
        
                               E. T. A. Hoffmann
                        Lebensansichten des Katers Murr
   nebst fragmentarischer Biographie des Kapellmeisters Johannes Kreisler in
                          zufälligen Makulaturblättern
                                   Erster Band
                            Vorwort des Herausgebers1
Keinem Buche ist ein Vorwort nötiger, als gegenwärtigem, da es, wird nicht
erklärt, auf welche wunderliche Weise es sich zusammengefügt hat, als ein
zusammengewürfeltes Durcheinander erscheinen dürfte.
    Daher bittet der Herausgeber den günstigen Leser, wirklich zu lesen, nämlich
dies Vorwort.
    Besagter Herausgeber hat einen Freund, mit dem er ein Herz und eine Seele
ist, den er ebenso gut kennt, als sich selbst. Dieser Freund sprach eines Tages
zu ihm ungefähr also: »Da du, mein Guter, schon manches Buch hast drucken lassen
und dich auf Verleger verstehst, wird es dir ein leichtes sein, irgendeinen von
diesen wackern Herren aufzufinden, der auf deine Empfehlung etwas druckt, was
ein junger Autor von dem glänzendsten Talent, von den vortrefflichsten Gaben
vorher aufschrieb. Nimm dich des Mannes an, er verdient es.«
    Der Herausgeber versprach, sein Bestes zu tun für den schriftstellerischen
Kollegen. Etwas verwunderlich wollt' es ihm nun wohl bedünken, als sein Freund
ihm gestand, dass das Manuskript von einem Kater, Murr geheissen, herrühre und
dessen Lebensansichten entalte; das Wort war jedoch gegeben, und da der Eingang
der Historie ihm ziemlich gut stilisiert schien, so lief er sofort, mit dem
Manuskript in der Tasche, zu dem Herrn Dümmler Unter den Linden und proponierte
ihm den Verlag des Katerbuchs.
    Herr Dümmler meinte, bis jetzt habe er zwar nicht unter seinen Autoren einen
Kater gehabt, wisse auch nicht, dass irgendeiner seiner werten Kollegen mit einem
Mann des Schlages bis jetzt sich eingelassen, indessen wolle er den Versuch wohl
machen.
    Der Druck begann, und dem Herausgeber kamen die ersten Aushängebogen zu
Gesicht. Wie erschrak er aber, als er gewahrte, dass Murrs Geschichte hin und
wieder abbricht und dann fremde Einschiebsel vorkommen, die einem andern Buch,
die Biographie des Kapellmeisters Johannes Kreisler entaltend, angehören.
    Nach sorgfältiger Nachforschung und Erkundigung erfuhr der Herausgeber
endlich folgendes. Als der Kater Murr seine Lebensansichten schrieb, zerriss er
ohne Umstände ein gedrucktes Buch, das er bei seinem Herrn vorfand, und
verbrauchte die Blätter harmlos teils zur Unterlage, teils zum Löschen. Diese
Blätter blieben im Manuskript und - wurden, als zu demselben gehörig, aus
Versehen mit abgedruckt!
    De- und wehmütig muss nun der Herausgeber gestehen, dass das verworrene
Gemisch fremdartiger Stoffe durcheinander lediglich durch seinen Leichtsinn
veranlasst, da er das Manuskript des Katers hätte genau durchgehen sollen, ehe er
es zum Druck beförderte, indessen ist noch einiger Trost für ihn vorhanden.
    Fürs erste wird der geneigte Leser sich leicht aus der Sache finden können,
wenn er die eingeklammerten Bemerkungen, Mak. Bl. (Makulatur-Blatt) und M. f. f.
(Murr fährt fort) gütigst beachten will, dann ist aber das zerrissene Buch
höchst wahrscheinlich gar nicht in den Buchhandel gekommen, da niemand auch nur
das mindeste davon weiss. Den Freunden des Kapellmeisters wenigstens wird es
daher angenehm sein, dass sie durch den literarischen Vandalismus des Katers zu
einigen Nachrichten über die sehr seltsamen Lebensumstände jenes in seiner Art
nicht unmerkwürdigen Mannes kommen.
    Der Herausgeber hofft auf gütige Verzeihung.
    Wahr ist es endlich, dass Autoren ihre kühnsten Gedanken, die
ausserordentlichsten Wendungen oft ihren gütigen Setzern verdanken, die dem
Aufschwunge der Ideen nachhelfen durch sogenannte Druckfehler. So sprach z.B.
der Herausgeber im zweiten Teile seiner »Nachtstücke« Pag. 326 von geräumigen
Bosketts, die in einem Garten befindlich. Das war dem Setzer nicht genial genug,
er setzte daher das Wörtlein Bosketts um in das Wörtlein Kasketts. So lässt in
der Erzählung »das Fräulein Scuderi2« der Setzer pfiffigerweise besagtes
Fräulein statt in einer schwarzen Robe, in einer schwarzen Farbe von schwerem
Seidenzeug erscheinen u.s.w.
    Jedem jedoch das Seine! Weder der Kater Murr, noch der unbekannte Biograph
des Kapellmeisters Kreisler soll sich mit fremden Federn schmücken, und der
Herausgeber bittet daher den günstigen Leser dringend, bevor er das Werklein
liest, nachfolgende Änderungen zu veranstalten, damit er von beiden Autoren
nicht besser oder schlechter denke, als sie es verdienen.
    Übrigens werden nur die Haupterrata bemerkt, geringere dagegen der
Diskretion des gütigen Lesers überlassen.
    (Es folgt die Angabe einer Reihe von Druckfehlern.)
    Schliesslich darf der Herausgeber versichern, dass er den Kater Murr
persönlich kennen gelernt und in ihm einen Mann von angenehmen milden Sitten
gefunden hat. Er ist auf dem Umschlage dieses Buchs frappant getroffen.
Berlin, im November 1819
                                                               E. T. A. Hoffmann
 
                               Vorrede des Autors
Schüchtern - mit bebender Brust, übergebe ich der Welt einige Blätter des
Lebens, des Leidens, der Hoffnung, der Sehnsucht, die in süssen Stunden der Musse,
der dichterischen Begeisterung meinem innersten Wesen entströmten.
    Werde, kann ich bestehen vor dem strengen Richterstuhl der Kritik? Doch ihr
seid es, ihr fühlenden Seelen, ihr rein kindlichen Gemüter, ihr mir verwandten
treuen Herzen, ja, ihr seid es, für die ich schrieb, und eine einzige schöne
Träne in eurem Auge wird mich trösten, wird die Wunde heilen, die der kalte
Tadel unempfindlicher Rezensenten mir schlug!
Berlin, im Mai (18 - )
                                                                            Murr
                                                    (Étudiant en belles lettres)
 
                                    Vorwort
                            Unterdrücktes des Autors
Mit der Sicherheit und Ruhe, die dem wahren Genie angeboren, übergebe ich der
Welt meine Biographie, damit sie lerne, wie man sich zum grossen Kater bildet,
meine Vortrefflichkeit im ganzen Umfange erkenne, mich liebe, schätze, ehre,
bewundere und ein wenig anbete.
    Sollte jemand verwegen genug sein, gegen den gediegenen Wert des
ausserordentlichen Buchs einige Zweifel erheben zu wollen, so mag er bedenken,
dass er es mit einem Kater zu tun hat, der Geist, Verstand besitzt und scharfe
Krallen.
Berlin, im Mai (18-)
                                                                            Murr
                                                 (Homme de lettres très renommé)
 
N. S. Das ist zu arg! - Auch das Vorwort des Autors, welches unterdrückt werden
    sollte, ist abgedruckt! - Es bleibt nichts übrig, als den günstigen Leser zu
    bitten, dass er dem schriftstellerischen Kater den etwas stolzen Ton dieses
    Vorworts nicht zu hoch anrechnen und bedenken möge, dass, wenn manche
    wehmütige Vorrede irgendeines andern empfindsamen Autors in die wahre
    Sprache der innigen Herzensmeinung übersetzt werden sollte, es nicht viel
    anders herauskommen würde.
                                                                            d.H.
 
                                Erster Abschnitt
                              Gefühle des Daseins
                             Die Monate der Jugend
Es ist doch etwas Schönes, Herrliches, Erhabenes um das Leben! - »O du süsse
Gewohnheit des Daseins!« ruft jener niederländische Held in der Tragödie aus. So
auch ich, aber nicht wie der Held in dem schmerzlichen Augenblick, als er sich
davon trennen soll - nein! - in dem Moment, da mich eben die volle Lust des
Gedankens durchdringt, dass ich in jene süsse Gewohnheit nun ganz und gar
hineingekommen und durchaus nicht willens bin, jemals wieder hinauszukommen. -
Ich meine nämlich, die geistige Kraft, die unbekannte Macht, oder wie man sonst
das über uns waltende Prinzip nennen mag, welches mir besagte Gewohnheit ohne
meine Zustimmung gewissermassen aufgedrungen hat, kann unmöglich schlechtere
Gesinnungen haben als der freundliche Mann, bei dem ich Kondition gegangen, und
der mir das Gericht Fische, das er mir vorgesetzt, niemals vor der Nase
wegzieht, wenn es mir eben recht wohlschmeckt.
    O Natur, heilige hehre Natur! wie durchströmt all deine Wonne, all dein
Entzücken meine bewegte Brust, wie umweht mich dein geheimnisvoll säuselnder
Atem! - Die Nacht ist etwas frisch, und ich wollte - doch jeder, der dies lieset
oder nicht lieset, begreift nicht meine hohe Begeisterung, denn er kennt nicht
den hohen Standpunkt, zu dem ich mich hinaufgeschwungen! - Hinaufgeklettert wäre
richtiger, aber kein Dichter spricht von seinen Füssen, hätte er auch deren viere
so wie ich, sondern nur von seinen Schwingen, sind sie ihm auch nicht
angewachsen, sondern nur Vorrichtung eines geschickten Mechanikers. Über mir
wölbt sich der weite Sternenhimmel, der Vollmond wirft seine funkelnden Strahlen
herab, und in feurigem Silberglanz stehen Dächer und Türme um mich her! Mehr und
mehr verbraust das lärmende Gewühl unter mir in den Strassen, stiller und stiller
wird die Nacht - die Wolken ziehen - eine einsame Taube flattert in bangen
Liebesklagen girrend um den Kirchturm! - Wie! - wenn die liebe Kleine sich mir
nähern wollte? - Ich fühle wunderbar es sich in mir regen, ein gewisser
schwärmerischer Appetit reisst mich hin mit unwiderstehlicher Gewalt! - O, käme
sie, die süsse Huldin, an mein liebekrankes Herz wollt' ich sie drücken, sie
nimmer von mir lassen - ha, dort flattert sie hinein in den Taubenschlag, die
Falsche, und lässt mich hoffnungslos sitzen auf dem Dache! - Wie selten ist doch
in dieser dürftigen, verstockten, liebeleeren Zeit wahre Sympatie der Seelen. -
    Ist denn das auf zwei Füssen aufrecht Einhergehen etwas so Grosses, dass das
Geschlecht, welches sich Mensch nennt, sich die Herrschaft über uns alle, die
wir mit sichererem Gleichgewicht auf vieren daherwandeln, anmassen darf? Aber ich
weiss es, sie bilden sich was Grosses ein auf etwas, was in ihrem Kopfe sitzen
soll, und das sie die Vernunft nennen. Ich weiss mir keine rechte Vorstellung zu
machen, was sie darunter verstehen, aber so viel ist gewiss, dass, wenn, wie ich
es aus gewissen Reden meines Herrn und Gönners schliessen darf, Vernunft nichts
anders heisst, als die Fähigkeit, mit Bewusstsein zu handeln und keine dumme
Streiche zu machen, ich mit keinem Menschen tausche. - Ich glaube überhaupt, dass
man sich das Bewusstsein nur angewöhnt; durch das Leben und zum Leben kommt man
doch, man weiss selbst nicht wie. Wenigstens ist es mir so gegangen, und wie ich
vernehme, weiss auch kein einziger Mensch auf Erden das Wie und Wo seiner Geburt
aus eigner Erfahrung, sondern nur durch Tradition, die noch dazu öfters sehr
unsicher ist. Städte streiten sich um die Geburt eines berühmten Mannes, und so
wird es, da ich selbst nichts Entscheidendes darüber weiss, immerdar ungewiss
bleiben, ob ich in dem Keller, auf dem Boden oder in dem Holzstall das Licht der
Welt erblickte oder vielmehr nicht erblickte, sondern nur in der Welt erblickt
wurde von der teuren Mama. Denn wie es unserm Geschlecht eigen, waren meine
Augen verschleiert. Ganz dunkel erinnere ich mich gewisser knurrender,
prustender Töne, die um mich her erklangen, und die ich beinahe wider meinen
Willen hervorbringe, wenn mich der Zorn überwältigt. Deutlicher und beinahe mit
vollem Bewusstsein finde ich mich in einem sehr engen Behältnis mit weichen
Wänden eingeschlossen, kaum fähig, Atem zu schöpfen, und in Not und Angst ein
klägliches Jammergeschrei erhebend. Ich fühlte, dass etwas in das Behältnis
hinabgriff und mich sehr unsanft beim Leibe packte, und dies gab mir
Gelegenheit, die erste wunderbare Kraft, womit mich die Natur begabt, zu fühlen
und zu üben. Aus meinen reich überpelzten Vorderpfoten schnellte ich spitze
gelenkige Krallen hervor und grub sie ein in das Ding, das mich gepackt, und
das, wie ich später gelernt, nichts anders sein konnte, als eine menschliche
Hand. Diese Hand zog mich aber heraus aus dem Behältnis und warf mich hin, und
gleich darauf fühlte ich zwei heftige Schläge auf den beiden Seiten des
Gesichts, über die jetzt ein, wie ich wohl sagen mag, stattlicher Bart
herüberragt. Die Hand teilte mir, wie ich jetzt beurteilen kann, von jenem
Muskelspiel der Pfoten verletzt, ein paar Ohrfeigen zu, ich machte die erste
Erfahrung von moralischer Ursache und Wirkung, und eben ein moralischer Instinkt
trieb mich an, die Krallen ebenso schnell wieder einzuziehen, als ich sie
hervorgeschleudert. Später hat man dieses Einziehen der Krallen mit Recht als
einen Akt der höchsten Bonhomie und Liebenswürdigkeit anerkannt und mit dem
Namen »Samtpfötchen« bezeichnet.
    Wie gesagt, die Hand warf mich wieder zur Erde. Bald darauf erfasste sie mich
aber aufs neue beim Kopf und drückte ihn nieder, so dass ich mit dem Mäulchen in
eine Flüssigkeit geriet, die ich, selbst weiss ich nicht, wie ich darauf verfiel,
es musste daher physischer Instinkt sein, aufzulecken begann, welches mir eine
seltsame innere Behaglichkeit erregte. Es war, wie ich jetzt weiss, süsse Milch,
die ich genoss, mich hatte gehungert, und ich wurde satt, indem ich trank. So
trat, nachdem die moralische begonnen, die physische Ausbildung ein.
    Aufs neue, aber sanfter als vorher, fassten mich zwei Hände und legten mich
auf ein warmes weiches Lager. Immer besser und besser wurde mir zumute, und ich
begann mein inneres Wohlbehagen zu äussern, indem ich jene seltsame, meinem
Geschlecht allein eigene Töne von mir gab, die die Menschen durch den nicht
unebenen Ausdruck: spinnen bezeichnen. So ging ich mit Riesenschritten vorwärts
in der Bildung für die Welt. Welch ein Vorzug, welch ein köstliches Geschenk des
Himmels, inneres physisches Wohlbehagen ausdrücken zu können durch Ton und
Gebärde! - Erst knurrte ich, dann kam mir jenes unnachahmliche Talent, den
Schweif in den zierlichsten Kreisen zu schlängeln, dann die wunderbare Gabe,
durch das einzige Wörtlein »Miau« Freude, Schmerz, Wonne und Entzücken, Angst
und Verzweiflung, kurz, alle Empfindungen und Leidenschaften in ihren
mannigfaltigsten Abstufungen auszudrücken. Was ist die Sprache der Menschen
gegen dieses einfachste aller einfachen Mittel, sich verständlich zu machen! -
Doch weiter in der denkwürdigen, lehrreichen Geschichte meiner ereignisreichen
Jugend! -
    Ich erwachte aus tiefem Schlaf, ein blendender Glanz umfloss mich, vor dem
ich erschrak, fort waren die Schleier von meinen Augen, ich sah! -
    Ehe ich mich an das Licht, vorzüglich aber an das buntscheckige Allerlei,
das sich meinen Augen darbot, gewöhnen konnte, musste ich mehrmals hintereinander
entsetzlich niesen, bald ging es indessen mit dem Sehen ganz vortrefflich, als
habe ich es schon mehrere Zeit hintereinander getrieben.
    O das Sehen! es ist eine wunderbare herrliche Gewohnheit, eine Gewohnheit,
ohne die es sehr schwer werden würde, überhaupt in der Welt zu bestehen! -
Glücklich diejenigen Hochbegabten, denen es so leicht wird als mir, sich das
Sehen anzueignen.
    Leugnen kann ich nicht, dass ich doch in einige Angst geriet und dasselbe
Jammergeschrei erhob, wie damals in dem engen Behältnis. Sogleich erschien ein
kleiner, hagerer alter Mann, der mir unvergesslich bleiben wird, da ich, meiner
ausgebreiteten Bekanntschaft unerachtet, keine Gestalt, die ihm gleich oder auch
nur ähnlich zu nennen, jemals wieder erblickt habe. Es trifft sich häufig bei
meinem Geschlecht, dass dieser, jener Mann einen weiss und schwarz gefleckten Pelz
trägt, selten findet man aber wohl einen Menschen, der schneeweisses Hauptaar
haben sollte und dazu rabenschwarze Augenbraunen, dies war aber der Fall bei
meinem Erzieher. Der Mann trug im Hause einen kurzen hochgelben Schlafrock, vor
dem ich mich entsetzte und daher, so gut es bei meiner damaligen
Unbehilflichkeit gehen wollte, von dem weichen Kissen herab zur Seite kroch. Der
Mann bückte sich herab zu mir mit einer Gebärde, die mir freundlich schien und
mir Zutrauen einflösste. Er fasste mich, ich hütete mich wohl vor dem Muskelspiel
der Krallen, die Ideen Kratzen und Schläge verbanden sich von selbst, und in der
Tat, der Mann meinte es gut mit mir, denn er setzte mich nieder vor einer
Schüssel süsser Milch, die ich begierig auflutschte, worüber er sich nicht wenig
zu freuen schien. Er sprach vieles mit mir, welches ich aber nicht verstand, da
mir damals als einem jungen unerfahrnen Kiekindiewelt von Käterchen das
Verstehen der menschlichen Sprache noch nicht eigen. Überhaupt weiss ich von
meinem Gönner nur wenig zu sagen. So viel ist aber gewiss, dass er in vielen
Dingen geschickt - in Wissenschaften und Künsten hocherfahren sein musste, denn
alle, die zu ihm kamen (ich bemerkte Leute darunter, die gerade da, wo mir die
Natur einen gelblichen Fleck im Pelze beschert hat, d.h. auf der Brust, einen
Stern oder ein Kreuz trugen), behandelten ihn ausnehmend artig, ja zuweilen mit
einer gewissen scheuen Ehrfurcht, wie ich späterhin den Pudel Skaramuz, und
nannten ihn nicht anders, als mein hochverehrtester, mein teurer, mein
geschätzter Meister Abraham! - Nur zwei Personen nannten ihn schlechtweg »Mein
Lieber!« Ein grosser dürrer Mann in papageigrünen Hosen und weissseidenen
Strümpfen und eine kleine, sehr dicke Frau mit schwarzem Haar und einer Menge
Ringe an allen Fingern. Jener Herr soll aber ein Fürst, die Frau hingegen eine
jüdische Dame gewesen sein.
    Dieser vornehmen Besucher unerachtet, wohnte Meister Abraham doch in einem
kleinen hochgelegenen Stübchen, so dass ich meine ersten Promenaden sehr bequem
durchs Fenster aufs Dach und auf den Hausboden machen konnte. -
    Ja! es ist nicht anders, auf einem Boden muss ich geboren sein! - Was Keller,
was Holzstall - ich entscheide mich für den Boden! - Klima, Vaterland, Sitten,
Gebräuche, wie unauslöschlich ist ihr Eindruck, ja, wie sind sie es nur, die des
Weltbürgers äussere und innere Gestaltung bewirken! - Woher kommt in mein Inneres
dieser Höhesinn, dieser unwiderstehliche Trieb zum Erhabenen? Woher diese
wunderbar seltene Fertigkeit im Klettern, diese beneidenswerte Kunst der
gewagtesten genialsten Sprünge? - Ha! es erfüllt eine süsse Wehmut meine Brust! -
Die Sehnsucht nach dem heimatlichen Boden regt sich mächtig! - Dir weihe ich
diese Zähren, o schönes Vaterland, dir dies wehmütig jauchzende Miau! - Dich
ehren diese Sprünge, diese Sätze, es ist Tugend darin und patriotischer Mut! -
Du, o Boden, spendest mir in freigebiger Fülle manch Mäuslein, und nebenher kann
man manche Wurst, manche Speckseite aus dem Schornstein erwischen, ja wohl
manchen Sperling haschen und sogar hin und wieder ein Täublein erlauben.
»Gewaltig ist die Liebe zu dir, o Vaterland!« -
    Doch ich muss rücksichte meiner -
    (Mak. Bl.) » - - und erinnern Sie sich, gnädigster Herr, denn nicht des
grossen Sturms, der dem Advokaten, als er zur Nachtzeit über den Pontneuf
wandelte, den Hut vom Kopfe herunter in die Seine warf? - Ähnliches steht im
Rabelais, doch war es eigentlich nicht der Sturm, der dem Advokaten den Hut
raubte, den er, indem er den Mantel dem Spiel der Lüfte preisgab, mit der Hand
fest auf den Kopf gedrückt hielt, sondern ein Grenadier riss mit dem lauten
Ausruf: Es weht ein grosser Wind, mein Herr, vorüberlaufend, schnell den feinen
Kastor dem Advokaten unter der Hand von der Perücke, und nicht dieser Kastor war
es, der in die Wellen der Seine hinabgeschleudert wurde, sondern des Soldaten
eignen schnöden Filz führte wirklich der Sturmwind in den feuchten Tod. Sie
wissen nun, gnädigster Herr, dass in dem Augenblick, als der Advokat ganz
verblüfft dastand, ein zweiter Soldat mit demselben Ausruf: Es weht ein grosser
Wind, mein Herr! vorüberrennend, den Mantel des Advokaten beim Kragen packte und
ihn ihm herabriss von den Schultern, und dass gleich darauf ein dritter Soldat mit
demselben Ausruf: Es weht ein grosser Wind, mein Herr! vorbeilaufend, ihm das
spanische Rohr mit dem goldnen Knopf aus den Händen wand. Der Advokat schrie aus
allen Kräften, warf dem letzten Spitzbuben die Perücke nach und ging dann
barhäuptig ohne Mantel und Stock hin, um das merkwürdigste aller Testamente
aufzunehmen, um das seltsamste aller Abenteuer zu erfahren. Sie wissen das
alles, gnädigster Herr!
    Ich weiss, erwiderte der Fürst, als ich dies gesprochen, ich weiss gar nichts
und begreife überhaupt nicht, wie Ihr, Meister Abraham, mir solches wirres Zeug
vorschwatzen könnt. Den Pontneuf kenne ich allerdings, er befindet sich zu
Paris, und bin ich zwar niemals darüber zu Fusse gegangen, wohl aber oft darüber
gefahren, wie es meinem Stande geziemt. Den Advokaten Rabelais habe ich niemals
gesehen und um Soldatenstreiche in meinem ganzen Leben mich nicht bekümmert. Als
ich in jüngern Jahren noch meine Armee kommandierte, liess ich wöchentlich einmal
sämtliche Junkers durchfuchteln für die Dummheiten, die sie begangen oder
künftig noch begehen möchten, das Prügeln der gemeinen Leute war aber die Sache
der Leutenants, die damit meinem Beispiel gemäss auch allwöchentlich verfuhren,
und zwar Sonnabends, so dass Sonntags es keinen Junker, keinen gemeinen Kerl in
der ganzen Armee gab, der nicht seine gehörige Tracht Schläge erhalten, wodurch
die Truppen, nächst der eingeprügelten Moralität, auch ans Geschlagenwerden
überhaupt gewöhnt wurden, ohne jemals vor dem Feinde gewesen zu sein, und in
diesem Fall nichts anders tun konnten als schlagen. - Das leuchtet Euch ein,
Meister Abraham, und nun sagt mir um tausend Gottes willen, was wollt Ihr mit
Eurem Sturm, mit Eurem auf dem Pontneuf beraubten Advokaten Rabelais, wo bleibt
Eure Entschuldigung, dass das Fest sich auflöste in wilder Verwirrung, dass mir
eine Leuchtkugel ins Toupet fuhr, dass mein teurer Sohn in das Bassin geriet und
von verräterischen Delphinen bespritzt wurde über und über, dass die Prinzessin
entschleiert mit aufgeschürztem Rock wie Atalanta durch den Park fliehen musste,
- dass - dass - wer zählt die Unglücksfälle der verhängnisvollen Nacht! - Nun,
Meister Abraham, was sagt Ihr?
    Gnädigster Herr, erwiderte ich, mich demutsvoll verbeugend, was war an allem
Unheil schuld, als der Sturm - das grässliche Unwetter, welches einbrach, als
alles im schönsten Gange. Kann ich den Elementen gebieten? - Hab' ich denn nicht
selbst dabei schlimmes Malheur erlitten, habe ich nicht wie jener Advokat, den
ich untertänigst bitte, nicht mit dem berühmten französischen Schriftsteller
Rabelais zu verwechseln, Hut, Rock und Mantel verloren? Habe ich nicht -«
    »Höre,« unterbrach hier den Meister Abraham Johannes Kreisler, »höre,
Freund, noch jetzt, unerachtet es schon ziemlich lange her ist, spricht man von
dem Geburtstage der Fürstin, dessen Feier du angeordnet hast, wie von einem
dunklen Geheimnis, und gewiss hast du nach deiner gewöhnlichen Art und Weise viel
Abenteuerliches begonnen. Hielt das Volk dich schon immer für eine Art von
Hexenmeister, so scheint dieser Glaube durch jenes Fest noch um vieles stärker
geworden zu sein. Sage mir nur geradezu, wie sich alles begeben. Du weisst, ich
war damals nicht hier -«
    »Eben das,« fiel Meister Abraham dem Freunde ins Wort, »geben das, dass du
nicht hier, dass du, der Himmel weiss, von welchen Furien der Hölle getrieben,
fortgerannt warst wie ein Wahnsinniger, eben das machte mich toll und wild, eben
deshalb beschwor ich die Elemente herauf, ein Fest zu stören, das meine Brust
zerschnitt, da du, der eigentliche Held des Stücks, fehltest, ein Fest, das nur
erst dürftig und mühsam daherschlich, dann aber über geliebte Personen nichts
brachte als die Qual beängstigender Träume - Schmerz - Entsetzen! - Erfahre es
jetzt, Johannes, ich habe tief in dein Inneres geschaut und das gefährliche -
bedrohliche Geheimnis erkannt, das darin ruht, ein gärender Vulkan, in jedem
Augenblick vermögend loszubrechen in verderblichen Flammen, rücksichtslos alles
um sich her verzehrend! - Es gibt Dinge in unserm Innern, die sich so gestalten,
dass die vertrautesten Freunde darüber nicht reden dürfen. Darum verhehlte ich
dir sorglich, was ich in dir erschaut, aber mit jenem Fest, dessen tieferer Sinn
nicht die Fürstin, sondern eine andere geliebte Person und dich selbst traf,
wollte ich dein ganzes Ich gewaltsam erfassen. Die verborgensten Qualen sollten
lebendig werden in dir und wie aus dem Schlaf erwachte Furien mit verdoppelter
Kraft deine Brust zerfleischen. Wie einem zum Tode Siechen sollte Arzenei, dem
Orkus selbst entnommen, die im stärksten Paroxysmus kein weiser Arzt scheuen
darf, dir den Tod bereiten oder Genesung! - Wisse Johannes, dass der Fürstin
Namenstag zusammentrifft mit dem Namenstage Julias, die auch, wie sie, Maria
geheissen.«
    »Ha!« rief Kreisler, indem er, zehrendes Feuer im Blick, aufsprang, »Ha! -
Meister! ist dir die Macht gegeben, mit mir freches höhnendes Spiel zu treiben?
- Bist du das Verhängnis selbst, dass du mein Inneres erfassen magst?«
    »Wilder unbesonnener Mensch,« erwiderte Meister Abraham ruhig, »wann wird
endlich der verwüstende Brand in deiner Brust zur reinen Naphtaflamme werden,
genährt von dem tiefsten Sinn für die Kunst, für alles Herrliche und Schöne, der
in dir wohnt! - Du verlangtest von mir die Beschreibung jenes verhängnisvollen
Festes; so höre mich denn ruhig an, oder ist deine Kraft gebrochen ganz und gar,
dass du das nicht vermagst, so will ich dich verlassen.« -
    »Erzähle,« sprach Kreisler mit halberstickter Stimme, indem er, beide Hände
vors Gesicht, sich wieder hinsetzte. »Ich will,« sprach Meister Abraham,
plötzlich einen heitern Ton annehmend, »ich will dich, lieber Johannes, gar
nicht ermüden mit der Beschreibung aller der sinnreichen Anordnungen, die
grösstenteils dem erfindungsreichen Geiste des Fürsten selbst ihren Ursprung
verdankten. Da das Fest am späten Abend begann, so versteht es sich von selbst,
dass der ganze schöne Park, der das Lustschloss umgibt, erleuchtet war. Ich hatte
mich bemüht, in dieser Erleuchtung ungewöhnliche Effekte hervorzubringen, das
gelang aber nur zum Teil, da auf des Fürsten ausdrücklichen Befehl in allen
Gängen, mittelst auf grossen schwarzen Tafeln angebrachter buntfarbiger Lampen,
der Namenszug der Fürstin brennen musste, nebst der fürstlichen Krone darüber. Da
die Tafeln an hohen Pfählen angenagelt, so glichen sie beinahe illuminierten
Warnungsanzeigen, dass man nicht Tabak rauchen oder die Maut nicht umfahren
solle. Der Hauptpunkt des Festes war das durch Gebüsch und künstliche Ruinen
gebildete Teater in der Mitte des Parks, welches du kennst. Auf diesem Teater
sollten die Schauspieler aus der Stadt etwas Allegorisches agieren, welches
läppisch genug war, um ganz ausserordentlich zu gefallen, hätte es auch nicht der
Fürst selbst verfasst, und wäre es daher auch nicht, um mich des geistreichen
Ausdrucks jenes Schauspieldirektors, der ein fürstliches Stück aufführte, zu
bedienen, aus einer durchlauchtigen Feder geflossen. Der Weg vom Schloss bis zum
Teater war ziemlich weit. Nach der poetischen Idee des Fürsten sollte der
wandelnden Familie ein in den Lüften schwebender Genius mit zwei Fackeln
vorleuchten, sonst aber kein Licht brennen, sondern erst, nachdem die Familie
und das Gefolge Platz genommen, das Teater plötzlich erleuchtet werden. Deshalb
blieb besagter Weg finster. Vergebens stellte ich die Schwierigkeit dieser
Maschinerie vor, welche die Länge des Wegs herbeiführte, der Fürst hatte in den
Fêtes de Versailles etwas Ähnliches gelesen, und da er hinterher den poetischen
Gedanken selbst gefunden, bestand er auf dessen Ausführung. Um jedem
unverdienten Vorwurf zu entgehen, überliess ich den Genius samt den Fackeln dem
Teater-Maschinisten aus der Stadt. - Sowie nun das fürstliche Paar, hinter ihm
das Gefolge, aus der Türe des Salons trat, wurde ein kleines pausbackiges
Männlein, in die Hausfarben des Fürsten gekleidet, mit zwei brennenden Fackeln
in den Händchen, vom Dache des Lustschlosses herabgezogen. Die Puppe war aber zu
schwer, und es begab sich, dass kaum zwanzig Schritt davon die Maschine stockte,
so dass der leuchtende Schutzgeist des fürstlichen Hauses hängen blieb und, da
die Arbeiter stärker anzogen, sich über kugelte. Nun schleuderten die brennenden
abwärts gekehrten Wachskerzen glühende Tropfen zur Erde. Der erste dieser
Tropfen traf den Fürsten selbst, der indessen mit stoischem Gleichmut den
Schmerz verbiss, wiewohl er in der Gravität des Schrittes nachliess und schneller
vorwärts eilte. Der Genius schwebte jetzt fort über der Gruppe, die der
Hofmarschall mit den Kammerjunkern nebst andern Hofchargen bildete, Füsse oben,
Kopf unten, so dass der Glutregen aus den Fackeln bald diesen, bald jenen auf den
Kopf und auf die Nase traf. Den Schmerz zu äussern und so das frohe Fest zu
stören, hätte den Respekt verletzt, es war daher hübsch anzusehen, wie die
Unglücklichen, eine ganze Kohorte stoischer Scävolas, mit grässlich verzerrten
Gesichtern und doch mit Gewalt die Qual niederkämpfend, ja wohl gar ein Lächeln
erzwingend, das dem Orkus anzugehören schien, daherschritten, lautlos, kaum
bangen Seufzern Raum gebend. Dazu wirbelten die Pauken, schmetterten die
Trompeten, riefen hundert Stimmen: Vivat, vivat die gnädigste Frau Fürstin!
Vivat der gnädigste Herr Fürst! so dass der durch den wunderlichen Kontrast jener
Laokoontischen Gesichter mit dem lustigen Jubel erzeugte tragische Patos der
ganzen Szene eine Majestät gab, wie kaum zu denken.
    Der alte dicke Hofmarschall konnte es endlich nicht mehr ertragen; als ihn
ein glühender Tropfen gerade auf die Backe traf, sprang er in grimmer Wut der
Verzweiflung seitwärts, verwickelte sich aber in die Stricke, die, zur
Flugmaschine gehörend, gerade an der Seite hart über dem Boden fortliefen, und
stürzte mit dem lauten Ausruf: Alle Teufel! nieder zur Erde. In demselben Moment
hatte auch der luftige Page seine Rolle ausgespielt. Der gewichtige Hofmarschall
zog ihn mit Zentnerschwere nieder, er stürzte herab mitten unter das Gefolge,
das, laut aufschreiend, auseinanderprallte. Die Fackeln verlöschten, man befand
sich in der dicksten Finsternis. Dies alles geschah dicht vor dem Teater. Ich
hütete mich wohl, den Zünder anzustecken, der alle Lampen, alle Feuerbecken des
Platzes auf einmal in Brand setzen musste, sondern wartete damit ein paar
Minuten, um der Gesellschaft Zeit zu lassen, sich in Baum und Gebüsch gehörig zu
verwirren. Licht - Licht - rief der Fürst wie der König im Hamlet, Licht - Licht
eine Menge heisere Stimmen durcheinander. Als der Platz erleuchtet, glich der
auseinandergesprengte Haufe einem geschlagenen Heer, das sich mühsam
zusammenfindet. Der Oberkammerherr bewies sich als ein Mann von Gegenwart des
Geistes, als der geschickteste Taktiker seiner Zeit; denn in wenigen Minuten war
vermöge seiner Bemühungen die Ordnung wiederhergestellt. Der Fürst trat mit der
nächsten Umgebung auf eine Art von erhöhten Blumentron, der in der Mitte des
Zuschauer-Platzes errichtet. Sowie das fürstliche Paar sich niederliess, fielen
vermöge einer sehr pfiffigen Vorrichtung jenes Maschinisten eine Menge Blumen
auf dasselbe herab. Nun wollte es aber das dunkle Verhängnis, dass eine grosse
Feuerlilie dem Fürsten gerade auf die Nase fiel und sein ganzes Gesicht glutrot
überstäubte, wodurch er ein ungemein majestätisches, der Feierlichkeit des
Festes würdiges Ansehen gewann.«
    »Das ist zu arg - das ist zu arg,« rief Kreisler, indem er eine rasende
Lache aufschlug, dass die Wände dröhnten.
    »Lache nicht so konvulsivisch,« sprach Meister Abraham, »auch ich lachte in
jener Nacht unmässiger als jemals, ich fühlte mich eben zu allerlei tollem
Mutwillen aufgelegt und hätte wie der Spukgeist Droll selbst gern alles noch
mehr durcheinanderjagen, noch mehr verwirren mögen, aber desto tiefer drangen
dann die Pfeile, die ich gegen andere gerichtet, ein in meine eigene Brust. -
Nun! - ich will es nur sagen! Den Moment des läppischen Blumenbewerfens hatte
ich gewählt, um den unsichtbaren Faden festzuknüpfen, der sich nun durch das
ganze Fest ziehen und, wie ein elektrischer Leiter, das Innerste der Personen
durchbeben sollte, die ich mit meinem geheimnisvollen geistigen Apparat, in den
sich der Faden verlor, mir in Rapport gesetzt denken musste. - Unterbrich mich
nicht, Johannes - höre mich ruhig an. - Julia sass mit der Prinzessin hinter der
Fürstin seitwärts, ich hatte beide im Auge. Sowie Pauken und Trompeten
schwiegen, fiel Julien eine unter duftenden Nachtviolen versteckte aufbrechende
Rosenknospe in den Schoss, und wie strömender Hauch des Nachtwindes schwammen die
Töne deines tief ins Herz dringenden Liedes herüber: Mi lagnerò tacendo della
mia sorte amara. - Julie war erschrocken, als aber das Lied, das ich, ich sag'
es, damit du über die Art des Vortrags etwa nicht in bange Zweifel gerätst, von
unsern vier vortrefflichen Bassettornisten ganz in der Ferne spielen liess -
begann, entfloh ein leichtes Ach ihren Lippen, sie drückte den Strauss an die
Brust, und ich hörte deutlich, dass sie zur Prinzessin sprach: Er ist gewiss
wieder da! - Die Prinzessin umarmte Julien mit Heftigkeit und rief so laut: Nein
nein - ach, niemals, dass der Fürst sein feuriges Antlitz umdrehte und ihr ein
zorniges Silence! zuwarf. Der Herr mochte auch wohl eben nicht gerade auf das
liebe Kind sehr böse sein, aber ich will es hier bemerken, dass die wunderbare
Schminke, ein Tiranno ingrato in der Oper hätte sich nicht zweckmässiger anmalen
können, ihm wirklich das Ansehen eines fortwährenden unvertilgbaren Zorns gab,
so dass die rührendsten Reden, die zartesten Situationen, welche häusliches Glück
auf dem Trone allegorisch darstellten, rein verloren schienen; Schauspieler und
Zuschauer gerieten darüber in nicht geringe Verlegenheit. Ja selbst, wenn der
Fürst bei den Stellen, die er sich zu dem Behuf in dem Exemplar, das er in der
Hand hielt, rot angestrichen, der Fürstin die Hand küsste und mit dem Tuch eine
Träne von dem Auge wegdrückte, schien es in verbissenem Ingrimm zu geschehen; so
dass die Kammerherrn, die diensttuend ihm zur Seite standen, sich zuflüsterten: O
Jesus, was ist unserm gnädigsten Herrn! - Ich will dir nur sagen, Johannes, dass,
während die Schauspieler das alberne Zeug vorne auf dem Teater hertragierten,
ich mittelst magischer Spiegel und anderer Vorrichtungen hinterwärts in den
Lüften ein Geisterschauspiel darstellte zur Verherrlichung des Himmelskindes,
der holden Julia, dass eine Melodie nach der andern, die du in hoher Begeisterung
geschaffen, ertönte, ja dass oft ferner, oft näher, wie banger ahnungsvoller
Geisterruf, der Name: Julia erklang. - Aber du fehltest - du fehltest, mein
Johannes! Und wenn ich auch, nachdem das Schauspiel geendet, meinen Ariel
rühmen, wie Shakespeares Prospero den seinigen, wenn ich auch sagen müsste, dass
er alles trefflich vollführt, so fand ich doch das, was ich mit tiefem Sinn
angeordnet zu haben glaubte, schal und matt. - Die Julia hatte alles mit feinem
Takt verstanden. Doch schien sie nur angeregt wie von einem lieblichen Traum,
dem man übrigens keine sonderliche Einwirkung ins wache Leben verstattet. Die
Prinzessin war dagegen tief in sich gekehrt. Arm in Arm lustwandelte sie mit
Julien in den erleuchteten Gängen des Parks, während der Hof in einem Pavillon
Erfrischungen zu sich nahm. - Ich hatte den Hauptschlag in diesem Moment
vorbereitet, aber du fehltest - du fehltest, mein Johannes. - Voller Unmut und
Zorn rannte ich umher, ich sah zu, ob alle Anstalten zu dem grossen Feuerwerk,
womit das Fest schliessen sollte, gehörig geordnet. Da gewahrte ich, aufschauend
zum Himmel, über dem fernen Geierstein, im Schimmer der Nacht, die kleine
rötliche Wolke, die jedesmal ein Wetter bedeutet, das still heraufzieht und dann
hier über uns mit einer fürchterlichen Explosion losbricht. Zu welcher Zeit
diese Explosion geschehen muss, berechne ich, wie du weisst, nach dem Stand der
Wolke, auf die Sekunde. Keine Stunde konnte es mehr dauern, ich beschloss daher,
mit dem Feuerwerk zu eilen. In dem Augenblick vernahm ich, dass mein Ariel mit
jener Phantasmagorie begonnen, die alles, alles entscheiden sollte, denn ich
hörte am Ende des Parks in der kleinen Marienkapelle den Chor dein Ave maris
stella singen. Ich eilte schnell hin. Julia und die Prinzessin knieten in dem
Betstuhl, der vor der Kapelle im Freien angebracht. Kaum war ich an Ort und
Stelle, als - aber du fehltest - du fehltest, mein Johannes! - Lass mich darüber
schweigen, was sich jetzt begab - Ach! - wirkungslos blieb das, was ich für ein
Meisterstück meiner Kunst gehalten, und ich erfuhr, was ich blöder Tor nicht
geahnt.« -
    »Heraus mit der Sprache,« rief Kreisler, »alles, alles sage, Meister! wie es
sich begeben.«
    »Mitnichten,« erwiderte Meister Abraham, »es nützt dir nichts, Johannes, und
mir zerschneidet es die Brust, wenn ich noch sagen soll, wie meine eignen
Geister mir Graus einjagten und Entsetzen! - Die Wolke! - glücklicher Gedanke!
So soll, rief ich wild aus, denn alles in toller Verwirrung enden, und rannte
fort nach dem Platz des Feuerwerks. Der Fürst liess mir sagen, wenn alles fertig
sei, sollte ich das Zeichen geben. Das Auge nicht abwendend von der Wolke, die
vom Geierstein weg höher und höher heraufzog, liess ich, als sie mir hoch genug
schien, die Böller lösen. Bald war der Hof, die ganze Gesellschaft an Ort und
Stelle. Nach dem gewöhnlichen Spiel mit Feuerrädern, Raketen, Leuchtkugeln und
anderm gemeinen Zeuge ging endlich der Namenszug der Fürstin in chinesischem
Brillantfeuer auf, doch hoch über ihm in Lüften schwamm und verschwamm in
milchweissem Licht der Name Julia. - Nun war es Zeit. - Ich zündete die Girandola
an, und wie zischend und prasselnd die Raketen in die Höhe fuhren, brach das
Wetter los mit glutroten Blitzen, mit krachenden Donnern, von denen Wald und
Gebirge erdröhnten. Und der Orkan brauste hinein in den Park und störte auf den
tausendstimmig heulenden Jammer im tiefsten Gebüsch. Ich riss einem fliehenden
Trompeter das Instrument aus der Hand und blies lustig jauchzend darein, während
die Artilleriesalven der Feuertöpfe, der Kanonenschläge, der Böller wacker dem
rollenden Donner entgegenknallten.«
    Während Meister Abraham also erzählte, sprang Kreisler auf, schritt heftig
im Zimmer auf und ab, focht mit den Armen um sich und rief endlich ganz
begeistert: »Das ist schön, das ist herrlich, daran erkenne ich meinen Meister
Abraham, mit dem ich ein Herz bin und eine Seele!«
    »O,« sprach Meister Abraham, »ich weiss es ja, das Wildeste, Schauerlichste
ist dir eben recht, und doch habe ich das vergessen, was dich ganz und gar den
unheimlichen Mächten der Geisterwelt preisgegeben hätte. Ich hatte die
Wetterharfe, die, wie du weisst, sich über das grosse Bassin hinzieht, anspannen
lassen, auf der der Sturm als ein tüchtiger Harmoniker gar wacker spielte. In
dem Geheul, in dem Gebraus des Orkans, in dem Krachen des Donners erklangen
furchtbar die Akkorde der Riesenorgel. Schneller und schneller schlugen die
gewaltigen Töne los, und man mochte wohl ein Furienballett vernehmen, dessen
Stil ungemein gross zu nennen, wie man es beinahe zwischen den leinewandnen
Wänden des Teaters nicht zu hören bekommt! - Nun! - in einer halben Stunde war
alles vorüber. Der Mond trat hinter den Wolken hervor. Der Nachtwind säuselte
tröstend durch den erschrockenen Wald und trocknete die Tränen weg von den
dunklen Büschen. Dazwischen ertönte noch dann und wann die Wetterharfe wie
dumpfes, fernes Glockengeläute. - Mir war wunderbarlieb zumute. Du, mein
Johannes, erfülltest mein Inneres so ganz und gar, dass ich glaubte, du würdest
gleich vor mir aufsteigen aus dem Grabhügel verlorner Hoffnungen, unerfüllter
Träume und an meine Brust sinken. Nun in der Stille der Nacht kam der Gedanke,
was für ein Spiel ich unternommen, wie ich gewaltsam den Knoten, den das dunkle
Verhängnis geschlungen, zerreissen wollen, aus meinem Innern herausgetreten,
fremdartig, in anderer Gestaltung, auf mich los, und indem mich kalte Schauer
durchbebten, war ich es selbst, vor dem ich mich entsetzen musste. - Eine Menge
Irrlichter tanzten und hüpften im ganzen Park umher, aber es waren die Bedienten
mit Laternen, welche die auf der schnellen Flucht verlernen Hüte, Perücken,
Haarbeutel, Degen, Schuhe, Shawls zusammensuchten. Ich machte mich davon. Mitten
auf der grossen Brücke vor unserer Stadt blieb ich stehen und schaute noch einmal
zurück nach dem Park, der vom magischen Schimmer des Mondes umflossen dastand
wie ein Zaubergarten, in dem das lustige Spiel flinker Elfen begonnen. Da fiel
mir ein feines Piepen in die Ohren, ein Quäken, das beinahe dem eines
neugebornen Kindes glich. Ich vermutete eine Untat, bückte mich tief über das
Geländer und entdeckte im hellen Mondschein ein Kätzchen, das sich mühsam an den
Pfosten angeklammert, um dem Tod zu entgehen. Wahrscheinlich hatte man eine
Katzenbrut ersäufen wollen, und das Tierchen war wieder hinaufgekrochen. Nun,
dacht' ich, ist's auch kein Kind, so ist es doch ein armes Tier, das dich um
Rettung anquäkt, und das du retten musst.«
    »O du empfindsamer Just,« rief Kreisler lachend, »sage, wo ist dein
Tellheim?«
    »Erlaube,« fuhr Meister Abraham fort, »erlaube, mein Johannes, mit dem Just
magst du mich kaum vergleichen. Ich habe den Just überjustet. Er rettete einen
Pudel, ein Tier, das jeder gern um sich duldet, von dem sogar angenehme
Dienstleistungen zu erwarten mittelst Apportieren, Handschuhe-, Tabaksbeutel-und
Pfeife-Nachtragen u.s.w., aber ich rettete einen Kater, ein Tier, vor dem sich
viele entsetzen, das allgemein als perfid, keiner sanften, wohlwollenden
Gesinnung, keiner offenherzigen Freundschaft fähig ausgeschrieen wird, das
niemals ganz und gar die feindliche Stellung gegen den Menschen aufgibt, ja,
einen Kater rettete ich aus purer uneigennütziger Menschenliebe. - Ich kletterte
über das Geländer, griff nicht ohne Gefahr herab, fasste das wimmernde Kätzchen,
zog es hinauf und steckte es in die Tasche. Nach Hause gekommen, zog ich mich
schnell aus und warf mich, ermüdet und erschöpft wie ich war, aufs Bett. Kaum
war ich aber eingeschlafen, als mich ein klägliches Piepen und Winseln weckte,
das aus meinem Kleiderschrank herzukommen schien. - Ich hatte das Kätzchen
vergessen und es in der Rocktasche gelassen. Ich befreite das Tier aus dem
Gefängnis, wofür es mich dermassen kratzte, dass mir alle fünf Finger bluteten.
Schon war ich im Begriff, den Kater durchs Fenster zu werfen, ich besann mich
aber und schämte mich meiner kleinlichen Torheit, meiner Rachsucht, die nicht
einmal bei Menschen angebracht ist, viel weniger bei der unvernünftigen Kreatur.
- Genug, ich zog mit aller Mühe und Sorgfalt den Kater gross. Es ist das
gescheiteste, artigste, ja witzigste Tier der Art, das man sehen kann, dem es
nur noch an der höhern Bildung fehlt, die du, mein lieber Johannes, ihm mit
leichter Mühe beibringen wirst, weshalb ich denn gesonnen bin, dir den Kater
Murr, so habe ich ihn benannt, fernerhin zu überlassen. Obschon Murr zurzeit,
wie die Juristen sich ausdrücken, noch kein homo sui juris ist, so habe ich ihn
doch um seine Einwilligung gefragt, ob er in deine Dienste treten wolle. Er ist
durchaus damit zufrieden.«
    »Du faselst,« sprach Kreisler, »du faselst, Meister Abraham! du weisst, dass
ich Katzen nicht sonderlich leiden mag, dass ich dem Geschlecht der Hunde bei
weitem den Vorzug gebe.« -
    »Ich bitte,« erwiderte Meister Abraham, »ich bitte dich, lieber Johannes,
recht von Herzen, nimm meinen hoffnungsvollen Kater Murr wenigstens so lange zu
dir, bis ich heimkehre von meiner Reise. Ich habe ihn schon deshalb mitgebracht,
er ist draussen und wartet auf gütigen Bescheid. Sieh ihn wenigstens an.«
    Damit öffnete Meister Abraham die Türe, und auf der Strohmatte
zusammengekrümmt, schlafend, lag ein Kater, der wirklich in seiner Art ein
Wunder von Schönheit zu nennen. Die grauen und schwarzen Streifen des Rückens
liefen zusammen auf dem Scheitel zwischen den Ohren und bildeten auf der Stirne
die zierlichste Hieroglyphenschrift. Ebenso gestreift und von ganz
ungewöhnlicher Länge und Stärke war der stattliche Schweif. dabei glänzte des
Katers buntes Kleid und schimmerte, von der Sonne Geleuchtet, so dass man
zwischen dem Schwarz und Grau noch schmale goldgelbe Streifen wahrnahm. »Murr!
Murr!« rief Meister Abraham, »krrr - krrr,« erwiderte der Kater sehr
vernehmlich, dehnte - erhob sich, machte den ausserordentlichsten Katzenbuckel
und öffnete ein Paar grasgrüne Augen, aus denen Geist und Verstand in funkelndem
Feuer hervorbljetzten. Das behauptete wenigstens Meister Abraham, und auch
Kreisler musste so viel einräumen, dass der Kater etwas Besonderes, Ungewöhnliches
im Antlitz trage, dass sein Kopf hinlänglich dick, um die Wissenschaften zu
fassen, sein Bart aber schon jetzt in der Jugend weiss und lang genug sei, um dem
Kater gelegentlich die Autorität eines griechischen Weltweisen zu verschaffen.
    »Wie kann man aber auch überall gleich schlafen,« sprach Meister Abraham zum
Kater, »du verlierst alle Heiterkeit darüber und wirst vor der Zeit ein
grämliches Tier. Putz' dich fein, Murr!«
    Sogleich setzte sich der Kater auf die Hinterfüsse, fuhr mit den Samtpfötchen
sich zierlich über Stirn und Wangen und stiess dann ein klares freudiges Miau
aus.
    »Dies ist,« fuhr Meister Abraham fort, »dies ist der Herr Kapellmeister
Johannes Kreisler, bei dem du in Dienste treten wirst.« Der Kater glotzte den
Kapellmeister mit seinen grossen funkelnden Augen an, begann zu knurren, sprang
auf den Tisch, der neben Kreislern stand, und von da ohne weiteres auf seine
Schulter, als wolle er ihm etwas ins Ohr sagen. Dann setzte er wieder herab zur
Erde und umkreiste schwänzelnd und knurrend den neuen Herrn, als wolle er recht
Bekanntschaft mit ihm machen.
    »Gott verzeih mir,« rief Kreisler, »ich glaube gar, der kleine graue Kerl
hat Verstand und stammt aus der illustren Familie des gestiefelten Katers her!«
    »So viel ist gewiss,« erwiderte Meister Abraham, »dass der Kater Murr das
possierlichste Tier von der Welt ist, ein wahrer Pulcinell, und dabei artig und
sittsam, nicht zudringlich und unbescheiden, wie zuweilen Hunde, die uns mit
ungeschickten Liebkosungen beschwerlich fallen.« -
    »Indem ich«, sprach Kreisler, »diesen klugen Kater betrachte, fällt es mir
wieder schwer aufs Herz, in welchen engen Kreis unsere Erkenntnis gebannt ist. -
Wer kann es sagen, wer nur ahnen, wie weit das Geistesvermögen der Tiere geht! -
Wenn uns etwas oder vielmehr alles in der Natur unerforschlich bleibt, so sind
wir gleich mit Namen bei der Hand und brüsten uns mit unserer albernen
Schulweisheit, die eben nicht viel weiter reicht als unsere Nase. So haben wir
denn auch das ganze geistige Vermögen der Tiere, das sich oft auf die
wunderbarste Art äussert, mit der Bezeichnung Instinkt abgefertigt. Ich möchte
aber nur die einzige Frage beantwortet haben, ob mit der Idee des Instinkts, des
blinden willkürlosen Triebes, die Fähigkeit zu träumen vereinbar sei. Dass aber
z.B. Hunde mit der grössten Lebhaftigkeit träumen, weiss jeder, der einen
schlafenden Jagdhund beobachtet hat, dem im Traum die ganze Jagd aufgegangen. Er
sucht, er schnuppert, er bewegt die Füsse, als sei er im vollen Rennen, er
keucht, er schwitzt. - Von träumenden Katern weiss ich zurzeit nichts.« -
    »Der Kater Murr«, unterbrach Meister Abraham den Freund, »träumt nicht
allein sehr lebendig, sondern er gerät auch, wie deutlich zu bemerken, häufig in
jene sanfte Reverien, in das träumerische Hinbrüten, in das somnambule
Delirieren, kurz, in jenen seltsamen Zustand zwischen Schlafen und Wachen, der
poetischen Gemütern für die Zeit des eigentlichen Empfanges genialer Gedanken
gilt. In diesem Zustande stöhnt und ächzt er seit kurzer Zeit ganz ungemein, so,
dass ich glauben muss, dass er entweder in Liebe ist oder an einer Tragödie
arbeitet.«
    Kreisler lachte hell auf, indem er rief: »Nun so komm denn, du kluger,
artiger, witziger, poetischer Kater Murr, lass uns -«
    (M. f. f.) ersten Erziehung, meiner Jugendmonate überhaupt noch vieles
anführen.
    Es ist nämlich wohl höchst merkwürdig und lehrreich, wenn ein grosser Geist
in einer Autobiographie über alles, was sich mit ihm in seiner Jugend begab,
sollte es auch noch so unbedeutend scheinen, recht umständlich sich auslässt.
Kann aber auch wohl einem hohen Genius jemals Unbedeutendes begegnen? Alles, was
er in seiner Knabenzeit unternahm oder nicht unternahm, ist von der höchsten
Wichtigkeit und verbreitet helles Licht über den tiefern Sinn, über die
eigentliche Tendenz seiner unsterblichen Werke. Herrlicher Mut geht auf in der
Brust des strebenden Jünglings, den bange Zweifel quälen, ob die innere Kraft
auch wohl genüge, wenn er lieset, dass der grosse Mann als Knabe auch Soldat
spielte, sich in Naschwerk übernahm und zuweilen was weniges Schläge erhielt,
weil er faul war, ungezogen und tölpisch. »Gerade wie ich, gerade wie ich,« ruft
der Jüngling begeistert aus und zweifelt nicht länger, dass auch er ein hoher
Genius ist trotz seinem angebeteten Idol.
    Mancher las den Plutarch oder auch wohl nur den Cornelius Nepos und wurde
ein grosser Held, mancher die Tragödiendichter der Alten in der Übersetzung und
nebenher den Calderon und Shakespeare, den Goete und Schiller und wurde, wo
nicht ein grosser Dichter, doch ein kleiner allerliebster Versmacher, wie ihn die
Leute ebenso gern haben. So werden meine Werke auch gewiss in der Brust manches
jungen geist- und gemütreichen Katers das höhere Leben der Poesie entzünden, und
nimmt denn der edle Katerjüngling meine biographischen Belustigungen auf dem
Dache vor, geht er ganz ein in die hohen Ideen des Buchs, das ich soeben unter
den Klauen habe, dann wird er im Entzücken der Begeisterung ausrufen: »Murr,
göttlicher Murr, grösster deines Geschlechts, dir, dir allein verdanke ich alles,
nur dein Beispiel macht mich gross.« -
    Es ist zu rühmen, dass Meister Abraham bei meiner Erziehung sich weder an den
vergessenen Basedow hielt, noch die Pestalozzische Metode befolgte, sondern mir
unbeschränkte Freiheit liess, mich selbst zu erziehen, insofern ich mich nur in
gewisse Normalprinzipien fügte, die Meister Abraham sich als unbedingt notwendig
für die Gesellschaft, die die herrschende Macht auf dieser Erde versammelt,
dachte, da sonst alles blind und toll durcheinanderrennen und es überall
vertrakte Rippenstösse und garstige Beulen setzen, eine Gesellschaft überhaupt
nicht denkbar sein würde. Den Inbegriff dieser Prinzipien nannte der Meister die
natürliche Artigkeit im Gegensatz der konventionellen, der gemäss man sprechen
muss: »Ich bitte ganz gehorsamst um gütige Verzeihung,« wenn man von einem Lümmel
angerannt oder auf den Fuss getreten worden. Mag es sein, dass jene Artigkeit den
Menschen nötig ist, so kann ich doch nicht begreifen, wie sich ihr auch mein
freigebornes Geschlecht fügen soll, und war nun das Hauptregens, mittelst dessen
der Meister mir jene Normalprinzipien beibrachte, ein gewisses sehr fatales
Birkenreis, so kann ich mich wohl mit Recht über Härte meines Erziehers
beklagen. Davongelaufen wäre ich, hätte mich nicht der mir angeborne Hang zur
höhern Kultur an den Meister festgebunden. - Je mehr Kultur, desto weniger
Freiheit, das ist ein wahres Wort. Mit der Kultur steigen die Bedürfnisse, mit
den Bedürfnissen - Nun, eben die augenblickliche Befriedigung mancher
natürlichen Bedürfnisse ohne Rücksicht auf Ort und Zeit, das war das erste, was
mir der Meister mittelst des verhängnisvollen Birkenreises total abgewöhnte.
Dann kam es an die Gelüste, die, wie ich mich später überzeugt habe, lediglich
aus einer gewissen abnormen Stimmung des Gemüts entstehen! Ebendiese seltsame
Stimmung, die vielleicht von meinem psychischen Organismus selbst erzeugt wurde,
trieb mich an, die Milch, ja selbst den Braten, den der Meister für mich
hingestellt, stehen zu lassen, auf den Tisch zu springen und das wegzunaschen,
was er selbst geniessen wollte. Ich empfand die Kraft des Birkenreises und liess
es bleiben. - Ich sehe es ein, dass der Meister recht hatte, meinen Sinn von
dergleichen abzulenken, da ich weiss, dass mehrere meiner guten Mitbrüder, weniger
kultiviert, weniger gut erzogen als ich, dadurch in die abscheulichsten
Verdriesslichkeiten, ja in die traurigste Lage auf ihre Lebenszeit geraten sind.
Ist es mir doch bekannt worden, dass ein hoffnungsvoller Katerjüngling den Mangel
an innerer geistiger Kraft, seinem Gelüst zu widerstehen, einen Topf Milch
auszunaschen, mit dem Verlust seines Schweifs büssen und, verhöhnt, verspottet,
sich in die Einsamkeit zurückziehen musste. Also der Meister hatte recht, mir
dergleichen abzugewöhnen; dass er aber meinem Drange nach den Wissenschaften und
Künsten Widerstand leistete, das kann ich ihm nicht verzeihen. -
    Nichts zog mich in des Meisters Zimmer mehr an, als der mit Büchern,
Schriften und allerlei seltsamen Instrumenten bepackte Schreibtisch. Ich kann
sagen, dass dieser Tisch ein Zauberkreis war, in den ich mich gebannt fühlte, und
doch empfand ich eine gewisse heilige Scheu, die mich abhielt, meinem Triebe
ganz mich hinzugeben. Endlich eines Tages, als eben der Meister abwesend war,
überwand ich meine Furcht und sprang herauf auf den Tisch. Welche Wollust, als
ich nun mitten unter den Schriften und Büchern sass und darin wühlte. Nicht
Mutwille, nein, nur Begier, wissenschaftlicher Heisshunger war es, dass ich mit
den Pfoten ein Manuskript erfasste und so lange hin und her zauste, bis es, in
kleine Stücke zerrissen, vor mir lag. Der Meister trat hinein, sah, was
geschehen, stürzte mit dem kränkenden Ausruf: »Bestie, vermaledeite!« auf mich
los und prügelte mich mit dem Birkenreis so derb ab, dass ich mich, winselnd vor
Schmerz, unter den Ofen verkroch und den ganzen Tag über durch kein freundliches
Wort wieder hervorzulocken war. Wen hätte dies Ereignis nicht abgeschreckt auf
immer, selbst die Bahn zu verfolgen, die ihm die Natur vorgezeichnet! Aber kaum
hatte ich mich ganz erholt von meinen Schmerzen, als ich, meinem
unwiderstehlichen Drange folgend, wieder auf den Schreibtisch sprang. Freilich
war ein einziger Ruf meines Meisters, ein abgebrochner Satz wie z.B. »Will er!«
- hinlänglich, mich wieder herab zu jagen, so dass es nicht zum Studieren kam;
indessen wartete ich ruhig auf einen günstigen Moment, meine Studien anzufangen,
und dieser trat denn auch bald ein. Der Meister rüstete sich eines Tages zum
Ausgehen, alsbald versteckte ich mich so gut im Zimmer, dass er mich nicht fand,
als er, eingedenk des zerrissenen Manuskripts, mich herausjagen wollte. Kaum war
der Meister fort, so sprang ich mit einem Satz auf den Schreibtisch und legte
mich mitten hinein in die Schriften, welches mir ein unbeschreibliches
Wohlgefallen verursachte. Geschickt schlug ich mit der Pfote ein ziemlich dickes
Buch auf, welches vor mir lag, und versuchte, ob es mir nicht möglich sein
würde, die Schriftzeichen darin zu verstehen. Das gelang mir zwar anfangs ganz
und gar nicht, ich liess aber gar nicht ab, sondern starrte hinein in das Buch,
erwartend, dass ein ganz besonderer Geist über mich kommen und mir das Lesen
lehren werde. So vertieft, überraschte mich der Meister. Mit einem lauten: »Seht
die verfluchte Bestie!« sprang er auf mich zu. Es war zu spät, mich zu retten,
ich kniff die Ohren an, ich duckte mich nieder, so gut es gehen wollte, ich
fühlte schon die Rute auf meinem Rücken. Aber die Hand schon aufgehoben, hielt
der Meister plötzlich inne, schlug eine helle Lache auf und rief: »Kater -
Kater, du liesest? ja, das kann, das will ich dir nicht verwehren. Nun sieh -
sieh! - was für ein Bildungstrieb dir inwohnt.« - Er zog mir das Buch unter den
Pfoten weg, schaute hinein und lachte noch unmässiger als vorher. »Das muss ich
sagen,« sprach er dann, »ich glaube gar, du hast dir eine kleine Handbibliotek
angeschafft, denn ich wüsste sonst gar nicht, wie das Buch auf meinen
Schreibtisch kommen sollte? - Nun, lies nur - studiere fleissig, mein Kater,
allenfalls magst du auch die wichtigen Stellen im Buche durch sanfte Einrisse
bezeichnen, ich stelle dir das frei!« - Damit schob er mir das Buch
aufgeschlagen wieder hin. Es war, wie ich später erfuhr, Knigge, »über den
Umgang mit Menschen«, und ich habe aus diesem herrlichen Buch viel
Lebensweisheit geschöpft. Es ist so recht aus meiner Seele geschrieben und passt
überhaupt für Kater, die in der menschlichen Gesellschaft etwas gelten wollen,
ganz ungemein. Diese Tendenz des Buchs ist, soviel ich weiss, bisher übersehen
und daher zuweilen das falsche Urteil gefällt worden, dass der Mensch, der sich
ganz genau an die im Buch aufgestellten Regeln halten wollte, notwendig überall
als ein steifer herzloser Pedant auftreten müsse.
    Seit dieser Zeit litt mich der Meister nicht allein auf dem Schreibtisch,
sondern er sah es sogar gern, wenn ich, arbeitete er selbst, heraufsprang und
mich vor ihm unter die Schriften hinlagerte.
    Meister Abraham hatte die Gewohnheit, oftmals viel hintereinander laut zu
lesen. Ich unterliess dann nicht, mich so zu postieren, dass ich ihm ins Buch
sehen konnte, welches bei den scharfblickenden Augen, die mir die Natur
verliehen, möglich war, ohne ihm beschwerlich zu fallen. Dadurch, dass ich die
Schriftzeichen mit den Worten verglich, die er aussprach, lernte ich in kurzer
Zeit lesen, und wem dies etwa unglaublich vorkommen möchte, hat keinen Begriff
von dem ganz besonderen Ingenium, womit mich die Natur ausgestattet. Genies, die
mich verstehen und mich würdigen, werden keinen Zweifel hegen rücksichts einer
Art Ausbildung, die vielleicht der ihrigen gleich ist. dabei darf ich auch nicht
unterlassen, die merkwürdige Beobachtung mitzuteilen, die ich rücksichts des
vollkommenen Verstehens der menschlichen Sprache gemacht. Ich habe nämlich mit
vollem Bewusstsein beobachtet, dass ich gar nicht weiss, wie ich zu diesem
Verstehen gekommen bin. Bei den Menschen soll dies auch der Fall sein, das nimmt
mich aber gar nicht wunder, da dies Geschlecht in den Jahren der Kindheit
beträchtlich dümmer und unbeholfener ist als wir. Als ein ganz kleines Käterchen
ist es mir niemals geschehen, dass ich mir selbst in die Augen gegriffen, ins
Feuer oder ins Licht gefasst oder Stiefelwichse statt Kirschmus gefressen, wie
das wohl bei kleinen Kindern zu geschehen pflegt.
    Wie ich nun fertig las und ich mich täglich mehr mit fremden Gedanken
vollstopfte, fühlte ich den unwiderstehlichsten Drang, auch meine eignen
Gedanken, wie sie der mir inwohnende Genius gebar, der Vergessenheit zu
entreissen, und dazu gehörte nun allerdings die freilich sehr schwere Kunst des
Schreibens. So aufmerksam ich auch meines Meisters Hand, wenn er schrieb,
beobachten mochte, durchaus wollte es mir doch nicht gelingen, ihm die
eigentliche Mechanik abzulauren. Ich studierte den alten Hilmar Curas, das
einzige Schreibevorschriftsbuch, welches mein Meister besass, und wäre beinahe
auf den Gedanken geraten, dass die rätselhafte Schwierigkeit des Schreibens nur
durch die grosse Manschette gehoben werden könne, welche die darin abgebildete
schreibende Hand trägt, und dass es nur besonders erlangte Fertigkeit sei, wenn
mein Meister ohne Manschette schriebe, sowie der geübte Seiltänzer zuletzt nicht
mehr der Balancierstange bedarf. Ich trachtete begierig nach Manschetten und war
im Begriff, die Dormeuse der alten Haushälterin für meine rechte Pfote
zuzureissen und zu aptieren, als mir plötzlich in einem Moment der Begeisterung,
wie es bei Genies zu geschehen pflegt, der geniale Gedanke einkam, der alles
löste. Ich vermutete nämlich, dass die Unmöglichkeit, die Feder, den Stift so zu
halten wie mein Meister, wohl in dem verschiedenen Bau unserer Hände liegen
könne, und diese Vermutung traf ein. Ich musste eine andere, dem Bau meines
rechten Pfötchens angemessene Schreibart erfinden und erfand sie wirklich, wie
man wohl denken mag. - So entstehen aus der besonderen Organisation des
Individuums neue Systeme. -
    Eine zweite böse Schwierigkeit fand ich in dem Eintunken der Feder in das
Tintenfass. Nicht glücken wollt' es mir nämlich, bei dem Eintunken das Pfötchen
zu schonen, immer kam es mit hinein in die Tinte, und so konnte es nicht fehlen,
dass die ersten Schriftzüge, mehr mit der Pfote als mit der Feder gezeichnet,
etwas gross und breit gerieten. Unverständige mochten daher meine ersten
Manuskripte beinahe nur für mit Tinte beflecktes Papier ansehen. Genies werden
den genialen Kater in seinen ersten Werken leicht erraten und über die Tiefe,
über die Fülle des Geistes, wie er zuerst aus unversiegbarer Quelle
aussprudelte, erstaunen, ja ganz ausser sich geraten. Damit die Welt sich
dereinst nicht zanke über die Zeitfolge meiner unsterblichen Werke, will ich
hier sagen, dass ich zuerst den philosophisch sentimental didaktischen Roman
schrieb: »Gedanke und Ahnung oder Kater und Hund«. Schon dieses Werk hätte
ungeheures Aufsehen machen können. Dann, in allen Sätteln gerecht, schrieb ich
ein politisches Werk unter dem Titel: »Über Mausefallen und deren Einfluss auf
Gesinnung und Tatkraft der Katzheit«; hierauf fühlt' ich mich begeistert zu der
Tragödie: »Rattenkönig Kawdallor«. Auch diese Tragödie hätte auf allen nur
erdenklichen Teatern unzähligemal mit dem lärmendsten Beifall gegeben werden
können. Den Reihen meiner sämtlichen Werke sollen diese Erzeugnisse meines hoch
emporstrebenden Geistes eröffnen, über den Anlass, sie zu schreiben, werde ich
mich gehörigen Orts auslassen können.
    Als ich die Feder besser zu halten gelernt, als das Pfötchen rein blieb von
Tinte, wurde auch freilich mein Stil anmutiger, lieblicher, heller, ich legte
mich ganz vorzüglich auf Musenalmanache, schrieb verschiedene freundliche
Schriften und wurde übrigens sehr bald der liebenswürdige gemütliche Mann, der
ich noch heute bin. Beinahe hätte ich schon damals ein Heldengedicht gemacht in
vierundzwanzig Gesängen, doch als ich fertig, war es etwas anderes worden, wofür
Tasso und Ariost noch im Grabe dem Himmel danken können. Sprang wirklich ein
Heldengedicht unter meinen Klauen hervor, beide hätte kein Mensch mehr gelesen.
    Ich komme jetzt auf die -
    (Mak. Bl.) - zum bessern Verständnis doch nötig sein, dir, geneigter Leser,
das ganze Verhältnis der Dinge klar und deutlich auseinander zu setzen.
    Jeder, der nur ein einziges Mal im Gastofe des anmutigen Landstädtchens
Sieghartsweiler abgestiegen ist, hat sogleich von dem Fürsten Irenäus reden
gehört. Bestellte er nämlich bei dem Wirt nur ein Gericht Forellen, die in der
Gegend vorzüglich, so erwiderte derselbe gewiss: »Sie haben recht, mein Herr!
unser gnädigster Fürst essen auch dergleichen ungemein gern, und ich vermag die
angenehmen Fische gerade so zu bereiten, wie es bei Hofe üblich.« Aus den
neuesten Geographien, Landkarten, statistischen Nachrichten wusste der
unterrichtete Reisende aber nichts anders, als dass das Städtchen Sieghartsweiler
samt dem Geierstein und der ganzen Umgebung längst dem Grossherzogtum, das er
soeben durchreiset, einverleibet worden; nicht wenig musste es ihn daher
verwundern, hier einen gnädigsten Herrn Fürsten und einen Hof zu finden. Die
Sache hatte aber folgenden Zusammenhang. Fürst Irenäus regierte sonst wirklich
ein artiges Ländchen nicht fern von Sieghartsweiler, und da er mittelst eines
guten Dollonds von dem Belvedere seines Schlosses im Residenzmarktflecken seine
sämtlichen Staaten zu übersehen vermochte, so konnt' es nicht fehlen, dass er das
Wohl und Weh seines Landes, das Glück der geliebten Untertanen stets im Auge
behielt. Er konnte in jeder Minute wissen, wie Peters Weizen in dem
entferntesten Bereich des Landes stand, und ebensogut beobachten, ob Hans und
Kunz ihre Weinberge gut und fleissig besorgten. Man sagt, Fürst Irenäus habe sein
Ländchen auf einem Spaziergange über die Grenze aus der Tasche verloren, so viel
ist aber gewiss, dass in einer neuen, mit mehrern Zusätzen versehenen Ausgabe
jenes Grossherzogtums das Ländchen des Fürsten Irenäus einfoliiert und
einregistriert war. Man überhob ihn der Mühe des Regierens, indem man ihm aus
den Revenüen des Landes, das er besessen, eine ziemlich reichliche Apanage
aussetzte, die er eben in dem anmutigen Sieghartsweiler verzehren sollte.
    Ausser jenem Ländchen besass Fürst Irenäus noch ein ansehnliches bares
Vermögen, das ihm unverkürzt blieb, und so sah er sich aus dem Stande eines
kleinen Regenten plötzlich versetzt in den Stand eines ansehnlichen
Privatmannes, der zwanglos nach freier Willkür sich das Leben gestalten konnte,
wie er wollte.
    
    Fürst Irenäus hatte den Ruf eines feingebildeten Herrn, der empfänglich für
Wissenschaft und Kunst. Kam nun noch hinzu, dass er oft die lästige Bürde der
Regentschaft schmerzlich gefühlt, ja, ging auch schon einmal von ihm die Rede,
dass er den romanhaften Wunsch, in einem kleinen Hause, an einem murmelnden Bach,
mit einigem Hausvieh ein einsames idyllisches Leben procul negotiis zu führen,
in anmutige Verse gebracht, so hätte man denken sollen, dass er nun, den
regierenden Herrn vergessend, sich einrichten werde mit dem gemütlichen
Hausbedarf, wie es in der Macht steht des reichen unabhängigen Privatmannes. Dem
war aber ganz und gar nicht so!
    Es mag wohl sein, dass die Liebe der grossen Herren zur Kunst und Wissenschaft
nur als ein integrierender Teil des eigentlichen Hoflebens anzusehen ist. Der
Anstand erfordert es, Gemälde zu besitzen und Musik zu hören, und übel würde es
sein, wenn der Hofbuchbinder feiern und nicht die neueste Literatur fortwährend
in Gold und Leder kleiden sollte. Ist aber jene Liebe ein integrierender Teil
des Hoflebens selbst, so muss sie mit diesem zugleich untergehen und kann nicht
als etwas für sich Fortbestehendes Trost gewähren für den verlornen Tron oder
das kleine Regentenstühlchen, auf dem man zu sitzen gewohnt.
    Fürst Irenäus erhielt sich beides, das Hofleben und die Liebe für die Künste
und Wissenschaften, indem er einen süssen Traum ins Leben treten liess, in dem er
selbst mit seiner Umgebung sowie ganz Sieghartsweiler figurierte.
    Er tat nämlich so, als sei er regierender Herr, behielt die ganze
Hofhaltung, seinen Kanzler des Reichs, sein Finanzkollegium etc. etc. bei,
erteilte seinen Hausorden, gab Cour, Hofbälle, die meistenteils aus zwölf bis
funfzehn Personen bestanden, da auf die eigentliche Courfähigkeit strenger
geachtet wurde als an den grössten Höfen, und die Stadt war gutmütig genug, den
falschen Glanz dieses träumerischen Hofes für etwas zu halten, das ihr Ehre und
Ansehen bringe. So nannten die guten Sieghartsweiler den Fürsten Irenäus ihren
gnädigsten Herrn, illuminierten die Stadt an seinem Namensfeste und an den
Namenstagen seines Hauses und opferten sich überhaupt gern auf für das Vergnügen
des Hofes wie die ateniensischen Bürgersleute in Shakespeares
»Sommernachtstraum«.
    Es war nicht zu leugnen, dass der Fürst seine Rolle mit dem wirkungsvollsten
Patos durchführte und diesen Patos seiner ganzen Umgebung mitzuteilen wusste. -
So erscheint ein fürstlicher Finanzrat in dem Klub zu Sieghartsweiler finster,
in sich gekehrt, wortkarg! - Wolken ruhen auf seiner Stirne, er versinkt oft in
ein tiefes Nachdenken, fährt dann auf, wie plötzlich erwachend! - Kaum wagt man
es, laut zu sprechen, hart aufzutreten in seiner Nähe. Es schlägt neun Uhr, da
springt er auf, nimmt seinen Hut, vergebens sind alle Bemühungen, ihn
festzuhalten, er versichert mit stolzem tiefbedeutendem Lächeln, dass ihn
Aktenstösse erwarteten, dass er die Nacht würde opfern müssen, um sich zu der
morgenden, höchst wichtigen, letzten Quartalsitzung des Kollegiums
vorzubereiten; eilt hinweg und hinterlässt die Gesellschaft in ehrfurchtsvoller
Erstarrung über die enorme Wichtigkeit und Schwierigkeit seines Amts. - Und der
wichtige Vortrag, auf den sich der geplagte Mann die Nacht über vorbereiten muss?
- Je nun, die Waschzettel aus sämtlichen Departements, der Küche, der Tafel, der
Garderobe etc. fürs verflossene Vierteljahr sind eingegangen, und er ist es, der
in allen Waschangelegenheiten den Vortrag hat. - So bemitleidet die Stadt den
armen fürstlichen Wagenmeister, spricht jedoch, von dem sublimen Patos des
fürstlichen Kollegiums ergriffen: »Strenge, aber gerecht!« Der Mann hat nämlich
erhaltener Instruktion gemäss einen Halbwagen, der unbrauchbar geworden,
verkauft, das Finanz-Kollegium ihm aber bei Strafe augenblicklicher Kassation
aufgegeben, binnen drei Tagen nachzuweisen, wo er die andere Hälfte gelassen,
die vielleicht noch brauchbar gewesen. -
    Ein besonderer Stern, der am Hofe des Fürsten Irenäus leuchtete, war die
Rätin Benzon, Witwe in der Mitte der dreissiger Jahre, sonst eine gebietende
Schönheit, noch jetzt nicht ohne Liebreiz, die einzige, deren Adel zweifelhaft,
und die der Fürst dennoch ein für allemal als courfähig angenommen. Der Rätin
heller durchdringender Verstand, ihr lebhafter Geist, ihre Weltklugheit,
vorzüglich aber eine gewisse Kälte des Charakters, die dem Talent zu herrschen
unerlässlich, übten ihre Macht in voller Stärke, so dass sie es eigentlich war,
die die Faden des Puppenspiels an diesem Miniaturhofe zog. Ihre Tochter, Julia
geheissen, war mit der Prinzessin Hedwiga aufgewachsen, und auch auf die
Geistesbildung dieser hatte die Rätin so gewirkt, dass sie in dem Kreise der
fürstlichen Familie wie eine Fremde erschien und sonderbar abstach gegen den
Bruder. Prinz Ignaz war nämlich zu ewiger Kindheit verdammt, beinahe blödsinnig
zu nennen.
    Der Benzon gegenüber, ebenso einflussreich, ebenso eingreifend in die engsten
Verhältnisse des fürstlichen Hauses, wiewohl auf ganz andere Weise als sie,
stand der seltsame Mann, den du, geneigter Leser, bereits kennst als Maître de
Plaisir des Irenäusschen Hofes und ironischen Schwarzkünstler.
    Merkwürdig genug ist es, wie Meister Abraham in die fürstliche Familie
geriet.
    Des Fürsten Irenäus hochseliger Herr Papa war ein Mann von einfachen milden
Sitten. Er sah es ein, dass irgendeine Kraftäusserung das kleine schwache
Räderwerk der Staatsmaschine zerbrechen müsse, statt ihm einen besseren Schwung
zu geben. Er liess es daher in seinem Ländlein fortgehen, wie es zuvor gegangen,
und fehlt' es ihm dabei an Gelegenheit, einen glänzenden Verstand oder andere
besondere Gaben des Himmels zu zeigen, so begnügte er sich damit, dass in seinem
Fürstentum jedermann sich wohl befand, und dass, rücksichts des Auslandes, es ihm
so ging wie den Weibern, die dann am tadelfreisten sind, wenn man gar nicht von
ihnen spricht. War das Fürsten kleiner Hof steif, zeremoniös, altfränkisch,
konnte der Fürst gar nicht eingehen in manche loyale Ideen, wie sie die neuere
Zeit erzeugt, so lag das an der Unwandelbarkeit des hölzernen Gestelles, das
Oberhofmeister, Hofmarschälle, Kammerherrn in seinem Innern mühsam
zusammengerichtet. In diesem Gestelle arbeitete aber ein Triebrad, das kein
Hofmeister, kein Marschall jemals hätte zum Stillstehen bringen können. Dies war
nämlich ein dem Fürsten angeborner Hang zum Abenteuerlichen, Seltsamen,
Geheimnisvollen. - Er pflegte zuweilen, nach dem Beispiel des würdigen Kalifen
Harun Al Raschid, verkleidet Stadt und Land zu durchstreichen, um jenen Hang,
der mit seiner übrigen Lebenstendenz in dem sonderbarsten Widerspiel stand, zu
befriedigen oder wenigstens Nahrung dafür zu suchen. Dann setzte er einen runden
Hut auf und zog einen grauen Oberrock an, so dass jedermann auf den ersten Blick
wusste, dass der Fürst nun nicht zu erkennen.
    Es begab sich, dass der Fürst also verkleidet und unerkennbar die Alleen
durchschritt, die von dem Schloss aus nach einer entfernten Gegend führten, in
der einzeln ein kleines Häuschen stand, von der Witwe eines fürstlichen
Mundkochs bewohnt. Gerade vor diesem Häuschen angekommen, gewahrte der Fürst
zwei in Mäntel gehüllte Männer, die zur Haustüre hinausschlichen. Er trat zur
Seite, und der Historiograph des Irenäusschen Hauses, dem ich dies nachschreibe,
behauptet, der Fürst sei selbst dann nicht bemerkt und erkannt worden, wenn er
statt des grauen Oberrocks das glänzendste Staatskleid angehabt mit dem
funkelnden Ordensstern darauf, aus dem Grunde, weil es stockfinsterer Abend
gewesen. Als die beiden verhüllten Männer dicht vor dem Fürsten langsam
vorübergingen, vernahm dieser ganz deutlich folgendes Gespräch. Der eine:
»Bruder Exzellenz, ich bitte dich, nimm dich zusammen, sei nur dieses Mal kein
Esel! - Der Mensch muss fort, ehe der Fürst etwas von ihm erfährt, denn sonst
behalten wir den verfluchten Hexenmeister auf dem Halse, der uns mit seinen
Satanskünsten alle ins Verderben stürzt.« Der andere: »Mon cher frère, ereifere
dich doch nur nicht so, du kennst meine Sagazität, mein savoir faire. Morgen
werf' ich dem gefährlichen Menschen ein paar Karolin an den Hals, und da mag er
seine Kunststückchen den Leuten vormachen, wo er will. Hier darf er nicht
bleiben. Der Fürst ist überdies ein -«
    Die Stimmen verhallten, der Fürst erfuhr daher nicht, wofür ihn sein
Hofmarschall hielt, denn kein anderer als dieser und sein Bruder, der
Oberjägermeister, waren die Personen, welche aus dem Hause schlichen und das
verfängliche Gespräch führten. Der Fürst hatte beide sehr genau an der Sprache
erkannt.
    Man kann denken, dass der Fürst nichts Angelegentlicheres zu tun hatte, als
jenen Menschen, jenen gefährlichen Hexenmeister aufzusuchen, dessen
Bekanntschaft ihm entzogen werden sollte. Er klopfte an das Häuschen, die Witwe
trat mit einem Licht in der Hand heraus und fragte, da sie den runden Hut und
den grauen Oberrock des Fürsten gewahrte, mit kalter Höflichkeit: »Was steht zu
Ihren Diensten, Monsieur?« Monsieur wurde nämlich der Fürst angeredet, wenn er
verkleidet war und unkenntlich. Der Fürst erkundigte sich nach dem Fremden, der
bei der Witwe eingekehrt sein sollte, und erfuhr, dass der Fremde kein anderer
sei als ein sehr geschickter, berühmter, mit vielen Attestaten, Konzessionen und
Privilegien versehener Taschenspieler, der hier seine Künste zu produzieren
gedenke. Soeben, erzählte die Witwe, wären zwei Herrn vom Hofe bei ihm gewesen,
die er vermöge der ganz unerklärlichen Sachen, welche er ihnen vorgemacht,
dermassen in Erstaunen gesetzt, dass sie ganz blass, verstört, ja ganz ausser sich
das Haus verlassen hätten.
    Ohne weiteres liess sich der Fürst hinaufführen. Meister Abraham (niemand
anders war der berühmte Taschenspieler) empfing ihn wie einen, den er längst
erwartet, und verschloss die Türe.
    Niemand weiss, was nun Meister Abraham begonnen gewiss ist es aber, dass der
Fürst die ganze Nacht über bei ihm blieb, und dass am andern Morgen Zimmer
eingerichtet wurden auf dem Schloss, die Meister Abraham bezog, und zu denen
der Fürst aus seinem Studierzimmer mittelst eines geheimen Ganges unbemerkt
gelangen konnte. Gewiss ist es ferner, dass der Fürst den Hofmarschall nicht mehr:
»mon cher ami« nannte und sich von dem Oberjägermeister niemals mehr die
wunderbare Jagdgeschichte von dem weissen gehörnten Hasen, den er (der
Oberjägermeister) bei seinem ersten jägerischen Ausflug in den Wald nicht
schiessen können, erzählen liess, welches die Gebrüder in Gram und Verzweiflung
stürzte, so, dass beide sehr bald den Hof verliessen. Gewiss endlich, dass Meister
Abraham nicht allein durch seine Phantasmagorien, sondern auch durch das
Ansehen, das er sich immer mehr und mehr bei dem Fürsten zu erwerben wusste, Hof,
Stadt und Land in Erstaunen setzte.
    Von den Kunststücken, die Meister Abraham vollführte, erzählt oben
bemeldeter Historiograph des Irenäusschen Hauses so viel ganz Unglaubliches, dass
man es nicht nachschreiben kann, ohne alles Zutrauen des geneigten Lesers aufs
Spiel zu setzen. Dasjenige Kunststück, welches aber der Historiograph für das
Wunderbarste von allen hält, ja, von dem er behauptet, dass es hinlänglich
beweise, wie Meister Abraham offenbar mit fremden unheimlichen Mächten in
bedrohlichem Bunde stehe, ist indes nichts anders als jenes akustische
Zauberspiel, das später unter der Benennung des unsichtbaren Mädchens so viel
Aufsehen gemacht, und das Meister Abraham schon damals sinnreicher,
phantastischer, das Gemüt ergreifender aufzustellen wusste, als es nachher jemals
geschehen.
    Nebenher wollte man auch wissen, dass der Fürst selbst mit dem Meister
Abraham gewisse magische Operationen unternehme, über deren Zweck unter den
Hofdamen, Kammerherrn und andern Leuten vom Hofe ein angenehmer Wettstreit
alberner, sinnloser Vermutungen entstand. Darin waren alle einig, dass Meister
Abraham dem Fürsten das Goldmachen beibringe, wie aus dem Rauch, der aus dem
Laboratorio bisweilen dringe, zu schliessen, und dass er ihn eingeführt in
allerlei nützliche Geisterkonferenzen. Alle waren ferner davon überzeugt, dass
der Fürst das Patent für den neuen Bürgermeister im Marktflecken nicht
vollziehe, ja, dem fürstlichen Ofenheizer keine Zulage bewillige, ohne den
Agatodämon, den Spiritum familiarem oder die Gestirne zu befragen.
    Als der alte Fürst starb und Irenäus ihm in der Regierung folgte, verliess
Meister Abraham das Land. Der junge Fürst, der von des Vaters Neigung zum
Abenteuerlichen, Wunderbaren durchaus nichts ererbt, liess ihn zwar ziehen, fand
aber bald, dass Meister Abrahams magische Kraft vorzüglich sich darin bewähre,
einen gewissen bösen Geist zu beschwören, der sich an kleinen Höfen nur gar zu
gern einnistet, nämlich den Höllengeist der Langenweile. Dann hatte auch das
Ansehen, in dem Meister Abraham bei dem Vater stand, tiefe Wurzel gefasst in dem
Gemüt des jungen Fürsten. Es gab Augenblicke, in denen dem Fürsten Irenäus
zumute wurde, als sei Meister Abraham ein überirdisches Wesen, über alles, was
menschlich, erhaben, stehe es auch noch so hoch. Man sagt, dass diese ganz
besondere Empfindung von einem kritischen unvergesslichen Moment in der
Jugendgeschichte des Fürsten herrühre. Als Knabe war er einst mit kindischer
überlästiger Neugier in Meister Abrahams Zimmer eingedrungen und hatte läppisch
eine kleine Maschine, die der Meister eben mit vieler Mühe und Kunst vollendet,
zerbrochen, der Meister aber in vollem Zorn über den verderblichen Ungeschick
dem kleinen fürstlichen Bengel eine fühlbare Ohrfeige zugeteilt und ihn dann mit
einiger nicht ganz sanfter Schnelligkeit hinausgeführt aus der Stube auf den
Korridor. Unter hervorquellenden Tränen konnte der junge Herr nur mit Mühe die
Worte hervorstammeln: »Abraham - soufflet« - so dass der bestürzte Oberhofmeister
es für eine gefahrvolle Wagnis hielt, tiefer einzudringen in das fürchterliche
Geheimnis, das zu ahnen er sich unterstehen musste.
    Der Fürst fühlte lebhaft das Bedürfnis, den Meister Abraham als das
belebende Prinzip der Hofmaschine bei sich zu behalten; vergebens waren aber
alle seine Bemühungen, ihn zurückzubringen. Erst nach jenem verhängnisvollen
Spaziergange, als Fürst Irenäus sein Ländchen verloren, als er die chimärische
Hofhaltung zu Sieghartsweiler eingerichtet, fand sich auch Meister Abraham
wieder ein, und in der Tat, zu gelegenerer Zeit hätte er gar nicht kommen
können. Denn ausserdem dass -
    (M. f. f.) - merkwürdige Begebenheit, die, um mich des gewöhnlichen
Ausdrucks geistreicher Biographen zu bedienen, einen Abschnitt in meinem Leben
machte.
    - Leser! - Jünglinge, Männer, Frauen, unter deren Pelz ein fühlend Herz
schlägt, die ihr Sinn habt für Tugend - die ihr die süssen Bande erkennet, womit
uns die Natur umschlingt, ihr werdet mich verstehen und - mich lieben!
    Der Tag war heiss gewesen, ich hatte ihn unter dem Ofen verschlafen. Nun
brach die Abenddämmerung ein, und kühle Winde sausten durch meines Meisters
geöffnetes Fenster. Ich erwachte aus dem Schlaf, meine Brust erweiterte sich,
durchströmt von dem unnennbaren Gefühl, das, Schmerz und Lust zugleich, die
süssesten Ahnungen entzündet. Von diesen Ahnungen überwältigt, erhob ich mich
hoch in jener ausdrucksvollen Bewegung, die der kalte Mensch Katzenbuckel
benennet! - Hinaus - hinaus trieb es mich in die freie Natur, ich begab mich
daher aufs Dach und lustwandelte in den Strahlen der sinkenden Sonne. Da vernahm
ich Töne von dem Boden aufsteigen, so sanft, so heimlich, so bekannt, so
anlockend, ein unbekanntes Etwas zog mich hinab mit unwiderstehlicher Gewalt.
Ich verliess die schöne Natur und kroch durch eine kleine Dachluke hinein in den
Hausboden. - Hinabgesprungen, gewahrte ich alsbald eine grosse, schöne, weiss und
schwarz gefleckte Katze, die, auf den Hinterfüssen sitzend in bequemer Stellung,
eben jene anlockenden Töne von sich gab und mich nun mit forschenden Blicken
durchblitzte. Augenblicklich setzte ich mich ihr gegenüber und versuchte, dem
innern Trieb nachgebend, in das Lied einzustimmen, das die weiss und schwarz
Gefleckte angestimmt. Das gelang mir, ich muss es selbst sagen, über die Massen
wohl, und von diesem Augenblick an datiert sich, wie ich für die Psychologen,
die mich und mein Leben studieren, hier bemerke, mein Glaube an mein inneres
musikalisches Talent und, wie zu erachten, mit diesem Glauben auch das Talent
selbst. Die Gefleckte blickte mich an schärfer und emsiger, schwieg plötzlich,
sprang mit einem gewaltigen Satz auf mich los! Ich, nichts Gutes erwartend,
zeigte meine Krallen, doch in dem Augenblick schrie die Gefleckte, indem ihr die
hellen Tränen aus den Augen stürzten: »Sohn - o Sohn! komm! - eile in meine
Pfoten!« - Und dann, mich umhalsend, mich mit Inbrunst an die Brust drückend:
»Ja, du bist es, du bist mein Sohn, mein guter Sohn, den ich ohne sonderliche
Schmerzen geboren!« -
    Ich fühlte mich tief im Innersten bewegt, und schon dies Gefühl musste mich
überzeugen, dass die Gefleckte wirklich meine Mutter war, demunerachtet fragte
ich doch, ob sie auch dessen ganz gewiss sei.
    »Ha, diese Ähnlichkeit,« sprach die Gefleckte, »diese Ähnlichkeit, diese
Augen, diese Gesichtszüge, dieser Bart, dieser Pelz, alles erinnert mich nur zu
lebhaft an den Treulosen, Undankbaren, der mich verliess. - Du bist ganz das
getreue Ebenbild deines Vaters, lieber Murr (denn so wirst du ja geheissen), ich
hoffe jedoch, dass du mit der Schönheit des Vaters zugleich die sanftere
Denkungsart, die milden Sitten deiner Mutter Mina erworben haben wirst. - Dein
Vater hatte einen sehr vornehmen Anstand, auf seiner Stirne lag eine
imponierende Würde, voller Verstand funkelten die grünen Augen, und um Bart und
Wangen spielte oft ein anmutiges Lächeln. Diese körperlichen Vorzüge so wie sein
aufgeweckter Geist und eine gewisse liebenswürdige Leichtigkeit, mit der er
Mäuse fing, liessen ihn mein Herz gewinnen. - Aber bald zeigte sich ein hartes
tyrannisches Gemüt, das er so lange geschickt zu verbergen gewusst. - Mit
Entsetzen sag' ich es! - Kaum warst du geboren, als dein Vater den unseligen
Appetit bekam, dich nebst deinen Geschwistern zu verspeisen.«
    »Beste Mutter,« fiel ich der Gefleckten ins Wort, »beste Mutter, verdammen
Sie nicht ganz jene Neigung. Das gebildetste Volk der Erde legte den sonderbaren
Appetit des Kinderfressens dem Geschlecht der Götter bei, aber gerettet wurde
ein Jupiter, und so auch ich!« -
    »Ich verstehe dich nicht, mein Sohn,« erwidert Mina, »aber es kommt mir vor,
als sprächest du albernes Zeug, oder als wolltest du gar deinen Vater
verteidigen. Sei nicht undankbar, du wärest ganz gewiss erwürgt und gefressen
worden von dem blutdürstigen Tyrannen, hätte ich dich nicht so tapfer verteidigt
mit diesen scharfen Krallen, hätte ich nicht, bald hier, bald dort hinfliehend
in Keller, Boden, Ställe, dich den Verfolgungen des unnatürlichen Barbaren
entzogen. - - Er verliess mich endlich; nie habe ich ihn wiedergesehen! Und doch
schlägt noch mein Herz für ihn! - Er war ein schöner Kater! - Viele hielten ihn
seines Anstandes, seiner feinen Sitten wegen für einen reisenden Grafen. - Ich
glaubte nun, im kleinen häuslichen Zirkel meine Mutterpflichten übend, ein
stilles ruhiges Leben führen zu können, doch der entsetzlichste Schlag sollte
mich noch treffen. - Als ich von einen kleinen Spaziergange einst heimkehrte,
weg warst du samt deinem Geschwister! - Ein altes Weib hatte mich Tages zuvor in
meinem Schlupfwinkel entdeckt und allerlei verfängliche Worte von ins Wasser
werfen und dergleichen gesprochen! - Nun! ein Glück, dass du, mein Sohn,
gerettet, komm nochmals an meine Brust, Geliebter!« -
    Die gefleckte Mama liebkoste mich mit aller Herzlichkeit und fragte mich
dann nach den nähern Umständen meines Lebens. Ich erzählte ihr alles und vergass
nicht, meiner hohen Ausbildung zu erwähnen, und wie ich dazu gekommen.
    Mina schien weniger gerührt von den seltenen Vorzügen des Sohnes, als man
hätte denken sollen. Ja! sie gab mir nicht undeutlich zu verstehen, dass ich
mitsamt meinem ausserordentlichen Geiste, mit meiner tiefen Wissenschaft auf
Abwege geraten, die mir verderblich werden könnten. Vorzüglich warnte sie mich
aber, dem Meister Abraham ja nicht meine erworbenen Kenntnisse zu entdecken, da
dieser sie nur nützen würde, mich in der drückendsten Knechtschaft zu erhalten.
    »Ich kann mich«, sprach Mina, »zwar gar nicht deiner Ausbildung rühmen,
indessen fehlt es mir doch durchaus nicht an natürlichen Fähigkeiten und
angenehmen, mir von der Natur eingeimpften Talenten. Darunter rechne ich z.B.
die Macht, knisternde Funken aus meinem Pelz hervorstrahlen zu lassen, wenn man
mich streichelt. Und was für Unannehmlichkeiten hat mir nicht schon dieses
einzige Talent bereitet! Kinder und Erwachsene haben unaufhörlich auf meinen
Rücken herumhantiert jenes Feuerwerks halber, mir zur Qual, und wenn ich unmutig
wegsprang oder die Krallen zeigte, musste ich mich ein scheues wildes Tier
schelten, ja wohl gar prügeln lassen. -
    Sowie Meister Abraham erfährt, dass du schreiben kannst, lieber Murr, macht
er dich zu seinem Kopisten, und als Schuldigkeit wird von dir gefordert, was du
jetzt nur aus eigenem Antriebe zu deiner Lust tust.« -
    Mina sprach noch mehreres über mein Verhältnis zum Meister Abraham und über
meine Bildung. Erst später habe ich eingesehen, dass das, was ich für Abscheu
gegen die Wissenschaften hielt, wirkliche Lebensweisheit war, die die Gefleckte
in sich trug.
    Ich erfuhr, dass Mina bei der alten Nachbarsfrau in ziemlich dürftigen
Umständen lebe, und dass es ihr oft schwer falle, ihren Hunger zu stillen. Dies
rührte mich tief, die kindliche Liebe erwachte in voller Stärke in meinem Busen,
ich besann mich auf den schönen Heringskopf, den ich vom gestrigen Mahle
erübrigt, ich beschloss, ihn darzubringen der guten Mutter, die ich so unerwartet
wiedergefunden.
    Wer ermisst die Wandelbarkeit der Herzen derer, die da wandeln unter dem
Mondschein! - Warum verschloss das Schicksal nicht unsere Brust dem wilden Spiel
unseliger Leidenschaften! - Warum müssen wir, ein dünnes schwankendes Rohr, uns
beugen vor dem Sturm des Lebens? - Feindliches Verhängnis! - O Appetit, dein
Name ist Kater! - Den Heringskopf im Maule, kletterte ich, ein pius Aeneas, aufs
Dach - ich wollte hinein ins Bodenfenster! - Da geriet ich in einen Zustand,
der, auf seltsame Weise mein Ich meinem Ich entfremdend, doch mein eigentliches
Ich schien. - Ich glaube mich verständlich und scharf ausgedrückt zu haben, so
dass in dieser Schilderung meines seltsamen Zustandes jeder den die geistige
Tiefe durchschauenden Psychologen erkennen wird. - Ich fahre fort! -
    Das sonderbare Gefühl, gewebt aus Lust und Unlust, betäubte meine Sinne -
überwältigte mich - kein Widerstand möglich, - ich frass den Heringskopf! -
    Ängstlich hörte ich Mina miauen, ängstlich sie meinen Namen rufen - Ich
fühlte mich von Reue, von Scham durchdrungen, ich sprang zurück in meines
Meisters Zimmer, ich verkroch mich unter den Ofen. Da quälten mich die
ängstlichsten Vorstellungen. Ich sah Mina, die wiedergefundene gefleckte Mutter,
trostlos, verlassen, lechzend nach der Speise, die ich versprochen, der Ohnmacht
nahe - Ha! - der durch den Rauchfang sausende Wind rief den Namen Mina - Mina -
Mina rauschte es in den Papieren meines Meisters, knarrte es in den
gebrechlichen Rohrstühlen, Mina - Mina - lamentierte die Ofentüre - O! es war
ein bitteres herzzerschneidendes Gefühl, das mich durchbohrte! - Ich beschloss,
die Arme womöglich einzuladen zur Frühstücksmilch. Wie kühlender wohltuender
Schatten kam bei diesem Gedanken ein seliger Frieden über mich! - Ich kniff die
Ohren an und schlief ein! -
    Ihr fühlenden Seelen, die ihr mich ganz versteht, ihr werdet es, seid ihr
sonst keine Esel, sondern wahrhaftige honette Kater, ihr werdet es, sage ich,
einsehen, dass dieser Sturm in meiner Brust meinen Jugendhimmel aufheitern musste
wie ein wohltätiger Orkan, der die finstern Wolken zerstäubt und die reinste
Aussicht schafft. O! so schwer anfangs der Heringskopf auf meiner Seele lastete,
doch lernte ich einsehen, was Appetit heisst, und dass es Frevel ist, der Mutter
Natur zu widerstreben. Jeder suche sich seine Heringsköpfe und greife nicht vor
der Sagazität der andern, die, vom richtigen Appetit geleitet, schon die ihrigen
finden werden.
    So schliesse ich diese Episode meines Lebens, die -
    (Mak. Bl.) - - nichts verdriesslicher für einen Historiographen oder
Biographen, als wenn er, wie auf einem wilden Füllen reitend, hin und her
sprengen muss über Stock und Stein, über Äcker und Wiesen, immer nach gebahnten
Wegen trachtend, niemals sie erreichend. So geht es dem, der es unternommen, für
dich, geliebter Leser, das aufzuschreiben, was er von dem wunderlichen Leben des
Kapellmeisters Johannes Kreisler erfahren. Gern hätte er angefangen: In dem
kleinen Städtchen N. oder B. oder K., und zwar am Pfingstmontage oder zu Ostern
des und des Jahres, erblickte Johannes Kreisler das Licht der Welt! - Aber
solche schöne chronologische Ordnung kann gar nicht aufkommen, da dem
unglücklichen Erzähler nur mündlich, brockenweis mitgeteilte Nachrichten zu
Gebote stehen, die er, um nicht das Ganze aus dem Gedächtnisse zu verlieren,
sogleich verarbeiten muss. Wie es eigentlich mit der Mitteilung dieser
Nachrichten herging, sollst du, sehr lieber Leser, noch vor dem Schlusse des
Buchs erfahren, und dann wirst du vielleicht das rhapsodische Wesen des Ganzen
entschuldigen, vielleicht aber auch meinen, dass trotz des Anscheins der
Abgerissenheit doch ein fester durchlaufender Faden alle Teile zusammenhalte.
    Eben in diesem Augenblick ist nichts anders zu erzählen, als dass nicht lange
nachher, als Fürst Irenäus in Sieghartsweiler sich niedergelassen, an einem
schönen Sommerabend Prinzessin Hedwiga und Julia in dem anmutigen Park zu
Sieghartshof lustwandelten. Wie ein goldner Schleier lag der Schein der
sinkenden Sonne ausgebreitet über dem Walde. Kein Blättlein rührte sich. In
ahnungsvollem Schweigen harrten Baum und Gebüsch, dass der Abendwind komme und
mit ihnen kose. Nur das Getöse des Waldbachs, der über weisse Kiesel fortbrauste,
unterbrach die tiefe Stille. Arm in Arm verschlungen, schweigend wandelten die
Mädchen fort durch die schmalen Blumengänge, über die Brücken, die über die
verschiedenen Schlingungen des Bachs führten, bis sie an das Ende des Parks, an
den grossen See kamen, in dem sich der ferne Geierstein mit seinen malerischen
Ruinen abspiegelte.
    »Es ist doch schön!« rief Julia recht aus voller Seele. »Lass uns«, sprach
Hedwiga, »in die Fischerhütte treten. Die Abendsonne brennt entsetzlich, und
drin ist die Aussicht nach dem Geierstein aus dem mittlern Fenster noch schöner
als hier, da die Gegend dort nicht Panorama, sondern in gruppierter Ansicht,
wahrhaftes Bild erscheint.«
    Julia folgte der Prinzessin, die, kaum hineingetreten und zum Fenster
hinausschauend, sich nach Crayon und Papier sehnte, um die Aussicht in der
Beleuchtung zu zeichnen, welche sie ungemein pikant nannte.
    »Ich möchte,« sprach Julia, »ich möchte dich beinahe um deine
Kunstfertigkeit beneiden, Bäume und Gebüsche, Berge, Seen so ganz nach der Natur
zeichnen zu können. Aber ich weiss es schon, könnte ich auch so hübsch zeichnen
als du, doch wird es mir niemals gelingen, eine Landschaft nach der Natur
aufzunehmen, und zwar um desto weniger, je herrlicher der Anblick. Vor lauter
Freude und Entzücken des Schauens würd' ich gar nicht zur Arbeit kommen.« - Der
Prinzessin Antlitz überflog bei diesen Worten Julias ein gewisses Lächeln, das
bei einem sechzehnjährigen Mädchen bedenklich genannt werden dürfte. Meister
Abraham, der im Ausdruck zuweilen etwas seltsam, meinte, solch Muskelspiel im
Gesicht sei dem Wirbel zu vergleichen auf der Oberfläche des Wassers, wenn sich
in der Tiefe etwas Bedrohliches rührt. - Genug, Prinzessin Hedwiga lächelte;
indem sie aber die Rosenlippen öffnete, um der sanften unkünstlerischen Julia
etwas zu entgegnen, liessen sich ganz in der Nähe Akkorde hören, die so stark und
wild angeschlagen wurden, dass das Instrument kaum eine gewöhnliche Guitarre zu
sein schien.
    Die Prinzessin verstummte, und beide, sie und Julia, eilten vor das
Fischerhaus.
    Nun vernahmen sie eine Weise nach der andern, verbunden durch die
seltsamsten Übergänge, durch die fremdartigste Akkordenfolge. Dazwischen liess
sich eine sonore männliche Stimme hören, die bald alle Süssigkeit des
italienischen Gesanges erschöpfte, bald, plötzlich abbrechend, in ernste düstere
Melodien fiel, bald rezitativisch, bald mit starken, kräftig akzentuierten
Worten dreinsprach. -
    Die Guitarre wurde gestimmt - dann wieder Akkorde - dann wieder abgebrochen
und gestimmt - dann heftige, wie im Zorn ausgesprochene Worte - dann Melodien -
dann aufs neue gestimmt. -
    Neugierig auf den seltsamen Virtuosen, schlichen Hedwiga und Julia näher und
näher heran, bis sie einen Mann in schwarzer Kleidung gewahrten, der, den Rücken
ihnen zugewendet, auf einem Felsstück dicht an dem See sass und das wunderliche
Spiel trieb mit Singen und Sprechen.
    Eben hatte er die Guitarre ganz und gar umgestimmt auf ungewöhnliche Weise
und versuchte nun einige Akkorde, dazwischen rufend: »Wieder verfehlt - keine
Reinheit - bald ein Komma zu tief, bald ein Komma zu hoch!« -
    Dann fasste er das Instrument, das er von dem blauen Bande, an dem es ihm um
die Schultern hing, losgenestelt, mit beiden Händen, hielt es vor sich hin und
begann: »Sage mir, du kleines eigensinniges Ding, wo ruht eigentlich dein
Wohllaut, in welchem Winkel deines Innersten hat sich die reine Skala
verkrochen? - Oder willst du dich vielleicht auflehnen gegen deinen Meister und
behaupten, sein Ohr sei totgehämmert worden in der Schmiede der
gleichschwebenden Temperatur und seine Enharmonik nur ein kindisches
Vexierspiel? Du verhöhnst mich, glaub' ich, unerachtet ich den Bart viel besser
geschoren trage als Meister Stefano Pacini, detto il Venetiano, der die Gabe des
Wohllauts in dein Innerstes legte, die mir ein unerschliessbares Geheimnis
bleibt. Und, liebes Ding, dass du es nur weisst, willst du den unisonierenden
Dualismus von Gis und As oder Cis und Des - oder vielmehr sämtlicher Töne
durchaus nicht verstatten, so schicke ich dir neun tüchtige teutsche Meister auf
den Hals, die sollen dich ausschelten, dich kirre machen mit enharmonischen
Worten. - Und du magst dich nicht deinem Stefano Pacini in die Arme werfen, du
magst nicht wie ein keifendes Weib das letzte Wort behalten wollen. - Oder bist
du vielleicht gar dreist und stolz genug, zu meinen, dass alle schmucke Geister,
die in dir wohnen, nur dem gewaltigen Zauber folgen der Magier, die längst von
der Erde gegangen, und dass in den Händen eines Hasenfusses -«
    Bei dem letzten Worte hielt der Mann plötzlich inne, sprang auf und schaute,
wie in tiefen Gedanken versunken, in den See hinein. - Die Mädchen, gespannt
durch des Mannes seltsames Beginnen, standen wie eingewurzelt hinter dem
Gebüsch; sie wagten kaum zu atmen.
    »Die Guitarre«, brach der Mann endlich los, »ist doch das miserabelste,
unvollkommenste Instrument von allen Instrumenten, nur wert, von girrenden
liebeskrankenden Schäfern in die Hand genommen zu werden, die das Embouchoir zur
Schalmei verloren haben, da sie sonst es vorziehen würden, erklecklich zu
blasen, das Echo zu wecken mit den Kuhreigen der süssesten Sehnsucht und
klägliche Melodien entgegenzusenden den Emmelinen in den weiten Bergen, die das
liebe Vieh zusammentreiben mit dem lustigen Geknalle empfindsamer Hetzpeitschen!
- O Gott! - Schäfer, die wie ein Ofen seufzen mit Jammerlied auf ihrer Liebsten
Brau'n - lehrt ihnen, dass der Dreiklang aus nichts anderm bestehe als aus drei
Klängen und niedergestossen werde durch den Dolchstich der Septime, und gebt
ihnen die Guitarre in die Hände! - Aber ernsten Männern von leidlicher Bildung,
von vorzüglicher Erudition, die sich abgegeben mit griechischer Weltweisheit und
wohl wissen, wie es am Hofe zu Peking oder Nanking zugeht, aber den Teufel was
verstehen von Schäferei und Schafzucht, was soll denen das Ächzen und Klimpern?
- Hasenfuss, was beginnst du? Denke an den seligen Hippel, welcher versichert,
dass, säh' er einen Mann Unterricht erteilen im Klavierschlagen, es ihm zumute
werde, als sötte besagter Lehrherr weiche Eier - und nun Guitarre klimpern -
Hasenfuss! - Pfui Teufel!« - Damit schleuderte der Mann das Instrument weit von
sich ins Gebüsch und entfernte sich raschen Schrittes, ohne die Mädchen zu
bemerken.
    »Nun,« rief Julia nach einer Weile, lachend, »nun, Hedwiga, was sagst du zu
dieser verwunderlichen Erscheinung? Wo mag der seltsame Mann her sein, der erst
so hübsch mit seinem Instrument zu sprechen weiss und es dann verächtlich von
sich wirft wie eine zerbrochene Schachtel?«
    »Es ist unrecht,« sprach Hedwiga wie im plötzlich aufwallenden Zorn, indem
ihre verbleichten Wangen sich blutrot färbten, »es ist unrecht, dass der Park
nicht verschlossen ist, dass jeder Fremde hinein kann.«
    »Wie,« erwiderte Julia, »der Fürst sollte, meinst du, engherzig den
Sieghartsweilern - nein, nicht diesen allein, jedem, der des Weges wandelt,
gerade den unmutigsten Fleck der ganzen Gegend verschliessen! das ist unmöglich
deine ernste Meinung!« - »Du bedenkst,« fuhr die Prinzessin noch bewegter fort,
»du bedenkst die Gefahr nicht, die für uns daraus entsteht. Wie oft wandeln wir
so wie heute allein, entfernt von aller Dienerschaft, in den entlegensten Gängen
des Waldes umher! - Wie, wenn einmal irgendein Bösewicht -«
    »Ei,« unterbrach Julia die Prinzessin, »ich glaube gar, du fürchtest, aus
diesem, jenem Gebüsch könnte irgendein ungeschlachter märchenhafter Riese oder
ein fabelhafter Raubritter hervorspringen und uns entführen auf seine Burg! -
Nun, das wollte der Himmel verhüten! - Aber sonst muss ich dir gestehen, dass mir
irgendein kleines Abenteuer hier in dem einsamen romantischen Walde recht
hübsch, recht anmutig bedünken möchte. - Ich denke eben an Shakespeare Wie es
euch gefällt, das uns die Mutter so lange nicht in die Hände geben wollte, und
das uns endlich Lotario vorgelesen. Was gilt es, du würdest auch gern ein
bisschen Celia spielen, und ich wollte deine treue Rosalinde sein. - Was machen
wir aus unserm unbekannten Virtuosen?«
    »O,« erwiderte die Prinzessin, »eben dieser unbekannte Mensch - Glaubst du
wohl, Julia, dass mir seine Gestalt, seine wunderlichen Reden ein inneres Grauen
erregten, das mir unerklärlich ist? - Noch jetzt durchbeben mich Schauer, ich
erliege beinahe einem Gefühl, das, seltsam und entsetzlich zugleich, alle meine
Sinne gefangen nimmt. In dem tiefsten dunkelsten Gemüt regt sich eine Erinnerung
auf und ringt vergebens, sich deutlich zu gestalten. - Ich sah diesen Menschen
schon in irgendeine fürchterliche Begebenheit verflochten, die mein Herz
zerfleischte - vielleicht war es nur ein spukhafter Traum, dessen Andenken mir
geblieben - Genug - der Mensch mit seinem seltsamen Beginnen, mit seinen wirren
Reden deuchte mir ein bedrohliches gespenstisches Wesen, das uns vielleicht
verlocken wollte in verderbliche Zauberkreise.«
    »Welche Einbildungen,« rief Julia, »ich für mein Teil verwandle das schwarze
Gespenst mit der Guitarre in den Monsieur Jacques oder gar in den ehrlichen
Probstein, dessen Philosophie beinahe so lautet, wie die wunderlichen Reden des
Fremden. - Doch hauptsächlich ist es nun nötig, die arme Kleine zu retten, die
der Barbar so feindselig in das Gebüsch geschleudert hat.« -
    »Julia - was beginnst du - um des Himmels willen,« rief die Prinzessin; doch
ohne auf sie zu achten, schlüpfte Julia hinein in das Dickicht und kam nach
wenigen Augenblicken triumphierend, die Guitarre, die der Fremde weggeworfen, in
der Hand, zurück.
    Die Prinzessin überwand ihre Scheu und betrachtete sehr aufmerksam das
Instrument, dessen seltsame Form schon von hohem Alter zeigte, hätte das auch
nicht die Jahrzahl und der Namen des Meisters bestätigt, den man durch die
Schallöffnung auf dem Boden deutlich wahrnahm. Schwarz eingeätzt waren nämlich
die Worte: »Stefano Pacini fec. Venet. 1532.«
    Julia konnte es nicht unterlassen, sie schlug einen Akkord auf dem
zierlichen Instrument an und erschrak beinahe über den mächtigen vollen Klang,
der aus dem kleinen Dinge heraustönte. »O herrlich - herrlich,« rief sie aus und
spielte weiter. Da sie aber gewohnt, nur ihren Gesang mit der Guitarre zu
begleiten, so konnte es nicht fehlen, dass sie bald unwillkürlich zu singen
begann, indem sie weiter fortwandelte. Die Prinzessin folgte ihr schweigend.
Julia hielt inne; da sprach Hedwiga: »Singe, spiele auf dem zauberischen
Instrumente, vielleicht gelingt es dir, die bösen, feindlichen Geister, die
Macht haben wollten über mich, hinabzubeschwören in den Orkus.«
    »Was willst du«, erwiderte Julia, »mit deinen bösen Geistern, die sollen uns
beiden fremd sein und bleiben, aber singen will ich und spielen, denn ich wüsste
nicht, dass jemals mir ein Instrument so zur Hand gewesen, mir überhaupt so
zugesagt hätte, als eben dieses. Mir scheint auch, als wenn meine Stimme viel
besser dazu laute als sonst.« - Sie begann eine bekannte italienische Kanzonetta
und verlor sich in allerlei zierliche Melismen, gewagte Läufe und Capriccios,
Raum gebend dem vollen Reichtum der Töne, der in ihrer Brust ruhte.
    War die Prinzessin erschrocken über den Anblick des Unbekannten, so
erstarrte Julia zur Bildsäule, als er, da sie eben in einen andern Gang
einbiegen wollte, plötzlich vor ihr stand.
    Der Fremde, wohl an dreissig Jahre alt, war nach dem Zuschnitt der letzten
Mode schwarz gekleidet. In seinem ganzen Anzuge fand sich durchaus nichts
Sonderbares, Ungewöhnliches, und doch hatte sein Ansehen etwas Seltsames,
Fremdartiges. Trotz der Sauberkeit seiner Kleidung war eine gewisse
Nachlässigkeit sichtbar, die weniger von Mangel an Sorgfalt als davon
herzurühren schien, dass der Fremde gezwungen worden, einen Weg zu machen, auf
den er nicht gerechnet, und zu dem sein Anzug nicht passte. Mit aufgerissener
Weste, das Halstuch nur leicht umschlungen, die Schuhe dick bestäubt, auf denen
die goldnen Schnällchen kaum sichtbar, stand er da, und närrisch genug sah es
aus, dass er an dem kleinen dreieckigen Hütchen, das nur bestimmt, unter den
Armen getragen zu werden, die hintere Krempe herabgeschlagen hatte, um sich
gegen die Sonne zu schützen. Er hatte sich durchgedrängt durch das tiefste
Dickicht des Parks, denn sein wirres schwarzes Haar hing voller Tannadeln.
Flüchtig schaute er die Prinzessin an und liess dann den seelenvollen leuchtenden
Blick seiner grossen dunklen Augen auf Julia ruhen, deren Verlegenheit noch
dadurch erhöht wurde, so dass ihr, wie es in dergleichen Fällen ihr zu geschehen
pflegte, die Tränen in die Augen traten.
    »Und diese Himmelstöne,« begann der Fremde endlich mit weicher sanfter
Stimme, »und diese Himmelstöne schweigen vor meinem Anblick und zerfliessen in
Tränen?«
    Die Prinzessin, den ersten Eindruck, den der Fremde auf sie gemacht, mit
Gewalt niederkämpfend, blickte ihn stolz an und sprach dann mit beinahe
schneidendem Ton: »Allerdings überrascht uns Ihre plötzliche Erscheinung, mein
Herr! man erwartet um diese Zeit keine Fremden mehr im fürstlichen Park. - Ich
bin die Prinzessin Hedwiga.« -
    Der Fremde hatte sich, sowie die Prinzessin zu sprechen begann, rasch zu ihr
gewendet und schaute ihr jetzt in die Augen, aber sein ganzes Antlitz schien ein
andres worden. - Vertilgt war der Ausdruck schwermütiger Sehnsucht, vertilgt
jede Spur des tief im Innersten aufgeregten Gemüts, ein toll verzerrtes Lächeln
steigerte den Ausdruck bitterer Ironie bis zum Possierlichen, bis zum Skurrilen.
- Die Prinzessin blieb, als träfe sie ein elektrischer Schlag, mitten in der
Rede stecken und schlug, blutrot im ganzen Gesicht, die Augen nieder.
    Es schien, als wollte der Fremde etwas sagen, in dem Augenblick begann
indessen Julia: »Bin ich nicht ein dummes törichtes Ding, dass ich erschrecke,
dass ich weine wie ein kindisches Kind, das man ertappt über dem Naschen! - Ja,
mein Herr, ich habe genascht, hier die trefflichsten Töne weggenascht von Ihrer
Guitarre - die Guitarre ist an allem schuld und unsere Neugier! - Wir haben Sie
belauscht, wie Sie mit dem kleinen Dinge so hübsch zu sprechen wussten, und wie
Sie dann im Zorne die Arme wegschleuderten in das Gebüsch, dass sie im lauten
Klageton ausseufzte, auch das haben wir gesehen. Und das ging mir so recht tief
ins Herz, ich musste hinein in das Dickicht und das schöne liebliche Instrument
aufheben. - Nun, Sie wissen wohl, wie Mädchen sind, ich klimpere etwas auf der
Guitarre, und da fuhr es mir in die Finger - ich könnt' es nicht lassen. -
Verzeihen Sie mir, mein Herr, und empfangen Sie Ihr Instrument zurück.«
    Julia reichte die Guitarre dem Fremden hin.
    »Es ist«, sprach der Fremde, »ein sehr seltnes klangvolles Instrument, noch
aus alter guter Zeit her, das nur in meinen ungeschickten Händen - doch was
Hände - was Hände! - Der wunderbare Geist des Wohllauts, der diesem kleinen
seltsamen Dinge befreundet, wohnt auch in meiner Brust, aber eingepuppt, keiner
freien Bewegung mächtig; doch aus Ihrem Innern, mein Fräulein, schwingt er sich
auf zu den lichten Himmelsräumen, in tausend schimmernden Farben, wie das
glänzende Pfauenauge. - Ha, mein Fräulein! als Sie sangen, aller sehnsüchtige
Schmerz der Liebe, alles Entzücken süsser Träume, die Hoffnung, das Verlangen
wogte durch den Wald und fiel nieder wie erquickender Tau in die duftenden
Blumenkelche, in die Brust horchenden Nachtigallen! - - Behalten Sie das
Instrument, nur Sie gebieten über den Zauber, der in ihm verschlossen!« -
    »Sie warfen das Instrument fort,« erwiderte Julia hoch errötend.
    »Es ist wahr,« sprach der Fremde, indem er mit Heftigkeit die Guitarre
ergriff und an seine Brust drückte, »es ist wahr, ich warf es fort und empfange
es geheiligt zurück; nie kommt es mehr aus meinen Händen!« -
    Plötzlich verwandelte sich nun das Antlitz des Fremden wieder in jene
skurrile Larve, und er sprach mit hohem schneidenden Ton: »Eigentlich hat mir
das Schicksal oder mein Kakodämon einen sehr bösen Streich gespielt, dass ich
hier so ganz ex abrupto, wie die Lateiner und noch andere ehrliche Leute sagen,
vor Ihnen erscheinen muss, meine hochverehrtesten Damen! - O Gott, gnädigste
Prinzessin, riskieren Sie es, mich anzuschauen von Kopf bis zu Fuss. Sie werden
denn aus meinem Ajustement zu entnehmen geruhen, dass ich mich auf einer grossen
Visitenfahrt befinde. - Ha! ich gedachte eben bei Sieghartsweiler vorzufahren
und der guten Stadt, wo nicht meine Person, doch wenigstens eine Visitenkarte
abzugeben. - O Gott! fehlt es mir denn an Konnexionen, meine gnädigste
Prinzessin? - War nicht sonst der Hofmarschall Dero Herrn Vaters mein Intimus? -
Ich weiss es, sah er mich hier, so drückte er mich an seine Atlasbrust und sagte
gerührt, indem er mir eine Prise darbot: Hier sind wir unter uns, mein Lieber,
hier kann ich meinem Herzen und den angenehmsten Gesinnungen freien Lauf lassen.
- Audienz hätte ich erhalten bei dem gnädigsten Herrn Fürsten Irenäus und wäre
auch Ihnen vorgestellt worden, o Prinzessin! Vorgestellt worden auf eine Weise,
dass ich mein bestes Gespann von Septime-Akkorden gegen eine Ohrfeige setze, ich
hätte Ihre Huld erworben! - Aber nun! - hier im Garten am unschicklichsten Orte,
zwischen Ententeich und Froschgraben, muss ich mich selbst präsentieren, mir zum
ewigen Malheur! - O Gott, könnt' ich nur was weniges hexen, könnt' ich nur
subito diese edle Zahnstocherbüchse (er zog eine aus der Westentasche hervor)
verwandeln in den Schmuckesten Kammerherrn des Irenäusschen Hofes, welcher mich
beim Fittig nähme und spräche: Gnädigste Prinzessin, hier ist der und der! -
Aber nun! - che far, che dir! - Gnade - Gnade, o Prinzessin, o Damen! - o
Herren!«
    Damit warf sich der Fremde vor der Prinzessin nieder und sang mit
kreischender Stimme: »Ah pietà, pietà Signora!«
    Die Prinzessin fasste Julien und rannte mit ihr unter dem lauten Ausruf: »Es
ist ein Wahnsinniger, ein Wahnsinniger, der dem Tollhause entsprungen!« so
schnell von dannen, als sie es nur vermochte.
    Dicht vor dem Lustschlosse kam die Rätin Benzon den Mädchen entgegen, die
atemlos ihr beinahe zu Füssen sanken. »Was ist geschehen, um des Himmels willen,
was ist euch geschehen, was bedeutet die übereilte Flucht?« So fragte sie. Die
Prinzessin vermochte, ausser sich, verstört wie sie war, nur in abgebrochenen
Reden etwas von einem Wahnsinnigen herzustammeln, der sie überfallen. Julia
erzählte ruhig und besonnen, wie sich alles begeben, und schloss damit, dass sie
den Fremden durchaus nicht für wahnsinnig, sondern nur für einen ironischen
Schalk, wirklich für eine Art von Monsieur Jacques halte, der zur Komödie im
Ardenner Walde passe.
    Die Rätin Benzon liess sich alles nochmals wiederholen, sie fragte nach dem
kleinsten Umstande, sie liess sich den Fremden beschreiben in Gang, Stellung,
Gebärde, Ton der Sprache u.s.w. »Ja«, rief sie dann, »ja, es ist nur zu gewiss,
er ist es, er ist es selbst, kein anderer kann - darf es sein.«
    »Wer - wer ist es?« fragte die Prinzessin ungeduldig.
    »Ruhig, liebe Hedwiga,« erwiderte die Benzon, »Sie haben Ihren Atem umsonst
verkeucht, kein Wahnsinniger ist dieser Fremde, der Ihnen so bedrohlich
erschien. Welchen bittern unziemlichen Scherz er sich auch seiner barocken
Manier gemäss erlaubte, so glaube ich doch, dass Sie sich mit ihm aussöhnen
werden.«
    
    »Nimmermehr,« rief die Prinzessin, »nimmermehr sehe ich ihn wieder, den -
unbequemen Narren.«
    »Ei, Hedwiga,« sprach die Benzon lachend, »welcher Geist gab Ihnen das Wort
unbequem ein, das nach dem, was vorgegangen, viel besser passt, als Sie
vielleicht selbst glauben und ahnen mögen.«
    »Ich weiss auch gar nicht,« begann Julia, »wie du auf den Fremden so zürnen
magst, liebe Hedwiga! - Selbst in seinem närrischen Tun, in seinen wirren Reden
lag etwas, das auf seltsame und gar nicht unangenehme Weise mein Innerstes
anregte.« - »Wohl dir,« erwiderte die Prinzessin, indem ihr die Tränen in die
Augen traten, »wohl dir, dass du so ruhig sein kannst und unbefangen, aber mir
zerschneidet der Hohn des entsetzlichen Menschen das Herz! - Benzon! - wer ist
es, wer ist der Wahnsinnige?« - »Mit zwei Worten«, sprach die Benzon, »erkläre
ich alles. Als ich mich vor fünf Jahren in -«
    (M. f. f.) - mich überzeugte, dass in einem echten, tiefen Dichtergemüt auch
kindliche Tugend wohnt und Mitleid mit dem Bedrängnis der Genossen.
    Eine gewisse Schwermut, wie sie oft junge Romantiker befällt, wenn sie den
Entwicklungskampf der grossen erhabenen Gedanken in ihrem Innern bestehen, trieb
mich in die Einsamkeit. Unbesucht blieben mehrere Zeit hindurch Dach, Keller und
Boden. Ich empfand mit jenem Dichter die süssen idyllischen Freuden im kleinen
Häuschen am Ufer eines murmelnden Bachs, umschattet von düster belaubten
Hängebirken und Trauerweiden, und blieb, mich meinen Träumen hingebend, unter
dem Ofen. So kam es aber, dass ich Mina, die süsse schöngefleckte Mutter, nicht
wiedersah. - In den Wissenschaften fand ich Trost und Beruhigung. O, es ist
etwas Herrliches um die Wissenschaften! - Dank, glühender Dank dem edlen Mann,
der sie erfunden. - Wie viel herrlicher, wie viel nützlicher ist diese Erfindung
als jene des entsetzlichen Mönchs, der zuerst es unternahm, Pulver zu
fabrizieren, ein Ding, das mir, seiner Natur und Wirkung nach, in den Tod
zuwider. Die richtende Nachwelt hat auch den Barbaren, den höllischen Bartold,
gestraft mit höhnender Verachtung, indem man noch heutigen Tages, um einen
scharfsinnigen Gelehrten, einen umschauenden Statistiker, kurz, jeden Mann von
exquisiter Bildung recht hoch zu stellen, sprichwörtlich sagt: »Er hat das
Pulver nicht erfunden!«
    Zu Belehrung der hoffnungsvollen Katerjugend kann ich nicht unbemerkt
lassen, dass ich, wollte ich studieren, mit zugedrückten Augen in die Bibliotek
meines Meisters sprang und dann das Buch, was ich angekrallt, herauszupfte und
durchlas, mochte es einen Inhalt haben, wie es wollte. Durch diese Art zu
studieren gewann mein Geist diejenige Biegsamkeit und Mannigfaltigkeit, mein
Wissen den bunten glänzenden Reichtum, den die Nachwelt an mir bewundern wird.
Der Bücher, die ich in dieser Periode des dichterischen Schwermuts
hintereinander las, will ich hier nicht erwähnen, teils weil sich dazu eine
schicklichere Stelle vielleicht finden wird, teils weil ich auch die Titel davon
vergessen, und dies wieder gewissermassen darum, weil ich die Titel meistenteils
nicht gelesen und also nie gewusst habe. - Jedermann wird mit dieser Erklärung
zufrieden sein und mich nicht biographischen Leichtsinnes anklagen.
    Mir standen neue Erfahrungen bevor.
    Eines Tages, als mein Meister eben in einen grossen Folianten vertieft war,
den er vor sich aufgeschlagen, und ich, dicht bei ihm unter dem Schreibtisch,
auf einem Bogen des schönsten Royalpapiers liegend, mich in griechischer Schrift
versuchte, die mir vorzüglich in der Pfote zu liegen schien, trat rasch ein
junger Mann hinein, den ich schon mehrmals bei dem Meister gesehen, und der mich
mit freundlicher Hochachtung, ja mit der wohltuenden Verehrung behandelte, die
dem ausgezeichneten Talent, dem entschiedenen Genie gebührt. Denn nicht allein
dass er jedesmal, nachdem er den Meister begrüsst, zu mir sprach: »Guten Morgen,
Kater!« so kraule er mir auch jedesmal mit leichter Hand hinter den Ohren und
streichelte mir sanft den Rücken, so dass ich in diesem Betragen wahre
Aufmunterung fand, meine innern Gaben leuchten zu lassen vor der Welt.
    Heute sollte sich alles anders gestalten!
    Wie sonst niemals, sprang nämlich heute dem jungen Mann ein schwarzes
zottiges Ungeheuer mit glühenden Augen nach, zur Türe hinein und, als es mich
erblickte, gerade auf mich zu. Mich überfiel eine unbeschreibliche Angst, mit
einem Satz war ich auf dem Schreibtisch meines Meisters und stiess Töne des
Entsetzens und der Verzweiflung aus, als das Ungeheuer hoch hinaufsprang nach
dem Tisch und dazu einen mörderlichen Lärm machte. Mein guter Meister, dem um
mich bange, nahm mich auf den Arm und steckte mich unter den Schlafrock. Doch
der junge Mann sprach: »Seid doch nur ganz unbesorgt, lieber Meister Abraham.
Mein Pudel tut keiner Katze was, er will nur spielen. Setzt den Kater nur hin,
sollt Euch freuen, wie die Leutchen miteinander Bekanntschaft machen werden,
mein Pudel und Euer Kater.«
    Mein Meister wollte mich wirklich niedersetzen, ich klammerte mich aber fest
an und begann kläglich zu lamentieren, wodurch ich es denn wenigstens dahin
brachte, dass der Meister mich, als er sich niederliess, dicht neben sich auf dem
Stuhle litt.
    Ermutigt durch meines Meisters Schutz, nahm ich, auf den Hinterpfoten
sitzend, den Schweif umschlangen, eine Stellung an, deren Würde, deren edler
Stolz meinem vermeintlichen schwarzen Gegner imponieren musste. Der Pudel setzte
sich vor mir hin auf die Erde, schaute mir unverwandt ins Auge und sprach zu mir
in abgebrochnen Worten, die mir freilich unverständlich blieben. Meine Angst
verlor sich nach und nach, ganz und gar und ruhig geworden im Gemüt, vermochte
ich zu bemerken, dass in dem Blick des Pudels nichts zu entdecken als
Gutmütigkeit und biederer Sinn. Unwillkürlich fing ich an, meine zum Vertrauen
geneigte Seelenstimmung durch sanftes Hin- und Herbewegen des Schweifes an den
Tag zu legen, und sogleich begann auch der Pudel mit dem kurzen Schweiflein zu
wedeln auf die unmutigste Weise.
    O! mein Inneres hatte ihn angesprochen, nicht zu zweifeln war an dem Anklang
unserer Gemüter! - »Wie,« sprach ich zu mir selbst, »wie konnte dich das
ungewohnte Betragen dieses Fremden so in Furcht und Schrecken setzen? - Was
bewies dieses Springen, dieses Klaffen, dieses Toben, dieses Rennen, dieses
Heulen anders, als den in Liebe und Lust, in der freudigen Freiheit des Lebens
heftig und mächtig bewegten Jüngling? - O, es wohnt Tugend, edle
Pudeltümlichkeit in jener schwarz bepelzten Brust!« - Durch diese Gedanken
erkräftigt, beschloss ich den ersten Schritt zu tun zu näherer, engerer Einigung
unserer Seelen und herabzusteigen von dem Stuhl des Meisters.
    
    Sowie ich mich erhob und dehnte, sprang der Pudel auf und in der Stube umher
mit lautem Klaffen! - Äusserungen eines herrlichen lebenskräftigen Gemüts! - Es
war nichts mehr zu befürchten, ich stieg sogleich herab und näherte mich
behutsam leisen Schrittes dem neuen Freunde. Wir begannen jenen Akt, der in
bedeutender Symbolik die nähere Erkenntnis verwandter Seelen, den Abschluss des
aus dem inneren Gemüt heraus bedingten Bündnisses ausdrückt, und den der
kurzsichtige frevelige Mensch mit dem gemeinen unedlen Ausdruck »Beschnüffeln«
bezeichnet. Mein schwarzer Freund bezeigte Lust, etwas von den Hühnerknochen zu
geniessen, die in meiner Speiseschüssel lagen. So gut ich es vermochte, gab ich
ihm zu verstehen, dass es der Weltbildung, der Höflichkeit gemäss sei, ihn als
meinen Gast zu bewirten. Er frass mit erstaunlichem Appetit, während ich von
weitem zusah. - Gut war es doch, dass ich den Bratfisch beiseite gebracht und
einmagaziniert unter mein Lager. - Nach der Tafel begannen wir die unmutigsten
Spiele, bis wir uns zuletzt, ganz ein Herz und eine Seele, umhalsten und, fest
aneinandergeklammert, uns ein Mal über das andere überkugelnd, uns innige Treue
und Freundschaft zuschworen.
    Ich weiss nicht, was dieses Zusammentreffen schöner Seelen, dieses
Einandererkennen herziger Jünglingsgemüter Lächerliches in sich tragen konnte;
so viel ist aber gewiss dass beide, mein Meister und der fremde junge Mann,
unaufhörlich aus vollem Halse lachten, zu meinem nicht geringen Verdruss.
    Auf mich hatte die neue Bekanntschaft einen tiefen Eindruck gemacht, so dass
ich in der Sonne und im Schatten, auf dem Dach und unter dem Ofen nichts dachte,
nichts sann, nichts träumte, nichts empfand als Pudel - Pudel - Pudel! - Dadurch
ging mir das Innerste Wesen des Pudeltums mächtig auf mit glänzenden Farben, und
durch diese Erkenntnis wurde das tiefsinnige Werk geboren, dessen ich schon
erwähnte, nämlich: »Gedanke und Ahnung oder Kater und Hund.« Sitten, Gebräuche,
Sprache beider Geschlechter entwickelte ich als tief bedingt durch ihr
eigentümlichstes Wesen und bewies, wie beide nur diverse Strahlen, aus einem
Prisma geworfen. Vorzüglich fasste ich den Charakter der Sprache auf und bewies,
dass, da Sprache überhaupt nur symbolische Darstellung des Naturprinzips in der
Gestaltung des Lauts sei, mitin es nur eine Sprache geben könne, auch das
Kätzische und Hündische in der besondern Formung des Pudelischen, Zweige eines
Baums wären, von höherem Geist inspirierte Kater und Pudel sich daher
verstünden. Um meinen Satz ganz ins klare zu stellen, führte ich mehrere
Beispiele aus beiden Sprachen an und machte auf die gleichen Stammwurzeln
aufmerksam, von: Bau - Bau - Mau - Miau - Blaf blaf - Auvau - Korr - Kurr - Ptsi
- Pschrzi u.s.w.
    Nachdem das Buch vollendet, fühlte ich die unwiderstehlichste Lust, das
Pudelische wirklich zu erlernen, welches mir vermöge meines neu erworbenen
Freundes, des Pudels Ponto, wiewohl nicht ohne Mühe, gelang, da das Pudelische
für uns Kater wirklich eine schwere Sprache. Genies finden sich indes in alles,
und ebendiese Genialität ist es, die ein berühmter menschlicher Schriftsteller
verkennt, wenn er behauptet, dass, um eine fremde Sprache, mit allen
Eigentümlichkeiten des Volks, dem Volke nachzusprechen, man durchaus was weniges
ein Narr sein müsse. Mein Meister hatte freilich dieselbe Meinung und mochte
eigentlich nur die gelehrte Kenntnis der fremden Sprache statuieren, welche
Kenntnis er dem Parlieren entgegensetzte, worunter er die Fertigkeit verstand,
in einer fremden Sprache über nichts und um nichts reden zu können. Er ging so
weit, dass er das Französischsprechen unserer Herren und Damen vom Hofe für eine
Art von Krankheit hielt, die, wie kataleptische Zufälle, mit schrecklichen
Symptomen eintrete, und hörte ich ihn diese absurde Behauptung gegen den
Hofmarschall des Fürsten selbst ausführen.
    »Erzeigen Sie,« sprach Meister Abraham, »erzeigen Sie mir die Güte, beste
Exzellenz, und beobachten Sie sich selbst. Hat Ihnen der Himmel nicht ein
schönes volltönendes Stimmorgan verliehen, und wenn Ihnen das Französische
ankommt, da beginnen Sie plötzlich zu zischen, zu lispeln, zu schnarren, und
dabei verzerren sich Dero angenehme Gesichtszüge ganz erschrecklich, und selbst
der hübsche, feste, ernste Anstand, dessen Dieselben sonst mächtig, wird
verstört durch allerlei seltsame Konvulsionen. Was kann dies alles anders
bedeuten als empörtes Treiben irgendeines fatalen Krankheitskobolds im Innern!«
- Der Hofmarschall lachte sehr, und zum Lachen war auch wirklich Meister
Abrahams Hypotese von der Krankheit fremder Sprachen.
    Ein sinnreicher Gelehrter gibt in irgendeinem Buche den Rat, dass man sich
bemühen möge, in der fremden Sprache, die man rasch erlernen will, zu denken.
Der Rat ist vortrefflich, seine Ausführung aber nicht ohne Gefahr. Es gelang mir
nämlich sehr bald, pudelisch zu denken, ich vertiefte mich aber in diese
pudelische Gedanken so sehr, dass meine eigentliche Sprachfertigkeit zurückblieb
und ich selbst nicht verstand, was ich dachte. Diese nicht verstandenen Gedanken
brachte ich meistenteils zu Papier, und ich erstaune über die Tiefe dieser
Sprache, die ich unter dem Titel »Akantusblätter« gesammelt, und die ich noch
nicht verstehe.
    Ich glaube, dass diese kurzen Andeutungen über die Geschichte meiner
Jugendmonate hinreichen dürften, dem Leser ein deutliches Bild davon zu geben,
was ich bin, und wie ich es wurde.
    Unmöglich kann ich mich aber von der Blütezeit meines merkwürdigen
ereignisreichen Lebens trennen, ohne noch eines Vorfalls zu erwähnen, der
gewissermassen meinen Übertritt in die Jahre der reifern Bildung bezeichnet. Die
Katerjugend wird daraus lernen, dass keine Rose ohne Dornen ist, und dass dem
mächtig emporstrebenden Geiste manches Hindernis gelegt, mancher Stein des
Anstosses in den Weg geworfen wird, an dem er sich die Pfoten wundstossen muss. -
Und der Schmerz solcher Wunden ist empfindlich, sehr empfindlich! -
    Gewiss hast du mich, geliebter Leser, beinahe beneidet um meine glückliche
Jugendzeit, um den günstigen Stern, der über mich wachte! - In Dürftigkeit von
vornehmen, aber armen Eltern geboren, dem schmachvollen Tode nahe, komme ich
plötzlich in den Schoss des Überflusses, in den Peruschacht der Literatur! -
Nichts verstört meine Bildung, nichts widerstrebt meinen Neigungen, mit
Riesenschritten gehe ich der Vollkommenheit entgegen, die mich hoch erhebt über
meine Zeit. Da hält mich plötzlich ein Zollverwalter an und fordert den Tribut,
dem alles hienieden unterworfen!
    Wer hätte denken sollen, dass unter den Blumen der süssesten, innigsten
Freundschaft die Dornen verborgen, die mich ritzen, verwunden, blutig verwunden
mussten!
    Jeder, der ein gefühlvolles Herz im Busen trägt, wie ich, wird aus dem, was
ich über mein Verhältnis mit dem Pudel Ponto gesagt, sehr leicht entnehmen
können, was der Teure mir war, und doch musste er es sein, der den ersten Anlass
gab zu der Katastrophe, die mich gänzlich verderben konnte, hätte der Geist
meines grossen Ahnherrn nicht über mich gewacht. - Ja, mein Leser, ich hatte
einen Ahnherrn, einen Ahnherrn, ohne den ich gewissermassen gar nicht existieren
würde - einen grossen vortrefflichen Ahnherrn, einen Mann von Stande, Ansehen,
Vermögen, ausgebreiteter Wissenschaft, mit einer ganz vortrefflichen Sorte
Tugend, mit der feinsten Menschenliebe begabt, einen Mann von Eleganz und
Geschmack, nach dem neuesten Geschmack - einen Mann, der - doch dies alles jetzt
nur beiläufig gesagt, künftig mehr von dem Würdigen, der niemand anders war als
der weltberühmte Premierminister Hinz von Hinzenfeldt, der der Welt so teuer, so
über alles wert worden unter dem Namen des gestiefelten Katers. -
    Wie gesagt, künftig mehr von dem edelsten der Kater! -
    Konnt' es anders sein; musst' ich, als ich mich im Pudelischen leicht und
zierlich auszudrücken vermochte, mit meinem Freunde Ponto nicht davon reden, was
mir das Höchste im Leben war, nämlich von mir selbst und von meinen Werken? So
kam es, dass er mit meinen besondern Geistesgaben, mit meiner Genialität, mit
meinem Talent bekannt wurde, und hier entdeckte ich zu meinem nicht geringen
Leid, dass ein unüberwindlicher Leichtsinn, ja ein gewisser Übermut es dem jungen
Ponto unmöglich machte, in den Künsten und Wissenschaften etwas zu tun. Statt in
Erstaunen zu geraten über meine Kenntnis, versicherte er, dass es gar nicht zu
begreifen, wie ich darauf fallen können, mich mit derlei Dingen abzugeben, und
dass er seinerseits, was Künste betreffe, sich lediglich darauf beschränke, über
den Stock zu springen und seines Herrn Mütze aus dem Wasser zu apportieren, die
Wissenschaften anlangend, er aber der Meinung sei, dass Leute wie ich und er sich
nur den Magen dabei verdürben und allen Appetit gänzlich verlören.
    Bei einem solchen Gespräch, in dem ich mich mühte, meinen jungen
leichtsinnigen Freund eines Bessern zu belehren, geschah das Entsetzliche. Denn
ehe ich mir's versah, sprang -
    (Mak. Bl.) - »Und immer werden Sie«, erwiderte die Benzon, »mit dieser
phantastischen Überspannteit, mit dieser herzzerschneidenden Ironie nichts
anstiften als Unruhe - Verwirrung völlige Dissonanz aller konventionellen
Verhältnisse, wie sie nun einmal bestehen.«
    »O wundervoller Kapellmeister,« rief Johannes Kreisler lachend, »der solcher
Dissonanzen mächtig!«
    »Sei'n Sie ernst,« fuhr die Rätin fort, »sei'n Sie ernst, Sie entkommen mir
nicht durch bittern Scherz! Ich halte Sie fest, lieber Johannes! - Ja, so will
ich Sie nennen, mit dem sanften Namen Johannes, damit ich wenigstens hoffen
darf, dass hinter der Satyrmaske am Ende ein sanftes weiches Gemüt verborgen. Und
dann! - nimmermehr werde ich mich davon überzeugen, dass der bizarre Name
Kreisler nicht eingeschwärzt, nicht einem ganz andern Familiennamen
untergeschoben sein sollte!« -
    »Rätin,« sprach Kreisler, indem sein ganzes Gesicht in einem seltsamen
Muskelspiel an tausend Falten und Furchen vibrierte, »teuerste Rätin, was haben
Sie gegen meinen ehrlichen Namen? - Vielleicht führte ich sonst einen andern,
aber das ist lange her, und mir geht es so wie dem Ratgeber in Tiecks Blaubart,
der da sagt: Ich hatte sonst einmal einen ganz vortrefflichen Namen, durch die
Länge der Zeit hab' ich ihn fast vergessen, ich kann mich nur noch dunkel daran
erinnern.« -
    »Besinnen Sie sich, Johannes!« rief die Rätin, ihn mit leuchtenden Blicken
durchbohrend, »der halbvergessene Name kommt Ihnen gewiss wieder in den
Gedanken.«
    »Durchaus nicht, Teuerste,« erwiderte Kreisler, »es ist unmöglich, und ich
vermute beinahe, dass die dunkle Erinnerung, wie ich sonst, was eben meine äussere
Gestalt rücksichte des Namens als Lebenspasseport betrifft, anders gestaltet,
aus der angenehmen Zeit herrührt, da ich eigentlich noch gar nicht geboren. -
Erzeigen Sie mir die Güte, Verehrungswürdigste, betrachten Sie meinen schlichten
Namen im gehörigen Licht, und Sie werden ihn, was Zeichnung, Kolorit und
Physiognomie betrifft, allerliebst finden! Noch mehr! stülpen Sie ihn um,
sezieren Sie ihn mit dem grammatischen Anatomiermesser, immer herrlicher wird
sich sein innerer Gehalt zeigen. Es ist ganz unmöglich, Vortreffliche, dass Sie
meines Namens Abstammung in dem Worte Kraus finden und mich, nach der Analogie
des Wortes Haarkräusler, für einen Tonkräusler oder gar für einen Kräusler
überhaupt halten können, da ich mich alsdann eben Kräusler schreiben müsste. Sie
können nicht wegkommen von dem Worte Kreis, und der Himmel gebe, dass Sie denn
gleich an die wunderbaren Kreise denken mögen, in denen sich unser ganzes Sein
bewegt, und aus denen wir nicht herauskommen können, wir mögen es anstellen, wie
wir wollen. In diesen Kreisen kreiselt sich der Kreisler, und wohl mag es sein,
dass er oft, ermüdet von den Sprüngen des St.-Veits-Tanzes, zu dem er gezwungen,
rechtend mit der dunklen unerforschlichen Macht, die jene Kreise umschrieb, sich
mehr als es einem Magen, der ohnedies nur schwächlicher Konstitution, zusagt,
hinaussehnt ins Freie. Und der tiefe Schmerz dieser Sehnsucht mag nun wieder
eben jene Ironie sein, die Sie, Verehrte, so bitter tadeln, nicht beachtend, dass
die kräftige Mutter einen Sohn gebar, der in das Leben eintritt wie ein
gebietender König. Ich meine den Humor, der nichts gemein hat mit seinem
ungeratenen Stiefbruder, dem Spott!« - »Ja,« sprach die Rätin, »eben dieser
Humor, dieser Wechselbalg einer ausschweifenden grillenhaften Phantasie, ohne
Gestalt, ohne Farbe, von dem ihr harten Männerseelen selbst nicht wisst, für wen
ihr ihn ausgeben sollt nach Stand und Würden, ebendieser ist es, den ihr uns
gern als etwas Grosses, Herrliches unterschieben möchtet, wenn ihr alles, was uns
lieb und wert, in bitterm Hohn zu vernichten trachtet. - Wissen Sie wohl,
Kreisler, dass Prinzessin Hedwiga noch jetzt ganz ausser sich ist über Ihre
Erscheinung, über Ihr Betragen im Park? Reizbar wie sie ist, verwundet sie jeder
Scherz, in dem sie nur die leiseste Verspottung ihrer Persönlichkeit findet,
überdies aber beliebten Sie, lieber Johannes, sich ihr als ein vollkommen
Wahnsinniger darzustellen und ihr so ein Entsetzen zu erregen, das sie hätte auf
das Krankenlager werfen können. Ist das zu entschuldigen?«
    »Ebensowenig,« erwiderte Kreisler, »als wenn ein Prinzesslein es unternimmt,
in dem offnen Park ihres Herrn Papas einem Fremden von honettem Ansehen, der ihr
zufällig begegnet, durch ihre kleine Person imponieren zu wollen.«
    »Dem sei, wie ihm wolle,« fuhr die Rätin fort, »genug, Ihre abenteuerliche
Erscheinung in unserm Park hätte böse Folgen haben können. Dass sie abgewandt,
dass die Prinzessin wenigstens sich an den Gedanken gewöhnt, Sie wiederzusehen,
alles das haben wir meiner Julia zu verdanken. Sie allein nimmt Sie in Schutz,
indem sie in allem, was Sie begonnen, was Sie gesprochen, nur den Erguss einer
überspannten Laune findet, wie sie oft einem tief verletzten oder zu reizbaren
Gemüt eigen. Mit einem Wort, Julia, die erst vor kurzer Zeit Shakespeares: Wie
es euch gefällt, kennen gelernt, hat Sie gerade mit dem melancholischen Monsieur
Jacques verglichen.«
    »O du ahnendes Himmelskind,« rief Kreisler, indem ihm die Tränen in die
Augen traten.
    »Überdies«, sprach die Benzon weiter, »hat meine Julia in Ihnen, als Sie auf
der Guitarre phantasierten und, wie sie erzählt, dazwischen sangen und sprachen,
den sublimen Musiker und Komponisten erkannt. Sie meint, in dem Augenblick sei
ihr ein ganz besonderer Geist der Musik aufgegangen, sie habe, wie von
unsichtbarer Macht dazu gezwungen, singen und spielen müssen, und das sei ihr
gar anders geglückt, als sonst jemals. - Erfahren Sie es nur, Julia konnte sich
gar nicht darin finden, dass sie den seltsamen Mann nicht wiedersehen, dass er ihr
nur wie ein anmutig wunderlicher, musikalischer Spuk erschienen sein solle;
wogegen die Prinzessin mit aller ihr eignen Heftigkeit behauptete, dass ein
zweiter Besuch des gespenstischen Wahnsinnigen ihr den Tod geben würde. Da die
Mädchen sonst ein Herz und eine Seele, und niemals eine Entzweiung unter ihnen
stattgefunden, so konnt' ich mit vollem Recht behaupten, dass sich jene Szene aus
früher Kindheit umgekehrt wiederhole, als Julia einen etwas bizarren Skaramuz,
der ihr einbeschert worden, durchaus in den Kamin werfen wollte, die Prinzessin
hingegen ihn in Schutz nahm und für ihren Liebling erklärte.«
    »Ich lasse mich,« fiel Kreisler der Benzon laut lachend in die Rede, »ich
lasse mich, ein zweiter Skaramuz, von der Prinzessin in den Kamin werfen und
vertraue der süssen Huld der holden Julia.« - »Sie müssen«, fuhr die Benzon fort,
»die Erinnerung an den Skaramuz für einen humoristischen Einfall halten, und
diesen können Sie Ihrer eignen Teorie gemäss nicht übel deuten. Übrigens mögen
Sie es sich wohl vorstellen, dass ich in der Schilderung, die die Mädchen mir von
Ihrer Erscheinung, von dem ganzen Vorfall im Park machten, Sie augenblicklich
wiedererkannte, und dass es Juliens Sehnsucht, Sie wiederzusehen, gar nicht
bedurfte; ohnedies hätte ich in dem nächsten Augenblick alle Leute, die mir zu
Gebote standen, in Bewegung gesetzt, den ganzen Park, ganz Sieghartsweiler
durchsuchen lassen, um Sie, der mir bei kurzer Bekanntschaft so wert geworden,
wiederzufinden. Alle Nachforschungen blieben vergebens, ich glaubte Sie
verloren, um so mehr musste ich erstaunen, als Sie heute morgen bei mir
eintraten. Julia ist bei der Prinzessin, welch ein Zwiespalt der verschiedensten
Empfindungen würde sich erheben, wenn die Mädchen in diesem Augenblick Ihre
Ankunft erführen. - Was Sie, den ich als wohlbestallten Kapellmeister an dem
Hofe des Grossherzogs glaubte, so plötzlich herbringt, darüber verlange ich nur
dann Aufschluss, wenn es Ihnen recht und gemütlich sein wird, mir darüber etwas
zu sagen.«
    Kreisler war, als die Rätin dies alles sprach, in tiefes Nachdenken
versunken. Er starrte zur Erde nieder und fingerte an der Stirne wie einer, der
sich auf etwas Vergessenes zu besinnen trachtet.
    »Ach,« begann er, als die Rätin schwieg, »ach, das ist eine sehr alberne
Geschichte, kaum des Erzählens wert. Doch so viel ist gewiss, dass das, was die
kleine Prinzessin für die wirren Reden eines Wahnwitzigen zu halten geruht hat,
in der Wahrheit begründet ist. In der Tat befand ich mich damals, als ich das
Unglück hatte, die kleine Reizbare im Park zu erschrecken, auf einer
Visitenfahrt, denn ich kam eben von einer Visite, die ich niemanden anders
abstattete als dem Durchlauchtigsten Grossherzoge selbst, und hier in
Sieghartsweiler wollte ich nun ja eben mit den ausserordentlichsten, angenehmsten
Visiten kontinuieren.«
    »O Kreisler,« rief die Rätin, ein wenig lächelnd, niemals lachte sie stark
und laut, »o Kreisler, das ist gewiss wieder irgendein bizarrer Einfall, dem Sie
freien Lauf gestattet. Irre ich nicht, so liegt die Residenz wenigstens dreissig
Stunden entfernt von Sieghartsweiler?«
    »So ist es,« erwiderte Kreisler, »aber man wandelt in einem Garten, der mir
in solch grossem Stil angelegt scheint, dass selbst ein Le Notre darüber erstaunen
müsste. Statuieren Sie nun, Verehrte, nicht meine Visitenfahrt, so mögen Sie
bedenken, dass ein empfindsamer Kapellmeister, Stimme in Kehle und Brust,
Guitarre in der Hand, lustwandelnd durch duftende Wälder, über frisch grünende
Wiesen, über wild getürmtes Steingeklüft, über schmale Stege, unter denen die
Waldbäche schäumend fortbrausen, ja, dass ein solcher Kapellmeister, als
Solosänger einstimmend in die Chöre, die überall ihn umtönen, sehr leicht
hineingeraten kann in einzelne Partien des Gartens, absichtslos, ohne es zu
wollen. So mag ich hineingeraten sein in den fürstlichen Park zu Sieghartshof,
der nichts ist als eine etwas kleinliche Partie in dem grossen Park, den die
Natur anlegte. - Doch nein, es ist dem nicht so! - Als Sie vorhin davon
sprachen, wie ein ganzes lustiges Jägervolk aufgeboten worden, mich einzufangen
als jagdbares Wild, das sich verlaufen, gewann ich erst die innere feste
Überzeugung von der Notwendigkeit meines Hierseins. Eine Notwendigkeit, die
mich, hätte ich auch meinen irren Lauf fortsetzen wollen, ins Garn treiben
musste. - Sie erwähnten gütig, dass meine Bekanntschaft Ihnen wert geworden,
mussten mir dabei nicht jene verhängnisvollen Tage der Verwirrung, der
allgemeinen Not einfallen, in denen uns das Schicksal zusammenführte? Sie fanden
mich damals hin und her schwankend, unfähig, einen Entschluss zu fassen,
zerrissen im innersten Gemüt. Sie nahmen mich auf mit freundlicher Gesinnung,
und indem Sie, mir den klaren wolkenlosen Himmel einer ruhigen, in sich
abgeschlossenen Weiblichkeit auftuend, mich zu trösten gedachten, tadelten und
verziehen Sie zugleich die tolle Ausgelassenheit meines Treibens, welches Sie
durch den Drang der Umstände herbeigeführter trostloser Verzweiflung
zuschrieben. Sie entzogen mich einer Umgebung, die ich selbst für zweideutig
anerkennen musste, Ihr Haus wurde das friedliche freundliche Asyl, in dem ich,
Ihren stillen Schmerz ehrend, den meinigen vergass. Ihre Gespräche voll
Heiterkeit und Milde wirkten als wohltuende Arznei, ohne dass Sie meine Krankheit
kannten. Nicht die bedrohlichen Ereignisse, die meine Stellung im Leben
vernichten konnten, waren es, die so feindlich auf mich wirkten. Längst hatte
ich gewünscht, Verhältnisse aufzugeben, die mich drückten und ängstigten, und
nicht zürnen konnte ich auf das Schicksal, welches das bewirkte, was auszuführen
ich selbst so lange nicht Mut und Kraft genug gehabt hatte. Nein! - Als ich mich
frei fühlte, da erfasste mich jene unbeschreibliche Unruhe, die, seit meinen
frühen Jugendjahren, so oft mich mit mir selbst entzweit hat. Nicht die
Sehnsucht ist es, die, wie jener tiefe Dichter so herrlich sagt, aus dem höheren
Leben entsprungen, ewig währt, weil sie ewig nicht erfüllt wird, weder getäuscht
noch hintergangen, sondern nur nicht erfüllt, damit sie nicht sterbe; nein - ein
wüstes wahnsinniges Verlangen bricht oft hervor nach einem Etwas, das ich in
rastlosem Treiben ausser mir selbst suche, da es doch in meinem eignen Innern
verborgen, ein dunkles Geheimnis, ein wirrer rätselhafter Traum von einem
Paradies der höchsten Befriedigung, das selbst der Traum nicht zu nennen, nur zu
ahnen vermag, und diese Ahnung ängstigt mich mit den Qualen des Tantalus. Dies
Gefühl bemeisterte sich schon, als ich noch ein Kind, meiner oft so plötzlich,
dass ich mitten aus dem frohsten Spiel mit meinen Kameraden davonlief in den
Wald, auf den Berg, dort mich niederwarf auf die Erde und trostlos weinte und
schluchzte, unerachtet ich eben der tollste, ausgelassenste von allen gewesen.
Später lernte ich mich selbst mehr bekämpfen, aber nicht auszusprechen vermag
ich die Marter meines Zustandes, wenn in der heitersten Umgebung gemütlicher
wohlwollender Freunde, bei irgendeinem Kunstgenuss, ja selbst in den Momenten,
wenn meine Eitelkeit in Anspruch genommen wurde auf diese, jene Weise, ja! wenn
mir dann plötzlich alles elend, nichtig, farblos, tot erschien und ich mich
versetzt fühlte in eine trostlose Einöde. Nur einen Engel des Lichts gibt es,
der Macht hat über den bösen Dämon. Es ist der Geist der Tonkunst, der oft aus
mir selbst sich siegreich erhebt, und vor dessen mächtiger Stimme alle Schmerzen
irdischer Bedrängnis verstummen.« -
    »Immer,« nahm die Rätin das Wort, »immer habe ich geglaubt, dass die Musik
auf Sie zu stark, mitin verderblich wirke; denn indem bei der Aufführung
irgendeines vortrefflichen Werks Ihr ganzes Wesen durchdrungen schien,
veränderten sich alle Züge Ihres Gesichts. Sie erblassten, Sie waren keines
Wortes mächtig, Sie hatten nur Seufzer und Tränen und fielen dann her mit dem
bittersten Spott, mit tief verletzendem Hohn über jeden, der auch nur ein Wort
über das Werk des Meisters sagen wollte. - Ja wenn -«
    »O beste Rätin,« fiel Kreisler der Benzon ins Wort, indem er, so ernst und
tiefbewegt er zuvor gesprochen, plötzlich den besondern Ton der Ironie wieder
aufnahm, der ihm eigen, »o beste Rätin, das ist nun alles anders geworden. Sie
glauben gar nicht, Verehrte, was ich an dem grossherzoglichen Hofe artig und
gescheit geworden bin. Ich kann mit der grössten Seelenruhe und Gemütlichkeit zum
Don Juan und zur Armida den Takt schlagen, ich kann der ersten Sängerin
freundlich zuwinken, wenn sie in der merkwürdigsten Kadenz auf den Sprossen der
Tonleiter herumhopst, ich kann, wenn der Hofmarschall nach Haydns Jahreszeiten
mir zuflüstert: C'étoit bien ennuyant, man cher maître de chapelle, lächelnd mit
dem Kopfe nicken und eine bedeutungsvolle Prise nehmen, ja, ich kann es geduldig
anhören, wenn der kunstverständige Kammer- und Spektakelherr mir weitläuftig
demonstriert, dass Mozart und Beetoven den Teufel was von Gesang verstünden, und
dass Rossini, Pucitta und wie die Männerchen alle heissen mögen, sich à la hauteur
aller Opernmusik geschwungen. - Ja, Verehrte, Sie glauben nicht, was ich während
meiner Kapellmeisterschaft profitiert, vorzüglich aber die schöne Überzeugung,
wie gut es ist, wenn Künstler förmlich in Dienst treten, der Teufel und seine
Grossmutter könnte es sonst mit dem stolzen übermütigen Volke aushalten. Lasst den
braven Komponisten Kapellmeister oder Musikdirektor werden, den Dichter Hofpoet,
den Maler Hofporträtisten, den Bildhauer Hofporträtmeissler, und Ihr habt bald
keine unnütze Phantasten mehr im Lande, vielmehr lauter nützliche Bürger von
guter Erziehung und milden Sitten!« -
    »Still still,« rief die Rätin unmutig, »halten Sie ein, Kreisler, Ihr
Steckenpferd fängt wieder an sich zu bäumen nach gewöhnlicher Art und Weise.
Übrigens merke ich Unrat und wünsche jetzt in der Tat recht sehnlich zu wissen,
welch ein schlimmes Ereignis Sie zur schnellen übereilten Flucht aus der
Residenz nötigte. Denn auf eine solche Flucht deuten alle Umstände Ihrer
Erscheinung im Park.«
    »Und ich,« sprach Kreisler ruhig, indem er seinen Blick fest auf die Rätin
heftete, »und ich kann versichern, dass das schlimme Ereignis, welches mich
forttrieb aus der Residenz, unabhängig von allen äussern Dingen, nur in mir
selbst lag.
    Eben jene Unruhe, von der ich vorhin vielleicht mehr und ernster sprach, als
gerade nötig, überfiel mich mit stärkerer Macht als jemals, es war meines
Bleibens nicht länger. - Sie wissen, wie ich mich auf meine Kapellmeisterschaft
bei dem Grossherzog freute. Törichterweise glaubte ich, dass, in der Kunst lebend,
meine Stellung eben mich ganz beschwichtigen, dass der Dämon in meinem Innern
besiegt werden würde. Aus dem wenigen, was ich erst über meine Bildung am
grossherzoglichen Hofe angebracht, werden Sie, Verehrte, aber entnehmen, wie sehr
ich mich täuschte. Erlassen Sie mir die Schilderung, wie ich durch fade
Spielerei mit der heiligen Kunst, zu der ich notgedrungen die Hand bieten musste,
durch die Albernheiten seelenloser Kunstpfuscher, abgeschmackter Dilettanten,
durch das ganze tolle Treiben einer Welt voll Kunst Gliederpuppen immer mehr und
mehr dahin gebracht wurde, die erbärmliche Nichtswürdigkeit meiner Existenz
einzusehen. An einem Morgen musst' ich zum Grossherzog, um meine Einwirkung bei
den Festlichkeiten, die in den nächsten Tagen stattfinden sollten, zu erfahren.
Der Spektakelherr war, wie natürlich, zugegen und stürmte auf mich ein mit
allerlei sinn- und geschmacklosen Anordnungen, denen ich mich fügen sollte.
Vorzüglich war es ein von ihm selbst verfasster Prolog, den er, als höchste
Spitze der Teaterfeste, von mir komponiert verlangte. Da diesmal, so sprach er
zum Fürsten, einen stechenden Seitenblick auf mich werfend, nicht von gelehrter
teutscher Musik, sondern von geschmackvollem italienischen Gesange die Rede sein
solle, so habe er selbst einige zarte Melodien aufgesetzt, die ich gehörig
anzubringen. Der Grossherzog genehmigte nicht nur alles, sondern nahm auch
Gelegenheit, mir überhaupt anzudeuten, dass er meine fernere Ausbildung durch
eifriges Studium der neuern Italiener hoffe und erwarte. - Wie ich so erbärmlich
dastand! - ich verachtete mich selbst tief - alle Demütigungen erschienen mir
gerechte Strafe für meinen kindischen aberwitzigen Langmut! - Ich verliess das
Schloss, um nie wieder zurückzukehren. Noch denselben Abend wollte ich meine
Entlassung fordern, aber selbst dieser Entschluss konnte mich nicht über mich
selbst beruhigen, da ich mich schon durch einen geheimen Ostrazismus verbannt
sah. Die Guitarre, die ich zu anderm Behuf mitgenommen, nahm ich aus dem Wagen,
den ich, vors Tor gekommen, fortschickte, und lief hinaus ins Freie,
unaufhaltsam fort, immer weiter fort! - Schon sank die Sonne, immer breiter und
schwärzer wurden die Schatten der Berge, des Waldes. Unerträglich, ja
vernichtend, war mir der Gedanke, zurückzukehren nach der Residenz - Welche
Macht zwingt mich zum Rückweg? so rief ich laut. Ich wusste, dass ich mich auf dem
Wege nach Sieghartsweiler befand, ich gedachte meines alten Meisters Abraham,
von dem ich Tages zuvor einen Brief erhalten, worin er, meine Lage in der
Residenz ahnend, mich wegwünschte von dort, mich zu sich einlud.« -
    »Wie,« unterbrach die Rätin den Kapellmeister, »wie, Sie kennen den
wunderlichen Alten?«
    »Meister Abraham«, fuhr Kreisler fort, »war der innigste Freund meines
Vaters, mein Lehrer, zum Teil mein Erzieher! - Nun, Verehrte, wissen Sie
ausführlich, wie ich in den Park des wackern Fürsten Irenäus kam, und werden
nicht mehr daran zweifeln, dass ich, kommt es darauf an, imstande bin, ruhig, mit
erforderlicher historischer Genauigkeit und so angenehm zu erzählen, dass mir
selbst davor graut. Überhaupt kommt mir die ganze Geschichte meiner Flucht aus
der Residenz, wie gesagt, so albern vor und von solch allen Geist zerstörender
Nüchternheit, dass man selbst nicht davon sprechen kann, ohne in erkleckliche
Schwachheit zu verfallen. - Möchten Sie, Teure, aber die seichte Begebenheit als
krampfstillendes Wasser der erschrockenen Prinzessin beibringen, damit sie sich
beruhige, und daran denken, dass ein ehrlicher deutscher Musikus, den, als er
gerade seidene Strümpfe angezogen und sich in einem saubern Kutschkasten vornehm
gebärdete, Rossini und Pucitta und Pavesi und Fioravanti und Gott weiss, welche
andere inis und ittas in die Flucht schlugen, sich unmöglich sehr gescheit
betragen kann. Verzeihung ist zu hoffen, will ich hoffen! - Als poetischen
Nachklang des langweiligen Abenteuers vernehmen Sie aber, beste Rätin, dass in
dem Augenblick, da ich, gepeitscht von meinem Dämon, fortrennen wollte, mich der
süsseste Zauber festbannte. Schadenfroh trachtete der Dämon eben das tiefste
Geheimnis meiner Brust zuschanden zu machen, da rührte der mächtige Geist der
Tonkunst die Schwingen, und vor dem melodischen Rauschen erwachte der Trost, die
Hoffnung, ja selbst die Sehnsucht, die die unvergängliche Liebe selbst ist und
das Entzücken ewiger Jugend. - Julia sang!« -
    Kreisler schwieg. Die Benzon horchte auf, gespannt auf das, was nun
nachfolgen würde. Da der Kapellmeister sich in stumme Gedanken zu verlieren
schien, fragte sie mit kalter Freundlichkeit: »Sie finden den Gesang meiner
Tochter in der Tat angenehm, lieber Johannes?«
    Kreisler fuhr heftig auf, das, was er sagen wollte, erstickte aber ein
Seufzer aus der tiefsten Brust.
    »Nun,« fuhr die Rätin fort, »das ist mir recht lieb. Julia kann von Ihnen,
lieber Kreisler, was den wahren Gesang betrifft, recht viel lernen, denn dass Sie
hier bleiben, sehe ich nun als eine ausgemachte Sache an.«
    »Verehrteste,« begann Kreisler, aber in dem Augenblick öffnete sich die
Türe, und Julia trat hinein.
    Als sie den Kapellmeister gewahrte, verklärte ihr holdes Antlitz ein süsses
Lächeln, und ein leises: Ach! hauchte von ihren Lippen.
    Die Benzon stand auf, nahm den Kapellmeister bei der Hand und führte ihn
Julien entgegen, indem sie sprach: »Nun mein Kind, da ist der seltsame - -«
    (M. f. f.) - der junge Ponto los auf mein neuestes Manuskript, das neben mir
lag, fasste es, ehe ich's verhindern konnte, zwischen die Zähne und rannte damit
spornstreichs auf und davon. Er stiess dabei ein schadenfrohes Gelächter aus, und
schon dies hätte mich vermuten lassen sollen, dass nicht blosser jugendlicher
Mutwille ihn zur bösen Tat spornte, sondern dass noch etwas mehr im Spiele war.
Bald wurde ich darüber aufgeklärt.
    Nach ein paar Tagen trat der Mann, bei dem der junge Ponto in Diensten,
hinein zu meinem Meister. Es war, wie ich nachher erfahren, Herr Lotario,
Professor der Ästetik am Gymnasio zu Sieghartsweiler. - Nach gewöhnlicher
Begrüssung schaute der Professor im Zimmer umher und sprach, als er mich
erblickte: »Wolltet Ihr nicht, lieber Meister, den Kleinen dort aus der Stube
entfernen?« - »Warum,« fragte der Meister, »warum? - Ihr konntet doch sonst die
Katzen leiden, Professor, und vorzüglich meinen Liebling, den zierlichen,
gescheiten Kater Murr!« - »Ja,« sprach der Professor, indem er höhnisch lachte,
»ja zierlich und gescheit, das ist wahr! - Aber tut mir den Gefallen, Meister,
und entfernt Euern Liebling, denn ich habe Dinge mit Euch zu reden, die er
durchaus nicht hören darf.« - »Wer?« rief Meister Abraham, indem er den
Professor anstarrte. »Nun,« fuhr dieser fort, »Euer Kater. Ich bitte Euch, fragt
nicht weiter, sondern tut, warum ich Euch bitte.« - »Das ist doch seltsam,«
sprach der Meister, indem er die Türe des Kabinetts öffnete und mich hineinrief.
Ich folgte seinem Ruf, ohne dass er es gewahrte, schlüpfte ich aber wieder hinein
und verbarg mich im untersten Fach des Bücherschranks, so dass ich unbemerkt das
Zimmer übersehen und jedes Wort, was gesprochen wurde, vernehmen konnte.
    »Nun möchte ich,« sprach Meister Abraham, indem er sich dem Professor
gegenüber in seinen Lehnstuhl setzte, »nun möchte ich doch in aller Welt wissen,
welch ein Geheimnis Ihr mir zu entdecken habt, das meinem ehrlichen Kater Murr
verschwiegen bleiben soll.«
    »Sagt mir,« begann der Professor sehr ernst und nachdenklich, »sagt mir
zuvörderst, lieber Meister, was haltet Ihr von dem Grundsatz, dass, nur
körperliche Gesundheit vorausgesetzt, sonst ohne Rücksicht auf angeborne
geistige Fähigkeit, auf Talent, auf Genie, vermöge einer besonders geregelten
Erziehung aus jedem Kinde in kurzer Zeit, mitin noch in den Knabenjahren, ein
Heros in Wissenschaft und Kunst geschaffen werden kann?«
    »Ei,« erwiderte der Meister, »was kann ich von diesem Grundsatz anders
halten, als dass er albern und abgeschmackt ist? Möglich, ja sogar leicht mag es
sein, dass man einem Kinde, das die Auffassungsgabe, wie sie ungefähr bei den
Affen anzutreffen, und ein gutes Gedächtnis besitzt, eine Menge Dinge
systematisch eintrichtern kann, die es dann vor den Leuten auskramt; nur muss es
diesem Kinde durchaus an allem natürlichen Ingenium fehlen, da sonst der innere
bessere Geist der heillosen Prozedur widerstrebt. Wer wird aber jemals solch
einen einfältigen, mit allerlei verschluckbaren Brocken des Wissens dick
gemästeten Jungen einen Gelehrten im echten Sinne des Worts nennen?«
    »Die Welt,« rief der Professor heftig, »die ganze Welt! - O, es ist
entsetzlich! - Aller Glaube an die innere, höhere, angeborne Geisteskraft, die
allein nur den Gelehrten, den Künstler schafft, geht ja über jenen heillosen,
tollen Grundsatz zum Teufel!« -
    »Ereifert Euch nicht,« sprach der Meister lächelnd, »soviel wie ich weiss,
ist bis jetzt in unserm guten Teutschland nur ein einziges Produkt jener
Erziehungsmetode aufgestellt worden, von dem die Welt eine Zeitlang sprach und
zu sprechen aufhörte, als sie einsah, dass das Produkt eben nicht sonderlich
geraten. Zudem fiel die Blütezeit jenes Präparats in die Periode, als gerade die
Wunderkinder in die Mode gekommen, die, wie sonst mühsam abgerichtete Hunde und
Affen, gegen ein billiges Entree ihre Künste zeigten.«
    »So sprecht Ihr nun,« nahm der Professor das Wort, »so sprecht Ihr nun,
Meister Abraham, und man würde Euch glauben, kennte man nicht den verborgenen
Schalk in Euch, wüsste man nicht, dass Euer ganzes Leben eine Reihe der
wunderlichsten Experimente darbietet. Gesteht es nur, Meister Abraham, gesteht
es nur, Ihr habt ganz im stillen, im geheimsten Geheim, experimentiert nach
jenem Grundsatz, aber überbieten wolltet Ihr den Mann, den Verfertiger jenes
Präparats, von dem wir sprachen. - Ihr wolltet, wart Ihr ganz fertig,
hervortreten mit Eurem Zögling und alle Professoren in der ganzen Welt in
Erstaunen versetzen und Verzweiflung, Ihr wolltet den schönen Grundsatz: non ex
quovis ligno fit Mercurius ganz und gar zuschanden machen! - Nun! kurz, der
quovis ist da, aber kein Mercurius, sondern ein Kater!« - »Was sagt Ihr,« rief
der Meister, indem er laut auflachte, »was sagt Ihr, ein Kater?«
    »Leugnet es nur nicht,« fuhr der Professor fort, »leugnet es nur nicht, an
dem Kleinen dort in der Kammer habt Ihr jene abstrakte Erziehungsmetode
versucht, Ihr habt ihn lesen, schreiben gelehrt, Ihr habt ihm die Wissenschaften
beigebracht, so dass er sich schon jetzt unterfängt, den Autor zu spielen, ja
sogar Verse zu machen.«
    »Nun,« sprach der Meister, »das ist doch in der Tat das Tollste, was mir
jemals vorgekommen! - Ich meinen Kater erziehen, ich ihm die Wissenschaften
beibringen! - Sagt, was für Träume rumoren in Eurem Sinn, Professor? - Ich
versichere Euch, dass ich von meines Katers Bildung nicht das mindeste weiss,
dieselbe auch für ganz unmöglich halte.«
    »So?« fragte der Professor mit gedehntem Ton, zog ein Heft aus der Tasche,
das ich augenblicklich für das mir von dem jungen Ponto geraubte Manuskript
erkannte, und las:
                          »Sehnsucht nach dem Höheren
Ha, welch Gefühl, das meine Brust beweget?
Was sagt dies unruh- - ahnungsvolle Beben,
Will sich zum kühnen Sprung der Geist erheben,
Vom Sporn des mächt'gen Genius erreget?
Was ist es, was der Sinn im Sinne träget,
Was will dem liebesdrangerfüllten Leben
Dies rastlos brennend feurig-süsse Streben,
Was ist es, das im bangen Herzen schläget?
Entrückt werd' ich nach fernen Zauberlanden,
Kein Wort, kein Laut, die Zunge ist gebunden,
Ein sehnlich Hoffen weht mit Frühlingsfrische,
Befreit mich bald von drückend schweren Banden.
Erträumt, erspürt, im grünsten Laub gefunden!
Hinauf mein Herz! beim Fittich ihn erwische!«
Ich hoffe, dass jeder meiner gütigen Leser die Musterhaftigkeit dieses herrlichen
Sonetts, das aus der tiefsten Tiefe meines Gemüts hervorfloss, einsehen und mich
um so mehr bewundern wird, wenn ich versichere, dass es zu den ersten gehört, die
ich überhaupt verfertigt habe. Der Professor las es aber in seiner Bosheit so
ohne allen Nachdruck, so abscheulich vor, dass ich mich kaum selbst erkannte, und
dass ich, von plötzlichem Jähzorn, wie er jungen Dichtern wohl eigen, übermannt,
im Begriff war, aus meinem Schlupfwinkel hervor dem Professor ins Gesicht zu
springen und ihn die Schärfe meiner Krallen fühlen zu lassen. Der kluge Gedanke,
dass ich doch, wenn beide, der Meister und der Professor, sich über mich
hermachten, notwendig den kürzern ziehen müsse, liess mich meinen Zorn mit Gewalt
niederkämpfen, jedoch entfuhr mir unwillkürlich ein knurrendes Miau, das mich
unfehlbar verraten haben würde, hätte der Meister nicht, da der Professor mit
dem Sonett fertig, aufs neue eine dröhnende Lache aufgeschlagen, die mich
beinahe noch mehr kränkte als des Professors Ungeschick.
    »Hoho,« rief der Meister, »wahrhaftig, das Sonett ist eines Katers
vollkommen würdig, aber noch immer verstehe ich nicht Euern Spass, Professor,
sagt mir nur lieber geradezu, wo Ihr hinauswollt.«
    Der Professor, ohne dem Meister zu antworten, blätterte im Manuskript und
las weiter:
                                    »Glosse
Liebe schwärmt auf allen Wegen,
Freundschaft bleibt für sich allein,
Liebe kommt uns rasch entgegen,
Aufgesucht will Freundschaft sein.
Schmachtend wehe, bange Klagen
Hör' ich überall ertönen,
Ob den Sinn zum Schmerz gewöhnen,
Ob zur Lust, ich kann's nicht sagen,
Möchte oft mich selber fragen,
Ob ich träume, ob ich wache.
Diesem Fühlen, diesem Regen,
Leih ihm, Herz, die rechte Sprache;
Ja, im Keller, auf dem Dache,
Liebe schwärmt auf allen Wegen!
Doch es heilen alle Wunden,
Die der Liebesschmerz geschlagen,
Und in einsam stillen Tagen
Mag, von aller Qual entbunden,
Geist und Herz wohl bald gesunden;
Art'ger Kätzchen los Gehudel,
Darf es auf die Dauer sein?
Nein! - fort aus dem bösen Strudel,
Unterm Ofen mit dem Pudel,
Freundschaft bleibt für sich allein!
Wohl ich weiss es -«
»Nein,« unterbrach hier der Meister den lesenden Professor, »nein, mein Freund,
Ihr macht mich in der Tat ungeduldig, Ihr oder ein anderer Schalk hat sich den
Spass gemacht, im Geist eines Katers, der nun gerade mein guter Murr sein soll,
Verse zu machen, und nun foppt Ihr mich den ganzen Morgen damit herum. Der Spass
ist übrigens nicht übel und wird vorzüglich dem Kreisler sehr wohl gefallen, der
wohl nicht unterlassen dürfte, damit eine kleine Parforcejagd anzustellen, in
der Ihr am Ende selbst ein gehetztes Wild sein könntet. Aber nun lasst Eure
sinnreiche Einkleidung fahren und sagt mir ganz ehrlich und trocken, was es mit
Eurem seltsamen Spass eigentlich für eine Bewandtnis hat.«
    Der Professor schlug das Manuskript zusammen, sah dem Meister ernst ins Auge
und sprach dann: »Diese Blätter brachte mir vor einigen Tagen mein Pudel Ponto,
der, wie Euch bekannt sein wird, mit Eurem Kater Murr in freundschaftlichen
Verhältnissen lebt. Zwar trug er das Manuskript zwischen den Zähnen, wie er nun
einmal alles zu tragen gewohnt ist, indessen legte er es mir doch ganz
unversehrt in den Schoss und gab mir dabei deutlich zu verstehen, dass er es von
keinem andern habe, als von seinem Freunde Murr. Als ich nun einen Blick
hineinwarf, fiel mir gleich die ganz besondere, eigentümliche Handschrift auf,
als ich aber einiges gelesen, stieg in mir, selbst weiss ich nicht, auf welche
unbegreifliche Art, der seltsame Gedanke auf, Murr könnte das alles selbst
gemacht haben. So sehr mir die Vernunft, ja, eine gewisse Lebenserfahrung, der
wir alle nicht entgehen können, und die am Ende nun wieder weiter nichts ist als
die Vernunft, so sehr mir also eben diese Vernunft sagt, dass jener Gedanke
unsinnig, da Kater weder zu schreiben noch Verse zu machen imstande, so konnte
ich ihn doch durchaus nicht los werden. Ich beschloss, Euern Kater zu beobachten,
und stieg, da ich von meinem Ponto wusste, dass Murr viel auf Eurem Boden
hausiere, auf meinen Boden, nahm einige Dachziegel herab, so dass ich mir die
freie Aussicht in Eure Dachluken verschafte. Was gewahrte ich! - Hört es und
erstaunt! - In dem einsamsten Winkel des Bodens sitzt Euer Kater! - sitzt
aufgerichtet vor einem kleinen Tisch, auf dem Schreibzeug und Papier befindlich,
sitzt und reibt sich bald mit der Pfote Stirn und Nacken, fährt sich übers
Gesicht, tunkt bald die Feder ein, schreibt, hört wieder auf, schreibt von
neuem, überliest das Geschriebene, knurrt (ich konnte es hören), knurrt und
spinnt vor lauter Wohlbehagen. - - Und um ihn her liegen verschiedene Bücher,
die, nach ihrem Einband, aus Eurer Bibliotek entnommen.« -
    »Das wäre ja der Teufel,« rief der Meister, »nun so will ich dann gleich
nachsehen, ob mir Bücher fehlen.«
    Damit stand er auf und trat an den Bücherschrank. Sowie er mich erblickte,
prallte er drei Schritte zurück und blickte mich an voll Erstaunen. Aber der
Professor rief: »Seht Ihr wohl, Meister! Ihr denkt, der Kleine sitzt harmlos in
der Kammer, in die Ihr ihn eingesperrt, und er hat sich hineingeschlichen in den
Bücherschrank, um zu studieren, oder noch wahrscheinlicher, um uns zu
belauschen. Nun hat er alles gehört, was wir gesprochen, und kann seine
Massregeln darnach nehmen.« - »Kater,« begann der Meister, indem er fortwährend
den Blick voll Erstaunen auf mich ruhen liess, »Kater, wenn ich wüsste, dass du,
deine ehrliche natürliche Natur ganz und gar verleugnend, dich wirklich darauf
verlegtest, solche vertrackte Verse zu machen, wie sie der Professor vorgelesen,
wenn ich glauben könnte, dass du wirklich den Wissenschaften nachstelltest, statt
den Mäusen, ich glaube, ich könnte dir die Ohren wund zwicken, oder gar -«
    Mich überfiel eine schreckliche Angst, ich kniff die Augen zu und tat, als
schliefe ich fest. -
    »Aber nein, nein,« fuhr der Meister fort, »schaut nur einmal her, Professor,
wie mein ehrlicher Kater so sorglos schläft, und sagt selbst, ob er in seinem
gutmütigen Antlitz etwas trägt, das auf solche geheime wunderbare Schelmereien,
wie Ihr sie ihm schuld gebt, gedeutet werden könnte - Murr! - Murr! -«
    So rief der Meister mich an, und ich unterliess nicht wie gewöhnlich mit
meinem Krr - Krr - zu antworten, die Augen aufzuschlagen, mich zu erheben und
einen hohen, sehr anmutigen Katzenbuckel zu machen.
    Der Professor warf mir voller Zorn mein Manuskript an den Kopf, ich tat
aber, (die mir angeborne Schlauheit gab es mir ein) als wollte er mit mir
spielen, und zerrte, springend und tänzelnd, die Papiere hin und her, so dass die
Stücke umherflogen.
    »Nun,« sprach der Meister, »nun ist es ausgemacht, dass Ihr ganz unrecht
habt, Professor, und dass Euch Ponto etwas vorlog. Seht nur hin, wie Murr die
Gedichte bearbeitet, welcher Dichter würde sein Manuskript handhaben auf die
Weise?«
    »Ich habe Euch gewarnt, Meister, tut nun, was Ihr wollt,« erwiderte der
Professor und verliess das Zimmer.
    Nun glaubte ich, der Sturm sei vorüber, wie sehr war ich im Irrtum! -
Meister Abraham hatte sich, mir zum grossen Verdruss, gegen meine
wissenschaftliche Bildung erklärt, und demunerachtet er so getan, als glaube er
den Worten des Professors gar nicht, so wurde ich doch bald gewahr, dass er mir
auf allen Gängen nachspürte, mir den Gebrauch seiner Bibliotek dadurch
abschnitt, dass er den Schrank sorgfältig verschloss, und es durchaus nicht mehr
leiden wollte, dass ich mich, wie sonst, auf seinen Schreibtisch unter die
Papiere legte.
    So kam Leid und Kümmernis über meine keimende Jugend! Was kann einem Genie
mehr Schmerz verursachen, als sich verkannt, ja verspottet zu sehen, was kann
einen grossen Geist mehr erbittern, als da auf Hindernisse zu stossen, wo er nur
allen möglichen Vorschub erwartete! - Doch, je stärker der Druck, desto
gewaltiger die Kraft der Entlastung, je straffer der Bogen gespannt, desto
schärfer der Schuss! - War mir die Lektüre versperrt, so arbeitete desto freier
mein eigner Geist und schuf aus sich selbst.
    Unmutig, wie ich war, brachte ich in dieser Periode manche Nächte, manche
Tage in den Kellern des Hauses zu, wo mehrere Mäusefallen aufgestellt waren und
sich überdem viele Kater verschiedenen Alters und Standes versammelten.
    Einem tapfern philosophischen Kopf entgehen überall nicht die geheimsten
Beziehungen des Lebens im Leben, und er erkennt, wie sich eben aus denselben das
Leben gestaltet in Gesinnung und Tat. So gingen mir auch in den Kellern die
Verhältnisse der Mäusefallen und der Katzen in ihrer Wechselwirkung auf. Es
wurde mir, als einem Kater von edlem echten Sinn, warm ums Herz, wenn ich
gewahren musste, wie jene tote Maschinen in ihrem pünktlichen Treiben eine grosse
Schlaffheit in den Katerjünglingen hervorbrachten. Ich ergriff die Feder und
schrieb das unsterbliche Werk, dessen ich schon vorhin gedachte, nämlich: »Über
Mäusefallen und deren Einfluss auf Gesinnung und Tatkraft der Katzheit«. In
diesem Büchlein hielt ich den verweichlichten Katerjünglingen einen Spiegel vor
die Augen, in dem sie sich selbst erblicken mussten, aller eignen Kraft
entsagend, indolent, träge, ruhig es ertragend, dass die schnöden Mäuse nach dem
Speck liefen! - Ich rüttelte sie aus dem Schlafe mit donnernden Worten. - Nächst
dem Nutzen, den das Werklein schaffen musste, hatte das Schreiben desselben auch
noch den Vorteil für mich, dass ich selbst indessen keine Mäuse fangen durfte,
und auch nachher, da ich so kräftig gesprochen, es wohl keinem einfallen konnte,
von mir zu verlangen, dass ich selbst ein Beispiel des von mir ausgesprochenen
Heroismus im Handeln geben solle.
    Damit könnte ich nun meine erste Lebensperiode schliessen und zu meinen
eigentlichen Jünglingsmonaten, die an das männliche Alter streifen, übergehen;
unmöglich kann ich aber den günstigen Lesern die beiden letzten Strophen der
herrlichen Glosse vorentalten, die mein Meister nicht hören wollte. Hier sind
sie:
»Wohl, ich weiss es, widerstehen
Mag man nicht dem süssen Kosen,
Wenn aus Büschen duft'ger Rosen
Süsse Liebeslaute wehen.
Will das trunkne Aug' dann sehen,
Wie die Holde kommt gesprungen,
Die da lauscht an Blumenwegen,
Kaum ist Sehnsuchts-Ruf erklungen,
Hat sich schnell hinangeschwungen.
Liebe kommt uns rasch entgegen.
Dieses Sehnen, dieses Schmachten
Kann wohl oft den Sinn berücken,
Doch wie lange kann's beglücken,
Dieses Springen, Rennen, Trachten!
Holder Freundschaft Trieb' erwachten,
Strahlten auf bei Hespers Scheine.
Und den Edlen brav und rein,
Ihn zu finden, den ich meine,
Klettr' ich über Maur und Zäune,
Aufgesucht will Freundschaft sein.«
(Mak. Bl.) - - gerade den Abend in solch heitrer gemütlicher Stimmung, wie man
sie an ihm nicht verspürt hatte seit gar geraumer Zeit. Und diese Stimmung war
es, die das Unerhörte geschehen liess. Denn ohne wild aufzufahren und
davonzurennen, wie er sonst in gleichem Fall wohl zu tun pflegte, hörte er ruhig
und sogar mit gutmütigem Lächeln den langen und noch langweiligern ersten Akt
eines entsetzlichen Trauerspiels an, den ein junger hoffnungsvoller Leutenant
mit roten Wangen und wohlgekräuseltem Hauptaar verfasst hatte und mit aller
Prätension des glücklichsten Dichters vortrug. Ja, als besagter Leutenant, da er
geendet, ihn heftig fragte, was er von der Dichtung halte, begnügte er sich, mit
dem mildesten Ausdruck des innern Ergötzens im ganzen Gesicht dem jungen Kriegs-
und Vershelden zu versichern, dass der Aushängeakt, das gierigen ästetischen
Leckermäulern dargebotene Koststück, in der Tat herrliche Gedanken entalte, für
deren originelle Genialität schon der Umstand spräche, dass auch anerkannt grosse
Dichter wie z.B. Calderon, Shakespeare und der moderne Schiller darauf gefallen.
Der Leutenant umarmte ihn sehr und verriet mit geheimnisvoller Miene, dass er
gedenke, noch denselben Abend eine ganze Gesellschaft der auserlesensten
Fräuleins, unter denen sogar eine Gräfin befindlich, die spanisch lese und in Öl
male, mit dem vortrefflichsten aller ersten Akte zu beglücken. Auf die
Versicherung, dass er daran ungemein wohl tun werde, lief er voller Entusiasmus
von dannen.
    »Ich begreife,« sprach jetzt der kleine Geheime Rat, »ich begreife dich
heute gar nicht, lieber Johannes, mit deiner unbeschreiblichen Sanftmut! - Wie
war es dir möglich, das durchaus abgeschmackte Zeug so ruhig, so aufmerksam
anzuhören! - Angst und bange wurde mir, als der Leutenant uns, die wir,
unbewacht, keine Gefahr ahnten, überfiel und uns rettungslos eingarnte in die
tausendfältigen Schlingen seiner endlosen Verse! - Ich dachte, jeden Augenblick
würdest du dazwischen fahren, wie du es sonst wohl tust bei geringerem Anlass;
aber du bleibst ruhig, ja, dein Blick spricht Wohlgefallen aus, und am Ende,
nachdem ich für meine Person ganz schwach und elend worden, fertigst du den
Unglückseligen ab mit einer Ironie, die er nicht einmal zu fassen imstande, und
sagst ihm wenigstens nicht zur Warnung für künftige Fälle, dass das Ding viel zu
lang sei und merklich amputiert werden müsse.«
    »Ach,« erwiderte Kreisler, »ach, was hätte ich denn ausgerichtet mit diesem
kläglichen Rat! - Kann denn ein prägnanter Dichter wie unser liebe Leutenant
wohl mit Nutzen irgendeine Amputation an seinen Versen vornehmen, wachsen sie
ihm nicht nach unter der Hand? - Und weisst du denn nicht, dass überhaupt die
Verse unserer jungen Dichter die Reproduktionskraft der Eidechsen besitzen,
denen die Schwänze munter wiederum hervorschiessen, hat man sie auch an der
Wurzel weggeschnitten! - Wenn du aber meinst, dass ich des Leutenants Leserei
ruhig angehört, so bist du in grossem Irrtum! - Der Sturm war vorüber, alle
Gräser und Blumen im kleinen Garten erhoben ihre gebeugten Häupter und
schlürften begierig den Himmelsnektar ein, der aus den Wolkenschleiern in
einzelnen Tropfen herabfiel. Ich stellte mich unter den grossen blühenden
Apfelbaum und horchte auf die verhallende Stimme des Donners in den fernen
Bergen, die wie eine Weissagung von unaussprechlichen Dingen in meiner Seele
widerklang, und schaute auf zu dem Blau des Himmels, das wie mit leuchtenden
Augen dort und dort durch die fliehenden Wolken blickte! - Aber dazwischen rief
der Onkel, ich solle fein ins Zimmer und mir den neuen geblümten Schlafrock
nicht verderben durch ungeziemliche Nässe und mir nicht den Schnupfen holen im
feuchten Grase. Und dann war es wieder nicht der Onkel, welcher sprach, sondern
irgendein Filou von Papagei oder Starmatz hinterm Busch oder im Busch oder Gott
weiss wo sonst machte sich den unnützen Spass, mich damit zu necken, dass er mir
allerlei köstliche Gedanken aus dem Shakespeare zurief nach seiner Manier. Und
das war nun wieder der Leutenant und sein Trauerspiel! - Geheimer Rat, gib dir
die Mühe zu merken, dass es eine Erinnerung an meine Knabenzeit war, die mich dir
und dem Leutenant entführte. Ich stand wirklich, ein Junge von höchstens zwölf
Jahren, in des Onkels kleinem Garten und hatte den schönsten Zitz als Schlafrock
an, den jemals eine Kattundruckerseele ersonnen, und vergebens hast du, o
Geheimer Rat, heute dein Königsräucherpulver verschwendet, denn ich habe nichts
verspürt als das Aroma meines blühenden Apfelbaums, nicht einmal das Haaröl des
Versifikanten, der sein Haupt salbt, ohne es jemals schützen zu können gegen
Wind und Wetter durch eine Krone, vielmehr nichts aufstülpen darf, als Filz und
Leder, durch das Reglement ausgeprägt zu einem Tschako! - Genug, Bester, du
warst von uns dreien das einzige Opferlamm, das sich dem infernalischen
Trauerspielmesser des dichterischen Helden darbot. Denn während ich mich, alle
Extremitäten sorglich einziehend, in das kleine Schlafröckchen eingepuppt hatte
und mit zwölfjähriger, zwölflötiger Leichtigkeit hineingesprungen war in
mehrbesagten Garten, verbrauchte Meister Abraham, wie du siehst, drei bis vier
Bogen des schönsten Notenpapiers, um allerlei ergötzliche Phantasmata
zuzuschneiden. Auch er ist also dem Leutenant entwischt!« -
    Kreisler hatte recht, Meister Abraham verstand sich darauf, Kartonblätter so
zuzuschneiden, dass, fand man auch aus dem Gewirre durchschnittner Flecke nicht
das mindeste deutlich heraus, doch, hielt man ein Licht hinter das Blatt, in den
auf die Wand geworfenen Schatten sich die seltsamsten Gestalten in allerlei
Gruppen bildeten. Hatte nun Meister Abraham schon an und für sich selbst einen
natürlichen Abscheu gegen alles Vorlesen, war ihm noch besonders des Leutenants
Verselei im Grunde des Herzens zuwider, so konnt' es nicht fehlen, dass er, kaum
hatte der Leutenant begonnen, begierig nach dem steifen Notenpapier griff, das
zufällig auf dem Tische des Geheimen Rats lag, eine kleine Schere aus der Tasche
langte und eine Beschäftigung begann, die ihn dem Attentat des Leutenants
gänzlich entzog.
    »Höre,« begann nun der Geheime Rat, »höre, Kreisler, - also eine Erinnerung
an deine Knabenzeit war es, die in deine Seele kam, und dieser Erinnerung mag
ich es wohl zuschreiben, dass du heute so mild bist, so gemütlich, - höre, mein
innigstgeliebter Freund! es wurmt mir, wie allen, die dich ehren und lieben, dass
ich von deinem frühern Leben so ganz und gar nichts weiss, dass du der leisesten
Frage darüber so unfreundlich ausweichst, ja, dass du absichtlich Schleier über
die Vergangenheit wirfst, die doch zuweilen zu durchsichtig sind, um nicht durch
allerlei in seltsamer Verzerrung durchschimmernde Bilder die Neugierde zu
reizen. Sei offen gegen die, denen du doch schon dein Vertrauen schenktest.« -
    Kreisler blickte den Geheimen Rat an mit grossen Augen voll Verwunderung, wie
einer, der, aus dem tiefen Schlafe erwachend, eine fremde unbekannte Gestalt vor
sich erblickt, und fing dann sehr ernstaft an:
    »Am Tage Johannis Chrysostomi, das heisst am vierundzwanzigsten Januar des
Jahres Eintausendsiebenhundert und etzliche dazu, um die Mittagsstunde, wurde
einer geboren, der hatte ein Gesicht und Hände und Füsse. Der Vater ass eben
Erbsensuppe und goss sich vor Freuden einen ganzen Löffel voll über den Bart,
worüber die Wöchnerin, unerachtet sie es nicht gesehen, dermassen lachte, dass von
der Erschütterung dem Lautenisten, der dem Säugling seinen neuesten Murki
vorspielte, alle Saiten sprangen und er bei der atlasnen Nachtaube seiner
Grossmutter schwor, was Musik betreffe, würde der kleine Hans Hase ein elender
Stümper bleiben ewiglich und immerdar. Darauf wischte sich aber der Vater das
Kinn rein und sprach patetisch: Johannes soll er zwar heissen, jedoch kein Hase
sein. Der Lautenist -«
    »Ich bitte dich,« unterbrach der kleine Geheime Rat den Kapellmeister, »ich
bitte dich, Kreisler, verfalle nicht in die verdammte Sorte von Humor, die mir,
ich mag's wohl sagen, den Atem versetzt. Verlange ich denn, dass du mir eine
pragmatische Selbstbiographie geben, will ich denn mehr, als dass du mir
vergönnen sollst, einige Blicke in dein früheres Leben zu tun, ehe ich dich
kannte? - In der Tat magst du eine Neugierde nicht verargen, die keine andere
Quelle hat als die innigste Zuneigung recht aus dem tiefsten Herzen. Und
nebenher musst du es dir, da du nun einmal seltsam genug auftrittst, gefallen
lassen, dass jeder glaubt, nur das bunteste Leben, eine Reihe der fabelhaftesten
Ereignisse könne die psychische Form so auskneten und bilden, wie es bei dir
geschehen.« - »O des groben Irrtums,« sprach Kreisler, indem er tief seufzte, »o
des groben Irrtums, meine Jugendzeit gleicht einer dürren Heide ohne Blüten und
Blumen, Geist und Gemüt erschlaffend im trostlosen Einerlei! -«
    »Nein nein,« rief der Geheime Rat, »dem ist nicht so, denn ich weiss
wenigstens, dass in dieser Heide ein hübscher kleiner Garten steht, mit einem
blühenden Apfelbaum, der mein feinstes Königspulver überduftet. Nun! ich meine,
Johannes, du rückst hervor mit der Erinnerung aus deiner frühern Jugendzeit, die
heute, wie du erst sagtest, deine ganze Seele befängt.«
    »Ich dächte,« sprach Meister Abraham, indem er dem eben fertig gewordenen
Kapuziner die Tonsur einschnitt, »ich dächte auch, Kreisler, dass Ihr in Eurer
heutigen passablen Stimmung nichts Besseres tun könntet, als Euer Herz oder Euer
Gemüt, oder wie Ihr sonst gerade Euer inneres Schatzkästlein nennen möget,
aufschliessen und dies, jenes daraus hervorlangen. Das heisst, da Ihr nun einmal
verraten, dass Ihr wider den Willen des besorgten Oheims im Regen hinausliefet
und abergläubischer Weise auf die Weissagungen des sterbenden Donners horchtet,
so möget Ihr immer noch mehr erzählen, wie sich damals alles begab. Aber lügt
nicht, Johannes, denn Ihr wisst, dass Ihr, was wenigstens die Zeit betrifft, als
Ihr die ersten Hosen truget und dann der erste Haarzopf Euch eingeflochten
wurde, unter meiner Kontrolle stehet.«
    Kreisler wollte etwas erwidern, aber Meister Abraham wandte sich schnell zum
kleinen Geheimen Rat und sprach: »Sie glauben gar nicht, Vortrefflichster, wie
unser Johannes sich dem bösen Geist des Lügens ganz und gar hingibt, wenn er,
wie es jedoch gar selten geschieht, von seiner frühesten Jugendzeit erzählt.
Gerade, wenn die Kinder noch sagen: Pä Pä und Mä Mä! und mit den Fingern ins
Licht fahren, gerade zu der Zeit will er schon alles beachtet und tiefe Blicke
getan haben ins menschliche Herz.«
    »Ihr tut mir unrecht,« sprach Kreisler, mild lächelnd, mit sanfter Stimme,
»Ihr tut mir grosses Unrecht, Meister! Sollt' es mir denn möglich sein, Euch was
weismachen zu wollen von frühreifem Geistesvermögen, wie es wohl eitle Gecken
tun? - Und ich frage dich, Geheimer Rat, ob es dir auch nicht widerfährt, dass
oft Momente lichtvoll vor deine Seele treten aus einer Zeit, die manche
erstaunlich kluge Leute ein blosses Vegetieren nennen und nichts statuieren
wollen als blossen Instinkt, dessen höhere Vortrefflichkeit wir den Tieren
einräumen müssen? - Ich meine, dass es damit eine eigene Bewandtnis hat! - Ewig
unerforschlich bleibt uns das erste Erwachen zum klaren Bewusstsein! - Wäre es
möglich, dass dies mit einem Ruck geschehen könnte, ich glaube, der Schreck
darüber müsste uns töten. - Wer hat nicht schon die Angst der ersten Momente im
Erwachen aus tiefem Traum, bewusstlosem Schlaf empfunden, wenn er, sich selbst
fühlend, sich auf sich selbst besinnen musste? - Doch, um mich nicht zu weit zu
verlieren, ich meine, jeder starke psychische Eindruck in jener Entwicklungszeit
lässt wohl ein Samenkorn zurück, das eben mit dem Emporsprossen des geistigen
Vermögens fortgedeiht, und so lebt aller Schmerz, alle Lust jener Stunden der
Morgendämmerung in uns fort, und es sind wirklich die süssen wehmutsvollen
Stimmen der Lieben, die wir, als sie uns aus dem Schlafe weckten, nur im Traum
zu hören glaubten, und die noch in uns fortallen! - Ich weiss aber, worauf der
Meister anspielt. Auf nichts anders als auf die Geschichte von der verstorbenen
Tante, die er mir wegstreiten will, und die ich, um ihn erklecklich zu ärgern,
nur gerade dir, Geheimer Rat, erzählen werde, wenn du mir versprichst, mir was
weniges empfindelnde Kinderei zugute zu halten. - Was ich dir von der Erbssuppe
und dem Lautenisten -« - »O,« unterbrach der Geheime Rat den Kapellmeister, »o
still, still, nun merk' ich wohl, du willst mich foppen, und das ist denn doch
wider alle Sitte und Ordnung.«
    »Keinesweges,« fuhr Kreisler fort, »keinesweges, mein Herz! Aber von dem
Lautenisten muss ich anfangen, denn er bildet den natürlichsten Übergang zur
Laute, deren Himmelstöne das Kind in süsse Träume wiegten. Die jüngere Schwester
meiner Mutter war Virtuosin auf diesem zurzeit in die musikalische Polterkammer
verwiesenen Instrument. Gesetzte Männer, die schreiben und rechnen können und
wohl noch mehr als das, haben in meiner Gegenwart Tränen vergossen, wenn sie
bloss dachten an das Lautenspiel der seligen Mamsell Sophie, mir ist es deshalb
gar nicht zu verdenken, wenn ich, ein durstig Kind, meiner selbst nicht mächtig,
noch ohne in Wort und Rede aufgekeimtes Bewusstsein, alle Wehmut des wunderbaren
Tonzaubers, den die Lautenistin aus ihrem Innersten strömen liess, in begierigen
Zügen einschlürfte. - Jener Lautenist an der Wiege war aber der Lehrer der
Verstorbenen, klein von Person, mit hinlänglich krummen Beinen, hiess Monsieur
Turtel und trug eine sehr saubere weisse Perücke mit einem breiten Haarbeutel,
sowie einen roten Mantel. - Ich sage das nur, um zu beweisen, wie deutlich mir
die Gestalten aus jener Zeit aufgehen, und dass weder Meister Abraham noch sonst
jemand daran zweifeln darf, wenn ich behaupte, dass ich, ein Kind von noch nicht
drei Jahren, mich finde auf dem Schoss eines Mädchens, deren mildblickende Augen
mir recht in die Seele leuchteten, dass ich noch die süsse Stimme höre, die zu mir
sprach, zu mir sang, dass ich es noch recht gut weiss, wie ich der anmutigen
Person all meine Liebe, all meine Zärtlichkeit zuwandte. Dies war aber eben
Tante Sophie, die in seltsamer Verkürzung Füsschen gerufen wurde. Eines Tages
lamentierte ich sehr, weil ich Tante Füsschen nicht gesehen hatte. Die Wärterin
brachte mich in ein Zimmer, wo Tante Füsschen im Bette lag, aber ein alter Mann,
der neben ihr gesessen, sprang schnell auf und führte, heftig scheltend, die
Wärterin, die mich auf dem Arm hatte, hinaus. Bald darauf kleidete man mich an,
hüllte man mich ein in dicke Tücher, brachte man mich ganz und gar in ein
anderes Haus zu andern Personen, die sämtlich Onkel und Tanten von mir sein
wollten und versicherten, dass Tante Füsschen sehr krank sei und ich, wäre ich bei
ihr geblieben, ebenso krank geworden sein würde. Nach einigen Wochen brachte man
mich zurück nach meinem vorigen Aufentalt. Ich weinte, ich schrie, ich wollte
zu Tante Füsschen. Sowie ich in jenes Zimmer gekommen, trippelte ich hin an das
Bette, in dem Tante Füsschen gelegen, und zog die Gardinen auseinander. Das Bette
war leer, und eine Person, die nun wieder eine Tante von mir war, sprach, indem
ihr die Tränen aus den Augen stürzten: Du findest sie nicht mehr, Johannes, sie
ist gestorben und liegt unter der Erde. -
    Ich weiss wohl, dass ich den Sinn dieser Worte nicht verstehen konnte, aber
noch jetzt, jenes Augenblicks gedenkend, erbebe ich in dem namenlosen Gefühl,
das mich damals erfasste. Der Tod selbst presste mich hinein in seinen Eispanzer,
seine Schauer drangen in mein Innerstes, und vor ihnen erstarrte alle Lust der
ersten Knabenjahre. - Was ich begann, weiss ich nicht mehr, wüsste es vielleicht
niemals, aber erzählt hat man mir oft genug, dass ich langsam die Gardinen fahren
liess, ganz ernst und still einige Augenblicke stehen blieb, dann aber, wie tief
in mich gekehrt und darüber nachsinnend, was man mir eben gesagt, mich auf ein
kleines Rohrstühlchen setzte, das mir eben zur Hand. Man fügte hinzu, dass diese
stille Trauer des sonst zu den lebhaftesten Ausbrüchen geneigten Kindes etwas
unbeschreiblich Rührendes gehabt, und dass man selbst einen nachteiligen
psychischen Einfluss gefürchtet, da ich mehrere Wochen in demselben Zustande
geblieben, nicht weinend, nicht lachend, zu keinem Spiel aufgelegt, kein
freundlich Wort erwidernd, nichts um mich her beachtend.« -
    In diesem Augenblick nahm Meister Abraham ein in Kreuz- und Querzügen
wunderlich durchschnittenes Blatt zur Hand, hielt es vor die brennenden Kerzen,
und auf der Wand reflektierte sich ein ganzer Chor von Nonnen, die auf seltsamen
Instrumenten spielten.
    »Hoho!« rief Kreisler, indem er die ganz artig geordnete Gruppe der
Schwestern erblickte, »hoho, Meister, ich weiss wohl, woran Ihr mich erinnern
wollt! - Und noch jetzt behaupte ich keck, dass Ihr unrecht tatet, mich
auszuschelten, mich einen störrigen, unverständigen Burschen zu nennen, der
durch die dissonierende Stimme seiner Torheit einen ganzen singenden und
spielenden Konvent aus Ton und Takt bringen könne. Hatte ich nicht zu der Zeit,
als Ihr mich, zwanzig oder dreissig Meilen weit von meiner Vaterstadt, in das
Clarissenkloster führtet, um die erste wahrhaft katolische Kirchenmusik zu
hören; hatte ich, sag' ich, damals nicht den gerechtesten Anspruch auf die
brillanteste Lümmelhaftigkeit, da ich gerade mitten in den Lümmeljahren stand?
War es nicht desto schöner, dass demunerachtet der längst verwundene Schmerz des
dreijährigen Knaben erwachte mit neuer Kraft und einen Wahn gebar, der meine
Brust mit allem tötenden Entzücken der herzzerschneidendsten Wehmut erfüllte? -
Musste ich nicht behaupten und alles Einredens unerachtet dabei bleiben, dass
niemand anders das wunderliche Instrument, die Trompette marine geheissen, spiele
als Tante Füsschen, unerachtet sie längst verstorben? - Warum hieltet Ihr mich
ab, einzudringen in den Chor, wo ich sie wiedergefunden hätte in ihrem grünen
Kleide mit rosfarbnen Schleifen!« -
    Nun starrte Kreisler hin nach der Wand und sprach mit bewegter, zitternder
Stimme: »Wahrhaftig! - Tante Füsschen ragt hervor unter den Nonnen! - Sie ist auf
eine Fussbank getreten, um das schwierige Instrument besser handhaben zu können.«
- Doch der Geheime Rat trat vor ihn hin, so dass er ihm den Anblick des
Schattenbildes entzog, fasste ihn bei beiden Schultern und begann: »In der Tat,
Johannes, es wäre gescheiter, du überliessest dich nicht deinen seltsamen
Träumereien und sprächest nicht von Instrumenten, die gar nicht existieren, denn
in meinem Leben habe ich nichts gehört von einer Trompette marine!« -
    »O,« rief Meister Abraham lachend, indem er, das Blatt unter den Tisch
werfend, den ganzen Nonnenkonvent samt der chimärischen Tante Füsschen mit ihrer
Trompette marine schnell verschwinden liess, »o mein würdigster Geheimer Rat, der
Herr Kapellmeister ist auch jetzt, wie immer, ein vernünftiger, ruhiger Mann und
kein Phantast oder Haselant, wofür ihn gern viele ausgeben möchten. Ist es nicht
möglich, dass die Lautenistin, nachdem sie Todes verblichen, sich mit Effekt auf
das wunderbare Instrument verlegte, welches Sie vielleicht noch jetzt hin und
wieder in Nonnenklöstern wahrnehmen und darüber in Erstaunen geraten können? -
Wie! - die Trompette marine soll nicht existieren? - Schlagen Sie doch nur
diesen Artikel gefälligst in Kochs "musikalischem Lexikon" nach, das Sie ja
selbst besitzen.«
    Der Geheime Rat tat es auf der Stelle und las laut:
    »Dieses alte, ganz einfache Bogeninstrument bestehet aus drei dünnen, sieben
Schuh langen Brettern, die unten, wo das Instrument auf dem Fussboden aufstehet,
sechs bis sieben Zoll, oben aber kaum zwei Zoll breit und in der Form eines
Triangels zusammengeleimt sind, so dass das Korpus, welches oben eine Art von
Wirbelkasten hat, von unten bis oben verjüngt zuläuft. Eins von diesen drei
Brettern macht den Sangboden aus, der mit einigen Schalllöchern versehen und mit
einer einzigen, etwas starken Darmsaite bezogen ist. Bei dem Spielen stellt man
das Instrument schief vor sich hin und stemmt den obern Teil desselben gegen die
Brust. Mit dem Daumen der linken Hand berührt der Spieler die Saite da, wo die
zu greifenden Töne liegen, ganz gelinde und ungefähr ebenso wie bei dem Flautino
oder Flageolet auf der Geige, während mit der rechten Hand die Saite mit dem
Bogen angestrichen wird. Der eigentümliche Ton dieses Instruments, der dem Tone
einer gedämpften Trompete gleicht, wird durch den besondern Steg hervorgebracht,
auf welchem die Saite unten auf dem Resonanzboden ruhet. Dieser Steg hat beinahe
die Gestalt eines kleinen Schuhes, der vorn ganz niedrig und dünne, hinten
hingegen höher und stärker ist. Auf dem hintern Teile desselben liegt die Saite
auf und verursacht, wenn sie angestrichen wird, durch ihre Schwingungen, dass
sich der vordere und leichte Teil des Steges auf dem Sangboden auf und nieder
bewegt, wodurch der schnarrende und der gedämpften Trompete ähnliche Ton
hervorgebracht wird!« -
    »Baut mir ein solches Instrument,« rief der Geheime Rat mit glänzenden
Augen, »baut mir ein solches Instrument, Meister Abraham, ich werfe meine
Nagelgeige in den Winkel, Berühre nicht mehr den Euphon, sondern setze Hof und
Stadt in Erstaunen, auf der Trompette marine die wunderbarsten Lieder spielend!«
-
    »Ich tue das«, erwiderte Meister Abraham, »und möge, bester Geheimer Rat,
der Geist von Tante Füsschen im grüntaftnen Kleide über Sie kommen und Sie eben
als Geist begeistern!« -
    Der Geheime Rat umarmte entzückt den Meister, aber Kreisler trat zwischen
beide, indem er beinahe ärgerlich sprach: »Ei! seid Ihr nicht ärgere Haselanten,
als ich jemals einer gewesen bin, und dabei unbarmherzig gegen den, den Ihr zu
lieben vorgebt! - Begnügt Euch doch damit, dass Ihr mit jener Beschreibung eines
Instruments, dessen Ton mein Innerstes durchbebte, mir Eiswasser über die heisse
Stirn gegossen, und schweigt von der Lautenistin! - Nun! Du wolltest ja,
Geheimer Rat, ich sollte von meiner Jugend sprechen, und schnitt der Meister
dazu Schattenbilder, die zu Momenten aus jener Zeit passten, so konntest du mit
der schönen, mit Kupferstichen verzierten Ausgabe meiner biographischen Skizzen
zufrieden sein. Als du aber den Artikel aus dem Koch lasest, fiel mir sein
lexikalischer Kollege Gerber ein, und ich erblickte mich, ein Leichnam,
ausgestreckt auf der Tafel liegend, bereit zur biographischen Sektion. - Der
Prosektor könnte sagen: Es ist gar nicht zu verwundern, dass in dem Innern dieses
jungen Mannes durch tausend Adern und Äderchen lauter musikalisches Blut läuft,
denn das war der Fall bei vielen seiner Blutsverwandten, deren Blutsverwandter
er eben deshalb ist. - Ich will nämlich sagen, dass die mehrsten von meinen
Tanten und Onkels, deren es, wie der Meister weiss und du eben erst erfahren
hast, eine nicht geringe Anzahl gab, Musik trieben und noch dazu meistenteils
Instrumente spielten, die schon damals sehr selten waren, jetzt aber zum Teil
verschwunden sind, so dass ich nur noch im Traum die ganz wunderbar klingenden
Konzerte vernehme, die ich ungefähr bis zu meinem zehnten, eilften Jahr hörte. -
Mag es sein, dass deshalb mein musikalisches Talent schon im ersten Aufkeimen die
Richtung genommen hat, die in meiner Art zu instrumentieren sich kundtun soll,
und die man als zu phantastisch verwirft. - Kannst du dich, Geheimer Rat, der
Tränen entalten, wenn du recht schön auf dem uralten Instrument, auf der Viola
d'Amore, spielen hörst, so danke dem Schöpfer für deine robuste Konstitution;
ich für mein Teil flennte beträchtlich, als der Ritter Esser sich darauf hören
liess, früher aber noch mehr, wenn ein grosser ansehnlicher Mann, dem die
geistliche Kleidung ungemein gut stand, und der nun wieder mein Onkel war, mir
darauf vorspielte. So war auch eines andern Verwandten Spiel auf der Viola di
Gamba gar angenehm und verlockend, wiewohl derjenige Onkel, der mich erzog oder
vielmehr nicht erzog, und der das Spinett mit barbarischer Virtuosität zu
hantieren wusste, ihm mit Recht Mangel an Takt vorwarf. Der Arme geriet auch bei
der ganzen Familie in nicht geringe Verachtung, als man erfahren, dass er in
aller Fröhlichkeit nach der Musik einer Sarabande eine Menuett à la Pompadour
getanzt. Ich könnte Euch überhaupt viel erzählen von den musikalischen
Belustigungen meiner Familie, die oft einzig in ihrer Art sein mochten, aber es
würde manches Groteske mit unterlaufen, worüber Ihr lachen müsstet, und meine
werten Verwandten Eurem Gelächter preiszugeben, das verbietet der Respectus
Parentelae.«
    »Johannes,« begann der Geheime Rat, »Johannes! Du wirst es mir in deiner
Gemütlichkeit nicht verargen, wenn ich eine Saite in deinem Innern anschlage,
deren Berührung dich vielleicht schmerzt. - Immer sprichst du von Onkeln, von
Tanten, nicht gedenkst du deines Vaters, deiner Mutter!« -
    »O mein Freund,« erwiderte Kreisler mit dem Ausdruck der tiefsten Bewegung,
»o mein Freund, eben heute gedachte ich, - doch nein, nichts mehr von
Erinnerungen, von Träumen, nichts von dem Augenblick, der heute alles nur
gefühlte, nicht verstandene Weh meiner frühen Knabenzeit weckte, aber eine Ruhe
kam dann in mein Gemüt, die der ahnungsvollen Stille des Waldes gleicht, wenn
der Gewittersturm vorüber! - Ja, Meister, Ihr habt recht, ich stand unter dem
Apfelbaum und horchte auf die weissagende Stimme des hinsterbenden Donners! - Du
kannst dir deutlicher die dumpfe Betäubung denken, in der ich wohl ein paar
Jahre fortleben mochte, als ich Tante Füsschen verloren, wenn ich dir sage, dass
der Tod meiner Mutter, der in diese Zeit fällt, keinen sonderlichen Eindruck auf
mich machte. Weshalb aber mein Vater mich ganz dem Bruder meiner Mutter überliess
oder überlassen musste, darf ich dir nicht sagen, da du Ähnliches in manchem
verbrauchten Familienroman oder in irgendeiner Ifflandschen Hauskreuzkomödie
nachlesen kannst. Es genügt, dir zu sagen, dass, wenn ich meine Knaben-, ja einen
guten Teil meiner Jünglingsjahre im trostlosen Einerlei verlebte, dies wohl eben
dem Umstande zuzuschreiben, dass ich elternlos war. Der schlechte Vater ist noch
immer viel besser als jeder gute Erzieher, mein' ich, und mir schauert die Haut,
wenn Eltern in lieblosem Unverstande ihre Kinder von sich lassen und verweisen
in diese, jene Erziehungsanstalt, wo die Armen ohne Rücksicht auf ihre
Individualität, die ja niemanden anders als eben den Eltern recht klar aufgehen
kann, nach bestimmter Norm zugeschnitten und appretiert werden. - Was nun eben
die Erziehung betrifft, so darf sich kein Mensch auf Erden darüber verwundern,
dass ich ungezogen bin, denn der Oheim zog oder erzog mich ganz und gar nicht,
sondern überliess mich der Willkür der Lehrer, die ins Haus kamen, da ich keine
Schule besuchen und auch durch irgendeine Bekanntschaft mit einem Knaben meines
Alters die Einsamkeit des Hauses, das der unverheiratete Oheim mit einem alten
trübsinnigen Bedienten allein bewohnte, nicht stören durfte. - Ich besinne mich
nur auf drei verschiedene Fälle, in denen der beinahe bis zum Stumpfsinn
gleichgültige, ruhige Oheim einen kurzen Akt der Erziehung vornahm, indem er mir
eine Ohrfeige zuteilte, so dass ich wirklich während meiner Knabenzeit drei
Ohrfeigen empfangen. Ich könnte dir, mein Geheimer Rat, da ich eben zum
Schwatzen so aufgelegt, die Geschichte von den drei Ohrfeigen als ein
romantisches Kleeblatt auftischen, doch hebe ich nur die mittelste heraus, da
ich weiss, dass du auf nichts so erpicht bist als auf meine musikalischen Studien
und es dir nicht gleichgültig sein kann, zu erfahren, wie ich zum erstenmal
komponierte. - Der Oheim hatte eine ziemlich starke Bibliotek, in der ich nach
Gefallen stöbern und lesen durfte, was ich wollte; mir fielen Rousseaus
Bekenntnisse in der deutschen Übersetzung in die Hände. Ich verschlang das Buch,
das eben nicht für einen zwölfjährigen Knaben geschrieben, und das den Samen
manches Unheils in mein Inneres hätte streuen können. Aber nur ein einziger
Moment aus allen, zum Teil sehr verfänglichen Begebenheiten erfüllte mein Gemüt
so ganz und gar, dass ich alles übrige darüber vergass. Gleich elektrischen
Schlägen traf mich nämlich die Erzählung, wie der Knabe Rousseau, von dem
mächtigen Geist seiner innern Musik getrieben, sonst aber ohne alle Kenntnis der
Harmonik, des Kontrapunkts, aller praktischen Hilfsmittel, sich entschliesst,
eine Oper zu komponieren, wie er die Vorhänge des Zimmers herablässt, wie er sich
aufs Bette wirft, um sich ganz der Inspiration seiner Einbildungskraft
hinzugeben, wie ihm nun sein Werk aufgeht, gleich einem herrlichen Traum! - Tag
und Nacht verliess mich nicht der Gedanke an diesen Moment, mit dem mir die
höchste Seligkeit über den Knaben Rousseau gekommen zu sein schien! - Oft war es
mir, als sei ich auch schon dieser Seligkeit teilhaftig geworden, und dann, nur
von meinem festen Entschluss hinge es ab, mich auch in dies Paradies
hinaufzuschwingen, da der Geist der Musik in mir ebenso mächtig beschwingt.
Genug, ich kam - dahin, es meinem Vorbilde nachmachen zu wollen. Als nämlich an
einem stürmischen Herbstabend der Oheim wider seine Gewohnheit das Haus
verlassen, liess ich sofort die Vorhänge herab und warf mich auf des Oheims
Bette, um, wie Rousseau, eine Oper im Geiste zu empfangen. So vortrefflich aber
die Anstalten waren, so sehr ich mich abmühte, den dichterischen Geist
hinanzulocken, doch blieb er in störrischem Eigensinn davon! - Durchaus summte
mir, statt aller herrlichen Gedanken, die mir aufgehen sollten, ein altes
erbärmliches Lied vor den Ohren, dessen weinerlicher Text begann: Ich liebte nur
Ismenen, Ismene liebt' nur mich, und liess, so sehr ich mich dagegen sträubte,
nicht nach. Jetzt kommt der erhabene Priesterchor: Hoch von Olympos' Höhn', rief
ich mir zu, aber: Ich liebte nur Ismenen, summte die Melodie fort und
unaufhörlich fort, bis ich zuletzt fest einschlief. Mich weckten laute Stimmen,
indem ein unerträglicher Geruch mir in die Nase fuhr und den Atem versetzte! Das
ganze Zimmer war von dickem Rauch erfüllt, und in dem Gewölk stand der Oheim und
trat die Reste der flammenden Gardine, die den Kleiderschrank verbarg, nieder
und rief: Wasser her - Wasser her! bis der alte Diener Wasser in reichlicher
Fülle herbeibrachte, über den Boden ausgoss und so das Feuer löschte. Der Rauch
zog langsam durch die Fenster. Wo ist nur der Unglücksvogel? fragte der Oheim,
indem er im Zimmer umherleuchtete. Ich wusste wohl, welchen Vogel er meinte, und
blieb mäuschenstill im Bette, bis der Oheim hinantrat und mir mit einem
zornigen: Will Er wohl gleich heraus! auf die Beine half. Steckt mir der
Bösewicht das Haus über dem Kopfe an! fuhr der Onkel fort. - Ich versicherte auf
weiteres Befragen ganz ruhig, dass ich auf dieselbe Weise wie der Knabe Rousseau
nach dem Inhalt seiner Bekenntnisse es getan, eine Opera seria im Bett
komponiert hätte, und dass ich durchaus gar nicht wisse, wie der Brand
entstanden. Rousseau? Komponiert? Opera seria? - Pinsel! So stotterte der Oheim
vor Zorn und teilte mir die kräftige Ohrfeige zu, die ich als die zweite
empfing, so dass ich, vor Schreck erstarrt, sprachlos stehen blieb, und in dem
Augenblick hörte ich wie einen Nachklang des Schlages ganz deutlich: Ich liebte
nur Ismenen etc. etc.. Sowohl gegen dieses Lied als gegen die Begeisterung des
Komponierens überhaupt empfand ich von diesem Augenblick an einen lebhaften
Widerwillen.«
    »Aber wie war nur das Feuer entstanden?« fragte der Geheime Rat.
    »Noch,« erwiderte Kreisler, »noch in diesem Augenblick ist es mir
unbegreiflich, durch welchen Zufall die Gardine in Brand geriet und einen
schönen Schlafrock des Oheims sowie drei oder vier schön frisierte Toupets, die
der Oheim als partielle Perückenstudien aus einer Gesamtfrisur aufzusetzen
pflegte, mit in ihr Verderben riss. Mir ist es auch immer so vorgekommen, als
habe ich nicht des unverschuldeten Feuers, sondern nur der unternommenen
Komposition halber die Ohrfeige erhalten. - Seltsam genug war es die Musik
allein, die zu treiben mich der Oheim mit Strenge anhielt, unerachtet der
Lehrer, getäuscht von dem nur momentanen Widerwillen, den ich dagegen äusserte,
mich für ein durchaus unmusikalisches Prinzip hielt. Was ich übrigens lernen
oder nicht lernen mochte, das war dem Oheim völlig gleich. Äusserte er manchmal
lebhaften Unwillen, dass es so schwer hielt, mich zur Musik anzuhalten, so hätte
man denken sollen, dass er von Freude hätte durchdrungen sein müssen, als nach
ein paar Jahren der musikalische Geist sich so mächtig in mir regte, dass er
alles übrige überflügelte; das war aber nun wieder ganz und gar nicht der Fall.
Der Oheim lächelte bloss ein wenig, wenn er bemerkte, dass ich bald mehrere
Instrumente mit einiger Virtuosität spielte, ja, dass ich manches kleine Stück
aufsetzte zur Zufriedenheit der Meister und Kenner. Ja, er lächelte bloss ein
wenig und sprach, wenn man ihn mit Lobeserhebungen anfuhr, mit schlauer Miene:
Ja, der kleine Neveu ist närrisch genug.« -
    »So ist,« nahm der Geheime Rat das Wort, »so ist es mir aber ganz
unbegreiflich, dass der Oheim deiner Neigung nicht Freiheit liess, sondern dich
hineinzwang in eine andere Laufhahn. Soviel ich nämlich weiss, ist deine
Kapellmeisterschaft eben nicht von lange her.«
    »Und auch nicht weit her,« rief Meister Abraham lachend und fuhr, indem er
das Bildnis eines kleinen, wunderlich gebauten Mannes an die Wand warf, weiter
fort: »Aber nun muss ich mich des wackern Oheims, den mancher verruchte Neffe den
O-weh-Onkel nannte, weil er sich mit Vornamen Ottfried Wenzel schrieb, ja, nun
muss ich mich seiner annehmen und der Welt versichern, dass, wenn der
Kapellmeister Johannes Kreisler es sich einfallen liess, Legationsrat zu sein und
sich abzuquälen mit seiner innersten Natur ganz widrigen Dingen, niemand weniger
daran schuld ist als eben der O-weh-Onkel.« - »O still,« sprach Kreisler, »o
still davon, Meister, und nehmt mir dort den Oheim von der Wand, denn macht' er
auch wirklich lächerrlich genug aussehen, so mag ich doch eben heute über den
Alten, der lange im Grabe ruht, nicht lachen!« -
    »Ihr übernehmt Euch heute ja ganz in geziemlicher Empfindsamkeit,« erwiderte
der Meister; Kreisler achtete aber nicht darauf, sondern sprach, sich zum
kleinen Geheimen Rat wendend: »Du wirst es bedauern, mich zum Schwatzen gebracht
zu haben, da ich dir, der vielleicht das Ausserordentliche erwartete, nur
Gemeines, wie es sich tausendmal im Leben wiederholt, auftischen kann. - So ist
es auch gewiss, dass es nicht Erziehungszwang, nicht besonderer Eigensinn des
Schicksals, nein, dass es der gewöhnlichste Lauf der Dinge war, der mich
fortschob, so dass ich unwillkürlich dort hinkam, wo ich eben nicht hin wollte. -
Hast du nicht bemerkt, dass es in jeder Familie einen gibt, der sich, sei es
durch besonderes Genie oder durch das glückliche Zusammentreffen günstiger
Ereignisse, zu einer gewissen Höhe hinaufschwang, und der nun, ein Heros, in der
Mitte des Kreises steht, zu dem die lieben Verwandten demütig hinaufblicken,
dessen gebietende Stimme vernommen wird in entscheidenden Sprüchen, von denen
keine Appellation möglich? - So ging es mit dem jüngern Bruder meines Oheims,
der dem musikalischen Familiennest entflohen war und in der Residenz als
Geheimer Legationsrat in der Nähe des Fürsten eine ziemlich wichtige Person
vorstellte. Sein Emporsteigen hatte die Familie in eine staunende Bewunderung
gesetzt, die nicht nachliess. Man nannte den Legationsrat mit feierlichem Ernst,
und wenn es hiess: Der Geheime Legationsrat hat geschrieben, der Geheime
Legationsrat hat das und das geäussert, so horchte alles in stummer Ehrfurcht
auf. Dadurch schon seit meiner frühesten Kindheit daran gewöhnt, den Oheim in
der Residenz als einen Mann anzusehen, der das höchste Ziel alles menschlichen
Strebens erreicht, musste ich es natürlich finden, dass ich gar nichts anders tun
konnte, als in seine Fusstapfen treten. Das Bildnis des vornehmen Oheims hing in
dem Prunkzimmer, und keinen grössern Wunsch hegte ich, als so frisiert, so
gekleidet umherzugehen wie der Oheim auf dem Bilde. Diesen Wunsch gewährte mein
Erzieher, und ich muss wirklich als zehnjähriger Knabe anmutig genug ausgesehen
haben, im himmelhoch frisierten Toupet und kleinen zirkelrunden Haarbeutel, im
zeisiggrünen Rock mit schmaler silberner Stickerei, seidenen Strümpfen und
kleinem Degen. Dies kindische Streben ging tiefer ein, als ich älter worden, da,
um mir Lust zur trockensten Wissenschaft einzuflössen, es genügte, mir zu sagen,
dies Studium sei mir nötig, damit ich, dem Oheim gleich, dereinst Legationsrat
werden könne. Dass die Kunst, welche mein Inneres erfüllte, mein eigentliches
Streben, die wahre einzige Tendenz meines Lebens sein dürfe, fiel mir um so
weniger ein, als ich gewohnt war, von Musik, Malerei, Poesie nicht anders reden
zu hören als von ganz angenehmen Dingen, die zur Erheiterung und Belustigung
dienen könnten. Die Schnelle, mit der ich, ohne dass sich jemals auch nur ein
einziges Hindernis offenbart hätte, durch mein erlangtes Wissen und durch den
Vorschub des Oheims in der Residenz, in der Laufbahn, die ich gewissermassen
selbst gewählt, vorwärts schritt, liess mir keinen Moment übrig, mich umzuschauen
und die schiefe Richtung des Weges, den ich genommen, wahrzunehmen. Das Ziel war
erreicht, umzukehren nicht mehr möglich, als in einem nicht geahnten Moment die
Kunst sich rächte, der ich abtrünnig worden, als der Gedanke eines ganzen
verlornen Lebens mich mit trostlosem Weh erfasste, als ich mich in Ketten
geschlagen sah, die mir unzerbrechlich dünkten!« -
    »Glückselig,« rief der Geheime Rat, »glückselig, heilbringend also die
Katastrophe, die dich aus den Fesseln befreite!«
    »Sage das nicht,« erwiderte Kreisler, »zu spät trat die Befreiung ein. Mir
geht es wie jenem Gefangenen, der, als er endlich befreit wurde, dem Getümmel
der Welt, ja dem Licht des Tages so entwöhnt war, dass er nicht vermögend, der
goldnen Freiheit zu geniessen, und sich wieder zurücksehnte in den Kerker.«
    »Das ist,« nahm Meister Abraham das Wort, »das ist nun eine von Euern
konfusen Ideen, Johannes, mit denen Ihr Euch und andere plagt! - Geht! geht! -
Immer hat es das Schicksal mit Euch gut gemeint, aber dass Ihr nun einmal nicht
im gewöhnlichen Trott bleiben könnt, dass Ihr rechts, links herausspringt aus dem
Wege, daran ist niemand schuld als Ihr selbst. Recht habt Ihr indessen wohl,
dass, was Eure Knabenjahre betrifft, Euer Stern besonders waltete, und - -«
 
                               Zweiter Abschnitt
                        Lebenserfahrungen des Jünglings
                            Auch ich war in Arkadien
(M. f. f.) »Närrisch genug und zugleich ungemein merkwürdig wär' es doch,«
sprach eines Tages mein Meister zu sich selbst, »wenn der kleine graue Mann dort
unter dem Ofen wirklich die Eigenschaften besitzen sollte, die der Professor ihm
andichten will! - Hm! ich dächte, er könnte mich dann reich machen, mehr als
mein unsichtbares Mädchen es getan. Ich sperrt' ihn ein in einen Käficht, er
müsste seine Künste machen vor der Welt, die reichlichen Tribut dafür gern zahlen
würde. Ein wissenschaftlich gebildeter Kater will doch immer mehr sagen als ein
frühreifer Junge, dem man die Exerzitia eingetrichtert. - Überdem erspart' ich
mir einen Schreiber! - Ich muss dem Dinge näher auf die Spur kommen!«
    Ich gedachte, als ich des Meisters verfängliche Worte vernahm, der Warnung
meiner unvergesslichen Mutter Mina, und wohl mich hütend, auch nur durch das
geringste Zeichen zu verraten, dass ich den Meister verstanden, nahm ich mir fest
vor, auf das sorgfältigste meine Bildung zu verbergen. Ich las und schrieb daher
nur das Nachts und erkannte auch dabei mit Dank die Güte der Vorsehung, die
meinem verachteten Geschlecht manchen Vorzug vor den zweibeinichten Geschöpfen,
die sich, Gott weiss warum, die Herren der Schöpfung nennen, gegeben hat.
Versichern kann ich nämlich, dass ich bei meinen Studien weder des Lichtziehers
noch des Ölfabrikanten bedurfte, da der Phosphor meiner Augen hell leuchtet in
der finstersten Nacht. Gewiss ist es daher auch, dass meine Werke erhaben sind
über den Vorwurf, der irgendeinem Schriftsteller aus der alten Welt gemacht
wurde, dass nämlich die Erzeugnisse seines Geistes nach der Lampe röchen.
    Doch innig überzeugt von der hohen Vortrefflichkeit, mit der mich die Natur
begabt hat, muss ich doch gestehen, dass alles hienieden gewisse
Unvollkommenheiten in sich trägt, die wieder ein gewisses abhängiges Verhältnis
verraten. Von den leiblichen Dingen, die die Ärzte nicht natürlich nennen,
unerachtet sie mir eben recht natürlich dünken, will ich gar nicht reden,
sondern nur rücksichts unsers psychischen Organismus bemerken, dass sich auch
darin jene Abhängigkeit recht deutlich offenbaret. Ist es nicht ewig wahr, dass
unsern Flug oft Bleigewichte hemmen, von denen wir nicht wissen, was sie sind,
woher sie kommen, wer sie uns angehängt?
    Doch besser und richtiger ist es wohl, wenn ich behaupte, dass alles Übel vom
bösen Beispiel herrührt, und dass die Schwäche unserer Natur lediglich darin
liegt, dass wir dem bösen Beispiel zu folgen gezwungen sind. Überzeugt bin ich
auch, dass das menschliche Geschlecht recht eigentlich dazu bestimmt ist, dies
böse Beispiel zu geben.
    Bist du, geliebter Katerjüngling, der du dieses liesest, nicht einmal in
deinem Leben in einen Zustand geraten, der dir selbst unerklärlich, dir überall
die bittersten Vorwürfe und vielleicht auch - einige tüchtige Bisse deiner
Kumpane zuzog? Du warst träge, zänkisch, ungebärdig, gefrässig, fandest an nichts
Gefallen, warst immer da, wo du nicht sein solltest, fielst allen zur Last,
kurz, warst ein ganz unausstehlicher Bursche! - Tröste dich, o Kater! Nicht aus
deinem eigentlichen, tiefern Innern formte sich diese heillose Periode deines
Lebens, nein, es war der Zoll, den du dem über uns waltenden Prinzip dadurch
darbrachtest, dass auch du dem bösen Beispiel der Menschen, die diesen
vorübergehenden Zustand eingeführt haben, folgtest. Tröste dich, o Kater! denn
auch mir ist es nicht besser ergangen!
    Mitten in meinen Lukubrationen überfiel mich eine Unlust - eine Unlust
gleichsam der Übersättigung von unverdaulichen Dingen, so dass ich ohne weiteres
auf demselben Buch, worin ich gelesen, auf demselben Manuskript, woran ich
geschrieben, mich zusammenkrümmte und einschlief. Immer mehr und mehr nahm diese
Trägheit zu, so dass ich zuletzt nicht mehr schreiben, nicht mehr lesen, nicht
mehr springen, nicht mehr laufen, nicht mehr mit meinen Freunden im Keller, auf
dem Dache mich unterhalten mochte. Statt dessen fühlte ich einen
unwiderstehlichen Trieb, alles das zu tun, was dem Meister, was den Freunden nie
angenehm sein, womit ich ihnen beschwerlich fallen musste. Was den Meister
anlangt, so begnügte er lange Zeit hindurch sich damit, mich fortzujagen, wenn
ich zu meiner Lagerstätte immer Plätze erkor, wo er mich durchaus nicht leiden
konnte, bis er endlich genötigt wurde, mich etwas zu prügeln. Immer wieder auf
des Meisters Schreibtisch gesprungen, hatt' ich nämlich so lange hin und her
geschwänzelt, bis die Spitze meines Schweifs in das grosse Tintenfass geraten, mit
der ich nun auf Boden und Kanapee die schönsten Malereien ausführte. Das brachte
den Meister, der keinen Sinn für dieses Genre der Kunst zu haben schien, in
Harnisch. Ich flüchtete auf den Hof, aber beinah' noch schlimmer ging es mir
dort. Ein grosser Kater von Ehrfurcht gebietendem Ansehen hatte längst sein
Missfallen über mein Betragen geäussert; jetzt, da ich, freilich tölpischerweise,
einen guten Bissen, den er zu verzehren eben im Begriff, vor dem Maule
wegschnappen wollte, gab er mir ohne Umstände eine solche Menge Ohrfeigen von
beiden Seiten, dass ich ganz betäubt wurde und mir beide Ohren bluteten. - Irre
ich nicht, so war der würdige Herr mein Oheim, denn Minas Züge strahlten aus
seinem Antlitz, und die Familienähnlichkeit des Barts unleugbar. - Kurz, ich
gestehe, dass ich mich in dieser Zeit in Unarten erschöpfte, so dass der Meister
sprach: »Ich weiss gar nicht, was dir ist, Murr, ich glaube am Ende, du bist
jetzt in die Lümmeljahre getreten!« Der Meister hatte recht, es war meine
verhängnisvolle Lümmelzeit, die ich überstehen musste, nach dem bösen Beispiel
der Menschen, die, wie gesagt, diesen heillosen Zustand, als durch ihre tiefste
Natur bedingt, eingeführt haben. Lümmeljahre nennen sie diese Periode,
unerachtet mancher zeit seines Lebens nicht herauskommt, unsereins kann nur von
Lümmelwochen reden, und ich meinerseits kam nun auf einmal heraus mittelst eines
starken Rucks, der mir ein Bein oder ein paar Rippen hätte kosten können.
Eigentlich sprang ich heraus aus den Lümmelwochen auf vehemente Weise.
    Ich muss sagen, wie das sich begab:
    Auf dem Hofe der Wohnung meines Meisters stand eine inwendig reich
ausgepolsterte Maschine auf vier Rädern, wie ich nachher einsehen lernte, ein
englischer Halbwagen. Nichts war in meiner damaligen Stimmung natürlicher, als
dass mir die Lust ankam, mit Mühe hinaufzuklettern und hineinzukriechen in diese
Maschine. Ich fand die darin befindlichen Kissen so angenehm, so anlockend, dass
ich nun die mehrste Zeit in den Plostern des Wagens verschlief, verträumte.
    Ein heftiger Stoss, dem ein Knattern, Klirren, Brausen, wirres Lärmen folgte,
weckte mich, als eben süsse Bilder von Hasenbraten und dergleichen vor meiner
Seele vorübergingen. Wer schildert meinen jähen Schreck, als ich wahrnahm, dass
die ganze Maschine sich mit ohrbetäubendem Getöse fortbewegte, mich hin und her
schleudernd auf meinen Polstern. Die immer steigende und steigende Angst wurde
Verzweiflung, ich wagte den entsetzlichen Sprung heraus aus der Maschine, ich
hörte das wiehernde Hohngelächter höllischer Dämonen, ich hörte ihre
barbarischen Stimmen: »Katz - Katz, huz huz!« hinter mir her kreischen, sinnlos
rannte ich in voller Furie von dannen, Steine flogen mir nach, bis ich endlich
hineingeriet in ein finstres Gewölbe und ohnmächtig niedersank.
    Endlich war es mir, als höre ich hin und her gehen über meinem Haupte, und
schloss aus dem Schall der Tritte, da ich wohl schon Ähnliches erfahren, dass ich
mich unter einer Treppe befinden müsse. Es war dem so! -
    Als ich nun aber herausschlich, Himmel! da dehnten sich überall unabsehbare
Strassen vor mir aus, und eine Menge Menschen, von denen ich nicht einen einzigen
kannte, wogte vorüber. Kam noch hinzu, dass Wagen rasselten, Hunde laut bellten,
ja, dass zuletzt eine ganze Schar, deren Waffen in der Sonne blitzten, die Strasse
einengte; dass dicht bei mir einer urplötzlich so ganz erschrecklich auf eine
grosse Trommel schlug, dass ich unwillkürlich drei Ellen hoch aufsprang, ja, so
konnte es nicht fehlen, dass eine seltsame Angst meine Brust erfüllte! - Ich
merkte nun wohl, dass ich mich in der Welt befand - in der Welt, die ich aus der
Ferne von meinem Dache erblickt, oft nicht ohne Sehnsucht, ohne Neugierde, ja,
mitten in dieser Welt stand ich nun, ein unerfahrner Fremdling. Behutsam
spazierte ich dicht an den Häusern die Strasse entlang und begegnete endlich ein
paar Jünglingen meines Geschlechts. Ich blieb stehen, ich versuchte ein Gespräch
mit ihnen anzuknüpfen, aber sie begnügten sich, mich mit funkelnden Augen
anzuglotzen, und sprangen dann weiter. »Leichtsinnige Jugend,« dacht' ich, »du
weisst nicht, wer es war, der dir in den Weg trat! - so gehen grosse Geister durch
die Welt, unerkannt, unbeachtet. - Das ist das Los sterblicher Weisheit!« - Ich
rechnete auf grössere Teilnahme bei den Menschen, sprang auf einen hervorragenden
Kellerhals und stiess manches fröhliche, wie ich glaubte, anlockende Miau aus,
aber kalt, ohne Teilnahme, kaum sich nach mir umblickend, gingen alle vorüber.
Endlich gewahrte ich einen hübschen blondgelockten Knaben, der mich freundlich
ansah und endlich, mit den Fingern schnalzend, rief: »Mies - Mies!« -
    »Schöne Seele, du verstehst mich,« dacht' ich, sprang herab und nahte mich
ihm, freundlich schnurrend. Er fing mich an zu streicheln, aber indem ich
glaubte, mich dem freundlichen Gemüt ganz hingeben zu können, kniff er mich
dermassen in den Schwanz, dass ich vor rasendem Schmerz aufschrie. Das eben schien
dem tückischen Bösewicht rechte Freude zu machen, denn er lachte laut, hielt
mich fest und versuchte das höllische Manöver zu wiederholen. Da fasste mich der
tiefste Ingrimm, von dem Gedanken der Rache durchflammt, grub ich meine Krallen
tief in seine Hände, in sein Gesicht, so dass er aufkreischend mich fahren liess.
Aber in dem Augenblick hörte ich auch rufen: »- Tyras - Kartusch - hez, hez!« -
Und laut blaffend setzten zwei Hunde hinter mir her. - Ich rannte, bis mir der
Atem verging, sie waren mir auf den Fersen - keine Rettung. - Blind vor Angst
fuhr ich hinein in das Fenster eines Erdgeschosses, dass die Scheiben
zusammenklirrten und ein paar Blumentöpfe, die auf der Fensterbank gestanden,
krachend hineinfielen in das Stübchen. Erschrocken fuhr eine Frau, die an einem
Tisch sitzend arbeitete, in die Höhe, rief dann: »Seht die abscheuliche Bestie,«
ergriff einen Stock und ging auf mich los. Aber meine zornglühenden Augen, meine
ausgestreckten Krallen, das Geheul der Verzweiflung, das ich ausstiess, hielten
sie zurück, so dass, wie es in jenem Trauerspiel heisst, der zum Schlagen
aufgehobene Stock in der Luft gehemmt schien und sie dastand, ein gemalter
Wütrich, parteilos zwischen Kraft und Willen! - In dem Augenblick ging die Türe
auf, schnellen Entschluss fassend, schlüpfte ich dem eintretenden Mann zwischen
den Beinen durch und war so glücklich, mich aus dem Hause herauszufinden auf die
Strasse.
    Ganz erschöpft, ganz entkräftet, gelangte ich endlich zu einem einsamen
Plätzchen, wo ich mich ein wenig niederlassen konnte. Da fing aber der wütendste
Hunger an, mich zu peinigen, und ich gedachte nun erst mit tiefem Schmerz des
guten Meisters Abraham, von dem mich ein hartes Schicksal getrennt. - Aber wie
ihn wiederfinden! - Ich blickte wehmütig umher, und als ich keine Möglichkeit
sah, den Weg zur Rückkehr zu erforschen, traten mir die blanken Tränen in die
Augen.
    Doch neue Hoffnung ging mir auf, als ich an der Ecke der Strasse ein junges
freundliches Mädchen wahrnahm, die vor einem kleinen Tische sass, auf dem die
appetitlichsten Bröte und Würste lagen. Ich näherte mich langsam, sie lächelte
mich an, und um mich ihr gleich als einen Jüngling von guter Erziehung, von
galanten Sitten darzustellen, machte ich einen höheren, schöneren Katzenbuckel
als jemals. Ihr Lächeln wurde lautes Lachen. »Endlich eine schöne Seele, ein
teilnehmendes Herz gefunden! - O Himmel, wie tut das wohl der wunden Brust!« So
dachte ich und langte mir eine von den Würsten herab, aber in demselben Nu
schrie auch das Mädchen laut auf, und hätte mich der Schlag, den sie mit einem
derben Stück Holz nach mir führte, getroffen, in der Tat, weder die Wurst, die
ich mir im Vertrauen auf die Loyalität, auf die menschenfreundliche Tugend des
Mädchens herabgelangt, noch irgendeine andere hätte ich jemals mehr genossen.
Meine letzte Kraft setzte ich daran, der Unholdin, die mich verfolgte, zu
entrinnen. Das gelang mir, und ich erreichte endlich einen Platz, wo ich die
Wurst in Ruhe verzehren konnte.
    Nach dem frugalen Mahle kam viel Heiterkeit in mein Gemüt, und da eben die
Sonne mir warm auf den Pelz schien, so fühlte ich lebhaft, dass es doch schön sei
auf dieser Erde. Als aber dann die kalte feuchte Nacht einbrach, als ich kein
weiches Lager fand wie bei meinem guten Meister, als ich, vor Frost starrend,
vom Hunger aufs neue gepeinigt, am andern Morgen erwachte, da überfiel mich eine
Trostlosigkeit, die an Verzweiflung grenzte. »Das ist« (so brach ich aus in
laute Klagen), »das ist also die Welt, in die du dich hineinsehntest von dem
heimatlichen Dache? - Die Welt, wo du Tugend zu finden hofftest und Weisheit und
die Sittlichkeit der höhern Ausbildung! - O diese herzlosen Barbaren! - Worin
besteht ihre Kraft als im Prügeln? Worin ihr Verstand als in hohnlachender
Verspottung? Worin ihr ganzes Treiben als in scheelsüchtiger Verfolgung
tieffühlender Gemüter? - O, fort - fort aus dieser Welt voll Gleissnerei und
Trug! - Nimm mich auf in deine kühlen Schatten, süsser heimatlicher Keller! - O
Boden! - Ofen - o Einsamkeit, die mich erfreut, nach dir mein Herz sich sehnt
mit Schmerz!«
    Der Gedanke meines Elends, meines hoffnungslosen Zustandes übermannte mich.
Ich kniff die Augen zu und weinte sehr.
    Bekannte Töne schlugen an mein Ohr. »Murr - Murr! - geliebter Freund, wo
kommst du her? Was ist mit dir geschehen?«
    Ich schlug die Augen auf, der junge Ponto stand vor mir!
    So sehr mich Ponto auch gekränkt hatte, doch war mir seine unverhoffte
Erscheinung tröstlich. Ich vergass die Unbill, die er mir angetan, erzählte ihm,
wie sich alles mit mir begeben, stellte ihm unter vielen Tränen meine traurige,
hilflose Lage vor, schloss damit, ihm zu klagen, dass mich ein tötender Hunger
quäle.
    Statt mir, wie ich geglaubt, seine Teilnahme zu bezeugen, brach der junge
Ponto in ein schallendes Gelächter aus. »Bist du,« sprach er dann, »bist du
nicht ein ausgemachter törichter Geck, lieber Murr? - Erst setzt sich der Hase
in eine Halbchaise hinein, wo er nicht hingehört, schläft ein, erschrickt, als
er weggefahren wird, springt hinaus in die Welt, wundert sich gar mächtig, dass
ihn, der kaum vor die Türe seines Hauses geguckt, niemand kennt, dass er mit
seinen dummen Streichen überall schlecht ankommt, und ist dann so einfältig,
nicht einmal den Rückweg finden zu können zu seinem Herrn. - Sieh, Freund Murr,
immer hast du geprahlt mit deiner Wissenschaft, mit deiner Bildung, immer hast
du vornehm getan gegen mich, und nun sitzest du da, verlassen, trostlos, und all
die grossen Eigenschaften deines Geistes reichen nicht hin, dich zu belehren, wie
du es anfangen musst, deinen Hunger zu stillen und nach Hause zurückzufinden zu
deinem Meister! - Und wenn sich nun der, den du tief unter dir glaubtest, nicht
deiner annimmt, so stirbst du zuletzt eines elendiglichen Todes, und keine
sterbliche Seele frägt was nach deinem Wissen, nach deinem Talent, und keiner
von den Dichtern, denen du dich befreundet glaubtest, setzt ein freundliches:
Hic jacet! an die Stelle, wo du aus lauter Kurzsichtigkeit verschmachtetest!
Siehst du, dass ich wohl auch durch die Schulen gelaufen bin und lateinische
Brocken einmischen kann, trotz einem? - Aber du hungerst, armer Kater, und
diesem Bedürfnis muss zuerst abgeholfen werden, komm nur mit mir.«
    Der junge Ponto hüpfte fröhlich vorauf, ich folgte niedergeschlagen, ganz
zerknirscht über seine Reden, die mir in meiner hungrigen Stimmung viel Wahres
zu entalten schienen. Doch wie erschrak ich, als -
    (Mak. Bl.) - für den Herausgeber dieser Blätter das angenehmste Ereignis von
der Welt, dass er das ganze merkwürdige Gespräch Kreislers mit dem kleinen
Geheimen Rat brühwarm wieder erfuhr. Dadurch wurde er in den Stand gesetzt, dir,
geliebter Leser, wenigstens ein paar Bilder aus der frühern Jugendzeit des
seltnen Mannes, dessen Biographie er aufzuschreiben gewissermassen genötigt, vor
die Augen zu bringen, und er vermeint, dass, was Zeichnung und Kolorit betrifft,
diese Bilder wohl für charakteristisch und bedeutsam genug gelten können.
Wenigstens mag man nach dem, was Kreisler von Tante Füsschen und ihrer Laute
erzählt, nicht daran zweifeln, dass die Musik mit all ihrer wunderbaren Wehmut,
mit all ihrem Himmelsentzücken recht in die Brust des Knaben mit tausend Adern
verwuchs, und nicht zum Verwundern mag's darum auch sein, dass eben dieser Brust,
wird sie nur leise verwundet, gleich heisses Herzblut entquillt. Auf zwei Momente
aus dem Leben des geliebten Kapellmeisters war bemeldeter Herausgeber besonders
begierig, ja, wie man zu sagen pflegt, ganz versessen. Nämlich, auf welche Weise
Meister Abraham in die Familie geriet und einwirkte auf den kleinen Johannes,
und welche Katastrophe den ehrlichen Kreisler aus der Residenz warf und
umstempelte zum Kapellmeister, welches er hätte von Haus aus sein sollen,
wiewohl man der ewigen Macht trauen darf, die jeden zu rechter Zeit an die
rechte Stelle setzt. Manches ist darüber ausgemittelt worden, welches du, o
Leser, sogleich erfahren sollst.
    Fürs erste ist gar nicht daran zu zweifeln, dass zu Göniönesmühl, wo Johannes
Kreisler geboren und erzogen wurde, es einen Mann gab, der in seinem ganzen
Wesen, in allem, was er unternahm, seltsam und eigentümlich erschien. Überhaupt
ist das Städtlein Göniönesmühl seit jeher das wahre Paradies aller Sonderlinge
gewesen, und Kreisler wuchs auf, umgeben von den seltsamsten Figuren, die einen
desto stärkern Eindruck auf ihn machen mussten, als er wenigstens während der
Knabenzeit mit seinesgleichen keinen Umgang pflegte. Jener Mann trug aber mit
einem bekannten Humoristen gleichen Namen, denn er hiess Abraham Liscov und war
ein Orgelbauer, welches Metier er bisweilen tief verachtete, zu anderer Zeit
aber hoch in den Himmel erhob, so dass man nicht recht wusste, was er eigentlich
wollte.
    So wie Kreisler erzählt, wurde in der Familie von dem Herrn Liscov immer mit
hoher Bewunderung gesprochen. Man nannte ihn den geschicktesten Künstler, den es
geben könne, und bedauerte nur, dass seine tollen Grillen, seine ausgelassenen
Einfälle ihn von jedermann entfernt hielten. Als einen besondern Glücksfall
rühmte dieser, jener, dass Herr Liscov wirklich dagewesen und seinen Flügel neu
befiedert und gestimmt habe. Eben von Liscovs phantastischen Streichen wurde
dann auch manches erzählt, welches auf den kleinen Johannes ganz besonders
wirkte, so dass er sich von dem Mann, ohne ihn zu kennen, ein ganz bestimmtes
Bild entwarf, sich nach ihm sehnte und, als der Oheim versicherte, Herr Liscov
würde vielleicht kommen und den schadhaften Flügel reparieren, jeden Morgen
fragte, ob Herr Liscov denn nicht endlich erscheinen werde. Dieses Interesse des
Knaben für den unbekannten Herrn Liscov steigerte sich aber bis zur höchsten
unstaunenden Ehrfurcht, als er in der Hauptkirche, die der Oheim in der Regel
nicht zu besuchen pflegte, zum erstenmal die mächtigen Töne der grossen schönen
Orgel vernahm, und als der Oheim ihm sagte, niemand anders als eben Herr Abraham
Liscov habe dies herrliche Werk verfertigt. Von diesem Augenblick an verschwand
auch das Bild, das Johannes sich von Herrn Liscov entworfen, und ein ganz
anderes trat an seine Stelle. Herr Liscov musste nach des Knaben Meinung ein
grosser schöner Mann sein, von stattlichem Ansehen, hell und stark sprechen und
vor allen Dingen einen pflaumfarbnen Rock tragen mit breiten goldnen Tressen wie
der Pate Kommerzienrat, der so gekleidet ging, und vor dessen reicher Tracht der
kleine Johannes den tiefsten Respekt hegte.
    Als eines Tages der Oheim mit Johannes am offnen Fenster stand, kam ein
kleiner hagerer Mann die Strasse herab geschossen, in einem Roquelaur von
hellgrünem Berkan, dessen offne Ärmelklappen seltsam im Winde auf und nieder
flatterten. Dazu hatte er ein kleines dreieckiges Hütchen martialisch auf die
weissgepuderte Frisur gedrückt, und ein zu langer Haarzopf schlängelte sich herab
über den Rücken. Er trat hart auf, dass das Strassenpflaster dröhnte, und stiess
auch bei jedem zweiten Schritt mit dem langen spanischen Rohr, das er in der
Hand trug, heftig auf den Boden. Als der Mann vor dem Fenster vorbeikam, warf er
aus seinen funkelnden pechschwarzen Augen dem Oheim einen stechenden Blick zu,
ohne seinen Gruss zu erwidern. Dem kleinen Johannes bebte es eiskalt durch alle
Glieder, und zugleich war es ihm zumute, als müsse er über den Mann entsetzlich
lachen und könne nur nicht dazu kommen, weil ihm die Brust so beengt. »Das war
der Herr Liscov,« sprach der Oheim. »Das wusste ich ja,« erwiderte Johannes, und
er mochte recht haben. Weder ein grosser stattlicher Mann war Herr Liscov, noch
trug er einen pflaumfarbnen Rock mit goldnen Tressen, wie der Pate
Kommerzienrat, seltsam, ja wunderbar genug begab es sich aber, dass Herr Liscov
ganz genau so aussah, wie der Knabe sich ihn früher gedacht hatte, ehe er das
Orgelwerk vernommen. Noch hatte sich Johannes nicht von seinem Gefühl erholt,
das dem eines jähen Schrecks zu vergleichen, als Herr Liscov plötzlich
stillstand, sich umdrehte, die Strasse entlang hinanpolterte, bis vor das
Fenster, dem Oheim eine tiefe Verbeugung machte, davonrannte unter lautem
Gelächter.
    »Ist das,« sprach der Oheim, »ist das wohl ein Betragen für einen gesetzten
Mann, der in den Studiis nicht unerfahren, der als privilegierter Orgelbauer zu
den Künstlern zu rechnen, und dem die Gesetze des Landes verstatten, einen Degen
zu tragen? Sollte man nicht vermeinen, er habe schon am lieben frühen Morgen zu
tief ins Glas geguckt oder sei dem Tollhause entsprungen? Aber ich weiss es, nun
wird er herkommen und den Flügel in Ordnung bringen.«
    Der Oheim hatte recht. Schon andern Tages war Herr Liscov da, aber statt die
Reparatur des Flügels vorzunehmen, verlangte er, der kleine Johannes sollte ihm
vorspielen. Dieser wurde auf den mit Büchern bepackten Stuhl gesetzt, Herr
Liscov ihm gegenüber am schmalen Ende des Flügels stützte beide Arme auf das
Instrument und sah dem Kleinen starr ins Antlitz, welches ihn dermassen ausser
Fassung brachte, dass die Menuetts, die Arien, die er aus dem alten Notenbuche
abspielte, holpricht genug gingen. Herr Liscov blieb ernst, aber plötzlich
rutschte der Knabe herab und versank unter des Flügels Gestell, worüber der
Orgelbauer, der ihm mit einem Ruck die Fussbank unter den Füssen weggezogen, eine
unmässige Lache aufschlug. Beschämt rappelte sich der Knabe hervor, doch in dem
Augenblick sass Herr Liscov auch schon vor dem Flügel, hatte einen Hammer
hervorgezogen und hämmerte auf das arme Instrument so unbarmherzig los, als
wolle er alles in tausend Stücken schlagen. »Herr Liscov, sind Sie von Sinnen!«
schrie der Onkel, aber der kleine Johannes, ganz entrüstet, ganz ausser sich über
des Orgelbauers Beginnen, stemmte sich mit aller Gewalt gegen den Deckel des
Instruments, so, dass er mit lautem Krachen zuschlug, und Herr Liscov schnell den
Kopf zurückziehen musste, um nicht getroffen zu werden. Dann rief er: »Ei, lieber
Onkel, das ist nicht der geschickte Künstler, der die schöne Orgel gebaut hat,
er kann es nicht sein, denn dieser hier ist ja ein alberner Mensch, der sich
beträgt wie ein ungezogner Bube!« -
    Der Oheim verwunderte sich über die Dreistigkeit des Knaben; aber Herr
Liscov sah ihn lange starr an, sprach: »Er ist wohl ein kurioser Monsieur!«
öffnete leise und behutsam den Flügel, zog Instrumente hervor, begann seine
Arbeit, die er in ein paar Stunden beendete, ohne ein einziges Wort zu sprechen.
    Seit diesem Augenblick zeigte sich des Orgelbauers entschiedene Vorliebe für
den Knaben. Beinahe täglich kam er ins Haus und wusste den Knaben bald für sich
zu gewinnen, indem er ihm eine ganz neue bunte Welt erschloss, in der sich sein
reger Geist mutiger und freier bewegen konnte. Eben nicht löblich war es, dass
Liscov, vorzüglich als Johannes schon in Jahren mehr vorgerückt, den Knaben
anregte zu den seltsamsten Foppereien, die oft gegen den Oheim selbst gerichtet
waren, der freilich, beschränkten Verstandes und voll der lächerlichsten
Eigenheiten, dazu reichen Anlass bot. Gewiss ist es aber, dass, wenn Kreisler über
die trostlose Verlassenheit in seinen Knabenjahren klagt, wenn er das zerrissene
Wesen, das ihn oft in seiner innersten Natur verstört, jener Zeit zuschreibt,
wohl das Verhältnis mit dem Oheim in Anschlag zu bringen ist. Er konnte den
Mann, der Vaterstelle zu vertreten berufen, und der ihm mit seinem ganzen Tun
und Wesen lächerrlich erscheinen musste, nicht achten.
    Liscov wollte den Johannes ganz an sich reissen, und es wäre ihm gelungen,
hätte sich nicht des Knaben edlere Natur dagegen gesträubt. Ein durchdringender
Verstand, ein tiefes Gemüt, eine ungewöhnliche Erregbarkeit des Geistes, alles
das waren anerkannte Vorzüge des Orgelbauers. Was man aber Humor zu nennen
beliebte, war nicht jene seltne wunderbare Stimmung des Gemüts, die aus der
tieferen Anschauung des Lebens in all seinen Bedingnissen, aus dem Kampf der
feindlichsten Prinzipe sich erzeugt, sondern nur das entschiedene Gefühl des
Ungehörigen, gepaart mit dem Talent, es ins Leben zu schaffen, und der
Notwendigkeit der eignen bizarren Erscheinung. Dies war die Grundlage des
verhöhnenden Spottes, den Liscov überall ausströmen liess, der Schadenfreude, mit
der er alles als ungehörig Erkannte rastlos verfolgte bis in die geheimsten
Winkel. Eben diese schadenfrohe Verspottung verwundete des Knaben zartes Gemüt
und stand dem innigsten Verhältnis, wie es der in wahrhafter innerer Gesinnung
väterliche Freund herbeigeführt haben würde, entgegen. Zu leugnen ist aber auch
nicht, dass der wunderliche Orgelbauer recht dazu geeignet war, den Keim des
tiefem Humors, der in des Knaben Innern lag, zu hegen und zu pflegen, der denn
auch sattsam gedeihte und emporwuchs. -
    Herr Liscov pflegte viel von Johannes' Vater zu erzählen, dessen
vertrautester Freund er in seinen Jünglingsjahren gewesen, zum Nachteil des
erziehenden Oheims, der merklich in den Schatten trat, wenn der Bruder in hellem
Sonnenlicht erschien. So rühmte auch eines Tages der Orgelbauer den tiefen
musikalischen Sinn des Vaters und verspottete die verkehrte Art, wie der Oheim
dem Knaben die ersten Elemente der Musik beigebracht. Johannes, dessen ganze
Seele durchdrungen war von dem Gedanken an den, der ihm der Nächste gewesen, und
den er nie gekannt, wollte immer noch mehr hören. Da verstummte aber Liscov
plötzlich und sah wie einer, dem irgendein das Leben erfassender Gedanke vor die
Seele tritt, starr zum Boden nieder.
    »Was ist Euch, Meister,« fragte Johannes, »was bewegt Euch so?« -
    Liscov fuhr auf wie aus einem Traum und sprach lächelnd: »Weisst du noch,
Johannes, wie ich dir die Fussbank wegzog unter den Beinen und du hinabschobst
unter den Flügel, da du mir des Oheims abscheuliche Murkis und Menuetten
vorspielen musstest?«
    »Ach,« erwiderte Johannes, »wie ich Euch zum ersten Male sah, daran mag ich
gar nicht denken. Es machte Euch gerade Spass, ein Kind zu betrüben.«
    »Und das Kind,« nahm Liscov das Wort, »war dafür tüchtig grob. - Doch
nimmermehr hätt' ich damals geglaubt, dass in Euch ein solch tüchtiger Musiker
verborgen, und darum, Söhnlein, tu mir den Gefallen und spiele mir einen
ordentlichen Choral vor auf dem papiernen Positiv. Ich will den Balg treten.«
    - Es ist hier nachzuholen, dass Liscov grossen Geschmack fand an allerlei
wunderlichen Spielereien und den Johannes damit sehr ergötzte. Schon als
Johannes noch ein Kind, pflegte Liscov bei jedem Besuch ihm irgend etwas
Seltsames mitzubringen.
    Empfing das Kind bald einen Apfel, der in hundert Stücke zerfiel, wenn er
abgeschält wurde, oder irgendein seltsam geformtes Backwerk, so wurde der
erwachsene Knabe bald mit diesem, bald mit jenem überraschenden Kunststück aus
der natürlichen Magie erfreut, so half der Jüngling optische Maschinen bauen,
sympatetische Tinten kochen u.s.w. An der Spitze der mechanischen Künsteleien,
die der Orgelbauer für den Johannes verfertigte, stand aber ein Positiv mit
achtfüssigem Gedackt, dessen Pfeifen von Papier geformt, das mitin jenem
Kunstwerk des alten Orgelbauers aus dem siebzehnten Jahrhundert, Eugenius
Casparini geheissen, glich, welches in der kaiserlichen Kunstkammer in Wien zu
sehen. Liscovs seltsames Instrument hatte einen Ton, dessen Stärke und Anmut
unwiderstehlich hinriss, und Johannes versichert noch, dass er niemals darauf
spielen können, ohne in die tiefste Bewegung zu geraten, und dass ihm dabei
manche wahrhaft fromme Kirchenmelodie hell aufgegangen. -
    Auf diesem Positiv musste Johannes nun dem Orgelbauer vorspielen. Nachdem er,
wie Liscov verlangt, ein paar Choräle gespielt, fiel er in den Hymnus:
»Misericordias domini cantabo,« den er vor wenigen Tagen gesetzt. - Da Johannes
geendet, so sprang Liscov auf, drückte ihn stürmisch an die Brust, rief laut
lachend: »Hasenfuss, was foppst du mich mit deiner lamentablen Kantilena? Wär'
ich nicht immer und ewig dein Kalkant gewesen, nichts Vernünftiges hättest du
jemals herausgebracht. - Aber nun renne ich fort und lasse dich im Stich ganz
und gar, und du magst dir in der Welt einen andern Kalkanten suchen, der es mit
dir so gut meint als ich!« - dabei standen ihm die hellen Tränen in den Augen.
Er sprang zur Türe heraus, die er sehr heftig zuschlug. Dann steckte er aber
nochmals den Kopf hinein und sprach sehr weich: »Es kann nun einmal nicht anders
sein. - Adieu, Johannes! - Wenn der Oheim seine rotgeblümte Gros-de-Tourweste
vermisst, so sage nur, ich hätte sie gestohlen und liesse mir daraus einen Turban
machen, um dem Grosssultan vorgestellt zu werden! - Adieu, Johannes!« - Kein
Mensch konnte begreifen, warum Herr Liscov so plötzlich die angenehme Stadt
Göniönesmühl verlassen, warum er niemanden entdeckt, wohin er sich zu wenden
entschlossen.
    Der Oheim sprach: »Längst hab' ich vermutet, dass der unruhige Geist sich auf
und davon machen würde, denn er hält es, unerachtet er schöne Orgeln verfertigt,
doch nicht mit dem Spruch: Bleibe im Lande und nähre dich redlich! - Es ist nur
gut, dass unser Flügel imstande; nach dem überspannten Menschen selbst frag' ich
nicht viel!« - Anders dachte wohl Johannes, dem Liscov überall fehlte, und dem
nun ganz Göniönesmühl ein totes düstres Gefängnis dünkte.
    So kam es, dass er den Rat des Orgelbauers befolgen und sich, in der Welt
einen andern Kalkanten suchen wollte. Der Oheim meinte, da er seine Studien
vollendet, könne er in der Residenz sich unter den Fittich des Geheimen
Legationsrates begeben und vollends ausbrüten lassen. - Es geschah so! -
    In diesem Augenblick ärgert sich gegenwärtiger Biograph über alle Massen,
denn indem er an den zweiten Moment aus Kreislers Leben kommt, von dem er dir,
geliebter Leser, zu erzählen versprochen, nämlich wie Johannes Kreisler den
wohlerworbnen Posten eines Legationsrates verlor und gewissermassen aus der
Residenz verwiesen wurde, wird er gewahr, dass alle Nachrichten, die ihm darüber
zu Gebote stehen, ärmlich, dürftig, seicht, unzusammenhängend sind. -
    Es genügt indessen am Ende wohl, zu sagen, dass bald, nachdem Kreisler in die
Stelle seines verstorbenen Oheims getreten und Legationsrat geworden, ehe man
sich's versah, ein gewaltiger gekrönter Koloss den Fürsten in der Residenz
heimsuchte und ihn als seinen besten Freund so innig und herzlich in seine
eiserne Arme schloss, dass der Fürst darüber den besten Teil seines Lebensatems
verlor. Der Gewaltige hatte in seinem Tun und Wesen etwas ganz
Unwiderstehliches, und so kam es, dass seine Wünsche befriedigt werden mussten,
sollte auch, wie es wirklich geschah, darüber alles in Not und Verwirrung
geraten. Manche fanden die Freundschaft des Gewaltigen etwas verfänglich,
wollten sich wohl gar dagegen auflehnen, gerieten aber selbst darüber in das
verfängliche Dilemma, entweder die Vortrefflichkeit jener Freundschaft
anzuerkennen oder ausserhalb Landes einen andern Standpunkt zu suchen, um
vielleicht den Gewaltigen im richtigeren Licht zu erblicken.
    Kreisler befand sich unter diesen.
    Trotz seines diplomatischen Charakters hatte Kreisler geziemliche Unschuld
konserviert, und ebendeshalb gab es Augenblicke, in denen er nicht wusste, wozu
sich entschliessen. Eben in einem solchen Augenblick erkundigte er sich bei einer
hübschen Frau in tiefer Trauer, was sie überhaupt von Legationsräten halte. Sie
erwiderte vieles in zierlichen artigen Worten, am Ende kam aber so viel heraus,
dass sie von einem Legationsrat gar nicht viel halten könne, sobald er sich auf
entusiastische Weise mit der Kunst beschäftige, ohne sich ihr ganz zuzuwenden.
    »Vortrefflichste der Witwen,« sprach darauf Kreisler, »ich reisse aus!«
    Als er bereits Reisestiefeln angezogen und mit dem Hut in der Hand sich
empfehlen wollte, nicht ohne Rührung und gehörigen Abschiedsschmerz, steckte ihm
die Witwe den Ruf zur Kapellmeisterstelle bei dem Grossherzog, der das Ländchen
des Fürsten Irenäus verspeist, in die Tasche.
    Kaum ist es nötig, hinzuzufügen, dass die Dame in Trauer niemand anders war,
als die Rätin Benzon, die eben des Rates verlustig geworden, da der Gemahl
verstorben.
    Merkwürdigerweise trug es sich zu, dass die Benzon eben zu der Zeit, als -
    (M. f. f.) - Ponto gerade zu auf das Brot und Würste feilhaltende Mädchen
loshüpfte, die mich, da ich freundlich bei ihr zulangte, beinahe totgeschlagen.
»Mein Pudel Ponto, mein Pudel Ponto, was tust du, nimm dich in acht, hüte dich
vor der herzlosen Barbarin, vor dem rachedürstenden Wurstprinzip!« - So rief ich
hinter Ponto her, ohne auf mich zu achten, setzte er aber seinen Weg fort, und
ich folgte in der Ferne, um, sollte er in Gefahr geraten, mich gleich aus dem
Staube machen zu können. - Vor dem Tisch angekommen, richtete sich Ponto auf den
Hinterfüssen in die Höhe und tänzelte in den zierlichsten Sprüngen um das Mädchen
her, die sich darüber gar sehr erfreute. Sie rief ihn an sich, er kam, legte den
Kopf in ihren Schoss, sprang wieder auf, bellte lustig, hüpfte wieder um den
Tisch, schnupperte bescheiden und sah dem Mädchen freundlich in die Augen.
    »Willst du ein Würstchen, artiger Pudel?« So fragte das Mädchen, und als nun
Ponto, anmutig schwänzelnd, laut aufjauchzte, nahm sie zu meinem nicht geringen
Erstaunen eine der schönsten grössten Würste und reichte sie dem Ponto dar.
Dieser tanzte wie zur Danksagung noch ein kurzes Ballett und eilte dann zu mir
mit der Wurst, die er mit den freundlichen Worten hinlegte: »Da iss, erquicke
dich, Bester!« Nachdem ich die Wurst verzehrt, lud mich Ponto ein, ihm zu
folgen, er wolle mich zurückführen zum Meister Abraham.
    Wir gingen langsam nebeneinander her, so dass es uns nicht schwer fiel,
wandelnd vernünftige Gespräche zu führen.
    »Ich seh' es wohl ein,« (so begann ich die Unterredung) »dass du, geliebter
Ponto, es viel besser verstehst, in der Welt fortzukommen, als ich. Nimmermehr
würd' es mir gelungen sein, das Herz jener Barbarin zu rühren, welches dir so
ungemein leicht wurde. Doch verzeih! - In deinem ganzen Benehmen gegen die
Wurstverkäuferin lag doch etwas, wogegen mein innerer mir angeborner Sinn sich
auflehnt. Eine gewisse unterwürfige Schmeichelei, ein Verleugnen des
Selbstgefühls, der edleren Natur - nein! guter Pudel, nicht entschliessen könnte
ich mich, so freundlich zu tun, so mich ausser Atem zu setzen mit angreifenden
Manoeuvres, so recht demütig zu betteln, wie du es tatest. Bei dem stärksten
Hunger, oder wenn mich ein Appetit nach etwas Besonderem anwandelt, begnüge ich
mich, hinter dem Meister auf den Stuhl zu springen und meine Wünsche durch ein
sanftes Knurren anzudeuten. Und selbst dies ist mehr Erinnerung an die
übernommene Pflicht, für meine Bedürfnisse zu sorgen, als Bitte um eine
Wohltat.«
    Ponto lachte laut auf, als ich dies gesprochen, und begann denn: »O Murr,
mein guter Kater, du magst ein tüchtiger Literatus sein und dich wacker auf
Dinge verstehen, von denen ich gar keine Ahnung habe, aber von dem eigentlichen
Leben weisst du gar nichts und würdest verderben, da dir alle Weltklugheit
gänzlich abgeht. - Fürs erste würdest du vielleicht anders geurteilt haben, ehe
du die Wurst genossen, denn hungrige Leute sind viel artiger und fügsamer als
satte, dann aber bist du rücksichts meiner sogenannten Unterwürfigkeit in grossem
Irrtum. Du weisst ja, dass das Tanzen und Springen mir grosses Vergnügen macht, so
dass ich es oft auf meine eigene Hand unternehme. Treibe ich nun, eigentlich nur
zu meiner Motion, meine Künste vor den Menschen, so macht es mir ungemeinen
Spass, dass die Toren glauben, ich täte es aus besonderen Wohlgefallen an ihrer
Person und nur, ihnen Lust und Freude zu erregen. Ja, sie glauben das, sollte
auch eine andere Absicht ganz klar sein. Du hast, Geliebter, das lebendige
Beispiel davon soeben erfahren. Musste das Mädchen nicht gleich einsehen, dass es
mir nur um eine Wurst zu tun war, und doch geriet sie in volle Freude, dass ich
ihr, der Unbekannten, meine Künste vormachte, als einer Person, die dergleichen
zu schätzen vermögend, und eben in dieser Freude tat sie das, was ich bezweckte.
Der Lebenskluge muss es verstehen, allem, was er bloss seinetwegen tut, den
Anschein zu geben, als täte er es um anderer willen, die sich dann hoch
verpflichtet glauben und willig sind zu allem, was man bezweckte. Mancher
erscheint gefällig, dienstfertig, bescheiden, nur den Wünschen anderer lebend
und hat nichts im Auge als sein liebes Ich, dem die andern dienstbar sind, ohne
es zu wissen. Das, was du also unterwürfige Schmeichelei zu nennen beliebst, ist
nichts als weltkluges Benehmen, das in der Erkenntnis und der foppenden
Benutzung der Torheit anderer seine eigentlichste Basis findet.«
    »O Ponto,« erwiderte ich, »du bist ein Weltmann, das ist gewiss, und ich
wiederhole, dass du dich auf das Leben besser verstehst als ich, aber
demunerachtet kann ich kaum glauben, dass deine seltsamen Künste dir selbst
Vergnügen machen sollten. Wenigstens ist mir das entsetzliche Kunststück durch
Mark und Bein gegangen, als du in meiner Gegenwart deinem Herrn ein schönes
Stück Braten apportiertest, es sauber zwischen den Zähnen haltend, und nicht
eher einen Bissen davon genossest, bis dein Herr dir die Erlaubnis zuwinkte.«
    »Sage mir doch,« fragte Ponto, »sage mir doch, guter Murr, was sich nachher
begab!«
    »Beide,« erwiderte ich, »dein Herr und Meister Abraham, lobten dich über
alle Massen und setzten dir einen ganzen Teller mit Braten hin, den du mit
erstaunlichem Appetit verzehrtest.«
    »Nun,« fuhr Ponto fort, »nun also, bester Kater, glaubst du wohl, dass, hätt'
ich apportierend das kleine Stück Braten gefressen, dass ich dann eine solch
reichliche Portion und überhaupt Braten erhalten? Lerne, o unerfahrner Jüngling,
dass man kleine Opfer nicht scheuen darf, um Grosses zu erreichen. Mich wundert's,
dass bei deiner starken Lektüre dir nicht bekannt worden, was es heisst, die Wurst
nach der Speckseite werfen. - Pfote aufs Herz, muss ich dir gestehen, dass, träf'
ich einsam im Winkel einen ganzen schönen Braten an, ich ihn ganz gewiss
verzehren würde, ohne auf die Erlaubnis meines Herrn zu warten, könnt' ich das
nur unbelauscht vollbringen. Es liegt nun einmal in der Natur, dass man im Winkel
ganz anders handelt als auf offner Strasse. - Übrigens ist es auch ein aus tiefer
Weltkenntnis geschöpfter Grundsatz, dass es ratsam ist, in Kleinigkeiten ehrlich
zu sein.«
    Ich schwieg einige Augenblicke, über Pontos geäusserte Grundsätze
nachdenkend, mir fiel ein, irgendwo gelesen zu haben, ein jeder müsse so
handeln, dass seine Handlungsweise als allgemeines Prinzip gelten könne, oder wie
er wünsche, dass alle rücksichts seiner handeln möchten, und bemühte mich
vergebens, dies Prinzip mit Pontos Weltklugheit in Übereinstimmung zu bringen.
Mir kam in den Sinn, dass alle Freundschaft, die mir Ponto in dem Augenblick
erzeigte, wohl auch gar zu meinem Schaden, nur seinen eignen Vorteil bezwecken
könne, und ich äusserte dies unverhohlen.
    »Kleiner Schäker,« rief Ponto lachend, »von dir ist gar nicht die Rede! - Du
kannst mir keinen Vorteil gewähren, keinen Schaden verursachen. Um deine toten
Wissenschaften beneide ich dich nicht, dein Treiben ist nicht das meinige, und
solltest du dir es etwa beikommen lassen, feindliche Gesinnungen gegen mich zu
äussern, so bin ich dir an Stärke und Gewandteit überlegen. Ein Sprung, ein
tüchtiger Biss meiner scharfen Zähne würde dir auf der Stelle den Garaus machen.«
    Mich wandelte eine grosse Furcht an vor meinem eignen Freunde, die sich
vermehrte, als ein grosser schwarzer Pudel ihn freundlich nach gewöhnlicher Art
begrüsste und beide, mich mit glühenden Augen anblickend, leise miteinander
sprachen.
    Die Ohren angekniffen, drückte ich mich an die Seite, doch bald sprang
Ponto, den der Schwarze verlassen, wieder auf mich zu und rief: »Komm nur, mein
Guter!«
    »Ach Himmel,« fragte ich in der Bestürzung, »wer war denn der ernste Mann,
der vielleicht ebenso weltklug als du?«
    »Ich glaube gar,« erwiderte Ponto, »du fürchtest dich vor meinem guten
Oheim, dem Pudel Skaramuz? Ein Kater bist du schon und willst nun gar ein Hase
werden. -«
    »Aber«, sprach ich, »warum warf der Oheim mir solche glühende Blicke zu, und
was flüstertet ihr so heimlich, so verdächtig miteinander? -« - »Nicht
verhehlen,« erwiderte Ponto, »nicht verhehlen will ich's dir, mein guter Murr,
dass mein alter Oheim etwas mürrisch ist und, wie es denn nun bei alten Leuten
gewöhnlich der Fall, an verjährten Vorurteilen hängt. Er wunderte sich über
unser Beisammensein, da die Ungleichheit unsers Standes jede Annäherung
verbieten müsse. Ich versicherte, dass du ein junger Mann von vieler Bildung und
angenehmem Wesen wärst, der mich bisweilen sehr belustige. Da meinte er, denn
könne ich mich wohl dann und wann einsam mit dir unterhalten, nur solle ich's
mir nicht etwa einfallen lassen, dich mitzubringen in eine Pudelassemblee, da du
nun und nimmermehr assembleefähig werden könntest, schon deiner kleinen Ohren
halber, die nur zu sehr deine niedere Abkunft verrieten und von tüchtigen
grossgeohrten Pudeln durchaus für unanständig geachtet würden. - Ich versprach
das.«
    Hätt' ich schon damals etwas gewusst von meinem grossen Ahnherrn, dem
gestiefelten Kater, der Ämter und Würden erlangte, dem Busenfreunde König
Gottliebs, ich würde dem Freunde Ponto sehr leicht bewiesen haben, dass jede
Pudelassemblee sich geehrt fühlen müsse durch die Gegenwart eines Abkömmlings
aus der illustersten Familie, so musste ich, aus der Obskurität noch nicht
hervorgetreten, es aber leiden, dass beide, Skaramuz und Ponto, sich über mich
erhaben dünkten. - Wir schritten weiter fort. Dicht vor uns wandelte ein junger
Mann, der trat mit einem lauten Ausruf der Freude so schnell zurück, dass er
mich, sprang ich nicht schnell zur Seite, schwer verletzt haben würde. Ebenso
laut schrie ein anderer junger Mann, der, die Strasse herab, jenem entgegenkam.
Und nun stürzten sich beide in die Arme, wie Freunde, die sich lange nicht
gesehen, und wandelten dann eine Strecke vor uns her, Hand in Hand, bis sie
stillstanden und, ebenso zärtlich voneinander Abschied nehmend, sich trennten.
Der, der vor uns hergeschritten, sah dem Freunde lange nach und schlüpfte dann
schnell in ein Haus hinein. Ponto stand still, ich desgleichen. Da wurde im
zweiten Stock des Hauses, in das der junge Mann getreten, ein Fenster geöffnet,
ein bildhübsches Mädchen schaute heraus, hinter ihr stand der junge Mann, und
beide lachten sehr, dem Freunde nachschauend, von dem sich der junge Mann soeben
getrennt. Ponto sah herauf und murmelte etwas zwischen den Zähnen, welches ich
nicht verstand.
    »Warum weilst du hier, lieber Ponto, wollen wir nicht weiter gehen?« So
fragte ich, Ponto liess sich aber nicht stören, bis er nach einigen Augenblicken
heftig den Kopf schüttelte und dann schweigend den Weg fortsetzte.
    »Lass uns,« sprach er, als wir auf einen mit Bäumen umgebenen, mit Statuen
verzierten, anmutigen Platz gelangten, »lass uns hier ein wenig verweilen, guter
Murr. Mir kommen jene beiden jungen Männer, die sich so herzlich auf der Strasse
umarmten, nicht aus dem Sinn. Es sind Freunde wie Damon und Pylades.«
    »Damon und Pytias,« verbesserte ich, »Pylades war der Freund des Orestes,
den er jedesmal getreulich im Schlafrock zu Bette brachte und mit Kamillentee
bediente, wenn die Furien und Dämonen dem armen Mann zu hart zugesetzt. Man
merkt, guter Ponto, dass du in der Geschichte nicht sonderlich bewandert.«
    »Gleichviel,« fuhr der Pudel fort, »gleichviel, aber die Geschichte von den
beiden Freunden weiss ich sehr genau und will sie dir erzählen mit allen
Umständen, so wie ich sie zwanzigmal von meinem Herrn erzählen hörte. Vielleicht
wirst du neben Damon und Pytias, Orestes und Pylades als drittes Paar Walter
und Formosus nennen. Formosus ist nämlich derselbe junge Mann, der dich beinahe
zu Boden getreten, in der Freude, seinen geliebten Walter wiederzusehen. - Dort
in dem schönen Hause mit den hellen Spiegelfenstern wohnt der alte steinreiche
Präsident, bei dem sich Formosus durch seinen leuchtenden Verstand, durch seine
Gewandteit, durch sein glänzendes Wissen so einzuschmeicheln wusste, dass er dem
Alten bald war wie der eigne Sohn. Es begab sich, dass Formosus plötzlich all
seine Heiterkeit verlor, dass er blass aussah und kränklich, dass er in einer
Viertelstunde zehnmal aus tiefer Brust aufseufzte, als wolle er sein Leben
aushauchen, dass er, ganz in sich gekehrt, ganz in sich verloren, für nichts in
der Welt mehr seine Sinne aufschliessen zu können schien. - Lange Zeit hindurch
drang der Alte vergebens in den Jüngling, dass er ihm die Ursache seines geheimen
Kummers entdecken möge; endlich kam es heraus, dass er bis zum Tode verliebt war
in des Präsidenten einzige Tochter. Anfangs erschrak der Alte, der mit seinem
Töchterlein ganz andere Dinge im Sinne haben mochte, als sie an den rang- und
amtlosen Formosus zu verheiraten, als er aber den armen Jüngling immer mehr und
mehr hinwelken sah, ermannte er sich und fragte Ulriken, wie ihr der junge
Formosus gefalle, und ob er ihr schon etwas von seiner Liebe gesagt. - Ulrike
schlug die Augen nieder und meinte, erklärt habe sich der junge Formosus zwar
gar nicht gegen sie, aus lauter Zurückhaltung und Bescheidenheit, aber gemerkt
habe sie wohl längst, dass er sie liebe, denn so was sei wohl zu bemerken.
Übrigens gefalle ihr der junge Formosus recht wohl, und wenn sonst dem nichts im
Wege stände, und wenn der Herzenspapa nichts dagegen habe, und - kurz, Ulrike
sagte alles, was Mädchen bei derlei Gelegenheit zu sagen pflegen, die nicht mehr
in der ersten, vollsten Blüte stehen und fleissig denken: Wer wird der sein, der
dich heimführt? - Darauf sprach der Präsident zum Formosus: Richte dein Haupt
auf, mein junge! - Sei froh und glücklich, du sollst sie haben, meine Ulrike!
und so wurde Ulrike die Braut des jungen Herrn Formosus. Alle Welt gönnte dem
hübschen bescheidenen Jüngling sein Glück, nur einer geriet darüber in Gram und
Verzweiflung, und das war Walter, mit dem Formosus ein Herz und eine Seele
aufgewachsen. Walter hatte Ulriken einigemal gesehen, auch wohl gesprochen und
sich in sie verliebt, vielleicht noch viel ärger als Formosus! - Doch ich rede
immer von Liebe und verliebt sein und weiss nicht, ob du, mein Kater, schon
jemals in Liebe gewesen bist und also dies Gefühl kennst?« - »Was mich
betrifft,« erwiderte ich, »was mich betrifft, lieber Ponto, glaube ich nicht,
dass ich schon geliebt habe oder liebe, da ich mir bewusst bin, noch nicht in den
Zustand geraten zu sein, wie ihn mehrere Dichter beschreiben. Den Dichtern ist
nicht allemal ganz zu trauen, nach dem, was ich aber sonst darüber weiss und
gelesen habe, muss die Liebe eigentlich nichts anders sein als ein psychischer
Krankheitszustand, der sich bei dem menschlichen Geschlecht als partieller
Wahnsinn darin offenbart, dass man irgendeinen Gegenstand für etwas ganz anders
hält, als was er eigentlich ist, z.B. ein kleines dickes Ding von Mädchen,
welche Strümpfe stopft, für eine Göttin. Doch fahre nur fort, geliebter Pudel,
in deiner Erzählung von den beiden Freunden Formosus und Walter.« -
    »Walter« (so sprach Ponto weiter) »stürzte dem Formosus an den Hals und
sprach unter vielen Tränen: Du raubst mir das Glück meines Lebens, aber dass du
es bist, dass du glücklich wirst, das ist mein Trost, lebe wohl, mein Geliebter,
lebe wohl auf ewig! - Darauf lief Walter in den Busch, wo er am dicksten war,
und wollte sich totschiessen. Es unterblieb aber, weil er in der Verzweiflung
vergessen hatte, das Pistol zu laden, er begnügte sich daher mit einigen
Ausbrüchen des Wahnsinnes, die jeden Tag wiederkehrten. Eines Tages trat
Formosus, den er in vielen Wochen nicht gesehen, ganz unvermutet zu ihm hinein,
als er eben vor Ulrikens Pastellgemälde, das unter Glas und Rahmen an der Wand
hing, auf den Knieen lag und grässlich lamentierte: Nein, rief Formosus, indem er
den Walter an seine Brust drückte: nein, ich konnte deinen Schmerz, deine
Verzweiflung nicht ertragen, dir opfere ich gern mein Glück. - Ich habe Ulriken
entsagt, ich habe den alten Vater dahin gebracht, dass er dich zum Eidam annimmt!
- Ulrike liebt dich, vielleicht ohne es selbst zu wissen. - Bewirb dich um sie,
ich scheide! - lebe wohl! - Er wollte fort, Walter hielt ihn fest. Es war
diesem, als läge er im Traum, er glaubte an alles nicht früher, als bis Formosus
ein eigenhändiges Billett des alten Präsidenten hervorzog, worin es ungefähr
hiess: Edler Jüngling! du hast gesiegt, ungern lasse ich dich, aber ich ehre
deine Freundschaft, die dem Heroismus gleicht, von welchem man in den alten
Skribenten lieset. Mag Herr Walter, der ein Mann ist von löblichen Eigenschaften
und ein schönes einträgliches Amt hat, sich um meine Tochter Ulrike bewerben,
will sie ihn ehelichen, so habe ich meinerseits nichts dagegen. Formosus
verreiste wirklich, Walter bewarb sich um Ulriken, Ulrike wurde wirklich Walters
Frau. - Der alte Präsident schrieb nun nochmals an Formosus, überhäufte ihn mit
Lobsprüchen und fragte, ob es ihm vielleicht Vergnügen machen würde, nicht etwa
als Entschädigung, denn er wisse wohl, dass es in solchem Fall keine gebe,
sondern nur als ein geringes Zeichen seiner innigen Zuneigung dreitausend Taler
anzunehmen. Formosus antwortete, der Alte kenne die Geringfügigkeit seiner
Bedürfnisse, Geld mache, könne ihn nicht glücklich machen und nur die Zeit ihn
trösten über einen Verlust, an dem niemand schuld sei, als das Schicksal,
welches in der Brust des teuren Freundes die Liebe zu Ulriken entzündet, und nur
dem Schicksal sei er gewichen, von irgendeiner edlen Tat daher gar nicht die
Rede. Übrigens nehme er das Geschenk an unter der Bedingung, dass der Alte es
einer armen Witwe, die da und da mit einer tugendhaften Tochter in trostlosem
Elende lebe, zuwende. Die Witwe wurde ausfindig gemacht und erhielt die dem
Formosus zugedachten dreitausend Reichstaler. Bald darauf schrieb Walter dem
Formosus: Ich kann nicht mehr leben ohne dich, kehre zurück in meine Arme!
Formosus tat es und erfuhr, als er gekommen, dass Walter seinen schönen
einträglichen Posten aufgegeben, unter der Bedingung, dass Formosus, der sich
längst einen ähnlichen gewünscht, ihn erhalte. Formosus erhielt den Posten
wirklich und geriet, rechnete man die getäuschte Hoffnung rücksichts der Heirat
mit Ulriken ab, in die behaglichste Lage. Stadt und Land erstaunte über den
Wettstreit des Edelmuts beider Freunde, ihre Tat wurde als Nachklang aus einer
längst vergangenen schönern Zeit vernommen, als Beispiel aufgestellt eines
Heroismus, dessen nur hohe Geister fähig.«
    »In der Tat,« begann ich, als Ponto schwieg, »in der Tat, nach allem, was
ich gelesen, müssen Walter und Formosus edle kräftige Menschen sein, die in
treuer Aufopferung füreinander nichts von deiner gerühmten Weltklugheit wissen.«
    »Hm,« erwiderte Ponto hämisch lächelnd, »es kommt darauf an! - Ein paar
Umstände, von denen die Stadt keine Notiz genommen, und die ich zum Teil von
meinem Herrn erfahren, teils selbst belauscht habe, sind noch nachzuholen. - Mit
der Liebe des Herrn Formosus zu der reichen Präsidententochter muss es doch nicht
so arg gewesen sein, wie der Alte glaubte, denn im höchsten Stadium dieser
tötenden Leidenschaft unterliess der junge Mann nicht, nachdem er den Tag über
verzweifelt, jeden Abend eine hübsche niedliche Putzmacherin zu besuchen. Als
Ulrike nun aber seine Braut worden, fand er bald, dass das engelsmilde Fräulein
das eigne Talent besass, sich bei schicklicher Gelegenheit plötzlich in einen
kleinen Satan zu verwandeln. Ausserdem kam ihm aus sichrer Quelle die
verdriessliche Nachricht zu, dass Fräulein Ulrike in der Residenz, was Liebe und
Liebesglück betrifft, ganz besondere Erfahrungen gemacht, und nun ergriff ihn
plötzlich ein unwiderstehlicher Edelmut, vermöge dessen er die reiche Braut dem
Freunde abtrat. Walter hatte sich in seltsamer Verwirrung in Ulriken, die er an
öffentlichen Orten im höchsten Glanz aller Toilettenkünste gesehen, wirklich
verliebt, und Ulriken ihrerseits war es ziemlich einerlei, wer von beiden sich
ihr als Gemahl anheftete, Formosus oder Walter. Dieser hatte auch wirklich ein
schönes einträgliches Amt, bei dessen Verwaltung aber solche krause Streiche
gemacht, dass er der Entsetzung binnen weniger Zeit entgegensehen musste. Er zog
es vor, früher zugunsten seines Freundes den Abschied zu nehmen und so durch
einen Akt, der alle Kennzeichen der edelsten Gesinnung trug, seine Ehre zu
retten. Die dreitausend Taler wurden in guten Papieren einer alten, sehr
anständigen Frau eingehändigt, die zuweilen die Mutter, zuweilen die Muhme,
zuweilen die Aufwärterin jener hübschen Putzmacherin vorstellte. Bei diesem
Geschäft erschien sie in doppelter Gestalt. Erst bei dem Empfang des Geldes als
Mutter, dann, als sie das Geld überbrachte und einen guten Tragelohn empfing,
als Aufwärterin des Mädchens, die du kennst, lieber Murr, da sie eben erst mit
dem Herrn Formosus zum Fenster hinausschaute. - Übrigens wissen beide, Formosus
und Walter, längst, auf welche Weise sie sich in edelmütiger Gesinnung
überboten, sie haben sich, um wechselseitigen Lobeserhebungen auszuweichen,
lange vermieden, und deshalb waren ihre heutigen Begrüssungen, als der Zufall sie
auf der Strasse zusammenführte, so herzlich.« -
    In dem Augenblick entstand ein fürchterlicher Lärm. Die Menschen liefen
durcheinander, schrien: »Feuer! - Feuer!« Reuter sprengten durch die Strassen -
Wagen rasselten. - Aus den Fenstern eines Hauses, unfern uns, strömten
Rauchwolken und Flammen. - Ponto sprang schnell vorwärts, ich aber in der Angst
kletterte eine hohe Leiter hinauf, die an ein Haus gelehnt, und befand mich bald
auf dem Dache in voller Sicherheit. Plötzlich kam mir -
    (Mak. Bl.) »- ganz unvermutet über den Hals,« sprach Fürst Irenäus, »ohne
Anfrage des Hofmarschalls, ohne Vorwort des diensttuenden Kammerherrn, beinahe -
ich sag' Euch das unter uns, Meister Abraham, bringt es nicht etwa unter die
Leute - beinahe unangemeldet - keine Liverei in den Vorzimmern. Die Esel
spielten Brausebart im Vestibule. Spielen ist ein grosses Laster. Schon in die
Türe getreten, erwischte ihn der Tafeldecker, der zum Glück gerade durchging,
beim Rockschoss und fragte, wer der Herr sei, und wie er ihn dem Fürsten
servieren solle. Aber er hat mir wohl gefallen, es ist ein ganz artiger Mensch.
Sagtet Ihr nicht, dass er sonst nichts weniger gewesen wäre als ein purer simpler
Musikant? sogar von einigem Stande?« -
    Meister Abraham versicherte, dass Kreisler allerdings sonst in ganz anderen
Verhältnissen gelebt, die es ihm sogar vergönnt, an der fürstlichen Tafel zu
speisen, und dass nur der verwüstende Sturm der Zeit ihn aus diesen Verhältnissen
vertrieben. Übrigens wünsche er aber, dass der Schleier, den er über die
Vergangenheit geworfen, unverrückt liegen bleiben möge.
    »Also,« nahm der Fürst das Wort, »also von Adel, vielleicht Baron - Graf -
vielleicht gar - Nun, man muss nicht zu weit gehen in träumerischer Hoffnung! -
Ich habe ein Faible für dergleichen Mysterien! Es war eine schöne Zeit nach der
französischen Revolution, als Marquis Siegellack fabrizierten und Comtes
Nachtmützen strickten von Filet und nichts sein wollten als simple Monsieurs,
und man sich erlustigte auf dem grossen Maskenball. - Ja, was den Herrn von
Kreisler betrifft! - Die Benzon versteht sich auf so etwas, sie rühmte ihn, sie
empfahl mir ihn, sie hat recht. An der Manier, den Hut unter dem Arm zu halten,
erkannte ich gleich den Mann von Bildung, von feinem geläutertem Ton.«
    Der Fürst setzte noch einiges Lob über Kreislers äussere Erscheinung hinzu,
so dass Meister Abraham überzeugt war, sein Plan müsse gelingen. Er hatte nämlich
im Sinn, den Herzensfreund dem eingebildeten Hofstaat einzuschieben als
Kapellmeister und ihn so in Sieghartsweiler festzuhalten. Als er nun aber aufs
neue davon sprach, erwiderte der Fürst ganz entschieden, dass daraus ganz und gar
nichts werden könne.
    »Sagt selbst,« fuhr er dann fort, »sagt selbst, Meister Abraham, ob es
möglich sein würde, den angenehmen Mann in meinen engeren Familienkreis zu
ziehen, wenn ich ihn zum Kapellmeister und so zu meinem Offizianten mache? - Ich
könnte ihm eine Hofcharge verleihen und ihn zum Maitre de Plaisir oder des
Spectacles machen, aber der Mann versteht die Musik aus dem Grunde und ist auch,
wie Ihr sagt, im Teaterwesen wohl erfahren. Nun weiche ich aber nicht ab von
dem Grundsatz meines höchstseligen, in Gott ruhenden Herrn Vaters, der immer
behauptete, besagter Maitre müsse um des Himmels willen sich auf die Sachen,
deren Maitre er repräsentiere, nicht verstehen, da er sich sonst gar zu sehr
darum bekümmere und sich viel zu sehr für die Menschen, die dabei beschäftigt,
als da sind Schauspieler, Musikanten u.s.w., interessiere - Also dafür behalte
Herr von Kreisler die Maske des fremden Kapellmeisters und schreite damit hinein
in die inneren Gemächer des fürstlichen Hauses nach dem Beispiel eines
hinlänglich vornehmen Mannes, der vor einiger Zeit in der freilich verwerflichen
Maske eines schnöden Histrionen die auserlesensten Zirkel mit den unmutigsten
Faxen amüsierte.«
    »Und,« rief der Fürst dem Meister Abraham, der sich fortbegeben wollte, zu,
»und da Ihr gewissermassen den Chargé d'Affaires des Herrn von Kreisler zu machen
scheinet, so will ich es Euch nicht verhehlen, dass nur zwei Dinge mir nicht
recht an ihm gefallen wollen, die vielleicht mehr Gewohnheiten sind als
wirkliche Dinge. - Ihr versteht schon, wie ich das meine. - Fürs erste starrt er
mir, wenn ich mit ihm spreche, geradezu ins Antlitz. Ich habe doch konsiderable
Augen, kann fürchterlich daraus blitzen, wie weiland Friedrich der Grosse, kein
Kammerjunker, kein Page wagt es aufzuschauen, wenn ich, den entsetzlichen Blick
auf ihn schiessend, frage, ob das mauvais sujet schon wieder Schulden gemacht
oder den Marzipan aufgefressen, aber der Herr von Kreisler, den mag ich
anblitzen, wie ich will, er macht sich gar nichts daraus, sondern lächelt mich
an auf eine Weise, dass - ich selbst die Augen niederschlagen muss. Dann hat der
Mann eine solche besondere Art zu sprechen, zu antworten, das Gespräch
fortzuführen, dass man zuweilen ordentlich glaubt, das, was man selbst gesagt,
sei eben nicht sonderlich gewesen, man wäre gewissermassen eine Be - Beim St.
Januar, Meister, das ist ganz unausstehlich, und Ihr müsst dafür sorgen, dass Herr
von Kreisler sich diese Dinge oder Gewohnheiten abgewöhne.«
    Meister Abraham versprach zu tun, was Fürst Irenäus von ihm verlangte, und
wollte aufs neue davon, da erwähnte der Fürst noch des besondern Widerwillens,
den Prinzessin Hedwiga gegen den Kreisler geäussert, und meinte, dass das Kind
seit einiger Zeit von seltsamen Träumen und Einbildungen geplagt werde, weshalb
der Leibarzt die Molkenkur zum nächsten Frühjahr angeraten. Hedwiga sei nämlich
jetzt auf den sonderbaren Gedanken geraten, dass Kreisler dem Tollhause
entsprungen und allerlei Unheil anrichten werde bei nächster Gelegenheit.
    »Sagt,« sprach der Fürst, »sagt, Meister Abraham, ob der vernünftige Mann
wohl nur die mindeste Spur der Geisteszerrüttung an sich trägt?« Abraham
erwiderte, dass Kreisler zwar ebensowenig verrückt sei als er selbst, jedoch sich
zuweilen etwas seltsam gebärde und in einen Zustand gerate, der beinahe dem des
Prinzen Hamlet zu vergleichen, dadurch aber nur um so interessanter werde. -
»Soviel wie ich weiss,« nahm der Fürst das Wort, »war der junge Hamlet ein
vortrefflicher Prinz aus einem alten angesehenen Regentenhause, der sich nur
zuzeiten mit der sonderbaren Idee herumtrug, dass sämtliche Hofleute sich auf das
Flötenblasen verstehen sollten. Hohen Personen steht es wohl an, auf Seltsames
zu verfallen, es vermehrt den Respekt. Was bei dem Mann ohne Rang und Stand eine
Absurdität zu nennen, ist bei ihnen bloss die angenehme Kapriole eines ungemeinen
Geistes, welche Staunen erregen muss und Bewunderung. - Herr von Kreisler sollte
fein im geraden Wege bleiben, will er aber durchaus den Prinzen Hamlet
imitieren, so ist das ein schönes Streben nach dem Höheren, vielleicht veranlasst
durch seine überwiegende Neigung zu den musikalischen Studien. Man mag es ihm
verzeihen, wenn er bisweilen sich wunderlich betragen will.« -
    Es schien, als wenn Meister Abraham heute nun einmal nicht aus dem Zimmer
des Fürsten kommen sollte; denn wiederum rief der Fürst ihn zurück, als er schon
die Türe geöffnet, und verlangte zu wissen, woher der seltsame Widerwille der
Prinzessin Hedwiga gegen den Kreisler wohl rühren möge. Meister Abraham erzählte
die Art, wie Kreisler der Prinzessin und Julien zum erstenmal im Park zu
Sieghartshof erschienen, und meinte, dass die aufgeregte Stimmung, in der der
Kapellmeister damals gewesen, auf eine Dame von zarten Nerven wohl habe
feindlich wirken müssen.
    Der Fürst gab mit einiger Heftigkeit zu erkennen, wie er hoffe, dass Herr von
Kreisler nicht wirklich zu Fusse nach Sieghartshof gekommen, sondern dass der
Wagen hier oder dort im breiten Fahrwege des Parks gehalten, da nur gemeine
Abenteurer zu Fusse zu reisen pflegten.
    Meister Abraham meinte, dass man zwar das Beispiel eines tapfern Offiziers
vor Augen habe, der von Leipzig nach Syrakus gelaufen, ohne sich ein einziges
Mal die Stiefeln versohlen zu lassen, was aber den Kreisler betreffe, so sei er
überzeugt, dass ein Wagen wirklich im Park gehalten. - Der Fürst war zufrieden. -
    Während sich dies im Gemach des Fürsten begab, sass Johannes bei der Rätin
Benzon vor dem schönsten Flügel, den jemals die kunstreiche Nannette Streicher
gebaut, und begleitete Julien das grosse leidenschaftliche Rezitativ der
Klytämnestra aus Glucks »Iphigenia in Aulis«. -
    Gegenwärtiger Biograph ist leider genötigt, seinen Helden, soll das Porträt
richtig sein, als einen extravaganten Menschen darzustellen, der, vorzüglich was
die musikalische Begeisterung betrifft, oft dem ruhigen Beobachter beinahe wie
ein Wahnsinniger erscheint. Er hat ihm schon die ausschweifende Redensart
nachschreiben müssen, dass »als Julia sang, aller sehnsüchtige Schmerz der Liebe,
alles Entzücken süsser Träume, die Hoffnung, das Verlangen durch den Wald wogte
und niederfiel wie erquickender Tau in die duftenden Blumenkelche, in die Brust
horchender Nachtigallen.« Kreislers Urteil über Julias Gesang scheint hiernach
eben nicht von sonderlichem Wert. Versichern kann aber bemeldeter Biograph bei
dieser Gelegenheit dem günstigen Leser, dass Julias Gesang, den er, dem Himmel
sei's geklagt, niemals selbst hörte, etwas Geheimnisvolles, etwas ganz
Wunderbares in sich getragen haben muss. Ungemein solide Leute, die sich erst
seit kurzer Zeit den Zopf wegschneiden lassen, die, nachdem sie einen tüchtigen
Rechtsfall, eine malitiös merkwürdige Krankheit oder einen jungen Ankömmling von
Strassburger Pastete gehörig erprobt, der Umgang mit Gluck, Mozart, Beetoven,
Spontini im Teater nicht im mindesten aus der schicklichen Seelenruhe brachte,
ja, solche Leute haben oft versichert, dass, sänge das Fräulein Julia Benzon,
ihnen ganz absonderlich zumute würde, sie könnten gar nicht sagen, wie. Eine
gewisse Beklommenheit, die ihnen denn doch ein unbeschreibliches Wohlbehagen
errege, bemächtige sich ihrer ganz und gar, und oft kämen sie auf den Punkt,
Narrenstreiche zu machen und sich zu gebärden wie junge Phantasten und
Versmacher. Anzuführen ist auch ferner, dass einmal, als Julia bei Hofe sang,
Fürst Irenäus vernehmlich ächzte, und als der Gesang geendet, geradezu
losschritt auf Julien, ihre Hand an den Mund drückte und dabei sehr weinerlich
sprach: »Bestes Fräulein!« - Der Hofmarschall wagte zu behaupten, Fürst Irenäus
habe der kleinen Julia wirklich die Hand geküsst, und dabei wären ihm ein paar
Tränen aus den Augen getröpfelt. Auf Anlass der Oberhofmeisterin wurde aber diese
Behauptung als ungeziemend und dem Wohl des Hofes zuwider unterdrückt.
    Julia, einer vollen metallreichen, glockenreinen Stimme mächtig, sang mit
dem Gefühl, mit der Begeisterung, die aus dem im Innersten bewegten Gemüt
hervorströmt, und darin mochte wohl der wunderbare unwiderstehliche Zauber
liegen, den sie auch heute übte. Der Atem jedes Zuhörers stockte, als sie sang,
jeder fühlte seine Brust beengt von süssem namenlosen Weh, erst ein paar
Augenblicke nachher, als sie geendet, brach das Entzücken los im stürmischen
ungemessensten Beifall. Nur Kreisler sass da, stumm und starr, zurückgelehnt in
den Sessel; dann stand er leise und langsam auf, Julia wandte sich zu ihm mit
einem Blick, der deutlich fragte: »War es denn auch wohl so recht?« - Errötend
schlug sie aber die Augen nieder, als Kreisler, die Hand aufs Herz legend, mit
zitternder Stimme lispelte: »Julia!« und dann mit gebücktem Haupte mehr schlich
als ging hinter den Kreis, den die Damen geschlossen.
    Mit Mühe hatte die Rätin Benzon Prinzessin Hedwiga dahin vermocht, in der
Abendgesellschaft zu erscheinen, wo sie den Kapellmeister Kreisler antreffen
musste. Sie gab nur nach, als die Rätin ihr sehr ernstaft vorstellte, wie
kindisch es sein würde, einen Mann zu meiden, bloss weil er nicht zu den auf eine
Art und Weise wie Scheidemünze ausgeprägten zu rechnen, sondern sich in freilich
hin und wieder bizarrer Eigentümlichkeit darstelle. Zudem habe Kreisler auch
Eingang gefunden bei dem Fürsten, und unmöglich würd' es daher sein, den
seltsamen Eigensinn durchzuführen.
    Prinzessin Hedwiga wusste sich den ganzen Abend über so geschickt zu drehen
und zu wenden, dass Kreisler, dem es, harmlos und gefügig, wie er war, wirklich
galt, die Prinzessin zu versöhnen, alles Mühens unerachtet sich nicht ihr nähern
konnte. Den geschicktesten Manoeuvres wusste sie zu begegnen mit schlauer Taktik.
- Desto mehr musste der Benzon, die das alles bemerkt, es auffallen, als die
Prinzessin jetzt plötzlich den Kreis der Damen durchbrach und geradezu
losschritt auf den Kapellmeister. So tief in sich versunken stand Kreisler da,
dass erst die Anrede der Prinzessin, ob er allein denn keine Zeichen, keine Worte
habe für den Beifall, den Julia errungen, ihn aus dem Traume weckte.
    »Gnädigste,« erwiderte Kreisler mit einem Ton, der die innere Bewegung
verriet, »Gnädigste, nach der bewährten Meinung berühmter Schriftsteller haben
die Seligen statt des Worts nur Gedanken und Blick. - Ich war, glaub' ich, im
Himmel!«
    »So ist«, erwiderte die Prinzessin lächelnd, »unsere Julia ein Engel des
Lichts, da sie vermochte, Ihnen das Paradies zu erschliessen. - Jetzt bitte ich
Sie aber, auf einige Augenblicke den Himmel zu verlassen und einem armen
Erdenkinde, wie ich es nun einmal bin, Gehör zu geben.« -
    Die Prinzessin hielt inne, als erwarte sie, dass Kreisler etwas sage. Da
dieser sie aber schweigend anschaute mit leuchtendem Blick, schlug sie die Augen
nieder und wandte sich rasch um, so dass der leicht umgeworfene Shawl von den
Schultern hinabwallte. Kreisler fasste ihn im Fallen. Die Prinzessin blieb
stehen. »Lassen Sie uns,« sprach sie dann mit unsicherm schwankendem Ton, als
ringe sie mit irgendeinem Entschluss, als würd' es ihr schwer, es herauszusagen,
was sie im Innern beschlossen - »lassen Sie uns von poetischen Dingen ganz
prosaisch reden. Ich weiss, Sie geben Julien Unterricht im Gesange, und ich muss
gestehen, dass sie seit der Zeit in Stimme und Vortrag unendlich gewann. Das gibt
mir die Hoffnung, dass Sie imstande wären, selbst ein mittelmässiges Talent, wie
das meinige, zu heben. - Ich meine, dass -«
    Die Prinzessin stockte hocherrötend, die Benzon trat hinzu und versicherte,
dass die Prinzessin sich selbst grosses Unrecht tue, wenn sie ihr musikalisches
Talent mittelmässig nenne, da sie das Pianoforte vorzüglich spiele und recht
ausdrucksvoll singe. Kreisler, dem die Prinzessin in ihrer Verlegenheit auf
einmal über alle Massen liebenswürdig erschien, ergoss sich in einen Strom
freundlicher Redensarten und schloss damit, dass ihm nichts Glücklicheres begegnen
könne, als wenn die Prinzessin es vergönne, ihr beizustehen im Studium der Musik
mit Rat und Tat.
    Die Prinzessin hörte den Kapellmeister an mit sichtlichem Wohlgefallen, und
als er geendet und der Benzon Blick ihr die seltsame Scheu vor dem artigen Mann
vorwarf, da sprach sie halb leise: »Ja, ja, Benzon, Sie haben recht, ich bin
wohl oft ein kindisches Kind! -« In demselben Augenblick fasste sie, ohne
hinzublicken, nach dem Shawl, den Kreisler noch immer in den Händen hielt, und
den er ihr nun hinreichte. Selbst wusste er nicht, wie es sich begab, dass er
dabei der Prinzessin Hand berührte. Aber ein heftiger Pulsschlag dröhnte ihm
durch alle Nerven, und es war, als wollten ihm die Sinne vergehen. -
    Wie einen Lichtstrahl, der durch finstere Wolken bricht, vernahm Kreisler
Juliens Stimme. »Ich soll,« sprach sie, »ich soll noch mehr singen, lieber
Kreisler, man lässt mir keine Ruhe. - Wohl möchte ich das schöne Duett versuchen,
das Sie mir letztin gebracht.« - »Sie dürfen das,« nahm die Benzon das Wort,
»Sie dürfen das meiner Julie nicht abschlagen, lieber Kapellmeister - fort an
den Flügel!« -
    Kreisler, keines Wortes mächtig, sass am Flügel, schlug die ersten Akkorde
des Duetts an, wie von einem seltsamen Rausch betört und befangen. Julia begann:
»Ah che mi manca l'anima in si fatal momento« - - Es ist nötig zu sagen, dass die
Worte dieses Duetts nach gewöhnlicher italischer Weise ganz einfach die Trennung
eines liebenden Paars aussprachen, dass auf momento natürlicherweise sento und
tormento gereimt war, und dass es, wie in hundert andern Duetten ähnlicher Art,
auch nicht an dem Abbi pietade o cielo und an der pena di morir fehlte. Kreisler
hatte indessen diese Worte in der höchsten Aufregung des Gemüts mit einer
Inbrunst komponiert, die beim Vortrage jeden, dem der Himmel nur passable Ohren
gegeben, unwiderstehlich hinreissen musste. Das Duett war den leidenschaftlichsten
dieser Art an die Seite zu stellen und, da Kreisler nur nach dem höchsten
Ausdruck des Moments und nicht darnach strebte, was eben ganz ruhig und bequem
von der Sängerin aufzufassen, in der Intonation ziemlich schwer geraten. So kam
es, dass Julia schüchtern, mit beinahe ungewisser Stimme begann, und dass Kreisler
eben nicht viel besser eintrat. Bald erhoben sich aber beide Stimmen auf den
Wellen des Gesanges wie schimmernde Schwäne und wollten bald mit rauschendem
Flügelschlag emporsteigen zu dem goldnen strahlenden Gewölk, bald in süsser
Liebesumarmung sterbend untergehen in dem brausenden Strom der Akkorde, bis tief
aufatmende Seufzer den nahen Tod verkündeten und das letzte Addio in dem Schrei
des wilden Schmerzes wie ein blutiger Springquell herausstürzte aus der
zerrissenen Brust.
    Niemand befand sich in dem Kreise, den das Duett nicht tief ergriffen,
vielen standen die hellen Tränen in den Augen, selbst die Benzon gestand, dass
sie selbst im Teater bei irgendeiner gut dargestellten Abschiedsszene Ähnliches
noch nicht empfunden. Man überhäufte Julien und den Kapellmeister mit
Lobsprüchen, man sprach von der wahren Begeisterung, die beide beseelt, und
stellte die Komposition vielleicht noch höher, als sie es verdiente.
    Der Prinzessin Hedwiga hatte man während des Gesanges die innere Bewegung
wohl angemerkt, unerachtet sie bemüht war, ruhig zu scheinen, ja durchaus jede
Teilnahme zu verbergen. Neben ihr sass ein junges Ding von Hofdame mit roten
Wangen, zum Weinen und Lachen gleich aufgelegt, der raunte sie allerlei in die
Ohren, ohne dass es ihr gelang, irgend andere Antwort zu erhalten als einzelne
Wörter, in der Angst der höfischen Konvenienz ausgestossen. Auch der Benzon, die
an der andern Seite sass, flüsterte sie gleichgültige Dinge zu, als höre sie gar
nicht auf das Duett; die nach ihrer strengen Manier bat aber die Gnädigste, die
Unterhaltung aufzusparen bis nach geendetem Duett. Jetzt aber sprach die
Prinzessin, im ganzen Gesicht glühend, mit blitzenden Augen so laut, dass sie die
Lobsprüche der ganzen Gesellschaft übertönte: »Es wird mir nun wohl erlaubt
sein, auch meine Meinung zu sagen. Ich gebe zu, dass das Duett als Komposition
seinen Wert haben mag, dass meine Julie vortrefflich gesungen hat, aber ist es
recht, ist es billig, dass man im gemütlichen Zirkel, wo freundliche Unterhaltung
obenanstehen soll, wo wechselseitige Anregungen Rede, Gesang forttreiben sollen
wie einen zwischen Blumenbeeten sanft murmelnden Bach, dass man da extravagante
Sachen auftischt, die das Innere zerschneiden, deren gewaltsamen zerstörenden
Eindruck man nicht verwinden kann? Ich habe mich bemüht, mein Ohr, meine Brust
zu verschliessen dem wilden Schmerz des Orkus, den Kreisler mit unser leicht
verletzliches Inneres verhöhnender Kunst in Tönen aufgefasst hat, aber niemand
war so gütig, sich meiner anzunehmen. Gern will ich meine Schwäche Ihrer Ironie
preisgeben, Kapellmeister, gern will ich gestehen, dass der üble Eindruck Ihres
Duetts mich ganz krank gemacht hat. - Gibt es denn keinen Cimarosa, keinen
Paesiello, deren Kompositionen recht für die Gesellschaft geschrieben sind?«
    »O Gott,« rief Kreisler, indem sein Gesicht in dem mannigfaltigsten
Muskelspiel vibrierte, wie es allemal zu geschehen pflegte, wenn der Humor
aufstieg in dem Innern, »o Gott, gnädigste Prinzessin! - wie ganz bin ich
ärmster Kapellmeister Ihrer gütigen gnädigen Meinung! - Ist es nicht gegen alle
Sitte und Kleiderordnung, die Brust mit all der Wehmut, mit all dem Schmerz, mit
all dem Entzücken, das darin verschlossen, anders in die Gesellschaft zu tragen,
als dick verhüllt mit dem Fichu vortrefflicher Artigkeit und Konvenienz? Taugen
denn alle Löschanstalten, die der gute Ton überall bereitet, taugen sie wohl
was, sind sie wohl hinlänglich, um das Naphtafeuer zu dämpfen, das hie und da
hervorlodern will? Spült man noch so viel Tee, noch so viel Zuckerwasser, noch
so viel honettes Gespräch, ja noch so viel angenehmes Dudeldumdei hinunter, doch
gelingt es diesem, jenem freveligen Mordbrenner, eine Congrevische Rakete ins
Innere zu werfen, und die Flamme leuchtet empor, leuchtet und brennt sogar,
welches dem puren Mondschein niemals geschieht! - Ja! gnädigste Prinzessin! -
ja, ich! - aller Kapellmeister hienieden unseligster, ich habe schändlich
gefrevelt mit dem entsetzlichen Duett, das wie ein höllisches Feuerwerk mit
allerlei Leuchtkugeln, Schwanzraketen, Schwärmern und Kanonenschlägen durch die
ganze Gesellschaft gefahren ist und, leider merk' ich's, fast überall gezündet
hat! - Ha! - Feuer - Feuer - Mordio! - es brennt - Spritzenhaus auf - Wasser -
Wasser- Hilfe, rettet!«
    Kreisler stürzte zu auf den Notenkasten, zog ihn hervor unter dem Flügel,
öffnete ihn - warf die Noten umher, riss eine Partitur heraus, es war Paesiellos
»Molinara«, setzte sich an das Instrument, begann das Ritornell der bekannten
hübschen Ariette: »La Rachelina molinarina«, mit der die Müllerin auftritt -
    »Aber lieber Kreisler!« sprach Julie ganz schüchtern und erschrocken.
    Doch Kreisler warf sich vor Julien nieder auf beide Knie und flehte:
»Teuerste, holdseligste Julia! Erbarmen Sie sich der hochverehrten Gesellschaft,
giessen Sie Trost in die hoffnungslosen Gemüter, singen Sie die Rachelina!
    - Tun Sie es nicht, so bleibt mir nichts übrig, als mich hier vor Ihren
sichtlichen Augen hinabzustürzen in die Verzweiflung, an deren Rand ich mich
bereits befinde, und Sie halten den verlornen Maitre de la Chapelle vergebens am
Rockschoss, denn indem Sie gutmütig rufen: Bleibe bei uns, o Johannes! so ist er
schon hinabgefahren zum Acheron und wagt im dämonischen Shawltanz die
allerzierlichsten Sprünge: darum singen Sie, Werte!«
    Julia tat, wiewohl, so schien es, mit einigem Widerwillen, warum Kreisler
sie gebeten.
    Sowie die Ariette geendet, begann Kreisler sofort das bekannte komische
Duett des Notars mit der Müllerin. -
    Julias Gesang in Stimme und Metode neigte sich ganz zum Ernsten,
Patetischen, demungeachtet stand ihr eine Laune zu Gebote, wenn sie komische
Sachen vortrug, die die reizendste Liebenswürdigkeit selbst war. Kreisler hatte
sich den seltsamen, aber unwiderstehlich hinreissenden Vortrag der italienischen
Buffi zu eigen gemacht, das ging heute aber beinahe bis zur Übertreibung, denn
indem Kreislers Stimme nicht dieselbe schien, da sie dem höchsten dramatischen
Ausdruck in tausend Nuancen sich fügte, so schnitt er dabei auch solche
absonderliche Gesichter, die einen Cato zum Lachen gebracht hätten.
    Es konnte nicht fehlen, dass alle laut aufjauchzten, losbrachen in
schallendem Gelächter.
    Kreisler küsste Julien entzückt die Hand, die sie ihm ganz unmutig schnell
wegzog. »Ach,« sprach Julie, »ach, Kapellmeister, ich kann mich nun einmal in
Ihre seltsame Launen - abenteuerliche möcht' ich sie nennen, ich kann mich nun
einmal gar nicht darin finden! - Dieser Todessprung von einem Extrem zum andern
zerschneidet nur die Brust! - Ich bitte Sie, lieber Kreisler, verlangen Sie
nicht mehr, dass ich mit tief bewegtem Gemüt, wenn noch die Töne der tiefsten
Wehmut widerklingen in meinem Innern, dass ich dann Komisches singe, sei es auch
noch so artig und hübsch. Ich weiss es - ich vermag es, ich setze es durch, aber
es macht mich ganz matt und krank. - Verlangen Sie es nicht mehr! - Nicht wahr,
Sie versprechen mir das, lieber Kreisler?« -
    Der Kapellmeister wollte antworten, in dem Augenblick umarmte aber die
Prinzessin Julien, stärker, ausgelassener lachend, als es irgendeine
Oberhofmeisterin für schicklich halten oder verantworten kann.
    »Komm an meine Brust,« rief sie, »du aller Müllerinnen holdeste,
stimmreichste, launigste! - Du mystifizierst alle Barone, Amtsverweser, Notare
in der ganzen Welt, und wohl noch gar -« Das übrige, was sie noch sagen wollte,
ging unter in der dröhnenden Lache, die sie von neuem aufschlug.
    Und dann sich rasch zum Kapellmeister wendend: »Sie haben mich ganz mit sich
ausgesöhnt, lieber Kreisler! O, jetzt verstehe ich Ihren springenden Humor. - Er
ist köstlich, in der Tat köstlich! - Nur in dem Zwiespalt der verschiedensten
Empfindungen, der feindlichsten Gefühle geht das höhere Leben auf! - Haben Sie
Dank, herzlichen Dank - da! - ich erlaube Ihnen, mir die Hand zu küssen!«
    Kreisler fasste die ihm dargebotene Hand, und wiederum, wiewohl nicht so
heftig als zuvor, durchdröhnte ihn der Pulsschlag, so dass er einen Moment zu
zögern genötigt, ehe er nun die zarten entandschuhten Finger an den Mund
drückte, sich mit solchem Anstand verbeugend, als sei er noch Legationsrat.
Selbst wusste er nun nicht, wie es kam, dass ihm diese physische Empfindung bei
dem Berühren der fürstlichen Hand ungemein lächerrlich bedünken wollte. »Am
Ende,« sprach er zu sich selbst, als die Prinzessin ihn verlassen, »am Ende ist
die Gnädigste eine Art von Leidner Flasche und walkt honette Leute durch mit
elektrischen Schlägen nach fürstlichem Belieben!« -
    Die Prinzessin hüpfte, tänzelte im Saal umher, lachte, trällerte dazwischen:
»La Rachelina molinarina« und herzte und küsste bald diese, bald jene Dame
versicherte, nie in ihrem Leben sei sie froher gewesen, und das habe sie dem
wackern Kapellmeister zu verdanken. Der ernsten Benzon war das alles im höchsten
Grade zuwider, sie konnte es nicht lassen, die Prinzessin endlich beiseite zu
ziehen und ihr ins Ohr zu flüstern: »Hedwiga, ich bitte Sie, welch ein
Betragen!«
    »Ich dächte,« erwiderte die Prinzessin mit funkelnden Augen, »ich dächte,
liebe Benzon, wir liessen heute das Hofmeistern und gingen alle zu Bette! - Ja! -
zu Bette - zu Bette!« Und damit rief sie nach ihrem Wagen.
    Schweifte die Prinzessin aus in krampfhafter Lustigkeit, so war Julia
indessen still und trübe geworden. Den Kopf auf die Hand gestützt, sass sie am
Flügel, und ihr sichtliches Verbleichen, das umflorte Auge bewies, dass ihr Unmut
bis zum physischen Weh sich gesteigert.
    Auch Kreislern war das Brillantfeuer des Humors verlöscht. Jedem Gespräch
ausweichend, tappte er mit leisen Schritten nach der Türe. Die Benzon trat ihm
in den Weg. »Ich weiss nicht,« sprach sie, »welche sonderbare Verstimmung heute
mir - -«
    (M. f. f.) alles so bekannt, so heimisch vor, ein süsses Aroma, selbst wusst'
ich nicht, von welchen vortrefflichen Braten, wallte in bläulichen Wolken über
die Dächer daher, und wie aus weiter - weiter Ferne, im Säuseln des Abendwindes,
lispelten holde Stimmen: »Murr, mein Geliebter, wo weiltest du so lange?« -
»Was ist's, das die beengte Brust
Mit Wonneschauer so durchbebt,
Den Geist zum Himmel hoch erhebt,
Ist's Ahnung hoher Götterlust?
Ja - springe auf, du armes Herz,
Ermut'ge dich zu kühnen Taten,
Umwandelt ist in Lust und Scherz
Der trostlos bittre Todesschmerz,
Die Hoffnung lebt - ich rieche Braten!«
So sang ich und verlor mich, des entsetzlichen Feuerlärms nicht achtend, in die
angenehmsten Träume! Doch auch hier auf dem Dache sollten mich noch die
schreckhaften Erscheinungen des grotesken Weltlebens, in das ich
hineingesprungen, verfolgen. Denn ehe ich mir's versah, stieg aus dem Rauchfange
eines jener seltsamen Ungetüme empor, die die Menschen Schornsteinfeger nennen.
Kaum mich gewahrend, rief der schwarze Schlingel: »Husch Katz!« und warf den
Besen nach mir. Dem Wurfe ausweichend, sprang ich über das nächste Dach hinweg
und hinunter in die Dachrinne. Doch wer schildert mein frohes Erstaunen, ja,
meinen freudigen Schreck, als ich wahrnahm, dass ich mich auf dem Hause meines
wackern Herrn befand. Behende kletterte ich von Dachluke zu Dachluke, doch alle
waren verschlossen. Ich erhob meine Stimme, jedoch umsonst, niemand hörte mich.
Indessen wirbelten die Rauchwolken von dem brennenden Hause hoch auf,
Wasserstrahlen zischten dazwischen, tausend Stimmen schrieen durcheinander, das
Feuer schien bedrohlicher zu werden. Da öffnete sich die Dachluke, und Meister
Abraham schaute heraus in seinem gelben Schlafrock. »Murr, mein guter Kater
Murr, da bist du ja - Komm hinein, komm hinein, kleiner Graupelz!« So rief der
Meister freudig, als er mich erblickte. Ich unterliess nicht, ihm durch alle
Zeichen, die mir zu Gebote standen, auch meine Freude zu erkennen zu geben: es
war ein schöner herrlicher Moment des Wiedersehens, den wir feierten. Der
Meister streichelte mich, als ich zu ihm hinein in den Dachboden gesprungen, so
dass ich vor Wohlbehagen in jenes sanfte, süsse Knurren ausbrach, das die Menschen
in höhnender Verspottung mit dem Worte »spinnen« bezeichnen. »Ha, ha,« sprach
der Meister lachend, »ha ha, mein Junge, dir ist wohl, da du vielleicht von
weiter Wanderung zurückgekehrt bist in die Heimat, du erkennst nicht die Gefahr,
in der wir schweben. - Beinahe möchte ich wie du ein glücklicher harmloser Kater
sein, der sich den Teufel was schert um Feuer und Spritzenmeister, und dem kein
Mobiliare verbrennen kann, da das einzige Mobile, dessen sein unsterblicher
Geist mächtig, er selbst ist.« -
    Damit nahm mich der Meister auf den Arm und stieg herab in sein Zimmer.
    Kaum waren wir hineingetreten, als Professor Lotario uns nachstürzte, dem
noch zwei Männer folgten.
    »Ich bitte Euch,« rief der Professor, »ich bitte Euch um des Himmels willen,
Meister! Ihr seid in der dringendsten Gefahr, das Feuer schlägt schon über Euer
Dach. - Erlaubt, dass wir Eure Sachen wegtragen.« -
    Der Meister erklärte sehr trocken, dass in solcher Gefahr der jähe Eifer der
Freunde viel verderblicher sich gestalte, als die Gefahr selbst, da das, was vor
dem Feuer geborgen, gewöhnlich zum Teufel ginge, wiewohl auf schönere Art. Er
selbst habe in früherer Zeit einem Freunde, der von Feuer bedroht, in dem
wohlwollendsten Entusiasmus beträchtliches chinesisches Porzellan durchs
Fenster geworfen, damit es nur ja nicht verbrenne. Wollten sie aber fein ruhig
drei Nachtmützen, ein paar graue Röcke und andere Kleidungsstücke, worunter eine
seidne Hose vorzüglich zu beachten, nebst einiger Wäsche in einen Koffer, Bücher
und Manuskripte in ein paar Körbe packen, seine Maschinen aber nicht mit einem
Finger anrühren, so werde es ihm lieb sein. Stehe dann das Dach in Flammen, so
wolle er samt dem Mobiliar sich von dannen machen.
    »Erst aber,« (so schloss er) »erst aber erlaubt, dass ich meinen Hausgenossen
und Stubenkameraden, der soeben von weiten Reisen müde, ermattet zurückgekommen,
mit Speis' und Trank erquicke, nachher möget ihr wirtschaften!« -
    Alle lachten sehr, da sie gewahrten, dass der Meister niemanden anders
gemeint als mich.
    Es schmeckte mir herrlich, und die schöne Hoffnung, die ich auf dem Dach in
sehnsuchtsvollen süssen Tönen ausgesprochen, wurde ganz erfüllt.
    Als ich mich erquickt, setzte mich der Meister in einen Korb; neben mir, es
war dazu Platz, stellte er eine kleine Schüssel mit Milch hin und deckte den
Korb sorgfältig zu.
    »Wart's ruhig ab,« sprach der Meister, »wart's ruhig ab, mein Kater, in
dunkler Behausung, was aus uns noch werden wird, nippe zum Zeitvertreib von
deinem Lieblingstrank, denn springst oder trottierst du hier im Zimmer umher, so
treten sie dir den Schwanz, die Beine entzwei im Tumult des Rettens. Kommt es
zur Flucht, so trage ich dich selbst mit mir fort, damit du dich nicht wieder
verläufst, wie es schon geschehen. Sie glauben nicht,« wandte sich nun der
Meister zu den andern, »Sie glauben nicht, verehrteste Herren und Helfer in der
Not, was der kleine graue Mann im Korbe, was das für ein herrlicher
grundgescheiter Kater ist. Naturhistorische Galls behaupten, dass sonst mit den
vortrefflichsten Organen, als da sind Mordlust, Diebessinn, Schelmerei u.s.w.,
ausgerüsteten Katern von leidlicher Edukation doch der Ortsinn gänzlich mangele,
dass sie, einmal sich verlaufen, die Heimat nie wiederfänden, aber mein guter
Murr macht davon eine glänzende Ausnahme. Seit ein paar Tagen vermisste ich ihn
und betrauerte recht herzlich seinen Verlust, heut, soeben ist er zurückgekehrt
und hat, wie ich mit Recht vermuten darf, noch dazu die Dächer benutzt als
angenehme Kunststrasse. Die gute Seele hat nicht allein Klugheit bewiesen und
Verstand, sondern auch die treueste Anhänglichkeit an seinen Herrn, weshalb ich
ihn nun noch viel mehr liebe als vorher.« - Mich erfreute des Meisters Lob ganz
ungemein, mit innerm Wohlbehagen fühlte ich meine Überlegenheit über mein ganzes
Geschlecht, über ein ganzes Heer verirrter Kater ohne Ortsinn und wunderte mich,
dass ich selbst das ganz Ungemeine meines Verstandes nicht hinlänglich
eingesehen. Zwar dacht' ich daran, dass eigentlich der junge Ponto mich auf den
rechten Weg und der Wurf des Schornsteinfegers auf das rechte Dach gebracht,
indessen glaubte ich doch nicht im mindesten an meiner Sagazität und an der
Wahrheit des Lobes, das mir der Meister erteilte, zweifeln zu dürfen. Wie
gesagt, ich fühlte meine innere Kraft, und dies Gefühl bürgte mir für jene
Wahrheit. Dass unverdientes Lob viel mehr erfreue und den Gelobten viel mehr
aufblähe als verdientes, wie ich einmal las oder jemanden behaupten hörte, das
gilt wohl nur von den Menschen, gescheite Kater sind frei von solcher Torheit,
und ich glaube bestimmt, dass ich vielleicht ohne Ponto und Schornsteinfeger den
Rückweg nach Hause gefunden hätte, und dass beide sogar nur den richtigen
Ideengang im Innern verwirrten. Das bisschen Weltklugheit, womit der junge Ponto
so prahlte, wäre mir auch wohl zugekommen auf andere Weise, wenngleich die
mancherlei Begebenheiten, die ich mit dem liebenswürdigen Pudel - mit dem
aimable roué erlebte, mir guten Stoff gaben zu den freundschaftlichen Briefen,
in welche ich meine Reisebeschreibung einkleidete. In allen Morgen- und
Abendzeitungen, in allen eleganten und freimütigen Blättern könnten diese Briefe
mit Effekt abgedruckt stehen, da mit Geist und Verstand darin die glänzendsten
Seiten meines Ichs hervorgehoben sind, was doch jedem Leser am interessantesten
sein muss. Aber ich weiss es schon, die Herren Redakteurs und Verleger fragen:
»Wer ist dieser Murr?« und erfahren sie denn, dass ich ein Kater bin, wiewohl der
vortrefflichste auf Erden, so sprechen sie verächtlich: »Ein Kater und will
schreiben!« - Und hätt' ich Lichtenbergs Humor und Hamanns Tiefe - von beiden
habe ich viel Gutes vernommen, sie sollen für Menschen nicht übel geschrieben
haben, sind aber Todes verblichen, welches für jeden Schriftsteller und Dichter,
der leben will, eine durchaus riskante Sache ist - und, sag' ich noch einmal,
hätt' ich Lichtenbergs Humor und Hamanns Tiefe, doch erhielte ich das Manuskript
zurück, bloss weil man mir vielleicht meiner Krallen halber keine amüsante
Schreibart zutraut. So was chagriniert! - O Vorurteil, himmelschreiendes
Vorurteil, wie befängst du doch die Menschen und vorzüglich diejenigen, die da
heissen Verleger!
    Der Professor und die, die mit ihm gekommen, machten nun einen grimmigen
Spektakel um mich her, der meines Bedünkens wenigstens bei dem Verpacken der
Nachtmützen und der grauen Röcke nicht nötig gewesen wäre.
    Auf einmal rief draussen eine hohle Stimme: »Das Haus brennt!« - »Hoho,«
sprach der Meister Abraham, »da muss ich auch dabei sein, bleibt nur ruhig, ihr
Herren! Wenn die Gefahr da ist, bin ich wieder hier, und wir packen an!« -
    Und damit verliess er eilig das Zimmer.
    Mir wurde in meinem Korbe wirklich bange. Das wilde Getöse - der Rauch, der
nun in das Zimmer zu dringen begann, alles mehrte meine Angst! Allerlei schwarze
Gedanken stiegen in mir auf! - Wie wenn der Meister mich vergässe, wenn ich
schmachvoll umkommen müsste in den Flammen! - Ich fühlte, die furchtbare Angst
mochte es verschulden, ein besonderes hässliches Kneifen im Leibe. - »Ha!« dacht'
ich, »wenn im Herzen falsch, wenn neidisch ob meiner Wissenschaft, mich los zu
werden, entoben jeder Sorg' zu sein, nun mich der Meister noch in diesen Korb
gespunden. - Wie wenn selbst dieser unschuldsweisse Trank - wie, wär' es Gift,
das er mit schlauer Kunst hier zubereitet, mir den Tod zu geben?« - Herrlicher
Murr, selbst in der Todesangst denkst du in Jamben, lässt nicht aus der Acht, was
du im Shakespeare-Schlegel einst gelesen! -
    Meister Abraham steckte jetzt den Kopf zur Türe hinein und sprach: »Die
Gefahr ist vorüber, ihr Herren! Setzt euch nur ruhig hin an jenen Tisch und
trinkt die paar Flaschen Wein aus, die ihr in dem Wandschrank gefunden, ich
meinesteils begebe mich noch ein wenig aufs Dach und will erklecklich spritzen.
- Doch halt, erst muss ich nachsehen, was mein guter Kater macht.«
    Der Meister trat vollends hinein, nahm den Deckel von dem Korbe, in dem ich
sass, sprach mir zu mit freundlichen Worten, erkundigte sich nach meinem
Wohlbefinden, fragte, ob ich vielleicht noch einen gebratenen Vogel verspeisen
wolle, welches alles ich mit mehrmaligem süssen Miau erwiderte und mich recht
bequem ausstreckte, welches mein Meister mit Recht für das beredte Zeichen nahm,
dass ich satt sei, noch im Korbe zu bleiben wünsche, und stülpte den Deckel
wieder auf.
    Wie wurde ich nun von der guten freundlichen Gesinnung überzeugt, die
Meister Abraham für mich hegte. Ich hätte mich meines schnöden Misstrauens
schämen müssen, wenn es überhaupt für einen Mann von Verstande schicklich wäre,
sich zu schämen. »Am Ende«, dacht' ich, »war auch die fürchterliche Angst, das
ganze Unheil ahnende Misstrauen weiter nichts als poetische Schwärmerei, wie sie
jungen genialen Entusiasten eigen, die dergleichen oft förmlich brauchen als
berauschendes Opium.« Das beruhigte mich ganz und gar.
    Kaum hatte der Meister die Stube verlassen, als der Professor, ich könnt' es
durch eine kleine Ritze des Korbes bemerken, sich mit misstrauischen Blicken nach
dem Korbe umschaute und dann den andern zuwinkte, als habe er ihnen irgend
Wichtiges zu entdecken. Dann sprach er mit so leiser Stimme, dass ich kein
Wörtlein verstanden, hätte der Himmel nicht in meine spitze Ohren mir
unglaublich scharfes Gehör gelegt: »Wisst ihr wohl, wozu ich eben jetzt Lust
hätte? - Wisst ihr wohl, dass ich hingehen zu jenem Korbe, ihn öffnen und dem
verfluchten Kater, der drinnen sitzt, und der uns jetzt vielleicht alle mit
seinem übermütigen Selbstgenugsein verhöhnt, dies spitze Messer in die Kehle
stossen möchte?«
    »Was fällt Euch ein,« rief ein anderer, »was fällt Euch ein, Lotario, den
hübschen Kater, den Liebling unseres wackern Meisters, wolltet Ihr umbringen? -
Und warum sprecht Ihr denn so leise?«
    Der Professor, ebenso mit gedämpfter Stimme wie vorher weiter sprechend,
erklärte, dass ich alles verstehe, dass ich lesen und schreiben könne, dass mir
Meister Abraham auf eine, freilich geheimnisvolle, unerklärliche Weise die
Wissenschaften beigebracht, so dass ich schon jetzt, wie ihm der Pudel Ponto
verraten, schriftstellere und dichte, und dass das alles dem schelmischen Meister
zu nichts anderm dienen werde als zur Verspottung der vortrefflichsten Gelehrten
und Dichter.
    »O,« sprach Lotario mit unterdrückter Wut, »o, ich seh' es kommen, dass
Meister Abraham, der ohnedem das Vertrauen des Grossherzogs in vollem Masse
besitzt, dass er mit dem unglückseligen Kater alles durchsetzt, was er nur will.
Die Bestie wird Magister legens werden, die Doktorwürde erhalten, zuletzt als
Professor der Ästetik Collegia lesen über den Aeschylos - Corneille -
Shakespeare! - ich komme von Sinnen! - der Kater wird in meinen Eingeweiden
wühlen und hat ganz infame Krallen!« -
    Alle gerieten bei diesen Reden Lotarios, des Professors der Ästetik, in
das tiefste Erstaunen. Einer meinte, es sei ganz unmöglich, dass ein Kater lesen
und schreiben lernen könne, da diese Elemente aller Wissenschaft nächst der
Geschicklichkeit, der nur der Mensch fähig, eine gewisse Überlegung, man möchte
sagen, Verstand erforderten, der sogar nicht allemal bei dem Menschen, dem
Meisterstück der Schöpfung, anzutreffen, viel weniger bei gemeinem Vieh!
    »Bester,« nahm ein anderer, wie mir's in meinem Korbe schien, sehr
ernstafter Mann das Wort, »Bester, was nennen Sie gemeines Vieh? - Es gibt gar
kein gemeines Vieh. Oft in stille Selbstbetrachtung versunken, empfinde ich den
tiefsten Respekt vor Eseln und andern nützlichen Tieren. Ich begreife nicht,
warum einer angenehmen Hausbestie von glücklichen natürlichen Anlagen nicht
sollte das Lesen und Schreiben beigebracht werden, ja, warum - sich ein solches
Tierlein nicht sollte erheben können zum Gelehrten und Dichter? - Ist denn das
so etwas Beispielloses? - An Tausendundeine Nacht, als der besten historischen
Quelle voll pragmatischer Autentizität, mag ich gar nicht denken, sondern Sie,
mein Allerliebster, nur an den gestiefelten Kater erinnern, einen Kater, der
voll Edelmut, durchdringendem Verstande war und tiefer Wissenschaft.«
    Voll Freude über dieses Lob eines Katers, der, wie mir eine deutliche Stimme
im Innern sagte, mein würdiger Ahnherr sein musste, konnt' ich mir nicht
entalten, zwei-, dreimal ziemlich stark zu niesen. - Der Redner hielt inne, und
alle schauten sich ganz verschüchtert um nach meinem Korbe.
    »Contentement mon cher,« rief endlich der ernstafte Mann, der eben
gesprochen, und fuhr dann weiter fort: »Irre ich nicht, so erwähnten Sie, teurer
Ästetiker, vorhin eines Pudels Ponto, der Ihnen des Katers dichterisches und
wissenschaftliches Treiben verraten. Dies bringt mich denn auf Cervantes höchst
vorzügliche Berganza, von dessen neuesten Schicksalen in einem gewissen neuen,
höchst abenteuerlichen Buche Nachricht gegeben wird. Auch dieser Hund gibt ein
entscheidendes Beispiel über das Naturell und über die Bildungsfähigkeit der
Tiere.« »Aber,« nahm der andere das Wort, »aber mein teurer, liebster Freund,
welche Beispiele führen Sie denn da an? Von dem Hunde Berganza spricht ja
Cervantes, der bekanntlich ein Romanschreiber war, und die Geschichte vom
gestiefelten Kater ist ja ein Kindermärchen, welches Herr Tieck freilich mit
solcher Lebendigkeit uns vor Augen gebracht hat, dass man beinahe die Torheit
begehen könnte, wirklich daran zu glauben. Also zwei Dichter allegieren Sie, als
wären es ernste Naturhistoriker und Psychologen, nun sind aber Dichter nichts
weniger als das, sondern ausgemachte Phantasten, die lauter eingebildetes Zeug
ausbrüten und vorbringen. Sagen Sie, wie mag denn aber ein verständiger Mann wie
Sie sich auf Dichter berufen, um das zu bewahrheiten, was wider Sinn und
Verstand läuft? Lotario ist Professor der Ästetik, und es ist billig, dass er
als solcher bisweilen etwas weniges über die Schnur haue, aber Sie -«
    »Halt,« sprach der Ernste, »halt, mein Liebster, ereifern Sie sich nicht.
Bedenken Sie fein, dass, wenn vom Wunderbaren, Unglaublichen die Rede, man
füglich Dichter allegieren darf, denn simple Historiker verstehen den Teufel was
davon. Ja, wenn das Wunderbare in Schick und Form gebracht und als reine
Wissenschaft vorgetragen werden soll, wird der Beweis irgendeines
Erfahrungssatzes am besten aus berühmten Dichtern entnommen, auf deren Wort man
bauen darf. Ich führe Ihnen, und damit werden Sie, selbst ein gelehrter Arzt,
zufrieden sein - ja! sage ich, ich führe Ihnen das Beispiel eines berühmten
Arztes an, der in seiner wissenschaftlichen Darstellung des animalischen
Magnetismus, um unsern Rapport mit dem Weltgeiste, um das Dasein eines
wunderbaren Ahnungsvermögens unleugbar ins Licht zu stellen, sich auf Schiller
und dessen Wallenstein bezieht, welcher sagt: Es gibt im Menschenleben
Augenblicke und Dergleichen Stimmen gibt's - es ist kein Zweifel - - und wie es
denn weiter heisst. Sie können das Weitere selbst nachlesen in der Tragödie.« -
»Ho ho!« erwiderte der Doktor, - »Sie springen ab - Sie geraten in den
Magnetismus und sind imstande, zuletzt zu behaupten, dass nächst allen Wundern,
die dem Magnetiseur zu Gebote stehen, er auch den Schulmeister für empfängliche
Kater abgeben könnte.« -
    »Nun,« sprach der Ernste, »wer weiss, wie der Magnetismus auf Tiere wirkt.
Kater, die schon das elektrische Fluidum in sich tragen, wie Sie sich gleich
überzeugen können - -«
    Plötzlich an Mina denkend, die über dergleichen Versuche, die mit ihr
angestellt worden, so bitter klagte, erschrak ich so heftig, dass ich ein lautes
Miau ausstiess!
    »Bei dem Orkus,« rief der Professor erschrocken, »bei dem Orkus und all
seinem Entsetzen, der höllische Kater hört uns, versteht uns - Herz gefasst - mit
diesen Händen erwürg' ich ihn.« -
    »Ihr seid nicht klug,« sprach der Ernste »Ihr seid wahrhaftig nicht klug,
Professor. Nimmermehr leide ich, dass Ihr dem Kater, den ich schon jetzt herzlich
liebgewonnen, ohne das Glück seiner nähern Bekanntschaft zu geniessen, dass Ihr
ihm nur das geringste Leid zufügt. Am Ende muss ich glauben, dass Ihr eifersüchtig
seid auf ihn, weil er Verse macht? Professor der Ästetik kann ja der kleine
graue Mann niemals werden, darüber beruhigen Sie sich nur ganz. Steht es denn
nicht deutlich in den uralten akademischen Statuten, dass überhandgenommenen
Missbrauchs halber keine Esel mehr zur Professur gelangen sollen, und ist diese
Verordnung nicht auch auf Tiere auszudehnen von jeder Art und Gattung, mitin
auch auf Kater?«
    »Mag es sein,« sprach der Professor unmutig, »mag es sein, dass der Kater
niemals weder Magister legens, noch Professor der Ästetik werden wird, als
Schriftsteller tritt er doch auf über kurz oder lang, findet der Neuheit wegen
Verleger und Leser, schnappt uns gute Honorare weg -«
    »Ich finde,« erwiderte der Ernste, »ich finde durchaus keine Ursache, warum
dem guten Kater, dem aimablen Liebling unsers Meisters, es verwehrt sein solle,
eine Bahn zu betreten, auf der sich so viele ohne Rücksicht auf Kraft und
Haltung umhertummeln. Die einzige Massregel, die dabei zu beobachten, wäre, dass
man ihn nötigte, sich die spitzen Krallen verschneiden zu lassen, und das wäre
vielleicht das einzige, was wir jetzt gleich tun könnten, um sicher zu sein, dass
er uns nie verwunde, wenn er ein Autor worden.«
    Alle standen auf. Der Ästetiker griff nach der Schere.
    Man kann sich meine Lage denken, ich beschloss, mit Löwenmut anzukämpfen
gegen die Verunglimpfung, die man mir zugedacht, den ersten, der sich mir nahen
würde, zu zeichnen auf ewige Zeiten; ich rüstete mich zum Sprunge, sowie der
Korb geöffnet werden würde.
    In dem Augenblick trat Meister Abraham hinein, und vorüber war meine Angst,
die schon sich steigern wollte zur Verzweiflung. Er öffnete den Korb, und noch
ganz ausser mir, sprang ich mit einem Satz hinaus und schoss dem Meister wild
vorbei unter den Ofen.
    »Was ist dem Tiere widerfahren?« rief der Meister, die andern misstrauisch
anblickend, welche dastanden ganz verlegen und, vom bösen Gewissen geplagt, gar
nicht zu antworten vermochten.
    So bedrohlich auch meine Lage im Gefängnis war, doch empfand ich inniges
Wohlbehagen darüber, was der Professor von meiner mutmasslichen Laufbahn sagte,
sowie sein deutlich ausgesprochner Neid mich höchlich erfreute. Ich fühlte schon
das Doktorhütlein auf meiner Stirne, ich sah mich schon auf dem Kateder! -
Sollten meine Vorlesungen denn nicht am häufigsten besucht werden von der
wissbegierigen Jugend? - Sollte wohl ein einziger Jüngling von milden Sitten es
übel deuten können, wenn der Professor bäte, keine Hunde ins Kollegium zu
bringen? - Nicht alle Pudel hegen solch freundlichen Sinn wie mein Ponto, und
dem Jägervolk mit langen hangenden Ohren ist nun vollends gar nicht zu trauen,
da sie überall mit den gebildetsten Leuten meines Geschlechts unnütze Händel
anfangen und sie mit Gewalt nötigen zu den unartigsten Äusserungen des Zorns, als
da ist Pruhsten - Kratzen - Beissen etc. etc.
    Wie höchst fatal müsst' es -
    (Mak. Bl.) - nur der kleinen rotwangigen Hofdame gelten, die Kreisler bei
der Benzon gesehen. »Tun Sie mir,« sprach die Prinzessin, »tun Sie mir den
Gefallen, Nannette, gehen Sie selbst herab und sorgen Sie, dass man die
Nelkenstöcke in meinen Pavillon trage, die Leute sind saumselig genug, um nichts
auszurichten.« - Das Fräulein sprang auf, verbeugte sich sehr zeremoniös, flog
dann aber schnell zum Zimmer heraus, wie ein Vogel, dem man den Käfig geöffnet.
    »Ich kann,« wandte sich die Prinzessin zum Kreisler, »ich kann nun einmal
nichts herausbringen, wenn ich nicht mit dem Lehrer allein bin, der den
Beichtvater vorstellt, dem man ohne Scheu alle Sünden vertrauen kann. Überhaupt
werden Sie, lieber Kreisler, die steife Etikette bei uns seltsam, werden es
lästig finden, dass ich überall von Hofdamen umgeben, gehütet werde wie die
Königin von Spanien. - Wenigstens sollte man hier in dem schönen Sieghartshof
mehr Freiheit geniessen. Wäre der Fürst im Schloss, ich hätte Nannette nicht
fortschicken dürfen, die sich selbst bei unseren musikalischen Studien
ebensosehr langeweilt, als sie mich geniert. - Fangen wir noch einmal an, jetzt
wird es besser gehen.« - Kreisler, bei dem Unterricht die Geduld selbst, begann
das Gesangstück, welches die Prinzessin einzustudieren unternommen, von neuem,
aber so sichtlich Hedwiga sich auch mühte, soviel Kreisler auch einhelfen
mochte, sie verirrte sich in Takt und Ton, sie machte Fehler über Fehler, bis
sie, glutrot im ganzen Gesicht, aufsprang, an das Fenster lief und hinausschaute
in den Park. Kreisler glaubte zu bemerken, dass die Prinzessin heftig weine, und
fand seinen ersten Unterricht, den ganzen Auftritt etwas peinlich. Was konnte er
Bessers tun als versuchen, ob der feindliche unmusikalische Geist, der die
Prinzessin zu verstören schiene, sich nicht bannen lasse eben durch Musik. Er
liess daher allerlei angenehme Melodien fortströmen, variierte die bekanntesten
Lieblingslieder in kontrapunktischen Wendungen und melismatischen Schnörkeln, so
dass er zuletzt sich selbst darüber wunderte, wie er so scharmant den Flügel zu
spielen verstehe, und die Prinzessin vergass samt ihrer Arie und ihrer
rücksichtslosen Ungeduld.
    »Wie herrlich doch der Geierstein in der leuchtenden Abendsonne steht,«
sprach die Prinzessin, ohne sich umzuwenden.
    Kreisler war eben in einer Dissonanz begriffen, natürlicherweise musste er
diese auflösen und konnte daher nicht mit der Prinzessin den Geierstein und die
Abendsonne bewundern. »Gibt's wohl einen reizendern Aufentalt weit und breit
als unser Sieghartshof,« sprach Hedwiga lauter und stärker als vorher. - Nun
musste Kreisler wohl, nachdem er einen tüchtigen Schlussakkord angeschlagen, zu
der Prinzessin an das Fenster treten, der Aufforderung zum Gespräch höflich
genügend.
    »In der Tat,« sprach der Kapellmeister, »in der Tat, gnädigste Prinzessin,
der Park ist herrlich, und ganz besonders ist es mir lieb, dass sämtliche Bäume
grünes Laub tragen, welches ich überhaupt an allen Bäumen, Sträuchern und
Gräsern sehr bewundere und verehre, und jeden Frühling dem Allmächtigen danke,
dass es wieder grün worden und nicht rot, welches in jeder Landschaft zu tadeln,
und bei den besten Landschaften, wie z.B. Claude Lorrain, oder Berghem, ja
selbst bei Hackert, der bloss seine Wiesengründe was weniges pudert, nirgends zu
finden.«
    Kreisler wollte weiter reden, als er aber in dem kleinen Spiegel, der zur
Seite des Fensters angebracht, der Prinzessin todbleiches, seltsam verstörtes
Antlitz erblickte, verstummte er vor dem Schauer, der sein Inneres durcheiste.
    Die Prinzessin unterbrach endlich das Schweigen, indem sie, ohne sich
umzuwenden, immerfort hinausschauend, mit dem rührenden Ton der tiefsten Wehmut
sprach: »Kreisler, das Schicksal will es nun einmal, dass ich Ihnen überall wie
von seltsamen Einbildungen geplagt - aufgeregt, ich möchte sagen, albern
erscheine, dass ich Ihnen Stoff darbieten soll, Ihren schneidenden Humor an mir
zu üben. Es ist Zeit, Ihnen zu erklären, dass und warum Sie es sind, dessen
Anblick mich in einen Zustand versetzt, der dem nervenerschütternden Anfall
eines heftigen Fiebers zu vergleichen. Erfahren Sie alles. Ein offnes Geständnis
wird meine Brust erleichtern und mir die Möglichkeit verschaffen, Ihren Anblick,
Ihre Gegenwart zu ertragen. - Als ich Sie zum erstenmal dort im Park antraf, da
erfüllten Sie, da erfüllte Ihr ganzes Betragen mich mit dem tiefsten Entsetzen,
selbst wusste ich nicht warum! - aber es war eine Erinnerung aus meinen frühsten
Kinderjahren, die plötzlich mit all ihrem Schrecken in mir aufstieg, und die
sich erst später in einem seltsamen Traume deutlich gestaltete. - An unserm Hofe
befand sich ein Maler, Ettlinger geheissen, den Fürst und Fürstin sehr hoch
hielten, da sein Talent wunderbar zu nennen. Sie finden auf der Galerie
vortreffliche Gemälde von seiner Hand, auf allen erblicken Sie die Fürstin in
dieser, jener Gestalt in der historischen Gruppe angebracht. Das schönste
Gemälde, das die höchste Bewunderung aller Kenner erregt, hängt aber in dem
Kabinett des Fürsten. Es ist das Porträt der Fürstin, die er, als sie in der
höchsten Blüte der Jugend stand, ohne dass sie ihm jemals gesessen, so ähnlich
malte, als habe er das Bild aus dem Spiegel gestohlen. Leonhard, so wurde der
Maler mit seinem Vornamen am Hofe genannt, muss ein milder guter Mensch gewesen
sein. Alle Liebe, deren meine kindische Brust fähig, ich mochte kaum drei Jahre
alt sein, hätte ich ihm zugewandt, ich wollte, er sollte mich nie verlassen.
Aber unermüdlich spielte er auch mit mir, malte mir kleine bunte Bilder, schnitt
mir allerlei Figuren aus. Plötzlich, es mochte ein Jahr vergangen sein, blieb er
aus. Die Frau, der meine erste Erziehung anvertraut, sagte mir mit Tränen in den
Augen, Herr Leonhard sei gestorben. Ich war untröstlich, ich mochte nicht mehr
in dem Zimmer bleiben, wo Leonhard mit mir gespielt. Sowie ich nur konnte,
entschlüpfte ich meiner Erzieherin, den Kammerfrauen, lief im Schloss umher,
rief laut den Namen: Leonhard! Denn immer glaubt' ich, es sei nicht wahr, dass er
gestorben, und er sei irgendwo im Schloss versteckt. So begab es sich, dass ich
auch an einem Abend, als die Erzieherin sich nur auf einen Augenblick entfernt,
mich aus dem Zimmer schlich, um die Fürstin aufzusuchen. Die sollte mir sagen,
wo Herr Leonhard sei, und mir ihn wiederschaffen. Die Türen des Korridors
standen offen, und so gelangte ich wirklich zur Haupttreppe, die ich hinauf lief
und oben, auf gut Glück, in das erste geöffnete Zimmer trat. Als ich mich nun
umschaute, wurde die Türe, die, wie ich meinte, in die Gemächer der Fürstin
führen musste, und an die ich zu pochen im Begriff stand, heftig aufgestossen, und
hinein stürzte ein Mensch in zerrissenen Kleidern, mit verwildertem Haar. Es war
Leonhard, der mich mit fürchterlich funkelnden Augen anstarrte. Totenbleich,
eingefallen, kaum wiederzuerkennen war sein Antlitz. Ach, Herr Leonhard, rief
ich, wie siehst du aus, warum bist du so blass, warum hast du solche glühende
Augen, warum starrst du mich so an? - Ich fürchte mich vor dir! - O sei doch gut
wie sonst - male mir wieder hübsche bunte Bilder! - Da sprang Leonhard mit einem
wilden wiehernden Gelächter auf mich los, - eine Kette, die um den Leib
befestigt schien, klirrte ihm nach - kauerte nieder auf den Boden, sprach mit
heiserer Stimme: Ha ha, kleine Prinzess - bunte Bilder? - Ja, nun kann ich erst
recht malen, malen - nun will ich dir ein Bild malen und deine schöne Mutter!
nicht wahr, du hast eine schöne Mutter? - Aber bitte sie, dass sie mich nicht
wieder verwandelt - ich will nicht der elende Mensch Leonhard Ettlinger sein -
der ist längst gestorben. Ich bin der rote Geier und kann malen, wenn ich
Farbenstrahlen gespeist! - Ja, malen kann ich, wenn ich heisses Herzblut habe zum
Firnis, - und dein Herzblut brauche ich, kleine Prinzess! - Und damit fasste er
mich, riss mich an sich, entblösste mir den Hals, mir war's, als sähe ich ein
kleines Messer in seiner Hand blinken. Auf das durchdringende Angstgeschrei, das
ich ausstiess, stürzten Diener hinein und warfen sich her über den Wahnsinnigen.
Der schlug sie aber mit Riesenkraft zu Boden. In demselben Augenblicke polterte
und klirrte es aber die Treppe herauf, ein grosser, starker Mann sprang hinein
mit dem lauten Ausruf: Jesus, er ist mir entsprungen! Jesus, das Unglück! -
Warte, warte, Höllenkerl! - So wie der Wahnsinnige diesen Mann gewahrte,
schienen ihn plötzlich alle Kräfte zu verlassen, heulend stürzte er zu Boden.
Man legte ihm die Ketten an, die der Mann mitgebracht, man führte ihn fort,
indem er entsetzliche Töne ausstiess wie ein gefesseltes wildes Tier.
    Sie mögen sich es denken, mit welcher verstörenden Gewalt dieser
entsetzliche Auftritt das vierjährige Kind erfassen musste. Man versuchte mich zu
trösten, mir begreiflich zu machen, was wahnsinnig sei. Ohne dies ganz zu
verstehen, ging doch ein tiefes namenloses Grausen durch mein Inneres, das noch
jetzt wiederkehrt, wenn ich einen Wahnsinnigen erblicke, ja, wenn ich nur an den
fürchterlichen Zustand denke, der einer fortgesetzten, ununterbrochenen
Todesqual zu vergleichen. - Jenem Unglücklichen sehen Sie ähnlich, Kreisler, als
wären Sie sein Bruder. - Vorzüglich erinnert mich Ihr Blick, den ich oft seltsam
nennen möchte, nur zu lebhaft an Leonhard, und dies ist es, was mich, als ich
Sie zum erstenmal erblickte, ausser Fassung brachte, was mich noch jetzt in Ihrer
Gegenwart beunruhigt - beängstigt!« -
    Kreisler stand da, tief erschüttert, keines Wortes mächtig. Von jeher hatte
er die fixe Idee, dass der Wahnsinn auf ihn lauere, wie ein nach Beute lechzendes
Raubtier, und ihn einmal plötzlich zerfleischen werde; er erbebte nun in
demselben Grausen, das die Prinzessin bei seinem Anblick erfasst, vor sich
selbst, rang mit dem schauerlichen Gedanken, dass er es gewesen, der die
Prinzessin in der Raserei ermorden wollen.
    Nach einigen Augenblicken des Schweigens fuhr die Prinzessin fort: »Der
unglückliche Leonhard liebte insgeheim meine Mutter, und diese Liebe, schon
selbst Wahnsinn, brach zuletzt aus in Wut und Raserei.«
    »So,« sprach Kreisler sehr weich und mild, wie er pflegte, wenn ein Sturm im
Innern vorübergegangen, »so war in Leonhards Brust nicht die Liebe des Künstlers
aufgegangen.«
    »Was wollen Sie damit sagen, Kreisler?« fragte die Prinzessin, indem sie
sich rasch umwandte.
    »Als,« erwiderte Kreisler sanft lächelnd, »als ich einst in einem
hinlänglich toll lustigen Schauspiel einen Witzbold von Diener die Spielleute
mit der süssen Anrede beehren hörte: Ihr guten Leute und schlechten Musikanten,
teilte ich, wie der Weltenrichter, flugs alles Menschenvolk in zwei verschiedene
Haufen, einer davon bestand aber aus den guten Leuten, die schlechte oder
vielmehr gar keine Musikanten sind, der andere aber aus den eigentlichen
Musikanten. Doch niemand sollte verdammt, sondern alle sollten selig werden,
wiewohl auf verschiedene Weise. - Die guten Leute verlieben sich leichtlich in
ein paar schöne Augen, strecken beide Arme aus nach der angenehmen Person, aus
deren Antlitz besagte Augen strahlen, schliessen die Holde ein in Kreise, die,
immer enger und enger werdend, zuletzt zusammenschrumpfen zum Trauring, den sie
der Geliebten an den Finger stecken als pars pro toto - Sie verstehen einiges
Latein, gnädigste Prinzess - als pars pro toto sag' ich, als Glied der Kette, an
der sie die in Liebeshaft Genommene heimführen in das Ehestandegefängnis. dabei
schreien sie denn ungemein: O Gott - oder o Himmel! oder, sind sie der
Astronomie ergeben, o ihr Sterne! oder haben sie Inklination zum Heidentum, o
all ihr Götter, sie ist mein, die Schönste, all mein sehnend Hoffen erfüllt! -
Also lärmend, gedenken die guten Leute es nachzumachen den Musikanten, jedoch
vergebens, da es mit der Liebe dieser durchaus sich anders verhält. - Es begibt
sich wohl, dass besagten Musikanten unsichtbare Hände urplötzlich den Flor
wegziehen, der ihre Augen verhüllte, und sie erschauen, auf Erden wandelnd, das
Engelsbild, das, ein süsses unerforschtes Geheimnis, schweigend ruhte in ihrer
Brust. Und nun lodert auf in reinem Himmelsfeuer, das nur leuchtet und wärmt,
ohne mit verderblichen Flammen zu vernichten, alles Entzücken, alle namenlose
Wonne des höheren, aus dem Innersten emporkeimenden Lebens, und tausend
Fühlhörner streckt der Geist aus in brünstigem Verlangen und umnetzt die, die er
geschaut, und hat sie und hat sie nie, da die Sehnsucht ewig dürstend fortlebt!
- Und sie, sie selbst ist es, die Herrliche, die, zum Leben gestaltete Ahnung,
aus der Seele des Künstlers hervorleuchtet als Gesang - Bild - Gedicht! - Ach,
Gnädigste, glauben Sie mir, sei'n Sie überzeugt, dass wahre Musikanten, die mit
ihren leiblichen Armen und den darangewachsenen Händen nichts tun als passabel
musizieren, sei es nun mit der Feder, mit dem Pinsel oder sonst, in der Tat nach
der wahrhaften Geliebten nichts ausstrecken als geistige Fühlhörner, an denen
weder Hand noch Finger befindlich, die mit konvenabler Zierlichkeit einen
Trauring erfassen und anstecken könnten an den kleinen Finger der Angebeteten;
schnöde Mesalliancen sind daher durchaus nicht zu befürchten, und scheint
ziemlich gleichgültig, ob die Geliebte, die in dem Innern des Künstlers lebt,
eine Fürstin ist oder eine Bäckerstochter, insofern letztere nur keine Eule.
Besagte Musikanten schaffen, und sie in Liebe gekommen, mit der Begeisterung des
Himmels herrliche Werke und sterben weder elendiglich dahin an der Schwindsucht,
noch werden sie wahnsinnig. Sehr verdenke ich es daher dem Herrn Leonhard
Ettlinger, dass er in einige Raserei verfiel, er hätte, nach der Art echter
Musikanten, die durchlauchtige Frau Fürstin ohne allen Nachteil lieben können,
wie er nur wollte!« -
    Die humoristischen Töne, die der Kapellmeister anschlug, gingen bei dem Ohr
der Prinzessin vorüber, unvernommen oder übertönt von dem Nachhall der Saite,
die er berührt, und die in der weiblichen Brust, schärfer gespannt, stärker
vibrieren musste als alle Übrigen.
    »Die Liebe des Künstlers,« sprach sie, indem sie niedersank in den Lehnstuhl
und wie im Nachsinnen den Kopf auf die Hand stützte, »die Liebe des Künstlers! -
so geliebt zu werden! - o, es ist ein schöner herrlicher Traum des Himmels - nur
ein Traum, ein leerer Traum. -«
    »Sie scheinen,« nahm Kreisler das Wort, »Sie scheinen, Gnädigste, für Träume
eben nicht sehr portiert, und doch sind es lediglich die Träume, in denen uns
recht die Schmetterlingsflügel wachsen, so dass wir, dem engsten festesten Kerker
zu entfliehen, uns bunt und glänzend in die hohen, in die höchsten Lüfte zu
erheben vermögen. Jeder Mensch hat doch am Ende einen angebornen Hang zum
Fliegen, und ich habe ernste honette Leute gekannt, die am späten Abend sich
bloss mit Champagner, als einem dienlichen Gas, füllten, um in der Nacht,
Luftballon und Passagier zugleich, aufsteigen zu können.« -
    »Sich so geliebt zu wissen,« wiederholte die Prinzessin noch bewegter als
zuvor.
    »Und,« sprach, als die Prinzessin schwieg, Kreisler weiter, »und was die
Liebe des Künstlers betrifft, wie ich sie zu schildern mich bemüht, so haben
Sie, Gnädigste, freilich das böse Beispiel des Herrn Leonhard Ettlinger vor
Augen, der Musikant war und lieben wollte, wie die guten Leute, worüber sein
schöner Verstand freilich etwas wacklicht werden konnte, aber ebendeshalb, mein'
ich, war Herr Leonhard kein echter Musikant. Diese tragen die erkorne Dame im
Herzen und wollen nichts als ihr zu Ehren singen, dichten, malen und sind in der
vorzüglichsten Courtoisie den galanten Rittern zu vergleichen, ja, was
unschuldsvolle Gesinnung betrifft, ihnen vorzuziehen, da sie nicht verfahren wie
sonst diese, die blutdürstiger Weise, waren nicht gleich Riesen, Drachen bei der
Hand, die schätzbarsten Leute niederstreckten in den Staub, um der Herzensdame
zu huldigen!« -
    »Nein,« rief die Prinzessin, wie erwachend aus einem Traum, »nein, es ist
unmöglich, dass in der Brust des Mannes ein solch reines Vestas Feuer sich
entzünden sollte! - Was ist die Liebe des Mannes anders als die verräterische
Waffe, die er gebraucht, einen Sieg zu feiern, der das Weib verdirbt, ohne ihn
zu beglücken.« -
    Kreisler wollte sich eben über solche absonderliche Gesinnungen einer
siebzehn-, achtzehnjährigen Prinzessin höchlich verwundern, als die Türe aufging
und Prinz Ignatius hineintrat.
    Der Kapellmeister war froh, ein Gespräch zu enden, das er sehr gut mit einem
wohleingerichteten Duett verglich, in dem jede Stimme ihrem eigentümlichen
Charakter getreu bleiben muss. Während die Prinzessin, so behauptete er, im
wehmütigen Adagio beharrt und nur hie und da einen Mordent, einen Pralltriller
angebracht, sei er als ein vorzüglicher Buffo und erzkomischer Chanteur mit
einer ganzen Legion kurzer Noten parlando dazwischengefahren, so dass er, da das
Ganze ein wahres Meisterstück der Komposition und der Ausführung zu nennen,
nichts weiter gewünscht, als der Prinzessin und sich selbst zuhören zu können
aus irgendeiner Loge oder einem schicklichen Sperrsitz.
    Also Prinz Ignatius trat hinein mit einer zerbrochenen Tasse in der Hand,
schluchzend und weinend.
    Es ist nötig, zu sagen, dass der Prinz, unerachtet hoch in die zwanzig, doch
sich noch immer nicht von den Lieblingsspielen der Kinderjahre trennen konnte.
Ganz vorzüglich liebte er schöne Tassen, mit denen er stundenlang in der Art
spielen konnte, dass er sie in Reihen vor sich hinstellte auf den Tisch und diese
Reihen immer anders und anders ordnete, so dass bald die gelbe Tasse neben der
roten, dann die grüne bei der roten u.s.w. stehen musste. dabei freute er sich so
innig, so herzlich wie ein frohes zufriedenes Kind.
    Das Unglück, worüber er jetzt lamentierte, bestand darin, dass ihm der kleine
Mops unversehens auf den Tisch gesprungen war und die schönste der Tassen
herabgeworfen hatte.
    Die Prinzessin versprach, dafür zu sorgen, dass er eine Mundtasse im neuesten
Geschmack aus Paris erhalten solle. Da gab er sich zufrieden und lächelte mit
dem ganzen Gesicht. Jetzt erst schien er den Kapellmeister zu bemerken. Er
wandte sich zu ihm mit der Frage, ob er auch viele schöne Tassen besitze.
Kreisler wusste schon, von Meister Abraham hatte er es erfahren, was man darauf
zu antworten. Er versicherte nämlich, dass er keinesweges solche schöne Tassen
besitze wie der gnädigste Herr, und dass es ihm auch ganz unmöglich sei, so viel
Geld darauf zu verwenden, als der gnädigste Herr es tue.
    »Sehn Sie wohl,« erwiderte Ignaz sehr vergnügt, »sehen Sie wohl, ich bin ein
Prinz und kann deshalb schöne Tassen haben, wie ich nur mag, aber das können Sie
nicht, weil Sie kein Prinz sind, denn weil ich nun einmal ganz gewiss ein Prinz
bin, so sind schöne Tassen -« Tassen und Prinzen und Prinzen und Tassen gingen
nun durcheinander in immer mehr verwirrter Rede, und dabei lachte und hüpfte
Ignatius und klopfte in die Hände vor seligem Vergnügen! - Hedwiga schlug
errötend die Augen nieder, sie schämte sich des imbezillen Bruders, sie
fürchtete mit Unrecht Kreislers Spott, dem, nach seiner innersten
Gemütsstimmung, des Prinzen Albernheit als ein Zustand des wirklichen Wahnsinnes
nur ein Mitleid erregte, das eben nicht wohltun konnte, vielmehr die Spannung
des Augenblicks vermehren musste. Um den Armen nur abzubringen von den unseligen
Tassen, bat die Prinzessin ihn, die kleine Handbibliotek in Ordnung zu bringen,
die in einem zierlichen Wandschrank aufgestellt stand. Ganz vergnügt, unter
fröhlichem Gelächter begann der Prinz sogleich die sauber gebundenen Bücher
herauszunehmen und, sie, nach dem Format sorglich ordnend, so hinzustellen, dass
die goldnen Schnitte, nach aussen stehend, eine blanke Reihe formten, worüber er
sich über alle Massen freute.
    Fräulein Nannette stürzte hinein und rief laut: »Der Fürst, der Fürst mit
dem Prinzen!« - »O mein Gott,« sprach die Prinzessin, »meine Toilette, in der
Tat, Kreisler, wir haben die Stunden verplaudert, ohne daran zu denken. - Ich
habe mich ganz vergessen! - Mich und den Fürsten und den Prinzen.« Sie
verschwand mit Nannetten in das Nebengemach. Prinz Ignaz liess sich in seinem
Geschäft gar nicht stören.
    Schon rollte der Staatswagen des Fürsten heran; als Kreisler sich unten an
der Haupttreppe befand, stiegen eben die beiden Laufer in Staatslivree aus der
Wurst. - Das muss näher erklärt werden.
    Fürst Irenäus liess nicht ab von dem alten Brauch, und so hatte er zur selben
Zeit, als kein schnellfüssiger Hanswurst in bunter Jacke vor den Pferden
herzulaufen genötigt wie ein gehetztes Tier, in der zahlreichen Dienerschaft von
allen Waffen auch noch zwei Laufer, artige hübsche Leute von gesetzten Jahren,
wohlgefüttert und nur zuweilen von Unterleibsbeschwerden geplagt wegen der
sitzenden Lebensweise. Viel zu menschenfreundlich war nämlich der Fürst gesinnt,
um irgendeinem Diener zuzumuten, dass er sich zuzeiten umsetze in ein Windspiel
oder einen andern vergnügten Köter, um indessen doch die gehörige Etikette im
Ansehen zu erhalten, mussten die beiden Laufer, fuhr der Fürst in Gala aus,
vorauffahren auf einer passablen Wurst und an schicklichen Stellen, wo z.B.
einige Gaffer sich versammelt, etwas die Beine rühren, als Andeutung des
wirklichen Laufs. - Es war hübsch anzusehen. -
    Also - die Laufer waren eben ausgestiegen, die Kammerherrn traten ins
Portal, und ihnen folgte Fürst Irenäus, an dessen Seite ein junger Mann von
stattlichem Ansehen daherschritt, in reicher Uniform der neapolitanischen Garde,
Sterne und Kreuze auf der Brust. - »Je vous salue, Monsieur de Krösel,« sprach
der Fürst, als er Kreisler erblickte. - Krösel pflegte er zu sagen statt
Kreisler, wenn er bei festlichen, feierlichen Gelegenheiten Französisch sprach
und sich auf keinen deutschen Namen recht besinnen konnte. Der fremde Prinz -
denn den jungen stattlichen Mann hatte doch wohl die Fräulein Nannette gemeint,
als sie rief, dass der Fürst komme mit dem Prinzen - nickte Kreislern im
Vorbeigehen flüchtig zu mit dem Kopfe, eine Art der Begrüssung, die Kreislern
selbst von den vornehmsten Personen ganz unausstehlich war. Er bückte sich daher
bis tief an die Erde auf solch burleske Weise, dass der dicke Hofmarschall, der
überhaupt Kreislern für einen ausgemachten Spassmacher und alles für Spass hielt,
was er tat und sprach, nicht umhin konnte, etwas zu kichern. Der junge Fürst
warf aus seinen dunkeln Augen Kreislern einen glühenden Blick zu, murmelte
zwischen den Zähnen: »Hasenfuss« und schritt dann schnell dem Fürsten nach, der
sich mit milder Gravität nach ihm umschaute. - »Für einen italienischen
Gardisten«, rief Kreisler laut lachend dem Hofmarschall zu, »spricht der
durchlauchtige Herr ein passables Deutsch, sagen Sie ihm, beste Exzellenz, dass
ich ihm dafür dienen mit dem auserlesensten Neapolitanisch und dabei kein
artiges Romanisch, am wenigsten aber als Gozzische Maske schnödes Venetianisch
einschwärzen, kurz kein X vor ein U machen will. - Sagen Sie ihm, beste
Exzellenz -« Aber die Exzellenz stieg schon, die Schultern hoch heraufgezogen
als Bollwerk und Schutzschanze der Ohren, die Treppe herauf. -
    Der fürstliche Wagen, mit dem Kreisler gewöhnlich nach Sieghartshof zu
fahren pflegte, hielt, der alte Jäger öffnete den Schlag und fragte, ob's
gefällig wäre. In dem Augenblick rannte aber ein Küchenjunge vorbei, heulend und
schreiend: »Ach, das Unglück - ach, das Malheur!« - »Was ist geschehen?« rief
ihm Kreisler nach. »Ach, das Unglück,« erwiderte der Küchenjunge, noch heftiger
weinend, »da drinnen liegen der Herr Oberküchenmeister in der Verzweiflung, in
purer Raserei und wollen sich durchaus das Ragoutmesser in den Leib stossen, weil
der gnädigste Herr plötzlich befohlen hat zu soupieren und es ihm an Muscheln
fehlt zum italienischen Salat. Er will selbst nach der Stadt, und der Herr
Oberstallmeister weigern sich anspannen zu lassen, da es an einer Order des
gnädigsten Herrn fehlt.« - »Da ist zu helfen,« sprach Kreisler, »der Herr
Oberküchenmeister steige in gegenwärtigen Wagen und versehe sich mit den
schönsten Muscheln in Sieghartsweiler, während ich zu Fuss nach selbiger Stadt
promeniere.« - Damit rannte er fort in den Park. -
    »Grosse Seele - edles Gemüt - scharmanter Herr!« rief ihm der alte Jäger
nach, indem ihm die Tränen in die Augen traten. -
    In den Flammen des Abendrots stand das ferne Gebirge, und der goldne
glühende Widerschein gleitete spielend über den Wiesenplan, durch die Bäume,
durch die Büsche, wie getrieben von dem Abendwinde, der sich säuselnd erhoben.
    Kreisler blieb mitten auf der Brücke stehen, die über einen breiten Arm des
Sees nach dem Fischerhäuschen führte, und schaute in das Wasser hinab, in dem
sich der Park mit seinen wunderbaren Baumgruppen, der hoch darüber emporragende
Geierstein, der seine weissblinkende Ruinen auf dem Haupte wie eine seltsame
Krone trug, abspiegelte in magischem Schimmer. Der zahme Schwan, der auf den
Namen Blanche hörte, plätscherte auf dem See daher, den schönen Hals stolz
emporgehoben, rauschend mit den glänzenden Schwingen. »Blanche, Blanche,« rief
Kreisler laut, indem er beide Arme weit ausstreckte, »singe dein schönstes Lied,
glaube ja nicht, dass du dann sterben musst! Du darfst dich nur singend an meine
Brust schmiegen, dann sind deine herrlichsten Töne mein, und nur ich gehe unter
in brünstiger Sehnsucht, während du in Liebe und Leben daherschwebst auf den
kosenden Wellen!« - Selbst wusste Kreisler nicht, was ihn plötzlich so tief
bewegte, er stützte sich auf das Geländer, schloss unwillkürlich die Augen. Da
hörte er Julias Gesang, und ein unnennbar süsses Weh durchbebte sein Inneres.
    Düstere Wolken zogen daher und warfen breite Schatten über das Gebirge, über
den Wald, wie schwarze Schleier. Ein dumpfer Donner dröhnte im Morgen, stärker
sauste der Nachtwind, rauschten die Bäche, und dazwischen schlugen einzelne Töne
der Wetterharfe an wie ferne Orgelklänge, aufgescheucht erhob sich das Geflügel
der Nacht und schweifte kreischend durch das Dickicht.
    Kreisler erwachte aus dem Traume und erblickte seine dunkle Gestalt im
Wasser. Da war es ihm, als schaue ihn Ettlinger, der wahnsinnige Maler, an aus
der Tiefe. »Hoho,« rief er herab, »hoho, bist du da, geliebter Doppeltgänger,
wackerer Kumpan? - Höre, mein ehrlicher Junge, für einen Maler, der etwas über
die Schnur gehauen, der in stolzem Übermut fürstliches Herzblut verbrauchen
wollte statt Firnis, siehst du passabel genug aus. - Ich glaube am Ende, guter
Ettlinger, dass du illustre Familien genarrt hast mit deinem wahnsinnigen
Treiben! - Je länger ich dich anschaue, desto mehr gewahre ich an dir die
vornehmsten Manieren, und so du magst, will ich der Fürstin Maria versichern, du
wärst, was deinen Stand oder deine Lage im Wasser betrifft, ein Mann von dem
importantesten Range, und sie könne dich lieben ohne alle weitere Umstände. -
Willst du aber, Kumpan, dass die Fürstin noch jetzt deinem Bilde gleiche, so musst
du es nachtun dem fürstlichen Dilettanten, der seine Porträts ausglich mit den
zu Porträtierenden durch geschicktes Anpinseln der letztern! - Nun! - Haben sie
dich einmal unverdienterweise hinabgeschickt in den Orkus, so trage ich dir
hiemit allerlei Neuigkeiten zu! - Wisse, verehrter Tollhauskolonist, dass die
Wunde, die du dem armen Kinde, der schönen Prinzessin Hedwiga, beibrachtest,
noch immer nicht recht geheilt ist, so dass sie vor Schmerz manchmal allerlei
Faxen macht. Trafst du denn ihr Herz so hart, so schmerzlich, dass ihr noch jetzt
heisses Blut entquillt, wenn sie deine Larve erblickt, so wie Leichname bluten,
wenn der Mörder hinantritt? Rechne es mir nicht zu, Guter, dass sie mich für ein
Gespenst hält, und zwar für das deinige. - Aber bin ich so recht in voller Lust,
ihr zu beweisen, dass ich kein schnöder Revenant bin, sondern der Kapellmeister
Kreisler, dann kommt mir der Prinz Ignatius in die Quere, der offenbar an einer
Paranoia laboriert, an einer fatuitas, stoliditas, die nach Kluge eine sehr
angenehme Sorte der eigentlichen Narrheit ist. - Mache mir nicht alle Gesten
nach, Maler, wenn ich ernstaft mit dir rede! - Schon wieder? Fürchtete ich mich
nicht vor dem Schnupfen, ich spränge zu dir herab und prügelte dich erklecklich.
- Schere dich zum Teufel, halunkischer Mimiker!«
    Kreisler sprang schnell fort.
    Es war nun ganz finster geworden, Blitze leuchteten durch die schwarzen
Wolken, der Donner rollte, und der Regen begann in grossen Tropfen herabzufallen.
Aus dem Fischerhäuschen strahlte ein helles blendendes Licht, dem eilte Kreisler
schnell entgegen.
    Unfern der Türe, im vollen Schimmer des Lichts, erblickte Kreisler sein
Ebenbild, sein eignes Ich, das neben ihm daherschritt. Vom tiefsten Entsetzen
erfasst, stürzte Kreisler hinein in das Häuschen, sank atemlos, zum Tode
erbleicht, in den Sessel.
    Meister Abraham, der vor einem kleinen Tische sass, auf dem eine Astrallampe
ihre blendende Strahlen umherwarf, in einem grossen Folianten lesend, fuhr
erschrocken in die Höhe, nahte sich Kreisler, rief: »Um des Himmels willen, was
ist Euch, Johannes, wo kommt Ihr her am späten Abend - was hat Euch so
entsetzt!« -
    Mit Mühe ermannte sich Kreisler und sprach dann mit dumpfer Stimme: »Es ist
nun nicht anders, wir sind unserer zwei - ich meine ich und mein Doppeltgänger,
der aus dem See gesprungen ist und mich verfolgt hat hieher. - Seid barmherzig,
Meister, nehmt Euern Dolchstock, stosst den Halunken nieder - er ist rasend,
glaubt mir das, und kann uns beide verderben. Er hat draussen das Wetter
heraufbeschworen. - Die Geister rühren sich in den Lüften, und ihr Choral
zerreisst die menschliche Brust! - Meister - Meister, lockt den Schwan herbei, -
er soll singen - erstarrt ist mein Gesang, denn der Ich hat seine weisse kalte
Totenhand auf meine Brust gelegt, die muss er wegziehen, wenn der Schwan singt -
und sich wieder untertauchen in den See.« - Meister Abraham liess Kreislern nicht
weiter reden, er sprach ihm zu mit freundlichen Worten, nötigte ihm einige
Gläser eines feurigen italienischen Weins ein, den er eben zur Hand hatte, und
fragte ihm dann nach und nach ab, wie sich alles begeben.
    Aber kaum hatte Kreisler geendet, als Meister Abraham, laut lachend, rief:
»Da sieht man den eingefleischten Phantasten, den vollendeten Geisterseher! -
Was den Organisten betrifft, der Euch draussen in dem Park schauerliche Chorale
vorgespielt hat, so ist das niemand anders gewesen als der Nachtwind, der durch
die Lüfte brausend daherfuhr, und vor dem die Saiten der Wetterharfe erklangen.
Ja ja, Kreisler, die Wetterharfe habt Ihr vergessen, die zwischen den beiden
Pavillons am Ende des Parks aufgespannt ist3. Und was Euern Doppeltgänger
betrifft, der im Schimmer meiner Astrallampe neben Euch herlief, so will ich
Euch sogleich beweisen, dass, sobald ich nur vor die Tür trete, auch mein
Doppeltgänger bei der Hand ist, ja, dass ein jeder, der zu mir hineintritt, solch
einen Chevalier d'Honneur seines Ichs an der Seite leiden muss.«
    Meister Abraham trat vor die Türe, und sogleich stand in dem Schimmer ein
zweiter Meister Abraham ihm zur Seite.
    Kreisler merkte die Wirkung eines verborgenen Hohlspiegels und ärgerte sich
wie jeder, dem das Wunderbare, woran er geglaubt, zu Wasser gemacht wird. Dem
Menschen behagt das tiefste Entsetzen mehr, als die natürliche Aufklärung
dessen, was ihm gespenstisch erschienen, er will sich durchaus nicht mit dieser
Welt abfinden lassen; er verlangt etwas zu sehen aus einer andern, die des
Körpers nicht bedarf, um sich ihm zu offenbaren.
    »Ich kann,« sprach Kreisler, »ich kann nun einmal, Meister, Euren seltsamen
Hang zu solchen Foppereien nicht begreifen. Ihr präpariert das Wunderbare, wie
ein geschickter Mundkoch, aus allerlei scharfen Ingredienzien und meint, dass die
Menschen, deren Phantasie, wie der Magen der Schlemmer, flau geworden, irritiert
werden müssen durch solches Unwesen. Nichts ist abgeschmackter, als wenn man bei
solchen vermaledeiten Kunststückchen, die einem die Brust zusammenschnüren,
dahinterkommt, dass alles natürlich zugegangen.«
    »Natürlich! - natürlich,« rief Meister Abraham, »als ein Mann von ziemlichem
Verstande solltet Ihr doch einsehen, dass nichts in der Welt natürlich zugeht,
gar nichts! - Oder glaubt Ihr, werter Kapellmeister, dass deshalb, weil wir mit
uns zu Gebote stehenden Mitteln eine bestimmte Wirkung hervorzubringen vermögen,
uns die aus dem geheimnisvollen Organism strömende Ursache der Wirkung klar vor
Augen liegt? - Ihr habt doch sonst vielen Respekt vor meinen Kunststücken
gehabt, unerachtet Ihr die Krone davon niemals schautet.« - »Ihr meint das
unsichtbare Mädchen,« sprach Kreisler.
    »Allerdings,« fuhr der Meister fort, »eben dieses Kunststück - es ist wohl
mehr als das - würde Euch bewiesen haben, dass die gemeinste, am leichtesten zu
berechnende Mechanik oft mit den geheimnisvollsten Wundern der Natur in
Beziehung treten und dann Wirkungen hervorbringen kann, die unerklärlich, -
selbst dies Wort im gewöhnlichen Sinn genommen, bleiben müssen.« - »Hm,« sprach
Kreisler, »wenn Ihr nach der bekannten Teorie des Schalls verfuhret, den
Apparat geschickt zu verbergen wusstet und ein schlaues gewandtes Wesen an der
Hand hattet -«
    »O Chiara!« rief Meister Abraham, indem Tränen in seinen Augen perlten, »o
Chiara, mein süsses liebes Kind!«
    Kreisler hatte noch nie den Alten so tief bewegt gesehen, wie dieser denn
von jeher keiner wehmütigen Empfindung Raum geben wollte, sondern dergleichen
wegzuspotten pflegte.
    »Was ist das mit der Chiara?« fragte der Kapellmeister.
    »Es ist wohl dumm,« sprach der Meister lächelnd, »es ist wohl dumm, dass ich
Euch heute erscheinen muss wie ein alter weinerlicher Geck, aber die Gestirne
wollen es nun einmal, dass ich von einem Moment meines Lebens mit Euch reden
soll, über den ich so lange schwieg. - Kommt her, Kreisler, schaut dieses grosse
Buch, es ist das merkwürdigste, was ich besitze, das Erbstück eines
Tausendkünstlers, Severino geheissen, und eben sitze ich da und lese die
wunderbarsten Sachen und schaue die kleine Chiara an, die darin abgebildet, und
da stürzt Ihr hinein, ausser Euch selbst, und verachtet meine Magie in dem
Augenblick, als ich eben in der Erinnerung schwelge an ihr schönstes Wunder, das
mein war in der Blütezeit meines Lebens!«
    »Nun erzählt nur,« rief Kreisler, »damit ich stracks mit Euch heulen kann« -
    »Es ist,« begann Meister Abraham, »es ist nun eben nicht sehr merkwürdig,
dass ich, sonst ein junger kräftiger Mann von ganz hübschem Ansehn, aus
übertriebenem Eifer und grosser Ruhmbegier mich matt und krank gearbeitet hatte
an der grossen Orgel in der Hauptkirche zu Göniönesmühl. Der Arzt sprach: Laufen
Sie, werter Orgelbauer, laufen Sie über Berg und Tal, weit in die Welt hinein,
und das tat ich denn wirklich, indem ich mir den Spass machte, überall als
Mechaniker aufzutreten und den Leuten die artigsten Kunststücke vorzumachen.
Dies ging recht gut und brachte mir viel Geld ein, bis ich auf den Mann stiess,
Severino geheissen, der mich derb auslachte mit meinen Kunststückchen und durch
manches mich beinahe dahin gebracht hätte, mit dem Volk zu glauben, er stehe mit
dem Teufel oder wenigstens mit andern honetteren Geistern im Bunde. Das mehreste
Aufsehen erregte sein weibliches Orakel, ein Kunststück, das eben später unter
dem Namen des unsichtbaren Mädchens bekannt worden. Mitten im Zimmer, von der
Decke herab, hing frei eine Kugel von dem feinsten klarsten Glase, und aus
dieser Kugel strömten, wie ein linder Hauch, die Antworten auf die an das
unsichtbare Wesen gerichtete Fragen. Nicht allein das unbegreiflich Scheinende
dieses Phänomens, sondern auch die ins Herz dringende, das Innerste erfassende
Geisterstimme der Unsichtbaren, das Treffende ihrer Antworten, ja ihre wahrhafte
Weissagungsgabe verschafte dem Künstler unendlichen Zulauf. Ich drängte mich an
ihn, ich sprach viel von meinen mechanischen Kunststücken, er verachtete aber,
wiewohl im andern Sinn, als Ihr es tut, Kreisler, all mein Wissen und bestand
darauf, ich sollte ihm eine Wasserorgel bauen zu seinem häuslichen Gebrauch,
unerachtet ich ihm bewies, dass, wie auch der verstorbene Herr Hofrat Meister zu
Göttingen in seinem Traktat: De veterum Hydraulo versichre, an einem solchen
Hydraulos gar nichts sei und nichts erspart werde als einige Pfund Luft, die
man, dem Himmel sei es gedankt, doch noch überall umsonst haben könne. Endlich
beteuerte Severino, er brauche die sanfteren Töne eines solchen Instruments, um
der Unsichtbaren beizustehen, und er wolle mir das Geheimnis entdecken, wenn ich
auf das Sakrament schwöre, es weder selbst zu gebrauchen, noch andern zu
entdecken, wiewohl er glaube, dass es nicht leicht möglich sein werde, sein
Kunstwerk nachzuahmen ohne - hier stockte er und machte ein geheimnisvoll süsses
Gesicht, wie weiland Cagliostro, wenn er von seinen zaubrischen Verzückungen zu
Weibern sprach. Voll Begier, die Unsichtbare zu schauen, versprach ich die
Wasserorgel zu verfertigen, so gut es ginge, und nun schenkte er mir sein
Zutrauen, - gewann mich sogar lieb, als ich ihm willig Beistand leistete in
seinen Arbeiten. Eines Tages, eben wollte ich zu Severino gehen, war das Volk
auf der Strasse zusammengelaufen. Man sagte mir, ein anständig gekleideter Mann
sei ohnmächtig zu Boden gefallen. Ich drängte mich durch und erkannte Severino,
den man eben aufhob und ins nächste Haus trug. Ein Arzt, der des Weges gekommen,
nahm sich seiner an. Severino schlug, nachdem verschiedene Mittel angewandt, mit
einem tiefen Seufzer die Augen auf. Der Blick, mit dem er unter den krampfhaft
zusammengezogenen Augenbraunen mich anstarrte, war furchtbar, alle Schrecken des
Todeskampfs glühten darin in düstrem Feuer. Seine Lippen bebten, er versuchte zu
reden und vermocht's nicht. Endlich schlug er einigemal heftig mit der Hand auf
die Westentasche. Ich fasste hinein und zog einige Schlüssel hervor: Das sind die
Schlüssel Eurer Wohnung, sprach ich, er nickte mit dem Kopfe: Das ist, fuhr ich
fort, indem ich ihm einen von den Schlüsseln vor Augen hielt, das ist der
Schlüssel zu dem Kabinett, in das Ihr mich niemals hineinlassen wolltet. Er
nickte aufs neue. Als ich aber weiterfragen wollte, begann er wie in
fürchterlicher Angst zu ächzen und zu stöhnen, kalte Schweisstropfen standen ihm
auf der Stirne, er breitete die Arme aus und bog sie im Zirkel zusammen, wie
wenn man etwas umfasst, und wies auf mich: Er will, sprach der Arzt, dass Sie
seine Sachen, seine Apparate in Sicherheit bringen, vielleicht, stirbt er,
behalten sollen? Severino nickte stärker mit dem Kopfe, schrie endlich: Corre!
und sank aufs neue ohnmächtig zurück. Schnell eilte ich nun nach Severinos
Wohnung, vor Neugier, vor Erwartung bebend, öffnete ich das Kabinett, in dem die
geheimnisvolle Unsichtbare verschlossen sein musste, und erstaunte nicht wenig,
als ich es ganz leer fand. Das einzige Fenster war dicht verhängt, so dass das
Licht nur hineindämmerte, und ein grosser Spiegel hing an der Wand, der Türe des
Zimmers gegenüber. Sowie ich zufällig vor diesen Spiegel trat und meine Gestalt
im schwachen Schimmer erblickte, durchströmte mich ein seltsames Gefühl, als
befände ich mich auf dem Isolierstuhl einer Elektrisiermaschine. In demselben
Augenblick sprach die Stimme des unsichtbaren Mädchens auf italienisch:
Verschont mich nur heute, Vater! - Geisselt mich nicht so grausam, Ihr seid ja
doch nun gestorben! - Schnell öffnete ich die Türe des Zimmers, so, dass das
volle Licht hineinströmte, aber keine lebendige Seele konnt' ich erblicken: Es
ist gut, sprach die Stimme: es ist gut, Vater, dass Ihr Herrn Liscov geschickt
habt, aber der lässt es nicht mehr zu, dass Ihr mich geisselt, er zerbricht den
Magnet, und Ihr könnt nicht mehr aus dem Grabe heraus, in das er Euch legen
lässt, Ihr möget Euch sträuben, wie Ihr wollt, denn Ihr seid doch nun ein
Verstorbner und gehört nicht mehr dem Leben. Ihr könnt wohl denken, Kreisler,
dass mich tiefe Schauer durchbebten, da ich niemand sah, und die Stimme doch
dicht vor meinen Ohren schwebte. Teufel, sprach ich laut, um mich zu ermutigen:
säh' ich nur irgendwo ein lumpiges Fläschlein, so würd' ich es zerschmeissen, und
der diable boiteux stünde, seinem Kerker entronnen, leibhaftig vor mir, aber so
- Nun kam es mir plötzlich vor, als gingen die leisen Seufzer, die durch das
Kabinett wehten, aus einem Verschlage hervor, der in der Ecke stand und mir viel
zu klein schien, um ein menschliches Wesen zu beherbergen. Doch ich springe hin,
öffne den Schieber, und zusammengekrümmt, wie ein Wurm, liegt ein Mädchen darin,
starrt mich an mit grossen, wunderbar schönen Augen, streckt endlich mir den Arm
entgegen, als ich rufe: Komm heraus, mein Lämmchen, komm heraus, meine kleine
Unsichtbare! - Ich fasse endlich die Hand, die sie emporhält, und ein
elektrischer Schlag fährt mir durch alle Glieder.« - »Halt,« rief Kreisler,
»halt, Meister Abraham, was ist das, als ich das erstemal zufällig der
Prinzessin Hedwiga Hand berührte, ging es mir ebenso, und noch immer, wiewohl
schwächer, fühl' ich dieselbe Wirkung, wenn sie mir sehr gnädig die Hand
reicht.« - »Hoho,« erwiderte Meister Abraham, »hoho, am Ende ist unser
Prinzesslein eine Art von Gymnotus electricus oder Raja torpedo oder Trichiurus
indicus, wie in gewisser Art meine süsse Chiara es war, oder auch wohl nur eine
muntere Hausmaus, wie jene, die dem wackern Signor Cotugno eine tüchtige
Ohrfeige versetzte, als er sie beim Rücken erfasste, um sie zu sezieren, was Ihr
freilich mit der Prinzessin nicht im Sinn haben konntet! - Doch sprechen wir ein
andermal von der Prinzessin, und bleiben wir jetzt bei meiner Unsichtbaren! -
Als ich, erschrocken über den unvermuteten Schlag des kleinen Torpedo,
zurückprallte, sprach das Mädchen mit wunderbar anmutigem Ton auf deutsch: Ach,
nehmet es doch ja nur nicht übel, Herr Liscov, aber ich kann nicht anders, der
Schmerz ist gar zu gross. - Ohne mich weiter mit meinem Erstaunen aufzuhalten,
fasste ich die Kleine sanft bei den Schultern, zog sie aus dem abscheulichen
Gefängnis, und ein zart gebautes liebliches Ding in der Grösse eines
zwölfjährigen Mädchens, nach der körperlichen Ausbildung zu urteilen, aber
wenigstens sechzehn Jahre alt, stand vor mir. Schaut nur dort ins Buch hinein,
das Bild ist ähnlich, und Ihr werdet gestehen müssen, dass es kein lieblicheres
ausdrucksvolleres Antlitz geben kann, wozu Ihr aber rechnen müsst, dass das
wunderbare, das Innerste entzündende Feuer der schönsten schwarzen Augen in
keinem Bilde zu erreichen. Jeder, der nicht auf eine Schneehaut und Flachshaar
erpicht ist, musste das Gesichtlein für vollendet schön anerkennen, denn freilich
war die Haut meiner Chiara etwas zu braun, und ihr Haar glänzte im brennenden
Schwarz. - Chiara - Ihr wisst nun schon, dass die kleine Unsichtbare so geheissen
wer - Chiara fiel vor mir nieder, ganz Wehmut und Schmerz, ein Tränenstrom
stürzte ihr aus den Augen, und sie sprach mit einem unnennbaren Ausdruck: Je
suis sauvée. Ich fühlte mich von dem tiefsten Mitleid durchdrungen, ich ahnte
entsetzliche Dinge! - Man brachte jetzt Severinos Leiche, ein zweiter Anfall des
Schlages hatte ihn, gleich nachdem ich ihn verlassen, getötet. Sowie Chiara den
Leichnam gewahrte, versiegten ihre Tränen, sie schaute den toten Severino an mit
ernstem Blick und entfernte sich dann, als die Leute, die mitgekommen, sie
neugierig betrachteten und lachend meinten, das sei wohl gar am Ende das
unsichtbare Mädchen in dem Kabinett. Ich fand es unmöglich, das Mädchen allein
zu lassen bei dem Leichnam, die gutmütigen Wirtsleute erklärten sich bereit, sie
bei sich aufzunehmen. Als ich nun aber, nachdem sich alles entfernt, hineintrat
ins Kabinett, sass Chiara vor dem Spiegel in dem seltsamsten Zustande. Mit fest
auf den Spiegel gerichteten Augen schien sie nichts zu gewahren, gleich einer
Mondsüchtigen. Sie lispelte unverständliche Worte, die aber immer deutlicher und
deutlicher wurden, bis sie, Deutsch, Französisch, Italienisch, Spanisch
wechselnd, von Dingen sprach, die sich auf entfernte Personen zu beziehen
schienen. - Ich bemerke zu meinem nicht geringen Erstaunen, dass gerade die
Stunde eingetreten, in der Severino das weibliche Orakel reden zu lassen
pflegte. - Endlich schloss Chiara die Augen und schien in tiefen Schlaf
verfallen. Ich nahm das arme Kind in meine Arme und trug sie herab zu den
Wirtsleuten. Am andern Morgen fand ich die Kleine heiter und ruhig, erst jetzt
schien sie ihre Freiheit ganz zu begreifen und erzählte alles, was ich zu wissen
verlangte. - Es wird Euch nicht verschnupfen, Kapellmeister, unerachtet Ihr
sonst auf gute Geburt was haltet, dass meine kleine Chiara nichts anders war als
ein Zigeunermägdlein, die mit einer ganzen Bande des schmutzigen Volks auf dem
Markte in irgendeiner grossen Stadt, von Häschern bewacht, sich von der Sonne
braten liess, als eben Severino vorüberging. Blanker Bruder, soll ich dir
wahrsagen? rief ihn das achtjährige Mädchen an. Severino sah der Kleinen lange
in die Augen, liess sich dann wirklich die Züge seines Handtellers deuten und
äusserte ein besonderes Erstaunen. Er musste etwas ganz Besonderes an dem Mädchen
gefunden haben, denn sogleich trat er zu dem Polizeileutenant, der den Zug der
verhafteten Zigeuner führte, und meinte, er wolle was Erkleckliches geben, wenn
es ihm vergönnt würde, das Zigeunermädchen mit sich zu nehmen. Der
Polizeileutenant erklärte barsch, es sei hier kein Sklavenmarkt, setzte indessen
hinzu, dass, da die Kleine doch eigentlich nicht zu den wirklichen Menschen zu
rechnen und das Zuchtaus nur molestiere, so stände sie zu Befehl, wenn der Herr
zehn Dukaten zur Stadtarmenkasse zahlen wolle. Severino zog sogleich seinen
Beutel hervor und zählte die Dukaten ab. Chiara und ihre alte Grossmutter, beide
hatten die ganze Verhandlung gehört, fingen an zu heulen und zu schreien und
wollten sich nicht trennen. Da traten aber die Häscher hinzu, schmissen die Alte
auf den Leiterwagen, der zum Abfahren bereit stand, der Polizeileutenant, der
vielleicht seinen Beutel in dem Augenblick für die Stadtarmenkasse halten
mochte, steckte die blanken Dukaten ein, und Severino schleppte die kleine
Chiara fort, die er dadurch möglichst zu beruhigen suchte, dass er ihr auf
demselben Markt, wo er sie gefunden, ein hübsches neues Röcklein kaufte und sie
überdies mit Zuckerwerk fütterte. - Es ist gewiss, dass Severino damals eben das
Kunststück mit dem unsichtbaren Mädchen im Kopf hatte und in der kleinen
Zigeunerin alle Anlagen fand, die Rolle der Unsichtbaren zu übernehmen. Neben
einer sorgfältigen Erziehung suchte er auf ihren Organism, der zu einem erhöhten
Zustande besonders geeignet, zu wirken. Er brachte diesen erhöhten Zustand, in
dem ein prophetischer Geist in dem Mädchen aufglühte, durch künstliche Mittel
hervor, - denkt an Mesmer und seine furchtbaren Operationen - und versetzte sie
jedesmal, wenn sie wahrsagen sollte, in diesen Zustand. Ein unglückliches
Ungefähr liess ihn wahrnehmen, dass die Kleine nach empfundenem Schmerz vorzüglich
reizbar war, und dass dann ihre Gabe, das fremde Ich zu durchschauen, bis zum
Unglaublichen stieg, so dass sie ganz vergeistigt schien. Und nun geisselte sie
der entsetzliche Mensch jedesmal vor der Operation, die sie in den Zustand des
höhern Wissens versetzte, auf die grausamste Weise. Zu dieser Qual kam noch, dass
Chiara, die Ärmste, oft tagelang, wenn Severino abwesend, sich zusammenkrümmen
musste in jenem Verschlag, damit, dränge selbst jemand in das Kabinett, doch
Chiaras Gegenwart ein Geheimnis bliebe. Ebenso machte sie die Reisen mit
Severino in jenem Kasten. Unglücklicher, fürchterlicher war Chiaras Schicksal
als das jenes Zwerges, den der bekannte Kempelen mit sich führte, und der, in
dem Türken versteckt, Schach spielen musste. - Ich fand in Severinos Pult eine
namhafte Summe in Gold und Papieren, es gelang mir, der kleinen Chiara dadurch
ein gutes Einkommen zu sichern, den Apparat zum Orakel, das heisst die
akustischen Vorrichtungen im Zimmer und Kabinett vernichtete ich, sowie manches
andere Kunstwerk, das nicht transportabel, wogegen ich nach Severinos deutlich
ausgesprochenem Vermächtnis manches Geheimnis aus seinem Nachlass mir zu eigen
machte. Dies alles abgetan, nahm ich von der kleinen Chiara, die die Wirtsleute
halten wollten wie ihr liebes Kindlein, den wehmütigsten Abschied und verliess
den Ort. - Ein Jahr war vergangen, ich wollte zurück nach Göniönesmühl, wo der
Hochlöbliche Magistrat die Reparatur der Stadtorgel von mir verlangte, aber der
Himmel hatte ein besonderes Wohlgefallen daran, mich als Taschenspieler
hinzustellen vor den Leuten, und gab daher einem verfluchten Spitzbuben die
Macht, meine Börse, in der mein ganzer Reichtum befindlich, zu stehlen und mich
so zu zwingen, noch als berühmter, mit vielen Attesten und Konzessionen
versehener Mechaniker Künste zu machen des nötigen Proviants halber. - Das
geschah an einem Örtchen unfern Sieghartsweiler. Eines Abends sitze ich und
hämmere und feile an einem Zauberkästchen, da geht die Türe auf, ein weibliches
Wesen tritt herein, ruft: Nein, ich konnte es nicht länger ertragen, ich musste
Euch nach, Herr Liscov - ich wäre gestorben vor Sehnsucht! - Ihr seid mein Herr,
gebietet über mich! - stürzt auf mich zu, will mir zu Füssen fallen, ich fange
sie auf in meinen Armen - es ist Chiara! - Kaum erkenne ich das Mädchen, wohl
einen Fuss höher, stärker ist sie geworden, ohne dass das den zartesten Formen
ihres Wuchses geschadet! - Liebe süsse Chiara! rief ich tiefbewegt und drückte
sie an meine Brust! Nicht wahr, spricht nun Chiara, Ihr leidet mich bei Euch,
Herr Liscov, Ihr verstosset nicht die arme Chiara, die Euch Freiheit und Leben zu
verdanken hat? - Und damit springt sie schnell an den Kasten, den eben ein
Postknecht hineinschiebt, drückt dem Kerl so viel Geld in die Hand, dass er, mit
einem grossen Katzensprung zur Türe hinaus, laut ruft: Ei der Daus, das liebe
Mohrenkind, öffnet den Kasten, nimmt dieses Buch heraus, gibt mir es, sprechend:
Da, Herr Liscov, nehmt das Beste aus Severinos Nachlass, das Ihr vergessen, fängt
an, während ich das Buch aufschlage, ganz getrost Kleider und Wäsche auszupacken
- Ihr möget denken, Kreisler, dass mich die kleine Chiara in nicht geringe
Verlogenheit setzte; aber - nun ist es Zeit, Kerl, dass du auf mich was halten
lernst, da du, weil ich dir half, dem Oheim die reifen Birnen vom Baume naschen
und ihm hölzerne mit saubrer Malerei hinhängen oder ihm gedüngtes
Pomeranzenwasser hinstellen in der Giesskanne, womit er die auf dem Rasen zum
Bleichen ausgespannten weissen Kanevashosen begoss und einen schönen Marmor
herausbrachte ohne Mühe, - kurz, weil ich dich zu tollen Narrenstreichen
anführte, da du, sag' ich, sonst mich selbst zu nichts anderm machtest, als zu
einem puren Schalksnarren, der niemals ein Herz, oder wenigstens die
Hanswurstjacke so dick darübergelegt hatte, dass er nichts von seinen Schlägen
spürte! - Brüste dich nicht, Mensch, mit deiner Empfindsamkeit, mit deinen
Tränen, denn siehe, schon wieder muss ich, so wie du es nur zu oft tust,
niederträchtig flennen, aber der Teufel hole doch alles, wenn man erst im hohen
Alter jungen Leuten das Innere aufschliessen soll wie eine Chambre garnie.« -
Meister Abraham trat ans Fenster und schaute hinaus in die Nacht. Das Gewitter
war vorüber, im Säuseln des Waldes hörte man die einzelnen Tropfen fallen, die
der Nachtwind hinabschüttelte. Von fern her aus dem Schloss ertönte lustige
Tanzmusik. »Prinz Hektor,« sprach Meister Abraham, »Prinz Hektor eröffnet die
Partie à la Chasse mit einigen Sprüngen, glaub' ich« -
    »Und Chiara?« fragte Kreisler.
    »Recht,« fuhr Meister Abraham fort, indem er sich erschöpft in den Lehnstuhl
niederliess, »recht, mein Sohn, dass du mich erinnerst an Chiara, denn ich muss in
dieser verhängnisvollen Nacht den Kelch der bittersten Erinnerung nun einmal
ausschlürfen bis auf den letzten Tropfen. - Ach! - sowie Chiara geschäftig hin
und her hüpfte, wie aus ihren Blicken die reinste Freude strahlte, da fühlt' ich
es wohl, dass es mir ganz unmöglich sein würde, mich jemals von ihr zu trennen,
dass sie mein Weib werden müsse. - Und doch sprach ich: Aber Chiara, was soll ich
mit dir anfangen, wenn du nun hier bleibst? - Chiara trat vor mich hin und
sprach sehr ernst: Meister, Ihr findet in dem Buch, das ich Euch gebracht, die
genaue Beschreibung des Orakels, Ihr habt ja ohnedies die Vorrichtungen dazu
gesehen. - Ich will Euer unsichtbares Mädchen sein! - Chiara, rief ich ganz
bestürzt, Chiara, was sprichst du? - Kannst du mich für einen Severino halten? -
O schweigt von Severino, erwiderte Chiara. - Nun, was soll ich Euch alles
umständlich erzählen, Kreisler, Ihr wisst ja schon, dass ich alle Welt in
Erstaunen setzte mit meinem unsichtbaren Mädchen, und möget mir wohl zutrauen,
dass ich es verabscheute, auch nur durch irgendein künstliches Mittel meine liebe
Chiara aufzuregen oder auf irgendeine Weise ihre Freiheit zu verschränken. - Sie
deutete mir selbst Zeit und Stunde an, wenn sie sich fähig fühlte oder vielmehr
fühlen würde, die Rolle der Unsichtbaren zu spielen, und nur dann sprach mein
Orakel. - Überdies war meiner Kleinen jene Rolle zum Bedürfnis geworden. Gewisse
Umstände, die Ihr künftig erfahren sollt, brachten mich nach Sieghartsweiler. Es
lag in meinem Plan, sehr geheimnisvoll aufzutreten. Ich bezog eine einsame
Wohnung bei der Witwe des fürstlichen Mundkochs, durch die ich sehr bald das
Gerücht von meinen wunderbaren Kunststücken an den Hof brachte. Was ich erwartet
hatte, geschah. Der Fürst - ich meine den Vater des Fürsten Irenäus, - suchte
mich auf, und meine weissagende Chiara war die Zauberin, die, wie von
überirdischer Kraft beseelt, ihm oft sein eignes Inneres erschloss, so dass er
manches, was ihm sonst verschleiert gewesen, jetzt klar durchschaute. Chiara,
die mein Weib worden, wohnte bei einem mir vertrauten Mann in Sieghartshof und
kam zu mir im Dunkel der Nacht, so dass ihre Gegenwart ein Geheimnis blieb. Denn
seht, Kreisler, so versessen sind die Menschen auf Wunder, dass, war auch das
Kunststück mit dem unsichtbaren Mädchen nicht anders möglich, als durch die
Mitwirkung eines menschlichen Wesens, sie doch das ganze Ding für eine dumme
Fopperei geachtet haben würden, sobald sie erfuhren, dass das unsichtbare Mädchen
von Fleisch und Bein. Sowie denn in jener Stadt den Severino nach seinem Tode
alle Leute einen Betrüger schalten, da es herausgekommen, dass eine kleine
Zigeunerin im Kabinett gesprochen, ohne die künstliche akustische Einrichtung,
die den Ton aus der Glaskugel kommen liess, auch nur im mindesten zu beachten. -
Der alte Fürst starb, ich hatte die Kunststücke, die Geheimniskrämerei mit
meiner Chiara herzlich satt, ich wollte mit meinem lieben Weibe hinziehen nach
Göniönesmühl und wieder Orgeln bauen. Da blieb eine Nacht Chiara, die zum
letztenmal die Rolle des unsichtbaren Mädchens spielen sollte, aus, ich musste
die Neugierigen unbefriedigt fortschicken. Mir schlug das Herz vor banger
Ahnung. - Am Morgen lief ich nach Sieghartshof, Chiara war zur gewöhnlichen
Stunde fortgegangen. - Nun, Kerl, was schaust du mich so an? Ich hoffe, dass du
keine alberne Frage tun wirst! - Du weisst es ja - Chiara war spurlos
verschwunden, nie - nie - hab' ich sie wieder gesehen!« -
    Meister Abraham sprang rasch auf und stürzte ans Fenster. Ein tiefer Seufzer
machte den Blutstropfen Luft, die aus der aufgerissenen Herzwunde quollen.
Kreisler ehrte den tiefen Schmerz des Greises durch Schweigen.
    »Ihr könnet,« begann endlich Meister Abraham, »Ihr könnet nun nicht mehr
zurück nach der Stadt, Kapellmeister. Mitternacht ist heran, draussen, Ihr wisst
es, hausen böse Doppeltgänger, und allerlei anderes bedrohliches Zeug könnt' uns
in den Kram pfuschen. Bleibt bei mir! - Toll, ganz toll müsst' es ja -«
    (M. f. f.) aber sein, wenn dergleichen Unschicklichkeiten vorfielen an
heiliger Stätte - ich meine im Auditorio. - Es wird mir so enge, so beklommen
ums Herz - ich vermag, von den erhabensten Gedanken durchströmt, nicht weiter zu
schreiben - ich muss abbrechen, muss ein wenig spazierengehen! -
    Ich kehre zurück an den Schreibtisch, mir ist besser - Aber wovon das Herz
voll ist, davon geht der Mund über und auch wohl der Federkiel des Dichters! -
Ich hört' einmal den Meister Abraham erzählen, in einem alten Buche stände etwas
von einem kuriosen Menschen, dem eine besondere Materia peccans im Leibe
rumorte, die nicht anders abging als durch die Finger. Er legte aber hübsches
weisses Papier unter die Hand und fing so alles, was nur von dem bösen rumorenden
Wesen abgehen wollte, auf und nannte diesen schnöden Abgang Gedichte, die er aus
dem Innern geschaffen. Ich halte das Ganze für eine boshafte Satire, aber wahr
ist es, zuweilen fährt mir ein eignes Gefühl, beinahe möcht' ich's geistiges
Leibkneifen nennen, bis in die Pfoten, die alles hinschreiben müssen, was ich
denke. - Eben jetzt geht's mir so - es kann mir Schaden tun, betörte Kater
können in ihrer Verblendung böse werden, sogar mich ihre Krallen fühlen lassen,
aber es muss heraus! -
    Mein Meister hatte heute den ganzen Vormittag hindurch in einem
schweinsledernen Quartanten gelesen, als er sich endlich zur gewöhnlichen Stunde
entfernte, liess er das Buch aufgeschlagen auf dem Tische liegen. Schnell sprang
ich herauf, um neugierig, verpicht auf die Wissenschaften, wie ich nun einmal
bin, zu erschnuppern, was das wohl für ein Buch sein könne, worin der Meister
mit so vieler Anstrengung studiert. Es war das schöne herrliche Werk des alten
Johannes Kunisperger vom natürlichen Einfluss der Gestirne, Planeten und zwölf
Zeichen. Ja wohl, mit Recht kann ich das Werk schön und herrlich nennen, denn,
indem ich las, gingen mir da nicht die Wunder meines Seins, meines Wandelns
hienieden auf in voller Klarheit? - Ha! indem ich dieses schreibe, flammt über
meinem Haupt das herrliche Gestirn, das in treuer Verwandtschaft in meine Seele
hinein-, aus meiner Seele hinausleuchtet - ja, ich fühle den glühenden,
sengenden Strahl des langgeschweiften Kometen auf meiner Stirne, - ja, ich bin
selbst der glänzende Schwanzstern, das himmlische Meteor, das in hoher Glorie
prophetisch dräuend durch die Welt zieht. So wie der Komet alle Sterne
überleuchtet, so verschwindet ihr, stell' ich nur nicht meine Gaben unter den
Scheffel, sondern lasse mein Licht gehörig leuchten, und das dependiert ganz von
mir - ja, so verschwindet ihr alle in finstre Nacht, ihr Kater, andere Tiere und
Menschen! - Aber trotz der göttlichen Natur, die aus mir, dem geschwänzten
Lichtgeist, herausstrahlt, teile ich doch nicht das Los aller Sterblichen? -
Mein Herz ist zu gut, ich bin ein zu empfindsamer Kater, möchte mich gern
gemütlich anschliessen den Schwächern und gerate darüber in Trauer und Herzeleid.
- Denn muss ich nicht überall gewahren, dass ich allein stehe wie in der tiefsten
Einöde, da ich nicht dem jetzigen Zeitalter, nein, einem künftigen der höhern
Ausbildung angehöre, da es keine einzige Seele gibt, die mich gehörig zu
bewundern versteht? Und es macht mir doch so viel Freude, wenn ich tüchtig
bewundert werde, selbst das Lob junger gemeiner, ungebildeter Kater tut mir
unbeschreiblich wohl. Ich weiss sie vor Erstaunen ausser sich selbst zu setzen,
aber was hilft's, sie können doch, bei aller Anstrengung, nicht den rechten
Lobposaunenton treffen, schreien sie auch noch so sehr Mau - Mau! - An die
Nachwelt muss ich denken, die mich würdigen wird. Schreib' ich jetzt ein
philosophisches Werk, wer ist's, der die Tiefen meines Geistes durchdringt? Lass
ich mich herab, ein Schauspiel zu dichten, wo sind die Schauspieler, die es
aufzuführen vermögen? Lass ich mich ein auf andere literarische Arbeiten;
schreib' ich z.B. Kritiken, die mir schon deshalb anstehen, weil ich über alles,
was Dichter, Schriftsteller, Künstler heisst, schwebe, mich gleich überall selbst
als, freilich unerreichbares, Muster, als Ideal der Vollkommenheit hinstellen,
deshalb auch allein ein kompetentes Urteil aussprechen kann, wer ist's, der sich
auf meinen Standpunkt hinaufzuschwingen, meine Ansichten mit mir zu teilen
vermag? - Gibt es denn Pfoten oder Hände, die mir den verdienten Lorbeerkranz
auf die Stirne drücken könnten? - Doch dafür ist guter Rat vorhanden, das tue
ich selbst und lasse den die Krallen fühlen, der sich etwa unterstehen möchte,
an der Krone zu zupfen. - Es existieren wohl solche neidische Bestien, ich
träume oft nur, dass ich von ihnen angegriffen werde, fahre, in der Einbildung,
mich verteidigen zu müssen, mir selbst ins Gesicht mit meinen spitzen Waffen und
verwunde kläglich das holde Antlitz - Man wird auch wohl im edeln Selbstgefühl
etwas misstrauisch, aber es kann nicht anders sein. Hielt ich es doch neulich für
einen versteckten Angriff auf meine Tugend und Vortrefflichkeit, als der junge
Ponto mit mehreren Pudeljünglingen auf der Strasse über die neuesten
Erscheinungen des Tages sprach, ohne meiner zu erwähnen, unerachtet ich doch
kaum sechs Schritte von ihm an der Kellerluke meiner Heimat sass. Nicht wenig
ärgerte es mich, dass der Fant, als ich ihm Vorwürfe darüber machte, behaupten
wollte, er habe mich wirklich gar nicht bemerkt.
    Doch es ist Zeit, dass ich euch, mir verwandte Seelen einer schönern
Nachwelt, - o, ich wollte, diese Nachwelt befände sich schon mitten in der
Gegenwart und hätte gescheite Gedanken über Murrs Grösse und spräche diese
Gedanken laut aus mit so heller Stimme, dass man nichts anderes vernehmen könnte
vor dem lauten Geschrei, - ja, dass ihr etwas Weiteres davon erfahrt, was sich
mit eurem Murr zutrug in seinen Jünglingsjahren. - Passt auf, gute Seelen, ein
merkwürdiger Lebenspunkt tritt ein. -
    Des Märzen Idus war angebrochen, die schönen milden Strahlen der
Frühlingssonne fielen auf das Dach, und ein sanftes Feuer durchglühte mein
Inneres. Schon seit ein paar Tagen hatte mich eine unbeschreibliche Unruhe, eine
unbekannte wunderbare Sehnsucht geplagt, - jetzt wurde ich ruhiger, doch nur um
bald in einen Zustand zu geraten, den ich niemals geahnt! -
    Aus einer Dachluke, unfern von mir, stieg leis und linde ein Geschöpf
heraus, - o, dass ich es vermöchte, die Holdeste zu malen! - Sie war ganz weiss
gekleidet, nur ein kleines schwarzes Samtkäppchen bedeckte die niedliche Stirn,
sowie sie auch schwarze Strümpfchen an den zarten Beinen trug. Aus dem
lieblichsten Grasgrün der schönsten Augen funkelte ein süsses Feuer, die sanften
Bewegungen der feingespjetzten Ohren liessen ahnen, dass Tugend in ihr wohne und
Verstand, sowie das wellenförmige Ringeln des Schweifs hohe Anmut aussprach und
weiblichen Zartsinn! -
    Das holde Kind schien mich nicht zu erschauen, es blickte in die Sonne,
blinzelte und nieste. - O, der Ton durchbebte mein Innerstes mit süssen Schauern,
meine Pulse schlugen - mein Blut wallte siedend durch alle Adern, - mein Herz
wollte zerspringen, - alles unnennbar schmerzliche Entzücken, das mich ausser mir
selbst setzte, strömte heraus in dem lang gehaltenen Miau! das ich ausstiess. -
Schnell wandte die Kleine den Kopf nach mir, blickte mich an, Schreck, kindliche
süsse Scheu in den Augen. - Unsichtbare Pfoten rissen mich hin zu ihr mit
unwiderstehlicher Gewalt - aber sowie ich auf die Holde lossprang, um sie zu
erfassen, war sie schnell wie der Gedanke hinter dem Schornstein verschwunden! -
Ganz Wut und Verzweiflung, rannte ich auf dem Dache umher und stiess die
kläglichsten Töne aus, alles umsonst - sie kam nicht wieder! - Ha, welcher
Zustand! - mir schmeckte kein Bissen, die Wissenschaften ekelten mich an, ich
mochte weder lesen noch schreiben. - »Himmel!« rief ich andern Tages aus, als
ich die Holde überall gesucht auf dem Dache, auf dem Boden, in dem Keller, in
allen Gängen des Hauses, und nun trostlos heimkehrte, als, da ich die Kleine
beständig in Gedanken, mich nun selbst der Bratfisch, den mir der Meister
hingesetzt, aus der Schüssel anstarrte mit ihren Augen, so dass ich laut rief im
Wahnsinn des Entzückens: »Bist du es, Langersehnte?« und ihn auffrass mit einem
Schluck: ja, da rief ich: »Himmel, o Himmel! Sollte das Liebe sein?« ich wurde
ruhiger, ich beschloss als ein Jüngling von Erudition, mich über meinen Zustand
ganz ins klare zu setzen, und begann sogleich, wiewohl mit Anstrengung, den Ovid
»de arte amandi« durchzustudieren sowie Mansos »Kunst zu lieben«, aber keines
von den Kennzeichen eines Liebenden, wie es in diesen Werken angegeben, wollte
recht auf mich passen. Endlich fuhr es mir plötzlich durch den Sinn, dass ich in
irgendeinem Schauspiel4 gelesen, ein gleichgültiger Sinn und ein verwilderter
Bart seien sichere Kennzeichen eines Verliebten! - Ich schaute in einen Spiegel,
Himmel, mein Bart war verwildert! - Himmel, mein Sinn war gleichgültig!
    Da ich nun wusste, dass es seine Richtigkeit hatte mit meinem Verliebtsein,
kam Trost in meine Seele. Ich beschloss, mich gehörig mit Speis' und Trank zu
stärken und dann die Kleine aufzusuchen, der ich mein ganzes Herz zugewandt.
Eine süsse Ahnung sagte mir, dass sie vor der Türe des Hauses sitze, ich stieg die
Treppe hinab und fand sie wirklich! - O welch ein Wiedersehen! - wie wallte in
meiner Brust das Entzücken, die unnennbare Wonne des Liebesgefühls. - Miesmies,
so wurde die Kleine geheissen, wie ich von ihr später erfuhr, Miesmies sass da in
zierlicher Stellung auf den Hinterfüssen und putzte sich, indem sie mit den
Pfötchen mehrmals über die Wangen, über die Ohren fuhr. Mit welcher
unbeschreiblichen Anmut besorgte sie vor meinen Augen das, was Reinlichkeit und
Eleganz erfordern, sie bedurfte nicht schnöder Toilettenkünste, um die Reize,
die ihr die Natur verliehen, zu erhöhen! Bescheidner als das erstemal nahte ich
mich ihr, setzte mich zu ihr hin! - Sie floh nicht, sie sah mich an mit
forschendem Blick und schlug dann die Augen nieder. - »Holdeste,« begann ich
leise, »sei mein!« - »Kühner Kater,« erwiderte sie verwirrt, »kühner Kater, wer
bist du? Kennst du mich denn? - Wenn du aufrichtig bist so wie ich und wahr, so
sage und schwöre mir, dass du mich wirklich liebst.« - »O,« rief ich begeistert,
»ja bei den Schrecken des Orkus, bei dem heiligen Mond, bei allen sonstigen
Sternen und Planeten, die künftige Nacht scheinen werden, wenn der Himmel
heiter, schwöre ich dir's, dass ich dich liebe!« - »Ich dich auch,« lispelte die
Kleine und neigte in süsser Verschämteit das Haupt mir zu. Ich wollte sie voll
Inbrunst umpfoten, da sprangen aber mit teuflischem Geknurre zwei riesige Kater
auf mich los, zerbissen, zerkratzten mich kläglich und wälzten mich zum Überfluss
noch in die Gosse, so dass das schmutzige Spülwasser über mich zusammenschlug.
Kaum konnt' ich mich aus den Krallen der mordlustigen Bestien retten, die meinen
Stand nicht achteten, mit vollem Angstgeschrei lief ich die Treppe herauf. Als
der Meister mich erblickte, rief er, laut lachend: »Murr, Murr, wie siehst du
aus? Ha, ha! ich merke schon, was geschehen, du hast Streiche machen wollen, wie
der im Irrgarten der Liebe herumtaumelnde Kavalier, und dabei ist's dir übel
ergangen!« - Und dabei brach der Meister zu meinem nicht geringen Verdruss aufs
neue aus in ein schallendes Gelächter. Der Meister hatte ein Gefäss mit lauwarmem
Wasser füllen lassen, darein stülpte er mich ohne Umstände einigemal ein, so dass
mir vor Niesen und Prusten Hören und Sehen verging, wickelte mich dann fest in
Flanell ein und legte mich in meinen Korb. Ich war beinahe besinnungslos vor Wut
und Schmerz, ich vermochte kein Glied zu rühren. Endlich wirkte die Wärme
wohltätig auf mich, ich fühlte meine Gedanken sich ordnen. »Ha,« klagte ich,
»welch neue bittere Täuschung des Lebens! - Das ist also die Liebe, die ich
schon so herrlich besungen, die das Höchste sein, die uns mit namenloser Wonne
erfüllen, die uns in den Himmel tragen soll! - Ha! - mich hat sie in die Gosse
geworfen! - ich entsage einem Gefühl, das mir nichts eingebracht als Bisse, ein
abscheuliches Bad und niederträchtige Einmummung in schnöden Flanell!« - Aber
kaum war ich wieder in Freiheit und genesen, als aufs neue Miesmies mir
unaufhörlich vor Augen stand und ich, jener ausgestandenen Schmach wohl
eingedenk, zu meinem Entsetzen gewahrte, dass ich noch in Liebe. Mit Gewalt nahm
ich mich zusammen und las als ein vernünftiger gelehrter Kater den Ovid nach, da
ich mich wohl erinnerte, in der »Ars amandi« auch auf Rezepte gegen die Liebe
gestossen zu sein.
    Ich las die Verse:
»Venus otia amat. Qui finem quaeris amoris,
Cedit amor rebus, res age, tutus eris!«
Mit neuem Eifer wollt' ich mich dieser Vorschrift gemäss in die Wissenschaften
vertiefen, aber Miesmies hüpfte auf jedem Blatte mir vor den Augen, Miesmies
dachte - las - schrieb ich! - Der Autor, dacht' ich, muss andere Arbeit meinen,
und da ich von andern Katern gehört, dass die Mäusejagd ein ungemein angenehmes
zerstreuendes Vergnügen sein solle, war es ja möglich, dass unter den rebus auch
die Mäusejagd begriffen sein konnte. Ich begab mich daher, sowie es finster
worden, in den Keller und durchstrich die düstern Gänge, indem ich sang: »Im
Walde schlich ich still und wild, gespannt mein Feuerrohr -«
    Ha! - statt des Wildes, das ich zu jagen trachtete, schaute ich aber
wirklich ihr holdes Bild, aus den tiefen Gründen trat es wirklich überall
hervor! Und dabei zerschnitt der herbe Liebesschmerz mein nur zu leicht
verwundbar Herz! Und ich sprach: »Lenk' auf mich die holden Blicke,
jungfräulichen Morgenschein, und als Braut und Bräut'gam wandeln Murr und
Miesmies selig heim.« Also sprach ich, freud'ger Kater, hoffend auf des Sieges
Preis. - Armer! Mit verhüllten Augen floh sie, scheue Katz', dachein! -
    So geriet ich Bedauernswürdiger immer mehr und mehr in Liebe, die ein
feindlicher Stern mir zum Verderben in meiner Brust entzündet zu haben schien.
Wütend, mich auflehnend gegen mein Schicksal, fiel ich aufs neue her über den
Ovid und las die Verse:
»Exige, quod cantet, si qua est sine voce puella,
Non didicit chordas tangere, posce lyram.«
»Ha,« rief ich, »zu ihr hinauf aufs Dach! - Ha, ich werde sie wiederfinden, die
süsse Huldin, da, wo ich sie zum erstenmal erblickte, aber singen soll sie, ja
singen, und bringt sie nur eine einzige falsche Note heraus, dann ist's vorbei,
dann bin ich geheilt, gerettet.« Der Himmel war heiter, und der Mond, bei dem
ich der holden Miesmies Liebe zugeschworen, schien wirklich, als ich auf das
Dach stieg, um sie zu erlauern. Lange gewahrte ich sie nicht, und meine Seufzer
wurden laute Liebesklagen.
    Ich stimmte endlich ein Liedlein an im wehmütigsten Ton, ungefähr
folgendermassen:
»Rauschende Wälder, flüsternde Quellen,
Strömender Ahnung spielende Wellen,
Mit mir o klaget!
Saget, o saget!
Miesmies, die Holde, wo ist sie gegangen,
Jüngling in Liebe, Jüngling, wo hat er
Miesmies, die süsse Huldin, umfangen?
Tröstet den Bangen.
Tröstet den gramverwilderten Kater!
Mondschein, o Mondschein,
Sag' mir, wo tront mein
Artiges Kindlein, liebliches Wesen!
Wütender Schmerz kann niemals genesen!
Trostloser Liebender kluger Berater,
Eil' ihn zu retten
Von Liebesketten,
Hilf ihm, o hilf dem verzweifelnden Kater.«
Seht ein, geliebter Leser, dass ein wackerer Dichter weder sich im rauschenden
Walde befinden, noch an einer flüsternden Quelle sitzen darf, ihm strömen der
Ahnung spielende Wellen doch zu, und in diesen Wellen erschaut er doch alles,
was er will, und kann davon singen, wie er will. Sollte jemand über die hohe
Vortrefflichkeit obiger Verse zu sehr in Erstaunen geraten, so will ich
bescheiden ihn darauf aufmerksam machen, dass ich mich in der Ekstase befand, in
verliebter Begeisterung, und nun weiss jeder, dass jedem, der von dem Liebesfieber
ergriffen, konnt' er auch sonst kaum Wonne auf Sonne und Triebe auf Liebe
reimen, konnt' er, sag' ich, auf diese nicht ganz ungewöhnlichen Reime trotz
aller Anstrengung sich durchaus nicht besinnen, plötzlich das Dichten ankommt
und er die vortrefflichsten Verse heraussprudeln muss, wie einer, der vom
Schnupfen befallen, unwiderstehlich ausbricht in schreckliches Niesen. Wir haben
dieser Ekstase prosaischer Naturen schon viel Vortreffliches zu verdanken, und
schön ist es, dass oft dadurch menschliche Miesmiese von nicht sonderlicher
Beauté auf einige Zeit einen herrlichen Ruf erhielten. Geschieht das nun am
dürren Holz, was muss sich am grünen begeben? - Ich meine, werden schon hündische
Prosaiker bloss durch die Liebe umgesetzt in Dichter, was muss erst wirklichen
Dichtern geschehen in diesem Stadium des Lebens? - Nun! weder im rauschenden
Walde sass ich, noch an flüsternder Quelle, ich sass auf einem kahlen hohen Dache,
das bisschen Mondschein war kaum zu rechnen, und doch flehte ich in jenen
meisterhaften Versen Wälder und Quellen und Wellen und zuletzt meinen Freund
Ovid an, mir zu helfen, mir beizustehen in der Liebesnot. Etwas schwer wurde es
mir, Reime zu den Namen meines Geschlechts zu finden, den gewöhnlichen, Vater,
wusste ich selbst in der Begeisterung nicht anzubringen. Dass ich aber wirklich
Reime fand, bewies mir aufs neue den Vorzug meines Geschlechts vor dem
menschlichen, da auf das Wort Mensch sich bekanntlich nichts reimt, weshalb, wie
schon irgendein Witzbold von Teaterdichter bemerkt hat, der Mensch ein
ungereimtes Tier ist. Ich bin dagegen ein gereimtes. - Nicht vergebens hatte ich
die Töne der schmerzhaften Sehnsucht angeschlagen, nicht vergebens Wälder,
Quellen, den Mondschein beschworen, mir die Dame meiner Gedanken zuzuführen,
hinter dem Schornstein kam die Holde daherspaziert mit leichten anmutigen
Schritten. »Bist du es, lieber Murr, der so schön singt?« So rief mir Miesmies
entgegen. »Wie,« erwiderte ich mit freudigem Erstaunen, »wie, du kennst mich,
süsses Wesen?« - »Ach,« sprach sie, »ach, ja wohl, du gefielst mir gleich beim
ersten Blick, und es hat mir in der Seele weh getan, dass meine beiden unartigen
Vettern dich so unbarmherzig in die Gosse« - »Schweigen wir,« unterbrach ich
sie, »schweigen wir von der Gosse, bestes Kind - o sage mir, sage mir, ob du
mich liebst?« - »Ich habe mich,« sprach Miesmies weiter, »nach deinen
Verhältnissen erkundigt und erfahren, dass du Murr hiessest und bei einem sehr
gütigen Mann nicht allein dein reichliches Auskommen hättest, sondern auch alle
Bequemlichkeiten des Lebens genössest, ja, diese wohl mit einer zärtlichen
Gattin teilen könntest! - o, ich liebe dich sehr, guter Murr!« - »Himmel,« rief
ich im höchsten Entzücken, »Himmel, ist es möglich, ist es Traum, ist es
Wahrheit? - O halte dich - halte dich, Verstand, schnappe nicht über! - Ha! bin
ich noch auf der Erde? - Sitze ich noch auf dem Dache? - Schwebe ich nicht in
den Wolken? Bin ich noch der Kater Murr? Bin ich nicht der Mann im Monde? - Komm
an meinen Busen, Geliebte - doch sage mir erst deinen Namen, Schönste.« - »Ich
heisse Miesmies,« erwiderte die Kleine, süss lispelnd in holder Verschämteit, und
setzte sich traulich neben mir hin. Wie schön sie war! Silbern glänzte ihr
weisser Pelz im Mondschein, in sanftem schmachtendem Feuer funkelten die grünen
Äuglein. »Du -«
    (Mak. Bl.) - hättest, geliebter Leser, das freilich schon etwas früher
erfahren können, aber der Himmel gebe, dass ich nicht noch mehr querfeldein
springen muss, als es bis jetzt schon geschehen. - Also, wie gesagt, dem Vater
des Prinzen Hektor war es ebenso ergangen wie dem Fürsten Irenäus, er hatte,
selbst wusste er nicht wie, sein Ländlein aus der Tasche verloren. Prinz Hektor,
der zu nichts wenigerem aufgelegt, als zum stillen, friedlichen Leben, der,
unerachtet ihm der Fürstenstuhl unter den Beinen weggezogen, doch gern aufrecht
stehen und, statt zu regieren, wenigstens kommandieren wollte, nahm französische
Dienste, war ungemein tapfer, ging aber, als ihn eines Tages ein Zitermädel
anplärrte: »Kennst du das Land, wo die Zitronen glühn,« sofort nach dem Lande,
wo dergleichen Zitronen wirklich glühn, das heisst nach Neapel, und zog statt der
französischen Uniform eine neapolitanische an. Er wurde nämlich so geschwinde
General, wie es nur irgendeinem Prinzen geschehen kann. - Als der Vater des
Prinzen Hektor gestorben, schlug Fürst Irenäus das grosse Buch auf, worin er
selbst sämtliche fürstliche Häupter in Europa verzeichnet, und notierte den
erfolgten Tod seines fürstlichen Freundes und Gefährten im Malheur. Nachdem dies
geschehen, schaute er lange den Namen des Prinzen Hektor an, rief dann sehr
laut: »Prinz Hektor!« und klappte den Folianten so heftig zu, dass der
Hofmarschall entsetzt drei Schritte zurückprallte. Nun stand der Fürst auf, ging
langsam im Zimmer auf und ab und schnupfte so viel Spaniol als nötig, um eine
ganze Welt von Gedanken in Ordnung zu bringen. Der Hofmarschall sprach viel von
dem seligen Herrn, der nächst vielen Reichtümern ein aimables Herz besessen, vom
jungen Prinzen Hektor, der vergöttert werde in Neapel von dem Monarchen und der
Nation u.s.w. Fürst Irenäus schien das alles nicht zu beachten, er blieb
plötzlich dicht vor dem Hofmarschall stehen, schaute ihn an mit dem
entsetzlichen Friedrichsblick, sprach sehr stark: »Peut-être« und verschwand in
das Nebenkabinett.
    »Gott,« sprach der Hofmarschall, »der gnädigste Fürst haben gewiss die
konsiderabelsten Gedanken, vielleicht gar Pläne.«
    Es war dem so. - Fürst Irenäus dachte an den Reichtum des Prinzen, an seine
Verwandtschaft mit mächtigen Häuptern, er rief sich die Überzeugung ins
Gedächtnis, dass Prinz Hektor gewiss noch den Degen mit dem Zepter vertauschen
werde, und ihm kam der Gedanke, dass die Vermählung des Prinzen mit der
Prinzessin Hedwiga von den erspriesslichsten Folgen sein könne. Ganz im
geheimsten Geheim musste der Kammerherr, den der Fürst sogleich absandte, um dem
Prinzen seinerseits namhaftes Beileid über den Tod des Vaters zu bezeigen, das
bis auf die Farbe der Haut wohlgetroffene Miniaturbild der Prinzessin in die
Tasche stecken. - Es ist hier zu bemerken, dass die Prinzessin in der Tat eine
vollendete Schönheit zu nennen gewesen, hätte ihre Haut weniger ins Gelbe
gespielt. Daher war ihr die Beleuchtung des Kerzenscheins günstig. -
    Der Kammerherr richtete den geheimen Auftrag des Fürsten - niemanden, selbst
nicht der Fürstin, hatte dieser das mindeste von seiner Absicht vertraut, - sehr
geschickt aus. Als der Prinz das Gemälde sah, geriet er beinahe in dieselbe
Ekstase, wie sein prinzlicher Kollege in der »Zauberflöte«. Wie Tamino hätte er
beinahe, wenn auch nicht gesungen, doch gerufen: »Dies Bildnis ist bezaubernd
schön,« und dann weiter: »Soll die Empfindung Liebe sein? Ja, ja, die Liebe
ist's allein!« - Bei Prinzen ist es sonst eben nicht die Liebe allein, die sie
streben lässt nach der Schönsten, indessen dachte Prinz Hektor gerade nicht an
andere Verhältnisse, als er sich hinsetzte und an den Fürsten Irenäus schrieb,
es möge ihm vergönnet sein, sich um Herz und Hand der Prinzessin Hedwiga zu
bewerben.
    Fürst Irenäus antwortete, dass, da er mit Freuden in eine Vermählung willige,
die er schon seines verstorbenen fürstlichen Freundes halber aus dem Grunde des
Herzens wünsche, es gar keiner weitern Bewerbung eigentlich bedürfe. Da aber die
Form sauviert werden müsse, möge der Prinz einen artigen Mann von dem gehörigen
Stande nach Sieghartsweiler senden, den er ja auch gleich mit Vollmacht versehen
könne, die Trauung zu vollziehen und, nach altem schönem Herkommen, gestiefelt
und gespornt den Bettsprung zu unternehmen. Der Prinz schrieb zurück: »Ich komme
selbst, mein Fürst!« -
    Dem Fürsten war das nicht recht, er hielt die Trauung durch einen
Bevollmächtigten für schöner, erhabner, fürstlicher, hatte sich im Innersten auf
das Fest gefreut und beruhigte sich nur damit, dass vor dem Beilager ein grosses
Ordensfest gefeiert werden könne. Er wollte nämlich das Grosskreuz eines
Hausordens, den sein Vater gestiftet hatte, und den kein Ritter mehr trug, nicht
tragen durfte, dem Prinzen umhängen auf die solenneste Weise.
    Prinz Hektor kam also nach Sieghartsweiler, um die Prinzessin Hedwiga
heimzuführen und nebenher das Grosskreuz eines verschollenen Hausordens zu
erhalten. Es schien ihm erwünscht, dass der Fürst seine Absicht geheimgehalten,
er bat vorzüglich rücksichts Hedwigas, in diesem Schweigen zu verharren, da er
erst der vollen Liebe Hedwigas versichert sein müsse, ehe er mit seiner
Bewerbung hervortreten könne.
    Der Fürst verstand nicht recht, was der Prinz damit sagen wollte, und
meinte, dass, soviel er wisse und sich erinnere, diese Form, was nämlich die
Versicherung der Liebe vor dem Beilager beträfe, in fürstlichen Häusern niemals
üblich gewesen sei. Verstehe der Prinz aber darunter weiter nichts als die
Äusserung eines gewissen Attachements, so dürfe das vorzüglich während des
Brautstandes wohl eigentlich nicht stattfinden, könne aber, da doch die
leichtsinnige Jugend über alles, was die Etikette gebiete, hinwegzuspringen
geneigt, ja in der Kürze abgemacht werden, drei Minuten vor dem Ringewechseln.
Herrlich und erhaben wär's freilich, wenn das fürstliche Brautpaar in diesem
Augenblick einigen Abscheu gegeneinander bewiese, leider wären aber diese Regeln
des höchsten Anstandes in neuester Zeit zu leeren Träumen geworden.
    Als der Prinz Hedwiga zum erstenmal erblickte, flüsterte er seinem
Adjutanten in den andern unverständlichem neapolitanischen Dialekt zu: »Bei
allen Heiligen! Sie ist schön, aber unfern des Vesuvs geboren, und sein Feuer
blitzt aus ihren Augen.«
    Prinz Ignaz hatte sich bereits sehr angelegentlich erkundigt, ob es in
Neapel schöne Tassen gebe, und wieviel davon Prinz Hektor besitze, so dass
dieser, durch die ganze Tonleiter der Begrüssungen durchgestiegen, sich wieder zu
Hedwiga wenden wollte, als die Türen sich öffneten und der Fürst den Prinzen
einlud zu der Prachtszene, die er durch die Zusammenberufung sämtlicher
Personen, welche nur im mindesten was Hoffähiges an und in sich trugen, im
Prunksaal bereitet. Er war diesmal in dem Auswählen weniger strenge gewesen als
sonst, da der Zirkel in Sieghartshof eigentlich für eine Landpartie zu achten.
Auch die Benzon war zugegen mit Julien.
    Prinzessin Hedwiga war still, in sich gekehrt, teilnahmlos, sie schien den
schönen Fremdling aus dem Süden nicht mehr, nicht weniger zu beachten als jede
andere neue Erscheinung am Hofe und fragte ziemlich mürrisch ihr Hoffräulein,
die rotwangige Nannette, ob sie närrisch worden, als diese nicht aufhören
konnte, ihr ins Ohr zu flüstern, der fremde Prinz sei doch gar zu hübsch, und
eine schönere Uniform habe sie zeit ihres Lebens nicht gesehen.
    Prinz Hektor entfaltete nun vor der Prinzessin den bunten prahlenden
Pfauenschweif seiner Galanterie, sie, beinahe verletzt durch den Ungestüm seiner
süsslichen Verzückteit, fragte nach Italien, nach Neapel. Der Prinz gab ihr die
Beschreibung eines Paradieses, in dem sie als herrschende Göttin wandelte. Er
bewährte sich als ein Meister in der Kunst, zu der Dame so zu sprechen, dass
alles, alles sich gestaltet als ein Hymnus, der ihre Schönheit, ihre Anmut
preist. Mitten aus diesem Hymnus sprang aber die Prinzessin heraus und hin zu
Julien, die sie in der Nähe gewahrte. Die drückte sie an ihre Brust, nannte sie
mit tausend zärtlichen Namen, rief: »Das ist meine liebe, liebe Schwester, meine
herrliche süsse Julia!« als der Prinz, etwas betroffen über Hedwigas Flucht,
hinzutrat. Der Prinz heftete einen langen seltsamen Blick auf Julien, so dass
diese, über und über errötend, die Augen niederschlug und sich scheu zur Mutter
wandte, die hinter ihr stand. Aber die Prinzessin umarmte sie aufs neue und
rief: »Meine liebe, liebe Julia« und dabei traten ihr die Tränen in die Augen.
»Prinzessin,« sprach die Benzon leise, »Prinzessin, warum dieses krampfhafte
Benehmen?« Die Prinzessin, ohne die Benzon zu beachten, drehte sich zu dem
Prinzen, dem wirklich über alles das der Strom der Rede versiegt, und war sie
erst still, ernst, missmutig gewesen, so schweifte sie beinahe jetzt aus in
seltsamer krampfhafter Lustigkeit. Endlich liessen die stark gespannten Saiten
nach, und die Melodieen, die nun aus ihrem Innern heraustönten, waren weicher,
milder, jungfräulich zarter. Sie war liebenswürdiger als jemals, und der Prinz
schien ganz und gar hingerissen. Endlich begann der Tanz. Der Prinz, nachdem
mehrere Tänze gewechselt, erbot sich, einen neapolitanischen Nationaltanz
anzuführen, und es gelang ihm bald, den Tanzenden die volle Idee davon zu geben,
so dass sich alles gar artig fügte und selbst der leidenschaftlich zärtliche
Charakter des Tanzes gut hervortrat.
    Niemand hatte aber eben diesen Charakter so ganz begriffen als Hedwiga, die
mit dem Prinzen tanzte. Sie verlangte die Wiederholung, und als der Tanz zum
zweitenmal geendet, bestand sie, des Mahnens der Benzon, die auf ihren Wangen
schon die verdächtige Blässe wahrnahm, nicht achtend, darauf, zum drittenmal den
Tanz auszuführen, der ihr nun erst recht gelingen werde. Der Prinz war entzückt.
Er schwebte hin mit Hedwiga, die in jeder Bewegung die Anmut selbst schien. Bei
einer der vielen Verschlingungen, die der Tanz gebot, drückte der Prinz die
Holde stürmisch an die Brust, aber in demselben Augenblick sank auch Hedwiga
entseelt in seinen Armen zusammen. -
    Der Fürst meinte, eine unschicklichere Störung eines Hofballs könne es nicht
geben, und nur das Land entschuldige vieles. -
    Prinz Hektor hatte selbst die Ohnmächtige in ein benachbartes Zimmer auf ein
Sofa getragen, wo ihr die Benzon die Stirne rieb mit irgendeinem starken Wasser,
das der Leibarzt zur Hand gehabt. Dieser erklärte übrigens die Ohnmacht für
einen Nervenzufall, den die Erhitzung des Tanzes veranlasst, und der sehr bald
vorübergehen werde.
    Der Arzt hatte recht, nach wenigen Sekunden schlug die Prinzessin mit einem
tiefen Seufzer die Augen auf. Der Prinz, sobald er vernommen, die Prinzessin
habe sich erholt, drang durch den dichten Kreis der Damen, von dem sie
umschlossen, kniete nieder bei dem Sofa, klagte sich bitter an, dass er allein
schuld sei an dem Begegnis, das ihm das Herz durchschneide. Sowie die Prinzessin
ihn aber erblickte, rief sie mit allen Zeichen des Abscheues: »Fort, fort!« und
sank aufs neue in Ohnmacht.
    »Kommen Sie,« sprach der Fürst, indem er den Prinzen bei der Hand erfasste,
»kommen Sie, bester Prinz, Sie wissen nicht, dass die Prinzessin oft an den
seltsamsten Reverien leidet. Weiss der Himmel, auf welche sonderbare Weise Sie
ihr in diesem Augenblick erschienen sind! - Imaginieren Sie sich, bester Prinz,
schon als Kind - entre nous soit dit - schon als Kind hielt mich einmal die
Prinzessin einen ganzen Tag hindurch für den Grossmogul und prätendierte, ich
solle in Samtpantoffeln ausreiten, wozu ich mich auch endlich entschloss, wiewohl
nur im Garten.«
    Prinz Hektor lachte dem Fürsten ohne Umstände ins Gesicht und rief nach dem
Wagen.
    Die Benzon musste, so wollt' es die Fürstin aus Besorgnis für Hedwiga, mit
Julien im Schloss bleiben. Sie wusste, welche psychische Macht sonst die Benzon
über die Prinzessin übte, und ebenso, dass dieser psychischen Macht auch
Krankheitszufälle der Art zu weichen pflegten. In der Tat geschah es auch
diesmal, dass Hedwiga in ihrem Zimmer sich bald erholte, als die Benzon ihr
unermüdlich zugeredet mit sanften Worten. Die Prinzessin behauptete nichts
Geringeres, als dass im Tanzen der Prinz sich in ein drachenartiges Ungeheuer
verwandelt und mit spitzer glühender Zunge ihr einen Stich ins Herz gegeben
habe. »Gott behüte,« rief die Benzon, »am Ende ist Prinz Hektor gar das mostro
turchino aus der Gozzischen Fabel! - Welche Einbildungen, zuletzt wird es sich
so begehen wie mit Kreisler, den Sie für einen bedrohlichen Wahnsinnigen
hielten!« - »Nimmermehr,« rief die Prinzessin heftig und setzte dann lachend
hinzu, »wahrhaftig, ich wollte nicht, dass mein guter Kreisler sich so plötzlich
in das mostro turchino verwandelte wie Prinz Hektor!« -
    Als am frühsten Morgen die Benzon, die bei der Prinzessin gewacht, in
Juliens Zimmer trat, kam ihr diese entgegen, erblasst, übernächtig, das Köpfchen
gehängt wie eine kranke Taube. »Was ist dir, Julie?« rief ihr die Benzon, die
nicht gewohnt, die Tochter in solchem Zustande zu sehen, erschrocken entgegen.
»Ach, Mutter,« sprach Julie ganz trostlos, »ach, Mutter, niemals mehr in diese
Umgebungen, mein Herz erbebt, wenn ich an die gestrige Nacht denke. - Es ist
etwas Entsetzliches in diesem Prinzen; als er mich anblickte, ich kann dir's
nicht beschreiben, was in meinem Innern vorging. - Ein Blitzstrahl fuhr tötend
aus diesen dunklen unheimlichen Augen, von dem getroffen ich Ärmste vernichtet
werden konnte. - Lache mich nicht aus, Mutter, aber es war der Blick des
Mörders, der sein Opfer erkoren, das mit der Todesangst getötet wird, noch ehe
der Dolch gezückt! - - Ich wiederhol' es, ein ganz fremdes Gefühl, ich vermag es
nicht zu nennen, bebte wie ein Krampf mir durch alle Glieder! - Man spricht von
Basilisken, deren Blick, ein giftiger Feuerstrahl, augenblicklich tötet, wenn
man es wagt, sie anzuschauen. Der Prinz mag solchem bedrohlichen Untier
gleichen.«
    »Nun,« rief die Benzon laut lachend, »nun muss ich in der Tat glauben, dass es
mit dem mostro turchino seine Richtigkeit hat, da der Prinz, ist er gleich der
schönste, liebenswürdigste Mann, zweien Mädchen erschienen ist als Drache, als
Basilisk. Der Prinzessin traue ich die tollsten Einbildungen zu, aber dass meine
ruhige sanfte Julie, mein süsses Kind, sich hingeben sollte närrischen Träumen -«
- »Und Hedwiga,« unterbrach Julie die Benzon, »und Hedwiga, ich weiss nicht,
welch eine böse feindliche Macht sie losreissen von meinem Herzen, ja, mich
hineinstürzen will in den Kampf einer fürchterlichen Krankheit, der in ihrem
Innern wütet! - Ja, Krankheit nenne ich der Prinzessin Zustand, gegen den die
Ärmste nichts vermag. Als sie gestern sich schnell abwandte von dem Prinzen, als
sie mich liebkoste, umarmte, da fühlte ich, wie sie in Fieberhitze glühte. Und
dann das Tanzen, das entsetzliche Tanzen! Du weisst, Mutter, wie ich die Tänze
hasse, in denen es den Männern vergönnt, uns zu umschlingen. - Es ist mir, als
müssten wir in dem Augenblick alles aufgeben, was Sitte und Anstand erfordern,
und den Männern eine Übermacht einräumen, die wenigstens den zartfühlenden unter
ihnen unerfreulich bleiben wird. - Und nun Hedwiga, die nicht aufhören konnte,
jenen südlichen Tanz zu tanzen, der mir, je länger er dauerte, desto
abscheulicher schien. Rechte teuflische Schadenfreude war es, die aus den Augen
des Prinzen blitzte -«
    »Närrin,« sprach die Benzon, »was fällt dir alles ein! - Doch! - Ich kann
deine Gesinnung über das alles nicht tadeln, bewahre sie treulich, aber sei
nicht ungerecht gegen Hedwiga, denke überhaupt gar nicht weiter nach, was mit
ihr ist und mit dem Prinzen, schlage es dir aus dem Sinn! - Willst du, so werd'
ich dafür sorgen, dass du eine Zeitlang weder Hedwiga noch den Prinzen sehen
darfst. Nein, deine Ruhe soll nicht gestört werden, mein gutes liebes Kind! Komm
an mein Herz!« - Damit umarmte die Benzon Julien mit aller mütterlichen
Zärtlichkeit.
    »Und,« fuhr Julie fort, indem sie das glühende Antlitz an die Brust der
Mutter drückte, »und aus der entsetzlichen Unruhe, die ich empfand, mochten auch
wohl die seltsamen Träume kommen, die mich ganz verstört haben.«
    »Was träumtest du denn?« fragte die Benzon.
    »Mir war's,« sprach Julie weiter, »mir war's, ich wandle in einem herrlichen
Garten, in dem unter dichtem dunklem Gebüsch Nachtviolen und Rosen durcheinander
blühten und ihr süsses Aroma in die Lüfte streuten. Ein wunderbarer Schimmer, wie
Mondesglanz, ging auf in Ton und Gesang, und wie er die Bäume, die Blumen mit
goldnem Strahl berührte, bebten sie vor Entzücken, und die Büsche säuselten, und
die Quellen flüsterten in leisen sehnsüchtigen Seufzern. Da gewahrte ich aber,
dass ich selbst der Gesang sei, der durch den Garten ziehe, doch so wie der Glanz
der Töne verbleiche, müsse ich auch vergehen in schmerzlicher Wehmut! - Nun
sprach aber eine sanfte Stimme: Nein! Der Ton ist die Seligkeit und keine
Vernichtung, und ich halte dich fest mit starken Armen, und in deinem Wesen ruht
mein Gesang, der ist aber ewig wie die Sehnsucht! - Es war Kreisler, der vor mir
stand und diese Worte sprach. Ein himmlisches Gefühl von Trost und Hoffnung ging
durch mein Inneres, und selbst wusste ich nicht - ich sage dir alles, Mutter! -
ja, selbst wusste ich nicht, wie es kam, dass ich Kreislern an die Brust sank. Da
fühlte ich plötzlich, wie mich eiserne Arme fest umschlangen und eine
entsetzliche höhnende Stimme rief: Was sträubst du dich, Elende, du bist ja
schon getötet und musst nun mein sein. - Es war der Prinz, der mich festielt. -
Mit einem lauten Angstgeschrei fuhr ich auf aus dem Schlafe, ich warf mein
Nachtkleid über und lief ans Fenster, das ich öffnete, da die Luft im Zimmer
schwül und dunstig. In der Ferne gewahrte ich einen Mann, der mit einem
Perspektiv nach den Fenstern des Schlosses schaute, dann aber die Allee
hinabsprang auf seltsame, ich möchte sagen, närrische Weise, indem er von beiden
Seiten allerlei Entrechats und andere Tänzerpas ausführte, mit den Armen in den
Lüften herumfocht und, wie ich zu vernehmen glaubte, laut dazu sang. Ich
erkannte Kreislern, und indem ich über sein Beginnen herzlich lachen musste, kam
er mir doch vor wie der wohltätige Geist, der mich schützen würde vor dem
Prinzen. Ja, es war, als würde mir jetzt erst Kreislers inneres Wesen recht
klar, und ich sähe jetzt erst ein, wie sein schalkisch scheinender Humor, von
dem mancher sich oft verwundet fühle, aus dem treuesten herrlichsten Gemüte
komme. Ich hätte hinablaufen in den Park, ich hätte Kreislern alle Angst des
entsetzlichen Traums klagen mögen!« -
    »Das ist,« sprach die Benzon ernst, »das ist ein einfältiger Traum und das
Nachspiel noch einfältiger! - Du bedarfst der Ruhe, Julie, ein leichter
Morgenschlummer wird dir wohltun, auch ich gedenke noch ein paar Stunden zu
schlafen.«
    Damit verliess die Benzon das Zimmer, und Julie tat, wie ihr geheissen.
    Als sie erwachte, strahlte die Mittagssonne in die Fenster hinein, und ein
starker Duft von Nachtviolen und Rosen strömte durch das Zimmer. »Was ist das,«
rief Julie voll Erstaunen, »was ist das! - mein Traum! -« Doch wie sie sich
umschaute, lag über ihr auf der Lehne des Sofas, auf dem sie geschlafen, ein
schöner Strauss jener Blumen! -
    »Kreisler, mein lieber Kreisler,« sprach Julie sanft, nahm den Strauss und
geriet in träumerisches Sinnen.
    Prinz Ignaz liess anfragen, ob es ihm nicht erlaubt sei, Julien ein Stündchen
zu sehen. Schnell kleidete sich Julie an und eilte in das Zimmer, wo Ignaz sie
schon mit einem ganzen Korbe voll Porzellantassen und chinesischer Puppen
erwartete. Julie, das gute Kind, liess es sich gefallen, stundenlang mit dem
Prinzen, der ihr tiefes Mitleid einflösste, zu spielen. Kein Wort der Neckerei
oder wohl gar der Verachtung entschlüpfte ihr, wie es wohl andern bisweilen,
vorzüglich der Prinzessin Hedwiga, geschah, daher kam es, dass dem Prinzen Julias
Gesellschaft über alles ging und er sie oft gar seine kleine Braut nannte. - Die
Tassen waren aufgestellt, die Puppen geordnet, Julie hielt eben im Namen eines
kleinen Harlekins eine Anrede an den Kaiser von Japan (beide Püppchen standen
einander gegenüber), als die Benzon hineintrat.
    Nachdem sie eine Weile dem Spiele zugeschaut, drückte sie Julien einen Kuss
auf die Stirn und sprach: »Du bist doch mein liebes gutes Kind!« -
    Es war späte Dämmerung eingebrochen. Julie, die, wie sie gewünscht, bei der
Mittagstafel nicht erscheinen dürfen, sass einsam in ihrem Zimmer und erwartete
die Mutter. Da schlichen leise Tritte hinan, die Türe öffnete sich, und
totenbleich, mit starren Augen, in weissem Kleide, gespenstisch, trat die
Prinzessin hinein. »Julia,« sprach sie leise und dumpf »Julia! - Nenne mich
töricht, ausgelassen - wahnsinnig, aber entziehe mir nicht dein Herz, ich bedarf
deines Mitleids, deines Trostes! - Es ist nichts als der Überreiz, die heillose
Erschöpfung des abscheulichen Tanzes, die mich krank gemacht hat, aber es ist
vorüber, mir ist besser! -« »Der Prinz ist fort nach Sieghartsweiler! - Ich muss
in die Luft, lass uns hinabwandeln in den Park!« -
    Als beide, Julie und die Prinzessin, sich am Ende der Allee befanden,
strahlte ein helles Licht ihnen aus dem tiefsten Dickicht entgegen, und sie
vernahmen fromme Gesänge. »Das ist die Abendlitanei aus der Marienkapelle,« rief
Julia.
    »Ja,« sprach die Prinzessin, »wir wollen hin, lass uns beten! - Bete du auch
für mich, Julie!«
    »Wir wollen,« erwiderte Julie, vom tiefsten Schmerz über der Freundin
Zustand ergriffen, »wir wollen beten, dass nie ein böser Geist Macht habe über
uns, dass unser reines frommes Gemüt nicht verstört werden möge durch des Feindes
Verlockung.«
    Eben zogen, als die Mädchen bei der Kapelle angekommen, die am äussersten
Ende des Parks befindlich, die Landleute von dannen, die die Litanei vor dem mit
Blumen geschmückten und mit vielen Lampen erleuchteten! Marienbilde gesungen.
Sie knieten nieder in dem Betstuhl. Da begannen die Sänger auf dem kleinen Chor,
der zur Seite des Altars angebracht, das »Ave maris stella«, das Kreisler erst
vor kurzem komponiert.
    Leise beginnend, brauste der Gesang stärker und mächtiger auf in dem »dei
mater alma«, bis die Töne, in dem »felix coeli porta« dahinsterbend,
fortschwebten auf den Fittichen des Abendwindes.
    Noch immer lagen die Mädchen auf den Knien, tief versunken in brünstige
Andacht. Der Priester murmelte Gebete, und aus weiter Ferne, wie ein Chor von
Engelstimmen aus dem nächtlichen verschleierten Himmel, hallte der Hymnus: »O
sanctissima«, den die heimziehenden Sänger angestimmt.
    Endlich erteilte ihnen der Priester den Segen. Da standen sie auf und fielen
sich in die Arme. Ein namenloses Weh, aus Entzücken und Schmerz gewoben, schien
gewaltsam sich loswinden zu wollen aus ihrer Brust, und Blutstropfen, dem wunden
Herzen entquollen, waren die heissen Tränen, die aus ihren Augen stürzten. »Das
war er,« lispelte die Prinzessin leise. »Er war's,« erwiderte Julie. - Sie
verstanden sich.
    In ahnungsvollem Schweigen harrte der Wald, dass die Mondscheibe aufsteige
und ihr schimmerndes Gold über ihn ausstreue. Der Choral der Sänger, noch immer
vernommen in der Stille der Nacht, schien entgegenzuziehen dem Gewölk, das
glühend aufflammte und sich über den Bergen lagerte, die Bahn des leuchtenden
Gestirns bezeichnend, vor dem die Sterne erblassten.
    »Ach,« sprach Julia, »was ist es denn, das uns so bewegt, das so mit tausend
Schmerzen unser Inneres durch schneidet? - Horche doch nur, wie das ferne Lied
so tröstend zu uns herüberhallt! Wir haben gebetet, und aus den goldnen Wolken
sprechen fromme Geister zu uns herab von himmlischer Seligkeit.« - »Ja, meine
Julia,« erwiderte die Prinzessin ernst und fest, »ja, meine Julia, über den
Wolken ist Heil und Seligkeit, und ich wollte, dass ein Engel des Himmels mich
hinauftrüge zu den Sternen, ehe mich die finstre Macht erfasste. Ich möchte wohl
sterben, aber ich weiss es, dann trügen sie mich in die fürstliche Gruft, und die
Ahnherrn, die dort begraben, würden es nicht glauben, dass ich gestorben bin, und
erwachen aus der Totenerstarrung zum entsetzlichen Leben und mich hinaustreiben.
Dann gehörte ich ja aber weder den Toten an noch den Lebendigen und fände
nirgends Obdach.«
    »Was sprichst du, Hedwiga, um aller Heiligen willen; was sprichst du?« rief
Julie erschrocken.
    »Mir hat,« fuhr die Prinzessin fort, in demselben festen, beinahe
gleichgültigen Ton beharrend, »mir hat dergleichen einmal geträumt. Es kann aber
auch sein, dass ein bedrohlicher Ahnherr im Grabe zum Vampir geworden, der mir
nun das Blut aussaugt. Davon mögen meine häufigen Ohnmachten herrühren.«
    »Du bist krank,« rief Julia, »du bist sehr krank, Hedwiga, die Nachtluft
schadet dir, lass uns forteilen.«
    Damit umschlang sie die Prinzessin, die sich schweigend fortführen liess.
    Der Mond war nun hoch heraufgestiegen über den Geierstein, und in magischer
Beleuchtung standen die Büsche, die Bäume und flüsterten und rauschten, mit dem
Nachtwinde kosend, in tausend lieblichen Weisen.
    »Es ist doch schön,« sprach Julie, »o es ist doch schön auf der Erde, beut
uns die Natur nicht ihre herrlichsten Wunder dar wie eine gute Mutter ihren
lieben Kindern?« - »Meinst du?« erwiderte die Prinzessin und fuhr dann nach
einer Weile fort: »Ich wollte nicht, dass du mich erst ganz verstanden hättest,
und bitte, alles nur für den Erguss einer bösen Stimmung zu halten. - Du kennst
noch nicht den vernichtenden Schmerz des Lebens. Die Natur ist grausam, sie hegt
und pflegt nur die gesunden Kinder, die kranken verlässt sie, ja richtet
bedrohliche Waffen gegen ihr Dasein. - Ha! du weisst, dass mir sonst die Natur
nichts war als eine Bildergalerie, hingestellt, um die Kräfte des Geistes und
der Hand zu üben, aber jetzt ist es anders worden, da ich nichts fühle, nichts
ahne, als ihr Entsetzen. Ich möchte lieber in erleuchteten Sälen zwischen bunter
Gesellschaft wandeln, als einsam mit dir in dieser mondhellen Nacht.« -
    Julien wurde nicht wenig bange, sie bemerkte, wie Hedwiga immer schwächer,
erschöpfter wurde, so dass die Arme all ihre geringe Kraft anwenden musste, um sie
im Gehen aufrecht zu erhalten.
    Endlich hatten sie das Schloss erreicht. Unfern desselben, auf der steinernen
Bank, die unter einem Holunderbusch stand, sass eine finstre verhüllte Gestalt.
Sowie Hedwiga diese gewahrte, rief sie voll Freude: »Dank der Jungfrau und allen
Heiligen, da ist sie!« und ging, plötzlich erkräftigt und sich von Julien
losmachend, auf die Gestalt los, die sich erhob und mit dumpfer Stimme sprach:
»Hedwiga, mein armes Kind!« - Julia gewahrte, dass die Gestalt eine von Kopf bis
zu Fuss in braune Gewänder gehüllte Frau war, die tiefen Schatten liessen die Züge
ihres Gesichts nicht erkennen. Von innern Schauern durchbebt, blieb Julia
stehen.
    Beide, die Frau und die Prinzessin, liessen sich auf die Bank nieder. Die
Frau strich ihr sanft die Haarlocken von der Stirne, legte dann die Hände darauf
und sprach langsam und leise in einer Sprache, die Julie sich nicht erinnern
konnte, jemals gehört zu haben. Nachdem dies einige Minuten gewährt, rief die
Frau Julien zu: »Mädchen, eile nach dem Schloss, rufe die Kammerfrauen, sorge,
dass man die Prinzessin hineinschaffe. Sie ist in sanften Schlaf gesunken, von
dem sie gesund und froh erwachen wird.«
    Julie, ihrem Erstaunen nicht einen Augenblick Raum gebend, tat schnell, wie
ihr geheissen.
    Als sie mit den Kammerfrauen ankam, fand man die Prinzessin, sorgsam in
ihren Shawl eingehüllt, wirklich im sanften Schlaf, die Frau war verschwunden.
    »Sage mir,« sprach Julie am andern Morgen, als die Prinzessin ganz genesen
erwacht und keine Spur innerer Zerrüttung sich zeigte, was Julie befürchtet,
»sage mir um Gott, wer war die wunderbare Frau?«
    »Ich weiss es nicht,« erwiderte die Prinzessin, »ein einziges Mal in meinem
Leben habe ich sie gesehen. Du erinnerst dich, wie ich einmal, noch ein Kind, in
eine tödliche Krankheit verfallen, so dass die Ärzte mich aufgaben. Da sass sie in
einer Nacht plötzlich an meinem Bette und lullte mich, wie heute, ein in süssen
Schlummer, von dem ich ganz genesen erwachte. - In der gestrigen Nacht trat zum
erstenmal das Bild dieser Frau mir wieder vor die Augen, es war mir, als müsse
sie mir wieder erscheinen und mich retten, und so hat es sich wirklich begeben.
- Tu es mir zuliebe und schweige ganz von der Erscheinung, lass dir auch nichts
merken durch Wort oder Zeichen, dass uns etwas Wunderbares begegnet. Denke an den
Hamlet und sei mein lieber Horatio! - Es ist gewiss, dass es mit dieser Frau eine
geheimnisvolle Bewandtnis haben muss, aber, mag das Geheimnis mir und dir
verschlossen bleiben, weiteres Forschen bedünkt mir gefährlich. - Ist es nicht
genug, dass ich genesen bin und froh, frei von allen Gespenstern, die mich
verfolgten?« - Alles verwunderte sich über der Prinzessin so plötzlich
wiedergekehrte Gesundheit. Der Leibarzt behauptete, der nächtliche Spaziergang
nach der Marienkapelle habe durch die Erschütterung aller Nerven so drastisch
gewirkt, und er nur vergessen, denselben ausdrücklich zu verordnen. Die Benzon
sprach aber in sich hinein: »Hm! - Die Alte ist bei ihr gewesen - mag das
diesmal hingehen!« - Es ist nun an der Zeit, dass jene verhängnisvolle Frage des
Biographen: »Du -
    (M. f. f.) liebst mich also, holde Miesmies? O wiederhol' es mir, wiederhol'
es mir tausendmal, damit ich noch in ferneres Entzücken geraten und so viel
Unsinn aussprechen möge, wie es einem von dem besten Romandichter geschaffenen
Liebeshelden geziemt! - Doch, Beste, du hast meine erstaunliche Neigung zum
Gesange sowie meine Kunstfertigkeit darin schon bemerkt, würd' es dir wohl
gefällig sein, Teure, mir ein kleines Liedchen vorzusingen?« - »Ach,« erwiderte
Miesmies, »ach, geliebter Murr, zwar bin ich auch in der Kunst des Gesanges
nicht unerfahren, aber du weisst, wie es jungen Sängerinnen geht, wenn sie zum
erstenmal singen sollen vor Meistern und Kennern! - Die Angst, die Verlegenheit
schnürt ihnen die Kehle zu, und die schönsten Töne, Trillos und Mordenten
bleiben auf die fatalste Weise in der Kehle stecken wie Fischgräten. - Eine Arie
zu singen ist dann pur unmöglich, weshalb der Regel nach mit einem Duett
begonnen wird. Lass uns ein kleines Duett versuchen, Teurer, wenn's dir
gefällig!« - Das war mir recht. Wir stimmten nun gleich das zärtliche Duett an:
»Bei meinem ersten Blick flog dir mein Herz entgegen« etc. etc. Miesmies begann
furchtsam, aber bald ermutigte sie mein kräftiges Falsett. Ihre Stimme war
allerliebst, ihr Vortrag gerundet, weich, zart, kurz, sie zeigte sich als wackre
Sängerin. Ich war entzückt, wiewohl ich einsah, dass mich Freund Ovid wiederum im
Stich gelassen. Da Miesmies mit dem cantare so herrlich bestanden, so war es mit
dem chordas tangere gar nichts, und ich durfte nicht erst nach der Guitarre
verlangen. -
    Miesmies sang nun mit seltner Geläufigkeit, mit ungemeinem Ausdruck, mit
höchster Eleganz das bekannte: »Di tanti palpiti« etc. etc. Von der heroischen
Stärke des Rezitativs stieg sie herrlich hinein in die wahrhaft kätzliche
Süssigkeit des Andantes. Die Arie schien ganz für sie geschrieben, so dass auch
mein Herz überströmte und ich in ein lautes Freudengeschrei ausbrach. Ha! -
Miesmies musste mit dieser Arie eine Welt fühlender Katerseelen begeistern! - Nun
stimmten wir noch ein Duett an aus einer ganz neuen Oper, das ebenfalls herrlich
gelang, da es ganz und gar für uns geschrieben schien. Die himmlischen Rouladen
gingen glanzvoll aus unserm Innern heraus, da sie meistenteils aus chromatischen
Gängen bestanden. Überhaupt muss ich bei dieser Gelegenheit bemerken, dass unser
Geschlecht chromatisch ist, und dass daher jeder Komponist, der für uns
komponieren will, sehr wohl tun wird, Melodieen und alles übrige chromatisch
einzurichten. Leider hab' ich den Namen des trefflichen Meisters, der jenes
Duett komponiert, vergessen, das ist ein wackrer lieber Mann, ein Komponist nach
meinem Sinn. -
    Während dieses Singens war ein schwarzer Kater heraufgestiegen, der uns mit
glühenden Augen anfunkelte. »Bleiben Sie gefälligst von dannen, bester Freund,«
rief ich ihm entgegen, »sonst kratze ich Ihnen die Augen aus und werfe Sie vom
Dache herab, wollen Sie aber eins mit uns singen, so kann das geschehen.« - Ich
kannte den jungen schwarzgekleideten Mann als einen vortrefflichen Bassisten und
schlug daher vor, eine Komposition zu singen, die ich zwar sonst nicht sehr
liebe, die sich aber zu der bevorstehenden Trennung von Miesmies sehr gut
schickte. - Wir sangen: »Soll ich dich, Teurer, nicht mehr sehen!« Kaum
versicherte ich aber mit dem Schwarzen, dass die Götter mich bewahren würden, als
eine gewaltige Ziegelscherbe zwischen uns durchfuhr und eine entsetzliche Stimme
rief: »Wollen die verfluchten Katzen wohl die Mäuler halten!« - Wir stoben, von
der Todesfurcht gehetzt, wild auseinander in den Dachboden hinein. - O der
herzlosen Barbaren ohne Kunstgefühl, die selbst unempfindlich bleiben bei den
rührendsten Klagen der unaussprechlichen Liebeswehmut und nur Rache und Tod
brüten und Verderben! -
    Wie gesagt, das, was mich befreien sollte von meiner Liebesnot, stürzte mich
nur noch tiefer hinein. Miesmies war so musikalisch, dass wir beide auf das
anmutigste miteinander zu phantasieren vermochten. Zuletzt sang sie meine eignen
Melodien herrlich nach, darüber wollte ich denn nun ganz und gar närrisch werden
und quälte mich schrecklich ab in meiner Liebespein, so dass ich ganz blass, mager
und elend wurde. - Endlich, endlich, nachdem ich mich lange genug abgehärmt,
fiel mir das letzte, wiewohl verzweifelte Mittel ein, mich von meiner Liebe zu
heilen. - Ich beschloss, meiner Miesmies Herz und Pfote zu bieten. Sie schlug
ein, und sobald wir ein Paar worden, merkte ich auch alsbald, wie meine
Liebesschmerzen sich ganz und gar verloren. Mir schmeckte Milchsuppe und Braten
vortrefflich, ich gewann meine joviale Laune wieder, mein Bart kam in Ordnung,
mein Pelz erhielt wieder den alten schönen Glanz, da ich nun die Toilette mehr
beachtete als vorher, wogegen meine Miesmies sich gar nicht mehr putzen mochte.
Ich fertigte demunerachtet, wie zuvor geschehen, noch einige Verse auf meine
Miesmies, die um so hübscher, um so wahrer empfunden waren, als ich den Ausdruck
der schwärmerischen Zärtlichkeit so immer mehr und mehr heraufschrob, bis er mir
die höchste Spitze erreicht zu haben schien. Ich dedizierte endlich der Guten
noch ein dickes Buch und hatte so auch in literarisch-ästetischer Hinsicht
alles abgetan, was von einem honetten treuverliebten Kater nur verlangt werden
kann. Übrigens führten wir, ich und meine Miesmies, auf der Strohmatte vor der
Türe meines Meisters ein häuslich ruhiges, glückliches Leben. - Doch welches
Glück ist hienieden auch nur von einigem Bestand! - Ich bemerkte bald, dass
Miesmies oft in meiner Gegenwart zerstreut war, dass sie, wenn ich mit ihr
sprach, verwirrtes Zeug antwortete, dass ihr tiefe Seufzer entflohen, dass sie nur
schmachtende Liebeslieder singen mochte, ja, dass sie zuletzt ganz matt und krank
tat. Fragte ich denn, was ihr fehle, so streichelte sie mir zwar die Wangen und
erwiderte: »Nichts, gar nichts, mein liebes gutes Papachen,« aber das Ding war
mir doch gar nicht recht. Oft erwartete ich sie vergebens auf der Strohmatte,
suchte sie vergebens im Keller, auf dem Boden, und fand ich sie denn endlich und
machte ihr zärtliche Vorwürfe, so entschuldigte sie sich damit, dass ihre
Gesundheit weite Spaziergänge erfordere, und dass ein ärztlicher Kater sogar eine
Badereise angeraten. Das war mir wieder nicht recht. Sie mochte wohl meinen
versteckten Ärger gewahren und liess es sich angelegen sein, mich mit
Liebkosungen zu überhäufen, aber auch in diesen Liebkosungen lag so etwas
Sonderbares, ich weiss es nicht zu nennen, das mich erkältete, statt mich zu
erwärmen, und auch das war mir nicht recht. Ohne zu vermuten, dass dies Betragen
meiner Miesmies seinen besonderen Grund haben könnte, wurde ich nur inne, dass
nach und nach auch das letzte Fünkchen der Liebe zu der Schönsten erlosch, und
dass in ihrer Nähe mich die tötendste Langeweile erfasste. Ich ging daher meine
Wege und sie die ihrigen; kamen wir aber einmal zufällig auf der Strohmatte
zusammen, so machten wir uns die liebevollsten Vorwürfe, waren dann die
zärtlichsten Gatten und besangen die friedliche Häuslichkeit, in der wir lebten.
    Es begab sich, dass mich einmal der schwarze Bassist in dem Zimmer meines
Meisters besuchte. Er sprach in abgebrochenen geheimnisvollen Worten, fragte
dann stürmisch, wie ich mit meiner Miesmies lebe - kurz, ich merkte wohl, dass
der Schwarze etwas auf dem Herzen hatte, das er mir entdecken wollte. Endlich
kam es denn auch zum Vorschein. Ein Jüngling, der im Felde gedient, war
zurückgekehrt und lebte in der Nachbarschaft von einer kleinen Pension, die ihm
ein dort wohnender Speisewirt an Fischgräten und Speisabgang ausgeworfen. Schön
von Figur, herkulisch gebaut, wozu noch kam, dass er eine reiche fremde Uniform
trug, schwarz, grau und gelb, und wegen bewiesener Tapferkeit, als er mit
wenigen Kameraden einen ganzen Speicher von Mäusen reinigen wollen, das
Ehrenzeichen des gebrannten Specks auf der Brust trug, fiel er allen Mädchen und
Frauen in der Gegend auf. Alle Herzen schlugen ihm entgegen, wenn er auftrat
keck und kühn, den Kopf emporgehoben, feurige Blicke um sich werfend. Der hatte
sich, wie der Schwarze versicherte, in meine Miesmies verliebt, sie war ihm
ebenso mit Liebe entgegengekommen, und es war nur zu gewiss, dass sie heimliche
verliebte Zusammenkünfte hielten allnächtlich hinter dem Schornstein oder im
Keller.
    »Mich wundert,« sprach der Schwarze, »mich wundert, bester Freund, dass Sie
bei Ihrer sonstigen Sagazität das nicht längst bemerkt, aber liebende Gatten
sind oft blind, und es tut mir leid, dass Freundespflicht mir gebot, Ihnen die
Augen zu öffnen, da ich weiss, dass Sie in Ihre vortreffliche Gattin ganz und gar
vernarrt sind.«
    »O Muzius,« so hiess der Schwarze, »o Muzius,« rief ich, »ob ich ein Narr
bin, ob ich sie liebe, die süsse Verräterin! Ich bete sie an, mein ganzes Wesen
gehört ihr! - Nein, sie kann mir das nicht tun, die treue Seele! - Muzius,
schwarzer Verleumder, empfange den Lohn deiner Schandtat!« - Ich hob die
gekrallte Pfote auf, Muzius blickte mich freundlich an und sprach sehr ruhig:
»Ereifern Sie sich nicht, mein Guter, Sie teilen das Los vieler vortrefflichen
Leute, überall ist schnöder Wankelmut zu Hause und leider vorzüglich bei unserm
Geschlecht.« Ich liess die aufgehobene Pfote wieder sinken, sprang wie in voller
Verzweiflung einigemal in die Höhe und schrie dann wütend: »Wär' es möglich,
wär' es möglich! - O Himmel - Erde! was noch sonst? - Nenn' ich die Hölle mit! -
Wer hat mir das getan, der schwarzgraugelbe Kater? - Und sie, die süsse Gattin,
treu und hold sonst, sie konnte, höll'schen Trugs voll, den verachten, der oft,
an ihrem Busen eingewiegt, in süssen Liebesträumen selig schwelgte? - O fliesst,
ihr Zähren, fliesst der Undankbaren! - Himmel tausend sapperment, das geht nicht
an, den bunten Kerl am Schornstein soll der Teufel holen!«
    »Beruhigen Sie sich,« sprach Muzius, »beruhigen Sie sich doch nur, Sie
überlassen sich zu sehr der Wut des jähen Schmerzes. Als Ihr wahrer Freund mag
ich Sie jetzt weiter nicht in Ihrer angenehmen Verzweiflung stören. Wollen Sie
sich in Ihrer Trostlosigkeit ermorden, so könnte ich Ihnen zwar mit einem
tüchtigen Rattenpulver aufwarten, ich will es aber nicht tun, da Sie sonst ein
lieber, scharmanter Kater sind und es jammerschade wäre um Ihr junges Leben.
Trösten Sie sich, lassen Sie Miesmies laufen, es gibt der anmutigen Katzen noch
viele in der Welt. - Adieu, Bester!« - Damit sprang Muzius fort durch die
geöffnete Türe.
    Sowie ich still, unter dem Ofen liegend, mehr nachsann über die
Entdeckungen, die mir der Kater Muzius gemacht, fühlte ich wohl etwas in mir
sich regen wie heimliche Freude. Ich wusste nun, wie ich mit Miesmies daran war,
und die Quälerei mit dem ungewissen Wesen war am Ende. Hatte ich aber
anstandshalber erst die gehörige Verzweiflung geäussert, so glaubte ich, dass
derselbe Anstand es erfordere, dem Schwarzgraugelben zu Leibe zu gehen.
    Ich belauschte zur Nachtzeit das Liebespaar hinter dem Schornstein und fuhr
mit den Worten: »Höllischer bestialischer Verräter« auf meinen Nebenbuhler
grimmig los. Der aber, an Stärke, wie ich leider zu spät bemerkte, mir weit
überlegen, packte mich, ohrfeigte mich grässlich ab, dass ich mehreres Pelzwerk
einbüsste, und sprang dann schnell fort. Miesmies lag in Ohnmacht, als ich mich
ihr aber näherte, sprang sie ebenso behende als ihr Liebhaber auf und ihm nach
in den Dachboden hinein.
    Lendenlahm, mit blutigen Ohren schlich ich herab zu meinem Meister und
verwünschte den Gedanken, meine Ehe konservieren zu wollen, hielt es auch für
gar keine Schande, die Miesmies dem Schwarzgraugelben ganz und gar zu
überlassen.
    »Welch ein feindliches Schicksal,« dacht' ich, »der himmlischromantischen
Liebe halber werde ich in die Gosse geworfen, und das häusliche Glück verhilft
mir zu nichts anderm als zu grässlichen Prügeln.«
    Am andern Morgen erstaunte ich nicht wenig, als ich, aus dem Zimmer des
Meisters heraustretend, Miesmies auf der Strohmatte fand. »Guter Murr,« sprach
sie sanft und ruhig, »ich glaube zu fühlen, dass ich dich nicht mehr so liebe als
sonst, welches mich sehr schmerzt.«
    »O teure Miesmies,« erwiderte ich zärtlich, »es zerschneidet mir das Herz,
aber ich muss es gestehen, seit der Zeit, dass sich gewisse Dinge begeben, bist du
mir auch gleichgültig geworden.«
    »Nimm es nicht übel,« sprach Miesmies weiter, »nimm es nicht übel, süsser
Freund, aber es ist mir so, als wärst du mir schon längst ganz unausstehlich
gewesen.«
    »Mächt'ger Himmel,« rief ich begeistert, »welche Sympatie der Seelen, mir
geht es so wie dir.«
    Nachdem wir auf diese Weise einig geworden, dass wir uns einander ganz
unausstehlich wären und uns notwendigerweise trennen müssten auf ewig, umpfoteten
wir uns auf das zärtlichste und weinten heisse Tränen der Freude und des
Entzückens! -
    Dann trennten wir uns, jeder war hinfort von der Vortrefflichkeit, von der
Seelengrösse des andern überzeugt und pries sie jedem an, der davon hören mochte.
    »Auch ich war in Arkadien,« rief ich und legte mich auf die schönen Künste
und Wissenschaften eifriger als jemals.
(Mak. Bl.) - »Euch,« sprach Kreisler, »ja, ich sag' es Euch aus tiefer Seele,
diese Ruhe scheint mir bedrohlicher als der wütendste Sturm. Es ist die dumpfe
taube Schwüle vor dem zerstörenden Gewitter, in der sich jetzt alles an dem Hofe
bewegt, den Fürst Irenäus im Duodez-Format mit vergoldetem Schnitt, wie einen
Almanach, ans Tageslicht gebracht. Vergebens steckt der gnädigste Herr
unaufhörlich glänzende Feste auf, wie Gewitterableiter, als zweiter Franklin,
die Blitze werden doch einschlagen und vielleicht sein eignes Staatskleid
versengen. - Es ist wahr, Prinzessin Hedwiga gleicht jetzt in ihrem ganzen Wesen
einer hell und klar hinströmenden Melodie, statt dass sonst wilde, unruhige
Akkorde durcheinander auffuhren aus ihrer wunden Brust, aber - Nun! und Hedwiga
schreitet jetzt in verklärtem freundlichem Stolz an dem Arm des wackern
Neapolitaners daher, und Julia lächelt ihn an auf ihre holdselige Weise und lässt
sich seine Galanterien gefallen, die der Prinz, ohne ein Auge von der bestimmten
Braut zu lassen, ihr so geschickt zuzuwenden weiss, dass sie ein junges
unerfahrnes Gemüt wie Ricochet-Schüsse schärfer treffen müssen, als wenn das
bedrohliche Geschütz geradezu darauf gerichtet! - Und doch glaubte sich, wie mir
die Benzon erzählt, erst Hedwiga von dem mostro turchino erdrückt, und der
sanften ruhigen Julia, dem Himmelskinde wurde der schmucke General en Chef zum
schnöden Basilisk! - O ihr ahnenden Seelen, ihr hattet ja recht! - Teufel, hab'
ich denn nicht in Baumgartens Weltistorie gelesen, dass die Schlange, die uns um
das Paradies gebracht, stolzierte in goldgleissendem Schuppenwams? - Das fällt
mir ein, wenn ich den goldverbrämten Hektor sehe. - Hektor hiess übrigens sonst
ein sehr würdiger Bullenbeisser, der unbeschreibliche Liebe und Treue zu mir
hegte. - Ich wollt', er wär' bei mir, und ich könnt' ihn dem fürstlichen
Namensvetter in die Rockschösse hetzen, wenn er sich so recht spreizt zwischen
dem holden Schwesterpaar! Oder sagt, Meister, da Ihr so manches Kunststück
wisset, sagt mir, wie ich es anfange, mich bei schicklicher Gelegenheit in eine
Wespe zu verwandeln und den fürstlichen Hund dermassen zu turbieren, dass er aus
seinem verfluchten Konzept kommt!« -
    »Ich habe,« nahm Meister Abraham das Wort, »ich habe Euch ausreden lassen,
Kreisler, und frage Euch nun, ob Ihr mich ruhig anhören wollt, wenn ich Euch
gewisse Dinge entdecke, die Eure Ahnungen rechtfertigen?«
    »Bin ich,« erwiderte Kreisler, »bin ich denn nicht ein gesetzter
Kapellmeister - ich meine das nicht im philosophischen Sinn, dass ich mein Ich
gesetzt als Kapellmeister; sondern beziehe das bloss auf die geistige Fähigkeit,
in honetter Gesellschaft ruhigzubleiben, wenn mich ein Floh sticht.«
    »Nun also,« fuhr Meister Abraham fort, »wisset, Kreisler, dass ein seltsamer
Zufall mir tiefe Blicke in des Prinzen Leben vergönnt hat. Ihr habt recht, wenn
Ihr ihn mit der Schlange im Paradiese vergleicht. Unter der schönen Hülle - die
werdet Ihr ihm nicht absprechen - liegt giftige Verderbteit, ich möchte lieber
sagen, Verruchteit, verborgen. - Er führt Böses im Schilde - er hat, aus
vielem, was sich zugetragen, weiss ich's, er hat es abgesehen auf die holde
Julia.« -
    »Hoho,« schrie Kreisler, indem er im Zimmer umhersprang, »hoho, blanker
Vogel, sind das deine süssen Lieder? - Wetter, Wetter, der Prinz ist ein
tüchtiger Kerl, er greift zu, mit beiden Krallen auf einmal, nach gebotenen und
verbotenen Früchten! - Holla, süsser Neapolitaner, du weisst nicht, dass Julien ein
wackrer Kapellmeister, mit hinlänglicher Musik im Leibe, zur Seite steht, der
hält dich, sowie du dich ihr näherst, für einen verdammten Ouartquinten-Akkord,
der aufgelöst werden muss. Und der Kapellmeister tut, was seines Berufs ist, das
heisst, er löst dich auf, indem er dir eine Kugel durch das Gehirn jagt oder dir
gegenwärtigen Stockdegen durch den Leib rennt!« - Damit zog Kreisler seine
Stockklinge heraus, setzte sich in Fechterpositur und fragte den Meister, ob er
Anstand genug besitze, einen fürstlichen Hund zu durchspiessen. - »Seid doch nur
ruhig,« erwiderte Meister Abraham, »seid doch nur ruhig, Kreisler, es bedarf
solcher Heldentaten gar nicht, um dem Prinzen das Spiel zu verderben. Es gibt
andere Waffen für ihn, und die geb' ich Euch in die Hand. Gestern war ich im
Fischerhäuschen, der Prinz kam mit seinem Adjutanten vorüber. Sie gewahrten mich
nicht. Die Prinzessin ist schön, sprach der Prinz, aber die kleine Benzon ist
göttlich! Mein ganzes Blut wallte siedend auf, als ich sie sah - ha, sie muss
mein werden, noch ehe ich der Prinzessin die Hand reiche. - Glaubst du, dass sie
unerbittlich sein wird? - Welches Weib hat Euch widerstanden, gnädigster Herr,
erwiderte der Adjutant, Aber beim Teufel, fuhr der Prinz fort, sie scheint ein
frommes Kind zu sein - und ein argloses, fiel ihm der Adjutant lachend ins Wort:
und die frommen arglosen Kindlein sind es ja eben, die, überrascht von dem
Angriff des sieggewohnten Mannes, duldend unterliegen und dann alles für Gottes
Fügung halten, wohl gar in ungemeine Liebe geraten zu dem Sieger! - Das kann
Euch auch so gehen, gnädigster Herr. - Das wäre toll genug, rief der Prinz. Aber
könnte ich sie nur allein sehen, - wie das anfangen? - Nichts, erwiderte der
Adjutant, nichts ist leichter als das. Ich habe bemerkt, dass die Kleine oft
allein lustwandelt in diesem Park. Wenn nun - Jetzt verhallten die Stimmen in
der Ferne, ich konnte nichts mehr verstehen! - Wahrscheinlich wird irgendein
höllischer Plan schon heute ausgeführt, und der muss vereitelt werden. Ich könnte
das selbst tun, aber aus gewissen Ursachen möchte ich mich zurzeit dem Prinzen
nicht zeigen, daher müsst Ihr, Kreisler, gleich fort nach Sieghartshof und
aufpassen, wenn Julia etwa in der Dämmerung, wie sie zu tun pflegt, nach dem See
lustwandelt, um den zahmen Schwan zu füttern. Diesen Gang hat wahrscheinlich der
italienische Bösewicht erlauscht. - Doch, empfangt die Waffe, Kreisler, und die
höchst nötige Instruktion, damit Ihr im Kampf gegen den bedrohlichen Prinzen als
ein guter Feldherr Euch zeigen möget!« -
    Der Biograph erschrickt abermals über das total Abrupte der Nachrichten, aus
denen er gegenwärtige Geschichte zusammenstoppeln muss. - Wäre hier nicht
schicklich einzurücken gewesen, welche Instruktion Meister Abraham dem
Kapellmeister erteilte? Denn zeigt sich auch später die Waffe selbst, so wird es
dir, geliebter Leser, doch unmöglich sein, einzusehen, was es damit für eine
Bewandtnis hat. Doch kein einziges Wörtlein weiss der unglückliche Biograph
zurzeit von jener Instruktion, mittelst der (so viel scheint gewiss) der wackre
Kreisler in ein ganz besonderes Geheimnis eingeweiht wurde. - Doch! gedulde
dich, günstiger Leser, noch ein wenig, bemeldeter Biograph setzt seinen
Schreibedaumen zum Pfande, dass noch vor dem Schluss des Buchs auch dieses
Geheimnis an den Tag kommen soll. - Es ist nun zu erzählen, dass, sowie die Sonne
zu sinken begann, Julia, ein Körbchen mit Weissbrot am Arm, singend durch den
Park wandelte zum See und sich mitten auf die Brücke unweit des Fischerhäuschens
stellte. Aber Kreisler lag im Hinterhalt des Gebüsches und hatte einen tüchtigen
Dollond vor den Augen, mit dem er scharf hinüberschaute durch die Sträucher, die
ihn versteckten. Der Schwan plätscherte heran, und Julie warf ihm Brocken hinab,
die er begierig wegnaschte. Julie fuhr fort im lauten Gesange, und so kam es,
dass sie es nicht gewahrte, wie Prinz Hektor schnell heraneilte. Als er plötzlich
bei ihr stand, fuhr sie zusammen, wie im heftigen Schreck. Der Prinz fasste ihre
Hand, drückte sie an die Brust, an die Lippen und legte sich dann dicht neben
Julien über das Geländer der Brücke. Julia fütterte, indem der Prinz eifrig
sprach, den Schwan, in den See hinabschauend. - »Schneide nicht solche infame
süsse Gesichter, Potentat! Merkst du denn nicht, dass ich dicht vor dir auf dem
Geländer sitze und dich erkecklich maulschellieren kann? - O Gott, warum färben
sich deine Wangen in immer höherem Purpur, du holdes Himmelskind? - Warum
blickst du jetzt den Bösen so seltsam an? - Du lächelst? - Ja, es ist der
glühende Giftauch, vor dem sich deine Brust öffnen muss, wie vor dem sengenden
Sonnenstrahl sich die Knospe in den schönsten Blättern entfaltet, um desto jäher
hinzusterben!« - So sprach Kreisler, das Paar beobachtend, das der gute Dollond
ihm dicht herangerückt. - Der Prinz warf jetzt auch Brocken hinab, der Schwan
verschmähte sie aber und brach in ein lautes widriges Geschrei aus. Nun schlang
der Prinz den Arm um Julia und warf so die Brocken hinab, als solle der Schwan
glauben, dass es Julia sei, die ihn füttere. dabei berührte seine Wange beinahe
die Wange Julias. - »Recht so,« sprach Kreisler, »recht so, gnädigster Halunke,
umkralle, würdiger Stossvogel, nur deine Beute recht fest, hier liegt aber einer
im Busch, der schon auf dich zielt und sogleich dir deinen glänzenden Fittich
lahm schiessen wird, und es steht denn erbärmlich mit dir und deiner Freijagd!«
    Nun fasste der Prinz Julias Arm, und beide schritten dem Fischerhäuschen zu.
Dicht vor demselben trat aber Kreisler aus dem Gebüsch, schritt auf das Paar zu
und sprach, indem er sich vor dem Prinzen tief bückte: »Ein herrlicher Abend,
eine ungemein heitere Luft, ein erquickliches Aroma darin, Sie müssen sich,
gnädigster Herr, hier befinden wie in dem schönen Neapolis.« - »Wer sind Sie,
mein Herr?« fuhr ihn der Prinz barsch an. Doch in demselben Augenblick machte
sich auch Julia los von seinem Arm, trat freundlich auf Kreislern zu, reichte
ihm die Hand und sprach: »O wie herrlich, lieber Kreisler, dass Sie wieder da
sind. Wissen Sie wohl, dass ich mich recht herzlich nach Ihnen gesehnt habe? - In
der Tat, die Mutter schilt, dass ich mich gebärde wie ein weinerliches
ungezogenes Kind, wenn Sie nur einen einzigen Tag ausbleiben. Ich könnte krank
werden vor Verdruss, wenn ich glaube, dass Sie mich, meinen Gesang aus der Acht
lassen.« - »Ha,« rief der Prinz, giftige Blicke schiessend auf Julien, auf
Kreislern, »ha, Sie sind Monsieur de Krösel. Der Fürst sprach sehr günstig von
Ihnen!« - »Gesegnet,« sprach Kreisler, indem sein ganzes Gesicht in hundert
Falten und Fältchen seltsam vibrierte, »gesegnet sei der gute Herr dafür, denn
so wird es mir vielleicht gelingen, das zu erhalten, warum ich Sie, gnädigster
Prinz, anflehen wollte, nämlich Ihre angenehme Protektion. - Ich habe die kühne
Ahnung, dass Sie mir auf den ersten Blick Ihr Wohlwollen zuwandten, da Sie im
Vorübergehen aus höchst eigner Bewegung mich zum Hasenfuss zu kreiren geruhten,
und da nun Hasenfüsse zu allem nur Ersinnlichen taugen, so« - »Sie sind,«
unterbrach ihn der Prinz, »Sie sind ein spasshafter Mann -« - »Ganz und gar
nicht,« fuhr Kreisler fort, »ich liebe zwar den Spass, aber nur den schlechten,
und der ist nun wieder nicht spasshaft. Gegenwärtig wollt' ich gern nach Neapel
gehen und beim Molo einige gute Fischer- und Banditenlieder aufschreiben ad usum
delphini. Sie sind, bester Prinz, ein gütiger kunstliebender Herr, sollten Sie
mir vielleicht durch einige Empfehlungen -« - »Sie sind,« unterbrach ihn der
Prinz aufs neue, »Sie sind ein spasshafter Mann, Monsieur de Krösel, ich liebe
das, ich liebe das in der Tat, aber jetzt mag ich Sie in Ihrem Spaziergange
nicht aufhalten - Adieu!« - »Nein, gnädigster Herr,« rief Kreisler, »ich kann
die Gelegenheit nicht vorüberlassen, ohne mich Ihnen in meinem vollsten Lüster
zu zeigen. Sie wollten in das Fischerhäuschen treten, dort steht ein kleines
Pianoforte, Fräulein Julia ist gewiss so gütig, mit mir ein Duett zu singen!« -
»Mit tausend Freuden,« rief Julia und hing sich an Kreislers Arm. Der Prinz biss
die Zähne zusammen und schritt stolz voran. Im Gehen flüsterte Julia Kreislern
ins Ohr: »Kreisler! welche seltsame Stimmung?« - »O Gott,« erwiderte Kreisler
ebenso leise, »o Gott, und du liegst eingelullt in betörenden Träumen, wenn die
Schlange sich naht, dich zu töten mit giftigem Biss?« - Julia blickte ihn an im
tiefsten Erstaunen. Nur ein einziges Mal, im Moment der höchsten musikalischen
Begeisterung, hatte Kreisler sie Du genannt. -
    Als das Duett geendet, brach der Prinz, der schon während des Gesanges
öfters brava, bravissima gerufen, aus in stürmischen Beifall. Er bedeckte Julias
Hände mit feurigen Küssen, er schwor, dass kein Gesang jemals so sein ganzes
Wesen durchdrungen, und bat Julien, es zu verstatten, dass er einen Kuss auf die
Himmelslippen drücke, über die der Nektarstrom der Paradieseslaute geflossen.
    Julia wich scheu zurück. Kreisler trat vor den Prinzen hin und sprach: »Da
Sie mir, Gnädigster, auch nicht ein Wörtlein des Lobes zuwenden wollen, das ich
als Komponist und wackrer Sänger ebensogut verdient zu haben vermeine als
Fräulein Julia, so merke ich schon, dass ich mit meinen schwachen musikalischen
Kenntnissen nicht stark genug wirke. Aber auch in der Malerei bin ich erfahren
und werde die Ehre haben, Ihnen ein kleines Bildnis zu zeigen, das eine Person
vorstellt, deren merkwürdiges Leben und seltsames Ende mir so bekannt ist, dass
ich alles jedem erzählen kann, der es nur hören will.« - »Überlästiger Mensch!«
murmelte der Prinz. Kreisler zog ein Kästchen aus der Tasche, nahm ein kleines
Bildnis heraus und hielt es dem Prinzen entgegen. Er blickte hin, alles Blut
schwand von dem Antlitz, seine Augen starrten, seine Lippen bebten, zwischen den
Zähnen murmelnd: »Maledetto!« stürzte er fort.
    »Was ist das?« rief Julia, zum Tode erschrocken, »um aller Heiligen willen,
was ist das, Kreisler - sagen Sie mir alles!«
    »Tolles Zeug,« erwiderte Kreisler, »lustige Streiche, Teufelsbannerei! Sehn
Sie, teures Fräulein, wie der gütige Prinz mit den allerlängsten Schritten,
deren seine gnädigsten Beine mächtig, über die Brücke läuft. - Gott! er
verleugnet ganz seine süsse idyllische Natur, er schaut nicht einmal in den See,
er verlangt nicht mehr, den Schwan zu füttern, der liebe gute - Teufel!«
    »Kreisler,« sprach Julia, »Ihr Ton geht eiskalt durch mein Inneres, ich ahne
Unheil - was haben Sie mit dem Prinzen?«
    Der Kapellmeister trat von dem Fenster weg, an dem er gestanden, schaute
tief bewegt Julia an, die vor ihm stand, die Hände gefaltet, als wolle sie den
guten Geist anflehen, dass er die Angst von ihr nehme, die ihr Tränen aus den
Augen presste. »Nein,« sprach Kreisler, »kein feindlicher Misston soll den
Wohllaut des Himmels verstören, der in deinem Gemüt wohnt, du frommes Kind! - In
gleissnerischer Verkappung gehen die Geister der Hölle durch die Welt, aber sie
haben keine Macht über dich, und du darfst sie nicht erkennen in ihrem schwarzen
Tun und Treiben! - Sei'n Sie ruhig, Julia! - lassen Sie mich schweigen, es ist
nun alles vorüber!« -
    In dem Augenblick trat die Benzon hinein in grosser Bewegung. »Was ist
geschehen,« rief sie, »was ist geschehen? - Wie rasend stürzt der Prinz dicht
bei mir vorüber, ohne mich zu sehen. Dicht bei dem Schloss kommt ihm der Adjutant
entgegen, sie sprechen beide heftig miteinander, dann gibt der Prinz, so glaubt'
ich zu bemerken, dem Adjutanten irgendeinen wichtigen Auftrag, denn indem der
Prinz in das Schloss schreitet, stürzt der Adjutant in grösster Eil' nach dem
Pavillon, in dem er wohnt. - Der Gärtner sagte mir, du hättest mit dem Prinzen
auf der Brücke gestanden, da überfiel mich, selbst weiss ich nicht warum, die
fürchterliche Ahnung irgend etwas Entsetzlichen, das sich begeben - ich eilte
her, sagt, was ist geschehen?« - Julia erzählte alles. »Geheimnisse?« fragte die
Benzon scharf, indem sie einen durchbohrenden Blick auf Kreislern warf. »Beste
Rätin,« antwortete Kreisler, »es gibt Augenblicke - Lagen - Situationen
vielmehr, mein' ich, in denen der Mensch durchaus das Maul halten muss, da er,
sobald er es öffnet, nichts herausbringt als konfuses Zeug, das die vernünftigen
Leute irritiert!« -
    dabei blieb es, unerachtet die Benzon verletzt schien durch Kreislers
Schweigen.
    Der Kapellmeister begleitete die Rätin mit Julien bis ans Schloss, dann begab
er sich auf den Rückweg nach Sieghartsweiler. Sowie er in den Laubgängen des
Parks verschwunden, trat der Adjutant des Prinzen aus dem Pavillon und verfolgte
denselben Weg, den Kreisler genommen. Bald darauf fiel tief im Walde ein Schuss!
    In derselben Nacht verliess der Prinz Sieghartsweiler, er hatte sich bei dem
Fürsten schriftlich beurlaubt und baldige Rückkehr versprochen. Als am andern
Morgen der Gärtner mit seinen Leuten den Park durchsuchte, fand er Kreislers
Hut, an dem blutige Spuren befindlich. Er selbst war und blieb verschwunden. Man
-
 
                                  Zweiter Band
                                Dritter Abschnitt
                                 Die Lehrmonate
                          Launisches Spiel des Zufalls
(M. f. f.) Sehnsucht, heisses Verlangen erfüllt die Brust, aber hat man endlich
das gewonnen, nach dem man rang mit tausend Not und Sorgen, so erstarrt jenes
Verlangen alsbald zur todkalten Gleichgültigkeit, und man wirft das errungene
Gut von sich wie ein abgenutztes Spielzeug. Und kaum ist dies geschehen, so
folgt bittre Reue der raschen Tat, man ringt aufs neue, und das Leben eilt dahin
in Verlangen und Abscheu. - So ist einmal der Katz. - Richtig bezeichnet dieser
Ausdruck mein Geschlecht, zu dem sich auch der hochmütige Löwe zählt, den
deshalb auch der berühmte Hornvilla in Tiecks »Oktavian« einen grossen Katz
nennt. - Ja, wiederhole ich, so und nicht anders ist einmal der Katz, und das
katzliche Herz ein ganz wankelmütiges Ding.
    Des ehrlichen Biographen erste Pflicht ist, aufrichtig zu sein und sich
beileibe nicht selbst zu schonen. Ganz aufrichtig, Pfote aufs Herz, will ich
daher gestehen, dass trotz des unsäglichen Eifers, mit dem ich mich auf die
Künste und Wissenschaften legte, doch oft der Gedanke an die schöne Miesmies
plötzlich in mir aufstieg und mein Studium unterbrach ganz und gar.
    Es war mir, als hätte ich sie nicht lassen sollen, als hätte ich ein
treuliebendes Herz verschmäht, das nur von einem falschen Wahn augenblicklich
verblendet. Ach! oft, wenn ich mich an dem grossen Pytagoras erlaben wollte (ich
studierte zu der Zeit viel Matematik), verschob plötzlich ein zartes
schwarzbestrumpftes Pfötchen alle Kateten und Hypotenusen, und vor mir stand
sie selbst, die holde Miesmies, ihr kleines allerliebstes Samtkäppchen auf dem
Haupt, und aus dem anmutigen Grasgrün der schönsten Augen traf mich der
funkelnde Blick des zärtlichsten Vorwurfs. - Welche niedliche Seitensprünge,
welches holdselige Wirbeln und Schlängeln des Schweifs! - Umpfoten wollt' ich
sie mit Entzücken neu entflammter Liebe, doch verschwunden war die neckende
Truggestalt. -
    Nicht fehlen konnt' es, dass dergleichen Träumereien aus dem Arkadien der
Liebe mich in eine gewisse Schwermut versenkten, die der gewählten Laufbahn als
Dichter und Gelehrter schädlich werden musste, zumal sie bald in eine Trägheit
ausartete, der ich nicht zu widerstehen vermochte. Mit Gewalt wollte ich mich
herausreissen aus diesem verdriesslichen Zustande, einen raschen Entschluss fassen,
Miesmies wieder aufzusuchen. Doch, hatte ich schon die Pfote auf die erste
Treppenstufe gesetzt, um hinaufzusteigen in die obern Regionen, wo ich die Holde
zu finden hoffen durfte, so wandelte mich Scham und Scheu an, und ich zog die
Pfote wieder zurück und begab mich traurig unter den Ofen.
    Dieser psychischen Bedrängnisse unerachtet, erfreute ich mich indessen doch
eines ausserordentlichen körperlichen Wohlseins, ich nahm merklich zu, wo nicht
in Wissenschaften, so doch in der Stärke meines Leibes und bemerkte, wenn ich
mich im Spiegel anschaute, mit Vergnügen, dass mein rundbackiges Antlitz nächst
der jugendlichen Frische etwas Ehrfurchtgebietendes zu erhalten begann.
    Selbst der Meister gewahrte meine veränderte Stimmung. Es ist wahr, sonst
knurrte ich und machte lustige Sprünge, wenn er mir schmackhafte Speisung
reichte, sonst wälzte ich mich zu seinen Füssen, kaboltzte und sprang wohl auch
auf seinen Schoss, wenn er, nachdem er morgens aufgestanden, mir zurief: »Guten
Morgen, Murr!« - Jetzt unterliess ich das alles und begnügte mich mit einem
freundlichen Miau! und jener anmutig stolzen Erhebung des Rückens, die dem
geneigten Leser unter dem Namen: Katzenbuckel bekannt sein wird. Ja, ich
verachtete jetzt sogar das mir sonst so liebe Vogelspiel. - Es möchte für junge
Gymnastiker oder Turner meines Geschlechts lehrreich sein zu sagen, worin dieses
Spiel bestand. - Mein Meister band nämlich eine oder ein paar Schreibfedern an
einen langen Faden und liess sie schnell in der Luft auf- und absteigen,
ordentlich fliegen. Im Winkel lauernd und die richtigen Tempos wahrnehmend,
sprang ich nun so lange nach den Federn, bis ich sie erwischte und wacker
zerzauste. Dies Spiel riss mich oft ganz hin, ich hielt die Federn wirklich für
einen Vogel, ich geriet in Feuer und Flammen, so dass Geist und Körper, zugleich
in Anspruch genommen, sich bildeten und stärkten. - Ja, selbst dies Spiel
verachtete ich jetzt und blieb ruhig auf meinem Kissen liegen, der Meister
mochte seine Federn fliegen lassen, soviel er wollte. - »Kater,« sprach der
Meister eines Tages zu mir, als ich, wenn die Feder, an meine Nase streifend,
selbst auf mein Kissen flog, kaum blinzelnd die Pfote darnach ausstreckte,
»Kater, du bist gar nicht mehr wie sonst, du wirst mit jedem Tag träger und
fauler. Ich glaube, du frissest, du schläfst zu viel.«
    Ein Lichtstrahl fiel bei diesen Worten des Meisters in meine Seele! - Nur
dem Andenken an Miesmies, an das verscherzte Paradies der Liebe hatte ich meine
träge Traurigkeit zugeschrieben, nun erst gewahrte ich aber, wie das irdische
Leben mich mit meinen aufwärts strebenden Studien entzweit und seine Ansprüche
geltend gemacht hatte. Es gibt Dinge in der Natur, die es deutlich erkennen
lassen, wie die gefesselte Psyche dem Tyrannen, Körper genannt, ihre Freiheit
hinopfern muss. Zu diesen Dingen rechne ich nun ganz vorzüglich den
wohlschmeckenden Brei von Mehl, süsser Milch und Butter, sowie ein breites, mit
Rosshaaren wohlgepolstertes Kissen. Jenen süssen Brei wusste die Aufwärterin des
Meisters gar herrlich zu bereiten, so dass ich jeden Morgen zum Frühstück zwei
tüchtige Teller voll mit dem grössten Appetit verzehrte. Hatte ich aber dermassen
gefrühstückt, dann wollten mir die Wissenschaften gar nicht mehr munden, sie
kamen mir vor wie trockene Speise, und nichts half es auch, wenn ich, davon
ablassend, mich rasch in die Poesie warf. Die hochgepriesensten Werke der
neuesten Autoren, die gerühmtesten Trauerspiele hochgefeierter Dichter konnten
meinen Geist nicht festalten, ich geriet in ein ausschweifendes Gedankenspiel,
unwillkürlich trat die kunstfertige Aufwärterin des Meisters in Konflikt mit dem
Autor, und es wollte mir gemuten, als verstehe jene sich viel besser auf die
gehörige Gradation und Mischung der Fettigkeit, Süsse und Stärke als dieser. -
Unglückliche träumerische Verwechselung des geistigen und leiblichen Genusses! -
Ja, träumerisch kann ich sie nennen, diese Verwechslung, denn Träume stiegen auf
und liessen mich jenes zweite gefährliche Ding, das breite, mit Rosshaaren
gepolsterte Kissen suchen, um sanft darauf zu entschlummern. Dann erschien mir
das süsse Bild der holden Miesmies! - Himmel, so stand wohl alles im
Zusammenhange, Milchbrei, Verachtung der Wissenschaften, Melancholie, Polster,
unpoetische Natur, Liebesandenken! - Der Meister hatte recht, ich frass, ich
schlief zuviel! - Mit welchem stoischen Ernst nahm ich mir vor, mässiger zu sein,
aber schwach ist des Katers Natur, die besten, herrlichsten Entschlüsse
scheiterten an dem süssen Geruch des Milchbreies, an dem einladend
aufgeschwellten Polster. - Eines Tages hört' ich den Meister, da er zum Zimmer
herausgetreten, auf dem Flur zu jemanden sagen: »Mag es sein, meinetwegen,
vielleicht heitert ihn Gesellschaft auf. Aber macht ihr mir dumme Streiche,
springt ihr mir auf die Tische, schmeisst ihr mir das Tintenfass um oder sonst was
herab, so werf' ich euch alle beide zum Tempel heraus.«
    Darauf öffnete der Meister die Türe ein wenig und liess jemanden herein.
Dieser Jemand war aber kein anderer als Freund Muzius. Beinahe hätte ich ihn
nicht wiedererkannt. Seine Haare, sonst glatt und glänzend, waren struppig und
unscheinbar, die Augen lagen ihm tief im Kopf, und sein sonst zwar etwas rauhes,
aber doch ganz leidliches Wesen hatte etwas Übermütiges, Brutales angenommen.
»Na,« prustete er mich an, »na, findet man Euch einmal! Muss man Euch aufsuchen
hinter Euerm verfluchten Ofen? - Doch mit Verlaub!« Er trat an den Teller und
verzehrte die Backfische, die ich mir aufgespart hatte zum Abendbrot. »Sagt,«
sprach er dazwischen, »sagt mir nur ins Teufels Namen, wo Ihr steckt, warum Ihr
auf kein Dach mehr kommt, Euch nirgends mehr sehen lasst, wo es munter hergeht?«
    Ich erklärte, dass, nachdem ich die Liebe zur holden Miesmies aufgegeben,
mich die Wissenschaften ganz und gar beschäftigt hätten, weshalb denn an
Spaziergänge nicht zu denken gewesen wäre. Nicht im mindesten sehne ich mich
nach Gesellschaft, da ich bei dem Meister alles hätte, was mein Herz nur
wünschen könne, Milchbrei, Fleisch, Fische, ein weiches Lager u.s.w. Ein ruhiges
sorgenfreies Leben, das sei für einen Kater von meinen Neigungen und Anlagen das
erspriesslichste Gut, und um so mehr müsst' ich fürchten, dass dies, ginge ich aus,
verstört werden könne, da, wie ich leider wahrgenommen, meine Inklination zur
kleinen Miesmies noch nicht ganz erloschen und ihr Wiedersehen mich leicht zu
Übereilungen hinreissen dürfe, die ich nachher vielleicht sehr schwer zu bereuen
haben würde.
    »Ihr könnt mir nachher noch einen Backfisch aufwixen!« So sprach Muzius,
putzte sich mit gekrümmter Pfote nur ganz obenhin Maul, Bart und Ohren und nahm
den Platz dicht neben mir auf dem Polster.
    »Rechnet,« begann Muzius, nachdem er zum Zeichen seiner Zufriedenheit ein
paar Sekunden gesponnen, mit sanfter Stimme und Gebärde, »rechnet es Euch, mein
guter Bruder Murr, für ein Glück an, dass ich auf den Einfall geriet, Euch zu
besuchen in Eurer Klause, und dass der Meister mich zu Euch liess ohne Widerrede.
Ihr seid in der grössten Gefahr, in die ein tüchtiger junger Kerl von Kater, der
Grütz' im Kopfe hat und Stärke in den Gliedern, nur geraten kann. Das heisst, Ihr
seid in der Gefahr, ein arger abscheulicher Philister zu werden. Ihr sagt, dass
Ihr den Wissenschaften zu strenge obliegt, um Zeit übrig zu behalten, Euch
umzusehen unter Katern. Verzeiht, Bruder, das ist nicht wahr, Ihr seht, rund,
gemästet, spiegelglatt, wie ich Euch finde, gar nicht aus wie ein Bücherwurm,
wie ein Lukubrant. Glaubt mir, das verfluchte bequeme Leben ist es, was Euch
faul und träge macht. Ganz anders wird Euch zumute sein, wenn Ihr Euch wie
unsereins abstrapazieren müsstet, bis Ihr einmal ein paar Fischgräten erwischtet
oder ein Vöglein finget.« -
    »Ich dachte,« unterbrach ich den Freund, »dass Ihre Lage gut und glücklich zu
nennen, Sie waren ja sonst -«
    »Davon,« fuhr mich Muzius zornig an, »davon ein andermal, aber nennt mich
nicht Sie, das verbitt' ich mir, sondern Ihr, bis wir Schmolles getrunken haben.
- Doch Ihr seid ein Philister und versteht Euch nicht auf den Komment.«
    Nachdem ich mich bei dem erzürnten Freunde zu entschuldigen gesucht, fuhr er
sanfter fort: »Also wie gesagt, Eure Lebensart taugt nichts, Bruder Murr. Ihr
müsst heraus, Ihr müsst heraus in die Welt.« -
    »Himmel,« rief ich voll Schreck, »was sprecht Ihr, Bruder Muzius, in die
Welt soll ich? - Habt Ihr vergessen, was ich Euch vor einigen Monaten im Keller
davon erzählte, wie ich einst hinaussprang aus einem englischen Halbwagen in die
Welt? Welche Gefahren mir von allen Seiten drohten? Wie mich endlich der gute
Ponto rettete und zurückbrachte zu meinem Meister?« Muzius lachte hämisch. -
»Ja,« sprach er dann, »ja, das ist es eben, darin liegt es eben, der gute Ponto!
- Der stutzerische, superkluge, narrenhafte, stolze Heuchler, der sich Eurer
annahm, weil er gerade nichts Besseres zu tun wusste, weil es ihn gerade
belustigte, der, suchtet Ihr ihn auf in seinen Assembleen und Koterien, Euch gar
nicht wiedererkennen, ja Euch, weil Ihr nicht seinesgleichen seid, herausbeissen
würde! Der gute Ponto, der, statt Euch einzuführen in das wahre Weltleben, Euch
unterhielt mit albernen, menschlichen Geschichten! - Nein, guter Murr, jenes
Ereignis hat Euch eine ganz andere Welt gezeigt, als die ist, in welche Ihr
hineingehört! Glaubt mir aufs Wort, all Euer einsames Studieren hilft Euch ganz
und gar nichts und ist Euch vielmehr noch schädlich. Denn Ihr bleibt dennoch ein
Philister, und es gibt auf der ganzen weiten Erde nichts Langweiligeres und
Abgeschmackteres als einen gelehrten Philister!«
    Aufrichtig gestand ich dem Freunde Muzius, dass ich den Ausdruck Philister
sowie seine eigentliche Meinung nicht ganz fasse. »O mein Bruder,« erwiderte
Muzius, indem er anmutig lächelte, so dass er in dem Augenblick sehr hübsch
aussah und wieder ganz der alte propre Muzius schien, »o mein Bruder Murr, ganz
vergeblich würde der Versuch sein, Euch dieses alles zu erklären, denn
nimmermehr könnt Ihr begreifen, was ein Philister ist, solange Ihr selbst einer
seid. Wollt Ihr indessen zur Zeit mit einigen Grundzügen eines Katzphilisters
vorliebnehmen, so kann -
    (Mak. Bl.) - - gar seltsames Schauspiel. In der Mitte des Zimmers stand
Prinzessin Hedwiga; ihr Antlitz war leichenblass, todstarr ihr Blick. Prinz
Ignatius trieb sein Spiel mit ihr, wie mit einer Gliederpuppe. Er hob ihr den
Arm in die Höhe, der stehen blieb und sank, wenn er ihn niederbeugte. Er stiess
sie sanft vorwärts, sie ging, er liess sie stehen, sie stand, er setzte sie in
den Sessel, sie sass. So vertieft war der Prinz in dies Spiel, dass er die
Eintretenden gar nicht bemerkte.
    »Was machen Sie da, Prinz!« - So rief ihm die Fürstin zu, da versicherte er
kichernd und fröhlich sich die Hände reibend, dass Schwester Hedwiga jetzt gut
und artig geworden und alles tue, was er wünsche, auch ihm gar nicht so
widerspreche und ihn ausschelte wie sonst. - Und damit begann er aufs neue,
indem er militärisch kommandierte, die Prinzessin in allerlei Stellungen zu
bringen, und jedesmal, wenn sie wie festgezaubert in der Stellung blieb, die er
ihr gegeben, lachte er laut und sprang vor Freuden in die Höhe. »Das ist nicht
zu ertragen,« sprach die Fürstin leise mit zitternder Stimme, indem Tränen ihr
in den Augen glänzten, doch der Leibarzt trat auf den Prinzen zu und rief mit
strengem gebietendem Ton: »Lassen Sie das bleiben, gnädigster Herr!« Dann nahm
er die Prinzessin in die Arme, liess sie sanft nieder auf die Ottomane, die im
Zimmer befindlich, und zog die Vorhänge zu. »Es ist,« wandte er sich dann zur
Fürstin, »es ist zurzeit der Prinzessin nichts nötiger als die unbedingteste
Ruhe, ich bitte, dass der Prinz das Zimmer verlasse.«
    Prinz Ignatius stellte sich sehr ungebärdig an und klagte schluchzend, dass
jetzt allerlei Leute, die gar keine Prinzen wären und nicht einmal von Adel,
sich unterfingen, ihm zu widersprechen. Er wolle nun bei der Prinzessin
Schwester bleiben, die ihm lieber geworden sei als seine schönsten Tassen, und
der Herr Leibarzt habe ihm gar nichts zu befehlen.
    »Gehen Sie, lieber Prinz,« sprach die Fürstin sanft, »gehen Sie in Ihre
Zimmer, die Prinzessin muss jetzt schlafen, und nach der Tafel kommt Fräulein
Julia.«
    »Fräulein Julia!« rief der Prinz, indem er kindisch lachte und hüpfte,
»Fräulein Julia! - Ha, das ist schön, der zeige ich die neuen Kupferstiche, und
wie ich abgebildet bin in der Geschichte vom Wasserkönig als Prinz Lachs mit dem
grossen Orden!« - damit küsste er der Fürstin zeremoniös die Hand und reichte die
seinige mit stolzem Blick dar dem Leibarzt zum Kuss. Der fasste aber die Hand des
Prinzen und führte ihn zur Türe, die er öffnete, sich höflich verneigend. Der
Prinz liess es sich gefallen, auf diese Art hinausgewiesen zu werden.
    Die Fürstin sank, ganz Schmerz und Erschöpfung, nieder in den Lehnstuhl,
stützte den Kopf in die Hand und sprach mit dem Ausdruck des tiefsten Wehs leise
vor sich hin: »Welche Todsünde lastet auf mir, dass mich der Himmel so hart
straft. - Dieser Sohn zu ewiger Unmündigkeit verdammt - und nun - Hedwiga -
meine Hedwiga!« - Die Fürstin verfiel in trübes düstres Nachdenken.
    Der Leibarzt hatte indessen mit Mühe der Prinzessin ein paar Tropfen
irgendeiner heilsamen Arztnei eingeflösst und die Kammerfrauen herbeigerufen, die
die Prinzessin, deren automatischer Zustand sich nicht im mindesten änderte,
fortbrachten in ihre Zimmer, nachdem sie von dem Leibarzt die Weisung erhalten,
bei dem kleinsten Zufall, den die Prinzessin erleiden könne, ihn sogleich
herbeizurufen.
    »Gnädigste Frau,« wandte sich der Leibarzt zur Fürstin, »so höchst seltsam,
so höchst besorglich auch der Zustand der Prinzessin scheinen mag, so glaube ich
doch mit Gewissheit versichern zu können, dass er bald aufhören wird, ohne die
mindesten gefährlichen Folgen zu hinterlassen. Die Prinzessin leidet an jener
ganz besondern, wunderbaren Art des Starrkrampfs, die in der ärztlichen Praxis
so selten vorkommt, dass mancher hochberühmte Arzt niemals in seinem Leben
Gelegenheit fand, dieselbe zu beobachten. Ich muss mich daher in der Tat
glücklich schätzen -« Der Leibarzt stockte -
    »Ha,« sprach die Fürstin mit bitterm Ton, »daran erkenne ich den praktischen
Arzt, der grenzenloses Leiden nicht achtet, wenn er nur seine Kenntnis
bereichert.«
    »Noch,« fuhr der Leibarzt fort, ohne den Vorwurf der Fürstin zu beachten,
»noch vor ganz kurzer Zeit fand ich in einem wissenschaftlichen Buche das
Beispiel eines Zufalls, der ganz dem gleich ist, in den die Prinzessin
verfallen. Eine Dame (so erzählt mein Autor) kam von Vesoul nach Besançon, um
einen Rechtshandel zu betreiben. Die Wichtigkeit der Sache, der Gedanke, dass der
Verlust des Prozesses die letzte, höchste Stufe der empfindlichsten
Widerwärtigkeiten, die sie erduldet, sein und sie in Not und Elend stürzen
musste, erfüllte sie mit der lebhaftesten Unruhe, die bis zu einer Exaltation
ihres ganzen Gemüts stieg. Sie brachte die Nächte schlaflos zu, ass wenig, man
sah sie in der Kirche auf ungewöhnliche Weise niederfallen und beten, genug, auf
verschiedene Art tat sich der abnorme Zustand kund. Endlich aber an demselben
Tage, da ihr Prozess entschieden werden sollte, traf sie ein Zufall, den die
anwesenden Personen für einen Schlagfluss hielten. Die herbeigerufenen Ärzte
fanden die Dame in einem Lehnstuhle unbeweglich mit gen Himmel gerichteten
funkelnden Augen, offenen und unbeweglichen Augenlidern, mit erhobenen Armen und
gefaltenen Händen. Ihr vorher trauriges bleiches Gesicht war blühender,
heiterer, angenehmer als sonst, ihr Atemzug ungehindert und gleich, der Puls
weich, langsam, ziemlich voll, beinahe wie bei einer ruhig schlafenden Person.
Ihre Glieder waren biegsam, leicht und liessen ohne den geringsten Widerstand
sich in alle Stellungen bringen. Aber darin äusserte sich die Krankheit und die
Unmöglichkeit irgendeiner Täuschung, dass die Glieder von selbst nicht aus der
Stellung kamen, in die sie versetzt worden. Man drückte ihr Kinn abwärts, der
Mund öffnete sich und blieb offen. Man hob einen Arm, nachher den andern auf,
sie fielen nicht abwärts, man bog sie ihr nach dem Rücken hin, streckte sie hoch
in die Höhe, so dass es jedem unmöglich gewesen sein würde, sich lange in dieser
Stellung zu behaupten, und doch geschah es. Man mochte den Körper so sehr
herabbeugen, als man wollte, immer blieb er in dem vollkommensten Gleichgewicht.
Sie schien gänzlich ohne Empfindung, man rüttelte, kneipte, quälte sie, stellte
ihr die Füsse auf ein heisses Kohlenbecken, schrie ihr in die Ohren, sie werde
ihren Prozess gewinnen, alles umsonst, sie gab kein Zeichen des willkürlichen
Lebens von sich. Nach und nach kam sie zu sich selbst, doch führte sie
unzusammenhängende Reden - Endlich -«
    »Fahren Sie fort,« sprach die Fürstin, als der Leibarzt innehielt, »fahren
Sie fort, verschweigen Sie mir nichts, und sei es das Entsetzlichste! - Nicht
wahr? - in Wahnsinn verfiel die Dame!«
    »Es genügt,« sprach der Leibarzt weiter, »es genügt, hinzuzufügen, dass ein
sehr böser Zustand der Dame nur vier Tage hindurch anhielt, dass sie in Vesoul,
wohin sie zurückkehrte, völlig genas und nicht die mindesten schlimmen Folgen
ihrer harten ungewöhnlichen Krankheit verspürte.« -
    Während die Fürstin aufs neue in trübes Nachdenken versank, verbreitete sich
der Leibarzt weitläuftig über die ärztlichen Mittel, die er anzuwenden gedenke,
um der Prinzessin zu helfen, und verlor sich zuletzt in solche wissenschaftliche
Demonstrationen, als spräche er in einer ärztlichen Beratung zu den tief
gelehrtesten Doktoren.
    »Was,« unterbrach endlich die Fürstin den wortreichen Leibarzt, »was helfen
alle Mittel, die die spekulierende Wissenschaft darbietet, wenn das Heil, das
Wohl des Geistes gefährdet?«
    Der Leibarzt schwieg einige Augenblicke, dann fuhr er fort: »Gnädigste Frau,
das Beispiel von der wunderbaren Starrsucht jener Dame in Besançon zeigt, dass
der Grund ihrer Krankheit in einer psychischen Ursache lag. Man fing, als sie zu
einiger Besinnung gekommen, ihre Kur damit an, dass man ihr Mut einsprach und ihr
den bösen Prozess als gewonnen darstellte. - Einig sind auch die erfahrensten
Ärzte darüber, dass eben irgendeine plötzliche starke Gemütsbewegung jenen
Zustand am ersten hervorbringt. Prinzessin Hedwiga ist reizbar bis zum höchsten
ungewöhnlichen Grade, ja, ich möchte den Organismus ihres Nervensystems manchmal
schon an und für sich selbst abnorm nennen. Gewiss scheint es, dass irgendeine
heftige Erschütterung des Gemüts auch ihren Krankheitszustand erzeugte. Man muss
die Ursache zu erforschen suchen, um psychisch mit Erfolg auf sie wirken zu
können! - Die schnelle Abreise des Prinzen Hektor - Nun, gnädigste Frau, die
Mutter dürfte vielleicht tiefer schauen als jeder Arzt und diesem die besten
Mittel an die Hand geben können zur heilsamen Kur.«
    Die Fürstin erhob sich und sprach stolz und kalt: »Selbst die Bürgerfrau
bewahrt gern die Geheimnisse des weiblichen Herzens, das Fürstenhaus erschliesst
sein Inneres nur der Kirche und ihren Dienern, zu denen der Arzt sich nicht
zählen darf!«
    »Wie,« rief der Leibarzt lebhaft, »wer vermag das leibliche Wohl so scharf
zu trennen von dem geistigen? Der Arzt ist der zweite Beichtvater, in die Tiefe
des psychischen Seins müssen ihm Blicke vergönnt werden, wenn er nicht jeden
Augenblick Gefahr laufen will, zu fehlen. Denken Sie an die Geschichte jenes
kranken Prinzen, gnädigste Frau -«
    »Genug!« unterbrach die Fürstin den Arzt beinahe mit Unwillen, »genug! - Nie
werde ich mich bewegen lassen, eine Unschicklichkeit zu begehen, ebensowenig als
ich glauben kann, dass irgendeine Unschicklichkeit auch nur in Gedanke und
Empfindung die Krankheit der Prinzessin veranlasst haben kann.«
    Damit entfernte sich die Fürstin und liess den Leibarzt stehen.
    »Wunderliche,« sprach dieser zu sich selbst, »wunderliche Frau, diese
Fürstin! Gern möchte sie andere, ja sich selbst überreden, dass der Kitt, womit
die Natur Seel' und Körper zusammenleimt, wenn es darauf ankommt, etwas
Fürstliches zu bilden, von ganz besonderer Art sei und keinesweges dem zu
vergleichen, den sie bei uns armen Erdensöhnen bürgerlicher Abkunft verbraucht.
- Man soll gar nicht daran denken, dass die Prinzessin ein Herz hat, so wie jener
höfische Spanier, der das Geschenk von seidnen Strümpfen, das gute
niederländische Bürger seiner Fürstin machen wollten, deshalb verschmähte, weil
es unschicklich sei, daran zu erinnern, dass eine spanische Königin wirklich Füsse
habe wie andere ehrliche Leute! - Und doch: zu wetten ist es, dass in dem Herzen,
dem Laboratorio alles weiblichen Wehs, die Ursache des fürchterlichsten aller
Nervenübel zu suchen ist, das die Prinzessin befallen.« -
    Der Leibarzt dachte an Prinz Hektors schnelle Abreise, an der Prinzessin
übermässige krankhafte Reizbarkeit, an die leidenschaftliche Art, wie sie sich
(so hatte er es vernommen) gegen den Prinzen betragen haben sollte, und so
schien es ihm gewiss, dass irgendein plötzlicher Liebeszwist die Prinzessin bis zu
jäher Krankheit verletzt. - Man wird sehen, ob des Leibarztes Vermutungen Grund
hatten oder nicht. Was die Fürstin betrifft, so mochte sie Ähnliches vermuten
und eben deshalb alle Nachfrage, alles Forschen des Arztes für unschicklich
halten, da der Hof überhaupt jedes tiefere Gefühl als unstattaft verwirft und
gemein. - Die Fürstin hatte sonst Gemüt und Herz, aber das seltsam halb
lächerliche, halb widrige Ungeheuer, Etikette genannt, hatte sich auf ihre Brust
gelegt wie ein bedrohlicher Alp, und keine Seufzer, kein Zeichen des innern
Lebens sollte mehr hinaufsteigen aus dem Herzen. Gelingen musst' es ihr daher,
selbst Szenen der Art, wie sie sich eben mit dem Prinz und der Prinzessin
begeben, zu verwinden und den stolz abzuweisen, der nichts wollte als helfen.
    Während sich dies im Schloss begab, ereignete sich auch im Park manches,
was hier beizubringen ist.
    In dem Gebüsch links bei dem Eingange stand der dicke Hofmarschall, zog ein
kleines goldnes Döschen aus der Tasche, wischte, nachdem er eine Prise Tabak
genommen, mit dem Rockärmel einigemal darüber weg, reichte es dem
Leibkammerdiener des Fürsten hin und sprach also: »Schätzenswerter Freund, ich
weiss, Sie lieben dergleichen artige Pretiosen, nehmen Sie gegenwärtiges Döschen
als ein geringes Zeichen meines gnädigen Wohlwollens an, auf das Sie stets
rechnen können. - Doch sagen Sie, Liebster, wie kam das mit dem seltsamen
ungewöhnlichen Spaziergange?«
    »Mich untertänigst zu bedanken,« erwiderte der Leibkammerdiener, indem er
die goldne Dose einsteckte. Dann räusperte er sich und fuhr fort: »Versichern
kann ich, hochgebietende Exzellenz, dass unser gnädigster Herr sehr alarmiert
sind seit dem Augenblick, als der gnädigsten Prinzessin Hedwiga, man weiss nicht
wie, die fünf Sinne abhanden gekommen. Heute standen sie am Fenster ganz hoch
aufgerichtet wohl eine halbe Stunde und trommelten mit den gnädigsten Fingern
der rechten Hand schrecklich auf die Spiegelscheibe, dass es klirrte und krachte.
Aber lauter hübsche Märsche von anmutiger Melodie und frischem Wesen, wie mein
seliger Schwager, der Hoftrompeter, zu sagen pflegte. - Exzellenz wissen, mein
seliger Schwager, der Hoftrompeter, war ein geschickter Mann, er brachte sein
Flattergrob heraus wie ein Däuschen, seine Grobstimme, seine Faulstimme klang
wie Nachtigallschlag, und was das Prinzipalblasen betrifft« - »Alles,«
unterbrach der Hofmarschall den Schwätzer, »alles weiss ich, mein Bester! Ihr
seliger Herr Schwager war ein vortrefflicher Hoftrompeter, aber jetzt, was
taten, was sprachen Durchlaucht, als sie die Märsche zu trommeln geruht hatten?«
    »Taten, sprachen!« fuhr der Leibkammerdiener fort, »hm! - eben nicht viel.
Durchlaucht wandten sich um, sahen mich starr an mit recht feurigen Augen, zogen
die Klingel auf furchtbare Weise und riefen dabei laut: François - François! -
Durchlaucht, ich bin schon hier, rief ich. Da sprachen aber der gnädigste Herr
ganz zornig: Esel, warum sagt Er das nicht gleich! Und darauf: Mein
Promenadenkleid! - Ich tat, wie mir geheissen. Durchlaucht geruhten den
grünseidenen Überrock ohne Stern anzulegen und sich nach dem Park zu begehen.
Sie verboten mir, Ihnen zu folgen, aber - hochgebietende Exzellenz, man muss doch
wissen, wo sich der gnädigste Herr befinden, wenn etwa ein Unglück - Nun! - ich
folgte so ganz von weitem und gewahrte, dass der gnädigste Herr sich in das
Fischerhäuschen begaben.«
    »Zum Meister Abraham!« - rief der Hofmarschall ganz verwundert. »So ist es,«
sprach der Leibkammerdiener und schnitt ein sehr wichtiges geheimnisvolles
Gesicht.
    »Ins Fischerhäuschen,« wiederholte der Hofmarschall, »ins Fischerhäuschen
zum Meister Abraham! - Nie haben Durchlaucht den Meister aufgesucht im
Fischerhäuschen!« -
    Ein ahnungsvolles Stillschweigen folgte, dann sprach der Hofmarschall
weiter: »Und sonst äusserten Durchlaucht gar nichts?« - »Gar nichts,« erwiderte
der Leibkammerdiener bedeutungsvoll. »Doch,« fuhr er schlau lächelnd fort, »ein
Fenster des Fischerhäuschens geht heraus nach dem dicksten Gebüsch, es ist dort
eine Vertiefung, man versteht jedes Wort, was drinnen im Häuschen gesprochen
wird - man könnte -« - »Bester, wenn Sie das tun wollten!« rief der Hofmarschall
entzückt. - »Ich tue es,« sprach der Kammerdiener und schlich leise fort. Doch
als er aus dem Gebüsch hervortrat, stand der Fürst, der eben nach dem Schloss
zurückkehrte, dicht vor ihm, so dass er ihn beinahe berührte. In scheuer
Ehrfurcht prallte er zurück: »Vous êtes un grand Tölpel!« donnerte ihn der Fürst
an, rief dem Hofmarschall ein kaltes »dormez bien!« zu und entfernte sich mit
dem Leibkammerdiener, der ihm folgte, ins Schloss.
    Ganz bestürzt blieb der Hofmarschall stehen, murmelte: »Fischerhäuschen -
Meister Abraham - dormez bien -« und beschloss, sogleich zu dem Kanzler, des
Reichs zu fahren, um sich über die ausserordentliche Begebenheit zu beraten und
womöglich die Konstellation herauszufinden, die am Hofe ob dieses Ereignisses
sich erzeugen könne. -
    Meister Abraham hatte den Fürsten bis eben an das Gebüsch begleitet, in dem
sich der Hofmarschall und der Leibkammerdiener befanden, hier war er umgekehrt
auf Geheiss des Fürsten, der nicht wollte, dass man ihn aus den Fenstern des
Schlosses in Gesellschaft des Meisters bemerke. - Der geneigte Leser weiss, wie
gut es dem Fürsten gelungen, seinen einsamen geheimen Besuch bei dem Meister
Abraham im Fischerhäuschen zu verbergen. Aber noch eine Person ausser dem
Kammerdiener hatte den Fürsten, ohne dass er es ahnen konnte, belauscht.
    Beinahe war Meister Abraham angelangt in seiner Wohnung, als ihm ganz
unvermutet aus den Gängen, die schon zu dunkeln begannen, die Rätin Benzon
entgegentrat.
    »Ha,« rief die Benzon mit bittrem Lachen, »der Fürst hat sich bei Euch Rats
erholt, Meister Abraham. In der Tat, Ihr seid die wahre Stütze des fürstlichen
Hauses, dem Vater und dem Sohne lasst Ihr Eure Weisheit und Erfahrung zufliessen,
und wenn guter Rat teuer oder gar nicht zu haben -« - »So,« fiel Meister Abraham
der Benzon ins Wort, »so gibt es eine Rätin, die eigentlich das glanzvolle
Gestirn ist, das hier alles erleuchtet, und unter dessen Einfluss auch nur ein
armer alter Orgelbauer bestehen und sein einfaches Leben ungestört durchfristen
kann.«
    »Scherzt,« sprach die Benzon, »scherzt nicht so bitter, Meister Abraham, ein
Gestirn, das glanzvoll geleuchtet, kann, unserm Horizont entfliehend, schnell
verbleichen und endlich ganz untergehen. Die seltsamsten Ereignisse scheinen
sich durchkreuzen zu wollen in diesem einsamen Familienkreise, den eine kleine
Stadt und ein paar Dutzend Menschen mehr als eben darin wohnen, Hof zu nennen
gewohnt sind. - Die schnelle Abreise des sehnlich erwarteten Bräutigams -
Hedwigas bedrohlicher Zustand! - In der Tat, tief niederbeugen musste dies den
Fürsten, wäre er nicht ein ganz gefühlloser Mann.« -
    »Nicht,« unterbrach der Meister Abraham die Benzon, »nicht immer waren Sie
dieser Meinung, Frau Rätin.« -
    »Ich verstehe Euch nicht,« sprach die Benzon mit verächtlichem Ton, indem
sie dem Meister einen stechenden Blick zuwarf und dann schnell das Gesicht
abwandte. -
    Fürst Irenäus hatte im Gefühl des Vertrauens, das er dem Meister Abraham
schenken, ja der geistigen Übermacht, die er ihm zugestehen musste, alle
fürstliche Bedenklichkeiten beiseite gestellt und im Fischerhäuschen sein ganzes
Herz ausgeschüttet, auf alle Äusserungen der Benzon über die verstörenden
Ereignisse des Tages aber geschwiegen. Dies wusste der Meister, und um so weniger
durfte ihm die Empfindlichkeit der Rätin auffallen, wiewohl er sich verwunderte,
dass, kalt und in sich verschlossen, wie sie war, sie diese Empfindlichkeit nicht
besser zu verbergen vermachte.
    Wohl musste es aber die Rätin tief schmerzen, dass sie das Monopol der
Vormundschaft über den Fürsten, das sie sich angeeignet, aufs neue und zwar in
einem kritischen, verhängnisvollen Augenblick gefährdet sah.
    Aus Gründen, die sich vielleicht später klar entwickeln dürften, war die
Verbindung der Prinzessin Hedwiga mit dem Prinzen Hektor der Rätin feurigster
Wunsch. Auf dem Spiele stand diese Verbindung, so musste sie glauben und jede
Einmischung eines Dritten in diese Angelegenheit ihr bedrohlich erscheinen.
Überdies sah sie sich zum erstenmal von unerklärlichen Geheimnissen umringt, zum
erstenmal schwieg der Fürst; konnte sie, die gewohnt, das ganze Spiel des
phantastischen Hofes zu regieren, tiefer gekränkt werden?
    Meister Abraham wusste, dass einem aufgeregten Weibe nichts besser
entgegenzusetzen ist als unüberwindliche Ruhe, er sprach daher kein Wörtchen,
sondern schritt schweigend daher neben der Benzon, die sich in tiefen Gedanken
nach jener Brücke wandte, die der geneigte Leser schon kennt. Sich auf das
Geländer stützend, schaute die Rätin hinein in die fernen Büsche, denen die
sinkende Sonne noch, wie zum Abschiede, goldene leuchtende Blicke zuwarf.
    »Ein schöner Abend,« sprach die Rätin, ohne sich umzuwenden. »Gewiss,«
erwiderte Meister Abraham, »gewiss, still, ruhig, heiter wie ein unbefangenes,
unverstörtes Gemüt.«
    »Sie können,« fuhr die Rätin fort, das vertraulichere Ihr, mit dem sie sonst
den Meister anredete, aufgebend, »Sie können, mein lieber Meister, es mir nicht
verargen, dass ich mich schmerzhaft berührt fühlen muss, wenn der Fürst plötzlich
nur Sie zu seinem Vertrauten macht, nur Sie zu Rate zieht in einer
Angelegenheit, über die eigentlich die welterfahrene Frau besser zu raten, zu
entscheiden weiss. Doch vorüber, ganz vorüber ist die kleinliche Empfindlichkeit,
die ich nicht zu bergen vermochte. Ich bin ganz beruhigt, da nur die Form
verletzt ist. Der Fürst selbst hätte mir das alles sagen sollen, was ich nun
erfahren habe auf andere Weise, und ich kann in der Tat alles, was Sie, lieber
Meister, ihm erwiderten, nur höchlich billigen. - Selbst will ich gestehen, dass
ich etwas tat, was eben nicht lobenswert ist. Mag es nicht sowohl weibliche
Neugierde, als die tiefste Teilnahme an allem, was sich in dieser fürstlichen
Familie begibt, entschuldigen. Erfahren Sie es, Meister, ich habe Sie belauscht,
Ihre ganze Unterredung mit dem Fürsten angehört, jedes Wort verstanden -«
    Den Meister Abraham erfasste bei diesen Worten der Benzon ein seltsames, von
höhnender Ironie und tiefer Verbitterung gemischtes Gefühl. Ebensogut wie jener
Leibkammerdiener des Fürsten hatte Meister Abraham bemerkt, dass man in der
buschichten Vertiefung, dicht vor dem einen Fenster des Fischerhäuschens
versteckt, jedes Wort vernehmen konnte, was drinnen gesprochen wurde. Durch eine
geschickte akustische Vorrichtung war ihm indessen gelungen, es zu bewirken, dass
jedes Gespräch im Innern des Häuschens dem draussen Stehenden nur wie ein
verwirrtes unverständliches Geräusch klang und es schlechterdings unmöglich
blieb, auch nur eine Silbe zu unterscheiden. - Erbärmlich musste es daher dem
Meister erscheinen, wenn die Benzon zu einer Lüge ihre Zuflucht nahm, um hinter
Geheimnisse zu kommen, die sie zwar ahnen machte, aber nicht der Fürst, und die
dieser daher auch nicht wohl dem Meister Abraham vertrauen konnte. - Man wird
erfahren, was der Fürst mit dem Meister im Fischerhäuschen verhandelte. -
    »O,« rief der Meister, »o meine Gnädigste, es war der rege Geist der
lebensweisen unternehmenden Frau selbst, der Sie an das Fischerhäuschen führte.
Wie kann ich armer alter, jedoch unerfahrner Mann mich in allen diesen Dingen
zurechtfinden ohne Ihren Beistand? Eben wollt' ich alles, was mir der Fürst
vertraut, weitläuftig hererzählen, aber es bedarf keiner fernern Erläuterungen,
da Ihnen schon alles bekannt. Möchten Sie, Gnädige, mich würdig achten, sich
über alles, was vielleicht schlimmer sich darstellen mag, als es wirklich ist,
recht von Herzen auszusprechen.«
    Meister Abraham traf den Ton der biedern Zutraulichkeit so gut, dass die
Benzon, all ihrer Scharfsichtigkeit unerachtet, nicht gleich zu entscheiden
wusste, ob es hier auf eine Mystifikation abgesehen sei oder nicht, und die
Verlegenheit darüber schnitt ihr jeden Faden ab, den sie erfassen und zur für
den Meister verfänglichen Schlinge hätte verknüpfen können. So geschah es aber,
dass sie, vergebens nach Worten ringend, wie festgebannt auf der Brücke
stehenblieb und hinabschaute in den See.
    Der Meister weidete sich einige Augenblicke an ihrer Pein, dann richteten
sich aber seine Gedanken auf die Begebnisse des Tages. Er wusste wohl, wie
Kreisler in dem Mittelpunkt eben dieser Begebnisse gestanden, ein tiefer Schmerz
über den Verlust des teuersten Freundes erfasste ihn, und unwillkürlich entfloh
ihm der Ausruf: »Armer Johannes!«
    Da wandte sich die Benzon rasch zu dem Meister und sprach mit losbrechender
Heftigkeit: »Wie, Meister Abraham, Ihr seid doch nicht so töricht, an Kreislers
Untergang zu glauben? Was kann ein blutiger Hut beweisen? - Was sollte ihn auch
so plötzlich zu dem schrecklichen Entschluss gebracht haben, sich selbst zu töten
- man hätte ihn ja auch gefunden.« -
    Nicht wenig erstaunte der Meister, die Benzon von Selbstmord sprechen zu
hören, hier, wo ein ganz anderer Verdacht sich zu regen schien; ehe er indessen
antworten konnte, fuhr die Rätin fort: »Wohl uns, wohl uns, dass er fort ist, der
Unglückliche, der überall, wo er sich blicken lässt, nur verstörendes Unheil
anrichtet. Sein leidenschaftliches Wesen, seine Verbitterung, nicht anders kann
ich seinen hochgepriesenen Humor bezeichnen, steckt jedes reizbare Gemüt an, mit
dem er dann sein grausames Spiel treibt. Zeugt die höhnende Verachtung aller
konventionellen Verhältnisse, ja der Trotz gegen alle übliche Formen von
Übergewicht des Verstandes, so müssen wir alle unsere Knie beugen vor diesem
Kapellmeister, doch soll er uns in Ruhe lassen und sich nicht auflehnen gegen
alles, was durch die richtige Ansicht des wirklichen Lebens bedingt und als
unsere Zufriedenheit begründend anerkannt wird. Darum! - dem Himmel sei gedankt,
dass er fort ist, ich hoffe ihn nie wiederzusehen.«
    »Und doch,« sprach der Meister sanft, »und doch waren Sie sonst die Freundin
meines Johannes, Frau Rätin, und doch nahmen Sie sich seiner an in einer bösen
kritischen Zeit und führten ihn selbst auf die Bahn, von der ihn nur eben jene
konventionellen Verhältnisse, die Sie so eifrig in Schutz nehmen, wegverlockt
hatten? - Welch ein Vorwurf trifft jetzt so plötzlich meinen guten Kreisler? -
Was für Böses hat sich aus seinem Innern aufgetan? Will man ihn darum hassen,
weil in den ersten Augenblicken, da der Zufall ihn in eine neue Region geworfen,
das Leben feindlich auf ihn zutrat, weil das Verbrechen ihn bedrohte, weil - ein
italienischer Bandit ihm nachschlich?« -
    Die Rätin fuhr bei diesen Worten sichtlich zusammen. »Welch,« sprach sie
dann mit zitternder Stimme, »welch einen Gedanken der Hölle hegt Ihr in der
Brust, Meister Abraham? - Aber wäre es so, wäre Kreisler wirklich gefallen, so
wurde in dem Augenblick die Braut gerächt, die er verdorben. Eine innere Stimme
sagt es mir, Kreisler allein ist schuld an dem fürchterlichen Zustande der
Prinzessin. Schonungslos spannte er die zarten Saiten im innern Gemüt der
Kranken, bis sie zersprangen.« - »So war,« erwiderte Meister Abraham giftig, »so
war der italienische Herr ein Mann von raschem Entschluss, der die Rache der Tat
vorausschickte. Sie haben ja, Gnädige, alles angehört, was ich mit dem Fürsten
gesprochen im Fischerhäuschen, Sie wissen daher auch, dass Prinzessin Hedwiga in
demselben Augenblick, als der Schuss im Walde fiel, zur Leblosigkeit erstarrte.«
    »In der Tat,« sprach die Benzon, »man möchte an all das chimärische Zeug
glauben, das uns jetzt aufgetischt wird, an psychische Korrespondenzen und
dergleichen! - Doch! noch einmal, wohl uns, dass er fort ist, der Zustand der
Prinzessin kann und wird sich ändern. - Das Verhängnis hat den Störer unserer
Ruhe vertrieben und - sagt selbst, Meister Abraham, ist nicht unser Freund im
Innersten zerrissen auf solche Weise, dass das Leben ihm keinen Frieden mehr zu
geben vermag? - Gesetzt also wirklich, dass -«
    Die Rätin endete nicht, aber Meister Abraham fühlte den Zorn, den er mit
Mühe unterdrückt, hoch aufflammen.
    »Was,« rief er mit erhöhter Stimme, »was habt ihr alle gegen diesen
Johannes, was hat er euch Böses getan, dass ihr ihm keine Freistatt, kein
Plätzchen gönnt auf dieser Erde? - Wisst ihr's nicht? - Nun, so will ich es euch
sagen. - Seht, der Kreisler trägt nicht eure Farben, er versteht nicht eure
Redensarten, der Stuhl, den ihr ihm hinstellt, damit er Platz nehme unter euch,
ist ihm zu klein, zu enge; ihr könnt ihn gar nicht für euresgleichen achten, und
das ärgert euch. Er will die Ewigkeit der Verträge, die ihr über die Gestaltung
des Lebens geschlossen, nicht anerkennen, ja, er meint, dass ein arger Wahn, von
dem ihr befangen, euch gar nicht das eigentliche Leben erschauen lasse, und dass
die Feierlichkeit, mit der ihr über ein Reich zu herrschen glaubt, das euch
unerforschlich, sich gar spasshaft ausnehme, und das alles nennt ihr
Verbitterung. Vor allen Dingen liebt er jenen Scherz, der sich aus der tiefern
Anschauung des menschlichen Seins erzeugt und der die schönste Gabe der Natur zu
nennen, die sie aus der reinsten Quelle ihres Wesens schöpft. Aber ihr seid
vornehme ernste Leute und wollet nicht scherzen - Der Geist der wahren Liebe
wohnt in ihm, doch vermag dieser ein Herz zu erwärmen, das auf ewig zum Tode
erstarret ist, ja, in dem niemals der Funke war, den jener Geist zur Flamme
aufhaucht? Ihr möget den Kreisler nicht, weil euch das Gefühl des Übergewichts,
das ihr ihm einzuräumen gezwungen, unbehaglich ist, weil ihr ihn, der Verkehr
treibt mit höheren Dingen, als die gerade in euern engen Kreis passen,
fürchtet.« -
    »Meister,« sprach die Benzon mit dumpfer Stimme, »Meister Abraham, der
Eifer, mit dem du für deinen Freund sprichst, führt dich zu weit. Du wolltest
mich verletzen? - Nun wohl, es ist dir gelungen, denn du hast Gedanken in mir
geweckt, die lange, lange schlummerten! - Todstarr nennst du mein Herz? - Weisst
du denn, ob jemals der Geist der Liebe freundlich zu ihm gesprochen, ob ich
nicht allein in konventionellen Verhältnissen des Lebens, die der überspannte
Kreisler verächtlich finden mag, Trost und Ruhe fand? - Glaubst du denn nicht
überhaupt, alter Mann, der auch wohl so manches Leid erfahren, dass es ein
gefährliches Spiel ist, sich über jene Verhältnisse erheben und dem Weltgeist
näher treten zu wollen in der Mystifikation des eignen Seins? Ich weiss es, die
kälteste regungsloseste Prosa des Lebens selbst hat mich Kreisler gescholten,
und es ist sein Urteil, das sich in dem deinigen ausspricht, wenn du mich
todstarr nennst, aber habt ihr jemals dieses Eis zu durchblicken vermocht, das
meiner Brust schon längst ein schützender Harnisch war? - Mag bei den Männern
die Liebe nicht das Leben schaffen, sondern es nur auf eine Spitze stellen, von
der herab noch sichre Wege führen, unser höchster Lichtpunkt, der unser ganzes
Sein erst schafft und gestaltet, ist der Augenblick der ersten Liebe. Will es
das feindliche Geschick, dass dieser Augenblick verfehlt wurde, verfehlt ist das
ganze Leben für das schwache Weib, das untergeht in trostloser Unbedeutsamkeit,
während das mit stärkerer Geisteskraft begabte sich mit Gewalt emporrafft und
eben in den Verhältnissen des gewöhnlichen Lebens eine Gestaltung erringt, die
ihm Ruhe und Frieden gibt. - Lass es dir sagen, alter Mann - hier in der
Dunkelheit der Nacht, die das Vertrauen verschleiert, lass es dir sagen! - Als
jener Moment in mein Leben trat, als ich den erblickte, der alle Glut der
innigsten Liebe, deren die weibliche Brust nur fähig, in mir entzündete - da
stand ich vor dem Traualtar mit jenem Benzon, der ein guter Ehemann wurde wie
kein anderer. Seine völlige Bedeutungslosigkeit gewährte mir alles, was ich, um
ein friedfertiges Leben zu führen, nur wünschen konnte, und nie ist eine Klage,
ein Vorwurf meinen Lippen entflohen. Nur den Kreis des Gewöhnlichen nahm ich in
Anspruch, und wenn dann selbst in diesem Kreise sich manches begab, das mich
unvermerkt irreleitete, wenn ich manches, das strafbar erscheinen möchte, mit
nichts anderm zu entschuldigen weiss als mit dem Drange des augenblicklichen
Verhältnisses, so mag das Weib mich zuerst verdammen, die so wie ich den
schweren Kampf durchkämpfte, der zu gänzlicher Verzichtung auf alles höhere
Glück führt, sollte dies auch nichts anders sein als ein süsser träumerischer
Wahn. - Fürst Irenäus machte meine Bekanntschaft. - Doch ich schweige von dem,
was längst vergangen, nur von der Gegenwart soll noch die Rede sein. - Ich hab'
es dir vergönnt, in mein Innerstes zu schauen, Meister Abraham, du weisst nun,
warum ich, so wie die Dinge sich hier gestalten, jedes Hineindrängen eines
fremdartigen exotischen Prinzips als bedrohlich fürchten muss. Mein eigenes
Geschick in jener verhängnisvollen Stunde grinset mich an wie ein furchtbar
warnendes Gespenst. Retten muss ich die, die mir teuer sind, ich habe meine Pläne
gemacht. - Meister Abraham, seid mir nicht entgegen, oder, wollt Ihr in den
Kampf treten mit mir, so seht Euch vor, dass ich Eure besten Taschenspielerkünste
nicht zuschanden mache!«
    »Unglückliche Frau,« rief Meister Abraham.
    »Unglücklich nennst du mich,« erwiderte die Benzon, »mich, die ich ein
feindliches Geschick zu bekämpfen wusste und mir da, wo alles verloren schien,
Ruhe und Zufriedenheit gewann?«
    »Unglückliche Frau,« rief Meister Abraham nochmals mit einem Ton, der von
seiner innern Bewegung zeugte, »arme unglückliche Frau! Ruhe, Zufriedenheit
vermeinst du gewonnen zu haben und ahndest nicht, dass es die Verzweiflung war,
die, ein Vulkan, alle flammende Gluten aus deinem Innern hinausströmen liess, und
dass du nun die tote Asche, aus der keine Blüte, keine Blume mehr sprosst, in
starrer Betörung für das reiche Feld des Lebens hältst, das dir noch Früchte
spenden soll. - Ein künstliches Gebäude willst du aufführen auf den Grundstein,
den ein Blitzstrahl zermalmte, und befürchtest nicht, dass es einstürzen wird in
dem Augenblick, da lustig bunte Bänder wehen von der Blumenkrone, die den Sieg
des Baumeisters verkünden soll? - Julia - Hedwiga - ich weiss es, für sie wurden
jene Pläne künstlich gewoben! - Unglückliche Frau, hüte dich, dass jenes
unheilbringende Gefühl, jene eigentliche Verbitterung, die du mit grossem Unrecht
meinem Johannes vorwirfst, nicht aus deinem eignen tiefsten Innern hervortritt,
so dass deine weisen Entwürfe weiter nichts sind als das feindliche Auflehnen
gegen ein Glück, das du niemals genossest, und das du nun selbst deinen Lieben
missgönnst. - Ich weiss mehr von deinen Entwürfen, als du es glauben magst, mehr
von deinen gerühmten Verhältnissen des Lebens, die dir Ruhe bringen sollen, und
die - dich verlockten zu strafbarer Schande!« -
    Ein dumpfer unartikulierter Schrei, den die Benzon bei diesen letzten Worten
des Meisters ausstiess, verriet ihre tiefe Erschütterung. Der Meister hielt inne,
da aber die Benzon ebenfalls schwieg, ohne sich von der Stelle zu rühren, fuhr
er gelassen fort: »Zu nichts wenigerm habe ich Lust, als mich in irgendeinen
Kampf mit Ihnen zu begeben, Gnädige! Was aber meine sogenannten
Taschenspielerkünste betrifft, so wissen Sie ja recht gut, werteste Frau Rätin,
dass seit der Zeit, da mein unsichtbares Mädchen mich verlassen -« In dem
Augenblick erfasste den Meister der Gedanke an die verlorne Chiara mit einer
Gewalt, wie seit langer Zeit nicht mehr, er glaubte ihre Gestalt zu erblicken in
der dunklen Ferne, er glaubte ihre süsse Stimme zu vernehmen. - »O Chiara! -
meine Chiara!« So rief er in der schmerzlichsten Wehmut. -
    »Was ist Euch,« sprach die Benzon, sich schnell nach ihm umwendend, »was ist
Euch, Meister Abraham! - welchen Namen nanntet Ihr? - Doch noch einmal, lasst
ruhen alles Vergangene, beurteilt mich nicht nach jenen seltsamen Ansichten des
Lebens, die Ihr mit Kreislern teilt, versprecht mir das Vertrauen nicht zu
missbrauchen, das Euch Fürst Irenäus geschenkt, versprecht mir nicht entgegen zu
sein in meinem Tun und Treiben.«
    So ganz vertieft in das schmerzliche Andenken an seine Chiara war Meister
Abraham, dass er kaum vernahm, was die Rätin sprach, und nur unverständliche
Worte zu erwidern vermochte.
    »Weiset,« fuhr die Rätin fort, »weiset mich nicht zurück, Meister Abraham,
Ihr seid, wie es scheint, in der Tat mit manchem mehr bekannt, als ich vermuten
durfte, doch ist es möglich, dass ich auch noch Geheimnisse bewahre, deren
Mitteilung Euch sehr viel wert sein würde, ja, dass ich Euch vielleicht einen
Liebesdienst erzeigen könnte, an den Ihr gar nicht denkt. Lasst uns zusammen
diesen kleinen Hof beherrschen, der in der Tat des Gängelbandes bedarf. - Chiara
rieft Ihr mit einem Ausdruck des Schmerzes der -« Ein starkes Geräusch vom
Schloss her unterbrach die Benzon. Meister Abraham erwachte aus Träumen, das
Geräusch - -
    (M.f.f.) »- ich folgendes beibringen. Ein Katzphilister beginnt, ist er auch
noch so durstig, die Schüssel Milch vom Rande rund umher an aufzulecken, damit
er sich nicht Schnauze und Bart bemilche und anständig bleibe, denn der Anstand
gilt ihm mehr, als der Durst. Besuchst du einen Katzphilister, so bietet er dir
alles nur mögliche an, versichert dich aber, wenn du scheidest, bloss seiner
Freundschaft und frisst nachher heimlich und allein die Leckerbissen, die er dir
angeboten. Ein Katzphilister weiss vermöge eines sichern untrüglichen Takts
überall, auf dem Boden, im Keller u.s.w. den besten Platz zu finden, wo er sich
so wohlbehaglich und bequem hinstreckt, als es nur geschehen kann. Er erzählt
viel von seinen guten Eigenschaften, und wie er, dem Himmel sei Dank, nicht
klagen könne, dass das Schicksal diese guten Eigenschaften übersehen. Sehr
wortreich setzt er dir auseinander, wie er zu dem guten Platz gekommen, den er
behaupte, und was er noch alles tun werde, um seine Lage zu verbessern. Willst
du nun aber auch endlich von dir und deinem geringer günstigen Schicksal etwas
sagen, so kneift der Katzphilister sofort die Augen zu und drückt die Ohren an,
tut auch wohl, als wenn er schliefe, oder spinnt. Ein Katzphilister leckt sich
fleissig den Pelz rein und glänzend und passiert selbst auf der Mausjagd keine
nasse Stelle, ohne bei jedem Schritt die Pfoten auszuschütteln, damit er, geht
auch das Wild darüber verloren, doch in allen Verhältnissen des Lebens ein
feiner, ordentlicher, wohlgekleideter Mann bleibe. Ein Katzphilister scheut und
vermeidet die leiseste Gefahr und bedauert, befindest du dich in solcher und
sprichst seine Hilfe an, unter den heiligsten Beteuerungen seiner
freundschaftlichen Teilnahme, dass gerade in dem Augenblick es seine Lage, die
Rücksichten, die er nehmen müsse, es ihm nicht erlaubten dir beizustehen.
Überhaupt ist alles Tun und Treiben des Katzphilisters bei jeder Gelegenheit
abhängig von tausend und tausend Rücksichten. Selbst z.B. gegen den kleinen
Mops, der ihm in den Schwanz gebissen auf empfindliche Weise, bleibt er artig
und höflich, um es nicht mit dem Hofhunde zu verderben, dessen Protektion er zu
erlangen gewusst, und er nutzt nur den nächtlichen Hinterhalt, um jenem Mops ein
Auge auszukratzen. Tages darauf bedauert er den teuren Mopsfreund gar von Herzen
und schmält über die Bosheit arglistiger Feinde. Übrigens gleichen diese
Rücksichten einem wohlangelegten Fuchsbau, der dem Katzphilister Gelegenheit
gibt, überall zu entwischen in dem Augenblick, als du ihn zu fassen glaubst. Ein
Katzphilister bleibt am liebsten unter dem heimischen Ofen, wo er sich sicher
fühlt, das freie Dach verursacht ihm Schwindel. - Und seht Ihr nun wohl, Freund
Murr, das ist Euer Fall. Sage ich Euch nun, dass der Katzbursch offen, ehrlich,
uneigennützig, herzhaft, stets bereit, dem Freunde zu helfen, ist, dass er keine
andere Rücksichten kennt, als die Ehre und redlicher Sinn gebieten, genug, dass
der Katzbursch durchaus der Antipode des Katzphilisters ist, so werdet Ihr
keinen Anstand nehmen, Euch zu erheben aus dem Philistertum, um ein ordentlicher
tüchtiger Katzbursch zu werden.« -
    Lebhaft fühlte ich die Wahrheit in Muzius' Worten. Ich sah ein, dass ich nur
das Wort Philister nicht gekannt, wohl aber den Charakter, da mir schon manche
Philister, d.h. schlechte Katzkerle vorgekommen waren, die ich herzlich
verachtet hatte. Um so schmerzhafter fühlte ich daher den Irrtum, von dem
befangen ich in die Kategorie jener verächtlichen Leute hätte geraten können,
und beschloss Muzius' Rat in allem zu folgen, um so vielleicht noch ein tüchtiger
Katzbursche zu werden. - Ein junger Mensch sprach einst zu meinem Meister von
einem treulosen Freunde und bezeichnete diesen mit einem sehr seltsamen, mir
unverständlichen Ausdruck. Er nannte ihn einen pomadigen Kerl. Nun war es mir,
als sei das Beiwort pomadig sehr passend dem Hauptwort Philister hinzuzufügen,
und ich befragte Freund Muzius darum. Kaum hatte ich aber das Wort pomadig
ausgesprochen, als Muzius laut jauchzend aufsprang und, mich kräftig umhalsend,
rief: »Herzensjunge, nun gewahre ich, dass du mich ganz verstanden hast - ja,
pomadiger Philister! das ist die verächtliche Kreatur, die sich auflegt gegen
das edle Burschentum, und die wir überall, wo wir sie finden, totetzen möchten.
Ja, Freund Murr, du hast jetzt schon dein inneres wahrhaftes Gefühl für alles
Edle, Grosse bewiesen, lass dich nochmals an diese Brust drücken, in der ein
treues deutsches Herz schlägt.« - Damit umhalste mich Freund Muzius aufs neue
und erklärte, wie er in der nächstfolgenden Nacht mich einzuführen gedenke in
das Burschentum, ich möge mich nur in der Mitternachtsstunde einfinden auf dem
Dache, wo er mich abholen werde zu einem Fest, das ein Katzsenior veranstaltet,
nämlich der Kater Puff.
    Der Meister trat ins Zimmer. Ich sprang wie gewöhnlich ihm entgegen,
schmiegte mich, wälzte mich auf dem Boden, um ihm meine Freude zu bezeugen. Auch
Muzius glotzte ihn an mit zufriedenem Blick. Nachdem der Meister etwas weniges
mir Kopf und Hals gekraut, sah er sich um im Zimmer und sprach, da er alles in
gehöriger Ordnung fand: »Nun, das ist recht! Eure Unterhaltung ist still und
friedlich gewesen, wie es anständigen, gut erzognen Leuten geziemt. Das verdient
belohnt zu werden.«
    Der Meister schritt zu der Türe hinaus, die nach der Küche führte, und wir,
Muzius und ich, seine gute Absicht erratend, schritten hinter ihm her mit einem
fröhlichen Mau - Mau - Mau! Wirklich öffnete auch der Meister den Küchenschrank
und holte die Skelette und Knöchelchen von ein paar jungen Hühnern hervor, deren
Fleisch er gestern verzehrt hatte. Es ist bekannt, dass mein Geschlecht
Hühnerskelette zu den allerfeinsten Leckerbissen rechnet, die es geben kann, und
daher kam es, dass Muzius Augen in glanzvollem Feuer strahlten, dass er den
Schweif in den anmutigsten Windungen schlängelte, dass er laut schnurrte, als der
Meister die Schüssel vor uns hinsetzte auf den Boden. Des pomadigen Philisters
wohl eingedenk, schob ich dem Freunde Muzius die besten Bissen hin, die Hälse,
die Bäuche, die Steisse, und begnügte mich mit den gröbern Schenkel- und
Flügelknochen. Als wir mit den Hühnern fertig waren, wollte ich den Freund
Muzius fragen, ob ihm vielleicht mit einer Tasse süsser Milch gedient sei. Doch
den pomadigen Philister stets vor Augen, unterliess ich es und schob statt dessen
die Tasse, welche, wie ich wusste, unter dem Schrank stand, hervor und lud Muzius
freundlich ein zuzusaufen, indem ich ihm Bescheid tat. - Muzius soff die Tasse
rein aus, dann drückte er mir die Pfote und sprach, während ihm die hellen
Tränen in die Augen traten: »Freund Murr, Ihr lebt lukullisch, aber Ihr habt mir
Euer treues, biederes und edelmütiges Herz kundgetan, und so wird die eitle Lust
der Welt Euch nicht verlocken zum schnöden Philistertum! Habt Dank, habt innigen
Dank!« -
    Mit einem biedern deutschen Pfotendruck nach altvörderischer Sitte nahmen
wir Abschied. Muzius war, gewiss um die tiefe Rührung, die ihm Tränen auspresste,
zu verbergen, mit einem halsbrechenden Satze schnell zum offnen Fenster heraus
auf das nächst anstossende Dach. - Selbst mich, den die Natur doch mit
vorzüglicher Schwungkraft begabt, setzte dieser gewagte Satz in Erstaunen, und
ich fand Gelegenheit, aufs neue mein Geschlecht zu preisen, das aus gebornen
Turnern besteht, die keines Springstocks, keiner Kletterstange bedürfen.
    Übrigens gab mir Freund Muzius auch den Beweis, wie oft hinter einem rauhen
abschreckenden Äussern sich ein zartes, tief fühlendes Gemüt verbirgt. -
    Ich kehrte ins Zimmer zu meinem Meister zurück und legte mich unter den
Ofen. Hier in der Einsamkeit die Gestaltung meines bisherigen Seins bedenkend,
meine letzte Stimmung, meine ganze Lebensweise erwägend, erschrak ich bei dem
Gedanken, wie nahe ich dem Abgrunde gewesen, und Freund Muzius erschien mir
trotz seines struppigen Balgs wie ein schöner rettender Engel. In eine neue Welt
sollte ich treten, die Leere im Innern sollte ausgefüllt, ein anderer Kater
sollte ich werden, mir klopfte das Herz vor banger freudiger Erwartung.
    Noch lange war es nicht Mitternacht, als ich den Meister mit der
gewöhnlichen Redensart: »Ma - - au« bat, mich hinauszulassen. »Recht gerne,«
erwiderte er, indem er die Türe öffnete, »recht gerne, Murr. Aus dem ewigen
unterm Ofen liegen und schlafen kommt gar nichts heraus. Geh - geh, dass du
wieder in die Welt unter Kater kommst. Vielleicht findest du gemütsverwandte
Katerjünglinge, die sich mit dir ergötzen in Ernst und Scherz.«
    Ach! - der Meister ahnte wohl, dass ein neues Leben mir bevorstand! -
Endlich, nachdem ich bis Mitternacht gewartet, stellte sich Freund Muzius ein
und führte mich fort über verschiedene Dächer, bis endlich auf einem beinahe
ganz platten italienischen Dache uns zehn stattliche, nur ebenso nachlässig und
seltsam wie Muzius gekleidete Katerjünglinge mit lautem Jubelgeschrei empfingen.
Muzius stellte mich den Freunden vor, rühmte meine Eigenschaften, meinen treuen
biedern Sinn, hob vorzüglich hervor, wie ich ihn mit Backfischen, Hühnerknochen
und süsser Milch gastlich bewirtet, und schloss damit, dass ich als tüchtiger
Katzbursch aufgenommen sein wolle. Alle gaben ihre Beistimmung.
    Es erfolgten nun gewisse Feierlichkeiten, die ich indessen verschweige, da
geneigte Leser meines Geschlechts vielleicht argwöhnen, ich sei in einen
verbotenen Orden getreten, und noch jetzt Red' und Antwort darüber von mir
verlangen könnten. Ich versichere aber auf Gewissen, dass von einem Orden und
seinen Bedingnissen, als da sind Statuten, geheime Zeichen u.s., durchaus nicht
die Rede war, sondern dass der Verein lediglich auf Gleichheit der Gesinnung
beruhte. Denn es fand sich bald, dass jeder von uns süsse Milch lieber zu sich
nahm als Wasser, Braten lieber als Brot.
    Nachdem die Feierlichkeiten vorüber, empfing ich von allen den brüderlichen
Kuss und Pfotendruck, und sie nannten mich: Du! - Dann setzten wir uns zu einem
einfachen, aber fröhlichen Mahl, dem eine wackere Zecherei folgte. Muzius hatte
trefflichen Katzpunsch bereitet. - Sollte ein lüsterner Katerjüngling nach dem
Rezept dieses köstlichen Getränks Begierde tragen, so kann ich leider darüber
keine genügende Auskunft geben. So viel ist gewiss, dass die hohe Annehmlichkeit
des Geschmacks sowie die siegende Kraft vorzüglich durch eine derbe Zutat von
Heringslake hervorgebracht wird.
    Mit einer Stimme, die weit über viele Dächer hinwegdonnerte, intonierte nun
der Senior Puff das schöne Lied: »Gaudeamus igitur!« - Mit Wonne fühlte ich mich
im Innern und Äussern ganz trefflicher Juvenis und mochte gar nicht an den
tumulus denken, den ein düstres Verhängnis unserm Geschlecht selten in der
stillen friedlichen Erde gönnt. Es wurden noch verschiedene schöne Lieder
gesungen, wie z.B. »Lasst die Politiker nur sprechen« u.s.w., bis der Senior Puff
mit gewichtiger Pfote auf den Tisch schlug und verkündete, dass nun das wahre
echte Weibelied, nämlich das »Ecce quam bonum« gesungen werden müsse, und
intonierte sofort den Chor: »Ecce etc. etc.«
    Noch nie hatte ich dieses Lied gehört, dessen Komposition ebenso tief
gedacht, so harmonisch und melodisch richtig, als wunderbar und geheimnisvoll zu
nennen. Der Meister ist, soviel ich weiss, nicht bekannt geworden, doch schreiben
viele dieses Lied dem grossen Händel zu, andere dagegen behaupten, dass es lange,
lange vor Händels Zeit schon existiert habe, da nach der Chronik von Wittenberg
es schon gesungen worden, als Prinz Hamlet noch Fuchs gewesen. Doch gleichviel,
wer es gemacht hat, das Werk ist gross und unsterblich und vorzüglich zu
bewundern, wie die in den Chor eingeflochtenen Solos den Sängern freien
Spielraum lassen zu den anmutigsten unerschöpflichsten Veränderungen. Einige
dieser Veränderungen, die ich in dieser Nacht hörte, habe ich treu im Gedächtnis
behalten.
    Als der Chor geendet, fiel ein schwarz und weiss gefleckter Jüngling ein:
»Gar zu spitzig klafft der Spitz,
Gar zu grob der Pudel.
Jenem gönnt den Steiss zum Sitz,
Dem die Schnauz zum Hudel.«
Chor. »Ecce quam etc. etc.«
Darauf ein Grauer:
»Höflich zieht die Mütz' vom Kopf,
Kommt Philister gangen.
Froh gebärdet sich der Tropf,
Will vor nichts ihm bangen.«
Chor. »Ecce quam etc. etc.«
Darauf ein Gelber:
»Schwimmen muss der muntre Fisch,
Vögelein muss fliegen,
Floss' und Federn wachsen frisch,
Werd't sie nimmer kriegen.«
Chor. »Ecce quam etc. etc.«
Darauf ein Weisser:
»Miaut und knurrt und knurrt und miaut.
Nur beileib' nicht kratzen;
Seid galant, dass man euch traut,
Schonet eure Tatzen.«
Chor. »Ecce quam etc. etc.«
Darauf Freund Muzius:
»Denkt Herr Aff' nach seinem Mass
Alle uns zu messen!
Spjetzt das Maul, trägt hoch die Nas',
Wird uns doch nicht fressen.«
Chor. »Ecce quam etc. etc.«
Ich sass neben Muzius, an mir war daher jetzt die Reihe, mit einem Solo
einzufallen. Alle Solos, die bis jetzt vorgetragen, wichen so sehr von den
Versen ab, die ich sonst gedichtet, dass ich in Unruhe und Angst geriet, den Ton,
die Haltung des Ganzen zu verfehlen. Daher kam es, dass ich, als der Chor
geendet, noch schwieg. Schon erhoben einige die Gläser und riefen: »pro poena«,
als ich mich mit aller Gewalt zusammennahm und sofort sang:
»Pfot' in Pfot' und Brust an Brust
Soll uns nichts verdüstern.
Katzbursch sein ist unsere Lust,
Trotzen Katzphilistern!«
Chor. »Ecce quam etc. etc.«
Meine Variation fand den lautesten, unerhörtesten Beifall. Die hochherzigen
Jungen stürmten jubelnd auf mich ein, umpfoteten mich, drückten mich an ihre
klopfende Brust. Auch hier erkannte man also den hohen Genius in meinem Innern.
Es war einer der schönsten Augenblicke meines Lebens. - Nun wurde noch manchen
grossen berühmten Katern, vorzüglich solchen, die, ihrer Grösse und Berühmteit
unerachtet, sich von aller und jeder Philisterei entfernt gehalten und es
bewiesen hatten durch Wort und Tat, ein feuriges Lebehoch! gebracht, und dann
schieden wir auseinander.
    Der Punsch war mir doch etwas zu Kopfe gestiegen, die Dächer schienen sich
zu drehen, kaum vermochte ich mittelst des Schweifes, den ich als
Balancierstange benutzte, mich aufrecht zu erhalten. Der treue Muzius, meinen
Zustand bemerkend, nahm sich meiner an und brachte mich glücklich durch die
Dachluke nach Hause.
    Wüste im Kopfe, wie ich mich noch niemals gefühlt, konnte ich lange nicht -
    (Mak. Bl.)» - - ebenso gut gewusst, als die scharfsinnige Frau Benzon, aber
dass ich gerade heute, eben jetzt von dir Nachricht erhalten sollte, du treue
Seele, das hat mein Herz nicht geahnt.« So sprach Meister Abraham, verschloss den
Brief, den er erhalten, und in dessen Aufschrift er mit freudiger Überraschung
Kreislers Hand erkannt hatte, ohne ihn zu öffnen, in den Schubkasten seines
Schreibtisches und ging hinaus in den Park. - Meister Abraham hatte schon seit
vielen Jahren die Gewohnheit, Briefe, die er erhielt, stunden-, ja, oft tagelang
uneröffnet liegen zu lassen. »Ist der Inhalt gleichgültig,« sprach er, »so kommt
es auf den Verzug nicht an; entält der Brief eine böse Nachricht, so gewinne
ich noch einige frohe oder wenigstens ungetrübte Stunden; steht eine Freudenpost
darin, so kann ein gesetzter Mann wohl es abwarten, dass die Freude ihm über den
Hals komme.« Diese Gewohnheit des Meisters ist zu verwerfen, denn einmal ist
solch ein Mensch, der Briefe liegen lässt, ganz untauglich zum Kaufmann, zum
politischen oder literarischen Zeitungsschreiber, dann leuchtet es aber auch
ein, wie manches Unheil sich sonst noch bei Personen, die weder Kaufleute sind
noch Zeitungsschreiber, daraus erzeugen kann. - Was gegenwärtigen Biographen
betrifft, so glaubt er ganz und gar nicht an Abrahams stoischen Gleichmut,
sondern rechnet jene Gewohnheit vielmehr einer gewissen ängstlichen Scheu zu,
das Geheimnis eines verschlossenen Briefes zu entfalten. - Es ist eine ganz
eigene Lust Briefe zu empfangen, und darum sind uns die Personen besonders
angenehm, die zunächst uns diese Lust verschaffen, nämlich die Briefträger, wie
schon irgendwo ein geistreicher Schriftsteller bemerkt hat. Dies mag eine
anmutige Selbstmystifikation genannt werden. Der Biograph erinnert sich, dass,
als er einst auf der Universität mit dem sehnlichsten Schmerz lange vergebens
auf einen Brief von einer geliebten Person gewartet hatte, er den Briefträger
mit Tränen im Auge bat, ihm doch recht bald einen Brief aus der Vaterstadt zu
bringen, er solle auch dafür ein namhaftes Trinkgeld erhalten. Der Kerl
versprach, was von ihm verlangt wurde, mit pfiffiger Miene, brachte den Brief,
der in der Tat nach wenigen Tagen einging, triumphierend, als habe es nur an ihm
gelegen Wort zu halten, und strich das versprochene Trinkgeld ein. - Doch weiss
der Biograph, der eben vielleicht selbst gewissen Selbstmystifikationen zu sehr
Raum gibt - doch weiss er nicht, ob du, geliebter Leser, mit ihm gleichen Sinnes,
mit jener Lust eine seltsame Angst fühlest, die dir, indem du den erhaltenen
Brief öffnen willst, Herzklopfen verursacht, selbst wenn es kaum möglich, dass
der Brief Wichtiges für dein Leben entalten sollte. - Mag es sein, dass dasselbe
die Brust beengende Gefühl, mit dem wir in die Nacht der Zukunft schauen, auch
hier sich regt und dass eben deshalb, weil ein leichter Druck der Finger
hinreicht, das Verborgene zu entüllen, der Moment auf einer Spitze steht, die
uns beunruhigt. Und! - wie viele schöne Hoffnungen zerbrachen schon mit dem
verhängnisvollen Siegel, und die lieblichen Traumbilder, die aus unserm eignen
Innern gestaltet, unsere brünstige Sehnsucht selbst schienen, zerrannen in
nichts und das kleine Blättchen war der Zauberfluch, vor dem der Blumengarten,
in dem wir zu wandeln gedachten, verdorrte, und das Leben lag vor uns wie eine
unwirtbare trostlose Wüstenei! - Scheint es gut, den Geist zu sammeln, ehe jener
leichte Druck der Finger das Verborgene erschliesst, so kann dies vielleicht
Meister Abrahams sonst verwerfliche Gewohnheit entschuldigen, die übrigens auch
gegenwärtigem Biographen anklebt aus einer gewissen verhängnisvollen Zeit, in
der beinahe jeder Brief, den er erhielt, der Büchse Pandoras glich, aus der,
sowie sie geöffnet, tausend Unheil und Ungemach aufstieg ins Leben. - Hat aber
nun auch Meister Abraham des Kapellmeisters Brief verschlossen in seinen
Schreibepult oder Schreibtischkasten, und ist er auch spazieren gegangen in den
Park, doch soll der geneigte Leser den Inhalt sogleich buchstäblich erfahren. -
Johannes Kreisler hatte folgendes geschrieben:
 
                           »Mein herzlieber Meister!
La fin couronne les oeuvres! hätte ich rufen können, wie Lord Clifford in
Shakespeares Heinrich dem Sechsten, als ihm der sehr edle Herzog von York eins
versetzt hatte zum Tode. Denn bei Gott, mein Hut stürzte schwer verwundet ins
Gebüsch und ich ihm nach, rücklings wie einer, von dem man in der Schlacht zu
sagen pflegt, Er fällt, oder er ist gefallen. - Dergleichen Leute stehen aber
selten wieder auf, dagegen tat das aber Euer Johannes, mein lieber Meister, und
das auf der Stelle. - Um meinen schwer verwundeten Kameraden, der nicht sowohl
an meiner Seite als über oder von meinem Haupte gefallen, konnte ich mich gar
nicht bekümmern, da ich genug zu tun hatte, durch einen tüchtigen Seitensatz
(ich nehme das Wort Satz hier weder in philosophischem noch in musikalischem,
sondern lediglich in gymnastischem Sinn) der Mündung einer Pistole auszuweichen,
die jemand etwa drei Schritte davon auf mich hielt. Doch ich tat noch mehr als
das, ich ging plötzlich aus der Defensive in die Offensive über, sprang auf den
Pistolanten los und stiess ihm ohne weitere Umstände meinen Stockdegen in den
Leib. - Immer habt Ihr mir den Vorwurf gemacht, Meister, dass ich des
historischen Stils nicht mächtig und unfähig, etwas zu erzählen ohne unnütze
Phrasen und Abschweifungen. Was sagt Ihr zu der bündigen Darstellung meines
italienischen Abenteuers in dem Park zu Sieghartshof, den ein hochsinniger Fürst
so mild beherrscht, dass er selbst Banditen toleriert vergnüglicher Abwechslung
halber?
    Nehmt, lieber Meister, das bisher Gesagte nur für die vorläufige
epitomatische Inhaltsanzeige des historischen Kapitels, das ich, erlaubt es
meine Ungeduld und der Herr Prior, statt eines ordinären Briefes für Euch
aufschreiben will. - Wenig nachzuholen ist über das eigentliche Abenteuer im
Walde. - Gewiss war es mir sogleich, dass, als der Schuss fiel, ich davon
profitieren sollte, denn im Niederstürzen empfand ich einen brennenden Schmerz
an der linken Seite meines Kopfs, den der Konrektor in Göniönesmühl mit Recht
einen hartnäckigen nannte. Hartnäckigen Widerstand hatte der wackere Knochenbau
nämlich geleistet dem schnöden Blei, so dass die Streifwunde kaum zu achten. -
Aber sagt mir, lieber Meister, sagt mir auf der Stelle oder heute abend oder
wenigstens morgen in aller Frühe, in wessen Leib meine Stockklinge gefahren?
Sehr lieb würde es mir sein zu vernehmen, dass ich eigentlich gar kein gemeines
Menschenblut vergossen, sondern bloss einigen prinzlichen Ichor; und es will mir
ahnen, als wäre dem so. - Meister! - so hätte der Zufall mich denn zu der Tat
geführt, die der finstere Geist mir verkündete bei Euch im Fischerhäuschen! -
War vielleicht diese kleine Stockklinge in dem Augenblick, als ich sie brauchte
zur Notwehr gegen Mörder, das furchtbare Schwert der Blutschuld rächenden
Nemesis? - Schreibt mir alles, Meister, und vor allen Dingen, was es mit der
Waffe, die Ihr mir in die Hand gabt, mit dem kleinen Bilde für eine Bewandtnis
hat. - Doch nein - nein, sagt mir davon nichts. Lasst mich dieses Medusenbild,
vor dessen Anblick der bedrohliche Frevel erstarrt, bewahren, mir selbst ein
unerklärliches Geheimnis. Es ist mir, als würde dieser Talisman seine Kraft
verlieren, sobald ich wüsste, was für eine Konstellation ihn gefeit zur
Zauberwaffe! - Wollt Ihr mir's glauben, Meister, dass ich bis jetzt Euer kleines
Bild noch gar nicht einmal recht angeschaut? - Ist es an der Zeit, so werdet Ihr
mir alles sagen, was mir zu wissen nötig, und dann gebe ich den Talisman zurück
in Eure Hände. Also für jetzt kein Wort weiter davon! - Doch fortfahren will ich
nun in meinem historischen Kapitel.
    Als ich besagtem Jemand, besagtem Pistolanten meinen Stockdegen in den Leib
gerannt, so dass er lautlos niederstürzte, sprang ich fort mit der
Schnellfüssigkeit eines Ajax, da ich Stimmen im Park zu hören und mich noch in
Gefahr glaubte. Ich gedachte nach Sieghartsweiler zu laufen, aber die Dunkelheit
der Nacht liess mich den Weg verfehlen. Schneller und schneller rannte ich fort,
immer noch hoffend, mich zurechtzufinden. Ich durchwatete Feldgraben, ich
erklimmte eine steile Anhöhe und sank endlich in einem Gebüsch vor Ermattung
nieder. Es war, als blitze es dicht vor meinen Augen, ich fühlte einen
stechenden Schmerz am Kopf und erwachte aus tiefem Todesschlaf. Die Wunde hatte
stark geblutet, ich machte mir, das Taschentuch benutzend, einen Verband, der
dem geschicktesten Kompagnie-Chirurgus auf dem Schlachtfelde zur Ehre gereicht
haben würde, und schaute nun ganz froh und fröhlich umher. Unfern von mir
stiegen die mächtigen Ruinen eines Schlosses empor. - Ihr merkt es, Meister, ich
war zu meiner nicht geringen Verwunderung auf den Geierstein geraten.
    Die Wunde schmerzte nicht mehr, ich fühlte mich frisch und leicht, ich trat
heraus aus dem Gebüsch, das mir zum Schlafgemach gedient, die Sonne stieg empor
und warf blinkende Streiflichter auf Wald und Flur wie fröhliche Morgengrüsse.
Die Vögel erwachten in den Gebüschen und badeten sich zwitschernd im kühlen
Morgentau und schwangen sich auf in die Lüfte. Noch in nächtliche Nebel gehüllt
lag tief unter mir Sieghartshof, doch bald sanken die Schleier, und im
flammenden Gold standen Bäume und Büsche. Der See des Parks glich einem blendend
strahlenden Spiegel: ich unterschied das Fischerhäuschen wie einen kleinen
weissen Punkt - sogar die Brücke glaubte ich deutlich zu schauen. - Das Gestern
trat auf mich ein, aber als sei es eine längst vergangene Zeit, aus der mir
nichts geblieben, als die Wehmut der Erinnerung an das ewig Verlorne, die in
demselben Augenblick die Brust zerreisst und mit süsser Wonne erfüllt, Haselant,
was willst du denn eigentlich damit sagen, was hast du denn in dem längst
vergangenen Gestern auf ewig verloren? So ruft Ihr mich an, Meister, ich höre
es. - Ach Meister, noch einmal stelle ich mich hin auf jene hervorragende Spitze
des Geiersteins - noch einmal breite ich die Arme aus wie Adlersflügel, mich
dort hinzuschwingen, wo ein süsser Zauber waltete, wo jene Liebe, die nicht in
Raum und Zeit bedingt, die ewig ist wie der Weltgeist, mir aufging in den
ahnungsvollen Himmelstönen, die die dürstende Sehnsucht selbst sind und das
Verlangen! - Ich weiss es, dicht vor meiner Nase setzt sich ein Teufelskerl von
hungrigem Opponenten hin, der nur opponiert des indischen Gerstenbrots halber,
und fragt mich höhnisch, ob es möglich sei, dass ein Ton dunkelblaue Augen haben
könne. Ich führe den bündigsten Beweis, dass der Ton eigentlich auch ein Blick
sei, der aus einer Lichtwelt durch zerrissene Wolkenschleier hinabstrahle; der
Opponent geht aber weiter und frägt nach Stirn, nach Haar, nach Mund und Lippen,
nach Armen, Händen, Füssen und zweifelt durchaus mit hämischem Lächeln, dass ein
blosser purer Ton mit diesem allem begabt sein könne. - O Gott, ich weiss, was der
Schlingel meint, nämlich nichts weiter, als dass, solange ich ein glebae
adscriptus sei, wie er und die übrigen, solange wir alle nicht bloss
Sonnenstrahlen frässen und uns manchmal noch auf einen andern Stuhl setzen müssten
als auf den Lehrstuhl, es mit jener ewigen Sehnsucht, die nichts will als sich
selbst und von der jeder Narr zu schwatzen weiss - Meister! ich wünschte nicht,
dass Ihr auf die Seite des hungrigen Opponenten trätet - es würde mir unangenehm
sein. - Und sagt selbst, könnte Euch wohl eine einzige vernünftige Ursache dazu
treiben? - hab' ich jemals Hang gezeigt zu trister Sekundanernarrheit? - Ja,
hab' ich, zu reifen Jahren gekommen, mich nicht stets nüchtern zu erhalten
gewusst, hab' ich etwa jemals gewünscht, ein Handschuh zu sein, bloss um Julias
Wange zu küssen, wie Vetter Romeo? - Glaubt es nur, Meister, die Leute mögen
auch sagen, was sie wollen, im Kopf trag' ich nichts als Noten und im Gemüt und
Herzen die Klänge dazu, denn, alle Teufel! wie sollt ich sonst imstande sein,
solche manierliche, bündige Kirchenstücke zu setzen, als die Vesper es ist, die
da eben vollendet auf dem Pulte liegt. - Doch - schon wieder war es um die
Historie geschehen - ich erzähle weiter.
    Aus der Ferne vernahm ich den Gesang einer kräftigen Männerstimme, der sich
immer mehr und mehr näherte. Bald gewahrte ich denn auch einen
Benediktiner-Geistlichen, der, auf dem Fusssteig unterwärts fortwandelnd, einen
lateinischen Hymnus sang. Nicht weit von meinem Platze stand er still, hielt
inne mit dem Singen und schaute, indem er den breiten Reisehut vom Kopfe nahm
und sich mit einem Tuch den Schweiss von der Stirne trocknete, in der Gegend
umher, dann verschwand er ins Gebüsch. Mir kam die Lust an, mich zu ihm zu
gesellen, der Mann war mehr als wohlgenährt, die Sonne brannte stärker und
stärker, und so konnt' ich wohl denken, dass er ein Ruheplätzchen gesucht haben
würde im Schatten. Ich hatte mich nicht geirrt, denn in das Gebüsch tretend,
erblickte ich den ehrwürdigen Herrn, der sich auf einen dick bemoosten Stein
niedergelassen hatte. Ein höheres Felsstück dicht daneben diente ihm zum Tisch;
er hatte ein weisses Tuch darüber ausgebreitet und holte eben aus dem Reisesack
Brot und gebratenes Geflügel hervor, das er mit vielem Appetit zu bearbeiten
begann: Sed praeter omnia bibendum quid, so rief er sich selbst zu und schenkte
aus einer Korbflasche Wein ein in einen kleinen silbernen Becher, den er aus der
Tasche hervorgezogen. Eben wollte er trinken, als ich mit einem Gelobt sei Jesus
Christ! zu ihm hintrat. Mit dem Becher an den Lippen schaute er auf, und ich
erkannte im Augenblick meinen alten gemütlichen Freund aus der
Benediktiner-Abtei zu Kanzheim, den ehrlichen Pater und Präfektus Chori
Hilarius. In Ewigkeit! stammelte Pater Hilarius, indem er mich mit weit
aufgerissenen Augen starr anblickte. Ich dachte sogleich an meinen Kopfputz, der
mir vielleicht ein fremdes Ansehen geben mochte, und begann: O mein sehr
geliebter würdiger Freund Hilarius, haltet mich nicht für einen verlaufenen
vagabundierenden Hindus, auch nicht für ein auf den Kopf gefallenes Landeskind,
da ich doch nun einmal nichts anderes bin und sein will, als Euer Intimus, der
Kapellmeister Johannes Kreisler! -
    Beim heil'gen Benedikt, rief Pater Hilarius freudig, ich hatte Euch gleich
erkannt, herrlicher Kompositor und angenehmer Freund, aber per diem sagt mir, wo
kommt Ihr her, was ist Euch geschehen, Euch, den ich mir in floribus dachte am
Hofe des Grossherzogs?
    Ich nahm gar keinen Anstand, dem Pater kürzlich alles zu erzählen, was sich
mit mir begeben, und wie ich genötigt gewesen, dem, dem es beliebt, nach mir,
wie nach einem aufgestellten Ziel, Probeschüsse zu tun, meinen Stockdegen in den
Leib zu stossen, und wie besagter Zielschiesser wahrscheinlich ein italienischer
Prinz gewesen, der Hektor geheissen, wie mancher würdige Pirschhund. - Was nun
beginnen, zurückkehren nach Sieghartsweiler oder - ratet mir, Pater Hilarius!
    So schloss ich meine Erzählung. - Pater Hilarius, der manches - Hm! - so! -
ei! - heiliger Benedikt - dazwischen geworfen, sah jetzt vor sich nieder,
murmelte: Bibamus! und leerte den silbernen Becher auf einen Zug.
    Dann rief er lachend: In der Tat, Kapellmeister, der beste Rat, den ich Euch
fürs erste erteilen kann, ist, dass Ihr Euch fein zu mir hersetzt und mit mir
frühstückt. Ich kann Euch diese Feldhühner empfehlen, erst gestern schoss sie
unser ehrwürdiger Bruder Macarius, der, wie Ihr Euch wohl erinnert, alles
trifft, nur nicht die Noten in den Responsorien, und wenn Ihr den Kräuteressig
vorschmeckt, mit dem sie angefeuchtet, so verdankt Ihr das der Sorgfalt des
Bruders Eusebius, der sie selbst gebraten mir zu Liebe. Was aber den Wein
betrifft, so ist er wert, die Zunge eines landflüchtigen Kapellmeisters zu
netzen. Echter Bocksbeutel, carrissime Johannes, echter Bocksbeutel aus dem St.
Johannis-Hospital zu Würzburg, den wir, unwürdige Diener des Herrn, erhalten in
bester Qualität. - Ergo bibamus!
    Damit schenkte er den Becher voll und reichte ihn mir hin. - Ich liess mich
nicht nötigen, ich trank und ass wie einer, der solcher Stärkung bedarf.
    Pater Hilarius hatte den anmutigsten Platz gewählt, um sein Frühstück
einzunehmen. Ein dichtes Birkengebüsch beschattete den blumichten Rasen des
Bodens, und der kristallhelle Waldbach, der über hervorragendes Gestein
plätscherte, vermehrte noch die erfrischende Kühle. Die einsiedlerische
Heimlichkeit des Orts erfüllte mich mit Wohlbehagen und Ruhe, und während Pater
Hilarius mir von allem erzählte, was sich seit der Zeit in der Abtei begeben,
wobei er nicht vergass, seine gewöhnlichen Schwänke und sein hübsches
Küchenlatein einzumischen, horchte ich auf die Stimmen des Waldes, der Gewässer,
die zu mir sprachen in tröstenden Melodien.
    Pater Hilarius mochte mein Schweigen der bittern Sorge zuschreiben, die mir
das Geschehene verursachte.
    Seid, begann er, indem er mir den aufs neue gefüllten Becher hinreichte,
seid guten Muts, Kapellmeister! Ihr habt Blut vergossen, das ist wahr, und Blut
vergiessen ist Sünde, doch distinguendum est inter et inter - Jedem ist sein
Leben das liebste, er hat es nur einmal. Ihr habt das Eurige verteidigt, und das
verbietet die Kirche keinesweges, wie sattsam zu erweisen, und weder unser
hochwürdiger Herr Abt, noch irgendein anderer Diener des Herrn wird Euch die
Absolution versagen, seid Ihr auch unversehens in fürstliche Eingeweide
gefahren. - Ergo bibamus! - Vir sapiens non the abhorrebit, Domine! -
    Aber, teuerster Kreisler, kehrt Ihr zurück nach Sieghartsweiler, so wird man
Euch garstig befragen über das cur, quomodo, quando, ubi, und wollt Ihr den
Prinzen des mörderischen Angriffs zeihen, wird man Euch glauben? Ibi jacet lepus
in pipere! - Aber seht, Kapellmeister, wie - doch, bibendum quid - Er leerte den
vollgeschenkten Becher und fuhr dann fort: Ja, seht, Kapellmeister, wie der gute
Rat kommt mit dem Bocksbeutel. - Erfahrt, dass ich mich eben zum Kloster
Allerheiligen begeben wollte, um mir von dem dortigen Präfektus Chori Musik zu
holen zu den nächsten Festen. Ich habe die Kasten schon zwei-, dreimal
umgekehrt, es ist alles alt und verbraucht, und was die Musik betrifft, die Ihr
uns komponiert habt während Eures Aufentalts in der Abtei, ja, die ist gar
schön und neu, aber - nehmt mir es nicht übel, Kapellmeister, so auf kuriose
Weise gesetzt, dass man keinen Blick wenden darf von der Partitur. Will man nur
ein bisschen durchs Gitter schielen nach dieser, jener hübschen Dirne unten im
Schiff, gleich hat man einen Halt verfehlt oder sonst was und schlägt einen
falschen Takt und schmeisst das Ganze um - Pump, da liegt's, und Di - di - Diedel
diedel greift Bruder Jakob in die Orgeltasten! - ad patibulum cum illis - Ich
durfte also - doch bibamus! -
    Nachdem wir beide getrunken, floss der Strom der Rede also weiter: Desunt,
die nicht da sind, und die nicht da sind, können nicht gefragt werden, ich
dächte daher, Ihr wandertet sogleich mit mir zurück nach der Abtei, die, schlägt
man Richtwege ein, kaum zwei Stunden von hier entfernt ist. In der Abtei seid
Ihr gesichert gegen alle Nachstellungen, contra hostium insidias, ich bringe
Euch hin als lebendige Musik, und Ihr bleibt da, solange es Euch gefällt, oder
solange Ihr es geraten findet. Der hochwürdige Herr Abt versorgt Euch mit allem
Nötigen. Ihr kleidet Euch in die feinste Wäsche und zieht das
Benediktiner-Gewand darüber, das Euch sehr wohl stehen wird. Aber damit Ihr
nicht unterweges ausseht, wie der Wundgeschlagene auf dem Bilde vom mitleidigen
Samariter, so setzt meinen Reisehut auf, ich werde mir den Kapuschon über die
Glatze ziehn. - Bibendum quid, Liebster!
    Damit leerte er den Becher noch einmal, schwenkte ihn aus im nahen Waldbach,
packte alles schnell in seinen Reisesack, drückte mir seinen Hut auf die Stirne
und rief ganz fröhlich: Kapellmeister, wir dürfen nur ganz langsam und bequem
einen Fuss vor den andern setzen und kommen doch gerade an, wenn sie läuten ad
conventum, conventuales, d.h. wenn der hochwürdige Abt sich zu Tische setzt.
    Ihr dürft wohl denken lieber Meister, dass ich gegen den Vorschlag des
fröhlichen Paters Hilarius nicht das mindeste einzuwenden hatte, dass es mir
vielmehr gar willkommen sein musste, mich an einen Ort zu begeben, der mir in so
mancher Hinsicht ein wohltätiges Asyl werden konnte.
    Wir schritten gemächlich fort unter allerlei Gesprächen und langten so, wie
Pater Hilarius es gewollt, in der Abtei an, als man gerade die Tischglocke
läutete.
    Um vor der Hand allen Fragen zuvorzukommen, sagte Pater Hilarius dem Abt,
dass, da er zufällig erfahren, wie ich mich in Sieghartsweiler aufhalte, er es
vorgezogen, statt der Musik aus dem Kloster Allerheiligen, lieber den
Komponisten zu holen, der ja ein ganzes unerschöpfliches Magazin von Musik in
sich trage.
    Der Abt Chrysostomus (mich dünkt, ich hätte Euch schon viel von ihm erzählt)
empfing mich mit jener gemütlichen Freude, die nur wahrhaft guter Gesinnung
eigen, und lobte den Entschluss des Paters Hilarius! -
    Seht mich nun, Meister Abraham, wie ich, umgeschaffen zum passablen
Benediktinermönch, in einem hohen geräumigen Zimmer des Hauptgebäudes der Abtei
sitze und emsig Vespern und Hymnen ausarbeite, ja, wie ich schon mitunter
Gedanken notiere zu einem feierlichen Hochamt, wie sich die singenden und
spielenden Brüder, die Chorknaben versammeln, wie ich emsig Proben halte, wie
ich hinter dem Gitter des Chors dirigiere! In der Tat, so vergraben fühle ich
mich in diese Einsamkeit, dass ich mich mit Tartini vergleichen möchte, der, die
Rache des Kardinals Cornaro fürchtend, in das Minoritenkloster zu Assisi floh,
wo ihn endlich nach Jahren ein Paduaner entdeckte, der sich in der Kirche befand
und den verlornen Freund auf dem Chore erblickte, als ein Windstoss den Vorhang,
der das Orchester verhüllte, einige Augenblicke aufhob. - Es hätte Euch selbst,
Meister, so mit mir gehen können wie jenem Paduaner, aber ich musste Euch ja doch
sagen, wo ich geblieben, Ihr könntet sonst Wunder gedacht haben, was aus mir
geworden. - Hat man vielleicht meinen Hut gefunden und sich gewundert, dass ihm
der Kopf abhanden gekommen? - Meister! eine besondere wohltätige Ruhe ist in
mein Inneres gekommen; sollte ich vielleicht hier am Ankerplatz gelandet sein?
Als ich neulich an dem kleinen See, der in der Mitte des weitläuftigen Gartens
der Abtei liegt, wandelte und mein Bild, neben mir wandelnd, im See erblickte,
da sprach ich: Der Mensch, der da unten neben mir hergeht, das ist ein ruhiger
besonnener Mensch, der, nicht mehr wild umherschwirrend in vagen unbegrenzten
Räumen, die gefundene Bahn festält, und es ist ein Glück für mich, dass der
Mensch kein andrer ist als ich selbst. - Aus einem andern See schaute mich einst
ein fataler Doppeltgänger an - Doch still - still von dem allen. - Meister,
nennt mir keinen Namen - erzählt mir nichts - auch nicht einmal, wen ich
gespiesst - Aber von Euch selbst schreibt mir viel - Die Brüder kommen zur Probe,
ich schliesse mein historisches Kapitel und zugleich meinen Brief. Lebt wohl,
mein guter Meister, und gedenkt meiner! etc. etc. etc. etc.«
- In den fernen, wild verwachsenen Gängen des Parks einsam wandelnd, bedachte
Meister Abraham das Schicksal des geliebten Freundes, und wie er ihn, kaum
wieder gewonnen, aufs neue verloren. Er sah den Knaben Johannes, sich selbst in
Göniönesmühl vor dem Flügel des alten Onkels, der Kleine hämmerte mit stolzem
Blick Sebastian Bachs schwerste Sonaten herunter mit beinahe männlicher Faust,
er steckte ihm dafür eine Düte Zuckerwerk heimlich in die Tasche - Es war ihm,
als sei dies erst wenige Tage her, und er musste sich verwundern, dass der Knabe
eben kein anderer als der Kreisler, der in ein wunderliches launenhaftes Spiel
geheimnisvoller Verhältnisse verflochten schien. - Aber mit dem Gedanken an jene
vergangene Zeit, an die verhängnisvolle Gegenwart stieg das Bild seines eignen
Lebens vor ihm auf.
    Sein Vater, ein strenger eigensinniger Mann, hatte ihn beinahe mit Zwang zu
der Kunst des Orgelbaues angehalten, die er selbst trieb wie ein gewöhnliches
rohes Handwerk. Er litt nicht, dass irgendein anderer als der Orgelbauer selbst
Hand anlege an das Werk, und so mussten die Lehrlinge geübte Tischler, Zinngiesser
u. s. werden, ehe sie zu der innern Mechanik gelangten. - Genauigkeit,
Dauerhaftigkeit, gute Spielart des Werks galt dem Alten für alles; für die
Seele, für den Ton hatte er keinen Sinn, und merkwürdig genug sprach sich dies
aus in den Orgeln, die er baute, und denen man mit Recht einen harten spitzen
Klang vorwarf. Nächstdem war der Alte den kindischen Künsteleien verjährter Zeit
ganz und gar ergeben. So hatte er an einer Orgel die Könige David und Salomo
angebracht, die während des Spiels wie vor Verwunderung die Köpfe drehten; so
fehlte es keinem seiner Werke an paukenden, posaunenden, taktierenden Engeln,
mit den Flügeln schlagenden krähenden Hähnen u.s.w. Abraham konnte oft
verdienten oder nicht verdienten Schlägen nicht anders entgehen und dem Alten
eine Äusserung väterlicher Freude entlocken, als wenn er vermöge eigner
Erfindungsgabe irgendeine neue Künstelei, etwa ein schärfer tönendes Kikeriki
herausgebracht für den nächsten Orgelhahn. Mit angstvoller Sehnsucht hatte
Abraham die Zeit herbeigewünscht, in der er dem Handwerksgebrauch gemäss auf die
Wanderschaft gehen sollte. Endlich kam diese Zeit heran, und Abraham verliess das
väterliche Haus, um nie wieder zurückzukehren .
    Auf dieser Wanderung, die er in Gemeinschaft mit andern Gesellen, meistens
wüsten, rohen Burschen, unternahm, sprach er einst ein in der Abtei St. Blasius,
die im Schwarzwalde belegen, und hörte dort das berühmte Orgelwerk des alten
Johann Andreas Silbermann. In den vollen herrlichen Tönen dieses Werks ging zum
erstenmal der Zauber des Wohllauts auf in seinem Innern, er fühlte sich in eine
andere Welt versetzt, und von dem Augenblick an war er ganz Liebe für eine
Kunst, die er sonst mit Widerwillen treiben müssen. - Nun kam ihm aber auch sein
ganzes Leben in der Umgebung, wie er es bis jetzt geführt hatte, so nichtswürdig
vor, dass er alle Kraft aufbot, sich herauszureissen aus dem Schlamm, in den er
sich versunken glaubte. - Sein natürlicher Verstand, seine Fassungsgabe liessen
ihn in der wissenschaftlichen Bildung Riesenschritte machen, und doch - fühlte
er oft die Bleigewichte, die die frühere Erziehung, das Forttreiben in der
Gemeinheit ihm angehängt. - Chiara, die Verbindung mit diesem seltsamen
geheimnisvollen Wesen, das war der zweite Lichtpunkt in seinem Leben, und so
bildete beides, jenes Erwachen des Wohllauts und Chiaras Liebe, einen Dualismus
seines poetischen Seins, der wohltätig hineinwirkte in seine rohe, aber kräftige
Natur. - Kaum den Herbergen, kaum den Schenken, wo im dicken Tabaksqualm
Zotenlieder ertönten, entronnen, brachte der Zufall oder vielmehr die
Geschicklichkeit in mechanischen Künsteleien, denen er den Anstrich des
Geheimnisses zu geben wusste (wie der geneigte Leser schon erfahren), den jungen
Abraham in Umgebungen, die ihm eine neue Welt sein mussten, und in denen er, ewig
Fremdling bleibend, sich nur dadurch aufrecht erhielt, dass er den festen Ton
behauptete, den seine innere Natur ihm angegeben. Dieser feste Ton wurde mit der
Zeit immer fester, und da er keineswegs der eines simplen Grobians, sondern auf
klaren gesunden Menschenverstand, richtige Lebensansicht und daraus sich
erzeugenden treffenden Spott basiert war, so könnt' es nicht fehlen, dass da, wo
der Jüngling sich nur aufrecht erhalten und toleriert worden, der Mann als ein
zu fürchtendes Prinzip grossen Respekt einflösste. Es ist nichts leichter als
gewissen vornehmen Leuten zu imponieren, die immer noch weiter unter dem stehen,
wofür man sie etwa halten mochte. Daran dachte nun Meister Abraham eben in dem
Augenblick, als er von seinem Spaziergange wieder an das Fischerhäuschen
gekommen, und schlug eine laute herzliche Lache auf, die Luft machte seiner
gepressten Brust.
    Zur innigsten Wehmut, die ihm sonst wohl gar nicht eigen, hatte den Meister
nämlich das lebhafte Andenken an den Moment in der Kirche der Abtei St. Blasius
und an die verlorne Chiara gestimmt. »Warum,« sprach er zu sich selbst, »warum
blutet eben die Wunde jetzt so häufig, die ich längst verharscht glaubte, warum
hänge ich jetzt leeren Träumereien nach, da es mir scheint, als müsse ich tätig
eingreifen in das Maschinenwerk, das ein böser Geist falsch zu treiben scheint!«
- Der Meister fühlte sich beängstigt durch den Gedanken, dass er, selbst wusste er
nicht wodurch, in seinem eigentümlichsten Tun und Treiben sich gefährdet sah,
bis, wie gesagt, er im Ideengange auf die vornehmen Leute kam, über die er
lachte und augenblicklich merkliche Linderung verspürte.
    Er trat ins Fischerhäuschen, um nun Kreislers Brief zu lesen. -
    In dem fürstlichen Schloss hatte sich Merkwürdiges begeben. Der Leibarzt
sprach: »Wunderbar! - es geht über alle Praxis, über alle Erfahrung hinaus!« -
Die Fürstin: »So musste es kommen, und die Prinzessin ist nicht kompromittiert!«
Der Fürst: »Hätt' ich's nicht ausdrücklich verboten, aber die Crapule der
dienenden Esel hat keine Ohren - Nun - der Oberforstmeister soll dafür sorgen,
dass der Prinz kein Pulver mehr in die Hände bekommt!« Die Rätin Benzon: »Dank
dem Himmel, sie ist gerettet!« - Währenddessen schaute Prinzessin Hedwiga zum
Fenster ihres Schlafgemachs heraus, indem sie dann und wann abgebrochene Akkorde
anschlug auf derselben Guitarre, die Kreisler im Unmut von sich warf und aus
Julias Händen, wie er meinte, geheiligt zurückempfing. Auf dem Sofa sass Prinz
Ignatius und weinte und klagte: »Es tut weh, es tut weh,« vor ihm aber Julia,
die emsig beschäftigt war, in eine kleine silberne Schüssel hinein - rohe
Kartoffeln zu schaben.
    Alles dieses bezog sich auf ein Ereignis, das der Leibarzt mit vollem Recht
wunderbar nannte und über alle Praxis erhaben. Prinz Ignatius hatte sich, wie
der geneigte Leser schon mehrmals erfahren, den unschuldig tändelnden Sinn, die
glückliche Unbefangenheit des sechsjährigen Knaben erhalten und spielte daher
gern wie dieser. Unter anderm Spielzeuge besass er auch eine kleine, aus Metall
gegossene Kanone, die ihm zu seinem Lieblingsspiel diente, an dem er sich jedoch
höchst selten ergötzen konnte, da manche Dinge dazu gehörten, die nicht gleich
zur Hand waren, nämlich einige Körner Pulver, ein tüchtiges Schrotkorn und ein
kleiner Vogel. Hatte er das alles, so liess er seine Truppen aufmarschieren,
hielt Kriegsgericht über den kleinen Vogel, der eine Rebellion angezettelt in
des fürstlichen Papas verlornem Lande, lud die Kanone und schoss den Vogel, den
er mit einem schwarzen Herzen auf der Brust an einen Leuchter gebunden, tot,
zuweilen aber auch nicht, so dass er mit dem Federmesser nachhelfen musste, um die
gerechte Strafe an dem Hochverräter zu vollstrecken.
    Fritz, des Gärtners zehnjähriger Knabe, hatte dem Prinzen einen gar hübschen
bunten Hänfling verschafft und dafür, wie gewöhnlich, eine Krone erhalten.
Sogleich war dann aber der Prinz in die Jägerstube geschlichen, gerade wenn die
Jäger abwesend, hatte richtig Schrotbeutel und Pulverhorn gefunden und sich
daraus mit der nötigen Munition versehen. Schon wollte er mit der Exekution
beginnen, die Beschleunigung zu fordern schien, da der bunte zwitschernde Rebell
alle nur möglichen Mittel versuchte zu entwischen, als es ihm einfiel, dass er
der Prinzessin Hedwiga, die jetzt so artig geworden, durchaus nicht die Lust
versagen dürfe, bei der Hinrichtung des kleinen Hochverräters gegenwärtig zu
sein. Er nahm also den Kasten, worin seine Armee befindlich, unter den einen,
die Kanone unter den andern Arm, den Vogel aber in die hohle Hand und schlich,
da es ihm von dem Fürsten untersagt worden, die Prinzessin zu sehen, leise,
leise nach Hedwigas Schlafgemach, wo er sie in dem fortdauernden kataleptischen
Zustande auf dem Ruhebette angekleidet liegen fand. Schlimm und, wie man sehen
wird, zugleich gut war es, dass die Kammerfrau die Prinzessin eben verlassen.
    Ohne weiteres band nun der Prinz den Vogel an einen Leuchter, liess die Armee
in Reihe und Glied treten und lud die Kanone, dann hob er die Prinzessin vom
Ruhebette, liess sie an den Tisch treten und erklärte, dass sie jetzt den
kommandierenden General vorstelle, er seinerseits bleibe der regierende Fürst
und brenne nebenher die Artillerie ab, welche den Rebellen töte. - Überfluss an
Munition hatte den Prinzen verführt und er nicht allein das Geschütz überladen,
sondern auch Pulver rund umher auf den Tisch verstreut. Sowie er das Stück
abprotzte, gab es nicht allein einen ungewöhnlichen Knall, sondern das
umhergestreute Pulver flog auch auf und verbrannte ihm tüchtig die Hand, so dass
er laut aufschrie und gar nicht einmal bemerkte, dass die Prinzessin in dem
Augenblick der Explosion hart zu Boden gestürzt war. Der Schuss hallte durch die
Korridors, alles stürzte, Unglück ahnend, herbei, und selbst Fürst und Fürstin
drängten sich, alle Etikette im jähen Schreck vergessend, mit der Dienerschaft
durch die Türe hinein. Die Kammerfrauen hoben die Prinzessin von dem Boden und
legten sie auf das Ruhebett, während man nach dem Leibarzt, nach dem Chirurgus
rief. Der Fürst ersah aus den Anstalten auf dem Tische sehr bald, was geschehen,
und sprach zum Prinzen, der entsetzlich schrie und lamentierte, mit
zornfunkelnden Augen: »Sieht Er, Ignaz! das kommt von Seinen dummen kindischen
Faxen. Lass' Er sich Brandsalbe auflegen und heul' Er nicht, wie ein
Strassenjunge! - Mit einem Birkenreis - sollt - Hint -« Die bebenden Lippen
liessen keine Deutlichkeit der Sprache zu, der Fürst wurde unverständlich und
verliess gravitätisch das Zimmer. Tiefes Entsetzen hatte die Dienerschaft erfasst,
denn erst zum drittenmal redete der Fürst den Prinzen an mit Er und Ignaz, und
jedesmal bewies er den wildesten, schwer zu sühnenden Zorn.
    Als der Leibarzt erklärte, die Krisis sei eingetreten, und er hoffe, dass der
bedrohliche Zustand der Prinzessin nun bald vorüber und sie völlig genesen
werde, sprach die Fürstin mit weniger Teilnahme, als man wohl denken sollte:
»Dieu soit loué, man gebe mir weitere Nachricht.« Den weinenden Prinzen schloss
sie aber zärtlich in ihre Arme, tröstete ihn mit süssen Worten und folgte dann
dem Fürsten.
    Indessen war die Benzon, die im Sinn gehabt, mit Julien die unglückliche
Hedwiga zu sehen, im Schloss angekommen. Kaum hörte sie, was geschehen, als sie
hinaufeilte nach dem Zimmer der Prinzessin, zuflog auf das Ruhebette,
niederkniete, Hedwigas Hand fasste und ihr starr in die Augen blickte, während
Julia heisse Tränen vergoss, wähnend, dass wohl der Todesschlaf über die
Herzensfreundin kommen werde. Da holte Hedwiga tief Atem und sprach mit dumpfer,
kaum vernehmlicher Stimme: »Ist er tot?« - Sogleich hielt Prinz Ignatius ein mit
Weinen trotz seines Schmerzes und erwiderte in voller Freude über die gelungene
Exekution lachend und kichernd: »Ja ja - Prinzessin Schwester, ganz tot, gerade
durch das Herz geschossen.« - »Ja,« sprach die Prinzessin weiter, indem sie die
Augen, die sie aufgeschlagen, wieder sinken liess, »ja, ich weiss es. Ich sah den
Blutstropfen der aus dem Herzen quoll, aber er fiel in meine Brust, und ich
erstarrte zu Kristall, und er nur lebte in dem Leichnam!« - »Hedwiga,« begann
die Rätin leise und zärtlich, »Hedwiga, erwachen Sie aus bösen unglücklichen
Träumen, Hedwiga, erkennen Sie mich?« Die Prinzessin winkte sanft mit der Hand,
als wolle sie verlassen sein. »Hedwiga,« fuhr die Benzon fort, »Julia ist hier.«
Ein Lächeln schimmerte auf Hedwigas Wangen. Julia beugte sich über sie hin,
drückte einen leisen Kuss auf die erblassten Lippen der Freundin. Da lispelte
Hedwiga kaum hörbar: »Es ist nun alles vorüber, in wenigen Minuten bin ich ganz
erkräftigt, ich fühl' es.« -
    Niemand hatte sich bis jetzt um den kleinen Hochverräter bekümmert, der mit
zerfleischter Brust auf dem Tisch lag. Nun fiel er Julien ins Auge, und erst in
dem Augenblick wurde sie auch inne, dass Prinz Ignatius wieder das abscheuliche,
ihr verhasste Spiel gespielt. »Prinz,« sprach sie, indem ihre Wangen sich hoch
röteten, »Prinz, was hat Ihnen der arme Vogel getan, dass Sie ihn ohne Erbarmen
töten hier im Zimmer? - Das ist ein rechtes einfältiges grausames Spiel - Sie
haben mir längst versprochen, es zu lassen, und doch nicht Wort gehalten - Aber!
tun Sie es noch einmal, niemals ordne ich mehr Ihre Tassen oder lehre Ihre
Püppchen reden oder erzähle Ihnen die Geschichte vom Wasserkönig!« - »Nicht böse
sein,« wimmerte der Prinz, »nicht böse sein, Fräulein Julia! Aber es war ein
bunter Erzschelm. Er hatte allen Soldaten heimlich die Rockschösse abgeschnitten
und überdem eine Rebellion angezettelt. Aber es tut weh - es tut weh!« - Die
Benzon blickte den Prinzen, dann Julien an mit seltsamem Lächeln, dann rief sie:
»Was das für ein Wehklagen ist über ein paar verbrannte Finger! - Aber es ist
wahr, der Chirurgus wird ewig mit seiner Brandsalbe nicht fertig. Doch hilft ein
gemeines Hausmittel auch wohl ungemeinen Leuten. Man schaffe rohe Kartoffeln
herbei!« Sie schritt nach der Türe, aber wie plötzlich von irgendeinem Gedanken
erfasst, blieb sie stehen, kehrte um, schloss Julien in die Arme, küsste sie auf
die Stirne und sprach: »Du bist mein gutes liebes Kind und wirst immer das ganz
sein, was du sein sollst! - Hüte dich nur vor überspannten wahnsinnigen Toren
und verschliesse dein Gemüt dem bösen Zauber ihrer verlockenden Reden!« - Damit
warf sie noch einen forschenden Blick auf die Prinzessin, die sanft und süss zu
schlummern schien, und verliess das Zimmer.
    Der Chirurgus trat hinein mit einem ungeheuren Pflaster in den Händen, unter
vielen Beteuerungen versichernd, dass er schon seit geraumer Zeit gewartet in den
Zimmern des gnädigsten Prinzen, da er nicht vermuten können, dass er in dem
Schlafgemach der gnädigsten Prinzessin - Er wollte mit dem Pflaster los auf den
Prinzen, die Kammerfrau, die ein paar stattliche Kartoffeln auf einer silbernen
Schüssel herbeigebracht, vertrat ihm aber den Weg und versicherte, dass für
Verletzungen durch Brand geschabte Kartoffeln das allerbeste Mittel wären. »Und
ich,« fiel Julia der Kammerfrau ins Wort, indem sie ihr die silberne Schüssel
abnahm, »und ich selbst will für Sie, mein Prinzchen, das Pflaster gar fein
bereiten.«
    »Gnädigster Herr,« sprach der Chirurg erschrocken, »bedenken Sie! - ein
Hausmittel für verbrannte Finger eines hohen fürstlichen Herrn! - Die Kunst -
die Kunst soll - muss hier allein helfen!« Er wollte von neuem auf den Prinzen
los, der prallte aber zurück und rief: »Weg da, weg da! Fräulein Julia soll mir
das Pflaster bereiten, die Kunst soll sich zum Zimmer hinausscheren!«
    Die Kunst empfahl sich samt ihrem wohlpräparierten Pflaster, indem sie
giftige Blicke auf die Kammerfrau warf.
    Stärker und stärker hörte Julia die Prinzessin atmen, doch wie erstaunte
sie, als -
    (M. f. f.) - einschlafen. Hin und her wälzte ich mich auf meinem Lager; ich
versuchte alle nur mögliche Stellungen. Bald streckte ich mich lang aus, bald
wickelte ich mich rund zusammen, liess den Kopf auf den weichen Pfoten ruhen und
ringelte den Schweif zierlich um mich herum, so dass er die Augen bedeckte, bald
warf ich mich auf die Seite, liess die Pfoten wegstarren vom Leibe, den Schweif
in lebloser Gleichgültigkeit hinabhängen vom Lager. Alles - alles vergebens! -
Wirrer und wirrer wurden Vorstellungen, Gedanken, bis ich endlich in jenes
Delirium fiel, das kein Schlaf, sondern ein Kampf zwischen Schlafen und Wachen
zu nennen, wie Moritz, Davidson, Nudow, Tiedemann, Wienholt, Reil, Schubert,
Kluge und andere physiologische Schriftsteller, die über Schlaf und Traum
geschrieben und die ich nicht gelesen, mit Recht behaupten.
    Die helle Sonne schien in des Meisters Zimmer hinein, als ich aus diesem
Delirium, aus diesem Kampf zwischen Schlafen und Wachen, wirklich zum klaren
Bewusstsein erwachte. Aber welch ein Bewusstsein, welch ein Erwachen! - O
Katerjüngling, der du dieses liesest, spitze die Ohren und lies aufmerksam, dass
dir die Moral nicht entwische! - Nimm dir zu Herzen, was ich über einen Zustand
sage, dessen unnennbare Trostlosigkeit ich dir nur mit schwachen Farben
schildern kann. - Nimm dir diesen Zustand, wiederhole ich, zu Herzen und dich
selbst möglich in acht, wenn du zum erstenmal in einer Katzburschengesellschaft
Katzpunsch geniessest. Nippe mässig und berufe dich, will man das nicht leiden,
auf mich und meine Erfahrung, der Kater Murr sei deine Autorität, die jeder,
hoff' ich, anerkennen und gelten lassen wird.
    Nun also! - Was zuvörderst mein physisches Befinden betrifft, so fühlte ich
mich nicht allein matt und elend, sondern was mir ganz besondere Qualen schuf,
war ein gewisser kecker abnormer Anspruch des Magens, der eben seiner Abnormität
halber nicht durchzusetzen war und nur einen unnützen Rumor im Innern
verursachte, an dem sogar die affizierten Ganglien teilnahmen, die in ewigem
physischem Wollen und Nichtvermögen krankhaft zitterten und bebten. - Es war ein
heilloser Zustand! -
    Aber beinahe noch empfindlicher war die psychische Affektion. Mit der
bittern Reue und Zerknirschung eines Gestern halber, das ich doch eigentlich gar
nicht für tadelnswert achten konnte, kam eine trostlose Gleichgültigkeit in
meine Seele gegen alles irdische Wohl! - Ich verachtete alle Güter der Erde,
alle Gaben der Natur, Weisheit, Verstand, Witz u.s.w. Die grössten Philosophen,
die geistreichsten Dichter galten mir nicht höher als Lumpenpuppen, sogenannte
Hansemänner, und was das ärgste war, auf mich selbst dehnte sich jene Verachtung
aus, und ich glaubte zu erkennen, dass ich nichts sei als ein ganz gewöhnlicher
miserabler Mausekatz! - Niederschlagenderes gibt es nicht! Der Gedanke, dass ich
in dem grössten Jammer befangen, dass die ganze irdische Erde überhaupt ein
Jammertal sei, vernichtete mich in namenlosen Schmerz. - Ich kniff die Augen zu
und weinte sehr! -
    »Du hast geschwärmt, Murr, und nun ist dir miserabel zumute? - Ja, ja, so
geht's! - Nun schlaf' nur aus, alter Junge, dann wird's besser werden!« - So
rief der Meister mir zu, als ich das Frühstück stehen liess und einige
Schmerzenstöne von mir gab. Der Meister! - o Gott, er wusste nicht, er kannte
nicht meine Leiden! - er ahnte nicht, wie Burschentum und Katzpunsch wirkt auf
ein zartfühlendes Gemüt! -
    Es mochte Mittag sein, noch hatte ich mich nicht vom Lager gerührt, als
plötzlich, der Himmel weiss, wie er sich hineinzuschleichen gewusst, Bruder Muzius
vor mir stand. - Ich klagte ihm meinen unseligen Zustand, statt aber, wie ich
gehofft, mich zu bedauern, mich zu trösten, schlug er eine unmässige Lache auf
und rief: »Hoho, Bruder Murr, es ist weiter nichts als die Krisis, der Übergang
von unwürdiger philistriger Knabenschaft zum würdigen Burschentum, die dich
glauben lässt, dass du krank bist und elend. Du bist das edle Kommerschieren noch
nicht gewohnt! - Aber tu mir den Gefallen und halte das Maul und klage nicht
etwa dem Meister dein Leiden. Unser Geschlecht ist überdem schon verrufen genug
dieser Scheinkrankheit halber, und der schmähsüchtige Mensch hat ihr einen Namen
gegeben, der sich auf uns bezieht, und den ich nicht wiederholen mag. Aber raffe
dich auf, nimm dich zusammen, komm mit mir, die frische Luft wird dir wohl tun,
und dann musst du vor allen Dingen Haare auflegen. Komm nur, du wirst schon
praktisch erfahren, was das heisst.«
    Bruder Muzius übte seit der Zeit, als er mich dem Philistertum entrissen,
eine unbedingte Herrschaft über mich aus; ich musste tun, was er wollte. Mühsam
stand ich daher auf von meinem Lager, dehnte mich, so gut es bei den
erschlafften Gliedern gehen wollte, und folgte dem treuen Bruder aufs Dach. Wir
spazierten einigemal auf und nieder, und in der Tat, mir wurde etwas wohler,
frischer zumute. Dann führte mich Bruder Muzius hinter den Schornstein, und hier
musste ich, wollte ich mich auch dagegen sträuben, zwei, drei Schnäpschen reine
Heringslake nehmen. Dies waren die Haare, die ich, nach Muzius' Ausdruck,
auflegen sollte. - O, wunderbarer als wunderbar war die drastische Wirkung
dieses Mittels! Was soll ich sagen? - Des Magens abnorme Ansprüche schwiegen,
der Rumor war gestillt, das Gangliensystem beruhigt, das Leben wieder schön, ich
schätzte das irdische Wohl, die Wissenschaft, die Weisheit, den Verstand, den
Witz u.s., ich war mir selbst wiedergegeben, ich war wieder der herrliche,
höchst exzellente Kater Murr! - O Natur, Natur! Kann es denn geschehen, dass ein
paar Tropfen, die der leichtsinnige Kater geniesst in unzähmbarer freier Willkür,
Rebellion zu erwecken vermögen gegen dich, gegen das wohltätige Prinzip, das du
mit mütterlicher Liebe in seine Brust gepflanzt hast, und nach dem er überzeugt
sein muss, dass die Welt mit ihren Freuden, als da sind Bratfische, Hühnerknochen,
Milchbrei etc., die beste sei und er das Allerbeste in dieser Welt, da ihre
Freuden nur für ihn und seinetalber geschaffen sind? - Aber - ein
philosophischer Kater erkennt das, es ist tiefe Weisheit darin - jener trostlose
ungeheure Jammer ist nur das Gegengewicht, das die zum Forttreiben in der
Bedingung des Seins nötige Reaktion bewirkt, und so ist derselbe (der Jammer
nämlich) in dem Gedanken des ewigen Weltalls begründet! - Legt Haare auf,
Katerjünglinge! und tröstet euch dann mit diesem philosophischen Erfahrungssatz
eures gelehrten, scharfsinnigen Standesgenossen.
    Es genügt zu sagen, dass ich nun manche Zeit hindurch ein frisches frohes
Burschenleben führte auf den Dächern ringsumher, in Kompagnie mit Muzius und
andern kreuzbraven, biderben fidelen Jungen, weissen, gelben und bunten. Ich
komme zu einer wichtigern Begebenheit meines Lebens, die nicht ohne Folgen
blieb.
    Als ich nämlich einmal bei dem Anbruch der Nacht, im Schimmer des hellen
Mondscheins, mit dem Bruder Muzius zu einer Kneiperei, die die Burschen
angeordnet, gehen wollte, begegnete mir jener schwarz, grau, gelbe Verräter, der
mir meine Miesmies geraubt. Wohl konnt' es sein, dass ich bei dem Anblick des
verhassten Nebenbuhlers, dem ich noch dazu schändlicherweise unterliegen müssen,
etwas stutzte. Er ging indessen hart an mir vorbei, ohne mich zu grüssen, und es
wollte mich bedünken, als lächle er mich verhöhnend an, im Gefühl der Übermacht,
die er über mich gewonnen. Ich dachte an die verlorne Miesmies, an die
erhaltenen Prügel, das Blut kochte mir in den Adern! Muzius bemerkte meine
Aufwallung, und da ich ihm mitteilte, was ich bemerkt zu haben glaubte, so
sprach er: »Du hast recht, Bruder Murr. Der Kerl schnitt solch ein schiefes
Gesicht und trat dabei so keck auf: am Ende wollte er dich wirklich tuschieren.
- Nun, das wollen wir bald erfahren. Irre ich nicht, so hat der bunte Philister
hier in der Nähe eine neue Liebschaft angesponnen, er schleicht alle Abende hier
auf diesem Dache umher. Warten wir ein wenig, vielleicht kommt der Monsieur bald
zurück, und da kann sich ja wohl das übrige bald finden.«
    In der Tat dauerte es nicht lange, so kam der Bunte wieder trotzig zurück
und mass schon von weitem mich mit verächtlichen Blicken. Ich trat ihm herzhaft
und keck entgegen, wir gingen so hart aneinander vorüber, dass unsere Schweife
sich unsanft berührten. Sogleich blieb ich stehen, drehte mich um und sprach mit
fester Stimme: »Mau!« - Er blieb ebenfalls stehen, drehte sich um und erwiderte
trotzig: »Mau!« - Dann ging ein jeder seinen Weg.
    »Das war Tusch,« rief Muzius ganz zornig aus, »ich werde den bunten
trotzigen Kerl morgen koramieren.«
    Muzius begab sich den andern Morgen zu ihm hin und fragte ihn in meinem
Namen, ob er meinen Schweif berührt. Er liess mir erwidern, er hätte meinen
Schweif berührt. Darauf ich, habe er meinen Schweif berührt, so müsse ich das
für Tusch nehmen. Darauf er, ich könne es nehmen, wie ich wollte. Darauf ich,
ich nehme es für Tusch. Darauf er, ich sei gar nicht imstande zu beurteilen, was
Tusch sei. Darauf ich, ich wisse das sehr gut und besser als er. Darauf er, ich
sei nicht der Mann dazu, dass er mich tuschieren solle. Darauf ich nochmals, ich
nehme es aber für Tusch. Darauf er, ich sei ein dummer Junge. Darauf ich, um
mich in Avantage zu setzen, wenn ich ein dummer Junge sei, so sei er ein
niederträchtiger Spitz! - Dann kam die Ausforderung.
    (Randglosse des Herausgebers. O Murr, mein Kater! Entweder hat sich der
Ehrenpunkt seit Shakespeares Zeit nicht geändert, oder ich ertappe dich auf
einer schriftstellerischen Lüge. Das heisst, auf einer Lüge, die dazu dienen
soll, der Begebenheit, die du erzählst, mehr Glanz und Feuer zu geben! - Ist die
Art, wie es zum Duell mit dem bunten Pensionär kam, nicht die rein
ausgesprochene Parodie von Probsteins siebenmal zurückgeschobener Lüge in »Wie
es euch gefällt«? Finde ich nicht in deinem angeblichen Duellprozess die ganze
Stufenleiter von dem höflichen Bescheid, dem feinen Stich, der groben
Erwiderung, der beherzten Abfertigung bis zum trotzigen Widerspruch, und kann es
dich wohl einigermassen retten, dass du anstatt mit der bedingten offenbaren Lüge
mit ein paar Schimpfreden schliesst? - Murr! mein Kater! die Rezensenten werden
über dich herfallen, aber bewiesen hast du doch wenigstens, dass du den
Shakespeare mit Verstand und Nutzen gelesen, und das entschuldigt vieles.)
    Aufrichtig gestanden, fuhr es mir doch etwas in die Glieder, als ich die
Ausforderung erhielt, die auf den Kratz lautete. Ich dachte daran, wie übel mich
der bunte Veräter zugerichtet hatte, als, von Eifersucht und Rache getrieben,
ich ihn angriff, und wünschte wenigstens die Avantage, zu der mir Freund Muzius
verholfen, hinweg. Muzius mochte gewahren, dass ich beim Lesen des blutfordernden
Handbilletts erblasste, und überhaupt meine Seelenstimmung bemerken. »Bruder
Murr,« sprach er, »mir scheint, als ob dir das erste Duell, das du bestehen
sollst, etwas in die Glieder führe?« - Keinen Anstand nahm ich, dem Freunde mein
ganzes Herz zu öffnen, ihm zu sagen, was meinen Mut erschütterte.
    »O mein Bruder,« sprach Muzius, »o mein geliebter Bruder Murr! Du
vergissest, dass damals, als der übermütige Frevler dich ausprügelte auf schnöde
Weise, du noch ein blutjunger Neuling und kein wackrer, tüchtiger Bursche warst
wie jetzt. Auch war dein Kampf mit dem Bunten kein ordentliches Duell nach Regel
und Recht, ja nicht einmal ein Renkontre zu nennen, sondern nichts weiter als
eine philistermässige Balgerei, die unanständig ist für jeden Katzbursch. Merk'
dir's, Bruder Murr, dass der auf unsre besondre Gaben neidische Mensch uns die
Neigung vorwirft, uns auf ehrwidrige beschimpfende Weise zu prügeln, und fällt
unter seinem Geschlecht dergleichen vor, dies mit dem Schimpf- und Spottnamen:
Katzbalgerei bezeichnet. Schon darum wird und muss ein ordentlicher Kater, der
Ehre im Leibe hat und auf gute Sitten hält, jedes böse Renkontre der Art
vermeiden; er beschämt den Menschen, der unter gewissen Umständen sehr geneigt
ist, zu prügeln und geprügelt zu werden. - Also, geliebter Bruder, lass alle
Furcht und Scheu fahren, bewahre dein tapfres Herz und sei überzeugt, dass du im
ordentlichen Duell genugsame Rache für alle erfahrne Unbill nehmen und den
bunten Gecken dermassen zerkratzen kannst, dass er das dumme Liebeln und alberne
Daherstolzieren wohl auf einige Zeit lassen wird. - Doch halt! - Eben will mich
bedünken, dass nach dem, was zwischen euch vorgefallen, der Zweikampf auf den
Kratz keinen genügenden Ausschlag geben kann, dass ihr euch vielmehr auf
entscheidendere Weise, nämlich auf den Biss, schlagen müsst. - Wir wollen die
Meinung der Burschen hören!« -
    Muzius trug in einer sehr wohlgesetzten Rede den Fall, der sich mit mir und
dem Bunten ereignet, der Burschenversammlung vor. Alle stimmten dem Redner bei,
und ich liess daher dem Bunten durch Muzius sagen, ich nehme die Ausforderung
zwar an, könnte und würde bei der Schwere der erlittenen Beschimpfung mich aber
nicht anders schlagen, als auf den Biss. Der Bunte wollte zwar Einwendungen
machen, vorschützen, er habe stumpfe Zähne u.s.w.; da aber Muzius ihm nach
seiner ernsten und festen Weise erklärte, dass hier nur durchaus von dem
entscheidenderen Duell auf den Biss die Rede sein könne, und dass, wenn er dies
nicht eingehen wolle, er den niederträchtigen Spitz auf sich sitzen lassen
müsste, entschloss er sich zu diesem Duell auf den Biss. - Die Nacht, in der der
Zweikampf vor sich gehen sollte, kam heran. Ich stellte mich auf dem Dache des
Hauses, das an der Grenze des Reviers lag, mit Muzius um die bestimmte Stunde
ein. Auch mein Gegner kam bald mit einem stattlichen Kater, der beinahe bunter
gefleckt war und noch viel trotzigere, keckere Züge im Antlitz trug als er
selbst. Er war, wie wir vermuten konnten, sein Sekundant; beide hatten
verschiedene Feldzüge als Kameraden zusammen gemacht und befanden sich auch
beide bei der Eroberung des Speichers, die dem Bunten den Orden des gebrannten
Specks erwarb. Ausserdem hatte sich, wie ich nachher erfuhr, auf des um-und
vorsichtigen Muzius Anlass eine kleine lichtgraue Katze eingefunden, die sich
ganz ausserordentlich auf Chirurgie verstehen und die schlimmsten, gefährlichsten
Wunden zweckmässig behandeln und in kurzer Zeit heilen sollte. - Es wurde noch
verabredet, dass der Zweikampf in drei Sprüngen stattfinden, und falls bei dem
dritten Sprunge noch nichts Entscheidendes geschehen, weiter beschlossen werden
sollte, ob das Duell in neuen Sprüngen fortzusetzen, oder die Sache als
abgemacht anzusehen. Die Sekundanten massen die Schritte aus, und wir setzten uns
gegenüber in Positur. Der Sitte gemäss erhoben die Sekundanten ein Zetergeschrei,
und wir sprangen aufeinander los.
    Im Augenblick hatte mein Gegner, indem ich ihn fassen wollte, mein rechtes
Ohr gepackt, das er dermassen zerbiss, dass ich wider Willen laut aufschrie.
»Auseinander!« rief Muzius. Der Bunte liess ab, wir gingen in die Position
zurück.
    Neuer Zeter der Sekundanten, zweiter Sprung. Nun glaubte ich meinen Gegner
besser zu fassen, aber der Verräter duckte sich und biss mir in die linke Pfote,
dass das Blut in dicken Tropfen hervorquoll. - »Auseinander!« rief Muzius zum
zweitenmal. »Eigentlich,« sprach der Sekundant meines Gegners, sich zu mir
wendend, »eigentlich ist nun die Sache ausgemacht, da Sie, mein Bester, durch
die bedeutende Wunde an der Pfote hors de combat gesetzt sind.« Doch Zorn,
tiefer Ingrimm liessen mich keinen Schmerz fühlen, und ich entgegnete, dass es
sich bei dem dritten Sprunge finden würde, inwiefern es mir an Kraft gebräche
und die Sache als abgemacht anzusehen. »Nun,« sprach der Sekundant mit
höhnischem Lachen, »nun, wenn Sie denn durchaus von der Pfote Ihres Ihnen
überlegenen Gegners fallen wollen, so geschehe Ihr Wille!« - Doch Muzius klopfte
mir auf die Schulter und rief: »Brav, brav, mein Bruder Murr, ein echter Bursche
achtet solch einen Ritz nicht! - Halt dich tapfer!«
    Zum drittenmal Zeter der Sekundanten, dritter Sprung! - Meiner Wut
ungeachtet hatte ich die List meines Gegners gemerkt, der immer etwas seitwärts
sprang, weshalb ich ihn fehlte, während er mich mit Sicherheit packte. - Diesmal
nahm ich mich in acht, sprang auch seitwärts, und als er mich zu fassen glaubte,
hatte ich ihn schon dermassen in den Hals gebissen, dass er nicht schreien, nur
stöhnen konnte. »Auseinander!« rief jetzt der Sekundant meines Gegners. Ich
sprang sogleich zurück, der Bunte sank aber ohnmächtig nieder, indem das Blut
reichlich aus der tiefen Wunde hervorquoll. Die hellgraue Katze eilte sogleich
auf ihn zu und bediente sich, um vor dem Verbande das Blut einigermassen zu
stillen, eines Hausmittels, das, wie Muzius versicherte, ihr stets zu Gebote
stand, da sie es immer bei sich führte. Sie goss nämlich sofort eine Flüssigkeit
in die Wunde und besprengte überhaupt den Ohnmächtigen ganz und gar damit, die
ich ihres scharfen beizenden Geruchs halber für stark und drastisch wirkend
halten musste. Tedensche Arkebusade war es nicht, auch nicht Eau de Cologne. -
Muzius drückte mich feurig an seine Brust und sprach: »Bruder Murr, du hast
deine Ehrensache ausgefochten wie ein Kater, dem das Herz auf dem rechten Flecke
sitzt. - Murr, du wirst dich erheben zur Krone des Burschentums, du wirst keinen
Makel dulden und stets bei der Hand sein, wenn es darauf ankommt, unsre Ehre zu
erhalten.« - Der Sekundant meines Gegners, der so lange dem hellgrauen Chirurgus
beigestanden, trat nun trotzig auf und behauptete, dass ich im dritten Gange
gegen den Komment gefochten. Da setzte sich aber Bruder Muzius in Positur und
erklärte mit funkelnden Augen und hervorgestreckten Krallen, dass der, der
solches behaupte, es mit ihm zu tun habe, und dass die Sache gleich auf der
Stelle ausgemacht werden könne. Der Sekundant hielt es für geraten, nichts
weiter darauf zu erwidern, sondern packte stillschweigend den wunden Freund, der
was weniges zu sich selbst gekommen, auf den Rücken und marschierte mit ihm ab
durch die Dachluke. - - Der aschgraue Chirurgus fragte an, ob er meiner Wunden
halber mich auch etwa mit seinem Hausmittel bedienen solle. Ich lehnte das aber
ab, so sehr mich auch Ohr und Pfote schmerzten, sondern machte mich im
Hochgefühl des errungenen Sieges, der gestillten Rache für Miesmies' Entführung
und erhaltene Prügel auf den Weg nach Hause.
    Für dich, o Katerjüngling, habe ich mit gutem Bedacht die Geschichte meines
ersten Zweikampfs so umständlich aufgeschrieben. Ausserdem dass dich diese
merkwürdige Geschichte über den Ehrenpunkt belehrt ganz und gar, so kannst du
auch noch manche für das Leben höchst nötige und nützliche Moral daraus
schöpfen. Wie z.B. dass Mut und Tapferkeit gar nichts ausrichten gegen Finten,
und dass daher das genaue Studium der Finten unerlässlich ist, um nicht zu Boden
getreten zu werden, sondern sich aufrecht zu erhalten. »Chi no se ajuta, se
nega,« sagt Brighella in Gozzis »glücklichem Bettler«, und der Mann hat recht,
vollkommen recht. - Sieh das ein, Katerjüngling, und verachte keinesweges
Finten, denn in ihnen liegt, wie im reichen Schacht, die wahre Lebensweisheit
verborgen.
    - Als ich herabkam, fand ich des Meisters Tür verschlossen und musste daher
mit der Strohmatte, die davor lag, als Nachtlager vorliebnehmen. Die Wunden
hatten mir einen starken Blutverlust verursacht, und mir wurde in der Tat etwas
ohnmächtig zumute. Ich fühlte mich sanft fortgetragen. Es war mein guter
Meister, der (ich mochte wohl, ohne es zu wissen, etwas gewinselt haben) mich
vor der Tür gehört, aufgemacht und meine Wunden bemerkt hatte. »Armer Murr,«
rief er, »was haben sie mit dir gemacht? das hat tüchtige Bisse gegeben - nun,
ich hoffe, du wirst deinen Gegnern nichts geschenkt haben!« - »Meister,« dacht'
ich, »wenn du wüsstest!« und aufs neue fühlte ich mich von dem Gedanken des
vollständig erfochtenen Sieges, der Ehre, die ich mir gewonnen, gar mächtig
erhoben. - Der gute Meister legte mich auf mein Lager, holte aus dem Schrank
eine kleine Büchse, in der Salbe befindlich, hervor, bereitete zwei Pflaster und
legte sie mir auf Ohr und Pfote. Ruhig und geduldig liess ich alles geschehen und
stiess nur ein kleines leises Mrrr! aus, als der erste Verband mich etwas
schmerzen wollte. - »Du bist,« sprach der Meister, »ein kluger Kater, Murr! du
verkennst nicht, wie andre knurrige Wildfänge deines Geschlechts, die gute
Absicht deines Herrn. Halt dich nur ruhig, und wenn es Zeit ist, dass du die
Wunde an der Pfote heil leckst, so wirst du schon selbst den Verband lösen. Was
aber das wunde Ohr betrifft, so kannst du nichts dafür tun, armer Geselle, und
musst das Pflaster leiden.«
    Ich versprach das dem Meister und reichte zum Zeichen meiner Zufriedenheit
und Dankbarkeit für seine Hilfe ihm meine gesunde Pfote hin, die er wie
gewöhnlich nahm und leise schüttelte, ohne sie im mindesten zu drücken. - Der
Meister verstand mit gebildeten Katern umzugehen.
    Bald spürte ich die wohltätige Wirkung der Pflaster und war froh, dass ich
des kleinen aschgrauen Chirurgus fatales Hausmittel nicht angenommen. Muzius,
der mich besuchte, fand mich heiter und kräftig. Bald war ich imstande ihm zu
folgen zur Burschenkneiperei. Man kann denken, mit welchem unbeschreiblichen
Jubel ich empfangen wurde. Allen war ich doppelt lieb geworden.
    Von nun an führte ich ein köstliches Burschenleben und übersah es gern, dass
ich dabei die besten Haare aus dem Pelze verlor. - Doch gibt es hienieden ein
Glück, das von Dauer sein sollte? Lauert bei jeder Freude, die man geniesst,
nicht schon der -
    (Mak. Bl.) - hohen und steilen Hügel, im flachen Lande hätte er für einen
Berg gegolten, belegen. Ein breiter, bequemer, von duftendem Gebüsch
eingeschlossener Weg, an dessen beiden Seiten häufig angebrachte steinerne Sitze
und Lauben die gastliche Sorge für die wandernden Pilger bewiesen, führte
hinauf. Oben angekommen, gewahrte man erst die Grösse und Pracht des Gebäudes,
das man in der Ferne nur für eine einzeln dastehende Kirche gehalten. Wappen,
Bischofsmütze, Krummstab und Kreuz, über dem Tor in Stein gehauen, zeigten, dass
sonst hier eine bischöfliche Residenz gewesen, und die Inschrift: »Benedictus,
qui venit in nomine domini« lud fromme Gäste ein zum Eintritt. Aber jeder, der
eingetreten, blieb wohl unwillkürlich stehen, überrascht, erfasst von dem Anblick
der Kirche, die mit ihrer prächtigen, im Stil des Palladio erbauten Façade, mit
ihren beiden hohen luftigen Türmen in der Mitte stand als Hauptgebäude, an das
sich von beiden Seiten Flügel anschlossen. In dem Hauptgebäude befanden sich
noch die Zimmer des Abts, in den Seitenflügeln dagegen die Wohnungen der Mönche,
das Refektorium, andere Versammlungssäle, sowie auch Zimmer zur Aufnahme
einkehrender Fremden. Unfern dem Kloster lagen die Wirtschaftsgebäude, die
Meierei, das Haus des Amtmanns; tiefer im Tal umflocht aber das schöne Dorf
Kanzheim den Hügel mit der Abtei wie ein bunter üppiger Kranz.
    Dieses Tal breitete sich aus bis an den Fuss des fernen Gebirges. Zahlreiche
Herden weideten in den von spiegelhellen Bächen durchschnittenen Wiesengründen,
fröhlich zogen die Landleute aus den Dörfern, die hin und wieder verstreut
lagen, durch die reichen Kornfelder, jubelnder Gesang der Vögel scholl aus den
anmutigen Gebüschen, sehnsüchtiger Hörnerschall rief herüber aus der fernen
dunklen Waldung, beschwingt mit weissen Segeln, glitten schwer beladene Kähne auf
dem breiten Fluss, der das Tal durchströmte, schnell vorüber, und man vernahm die
frohen Grüsse der Schiffer. Überall üppige Fülle, reichlich gespendeter Segen der
Natur, überall reges, ewig forttreibendes Leben. Die Aussicht in die lachende
Landschaft vom Hügel herab, aus den Fenstern der Abtei, erhob das Gemüt und
erfüllte es zugleich mit innigem Wohlbehagen.
    Mocht' es sein, dass man dem innern Schmuck der Kirche, der edlen, grandiosen
Grundanlage unerachtet, bei dem vielen bunten, vergoldeten Schnitzwerk und der
kleinlichen Bilderei mit Recht den Vorwurf der Überladung, des mönchischen
Ungeschmacks machen könnte, so fiel dafür der reine Stil, in dem die Zimmer des
Abts gebaut und verziert waren, desto mehr ins Auge. Aus dem Chor der Kirche
trat man unmittelbar in einen geräumigen Saal, der zur Versammlung der
Geistlichen und zugleich zur Aufbewahrung der Instrumente und Musikalien diente.
Aus diesem Saal führte ein langer Korridor, der eine jonische Säulenstellung
bildete, in die Gemächer des Abts. Seidene Tapeten, auserlesene Gemälde der
besten Meister aus verschiedenen Schulen, Büsten, Statüen grosser Männer der
Kirche, Teppiche, zierlich ausgelegte Fussböden, kostbares Gerät, alles deutete
hier auf den Reichtum des wohldotierten Klosters. Dieser Reichtum, der in dem
Ganzen herrschte, war aber nicht jener glänzende Prunk, der das Auge blendet,
ohne ihm wohlzutun, und der Staunen, aber nicht Wohlbehagen erzeugt. Alles war
an seiner rechten Stelle angebracht, nichts wollte prahlerisch die
Aufmerksamkeit für sich allein fesseln und die Wirkung des andern zerstören, und
so dachte man nicht an die Kostbarkeit dieses, jenes einzelnen Schmucks, sondern
fühlte sich von dem Ganzen gemütlich angeregt. Das durchaus Gehörige in der
Anordnung brachte diesen gemütlichen Eindruck hervor, und eben das richtig
entscheidende Gefühl des Gehörigen möchte wohl das sein, was man guten Geschmack
zu nennen pflegt. Das Bequeme, Wohnliche dieser Gemächer des Abts grenzte an das
Üppige, ohne in der Tat üppig zu werden, und so durfte es keinen Anstoss geben,
dass ein Geistlicher alles dies selbst angeordnet und herbeigeschaft. Der Abt
Chrysostomus hatte, als er vor wenigen Jahren nach Kanzheim kam, die abteiliche
Wohnung einrichten lassen, wie sie sich jetzt fand, und sein ganzer Charakter,
seine ganze Art zu sein sprach sich schon lebhaft aus in dieser Einrichtung, ehe
man ihn selbst sah und bald die hohe Stufe seiner geistigen Bildung gewahrte.
Noch in den vierziger Jahren, gross, wohlgebaut, geistvollen Ausdruck im männlich
schönen Antlitz, Anmut und Würde im ganzen Betragen, flösste der Abt jedem, der
sich ihm nahte, die Ehrfurcht ein, die sein Stand forderte. Eifriger Kämpfer für
die Kirche, rastloser Verfechter der Rechte seines Ordens, seines Klosters,
schien er doch nachgiebig und duldsam. Aber eben diese scheinbare Nachgiebigkeit
war eine Waffe, die er wohl zu führen und damit jeden Widerstand, selbst den der
obersten Gewalt, zu besiegen wusste. Durfte man denn auch ahnen, dass hinter
einfachen salbungsreichen Worten, die aus dem treusten Herzen zu kommen
schienen, sich mönchische Schlauheit verberge, so gewahrte man nur die
Gewandteit eines eminenten Geistes, der in die tiefern Verhältnisse der Kirche
eingedrungen. Der Abt war ein Zögling der Propaganda in Rom. - Selbst gar nicht
geneigt, den Ansprüchen des Lebens zu entsagen, insofern sie mit geistlicher
Sitte und Ordnung verträglich, liess er seinen zahlreichen Untergebenen alle
Freiheit, die sie nur nach ihrem Stande fordern konnten. So kam es denn, dass,
während einige dieser, jener Wissenschaft ergeben, in einsamer Zelle studierten,
andere lustig umherschwärmten in dem Park der Abtei und sich erlustigten im
heitern Gespräch, während einige, zu schwärmerischer Andacht geneigt, fasteten
und ihre Zeit hinbrachten in stetem Gebet, andere sich es wohl schmecken liessen
an der reichbesetzten Tafel und ihre religiösen Übungen auf die Ordensregel
beschränkten, während einige die Abtei nicht verlassen mochten, andere sich auf
weitere Wege begaben, auch wohl, kam die Zeit heran, das lange Priestergewand
vertauschten mit dem kurzen Jägerrock und sich als wackre Weidmänner
herumtummelten. Waren nun aber die Neigungen der Brüder verschieden, und durfte
jeder der seinigen nachhängen, wie er wollte, so kamen sie alle in der
entusiastischen Vorliebe für die Musik überein. Beinahe ein jeder war
ausgebildeter Musiker, und es gab Virtuosen unter ihnen, die der besten
fürstlichen Kapelle Ehre gemacht haben würden. Eine reiche Musikaliensammlung,
eine Auswahl der vortrefflichsten Instrumente setzte jeden in den Stand, die
Kunst zu treiben, wie er wollte, und häufige Aufführungen auserlesener Werke
erhielten jeden in praktischer Übung.
    Eben diesem musikalischen Treiben gab nun Kreislers Ankunft in der Abtei
einen neuen Schwung. Die Gelehrten schlugen ihre Bücher zu, die Andächtigen
kürzten ihre Gebete ab, alle versammelten sich um Kreisler, den sie liebten, und
dessen Werke sie hochschätzten wie keine anderen. Der Abt selbst hing ihm an mit
inniger Freundschaft, und er sowie alle übrigen beeiferten sich, ihm ihre
Achtung, ihre Liebe darzutun, wie sie es nur vermochten. War nun die Gegend, in
der die Abtei lag, ein Paradies zu nennen, gewährte das Leben im Kloster die
bequemste Behaglichkeit, wozu ein leckrer Tisch und edler Wein, für den der
Vater Hilarius sorgte, wohl auch zu rechnen, herrschte unter den Brüdern die
gemütliche Heiterkeit, welche von dem Abt selbst ausging, schwamm überdem
Kreisler, den die Kunst rastlos beschäftigte, recht in seinem Elemente, so
konnt' es nicht fehlen, dass sein bewegtes Gemüt ruhig wurde wie seit langer Zeit
nicht mehr. Selbst der Zorn seines Humors dämpfte sich, er wurde sanft und weich
wie ein Kind. Aber noch mehr als das alles, er glaubte an sich selbst,
verschwunden war jener gespenstische Doppeltgänger, der emporgekeimt aus den
Blutstropfen der zerrissenen Brust. -
    Irgendwo5 heisst es von dem Kapellmeister Johannes Kreisler, dass seine
Freunde es nicht dahin hätten bringen können, dass er eine Komposition
aufgeschrieben, und sei dies wirklich einmal geschehen, so habe er doch das
Werk, soviel Freude er auch über das Gelingen geäussert, gleich nachher ins Feuer
geworfen. - So mag es sich begeben haben in einer sehr verhängnisvollen Zeit,
die dem armen Johannes den rettungslosen Untergang drohte, von der gegenwärtiger
Biograph bis jetzt aber nicht recht viel weiss. Jetzt in der Abtei Kanzheim
wenigstens hütete sich Kreisler wohl, die Kompositionen zu vernichten, die recht
aus seinem Innersten hervorgingen, und seine Stimmung sprach sich in dem
Charakter süsser wohltuender Wehmut aus, den seine Werke trugen, statt dass er
sonst nur zu oft im mächtigen Zauber aus der Tiefe der Harmonik die gewaltigen
Geister hinaufbeschwor, die die Furcht, das Entsetzen, alle Qualen
hoffnungsloser Sehnsucht aufregen in der menschlichen Brust. -
    - Man hatte eines Abends im Chor der Kirche die letzte Probe eines Hochamts
gehalten, mit dem Kreisler fertig worden und das am folgenden Morgen aufgeführt
werden sollte. Die Brüder waren zurückgekehrt in ihre Zellen, Kreisler allein
weilte in dem Säulengange und schaute hinaus in die Gegend, die im Schimmer der
letzten Strahlen der sinkenden Sonne vor ihm lag. Da war es ihm, als vernähme er
aus weiter Ferne noch einmal sein Werk, das ihm eben lebendig dargestellt von
den Brüdern. Als nun aber das Agnus dei kam, da erfasste ihn aufs neue und
stärker die namenlose Wonne jener Augenblicke, in denen ihm dieses Agnus
aufgegangen. »Nein,« rief er aus, indem glühende Tränen seine Augen füllten;
»nein! - ich bin es nicht, du allein! du mein einziger Gedanke, du mein einziges
Sehnen!« -
    Wunderbar war es wohl, auf welche Weise Kreisler diesen Satz, in dem der
Abt, die Brüder den Ausdruck der brünstigsten Andacht, der himmlischen Liebe
selbst fanden, hervorgebracht hatte. Ganz erfüllt von dem Hochamt, das er zu
setzen begonnen, aber noch lange nicht vollendet hatte, träumte er in einer
Nacht, der Heiligentag, für den die Komposition bestimmt, sei da, das Hochamt
eingeläutet, er stehe an dem Pult, die fertige Partitur vor sich, der Abt,
selbst Messe lesend, intoniere, und sein Kyrie fange an. -
    Satz auf Satz folge nun, die Aufführung, gediegen und kraftvoll, überrasche
ihn, reisse ihn fort bis zum Agnus dei. Da gewahre er zu seinem Schreck in der
Partitur weisse Blätter, keine Note aufgeschrieben, die Brüder schauten ihn, der
plötzlich den Taktstock sinken lassen, an, gewärtig, dass er endlich anfangen,
dass die Stockung endlich aufhören werde. Aber bleischwer drücke ihn Verlegenheit
und Angst nieder, und er könne, ungeachtet er das ganze Agnus fertig in seiner
Brust bewahre, nur es nicht herausbringen in die Partitur. Da erschiene aber
plötzlich eine holde Engelsgestalt, trete an den Pult, sänge das Agnus mit Tönen
des Himmels, und diese Engelsgestalt wäre Julia! - Im Entzücken hoher
Begeisterung erwachte Kreisler und schrieb das Agnus auf, das im seligen Traum
ihm aufgegangen. - Und diesen Traum träumte Kreisler nun noch einmal, er vernahm
Julias Stimme, höher und höher schlugen die Wellen des Gesanges, als nun der
Chor einfiel: »Dona nobis pacem,« er wollte untergehen in dem Meer von tausend
seligen Wonnen, das ihn überströmte.
    Ein leiser Schlag auf die Schulter weckte Kreisler aus der Ekstase, in die
er geraten. Es war der Abt, der vor ihm stand und ihn mit Wohlgefallen
anblickte.
    »Nicht wahr,« begann der Abt, »nicht wahr, mein Sohn Johannes, was du tief
in deinem Gemüt empfunden, was dir gelang, herrlich und kräftig in das Leben zu
rufen, das erfreut jetzt deine ganze Seele? - Ich meine, du dachtest an dein
Hochamt, das ich zu den besten Werken zähle, die du jemals geschaffen.«
    Kreisler starrte den Abt stillschweigend an, noch war er keines Wortes
mächtig.
    »Nun, nun,« fuhr der Abt lächelnd fort, »steige herab aus der obern Region,
zu der du dich hinaufgeschwungen! - Ich glaube gar, du komponierst in Gedanken
und lässest so nicht ab von der Arbeit, die dir freilich eine Lust ist, wiewohl
eine gefährliche, da sie zuletzt deine Kräfte aufzehrt. Entschlage dich jetzt
aller schaffenden Gedanken, lass uns in diesem kühlen Gange auf und ab wandeln
und unbefangen miteinander plaudern.«
    Der Abt sprach nun von den Einrichtungen des Klosters, von der Lebensweise
der Mönche, rühmte den wahrhaft heiter-frommen Sinn, den alle in sich trügen,
und fragte zuletzt den Kapellmeister, ob er (der Abt) sich nicht täusche, wenn
er bemerkt zu haben glaube, dass Kreisler seit den Monaten, dass er sich in der
Abtei befinde, ruhiger, unbefangener, dem tätigen Forttreiben in der hohen
Kunst, die den Dienst der Kirche verherrliche, geneigter geworden.
    Kreisler konnte nicht anders als dies zugeben und überdies versichern, dass
die Abtei sich ihm aufgetan wie ein Asyl, in das er geflüchtet, und dass er sich
so heimisch dünke, als sei er wirklich Ordensbruder und werde das Kloster
niemals mehr verlassen.
    »Lassen Sie,« so endete Kreisler, »lassen Sie mir, ehrwürdiger Herr, die
Täuschung, die dies Kleid befördert. Lassen Sie mich glauben, dass, von
bedrohlichem Sturm verschlagen, mich die Gunst des versöhnten Geschicks an einem
Eilande stranden liess, wo ich geborgen, wo nie mehr der schöne Traum zerstört
werden kann, der nichts anders ist, als die Begeisterung der Kunst selbst.«
    »In der Tat,« erwiderte der Abt, indem eine besondere Freundlichkeit sein
Antlitz überstrahlte, »in der Tat, mein Sohn Johannes, das Kleid, das du
angelegt, um als unser Bruder zu erscheinen, steht dir wohl, und ich wollte, dass
du es nie wieder ablegtest. Du bist der würdigste Benediktiner, den man nur
sehen kann.«
    »Doch,« fuhr der Abt nach einem kurzen Stillschweigen fort, indem er
Kreislers Hand fasste, »doch, kein Scherz ist hier zu treiben. Sie wissen, mein
Johannes, wie lieb Sie mir gewesen sind seit dem Augenblick, als ich Sie kennen
lernte, wie meine innige Freundschaft, sich mit der hohen Achtung für Ihr
ausgezeichnetes Talent paarend, immer höher gestiegen ist. Für den, den man
liebt, wird man mit Sorge erfüllt, und eben diese Sorge war es, die mich Sie
seit der Zeit Ihres Aufentalts im Kloster bis zur Ängstlichkeit beobachten
liess. Das Resultat dieser Beobachtungen brachte mich zu einer Überzeugung, die
ich nicht aufgeben darf! - Längst wollt' ich Ihnen in dieser Hinsicht mein
ganzes Herz öffnen, ich wartete auf einen günstigen Augenblick, er ist gekommen!
- Kreisler! Entsagen Sie der Welt, treten Sie in unsern Orden!« -
    So sehr sich auch Kreisler in der Abtei gefiel, so willkommen es ihm war,
einen Aufentalt verlängern zu können, der ihm Ruhe und Frieden gab, indem er
seine rege künstlerische Tätigkeit in Anspruch nahm, doch überraschte ihn der
Antrag des Abts auf beinahe unangenehme Weise, da er an nichts weniger mit
wirklichem Ernst gedacht als, seine Freiheit aufgebend, sich unter die Mönche
stecken zu lassen auf immer, wiewohl ihm manchmal schon solch eine Grille
aufgestiegen und dies vom Abt bemerkt sein mochte. Ganz verwundert schaute er
den Abt an, der ihn aber nicht zum Worte kommen liess, sondern fortfuhr: »Hören
Sie mich erst ruhig an, Kreisler, ehe Sie mir antworten. Wohl muss es mir
angelegen sein, der Kirche einen tüchtigen Diener zu gewinnen, indessen verwirft
die Kirche selbst jede künstliche Überredung und will nur, dass der innere Funke
der wahren Erkenntnis angeregt werde, damit er zur hell lodernden Flamme des
Glaubens aufleuchte und jede Betörung vernichte. Und so will ich nur das, was
dunkel und verworren vielleicht in Ihrer eignen Brust liegt, entfalten, Ihnen
selbst zur deutlichen Erkenntnis bringen. Darf ich zu Ihnen, mein Johannes, denn
von den aberwitzigen Vorurteilen sprechen, die man in der Welt gegen das
Klosterleben hegt? - Immer muss den Mönch irgendein ungeheures Schicksal in die
Klause getrieben haben, wo er, aller Lust der Welt entsagend, unter beständiger
Qual ein trostloses Leben vertrauert. So wäre das Kloster der finstre Kerker, wo
die trostloste Trauer um ewig verlornes Gut, die Verzweiflung, der Wahnsinn
erfinderischer Selbstqual sich eingesperrt, wo abgehärmte bleiche Todesgestalten
ein elendes Dasein hinschleppten und ihre herzzermalmende Angst aushauchten in
dampfmurmelnden Gebeten!«
    Kreisler konnte sich nicht eines Lächelns erwehren, denn er gedachte, als
der Abt von abgehärmten bleichen Todesgestalten sprach, so manches wohlgenährten
Benediktiners und vorzüglich des wackern rotwangichten Hilarius, der keine
grössere Qual kannte, als Wein zu trinken von schlechtem Gewächs, und nur die
Angst, die ihm eine neue Partitur verursachte, welche er nicht gleich verstand.
    »Sie belächeln,« sprach der Abt weiter, »Sie belächeln den Kontrast des
Bildes, das ich aufstellte, mit dem Klosterleben, wie Sie es hier kennen
gelernt, und haben gewiss Ursache dazu. - Mag es auch sein, dass mancher,
zerrissen von irdischem Leid, alles Glück, alles Heil der Welt für immer
aufgebend, in das Kloster flieht, wohl ihm dann, dass die Kirche ihn aufnimmt und
er in ihrem Schoss einen Frieden findet, der allein ihn über alles erlittene
Ungemach trösten und ihn erheben kann über das verderbliche Geschick im
weltlichen Treiben. Aber wie viele gibt es, die der wahre innere Hang zum
andächtigen kontemplativen Leben in das Kloster führt, die, ungefügig in der
Welt, jeden Augenblick verstört durch das Andringen aller kleinlichen
Verhältnisse, wie sie sich nun einmal im Leben erzeugen, nur in selbstgewählter
Einsamkeit sich wohl befinden. Dann gibt es aber andere, die ohne entschiedenen
Hang zum klösterlichen Leben doch nirgends anders hingehören als eigentlich ins
Kloster. - Ich meine diejenigen, die Fremdlinge in der Welt sind und bleiben,
weil sie einem höheren Sein angehören und die Ansprüche dieses höheren Seins für
die Bedingung des Lebens halten, so aber rastlos das verfolgend, was hienieden
nicht zu finden, ewig dürstend in nie zu befriedigender Sehnsucht, hin und her
schwanken und vergeblich Ruhe suchen und Frieden, deren offne Brust jeder
abgeschossene Pfeil trifft, für deren Wunden es keinen Balsam gibt als die
bittre Verhöhnung des stets wider sie bewaffneten Feindes. Nur die Einsamkeit,
ein einförmiges Leben ohne feindliche Unterbrechung und vor allem das stete
freie Aufschauen zur Lichtwelt, der sie angehören, kann das Gleichgewicht
herstellen und sie im Innern eine überirdische Zufriedenheit fühlen lassen, die
in dem wirren Treiben der Welt nicht zu erringen. - Und Sie - Sie, mein
Johannes, gehören zu diesen Menschen, die die ewige Macht im Druck des Irdischen
hoch erhebt zum Himmlischen. Das rege Gefühl des höhern Seins, das Sie ewig mit
dem schalen irdischen Treiben entzweien wird, entzweien muss, strahlt mächtig
heraus in der Kunst, die einer andern Welt gehört und die, ein heiliges
Geheimnis der himmlischen Liebe, mit Sehnsucht in Ihrer Brust verschlossen ist.
Die glühendste Andacht selbst ist diese Kunst, und, ihr ganz ergeben, haben Sie
nichts mehr gemein mit einer buntscheckigen Welttändelei, die Sie von sich
werfen mit Verachtung, wie der zum Jüngling gereifte Knabe das abgenutzte
Spielzeug. - Entfliehen Sie für immer den aberwitzigen Neckereien hohnlächelnder
Toren, die Sie, mein armer Johannes, oft gequält haben bis aufs Blut! - Der
Freund breitet die Arme aus, Sie zu empfangen, Sie einzuführen in den sichern
Port, den kein Gewittersturm bedroht!« -
    »Tief,« sprach Johannes, da der Abt schwieg, ernst und düster, »tief fühle
ich die Wahrheit Ihrer Worte, mein ehrwürdiger Freund! tief, dass ich wirklich
nicht in eine Welt tauge, die sich mir gestaltet wie ein ewiges rätselhaftes
Missverständnis. Und doch - ich gestehe es frei, erregt mir der Gedanke Schauer
auf Kosten so mancher Überzeugung, die ich mit der Muttermilch eingesogen, dies
Kleid zu tragen, wie einen Kerker, aus dem ich nimmer wieder heraus kann. Es ist
mir, als wenn dem Mönch Johannes dieselbe Welt, in der der Kapellmeister
Johannes doch so manches hübsche Gärtlein voll duftender Blumen fand, plötzlich
eine öde unwirtbare Wüste sein würde, als wenn, einmal in das rege Leben
verflochten, die Entsagung -«
    »Entsagung,« unterbrach der Abt den Kapellmeister mit erhöhter Stimme,
»Entsagung? - Gibt es für dich, Johannes, eine Entsagung, wenn der Geist der
Kunst immer mächtiger wird in dir, wenn du mit starkem Fittich dich erhebst in
die leuchtenden Wolken? - Welche Lust des Lebens gibt es denn noch, die dich
betören könnte? Doch« (so fuhr der Abt mit sanfterer Stimme fort) »doch wohl hat
die ewige Macht ein Gefühl in unsere Brust gelegt, das mit unbesiegbarer Gewalt
unser ganzes Wesen erschüttert; es ist das geheimnisvolle Band, das Geist und
Körper verbindet, indem jener nach dem höchsten Ideal einer chimärischen
Glückseligkeit zu streben vermeint und doch nur will, was dieser als notwendiges
Bedürfnis in Anspruch nimmt, und so eine Wechselwirkung entsteht, die in der
Fortexistenz des menschlichen Geschlechts bedingt ist. - Nicht hinzufügen darf
ich, dass, ich von der Geschlechtsliebe spreche, und dass, ich es allerdings für
nichts Geringes achte, ihr ganz zu entsagen. - Doch, Johannes, wenn du entsagst,
so rettest du dich vom Verderben; niemals, niemals kannst du, wirst du des
eingebildeten Glücks der irdischen Liebe teilhaftig werden.«
    Der Abt sprach die letzten Worte so feierlich, mit solcher Salbung, als läge
das Buch des Schicksals offen vor ihm, und er verkündige daraus dem armen
Kreisler alles bedrohliche Leid, dem zu entgehen, er sich hineinretten müsse ins
Kloster.
    Da begann aber auf Kreislers Antlitz jenes seltsame Muskelspiel, das den
Geist der Ironie zu verkünden pflegte, der seiner mächtig worden. »Hoho,« sprach
er, »hoho! Ew. Hochehrwürden haben unrecht, haben durchaus unrecht. Ew.
Hochwürden irren sich in meiner Person, werden konfuse durch das Gewand, das ich
angelegt, um en masque einige Zeit hindurch die Leute zu foppen und, selbst
unerkannt, ihnen ihre Namen in die Hand zu schreiben, damit sie wissen, woran
sie sind! - Bin ich denn nicht ein passabler Mensch, noch in den besten Jahren,
von leidlich hübschem Ansehn und sattsam gebildet und artig? - Kann ich nicht
den schönsten schwarzen Frack ausbürsten, ihn anlegen und, was die Unterkleider
betrifft, ganz Seide keck hineintreten vor jede rotwangichte Professors-, vor
jede blau- oder braunäugichte Hofratstochter und, alle Süssigkeit des
zierlichsten Amoroso in Gebärde, Antlitz und Ton, ohne weiteres fragen:
Allerschönste, wollen Sie mir Ihre Hand geben und Ihre ganze werte Person dazu,
als Attinenz derselben? Und die Professorstochter wurde die Augen niederschlagen
und ganz leise lispeln Sprechen Sie mit Papa! oder die Hofratstochter mir gar
einen schwärmerischen Blick zuwerfen und dann versichern, wie sie schon lange im
stillen die Liebe bemerkt, der ich nun erst Sprache geliehen, und beiläufig vom
Besatz des Brautkleides sprechen. Und, o Gott! die respektiven Herrn Väter, wie
gern würden sie die Tochter losschlagen auf das Gebot einer solchen respektablen
Person als es ein grossherzoglicher Exkapellmeister ist! - Aber ich könnte mich
auch versteigen in das höhere Romantische, eine Idylle beginnen und der glauen
Pachterstochter mein Herz offerieren und meine Hand, wenn sie eben Ziegenkäse
bereitet, oder, ein zweiter Notar Pistofolus, in die Mühle laufen und meine
Göttin suchen in den Himmelswolken des Mehlstaubs! - Wo würde ein treues
ehrliches Herz verkannt werden, das nichts will, nichts verlangt als Hochzeit -
Hochzeit - Hochzeit! - Kein Glück in der Liebe? - Ew. Hochehrwürden bedenken gar
nicht, dass ich eigentlich recht der Mann dazu bin, um in der Liebe ganz horrend
glücklich zu sein, deren einfaches Tema weiter nichts ist als: Willst du mich,
so nehm' ich dich! dessen weitere Variationen nach dem Allegro brillante der
Hochzeit dann in der Ehe weiter fortgespielt werden. Ew. Hochehrwürden wissen
ferner nicht, dass ich schon vor mehrerer Zeit sehr ernstaft daran gedacht, mich
zu vermählen. Ich war damals freilich noch ein junger Mensch von weniger
Erfahrung und Ausbildung, nämlich erst sieben Jahr alt, aber das
dreiunddreissigjährige Fräulein, das ich zu meiner Braut erkieset, versprach mir
doch mit Hand und Mund, keinen andern Mann zu nehmen als mich, und ich weiss
selbst nicht, warum sich die Sache nachher zerschlug. Bemerken Ew. Hochehrwürden
doch nur, dass mir das Glück der Liebe lachte von Kindesbeinen an, und nun -
Seidene Strümpfe her - seidene Strümpfe her - Schuhe her, um gleich mit beiden
Freiersfüssen hineinzufahren und unmässig zu rennen nach der, die schon den
niedlichsten Zeigefinger ausgestreckt hat, damit er stracks bereift werde. -
Wäre es nicht für einen ehrsamen Benediktiner unanständig, sich in Hasensprüngen
zu erlustieren, ich tanzte sogleich hier auf der Stelle vor Ew. Hochehrwürden
Augen einen Matelot oder eine Gavotte oder einen Hopswalzer aus purer Freude,
die mich ganz übernimmt, wenn ich nur an Braut und Hochzeit denke. - Hoho! - was
Liebesglück und Heirat betrifft, da bin ich ein ganzer Kerl! - Ich wünschte, Ew.
Hochehrwürden möchten das einsehen.« - »Ich habe,« erwiderte der Abt als
Kreisler nun endlich innehielt, »ich habe Sie nicht unterbrechen mögen in Ihren
seltsamen Scherzreden, Kapellmeister, die eben das beweisen, was ich behaupte. -
Wohl fühle ich auch den Stachel, der mich verwunden sollte, aber nicht verwundet
hat! - Wohl mir, dass ich nie an jene chimärische Liebe geglaubt, die körperlos
in den Lüften schwebt und nichts gemein haben soll mit dem Bedingnis des
menschlichen Prinzips! - Wie ist es möglich, dass Sie bei dieser krankhaften
Spannung des Geistes - Doch genug hievon! - Es ist an der Zeit, dem bedrohlichen
Feinde näher zu treten, der Sie verfolgt - Haben Sie während Ihres Aufentalts
in Sieghartshof nicht von dem Schicksal jenes unglücklichen Malers, jenes
Leonhard Ettlinger gehört?« - Kreislern durchfuhren die Schauer das unheimlichen
Grauens, als der Abt diesen Namen nannte. Weggelöscht vom Antlitz war jede Spur
jener bittern Ironie, die ihn zuvor erfasst, und er fragte mit dumpfer Stimme:
»Ettlinger? - Ettlinger? was soll mir der? - was habe ich mit dem zu schaffen? -
Nie hab' ich ihn gekannt, nur ein Spiel erhitzter Phantasie war es, als ich
einmal wähnte, er spräche zu mir herauf aus dem Wasser.«
    »Ruhig,« sprach der Abt sanft und milde, indem er Kreislers Hand fasste,
»ruhig, mein Sohn Johannes! - Nichts hast du gemein mit jenem Unglücklichen, den
die Verirrung einer zu mächtig gewordenen Leidenschaft in das tiefste Verderben
stürzte. Doch zum warnenden Beispiel mag dir sein entsetzliches Schicksal
dienen. Mein Sohn Johannes! - auf noch schlüpfrigerem Wege befindest du dich als
jener, drum entflieh - entflieh! - Hedwiga! - Johannes! ein böser Traum hält die
Prinzessin fest in Banden, die unauflöslich scheinen, wenn ein freier Geist sie
nicht durchschneidet! - Und du?« -
    Tausend Gedanken gingen auf in Kreisler bei diesen Worten des Abts. Er
gewahrte, dass der Abt nicht allein mit allen Begebnissen des fürstlichen Hauses
zu Sieghartshof, sondern auch mit dem bekannt war, was sich dort während seines
Aufentalts zugetragen. Klar wurd' es ihm, dass die krankhafte Reizbarkeit der
Prinzessin wohl in seiner Annäherung eine Gefahr befürchten lassen, an die er
gar nicht gedacht, und eben diese Furcht, wer anders konnte sie hegen und darum
wünschen, dass er vom Schauplatz ganz abtrete, als die Benzon? - Eben diese
Benzon musste mit dem Abt in Verbindung stehen, von seinem (Kreislers) Aufentalt
in der Abtei unterrichtet sein, und so war sie die Triebfeder alles Beginnens
des ehrwürdigen Herrn. Lebhaft gedachte er aller Momente, in denen die
Prinzessin wirklich, wie von einer im Innern aufkeimenden Leidenschaft befangen,
erschienen, aber, selbst wusste er nicht, warum bei dem Gedanken, dass er selbst
der Gegenstand jener Leidenschaft sein könne, es ihn erfasste wie
Gespensterfurcht. Es war ihm, als wolle eine fremde geistige Macht gewaltsam in
sein Inneres dringen und ihm die Freiheit des Gedankens rauben. Prinzessin
Hedwiga stand plötzlich vor ihm, starrte ihn an mit jenem seltsamen Blick, der
ihr eigen, aber in dem Augenblick dröhnte ein Pulsschlag ihm durch alle Nerven,
wie damals, als er zum erstenmal der Prinzessin Hand berührte. Doch war ihm auch
nun jene unheimliche Angst entnommen, er fühlte eine elektrische Wärme wohltätig
sein Inneres durchgleiten, er sprach leise wie im Traum: »Kleiner schalkischer
Raja torpedo, neckst du mich schon wieder und weisst doch, dass du nicht
ungestraft verwunden darfst, da ich aus reiner Liebe zu dir Benediktinermönch
geworden?«
    Der Abt betrachtete den Kapellmeister mit durchbohrendem Blick, als wollte
er sein ganzes Ich durchschauen, und begann dann ernst und feierlich: »Mit wem
redest du, mein Sohn Johannes?«
    Kreisler wurde aber wach aus seinen Träumen; es fiel ihm ein, dass der Abt,
war er von allem, was sich in Sieghartshof zugetragen, unterrichtet, vor allen
Dingen den weiteren Verlauf der Katastrophe, die ihn fortgetrieben, wissen
musste, und wohl war ihm daran gelegen, mehr davon zu erfahren.
    »Mit,« erwiderte er dem Abt, skurril lächelnd, »mit niemanden anders sprach
ich, hochehrwürdiger Herr, als, wie Sie ja vernommen haben, mit einer
schalkischen Raja torpedo, die sich ganz unberufenerweise in unser vernünftiges
Gespräch mischen und mich noch konfuser machen wollte, als ich es schon wirklich
bin. - Doch aus allem muss ich ja zu meinem grossen Leid gewahren, dass diverse
Leute mich für ebensolch einen grossen Narren halten als den seligen
Hofporträtisten Leonardus Ettlinger, der eine erhabene Person, die sich
natürlicherweise aus ihm gar nichts machen konnte, nicht bloss malen wollte,
sondern auch lieben, und zwar so ganz ordinär wie Hans seine Grete. O Gott! hab'
ich es denn jemals an Respekt fehlen lassen, wenn ich die schönsten Akkorde
griff zu schnöder Singefaselei! - Habe ich jemals unziemliche oder grillenhafte
Materien aufs Tapet zu bringen gewagt, von Entzücken und Schmerz, von Liebe und
Hass, wenn der kleine fürstliche Eigensinn sich seltsam gebärden in allerlei
wunderbaren Gemütsergötzlichkeiten und ehrsame Leute vexieren wollte mit
magnetischen Visionen? - habe ich solches jemals getan? Sagt -«
    »Doch,« unterbrach ihn der Abt, »doch sprachst du, mein Johannes, einst von
der Liebe des Künstlers -«
    Kreisler starrte den Abt an, dann rief er, indem er die Hände zusammenschlug
und den Blick aufwärts richtete: »O Himmel! Das also! - Schätzbare Leute,«
sprach er dann weiter, indem jenes skurrile Lächeln auf dem Antlitz wieder die
Oberhand gewann und dabei die innere Wehmut die Stimme beinahe erstickte,
»schätzbare Leute allzumal, habt ihr denn nicht jemals irgendwo, sei es auch auf
ordinären Brettern, den Prinzen Hamlet zu einem ehrlichen Mann, Güldenstern
geheissen, sagen gehört: Ihr könnt mich zwar verstimmen, aber nicht auf mir
spielen? - Wetter! - das ist ja ganz mein Kasus! - Warum belauscht ihr den
harmlosen Kreisler, wenn der Wohllaut der Liebe, der in seiner Brust
verschlossen, euch nur misstönt? - O Julia! -«
    Der Abt schien, plötzlich von etwas ganz Unerwartetem überrascht, vergebens
Worte zu suchen, während Kreisler vor ihm stand und ganz verzückt in das
Feuermeer schaute, das im Abend emporgewogt.
    Da erhoben sich die Glockentöne von den Türmen der Abtei und zogen,
wunderbare Stimmen des Himmels, durch das golden leuchtende Abendgewölk.
    »Mit euch,« rief Kreisler, indem er beide Arme weit ausbreitete, »mit euch
will ich ziehen, ihr Akkorde! Von euch getragen, soll sich aller trostlose
Schmerz emporrichten zu mir und sich selbst vernichten in meiner eignen Brust,
und eure Stimmen sollen wie himmlische Friedensboten es verkünden, dass der
Schmerz untergegangen in der Hoffnung, in der Sehnsucht der ewigen Liebe.«
    »Die Abendhora,« sprach der Abt, »wird eingeläutet, ich höre die Brüder
kommen. Morgen, mein lieber Freund, sprechen wir vielleicht weiter von manchen
Begebnissen in Sieghartshof.« -
    »Ei,« rief Kreisler, dem nun erst wieder einfiel, was er von dem Abt zu
wissen verlangt, »ei, hochehrwürdiger Herr, ich will viel erfahren von lustiger
Hochzeit und dergleichen! - Prinz Hektor wird doch nun nicht zaudern, die Hand
zu ergreifen, nach der er schon aus der Ferne gelangt? Dem herrlichen Bräutigam
ist doch nichts Arges widerfahren?«
    Da verschwand alles Feierliche aus des Abts Antlitz, und er sprach mit dem
gemütlichen Humor, der ihm sonst wohl eigen: »Nichts ist dem herrlichen
Bräutigam geschehen, mein ehrlicher Johannes, aber seinen Adjutanten soll im
Walde eine Wespe gestochen haben.« - »Hoho,« erwiderte Kreisler, »hoho! eine
Wespe, die er mit Feuer und Dampf vertreiben wollte!«
    Die Brüder traten in den Korridor und -
    (M. f. f.) - böse Feind und sucht den guten Bissen einem ehrlichen harmlosen
Kater recht vor dem Maule wegzuschnappen? - Nicht lange dauerte es nämlich, so
erhielt unser gemütliche Verein auf dem Dache einen Stoss, der ihn erschütterte
zum gänzlichen Verfall. - Jener böse, alles katzliche Behagen verstörende Feind
erschien uns nämlich in der Gestalt eines gewaltigen wütenden Philisters, namens
Achilles. Mit seinem homerischen Namensvetter war er in weniger Hinsicht zu
vergleichen, man müsste denn annehmen, dass des letzteren Heldentum vorzüglich
auch in einer gewissen unbehilflichen Tappigkeit und in groben topfhohlen
Redensarten bestanden. Achilles war eigentlich ein gemeiner Fleischerhund, stand
aber in Diensten als Hofhund, und der Herr, bei dem er in Dienst getreten, hatte
ihn, um sein Attachement an das Haus zu befestigen, anketten lassen, so dass er
nur des Nachts frei umherlaufen konnte. Mancher von uns bedauerte ihn sehr,
trotz seines unleidlichen Wesens, er aber liess sich den Verlust seiner Freiheit
gar nicht zu Herzen gehen, da er töricht genug war, zu vermeinen, die schwer
lastende Kette gereiche ihm zur Ehre und Zierde. Achilles fand sich nun zu
seinem nicht geringen Verdruss durch unsere Konvivia in der Nacht, wenn er
umherlaufen und das Haus beschützen sollte gegen jede Unbill, im Schlafe gestört
und drohte uns als Ruhestörern Tod und Verderben. Da er aber seiner
Unbehilflichkeit halber nicht einmal auf den Boden, geschweige denn auf das Dach
kommen konnte, so machten wir uns aus seinen Drohungen auch nicht das
allermindeste, sondern trieben unser Wesen so nach- wie vorher. Achilles nahm
andere Massregeln; er begann den Angriff gegen uns, wie ein guter General manche
Schlacht, mit verdeckten Angriffen und dann mit offenbarer Plänkelei.
    Verschiedene Spitze, denen Achilles zuweilen die Ehre antat, mit ihnen zu
spielen, indem er sie mit seinen ungeschickten Tatzen handhabte, mussten nämlich
auf sein Geheiss, sobald wir unsern Gesang begannen, dermassen bestialisch bellen,
dass wir keine vernünftige Note verstehen konnten! - Noch mehr! - Bis auf den
Dachboden drangen einige dieser Philisterknechte und trieben, ohne sich mit uns,
wenn wir ihnen die Krallen zeigten, auf irgendeinen offnen ehrlichen Kampf
einlassen zu wollen, solch einen fürchterlichen Lärm mit Schreien und Bellen,
dass, wurde erst nur der Hofhund in seinem Schlaf gestört, jetzt der Herr des
Hauses selbst kein Auge zudrücken konnte und, da der Zeterspektakel gar nicht
enden wollte, die Hetzpeitsche ergriff, um die Tumultuanten über seinem Haupte
zu vertreiben.
    - O Kater, der du dieses liesest, ist dir, trägst du wahren männlichen Sinn
in der Brust, hellen Verstand im Kopf, hast du keine verwöhnten Ohren, ist dir,
sage ich, denn jemals etwas abscheulicher, widriger, verhasster und dabei
erbärmlicher vorgekommen als das kreischende, gellende, durch alle Tonarten
dissonierende Gebelle in Harnisch geratener Spitze? - Diese kleinen wedelnden,
schmatzenden, sich niedlich gebärdenden Kreaturen, nimm dich für sie in acht,
Kater! trau' ihnen nicht. Glaube mir, eines Spitzes Freundlichkeit ist
gefährlicher als die hervorgestreckte Kralle des Tigers! - Schweigen wir von
bittren Erfahrungen, die wir in dieser Hinsicht leider! nur zu oft gemacht, und
kehren wir zurück zu dem ferneren Verlauf unsrer Geschichte.
    Also wie gesagt, der Herr ergriff die Peitsche, um die Tumultuanten vom
Boden zu vertreiben. Was aber geschah? die Spitze schwanzwedelten dem erzürnten
Herrn entgegen, leckten ihm die Füsse und stellten ihm vor, wie aller Zeterlärm
nur seiner Ruhe wegen erhoben, unerachtet er eben dadurch aus aller behaglichen
Ruhe gekommen. Gebellt hätten sie bloss, um uns, die wir allerlei unduldsamen
Unfug trieben auf dem Dache mit Singen von Liedern in allzu hell klingenden
Tonarten u.d., zu verjagen. Der Herr liess sich leider durch der Spitze
geschwätzige Beredsamkeit um so mehr dahin bringen, alles zu glauben, als der
Hofhund, den er darum zu befragen nicht unterliess, in dem bittern Hass, den er
wider uns im Innern trug, es bestätigte. Uns traf nun die Verfolgung! - Überall
wurden wir vertrieben, von Hausknechten mit Besenstielen, mit geworfenen
Dachziegeln, ja! überall waren Schlingen und Fuchseisen aufgestellt, in die wir
uns verfangen sollten und leider! wirklich verfingen. Selbst mein lieber Freund
Muzius fiel ins Malheur, das heisst in ein Fuchseisen, welches ihm die rechte
Hinterpfote jämmerlich zerquetschte!
    So war es um unser fröhliches Zusammenleben geschehen, und ich kehrte zurück
unter den Ofen des Meisters, beweinend in tiefer Einsamkeit das Schicksal meiner
unglücklichen Freunde. -
    - Eines Tages trat Herr Lotario, der Professor der Ästetik, in meines
Herrn Zimmer, und hinter ihm her - sprang Ponto hinein.
    Gar nicht zu sagen vermag ich, welch ein unangenehmes unheimliches Gefühl
mir Pontos Anblick verursachte. War er auch geradezu selbst weder Hofhund noch
Spitz, so gehörte er doch zu dem Geschlecht, dessen üble feindselige Gesinnung
mein Leben in der lustigen Katzburschen-Gesellschaft verstört hatte, und schon
deshalb mir mitsamt aller Freundschaft, die er mir erwiesen, dennoch zweideutig.
Übendem schien mir in Pontos Blick, in seinem ganzen Wesen etwas Übermütiges,
Verhöhnendes zu liegen, und ich beschloss daher, ihn lieber gar nicht zu
sprechen. Leise, leise schlich ich weg von meinem Kissen und war mit einem Satz
im Ofen, dessen Türe gerade offen stand, die ich hinter mir anzog.
    Herr Lotario sprach nun mit dem Meister so manches, was meine Teilnahme um
so weniger erregte, als ich meine ganze Aufmerksamkeit auf den jungen Ponto
gerichtet hatte, der, nachdem er, recht stutzermässig ein Liedchen trällernd, im
Zimmer herumgetänzelt, auf die Fensterbank gesprungen war, zum Fenster
hinausschaute und, wie es Fanfarons zu tun pflegen, jeden Augenblick
vorübergehenden Bekannten zunickte, auch wohl gar ein wenig blaffte, gewiss um
die Blicke vorübergehender Schönen seines Geschlechts auf sich zu ziehen. - An
mich schien der Leichtsinnige gar nicht zu denken, und unerachtet ich, wie
gesagt, ihn gar nicht zu sprechen wünschte, so war es mir doch gar nicht recht,
dass er nicht nach mir fragte, gar keine Notiz von mir nahm.
    Ganz anderer und, wie es mich bedünken wollte, viel artigerer und
vernünftigerer Gesinnung war der ästetische Professor, Herr Lotario, der,
nachdem er sich überall im Zimmer nach mir umhergeschaut, zu dem Meister sprach:
»Aber wo ist denn Euer vortrefflicher Monsieur Murr!« - .
    Es gibt für einen ehrlichen Katzburschen keine schnödere Benennung als das
fatale Wort: Monsieur, indessen muss man von Ästetikern in der Welt viel leiden,
und so verzieh ich dem Professor die Unbill.
    Meister Abraham versicherte, dass ich seit einiger Zeit meine eignen Gänge
gehabt und vorzüglich nachts selten zu Hause gewesen, wovon ich denn müde und
ermattet geschienen. Soeben habe ich auf dem Kissen gelegen, und er wisse in der
Tat nicht, wohin ich eben jetzt so schnell verschwunden.
    »Ich vermute,« sprach der Professor weiter, »ich vermute fast, Meister
Abraham, dass euer Murr - Doch ist er auch hier irgendwo versteckt und lauscht? -
Lasst uns doch einmal ein wenig nachsehen.«
    Leise zog ich mich in den Hintergrund des Ofens, aber man kann denken, wie
ich die Ohren spitzte, da nun von mir die Rede. - Der Professor hatte vergebens
alle Winkel durchsucht zu nicht geringer Verwunderung des Meisters, der lachend
rief: »In der Tat, Professor, Ihr tut meinem Murr unglaubliche Ehre an!«
    »Hoho,« erwiderte der Professor, »der Verdacht, den ich gegen Euch, Meister,
hege wegen des pädagogischen Experiments, vermöge dessen ein Kater zum Dichter
und Schriftsteller wurde, kommt mir nicht aus der Seele. Gedenkt Ihr nicht mehr
des Sonetts, der Glosse, die mein Ponto Euerm Murr recht unter den Pfoten
weggeraubt? - Doch dem sei, wie ihm wolle, ich nutze Murrs Abwesenheit, um Euch
eine schlimme Vermutung mitzuteilen und Euch recht dringend zu empfehlen,
achtsam zu sein auf Murrs Betragen. - Sowenig ich mich sonst um Katzen
bekümmere, doch ist es mir nicht entgangen, dass manche Kater, die sonst ganz
artig und manierlich waren, jetzt plötzlich ein Wesen annehmen, das gegen alle
Sitte und Ordnung gröblich anstösst.
    Statt wie sonst sich demütig zu biegen und zu schmiegen, stolzieren sie
trotzig daher und scheuen sich gar nicht, durch funkelnde Blicke, durch zorniges
Knurren ihre ursprüngliche wilde Natur zu verraten, auch wohl gar die Krallen zu
zeigen. Sowenig sie auf ein bescheidenes stilles Betragen achten, ebenso wenig
ist ihnen daran gelegen, was das Äussere betrifft, als gesittete Weltleute zu
erscheinen. Da ist an kein Putzen dies Bartes, an kein Glänzendlecken des Fells,
an kein Abbeissen der zu lang gewordenen Krallen zu denken; zottig und rauh mit
struppigem Schweif rennen sie daher, allen gebildeten Katzen ein Greuel und
Abscheu. Was aber vorzüglich tadelnswert erscheint und nicht geduldet werden
darf, sind die heimlichen Zusammenkünfte, die sie zur Nachtzeit halten und dabei
ein tolles Wesen treiben, welches sie Gesang nennen, unerachtet dabei nichts
vernehmbar als ein widersinniges Geschrei, dem es an schicklichem Takt,
ordnungsmässiger Melodie und Harmonie gänzlich mangelt. Ich fürchte, ich fürchte,
Meister Abraham, dass Euer Murr sich auf die schlechte Seite gelegt hat und
teilnimmt an jenen unanständigen Belustigungen, die ihm nichts einbringen können
als tüchtige Prügel. - Es sollte mir leid tun, wenn alle Mühe, die Ihr auf den
kleinen Grauen verwandt, umsonst wäre und er sich trotz aller Wissenschaft zu
dem gewöhnlichen wüsten Treiben gemeiner liederlicher Kater herabliesse.« - Als
ich mich, meinen guten Muzius, meine hochherzigen Brüder verkannt sah auf so
schnöde Weise, entfloh mir unwillkürlich ein Schmerzenslaut. »Was war das?« rief
der Professor, »ich glaube gar, Murr sitzt doch versteckt im Zimmer! - Ponto!
Allons! - Such', such'!« - Mit einem Satz war Ponto herunter von der Fensterbank
und schnüffelte im Zimmer umher. Vor der Ofentüre blieb er stehen, knurrte,
bellte, sprang herauf. - »Er ist im Ofen, das hat keinen Zweifel!« So sprach der
Meister und öffnete die Türe. Ich blieb ruhig sitzen und blickte den Meister mit
klaren glänzenden Augen an. »Wahrhaftig,« rief der Meister, »wahrhaftig, da
sitzt er ganz hinten im Ofen. - Nun? - bequemt Er sich hervorzukommen? - Ob Er
heraus will!«
    Sowenig ich auch Lust hatte, meinen Versteck zu verlassen, so musste ich doch
wohl dem Befehl des Meisters gehorchen, wollte ich es nicht auf Gewalt gegen
mich ankommen lassen und dabei den kürzeren ziehen. Langsam kroch ich daher
hervor. Kaum war ich aber an das Tageslicht gekommen, als beide, der Professor
und der Kleister, laut riefen: »Murr! - Murr! wie siehst du aus! - Was sind das
für Streiche!« -
    Freilich war ich über und über voller Asche, und kam noch hinzu, dass
wirklich mein Äusseres seit einiger Zeit merklich gelitten, so dass ich mich in
der Schilderung, die der Professor von schismatischen Katern gemacht,
wiedererkennen musste, so konnte ich mir freilich die erbärmliche Figur, in der
ich erschien, wohl denken. Verglich ich nun eben meine erbärmliche Figur mit der
meines Freundes Ponto, der in seinem stattlichen, glänzenden, schön gekräuselten
Pelz in der Tat ganz hübsch anzusehen, so erfüllte mich tiefe Scham, und ich
kroch still und betrübt in den Winkel.
    »Ist das,« rief der Professor, »ist das der gescheite sittige Kater Murr?
der elegante Schriftsteller, der geistreiche Dichter, der Sonette schreibt und
Glossen? - Nein, das ist ein ganz gemeiner Katz, der sich in Küchen auf den
Herden herumtreibt und sich auf sonst weiter nichts versteht, als Mäuse zu
fangen in Kellern und auf Böden! - Hoho! sag' mir doch, mein sittiges Vieh, ob
du bald zu promovieren verlangst oder gar das Kateder zu besteigen als
Professor der Ästetik? - In der Tat, ein netter Doktorhabit, in den du dich
geworfen!« -
    So ging es fort in verhöhnenden Redensarten; was konnt' ich tun, als, wie es
bei derlei Fällen, nämlich wenn ich ausgehunzt wurde, meine Sitte war, die Ohren
dicht ankneifen an den Kopf.
    Beide, der Professor und der Meister, schlugen zuletzt eine helle Lache auf,
die mir das Herz durchbohrte. Beinahe noch empfindlicher war mir aber Pontos
Betragen. Nicht allein dass er durch Mienen und Gebärden den Hohn seines Herrn
teilte, so bewies er auch durch allerlei Seitensprünge offenbar seine Scheu,
sich mir zu nahen, wahrscheinlich fürchtete er seinen schönen reinen Pelz zu
beschmutzen. Es ist nichts Geringes für einen Kater, der sich solcher
Vortrefflichkeit bewusst ist als ich, von einem stutzerhaften Pudel dergleichen
Verachtung dulden zu müssen.
    Der Professor geriet nun mit dem Meister in ein weitläuftiges Gespräch, das
sich nicht auf mich und auf mein Geschlecht zu beziehen schien, und von dem ich
eigentlich wenig verstand. Doch so viel vernahm ich wohl, dass davon die Rede
war, ob es besser sei, dem oftmals wirren ungezügelten Treiben exaltierter
Jugend mit offner Gewalt entgegenzutreten oder es nur einzugrenzen auf
geschickte unbemerkbare Weise und Raum zu geben der eignen Erkenntnis, in der
sich jenes Treiben alsbald selbst vernichtet. Der Professor war für die offne
Gewalt, da die Gestaltung der Dinge zum äussern Wohl es fordere, dass jeder
Mensch, alles Widerstrebens unerachtet, so zeitig als möglich in die Form
gepresst werde, wie sie durch das Verhältnis aller einzelnen Teile zum Ganzen
bedingt werde, da sonst sogleich eine verderbliche Monstrosität entstehe, die
allerlei Unheil verursachen könne. - Der Professor sprach dabei etwas von
Pereatbringen und Fenstereinwerfen, welches ich aber durchaus nicht verstand. -
Der Meister meinte dagegen, dass es mit jugendlichen exaltierten Gemütern so gehe
wie mit den Partiell-Wahnsinnigen, die der offne Widerstand immer wahnsinniger
mache, wogegen die selbst errungene Erkenntnis des Irrtums radikal heile und nie
einen Rückfall befürchten lasse.
    »Nun,« rief der Professor endlich, indem er aufstand und Stock und Hut
ergriff, »nun, Meister, was die offne Gewalt gegen exaltiertes Treiben betrifft,
so werdet Ihr mir doch insofern recht geben, dass sie da schonungslos eintreten
muss, wenn jenes Treiben verstörend hineingreift in das Leben, und so ist es, um
wieder auf Euren Kater Murr zurückzukommen, denn doch recht gut, dass, wie ich
höre, tüchtige Spitze die verwünschten Kater auseinandergetrieben haben, die so
bestialisch sangen und dabei Wunder sich grosse Virtuosen dankten.«
    »Wie man es nimmt,« erwiderte der Meister, »hätte man sie singen lassen,
vielleicht wären sie das geworden, was sie sich irrtümlicherweise schon zu sein
dünkten, nämlich in der Tat gute Virtuosen, statt dass sie jetzt vielleicht an
der wahren Virtuosität zweifeln ganz und gar.«
    Der Professor empfahl sich, Ponto sprang hinterdrein, ohne mich einmal, wie
er doch sonst mit vieler Freundlichkeit getan, eines Abschiedsgrusses zu
würdigen.
    »Ich,« wandte sich nun der Meister zu mir, »ich bin selbst bisher
unzufrieden gewesen mit deinem Betragen, Murr, und es ist Zeit, dass du einmal
wieder ordentlich und vernünftig wirst, damit du wieder zu besserm Rufe
gelangest, als in dem du jetzt zu stehen scheinst. Wäre es möglich, dass du mich
ganz verstündest, so würde ich dir raten, immer still, freundlich zu sein, und
alles, was du beginnen magst, ohne alles Geräusch zu vollbringen, denn auf diese
Weise erhält man sich den guten Ruf am besten. - Ja, ich würde dir als Beispiel
zwei Leute zeigen, von denen der eine jeden Tag still für sich allein im Winkel
sitzt und so lange eine Flasche Wein nach der andern trinkt, bis er in völlig
trunknen Zustand gerät, den er aber vermöge langer praktischer Übung so gut zu
verbergen weiss, dass ihn niemand ahnet. Der andere trinkt dagegen nur dann und
wann in Gesellschaft fröhlicher gemütlicher Freunde ein Glas Wein; das Getränk
macht ihm Herz und Zunge frei, er spricht, indem seine Laune steigt, viel und
eifrig, doch ohne Sitte und Anstand zu verletzen, und eben ihn nennt die Welt
einen leidenschaftlichen Weintrinker, während jener geheime Trunkenbold für
einen stillen mässigen Mann gilt. Ach, mein guter Kater Murr! Kenntest du den
Lauf der Welt, so würdest du einsehen, dass ein Philister, der stets die
Fühlhörner einzieht, es am besten hat. Aber wie kannst du wissen, was ein
Philister ist, unerachtet es wohl in deinem Geschlecht auch dergleichen genug
geben mag.«
    Bei diesen Worten des Meisters konnte ich mich im Bewusstsein der
vortrefflichen Katerkenntnis, die ich mir durch des wackern Muzius Belehrungen
sowohl als durch eigne Erfahrung erworben, eines lauten freudigen Prustens und
Knurrens nicht erwehren.
    »Ei,« rief der Meister laut lachend, »ei, Murr, mein Kater! ich glaube gar,
du verstehst mich, und der Professor hat recht, der in dir einen besondern
Verstand entdeckt haben will und dich gar fürchtet als seinen ästetischen
Nebenbuhler?«
    Zur Bestätigung, dass dem wirklich so sei, gab ich ein sehr klares,
wohltönendes Miau von mir und sprang ohne weiteres dem Meister auf den Schoss.
Nicht bedacht hatte ich indessen, dass der Meister gerade seinen Staatsschlafrock
von gelbem, grossgeblümtem, seidenem Zeuge angezogen, den ich notwendigerweise
beschmutzen musste. Mit einem zornigen: »Will Er wohl!« schleuderte der Meister
mich so heftig von sich, dass ich überpurzelte und, ganz erschrocken die Ohren
unkneifend, die Augen zudrückend, niederduckte auf den Fussboden. Gepriesen sei
aber die Gutmütigkeit meines guten Meisters! »Nun,« sprach er freundlich, »nun,
nun, Murr, mein Kater! so böse war es nicht gemeint! - Ich weiss es, deine
Absicht war gut, du wolltest mir deine Zuneigung beweisen, aber das tatst du auf
täppische Weise, und geschieht dieses, so fragt man freilich den Henker was nach
der Absicht! - Nun, komm nur her, kleiner Äscherling, ich muss dich putzen, damit
du wieder aussiehst wie ein honetter Kater!«
    Damit warf der Meister den Schlafrock ab, nahm mich in die Arme und liess es
sich nicht verdriessen, mir mit einer weichen Bürste den Pelz rein zu bürsten und
dann die Haare mit einem kleinen Kamm glänzend zu kämmen.
    Als die Toilette geendet und ich bei dem Spiegel vorüber spazierte,
erstaunte ich selbst, wie ich so plötzlich ein ganz anderer Kater worden. Ich
konnt es gar nicht unterlassen, mich selbst behaglich anzuschnurren, so schön
kam ich mir vor, und nicht leugnen mag ich, dass in dem Augenblick sich grosse
Zweifel gegen die Anständigkeit und Nützlichkeit des Burschenklubs in mir
regten. Dass ich in den Ofen gekrochen, schien mir ein wahrer Barbarismus, den
ich nur einer Art Verwilderung zuschreiben konnte, und nicht einmal nötig war
daher die Warnung des Meisters, der mir zurief: »Dass Er mir nur nicht wieder in
den Ofen kriecht!«
    In der folgenden Nacht war es mir, als vernehme ich an der Türe ein leises
Kratzen und ein furchtsames Miau! das mir sehr bekannt vorkam. Ich schlich heran
und fragte, wer da sei. - Da erwiderte (ich erkannte ihn sogleich an der Stimme)
der wackre Senior Puff: »Ich bin es, trauter Bruder Murr, und habe dir eine
höchst betrübte Nachricht zu bringen!« - O Himmel, was -
    (Mak. Bl.)» - grosses Unrecht getan, meine liebe süsse Freundin. - Nein! mehr
bist du mir als das, meine treue Schwester! Ich habe dich nicht genug geliebt,
dir nicht genug vertraut. Erst jetzt öffnet sich dir meine ganze Brust, erst
jetzt, da ich weiss -«
    Die Prinzessin stockte, ein Tränenstrom stürzte ihr aus den Augen, aufs neue
drückte sie Julien zärtlich an ihr Herz.
    »Hedwiga,« sprach Julie sanft, »hast du mich denn nicht sonst mit ganzer
Seele geliebt, trugst du denn jemals Geheimnisse in dir, die du mir nicht
vertrauen wolltest? - Was weisst du, was hast du erst jetzt erfahren? Doch nein,
nein! Kein Wort weiter, bis diese Pulse wieder ruhig schlagen, bis diese Augen
nicht mehr so düster glühen.« -
    »Ich weiss nicht,« erwiderte die Prinzessin, plötzlich zur Empfindlichkeit
gereizt, »ich weiss nicht, was ihr alle wollt. Krank soll ich noch sein, und nie
fühlte ich mich kräftiger, gesünder. Der seltsame Zufall, der mich traf, hat
euch erschreckt, und doch mag es sein, dass solche elektrische Schläge, die den
ganzen Organismus des Lebens ins Stocken bringen, mir gerade nötig und
nützlicher sind als alle Mittel, die eine blöde dürftige Kunst in unglückseliger
Selbsttäuschung darbietet. - Wie er mir fatal ist, dieser Leibarzt, der die
menschliche Natur zu handhaben vermeint wie ein Uhrwerk, das man abstäuben,
aufziehen muss! - Grauenhaft ist er mir mit seinen Tropfen, mit seinen Essenzen.
- Von diesen Dingen soll mein Wohl abhängig sein? - So wäre ja das Leben
hienieden eine entsetzliche Neckerei des Weltgeistes.«
    »Und,« unterbrach Julie die Prinzessin, »und eben diese Überspannung ist der
Beweis, dass du noch krank bist, meine Hedwiga, und dich viel mehr schonen
solltest, als du es wirklich tust.«
    »Auch du willst mir weh tun!« So rief die Prinzessin, sprang hastig auf und
eilte ans Fenster, das sie öffnete und hinausschaute in den Park. Julie folgte
ihr nach, umschlang sie mit einem Arm und bat mit der zärtlichsten Wehmut, dass
sie doch wenigstens den rauhen Herbstwind scheuen und sich die Ruhe gönnen möge,
die der Leibarzt für so heilsam geachtet. Die Prinzessin erwiderte indessen, dass
sie sich gerade durch den kalten Luftzug, der zum Fenster hineinströme, erquickt
und gestärkt fühle.
    Recht aus dem innigsten Gemüt heraus sprach nun Julia von der
letztvergangenen Zeit, in der ein finstrer bedrohlicher Geist gewaltet, und wie
sie alle innere Kraft aufbieten müssen, um nicht verstört zu werden von so
mancher Erscheinung, die ihr ein Gefühl erregt, dem sie kein anderes
gleichstellen könne als die wahre tötende Gespensterfurcht. Dahin rechnete sie
vorzüglich den geheimnisvollen Zwiespalt, der sich zwischen dem Prinzen Hektor
und Kreisler erhoben, und der das Entsetzlichste ahnen lassen, denn nur zu gewiss
sei es, dass der arme Johannes fallen sollen von der Hand des rachsüchtigen
Italieners und nur, wie Meister Abraham versichere, durch ein Wunder gerettet
worden.
    »Und,« so sprach Julia, »und dieser furchtbare Mann, er sollte dein Gemahl
werden? - Nein - nimmermehr! Dank der ewigen Macht! du bist gerettet! Niemals
kehrt er zurück. Nicht wahr, Hedwiga? Niemals!«
    »Niemals!« erwiderte die Prinzessin mit dumpfer, kaum vernehmbarer Stimme.
Dann seufzte sie auf aus tiefer Brust und sprach leise weiter wie im Traume:
»Ja, dieses reine Himmelsfeuer soll nur leuchten und wärmen, ohne mit
verderblichen Flammen zu vernichten, und aus der Seele des Künstlers leuchtet
die zum Leben gestaltete Ahnung - sie selbst - seine Liebe hervor! So sprachst
du hier an dieser Stelle.« -
    »Wer,« rief Julia ganz bestürzt, »wer sprach so? - An wen dachtest du,
Hedwiga?«
    Die Prinzessin fuhr mit der Hand über die Stirne, als müsse sie sich
besinnen auf die Gegenwart, der sie entrückt. Dann wankte sie, von Julien
unterstützt, zum Sofa, auf dem sie sich ganz erschöpft niederliess. Julia, um die
Prinzessin besorgt, wollte die Kammerfrauen herbeirufen, Hedwiga zog sie aber
sanft nieder auf den Sofa, indem sie leise lispelte: »Nein, Mädchen! - Du, du
allein sollst bei mir bleiben, glaube ja nicht, dass mich etwa Krankheit erfasst.
- Nein, es war der Gedanke der höchsten Seligkeit, der zu mächtig wurde, der
diese Brust zersprengen Wollte, und dessen Himmelsentzücken sich gestaltete wie
tötender Schmerz. Bleibe bei mir, Mädchen, du weisst es selbst nicht, welch einen
wunderbaren Zauber du über mich zu üben vermagst! - Lass mich schauen in deine
Seele wie in einen klaren reinen Spiegel, damit ich mich selbst nur
wiedererkenne! - Julia! oft ist es mir, als käme die Begeisterung des Himmels
über dich, und die Worte, die wie Liebeshauch über deine süssen Lippen strömten,
wären trostreiche Prophezeiung. Julia! - Mädchen, bleibe bei mir, verlasse mich
nie - nie!«
    Damit sank die Prinzessin, indem sie Julias Hände festielt, mit
geschlossenen Augen zurück in den Sofa.
    Wohl war Julia an Augenblicke gewöhnt, in denen Hedwiga geistig krankhafter
Überspannung erlag, doch fremd, ganz fremd und rätselhaft war ihr der
Paroxysmus, wie er sich eben jetzt zeigte. Sonst war es eine leidenschaftliche
Verbitterung, die, erzeugt von dem Missverhältnis des innern Gefühls mit der
Gestaltung des Lebens, beinahe bis zum Gehässigen sich steigernd, Julias
kindliches Gemüt verletzte. Jetzt schien Hedwiga, wie sonst niemals, ganz
aufgelöst in Schmerz und namenloser Wehmut, und dieser trostlose Zustand rührte
Julien in eben dem Grade, als ihre Angst stieg um die geliebte Freundin.
    »Hedwiga,« rief sie, »meine Hedwiga, ich verlasse dich ja nicht, kein
treueres Herz neigt sich zu dir als das meinige, aber sprich, o sprich doch nur,
vertraue mir doch nur, welch eine Qual dein Inneres zerreisst? - Mit dir will ich
klagen, mit dir will ich weinen!«
    Da verbreitete sich ein seltsames Lächeln auf Hedwigas Antlitz, ein sanftes
Rot schimmerte auf den Wangen, und ohne die Augen zu öffnen, lispelte sie leise:
»Nicht wahr, Julia, du bist nicht in Liebe?«
    Seltsam fühlte sich Julia von dieser Frage der Prinzessin getroffen, als
durchbebe sie ein jäher Schreck.
    In welches Mädchens Brust regen sich nicht Ahnungen einer Leidenschaft, die
das Hauptbedingnis scheint seiner Existenz, denn nur das liebende Weib ist dies
ganz. Doch ein reiner, kindlicher, frommer Sinn lässt diese Ahnungen ruhen, ohne
weiter zu forschen, ohne im lüsternen Vorwitz das süsse Geheimnis entüllen zu
wollen, das nur in dem Moment aufgeht, den eine dunkle Sehnsucht verheissen. So
war es mit Julia, die plötzlich ausgesprochen hörte, was sie zu denken nicht
gewagt, und geängstigt, als zeihe man sie einer Sünde, der sie selbst nicht klar
sich bewusst, ihr eignes Innres ganz zu durchschauen sich mühte.
    »Julia,« wiederholte die Prinzessin, »du liebst nicht? - sage es mir! - sei
aufrichtig.«
    »Wie sonderbar,« erwiderte Julia, »wie seltsam du mich fragst, was kann, was
soll ich dir antworten?«
    »Sprich, o sprich,« flehte die Prinzessin. - Da ward es sonnenhell in Julias
Seele, und sie fand Worte, das auszusprechen, was sie deutlich erblickte in
ihrem eignen Innern.
    »Was,« so begann Julia sehr ernst und gefasst, »was geht vor in deinem Gemüt,
Hedwiga, indem du mich so frägst? Was ist dir die Liebe, von der du sprichst?
Nicht wahr, man soll sich hingezogen fühlen zu dem Geliebten mit solcher
unwiderstehlichen Macht, dass man nur ist, nur lebt in dem Gedanken an ihn, dass
man sein ganzes Ich aufgibt um ihn, dass er allein uns alles Sehnen, alles
Hoffen, alles Verlangen, die ganze Welt dünkt? Und diese Leidenschaft soll die
höchste Stufe der Seligkeit gewähren? - Mich schwindelt's vor dieser Höhe, denn
dem Blick herab gähnt der bodenlose Abgrund mit allen Schrecknissen des
rettungslosen Verderbens entgegen. Nein, Hedwiga, diese Liebe, die ebenso
entsetzlich ist als sündhaft, hat dies Gemüt nicht erfasst, und fest will ich
halten an dem Glauben, dass es ewig rein, ewig davon frei bleiben wird. Doch wohl
mag es sich begeben, dass ein Mann vor allen übrigen in uns die höchste Achtung,
ja, bei der männlich eminenten Kraft seines Geistes wahre Bewunderung erregt.
Doch noch mehr als das, wir fühlen uns in seiner Nähe von einem gewissen
gemütlichen Wohlbehagen geheimnisvoll durchströmt, erhoben über uns selbst, es
scheint, als wenn unser Geist dann erst recht erwache, als wenn uns das Leben
dann erst recht leuchte, und so sind wir froh, wenn er kommt, und traurig, wenn
er geht. - Nennst du dieses Liebe? - Nun, warum sollte ich es dir nicht
gestehen, dass unser verlorne Kreisler mir dies Gefühl erweckt hat, und dass ich
ihn schmerzlich vermisse.«
    »Julia,« rief die Prinzessin, plötzlich auffahrend und Julien mit glühendem
Blick durchbohrend, »Julia, kannst du ihn dir denken in den Armen einer andern,
ohne zu vergehn in namenloser Qual?«
    Hoch errötete Julia, und mit einem Ton, der erkennen liess, wie sehr sie sich
verletzt fühlte, erwiderte sie: »Nie habe ich ihn mir gedacht in meinen Armen!«
-
    »Ha! - du liebst ihn nicht - du liebst ihn nicht!« - so schrie die
Prinzessin gellend auf und sank dann wieder zurück in dem Sofa!
    »O,« sprach Julie, »o, dass er wiederkehrte! - Rein und schuldlos ist das
Gefühl, das ich für den teuren Mann hege in dieser Brust, und sehe ich ihn
niemals wieder, so wird der Gedanke an ihn, den Unvergesslichen, in mein Leben
hineinleuchten wie ein schöner heller Stern. - Doch gewiss, er kehrt zurück! -
Denn wie kann -«
    »Niemals,« unterbrach die Prinzessin Julien mit schroffem schneidendem Ton,
»niemals kann, darf er wiederkehren, denn wie man vernimmt, befindet er sich in
der Abtei Kanzheim und wird, sich der Welt entziehend, in den Orden des heiligen
Benedikt treten.«
    Julien kamen die hellen Tränen in die Augen, sie stand schweigend auf und
begab sich an das Fenster.
    »Deine Mutter,« fuhr die Prinzessin fort, »deine Mutter hat recht, ganz
recht. Wohl uns, dass er fort ist, dieser Wahnsinnige, der sich wie ein böser
Geist eindrängte in unseres Herzens Rat, der uns in unserm eignen Innern zu
zerreissen wusste. - Und die Musik war das Zaubermittel, mit dem er uns
umstrickte. - Nie mag ich ihn wiedersehen.« -
    Dolchstiche waren für Julien die Worte der Prinzessin, sie griff nach Hut
und Shawl.
    »Du willst,« rief die Prinzessin, »du willst mich verlassen, meine süsse
Freundin? - Bleibe - bleibe - tröste mich, wenn du kannst! - Unheimliches Grauen
geht durch diese Säle, durch den Park! denn wisse -« Damit führte Hedwiga Julien
an das Fenster, zeigte nach dem Pavillon hin, in dem der Adjutant des Prinzen
Hektor gewohnt hatte, und begann mit dumpfer Stimme: »Schau' dort hin, Julia,
jene Mauern verbergen ein bedrohliches Geheimnis; der Kastellan, die Gärtner
beteuern, dass seit der Abreise des Prinzen niemand dort wohne, dass die Türe fest
verschlossen, und doch - O schau' nur hin - Schau' nur hin! - siehst du es
nicht, am Fenster?«
    In der Tat gewahrte Julia an dem Fenster, das in dem Giebel des Pavillons
angebracht war, eine dunkle Gestalt, die in demselben Augenblick wieder schnell
verschwand.
    Hier dürfe, meinte Julia, indem sie fühlte, wie Hedwigas Hand krampfhaft in
der ihrigen bebte, von einem bedrohlichen Geheimnis oder gar von etwas
Gespenstischem durchaus nicht die Rede sein, da es nur zu leicht möglich, dass
irgend jemand von der Dienerschaft den leeren Pavillon unbefugterweise benutze.
Der Pavillon könne ja augenblicklich durchsucht und so auf der Stelle aufgeklärt
werden, was es mit der Gestalt, die sich am Fenster blicken lasse, für eine
Bewandtnis habe; die Prinzessin versicherte aber dagegen, dass der alte treue
Kastellan dies längst auf ihren Wunsch getan und beteuert, dass er in dem ganzen
Pavillon auch nicht die Spur eines menschlichen Wesens gefunden.
    »Lass es,« sprach die Prinzessin, »lass es dir erzählen, was sich vor drei
Nächten begab! - Du weisst, dass mich oft der Schlaf flieht, und dass ich dann
aufzustehen und so lange durch die Zimmer zu wandeln pflege, bis mich eine
Müdigkeit überfällt, der ich mich überlasse und es wirklich zum Einschlafen
bringe. So geschah es, dass mich vor drei Nächten Schlaflosigkeit in dies Zimmer
trieb. Plötzlich zitterte der Widerschein eines Lichts an der Wand vorüber, ich
schaute durch das Fenster und gewahrte vier Männer, von denen einer eine
Blendlaterne trug, und die in der Gegend des Pavillons verschwanden, ohne dass
ich bemerken konnte, ob sie wirklich hineingingen in den Pavillon. Nicht lange
dauerte es aber, so wurde eben jenes Fenster hell, und Schatten huschten
inwendig hin und her. Dann wurde es wieder finster, aber durch das Gebüsch
strahlte nun bald ein blendender Schimmer, der aus der Türe des geöffneten
Pavillons kommen musste. Immer mehr näherte sich der Schein, bis endlich aus dem
Gebüsch ein Benediktinermönch hinaustrat, der in der linken Hand eine Fackel, in
der rechten aber ein Kruzifix trug. Ihm folgten vier Männer, eine mit schwarzen
Tüchern behängte Bahre auf den Schultern. Nur einige Schritte waren sie gezogen,
als ihnen eine in einen weiten Mantel eingehüllte Gestalt entgegentrat. Sie
standen still, setzten die Bahre nieder, die Gestalt zog die Tücher weg, und ein
Leichnam wurde sichtbar. Mir wollten die Sinne vergehn, kaum gewahrte ich noch,
dass die Männer die Bahre aufhoben und dem Mönch schnell nacheilten auf dem
breiten Seitenwege, der bald zum Park hinausführt auf die Strasse nach der Abtei
Kanzheim. Seit dieser Zeit lässt sich jene Gestalt am Fenster sehen, und
vielleicht ist es der Spuk eines Ermordeten, der mich ängstigt.«
    Julia war geneigt, den ganzen Vorgang, wie ihn Hedwiga erzählte, für einen
Traum oder, stand sie in der Tat wach am Fenster, für das täuschende Spiel der
aufgeregten Sinne zu halten. Wer sollte, wer konnte der Tote sein, den man unter
solchen geheimnisvollen Umständen aus dem Pavillon forttrug, da niemand vermisst
worden, und wer mochte daran glauben, dass dieser unbekannte Tote noch spuken
solle in der Behausung, aus der man ihn fortgebracht? Julia äusserte dieses alles
der Prinzessin und fügte noch hinzu, dass jene Erscheinung am Fenster auch wohl
auf optischer Illusion beruhen, auch wohl gar ein Scherz des alten Magikers,
Meister Abraham, sein könne, der ja oft sein Wesen treibe mit solchem Spiel und
vielleicht dem leeren Pavillon einen gespenstischen Einsassen gegeben habe.
    »Wie,« sprach die Prinzessin, die ihre ganze Fassung wieder gewonnen, sanft
lächelnd, »wie man doch gleich mit der Erklärung bei der Hand ist, geschieht das
Wunderbare, Übernatürliche! - Was den Toten betrifft, so vergissest du das, was
sich in dem Park begab, ehe Kreisler uns verliess.« - »Um Gott,« rief Julia,
»sollte denn wirklich eine grässliche Tat begangen sein? - Wer? - von wem?«
    »Du weisst,« fuhr Hedwiga fort, »du weisst ja, Mädchen, dass Kreisler lebt. -
Aber auch er lebt, der in Liebe ist zu dir - Sieh mich nicht so erschrocken an!
- Solltest du das nicht längst ahnen, was ich dir sagen muss, damit dir es klar
werde, was, länger verborgen, dich verderben könnte? - Prinz Hektor liebt dich,
dich, Julia, mit all der wilden Leidenschaft, die seiner Nation eigen. Ich war,
ich bin seine Braut, du aber, Julia, bist seine Geliebte.« Die letzten Worte
betonte die Prinzessin auf eine eigne scharfe Weise, ohne übrigens jenen
besonderen Akzent hineinzulegen, der dem Gefühl innerer Kränkung eigen.
    »O ewige Macht,« rief Julia heftig, indem ihr die Tränen aus den Augen
stürzten, »Hedwiga, willst du denn meine Brust zerreissen? - Welcher finstre
Geist spricht aus dir! - Nein, nein, gern will ich es leiden, dass du aller bösen
Träume halber, die dich verstörten, an mir Ärmsten Rache nimmst, aber nie werde
ich an die Wahrheit dieser bedrohlichen Phantome glauben! - Hedwiga! - besinne
dich doch nur, du bist ja nicht mehr die Braut des entsetzlichen Mannes, der uns
erschien wie das Verderben selbst! Nie kehrt er zurück, niemals wirst du sein!«
    »Doch,« erwiderte die Prinzessin, »doch! - Fasse dich nur Mädchen! - Nur
dann, wenn die Kirche mich mit dem Prinzen verbunden, löst sich vielleicht das
ungeheure Missverständnis des Lebens, das mich elend macht! - Dich rettet des
Himmels wunderbare Fügung. - Wir trennen uns, ich folge dem Gemahl, du bleibst!«
- Die Prinzessin verstummte vor innerer Bewegung, auch Julia war keines Wortes
mächtig, beide fielen sich schweigend, in Tränen zerfliessend, an die Brust!
    Man meldete, dass der Tee serviert sei. Julia war aufgeregter, als es ihr
besonnenes ruhiges Gemüt zuzulassen schien. Es war ihr unmöglich, in der
Gesellschaft zu bleiben, und die Mutter erlaubte ihr gern, nach Hause zu gehen,
da die Prinzessin sich ebenfalls nach Ruhe sehnte.
    Fräulein Nannette versicherte auf Befragen der Fürstin, dass die Prinzessin
den Nachmittag und Abend sich sehr wohl befunden, indessen mit Julien durchaus
allein sein wollen. Soviel sie im Nebenzimmer beobachten können, hätten beide,
die Prinzessin und Julia, sich allerlei Geschichten erzählt, auch Komödie
gespielt und bald gelacht, bald geweint.
    »Die lieben Mädchen,« sprach der Hofmarschall leise. »Die aimable
Prinzessin, das liebe Mädchen!« verbesserte der Fürst, indem er den Hofmarschall
mit grossen Augen anbljetzte. Dieser wollte in der Bestürzung über den
entsetzlichen Fehlgriff ein ziemliches Stücklein Zwieback, das er sattsam in Tee
getränkt, auf einmal hinunterschlucken. Das blieb ihm aber in der Kehle stecken,
und er brach aus in ein fürchterliches Husten, so dass er schnell den Saal
verlassen musste und nur dadurch gerettet werden konnte vom schnöden
Erstickungstode, dass der Hoffourier im Vorsaal mit geübter Faust ein
wohlgesetztes Paukensolo ausführte auf seinem Rücken.
    Nach zwei Unschicklichkeiten, deren er sich schuldig gemacht, fürchtete
indessen der Hofmarschall noch die dritte zu begehen, er wagte es daher nicht
zurückzukehren in den Saal, sondern liess sich bei dem Fürsten mit plötzlich ihm
angewandelter Krankheit entschuldigen.
    Durch des Hofmarschalls Abwesenheit wurde aber die Whistpartie zerrissen,
wie sie der Fürst gewöhnlich zu spielen pflegte.
    Als nun die Spieltische geordnet, war alles in gespannter Erwartung, was der
Fürst in diesem kritischen Fall tun werde. Der tat aber nichts, als dass er, da
auf seinen Wink die übrigen sich zum Spiel gesetzt hatten, die Hand der Rätin
Benzon fasste, sie zum Kanapee führte und Platz nehmen hiess, indem er selbst sich
ihr zur Seite hinsetzte.
    »Unlieb,« sprach er dann sanft und leise, wie immer zur Benzon, »unlieb wäre
es mir doch gewesen, wenn der Hofmarschall erstickt wäre am Zwieback. Doch
schien er Abwesenheiten des Geistes zu haben, wie ich es schon oftmals bemerkt,
da er die Prinzessin Hedwiga ein Mädchen nannte, und würde daher im Whist
miserabel gewesen sein. - Überhaupt, liebe Benzon, ist es mir heute recht
erwünscht und angenehm, statt des Spiels mit Ihnen hier in der Einsamkeit einige
Worte vertraulich zu wechseln wie sonst. Ach - wie sonst! Nun, Sie kennen mein
Attachement für Sie, geliebte Frau! Nie kann es aufhören, ein fürstliches Herz
ist jedesmal ein treues, sobald nicht unabwendbare Verhältnisse ein anderes
gebieten.«
    Bei diesen Worten küsste der Fürst der Benzon viel zärtlicher die Hand, als
es Stand, Alter und Umgebung zu erlauben schienen. Die Benzon versicherte mit
vor Freude funkelnden Augen, dass sie längst den Moment ersehnt, mit dem Fürsten
vertraulich zu reden, da sie ihm so manches mitzuteilen habe, was ihm nicht
unangenehm sein werde.
    »Erfahren Sie,« sprach die Benzon, »erfahren Sie, gnädigster Herr, dass der
Geheime Legationsrat aufs neue geschrieben, dass unsere Angelegenheit plötzlich
eine günstigere Wendung genommen, dass -«
    »Still,« unterbrach sie der Fürst, »still, beste Frau, nichts von
Regierungsgeschäften! Auch der Fürst trägt Schlafröcke und setzt eine Nachtmütze
auf, wenn er, beinahe erdrückt von der Last des Regierens, sich zur Ruhe begibt,
wovon freilich Friedrich der Grosse, König von Preussen, eine Ausnahme machte,
der, wie es Ihnen als einer belesenen Frau bekannt sein wird, auch im Bette
einen Filzhut aufsetzte. Nun, ich meine, dass auch der Fürst immer zuviel von dem
in sich trägt, was - nun! was eben, wie die Leute sagen, das sogenannte
bürgerliche Verhältnis, Ehe, Vaterfreuden u.s.w. begründet, um sich diesen
Gefühlen ganz zu entschlagen, und es ist mindestens pardonnabel, wenn er sich
ihnen überlässt in Augenblicken, da der Staat, die Vorsorge für den gehörigen
Anstand am Hofe und im Lande nicht sein ganzes Selbst in Anspruch nimmt. - Gute
Benzon! solche Augenblicke sind die jetzigen; fertig liegen sieben
Unterschriften in meinem Kabinett, und nun lassen Sie mich den Fürsten ganz
vergessen, lassen Sie mich hier beim Tee ganz Hausvater sein, der deutsche
Hausvater vom Freiherrn von Gemmingen. Lassen Sie mich von meinen - ja von
meinen Kindern reden, die mir solchen Kummer verursachen, dass ich oft in eine
ganze unschickliche Gemütsunruhe verfalle.« - »Von Ihren,« sprach die Benzon mit
spitzem Ton, »von Ihren Kindern soll die Rede sein, gnädigster Herr? Das heisst
also von dem Prinzen Ignaz und von der Prinzessin Hedwiga! - Sprechen Sie,
gnädigster Herr, sprechen Sie, vielleicht kann ich Rat und Trost geben wie
Meister Abraham.« - »Ja«, sprach der Fürst weiter, »ja, Rat und Trost, der
möchte mir manchmal vonnöten sein. - Sehn Sie, gute Benzon, was zuerst den
Prinzen betrifft, so bedurfte er freilich nicht besonderer Geistesgaben, die die
Natur denjenigen zuzuteilen pflegt, die sonst ihres Standes halber obskur und
fühllos bleiben würden, aber etwas mehr Esprit wäre ihm doch zu wünschen, er ist
und bleibt ein - Simple! - Sehn Sie nur, da sitzt er und baumelt mit den Füssen
und spielt eine falsche Karte aus nach der andern und kichert und lacht wie ein
Knabe von sieben Jahren! - Benzon! entre nous soit dit, nicht die Kunst des
Schreibens, insofern sie ihm nötig, ist ihm beizubringen; sein fürstlicher Name
sieht aus wie eine Eulenkralle. Ewige Barmherzigkeit, was soll daraus werden!
Neulich wurde ich in meinen Geschäften gestört durch ein abscheuliches Gebelle
vor meinem Fenster, ich schaue heraus, um den unangenehmen Spitz fortjagen zu
lassen, und was muss ich erblicken! Sollten Sie es glauben, gute Frau! Es ist der
Prinz, der wie wahnsinnig laut bellend hinter dem Gärtnerburschen herspringt! -
Sie spielen mitsammen Hase und Hund! - Ist wohl nur einiger Verstand darin, sind
das fürstliche Passionen? - Kann der Prinz wohl jemals zu der geringsten
Selbständigkeit kommen?«
    »Darum,« erwiderte die Benzon, »darum ist es nötig, dass der Prinz alsbald
vermählt werde und eine Gemahlin erhalte, deren Anmut, deren Liebreiz, deren
klarer Verstand seine schlafenden Sinne weckt, und die gutmütig genug ist, sich
ganz zu ihm hinabzuneigen, um ihn dann allmählich zu sich heraufzuziehen. Diese
Eigenschaften sind dem weiblichen Wesen, das dem Prinzen angehören soll,
unerlässlich, um ihn aus einem Seelenzustande zu retten, der, mit Schmerz spreche
ich es aus, gnädigster Herr, zuletzt in wirklichen Wahnsinn ausarten kann. Eben
daher dürfen auch nur diese seltenen Eigenschaften entscheiden und der Stand
nicht in allzustrengen Betracht kommen.«
    »Niemals,« sprach der Fürst, indem er die Stirne runzelte, »niemals gab es
Mesalliancen in unserm Hause, lassen Sie ab von einem Gedanken, den ich nicht
billigen kann. Immer war und bin ich noch bereit, sonst Ihre Wünsche zu
erfüllen!« -
    »Dass,« erwiderte die Benzon mit scharfem Ton, »dass ich nicht wüsste,
gnädigster Herr! - Wie oft mussten gerechte Wünsche schweigen chimärischer
Rücksichten halber. Aber es gibt Ansprüche, die aller Verhältnisse spotten.« -
    »Laissons cela,« unterbrach der Fürst die Benzon, indem er sich ausräusperte
und Tabak nahm. Nach einigen Augenblicken des Stillschweigens fuhr er fort:
»Noch mehr Kummer als der Prinz macht mir die Prinzessin. Sagen Sie, Benzon, wie
war es möglich, dass uns eine Tochter von dieser seltsamen Gemütsart, noch mehr
von dieser absonderlichen Krankhaftigkeit, die selbst den Leibarzt in
Verlegenheit setzt, geboren werden konnte? Hat sich die Fürstin nicht immer
einer blühenden Gesundheit erfreut, hat sie zu mystischen Nervenzufällen
inkliniert? Bin ich selbst nicht, was Leib und Seele betrifft, ein robuster
Fürst gewesen? Wie kommen wir zu dem Kinde, das, gestehen muss ich es zu meinem
bittern Leidwesen, mir oft - ganz verrückt erscheint, alles fürstlichen
Anstandes los und ledig?« - »Auch mir,« erwiderte die Benzon, »auch mir ist der
Organismus der Prinzessin unbegreiflich. - Die Mutter ist sich immer klar,
verständig, von jeder zu heftigen verderblichen Leidenschaftlichkeit frei
gewesen.« - Die letzten Worte sprach die Benzon dumpf und leise vor sich hin,
indem sie den Blick niedersenkte. »Sie meinen die Fürstin?« fragte der Fürst mit
Akzent, da es ihm nicht anständig schien, dass dem Worte: Mutter nicht das
Prädikat: Fürstin hinzugefügt.
    »Wen sonst,« erwiderte die Benzon gespannt, »wen sonst sollte ich meinen?«
    »Hat,« sprach der Fürst weiter, »hat mich nicht der letzte fatale Zufall der
Prinzessin um den Erfolg meiner Bemühungen und die Freude ihrer baldigen
Vermählung, meinen Wünschen gemäss, gebracht? - Denn, gute Benzon, entre nous
soit dit, der Prinzessin plötzliche Katalepsie, die ich bloss einer starken
Erkältung zuschreibe, war wohl lediglich schuld an der plötzlichen Abreise des
Prinzen Hektor. - Er will abbrechen, und - juste ciel! selbst muss ich es
gestehen, ich kann es ihm nicht ganz verdenken, so dass, verböte nicht ohnehin
der Anstand jede weitre Annäherung, schon dieses mich, den Fürsten, abhalten
müsste, jetzt noch Schritte zu tun zur Erfüllung eines Wunsches, den ich freilich
sehr ungern und nur notgedrungen aufgebe. Recht werden Sie mir nämlich geben,
geliebte Frau, dass es immer etwas Ängstliches hat mit einer Gemahlin, die
solchen wunderlichen Zufällen unterworfen. Kann eine solche fürstliche und
zugleich kataleptische Gemahlin nicht mitten in der glänzendsten Cour davon
erfasst werden, automatisch dastehen und sämtliche würdige Anwesende zwingen, es
ihr nachzutun und regungslos zu bleiben? - Freilich kann man wohl auch eine von
einer allgemeinen Katalepsie befallene Cour sich als die feierlichste und
erhabenste denken, die es in der Welt nur geben mag, da die leiseste Verletzung
der nötigen Würde auch dem Leichtsinnigsten unmöglich. Doch ein Gefühl, das mich
eben in solchen hausväterlichen Augenblicken, wie die jetzigen hier beim Spiel,
befällt, lässt es mich bemerken, dass ein solcher Zustand der Braut dem
fürstlichen Bräutigam einiges fröstelndes Grauen erregen kann, und darum -
Benzon! Sie sind eine liebenswürdige, verständige Frau, fänden Sie vielleicht
eine Möglichkeit, die Sache mit dem Prinzen zu redressieren, irgendein Mittel -«
    »Es bedarf,« unterbrach die Benzon lebhaft den Fürsten, »es bedarf dessen
gar nicht, gnädigster Herr! Nicht der Prinzessin Krankheit trieb den Prinzen so
schnell fort, ein anderes Geheimnis ist hier im Spiele, und in dieses Geheimnis
ist der Kapellmeister Kreisler verflochten.«
    »Wie,« rief der Fürst voll Erstaunen, »wie, was sagen Sie, Benzon? der
Kapellmeister Kreisler? So sollte es doch wahr sein, dass er -«
    »Ja,« sprach die Rätin weiter, »ja, gnädigster Herr, ein Zwiespalt zwischen
ihm und dem Prinzen Hektor, der vielleicht geschlichtet werden sollte auf zu
heroische Weise, war es, der den Prinzen entfernte.« -
    »Zwiespalt,« unterbrach der Fürst die Benzon, »Zwiespalt - geschlichtet -
heroische Weise! - Der Schuss im Park - der blutige Hut! - Benzon! es ist ja
unmöglich - der Prinz - der Kapellmeister! - ein Duell - ein Renkontre, beides
ist ja undenkbar!« -
    »So viel,« fuhr die Benzon fort, »so viel, gnädigster Herr, ist gewiss, dass
Kreisler auf der Prinzessin Gemüt nur zu mächtig einwirkte, dass jene seltsame
Angst, ja, jenes Entsetzen, das sie erst empfand in Kreislers Gegenwart, sich
gestalten wollte zur verderblichen Leidenschaft. Möglich, dass der Prinz scharf
genug sah, dies zu gewahren, dass er in Kreisler, der ihm von Anfang an
entgegentrat mit feindlicher verhöhnender Ironie, einen Widersacher fand, den er
sich vom Halse schaffen zu müssen glaubte, und dass hieraus sich eine Tat
erzeugte, die freilich nur dem blutigen Hass des gekränkten Ehrgefühls, der
Eifersucht verziehen werden darf, und die, Dank sei der ewigen Macht, nicht
gelang. Ich gestehe, dass dies alles die schnelle Abreise des Prinzen nicht
erklärt, und dass, wie gesagt, noch ein dunkles Geheimnis waltet. Der Prinz floh,
wie mir Julia erzählt, entsetzt vor einem Bilde, das Kreisler bei sich trug und
ihm vorzeigte. - Nun, mag dem sein, wie ihm wolle, Kreisler ist fort, und der
Prinzessin Krisis ist vorüber! - Glauben Sie mir, gnädigster Herr, blieb
Kreisler, so flammte die heftigste Leidenschaft für ihn auf in der Prinzessin
Brust, und sie wäre lieber gestorben, als dass sie dem Prinzen ihre Hand gegeben
hätte. Alles hat sich jetzt anders gestaltet, bald kehrt Prinz Hektor zurück,
und die Vermählung mit der Prinzessin endigt alle Besorgnisse.«
    »Sehn Sie,« rief der Fürst zornig, »sehn Sie, Benzon, die Insolenz des
schnöden Musikanten! - In ihn will die Prinzessin sich verlieben, seinetwegen
die Hand des liebenswürdigsten Prinzen ausschlagen! - Ah le coquin! - Nun
verstehe ich Euch, Meister Abraham, erst ganz! - Ihr sollt mir den fatalen
Menschen vom Halse schaffen, dass er niemals wiederkehrt.« -
    »Jede,« sprach die Rätin, »jede Massregel, die der weise Meister Abraham
deshalb etwa vorschlagen dürfte, würde überflüssig sein, da das Erforderliche
deshalb schon geschehen ist. Kreisler befindet sich in der Abtei Kanzheim, und
wie mir der Abt Chrysostomus schreibt, wird er wahrscheinlich sich entschliessen,
der Welt zu entsagen und in den Orden zu treten. Die Prinzessin hat dies schon
erfahren von mir zur günstigen Stunde, und dass ich dabei keine sonderliche
Gemütsbewegung der Prinzessin gewahrte, bürgt mir dafür, dass die bedrohliche
Krisis, wie gesagt, schon vorüber.«
    »Herrliche,« nahm der Fürst das Wort, »herrliche, liebenswürdige Frau!
welches Attachement beweisen Sie mir und meinen Kindern! Wie sorgen Sie für das
Wohl, für das Beste meines Hauses!«
    »Wirklich,« sprach die Benzon mit bittrem Ton, »wirklich? - tue ich das?
Konnte, durfte ich immer für das Wohl Ihrer Kinder sorgen?«
    Die Benzon legte auf die letzten Worte einen besonderen Nachdruck, der Fürst
sah schweigend vor sich nieder und spielte mit den Daumen der zusammengefalteten
Hände. Endlich murmelte er leise: »Angela! - noch immer keine Spur? - ganz
verschwunden?«
    »So ist es,« erwiderte die Benzon, »und ich fürchte, dass das unglückliche
Kind das Opfer irgendeiner Schändlichkeit geworden ist. Man wollte sie in
Venedig gesehen haben, aber gewiss war dies ein Irrtum. - Gestehen Sie es,
gnädigster Herr, es war grausam - entsetzlich, dass Sie Ihr Kind von der Brust
der Mutter reissen liessen, es in ein trostloses Exil verbannten! - Diese Wunde,
die mir Ihre Strenge schlug, werde ich niemals verschmerzen!«
    »Benzon,« sprach der Fürst, »habe ich Ihnen, dem Kinde nicht ein
ansehnliches Jahrgehalt ausgesetzt? - konnte ich mehr tun? Musste ich nicht,
blieb Angela bei uns, jeden Augenblick befürchten, dass unsere foiblesses
verraten werden und auf unangenehme Weise die anständige Ruhe unseres Hofes
zerstören konnten? - Sie kennen die Fürstin, gute Benzon! Sie wissen, dass sie
manchmal besondere Grillen hat.« -
    »Also,« nahm die Benzon das Wort, »also Geld, ein Jahrgehalt soll die Mutter
entschädigen für allen Schmerz, für alle Trauer, für alle bittre Klage um das
verlorene Kind? - In der Tat, gnädigster Herr! es gibt eine andere Art, für sein
Kind zu sorgen, die die Mutter besser zufriedenstellt als alles Gold!« -
    Die Benzon sprach diese Worte mit einem Blick, mit einem Ton, der den
Fürsten in einige Verlegenheit setzte.
    »Vortreffliche Frau,« begann er betreten, »warum diese seltsame Gedanken! -
Glauben Sie denn nicht, dass mir ebenfalls das spurlose Verschwinden unserer
lieben Angela sehr unangenehm, sehr fatal ist? Es muss ein artiges schönes
Mägdlein geworden sein, da es von hübschen scharmanten Eltern geboren.« Aufs
neue küsste der Fürst der Benzon sehr zärtlich die Hand, die sie aber schnell
wegzog und mit funkelndem durchbohrendem Blick dem Fürsten ins Ohr flüsterte:
»Gestehen Sie es, gnädigster Herr, Sie waren ungerecht, grausam, als Sie darauf
bestanden, dass das Kind entfernt werden müsse. Ist es nicht Ihre Pflicht, den
Wunsch nicht zurückzuweisen, dessen Erfüllung ich, gutmütig genug, wirklich für
einigen Ersatz all meines Leids ansehen will?« - »Benzon,« erwiderte der Fürst
noch kleinlauter als zuvor, »gute herrliche Benzon, kann denn unsere Angela
nicht wiedergefunden werden? Ich will Heroisches tun für Ihre Wünsche, teure
Frau! Ich will mich dem Meister Abraham anvertrauen, mich mit ihm beraten. - Es
ist ein vernünftiger erfahrner Mann, vielleicht kann er helfen.«
    »O,« unterbrach die Benzon den Fürsten, »o des weisen Meisters Abraham!
Glauben Sie denn, gnädigster Herr, dass Meister Abraham wirklich aufgelegt ist,
für Sie etwas zu unternehmen, dass er Ihnen, Ihrem Hause getreulich anhängt? Und
wie sollte er imstande sein, etwas herauszubringen über Angelas Schicksal,
nachdem in Venedig, in Florenz alle Nachforschungen vergeblich geblieben sind
und, was das Schlimmste ist, ihm jenes geheimnisvolle Mittel geraubt wurde,
dessen er sich sonst bediente, um das Unbekannte zu erforschen.«
    »Sie,« sprach der Fürst, »Sie meinen sein Weib, die böse Zauberin Chiara.«
    »Sehr,« erwiderte die Benzon, »sehr fraglich möchte es sein, ob die
vielleicht nur inspirierte, mit höhren wunderbaren Kräften begabte Frau diesen
Namen verdient. Auf jeden Fall war es ungerecht, unmenschlich, dem Meister das
geliebte Wesen zu rauben, an dem er hing mit ganzer Seele, ja, die ganz ein Teil
seines Ichs war.«
    »Benzon,« rief der Fürst ganz erschrocken, »Benzon, ich verstehe Sie heute
nicht! - Mir schwindelt's im Kopfe! Waren Sie selbst nicht dafür, dass das
bedrohliche Geschöpf, vermöge dessen der Meister bald alle unsere Verhältnisse
beherrschen konnte, entfernt werden möchte? Billigten Sie nicht selbst mein
Schreiben an den Grossherzog, in dem ich vorstellte, dass, da jede Zauberei im
Lande längst verboten, Personen, die in dieser Art beeigenschaftet, ihr Wesen
trieben, nicht geduldet werden dürften und sicherheitshalber ein wenig
eingesperrt werden müssten? Geschah es nicht aus purer Schonung gegen den Meister
Abraham, dass der mysteriösen Chiara nicht der offne Prozess gemacht, sondern dass
sie in aller Stille aufgegriffen und fortgeschaft wurde, wohin weiss ich nicht
einmal, da ich mich darum nicht weiter bekümmert? - Welch ein Vorwurf kann mich
hier treffen?«
    »Verzeihung,« erwiderte die Benzon, »Verzeihung, gnädigster Herr, aber es
ist doch in der Tat der Vorwurf des wenigstens übereilten Verfahrens, der Sie
wohl mit Recht trifft. - Aber! - erfahren Sie es, gnädigster Herr! Meister
Abraham ist davon unterrichtet, dass seine Chiara weggeschafft wurde auf Ihren
Anlass. Er ist still, er ist freundlich, aber glauben Sie nicht, Gnädigster Herr,
dass Hass und Rache brütet in seinem Innern gegen den, der ihm sein Liebstes
raubte auf Erden? Und diesem Mann wollen Sie vertrauen, wollen ihm Ihr Inneres
erschliessen?« - »Benzon,« sprach der Fürst, indem er sich die Schweisstropfen von
der Stirne wegtrocknete, »Benzon! Sie alterieren mich sehr - ganz
unbeschreiblich, möcht' ich sagen! - Barmherziger! kann ein Fürst so aus der
Kontenance gebracht werden? Muss, beim Teufel - Gott, ich glaube gar, ich fluche
wie ein Dragoner hier beim Tee! - Benzon! warum sprachen Sie nicht früher! - Er
weiss schon alles! - Im Fischerhäuschen, gerade als ich ganz ausser mir war über
der Prinzessin Zustand, da floss mir das Herz, der Mund über. - Ich sprach von
Angela, entdeckte ihm - Benzon, schrecklich ist es! - j'étois un - Esel! - Voilà
tout!«
    »Und er erwiderte?« So fragte die Benzon gespannt.
    »Beinahe,« sprach der Fürst weiter, »beinahe ist es mir so, als habe der
Meister Abraham zuerst angefangen, von unserem früheren Attachement zu sprechen,
und wie ich ein glücklicher Vater sein können, statt dass ich nun ein
malheureuser sei. - So viel ist aber richtig, dass, als ich meine Beichte
geendet, er lächelnd erklärte, wie er schon längst alles wisse und hoffe, dass
sich vielleicht in ganzer kurzer Zeit aufklären werde, wo Angela geblieben. -
Mancher Trug würde dann vernichtet werden, manche Täuschung zerrinnen.«
    »Das,« sprach die Benzon mit bebenden Lippen, »das sagte der Meister?«
    »Sur mon honneur,« erwiderte der Fürst, »das sprach er. - Tausend sapperment
- pardonnieren Sie, Benzon, aber ich bin im Zorn - wenn der Alte es mir
nachtragen sollte? - Benzon, que faire?«
    Beide, der Fürst und die Benzon, starrten sich sprachlos an.
»Durchlauchtigster Herr,« lispelte leise ein Kammerlakei, indem er dem Fürsten
Tee präsentierte. »Bête!« schrie aber der Fürst, im hastigen Aufspringen dem
Lakei Präsentierteller samt der Tasse aus den Händen schleudernd; alles fuhr
entsetzt von den Spieltischen in die Höhe, das Spiel war geendet, der Fürst,
sich mit Macht bezwingend, lächelte ein freundliches »Adieu« den Erschrockenen
zu und begab sich mit der Fürstin in die inneren Gemächer. Auf jedem Gesicht las
man aber ganz deutlich: »Gott, was ist das, was bedeutet das? - Der Fürst
spielte nicht, sprach so lange, so ungelegentlich mit der Rätin und geriet dann
in solch entsetzlichen Zorn!« -
    Unmöglich konnte die Benzon auch nur entfernt ahnen, was sie in ihrer
Wohnung, die in einem Seitengebäude dicht neben dem Schloss belegen, für ein
Auftritt erwartete. - Kaum eingetreten, stürzte ihr nämlich ganz ausser sich
Julia entgegen und - Doch! gegenwärtiger Biograph ist sehr zufrieden, dass er
diesmal das, was sich mit Julia während des fürstlichen Tees begeben, viel
besser und deutlicher zu erzählen vermag als manches andere Faktum der bis jetzt
wenigstens etwas verworrenen Geschichte! - Also! - Wir wissen, dass Julien
erlaubt wurde, früher nach Hause zurückzukehren. Ein Leibjäger leuchtete ihr mit
einer Fackel vor. Kaum waren sie aber einige Schritte von dem Schloss entfernt,
als der Leibjäger plötzlich stillstand und die Fackel hoch emporhob. »Was gibt
es?« fragte Julia. »Ei,« erwiderte der Leibjäger, »ei, Fräulein Julia, haben Sie
wohl die Gestalt bemerkt, die dort vor uns so schnell fortuschte? Ich weiss gar
nicht, was ich davon denken soll, seit mehreren Abend schleicht hier ein Mensch
umher, der bei seiner Heimlichkeit was Böses im Schilde führen muss. Wir haben
ihm schon nachgestellt auf alle nur mögliche Weise, aber er entwischt uns unter
den Händen, ja, er wird vor unsern Augen unsichtbar wie ein Gespenst oder wie
der Gottseibeiuns selbst.«
    Julia dachte an die Erscheinung im Giebelfenster des Pavillons und fühlte
sich von unheimlichen Schauern durchbebt. »Fort, ach nur schnell fort,« rief sie
dem Jäger zu, der meinte aber lachend, das liebe Fräulein möge sich nur nicht
fürchten, denn ehe ihr etwas geschehe, müsse ihm erst das Gespenst den Hals
umdrehen, überdem habe aber wohl das unbekannte Ding, was sich in der Gegend des
Schlosses blicken lasse, Fleisch und Bein wie andere ehrliche Leute und sei ein
furchtsamer lichtscheuer Hase.
    Julia schickte ihr Mädchen, das über Kopfschmerz und Fieberfrost klagte, zu
Bette und legte ohne ihre Beihilfe die Nachtkleider an.
    Nun, als sie einsam auf ihrem Zimmer, ging noch einmal alles in ihrer Seele
auf, was Hedwiga in einem Zustande zu ihr gesprochen, den sie nur krankhafter
Überspannung zuschreiben wollte. Und doch war es gewiss, dass eben jene krankhafte
Überspannung nur eine psychische Ursache haben konnte. - Mädchen von solch
unbefangenem reinem Gemüt, wie Julia, erraten in derlei intrikaten Fällen wohl
selten das Richtige. So glaubte auch Julia, als sie sich alles nochmals in den
Sinn gerufen, nichts anderes, als dass Hedwiga von jener entsetzlichen
Leidenschaft ergriffen, die sie selbst ihr so furchtbar, als die Ahnung davon in
ihrer eignen Seele lag, geschildert, und dass Prinz Hektor der Mann sei, dem sie
ihr eignes Selbst geopfert. - Nun, schloss sie ferner, sei, der Himmel wisse wie,
der Wahn in Hedwiga aufgestiegen, dass der Prinz in anderer Liebe befangen, und
habe sie gequält wie ein fürchterliches, rastlos sie verfolgendes Gespenst, so
dass daraus sich die heillose Zerrüttung im Innern erzeugt. »Ach,« sprach Julia
zu sich selbst, »ach, du gute liebe Hedwiga, kehrte Prinz Hektor zurück, wie
bald würdest du dich überzeugen, dass du von deiner Freundin nichts zu
befürchten!« - Doch in dem Augenblick, als Julia diese Worte sprach, trat der
Gedanke, dass der Prinz sie liebe, so aus dem Innersten hervor, dass sie vor
seiner Macht und Lebendigkeit erschrak, dass sie sich von unnennbarer Angst
erfasst fühlte, es könne doch wahr, was die Prinzessin glaube, und ihr Verderben
gewiss sein. Jener seltsame fremdartige Eindruck, den des Prinzen Blick, sein
ganzes Wesen auf sie gemacht, kam ihr wieder zu Sinn, jenes Entsetzen durchbebte
aufs neue ihre Glieder. Sie gedachte jenes Moments auf der Brücke, als der
Prinz, sie umschlingend, den Schwan fütterte, all der verfänglichen Worte, die
er damals sprach, und die, so harmlos ihr damals alles vorgekommen, ihr jetzt
von tieferer Bedeutung schienen. Aber auch des verhängnisvollen Traums gedachte
sie, als sie sich von eisernen Armen fest umschlungen gefühlt und es der Prinz
gewesen, der sie festgehalten, als sie dann erwacht, den Kapellmeister im Garten
erblickt und sein ganzes Wesen ihr klar geworden und sie daran geglaubt, dass er
sie schützen werde vor dem Prinzen.
    »Nein,« rief Julia laut, »nein, es ist nicht so, es kann dem nicht so sein,
es ist nicht möglich! Es ist der böse Geist der Hölle selbst, der diese
sündhaften Zweifel in mir Ärmsten aufregt! - Nein, er soll nicht Macht haben
über mich!« -
    Mit dem Gedanken an den Prinzen, an jene gefahrvollen Augenblicke regte sich
in Julias tiefer Brust eine Empfindung, deren Bedrohlichkeit nur daran zu
erkennen, dass sie die Scham weckte, die das wallende Blut ihr in die Wangen,
heisse Tränen ihr in die Augen trieb. Wohl der holden frommen Julia, dass sie
Kraft genug besass, den bösen Geist zu beschwören, ihm keinen Raum zu verstatten,
in dem er fest fussen können. Es ist hier noch wiederholt zu bemerken, dass Prinz
Hektor der schönste liebenswürdigste Mann war, den man nur sehen konnte, dass
seine Kunst zu gefallen auf die tiefe Weiberkenntnis gegründet war, die ihm das
Leben voll glücklicher Abenteuer erworben, und dass eben ein junges unbefangenes
Mädchen wohl erschrecken machte vor der siegenden Kraft seines Blicks, seines
ganzen Wesens.
    »O Johannes,« sprach sie sanft, »du guter herrlicher Mann, kann ich denn
nicht bei dir den Schutz suchen, den du mir versprochen? Kannst du nicht selbst
zu mir tröstend reden mit den Himmelstönen, die recht widerhallen in meiner
Brust?« -
    Damit öffnete Julia das Pianoforte und begann die Kompositionen Kreislers,
die ihr die liebsten waren, zu spielen und zu singen. In der Tat fühlte sie sich
bald getröstet, erheitert, der Gesang trug sie fort in eine andere, es gab
keinen Prinzen, ja keine Hedwiga mehr, deren krankhafte Phantome sie verstören
durften!
    »- Nun noch meine liebste Kanzonetta! -« So sprach Julia und begann das von
so vielen Komponisten gesetzte: »Mi lagnero tacendo etc.« In der Tat war
Kreislern dieses Lied vor allen übrigen gelungen. Der süsse Schmerz der
brünstigsten Liebessehnsucht war darin in einfacher Melodie mit einer Wahrheit,
mit einer Stärke ausgedrückt, die jedes fühlende Gemüt unwiderstehlich ergreifen
musste. Julia hatte geendet, in das Andenken an Kreisler ganz und gar versunken,
schlug sie noch einzelne Akkorde an, die ein Echo schienen ihrer innern Gefühle.
Da ging die Türe auf, sie schaute hin, und ehe sie sich vom Sitz erheben konnte,
lag Prinz Hektor ihr zu Füssen und hielt sie fest, beide Hände erfassend. Laut
schrie sie auf vor jähem Schreck, doch der Prinz beschwor sie bei der Jungfrau
und allen Heiligen, ruhig zu sein, ihm nur zwei Minuten den Himmel ihres
Anblicks, ihres Worts zu gönnen. Mit Ausdrücken, wie sie nur die Raserei der
heftigsten Leidenschaft einzugeben vermag, sagte er ihr dann, dass er nur sie,
nur sie anbete, dass der Gedanke der Vermählung mit Hedwiga ihm schrecklich,
todbringend sei. Dass er deshalb fliehen wollen, doch bald, von der Macht einer
Leidenschaft, die erst mit seinem Tode enden könne, getrieben, zurückgekehrt
sei, nur um Julien zu sehen, zu sprechen, ihr zu sagen, dass nur sie allein sein
Leben, sein alles sei! -
    »Fort,« rief Julia in trostloser Herzensangst, »fort - Sie töten mich,
Prinz!«
    »Nimmermehr,« schrie der Prinz, indem er in Liebeswut Julias Hände an die
Lippen drückte, »nimmermehr, der Moment ist da, der Leben über mich bringt oder
Tod! - Julia! Kind des Himmels! Kannst du mich, kannst du den verwerfen, dessen
ganzes Sein, dessen Seligkeit du bist? - Nein, du liebst mich, Julia, ich weiss
es, so sprich es aus, dass du mich liebst, und alle Himmel überschwenglichen
Entzückens sind mir geöffnet!«
    Damit umschlang der Prinz die vor Entsetzen und Angst halb ohnmächtige Julia
und drückte sie heftig an seine Brust.
    »Weh mir,« rief sie mit halberstickter Stimme, »weh mir - erbarmt sich
niemand meiner?«
    Da erhellte Fackelglanz die Fenster, und mehrere Stimmen liessen sich vor der
Türe hören. Julia fühlte einen glühenden Kuss auf den Lippen brennen, und schnell
war der Prinz entflohen.
    Also - ganz ausser sich, stürzte, wie gesagt, Julia der eintretenden Mutter
entgegen, und mit Entsetzen vernahm diese, was sich begeben. Sie begann damit,
die arme Julia zu trösten, wie sie nur vermochte, ihr zu versichern, dass sie den
Prinzen zu seiner Scham aus dem Versteck, in dem er sich befinden müsse,
hervorziehen werde.
    »O,« sprach Julia, »o, tue das nicht Mutter, ich muss vergehen, wenn der
Fürst, wenn Hedwiga erfährt -« Sie fiel schluchzend an der Mutter Brust, ihr
Antlitz verbergend.
    »Du hast recht,« erwiderte die Rätin, »du hast recht, mein liebes gutes
Kind, niemand darf zurzeit wissen, ahnen, dass der Prinz sich hier befindet, dass
er dir nachstellt, du liebe fromme Julia! - Die im Komplott sind, müssen
schweigen. Denn dass es deren gibt, die im Bunde sind mit dem Prinzen, hat nicht
den mindesten Zweifel, da er sonst ebensowenig unbemerkt hier in Sieghartshof
sich hätte aufhalten, als in unsre Wohnung schleichen können. - Unbegreiflich
ist es mir, wie es dem Prinzen möglich wurde, aus dem Hause zu entfliehen, ohne
mir und Friedrich, der mir vorleuchtete, zu begegnen! Den alten Georg fanden wir
im tiefen unnatürlichen Schlaf, aber wo ist Nanny?« - »Weh mir,« lispelte Julia,
»weh mir, dass sie krank war und ich sie fortschicken musste.«
    »Vielleicht,« sprach die Benzon, »vielleicht kann ich ihr Arzt sein«, und
stiess rasch die Türe des Nebenzimmers auf. Da stand die kranke Nanny völlig
angekleidet; sie hatte gelauscht und sank nun vor Schreck und Furcht nieder, der
Benzon zu Füssen.
    Wenige Fragen der Benzon reichten hin, um zu erfahren, dass der Prinz durch
den alten, für so treu gehaltenen Kastellan -
    (M. f. f.) - musst' ich erfahren! - Muzius, mein treuer Freund, mein herziger
Bruder war an den Folgen der bösen Verwundung am Hinterbeine Todes verblichen. -
Die Trauerpost traf mich sehr hart, nun erst fühlte ich, was mir Muzius gewesen!
- In künftiger Nacht sollte, wie mir Puff sagte, in dem Keller desselben Hauses,
wo der Meister wohnte, und wo man die Leiche hingeschaft, die Totenfeier
gehalten werden. Ich versprach, mich nicht allein zu gehöriger Zeit einzufinden,
sondern auch für Speise und Trank zu sorgen, damit nach alter edler Sitte auch
das Trauermahl gehalten werden könne. Ich besorgte dies auch wirklich, indem ich
den Tag über nach und nach meinen reichlichen Vorrat an Fischen, Hühnerknochen
und Gemüse hinabtrug. - Für Leser, die alles gern auf das genaueste erklärt
haben und daher auch wohl wissen möchten, wie ich es angefangen, das Getränk
hinab zu transportieren, bemerke ich, dass ohne weiteres Mühen mir eine
freundliche Hausmagd dazu verhalf. Die Hausmagd, welche ich gar oft im Keller zu
treffen und auch wohl in ihrer Küche zu besuchen pflegte, schien meinem
Geschlecht und insonderheit mir ganz vorzüglich gewogen, so dass wir uns nie
sahen, ohne auf anmutige Weise miteinander zu spielen. Sie reichte mir manchen
Bissen, der eigentlich schlechter war, als wie ich ihn von meinem Meister
empfing, den ich aber doch verzehrte und dabei tat, als wenn er mir ganz
vorzüglich schmeckte, aus purer Galanterie. So was rührt wohl das Herz einer
Hausmagd, und sie tat, worauf es eigentlich abgesehen war. Ich sprang ihr
nämlich auf den Schoss, und sie kratzte mir so lieblich Kopf und Ohren, dass ich
ganz Wonne und Seligkeit war und an die Hand mich gar sehr gewöhnte, die
»Wachtags ihren Besen führt und Sonntags denn am besten karessiert!« - An diese
freundliche Person wandte ich mich nun in dem Augenblick, als sie aus dem
Keller, in dem ich mich gerade befand, einen grossen Topf voll süsser Milch
herauftragen wollte, und äusserte auf ihr verständliche Weise den lebhaften
Wunsch, die Milch für mich zu behalten. »Närrischer Murr,« sprach das Mädchen,
die ebensogut wie alle übrigen Leute im Hause, ja wie die ganze Nachbarschaft
meinen Namen wusste, »närrischer Murr, du willst gewiss die Milch nicht für dich
allein, du willst gewiss traktieren! Nun, behalt nur die Milch, kleiner
Graukittel, ich muss oben schon für andere sorgen!« Damit setzte sie den Topf mit
Milch auf den Boden nieder, streichelte mir, der ich in den zierlichsten
Purzelbäumen meine Freude und meinen Dank zu erkennen gab, noch was weniges den
Rücken und stieg denn die Kellertreppe hinauf. - Merke dir, o Katerjüngling,
hiebei, dass die Bekanntschaft, ja ein gewisses sentimentell gemütliches
Verhältnis mit einer freundlichen Köchin für junge Leute unseres Standes und
Geschlechts ebenso angenehm ist als erspriesslich.
    Um die Mitternachtsstunde begab ich mich hinab in den Keller. Trauriger,
herzzerreissender Anblick! Da lag in der Mitte auf einem Katafalk, der freilich,
dem einfachen Sinn, den der Verstorbene stets in sich trug, gemäss, nur in einem
Bündel Stroh bestand, die Leiche des teuren geliebten Freundes! - Alle Kater
waren schon versammelt, wir drückten uns, keines Wortes mächtig, die Pfoten,
setzten uns, heisse Tränen in den Augen, in einen Kreis rings um den Katafalk
umher und stimmten einen Klagegesang an, dessen die Brust durchschneidende Töne
furchtbar in den Kellergewölben widerhallten. Es war der trostloseste,
entsetzlichste Jammer, der jemals gehört worden, kein menschliches Organ vermag
ihn herauszubringen.
    Nachdem der Gesang geendet, trat ein sehr hübscher, anständig in Weiss und
Schwarz gekleideter Jüngling aus dem Kreise, stellte sich an das Kopfende der
Leiche und hielt nachfolgende Standrede, welche er mir, unerachtet er sie aus
dem Stegreif gesprochen, schriftlich mitteilte.
                                   TRAUERREDE
                am Grabe des zu früh verblichenen Katers Muzius,
                         der Phil. und Gesch. Befliss.,
                 gehalten von seinem treuen Freunde und Bruder,
                              dem Kater Hinzmann,
                         der Poes. und Bereds. Befliss.
                    »Teure in Betrübnis versammelte Brüder!
                          Wackre hochherzige Bursche!
Was ist der Kater! - ein gebrechliches vergängliches Ding, wie alles, was
geboren auf Erden! - Ist es wahr, was die berühmtesten Ärzte und Physiologen
behaupten, dass der Tod, dem alle Kreatur unterworfen, hauptsächlich in dem
gänzlichen Aufhören alles Atmens bestehe, o, so ist unser biedere Freund, unser
wackere Bruder, dieser treue tapfere Genosse in Freud und Leid, o, so ist unser
edle Muzius gewiss tot! - Seht, da liegt der Edle auf dem kalten Stroh und hat
alle Viere von sich gestreckt! - Nicht der leiseste Atemzug stiehlt sich durch
die auf ewig geschlossenen Lippen! Eingefallen sind die Augen, die sonst bald
sanftes Liebesfeuer, bald vernichtenden Zorn strahlten in grüngleissendem Gold!
Totenblässe überzieht das Antlitz, schlaff hängen die Ohren, hängt der Schweif
herab! - O Bruder Muzius, wo sind nun deine lustigen Sprünge, wo ist deine
Heiterkeit, deine gute Laune, dein klares fröhliches Miau! das alle Herzen
erfreute, dein Mut, deine Standhaftigkeit, deine Klugheit, dein Witz? - Alles,
alles hat dir der bittre Tod geraubt, und du weisst vielleicht nun nicht einmal
genau, ob du gelebt hast? - Und doch warst du die Gesundheit, die Kraft selbst,
gerüstet gegen alles körperliche Weh, als solltest du ewig leben! Kein Rädchen
des Uhrwerks, das dein Inneres trieb, war ja auch schadhaft, und der Todesengel
hatte sein Schwert nicht über dein Haupt geschwungen, weil das Räderwerk
abgelaufen und nicht mehr wieder aufgezogen werden konnte. - Nein! ein
feindliches Prinzip griff gewaltsam hinein in den Organismus und zerstörte
frevelnd, was noch lange hätte bestehen können. - Ja! - Noch oft hätten diese
Augen freundlich gestrahlt, noch oft wären lustige Einfälle, fröhliche Lieder
diesen Lippen, dieser erstarrten Brust entströmt, noch oft hätte dieser Schweif,
frohen Mutes innere Kraft verkündend, sich in Wellenlinien geringelt, noch oft
hätten diese Pfoten Stärke und Gewandteit bewiesen in den mächtigsten
gewagtesten Sprüngen - und nun - - O, kann es die Natur zulassen, dass das, was
sie auf lange Dauer mühsam konstruiert hat, vor der Zeit zerstört werde, oder
gibt es wirklich einen finstren Geist, Zufall genannt, der in despotischer
frevelnder Willkür hineingreifen darf in die Schwingungen, die alles Sein dem
ewigen Naturprinzip gemäss zu bedingen scheinen? - O du Toter, könntest du das
hier der betrübten, jedoch lebendigen Versammlung sagen! - Doch, werte
Anwesende, wackre Brüder, lasst uns solchen tiefsinnigen Betrachtungen nicht
nachhängen, sondern uns ganz der Klage um den viel zu früh verlornen Freund
Muzius zuwenden. - Es ist gebräuchlich, dass der Trauerredner den Anwesenden die
ganze vollständige Biographie mit lobpreisenden Zusätzen und Anmerkungen
vorträgt, und dieser Gebrauch ist sehr gut, da durch einen solchen Vortrag auch
in dem betrübtesten Zuhörer der Ekel der Langeweile erregt werden muss, dieser
Ekel aber nach der Erfahrung und dem Ausspruch bewährter Psychologen am besten
jede Betrübnis zerstört, weshalb denn auf jene Weise der Trauerredner beide
Pflichten, die, dem Verewigten die gehörige Ehre zu erweisen, und die, die
Hinterlassenen zu trösten, auf einmal erfüllt. Man hat Beispiele, und sie sind
natürlich, dass der Gebeugteste nach solcher Rede ganz vergnügt und munter von
hinnen gegangen ist; über der Freude, erlöst zu sein von der Qual des Vortrags,
verschmerzte er den Verlust des Hingeschiedenen. - Teure, versammelte Brüder!
wie gern folgte auch ich dem löblichen bewährten Gebrauch, wie gern trüge ich
euch die ganze ausführliche Biographie des erblassten Freundes und Bruders vor
und setzte euch um aus betrübten Katern in vergnügte, aber es geht nicht, es
geht wahrhaftig nicht. - Seht das ein, teure, geliebte Brüder, wenn ich euch
sage, dass ich von dem eigentlichen Leben des Verblichenen, was Geburt,
Erziehung, weiteres Fortkommen betrifft, beinahe gar nichts weiss, dass ich daher
euch lauter Fabeln auftischen müsste, wozu der Ort hier bei der Leiche des
Erblassten viel zu ernst und unsere Stimmung viel zu feierlich ist. - Nichts für
ungut, Bursche, aber ich will statt alles weitern langweiligen Sermons nur mit
wenigen schlichten Worten sagen, was für ein schmähliches Ende der arme Teufel,
der hier starr und tut vor uns liegt, nehmen musste, und was es für ein wackrer,
tüchtiger Kerl im Leben war! - Doch, o Himmel! ich falle aus dem Ton der
Beredsamkeit, unerachtet ich derselben beflissen und, will es das Schicksal,
Professor poeseos et eloquentiae zu werden hoffe!« -
    (Hinzmann schwieg, putzte sich mit der rechten Pfote Ohren, Stirn, Nase und
Bart, betrachtete lange unverwandten Blicks die Leiche, räusperte sich aus, fuhr
nochmals mit der Pfote übers Gesicht und sprach dann mit erhöhtem Tone weiter.)
    »O bittres Verhängnis! - o grauser Tod! musstest du auf solch grausame Weise
den verewigten Jüngling hinraffen in der Blüte seiner Jahre? - Brüder! ein
Redner darf dem Zuhörer nochmals sagen, was dieser schon erfahren bis zum
Überdruss, darum wiederhole ich, was ihr schon alle wisst, dass nämlich der
dahingeschiedene Bruder fiel als ein Opfer des wütenden Hasses der
Spitzphilister. - Dortin auf jenes Dach, wo sonst wir uns ergötzten in Friede
und Freude, wo fröhliche Lieder schallten, wo Pfot' in Pfot' und Brust an Brust
wir ein Herz, eine Seele waren, wollte er hinaufschleichen, um in stiller
Einsamkeit mit dem Senior Puff das Andenken jener schönen Tage, wahrer Tage in
Aranjuez, die nun vorüber, zu feiern, da hatten die Spitzphilister, die auf jede
Weise, jede Erneuerung unsers frohen Katerbundes hintertreiben wollten, in die
dunklen Winkel des Bodens Fuchseisen hingestellt; in eins derselben geriet der
unglückliche Muzius, zerquetschte sich das Hinterbein und - musste sterben! -
Schmerzhaft und gefährlich sind die Wunden, die Philister schlagen, denn sie
bedienen sich jederzeit stumpfer schartiger Waffen, doch stark und kräftig von
Natur, hätte der Dahingeschiedene, der bedrohlichen Verletzung unerachtet,
wieder aufkommen können, aber der Gram, der tiefe Gram, sich von schnöden
Spitzen überwunden, in seiner schönen glanzvollen Laufbahn ganz zerstört zu
sehen, der stete Gedanke an die Schmach, die wir alle erlitten, das war es, was
an seinem Leben zehrte. - Er litt keinen gehörigen Verband, nahm keine Arzenei -
man sagt, er wollte sterben!« -
    (Ich, wir alle konnten uns bei diesen letzten Worten Hinzmanns nicht lassen
vor grimmen Schmerz, sondern brachen all in solch ein klägliches Geheul und
Jammergeschrei aus, dass ein Felsen hätte erweicht werden können. Als wir uns nur
einigermassen beruhigt hatten, so dass wir zu hören vermochten, sprach Hinzmann
mit Patos weiter.)
    »O Muzius! o schau' herab! schau' die Tränen, die wir um dich vergiessen,
höre die trostlose Klage, die wir um dich erheben, verewigter Kater! - Ja,
schau' auf uns herab oder hinauf, wie du es nun eben vermagst, sei im Geiste
unter uns, wenn du noch überhaupt eines Geistes mächtig und derselbige, der dir
innegewohnt, nicht schon anderweitig verbraucht worden! - Brüder! - wie gesagt,
ich halte das Maul über die Biographie des Erblassten, weil ich nichts davon
weiss, aber desto lebhafter sind mir die vortrefflichen Eigenschaften des
Verewigten im Gedächtnis, und die will ich euch, meine teuersten geliebtesten
Freunde, vor die Nase rücken, damit ihr den entsetzlichen Verlust, den ihr durch
den Tod des herrlichen Katers erlitten, im ganzen Umfange fühlen möget!
Vernehmet es, o Jünglinge, die ihr geneigt seid, nie abzuweichen von dem Pfade
der Tugend, vernehmt es! - Muzius war, was wenige im Leben sind, ein würdiges
Glied der Katzengesellschaft, ein guter treuer Gatte, ein vortrefflicher
liebender Vater, ein eifriger Verfechter der Wahrheit und des Rechts, ein
unermüdlicher Wohltäter, eine Stütze der Armen, ein treuer Freund in der Not! -
Ein würdiges Glied der Katzengesellschaft? - Ja! denn immer äusserte er die
besten Gesinnungen und war sogar zu einiger Aufopferung bereit, wenn geschah,
was er wollte, feindete auch nur ausschliesslich diejenigen an, die ihm
widersprachen und seinem Willen sich nicht fügten. Ein guter treuer Gatte? Ja! -
denn er lief andern Kätzchen nur dann nach, wenn sie jünger und hübscher waren
als sein Gemahl und unwiderstehliche Lust ihn dazu trieb. Ein vortrefflicher
liebender Vater? Ja! denn niemals hat man vernommen, dass er, wie es wohl von
rohen lieblosen Vätern unsers Geschlechts zu geschehen pflegt, im Anfall eines
besonderen Appetits eines seiner erzielten Kleinen verspeiset; es war ihm
vielmehr ganz recht, wenn die Mutter sie sämtlich forttrug und er von ihrem
dermaligen Aufentalt weiter nichts erfuhr. Ein eifriger Verfechter der Wahrheit
und des Rechts? Ja! - denn sein Leben hätte er gelassen dafür, weshalb er, da
man nur einmal lebt, sich um beides nicht viel kümmerte, welches ihm auch nicht
zu verargen. Ein unermüdlicher Wohltäter, eine Stütze der Armen? Ja! denn
jahraus jahrein trug er am Neujahrstage ein kleines Heringsschwänzlein oder ein
paar subtile Knöchelchen hinab in den Hof für die armen Brüder, die der Speisung
bedurften, und konnte wohl, da er auf diese Weise seine Pflicht als würdiger
Katzenfreund erfüllte, diejenigen bedürftigen Kater mürrisch anknurren, die
ausserdem noch etwas von ihm verlangten. Ein treuer Freund in der Not? Ja! denn
geriet er in Not, so liess er nicht ab selbst von denjenigen Freunden, die er
sonst ganz vernachlässigt, ganz vergessen hatte. - Verewigter! was soll ich noch
sagen von deinem Heldenmut, von deinem hohen geläuterten Sinn für alles Schöne
und Edle, von deiner Gelehrsamkeit, von deiner Kunstkultur, von all den tausend
Tugenden, die sich in dir vereinten! Was, sag' ich, soll ich sagen davon, ohne
unsern gerechten Schmerz über dein klägliches Hinscheiden nicht noch um vieles
zu vermehren! - Freunde, gerührte Brüder! - denn in der Tat, an einigen
unzweideutigen Bewegungen bemerke ich zu meiner nicht geringen Befriedigung, dass
es mir gelang, euch zu rühren - Also! - gerührte Brüder! - Lasst uns ein Beispiel
nehmen an diesem Verstorbenen, lasst uns alle Mühe anwenden, ganz in seine
würdige Fusstapfen zu treten, lasst uns ganz das sein, was der Vollendete war, und
auch wir werden im Tode die Ruhe des wahrhaft weisen, des durch Tugenden jeder
Art und Gattung geläuterten Katers geniessen wie dieser Vollendete! - Seht nur
selbst, wie er so still daliegt, wie er keine Pfote rührt, wie ihm all mein Lob
seiner Vortrefflichkeit auch nicht ein leises Lächeln des Wohlgefallens
abgewonnen! - Glaubt ihr wohl, Traurige! dass der bitterste Tadel, die gröbsten
beleidigendsten Schmähungen ebenso jeden Eindruck auf den Verewigten verfehlt
haben würden? Glaubt ihr wohl, dass selbst der dämonische Spitzphilister, träte
er hinein in diesen Kreis, dem er sonst unmassgeblich beide Augen ausgekratzt
haben würde, jetzt ihn nur im mindesten in Harnisch bringen, seine sanfte süsse
Ruhe verstören dürfte?
    Über Lob und Tadel, über alle Anfeindungen, alle Foppereien, allen
neckhaften Spott und Hohn, über allen wirrigen Spuk des Lebens ist unser
herrliche Muzius erhaben, er hat kein anmutiges Lächeln, keine feurige Umarmung,
keinen biedern Pfotendruck mehr für den Freund, aber auch keine Krallen, keine
Zähne mehr für den Feind! - Er ist vermöge seiner Tugenden zu der Ruhe gelangt,
der er im Leben vergebens nachgestrebt! - Zwar will es mich beinahe bedünken,
dass wir alle, so wie wir hier zusammen sitzen und heulen um den Freund, zu der
Ruhe kommen würden, ohne gerade so ein Ausbund von aller Tugend zu sein als er,
und dass es wohl noch ein anderes Motiv geben müsse, tugendhaft zu sein, als
gerade die Sehnsucht nach dieser Ruhe, indessen ist das nur solch ein Gedanke,
den ich euch zu fernerer Bearbeitung überlasse. - Soeben wollte ich euch ans
Herz legen, euer ganzes Leben vorzüglich dazu anzuwenden, um so schön sterben zu
lernen als Freund Muzius, indessen will ich es lieber nicht tun, da ihr mir so
manches Bedenkliche entgegensetzen könntet. Ich meine nämlich, dass ihr mir
einwenden dürftet, der Verewigte hätte auch lernen sollen, behutsam zu sein und
Fuchseisen zu vermeiden, um nicht zu sterben vor der Zeit. Dann gedenke ich aber
auch, wie ein sehr junger Katerknabe auf gleiche Ermahnung des Lehrers, dass der
Kater sein ganzes Leben darauf verwenden müsse, um sterben zu lernen,
schnippisch genug erwiderte, es könne doch so gar schwer nicht sein, da es jedem
gelinge aufs erste Mal! - Lasst uns jetzt, hochbetrübte Jünglinge, einige
Augenblicke stiller Betrachtung widmen!« -
    (Hinzmann schwieg und fuhr sich wiederum mit der rechten Pfote über Ohren
und Gesicht, dann schien er in tiefes Nachdenken zu versinken, indem er die
Augen fest zudrückte. Endlich, als es zu lange währte, stiess ihn der Senior Puff
an und sprach leise: »Hinzmann, ich glaube gar, du bist eingeschlafen. Mache
nur, dass du fertig wirst mit deinem Sermon, denn wir verspüren alle einen
desperaten Hunger.« Hinzmann fuhr in die Höhe, setzte sich wieder in die
zierliche Rednerstellung und sprach weiter.)
    »Teuerste Brüder! - ich hoffte noch zu einigen erhabenen Gedanken zu
gelangen und gegenwärtige Standrede glänzend zu schliessen, es ist mir aber gar
nichts eingefallen, ich glaube, der grosse Schmerz, den ich zu empfinden mich
bemüht, hat mich ein wenig stupid gemacht. Lasst uns daher meine Rede, der ihr
den vollkommensten Beifall nicht versagen könnet, für geschlossen annehmen und
jetzt das gewöhnliche De oder Ex profundis anstimmen!« -
    So endete der artige Katerjüngling seinen Trauersermon , der mir zwar in
rhetorischer Hinsicht wohl geordnet und von guter Wirkung zu sein schien, an dem
ich aber doch manches auszusetzen fand. Mir kam es nämlich vor, dass Hinzmann
gesprochen, mehr um ein glänzendes Rednertalent zu zeigen, als den armen Muzius
noch zu ehren nach seinem betrübten Hinscheiden. Alles, was er gesagt, passte gar
nicht recht auf den Freund Muzius, der ein einfacher, schlichter, gerader Kater
und, ich hatte es ja wohl recht erfahren, eine treue gutmütige Seele gewesen.
Überdem war auch das Lob, das Hinzmann gespendet, von zweideutiger Art, so dass
mir eigentlich die Rede hinterher missfiel und ich während des Vortrags bloss
durch die Anmut des Redners und durch seine in der Tat ausdrucksvolle
Deklamation bestochen worden. Auch der Senior Puff schien meiner Meinung zu
sein; wir wechselten Blicke, die, Hinzmanns Rede betreffend, von unserm
Einverständnis zeugten.
    Dem Schluss der Rede gemäss stimmten wir ein »De profundis« an, das womöglich
noch viel jämmerlicher, viel herzzerschneidender klang als das entsetzliche
Grabeslied vor der Rede. - Es ist bekannt, dass die Sänger von unserm Geschlecht
den Ausdruck des tiefsten Wehs, des trostlosesten Jammers, mag nun die Klage
wegen zu sehnsüchtiger oder verschmähter Liebe oder um einen geliebten
Verstorbenen ertönen, ganz vorzüglich in der Gewalt haben, so dass selbst der
kalte gefühllose Mensch von Gesängen solcher Art tief durchdrungen wird und der
gepressten Brust nur Luft zu machen vermag durch seltsames Fluchen. - Als das »De
profundis« geendigt, hoben wir die Leiche des verewigten Bruders auf und senkten
sie in ein tiefes, in einer Ecke des Kellers befindliches Grab.
    In diesem Augenblick begab sich aber das Unerwartetste und zugleich anmutig
Rührendste der ganzen Totenfeier. Drei Katzenmädchen, schön wie der Tag, hüpften
heran und streuten Kartoffel- und Petersilienkraut, das sie im Keller gepflückt,
in das offne Grab, während eine ältere ein einfaches herziges Lied dazu sang.
Die Melodie war mir bekannt, irre ich nicht, so fängt der Originaltext des
Liedes, dem die Stimme untergeschoben, mit den Worten an: »O Tannenbaum! o
Tannenbaum!« u.s.w. Es waren, wie mir der Senior Puff ins Ohr sagte, die Töchter
des verstorbenen Muzius, die auf diese Weise des Vaters Trauerfest mit begingen.
    Nicht das Auge abwenden konnte ich von der Sängerin; sie war allerliebst,
der Ton ihrer süssen Stimme, selbst das Rührende, tief Empfundene in der Melodie
des Trauerliedes riss mich hin ganz und gar; ich konnte mich der Tränen nicht
entalten. Doch der Schmerz, der mir sie auspresste, war von ganz besonderer
seltsamer Art, da er mir das süsseste Wohlbehagen erregte.
    Dass ich es nur geradezu heraussage! - Mein ganzes Herz neigte sich der
Sängerin hin, es war mir, als habe ich nie eine Katzenjungfrau erblickt von
dieser Anmut, von diesem Adel in Haltung und Blick, von dieser siegenden
Schönheit. -
    Das Grab wurde mit Mühe von vier rüstigen Katern, die so viel Sand und Erde
herankratzten, als nur möglich, gefüllt, die Beerdigung war vorbei, und wir
gingen zu Tische. Muzius' schöne liebliche Töchter wollten sich entfernen, das
litten wir jedoch nicht, sie mussten vielmehr teilnehmen am Trauermahl, und ich
wusste es so geschickt anzufangen, dass ich die Schönste zur Tafel führte und mich
dicht neben ihr hinsetzte. Hatte mir erst ihre Schönheit geglänzt, hatte mich
ihre süsse Stimme bezaubert, so versetzte mich jetzt ihr heller klarer Verstand,
die Innigkeit, die Zarteit ihres Gefühls, das rein weibliche fromme Wesen, das
aus ihrem Innern hervorstrahlte, in den höchsten Himmel des Entzückens. Alles
erhielt in ihrem Munde, in ihren süssen Worten einen ganz eigenen Zauberreiz, ihr
Gespräch war ganz liebliche zarte Idylle. - So sprach sie z.B. mit Wärme von
einem Milchbrei, den sie wenige Tage vor des Vaters Tode nicht ohne Appetit
genossen, und als ich sagte, dass bei meinem Meister solch ein Brei ganz
vorzüglich bereitet würde und zwar mit einer guten Zutat von Butter, da blickte
sie mich an mit ihren frommen, grünstrahlenden Taubenaugen und fragte mit einem
Ton, der mein ganzes Herz durchbebte: »O gewiss - gewiss, mein Herr? - Sie lieben
auch den Milchbrei? - Mit Butter!« wiederholte sie dann, wie in schwärmerische
Träume versinkend. - Wer weiss nicht, dass hübschen blühenden Mädchen von sechs
bis acht Monaten (so viele konnte die Schönste zählen) nichts besser kleidet als
ein kleiner Anstrich von Schwärmerei, ja dass sie dann oft ganz unwiderstehlich
sind. So geschah es, dass ich, ganz in Liebe entflammt, die Pfote der Schönsten
heftig drückend, laut rief: »Englisches Kind! frühstücke mit mir Milchbrei, und
es gibt keine Seligkeit des Lebens, gegen die ich mein Glück austausche!« - Sie
schien verlegen, sie schlug errötend die Augen nieder, doch liess sie ihre Pfote
in der meinigen, welches die schönsten Hoffnungen in mir erregte. Ich hatte
nämlich einmal bei meinem Meister einen alten Herrn, der, irre ich nicht, ein
Advokat war, sagen gehört, es sei für ein junges Mädchen sehr gefährlich, ihre
Hand lange in der Hand eines Mannes zu lassen, weil dieser es mit Recht für eine
traditio brevi manu ihrer ganzen Person ansehen und allerlei Ansprüche darauf
begründen könne, die dann nur mit Mühe zurückzuweisen. - Zu solchen Ansprüchen
hatte ich nun aber grosse Lust und wollte eben damit beginnen, als das Gespräch
durch eine Libation zu Ehren des Verstorbenen unterbrochen wurde. - Die drei
jüngeren Töchter des hingeschiedenen Muzius hatten indessen eine frohe Laune,
eine schalkhafte Naivität entwickelt, über die alle Kater entzückt waren. Schon
durch Speise und Trank merklich dem Gram und Schmerz entnommen, wurde nun die
Gesellschaft immer froher und lebendiger. Man lachte, man scherzte, und als die
Tafel aufgehoben, war es der ernste Senior Puff selbst, welcher vorschlug, ein
Tänzchen zu machen. Schnell war alles fortgeräumt; drei Kater stimmten ihre
Kehlen, und bald sprangen und drehten sich Muzius' aufgeweckte Töchter mit den
Jünglingen wacker herum.
    Nicht von der Seite wich ich der Schönsten, ich forderte sie auf zum Tanz,
sie gab mir die Pfote, wir flogen in die Reihen. - Ha! wie ihr Atem an meiner
Wange spielte! wie meine Brust an der ihrigen bebte! wie ich ihren süssen Leib
mit meinen Pfoten umschlangen hielt! - O des seligen, himmlisch seligen
Augenblicks!
    Als wir zwei, auch wohl drei Hopser getanzt, führte ich die Schönste in eine
Ecke des Kellers und bediente sie galanter Sitte gemäss mit einigen
Erfrischungen, wie sie sich eben vorfinden lassen wollten, da das Fest
eigentlich auf einen Ball nicht eingerichtet. Nun liess ich meinem innern Gefühl
ganz freien Lauf. Ein Mal übers andere drückte ich ihre Pfote an meine Lippen
und versicherte ihr, dass ich der glücklichste Sterbliche sein werde, wenn sie
mich ein bisschen lieben wolle.
    »Unglücklicher,« sprach plötzlich eine Stimme dicht hinter mir,
»Unglücklicher, was beginnst du! - es ist deine Tochter Mina!«
    Ich erbebte, denn wohl erkannte ich die Stimme! - Es war Miesmies! -
Launisch spielte der Zufall mit mir, dass in dem Augenblick, als ich Miesmies
ganz vergessen zu haben geglaubt, ich erfahren, was ich nicht ahnen können, ich
in Liebe kommen musste zu eignem Kinde! - Miesmies war in tiefer Trauer, ich
wusste selbst nicht, was ich davon denken sollte. »Miesmies,« sprach ich sanft,
»Miesmies, was führt Sie hieher, warum in Trauer und - o Gott! - jene Mädchen -
Minas Schwestern?« - Ich erfuhr das Seltsamste! - Mein gehässiger Nebenbuhler,
der Schwarzgraugelbe, hatte sich gleich nachher, als er in jenem mörderischen
Zweikampf meiner ritterlichen Tapferkeit erlegen, von Miesmies getrennt und war,
als nur seine Wunden geheilt, fortgegangen, niemand wusste wohin. Da warb Muzius
um ihre Pfote, die sie ihm willig reichte, und es machte ihm Ehre und bewies
sein Zartgefühl, dass er mir dies Verhältnis gänzlich verschwieg. So waren aber
jene muntre naive Kätzchen nur meiner Mina Stiefschwestern!
    »O Murr,« sprach Miesmies zärtlich, nachdem sie erzählt, wie sich das alles
ergeben, »o Murr! Ihr schöner Geist hat sich nur in dem Gefühl geirrt, das ihn
überströmte. Es war die Liebe des zärtlichsten Vaters, nicht des verlangenden
Liebhabers, die in Ihrer Brust erwachte, als Sie unsre Mina sahen. Unsere Mina!
o welch ein süsses Wort! - Murr! können Sie dabei unempfindlich bleiben, sollte
alle Liebe erloschen sein in Ihrem Innern gegen die, die Sie so innig liebte - o
Himmel, noch so innig liebt, die Ihnen treu geblieben bis in den Tod, wäre nicht
ein anderer dazwischengekommen und hätte sie verlockt durch schnöde
Verführungskünste? - O Schwachheit, dein Name ist Katz! Das denken Sie, ich weiss
es, aber ist es nicht Katertugend, der schwachen Katze zu verzeihen? - Murr! Sie
sehen mich gebeugt, trostlos über den Verlust des dritten zärtlichen Gatten,
aber in dieser Trostlosigkeit flammt aufs neue die Liebe auf, die sonst mein
Glück, mein Stolz, mein Leben war! - Murr! hören Sie mein Geständnis! - ich
liebe Sie noch, und ich dächte, wir verhei -« Tränen erstickten ihre Stimme!
    Mir war bei dem ganzen Auftritt sehr peinlich zumute. Mina sass da, bleich
und schön wie der erste Schnee, der manchmal im Herbste die letzten Blumen küsst
und gleich in bittres Wasser zerfliessen wird!
    (Anmerkung des Herausgebers. Murr! - Murr! schon wieder ein Plagiat! - In
»Peter Schlemihls wundersamer Geschichte« beschreibt der Held des Buchs seine
Geliebte, auch Mina geheissen, mit denselben Worten.)
    Schweigend betrachtete ich beide, Mutter und Tochter, die letzte gefiel mir
doch unendlich viel besser, und da bei unserm Geschlecht die nächsten
verwandtschaftlichen Verhältnisse kein kanonisches Ehehindernis - Vielleicht
verriet mich mein Blick, denn Miesmies schien meine innerste Gedanken zu
durchschauen. »Barbar!« rief sie, indem sie schnell auf Mina lossprang und sie
heftig umpfotend an ihre Brust riss, »Barbar! was willst du beginnen? - Wie? du
kannst dies dich liebende Herz verschmähen und Verbrechen häufen auf
Verbrechen!« Unerachtet ich nun gar nicht begriff, was für Ansprüche Miesmies
geltend machen und welche Verbrechen sie mir vorwerfen konnte, so fand ich es,
um den Jubel, in den sich das Trauerfest aufgelöst, nicht zu verstören, doch
geratener, gute Miene zu machen zu bösem Spiel. Ich versicherte daher der ganz
aus sich selbst gekommenen Miesmies, dass bloss die unaussprechliche Ähnlichkeit
Minas mit ihr mich irregeführt und ich geglaubt habe, dasselbe Gefühl entflamme
mein Inneres, das ich für sie, die noch immer schöne Miesmies, in mir trage.
Miesmies trocknete alsbald ihre Tränen, setzte sich dicht zu mir und fing ein so
vertrauliches Gespräch mit mir an, als sei nie etwas Böses unter uns
vorgefallen. Hatte nun noch der junge Hinzmann die schöne Mina zum Tanz
aufgefordert, so kann man denken, in welcher unangenehmen peinlichen Lage ich
mich befand.
    Ein Glück für mich war es, dass der Senior Puff endlich Miesmies aufzog zum
Kehraus, da sie mir sonst noch allerlei seltsame Propositionen hätte machen
können. Ich schlich leise, leise aus dem Keller herauf und dachte: »Kommt Zeit,
kommt Rat!«
    Ich sehe dieses Trauerfest für den Wendepunkt an, in dem sich meine
Lehrmonate schlossen und ich eintrat in einen Kreis des Lebens.
(Mak. Bl.) - Kreisler veranlasst, sich in aller Frühe in die Gemächer des Abts zu
begeben. Er fand den hochehrwürdigen Herrn, wie er eben, mit Beil und Meissel in
der Hand, beschäftigt war, eine grosse Kiste aufzuschlagen, in welcher der Form
nach ein Gemälde eingepackt sein musste. »Ha!« rief der Abt dem eintretenden
Kreisler entgegen, »gut, dass Ihr kommt, Kapellmeister! Ihr könnet mir beistehen
in einer schweren mühseligen Arbeit. Die Kiste ist mit tausend Nägeln
zugehämmert, als solle sie verschlossen bleiben in Ewigkeit. Sie kommt
geradesweges aus Neapel, und es ist ein Gemälde darin, das ich vorderhand in
meinem Kabinett aufhängen und den Brüdern nicht zeigen will. Darum rief ich mir
keinen zur Hilfe; aber nun sollt Ihr mir helfen, Kapellmeister.« Kreisler legte
Hand an, und nicht lange dauerte es, so war das grosse schöne Gemälde, das in
einen prächtigen vergoldeten Rahmen gefasst, aus der Kiste zutage gefördert.
Nicht wenig verwunderte sich Kreisler, als er in dem Kabinett des Abts die
Stelle über dem kleinen Altar, wo sonst ein sehr anmutiges Bild von Leonardo da
Vinci, die heilige Familie darstellend, aufgehängt war, leer fand. Der Abt hatte
dies Gemälde für eins der besten geachtet, welche die an alten Originalen reiche
Sammlung besass, und doch sollte dieses Meisterstück Platz machen einem Gemälde,
dessen grosse Schönheit, aber auch entschiedene Neuheit Kreisler auf den ersten
Blick erkannte. -
    Mit grosser Mühe hatten beide, der Abt und Kreisler, das Gemälde an der Wand
mit Mauerschrauben befestigt, und nun stellte sich der Abt in das rechte Licht
und schaute das Bild mit einem solch innigen Wohlbehagen, mit solch sichtlicher
Freude an, dass es schien, als sei ausser der in der Tat bewundrungswürdigen
Malerei noch ein besonderes Interesse hier im Spiele. - Der Gegenstand des
Gemäldes war ein Mirakel. Von der strahlenden Glorie des Himmels umflossen,
erschien die heilige Jungfrau; in der linken Hand trug sie einen Lilienzweig,
mit den beiden Mittelfingern der rechten Hand berührte sie aber die nackte Brust
eines Jünglings, und man sah, wie unter den Fingern dickes Blut aus einer offnen
Wunde hervortropfte. Der Jüngling erhob sich halb von dem Lager, auf das er
ausgestreckt, er schien aus dem Todesschlafe zu erwachen, noch hatte er nicht
die Augen geöffnet, aber das verklärte Lächeln, das auf seinem schönen Antlitz
ausgebreitet, zeigte, dass er die Mutter Gottes schaute im seligen Traum, dass ihm
der Schmerz der Wunde entnommen, dass der Tod keine Macht mehr hatte über ihn. -
Jeder Kenner musste die korrekte Zeichnung, die geschickte Anordnung der Gruppe,
die richtige Verteilung des Lichts und Schattens, den grandiosen Wurf der
Gewänder, die hohe Anmut der Gestalt Marias, vorzüglich auch die lebensvolle
Farbe, die den modernen Künstlern meistens nicht zu Gebote steht, höchlich
bewundern. Worin sich aber am meisten und, wie es in der Natur der Sache liegt,
auch am entschiedensten der wahre Genius des Künstlers offenbarte, war der
unbeschreibliche Ausdruck der Gesichter. Maria war das schönste, anmutigste
Weib, das man nur sehen konnte, und doch lag auf dieser hohen Stirne des Himmels
gebietende Majestät, strahlte überirdische Seligkeit in mildem Glanz aus diesen
dunklen Augen. Ebenso war die himmlische Verzückung des zum Leben erwachenden
Jünglings mit einer seltenen Kraft des schöpferischen Geistes vom Künstler
aufgefasst und dargestellt. - Kreisler kannte in der Tat kein einziges Gemälde
der neuern Zeit, das er diesem herrlichen Bilde hätte an die Seite stellen
können; er äusserte dies dem Abt, indem er sich über alle einzelne Schönheiten
des Werks weitläuftig ausliess und dann hinzufügte, dass in der neuesten Zeit wohl
kaum Gediegeneres hervorgebracht worden.
    »Das,« sprach der Abt lächelnd, »das hat seinen guten Grund, wie Ihr,
Kapellmeister, sogleich erfahren sollt. - Es ist ein eignes Ding mit unsern
jungen Künstlern, sie studieren und studieren, erfinden, zeichnen, machen
gewaltige Kartons, und am Ende kommt Totes, Starres hervor, das nicht eindringen
kann ins Leben, weil es selbst nicht lebt. Statt des alten grossen Meisters, den
sie sich zum Muster und Vorbild gewählt haben, Werke sorglich zu kopieren und so
einzudringen in seinen eigentümlichsten Geist, wollen sie gleich die Meister
selbst sein und Similia malen, verfallen aber darüber in eine Nachahmerei der
Nebendinge, die sie ebenso kindisch und lächerrlich erscheinen lässt als jenen,
der, um einem grossen Mann gleichzukommen, ebenso zu husten, zu schnarren, etwas
gebückt zu gehen sich mühte wie dieser. - Es fehlt unsern jungen Malern an der
wahren Begeisterung, die das Bild in aller Glorie des vollendetsten Lebens aus
dem Innern hervorruft und ihnen vor Augen stellt. Man sieht, wie sich dieser,
jener vergebens abquält, um endlich in jene erhöhte Stimmung des Gemüts zu
geraten, ohne die kein Werk der Kunst geschaffen wird. Was dann aber die Ärmsten
für wahre Begeisterung halten, wie sie den heitern, ruhigen Sinn der alten Maler
erhob, ist nur das seltsam gemischte Gefühl von hochmütiger Bewunderung des
selbst gefassten Gedankens und von ängstlicher, quälender Sorge, nun bei der
Ausführung es dem alten Vorbilde auch in der kleinsten Kleinigkeit nachzutun. -
So wird denn oft die Gestalt, die, selbst lebendig, ins helle freundliche Leben
treten sollte, zur widerlichen Fratze. Unsere jungen Maler bringen es nicht zur
deutlichen Anschauung der im Innern aufgefassten Gestalt, und mag es vielleicht
nicht lediglich daher kommen, dass sie, gerät ihnen auch sonst alles so ziemlich
gut, doch die Färbung verfehlen? - Mit einem Wort, sie können höchstens
zeichnen, aber durchaus nicht malen. Unwahr ist es nämlich, dass die Kenntnis der
Farben und ihrer Behandlung verloren gegangen sein, dass es den jungen Malern an
Fleiss fehlen sollte. Denn was das erste betrifft, so ist es unmöglich, da die
Malerkunst seit der christlichen Zeit, in der sie sich erst als wahrhaftige
Kunst gestaltete, nie geruht hat, sondern Meister und Schüler eine
ununterbrochene, fortlaufende Reihe bilden und der Wechsel der Dinge, der
freilich nach und nach die Abweichungen vom Wahrhaftigen herbeiführte, auf die
Übertragung des Mechanischen keinen Einfluss haben konnte. Anlangend aber den
Fleiss der Künstler, so möchte ihnen eher Übermass als Mangel daran vorzuwerfen
sein. Ich kenne einen jungen Künstler, der ein Gemälde, lässt es sich auch
ziemlich gut an, so lange übermalt und übermalt, bis alles in einen stumpfen
bleiernen Ton hinschwindet und so vielleicht erst dem innern Gedanken gleicht,
dessen Gestalten nicht in das vollendete, lebendige Leben treten konnten. - Seht
da, Kapellmeister, ein Bild, aus dem wahres herrliches Leben haucht, und das
darum, weil es die wahre fromme Begeisterung schuf! - Das Mirakel ist Euch
deutlich. Der Jüngling, der sich dort vom Lager erhebt, wurde in gänzlicher
Hilflosigkeit von Mördern überfallen und zum Tode getroffen. Laut rief er, der
sonst ein gottloser Frevler gewesen, der die Gebote der Kirche in höllischem
Wahn verachtet, die heilige Jungfrau um Hilfe an, und es gefiel der himmlischen
Mutter Gottes, ihn aus dem Tode zu erwecken, damit er noch lebe, seine Irrtümer
einsehe und sich in frommer Hingebung der Kirche weihe und ihrem Dienst. -
Dieser Jüngling, dem die Gottgesandte so viel Gnade angedeihen liess, ist
zugleich der Maler des Bildes.« -
    Kreisler bezeugte darüber, was ihm der Abt sagte, seine nicht geringe
Verwunderung und schloss damit, dass auf diese Weise das Mirakel ja in der
neuesten Zeit sich zugetragen haben müsse.
    »Auch Ihr,« sprach der Abt mit sanftem mildem Ton, »auch Ihr, mein lieber
Johannes, seid also der törichten Meinung, dass das Gnadentor des Himmels jetzt
verschlossen sei, so dass das Mitleiden, die Barmherzigkeit in der Gestalt des
Heiligen, den der bedrängte Mensch in der zermalmenden Angst des Verderbens
brünstig anflehte, nicht mehr hindurchwandeln, selbst dem Bedürftigen erscheinen
und ihm Frieden und Trost bringen könne? - Glaubt mir, Johannes nie haben die
Wunder aufgehört, aber des Menschen Auge ist erblödet in sündigem Frevel, es
kann den überirdischen Glanz des Himmels nicht ertragen und vermag daher nicht
die Gnade der ewigen Macht zu erkennen, wenn sie sich kundtut in sichtbarlicher
Erscheinung. - Doch, mein lieber Johannes, die herrlichsten göttlichsten Wunder
geschehen in dem innersten Gemüt des Menschen selbst, und diese Wunder soll er
laut verkünden, wie er es nur vermag, in Wort, Ton oder Farbe. So hat jener
Mönch, der das Bild malte, das Wunder seiner Bekehrung herrlich verkündet, und
so - Johannes, ich muss von Euch reden, es strömt mir aus dem Herzen - und so
verkündet Ihr in mächtigen Tönen das herrliche Wunder der Erkenntnis des ewigen
klarsten Lichts aus Euerm tiefsten Innern heraus. Und dass Ihr das vermöget, ist
das nicht auch ein gnadenvolles Wunder, das die ewige Macht geschehen lässt zu
Euerm Heil?«
    Kreisler fühlte sich von des Abts Worten gar seltsam erregt; so wie es
selten geschehen, trat der volle Glaube an seine innere schöpferische Kraft
lebendig hervor, und ihn durchbebte ein seliges Wohlbehagen.
    Nicht den Blick hatte Kreisler indessen abgewandt von dem wunderbaren
Gemälde, aber wie es wohl zu geschehen pflegt, dass wir auf Bildern, vorzüglich
wenn, wie es hier der Fall, starke Lichteffekte im Vor-oder Mittelgrunde
angebracht sind, die in den dunklen Hintergrund gestellten Figuren erst später
entdecken, so gewahrte auch jetzt erst Kreisler die Gestalt, die, in einen
weiten Mantel gehüllt, den Dolch, auf den nur ein Strahl der Glorie der
Himmelskönigin zu fallen schien, so dass er kaum bemerkbar blinkte, in der Hand,
durch die Türe entfloh. Es war offenbar der Mörder; im Entfliehen blickte er
rückwärts, und sein Gesicht trug den furchtbaren Ausdruck der Angst und des
Entsetzens.
    Wie ein Blitz traf es den Kreisler, als er in dem Antlitz des Mörders die
Züge des Prinzen Hektor erkannte, nun war es ihm auch, als habe er den zum Leben
erwachenden Jüngling schon irgendwo, wiewohl nur sehr flüchtig, gesehen. Eine
ihm selbst unerklärliche Scheu hielt ihn zurück, diese Bemerkungen dem Abt
mitzuteilen, dagegen fragte er den Abt, ob er es nicht für störend und anstössig
halte, dass der Maler ganz im Vorgrunde, wiewohl im Schlagschatten, Gegenstände
des modernen Anzuges angebracht und, wie er jetzt erst sehe, auch den
erwachenden Jüngling, also sich selbst modern gekleidet.
    In der Tat war auf dem Bilde und zwar zur Seite des Vorgrundes ein kleiner
Tisch und ein dicht daneben stehender Stuhl angebracht, auf dessen Lehne ein
türkischer Shawl hing, so wie auf dem Tisch ein Offiziershut mit einem
Federbusch und ein Säbel lagen. Der Jüngling trug einen modernen Hemdkragen,
eine Weste, die ganz aufgeknöpft, und einen dunklen, ebenfalls ganz
aufgeknöpften Überrock, dessen Schnitt aber einen guten Faltenwurf zuliess. Die
Himmelskönigin war gekleidet, wie man sie auf den Bildern der besten alten Maler
zu sehen gewohnt ist.
    »Mir ist,« erwiderte der Abt auf Kreislers Frage, »mir ist die Staffage im
Vorgrunde sowie des Jünglings Überrock nicht allein keinesweges anstössig,
sondern ich meine auch, dass der Maler nicht von des Himmels Gnade, sondern von
weltlicher Torheit und Eitelkeit hätte durchdrungen sein müssen, wenn er auch
nur in dem geringfügigsten Nebenpunkte von der Wahrheit abgewichen wäre. So wie
es sich wirklich begab, getreu nach Ort, Umgebung, Kleidung der Personen u.s.w.
musste er das Mirakel darstellen, so sieht auch jeder auf den ersten Blick, dass
sich das Mirakel in unsern Tagen begab, und so wird das Gemälde des frommen
Mönchs zur schönen Trophäe der siegenden Kirche in diesen Zeiten des Unglaubens
und der Verderbteit.«
    »Und doch,« sprach Kreisler, »und doch ist mir dieser Hut, dieser Säbel,
dieser Shawl, dieser Tisch, dieser Stuhl - ist mir das alles, sage ich, fatal,
und ich wollte, der Maler hätte diese Staffage des Vorgrundes weggelassen und
sich selbst ein Gewand umgeworfen statt des Überrocks. Sagt selbst,
hochehrwürdiger Herr, könnt Ihr Euch eine heilige Geschichte denken im modernen
Kostüm, einen heiligen Joseph im Flauschrock, einen Heiland im Frack, eine
Jungfrau in einer Robe, mit umgeworfenem türkischen Shawl? Würde Euch das nicht
als eine unwürdige, ja abscheuliche Profanation des Erhabensten erscheinen? Und
doch stellten die alten, vorzüglich die deutschen Maler alle biblischen und
heiligen Geschichten in dem Kostüm ihres Zeitalters dar, und ganz falsch möchte
die Behauptung sein, dass sich jene Trachten besser zur malerischen Darstellung
eigneten als die jetzigen, die freilich, bis auf manche Kleidung der Weiber,
albern und unmalerisch genug sind. Doch bis ins Übertriebene, bis ins
Ungeheuere, möcht' ich sagen, gingen ja manche Moden der Vorzeit; man denke an
jene ellenhoch aufgekrümmte Schnabelschuhe, an jene bauschichte Pluderhosen, an
jene verschnittene Wämser und Ärmel u.s.w., vollends unausstehlich und Antlitz
und Wuchs entstellend waren aber manche Weibertrachten, wie man sie auf alten
Bildern findet, auf denen das junge blühende, bildschöne Mädchen bloss der Tracht
halber das Ansehn hat einer alten grämlichen Matrone. Und doch sind gewiss jene
Bilder niemanden anstössig gewesen.«
    »Nun,« erwiderte der Abt, »nun kann ich Euch, mein lieber Johannes, mit
wenigen Worten recht den Unterschied der alten frommen und der jetzigen
verderbteren Zeit vor Augen bringen. - Seht, damals waren die heiligen
Geschichten so in das Leben der Menschen eingedrungen, ja, ich möchte sagen, so
im Leben bedingt, dass jeder glaubte, vor seinen Augen habe sich das Wundervolle
begeben, und jeden Tag könne die ewige Allmacht gleiches geschehen lassen. So
ging dem frommen Maler die heilige Geschichte, der er seinen Sinn zugewendet, in
der Gegenwart auf; unter den Menschen, wie sie ihn im Leben umgaben, sah er das
Gnadenreiche geschehen, und wie er es lebendig geschaut, brachte er es auf die
Tafel. Heutzutage sind jene Geschichten etwas ganz Entferntes, das als für sich
bestehend und in die Gegenwart nicht eintretend, nur in der Erinnerung ein
mattes Leben mühsam behauptet, und vergebens ringt der Künstler nach lebendiger
Anschauung, da, mag er es sich auch selbst nicht gestehen, sein innerer Sinn
durch das weltliche Forttreiben verflacht ist. - Ebenso fade und lächerrlich ist
es aber hiernach, wenn man den alten Malern Unkenntnis des Kostüms vorwirft und
darin die Ursache findet, warum sie nur die Trachten ihrer Zeit in ihren
Gemälden aufstellten, als wenn unsere jungen Maler sich mühen, die
abenteuerlichsten geschmackwidrigsten Trachten des Mittelalters in ihren
Abbildungen heiliger Geschichten anzubringen, dadurch aber zeigen, dass sie das,
was sie abzubilden unternommen, nicht unmittelbar im Leben anschauten, sondern
sich mit dem Reflex davon begnügten, wie er ihnen im Gemälde des alten Meisters
aufging. Eben daher, mein lieber Johannes, weil die Gegenwart zu profan, um
nicht mit jenen frommen Legenden im hässlichen Widerspruch zu stehen, weil
niemand imstande ist, sich jene Wunder als unter uns geschehen vorzustellen,
eben daher würde allerdings die Darstellung in unserem modernen Kostüm uns
abgeschmackt, fratzenhaft, ja frevelig bedünken. Liesse es aber die ewige Macht
geschehen, dass vor aller unser Augen nun wirklich ein Wunder geschehe, so würde
es durchaus unzulässig sein, das Kostüm der Zeit zu ändern, so wie die jungen
Maler nun freilich, wollen sie einen Stützpunkt finden, darauf bedacht sein
müssen, in alten Begebenheiten das Kostüm des jedesmaligen Zeitalters, so wie es
erforschlich, richtig zu beobachten. - Recht, wiederhole ich noch einmal, recht
hatte der Maler dieses Bildes, dass er die Gegenwart andeutete, und eben jene
Staffage, die Ihr, lieber Johannes, verwerflich findet, erfüllt mich mit frommen
heiligen Schauern, da ich selbst einzutreten wähne in das enge Gemach des Hauses
zu Neapel, wo sich erst vor ein paar Jahren das Wunder der Erweckung jenes
Jünglings begab.« -
    Kreisler wurde durch die Worte des Abts zu Betrachtungen mancherlei Art
veranlasst; er musste ihm in vielem recht geben, nur meinte er doch, dass, was die
höhere Frömmigkeit der alten Zeit und die Verderbteit der jetzigen betreffe,
aus dem Abt gar zu sehr der Mönch spreche, der Zeichen, Wunder, Verzückungen
verlange und wirklich schaue, deren ein frommer kindlicher Sinn, dem die
krampfhafte Ekstase eines berauschenden Kultus fremd bleibe, nicht bedürfe, um
wahrhafte christliche Tugend zu üben; und eben diese Tugend sei keineswegs von
der Erde verschwunden, und könne dies wirklich geschehen, so würde die ewige
Macht, die uns aufgegeben und dem finstern Dämon freie Willkür gegönnt, uns auch
durch kein Mirakel zurückbringen wollen auf den rechten Weg. -
    Alle diese Betrachtungen behielt indessen Kreisler für sich und betrachtete
schweigend noch immer das Bild. Aber immer mehr traten auch, wie bei näherem und
näherem Anschauen, die Züge des Mörders aus dem Hintergrunde hervor, und
Kreisler überzeugte sich, dass das lebendige Original der Gestalt niemand anders
sein könne als Prinz Hektor.
    »Mich dünkt,« begann Kreisler, »mich dünkt, hochehrwürdiger Herr, ich
erblicke dort im Hintergrunde einen wackern Freischützen, der es abgesehen hat
auf das edelste Tier, nämlich auf den Menschen, den er pirscht auf mannigfache
Weise. Er hat diesmal, wie ich sehe, ein treffliches wohlgeschliffnes Fangeisen
zur Hand genommen und gut getroffen, mit dem Schiessgewehr hapert's aber
merklich, da er vor nicht langer Zeit auf dem Anstand einen muntren Hirsch
garstig fehlte. - In der Tat, mich gelüstet's gar sehr nach dem Curriculum vitae
dieses entschlossenen Weidmanns, sei es auch nur ein epitomatischer Auszug aus
demselben, der mir schon zeigen könnte, wo ich eigentlich meine Stelle finde,
und ob es nicht geraten, mich nur gleich an die heilige Jungfrau zu wenden wegen
eines mir vielleicht nötigen Frei- und Schutzbriefes!« -
    »Lasst,« sprach der Abt, »lasst nur die Zeit hingehn, Kapellmeister! mich
sollt' es wundern, wenn Euch nicht in kurzem so manches klar würde, das jetzt
noch in trübem Dunkel liegt. - Es kann sich noch vieles Euern Wünschen, die ich
erst jetzt erkannt, gar freudig fügen. Seltsam - ja, so viel kann ich Euch wohl
sagen - seltsam genug scheint es, dass man in Sieghartshof über Euch im gröbsten
Irrtum ist. Meister Abraham mag vielleicht der einzige sein, der Euer Innres
durchschaut.«
    »Meister Abraham,« rief Kreisler, »Ihr kennt den Alten, hochehrwürdiger
Herr?«
    »Ihr,« erwiderte der Abt lächelnd, »Ihr vergesst, dass unsere schöne Orgel
ihre neue wirkungsvolle Struktur der Geschicklichkeit Meister Abrahams zu
verdanken hat! - Doch künftig mehr! - Wartet nur in Geduld der Dinge, die da
kommen werden.« -
    Kreisler beurlaubte sich beim Abt; er wollte hinab in den Park, um so
manchen Gedanken nachzuhängen, die ihn durchkreuzten; doch als er schon die
Treppe hinabgestiegen war, hörte er hinter sich herrufen: »Domine, domine
Capellmeistere! - paucis the volo!« - Es war der Pater Hilarius, welcher
versicherte, dass er mit höchster Ungeduld auf das Ende der langen Konferenz mit
dem Abt gewartet. Soeben habe er sein Kellermeisteramt verrichtet und den
herrlichsten Leistenwein abgezogen, der seit Jahren im Keller gewesen. Ganz
unumgänglich nötig sei es, dass Kreisler sogleich einen Pokal davon leere zum
Frühstück, um die Güte des edlen Gewächses zu erkennen und sich zu überzeugen,
dass es ein Wein sei, der, feurig, geist- und herzstärkend, für einen tüchtigen
Kompositor und echten Musikanten geboren.
    Kreisler wusste wohl, dass es vergeblich sein würde, dem begeisterten Pater
Hilarius entgehen zu wollen, und es war ihm selbst recht, bei der Stimmung, in
die er sich versetzt fühlte, ein Glas guten Wein zu geniessen, er folgte daher
dem fröhlichen Kellermeister, der ihn in seine Zelle führte, wo er auf einem
kleinen, mit einer saubern Serviette bedeckten Tischchen schon eine Flasche des
edlen Getränks sowie frisch gebacknes Weissbrot und Salz und Kümmel vorfand. -
»Ergo bibamus!« rief Pater Hilar, schenkte die zierlichen grünen Römer voll und
stiess mit Kreislern fröhlich an. »Nicht wahr,« begann er, nachdem die Pokale
geleert, »nicht wahr, Kapellmeister, unser hochwürdiger Herr will Euch gern in
den langen Rock hinein vexieren? - Tut's nicht, Kreisler! - Mir ist wohl in der
Kutte, ich möchte sie um keinen Preis wieder ablegen, aber distinguendum est
inter et inter! - Für mich ist ein gut Glas Wein und ein tüchtiger Kirchengesang
die ganze Welt, aber Ihr - Ihr! Nun, Ihr seid noch zu ganz andern Dingen
aufgehoben, Euch lacht noch das Leben auf ganz andere Weise, Euch leuchten noch
ganz andre Lichter als die Altarskerzen! - Nun, Kreisler, kurz von der Sache zu
reden - stosst an! - Vivat Euer Mädel, und wenn Ihr Hochzeit macht, so soll Euch
der Herr Abt, alles Verdrusses unerachtet, durch mich von dem besten Wein
senden, der nur in unserm reichen Keller befindlich!«
    Kreisler fühlte sich durch Hilarius' Worte berührt auf unangenehme Weise, so
wie es uns schmerzt, wenn wir etwas Zartes, Schneereines erfasst sehn von plumpen
ungeschickten Händen. »Was,« sprach Kreisler, indem er sein Glas zurückzog, »was
Ihr nicht alles wisst, nicht alles erfahrt in Euern vier Mauern.«
    »Domine,« rief Pater Hilarius, »Domine Kreislere, nichts für ungut, video
mysterium, aber ich will das Maul halten! Wollt Ihr nicht auf Euer - Nun! Lasst
uns frühstücken in Camera et faciemus bonum cherubim - und bibamus, dass der Herr
uns hier in der Abtei die Ruhe und Gemütlichkeit erhalten möge, die bisher
geherrscht.«
    »Ist,« fragte Kreisler gespannt, »ist denn die jetzt in Gefahr gekommen?« -
    »Domine,« sprach Pater Hilarius leise, indem er Kreislern vertraulich näher
rückte, »Domine dilectissime! Ihr seid lange genug bei uns, um zu wissen, in
welcher Eintracht wir leben, wie sich die verschiedensten Neigungen der Brüder
in einer gewissen Heiterkeit einigen, die von allem, von unserer Umgebung, von
der Milde der Klosterzucht, von der ganzen Lebensweise begünstigt wird. -
Vielleicht hat das am längsten gedauert. Erfahrt es, Kreisler! eben ist Pater
Cyprianus angekommen, der längst erwartete, der von Rom aus dem Abt auf das
dringendste empfohlen wurde. Es ist noch ein junger Mann, aber auf diesem
ausgedörrten starren Antlitz ist auch nicht eine Spur eines heitern Gemüts zu
finden, vielmehr liegt in den finstren abgestorbenen Zügen eine unerbittliche
Strenge, die den bis zur höchsten Selbstqual gesteigerten Asketiker verkündet.
dabei zeugt sein ganzes Wesen von einer gewissen feindseligen Verachtung alles
dessen, was ihn umgibt, die vielleicht wirklich dem Gefühl einer geistlichen
Übermacht über uns alle ihren Ursprung verdanken mag. - Schon erkundigte er sich
in abgebrochenen Worten nach der Klosterzucht und schien grosses Ärgernis an
unserer Lebensweise zu nehmen. - Gebt acht, Kreisler, dieser Ankömmling wird
unsre ganze Ordnung, die uns so wohlgetan, verkehren! Gebt acht, nunc probo! Die
Strenggesinnten werden sich leicht an ihn anschliessen, und bald wird sich eine
Partei wider den Abt bilden, der vielleicht der Sieg nicht entgehen kann, weil
es mir gewiss scheint, dass Pater Cyprianus ein Emissar Sr. päpstlichen Heiligkeit
ist, dessen Willen sich der Abt beugen muss. - Kreisler! was wird aus unserer
Musik, aus Eurem gemütlichen Aufentalt bei uns werden! - Ich sprach von unserm
wohleingerichteten Chor, und wie wir die Werke der grössten Meister recht wacker
auszuführen imstande, da schnitt aber der finstre Asketiker ein entsetzliches
Gesicht und meinte, dergleichen Musik sei für die profane Welt, aber nicht für
die Kirche, aus der sie der Papst Marcellus der Zweite mit Recht ganz verbannen
wollen. - Per diem, wenn es keinen Chor mehr geben soll und man mir vielleicht
auch den Weinkeller verschliesst, so - doch vor der Hand bibamus! - Man muss sich
vor der Zeit keine Gedanken machen, ergo - gluc-gluc.«
    Kreisler meinte, dass es sich wohl mit dem neuen Ankömmling, der vielleicht
strenger schiene, als er es wirklich sei, besser fügen und er seinerseits nicht
glauben könne, dass der Abt bei dem festen Charakter, den er stets bewiesen, so
leicht dem Willen eines fremden Mönchs nachgeben werde, zumal es ihm selbst an
wichtigen, erfolgreichen Verbindungen in Rom gar nicht fehlte.
    In dem Augenblick wurden die Glocken gezogen, ein Zeichen, dass die
feierliche Aufnahme des fremden Bruders Cyprianus in den Orden des heiligen
Benedikt vor sich gehen solle.
    Kreisler begab sich mit dem Pater Hilarius, der mit einem halbängstlichen
»bibendum quid« noch die Neige seines Römers schnell hinunterschluckte, auf den
Weg nach der Kirche. Aus den Fenstern des Korridors, den sie durchschritten,
konnte man in die Gemächer des Abts hineinschauen. »Seht, seht!« rief Pater
Hilar, indem er den Kreisler in die Ecke eines Fensters zog. Kreisler schaute
hinüber und gewahrte in dem Gemach des Abts einen Mönch, mit dem der Abt sehr
eifrig sprach, indem eine dunkle Röte sein Antlitz überzog. Endlich kniete der
Abt nieder vor dem Mönch, der ihm den Segen gab.
    »Hab' ich recht,« sprach Hilarius leise, »hab' ich recht, wenn ich in diesem
fremden Mönch, der mit einem Mal hinabschneit in unsre Abtei, etwas Besonderes,
Seltsames suche und finde?«
    »Gewiss,« erwiderte Kreisler, »gewiss hat es mit diesem Cyprianus eine eigne
Bewandtnis, und mich sollt' es wundern, wenn nicht gewisse Beziehungen sich sehr
bald kundtun sollten.«
    Pater Hilarius begab sich zu den Brüdern, um mit ihnen in feierlicher
Prozession, das Kreuz vorauf, die Laienbrüder mit angezündeten Kerzen und Fahnen
an den Seiten, in die Kirche zu ziehen.
    Als nun der Abt mit dem fremden Mönch dicht bei Kreisler vorüberkam,
erkannte dieser auf den ersten Blick, dass Bruder Cyprianus eben der Jüngling
war, den auf jenem Bilde die heilige Jungfrau aus dem Tode zum Leben erweckte. -
Doch noch eine Ahnung erfasste Kreislern plötzlich. Er rannte herauf in sein
Zimmer, er holte das kleine Bildnis hervor, das ihm Meister Abraham gegeben;
kein Zweifel! er erblickte denselben Jüngling, nur jünger, frischer und in
Offizieruniform abgebildet. - Als nun -
 
                               Vierter Abschnitt
                      Erspriessliche Folgen höherer Kultur
                         Die reiferen Monate des Mannes
(M.f.f.) Hinzmanns rührenden Sermon, das Trauermahl, die schöne Mina, Miesmies'
Wiederfinden, der Tanz, alles das hatte in meiner Brust einen Zwiespalt der
widersprechendsten Gefühle erregt, so dass ich, wie man im gewöhnlichen Leben
gemeinhin sagt, mich eigentlich gar nicht zu lassen wusste und in einer gewissen
trostlosen Bangigkeit des Gemüts wünschte, ich läge im Keller in der Grube wie
Freund Muzius. Das war nun freilich sehr arg, und ich wüsste gar nicht, was aus
mir geworden wäre, lebte nicht der wahre, hohe Dichtergeist in mir, der sofort
mich mit reichlichen Versen versorgte, die ich niederzuschreiben nicht
unterliess. - Die Göttlichkeit der Poesie offenbart sich vorzüglich darin, dass
das Versemachen, kostet auch der Reim hin und wieder manchen Schweisstropfen,
doch ein wunderbares inneres Wohlbehagen erregt, das jedes irdische Leid
überwindet, sowie man denn wissen will, dass es sogar oftmals schon Hunger und
Zahnschmerzen besiegt hat. Jener soll, da der Tod ihm den Vater, die Mutter, die
Gattin raubte, zwar bei jedem Todesfall, wie billig, ganz ausser sich, aber doch
bei dem Gedanken an das herrliche Trauer-Carmen, das er nun im Geist zu
empfangen gedachte, niemals untröstlich gewesen sein und bloss noch einmal sich
verheiratet haben, um die Hoffnung abermaliger tragischer Begeisterung derselben
Art nicht aufzugeben. -
    Hier sind die Verse, die meinen Zustand, sowie den Übergang von Leid zur
Freude mit poetischer Kraft und Wahrheit schildern.
»Was wandelt, horch! durch finstre Räume,
In öder Keller Einsamkeit?
Was ruft mir zu: Nicht länger säume!
Wes Stimme klagt ein herbes Leid?
Dort liegt der treue Freund begraben,
Nach mir verlangt sein irrer Geist.
Mein Trost soll ihn im Tode laben,
Ich bin's, der Leben ihm verheisst!
Doch nein! - das ist kein flücht'ger Schatten,
Der solche Töne von sich gibt!
Sie seufzen nach dem treuen Gatten,
Nach ihm, der noch so heiss geliebt!
In alte Liebesketten fallen,
Rinaldo will's, er kehrt zurück,
Doch wie! - schau' ich nicht spitze Krallen?
Nicht eifersücht'gen Zornes Blick?
Sie ist's - die Frau! - wohin entfliehen! -
Ha! welch Gefühl bestürmt die Brust.
Im keuschen Schnee der Jugend blühen
Seh' ich des Lebens höchste Lust.
Sie springt, sie naht, und immer heller
Wird's um mich Hochbeglückten her.
Ein süsser Duft durchweht den Keller,
Die Brust wird leicht, das Herz wird schwer.
Der Freund gestorben - sie gefunden -
Entzücken! - Wonne! - bittrer Schmerz!
Die Gattin - Tochter - neue Wunden! -
Ha! - sollst du brechen, armes Herz?
Doch kann den Sinn wohl so betören
Ein Trauermahl, ein lust'ger Tanz?
Nein - diesem Treiben muss ich wehren,
Mich blendet nur ein falscher Glanz.
Hinweg, ihr eitlen Truggebilde,
Gebt höherm Streben willig Raum!
Gar manches führt die Katz im Schilde,
Sie liebt, sie hasst und weiss es kaum.
Kein Ton, kein Blick, senkt eure Augen,
O Mina, Miesmies, falsch Geschlecht!
Verderblich Gift, nicht will ich's saugen,
Ich flieh', und Muzius sei gerächt.
Verklärter! - ja, bei jedem Braten,
Bei jedem Fisch gedenk' ich dein!
Denk' deiner Weisheit, deiner Taten,
Denk' Kater ganz wie du zu sein.
Gelang es hünd'schem Frevelwitze
Dich zu verderben, edler Freund,
So trifft die Schmach blutgier'ge Spitze,
Es rächet dich, der um dich weint.
So flau, so jammervoll im Busen
War mir's, ich wusste gar nicht wie,
Doch hoher Dank den holden Musen,
Dem kühnen Flug der Phantasie.
Mir ist jetzt wieder leidlich besser,
Spür' gar nicht g'ringen Appetit,
Bin Muzius gleich ein wackrer Esser
Und ganz in Poesie erglüht.
Ja Kunst! du Kind aus hohen Sphären,
Du Trösterin im tiefsten Leid,
O! - Verslein lass mich stets gebären
Mit genialer Leichtigkeit.
Und: Murr, so sprechen edle Frauen,
Hochherz'ge Jünglinge, o Murr;
Du Dichterherz, ein zart Vertrauen
Weckt in der Brust dein süss Gemurr!«
Die Wirkung des Versleinmachens war zu wohltätig, ich konnte mich nicht mit
diesem Gedicht begnügen, sondern machte mehre hintereinander mit gleicher
Leichtigkeit, mit gleichem Glück. Die gelungensten würd' ich hier dem geneigten
Leser mitteilen, hätte ich nicht im Sinn, dieselben nebst mehreren Witzwörtern
und Impromptus, die ich in müssigen Stunden angefertigt, und über die ich schon
beinahe vor Lachen bersten mögen, unter dem allgemeinen Titel: »Was ich gebar in
Stunden der Begeisterung« herauszugeben. - Zu meinem nicht geringen Ruhm muss ich
es sagen, dass selbst in meinen Jünglingsmonaten, wenn der Sturm der Leidenschaft
noch nicht verbraust ist, ein heller Verstand, ein feiner Takt für das Gehörige
die Oberhand behielt über jeden abnormen Sinnenrausch. So gelang es mir auch,
die plötzlich aufgewallte Liebe zu der schönen Mina gänzlich zu unterdrücken.
Einmal musste mir denn doch bei ruhiger Überlegung diese Leidenschaft in meinen
Verhältnissen etwas töricht vorkommen; dann erfuhr ich aber auch, dass Mina, des
äussern Scheins kindlicher Frömmigkeit unerachtet, ein keckes eigensinniges Ding
sei, die bei gewissen Anlässen den bescheidensten Katerjünglingen in die blanken
Augen fahre. Um mir aber jeden Rückfall zu ersparen, vermied ich sorglich Mina
zu sehen, und da ich Miesmies' vermeintliche Ansprüche und ihr seltsames
überspanntes Wesen noch mehr scheute, so hielt ich mich, um ja keiner von beiden
zu begegnen, einsam im Zimmer und besuchte weder den Keller, weder den Boden,
noch das Dach. Der Meister schien dies gern zu sehen; er erlaubte, dass ich,
studierte er am Schreibtisch, mich hinter seinem Rücken auf den Lehnstuhl setzen
und mit vorgestrecktem Halse durch den Arm in das Buch gucken durfte, welches er
eben las. - Es waren ganz hübsche Bücher, die wir, ich und mein Meister, auf
diese Art zusammen durchstudierten, wie z.B. Arpe, »de prodigiosis naturae et
artis operibus, Talismanes et Amuleta dictis,« Beckers »bezauberte Welt«,
Francisci Petrarka »Gedenkbuch« u.a.m. Diese Lektüre zerstreute mich ungemein
und gab meinem Geist einen neuen Schwung. -
    Der Meister war ausgegangen, die Sonne schien so freundlich, die
Frühlingsdüfte wehten so anmutig zum Fenster hinein; ich vergass meine Vorsätze
und spazierte hinauf auf das Dach. Kaum war ich aber oben, als ich auch schon
Muzius' Witwe erblickte, die hinter dem Schornstein hervorkam. - Vor Schreck
blieb ich regungslos stehen wie eingewurzelt; schon hörte ich mich bestürmt mit
Vorwürfen und Beteuerungen. - Weit gefehlt. - Gleich hinter her folgte der junge
Hinzmann, rief die schöne Witwe mit süssen Namen, sie blieb stehen, empfing ihn
mit lieblichen Worten, beide begrüssten sich mit dem entschiedenen Ausdruck
inniger Zärtlichkeit und gingen dann schnell an mir vorüber, ohne mich zu grüssen
oder sonst im mindesten zu beachten. Der junge Hinzmann schämte sich ganz gewiss
vor mir, denn er senkte den Kopf zu Boden und schlug die Augen nieder, die
leichtsinnige kokette Witwe warf mir aber einen höhnischen Blick zu.
    Der Kater ist, was sein psychisches Wesen betrifft, doch eine gar närrische
Kreatur. - Hätte ich nicht froh sein können, sein müssen, dass Muzius' Witwe
anderweitig mit einem Liebhaber versehen, und doch konnte ich mich eines
gewissen innern Ärgers nicht erwehren, der beinahe das Ansehen hatte von
Eifersüchtelei. - Ich schwor, niemals mehr das Dach zu besuchen, wo ich grosse
Unbill erlebt zu haben glaubte. Statt dessen sprang ich nun fleissig auf die
Fensterbank, sonnte mich, schaute, um mich zu zerstreuen, auf die Strasse hinab,
stellte allerlei tiefsinnige Betrachtungen an und verband so das Angenehme mit
dem Nützlichen.
    Ein Gegenstand dieser Betrachtungen war denn auch, warum es mir noch niemals
eingefallen, mich aus eignem freien Antriebe vor die Haustüre zu setzen oder auf
der Strasse zu lustwandeln, wie ich es doch viele von meinem Geschlecht tun sah,
ohne alle Furcht und Scheu. Ich stellte mir das als etwas höchst Angenehmes vor
und war überzeugt, dass nun, da ich zu reiferen Monaten gekommen und
Lebenserfahrung genug gesammelt, von jenen Gefahren, in die ich geriet, als das
Schicksal mich, einen unmündigen Jüngling, hinausschleuderte in die Welt, nicht
mehr die Rede sein könne. Getrost wandelte ich daher die Treppe herab und setzte
mich fürs erste auf die Türschwelle in den hellsten Sonnenschein. Dass ich eine
Stellung annahm, die jedem auf den ersten Blick den gebildeten, wohlerzogenen
Kater verraten musste, versteht sich von selbst. Es gefiel mir vor der Haustüre
ganz ungemein. Indem die heissen Sonnenstrahlen meinen Pelz wohltätig auswärmten,
putzte ich mit gekrümmter Pfote zierlich Schnauze und Bart, worüber mir ein paar
vorübergehende junge Mädchen, die den grossen, mit Schlössern versehenen Mappen
nach, die sie trugen, aus der Schule kommen mussten, nicht allein ihr grosses
Vergnügen bezeugten, sondern mir auch ein Stückchen Weissbrot verehrten, welches
ich nach gewohnter Galanterie dankbarlichst annahm. -
    Ich spielte mehr mit der mir dargebotenen Gabe, als dass ich sie wirklich zu
verzehren Anstalt machte, aber wie gross war mein Entsetzen, als plötzlich ein
starkes Brummen dicht bei mir dieses Spiel unterbrach und der mächtige Alte,
Pontos Oheim, der Pudel Skaramuz, vor mir stand. Mit einem Satz wollte ich fort
aus der Türe, doch Skaramuz rief mir zu: »Sei Er kein Hasenfuss und bleib Er
ruhig sitzen; glaubt Er, ich werd' Ihn fressen?« -
    Mit der demütigsten Höflichkeit fragte ich, worin ich vielleicht dem Herrn
Skaramuz nach meinen geringen Kräften dienen könne, der erwiderte aber barsch:
»In nichts, in gar nichts kann Er mir dienen, Mosje Murr, und wie sollte das
auch möglich sein? Aber fragen wollt' ich Ihn, ob Er vielleicht weiss, wo mein
liederlicher Neffe steckt, der junge Ponto. Er hat sich ja wohl schon einmal mit
Ihm herumgetrieben, und ihr scheinet zu meinem nicht geringen Ärger ein Herz und
eine Seele. Nun? - sag' Er nur an, ob Er weiss, wo der Junge herumschwärmt; ich
habe ihn schon seit mehreren Tagen mit keinem Auge gesehen.«
    Verlegen durch des mürrischen Alten stolzes wegwerfendes Betragen,
versicherte ich kalt, dass von einer engen Freundschaft zwischen mir und dem
jungen Ponto gar nicht die Rede sei und auch niemals die Rede gewesen wäre.
Zumal in der letzten Zeit habe sich Ponto, den ich übrigens gar nicht
aufgesucht, ganz von mir zurückgezogen.
    »Nun,« brummte der Alte, »nun, das freut mich, das zeigt doch, dass der Junge
Ehre im Leibe hat und nicht gleich bei der Hand ist, mit Leuten allerlei
Gelichters sein Wesen zu treiben.«
    Das war denn doch nicht auszuhalten, der Zorn übermannte mich, das
Burschentum regte sich in mir, ich vergass alle Furcht und prustete dem schnöden
Skaramuz ein tüchtiges: »Alter Grobian!« ins Gesicht, hob auch die rechte Pfote
mit ausgespreizten Krallen in die Höhe und zwar in der Richtung nach des Pudels
linkem Auge. Der Alte wich zwei Schritte zurück und sprach weniger barsch, als
vorher: »Nun, nun, Murr! nichts für ungut, Ihr seid sonst ein guter Kater, und
da will ich Euch denn raten, nehmt Euch in acht vor dem Blitzjungen, dem Ponto!
Er ist, Ihr möget es glauben, eine ehrliche Haut, aber leichtsinnig! -
leichtsinnig! zu allen tollen Streichen aufgelegt, kein Ernst des Lebens, keine
Sitte! - Nehmt Euch in acht, sag' ich, denn bald wird er Euch verlocken in
allerlei Gesellschaften, wo Ihr gar nicht hin gehört und Euch mit unsäglicher
Mühe zu einer Art des sozialen Umgangs zwingen müsst, die Euerer innersten Natur
zuwider, und über die Eure Individualität, Eure einfache ungeheuchelte Sitte,
wie Ihr sie mir eben bewiesen, zugrunde geht. - Seht, guter Murr, Ihr seid, wie
ich schon gesagt, als Kater schätzenswert und habt für gute Lehre ein williges
geneigtes Ohr! - Seht! - soviel tolle, unangenehme, ja zweideutige Streiche auch
ein Jüngling verführen mag, zeigt er nur dann und wann jene weichliche, ja oft
süssliche Gutmütigkeit, wie sie Leuten von sanguinischem Temperament immer eigen,
so heisst es denn gleich mit dem französischen Ausdruck: Au fond ist er doch ein
guter Kerl, und das soll denn alles entschuldigen, was er beginnt gegen alle
Sitte und Ordnung. Aber der fond, in dem der Kern des Guten steckt, liegt so
tief, und über ihm hat sich so viel Unrat eines ausgelassenen Lebens gesammelt,
dass er im Keime ersticken muss. - Für wahrhaftes Gefühl des Guten wird einem aber
oft jene alberne Gutmütigkeit aufgetischt, die der Teufel holen soll, wenn sie
nicht vermag, den Geist des Bösen in einer glänzenden Maske zu erkennen. Traut,
o Kater, den Erfahrungen eines alten Pudels, der sich was in der Welt versucht,
und lasst Euch nicht durch das verdammte: Au fond ist er ein guter Kerl, betören.
- Seht Ihr etwa meinen liederlichen Neffen, so möget Ihr ihm alles geradezu
heraussagen, was ich mit Euch gesprochen, und Euch seine fernere Freundschaft
gänzlich verbitten. - Gott befohlen! - Ihr fresst das wohl nicht, guter Murr?«
    Damit nahm der alte Pudel Skaramuz das Stückchen Weissbrot, das vor mir lag,
hurtig ins Maul und schritt dann gemächlich von dannen, indem er mit gesenktem
Haupt die lang behaarten Ohren an der Erde schleppen liess und ein ganz klein
wenig mit dem Schweif wedelte. -
    Gedankenvoll schaute ich dem Alten nach, dessen Lebensweisheit mir ganz
eingehn wollte. »Ist er fort, ist er fort?« So lispelte es dicht hinter mir, und
ich erstaunte nicht wenig, als ich den jungen Ponto erblickte, der sich hinter
die Türe geschlichen und so lange gewartet hatte, bis der Alte mich verlassen.
Pontos plötzliche Erscheinung setzte mich gewissermassen in Verlegenheit, da mir
des alten Onkels Auftrag, den ich jetzt eigentlich hätte ausrichten müssen, doch
etwas bedenklich schien. Ich dachte an jene entsetzlichen Worte, die Ponto mir
einst zugerufen: »Solltest du es dir etwa beikommen lassen, feindliche
Gesinnungen gegen mich zu äussern, so bin ich dir an Stärke und Gewandteit
überlegen. Ein Sprung, ein tüchtiger Biss meiner scharfen Zähne würde dir auf der
Stelle den Garaus machen.« Ich fand es sehr ratsam, zu schweigen. -
    Diese inneren Bedenklichkeiten mochten mein äusseres Betragen kalt und
gezwungen erscheinen lassen, Ponto guckte mich an mit scharfem Blick. Dann brach
er aus in eine helle Lache und rief: »Ich merk' es schon, Freund Murr! Mein
Alter hat dir allerlei Böses vorgeredet von meinem Treiben, er hat mich
liederlich, allen tollen Streichen und Ausschweifungen ergeben geschildert. Sei
nicht so töricht, von dem allem auch nur ein Wörtchen zu glauben. Fürs erste! -
Schau' mich recht aufmerksam an und sage mir, was du von meiner äussern
Erscheinung hältst?« - Den jungen Ponto betrachtend, fand ich, dass er nie so
wohlgenährt, so glau ausgesehen, dass nie diese Nettigkeit, diese Eleganz in
seinem Anzuge, nie diese wohltuende Übereinstimmung in seinem ganzen Wesen
geherrscht. Ich äusserte ihm dies unverhohlen.
    »Nun wohl,« sprach Ponto, »nun wohl, guter Murr, glaubst du wohl, dass ein
Pudel, der sich in schlechter Gesellschaft umhertreibt, der niedrigen
Ausschweifungen ergeben, der recht systematisch liederlich ist, ohne
eigentlichen Geschmack daran zu finden, sondern bloss aus Langeweile, wie es denn
nun wirklich bei vielen Pudeln der Fall ist - glaubst du wohl, dass ein solcher
Pudel so aussehen kann, wie du mich findest? Du rühmst vorzüglich die Harmonie
in meinem ganzen Wesen. Schon das muss dich belehren, wie sehr mein grämlicher
Onkel im Irrtum ist; denke, da du ein literarischer Kater bist, an jenen
Lebensweisen, welcher dem, der an einem Lasterhaften vorzüglich das
Unharmonische der ganzen Gestaltung rügte, erwiderte: Ist es möglich, dass das
Laster Einheit haben kann? - Wundere dich, Freund Murr, nicht einen Augenblick
über die schwarzen Verleumdungen meines Alten. Grämlich und geizig, wie denn nun
einmal Oheime sind, hat er deshalb seinen ganzen Zorn auf mich geworfen, weil er
par honneur einige kleine Spielschulden bezahlen müssen, die ich bei einem
Wurstkrämer aufgeborgt hatte, der bei sich verbotenes Spiel duldete und den
Spielern oft in Zervelaten, Grützen und Lebern (zu Würsten aptiert nämlich)
bedeutende Vorschüsse machte. Dann aber denkt der Alte noch immer an eine
gewisse Periode, in der meine Lebensweise eben nicht rühmlich war, die aber
längst vorüber und dem herrlichsten Anstande gewichen ist.«
    In dem Augenblick kam ein kecker Pintscher des Weges, guckte mich an, als
hab' er meinesgleichen noch niemals gesehen, schrie mir die gröbsten Insolenzen
in die Ohren und schnappte dann nach dem Schweif, den ich lang aus von mir
gestreckt, welches ihm zu missfallen schien. Sowie ich aber hochaufgerichtet mich
zur Wehre setzen wollte, war Ponto auch schon auf den ungesitteten Krakehler
losgesprungen, hatte ihn zu Boden getreten und zwei-, dreimal überrannt, so dass
er unter dem jammervollsten Lamento, den Schweif fest eingeklemmt, schnell
davonfuhr wie ein abgeschossener Pfeil.
    Dieser Beweis, den Ponto mir von seiner guten Gesinnung, von seiner tätigen
Freundschaft gab, rührte mich ungemein, und ich dachte, dass hier das: »au fond
ist er ein guter Kerl!« welches der Onkel Skaramuz mir hatte verdächtig machen
wollen, doch auf Ponto anzuwenden sei in besserm Sinn und ihn mit mehrerem
Grunde entschuldigen könne als manchen andern. Überhaupt wollt' es mich
bedünken, dass der Alte gewiss zu schwarz gesehen und Ponto zwar leichtsinnige,
aber nie schlechte Streiche machen könne. Alles dieses äusserte ich meinem
Freunde ganz unverhohlen und dankte ihm dabei dafür, dass er meine Verteidigung
übernommen, in den verbindlichsten Ausdrücken.
    »Es freut,« erwiderte Ponto, indem er, wie es seine Art war, mit muntren
schalkischen Augen umherblickte, »es freut mich, guter Murr, dass der pedantische
Alte dich nicht irregemacht hat, sondern dass du mein gutes Herz erkennst. -
Nicht wahr, Murr, ich nahm den übermütigen Jungen tüchtig vor? - Er wird daran
denken lange Zeit. Eigentlich habe ich ihm heute schon den ganzen Tag aufgepasst,
der Bengel stahl mir gestern eine Wurst und musste dafür gezüchtigt werden. Dass
dabei auch nebenher die Unbill gerächt wurde, die du von ihm erfahren, und dass
ich in dieser Art dir meine Freundschaft bewähren konnte, ist mir gar nicht
unlieb; ich schlug, wie man im Sprüchwort zu sagen pflegt, zwei Fliegen mit
einer Klappe. - Nun aber wiederum auf unser voriges Gespräch zurückzukommen! -
Betrachte mich, guter Katz, noch einmal recht genau und sage mir, ob du denn gar
keine merkwürdige Veränderung in meinem Äussern wahrnimmst?« -
    Ich schaute meinen jungen Freund aufmerksam an und - ach der Tausend! nun
erst fiel mir das silberne, zierlich gearbeitete Halsband ins Auge, das er trug,
und auf dem die Worte graviert waren: Baron Alzibiades von Wipp. Marschallstrasse
Nr. 46.
    »Wie,« rief ich erstaunt, »wie, Ponto, du hast deinen Herrn verlassen, den
ästetischen Professor, und dich zu einem Baron begeben?«
    »Verlassen,« erwiderte Ponto, »habe ich nun eigentlich den Professor nicht,
sondern er hat mich von sich gejagt mit Fusstritten und Prügeln.«
    »Wie konnte das geschehen?« sprach ich, »dein Herr bewies dir ja sonst alle
Liebe und Güte wie nur möglich.«
    »Ach,« antwortete Ponto, »das ist eine dumme ärgerliche Geschichte, die nur
durch das sonderbare Spiel des neckenden Zufalls zu meinem Glück ausschlug. An
der ganzen Sache war bloss meine alberne Gutmütigkeit schuld, der freilich ein
wenig eitle Prahlerei beigemischt. In jeder Minute wollt' ich meinem Herrn
Aufmerksamkeiten erweisen und ihm dabei mein Geschick, meine Ausbildung zeigen.
Deshalb war ich auch gewohnt, alles, was an Kleinigkeiten am Fussboden lag, dem
Herrn ohne weitere Aufforderung zu apportieren. Nun! - Du weisst vielleicht, dass
der Professor Lotario eine blutjunge und dabei bildhübsche Frau hat, die ihn
auf das zärtlichste liebt, woran er gar nicht zweifeln darf, da sie es ihm jeden
Augenblick versichert und ihn gerade dann mit Liebkosungen überhäuft, wenn er,
in Büchern begraben, sich auf die zu haltende Vorlesung vorbereitet. Sie ist die
Häuslichkeit selbst, da sie das Haus niemals vor zwölf Uhr verlässt, da sie doch
schon um halb eilf Uhr aufgestanden, und, einfach in ihren Sitten, verschmäht
sie nicht, mit der Köchin, mit dem Stubenmädchen die häuslichen Angelegenheiten
bis ins tiefste Detail zu beraten und sich, ist das Wochengeld gewisser, nicht
etatsmässiger Ausgaben halber zu früh aus dem Beutel entwischt, und darf der Herr
Professor nicht angegangen werden, ihrer Kasse zu bedienen. Die Zinsen dieser
Anlehne trägt sie ab in kaum getragnen Kleidern, sowie diese und auch wohl
Federhüte, in die die erstaunte Welt der Mägde Sonntags das Stubenmädchen
geputzt sieht, als Lohn für gewisse geheime Gänge und andre Gefälligkeiten
gelten dürften. Bei so vielen Vollkommenheiten mag wohl einer liebenswürdigen
Frau die kleine Torheit (ist es überhaupt Torheit zu nennen) kaum verargt
werden, dass ihr eifrigstes Streben, all ihr Tichten und Trachten dahin geht,
stets nach der letzten Mode gekleidet zu gehen, dass ihr das Eleganteste, das
Teuerste nicht elegant, nicht teuer genug ist, dass sie, hat sie ein Kleid
dreimal, einen Hut viermal getragen, den türkschen Shawl einen Monat hindurch
umgehängt, eine Idiosynkrasie dagegen empfindet und die kostbarste Garderobe
wegwirft um einen Spottpreis oder, wie gesagt, die Mägde sich darin putzen lässt.
Dass die Frau eines Professors der Ästetik Sinn hat für schöne äussere
Gestaltung, ist wohl gar nicht zu verwundern, und nur erfreulich kann es dem
Gemahl sein, wenn dieser Sinn sich darin offenbart, dass die Gemahlin mit
sichtlichem Wohlgefallen den Blick der feuerblitzenden Augen auf schönen
Jünglingen ruhen lässt, diesen auch wohl zuweilen etwas nachläuft. Manchmal
bemerkte ich, dass dieser, jener artige junge Mann, der die Vorlesungen des
Professors besuchte, die Türe des Auditoriums verfehlte und statt dieser die
Türe, welche zum Zimmer der Professorin führte, leise öffnete und ebenso leise
hineintrat. Beinahe musste ich glauben, dass diese Verwechslung nicht ganz
absichtslos geschah oder wenigstens niemanden gereute, denn keiner eilte, seinen
Irrtum zu verbessern, sondern jeder, der hineingetreten, kam erst nach einer
guten Zeit heraus und zwar mit solch lächelndem zufriednem Blick, als ob ihm der
Besuch bei der Professorin ebenso angenehm und nützlich gewesen als eine
ästetische Vorlesung des Professors. Die schöne Lätitia (so hiess des Professors
Frau) war mir nicht sonderlich gewogen. Sie litt mich nicht in ihrem Zimmer und
mochte recht haben, da freilich der kultivierteste Pudel nicht dort hingehört,
wo er bei jedem Schritt Gefahr läuft, Florspitzen zu zerreissen, Kleider zu
beschmutzen, die auf allen Stühlen umherliegen. Doch wollt' es der Professorin
böser Genius, dass ich einmal bis in ihr Boudoir hineindrang. - Der Herr
Professor hatte eines Tages bei einem Mittagsmahl mehr Wein getrunken als gerade
dienlich und war darüber in eine hochbegeisterte Stimmung geraten. Zu Hause
angekommen, ging er, ganz gegen seine Gewohnheit, geradezu in das Kabinett
seiner Frau, und ich schlüpfte, selbst wusste ich nicht, was für eine besondere
Lust mich dazu antrieb, mit hinein durch die Türe. Die Professorin war in
Hauskleidern, deren Weisse dem frischgefallnen Schnee zu vergleichen, ihr ganzer
Anzug zeigte nicht sowohl eine gewisse Sorglosigkeit als die tiefste Kunst der
Toilette, die sich hinter dem Einfachen verbirgt und wie ein versteckter Feind
desto gewisser siegt. Die Professorin war in der Tat allerliebst, und stärker
als sonst empfand dies der halbberauschte Professor, der, ganz Liebe und
Entzücken, die holde Gattin mit den süssesten Namen nannte, mit den zärtlichsten
Liebkosungen überhäufte und darüber gar nicht eine gewisse Zerstreuung, ein
gewisses unruhiges Missbehagen bemerkte, das sich in dem ganzen Wesen der
Professorin nur zu deutlich aussprach. Mir war die steigende Zärtlichkeit des
begeisterten Ästetikers unangenehm und lästig. Ich kam auf meinen alten
Zeitvertreib und suchte am Boden umher. Gerade als der Professor in der höchsten
Ekstase laut rief: Göttliches, hehres, himmlisches Weib, lass uns - tänzelte ich
auf den Hinterbeinen zu ihm heran und apportierte ihm zierlich und wie bei
diesem Akt jedesmal ein wenig mit dem Stutzschweif wedelnd, den feinen
pomeranzfarbnen Männerhandschuh, den ich unter dem Sofa der Frau Professorin
gefunden. - Starr blickte der Professor den Handschuh an und rief, wie plötzlich
aufgeschreckt aus einem süssen Traum: Was ist das? - Wem gehört dieser Handschuh?
wie ist er in dies Zimmer gekommen? - Damit nahm er den Handschuh mir aus der
Schnauze, besah ihn, hielt ihn an die Nase und rief dann wieder: Wo kommt dieser
Handschuh her? Lätitia, sprich, wer ist bei dir gewesen? - Wie du, erwiderte die
holde treue Lätitia mit dem ungewissen Ton der Verlegenheit, den sie sich
vergebens mühte zu unterdrücken wie du nun auch seltsam bist, lieber Lotar, wem
soll, wem wird der Handschuh gehören? Die Majorin war hier und konnte bei dem
Abschiede den Handschuh nicht finden, den sie auf der Treppe ausgestreut zu
haben glaubte. - Die Majorin, schrie der Professor ganz ausser sich, die Majorin,
die kleine zartgebaute Frau, deren ganze Hand hineingeht in diesen Daumen! -
Höll' und Teufel, welcher Zierbengel war hier? - Denn nach parfümierter Seife
riecht das verfluchte Ding! - Unglückliche, wer war hier, welcher
verbrecherische Trug der Hölle zerstörte hier meine Ruhe, mein Glück? -
Schändliches, verruchtes Weib! -
    Die Professorin machte gerade Anstalt, in Ohnmacht zu fallen, als das
Stubenmädchen hineintrat und ich, froh, des fatalen Ehestandsauftritts, den ich
veranlasst, entledigt zu werden, schnell hinaussprang.
    Den andern Tag war der Professor ganz stumm und in sich gekehrt; ein
einziger Gedanke schien ihn zu beschäftigen, einer einzigen Idee schien er
nachzugrübeln. Ob er es nur sein mag! - Das waren die Worte, die dann und wann
den verstummen Lippen unwillkürlich entflohen. Gegen Abend nahm er Hut und
Stock, ich sprang und bellte freudig; er sah mich lange an, helle Tränen traten
ihm in die Augen, er sprach mit dem Ton der tiefsten innigsten Wehmut: Mein
guter Ponto! - treue ehrliche Seele! - Dann lief er schnell vors Tor und ich
dicht hinter ihm her, fest entschlossen, den armen Mann aufzuheitern mittelst
aller Künste, die mir nur zu Gebote standen. Dicht vor dem Tore begegnete uns
der Baron Alzibiades von Wipp, einer der zierlichsten Herrn in unserer Stadt,
auf einem schönen Engländer. Sowie der Baron den Professor gewahrte,
kurbettierte er zierlich an ihn heran und fragte nach des Professors, dann aber
nach der Frau Professorin Wohlbefinden. Der Professor stotterte in der
Verwirrung einige unverständliche Worte hervor. In der Tat, sehr heisse
Witterung! sprach nun der Baron und zog ein seidnes Tuch aus der Rocktasche,
schleuderte aber mit demselben Schwunge einen Handschuh heraus, den ich
gewohnter Sitte gemäss meinem Herrn apportierte. Hastig riss mir der Professor den
Handschuh fort und rief: Das ist Ihr Handschuh, Herr Baron? - Allerdings,
erwiderte dieser, verwundert über des Professors Heftigkeit, allerdings, ich
glaube, ich schleuderte ihn in dem Augenblick aus der Rocktasche, und der
dienstfertige Pudel hob ihn auf. - So habe ich, sprach der Professor mit
schneidendem Ton, indem er den Handschuh, den ich unter dem Sofa in der
Professorin Zimmer hervorgesucht, ihm hinreichte, so habe ich das Vergnügen,
Ihnen den Zwillingsbruder dieses Handschuhs, den Sie gestern verloren,
überreichen zu können.
    Ohne des sichtlich betretenen Barons Antwort abzuwarten, rannte der
Professor wild von dannen.
    Ich hütete mich wohl, dem Professor in das Zimmer seiner teuren Gattin zu
folgen, da ich den Sturm ahnen konnte, der sich bald, bis auf den Flur
hinausbrausend, vernehmen liess. Aber in einem Winkel des Flurs lauschte ich und
gewahrte, wie der Professor, alle Flammen der Wut im rotgleissenden Antlitz, das
Stubenmädchen zur Stubentür, dann aber, als sie sich noch unterfing, einige
kecke Worte zu sprechen, zum Hause hinauswarf. Endlich in später Nacht kam der
Professor ganz erschöpft auf seinem Zimmer an. Ich gab ihm meine innige
Teilnahme an seinem trüben Malheur durch leises Winseln zu verstehen. Da
umhalste er mich und drückte mich an seine Brust, als sei ich sein bester
innigster Freund. Guter, ehrlicher Ponto, so sprach er mit ganz kläglichem Ton,
treues Gemüt, du, du allein hast mich aus dem betörenden Traum geweckt, der mich
meine Schande nicht erkennen liess, du hast mich dahin gebracht, dass ich das Joch
abwerfen, in das mich ein alsches Weib gespannt hatte, dass ich wieder ein freier
unbefangener Mensch werden kann! Ponto, wie soll ich dir das danken! - Nie - nie
sollst du mich verlassen, ich will dich hegen und pflegen wie meinen besten
treusten Freund, du allein wirst mich trösten, wenn ich bei dem Gedanken an mein
hartes Missgeschick verzweifeln will.
    Diese rührenden Äusserungen eines edlen dankbaren Gemüts wurden durch die
Köchin unterbrochen, welche mit blassem verstörten Gesicht hereinstürzte und dem
Professor die entsetzliche Botschaft hinterbrachte, dass die Frau Professorin in
den fürchterlichsten Krämpfen liege und den Geist aufgeben wolle. Der Professor
flog hinab! -
    Mehrere Tage hindurch sah ich nun den Professor beinahe gar nicht. Meine
Speisung, für die sonst mein Herr liebreich selbst sorgte, war der Köchin
übertragen, die aber, eine mürrische garstige Person, mir mit Widerwillen statt
der sonstigen guten Gerichte nur die elendesten, kaum geniessbaren Bissen
zukommen liess. Zuweilen vergass sie mich auch ganz und gar, so dass ich genötigt
wurde, bei guten Bekannten zu schmarotzen, auch wohl auf Beute auszugehen, um
nur meinen Hunger zu stillen.
    Endlich schenkte mir, als ich eines Tages hungrig und matt mit
herabhängenden Ohren im Hause herumschlich, der Professor einige Aufmerksamkeit.
Ponto, rief er lächelnd, wie denn überhaupt sein Antlitz ganz Sonnenschein war,
Ponto, mein alter ehrlicher Hund, wo hast du denn gesteckt? Hab' ich dich doch
so lange nicht gesehen! Ich glaube gar, man hat dich ganz gegen meinen Willen
vernachlässigt und nicht sorgsam gefüttert? - Nun, komm nur, komm, heute sollst
du wieder von mir selbst deine Speise erhalten.
    Ich folgte dem gütigen Herrn in das Esszimmer. Die Frau Professorin,
aufgeblüht wie eine Rose, wie der Herr Gemahl vollen Sonnenglanz im Antlitz, kam
ihm entgegen. Beide taten zärtlicher miteinander als jemals, sie nannte ihn:
englischer Mann, er sie aber: mein Mäuschen, und dabei herzten und küssten sie
sich wie ein Turteltaubenpaar. Es war eine rechte Freude, das anzusehn. Auch
gegen mich war die holde Frau Professorin freundlich wie sonst niemals, und du
kannst denken, guter Murr, dass ich mich bei meiner angebornen Galanterie artig
und zierlich zu betragen wusste. - Wer hätte ahnen können, was über mich verhängt
war! - Es würde mir selbst schwer fallen, dir ausführlich all diese
heimtückischen Streiche zu erzählen, die meine Feinde mir spielten, um mich zu
verderben, und noch mehr als das, es würde dich ermüden. Beschränken will ich
mich darauf, nur einiges zu erwähnen, welches dir ein treues Bild meiner
unglücklichen Lage geben wird. - Mein Herr war gewohnt, mir im Speisezimmer,
während er selbst ass, die gewöhnlichen Portionen an Suppe, Gemüse und Fleisch in
einem Winkel am Ofen zu verabreichen. Ich ass mit solchem Anstande, mit solcher
Reinlichkeit, dass auch nicht das kleinste Fettfleckchen auf dem getäfelten
Fussboden sichtbar. Wie gross war daher mein Entsetzen, als eines Mittags der
Napf, kaum hatte ich mich ihm genähert, in hundert Stücke zersprang und die
Fettbrühe sich ergoss über den schönen Fussboden. Zornig fuhr der Professor auf
mich los mit argen Scheltworten, und unerachtet die Professorin mich zu
entschuldigen suchte, las man doch den bittern Verdruss in ihrem blassen Gesicht.
Sie meinte, dürfte auch der garstige Flecken nicht wohl fortzubringen sein, so
könnte ja doch die Stelle abgehobelt oder eine neue Tafel eingesetzt werden. Der
Professor hegte einen tiefen Abscheu gegen solch Reparaturen, er hörte schon die
Tischlerjungen hobeln und hämmern, und so waren es die liebreichen
Entschuldigungen der Professorin, die ihn mein vermeintliches Ungeschick erst
recht fühlen liessen und mir noch ausser jenen Scheltworten ein tüchtiges paar
Ohrfeigen einbrachten. - Ich stand da im Bewusstsein meiner Unschuld, ganz
verblüfft, und wusste gar nicht, was ich denken, was ich sagen sollte. - Erst als
mir dasselbe zwei - dreimal geschehen, merkte ich die Tücke! - Man hatte mir
halb zerbrochene Schüsseln hingestellt, die bei der leisesten Berührung in
hundert Stücke zerfallen mussten. Ich durfte nicht mehr im Zimmer bleiben,
draussen erhielt ich Speise von der Köchin, aber so kärglich, dass ich, von
nagendem Hunger getrieben, manches Stück Brot, manchen Knochen zu erschnappen
suchen musste. Darüber entstand denn nun jedesmal ein gewaltiger Lärm, und ich
musste mir eigennützigen Diebstahl da vorwerfen lassen, wo nur von der
Befriedigung des dringendsten Naturbedürfnisses die Rede sein konnte. Es kam
noch ärger! - Mit grossem Geschrei klagte die Köchin, dass ihr eine schöne
Hammelkeule aus der Küche verschwunden, und dass ich sie ganz gewiss gestohlen.
Die Sache kam als eine wichtigere häusliche Angelegenheit vor den Professor. Der
meinte, dass er sonst nie den Hang zum Diebstahl an mir bemerkt, und dass auch
mein Diebsorgan durchaus nicht ausgebildet sei. Auch wäre es nicht denkbar, dass
ich eine ganze Hammelkeule so verspeiset, dass keine Spur mehr davon vorhanden. -
Man suchte nach und - fand in meinem Lager die Überbleibsel der Keule! - Murr!
sieh, mit der Pfote auf der Brust schwöre ich's dir, dass ich völlig unschuldig
war, dass es mir nicht in den Sinn gekommen, den Braten zu stehlen, doch, was
halfen die Beteuerungen meiner Unschuld, da der Beweis wider mich sprach! - Um
so ergrimmter war der Professor, als er meine Partie genommen und sich in seiner
guten Meinung von mir getäuscht sah. - Ich erhielt eine tüchtige Tracht Prügel.
- Liess mich der Professor auch nachher den Widerwillen fühlen, den er gegen mich
hegte, so war die Frau Professorin desto freundlicher, streichelte mir, was sie
sonst nie getan, den Rücken und gab mir sogar dann und wann einen guten Bissen.
Wie konnt' ich ahnen, dass das alles nur gleissnerischer Trug, und doch sollte
sich dies bald zeigen. - Die Türe des Esszimmers stand offen, mit leerem Magen
schaute ich sehnsüchtig hinein und gedachte schmerzvoll jener guten Zeit, als
ich, wenn das süsse Aroma des Bratens sich verbreitete, nicht vergebens den
Professor bittend anschaute und dabei, wie man zu sagen pflegt, ein wenig
schnüffelte! Da rief die Professorin: Ponto, Ponto! und hielt mir geschickt
zwischen dem zarten Daumen und dem niedlichen Zeigefinger ein schönes Stück
Braten hin. - Mag es sein, dass ich im Entusiasmus des aufgeregten Appetits ein
wenig heftiger zuschnappte als gerade nötig, doch gebissen habe ich nicht die
zarte Lilienhand, das kannst du mir glauben, guter Murr. Und doch schrie die
Professorin laut auf: Der böse Hund! und fiel wie ohnmächtig zurück in den
Sessel, und doch sah' ich zu meinem Entsetzen wirklich ein paar Blutstropfen am
Daumen. Der Professor geriet in Wut; er schlug mich, trat mich mit Füssen,
misshandelte mich so unbarmherzig, dass ich mit dir, mein guter Kater, hier wohl
nicht vor der Türe sässe im lieben Sonnenschein, hätte ich mich nicht durch die
schleunige Flucht zum Hause hinaus gerettet. An Rückkehr war nicht zu denken.
Ich sah ein, dass gegen die schwarze Kabale, die die Professorin aus reiner
Rachgier wegen des freiherrlichen Handschuhs gegen mich angezettelt, nichts
auszurichten, und beschloss, mir gleich einen andern Herrn zu suchen. Sonst wäre
das der schönen Gaben halber, die mir die gütige, mütterliche Natur verliehen,
ein leichtes gewesen, Hunger und Gram hatten mich aber so heruntergebracht, dass
ich bei meinem miserablen Aussehn in der Tat befürchten musste, überall
abgewiesen zu werden. Traurig, von drückenden Nahrungssorgen gequält, schlich
ich vors Tor. Ich erblickte den Herrn Baron Alzibiades von Wipp, der vor mir
herging, und ich weiss nicht, wie mir der Gedanke kam, ihm meine Dienste
anzubieten. Vielleicht war es ein dunkles Gefühl, dass ich auf diese Weise
Gelegenheit erhalten würde, mich an dem undankbaren Professor zu rächen, wie es
sich später denn auch wirklich begab. - Ich tänzelte an den Baron heran, wartete
ihm auf und folgte, als er mich mit einigem Wohlgefallen betrachtete, ihm ohne
Umstände nach in seine Wohnung. Sehen Sie, so sprach er zu einem jungen
Menschen, den er seinen Kammerdiener nannte, unerachtet er sonst keinen andern
Diener hatte, Sehen Sie, Friedrich, was sich da für ein Pudel zu mir eingefunden
hat. Wär' er nur hübscher! Friedrich rühmte dagegen den Ausdruck meines
Antlitzes sowie den zierlichen Wuchs und meinte, ich müsse von meinem Herrn
schlecht gehalten sein und habe ihn wahrscheinlich deshalb verlassen. Setzte er
noch hinzu, dass Pudel, die sich so von selbst aus freiem Antriebe einfänden,
gewöhnlich treue rechtschaffene Tiere wären, so konnte der Baron nicht umhin,
mich zu behalten. Unerachtet ich nun durch Friedrichs Vorsorge ein recht glaues
Ansehn gewann, so schien der Baron doch nicht sonderlich viel auf mich zu halten
und litt es nur eben zur Not, dass ich ihn auf seinen Spaziergängen begleitete.
Das sollte anders kommen. - Wir begegneten auf einem Spaziergange der
Professorin. - Erkenne, guter Murr, das gemütliche Gemüt - ja, so will ich sagen
- eines ehrlichen Pudels, wenn ich versichere, dass, unerachtet mir die Frau sehr
weh getan, ich doch eine ungeheuchelte Freude empfand, sie wiederzusehen. - Ich
tanzte vor ihr her, bellte lustig und gab ihr meine Freude auf alle nur mögliche
Weise zu erkennen. Sieh da, Ponto! rief sie, streichelte mich und blickte den
Baron von Wipp, der stehengeblieben, bedeutend an. Ich sprang zu meinem Herrn
zurück, der mich liebkoste. Er schien auf besondere Gedanken zu geraten;
mehrmals hintereinander murmelte er in sich hinein: Ponto! - Ponto, wenn das
möglich sein sollte!
    Wir hatten einen nahegelegenen Lustort erreicht; die Professorin nahm Platz
mit ihrer Gesellschaft, bei der sich jedoch der liebe gutmütige Herr Professor
nicht befand. Unfern davon setzte sich Baron Wipp, so dass er, ohne sonderlich
von den andern bemerkt zu werden, die Professorin beständig im Auge behielt. Ich
stellte mich vor meinen Herrn und guckte ihn an, indem ich leise mit dem Schweif
wedelte, als erwarte ich seine Befehle. Ponto, wiederholte er, Ponto, sollte es
möglich sein! - Nun, setzte er nach einem kurzen Stillschweigen hinzu, nun, es
kommt auf den Versuch an! - Damit nahm er einen kleinen Papierstreifen aus der
Brieftasche, schrieb einige Worte mit Bleistift darauf, rollte ihn zusammen,
steckte ihn mir unter das Halsband, wies nach der Professorin und rief leise:
Ponto - Allons! - Nicht ein solcher kluger, in der Welt gewitzigter Pudel hätte
ich sein müssen, als ich es wirklich bin, um nicht sogleich alles zu erraten.
Ich machte mich daher sogleich an den Tisch, wo die Professorin sass, und tat,
als verspüre ich grossen Appetit nach dem schönen Kuchen, der auf dem Tische
stand. Die Professorin war die Freundlichkeit selbst, sie reichte mir Kuchen mit
der einen Hand, während sie mich mit der andern am Halse kraute. Ich fühlte, wie
sie den Papierstreifen hervorzog. Bald darauf verliess sie die Gesellschaft und
begab sich in einen Nebengang. Ich folgte ihr. Ich sah, wie sie des Barons Worte
eifrig las, wie sie aus ihrem Strickkästchen einen Bleistift hervorholte, auf
denselben Zettel einige Worte schrieb und ihn dann wieder zusammenrollte. Ponto,
sprach sie dann, indem sie mich mit schalkischem Blick betrachtete, Ponto! du
bist ein sehr kluger vernünftiger Pudel, wenn du zu rechter Zeit apportierst! -
Damit steckte sie mir das Zettelchen unter das Halsband, und ich unterliess
nicht, eiligst hinzuspringen zu meinem Herrn. Der mutmasste sogleich, dass ich
Antwort brächte, denn er zog alsbald den Zettel unter dem Halsbande hervor. -
Der Professorin Worte mussten sehr tröstlich lauten und angenehm, denn des Barons
Augen funkelten vor lauter Freude, und er rief entzückt: Ponto - Ponto, du bist
ein herrlicher Pudel, mein guter Stern hat mir dich zugeführt. Du kannst denken,
guter Murr, dass ich nicht weniger erfreut war, da ich einsah, wie ich nach dem,
was sich soeben zugetragen, in der Gunst meines Herrn hoch steigen müsse.
    In dieser Freude machte ich beinahe unaufgefordert alle nur mögliche
Kunststücke. Ich sprach wie der Hund, starb, lebte wieder auf, verschmähte das
Stück Weissbrot vom Juden und verzehrte mit Appetit das vom Christen u.s.w. Ein
ungemein gelehriger Hund! So rief eine alte Dame, die neben der Professorin sass,
herüber. Ungemein gelehrig! erwiderte der Baron. Ungemein gelehrig! hallte der
Professorin Stimme nach wie ein Echo. - Ich will dir nur ganz kurz sagen, guter
Murr, dass ich den Briefwechsel auf die erwähnte Weise fortwährend besorgte und
noch jetzt besorge, da ich zuweilen sogar mit Briefchen in des Professors Haus
laufe, wenn er gerade abwesend. Schleicht aber manchmal in der Abenddämmerung
der Herr Baron Alzibiades von Wipp zur holden Lätitia, so bleibe ich vor der
Haustüre und mache, lässt sich der Herr Professor nur in der Ferne blicken, solch
einen grimmigen Teufelslärm mit Bellen, dass mein Herr ebensogut als ich die Nähe
des Feindes wittert und ihm ausweicht.« -
    Mir kam es vor, als könne ich Pontos Betragen doch nicht recht billigen, ich
dachte an des verewigten Muzius, an meinen eignen tiefen Abscheu vor jedem
Halsbande, und schon dies setzte mich darüber ins klare, dass ein ehrliches
Gemüt, so, wie es ein rechtschaffener Kater in sich trägt, dergleichen
Liebeskuppeleien verschmähe. Alles dieses äusserte ich dem jungen Ponto ganz
unverhohlen. Der lachte mir aber ins Gesicht und meinte, ob denn die Moral der
Katzen so gar strenge sei, und ob ich selbst nicht schon hin und wieder über die
Schnur gehauen, d.h. etwas getan, was für den engen moralischen Schubkasten
etwas zu breit sei. - Ich dachte an Mina und verstummte.
    »Fürs erste,« sprach Ponto weiter, »fürs erste, mein guter Murr, ist es ein
ganz gemeiner Erfahrungssatz, dass niemand seinem Schicksal entgehen kann, er mag
es nun anstellen, wie er auch will; du kannst als ein Kater von Bildung das
Weitre darüber nachlesen in einem sehr belehrenden und ganz angenehm
stilisierten Buche, Jacques le fataliste betitelt. War es nach dem ewigen
Ratschluss bestimmt, dass der Professor der Ästetik, Herr Lotario, ein - Nun, du
verstehst mich, guter Katz, aber zudem hat ja der Professor durch die Art, wie
er sich bei der merkwürdigen Handschuhgeschichte - sie sollte mehr Zelebrität
erhalten, schreib was darüber, Murr - benommen, seinen ganz entschiedenen, ihm
von der Natur eingepflanzten Beruf bewiesen, in jenen grossen Orden zu treten,
den so viele, viele Männer tragen mit der gebietendsten Würde, mit dem schönsten
Anstande, ohne es zu wissen. Diesen Beruf hätte Herr Lotario erfüllt, gäb' es
auch keinen Baron Alzibiades von Wipp, keinen Ponto. Hatte aber wohl überhaupt
Herr Lotario etwas anderes, Besseres um mich verdient, als dass ich gerade
seinem Feinde mich in die Arme warf? - Dann aber fand auch der Baron gewiss
andere Mittel, sich mit der Professorin zu verstehen, und derselbe Schaden kam
über den Professor, ohne mir den Nutzen zu bringen, den ich jetzt wirklich von
dem angenehmen Verhältnis des Barons mit der holden Lätitia verspüre. Wir Pudel
sind nicht solche überstrenge Moralisten, dass wir in unserm eignen Fleische
wühlen und die im Leben schon sonst knapp genug zugeschnittene gute Bissen
verschmähen sollten.« -
    Ich fragte den jungen Ponto, ob denn der Nutzen, den ihm sein Dienst bei dem
Baron Alzibiades von Wipp verschaffe, in der Tat so gross und wichtig sei, dass er
das Unangenehme, das Drückende der damit verbundenen Knechterei aufwiege. Damit
gab ich ihm nicht undeutlich zu verstehen, dass eben diese Knechterei einem
Kater, dessen Freiheitssinn in der Brust unauslöschlich, immer widerlich bleiben
müsse.
    »Du redest,« erwiderte Ponto stolz lächelnd, »du redest guter Murr, wie du
es verstehst, oder vielmehr wie es dir deine gänzliche Unerfahrenheit in den
höhern Verhältnissen des Lebens erscheinen lässt. Du weisst nicht, was es heisst,
der Liebling eines solchen galanten gebildeten Mannes zu sein, als es der Baron
Alzibiades von Wipp wirklich ist. Denn dass ich seit der Zeit, als ich mich so
klug und dienstfertig benommen, sein grösster Liebling geworden, darf ich dir, o
mein freiheitsliebender Katz, wohl nicht erst sagen. Eine kurze Schilderung
unserer Lebensweise wird dich das Angenehme, das Wohltätige meiner jetzigen Lage
sehr lebhaft fühlen lassen. - Des Morgens stehen wir (ich und mein Herr nämlich)
nicht zu früh, aber auch nicht zu spät auf; das heisst, auf den Schlag eilf Uhr.
- Ich muss dabei bemerken, dass mein breites weiches Lager unfern dem Bette des
Barons aufgeschlagen ist, und dass wir viel zu harmonisch schnarchen, um beim
plötzlichen Erwachen zu wissen, wer geschnarcht hat. - Der Baron zieht an der
Glocke, und sogleich erscheint der Kammerdiener, der dem Baron einen Becher
rauchender Schokolade, mir aber einen Porzellannapf voll des schönsten süssen
Kaffees mit Sahne bringt, den ich mit demselben Appetit leere wie der Baron
seinen Becher. Nach dem Frühstück spielen wir ein halbes Stündchen miteinander,
welche Leibesbewegung nicht allein unserer Gesundheit zuträglich ist, sondern
auch unsern Geist erheitert. Ist das Wetter schön, so pflegt der Baron auch wohl
zum offnen Fenster hinauszuschauen und die Vorübergehenden mit dem Fernglas zu
begucken. Gehen gerade nicht viele vorüber, so gibt es noch eine andere
Belustigung, die der Baron eine Stunde hindurch fortsetzen kann, ohne zu
ermüden. - Unter dem Fenster des Barons ist ein Stein eingepflastert, der sich
durch eine besonders rötliche Farbe auszeichnet, in der Mitte dieses Steins
befindet sich aber ein kleines eingebröckeltes Loch. Nun kommt es darauf an, so
geschickt herabzuspucken, dass gerade in dieses kleine Loch hineingetroffen wird.
- Durch viele anhaltende Übung hat es der Baron dahin gebracht, dass er auf das
dritte Mal Treffen pariert und schon manche Wette gewann. Nach dieser
Belustigung tritt der sehr wichtige Moment des Anziehens ein. Das geschickte
Kämmen und Kräuseln des Haars, vorzüglich aber das kunstmässige Knüpfen des
Halstuchs besorgt der Baron ganz allein ohne Hilfe des Kammerdieners. Da diese
beiden schwierigen Operationen etwas lange dauern, so benutzt Friedrich die
Zeit, um mich auch anzukleiden. D.h. mit einem in lauwarmes Wasser eingeweichten
Schwamm wäscht er mir den Pelz, kämmt die langen Haare, die der Friseur an
schicklichen Örtern zierlich stehen lassen, mit einem genugsam engen Kamme durch
und legt mir das schöne silberne Halsband um, das der Baron mir gleich verehrte,
als er meine Tugenden entdeckt. Die folgenden Augenblicke sind der Literatur und
den schönen Künsten gewidmet. Wir gehen nämlich in eine Restauration oder in ein
Kaffeehaus, geniessen Beefsteak oder Karbonade, trinken ein Gläschen Madeira und
gucken etwas weniges in die neuesten Journale, in die neuesten Zeitungen. Dann
beginnen die Vormittags Visiten. Wir besuchen diese, jene grosse Schauspielerin,
Sängerin, ja auch wohl Tänzerin, um ihr die Neuigkeiten des Tages, hauptsächlich
aber den Verlauf irgendeines Debüts von gestern abend, zu hinterbringen. Es ist
merkwürdig, mit welchem Geschick der Baron Alzibiades von Wipp seine Nachrichten
einzurichten weiss, um die Damen stets bei guter Laune zu erhalten. Niemals ist
es der Gegnerin oder wenigstens Kombattantin gelungen, sich nur einen Teil des
Ruhms anzueignen, der die Gefeierte krönt, die er soeben im Schmollzimmerchen
heimsucht. - Man hat die Arme ausgezischt - ausgelacht - Und ist denn wirklich
erhaltener glänzender Beifall nicht wohl zu verschweigen, so weiss der Baron ganz
gewiss ein neues skandalöses Geschichtchen von der Dame aufzutischen, das ebenso
begierig vernommen als verbreitet wird, damit gehöriges Gift die Blumen des
Kranzes vor der Zeit töte. - Die vornehmeren Visiten bei der Gräfin A., bei der
Baronesse B., bei der Gesandtin C. u.s.w. füllen die Zeit aus bis halb vier Uhr;
und nun hat der Baron seine eigentlichen Geschäfte abgemacht, so dass er um vier
Uhr sich beruhigt zu Tische setzen kann. Dies geschieht gewöhnlich wieder in
einer Restauration. Nach Tische gehen wir zu Kaffee, spielen auch wohl eine
Partie Billard und machen denn, erlaubt es die Witterung, eine kleine Promenade;
ich beständig zu Fuss, der Baron aber manchmal zu Pferde. So ist die
Teaterstunde herangekommen, die der Baron niemals versäumt. Er soll im Teater
eine überaus wichtige Rolle spielen, da er das Publikum nicht allein von allen
Verhältnissen der Bühne und der auftretenden Künstler in Kenntnis setzen,
sondern auch das gehörige Lob, den gehörigen Tadel anordnen, so aber überhaupt
den Geschmack im richtigen Geleise erhalten muss. Er fühlt einen natürlichen
Beruf dazu. Da man den feinsten Leuten meines Geschlechts ungerechterweise den
Eingang in das Teater durchaus nicht verstattet, so sind die Stunden während
der Vorstellung die einzigen, in denen ich mich von meinem lieben Baron trenne
und mich allein auf meine eigne Hand belustige. Wie dies nun geschieht, und wie
ich die Konnexionen mit Windspielen, englischen Wachtelhunden, Möpsen und andern
vornehmen Leuten benutze, das sollst du künftig erfahren, guter Murr! - Nach dem
Teater speisen wir wieder in einer Restauration, und der Baron überlässt sich in
heitrer Gesellschaft ganz seiner frohen Laune. Das heisst, alle sprechen, alle
lachen und finden alles auf Ehre göttlich, und keiner weiss, was er spricht, und
worüber er lacht, und was als auf Ehre göttlich gerühmt werden darf. Darin
besteht aber das Sublime der Konversation, das ganze soziale Leben derer, die
sich zur eleganten Lehre bekennen, wie mein Herr. Manchmal fährt aber auch wohl
der Baron noch in später Nacht in diese, jene Gesellschaft und soll dort ganz
exzellent sein. Auch davon weiss ich nichts, denn der Baron hat mich noch niemals
mitgenommen, wozu er vielleicht seine guten Gründe haben mag. - Wie ich auf
weichem Lager in der Nähe des Barons herrlich schlafe, habe ich dir schon
gesagt. Gestehe aber nun selbst, guter Katz, wie nach der Lebensweise, die ich
hier ausführlich beschrieben, mich der alte mürrische Oheim eines wüsten,
liederlichen Wandels anklagen kann? - Es ist wahr, dass ich, schon hab' ich dir
's gestanden, vor einiger Zeit gerechten Anlass gab zu allerlei Vorwürfen. Ich
trieb mich umher in schlechter Gesellschaft und fand eine besondere Lust darin,
mich überall, vorzüglich in Vermählungsschmäuse ungebeten einzudrängen und ganz
unnützen Skandal anzufangen. Alles dies geschah aber nicht aus reinem Trieb zu
wüster Balgerei, sondern aus blossem Mangel an höherer Kultur, die ich bei den
Verhältnissen, wie sie in dem Hause des Professors bestanden, nicht erhalten
konnte. Jetzt ist das alles anders. Doch! - wen erblick' ich? - Dort geht der
Baron Alzibiades von Wipp! - Er sieht sich nach mir um - er pfeift! - A revoir
Bester!« -
    Schnell wie der Blitz sprang Ponto seinem Herrn entgegen. Das Äussere des
Barons entsprach ganz dem Bilde, das ich mir wohl nach dem, was Ponto von ihm
gesagt, machen durfte. - Er war sehr gross und nicht sowohl schlank gewachsen als
spindeldürr. Kleidung, Stellung, Gang, Gebärde, alles konnte für den Prototypus
der letzten Mode gelten, die aber, bis ins Phantastische hinaus getrieben,
seinem ganzen Wesen etwas Seltsames, Abenteuerliches gab. Er trug ein kleines,
sehr dünnes Röhrchen mit einer stählernen Krücke in der Hand, über das er Ponto
einigemal springen liess. So herabwürdigend mir auch dieses schien, gestehen
musste ich doch, dass Ponto mit der höchsten Geschicklichkeit und Stärke jetzt
eine Anmut verband, die ich sonst noch niemals an ihm bemerkt. Überhaupt, wie
nun der Baron mit vorgestreckter Brust, den Leib eingezogen, mit einem
sonderbaren ausgespreizten Hahnentritt weiter fortwandelte und Ponto in sehr
zierlichen Kurbetten bald vorwärts, bald nebenher sprang und sich nur ganz
kurze, zum Teil stolze Begrüssungen vorübergehender Kameraden erlaubte, so sprach
sich darin ein gewisses Etwas aus, das, ohne mir deutlich zu werden, dennoch mir
imponierte. - Ich ahnte, was mein Freund Ponto mit der höheren Kultur gemeint,
und suchte, soviel möglich, darüber ganz ins klare zu kommen. Das hielt aber
sehr schwer, oder vielmehr, meine Bemühungen blieben ganz vergebens. -
    Später habe ich eingesehen, dass an gewissen Dingen alle Probleme, alle
Teorien, die sich in dem Geiste bilden mögen, scheitern, und dass nur durch die
lebendige Praxis die Erkenntnis zu erringen; die höhere Kultur, die beide, der
Baron Alzibiades von Wipp und der Pudel Ponto, in der feinen Welt erlangt,
gehört aber zu diesen gewissen Dingen. -
    Der Baron Alzibiades von Wipp lorgnettierte mich im Vorübergehen sehr
scharf. Es schien mir, als läs' ich Neugierde und Zorn in seinem Blick. Sollte
er vielleicht Pontos Unterhaltung mit mir gewahrt und ungnädig vermerkt haben?
Mir wurde etwas ängstlich zumute, ich eilte schnell die Treppe hinauf. -
    Ich sollte nun, um alle Pflichten eines tüchtigen Selbstbiographen zu
erfüllen, wiederum meinen Seelenzustand beschreiben und könnte das nicht besser
tun als mittelst einiger sublimer Verse, die ich seit einiger Zeit so recht, wie
man zu sagen pflegt, aus dem Pelzärmel schüttle. Ich will -
    (Mak. Bl.)» - - mit diesem einfältigen armseligen Spielwerk den besten Teil
meines Lebens vergeudet. - Und nun jammerst du, alter Tor, und klagst das
Geschick an, dem du vermessen Trotz botest! - Was gingen dich die vornehmen
Leute, was ging dich die ganze Welt an, die du verhöhntest, weil du sie für
närrisch hieltest und selbst am närrischsten warst! - Beim Handwerk, beim
Handwerk musstest du bleiben, Orgeln bauen und nicht den Hexenmeister spielen und
den Wahrsager. - Sie hätten sie mir nicht gestohlen, mein Weib wäre bei mir, ein
tüchtiger Arbeiter säss' ich in der Werkstatt, und rüstige Gesellen klopften und
hämmerten um mich her, und wir förderten Werke, die sich hören und sehen liessen
wie keine andere weit und breit. - Und Chiara! - vielleicht hingen muntre Knaben
mir am Halse, vielleicht schaukelte ich ein schmuckes Töchterlein auf den Knien.
- Tausend Teufel, was hält mich ab, dass ich nicht den Augenblick davonrenne und
das verlorne Weib suche in der ganzen weiten Welt!« - Damit warf Meister
Abraham, der dies Selbstgespräch gehalten, das kleine begonnene Automat sowie
alles Handwerkszeug unter den Tisch, sprang auf und schritt heftig hin und her.
- Der Gedanke an Chiara, der ihn jetzt beinahe niemals verliess, rief alle
schmerzliche Wehmut in seinem Innern hervor, und wie mit Chiara damals sein
höheres Leben begonnen, verliess ihn auch jetzt jener trotzige, dem Gemeinen
entsprossene Unwille darüber, dass er über sein Handwerk hinweggeschaut und
wirkliche Kunst zu üben sich unterfangen. - Er schlug Severinos Buch auf und
schaute lange die holde Chiara an. - Wie ein Mondsüchtiger, der, der äusseren
Sinne beraubt, nur nach dem innern Gedanken automatisch handelt, ging Meister
Abraham dann zu einem Kasten, der in einem Winkel des Zimmers stand, räumte
Bücher und Sachen, womit er bepackt, herunter, öffnete ihn, nahm die Glaskugel,
den ganzen Apparat zum geheimnisvollen Experiment mit dem unsichtbaren Mädchen
hervor, befestigte die Kugel an einer dünnen seidnen Schnur, die von der Decke
herabhing, stellte im Zimmer alles so her, wie es zu dem versteckten Orakel
nötig. Erst als er mit allem fertig geworden, erwachte er aus der träumerischen
Betäubung und erstaunte nicht wenig darüber, was er begonnen. »Ach,« jammerte er
dann laut, indem er ganz ermattet, ganz trostlos in den Lehnstuhl sank, »ach,
Chiara, arme, verlorne Chiara, niemals werd' ich wieder deine süsse Stimme
verkünden hören, was in des Menschen tiefster Brust verschlossen. Kein Trost
mehr auf Erden, - keine Hoffnung als das Grab!« -
    Da schwankte die Glaskugel hin und her, und ein melodischer Ton liess sich
vernehmen, wie wenn Windeshauch leise hinstreift über die Saiten der Harfe. Aber
bald wurde der Ton zu Worten:
»Noch ist Leben nicht dahin,
Trost und Hoffnung nicht verschwunden,
Was vermag der frömmste Sinn,
Hält ihn schwerer Eid gebunden?
Meister! Mut! - du wirst gesunden,
Blick' auf zu der Dulderin,
Die da heilt die tiefsten Wunden,
Bittrer Schmerz bringt dir Gewinn.«
»O du barmherziger Himmel,« lispelte der Alte mit bebenden Lippen, »sie ist es
selbst, die zu mir spricht von dem hohen Himmel herab; sie wandelt nicht mehr
unter den Lebendigen!« - Da liess sich jener melodische Ton abermals vernehmen,
und noch leiser, noch entfernter erklangen die Worte:
»Nicht erfasst der bleiche Tod,
Die im Herzen Liebe tragen;
Dem glänzt noch das Abendrot,
Der am Morgen wollt' verzagen.
Bald kann dir die Stunde schlagen,
Die entreisst dich aller Not;
Zu vollbringen magst du wagen,
Was die ew'ge Macht gebot.«
Stärker anschwellend und wieder verhallend, lockten die süssen Töne den Schlaf
herbei, der den Alten einhüllte in seinen schwarzen Fittich. Aber in dem Dunkel
ging strahlend wie ein schöner Stern der Traum vergangenen Glücks auf, und
Chiara lag wieder an des Meisters Brust, und beide waren wieder jung und selig,
und kein finstrer Geist vermochte den Himmel ihrer Liebe zu trüben. -
    - Hier hat, wie der Herausgeber es dem geneigten Leser bemerklich machen
muss, der Kater wieder ein paar Makulaturblätter ganz weggerissen, wodurch in
dieser Geschichte voller Lücken wiederum eine Lücke entstanden. Nach der
Seitenzahl fehlen aber nur acht Kolumnen, die eben nichts besonders Wichtiges
entalten zu haben scheinen, da das Folgende sich im ganzen noch so ziemlich an
das Vorhergegangene reiht. Also weiter heisst es:
    - - - nicht erwarten durfte. Fürst Irenäus war überhaupt ein abgesagter
Feind von allen ungewöhnlichen Vorfällen, vorzüglich wenn seine eigne Person in
Anspruch genommen wurde, die Sache näher zu untersuchen. Er nahm daher, wie er
es in kritischen Fällen zu tun pflegte, eine Doppeltprise, starrte den Leibjäger
an mit dem bekannten niederschmetternden Friedrichsblick und sprach: »Lebrecht,
ich glaube, wir sind ein mondsüchtiger Träumer und sehen Gespenster und machen
einen ganz unnötigen Hallas?«
    »Durchlauchtigster Herr,« erwiderte der Leibjäger in sehr ruhiger Fassung,
»lassen Sie mich fortjagen wie einen ordinären Schuft, wenn nicht alles
buchstäblich wahr ist, wie ich es erzählt habe. Ich wiederhole es keck und
freimütig: Rupert ist ein ausgemachter Spitzbube.«
    »Wie,« rief der Fürst in vollem Zorn, »wie, Rupert, mein alter treuer
Kastellan, der funfzig Jahre dem Fürstenhause gedient, ohne jemals ein Schloss
einrosten zu lassen oder im Auf- und Zuschliessen zu mankieren, der soll ein
Spitzbube sein? Lebrecht! - Er ist besessen, Er ist rasend! Himmeltausend Sapp
-«
    Der Fürst stockte wie immer, wenn er sich auf dem Fluchen ertappte, das
allem fürstlichen Anstande entgegen. Der Leibjäger nutzte diesen Augenblick, um
ganz geschwinde einzufallen: »Durchlauchtigster Herr werden nur gleich so hitzig
und fluchen denn so grässlich, und man darf über so etwas doch nicht schweigen,
man kann doch nichts behaupten als die reine Wahrheit.« - »Wer ist hitzig,«
sprach der Fürst gelassener, »wer flucht? - Esel fluchen! - Ich will, dass Er mir
die ganze Sache in gedrängter Kürze wiederhole, damit ich in einer geheimen
Sitzung alles meinen Räten vortragen kann zur umständlichen Beratung und
Entscheidung über die fernerhin zu ergreifenden Massregeln. Ist Rupert wirklich
ein Spitzbube, so - Nun, das Weitere wird sich denn finden.«
    »Wie gesagt,« begann der Leibjäger, »als ich gestern Fräulein Julien
vorleuchtete, schlüpfte derselbe Mensch, der hier schon längst herumschleicht,
bei uns vorüber. Halt, dacht' ich in meinem Sinn. Den Urian wirst du doch
ertappen, und löschte, als ich das liebe Fräulein bis oben heraufgebracht, meine
Fackel aus und stellte mich ins Dunkel. Nicht lange dauerte es, so kam derselbe
Mensch aus dem Gebüsch hervor und klopfte leise an das Haus. Behutsam schlich
ich einher. Da wurde das Haus geöffnet, und ein Mädchen trat heraus, und mit
diesem Mädchen schlüpfte der Fremde hinein. Es war die Nanni, Sie kennen sie
doch, durchlauchtigster Herr, der Frau Rätin schöne Nanni?«
    »Coquin,« rief der Fürst, »mit hohen gekrönten Häuptern spricht man nicht
von schönen Nannis, doch! - fahr' Er fort, mon fils.« - »Ja,« sprach der
Leibjäger weiter, »ja, die schöne Nanni, ich hätt' ihr solchen dummen Verkehr
gar nicht zugetraut. - Also weiter nichts als eine einfältige Liebschaft, dacht'
ich in meinem Sinn; aber es wollt' mir gar nicht in den Kopf, dass nicht noch was
anders dahinterstecken sollte. Ich blieb am Hause stehen. Da kam nach einer
guten Weile die Frau Rätin zurück, und kaum war sie ins Haus getreten, als oben
ein Fenster geöffnet wurde und mit unglaublicher Behendigkeit der fremde Mann
hinaussprang, gerade in die schönen Nelken und Levkojenstöcke hinein, die dort
vergattert stehen, und die das liebe Fräulein Julia selbst so sorglich wartet.
Der Gärtner lamentiert schrecklich; er ist mit den zerbrochenen Scherben draussen
und wollte bei dem durchlauchtigsten Herrn selbst Klage führen. Ich habe ihn
aber nicht hineingelassen, denn der Schlingel ist angesoffen schon am frühen
Morgen.« - »Lebrecht,« unterbrach der Fürst den Leibjäger, »Lebrecht, das
scheint eine Imitation zu sein, denn selbiges kommt schon in der Oper von Herrn
Mozart, Figaros Hochzeit geheissen, vor, die ich zu Prag geschaut. Bleib' Er der
Wahrheit getreu, Jäger!« - »Auch,« sprach Lebrecht weiter, »auch nicht eine
Silbe rede ich anders, als ich es bekräftigen kann mit einem körperlichen Eide.
- Der Kerl war hingestürzt, und ich gedachte ihn nun zu fassen; doch schnell wie
der Blitz raffte der Kerl sich auf und rannte spornstreichs - wohin? was denken
Sie wohl, durchlauchtigster Fürst, wohin er rannte?« - »Ich denke nichts,«
erwiderte der Fürst feierlich, »turbier' Er mich nicht mit lästigen Fragen nach
Gedanken, Jäger! sondern erzähle Er ruhig so lange, bis die Geschichte aus ist,
dann will ich denken.«
    »Gerade,« fuhr der Jäger fort, »gerade nach dem unbewohnten Pavillon rannte
der Mensch. Ja - unbewohnt! - Sowie er an die Türe geklopft, wurd' es inwendig
hell, und wer nun heraustrat, war niemand anders als der saubere ehrliche Herr
Rupert, dem der Fremde hineinfolgte ins Haus, das er nun wieder fest verschloss.
Sie sehen, durchlauchtigster Herr, dass Rupert Verkehr treibt mit fremden
gefährlichen Gästen, die bei ihrer Schleicherei gewiss Böses im Schilde führen.
Wer weiss, worauf alles abzielt, und es ist ja möglich, dass selbst mein
durchlauchtigster Fürst hier in dem stillen ruhigen Sieghartshof von schlechten
Menschen bedroht wird.«
    Da Fürst Irenäus sich für eine höchst bedeutende fürstliche Person hielt, so
konnt' es nicht fehlen, dass er manchmal von allerlei höfischen Kabalen und bösen
Nachstellungen träumte. Des Jägers letzte Äusserung fiel ihm deshalb gar schwer
aufs Herz, und er versank einige Augenblicke in tiefes Nachsinnen. »Jäger,«
sprach er dann mit weit aufgerissenen Augen, »Jäger! Er hat recht. Die Sache mit
dem fremden Menschen, der hier herumschleicht, mit dem Licht, das sich zur
Nachtzeit im Pavillon sehen lässt, ist bedenklicher, als sie im ersten Augenblick
erscheint. - Mein Leben steht in Gottes Hand! Aber mich umgeben treue Diener,
und sollte einer sich für mich aufopfern, so würde ich ganz gewiss die Familie
reichlich bedenken! - Verbreit' Er das unter meinen Leuten, guter Lebrecht! - Er
weiss, ein fürstliches Herz ist frei von jeder Bangigkeit, von jeder menschlichen
Todesfurcht, aber man hat auch Pflichten gegen sein Volk, ihm muss man sich
konservieren, zumal wenn der Tronerbe noch unmündig. Darum will ich das Schloss
nicht eher verlassen, bis die Kabale im Pavillon zerstört ist. - Der Förster
soll mit den Revierjägern und allen übrigen Forstbedienten herankommen, alle
meine Leute sollen sich bewaffnen. Der Pavillon soll sogleich umstellt, das
Schloss fest verschlossen werden. Besorg' Er das, guter Lebrecht. Ich selbst
schnalle meinen Hirschfänger um, lade Er meine Doppeltpistolen, aber vergesse Er
nicht den Schieber vorzulassen, damit kein Unglück geschieht. - Und dass man mir
Nachricht gibt, wenn etwa die Zimmer des Pavillons erstürmt und so die
Verschworenen gezwungen werden sollen, sich zu ergeben, damit ich mich
zurückziehen kann in die innern Gemächer. Und dass man die Gefangenen auf das
sorglichste durchsucht, ehe sie vor den Tron gebracht werden, damit keiner etwa
in der Verzweiflung - doch, was steht Er, was sieht Er mich an, was lächelt Er,
was soll das heissen, Lebrecht?«
    »Ei,« erwiderte der Leibjäger mit pfiffiger Miene, »ei, durchlauchtigster
Herr, ich meine nur, dass es gar nicht vonnöten, den Förster mit seinen Leuten
herzubeordern.«
    »Warum nicht,« fragte der Fürst erzürnt, »warum nicht? - Ich glaube gar, Er
untersteht sich, mir zu widersprechen? - Und in jeder Sekunde steigt die Gefahr!
Tausend Sapp - Lebrecht, werf' Er sich aufs Pferd - der Förster - seine Leute -
geladene Büchsen - den Augenblick sollen sie einrücken.« -
    »Sie sind,« sprach der Leibjäger, »sie sind aber schon da, durchlauchtigster
Herr!«
    »Wie - was!« - rief der Fürst, indem er den Mund offen behielt, um dem
Erstaunen Luft zu gönnen.
    »Schon,« fuhr der Jäger fort, »schon als der Morgen graute, war ich draussen
beim Förster. Schon ist der Pavillon so sorglich umstellt, dass keine Katze
herauskann, viel weniger ein Mensch.«
    »Er ist,« sprach der Fürst gerührt, »Er ist ein vortrefflicher Jäger,
Lebrecht, und ein treuer Diener des fürstlichen Hauses. Rettet Er mich aus
dieser Gefahr, so kann Er sicher auf eine Verdienstmedaille rechnen, die ich
selber erfinden und ausprägen lassen werde von Silber oder von Gold, je nachdem
bei der Erstürmung des Pavillons weniger oder mehr Menschen geblieben sind.«
    »Erlauben,« sprach der Jäger, »erlauben Sie es, durchlauchtigster Herr, so
gehen wir nun gleich ans Werk. Das heisst, wir schlagen die Türe des Pavillons
ein, nehmen das Gesindel, das darin hauset, gefangen, und alles ist vorüber. Ja,
ja, den Kerl, der mir so oft entschlüpft, der solch ein verfluchter Springer
ist, den verdammten Kerl, der sich dort im Pavillon als ein ungebetener Gast
selbst einquartiert hat, den will ich schon fassen, den Spitzbuben den, der
Fräulein Julien turbiert hat!« -
    »Welcher Spitzbube,« fragte die Rätin Benzon, in das Zimmer tretend,
»welcher Spitzbube hat Julien turbiert? Wovon sprecht Ihr, guter Lebrecht?« -
Der Fürst schritt feierlich, bedeutsam, wie jemand, dem Grosses, Ungeheures
begegnet, das er mit aller Stärke des Geistes bemüht ist zu tragen, der Benzon
entgegen. Er fasste ihre Hand, drückte sie zärtlich und sprach dann mit sehr
weicher Stimme: »Benzon! Selbst in der einsamsten, tiefsten Zurückgezogenheit
folgt die Gefahr dem fürstlichen Haupt. - Es ist das Los der Fürsten, dass alle
Milde, alle Güte des Herzens sie nicht schützt vor dem feindlichen Dämon, der
den Neid, die Herrschsucht entflammt in der Brust verräterischer Vasallen! -
Benzon, die schwärzeste Verräterei hat ihr schlangenhaariges Medusenhaupt
erhoben gegen mich, Sie finden mich in der dringendsten Gefahr! - Aber bald ist
der Augenblick der Katastrophe da, diesem Getreuen verdanke ich vielleicht bald
mein Leben, meinen Tron! - Und ist es anders beschlossen - nun, so ergebe ich
mich in mein Schicksal. - Ich weiss, Benzon, Sie konservieren Ihre Gesinnungen
gegen mich, und so kann ich wie jener König in dem Trauerspiel eines deutschen
Dichters, mit dem Prinzessin Hedwiga mir neulich den Tee verdarb, hochsinnig
rufen: Nichts ist verloren, denn Sie blieben mein! - Küssen Sie mich, gute
Benzon! - Teures Malchen, wir sind und bleiben die Alten! - Guter Gott, ich
radotiere wohl in der Seelenangst! - Lassen Sie uns gefasst sein, meine Liebe,
wenn die Verräter gefangen sind, werd' ich sie mit einem Blick vernichten. -
Leibjäger, es beginne der Angriff auf den Pavillon.« - Der Leibjäger wollte
schnell fort. »Halt,« rief die Benzon, »was für ein Angriff? - auf welchen
Pavillon?«
    Der Leibjäger musste auf Befehl des Fürsten nochmals über den ganzen Vorfall
genauen Rapport erstatten.
    Immer mehr und mehr schien die Benzon durch des Leibjägers Erzählung
gespannt zu werden. Als er geendet, rief die Benzon lachend: »Nun, das ist das
drolligste Missverständnis, das es wohl geben mag. Ich bitte, gnädigster Herr,
dass der Förster mit seinen Leuten sogleich nach Hause geschickt werde. - Es ist
von gar keiner Verschwörung die Rede, Sie befinden sich nicht in der mindesten
Gefahr, gnädigster Herr! - Der unbekannte Bewohner des Pavillons ist schon Ihr
Gefangener.«
    »Wer,« fragte der Fürst voll Erstaunen, »wer, welcher Unglückselige bewohnt
den Pavillon ohne meine Erlaubnis?« -
    »Es ist,« raunte die Benzon dem Fürsten ins Ohr, »es ist Prinz Hektor, der
sich im Pavillon verbirgt!«
    Der Fürst prallte einige Schritte zurück, als träfe ihn plötzlich ein Schlag
von unsichtbarer Hand, dann rief er: »Wer? - wie? est-il possible! - Benzon!
träume ich? - Prinz Hektor?« Des Fürsten Blicke fielen auf den Leibjäger, der
ganz verblüfft den Hut in der Hand zusammenknillte. - »Jäger,« schrie der Fürst
ihn an, »Jäger! Scher' Er sich herab, der Förster, die Leute, sie sollen fort -
fort nach Hause! kein Mensch soll sich blicken lassen! - Benzon,« wandte er sich
dann zur Rätin, »gute Benzon, können Sie es sich vorstellen, einen Kerl, einen
Spitzbuben hat Lebrecht den Prinzen Hektor genannt! - Der Unglückliche! - Doch
es bleibt unter uns, Benzon, es ist ein Staatsgeheimnis. - Sagen Sie, erklären
Sie mir nur, wie es geschehen konnte, dass der Prinz vorgibt abzureisen und sich
hier versteckt, als wolle er auf Abenteuer ausgehen?«
    Die Benzon sah sich durch die Beobachtungen des Leibjägers aus grosser
Verlegenheit gerettet. Hatte sie sich vollkommen überzeugt, dass es ihrerseits
nicht ratsam, dem Fürsten die Gegenwart des Prinzen in Sieghartshof, am
wenigsten aber seinen Anschlag auf Julien zu entdecken, so konnte doch auch die
Sache nicht in der Lage bleiben, die mit jeder Minute sich für Julien, für das
ganze Verhältnis, das sie, die Benzon selbst, mit aller Mühe aufrechterhielt,
bedrohlicher gestalten musste. Jetzt, da der Leibjäger den Schlupfwinkel des
Prinzen erlauscht und dieser Gefahr lief, auf nicht sehr ehrenvolle Weise
hervorgezogen zu werden, konnte, durfte sie ihn verraten, ohne Julia
preiszugeben. Sie erklärte also dem Fürsten, dass wahrscheinlich ein Liebeszwist
mit der Prinzessin Hedwiga den Prinzen vermocht, eine schnelle Abreise
vorzugeben und sich mit seinem treusten Kammerdiener ganz in der Nähe der
Geliebten zu verstecken. Dass dies Beginnen etwas Romanhaftes, Abenteuerliches in
sich trage, sei nicht zu leugnen, doch welcher Liebende habe nicht Hang zu
dergleichen. Übrigens sei des Prinzen Kammerdiener ein sehr eifriger Liebhaber
ihrer Nanni und durch diese ihr das Geheimnis verraten worden.
    »Ha!« rief der Fürst, »dem Himmel sei es gedankt, so war es der Kammerdiener
und nicht der Prinz selbst, der sich zu Ihnen ins Haus stahl und dann durchs
Fenster sprang in die Blumentöpfe, wie der Page Cherubin. - Mir stiegen schon
allerlei unangenehme Gedanken auf. Ein Prinz und durchs Fenster springen, wie
könnte sich das wohl in aller Welt reimen!«
    »Ei,« erwiderte die Benzon schalkisch lachend, »ich kenne doch eine
fürstliche Person, die den Weg zum Fenster heraus nicht verschmähte, als -«
    »Sie,« unterbrach der Fürst die Rätin, »Sie alterieren mich, Benzon, Sie
alterieren mich ganz ungemein! - Schweigen wir von vergangenen Dingen, überlegen
wir lieber, was jetzt mit dem Prinzen anzufangen! Alle Diplomatie, alles
Staatsrecht, alles Hofgesetz holt der Teufel in dieser verdammten Lage! - Soll
ich ihn ignorieren? - soll ich ihn zufällig finden? - soll ich - soll ich? Alles
dreht sich in meinem Kopfe wie ein Wirbel. Das kommt davon, wenn fürstliche
Häupter sich zu wunderlichen Romanstreichen herabwürdigen!«
    Die Benzon wusste in der Tat nicht, wie das weitere Verhältnis mit dem
Prinzen zu formen. Doch auch dieser Verlegenheit wurde abgeholfen. Noch ehe die
Rätin nämlich dem Fürsten antworten konnte, trat der alte Kastellan Rupert
hinein und überreichte dem Fürsten ein klein zusammengefaltetes Billett, indem
er schelmisch lächelnd versicherte, es käme von einer hohen Person, die er gar
nicht weit von hier die Ehre hätte unter Schloss und Riegel zu bewahren. »Er
wusste,« sprach der Fürst sehr gnädig zu dem Alten, »Er wusste also, Rupert, dass?
- Nun, ich habe Ihn immer für einen ehrlichen treuen Diener meines Hauses
gehalten, und Er hat sich auch jetzt als einen solchen bewährt, da Er, wie es
Seine Pflicht war, dem Befehl meines erhabenen Eidams gehorchet. - Ich werde an
Seine Belohnung denken.« Rupert dankte in den demütigsten Ausdrücken und
entfernte sich aus dem Zimmer.
    Es begibt sich gar oft im Leben, dass einer für besonders ehrlich und
tugendhaft gehalten wird gerade in dem Augenblick, wenn er einen
Spitzbubenstreich begangen. Daran dachte die Benzon, die von des Prinzen bösem
Anschlage besser unterrichtet und überzeugt war, dass der alte heuchlerische
Rupert in das böse Geheimnis eingeweiht.
    Der Fürst erbrach das Billett und las:
»Che dolce più, che più giocondo stato
Saria, di quel d'un amoroso core?
Che viver più felice e più beato,
Che ritrovarsi in servitù d'Amore
Se non fosse l'huom sempre stimulato
Da quel sospetto rio, da quel timore,
Da quel martir, da quella frenesia,
Da quella rabbia, detta gelosia.
In diesen Versen eines grossen Dichters finden Sie, mein Fürst, die Ursache
meines geheimnisvollen Beginnens. Ich glaubte mich nicht geliebt von der, die
ich anbete, die mein Leben ist, all mein Sehnen und Hoffen, für die alle
brünstige Glut lodert in der entflammten Brust. Wohl mir! - ich habe mich eines
bessern überzeugt, ich weiss seit wenigen Stunden, dass ich geliebt bin, und trete
aus meinem Schlupfwinkel hervor. - Liebe und Glück, das sei das Losungswort, das
mich ankündigt. - Bald begrüsse ich Sie, mein Fürst, mit der Ehrfurcht des
Sohnes.
                                                                        Hektor.«
Vielleicht ist es dem geneigten Leser nicht ganz unlieb, wenn der Biograph hier
auf zwei Sekunden die Geschichte ruhen lässt und den Versuch einer Übersetzung
jener italienischen Verse einschiebt. - Sie könnten ungefähr also lauten:
»Gäb's süssres noch, gäb's höheres Entzücken,
Als wenn das Herz entbrannt in brünst'ger Liebe?
Könnt' den ein sel'gres Himmelslos beglücken,
Der in des mächt'gen Gottes Fesseln bliebe?
Vermöchte nicht den Menschen zu berücken
Der finstre Geist, Verdacht, der Furcht Getriebe,
Trostlose Qual, Wahnsinns wuchernder Samen,
Der Hölle Furie, Eifersucht ihr Namen!«
Der Fürst las das Billett zwei-, dreimal sehr aufmerksam durch, und je öfter er
es las, desto finstrer zogen sich die Falten auf seiner Stirne zusammen.
»Benzon,« sprach er endlich, »Benzon! was ist das mit dem Prinzen? Verse,
italienische Verse an ein fürstliches Haupt, an einen gekrönten Schwiegervater,
statt deutlicher, vernünftiger Erklärung? - Was soll das! - Es ist kein Verstand
darin. Der Prinz scheint überspannt zu sein auf ganz ungebührliche Weise. Die
Verse sprechen, soviel ich davon verstehe, von dem Glück der Liebe und von den
Qualen der Eifersucht. Was will der Prinz mit der Eifersucht, auf wen um tausend
Himmels willen kann er hier eifersüchtig sein? - Sagen Sie mir, gute Benzon,
finden Sie in diesem Billett des Prinzen auch nur ein Fünkchen gesunden
Menschenverstand?«
    Die Benzon entsetzte sich über den tiefern Sinn, der in den Worten des
Prinzen lag, und den sie nach dem, was sich gestern in ihrem Hause begeben,
leicht erraten konnte. Zugleich musste sie aber die feine Wendung bewundern, die
der Prinz ersonnen, um ohne weitern Anstoss aus seinem Versteck hervortreten zu
dürfen. Weit entfernt, sich auch nur leise darüber gegen den Fürsten zu äussern,
mühte sie sich aber, aus der Lage der Dinge soviel Vorteil zu ziehen, als nur
möglich. Kreisler und Meister Abraham, das waren die Personen, von denen sie
Verwirrung ihrer geheimen Pläne befürchtete, und gegen diese glaubte sie jede
Waffe brauchen zu müssen, die ihr der Zufall in die Hand spielte. Sie erinnerte
den Fürsten daran, was sie ihm über die Leidenschaft gesagt hatte, die in der
Prinzessin Brust emporgelodert. Dem Scharfblick des Prinzen, führte sie ferner
an, könne die Stimmung der Prinzessin ebensowenig entgangen sein, als Kreislers
seltsames überspanntes Betragen ihm Anlass genug gegeben haben müsse, irgendein
wahnsinniges Verhältnis zwischen beiden zu vermuten. So sei hinlänglich erklärt,
warum der Prinz den Kreisler auf den Tod verfolgt, warum er, da er den Kreisler
getötet zu haben geglaubt, dem Schmerz, der Verzweiflung der Prinzessin aus dem
Wege gegangen, dann aber, als er von Kreislers Leben unterrichtet, von Liebe und
Sehnsucht getrieben, zurückgekehrt sei und die Prinzessin heimlich beobachtet
habe. Niemanden anders als Kreislern habe daher die Eifersucht gegolten, von der
die Verse des Prinzen sprächen, und es sei um so nötiger und ratsamer, dem
Kreisler fortin keinen Aufentalt in Sieghartshof zu gestatten, als er mit dem
Meister Abraham ein gegen alle Verhältnisse des Hofes gerichtetes Komplott
geschmiedet zu haben scheine.
    »Benzon,« sprach der Fürst sehr ernstaft, »Benzon, ich habe darüber
nachgedacht, was Sie mir über die unwürdige Neigung der Prinzessin gesagt haben,
und glaube jetzt von allem auch nicht ein Wort. Fürstliches Blut wallt in den
Adern der Prinzessin.« -
    »Glauben Sie,« fuhr die Benzon heftig auf, indem sie bis unter die Augen
errötete, »glauben Sie, gnädigster Herr, dass das fürstliche Weib über den
Pulsschlag, über die innere Ader des Lebens gebieten könne wie kein anderes?«
    »Sie sind,« sprach der Fürst verdriesslich, »Sie sind heute in sehr seltsamer
Stimmung, Rätin! - Ich wiederhole es, entstand in dem Herzen der Prinzessin
irgendeine abgeschmackte Leidenschaft, so war das nur ein krankhafter Zufall -
ein Krampf sozusagen - sie leidet ja an Spasmen - von dem sie sich sehr bald
ganz erholt haben würde. Was aber den Kreisler betrifft, so ist das ein ganz
amüsanter Mensch, dem nur gehörige Kultur fehlt. Ich kann ihm gar nicht solche
übermütige Keckheit zutrauen, sich der Prinzessin annähern zu wollen. Keck ist
er, aber auf ganz andere Weise. Glauben Sie wohl, Benzon, dass nach seiner
wunderlichen Art gerade eine Prinzessin bei ihm gar kein Glück machen würde,
sollt' es denkbar sein, dass eine dergleichen hohe Person sich herablassen
könnte, in ihn verliebt zu werden? Denn - Benzon, entre nous soit dit, - er
macht sich gar nicht sonderlich viel aus uns hohen Häuptern, und das ist eben
die lächerliche abgeschmackte Torheit, die ihn unfähig macht, am Hofe zu
verweilen. Mag er daher entfernt bleiben; kehrt er aber zurück, so sei er mir
herzlich willkommen. Denn nicht genug, dass er denn doch, wie ich vom Meister
Abraham - ja, den Meister Abraham, den lassen Sie mir aus dem Spiele, Benzon,
die Komplotte, die er geschmiedet, haben immer zum Wohl des fürstlichen Hauses
gereicht. - Wie ich doch sagen wollte! Ja! - Nicht genug, dass der Kapellmeister,
wie mir Meister Abraham gesagt, fliehen müssen auf ungebührliche Weise,
unerachtet er von mir freundlich aufgenommen, so ist und bleibt er ein ganz
gescheiter Mensch, der mich amüsiert trotz seines närrischen Wesens, et cela
suffit!«
    Die Rätin erstarrte vor innerer Wut, sich so kalt abgefertigt zu sehen. Ohne
es zu ahnen, war sie, als sie fröhlich den Strom hinabschwimmen wollte, auf eine
verborgene Klippe gestossen. -
    Es entstand auf dem Schlosshofe ein grosses Geräusch. Eine lange Reihe Wagen
rasselte heran, begleitet von einem starken Kommando grossherzoglicher Husaren.
Der Oberhofmarschall, der Präsident, die Räte des Fürsten, mehrere von der
vornehmen Welt aus Sieghartsweiler stiegen aus. Dortin war die Nachricht
gekommen, dass in Sieghartshof eine wider das Leben des Fürsten gerichtete
Revolution ausgebrochen, und nun kamen die Getreuen nebst andern Verehrern des
Hofes, sich um die Person des Fürsten zu stellen, und brachten die Verteidiger
des Vaterlandes mit, die sie sich vom Gouverneur mit vieler Mühe erbeten.
    Vor lauter Beteuerungen der Versammelten, dass sie Leib und Leben für den
gnädigsten Herrn zu opfern bereit wären, kam der Fürst gar nicht zu Worte. Eben
wollt' er endlich beginnen, als der Offizier, der das Kommando führte,
hineintrat und den Fürsten nach dem Operationsplan fragte.
    Es liegt in der menschlichen Natur, dass, wenn die Gefahr, die uns Furcht
einjagte, sich vor unsern Augen auflöst in einen eitlen nichtigen Popanz, uns
dies immer mit grossem Unmut erfüllt. Der Gedanke, der wirklichen Gefahr
glücklich entgangen zu sein, nicht, dass gar keine vorhanden, erregt uns Freude.
    So geschah es denn auch, dass der Fürst seinen Unmut, seinen Verdruss über den
unnötigen Tumult kaum unterdrücken konnte.
    Dass der ganze Lärm über ein Stelldichein eines Kammerdieners mit einer Zofe,
über die romanhafte Eifersüchtelei eines verliebten Prinzen entstanden, sollte,
konnte er das sagen? Er sann hin und her; die ahnungsvolle Stille im Saal, nur
unterbrochen von dem mutigen, Sieg versprechenden Wiehern der Husarenpferde, die
draussen hielten, drückte ihn bleiern nieder.
    Endlich räusperte er sich und begann sehr patetisch: »Meine Herren! Die
wunderbare Fügung des Himmels - Was wollen Sie, mon ami?«
    Mit dieser an den Hofmarschall gerichteten Frage unterbrach der Fürst sich
selbst. Wirklich hatte der Hofmarschall sich mehrmals gebückt und durch Blicke
zu verstehen gegeben, dass er was Wichtiges zu hinterbringen. Es kam heraus, dass
soeben sich Prinz Hektor melden lassen.
    Des Fürsten Gesicht heiterte sich auf, er sah, dass er über die vermeintliche
Gefahr, in der sein Tron geschwebt, sehr kurz sein und die ehrwürdige
Versammlung wie mit einem Zauberschlage in eine Bewillkommnungscour umsetzen
könne. Er tat dies! -
    Nicht lange dauerte es, so trat Prinz Hektor hinein, in Galauniform glänzend
gekleidet, schön, kräftig, stolz wie der fernhintreffende Götterjüngling. Der
Fürst machte ein paar Schritte vorwärts ihm entgegen, fuhr aber auch gleich
zurück, als träfe ihn der Blitz. Dicht hinter dem Prinzen Hektor her sprang
Prinz Ignatius in den Saal. Der fürstliche Herr wurde leider mit jedem Tage
dämischer und abgeschmackter. Die Husaren auf dem Schlosshofe mussten ihm ganz
ausnehmend gefallen haben, denn er hatte einen Husaren vermocht, ihm Säbel,
Tasche und Tschako zu geben, und sich in diese Herrlichkeiten geputzt. - So
kurbettierte er, als sässe er zu Pferde, in kurzen Sprüngen mit dem blanken Säbel
in der Faust im Saal umher, indem er die eiserne Scheide tüchtig auf dem Boden
nachklirren liess, und lachte und kicherte dabei ganz ungemein anmutig. »Partez -
décampez! - Allez-vous-en - tout de suite.« So rief der Fürst mit glühenden
Augen und donnernder Stimme dem erschrockenen Ignaz entgegen, der sich ganz
geschwind davonmachte.
    Keiner von den Anwesenden hatte so wenig Takt, den Prinzen Ignaz, die ganze
Szene zu bemerken. -
    Der Fürst, im vollsten Sonnenglanz der vorigen Milde und Freundlichkeit,
sprach nun mit dem Prinzen einige Worte, und dann gingen beide, der Fürst und
der Prinz, im Kreise der Versammelten umher und redeten mit diesem, jenem ein
paar Worte. Die Cour war beendigt, d.h. die geistreichen, tiefsinnigen
Redensarten, deren man sich bei solcher Gelegenheit zu bedienen pflegt, waren
gehörig verspendet, und der Fürst begab sich mit dem Prinzen in die Gemächer der
Fürstin, dann aber, da der Prinz darauf bestand, die geliebte Braut zu
überraschen, in das Gemach der Prinzessin. Sie fanden Julia bei ihr. -
    Mit der Hast des feurigsten Liebhabers flog der Prinz hin zur Prinzessin,
drückte ihre Hand hundertmal zärtlich an die Lippen, schwur, dass er nur in dem
Gedanken an sie gelebt, dass ein unglückliches Missverständnis ihm die Qualen der
Hölle bereitet, dass er die Trennung von der, die er anbete, nicht länger
ertragen könne, dass nun ihm alle Seligkeit des Himmels aufgegangen. -
    Hedwiga empfing den Prinzen mit unbefangener Heiterkeit, die ihr sonst eben
nicht eigen. Sie begegnete den zärtlichen Liebkosungen des Prinzen geradeso, wie
es eine Braut wohl tun mag, ohne sich im voraus zuviel zu vergeben; ja, sie
verschmähte es nicht, den Prinzen mit seinem Versteck ein wenig aufzuziehn und
zu versichern, dass sie keine Verwandlung hübscher und anmutiger sich denken
könne, als die eines Haubenstocks in einen Prinzenkopf. Denn für einen
Haubenstock habe sie den Kopf gehalten, der sich in dem Giebelfenster des
Pavillons blicken lassen. Dies gab Anlass zu allerlei artigen Neckereien des
glücklichen Paars, die selbst den Fürsten zu ergötzen schienen. Nun glaubte er
den grossen Irrtum der Benzon rücksichts des Kreisler erst recht einzusehen, da
nach seiner Meinung Hedwigas Liebe zu dem schönsten der Männer sich deutlich
genug aussprach. Geist und Körper der Prinzessin schienen in der seltenen hohen
Blüte zu stehen, wie sie glücklichen Bräuten ganz besonders eigen. - Gerade
entgegengesetzt verhielt es sich mit Julien. Sowie sie den Prinzen erblickte,
bebte sie zusammen, von innerm Schauer erfasst. Blass wie der Tod, stand sie da
mit tief zu Boden gesenkten Augen, keiner Bewegung mächtig, kaum fähig, sich
aufrecht zu erhalten. -
    Nach einer guten Weile wandte sich der Prinz zu Julien mit den Worten:
»Fräulein Benzon, wenn ich nicht irre?«
    »Eine Freundin der Prinzessin von der frühsten Kindheit her, gleichsam ein
Schwesternpaar!« - Während der Fürst diese Worte sprach, hatte der Prinz Julias
Hand gefasst und ihr leise, leise zugehaucht: »Nur du bist's, die ich meine!« -
Julia schwankte, Tränen der bittersten Angst drängten sich unter den Wimpern
hervor; sie wäre niedergestürzt, hätte die Prinzessin nicht schnell einen Sessel
herbeigeschoben.
    »Julia,« sprach die Prinzessin leise, indem sie sich über die Ärmste
hinüberbeugte, »Julia, fasse dich doch nur! - Ahnest du denn nicht den harten
Kampf, den ich kämpfe?« - Der Fürst öffnete die Türe und rief nach Eau de Luce.
»Solches,« sprach der ihm entgegentretende Meister Abraham, »solches führe ich
nicht bei mir, aber guten Äter. Ist jemand ohnmächtig geworden? - Äter hilft
auch!«
    »So kommt,« erwiderte der Fürst, »so kommt schnell hinein, Meister Abraham,
und helft Fräulein Julien.«
    Doch sowie Meister Abraham in den Saal trat, sollte sich das Unerwartete
begeben.
    Geisterbleich starrte Prinz Hektor den Meister an, sein Haar schien sich zu
sträuben, kalter Angstschweiss ihm auf der Stirne zu stehen. Einen Schritt
vorwärts, den Leib zurückgebogen, die Arme dem Meister entgegengestreckt, war er
dem Macbet zu vergleichen, wenn plötzlich Bankos entsetzliches blutiges
Gespenst den leeren Platz der Tafel füllt. - Ruhig holte der Meister sein
Fläschchen hervor und wollte sich Julien nahen.
    Da war es, als ermanne sich der Prinz wieder zum Leben. »Severino, seid
Ihr's selbst?« - So rief der Prinz mit dem dumpfen Ton des tiefsten Entsetzens.
»Allerdings,« erwiderte Meister Abraham, ohne im mindesten aus seiner Ruhe zu
kommen, oder nur die Miene zu verändern, »allerdings. Es ist mir lieb, dass Ihr
Euch meiner erinnert, gnädigster Herr; ich hatte die Ehre, Euch vor etlichen
Jahren in Neapel einen kleinen Dienst zu erzeigen.«
    Der Meister trat noch einen Schritt vorwärts, da fasste ihn der Prinz beim
Arm, zog ihn mit Gewalt auf die Seite, und nun erfolgte ein kurzes Gespräch, von
dem niemand der im Saal Befindlichen etwas verstand, da es zu schnell und im
neapolitanischen Dialekt geführt wurde.
    »Severino! - Wie kam der Mensch zu dem Bildnis?«
    »Ich gab es ihm zur Schutzwehr gegen Euch.«
    »Weiss er?«
    »Nein!«
    »Werdet Ihr schweigen?«
    »Zurzeit - ja!«
    »Severino! - Alle Teufel sind mir auf den Hals gehetzt! - Was nennt Ihr
zurzeit?«
    »Solange Ihr artig seid und den Kreisler in Ruhe lasst und auch jene da!« -
    - Nun liess der Prinz den Meister los und trat an ein Fenster. - Julia hatte
sich indessen erholt. Mit dem unbeschreiblichen Ausdruck herzzerreissender Wehmut
den Meister Abraham anschauend, lispelte sie mehr, als dass sie sprach: »O mein
guter lieber Meister, Ihr könnt mich wohl retten! - Nicht wahr, Ihr gebietet
über so manches? - Eure Wissenschaft kann noch alles zum Guten lenken!« - Der
Meister gewahrte in Julias Worten den wunderbarsten Zusammenhang mit jenem
Gespräch, als habe sie in der höhern Erkenntnis des Traums alles verstanden und
wisse um das ganze Geheimnis!
    »Du bist,« sprach der Meister Julien leise ins Ohr, »du bist ein frommer
Engel, und darum hat der finstre Höllengeist der Sünde keine Macht über dich.
Vertraue dich mir ganz; fürchte nichts und fasse dich mit aller Kraft des
Geistes. - Denke auch an unsern Johannes.«
    »Ach,« rief Julia schmerzlich, »ach, Johannes! - er kehrt zurück, nicht
wahr, Meister? ich werde ihn wiedersehen!«
    »Gewiss,« erwiderte der Meister und legte den Finger auf den Mund; Julia
verstand ihn. -
    Der Prinz mühte sich, unbefangen zu scheinen; er erzählte, dass der Mann, den
man hier, wie er vernehme, Meister Abraham nenne, vor mehreren Jahren in Neapel
Zeuge einer sehr tragischen Begebenheit gewesen sei, in die er, der Prinz,
selbst verflochten, wie er gestehen müsse. - Die Begebenheit zu erzählen, sei
jetzt nicht an der Zeit, doch wolle er künftig damit nicht zurückhalten. -
    Der Sturm im Innern war zu heftig, als dass sein Tosen nicht auf der
Oberfläche hätte sichtbar sein sollen, und so stimmte des Prinzen verstörtes
Antlitz, dem jeder Blutstropfen entschwunden schien, sehr schlecht überein mit
dem gleichgültigen Gespräch, zu dem er sich nun zwang, um nur über den
kritischen Moment hinwegzukommen. Besser als dem Prinzen gelang es der
Prinzessin, die Spannung des Augenblicks zu besiegen. Mit der Ironie, die selbst
den Argwohn, die Verbittrung verflüchtigt zum feinsten Hohn, neckte Hedwiga den
Prinzen umher in dem Labyrint seiner eignen Gedanken. Er, der gewandteste
Weltmann, noch mehr, ausgerüstet mit allen Waffen einer Ruchlosigkeit, die alles
Wahrhafte, jede Gestaltung des Lebens vernichtet, vermochte nicht diesem
seltsamen Wesen zu widerstehen. Je lebhafter Hedwiga sprach, je feuriger und
zündender die Blitze des geistreichsten Spottes einschlugen, desto verwirrter,
beängstigter schien sich der Prinz zu fühlen, bis dies Gefühl zum Unerträglichen
stieg und er sich schnell entfernte.
    Dem Fürsten geschah das, was ihm bei solchen Anstössen jedesmal zu geschehen
pflegte; er wusste gar nicht, was er von dem allen denken sollte. Er begnügte
sich mit einigen französischen Brocken ohne sonderliche Bedeutung, die er dem
Prinzen zuwarf und die dieser mit ebensolchen erwiderte.
    Der Prinz war schon zur Türe heraus, als Hedwiga, plötzlich im ganzen Wesen
verändert, zum Fussboden niederstarrte und mit einem seltsamen, das Herz
durchschneidenden Ton laut rief: »Ich sehe die blutige Spur des Mörders!« - Dann
schien sie aus dem Traum zu erwachen, drückte Julien stürmisch an ihre Brust und
lispelte ihr zu: »Kind, mein armes Kind, lass dich nicht betören!«
    »Geheimnisse,« sprach der Fürst verdriesslich, »Geheimnisse, Einbildungen,
Albernheiten, Romanenstreiche! Ma foi, ich kenne meinen Hof nicht mehr! -
Meister Abraham! Ihr bringt meine Uhren in Ordnung, wenn sie nicht richtig
gehen, ich wollt', Ihr könntet hier nachsehen, was für Schaden das Räderwerk
genommen, das sonst niemals stockte. - Doch was ist das mit dem Severino?«
    »Unter diesem Namen,« erwiderte der Meister, »liess ich in Neapel meine
optische und mechanische Kunststücke sehen.«
    »So - so,« sprach der Fürst, sah den Meister starr an, als schwebe ihm eine
Frage auf den Lippen, drehte sich aber dann schnell um und verliess schweigend
das Zimmer. -
    Man hatte geglaubt, die Benzon befinde sich bei der Fürstin, dem war aber
nicht so, sie hatte sich in ihre in Wohnung begeben.
    Julia sehnte sich nach der freien Luft; der Meister führte sie in den Park
und, lustwandelnd durch die halb entlaubten Gänge, sprachen sie von Kreisler und
seinem Aufentalt in der Abtei. Sie waren an das Fischerhäuschen gekommen. Julia
trat hinein, um sich zu erholen; Kreislers Brief lag auf dem Tisch, der Meister
meinte, es sei gar nichts darin, das Julia Scheu tragen dürfe zu erfahren.
    Während Julia den Brief gelesen, hatten sich ihre Wangen höher gefärbt, und
sanftes Feuer, Abglanz des erheiterten Gemüts, strahlte aus ihren Augen.
    »Siehst du,« sprach der Meister freundlich, »siehst du wohl, mein liebes
Kind, wie der gute Geist meines Johannes auch aus der Ferne tröstend zu dir
spricht? Was hast du von bedrohlichen Anschlägen zu fürchten, wenn
Standhaftigkeit, Liebe und Mut dich schützen vor den Bösen, die dir
nachstellen!«
    »Barmherziger Himmel,« rief Julia mit emporgerichtetem Blicke, »schütze mich
nur vor mir selber!« Sie erbebte wie im jähen Schreck über die Worte, die sie
willenlos ausgestossen. Halb ohnmächtig sank sie in den Sessel und bedeckte mit
beiden Händen ihr glühendes Antlitz.
    »Ich verstehe,« sprach der Meister, »ich verstehe dich nicht Mädchen, du
verstehst dich vielleicht selbst nicht, und darum magst du dein eignes Innres
recht auf den Grund erforschen und dir nichts etwa verschweigen aus weichlicher
Schonung.« -
    Der Meister überliess Julien dem tiefen Nachsinnen, in das sie versunken, und
schaute mit übereinandergeschlagenen Armen hinauf zu der geheimnisvollen
Glaskugel. - Da schwoll ihm die Brust vor Sehnsucht und wunderbarer Ahnung.
    »Dich,« sprach er, »dich muss ich ja fragen, mit dir muss ich mich ja beraten,
mit dir, du meines Lebens schönes, herrliches Geheimnis! Schweige nicht, lass
deine Stimme hören! - Du weisst es ja, niemals war ich ein gemeiner Mensch,
unerachtet mich manche dafür hielten. Denn in mir glühte alle Liebe, die der
ewige Weltgeist selbst ist, und der Funke glimmte in meiner Brust, den der Hauch
deines Wesens anfachte zur hellen fröhlichen Flamme! - Glaube nicht, Chiara, dass
dies Herz darum, weil es älter worden, vereiset ist und nicht mehr so rasch zu
schlagen vermag als damals, da ich dich dem unmenschliche Severino entriss;
glaube nicht, dass ich jetzt weniger deiner wert geworden, als ich es damals war,
da du selbst mich aufsuchtest! - Ja! - lass nur deine Stimme hören, und ich will
mit der Hast des Jünglings dem Ton so lange nachrennen, bis ich dich gefunden,
und dann wohnen wir wieder zusammen und treiben in zauberischer Gemeinschaft die
höhere Magie, welche alle Menschen, selbst die allergemeinsten, notgedrungen
erkennen, ohne daran zu glauben. - Und wandelst du nicht mehr leiblich hier auf
Erden, spricht deine Stimme aus der Geisterwelt zu mir herab, so bin ich auch
damit zufrieden und werde auch denn wohl noch ein tüchtigerer Kerl, als ich
jemals gewesen. - Doch nein, nein! - Wie lauteten die tröstenden Worte, die du
zu mir sprachst?
Nicht erfasst der bleiche Tod,
Die im Herzen Liebe tragen,
Dem glänzt noch das Abendrot,
Der am Morgen wollt' verzagen!«
»Meister,« rief Julia, die sich aus dem Sessel erhoben und dem Alten in tiefem
Erstaunen zugehorcht hatte, »Meister! mit wem redet Ihr? was wollt Ihr beginnen?
- - Ihr nanntet den Namen: Severino, güt'ger Himmel! redete der Prinz, als er
sich von seinem Entsetzen erholt hatte, Euch nicht selbst an mit diesem Namen?
Welches furchtbare Geheimnis liegt hier verborgen?«
    Der Alte kam bei diesen Worten Julias augenblicklich aus dem erhöhten
Zustande zurück, und auf seinem Gesicht verbreitete sich, wie es schon lange
nicht mehr geschehen, jene seltsame, beinahe grinsende Freundlichkeit, die mit
seinem übrigens treuherzigen Wesen in dem wunderlichsten Zwiespalt stand und
seiner ganzen Erscheinung den Anstrich einer etwas unheimlichen Karikatur gab.
    »Mein schönes Fräulein,« sprach er mit dem grellen Ton, in dem
aufschneiderische Geheimniskrämer gewöhnlich ihre Wunder anzupreisen pflegen,
»mein schönes Fräulein, nur ein wenig Geduld, ich werde bald die Ehre haben,
Ihnen hier im Fischerhäuschen die allerwunderbarsten Dinge zu zeigen. - Diese
tanzenden Männlein, dieser kleine Türke, welcher weiss, wie alt jeder in der
Gesellschaft ist, diese Automate, diese Palingenesien, diese deformierten
Bilder, diese optischen Spiegel - alles hübsches magisches Spielzeug, aber das
beste fehlt mir noch. Mein unsichtbares Mädchen ist da! - Bemerken Sie, dort
oben sitzt sie bereits in der Glaskugel. Sie spricht aber noch nicht, sie ist
noch müde von der weiten Reise, denn sie kommt gerades Weges aus dem fernen
Indien. - In einigen Tagen, mein schönes Fräulein, kommt meine Unsichtbare, und
dann wollen wir sie befragen wegen des Prinzen Hektor, wegen Severino und andern
Begebnissen der Vergangenheit und Zukunft! - Für jetzt nur etwas weniges
schlichtes Amüsement.«
    Damit sprang der Meister mit der Schnelle und Lebendigkeit eines Jünglings
im Zimmer umher, zog die Maschinen an, ordnete die magischen Spiegel. Und in
allen Winkeln wurde es rege und lebendig, die Automaten schritten daher und
drehten die Köpfe, und ein künstlicher Hahn schlug mit den Flügeln und krähte,
während Papageien gellend dazwischenkreischten, und Julia selbst und der Meister
standen draussen sogut wie im Zimmer. Julien wollte, unerachtet sie an
dergleichen Possen genugsam gewöhnt, dennoch bei der seltsamen Stimmung des
Meisters ein Grauen anwandeln. »Meister,« sprach sie ganz erschrocken, »Meister,
was ist Euch widerfahren?«
    »Kind,« erwiderte der Meister in seiner ernsten Manier, »Kind etwas Schönes
und Wunderbares, aber es taugt nicht recht, dass du es erfährst. Doch! - Lass die
lebendigtoten Dinger hier ihre Faxen ausspielen, während ich dir von manchem
soviel vertraue, als dir zu wissen nötig und nützlich. - Meine liebe Julia,
deine eigne Mutter hat dir ihr mütterliches Herz verschlossen, ich will es dir
öffnen, dass du hineinzublicken, dass du die Gefahr, in der du schwebst, zu
erkennen und dich ihr zu entziehen vermagst. - Erfahre also fürs erste ohne
weitere Umschweife, dass deine Mutter nichts Geringeres fest in ihrem Sinn
beschlossen hat, als dich - -«
    (M.f.f.) - es indessen lieber bleiben lassen - Katerjüngling, sei bescheiden
wie ich und nicht gleich überall bei der Hand mit deinen Versen, wenn die
schlichte ehrliche Prosa hinreicht, deine Gedanken auszuspinnen. - Verse sollen
in dem in Prosa geschriebenen Buche das leisten, was der Speck in der Wurst,
nämlich hin und wieder in kleinen Stückchen eingestreut, dem ganzen Gemengsel
mehr Glanz der Fettigkeit, mehr süsse Anmut des Geschmacks verleihen. Ich fürchte
nicht, dass dichterische Kollegen dies Gleichnis zu gemein und unedel finden
werden, da es von unsrer Lieblingsspeise entnommen und in der Tat manchmal ein
guter Vers einem mittelmässigen Roman ebenso dienlich sein kann als ein fetter
Speck einer magern Wurst. Ich sage das als ein Kater von ästetischer Bildung
und Erfahrung. - So sehr nach meinen bisherigen philosophischen und moralischen
Grundsätzen Pontos ganzes Verhältnis, seine Lebensweise, seine Art, sich in der
Gunst des Herrn zu erhalten, mir unwürdig, ja ein wenig miserabel vorkommen
mochte, doch hatte mich sein ungezwungener Anstand, seine Eleganz, seine
anmutige Leichtigkeit im sozialen Umgange gar sehr bestochen. Mit aller Gewalt
wollte ich mich selbst überreden, dass ich bei meiner wissenschaftlichen Bildung,
bei meinem Ernst in allem Tun und Treiben auf einer viel höheren Stufe stehe als
der unwissende Ponto, der nur hier und da etwas von den Wissenschaften
aufgeschnappt. Ein gewisses gar nicht zu unterdrückendes Gefühl sagte mir aber
ganz unverhohlen, dass Ponto überall mich in den Schatten stellen würde; ich
fühlte mich gedrungen, einen vornehmern Stand anzuerkennen und den Pudel Ponto
zu diesem Stande zu rechnen. -
    Ein genialer Kopf wie der meinige hat bei jedem Anlass, bei jeder
Lebenserfahrung immer seine besonderen eigentümlichen Gedanken, und so geriet
ich auch, meine innere Seelenstimmung, mein ganzes Verhältnis mit Ponto wohl
überlegend, in allerlei sehr artige Betrachtungen, die der ferneren Mitteilung
wohl wert sind. - »Wie kommt es,« sprach ich zu mir selbst, indem ich sinnig die
Pfote an die Stirn legte, »wie kommt es, dass grosse Dichter, grosse Philosophen,
sonst geistreich, lebensweise, sich im sozialen Verhältnis mit der sogenannten
vornehmeren Welt so unbehilflich zeigen? Sie stehen jederzeit da, wo sie eben in
dem Augenblick nicht hingehören, sie sprechen, wenn sie gerade schweigen
sollten, und schweigen umgekehrt da, wo gerade Worte nötig, sie stossen in der
Form der Gesellschaft, wie sie sich nun eben gestaltet hat, entgegengesetztem
Streben überall an und verletzen sich selbst und andere; genug, sie gleichen
dem, der, wenn eben eine ganze Reihe muntrer Spaziergänger einträchtig
hinauswandelt, sich allein zum Tore hineindrängt und nun, mit Ungestüm seinen
Weg verfolgend, diese ganze Reihe verstört. Man schreibt, ich weiss es, dies dem
Mangel gesellschaftlicher Kultur zu, die am Schreibtische nicht zu erlangen, ich
meine indessen, dass diese Kultur gar leicht zu erlangen sein, und dass jene
unbesiegbare Unbehilflichkeit wohl noch einen andern Grund haben müsse. - Der
grosse Dichter oder Philosoph müsste es nicht sein, wenn er seine geistige
Überlegenheit nicht fühlen sollte; aber ebenso müsste er nicht das jedem
geistreichen Menschen eigne tiefe Gefühl besitzen, um nicht einzusehen, dass jene
Überlegenheit deshalb nicht anerkannt werden darf, weil sie das Gleichgewicht
aufhebt, das stets zu erhalten die Haupttendenz der sogenannten vornehmeren
Gesellschaft ist. Jede Stimme darf nur eingreifen in den vollkommenen Akkord des
Ganzen, aber des Dichters Ton dissoniert und ist, kann er unter andern Umständen
auch ein sehr guter sein, dennoch in dem Augenblick ein schlechter Ton, weil er
nicht zum Ganzen passt. - Der gute Ton besteht aber so wie der gute Geschmack in
der Unterlassung alles Ungehörigen. Nun meine ich ferner, dass der Unmut, der
sich aus dem widersprechenden Gefühl der Überlegenheit und der ungehörigen
Erscheinung bildet, den in dieser sozialen Welt unerfahrnen Dichter oder
Philosophen hindert, das Ganze zu erkennen und darüber zu schweben. Es ist
nötig, dass er in dem Augenblick seine innere geistige Überlegenheit nicht zu
hoch anschlage, und unterlässt er dies, so wird er auch die sogenannte höhere
gesellschaftliche Kultur, die auf nichts anders hinausläuft, als auf das
Bemühen, alle Ecken, Spitzen wegzuhobeln, alle Physiognomien zu einer einzigen
zu gestalten, die eben deshalb aufhört eine zu sein, nicht zu hoch anschlagen.
Dann wird er, verlassen von jenem Unmut, unbefangen das innerste Wesen dieser
Kultur und die armseligen Prämissen, worauf sie beruhet, leicht erkennen und
schon durch die Erkenntnis sich einbürgern in die seltsame Welt, welche eben
diese Kultur als unerlässlich fordert. - Auf eigne Weise verhält es sich mit den
Künstlern, die, sowie Dichter, Schriftsteller, der Vornehme hie und da in seine
Zirkel ladet, um der guten Sitte nach auf eine Art von Mäzenat Anspruch machen
zu können. Diesen Künstlern klebt leider gewöhnlich etwas vom Handwerk an, und
deshalb sind sie entweder demütig bis zur Kriecherei oder ungezogen bis zur
Bengelhaftigkeit.«
    (Anmerk. der Herausgeb.: - Murr, es tut mir leid, dass du dich so oft mit
fremden Federn schmückst. Du wirst, wie ich mit Recht befürchten muss, dadurch
bei den geneigten Lesern merklich verlieren. - Kommen alle diese Betrachtungen,
mit denen du dich so brüstest, nicht geradehin aus dem Munde des Kapellmeisters
Johannes Kreisler, und ist es überhaupt möglich, dass du solche Lebensweisheit
sammeln konntest, um eines menschlichen Schriftstellers Gemüt, das wunderlichste
Ding auf Erden, so tief zu durchschauen?)
    »Warum,« dacht' ich ferner, »sollt' es aber einem geistreichen Kater, ist er
auch Dichter, Schriftsteller, Künstler, nicht gelingen können, sich zu jener
Erkenntnis der höhern Kultur in ihrer ganzen Bedeutsamkeit hinaufzuschwingen und
sie selbst zu üben mit aller Schönheit und Anmut der äussern Erscheinung? - Hat
denn die Natur dem Geschlecht der Hunde allein den Vorzug jener Kultur gegönnt?
Sind wir Kater, was Tracht, Lebensweise, Art und Gewohnheit betrifft, auch etwas
von dem stolzen Geschlecht verschieden, so haben wir doch ebensogut Fleisch und
Blut, Körper und Geist, und am Ende können es die Hunde auch gar nicht anders
anfangen als wir, ihr Leben fortzusetzen. Auch Hunde müssen essen, trinken,
schlafen u.s.w., und es tut ihnen weh, wenn sie geprügelt werden.« - Was weiter!
- ich beschloss, mich dem Unterricht meines jungen vornehmen Freundes, des Pudels
Ponto, hinzugeben, und, ganz mit mir einig, begab ich mich zurück in meines
Meisters Zimmer; ein Blick in den Spiegel überzeugte mich, dass der blosse ernste
Wille, nach höherer Kultur zu streben, schon vorteilhaft auf meine äussere
Haltung gewirkt. - Ich betrachtete mich mit dem innigsten Wohlgefallen. - Gibt
es einen behaglichern Zustand, als wenn man mit sich selbst ganz zufrieden ist?
- Ich spann! -
    Andern Tages begnügte ich mich nicht damit, vor der Türe zu sitzen, ich
lustwandelte die Strasse herab, da erblickte ich in der Ferne den Herrn Baron
Alzibiades von Wipp, und hinter ihm her sprang mein munterer Freund Ponto.
Gelegeners konnte mir nicht kommen; ich nahm mich soviel wie möglich in Anstand
und Würde zusammen und näherte mich dem Freund mit jener unnachahmlichen Grazie,
die, unschätzbares Geschick der gütigen Natur, keine Kunst zu lehren vermag. -
Doch! - entsetzlich! Was musste geschehen! - Sowie mich der Baron gewahrte, blieb
er stehen und betrachtete mich sehr aufmerksam durch die Lorgnette, dann rief er
aber: »Allons - Ponto! Huss - Huss - Katz! Katz!« - Und Ponto, der falsche Freund,
sprang in voller Furie auf mich los! - Entsetzt, aus aller Fassung gebracht
durch den schändlichen Verrat, war ich keines Widerstandes fähig, sondern duckte
mich so tief nieder, als ich konnte, um Pontos scharfen Zähnen zu entgehen, die
er mir knurrend zeigte. Ponto sprang aber mehrmals über mich hinweg, ohne mich
zu fassen, und flüsterte mir in die Ohren: »Murr! Sei doch kein Tor und fürchte
dich etwa! - du siehst ja, dass es kein Ernst ist, ich tue das nur meinem Herrn
zu Gefallen!« Nun wiederholte Ponto seine Sprünge und tat sogar, als packe er
mich bei den Ohren, ohne mir indessen im mindesten wehe zu tun. »Jetzt,« raunte
mir Ponto endlich zu »jetzt trolle dich ab, Freund Murr! dort hinein ins
Kellerloch!« - Ich liess mir das nicht zweimal sagen, sondern fuhr schnell davon,
wie der Blitz. - Unerachtet der Versicherung Pontos, mir keinen Schaden
zuzufügen, war mir doch nicht wenig bange, denn wissen kann man in solchen
kritischen Fällen immer nicht recht, ob die Freundschaft stark genug sein wird,
das angeborne Naturell zu besiegen. -
    Als ich hineingehuscht war in den Keller, spielte Ponto die Komödie, die er
seinem Herrn zu Ehren begonnen, weiter fort. Er knurrte und bellte nämlich vor
dem Kellerfenster, steckte die Schnauze durch das Gitter, tat, als sei er ganz
ausser sich darüber, dass ich ihm entwischt sei und er mich nun nicht verfolgen
könne. »Siehst du,« sprach aber Ponto zu mir in den Keller hinein, »siehst du,
erkennst du nun aufs neue die erspriesslichen Folgen der höhern Kultur? - In dem
Augenblick habe ich mich gegen meinen Herrn artig, folgsam bewiesen, ohne mir
deine Feindschaft zuzuziehen, guter Murr. So macht es der wahre Weltmann, den
das Schicksal bestimmt hat, Werkzeug in der Hand eines Mächtigeren zu sein.
Angehetzt muss er losfahren, aber dabei so viel Geschick beweisen, dass er nur
dann wirklich beisst, wenn es gerade auch in seinen eigenen Kram taugt.« - In
aller Schnelle eröffnete ich meinem jungen Freunde Ponto, wie ich gesonnen sei,
etwas von seiner höhern Kultur zu profitieren, und fragte, ob und auf welche
Weise er mich vielleicht in die Lehre nehmen könne. - Ponto sann einige Minuten
nach und meinte denn, am besten sei es, wenn mir gleich anfangs ein lebendiges
deutliches Bild der höheren Welt aufgehe, in der er jetzt zu leben das Vergnügen
habe, und dies könne nicht besser geschehen, als wenn ich ihn heute abend zur
niedlichen Badine begleite, die gerade während der Teaterzeit Gesellschaft bei
sich sähe. - Badine war aber Windspiel in Diensten der fürstlichen
Oberhofmeisterin. -
    Ich putzte mich heraus, so gut ich es vermochte, las noch etwas im Knigge
und durchlief auch ein paar ganz neue Lustspiele von Picard, um nötigenfalls
auch mich im Französischen geübt zu zeigen, und ging dann hinab vor die Türe.
Ponto liess nicht lange auf sich warten. Wir wandelten einträchtig die Strasse
hinab und gelangten bald in Badinens hell erleuchtetet Zimmer, wo ich eine bunte
Versammlung von Pudeln, Spitzen, Möpsen, Bolognesern, Windspielen vorfand, teils
im Kreise sitzend, teils gruppenweise in die Winkel verteilt. -
    Das Herz klopfte mir nicht wenig in dieser fremdartigen Gesellschaft mir
feindlicher Naturen. Mancher Pudel blickte mich an mit einer gewissen
verächtlichen Verwunderung, als wolle er sagen: »Was will ein gemeiner Kater
unter uns sublimen Leuten?« Hin und wieder fletschte auch wohl ein eleganter
Spitz die Zähne, so dass ich merken konnte, wie gern er mir in die Haare gefahren
wäre, hätte der Anstand, die Würde, die sittige Bildung der Gäste nicht jede
Prügelei als unschicklich verboten. - Ponto riss mich aus der Verlegenheit, indem
er mich der schönen Wirtin vorstellte, die mit anmutiger Herablassung
versicherte, wie sehr sie sich freue einen Kater von meinem Ruf bei sich zu
sehen. - Nun erst, als Badine einige Worte mit mir gesprochen, schenkte mir
dieser, jener mit wahrhaft hündischer Bonhommie mehr Aufmerksamkeit, redete mich
auch wohl an und gedachte meiner Schriftstellerei, meiner Werke, die ihm
zuweilen ordentlichen Spass gemacht. Das schmeichelte meiner Eitelkeit, und ich
gewahrte kaum, dass man mich fragte, ohne meine Antworten zu beachten, dass man
mein Talent lobte, ohne es zu kennen, dass man meine Werke pries, ohne sie zu
verstehen. - Ein natürlicher Instinkt lehrte mich antworten, wie ich gefragt
wurde, nämlich ohne Rücksicht auf diese Frage überall kurz absprechen in solch
allgemeinen Ausdrücken, dass sie auf alles nur Mögliche bezogen werden konnten,
durchaus keiner Meinung sein und nie das Gespräch von der glatten Oberfläche
hinunterziehen wollen in die Tiefe. - Ponto versicherte mir im Vorbeistreifen,
dass ein alter Spitz ihm versichert, wie ich für einen Kater amüsant genug sei
und Anlagen zur guten Konversation zeige. - So etwas erfreut auch den
Missmütigen! -
    - Jean Jacques Rousseau gesteht, als er in seinen »Bekenntnissen« auf die
Geschichte von dem Bande kommt, das er stahl, und ein armes unschuldiges Mädchen
für den Diebstahl züchtigen sah, den er begangen, ohne die Wahrheit zu gestehen,
wie schwer es ihm werde, über diese Untiefe seines Gemüts hinwegzukommen. - Ich
befinde mich eben jetzt in gleichem Fall mit jenem verehrten Selbstbiographen. -
Habe ich auch kein Verbrechen zu gestehen, so darf ich doch, will ich wahrhaft
bleiben, die grosse Torheit nicht verschweigen, die ich an demselben Abende
beging, und die lange Zeit hindurch mich verstörte, ja meinen Verstand in Gefahr
setzte. - Ist es aber nicht ebenso schwer, ja oft noch schwerer, eine Torheit zu
gestehen als ein Verbrechen?
    - Nicht lange dauerte es, so überfiel mich solch eine Unbehaglichkeit, solch
ein Unmut, dass ich mich weit fort wünschte unter den Ofen des Meisters. Es war
die grässlichste Langeweile, die mich zu Boden drückte, und die endlich mich alle
Rücksichten vergessen liess. Ganz still schlich ich mich in eine entfernte Ecke,
um dem Schlummer nachzugeben, zu dem mich das Gespräch rundumher einlud.
Dasselbe Gespräch nämlich, das ich erst in meinem Unmut vielleicht gar
irrtümlich für das geistloseste, fadeste Geschwätz gehalten, kam mir nun vor wie
das eintönige Geklapper einer Mühle, bei dem man sehr leicht in ein ganz
angenehmes gedankenloses Hinbrüten gerät, dem dann der wirkliche Schlaf bald
folgt. - Eben in diesem gedankenlosen Hinbrüten, in diesem sanften Delirieren
war es mir, als funkle plötzlich ein helles Licht vor den geschlossenen Augen.
Ich blickte auf, und dicht vor mir stand ein anmutiges schneeweisses
Windspielfräulein, Badines schöne Nichte, Minona geheissen, wie ich später
erfuhr.
    »Mein Herr,« sprach Minona mit jenem süsslispelnden Ton, der nur zu sehr
widerklingt in des feurigen Jünglings erregbarer Brust, »mein Herr, Sie sitzen
hier so einsam, Sie scheinen sich zu ennuyieren? - Das tut mir leid! - Aber
freilich, ein grosser tiefer Dichter wie Sie, mein Herr, muss, in höhern Sphären
schwebend, das Treiben des gewöhnlichen sozialen Lebens schal und oberflächlich
finden.«
    Ich erhob mich etwas bestürzt, und es tat mir weh, dass mein Naturell,
stärker als alle Teorien des gebildeten Anstandes, mich zwang, wider meinen
Willen den Rücken hoch zu erheben, einen sogenannten Katzenbuckel zu machen,
worüber Minona zu lächeln schien.
    Gleich mich zur bessern Sitte erholend, fasste ich aber Minonas Pfote,
drückte sie leise an meine Lippen und sprach von begeisterten Augenblicken,
denen der Dichter oft erliege. Minona hörte mich an mit solchen entscheidenden
Zeichen der innigsten Teilnahme, mit solcher Andacht, dass ich mich selbst immer
höher steigerte zur ungemeinen Poesie und zuletzt mich selbst nicht recht
verstand. - Minona mochte mich ebensowenig verstehen, aber sie geriet ins
höchste Entzücken und versicherte, wie oft es schon ihr inniger Wunsch gewesen,
den genialen Murr kennen zu lernen, und dass einer der glücklichsten,
herrlichsten Momente ihres Lebens der gegenwärtige sei. - Was soll ich sagen! -
Bald fand sich's, dass Minona meine Werke, meine sublimsten Gedichte gelesen -
nein! nicht nur gelesen, sondern in der höchsten Bedeutung aufgefasst hatte!
Mehreres davon wusste sie auswendig und sagte es her mit einer Begeisterung, mit
einer Anmut, die mich in einen ganzen Himmel voll Poesie versetzte, vorzüglich,
da es meine Verse waren, die die Holdeste ihres Geschlechts mir anzuhören gab.
    »Mein bestes,« rief ich ganz hingerissen, »mein bestes, holdestes Fräulein,
Sie haben dies Gemüt verstanden! Sie haben meine Verse auswendig gelernt; o all
ihr Himmel! gibt es eine höhere Seligkeit für den aufwärtsstrebenden Dichter?«
    »Murr,« lispelte Minona, »genialer Kater, können Sie glauben, dass ein
fühlendes Herz, ein poetisch gemütliches Gemüt Ihnen entfremdet bleiben kann?« -
Minona seufzte nach diesen Worten aus tiefer Brust, und dieser Seufzer gab mir
den Rest. - Was anders? - Ich verliebte mich in das schöne Windspielfräulein
dermassen, dass ich, ganz toll und verblendet, nicht bemerkte, wie sie mitten in
der Begeisterung plötzlich abbrach, um mit einem kleinen Zierbengel von Mops
gänzlich fades Zeug zu schwatzen, wie sie mir den ganzen Abend auswich, wie sie
mich auf eine Art behandelte, die mich hätte deutlich erkennen lassen sollen,
wie sie mit jenem Lobe, mit jenem Entusiasmus niemand anders gemeint, als sich
selbst. - Genug, ich war und blieb ein verblendeter Tor, lief der schönen Minona
nach, wie und wo ich nur konnte, besang sie in den schönsten Versen, machte sie
zur Heldin mancher anmutig verrückten Geschichte, drängte mich in Gesellschaften
ein, wo ich nicht hingehörte, und erntete dafür so manchen bittern Verdruss, so
manche Verhöhnung, so manches kränkende Ungemach.
    Oft in kühlen Stunden trat mir selbst die Albernheit meines Beginnens vor
Augen; dann kam mir aber wieder närrischerweise der Tasso und mancher neuere
Dichter von ritterlicher Gesinnung ein, dem es an einer hohen Herrin liegt, der
seine Lieder gelten, und die er aus der Ferne anbetet wie der Manchaner seine
Dulzinea, und da wollt' ich denn wieder nicht schlechter und unpoetischer sein
als dieser und schwur dem Gaukelbilde meiner Liebesträume, dem anmutigen weissen
Windspielfräulein, unverbrüchliche Treue und Ritterdienst bis in den Tod. Einmal
von diesem seltsamen Wahnsinn erfasst, fiel ich aus einer Torheit in die andere,
und selbst mein Freund Ponto fand für nötig, sich, nachdem er mich ernstlich vor
den heillosen Mystifikationen gewarnt, in die man mich überall zu verstricken
suchte, von mir zurückzuziehen. Wer weiss, was noch aus mir geworden wäre, wenn
nicht ein guter Stern über mich gewaltet! - Dieser gute Stern liess es nämlich
geschehen, dass ich einst am späten Abend zur schönen Badine hinschlich, nur um
die geliebte Minona zu sehen. Ich fand indessen alle Türen verschlossen, und
alles Warten, alles Hoffen, bei irgendeiner Gelegenheit hineinzuschlüpfen, blieb
ganz vergebens. Das Herz voll Liebe und Sehnsucht, wollte ich der Holden
wenigstens meine Nähe kundtun und begann unter dem Fenster eine der zärtlichsten
spanischen Weisen, die jemals empfunden und gedichtet worden sind. Es muss gar
lamentabel anzuhören gewesen sein!
    Ich hörte Badine bellen, auch Minonas süsse Stimme knurrte etwas dazwischen.
Ehe ich aber mir's versah, wurde das Fenster rasch geöffnet und ein ganzer Eimer
eiskaltes Wasser über mich ausgeleert. Man kann denken, mit welcher Schnelle ich
abfuhr in meine Heimat. Die volle Glut im Innern und Eiswasser auf den Pelz
harmoniert aber so schlecht miteinander, dass unmöglich jemals Gutes und
wenigstens ein Fieber daraus entstehen kann. So ging es mir. Im Hause meines
Meisters angekommen, schüttelte mich der Fieberfrost tüchtig. Der Meister mochte
aus der Blässe meines Antlitzes, aus dem erloschenen Feuer meiner Augen, aus der
brennenden Glut der Stirne, an meinem unregelmässigen Puls meine Krankheit ahnen.
Er gab mir warme Milch, die ich da mir die Zunge am Gaumen klebte vor Durst,
eifrig verzehrte; dann wickelte ich mich ein in die Decke meines Lagers und gab
ganz der Krankheit nach, die mich erfasst. Erst verfiel ich in allerlei
Fieberphantasien von vornehmer Kultur, Windspielen u.s.w., nachher wurde mein
Schlaf ruhiger und endlich so tief, dass ich ohne Übertreibung glauben muss, ich
habe drei Tage und drei Nächte hintereinander fort geschlafen.
    Als ich endlich erwachte, fühlte ich mich frei und leicht, ich war von
meinem Fieber und - wie wundervoll! auch von meiner törichten Liebe ganz
genesen! Ganz klar wurde mir die Narrheit, zu der mich der Pudel Ponto
verleitet, ich sah ein, wie albern es war, mich als einen gebornen Kater unter
Hunde zu mischen, die mich verhöhnten, weil sie nicht meinen Geist zu erkennen
vermochten, und die sich bei der Bedeutungslosigkeit ihres Wesens an die Form
halten mussten, mir also nichts darbieten konnten als eine Schale ohne Kern. -
Die Liebe zur Kunst und Wissenschaft erwachte in mir mit neuer Stärke, und
meines Meisters Häuslichkeit zog mich mehr an als jemals. Die reiferen Monate
des Mannes kamen, und weder Katzbursch noch kultivierter Elegant, fühlte ich
lebhaft, dass man beides nicht sein dürfe, um sich gerade so zu gestalten, wie es
die tieferen und bessern Ansprüche des Lebens erfordern.
    Mein Meister musste verreisen und fand es für gut, mich auf die Zeit seinem
Freunde, dem Kapellmeister Johannes Kreisler, in die Kost zu geben. Da mit
dieser Veränderung meines Aufentalts eine neue Periode meines Lebens anfängt,
so schliesse ich die jetzige, aus der du, o Katerjüngling! so manche gute Lehre
für deine Zukunft entnommen haben wirst. -
    (Mak. Bl.) - - als schlügen entfernte dumpfe Töne an sein Ohr, und er höre
die Mönche durch die Gänge schreiten. Als Kreisler sich völlig aus dem Schlaf
emporraffte, gewahrte er denn auch aus seinem Fenster, dass die Kirche
erleuchtet, und vernahm den murmelnden Gesang des Chors. Die Mitternachtshora
war vorüber, es musste daher irgend etwas Ungewöhnliches sich ereignet haben, und
Kreisler durfte mit Recht vermuten, dass vielleicht ein schneller unvermuteter
Tod einen der alten Mönche dahingerafft, den man jetzt der Klostersitte gemäss in
die Kirche getragen. Rasch warf der Kapellmeister sich in die Kleider und begab
sich nach der Kirche. - Auf dem Gange begegnete er dem Pater Hilarius, der laut
gähnend und ganz schlaftrunken hin und her wankte, keines festen Schrittes
mächtig, und die angezündete Kerze, statt aufrecht, abwärts zu Boden hielt, dass
das Wachs prasselnd herabtropfte und jeden Augenblick drohte, das Licht zu
verlöschen. »Hochehrwürdiger Herr,« stammelte Hilarius, als Kreisler ihn anrief,
»hochehrwürdiger Herr Abt, das ist gegen alle bisherige Ordnung. Exequien in der
Nacht! - zu dieser Stunde - Und bloss weil Bruder Cyprianus darauf besteht! -
Domine - libera nos de hoc monacho!« - -
    Es gelang endlich dem Kapellmeister, den halbträumenden Hilarius zu
überzeugen, dass er nicht der Abt, sondern Kreisler sei, und nun erfuhr er von
ihm mit Mühe, dass man in der Nacht, von woher, wisse er nicht, den Leichnam
eines Fremden nach dem Kloster gebracht, den Bruder Cyprianus allein zu kennen
schiene, und der kein gemeiner Mann gewesen sein müsste, da sich der Abt auf
Cyprianus' dringendes Gesuch dazu verstanden, die Exequien auf der Stelle zu
halten, damit morgen nach der ersten Hora die Exportation erfolgen könne.
    Kreisler folgte dem Pater in die Kirche, die, nur sparsam beleuchtet, einen
seltsamen schauerlichen Anblick gewährte.
    Man hatte nur die Kerzen des grossen metallenen Kronleuchters, der vor dem
Hochaltar von der hohen Decke herabhing, angezündet, so dass der flackernde
Schein kaum das Schiff der Kirche vollkommen erhellte, in die Seitengänge aber
nur geheimnisvolle Streiflichter warf, in denen die Statuen der Heiligen, zum
gespenstischen Leben erwacht, sich zu bewegen und daherzuschreiten schienen.
Unter dem Kronleuchter in der hellsten Beleuchtung stand der offne Sarg, in dem
der Leichnam lag, und die Mönche, die ihn umringten, schienen, bleich und
regungslos, selbst Tote, in der Geisterstunde den Gräbern entstiegen. Mit
dumpfer heiserer Stimme sangen sie die eintönigen Strophen des Requiems, und
wenn sie dazwischen schwiegen, vernahm man nur von aussen her das ahnungsvolle
Rauschen des Nachtwindes, und die hohen Fenster der Kirche knisterten seltsam,
als klopften die Geister der Verstorbenen an das Haus, in dem sie die fromme
Totenklage vernahmen. Kreisler nahte sich bis an die Reihe der Mönche und
erkannte in dem Toten den Adjutanten des Prinzen Hektor. -
    Da regten sich die finstern Geister, die so oft Macht hatten über ihn, und
griffen schonungslos mit scharfen Krallen in seine wunde Brust. -
    »Neckender Spuk,« sprach er zu sich selbst, »treibst du mich her, damit
jener erstarrte Jüngling bluten soll, weil man sagt, dass der Leichnam blute,
wenn der Mörder sich nahe? - Hoho! weiss ich denn nicht, dass er all sein Blut
wegbluten musste in den schlimmen Tagen, als er seine Sünden abbüsste auf dem
Siechbette? - Er hat keinen bösen Tropfen mehr übrig, mit dem er seinen Mörder
vergiften könnte, käme er ihm auch in die Nähe, den Johannes Kreisler aber am
wenigsten, denn der hat mit der Natter nichts zu schaffen, die er zu Boden trat,
als sie schon die spitze Zunge ausgestreckt zur Todeswunde! - Schlage die Augen
auf, Toter, damit ich dir fest ins Antlitz blicke, damit du gewahrst, dass die
Sünde keinen Teil hat an mir! - aber du vermagst es nicht! - Wer hiess dich das
Leben einsetzen gegen das Leben? Warum spieltest du trügerisches Spiel mit dem
Morde und warst nicht gefasst, es zu verlieren? - Aber deine Züge sind sanft und
gut, du stiller blasser Jüngling, der Todesschmerz hat jede Spur verruchter
Sünde weggelöscht von deinem schönen Antlitz, und ich könnte sagen, der Himmel
hätte dir sein Gnadentor geöffnet, weil die Liebe in deiner Brust gewesen, wenn
sich das jetzt ziemte. - Doch wie! - wenn ich mich in dir geirrt? - Wenn nicht
du, kein böser Dämon, nein, wenn mein guter Stern deinen Arm gegen mich erhoben,
um mich dem entsetzlichsten Verhängnis zu entreissen, das im schwarzen
Hintergrunde auf mich lauert? - Nun magst du die Augen aufschlagen, blasser
Jüngling, nun magst du mit einem Blick der Versöhnung alles, alles entdecken,
und sollt' ich untergehen in Wehmut um dich oder aus entsetzlicher furchtbarer
Angst, dass der schwarze Schatten, der hinter mir schleicht, mich nun gleich
erfassen wird. - Ja! schaue mich an, - doch! nein, nein, du könntest mich
anblicken wie Leonhard Ettlinger, ich könnte glauben, du seist er selbst, und da
müsstest du mit mir hinab in die Tiefe, aus der ich oft seine hohle Geisterstimme
vernehme. - Doch wie, du lächelst? - deine Wangen, deine Lippen färben sich?
Trifft dich nicht die Waffe des Todes? - Nein, nicht noch einmal will ich mit
dir ringen, aber -«
    Kreisler, der während dieses Selbstgesprächs unbewusst auf einem Knie
gelegen, beide Ellbogen auf das andere gestützt und die Hände unter das Knie
gestemmt hatte, fuhr hastig auf und würde gewiss Seltsames, Wildes begonnen
haben; doch in demselben Augenblick schwiegen die Mönche, und die Knaben auf dem
Chor intonierten mit sanfter Begleitung der Orgel das »Salve regina«. Der Sarg
wurde verschlossen, und die Mönche schritten feierlich von dannen. - Da liessen
die finstern Geister ab von dem armen Johannes, und ganz aufgelöst in Wehmut und
Schmerz folgte er mit gebeugtem Haupt den Mönchen. Eben wollte er
hinausschreiten zur Türe, als sich in einem finstern Winkel eine Gestalt erhob
und hastig auf ihn losschritt.
    Die Mönche standen still, und der volle Schein ihrer Lichter fiel auf einen
grossen stämmigen Burschen, der etwa achtzehn bis zwanzig Jahre alt sein mochte.
Sein Antlitz, nichts weniger als hässlich zu nennen, trug den Ausdruck des
wildesten Trotzes; die schwarzen Haare hingen ihm struppig um den Kopf, das
zerrissene Wams von buntgestreifter Leinwand bedeckte kaum seine Blösse, und
ebensolche Schifferhosen gingen nur bis an die blossen Waden, so dass der
herkulische Bau seines Körpers völlig sichtbar.
    »Du Verdammter, wer hiess dich meinen Bruder ermorden?« So schrie der Bursche
wild auf, dass es in der Kirche widerhallte, sprang wie ein Tiger auf Kreisler
los und packte ihn mit einem mörderischen Handgriff bei der Kehle.
    Doch ehe Kreisler, ganz entsetzt über den unerwarteten Angriff, an Gegenwehr
denken konnte, stand schon Pater Cyprianus bei ihm und sprach mit starker
gebietender Stimme: »Giuseppo, verruchter sündhafter Mensch! was machst du hier?
Wo hast du die Altmutter gelassen? - Packe dich augenblicklich fort! -
Hochehrwürdiger Herr Abt, lasst die Klosterknechte herbeirufen, sie sollen den
mörderischen Buben zum Kloster hinauswerfen!«
    Der Bursche hatte, sowie Cyprianus vor ihm stand, sogleich von Kreisler
abgelassen. »Nun, nun,« rief er mürrisch, »macht nur nicht gleich ein solches
tolles Wesen davon, wenn man sein Recht behaupten will, Herr Heiliger! - Ich
gehe ja schon von selbst, Ihr dürft keine Klosterknechte auf mich loshetzen.« -
Damit sprang der Bursche schnell davon durch eine Pforte, die man zu
verschliessen vergessen, und durch die er wahrscheinlich sich in die Kirche
geschlichen hatte. Die Klosterknechte kamen, man fand aber keinen Anlass, den
Verwegenen in tiefer Nacht weiter zu verfolgen.
    Es lag in Kreislers Natur, dass gerade die Spannung des Ausserordentlichen,
des Geheimnisvollen wohltätig auf sein Gemüt wirkte, sobald er den Sturm des
Augenblicks, der ihn zu vernichten drohte, siegreich bekämpft.
    So geschah es, dass dem Abt die Ruhe wunderbar und befremdlich vorkommen
musste, mit der Kreisler andern Tages vor ihm stand und von dem erschütternden
Eindruck sprach, den unter solchen seltsamen Umständen der Anblick des Leichnams
dessen auf ihn gemacht, der ihn ermorden wollen, und den er in gerechter Notwehr
erschlagen.
    »Weder,« sprach der Abt, »weder die Kirche noch das weltliche Gesetz kann
Euch, lieber Johannes, irgendeine strafbare Schuld an dem Tode jenes sündhaften
Menschen beimessen. Doch werdet Ihr aber lange nicht die Vorwürfe einer innern
Stimme verwinden können, die Euch sagt, es sei besser gewesen, selbst zu fallen
als den Gegner zu töten, und dies beweiset, dass der ewigen Macht das Opfer des
eignen Lebens wohlgefälliger ist als seine Erhaltung, kann diese nur durch eine
rasche blutige Tat geschehen. - Doch lasst uns zurzeit davon abbrechen, da ich
anderes, Näherliegendes mit Euch zu reden.
    Welcher sterbliche Mensch ermisst, wie der kommende Augenblick die Gestaltung
der Dinge ändern kann. - Nicht lange ist es her, als ich fest überzeugt war, dass
dem Heil Eurer Seele nichts zuträglicher sein könne, als der Welt zu entsagen
und in unsern Orden zu treten. - Ich bin jetzt anderer Meinung und würde Euch
raten, so lieb und wert Ihr mir auch geworden, die Abtei recht bald zu
verlassen. - Werdet nicht irre an mir, lieber Johannes! Fragt mich nicht, warum
ich meiner Gesinnung entgegen dem Willen eines andern, der alles umzustossen
droht, was ich mit Mühe geschaffen, mich unterwerfe. - Tief müsstet ihr in die
Geheimnisse der Kirche eingeweiht sein, um mich zu verstehen, wollt' ich auch
mit Euch über die Motive meiner Handlungsweise reden. - Doch freier kann ich
wohl mit Euch sprechen als mit jedem andern. Vernehmt also, dass in kurzer Zeit
der Aufentalt in der Abtei Euch nicht mehr die wohltätige Ruhe gewähren wie
bisher, ja, dass Euer innerstes Streben einen tödlichen Stoss erhalten und das
Kloster Euch ein öder, trostloser Kerker dünken wird. Die ganze Klosterordnung
ändert sich, die mit frommer Sitte vereinbare Freiheit hört auf, und der finstre
Geist fanatischer Möncherei herrscht bald mit unerbittlicher Strenge in diesen
Mauern. - O mein Johannes, Eure herrlichen Gesänge werden nicht mehr unsern
Geist erheben zur höchsten Andacht, der Chor wird abgeschafft, und bald hört man
nichts als die eintönigen Responsorien, von den ältesten Brüdern mühsam gelallt
mit heiserer unreiner Stimme.« -
    »Und,« fragte Kreisler, »und alles dieses geschieht auf Anlass des fremden
Mönchs Cyprianus?«
    »Es ist,« erwiderte der Abt beinahe wehmütig, indem er die Augen
niederschlug, »es ist dem so, guter Johannes, und dass es nicht anders sein kann,
daran bin ich nicht schuld. - Doch,« setzte der Abt nach kurzem Stillschweigen
mit erhöhter feierlicher Stimme hinzu, »doch alles, wodurch der feste Bau, der
Glanz der Kirche befördert werden kann, muss geschehen, und kein Opfer ist zu
gross!« -
    »Wer ist,« sprach Kreisler unmutig, »wer ist denn der hohe mächtige Heilige,
der über Euch gebietet, der imstande war, durch das blosse Wort mir jenen
mörderischen Burschen vom Leibe zu schaffen?«
    »Ihr seid,« erwiderte der Abt, »Ihr seid, lieber Johannes, in ein Geheimnis
verflochten, ohne es zurzeit ganz zu kennen. Doch bald erfahrt ihr mehr,
vielleicht mehr, als ich selbst davon weiss, und zwar durch den Meister Abraham.
- Cyprianus, den wir noch jetzt unsern Bruder nennen, ist einer der Erkornen. Er
wurde gewürdigt, mit den ewigen Mächten des Himmels in unmittelbare Berührung zu
treten, und wir müssen schon jetzt in ihm den Heiligen verehren. - Was jenen
verwogenen Burschen betrifft, der sich während der Exequien in die Kirche
geschlichen hatte und Euch mörderisch anpackte, so ist er ein verlaufener, halb
wahnsinniger Zigeunerbube, den unser Vogt schon einige Mal hat derb auspeitschen
lassen, weil er den Leuten im Dorfe die fetten Hühner aus den Ställen gestohlen.
Um den zu vertreiben, bedurfte es eben nicht eines besondern Mirakels.« - Indem
der Abt die letzten Worte sprach, zuckte ein leises ironisches Lächeln in den
Mundwinkeln und verschwand ebenso schnell.
    Kreisler erfüllte der tiefste bitterste Unmut; er sah ein, dass der Abt bei
allen Vorzügen seines Geistes, seines Verstandes lügnerische Gaukelei trieb, und
dass alle Gründe, die er damals anführte, um ihn zum Eintritt ins Kloster zu
bewegen, ebenso nur einer versteckten Absicht zum Vorwand dienen sollten als
diejenigen, die er nun für das Gegenteil aufstellte. - Kreisler beschloss, die
Abtei zu verlassen und sich aller bedrohlichen Geheimnisse, die ihn bei längerem
Bleiben noch verstricken konnten in ein Gewebe, dem nicht mehr zu entrinnen,
völlig zu entschlagen. Als er aber nun gedachte, wie er ja gleich zurückkehren
könne nach Sieghartshof zum Meister Abraham, wie er sie ja wiedersehen, wieder
hören könne, sie, seinen einzigen Gedanken, da fühlte er in der Brust jene süsse
Beklemmung, in der sich die glühendste Liebessehnsucht kundtut. -
    Ganz vertieft wandelte Kreisler den Hauptgang des Parks hinab, als ihn der
Pater Hilarius ereilte und sogleich begann: »Ihr wart beim Abt, Kreisler, er
sagte Euch alles! - Nun, hatte ich recht? - Wir sind alle verloren! - Dieser
geistliche Komödiant - es ist heraus, das Wort, wir sind unter uns! - Als er -
Ihr wisst, wen ich meine - in der Kutte nach Rom kam, liess ihn die päpstliche
Heiligkeit sogleich zur Audienz. Er fiel nieder auf die Knie und küsste den
Pantoffel. Ohne einen Wink aufzustehen, liess ihn aber die päpstliche Heiligkeit
eine ganze Stunde lang liegen. Das sei deine erste kirchliche Strafe, fuhr die
Heiligkeit ihn an, als er sich endlich erheben durfte, und hielt nun eine lange
Predigt über die sündlichen Irrtümer, in die Cyprianus verfallen. - Nachher
erhielt er langen Unterricht in gewissen geheimen Gemächern und zog denn aus! -
Es hat lange keinen Heiligen gegeben! - Das Mirakel - nun, Ihr habt das Bild
gesehen, Kreisler - das Mirakel, sage ich, hat erst in Rom seine wahre Gestalt
erhalten. - Ich bin nichts als ein ehrlicher Benediktiner-Mönch, ein tüchtiger
praefectus chori, wie Ihr mir einräumen werdet, und trinke der
alleinseligmachenden Kirche zu Ehren gern ein Gläschen Nierensteiner oder
Bocksbeutel, aber! - Mein Trost ist, dass er nicht lange hier bleiben wird. -
Herumziehen muss er. Monachus in claustro non valet ova duo: sed quando est
extra, bene valet triginta. - Er wird denn auch wohl Wunder tun - Seht,
Kreisler, seht, da kommt er den Gang herauf - Er hat uns erblickt und weiss, wie
er sich gebärden muss.« -
    Kreisler erblickte den Mönch Cyprianus, der langsam feierlichen Schrittes,
den stieren Blick zum Himmel gerichtet, die Hände gefaltet, wie in einer frommen
Ekstase begriffen, den Laubgang hinaufkam.
    Hilarius entfernte sich schnell, Kreisler blieb aber verloren in den Anblick
des Mönchs, der in seinem Antlitz, in seinem Wesen etwas Seltsames, Fremdartiges
trug, das ihn unter allen übrigen Menschen auszuzeichnen schien. Ein grosses
ungewöhnliches Verhängnis lässt lesbare Spuren zurück, und so mocht' es auch
sein, dass ein wunderbares Geschick des Mönchs äussere Erscheinung gestaltet
hatte, wie sie sich nun eben zeigte.
    Der Mönch wollte vorüberschreiten, ohne in seiner Verzückung Kreislern zu
bemerken, der fühlte sich aber aufgelegt, dem strengen Abgesandten des
Oberhaupts der Kirche, dem feindlichen Verfolger der herrlichsten Kunst in den
Weg zu treten.
    Er tat es mit den Worten: »Erlaubt, ehrwürdiger Herr, dass ich Euch meinen
Dank abstatte. Ihr befreitet mich durch Euer kräftiges Wort zur rechten Zeit aus
den Händen des groben Lümmels von Zigeunerbuben, er hätte mich erwürgt wie ein
gestohlnes Huhn!« -
    Der Mönch schien aus einem Traume zu erwachen, er fuhr mit der Hand über die
Stirne und blickte Kreislern lange starr an, als müsse er sich auf ihn besinnen.
Dann verzog sich aber sein Antlitz zum furchtbaren durchbohrenden Ernst, und,
Flammen des Zorns in den Augen, rief er mit starker Stimme: »Verwegener
frevelhafter Mensch, Ihr hättet verdient, dass ich Euch hinfahren liess in Euern
Sünden! Seid Ihr nicht der, der den heiligen Kultus der Kirche, die vornehmste
Stütze der Religion, profaniert durch weltlichen Klingklang? Seid Ihr es nicht,
der hier durch eitle Kunststücke die frömmsten Gemüter betörte, dass sie sich
abwandten von dem Heiligen und weltlicher Luft frönten in üppigen Liedern?«
Kreisler fühlte sich durch diese wahnsinnigen Vorwürfe ebenso verletzt als
erhoben durch den albernen Hochmut des fanatischen Mönchs, der mit so leichten
Waffen zu bekämpfen.
    »Ist es,« sprach Kreisler sehr ruhig und dem Mönch fest ins Auge blickend,
»ist es sündhaft, die ewige Macht zu preisen in der Sprache, die sie uns selbst
gab, damit das Himmelsgeschenk die Begeisterung der brünstigsten Andacht, ja die
Erkenntnis des Jenseits in unserer Brust erwecke, ist es sündhaft, sich auf den
Seraphsfittichen des Gesanges hinwegzuschwingen über alles Irdische und in
frommer Sehnsucht und Liebe hinaufzustreben nach dem Höchsten, so habt Ihr
recht, ehrwürdiger Herr, so bin ich ein arger Sünder. Erlaubt aber, dass ich der
entgegengesetzten Meinung bin und fest glaube, dass dem Kultus der Kirche die
wahrhafte Glorie der heiligsten Begeisterung fehlen würde, wenn der Gesang
schweigen sollte.«
    »So flehet,« erwiderte der Mönch strenge und kalt, »so flehet zur heiligen
Jungfrau, dass sie die Decke von Euern Augen nehmen und Euch den verdammlichen
Irrtum erkennen lassen möge.«
    »Ein Komponist6«, sprach Kreisler sanft lächelnd, »wurde von jemanden
gefragt, wie er es denn anfange, dass seine geistlichen Kompositionen durchaus
andächtige Begeisterung atmeten. Wenn es, erwiderte darauf der fromme kindliche
Meister, mit dem Komponieren nicht so recht fort will, so bete ich, im Zimmer
auf und ab gehend, einige Ave, und dann kommen mir die Ideen wieder. Derselbe
Meister sagte von einem andern grossen geistlichen Werk7: Erst als ich zur Hälfte
in meiner Komposition vorgerückt war, merkte ich, dass sie geraten wäre; ich war
auch nie so fromm als während der Zeit, da ich daran arbeitete; täglich fiel ich
auf meine Knie nieder und bat Gott, dass er mir Kraft zur glücklichen Ausführung
dieses Werkes verleihen möge. - Mich will bedünken, ehrwürdiger Herr, als wenn
weder dieser Meister noch der alte Palestrina sich um Sündhaftes bemüht, und dass
nur ein in asketischer Verstockteit erkaltetes Herz nicht zu der höchsten
Frömmigkeit des Gesanges entflammt werden kann.«
    »Menschlein,« fuhr der Mönch zornig auf, »wer bist du denn, dass ich mit dir,
der du dich hinwerfen müsstest in den Staub, rechten soll? - Fort aus der Abtei,
damit du nicht länger das Heilige verstörst!« -
    Tief empört über des Mönchs gebieterischen Ton, rief Kreisler heftig: »Und
wer bist du denn, wahnsinniger Mönch, dass du dich erheben willst über alles, was
menschlich? - Bist du frei geboren von der Sünde? - Hast du nie über Gedanken
der Hölle gebrütet? Bist du nie ausgewichen auf dem schlüpfrigen Pfad, den du
wandeltest? Und wenn die heilige Jungfrau dich wirklich gnadenvoll dem Tode
entriss, den du vielleicht irgendeiner grauenvollen Tat verdanktest, so geschah
es, dass du, in Demut deine Sünde erkennen und sie büssen, nicht aber mit
freveliger Prahlerei dich der Gnade des Himmels, ja der heiligen Krone rühmen
solltest, die du niemals erwerben wirst.«
    Der Mönch stierte Kreislern an mit Tod und Verderben sprühenden Blicken,
indem er unverständliche Worte lallte.
    »Und,« fuhr Kreisler fort mit steigendem Affekt, »und, stolzer Mönch, als du
noch diesen Rock trugst -«
    Damit hielt Kreisler das Bild, das er vom Meister Abraham erhalten, dem
Mönch vor Augen; doch sowie dieser es erblickte, schlug er sich wie in wilder
Verzweiflung mit beiden Fäusten vor die Stirn und stiess einen herzzermalmenden
Schmerzenslaut aus, als träfe ihn ein Todesstreich -
    »Fort mit dir,« rief nun Kreisler, »fort mit dir aus der Abtei, du
verbrecherischer Mönch! - Hoho, mein Heiliger, wenn du vielleicht auf den
Hühnerdieb stössest, mit dem du in Gemeinschaft, so sage ihm, du könntest und
wolltest ein andermal mich nicht wieder schützen, doch solle er sich in acht
nehmen und von meiner Kehle wegbleiben, sonst würde ich ihn spiessen wie eine
Lerche oder wie seinen Bruder, denn aufs Spiessen -« Kreisler entsetzte sich in
diesem Augenblick vor sich selber; der Mönch stand vor ihm starr, regungslos,
noch immer beide Fäuste vor die Stirn gedrückt, keines Wortes, keines Lautes
mächtig, es war Kreislern, als rausche es im nahen Gebüsch, als werde gleich der
wilde Giuseppo auf ihn losstürzen. Er rannte von dannen; die Mönche sangen eben
im Chor die Abendhora, und Kreisler begab sich in die Kirche, weil er hoffte,
dort sein tief aufgeregtes, tief verletztes Gemüt zu beruhigen.
    Die Hora war geendet, die Mönche verliessen den Chor, die Lichter
verlöschten. Kreislers Sinn hatte sich zu den alten frommen Meistern gewendet,
deren er in dem Streit mit dem Mönch Cyprianus gedacht. - Musik - fromme Musik
war aufgegangen in ihm, Julia hatte gesungen, und nicht mehr brauste der Sturm
in seinem Innern. Er wollte fort durch eine Seitenkapelle, deren Türe in den
langen Gang ging, welcher zu einer Treppe und hinauf in sein Zimmer führte.
    Als Kreisler in die Kapelle trat, erhob sich ein Mönch mühsam vom Boden, auf
dem er ausgestreckt vor dem wundertätigen Marienbilde gelegen hatte, das dort
aufgestellt war. In dem Schein der ewigen Lampe erkannte Kreisler den Mönch
Cyprianus, aber matt und elend schien er eben aus einer Ohnmacht zu sich selbst
gekommen. Kreisler leistete ihm hilfreiche Hand; da sprach der Mönch mit leiser
wimmernder Stimme: »Ich erkenne Euch - Ihr seid Kreisler! Habt Barmherzigkeit,
verlasst mich nicht, helft mir zu jenen Stufen, ich will mich dort niederlassen,
aber setzt Euch zu mir, dicht zu mir, nur die Gebenedeite darf uns hören. - übt
Mitleiden,« fuhr nun der Mönch fort, als beide auf den Stufen des Altars sassen,
»übt Mitleiden, Gnade, vertraut mir, ob Ihr nicht das verhängnisvolle Bildnis
von dem alten Severino erhieltet, ob Ihr um alles, um das ganze furchtbare
Geheimnis wisset?«
    Frei und offen versicherte Kreisler, dass er das Bildnis vom Meister Abraham
Liscov erhalten, und erzählte ohne Scheu alles, was sich in Sieghartshof
begeben, und wie er nur aus mancherlei Kombinationen auf irgendeine Greueltat
schliesse, deren lebhafte Erinnerung sowie die Furcht des Verrats das Bildnis
wecke. Der Mönch, der bei einigen Momenten in Kreislers Erzählung tief
erschüttert geschienen, schwieg jetzt einige Augenblicke. Dann begann er
ermutigt mit festerer Stimme: »Ihr wisst zuviel, Kreisler, um nicht alles
erfahren zu müssen. Vernehmt, Kreisler, jener Prinz Hektor, der Euch auf den Tod
verfolgte, es ist mein jüngerer Bruder. Wir sind Söhne eines fürstlichen Vaters,
dessen Tron ich geerbt haben würde, hätte ihn nicht der Sturm der Zeit
umgeworfen. Wir nahmen, da eben der Krieg ausgebrochen, beide Dienste, und der
Dienst war es, der zuerst mich und dann auch meinen Bruder nach Neapel brachte.
- Ich hatte mich damals aller bösen Lust der Welt hingegeben, und vorzüglich die
wilde Leidenschaft zu den Weibern riss mich ganz und gar hin. Eine Tänzerin,
ebenso schön als verrucht, war meine Geliebte, und überdem lief ich den
liederlichen Dirnen nach, wo ich sie fand.
    So geschah es, dass ich eines Tages, als es schon zu dunkeln begann, auf dem
Molo ein paar Geschöpfe dieser Art verfolgte. Beinahe hatte ich sie erreicht,
als dicht neben mir eine Stimme gellend rief: Was das Prinzchen doch für ein
allerliebster Taugenichts ist! - Da läuft er gemeinen Dirnen nach und könnte in
den Armen der schönsten Prinzessin liegen! - Mein Blick fiel auf ein altes
abgelumptes Zigeunerweib, die ich vor wenigen Tagen in der Strasse Toledo von den
Sbirren wegführen gesehen, weil sie einen Wasserverkäufer, so kräftig er schien,
im Zank mit ihrer Krücke zu Boden geschlagen. Was willst du von mir, alte Hexe?
So rief ich das Weib an, die mich aber in dem Augenblick mit einem Strom der
abscheulichsten niedrigsten Schimpfreden überschüttete, so dass das müssige Volk
bald sich um uns versammelte und über meine Verlegenheit ausbrach in ein tolles
Gelächter. - Ich wollte fort, da hielt mich aber das Weib beim Kleide fest, ohne
vom Boden aufzustehen, und sprach, plötzlich mit den Schimpfreden einhaltend,
leise, indem sich ihr abscheuliches Antlitz zum grinsenden Lächeln verzog: Ei,
mein süsses Prinzlein, willst du denn nicht bei mir bleiben? Willst du nichts
hören von dem schönsten Engelskinde, das in dich vernarrt ist? - Damit erhob
sich das Weib mühsam, indem sie sich an meinen Armen festklammerte, und
zischelte mir von einem jungen Mädchen in die Ohren, das schön und anmutig wie
der Tag und noch unschuldig sei. - Ich hielt das Weib für eine gemeine Kupplerin
und wollte mich, da gerade mein Sinn nicht dahin stand, ein neues Abenteuer
anzuknüpfen, mit ein paar Dukaten von ihr losmachen. Sie nahm aber das Geld
nicht und rief, als ich mich entfernte, mir laut lachend nach: Geht nur, geht,
mein feiner Herr, Ihr werdet mich bald aufsuchen mit grossem Kummer und Weh im
Herzen! - Einige Zeit war vergangen, ich hatte nicht mehr an das Zigeunerweib
gedacht, als eines Tages auf dem Spaziergange, Villa reale genannt, eine Dame
vor mir herging, die mir in ihrem Wesen so wunderbar anmutig schien, wie ich
noch keine gesehen. Ich eilte ihr voraus, und als ich ihr Antlitz erblickte, war
es mir, als öffne sich der leuchtende Himmel aller Schönheit. - So dachte ich
nämlich damals als ein sündiger Mensch, und dass ich den frevelhaften Gedanken
wiederhole, mag Euch statt aller Beschreibung des Liebreizes, mit dem die ewige
Macht die holde Angela geschmückt hatte, um so mehr dienen, als mir jetzt nicht
geziemen und auch wohl nicht gelingen würde, viel zu reden über irdische
Schönheit. Zur Seite der Dame ging oder hinkte vielmehr an einem Stabe eine sehr
alte, ehrbar gekleidete Frau, die nur durch ihre ganz ungewöhnliche Grösse und
seltsame Unbehilflichkeit auffiel. Trotz des völlig veränderten Anzuges, trotz
der tiefen Haube, die einen Teil des Antlitzes verhüllte, erkannte ich in der
alten Frau doch augenblicklich das Zigeunerweib vom Molo. Das fratzenhafte
Lächeln der Alten, ihr leises Kopfnicken bewies mir, dass ich mich nicht irre. -
Ich konnte den Blick nicht abwenden von dem anmutigen Wunder; die Holde schlug
die Augen nieder, der Fächer entfiel ihrer Hand. Schnell hob ich ihn auf; indem
sie ihn nahm, berührte ich ihre Finger; sie zitterten; da loderte das Feuer
meiner verdammlichen Leidenschaft in mir auf, und ich ahnte nicht, dass die erste
Minute der schrecklichen Prüfung gekommen, die mir der Himmel auferlegt. Ganz
betäubt, ganz im Sinn verwirrt, stand ich da und bemerkte kaum, dass die Dame mit
ihrer alten Begleiterin in eine Kutsche stieg, die am Ende der Allee gehalten
hatte. Erst als der Wagen fortrollte, kam ich zur Besinnung und stürzte nach wie
ein Rasender. Ich kam noch zu rechter Zeit, um zu sehen, dass der Wagen vor einem
Hause in der engen kurzen Strasse hielt, die nach dem grossen Platz Largo delle
Piane führt. Beide, die Dame und ihre Begleiterin, stiegen aus, und da der Wagen
sogleich fortfuhr, als sie in das Haus getreten, konnte ich mit Recht vermuten,
dass dort ihre Wohnung. Auf dem Platz Largo delle Piane wohnte mein Bankier,
Signore Alessandro Sperzi, und selbst weiss ich nicht, wie ich auf den Einfall
geriet, diesen Mann jetzt gerade heimzusuchen. Er glaubte, ich käme Geschäfte
halber, und begann sehr weitläuftig über mein Verhältnis zu reden. Mein ganzer
Kopf war aber erfüllt von der Dame, ich dachte, ich hörte nichts anders, und so
kam es, dass ich dem Signor Sperzi statt aller Antwort das anmutige Abenteuer des
Augenblicks erzählte. Signor Sperzi wusste mir mehr von meiner Schönen zu sagen,
als ich hatte ahnen können. Er war es, der jedes halbe Jahr von einem
Handelshause in Augsburg eine ansehnliche Rimesse für eben jene Dame erhielt.
Sie wurde Angela Benzoni genannt, die Alte aber mit dem Namen Frau Magdala
Sigrun bezeichnet. Signor Sperzi musste dagegen dem Augsburger Handlungshause
über das ganze Leben des Mädchens die genaueste Nachricht geben, so dass er, da
es ihm auch früher obgelegen, ihre ganze Erziehung, sowie jetzt ihren Haushalt
zu leiten, in gewisser Art als ihr Vormund anzusehen. Der Bankier hielt das
Mädchen für die Frucht eines verbotenen Verhältnisses unter Personen des
vornehmsten Standes. - Ich bezeigte dem Signor Sperzi meine Verwunderung
darüber, dass man ein solches Kleinod einem so zweideutigen Weibe anvertraue, als
die Alte sei, die sich in schmutzigen zerlumpten Zigeunerkleidern auf den
Strassen herumtreibe und vielleicht gar die Kupplerin spielen wollte. Der Bankier
versicherte dagegen, dass es keine treuere, sorgsamere Pflegerin gebe als die
Alte, die mit dem Mädchen hergekommen, als es erst zwei Jahre alt gewesen. Dass
die Alte sich zuweilen als Zigeunerin vermumme, sei eine wunderliche Grille, die
man ihr wohl in diesem Lande der Maskenfreiheit nachsehen könne. - Ich darf, ich
muss kurz sein! - Die Alte suchte mich bald auf in ihrem Zigeunerhabit und führte
mich selbst zu Angela, die mir, in holder jungfräulicher Scham hocherrötend,
ihre Liebe gestand. Noch immer hatte ich in meinem verirrten Wesen geglaubt, die
Alte sei eine ruchlose Nährerin der Sünde, aber bald wurde ich des Gegenteils
überführt. Angela war keusch und rein wie Schnee, und da, wo ich sündhaft zu
schwelgen gedachte, lernte ich an eine Tugend glauben, die ich freilich jetzt
für ein höllisches Blendwerk des Teufels erkennen muss. In ebendem Grade, als
meine Leidenschaft höher und höher stieg, neigte ich mich auch mehr und mehr der
Alten hin, die mir unaufhörlich in die Ohren raunte, dass ich mich mit Angela
vermählen solle. Müsste dies auch zur Zeit heimlich geschehen, so komme doch wohl
der Tag, an dem ich öffentlich der Gemahlin das fürstliche Diadem auf die Stirn
drücken werde. - Angelas Geburt sei der meinigen gleich. -
    - Wir wurden in einer Kapelle der Kirche San Filippo getraut. - Ich glaubte
den Himmel gefunden zu haben, ich entzog mich allen Verbindungen, ich gab den
Dienst auf, man sah mich nicht mehr in jenen Kreisen, in denen ich sonst
frevelnd allen Lüsten gefrönt. - Eben diese veränderte Lebensweise verriet mich.
Jene Tänzerin, von der ich mich losgesagt, forschte aus, wohin ich mich jeden
Abend begab, und ahnend, dass daraus sich vielleicht der Keim ihrer Rache
entwickeln könne, entdeckte sie meinem Bruder das Geheimnis meiner Liebe. - Mein
Bruder schlich mir nach, überraschte mich in Angelas Armen. - Mit einer
scherzhaften Wendung entschuldigte Hektor seine Zudringlichkeit und machte mir
Vorwürfe, dass ich, gar zu selbstsüchtig, ihm nicht einmal das Vertrauen eines
aufrichtigen Freundes geschenkt; doch ich merkte nur zu deutlich, wie betroffen
er war über Angelas hohe Schönheit. Der Funke war gefallen, die Flamme der
wütendsten Leidenschaft angefacht in seinem Innern. - Er kam oft, wiewohl nur in
den Stunden, wenn er mich zu finden wusste. - Ich glaubte zu bemerken, dass
Hektors wahnsinnige Liebe erwidert wurde, und alle Furien der Eifersucht
zerfleischten meine Brust. - Da war ich dem Graus der Hölle verfallen! - Einst,
als ich eintrat in Angelas Gemach, glaubte ich Hektors Stimme im Nebenzimmer zu
vernehmen. - Den Tod im Herzen, blieb ich eingewurzelt stehen. Doch plötzlich
stürzte Hektor aus dem Nebengemach hinein mit glutrotem Antlitz und
wildrollenden Augen wie ein Rasender. Verdammter, du sollst mir fernerhin nicht
in den Weg treten! So rief er schäumend vor Wut und stiess mir den Dolch, den er
schnell hervorgezogen, in die Brust bis an das Heft. - Der herbeigerufene
Chirurgus fand, dass der Stoss durch das Herz gegangen. - Die Hochgebenedeite hat
mich gewürdigt, mir das Leben wieder zu schenken durch ein Mirakel.« -
    Die letzten Worte sprach der Mönch mit leiser, zitternder Stimme und schien
dann in trübes Sinnen verloren.
    »Und,« fragte Kreisler, »und was wurde aus Angela?«
    »Als,« erwiderte der Mönch mit hohler geisterartiger Stimme, »als der Mörder
die Früchte seiner Greueltat geniessen wollte, da erfasste die Geliebte der
Todeskrampf, und sie verschied in seinen Armen. - Gift -«
    Dies Wort gesprochen, fiel der Mönch nieder aufs Gesicht und röchelte wie
ein Sterbender. - Kreisler setzte durch die Glocke, die er anzog, das Kloster in
Bewegung. Man eilte herbei und schaffte den ohnmächtigen Cyprianus in den
Krankensaal. -
    Kreisler fand am andern Morgen den Abt in ganz besonders heitrer Laune. »-
Ha ha,« rief er ihm entgegen, »ha ha, mein Johannes, Ihr wollt an kein Mirakel
der neuesten Zeit glauben, und Ihr habt gestern in der Kirche selbst das
Wunderbarste Mirakel bewirkt, das es nur geben mag. - Sagt, was habt Ihr mit
unserm stolzen Heiligen gemacht, der daliegt wie ein reuiger zerknirschter
Sünder und uns alle in kindischer Todesangst höchlich um Verzeihung gebeten hat,
dass er sich über uns erheben wollen! - Habt Ihr ihn, der von Euch nun Beichte
verlangte, vielleicht selbst beichten lassen?« -
    Kreisler fand gar keine Ursache, auch nur das mindeste von dem zu
verschweigen, was sich mit ihm und dem Mönch Cyprianus begeben. Er erzählte
daher umständlich alles, von der freimütigen Strafpredigt an, die er dem
einbildischen Mönch gehalten, als er die heilige Tonkunst herabgewürdigt, bis
auf den schrecklichen Zustand, in den er verfallen, als er das Wort: »Gift!«
ausgesprochen. Dann erklärte Kreisler, dass er eigentlich doch noch immer nicht
wisse, warum das Bild, habe sich auch Prinz Hektor davor entsetzt, gleiche
Wirkung auf den Mönch Cyprianus hervorgebracht. Ebenso sei er darüber noch ganz
im Dunkeln geblieben, auf welche Weise Meister Abraham in jene grauenvolle
Begebenheit verflochten.
    »In der Tat,« sprach der Abt anmutig lächelnd, »in der Tat, mein lieber Sohn
Johannes, wir stehen jetzt ganz anders gegenüber als noch vor wenigen Stunden.
Ein standhaftes Gemüt, ein fester Sinn, vorzüglich aber wohl ein tiefes
richtiges Gefühl, das wie eine wunderbar wahrsagende Erkenntnis in unserer Brust
verborgen, richtet vereint mehr aus als der schärfste Verstand, der geübteste,
alles scheidende Blick. Du hast es bewiesen, mein Johannes, indem du die Waffe,
die man dir in die Hand gab, ohne dich ganz über ihre Wirkung zu belehren, so
geschickt in dem richtigen Moment zu gebrauchen wusstest, dass du auf der Stelle
den Feind zu Boden schlugst, den vielleicht der durchdachteste Plan nicht so
leicht aus dem Felde getrieben haben würde. Ohne es zu wissen, hast du mir, dem
Kloster, vielleicht auch der Kirche überhaupt einen Dienst erwiesen, dessen
erspriessliche Folgen nicht zu übersehen sind. - Ich will, ich darf jetzt gegen
dich ganz aufrichtig sein, ich wende mich ab von denen, die mir Falsches
vorspiegeln wollten zu deinem Nachteil, du kannst auf mich rechnen, Johannes! -
Dass der schönste Wunsch, der in deiner Brust ruht, erfüllt werde, dafür lass mich
sorgen. Deine Cecilia, du weisst, welches holde Wesen ich meine - doch still
jetzt davon! - Das, was du noch von jener entsetzlichen Begebenheit in Neapel zu
wissen verlangst, ist mit wenigen Worten gesagt. - Fürs erste hat es unserm
würdigen Bruder Cyprianus beliebt, in seiner Erzählung einen kleinen Umstand zu
übergehen. - Angela starb an dem Gift, das er ihr beigebracht in dem höllischen
Wahnsinn der Eifersucht. - Meister Abraham befand sich damals in Neapel unter
dem Namen Severino. Er glaubte Spuren seiner verlornen Chiara zu finden und fand
sie wirklich, da ihm jene alte Zigeunerin in den Weg kam, Magdala Sigrun
geheissen, die du schon kennst. An den Meister wandte sich die Alte, als das
Schrecklichste geschehen, und ihm vertraute sie, ehe sie Neapel verliess, jenes
Bildnis, dessen Geheimnisse du noch nicht kennst. Drücke den stählernen Knopf an
dem Rande, dann springt Antonios Bildnis, das nur einer Kapsel zum Deckel dient,
auf, und du erblickst nicht allein Angelas Bildnis, sondern dir fallen auch noch
ein paar Blättchen in die Hände, die von der äussersten Wichtigkeit sind, da sie
dir den Beweis des doppelten Mordes liefern. - Du siehst nun, warum dein
Talisman so kraftvoll wirkt. - Meister Abraham soll noch mit dem Bruderpaar in
mancherlei Berührung gekommen sein, doch davon wird er dir selbst noch besser
erzählen können als ich. - Lass uns jetzt hören, Johannes, wie es mit dem kranken
Bruder Cyprianus steht!« -
    »Und das Mirakel?« So fragte Kreisler, indem er den Blick auf die Stelle der
Wand über dem kleinen Altar warf, wo er selbst mit dem Abt das Bild, dessen sich
der geneigte Leser wohl noch erinnert, befestigt hatte. Nicht wenig verwunderte
er sich aber, als er statt dieses Bildes wieder Leonardo da Vincis heilige
Familie erblickte, die ihren alten Platz eingenommen. - »Und das Mirakel?« -
fragte Kreisler zum zweitenmal. »Ihr meint,« erwiderte der Abt mit seltsamem
Blick, »Ihr meint das schöne Bild, welches sonst hier aufgehängt war? - Ich habe
es unterdessen in den Krankensaal aufstellen lassen. Vielleicht stärkt der
Anblick unsern armen Bruder Cyprianus, vielleicht hilft ihm die Hochgebenedeite
zum zweitenmal.« -
    Kreisler fand auf seinem Zimmer ein Schreiben des Meisters Abraham des
Inhalts:
                                »Mein Johannes!
Auf! - auf! - verlasst die Abtei, eilt her, so schnell Ihr könnt! - Der Teufel
hat hier zu seiner Lust eine ganz besondere Hetzjagd angestellt! - Mündlich
mehr, das Schreiben wird mir blutsauer, denn es steckt mir alles im Halse und
droht mich zu ersticken. Von mir, von dem Hoffnungsstern, der mir aufgegangen,
nicht ein Wort. Nur so viel in aller Eil'. - Die Rätin Benzon findet Ihr nicht
mehr, wohl aber die Reichsgräfin von Eschenau. Das Diplom aus Wien ist
angekommen und die künftige Heirat Julias mit dem würdigen Prinzen Ignaz so gut
wie erklärt. Fürst Irenäus beschäftigt sich mit der Idee des neuen Trons, auf
dem er sitzen wird als regierender Herr. Die Benzon oder vielmehr die Gräfin von
Eschenau hat ihm das versprochen. Prinz Hektor hat indessen Versteckens
gespielt, bis er nun wirklich fortmusste zur Armee. - Bald kehrt er wieder, und
dann soll eine Doppeltochzeit gefeiert werden. - Es wird lustig sein. - Die
Trompeter spülen sich schon die Gurgeln aus, die Fiedler schmieren die Bogen,
die Lichtzieher in Sieghartsweiler giessen die Fackeln - aber! - - Nächstens ist
der Namenstag der Fürstin, da unternehm' ich Grosses, aber Ihr müsst hier sein.
Kommt nur lieber gleich auf der Stelle, wenn Ihr dies gelesen habt! Lauft, was
Ihr könnt. Bald seh' ich Euch. - Apropos! - Nehmt Euch doch vor den Pfaffen in
acht, aber den Abt lieb' ich sehr. - Adieu!«
So kurz und so inhaltsreich war dies Brieflein des alten Meisters, dass -
 
                         Nachschrift des Herausgebers8
Am Schluss des zweiten Bandes ist der Herausgeber genötigt, den geneigten Lesern
eine sehr betrübte Nachricht mitzuteilen. - Den klugen, wohlunterrichteten
philosophischen, dichterischen Kater Murr hat der bittre Tod dahin gerafft
mitten in seiner schönen Laufbahn. Er schied in der Nacht vom neunundzwanzigsten
bis zum dreissigsten November nach kurzen, aber schweren Leiden mit der Ruhe und
Fassung eines Weisen dahin. - So gibt es wieder einen Beweis, dass es mit den
frühreifen Genies immer nicht recht fort will; entweder sie steigen in einem
Antiklimax hinab zur charakter- und geistlosen Gleichgültigkeit und verlieren
sich in der Masse, oder sie bringen es in Jahren nicht hoch. - Armer Murr! der
Tod deines Freundes Muzius war der Vorbote deines eignen, und sollt ich dir den
Trauersermon halten, er würde mir ganz anders aus dem Herzen kommen als dem
teilnahmelosen Hinzmann; denn ich habe dich lieb gehabt und lieber als manchen -
Nun! - schlafe wohl! - Friede deiner Asche! -
    Schlimm ist es, dass der Verblichene seine Lebensansichten nicht geendet hat,
die also Fragment bleiben müssen. Dagegen haben sich in den nachgelassenen
Papieren des verewigten Katers noch so manche Reflexionen und Bemerkungen
gefunden, die er in der Zeit aufgeschrieben zu haben scheint, als er sich bei
dem Kapellmeister Kreisler befand. Ferner war aber auch noch ein guter Teil des
von dem Kater zerrissenen Buchs vorhanden, welches Kreislers Biographie entält.
    Der Herausgeber findet es daher der Sache nicht unangemessen, wenn er in
einem dritten Bande, der zur Ostermesse erscheinen soll, dies von Kreislers
Biographie noch Vorgefundene den geneigten Lesern mitteilt und nur hin und
wieder an schicklichen Stellen das einschiebt, was von jenen Bemerkungen und
Reflexionen des Katers der weitern Mitteilung wert erscheint.
 
                                    Fussnoten
1 E. T. A. Hoffmanns.
2 Taschenbuch zum geselligen Vergnügen bei Gleditsch, 1820.
3 Der Abt Gattoni zu Mailand liess von einem Turme zum andern fünfzehn eiserne
Saiten ausspannen und dergestalt stimmen, dass sie die diatonische Tonleiter
angaben. Bei jeder Veränderung in der Atmosphäre erklangen diese Saiten stärker
oder schwacher, nach dem Mass jener Veränderung. Man nannte diese Äolsharfe im
grossen Riesen- oder Wetterharfe.
4 Der Kater meint Shakespeares »Wie es euch gefällt«, dritter Aufzug, zweite
Szene. A. d. H.
5 »Fantasiestücke in Callots Manier.« Neue Ausgabe. Teil 1. S. 32.
6 Joseph Haydn.
7 »Die Schöpfung.«
8 E. T. A. Hoffmanns.
 
    