht
mehr. Als nun der Aufseher nach der Ursache einer gewissen Verlegenheit und
Zerstreuung fragte und dagegen vernahm, dass es den Sohn gelte: »Lassen Sie es
nur«, sagte er zur Beruhigung des Vaters, »er ist unverloren; damit Sie aber
sehen, wie wir die Unsrigen zusammenhalten«, stiess er mit Gewalt in ein
Pfeifchen, das an seinem Busen hing, in dem Augenblick antwortete es
dutzendweise von allen Seiten. Der Mann fuhr fort: »Jetzt lass' ich es dabei
bewenden, es ist nur ein Zeichen, dass der Aufseher in der Nähe ist und ungefähr
wissen will, wie viel ihn hören. Auf ein zweites Zeichen sind sie still, aber
bereiten sich, auf das dritte antworten sie und stürzen herbei. Übrigens sind
diese Zeichen auf gar mannigfaltige Weise vervielfältigt und von besonderem
Nutzen.«
    Auf einmal hatte sich um sie her ein freierer Raum gebildet, man konnte
freier sprechen, indem man gegen die benachbarten Höhen spazierte. »Zu jenen
Sprachübungen«, fuhr der Aufsehende fort, »wurden wir dadurch bestimmt, dass aus
allen Weltgegenden Jünglinge sich hier befinden. Um nun zu verhüten, dass sich
nicht, wie in der Fremde zu geschehen pflegt, die Landsleute vereinigen und, von
den übrigen Nationen abgesondert, Parteien bilden, so suchen wir durch freie
Sprachmitteilung sie einander zu nähern.
    Am notwendigsten aber wird eine allgemeine Sprachübung, weil bei diesem
Festmarkte jeder Fremde in seinen eigenen Tönen und Ausdrücken genugsame
Unterhaltung, beim Feilschen und Markten aber alle Bequemlichkeit gerne finden
mag. Damit jedoch keine babylonische Verwirrung, keine Verderbnis entstehe, so
wird das Jahr über monatweise nur eine Sprache im allgemeinen gesprochen, nach
dem Grundsatz, dass man nichts lerne ausserhalb des Elements, welches bezwungen
werden soll.
    Wir sehen unsere Schüler«, sagte der Aufseher, »sämtlich als Schwimmer an,
welche mit Verwunderung im Elemente, das sie zu verschlingen droht, sich
leichter fühlen, von ihm gehoben und getragen sind; und so ist es mit allem,
dessen sich der Mensch unterfängt.
    Zeigt jedoch einer der Unsrigen zu dieser oder jener Sprache besondere
Neigung, so ist auch mitten in diesem tumultvoll scheinenden Leben, das zugleich
sehr viel ruhige, müssig-einsame, ja langweilige Stunden bietet, für treuen und
gründlichen Unterricht gesorgt. Ihr würdet unsere reitenden Grammatiker, unter
welchen sogar einige Pedanten sind, aus diesen bärtigen und unbärtigen Centauren
wohl schwerlich herausfinden. Euer Felix hat sich zum Italienischen bestimmt,
und da, wie Ihr schon wisst, melodischer Gesang bei unsern Anstalten durch alles
durchgreift, so solltet Ihr ihn in der Langweile des Hüterlebens gar manches
Lied zierlich und gefühlvoll vortragen hören. Lebenstätigkeit und Tüchtigkeit
ist mit auslangendem Unterricht weit verträglicher, als man denkt.«
    Da eine jede Region ihr eigenes Fest feiert, so führte man den Gast zum
Bezirk der Instrumentalmusik. Dieser, an die Ebene grenzend, zeigte schon
freundlich und zierlich abwechselnde Täler, kleine schlanke Wälder, sanfte
Bäche, an deren Seite hie und da ein bemooster Fels hervortrat. Zerstreute,
umbuschte Wohnungen erblickte man auf den Hügeln, in sanften Gründen drängten
sich die Häuser näher aneinander. Jene anmutig vereinzelten Hütten lagen so weit
auseinander, dass weder Töne noch Misstöne sich wechselseitig erreichen konnten.
    Sie näherten sich sodann einem weiten, rings umbauten und umschatteten
Raume, wo Mann an Mann gedrängt mit grosser Aufmerksamkeit und Erwartung gespannt
schienen. Eben als der Gast herantrat, ward eine mächtige Symphonie aller
Instrumente aufgeführt, deren vollständige Kraft und Zarteit er bewundern
musste. Dem geräumig erbauten Orchester gegenüber stand ein kleineres, welches zu
besonderer Betrachtung Anlass gab; auf demselben befanden sich jüngere und ältere
Schüler, jeder hielt sein Instrument bereit, ohne zu spielen; es waren
diejenigen, die noch nicht vermochten oder nicht wagten, mit ins Ganze zu
greifen. Mit Anteil bemerkte man, wie sie gleichsam auf dem Sprunge standen, und
hörte rühmen: ein solches Fest gehe selten vorüber, ohne dass ein oder das andere
Talent sich plötzlich entwickele.
    Da nun auch Gesang zwischen den Instrumenten sich hervortat, konnte kein
Zweifel übrigbleiben, dass auch dieser begünstigt werde. Auf eine Frage sodann,
was noch sonst für eine Bildung sich hier freundlich anschliesse, vernahm der
Wanderer: die Dichtkunst sei es, und zwar von der lyrischen Seite. Hier komme
alles darauf an, dass beide Künste, jede für sich und aus sich selbst, dann aber
gegen- und miteinander entwickelt werden. Die Schüler lernen eine wie die andre
in ihrer Bedingteit kennen; sodann wird gelehrt, wie sie sich wechselsweise
bedingen und sich sodann wieder wechselseitig befreien.
    Der poetischen Rhytmik stellt der Tonkünstler Takteinteilung und
Taktbewegung entgegen. Hier zeigt sich aber bald die Herrschaft der Musik über
die Poesie; denn wenn diese, wie billig und notwendig, ihre Quantitäten immer so
rein als möglich im Sinne hat, so sind für den Musiker wenig Silben entschieden
lang oder kurz; nach Belieben zerstört dieser das gewissenhafteste Verfahren des
Rhytmikers, ja verwandelt sogar Prosa in Gesang, wo dann die wunderbarsten
Möglichkeiten hervortreten, und der Poet würde sich gar bald vernichtet fühlen,
wüsste er nicht von seiner Seite durch lyrische Zarteit und Kühnheit dem Musiker
Ehrfurcht einzuflössen und neue Gefühle, bald in sanftester Folge, bald durch die
raschesten Übergänge, hervorzurufen.
    Die Sänger, die man hier findet, sind meist selbst Poeten. Auch der Tanz
wird in seinen Grundzügen gelehrt, damit sich alle diese Fertigkeiten über
sämtliche Regionen regelmässig verbreiten können.
    Als man den Gast über die nächste Grenze führte, sah er auf einmal eine ganz
andere Bauart. Nicht mehr zerstreut waren die Häuser, nicht mehr hüttenartig;
sie zeigten sich vielmehr regelmässig zusammengestellt, prächtig und schön von
aussen, geräumig, bequem und zierlich von innen; man ward hier einer unbeengten,
wohlgebauten, der Gegend angemessenen Stadt gewahr. Hier sind bildende Kunst und
die ihr verwandten Handwerke zu Hause, und eine ganz eigene Stille herrscht über
diesen Räumen.
    Der bildende Künstler denkt sich zwar immer in Bezug auf alles, was unter
den Menschen lebt und webt, aber sein Geschäft ist einsam, und durch den
sonderbarsten Widerspruch verlangt vielleicht kein anderes so entschieden
lebendige Umgebung. Hier nun bildet jeder im stillen, was bald für immer die
Augen der Menschen beschäftigen soll; eine Feiertagsruhe waltet über dem ganzen
Ort, und hätte man nicht hie und da das Picken der Steinhauer oder abgemessene
Schläge der Zimmerleute vernommen, die soeben emsig beschäftigt waren, ein
herrliches Gebäude zu vollenden, so wäre die Luft von keinem Ton bewegt gewesen.
    Unserm Wanderer fiel der Ernst auf, die wunderbare Strenge, mit welcher
sowohl Anfänger als Fortschreitende behandelt wurden; es schien, als wenn keiner
aus eigner Macht und Gewalt etwas leistete, sondern als wenn ein geheimer Geist
sie alle durch und durch belebte, nach einem einzigen grossen Ziele hinleitend.
Nirgends erblickte man Entwurf und Skizze, jeder Strich war mit Bedacht gezogen,
und als sich der Wanderer von dem Führer eine Erklärung des ganzen Verfahrens
erbat, äusserte dieser: die Einbildungskraft sei ohnehin ein vages, unstätes
Vermögen, während das ganze Verdienst des bildenden Künstlers darin bestehe, dass
er sie immer mehr bestimmen, festalten, ja endlich bis zur Gegenwart erhöhen
lerne.
    Man erinnerte an die Notwendigkeit sicherer Grundsätze in andern Künsten.
»Würde der Musiker einem Schüler vergönnen, wild auf den Saiten herumzugreifen
oder sich gar Intervalle nach eigner Lust und Belieben zu erfinden? Hier wird
auffallend, dass nichts der Willkür des Lernenden zu überlassen sei; das Element,
worin er wirken soll, ist entschieden gegeben, das Werkzeug, das er zu handhaben
hat, ist ihm eingehändigt, sogar die Art und Weise, wie er sich dessen bedienen
soll, ich meine den Fingerwechsel, findet er vorgeschrieben, damit ein Glied dem
andern aus dem Wege gehe und seinem Nachfolger den rechten Weg bereite; durch
welches gesetzliche Zusammenwirken denn zuletzt allein das Unmögliche möglich
wird.
    Was uns aber zu strengen Forderungen, zu entschiedenen Gesetzen am meisten
berechtigt, ist: dass gerade das Genie, das angeborne Talent sie am ersten
begreift, ihnen den willigsten Gehorsam leistet. Nur das Halbvermögen wünschte
gern seine beschränkte Besonderheit an die Stelle des unbedingten Ganzen zu
setzen und seine falschen Griffe, unter Vorwand einer unbezwinglichen
Originalität und Selbstständigkeit, zu beschönigen. Das lassen wir aber nicht
gelten, sondern hüten unsere Schüler vor allen Misstritten, wodurch ein grosser
Teil des Lebens, ja manchmal das ganze Leben verwirrt und zerpflückt wird.
    Mit dem Genie haben wir am liebsten zu tun, denn dieses wird eben von dem
guten Geiste beseelt, bald zu erkennen, was ihm nutz ist. Es begreift, dass Kunst
eben darum Kunst heisse, weil sie nicht Natur ist. Es bequemt sich zum Respekt,
sogar vor dem, was man konventionell nennen könnte: denn was ist dieses anders,
als dass die vorzüglichsten Menschen übereinkamen, das Notwendige, das
Unerlässliche für das Beste zu halten; und gereicht es nicht überall zum Glück?
    Zur grossen Erleichterung für die Lehrer sind auch hier, wie überall bei uns,
die drei Ehrfurchten und ihre Zeichen mit einiger Abänderung, der Natur des
obwaltenden Geschäfts gemäss, eingeführt und eingeprägt.«
    Den ferner umhergeleiteten Wanderer musste nunmehr in Verwunderung setzen,
dass die Stadt sich immer zu erweitern, Strasse aus Strasse sich zu entwickeln
schien, mannigfaltige Ansichten gewährend. Das Äussere der Gebäude sprach ihre
Bestimmung unzweideutig aus, sie waren würdig und stattlich, weniger prächtig
als schön. Den edlern und ernsteren in Mitte der Stadt schlossen sich die
heitern gefällig an, bis zuletzt zierliche Vorstädte anmutigen Stils gegen das
Feld sich hinzogen und endlich als Gartenwohnungen zerstreuten.
    Der Wanderer konnte nicht unterlassen, hier zu bemerken, dass die Wohnungen
der Musiker in der vorigen Region keineswegs an Schönheit und Raum den
gegenwärtigen zu vergleichen seien, welche Maler, Bildhauer und Baumeister
bewohnen. Man erwiderte ihm, dies liege in der Natur der Sache. Der Musikus
müsse immer in sich selbst gekehrt sein, sein Innerstes ausbilden, um es nach
aussen zu wenden. »Dem Sinne des Auges hat er nicht zu schmeicheln. Das Auge
bevorteilt gar leicht das Ohr und lockt den Geist von innen nach aussen.
Umgekehrt muss der bildende Künstler in der Aussenwelt leben und sein Inneres
gleichsam unbewusst an und in dem Auswendigen manifestieren. Bildende Künstler
müssen wohnen wie Könige und Götter, wie wollten sie denn sonst für Könige und
Götter bauen und verzieren? Sie müssen sich zuletzt dergestalt über das Gemeine
erheben, dass die ganze Volksgemeinde in und an ihren Werken sich veredelt
fühle.«
    Sodann liess unser Freund sich ein anderes Paradoxon erklären: warum gerade
in diesen festlichen, andere Regionen so belebenden, tumultuarisch erregten
Tagen hier die grösste Stille herrsche und das Arbeiten nicht auch ausgesetzt
werde?
    »Ein bildender Künstler«, hiess es, »bedarf keines Festes, ihm ist das ganze
Jahr ein Fest. Wenn er etwas Treffliches geleistet hat, es steht nach wie vor
seinem Aug' entgegen, dem Auge der ganzen Welt. Da bedarf es keiner
Wiederholung, keiner neuen Anstrengung, keines frischen Gelingens, woran sich
der Musiker immerfort abplagt, dem daher das splendideste Fest innerhalb des
vollzähligsten Kreises zu gönnen ist.«
    »Man sollte aber doch«, versetzte Wilhelm, »in diesen Tagen eine Ausstellung
belieben, wo die dreijährigen Fortschritte der bravesten Zöglinge mit Vergnügen
zu beschauen und zu beurteilen wären.«
    »An anderen Orten«, versetzte man, »mag eine Ausstellung sich nötig machen,
bei uns ist sie es nicht. Unser ganzes Wesen und Sein ist Ausstellung. Sehen Sie
hier die Gebäude aller Art, alle von Zöglingen aufgeführt; freilich nach
hundertmal besprochenen und durchdachten Rissen: denn der Bauende soll nicht
herumtasten und versuchen; was stehenbleiben soll, muss recht stehen und, wo
nicht für die Ewigkeit, doch für geraume Zeit genügen. Mag man doch immer Fehler
begehen, bauen darf man keine.
    Mit Bildhauern verfahren wir schon lässlicher, am lässlichsten mit Malern, sie
dürfen dies und jenes versuchen, beide in ihrer Art. Ihnen steht frei, in den
innern, an den äussern Räumen der Gebäude, auf Plätzen sich eine Stelle zu
wählen, die sie verzieren wollen. Sie machen ihren Gedanken kund, und wenn er
einigermassen zu billigen ist, so wird die Ausführung zugestanden, und zwar auf
zweierlei Weise, entweder mit Vergünstigung, früher oder später die Arbeit
wegnehmen zu dürfen, wenn sie dem Künstler selbst missfiele, oder mit Bedingung,
das einmal Aufgestellte unabänderlich am Orte zu lassen. Die meisten erwählen
das erste und behalten sich jene Erlaubnis vor, wobei sie immer am besten
beraten sind. Der zweite Fall tritt seltner ein, und man bemerkt, dass alsdann
die Künstler sich weniger vertrauen, mit Gesellen und Kennern lange Konferenzen
halten und dadurch wirklich schätzenswerte dauerwürdige Arbeiten hervorzubringen
wissen.«
    Nach allem diesem versäumte Wilhelm nicht, sich zu erkundigen, was für ein
anderer Unterricht sich sonst noch anschliesse, und man gestand ihm, dass es die
Dichtkunst, und zwar die epische sei.
    Doch musste dem Freunde dies sonderbar scheinen, als man hinzufügte: es werde
den Schülern nicht vergönnt, schon ausgearbeitete Gedichte älterer und neuerer
Dichter zu lesen oder vorzutragen; ihnen wird nur eine Reihe von Myten,
Überlieferungen und Legenden lakonisch mitgeteilt. Nun erkennt man gar bald an
malerischer oder poetischer Ausführung das eigene Produktive des einer oder der
andern Kunst gewidmeten Talents. Dichter und Bildner, beide beschäftigen sich an
einer Quelle, und jeder sucht das Wasser nach seiner Seite, zu seinem Vorteil
hinzulenken, um nach Erfordernis eigne Zwecke zu erreichen; welches ihm viel
besser gelingt, als wenn er das schon Verarbeitete nochmals umarbeiten wollte.
    Der Reisende selbst hatte Gelegenheit, zu sehen, wie das vorging. Mehrere
Maler waren in einem Zimmer beschäftigt, ein munterer junger Freund erzählte
sehr ausführlich eine ganz einfache Geschichte, so dass er fast ebenso viele
Worte als jene Pinselstriche anwendete, seinen Vortrag ebenfalls aufs rundeste
zu vollenden.
    Man versicherte, dass beim Zusammenarbeiten die Freunde sich gar anmutig
unterhielten und dass sich auf diesem Wege öfters Improvisatoren entwickelten,
welche grossen Entusiasmus für die zwiefache Darstellung zu erregen wüssten.
    Der Freund wendete nun seine Erkundigungen zur bildenden Kunst zurück. »Ihr
habt«, so sprach er, »keine Ausstellung, also auch wohl keine Preisaufgabe?«
»Eigentlich nicht«, versetzte jener, »hier aber ganz in der Nähe können wir Euch
sehen lassen, was wir für nützlicher halten.«
    Sie traten in einen grossen, von oben glücklich erleuchteten Saal; ein weiter
Kreis beschäftigter Künstler zeigte sich zuerst, aus dessen Mitte sich eine
kolossale Gruppe günstig aufgestellt erhob. Männliche und weibliche
Kraftgestalten in gewaltsamen Stellungen erinnerten an jenes herrliche Gefecht
zwischen Heldenjünglingen und Amazonen, wo Hass und Feindseligkeit zuletzt sich
in wechselseitig-traulichen Beistand auflöst. Dieses merkwürdig verschlungene
Kunstwerk war von jedem Punkte ringsum gleich günstig anzusehen. In einem weiten
Umfang sassen und standen bildende Künstler, jeder nach seiner Weise beschäftigt:
der Maler an seiner Staffelei, der Zeichner am Reissbrett; einige modellierten
rund, einige flach erhoben; ja sogar Baumeister entwarfen den Untersatz, worauf
künftig ein solches Kunstwerk gestellt werden sollte. Jeder Teilnehmende verfuhr
nach seiner Weise bei der Nachbildung, Maler und Zeichner entwickelten die
Gruppe zur Fläche, sorgfältig jedoch, sie nicht zu zerstören, sondern so viel
wie möglich beizubehalten. Ebenso wurden die flacherhobenen Arbeiten behandelt.
Nur ein einziger hatte die ganze Gruppe in kleinerem Massstabe wiederholt, und er
schien das Modell wirklich in gewissen Bewegungen und Gliederbezug übertroffen
zu haben.
    Nun offenbarte sich, dies sei der Meister des Modells, der dasselbe vor der
Ausführung in Marmor hier einer nicht beurteilenden, sondern praktischen Prüfung
unterwarf und so alles, was jeder seiner Mitarbeiter nach eigner Weise und
Denkart daran gesehen, beibehalten oder verändert, genau beobachtend bei
nochmaligem Durchdenken zu eignem Vorteil anzuwenden wusste; dergestalt, dass
zuletzt, wenn das hohe Werk in Marmor gearbeitet dastehen wird, obgleich nur von
einem unternommen, angelegt und ausgeführt, doch allen anzugehören scheinen
möge.
    Die grösste Stille beherrschte auch diesen Raum, aber der Vorsteher erhob
seine Stimme und rief: »Wer wäre denn hier, der uns in Gegenwart dieses
stationären Werkes mit trefflichen Worten die Einbildungskraft dergestalt
erregte, dass alles, was wir hier fixiert sehen, wieder flüssig würde, ohne
seinen Charakter zu verlieren, damit wir uns überzeugen, das, was der Künstler
hier festgehalten, sei auch das Würdigste?«
    Namentlich aufgefordert von allen, verliess ein schöner Jüngling seine Arbeit
und begann heraustretend einen ruhigen Vortrag, worin er das gegenwärtige
Kunstwerk nur zu beschreiben schien, bald aber warf er sich in die eigentliche
Region der Dichtkunst, tauchte sich in die Mitte der Handlung und beherrschte
dies Element zur Bewunderung; nach und nach steigerte sich seine Darstellung
durch herrliche Deklamation auf einen solchen Grad, dass wirklich die starre
Gruppe sich um ihre Achse zu bewegen und die Zahl der Figuren daran verdoppelt
und verdreifacht schien. Wilhelm stand entzückt und rief zuletzt: »Wer will sich
hier noch entalten, zum eigentlichen Gesang und zum rhytmischen Lied
überzugehen!«
    »Dies möcht' ich verbitten«, versetzte der Aufseher; »denn wenn unser
trefflicher Bildhauer aufrichtig sein will, so wird er bekennen, dass ihm unser
Dichter eben darum beschwerlich gefallen, weil beide Künstler am weitesten
auseinander stehen; dagegen wollt' ich wetten, ein und der andere Maler hat sich
gewisse lebendige Züge daraus angeeignet.
    Ein sanftes, gemütliches Lied jedoch möcht' ich unserm Freunde zu hören
geben, eines, das ihr so ernst-lieblich vortragt; es bewegt sich über das Ganze
der Kunst und ist mir selbst, wenn ich es höre, stets erbaulich.«
    Nach einer Pause, in der sie einander zuwinkten und sich durch Zeichen
beredeten, erscholl von allen Seiten nach folgender Herz und Geist erhebende,
würdige Gesang:
»Zu erfinden, zu beschliessen,
Bleibe, Künstler, oft allein;
Deines Wirkens zu geniessen,
Eile freudig zum Verein!
Hier im Ganzen schau', erfahre
Deinen eignen Lebenslauf,
Und die Taten mancher Jahre
Gehn dir in dem Nachbar auf.
Der Gedanke, das Entwerfen,
Die Gestalten, ihr Bezug,
Eines wird das andre schärfen,
Und am Ende sei's genug!
Wohl erfunden, klug ersonnen,
Schön gebildet, zart vollbracht -
So von jeher hat gewonnen
Künstler kunstreich seine Macht.
Wie Natur im Vielgebilde
Einen Gott nur offenbart,
So im weiten Kunstgefilde
Webt ein Sinn der ew'gen Art;
Dieses ist der Sinn der Wahrheit,
Der sich nur mit Schönem schmückt
Und getrost der höchsten Klarheit
Hellsten Tags entgegenblickt.
Wie beherzt in Reim und Prose
Redner, Dichter sich ergehn,
Soll des Lebens heitre Rose
Frisch auf Malertafel stehn,
Mit Geschwistern reich umgeben,
Mit des Herbstes Frucht umlegt,
Dass sie von geheimem Leben
Offenbaren Sinn erregt.
Tausendfach und schön entfliesse
Form aus Formen deiner Hand,
Und im Menschenbild geniesse,
Dass ein Gott sich hergewandt.
Welch ein Werkzeug ihr gebrauchet
Stellet euch als Brüder dar;
Und gesangweis flammt und rauchet
Opfersäule vom Altar.«
Alles dieses mochte Wilhelm gar wohl gelten lassen, ob es ihm gleich sehr
paradox und, hätte er es nicht mit Augen gesehen, gar unmöglich scheinen musste.
Da man es ihm nun aber offen und frei, in schöner Folge vorwies und bekannt
machte, so bedurfte es kaum einer Frage, um das Weitere zu erfahren; doch
entielt er sich nicht, den Führenden zuletzt folgendermassen anzureden: »Ich
sehe, hier ist gar klüglich für alles gesorgt, was im Leben wünschenswert sein
mag; entdeckt mir aber auch: welche Region kann eine gleiche Sorgfalt für
dramatische Poesie aufweisen, und wo könnte ich mich darüber belehren? Ich sah
mich unter allen euren Gebäuden um und finde keines, das zu einem solchen Zweck
bestimmt sein könnte.«
    »Verhehlen dürfen wir nicht auf diese Anfrage, dass in unserer ganzen Provinz
dergleichen nicht anzutreffen sei: denn das Drama setzt eine müssige Menge,
vielleicht gar einen Pöbel voraus, dergleichen sich bei uns nicht findet; denn
solches Gelichter wird, wenn es nicht selbst sich unwillig entfernt, über die
Grenze gebracht. Seid jedoch gewiss, dass bei unserer allgemein wirkenden Anstalt
auch ein so wichtiger Punkt wohl überlegt worden; keine Region aber wollte sich
finden, überall trat ein bedeutendes Bedenken ein. Wer unter unsern Zöglingen
sollte sich leicht entschliessen, mit erlogener Heiterkeit oder geheucheltem
Schmerz ein unwahres, dem Augenblick nicht angehöriges Gefühl in der Masse zu
erregen, um dadurch ein immer missliches Gefallen abwechselnd hervorzubringen?
Solche Gaukeleien fanden wir durchaus gefährlich und konnten sie mit unserm
ernsten Zweck nicht vereinen.«
    »Man sagt aber doch«, versetzte Wilhelm, »diese weit um sich greifende Kunst
befördere die übrigen sämtlich.«
    »Keineswegs«, erwiderte man, »sie bedient sich der übrigen, aber verdirbt
sie. Ich verdenke dem Schauspieler nicht, wenn er sich zu dem Maler gesellt; der
Maler jedoch ist in solcher Gesellschaft verloren.
    Gewissenlos wird der Schauspieler, was ihm Kunst und Leben darbietet, zu
seinen flüchtigen Zwecken verbrauchen und mit nicht geringem Gewinn; der Maler
hingegen, der vom Teater auch wieder seinen Vorteil ziehen möchte, wird sich
immer im Nachteil finden und der Musikus im gleichen Falle sein. Die sämtlichen
Künste kommen mir vor wie Geschwister, deren die meisten zu guter Wirtschaft
geneigt wären, eins aber, leicht gesinnt, Hab und Gut der ganzen Familie sich
zuzueignen und zu verzehren Lust hätte. Das Teater ist in diesem Falle, es hat
einen zweideutigen Ursprung, den es nie ganz, weder als Kunst noch Handwerk,
noch als Liebhaberei verleugnen kann.«
    Wilhelm sah mit einem tiefen Seufzer vor sich nieder, denn alles auf einmal
vergegenwärtigte sich ihm, was er auf und an den Brettern genossen und gelitten
hatte; er segnete die frommen Männer, welche ihren Zöglingen solche Pein zu
ersparen gewusst und aus Überzeugung und Grundsatz jene Gefahren aus ihrem Kreise
gebannt.
    Sein Begleiter jedoch liess ihn nicht lange in diesen Betrachtungen, sondern
fuhr fort: »Da es unser höchster und heiligster Grundsatz ist, keine Anlage,
kein Talent zu missleiten, so dürfen wir uns nicht verbergen, dass unter so grosser
Anzahl sich eine mimische Naturgabe auch wohl entschieden hervortue; diese zeigt
sich aber in unwiderstehlicher Lust des Nachäffens fremder Charaktere,
Gestalten, Bewegung, Sprache. Dies fördern wir zwar nicht, beobachten aber den
Zögling genau, und bleibt er seiner Natur durchaus getreu, so haben wir uns mit
grossen Teatern aller Nationen in Verbindung gesetzt und senden einen bewährt
Fähigen sogleich dortin, damit er, wie die Ente auf dem Teiche, so auf den
Brettern seinem künftigen Lebensgewackel und -geschnatter eiligst
entgegengeleitet werde.«
    Wilhelm hörte dies mit Geduld, doch nur mit halber Überzeugung, vielleicht
mit einigem Verdruss: denn so wunderlich ist der Mensch gesinnt, dass er von dem
Unwert irgendeines geliebten Gegenstandes zwar überzeugt sein, sich von ihm
abwenden, sogar ihn verwünschen kann, aber ihn doch nicht von andern auf gleiche
Weise behandelt wissen will; und vielleicht regt sich der Geist des
Widerspruchs, der in allen Menschen wohnt, nie lebendiger und wirksamer als in
solchem Falle.
    Mag doch der Redakteur dieser Bogen hier selbst gestehen: dass er mit einigem
Unwillen diese wunderliche Stelle durchgehen lässt. Hat er nicht auch in
vielfachem Sinn mehr Leben und Kräfte als billig dem Teater zugewendet? und
könnte man ihn wohl überzeugen, dass dies ein unverzeihlicher Irrtum, eine
fruchtlose Bemühung gewesen?
    Doch wir finden keine Zeit, solchen Erinnerungen und Nachgefühlen unwillig
uns hinzugeben, denn unser Freund sieht sich angenehm überrascht, da ihm
abermals einer von den Dreien, und zwar ein besonders zusagender, vor die Augen
tritt. Entgegenkommende Sanftmut, den reinsten Seelenfrieden verkündend, teilte
sich höchst erquicklich mit. Vertrauend konnte der Wanderer sich nähern und
fühlte sein Vertrauen erwidert.
    Hier vernahm er nun, dass der Obere sich gegenwärtig bei den Heiligtümern
befinde, dort unterweise, lehre, segne, indessen die Dreie sich verteilt, um
sämtliche Regionen heimzusuchen und überall, nach genommener tiefster Kenntnis
und Verabredung mit den untergeordneten Aufsehern, das Eingeführte
weiterzuleiten, das Neubestimmte zu gründen und dadurch ihre hohe Pflicht
treulich zu erfüllen.
    Eben dieser treffliche Mann gab ihm nun eine allgemeinere Übersicht ihrer
innern Zustände und äussern Verbindungen sowie Kenntnis von der Wechselwirkung
aller verschiedenen Regionen; nicht weniger ward klar, wie aus einer in die
andere, nach längerer oder kürzerer Zeit, ein Zögling versetzt werden könne.
Genug, mit dem bisher Vernommenen stimmte alles völlig überein. Zugleich machte
die Schilderung seines Sohnes ihm viel Vergnügen, und der Plan, wie man ihn
weiterführen wollte, musste seinen ganzen Beifall gewinnen.
 
                                Neuntes Kapitel
Wilhelm wurde darauf vom Gehülfen und Aufseher zu einem Bergfest eingeladen,
welches zunächst gefeiert werden sollte. Sie erstiegen mit Schwierigkeit das
Gebirg, Wilhelm glaubte sogar zu bemerken, dass der Führer gegen Abend sich
langsamer bewegte, als würde die Finsternis ihrem Pfad nicht noch mehr Hinderung
entgegensetzen. Als aber eine tiefe Nacht sie umgab, ward ihm dies Rätsel
aufgelöst: kleine Flammen sah er aus vielen Schluchten und Tälern schwankend
hervorschimmern, sich zu Linien verlängern, sich über die Gebirgshöhen
herüberwälzen. Viel freundlicher, als wenn ein Vulkan sich auftut und sein
sprühendes Getös ganze Gegenden mit Untergang bedroht, zeigte sich diese
Erscheinung, und doch glühte sie nach und nach mächtiger, breiter und
gedrängter, funkelte wie ein Strom von Sternen, zwar sanft und lieblich, aber
doch kühn über die ganze Gegend sich verbreitend.
    Nachdem nun der Gefährte sich einige Zeit an der Verwunderung des Gastes
ergötzt, denn ihre Gesichter und Gestalten erschienen durch das Licht aus der
Ferne erhellt, so wie ihr Weg, begann er zu sprechen: »Ihr seht hier freilich
ein wunderliches Schauspiel; diese Lichter, die bei Tag und bei Nacht im ganzen
Jahre unter der Erde leuchten und wirken und die Fördernis versteckter, kaum
erreichbarer irdischer Schätze begünstigen, diese quellen und wallen gegenwärtig
aus ihren Schlünden hervor und erheitern die offenbare Nacht. Kaum gewahrte man
je eine so erfreuliche Heerschau, wo das nützlichste, unterirdisch zerstreute,
den Augen entzogene Geschäft sich uns in ganzer Fülle zeigt und eine grosse
geheime Vereinigung sichtbar macht.«
    Unter solchen Reden und Betrachtungen waren sie an den Ort gelangt, wo die
Feuerbäche zum Flammensee um einen wohlerleuchteten Inselraum sich ergossen. Der
Wanderer stand nunmehr in dem blendenden Kreise, wo schimmernde Lichter zu
Tausenden gegen die zur schwarzen Hinterwand gereihten Träger einen
ahnungsvollen Kontrast bildeten. Sofort erklang die heiterste Musik zu tüchtigen
Gesängen. Hohle Felsmassen zogen maschinenhaft heran und schlossen bald ein
glänzendes Innere dem Auge des erfreuten Zuschauers auf. Mimische Darstellungen,
und was nur einen solchen Moment der Menge erheitern kann, vereinigte sich, um
eine frohe Aufmerksamkeit zugleich zu spannen und zu befriedigen.
    Aber mit welcher Verwunderung ward unser Freund erfüllt, als er sich den
Hauptleuten vorgestellt sah und unter ihnen, in ernster, stattlicher Tracht,
Freund Jarno erblickte. »Nicht umsonst«, rief dieser aus, »habe ich meinen
frühern Namen mit dem bedeutendern Montan vertauscht; du findest mich hier in
Berg und Kluft eingeweiht, und glücklicher in dieser Beschränkung unter und über
der Erde, als sich denken lässt.« - »Da wirst du also«, versetzte der Wanderer,
»als ein Hocherfahrner nunmehr freigebiger sein mit Aufklärung und Unterricht,
als du es gegen mich warst auf jenen Berg- und Felsklippen.« - »Keineswegs!«
erwiderte Montan, »die Gebirge sind stumme Meister und machen schweigsame
Schüler.«
    An vielen Tafeln speiste man nach dieser Feierlichkeit. Alle Gäste, die
geladen oder ungeladen sich eingefunden, waren vom Handwerk, deswegen denn auch
an dem Tische, wo Montan und sein Freund sich niedergesetzt, sogleich ein
ortgemässes Gespräch entstand; es war von Gebirgen, Gängen und Lagern, von
Gangarten und Metallen der Gegend ausführlich die Rede. Sodann aber verlor das
Gespräch sich gar bald ins Allgemeine, und da war von nichts Geringerem die Rede
als von Erschaffung und Entstehung der Welt. Hier aber blieb die Unterhaltung
nicht lange friedlich, vielmehr verwickelte sich sogleich ein lebhafter Streit.
    Mehrere wollten unsere Erdgestaltung aus einer nach und nach sich senkend
abnehmenden Wasserbedeckung herleiten; sie führten die Trümmer organischer
Meeresbewohner auf den höchsten Bergen sowie auf flachen Hügeln zu ihrem Vorteil
an. Andere heftiger dagegen liessen erst glühen und schmelzen, auch durchaus ein
Feuer obwalten, das, nachdem es auf der Oberfläche genugsam gewirkt, zuletzt ins
Tiefste zurückgezogen, sich noch immer durch die ungestüm sowohl im Meer als auf
der Erde wütenden Vulkane betätigte und durch sukzessiven Auswurf und
gleichfalls nach und nach überströmende Laven die höchsten Berge bildete; wie
sie denn überhaupt den anders Denkenden zu Gemüte führten, dass ja ohne Feuer
nichts heiss werden könne, auch ein tätiges Feuer immer einen Herd voraussetze.
So erfahrungsgemäss auch dieses scheinen mochte, so waren manche doch nicht damit
zufrieden; sie behaupteten: mächtige, in dem Schoss der Erde schon völlig fertig
gewordene Gebilde seien mittelst unwiderstehlich elastischer Gewalten durch die
Erdrinde hindurch in die Höhe getrieben und zugleich in diesem Tumulte manche
Teile derselben weit über Nachbarschaft und Ferne umhergestreut und zersplittert
worden; sie beriefen sich auf manche Vorkommnisse, welche ohne eine solche
Voraussetzung nicht zu erklären seien.
    Eine vierte, wenn auch vielleicht nicht zahlreiche Partie lächelte über
diese vergeblichen Bemühungen und beteuerte: gar manche Zustände dieser
Erdoberfläche würden nie zu erklären sein, wofern man nicht grössere und kleinere
Gebirgsstrecken aus der Atmosphäre herunterfallen und weite, breite Landschaften
durch sie überdeckt werden lasse. Sie beriefen sich auf grössere und kleinere
Felsmassen, welche zerstreut in vielen Landen umherliegend gefunden und sogar
noch in unsern Tagen als von oben herabstürzend aufgelesen werden.
    Zuletzt wollten zwei oder drei stille Gäste sogar einen Zeitraum grimmiger
Kälte zu Hülfe rufen und aus den höchsten Gebirgszügen auf weit ins Land
hingesenkten Gletschern gleichsam Rutschwege für schwere Ursteinmassen bereitet
und diese auf glatter Bahn fern und ferner hinausgeschoben im Geiste sehen. Sie
sollten sich, bei eintretender Epoche des Auftauens, niedersenken und für ewig
in fremdem Boden liegenbleiben. Auch sollte sodann durch schwimmendes Treibeis
der Transport ungeheurer Felsblöcke von Norden her möglich werden. Diese guten
Leute konnten jedoch mit ihrer etwas kühlen Betrachtung nicht durchdringen. Man
hielt es ungleich naturgemässer, die Erschaffung einer Welt mit kolossalem
Krachen und Heben, mit wildem Toben und feurigem Schleudern vorgehen zu lassen.
Da nun übrigens die Glut des Weines stark mit einwirkte, so hätte das herrliche
Fest beinahe mit tödlichen Händeln abgeschlossen.
    Ganz verwirrt und verdüstert ward es unserm Freund zumute, welcher noch von
alters her den Geist, der über den Wassern schwebte, und die hohe Flut, welche
funfzehn Ellen über die höchsten Gebirge gestanden, im stillen Sinne hegte und
dem unter diesen seltsamen Reden die so wohl geordnete, bewachsene, belebte Welt
vor seiner Einbildungskraft chaotisch zusammenzustürzen schien.
    Den andern Morgen unterliess er nicht, den ernsten Montan hierüber zu
befragen, indem er ausrief: »Gestern konnt' ich dich nicht begreifen, denn unter
allen den wunderlichen Dingen und Reden hofft' ich endlich deine Meinung und
deine Entscheidung zu hören, an dessen Statt warst du bald auf dieser, bald auf
jener Seite und suchtest immer die Meinung desjenigen, der da sprach, zu
verstärken. Nun aber sage mir ernstlich, was du darüber denkst, was du davon
weisst.« Hierauf erwiderte Montan: »Ich weiss so viel wie sie und möchte darüber
gar nicht denken.« - »Hier aber«, versetzte Wilhelm, »sind so viele
widersprechende Meinungen, und man sagt ja, die Wahrheit liege in der Mitte.« -
»Keineswegs!« erwiderte Montan: »in der Mitte bleibt das Problem liegen,
unerforschlich vielleicht, vielleicht auch zugänglich, wenn man es darnach
anfängt.«
    Nachdem nun auf diese Weise noch einiges hin und wider gesprochen worden,
fuhr Montan vertraulich fort: »Du tadelst mich, dass ich einem jeden in seiner
Meinung nachhalf, wie sich denn für alles noch immer ein ferneres Argument
auffinden lässt; ich vermehrte die Verwirrung dadurch, das ist wahr, eigentlich
aber kann ich es mit diesem Geschlecht nicht mehr ernstlich nehmen. Ich habe
mich durchaus überzeugt, das Liebste, und das sind doch unsre Überzeugungen, muss
jeder im tiefsten Ernst bei sich selbst bewahren, jeder weiss nur für sich, was
er weiss, und das muss er geheimhalten; wie er es ausspricht, sogleich ist der
Widerspruch rege, und wie er sich in Streit einlässt, kommt er in sich selbst aus
dem Gleichgewicht, und sein Bestes wird, wo nicht vernichtet, doch gestört.«
    Durch einige Gegenrede Wilhelms veranlasst, erklärte Montan sich ferner:
»Wenn man einmal weiss, worauf alles ankommt, hört man auf, gesprächig zu sein.«
- »Worauf kommt nun aber alles an?« versetzte Wilhelm hastig. - »Das ist bald
gesagt«, versetzte jener. »Denken und Tun, Tun und Denken, das ist die Summe
aller Weisheit, von jeher anerkannt, von jeher geübt, nicht eingesehen von einem
jeden. Beides muss wie Aus- und Einatmen sich im Leben ewig fort hin und wider
bewegen; wie Frage und Antwort sollte eins ohne das andere nicht stattfinden.
Wer sich zum Gesetz macht, was einem jeden Neugebornen der Genius des
Menschenverstandes heimlich ins Ohr flüstert, das Tun am Denken, das Denken am
Tun zu prüfen, der kann nicht irren, und irrt er, so wird er sich bald auf den
rechten Weg zurückfinden.«
    Montan geleitete seinen Freund nunmehr in dem Bergrevier metodisch umher,
überall begrüsst von einem derben »Glück auf!«, welches sie heiter zurückgaben.
»Ich möchte wohl«, sagte Montan, »ihnen manchmal zurufen: Sinn auf!, denn Sinn
ist mehr als Glück; doch die Menge hat immer Sinn genug, wenn die Obern damit
begabt sind. Weil ich nun hier, wo nicht zu befehlen, doch zu raten habe,
bemüht' ich mich, die Eigenschaft des Gebirgs kennen zu lernen. Man strebt
leidenschaftlich nach den Metallen, die es entält. Nun habe ich mir auch das
Vorkommen derselben aufzuklären gesucht, und es ist mir gelungen. Das Glück
tut's nicht allein, sondern der Sinn, der das Glück herbeiruft, um es zu regeln.
Wie diese Gebirge hier entstanden sind, weiss ich nicht, will's auch nicht
wissen; aber ich trachte täglich, ihnen ihre Eigentümlichkeit abzugewinnen. Auf
Blei und Silber ist man erpicht, das sie in ihrem Busen tragen; ich weiss es zu
entdecken: das Wie? behalt' ich für mich und gebe Veranlassung, das Gewünschte
zu finden. Auf mein Wort unternimmt man's versuchsweise, es gelingt, und man
sagt, ich habe Glück. Was ich verstehe, versteh' ich mir, was mir gelingt,
gelingt mir für andere, und niemand denkt, dass es ihm auf diesem Wege
gleichfalls gelingen könne. Sie haben mich in Verdacht dass ich eine Wünschelrute
besitze, sie merken aber nicht, dass sie mir widersprechen, wenn ich etwas
Vernünftiges vorbringe, und dass sie dadurch sich den Weg abschneiden zu dem Baum
des Erkenntnisses, wo diese prophetischen Reiser zu brechen sind.«
    Ermutigt an diesen Gesprächen, überzeugt, dass auch ihm durch sein bisheriges
Tun und Denken geglückt, in einem weit entlegenen Fache, dem Hauptsinne nach,
seines Freundes Forderungen sich gleichzustellen, gab er nunmehr Rechenschaft
von der Anwendung seiner Zeit, seitdem er die Vergünstigung erlangt, die
auferlegte Wanderschaft nicht nach Tagen und Stunden, sondern dem wahren Zweck
einer vollständigen Ausbildung gemäss einzuteilen und zu benutzen.
    Hier nun war zufälligerweise vieles Redens keine Not, denn ein bedeutendes
Ereignis gab unserm Freunde Gelegenheit, sein erworbenes Talent geschickt und
glücklich anzuwenden und sich der menschlichen Gesellschaft als wahrhaft
nützlich zu erweisen.
    Welcher Art aber dies gewesen, dürfen wir im Augenblicke noch nicht
offenbaren, obgleich der Leser bald, noch ehe er diesen Band aus den Händen
legt, davon genugsam unterrichtet sein wird.
 
                                Zehntes Kapitel
                              Hersilie an Wilhelm
Die ganze Welt wirft mir seit langen Jahren vor, ich sei ein launig-wunderliches
Mädchen. Mag ich's doch sein, so bin ich's ohne mein Verschulden. Die Leute
mussten Geduld mit mir haben, und nun brauche ich Geduld mit mir selber, mit
meiner Einbildungskraft, die mir Vater und Sohn, bald zusammen, bald
wechselsweise, hin und wieder vor die Augen führt. Ich komme mir vor wie eine
unschuldige Alkmene, die von zwei Wesen, die einander vorstellen, unablässig
heimgesucht wird.
    Ich habe Ihnen viel zu sagen, und doch schreibe ich Ihnen, so scheint es,
nur, wenn ich ein Abenteuer zu erzählen habe; alles übrige ist auch
abenteuerlich zwar, aber kein Abenteuer. Nun also zu dem heutigen:
    Ich sitze unter den hohen Linden und mache soeben ein Brieftäschchen fertig,
ein sehr zierliches, ohne deutlichst zu wissen, wer es haben soll, Vater oder
Sohn, aber gewiss einer von beiden; da kommt ein junger Tabulettkrämer mit
Körbchen und Kästchen auf mich zu, er legitimiert sich bescheiden durch einen
Schein des Beamten, dass ihm erlaubt sei, auf den Gütern zu hausieren; ich besehe
seine Sächelchen bis in die unendlichen Kleinigkeiten, deren niemand bedarf und
die jedermann kauft aus kindischem Trieb, zu besitzen und zu vergeuden. Der
Knabe scheint mich aufmerksam zu betrachten. Schöne schwarze, etwas listige
Augen, wohlgezeichnete Augenbraunen, reiche Locken, blendende Zahnreihen, genug,
Sie verstehen mich, etwas Orientalisches.
    Er tut mancherlei Fragen, auf die Personen der Familie bezüglich, denen er
allenfalls etwas anbieten dürfte; durch allerlei Wendungen weiss er es
einzuleiten, dass ich mich ihm nenne. »Hersilie«, spricht er bescheiden, »wird
Hersilie verzeihen, wenn ich eine Botschaft ausrichte?« Ich sehe ihn verwundert
an, er zieht das kleinste Schiefertäfelchen hervor, in ein weisses Rähmchen
gefasst, wie man sie im Gebirg für die kindischen Anfänge des Schreibens
zubereitet; ich nehm' es an, sehe es beschrieben und lese die mit scharfem
Griffel sauber eingegrabene Inschrift:
                                     »Felix
                                     liebt
                                   Hersilien.
                                Der Stallmeister
                                  kommt bald.«
Ich bin betroffen, ich gerate in Verwunderung über das, was ich in der Hand
halte, mit Augen sehe, am meisten darüber, dass das Schicksal sich fast noch
wunderlicher beweisen will, als ich selbst bin. - »Was soll das!« sag' ich zu
mir, und der kleine Schalk ist mir gegenwärtiger als je, ja es ist mir, als ob
sein Bild sich mir in die Augen hin einbohrte.
    Nun fang' ich an zu fragen und erhalte wunderliche, unbefriedigende
Antworten; ich examiniere, und erfahre nichts; ich denke nach, und kann die
Gedanken nicht recht zusammenbringen. Zuletzt verknüpf' ich aus Reden und
Widerreden so viel, dass der junge Krämer auch die pädagogische Provinz
durchzogen, das Vertrauen meines jungen Verehrers erworben, welcher auf ein
erhandeltes Täfelchen die Inschrift geschrieben und ihm für ein Wörtchen Antwort
die besten Geschenke versprochen. Er reichte mir sodann ein gleiches Täfelchen,
deren er mehrere in seinem Warenbesteck vorwies, zugleich einen Griffel, wobei
er so freundlich drang und bat, dass ich beides annahm, dachte, wieder dachte,
nichts erdenken konnte und schrieb:
                                  »Hersiliens
                                      Gruss
                                   an Felix.
                                Der Stallmeister
                                halte sich gut.«
Ich betrachtete das Geschriebene und fühlte Verdruss über den ungeschickten
Ausdruck. Weder Zärtlichkeit, noch Geist, noch Witz, blosse Verlegenheit, und
warum? Vor einem Knaben stand ich, an einen Knaben schrieb ich; sollte mich das
aus der Fassung bringen? Ich glaube gar, ich seufzte, und war eben im Begriff,
das Geschriebene wegzuwischen; aber jener nahm es mir so zierlich aus der Hand,
bat mich um irgendeine fürsorgliche Einhüllung, und so geschah's, dass ich, weiss
ich doch nicht, wie's geschah, das Täfelchen in das Brieftäschchen steckte, das
Band darumschlang und zugeheftet dem Knaben hinreichte, der es mit Anmut
ergriff, sich tief verneigend einen Augenblick zauderte, dass ich eben noch Zeit
hatte, ihm mein Beutelchen in die Hand zu drücken, und mich schalt, ihm nicht
genug gegeben zu haben. Er entfernte sich schicklich eilend und war, als ich ihm
nachblickte, schon verschwunden, ich begriff nicht recht wie.
    Nun ist es vorüber, ich bin schon wieder auf dem gewöhnlichen, flachen
Tagesboden und glaube kaum an die Erscheinung. Halte ich nicht das Täfelchen in
der Hand? Es ist gar zierlich, die Schrift gar schön und sorgfältig gezogen; ich
glaube, ich hätte es geküsst, wenn ich die Schrift auszulöschen nicht fürchtete.
    Ich habe mir Zeit genommen, nachdem ich Vorstehendes geschrieben; was ich
aber auch darüber denke, will immer nicht fördern. Allerdings etwas
Geheimnisvolles war in der Figur; dergleichen sind jetzt im Roman nicht zu
entbehren, sollten sie uns denn auch im Leben begegnen? Angenehm, doch
verdächtig, fremdartig, doch Vertrauen erregend; warum schied er auch vor
aufgelöster Verwirrung? warum hatt' ich nicht Gegenwart des Geistes genug, um
ihn schicklicherweise festzuhalten?
Nach einer Pause nehm' ich die Feder abermals zur Hand, meine Bekenntnisse
fortzusetzen. Die entschiedene, fortdauernde Neigung eines zum Jüngling
heranreifenden Knaben wollte mir schmeicheln; da aber fiel mir ein, dass es
nichts Seltenes sei, in diesem Alter nach älteren Frauen sich umzusehen.
Fürwahr, es gibt eine geheimnisvolle Neigung jüngerer Männer zu älteren Frauen.
Sonst, da es mich nicht selbst betraf, lachte ich darüber und wollte
boshafterweise gefunden haben: es sei eine Erinnerung an die Ammen- und
Säuglingszärtlichkeit, von der sie sich kaum losgerissen haben. Jetzt ärgert's
mich, mir die Sache so zu denken; ich erniedrige den guten Felix zur Kindheit
herab, und mich sehe ich doch auch nicht in einer vorteilhaften Stellung. Ach
welch ein Unterschied ist es, ob man sich oder die andern beurteilt.
 
                                Eilftes Kapitel
                              Wilhelm an Natalien
Schon Tage geh' ich umher und kann die Feder anzusetzen mich nicht entschliessen;
es ist so mancherlei zu sagen, mündlich fügte sich wohl eins ans andere,
entwickelte sich auch wohl leicht eins aus dem andern; lass mich daher den
Entfernten, nur mit dem Allgemeinsten beginnen, es leitet mich doch zuletzt aufs
Wunderliche, was ich mitzuteilen habe.
    Du hast von dem Jüngling gehört, der, am Ufer des Meeres spazierend, einen
Ruderpflock fand; das Interesse, das er daran nahm, bewog ihn, ein Ruder
anzuschaffen, als notwendig dazu gehörend. Dies aber war nun auch weiter nichts
nütze; er trachtete ernstlich nach einem Kahn und gelangte dazu. Jedoch war
Kahn, Ruder und Ruderpflock nicht sonderlich fördernd, er verschafte sich
Segelstangen und Segel und so nach und nach, was zur Schnelligkeit und
Bequemlichkeit der Schiffahrt erforderlich ist. Durch zweckmässiges Bestreben
gelangt er zu grösserer Fertigkeit und Geschicklichkeit, das Glück begünstigt
ihn, er sieht sich endlich als Herr und Patron eines grössern Fahrzeugs, und so
steigert sich das Gelingen, er gewinnt Wohlhaben, Ansehen und Namen unter den
Seefahrern. -
Indem ich nun dich veranlasse, diese artige Geschichte wieder zu lesen, muss ich
bekennen, dass sie nur im weitesten Sinne hierher gehört, jedoch mir den Weg
bahnt, dasjenige auszudrücken, was ich vorzutragen habe. Indessen muss ich noch
einiges Entferntere durchgehen.
Die Fähigkeiten, die in dem Menschen liegen, lassen sich einteilen in allgemeine
und besondere, die allgemeinen sind anzusehen als gleichgültig-ruhende
Fähigkeiten, die nach Umständen geweckt und zufällig zu diesem oder jenem Zweck
bestimmt werden. Die Nachahmungsgabe des Menschen ist allgemein, er will
nachmachen, nachbilden, was er sieht, auch ohne die mindesten innern und äussern
Mittel zum Zwecke. Natürlich ist es daher immer, dass er leisten will, was er
leisten sieht; das Natürlichste jedoch wäre, dass der Sohn des Vaters
Beschäftigung ergriffe. Hier ist alles beisammen: eine vielleicht im Besondern
schon angeborne, in ursprünglicher Richtung entschiedene Fähigkeit, sodann eine
folgerecht stufenweis fortschreitende Übung und ein entwickeltes Talent, das uns
nötigte, auch alsdann auf dem eingeschlagenen Wege fortzuschreiten, wenn andere
Triebe sich in uns entwickeln und uns eine freie Wahl zu einem Geschäft führen
dürfte, zu dem uns die Natur weder Anlage noch Beharrlichkeit verliehen. Im
Durchschnitt sind daher die Menschen am glücklichsten, die ein angebornes, ein
Familientalent im häuslichen Kreise auszubilden Gelegenheit finden. Wir haben
solche Malerstammbäume gesehen; darunter waren freilich schwache Talente,
indessen lieferten sie doch etwas Brauchbares und vielleicht Besseres, als sie
bei mässigen Naturkräften aus eigner Wahl in irgendeinem andern Fache geleistet
hätten.
Da dieses aber auch nicht ist, was ich sagen wollte, so muss ich meinen
Mitteilungen von irgendeiner andern Seite näher zu kommen suchen.
Das ist nun das Traurige der Entfernung von Freunden, dass wir die Mittelglieder,
die Hülfsglieder unserer Gedanken, die sich in der Gegenwart so flüchtig wie
Blitze wechselseitig entwickeln und durchweben, nicht in augenblicklicher
Verknüpfung und Verbindung vorführen und vortragen können. Hier also zunächst
eine der frühsten Jugendgeschichten.
Wir in einer alten, ernsten Stadt erzogenen Kinder hatten so die Begriffe von
Strassen, Plätzen, von Mauern gefasst, sodann auch von Wällen, dem Glacis und
benachbarten ummauerten Gärten. Uns aber einmal, oder vielmehr sich selbst ins
Freie zu führen, hatten unsere Eltern längst mit Freunden auf dem Lande eine
immerfort verschobene Partie verabredet. Dringender endlich zum Pfingstfeste
ward Einladung und Vorschlag, denen man nur unter der Bedingung sich fügte:
alles so einzuleiten, dass man zu Nacht wieder zu Hause sein könnte; denn ausser
seinem längst gewohnten Bette zu schlafen, schien eine Unmöglichkeit. Die
Freuden des Tags so eng zu konzentrieren, war freilich schwer: zwei Freunde
sollten besucht und ihre Ansprüche auf seltene Unterhaltung befriedigt werden;
indessen hoffte man, mit grosser Pünktlichkeit alles zu erfüllen.
    Am dritten Feiertag, mit dem frühsten, standen alle munter und bereit, der
Wagen fuhr zur bestimmten Stunde vor, bald hatten wir alles Beschränkende der
Strassen, Tore, Brücken und Stadtgräben hinter uns gelassen, eine freie,
weitausgebreitete Welt tat sich vor den Unerfahrnen auf. Das durch einen
Nachtregen erst erfrischte Grün der Fruchtfelder und Wiesen, das mehr oder
weniger hellere der eben aufgebrochenen Strauch- und Baumknospen, das nach allen
Seiten hin blendend sich verbreitende Weiss der Baumblüte, alles gab uns den
Vorschmack glücklicher, paradiesischer Stunden.
    Zu rechter Zeit gelangten wir auf der ersten Station bei einem würdigen
Geistlichen an. Freundlichst empfangen, konnten wir bald gewahr werden, dass die
aufgehobene kirchliche Feier den Ruhe und Freiheit suchenden Gemütern nicht
entnommen war. Ich betrachtete den ländlichen Haushalt zum erstenmal mit
freudigem Anteil; Pflug und Egge, Wagen und Karren deuteten auf unmittelbare
Benutzung, selbst der widrig anzuschauende Unrat schien das Unentbehrlichste im
ganzen Kreise: sorgfältig war er gesammelt und gewissermassen zierlich
aufbewahrt. Doch dieser auf das Neue und doch Begreifliche gerichtete frische
Blick ward gar bald auf ein Geniessbares geheftet: appetitliche Kuchen, frische
Milch und sonst mancher ländliche Leckerbissen ward von uns begierig in Betracht
gezogen. Eilig beschäftigten sich nunmehr die Kinder, den kleinen Hausgarten und
die wirtliche Laube verlassend, in dem angrenzenden Baumstück ein Geschäft zu
vollbringen, das eine alte, wohlgesinnte Tante ihnen aufgetragen hatte. Sie
sollten nämlich so viel Schlüsselblumen als möglich sammeln und solche
getreulich mit zur Stadt bringen, indem die haushältische Matrone gar allerlei
gesundes Getränk daraus zu bereiten gewohnt war.
    Indem wir nun in dieser Beschäftigung auf Wiesen, an Rändern und Zäunen hin
und wider liefen, gesellten sich mehrere Kinder des Dorfs zu uns, und der
liebliche Duft gesammelter Frühlingsblumen schien immer erquickender und
balsamischer zu werden.
    Wir hatten nun schon so eine Masse Stengel und Blüten zusammengebracht, dass
wir nicht wussten, wo mit hin; man fing jetzt an, die gelblichen Röhrenkronen
auszuzupfen, denn um sie war es denn eigentlich doch nur zu tun; jeder suchte in
sein Hütchen, sein Mützchen möglichst zu sammeln.
    Der ältere dieser Knaben jedoch, an Jahren wenig vor mir voraus, der Sohn
des Fischers, den dieses Blumengetändel nicht zu freuen schien, ein Knabe, der
mich bei seinem ersten Auftreten gleich besonders angezogen hatte, lud mich ein,
mit ihm nach dem Fluss zu gehen, der, schon ansehnlich breit, in weniger
Entfernung vorbeifloss. Wir setzten uns mit ein paar Angelruten an eine schattige
Stelle, wo im tiefen, ruhig klaren Wasser gar manches Fischlein sich hin und her
bewegte. Freundlich wies er mich an, worum es zu tun, wie der Köder am Angel zu
befestigen sei, und, es gelang mir einigemal hintereinander, die kleinsten
dieser zarten Geschöpfe wider ihren Willen in die Luft herauszuschnellen. Als
wir nun so zusammen aneinandergelehnt beruhigt sassen, schien er zu langweilen
und machte mich auf einen flachen Kies aufmerksam, der von unserer Seite sich in
den Strom hinein erstreckte. Da sei die schönste Gelegenheit zu baden. Er könne,
rief er, endlich aufspringend, der Versuchung nicht widerstehen, und ehe ich
mich's versah, war er unten, ausgezogen und im Wasser.
    Da er sehr gut schwamm, verliess er bald die seichte Stelle, übergab sich dem
Strom und kam bis an mich in dem tieferen Wasser heran; mir war ganz wunderlich
zumute geworden. Grashupfer tanzten um mich her, Ameisen krabbelten heran, bunte
Käfer hingen an den Zweigen, und goldschimmernde Sonnenjungfern, wie er sie
genannt hatte, schwebten und schwankten geisterartig zu meinen Füssen, eben als
jener, einen grossen Krebs zwischen Wurzeln hervorholend, ihn lustig aufzeigte,
um ihn gleich wieder an den alten Ort zu bevorstehendem Fange geschickt zu
verbergen. Es war umher so warm und so feucht, man sehnte sich aus der Sonne in
den Schatten, aus der Schattenkühle hinab ins kühlere Wasser. Da war es denn ihm
leicht, mich hinunterzulocken, eine nicht oft wiederholte Einladung fand ich
unwiderstehlich und war, mit einiger Furcht vor den Eltern, wozu sich die Scheu
vor dem unbekannten Elemente gesellte, in ganz wunderlicher Bewegung. Aber bald
auf dem Kies entkleidet, wagt' ich mich sachte ins Wasser, doch nicht tiefer,
als es der leise abhängige Boden erlaubte; hier liess er mich weilen, entfernte
sich in dem tragenden Elemente, kam wieder, und als er sich heraushob, sich
aufrichtete, im höheren Sonnenschein sich abzutrocknen, glaubt' ich meine Augen
vor einer dreifachen Sonne geblendet: so schön war die menschliche Gestalt, von
der ich nie einen Begriff gehabt. Er schien mich mit gleicher Aufmerksamkeit zu
betrachten. Schnell angekleidet standen wir uns noch immer unverhüllt
gegeneinander, unsere Gemüter zogen sich an, und unter den feurigsten Küssen
schwuren wir eine ewige Freundschaft.
    Sodann aber eilig eilig gelangten wir nach Hause, gerade zur rechten Zeit,
als die Gesellschaft den angenehmsten Fussweg durch Busch und Wald etwa
andertalb Stunden nach der Wohnung des Amtmanns antrat. Mein Freund begleitete
mich, wir schienen schon unzertrennlich; als ich aber hälftewegs um Erlaubnis
bat, ihn mit in des Amtmanns Wohnung zu nehmen, verweigerte es die Pfarrerin,
mit stiller Bemerkung des Unschicklichen, dagegen gab sie ihm den dringenden
Auftrag: er solle seinem rückkehrenden Vater ja sagen, sie müsse bei ihrer
Nachhausekunft notwendig schöne Krebse vorfinden, die sie den Gästen als eine
Seltenheit nach der Stadt mitgeben wolle. Der Knabe schied, versprach aber mit
Hand und Mund, heute abend an dieser Waldecke meiner zu warten.
    Die Gesellschaft gelangte nunmehr zum Amtause, wo wir auch einen ländlichen
Zustand antrafen, doch höherer Art. Ein durch die Schuld der übertätigen
Hausfrau sich verspätendes Mittagessen machte mich nicht ungeduldig, denn der
Spaziergang in einem wohlgehaltenen Ziergarten, wohin die Tochter, etwas jünger
als ich, mir den Weg begleitend anwies, war mir höchst unterhaltend.
Frühlingsblumen aller Art standen in zierlich gezeichneten Feldern, sie
ausfüllend oder ihre Ränder schmückend. Meine Begleiterin war schön, blond,
sanftmütig, wir gingen vertraulich zusammen, fassten uns bald bei der Hand und
schienen nichts Besseres zu wünschen. So gingen wir an Tulpenbeeten vorüber, so
an gereihten Narzissen und Jonquillen; sie zeigte mir verschiedene Stellen, wo
eben die herrlichsten Hyazintenglocken schon abgeblüht hatten. Dagegen war auch
für die folgenden Jahrszeiten gesorgt: schon grünten die Büsche der künftigen
Ranunkeln und Anemonen; die auf zahlreiche Nelkenstöcke verwendete Sorgfalt
versprach den mannigfaltigsten Flor; näher aber knospete schon die Hoffnung
vielblumiger Lilienstengel gar weislich zwischen Rosen verteilt. Und wie manche
Laube versprach nicht zunächst mit Geissblatt, Jasmin, reben-und rankenartigen
Gewächsen zu prangen und zu schatten.
Betracht' ich nach so viel Jahren meinen damaligen Zustand, so scheint er mir
wirklich beneidenswert. Unerwartet, in demselbigen Augenblick, ergriff mich das
Vorgefühl von Freundschaft und Liebe. Denn als ich ungern Abschied nahm von dem
schönen Kinde, tröstete mich der Gedanke, diese Gefühle meinem jungen Freunde zu
eröffnen, zu vertrauen und seiner Teilnahme zugleich mit diesen frischen
Empfindungen mich zu freuen.
Und wenn ich hier noch eine Betrachtung anknüpfe, so darf ich wohl bekennen: dass
im Laufe des Lebens mir jenes erste Aufblühen der Aussenwelt als die eigentliche
Originalnatur vorkam, gegen die alles übrige, was uns nachher zu den Sinnen
kommt, nur Kopien zu sein scheinen, die bei aller Annäherung an jenes doch des
eigentlich ursprünglichen Geistes und Sinnes ermangeln.
Wie müssten wir verzweifeln, das Äussere so kalt, so leblos zu erblicken, wenn
nicht in unserm Innern sich etwas entwickelte, das auf eine ganz andere Weise
die Natur verherrlicht, indem es uns selbst in ihr zu verschönen eine
schöpferische Kraft erweist.
Es dämmerte schon, als wir uns der Waldecke wieder näherten, wo der junge Freund
meiner zu warten versprochen hatte. Ich strengte die Sehkraft möglichst an, um
seine Gegenwart zu erforschen; als es mir nicht gelingen wollte, lief ich
ungeduldig der langsam schreitenden Gesellschaft voraus, rannte durchs Gebüsche
hin und wider. Ich rief, ich ängstigte mich; er war nicht zu sehen und
antwortete nicht; ich empfand zum erstenmal einen leidenschaftlichen Schmerz,
doppelt und vielfach.
    Schon entwickelte sich in mir die unmässige Forderung vertraulicher
Zuneigung, schon war es ein unwiderstehlich Bedürfnis, meinen Geist von dem
Bilde jener Blondine durch Plaudern zu befreien, mein Herz von den Gefühlen zu
erlösen, die sie in mir aufgeregt hatte. Es war voll, der Mund lispelte schon,
um überzufliessen; ich tadelte laut den guten Knaben wegen verletzter
Freundschaft, wegen vernachlässigter Zusage.
Bald aber sollten mir schwerere Prüfungen zugedacht sein. Aus den ersten Häusern
des Ortes stürzten Weiber schreiend heraus, heulende Kinder folgten, niemand gab
Red' und Antwort. Von der einen Seite her um das Eckhaus sahen wir einen
Trauerzug herumziehen, er bewegte sich langsam die lange Strasse hin; es schien
wie ein Leichenzug, aber ein vielfacher; des Tragens und Schleppens war kein
Ende. Das Geschrei dauerte fort, es vermehrte sich, die Menge lief zusammen.
»Sie sind ertrunken, alle, sämtlich ertrunken! Der! wer? welcher?« Die Mütter,
die ihre Kinder um sich sahen, schienen getröstet. Aber ein ernster Mann trat
heran und sprach zur Pfarrerin: »Unglücklicherweise bin ich zu lange aussen
geblieben, ertrunken ist Adolf selbfünfe, er wollte sein Versprechen halten und
meins.« Der Mann, der Fischer selbst war es, ging weiter dem Zuge nach, wir
standen erschreckt und erstarrt. Da trat ein kleiner Knabe heran, reichte einen
Sack dar: »Hier die Krebse, Frau Pfarrerin«, und hielt das Zeichen hoch in die
Höhe. Man entsetzte sich davor wie vor dem Schädlichsten, man fragte, man
forschte und erfuhr so viel: dieser letzte Kleine war am Ufer geblieben, er las
die Krebse auf, die sie ihm von unten zuwarfen. Alsdann aber nach vielem Fragen
und Widerfragen erfuhr man: Adolf mit zwei verständigen Knaben sei unten am und
im Wasser hingegangen, zwei andere, jüngere haben sich ungebeten dazu gesellt,
die durch kein Schelten und Drohen abzuhalten gewesen. Nun waren über eine
steinige, gefährliche Stelle die ersten fast hinaus, die letzten gleiteten,
griffen zu und zerrten immer einer den andern hinunter; so geschah es zuletzt
auch dem Vordersten, und alle stürzten in die Tiefe. Adolf, als guter Schwimmer,
hätte sich gerettet, alles aber hielt in der Angst sich an ihn, er ward
niedergezogen. Dieser Kleine sodann war schreiend ins Dorf gelaufen, seinen Sack
mit Krebsen fest in den Händen. Mit andern Aufgerufenen eilte der zufällig spät
rückkehrende Fischer dortin; man hatte sie nach und nach herausgezogen, tot
gefunden, und nun trug man sie herein.
    Der Pfarrherr mit dem Vater gingen bedenklich dem Gemeindehause zu; der
volle Mond war aufgegangen und beleuchtete die Pfade des Todes; ich folgte
leidenschaftlich, man wollte mich nicht einlassen; ich war im schrecklichsten
Zustande. Ich umging das Haus und rastete nicht; endlich ersah ich meinen
Vorteil und sprang zum offenen Fenster hinein.
    In dem grossen Saale, wo Versammlungen aller Art gehalten werden, lagen die
Unglückseligen auf Stroh, nackt, ausgestreckt, glänzend-weisse Leiber, auch bei
düsterm Lampenschein hervorleuchtend. Ich warf mich auf den grössten, auf meinen
Freund; ich wüsste nicht von meinem Zustand zu sagen, ich weinte bitterlich und
überschwemmte seine breite Brust mit unendlichen Tränen. Ich hatte etwas von
Reiben gehört, das in solchem Falle hülfreich sein sollte, ich rieb meine Tränen
ein und belog mich mit der Wärme, die ich erregte. In der Verwirrung dacht' ich
ihm Atem einzublasen, aber die Perlenreihen seiner Zähne waren fest
verschlossen, die Lippen, auf denen der Abschiedskuss noch zu ruhen schien,
versagten auch das leiseste Zeichen der Erwiderung. An menschlicher Hülfe
verzweifelnd, wandt' ich mich zum Gebet; ich flehte, ich betete, es war mir, als
wenn ich in diesem Augenblicke Wunder tun müsste, die noch inwohnende Seele
hervorzurufen, die noch in der Nähe schwebende wieder hineinzulocken.
    Man riss mich weg; weinend, schluchzend sass ich im Wagen und vernahm kaum,
was die Eltern sagten: unsere Mutter, was ich nachher so oft wiederholen hörte,
hatte sich in den Willen Gottes ergeben. Ich war indessen eingeschlafen und
erwachte verdüstert am späten Morgen in einem rätselhaften, verwirrten Zustande.
    Als ich mich aber zum Frühstück begab, fand ich Mutter, Tante und Köchin in
wichtiger Beratung. Die Krebse sollten nicht gesotten, nicht auf den Tisch
gebracht werden; der Vater wollte eine so unmittelbare Erinnerung an das
nächstvergangene Unglück nicht erdulden. Die Tante schien sich dieser seltenen
Geschöpfe eifrigst bemächtigen zu wollen, schalt aber nebenher auf mich, dass wir
die Schlüsselblumen mitzubringen versäumt; doch schien sie sich bald hierüber zu
beruhigen, als man jene lebhaft durcheinander kriechenden Missgestalten ihr zu
beliebiger Verfügung übergab, worauf sie denn deren weitere Behandlung mit der
Köchin verabredete.
    Um aber die Bedeutung dieser Szene klar zu machen, muss ich von dem Charakter
und dem Wesen dieser Frau das Nähere vermelden: Die Eigenschaften, von denen sie
beherrscht wurde, konnte man, sittlich betrachtet, keineswegs rühmen; und doch
brachten sie, bürgerlich und politisch angesehen, manche gute Wirkung hervor.
Sie war im eigentlichen Sinne geldgeizig, denn es dauerte sie jeder bare
Pfennig, den sie aus der Hand geben sollte, und sah sich überall für ihre
Bedürfnisse nach Surrogaten um, welche man umsonst, durch Tausch oder irgendeine
Weise beischaffen konnte. So waren die Schlüsselblumen zum Tee bestimmt, den sie
für gesünder hielt als irgendeinen chinesischen. Gott habe einem jeden Land das
Notwendige verliehen, es sei nun zur Nahrung, zur Würze, zur Arzenei; man
brauche sich deshalb nicht an fremde Länder zu wenden. So besorgte sie in einem
kleinen Garten alles, was nach ihrem Sinn die Speisen schmackhaft mache und
Kranken zuträglich wäre: sie besuchte keinen fremden Garten, ohne dergleichen
von da mitzubringen.
    Diese Gesinnung und was daraus folgte, konnte man ihr sehr gerne zugeben, da
ihre emsig gesammelte Barschaft der Familie doch endlich zugute kommen sollte;
auch wussten Vater und Mutter hierin durchaus ihr nachzugeben und förderlich zu
sein.
    Eine andere Leidenschaft jedoch, eine tätige, die sich unermüdet geschäftig
hervortat, war der Stolz, für eine bedeutende, einflussreiche Person gehalten zu
werden. Und sie hatte fürwahr diesen Ruhm sich verdient und erreicht; denn die
sonst unnützen, sogar oft schädlichen unter Frauen obwaltenden Klatschereien
wusste sie zu ihrem Vorteil anzuwenden. Alles, was in der Stadt vorging, und
daher auch das Innere der Familien, war ihr genau bekannt, und es ereignete sich
nicht leicht ein zweifelhafter Fall, in den sie sich nicht zu mischen gewusst
hätte, welches ihr um desto mehr gelang, als sie immer nur zu nutzen trachtete,
dadurch aber ihren Ruhm und guten Namen zu steigern wusste. Manche Heirat hatte
sie geschlossen, wobei wenigstens der eine Teil vielleicht zufrieden blieb. Was
sie aber am meisten beschäftigte, war das Fördern und Befördern solcher
Personen, die ein Amt, eine Anstellung suchten, wodurch sie sich denn wirklich
eine grosse Anzahl Klienten erwarb, deren Einfluss sie dann wieder zu benutzen
wusste.
    Als Witwe eines nicht unbedeutenden Beamten, eines rechtlichen, strengen
Mannes, hatte sie denn doch gelernt, wie man diejenigen durch Kleinigkeiten
gewinnt, denen man durch bedeutendes Anerbieten nicht beikommen kann.
    Um aber ohne fernere Weitläufigkeit auf dem betretenen Pfade zu bleiben, sei
zunächst bemerkt, dass sie auf einen Mann, der eine wichtige Stelle bekleidete,
sich grossen Einfluss zu verschaffen gewusst. Er war geizig gleich ihr, und zu
seinem Unglück ebenso speiselustig und genäschig. Ihm also unter irgendeinem
Vorwande ein schmackhaftes Gericht auf die Tafel zu bringen, blieb ihre erste
Sorge. Sein Gewissen war nicht das zarteste, aber auch sein Mut, seine
Verwegenheit musste in Anspruch genommen werden, wenn er in bedenklichen Fällen
den Widerstand seiner Kollegen überwinden und die Stimme der Pflicht, die sie
ihm entgegensetzten, übertäuben sollte.
    Nun war gerade der Fall, dass sie einen Unwürdigen begünstigte; sie hatte das
möglichste getan, ihn einzuschieben; die Angelegenheit hatte für sie eine
günstige Wendung genommen, und nun kamen ihr die Krebse, dergleichen man
freilich selten gesehen, glücklicherweise zustatten. Sie sollten sorgfältig
gefüttert und nach und nach dem hohen Gönner, der gewöhnlich ganz allein sehr
kärglich speiste, auf die Tafel gebracht werden.
    Übrigens gab der unglückliche Vorfall zu manchen Gesprächen und geselligen
Bewegungen Anlass. Mein Vater war jener Zeit einer der ersten, der seine
Betrachtung, seine Sorge über die Familie, über die Stadt hinaus zu erstrecken
durch einen allgemeinen, wohlwollenden Geist getrieben ward. Die grossen
Hindernisse, welche der Einimpfung der Blattern anfangs entgegenstanden, zu
beseitigen, war er mit verständigen Ärzten und Polizeiverwandten bemüht. Grössere
Sorgfalt in den Hospitälern, menschlichere Behandlung der Gefangenen und was
sich hieran ferner schliessen mag, machte das Geschäft wo nicht seines Lebens,
doch seines Lesens und Nachdenkens; wie er denn auch seine Überzeugung überall
aussprach und dadurch manches Gute bewirkte.
    Er sah die bürgerliche Gesellschaft, welcher Staatsform sie auch
untergeordnet wäre, als einen Naturzustand an, der sein Gutes und sein Böses
habe, seine gewöhnlichen Lebensläufe, abwechselnd reiche und kümmerliche Jahre,
nicht weniger zufällig und unregelmässig Hagelschlag, Wasserfluten und
Brandschäden; das Gute sei zu ergreifen und zu nutzen, das Böse abzuwenden oder
zu ertragen; nichts aber, meinte er, sei wünschenswerter als die Verbreitung des
allgemeinen guten Willens, unabhängig von jeder andern Bedingung.
    In Gefolg einer solchen Gemütsart musste er nun bestimmt werden, eine schon
früher angeregte wohltätige Angelegenheit wieder zur Sprache zu bringen; es war
die Wiederbelebung der für tot Gehaltenen, auf welche Weise sich auch die äussern
Zeichen des Lebens möchten verloren haben. Bei solchen Gesprächen erhorchte ich
mir nun, dass man bei jenen Kindern das Umgekehrte versucht und angewendet, ja
sie gewissermassen erst ermordet; ferner hielt man dafür, dass durch einen Aderlass
vielleicht ihnen allen wäre zu helfen gewesen. In meinem jugendlichen Eifer nahm
ich mir daher im stillen vor, ich wollte keine Gelegenheit versäumen, alles zu
lernen, was in solchem Falle nötig wäre, besonders das Aderlassen und was
dergleichen Dinge mehr waren.
    Allein wie bald nahm mich der gewöhnliche Tag mit sich fort. Das Bedürfnis
nach Freundschaft und Liebe war aufgeregt, überall schaut' ich mich um, es zu
befriedigen. Indessen ward Sinnlichkeit, Einbildungskraft und Geist durch das
Teater übermässig beschäftigt; wie weit ich hier geführt und verführt worden,
darf ich nicht wiederholen.
Wenn ich nun aber nach dieser umständlichen Erzählung zu bekennen habe, dass ich
noch immer nicht ans Ziel meiner Absicht gelangt sei und dass ich nur durch einen
Umweg dahin zu gelangen hoffen darf, was soll ich da sagen! wie kann ich mich
entschuldigen! Allenfalls hätte ich folgendes vorzubringen: Wenn es dem
Humoristen erlaubt ist, das Hundertste ins Tausendste durcheinanderzuwerfen,
wenn er kecklich seinem Leser überlässt, das, was allenfalls daraus zu nehmen
sei, in halber Bedeutung endlich aufzufinden, sollte es dem Verständigen, dem
Vernünftigen nicht zustehen, auf eine seltsam scheinende Weise ringsumher nach
vielen Punkten hinzuwirken, damit man sie in einem Brennpunkte zuletzt
abgespielt und zusammengefasst erkenne, einsehen lerne, wie die verschiedensten
Einwirkungen den Menschen umringend zu einem Entschluss treiben, den er auf keine
andere Weise, weder aus innerm Trieb noch äusserm Anlass, hätte ergreifen können?
Bei dem Mannigfaltigen, was mir noch zu sagen übrigbleibt, habe ich die Wahl,
was ich zuerst vornehmen will; aber auch dies ist gleichgültig, du musst dich
eben in Geduld fassen, lesen und weiter lesen, zuletzt wird denn doch auf einmal
hervorspringen und dir ganz natürlich scheinen, was mit einem Worte
ausgesprochen dir höchst seltsam vorgekommen wäre, und zwar auf einen Grad, dass
du nachher diesen Einleitungen in Form von Erklärungen kaum einen Augenblick
hättest schenken mögen.
    Um nun aber einigermassen in die Richte zu kommen, will ich mich wieder nach
jenem Ruderpflock umsehen und eines Gesprächs gedenken, das ich mit unserem
geprüften Freunde Jarno, den ich unter dem Namen Montan im Gebirge fand, zu ganz
besonderer Erweckung eigner Gefühle zufällig zu führen veranlasst ward. Die
Angelegenheiten unseres Lebens haben einen geheimnisvollen Gang, der sich nicht
berechnen lässt. Du erinnerst dich gewiss jenes Bestecks, das euer tüchtiger
Wundarzt hervorzog, als du dich mir, wie ich verwundet im Walde hingestreckt
lag, hülfreich nähertest? Es leuchtete mir damals dergestalt in die Augen und
machte einen so tiefen Eindruck, dass ich ganz entzückt war, als ich nach Jahren
es in den Händen eines Jüngeren wiederfand. Dieser legte keinen besondern Wert
darauf; die Instrumente sämtlich hatten sich in neuerer Zeit verbessert und
waren zweckmässiger eingerichtet, und ich erlangte jenes um desto eher, als ihm
die Anschaffung eines neuen dadurch erleichtert wurde. Nun führte ich es immer
mit mir, freilich zu keinem Gebrauch, aber desto sicherer zu tröstlicher
Erinnerung: Es war Zeuge des Augenblicks, wo mein Glück begann, zu dem ich erst
durch grossen Umweg gelangen sollte.
    Zufällig sah es Jarno, als wir bei dem Köhler übernachteten, der es alsobald
erkannte und auf meine Erklärung erwiderte: »Ich habe nichts dagegen, dass man
sich einen solchen Fetisch aufstellt, zur Erinnerung an manches unerwartete
Gute, an bedeutende Folgen eines gleichgültigen Umstandes; es hebt uns empor als
etwas, das auf ein Unbegreifliches deutet, erquickt uns in Verlegenheiten und
ermutigt unsere Hoffnungen; aber schöner wäre es, wenn du dich durch jene
Werkzeuge hättest anreizen lassen, auch ihren Gebrauch zu verstehen und
dasjenige zu leisten, was sie stumm von dir fordern.«
    »Lass mich bekennen«, versetzte ich darauf, »dass mir dies hundertmal
eingefallen ist; es regte sich in mir eine innere Stimme, die mich meinen
eigentlichen Beruf hieran erkennen liess.« Ich erzählte ihm hierauf die
Geschichte der ertrunkenen Knaben, und wie ich damals gehört, ihnen wäre zu
helfen gewesen, wenn man ihnen zur Ader gelassen hätte; ich nahm mir vor, es zu
lernen, doch jede Stunde löschte den Vorsatz aus.
    »So ergreif ihn jetzt«, versetzte jener, »ich sehe dich schon so lange mit
Angelegenheiten beschäftigt, die des Menschen Geist, Gemüt, Herz, und wie man
das alles nennt, betreffen und sich darauf beziehen; allein was hast du dabei
für dich und andere gewonnen? Seelenleiden, in die wir durch Unglück oder eigne
Fehler geraten, sie zu heilen vermag der Verstand nichts, die Vernunft wenig,
die Zeit viel, entschlossene Tätigkeit hingegen alles. Hier wirke jeder mit und
auf sich selbst, das hast du an dir, hast es an andern erfahren.«
    Mit heftigen und bittern Worten, wie er gewohnt ist, setzte er mir zu und
sagte manches Harte, das ich nicht wiederholen mag. Es sei nichts mehr der Mühe
wert, schloss er endlich, zu lernen und zu leisten, als dem Gesunden zu helfen,
wenn er durch irgendeinen Zufall verletzt sei: durch einsichtige Behandlung
stelle sich die Natur leicht wieder her; die Kranken müsse man den Ärzten
überlassen, niemand aber bedürfe eines Wundarztes mehr als der Gesunde. In der
Stille des Landlebens, im engsten Kreis der Familie sei er ebenso willkommen als
in und nach dem Getümmel der Schlacht; in den süssesten Augenblicken wie in den
bittersten und grässlichsten; überall walte das böse Geschick grimmiger als der
Tod, und ebenso rücksichtslos, ja noch auf eine schmählichere, Lust und Leben
verletzende Weise.
    Du kennst ihn und denkst ohne Anstrengung, dass er mich so wenig als die Welt
schonte. Am stärksten aber lehnte er sich auf das Argument, das er im Namen der
grossen Gesellschaft gegen mich wendete. »Narrenpossen«, sagte er, »sind eure
allgemeine Bildung und alle Anstalten dazu. Dass ein Mensch etwas ganz
entschieden verstehe, vorzüglich leiste, wie nicht leicht ein anderer in der
nächsten Umgebung, darauf kommt es an, und besonders in unserm Verbande spricht
es sich von selbst aus. Du bist gerade in einem Alter, wo man sich mit Verstande
etwas vorsetzt, mit Einsicht das Vorliegende beurteilt, es von der rechten Seite
angreift, seine Fähigkeiten und Fertigkeiten auf den rechten Zweck hinlenkt.«
Was soll ich nun weiter fortfahren auszusprechen, was sich von selbst versteht!
Er machte mir deutlich, dass ich Dispensation von dem so wunderlich gebotenen
unstäten Leben erhalten könne; es werde jedoch schwer sein, es für mich zu
erlangen. »Du bist von der Menschenart«, sprach er, »die sich leicht an einen
Ort, nicht leicht an eine Bestimmung gewöhnen. Allen solchen wird die unstäte
Lebensart vorgeschrieben, damit sie vielleicht zu einer sichern Lebensweise
gelangen. Willst du dich ernstlich dem göttlichsten aller Geschäfte widmen, ohne
Wunder zu heilen und ohne Worte Wunder zu tun, so verwende ich mich für dich.«
So sprach er hastig und fügte hinzu, was seine Beredsamkeit noch alles für
gewaltige Gründe vorzubringen wusste.
Hier nun bin ich geneigt zu enden, zunächst aber sollst du umständlich erfahren,
wie ich die Erlaubnis, an bestimmten Orten mich länger aufhalten zu dürfen,
benutzt habe, wie ich in das Geschäft, wozu ich immer eine stille Neigung
empfunden, mich gar bald zu fügen, mich darin auszubilden wusste. Genug! bei dem
grossen Unternehmen, dem ihr entgegengeht, werd' ich als ein nützliches, als ein
nötiges Glied der Gesellschaft erscheinen und euren Wegen, mit einer gewissen
Sicherheit, mich anschliessen; mit einigem Stolze, denn es ist ein löblicher
Stolz, euer wert zu sein.
 
                      Betrachtungen im Sinne der Wanderer
                            Kunst, Etisches, Natur
Alles Gescheite ist schon gedacht worden, man muss nur versuchen, es noch einmal
zu denken.
Wie kann man sich selbst kennen lernen? Durch Betrachten niemals, wohl aber
durch Handeln. Versuche deine Pflicht zu tun, und du weisst gleich, was an dir
ist.
Was aber ist deine Pflicht? Die Forderung des Tages.
Die vernünftige Welt ist als ein grosses unsterbliches Individuum zu betrachten,
das unaufhaltsam das Notwendige bewirkt und dadurch sich sogar über das
Zufällige zum Herrn macht.
Mir wird, je länger ich lebe, immer verdriesslicher, wenn ich den Menschen sehe,
der eigentlich auf seiner höchsten Stelle da ist, um der Natur zu gebieten, um
sich und die Seinigen von der gewalttätigen Notwendigkeit zu befreien; wenn ich
sehe, wie er aus irgendeinem vorgefassten falschen Begriff gerade das Gegenteil
tut von dem, was er will, und sich alsdann, weil die Anlage im Ganzen verdorben
ist, im Einzelnen kümmerlich herumpfuschet.
Tüchtiger, tätiger Mann, verdiene dir und erwarte:
von den Grossen - Gnade,
von den Mächtigen - Gunst,
von Tätigen und Guten - Förderung,
von der Menge - Neigung,
von dem Einzelnen - Liebe.
Die Dilettanten, wenn sie das Möglichste getan haben, pflegen zu ihrer
Entschuldigung zu sagen, die Arbeit sei noch nicht fertig. Freilich kann sie nie
fertig werden, weil sie nie recht angefangen ward. Der Meister stellt sein Werk
mit wenigen Strichen als fertig dar, ausgeführt oder nicht, schon ist es
vollendet. Der geschickteste Dilettant tastet im Ungewissen, und wie die
Ausführung wächst, kommt die Unsicherheit der ersten Anlage immer mehr zum
Vorschein. Ganz zuletzt entdeckt sich erst das Verfehlte, das nicht
auszugleichen ist, und so kann das Werk freilich nicht fertig werden.
In der wahren Kunst gibt es keine Vorschule, wohl aber Vorbereitungen; die beste
jedoch ist die Teilnahme des geringsten Schülers am Geschäft des Meisters. Aus
Farbenreibern sind treffliche Maler hervorgegangen.
Ein anderes ist die Nachäffung, zu welcher die natürliche allgemeine Tätigkeit
des Menschen durch einen bedeutenden Künstler, der das Schwere mit Leichtigkeit
vollbringt, zufällig angeregt wird.
Von der Notwendigkeit: dass der bildende Künstler Studien nach der Natur mache,
und von dem Werte derselben überhaupt sind wir genugsam überzeugt; allein wir
leugnen nicht, dass es uns öfters betrübt, wenn wir den Missbrauch eines so
löblichen Strebens gewahr werden.
Nach unserer Überzeugung sollte der junge Künstler wenig oder gar keine Studien
nach der Natur beginnen, wobei er nicht zugleich dächte, wie er jedes Blatt zu
einem Ganzen abrunden, wie er diese Einzelnheit, in ein angenehmes Bild
verwandelt, in einen Rahmen eingeschlossen, dem Liebhaber und Kenner gefällig
anbieten möge.
Es steht manches Schöne isoliert in der Welt, doch der Geist ist es, der
Verknüpfungen zu entdecken und dadurch Kunstwerke hervorzubringen hat. - Die
Blume gewinnt erst ihren Reiz durch das Insekt, das ihr anhängt, durch den
Tautropfen, der sie befeuchtet, durch das Gefäss, woraus sie allenfalls ihre
letzte Nahrung zieht. Kein Busch, kein Baum, dem man nicht durch die
Nachbarschaft eines Felsens, einer Quelle Bedeutung geben, durch eine mässige
einfache Ferne grössern Reiz verleihen könnte. So ist es mit menschlichen Figuren
und so mit Tieren aller Art beschaffen.
Der Vorteil, den sich der junge Künstler hiedurch verschafft, ist gar
mannigfaltig. Er lernt denken, das Passende gehörig zusammenbinden, und wenn er
auf diese Weise geistreich komponiert, wird es ihm zuletzt auch an dem, was man
Erfindung nennt, an dem Entwickeln des Mannigfaltigen aus dem Einzelnen,
keineswegs fehlen können.
Tut er nun hierin der eigentlichen Kunstpädagogik wahrhaft Genüge, so hat er
noch nebenher den grossen nicht zu verachtenden Gewinn, dass er lernt,
verkäufliche dem Liebhaber anmutige und liebliche Blätter hervorzubringen.
Eine solche Arbeit braucht nicht im höchsten Grade ausgeführt und vollendet zu
sein; wenn sie gut gesehen, gedacht und fertig ist, so ist sie für den Liebhaber
oft reizender als ein grösseres ausgeführtes Werk.
Beschaue doch jeder junge Künstler seine Studien im Büchelchen und im
Portefeuille und überlege, wie viele Blätter er davon auf jene Weise geniessbar
und wünschenswert hätte machen können.
Es ist nicht die Rede vom Höheren, wovon man wohl auch sprechen könnte, sondern
es soll nur als Warnung gesagt sein, die von einem Abwege zurückruft und aufs
Höhere hindeutet.
Versuche es doch der Künstler nur ein halb Jahr praktisch und setze weder Kohle
noch Pinsel an ohne Intention, einen vorliegenden Naturgegenstand als Bild
abzuschliessen. Hat er angebornes Talent, so wird sich's bald offenbaren, welche
Absicht wir bei diesen Andeutungen im Sinne hegten.
Sage mir, mit wem du umgehst, so sage ich dir, wer du bist; weiss ich, womit du
dich beschäftigst, so weiss ich, was aus dir werden kann.
Jeder Mensch muss nach seiner Weise denken, denn er findet auf seinem Wege immer
ein Wahres, oder eine Art von Wahrem, die ihm durchs Leben hilft; nur darf er
sich nicht gehen lassen; er muss sich kontrollieren; der blosse nackte Instinkt
geziemt nicht dem Menschen.
Unbedingte Tätigkeit, von welcher Art sie sei, macht zuletzt bankerott.
In den Werken des Menschen wie in denen der Natur sind eigentlich die Absichten
vorzüglich der Aufmerksamkeit wert.
Die Menschen werden an sich und andern irre, weil sie die Mittel als Zweck
behandeln, da denn vor lauter Tätigkeit gar nichts geschieht oder vielleicht gar
das Widerwärtige.
Was wir ausdenken, was wir vornehmen, sollte schon vollkommen so rein und schön
sein, dass die Welt nur daran zu verderben hätte; wir blieben dadurch in dem
Vorteil, das Verschobene zurechtzurücken, das Zerstörte wiederherzustellen.
Ganze, Halb- und Viertelsirrtümer sind gar schwer und mühsam zurechtzulegen, zu
sichten und das Wahre daran dahin zu stellen, wohin es gehört.
Es ist nicht immer nötig, dass das Wahre sich verkörpere; schon genug, wenn es
geistig umherschwebt und Übereinstimmung bewirkt; wenn es wie Glockenton
ernstfreundlich durch die Lüfte wogt.
Wenn ich jüngere deutsche Maler, sogar solche, die sich eine Zeitlang in Italien
aufgehalten, befrage: warum sie doch, besonders in ihren Landschaften, so
widerwärtige grelle Töne dem Auge darstellen und vor aller Harmonie zu fliehen
scheinen? so geben sie wohl ganz dreist und getrost zur Antwort: sie sähen die
Natur genau auf solche Weise.
Kant hat uns aufmerksam gemacht, dass es eine Kritik der Vernunft gebe, dass
dieses höchste Vermögen, was der Mensch besitzt, Ursache habe, über sich selbst
zu wachen. Wie grossen Vorteil uns diese Stimme gebracht, möge jeder an sich
selbst geprüft haben. Ich aber möchte in eben dem Sinne die Aufgabe stellen, dass
eine Kritik der Sinne nötig sei, wenn die Kunst überhaupt, besonders die
deutsche, irgend wieder sich erholen und in einem erfreulichen Lebensschritt
vorwärts gehen solle.
Der zur Vernunft geborene Mensch bedarf noch grosser Bildung, sie mag sich ihm
nun durch Sorgfalt der Eltern und Erzieher, durch friedliches Beispiel oder
durch strenge Erfahrung nach und nach offenbaren. Ebenso wird zwar der angehende
Künstler, aber nicht der vollendete geboren; sein Auge komme frisch auf die
Welt, er habe glücklichen Blick für Gestalt, Proportion, Bewegung; aber für
höhere Komposition, für Haltung, Licht, Schatten, Farben kann ihm die natürliche
Anlage fehlen, ohne dass er es gewahr wird.
Ist er nun nicht geneigt, von höher ausgebildeten Künstlern der Vor- und Mitzeit
das zu lernen, was ihm fehlt um eigentlicher Künstler zu sein, so wird er im
falschen Begriff von bewahrter Originalität hinter sich selbst zurückbleiben;
denn nicht allein das, was mit uns geboren ist, sondern auch das, was wir
erwerben können, gehört uns an, und wir sind es.
Allgemeine Begriffe und grosser Dünkel sind immer auf dem Wege, entsetzliches
Unglück anzurichten.
»Blasen ist nicht flöten, ihr müsst die Finger bewegen.«
Die Botaniker haben eine Pflanzenabteilung, die sie Incompletae nennen; man kann
eben auch sagen, dass es inkomplette, unvollständige Menschen gibt. Es sind
diejenigen, deren Sehnsucht und Streben mit ihrem Tun und Leisten nicht
proportioniert ist.
Der geringste Mensch kann komplett sein, wenn er sich innerhalb der Grenzen
seiner Fähigkeiten und Fertigkeiten bewegt; aber selbst schöne Vorzüge werden
verdunkelt, aufgehoben und vernichtet, wenn jenes unerlässlich geforderte Ebenmass
abgeht. Dieses Unheil wird sich in der neuern Zeit noch öfter hervortun; denn
wer wird wohl den Forderungen einer durchaus gesteigerten Gegenwart, und zwar in
schnellster Bewegung genugtun können?
Nur klugtätige Menschen, die ihre Kräfte kennen und sie mit Mass und
Gescheidigkeit benutzen, werden es im Weltwesen weit bringen.
Ein grosser Fehler: dass man sich mehr dünkt, als man ist, und sich weniger
schätzt, als man wert ist.
Es begegnet mir von Zeit zu Zeit ein Jüngling, an dem ich nichts verändert noch
gebessert wünschte; nur macht mir bange, dass ich manchen vollkommen geeignet
sehe, im Zeitstrom mit fortzuschwimmen, und hier ist's, wo ich immerfort
aufmerksam machen möchte: dass dem Menschen in seinem zerbrechlichen Kahn eben
deshalb das Ruder in die Hand gegeben ist, damit er nicht der Willkür der
Wellen, sondern dem Willen seiner Einsicht Folge leiste.
Wie soll nun aber ein junger Mann für sich selbst dahin gelangen, dasjenige für
tadelnswert und schädlich anzusehen, was jedermann treibt, billigt und fördert?
Warum soll er sich nicht und sein Naturell auch dahin gehen lassen?
Für das grösste Unheil unserer Zeit, die nichts reif werden lässt, muss ich halten,
dass man im nächsten Augenblick den vorhergehenden verspeist, den Tag im Tage
vertut und so immer aus der Hand in den Mund lebt, ohne irgend etwas vor sich zu
bringen. Haben wir doch schon Blätter für sämtliche Tageszeiten! ein guter Kopf
könnte wohl noch eins und das andere interkalieren. Dadurch wird alles, was ein
jeder tut, treibt, dichtet, ja was er vorhat, ins Öffentliche geschleppt.
Niemand darf sich freuen oder leiden als zum Zeitvertreib der übrigen; und so
springt's von Haus zu Haus, von Stadt zu Stadt, von Reich zu Reich und zuletzt
von Weltteil zu Weltteil, alles veloziferisch.
So wenig nun die Dampfmaschinen zu dämpfen sind, so wenig ist dies auch im
Sittlichen möglich; die Lebhaftigkeit des Handels, das Durchrauschen des
Papiergelds, das Anschwellen der Schulden, um Schulden zu bezahlen, das alles
sind die ungeheuern Elemente, auf die gegenwärtig ein junger Mann gesetzt ist.
Wohl ihm, wenn er von der Natur mit mässigem, ruhigem Sinn begabt ist, um weder
unverhältnismässige Forderungen an die Welt zu machen noch auch von ihr sich
bestimmen zu lassen.
Aber in einem jeden Kreise bedroht ihn der Tagesgeist; und nichts ist nötiger,
als früh genug ihm die Richtung bemerklich zu machen, wohin sein Wille zu
steuern hat.
Die Bedeutsamkeit der unschuldigsten Reden und Handlungen wächst mit den Jahren;
und wen ich länger um mich sehe, den suche ich immerfort aufmerksam zu machen,
welch ein Unterschied stattfinde zwischen Aufrichtigkeit, Vertrauen und
Indiskretion, ja dass eigentlich kein Unterschied sei, vielmehr nur ein leiser
Übergang vom Unverfänglichsten zum Schädlichsten, welcher bemerkt oder vielmehr
empfunden werden müsse.
Hierauf haben wir unsern Takt zu üben, sonst laufen wir Gefahr, auf dem Wege,
worauf wir uns die Gunst der Menschen erwarben, sie ganz unversehens wieder zu
verscherzen. Das begreift man wohl im Laufe des Lebens von selbst, aber erst
nach bezahltem teurem Lehrgelde, das man leider seinen Nachkommenden nicht
ersparen kann.
Das Verhältnis der Künste und Wissenschaften zum Leben ist nach Verhältnis der
Stufen, worauf sie stehen, nach Beschaffenheit der Zeiten und tausend andern
Zufälligkeiten sehr verschieden; deswegen auch niemand darüber im ganzen leicht
klug werden kann.
Poesie wirkt am meisten im Anfang der Zustände, sie seien nun ganz roh,
halbkultiviert, oder bei Abänderung einer Kultur, beim Gewahrwerden einer
fremden Kultur, dass man also sagen kann, die Wirkung der Neuheit findet durchaus
statt.
Musik im besten Sinne bedarf weniger der Neuheit, ja vielmehr je älter sie ist,
je gewohnter man sie ist, desto mehr wirkt sie.
Die Würde der Kunst erscheint bei der Musik vielleicht am eminentesten, weil sie
keinen Stoff hat, der abgerechnet werden müsste. Sie ist ganz Form und Gehalt und
erhöht und veredelt alles, was sie ausdrückt.
Die Musik ist heilig oder profan. Das Heilige ist ihrer Würde ganz gemäss, und
hier hat sie die grösste Wirkung aufs Leben, welche sich durch alle Zeiten und
Epochen gleich bleibt. Die profane sollte durchaus heiter sein.
Eine Musik, die den heiligen und profanen Charakter vermischt, ist gottlos, und
eine halbschürige, welche schwache, jammervolle, erbärmliche Empfindungen
auszudrücken Belieben findet, ist abgeschmackt. Denn sie ist nicht ernst genug,
um heilig zu sein, und es fehlt ihr der Hauptcharakter des Entgegengesetzten:
die Heiterkeit.
Die Heiligkeit der Kirchenmusiken, das Heitere und Neckische der Volksmelodien
sind die beiden Angeln, um die sich die wahre Musik herumdreht. Auf diesen
beiden Punkten beweist sie jederzeit eine unausbleibliche Wirkung: Andacht oder
Tanz. Die Vermischung macht irre, die Verschwächung wird fade, und will die
Musik sich an Lehrgedichte oder beschreibende und dergleichen wenden, so wird
sie kalt.
Plastik wirkt eigentlich nur auf ihrer höchsten Stufe; alles Mittlere kann wohl
aus mehr denn einer Ursache imponieren, aber alle mittleren Kunstwerke dieser
Art machen mehr irre, als dass sie erfreuen. Die Bildhauerkunst muss sich daher
noch ein stoffartiges Interesse suchen, und das findet sie in den Bildnissen
bedeutender Menschen. Aber auch hier muss sie schon einen hohen Grad erreichen,
wenn sie zugleich wahr und würdig sein will.
Die Malerei ist die lässlichste und bequemste von allen Künsten. Die lässlichste,
weil man ihr um des Stoffes und des Gegenstandes willen, auch da, wo sie nur
Handwerk oder kaum eine Kunst ist, vieles zugute hält und sich an ihr erfreut;
teils weil eine technische obgleich geistlose Ausführung den Ungebildeten wie
den Gebildeten in Verwunderung setzt, so dass sie sich also nur einigermassen zur
Kunst zu steigern braucht, um in einem höheren Grade willkommen zu sein.
Wahrheit in Farben, Oberflächen, in Beziehungen der sichtbaren Gegenstände
aufeinander ist schon angenehm; und da das Auge ohnehin gewohnt ist, alles zu
sehen, so ist ihm eine Missgestalt und also auch ein Missbild nicht so zuwider als
dem Ohr ein Misston. Man lässt die schlechteste Abbildung gelten, weil man noch
schlechtere Gegenstände zu sehen gewohnt ist. Der Maler darf also nur
einigermassen Künstler sein, so findet er schon ein grösseres Publikum als der
Musiker, der auf gleichem Grade stünde; wenigstens kann der geringere Maler
immer für sich operieren, anstatt dass der mindere Musiker sich mit anderen
soziieren muss, um durch gesellige Leistung einigen Effekt zu tun.
Die Frage: ob man bei Betrachtung von Kunstleistungen vergleichen solle oder
nicht, möchten wir folgendermassen beantworten: Der ausgebildete Kenner soll
vergleichen; denn ihm schwebt die Idee vor, er hat den Begriff gefasst, was
geleistet werden könne und solle; der Liebhaber, auf dem Wege zur Bildung
begriffen, fördert sich am besten, wenn er nicht vergleicht, sondern jedes
Verdienst einzeln betrachtet; dadurch bildet sich Gefühl und Sinn für das
Allgemeinere nach und nach aus. Das Vergleichen der Unkenner ist eigentlich nur
eine Bequemlichkeit, die sich gern des Urteils überheben möchte.
Wahrheitsliebe zeigt sich darin, dass man überall das Gute zu finden und zu
schätzen weiss.
Ein historisches Menschengefühl heisst ein dergestalt gebildetes, dass es bei
Schätzung gleichzeitiger Verdienste und Verdienstlichkeiten auch die
Vergangenheit mit in Anschlag bringt.
Das Beste, was wir von der Geschichte haben, ist der Entusiasmus, den sie
erregt.
Eigentümlichkeit ruft Eigentümlichkeit hervor.
Man muss bedenken, da unter den Menschen gar viele sind, die doch auch etwas
Bedeutendes sagen wollen, ohne produktiv zu sein, und da kommen die
wunderlichsten Dinge an den Tag.
Tief und ernstlich denkende Menschen haben gegen das Publikum einen bösen Stand.
Wenn ich die Meinung eines andern anhören soll, so muss sie positiv ausgesprochen
werden; Problematisches hab' ich in mir selbst genug.
Der Aberglaube gehört zum Wesen des Menschen und flüchtet sich, wenn man ihn
ganz und gar zu verdrängen denkt, in die wunderlichsten Ecken und Winkel, von wo
er auf einmal, wenn er einigermassen sicher zu sein glaubt, wieder hervortritt.
Wir würden gar vieles besser kennen, wenn wir es nicht zu genau erkennen
wollten. Wird uns doch ein Gegenstand unter einem Winkel von fünfundvierzig
Graden erst fasslich.
Mikroskope und Fernröhre verwirren eigentlich den reinen Menschensinn.
Ich schweige zu vielem still, denn ich mag die Menschen nicht irremachen und bin
wohl zufrieden, wenn sie sich freuen da wo ich mich ärgere.
Alles, was unsern Geist befreit, ohne uns die Herrschaft über uns selbst zu
geben, ist verderblich.
Das Was des Kunstwerks interessiert die Menschen mehr als das Wie; jenes können
sie einzeln ergreifen, dieses im ganzen nicht fassen. Daher kommt das
Herausheben von Stellen, wobei zuletzt, wenn man wohl aufmerkt, die Wirkung der
Totalität auch nicht ausbleibt, aber jedem unbewusst.
Die Frage: woher hat's der Dichter? geht auch nur aufs Was, vom Wie erfährt
dabei niemand etwas.
Einbildungskraft wird nur durch Kunst, besonders durch Poesie geregelt. Es ist
nichts fürchterlicher als Einbildungskraft ohne Geschmack.
Das Manierierte ist ein verfehltes Ideelle, ein subjektiviertes Ideelle; daher
fehlt ihm das Geistreiche nicht leicht.
Der Philolog ist angewiesen auf die Kongruenz des Geschrieben-Überlieferten. Ein
Manuskript liegt zum Grunde, es finden sich in demselben wirkliche Lücken,
Schreibfehler, die eine Lücke im Sinne machen, und was sonst alles an einem
Manuskript zu tadeln sein mag. Nun findet sich eine zweite Abschrift, eine
dritte; die Vergleichung derselben bewirkt immer mehr, das Verständige und
Vernünftige der Überlieferung gewahr zu werden. Ja er geht weiter und verlangt
von seinem innern Sinn, dass derselbe ohne äussere Hülfsmittel die Kongruenz des
Abgehandelten immer mehr zu begreifen und darzustellen wisse. Weil nun hiezu ein
besondrer Takt, eine besondre Vertiefung in seinen abgeschiedenen Autor nötig
und ein gewisser Grad von Erfindungskraft gefordert wird, so kann man dem
Philologen nicht verdenken, wenn er sich auch ein Urteil bei Geschmackssachen
zutraut, welches ihm jedoch nicht immer gelingen wird.
Der Dichter ist angewiesen auf Darstellung. Das Höchste derselben ist, wenn sie
mit der Wirklichkeit wetteifert, d.h. wenn ihre Schilderungen durch den Geist
dergestalt lebendig sind, dass sie als gegenwärtig für jedermann gelten können.
Auf ihrem höchsten Gipfel scheint die Poesie ganz äusserlich; je mehr sie sich
ins Innere zurückzieht, ist sie auf dem Wege zu sinken. - Diejenige, die nur das
Innere darstellt, ohne es durch ein Äusseres zu verkörpern, oder ohne das Äussere
durch das Innere durchfühlen zu lassen, sind beides die letzten Stufen, von
welchen aus sie ins gemeine Leben hineintritt.
Die Redekunst ist angewiesen auf alle Vorteile der Poesie, auf alle ihre Rechte;
sie bemächtigt sich derselben und missbraucht sie, um gewisse äussere, sittliche
oder unsittliche, augenblickliche Vorteile im bürgerlichen Leben zu erreichen.
Literatur ist das Fragment der Fragmente; das wenigste dessen, was geschah und
gesprochen worden, ward geschrieben, vom Geschriebenen ist das wenigste
übriggeblieben.
In natürlicher Wahrheit und Grossheit, obgleich wild und unbehaglich
ausgebildetes Talent ist Lord Byron, und deswegen kaum ein anderes ihm
vergleichbar.
Eigentlichster Wert der sogenannten Volkslieder ist der, dass ihre Motive
unmittelbar von der Natur genommen sind. Dieses Vorteils aber könnte der
gebildete Dichter sich auch bedienen, wenn er es verstünde.
Hiebei aber haben jene immer das voraus, dass natürliche Menschen sich besser auf
den Lakonismus verstehen als eigentlich Gebildete.
Shakespeare ist für aufkeimende Talente gefährlich zu lesen; er nötigt sie, ihn
zu reproduzieren, und sie bilden sich ein, sich selbst zu produzieren.
Über Geschichte kann niemand urteilen, als wer an sich selbst Geschichte erlebt
hat. So geht es ganzen Nationen. Die Deutschen können erst über Literatur
urteilen, seitdem sie selbst eine Literatur haben.
Man ist nur eigentlich lebendig, wenn man sich des Wohlwollens andrer freut.
Frömmigkeit ist kein Zweck, sondern ein Mittel, um durch die reinste Gemütsruhe
zur höchsten Kultur zu gelangen.
Deswegen lässt sich bemerken, dass diejenigen, welche Frömmigkeit als Zweck und
Ziel aufstecken, meistens Heuchler werden.
»Wenn man alt ist, muss man mehr tun, als da man jung war.«
Erfüllte Pflicht empfindet sich immer noch als Schuld, weil man sich nie ganz
genug getan.
Die Mängel erkennt nur der Lieblose; deshalb, um sie einzusehen, muss man auch
lieblos werden, aber nicht mehr, als hiezu nötig ist.
Das höchste Glück ist das, welches unsere Mängel verbessert und unsere Fehler
ausgleicht.
Kannst du lesen, so sollst du verstehen; kannst du schreiben, so musst du etwas
wissen; kannst du glauben, so sollst du begreifen; wenn du begehrst, wirst du
sollen; wenn du forderst, wirst du nicht erlangen; und wenn du erfahren bist,
sollst du nutzen.
Man erkennt niemand an als den, der uns nutzt. Wir erkennen den Fürsten an, weil
wir unter seiner Firma den Besitz gesichert sehen. Wir gewärtigen uns von ihm
Schutz gegen äussere und innere widerwärtige Verhältnisse.
Der Bach ist dem Müller befreundet, dem er nutzt, und er stürzt gern über die
Räder; was hilft es ihm, gleichgültig durchs Tal hinzuschleichen.
Wer sich mit reiner Erfahrung begnügt und darnach handelt, der hat Wahres genug.
Das heranwachsende Kind ist weise in diesem Sinne.
Die Teorie an und für sich ist nichts nütze, als insofern sie uns an den
Zusammenhang der Erscheinungen glauben macht.
Alles Abstrakte wird durch Anwendung dem Menschenverstand genähert, und so
gelangt der Menschenverstand durch Handeln und Beobachten zur Abstraktion.
Wer zuviel verlangt, wer sich am Verwickelten erfreut, der ist den Verwirrungen
ausgesetzt.
Nach Analogien denken ist nicht zu schelten; die Analogie hat den Vorteil, dass
sie nicht abschliesst und eigentlich nichts Letztes will; dagegen die Induktion
verderblich ist, die einen vorgesetzten Zweck im Auge trägt und, auf denselben
losarbeitend, Falsches und Wahres mit sich fortreisst.
Gewöhnliches Anschauen, richtige Ansicht der irdischen Dinge ist ein Erbteil des
allgemeinen Menschenverstandes. - Reines Anschauen des Äussern und Innern ist
sehr selten.
Es äussert sich jenes im praktischen Sinn, im unmittelbaren Handeln; dieses
symbolisch, vorzüglich durch Matematik, in Zahlen und Formeln, durch Rede,
uranfänglich, tropisch, als Poesie des Genies, als Sprichwörtlichkeit des
Menschenverstandes.
Das Abwesende wirkt auf uns durch Überlieferung. Die gewöhnliche ist historisch
zu nennen; eine höhere, der Einbildungskraft verwandte ist mytisch. Sucht man
hinter dieser noch etwas Drittes, irgendeine Bedeutung, so verwandelt sie sich
in Mystik. Auch wird sie leicht sentimental, so dass wir uns nur, was gemütlich
ist, aneignen.
Die Wirksamkeiten, auf die wir achten müssen, wenn wir wahrhaft gefördert sein
wollen, sind:
        vorbereitende,
        begleitende,
        mitwirkende,
        nachhelfende,
        fördernde,
        verstärkende,
        hindernde,
        nachwirkende.
Im Betrachten wie im Handeln ist das Zugängliche von dem Unzugänglichen zu
unterscheiden; ohne dies lässt sich im Leben wie im Wissen wenig leisten.
»Le sens commun est le Génie de l'humanité.«
Der Gemeinverstand, der als Genie der Menschheit gelten soll, muss vorerst in
seinen Äusserungen betrachtet werden. Forschen wir, wozu ihn die Menschheit
benutzt, so finden wir folgendes:
    Die Menschheit ist bedingt durch Bedürfnisse. Sind diese nicht befriedigt,
so erweist sie sich ungeduldig; sind sie befriedigt, so erscheint sie
gleichgültig. Der eigentliche Mensch bewegt sich also zwischen beiden Zuständen;
und seinen Verstand, den sogenannten Menschenverstand, wird er anwenden, seine
Bedürfnisse zu befriedigen; ist es geschehen, so hat er die Aufgabe, die Räume
der Gleichgültigkeit auszufüllen. Beschränkt sich dieses in die nächsten und
notwendigsten Grenzen, so gelingt es ihm auch. Erheben sich aber die
Bedürfnisse, treten sie aus dem Kreise des Gemeinen heraus, so ist der
Gemeinverstand nicht mehr hinreichend, er ist kein Genius mehr, die Region des
Irrtums ist der Menschheit aufgetan.
Es geschieht nichts Unvernünftiges, das nicht Verstand oder Zufall wieder in die
Richte brächten; nichts Vernünftiges, das Unverstand und Zufall nicht missleiten
könnten.
Jede grosse Idee, sobald sie in die Erscheinung tritt, wirkt tyrannisch; daher
die Vorteile, die sie hervorbringt, sich nur allzubald in Nachteile verwandeln.
Man kann deshalb eine jede Institution verteidigen und rühmen, wenn man an ihre
Anfänge erinnert und darzutun weiss, dass alles, was von ihr im Anfange gegolten,
auch jetzt noch gelte.
Lessing, der mancherlei Beschränkung unwillig fühlte, lässt eine seiner Personen
sagen: Niemand muss müssen. Ein geistreicher frohgesinnter Mann sagte: Wer will,
der muss. Ein dritter, freilich ein Gebildeter, fügte hinzu: Wer einsieht, der
will auch. Und so glaubte man den ganzen Kreis des Erkennens, Wollens und
Müssens abgeschlossen zu haben. Aber im Durchschnitt bestimmt die Erkenntnis des
Menschen, von welcher Art sie auch sei, sein Tun und Lassen; deswegen auch
nichts schrecklicher ist, als die Unwissenheit handeln zu sehen.
Es gibt zwei friedliche Gewalten: das Recht und die Schicklichkeit.
Das Recht dringt auf Schuldigkeit, die Polizei aufs Geziemende. Das Recht ist
abwägend und entscheidend, die Polizei überschauend und gebietend. Das Recht
bezieht sich auf den Einzelnen, die Polizei auf die Gesamteit.
Die Geschichte der Wissenschaften ist eine grosse Fuge, in der die Stimmen der
Völker nach und nach zum Vorschein kommen.
Man kann in den Naturwissenschaften über manche Probleme nicht gehörig sprechen,
wenn man die Metaphysik nicht zu Hülfe ruft; aber nicht jene Schul-und
Wortweisheit; es ist dasjenige, was vor, mit und nach der Physik war, ist und
sein wird.
Autorität, dass nämlich etwas schon einmal geschehen, gesagt oder entschieden
worden sei, hat grossen Wert; aber nur der Pedant fordert überall Autorität.
Altes Fundament ehrt man, darf aber das Recht nicht aufgeben, irgendwo wieder
einmal von vorn zu gründen.
Beharre, wo du stehst! - Maxime, notwendiger als je, indem einerseits die
Menschen in grosse Parteien gerissen werden; sodann aber auch jeder Einzelne nach
individueller Einsicht und Vermögen sich geltend machen will.
Man tut immer besser, dass man sich grad ausspricht, wie man denkt, ohne viel
beweisen zu wollen: denn alle Beweise, die wir vorbringen, sind doch nur
Variationen unserer Meinungen, und die Widriggesinnten hören weder auf das eine
noch auf das andere.
Da ich mit der Naturwissenschaft, wie sie sich von Tag zu Tage vorwärts bewegt,
immer mehr bekannt und verwandt werde, so dringt sich mir gar manche Betrachtung
auf: über die Vor- und Rückschritte, die zu gleicher Zeit geschehen. Eines nur
sei hier ausgesprochen: dass wir sogar anerkannte Irrtümer aus der Wissenschaft
nicht loswerden. Die Ursache hievon ist ein offenbares Geheimnis.
Einen Irrtum nenn' ich, wenn irgendein Ereignis falsch ausgelegt, falsch
angeknüpft, falsch abgeleitet wird. Nun ereignet sich aber im Gange des
Erfahrens und Denkens, dass eine Erscheinung folgerecht angeknüpft, richtig
abgeleitet wird. Das lässt man sich wohl gefallen, legt aber keinen besondern
Wert darauf und lässt den Irrtum ganz ruhig daneben liegen; und ich kenne ein
kleines Magazin von Irrtümern, die man sorgfältig aufbewahrt.
Da nun den Menschen eigentlich nichts interessiert als seine Meinung, so sieht
jedermann, der eine Meinung vorträgt, sich rechts und links nach Hülfsmitteln
um, damit er sich und andere bestärken möge. Des Wahren bedient man sich solange
es brauchbar ist; aber leidenschaftlich-rhetorisch ergreift man das Falsche,
sobald man es für den Augenblick nutzen, damit als einem Halbargumente blenden,
als mit einem Lückenbüsser das Zerstückelte scheinbar vereinigen kann. Dieses zu
erfahren, war mir erst ein Ärgernis, dann betrübte ich mich darüber, und nun
macht es mir Schadenfreude. Ich habe mir das Wort gegeben, ein solches Verfahren
niemals wieder aufzudecken.
Jedes Existierende ist ein Analogon alles Existierenden; daher erscheint uns das
Dasein immer zu gleicher Zeit gesondert und verknüpft. Folgt man der Analogie zu
sehr, so fällt alles identisch zusammen; meidet man sie, so zerstreut sich alles
ins Unendliche. In beiden Fällen stagniert die Betrachtung, einmal als
überlebendig, das andere Mal als getötet.
Die Vernunft ist auf das Werdende, der Verstand auf das Gewordene angewiesen;
jene bekümmert sich nicht: wozu? dieser fragt nicht: woher? - Sie erfreut sich
am Entwickeln; er wünscht alles festzuhalten, damit er es nutzen könne.
Es ist eine Eigenheit dem Menschen angeboren und mit seiner Natur innigst
verwebt: dass ihm zur Erkenntnis das Nächste nicht genügt; da doch jede
Erscheinung, die wir selbst gewahr werden, im Augenblick das Nächste ist und wir
von ihr fordern können, dass sie sich selbst erkläre, wenn wir kräftig in sie
dringen.
Das werden aber die Menschen nicht lernen, weil es gegen ihre Natur ist; daher
die Gebildeten es selbst nicht lassen können, wenn sie an Ort und Stelle
irgendein Wahres erkannt haben, es nicht nur mit dem Nächsten, sondern auch mit
dem Weitesten und Fernsten zusammenzuhängen, woraus denn Irrtum über Irrtum
entspringt. Das nahe Phänomen hängt aber mit dem fernen nur in dem Sinne
zusammen, dass sich alles auf wenige grosse Gesetze bezieht, die sich überall
manifestieren.
Was ist das Allgemeine?
Der einzelne Fall.
Was ist das Besondere?
Millionen Fälle.
Die Analogie hat zwei Verirrungen zu fürchten: einmal sich dem Witz hinzugeben,
wo sie in nichts zerfliesst; die andere, sich mit Tropen und Gleichnissen zu
umhüllen, welches jedoch weniger schädlich ist.
Weder Mytologie noch Legenden sind in der Wissenschaft zu dulden. Lasse man
diese den Poeten, die berufen sind, sie zu Nutz und Freude der Welt zu
behandeln. Der wissenschaftliche Mann beschränke sich auf die nächste, klarste
Gegenwart. Wollte derselbe jedoch gelegentlich als Rhetor auftreten, so sei ihm
jenes auch nicht verwehrt.
Um mich zu retten, betrachte ich alle Erscheinungen als unabhängig voneinander
und suche sie gewaltsam zu isolieren; dann betrachte ich sie als Korrelate, und
sie verbinden sich zu einem entschiedenen Leben. Dies bezieh' ich vorzüglich auf
Natur; aber auch in bezug auf die neueste um uns her bewegte Weltgeschichte ist
diese Betrachtungsweise fruchtbar.
Alles, was wir Erfinden, Entdecken im höheren Sinne nennen, ist die bedeutende
Ausübung, Betätigung eines originalen Wahrheitsgefühles, das, im stillen längst
ausgebildet, unversehens mit Blitzesschnelle zu einer fruchtbaren Erkenntnis
führt. Es ist eine aus dem Innern am Äussern sich entwickelnde Offenbarung, die
den Menschen seine Gottähnlichkeit vorahnen lässt. Es ist eine Syntese von Welt
und Geist, welche von der ewigen Harmonie des Daseins die seligste Versicherung
gibt.
Der Mensch muss bei dem Glauben verharren, dass das Unbegreifliche begreiflich
sei; er würde sonst nicht forschen.
Begreiflich ist jedes Besondere, das sich auf irgendeine Weise anwenden lässt.
Auf diese Weise kann das Unbegreifliche nützlich werden.
Es gibt eine zarte Empirie, die sich mit dem Gegenstand innigst identisch macht
und dadurch zur eigentlichen Teorie wird. Diese Steigerung des geistigen
Vermögens aber gehört einer hochgebildeten Zeit an.
Am widerwärtigsten sind die kricklichen Beobachter und grilligen Teoristen;
ihre Versuche sind kleinlich und kompliziert, ihre Hypotesen abstrus und
wunderlich.
Es gibt Pedanten, die zugleich Schelme sind, und das sind die allerschlimmsten.
Um zu begreifen, dass der Himmel überall blau ist, braucht man nicht um die Welt
zu reisen.
Das Allgemeine und Besondere fallen zusammen; das Besondere ist das Allgemeine,
unter verschiedenen Bedingungen erscheinend.
Man braucht nicht alles selbst gesehen noch erlebt zu haben; willst du aber dem
andern und seinen Darstellungen vertrauen, so denke, dass du es nun mit dreien zu
tun hast: mit dem Gegenstand und zwei Subjekten.
Grundeigenschaft der lebendigen Einheit: sich zu trennen, sich zu vereinen, sich
ins Allgemeine zu ergehen, im Besondern zu verharren, sich zu verwandeln, sich
zu spezifizieren und, wie das Lebendige unter tausend Bedingungen sich dartun
mag, hervorzutreten und zu verschwinden, zu solideszieren und zu schmelzen, zu
erstarren und zu fliessen, sich auszudehnen und sich zusammenzuziehen. Weil nun
alle diese Wirkungen im gleichen Zeitmoment zugleich vorgehen, so kann alles und
jedes zu gleicher Zeit eintreten. Entstehen und Vergehen, Schaffen und
Vernichten, Geburt und Tod, Freud und Leid, alles wirkt durcheinander, in
gleichem Sinn und gleicher Masse, deswegen denn auch das Besonderste, das sich
ereignet, immer als Bild und Gleichnis des Allgemeinsten auftritt.
Ist das ganze Dasein ein ewiges Trennen und Verbinden, so folgt auch, dass die
Menschen im Betrachten des ungeheuren Zustandes auch bald trennen, bald
verbinden werden.
Als getrennt muss sich darstellen: Physik von Matematik. Jene muss in einer
entschiedenen Unabhängigkeit bestehen und mit allen liebenden, verehrenden,
frommen Kräften in die Natur und das heilige Leben derselben einzudringen
suchen, ganz unbekümmert, was die Matematik von ihrer Seite leistet und tut.
Diese muss sich dagegen unabhängig von allem Äussern erklären, ihren eigenen
grossen Geistesgang gehen und sich selber reiner ausbilden, als es geschehen
kann, wenn sie wie bisher sich mit dem Vorhandenen abgibt und diesem etwas
abzugewinnen oder anzupassen trachtet.
In der Naturforschung bedarf es eines kategorischen Imperativs so gut als im
Sittlichen; nur bedenke man, dass man dadurch nicht am Ende, sondern erst am
Anfang ist.
Das Höchste wäre, zu begreifen, dass alles Faktische schon Teorie ist. Die Bläue
des Himmels offenbart uns das Grundgesetz der Chromatik. Man suche nur nichts
hinter den Phänomenen; sie selbst sind die Lehre.
In den Wissenschaften ist viel Gewisses, sobald man sich von den Ausnahmen nicht
irremachen lässt und die Probleme zu ehren weiss.
Wenn ich mich beim Urphänomen zuletzt beruhige, so ist es doch auch nur
Resignation; aber es bleibt ein grosser Unterschied, ob ich mich an den Grenzen
der Menschheit resigniere oder innerhalb einer hypotetischen Beschränkteit
meines bornierten Individuums.
Wenn man die Probleme des Aristoteles ansieht, so erstaunt man über die Gabe des
Bemerkens und für was alles die Griechen Augen gehabt haben. Nur begehen sie den
Fehler der Übereilung, da sie von dem Phänomen unmittelbar zur Erklärung
schreiten, wodurch denn ganz unzulängliche teoretische Aussprüche zum Vorschein
kommen. Dieses ist jedoch der allgemeine Fehler, der noch heutzutage begangen
wird.
Hypotesen sind Wiegenlieder, womit der Lehrer seine Schüler einlullt; der
denkende treue Beobachter lernt immer mehr seine Beschränkung kennen, er sieht:
je weiter sich das Wissen ausbreitet, desto mehr Probleme kommen zum Vorschein.
Unser Fehler besteht darin, dass wir am Gewissen zweifeln und das Ungewisse
fixieren möchten. Meine Maxime bei der Naturforschung ist: das Gewisse
festzuhalten und dem Ungewissen aufzupassen.
Lässliche Hypotese nenn' ich eine solche, die man gleichsam schalkhaft
aufstellt, um sich von der ernstaften Natur widerlegen zu lassen.
Wie wollte einer als Meister in seinem Fach erscheinen, wenn er nichts Unnützes
lehrte.
Das Närrischste ist, dass jeder glaubt überliefern zu müssen, was man gewusst zu
haben glaubt.
Weil zum didaktischen Vortrag Gewissheit verlangt wird, indem der Schüler nichts
Unsicheres überliefert haben will, so darf der Lehrer kein Problem stehenlassen
und sich etwa in einiger Entfernung da herumbewegen. Gleich muss etwas bestimmt
sein (»bepaalt« sagt der Holländer), und nun glaubt man eine Weile den
unbekannten Raum zu besitzen, bis ein anderer die Pfähle wieder ausreisst und
sogleich enger oder weiter abermals wieder bepfählt.
Lebhafte Frage nach der Ursache, Verwechselung von Ursache und Wirkung,
Beruhigung in einer falschen Teorie sind von grosser nicht zu entwickelnder
Schädlichkeit.
Wenn mancher sich nicht verpflichtet fühlte, das Unwahre zu wiederholen, weil
er's einmal gesagt hat, so wären es ganz andre Leute geworden.
Das Falsche hat den Vorteil, dass man immer darüber schwätzen kann, das Wahre muss
gleich genutzt werden, sonst ist es nicht da.
Wer nicht einsieht, wie das Wahre praktisch erleichtert, mag gern daran mäkeln
und häkeln, damit er nur sein irriges mühseliges Treiben einigermassen
beschönigen könne.
Die Deutschen, und sie nicht allein, besitzen die Gabe, die Wissenschaften
unzugänglich zu machen.
Der Engländer ist Meister, das Entdeckte gleich zu nutzen, bis es wieder zu
neuer Entdeckung und frischer Tat führt. Man frage nun, warum sie uns überall
voraus sind.
Der denkende Mensch hat die wunderliche Eigenschaft, dass er an die Stelle, wo
das unaufgelöste Problem liegt, gerne ein Phantasiebild hinfabelt, das er nicht
loswerden kann, wenn das Problem auch aufgelöst und die Wahrheit am Tage ist.
Es gehört eine eigene Geisteswendung dazu, um das gestaltlose Wirkliche in
seiner eigensten Art zu fassen und es von Hirngespinsten zu unterscheiden, die
sich denn doch auch mit einer gewissen Wirklichkeit lebhaft aufdringen.
Bei Betrachtung der Natur im grossen wie im kleinen hab' ich unausgesetzt die
Frage gestellt: Ist es der Gegenstand oder bist du es, der sich hier ausspricht?
Und in diesem Sinne betrachtete ich auch Vorgänger und Mitarbeiter.
Ein jeder Mensch sieht die fertige und geregelte, gebildete, vollkommene Welt
doch nur als ein Element an, woraus er sich eine besondere ihm angemessene Welt
zu erschaffen bemüht ist. Tüchtige Menschen ergreifen sie ohne Bedenken und
suchen damit, wie es gehen will, zu gebaren; andere zaudern an ihr herum; einige
zweifeln sogar an ihrem Dasein.
Wer sich von dieser Grundwahrheit recht durchdrungen fühlte, würde mit niemanden
streiten, sondern nur die Vorstellungsart eines andern wie seine eigene als ein
Phänomen betrachten. Denn wir erfahren fast täglich, dass der eine mit
Bequemlichkeit denken mag, was dem andern zu denken unmöglich ist, und zwar
nicht etwa in Dingen, die auf Wohl und Wehe nur irgendeinen Einfluss hätten,
sondern in Dingen, die für uns völlig gleichgültig sind.
Man weiss eigentlich das, was man weiss, nur für sich selbst. Spreche ich mit
einem andern von dem, was ich zu wissen glaube, unmittelbar glaubt er's besser
zu wissen, und ich muss mit meinem Wissen immer wieder in mich selbst
zurückkehren.
Das Wahre fördert; aus dem Irrtum entwickelt sich nichts, er verwickelt uns nur.
Der Mensch findet sich mitten unter Wirkungen und kann sich nicht entalten,
nach den Ursachen zu fragen; als ein bequemes Wesen greift er nach der nächsten
als der besten und beruhigt sich dabei; besonders ist dies die Art des
allgemeinen Menschenverstandes.
Sieht man ein Übel, so wirkt man unmittelbar darauf, d.h. man kuriert
unmittelbar aufs Symptom los.
Die Vernunft hat nur über das Lebendige Herrschaft; die entstandene Welt, mit
der sich die Geognosie abgibt, ist tot. Daher kann es keine Geologie geben, denn
die Vernunft hat hier nichts zu tun.
Wenn ich ein zerstreutes Gerippe finde, so kann ich es zusammenlesen und
aufstellen; denn hier spricht die ewige Vernunft durch ein Analogon zu mir, und
wenn es das Riesenfaultier wäre.
Was nicht mehr entsteht, können wir uns als entstehend nicht denken; das
Entstandene begreifen wir nicht.
Der allgemeine neuere Vulkanismus ist eigentlich ein kühner Versuch, die
gegenwärtige unbegreifliche Welt an eine vergangene unbekannte zu knüpfen.
Gleiche oder wenigstens ähnliche Wirkungen werden auf verschiedene Weise durch
Naturkräfte hervorgebracht.
Nichts ist widerwärtiger als die Majorität: denn sie besteht aus wenigen
kräftigen Vorgängern, aus Schelmen die sich akkommodieren, aus Schwachen die
sich assimilieren, und der Masse, die nachtrollt, ohne nur im mindesten zu
wissen, was sie will.
Die Matematik ist, wie die Dialektik, ein Organ des inneren höheren Sinnes, in
der Ausübung ist sie eine Kunst wie die Beredsamkeit. Für beide hat nichts Wert
als die Form; der Gehalt ist ihnen gleichgültig. Ob die Matematik Pfennige oder
Guineen berechne, die Rhetorik Wahres oder Falsches verteidige, ist beiden
vollkommen gleich.
Hier aber kommt es nun auf die Natur des Menschen an, der ein solches Geschäft
betreibt, eine solche Kunst ausübt. Ein durchgreifender Advokat in einer
gerechten Sache, ein durchdringender Matematiker vor dem Sternenhimmel
erscheinen beide gleich gottähnlich.
Was ist an der Matematik exakt als die Exakteit? Und diese, ist sie nicht eine
Folge des innern Wahrheitsgefühls?
Die Matematik vermag kein Vorurteil wegzuheben, sie kann den Eigensinn nicht
lindern, den Parteigeist nicht beschwichtigen, nichts von allem Sittlichen
vermag sie.
Der Matematiker ist nur insofern vollkommen, als er ein vollkommener Mensch
ist, als er das Schöne des Wahren in sich empfindet; dann erst wird er
gründlich, durchsichtig, umsichtig, rein, klar, anmutig, ja elegant wirken. Das
alles gehört dazu, um La Grange ähnlich zu werden.
Nicht die Sprache an und für sich ist richtig, tüchtig, zierlich, sondern der
Geist ist es, der sich darin verkörpert; und so kommt es nicht auf einen jeden
an, ob er seinen Rechnungen, Reden oder Gedichten die wünschenswerten
Eigenschaften verleihen will; es ist die Frage, ob ihm die Natur hiezu die
geistigen und sittlichen Eigenschaften verliehen hat. Die geistigen: das
Vermögen der An- und Durchschauung, die sittlichen: dass er die bösen Dämonen
ablehne, die ihn hindern könnten, dem Wahren die Ehre zu geben.
Das Einfache durch das Zusammengesetzte, das Leichte durch das Schwierige
erklären zu wollen, ist ein Unheil, das in dem ganzen Körper der Wissenschaft
verteilt ist, von den Einsichtigen wohl anerkannt, aber nicht überall
eingestanden.
Man sehe die Physik genau durch, und man wird finden, dass die Phänomene sowie
die Versuche, worauf sie gebaut ist, verschiedenen Wert haben.
Auf die primären, die Urversuche kommt alles an, und das Kapitel, das hierauf
gebaut ist, steht sicher und fest; aber es gibt auch sekundäre, tertiäre u.s.w.
Gesteht man diesen das gleiche Recht zu, so verwirren sie nur das, was von den
ersten aufgeklärt war.
Ein grosses Übel in den Wissenschaften, ja überall entsteht daher, dass Menschen,
die kein Ideenvermögen haben, zu teoretisieren sich vermessen, weil sie nicht
begreifen, dass noch so vieles Wissen hiezu nicht berechtigt. Sie gehen im
Anfange wohl mit einem löblichen Menschenverstand zu Werke, dieser aber hat
seine Grenzen, und wenn er sie überschreitet, kommt er in Gefahr, absurd zu
werden. Des Menschenverstandes angewiesenes Gebiet und Erbteil ist der Bezirk
des Tuns und Handelns. Tätig wird er sich selten verirren; das höhere Denken,
Schliessen und Urteilen jedoch ist nicht seine Sache.
Die Erfahrung nutzt erst der Wissenschaft, sodann schadet sie, weil die
Erfahrung Gesetz und Ausnahme gewahr werden lässt. Der Durchschnitt von beiden
gibt keineswegs das Wahre.
Man sagt: zwischen zwei entgegengesetzten Meinungen liege die Wahrheit mitten
inne. Keineswegs! Das Problem liegt dazwischen, das Unschaubare, das ewig tätige
Leben, in Ruhe gedacht.
 
                                  Drittes Buch
                                  Erstes Kapitel
Nach allem diesem, und was daraus erfolgen mochte, war nun Wilhelms erstes
Anliegen, sich den Verbündeten wieder zu nähern und mit irgendeiner Abteilung
derselben irgendwo zusammenzutreffen. Er zog daher sein Täfelchen zu Rat und
begab sich auf den Weg, der ihn vor andern ans Ziel zu führen versprach. Weil er
aber, den günstigsten Punkt zu erreichen, quer durchs Land gehen musste, so sah
er sich genötigt, die Reise zu Fusse zu machen und das Gepäck hinter sich her
tragen zu lassen. Für seinen Gang aber ward er auf jedem Schritte reichlich
belohnt, indem er unerwartet ganz allerliebste Gegenden antraf; es waren solche,
wie sie das letzte Gebirg gegen die Fläche zu bildet, bebuschte Hügel, die
sanften Abhänge haushälterisch benutzt, alle Flächen grün, nirgends etwas
Steiles, Unfruchtbares und Ungepflügtes zu sehen. Nun gelangte er zum Haupttale,
worein die Seitenwasser sich ergossen; auch dieses war sorgfältig bebaut,
anmutig übersehbar, schlanke Bäume bezeichneten die Krümmung des durchziehenden
Flusses und einströmender Bäche, und als er die Karte, seinen Wegweiser,
vornahm, sah er zu seiner Verwunderung, dass die gezogene Linie dieses Tal gerade
durchschnitt und er sich also vorerst wenigstens auf rechtem Weg befinde.
    Ein altes, wohlerhaltenes, zu verschiedenen Zeiten erneuertes Schloss zeigte
sich auf einem bebuschten Hügel; am Fusse desselben zog ein heiterer Flecken sich
hin mit vorstehendem, in die Augen fallendem Wirtshaus; auf letzteres ging er zu
und ward zwar freundlich von dem Wirt empfangen, jedoch mit Entschuldigung, dass
man ihn ohne Erlaubnis einer Gesellschaft nicht aufnehmen könne, die den ganzen
Gastof auf einige Zeit gemietet habe; deswegen er alle Gäste in die ältere,
weiter hinauf liegende Herberge verweisen müsse. Nach einer kurzen Unterredung
schien der Mann sich zu bedenken und sagte: »Zwar findet sich jetzt niemand im
Hause, doch es ist eben Sonnabend, und der Vogt kann nicht lange ausbleiben, der
wöchentlich alle Rechnungen berichtigt und seine Bestellungen für das Nächste
macht. Wahrlich, es ist eine schickliche Ordnung unter diesen Männern und eine
Lust, mit ihnen zu verkehren, ob sie gleich genau sind, denn man hat zwar keinen
grossen, aber einen sichern Gewinn.« Er hiess darauf den neuen Gast in dem obern
grossen Vorsaal sich gedulden und, was ferner sich ereignen möchte, abwarten.
    Hier fand nun der Herantretende einen weiten, saubern Raum, ausser Bänken und
Tischen völlig leer; desto mehr verwunderte er sich, eine grosse Tafel über einer
Türe angebracht zu sehen, worauf die Worte in goldnen Buchstaben zu lesen waren:
»Ubi homines sunt modi sunt«; welches wir deutsch erklären, dass da, wo Menschen
in Gesellschaft zusammentreten, sogleich die Art und Weise, wie sie zusammen
sein und bleiben mögen, sich ausbilde. Dieser Spruch gab unserm Wanderer zu
denken, er nahm ihn als gute Vorbedeutung, indem er das hier bekräftigt fand,
was er mehrmals in seinem Leben als vernünftig und fördersam erkannt hatte. Es
dauerte nicht lange, so erschien der Vogt, welcher, von dem Wirte vorbereitet,
nach einer kurzen Unterredung und keinem sonderlichen Ausforschen ihn unter
folgenden Bedingungen aufnahm: drei Tage zu bleiben, an allem, was vorgehen
möchte, ruhig teilzunehmen und, es geschehe, was wolle, nicht nach der Ursache
zu fragen, so wenig als beim Abschied nach der Zeche. Das alles musste der
Reisende sich gefallen lassen, weil der Beauftragte in keinem Punkte nachgeben
konnte.
    Eben wollte der Vogt sich entfernen, als ein Gesang die Treppe herauf
scholl; zwei hübsche junge Männer kamen singend heran, denen jener durch ein
einfaches Zeichen zu verstehen gab, der Gast sei aufgenommen. Ihren Gesang nicht
unterbrechend, begrüssten sie ihn freundlich, duettierten gar anmutig, und man
konnte sehr leicht bemerken, dass sie völlig eingeübt und ihrer Kunst Meister
seien. Als Wilhelm die aufmerksamste Teilnahme bewies, schlossen sie und
fragten: ob ihm nicht auch manchmal ein Lied bei seinen Fusswanderungen einfalle
und das er so vor sich hin singe? »Mir ist zwar von der Natur«, versetzte
Wilhelm, »eine glückliche Stimme versagt, aber innerlich scheint mir oft ein
geheimer Genius etwas Rhytmisches vorzuflüstern, so dass ich mich beim Wandern
jedesmal im Takt bewege und zugleich leise Töne zu vernehmen glaube, wodurch
denn irgendein Lied begleitet wird, das sich mir auf eine oder die andere Weise
gefällig vergegenwärtigt.«
    »Erinnert Ihr Euch eines solchen, so schreibt es uns auf«, sagten jene; »wir
wollen sehen, ob wir Euren singenden Dämon zu begleiten wissen.« Er nahm hierauf
ein Blatt aus seiner Schreibtafel und übergab ihnen folgendes:
»Von dem Berge zu den Hügeln,
Niederab das Tal entlang,
Da erklingt es wie von Flügeln,
Da bewegt sich's wie Gesang;
Und dem unbedingten Triebe
Folget Freude, folget Rat,
Und dein Streben, sei's in Liebe,
Und dein Leben sei die Tat.«
Nach kurzem Bedenken ertönte sogleich ein freudiger, dem Wanderschritt
angemessener Zweigesang, der, bei Wiederholung und Verschränkung immer
fortschreitend, den Hörenden mit hinriss; er war im Zweifel, ob dies seine eigne
Melodie, sein früheres Tema, oder ob sie jetzt erst so angepasst sei, dass keine
andere Bewegung denkbar wäre. Die Sänger hatten sich eine Zeitlang auf diese
Weise vergnüglich ergangen, als zwei tüchtige Bursche herantraten, die man an
ihren Attributen sogleich für Maurer anerkannte, zwei aber, die ihnen folgten,
für Zimmerleute halten musste. Diese viere, ihr Handwerkszeug sachte
niederlegend, horchten dem Gesang und fielen bald gar sicher und entschieden in
denselben mit ein, so dass eine vollständige Wandergesellschaft über Berg und Tal
dem Gefühl dahinzuschreiten schien und Wilhelm glaubte, nie etwas so Anmutiges,
Herz und Sinn Erhebendes vernommen zu haben. Dieser Genuss jedoch sollte noch
erhöht und bis zum Letzten gesteigert werden, als eine riesenhafte Figur, die
Treppe heraufsteigend, einen starken, festen Tritt mit dem besten Willen kaum zu
mässigen imstande war. Ein schwer bepacktes Reff setzte er sogleich in die Ecke,
sich aber auf eine Bank nieder, die zu krachen anfing, worüber die andern
lachten, ohne jedoch aus ihrem Gesang zu fallen. Sehr überrascht aber fand sich
Wilhelm, als mit einer ungeheuren Bassstimme dieses Enakskind gleichfalls
einzufallen begann. Der Saal schütterte, und bedeutend war es, dass er den
Refrain an seinem Teile sogleich verändert und zwar dergestalt sang:
»Du im Leben nichts verschiebe;
Sei dein Leben Tat um Tat!«
Ferner konnte man denn auch gar bald bemerken, dass er das Tempo zu einem
langsameren Schritt herniederziehe und die übrigen nötige, sich ihm zu fügen.
Als man zuletzt geschlossen und sich genugsam befriedigt hatte, warfen ihm die
andern vor, als wenn er getrachtet habe, sie irrezumachen. »Keineswegs«, rief er
aus, »ihr seid es, die ihr mich irrezumachen gedenkt; aus meinem Schritt wollt
ihr mich bringen, der gemässigt und sicher sein muss, wenn ich mit meiner Bürde
bergauf, bergab schreite und doch zuletzt zur bestimmten Stunde eintreffen und
euch befriedigen soll.«
    Einer nach dem andern ging nunmehr zu dem Vogt hinein, und Wilhelm konnte
wohl bemerken, dass es auf eine Abrechnung angesehen sei, wornach er sich nun
nicht weiter erkundigen durfte. In der Zwischenzeit kamen ein Paar muntere,
schöne Knaben, eine Tafel in der Geschwindigkeit zu bereiten, mässig mit Speise
und Wein zu besetzen, worauf der heraustretende Vogt sie nunmehr alle sich mit
ihm niederzulassen einlud. Die Knaben warteten auf, vergassen sich aber auch
nicht und nahmen stehend ihren Anteil dahin. Wilhelm erinnerte sich ähnlicher
Szenen, da er noch unter den Schauspielern hauste, doch schien ihm die
gegenwärtige Gesellschaft viel ernster, nicht zum Scherz auf Schein, sondern auf
bedeutende Lebenszwecke gerichtet.
    Das Gespräch der Handwerker mit dem Vogt belehrte den Gast hierüber aufs
klarste. Die vier tüchtigen jungen Leute waren in der Nähe tätig, wo ein
gewaltsamer Brand die anmutigste Landstadt in Asche gelegt hatte; nicht weniger
hörte man, dass der wackere Vogt mit Anschaffung des Holzes und sonstiger
Baumaterialien beschäftigt sei, welches dem Gast um so rätselhafter vorkam, als
sämtliche Männer hier nicht wie Einheimische, sondern wie Vorüberwandernde sich
in allem übrigen ankündigten. Zum Schlusse der Tafel holte St. Christoph, so
nannten sie den Riesen, ein beseitigtes gutes Glas Wein zum Schlaftrunk, und ein
heiterer Gesang hielt noch einige Zeit die Gesellschaft für das Ohr zusammen,
die dem Blick bereits auseinandergegangen war; worauf denn Wilhelm in ein Zimmer
geführt wurde von der anmutigsten Lage. Der Vollmond, eine reiche Flur
beleuchtend, war schon herauf und weckte ähnliche und gleiche Erinnerungen in
dem Busen unseres Wanderers. Die Geister aller lieben Freunde zogen bei ihm
vorüber, besonders aber war ihm Lenardos Bild so lebendig, dass er ihn
unmittelbar vor sich zu sehen glaubte. Dies alles gab ihm ein inniges Behagen
zur nächtlichen Ruhe, als er durch den wunderlichsten Laut beinahe erschreckt
worden wäre. Es klang aus der Ferne her, und doch schien es im Hause selbst zu
sein, denn das Haus zitterte manchmal, und die Balken dröhnten, wenn der Ton zu
seiner grössten Kraft stieg. Wilhelm, der sonst ein zartes Ohr hatte, alle Töne
zu unterscheiden, konnte doch sich für nichts bestimmen; er verglich es dem
Schnarren einer grossen Orgelpfeife, die vor lauter Umfang keinen entschiedenen
Ton von sich gibt. Ob dieses Nachtschrecken gegen Morgen nachliess, oder ob
Wilhelm, nach und nach daran gewöhnt, nicht mehr dafür empfindlich war, ist
schwer auszumitteln; genug, er schlief ein und ward von der aufgehenden Sonne
anmutig erweckt.
    Kaum hatte ihm einer der dienenden Knaben das Frühstück gebracht, als eine
Figur hereintrat, die er am Abendtische bemerkt hatte, ohne über deren
Eigenschaften klar zu werden. Es war ein wohlgebauter, breitschultriger, auch
behender Mann, der sich durch ausgekramtes Gerät als Barbier ankündigte und sich
bereitete, Wilhelmen diesen so erwünschten Dienst zu leisten. Übrigens schwieg
er still, und das Geschäft war mit sehr leichter Hand vollbracht, ohne dass er
irgendeinen Laut von sich gegeben hätte. Wilhelm begann daher und sprach: »Eure
Kunst versteht Ihr meisterlich, und ich wüsste nicht, dass ich ein zarteres Messer
jemals an meinen Wangen gefühlt hätte, zugleich scheint Ihr aber die Gesetze der
Gesellschaft genau zu beobachten.«
    Schalkhaft lächelnd, den Finger auf den Mund legend, schlich der Schweigsame
zur Türe hinaus. »Wahrlich!« rief ihm Wilhelm nach: »Ihr seid jener Rotmantel,
wo nicht selbst, doch wenigstens gewiss ein Abkömmling; es ist Euer Glück, dass
Ihr den Gegendienst von mir nicht verlangen wollt, Ihr würdet Euch dabei
schlecht befunden haben.«
    Kaum hatte dieser wunderliche Mann sich entfernt, als der bekannte Vogt
hereintrat, zur Tafel für diesen Mittag eine Einladung ausrichtend; welche
gleichfalls ziemlich seltsam klang: das Band, so sagte der Einladende
ausdrücklich, heisse den Fremden willkommen, berufe denselben zum Mittagsmahle
und freue sich der Hoffnung, mit ihm in ein näheres Verhältnis zu treten. Man
erkundigte sich ferner nach dem Befinden des Gastes, und wie er mit der
Bewirtung zufrieden sei; der denn von allem, was ihm begegnet war, nur mit Lob
sprechen konnte. Freilich hätte er sich gern bei diesem Manne, wie vorher bei
dem schweigsamen Barbier, nach dem entsetzlichen Ton erkundigt, der ihn diese
Nacht, wo nicht geängstigt, doch beunruhigt hatte; seines Angelöbnisses jedoch
eingedenk, entielt er sich jeder Frage und hoffte, ohne zudringlich zu sein,
aus Neigung der Gesellschaft oder zufällig nach seinen Wünschen belehrt zu
werden.
    Als der Freund sich allein befand, dachte er über die wunderliche Person
erst nach, die ihn hatte einladen lassen, und wusste nicht recht, was er daraus
machen sollte. Einen oder mehrere Vorgesetzte durch ein Neutrum anzukündigen,
kam ihm allzu bedenklich vor. Übrigens war es so still um ihn her, dass er nie
einen stilleren Sonntag erlebt zu haben glaubte; er verliess das Haus, vernahm
aber ein Glockengeläute und ging nach dem Städtchen zu. Die Messe war eben
geendigt, und unter den sich herausdrängenden Einwohnern und Landleuten
erblickte er drei Bekannte von gestern, einen Zimmergesellen, einen Maurer und
einen Knaben. Später bemerkte er unter den protestantischen Gottesverehrern
gerade die drei andern. Wie die übrigen ihrer Andacht pflegen mochten, ward
nicht bekannt, so viel aber getraute er sich zu schliessen, dass in dieser
Gesellschaft eine entschiedene Religionsfreiheit obwalte.
    Zu Mittag kam demselben am Schlosstore der Vogt entgegen, ihn durch
mancherlei Hallen in einen grossen Vorsaal zu führen, wo er ihn niedersitzen
hiess. Viele Personen gingen vorbei, in einen anstossenden Saalraum hinein. Die
schon bekannten waren darunter zu sehen, selbst St. Christoph schritt vorüber;
alle grüssten den Vogt und den Ankömmling. Was dem Freund dabei am meisten
auffiel, war, dass er nur Handwerker zu sehen glaubte, alle nach gewohnter Weise,
aber höchst reinlich gekleidet; wenige, die er allenfalls für Kanzleiverwandte
gehalten hätte.
    Als nun keine neuen Gäste weiter zudrangen, führte der Vogt unsern Freund
durch die stattliche Pforte in einen weitläufigen Saal; dort war eine
unübersehbare Tafel gedeckt, an deren unterem Ende er vorbeigeführt wurde, nach
oben zu, wo er drei Personen quer vorstehen sah. Aber von welchem Erstaunen ward
er ergriffen, als er in die Nähe trat und Lenardo, kaum noch erkannt, ihm um den
Hals fiel. Von dieser Überraschung hatte man sich noch nicht erholt, als ein
Zweiter Wilhelmen gleichfalls feurig und lebhaft umarmte und sich als den
wunderlichen Friedrich, Nataliens Bruder, zu erkennen gab. Das Entzücken der
Freunde verbreitete sich über alle Gegenwärtigen; ein Freud-und Segensruf
erscholl die ganze Tafel her. Auf einmal aber, als man sich gesetzt, ward alles
still und das Gastmahl mit einer gewissen Feierlichkeit aufgetragen und
eingenommen.
    Gegen Ende der Tafel gab Lenardo ein Zeichen, zwei Sänger standen auf, und
Wilhelm verwunderte sich sehr, sein gestriges Lied wiederholt zu hören, das wir,
der nächsten Folge wegen, hier wieder einzurücken für nötig finden.
»Von dem Berge zu den Hügeln,
Niederab das Tal entlang,
Da erklingt es wie von Flügeln,
Da bewegt sich's wie Gesang;
Und dem unbedingten Triebe
Folget Freude, folget Rat;
Und dein Streben, sei's in Liebe,
Und dein Leben sei die Tat.«
Kaum hatte dieser Zwiegesang, von einem gefällig mässigen Chor begleitet, sich
zum Ende geneigt, als gegenüber sich zwei andere Sänger ungestüm erhuben, welche
mit ernster Heftigkeit das Lied mehr umkehrten als fortsetzten, zur Verwunderung
des Ankömmlings aber sich also vernehmen liessen:
»Denn die Bande sind zerrissen,
Das Vertrauen ist verletzt;
Kann ich sagen, kann ich wissen,
Welchem Zufall ausgesetzt
Ich nun scheiden, ich nun wandern,
Wie die Witwe trauervoll,
Statt dem einen mit dem andern
Fort und fort mich wenden soll!«
Der Chor, in diese Strophe einfallend, ward immer zahlreicher, immer mächtiger,
und doch konnte man die Stimme des heiligen Christoph, vom untern Ende der Tafel
her, gar bald unterscheiden. Beinahe furchtbar schwoll zuletzt die Trauer; ein
unmutiger Mut brachte, bei Gewandteit der Sänger, etwas Fugenhaftes in das
Ganze, dass es unserm Freunde wie schauderhaft auffiel. Wirklich schienen alle
völlig gleichen Sinnes zu sein und ihr eignes Schicksal eben kurz vor dem
Aufbruche zu betrauern. Die wundersamsten Wiederholungen, das öftere
Wiederaufleben eines beinahe ermattenden Gesanges schien zuletzt dem Bande
selbst gefährlich; Lenardo stand auf, und alle setzten sich sogleich nieder, den
Hymnus unterbrechend. Jener begann mit freundlichen Worten: »Zwar kann ich euch
nicht tadeln, dass ihr euch das Schicksal, das uns allen bevorsteht, immer
vergegenwärtigt, um zu demselben jede Stunde bereit zu sein. Haben doch
lebensmüde, bejahrte Männer den Ihrigen zugerufen: Gedenke zu sterben!, so
dürfen wir lebenslustige jüngere wohl uns immerfort ermuntern und ermahnen mit
den heitern Worten: Gedenke zu wandern!; dabei ist aber wohlgetan, mit Mass und
Heiterkeit dessen zu erwähnen, was man entweder willig unternimmt, oder wozu man
sich genötigt glaubt. Ihr wisst am besten, was unter uns fest steht und was
beweglich ist; gebt uns dies auch in erfreulichen, aufmunternden Tönen zu
geniessen, worauf denn dieses Abschiedsglas für diesmal gebracht sei!« Er leerte
sodann seinen Becher und setzte sich nieder; die vier Sänger standen sogleich
auf und begannen in abgeleiteten, sich anschliessenden Tönen:
»Bleibe nicht am Boden heften,
Frisch gewagt und frisch hinaus!
Kopf und Arm mit heitern Kräften,
Überall sind sie zu Haus;
Wo wir uns der Sonne freuen,
Sind wir jede Sorge los:
Dass wir uns in ihr zerstreuen,
Darum ist die Welt so gross.«
Bei dem wiederholenden Chorgesange stand Lenardo auf und mit ihm alle; sein Wink
setzte die ganze Tischgesellschaft in singende Bewegung; die unteren zogen, St.
Christoph voran, paarweis zum Saale hinaus, und der angestimmte Wandergesang
ward immer heiterer und freier; besonders aber nahm er sich sehr gut aus, als
die Gesellschaft, in den terrassierten Schlossgärten versammelt, von hier aus das
geräumige Tal übersah, in dessen Fülle und Anmut man sich wohl gern verloren
hätte. Indessen die Menge sich nach Belieben hier- und dortin zerstreute,
machte man Wilhelmen mit dem dritten Vorsitzenden bekannt. Es war der Amtmann,
der das gräfliche, zwischen mehreren Standesherrschaften liegende Schloss dieser
Gesellschaft, so lange sie hier zu verweilen für gut fände, einzuräumen und ihr
vielfache Vorteile zu verschaffen gewusst, dagegen aber auch, als ein kluger
Mann, die Anwesenheit so seltener Gäste zu nutzen verstand. Denn indem er für
billige Preise seine Fruchtböden auftat und, was sonst noch zu Nahrung und
Notdurft erforderlich wäre, zu verschaffen wusste, so wurden bei solcher
Gelegenheit längst vernachlässigte Dachreihen umgelegt, Dachstühle hergestellt,
Mauern unterfahren, Planken gerichtet und andere Mängel auf den Grad gehoben,
dass ein längst vernachlässigtes, in Verfall geratenes Besitztum verblühender
Familien den frohen Anblick einer lebendig benutzten Wohnlichkeit gewährte und
das Zeugnis gab: Leben schaffe Leben, und, wer andern nützlich sei, auch sie ihm
zu nutzen in die Notwendigkeit versetze.
 
                                Zweites Kapitel
                              Hersilie an Wilhelm
Mein Zustand kommt mir vor wie ein Trauerspiel des Alfieri; da die Vertrauten
völlig ermangeln, so muss zuletzt alles in Monologen verhandelt werden, und
fürwahr, eine Korrespondenz mit Ihnen ist einem Monolog vollkommen gleich; denn
Ihre Antworten nehmen eigentlich wie ein Echo unsre Silben nur oberflächlich
auf, um sie verhallen zu lassen. Haben Sie auch nur ein einzigmal etwas
erwidert, worauf man wieder hätte erwidern können? Parierend, ablehnend sind
Ihre Briefe! Indem ich aufstehe, Ihnen entgegenzutreten, so weisen Sie mich
wieder auf den Sessel zurück.
Vorstehendes war schon einige Tage geschrieben; nun findet sich ein neuer Drang
und Gelegenheit, Gegenwärtiges an Lenardo zu bringen; dort findet Sie's, oder
man weiss Sie zu finden. Wo es Sie aber auch antreffen mag, lautet meine Rede
dahin, dass, wenn Sie, nach gelesenem diesem Blatt, nicht gleich vom Sitze
aufspringen und als frommer Wanderer sich eilig bei mir einstellen, so erklär'
ich Sie für den männlichsten aller Männer, d.h. dem die liebenswürdigste aller
Eigenschaften unsers Geschlechts völlig abgeht; ich verstehe darunter die
Neugierde, die mich eben in dem Augenblick auf das entschiedenste quält.
    Kurz und gut! Zu Ihrem Prachtkästchen ist das Schlüsselchen gefunden; das
darf aber niemand wissen als ich und Sie. Wie es in meine Hände gekommen,
vernehmen Sie nun.
    Vor einigen Tagen empfängt unser Gerichtshalter eine Ausfertigung von
fremder Behörde, worin gefragt wird, ob nicht ein Knabe sich zu der und der Zeit
in der Nachbarschaft aufgehalten, allerlei Streiche verübt und endlich bei einem
verwegenen Unternehmen seine Jacke eingebüsst habe.
    Wie dieser Schelm nun bezeichnet war, blieb kein Zweifel übrig, es sei jener
Fitz, von dem Felix so viel zu erzählen wusste und den er sich oft als
Spielkameraden zurückwünschte.
    Nun erbat sich jene Stelle die benannte Kleidung, wenn sie noch vorhanden
wäre, weil der in Untersuchung geratene Knabe sich darauf berufe. Von dieser
Zumutung spricht nun unser Gerichtshalter gelegentlich und zeigt das Kittelchen
vor, eh' er es absendet.
    Mich treibt ein guter oder böser Geist, in die Brusttasche zu greifen; ein
winzig kleines, stachlichtes Etwas kommt mir in die Hand; ich, die ich sonst so
apprehensiv, kitzlich und schreckhaft bin, schliesse die Hand, schliesse sie,
schweige, und das Kleid wird fortgeschickt. Sogleich ergreift mich von allen
Empfindungen die wunderlichste. Beim ersten verstohlenen Blick seh' ich, errat'
ich, zu Ihrem Kästchen sei es der Schlüssel. Nun gab es wunderliche
Gewissenszweifel, mancherlei Skrupel stiegen bei mir auf. Den Fund zu
offenbaren, herzugeben, war mir unmöglich: was soll es jenen Gerichten, da es
dem Freunde so nützlich sein kann! Dann wollte sich mancherlei von Recht und
Pflicht wieder auftun, welche mich aber nicht überstimmen konnten.
    Da sehen Sie nun, in was für einen Zustand mich die Freundschaft versetzt;
ein famoses Organ entwickelt sich plötzlich, Ihnen zuliebe; welch ein wunderlich
Ereignis! Möchte das nicht mehr als Freundschaft sein, was meinem Gewissen
dergestalt die Waage hält! Wundersam bin ich beunruhigt, zwischen Schuld und
Neugier; ich mache mir hundert Grillen und Märchen, was alles daraus erfolgen
könnte: mit Recht und Gericht ist nicht zu spassen. Hersilie, das unbefangene,
gelegentlich übermütige Wesen, in einen Kriminalprozess verwickelt, denn darauf
geht's doch hinaus, und was bleibt mir da übrig, als an den Freund zu denken, um
dessentwillen ich das alles leide! Ich habe sonst auch an Sie gedacht, aber mit
Pausen, jetzt aber unaufhörlich; jetzt, wenn mir das Herz schlägt und ich ans
siebente Gebot denke, so muss ich mich an Sie wenden als den Heiligen, der das
Verbrechen veranlasst und mich auch wohl wieder entbinden kann; und so wird
allein die Eröffnung des Kästchens mich beruhigen. Die Neugierde wird doppelt
mächtig. Kommen Sie eiligst und bringen das Kästchen mit. Für welchen
Richterstuhl eigentlich das Geheimnis gehöre, das wollen wir unter uns
ausmachen; bis dahin bleibt es unter uns; niemand wisse darum, es sei auch, wer
es sei.
Hier aber, mein Freund, nun schliesslich zu dieser Abbildung des Rätsels was
sagen Sie? Erinnert es nicht an Pfeile mit Widerhaken? Gott sei uns gnädig! Aber
das Kästchen muss zwischen mir und Ihnen erst uneröffnet stehen und dann eröffnet
das Weitere selbst befehlen. Ich wollte, es fände sich gar nichts drinnen, und
was ich sonst noch wollte und was ich sonst noch alles erzählen könnte - doch
sei Ihnen das vorentalten, damit Sie desto eiliger sich auf den Weg machen.
Und nun mädchenhaft genug noch eine Nachschrift! Was geht aber mich und Sie
eigentlich das Kästchen an? Es gehört Felix, der hat's entdeckt, hat sich's
zugeeignet, den müssen wir herbeiholen, ohne seine Gegenwart sollen wir's nicht
öffnen.
    Und was das wieder für Umstände sind! das schiebt sich und verschiebt sich.
    Was ziehen Sie so in der Welt herum? Kommen Sie! bringen Sie den holden
Knaben mit, den ich auch einmal wieder sehen möchte.
    Und nun geht's da wieder an, der Vater und der Sohn! tun Sie, was Sie
können, aber kommen Sie beide.
 
                                Drittes Kapitel
Vorstehender wunderliche Brief war freilich schon lange geschrieben und hin und
wider getragen worden, bis er endlich, der Aufschrift gemäss, diesmal abgegeben
werden konnte. Wilhelm nahm sich vor, mit dem ersten Boten, dessen Absendung
bevorstand, freundlich, aber ablehnend zu antworten. Hersilie schien die
Entfernung nicht zu berechnen, und er war gegenwärtig zu ernstlich beschäftigt,
als dass ihn auch nur die mindeste Neugierde, was in jenem Kästchen befindlich
sein möchte, hätte reizen dürfen.
    Auch gaben ihm einige Unfälle, die den derbsten Gliedern dieser tüchtigen
Gesellschaft begegneten, Gelegenheit, sich meisterhaft in der von ihm
ergriffenen Kunst zu beweisen. Und wie ein Wort das andere gibt, so folgt noch
glücklicher eine Tat aus der andern, und wenn dadurch zuletzt auch wieder Worte
veranlasst werden, so sind diese um so fruchtbarer und geisterhebender. Die
Unterhaltungen waren daher so belehrend als ergötzlich, denn die Freunde gaben
sich wechselseitig Rechenschaft vom Gange des bisherigen Lernens und Tuns,
woraus eine Bildung entstanden war, die sie wechselseitig erstaunen machte,
dergestalt, dass sie sich untereinander erst selbst wieder mussten kennen lernen.
    Eines Abends also fing Wilhelm seine Erzählung an: »Meine Studien als
Wundarzt suchte ich sogleich in einer grossen Anstalt der grössten Stadt, wo sie
nur allein möglich wird, zu fördern; zur Anatomie als Grundstudium wendete ich
mich sogleich mit Eifer.
    Auf eine sonderbare Weise, welche niemand erraten würde, war ich schon in
Kenntnis der menschlichen Gestalt weit vorgeschritten, und zwar während meiner
teatralischen Laufbahn; alles genau besehen, spielt denn doch der körperliche
Mensch da die Hauptrolle, ein schöner Mann, eine schöne Frau! Ist der Direktor
glücklich genug, ihrer habhaft zu werden, so sind Komödien- und Tragödiendichter
geborgen. Der losere Zustand, in dem eine solche Gesellschaft lebt, macht ihre
Genossen mehr mit der eigentlichen Schönheit der unverhüllten Glieder bekannt
als irgendein anderes Verhältnis; selbst verschiedene Kostüms nötigen, zur
Evidenz zu bringen, was sonst herkömmlich verhüllt wird. Hievon hätt' ich viel
zu sagen, so auch von körperlichen Mängeln, welche der kluge Schauspieler an
sich und andern kennen muss, um sie, wo nicht zu verbessern, wenigstens zu
verbergen, und auf diese Weise war ich vorbereitet genug, dem anatomischen
Vortrag, der die äussern Teile näher kennen lehrte, eine folgerechte
Aufmerksamkeit zu schenken; so wie mir denn auch die innern Teile nicht fremd
waren, indem ein gewisses Vorgefühl davon mir immer gegenwärtig geblieben war.
Unangenehm hindernd war bei dem Studium die immer wiederholte Klage vom Mangel
der Gegenstände, über die nicht hinreichende Anzahl der verblichenen Körper, die
man zu so hohen Zwecken unter das Messer wünschte. Solche, wo nicht hinreichend,
doch in möglichster Zahl zu verschaffen, hatte man harte Gesetze ergehen lassen,
nicht allein Verbrecher, die ihr Individuum in jedem Sinne verwirkt, sondern
auch andere körperlich, geistig verwahrloste Umgekommene wurden in Anspruch
genommen.
    Mit dem Bedürfnis wuchs die Strenge und mit dieser der Widerwille des Volks,
das in sittlicher und religioser Ansicht seine Persönlichkeit und die
Persönlichkeit geliebter Personen nicht aufgeben kann.
    Immer weiter aber stieg das Übel, indem die verwirrende Sorge hervortrat,
dass man auch sogar für die friedlichen Gräber geliebter Abgeschiedener zu
fürchten habe. Kein Alter, keine Würde, weder Hohes noch Niedriges war in seiner
Ruhestätte mehr sicher; der Hügel, den man mit Blumen geschmückt, die
Inschriften, mit denen man das Andenken zu erhalten getrachtet, nichts konnte
gegen die einträgliche Raubsucht schützen; der schmerzlichste Abschied schien
aufs grausamste gestört, und indem man sich vom Grabe wegwendete, musste schon
die Furcht empfunden werden, die geschmückten, beruhigten Glieder geliebter
Personen getrennt, verschleppt und entwürdigt zu wissen.
    Alles dieses kam wiederholt und immer durchgedroschener zur Sprache, ohne
dass irgend jemand an ein Hülfsmittel gedacht hätte oder daran hätte denken
können, und immer allgemeiner wurden die Beschwerden, als junge Männer, die mit
Aufmerksamkeit den Lehrvortrag gehört, sich auch mit Hand und Auge von dem
bisher Gesehenen und Vernommenen überzeugen und sich die so notwendige Kenntnis
immer tiefer und lebendiger der Einbildungskraft überliefern wollten.
    In solchen Augenblicken entsteht eine Art von unnatürlichem
wissenschaftlichem Hunger, welcher nach der widerwärtigsten Befriedigung wie
nach dem Anmutigsten und Notwendigsten zu begehren aufregt.
    Schon einige Zeit hatte ein solcher Aufschub und Aufentalt die Wissens- und
Tatlustigen beschäftigt und unterhalten, als endlich ein Fall, über den die
Stadt in Bewegung geriet, eines Morgens das Für und Wider für einige Stunden
heftig hervorrief. Ein sehr schönes Mädchen, verwirrt durch unglückliche Liebe,
hatte den Tod im Wasser gesucht und gefunden; die Anatomie bemächtigte sich
derselbigen; vergebens war die Bemühung der Eltern, Verwandten, ja des
Liebhabers selbst, der nur durch falschen Argwohn verdächtig geworden. Die obern
Behörden, die soeben das Gesetz geschärft hatten, durften keine Ausnahme
bewilligen; auch eilte man, so schnell als möglich die Beute zu benutzen und zur
Benutzung zu verteilen.«
    Wilhelm, der als nächster Aspirant gleichfalls berufen wurde, fand vor dem
Sitze, den man ihm anwies, auf einem saubern Brette, reinlich zugedeckt, eine
bedenkliche Aufgabe; denn als er die Hülle wegnahm, lag der schönste weibliche
Arm zu erblicken, der sich wohl jemals um den Hals eines Jünglings geschlungen
hatte. Er hielt sein Besteck in der Hand und getraute sich nicht, es zu
eröffnen; er stand und getraute nicht niederzusitzen. Der Widerwille, dieses
herrliche Naturerzeugnis noch weiter zu entstellen, stritt mit der Anforderung,
welche der wissensbegierige Mann an sich zu machen hat und welcher sämtliche
Umhersitzende Genüge leisteten.
    In diesen Augenblicken trat ein ansehnlicher Mann zu ihm, den er zwar als
einen seltenen, aber immer als einen sehr aufmerksamen Zuhörer und Zuschauer
bemerkt und demselben schon nachgefragt hatte; niemand aber konnte nähere
Auskunft geben; dass es ein Bildhauer sei, darin war man einig; man hielt ihn
aber auch für einen Goldmacher, der in einem grossen, alten Hause wohne, dessen
erste Flur allein den Besuchenden oder bei ihm Beschäftigten zugänglich, die
übrigen sämtlichen Räume jedoch verschlossen seien. Dieser Mann hatte sich
Wilhelmen verschiedentlich genähert, war mit ihm aus der Stunde gegangen, wobei
er jedoch alle weitere Verbindung und Erklärung zu vermeiden schien.
    Diesmal jedoch sprach er mit einer gewissen Offenheit: »Ich sehe, Sie
zaudern, Sie staunen das schöne Gebild an, ohne es zerstören zu können; setzen
Sie sich über das Gildegefühl hinaus und folgen Sie mir.« Hiemit deckte er den
Arm wieder zu, gab dem Saaldiener einen Wink, und beide verliessen den Ort.
Schweigend gingen sie nebeneinander her, als der Halbbekannte vor einem grossen
Tore stillestand, dessen Pförtchen er aufschloss und unsern Freund hineinnötigte,
der sich sodann auf einer Tenne befand, gross, geräumig, wie wir sie in alten
Kaufhäusern sehen, wo die ankommenden Kisten und Ballen sogleich untergefahren
werden. Hier standen Gipsabgüsse von Statuen und Büsten, auch Bohlenverschläge
gepackt und leer. »Es sieht hier kaufmännisch aus«, sagte der Mann; »der von
hier aus mögliche Wassertransport ist für mich unschätzbar.« Dieses alles passte
nun ganz gut zu dem Gewerb eines Bildhauers; ebenso konnte Wilhelm nichts anders
finden, als der freundliche Wirt ihn wenige Stufen hinauf in ein geräumiges
Zimmer führte, das ringsumher mit Hoch- und Flachgebilden, mit grösseren und
kleineren Figuren, Büsten und wohl auch einzelnen Gliedern der schönsten
Gestalten geziert war. Mit Vergnügen betrachtete unser Freund dies alles und
horchte gern den belehrenden Worten seines Wirtes, ob er gleich noch eine grosse
Kluft zwischen diesen künstlerischen Arbeiten und den wissenschaftlichen
Bestrebungen, von denen sie herkamen, gewahren musste. Endlich sagte der
Hausbesitzer mit einigem Ernst: »Warum ich Sie hierher führe, werden Sie leicht
einsehen; diese Türe«, fuhr er fort, indem er sich nach der Seite wandte, »liegt
näher an der Saaltüre, woher wir kommen, als Sie denken mögen.« Wilhelm trat
hinein und hatte freilich zu erstaunen, als er, statt wie in den vorigen
Nachbildung lebender Gestalten zu sehen, hier die Wände durchaus mit
anatomischen Zergliederungen ausgestattet fand; sie mochten in Wachs oder
sonstiger Masse verfertigt sein, genug, sie hatten durchaus das frische, farbige
Ansehen erst fertig gewordener Präparate. »Hier, mein Freund«, sagte der
Künstler, »hier sehen Sie schätzenswerte Surrogate für jene Bemühungen, die wir,
mit dem Widerwillen der Welt, zu unzeitigen Augenblicken mit Ekel oft und grosser
Sorgfalt dem Verderben oder einem widerwärtigen Aufbewahren vorbereiten. Ich muss
dieses Geschäft im tiefsten Geheimnis betreiben, denn Sie haben gewiss oft schon
Männer vom Fach mit Geringschätzung davon reden hören. Ich lasse mich nicht
irremachen und bereite etwas vor, welches in der Folge gewiss von grosser
Einwirkung sein wird. Der Chirurg besonders, wenn er sich zum plastischen
Begriff erhebt, wird der ewig fortbildenden Natur bei jeder Verletzung gewiss am
besten zu Hülfe kommen; den Arzt selbst würde ein solcher Begriff bei seinen
Funktionen erheben. Doch lassen Sie uns nicht viel Worte machen! Sie sollen in
kurzem erfahren, dass Aufbauen mehr belehrt als Einreissen, Verbinden mehr als
Trennen, Totes beleben mehr als das Getötete noch weiter töten; kurz also,
wollen Sie mein Schüler sein?« Und auf Bejahung legte der Wissende dem Gaste das
Knochenskelett eines weiblichen Armes vor, in der Stellung, wie sie jenen vor
kurzem vor sich gesehen hatten. »Ich habe«, fuhr der Meister fort, »zu bemerken
gehabt, wie Sie der Bänderlehre durchaus Aufmerksamkeit schenkten und mit Recht,
denn mit ihnen beginnt sich für uns das tote Knochengerassel erst wieder zu
beleben; Hesekiel musste sein Gebeinfeld sich erst auf diese Weise wieder sammeln
und fügen sehen, ehe die Glieder sich regen, die Arme tasten und die Füsse sich
aufrichten konnten. Hier ist biegsame Masse, Stäbchen und was sonst nötig sein
möchte; nun versuchen Sie Ihr Glück.«
    Der neue Schüler nahm seine Gedanken zusammen, und als er die Knochenteile
näher zu betrachten anfing, sah er, dass diese künstlich von Holz geschnitzt
seien. »Ich habe«, versetzte der Lehrer, »einen geschickten Mann, dessen Kunst
nach Brote ging, indem die Heiligen und Märtyrer, die er zu schnitzen gewohnt
war, keinen Abgang mehr fanden, ihn hab' ich darauf geleitet, sich der
Skelettbildung zu bemächtigen und solche im grossen wie im kleinen naturgemäss zu
befördern.«
    Nun tat unser Freund sein Bestes und erwarb sich den Beifall des
Anleitenden. dabei war es ihm angenehm, sich zu erproben, wie stark oder schwach
die Erinnerung sei, und er fand zu vergnüglicher Überraschung, dass sie durch die
Tat wieder hervorgerufen werde; er gewann Leidenschaft für diese Arbeit und
ersuchte den Meister, in seine Wohnung aufgenommen zu werden. Hier nun arbeitete
er unablässig; auch waren die Knochen und Knöchelchen des Armes in kurzer Zeit
gar schicklich verbunden. Von hier aber sollten die Sehnen und Muskeln ausgehen,
und es schien eine völlige Unmöglichkeit, den ganzen Körper auf diese Weise nach
allen seinen Teilen gleichmässig herzustellen. Hiebei tröstete ihn der Lehrer,
indem er die Vervielfältigung durch Abformung sehen liess, da denn das
Nacharbeiten, das Reinbilden der Exemplare eben wieder neue Anstrengung, neue
Aufmerksamkeit verlangte.
    Alles, worein der Mensch sich ernstlich einlässt, ist ein Unendliches; nur
durch wetteifernde Tätigkeit weiss er sich dagegen zu helfen; auch kam Wilhelm
bald über den Zustand vom Gefühl seines Unvermögens, welches immer eine Art von
Verzweiflung ist, hinaus und fand sich behaglich bei der Arbeit. »Es freut
mich«, sagte der Meister, »dass Sie sich in diese Verfahrungsart zu schicken
wissen und dass Sie mir ein Zeugnis geben, wie fruchtbar eine solche Metode sei,
wenn sie auch von den Meistern des Fachs nicht anerkannt wird. Es muss eine
Schule geben, und diese wird sich vorzüglich mit Überlieferung beschäftigen; was
bisher geschehen ist, soll auch künftig geschehen, das ist gut und mag und soll
so sein. Wo aber die Schule stockt, das muss man bemerken und wissen; das
Lebendige muss man ergreifen und üben, aber im stillen, sonst wird man gehindert
und hindert andere. Sie haben lebendig gefühlt und zeigen es durch Tat,
Verbinden heisst mehr als Trennen, Nachbilden mehr als Ansehen.«
    Wilhelm erfuhr nun, dass solche Modelle im stillen schon weit verbreitet
seien, aber zu grösster Verwunderung vernahm er, dass das Vorrätige eingepackt und
über See gehen solle. Dieser wackere Künstler hatte sich schon mit Lotario und
jenen Befreundeten in Verhältnis gesetzt; man fand die Gründung einer solchen
Schule in jenen sich heranbildenden Provinzen ganz besonders am Platze, ja
höchst notwendig, besonders unter natürlich gesitteten, wohldenkenden Menschen,
für welche die wirkliche Zergliederung immer etwas Kannibalisches hat. »Geben
Sie zu, dass der grösste Teil von Ärzten und Wundärzten nur einen allgemeinen
Eindruck des zergliederten menschlichen Körpers in Gedanken behält und damit
auszukommen glaubt, so werden gewiss solche Modelle hinreichen, die in seinem
Geiste nach und nach erlöschenden Bilder wieder anzufrischen und ihm gerade das
Nötige lebendig zu erhalten. Ja es kommt auf Neigung und Liebhaberei an, so
werden sich die zartesten Resultate der Zergliederungskunst nachbilden lassen.
Leistet dies ja schon Zeichenfeder, Pinsel und Grabstichel.«
    Hier öffnete er ein Seitenschränkchen und liess die Gesichtsnerven auf die
wundersamste Weise nachgebildet erblicken. »Dies ist leider«, sprach er, »das
letzte Kunststück eines abgeschiedenen jungen Gehülfen, der mir die beste
Hoffnung gab, meine Gedanken durchzuführen und meine Wünsche nützlich
auszubreiten.«
    Über die Einwirkung dieser Behandlungsweise nach manchen Seiten hin wurde
gar viel zwischen beiden gesprochen, auch war das Verhältnis zur bildenden Kunst
ein Gegenstand merkwürdiger Unterhaltung. Ein auffallendes, schönes Beispiel,
wie auf diese Weise vorwärts und rückwärts zu arbeiten sei, ergab sich aus
diesen Mitteilungen. Der Meister hatte einen schönen Sturz eines antiken
Jünglings in eine bildsame Masse abgegossen und suchte nun mit Einsicht die
ideelle Gestalt von der Epiderm zu entblössen und das schöne Lebendige in ein
reales Muskelpräparat zu verwandeln. »Auch hier finden sich Mittel und Zweck so
nahe beisammen, und ich will gern gestehen, dass ich über den Mitteln den Zweck
vernachlässigt habe, doch nicht ganz mit eigener Schuld; der Mensch ohne Hülle
ist eigentlich der Mensch, der Bildhauer steht unmittelbar an der Seite der
Elohim, als sie den unförmlichen, widerwärtigen Ton zu dem herrlichsten Gebilde
umzuschaffen wussten; solche göttliche Gedanken muss er hegen, dem Reinen ist
alles rein, warum nicht die unmittelbare Absicht Gottes in der Natur? Aber vom
Jahrhundert kann man dies nicht verlangen, ohne Feigenblätter und Tierfelle
kommt es nicht aus, und das ist noch viel zu wenig. Kaum hatte ich etwas
gelernt, so verlangten sie von mir würdige Männer in Schlafröcken und weiten
Ärmeln und zahllosen Falten; da wendete ich mich rückwärts, und da ich das, was
ich verstand, nicht einmal zum Ausdruck des Schönen anwenden durfte, so wählte
ich, nützlich zu sein, und auch dies ist von Bedeutung. Wird mein Wunsch
erfüllt, wird es als brauchbar anerkannt, dass, wie in so viel andern Dingen,
Nachbildung und das Nachgebildete der Einbildungskraft und dem Gedächtnis zu
Hülfe kommen, da, wo den Menschengeist eine gewisse Frische verlässt, so wird
gewiss mancher bildende Künstler sich, wie ich es getan, herumwenden und lieber
euch in die Hand arbeiten, als dass er gegen Überzeugung und Gefühl ein
widerwärtiges Handwerk treibe.«
    Hieran schloss sich die Betrachtung, dass es eben schön sei zu bemerken, wie
Kunst und Technik sich immer gleichsam die Waage halten und so nah verwandt
immer eine zu der andern sich hinneigt, so dass die Kunst nicht sinken kann, ohne
in löbliches Handwerk überzugehen, das Handwerk sich nicht steigern, ohne
kunstreich zu werden.
    Beide Personen fügten und gewöhnten sich so vollkommen aneinander, dass sie
sich nur ungern trennten, als es nötig ward, um ihren eigentlichen grossen
Zwecken entgegenzugehen.
    »Damit man aber nicht glaube«, sagte der Meister, »dass wir uns von der Natur
ausschliessen und sie verleugnen wollen, so eröffnen wir eine frische Aussicht.
Drüben über dem Meere, wo gewisse menschenwürdige Gesinnungen sich immerfort
steigern, muss man endlich bei Abschaffung der Todesstrafe weitläufige Kastelle,
ummauerte Bezirke bauen, um den ruhigen Bürger gegen Verbrechen zu schützen und
das Verbrechen nicht straflos walten und wirken zu lassen. Dort, mein Freund, in
diesen traurigen Bezirken, lassen Sie uns dem Äskulap eine Kapelle vorbehalten,
dort, so abgesondert wie die Strafe selbst, werde unser Wissen immerfort an
solchen Gegenständen erfrischt, deren Zerstückelung unser menschliches Gefühl
nicht verletze, bei deren Anblick uns nicht, wie es Ihnen bei jenem schönen,
unschuldigen Arm erging, das Messer in der Hand stocke und alle Wissbegierde vor
dem Gefühl der Menschlichkeit ausgelöscht werde.«
    »Dieses«, sagte Wilhelm, »waren unsre letzten Gespräche, ich sah die
wohlgepackten Kisten den Fluss hinabschwimmen, ihnen die glücklichste Fahrt und
uns eine gemeinsame frohe Gegenwart beim Auspacken wünschend.«
    Unser Freund hatte diesen Vortrag mit Geist und Entusiasmus wie geführt so
geendigt, besonders aber mit einer gewissen Lebhaftigkeit der Stimme und
Sprache, die man in der neuern Zeit nicht an ihm gewohnt war. Da er jedoch am
Schluss seiner Rede zu bemerken glaubte, dass Lenardo, wie zerstreut und abwesend,
das Vorgetragene nicht zu verfolgen schien, Friedrich hingegen gelächelt,
einigemal beinahe den Kopf geschüttelt habe, so fiel dem zart empfindenden
Mienenkenner eine so geringe Zustimmung bei der Sache, die ihm höchst wichtig
schien, dergestalt auf, dass er nicht unterlassen konnte, seine Freunde deshalb
zu berufen.
    Friedrich erklärte sich hierüber ganz einfach und aufrichtig, er könne das
Vornehmen zwar löblich und gut, keineswegs aber für so bedeutend, am wenigsten
aber für ausführbar halten. Diese Meinung suchte er durch Gründe zu
unterstützen, von der Art, wie sie demjenigen, der für eine Sache eingenommen
ist und sie durchzusetzen gedenkt, mehr, als man sich vorstellen mag,
beleidigend auffällt. Deshalb denn auch unser plastischer Anatom, nachdem er
einige Zeit geduldig zuzuhören schien, lebhaft erwiderte:
    »Du hast Vorzüge, mein guter Friedrich, die dir niemand leugnen wird, ich am
wenigsten, aber hier sprichst du wie gewöhnliche Menschen gewöhnlich; am Neuen
sehen sie nur das Seltsame, im Seltenen jedoch alsobald das Bedeutende zu
erblicken, dazu gehört schon mehr. Für euch muss erst alles in Tat übergehen, es
muss geschehen, als möglich, als wirklich vor Augen treten, und dann lasst ihr es
auch gut sein wie etwas anderes. Was du vorbringst, hör' ich schon zum voraus
von Unterrichteten und Laien wiederholen; von jenen aus Vorurteil und
Bequemlichkeit, von diesen aus Gleichgültigkeit. Ein Vorhaben wie das
ausgesprochene kann vielleicht nur in einer neuen Welt durchgeführt werden, wo
der Geist Mut fassen muss, zu einem unerlässlichen Bedürfnis neue Mittel
auszuforschen, weil es an den herkömmlichen durchaus ermangelt. Da regt sich die
Erfindung, da gesellt sich die Kühnheit, die Beharrlichkeit der Notwendigkeit
hinzu.
    Jeder Arzt, er mag mit Heilmitteln oder mit der Hand zu Werke gehen, ist
nichts ohne die genauste Kenntnis der äussern und innern Glieder des Menschen,
und es reicht keineswegs hin, auf Schulen flüchtige Kenntnis hievon genommen,
sich von Gestalt, Lage, Zusammenhang der mannigfaltigsten Teile des
unerforschlichen Organismus einen oberflächlichen Begriff gemacht zu haben.
Täglich soll der Arzt, dem es Ernst ist, in der Wiederholung dieses Wissens,
dieses Anschauens sich zu üben, sich den Zusammenhang dieses lebendigen Wunders
immer vor Geist und Auge zu erneuern alle Gelegenheit suchen. Kennte er seinen
Vorteil, er würde, da ihm die Zeit zu solchen Arbeiten ermangelt, einen Anatomen
in Sold nehmen, der, nach seiner Anleitung, für ihn im stillen beschäftigt,
gleichsam in Gegenwart aller Verwicklungen des verflochtensten Lebens, auf die
schwierigsten Fragen sogleich zu antworten verstände.
    Je mehr man dies einsehen wird, je lebhafter, heftiger, leidenschaftlicher
wird das Studium der Zergliederung getrieben werden. Aber in eben dem Masse
werden sich die Mittel vermindern; die Gegenstände, die Körper, auf die solche
Studien zu gründen sind, sie werden fehlen, seltener, teurer werden, und ein
wahrhafter Konflikt zwischen Lebendigen und Toten wird entstehen.
    In der alten Welt ist alles Schlendrian, wo man das Neue immer auf die alte,
das Wachsende nach starrer Weise behandeln will. Dieser Konflikt, den ich
ankündige zwischen Toten und Lebendigen, er wird auf Leben und Tod gehen, man
wird erschrecken, man wird untersuchen, Gesetze geben und nichts ausrichten.
Vorsicht und Verbot helfen in solchen Fällen nichts; man muss von vorn anfangen.
Und das ist's, was mein Meister und ich in den neuen Zuständen zu leisten
hoffen, und zwar nichts Neues, es ist schon da; aber das, was jetzo Kunst ist,
muss Handwerk werden, was im Besondern geschieht, muss im Allgemeinen möglich
werden, und nichts kann sich verbreiten, als was anerkannt ist. Unser Tun und
Leisten muss anerkannt werden als das einzige Mittel in einer entschiedenen
Bedrängnis, welche besonders grosse Städte bedroht. Ich will die Worte meines
Meisters anführen, aber merkt auf! Er sprach eines Tages im grössten Vertrauen:
    Der Zeitungsleser findet Artikel interessant und lustig beinah, wenn er von
Auferstehungsmännern erzählen hört. Erst stahlen sie die Körper in tiefem
Geheimnis; dagegen stellt man Wächter auf: sie kommen mit gewaffneter Schar, um
sich ihrer Beute gewaltsam zu bemächtigen. Und das Schlimmste zum Schlimmen wird
sich ereignen, ich darf es nicht laut sagen, denn ich würde, zwar nicht als
Mitschuldiger, aber doch als zufälliger Mitwisser, in die gefährlichste
Untersuchung verwickelt werden, wo man mich in jedem Fall bestrafen müsste, weil
ich die Untat, sobald ich sie entdeckt hatte, den Gerichten nicht anzeigte.
Ihnen gesteh' ich's, mein Freund, in dieser Stadt hat man gemordet, um den
dringenden, gut bezahlenden Anatomen einen Gegenstand zu verschaffen. Der
entseelte Körper lag vor uns. Ich darf die Szene nicht ausmalen. Er entdeckte
die Untat, ich aber auch, wir sahen einander an und schwiegen beide; wir sahen
vor uns hin und schwiegen und gingen ans Geschäft. - Und dies ist's, mein
Freund, was mich zwischen Wachs und Gips gebannt hat; dies ist's, was gewiss auch
Sie bei der Kunst festalten wird, welche früher oder später vor allen übrigen
wird gepriesen werden.«
    Friedrich sprang auf, schlug in die Hände und wollte des Bravorufens kein
Ende machen, so dass Wilhelm zuletzt im Ernst böse wurde. »Bravo!« rief jener
aus, »nun erkenne ich dich wieder! Das erstemal seit langer Zeit hast du wieder
gesprochen wie einer, dem etwas wahrhaft am Herzen liegt; zum erstenmal hat der
Fluss der Rede dich wieder fortgerissen, du hast dich als einen solchen erwiesen,
der etwas zu tun und es anzupreisen imstande ist.«
    Lenardo nahm hierauf das Wort und vermittelte diese kleine Misshelligkeit
vollkommen. »Ich schien abwesend«, sprach er, »aber nur deshalb, weil ich mehr
als gegenwärtig war. Ich erinnerte mich nämlich des grossen Kabinetts dieser Art,
das ich auf meinen Reisen gesehen und welches mich dergestalt interessierte, dass
der Kustode, der, um nach Gewohnheit fertig zu werden, die auswendig gelernte
Schnurre herzubeten anfing, gar bald, da er der Künstler selber war, aus der
Rolle fiel und sich als einen kenntnisreichen Demonstrator bewies.
    Der merkwürdige Gegensatz, im hohen Sommer in kühlen Zimmern, bei schwüler
Wärme draussen, diejenigen Gegenstände vor mir zu sehen, denen man im strengsten
Winter sich kaum zu nähern getraut. Hier diente bequem alles der Wissbegierde. In
grösster Gelassenheit und schönster Ordnung zeigte er mir die Wunder des
menschlichen Baues und freute sich, mich überzeugen zu können, dass zum ersten
Anfang und zu später Erinnerung eine solche Anstalt vollkommen hinreichend sei;
wobei denn einem jeden frei bleibe, in der mittlern Zeit sich an die Natur zu
wenden und bei schicklicher Gelegenheit sich um diesen oder jenen besondern Teil
zu erkundigen. Er bat mich, ihn zu empfehlen. Denn nur einem einzigen, grossen,
auswärtigen Museum habe er eine solche Sammlung gearbeitet, die Universitäten
aber widerstünden durchaus dem Unternehmen, weil die Meister der Kunst wohl
Prosektoren, aber keine Proplastiker zu bilden wüssten.
    Hiernach hielt ich denn diesen geschickten Mann für den einzigen in der
Welt, und nun hören wir, dass ein anderer auf dieselbe Weise bemüht ist; wer
weiss, wo noch ein Dritter und Vierter an das Tageslicht hervortritt. Wir wollen
von unsrer Seite dieser Angelegenheit einen Anstoss geben. Die Empfehlung muss von
aussen herkommen, und in unsern neuen Verhältnissen soll das nützliche
Unternehmen gewiss gefördert werden.«
 
                                Viertes Kapitel
Des andern Morgens beizeiten trat Friedrich mit einem Hefte in der Hand in
Wilhelms Zimmer, und ihm solches überreichend, sprach er: »Gestern abend hatte
ich vor allen Euren Tugenden, welche herzuerzählen Ihr umständlich genug wart,
nicht Raum, von mir und meinen Vorzügen zu reden, deren ich mich wohl auch zu
rühmen habe und die mich zu einem würdigen Mitglied dieser grossen Karawane
stempeln. Beschaut hier dieses Heft, und Ihr werdet ein Probestück anerkennen.«
    Wilhelm überlief die Blätter mit schnellen Blicken und sah, leserlich
angenehm, obschon flüchtig geschrieben, die gestrige Relation seiner
anatomischen Studien, fast Wort vor Wort, wie er sie abgestattet hatte, weshalb
er denn seine Verwunderung nicht bergen konnte.
    »Ihr wisst«, erwiderte Friedrich, »das Grundgesetz unserer Verbindung; in
irgendeinem Fache muss einer vollkommen sein, wenn er Anspruch auf
Mitgenossenschaft machen will. Nun zerbrach ich mir den Kopf, worin mir's denn
gelingen könnte, und wusste nichts aufzufinden, so nahe mir es auch lag, dass mich
niemand an Gedächtnis übertreffe, niemand an einer schnellen, leichten,
leserlichen Hand. Dieser angenehmen Eigenschaften erinnert Ihr Euch wohl von
unsrer teatralischen Laufbahn her, wo wir unser Pulver nach Sperlingen
verschossen, ohne daran zu denken, dass ein Schuss, vernünftiger angebracht, auch
wohl einen Hasen in die Küche schaffe. Wie oft hab' ich nicht ohne Buch
souffliert, wie oft in wenigen Stunden die Rollen aus dem Gedächtnis
geschrieben! Das war Euch damals recht, Ihr dachtet, es müsste so sein; ich auch,
und es wäre mir nicht eingefallen, wie sehr es mir zustatten kommen könne. Der
Abbé machte zuerst die Entdeckung; er fand, dass das Wasser auf seine Mühle sei,
er versuchte, mich zu üben, und mir gefiel, was mir so leicht ward und einen
ernsten Mann befriedigte. Und nun bin ich, wo's not tut, gleich eine ganze
Kanzlei, ausserdem führen wir noch so eine zweibeinige Rechenmaschine bei uns,
und kein Fürst mit noch so viel Beamten ist besser versehen als unsre
Vorgesetzten.«
    Heiteres Gespräch über dergleichen Tätigkeiten führte die Gedanken auf
andere Glieder der Gesellschaft. »Solltet Ihr wohl denken«, sagte Friedrich,
»dass das unnützeste Geschöpf von der Welt, wie es schien, meine Philine, das
nützlichste Glied der grossen Kette werden wird? Legt ihr ein Stück Tuch hin,
stellt Männer, stellt Frauen ihr vors Gesicht: ohne Mass zu nehmen, schneidet sie
aus dem Ganzen und weiss dabei alle Flecken und Gehren dergestalt zu nutzen, dass
grosser Vorteil daraus entsteht, und das alles ohne Papiermass. Ein glücklicher
geistiger Blick lehrt sie das alles, sie sieht den Menschen an und schneidet,
dann mag er hingehen, wohin er will, sie schneidet fort und schafft ihm einen
Rock auf den Leib wie angegossen. Doch das wäre nicht möglich, hätte sie nicht
auch eine Nähterin herangezogen, Montans Lydie, die nun einmal still geworden
ist und still bleibt, aber auch reinlich näht wie keine, Stich für Stich wie
Perlen, wie gestickt. Das ist nun, was aus den Menschen werden kann; eigentlich
hängt so viel Unnützes um uns herum, aus Gewohnheit, Neigung, Zerstreuung und
Willkür, ein Lumpenmantel zusammengespettelt. Was die Natur mit uns gewollt, das
Vorzüglichste, was sie in uns gelegt, können wir deshalb weder auffinden noch
ausüben.«
    Allgemeine Betrachtungen über die Vorteile der geselligen Verbindung, die
sich so glücklich zusammengefunden, eröffneten die schönsten Aussichten.
    Als nun Lenardo sich hierauf zu ihnen gesellte, ward er von Wilhelmen
ersucht, auch von sich zu sprechen, von dem Lebensgange, den er bisher geführt,
von der Art, wie er sich und andere gefördert, freundliche Nachricht zu
erteilen.
    »Sie erinnern sich gar wohl, mein Bester«, versetzte Lenardo, »in welchem
wundersamen, leidenschaftlichen Zustande Sie mich den ersten Augenblick unserer
neuen Bekanntschaft getroffen; ich war versunken, verschlungen in das
wunderlichste Verlangen, in eine unwiderstehliche Begierde, es konnte damals nur
von der nächsten Stunde die Rede sein, vom schweren Leiden, das mir bereitet
war, das mir selbst zu schärfen ich mich so emsig erwies. Ich konnte Sie nicht
bekannt machen mit meinen früheren Jugendzuständen, wie ich jetzt tun muss, um
Sie auf den Weg zu führen, der mich hierher gebracht hat.
    Unter den frühsten meiner Fähigkeiten, die sich nach und nach durch Umstände
entwickelten, tat sich ein gewisser Trieb zum Technischen hervor, welcher jeden
Tag durch die Ungeduld genährt wurde, die man auf dem Lande fühlt, wenn man bei
grösseren Bauten, besonders aber bei kleinen Veränderungen, Anlagen und Grillen
ein Handwerk ums andere entbehren muss und lieber ungeschickt und pfuscherhaft
eingreift, als dass man sich meistermässig verspäten liesse. Zum Glück wanderte in
unserer Gegend ein Tausendkünstler auf und ab, der, weil er bei mir seine
Rechnung fand, mich lieber als irgendeinen Nachbar unterstützte; er richtete mir
eine Drechselbank ein, deren er sich bei jedem Besuch mehr zu seinem Zwecke als
zu meinem Unterricht zu bedienen wusste. So auch schaffte ich Tischlerwerkzeug
an, und meine Neigung zu dergleichen ward erhöht und belebt durch die damals
laut ausgesprochene Überzeugung: es könne niemand sich ins Leben wagen, als wenn
er es im Notfall durch Handwerkstätigkeit zu fristen verstehe. Mein Eifer ward
von den Erziehern nach ihren eigenen Grundsätzen gebilligt; ich erinnere mich
kaum, dass ich je gespielt habe, denn alle freien Stunden wurden verwendet, etwas
zu wirken und zu schaffen. Ja ich darf mich rühmen, schon als Knabe einen
geschickten Schmied durch meine Anforderungen zum Schlösser, Feilenhauer und
Uhrmacher gesteigert zu haben.
    Das alles zu leisten mussten denn freilich auch erst die Werkzeuge erschaffen
werden, und wir litten nicht wenig an der Krankheit jener Techniker, welche
Mittel und Zweck verwechseln, lieber Zeit auf Vorbereitungen und Anlagen
verwenden, als dass sie sich recht ernstlich an die Ausführung hielten. Wo wir
uns jedoch praktisch tätig erweisen konnten, war bei Auszierung der Parkanlagen,
deren kein Gutsbesitzer mehr entbehren durfte; manche Moos- und Rindenhütte,
Knittelbrücken und Bänke zeugten von unserer Emsigkeit, womit wir eine
Urbaukunst in ihrer ganzen Roheit mitten in der gebildeten Welt darzustellen
eifrig bemüht gewesen.
    Dieser Trieb führte mich bei zunehmenden Jahren auf ernstere Teilnahme an
allem, was der Welt so nütze und in ihrer gegenwärtigen Lage so unentbehrlich
ist, und gab meinen mehrjährigen Reisen ein eigentlichstes Interesse.
    Da jedoch der Mensch gewöhnlich auf dem Wege, der ihn herangebracht,
fortzuwandern pflegt, so war ich dem Maschinenwesen weniger günstig als der
unmittelbaren Handarbeit, wo wir Kraft und Gefühl in Verbindung ausüben;
deswegen ich mich auch besonders in solchen abgeschlossenen Kreisen gern
aufhielt, wo nach Umständen diese oder jene Arbeit zu Hause war. Dergleichen
gibt jeder Vereinigung eine besondere Eigentümlichkeit, jeder Familie, einer
kleinen, aus mehreren Familien bestehenden Völkerschaft den entschiedensten
Charakter; man lebt in dem reinsten Gefühl eines lebendigen Ganzen.
    dabei hatte ich mir angewöhnt, alles aufzuzeichnen, es mit Figuren
auszustatten und so, nicht ohne Aussicht auf künftige Anwendung, meine Zeit
löblich und erfreulich zuzubringen.
    Diese Neigung, diese ausgebildete Gabe benutzt' ich nun aufs beste bei dem
wichtigen Auftrag, den mir die Gesellschaft gab, den Zustand der Gebirgsbewohner
zu untersuchen und die brauchbaren Wanderlustigen mit in unsern Zug aufzunehmen.
Mögen Sie nun den schönen Abend, wo mich mannigfaltige Geschäfte drängen, mit
Durchlesung eines Teils meines Tagebuchs zubringen? Ich will nicht behaupten,
dass es gerade angenehm zu lesen sei; mir schien es immer unterhaltend und
gewissermassen unterrichtend. Doch wir bespiegeln ja uns immer selbst in allem,
was wir hervorbrachten.«
 
                                Fünftes Kapitel
                               Lenardos Tagebuch
                                                                 Montag, den 15.
Tief in der Nacht war ich nach mühsam erstiegener halber Gebirgshöhe
eingetroffen in einer leidlichen Herberge und ward schon vor Tagesanbruch aus
erquicklichem Schlaf durch ein andauerndes Schellen-und Glockengeläute zu meinem
grossen Verdruss aufgeweckt. Eine grosse Reihe Saumrosse zog vorbei, eh' ich mich
hätte ankleiden und ihnen zuvoreilen können. Nun erfuhr ich auch, meinen Weg
antretend, gar bald, wie unangenehm und verdriesslich solche Gesellschaft sei.
Das monotone Geläute betäubt die Ohren; das zu beiden Seiten weit über die Tiere
hinausreichende Gepäck (sie trugen diesmal grosse Säcke Baumwolle) streift bald
einerseits an die Felsen, und wenn das Tier, um dieses zu vermeiden, sich gegen
die andere Seite zieht, so schwebt die Last über dem Abgrund, dem Zuschauer
Sorge und Schwindel erregend, und, was das Schlimmste ist, in beiden Fällen
bleibt man gehindert, an ihnen vorbeizuschleichen und den Vortritt zu gewinnen.
    Endlich gelangt' ich an der Seite auf einen freien Felsen, wo St. Christoph,
der mein Gepäck kräftig einhertrug, einen Mann begrüsste, welcher stille
dastehend den vorbeiziehenden Zug zu mustern schien. Es war auch wirklich der
Anführer; nicht nur gehörte ihm eine beträchtliche Zahl der lasttragenden Tiere,
andere hatte er nebst ihren Treibern gemietet, sondern er war auch Eigentümer
eines geringern Teils der Ware; vornehmlich aber bestand sein Geschäft darin,
für grössere Kaufleute den Transport der ihrigen treulich zu besorgen. Im
Gespräch erfuhr ich von ihm, dass dieses Baumwolle sei, welche aus Mazedonien und
Cypern über Triest komme und vom Fusse des Berges auf Maultieren und Saumrossen
zu diesen Höhen und weiter bis jenseits des Gebirgs gebracht werde, wo Spinner
und Weber in Unzahl durch Täler und Schluchten einen grossen Vertrieb gesuchter
Waren ins Ausland vorbereiteten. Die Ballen waren bequemeren Ladens wegen teils
andertalb, teils drei Zentner schwer, welches letztere die volle Last eines
Saumtiers ausmacht. Der Mann lobte die Qualität der auf diesem Wege ankommenden
Baumwolle, verglich sie mit der von Ost- und Westindien, besonders mit der von
Cayenne, als der bekanntesten; er schien von seinem Geschäft sehr gut
unterrichtet, und da es mir auch nicht ganz unbekannt geblieben war, so gab es
eine angenehme und nützliche Unterhaltung. Indessen war der ganze Zug vor uns
vorüber, und ich erblickte nur mit Widerwillen auf dem in die Höhe sich
schlängelnden Felsweg die unabsehliche Reihe dieser bepackten Geschöpfe, hinter
denen her man schleichen und in der herankommenden Sonne zwischen Felsen braten
sollte. Indem ich mich nun gegen meinen Boten darüber beschwerte, trat ein
untersetzter, munterer Mann zu uns heran, der auf einem ziemlich grossen Reff
eine verhältnismässig leichte Bürde zu tragen schien. Man begrüsste sich, und es
war gar bald am derben Händeschütteln zu sehen, dass St. Christoph und dieser
Ankömmling einander wohl bekannt seien; da erfuhr ich denn sogleich über ihn
folgendes. Für die entfernteren Gegenden im Gebirge, woher zu Markte zu gehen
für jeden einzelnen Arbeiter zu weit wäre, gibt es eine Art von untergeordnetem
Handelsmann oder Sammler, welcher Garnträger genannt wird. Dieser steigt nämlich
durch alle Täler und Winkel, betritt Haus für Haus, bringt den Spinnern
Baumwolle in kleinen Partien, tauscht dagegen Garn ein oder kauft es, von
welcher Qualität es auch sein möge, und überlässt es dann wieder mit einigem
Profit im grössern an die unterhalb ansässigen Fabrikanten.
    Als nun die Unbequemlichkeit, hinter den Maultieren herzuschlendern,
abermals zur Sprache kam, lud mich der Mann sogleich ein, mit ihm ein Seitental
hinabzusteigen, das gerade hier von dem Haupttale sich trennte, um die Wasser
nach einer andern Himmelsgegend hinzuführen. Der Entschluss war bald gefasst, und
nachdem wir mit einiger Anstrengung einen etwas steilen Gebirgskamm überstiegen
hatten, sahen wir die jenseitigen Abhänge vor uns, zuerst höchst unerfreulich;
das Gestein hatte sich verändert und eine schiefrige Lage genommen; keine
Vegetation belebte Fels und Gerölle, und man sah sich von einem schroffen
Niederstieg bedroht. Quellen rieselten von mehreren Seiten zusammen; man kam
sogar an einem mit schroffen Felsen umgebenen kleinen See vorbei. Endlich traten
einzeln und dann mehr gesellig Fichten, Lärchen und Birken hervor, dazwischen
sodann zerstreute ländliche Wohnungen, freilich von der kärglichsten Sorte, jede
von ihren Bewohnern selbst zusammengezimmert aus verschränkten Balken, die
grossen, schwarzen Schindeln der Dächer mit Steinen beschwert, damit sie der Wind
nicht wegführe. Unerachtet dieser äussern traurigen Ansicht war der beschränkte
innere Raum doch nicht unangenehm; warm und trocken, auch reinlich gehalten,
passte er gar gut zu dem frohen Aussehen der Bewohner, bei denen man sich
alsobald ländlich gesellig fühlte.
    Der Bote schien erwartet, auch hatte man ihm aus dem kleinen Schiebefenster
entgegengesehen, denn er war gewohnt, wo möglich immer an demselben Wochentage
zu kommen; er handelte das Gespinst ein, teilte frische Baumwolle aus; dann ging
es rasch hinabwärts, wo mehrere Häuser in geringer Entfernung nahe stehen. Kaum
erblickt man uns, so laufen die Bewohner begrüssend zusammen, Kinder drängen sich
hinzu und werden mit einem Eierbrot, auch einer Semmel hoch erfreut. Das Behagen
war überall gross und vermehrt, als sich zeigte, dass St. Christoph auch
dergleichen aufgepackt und also gleichfalls die Freude hatte, den kindlichsten
Dank einzuernten; um so angenehmer für ihn, als er sich, wie sein Geselle, mit
dem kleinen Volke gar wohl zu betun wusste.
    Die Alten dagegen hielten gar mancherlei Fragen bereit; vom Krieg wollte
jedermann wissen, der glücklicherweise sehr entfernt geführt wurde und auch
näher solchen Gegenden kaum gefährlich gewesen wäre. Sie freuten sich jedoch des
Friedens, obgleich in Sorge wegen einer andern drohenden Gefahr; denn es war
nicht zu leugnen, das Maschinenwesen vermehre sich immer im Lande und bedrohe
die arbeitsamen Hände nach und nach mit Untätigkeit. Doch liessen sich allerlei
Trost- und Hoffnungsgründe beibringen.
    Unser Mann wurde dazwischen wegen manches Lebensfalles um Rat gefragt, ja
sogar musste er sich nicht allein als Hausfreund, sondern auch als Hausarzt
zeigen; Wundertropfen, Salze, Balsame führte er jederzeit bei sich.
    In die verschiedenen Häuser eintretend fand ich Gelegenheit, meiner alten
Liebhaberei nachzuhängen und mich von der Spinnertechnik zu unterrichten. Ich
ward aufmerksam auf Kinder, welche sich sorgfältig und emsig beschäftigten, die
Flocken der Baumwolle auseinanderzuzupfen und die Samenkörner, Splitter von den
Schalen der Nüsse nebst andern Unreinigkeiten wegzunehmen; sie nennen es
erlesen. Ich fragte, ob das nur das Geschäft der Kinder sei, erfuhr aber, dass es
in Winterabenden auch von Männern und Brüdern unternommen werde.
    Rüstige Spinnerinnen zogen sodann, wie billig, meine Aufmerksamkeit auf
sich; die Vorbereitung geschieht folgendermassen: Es wird die erlesene oder
gereinigte Baumwolle auf die Karden, welche in Deutschland Krempel heissen,
gleich ausgeteilt, gekardet, wodurch der Staub davongeht und die Haare der
Baumwolle einerlei Richtung erhalten, dann abgenommen, zu Locken festgewickelt
und so zum Spinnen am Rad zubereitet.
    Man zeigte mir dabei den Unterschied zwischen links und rechts gedrehtem
Garn; jenes ist gewöhnlich feiner und wird dadurch bewirkt, dass man die Saite,
welche die Spindel dreht, um den Wirtel verschränkt, wie die Zeichnung nebenbei
deutlich macht (die wir leider wie die übrigen nicht mitgeben können).
    Die Spinnende sitzt vor dem Rade, nicht zu hoch; mehrere hielten dasselbe
mit übereinandergelegten Füssen in festem Stande, andere nur mit dem rechten Fuss,
den linken zurücksetzend. Mit der rechten Hand dreht sie die Scheibe und langt
aus, so weit und so hoch sie nur reichen kann, wodurch schöne Bewegungen
entstehen und eine schlanke Gestalt sich durch zierliche Wendung des Körpers und
runde Fülle der Arme gar vorteilhaft auszeichnet; die Richtung besonders der
letzten Spinnweise gewährt einen sehr malerischen Kontrast, so dass unsere
schönsten Damen an wahrem Reiz und Anmut zu verlieren nicht fürchten dürften,
wenn sie einmal anstatt der Gitarre das Spinnrad handhaben wollten.
    In einer solchen Umgebung drängten sich neue, eigene Gefühle mir auf; die
schnurrenden Räder haben eine gewisse Beredsamkeit, die Mädchen singen Psalmen,
auch, obwohl seltener, andere Lieder.
    Zeisige und Stieglitze, in Käfigen aufgehangen, zwitschern dazwischen, und
nicht leicht möchte ein Bild regeren Lebens gefunden werden als in einer Stube,
wo mehrere Spinnerinnen arbeiten.
    Dem beschriebenen Rädligarn ist jedoch das Briefgarn vorzuziehen; hiezu wird
die beste Baumwolle genommen, welche längere Haare hat als die andere. Ist sie
rein gelesen, so bringt man sie, anstatt zu krempeln, auf Kämme, welche aus
einfachen Reihen langer, stählerner Nadeln bestehen, und kämmt sie; alsdann wird
das längere und feinere Teil derselben mit einem stumpfen Messer bänderweise
(das Kunstwort heisst ein Schnitz) abgenommen, zusammengewickelt und in eine
Papierdüte getan und diese nachher an der Kunkel befestigt. Aus einer solchen
Düte nun wird mit der Spindel von der Hand gesponnen, daher heisst es aus dem
Brief spinnen und das gewonnene Garn Briefgarn.
    Dieses Geschäft, welches nur von ruhigen, bedächtigen Personen getrieben
wird, gibt der Spinnerin ein sanfteres Ansehen als das am Rade; kleidet dies
letzte eine grosse, schlanke Figur zum besten, so wird durch jenes eine ruhige,
zarte Gestalt gar sehr begünstigt. Dergleichen verschiedene Charaktere,
verschiedenen Arbeiten zugetan, erblickte ich mehrere in einer Stube und wusste
zuletzt nicht recht, ob ich meine Aufmerksamkeit der Arbeit oder den
Arbeiterinnen zu widmen hätte.
    Leugnen aber dürft' ich nicht sodann, dass die Bergbewohnerinnen, durch die
seltenen Gäste aufgeregt, sich freundlich und gefällig erwiesen. Besonders
freuten sie sich, dass ich mich nach allem so genau erkundigte, was sie mir
vorsprachen, bemerkte, ihre Gerätschaften und einfaches Maschinenwerk zeichnete,
ja selbst ihre Arme, Hände und hübschen Glieder mit Zierlichkeit flüchtig
abschilderte, wie hier neben zu sehen sein sollte. Auch ward, als der Abend
hereintrat, die vollbrachte Arbeit vorgewiesen, die vollen Spindeln in dazu
bestimmten Kästchen beiseitegelegt und das ganze Tagewerk sorgfältig aufgehoben.
Nun war man schon bekannter geworden, die Arbeit jedoch ging ihren Gang; nun
beschäftigte man sich mit dem Haspeln und zeigte schon viel freier teils die
Maschine, teils die Behandlung vor, und ich schrieb sorgfältig auf.
    Der Haspel hat Rad und Zeiger, so dass sich bei jedesmaligem Umdrehen eine
Feder hebt, welche niederschlägt, sooft hundert Umgänge auf den Haspel gekommen
sind. Man nennt nun die Zahl von tausend Umgängen einen Schneller, nach deren
Gewicht die verschiedene Feine des Garns gerechnet wird.
    Rechts gedreht Garn gehen 25 bis 30 auf ein Pfund, links gedreht 60 bis 80,
vielleicht auch 90. Der Umgang des Haspels wird ungefähr sieben Viertel Ellen
oder etwas mehr betragen, und die schlanke, fleissige Spinnerin behauptete, 4,
auch 5 Schneller, das wären 5000 Umgänge, also 8 bis 9000 Ellen Garn, täglich am
Rad zu spinnen; sie erbot sich zur Wette, wenn wir noch einen Tag bleiben
wollten.
    Darauf konnte denn doch die stille und bescheidene Briefspinnerin es nicht
ganz lassen und versicherte: dass sie aus dem Pfund 120 Schneller spinne in
verhältnismässiger Zeit. (Briefgarnspinnen geht nämlich langsamer als das Spinnen
am Rade, wird auch besser bezahlt. Vielleicht spinnt man am Rade wohl das
Doppelte.) Sie hatte eben die Zahl der Umgänge auf dem Haspel voll und zeigte
mir, wie nun das Ende des Fadens ein paarmal umgeschlagen und geknüpft werde;
sie nahm den Schneller ab, drehte ihn so, dass er in sich zusammenlief, zog das
eine Ende durch das andere durch und konnte das Geschäft der geübten Spinnerin
als vollbracht mit unschuldiger Selbstgefälligkeit vorzeigen.
    Da nun hier weiter nichts zu bemerken war, stand die Mutter auf und sagte:
da der junge Herr doch alles zu sehen wünsche, so wolle sie ihm nun auch die
Trockenweberei zeigen. Sie erklärte mir mit gleicher Gutmütigkeit, indem sie
sich an den Weberstuhl setzte, wie sie nur diese Art handhabten, weil sie
eigentlich allein für grobe Kattune gelte, wo der Einschlag trocken eingetragen
und nicht sehr dicht geschlagen wird; sie zeigte mir denn auch solche trockene
Ware; diese ist immer glatt, ohne Streifen und Quadrate oder sonst irgendein
Abzeichen, und nur fünf bis fünfeinhalbes Viertel Elle breit.
    Der Mond leuchtete hell vom Himmel, und unser Garnträger bestand auf einer
weitern Wallfahrt, weil er Tag und Stunde halten und überall richtig eintreffen
müsse; die Fusspfade seien gut und klar, besonders bei solcher Nachtfackel. Wir
von unserer Seite erheiterten den Abschied durch seidene Bänder und Halstücher,
dergleichen Ware St. Christoph ein ziemliches Paket mit sich trug; das Geschenk
wurde der Mutter gegeben, um es an die Ihrigen zu verteilen.
                                                        Dienstags, den 16. Früh.
Die Wanderung durch eine herrlich klare Nacht war voll Anmut und Erfreulichkeit;
wir gelangten zu einer etwas grössern Hüttenversammlung, die man vielleicht hätte
ein Dorf nennen dürfen; in einiger Entfernung davon auf einem freien Hügel stand
eine Kapelle, und es fing schon an, wohnlicher und menschlicher auszusehen. Wir
kamen an Umzäunungen vorbei, die zwar auf keine Gärten, aber doch auf
spärlichen, sorgfältig gehüteten Wieswachs hindeuteten.
    Wir waren an einen Ort gelangt, wo neben dem Spinnen das Weben ernstlicher
getrieben wird.
    Unsere gestrige Tagereise, bis in die Nacht hinein verlängert, hatte die
rüstigen und jugendlichen Kräfte aufgezehrt; der Garnbote bestieg den Heuboden,
und ich war eben im Begriff, ihm zu folgen, als St. Christoph mir sein Reff
befahl und zur Türe hinausging. Ich kannte seine löbliche Absicht und liess ihn
gewähren.
    Des andern Morgens jedoch war das erste, dass die Familie zusammenlief und
den Kindern streng verboten ward, nicht aus der Türe zu gehen, indem ein
greulicher Bär oder sonst ein Ungetüm in der Nähe sich aufhalten müsse, denn es
habe die Nacht über von der Kapelle her dergestalt gestöhnt und gebrummt, dass
Felsen und Häuser hier hüben hätten erzittern mögen, und man riet, bei unserer
heutigen längeren Wanderung wohl auf der Hut zu sein. Wir suchten die guten
Leute möglichst zu beruhigen, welches in dieser Einöde jedoch schwer erschien.
    Der Garnbote erklärte nunmehr, dass er eiligst sein Geschäft abtun und
alsdann kommen wolle, uns abzuholen, denn wir hätten heute einen langen und
beschwerlichen Weg vor uns, weil wir nicht mehr so im Tale nur hinabschlendern,
sondern einen vorgeschobenen Gebirgsriegel mühsam überklettern würden. Ich
entschloss mich daher, die Zeit so gut als möglich zu nutzen und mich von unsern
guten Wirtsleuten in die Vorhalle des Webens einführen zu lassen.
    Beide waren ältliche Leute, in späteren Tagen noch mit zwei, drei Kindern
gesegnet; religiose Gefühle und ahnungsvolle Vorstellungen ward man an ihrer
Umgebung, Tun und Reden gar bald gewahr. Ich kam gerade zum Anfang einer solchen
Arbeit, dem Übergang vom Spinnen zum Weben, und da ich zu keiner weitern
Zerstreuung Anlass fand, so liess ich mir das Geschäft, wie es eben gerade im
Gange war, in meine Schreibtafel gleichsam diktieren.
    Die erste Arbeit, das Garn zu leimen, war gestern verrichtet. Man siedet
solches in einem dünnen Leimwasser, welches aus Stärkemehl und etwas
Tischlerleim besteht, wodurch die Fäden mehr Halt bekommen. Früh waren die
Garnstränge schon trocken, und man bereitete sich zu spulen, nämlich das Garn am
Rade auf Rohrspulen zu winden. Der alte Grossvater, am Ofen sitzend, verrichtete
diese leichte Arbeit, ein Enkel stand neben ihm und schien begierig, das Spulrad
selbst zu handhaben. Indessen steckte der Vater die Spulen, um zu zetteln, auf
einen mit Querstäben abgeteilten Rahmen, so dass sie sich frei um perpendikulär
stehende starke Drähte bewegten und den Faden ablaufen liessen. Sie werden mit
gröberm und feinerm Garn in der Ordnung aufgesteckt, wie das Muster oder
vielmehr die Striche im Gewebe es erfordern. Ein Instrument (das Brittli),
ungefähr wie ein Sistrum gestaltet, hat Löcher auf beiden Seiten, durch welche
die Fäden gezogen sind; dieses befindet sich in der Rechten des Zettlers, mit
der Linken fasst er die Fäden zusammen und legt sie, hin und wider gehend, auf
den Zettelrahmen. Einmal von oben herunter und von unten herauf heisst ein Gang,
und nach Verhältnis der Dichtigkeit und Breite des Gewebes macht man viele
Gänge. Die Länge beträgt entweder 64 oder nur 32 Ellen. Beim Anfang eines jeden
Ganges legt man mit den Fingern der linken Hand immer einen oder zwei Fäden
herauf und ebensoviel herunter und nennt solches die Rispe; so werden die
verschränkten Fäden über die zwei oben an dem Zettelrahmen angebrachten Nägel
gelegt. Dieses geschieht, damit der Weber die Fäden in gehörig gleicher Ordnung
erhalten kann. Ist man mit dem Zetteln fertig, so wird das Gerispe unterbunden
und dabei ein jeder Gang besonders abgeteilt, damit sich nichts verwirren kann;
sodann werden mit aufgelöstem Grünspan am letzten Gang Male gemacht, damit der
Weber das gehörige Mass wieder bringe; endlich wird abgenommen, das Ganze in
Gestalt eines grossen Knäuels aufgewunden, welcher die Werfte genannt wird.
                                                               Mittwoch, den 17.
Wir waren früh vor Tage aufgebrochen und genossen eines herrlichen verspäteten
Mondscheins. Die hervorbrechende Helle, die aufgehende Sonne liess uns ein besser
bewohntes und bebautes Land sehen. Hatten wir oben, um über Bäche zu kommen,
Schrittsteine oder zuweilen einen schmalen Steg, nur an der einen Seite mit
Lehne versehen, angetroffen, so waren hier schon steinerne Brücken über das
immer breiter werdende Wasser geschlagen; das Anmutige wollte sich nach und nach
mit dem Wilden gatten, und ein erfreulicher Eindruck ward von den sämtlichen
Wanderern empfunden.
    Über den Berg herüber, aus einer andern Flussregion, kam ein schlanker,
schwarzlockiger Mann hergeschritten und rief schon von weitem, als einer, der
gute Augen und eine tüchtige Stimme hat: »Grüss' Euch Gott, Gevatter Garnträger!«
Dieser liess ihn näher herankommen, dann rief auch er mit Verwunderung: »Dank'
Euch Gott, Gevatter Geschirrfasser! Woher des Landes? welche unerwartete
Begegnung!« Jener antwortete herantretend: »Schon zwei Monate schreit' ich im
Gebirg herum, allen guten Leuten ihr Geschirr zurechtzumachen und ihre Stühle so
einzurichten, dass sie wieder eine Zeitlang ungestört fortarbeiten können.«
Hierauf sprach der Garnbote, sich zu mir wendend: »Da Ihr, junger Herr, so viel
Lust und Liebe zu dem Geschäft beweist und Euch sorgfältig drum bekümmert, so
kommt dieser Mann gerade zur rechten Zeit, den ich Euch in diesen Tagen schon
still herbeigewünscht hatte, er würde Euch alles besser erklärt haben als die
Mädchen mit allem guten Willen; er ist Meister in seinem Geschäft und versteht,
was zur Spinnerei und Weberei und dergleichen gehört, vollkommen anzugeben,
auszuführen, zu erhalten, wiederherzustellen, wie es not tut und es jeder nur
wünschen mag.«
    Ich besprach mich mit ihm und fand einen sehr verständigen, in gewissem
Sinne gebildeten, seiner Sache völlig gewachsenen Mann, indem ich einiges, was
ich dieser Tage gelernt hatte, mit ihm wiederholte und einige Zweifel zu lösen
bat; auch sagt' ich ihm, was ich gestern schon von den Anfängen der Weberei
gesehen. Jener rief dagegen freudig aus: »Das ist recht erwünscht, da komm' ich
gerade zur rechten Zeit, um einem so werten, lieben Herrn über die älteste und
herrlichste Kunst, die den Menschen eigentlich zuerst vom Tiere unterscheidet,
die nötige Auskunft zu geben. Wir gelangen heute gerade zu guten und geschickten
Leuten, und ich will nicht Geschirrfasser heissen, wenn Ihr nicht sogleich das
Handwerk so gut fassen sollt wie ich selbst.«
    Ihm wurde freundlicher Dank gezollt, das Gespräch mannigfaltig fortgesetzt,
und wir gelangten, nach einigem Rasten und Frühstück, zu einer zwar auch
unter-und übereinander, doch besser gebauten Häusergruppe. Er wies uns an das
beste. Der Garnbote ging mit mir und St. Christoph nach Abrede zuerst hinein,
sodann aber, nach den ersten Begrüssungen und einigen Scherzen, folgte der
Schirrfasser, und es war auffallend, dass sein Hereintreten eine freudige
Überraschung in der Familie hervorbrachte. Vater, Mutter, Töchter und Kinder
versammelten sich um ihn; einem am Weberstuhl sitzenden, wohlgebildeten Mädchen
stockte das Schiffchen in der Hand, das just durch den Zettel durchfahren
sollte, ebenso hielt sie auch den Tritt an, stand auf und kam später, mit
langsamer Verlegenheit ihm die Hand zu reichen. Beide, der Garnbote sowohl als
der Schirrfasser, setzten sich bald durch Scherz und Erzählung wieder in das
alte Recht, welches Hausfreunden gebührt, und nachdem man sich eine Zeitlang
gelabt, wendete sich der wackere Mann zu mir und sagte: »Sie, mein guter Herr,
dürfen wir über diese Freude des Wiedersehens nicht hintansetzen: wir können
noch tagelang miteinander schnacken; Sie müssen morgen fort. Lassen wir den
Herrn in das Geheimnis unserer Kunst sehen; Leimen und Zetteln kennt er, zeigen
wir ihm das übrige vor, die Jungfrauen da sind mir ja wohl behülflich. Ich sehe,
an diesem Stuhl ist man beim Aufwinden.« Das Geschäft war der jüngeren, zu der
sie traten. Die ältere setzte sich wieder an ihren Weberstuhl und verfolgte mit
stiller, liebevoller Miene ihre lebhafte Arbeit.
    Ich betrachtete nun sorgfältig das Aufwinden. Zu diesem Zweck lässt man die
Gänge des Zettels nach der Ordnung durch einen grossen Kamm laufen, der eben die
Breite des Weberbaums hat, auf welchen aufgewunden werden soll; dieser ist mit
einem Einschnitt versehen, worin ein rundes Stäbchen liegt, welches durch das
Ende des Zettels durchgesteckt und in dem Einschnitt befestigt wird. Ein kleiner
Junge oder Mädchen sitzt unter dem Weberstuhle und hält den Strang des Zettels
stark an, während die Weberin den Weberbaum an einem Hebel gewaltsam umdreht und
zugleich achtgibt, dass alles in der Ordnung zu liegen komme. Wenn alles
aufgewunden ist, so werden durch die Rispe ein runder und zwei flache Stäbe,
Schienen, gestossen, damit sie sich halte, und nun beginnt das Eindrehen.
    Vom alten Gewebe ist noch etwa eine Viertelelle am zweiten Weberbaum
übriggeblieben, und von diesem laufen etwa drei Viertelellen lang die Fäden
durch das Blatt in der Lade sowohl als durch die Flügel des Geschirrs. An diese
Fäden nun dreht die Weberin die Fäden des neuen Zettels, einen um den andern,
sorgfältig an, und wenn sie fertig ist, wird alles Angedrehte auf einmal
durchgezogen, so dass die neuen Fäden bis an den noch leeren vordern Weberbaum
reichen; die abgerissenen Fäden werden angeknüpft, der Eintrag auf kleine Spulen
gewunden, wie sie ins Weberschiffchen passen, und die letzte Vorbereitung zum
Weben gemacht, nämlich geschlichtet.
    So lang der Weberstuhl ist, wird der Zettel mit einem Leimwasser, aus
Handschuhleder bereitet, vermittelst eingetauchter Bürsten durch und durch
angefeuchtet, sodann werden die obengedachten Schienen, die das Gerispe halten,
zurückgezogen, alle Fäden aufs genaueste in Ordnung gelegt und alles so lange
mit einem an einen Stab gebundenen Gänseflügel gefächelt, bis es trocken ist,
und nun kann das Weben begonnen und fortgesetzt werden, bis es wieder nötig wird
zu schlichten.
    Das Schlichten und Fächeln ist gewöhnlich jungen Leuten überlassen, welche
zu dem Webergeschäft herangezogen werden, oder in der Musse der Winterabende
leistet ein Bruder oder ein Liebhaber der hübschen Weberin diesen Dienst, oder
diese machen wenigstens die kleinen Spülchen mit dem Eintragsgarn.
    Feine Musseline werden nass gewebt, nämlich der Strang des Einschlagegarns
wird in Leimwasser getaucht, noch nass auf die kleinen Spulen gewunden und
sogleich verarbeitet, wodurch sich das Gewebe gleicher schlagen lässt und klarer
erscheint.
                                                  Donnerstag, den 18. September.
Ich fand überhaupt etwas Geschäftiges, unbeschreiblich Belebtes, Häusliches,
Friedliches in dem ganzen Zustand einer solchen Weberstube; mehrere Stühle waren
in Bewegung, da gingen noch Spinn- und Spulräder, und am Ofen die Alten mit den
besuchenden Nachbarn oder Bekannten sitzend und trauliche Gespräche führend.
Zwischendurch liess sich wohl auch Gesang hören, meistens Ambrosius Lobwassers
vierstimmige Psalmen, seltener weltliche Lieder; dann bricht auch wohl ein
fröhlich schalendes Gelächter der Mädchen aus, wenn Vetter Jakob einen witzigen
Einfall gesagt hat.
    Eine recht flinke und zugleich fleissige Weberin kann, wenn sie Hülfe hat,
allenfalls in einer Woche ein Stück von 32 Ellen nicht gar zu feine Musseline
zustande bringen; es ist aber sehr selten, und bei einigen Hausgeschäften ist
solches gewöhnlich die Arbeit von vierzehn Tagen.
    Die Schönheit des Gewebes hängt vom gleichen Auftreten des Webegeschirres
ab, vom gleichen Schlag der Lade, wie auch davon, ob der Eintrag nass oder
trocken geschieht. Völlig egale und zugleich kräftige Anspannung trägt ebenfalls
bei, zu welchem Ende die Weberin feiner baumwollener Tücher einen schweren Stein
an den Nagel des vordern Weberbaums hängt. Wenn während der Arbeit das Gewebe
kräftig angespannt wird (das Kunstwort heisst dämmen), so verlängert es sich
merklich, auf 32 Ellen 3/4 Ellen und auf 64 etwa 1 1/2 Elle; dieser Überschuss
nun gehört der Weberin, wird ihr extra bezahlt, oder sie hebt sich's zu
Halstüchern, Schürzen usw. auf.
In der klarsten, sanftesten Mondnacht, wie sie nur in hohen Gebirgszügen
obwaltet, sass die Familie mit ihren Gästen vor der Haustüre im lebhaftesten
Gespräch, Lenardo in tiefen Gedanken. Schon unter allem dem Weben und Wirken und
so manchen handwerklichen Betrachtungen und Bemerkungen war ihm jener von Freund
Wilhelm zu seiner Beruhigung geschriebene Brief wieder ins Gedächtnis gekommen.
Die Worte, die er so oft gelesen, die Zeilen, die er mehrmals angeschaut,
stellten sich wieder seinem innern Sinne dar. Und wie eine Lieblingsmelodie, ehe
wir uns versehen, auf einmal dem tiefsten Gehör leise hervortritt, so
wiederholte sich jene zarte Mitteilung in der stillen, sich selbst angehörigen
Seele.
    »Häuslicher Zustand, auf Frömmigkeit gegründet, durch Fleiss und Ordnung
belebt und erhalten, nicht zu eng, nicht zu weit, im glücklichsten Verhältnis
der Pflichten zu den Fähigkeiten und Kräften. Um sie her bewegt sich ein
Kreislauf von Handarbeitenden im reinsten, anfänglichsten Sinne; hier ist
Beschränkteit und Wirkung in die Ferne, Umsicht und Mässigung, Unschuld und
Tätigkeit.«
    Aber diesmal mehr aufregend als beschwichtigend war die Erinnerung. »Passt
doch«, sprach er zu sich selbst »diese allgemein lakonische Beschreibung ganz
und gar auf den Zustand, der mich hier umgibt. Ist nicht auch hier Friede,
Frömmigkeit, ununterbrochene Tätigkeit? Nur eine Wirkung in die Ferne will mir
nicht gleichermassen deutlich scheinen. Mag doch die Gute einen ähnlichen Kreis
beleben, aber einen weitern, einen bessern; sie mag sich behaglich wie diese
hier, vielleicht noch behaglicher, finden, mit mehr Heiterkeit und Freiheit
umherschauen.«
    Nun aber durch ein lebhaftes, sich steigerndes Gespräch der übrigen
aufgeregt, mehr Acht habend auf das, was verhandelt wurde, ward ihm ein Gedanke,
den er diese Stunden her gehegt, vollkommen lebendig. Sollte nicht eben dieser
Mann, dieser mit Werkzeug und Geschirr so meisterhaft umgehende, für unsre
Gesellschaft das nützlichste Mitglied werden können? Er überlegte das und alles,
wie ihm die Vorzüge dieses gewandten Arbeiters schon stark in die Augen
geleuchtet. Er lenkte daher das Gespräch dahin und machte, zwar wie im Scherze,
aber desto unbewundener, jenem den Antrag, ob er sich nicht mit einer
bedeutenden Gesellschaft verbinden und den Versuch machen wolle, übers Meer
auszuwandern.
    Jener entschuldigte sich, gleichfalls heiter beteuernd, dass es ihm hier wohl
gehe, dass er noch Besseres erwarte; in dieser Landesart sei er geboren, darin
gewöhnt, weit und breit bekannt und überall vertraulich aufgenommen. Überhaupt
werde man in diesen Tälern keine Neigung zur Auswanderung finden, keine Not
ängstige sie und ein Gebirg halte seine Leute fest.
    »Deswegen wundert's mich«, sagte der Garnbote, »dass es heissen will, Frau
Susanne werde den Faktor heiraten, ihr Besitztum verkaufen und mit schönem Geld
übers Meer ziehen.« Auf Befragen erfuhr unser Freund, es sei eine junge Witwe,
die in guten Umständen ein reichliches Gewerbe mit den Erzeugnissen des Gebirges
betreibe, wovon sich der wandernd Reisende morgen gleich selbst Überzeugen
könne, indem man auf dem eingeschlagenen Wege zeitig bei ihr eintreffen werde.
»Ich habe sie schon verschiedentlich nennen hören«, versetzte Lenardo, »als
belebend und wohltätig in diesem Tale, und versäumte, nach ihr zu fragen.«
    »Gehen wir aber zur Ruh«, sagte der Garnbote, »um den morgenden Tag, der
heiter zu werden verspricht, von früh auf zu nutzen.«
Hier endigte das Manuskript, und als Wilhelm nach der Fortsetzung verlangte,
hatte er zu erfahren, dass sie gegenwärtig nicht in den Händen der Freunde sei.
Sie ward, sagte man, an Makarien gesendet, welche gewisse Verwicklungen, deren
darin gedacht worden, durch Geist und Liebe schlichten und bedenkliche
Verknüpfungen auflösen solle. - Der Freund musste sich diese Unterbrechung
gefallen lassen und sich bereiten, an einem geselligen Abend, in heiterer
Unterhaltung, Vergnügen zu finden.
 
                                Sechstes Kapitel
Als der Abend herbeikam und die Freunde in einer weit umherschauenden Laube
sassen, trat eine ansehnliche Figur auf die Schwelle, welche unser Freund
sogleich für den Barbier von heute früh erkannte. Auf einen tiefen, stummen
Bückling des Mannes erwiderte Lenardo: »Ihr kommt, wie immer, sehr gelegen und
werdet nicht säumen, uns mit Eurem Talent zu erfreuen. Ich kann Ihnen wohl«,
fuhr er zu Wilhelmen gewendet fort, »einiges von der Gesellschaft erzählen,
deren Band zu sein ich mich rühmen darf. Niemand tritt in unsern Kreis, als wer
gewisse Talente aufzuweisen hat, die zum Nutzen oder Vergnügen einer jeden
Gesellschaft dienen würden. Dieser Mann ist ein derber Wundarzt, der in
bedenklichen Fällen, wo Entschluss und körperliche Kraft gefordert wird, seinem
Meister trefflich an der Seite zu stehen bereit ist. Was er als Bartkünstler
leistet, davon können Sie ihm selbst ein Zeugnis geben. Hiedurch ist er uns
ebenso nötig als willkommen. Da nun aber diese Beschäftigung gewöhnlich eine
grosse und oft lästige Geschwätzigkeit mit sich führt, so hat er sich zu eigner
Bildung eine Bedingung gefallen lassen; wie denn jeder, der unter uns leben
will, sich von einer gewissen Seite bedingen muss, wenn ihm nach anderen Seiten
hin die grössere Freiheit gewährt ist. Dieser also hat nun auf die Sprache
Verzicht getan, insofern etwas Gewöhnliches oder Zufälliges durch sie
ausgedrückt wird; daraus aber hat sich ihm ein anderes Redetalent entwickelt,
welches absichtlich klug und erfreulich wirkt, die Gabe des Erzählens nämlich.
    Sein Leben ist reich an wunderlichen Erfahrungen, die er sonst zu
ungelegener Zeit schwätzend zersplitterte, nun aber, durch Schweigen genötigt,
im stillen Sinne wiederholt und ordnet. Hiermit verbindet sich denn die
Einbildungskraft und verleiht dem Geschehenen Leben und Bewegung. Mit besonderer
Kunst und Geschicklichkeit weiss er wahrhafte Märchen und märchenhafte
Geschichten zu erzählen, wodurch er oft zur schicklichen Stunde uns gar sehr
ergötzt, wenn ihm die Zunge durch mich gelöst wird; wie ich denn gegenwärtig tue
und ihm zugleich das Lob erteile, dass er sich in geraumer Zeit, seitdem ich ihn
kenne, noch niemals wiederholt hat. Nun hoff' ich, dass er auch diesmal, unserm
teuren Gast zu Lieb' und Ehren, sich besonders hervortun werde.«
    Über das Gesicht des Rotmantels verbreitete sich eine geistreiche
Heiterkeit, und er fing ungesäumt folgendermassen zu sprechen an.
                               Die neue Melusine
Hochverehrte Herren! Da mir bekannt ist, dass Sie vorläufige Reden und
Einleitungen nicht besonders lieben, so will ich ohne weiteres versichern, dass
ich diesmal vorzüglich gut zu bestehen hoffe. Von mir sind zwar schon gar manche
wahrhafte Geschichten zu hoher und allseitiger Zufriedenheit ausgegangen, heute
aber darf ich sagen, dass ich eine zu erzählen habe, welche die bisherigen weit
übertrifft und die, wiewohl sie mir schon vor einigen Jahren begegnet ist, mich
noch immer in der Erinnerung unruhig macht, ja sogar eine endliche Entwicklung
hoffen lässt. Sie möchte schwerlich ihresgleichen finden.
    Vorerst sei gestanden, dass ich meinen Lebenswandel nicht immer so
eingerichtet, um der nächsten Zeit, ja des nächsten Tages ganz sicher zu sein.
Ich war in meiner Jugend kein guter Wirt und fand mich oft in mancherlei
Verlegenheit. Einst nahm ich mir eine Reise vor, die mir guten Gewinn
verschaffen sollte; aber ich machte meinen Zuschnitt ein wenig zu gross, und
nachdem ich sie mit Extrapost angefangen und sodann auf der ordinären eine
Zeitlang fortgesetzt hatte, fand ich mich zuletzt genötigt, dem Ende derselben
zu Fusse entgegenzugehen.
Als ein lebhafter Bursche hatte ich von jeher die Gewohnheit, sobald ich in ein
Wirtshaus kam, mich nach der Wirtin oder auch nach der Köchin umzusehen und mich
schmeichlerisch gegen sie zu bezeigen, wodurch denn meine Zeche meistens
vermindert wurde.
    Eines Abends, als ich in das Postaus eines kleinen Städtchens trat und eben
nach meiner hergebrachten Weise verfahren wollte, rasselte gleich hinter mir ein
schöner zweisitziger Wagen, mit vier Pferden bespannt, an der Türe vor. Ich
wendete mich um und sah ein Frauenzimmer allein, ohne Kammerfrau, ohne
Bedienten. Ich eilte sogleich, ihr den Schlag zu eröffnen und zu fragen, ob sie
etwas zu befehlen habe. Beim Aussteigen zeigte sich eine schöne Gestalt, und ihr
liebenswürdiges Gesicht war, wenn man es näher betrachtete, mit einem kleinen
Zug von Traurigkeit geschmückt. Ich fragte nochmals, ob ich ihr in etwas dienen
könne. - »O ja!« sagte sie, »wenn Sie mir mit Sorgfalt das Kästchen, das auf dem
Sitze steht, herausheben und hinauftragen wollen; aber ich bitte gar sehr, es
recht stät zu tragen und im mindesten nicht zu bewegen oder zu rütteln.« Ich
nahm das Kästchen mit Sorgfalt, sie verschloss den Kutschenschlag, wir stiegen
zusammen die Treppe hinauf, und sie sagte dem Gesinde, dass sie diese Nacht hier
bleiben würde.
    Nun waren wir allein in dem Zimmer, sie hiess mich das Kästchen auf den Tisch
setzen, der an der Wand stand, und als ich an einigen ihrer Bewegungen merkte,
dass sie allein zu sein wünschte, empfahl ich mich, indem ich ihr ehrerbietig,
aber feurig die Hand küsste.
    »Bestellen Sie das Abendessen für uns beide«, sagte sie darauf; und es lässt
sich denken, mit welchem Vergnügen ich diesen Auftrag ausrichtete, wobei ich
denn zugleich in meinem Übermut Wirt, Wirtin und Gesinde kaum über die Achsel
ansah. Mit Ungeduld erwartete ich den Augenblick, der mich endlich wieder zu ihr
führen sollte. Es war aufgetragen, wir setzten uns gegen einander über, ich
labte mich zum erstenmal seit geraumer Zeit an einem guten Essen und zugleich an
einem so erwünschten Anblick; ja mir kam es vor, als wenn sie mit jeder Minute
schöner würde.
    Ihre Unterhaltung war angenehm, doch suchte sie alles abzulehnen, was sich
auf Neigung und Liebe bezog. Es ward abgeräumt; ich zauderte, ich suchte
allerlei Kunstgriffe, mich ihr zu nähern, aber vergebens: sie hielt mich durch
eine gewisse Würde zurück, der ich nicht widerstehen konnte, ja ich musste wider
meinen Willen zeitig genug von ihr scheiden.
    Nach einer meist durchwachten und unruhig durchträumten Nacht war ich früh
auf, erkundigte mich, ob sie Pferde bestellt habe; ich hörte nein und ging in
den Garten, sah sie angekleidet am Fenster stehen und eilte zu ihr hinauf. Als
sie mir so schön und schöner als gestern entgegenkam, regte sich auf einmal in
mir Neigung, Schalkheit und Verwegenheit; ich stürzte auf sie zu und fasste sie
in meine Arme. »Englisches, unwiderstehliches Wesen!« rief ich aus: »verzeih,
aber es ist unmöglich!« Mit unglaublicher Gewandteit entzog sie sich meinen
Armen, und ich hatte ihr nicht einmal einen Kuss auf die Wange drücken können.
    - »Halten Sie solche Ausbrüche einer plötzlichen leidenschaftlichen Neigung
zurück, wenn Sie ein Glück nicht verscherzen wollen, das Ihnen sehr nahe liegt,
das aber erst nach einigen Prüfungen ergriffen werden kann.«
    »Fordere, was du willst, englischer Geist!« rief ich aus, »aber bringe mich
nicht zur Verzweiflung.« Sie versetzte lächelnd: »Wollen Sie sich meinem Dienste
widmen, so hören Sie die Bedingungen! Ich komme hierher, eine Freundin zu
besuchen, bei der ich einige Tage zu verweilen gedenke; indessen wünsche ich,
dass mein Wagen und dies Kästchen weitergebracht werden. Wollen Sie es
übernehmen? Sie haben dabei nichts zu tun, als das Kästchen mit Behutsamkeit in
und aus dem Wagen zu heben; wenn es darin steht, sich daneben zu setzen und jede
Sorge dafür zu tragen. Kommen Sie in ein Wirtshaus, so wird es auf einen Tisch
gestellt, in eine besondere Stube, in der Sie weder wohnen noch schlafen dürfen.
Sie verschliessen die Zimmer jedesmal mit diesem Schlüssel, der alle Schlösser
auf- und zuschliesst und dem Schloss die besondere Eigenschaft gibt, dass es
niemand in der Zwischenzeit zu er öffnen imstande ist.«
    Ich sah sie an, mir ward sonderbar zumute; ich versprach, alles zu tun, wenn
ich hoffen könnte, sie bald wieder zu sehen, und wenn sie mir diese Hoffnung mit
einem Kuss besiegelte. Sie tat es, und von dem Augenblick an war ich ihr ganz
leibeigen geworden. Ich sollte nun die Pferde bestellen, sagte sie. Wir
besprachen den Weg, den ich nehmen, die Orte, wo ich mich aufhalten und sie
erwarten sollte. Sie drückte mir zuletzt einen Beutel mit Gold in die Hand, und
ich meine Lippen auf ihre Hände. Sie schien gerührt beim Abschied, und ich wusste
schon nicht mehr, was ich tat oder tun sollte.
    Als ich von meiner Bestellung zurückkam, fand ich die Stubentür
verschlossen. Ich versuchte gleich meinen Hauptschlüssel, und er machte sein
Probestück vollkommen. Die Türe sprang auf, ich fand das Zimmer leer, nur das
Kästchen stand auf dem Tische, wo ich es hingestellt hatte.
    Der Wagen war vorgefahren, ich trug das Kästchen sorgfältig hinunter und
setzte es neben mich. Die Wirtin fragte: »Wo ist denn die Dame?« Ein Kind
antwortete: »Sie ist in die Stadt gegangen.« Ich begrüsste die Leute und fuhr wie
im Triumph von hinnen, der ich gestern abend mit bestaubten Gamaschen hier
angekommen war. Dass ich nun bei guter Musse diese Geschichte hin und her
überlegte, das Geld zählte, mancherlei Entwürfe machte und immer gelegentlich
nach dem Kästchen schielte, können Sie leicht denken. Ich fuhr nun stracks vor
mich hin, stieg mehrere Stationen nicht aus und rastete nicht, bis ich zu einer
ansehnlichen Stadt gelangt war, wohin sie mich beschieden hatte. Ihre Befehle
wurden sorgfältig beobachtet, das Kästchen in ein besonderes Zimmer gestellt und
ein paar Wachslichter daneben, unangezündet, wie sie auch verordnet hatte. Ich
verschloss das Zimmer, richtete mich in dem meinigen ein und tat mir etwas
zugute.
    Eine Weile konnte ich mich mit dem Andenken an sie beschäftigen, aber gar
bald wurde mir die Zeit lang. Ich war nicht gewohnt, ohne Gesellschaft zu leben;
diese fand ich bald an Wirtstafeln und an öffentlichen Orten nach meinem Sinne.
Mein Geld fing bei dieser Gelegenheit an zu schmelzen und verlor sich eines
Abends völlig aus meinem Beutel, als ich mich unvorsichtig einem
leidenschaftlichen Spiel überlassen hatte. Auf meinem Zimmer angekommen, war ich
ausser mir. Von Geld entblösst, mit dem Ansehen eines reichen Mannes eine tüchtige
Zeche erwartend, ungewiss, ob und wann meine Schöne sich wieder zeigen würde, war
ich in der grössten Verlegenheit. Doppelt sehnte ich mich nach ihr und glaubte
nun gar nicht mehr ohne sie und ohne ihr Geld leben zu können.
    Nach dem Abendessen, das mir gar nicht geschmeckt hatte, weil ich es diesmal
einsam zu geniessen genötigt worden, ging ich in dem Zimmer lebhaft auf und ab,
sprach mit mir selbst, verwünschte mich, warf mich auf den Boden, zerraufte mir
die Haare und erzeigte mich ganz ungebärdig. Auf einmal höre ich in dem
verschlossenen Zimmer nebenan eine leise Bewegung und kurz nachher an der
wohlverwahrten Türe pochen. Ich raffe mich zusammen, greife nach dem
Hauptschlüssel, aber die Flügeltüren springen von selbst auf, und im Schein
jener brennenden Wachslichter kommt mir meine Schöne entgegen. Ich werfe mich
ihr zu Füssen, küsse ihr Kleid, ihre Hände, sie hebt mich auf, ich wage nicht,
sie zu umarmen, kaum sie anzusehen; doch gestehe ich ihr aufrichtig und reuig
meinen Fehler. - »Er ist zu verzeihen«, sagte sie, »nur verspätet Ihr leider
Euer Glück und meines. Ihr müsst nun abermals eine Strecke in die Welt
hineinfahren, ehe wir uns wieder sehen. Hier ist noch mehr Gold«, sagte sie,
»und hinreichend, wenn Ihr einigermassen haushalten wollt. Hat Euch aber diesmal
Wein und Spiel in Verlegenheit gesetzt, so hütet Euch nun vor Wein und Weibern
und lasst mich auf ein fröhlicheres Wiedersehen hoffen.«
    Sie trat über die Schwelle zurück, die Flügel schlugen zusammen, ich pochte,
ich bat, aber nichts liess sich weiter hören. Als ich den andern Morgen die Zeche
verlangte, lächelte der Kellner und sagte: »So wissen wir doch, warum Ihr Eure
Türen auf eine so künstliche und unbegreifliche Weise verschliesst, dass kein
Hauptschlüssel sie öffnen kann. Wir vermuteten bei Euch viel Geld und
Kostbarkeiten; nun aber haben wir den Schatz die Treppe hinuntergehen sehn, und
auf alle Weise schien er würdig, wohl verwahrt zu werden.«
    Ich erwiderte nichts dagegen, zahlte meine Rechnung und stieg mit meinem
Kästchen in den Wagen. Ich fuhr nun wieder in die Welt hinein mit dem festesten
Vorsatz, auf die Warnung meiner geheimnisvollen Freundin künftig zu achten. Doch
war ich kaum abermals in einer grossen Stadt angelangt, so ward ich bald mit
liebenswürdigen Frauenzimmern bekannt, von denen ich mich durchaus nicht
losreissen konnte. Sie schienen mir ihre Gunst teuer anrechnen zu wollen; denn
indem sie mich immer in einiger Entfernung hielten, verleiteten sie mich zu
einer Ausgabe nach der andern, und da ich nur suchte, ihr Vergnügen zu
befördern, dachte ich abermals nicht an meinen Beutel, sondern zahlte und
spendete immerfort, so wie es eben vorkam. Wie gross war daher meine Verwunderung
und mein Vergnügen, als ich nach einigen Wochen bemerkte, dass die Fülle des
Beutels noch nicht abgenommen hatte, sondern dass er noch so rund und strotzend
war wie anfangs. Ich wollte mich dieser schönen Eigenschaft näher versichern,
setzte mich hin zu zählen, merkte mir die Summe genau und fing nun an, mit
meiner Gesellschaft lustig zu leben wie vorher. Da fehlte es nicht an Land- und
Wasserfahrten, an Tanz, Gesang und andern Vergnügungen. Nun bedurfte es aber
keiner grossen Aufmerksamkeit, um gewahr zu werden, dass der Beutel wirklich
abnahm, eben als wenn ich ihm durch mein verwünschtes Zählen die Tugend,
unzählbar zu sein, entwendet hätte. Indessen war das Freudenleben einmal im
Gange, ich konnte nicht zurück, und doch war ich mit meiner Barschaft bald am
Ende. Ich verwünschte meine Lage, schalt auf meine Freundin, die mich so in
Versuchung geführt hatte, nahm es ihr übel auf, dass sie sich nicht wieder sehen
lassen, sagte mich im Ärger von allen Pflichten gegen sie los und nahm mir vor,
das Kästchen zu öffnen, ob vielleicht in demselben einige Hülfe zu finden sei.
Denn war es gleich nicht schwer genug, um Geld zu entalten, so konnten doch
Juwelen darin sein, und auch diese wären mir sehr willkommen gewesen. Ich war im
Begriff, den Vorsatz auszuführen, doch verschob ich ihn auf die Nacht, um die
Operation recht ruhig vorzunehmen, und eilte zu einem Bankett, das eben angesagt
war. Da ging es denn wieder hoch her, und wir waren durch Wein und
Trompetenschall mächtig aufgeregt, als mir der unangenehme Streich passierte,
dass beim Nachtische ein älterer Freund meiner liebsten Schönheit, von Reisen
kommend, unvermutet hereintrat, sich zu ihr setzte und ohne grosse Umstände seine
alten Rechte geltend zu machen suchte. Daraus entstand nun bald Unwille, Hader
und Streit; wir zogen vom Leder, und ich ward mit mehreren Wunden halbtot nach
Hause getragen.
    Der Chirurgus hatte mich verbunden und verlassen, es war schon tief in der
Nacht, mein Wärter eingeschlafen; die Tür des Seitenzimmers ging auf, meine
geheimnisvolle Freundin trat herein und setzte sich zu mir ans Bette. Sie fragte
nach meinem Befinden; ich antwortete nicht, denn ich war matt und verdriesslich.
Sie fuhr fort mit vielem Anteil zu sprechen, rieb mir die Schläfe mit einem
gewissen Balsam, so dass ich mich geschwind und entschieden gestärkt fühlte, so
gestärkt, dass ich mich erzürnen und sie ausschelten konnte. In einer heftigen
Rede warf ich alle Schuld meines Unglücks auf sie, auf die Leidenschaft, die sie
mir eingeflösst, auf ihr Erscheinen, ihr Verschwinden, auf die Langeweile, auf
die Sehnsucht, die ich empfinden musste. Ich ward immer heftiger und heftiger,
als wenn mich ein Fieber anfiele, und ich schwur ihr zuletzt, dass, wenn sie
nicht die Meinige sein, mir diesmal nicht angehören und sich mit mir verbinden
wolle, so verlange ich nicht länger zu leben; worauf ich entschiedene Antwort
forderte. Als sie zaudernd mit einer Erklärung zurückhielt geriet ich ganz ausser
mir, riss den doppelten und dreifachen Verband von den Wunden, mit der
entschiedenen Absicht, mich zu verbluten. Aber wie erstaunte ich, als ich meine
Wunden alle geheilt, meinen Körper schmuck und glänzend und sie in meinen Armen
fand.
    Nun waren wir das glücklichste Paar von der Welt. Wir baten einander
wechselseitig um Verzeihung und wussten selbst nicht recht warum. Sie versprach
nun, mit mir weiterzureisen, und bald sassen wir nebeneinander im Wagen, das
Kästchen gegen uns über, am Platze der dritten Person. Ich hatte desselben
niemals gegen sie erwähnt; auch jetzt fiel mir's nicht ein, davon zu reden, ob
es uns gleich vor den Augen stand und wir durch eine stillschweigende
Übereinkunft beide dafür sorgten, wie es etwa die Gelegenheit geben mochte; nur
dass ich es immer in und aus dem Wagen hob und mich wie vormals mit dem Verschluss
der Türen beschäftigte.
    Solange noch etwas im Beutel war, hatte ich immer fortbezahlt; als es mit
meiner Barschaft zu Ende ging, liess ich sie es merken. - »Dafür ist leicht Rat
geschafft«, sagte sie und deutete auf ein Paar kleine Taschen, oben an der Seite
des Wagens angebracht, die ich früher wohl bemerkt aber nicht gebraucht hatte.
Sie griff in die eine und zog einige Goldstücke heraus, sowie aus der andern
einige Silbermünzen, und zeigte mir dadurch die Möglichkeit, jeden Aufwand, wie
es uns beliebte, fortzusetzen. So reisten wir von Stadt zu Stadt, von Land zu
Land, waren unter uns und mit andern froh, und ich dachte nicht daran, dass sie
mich wieder verlassen könnte, um so weniger, als sie sich seit einiger Zeit
entschieden guter Hoffnung befand, wodurch unsere Heiterkeit und unsere Liebe
nur noch vermehrt wurde. Aber eines Morgens fand ich sie leider nicht mehr, und
weil mir der Aufentalt ohne sie verdriesslich war, machte ich mich mit meinem
Kästchen wieder auf den Weg, versuchte die Kraft der beiden Taschen und fand sie
noch immer bewährt.
    Die Reise ging glücklich vonstatten, und wenn ich bisher über mein Abenteuer
weiter nicht nachdenken mögen, weil ich eine ganz natürliche Entwickelung der
wundersamen Begebenheiten erwartete, so ereignete sich doch gegenwärtig etwas,
wodurch ich in Erstaunen, in Sorgen, ja in Furcht gesetzt wurde. Weil ich, um
von der Stelle zu kommen, Tag und Nacht zu reisen gewohnt war, so geschah es,
dass ich oft im Finstern fuhr und es in meinem Wagen, wenn die Laternen zufällig
ausgingen, ganz dunkel war. Einmal bei so finsterer Nacht war ich eingeschlafen,
und als ich erwachte, sah ich den Schein eines Lichtes an der Decke meines
Wagens. Ich beobachtete denselben und fand, dass er aus dem Kästchen hervorbrach,
das einen Riss zu haben schien, eben als wäre es durch die heisse und trockene
Witterung der eingetretenen Sommerzeit gesprungen. Meine Gedanken an die Juwelen
wurden wieder rege, ich vermutete, dass ein Karfunkel im Kästchen liege, und
wünschte darüber Gewissheit zu haben. Ich rückte mich, so gut ich konnte,
zurecht, so dass ich mit dem Auge unmittelbar den Riss berührte. Aber wie gross war
mein Erstaunen, als ich in ein von Lichtern wohl erhelltes, mit viel Geschmack,
ja Kostbarkeit möbliertes Zimmer hineinsah, gerade so als hätte ich durch die
Öffnung eines Gewölbes in einen königlichen Saal hinabgesehn. Zwar konnte ich
nur einen Teil des Raums beobachten, der mich auf das übrige schliessen liess. Ein
Kaminfeuer schien zu brennen, neben welchem ein Lehnsessel stand. Ich hielt den
Atem an mich und fuhr fort zu beobachten. Indem kam von der andern Seite des
Saals ein Frauenzimmer mit einem Buch in den Händen, die ich sogleich für meine
Frau erkannte, obschon ihr Bild nach dem allerkleinsten Massstabe zusammengezogen
war. Die Schöne setzte sich in den Sessel ans Kamin, um zu lesen, legte die
Brände mit der niedlichsten Feuerzange zurecht, wobei ich deutlich bemerken
konnte, das allerliebste kleine Wesen sei ebenfalls guter Hoffnung. Nun fand ich
mich aber genötigt, meine unbequeme Stellung einigermassen zu verrücken, und bald
darauf, als ich wieder hineinsehen und mich überzeugen wollte, dass es kein Traum
gewesen, war das Licht verschwunden, und ich blickte in eine leere Finsternis.
    Wie erstaunt, ja erschrocken ich war, lässt sich begreifen. Ich machte mir
tausend Gedanken über diese Entdeckung und konnte doch eigentlich nichts denken.
Darüber schlief ich ein, und als ich erwachte, glaubte ich eben nur geträumt zu
haben; doch fühlte ich mich von meiner Schönen einigermassen entfremdet, und
indem ich das Kästchen nur desto sorgfältiger trug, wusste ich nicht, ob ich ihre
Wiedererscheinung in völliger Menschengrösse wünschen oder fürchten sollte.
    Nach einiger Zeit trat denn wirklich meine Schöne gegen Abend in weissem
Kleide herein, und da es eben im Zimmer dämmerte, so kam sie mir länger vor, als
ich sie sonst zu sehen gewohnt war, und ich erinnerte mich, gehört zu haben, dass
alle vom Geschlecht der Nixen und Gnomen bei einbrechender Nacht an Länge gar
merklich zunähmen. Sie flog wie gewöhnlich in meine Arme, aber ich konnte sie
nicht recht frohmütig an meine beklemmte Brust drücken.
    »Mein Liebster«, sagte sie, »ich fühle nun wohl an deinem Empfang, was ich
leider schon weiss. Du hast mich in der Zwischenzeit gesehn; du bist von dem
Zustand unterrichtet, in dem ich mich zu gewissen Zeiten befinde dein Glück und
das meinige ist hiedurch unterbrochen, ja es steht auf dem Punkte, ganz
vernichtet zu werden. Ich muss dich verlassen und weiss nicht, ob ich dich jemals
wiedersehen werde.« Ihre Gegenwart, die Anmut, mit der sie sprach, entfernte
sogleich fast jede Erinnerung jenes Gesichtes, das mir schon bisher nur als ein
Traum vorgeschwebt hatte. Ich umfing sie mit Lebhaftigkeit, überzeugte sie von
meiner Leidenschaft, versicherte ihr meine Unschuld, erzählte ihr das Zufällige
der Entdeckung, genug, ich tat so viel, dass sie selbst beruhigt schien und mich
zu beruhigen suchte.
    »Prüfe dich genau«, sagte sie, »ob diese Entdeckung deiner Liebe nicht
geschadet habe, ob du vergessen kannst, dass ich in zweierlei Gestalten mich
neben dir befinde, ob die Verringerung meines Wesens nicht auch deine Neigung
vermindern werde.«
    Ich sah sie an; schöner war sie als jemals, und ich dachte bei mir selbst:
»Ist es denn ein so grosses Unglück, eine Frau zu besitzen, die von Zeit zu Zeit
eine Zwergin wird, so dass man sie im Kästchen herumtragen kann? Wäre es nicht
viel schlimmer, wenn sie zur Riesin würde und ihren Mann in den Kasten steckte?«
Meine Heiterkeit war zurückgekehrt. Ich hätte sie um alles in der Welt nicht
fahren lassen. - »Bestes Herz«, versetzte ich, »lass uns bleiben und sein, wie
wir gewesen sind. Könnten wir's beide denn herrlicher finden! Bediene dich
deiner Bequemlichkeit, und ich verspreche dir, das Kästchen nur desto
sorgfältiger zu tragen. Wie sollte das Niedlichste, was ich in meinem Leben
gesehn, einen schlimmen Eindruck auf mich machen? Wie glücklich würden die
Liebhaber sein, wenn sie solche Miniaturbilder besitzen könnten! Und am Ende war
es auch nur ein solches Bild, eine kleine Taschenspielerei. Du prüfst und neckst
mich; du sollst aber sehen, wie ich mich halten werde.«
    »Die Sache ist ernstafter, als du denkst«, sagte die Schöne; »indessen bin
ich recht wohl zufrieden, dass du sie leicht nimmst: denn für uns beide kann noch
immer die heiterste Folge werden. Ich will dir vertrauen und von meiner Seite
das Mögliche tun, nur versprich mir, dieser Entdeckung niemals vorwurfsweise zu
gedenken. Dazu füg' ich noch eine Bitte recht inständig: nimm dich vor Wein und
Zorn mehr als jemals in acht.«
    Ich versprach, was sie begehrte, ich hätte zu und immer zu versprochen; doch
sie wendete selbst das Gespräch, und alles war im vorigen Gleise. Wir hatten
nicht Ursache, den Ort unseres Aufentaltes zu verändern; die Stadt war gross,
die Gesellschaft vielfach, die Jahreszeit veranlasste manches Land- und
Gartenfest.
    Bei allen solchen Freuden war meine Frau sehr gern gesehen, ja von Männern
und Frauen lebhaft verlangt. Ein gutes, einschmeichelndes Betragen, mit einer
gewissen Hoheit verknüpft, machte sie jedermann lieb und ehrenwert. Überdies
spielte sie herrlich die Laute und sang dazu, und alle geselligen Nächte mussten
durch ihr Talent gekrönt werden.
    Ich will nur gestehen, dass ich mir aus der Musik niemals viel habe machen
können, ja sie hatte vielmehr auf mich eine unangenehme Wirkung. Meine Schöne,
die mir das bald abgemerkt hatte, suchte mich daher niemals, wenn wir allein
waren, auf diese Weise zu unterhalten; dagegen schien sie sich in Gesellschaft
zu entschädigen, wo sie denn gewöhnlich eine Menge Bewunderer fand.
    Und nun, warum sollte ich es leugnen, unsere letzte Unterredung, ungeachtet
meines besten Willens, war doch nicht vermögend gewesen, die Sache ganz bei mir
abzutun; vielmehr hatte sich meine Empfindungsweise gar seltsam gestimmt, ohne
dass ich es mir vollkommen bewusst gewesen wäre. Da brach eines Abends in grosser
Gesellschaft der verhaltene Unmut los, und mir entsprang daraus der allergrösste
Nachteil.
    Wenn ich es jetzt recht bedenke, so liebte ich nach jener unglücklichen
Entdeckung meine Schönheit viel weniger, und nun ward ich eifersüchtig auf sie,
was mir vorher gar nicht eingefallen war. Abends bei Tafel, wo wir schräg gegen
einander über in ziemlicher Entfernung sassen, befand ich mich sehr wohl mit
meinen beiden Nachbarinnen, ein paar Frauenzimmern, die mir seit einiger Zeit
reizend geschienen hatten. Unter Scherz- und Liebesreden sparte man des Weines
nicht, indessen von der andern Seite ein paar Musikfreunde sich meiner Frau
bemächtigt hatten und die Gesellschaft zu Gesängen, einzelnen und chormässigen,
aufzumuntern und anzuführen wussten. Darüber fiel ich in böse Laune; die beiden
Kunstliebhaber schienen zudringlich; der Gesang machte mich ärgerlich, und als
man gar von mir auch eine Solostrophe begehrte, so wurde ich wirklich
aufgebracht, leerte den Becher und setzte ihn sehr unsanft nieder.
    Durch die Anmut meiner Nachbarinnen fühlte ich mich sogleich zwar wieder
gemildert, aber es ist eine böse Sache um den Ärger, wenn er einmal auf dem Wege
ist. Er kochte heimlich fort, obgleich alles mich hätte sollen zur Freude, zur
Nachgiebigkeit stimmen. Im Gegenteil wurde ich nur noch tückischer, als man eine
Laute brachte und meine Schöne ihren Gesang zur Bewunderung aller übrigen
begleitete. Unglücklicherweise erbat man sich eine allgemeine Stille. Also auch
schwatzen sollte ich nicht mehr, und die Töne taten mir in den Zähnen weh. War
es nun ein Wunder dass endlich der kleinste Funke die Mine zündete?
    Eben hatte die Sängerin ein Lied unter dem grössten Beifall geendigt, als sie
nach mir, und wahrlich recht liebevoll, herübersah. Leider drangen die Blicke
nicht bei mir ein. Sie bemerkte, dass ich einen Becher Wein hinunterschlang und
einen neu anfüllte. Mit dem rechten Zeigefinger winkte sie mir lieblich drohend.
»Bedenken Sie, dass es Wein ist!« sagte sie, nicht lauter, als dass ich es hören
konnte. - »Wasser ist für die Nixen!« rief ich aus. - »Meine Damen«, sagte sie
zu meinen Nachbarinnen, »kränzen Sie den Becher mit aller Anmut, dass er nicht zu
oft leer werde.« - »Sie werden sich doch nicht meistern lassen!« zischelte mir
die eine ins Ohr. - »Was will der Zwerg?« rief ich aus, mich heftiger gebärdend,
wodurch ich den Becher umstiess. - »Hier ist viel verschüttet!« rief die
Wunderschöne, tat einen Griff in die Saiten, als wolle sie die Aufmerksamkeit
der Gesellschaft aus dieser Störung wieder auf sich heranziehen. Es gelang ihr
wirklich, um so mehr, als sie aufstand, aber nur, als wenn sie sich das Spiel
bequemer machen wollte, und zu präludieren fortfuhr.
    Als ich den roten Wein über das Tischtuch fliessen sah, kam ich wieder zu mir
selbst. Ich erkannte den grossen Fehler, den ich begangen hatte, und war recht
innerlich zerknirscht. Zum erstenmal sprach die Musik mich an. Die erste
Strophe, die sie sang, war ein freundlicher Abschied an die Gesellschaft, wie
sie sich noch zusammen fühlen konnte. Bei der folgenden Strophe floss die
Sozietät gleichsam auseinander, jeder fühlte sich einzeln, abgesondert, niemand
glaubte sich mehr gegenwärtig. Aber was soll ich denn von der letzten Strophe
sagen? Sie war allein an mich gerichtet, die Stimme der gekränkten Liebe, die
von Unmut und Übermut Abschied nimmt.
    Stumm führte ich sie nach Hause und erwartete mir nichts Gutes. Doch kaum
waren wir in unserm Zimmer angelangt, als sie sich höchst freundlich und
anmutig, ja sogar schalkhaft erwies und mich zum glücklichsten aller Menschen
machte.
    Des andern Morgens sagte ich ganz getrost und liebevoll: »Du hast so
manchmal, durch gute Gesellschaft aufgefordert, gesungen, so zum Beispiel
gestern abend das rührende Abschiedslied; singe nun auch einmal mir zuliebe ein
hübsches, fröhliches Willkommen in dieser Morgenstunde, damit es uns werde, als
wenn wir uns zum erstenmal kennen lernten.«
    »Das vermag ich nicht, mein Freund«, versetzte sie mit Ernst. »Das Lied von
gestern abend bezog sich auf unsere Scheidung, die nun sogleich vor sich gehen
muss: denn ich kann dir nur sagen, die Beleidigung gegen Versprechen und Schwur
hat für uns beide die schlimmsten Folgen; du verscherzest ein grosses Glück, und
auch ich muss meinen liebsten Wünschen entsagen.«
    Als ich nun hierauf in sie drang und bat, sie möchte sich näher erklären,
versetzte sie: »Das kann ich leider wohl, denn es ist doch um mein Bleiben bei
dir getan. Vernimm also, was ich dir lieber bis in die spätesten Zeiten
verborgen hätte. Die Gestalt, in der du mich im Kästchen erblicktest ist mir
wirklich angeboren und natürlich; denn ich bin aus dem Stamm des Königs Eckwald,
des mächtigen Fürsten der Zwerge, von dem die wahrhafte Geschichte so vieles
meldet. Unser Volk ist noch immer wie vor alters tätig und geschäftig und auch
daher leicht zu regieren. Du musst dir aber nicht vorstellen, dass die Zwerge in
ihren Arbeiten zurückgeblieben sind. Sonst waren Schwerter, die den Feind
verfolgten, wenn man sie ihm nachwarf, unsichtbar und geheimnisvoll bindende
Ketten, undurchdringliche Schilder und dergleichen ihre berühmtesten Arbeiten.
Jetzt aber beschäftigen sie sich hauptsächlich mit Sachen der Bequemlichkeit und
des Putzes und übertreffen darin alle andern Völker der Erde. Du würdest
erstaunen, wenn du unsere Werkstätten und Warenlager hindurchgehen solltest.
Dies wäre nun alles gut, wenn nicht bei der ganzen Nation überhaupt, vorzüglich
aber bei der königlichen Familie, ein besonderer Umstand einträte.«
    Da sie einen Augenblick innehielt, ersuchte ich sie um fernere Eröffnung
dieser wundersamen Geheimnisse, worin sie mir denn auch sogleich willfahrte.
    »Es ist bekannt«, sagte sie, »dass Gott, sobald er die Welt erschaffen hatte,
so dass alles Erdreich trocken war und das Gebirg mächtig und herrlich dastand,
dass Gott, sage ich, sogleich vor allen Dingen die Zwerglein erschuf, damit auch
vernünftige Wesen wären, welche seine Wunder im Innern der Erde auf Gängen und
Klüften anstaunen und verehren könnten. Ferner ist bekannt, dass dieses kleine
Geschlecht sich nachmals erhoben und sich die Herrschaft der Erde anzumassen
gedacht, weshalb denn Gott die Drachen erschaffen, um das Gezwerge ins Gebirg
zurückzudrängen. Weil aber die Drachen sich in den grossen Höhlen und Spalten
selbst einzunisten und dort zu wohnen pflegten, auch viele derselben Feuer
spieen und manch anderes Wüste begingen, so wurde dadurch den Zwerglein gar
grosse Not und Kummer bereitet, dergestalt, dass sie nicht mehr wussten, wo aus
noch ein, und sich daher zu Gott dem Herrn gar demütiglich und flehentlich
wendeten, auch ihn im Gebet anriefen, er möchte doch dieses unsaubere
Drachenvolk wieder vertilgen. Ob er nun aber gleich nach seiner Weisheit sein
Geschöpf zu zerstören nicht beschliessen mochte, so ging ihm doch der armen
Zwerglein grosse Not dermassen zu Herzen, dass er alsobald die Riesen erschuf,
welche die Drachen bekämpfen und, wo nicht ausrotten, doch wenigstens vermindern
sollten.
    Als nun aber die Riesen so ziemlich mit den Drachen fertig geworden, stieg
ihnen gleichfalls der Mut und Dünkel, weswegen sie gar manches Frevele,
besonders auch gegen die guten Zwerglein, verübten, welche denn abermals in
ihrer Not sich zu dem Herrn wandten, der sodann aus seiner Machtgewalt die
Ritter schuf, welche die Riesen und Drachen bekämpfen und mit den Zwerglein in
guter Eintracht leben sollten. Damit war denn das Schöpfungswerk von dieser
Seite beschlossen, und es findet sich, dass nachher Riesen und Drachen sowie die
Ritter und Zwerge immer zusammengehalten haben. Daraus kannst du nun ersehen,
mein Freund, dass wir von dem ältesten Geschlecht der Welt sind, welches uns zwar
zu Ehren gereicht, doch aber auch grossen Nachteil mit sich führt.
    Da nämlich auf der Welt nichts ewig bestehen kann, sondern alles, was einmal
gross gewesen, klein werden und abnehmen muss, so sind auch wir in dem Falle, dass
wir seit Erschaffung der Welt immer abnehmen und kleiner werden, vor allen
andern aber die königliche Familie, welche wegen ihres reinen Blutes diesem
Schicksal am ersten unterworfen ist. Deshalb haben unsere weisen Meister schon
vor vielen Jahren den Ausweg erdacht, dass von Zeit zu Zeit eine Prinzessin aus
dem königlichen Hause heraus ins Land gesendet werde, um sich mit einem ehrsamen
Ritter zu vermählen, damit das Zwergengeschlecht wieder angefrischt und vom
gänzlichen Verfall gerettet sei.«
    Indessen meine Schöne diese Worte ganz treuherzig vor brachte, sah ich sie
bedenklich an, weil es schien, als ob sie Lust habe, mir etwas aufzubinden. Was
ihre niedliche Herkunft betraf, daran hatte ich weiter keinen Zweifel; aber dass
sie mich anstatt eines Ritters ergriffen hatte, das machte mir einiges
Misstrauen, indem ich mich denn doch zu wohl kannte, als dass ich hätte glauben
sollen, meine Vorfahren seien von Gott unmittelbar erschaffen worden.
    Ich verbarg Verwunderung und Zweifel und fragte sie freundlich: »Aber sage
mir, mein liebes Kind, wie kommst du zu dieser grossen und ansehnlichen Gestalt?
denn ich kenne wenig Frauen, die sich dir an prächtiger Bildung vergleichen
können.« - »Das sollst du erfahren«, versetzte meine Schöne. »Es ist von jeher
im Rat der Zwergenkönige hergebracht, dass man sich so lange als möglich vor
jedem ausserordentlichen Schritt in acht nehme, welches ich denn auch ganz
natürlich und billig finde. Man hätte vielleicht noch lange gezaudert, eine
Prinzessin wieder einmal in das Land zu senden, wenn nicht mein nachgeborner
Bruder so klein ausgefallen wäre, dass ihn die Wärterinnen sogar aus den Windeln
verloren haben und man nicht weiss, wo er hingekommen ist. Bei diesem in den
Jahrbüchern des Zwergenreichs ganz unerhörten Falle versammelte man die Weisen,
und kurz und gut, der Entschluss ward gefasst, mich auf die Freite zu schicken.«
    »Der Entschluss!« rief ich aus; »das ist wohl alles schön und gut. Man kann
sich entschliessen, man kann etwas beschliessen; aber einem Zwerglein diese
Göttergestalt zu geben, wie haben eure Weisen dies zustande gebracht?«
    »Es war auch schon«, sagte sie, »von unsern Ahnherren vorgesehen. In dem
königlichen Schatze lag ein ungeheurer goldner Fingerring. Ich spreche jetzt von
ihm, wie er mir vorkam, da er mir, als einem Kinde, ehemals an seinem Orte
gezeigt wurde: denn es ist derselbe, den ich hier am Finger habe; und nun ging
man folgendergestalt zu Werke. Man unterrichtete mich von allem, was bevorstehe,
und belehrte mich, was ich zu tun und zu lassen habe.
    Ein köstlicher Palast, nach dem Muster des liebsten Sommeraufentalts meiner
Eltern, wurde verfertigt: ein Hauptgebäude, Seitenflügel und was man nur
wünschen kann. Er stand am Eingang einer grossen Felskluft und verzierte sie aufs
beste. An dem bestimmten Tage zog der Hof dortin und meine Eltern mit mir. Die
Armee paradierte, und vierundzwanzig Priester trugen auf einer köstlichen Bahre,
nicht ohne Beschwerlichkeit, den wundervollen Ring. Er ward an die Schwelle des
Gebäudes gelegt, gleich innerhalb, wo man über sie hinübertritt. Manche
Zeremonien wurden begangen, und nach einem herzlichen Abschiede schritt ich zum
Werke. Ich trat hinzu, legte die Hand an den Ring und fing sogleich merklich zu
wachsen an. In wenig Augenblicken war ich zu meiner gegenwärtigen Grösse gelangt,
worauf ich den Ring sogleich an den Finger steckte. Nun im Nu verschlossen sich
Fenster, Türen und Tore, die Seitenflügel zogen sich ins Hauptgebäude zurück,
statt des Palastes stand ein Kästchen neben mir, das ich sogleich aufhob und mit
mir forttrug, nicht ohne ein angenehmes Gefühl, so gross und so stark zu sein,
zwar immer noch ein Zwerg gegen Bäume und Berge, gegen Ströme wie gegen
Landstrecken, aber doch immer schon ein Riese gegen Gras und Kräuter, besonders
aber gegen die Ameisen, mit denen wir Zwerge nicht immer in gutem Verhältnis
stehen und deswegen oft gewaltig von ihnen geplagt werden.
    Wie es mir auf meiner Wallfahrt erging, ehe ich dich fand, davon hätte ich
viel zu erzählen. Genug, ich prüfte manchen, aber niemand als du schien mir
wert, den Stamm des herrlichen Eckwald zu erneuern und zu verewigen.«
    Bei allen diesen Erzählungen wackelte mir mitunter der Kopf, ohne dass ich
ihn gerade geschüttelt hätte. Ich tat verschiedene Fragen, worauf ich aber keine
sonderlichen Antworten erhielt, vielmehr zu meiner grössten Betrübnis erfuhr, dass
sie nach dem, was begegnet, notwendig zu ihren Eltern zurückkehren müsse. Sie
hoffe zwar, wieder zu mir zu kommen, doch jetzt habe sie sich unvermeidlich zu
stellen, weil sonst für sie so wie für mich alles verloren wäre. Die Beutel
würden bald aufhören zu zahlen, und was sonst noch alles daraus entstehen
könnte.
    Da ich hörte, dass uns das Geld ausgehen dürfte, fragte ich nicht weiter, was
sonst noch geschehen möchte. Ich zuckte die Achseln, ich schwieg, und sie schien
mich zu verstehen.
    Wir packten zusammen und setzten uns in den Wagen, das Kästchen gegen uns
über, dem ich aber noch nichts von einem Palast ansehen konnte. So ging es
mehrere Stationen fort. Postgeld und Trinkgeld wurden aus den Täschchen rechts
und links bequem und reichlich bezahlt, bis wir endlich in eine gebirgige Gegend
gelangten und kaum abgestiegen waren, als meine Schöne vorausging und ich auf
ihr Geheiss mit dem Kästchen folgte. Sie führte mich auf ziemlich steilen Pfaden
zu einem engen Wiesengrund, durch welchen sich eine klare Quelle bald stürzte,
bald ruhig laufend schlängelte. Da zeigte sie mir eine erhöhte Fläche, hiess mich
das Kästchen niedersetzen und sagte: »Lebe wohl: du findest den Weg gar leicht
zurück; gedenke mein, ich hoffe, dich wiederzusehen.«
    In diesem Augenblick war mir's, als wenn ich sie nicht verlassen könnte. Sie
hatte gerade wieder ihren schönen Tag oder, wenn ihr wollt, ihre schöne Stunde.
Mit einem so lieblichen Wesen allein, auf grüner Matte, zwischen Gras und
Blumen, von Felsen beschränkt, von Wasser umrauscht, welches Herz wäre da wohl
fühllos geblieben! Ich wollte sie bei der Hand fassen, sie umarmen, aber sie
stiess mich zurück und bedrohte mich, obwohl noch immer liebreich genug, mit
grosser Gefahr, wenn ich mich nicht sogleich entfernte.
    »Ist denn gar keine Möglichkeit«, rief ich aus, »dass ich bei dir bleibe, dass
du mich bei dir behalten könntest?« Ich begleitete diese Worte mit so
jämmerlichen Gebärden und Tönen, dass sie gerührt schien und nach einigem
Bedenken mir gestand, eine Fortdauer unserer Verbindung sei nicht ganz
unmöglich. Wer war glücklicher als ich! Meine Zudringlichkeit, die immer
lebhafter ward, nötigte sie endlich, mit der Sprache herauszurücken und mir zu
entdecken, dass, wenn ich mich entschlösse, mit ihr so klein zu werden, als ich
sie schon gesehen, so könnte ich auch jetzt bei ihr bleiben, in ihre Wohnung, in
ihr Reich, zu ihrer Familie mit übertreten. Dieser Vorschlag gefiel mir nicht
ganz, doch konnte ich mich einmal in diesem Augenblick nicht von ihr losreissen,
und ans Wunderbare seit geraumer Zeit schon gewöhnt, zu raschen Entschlüssen
aufgelegt, schlug ich ein und sagte, sie möchte mit mir machen, was sie wolle.
    Sogleich musste ich den kleinen Finger meiner rechten Hand ausstrecken, sie
stützte den ihrigen dagegen, zog mit der linken Hand den goldnen Ring ganz leise
sich ab und liess ihn herüber an meinen Finger laufen. Kaum war dies geschehen,
so fühlte ich einen gewaltigen Schmerz am Finger, der Ring zog sich zusammen und
folterte mich entsetzlich. Ich tat einen gewaltigen Schrei und griff
unwillkürlich um mich her nach meiner Schönen, die aber verschwunden war. Wie
mir indessen zumute gewesen, dafür wüsste ich keinen Ausdruck zu finden, auch
bleibt mir nichts übrig zu sagen, als dass ich mich sehr bald in kleiner,
niedriger Person neben meiner Schönen in einem Walde von Grashalmen befand. Die
Freude des Wiedersehens nach einer kurzen und doch so seltsamen Trennung, oder,
wenn ihr wollt, einer Wiedervereinigung ohne Trennung, übersteigt alle Begriffe.
Ich fiel ihr um den Hals, sie erwiderte meine Liebkosungen, und das kleine Paar
fühlte sich so glücklich als das grosse.
    Mit einiger Unbequemlichkeit stiegen wir nunmehr an einem Hügel hinauf; denn
die Matte war für uns beinah ein undurchdringlicher Wald geworden. Doch
gelangten wir endlich auf eine Blösse, und wie erstaunt war ich, dort eine grosse,
geregelte Masse zu sehen, die ich doch bald für das Kästchen, in dem Zustand,
wie ich es hingesetzt hatte, wieder erkennen musste.
    »Gehe hin, mein Freund, und klopfe mit dem Ringe nur an, du wirst Wunder
sehen«, sagte meine Geliebte. Ich trat hinzu und hatte kaum angepocht, so
erlebte ich wirklich das grösste Wunder. Zwei Seitenflügel bewegten sich hervor,
und zugleich fielen wie Schuppen und Späne verschiedene Teile herunter, da mir
denn Türen, Fenster, Säulengänge und alles, was zu einem vollständigen Palaste
gehört, auf einmal zu Gesichte kamen.
    Wer einen künstlichen Schreibtisch von Röntgen gesehen hat, wo mit einem Zug
viele Federn und Ressorts in Bewegung kommen, Pult und Schreibzeug, Brief- und
Geldfächer sich auf einmal oder kurz nacheinander entwickeln, der wird sich eine
Vorstellung machen können, wie sich jener Palast entfaltete, in welchen mich
meine süsse Begleiterin nunmehr hineinzog. In dem Hauptsaal erkannte ich sogleich
das Kamin, das ich ehemals von oben gesehen, und den Sessel, worauf sie
gesessen. Und als ich über mich blickte, glaubte ich wirklich noch etwas von dem
Sprunge in der Kuppel zu bemerken, durch den ich hereingeschaut hatte. Ich
verschone euch mit Beschreibung des übrigen; genug, alles war geräumig, köstlich
und geschmackvoll. Kaum hatte ich mich von meiner Verwunderung erholt, als ich
von fern eine militärische Musik vernahm. Meine schöne Hälfte sprang vor Freuden
auf und verkündigte mir mit Entzücken die Ankunft ihres Herrn Vaters. Hier
traten wir unter die Türe und schauten, wie aus einer ansehnlichen Felskluft ein
glänzender Zug sich bewegte. Soldaten, Bediente, Hausoffizianten und ein
glänzender Hofstaat folgten hintereinander. Endlich erblickte man ein goldnes
Gedränge und in demselben den König selbst. Als der ganze Zug vor dem Palast
aufgestellt war, trat der König mit seiner nächsten Umgebung heran. Seine
zärtliche Tochter eilte ihm entgegen, sie riss mich mit sich fort, wir warfen uns
ihm zu Füssen, er hob mich sehr gnädig auf, und als ich vor ihn zu stehen kam,
bemerkte ich erst, dass ich freilich in dieser kleinen Welt die ansehnlichste
Statur hatte. Wir gingen zusammen nach dem Palaste, da mich der König in
Gegenwart seines ganzen Hofes mit einer wohlstudierten Rede, worin er seine
Überraschung, uns hier zu finden, ausdrückte, zu bewillkommnen geruhte, mich als
seinen Schwiegersohn erkannte und die Trauungszeremonie auf morgen ansetzte.
    Wie schrecklich ward mir auf einmal zumute, als ich von Heirat reden hörte:
denn ich fürchtete mich bisher davor fast mehr als vor der Musik selbst, die mir
doch sonst das Verhassteste auf Erden schien. Diejenigen, die Musik machen,
pflegte ich zu sagen, stehen doch wenigstens in der Einbildung, untereinander
einig zu sein und in Übereinstimmung zu wirken: denn wenn sie lange genug
gestimmt und uns die Ohren mit allerlei Misstönen zerrissen haben, so glauben sie
steif und fest, die Sache sei nunmehr aufs reine gebracht und ein Instrument
passe genau zum andern. Der Kapellmeister selbst ist in diesem glücklichen Wahn,
und nun geht es freudig los, unterdes uns andern immerfort die Ohren gellen. Bei
dem Ehestand hingegen ist dies nicht einmal der Fall: denn ob er gleich nur ein
Duett ist und man doch denken sollte, zwei Stimmen, ja zwei Instrumente müssten
einigermassen überein gestimmt werden können, so trifft es doch selten zu; denn
wenn der Mann einen Ton angibt, so nimmt ihn die Frau gleich höher und der Mann
wieder höher; da geht es denn aus dem Kammerin den Chorton und immer so weiter
hinauf, dass zuletzt die blasenden Instrumente selbst nicht folgen können. Und
also, da mir die harmonische Musik zuwider bleibt, so ist mir noch weniger zu
verdenken, dass ich die disharmonische gar nicht leiden kann.
    Von allen Festlichkeiten, worunter der Tag hinging, mag und kann ich nicht
erzählen: denn ich achtete gar wenig darauf. Das kostbare Essen, der köstliche
Wein, nichts wollte mir schmecken. Ich sann und überlegte, was ich zu tun hätte.
Doch da war nicht viel auszusinnen. Ich entschloss mich, als es Nacht wurde, kurz
und gut, auf und davon zu gehen und mich irgendwo zu verbergen. Auch gelangte
ich glücklich zu einer Steinritze, in die ich mich hineinzwängte und so gut als
möglich verbarg. Mein erstes Bemühen darauf war, den unglücklichen Ring vom
Finger zu schaffen, welches jedoch mir keineswegs gelingen wollte, vielmehr
musste ich fühlen, dass er immer enger ward, sobald ich ihn abzuziehen gedachte,
worüber ich heftige Schmerzen litt, die aber sogleich nachliessen, sobald ich von
meinem Vorhaben abstand.
    Frühmorgens wach' ich auf - denn meine kleine Person hatte sehr gut
geschlafen - und wollte mich eben weiter umsehen, als es über mir wie zu regnen
anfing. Es fiel nämlich durch Gras, Blätter und Blumen wie Sand und Grus in
Menge herunter; allein wie entsetzte ich mich, als alles um mich her lebendig
ward und ein unendliches Ameisenheer über mich niederstürzte. Kaum wurden sie
mich gewahr, als sie mich von allen Seiten angriffen und, ob ich mich gleich
wacker und mutig genug verteidigte, doch zuletzt auf solche Weise zudeckten,
kneipten und peinigten, dass ich froh war, als ich mir zurufen hörte, ich solle
mich ergeben. Ich ergab mich wirklich und gleich, worauf denn eine Ameise von
ansehnlicher Statur sich mit Höflichkeit, ja mit Ehrfurcht näherte und sich
sogar meiner Gunst empfahl. Ich vernahm, dass die Ameisen Alliierte meines
Schwiegervaters geworden und dass er sie im gegenwärtigen Fall aufgerufen und
verpflichtet, mich herbeizuschaffen. Nun war ich Kleiner in den Händen von noch
Kleinern. Ich sah der Trauung entgegen und musste noch Gott danken, wenn mein
Schwiegervater nicht zürnte, wenn meine Schöne nicht verdriesslich geworden.
    Lasst mich nun von allen Zeremonien schweigen; genug, wir waren verheiratet.
So lustig und munter es jedoch bei uns herging, so fanden sich dessenungeachtet
einsame Stunden, in denen man zum Nachdenken verleitet wird, und mir begegnete,
was mir noch niemals begegnet war; was aber und wie, das sollt ihr vernehmen.
    Alles um mich her war meiner gegenwärtigen Gestalt und meinen Bedürfnissen
völlig gemäss, die Flaschen und Becher einem kleinen Trinker wohl proportioniert,
ja, wenn man will, verhältnismässig besseres Mass als bei uns. Meinem kleinen
Gaumen schmeckten die zarten Bissen vortrefflich, ein Kuss von dem Mündchen
meiner Gattin war gar zu reizend, und ich leugne nicht, die Neuheit machte mir
alle diese Verhältnisse höchst angenehm. dabei hatte ich jedoch leider meinen
vorigen Zustand nicht vergessen. Ich empfand in mir einen Massstab voriger Grösse,
welches mich unruhig und unglücklich machte. Nun begriff ich zum erstenmal, was
die Philosophen unter ihren Idealen verstehen möchten, wodurch die Menschen so
gequält sein sollen. Ich hatte ein Ideal von mir selbst und erschien mir
manchmal im Traum wie ein Riese. Genug, die Frau, der Ring, die Zwergenfigur, so
viele andere Bande machten mich ganz und gar unglücklich, dass ich auf meine
Befreiung im Ernst zu denken begann.
    Weil ich überzeugt war, dass der ganze Zauber in dem Ring verborgen liege, so
beschloss ich, ihn abzufeilen. Ich entwendete deshalb dem Hofjuwelier einige
Feilen. Glücklicherweise war ich links, und ich hatte in meinem Leben niemals
etwas rechts gemacht. Ich hielt mich tapfer an die Arbeit; sie war nicht gering:
denn das goldne Reifchen, so dünn es aussah, war in dem Verhältnis dichter
geworden, als es sich aus seiner ersten Grösse zusammengezogen hatte. Alle freien
Stunden wendete ich unbeobachtet an dieses Geschäft und war klug genug, als das
Metall bald durchgefeilt war, vor die Türe zu treten. Das war mir geraten: denn
auf einmal sprang der goldne Reif mit Gewalt vom Finger, und meine Figur schoss
mit solcher Heftigkeit in die Höhe, dass ich wirklich an den Himmel zu stossen
glaubte und auf alle Fälle die Kuppel unseres Sommerpalastes durchgestossen, ja
das ganze Sommergebäude durch meine frische Unbehülflichkeit zerstört haben
würde.
    Da stand ich nun wieder, freilich um so vieles grösser, allein, wie mir
vorkam, auch um vieles dümmer und unbehülflicher. Und als ich mich aus meiner
Betäubung erholt, sah ich die Schatulle neben mir stehen, die ich ziemlich
schwer fand, als ich sie aufhob und den Fusspfad hinunter nach der Station trug,
wo ich denn gleich einspannen und fortfahren liess. Unterwegs machte ich sogleich
den Versuch, mit den Täschchen an beiden Seiten. An der Stelle des Geldes,
welches ausgegangen schien, fand ich ein Schlüsselchen; es gehörte zur
Schatulle, in welcher ich einen ziemlichen Ersatz fand. Solange das vorhielt,
bediente ich mich des Wagens; nachher wurde dieser verkauft, um mich auf dem
Postwagen fortzubringen. Die Schatulle schlug ich zuletzt los, weil ich immer
dachte, sie sollte sich noch einmal füllen, und so kam ich denn endlich,
obgleich durch einen ziemlichen Umweg, wieder an den Herd zur Köchin, wo ihr
mich zuerst habt kennen lernen.
 
                               Siebentes Kapitel
                              Hersilie an Wilhelm
Bekanntschaften, wenn sie sich auch gleichgültig ankündigen, haben oft die
wichtigsten Folgen, und nun gar die Ihrige, die gleich von Anfang nicht
gleichgültig war. Der wunderliche Schlüssel kam in meine Hände als ein seltsames
Pfand; nun besitze ich das Kästchen auch. Schlüssel und Kästchen, was sagen Sie
dazu? Was soll man dazu sagen? Hören Sie, wie's zuging:
    Ein junger, feiner Mann lässt sich bei meinem Oheim melden und erzählt, dass
der kuriose Antiquitätenkrämer, der mit Ihnen lange in Verbindung gestanden, vor
kurzem gestorben sei und ihm die ganze merkwürdige Verlassenschaft übertragen,
zugleich aber zur Pflicht gemacht habe, alles fremde Eigentum, was eigentlich
nur deponiert sei, unverzüglich zurückzugeben. Eignes Gut beunruhige niemanden,
denn man habe den Verlust allein zu ertragen; fremdes Gut jedoch zu bewahren,
habe er sich nur in besondern Fällen erlaubt, ihm wolle er diese Last nicht
aufbürden, ja er verbiete ihm, in väterlicher Liebe und Autorität, sich damit zu
befassen. Und hiemit zog er das Kästchen hervor, das, wenn ich es schon aus der
Beschreibung kannte, mir doch ganz vorzüglich in die Augen fiel.
    Der Oheim, nachdem er es von allen Seiten besehen, gab es zurück und sagte:
Auch er habe es sich zur Pflicht gemacht, in gleichem Sinne zu handeln und sich
mit keiner Antiquität, sie sei auch noch so schön und wunderbar, zu belasten,
wenn er nicht wisse, wem sie früher angehört und was für eine historische
Merkwürdigkeit damit zu verknüpfen sei. Nun zeige dieses Kästchen weder
Buchstaben noch Ziffer, weder Jahrzahl noch sonst eine Andeutung, woraus man den
frühern Besitzer oder Künstler erraten könne, es sei ihm also völlig unnütz und
ohne Interesse.
    Der junge Mann stand in grosser Verlegenheit und fragte nach einigem
Besinnen, ob er nicht erlauben wolle, solches bei seinen Gerichten
niederzulegen? Der Oheim lächelte, wandte sich zu mir und sprach: »Das wär' ein
hübsches Geschäft für dich, Hersilie; du hast ja auch allerlei Schmuck und
zierliche Kostbarkeiten, leg' es dazu; denn ich wollte wetten, der Freund, der
dir nicht gleichgültig blieb, kommt gelegentlich wieder und holt es ab.«
    Das muss ich nun so hinschreiben, wenn ich treu erzählen will, und sodann muss
ich bekennen, ich sah das Kästchen mit neidischen Augen an, und eine gewisse
Habsucht bemächtigte sich meiner. Mir widerte, das herrliche, dem holden Felix
vom Schicksal zugedachte Schatzkästlein in dem alt-eisernen, verrosteten
Depositenkasten der Gerichtsstube zu wissen. Wünschelrutenartig zog sich die
Hand darnach, mein bisschen Vernunft hielt sie zurück; ich hatte ja den
Schlüssel, das durfte ich nicht entdecken; und sollte ich mir die Qual antun,
das Schloss uneröffnet zu lassen, oder mich der unbefugten Kühnheit hingeben, es
aufzuschliessen? Allein, ich weiss nicht, war es Wunsch oder Ahnung, ich stellte
mir vor, Sie kämen, kämen bald, wären schon da, wenn ich auf mein Zimmer träte;
genug, es war mir so wunderlich, so seltsam, so konfus, wie es mir immer geht,
wenn ich aus meiner gleichmütigen Heiterkeit herausgenötigt werde. Ich sage
nichts weiter, beschreibe nicht, entschuldige nicht; genug, hier liegt das
Kästchen vor mir in meiner Schatulle, der Schlüssel daneben, und wenn Sie eine
Art von Herz und Gemüt haben, so denken Sie, wie mir zumute ist, wie viele
Leidenschaften sich in mir herumkämpfen, wie ich Sie herwünsche, auch wohl Felix
dazu, dass es ein Ende werde, wenigstens dass eine Deutung vorgehe, was damit
gemeint sei, mit diesem wunderbaren Finden, Wiederfinden, Trennen und
Vereinigen; und sollte ich auch nicht aus aller Verlegenheit gerettet werden, so
wünsche ich wenigstens sehnlichst, dass diese sich aufkläre, sich endige, wenn
mir auch, wie ich fürchte, etwas Schlimmeres begegnen sollte.
 
                                 Achtes Kapitel
Unter den Papieren, die uns zur Redaktion vorliegen, finden wir einen Schwank,
den wir ohne weitere Vorbereitung hier einschalten, weil unsre Angelegenheiten
immer ernstafter werden und wir für dergleichen Unregelmässigkeiten fernerhin
keine Stelle finden möchten.
    Im ganzen möchte diese Erzählung dem Leser nicht unangenehm sein, wie sie
St. Christoph am heitern Abend einem Kreise versammelter lustiger Gesellen
vortrug.
                             Die gefährliche Wette
Es ist bekannt, dass die Menschen, sobald es ihnen einigermassen wohl und nach
ihrem Sinne geht, alsobald nicht wissen, was sie vor Übermut anfangen sollen;
und so hatten denn auch mutwillige Studenten die Gewohnheit, während der Ferien
scharenweis das Land zu durchziehen und nach ihrer Art Suiten zu reissen, welche
freilich nicht immer die besten Folgen hatten. Sie waren gar verschiedener Art,
wie sie das Burschenleben zusammenführt und bindet. Ungleich von Geburt und
Wohlhabenheit, Geist und Bildung, aber alle gesellig in einem heitern Sinne
miteinander einander sich fortbewegend und treibend. Mich aber wählten sie oft
zum Gesellen: denn wenn ich schwerere Lasten trug als einer von ihnen, so mussten
sie mir denn auch den Ehrentitel eines grossen Suitiers erteilen, und zwar
hauptsächlich deshalb, weil ich seltener, aber desto kräftiger meine Possen
trieb, wovon denn folgendes ein Zeugnis geben mag.
    Wir hatten auf unseren Wanderungen ein angenehmes Bergdorf erreicht, das bei
einer abgeschiedenen Lage den Vorteil einer Poststation und in grosser Einsamkeit
ein paar hübsche Mädchen zu Bewohnerinnen hatte. Man wollte ausruhen, die Zeit
verschlendern, verliebeln, eine Weile wohlfeiler leben und deshalb desto mehr
Geld vergeuden.
    Es war gerade nach Tisch, als einige sich im erhöhten, andere im
erniedrigten Zustand befanden. Die einen lagen und schliefen ihren Rausch aus;
die andern hätten ihn gern auf irgendeine mutwillige Weise ausgelassen. Wir
hatten ein paar grosse Zimmer im Seitenflügel nach dem Hof zu. Eine schöne
Equipage, die mit vier Pferden hereinrasselte, zog uns an die Fenster. Die
Bedienten sprangen vom Bock und halfen einem Herrn von stattlichem, vornehmem
Ansehen heraus, der ungeachtet seiner Jahre noch rüstig genug auftrat. Seine
grosse, wohlgebildete Nase fiel mir zuerst ins Gesicht, und ich weiss nicht, was
für ein böser Geist mich anhauchte, so dass ich in einem Augenblick den tollsten
Plan erfand und ihn, ohne weiter zu denken, sogleich auszuführen begann.
    »Was dünkt euch von diesem Herrn?« fragte ich die Gesellschaft. - »Er sieht
aus«, versetzte der eine, »als ob er so nicht mit sich spassen lasse.« - »Ja,
ja«, sagte der andre, »er hat ganz das Ansehen so eines vornehmen
Rührmichnichtan.« - »Und dessenungeachtet«, erwiderte ich ganz getrost, »was
wettet ihr, ich will ihn bei der Nase zupfen, ohne dass mir deshalb etwas Übles
widerfahre; ja ich will mir sogar dadurch einen gnädigen Herrn an ihm
verdienen.«
    »Wenn du es leistest«, sagte Raufbold, »so zahlt dir jeder einen Louisdor.«
- »Kassieren Sie das Geld für mich ein«, rief ich aus; »auf Sie verlasse ich
mich.« - »Ich möchte lieber einem Löwen ein Haar von der Schnauze raufen«, sagte
der Kleine. - »Ich habe keine Zeit zu verlieren«, versetzte ich und sprang die
Treppe hinunter.
    Bei dem ersten Anblick des Fremden hatte ich bemerkt, dass er einen sehr
starken Bart hatte, und vermutete, dass keiner von seinen Leuten rasieren könne.
Nun begegnete ich dem Kellner und fragte: »Hat der Fremde nicht nach einem
Barbier gefragt?« - »Freilich!« versetzte der Kellner, »und es ist eine rechte
Not. Der Kammerdiener des Herrn ist schon zwei Tage zurückgeblieben. Der Herr
will seinen Bart absolut los sein, und unser einziger Barbier, wer weiss, wo er
in die Nachbarschaft hingegangen.«
    »So meldet mich an«, versetzte ich; »führt mich als Bartscherer bei dem
Herrn nur ein, und Ihr werdet Ehre mit mir einlegen.« Ich nahm das Rasierzeug,
das ich im Hause fand, und folgte dem Kellner.
    Der alte Herr empfing mich mit grosser Gravität, besah mich von oben bis
unten, als ob er meine Geschicklichkeit aus mir herausphysiognomieren wollte.
»Versteht Er Sein Handwerk?« sagte er zu mir.
    »Ich suche meinesgleichen«, versetzte ich, »ohne mich zu rühmen.« Auch war
ich meiner Sache gewiss: denn ich hatte früh die edle Kunst getrieben und war
besonders deswegen berühmt, weil ich mit der linken Hand rasierte.
    Das Zimmer, in welchem der Herr seine Toilette machte, ging nach dem Hof und
war gerade so gelegen, dass unsere Freunde füglich hereinsehen konnten, besonders
wenn die Fenster offen waren. An gehöriger Vorrichtung fehlte nichts mehr. Der
Patron hatte sich gesetzt und das Tuch vorgenommen. Ich trat ganz
bescheidentlich vor ihn hin und sagte: »Exzellenz! mir ist bei Ausübung meiner
Kunst das Besondere vorgekommen, dass ich die gemeinen Leute besser und zu
mehrerer Zufriedenheit rasiert habe als die Vornehmen. Darüber habe ich denn
lange nachgedacht und die Ursache bald da, bald dort gesucht, endlich aber
gefunden, dass ich meine Sache in freier Luft viel besser mache als in
verschlossenen Zimmern. Wollten Ew. Exzellenz deshalb erlauben, dass ich die
Fenster aufmache, so würden Sie den Effekt zu eigener Zufriedenheit gar bald
empfinden.« Er gab es zu, ich öffnete das Fenster, gab meinen Freunden einen
Wink und fing an, den starken Bart mit grosser Anmut einzuseifen. Ebenso behend
und leicht strich ich das Stoppelfeld vom Boden weg, wobei ich nicht versäumte,
als es an die Oberlippe kam, meinen Gönner bei der Nase zu fassen und sie
merklich herüber und hinüber zu biegen, wobei ich mich so zu stellen wusste, dass
die Wettenden zu ihrem grössten Vergnügen erkennen und bekennen mussten, ihre
Seite habe verloren.
    Sehr stattlich bewegte sich der alte Herr gegen den Spiegel: man sah, dass er
sich mit einiger Gefälligkeit betrachtete, und wirklich, es war ein sehr schöner
Mann. Dann wendete er sich zu mir mit einem feurigen schwarzen, aber
freundlichen Blick und sagte: »Er verdient, mein Freund, vor vielen
seinesgleichen gelobt zu werden, denn ich bemerke an Ihm weit weniger Unarten
als an andern. So fährt Er nicht zwei-, dreimal über dieselbige Stelle, sondern
es ist mit einem Strich getan; auch streicht Er nicht, wie mehrere tun, sein
Schermesser in der flachen Hand ab und führt den Unrat nicht der Person über die
Nase. Besonders aber ist Seine Geschicklichkeit der linken Hand zu bewundern.
Hier ist etwas für Seine Mühe«, fuhr er fort, indem er mir einen Gulden reichte.
»Nur eines merk' Er sich: dass man Leute von Stande nicht bei der Nase fasst. Wird
Er diese bäurische Sitte künftig vermeiden, so kann Er wohl noch in der Welt
sein Glück machen.«
    Ich verneigte mich tief, versprach alles mögliche, bat ihn, bei
allenfallsiger Rückkehr mich wieder zu beehren, und eilte, was ich konnte, zu
unseren jungen Gesellen, die mir zuletzt ziemlich Angst gemacht hatten. Denn sie
verführten ein solches Gelächter und ein solches Geschrei, sprangen wie toll in
der Stube herum, klatschten und riefen, weckten die Schlafenden und erzählten
die Begebenheit immer mit neuem Lachen und Toben, dass ich selbst, als ich ins
Zimmer trat, die Fenster vor allen Dingen zumachte und sie um Gottes willen bat,
ruhig zu sein, endlich aber mitlachen musste über das Aussehen einer närrischen
Handlung, die ich mit so vielem Ernste durchgeführt hatte.
    Als nach einiger Zeit sich die tobenden Wellen des Lachens einigermassen
gelegt hatten, hielt ich mich für glücklich; die Goldstücke hatte ich in der
Tasche und den wohlverdienten Gulden dazu, und ich hielt mich für ganz wohl
ausgestattet, welches mir um so erwünschter war, als die Gesellschaft
beschlossen hatte, des andern Tages auseinanderzugehen. Aber uns war nicht
bestimmt, mit Zucht und Ordnung zu scheiden. Die Geschichte war zu reizend, als
dass man sie hätte bei sich behalten können, so sehr ich auch gebeten und
beschworen hatte, nur bis zur Abreise des alten Herrn reinen Mund zu halten.
Einer bei uns, der Fahrige genannt, hatte ein Liebesverständnis mit der Tochter
des Hauses. Sie kamen zusammen, und Gott weiss, ob er sie nicht besser zu
unterhalten wusste, genug, er erzählt ihr den Spass, und so wollten sie sich nun
zusammen totlachen. dabei blieb es nicht, sondern das Mädchen brachte die Märe
lachend weiter, und so mochte sie endlich noch kurz vor Schlafengehen an den
alten Herrn gelangen.
    Wir sassen ruhiger als sonst: denn es war den Tag über genug getobt worden,
als auf einmal der kleine Kellner, der uns sehr zugetan war, hereinsprang und
rief: »Rettet euch, man wird euch totschlagen!« Wir fuhren auf und wollten mehr
wissen; er aber war schon zur Türe wieder hinaus. Ich sprang auf und schob den
Nachtriegel vor; schon aber hörten wir an der Türe pochen und schlagen, ja wir
glaubten zu hören, dass sie durch eine Axt gespalten werde. Maschinenmässig zogen
wir uns ins zweite Zimmer zurück, alle waren verstummt: »Wir sind verraten«,
rief ich aus, »der Teufel hat uns bei der Nase!«
    Raufbold griff nach seinem Degen, ich zeigte hier abermals meine Riesenkraft
und schob ohne Beihülfe eine schwere Kommode vor die Türe, die glücklicherweise
hereinwärts ging. Doch hörten wir schon das Gepolter im Vorzimmer und die
heftigsten Schläge an unsere Türe.
    Raufbold schien entschieden, sich zu verteidigen, wiederholt aber rief ich
ihm und den übrigen zu: »Rettet euch! hier sind Schläge zu fürchten nicht
allein, aber Beschimpfung, das Schlimmere für den Edelgebornen.« Das Mädchen
stürzte herein, dieselbe, die uns verraten hatte, nun verzweifelnd, ihren
Liebhaber in Todesgefahr zu wissen. »Fort, fort!« rief sie und fasste ihn an;
»fort, fort! ich bring' euch über Böden, Scheunen und Gänge. Kommt alle, der
letzte zieht die Leiter nach.«
    Alles stürzte nun zur Hintertüre hinaus; ich hob noch einen Koffer auf die
Kiste, um die schon hereinbrechenden Füllungen der belagerten Türe
zurückzuschieben und festzuhalten. Aber meine Beharrlichkeit, mein Trutz wollte
mir verderblich werden.
    Als ich den übrigen nachzueilen rannte, fand ich die Leiter schon aufgezogen
und sah alle Hoffnung, mich zu retten, gänzlich versperrt. Da steh' ich nun,
ich, der eigentliche Verbrecher, der ich mit heiler Haut, mit ganzen Knochen zu
entrinnen schon aufgab. Und wer weiss - doch lasst mich immer dort in Gedanken
stehen, da ich jetzt hier gegenwärtig euch das Märchen vorerzählen kann. Nur
vernehmt noch, dass diese verwegene Suite sich in schlechte Folgen verlor.
    Der alte Herr, tief gekränkt von Verhöhnung ohne Rache, zog sich's zu
Gemüte, und man behauptet, dieses Ereignis habe seinen Tod zur Folge gehabt, wo
nicht unmittelbar, doch mitwirkend. Sein Sohn, den Tätern auf die Spur zu
gelangen trachtend, erfuhr unglücklicherweise die Teilnahme Raufbolds, und erst
nach Jahren hierüber ganz klar, forderte er diesen heraus, und eine Wunde, ihn,
den schönen Mann, entstellend, ward ärgerlich für das ganze Leben. Auch seinem
Gegner verdarb dieser Handel einige schöne Jahre, durch zufällig sich
anschliessende Ereignisse.
    Da nun jede Fabel eigentlich etwas lehren soll, so ist euch allen, wohin die
gegenwärtige gemeint sei, wohl überklar und deutlich.
 
                                Neuntes Kapitel
Der höchst bedeutende Tag war angebrochen, heute sollten die ersten Schritte zur
allgemeinen Fortwanderung eingeleitet werden, heut sollte sich's entscheiden,
wer denn wirklich in die Welt hinaus gehen, oder wer lieber diesseits, auf dem
zusammenhangenden Boden der alten Erde verweilen und sein Glück versuchen wolle.
    Ein munteres Lied erscholl in allen Strassen des heitern Fleckens; Massen
taten sich zusammen, die einzelnen Glieder eines jeden Handwerks schlossen sich
aneinander an, und so zogen sie, unter einstimmigem Gesang, nach einer durch das
Los entschiedenen Ordnung in den Saal.
    Die Vorgesetzten, wie wir Lenardo, Friedrichen und den Amtmann bezeichnen
wollen, waren eben im Begriff, ihnen zu folgen und den gebührenden Platz
einzunehmen, als ein Mann von einnehmendem Wesen zu ihnen trat und sich die
Erlaubnis ausbat, an der Versammlung teilnehmen zu können. Ihm wäre nichts
abzuschlagen gewesen, so gesittet, zuvorkommend und freundlich war sein
Betragen, wodurch eine imposante Gestalt, welche sowohl nach der Armee als dem
Hofe und dem geselligen Leben hindeutete, sich höchst anmutig erwies. Er trat
mit den übrigen hinein, man überliess ihm einen Ehrenplatz; alle hatten sich
gesetzt, Lenardo blieb stehen und fing folgendermassen zu reden an:
    »Betrachten wir, meine Freunde, des festen Landes bewohnteste Provinzen und
Reiche, so finden wir überall, wo sich nutzbarer Boden hervortut, denselben
bebaut, bepflanzt, geregelt, verschönt und in gleichem Verhältnis gewünscht, in
Besitz genommen, befestigt und verteidigt. Da überzeugen wir uns denn von dem
hohen Wert des Grundbesitzes und sind genötigt, ihn als das Erste, das Beste
anzusehen, was dem Menschen werden könne. Finden wir nun, bei näherer Ansicht,
Eltern- und Kinderliebe, innige Verbindung der Flur- und Stadtgenossen, somit
auch das allgemeine patriotische Gefühl unmittelbar auf den Boden gegründet,
dann erscheint uns jenes Ergreifen und Behaupten des Raums, im grossen und
kleinen, immer bedeutender und ehrwürdiger. Ja, so hat es die Natur gewollt! Ein
Mensch, auf der Scholle geboren, wird ihr durch Gewohnheit angehörig, beide
verwachsen miteinander, und sogleich knüpfen sich die schönsten Bande. Wer
möchte denn wohl die Grundfeste alles Daseins widerwärtig berühren, Wert und
Würde so schöner, einziger Himmelsgabe verkennen?
    Und doch darf man sagen: Wenn das, was der Mensch besitzt, von grossem Wert
ist, so muss man demjenigen, was er tut und leistet, noch einen grössern
zuschreiben. Wir mögen daher bei völligem Überschauen den Grundbesitz als einen
kleineren Teil der uns verliehenen Güter betrachten. Die meisten und höchsten
derselben bestehen aber eigentlich im Beweglichen und in demjenigen, was durchs
bewegte Leben gewonnen wird.
    Hiernach uns umzusehen, werden wir Jüngeren besonders genötigt; denn hätten
wir auch die Lust, zu bleiben und zu verharren, von unsern Vätern geerbt, so
finden wir uns doch tausendfältig aufgefordert, die Augen vor weiterer Aus- und
Umsicht keineswegs zu verschliessen. Eilen wir deshalb schnell ans Meeresufer und
überzeugen uns mit einem Blick, welch unermessliche Räume der Tätigkeit
offenstehen, und bekennen wir schon bei dem blossen Gedanken uns ganz anders
aufgeregt.
    Doch in solche grenzenlose Weiten wollen wir uns nicht verlieren, sondern
unsere Aufmerksamkeit dem zusammenhängenden, weiten, breiten Boden so mancher
Länder und Reiche zuwenden. Dort sehen wir grosse Strecken des Landes von Nomaden
durchzogen, deren Städte beweglich, deren lebendig-nährender Herdenbesitz
überall hinzuleiten ist. Wir sehen sie inmitten der Wüste, auf grossen grünen
Weideplätzen, wie in erwünschten Häfen vor Anker liegen. Solche Bewegung,
solches Wandern wird ihnen zur Gewohnheit, zum Bedürfnis; endlich betrachten sie
die Oberfläche der Welt, als wäre sie nicht durch Berge gedämmt, nicht von
Flüssen durchzogen. Haben wir doch den Nordosten gesehen sich gegen Südwesten
bewegen, ein Volk das andere vor sich hertreiben, Herrschaft und Grundbesitz
durchaus verändert.
    Von übervölkerten Gegenden her wird sich ebendasselbe in dem grossen Weltlauf
noch mehrmals ereignen. Was wir von Fremden zu erwarten haben, wäre schwer zu
sagen; wundersam aber ist es, dass durch eigene Übervölkerung wir uns einander
innerlich drängen und, ohne erst abzuwarten, dass wir vertrieben werden, uns
selbst vertreiben, das Urteil der Verbannung gegen einander selbst aussprechend.
    Hier ist nun Zeit und Ort, ohne Verdruss und Missmut in unserm Busen einer
gewissen Beweglichkeit Raum zu geben, die ungeduldige Lust nicht zu
unterdrücken, die uns antreibt, Platz und Ort zu verändern. Doch was wir auch
sinnen und vorhaben, geschehe nicht aus Leidenschaft, noch aus irgendeiner
andern Nötigung, sondern aus einer dem besten Rat entsprechenden Überzeugung.
    Man hat gesagt und wiederholt: Wo mir's wohl geht, ist mein Vaterland!; doch
wäre dieser tröstliche Spruch noch besser ausgedrückt, wenn es hiesse: Wo ich
nütze, ist mein Vaterland! Zu Hause kann einer unnütz sein, ohne dass es eben
sogleich bemerkt wird; aussen in der Welt ist der Unnütze gar bald offenbar. Wenn
ich nun sage: Trachte jeder, überall sich und andern zu nutzen!, so ist dies
nicht etwa Lehre noch Rat, sondern der Ausspruch des Lebens selbst.
    Nun beschaue man den Erdball und lasse das Meer vorerst unbeachtet, man
lasse sich von dem Schiffsgewimmel nicht mit fortreissen und hefte den Blick auf
das feste Land und staune, wie es mit einem sich wimmelnd durchkreuzenden
Ameisengeschlecht übergossen ist. Hiezu hat Gott der Herr selbst Anlass gegeben,
indem er, den babylonischen Turmbau verhindernd, das Menschengeschlecht in alle
Welt zerstreute. Lasset uns ihn darum preisen, denn dieser Segen ist auf alle
Geschlechter übergegangen.
    Bemerket nun mit Heiterkeit, wie sich alle Jugend sogleich in Bewegung
setzt. Da ihr der Unterricht weder im Hause noch an der Türe geboten wird, eilt
sie alsobald nach Ländern und Städten, wohin sie der Ruf des Wissens und der
Weisheit verlockt; nach empfangener schneller, mässiger Bildung fühlt sie sich
sogleich getrieben, weiter in der Welt umherzuschauen, ob sie da oder dort
irgendeine nutzbare Erfahrung, zu ihren Zwecken behülflich, auffinden und
erhaschen könne. Mögen sie denn ihr Glück versuchen! wir aber gedenken sogleich
vollendeter, ausgezeichneter Männer, jener edlen Naturforscher, die jeder
Beschwerlichkeit, jeder Gefahr wissentlich entgegengehen, um der Welt die Welt
zu eröffnen und durch das Unwegsamste hindurch Pfad und Bahn zu bereiten.
    Sehet aber auch auf glatten Heerstrassen Staub auf Staub in langen
Wolkenzügen emporgeregt, die Spur bezeichnend bequemer, überpackter Wägen, worin
Vornehme, Reiche und so manche andere dahinrollen, deren verschiedene Denkweise
und Absicht Yorik uns gar zierlich auseinandersetzt.
    Möge nun aber der wackere Handwerker ihnen zu Fusse getrost nachschauen, dem
das Vaterland zur Pflicht machte, fremde Geschicklichkeit sich anzueignen und
nicht eher, als bis ihm dies gelungen, an den väterlichen Herd zurückzukehren.
Häufiger aber begegnen wir auf unsern Wegen Marktenden und Handelnden; ein
kleiner Krämer sogar darf nicht versäumen, von Zeit zu Zeit seine Bude zu
verlassen, Messen und Märkte zu besuchen, um sich dem Grosshändler zu nähern und
seinen kleinen Vorteil am Beispiel, an der Teilnahme des Grenzenlosen zu
steigern. Aber noch unruhiger durchkreuzt sich einzeln, zu Pferde, auf allen
Haupt- und Nebenstrassen die Menge derer, die auf unsern Beutel auch gegen unser
Wollen Anspruch zu machen beflissen sind. Muster aller Art und
Preisverzeichnisse verfolgen uns in Stadt- und Landhäusern, und wohin wir uns
auch flüchten mögen, geschäftig überraschen sie uns, Gelegenheit bietend, welche
selbst aufzusuchen niemand in den Sinn gekommen wäre. Was soll ich aber nun von
dem Volke sagen, das den Segen des ewigen Wanderns vor allen andern sich
zueignet und durch seine bewegliche Tätigkeit die Ruhenden zu überlisten und die
Mitwandern den zu überschreiten versteht? Wir dürfen weder Gutes noch Böses von
ihnen sprechen; nichts Gutes, weil sich unser Bund vor ihnen hütet, nichts
Böses, weil der Wanderer jeden Begegnenden freundlich zu behandeln,
wechselseitigen Vorteils eingedenk, verpflichtet ist.
    Nun aber vor allen Dingen haben wir der sämtlichen Künstler mit Teilnahme zu
gedenken, denn sie sind auch durchaus in die Weltbewegung mit verflochten.
Wandert nicht der Maler mit Staffelei und Palette von Gesicht zu Gesicht? und
werden seine Kunstgenossen nicht bald da-, bald dortin berufen, weil überall zu
bauen und zu bilden ist? Lebhafter jedoch schreitet der Musiker daher, denn er
ist es eigentlich, der für ein neues Ohr neue Überraschung, für einen frischen
Sinn frisches Erstaunen bereitet. Die Schauspieler sodann, wenn sie gleich
Tespis' Wagen verschmähen, ziehen doch noch immer in kleineren Chören umher,
und ihre bewegliche Welt ist an jeder Stelle behend genug auferbaut. Ebenso
verändern sie einzeln, sogar ernste, vorteilhafte Verbindungen aufgebend, gern
den Ort mit dem Orte, wozu ein gesteigertes Talent mit zugleich gesteigertem
Bedürfnis Anlass und Vorwand gibt. Hierzu bereiten sie sich gewöhnlich dadurch
vor, dass sie kein bedeutendes Brettergerüst des Vaterlandes unbestiegen lassen.
    Hiernach werden wir sogleich gemahnt, auf den Lehrstand zu sehen; diesen
findet ihr gleichfalls in fortdauernder Bewegung, ein Kateder um das andere
wird betreten und verlassen, um den Samen eiliger Bildung ja nach allen Seiten
hin reichlich auszuspenden. Emsiger aber und weiter ausgreifend sind jene
frommen Seelen, die, das Heil den Völkern zu bringen, sich durch alle Weltteile
zerstreuen. Dagegen pilgern andere, sich das Heil abzuholen; sie ziehen zu
ganzen Scharen nach geweihter, wundertätiger Stelle, dort zu suchen und zu
empfangen, was ihrem Innern zu Hause nicht verliehen ward.
    Wenn uns nun diese sämtlich nicht in Verwunderung setzen, weil ihr Tun und
Lassen ohne Wandern meist nicht denkbar wäre, so sollten wir diejenigen, die
ihren Fleiss dem Boden widmen, doch wenigstens an denselben gefesselt halten.
Keineswegs! Auch ohne Besitz lässt sich Benutzung denken, und wir sehen den
eifrigen Landwirt eine Flur verlassen, die ihm als Zeitpächter Vorteil und
Freude mehrere Jahre gewährt hat; ungeduldig forscht er nach gleichen oder
grösseren Vorteilen, es sei nah oder fern. Ja sogar der Eigentümer verlässt seinen
erst gerodeten Neubruch, sobald er ihn durch Kultur einem weniger gewandten
Besitzer erst angenehm gemacht hat; aufs neue dringt er in die Wüste, macht sich
abermals in Wäldern Platz, zur Belohnung jenes ersten Bemühens einen doppelt und
dreifach grössern Raum, auf dem er vielleicht auch nicht zu beharren gedenkt.
    Lassen wir ihn dort mit Bären und anderm Getier sich herumschlagen und
kehren in die gebildete Welt zurück, wo wir es auch keineswegs beruhigter
antreffen. Irgendein grosses, geregeltes Reich beschaue man, wo der Fähigste sich
als den Beweglichsten denken muss; nach dem Winke des Fürsten, nach Anordnung des
Staatsrats wird der Brauchbare von einem Ort zum andern versetzt. Auch ihm gilt
unser Zuruf: Suchet überall zu nützen, überall seid ihr zu Hause. Sehen wir aber
bedeutende Staatsmänner, obwohl ungern, ihren hohen Posten verlassen, so haben
wir Ursache, sie zu bedauern, da wir sie weder als Auswanderer noch als Wanderer
anerkennen dürfen; nicht als Auswanderer, weil sie einen wünschenswerten Zustand
entbehren, ohne dass irgendeine Aussicht auf bessere Zustände sich auch nur
scheinbar eröffnete; nicht als Wanderer, weil ihnen anderer Orten auf irgendeine
Weise nützlich zu sein selten vergönnt ist.
    Zu einem eigenen Wanderleben jedoch ist der Soldat berufen; selbst im
Frieden wird ihm bald dieser, bald jener Posten angewiesen; fürs Vaterland nah
oder fern zu streiten, muss er sich immer beweglich erhalten; und nicht nur fürs
unmittelbare Heil, sondern auch nach dem Sinne der Völker und Herrscher wendet
er seinen Schritt allen Weltteilen zu, und nur wenigen ist es vergönnt, sich hie
oder da anzusiedeln. Wie nun bei dem Soldaten die Tapferkeit als erste
Eigenschaft obenan steht, so wird sie doch stets mit der Treue verbunden
gedacht, deshalb wir denn gewisse wegen ihrer Zuverlässigkeit gerühmte Völker,
aus der Heimat gerufen, weltlichen und geistlichen Regenten als Leibwache dienen
sehen.
    Noch eine sehr bewegliche, dem Staat unentbehrliche Klasse erblicken wir in
jenen Geschäftsmännern, welche, von Hof zu Hofe gesandt, Fürsten und Minister
umlagern und die ganze bewohnte Welt mit unsichtbaren Fäden überkreuzen. Auch
deren ist keiner an Ort und Stelle auch nur einen Augenblick sicher; im Frieden
sendet man die tüchtigsten von einer Weltgegend zur andern; im Kriege, dem
siegenden Heere nachziehend, dem flüchtigen die Wege bahnend, sind sie immer
eingerichtet, einen Ort um den andern zu verlassen, deshalb sie auch jederzeit
einen grossen Vorrat von Abschiedskarten mit sich führen.
    Haben wir uns nun bisher auf jedem Schritt zu ehren gewusst, indem wir die
vorzüglichste Masse tätiger Menschen als unsere Gesellen und Schicksalsgenossen
angesprochen, so stehet euch, teure Freunde, zum Abschluss noch die höchste Gunst
bevor, indem ihr euch mit Kaisern, Königen und Fürsten verbrüdert findet. Denken
wir zuerst segnend jenes edlen kaiserlichen Wanderers Hadrian, welcher zu Fuss,
an der Spitze seines Heers, den bewohnten, ihm unterworfenen Erdkreis
durchschritt und ihn so erst vollkommen in Besitz nahm. Denken wir mit Schaudern
der Eroberer, jener gewaffneten Wanderer, gegen die kein Widerstreit helfen,
Mauer und Bollwerk harmlose Völker nicht schirmen konnte; begleiten wir endlich
mit redlichem Bedauern jene unglücklichen vertriebenen Fürsten, die, von dem
Gipfel der Höhe herabsteigend, nicht einmal in die bescheidene Gilde tätiger
Wanderer aufgenommen werden könnten.
    Da wir uns nun alles dieses einander vergegenwärtigt und aufgeklärt, so wird
kein beschränkter Trübsinn, keine leidenschaftliche Dunkelheit über uns walten.
Die Zeit ist vorüber, wo man abenteuerlich in die weite Welt rannte; durch die
Bemühungen wissenschaftlicher, weislich beschreibender, künstlerisch
nachbildender Weltumreiser sind wir überall bekannt genug, dass wir ungefähr
wissen, was zu erwarten sei.
    Doch kann zu einer vollkommenen Klarheit der einzelne nicht gelangen. Unsere
Gesellschaft aber ist darauf gegründet, dass jeder in seinem Masse, nach seinen
Zwecken aufgeklärt werde. Hat irgendeiner ein Land im Sinne, wohin er seine
Wünsche richtet, so suchen wir ihm das einzelne deutlich zu machen, was im
ganzen seiner Einbildungskraft vorschwebte; uns wechselseitig einen Überblick
der bewohnten und bewohnbaren Welt zu geben, ist die angenehmste, höchst
belohnende Unterhaltung.
    In solchem Sinne nun dürfen wir uns in einem Weltbunde begriffen ansehen.
Einfach-gross ist der Gedanke, leicht die Ausführung durch Verstand und Kraft.
Einheit ist allmächtig, deshalb keine Spaltung, kein Widerstreit unter uns.
Insofern wir Grundsätze haben, sind sie uns allen gemein. Der Mensch, so sagen
wir, lerne sich ohne dauernden äusseren Bezug zu denken, er suche das Folgerechte
nicht an den Umständen, sondern in sich selbst, dort wird er's finden, mit Liebe
hegen und pflegen. Er wird sich ausbilden und einrichten, dass er überall zu
Hause sei. Wer sich dem Notwendigsten widmet, geht überall am sichersten zum
Ziel; andere hingegen, das Höhere, Zartere suchend, haben schon in der Wahl des
Weges vorsichtiger zu sein. Doch was der Mensch auch ergreife und handhabe, der
einzelne ist sich nicht hinreichend, Gesellschaft bleibt eines wackern Mannes
höchstes Bedürfnis. Alle brauchbaren Menschen sollen in Bezug untereinander
stehen, wie sich der Bauherr nach dem Architekten und dieser nach Maurer und
Zimmermann umsieht.
    Und so ist denn allen bekannt, wie und auf welche Weise unser Bund
geschlossen und gegründet sei; niemand sehen wir unter uns, der nicht zweckmässig
seine Tätigkeit jeden Augenblick üben könnte, der nicht versichert wäre, dass er
überall, wohin Zufall, Neigung, ja Leidenschaft ihn führen könnte, sich immer
wohl empfohlen, aufgenommen und gefördert, ja von Unglücksfällen möglichst
wiederhergestellt finden werde.
    Zwei Pflichten sodann haben wir aufs strengste übernommen: jeden
Gottesdienst in Ehren zu halten, denn sie sind alle mehr oder weniger im Credo
verfasst; ferner alle Regierungsformen gleichfalls gelten zu lassen und, da sie
sämtlich eine zweckmässige Tätigkeit fordern und befördern, innerhalb einer jeden
uns, auf wie lange es auch sei, nach ihrem Willen und Wunsch zu bemühen.
Schliesslich halten wir's für Pflicht, die Sittlichkeit ohne Pedanterei und
Strenge zu üben und zu fördern, wie es die Ehrfurcht vor uns selbst verlangt,
welche aus den drei Ehrfurchten entspriesst, zu denen wir uns sämtlich bekennen,
auch alle in diese höhere, allgemeine Weisheit, einige sogar von Jugend auf,
eingeweiht zu sein das Glück und die Freude haben. Dieses alles haben wir in der
feierlichen Trennungsstunde nochmals bedenken, erklären, vernehmen und
anerkennen, auch mit einem traulichen Lebewohl besiegeln wollen.
Bleibe nicht am Boden heften,
Frisch gewagt und frisch hinaus!
Kopf und Arm mit heitern Kräften,
Überall sind sie zu Haus;
Wo wir uns der Sonne freuen,
Sind wir jede Sorge los.
Dass wir uns in ihr zerstreuen,
Darum ist die Welt so gross.«
 
                                Zehntes Kapitel
Unter dem Schlussgesange richtete sich ein grosser Teil der Anwesenden rasch empor
und zog paarweise geordnet mit weit umherklingendem Schalle den Saal hinaus.
Lenardo, sich niedersetzend, fragte den Gast: ob er sein Anliegen hier
öffentlich vorzutragen gedenke oder eine besondere Sitzung verlange? Der Fremde
stand auf, begrüsste die Gesellschaft und begann folgende Rede:
    »Hier ist es, gerade in solcher Versammlung, wo ich mich vorerst ohne
weiteres zu erklären wünsche. Diese hier in Ruhe verbliebenen, dem Anblick nach
sämtlich wackern Männer geben schon durch ein solches Verharren deutlich Wunsch
und Absicht zu erkennen, dem vaterländischen Grund und Boden auch fernerhin
angehören zu wollen. Sie sind mir alle freundlich gegrüsst, denn ich darf
erklären: dass ich ihnen sämtlich, wie sie sich hier ankündigen, ein
hinreichendes Tagewerk auf mehrere Jahre anzubieten im Fall bin. Ich wünsche
jedoch, aber erst nach kurzer Frist, eine nochmalige Zusammenkunft, weil es
nötig ist, vor allen Dingen den würdigen Vorstehern, welche bisher diese wackern
Leute zusammenhielten, meine Angelegenheit vertraulich zu offenbaren und sie von
der Zuverlässigkeit meiner Sendung zu überzeugen. Sodann aber will es sich
ziemen, mich mit den Verharrenden im einzelnen zu besprechen, damit ich erfahre,
mit welchen Leistungen sie mein stattliches Anerbieten zu erwidern gedenken.«
    Hierauf begehrte Lenardo einige Frist, die nötigsten Geschäfte des
Augenblicks zu besorgen, und nachdem diese bestimmt war, richtete sich die Masse
der Übriggebliebenen anständig in die Höhe, gleichfalls paarweise unter einem
mässig geselligen Gesang aus dem Saale sich entfernend.
    Odoard entdeckte sodann den zurückbleibenden beiden Führern seine Absichten
und Vorsätze und zeigte sodann seine Berechtigung hiezu. Nun konnte er aber mit
so vorzüglichen Menschen in fernerer Unterhaltung von dem Geschäft nicht
Rechenschaft geben, ohne des menschlichen Grundes zu gedenken, worauf das Ganze
eigentlich beruhe. Wechselseitige Erklärungen und Bekenntnisse tiefer
Herzensangelegenheiten entfalteten sich hieraus bei fortgesetztem Gespräch. Bis
tief in die Nacht blieb man zusammen und verwickelte sich immer unentwirrbarer
in die Labyrinte menschlicher Gesinnungen und Schicksale. Hier nun fand sich
Odoard bewogen, nach und nach von den Angelegenheiten seines Geistes und Herzens
fragmentarische Rechenschaft zu geben, deshalb denn auch von diesem Gespräche
uns freilich nur unvollständige und unbefriedigende Kenntnis zugekommen. Doch
sollen wir auch hier Friedrichs glücklichem Talent des Auffassens und
Festaltens die Vergegenwärtigung interessanter Szenen verdanken, sowie einige
Aufklärung über den Lebensgang eines vorzüglichen Mannes, der uns zu
interessieren anfängt, wenn es auch nur Andeutungen wären desjenigen, was in der
Folge vielleicht ausführlicher und im Zusammenhange mitzuteilen ist.
                                 Nicht zu weit
Es schlug zehn in der Nacht, und so war denn zur verabredeten Stunde alles
bereit: im bekränzten Sälchen zu vieren eine geräumige, artige Tafel gedeckt,
mit feinem Nachtisch und Zuckerzierlichkeiten zwischen blinkenden Leuchtern und
Blumen bestellt. Wie freuten sich die Kinder auf diese Nachkost, denn sie
sollten mit zu Tische sitzen; indessen schlichen sie umher, geputzt und
maskiert, und weil Kinder nicht zu entstellen sind, erschienen sie als die
niedlichsten Zwillingsgenien. Der Vater berief sie zu sich, und sie sagten das
Festgespräch, zu ihrer Mutter Geburtstag gedichtet, bei weniger Nachhülfe gar
schicklich her.
    Die Zeit verstrich, von Viertel- zu Viertelstunde entielt die gute Alte
sich nicht, des Freundes Ungeduld zu vermehren. Mehrere Lampen, sagte sie, seien
auf der Treppe dem Erlöschen ganz nahe, ausgesuchte Lieblingsspeisen der
Gefeierten könnten übergar werden, so sei es zu befürchten. Die Kinder aus
Langerweile fingen erst unartig an, und aus Ungeduld wurden sie unerträglich.
Der Vater nahm sich zusammen, und doch wollte die angewohnte Gelassenheit ihm
nicht zu Gebote stehen; er horchte sehnsüchtig auf die Wagen, einige rasselten
unaufgehalten vorbei, ein gewisses Ärgernis wollte sich regen. Zum Zeitvertreib
forderte er noch eine Repetition von den Kindern; diese, im Überdruss unachtsam,
zerstreut und ungeschickt, sprachen falsch, keine Gebärde war mehr richtig, sie
übertrieben wie Schauspieler, die nichts empfinden. Die Pein des guten Mannes
wuchs mit jedem Momente, halb eilf Uhr war vorüber; das Weitere zu schildern,
überlassen wir ihm selbst.
    »Die Glocke schlug eilfe, meine Ungeduld war bis zur Verzweiflung
gesteigert, ich hoffte nicht mehr, ich fürchtete. Nun war mir bange, sie möchte
hereintreten, mit ihrer gewöhnlichen leichten Anmut sich flüchtig entschuldigen,
versichern, dass sie sehr müde sei, und sich betragen, als würfe sie mir vor, ich
beschränke ihre Freuden. In mir kehrte sich alles um und um, und gar vieles, was
ich Jahre her geduldet, lastete wiederkehrend auf meinem Geiste. Ich fing an,
sie zu hassen, ich wusste kein Betragen zu denken, wie ich sie empfangen sollte.
Die guten Kinder, wie Engelchen herausgeputzt, schliefen ruhig auf dem Sofa.
Unter meinen Füssen brannte der Boden, ich begriff, ich verstand mich nicht, und
mir blieb nichts übrig als zu fliehen, bis nur die nächsten Augenblicke
überstanden wären. Ich eilte, leicht und festlich angezogen wie ich war, nach
der Haustüre. Ich weiss nicht, was ich der guten Alten für einen Vorwand
hinstotterte, sie drang mir einen Überrock zu, und ich fand mich auf der Strasse
in einem Zustande, den ich seit langen Jahren nicht empfunden hatte. Gleich dem
jüngsten leidenschaftlichen Menschen, der nicht wo ein noch aus weiss, rannt' ich
die Gassen hin und wider. Ich hätte das freie Feld gewonnen, aber ein kalter,
feuchter Wind blies streng und widerwärtig genug, um meinen Verdruss zu
begrenzen.«
    Wir haben, wie an dieser Stelle auffallend zu bemerken ist, die Rechte des
epischen Dichters uns anmassend, einen geneigten Leser nur allzu schnell in die
Mitte leidenschaftlicher Darstellung gerissen. Wir sehen einen bedeutenden Mann
in häuslicher Verwirrung, ohne von ihm etwas weiter erfahren zu haben; deshalb
wir denn für den Augenblick, um nur einigermassen den Zustand aufzuklären, uns zu
der guten Alten gesellen, horchend, was sie allenfalls vor sich hin, bewegt und
verlegen, leise murmeln oder laut ausrufen möchte.
    »Ich hab' es längst gedacht, ich habe es vorausgesagt, ich habe die gnädige
Frau nicht geschont, sie öfter gewarnt, aber es ist stärker wie sie. Wenn der
Herr sich des Tags auf der Kanzlei, in der Stadt, auf dem Lande in Geschäften
abmüdet, so findet er abends ein leeres Haus, oder Gesellschaft, die ihm nicht
zusagt. Sie kann es nicht lassen. Wenn sie nicht immer Menschen, Männer um sich
sieht, wenn sie nicht hin und wider fährt, sich an- und aus- und umziehen kann,
ist es, als wenn ihr der Atem ausginge. Heute an ihrem Geburtstag fährt sie früh
aufs Land. Gut! wir machen indes hier alles zurecht; sie verspricht heilig, um
so neun Uhr zu Hause zu sein; wir sind bereit. Der Herr überhört die Kinder ein
auswendig gelerntes artiges Gedicht, sie sind herausgeputzt; Lampen und Lichter,
Gesottenes und Gebratenes, an gar nichts fehlt es, aber sie kommt nicht. Der
Herr hat viel Gewalt über sich, er verbirgt seine Ungeduld, sie bricht aus. Er
entfernt sich aus dem Hause so spät. Warum, ist offenbar; aber wohin? Ich habe
ihr oft mit Nebenbuhlerinnen gedroht, ehrlich und redlich. Bisher hab' ich am
Herrn nichts bemerkt; eine Schöne passt ihm längst auf, bemüht sich um ihn. Wer
weiss, wie er bisher gekämpft hat. Nun bricht's los, diesmal treibt ihn die
Verzweiflung, seinen guten Willen nicht besser anerkannt zu sehen, bei Nacht aus
dem Hause, da geb' ich alles verloren. Ich sagt' es ihr mehr als einmal, sie
solle es nicht zu weit treiben.«
    Suchen wir den Freund nun wieder auf und hören ihn selber.
    »In dem angesehensten Gastofe sah ich unten Licht, klopfte am Fenster und
fragte den herausschauenden Kellner mit bekannter Stimme: ob nicht Fremde
angekommen oder angemeldet seien? Schon hatte er das Tor geöffnet, verneinte
beides und bat mich hereinzutreten. Ich fand es meiner Lage gemäss, das Märchen
fortzusetzen, ersuchte ihn um ein Zimmer, das er mir gleich im zweiten Stock
einräumte; der erste sollte, wie er meinte, für die erwarteten Fremden bleiben.
Er eilte, einiges zu veranstalten, ich liess es geschehen und verbürgte mich für
die Zeche. So weit war's vorüber; ich aber fiel wieder in meine Schmerzen
zurück, vergegenwärtigte mir alles und jedes, erhöhte und milderte, schalt mich
und suchte mich zu fassen, zu besänftigen: liesse sich doch morgen früh alles
wieder einleiten; ich dachte mir schon den Tag abermals im gewohnten Gange; dann
aber kämpfte sich aufs neue der Verdruss unbändig hervor: ich hatte nie geglaubt,
dass ich so unglücklich sein könne.«
    An dem edlen Manne, den wir hier so unerwartet über einen gering scheinenden
Vorfall in leidenschaftlicher Bewegung sehen, haben unsere Leser gewiss schon in
dem Grade teilgenommen, dass sie nähere Nachricht von seinen Verhältnissen zu
erfahren wünschen. Wir benutzen die Pause, die hier in das nächtliche Abenteuer
eintritt, indem er stumm und heftig in dem Zimmer auf und ab zu gehen fortfährt.
    Wir lernen Odoard als den Sprössling eines alten Hauses kennen, auf welchen
durch eine Folge von Generationen die edelsten Vorzüge vererbt worden. In der
Militärschule gebildet, ward ihm ein gewandter Anstand zu eigen, der, mit den
löblichsten Fähigkeiten des Geistes verbunden, seinem Betragen eine ganz
besondere Anmut verlieh. Ein kurzer Hofdienst lehrte ihn die äussern Verhältnisse
hoher Persönlichkeiten gar wohl einsehen, und als er nun hierauf, durch früh
erworbene Gunst einer gesandtschaftlichen Sendung angeschlossen, die Welt zu
sehen und fremde Höfe zu kennen Gelegenheit hatte, so tat sich die Klarheit
seiner Auffassung und glückliches Gedächtnis des Vorgegangenen bis aufs
genaueste, besonders aber ein guter Wille in Unternehmungen aller Art aufs
baldigste hervor. Die Leichtigkeit des Ausdrucks in manchen Sprachen, bei einer
freien und nicht aufdringlichen Persönlichkeit, führten ihn von einer Stufe zur
andern; er hatte Glück bei allen diplomatischen Sendungen, weil er das
Wohlwollen der Menschen gewann und sich dadurch in den Vorteil setzte,
Misshelligkeiten zu schlichten, besonders auch die beiderseitigen Interessen bei
gerechter Erwägung vorliegender Gründe zu befriedigen wusste.
    Einen so vorzüglichen Mann sich anzueignen, war der erste Minister bedacht;
er verheiratete ihm seine Tochter, ein Frauenzimmer von der heitersten Schönheit
und gewandt in allen höheren geselligen Tugenden. Allein wie dem Laufe aller
menschlichen Glückseligkeit sich je einmal ein Damm entgegenstellt, der ihn
irgendwo zurückdrängt, so war es auch hier der Fall. An dem fürstlichen Hofe
wurde Prinzessin Sophronie als Mündel erzogen, sie, der letzte Zweig ihres
Astes, deren Vermögen und Anforderungen, wenn auch Land und Leute an den Oheim
zurückfielen, noch immer bedeutend genug blieben, weshalb man sie denn, um
weitläufige Erörterungen zu vermeiden, an den Erbprinzen, der freilich viel
jünger war, zu verheiraten wünschte.
    Odoard kam in Verdacht einer Neigung zu ihr, man fand, er habe sie in einem
Gedichte unter dem Namen Aurora allzu leidenschaftlich gefeiert; hiezu gesellte
sich eine Unvorsichtigkeit von ihrer Seite, indem sie mit eigner Charakterstärke
gewissen Neckereien ihrer Gespielinnen trotzig entgegnete: sie müsste keine Augen
haben, wenn sie für solche Vorzüge blind sein sollte.
    Durch seine Heirat wurde nun wohl ein solcher Verdacht beschwichtigt, aber
durch heimliche Gegner dennoch im stillen fortgenährt und gelegentlich wieder
aufgeregt.
    Die Staats- und Erbschaftsverhältnisse, ob man sie gleich so wenig als
möglich zu berühren suchte, kamen doch manchmal zur Sprache. Der Fürst nicht
sowohl als kluge Räte hielten es durchaus für nützlich, die Angelegenheit
fernerhin ruhen zu lassen, während die stillen Anhänger der Prinzessin sie
abgetan und dadurch die edle Dame in grösserer Freiheit zu sehen wünschten,
besonders da der benachbarte alte König, Sophronien verwandt und günstig, noch
am Leben sei und sich zu väterlicher Einwirkung gelegentlich bereit erwiesen
habe.
    Odoard kam in Verdacht, bei einer bloss zeremoniellen Sendung dortin das
Geschäft, das man verspäten wollte, wieder in Anregung gebracht zu haben. Die
Widersacher bedienten sich dieses Vorfalls, und der Schwiegervater, den er von
seiner Unschuld überzeugt hatte, musste seinen ganzen Einfluss anwenden, um ihm
eine Art von Stattalterschaft in einer entfernten Provinz zu erwirken. Er fand
sich glücklich daselbst, alle seine Kräfte konnte er in Tätigkeit setzen, es war
Notwendiges, Nützliches, Gutes, Schönes, Grosses zu tun, er konnte Dauerndes
leisten, ohne sich aufzuopfern, anstatt dass man in jenen Verhältnissen, gegen
seine Überzeugung sich mit Vorübergehendem beschäftigend, gelegentlich selbst
zugrunde geht.
    Nicht so empfand es seine Gattin, welche nur in grössern Zirkeln ihre
Existenz fand und ihm nur später notgedrungen folgte. Er betrug sich so schonend
als möglich gegen sie und begünstigte alle Surrogate ihrer bisherigen
Glückseligkeit, des Sommers Landpartien in der Nachbarschaft, im Winter ein
Liebhaberteater, Bälle und was sie sonst einzuleiten beliebte. Ja er duldete
einen Hausfreund, einen Fremden, der sich seit einiger Zeit eingeführt hatte, ob
er ihm gleich keineswegs gefiel, da er ihm durchaus, bei seinem klaren Blick auf
Menschen, eine gewisse Falschheit anzusehen glaubte.
    Von allem diesem, was wir aussprechen, mag in dem gegenwärtigen bedenklichen
Augenblick einiges dunkel und trübe, ein anderes klar und deutlich ihm vor der
Seele vorübergegangen sein. Genug, wenn wir nach dieser vertraulichen Eröffnung,
zu der Friedrichs gutes Gedächtnis den Stoff mitgeteilt, uns abermals zu ihm
wenden, so finden wir ihn wieder in dem Zimmer heftig auf und ab gehend, durch
Gebärden und manche Ausrufungen einen innern Kampf offenbarend.
    »In solchen Gedanken war ich heftig im Zimmer auf und ab gegangen, der
Kellner hatte mir eine Tasse Bouillon gebracht, deren ich sehr bedurfte; denn
über die sorgfältigsten Anstalten dem Fest zuliebe hatte ich nichts zu mir
genommen, und ein köstlich Abendessen stand unberührt zu Hause. In dem
Augenblick hörten wir ein Postorn sehr angenehm die Strasse herauf. Der kommt
aus dem Gebirge, sagte der Kellner. Wir fuhren ans Fenster und sahen beim Schein
zweier helleuchtenden Wagenlaternen vierspännig, wohlbepackt vorfahren einen
Herrschaftswagen. Die Bedienten sprangen vom Bocke: Da sind sie! rief der
Kellner und eilte nach der Türe. Ich hielt ihn fest, ihm einzuschärfen, er solle
ja nichts sagen, dass ich da sei, nicht verraten, dass etwas bestellt worden; er
versprach's und sprang davon.
    Indessen hatte ich versäumt zu beobachten, wer ausgestiegen sei, und eine
neue Ungeduld bemächtigte sich meiner; mir schien, der Kellner säume allzu
lange, mir Nachricht zu geben. Endlich vernahm ich von ihm, die Gäste seien
Frauenzimmer, eine ältliche Dame von würdigem Ansehen, eine mittlere von
unglaublicher Anmut, ein Kammermädchen, wie man sie nur wünschen möchte. Sie
fing an sagte er, mit Befehlen, fuhr fort mit Schmeicheln und fiel, als ich ihr
schöntat, in ein heiter schnippisches Wesen, das ihr wohl das natürlichste sein
mochte.«
    »Gar schnell bemerkte ich«, fährt er fort, »die allgemeine Verwunderung,
mich so alert und das Haus zu ihrem Empfang so bereit zu finden, die Zimmer
erleuchtet, die Kamine brennend; sie machten sich's bequem, im Saale fanden sie
ein kaltes Abendessen; ich bot Bouillon an, die ihnen willkommen schien.«
    Nun sassen die Damen bei Tische, die ältere speiste kaum, die schöne
Liebliche gar nicht; das Kammermädchen, das sie Lucie nannten, liess sich's wohl
schmecken und erhob dabei die Vorzüge des Gastofes, erfreute sich der hellen
Kerzen, des feinen Tafelzeugs, des Porzellans und aller Gerätschaften. Am
lodernden Kamin hatte sie sich früher ausgewärmt und fragte nun den wieder
eintretenden Kellner, ob man hier denn immer so bereit sei, zu jeder Stunde des
Tags und der Nacht unvermutet ankommende Gäste zu bewirten? Dem jungen,
gewandten Burschen ging es in diesem Falle wie Kindern, die wohl das Geheimnis
verschweigen, aber, dass etwas Geheimes ihnen vertraut sei, nicht verbergen
können. Erst antwortete er zweideutig, annähernd sodann, und zuletzt, durch die
Lebhaftigkeit der Zofe, durch Hin- und Widerreden in die Enge getrieben, gestand
er: es sei ein Bedienter, es sei ein Herr gekommen, sei fortgegangen,
wiedergekommen, zuletzt aber entfuhr es ihm, der Herr sei wirklich oben und gehe
beunruhigt auf und ab. Die junge Dame sprang auf, die andern folgten; es sollte
ein alter Herr sein, meinten sie hastig; der Kellner versicherte dagegen, er sei
jung. Nun zweifelten sie wieder, er beteuerte die Wahrheit seiner Aussage. Die
Verwirrung, die Unruhe vermehrte sich. Es müsse der Oheim sein, versicherte die
Schöne; es sei nicht in seiner Art, erwiderte die Ältere. Niemand als er habe
wissen können, dass sie in dieser Stunde hier eintreffen würden, versetzte jene
beharrlich. Der Kellner aber beteuerte fort und fort, es sei ein junger,
ansehnlicher, kräftiger Mann. Lucie schwur dagegen auf den Oheim: dem Schalk,
dem Kellner, sei nicht zu trauen, er widerspreche sich schon eine halbe Stunde.
    Nach allem diesem musste der Kellner hinauf, dringend zu bitten, der Herr
möge doch ja eilig herunterkommen, dabei auch zu drohen, die Damen würden
heraufsteigen und selbst danken. »Es ist ein Wirrwarr ohne Grenzen«, fuhr der
Kellner fort; »ich begreife nicht, warum Sie zaudern, sich sehen zu lassen; man
hält Sie für einen alten Oheim, den man wieder zu umarmen leidenschaftlich
verlangt. Gehen Sie hinunter, ich bitte. Sind denn das nicht die Personen, die
Sie erwarteten? Verschmähen Sie ein allerliebstes Abenteuer nicht mutwillig;
sehens- und hörenswert ist die junge Schöne, es sind die anständigsten Personen.
Eilen Sie hinunter, sonst rücken sie Ihnen wahrlich auf die Stube.«
    Leidenschaft erzeugt Leidenschaft. Bewegt, wie er war, sehnte er sich nach
etwas anderem, Fremdem. Er stieg hinab, in Hoffnung, sich mit den Ankömmlingen
in heiterem Gespräch zu erklären, aufzuklären, fremde Zustände zu gewahren, sich
zu zerstreuen, und doch war es ihm, als ging' er einem bekannten ahnungsvollen
Zustand entgegen. Nun stand er vor der Türe; die Damen, die des Oheims Tritte zu
hören glaubten, eilten ihm entgegen, er trat ein. Welch ein Zusammentreffen!
Welch ein Anblick! Die sehr Schöne tat einen Schrei und warf sich der Ältern um
den Hals, der Freund erkannte sie beide, er schrak zurück, dann drängt' es ihn
vorwärts, er lag zu ihren Füssen und berührte ihre Hand, die er sogleich wieder
losliess, mit dem bescheidensten Kuss. Die Silben »Au - ro - ra!« erstarben auf
seinen Lippen.
    Wenden wir unsern Blick nunmehr nach dem Hause unsres Freundes, so finden
wir daselbst ganz eigne Zustände. Die gute Alte wusste nicht, was sie tun oder
lassen sollte; sie unterhielt die Lampen des Vorhauses und der Treppe; das Essen
hatte sie vom Feuer gehoben, einiges war unwiederbringlich verdorben. Die
Kammerjungfer war bei den schlafenden Kindern geblieben und hatte die vielen
Kerzen der Zimmer gehütet, so ruhig und geduldig als jene verdriesslich hin und
her fahrend.
    Endlich rollte der Wagen vor, die Dame stieg aus und vernahm, ihr Gemahl sei
vor einigen Stunden abgerufen worden. Die Treppe hinaufsteigend, schien sie von
der festlichen Erleuchtung keine Kenntnis zu nehmen. Nun erfuhr die Alte von dem
Bedienten, ein Unglück sei unterwegs begegnet, der Wagen in einen Graben
geworfen worden, und was alles nachher sich ereignet.
    Die Dame trat ins Zimmer: »Was ist das für eine Maskerade?« sagte sie, auf
die Kinder deutend. »Es hätte Ihnen viel Vergnügen gemacht«, versetzte die
Jungfer, »wären Sie einige Stunden früher angekommen.« Die Kinder, aus dem
Schlafe gerüttelt, sprangen auf und begannen, als sie die Mutter vor sich sahen,
ihren eingelernten Spruch. Von beiden Seiten verlegen, ging es eine Weile, dann,
ohne Aufmunterung und Nachhülfe, kam es zum Stocken, endlich brach es völlig ab,
und die guten Kleinen wurden mit einigen Liebkosungen zu Bette geschickt. Die
Dame sah sich allein, warf sich auf den Sofa und brach in bittre Tränen aus.
    Doch es wird nun ebenfalls notwendig, von der Dame selbst und von dem, wie
es scheint, übel abgelaufenen ländlichen Feste nähere Nachricht zu geben.
Albertine war eine von den Frauenzimmern, denen man unter vier Augen nichts zu
sagen hätte, die man aber sehr gern in grosser Gesellschaft sieht. Dort
erscheinen sie als wahre Zierden des Ganzen und als Reizmittel in jedem
Augenblick einer Stockung. Ihre Anmut ist von der Art, dass sie, um sich zu
äussern, sich bequem darzutun, einen gewissen Raum braucht, ihre Wirkungen
verlangen ein grösseres Publikum, sie bedürfen eines Elements, das sie trägt, das
sie nötigt, anmutig zu sein; gegen den einzelnen wissen sie sich kaum zu
betragen.
    Auch hatte der Hausfreund bloss dadurch ihre Gunst und erhielt sich darin,
weil er Bewegung auf Bewegung einzuleiten und immerfort, wenn auch keinen
grossen, doch einen heitern Kreis im Treiben zu erhalten wusste. Bei
Rollenausteilungen wählte er sich die zärtlichen Väter und wusste durch ein
anständiges, altkluges Benehmen über die jüngeren ersten, zweiten und dritten
Liebhaber sich ein Übergewicht zu verschaffen.
    Florine, Besitzerin eines bedeutenden Rittergutes in der Nähe, winters in
der Stadt wohnend, verpflichtet gegen Odoard, dessen staatswirtliche Einrichtung
zufälliger-, aber glücklicherweise ihrem Landsitz höchlich zugute kam und den
Ertrag desselben in der Folge bedeutend zu vermehren die Aussicht gab, bezog
sommers ihr Landgut und machte es zum Schauplatze vielfacher anständiger
Vergnügungen. Geburtstage besonders wurden niemals verabsäumt und mannigfaltige
Feste veranstaltet.
    Florine war ein munteres, neckisches Wesen, wie es schien, nirgends
anhänglich, auch keine Anhänglichkeit fordernd noch verlangend.
Leidenschaftliche Tänzerin, schätzte sie die Männer nur, insofern sie sich gut
im Takte bewegten; ewig rege Gesellschafterin, hielt sie denjenigen
unerträglich, der auch nur einen Augenblick vor sich hinsah und nachzudenken
schien; übrigens als heitere Liebhaberin, wie sie in jedem Stück, jeder Oper
nötig sind, sich gar anmutig darstellend, weshalb denn zwischen ihr und
Albertinen, welche die Anständigen spielte, sich nie ein Rangstreit hervortat.
    Den eintretenden Geburtstag in guter Gesellschaft zu feiern, war aus der
Stadt und aus dem Lande umher die beste Gesellschaft eingeladen. Einen Tanz,
schon nach dem Frühstück begonnen, setzte man nach Tafel fort; die Bewegung zog
sich in die Länge, man fuhr zu spät ab, und von der Nacht auf schlimmem Wege,
doppelt schlimm, weil er eben gebessert wurde, ehe man's dachte, schon
überrascht, versah's der Kutscher und warf in einen Graben. Unsere Schöne mit
Florinen und dem Hausfreunde fühlten sich in schlimmer Verwickelung; der letzte
wusste sich schnell herauszuwinden, dann, über den Wagen sich biegend, rief er:
»Florine, wo bist du?« Albertine glaubte zu träumen; er fasste hinein und zog
Florinen, die oben lag, ohnmächtig hervor, bemühte sich um sie und trug sie
endlich auf kräftigem Arm den wiedergefundenen Weg hin. Albertine stak noch im
Wagen, Kutscher und Bedienter halfen ihr heraus, und gestützt auf den letzten
suchte sie weiterzukommen. Der Weg war schlimm, für Tanzschuhe nicht günstig;
obgleich von dem Burschen unterstützt, strauchelte sie jeden Augenblick. Aber im
Innern sah es noch wilder, noch wüster aus. Wie ihr geschah, wusste sie nicht,
begriff sie nicht.
    Allein als sie ins Wirtshaus trat, in der kleinen Stube Florinen auf dem
Bette, die Wirtin und Lelio um sie beschäftigt sah, ward sie ihres Unglücks
gewiss. Ein geheimes Verhältnis zwischen dem untreuen Freund und der
verräterischen Freundin offenbarte sich blitzschnell auf einmal, sie musste
sehen, wie diese, die Augen aufschlagend, sich dem Freund um den Hals warf, mit
der Wonne einer neu wiederauflebenden zärtlichsten Aneignung, wie die schwarzen
Augen wieder glänzten, eine frische Röte die blässlichen Wangen auf einmal wieder
zierend färbte; wirklich sah sie verjüngt, reizend, allerliebst aus.
    Albertine stand vor sich hinschauend, einzeln, kaum bemerkt; jene erholten
sich, nahmen sich zusammen, der Schade war geschehen, man war denn doch
genötigt, sich wieder in den Wagen zu setzen, und in der Hölle selbst könnten
widerwärtig Gesinnte, Verratene mit Verrätern so eng nicht zusammengepackt sein.
 
                                Eilftes Kapitel
Lenardo sowohl als Odoard waren einige Tage sehr lebhaft beschäftigt, jener, die
Abreisenden mit allem Nötigen zu versehen, dieser, sich mit den Bleibenden
bekannt zu machen, ihre Fähigkeiten zu beurteilen, um sie von seinen Zwecken
hinreichend zu unterrichten. Indessen blieb Friedrichen und unserm Freunde Raum
und Ruhe zu stiller Unterhaltung. Wilhelm liess sich den Plan im allgemeinen
vorzeichnen, und da man mit Landschaft und Gegend genugsam vertraut geworden,
auch die Hoffnung besprochen war, in einem ausgedehnten Gebiete schnell eine
grosse Anzahl Bewohner entwickelt zu sehen, so wendete sich das Gespräch, wie
natürlich, zuletzt auf das, was Menschen eigentlich zusammenhält: auf Religion
und Sitte. Hierüber konnte denn der heitere Friedrich hinreichende Auskunft
geben, und wir würden wohl Dank verdienen, wenn wir das Gespräch in seinem Laufe
mitteilen könnten, das durch Frag' und Antwort, durch Einwendung und
Berichtigung sich gar löblich durchschlang und in mannigfaltigem Schwanken zu
dem eigentlichen Zweck gefällig hinbewegte. Indessen dürfen wir uns so lange
nicht aufhalten und geben lieber gleich die Resultate, als dass wir uns
verpflichteten, sie erst nach und nach in dem Geiste unsrer Leser hervortreten
zu lassen. Folgendes ergab sich als die Quintessenz dessen, was verhandelt
wurde:
    Dass der Mensch ins Unvermeidliche sich füge, darauf dringen alle Religionen,
jede sucht auf ihre Weise mit dieser Aufgabe fertig zu werden.
    Die christliche hilft durch Glaube, Liebe, Hoffnung gar anmutig nach; daraus
entsteht denn die Geduld, ein süsses Gefühl, welch eine schätzbare Gabe das
Dasein bleibe, auch wenn ihm, anstatt des gewünschten Genusses, das
widerwärtigste Leiden aufgebürdet wird. An dieser Religion halten wir fest, aber
auf eine eigne Weise; wir unterrichten unsre Kinder von Jugend auf von den
grossen Vorteilen, die sie uns gebracht hat; dagegen von ihrem Ursprung, von
ihrem Verlauf geben wir zuletzt Kenntnis. Alsdann wird uns der Urheber erst lieb
und wert, und alle Nachricht, die sich auf ihn bezieht, wird heilig. In diesem
Sinne, den man vielleicht pedantisch nennen mag, aber doch als folgerecht
anerkennen muss, dulden wir keinen Juden unter uns; denn wie sollten wir ihm den
Anteil an der höchsten Kultur vergönnen, deren Ursprung und Herkommen er
verleugnet?
    Hievon ist unsre Sittenlehre ganz abgesondert, sie ist rein tätig und wird
in den wenigen Geboten begriffen: Mässigung im Willkürlichen, Emsigkeit im
Notwendigen. Nun mag ein jeder diese lakonischen Worte nach seiner Art im
Lebensgange benutzen, und er hat einen ergiebigen Text zu grenzenloser
Ausführung.
Der grösste Respekt wird allen eingeprägt für die Zeit, als für die höchste Gabe
Gottes und der Natur und die aufmerksamste Begleiterin des Daseins. Die Uhren
sind bei uns vervielfältigt und deuten sämtlich mit Zeiger und Schlag die
Viertelstunden an, und um solche Zeichen möglichst zu vervielfältigen, geben die
in unserm Lande errichteten Telegraphen, wenn sie sonst nicht beschäftigt sind,
den Lauf der Stunden bei Tag und bei Nacht an, und zwar durch eine sehr
geistreiche Vorrichtung.
    Unsre Sittenlehre, die also ganz praktisch ist, dringt nun hauptsächlich auf
Besonnenheit, und diese wird durch Einteilung der Zeit, durch Aufmerksamkeit auf
jede Stunde höchlichst gefördert. Etwas muss getan sein in jedem Moment, und wie
wollt' es geschehen, achtete man nicht auf das Werk wie auf die Stunde?
    In Betracht, dass wir erst anfangen, legen wir grosses Gewicht auf die
Familienkreise. Den Hausvätern und Hausmüttern denken wir grosse Verpflichtungen
zuzuteilen; die Erziehung wird bei uns um so leichter, als jeder für sich
selbst, Knecht und Magd, Diener und Dienerin, stehen muss.
    Gewisse Dinge freilich müssen nach einer gewissen gleichförmigen Einheit
gebildet werden: Lesen, Schreiben, Rechnen mit Leichtigkeit der Masse zu
überliefern, übernimmt der Abbé; seine Metode erinnert an den wechselsweisen
Unterricht, doch ist sie geistreicher; eigentlich aber kommt alles darauf an, zu
gleicher Zeit Lehrer und Schüler zu bilden.
    Aber noch eines wechselseitigen Unterrichts will ich erwähnen: der Übung,
anzugreifen und sich zu verteidigen. Hier ist Lotario in seinem Felde; seine
Manöver haben etwas Ähnliches von unsern Feldjägern; doch kann er nicht anders
als original sein.
    Hiebei bemerke ich, dass wir im bürgerlichen Leben keine Glocken, im
soldatischen keine Trommeln haben; dort wie hier ist Menschenstimme, verbunden
mit Blasinstrumenten, hinreichend. Das alles ist schon dagewesen und ist noch
da; die schickliche Anwendung desselben aber ist dem Geist überlassen, der es
auch allenfalls wohl erfunden hätte.
    Das grösste Bedürfnis eines Staats ist das einer mutigen Obrigkeit, und daran
soll es dem unsrigen nicht fehlen; wir alle sind ungeduldig, das Geschäft
anzutreten, munter und überzeugt, dass man einfach anfangen müsse. So denken wir
nicht an Justiz, aber wohl an Polizei. Ihr Grundsatz wird kräftig ausgesprochen:
niemand soll dem andern unbequem sein; wer sich unbequem erweist, wird
beseitigt, bis er begreift, wie man sich anstellt, um geduldet zu werden. Ist
etwas Lebloses, Unvernünftiges in dem Falle, so wird dies gleichmässig
beiseitegebracht.
    In jedem Bezirk sind drei Polizeidirektoren, die alle acht Stunden wechseln,
schichtweise, wie im Bergwerk, das auch nicht stillstehen darf, und einer unsrer
Männer wird bei Nachtzeit vorzüglich bei der Hand sein.
    Sie haben das Recht, zu ermahnen, zu tadeln, zu schelten und zu beseitigen;
finden sie es nötig, so rufen sie mehr oder weniger Geschworne zusammen. Sind
die Stimmen gleich, so entscheidet der Vorsitzende nicht, sondern es wird das
Los gezogen, weil man überzeugt ist, dass bei gegeneinander stehenden Meinungen
es immer gleichgültig ist, welche befolgt wird.
    Wegen der Majorität haben wir ganz eigne Gedanken; wir lassen sie freilich
gelten im notwendigen Weltlauf, im höhern Sinne haben wir aber nicht viel
Zutrauen auf sie. Doch darüber darf ich mich nicht weiter auslassen.
    Fragt man nach der höhern Obrigkeit, die alles lenkt, so findet man sie
niemals an einem Orte; sie zieht beständig umher, um Gleichheit in den
Hauptsachen zu erhalten und in lässlichen Dingen einem jeden seinen Willen zu
gestatten. Ist dies doch schon einmal im Lauf der Geschichte dagewesen: die
deutschen Kaiser zogen umher, und diese Einrichtung ist dem Sinne freier Staaten
am allergemässesten. Wir fürchten uns vor einer Hauptstadt, ob wir schon den
Punkt in unsern Besitzungen sehen, wo sich die grösste Anzahl von Menschen
zusammenhalten wird. Dies aber verheimlichen wir, dies mag nach und nach und
wird noch früh genug entstehen.
    Dieses sind im allgemeinsten die Punkte, über die man meistens einig ist,
doch werden sie beim Zusammentreten von mehrern oder auch wenigern Gliedern
immer wieder aufs neue durchgesprochen. Die Hauptsache wird aber sein, wenn wir
uns an Ort und Stelle befinden. Den neuen Zustand, der aber dauern soll, spricht
eigentlich das Gesetz aus. Unsre Strafen sind gelind; Ermahnung darf sich jeder
erlauben, der ein gewisses Alter hinter sich hat; missbilligen und schelten nur
der anerkannte Älteste; bestrafen nur eine zusammenberufene Zahl.
    Man bemerkt, dass strenge Gesetze sich sehr bald abstumpfen und nach und nach
loser werden, weil die Natur immer ihre Rechte behauptet. Wir haben lässliche
Gesetze, um nach und nach strenger werden zu können; unsre Strafen bestehen
vorerst in Absonderung von der bürgerlichen Gesellschaft, gelinder,
entschiedener, kürzer und länger nach Befund. Wächst nach und nach der Besitz
der Staatsbürger, so zwackt man ihnen auch davon ab, weniger oder mehr, wie sie
verdienen, dass man ihnen von dieser Seite wehe tue.
    Allen Gliedern des Bandes ist davon Kenntnis gegeben, und bei angestelltem
Examen hat sich gefunden, dass jeder von den Hauptpunkten auf sich selbst die
schicklichste Anwendung macht. Die Hauptsache bleibt nur immer, dass wir die
Vorteile der Kultur mit hinübernehmen und die Nachteile zurücklassen.
Branntweinschenken und Lesebiblioteken werden bei uns nicht geduldet; wie wir
uns aber gegen Flaschen und Bücher verhalten, will ich lieber nicht eröffnen:
dergleichen Dinge wollen getan sein, wenn man sie beurteilen soll.
    Und in eben diesem Sinne hält der Sammler und Ordner dieser Papiere mit
andern Anordnungen zurück, welche unter der Gesellschaft selbst noch als
Probleme zirkulieren und welche zu versuchen man vielleicht an Ort und Stelle
nicht rätlich findet; um desto weniger Beifall dürfte man sich versprechen, wenn
man derselben hier umständlich erwähnen wollte.
 
                                Zwölftes Kapitel
Die zu Odoardos Vortrag angesetzte Frist war gekommen, welcher, nachdem alles
versammelt und beruhigt war, folgendermassen zu reden begann: »Das bedeutende
Werk, an welchem teilzunehmen ich diese Masse wackerer Männer einzuladen habe,
ist Ihnen nicht ganz unbekannt, denn ich habe ja schon im allgemeinen mit Ihnen
davon gesprochen. Aus meinen Eröffnungen geht hervor, dass in der alten Welt so
gut wie in der neuen Räume sind, welche einen bessern Anbau bedürfen, als ihnen
bisher zuteil ward. Dort hat die Natur grosse, weite Strecken ausgebreitet, wo
sie unberührt und eingewildert liegt, dass man sich kaum getraut, auf sie
loszugehen und ihr einen Kampf anzubieten. Und doch ist es leicht für den
Entschlossenen, ihr nach und nach die Wüsteneien abzugewinnen und sich eines
teilweisen Besitzes zu versichern. In der alten Welt ist es das Umgekehrte. Hier
ist überall ein teilweiser Besitz schon ergriffen, mehr oder weniger durch
undenkliche Zeit das Recht dazu geheiligt; und wenn dort das Grenzenlose als
unüberwindliches Hindernis erscheint, so setzt hier das Einfach begrenzte
beinahe noch schwerer zu überwindende Hindernisse entgegen. Die Natur ist durch
Emsigkeit, der Mensch durch Gewalt oder Überredung zu nötigen.
    Wird der einzelne Besitz von der ganzen Gesellschaft für heilig geachtet, so
ist er es dem Besitzer noch mehr. Gewohnheit, jugendliche Eindrücke, Achtung für
Vorfahren, Abneigung gegen den Nachbar und hunderterlei Dinge sind es, die den
Besitzer starr und gegen jede Veränderung widerwillig machen. Je älter
dergleichen Zustände sind, je verflochtener, je geteilter, desto schwieriger
wird es, das Allgemeine durchzuführen, das, indem es dem Einzelnen etwas nähme,
dem Ganzen und durch Rück- und Mitwirkung auch jenem wieder unerwartet zugute
käme.
    Schon mehrere Jahre steh' ich im Namen meines Fürsten einer Provinz vor,
die, von seinen Staaten getrennt, lange nicht so, wie es möglich wäre, benutzt
wird. Eben diese Abgeschlossenheit oder Eingeschlossenheit, wenn man will,
hindert, dass bisher keine Anstalt sich treffen liess, die den Bewohnern
Gelegenheit gegeben hätte, das, was sie vermögen, nach aussen zu verbreiten, und
von aussen zu empfangen, was sie bedürfen.
    Mit unumschränkter Vollmacht gebot ich in diesem Lande. Manches Gute war zu
tun, aber doch immer nur ein beschränktes; dem Bessern waren überall Riegel
vorgeschoben, und das Wünschenswerteste schien in einer andern Welt zu liegen.
    Ich hatte keine andere Verpflichtung, als gut hauszuhalten. Was ist leichter
als das! Ebenso leicht ist es, Missbräuche zu beseitigen, menschlicher
Fähigkeiten sich zu bedienen, den Bestrebsamen nachzuhelfen. Dies alles liess
sich mit Verstand und Gewalt recht bequem leisten, dies alles tat sich
gewissermassen von selbst. Aber wohin besonders meine Aufmerksamkeit, meine Sorge
sich richtete, dies waren die Nachbarn, die nicht mit gleichen Gesinnungen, am
wenigsten mit gleicher Überzeugung ihre Landesteile regierten und regieren
liessen.
    Beinahe hätte ich mich resigniert und mich innerhalb meiner Lage am besten
gehalten und das Herkömmliche, so gut als es sich tun liess, benutzt, aber ich
bemerkte auf einmal, das Jahrhundert komme mir zu Hülfe. Jüngere Beamte wurden
in der Nachbarschaft angestellt, sie hegten gleiche Gesinnungen, aber freilich
nur im allgemeinen wohlwollend, und pflichteten nach und nach meinen Planen zu
allseitiger Verbindung um so eher bei, als mich das Los traf, die grösseren
Aufopferungen zuzugestehen, ohne dass gerade jemand merkte, auch der grössere
Vorteil neige sich auf meine Seite.
    So sind nun unser drei über ansehnliche Landesstrecken zu gebieten befugt,
unsre Fürsten und Minister sind von der Redlichkeit und Nützlichkeit unsrer
Vorschläge überzeugt; denn es gehört freilich mehr dazu, seinen Vorteil im
Grossen als im Kleinen zu übersehen. Hier zeigt uns immer die Notwendigkeit, was
wir zu tun und zu lassen haben, und da ist denn schon genug, wenn wir diesen
Massstab ans Gegenwärtige legen; dort aber sollen wir eine Zukunft erschaffen,
und wenn auch ein durchdringender Geist den Plan dazu fände, wie kann er hoffen,
andere darin einstimmen zu sehen?
    Noch würde dies dem einzelnen nicht gelingen; die Zeit, welche die Geister
frei macht, öffnet zugleich ihren Blick ins Weitere, und im Weiteren lässt sich
das Grössere leicht erkennen, und eins der stärksten Hindernisse menschlicher
Handlungen wird leichter zu entfernen. Dieses besteht nämlich darin, dass die
Menschen wohl über die Zwecke einig werden, viel seltener aber über die Mittel,
dahin zu gelangen. Denn das wahre Grosse hebt uns über uns selbst hinaus und
leuchtet uns vor wie ein Stern; die Wahl der Mittel aber ruft uns in uns selbst
zurück, und da wird der einzelne gerade, wie er war, und fühlt sich ebenso
isoliert, als hätt' er vorher nicht ins Ganze gestimmt.
    Hier also haben wir zu wiederholen: Das Jahrhundert muss uns zu Hülfe kommen,
die Zeit an die Stelle der Vernunft treten und in einem erweiterten Herzen der
höhere Vorteil den niedern verdrängen.
    Hiermit sei es genug, und wär' es zu viel für den Augenblick, in der Folge
werd' ich einen jeden Teilnehmer daran erinnern. Genaue Vermessungen sind
geschehen, die Strassen bezeichnet, die Punkte bestimmt, wo man die Gastöfe und
in der Folge vielleicht die Dörfer heranrückt. Zu aller Art von Baulichkeiten
ist Gelegenheit, ja Notwendigkeit vorhanden. Treffliche Baumeister und Techniker
bereiten alles vor; Risse und Anschläge sind gefertigt; die Absicht ist, grössere
und kleinere Akkorde abzuschliessen und so mit genauer Kontrolle die
bereitliegenden Geldsummen, zur Verwunderung des Mutterlandes, zu verwenden: da
wir denn der schönsten Hoffnung leben, es werde sich eine vereinte Tätigkeit
nach allen Seiten von nun an entwickeln.
    Worauf ich nun aber die sämtlichen Teilnehmer aufmerksam zu machen habe,
weil es vielleicht auf ihre Entschliessung Einfluss haben könnte, ist die
Einrichtung, die Gestalt, in welche wir alle Mitwirkenden vereinigen und ihnen
eine würdige Stellung unter sich und gegen die übrige bürgerliche Welt zu
schaffen gedenken.
    Sobald wir jenen bezeichneten Boden betreten, werden die Handwerke sogleich
für Künste erklärt und durch die Bezeichnung strenge Künste von den freien
entschieden getrennt und abgesondert. Diesmal kann hier nur von solchen
Beschäftigungen die Rede sein, welche den Aufbau sich zur Angelegenheit machen;
die sämtlichen hier anwesenden Männer, jung und alt, bekennen sich zu dieser
Klasse.
    Zählen wir sie her in der Folge, wie sie den Bau in die Höhe richten und
nach und nach zur Wohnbarkeit befördern.
    Die Steinmetzen nenn' ich voraus, welche den Grund- und Eckstein vollkommen
bearbeiten, den sie mit Beihülfe der Maurer am rechten Ort in der genauesten
Bezeichnung niedersenken. Die Maurer folgen hierauf, die auf den streng
untersuchten Grund das Gegenwärtige und Zukünftige wohl befestigen. Früher oder
später bringt der Zimmermann seine vorbereiteten Kontignationen herbei, und so
steigt nach und nach das Beabsichtigte in die Höhe. Den Dachdecker rufen wir
eiligst herbei; im Innern bedürfen wir des Tischers, Glasers, Schlossers, und
wenn ich den Tüncher zuletzt nenne, so geschieht es, weil er mit seiner Arbeit
zur verschiedensten Zeit eintreten kann, um zuletzt dem Ganzen in- und auswendig
einen gefälligen Schein zu geben. Mancher Hülfsarbeiten gedenk' ich nicht, nur
die Hauptsache verfolgend.
    Die Stufen von Lehrling, Gesell und Meister müssen aufs strengste beobachtet
werden; auch können in diesen viele Abstufungen gelten, aber Prüfungen können
nicht sorgfältig genug sein. Wer herantritt, weiss, dass er sich einer strengen
Kunst ergibt, und er darf keine lässlichen Forderungen von ihr erwarten; ein
einziges Glied, das in einer grossen Kette bricht, vernichtet das Ganze. Bei
grossen Unternehmungen wie bei grossen Gefahren muss der Leichtsinn verbannt sein.
    Gerade hier muss die strenge Kunst der freien zum Muster dienen und sie zu
beschämen trachten. Sehen wir die sogenannten freien Künste an, die doch
eigentlich in einem höhern Sinne zu nehmen und zu nennen sind, so findet man,
dass es ganz gleichgültig ist, ob sie gut oder schlecht betrieben werden. Die
schlechteste Statue steht auf ihren Füssen wie die beste, eine gemalte Figur
schreitet mit verzeichneten Füssen gar munter vorwärts, ihre missgestalteten Arme
greifen gar kräftig zu, die Figuren stehen nicht auf dem richtigen Plan, und der
Boden fällt deswegen nicht zusammen. Bei der Musik ist es noch auffallender; die
gellende Fiedel einer Dorfschenke erregt die wackern Glieder aufs kräftigste,
und wir haben die unschicklichsten Kirchenmusiken gehört, bei denen der Gläubige
sich erbaute. Wollt ihr nun gar auch die Poesie zu den freien Künsten rechnen,
so werdet ihr freilich sehen, dass diese kaum weiss, wo sie eine Grenze finden
soll. Und doch hat jede Kunst ihre innern Gesetze, deren Nichtbeobachtung aber
der Menschheit keinen Schaden bringt; dagegen die strengen Künste dürfen sich
nichts erlauben. Den freien Künstler darf man loben, man kann an seinen Vorzügen
Gefallen finden, wenngleich seine Arbeit bei näherer Untersuchung nicht Stich
hält.
    Betrachten wir aber die beiden, sowohl die freien als strengen Künste, in
ihren vollkommensten Zuständen, so hat sich diese vor Pedanterei und
Bocksbeutelei, jene vor Gedankenlosigkeit und Pfuscherei zu hüten. Wer sie zu
leiten hat, wird hierauf aufmerksam machen, Missbräuche und Mängel werden dadurch
verhütet werden.
    Ich wiederhole mich nicht, denn unser ganzes Leben wird eine Wiederholung
des Gesagten sein; ich bemerke nur noch folgendes: Wer sich einer strengen Kunst
ergibt, muss sich ihr fürs Leben widmen. Bisher nannte man sie Handwerk, ganz
angemessen und richtig; die Bekenner sollten mit der Hand wirken, und die Hand,
soll sie das, so muss ein eigenes Leben sie beseelen, sie muss eine Natur für sich
sein, ihre eignen Gedanken, ihren eignen Willen haben, und das kann sie nicht
auf vielerlei Weise.«
    Nachdem der Redende mit noch einigen hinzugefügten guten Worten geschlossen
hatte, richteten die sämtlichen Anwesenden sich auf, und die Gewerke, anstatt
abzuziehen, bildeten einen regelmässigen Kreis vor der Tafel der anerkannten
Oberen. Odoard reichte den sämtlichen ein gedrucktes Blatt umher, wovon sie,
nach einer bekannten Melodie, mässig munter ein zutrauliches Lied sangen:
»Bleiben, Gehen, Gehen, Bleiben
Sei fortan dem Tücht'gen gleich,
Wo wir Nützliches betreiben,
Ist der werteste Bereich.
Dir zu folgen, wird ein Leichtes,
Wer gehorchet, der erreicht es,
Zeig' ein festes Vaterland.
Heil dem Führer! Heil dem Band!
Du verteilest Kraft und Bürde
Und erwägst es ganz genau,
Gibst dem Alten Ruh' und Würde,
Jünglingen Geschäft und Frau.
Wechselseitiges Vertrauen
Wird ein reinlich Häuschen bauen,
Schliessen Hof und Gartenzaun,
Auch der Nachbarschaft vertraun.
Wo an wohlgebahnten Strassen
Man in neuer Schenke weilt,
Wo dem Fremdling reicher Massen
Ackerfeld ist zugeteilt,
Siedeln wir uns an mit andern.
Eilet, eilet, einzuwandern
In das feste Vaterland.
Heil dir Führer! Heil dir Band!«
 
                              Dreizehntes Kapitel
Eine vollkommene Stille schloss sich an diese lebhafte Bewegung der vergangenen
Tage. Die drei Freunde blieben allein gegen einander über stehen, und es ward
gar bald merkbar, dass zwei von ihnen, Lenardo und Friedrich, von einer
sonderbaren Unruhe bewegt wurden; sie verbargen nicht, dass sie beide ungeduldig
seien, für ihren Teil in der Abreise von diesem Ort sich gehindert zu sehen. Sie
erwarteten einen Boten, hiess es, und es kam indessen nichts Vernünftiges, nichts
Entscheidendes zur Sprache.
    Endlich kommt der Bote, ein bedeutendes Paket überbringend, worüber sich
Friedrich sogleich herwirft, um es zu eröffnen. Lenardo hält ihn ab und spricht:
»Lass es unberührt, leg' es vor uns nieder auf den Tisch; wir wollen es ansehen,
denken und vermuten, was es entalten möge. Denn unser Schicksal ist seiner
Bestimmung näher, und wenn wir nicht selbst Herren darüber sind, wenn es von dem
Verstande, von den Empfindungen anderer abhängt, ein Ja oder Nein, ein So oder
So zu erwarten ist, dann ziemt es, ruhig zu stehen, sich zu fassen, sich zu
fragen, ob man es erdulden würde als wenn es ein sogenanntes Gottesurteil wäre,
wo uns auferlegt ist, die Vernunft gefangenzunehmen.«
    »Du bist nicht so gefasst, als du scheinen willst«, versetzte Friedrich,
»bleibe deswegen allein mit deinen Geheimnissen und schalte darüber nach
Belieben, mich berühren sie auf alle Fälle nicht; aber lass mich indes diesem
alten, geprüften Freunde den Inhalt offenbaren und die zweifelhaften Zustände
vorlegen, die wir ihm schon so lange verheimlicht haben.« Mit diesen Worten riss
er unsern Freund mit sich weg, und schon unterwegs rief er aus: »Sie ist
gefunden, längst gefunden! und es ist nur die Frage, wie es mit ihr werden
soll.«
    »Das wusst' ich schon«, sagte Wilhelm, »denn Freunde offenbaren einander
gerade das am deutlichsten, was sie einander verschweigen; die letzte Stelle des
Tagebuchs, wo sich Lenardo gerade mitten im Gebirg des Briefes erinnert, den ich
ihm schreib, rief mir in der Einbildungskraft im ganzen Umgange des Geistes und
Gefühls jenes gute Wesen hervor; ich sah ihn schon mit dem nächsten Morgen sich
ihr nähern, sie anerkennen und was daraus mochte gefolgt sein. Da will ich denn
aber aufrichtig gestehen, dass nicht Neugierde, sondern ein redlicher Anteil, den
ich ihr gewidmet habe, mich Über euer Schweigen und Zurückhalten beunruhigte.«
    »Und in diesem Sinne«, rief Friedrich, »bist du gerade bei diesem
angekommenen Paket hauptsächlich mit interessiert; der Verfolg des Tagebuchs war
an Makarien gesandt, und man wollte dir durch Erzählung das ernst-anmutige
Ereignis nicht verkümmern. Nun sollst du's auch gleich haben; Lenardo hat gewiss
indessen ausgepackt, und das braucht er nicht zu seiner Aufklärung.«
    Friedrich sprang hiermit nach alter Art hinweg, sprang wieder herbei und
brachte das versprochene Heft. »Nun muss ich aber auch erfahren«, rief er, »was
aus uns werden wird.« Hiemit war er wieder entsprungen, und Wilhelm las:
                               Lenardos Tagebuch
                                  Fortsetzung
                                                             Freitag, den 19ten.
Da man heute nicht säumen durfte, um zeitig zu Frau Susanne zu gelangen, so
frühstückte man eilig mit der ganzen Familie, dankte mit versteckten
Glückwünschen und hinterliess dem Geschirrfasser, welcher zurückblieb, die den
Jungfrauen zugedachten Geschenke, etwas reichlicher und bräutlicher als die
vorgestrigen, sie ihm heimlich zuschiebend, worüber der gute Mann sich sehr
erfreut zeigte.
    Diesmal war der Weg frühe zurückgelegt; nach einigen Stunden erblickten wir
in einem ruhigen, nicht allzu weiten, flachen Tale, dessen eine, felsige Seite
von Wellen des klarsten Sees leicht bespült sich widerspiegelte, wohl und
anständig gebaute Häuser, um welche ein besserer, sorgfältig gepflegter Boden,
bei sonniger Lage, einiges Gartenwesen begünstigte. In das Hauptaus durch den
Garnboten eingeführt und Frau Susannen vorgestellt, fühlte ich etwas ganz
Eigenes, als sie uns freundlich ansprach und versicherte: es sei ihr sehr
angenehm, dass wir Freitags kämen, als dem ruhigsten Tage der Woche, da
Donnerstags abends die gefertigte Ware zum See und in die Stadt geführt werde.
Dem einfallenden Garnboten, welcher sagte: »Die bringt wohl Daniel jederzeit
hinunter!«, versetzte sie: »Gewiss, er versieht das Geschäft so löblich und treu,
als wenn es sein eigenes wäre.« - »Ist doch auch der Unterschied nicht gross«,
versetzte jener; übernahm einige Aufträge von der freundlichen Wirtin und eilte,
seine Geschäfte in den Seitentälern zu vollbringen, versprach in einigen Tagen
wiederzukommen und mich abzuholen.
    Mir war indessen ganz wunderlich zumute; mich hatte gleich beim Eintritt
eine Ahnung befallen, dass es die Ersehnte sei; beim längeren Hinblick war sie es
wieder nicht, konnte es nicht sein, und doch beim Wegblicken, oder wenn sie sich
umkehrte, war sie es wieder; eben wie im Traum Erinnerung und Phantasie ihr
Wesen gegeneinander treiben.
    Einige Spinnerinnen, die mit ihrer Wochenarbeit gezögert hatten, brachten
sie nach; die Herrin, mit freundlichster Ermahnung zum Fleisse, marktete mit
ihnen, überliess aber, um sich mit dem Gast zu unterhalten, das Geschäft an zwei
Mädchen, welche sie Gretchen und Lieschen nannte und welche ich um desto
aufmerksamer betrachtete, als ich ausforschen wollte, wie sie mit der
Schilderung des Geschirrfassers allenfalls zusammenträfen. Diese beiden Figuren
machten mich ganz irre und zerstörten alle Ähnlichkeit zwischen der Gesuchten
und der Hausfrau.
    Aber ich beobachtete diese nur desto genauer, und sie schien mir allerdings
das würdigste, liebenswürdigste Wesen von allen, die ich auf meiner Gebirgsreise
erblickte. Schon war ich von dem Gewerbe unterrichtet genug, um mit ihr über das
Geschäft, welches sie gut verstand, mit Kenntnis sprechen zu können; meine
einsichtige Teilnahme erfreute sie sehr, und als ich fragte: woher sie ihre
Baumwolle beziehe, deren grossen Transport übers Gebirg ich vor einigen Tagen
gesehen, so erwiderte sie, dass eben dieser Transport ihr einen ansehnlichen
Vorrat mitgebracht. Die Lage ihres Wohnorts sei auch deshalb so glücklich, weil
die nach dem See hinunterführende Hauptstrasse etwa nur eine Viertelstunde ihres
Tals hinabwärts vorbeigehe, wo sie denn entweder in Person oder durch einen
Faktor die ihr von Triest bestimmten und adressierten Ballen in Empfang nehme,
wie denn das vorgestern auch geschehen.
    Sie liess nun den neuen Freund in einen grossen, lüftigen Keller hineinsehen,
wo der Vorrat aufgehoben wird, damit die Baumwolle nicht zu sehr austrockne, am
Gewicht verliere und weniger geschmeidig werde. Dann fand ich auch, was ich
schon im einzelnen kannte, meistenteils hier versammelt; sie deutete nach und
nach auf dies und jenes, und ich nahm verständigen Anteil. Indessen wurde sie
stiller, aus ihren Fragen konnt' ich erraten, sie vermute, dass ich vom Handwerk
sei. Denn sie sagte, da die Baumwolle soeben angekommen, so erwarte sie nun bald
einen Kommis oder Teilnehmer der Triester Handlung, der nach einer bescheidenen
Ansicht ihres Zustandes die schuldige Geldpost abholen werde; diese liege bereit
für einen jeden, welcher sich legitimieren könne.
    Einigermassen verlegen suchte ich auszuweichen und blickte ihr nach, als sie
eben einiges anzuordnen durchs Zimmer ging; sie erschien mir wie Penelope unter
den Mägden.
    Sie kehrt zurück, und mich dünkt, es sei was Eigenes in ihr vorgegangen. -
»Sie sind denn nicht vom Kaufmannsstande?« sagte sie, »ich weiss nicht, woher mir
das Vertrauen kommt und wie ich mich unterfangen mag, das Ihrige zu verlangen;
erdringen will ich's nicht, aber gönnen Sie mir's, wie es Ihnen ums Herz ist.«
dabei sah mich ein fremdes Gesicht mit so ganz bekannten erkennenden Augen an,
dass ich mich ganz durchdrungen fühlte und mich kaum zu fassen wusste. Meine
Kniee, mein Verstand wollten mir versagen, als man sie glücklicherweise sehr
eilig abrief. Ich konnte mich erholen, meinen Vorsatz stärken, so lang als
möglich an mich zu halten; denn es schwebte mir vor, als wenn abermals ein
unseliges Verhältnis mich bedrohe.
    Gretchen, ein gesetztes, freundliches Kind, führte mich ab, mir die
künstlichen Gewebe vorzuzeigen; sie tat es verständig und ruhig, ich schrieb, um
ihr Aufmerksamkeit zu beweisen, was sie mir vorsagte, in meine Schreibtafel, wo
es noch steht zum Zeugnis eines bloss mechanischen Verfahrens, denn ich hatte
ganz anderes im Sinne; es lautet folgendermassen:
    »Der Eintrag von getretener sowohl als gezogener Weberei geschieht, je
nachdem das Muster es erfordert, mit weissem, lose gedrehtem sogenannten
Muggengarn, mitunter auch mit türkischrot gefärbten, desgleichen mit blauen
Garnen, welche ebenfalls zu Streifen und Blumen verbraucht werden.
    Beim Scheren ist das Gewebe auf Walzen gewunden, die einen tischförmigen
Rahmen bilden, um welchen her mehrere arbeitende Personen sitzen.«
    Lieschen, die unter den Scherenden gesessen, steht auf, gesellt sich zu uns,
ist geschäftig, dreinzureden, und zwar auf eine Weise, um jene durch Widerspruch
nur irrezumachen; und als ich Gretchen dessenungeachtet mehr Aufmerksamkeit
bewies, so fuhr Lieschen umher, um etwas zu holen, zu bringen, und streifte
dabei, ohne durch die Enge des Raums genötigt zu sein, mit ihrem zarten
Ellebogen zweimal merklich bedeutend an meinem Arm hin, welches mir nicht
sonderlich gefallen wollte.
    Die Gute-Schöne (sie verdient überhaupt, besonders aber alsdann so zu
heissen, wenn man sie mit den übrigen vergleicht) holte mich in den Garten ab, wo
wir der Abendsonne geniessen sollten, eh' sie sich hinter das hohe Gebirg
versteckte. Ein Lächeln schwebte um ihre Lippen, wie es wohl erscheint, wenn man
etwas Erfreuliches zu sagen zaudert; auch mir war es in dieser Verlegenheit gar
lieblich zumute. Wir gingen nebeneinander her, ich getraute mir nicht, ihr die
Hand zu reichen, so gern ich's getan hätte; wir schienen uns beide vor Worten
und Zeichen zu fürchten, wodurch der glückliche Fund nur allzubald ins Gemeine
offenbar werden könnte. Sie zeigte mir einige Blumentöpfe, worin ich aufgekeimte
Baumwollenstauden erkannte. - »So nähren und pflegen wir die für unser Geschäfte
unnützen, ja widerwärtigen Samenkörner, die mit der Baumwolle einen so weiten
Weg zu uns machen. Es geschieht aus Dankbarkeit, und es ist ein eigen Vergnügen,
dasjenige lebendig zu sehen, dessen abgestorbene Reste unser Dasein beleben. Sie
sehen hier den Anfang, die Mitte ist Ihnen bekannt, und heute abend, wenn 's
Glück gut ist, einen erfreulichen Abschluss.
    Wir als Fabrikanten selbst oder ein Faktor bringen unsre die Woche über
eingegangene Ware Donnerstag abends in das Marktschiff und langen so, in
Gesellschaft von andern, die gleiches Geschäft treiben, mit dem frühesten Morgen
am Freitag in der Stadt an. Hier trägt nun ein jeder seine Ware zu den
Kaufleuten, die im grossen handeln, und sucht sie so gut als möglich abzusetzen,
nimmt auch wohl den Bedarf von roher Baumwolle allenfalls an Zahlungs Statt.
    Aber nicht allein den Bedarf an rohen Stoffen für die Fabrikation nebst dem
baren Verdienst holen die Marktleute in der Stadt, sondern sie versehen sich
auch daselbst mit allerlei andern Dingen zum Bedürfnis und Vergnügen. Wo einer
aus der Familie in die Stadt zu Markte gefahren, da sind Erwartungen, Hoffnungen
und Wünsche, ja sogar oft Angst und Furcht rege. Es entsteht Sturm und Gewitter,
und man ist besorgt, das Schiff nehme Schaden! Die Gewinnsüchtigen harren und
möchten erfahren, wie der Verkauf der Waren ausgefallen, und berechnen schon im
voraus die Summe des reinen Erwerbs; die Neugierigen warten auf die Neuigkeiten
aus der Stadt, die Putzliebenden auf die Kleidungsstücke oder Modesachen, die
der Reisende etwa mitzubringen Auftrag hatte; die Leckern endlich und besonders
die Kinder auf die Esswaren, und wenn es auch nur Semmeln wären.
    Die Abfahrt aus der Stadt verzieht sich gewöhnlich bis gegen Abend, dann
belebt sich der See allmählich und die Schiffe gleiten segelnd, oder durch die
Kraft der Ruder getrieben, über seine Fläche hin; jedes bemüht sich, dem andern
vorzukommen; und die, denen es gelingt, verhöhnen wohl scherzend die, welche
zurückzubleiben sich genötigt sehen.
    Es ist ein erfreuliches, schönes Schauspiel um die Fahrt auf dem See, wenn
der Spiegel desselben mit den anliegenden Gebirgen vom Abendrot erleuchtet sich
warm und allmählich tiefer und tiefer schattiert, die Sterne sichtbar werden,
die Abendbetglocken sich hören lassen, in den Dörfern am Ufer sich Lichter
entzünden, im Wasser widerscheinend, dann der Mond aufgeht und seinen Schimmer
über die kaum bewegte Fläche streut. Das reiche Gelände flieht vorüber, Dorf um
Dorf, Gehöft um Gehöft bleiben zurück, endlich in die Nähe der Heimat gekommen,
wird in ein Horn gestossen, und sogleich sieht man im Berg hier und dort Lichter
erscheinen, die sich nach dem Ufer herab bewegen, ein jedes Haus, das einen
Angehörigen im Schiffe hat, sendet jemanden, um das Gepäck tragen zu helfen.
    Wir liegen höher hinauf, aber jedes von uns hat oft genug diese Fahrt
mitbestanden, und was das Geschäft betrifft, so sind wir alle von gleichem
Interesse.«
    Ich hatte ihr mit Verwunderung zugehört, wie gut und schön sie das alles
sprach, und konnte mich der offenen Bemerkung nicht entalten: wie sie in dieser
rauhen Gegend, bei einem so mechanischen Geschäft, zu solcher Bildung habe
gelangen können? Sie versetzte, mit einem allerliebsten, beinahe schalkhaften
Lächeln vor sich hinsehend: »Ich bin in einer schönern und freundlichern Gegend
geboren, wo vorzügliche Menschen herrschen und hausen, und ob ich gleich als
Kind mich wild und unbändig erwies, so war doch der Einfluss geistreicher
Besitzer auf ihre Umgebung unverkennbar. Die grösste Wirkung jedoch auf ein
junges Wesen tat eine fromme Erziehung, die ein gewisses Gefühl des Rechtlichen
und Schicklichen, als von Allgegenwart göttlicher Liebe getragen, in mir
entwickelte. Wir wanderten aus«, fuhr sie fort - das feine Lächeln verliess ihren
Mund, eine unterdrückte Träne füllte das Auge -, »wir wanderten weit, weit, von
einer Gegend zur andern, durch fromme Fingerzeige und Empfehlungen geleitet;
endlich gelangten wir hierher, in diese höchst tätige Gegend; das Haus, worin
Sie mich finden, war von gleichgesinnten Menschen bewohnt, man nahm uns treulich
auf, mein Vater sprach dieselbe Sprache, in demselben Sinn, wir schienen bald
zur Familie zu gehören.
    In allen Haus- und Handwerksgeschäften griff ich tüchtig ein, und alles,
über welches Sie mich nun gebieten sehen, habe ich stufenweise gelernt, geübt
und vollbracht. Der Sohn des Hauses, wenig Jahre älter als ich, wohlgebaut und
schön von Antlitz, gewann mich lieb und machte mich zu seiner Vertrauten. Er war
von tüchtiger und zugleich feiner Natur; die Frömmigkeit, wie sie im Hause geübt
wurde, fand bei ihm keinen Eingang, sie genügte ihm nicht, er las heimlich
Bücher, die er sich in der Stadt zu verschaffen wusste, von der Art, die dem
Geist eine allgemeinere, freiere Richtung geben, und da er bei mir gleichen
Trieb, gleiches Naturell vermerkte, so war er bemüht, nach und nach mir
dasjenige mitzuteilen, was ihn so innig beschäftigte. Endlich, da ich in alles
einging, hielt er nicht länger zurück, mir sein ganzes Geheimnis zu eröffnen,
und wir waren wirklich ein ganz wunderliches Paar, welches auf einsamen
Spaziergängen sich nur von solchen Grundsätzen unterhielt, welche den Menschen
selbstständig machen, und dessen wahrhaftes Neigungsverhältnis nur darin zu
bestehen schien, einander wechselseitig in solchen Gesinnungen zu bestärken,
wodurch die Menschen sonst voneinander völlig entfernt werden.«
    Ob ich gleich sie nicht scharf ansah, sondern nur von Zeit zu Zeit wie
zufällig aufblickte, bemerkt' ich doch mit Verwunderung und Anteil, dass ihre
Gesichtszüge durchaus den Sinn ihrer Worte zugleich ausdrückten. Nach einem
augenblicklichen Stillschweigen erheiterte sich ihr Gesicht: »Ich muss«, sagte
sie, »auf Ihre Hauptfrage ein Bekenntnis tun, damit Sie meine Wohlredenheit, die
manchmal nicht ganz natürlich scheinen möchte, sich besser erklären können.
    Leider mussten wir beide uns vor den übrigen verstellen, und ob wir gleich
uns sehr hüteten, nicht zu lügen und im groben Sinn falsch zu sein, so waren wir
es doch im zartern indem wir den vielbesuchten Brüder- und
Schwesterversammlungen nicht beizuwohnen nirgends Entschuldigung finden konnten.
Weil wir aber dabei gar manches gegen unsere Überzeugung hören mussten, so liess
er mich sehr bald begreifen und einsehen, dass nicht alles vom freien Herzen
gehe, sondern dass viel Wortkram, Bilder, Gleichnisse, herkömmliche Redensarten
und wiederholt anklingende Zeilen sich immerfort wie um eine gemeinsame Achse
herumdrehten. Ich merkte nun besser auf und machte mir die Sprache so zu eigen,
dass ich allenfalls eine Rede so gut als irgendein Vorsteher hätte halten wollen.
Erst ergötzte der Gute sich daran, endlich beim Überdruss ward er ungeduldig, dass
ich, ihn zu beschwichtigen, den entgegengesetzten Weg einschlug, ihm nur desto
aufmerksamer zuhörte, ihm seinen herzlich treuen Vortrag wohl acht Tage später
wenigstens mit annähernder Freiheit und nicht ganz unähnlichem geistigem Wesen
zu wiederholen wusste.
    So wuchs unser Verhältnis zum innigsten Bande, und eine Leidenschaft zu
irgendeinem Wahren, Guten sowie zu möglicher Ausübung desselben war eigentlich,
was uns vereinigte.
    Indem ich nun bedenke, was Sie veranlasst haben mag, zu einer solchen
Erzählung mich zu bewegen, so war es meine lebhafte Beschreibung vom glücklich
vollbrachten Markttage. Verwundern Sie sich darüber nicht; denn gerade war es
eine frohe, herzliche Betrachtung holder und erhabener Naturszenen, was mich und
meinen Bräutigam in ruhigen und geschäftlosen Stunden am schönsten unterhielt.
Treffliche vaterländische Dichter hatten das Gefühl in uns erregt und genährt,
Hallers Alpen, Gessners Idyllen, Kleists Frühling wurden oft von uns wiederholt,
und wir betrachteten die uns umgebende herrliche Welt bald von ihrer anmutigen,
bald von ihrer erhabenen Seite.
    Noch gern erinnere ich mich, wie wir beide, scharf-und weitsichtig, uns um
die Wette und oft hastig auf die bedeutenden Erscheinungen der Erde und des
Himmels aufmerksam zu machen suchten, einander vorzueilen und zu überbieten
trachteten. Dies war die schönste Erholung, nicht nur vom täglichen Geschäft,
sondern auch von jenen ernsten Gesprächen, die uns oft nur zu tief in unser
eigenes Innere versenkten und uns dort zu beunruhigen drohten.
    In diesen Tagen kehrte ein Reisender bei uns ein, wahrscheinlich unter
geborgtem Namen; wir dringen nicht weiter in ihn, da er sogleich durch sein
Wesen uns Vertrauen einflösst, da er sich im ganzen höchst sittlich benimmt,
sowie anständig aufmerksam in unsern Versammlungen. Von meinem Freund in den
Gebirgen umhergeführt, zeigt er sich ernst, einsichtig und kenntnisreich. Auch
ich geselle mich zu ihren sittlichen Unterhaltungen, wo alles nach und nach zur
Sprache kommt, was einem innern Menschen bedeutend werden kann; da bemerkt er
denn gar bald in unserer Denkweise in Absicht auf die göttlichen Dinge etwas
Schwankendes. Die religiösen Ausdrücke waren uns trivial geworden, der Kern, den
sie entalten sollten, war uns entfallen. Da liess er uns die Gefahr unsres
Zustandes bemerken, wie bedenklich die Entfernung vom Überlieferten sein müsse,
an welches von Jugend auf sich so viel angeschlossen; sie sei höchst gefährlich
bei der Unvollständigkeit besonders des eignen Innern. Freilich eine täglich und
stündlich durchgeführte Frömmigkeit werde zuletzt nur Zeitvertreib und wirke wie
eine Art von Polizei auf den äusseren Anstand, aber nicht mehr auf den tiefen
Sinn; das einzige Mittel dagegen sei, aus eigener Brust sittlich gleich
geltende, gleich wirksame, gleich beruhigende Gesinnungen hervorzurufen.
    Die Eltern hatten unsre Verbindung stillschweigend vorausgesetzt, und ich
weiss nicht, wie es geschah, die Gegenwart des neuen Freundes beschleunigte die
Verlobung, es schien sein Wunsch, diese Bestätigung unsres Glücks in dem stillen
Kreise zu feiern, da er denn auch mit anhören musste, wie der Vorsteher die
Gelegenheit ergriff, uns an den Bischof von Laodicea und an die grosse Gefahr der
Lauheit, die man uns wollte angemerkt haben, zu erinnern. Wir besprachen noch
einigemal diese Gegenstände, und er liess uns ein hierauf bezügliches Blatt
zurück, welches ich oft in der Folge wieder anzusehen Ursache fand.
    Er schied nunmehr, und es war, als wenn mit ihm alle guten Geister gewichen
wären. Die Bemerkung ist nicht neu, wie die Erscheinung eines vorzüglichen
Menschen in irgendeinem Zirkel Epoche macht und bei seinem Scheiden eine Lücke
sich zeigt, in die sich öfters ein zufälliges Unheil hineindrängt. Und nun
lassen Sie mich einen Schleier über das Nächstfolgende werfen; durch einen
Zufall ward meines Verlobten kostbares Leben, seine herrliche Gestalt plötzlich
zerstört; er wendete standhaft seine letzten Stunden dazu an, sich mit mir
Trostlosen verbunden zu sehen und mir die Rechte an seinem Erbteil zu sichern.
Was aber diesen Fall den Eltern um so schmerzlicher machte, war, dass sie kurz
vorher eine Tochter verloren hatten und sich nun, im eigentlichen Sinne,
verwaist sahen, worüber ihr zartes Gemüt dergestalt angegriffen wurde, dass sie
ihr Leben nicht lange fristeten. Sie gingen den lieben Ihrigen bald nach, und
mich ereilte noch ein anderes Unheil, dass mein Vater, vom Schlag gerührt, zwar
noch sinnliche Kenntnis von der Welt, aber weder geistige noch körperliche
Tätigkeit gegen dieselbe behalten hat. Und so bedurfte ich denn freilich in der
grössten Not und Absonderung jener Selbstständigkeit, in der ich mich, glückliche
Verbindung und frohes Mitleben hoffend, frühzeitig geübt und noch vor kurzem
durch die rein belebenden Worte des geheimnisvollen Durchreisenden recht
eigentlich gestärkt hatte.
    Doch darf ich nicht undankbar sein, da mir in diesem Zustand noch ein
tüchtiger Gehülfe geblieben ist, der als Faktor alles das besorgt, was in
solchen Geschäften als Pflicht männlicher Tätigkeit erscheint. Kommt er heut
abend aus der Stadt zurück und Sie haben ihn kennen gelernt, so erfahren Sie
mein wunderbares Verhältnis zu ihm.«
    Ich hatte manches dazwischengesprochen und durch beifälligen, vertraulichen
Anteil ihr Herz immer mehr aufzuschliessen und ihre Rede im Fluss zu erhalten
getrachtet. Ich vermied nicht, dasjenige ganz nahe zu berühren, was noch nicht
völlig ausgesprochen war; auch sie rückte immer näher zu, und wir waren so weit,
dass bei der geringsten Veranlassung das offenbare Geheimnis ins Wort getreten
wäre.
    Sie stand auf und sagte: »Lassen Sie uns zum Vater gehen!« Sie eilte voraus,
und ich folgte ihr langsam; ich schüttelte den Kopf über die wundersame Lage, in
der ich mich befand. Sie liess mich in eine hintere, sehr reinliche Stube treten,
wo der gute Alte unbeweglich im Sessel sass. Er hatte sich wenig verändert. Ich
ging auf ihn zu, er sah mich erst starr, dann mit lebhafteren Augen an; seine
Züge erheiterten sich, er versuchte, die Lippen zu bewegen, und als ich die Hand
hinreichte, seine ruhende zu fassen, ergriff er die meine von selbst, drückte
sie und sprang auf, die Arme gegen mich ausstreckend. »O Gott!« rief er, »der
Junker Lenardo! er ist's, er ist es selbst!« Ich konnte mich nicht entalten,
ihn an mein Herz zu schliessen; er sank in den Stuhl zurück, die Tochter eilte
hinzu, ihm beizustehen; auch sie rief: »Er ist's! Sie sind es, Lenardo!«
    Die jüngere Nichte war herbeigekommen, sie führten den Vater, der auf einmal
wieder gehen konnte, der Kammer zu, und gegen mich gewendet, sprach er ganz
deutlich:
    »Wie glücklich, glücklich! bald sehen wir uns wieder!«
    Ich stand, vor mich hinschauend und denkend, Mariechen kam zurück und
reichte mir ein Blatt, mit dem Vermelden, es sei dasselbige, wovon gesprochen.
Ich erkannte sogleich Wilhelms Handschrift, so wie vorhin seine Person aus der
Beschreibung mir entgegengetreten war; mancherlei fremde Gesichter schwärmten um
mich her, es war eine eigene Bewegung im Vorhause. Und dann ist es ein
widerwärtiges Gefühl, aus dem Entusiasmus einer reinen Wiedererkennung, aus der
Überzeugung dankbaren Erinnerns, der Anerkennung einer wunderbaren Lebensfolge
und was alles Warmes und Schönes dabei in uns entwickelt werden mag, auf einmal
zu der schroffen Wirklichkeit einer zerstreuten Alltäglichkeit zurückgeführt zu
werden.
    Diesmal war der Freitagabend überhaupt nicht so heiter und lustig, wie er
sonst wohl sein mochte; der Faktor war nicht mit dem Marktschiff aus der Stadt
zurückgekehrt, er meldete nur in einem Briefe, dass ihn Geschäfte erst morgen
oder übermorgen zurückgehen liessen; er werde mit anderer Gelegenheit kommen,
auch alles Bestellte und Versprochene mitbringen. Die Nachbarn, welche, jung und
alt, in Erwartung wie gewöhnlich zusammengekommen waren, machten verdriessliche
Gesichter, Lieschen besonders, die ihm entgegengegangen war, schien sehr übler
Laune.
    Ich hatte mich in mein Zimmer geflüchtet, das Blatt in der Hand haltend,
ohne hineinzusehen, denn es hatte mir schon heimlichen Verdruss gemacht, aus
jener Erzählung zu vernehmen, dass Wilhelm die Verbindung beschleunigt habe.
»Alle Freunde sind so, alle sind Diplomaten; statt unser Vertrauen redlich zu
erwidern, folgen sie ihren Ansichten, durchkreuzen unsre Wünsche und missleiten
unser Schicksal!« So rief ich aus, doch kam ich bald von meiner Ungerechtigkeit
zurück, gab dem Freunde recht, besonders die jetzige Stellung bedenkend, und
entielt mich nicht weiter, das folgende zu lesen.
»Jeder Mensch findet sich von den frühsten Momenten seines Lebens an, erst
unbewusst, dann halb, endlich ganz bewusst, immerfort bedingt, begrenzt in seiner
Stellung, weil aber niemand Zweck und Ziel seines Daseins kennt, vielmehr das
Geheimnis desselben von höchster Hand verborgen wird, so tastet er nur, greift
zu, lässt fahren, steht stille, bewegt sich, zaudert und übereilt sich, und auf
wie mancherlei Weise denn alle Irrtümer entstehen, die uns verwirren.«
»Sogar der Besonnenste ist im täglichen Weltleben genötigt, klug für den
Augenblick zu sein, und gelangt deswegen im allgemeinen zu keiner Klarheit.
Selten weiss er sicher, wohin er sich in der Folge zu wenden und was er
eigentlich zu tun und zu lassen habe.«
»Glücklicherweise sind alle diese und noch hundert andere wundersame Fragen
durch euren unaufhaltsam tätigen Lebensgang beantwortet. Fahrt fort in
unmittelbarer Beachtung der Pflicht des Tages und prüft dabei die Reinheit eures
Herzens und die Sicherheit eures Geistes. Wenn ihr sodann in freier Stunde
aufatmet und euch zu erheben Raum findet, so gewinnt ihr auch gewiss eine
richtige Stellung gegen das Erhabene, dem wir uns auf jede Weise verehrend
hinzugeben, jedes Ereignis mit Ehrfurcht zu betrachten und eine höhere Leitung
darin zu erkennen haben.«
                                                              Sonnabend, den 20.
Vertieft in Gedanken, auf deren wunderlichen Irrgängen mich eine fühlende Seele
teilnehmend gern begleiten wird, war ich mit Tagesanbruch am See auf und ab
spaziert; die Hausfrau - ich fühlte mich sehr zufrieden, sie nicht als Witwe
denken zu dürfen - zeigte sich erwünscht erst am Fenster, dann an der Türe; sie
erzählte mir: der Vater habe gut geschlafen, sei heiter aufgewacht und habe mit
deutlichen Worten eröffnet, dass er im Bette bleiben, mich heute nicht, morgen
aber erst nach dem Gottesdienste zu sehen wünsche, wo er sich gewiss recht
gestärkt fühlen werde. Sie sagte mir darauf, dass sie mich heute viel werde
allein lassen; es sei für sie ein sehr beschäftigter Tag, kam herunter und gab
mir Rechenschaft davon.
    Ich hörte ihr zu, nur um sie zu hören, dabei überzeugt' ich mich, dass sie
von der Sache durchdrungen, davon als einer herkömmlichen Pflicht angezogen und
mit Willen beschäftigt schien. Sie fahr fort: »Es ist gewöhnlich und
eingerichtet, dass das Gewebe gegen das Ende der Woche fertig sei und am
Sonnabendnachmittag zu dem Verlagsherrn getragen werde, der solches durchsieht,
misst und wägt, um zu erforschen, ob die Arbeit ordentlich und fehlerfrei, auch
ob ihm an Gewicht und Mass das Gehörige eingeliefert worden, und, wenn alles
richtig befunden ist, sodann den verabredeten Weberlohn zahlt. Seinerseits ist
nun er bemüht, das gewebte Stück von allen etwa anhängenden Fäden und Knoten zu
reinigen, solches aufs zierlichste zu legen, die schönste, fehlerfreiste Seite
oben vors Auge zu bringen und so die Ware höchst annehmlich zu machen.«
    Indessen kamen aus dem Gebirg viele Weberinnen, ihre Ware ins Haus tragend,
worunter ich auch die erblickte, welche unsern Geschirrfasser beschäftigte. Sie
dankte mir gar lieblich für das zurückgelassene Geschenk und erzählte mit Anmut:
der Herr Geschirrfasser sei bei ihnen, arbeite heute an ihrem leerstehenden
Weberstuhl und habe ihr beim Abschied versichert: was er an ihm tue, solle Frau
Susanne gleich der Arbeit ansehen. Darauf ging sie, wie die übrigen, ins Haus,
und ich konnte mich nicht entalten, die liebe Wirtin zu fragen: »Um 's Himmels
willen! wie kommen Sie zu dem wunderlichen Namen?« - »Es ist«, versetzte sie,
»der dritte, den man mir aufbürdet; ich liess es gerne zu, weil meine
Schwiegereltern es wünschten, denn es war der Name ihrer verstorbenen Tochter,
an deren Stelle sie mich eintreten liessen, und der Name bleibt doch immer der
schönste, lebendigste Stellvertreter der Person.« Darauf versetzte ich: »Ein
vierter ist schon gefunden, ich würde Sie Gute-Schöne nennen, insofern es von
mir abhinge.« Sie machte eine gar lieblich demütige Verbeugung und wusste ihr
Entzücken über die Genesung des Vaters mit der Freude, mich wiederzusehen, so zu
verbinden und zu steigern, dass ich in meinem Leben nichts Schmeichelhafteres und
Erfreulicheres glaubte gehört und gefühlt zu haben.
    Die Schöne-Gute, doppelt und dreifach ins Haus zurückgerufen, übergab mich
einem verständigen, unterrichteten Manne, der mir die Merkwürdigkeiten des
Gebirgs zeigen sollte. Wir gingen zusammen, bei schönstem Wetter, durch reich
abwechselnde Gegenden. Aber man überzeugt sich wohl, dass weder Fels noch Wald,
noch Wassersturz, noch weniger Mühlen und Schmiedewerkstatt, sogar künstlich
genug in Holz arbeitende Familien mir irgendeine Aufmerksamkeit abgewinnen
konnten. Indessen war der Wandergang für den ganzen Tag angelegt, der Bote trug
ein feines Frühstück im Ränzel, zu Mittag fanden wir ein gutes Essen im
Zechenhause eines Bergwerks, wo niemand recht aus mir klug werden konnte, indem
tüchtigen Menschen nichts leidiger vorkommt als ein leeres, Teilnahme
heuchelndes Unteilnehmen.
    Am wenigsten aber begriff mich der Bote, an welchen eigentlich der
Garnträger mich gewiesen hatte, mit grossem Lob meiner schönen technischen
Kenntnisse und des besonderen Interesses an solchen Dingen. Auch von meinem
vielen Aufschreiben und Bemerken hatte jener gute Mann erzählt, worauf sich denn
der Berggenoss gleichfalls eingerichtet hatte. Lange wartete mein Begleiter, dass
ich meine Schreibtafel hervorholen sollte, nach welcher er denn auch endlich,
einigermassen ungeduldig, fragte.
                                                                Sonntag, den 21.
Mittag kam beinahe herbei, eh' ich die Freundin wieder ansichtig werden konnte.
Der Hausgottesdienst, bei dem sie mich nicht gegenwärtig wünschte, war indessen
gehalten; der Vater hatte demselben beigewohnt und, die erbaulichsten Worte
deutlich und vernehmlich sprechend, alle Anwesenden und sie selbst bis zu den
herzlichsten Tränen gerührt. »Es waren«, sagte sie, »bekannte Sprüche, Reime,
Ausdrücke und Wendungen, die ich hundertmal gehört und als an hohlen Klängen
mich geärgert hatte; diesmal flossen sie aber so herzlich zusammengeschmolzen,
ruhig glühend, von Schlacken rein, wie wir das erweichte Metall in der Rinne
hinfliessen sehen. Es war mir angst und bange, er möchte sich in diesen
Ergiessungen aufzehren, jedoch liess er sich ganz munter zu Bette führen; er
wollte, sagte er, sich sammeln und den Gast, sobald er Kraft genug fühle, zu
sich rufen lassen.«
    Nach Tische ward unser Gespräch lebhafter und vertraulicher, aber
ebendeshalb konnte ich mehr empfinden und bemerken, dass sie etwas zurückhielt,
dass sie mit beunruhigenden Gedanken kämpfte, wie es ihr auch nicht ganz gelang,
ihr Gesicht zu erheitern. Nachdem ich hin und her versucht, sie zur Sprache zu
bringen, so gestand ich aufrichtig, dass ich ihr eine gewisse Schwermut, einen
Ausdruck von Sorge anzusehen glaubte, seien es häusliche oder
Handelsbedrängnisse, sie solle sich mir eröffnen; ich wäre reich genug, eine
alte Schuld ihr auf jede Weise abzutragen.
    Sie verneinte lächelnd, dass dies der Fall sei. »Ich habe«, fuhr sie fort,
»wie Sie zuerst hereintraten, einen von denen Herren zu sehen geglaubt, die mir
in Triest Kredit machen, und war mit mir selbst wohl zufrieden, als ich mein
Geld vorrätig wusste, man mochte die ganze Summe oder einen Teil verlangen. Was
mich aber drückt, ist doch eine Handelssorge, leider nicht für den Augenblick,
nein! für alle Zukunft. Das überhandnehmende Maschinenwesen quält und ängstigt
mich, es wälzt sich heran wie ein Gewitter, langsam, langsam; aber es hat seine
Richtung genommen, es wird kommen und treffen. Schon mein Gatte war von diesem
traurigen Gefühl durchdrungen. Man denkt daran, man spricht davon, und weder
Denken noch Reden kann Hülfe bringen. Und wer möchte sich solche Schrecknisse
gern vergegenwärtigen! Denken Sie, dass viele Täler sich durchs Gebirg schlingen,
wie das, wodurch Sie herabkamen; noch schwebt Ihnen das hübsche, frohe Leben
vor, das Sie diese Tage her dort gesehen, wovon Ihnen die geputzte Menge
allseits andringend gestern das erfreulichste Zeugnis gab; denken Sie, wie das
nach und nach zusammensinken absterben, die Öde, durch Jahrhunderte belebt und
bevölkert, wieder in ihre uralte Einsamkeit zurückfallen werde.
    Hier bleibt nur ein doppelter Weg, einer so traurig wie der andere: entweder
selbst das Neue zu ergreifen und das Verderben zu beschleunigen, oder
aufzubrechen, die Besten und Würdigsten mit sich fort zu ziehen und ein
günstigeres Schicksal jenseits der Meere zu suchen. Eins wie das andere hat sein
Bedenken, aber wer hilft uns die Gründe abwägen, die uns bestimmen sollen? Ich
weiss recht gut, dass man in der Nähe mit dem Gedanken umgeht, selbst Maschinen zu
errichten und die Nahrung der Menge an sich zu reissen. Ich kann niemanden
verdenken, dass er sich für seinen eigenen Nächsten hält; aber ich käme mir
verächtlich vor, sollt' ich diese guten Menschen plündern und sie zuletzt arm
und hülflos wandern sehen; und wandern müssen sie früh oder spat. Sie ahnen, sie
wissen, sie sagen es, und niemand entschliesst sich zu irgendeinem heilsamen
Schritte. Und doch, woher soll der Entschluss kommen? wird er nicht jedermann
ebensosehr erschwert als mir?
    Mein Bräutigam war mit mir entschlossen zum Auswandern; er besprach sich oft
über Mittel und Wege, sich hier loszuwinden. Er sah sich nach den Besseren um,
die man um sich versammeln, mit denen man gemeine Sache machen, die man an sich
heranziehen, mit sich fortziehen könnte; wir sehnten uns, mit vielleicht allzu
jugendlicher Hoffnung, in solche Gegenden, wo dasjenige für Pflicht und Recht
gelten könnte, was hier ein Verbrechen wäre. Nun bin ich im entgegengesetzten
Falle: der redliche Gehülfe, der mir nach meines Gatten Tode geblieben,
trefflich in jedem Sinne, mir freundschaftlich liebevoll anhänglich, er ist ganz
der entgegengesetzten Meinung.
    Ich muss Ihnen von ihm sprechen, eh' Sie ihn gesehen haben; lieber hätt' ich
es nachher getan, weil die persönliche Gegenwart gar manches Rätsel aufschliesst.
Ungefähr von gleichem Alter wie mein Gatte, schloss er sich als kleiner, armer
Knabe an den wohlhabenden, wohlwollenden Gespielen, an die Familie, an das Haus,
an das Gewerbe; sie wuchsen zusammen heran und hielten zusammen, und doch waren
es zwei ganz verschiedene Naturen; der eine frei gesinnt und mitteilend, der
andere in früherer Jugend gedrückt, verschlossen, den geringsten ergriffenen
Besitz festaltend, zwar frommer Gesinnung, aber mehr an sich als an andere
denkend.
    Ich weiss recht gut, dass er von den ersten Zeiten her ein Auge auf mich
richtete, er durfte es wohl, denn ich war ärmer als er; doch hielt er sich
zurück, sobald er die Neigung des Freundes zu mir bemerkte. Durch anhaltenden
Fleiss, Tätigkeit und Treue machte er sich bald zum Mitgenossen des Gewerbes.
Mein Gatte hatte heimlich den Gedanken, bei unserer Auswanderung diesen hier
einzusetzen und ihm das Zurückgelassene anzuvertrauen. Bald nach dem Tode des
Trefflichen näherte er sich mir, und vor einiger Zeit verhielt er nicht, dass er
sich um meine Hand bewerbe. Nun tritt aber der doppelt wunderliche Umstand ein,
dass er sich von jeher gegen das Auswandern erklärte und dagegen eifrig betreibt,
wir sollen auch Maschinen anlegen. Seine Gründe freilich sind dringend, denn in
unsern Gebirgen hauset ein Mann, der, wenn er, unsere einfacheren Werkzeuge
vernachlässigend, zusammengesetztere sich erbauen wollte, uns zugrunde richten
könnte. Dieser in seinem Fache sehr geschickte Mann - wir nennen ihn den
Geschirrfasser - ist einer wohlhabenden Familie in der Nachbarschaft anhänglich,
und man darf wohl glauben, dass er im Sinne hat, von jenen steigenden Erfindungen
für sich und seine Begünstigten nützlichen Gebrauch zu machen. Gegen die Gründe
meines Gehülfen ist nichts einzuwenden, denn schon ist gewissermassen zu viel
Zeit versäumt, und gewinnen jene den Vorrang, so müssen wir, und zwar mit
Unstatten, doch das gleiche tun. Dieses ist, was mich ängstigt und quält, das
ist's, was Sie mir, teuerster Mann, als einen Schutzengel erscheinen lässt.«
    Ich hatte wenig Tröstliches hierauf zu erwidern, ich musste den Fall so
verwickelt finden, dass ich mir Bedenkzeit ausbat. Sie aber fuhr fort: »Ich habe
noch manches zu eröffnen, damit meine Lage Ihnen noch mehr wundersam erscheine.
Der junge Mann, dem ich persönlich nicht abgeneigt bin, der mir aber keineswegs
meinen Gatten ersetzen noch meine eigentliche Neigung erwerben würde« - sie
seufzte, indem sie dies sprach -, »wird seit einiger Zeit entschieden
dringender, seine Vorträge sind so liebevoll als verständig. Die Notwendigkeit,
meine Hand ihm zu reichen, die Unklugheit, an eine Auswanderung zu denken und
darüber das einzige wahre Mittel der Selbsterhaltung zu versäumen, sind nicht zu
widerlegen, und es scheint ihm mein Widerstreben, meine Grille des Auswanderns
so wenig mit meinem übrigen haushältischen Sinn übereinzustimmen, dass ich bei
einem letzten, etwas heftigen Gespräch die Vermutung bemerken konnte, meine
Neigung müsse wo anders gefesselt sein.« - Sie brachte das letzte nur mit
einigem Stocken hervor und blickte vor sich nieder.
    Was mir bei diesen Worten durch die Seele fuhr, denke jeder, und doch, bei
blitzschnell nachfahrender Überlegung, musst' ich fühlen, dass jedes Wort die
Verwirrung nur vermehren würde. Doch ward ich zugleich, so vor ihr stehend, mir
deutlich bewusst, dass ich sie im höchsten Grade liebgewonnen habe und nun alles,
was in mir von vernünftiger, verständiger Kraft übrig war, aufzuwenden hatte, um
ihr nicht sogleich meine Hand anzubieten. Mag sie doch, dachte ich, alles hinter
sich lassen, wenn sie mir folgt! Doch die Leiden vergangener Jahre hielten mich
zurück. Sollst du eine neue falsche Hoffnung hegen, um lebenslänglich daran zu
büssen?
    Wir hatten beide eine Zeitlang geschwiegen, als Lieschen, die ich nicht
hatte herankommen sehen, überraschend vor uns trat und die Erlaubnis verlangte,
auf dem nächsten Hammerwerke diesen Abend zuzubringen. Ohne Bedenken ward es
gewährt. Ich hatte mich indessen zusammengenommen und fing an, im allgemeinen zu
erzählen: wie ich auf meinen Reisen das alles längst herankommen gesehen, wie
Trieb und Notwendigkeit des Auswanderns jeden Tag sich vermehre; doch bleibe ein
solches Abenteuer immer das Gefährlichste. Unvorbereitetes Wegeilen bringe
unglückliche Wiederkehr; kein anderes Unternehmen bedürfe so viel Vorsicht und
Leitung als ein solches. Diese Betrachtung war ihr nicht fremd, sie hatte viel
über alle Verhältnisse gedacht, aber zuletzt sprach sie mit einem tiefen
Seufzer: »Ich habe diese Tage Ihres Hierseins immer gehofft, durch vertrauliche
Erzählung Trost zu gewinnen, aber ich fühle mich übler gestellt als vorher, ich
fühle recht tief, wie unglücklich ich bin.« Sie hob den Blick nach mir, aber die
aus den schönen, guten Augen ausquellenden Tränen zu verbergen, wendete sie sich
um und entfernte sich einige Schritte.
    Ich will mich nicht entschuldigen, aber der Wunsch, diese herrliche Seele,
wo nicht zu trösten, doch zu zerstreuen gab mir den Gedanken ein, ihr von der
wundersamen Vereinigung mehrerer Wandernden und Scheidenden zu sprechen, in die
ich schon seit einiger Zeit getreten war. Unversehens hatte ich schon so weit
mich herausgelassen, dass ich kaum hätte zurückhalten können, als ich gewahrte,
wie unvorsichtig mein Vertrauen gewesen sein mochte. Sie beruhigte sich,
staunte, erheiterte, entfaltete ihr ganzes Wesen und fragte mit solcher Neigung
und Klugheit, dass ich ihr nicht mehr ausweichen, dass ich ihr alles bekennen
musste.
    Gretchen trat vor uns und sagte: wir möchten zum Vater kommen! Das Mädchen
schien sehr nachdenklich und verdriesslich. Zur Weggehenden sagte die
Schöne-Gute: »Lieschen hat Urlaub für heut abend, besorge du die Geschäfte.« -
»Ihr hättet ihn nicht geben sollen«, versetzte Gretchen, »sie stiftet nichts
Gutes; Ihr seht dem Schalk mehr nach, als billig, vertraut ihr mehr, als recht
ist. Eben jetzt erfahr' ich, sie hat ihm gestern einen Brief geschrieben; Euer
Gespräch hat sie behorcht, jetzt geht sie ihm entgegen.«
    Ein Kind, das indessen beim Vater geblieben war, bat mich, zu eilen, der
gute Mann sei unruhig. Wir traten hinein; heiter, ja verklärt sass er aufrecht im
Bette. »Kinder«, sagte er, »ich habe diese Stunden im anhaltenden Gebet
vollbracht, keiner von allen Dank-und Lobgesängen Davids ist von mir unberührt
geblieben, und ich füge hinzu, aus eignem Sinne mit gestärktem Glauben: Warum
hofft der Mensch nur in die Nähe? da muss er handeln und sich helfen, in die
Ferne soll er hoffen und Gott vertrauen.« Er fasste Lenardos Hand und so die Hand
der Tochter, und beide ineinander legend sprach er: »Das soll kein irdisches, es
soll ein himmlisches Band sein; wie Bruder und Schwester liebt, vertraut, nützt
und helft einander, so uneigennützig und rein, wie euch Gott helfe.« Als er dies
gesagt, sank er zurück mit himmlischem Lächeln und war heimgegangen. Die Tochter
stürzte vor dem Bett nieder, Lenardo neben sie, ihre Wangen berührten sich, ihre
Tränen vereinigten sich auf seiner Hand.
    Der Gehülfe rennt in diesem Augenblick herein, erstarrt über der Szene. Mit
wildem Blick, die schwarzen Locken schüttelnd, ruft der wohlgestaltete Jüngling:
»Er ist tot; in dem Augenblick, da ich seine wiederhergestellte Sprache dringend
anrufen wollte, mein Schicksal, das Schicksal seiner Tochter zu entscheiden, des
Wesens, das ich nächst Gott am meisten liebe, dem ich ein gesundes Herz
wünschte, ein Herz, das den Wert meiner Neigung fühlen könnte. Für mich ist sie
verloren, sie kniet neben einem andern! Hat er euch eingesegnet? gesteht's nur!«
    Das herrliche Wesen war indessen aufgestanden, Lenardo hatte sich erhoben
und erholt; sie sprach: »Ich erkenn' Euch nicht mehr, den sanften, frommen, auf
einmal so verwilderten Mann; wisst Ihr doch, wie ich Euch danke, wie ich von Euch
denke.«
    »Von Danken und Denken ist hier die Rede nicht«, versetzte jener gefasst,
»hier handelt sich's vom Glück oder Unglück meines Lebens. Dieser fremde Mann
macht mich besorgt; wie ich ihn ansehe, getrau' ich mich nicht, ihn aufzuwiegen;
frühere Rechte zu verdrängen, frühere Verbindungen zu lösen vermag ich nicht.«
    »Sobald du wieder in dich selbst zurücktreten kannst«, sagte die Gute,
schöner als je, »wenn mit dir zu sprechen ist wie sonst und immer, so will ich
dir sagen, dir beteuern bei den irdischen Resten meines verklärten Vaters, dass
ich zu diesem Herrn und Freunde kein ander Verständnis habe, als das du kennen,
billigen und teilen kannst und dessen du dich erfreuen musst.«
    Lenardo schauderte bis tief ins Innerste, alle drei standen still, stumm und
nachdenkend eine Weile; der Jüngling nahm zuerst das Wort und sagte: »Der
Augenblick ist von zu grosser Bedeutung, als dass er nicht entscheidend sein
sollte. Es ist nicht aus dem Stegreif, was ich spreche, ich habe Zeit gehabt zu
denken, also vernehmt: Die Ursache, deine Hand mir zu verweigern, war meine
Weigerung, dir zu folgen, wenn du aus Not oder Grille wandern würdest. Hier also
erklär' ich feierlich vor diesem gültigen Zeugen, dass ich deinem Auswandern kein
Hindernis in den Weg legen, vielmehr es befördern und dir überallhin folgen
will. Gegen diese mir nicht abgenötigte, sondern nur durch die seltsamsten
Umstände beschleunigte Erklärung verlang' ich aber im Augenblick deine Hand.« Er
reichte sie hin, stand fest und sicher da, die beiden andern wichen überrascht,
unwillkürlich zurück.
    »Es ist ausgesprochen«, sagte der Jüngling, ruhig mit einer gewissen frommen
Hoheit: »das sollte geschehen, es ist zu unser aller Bestem, Gott hat es
gewollt; aber damit du nicht denkst, es sei Übereilung und Grille, so wisse nur,
ich hatte dir zulieb auf Berg und Felsen Verzicht getan und eben jetzt in der
Stadt alles eingeleitet, um nach deinem Willen zu leben. Nun aber geh' ich
allein, du wirst mir die Mittel dazu nicht versagen, du behältst noch immer
genug übrig, um es hier zu verlieren, wie du fürchtest und wie du recht hast zu
fürchten. Denn ich habe mich endlich auch überzeugt: der künstliche, werktätige
Schelm hat sich ins obere Tal gewendet, dort legt er Maschinen an, du wirst ihn
alle Nahrung an sich ziehen sehen, vielleicht rufst du, und nur allzubald, einen
treuen Freund zurück, den du vertreibst.«
    Peinlicher haben nicht leicht drei Menschen sich gegenübergestanden, alle
zusammen in Furcht, sich einander zu verlieren, und im Augenblick nicht wissend,
wie sie sich wechselseitig erhalten sollten.
    Leidenschaftlich entschlossen stürzte der Jüngling zur Türe hinaus. Auf
ihres Vaters erkaltete Brust hatte die Schöne-Gute ihre Hand gelegt: »In die
Nähe soll man nicht hoffen«, rief sie aus, »aber in die Ferne, das war sein
letzter Segen. Vertrauen wir Gott, jeder sich selbst und dem andern, so wird
sich's wohl fügen.«
 
                              Vierzehntes Kapitel
Unser Freund las mit grossem Anteil das Vorgelegte, musste aber zugleich gestehen,
er habe schon beim Schluss des vorigen Heftes geahnet, ja vermutet, das gute
Wesen sei entdeckt worden. Die Beschreibung der schroffen Gebirgsgegend habe ihn
zuerst in jene Zustände versetzt, besonders aber sei er durch die Ahnung
Lenardos in jener Mondennacht, so auch durch die Wiederholung der Worte seines
Briefes auf die Spur geleitet worden. Friedrich, dem er das alles umständlich
vortrug, liess sich es auch ganz wohl gefallen.
    Hier aber wird die Pflicht des Mitteilens, Darstellens, Ausführens und
Zusammenziehens immer schwieriger. Wer fühlt nicht, dass wir uns diesmal dem Ende
nähern, wo die Furcht, in Umständlichkeiten zu verweilen, mit dem Wunsche,
nichts völlig unerörtert zu lassen, uns in Zwiespalt versetzt. Durch die eben
angekommene Depesche wurden wir zwar von manchem unterrichtet, die Briefe jedoch
und die vielfachen Beilagen entielten verschiedene Dinge, gerade nicht von
allgemeinem Interesse. Wir sind also gesonnen, dasjenige, was wir damals gewusst
und erfahren, ferner auch das, was später zu unserer Kenntnis kam,
zusammenzufassen und in diesem Sinne das übernommene ernste Geschäft eines
treuen Referenten getrost abzuschliessen.
    Vor allen Dingen haben wir daher zu berichten, dass Lotario mit Teresen,
seiner Gemahlin, und Natalien, die ihren Bruder nicht von sich lassen wollte, in
Begleitung des Abbés schon wirklich zur See gegangen sind. Unter günstigen
Vorbedeutungen reisten sie ab, und hoffentlich bläht ein fördernder Wind ihre
Segel. Die einzige unangenehme Empfindung, eine wahre sittliche Trauer, nehmen
sie mit: dass sie Makarien vorher nicht ihren Besuch abstatten konnten. Der Umweg
war zu gross, das Unternehmen zu bedeutend; schon warf man sich einige Zögerung
vor und musste selbst eine heilige Pflicht der Notwendigkeit aufopfern.
    Wir aber, von unserer erzählenden und darstellenden Seite, sollten diese
teuren Personen, die uns früher so viele Neigung abgewonnen, nicht in so weite
Entfernung ziehen lassen, ohne von ihrem bisherigen Vornehmen und Tun nähere
Nachricht erteilt zu haben, besonders da wir so lange nichts Ausführliches von
ihnen vernommen. Gleichwohl unterlassen wir dieses, weil ihr bisheriges Geschäft
sich nur vorbereitend auf das grosse Unternehmen bezog, auf welches wir sie
lossteuern sehen. Wir leben jedoch in der Hoffnung, sie dereinst in voller
geregelter Tätigkeit, den wahren Wert ihrer verschiedenen Charaktere
offenbarend, vergnüglich wiederzufinden.
    Juliette, die Sinnige-Gute, deren wir uns wohl noch erinnern, hatte
geheiratet, einen Mann nach dem Herzen des Oheims, durchaus in seinem Sinne mit-
und fortwirkend. Juliette war in der letzten Zeit viel um die Tante, wo manche
derjenigen zusammentrafen, auf die sie wohltätigen Einfluss gehabt; nicht nur
solche, die dem festen Lande gewidmet bleiben, auch solche, die über See zu
gehen gedenken. Lenardo hingegen hatte schon früher mit Friedrichen Abschied
genommen; die Mitteilung durch Boten war unter diesen desto lebhafter.
    Vermisste man also in dem Verzeichnisse der Gäste jene edlen Obengenannten,
so waren doch manche bedeutende, uns schon näher bekannte Personen darauf zu
finden. Hilarie kam mit ihrem Gatten, der nun als Hauptmann und entschieden
reicher Gutsbesitzer auftrat. Sie in ihrer grossen Anmut und Liebenswürdigkeit
gewann sich hier wie überall gar gern Verzeihung einer allzu grossen
Leichtigkeit, von Interesse zu Interesse übergehend zu wechseln, deren wir sie
im Lauf der Erzählung schuldig gefunden. Besonders die Männer rechneten es ihr
nicht hoch an. Einen dergleichen Fehler, wenn es einer ist, finden sie nicht
anstössig, weil ein jeder wünschen und hoffen mag, auch an die Reihe zu kommen.
    Flavio, ihr Gemahl, rüstig, munter und liebenswürdig genug, schien
vollkommen ihre Neigung zu fesseln; sie mochte sich das Vergangene selbst
verziehen haben; auch fand Makarie keinen Anlass, dessen zu erwähnen. Er, der
immer leidenschaftliche Dichter, bat sich aus, beim Abschiede ein Gedicht
vorlesen zu dürfen, welches er zu Ehren ihrer und ihrer Umgebung in den wenigen
Tagen seines Hierseins verfasste. Man sah ihn oft im Freien auf und ab gehen,
nach einigem Stillstand mit bewegter Gebärde wieder vorwärts schreitend in die
Schreibtafel schreiben, sinnen und wieder schreiben. Nun aber schien er es für
vollendet zu halten, als er durch Angela jenen Wunsch zu erkennen gab.
    Die gute Dame, obgleich ungern, verstand sich hiezu, und es liess sich
allenfalls anhören, ob man gleich dadurch weiter nichts erfuhr, als was man
schon wusste, nichts fühlte, als was man schon gefühlt hatte. Indessen war denn
doch der Vortrag leicht und gefällig, Wendung und Reim mitunter neu, wenn man es
auch hätte im ganzen etwas kürzer wünschen mögen. Zuletzt übergab er dasselbe,
auf gerändertes Papier sehr schön geschrieben, und man schied mit vollkommener
wechselseitiger Zufriedenheit.
    Dieses Paar war von einer bedeutenden, wohlgenutzten Reise nach dem Süden
zurückgekommen, um den Vater, den Major, von Hause abzulösen, der mit jener
Unwiderstehlichen, die nun seine Gemahlin geworden, auch etwas von der
paradiesischen Luft zu einiger Erquickung einatmen wollte.
    Diese beiden kamen denn auch, im Wechsel, und so wie überall hatte bei
Makarien die Merkwürdige auch vorzügliche Gunst, welche sich besonders darin
erwies, dass die Dame in den innern Zimmern und allein empfangen wurde, welche
Geneigteit auch nachher dem Major zuteil ward. Dieser empfahl sich darauf
sogleich als gebildeter Militär, guter Haus- und Landwirt, Literaturfreund,
sogar als Lehrdichter beifallswürdig und fand bei dem Astronomen und sonstigen
Hausgenossen guten Eingang.
    Auch von unserm alten Herrn, dem würdigen Oheim, ward er besonders
ausgezeichnet, welcher, in mässiger Ferne wohnend, diesmal mehr, als er sonst
pflegte, obgleich nur für Stunden, herüberkam, aber keine Nacht, auch bei
angebotener grössten Bequemlichkeit, zu bleiben bewogen werden konnte.
    Bei solchen kurzen Zusammenkünften war seine Gegenwart jedoch höchst
erfreulich, weil er sodann, als Welt- und Hofmann, nachgiebig und vermittelnd
auftreten wollte; wobei denn sogar ein Zug von aristokratischer Pedanterie nicht
unangenehm empfunden wurde. Überdem ging diesmal sein Behagen von Grund aus, er
war glücklich, wie wir uns alle fühlen, wenn wir mit verständig-vernünftigen
Leuten Wichtiges zu verhandeln haben. Das umfassende Geschäft war völlig im
Gange, es bewegte sich stetig nach gepflogener Verabredung.
    Hievon nur die Hauptmomente. Er ist drüben über dem Meere, von seinen
Vorfahren her, Eigentümer. Was das heissen wolle, möge der Kenner dortiger
Angelegenheiten, da es uns hier zu weit führen müsste, seinen Freunden näher
erklären. Diese wichtigen Besitzungen waren bisher verpachtet und trugen, bei
mancherlei Unannehmlichkeiten, wenig ein. Die Gesellschaft, die wir genugsam
kennen, ist nun berechtigt, dort Besitz zu nehmen, mitten in der vollkommensten
bürgerlichen Einrichtung, von da sie als einflussreiches Staatsglied ihren
Vorteil ersehen und sich in die noch unangebaute Wüste fern verbreiten kann.
Hier nun will sich Friedrich mit Lenardo besonders hervortun, um zu zeigen, wie
man eigentlich von vorn beginnen und einen Naturweg einschlagen könne.
    Kaum hatten sich die Genannten von ihrem Aufentalte höchst zufrieden
entfernt, so waren dagegen Gäste ganz anderer Art angemeldet und doch auch
willkommen. Wir erwarteten wohl kaum, Philinen und Lydien an so heiliger Stätte
auftreten zu sehen, und doch kamen sie an. Der zunächst in den Gebirgen noch
immer weilende Montan sollte sie hier abholen und auf dem nächsten Wege zur See
bringen. Beide wurden von Haushälterinnen, Schaffnerinnen, sonst angestellten
und mitwohnenden Frauen sehr gut aufgenommen: Philine brachte ein paar
allerliebste Kinder mit und zeichnete sich, bei einer einfachen, sehr reizenden
Kleidung, aus durch das Sonderbare, dass sie von blumig gesticktem Gürtel herab
an langer silberner Kette eine mässig grosse englische Schere trug, mit der sie
manchmal, gleichsam als wollte sie ihrem Gespräch einigen Nachdruck geben, in
die Luft schnitt und schnippte und durch einen solchen Akt die sämtlichen
Anwesenden erheiterte; worauf denn bald die Frage folgte: ob es denn in einer so
grossen Familie nichts zuzuschneiden gebe? und da fand sich denn, dass, erwünscht
für eine solche Tätigkeit, ein paar Bräute sollten ausgestattet werden. Sie
sieht hierauf die Landestracht an, lässt die Mädchen vor sich auf und ab gehen
und schneidet immer zu, wobei sie aber, mit Geist und Geschmack verfahrend, ohne
dem Charakter einer solchen Tracht etwas zu benehmen, das eigentlich stockende
Barbarische derselben mit einer Anmut zu vermitteln weiss, so gelind, dass die
Bekleideten sich und andern besser gefallen und die Bangigkeit überwinden, man
möge von dem Herkömmlichen doch abgewichen sein.
    Hier kam nun Lydie, die mit gleicher Fertigkeit, Zierlichkeit und Schnelle
zu nähen verstand, vollkommen zu Hülfe, und man durfte hoffen, mit dem übrigen
weiblichen Beistand die Bräute schneller, als man gedacht hatte, herausgeputzt
zu sehen. dabei durften sich diese Mädchen nicht lange entfernen, Philine
beschäftigte sich mit ihnen bis aufs kleinste und behandelte sie wie Puppen oder
Teaterstatisten. Gehäufte Bänder und sonstiger in der Nachbarschaft üblicher
Festschmuck wurde schicklich verteilt, und so erreichte man zuletzt, dass diese
tüchtigen Körper und hübschen Figuren, sonst durch barbarische Pedanterei
zugedeckt, nunmehr zu einiger Evidenz gelangten, wobei alle Derbheit doch immer
zu einiger Anmut herausgestutzt erschien.
    Allzu tätige Personen werden aber doch in einem gleichmässig geregelten
Zustande lästig. Philine war mit ihrer gefrässigen Schere in die Zimmer geraten,
wo die Vorräte zu Kleidern für die grosse Familie, in Stoffen aller Art, zur Hand
lagen. Da fand sie nun in der Aussicht, das alles zu zerschneiden, die grösste
Glückseligkeit; man musste sie wirklich daraus entfernen und die Türen fest
verschliessen, denn sie kannte weder Mass noch Ziel. Angela wollte wirklich
deshalb nicht als Braut behandelt sein, weil sie sich vor einer solchen
Zuschneiderin fürchtete; überhaupt liess sich das Verhältnis zwischen beiden
keineswegs glücklich einleiten. Doch hievon kann erst später die Rede sein.
    Montan, länger als man gedacht hatte, zauderte zu kommen, und Philine drang
darauf, Makarien vorgestellt zu werden. Es geschah, weil man sie alsdann um
desto eher loszuwerden hoffte, und es war merkwürdig genug, die beiden
Sünderinnen zu den Füssen der Heiligen zu sehen. Zu beiden Seiten lagen sie ihr
an den Knieen, Philine zwischen ihren zwei Kindern, die sie lebhaft anmutig
niederdrückte; mit gewohnter Heiterkeit sprach sie: »Ich liebe meinen Mann,
meine Kinder, beschäftige mich gern für sie, auch für andere, das übrige
verzeihst du!« Makarie begrüsste sie segnend, sie entfernte sich mit anständiger
Beugung.
    Lydie lag von der linken Seite her der Heiligen mit dem Gesicht auf dem
Schosse, weinte bitterlich und konnte kein Wort sprechen; Makarie, ihre Tränen
auffassend, klopfte ihr auf die Schulter als beschwichtigend, dann küsste sie ihr
Haupt zwischen den gescheitelten Haaren, wie es vor ihr lag, brünstig und
wiederholt in frommer Absicht.
    Lydie richtete sich auf, erst auf ihre Kniee, dann auf die Füsse, und schaute
zu ihrer Wohltäterin mit reiner Heiterkeit. »Wie geschieht mir!« sagte sie, »wie
ist mir! Der schwere, lästige Druck, der mir, wo nicht alle Besinnung, doch
alles Überlegen raubte, er ist auf einmal von meinem Haupte weggehoben, ich kann
nun frei in die Höhe sehen, meine Gedanken in die Höhe richten, und«, setzte sie
nach tiefem Atemholen hinzu, »ich glaube, mein Herz will nach.«
    In diesem Augenblicke eröffnete sich die Türe, und Montan trat herein, wie
öfters der allzu lang Erwartete plötzlich und unverhofft erscheint. Lydie
schritt munter auf ihn zu, umarmte ihn freudig, und indem sie ihn vor Makarien
führte, rief sie aus: »Er soll erfahren, was er dieser Göttlichen schuldig ist,
und sich mit mir dankend niederwerfen.«
    Montan, betroffen und, gegen seine Gewohnheit, gewissermassen verlegen, sagte
mit edler Verbeugung gegen die würdige Dame: »Es scheint sehr viel zu sein, denn
ich werde dich ihr schuldig. Es ist das erstemal, dass du mir offen und liebevoll
entgegenkommst, das erstemal, dass du mich ans Herz drückst, ob ich es gleich
längst verdiente.«
    Hier nun müssen wir vertraulich eröffnen, dass Montan Lydien von ihrer frühen
Jugend an geliebt, dass der einnehmendere Lotario sie ihm entführt, er aber ihr
und dem Freunde treu geblieben und sie sich endlich, vielleicht zu nicht
geringer Verwunderung unserer früheren Leser, als Gattin zugeeignet habe.
    Diese drei zusammen, welche sich in der europäischen Gesellschaft doch nicht
ganz behaglich fühlen mochten, mässigten kaum den Ausdruck ihrer Freude, wenn von
den dort erwarteten Zuständen die Rede war. Die Schere Philinens zuckte schon:
denn man gedachte sich das Monopol vorzubehalten, diese neuen Kolonien mit
Kleidungsstücken zu versorgen. Philine beschrieb den grossen Tuch- und
Leinwandvorrat sehr artig und schnitt in die Luft, die Ernte für Sichel und
Sense, wie sie sagte, schon vor sich sehend.
    Lydie dagegen, erst durch jene glücklichen Segnungen zu teilnehmender Liebe
wieder auferwacht, sah im Geiste schon ihre Schülerinnen sich ins Hundertfache
vermehren und ein ganzes Volk von Hausfrauen zu Genauigkeit und Zierlichkeit
eingeleitet und aufgeregt. Auch der ernste Montan hat die dortige Bergfülle an
Blei, Kupfer, Eisen und Steinkohlen dergestalt vor Augen, dass er alle sein
Wissen und Können manchmal nur für ängstlich tastendes Versuchen erklären
möchte, um erst dort in eine reiche, belohnende Ernte mutig einzugreifen.
    Dass Montan sich mit unserm Astronomen bald verstehen würde, war
vorauszusehen. Die Gespräche, die sie in Gegenwart Makariens führten, waren
höchst anziehend; wir finden aber nur weniges davon niedergeschrieben, indem
Angela seit einiger Zeit beim Zuhören minder aufmerksam und beim Aufzeichnen
nachlässiger geworden war. Auch mochte ihr manches zu allgemein und für ein
Frauenzimmer nicht fasslich genug vorkommen. Wir schalten daher nur einige der in
jene Tage gehörigen Äusserungen hier vorübergehend ein, die nicht einmal von
ihrer Hand geschrieben uns zugekommen sind.
Bei dem Studieren der Wissenschaften, besonders derer, welche die Natur
behandeln, ist die Untersuchung so nötig als schwer: ob das, was uns von alters
her überliefert und von unsern Vorfahren für gültig geachtet worden, auch
wirklich gegründet und zuverlässig sei, in dem Grade, dass man darauf fernerhin
sicher fortbauen möge? oder ob ein herkömmliches Bekenntnis nur stationär
geworden und deshalb mehr einen Stillstand als einen Fortschritt veranlasse? Ein
Kennzeichen fördert diese Untersuchung, wenn nämlich das Angenommene lebendig
und in das tätige Bestreben einwirkend und fördernd gewesen und geblieben.
    Im Gegensatze steht die Prüfung des Neuen, wo man zu fragen hat: ob das
Angenommene wirklicher Gewinn oder nur modische Übereinstimmung sei? denn eine
Meinung, von energischen Männern ausgehend, verbreitet sich kontagios über die
Menge, und dann heisst sie herrschend - eine Anmassung, die für den treuen
Forscher gar keinen Sinn ausspricht. Staat und Kirche mögen allenfalls Ursache
finden, sich für herrschend zu erklären: denn die haben es mit der
widerspenstigen Masse zu tun, und wenn nur Ordnung gehalten wird, so ist es ganz
einerlei, durch welche Mittel; aber in den Wissenschaften ist die absoluteste
Freiheit nötig: denn da wirkt man nicht für heut und morgen, sondern für eine
undenklich vorschreitende Zeitenreihe.
    Gewinnt aber auch in der Wissenschaft das Falsche die Oberhand, so wird doch
immer eine Minorität für das Wahre übrigbleiben, und wenn sie sich in einen
einzigen Geist zurückzöge, so hätte das nichts zu sagen. Er wird im stillen, im
verborgenen fortwaltend wirken, und eine Zeit wird kommen, wo man nach ihm und
seinen Überzeugungen fragt, oder wo diese sich, bei verbreitetem allgemeinem
Licht, auch wieder hervorwagen dürfen.
    Was jedoch weniger allgemein, obgleich unbegreiflich und wunderseltsam, zur
Sprache kam, war die gelegentliche Eröffnung Montans, dass ihm bei seinen
gebirgischen und bergmännischen Untersuchungen eine Person zur Seite gehe,
welche ganz wundersame Eigenschaften und einen ganz eigenen Bezug auf alles
habe, was man Gestein, Mineral, ja sogar was man überhaupt Element nennen könne.
Sie fühle nicht bloss eine gewisse Einwirkung der unterirdisch fliessenden Wasser,
metallischer Lager und Gänge, sowie der Steinkohlen und was dergleichen in
Massen beisammen sein möchte, sondern, was wunderbarer sei, sie befinde sich
anders und wieder anders, sobald sie nur den Boden wechsele. Die verschiedenen
Gebirgsarten übten auf sie einen besondern Einfluss, worüber er sich mit ihr,
seitdem er eine zwar wunderliche, aber doch auslangende Sprache einzuleiten
gewusst, recht gut verständigen und sie im einzelnen prüfen könne, da sie denn
auf eine merkwürdige Weise die Probe bestehe, indem sie sowohl chemische als
physische Elemente durchs Gefühl gar wohl zu unterscheiden wisse, ja sogar schon
durch den Anblick das Schwerere von dem Leichtern unterscheide. Diese Person,
über deren Geschlecht er sich nicht näher erklären wollte, habe er mit den
abreisenden Freunden vorausgeschickt und hoffe zu seinen Zwecken in den
ununtersuchten Gegenden sehr viel von ihr.
    Dieses Vertrauen Montans eröffnete das strenge Herz des Astronomen, welcher
sodann mit Makariens Vergünstigung auch ihm das Verhältnis derselben zum
Weltsystem offenbarte. Durch nachherige Mitteilungen des Astronomen sind wir in
dem Fall, wo nicht Genugsames, doch das Hauptsächliche ihrer Unterhaltungen über
so wichtige Punkte mitzuteilen.
    Bewundern wir indessen die Ähnlichkeit der hier eintretenden Fälle bei der
grössten Verschiedenheit. Der eine Freund, um nicht ein Timon zu werden, hatte
sich in die tiefsten Klüfte der Erde versenkt, und auch dort ward er gewahr, dass
in der Menschennatur etwas Analoges zum Starrsten und Rohsten vorhanden sei; dem
andern gab von der Gegenseite der Geist Makariens ein Beispiel, dass, wie dort
das Verbleiben, hier das Entfernen wohlbegabten Naturen eigen sei, dass man weder
nötig habe, bis zum Mittelpunkt der Erde zu dringen, noch sich über die Grenzen
unsres Sonnensystems hinaus zu entfernen, sondern schon genüglich beschäftigt
und vorzüglich auf Tat aufmerksam gemacht und zu ihr berufen werde. An und in
dem Boden findet man für die höchsten irdischen Bedürfnisse das Material, eine
Welt des Stoffes, den höchsten Fähigkeiten des Menschen zur Bearbeitung
übergeben; aber auf jenem geistigen Wege werden immer Teilnahme, Liebe,
geregelte freie Wirksamkeit gefunden. Diese beiden Welten gegeneinander zu
bewegen, ihre beiderseitigen Eigenschaften in der vorübergehenden
Lebenserscheinung zu manifestieren, das ist die höchste Gestalt, wozu sich der
Mensch auszubilden hat.
    Hierauf schlossen beide Freunde einen Bund und nahmen sich vor, ihre
Erfahrungen allenfalls auch nicht zu verheimlichen, weil derjenige, der sie als
einem Roman wohl ziemende Märchen belächeln könnte, sie doch immer als ein
Gleichnis des Wünschenswertesten betrachten dürfte.
    Der Abschied Montans und seiner Frauenzimmer folgte bald hierauf, und wenn
man ihn mit Lydien wohl noch gern gehalten hätte, so war doch die allzu unruhige
Philine mehreren an Ruhe und Sitte gewohnten Frauenzimmern, besonders aber der
edlen Angela beschwerlich, wozu sich noch besondere Umstände hinzufügten, welche
die Unbehaglichkeit vermehrten.
    Schon oben hatten wir zu bemerken, dass Angela nicht wie sonst die Pflicht
des Aufmerkens und Aufzeichnens erfüllte, sondern anderwärts beschäftigt schien.
Um diese Anomalie an einer der Ordnung dergestalt ergebenen und in den reinsten
Kreisen sich bewegenden Person zu erklären, sind wir genötigt, einen neuen
Mitspieler in dieses vielumfassende Drama noch zuletzt einzuführen.
    Unser alter, geprüfter Handelsfreund Werner musste sich bei zunehmenden, ja
gleichsam ins Unendliche sich vermehrenden Geschäften nach frischen Gehülfen
umsehen, welche er nicht ohne vorläufige besondere Prüfung näher an sich
anschloss. Einen solchen sendet er nun an Makarien, um wegen Auszahlung der
bedeutenden Summen zu unterhandeln, welche diese Dame aus ihrem grossen Vermögen
dem neuen Unternehmen, besonders in Rücksicht auf Lenardo, ihren Liebling,
zuzuwenden beschloss und erklärte. Gedachter junger Mann, nunmehr Werners Gehülfe
und Geselle, ein frischer, natürlicher Jüngling und eine Wundererscheinung,
empfiehlt sich durch ein eignes Talent, durch eine grenzenlose Fertigkeit im
Kopfrechnen, wie überall, so besonders bei den Unternehmern, wie sie jetzt
zusammenwirken, da sie sich durchaus mit Zahlen im mannigfaltigsten Sinne einer
Gesellschaftsrechnung beschäftigen und ausgleichen müssen. Sogar in der
täglichen Sozietät, wo beim Hin-und Widerreden über weltliche Dinge von Zahlen,
Summen und Ausgleichungen die Rede ist, muss ein solcher höchst willkommen mit
einwirken. Überdem spielte er den Flügel höchst anmutig, wo ihm der Kalkül und
ein liebenswürdiges Naturell verbunden und vereint äusserst wünschenswert zu
Hülfe kommt. Die Töne fliessen ihm leicht und harmonisch zusammen, manchmal aber
deutet er an, dass er auch wohl in tiefern Regionen zu Hause wäre, und so wird er
höchst anziehend, wenn er gleich wenig Worte macht und kaum irgend etwas
Gefühltes aus seinen Gesprächen durchblickt. Auf alle Fälle ist er jünger als
seine Jahre, man möchte beinahe etwas Kindliches an ihm finden. Wie es übrigens
auch mit ihm sei, er hat Angelas Gunst gewonnen, sie die seinige, zu Makariens
grösster Zufriedenheit: denn sie hatte längst gewünscht, das edle Mädchen
verheiratet zu sehen.
    Diese jedoch, immer bedenkend und fühlend, wie schwer ihre Stelle zu
besetzen sein werde, hatte wohl schon irgendein liebevolles Anerbieten
abgelehnt, vielleicht sogar einer stillen Neigung Gewalt angetan; seitdem aber
eine Nachfolgerin denkbar, ja gewissermassen schon bestimmt worden, scheint sie,
von einem wohlgefälligen Eindruck überrascht, ihm bis zur Leidenschaft
nachgegeben zu haben.
    Wir aber kommen nunmehr in den Fall, das Wichtigste zu eröffnen, indem ja
alles, worüber seit so mancher Zeit die Rede gewesen, sich nach und nach
gebildet, aufgelöst und wieder gestaltet hatte.
    Entschieden ist also auch nunmehr, dass die Schöne-Gute, sonst das nussbraune
Mädchen genannt, sich Makarien zur Seite füge. Der im allgemeinen vorgelegte,
auch von Lenardo schon gebilligte Plan ist seiner Ausführung ganz nah; alle
Teilnehmenden sind einig; die Schöne-Gute übergibt dem Gehülfen ihr ganzes
Besitztum. Er heiratet die zweite Tochter jener arbeitsamen Familie und wird
Schwager des Schirrfassers. Hiedurch wird die vollkommene Einrichtung einer
neuen Fabrikation durch Lokal und Zusammenwirkung möglich, und die Bewohner des
arbeitslustigen Tales werden auf eine andere, lebhaftere Weise beschäftigt.
    Dadurch wird die Liebenswürdige frei, sie tritt bei Makarien an die Stelle
von Angela, welche mit jenem jungen Manne schon verlobt ist. Hiemit wäre alles
für den Augenblick berichtet; was nicht entschieden werden kann, bleibt im
Schweben.
    Nun aber verlangt die Schöne-Gute, dass Wilhelm sie abhole; gewisse Umstände
sind noch zu berichtigen, und sie legt bloss einen grossen Wert darauf, dass er
das, was er doch eigentlich angefangen, auch vollende. Er entdeckte sie zuerst,
und ein wundersam Geschick trieb Lenardo auf seine Spur; und nun soll er, so
wünscht sie, ihr den Abschied von dort erleichtern und so die Freude, die
Beruhigung empfinden, einen Teil der verschränkten Schicksalsfäden selbst wieder
aufgefasst und angeknüpft zu haben.
    Nun aber müssen wir, um das Geistliche, das Gemütliche zu einer Art von
Vollständigkeit zu bringen, auch ein Geheimeres offenbaren, und zwar folgendes:
Lenardo hatte über eine nähere Verbindung mit der Schönen-Guten niemals das
mindeste geäussert; im Laufe der Unterhandlungen aber, bei dem vielen Hin-und
Widersenden war denn doch auf eine zarte Weise an ihr geforscht worden, wie sie
dies Verhältnis ansehe und was sie, wenn es zur Sprache käme, allenfalls zu tun
geneigt wäre. Aus ihrem Erwidern konnte man sich so viel zusammensetzen: sie
fühle sich nicht wert, einer solchen Neigung wie der ihres edlen Freundes durch
Hingebung ihres geteilten Selbst zu antworten. Ein Wohlwollen der Art verdiene
die ganze Seele, das ganze Vermögen eines weiblichen Wesens; dies aber könne sie
nicht anbieten. Das Andenken ihres Bräutigams, ihres Gatten und der
wechselseitigen Einigung beider sei noch so lebhaft in ihr, nehme noch ihr
ganzes Wesen dergestalt völlig ein, dass für Liebe und Leidenschaft kein Raum
gedenkbar, auch ihr nur das reinste Wohlwollen und in diesem Falle die
vollkommenste Dankbarkeit übrig bleibe. Man beruhigte sich hiebei, und da
Lenardo die Angelegenheit nicht berührt hatte, war es auch nicht nötig, hierüber
Auskunft und Antwort zu geben.
    Einige allgemeine Betrachtungen werden hoffentlich hier am rechten Orte
stehen. Das Verhältnis sämtlicher vorübergehenden Personen zu Makarien war
vertraulich und ehrfurchtsvoll, alle fühlten die Gegenwart eines höheren Wesens,
und doch blieb in solcher Gegenwart einem jeden die Freiheit, ganz in seiner
eigenen Natur zu erscheinen. Jeder zeigt sich, wie er ist, mehr als je vor
Eltern und Freunden, mit einer gewissen Zuversicht, denn er war gelockt und
veranlasst, nur das Gute, das Beste, was an ihm war, an den Tag zu geben, daher
beinah eine allgemeine Zufriedenheit entstand.
    Verschweigen aber können wir nicht, dass durch diese gewissermassen
zerstreuenden Zustände Makarie mit der Lage Lenardos beschäftigt blieb; sie
äusserte sich auch darüber gegen ihre Nächsten, gegen Angela und den Astronomen.
Lenardos Inneres glaubten sie deutlich vor sich zu sehen, er ist für den
Augenblick beruhigt, der Gegenstand seiner Sorge wird höchst glücklich
gesichert; Makarie hatte für die Zukunft auf jeden Fall gesorgt. Nun hatte er
das grosse Geschäft mutig anzutreten und zu beginnen, das übrige dem Folgegang
und Schicksal zu überlassen. dabei konnte man vermuten, dass er in jenen
Unternehmungen hauptsächlich gestärkt sei durch den Gedanken, sie dereinst, wenn
er Fuss gefasst, hinüber zu berufen, wo nicht gar selbst abzuholen.
    Allgemeiner Bemerkungen konnte man hiebei sich nicht entalten. Man
beachtete näher den seltenen Fall, der sich hier hervortat: Leidenschaft aus
Gewissen. Man gedachte zugleich anderer Beispiele einer wundersamen Umbildung
einmal gefasster Eindrücke, der geheimnisvollen Entwickelung angeborner Neigung
und Sehnsucht. Man bedauerte, dass in solchen Fällen wenig zu raten sei, würde es
aber höchst rätlich finden, sich möglichst klar zu halten und diesem oder jenem
Hang nicht unbedingt nachzugeben.
    Zu diesem Punkte aber gelangt, können wir der Versuchung nicht widerstehen,
ein Blatt aus unsern Archiven mitzuteilen, welches Makarien betrifft und die
besondere Eigenschaft, die ihrem Geiste erteilt ward. Leider ist dieser Aufsatz
erst lange Zeit, nachdem der Inhalt mitgeteilt worden, aus dem Gedächtnis
geschrieben und nicht, wie es in einem so merkwürdigen Fall wünschenswert wäre,
für ganz autentisch anzusehen. Dem sei aber, wie ihm wolle, so wird hier schon
so viel mitgeteilt, um Nachdenken zu erregen und Aufmerksamkeit zu empfehlen, ob
nicht irgendwo schon etwas Ähnliches oder sich Annäherndes bemerkt und
verzeichnet worden.
 
                              Funfzehntes Kapitel
Makarie befindet sich zu unserm Sonnensystem in einem Verhältnis, welches man
auszusprechen kaum wagen darf. Im Geiste, der Seele, der Einbildungskraft hegt
sie, schaut sie es nicht nur, sondern sie macht gleichsam einen Teil desselben;
sie sieht sich in jenen himmlischen Kreisen mit fortgezogen, aber auf eine ganz
eigene Art; sie wandelt seit ihrer Kindheit um die Sonne, und zwar, wie nun
entdeckt ist, in einer Spirale, sich immer mehr vom Mittelpunkt entfernend und
nach den äusseren Regionen hinkreisend.
    Wenn man annehmen darf, dass die Wesen, insofern sie körperlich sind, nach
dem Zentrum, insofern sie geistig sind, nach der Peripherie streben, so gehört
unsere Freundin zu den geistigsten; sie scheint nur geboren, um sich von dem
Irdischen zu entbinden, um die nächsten und fernsten Räume des Daseins zu
durchdringen. Diese Eigenschaft, so herrlich sie ist, ward ihr doch seit den
frühsten Jahren als eine schwere Aufgabe verliehen. Sie erinnert sich von klein
auf ihr inneres Selbst als von leuchtendem Wesen durchdrungen, von einem Licht
erhellt, welchem sogar das hellste Sonnenlicht nichts anhaben konnte. Oft sah
sie zwei Sonnen, eine innere nämlich und eine aussen am Himmel, zwei Monde, wovon
der äussere in seiner Grösse bei allen Phasen sich gleich blieb, der innere sich
immer mehr und mehr verminderte.
    Diese Gabe zog ihren Anteil ab von gewöhnlichen Dingen, aber ihre
trefflichen Eltern wendeten alles auf ihre Bildung; alle Fähigkeiten wurden an
ihr lebendig, alle Tätigkeiten wirksam, dergestalt dass sie allen äusseren
Verhältnissen zu genügen wusste und, indem ihr Herz, ihr Geist ganz von
überirdischen Gesichten erfüllt war, doch ihr Tun und Handeln immerfort dem
edelsten Sittlichen gemäss blieb. Wie sie heranwuchs, überall hülfreich,
unaufhaltsam in grossen und kleinen Diensten, wandelte sie wie ein Engel Gottes
auf Erden, indem ihr geistiges Ganze sich zwar um die Weltsonne, aber nach dem
Überweltlichen in stetig zunehmenden Kreisen bewegte.
    Die Überfülle dieses Zustandes ward einigermassen dadurch gemildert, dass es
auch in ihr zu tagen und zu nachten schien, da sie denn, bei gedämpftem innerem
Licht, äussere Pflichten auf das treuste zu erfüllen strebte, bei frisch
aufleuchtendem Innerem sich der seligsten Ruhe hingab. Ja sie will bemerkt
haben, dass eine Art von Wolken sie von Zeit zu Zeit umschwebten und ihr den
Anblick der himmlischen Genossen auf eine Zeitlang umdämmerten, eine Epoche, die
sie stets zu Wohl und Freude ihrer Umgebungen zu benutzen wusste.
    Solange sie die Anschauungen geheimhielt, gehörte viel dazu, sie zu
ertragen; was sie davon offenbarte, wurde nicht anerkannt oder missdeutet, sie
liess es daher in ihrem langen Leben nach aussen als Krankheit gelten, und so
spricht man in der Familie noch immer davon; zuletzt aber hat ihr das gute Glück
den Mann zugeführt, den ihr bei uns seht, als Arzt, Matematiker und Astronom
gleich schätzbar, durchaus ein edler Mensch, der sich jedoch erst eigentlich aus
Neugierde zu ihr heranfand. Als sie aber Vertrauen gegen ihn gewann, ihm nach
und nach ihre Zustände beschrieben, das Gegenwärtige ans Vergangene
angeschlossen und in die Ereignisse einen Zusammenhang gebracht hatte, ward er
so von der Erscheinung eingenommen, dass er sich nicht mehr von ihr trennen
konnte, sondern Tag für Tag stets tiefer in das Geheimnis einzudringen
trachtete.
    Im Anfange, wie er nicht undeutlich zu verstehen gab, hielt er es für
Täuschung; denn sie leugnete nicht, dass von der ersten Jugend an sie sich um die
Stern- und Himmelskunde fleissig bekümmert habe, dass sie darin wohl unterrichtet
worden und keine Gelegenheit versäumt, sich durch Maschinen und Bücher den
Weltbau immer mehr zu versinnlichen. Deshalb er sich denn nicht ausreden liess,
es sei angelernt. Die Wirkung einer in hohem Grad geregelten Einbildungskraft,
der Einfluss des Gedächtnisses sei zu vermuten, eine Mitwirkung der Urteilskraft,
besonders aber eines versteckten Kalküls.
    Er ist ein Matematiker und also hartnäckig, ein heller Geist und also
ungläubig; er wehrte sich lange, bemerkte jedoch, was sie angab, genau, suchte
der Folge verschiedener Jahre beizukommen, wunderte sich besonders über die
neusten, mit dem gegenseitigen Stande der Himmelslichter übereintreffenden
Angaben und rief endlich aus: »Nun warum sollte Gott und die Natur nicht auch
eine lebendige Armillarsphäre, ein geistiges Räderwerk erschaffen und
einrichten, dass es, wie ja die Uhren uns täglich und stündlich leisten, dem Gang
der Gestirne von selbst auf eigne Weise zu folgen imstande wäre?«
    Hier aber wagen wir nicht, weiter zu gehen; denn das Unglaubliche verliert
seinen Wert, wenn man es näher im einzelnen beschauen will. Doch sagen wir
soviel: Dasjenige, was zur Grundlage der anzustellenden Berechnungen diente, war
folgendes: Ihr, der Seherin, erschien unsere Sonne in der Vision um vieles
kleiner, als sie solche bei Tage erblickte, auch gab eine ungewöhnliche Stellung
dieses höheren Himmelslichtes im Tierkreise Anlass zu Folgerungen.
    Dagegen entstanden Zweifel und Irrungen, weil die Schauende ein und das
andere Gestirn andeutete als gleichfalls in dem Zodiak erscheinend, von dem man
aber am Himmel nichts gewahr werden konnte. Es mochten die damals noch
unentdeckten kleinen Planeten sein. Denn aus andern Angaben liess sich schliessen,
dass sie, längst über die Bahn des Mars hinaus, der Bahn des Jupiter sich nähere.
Offenbar hatte sie eine Zeitlang diesen Planeten, es wäre schwer zu sagen in
welcher Entfernung, mit Staunen in seiner ungeheuren Herrlichkeit betrachtet und
das Spiel seiner Monde um ihn her geschaut; hernach aber ihn auf die
wunderseltsamste Weise als abnehmenden Mond gesehen, und zwar umgewendet, wie
uns der wachsende Mond erscheint. Daraus wurde geschlossen, dass sie ihn von der
Seite sehe und wirklich im Begriff sei, über dessen Bahn hinauszuschreiten und
in dem unendlichen Raum dem Saturn entgegenzustreben. Dortin folgt ihr keine
Einbildungskraft, aber wir hoffen, dass eine solche Entelechie sich nicht ganz
aus unserm Sonnensystem entfernen, sondern, wenn sie an die Grenze desselben
gelangt ist, sich wieder zurücksehnen werde, um zugunsten unsrer Urenkel in das
irdische Leben und Wohltun wieder einzuwirken.
    Indem wir nun diese äterische Dichtung, Verzeihung hoffend, hiemit
beschliessen, wenden wir uns wieder zu jenem terrestrischen Märchen, wovon wir
oben eine vorübergehende Andeutung gegeben.
    Montan hatte mit dem grössten Anschein von Ehrlichkeit angegeben: jene
wunderbare Person, welche mit ihren Gefühlen den Unterschied der irdischen
Stoffe so wohl zu bezeichnen wisse, sei schon mit den ersten Wanderern in die
weite Ferne gezogen, welches jedoch dem aufmerksamen Menschenkenner durchaus
hätte sollen unwahrscheinlich dünken. Denn wie wollte Montan und seinesgleichen
eine so bereite Wünschelrute von der Seite gelassen haben? Auch ward kurz nach
seiner Abreise durch Hin- und Widerreden und sonderbare Erzählungen der unteren
Hausbedienten hierüber ein Verdacht allmählich rege. Philine nämlich und Lydie
hatten eine Dritte mitgebracht, unter dem Vorwand, es sei eine Dienerin, wozu
sie sich aber gar nicht zu schicken schien; wie sie denn auch beim An- und
Auskleiden der Herrinnen niemals gefordert wurde. Ihre einfache Tracht kleidete
den derben, wohlgebauten Körper gar schicklich, deutete aber, so wie die ganze
Person, auf etwas Ländliches. Ihr Betragen, ohne roh zu sein, zeigte keine
gesellige Bildung, wovon die Kammermädchen immer die Karikatur darzustellen
pflegen. Auch fand sie gar bald unter der Dienerschaft ihren Platz; sie gesellte
sich zu den Garten- und Feldgenossen, ergriff den Spaten und arbeitete für zwei
bis drei. Nahm sie den Rechen, so flog er auf das geschickteste über das
aufgewühlte Erdreich, und die weiteste Fläche glich einem wohlgeebneten Beete.
Übrigens hielt sie sich still und gewann gar bald die allgemeine Gunst. Sie
erzählten sich von ihr: man habe sie oft das Werkzeug niederlegen und
querfeldein über Stock und Steine springen sehen, auf eine versteckte Quelle zu,
wo sie ihren Durst gelöscht. Diesen Gebrauch habe sie täglich wiederholt, indem
sie von irgendeinem Punkte aus, wo sie gestanden, immer ein oder das andere rein
ausfliessende Wasser zu finden gewusst, wenn sie dessen bedurfte.
    Und so war denn doch für Montans Angeben ein Zeugnis zurückgeblieben, der
wahrscheinlich, um lästige Versuche und unzulängliches Probieren zu vermeiden,
die Gegenwart einer so merkwürdigen Person vor seinen edlen Wirten, welche sonst
wohl ein solches Zutrauen verdient hätten, zu verheimlichen beschloss. Wir aber
wollten, was uns bekannt geworden, auch unvollständig wie es vorliegt,
mitgeteilt haben, um forschende Männer auf ähnliche Fälle, die sich vielleicht
öfter, als man glaubt, durch irgendeine Andeutung hervortun, freundlich
aufmerksam zu machen.
 
                              Sechzehntes Kapitel
Der Amtmann jenes Schlosses, das wir noch vor kurzem durch unsere Wanderer
belebt gesehen, von Natur tätig und gewandt, den Vorteil seiner Herrschaft und
seinen eignen immer vor Augen habend, sass nunmehr vergnügt, Rechnungen und
Berichte auszufertigen, wodurch er die seinem Bezirk während der Anwesenheit
jener Gäste zugegangenen grossen Vorteile mit einiger Selbstgefälligkeit
vorzutragen und auseinanderzusetzen sich bemühte. Allein dieses war nach seiner
eigenen Überzeugung nur das Geringste; er hatte bemerkt, was für grosse Wirkungen
von tätigen, geschickten, freisinnigen und kühnen Menschen ausgehen. Die einen
hatten Abschied genommen, über das Meer zu setzen, die andern, um auf dem festen
Lande ihr Unterkommen zu finden; nun ward er noch ein drittes heimliches
Verhältnis gewahr, wovon er alsobald Nutzen zu ziehen den Entschluss fasste.
    Beim Abschied zeigte sich, was man hätte voraussagen und wissen können, dass
von den jungen, rüstigen Männern sich gar mancher mit den hübschen Kindern des
Dorfs und der Gegend mehr oder weniger befreundet hatte. Nur einige bewiesen Mut
genug, als Odoardo mit den Seinigen abging, sich als entschieden Bleibende zu
erklären; von Lenardos Auswanderern war keiner geblieben, aber von diesen
letztern beteuerten verschiedene, in kurzer Zeit zurückkehren und sich ansiedeln
zu wollen, wenn man ihnen einigermassen ein hinreichendes Auskommen und
Sicherheit für die Zukunft gewähren könne.
    Der Amtmann, welcher die sämtliche Persönlichkeit und die häuslichen
Umstände seiner ihm untergebenen kleinen Völkerschaft ganz genau kannte, lachte
heimlich als ein wahrer Egoist über das Ereignis, dass man so grosse Anstalten und
Aufwand mache, um über dem Meer und im Mittellande sich frei und tätig zu
erweisen, und doch dabei ihm, der auf seiner Hufe ganz ruhig gesessen, gerade
die grössten Vorteile zu Haus und Hof bringe und ihm Gelegenheit gebe, einige der
Vorzüglichsten zurückzuhalten und bei sich zu versammeln. Seine Gedanken,
ausgeweitet durch die Gegenwart, fanden nichts natürlicher, als dass Liberalität,
wohl angewendet, gar löbliche, nützliche Folgen habe. Er fasste sogleich den
Entschluss, in seinem kleinen Bezirk etwas Ähnliches zu unternehmen.
Glücklicherweise waren wohlhabende Einwohner diesmal gleichsam genötigt, ihre
Töchter den allzu frühen Gatten gesetzmässig zu überlassen. Der Amtmann machte
ihnen einen solchen bürgerlichen Unfall als ein Glück begreiflich, und da es
wirklich ein Glück war, dass gerade die in diesem Sinne brauchbarsten Handwerker
das Los getroffen hatte, so hielt es nicht schwer, die Einleitung zu einer
Möbelfabrik zu machen, die ohne weitläufigen Raum und ohne grosse Umstände nur
Geschicklichkeit und hinreichendes Material verlangt. Das letzte versprach der
Amtmann; Frauen, Raum und Verlag gaben die Bewohner, und Geschicklichkeit
brachten die Einwandernden mit.
    Das alles hatte der gewandte Geschäftsmann schon im stillen, bei Anwesenheit
und im Tumult der Menge, gar wohl überdacht und konnte daher, sobald es um ihn
ruhig ward, gleich zum Werke schreiten.
    Ruhe, aber freilich eine Art Totenruhe, war nach Verlauf dieser Flut über
die Strassen des Orts, über den Hof des Schlosses gekommen, als unsern rechnenden
und berechnenden Geschäftsmann ein hereinsprengender Reiter aufrief und aus
seiner ruhigen Fassung brachte. Des Pferdes Huf klappte freilich nicht, es war
nicht beschlagen, aber der Reiter, der von der Decke herabsprang - er ritt ohne
Sattel und Steigbügel, auch bändigte er das Pferd nur durch eine Trense -, er
rief laut und ungeduldig nach den Bewohnern, nach den Gästen und war
leidenschaftlich verwundert, alles so still und tot zu finden.
    Der Amtsdiener wusste nicht, was er aus dem Ankömmling machen sollte; auf
einen entstandenen Wortwechsel kam der Amtmann selbst hervor und wusste auch
weiter nichts zu sagen, als dass alles weggezogen sei. - »Wohin?« war die rasche
Frage des jungen, lebendigen Ankömmlings. - Mit Gelassenheit bezeichnete der
Amtmann den Weg Lenardos und Odoards, auch eines dritten problematischen Mannes,
den sie teils Wilhelm, teils Meister genannt hätten. Dieser habe sich auf dem
einige Meilen entfernten Flusse eingeschifft, er fahre hinab, erst seinen Sohn
zu besuchen und alsdann ein wichtiges Geschäft weiter zu verfolgen.
    Schon hatte der Jüngling sich wieder aufs Pferd geschwungen und Kenntnis
genommen von dem nächsten Wege zum Flusse hin, als er schon wieder zum Tor
hinaus stürzte und so eilig davonflog, dass dem Amtmann, der oben aus seinen
Fenstern nachschaute, kaum ein verfliegender Staub anzudeuten schien, dass der
verwirrte Reiter den rechten Weg genommen habe.
    Nur eben war der letzte Staub in der Ferne verflogen, und unser Amtmann
wollte sich wieder zu seinem Geschäft niedersetzen, als zum oberen Schlosstor ein
Fussbote hereingesprungen kam und ebenfalls nach der Gesellschaft fragte, der
noch etwas Nachträgliches zu überbringen er eilig abgesendet worden. Er hatte
für sie ein grösseres Paket, daneben aber auch einen einzelnen Brief, adressiert
an Wilhelm genannt Meister, der dem Überbringer von einem jungen Frauenzimmer
besonders auf die Seele gebunden und dessen baldige Bestellung eifrigst
eingeschärft worden war. Leider konnte auch diesem kein anderer Bescheid werden,
als dass er das Nest leer finde und daher seinen Weg eiligst fortsetzen müsse, wo
er sie entweder sämtlich anzutreffen oder eine weitere Anweisung zu finden
hoffen dürfte.
    Den Brief aber selbst, den wir unter den vielen uns anvertrauten Papieren
gleichfalls vorgefunden, dürfen wir, als höchst bedeutend, nicht zurückhalten.
Er war von Hersilien, einem so wunderbaren als liebenswürdigen Frauenzimmer,
welches in unsern Mitteilungen nur selten erscheint, aber bei jedesmaligem
Auftreten gewiss jeden Geistreichen, Feinfühlenden unwiderstehlich angezogen hat.
Auch ist das Schicksal, das sie betrifft, wohl das sonderbarste, das einem
zarten Gemüte widerfahren kann.
 
                              Siebzehntes Kapitel
                              Hersilie an Wilhelm
Ich sass denkend und wüsste nicht zu sagen, was ich dachte. Ein denkendes
Nichtdenken wandelt mich aber manchmal an, es ist eine Art von empfundener
Gleichgültigkeit. Ein Pferd sprengt in den Hof und weckt mich aus meiner Ruhe,
die Türe springt auf, und Felix tritt herein im jugendlichsten Glanze wie ein
kleiner Abgott. Er eilt auf mich zu, will mich umarmen, ich weise ihn zurück; er
scheint gleichgültig, bleibt in einiger Entfernung, und in ungetrübter
Heiterkeit preist er mir das Pferd an, das ihn hergetragen, erzählt von seinen
Übungen, von seinen Freuden umständlich und vertraulich. Die Erinnerung an
ältere Geschichten bringt uns auf das Prachtkästchen, er weiss, dass ich's habe,
und verlangt es zu sehen; ich gebe nach, es war unmöglich zu versagen. Er
betrachtet's, erzählt umständlich, wie er es entdeckt, ich verwirre mich und
verrate, dass ich den Schlüssel besitze. Nun steigt seine Neugier aufs höchste,
auch den will er sehen, nur von ferne. Dringender und liebenswürdiger bitten
konnte man niemand sehen; er bittet wie betend, knieet und bittet mit so
feurigen, holden Augen, mit so süssen, schmeichelnden Worten, und so war ich
wieder verführt. Ich zeigte das Wundergeheimnis von weitem, aber schnell fasste
er meine Hand und entriss ihn und sprang mutwillig zur Seite um einen Tisch
herum.
    »Ich habe nichts vom Kästchen noch vom Schlüssel!« rief er aus; »dein Herz
wünscht' ich zu öffnen, dass es sich mir auftäte, mir entgegenkäme, mich an sich
drückte, mir vergönnte, es an meine Brust zu drücken.« Er war unendlich schön
und liebenswürdig, und wie ich auf ihn zugehen wollte, schob er das Kästchen auf
dem Tisch immer vor sich hin; schon stak der Schlüssel drinnen; er drohte
umzudrehen und drehte wirklich. Das Schlüsselchen war abgebrochen, die äussere
Hälfte fiel auf den Tisch.
    Ich war verwirrter, als man sein kann und sein sollte. Er benützt meine
Unaufmerksamkeit, lässt das Kästchen stehen, fährt auf mich los und fasst mich in
die Arme. Ich rang vergebens, seine Augen näherten sich den meinigen, und es ist
was Schönes, sein eigenes Bild im liebenden Auge zu erblicken. Ich sah's zum
erstenmal, als er seinen Mund lebhaft auf den meinigen drückte. Ich will's nur
gestehen, ich gab ihm seine Küsse zurück, es ist doch sehr schön, einen
Glücklichen zu machen. Ich riss mich los, die Kluft die uns trennt, erschien mir
nur zu deutlich; statt mich zu fassen, überschritt ich das Mass, ich stiess ihn
zürnend weg, meine Verwirrung gab mir Mut und Verstand; ich bedrohte ich schalt
ihn, befahl ihm, nie wieder vor mir zu erscheinen; er glaubte meinem wahrhaften
Ausdruck. »Gut!« sagte er, »so reit' ich in die Welt, bis ich umkomme.« Er warf
sich auf sein Pferd und sprengte weg. Noch halb träumend will ich das Kästchen
verwahren, die Hälfte des Schlüssels lag abgebrochen, ich befand mich in
doppelter und dreifacher Verlegenheit.
O Männer, o Menschen! Werdet ihr denn niemals die Vernunft fortpflanzen? war es
nicht an dem Vater genug, der so viel Unheil anrichtete, bedurft' es noch des
Sohns, um uns unauflöslich zu verwirren?
Diese Bekenntnisse lagen eine Zeitlang bei mir, nun tritt ein sonderbarer
Umstand ein, den ich melden muss, der obiges aufklärt und verdüstert.
Ein alter, dem Oheim sehr werter Goldschmied und Juwelenhändler trifft ein,
zeigt seltsame antiquarische Schätze vor; ich werde veranlasst, das Kästchen zu
bringen, er betrachtet den abgebrochenen Schlüssel und zeigt, was man bisher
übersehen hatte, dass der Bruch nicht rauh, sondern glatt sei. Durch Berührung
fassen die beiden Enden einander an, er zieht den Schlüssel ergänzt heraus, sie
sind magnetisch verbunden, halten einander fest, aber schliessen nur dem
Eingeweihten. Der Mann tritt in einige Entfernung, das Kästchen springt auf, das
er gleich wieder zudrückt: an solche Geheimnisse sei nicht gut rühren, meinte
er.
Meinen unerklärlichen Zustand vergegenwärtigen Sie sich, Gott sei Dank, gewiss
nicht; denn wie wollte man ausserhalb der Verwirrung die Verwirrung erkennen. Das
bedeutende Kästchen steht vor mir, den Schlüssel, der nicht schliesst, hab' ich
in der Hand, jenes wollt' ich gern uneröffnet lassen, wenn dieser mir nur die
nächste Zukunft aufschlösse.
Um mich bekümmern Sie sich eine Weile ja nicht, aber was ich inständig bitte,
flehe, dringend empfehle: forschen Sie nach Felix; ich habe vergebens
umhergesandt, um die Spuren seines Weges aufzufinden. Ich weiss nicht, ob ich den
Tag segnen oder fürchten soll, der uns wieder zusammenführt.
Endlich, endlich! verlangt der Bote seine Abfertigung; man hat ihn lange genug
hier aufgehalten, er soll die Wanderer mit wichtigen Depeschen ereilen. In
dieser Gesellschaft wird er Sie ja auch wohl finden, oder man wird ihn zurecht
weisen. Ich unterdes werde nicht beruhigt sein.
 
                              Achtzehntes Kapitel
Nun gleitete der Kahn, beschienen von heisser Mittagssonne, den Fluss hinab,
gelinde Lüfte kühlten den erwärmten Äter, sanfte Ufer zu beiden Seiten
gewährten einen zwar einfachen, doch behäglichen Anblick. Das Kornfeld näherte
sich dem Strome, und ein guter Boden trat so nah heran, dass ein rauschendes
Wasser, auf irgendeine Stelle sich hinwerfend, das lockere Erdreich gewaltig
angegriffen, fortgerissen und steile Abhänge von bedeutender Höhe sich gebildet
hatten.
    Ganz oben auf dem schroffen Rande einer solchen Steile, wo sonst der
Leinpfad mochte hergegangen sein, sah der Freund einen jungen Mann herantraben,
gut gebaut, von kräftiger Gestalt. Kaum aber wollte man ihn schärfer ins Auge
fassen, als der dort überhangende Rasen losbricht und jener Unglückliche
jählings, Pferd über, Mann unter, ins Wasser stürzt. Hier war nicht Zeit zu
denken, wie und warum, die Schiffer fuhren pfeilschnell dem Strudel zu und
hatten im Augenblick die schöne Beute gefasst. Entseelt scheinend lag der holde
Jüngling im Schiffe, und nach kurzer Überlegung fuhren die gewandten Männer
einem Kiesweidicht zu, das sich mitten im Fluss gebildet hatte. Landen, den
Körper ans Ufer heben, ausziehen und abtrocknen war eins. Noch aber kein Zeichen
des Lebens zu bemerken, die holde Blume hingesenkt in ihren Armen!
    Wilhelm griff sogleich nach der Lanzette, die Ader des Arms zu öffnen; das
Blut sprang reichlich hervor, und mit der schlängelnd anspielenden Welle
vermischt, folgte es gekreiseltem Strome nach. Das Leben kehrte wieder; kaum
hatte der liebevolle Wundarzt nur Zeit, die Binde zu befestigen, als der
Jüngling sich schon mutvoll auf seine Füsse stellte, Wilhelmen scharf ansah und
rief: »Wenn ich leben soll, so sei es mit dir!« Mit diesen Worten fiel er dem
erkennenden und erkannten Retter um den Hals und weinte bitterlich. So standen
sie fest umschlungen, wie Kastor und so Pollux, Brüder, die sich auf dem
Wechselwege vom Orkus zum Licht begegnen.
    Man bat ihn, sich zu beruhigen. Die wackern Männer hatten schon ein bequemes
Lager, halb sonnig, halb schattig, unter leichten Büschen und Zweigen bereitet;
hier lag er nun auf den väterlichen Mantel hingestreckt, der holdeste Jüngling;
braune Locken, schnell getrocknet, rollten sich schon wieder auf, er lächelte
beruhigt und schlief ein. Mit Gefallen sah unser Freund auf ihn herab, indem er
ihn zudeckte. - »Wirst du doch immer aufs neue hervorgebracht, herrlich Ebenbild
Gottes!« rief er aus, »und wirst sogleich wieder beschädigt, verletzt von innen
oder von aussen.« - Der Mantel fiel über ihn her, eine gemässigte Sonnenglut
durchwärmte die Glieder sanft und innigst, seine Wangen röteten sich gesund, er
schien schon völlig wiederhergestellt.
    Die tätigen Männer, einer guten geglückten Handlung und des zu erwartenden
reichlichen Lohns zum voraus sich erfreuend, hatten auf dem heissen Kies die
Kleider des Jünglings schon so gut als getrocknet, um ihn beim Erwachen sogleich
wieder in den gesellig anständigsten Zustand zu versetzen.
 
                              Aus Makariens Archiv
Die Geheimnisse der Lebenspfade darf und kann man nicht offenbaren; es gibt
Steine des Anstosses, über die ein jeder Wanderer stolpern muss. Der Poet aber
deutet auf die Stelle hin.
Es wäre nicht der Mühe wert, siebzig Jahr alt zu werden, wenn alle Weisheit der
Welt Torheit wäre vor Gott.
Das Wahre ist gottähnlich; es erscheint nicht unmittelbar, wir müssen es aus
seinen Manifestationen erraten.
Der echte Schüler lernt aus dem Bekannten das Unbekannte entwickeln und nähert
sich dem Meister.
Aber die Menschen vermögen nicht leicht aus dem Bekannten das Unbekannte zu
entwickeln; denn sie wissen nicht, dass ihr Verstand ebensolche Künste wie die
Natur treibt.
Denn die Götter lehren uns ihr eigenstes Werk nachahmen; doch wissen wir nur,
was wir tun, erkennen aber nicht, was wir nachahmen.
Alles ist gleich, alles ungleich, alles nützlich und schädlich, sprechend und
stumm, vernünftig und unvernünftig. Und was man von einzelnen Dingen bekennt,
widerspricht sich öfters.
Denn das Gesetz haben die Menschen sich selbst auferlegt, ohne zu wissen, über
was sie Gesetze gaben; aber die Natur haben alle Götter geordnet.
Was nun die Menschen gesetzt haben, das will nicht passen, es mag recht oder
unrecht sein; was aber die Götter setzen, das ist immer am Platz, recht oder
unrecht.
Ich aber will zeigen, dass die bekannten Künste der Menschen natürlichen
Begebenheiten gleich sind, die offenbar oder geheim vorgehen.
Von der Art ist die Weissagekunst. Sie erkennet aus dem Offenbaren das
Verborgene, aus dem Gegenwärtigen das Zukünftige, aus dem Toten das Lebendige,
und den Sinn des Sinnlosen.
So erkennt der Unterrichtete immer recht die Natur des Menschen; und der
Ununterrichtete sieht sie bald so, bald so an, und jeder ahmt sie nach seiner
Weise nach.
Wenn ein Mann mit einem Weibe zusammentrifft und ein Knabe entsteht, so wird aus
etwas Bekanntem ein Unbekanntes. Dagegen wenn der dunkle Geist des Knaben die
deutlichen Dinge in sich aufnimmt, so wird er zum Mann und lernt aus dem
Gegenwärtigen das Zukünftige erkennen.
Das Unsterbliche ist nicht dem sterblichen Lebenden zu vergleichen, und doch ist
auch das bloss Lebende verständig. So weiss der Magen recht gut, wenn er hungert
und durstet.
So verhält sich die Wahrsagekunst zur menschlichen Natur. Und beide sind dem
Einsichtsvollen immer recht; dem Beschränkten aber erscheinen sie bald so, bald
so.
In der Schmiede erweicht man das Eisen, indem man das Feuer anbläst und dem
Stabe seine überflüssige Nahrung nimmt; ist er aber rein geworden, dann schlägt
man ihn und zwingt ihn, und durch die Nahrung eines fremden Wassers wird er
wieder stark. Das widerfährt auch dem Menschen von seinem Lehrer.
Da wir überzeugt sind, dass derjenige, der die intellektuelle Welt beschaut und
des wahrhaften Intellekts Schönheit gewahr wird, auch wohl ihren Vater, der über
allen Sinn erhaben ist, bemerken könne, so versuchen wir denn nach Kräften
einzusehen und für uns selbst auszudrücken - insofern sich dergleichen deutlich
machen lässt -, auf welche Weise wir die Schönheit des Geistes und der Welt
anzuschauen vermögen.
Nehmet an daher: zwei steinerne Massen seien nebeneinandergestellt, deren eine
roh und ohne künstliche Bearbeitung geblieben, die andere aber durch die Kunst
zur Statue, einer menschlichen oder göttlichen, ausgebildet worden. Wäre es eine
göttliche, so möchte sie eine Grazie oder Muse vorstellen, wäre es eine
menschliche, so dürfte es nicht ein besonderer Mensch sein, vielmehr
irgendeiner, den die Kunst aus allem Schönen versammelte.
Euch wird aber der Stein, der durch die Kunst zur schönen Gestalt gebracht
worden, alsobald schön erscheinen; doch nicht weil er Stein ist, denn sonst
würde die andere Masse gleichfalls für schön gelten, sondern daher, dass er eine
Gestalt hat, welche die Kunst ihm erteilte.
Die Materie aber hatte eine solche Gestalt nicht, sondern diese war in dem
Ersinnenden früher, als sie zum Stein gelangte. Sie war jedoch in dem Künstler
nicht weil er Augen und Hände hatte, sondern weil er mit der Kunst begabt war.
Also war in der Kunst noch eine weit grössere Schönheit; denn nicht die Gestalt,
die in der Kunst ruhet, gelangt in den Stein, sondern dorten bleibt sie und es
geht indessen eine andere, geringere hervor, die nicht rein in sich selbst
verharret, noch auch wie sie der Künstler wünschte, sondern insofern der Stoff
der Kunst gehorchte.
Wenn aber die Kunst dasjenige, was sie ist und besitzt, auch hervorbringt und
das Schöne nach der Vernunft hervorbringt, nach welcher sie immer handelt, so
ist sie fürwahr diejenige, die mehr und wahrer eine grössere und trefflichere
Schönheit der Kunst besitzt, vollkommener als alles, was nach aussen hervortritt.
Denn indem die Form, in die Materie hervorschreitend, schon ausgedehnt wird, so
wird sie schwächer als jene, welche in Einem verharret. Denn was in sich eine
Entfernung erduldet, tritt von sich selbst weg: Stärke von Stärke, Wärme von
Wärme, Kraft von Kraft; so auch Schönheit von Schönheit. Daher muss das Wirkende
trefflicher sein als das Gewirkte. Denn nicht die Unmusik macht den Musiker,
sondern die Musik, und die übersinnliche Musik bringt die Musik in sinnlichem
Ton hervor.
Wollte aber jemand die Künste verachten, weil sie der Natur nachahmen, so lässt
sich darauf antworten, dass die Naturen auch manches andere nachahmen; dass ferner
die Künste nicht das geradezu nachahmen, was man mit Augen sieht, sondern auf
jenes Vernünftige zurückgehen, aus welchem die Natur bestehet und wornach sie
handelt.
Ferner bringen auch die Künste vieles aus sich selbst hervor und fügen
anderseits manches hinzu, was der Vollkommenheit abgehet, indem sie die
Schönheit in sich selbst haben. So konnte Phidias den Gott bilden, ob er gleich
nichts sinnlich Erblickliches nachahmte, sondern sich einen solchen in den Sinn
fasste, wie Zeus selbst erscheinen würde, wenn er unsern Augen begegnen möchte.
Man kann den Idealisten alter und neuer Zeit nicht verargen, wenn sie so lebhaft
auf Beherzigung des einen dringen, woher alles entspringt und worauf alles
wieder zurückzuführen wäre. Denn freilich ist das belebende und ordnende Prinzip
in der Erscheinung dergestalt bedrängt, dass es sich kaum zu retten weiss. Allein
wir verkürzen uns an der andern Seite wieder, wenn wir das Formende und die
höhere Form selbst in eine vor unserm äussern und innern Sinn verschwindende
Einheit zurückdrängen.
Wir Menschen sind auf Ausdehnung und Bewegung angewiesen; diese beiden
allgemeinen Formen sind es, in welchen sich alle übrigen Formen, besonders die
sinnlichen, offenbaren. Eine geistige Form wird aber keineswegs verkürzt, wenn
sie in der Erscheinung hervortritt, vorausgesetzt dass ihr Hervortreten eine
wahre Zeugung, eine wahre Fortpflanzung sei. Das Gezeugte ist nicht geringer als
das Zeugende, ja es ist der Vorteil lebendiger Zeugung, dass das Gezeugte
vortrefflicher sein kann als das Zeugende.
Dieses weiter auszuführen und vollkommen anschaulich, ja, was mehr ist, durchaus
praktisch zu machen, würde von wichtigem Belang sein. Eine umständliche
folgerechte Ausführung aber möchte den Hörern übergrosse Aufmerksamkeit zumuten.
Was einem angehört, wird man nicht los, und wenn man es wegwürfe.
Die neueste Philosophie unserer westlichen Nachbarn gibt ein Zeugnis, dass der
Mensch, er gebärde sich, wie er wolle, und so auch ganze Nationen immer wieder
zum Angebornen zurückkehren. Und wie wollte das anders sein, da ja dieses seine
Natur und Lebensweise bestimmt.
Die Franzosen haben dem Materialismus entsagt und den Uranfängen etwas mehr
Geist und Leben zuerkannt; sie haben sich vom Sensualismus losgemacht und den
Tiefen der menschlichen Natur eine Entwickelung aus sich selbst eingestanden,
sie lassen in ihr eine produktive Kraft gelten und suchen nicht alle Kunst aus
Nachahmung eines gewahrgewordenen Äussern zu erklären. In solchen Richtungen
mögen sie beharren.
Eine eklektische Philosophie kann es nicht geben, wohl aber eklektische
Philosophen.
Ein Eklektiker aber ist ein jeder, der aus dem, was ihn umgibt, aus dem, was
sich um ihn ereignet, sich dasjenige aneignet, was seiner Natur gemäss ist; und
in diesem Sinne gilt alles, was Bildung und Fortschreitung heisst, teoretisch
oder praktisch genommen.
Zwei eklektische Philosophen könnten demnach die grössten Widersacher werden,
wenn sie, antagonistisch geboren, jeder von seiner Seite sich aus allen
überlieferten Philosophien dasjenige aneignete, was ihm gemäss wäre. Sehe man
doch nur um sich her, so wird man immer finden, dass jeder Mensch auf diese Weise
verfährt und deshalb nicht begreift, warum er andere nicht zu seiner Meinung
bekehren kann.
Sogar ist es selten, dass Jemand im höchsten Alter sich selbst historisch wird
und dass ihm die Mitlebenden historisch werden, so dass er mit niemanden mehr
kontrovertieren mag noch kann.
Besieht man es genauer, so findet sich, dass dem Geschichtschreiber selbst die
Geschichte nicht leicht historisch wird: denn der jedesmalige Schreiber schreibt
immer nur so, als wenn er damals selbst dabei gewesen wäre; nicht aber was
vormals war und damals bewegte. Der Chronikenschreiber selbst deutet nur mehr
oder weniger auf die Beschränkteit, auf die Eigenheiten seiner Stadt, seines
Klosters wie seines Zeitalters.
Verschiedene Sprüche der Alten, die man sich öfters zu wiederholen pflegt,
hatten eine ganz andere Bedeutung, als man ihnen in späteren Zeiten geben
möchte.
Das Wort: es solle kein mit der Geometrie Unbekannter, der Geometrie Fremder in
die Schule des Philosophen treten, heisst nicht etwa, man solle ein Matematiker
sein, um ein Weltweiser zu werden.
Geometrie ist hier in ihren ersten Elementen gedacht, wie sie uns im Euklid
vorliegt und wie wir sie einen jeden Anfänger beginnen lassen. Alsdann aber ist
sie die vollkommenste Vorbereitung, ja Einleitung in die Philosophie.
Wenn der Knabe zu begreifen anfängt, dass einem sichtbaren Punkte ein
unsichtbarer vorhergehen müsse, dass der nächste Weg zwischen zwei Punkten schon
als Linie gedacht werde, ehe sie mit dem Bleistift aufs Papier gezogen wird, so
fühlt er einen gewissen Stolz, ein Behagen. Und nicht mit Unrecht; denn ihm ist
die Quelle alles Denkens aufgeschlossen, Idee und Verwirklichtes, potentia et
actu, ist ihm klar geworden; der Philosoph entdeckt ihm nichts Neues, dem
Geometer war von seiner Seite der Grund alles Denkens aufgegangen.
Nehmen wir sodann das bedeutende Wort vor: Erkenne dich selbst, so müssen wir es
nicht im aszetischen Sinne auslegen. Es ist keineswegs die Heautognosie unserer
modernen Hypochondristen, Humoristen und Heautontimorumenen damit gemeint;
sondern es heisst ganz einfach: Gib einigermassen acht auf dich selbst, nimm Notiz
von dir selbst, damit du gewahr werdest, wie du zu deinesgleichen und der Welt
zu stehen kommst. Hiezu bedarf es keiner psychologischen Quälereien; jeder
tüchtige Mensch weiss und erfährt, was es heissen soll; es ist ein guter Rat, der
einem jeden praktisch zum grössten Vorteil gedeiht.
Man denke sich das Grosse der Alten, vorzüglich der sokratischen Schule, dass sie
Quelle und Richtschnur alles Lebens und Tuns vor Augen stellt, nicht zu leerer
Spekulation, sondern zu Leben und Tat auffordert.
Wenn nun unser Schulunterricht immer auf das Altertum hinweist, das Studium der
griechischen und lateinischen Sprache fördert, so können wir uns Glück wünschen,
dass diese zu einer höheren Kultur so nötigen Studien niemals rückgängig werden.
Wenn wir uns dem Altertum gegenüberstellen und es ernstlich in der Absicht
anschauen, uns daran zu bilden, so gewinnen wir die Empfindung, als ob wir erst
eigentlich zu Menschen würden.
Der Schulmann, indem er Lateinisch zu schreiben und zu sprechen versucht, kommt
sich höher und vornehmer vor, als er sich in seinem Alltagsleben dünken darf.
Der für dichterische und bildnerische Schöpfungen empfängliche Geist fühlt sich
dem Altertum gegenüber in den anmutigst-ideellen Naturzustand versetzt; und noch
auf den heutigen Tag haben die homerischen Gesänge die Kraft, uns wenigstens für
Augenblicke von der furchtbaren Last zu befreien, welche die Überlieferung von
mehrern tausend Jahren auf uns gewälzt hat.
Wie Sokrates den sittlichen Menschen zu sich berief, damit dieser ganz einfach
einigermassen über sich selbst aufgeklärt würde, so traten Plato und Aristoteles
gleichfalls als befugte Individuen vor die Natur; der eine mit Geist und Gemüt,
sich ihr anzueignen, der andere mit Forscherblick und Metode, sie für sich zu
gewinnen. Und so ist denn auch jede Annäherung, die sich uns im ganzen und
einzelnen an diese dreie möglich macht, das Ereignis, was wir am freudigsten
empfinden und was unsere Bildung zu befördern sich jederzeit kräftig erweist.
Um sich aus der grenzenlosen Vielfachheit, Zerstückelung und Verwickelung der
modernen Naturlehre wieder ins Einfache zu retten, muss man sich immer die Frage
vorlegen: Wie würde sich Plato gegen die Natur, wie sie uns jetzt in ihrer
grösseren Mannigfaltigkeit, bei aller gründlichen Einheit, erscheinen mag,
benommen haben?
Denn wir glauben überzeugt zu sein, dass wir auf demselben Wege bis zu den
letzten Verzweigungen der Erkenntnis organisch gelangen und von diesem Grund aus
die Gipfel eines jeden Wissens uns nach und nach aufbauen und befestigen können.
Wie uns hiebei die Tätigkeit des Zeitalters fördert und hindert, ist freilich
eine Untersuchung, die wir jeden Tag anstellen müssen, wenn wir nicht das
Nützliche abweisen und das Schädliche aufnehmen wollen.
Man rühmt das achtzehnte Jahrhundert, dass es sich hauptsächlich mit Analyse
abgegeben; dem neunzehnten bleibt nun die Aufgabe: die falschen obwaltenden
Syntesen zu entdecken und deren Inhalt aufs neue zu analysieren.
Es gibt nur zwei wahre Religionen, die eine, die das Heilige, das in und um uns
wohnt, ganz formlos, die andere, die es in der schönsten Form anerkennt und
anbetet. Alles, was dazwischen liegt, ist Götzendienst.
Es ist nicht zu leugnen, dass der Geist sich durch die Reformation zu befreien
suchte; die Aufklärung über griechisches und römisches Altertum brachte den
Wunsch, die Sehnsucht nach einem freieren, anständigeren und geschmackvolleren
Leben hervor. Sie wurde aber nicht wenig dadurch begünstigt, dass das Herz in
einen gewissen einfachen Naturstand zurückzukehren und die Einbildungskraft sich
zu konzentrieren trachtete.
Aus dem Himmel wurden auf einmal alle Heiligen vertrieben und von einer
göttlichen Mutter mit einem zarten Kinde Sinne, Gedanken, Gemüt auf den
Erwachsenen, sittlich Wirkenden, ungerecht Leidenden gerichtet, welcher später
als Halbgott verklärt, als wirklicher Gott anerkannt und verehrt wurde.
Er stand vor einem Hintergrunde, wo der Schöpfer das Weltall ausgebreitet hatte;
von ihm ging eine geistige Wirkung aus, seine Leiden eignete man sich als
Beispiel zu, und seine Verklärung war das Pfand für eine ewige Dauer.
So wie der Weihrauch einer Kohle Leben erfrischet, so erfrischet das Gebet die
Hoffnungen des Herzens.
Ich bin überzeugt, dass die Bibel immer schöner wird, je mehr man sie versteht,
d.h. je mehr man einsieht und anschaut, dass jedes Wort, das wir allgemein
auffassen und im besondern auf uns anwenden, nach gewissen Umständen, nach Zeit-
und Ortsverhältnissen einen eigenen, besondern, unmittelbar individuellen Bezug
gehabt hat.
Genau besehen haben wir uns noch alle Tage zu reformieren und gegen andere zu
protestieren, wenn auch nicht in religiosem Sinne.
Wir haben das unabweichliche, täglich zu erneuernde, grundernstliche Bestreben:
das Wort mit dem Empfundenen, Geschauten, Gedachten, Erfahrenen, Imaginierten,
Vernünftigen möglichst unmittelbar zusammentreffend zu erfassen.
Jeder prüfe sich, und er wird finden, dass dies viel schwerer sei, als man denken
möchte; denn leider sind dem Menschen die Worte gewöhnlich Surrogate; er denkt
und weiss es meistenteils besser, als er sich ausspricht.
Verharren wir aber in dem Bestreben: das Falsche, Ungehörige, Unzulängliche, was
sich in uns und andern entwickeln oder einschleichen könnte, durch Klarheit und
Redlichkeit auf das möglichste zu beseitigen.
Mit den Jahren steigern sich die Prüfungen.
Wo ich aufhören muss, sittlich zu sein, habe ich keine Gewalt mehr.
Zensur und Pressfreiheit werden immerfort miteinander kämpfen. Zensur fordert und
übt der Mächtige, Pressfreiheit verlangt der Mindere. Jener will weder in seinen
Planen noch seiner Tätigkeit durch vorlautes widersprechendes Wesen gehindert,
sondern gehorcht sein; diese wollen ihre Gründe aussprechen, den Ungehorsam zu
legitimieren. Dieses wird man überall geltend finden.
Doch muss man auch hier bemerken, dass der Schwächere der leidende Teil,
gleichfalls auf seine Weise die Pressfreiheit zu unterdrücken sucht, und zwar in
dem Falle, wenn er konspiriert und nicht verraten sein will.
Man wird nie betrogen, man betriegt sich selbst.
Wir brauchen in unserer Sprache ein Wort, das, wie Kindheit sich zu Kind
verhält, so das Verhältnis Volkheit zum Volke ausdrückt. Der Erzieher muss die
Kindheit hören, nicht das Kind. Der Gesetzgeber und Regent die Volkheit, nicht
das Volk. Jene spricht immer dasselbe aus, ist vernünftig, beständig, rein und
wahr. Dieses weiss niemals für lauter Wollen, was es will. Und in diesem Sinne
soll und kann das Gesetz der allgemein ausgesprochene Wille der Volkheit sein,
ein Wille, den die Menge niemals ausspricht, den aber der Verständige vernimmt
und den der Vernünftige zu befriedigen weiss und der Gute gern befriedigt.
Welches Recht wir zum Regiment haben, darnach fragen wir nicht - wir regieren.
Ob das Volk ein Recht habe, uns abzusetzen, darum bekümmern wir uns nicht - wir
hüten uns nur, dass es nicht in Versuchung komme, es zu tun.
Wenn man den Tod abschaffen könnte, dagegen hätten wir nichts, die Todesstrafen
abzuschaffen, wird schwerhalten. Geschieht es, so rufen wir sie gelegentlich
wieder zurück.
Wenn sich die Sozietät des Rechtes begibt, die Todesstrafe zu verfügen, so tritt
die Selbsthilfe unmittelbar wieder hervor, die Blutrache klopft an die Türe.
Alle Gesetze sind von Alten und Männern gemacht. Junge und Weiber wollen die
Ausnahme, Alte die Regel.
Der Verständige regiert nicht, aber der Verstand; nicht der Vernünftige, sondern
die Vernunft.
Wen jemand lobt, dem stellt er sich gleich.
Es ist nicht genug, zu wissen, man muss auch anwenden; es ist nicht genug, zu
wollen, man muss auch tun.
Es gibt keine patriotische Kunst und keine patriotische Wissenschaft. Beide
gehören, wie alles hohe Gute, der ganzen Welt an und können nur durch allgemeine
freie Wechselwirkung aller zugleich Lebenden, in steter Rücksicht auf das, was
uns vom Vergangenen übrig und bekannt ist, gefördert werden.
Wissenschaften entfernen sich im ganzen immer vom Leben und kehren nur durch
einen Umweg wieder dahin zurück.
Denn sie sind eigentlich Kompendien des Lebens; sie bringen die äussern und
innern Erfahrungen ins allgemeine, in einen Zusammenhang.
Das Interesse an ihnen wird im Grunde nur in einer besondern Welt, in der
wissenschaftlichen, erregt, denn dass man auch die übrige Welt dazu beruft und
ihr davon Notiz gibt, wie es in der neuern Zeit geschieht, ist ein Missbrauch und
bringt mehr Schaden als Nutzen.
Nur durch eine erhöhte Praxis sollten die Wissenschaften auf die äussere Welt
wirken: denn eigentlich sind sie alle esoterisch und können nur durch Verbessern
irgendeines Tuns exoterisch werden. Alle übrige Teilnahme führt zu nichts.
Die Wissenschaften, auch in ihrem innern Kreise betrachtet, werden mit
augenblicklichem, jedesmaligem Interesse behandelt. Ein starker Anstoss,
besonders von etwas Neuem und Unerhörtem oder wenigstens mächtig Gefördertem,
erregt eine allgemeine Teilnahme, die jahrelang dauern kann und die besonders in
den letzten Zeiten sehr fruchtbar geworden ist.
Ein bedeutendes Faktum, ein geniales Aperçu beschäftigt eine sehr grosse Anzahl
Menschen, erst nur um es zu kennen, dann um es zu erkennen, dann es zu
bearbeiten und weiterzuführen.
Die Menge fragt bei einer jeden neuen bedeutenden Erscheinung, was sie nutze,
und sie hat nicht unrecht; denn sie kann bloss durch den Nutzen den Wert einer
Sache gewahr werden.
Die wahren Weisen fragen, wie sich die Sache verhalte in sich selbst und zu
andern Dingen, unbekümmert um den Nutzen, d.h. um die Anwendung auf das Bekannte
und zum Leben Notwendige, welche ganz andere Geister, scharfsinnige,
lebenslustige, technisch geübte und gewandte, schon finden werden.
Die Afterweisen suchen von jeder neuen Entdeckung nur so geschwind als möglich
für sich einigen Vorteil zu ziehen, indem sie einen eitlen Ruhm, bald in
Fortpflanzung, bald in Vermehrung, bald in Verbesserung, geschwinder
Besitznahme, vielleicht gar durch Präokkupation, zu erwerben suchen und durch
solche Unreifheiten die wahre Wissenschaft unsicher machen und verwirren, ja
ihre schönste Folge, die praktische Blüte derselben, offenbar verkümmern.
Das schädlichste Vorurteil ist, dass irgendeine Art Naturuntersuchung mit dem
Bann belegt werden könne.
Jeder Forscher muss sich durchaus ansehen als einer, der zu einer Jury berufen
ist. Er hat nur darauf zu achten, inwiefern der Vortrag vollständig sei und
durch klare Belege auseinandergesetzt. Er fasst hiernach seine Überzeugung
zusammen und gibt seine Stimme, es sei nun, dass seine Meinung mit der des
Referenten übereintreffe oder nicht.
dabei bleibt er ebenso beruhigt, wenn ihm die Majorität beistimmt, als wenn er
sich in der Minorität befindet; denn er hat das Seinige getan, er hat seine
Überzeugung ausgesprochen, er ist nicht Herr über die Geister noch über die
Gemüter.
In der wissenschaftlichen Welt haben aber diese Gesinnungen niemals gelten
wollen; durchaus ist es auf Herrschen und Beherrschen angesehen; und weil sehr
wenige Menschen eigentlich selbstständig sind, so zieht die Menge den Einzelnen
nach sich.
Die Geschichte der Philosophie, der Wissenschaften, der Religion, alles zeigt,
dass die Meinungen massenweis sich verbreiten, immer aber diejenige den Vorrang
gewinnt, welche fasslicher, d.h. dem menschlichen Geiste in seinem gemeinen
Zustande gemäss und bequem ist. Ja derjenige, der sich in höherem Sinne
ausgebildet, kann immer voraussetzen, dass er die Majorität gegen sich habe.
Wäre die Natur in ihren leblosen Anfängen nicht so gründlich stereometrisch, wie
wollte sie zuletzt zum unberechenbaren und unermesslichen Leben gelangen?
Der Mensch an sich selbst, insofern er sich seiner gesunden Sinne bedient, ist
der grösste und genaueste physikalische Apparat, den es geben kann; und das ist
eben das grösste Unheil der neuern Physik, dass man die Experimente gleichsam vom
Menschen abgesondert hat und bloss in dem, was künstliche Instrumente zeigen, die
Natur erkennen, ja, was sie leisten kann, dadurch beschränken und beweisen will.
Ebenso ist es mit dem Berechnen. - Es ist vieles wahr, was sich nicht berechnen
lässt, sowie sehr vieles, was sich nicht bis zum entschiedenen Experiment bringen
lässt.
Dafür steht ja aber der Mensch so hoch, dass sich das sonst Undarstellbare in ihm
darstellt. Was ist denn eine Saite und alle mechanische Teilung derselben gegen
das Ohr des Musikers? Ja man kann sagen: was sind die elementaren Erscheinungen
der Natur selbst gegen den Menschen, der sie alle erst bändigen und modifizieren
muss, um sie sich einigermassen assimilieren zu können.
Es ist von einem Experiment zu viel gefordert, wenn es alles leisten soll.
Konnte man doch die Elektrizität erst nur durch Reiben darstellen, deren höchste
Erscheinung jetzt durch blosse Berührung hervorgebracht wird.
Wie man der französischen Sprache niemals den Vorzug streitig machen wird, als
ausgebildete Hof- und Weltsprache sich immer mehr aus- und fortbildend zu
wirken, so wird es niemand einfallen, das Verdienst der Matematiker gering zu
schätzen, welches sie, in ihrer Sprache, die wichtigsten Angelegenheiten
verhandelnd, sich um die Welt erwerben, indem sie alles, was der Zahl und dem
Mass im höchsten Sinne unterworfen ist, zu regeln, zu bestimmen und zu
entscheiden wissen.
Jeder Denkende, der seinen Kalender ansieht, nach seiner Uhr blickt, wird sich
erinnern, wem er diese Wohltaten schuldig ist. Wenn man sie aber auch auf
ehrfurchtsvolle Weise in Zeit und Raum gewähren lässt, so werden sie erkennen,
dass wir etwas gewahr werden, was weit darüber hinausgeht, welches allen angehört
und ohne welches sie selbst weder tun noch wirken könnten: Idee und Liebe.
Wer weiss etwas von Elektrizität, sagte ein heiterer Naturforscher, als wenn er
im Finstern eine Katze streichelt oder Blitz und Donner neben ihm niederleuchten
und rasseln? Wie viel und wie wenig weiss er alsdann davon?
Lichtenbergs Schriften können wir uns als der wunderbarsten Wünschelrute
bedienen; wo er einen Spass macht, liegt ein Problem verborgen.
In den grossen leeren Weltraum zwischen Mars und Jupiter legte er auch einen
heitern Einfall. Als Kant sorgfältig bewiesen hatte, dass die beiden genannten
Planeten alles aufgezehrt und sich zugeeignet hätten, was nur in diesen Räumen
zu finden gewesen von Materie, sagte jener scherzhaft, nach seiner Art: Warum
sollte es nicht auch unsichtbare Welten geben? - Und hat er nicht vollkommen
wahr gesprochen? Sind die neu entdeckten Planeten nicht der ganzen Welt
unsichtbar, ausser den wenigen Astronomen, denen wir auf Wort und Rechnung
glauben müssen?
Einer neuen Wahrheit ist nichts schädlicher als ein alter Irrtum.
Die Menschen sind durch die unendlichen Bedingungen des Erscheinens dergestalt
obruiert, dass sie das Eine Urbedingende nicht gewahren können.
»Wenn Reisende ein sehr grosses Ergetzen auf ihren Bergklettereien empfinden, so
ist für mich etwas Barbarisches, ja Gottloses in dieser Leidenschaft; Berge
geben uns wohl den Begriff von Naturgewalt, nicht aber von Wohltätigkeit der
Vorsehung. Zu welchem Gebrauch sind sie wohl dem Menschen? Unternimmt er, dort
zu wohnen, so wird im Winter eine Schneelawine, im Sommer ein Bergrutsch sein
Haus begraben oder fortschieben; seine Herden schwemmt der Giessbach weg, seine
Kornscheuern die Windstürme. Macht er sich auf den Weg, so ist jeder Aufstieg
die Qual des Sisyphus, jeder Niederstieg der Sturz Vulkans; sein Pfad ist
täglich von Steinen verschüttet, der Giessbach unwegsam für Schiffahrt; finden
auch seine Zwergherden notdürftige Nahrung oder sammelt er sie ihnen kärglich,
entweder die Elemente entreissen sie ihm oder wilde Bestien. Er führt ein einsam
kümmerlich Pflanzenleben, wie das Moos auf einem Grabstein, ohne Bequemlichkeit
und ohne Gesellschaft. Und diese Zickzackkämme, diese widerwärtigen Felsenwände,
diese ungestalteten Granitpyramiden, welche die schönsten Weltbreiten mit den
Schrecknissen des Nordpols bedecken, wie sollte sich ein wohlwollender Mann
daran gefallen und ein Menschenfreund sie preisen!«
Auf diese heitere Paradoxie eines würdigen Mannes wäre zu sagen, dass, wenn es
Gott und der Natur gefallen hätte, den Urgebirgsknoten von Nubien durchaus nach
Westen bis an das grosse Meer zu entwickeln und fortzusetzen, ferner die
Gebirgsreihe einigemal von Norden nach Süden zu durchschneiden, sodann Täler
entstanden sein würden, worin gar mancher Urvater Abraham ein Kanaan, mancher
Albert Julius eine Felsenburg würde gefunden haben, wo denn seine Nachkommen
leicht mit den Sternen rivalisierend sich hätten vermehren können.
Steine sind stumme Lehrer, sie machen den Beobachter stumm, und das Beste, was
man von ihnen lernt, ist, nicht mitzuteilen.
Was ich recht weiss, weiss ich nur mir selbst; ein ausgesprochenes Wort fördert
selten, es erregt meistens Widerspruch, Stocken und Stillstehen.
Die Kristallographie als Wissenschaft betrachtet gibt zu ganz eigenen Ansichten
Anlass. Sie ist nicht produktiv, sie ist nur sie selbst und hat keine Folgen,
besonders nunmehr, da man so manche isomorphische Körper angetroffen hat, die
sich ihrem Gehalte nach ganz verschieden erweisen. Da sie eigentlich nirgends
anwendbar ist, so hat sie sich in dem hohen Grade in sich selbst ausgebildet.
Sie gibt dem Geist eine gewisse beschränkte Befriedigung und ist in ihren
Einzelnheiten so mannigfaltig, dass man sie unerschöpflich nennen kann, deswegen
sie auch vorzügliche Menschen so entschieden und lange an sich festält.
Etwas Mönchisch-Hagestolzenartiges hat die Kristallographie und ist daher sich
selbst genug. Von praktischer Lebenseinwirkung ist sie nicht; denn die
köstlichsten Erzeugnisse ihres Gebiets, die kristallinischen Edelsteine, müssen
erst zugeschliffen werden, ehe wir unsere Frauen damit schmücken können.
Ganz das Entgegengesetzte ist von der Chemie zu sagen, welche von der
ausgebreitetsten Anwendung und von dem grenzenlosesten Einfluss aufs Leben sich
erweist.
Der Begriff vom Entstehen ist uns ganz und gar versagt; daher wir, wenn wir
etwas werden sehen, denken, dass es schon dagewesen sei. Deshalb das System der
Einschachtelung kommt uns begreiflich vor.
Wie manches Bedeutende sieht man aus Teilen zusammensetzen; man betrachte die
Werke der Baukunst, man sieht manches sich regel- und unregelmässig anhäufen;
daher ist uns der atomistische Begriff nah und bequem zur Hand, deshalb wir uns
nicht scheuen, ihn auch in organischen Fällen anzuwenden.
Wer den Unterschied des Phantastischen und Ideellen, des Gesetzlichen und
Hypotetischen nicht zu fassen weiss, der ist als Naturforscher in einer üblen
Lage.
Es gibt Hypotesen, wo Verstand und Einbildungskraft sich an die Stelle der Idee
setzen.
Man tut nicht wohl, sich allzulange im Abstrakten aufzuhalten. Das Esoterische
schadet nur, indem es exoterisch zu werden trachtet. Leben wird am besten durchs
Lebendige belehrt.
Für die vorzüglichste Frau wird diejenige gehalten, welche ihren Kindern den
Vater, wenn er abgeht, zu ersetzen imstande wäre.
Der unschätzbare Vorteil, welchen die Ausländer gewinnen, indem sie unsere
Literatur erst jetzt gründlich studieren, ist der, dass sie über die
Entwickelungskrankheiten, durch die wir nun schon beinahe während dem Laufe des
Jahrhunderts durchgehen mussten, auf einmal weggehoben werden und, wenn das Glück
gut ist, ganz eigentlich daran sich auf das wünschenswerteste ausbilden.
Wo die Franzosen des achtzehnten Jahrhunderts zerstörend sind, ist Wieland
neckend.
Das poetische Talent ist dem Bauer so gut gegeben wie dem Ritter, es kommt nur
darauf an, dass jeder seinen Zustand ergreife und ihn nach Würden behandle.
»Was sind Tragödien anders als versifizierte Passionen solcher Leute, die sich
aus den äussern Dingen ich weiss nicht was machen.«
Das Wort Schule, wie man es in der Geschichte der bildenden Kunst nimmt, wo man
von einer florentinischen, römischen und venezianischen Schule spricht, wird
sich künftighin nicht mehr auf das deutsche Teater anwenden lassen. Es ist ein
Ausdruck, dessen man sich vor dreissig, vierzig Jahren vielleicht noch bedienen
konnte, wo unter beschränkteren Umständen sich eine natur- und kunstgemässe
Ausbildung noch denken liess; denn genau gesehen gilt auch in der bildenden Kunst
das Wort Schule nur von den Anfängen; denn sobald sie treffliche Männer
hervorgebracht hat, wirkt sie alsobald in die Weite. Florenz beweist seinen
Einfluss über Frankreich und Spanien; Niederländer und Deutsche lernen von den
Italienern und erwerben sich mehr Freiheit in Geist und Sinn, anstatt dass die
Südländer von ihnen eine glücklichere Technik und die genauste Ausführung von
Norden her gewinnen.
Das deutsche Teater befindet sich in der Schlussepoche, wo eine allgemeine
Bildung dergestalt verbreitet ist, dass sie keinem einzelnen Orte mehr angehören,
von keinem besondern Punkte mehr ausgehen kann.
Der Grund aller teatralischen Kunst, wie einer jeder andern, ist das Wahre, das
Naturgemässe. Je bedeutender dieses ist, auf je höherem Punkte Dichter und
Schauspieler es zu fassen verstehen, eines desto höhern Ranges wird sich die
Bühne zu rühmen haben. Hiebei gereicht es Deutschland zu einem grossen Gewinn,
dass der Vortrag trefflicher Dichtung allgemeiner geworden ist und auch ausserhalb
des Teaters sich verbreitet hat.
Auf der Rezitation ruht alle Deklamation und Mimik. Da nun beim Vorlesen jene
ganz allein zu beachten und zu üben ist, so bleibt offenbar, dass Vorlesungen die
Schule des Wahren und Natürlichen bleiben müssen, wenn Männer, die ein solches
Geschäft übernehmen, von dem Wert, von der Würde ihres Berufs durchdrungen sind.
Shakespeare und Calderon haben solchen Vorlesungen einen glänzenden Eingang
gewährt; jedoch bedenke man immer dabei, ob nicht hier gerade das imposante
Fremde, das bis zum Unwahren gesteigerte Talent der deutschen Ausbildung
schädlich werden müsse!
Eigentümlichkeit des Ausdruckes ist Anfang und Ende aller Kunst. Nun hat aber
eine jede Nation eine von dem allgemeinen Eigentümlichen der Menschheit
abweichende besondere Eigenheit, die uns zwar anfänglich widerstreben mag, aber
zuletzt, wenn wir's uns gefallen liessen, wenn wir uns derselben hingäben, unsere
eigene charakteristische Natur zu überwältigen und zu erdrücken vermöchte.
Wieviel Falsches Shakespeare und besonders Calderon über uns gebracht, wie diese
zwei grossen Lichter des poetischen Himmels für uns zu Irrlichtern geworden,
mögen die Literatoren der Folgezeit historisch bemerken.
Eine völlige Gleichstellung mit dem spanischen Teater kann ich nirgends
billigen. Der herrliche Calderon hat so viel Konventionelles, dass einem
redlichen Beobachter schwer wird, das grosse Talent des Dichters durch die
Teateretikette durchzuerkennen. Und bringt man so etwas irgendeinem Publikum,
so setzt man bei demselben immer guten Willen voraus, dass es geneigt sei, auch
das Weltfremde zuzugeben, sich an ausländischem Sinn, Ton und Rhytmus zu
ergetzen und aus dem, was ihm eigentlich gemäss ist, eine Zeitlang herauszugehen.
Yorik-Sterne war der schönste Geist, der je gewirkt hat; wer ihn liest, fühlt
sich sogleich frei und schön; sein Humor ist unnachahmlich, und nicht jeder
Humor befreit die Seele.
»Mässigkeit und klarer Himmel sind Apollo und die Musen.«
Das Gesicht ist der edelste Sinn, die andern vier belehren uns nur durch die
Organe des Takts, wir hören, wir fühlen, riechen und betasten alles durch
Berührung; das Gesicht aber steht unendlich höher, verfeint sich über die
Materie und nähert sich den Fähigkeiten des Geistes.
Setzten wir uns an die Stelle anderer Personen, so würden Eifersucht und Hass
wegfallen, die wir so oft gegen sie empfinden; und setzten wir andere an unsere
Stelle, so würde Stolz und Einbildung gar sehr abnehmen.
Nachdenken und Handeln verglich einer mit Rahel und Lea; die eine war anmutiger,
die andere fruchtbarer.
Nichts im Leben ausser Gesundheit und Tugend ist schätzenswerter als Kenntnis und
Wissen; auch ist nichts so leicht zu erreichen und so wohlfeil zu erhandeln; die
ganze Arbeit ist Ruhigsein und die Ausgabe Zeit, die wir nicht retten, ohne sie
auszugeben.
Könnte man Zeit wie bares Geld beiseitelegen, ohne sie zu benutzen, so wäre dies
eine Art von Entschuldigung für den Müssiggang der halben Welt; aber keine
völlige, denn es wäre ein Haushalt, wo man von dem Hauptstamm lebte, ohne sich
um die Interessen zu bemühen.
Neuere Poeten tun viel Wasser in die Tinte.
Unter mancherlei wunderlichen Albernheiten der Schulen kommt mir keine so
vollkommen lächerrlich vor als der Streit über die Echteit alter Schriften,
alter Werke. Ist es denn der Autor oder die Schrift, die wir bewundern oder
tadeln? es ist immer nur der Autor, den wir vor uns haben; was kümmern uns die
Namen, wenn wir ein Geisteswerk auslegen?
Wer will behaupten, dass wir Virgil oder Homer vor uns haben, indem wir die Worte
lesen, die ihm zugeschrieben werden? Aber die Schreiber haben wir vor uns, und
was haben wir weiter nötig? Und ich denke fürwahr, die Gelehrten, die in dieser
unwesentlichen Sache so genau zu Werke gehen, scheinen mir nicht weiser als ein
sehr schönes Frauenzimmer, das mich einmal mit möglichst süssem Lächeln befragte:
wer denn der Autor von Shakespeares Schauspielen gewesen sei?
Es ist besser, das geringste Ding von der Welt zu tun, als, eine halbe Stunde
für gering halten.
Mut und Bescheidenheit sind die unzweideutigsten Tugenden; denn sie sind von der
Art, dass Heuchelei sie nicht nachahmen kann; auch haben sie die Eigenschaft
gemein, sich beide durch dieselbe Farbe auszudrücken.
Unter allem Diebsgesindel sind die Narren die Schlimmsten: sie rauben euch
beides, Zeit und Stimmung.
Uns selbst zu achten, leitet unsre Sittlichkeit; andere zu schätzen, regiert
unser Betragen.
Kunst und Wissenschaft sind Worte, die man so oft braucht und deren genauer
Unterschied selten verstanden wird; man gebraucht oft eins für das andere.
Auch gefallen mir die Definitionen nicht, die man davon gibt. Verglichen fand
ich irgendwo Wissenschaft mit Witz, Kunst mit Humor. Hierin find' ich mehr
Einbildungskraft als Philosophie: es gibt uns wohl einen Begriff von dem
Unterschied beider, aber keinen von dem Eigentümlichen einer jeden.
Ich denke, Wissenschaft könnte man die Kenntnis des Allgemeinen nennen, das
abgezogene Wissen; Kunst dagegen wäre Wissenschaft zur Tat verwendet;
Wissenschaft wäre Vernunft, und Kunst ihr Mechanismus, deshalb man sie auch
praktische Wissenschaft nennen könnte. Und so wäre denn endlich Wissenschaft das
Teorem, Kunst das Problem.
Vielleicht wird man mir einwenden: Man hält die Poesie für Kunst, und doch ist
sie nicht mechanisch; aber ich leugne, dass sie eine Kunst sei; auch ist sie
keine Wissenschaft. Künste und Wissenschaften erreicht man durch Denken, Poesie
nicht, denn diese ist Eingebung; sie war in der Seele empfangen, als sie sich
zuerst regte. Man sollte sie weder Kunst noch Wissenschaft nennen, sondern
Genius.
Auch jetzt im Augenblick sollte jeder Gebildete Sternes Werke wieder zur Hand
nehmen, damit auch das neunzehnte Jahrhundert erführe, was wir ihm schuldig
sind, und einsähe, was wir ihm schuldig werden können.
In dem Erfolg der Literaturen wird das frühere Wirksame verdunkelt und das
daraus entsprungene Gewirkte nimmt überhand, deswegen man wohltut, von Zeit zu
Zeit wieder zurückzublicken. Was an uns Original ist, wird am besten erhalten
und belobt, wenn wir unsre Altvordern nicht aus den Augen verlieren.
Möge das Studium der griechischen und römischen Literatur immerfort die Basis
der höhern Bildung bleiben.
Chinesische, indische, ägyptische Altertümer sind immer nur Kuriositäten; es ist
sehr wohlgetan, sich und die Welt damit bekannt zu machen; zu sittlicher und
ästetischer Bildung aber werden sie uns wenig fruchten.
Der Deutsche läuft keine grössere Gefahr, als sich mit und an seinen Nachbarn zu
steigern; es ist vielleicht keine Nation geeigneter, sich aus sich selbst zu
entwickeln, deswegen es ihr zum grössten Vorteil gereichte, dass die Aussenwelt von
ihr so spät Notiz nahm.
Sehen wir unsre Literatur über ein halbes Jahrhundert zurück, so finden wir, dass
nichts um der Fremden willen geschehen ist.
Dass Friedrich der Grosse aber gar nichts von ihnen wissen wollte, das verdross die
Deutschen doch, und sie taten das möglichste, als Etwas vor ihm zu erscheinen.
Jetzt, da sich eine Weltliteratur einleitet, hat, genau besehen, der Deutsche am
meisten zu verlieren; er wird wohltun, dieser Warnung nachzudenken.
Auch einsichtige Menschen bemerken nicht, dass sie dasjenige erklären wollen, was
Grunderfahrungen sind, bei denen man sich beruhigen müsste.
Doch mag dies auch vorteilhaft sein, sonst unterliesse man das Forschen allzu
früh.
Wer sich von nun an nicht auf eine Kunst oder Handwerk legt, der wird übel dran
sein. Das Wissen fördert nicht mehr bei dem schnellen Umtriebe der Welt; bis man
von allem Notiz genommen hat, verliert man sich selbst.
Eine allgemeine Ausbildung dringt uns jetzt die Welt ohnehin auf; wir brauchen
uns deshalb darum nicht weiter zu bemühen, das Besondere müssen wir uns
zueignen.
Die grössten Schwierigkeiten liegen da, wo wir sie nicht suchen.
Lorenz Sterne war geboren 1713, starb 1768. Um ihn zu begreifen, darf man die
sittliche und kirchliche Bildung seiner Zeit nicht unbeachtet lassen; dabei hat
man wohl zu bedenken, dass er Lebensgenosse Warburtons gewesen.
Eine freie Seele wie die seine kommt in Gefahr, frech zu werden, wenn nicht ein
edles Wohlwollen das sittliche Gleichgewicht herstellt.
Bei leichter Berührbarkeit entwickelte sich alles von innen bei ihm heraus;
durch beständigen Konflikt unterschied er das Wahre vom Falschen, hielt am
ersten fest und verhielt sich gegen das andere rücksichtlos.
Er fühlte einen entschiedenen Hass gegen Ernst, weil er didaktisch und dogmatisch
ist und gar leicht pedantisch wird, wogegen er den entschiedensten Abscheu
hegte. Daher seine Abneigung gegen Terminologie.
Bei den vielfachsten Studien und Lektüre entdeckte er überall das Unzulängliche
und Lächerliche.
Shandeism nennt er die Unmöglichkeit, über einen ernsten Gegenstand zwei Minuten
zu denken.
Dieser schnelle Wechsel von Ernst und Scherz, von Anteil und Gleichgültigkeit,
von Leid und Freude soll in dem irländischen Charakter liegen.
Sagazität und Penetration sind bei ihm grenzenlos.
Seine Heiterkeit, Genügsamkeit, Duldsamkeit auf der Reise, wo diese
Eigenschaften am meisten geprüft werden, finden nicht leicht ihresgleichen.
So sehr uns der Anblick einer freien Seele dieser Art ergetzt, ebensosehr werden
wir gerade in diesem Fall erinnert, dass wir von allem dem, wenigstens von dem
meisten, was uns entzückt, nichts in uns aufnehmen dürfen.
Das Element der Lüsternheit, in dem er sich so zierlich und sinnig benimmt,
würde vielen andern zum Verderben gereichen.
Das Verhältnis zu seiner Frau wie zur Welt ist betrachtenswert. »Ich habe mein
Elend nicht wie ein weiser Mann benutzt«, sagt er irgendwo.
Er scherzt gar anmutig über die Widersprüche, die seinen Zustand zweideutig
machen.
»Ich kann das Predigen nicht vertragen, ich glaube, ich habe in meiner Jugend
mich daran übergessen.«
Er ist in nichts ein Muster und in allem ein Andeuter und Erwecker.
»Unser Anteil an öffentlichen Angelegenheiten ist meist nur Philisterei.«
»Nichts ist höher zu schätzen als der Wert des Tages.«
»Pereant, qui, ante nos, nostra dixerunt!«
    So wunderlich könnte nur derjenige sprechen, der sich einbildete, ein
Autochton zu sein. Wer sich's zur Ehre hält, von vernünftigen Vorfahren
abzustammen, wird ihnen doch wenigstens ebensoviel Menschensinn zugestehn als
sich selbst.
Die originalsten Autoren der neusten Zeit sind es nicht deswegen, weil sie etwas
Neues hervorbringen, sondern allein weil sie fähig sind, dergleichen Dinge zu
sagen, als wenn sie vorher niemals wären gesagt gewesen.
Daher ist das schönste Zeichen der Originalität, wenn man einen empfangenen
Gedanken dergestalt fruchtbar zu entwickeln weiss, dass niemand leicht, wie viel
in ihm verborgen liege, gefunden hätte.
Viele Gedanken heben sich erst aus der allgemeinen Kultur hervor wie die Blüten
aus den grünen Zweigen. Zur Rosenzeit sieht man Rosen überall blühen.
Eigentlich kommt alles auf die Gesinnungen an; wo diese sind, treten auch die
Gedanken hervor, und nachdem sie sind, sind auch die Gedanken.
»Nichts wird leicht ganz unparteiisch wieder dargestellt. Man könnte sagen:
hievon mache der Spiegel eine Ausnahme, und doch sehen wir unser Angesicht
niemals ganz richtig darin; ja der Spiegel kehrt unsre Gestalt um und macht
unsre linke Hand zur rechten. Dies mag ein Bild sein für alle Betrachtungen über
uns selbst.«
Im Frühling und Herbst denkt man nicht leicht ans Kaminfeuer, und doch geschieht
es, dass, wenn wir zufällig an einem vorbeigehen, wir das Gefühl, das es
mitteilt, so angenehm finden, dass wir ihm wohl nachhängen mögen. Dies möchte mit
jeder Versuchung analog sein.
»Sei nicht ungeduldig, wenn man deine Argumente nicht gelten lässt.«
Wer lange in bedeutenden Verhältnissen lebt, dem begegnet freilich nicht alles,
was dem Menschen begegnen kann; aber doch das Analoge und vielleicht einiges,
was ohne Beispiel war.
 
    