
        
                               Heinrich Zschokke
                               Das Goldmacherdorf
           1. Wie Oswald aus dem Kriege kommt und was die Leute sagen.
An einem Sonntag Nachmittag sassen im Dorfe Goldental die jüngern Knaben und
Mädchen unter der alten Linde und sangen, oder lachten, wenn Einer aus dem
Wirtshaus hervorstolperte, der zu tief ins Glas geschaut hatte. Die andern
Bauern mit ihren Weibern sassen in drei Wirtshäusern, und tranken und spielten,
und jauchzten oder balgten, wie es denn nun so geht, wenn Wein und Bier wohlfeil
sind.
    Da kam ein grosser starker Mann ins Dorf. Er mochte in den Dreissigen sein,
hatte einen grauen Rock an, einen langen Säbel an der Seite, auf dem Rücken
einen Habersack. Er sah gar wild drein, denn er trug über der Stirne eine grosse
Narbe, und unter der Nase einen schwarzen Schnurrbart, dass alle Kinder
davonliefen.
    Aber ein Paar alte Frauen, die er anredete, erkannten ihn sogleich, und
schrien: »Ei das ist ja Schulmeisters Oswald, der vor siebenzehn Jahren unter
die Soldaten ging. Nein, schaut auch, wie ist er gewachsen und gross geworden!«
Und wie die Weiber so schrien, kam Alt und Jung aus den Wirtshäusern und von
der Linde herbeigelaufen, und bald war das ganze Dorf um den Oswald versammelt.
    Oswald gab allen seinen ehemaligen Bekannten die Hand, war sehr freundlich
mit Allen und sagte, er wolle nun wieder bei ihnen in Goldental wohnen, habe
des Soldatenlebens satt, und sei froh, mit dem Leben davongekommen zu sein. Nun
wollte ihn Jeder in ein Wirtshaus ziehen, der Eine links, der Andere rechts:
man müsse eins zum Willkommen trinken; er müsse von den Kriegsgeschichten
erzählen. Oswald aber dankte ihnen und sprach: »Ich bin vom Wandern müde und
will ausruhen. Wer wohnt in meines verstorbenen Vaters Haus, und wer besorgt die
Aecker desselben?«
    Alsobald trat der Müller hervor und sagte: »Ich habe den Weber Steffen
hineingetan, und ihm Haus und Feld in Zins gegeben. Nun aber muss er ausziehen,
da du wiedergekommen bist. Der Gemeindsrat hat mich zum Vogt gesetzt über dein
Gütlein. Kannst ein paar Tage bei mir herbergen, bis Webers ausziehen und andere
Wohnung haben. Da will ich dir auch Rechnung ablegen.«
    Also ging der Müller mit seinem Gast zur Mühle und liess ihm ein gutes
Nachtessen und ein gutes Bett bereiten. Oswald hatte aber viel zu fragen nach
dem und diesem, wie es seitdem im Dorfe ergangen sei; und der Müller und seine
Frau hatten viel zu antworten. So plauderten sie bis Mitternacht in der Mühle.
Und Oswald sah immer über den Tisch hinüber nach des Müllers zarter Tochter, die
hiess Elsbet. Und es war wohl der Mühe wert, ihr in die schwarzen Augen zu
sehen, denn Elsbet war schön. Elsbet aber sah ihrerseits auch gern über den
Tisch hinüber, denn Oswald war ein hübscher Mann, wenn man sich einmal an seinen
erschrecklichen Schnurrbart gewöhnt hatte, und in seinen Geberden hatte er etwas
Zierliches und Gefälliges, als wäre er ein Herr aus der Stadt gewesen. Darum
scheute sie sich, mit ihm zu reden, und wenn er sie ansah, wusste sie nicht,
wohin mit den Augen fliehen. Doch sagte sie ihm etwas vom Schnurrbart.
    Und als er folgenden Morgens zum Frühstück kam, war unter seiner Nase der
Schnurrbart schon verschwunden. Oswald hätte Zeitlebens in der Mühle wohnen
mögen, denn der Müller und seine Frau waren gute Leute, und der Elsbet sah die
Güte hell und klar aus den Augen. Aber nach acht Tagen schon konnte Oswald in
das kleine Haus seines Vaters einziehen und nach seinen Feldern sehen. Er hatte
fünf Juchart Baumgarten mit Wiesen und fünf Juchart Ackerland; dazu kaufte er
sich eine schöne Kuh aus den vom Vogt ersparten Zinsen.
    Und weil das Haus alt und zerfallen war, erhielt er Holz und Steine von der
Gemeinde. Da liess er alles ausbessern, weissen und hobeln und waschen. Er selber
mauerte, handlangte, fegte vom Morgen bis in die Nacht, damit es schön werde,
und ihn doch nicht viel koste.
    Im Herbst war sein kleines Haus das sauberste und schönste im ganzen Dorf,
mitten in einem Garten am Bach. Und der Garten war schön, wie einer in der
Stadt. Er hatte sogar in die Wege zwischen den Beeten Sand und Grien getragen.
Er hatte es gern, wenn Müllers Elsbet zuweilen über den grün angestrichenen Hag
in den Garten sah; sie hatte ihm auch Blumen beigesteuert, und versprach ihm zum
Frühjahr noch mehr.
    Die Leute zu Goldental wussten lange nicht, was aus dem Oswald machen? Er
war so arm aus dem Kriege gekommen, als er hineingezogen war, das sahen sie
wohl. Er hatte eine Kiste aus der Stadt bekommen mit Kleidern und Wäsche; sogar
Bücher hatten darin gelegen. Das war sein Reichtum. Aber des Geldes wegen
mochte die Kiste nicht schwer gewogen haben.
    »Lasst ihn laufen!« sagten die Einen: »Er ist ein armer Teufel, und ein
dummer Teufel dazu, der im Kriege seine Sache nicht verstanden hat zu machen.
Nicht einmal Sonntags kann er ins Wirtshaus gehen und sein Glas trinken,
geschweige einen Tanz zahlen. dabei muss er arbeiten wie ein Pferd, von
Sonnenaufgang bis in die finstere Nacht. Ein Glück für ihn, dass er vom Vater
noch etwas geerbt hat, sonst läge er der Gemeinde zur Last.«
    »Lasst ihn laufen!« sagten die Andern: »Heldentaten hat er nicht viel
verrichtet, denn er weiss nicht viel zu erzählen. Und wer weiss, wo der Narr den
Hieb über die Stirn geholt hat. Der ist froh, dass er kein Pulver mehr riechen
muss.«
    »Lasst ihn laufen!« sagten wieder Andere: »Er gibt nur Keinem ein gutes Wort,
und meint, weil er Soldat gewesen, müsse man Respekt vor ihm haben. Wir wollen's
ihm aber zeigen. Er ist ein hochmütiger Bursch, der froh sein soll, wenn wir
ihm keinen Tritt geben.«
    »Lasst ihn laufen!« sagten noch Andere: »Der hat im Kriege nichts Gutes
gelernt. Er hat Bücher, die kein Mensch lesen kann, vielleicht der Pfarrer
selber nicht. Und Zeichen und Karaktere stehen darin, dass es ein Graus ist. Was
gilt's, der geht mit dem Teufel um und kann ihn beschwören.«
    »Gott sei bei uns!« riefen Andere: »Richtig ist es bei ihm nicht, das weiss
man wohl. Er hat noch keinen Menschen in seine kleine Hinterstube gehen lassen,
selbst Müllers nicht, die viel mit ihm zu tun haben. Da sieht der Wächter alle
Nacht noch Licht brennen, was durch die Fensterladen schimmert. Die Stube hält
er beständig verschlossen, und die Vorladen der Fenster sind auch bei hellem
Tage nie auf.«
    So sprachen die Leute, und machten ans Oswald nicht viel.
 
                         2. Was Oswald im Dorfe sieht.
Wenn sich auch die Leute nicht viel aus dem Oswald machten, war er doch sehr
zutunlich und mit Allen freundlich. Anfangs ging er rechts und links zu Jedem
ins Haus und besuchte Einen um den Andern, fragte nach den Kindern, nach den
Gütern, nach der Art, die Felder zu bestellen und nach allen Umständen.
    Vorzeiten war Goldental ein recht stattliches Dorf gewesen; zwar kein
übergrosser Reichtum darin, doch Wohlhabenheit in allen Häusern. Nun aber, mit
Ausnahme einiger reichen Bauern und Wirte, wie auch des Müllers, stand es
überall schlecht. Das Elend schaute zu den Fenstern hinaus, und am Feuerherd
kochte Schmalhans ungeschmalzte Suppen. Von hundert Haushaltungen schickten wohl
zwanzig ihre Kinder zum Betteln aus; sechszig halfen sich kümmerlich im Druck
von Schuldenlasten durch, und die andern waren zum Teil noch im Stande, die
Gemeindesteuern ordentlich zu entrichten, und sich wohl aufrecht zu halten.
    Man sah es den Häusern schon von aussen an, wie übel es drinnen sein mochte;
man sah es an den zerfallenen Dächern; an den Mauern, von welchen der Kalk
abgefallen war; an den verschmierten Wänden und Türen; an den zerbrochenen und
mit Papier verklebten Fenstern. Kam man hinein, war Kot und Gestank; Tisch und
Bänke unsauber; der Spiegel, wenn noch einer war, seit Jahren von Fliegen blind;
der Fussboden voller Löcher; die Dielen schwarz, wie Erde, vom verhärteten
Unrat. In den Küchen befand sich wenig und schlechtes Geschirr, das nicht
einmal rein gewaschen da stand. In den Gärten am Hause sah man keine Ordnung,
keine Zierlichkeit, sondern etwas Gemüs ganz nachlässig hingepflanzt. Man schien
froh zu sein, wenn man für Säue und Menschen nur Erdäpfel genug hatte. Vor den
Häusern lagen Mistaufen. Ackergeräte, Holz und was man sonst nicht unter Dach
bringen konnte, bunt durcheinander. Männer und Weiber gingen in zerrissenen oder
grob geflickten, besudelten Kleidern; Stroh und Federn in den struppigen,
ungekämmten Haaren; Hände und Gesicht oft Tage lang nicht gewaschen. Die kleinen
Kinder blieben oft einen halben Tag in ihren Wiegen im Unflat liegen, oder
waren sie grösser, spielten sie halbnackt vor den Häusern im Kote.
    Kein Wunder, dass bei solcher bettlerischen Unreinlichkeit häufig Krankheiten
entstunden. Man ging aber lieber zu einem alten Weibe, zum Scharfrichter, zu
einem Harnbeschauer und Quacksalber, wenn er es nur wohlfeil machte, als zu
einem erfahrenen und gelehrten Doktor. Wenn nun Mann oder Frau bettlägerig waren
und nicht arbeiten konnten, ging es in der Wirtschaft den Krebsgang. Da musste
ein Stück Hausgerät oder Vieh oder gar Land in der Not verkauft, oder Geld
gegen schweren Zins entliehen werden. Das dauerte dann, bis man mehr Schulden
hatte, als man zahlen konnte; dann erfolgte Vergantung und der Bettelstab.
    Wenn Oswald da und dort guten Rat geben wollte, oder wenn er die
Unhäuslichkeit und Unordnung tadelte, so bekam er mürrische Gesichter zum Dank.
Die Einen sagten: Arme Leute können nicht alles so schön haben, sondern müssen
es nehmen, wie es ist! Andere sagten: Was geht es dich an? Steck' du die Nase in
deinen eigenen Dreck!
    Bei den reichen Bauern sah es nun im Hause wohl besser aus, und war mehr
Hausgerät und Kleidung vorhanden. Aber doch fand man auch bei ihnen viel
Unsauberkeit und Nachlässigkeit. Denn weil sie beständig und überall
Bettelwirtschaften vor Augen hatten, so gewöhnten sie sich daran, und trieben
es nicht viel anders. Die Woche durch waren sie schmierig und zerrissen; nur
Sonntags prunkten sie hoffärtig einher. Daher hörte man auch bei ihnen nichts,
als Klagen über die bösen Zeiten, über die Regierung und über die Leute im Dorf.
Denn weil im Dorfe fast alle Haushaltungen in Schulden waren, so konnten die
wenigsten zahlen. Und weil die Gemeinde selbst seit dem Kriege eine grosse Schuld
von vielen tausend Gulden trug, fiel das Zahlen der Zinsen, der Gemeindesteuern
und Landesabgaben nur auf die Vermöglichern. Das machte sie missvergnügt und
zornig.
    Ueberhaupt war in Goldental Einer wider den Andern und beständig Streit und
Zank. Keiner traute dem Andern; Jeder wusste dem Andern etwas Böses nachzusagen.
Da war kein Treu und Glauben, sondern eitel Lug und Trug. Die Armen beneideten
die Reichen; die Reichen drückten und plagten die Armen. Die Reichen trieben,
wenn sie Geld ausborgten, schändlichen Wucher, und nahmen von armen Leuten, die
in der Not waren, ihre zwölf, zwanzig und mehr Prozent Zinsen, ohne dass sich
darüber das christliche Gewissen schämen und grämen wollte. Die Armen hinwieder
rächten sich, wie Schelmen es machen; sie beschädigten den Reichen Bäume und
Pflanzungen heimlich, stahlen ihnen Gemüs und Obst, Trauben und Holz und Hühner,
und was sonst zugänglich oder leicht nehmbar war. Man konnte sich auf kein Wort,
auf keinen Eid mehr verlassen. Selbst zwischen Eheleuten war eitel Hass und
Gezänk. Das sahen die Kinder alle Tage und lernten nichts Besseres.
    Trotz der sichtbaren Verarmung der Gemeinde, und wiewohl jeder über
Regierung, Obrigkeit und schlechte Zeiten klagte, und kein Geld hatte, wenn er
das Notwendigste zahlen sollte, taten die Leute doch insgesammt gross. Das
Arbeiten liess man sich nicht allzusauer werden. Die Vermöglichen, wenn sie
später aufs Feld gingen, oder früher Feierabend machten, sprachen bei sich:
»Gottlob, wir können's wohl so haben!« Und die Armen und Taglöhner, wenn sie bei
der Arbeit die Hände fallen liessen und umhergafften, sprachen sie: »Nun
unsereins ist auch kein Vieh! Man muss auch geruht haben.«
    Aber wenn der Samstag Abend kam, oder der Sonntag, hatte Jeder Geld, um sich
im Wirtshaus bei Wein, Bier und Branntwein gütlich zu tun. Da hiess es: »Herr
Wirt, noch eine Halbe! Juchhei, Karten her!« - Da ward der Wochenverdienst
durch die Gurgel gejagt, oft mehr noch. Man spielte. Der Eine verlor sein Geld,
der Andere versoff oder vertanzte den Gewinnst. Zwischenein in der Woche ward
auch das Wirtshaus nicht ganz vergessen. Diese Leute litten die Kehle nicht
ganz trocken. Unterdessen hatten die Weiber und Kinder kaum satt zu essen. War
aber Geld im Haus, wenn auch nur wenig, da musste Kaffee her und musste geküchelt
werden. Dann hiess es: »Lieber Gott, es kömmt an unsereins selten. Man will doch
auch einmal seinen guten Tag haben. Was hat man sonst vom Leben?«
    An Feiertagen fehlte es nicht, und die wollte man doch gefeiert haben. War
im benachbarten Städtlein Jahrmarkt, so musste man doch auch hin und sehen, wie
es in den Wirtshäusern der Stadt sei, und hören, was es Neues in der Welt gebe?
Dann fehlte es ausserdem nicht an allerlei Gängen und Läufen, Prozesshändeln und
Schritten und Tritten vor Richter und Obrigkeit. Das brachte viel Versäumnis und
Ausgaben, wenig Gewinn und Vorteil. Folglich nahm in allen Häusern das Vermögen
eher ab als zu. Und darum fluchte Einer wie der Andere über schlechte Zeiten,
über Regierung und über die Leute im Dorf.
 
                     3. Was der verständige Müller erzählt.
Als Oswald in seinem Dorfe so viel Lasten und Sünden sah, ist ihm vor Zorn das
Herz geschwollen. Er ging in die Mühle, wie er allemal tat, wenn er voll
Unmuts war. Und wenn ihn da die holdselige Elsbet anlächelte, verschwand sein
Verdruss, wie eine Nebelwolke an der Stirn des Berges vor dem Glanz der Sonne.
    Oswald sprach zum Müller: »Nein, wie sind doch die Leute so gottlos und die
Hütten so voll Jammers! Das ist vor Zeiten nicht so gewesen. Da war der Fleiss
auf den Feldern, die Zierlichkeit im Dorfe, die Eintracht in den Häusern und der
Reichtum in den Scheuern. Da wurden die Bauern hochgeehrt von den Städtern, und
man nannte sie auch wohl die Herren Goldentaler. Nun ist Alles umgekehrt, und
die Armut sitzt neben der Bosheit unter den Dächern. Wie hat der Krieg so viel
Uebels angerichtet!«
    Der Müller antwortete und sprach: »Unser Dorf hat vom Kriege viel gelitten,
gleichwie andere Dörfer und Städte. Es lagerten sich fremde Völker bei uns ein
und verzehrten unsere Vorräte; wir mussten den Kriegsleuten dienen und liefern,
was sie wollten; wir mussten der Obrigkeit Zins und Steuern zahlen; wir hatten
schlechten Verdienst, denn Handel und Wandel standen still, alles Gewerb war
Verderb, und schlechte Jahre und Witterungen kamen dazu, dass das Gras auf den
Feldern, das Getreide auf den Aeckern, das Obst an den Bäumen und die Traube an
den Reben umkam. Aber unser Unglück stammt nicht von Krieg und Teuerung her.
Denn andere Städte und Dörfer haben gelitten, wie wir, und fangen doch wieder
an, heiter aufzuschauen. Aber in unserm Dörflein wird es alle Tage schlimmer.
Andere Städte waren in Trübsal und Armut untergesunken, wie wir; doch heben sie
sich wieder daraus mit Gottes Hülfe hervor. Aber, dem Himmel sei's geklagt, wir
gehen nun darin unter.«
    »Das wolle Gott verhüten!« rief Oswald: »Woher kommt das?«
    Der Müller antwortete: »Das kommt daher: die Andern strengen ihre Kräfte an
und schwimmen an das Ufer; wir überlassen uns dem Spiel der Unglückswogen und
unsere Rettung dem Zufall. Ja diejenigen, welche uns helfen können, ziehen uns
noch tiefer in den Wasserstrudel hinein.«
    »Wer sind die?«
    »Ich will es dir wohl im Vertrauen unter vier Augen offenbaren!« sagte der
Müller. »Wenn es mit einer Gemeinde den Krebsgang geht, so kannst du dich darauf
verlassen, hat sie schlechte Obrigkeit. Und das ist bei uns der Fall. Unsere
Ortsvorgesetzten sind entweder eigennützige Menschen, oder einfältige, schwache
Leute. Zwei von ihnen haben eigene Wirtshäuser, und der Schwiegersohn des
dritten hat auch ein Trinkhaus. Da ist es ihnen eben recht, wenn die Leute
lieber bei ihnen hinterm Tisch, als bei der Arbeit sind. Wird die Gemeinde
versammelt, so ist es bald in diesem, bald im andern Wirtshaus, und da muss am
Ende eins getrunken werden. Haben die Durstigen kein Geld, so wird ihnen
geborgt. Können sie nicht zahlen, so kauft man ihnen ein wohlgelegenes Stück
Land um das andere ab, oder nimmt es für die Schuld an; oder, was die Leute
haben, wird öffentlich versteigert. Dann sind die Bettler fertig. Daher kommt
nach und nach alles liegende Gut in die Hand einzelner reichen Leute. Wer Geld
leihen will, geht zu ihnen und bekommt um doppelten und dreifachen Zins. So
werden die Bedürftigen durch unchristlichen Wucher desto schneller zu Grunde
gerichtet.«
    »Ei, warum borgen die, welche Geld brauchen, nicht lieber das Geld an andern
Orten, oder in der Stadt bei rechtschaffenen Leuten?« rief Oswald.
    »Weil man unserer Gemeinde an andern Orten keinen Kreuzer mehr anvertraut!«
erwiederte der Müller. »Denn weil die Gemeindevorgesetzten bisher die
Geldaufbruchscheine für Bedürftige auf die lüderlichste und leichtsinnigste
Weise ausgestellt haben, sind die, welche Geld darauf liehen, hintenach darum
halb oder ganz betrogen worden. So haben wir durch die Nachlässigkeit der
Vorsteher allen Kredit verloren und alle Hoffnung auf fremde Hülfe. Weil uns
Niemand in der Stadt mehr borgen will, so schimpfen und fluchen unsere Leute
tagtäglich auf die Städter und drohen mit Mord und Brand. Widerführe einmal der
Stadt ein Unglück, so würde das die grösste Freude unsers Lumpengesindels sein,
obgleich wir von der Stadt noch viel Verdienst und Almosen haben.«
    »Das ist abscheulich!« schrie Oswald: »Aber wir haben ja noch ein
ordentliches Gemeingut.«
    »Ja, das Gemeingut ist auch verschuldet und wird nur von den Reichen
benutzt!« antwortete der Müller: »Denn wenn die Vorgesetzten ein Geschäft
abtun, einen Umgang an den Marchen und Grenzen halten, eine Holzanweisung
machen, oder sonst etwas extra verrichten: so wird auf Kosten der Gemeinde
geschmauset und gezecht. Damit geht das Vermögen der Gemeinde durch die Gurgel
der Vorsteher. Jeden Gang wollen sie bezahlt haben. Dazu kommt, dass, weil die
Reichen Kühe halten können und die Armen keine, so benutzen sie den Weidgang im
Wald und auf den Almenden allein für sich, und die Armen haben keinen Nutzen und
Vorteil von den Gemeindsgütern.«
    »Wenn du das Alles weisst, Müller: warum sagst du das nicht der ganzen
Gemeinde und öffnest ihr die Augen?« fragte Oswald zornig.
    »Weil es nicht hilft!« erwiederte der Müller: »Denn da die Meisten im Dorfe
bei den Reichen verschuldet sind, so tun die Reichen was sie wollen, und es
darf ihnen Keiner widersprechen. Und wenn unsereins gegen Missbräuche den Mund
auftun will, so toben und lärmen die Lumpenkerle alle, dass man seines Lebens
kaum sicher ist. Das wissen die Vorgesetzten und die Reichen wohl. Die
betrachten die verlumpten Leute wie ihre Hunde, welche sie nach Belieben auf
jeden loslassen können, der ihnen in die Quer kommt.«
    »Das ist entsetzlich!« schrie Oswald: »Wenn denn die Menschen keinen
Verstand haben, so sollten sie doch ein Gewissen und Gottesfurcht haben.«
    »Ja, sie sollten wohl,« sagte der Müller, »aber woher nehmen? Unser Herr
Pfarrer ist ein alter Herr, der für seine Pfründe und Bequemlichkeit sorgt,
immer vom Glauben predigt, von Himmel und Hölle, und seine Kirchengeschäfte
verrichtet, wie ein Anderer sein Tagwerk, und hat er es getan, sich um Anderes
nicht bekümmert. Was man tun müsse, worin die christlichen Tugenden bestehen,
und wie man sie erlangen und ausüben müsse - das lehrt er nicht. Er geht Jahre
lang in keines Bauern Haus, als im Notfall, wo er gerufen wird. Folglich ist er
kein wahrer Ratgeber, kein wahrer Tröster, und kennt den Zustand der Familien
lange nicht genau genug, um auch im häuslichen Leben auf ihre Frömmigkeit und
Besserung hin zu arbeiten. Die Leute gehen aus Gewohnheit in die Kirche, der
Pfarrer predigt aus Gewohnheit, und mit dem Schritt aus der Kirche bleibt es bei
den gewohnten Lastern und Lüderlichkeiten. Und weil die Menschen von innen in
ihrem Herzen nicht besser werden, wird es auch von aussen nicht besser. Und wie
die Alten, so die Jungen.«
    »Was? Taugt der Schulmeister auch nichts?« fragte der Oswald.
    Der Müller sagte: »Seit dein Vater gestorben ist, der ein gottesfürchtiger,
verständiger Mann war, geht es mit der Schule schlecht. Die Knaben und Mädchen
lernen zur Not lesen, Schreiben und Rechnen, auch wohl ein Gebet. Aber von
ihren Aeltern daheim lernen sie, was sie sehen, nämlich Lug und Trug, Schwören
und Fluchen, Unzucht und Heuchelei, Raufen und Balgen, Betteln und Stehlen,
Spielen und Saufen, Müssiggang und Mutwillen, Hader und Neid, Verleumden und
Lästern.«
    Als Oswald diese Dinge hörte, schüttelte er den Kopf und ging in seiner
Seele betrübt von dannen.
         4. Wie der Oswald erschrecklich tut, und es ihm nicht hilft.
An einem Sonntage nach der Predigt wurde die ganze Gemeinde versammelt; denn es
war guter Rat teuer, woher Geld nehmen, weil im Lande eine ausserordentliche
Steuer ausgeschrieben, und noch dazu der Gemeinde eine Schuld aufgekündet war,
die bisher nicht gehörig verzinset worden. Und das ganze Dorf kam nach alter
Uebung unter der grossen Linde auf dem Platz zusammen. Die Vorsteher waren im
Kreise der Bürgerschaft, und ausser dem Kreise standen die Weiber, Töchter und
Kinder, zu hören, was vorgehe.
    Oswald war auch dahin gegangen, und hatte sich vorgenommen, seinen
Mitbürgern über ihren traurigen Zustand die Augen zu öffnen. Daher, als die
Vorgesetzten ihre Anträge gemacht und ihre Reden geendet hatten, stieg Oswald
auf einen Stein, der mitten auf dem Wege lag. Da ward er von Jedermann gesehen.
Also hub er an zu reden:
    »Liebe Mitbürger! Ich bin vorzeiten als ein Knabe von euch gegangen in den
Krieg, und bin als Mann wieder zurückgekommen. Aber wie ich in unser Dorf kam,
habe ich es kaum wieder gekannt, und mir ist in Wehmut das Herz gebrochen, als
ich sah, wie alles verändert worden ist. Denn vorzeiten hiess unser Dorf mit
Recht Goldental, weil es ein goldenes Tal war, worin Gottes reicher Segen
wohnte, mehr denn anderswo. Es waren bei uns die meisten Leute wohlhabend, nur
wenige arm, und Bettler gar keine. Damals pflegte man uns, wegen unsers
Wohlstandes, auch noch im ganzen Lande die Herren Goldentaler zu heissen. Denn
wir gingen nicht in zerrissenen Kleidern, wie Bettler, sondern stattlich einher,
in sauberm doch einfachem Gewande; und hatten nicht nur im Hause zur Notdurft,
sondern auch einen Gulden darüber hinaus. Damals hatte die Gemeinde keine
Schulden zu verzinsen, sondern sie bezog sogar von andern Orten Zinsen für
ausgeliehene Kapitalien, die wir erspart hatten. Damals war alles Land
wohlgedüngt und angebaut, denn Jeder hatte seine Kuh und sein Ross im Stall, und
auch wohl Geissln und Schaafe oder ein Paar Schweine daneben. Damals glich unser
Dorf schon von aussen einem zierlichen Marktflecken. Die Häuser standen schön und
nett, von innen wie von aussen, dass sich kein Herr aus der Stadt hätte schämen
dürfen, darin zu wohnen. Haus- und Küchengerät verkündeten, man sei wohl
versorgt, und die Fenster glänzten wie Spiegel. Wenige Leute hatten Schulden,
und wer sie hatte, dem war nicht bange, wie er sie zahlen müsse. Damals bekam
ein Goldentaler ohne Handschrift und Unterpfand aus der Stadt auf sein
ehrliches Wort hundert und mehr Gulden geborgt. Damals war für Goldental noch
eine goldene Zeit.«
    Wie Oswald so redete, nickten ihm Alle freundlichen Beifall, und Einige
sagten: »Der Oswald hat wohl Recht!«
    Er aber redete weiter und sprach: »Nun ist es nicht mehr so. Man sollte
unser Dorf nicht mehr Goldental nennen, sondern Kot- und Dreck-, Dornen- und
Disteltal. Von unsern Aeckern ist meistens der Segen verschwunden; denn die
Einen von uns haben zu viel Land, die Andern gar keines; die Uebrigen können es
nicht in Ordnung anbauen und benutzen. Die Bettelei ist von Vielen nicht mehr
für Schmach gehalten, sondern für einen ordentlichen Beruf und Erwerb angesehen.
Die meisten Haushaltungen sind verschuldet, und eine um die andere sieht den Tag
vor, da ihr Alles versteigert und sie ausgetrieben werden muss. Die Schuldboten
verlassen unser Dorf nie. Mit den benachbarten Orten haben wir Zank und Prozess,
und unter uns selber Feindschaft und Parteien. Wir haben noch den alten
Hochmut, aber nicht mehr das alte Geld; auf den Strassen Kot und in den Häusern
Unflat und Gestank, den meisten Unflat aber im Herzen. Denn hier versteht sich
fast Jedermann besser aufs Saufen, als aufs Arbeiten; besser aufs Borgen, als
aufs Bezahlen; besser aufs Prellen und Stehlen, als aufs Geben; besser auf
Hinterlist, als auf Wahrheit. Wenn das so fortgeht, müssen wir in Elend und
Schande Alle untergehen. Schon haben wir zu Stadt und Land keinen Kredit mehr,
und wenn man Jemand einen Lump heissen will, so sagt man: er ist ein
Goldentaler!«
    Bei diesen Worten des Oswald erhob sich ein grosses Gemurmel und Dräuen im
Volk, und jeder sah den Oswald mit finstern Blicken an; also, dass des Müllers
Elsbet in grosse Furcht geriet. Denn sie stand auf einer Bank am Hause und
verwandte kein Auge vom Oswald, der ihr von Herzen lieb war.
    Oswald liess sich jedoch von dem Gemurre und Gesurre nicht schrecken, sondern
fuhr also fort:
    »Liebe Mitbürger, wenn noch ein Tropfen redlichen und frommen Bluts in euern
Adern wallt, so schlaget Hand in Hand und sprechet: es soll und muss anders
werden! Woher kommt unser Verderben? Dahinten her kommt es, aus den
Wirtshäusern! Da sind eure Ländereien in die Wein- und Bierfässer gefallen, und
eure Kühe von den Spielkarten erschlagen. Da habt ihr das Sparen verlernt und
das Arbeiten vergessen. Armut macht Diebsmut, und Müssiggang ist des Teufels
Ruhebank. Das Geld eurer Väter ist verzehrt, und ihre Sonntagsröcke traget ihr
mit Löchern in den Aermeln. Habet ihr ein paar Kreuzer im Sack, trinket ihr
lustig, und Weib und Kind daheim hungern. Was soll daraus werden? - Ich frage
die Vorgesetzten! Wo ist das Vermögen der Gemeinde, und wie habt ihr
hausgehalten mit der Hinterlassenschaft unserer Vorfahren? Warum leget ihr keine
treue Rechnung ab, und gebet nicht aufrichtigen Rat, wie zu helfen sei? Warum
schmauset ihr lieber auf Gemeindsunkosten, statt der Gemeinde Gut zu sparen?
Warum verschliesset ihr nicht die Wirtshäuser, und öffnet dafür Abzugsgraben für
das Wasser im versumpften Gemeindswald oder bessert unsere halsbrechenden
Dorfwege ans? Warum machet ihr's den Leuten so leicht, wenn sie Geld borgen
wollen, und machet es ihnen so schwer, wenn sie sich vor dem Bettelstab retten
möchten?«
    Wie Oswald so redete, schrien einige der Vorgesetzten: »Schweig, du
Landstreicher und Taugenichts, oder wir schicken dich bei Wasser und Brod in den
Turm, achtundvierzig Stunden lang!« - Und die ganze Gemeinde brüllte: »Schweig!
Schweig!«
    Aber Oswald erwiderte: »Ihr habet Macht, mich in den Turm zu werfen; aber
ich habe Macht, euch vor die hohe Landesregierung zu rufen. Wenn ich da eure
Wirtschaft aufdecke, wird euch übler zu Mut sein, als mir bei Wasser und Brod
ist. Ihr alle aber, Mitbürger, beweiset mir, dass ich falsch rede, oder lästere.
Fraget eure Gewissen, ob das Gemeindegut vermehrt oder verheert ist? Fraget eure
Gewissen, ob ihr reicher oder ärmer geworden seid; ob Treu und Glauben noch
unter uns gelten; ob Gottesfurcht und Menschenliebe unter uns herrschen, oder
harterziger Eigennutz, Wucher, Lüderlichkeit, Hinterlist, Tücke, Meineid und
falsches Wesen? Und wenn euer Gewissen keine Zunge hat, so schauet eure
zerfallenen Häuser und Ställe, eure verwilderten Felder und Gärten, eure leeren
Geldbeutel und Truhen, eure zerrissenen Kleider und Hemden an; die sind meine
Zeugen wider euch. Schauet eure armen verwahrlosten Kinder an, sie sind meine
Zeugen wider euch. Ihr habet mehr Sorgfalt für eure Kühe, Säue und Ziegen, als
für eure Kinder; und Kühe, Säue und Ziegen sind euch nicht so lieb, als euch
Schwelgerei und Spiel, Frass und Sauf sind.«
    Oswald wollte noch mehr sagen; aber sie stiessen ihn mit mörderischem Gebrüll
vom Stein, und liessen ihn nicht mehr reden. Einige wollten die Hand an ihn
legen; aber er ergriff sie mit gewaltiger Faust und schleuderte sie gegen die
Andern, dass sie mit den Köpfen zusammenschlugen. Er nahm einen gewaltigen
Stecken, und drohte den Ersten zu Boden zu schlagen, der sich ihm nähern würde.
Das Geschrei gegen ihn ward immer lauter und wilder. Einige hoben Steine auf.
Oswald ging beherzt mit geschwungenem Prügel gegen den dicken Haufen, und mitten
durch denselben nach Hause. Er wusch sich, verband seine verwundete Stirn und
war ruhig.
    Da kam, blass wie der Tod, mit verweinten Augen Elsbet und fragte: »Oswald,
wie geht's dir?« Und sie konnte vor Wehmut nichts mehr sagen, und er tröstete
sie und drückte sie gerührt an sein Herz.
 
    5. Wie Oswald von seinen Feinden verfolgt wird, und was er dagegen tut.
Oswald hatte seit dem Tage, da er an die Gemeinde geredet, eitel Verdruss und
Not. Böse Buben warfen ihm Nachts die Fenster mit Steinen ein. In einer andern
Nacht hatten sie ihm sechs junge Obstbäume abgebrochen, die er im Garten
gepflanzt hatte. In einer andern Nacht hatten sie ihm den Salat von den Beeten
gestohlen.
    Als er zu den Vorgesetzten ging und Klage führte, lachten sie höhnisch und
sprachen: »Du hättest wohl mehr Strafe verdient, wenn wir mit dir nach aller
Strenge verfahren wollten. Packe dich von hinnen, du Lästermaul!«
    Oswald sagte: »Wenn ihr mir gegen Bösewichter weder Recht noch Schutz
verleihen wollet, so machet in der Gemeinde bekannt, dass ich mich selber zu
beschirmen wissen werde, und sich Jeder vor Schaden hüten solle.«
    Die Feinde aber fuhren fort, ihn zu plagen, doch nicht ohne ihren Schaden
und Schrecken. Denn als er eines Abends in der Mühle war, und sie es wussten, und
sich in seinen Garten schlichen, um ihm alles zu zerstören, geschahen plötzlich
aus den Fenstern seines Hauses zwei Schüsse. Da liefen sie mit Entsetzen davon
und meinten, er müsse den bösen Geist im Hause zum Wächter haben. Denn während
sie noch liefen, begegnete ihnen Oswald, der von der Mühle kam, und er packte
einen von ihnen und sprach mit donnernder Stimme: »Warum habt ihr, wie Diebe, in
meinem Garten einbrechen wollen?« Doch tat er ihnen nichts zu leide. Ein
andermal, da schlechte Kerls ihm einen Possen spielen wollten, und nach
Mitternacht, vom Branntwein erhitzt, über den Hag stiegen, der sein kleines Gut
umfing, wurden sie an den Füssen blutig verwundet, dass sie vor Schmerzen laut
aufschrien, und kaum über den Hag zurück konnten.
    Diese und andere Geschichten verbreiteten im Dorfe grosse Furcht, und es
wagte sich Keiner mehr des Nachts in die Gegend von Oswalds Haus.
    Er aber blieb freundlich gegen Jedermann, wie zuvor; gab dem Einen guten
Rat, dem Andern in der Not ein Stück Geld. Doch tat ihm der elende Zustand
der Gemeinde leid, und er begab sich eines Tages zum Pfarrer und klagte es.
    Der Pfarrer sprach: »Ich bin Pfarrer, und habe hier nicht zu befehlen, und
kann mich in eure Händel nicht mischen. Alles Unglück dieses Dorfes kommt daher,
dass die Leute im Schlamm und Unflat der Sünden untergehen. Sie fragen dem Worte
Gottes nichts nach, und verkürzen aller Orten das Einkommen meiner Pfründe. Es
wird aber ein schweres Zorngericht des Herrn über sie kommen, und die Langmut
des Himmels nicht länger ihren Sünden nachschauen.«
    Oswald sagte: »Herr Pfarrer, mit Erlaubnis, Ihr könnet doch, wenn ihr
wollet, Vieles zur Rettung der Gemeinde tun. Denn das Herz dieser Menschen ist
verwildert, weil ihr Verstand verfinstert ist. Wenn Ihr Euch der Schule annehmen
und die Jugend in guten Sitten und im christlichen Lebenswandel unterrichten
wolltet, dass sie die Tugend lieben und das Laster scheuen lernte: es würden die
guten Früchte der Besserung nicht ausbleiben.«
    Der Pfarrer antwortete: »Dafür ist der Schulmeister und nicht der Pfarrer.
Ich habe bei der Menge meiner wichtigen Amtsgeschäfte keine Zeit dazu übrig. Die
Gemeinde selbst ist Schuld, dass sie keinen rechten Schulmeister haben kann, weil
sie ihn schlecht besoldet.«
    Oswald sagte: »Wohlehrwürdiger Herr Pfarrer, ein guter Hirt, der seine
Heerde wohl weidet, bekümmert sich auch um jedes Einzelne in derselben. Die
Leute sind unwissend, und verderbe oft bloss aus Unverstand, weil sie nicht
wissen, wie sich helfen und ihre Sachen einrichten? Wenn Ihr nun bald zu dieser,
bald zu jener Haushaltung in müssigen Stunden ginget, und sähet die Unvernunft
der armen Leute, die oft nur zu Grunde gehen, weil sie sich nicht recht zu
raten wissen; - - sähet, wie sich die armen Menschen nach und nach an ihr
Verderben gewöhnen, bis sie von Haus und Hof getrieben werden; - sähet, wie die
Kinder, erbärmlich verwahrloset, unmöglich besser werden können, weil sie nur
das Schlechteste auf der Welt hören und sehen; - o, Herr Pfarrer, wenn Ihr nun
einmal ...«
    Der Pfarrer unterbrach den Oswald in seiner Rede und schrie: »Was ficht Euch
an? Wollet Ihr dem Pfarrer gute Lehren geben und Unterricht, was er als Pfarrer
zu tun habe? Hebet Euch weg von mir mit Euern Versuchungen. Ich bin ein
geistlicher Hirt, der für die armen Seelen sorgt, und bete täglich für sie. Aber
Ihr wollet mich, glaube ich, zum Säutreiber machen.«
    Als der Herr Pfarrer so zornig sprach, ging Oswald von dannen und sein Herz
war sehr betrübt. Aber er konnte doch nicht ruhen, und dachte: es muss und soll
geholfen werden, und Gott wird mir beistehen.
    Und er legte Feierkleider an, nahm den Stab, und wanderte in die Hauptstadt
des Landes. Da ging er umher zu den obersten Staatsbeamten, von Haus zu Haus,
sein schweres Anliegen vorzubringen. Aber der eine von den Herren hatte ein
grosses Gastmahl und konnte ihn nicht hören; der andere war spazieren gefahren
und konnte ihn nicht hören; der dritte sass eben beim Spieltisch mit den Karten
in der Hand und konnte ihn nicht hören; der vierte zählte die eingegangenen
Zinsen und konnte ihn nicht hören; der fünfte führte ein junges Frauenzimmer zum
Tanzhaus und konnte ihn nicht hören. Endlich kam er zu dem letzten, der hörte
ihn an. Es war ein steinalter Mann mit einer weissen Haarbeutelperrücke. Vor
diesem schüttete Oswald sein Herz aus, sprach vom Elend seines Dorfes, von der
Schlechtigkeit der Vorgesetzten, von der Gleichgültigkeit des Pfarrers, von der
Unwissenheit des Schulmeisters.
    Darauf antwortete der alte Herr in der Haarbeutelperrücke ganz freundlich
und sprach zu ihm: »Du Flegel, der du geistliche und weltliche Obrigkeit
verlästerst, packe dich und raisonnire nicht weiter, oder ich lasse dich ins
Zuchtaus bringen. Euer Herr Pfarrer ist ein vortrefflicher Mann, denn er ist
mein eigener Vetter.«
    Mit diesem Bescheid verliess Oswald die Hauptstadt. Als er wieder ausser dem
Stadttor in die freie Luft kam, brach ihm das Herz, und er weinte laut.
 
                        6. Der neuerwählte Schulmeister.
Als er am Nachmittag in das Dorf zurückkam, liess er keinen Menschen wissen,
warum er in die Hauptstadt des Landes gereiset, und wie es ihm da ergangen sei.
Vielmehr stellte er sich wohlvergnügt und redete Jedermann freundlich an, selbst
seinen ärgsten Feind, den Löwenwirt Brenzel, welcher im Dorfe der reichste
Mann, und im Gemeinderat der Vornehmste war. Der stand breitbeinig vor der
Haustür, die Kappe schief auf dem Ohr, die Hände über den Bauch gefaltet, und
schaute gar gebieterisch rechts und links.
    »Guten Abend, Herr Brenzel!« rief ihm Oswald zu: »Habt Ihr schon
Feierabend?«
    Brenzel nickte vornehm mit dem Kopfe und sprach, ohne den Oswald anzusehen:
»Ich verdiene meinen Taglohn, wenn ich mit der Hundspeitsche daheim bleibe und
die Bettler von meinem Hause treibe.«
    Wie Oswald diese unchristliche Rede von einem Vorsteher der Gemeinde hörte,
welcher ein Vater der Armen, der Wittwen und Waisen sein sollte, lief es ihm
heiss und kalt über die Haut, und er verdoppelte seine Schritte, um davon zu
kommen. Desto mehr erquickte ihn, da er an der Mühle vorüberging und er Elsbet
sah, die schöne Tochter des Müllers Siegfried. Sie sass auf der Bank vor dem
Hause im spielenden Schatten eines jungen Kirschbaumes und nähte neue Hemden.
Und sie ward feuerrot, wie sie den Oswald erblickte, reichte ihm die Hand
zitternd, lächelte ihn holdselig an, und ihre Augen glänzten von Tränen.
    »Warum weinest du Elsbet?« fragte Oswald erschrocken.
    Elsbet wischte sich schnell die Augen, lächelte noch freundlicher und
sagte, indem sie den Kopf schüttelte: »Heute sag' ich dir's nicht, lieber
Oswald, du sollst es schon einmal erfahren.« - Sie schien ihm schöner und
zärtlicher, als er sie je gesehen. Aber wie viel er auch fragen mochte, er
erfuhr nicht, warum sie geweint habe.
    Darauf fragte ihn Elsbet: »Du aber bist in der Hauptstadt gewesen. Gelt, da
hast du dir ein paar lustige Tage gemacht, wohl gar mit den schönen
Stadtjungfern getanzt? Wie? - Oswald, du seufzest? Ei, ei, Oswald, das will mir
nicht gefallen. Nun hast du Heimweh zur Stadt, und in unserm armen Dörflein ist
es dir nicht mehr schön genug.«
    So sprach sie, und er schlug traurig die Augen nieder, ohne zu antworten. Da
trat sie näher, nahm seine Hand in die ihrige, und sagte wieder, mit einer
zitternden Stimme, die man kaum hörte: »Oswald, lieber Oswald, was fehlt dir!
Sage mir auch ehrlich: was quält dich?«
    »Kind!« rief Oswald und schlug die Augen gen Himmel auf: »Gott weiss es, ich
könnte glücklich sein, und ich bin es, und in der Welt nirgends mehr, als bei
dir, denn du bist herzgut. Aber mich jammern die Menschen, denn ich kenne ihrer
so viele, und die meisten sind herzschlecht. Sieh nur an das Elend der Leute in
unserm armen Goldental. Es würde doch so wenig kosten, sie wieder zu erretten.
Aber man macht die armen Leute, Gott erbarm's, zum Vieh, und den harterzigen
Reichen ist das eben recht. Die Ortsvorsteher haben ihre Stellen nur, um ihren
Hochmut zu kitzeln, und gewaltig zu sein, und sich allerlei Vorteil zu machen.
Sie betrügen die Waisen, und plündern die Wittwen, und haben kein Gefühl und
kein Gewissen. So wird es im Dorfe immer schlechter, die Not der meisten
Haushaltungen immer grösser, und Keiner hilft. Wir haben eine Regierung - Gott
sei's geklagt! Die Herren wollen nur regieren, um zu stolziren und sich
Vorteile zu machen; aber des Volkes Not aus dem Grunde zu heilen, das hält
Keiner für seine Pflicht und Schuldigkeit. Es ist bei Allen nur auf Grosstuerei,
Lustbarkeit und Geld abgesehen. Da wollen sie nur ihre Familien bereichern,
ihren Söhnen und Vettern aufhelfen; da wäscht eine Hand die andere, da hackt ein
Rabe dem andern die Augen nicht aus, und das Land wird immer elender; und das
kümmert die Herren nicht. Sie lassen sich noch dazu für ihre Weisheit und grosse
Gnade loben, so niederträchtig und schamlos sind sie.«
    Elsbet sagte: »Ach, Oswald, herzlieber Oswald, warum grämt dich doch das?
Es ist ein gerechter Gott im Himmel, der wird die richten, die ihre Pflichten
verachten. Du bist ja unschuldig an dem Elende des Volkes. Warum grämst du dich
doch?«
    Oswald sagte: »Kann mir denn wohl sein in der Hölle, wo ich die
Abscheulichkeit der Teufel und die Pein der armen Seelen sehen soll? So kann mir
auch nicht wohl sein auf Erden, wo ich die Schändlichkeit der Herren in den
Städten, und die Schändlichkeit unserer groben, stolzen Dorfkönige sehe, die das
arme Volk noch tiefer in den Kot und Staub niedertreten, statt es
hervorzuziehen, wie ihre Schuldigkeit wäre. Wenn dann die Unglücklichen aus
Verzweiflung zuletzt Verbrecher werden, betrügen und stehlen oder gar morden,
lässt man sie recht rührend und feierlich hinrichten; oder wenn sie sich aus
ihren Kindern weniger als aus ihrem Vieh machen, lacht man recht vornehm dazu.
Ist das nicht ein Vorspiel der Hölle? Und sind nicht unsere meisten Goldentaler
durch ihre Armut fast dem Vieh gleich geworden, roh, ekelhaft, grob,
unreinlich, gefühllos? Und sind sie nicht durch die Laster der Armut noch
schlechter als das Vieh geworden, nämlich zänkisch, schlägerisch,
verleumderisch, schadenfroh, diebisch, träg, nur aufgelegt zum Fressen und
Saufen?«
    Elsbet sagte: »Der alte Schulmeister hat auch vom Saufen den Lohn davon.
Vorgestern Nachts kam er betrunken vom Adlerwirt und zu nahe an den Weiher,
stürzte ins Wasser und ertrank. Gestern Morgens fand man ihn. Heut ist er
begraben. Zum Glück hat er nicht Weib noch Kind.«
    Diese Nachricht hörte Oswald nicht ohne Bestürzung. Er fragte noch dies und
das. Er schien etwas Wichtiges zu überlegen, und ging gedankenvoll nach Hause.
Elsbet begriff nicht, was ihm so plötzlich durch den Kopf geflogen war. Aber
sie erfuhr es am nächsten Sonntag.
    Da wurde die Gemeinde nach vollendetem Gottesdienst zusammenberufen, weil es
um die Erwählung eines neuen Schulmeisters zu tun war. Oswald ging auch an die
Gemeinde. Elsbet stand in der Ferne bei den Weibern und Töchtern. Sie hatte
grosse Angst, dass Oswald reden werde, was den Leuten missfallen könnte, und darum
ihren Vater gebeten, den Oswald, wenn er aufbrause, zu besänftigen. Auch kam der
Müller Siegfried dem Oswald nicht von der Seite.
    Der erste Vorsteher, Herr Brenzel, eröffnete der Gemeinde, um was es zu tun
sei, und sagte: »Weil der Schulmeisterdienst erledigt und ein geringer Dienst
mit vieler Mühe sei, indem die Besoldung nur aus vierzig Gulden bestehe, sei es
ein Glück, dass er der Gemeinde einen wackern Mann vorschlagen könne, der das Amt
annehmen wolle. Das sei der Schneider Specht, dessen Profession schlecht ginge,
und der ihm mütterlicher Seits etwas verwandt wäre.«
    Darauf schlug der Adlerwirt Kreidemann, als zweiter Vorsteher, seinen armen
Vetter, den lahmen Geiger Schluck vor, der um so eher Vorzüge verdiene, weil er,
statt vierzig Gulden zu nehmen, wegen Dürftigkeit der Gemeinde mit
fünfunddreissig zufrieden sein wolle.
    Der Schneider Specht, als er sah, dass sich die meisten Bauern für den Geiger
erklären würden, sagte demselben alle Sünd' und Schande, und erbot sich, mit
dreissig Gulden zufrieden zu sein. Der Geiger ward darüber so erboset, dass er den
Specht einen Dieb und Ehebrecher und meineidigen Schelm hiess, und sich für
fünfundzwanzig Gulden zum Schulmeister antrug. Der Schneider erklärte, den
Geiger wegen seiner Schimpfreden vor Gericht zu ziehen; aber um so geringen Lohn
wolle er nicht schulmeistern.
    Da sich nun weiter zu dem Dienst Niemand meldete, weil sich kein Ehrenmann
zu einer Stelle hergab, die von jeher verachtet und nur von Leuten gesucht war,
die sonst nichts hatten, so war die Gemeinde schon entschlossen, sie dem
Schluck, als einen Nebenverdienst, zu geben. Denn dieser konnte doch notdürftig
schreiben und lesen.
    Aber nun drängte sich Oswald hervor, ward blass und rot im Gesicht und rief:
»Dem Küh- und Säuhirten, der euer Vieh auf die Weide treibt, gebet ihr bessern
Lohn, als dem Schulmeister, der eure Söhne und Töchter in Gottesfurcht und
nützlichen Dingen unterrichten soll! Eure Kinder sind Menschen, geschaffen, ein
Ebenbild Gottes zu sein, aber nicht euer Vieh. Schämet ihr euch nicht der Sünde,
die Ihr tut? - Aber ich weiss gar wohl, der Gemeindsseckel ist immer leer, wenn
für das Nützlichste gesorgt werden soll, und Schulgeld können die armen Leute
nicht zahlen, die kaum Erdäpfel und Brod und Salz haben. So will ich denn ein
Uebriges tun, und ich biete euch an, Schulmeister zu werden, und verlange gar
keinen Lohn. Ich sage noch einmal, ich will Schulmeister sein, es soll weder der
Gemeinde noch den Haushaltungen einen Kreuzer kosten!«
    Die Leute sahen sich einander verwundert an und den Oswald. Einige wollten
ihn nicht haben und sagten, er könne oder wolle die armen Seelen der Kinder
vielleicht dem Teufel verkaufen. Aber die Meisten bedachten, dass kein Anderer
den Dienst so wohlfeil übernähme, und lärmten und schrieen, Oswald solle
Schulmeister sein. Also wurden die Stimmen abgehört und Oswald wurde zum
Schulmeister erwählt.
    Als dies Elsbet hörte, wollte sie vor Scham und Bestürzung in die Erde
sinken. Denn im Dorfe war, ausser dem Dorfwächter und dem Säuhirten, Keiner
geringer gehalten, als der Schulmeister. Sie rannte ganz ausser sich zur Mühle,
als wäre ihr das grösste Unglück und die bitterste Schmach widerfahren. Auch der
ehrliche Müller Siegfried schüttelte ärgerlich den Kopf und sagte: »Ich glaube,
der Oswald ist im Kopfe verrückt.«
    Jedoch Oswald blieb bei seinem Entschluss. So ward er von dem Gemeinderat
nach Vorschrift der obrigkeitlichen Schulpflege in Vorschlag gebracht. Er musste
sich in der Stadt prüfen lassen, und weil er eine zierliche Hand schrieb, im
Rechnen mehr verstand, als für Bauern nötig zu sein schien, ward er förmlich
bestätiget.
 
                           7. Wie Oswald Schule hält.
»Elsbet, Elsbet, quäle mich nicht mit deiner Unzufriedenheit und deinem
niedergeschlagenen Wesen!« sagte Oswald zu der betrübten Tochter Siegfrieds:
»Siehe, die Alten sind verderbt und kaum zu bessern. Vielleicht kann ich unser
armes Dorf wieder durch gute Erziehung der Kinder in Ansehen und Ehren bringen.
Andern Weg gibt es nicht. Ein Dorfschulmeister ist freilich ein geringer und
verachteter Mann; aber wie tief hat sich doch unser Herr und Heiland erniedrigt,
um die Menschen zu bessern, zu belehren und selig zu machen. Hätten wir auch
verständige und gewissenhafte Regierungen, denen es weniger um ihre, als um des
Volkes Wohlfahrt zu tun wäre, für die sie eigentlich da sind, so würden sie
mehr Sorgfalt und Achtung für die Landschullehrer, als für die Professoren an
den hohen Schulen beweisen. Aber so ist es einmal nicht in der verkehrten Welt;
Alles sieht und zieht nach oben, und versäumt, was unten ist. Darum wird es
meistens oben zu schwer, und unten zu leicht, und viele Tronen stehen auf
schwachen Füssen.«
    »Ach Oswald, Oswald!« rief Elsbet: »Du weisst nicht, wie übel du getan
hast!« Sie sagte jedoch nicht warum.
    Inzwischen, sobald die Wintertage kamen, fing Oswald mit der Schule an. Den
ersten Tag stellte er sich vor die Haustüre und empfing daselbst die
Schulkinder. Hatten sie kotige Schuhe, mussten sie dieselben erst mit Stroh rein
fegen, und die Sohlen abkratzen am Eisen vor der Haustüre, damit sie den
saubern Fussboden des Zimmers nicht besudelten. Dann reichte er jedem zum
Willkommen freundlich die Hand. Waren aber die Hände unreinlich, mussten sie erst
zum Brunnen und Gesicht und Hände waschen. Waren ihre Haare nicht zierlich
gekämmt, schickte er sie in ihre Häuser zurück, sich kämmen zu lassen. Die aber,
welche reinlich und wohlgekämmt erschienen, küsste er freundlich auf die Stirn.
    Die Buben und Mägdlein wunderten sich sehr; einige schämten sich, andere
lachten, noch andere weinten. So etwas war ihnen nie widerfahren.
    Den zweiten und dritten Tag stand Oswald wieder vor der Haustüre, und so
noch manchen Tag, bis alle so säuberlich zur Schule kamen, wie er es befohlen
hatte. Nachher empfing er sie im Schulzimmer. Wer dann mit unreinlichem Haare
und Gesicht oder unsaubern Händen und Schuhen kam, ward zum Gelächter Aller auf
einen Tritt zur Schau gestellt, und nachdem er eine Stunde da gestanden war,
heimgeschickt, um sich reinigen zu lassen.
    Viele Leute im Dorfe verdross das; allein sie hatten in der Schule nichts zu
befehlen, und mussten geschehen lassen, wie es Oswald wollte. So kam es, dass in
wenigen Wochen die Schulkinder, gross und klein, arm und reich, alle äusserst
reinlich am Leibe wurden, wenigstens so lange sie beim Schulmeister waren.
    Oswald liess es aber dabei nicht bewenden. Nachdem die Kinder ein Vierteljahr
lang zur Ordnung gewohnt waren, gab er auf die Reinlichkeit der Kleider Acht.
Schmutz, Staub und Kot durften nicht daran haften, wenn auch die Kleider alt
und zerrissen waren. Letzteres verzieh er; das war nicht der Kinder Schuld. Wer
die ganze Woche am reinlichsten erschienen war, sowohl in der Schule, als ausser
derselben, im Dorfe, auf den Gassen, in der Kirche, auf den Feldern, ward sein
Liebling. Dem gab er die erste Woche ein Bild, oder ein Stücklein Seidenband,
oder einen Bogen feines Papier zum Briefschreiben; die andere Woche abermals ein
kleines Denkzeichen seiner Freundschaft; zuletzt öffentlich vor Allen einen Kuss
auf den Mund, und das geküsste Kind empfing das Recht, am Sonntag mit Oswald
spazieren zu gehen, oder wenn es schneite und unfreundliches Wetter war, bei ihm
zu sein und sein grosses Bilderbuch zu besehen, aus welchem Oswald schöne
Geschichten zu erzählen wusste.
    Oswald war ein Mann, der sich auch bei Erwachsenen in Ansehen zu setzen
wusste, der zwar nie schwor und fluchte, aber keinen fürchtete; kein Wunder, dass
alle Kinder Hochachtung für ihn empfanden, und ihn zuletzt fast mehr lieb
hatten, als sie ihre Aeltern liebten. Da hätte man sehen sollen, wie ihm alle
mit Ehrfurcht schmeichelten; wie freundlich sie zu ihm liefen, wenn er ihnen
begegnete; wie sie ihm seine Wünsche aus den Augen zu lesen suchten; wie ein
Wink genug war zum freudigen Gehorsam.
    Das war den Bauern in Goldental ganz unbegreiflich, um so mehr, da dieser
Schulmeister sich weder des Haselstockes, noch der Birkenrute bediente. Manche
Leute wurden ängstlich und erzählten sich die Historie von einem Ratzenfänger zu
Hameln, der auch die Kinder an sich zu locken gewusst, und endlich alle in die
Höhle eines Berges geführt habe, wo sie mit ihm verschwunden seien. Einige alte
Bauernweiber sagten öffentlich, das ginge nicht mit rechten Dingen zu, und
rieten, man solle keine Kinder mehr zum Schulmeister lassen. Doch dazu kam es
nicht.
    Oswald aber redete und sprach: »Reinheit des Herzens ist die Gesundheit der
Seele; Reinlichkeit des Leibes ist die Gesundheit des Körpers. Die Tiere mögen
sich wälzen im Kot, aber der Mensch als Gottes Ebenbild, soll sich rein erheben
zum reinen Himmel. Solches muss der Anfang aller Kinderzucht sein, dass die
Kindlein wissen, sie seien Menschen und viel besser als Tiere. Dann ist aus
ihnen Alles zu machen; aus den Tieren lässt sich nichts machen.«
    Ferner redete Oswald und sprach: »Ein Schulmeister, welcher nicht einmal
versteht, die zarten Kinderherzen durch Ernst und Liebe zu leiten, dass sie ihm
willig folgen, der versteht sein Handwerk schlecht. Und man sollte billig den
Stock auf des Schulmeisters Rücken zerschlagen, womit er die Kinder züchtigt,
als hätte er Affen, Hunde und andere Tiere abzurichten, die keine Vernunft und
kein menschliches Herz haben.«
 
                      8. Was ferner in der Schule vorgeht.
Es ging aber ein Geschrei im Dorfe, der Oswald verführe die Kinder, und bringe
ihnen eine neue Religion bei, und die Kinder können nichts bei ihm lernen. Denn
es sei erschrecklich anzusehen, wie die Kinder alltäglich daran treiben, um in
die Schule zu kommen, da doch sonst die Jugend nicht gern mit dem Schulgehen zu
tun hat; das sei wider die Natur. Desgleichen sei es den ganzen Tag in dem
Schulhause todtenstill, wie in einer Kirche, wo man sonst Lärmen und Geschrei
der Lernenden weit hinaus über das Dorf seit Menschengedenken gehört habe;
selbst in den Singstunden töne es nur wie Bienengesumse. Ferner vernehme man,
dass beim Gebet ärgerliche Neuerungen vorfallen, und dass die Kinder zur Hexerei
angeleitet würden, wozu sie schon die verdächtigsten Zeichen malen lernten.
    Diese und andere Reden gelangten endlich selbst vor die Ohren des Herrn
Pfarrers und der hochobrigkeitlichen Schulräte in der Stadt. Und weil in der
Tat Niemand wusste und begriff, was der Oswald treibe, ward zur Untersuchung und
Abhülfe der Beschweren eine Kommission abgeordnet, die aus zwei Herren von der
Stadt und dem Herrn Pfarrer bestand. Diese traten eines Morgens unerwartet, ehe
die Schule angefangen war, zum Oswald und sagten, was ihr Auftrag sei, und er
solle in ihrer Gegenwart lehren, wie er gewöhnlich tue.
    Da nun die Kinder einzeln ankamen, war auch in armen und zerrissenen
Kleidern Sauberkeit und Ordnung lieblich zu schauen, und wie alle erst zum
Schulmeister gingen, ihm die Hand küssten, dann sich still zu ihren Sitzen
begaben, wo sie fröhlich mit einander flüsterten und auf die Fremden schauten.
Es waren der Kinder in allem fünfundfünzig; die Knaben sassen auf der einen, die
Mägdlein auf der andern Seite.
    Nachdem sie Alle versammelt waren, sprach Oswald mit lauter Stimme: »Ihr
lieben Kindlein, lasset uns vor allen Dingen erst vor dem allgegenwärtigen
lieben Gott, unserm Vater, uns demütigen, und ihm unsere Gedanken und Bitten
ehrfurchtsvoll vortragen.« Und wie er dies sprach, falteten alle fünfundfünzig
Kinder ihre Händlein und sanken auf die Knie, still vor sich zur Erde schauend.
Auch Oswald kniete nieder; und der Herr Pfarrer und die Ratsherren aus der
Stadt, da sie alles sich demütigen sahen vor dem Ewigen, folgten dem Beispiel
Aller und knieten auch. Dann las der Schulmeister ein schönes, rührendes Gebet,
welches vor ihm auf dem Stuhle lag. Es war so verständlich abgefasst, dass es auch
dem Verstande des kleinen sechsjährigen Kindes begreiflich war. Das bewegte das
Herz eines der Ratsherren so tief, dass ihm die Augen voller Tränen wurden.
    Dann standen Alle auf, und die Aeltesten der Schule, indem sie auf eine mit
Noten und Worten beschriebene schwarze Tafel sahen, sangen mit sanfter Stimme
vierstimmig ein schönes Morgenlied. Die Kleinen sumseten den Gesang für sich
ganz leise nach. Darauf lasen die bessern Leser aus einem Buche, abwechselnd
einen frommen Vers; jede Zeile aber ward von der ganzen Schule mit halblauter
Stimme nachgesprochen, dann das Buch geschlossen, und erst von der Schule, dann
wieder von einzelnen Kindern, die Oswald aufrief, der fromme Vers auswendig
hergesagt.
    Nach diesem wandten sich die Kinder in vier Haufen nach vier verschiedenen
Seiten vor eben so viele schwarze Tafeln, auf welchen teils lateinische, teils
deutsche Buchstaben, teils Sylben, teils ganze Zeilen in grosser Vorschrift
geschrieben zu sehen waren. Alle schrieben und malten auf Rechentafeln mit Dinte
und Feder die Vorschriften nach. Oswald ging von Kind zu Kind, belobte das eine,
belehrte das andere, liess das dritte Feder und Griffel besser halten, und
dergleichen mehr.
    Nach einer Stunde teilten sich die Kinder wieder in vier Haufen, und man
sah statt eines Schulmeisters vier Schulmeister. Denn die, welche am besten
lesen konnten, stellten auf den schwarzen Tafeln gedruckte lateinische oder
deutsche Buchstabe einzeln oder in Sylben oder ganzen Sätzen auf, wie Oswald es
angab. Die Buchstaben waren auf Pappe geklebt, beweglich und einzeln. Dann sah
Oswald nach, ob Alles recht gemacht sei; und jeder der kleinen Schulmeister liess
seinen Haufen die Buchstaben, die Sylben, die Wörter und Sätze sprechen mit
halblauter Stimme. Keiner störte den Andern. Oswalds Auge und Ohr war bei Allen,
und mit leiser Stimme half er bald links, bald rechts nach.
    Und abermals nach einer Stunde verteilten sich die Haufen, und statt der
Buchstaben kamen Zahlen und Rechenexempel auf die schwarzen Tafeln, und neue
Lehrmeister und Lehrmeisterinnen dazu; und die Einen sprachen Zahlen zusammen,
die Andern addirten, die Dritten subtrahirten, die Vierten sagten das
Einmaleins, und so weiter. Den besten Rechnern gab Oswald geschriebene Exempel,
die rechneten für sich. Am Ende sagte Jeder an, was er herausgebracht. Oswald
sah in einem Büchlein nach, worin die gelösten Aufgaben standen, und sagte auf
der Stelle, ob recht oder falsch.
    Gar bewundernswürdig war die Stille, die Ordnung, die Lernbegierde Aller. So
etwas hatten die Ratsherren und der Pfarrer in ihrem Leben noch nicht gesehen.
    Als nun so der Morgen vollbracht war, begaben sich die Kinder, den
Schulmeister und die Fremden grüssend, still hinweg. Draussen aber war frohes
Gelächter und lauter Jubel der Kleinen.
    Und Nachmittags sah man in der Schule die Kinder wieder vor den schwarzen
Tafeln. Da zeichneten sie künstliche Figuren von geraden und krummen Linien auf
ihren Rechentafeln und Papieren, einige sogar schon Umrisse von Blumen und
wunderbaren Gefässen. Dies getan, lasen die besten Leser aus einem Buche lustige
und lehrreiche Geschichten und Gespräche vor. Da hätte man die Freude der Kinder
sehen sollen über alles das, was sie hörten. Dann befahl Oswald denen, die am
besten schreiben konnten, die angehörte Geschichte aufzuschreiben und ihm morgen
zu bringen, doch keine Fehler gegen die Rechtschreibung zu begehen. Zuletzt
nannte Oswald öffentlich mit Lobspruch die Namen derer, die an diesem Tage ihre
Sache am besten getan. Und weil derselben sechs waren, machte er Allen die
Freude, ihnen noch eine Stunde lang etwas Schönes zu erzählen. Und er erzählte
ihnen eine ganz erschreckliche Geschichte von einem Manne, der in der strengsten
Winterkälte auf der Landstrasse schläfrig geworden und erfroren sei, dass man ihn
todt in ein Dorf gebracht; und wie unwissende Bauern ihn haben sogleich in eine
warme Stube legen und auftauen wollen. Aber ein geschickter Arzt sei gekommen,
habe den Erfrorenen entkleidet und bis an die Nase in Schnee vergraben, nachher
sogar in eiskaltes Wasser gelegt, dass um die Gliedmassen dünnes Eis geworden;
dann habe er den Leib in kalte Betten in ein ungeheiztes Zimmer gebracht, mit
Wollentüchern stark gerieben, bis der Todtgeglaubte wieder zum Leben gekommen
wäre. Wie das zugegangen, erklärte Oswald Alles.
    So war der Schultag zu Ende.
 
            9. Von der Sonntagsschule, und dem Vorfall in der Mühle.
So und auf andere Weise unterrichtete Oswald die Schulkinder; alle Tage hatte er
etwas Neues für sie. Die Ratsherren und der Herr Pfarrer gaben ihm grosse
Lobsprüche und nannten ihn den vortrefflichsten Schulmeister im Lande. Das
konnten die Bauern in Goldental nicht begreifen, und sprachen unter einander:
»Wie will's doch der Oswald besser verstehen, als die alten Schulmeister, die
wir in unserer Jugend gehabt? Aber er kann allerlei Blendwerk machen, und hat es
selbst dem Pfarrer und den Ratsherren angetan. Ganz richtig ist es mit ihm
nicht!«
    Im Sommer war zu Goldental nie Schule gehalten worden; denn die grössern
Kinder mussten den Aeltern in Feld- und Hausgeschäften helfen. Aber Oswald nahm
auch im Sommer die Kleinern zu sich, und unterrichtete sie einige Stunden, und
gab ihnen bei sich zu spielen, oder kleine Geschäfte in seinem Garten und Feld,
wohin sie ihn begleiteten und Steinchen aus dem Acker trugen, Unkraut jäteten
und dergleichen. Als das die andern Kinder sahen, baten sie Oswald beweglich,
sie nicht zu vergessen, und er nahm sie, wenn Feierabend war, auch noch zu sich
und setzte den Unterricht mit ihnen fort. An Sonn- und Festtagen ging er mit
ihnen sogar spazieren in Feld und Wald; zeigte ihnen die giftigen Kräuter und
erzählte gräuelhafte Geschichten davon; oder er erzählte ihnen vom Leben und der
Haushaltung der Tiere, der zahmen und wilden; von den Quellen, Strömen und
Meeren; von den Bergen und Höhlen; von den Ländern und Menschen auf Erden; von
den Sternen, und wie weit sie von uns entfernt wären und wie gross. Das hatte er
Alles gesehen und in Büchern gelesen.
    Als das die grossen erwachsenen Bursche im Dorfe sahen, bekamen einige Lust,
Sonntags ebenfalls bei Oswald zu sein. Und er erlaubte es ihnen, denn ihre grosse
Unwissenheit jammerte ihn. Und er lehrte sie noch allerlei, und gab ihnen auf,
was sie in müssigen Stunden der Woche zu Hause lesen, rechnen und schreiben
mussten. Das ging er dann Sonntags mit ihnen durch. So ward es eine wahre
Sonntagsschule. Und es kamen immer mehr junge Leute dazu. Wer aber nicht sehr
reinlich einherging, wer die Wirtshäuser besuchte, wer Karten spielte, wer
jemals schwor und fluchte oder einen Raufhandel hatte, den stiess er von sich. Er
war ihr Schiedsrichter, und tat doch immer, als wäre er Ihresgleichen. Sie
halfen ihm dankbar auch in der Woche gern bei der Feldarbeit, ohne dass er es
forderte.
    Die jungen Leute aber, welche es mit Oswald hielten, wurden von ihren
Kameraden im Dorfe ausgelacht und verspottet; man hängte ihnen Uebelnamen an,
hiess sie Schulmeister und Gelehrte, und spielte ihnen allerlei Possen. Und die
Gemeindsvorsteher sahen es gern, wenn man den Oswald und seine Freunde
verfolgte; denn sie fürchteten, er wolle sich Anhang machen, um einst an ihre
Stelle gewählt zu werden. Darum sagten sie ihm alles ersinnliche Böse nach, und
wiegelten bei jeder Gelegenheit die Bauern und deren Weiber gegen ihn auf. -
Oswald kam daher auch zu Niemanden; nur regelmässig besuchte er die Mühle, wo er
allezeit willkommen war.
    Wie er aber eines Abends in die Mühle kam, fand er die lieben Leute darin
alle mit verstörten Gesichtern. Der alte Siegfried war still und nachdenkend,
die Müllerin kalt und verdriesslich, im Hause umherfahrend und die Türen hinter
sich zuwerfend; Elsbet hatte rotgeweinte Augen.
    Sobald Oswald mit Elsbet allein war, sprach er: »Welches Unglück ist hier
geschehen, und welcher böse Geist ist in dieses Haus des Friedens eingezogen?
Ihr Alle seid wie verwandelt. Sage mir, Elsbet, was ist vorgegangen.«
    Elsbet antwortete mit zitternder Stimme: »Gott sei's geklagt, Oswald, ich
muss es dir sagen. Ja es muss heraus. Ich bin recht unglücklich.« So sprach sie,
und konnte vor Weinen und Schluchzen nicht weiter sprechen.
    Nachdem er sie beruhigt hatte, sagte sie: »Nun ist's ein Jahr, Oswald, da
fandest du mich mit verweinten Augen und fragtest mich, und ich sagte dir's
nicht. Damals war der Löwenwirt Brenzel zu uns gekommen, und hatte bei meinem
Vater und meiner Mutter um mich angehalten für seinen Sohn, der schon eine Mühle
im Dorfe Altenstein hat. Und Vater und Mutter hatten nichts dagegen, denn der
Löwenwirt ist der reichste Mann im Dorf, und erster Vorsteher der Gemeinde, der
uns viel schaden und nützen kann; und mein Vater will keinen Schwiegersohn, als
einen Müller. Ich aber sagte, ich sei noch jung, und wolle noch ein Jahr warten,
und blieb dabei, und sie richteten bei mir nichts aus. - Nun ist das Jahr
vorbei, und auf den Tag kam der Löwenwirt mit seinem Sohne wieder. Sie haben
bei uns gespeiset, und Vater und Mutter hatten mit dem Löwenwirt schon alles in
Richtigkeit gebracht, und die Verlobung sollte heute geschehen. Aber ich habe
gesagt, ich wollte mich nie verheiraten, und bin dabei geblieben. Denn der
junge Brenzel ist ein wüster Gesell, gleichwie sein Vater ein harter und wüster
Mann ist. Nun ist im Hause Unglück und Herzeleid.«
    Als Oswald dies hörte, ward er sehr unruhig. Er ging im Zimmer schweigend
auf und ab. Er selber hatte sich im Stillen Hoffnung gemacht, dass Elsbet einmal
seine Frau werden müsse. Dann trat er mit hastigen Schritten zu ihr und sagte:
»Elsbet, liebe Elsbet, du willst dich niemals verheiraten? So will auch ich
ohne Weib bleiben mein Lebenlang, denn ich hätte kein anderes gewählt, als dich.
Und ich habe dich allezeit mehr geliebt als mich selber, und hoffte immer, du
würdest mir noch recht gut werden.«
    Da sank Elsbet weinend an die Brust Oswald und sprach mit gebrochener
Stimme: »Ach Oswald, Gott weiss es, du bist mir allzulieb geworden, mehr denn
recht ist. Aber mein Vater ist reich, und will einen reichen Sohn haben, und
ändert seinen strengen Sinn nicht. Du aber bist nur ein geringer Schulmeister,
und kannst noch lange keine Frau ernähren.«
    Da schloss Oswald die gute, weinende Elsbet in seine Arme, und drückte den
ersten Kuss auf ihre Lippen und sagte: »Nun bist du meine Braut und Verlobte, und
keine Macht auf Erden soll dich wieder von mir nehmen. Fürchte dich nicht, du
Holdselige, denn nun gehörst du mir an.«
    Und er ging hinaus, den alten Siegfried und die Mutter zu suchen. Und
Elsbet hörte sie alle sehr laut und heftig mit einander reden, aber verstand
nichts. Und sie zitterte vor grosser Angst, und wusste in ihrer Not keinen Rat.
Da fiel sie an der Fensterbank auf ihre Knie, und faltete ihre Hände und betete
inbrünstig mit tränenvollen Augen zum Himmel, während die Andern stritten. Und
als es ihr leichter ums Herz ward und sie aufstand, sah sie draussen den Oswald,
begleitet vom Vater und der Mutter, von der Mühle weg ins Dorf gehen.
    Das vermehrte die Furcht und Angst über die Massen. Keiner in der Mühle
wusste, wohin die Aeltern mit dem Oswald gegangen. Sie wusste aber wohl, Oswald
war hitzig und aufbrausend, und konnte gegen die Aeltern gefehlt haben und mit
ihnen vor den Richter gegangen sein, und das war der Löwenwirt! In übergrossem
Kummer betete sie viel für Oswald und sich.
    Es war zehn Uhr Nachts, da hörte sie draussen Geräusch. Es kamen Vater und
Mutter mit Oswald. Und Siegfried nahm seine Tochter und sprach: »Elsbet, du
hast also den Oswald lieb?« Sie antwortete und sprach: »Kann ich dafür? Ihr
hattet ihn ja auch lieb.« Da legten die Aeltern die Hände Oswalds und Elsbets
in einander und segneten die Beiden als ihre Kinder. Elsbet war ganz
erschrocken, und wusste nicht, ob sie träume.
 
                      10. Oswald kommt in schlechten Ruf.
Als am folgenden Sonntag in der Kirche der Schulmeister Oswald und Elsbet als
Brautleute von der Kanzel herab verkündet wurden, da rissen die Goldentaler
Bauern die Augen gewaltig auf, und die Weiber zischelten beständig einander
etwas in die Ohren, und der Löwenwirt ging aus der Kirche, wie ein grimmiger
Löwe, und schwor, er wolle nicht ruhen, bis er den meineidigen Müller sammt
seinem ganzen Hause und dem Schulmeister zu Grunde gerichtet, aus dem Dorfe
vertrieben und Alle ins Zuchtaus gebracht hätte oder an den Galgen.
Nichtsdestoweniger feierten Oswald und seine Elsbet nach drei Wochen in der
Mühle sehr vergnügt ihre Hochzeit, dem grimmigen Löwen zum Trotz.
    Und als die Neuvermählten Abends aus der Mühle heim kamen in Oswalds Hans,
fiel Elsbet ihrem Manne um den Hals und sagte: »Ach Gott, wie bin ich so
glücklich! Ich kann noch nicht daran glauben, dass Alles wahr sei. Und man sagt
wohl, es gibt betrübte, übelgeratene Ehen; könnten wir auch wohl Beide jemals
aufhören, uns lieb zu haben, und könnten wir jemals wünschen, lieber getrennt,
als ewig verbunden zu sein?«
    Oswald antwortete und sprach: »Wir werden Beide mit einander glücklich sein,
so lange wir leben auf Erden; aber wir müssen ein dreifaches Gelübde tun. Und
so lange wir es redlich halten, wird Eintracht und Segen Gottes in unserer Ehe
sein. Von heute an lebst du für mich, und ich lebe für dich; und wir wollen nie
vor einander das geringste Geheimnis haben, und selbst wenn wir gefehlt haben,
es uns einander sogleich offenbaren. Dadurch werden wir manchen Fehltritt und
manches Missverständnis verhüten, das oft schmerzliche Folgen haben kann. Dann
aber wollen wir von unsern häuslichen Sachen Niemandem, auch Vater und Mutter
nichts offenbaren, dass Niemand in unsern Dingen reden könne, oder sich zwischen
uns dränge. Nur so gehören wir Beide uns ganz an, als wären wir allein in der
Welt. Endlich wollen wir niemals gegen einander böse werden, und nicht einmal
zum Scherz mit einander böse tun; denn aus Neckerei wird oft Ernst, und was man
zuweilen tut, daran gewöhnt man sich leicht.«
    So sprach Oswald. Und Beide taten sich einander gegenseitig das Gelübde vor
Gott. Und wie sie den Bund mit einem Kuss besiegelten, stieg vor dem Hause in
nächtlicher Stille ein sanfter schöner Gesang von vielen Stimmen empor. Das
waren Oswalds Schüler und Schülerinnen im Gesang, die doch auch ihrem Lehrer
eine Freude machen wollten. - Und wie die Neuvermählten folgenden Morgens
aufgestanden waren, sahen sie viele Männer, Weiber und Kinder in der Ferne
zusammengelaufen stehen, und auf das Haus schauen und darauf zeigen. Oswald
öffnete neugierig das Fenster, und sah sein ganzes Haus wunderbar mit
Blumenkränzen und Blumenschnüren umhängt und umsponnen. Das hatten in der Nacht
still und heimlich seine Schüler und Schülerinnen getan. Auch die kleinsten
Kinder hatten dazu Feld- und Gartenblumen gesammelt. So lange das Dorf
Goldental auf Erden war, hatte man dergleichen nicht erlebt, und als Oswald
wieder zur Schule ging, kamen am ersten Tage nach seiner Hochzeit alle Kinder,
gross und klein, reich und arm, und hatten sich mit Blumensträussen geschmückt,
als wäre es ein grosser Festtag. Das freute den Oswald und seine junge Frau recht
innig; denn das verriet doch gute Herzen voll Liebe und Erkenntlichkeit. Und
sie küssten die Kinder, liessen ihnen Kuchen backen und teilten Allen aus.
    Im Dorfe aber war viel eitles Geschwätz über die Hochzeit, und Jeder hatte
seine Meinung darüber. Denn Niemand konnte begreifen, dass es dabei mit rechten
Dingen zugegangen sein solle, sintemal unerhört war, dass der reichste Müller im
Lande seine schöne Tochter und einzige Erbin einem armen Schulmeister zur Frau
gegeben. Um die Elsbet würden auch wohl vornehme Herren aus der Stadt gefreit
haben, so schön und reich war sie. Man wollte daher gern wissen, warum der
Müller einen so einfältigen Streich gemacht habe? Aber der alte Siegfried lachte
nur, und die Leute brachten von ihm nichts heraus. Auch die alte Müllerin ward
von ihren Gevatterinnen sehr geplagt und geneckt mit dem armen, schlechten
Schulmeister, und dass man einem hergelaufenen Kerl eine solche Tochter anhänge.
Die Müllerin war bei aller Gottesfurcht doch eine stolze Frau. Daher taten ihr
die verächtlichen Reden weh, und als sie darüber einst vor Zorn fast weinte,
sagte sie zur Adlerwirtin heftig: »Schweigt mit euerm dummen Geschwätz; ihr
wisset so viel als nichts. Der Oswald könnte wohl den Adlerwirt und Kreuzwirt
auskaufen. Er hat mehr, als man glaubt. Das hab' ich mit meinen leiblichen Augen
gesehen. Wenn ich nur reden dürfte, ich könnte euch Dinge sagen, ihr solltet
Maul und Nase aufsperren.« So sprach sie und schwieg plötzlich, und war
verdriesslich, dass sie im Zorn mit etwas herausgeplatzt war, das sie verschweigen
wollte. Auch erfuhr die Adlerwirtin weiter nichts, und musste noch dazu
versprechen, es Keinem wieder zu sagen.
    Die Adlerwirtin sagte es auch Niemandem, als ihrer Schwester und ihrem
Manne, die vorher geloben mussten, das Geheimnis bei sich zu behalten. Aber sie
erklärten die Reden der Müllerin so, als habe diese mit leiblichen Augen ganze
Haufen Goldes und Silbers bei Oswald gesehen; und Oswald könne, wenn er wolle,
das ganze Dorf kaufen; und es gingen im Hause Oswalds manchmal Dinge vor, dass,
wenn man sie sagen dürfte, den Leuten die Haare zu Berge stehen würden. Dem
Adlerwirt und seiner Schwägerin, als sie dies hörten, standen vor Entsetzen
wirklich schon die Haare gen Berge, und sie konnten nicht anders, und vertrauten
das Geheimnis nur einigen ihrer besten Freunde.
    Nach wenigen Tagen wussten die Leute in Goldental weit mehr, als die
Müllerin gesagt hatte. Da hiess es, der Oswald stünde mit dem Fürsten der Hölle
im Bündnis; dem habe er mit eigenem Blute seine arme Seele verschrieben. Doch
dreissig Jahre lang solle der Böse den Willen des Schulmeisters tun; am Ende des
letzten Jahres werde der Teufel Oswalds Seele in der heiligen Christnacht
zwischen Eilf und Zwölf holen, und dem Unglücklichen den Kopf umdrehen, dass das
Antlitz im Nacken stehen bleibe. Der Schulmeister habe Gold, so viel er begehre,
und der schönen Elsbet habe er einen Liebestrank beigebracht, daran sie hätte
entweder rasend werden oder jämmerlich sterben, oder ihn heiraten müssen.
Ferner, der Oswald könne Geister bannen, Schätze heben, das Fieber besprechen,
den Kühen es antun, dass sie blaue Milch oder wohl gar Blut geben müssten; er
könne das Feuer bannen, sich stich- und kugelfest machen, auf einem Besen durch
die Luft reiten und viele andere Dinge mehr. Das habe er alles aus gefährlichen
Büchern erlernt; er habe Doktor Fausts Höllenzwang, Kaiser Caroli
Halsgerichtsordnung und das Buch von Salomonis Siegelring.
    Von diesem Augenblicke an fürchteten sich die Leute in Goldental vor dem
Schulmeister entsetzlich. Keiner tat ihm etwas zu leid, aus Angst vor Oswalds
Rache und höllischem Bundesgenossen. Sogar der grimmige Löwenwirt unterstand
sich nicht, ihm oder dem Müller etwas in den Weg zu legen. Manche Leute schlugen
heimlich ein Kreuz, wenn sie dem Oswald von ungefähr begegneten.
 
                        11. Elsbet steht in gutem Ruf.
Wenn aber die jungen Leute des Dorfes der Elsbet begegneten, die da blühte wie
eine Rose, schlug Niemand vor ihr ein Kreuz, sondern Jeder nickte ihr den
freundlichsten guten Tag; und wenn sie vorbei war, blieb wohl Mancher gar still
stehen und sah ihr nach. Denn Elsbet war eine schöne Frau, und sie schien mit
jedem Tage schöner zu werden, dass sich selbst die Mädchen in Goldental darüber
wunderten. Dennoch war sie nicht kostbarer gekleidet oder geputzter, als andere
Frauen waren. Aber man mochte sie sehen Sonntags oder Werkeltags, Morgens oder
Abends, sie war immer, als wollte sie zum Tanz gehen. Sie arbeitete in der
Sonnenhitze auf dem Felde und im Garten; sie ging in den Stall und besorgte Kuh
und Schwein; trug Gemüs und Eier zum Verkauf in die Stadt - und dabei war sie
allezeit sauber und zierlich, und kein Fleck an ihren Kleidern.
    »Ich glaube beinahe, die kann auch schon hexen!« sagte die Löwenwirtin,
indem sie eine Prise Schnupftabak nahm, und sich die Nase mit dem Aermel
wischte.
    »Ja wohl!« sagten die jungen Männer alle: »Die kann es. Wenn Elsbet nicht
schon verheiratet wäre, sie würde uns allen die Herzen aus dem Leibe hexen, so
schön ist sie!«
    Und die verheirateten Männer im Dorfe verfuhren gar oft grob mit ihren
Weibern, und gaben ihnen Schmähworte und Ohrfeigen, dass sie nicht auch so schön
geblieben waren, wie die Schulmeisterin. Dann heulten die Weiber und fluchten
und schworen und zerkratzten ihren Männern das Gesicht mit ihren langgewachsenen
Nägelkrallen.
    Zwei Mädchen, welche Elsbets Freundinnen waren und bald Hochzeit machen
wollten, kamen zu Elsbet und sprachen: »Du bist nun seit Jahr und Tag eine
Frau, und bist so hübsch wie eine Jungfrau. Und alle Männer bewundern dich, und
alle Weiber müssen dich beneiden. O Elsbet, sage uns an, wie du das machest?
Denn siehe, du weisst es, sobald bei uns eine Tochter einen Mann hat, wird sie
hässlich und wüst, und die Liebe hört auf. So ist es nicht bei dir.«
    Die junge Schulmeisterin antwortete und sprach: »Ich will es euch sagen. Die
Weiber haben allein die Schuld. So lange sie Jungfrauen sind, und den jungen
Burschen gefallen wollen, schmücken sie sich, und alles Geld, was sie haben und
verdienen, stecken sie in neuen Putz. Da sind sie sauber und glatt, dass ihre
Stirn glänzt an der Sonne, und ihr Haar ist wie gemalt. Haben sie endlich einen
Mann, da denken sie nicht mehr daran, gefallen zu wollen. Da gehen sie des
Morgens lange umher mit Stroh und Bettfedern im ungekämmten Haar; vergessen,
sich jedesmal zu waschen, wenn sie unrein werden, und denken, wenn sie recht
wüst kommen, das stehe einer Frau gut, und man sehe ihr an, dass sie viel
handtiere. Dann muss gespart werden; der Mann braucht Geld, und man kann es
nicht mehr, wie als Tochter, in allerlei Putzkram stecken. Das Gewand wird alt
und beschmiert und schadhaft; das Ausbessern kostet viel Geld, und Selbermachen
hat keine gelernt. So gewöhnt man sich an Lumperei und Sudelei, und die Frau
wird vom Unflat entstellt und wüst, weil sie nichts mehr auf sich hält. Und sie
wird endlich dem Manne selbst gleichgültig oder zum Ekel, und dann kommt der
Unfriede ins Haus, sobald die Frau mit Löchern in den Strümpfen geht.«
    Die Mädchen sprachen: »Elsbet, du hast wohl Recht.«
    Die junge Schulmeisterin sagte: »Als ich den Oswald nahm, dachte ich
sogleich darauf, wie ich ihm beständig gefallen könne, denn ich hatte ihn gar
lieb. Und ich nahm mir vor, noch mehr auf mich selber zu halten, als zuvor, und
nie vor seinen Augen zu erscheinen, als gewaschen und zierlich, allzeit mit
unbeflecktem Gewand. Darum nahm ich sorgfältig meine Kleider in Acht; darum
musst' es in meinem Stall und in Küche und Keller so sauber sein, als in einer
Stube. Der geringste Fleck in meinem Anzuge musste sogleich ausgemacht werden. So
blieben meine Kleider wie neu, und ich selber blieb darin meinem Manne alle Tage
neu.«
    Die Mädchen sprachen: »Aber Elsbet, die Zeit zerreisst endlich das sauberste
Gewand; woher ein neues Kleid anschaffen, wenn der Mann kein Geld gibt?«
    Elsbet antwortete: »Ich gebrauche weniger Geld zu Kleidern, als Andere.
Denn ich bessere mit wenigen Nadelstichen das kleinste Loch aus, damit es nicht
grösser werde. So kostet es nichts als Faden und Zwirn. Andere aber tragen ihr
Zeug, bis es alt ist, und lassen daran, was schadhaft ist; dann wird aus einem
kleinen Loch ein grosses, und in kurzer Zeit wird alles zu Fetzen, und man muss
neues Gewand kaufen, während ich immerfort mein altes trage und damit viel Geld
erspare. Hausfrauen, die nicht flicken und nähen können, verschwenden grosses
Geld und gehen doch wie aus dem Kot gezogen.«
    Als Elsbet solche Worte redete, wurden die Beiden Mädchen rot, und fingen
an zu weinen und sprachen: »Wir haben nicht so sauber nähen und flicken gelernt,
wie du. Das wird uns viel Schaden im Hause bringen, und wir sehen viel Leiden
voraus, und wir können es nicht ändern.« Und die Mädchen gingen traurig weg.
    Darauf erzählte Elsbet ihrem Manne das Gespräch mit den Freundinnen und
sagte, sie wolle beide nähen und flicken lehren, denn es erbarme sie, wenn die
beiden Mädchen sollten unglücklich werden.
    Oswald drückte seine gute Frau an sein Herz und sprach: »Damit wirst du dir
einen Segen Gottes verdienen und selber ein Segen dieses Hauses werden. Nicht
nur die beiden Mädchen lehre, sondern Alle, die von dir lernen wollen. Viele
Haushaltungen im Dorfe werden arm und elend bei aller Arbeit und Mühe, weil die
Weiber nicht die rechte Haushaltungskunst verstehen. Sie verstehen nicht, ihre
Gärten mit allerlei gesundem Gemüse zu bepflanzen, damit sie Abwechslung bei den
Speisen haben. Wollen sie einmal gut kochen, tun sie viel Speck und Fett und
Schmalz und Oel an, und kostet viel, und wird doch nichts Rechtes, sondern ein
ungesundes Essen. Die schlechte Nahrung setzt schlechtes Blut ab und böse Säfte.
Davon kommen Krankheiten, die kosten viel Geld, und mit dem Arbeiten geht es bei
kränklichen Leuten schlecht. - Eben so ist's mit den Kleidern. In den Dörfern
sind wohl Näherinnen, aber weil sie mit dem Nähen ihr Geld verdienen, hüten sie
sich wohl, Andere anzuweisen. Die nun nicht flicken und nähen können, gehen mit
Löchern in Aermeln und Strümpfen, oder so grob geflickt, dass das Geflickte ärger
dasteht, als das Zerrissene. Immer muss bald wieder Neues angeschafft werden, das
kostet viel Geld und macht arm. Es ist wohl himmelschreiend, dass nicht in jedem
Dorfe wenigstens eine brave, verständige Frau ist, eine Pfarrerin oder
Haushälterin des Pfarrers, eine Amtmannsfrau oder eine Müllerin, oder Eine, die
das Kochen und Gärtnen, das Nähen und Flicken versteht, und unentgeltlich die
Bauerntöchter unterrichtet. Das würde viel Geld und Wohlstand im Dorfe behalten,
und viele frohe, glückselige Ehen machen. Elsbet, geh', verdiene dir einen
grossen Gotteslohn.«
    So sprach Oswald.
    Und alsbald liess Elsbet freudig ihre zwei Freundinnen kommen, und zeigte
ihnen alle Tage in einer Feierabendstunde die Kunst, beim Nähen des Weisszeuges
feine, gleichmässige Stiche zu machen, abgeriebene oder schadhafte Stellen der
Kleider, oder Risse in denselben so säuberlich zu vernähen, dass man den Schaden
kaum sah. Sie lehrte sie, Hemden für Männer, Weiber und Kinder zuschneiden, mit
möglichster Benutzung der Länge und Breite der Leinwand, dass es nicht viel
Abfall gab; eben so Strümpfe aus Wolle und Baumwolle stricken, mit zierlichen
Zwickeln, oder die Löcher darin unsichtbar machen. Sie führte sie im Haus umher;
da war beständig aufgeräumt, denn Alles hatte seinen Platz, und wer etwas
gebrauchte, legte es sogleich wieder an den Platz, wohin es gehörte. Und sie
führte sie in den Stall und Keller; da war es reinlich und trocken, und weil man
immer gern säuberte, war nie darin auf einmal viel zu tun. Und sie führte sie
in den Garten, und lehrte sie allerlei Küchenkräuter säen und setzen, und wenn
sie reif waren, wie man sie bewahren und benutzen könne zu schmackhafter
Nahrung. Und sie führte sie in die Küche, und lehrte sie die Speisen sauber und
reinlich bereiten, und kochen mit wenigem Fett und einfacher Zutat, dass dennoch
alles sehr angenehm, nahrhaft und gesund ward. Zuweilen wurde sogar ein Braten
gemacht und kostete wenig. Elsbet hatte von der Mutter gelernt, in der
Geschwindigkeit allerlei Suppen zuzubereiten und das Fleisch auf allerlei Weise
zuzurichten, und für den Winter Bohnen, Sauerkraut, Kohl, Gurken und anderes
Gewächs einzumachen.
    Die beiden Mädchen wunderten sich sehr, denn sie hatten dergleichen bei
ihren Müttern nie gesehen, und freuten sich, wenn sie Hochzeit gehabt hätten,
wie sie ihren Männern gütlich tun wollten, ohne dass es mehr kostete, als sonst.
    Da sie nun andern Mädchen sagten, was sie bei der Schulmeisterin alles
erfuhren und lernten, und wie sie ganz wie die Elsbet werden wollten, kam von
den andern Mädchen eins um das andere zur Elsbet und bat, ebenfalls ein wenig
unterrichtet zu werden. Zuletzt ward es bei der Elsbet wie eine wahre Schule.
Denn weil Elsbet allen jungen Männern gefiel, wollten alle Mädchen wie Elsbet
werden.
    Oswalds Frau hatte wohl Anfangs etwas Mühe, hintennach aber befand sie sich
gar wohl dabei. Denn nun hatte sie viel Hülfe im Garten und im Stall, und Andere
mussten für sie zuweilen kochen, und Andere für sie feines Zeug nähen, wenn es
sonst nichts zu tun gab. Und man sah es schon folgendes Jahr vielen Gärten bei
den Häusern im Dorfe an, dass da neue Ordnung hineingekommen sei. Und eine
Nachbarin schaute der andern über den Hag, und sah, was sie pflanze oder säe,
und wie sie es mache, und bettelte um Setzlinge oder Samen. Danach, wie der
Sommer und Herbst kam, trugen viele Bauernweiber vom Überfluss ihres schönen
Gemüses zum Verkauf in die Stadt, und brachten schönes Geld wieder nach Hause.
Das machte allen grosse Freude, nur denen nicht, die es nicht so hatten. Die
gingen dann auch zur Elsbet und fragten um dies und das. Und Elsbet gab guten
Rat, und Alles, was sie wusste und, seitdem sie unterrichtete, noch selber
gelernt hatte. Sie tat das sehr gern, denn sie war herzgut, und Worte sind ja
nicht kostbar, zumal jungen Weibern.
    Das erwarb der Schulmeistern viele Liebe und angenehmen Ruf, und Jedermann
lebte ihr zu Gefallen. Und alle Welt im Dorfe hatte rechtes Mitleiden mit der
hübschen guten Frau, dass sie den Oswald zum Manne habe, weil er doch in die
Hölle müsse. Denn man wusste wohl, er sei ein Hexenmeister, der böse Künste
treibe und mit Leib und Seele verloren gehe.
 
  12. Wie der Löwenwirt auf die Nase fällt, und was sich weiter begeben hat.
Oswald mochte es anstellen, wie er wollte, man legte ihm alles übel aus. Wenn er
die Kinder lehrte, dass es keine Gespenster gäbe, sondern dass das nur Einbildung
furchtsamer und abergläubiger Leute wäre: so sagte man im Dorfe, er glaube weder
einen Gott noch einen Teufel. Oder wenn er den Kindern in der Schule die
giftigen Pflanzen in den Feldern und Wäldern zeigte, damit sie solche kennen und
sich vor dem Genuss der Beeren und Wurzeln hüten lernten: so sagte man im Dorfe,
er wolle die Kinder Giftmischerei lehren. Besonders lauerte ihm der Löwenwirt
Brenzel auf, und sammelte sorgfältig alle bösen Reden über Oswald.
    Als er endlich genug wusste, sprach er: »Ich weiss genug, um ihm den Hals zu
brechen. Er muss vor Gericht, und seine eigene Schwiegermutter, die Müllerin,
soll wider ihn zeugen und vor Gericht bekennen, was sie von ihm weiss. Als
Vorsteher ist es meine Pflicht, zu reden. Ich kann das nicht länger dulden, ohne
verantwortlich zu werden.«
    Also machte er sich eines Sonntags auf und legte seine Staatskleider an,
setzte den dreieckigen Hut recht majestätisch auf, nahm das spanische Rohr mit
dem silbernen Knopf, und ging mit breiten Schritten zum Dorf hinaus nach der
Stadt. Er sagte aber keinem Menschen ein Wort davon, dass er im Sinn habe, dem
Oswald bei der hohen Obrigkeit böses Spiel zu machen. Denn er fürchtete, wenn
der Hexenmeister Wind davon bekäme, der könne ihm Schaden zufügen, ehe er noch
zur Stadt gelangt wäre.
    Und wie er auf der Landstrasse allein ging, sprach er im Eifer laut mit sich
selber, als wenn er schon vor einem Herrn Ratsherrn stände; und er lief dabei
immer schneller, und fuhr im Zorn bald mit der rechten, bald mit der linken Hand
in der Luft herum, wie ein Pfarrer auf der Kanzel. Bei diesem Eifer kam im
Laufen der lange Stock zwischen die Beine, also dass er stolperte, und über den
Stock auf den Erdboden fiel. Der Hut flog weit hinweg, die Nase schlug sich
platt, und seine Beine stiegen hoch aufwärts, als wolle er gar auf den Kopf
stehen. Er stand ächzend und fluchend auf, und nahm seinen Hut aus dem Staube.
An seiner Stirn aber schwoll eine Beule, als wollte ein Horn heranwachsen, und
seine blutende Nase war blau, wie eine dicke Pflaume. »Das hat mir gewiss der
Oswald angetan!« dachte er, und fürchtete sich, weiter zu gehen, damit ihm
nichts Schlimmeres begegne.
    Indem er noch mit dem Schnupftuch das Blut von der Nase wischte, kam die
Strasse daher in vollem Galopp ein Herr zu Pferde, Hut und Rock mit goldenen
Tressen besetzt. Der hielt vor dem Löwenwirt still und fragte hastig: »Wohnt
dort im Dorfe ein gewisser Herr Oswald, und ist er zu Hause?«
    Der Löwenwirt sprach: »Ja, warum denn?«
    Der Fremde rief: »Der Erbprinz will ihn besuchen.« So sprach der Fremde und
jagte davon nach Goldental.
    Der Löwenwirt sperrte vor Verwunderung Maul und Nase auf und sagte: »Wa -
wa - was? Der Erbprinz? Ein Prinz zu dem Oswald?« Wie er dies sagte, fuhr im
Galopp ein prächtiger Wagen mit sechs Pferden daher, schöne Bediente vorn und
hinten auf. Darin sass ein junger Herr im blauen Oberrock, der hatte auf der
Brust einen silbernen Stern. Der Wagen fuhr vorbei nach Goldental.
    »Der Blitz und der Hagel!« schrie Brenzel: »Der Prinz will gewiss bei mir
einkehren. Ich bin nicht zu Hause, und nun fährt er zum Adler!« Brenzel lief,
was er konnte, ins Dorf zurück. Da geriet ihm abermals im vollen Sprung der
lange Stock zwischen die langen Beine, dass er wiederum zu Boden fiel, wie ein
Baum. Alle Rippen krachten ihm im Leibe, und seine Staatskleider waren grässlich
gesalbt. Er hinkte fluchend und langsam zum Dorfe. Da er vor seinem Hause keinen
Wagen sah, ward er voll Gift und Galle, denn er dachte, der Prinz sei beim
Adlerwirt Kreidemann eingekehrt. Er hinkte also weiter, aber er sah auch keinen
Wagen beim Adler. So ging er in sein Haus zurück, und keine Seele war darin. Er
legte andere Kleider an und wusch sein Gesicht, und erschrak, wie er sich mit
der faustdicken Nase und gehörnten Stirn im Spiegel erblickte, wiewohl man im
Spiegel wegen des Fliegenkotes nicht viel sah. Nun wetterte er, wie ein
grimmiger Löwe, auf seine Leute, die alle davon gelaufen waren. Da kam die Magd
ganz odemlos und rief: »Herr, beim Schulmeister ist ein lebendiger Kaiser
angekommen, oder wohl gar ein König! Das ganze Dorf ist vor Schulmeisters Haus
zusammengelaufen.«
    Brenzel wusste nicht, was tun; ging endlich aber doch hinaus vor
Schulmeisters Haus zu den Leuten. Nach einer halben Stunde kam der Erbprinz aus
der Haustür, und hatte Oswalden an der einen und Elsbeten an der andern Hand,
und war gar freundlich mit ihnen. Und wie er in den Wagen gestiegen war, reichte
er ihnen Beiden noch einmal die Hand zum Abschiede, und dann fuhr er im
sausenden Galopp davon, Reiter voraus. Alle Bauern hatten die Hüte ab und vor
Erstaunen das Maul auf.
    Nun war's im ganzen Dorfe ausgemacht, der Schulmeister könne mehr als Brod
essen. Der Prinz komme zu keinem Dorfschulmeister, bloss um ihn zu besuchen, und
sei um nichts und wieder nichts so freundlich mit ihm gewesen. Grosse Herren
brauchen viel Geld, und dazu brauchen sie Schatzgräber und Goldmacher und
desgleichen. Grosse Herren seien nicht immer die frömmsten, das wisse man wohl,
und machen sich nichts daraus, wenn sie schlimm aus der Welt gehen, sobald sie
nur gut in der Welt leben können.
    Diese und andere Reden gingen von der Zeit an im Dorfe, und vielen
verlumpten und verarmten Bauern im Kopfe herum. Und Viele wurden vertraulicher
und sprachen Einer zum Andern: »Wüsste ich nur, wie es anfangen, ich machte mir
nichts daraus. Ich verschriebe mich heute noch dem Teufel, wenn's sein müsste,
und wäre ich nur meine Schulden los und hätte Geld genug und vollauf. Ich wollte
es ganz anders machen, wie der Schulmeister. Der Schulmeister ist ein dummer
Teufel, dass er hier wohnt und lebt, wie unsereins. Ich führe, wie der Erbprinz,
mit sechs Pferden, Bedienten und Sternen, und hätte die Küche voll Braten, den
Keller voll Wein. Ja, noch heute gäb' ich meine arme Seele drum.«
    Solche ruchlose Reden führten die Leute ohne Scheu. Reichtum verdirbt das
Herz; aber die Armut verdirbt es nicht weniger. Und wenn Armut und Dummheit
und böse Lüste beisammen sind, ist des Teufels Kleeblatt fertig. So ist es in
manche Dorfe, und so war es leider auch in Goldental.
 
                            13. Der Goldmacher-Bund.
Oswald wunderte sich nicht wenig, wie von nun an bald Dieser, bald Jener zu ihm
kam, heimlich mit ihm reden wollte, und dann mit der gottlosen Sprache
herausrückte und sagte: »Oswald, du kannst Gold machen, das ganze Dorf weiss es.
Lehre mich es auch. Du verstehst die schwarze Kunst. Wenn der Teufel erscheint,
ich will mich gar nicht fürchten. Wenn er die Unterschrift mit meinem Blute
verlangt, ich will mich ihm mit Leib und Seele zuschreiben. Siehst du, es tut
mir Not, sonst tät ich's nicht.«
    Lange wusste Oswald nicht, was er zu der Verderbteit dieser Menschen sagen
sollte. Da ihrer endlich aber immer mehr kamen, und nicht mit Bitten nachliessen,
beschied er sie alle, doch jeden einzeln, auf eine und dieselbe
Mitternachtsstunde zu sich.
    Und alle kamen in der finstern Nacht, die er ihnen angesagt, zu seinem Hause
geschlichen, sobald es im Turm der Dorfkirche eilf Uhr geschlagen. Er führte
Jeden, wie er ankam, schweigend in eine finstere Stube. Es waren ihrer
zweiunddreissig Hausväter. Jeder erschrak entsetzlich, wenn er in der Dunkelheit
an den Andern stiess und etwas Lebendiges neben sich spürte. Denn Keiner wusste
von den Uebrigen. Vielen floss der Angstschweiss vom Gesicht, und einige hatten so
grosse Furcht, dass sie wieder davon gelaufen wären. Aber sie zitterten, es könne
ihnen dann das Lebenslicht ausgeblasen werden.
    So standen sie eine Stunde in tiefer Stille und Angst, und wagten kaum, zu
atmen. Da schlug's im Turm zwölf Uhr. Und mit dem letzten Glockenschlage ging
abermals die Türe auf. Es trat ein Offizier herein, prächtig gekleidet mit
hohem Federbusch und langem Säbel, auf der Brust einen Orden. Der trug in den
Händen zwei brennende Kerzen; die setzte er vor ihnen auf den Tisch. Als nun
Alle sich einander erkannten, schämten sie sich erst vor einander; denn sie
merkten, dass sie Alle aus gleicher Absicht gekommen wären. Und sie sahen wieder
auf den glänzenden Offizier, den sie für den bösen Geist hielten; aber sie
erkannten in ihm den leibhaftigen Oswald.
    Oswald hatte ein ernstvolles Gesicht und sprach: »Sehet mich nur an, ihr
Unglücklichen; nun erkennet ihr, wer ich bin. Ich treibe keine schwarze Kunst;
ich halte es mit Gott. Ihr aber seid längst von Gott abgefallen; ihr habet
gesoffen und geschwelgt; ihr habet betrogen und gelogen; ihr habet gestohlen und
verraten; ihr habet gespielt und Weib und Kind vergessen; ihr habet Teufelei
getrieben und Teufelswerk. Darum seid ihr arm und verzweifelt geworden.
Ehrlichkeit aber währt am längsten; Gottesfurcht macht reich. In Gottes Wegen
ist Gottes Segen. Ich will nicht reich sein, aber ich bin nicht arm. Wollt ihr's
nun haben, wie ich, so machet es wie ich.«
    So sprach Oswald, und zog einen grossen Beutel hervor und leerte ihn auf den
Tisch aus. Da fielen klingend eitel schöne Goldmünzen auf den Tisch, und rollten
umher und verblendeten die Augen. Die Bauern hatten in ihrem Leben so viel Gold
nicht beisammen erblickt. Ihre Herzen schlugen gewaltig.
    Oswald aber tat den Mund auf und sprach: »Wahrlich, ich sage euch, das hier
macht mich nicht glücklich, aber die Weisheit macht glücklich, mit der man dies
Geld erwirbt und benutzt. Ihr seid zu mir gekommen, ich sollte euch die Kunst
lehren, Gold zu machen. Ich will euch diese Kunst lehren. Sie ist die beste
Weisheit des Lebens, und mehr als das Gold selbst wert. Habet ihr die Weisheit,
so werdet ihr das Gold haben und es nicht mehr hochachten. Aber ihr kommet nicht
zu dem Glücke, ohne vorher geprüft worden zu sein. Und die Zeit der Prüfung
währt sieben Jahre und sieben Wochen. Wer ausharrt bis ans Ende, wird Freuden
über Freuden ärnten. Wahrlich, ich sage euch, wenn diese Zeit erfüllt ist, wird
Jeder von euch mehr Gold auf seinen Tisch werfen, als eure Augen hier sehen. -
Die Prüfung aber ist dem Gottlosen schwer und dem Sünder hart. Denn er muss sein
ganzes Herz umkehren und ein neuer Mensch werden.«
    Die zweiunddreissig Hausväter hörten in banger Stille die Worte Oswalds. Sie
betrachteten ihn alle mit starren Augen.
    »Wer von euch,« sprach Oswald, »die sieben Jahre und sieben Wochen der
Prüfung bestehen will, kann bleiben. Wer sich fürchtet oder im Glauben wankt,
gehe fort von hier.«
    Keiner ging.
    »Wohlan,« rief Oswald, »so müsst ihr mir vor dem allgegenwärtigen Gott
sieben Gelübde geloben, und solche während sieben Jahren getreu halten.«
    Erstens: Ihr müsst sieben Jahre und sieben Wochen lang alle Wirtshäuser
meiden, aber desto fleissiger zur Kirche gehen und Gottes Wort hören, und darnach
tun.
    Zweitens: Sieben Jahre und sieben Wochen lang keine Karten, keine Würfel
berühren, und nichts, womit man um Geld spielt.
    Drittens: Sieben Jahre und sieben Wochen darf kein Fluch, kein Scheltwort
aus euerm Munde gehen, auch keine Bosheit, Lästerung und unwahre Rede.
    Viertens: Sieben Jahre und sieben Wochen muss euer Tagwerk Gebet und Arbeit
sein. Morgens und Abends sollt ihr feierlich mit Weib und Kindern auf die Knie
fallen, zu Gott beten, eure Sünden bereuen. Euere Arbeit sollt ihr mit Fleiss und
Treue verrichten, keine Schulden mehr machen.
    Fünftens: Wer binnen sieben Jahren und sieben Wochen sich mit Wein und
Branntwein ein einziges Mal berauscht und vergeht, ist aus unserer Gemeinschaft
verstossen.
    Sechstens: Auf dem Acker, welchen ihr bauet, soll kein Unkraut wachsen, in
euern Wohnungen kein Unflat liegen. Euere Hütten und die Ställe des Viehes und
alles Geräte, was ihr habet, soll von Reinlichkeit glänzen. Daran werde ich
euch erkennen.
    Siebentens: Euer Leib soll sein ein Tempel Gottes, darum keusch, züchtig und
ehrbar; auch von aller Unreinigkeit frei an Haut und Haar und Gewand. So auch
bei Kindern. Das soll unser Zeichen sein.
    »Wer nun diese sieben Gelübde geloben und halten will, der trete hervor und
reiche mir die Hand zum Bunde. Dem Schwachen wollen wir helfen.«
    Als Oswald so gesprochen hatte, traten die Zweiunddreissig einer nach dem
andern hervor, jeder reichte dem Oswald die Hand über den Tisch voller Gold, und
sprach: »Ich will!«
    »So geht denn heim in Frieden und wendet euch noch vor Schlafengehen im
Gebet zu Gott, dass er euch Stärke verleihe, das Gelübde zu halten. Wahrlich,
wahrlich, ich sage euch, wenn die Zeit erfüllt ist, wird Jeder mehr Gold auf
seinen Tisch werfen, als eure Augen hier sehen!« So sprach Oswald, und ermahnte
die Leute, von Allem, was sie diese Nacht gesehen und gehört hätten, keinem
Menschenkinde etwas zu verraten, ja sogar selbst nie von dem zu reden, noch auf
das zu deuten, was diese Nacht angehe.
    Damit entfernten sich die Zweiunddreissig in grosser Stille. Unterwegs sprach
Keiner mit dem Andern ein Wort. So voll waren sie von allen dem Wunderbaren, das
sie vernommen hatten. Sie hatten ganz andere Dinge erwartet zu erleben, und
gerade das Gegenteil erfahren. Mancher, wenn er an die Gelübde dachte, fühlte
zwar Bangigkeit, denn sie waren auch gar zu streng. Aber das Geheimnisvolle, und
die sieben Jahre und sieben Wochen, und die Reden des Oswald, und der Tisch voll
Goldes, und der prächtige Offizier mit dem Orden auf der Brust und die schwarze
Mitternachtsstunde, das konnte Keiner wieder vergessen, und es war wie ein
seltsamer Traum.
 
                      14. Die Leute verwundern sich sehr.
»Was gibt's denn, Velten? Kaspar, was gibt's denn?« fragte der alte lahme
Wächter, als er am andern Tage durchs Dorf entlang ging: »Was gibt's denn? Kommt
wieder ein Prinz oder Kaiser, oder gar ein Bürgermeister aus der Stadt? Was ist
denn los, dass ihr so aufputzet?« So fragte er, und man lachte.
    Es fiel aber wirklich vielen Menschen auf, und war in vielen Häusern ein
sonderbares Leben. Da wurden Fenster gewaschen, Fussboden gescheuert, Türen
gesäubert, Tische, Schemel und Bänke gefegt. Sogar vor den Häusern wurde Alles
in Ordnung gebracht, Schutt und Unflat auf die Seite geschafft, und allem, was
herum lag, ein besserer Ort gegeben. Die zweiunddreissig Hausväter wussten es
wohl, sagten aber nichts. Denn sie dachten: in sieben Jahren haben wir alle
Kisten und Kasten voll Geld.
    Als Oswald die Geschäftigkeit der armen Leute sah, sprach er zu Elsbet:
»Ich weiss nicht, ob ich darüber traurig werden oder lachen soll. Denn siehe, was
die Leute nicht aus eigenem Gefühl, nicht aus Liebe zu Weib und Kind, nicht aus
Liebe zu Gott, nicht aus Not und Ueberzeugung früher getan haben, das tun sie
jetzt aus abergläubischer Furcht und Hoffnung. Wie töricht sind doch die
Menschenkinder! - Aber sie sollen durch den Aberglauben zur Erkenntnis der
Wahrheit, und durch ihre Verderbteit zur Rechtschaffenheit eingehen.«
    Die Verwunderung im Dorfe ward aber von Woche zu Woche grösser. Denn die
Wirtshäuser wurden fast leer. Sonntags hörte man auf der Kegelbahn weder Kegel,
noch Flüche, noch Gelächter. Kartenspiel und Würfel rührte fast Keiner mehr an.
Den Wirten ward im Keller das Bier sauer, weil es Keiner mehr trank. Von Wein
und Branntwein hatten sie nur einen geringen Absatz. Die meisten Leute blieben
daheim bei Frau und Kindern, oder gingen auf die Felder und besahen ihre wenigen
Aecker und berieten, was in der Woche daran zu machen und zu bessern sei. Die,
welche vormals zu den lustigen Brüdern gehörten, taten jetzt gar ernstaft und
altklug; die, welche sonst ein wüstes Leben führten, waren in der Kirche sehr
andächtig. Die, welche sonst gern herumlagerten und müssig gingen, waren jetzt
vom Morgen bis zum Abend an der Arbeit, im Taglohn oder auf ihren Feldern.
    Der Adlerwirt, wenn er Sonntags seine leeren Bänke und Tische beschaute,
brach vor Wehmut fast in Tränen aus. »Sind denn die Leute alle verrückt
geworden im Kopf?« schrie er. »Was für ein Kukuk ist ihnen in den Leib gefahren.
Das kann so nicht gehen. dabei kann kein Ehrenmann länger bestehen. Es muss im
Dorfe andere Ordnung werden. Das ist schändliche Ordnung!«
    Der Gemeindsvorsteher Brenzel sagte: »Wenn das Unwesen so fortgeht, muss ich
die Wirtschaft aufgeben. Aber ich merk' es wohl, das ist ein infames Komplott
gegen mich. Man will mich zu Grunde richten. Aber ehe das geschieht, soll das
Dorf zu Grunde gehen. Wenn ich nur dahinter kommen könnte, wer diese Teufelei
angerichtet hat.«
    Sogar dem Herrn Pfarrer war die Sache aufgefallen. Er rechnete nach und
fand, dass die Aenderung so vieler Menschen angefangen hatte seit dem Sonntag, da
er eine sehr lange Predigt über die christliche Wiedergeburt durch den Glauben
gehalten hatte. Er meinte, damit habe er Alles ausgerichtet, und sagte es auch.
Nun aber verfolgten ihn seit einiger Zeit die Gemeindsvorsteher, wo sie konnten,
und die Wirte spielten ihm allerlei böse Streiche hinterrücks, und gingen fast
gar nicht mehr zur Kirche.
    Der Adlerwirt, um sein saures Bier anzubringen, verkaufte es um halben
Preis; er schwefelte seinen Wein, und machte ihn süss, und bezahlte alle Sonntage
Spielleute, die mussten lustig aufspielen. Aber von den zweiunddreissig
Hausvätern, ihren Söhnen und Töchtern kam Niemand.
    Der Löwenwirt suchte gleichfalls seine Kunden wieder an sich zu locken,
tat freundlich, schenkte Manchem umsonst ein und fragte: »Warum kommst du gar
nicht mehr trinken?« Sie antworteten: »Wir haben kein Geld!« - Dann rief er:
»Ei, Dummheit! Ihr wisset ja, ich bin nicht so streng, und borge schon. Ihr seid
mir lange gut genug.« - Aber die Leute kamen doch nicht.
    Da geriet der grimmige Löwe in Wut und sprach: »Wenn ihr mir' s so macht,
will ich euch die Faust auch zeigen. Ihr sollt an den Löwenwirt Brenzel glauben
lernen!«
 
     15. Die Schuldbücher werden aufgetan. Die Sparkasse und die Garküche.
Nun schlich bald der Eine, bald der Andere von den armen Leuten, die zu dem
Goldmacherbund gehörten, in das Haus des Schulmeisters, und klagte seine Not
und sprach: »Siehe, Oswald, meine Gelübde, so schwer sie sind, halte ich sie
doch pünktlich. Nun ist's ein halbes Jahr, ich bete und arbeite. Nun ist's ein
halbes Jahr, ich spiele, saufe und zanke nicht mehr. Mein Haus ist schön
säuberlich, Weib und Kind gehen reinlich. Keiner kann über mich klagen. Aber die
Ortsvorsteher plagen mich auf allerlei Weise. Ich bin dem und diesem von ihnen
schuldig. Nun drohen sie, mich aus meinem Hause zu treiben, wenn ich ihnen nicht
zahle, oder nicht bei ihnen trinke. Hilf mir, Oswald, sonst kann ich das Gelübde
nicht halten. In sechs und einem halben Jahre habe ich Geld vollauf; strecke mir
eine Summe vor, ich will sie dir dann wieder zahlen.«
    Oswald antwortete: »Das vierte Gelübde heisst: Beten, arbeiten, keine
Schulden mehr machen. Ich darf dir also kein Geld borgen. Aber lass sehen, wem
und wie viel du schuldig bist; dann wollen wir nachdenken, wie aus der Not
kommen.«
    So sprach er, nahm eine Schreibfeder und Papier, setzte sich hin und schrieb
das auf, was man ihm antwortete, wenn er fragte. Er fragte aber Jeden einzeln:
»Wem bist du schuldig? Wie viel und mit welchem Zins? Wofür hast du die Schuld
gemacht, und hast du Unterpfand gegeben?«
    Nachdem er die ganze Schuldsumme des Mannes kannte, fragte er wieder: »Womit
willst Du bezahlen? Wie viel kannst du, oder können Weib und Kind in der Woche
mit Taglohn verdienen? Wie viel Land und Vieh hast du, und was kannst du wohl in
mittlern Jahren von dem verkaufen, was du ärntest? Wie ernährst du dich mit den
Deinigen? Was brauchst du zur Nahrung in einer Woche, in einem Tag? Wie steht es
mit den Kleidern und Wäsche und Gerät? Was muss angeschafft werden, und wo kann
man ohne Schaden sparen?«
    Das alles schrieb Oswald von Jedem sorgfältig auf. Nun kam die lüderliche
Haushaltungsordnung erst recht ans Tageslicht. Denn Mancher wusste nicht einmal
genau, wie viel er schuldig war, und hatte nichts aufgezeichnet. Da musste man
sich erst bei den Gläubigern erkundigen. Mancher war drei, vier, fünf Zinse zu
bezahlen rückständig. Da musste man erst für diese sorgen. Mancher musste an
Gemeindsvorsteher, von denen er in der Not Geld entliehen hatte, acht, auch
zwölf vom Hundert verzinsen. Da musste Oswald in die Stadt gehen, an drei und
vier Prozent Geld aufnehmen, und gut dafür sprechen, damit die Wucherer bezahlt
wurden, und nicht mehr durch Wucher einen armen Mann zu Grunde richten konnten.
Mancher hatte wohl gar mehr Schulden als Vermögen. Da war schwer helfen. Doch
sprach Oswald Allen Mut ein und sagte: »Sparen und arbeiten soll euch mit
Gottes Hülfe schuldenfrei machen. Folget nur in allen Dingen meinem Rat!«
    Nun erst sah er von diesen Leuten, wie schlecht sie gehauset hatten; und
dies tat den Leuten nun selbst in der Seele weh. Nun erst erfuhr Jeder, was er
nach Abzug aller Schulden von seinem Vermögen, als wahres Eigentum, betrachten
könne. Das war oft blutwenig, und ihnen schauderte die Haut vor Angst und
Entsetzen darüber. Nun wollten Alle sparen, Alle arbeiten. Aber wie sollten sie
es anfangen?
    Oswald hatte unbeschreiblich viel Mühe. Aber die Mühe machte ihm Freude,
weil er ein wahrer Menschenfreund war. Er machte Jedem ein Haus- und
Schuldenbüchlein, worin Jeder den Zustand seines Vermögens deutlich sah. Dann
ging er wieder in die Stadt, und suchte für Kinder und Erwachsene Arbeit von
allerlei Art. Das gelang ihm nach und nach. Und was so mit Taglöhnen verdient
wurde, das musste wöchentlich aufgeschrieben und aufgespart werden. Einige gaben
das Geld dem Oswald in Verwahrung; Andere gaben es ihm wöchentlich, um damit
nach und nach ein für sie aufgenommenes Kapital abzutragen.
    Als dies Mehrere taten, und Oswald am Ende hundert und mehr Gulden
beisammenliegen sah, dachte er: »Wozu soll dies Geld da todt und ohne Nutzen
liegen? Wenn es jährlich Zins trüge, hülfe es den armen Leuten ohne ihre Mühe
schon wieder zu einem kleine Gewinn und verminderte die Schuld.«
    Also machte er sich ein Buch und schrieb hinein, was Jeder wöchentlich von
seinem Verdienst in die Ersparnisskasse zurücklegte. Dann ging er in die Stadt
und beredete einen rechtschaffenen Herrn, dass er monatlich das ersparte Geld,
wären es auch nur zehn oder zwanzig Gulden, annehmen und auf Zins austun wolle.
Es wäre zum Besten armer, sparsamer Leute. Der Herr, welcher ein reicher
Kaufmann war und gern das Gute beförderte, nahm das Geld und tat es an Zins,
und wenn am Ende des Jahren die Zinsen einkamen, tat er sie wieder als ein
kleines Kapital aus, also, dass die Zinsen wieder Zinsen eintragen mussten. Oswald
aber schrieb in sein Ersparnisskassenbuch zu Hause immer auf, wie viel jeder von
seinen Leuten an den Zinsen Anteil habe.
    Es war aber ein grosses Glück, dass die Leute und ihre Kinder, da sie Arbeit
bekamen, auch arbeiten konnten, und fast nie krank wurden. Das war sonst nicht
so. Denn wenn sie sich ehemals am Sonntage vollgesoffen hatten, waren sie am
Montage nicht zum Arbeiten aufgelegt, und hatten Kopfweh und Uebelkeit. Und weil
sie sich insgesammt oft kämmten, wuschen, und gar reinlich hielten, waren sie
von allen Uebeln und Krankheiten befreit, welche die natürlichen Strafen und
Folgen der Unreinlichkeit sind.
    Wie nun Oswald den mit ihm Verbündeten erzählte, dass er eine Ersparnisskasse
errichtet habe, und dass das Geld, welche sie ihm wöchentlich zum Aufbewahren
brächten, Zinsen tragen müsse, erstaunten sie gar sehr und freuten sich. Und
Jeder sah im Buche nach, wie viel Geld er schon zusammengebracht habe, und wie
viel Zins er am Ende des Jahres dafür zu erwarte habe. Anfangs hatten nur wenige
Haushaltungen dem Oswald ihr Geld gebracht. Nun aber sagten es die Einen den
Andern. Und wie Einer hörte, der Andere habe schon fünfzehn, zwanzig und dreissig
Gulden und mehr zurückgelegt, wurde er missvergnügt und wollte es auch so haben,
und nahm sein weniges Geld und trug es auch zum Oswald und sprach: »Ei, Lieber,
warum hast du mir nichts von der Ersparnisskasse gesagt? Lege mein Geld, das ich
wöchentlich entbehren kann, auch hinein, es sei viel oder wenig. Denn wenn ich
es im Hause habe, will es sich nicht vermehren, sondern es schwindet immer. Hat
man es, so verbraucht man es wieder. Drum besser, aus den Augen, aus dem Sinn!
Kann ich's nicht so haben bei dir, so kann ich noch lange nicht an Abzahlen
meiner Schulden denken.«
    So brachte nun Jeder alle Woche Etwas, das er von seinem Verdienst erübrigen
konnte, und Einer bemühte sich mehr, als der Andere, in die Ersparnisskasse zu
legen. Einige wurden so begierig, dass sie beinahe Weib und Kind hungern liessen,
um desto mehr Geld zusammenzuscharren.
    Das verdross den Schulmeister, und er hob an zu reden: »Es ist wohl gut, dass
ihr mässig seid, aber Weib und Kind müssen nicht hungern. Wer wohlgenährt ist,
der hat auch Kraft und Mut, zu arbeiten. Freilich, manche Frau, die auch wohl
im Felde arbeiten, oder sonst Geld verdienen könnte, muss jetzt zu Hause bleiben,
und ihre Zeit beim Kochen verlieren. Wäre für jede Haushaltung von selbst schon
Gekochtes da, so würde man kein Holz kaufen und bezahlen, oder es mit
Zeitverlust im Walde zusammenlesen müssen, sondern man könnte vielleicht sogar
jährlich von dem Gabenholz, das die Gemeinde gibt, an Andere verkaufen und Geld
daraus lösen. dabei wäre schön zu sparen. Aber wir müssen das auf andere Weise
anfangen.«
    »Ihr wisset, wir haben in teuren Zeiten elende Sparsuppen gegessen. Warum
sparten wir damals, da wir nichts hatten, und nicht weit lieber jetzt, wo etwas
zu sparen wäre? - Wir haben jetzt Erdäpfel, Obst und Mehl und Brod und Fleisch
in wohlfeilerm Preis. Wir können jetzt mit demselben Gelde, wie in der teuren
Zeit, bessere Kost haben und viel ersparen. Wenn jetzt Einer für uns Alle kocht,
ersparen viele Frauen Zeit, und können auf andere Weise arbeiten und verdienen.
Unter dreissig Kesseln und Häfen braucht es zwanzigmal mehr Holz an einem Tage,
als unter einem einzigen Kessel für dreissig Haushaltungen. Das begreift ihr;
dabei ist Gewinn. Aber wo für viele Menschen zusammen gekocht wird, ist auch an
Salz und Schmalz und Zutat und Geschirr Ersparnis. Lasset uns einen Versuch
machen.«
    So sprach Oswald. Viele wollten; Andere wollten nicht. Oswald ging zum
Müller und beredete ihn, die Sparsuppe zu kochen, und dreimal wöchentlich
Fleisch dazu, besonders zum Verkauf. Diejenigen, welche dazu einstanden, sagten,
wie viel Suppe und Fleisch sie täglich begehrten; es waren ihrer zuerst
siebenzehn Haushaltungen.
    Nun musste der Reihe nach jede Haushaltung, eine um die andere, wenn der Tag
an sie kam, das Holz zum Kochen, und beim Kochen einen Aufwärter oder Gehülfen
geben. Die Müllerin führte beim Kochen die Aufsicht. Alle Tage war Abwechslung
in Suppe und Gemüse. Wer kein Geld hatte, konnte seine Portionen mit Mehl, Obst,
Gemüs und Erdäpfeln zahlen. Das ward Keinem zu schwer. Nur wer Fleisch nahm,
zahlte Geld dafür. - Die Frau Müllerin verstand das Kochen. Die andern
Bauernweiber und Mädchen, wenn der Tag an sie kam, da sie helfen mussten, lernten
viel dabei, was sie vorher nicht wussten.
    So geschah, dass die zusammenstehenden Familien, wozu auch der Schulmeister
und der Müller gehörten, besser und nahrhafter assen, als andere Leute im Dorfe
und doch weit wohlfeiler. Alle Tage Suppe und Gemüs dazu, dreimal wöchentlich
Fleisch und Braten auf allerlei Art zugerichtet. - Wie dies die Andern sahen,
dass es da keine Säutränke oder elende Sparsuppen gab, und dass es noch für kranke
Personen und Genesende gesunde Nahrung nebenbei gab, traten sie auch bei, und
Viele, die gar nicht zum Goldmacherbund gehörten. Denn sie merkten bald, dass da
viel an Holz, Mühe und Zeit, viel an Speisezutat erspart und Alles weit
wohlfeiler gemacht werden konnte.
    Es wurden für die Garküche der Müllerin endlich der Teilhaber zu viel,
obgleich sie täglich mehrere Gehülfinnen erhielt. Da legte der Adlerwirt zu
seinem Vorteil auch eine solche Küche an. Aber alle, die zum Goldmacherbund
gehörten, blieben beim Müller. Sie hatten die verständigsten Hausväter unter
sich ausgeschossen, die mussten den Ankauf der Vorräte und deren Verwendung
beaufsichtigen. Denn die Garküche sollte keinem Einzelnen zum Gewinn dienen,
sondern Allen zum Vorteil gereichen.
 
16. Wie sich die Wirtshäuser im Dorfe vermindern, und was die alten Bauern dazu
                                     sagen.
In der Küche des Adlerwirts ging es anders zu. Er kochte Sausuppe. Davon wollte
Keiner essen. So blieben seine Kunden weg, weil sie nicht ihr teures Geld dafür
geben wollten. Sie traten unter einander zusammen, und wollten es machen, wie
die Leute bei der Müllerin. Aber es ging nicht, weil keine Ordnung war und weil
Einer den Andern betrog. Da lachte der Adlerwirt und freute sich, dass es bei
Andern nicht besser ginge, als bei ihm.
    Bei ihm ging es aber doch schlechter als bei Andern, weil er ein
harterziger, schlechter Mann war. Er hatte viel Geld auf böse Weise
zusammengescharrt; aber unrecht Gut gedeiht nicht. Wenn in der teuren Zeit
Steuern und milde Gaben für die armen Leute nach Goldental gekommen waren,
damit man Sparsuppen kochen und austeilen könne, hatte er die Gemeindsvorsteher
beredet, lieber das baare Geld an die armen Leute auszuzahlen. Dann trat er mit
dem Löwenwirt zusammen, und sie verkauften den armen Leuten Mehl und Brod in
ganz ungeheuerm Preise. So kam das Geld alles wieder in ihren eigenen Sack
zurück. Wenn Leute im Dorfe von ihrem Heu, Vieh oder liegende Gütern aus Not
etwas öffentlich an die Steigerung bringen wollten, so trat er mit dem
Löwenwirt und andern Vorstehern zusammen, und sie machten Satz mit einander, um
alles wohlfeil zu bekommen. Sie boten erst kleine Summen, und legten etwas zu.
Dann trat einer nach dem Andern zurück, und bot nicht mehr, weil es zu viel und
die Waare zu schlecht sei. So sagte Einer nach dem Andern. Und weil man sie für
die verständigsten Männer hielt, getraute sich kein Anderer, mehr zu bieten. So
bekamen sie die Sachen wohlfeil. Wenn aber doch ein Anderer klug war und mehr
bieten wollte, schreckte man ihn mit Drohworten, zumal wenn ein solcher ihnen
schuldig war; und sie sagten: »Hast du Geld genug für so schlechte Waare, und
willst du meinen Freund überbieten: so verlange ich, du sollst mir vorher deine
Schuld bezahlen.«
    So machte es der Adlerwirt. Aber unrecht Gut gedeiht nicht. Er war ein
stolzer und zornmütiger Mann, und hatte beständig Händel und Prozesse vor
Gericht. Sogar mit seinen Brüdern und Schwestern hatte er einen Rechtsstreit
gehabt, weil er sie in der väterlichen Erbschaft durch Betrug und List bei der
Teilung sehr verkürzt hatte. Viele Leute im Dorfe waren von ihm durch das
Prozessiren zu Grunde gerichtet worden.
    Ueberhaupt war die Streitsucht in Goldental eine Hauptursache von der
Verarmung des Dorfs gewesen. Denn so lange die Leute noch im Wohlstand waren,
wollten sie grosstun; wer einen Prozess zu führen hatte, meinte, er habe etwas
Grosses und Ehrenvolles, weil Jedermann mit ihm davon sprach. Dann kamen
arglistige Advokaten und hetzten noch mehr auf, weil sie gern durch die Dummheit
und Prozesswut der Bauern Verdienst hatten. Die prozesslustigen Leute waren dann
so sehr auf ihre Sache erpicht, dass sie tausendmal schworen, lieber Alles daran
zu setzen, als nachzugeben. Das gefiel den Advokaten sehr wohl. Da wurden die
Prozesse durch allerlei Kunst in die Länge gezogen, Jahr ein Jahr aus; da wurde
replizirt, triplizirt, appellirt und den einfältigen Leuten das Geld aus dem
Sack herausgeführt, bis der Handel zehnmal mehr gekostet, als er wert war. Wer
dann verlor, schimpfte über Parteilichkeit der Richter und sog an den
Hungerpfoten. Die Advokaten aber assen Braten.
    Seit Oswald ins Dorf gekommen, hatte er viele Leute vom Prozessiren
abgehalten. Denn wenn ihn Einer um Rat befragte, richtete er es immer so ein,
dass die Sache in der Güte abgetan wurde. Und er redete und sprach: »Einst
fanden zween Hunde, die sich auf einem schmalen Steg über dem Wasser begegneten,
ein Stück Fleisch auf dem Brücklein. Und sie gerieten in Streit, wem es
gehöre.« Ein dritter Hund, der das Fleisch auch gern gehabt hätte, kam dazu und
sagte bald diesem, bald jenem ins Ohr: »Gib nicht nach. Es gehört dir von
Rechtswegen allein!« Also fingen die Beiden an, sich zu raufen und zu beissen,
bis Beide in der Balgerei hinab ins tiefe Wasser fielen. Dann ging der Dritte
gemächlich zum Fleisch und frass es, und sah zu wie die Andern schwammen. So geht
es den streitführenden Parteien in Prozessen.
    »Rechtaberei kostet viel Geld, und bringt Spott und Schande nach. Wer einen
Prozess anhebt, hat schon die Hälfte von dem verloren, was er gewinnen will.
Boshafte Advokaten sind wie die zwei Schneiden einer Scheere; sie vereinigen
sich, um das zu trennen, was man zwischen beide legt. Wenn du am Ende Alles
gewinnst, hast du doch mehr verloren, als dir ersetzt werden kann: Zeit und
Arbeit, wohl gar an der Gesundheit Schaden genommen durch Verdruss und Aerger,
Furcht, Sorge und schlaflose Nächte.«
    So sprach Oswald. Der Adlerwirt aber fragte ihn nie, sondern hatte fast
alle Jahre einen neuen Prozess. Die vielen Unkosten und Geschenke an Advokaten
und Schreiber, die vielen Läufe und Gänge und Reisen brachten ihn nach und nach
um das Seinige. Als er nun einen Streit gegen eine benachbarte Gemeinde verlor,
den er mit derselben wegen einer alten Eiche geführt hatte, von der er
behauptete, sie stände auf seinem Lande und gehöre nicht der Gemeinde, so kam er
in grosse Not. Denn die Eiche hatte ihn über tausend Gulden gekostet, und er
wusste nicht, woher das Geld nehmen, weil er mehr auf Haus und Land schuldig war,
als man glaubte. Und da er überall Geld aufnehmen wollte und nichts erhielt,
gerieten die in Sorgen, denen er schon schuldig war. Und sie begehrten zurück,
was sie ihm geborgt hatten. Also blieb ihm nichts übrig, als all sein Gut den
Gläubigern heimzuschlagen. Er musste Haus und Hof verkaufen. Das war die Folge
seiner Prozesssucht.
    Weil er seine Felder schlecht besorgt hatte, gingen sie in mässigen Preisen
ab. Da die Leute nicht mehr häufig ins Wirtshaus gingen, weil sie entweder kein
Geld hatten, oder keins versaufen wollten, brachte auch die
Wirtshausgerechtigkeit nicht viel ein. Der Käufer des Hauses, als er sah, dass
Niemand bei ihm einkehren und Geld verzehren wollte, stellte das Wirten ganz
ein. So blieb nur der Löwenwirt noch Meister; denn die andern Wirte und Bier-
und Weinschenken hatten gar nichts mehr zu verdienen, und die Wirtschaft schon
früher aufgegeben.
    Einige alte Bauern schüttelten den Kopf und sprachen: »Es ist doch böse Zeit
und wir sehen wohl, unser armes Dorf geht gänzlich zu Grunde. Vorzeiten hatten
drei Wirte und noch einige Bier- und Weinschenken bei uns vollauf zu tun;
jetzt ist kaum Nahrung für einen einzigen vorhanden! Wohl ist das eine Schande
für unser Goldental, und ein Beweis, wie schlecht es bei uns steht.«
    Oswald aber sprach zu ihnen und sagte: »Mit nichten, ihr guten Leute!
sondern nun habe ich Hoffnung, dass es bei uns bald besser gehen werde. Ich bin
viel in der Welt umhergereiset, und habe viele Dörfer gesehen. Wo die meisten
Wirtshäuser waren, da habe ich immer die meiste Armut gefunden. Und wo kein
Wirtshaus war, als etwa, Reisende zu beherbergen, da sah man einen gewissen
Wohlstand in den Häusern. Die Wirte hängen nicht umsonst in ihre Schilde das
Bild eines Raubtieres aus, Löwen und Adler, Bären und Falken, - die Tiere
leben von Gut und Blut der Gemeinde. Sie hängen ein goldenes Kreuz aus, weil sie
Gold haben wollen, und den Leuten Kreuz und Kummer dafür lassen. Sie hängen
einen goldenen Engel aus, aber es ist ein böser Engel, der Rekruten wirbt für
das Zucht- und Armenhaus und Gefängnis.
    Wir haben im Dorfe nur noch ein Wirtshaus, aber nur zu viel daran. Stände
es nicht da, ständen die Nachbarshäuser besser. Wer am Wirtstische die
Spielkarten nicht braucht, kauft sich eine Bibel und Gotteswort ins Haus. Wer
nicht bei den Zechern um teures Geld Kopfweh kauft, freut sich daheim bei Weib
und Kind unentgeldlich. Wer dem Wirt kein Geld zahlt, behält es im Sack. Es ist
mehr Ehre, im eigenen Keller eine Flasche Wein, als im Wirtskeller ein ganzes
Fass voll zu haben.«
    So redete Oswald, und die alten Bauern nickten mit dem Kopf, denn sie
merkten wohl, er habe nicht Unrecht. Aber der Löwenwirt wollte bersten vor
Zorn, zumal, da er hörte, dass Oswald den goldenen Löwen ein Raubtier geheissen
hatte. Und er würde dem Oswald gern einen Prozess angehängt haben, wenn es
möglich gewesen wäre. Aber der Schulmeister war klug, nahm sich in Acht und ging
dem grimmigen Löwen überall aus dem Wege, und liess denselben brüllen und
schmähen.
 
        17. Vom Blitzstrahle im Pfarrhause und dem neuen Herrn Pfarrer.
Zu dieser Zeit war in einer Nacht ein erschreckliches Gewitter. Der ganze Himmel
stand in Flammen. Der Donner rollte, dass die Häuser bebten und die Fenster
klirrten. - Wenn die Bauern das ganze Jahr ruchlos blieben, so beteten sie doch
allemal beim Gewitter recht laut, und bereuten ihre Sünden von ganzem Herzen so
lange, bis das Wetter vorüber war. Dann lebten sie wieder wie vorhin.
    Plötzlich fuhr mit entsetzlichem Krachen und Prasseln der Blitz ins Dorf. Er
fiel wie ein Feuermeer auf das Pfarrhaus; doch zum Glück zündete er nicht und
beschädigte Niemanden. Aber am folgenden Morgen sah man, wie der Blitz das ganze
Dach zerschmettert hatte, und der alte Herr Pfarrer war vom Schrecken so hart
befallen worden, dass er nach wenigen Tagen starb.
    Da schimpften die Goldentaler auf die Regierung, und sagten: »Die Regierung
ist an dem ganzen Unglück Schuld. Denn hätte sie nicht verboten, beim
Hochgewitter mit der Glocke zu läuten, so wäre das nicht geschehen. Sonst hat
man doch das Wetter, wenn es kam, wegläuten können; jetzt ist das verboten. Die
grossen Herren haben keine Religion mehr im Leibe. Nun haben wir das Unglück.« -
So sprachen die Goldentaler.
    Oswald aber sagte: »Wie denket ihr doch in euerm Herzen so töricht, und
sprechet mit euerm Munde so lästerlich. Die Regierung hat den Blitz nicht auf
das Dach des Pfarrhauses gezogen, sondern der metallene Knopf mit der eisernen
Wetterfahne hat es getan. Denn es hat Gott in die Natur des Blitzes gelegt,
immer dem Wasser oder den Metallen auf der Erde nachzugehen, besonders den
metallenen Spitzen. Das hat Gott getan, auf dass der Mensch erkenne, wie er sich
vor der Gewalt des Bljetzt verwahren könne. Denn sobald der Blitz Metalle findet,
an denen er bis in den Erdboden dringen kann, ist er unschädlich.«
    So sprach Oswald, und führte die Bauern auf das Dach des Pfarrhauses. Da
sahen sie Alle in dem vergoldeten Knopf kleine eingeschmolzene Löcher, und
sahen, wie der Blitz den aufrechtstehenden Nägeln der Hohl- und Eckziegel am
Dache nachgelaufen war, bis unter das Dach zu einem Eisendraht, an welchem man
vor der Haustür zu klingeln pflegte, wenn man zum Herrn Pfarrer wollte. Weil
nun der Blitz solch einen eisernen Weg zur Stunde gefunden, war das übrige Haus
von ihm verschont worden, und ein kalter Schlag geblieben, wie die Bauern
sagten. Er wäre aber, hätte er jenes leitende Eisenzeug nicht gefunden, wohl
leicht ein gar heisser Schlag geworden.
    Oswald sprach ferner: »Weil die Kirchtürme hohe Spitzen tragen und viel
Eisenwerk im Innern, geschieht es oft, dass der Blitz sie trifft. Und weil daher
schon mancher arme Mensch beim Gewitterläuten erschlagen worden ist, hat die
hohe Obrigkeit das unnütze und abergläubige Läuten verboten.«
    So sprach Oswald; und weil er merkte, dass sich seit der Zeit viele Leute vor
dem Blitzstrahl mehr als vorher fürchteten, tat es ihm leid. Und er sprach:
»Angst und Schrecken beim Gewitter sind ein Unglück; das Gewitter selbst ist ein
Segen des barmherzigen Gottes für die Länder, deren Lüfte er reinigen und deren
Boden er befruchten will. Darum legt euern Kummer ab. Gehet hin, befestiget auf
dem Giebel eures Hauses eine eiserne Spitze, eines Schuhes hoch; knüpfet daran
einen eisernen Draht, nicht dicker als die Spule einer grossen Schreibfeder, der
muss über das Dach herab bis zur Erde gehen in eine feuchte Stelle. So habet ihr
dem Blitz einen Weg gemacht, auf dem er unschädlich zur Erde fährt, wenn der
Draht ein einziges Stück ist von oben bis unten, und ihr ihn sauber haltet von
allem Rost und Schmutz. Ein Blitzableiter ist ein Furchtableiter, und bewahrt
zugleich Haus und Dorf gegen ein mögliches Unglück und Feuersbrunst durch den
Strahl.«
    Also redete der Schulmeister, und setzte auf sein eigenes Haus eine
Eisenspitze mit dem daran herabhängenden Draht (denn Elsbet fürchtete sich
stark bei Gewittern). Der Müller hatte dergleichen schon längst in der Stadt
gesehen und tat es auch. Viele Bauern folgten dem Beispiel nach, denn es
kostete nicht viel und half doch zur Beruhigung.
    Andere aber nahmen in ihrer Dummheit daran grosses Hindernis und sagten:
»Heisst das nicht, unserm Herrgott nach den Augen stechen und ihm Gesetze
vorschreiben? Kann er nicht mit seinen Blitzen treffen, wen er will? Werden die
vielen Wetterstangen nicht die fruchtbringenden Gewitter verhindern und
schlechte Witterung machen?«
    Da antwortete der Schulmeister und sprach: »Ihr Toren, die Wetter Gottes
gehen über tausend Spitzen der Bäume des Waldes, wie über kahle Ebenen; und
seine Blitze befruchten den Erdboden, sie mögen in den Wipfel der Eiche oder in
Eisenstäbe, oder in See'n, Flüsse und Meere fallen. Aber der Herr gab uns
Einsicht, auf dass wir uns bewahren sollen vor dem Schaden, den die herrlichste
Sache am unrechten Ort stiftet. Das Feuer ist mit Licht und Wärme wohl ein
herrliches Ding, aber nicht wenn das Haus brennt. Darum gab uns Gott das Wasser
zum Löschen des Feuers. Brauchet ihr nun das Wasser zum Löschen des Feuers,
warum traget ihr Bedenken, das Eisen zum Löschen des Blitzes zu gebrauchen? Es
ist kein Uebel in der Welt, Gott hat uns dagegen ein Mittel gegeben. Aber der
Mensch soll es erkennen und mit Dank empfangen. Wer nun in blinder Verstockteit
das Mittel verschmäht, ist ein Verächter von Gottes teuersten Gaben, und leidet
gerechte Strafe, es sei, dass sein Haus verbrenne von der Flamme des Feuers, oder
dass sein Haupt vom Blitzstrahl getroffen werde.«
    Viele glaubten an diese verständige Reden. Andere aber, die Blöden und
Hochmütigen, verachteten solche Worte in ihrem Herzen, und wollten nicht
zugeben, dass es der Schulmeister besser verstehe, als sie; denn sie schämten
sich dumm zu sein, und wollten ihrer Unverständigkeit das Ansehen der Klugheit
verleihen.
    Die Stelle des verstorbenen Herrn Pfarrers blieb nicht lange unbesetzt. Der
neu erwählte Herr Pfarrer Roderich, damals noch ein junger Mann von
siebenundzwanzig Jahren, kam ins Dorf.
    »Ei!« riefen einige Bauern: »was soll uns dieser Knabe? Wenn die Regierung
keinen Glauben mehr hat, so soll sie uns doch bei unserm Glauben lassen, und
einen würdigen Mann schicken, der Jahre und Erfahrung hat.« Andere sprachen:
»Der Herr Pfarrer ist auch einer von der neuen Mode. Gott sei es geklagt. Wenn
er predigt, spricht er so wie unsereins, und man kann wahrhaftig alles begreifen
und behalten. Das taugt nichts. Er ist nicht gelehrt genug und sollte mehr
lernen. Da muss man den alten Herrn Pfarrer selig in Ehren halten. Das war ein
ganz anderer Mann! Der predigte so schön und gründlich gelehrt, dass ihn
unsereins nur nicht verstand, und wenn er andertalb Stunden auf der Kanzel war.
Der wusste unsereins herzunehmen, wenn er von der Hölle und ewigen Pein anfing
und von Busse und Glauben, und wenn er das ganze Sündenregister hersagte. Zumal
im Winter, wenn es in der Kirche fror, dass man hätte Ach und Weh schreien mögen,
dann machte er's am längsten!« - Wieder Andere sagten: »Ja, der alte Herr selig,
das war ein Mann! Wenn er auf der Kanzel stand oder beim Altar, da war doch von
seiner grossen, breiten Gestalt etwas zu sehen. Der neue Herr Pfarrer ist viel zu
schmal, und dünn wie ein Zwirnfaden. Ja, und wenn der alte Herr selig einmal
eifern wollte, hörte man ihn weit übers Dorf hinaus richtig beim Vieh auf der
Almende; und den Leuten, wenn sie aus der Kirche kamen, klangen die Ohren zwei
Stunde hernach. Der hatte eine Stimme! Aber der neue Herr Pfarrer spricht so,
als wäre er bei uns in der Stube.«
    So urteilten die Leute zu Goldental, doch auch nicht alle.
 
                     18. Noch etwas von dem neuen Pfarrer.
Es gab auch Leute im Dorfe, die sahen wohl, dass der Pfarrer Roderich ein recht
frommer, würdiger und gelehrter Mann war, ungeachtet seiner Jugend, ein Mann
nach dem Herzen Gottes. Ja, wenn man ihn lange beobachtete, ward einem zu Mute,
als wäre er mehr als ein gewöhnlicher Mensch, und von wahrhaft himmlischer
Abkunft. Denn er war leutselig und doch voll Ernstes; er war demütig, und
flösste doch in seiner Demut grosse Ehrfurcht ein. Er schalt nie, er zürnte nie,
und war immerdar voll Sanftmut und Geduld; und wenn er tadelte, hörte man nur
die Stimme der Liebe, die den Verirrten zurechtwies.
    Als er in Goldental angekommen war, besuchte er alle Familien im Dorfe und
machte sich mit allen bekannt. Nachher verging kein Tag, dass er nicht bald in
dieses, bald in jenes Haus ging. Er verstand da die rechte Kunst, Vertrauen zu
erwecken. Immer wusste er guten Rat zu geben, immer die Bekümmertem zu trösten,
das Herz der Frechen zu bewegen und zwischen Streitenden Versöhnung zu stiften.
Gleichwie Christus der Herr, ward auch er bei armen Leuten gesehen, oder bei
denen, die im schlechtesten Ruf standen und wegen der Ruchlosigkeit ihres
Herzens bekannt waren.
    Und wenn er Sonntags auf die Kanzel trat und redete, war es ein wunderbares
Wesen. Denn Jeder glaubte, der Herr Pfarrer rede und predige nur zu ihm allein.
Jeder hörte gleichsam da die Geschichte seines eigenen Herzens, das Geheimnis
seiner eigenen Fehler, und die wahren Ursachen, wie man zu denselben gekommen
und von Gott abgefallen sei, und die Art und Weise, wie man wieder zum
himmlischen Vater zurückkehren müsse. Und dabei wies er immer auf Jesum Christum
und die Heiligen Gottes, als die Vorbilder des Wandels zu Gott. Das erweckte
dann in jedem Zuhörer grosses Nachdenken, weil Jeglicher meinte, es sei nur von
ihm die Rede. Und man vergass die Jugend des Lehrers, und seine zarte Gestalt,
und die Mildigkeit seiner Stimme. Denn seine Worte waren Himmelsworte, die da an
das Herz drangen mit Süssigkeit und Entsetzen.
    Als der Herr Pfarrer zum ersten Male die Schule des Dorfes besuchte, um ihre
Einrichtung kennen zu lernen, machte die Reinlichkeit, Stille und Ordnung der
Kinder, wie sie kamen, ihm grosse Freude. Wie nun aber Oswald auf die Knie fiel
und die ganze Schule niedersank zum Gebet, rührte ihn der schöne Anblick der
betenden Jugend. Und er kniete und beugte sich vor Gott, und die hellen Tränen
flossen bei Oswalds Gebet von seinen Augen. Und er blieb liegen, als Oswald
geendet hatte, und streckte die gefalteten Hände zum Himmel und sprach: »Mein
Vater im Himmel, höre auch mein Gebet und Seufzen! Bleibe mit deiner Gnade
gegenwärtig diesen unschuldsvollen Kindern, dass sie sich nie von dir verlieren;
bleibe, bis es bei ihnen Abend wird, und du sie aus der Welt voll Prüfungen
hinwegrufst an dein Vaterherz. Dann, o dann, Barmherziger! vergib um Jesu willen
auch mir meine Sünden, dass ich knien darf mit diesen verklärten Engeln um deinen
Tron, und drüben keiner fehle von uns. Und segne den Lehrer dieser frommen
Jugend, segne sein Wort und Werk, dass er mächtig bleibe durch deine Macht, dein
Reich herrlich zu erweitern!«
    So sprach er; dann stand er auf und sagte zu den Kindern: »Liebe Kindlein,
betet fleissig für diesen euern Lehrer, dass ihn Gott euch erhalte; denn wahrlich,
dieser Mann ist euer Vater, und ohne ihn wäret ihr trostlose, verlassene arme
Waisen!« - Dies und anderes Schöne redete er; und die Knaben und Mägdlein
schluchzten laut, und hatten nun den Schulmeister noch viel lieber, als sonst,
denn sie bedachten, er könne ihnen einst sterben. Und viele falteten die Hände,
und sahen still und stumm mit betenden Augen durch die fallenden Tränen gen
Himmel!
    Und als endlich die Morgenschule vollendet war, ging der Herr Pfarrer zum
Schulmeister und umarmte ihn vor allen Kindern und drückte ihn an sein Herz und
sprach: »O du frommer und gerechter Mann, du säest Saaten, die dir herrlich in
der Ewigkeit aufblühen; lehre mich deinem Beispiele nachfolgen, denn du hast
vieles getan und ich noch so wenig. Und wenn ich je den Mut verlieren sollte,
will ich herkommen und mich zu den Kindern setzen, und will werden wie sie,
hoffend, glaubend, liebend, und mich durch den Anblick deines Beispiels und
deiner Beharrlichkeit stärken.«
    Das war ein rechter Feiertag für alle Kinder im Dorfe gewesen. Sie hatten
zwar den Oswald und die Elsbet schon vorher lieb gehabt von Herzen. Nun sie
aber gesehen hatten, wie grosse Ehrfurcht selbst der Herr Pfarrer ihren Lehrern
bewies, betrachteten sie Oswalden und Elsbeten recht wie höhere Wesen, und in
ihre Liebe mischte sich eine wunderbare Hochachtung.
    Pfarrer Roderich war kein halbes Jahr im Dorfe, so war er schon der rechte
Hausfreund und Ratgeber der meisten Familien. Von ihm kam allezeit die beste
Meinung, der beste Trost. Die Mühseligen und Beladenen fanden bei ihm
Erquickung. In den Hütten sprach er als ein irdischer Freund. Sonntags aber ward
den Leuten immer zu Mut, als sei der liebe, heilige Mann gestorben, und er rede
in der Kirche als ein Verklärter, der aus den Himmeln gekommen oben herab, und
wolle sie nachziehe in das Ewiglich-Schöne.
    
    Und er tat den Armen viel Gutes; man wusste es nur kaum, so bescheiden tat
er das Gute. Und wo Kranke waren, fehlte er nicht. Er hatte in seinem Hause eine
kleine Apoteke von einfachen Hausmitteln. Daraus half er oft. Er las gern die
Schriften der Aerzte, und wusste vieles zu heilen, ohne grosse Kunst. So ward er
nicht nur ein geistlicher, sondern auch ein leiblicher Arzt der Seinen. Das
brachte ihm grosses Vertrauen und vielen Gehorsam. Also tat er, wie Christus der
Herr und seine Jünger, und heilete die Kranken und predigte das Reich Gottes.
    Und so geschah, dass er die unwissenden Leute von allerlei abergläubigen,
sympatetischen und oft grundschädlichen Mitteln in Krankheiten abgewöhnte. Sie
liefen nicht mehr zu den Kapuzinern um geweihte Zettel, nicht mehr zu den
Henkern, Scharfrichtern, Wasserbeschauern und Quacksalbern. Denn er forderte für
seine Mühe und Arznei kein Geld, und half doch besser, als zwei Pfuscher. Wenn
aber eine Krankheit zu wichtig und schwer ward, mussten die Leute sogleich auf
seinen Rat zu einem erfahrenen und gelehrten Doktor in die Stadt senden.
Anfänglich sträubten sich zwar viele dagegen und hatten mehr Zutrauen zu einem
alten Weibe oder einem verschmitzten Harngucker, als zu einem rechtschaffenen
Mann, der die Arzneikunst gründlich erlernt hatte; oder sie liefen von einem
Doktor zum andern, wenn die Arznei von dem einen nicht jählings half, und
gebrauchten allerlei Mittel durch einander, dass das Uebel immer schlimmer werden
musste. Der Herr Pfarrer aber wusste die Leute bald auf andern Sinn zu bringen,
denn er musste es wohl besser verstehen, da er selber im Heilen Erfahrung hatte.
Das brachte ihm Vertrauen und Gehorsam.
    Er wusste auch sonst noch viele Dinge, die man bei ihm nicht vermutete. Er
war ein geschickter Bienenvater, und wusste die Bienen aufs beste zu pflegen, vor
Unfall zu hüten und ihnen gesunde Nahrung zu bereiten, wenn es daran fehlen
wollte. Er hatte seine Bienenstöcke aber nicht lange bei sich, sondern
verschenkte sie an die ärmsten Haushaltungen, und lehrte diese, wie sie die
nützlichen Tiere besorgen mussten. Nur behielt er sich vor, wenn es neue
Schwärme gab, sie aufzufangen und denen zu geben, die noch keine besassen, bis
fast alle Familien mit Bienen versehen waren. Und weil er die Sache meisterlich
verstand, gedieh sie bei Allen. Da ward viel Honig und Wachs zur Stadt getragen
und schönes Geld dafür heimgenommen. Und mit der Zeit ist Goldental im ganzen
Lande berühmt geworden durch seinen Bienenstand, also dass aus entlegenen
Ortschaften die Käufer kamen, und den Preis des Wachses und Honigs im Dorfe
steigerten, weil jeder den Goldentaler Honig pries. Und sie hatten Heerden, für
die sie kein Land und Futter gebrauchten, sondern die auf ihren zarten Flügeln
über Felder und Wälder schwärmten und ihren Besitzern Gold ins Haus trugen.
    Und wie der Herr Pfarrer diese und andere löbliche Einrichtungen in den
Häusern machte, so machte er auch dergleichen in der Kirche. Hier aber hielt es
fast schwer, besonders bei den alten Leuten, die sehr hartnäckig am Alten
hingen. Wenn die Gemeinde in der Kirche sang, war es ein gewaltiges
Durcheinanderschreien, ohne Lieblichkeit und Wohllaut. Jeder schrie aus
Leibeskräften um die Wette mit dem Nachbar, als sollten die Fenster springen und
die Gewölbe des Tempels zerbersten. Die Leute wurden dabei zuweilen von der
Anstrengung kirschbraun im Gesicht.
    Schon Oswald hatte gegen dieses andachtlose Zetergeschrei viel geredet; aber
er redete in den Wind und hatte das Ansehen nicht. Darum liess er die ältern
Leute gehen, und hielt es mit den jüngern und Kindern. Die lehrte er feinen,
lieblichen Gesang, vierstimmig, dass es recht erbaulich und rührend anzuhören
war. Die Bauern und ihre Weiber hörten recht gern zu; doch sie meinten, das sei
wohl gut in der Schule, aber nicht in der Kirche, und liessen es beim alten
Geschrei bewenden.
    Da griff es der Herr Pfarrer anders an. Ob er gleich die alten Lieder in
Ehren hielt, teilte er doch, als Anhang zu den alten Liedern, in den
Haushaltungen ein kleines Büchlein mit; das entielt allerlei schöne Gebete in
Versen für solche Fälle, die in den alten Liedern fehlen mochten. Und dies
Büchlein war dasselbe, was die Kinder schon längst in der Schule gehabt und
gesungen hatten. Das war den Alten schon recht, denn es kostete sie nichts.
    Nachdem manche Woche und mancher Monat vergangen war, hielt eines Sonntags
der Herr Pfarrer eine bewegliche Predigt über den Nutzen der Feierlichkeit beim
öffentlichen Gottesdienst. Und er sprach von König Davids heiligem Harfenspiel
und vom Halleluja der Engel am Trone Gottes. Und jeder Bauer verspürte, dass er
bisher nicht mit gehöriger Andacht gesungen habe, wie die Engel Gottes singen.
Dann sagte der Herr Pfarrer zuletzt: »Der Heiland hat gesprochen: lasset die
Kindlein zu mir kommen, und wehret ihnen nicht. Also wollen wir auch unsern
Söhnen und Töchtern nicht wehren, zum Heiland zu kommen. Und alle Sonntage
sollen sie zuerst, ehe wir singen, einen Satz aus dem Anhang singen zu unserer
Herzenserweckung; künftigen Sonntag das erste Mal.«
    So sprach er. Und am nächsten Sonntage war die Kirche gedrängt voll; und an
den schwarzen Tafeln der Kirchtüren stand erst ein Vers aus dem Anhang, dann
ein altes Lied angezeichnet. Die Leute hatten von selbst das Anhangbüchlein
mitgebracht. Und es scholl der Gesang der Jugend wie sanfter Engelgesang durch
die Kirchengewölbe. Es wurden viele Leuten vor Rührung die Augen feucht, die
Herzen warm. Manche von den Alten sumseten leise und heimlich das schöne Lied
nach. Dann ward von der ganzen Gemeinde das alte Lied gesungen. Der Herr Pfarrer
sprach aber zuvor: »Ihr Männer, lieben Brüder, und ihr christlichen Frauen,
vergesset nicht, dass unser Gott allgegenwärtig ist, und er euch höret, ob ihr
gleich vor ihm sanft singet, wie Harfen Davids.« So sprach er. Die Gemeinde
sang, und so sanft, dass man die schönen vierstimmigen Töne der jungen Leute hell
und deutlich dazwischen hörte. Das klang wunderlieblich. Und wenn ein altes Weib
einmal allzulaut hineinkreischte, stiess sie der Nachbar an, sie solle die
Andacht nicht stören.
    So ging es manchen Sonntag. Und jeden Sonntag mischten mehrere von den Alten
ihre Stimmen zu dem Gesang der Jugend, denn er gefiel ihnen wohl. Zuletzt sang
die gesammte Gemeinde leise mit, sogar der Herr Pfarrer. Oft geschah, dass man
bloss aus dem Anhang singen musste.
    Wenn Fremde aus der Stadt oder aus benachbarten Dörfern einmal von Ungefähr
in die Goldentaler Kirche kamen und dem Gottesdienste beiwohnten, ward ihnen
wundersam zu Mut. Und sie waren andächtiger hier, als anderswo. Und im ganzen
Lande redeten sie davon.
 
   19. Glück führt oft zur Unglücks-Schwelle, Unglück oft zur Glücks-Quelle.
In denselben Tagen aber begab sich ein grosses Unglück im benachbarten Dorfe
Ferkelhausen, wo am hellen Tage eine Feuersbrunst ausbrach, während die Leute
dort auf dem Felde gearbeitet hatten. Zwar aus Goldental, wie aus andern
naheliegenden Ortschaften, war man sogleich zur Hülfe dahin geeilt. Allein
binnen wenigen Stunde lagen sechs Wohnhäuser von den Flammen in Schutt und Asche
verwandelt, und einige Stücke Viehs blieben in den Ställen lebendig verbrannt.
Solches Unheil war durch Unvorsichtigkeit von Kindern gestiftet worden, die in
einem der Häuser zurückgelassen worden waren, als sich die Erwachsenen zur
Arbeit auf ihre Aecker und Wiesen begeben hatten. Die Kinder hatten in der Küche
mit der Kohlenglut auf dem Herde gespielt. - Ein Unglück kömmt selten allein,
sagt man. Und diesmal war's der Fall.
    Als Abends die Goldentaler vom Löschen heimkamen, sahen sie vor der
Haustür des Adlerwirts Kreidenmann einen Haufen Weiber, Knechte, Mägde
versammelt. Einige trockneten sich die Tränen vom Auge, Andere seufzten
mitleidig; Alle standen ernst und niedergeschlagen da. Aus dem Hause aber
erschollen Stimmen lauten Jammers und Wehklagens. Denn das jüngste vierjährige
Töchterlein hatte auf entsetzliche Weise sein junges Leben eingebüsst. Es war
hinter dem Hause, beim Stalle, in die Mistjauche gefallen, und elendiglich in
der stinkenden Pfütze ertrunken. Jedermann hatte das Kind lieb gehabt, denn es
war artig und hübsch, wie ein kleiner Engel, gewesen. Darum sah man überall so
grosses Herzeleid.
    Als Herr Pfarrer Roderich zwei Tage nachher beim Begräbnis des Mägdleins
rührende Worte des Trostes gesprochen hatte, begab er sich zu seinem Freunde
Oswald und sagte: »Lieber Freund, gute Worte sind allerdings löblich; aber gute
Taten viel löblicher. Es ist besser, Unglück verhüten, als darüber trösten. Es
ist unverantwortlich, dass Leute zur Feldarbeit gehen und ihre unmündigen Kleinen
ohne Aufsicht zu Hause sich selbst überlassen! Es ist unverantwortlich, weil
unverständig, gegen alle Aelternpflichten gesündigt, und gefahrvoll für sie
selbst und Andre. Warum richtet man bei uns kein Bewahrhaus der Unmündigen ein,
keine sogenannte Kleinkinderschule, wie man in vielen Städten und Ortschaften
hat? Das ist ja gar nicht kostspielig; erspart den Aeltern Angst und Sorge, wenn
sie, um Geld zu verdienen, von Hause sich entfernen müssen, und beugt manchem
Jammer und Elend vor.«
    Oswald schüttelte den Kopf. Er gestand, er habe von dergleichen
Bewahrhäusern, oder Kleinkinderschulen nie gehört, noch weniger solche gesehen.
Dessen verwunderte sich der Herr Pfarrer sehr. Er erteilte ihm darüber Auskunft
und sagte: man gebe die Kinder, welche noch nicht alt genug wären die Schulen zu
besuchen, der Aufsicht einer verständigen Frau. Diese hüte und besorge die
Kleinen den ganzen Tag über, während die Aeltern ausser Hauses in der Arbeit
wären; spiele mit ihnen in der Stube, oder, bei gutem Wetter, im Freien; gewöhne
sie zur Reinlichkeit und zum Gehorsam; lehre sie im Spielen mancherlei
Nützliches; und gebe ihnen zu essen, was man Morgens für sie geschickt hätte.
    Es hörte Oswald die Worte des Pfarrers mit grosser Aufmerksamkeit; schüttelte
dann aber mit bedenklicher Miene den Kopf, und sprach: »Die Bauern hier zu Lande
sind noch etwas rohes Volk. Viele Aeltern sind gewissenlose Menschen, die sich
um ihre Schweine, Ziegen und Kühe weit mehr, als um ihre eignen armen Kinder
bekümmern. Ich fürchte, sie würden, wenn sie ihre Kleinen anderswo aufgehoben
wissen, ihre Aelternpflicht noch mehr vergessen lernen! - Dann aber, glaub' ich
auch, taugt es nicht, dass man die kleinen Geschöpfe, ehe sie das sechste Jahr
zurückgelegt haben, schon zum Lernen anhalte. Es ist zu früh. Man muss, in so
zartem Alter, vor allen Dingen nur für Pflege ihrer Gesundheit, und für Stärkung
ihrer schwachen Kräfte Sorge tragen.«
    Der Herr Pfarrer konnte diesen Einwürfen des vorsichtigen
Gemeinde-Vorstehers nicht ganz unrecht geben; doch tat er die Gegenfrage: Ob
sich denn die Aeltern von ihrem Pflichtgefühl und ihren Kindern wohl mehr
entwöhnten, wenn sie diese, statt ohne alle Aufsicht, den ganzen Tag unter guter
Obhut und Aufsicht liessen? Und, fügte er hinzu: auch ist keine Rede davon, dass
die jungen Geschöpfe dort schon Lesen, Schreiben, Rechnen lernen, oder was sonst
in der Schule gelehrt wird; sondern sie sollen beim Spielen nur allerlei Dinge
erfahren, nennen und kennen lernen, die auch ihrer zarten Jugend nützlich sind,
und neben Uebung ihrer geringen Leibeskräfte auch zur Vorübung ihrer
Verstandeskräfte dienen können. Dazu führte der würdige Pfarrer manche Beispiele
aus Bewahrhäusern an, die er selber gesehen, und bewies die Wohltat solcher
Anstalten so sonnenklar und deutlich, dass Oswald ihm endlich ganz überzeugt Hand
und Wort darauf gab, der Plan müsse ausgeführt werden.
    Und von Stund' an überlegte und sann Oswald, wie die Sache am besten
anzustellen sei? Er besprach sich mit dem braven Schullehrer Johannes Heiter,
der neulich geheiratet hatte, und dessen junge Frau geneigt schien, unter
Elsbets und ihres Mannes Rat und Beistand, die Aufsicht zu übernehmen. Er
sprach mit dem Adlerwirt Kreidemann, der in seinem Hause einen grossen Saal
besass, welcher allsonntäglich sonst mit Trinkern und Karten- und Würfelspielern
gefüllt war, jetzt aber leer stand; dazu befand sich auch hinter dessen Hause
ein geräumiger Baumgarten, der zum Tummelplatz für Kinder dienen konnte. Er
sprach mit den Beisitzern des Gemeinderats; mit den zweiunddreissig geheimen
Bundesgenossen, und vielen Andern im Dorfe. Er nicht allein, sondern überall war
ihm auch der tätige Seelsorger in der Gemeinde mit Rat und Tat und Zuspruch
zur Hülfe.
    Nachdem nun Alles und Jedes bedächtig eingeleitet und vorbereitet war, trat
Oswald an einem Sonntag-Nachmittag vor der versammelten Gemeinde auf, redete und
sprach: »Ihr Männer, liebe Mitbürger, vor wenigen Wochen haben die Rauchsäulen
und Feuerflammen von Ferkelhausen uns schreckhaft gewarnt, junge Kinder, welche
noch nicht zur Schule geschickt werden können, tagelang ohne Beaufsichtigung zu
lassen. Gedenket des grässlichen Todes, welchen das Töchterlein eines unserer
Mitbürger sterben musste, als es im unbedeckten Jauchebehälter ertrank! Viele
andere ähnliche Unglücksfälle könnten angeführt werden und können wohl gar Euch
selbst noch bevorstehen. Ich habe gelesen, wie eine Frau, die, um einige Stunden
ausser dem Hause zu arbeiten, ihr zweijähriges Kind in der Wiege festband, und in
Kot und Unflat liegen und schreien liess, bis es einschlief. Als aber die
Rabenmutter zurückkam, stürzte ihr durch die Stubentür des Nachbars Schwein
entgegen. Sie fand die Wiege blutig; das arme Kind todt darin, und halb
aufgefressen.
    Deshalb lasst uns tun, um ähnliches Unglück zu vermeiden, wie anderer Orten
geschieht. Da schicken die Leute, welche bei ihren Geschäften im Hause, oder im
Felde, oder in den Fabriken nicht selber auf die Kinder Acht haben können,
dieselben zu einer verständigen Person im Dorfe. Die gibt ihnen die Nahrung,
welche von den Aeltern mitgeschickt worden ist. Die hütet und bewacht die
unruhigen Kleinen; hegt und pflegt sie, spielt mit ihnen, und hält sie
säuberlich bis der Abend kömmt.«
    Oswald schilderte das Alles ausführlich, also, dass der Vorschlag Vielen
einleuchtete. Besonders waren sämmtliche Bauern in dem Punkt wohl zufrieden
damit, dass es ihnen gar nichts kosten solle, ausser was sie den Kindern jeden Tag
zum Essen mitgeben würden. Denn der Adlerwirt sei bereit, um billigen Zins
seinen grossen Saal und den Baumgarten herzuleihen; und die junge Frau des
Schulmeisters Heiter willig, um mässigen Lohn die Aufsicht zu übernehmen. Zins
und Lohn werden aus der Gemeindekasse, und Beiträgen einiger hablichen Leute
bestritten werden. Man solle es doch nur wenigstens auf einen Versuch ankommen
lassen.
    Auch der Herr Pfarrer sprach dann sein lehrreiches und frommes Wort dazu:
dass man die Kindlein, mit welchen Gott die Aeltern gesegnet und erfreut habe,
nicht schon von der Wiege an, wie unvernünftige Tiere, in Kot und Unflat
solle verwildern, sondern frühzeitig an Zucht und Gehorsam, Liebe und
Gottesfurcht gewöhnen lassen. Darum habe schon Christus der Herr gerufen:
»Lasset die Kindlein zu mir kommen und wehret ihnen nicht.«
    Nach diesen Reden, zu denen auch einige andere verständige Männer ihren
Beifall vernehmen liessen, und sagten, man lässt ja Pferde, Ochsen und Schafe
hüten, dass sie nicht Schaden nehmen und Schaden stiften: warum denn nicht unsre
armen lieben Kinder? willigten die Versammelten in den Vorschlag ein; doch blieb
jedem überlassen, wer Lust dazu habe, sich, für seine Kleinen, beim Schulmeister
Heiter zu melden und einschreiben zu lassen.
    In den ersten Wochen war die Anzahl der Unmündigen gering, welche man dieser
neuen Anstalt anvertraute. Allein das Beispiel der Einen zog bald die Andern
nach, zumal da selbst bemittelte Haushaltungen keinen Anstand nahmen, ihre
Allerjüngsten dahin zu geben. Frau Heiter war sogar endlich genötigt,
Gehülfinnen anzunehmen, die sich freiwillig dazu erboten und abwechselnd
Beistand leisteten. Auch Elsbet und Oswald zeigten sich dabei sehr tätig, bis
Alles im rechten Gang war; nicht minder der gute Pfarrer und mancher
rechtschaffene Hausvater im Dorfe. Anfangs liefen viele Mütter neugierig dahin,
das fröhliche Leben in der Bewahrschule zu schauen, und sie konnten die artige
Einrichtung nicht laut genug loben und rühmen.
    Aber es war recht lustig, das muntere Getümmel und Treiben der Heerde von
Kindern zu sehen; wie die Einen mit einander spielten, die Andern beisammen
plauderten; Andre umherhüpften und tanzten; Andre zankten; Andre schliefen;
Andre assen; Andre um die Aufseherin standen, kleine Geschichten zu hören, die
sie ganz kindlich erzählte.
    Gab dann die junge Frau Heiter mit einem Glöckchen das Zeichen, ward Alles
still. Mädchen und Bübchen nahmen durch einander auf niedrigen, langen Bänken
ihren Sitz. Dann zeigte ihnen ein Lehrer, oder die Lehrerin, allerlei Dinge vor,
einen Vogel im Käfig, ein Kleidungsstück, eine Kugel, einen Degen, eine
Feldfrucht und dergleichen, und fragte um den Namen solcher Dinge, oder sprach
den Namen vor, und alle sprachen ihn nach. So lernten sie vielerlei Sachen
kennen und nennen; das heisst, sie lernten reden. Auch hörten sie gern, wozu man
dies und das gebrauche, wozu es nützen oder schaden könne, und wovon es
verfertigt sei.
    Recht erbaulich war es zum Beispiel mit anzuhören, wenn sich, während die
Kleinern Spiele machten, die Grössern um die Lehrerin stellten; diese dann einen
Bogen Papier in die Höhe hielt, und fragte: wo das Papier wachse? und Alle gar
altklug über die Frage lachten und riefen: »Nein, Papier wächst nicht auf den
Aeckern; es wird von Menschen gemacht.« Dann aber ward ein Lumpen von Linnenzeug
vorgewiesen und erzählt, wie daraus auf der Papiermühle Papier bereitet werde;
dann wie Flachs und Hanf auf den Aeckern wachse, gebrecht, gehechelt, gesponnen
und zu Leinwand gewoben, und wenn diese verbraucht wäre, zu Papier benutzt
würde. Das unterhielt und belustigte die wissbegierigen Kleinen sehr; sie bekamen
dabei noch allerlei zu sehen, wie Samen, Pflanze, Flachs, Zwirn u.s.w.
    War's Wetter irgend leidlich, trieb sich die jugendliche Horde lärmend,
schwärmend, singend, springend im Garten umher, oder ward in Reih' und Glied
aufgestellt, Soldaten zu spielen. Die Schulmeisterin ward General; machte
Hauptleute aus denen, die schon bis 10 und 20 abzählen und anführen konnten;
liess sie marschiren, links und rechts schwenken, und mit ihren einzelnen Reihen
bald ein Dreieck, bald ein Viereck, bald einen Kreis u.s.w. bilden. Das gab
immer Jubel; und immer neuen Wechsel der Spiele. Niemand war dabei besser mit
Rat und Tat zur Hand, als der würdige Pfarrer.
    Seitdem ist in Goldental allezeit eine Bewahrschule der unmündigen Kleinen
beibehalten worden. Schon nach Jahr und Tag gaben die Aeltern gern einen
geringen Beitrag zum Wochenlohn der Lehrerinnen, oder Abwärterinnen. In
Ferkelhausen und andern benachbarten Dörfern folgte man dem Vorgang der
Goldentaler bald nach; denn man sah, wie dort die Kinder, auch die ärmsten,
viel reinlicher, gehorsamer, gesünder und verständiger wurden, als anderswo.
    So musste das Unglück einer Feuersbrunst und eines ertrunkenen Mägdleins, zum
grossen Glück und Segen vieler Haushaltungen gereichen.
 
               20. Was man von den Goldentalern im Lande redet.
In der Stadt und in den umliegenden Dörfern gab es über die Goldentaler
mancherlei Gespräch. Diese Leute hatten bisher immer Lumpen geheissen, waren als
Saufbrüder bekannt, als lüderliche Vögel, als Schuldenmacher, denen man keinen
Heller anvertrauen mochte. Nun war es gar sonderbar, dass es bei ihnen im Dorfe
gar nicht aussah, wie bei armen Leuten. Ihre Häuser waren sauber und reinlich;
eben so Alles in schönster Ordnung auf der Gasse, hinter den Häusern und in den
Gärten. Es war bei ihnen artiger, als in den reichsten Dörfern. Man sah im
Sommer die Männer, Weiber und Kinder schon früh Morgens auf den Feldern. Da
trugen und streuten die Einen den Dünger, Andere jäteten Unkraut aus. Immer
hatten diese Leute etwas zu tun. Und es war eine Lust, sie arbeiten zu sehen.
Es ging ihnen alles gar geläufig von der Hand. Brauchte man in der Stadt
Taglöhner, so fragte man am liebsten nach Goldentalern. Gingen die Bürgerfrauen
zum Einkaufe auf den Markt, so gingen sie am liebsten zu den Goldentalerinnen.
Denn diese waren immer sehr nett, in frischen weissen Hemden, und reinlichen
Kleidern und saubern Händen, dass sie rechte Lust machten, von ihrem Gemüs, ihrem
Gespinnst und andern Waaren zu kaufen.
    Die Goldentaler waren arm, das wusste man wohl. Aber sie verzinsten jedesmal
ihre Schulden richtig auf den Tag. Und was gar ausserordentlich war, sie hatten
in der Stadt kleine Geldsummen an Zins ausgetan. Das brachte den Leuten Kredit
und Glauben. Wenn der Pfarrer Roderich und der Schulmeister Oswald für einen
Goldentaler gutsprachen, lieh man lieber einem solchen, als einem aus andern
Gemeinden. Und man lieh das Kapital lieber um einen sehr mässigen Zins aus, weil
man vorher wusste, dass es sicher stehe und richtig verzinset werde. Das schaffte
den Goldentalern gar ansehnliche Vorteile. Denn sie kündigten ihre Kapitalien
ab, wo sie grosse Zinsen zu bezahlen hatten, und nahmen da Geld auf, wo sie es in
niedrigerem Zins erhielten.
    Man urteilte allerlei über das Dorf. Man sagte wohl, es sei da ein braver
Pfarrer, ein sehr verständiger Schulmeister. Allein Vielen war doch die Sache
ein Rätsel. Denn ein Pfarrer und Schulmeister können doch auch nicht Alles; und
jeder Pfarrer im Lande glaubte so klug zu sein, oder auch noch klüger, als die
Beiden in Goldental waren. Das machte viel Kopfbrechens. Die Bauern in der
Gegend sagten geradezu, das Ding gehe nicht mit rechten Dingen zu. Man hatte
etwas vom Oswald gehört, und er könne Gold machen, und lehre es in seinem Dorfe
Den und Diesen. Und man neckte und höhnte die Goldentaler damit, sie könnten
Gold machen.
    In der Tat war es auffallend, dass die Goldentaler Dinge zu Markte
brachten, man wusste nicht, woher sie Alles hatten. Ihr Gemüse, ihr Obst, ihr
Flachs, ihr Hanf, ihr Getreide, Alles war gut. Die Kinder handelten sogar mit
den schönsten Blumen und brachten solche in die Stadt. Honigwaben, ausgelassenen
Honig und Wachs hatten sie mehr, als weit umher alle übrigen Dörfer zusammen.
Man wusste sehr gut, sie besassen keine ansehnliche Viehheerden, viele
Haushaltungen hatten etwa jede ein Paar Kühe und ein Paar Ziegen. Demungeachtet
brachten arme Leute, die bloss eine Kuh hatten, zentnerschwere Käse und grosse
Ballen der reinsten Butter zum Verkauf. Es war ganz unbegreiflich, wie eine Kuh
so viele Butter und Käse liefern konnte. Ebenso hatten die Goldentaler
jederzeit im Herbst die feinsten Obstsorten, schmackhafte Aepfel und Birnen, wie
Niemand anders. Woher kam das so plötzlich in wenigen Jahren?
    Die Goldentaler mussten oft selbst bei sich lachen, wenn man ihr Dorf im
Scherz das Goldmacherdorf nannte. Denn der Oswald verstand sich auf die
Obstbäume, und wo er in den Gärten der vornehmen Herren in der Stadt gute, feine
Obstarten wusste, ging er und bat um Zweige. Dann hatte er seine jungen Leute an
der Hand, die von ihm das Pfropfen, Zweien und Aeugeln gelernt hatten. Recht wie
ein Gärtner gingen sie damit um. Sie hatten wirklich besondere Messer dazu. Nun
wollte der Nachbar links und der Nachbar rechts in seinem Garten und auf seinem
Felde bessere Frucht vom Baum. Da ward nun okulirt und gepropft nach
Herzenslust. Manche Bauern hatten sich junge Wildlinge aus den Wäldern geholt
und veredelt. Andere hatten aus Samen Bäume gezogen und Baumschulen angelegt.
Jeder wollte es besser machen und besser haben, als der Andere. Im Eifer wurde
die Sache oft von Manchem übertrieben.
    Nun konnte man sich's in der Stadt wohl erklären, wie die Goldentaler von
Jahr zu Jahr immer schöneres und immer mehr Obst hatten, woraus sie bei gutem
Jahrgang so viel Geld lösten. Das war kein Hexenstreich. Aber keine grosse
Viehheerden haben, und doch viel Käse und Butter machen, das war allerdings ein
Kunststück!
    Das Kunststück hatte Oswald aber, während seines Kriegslebens, irgendwo in
einem Dorfe gesehen und gelernt, und mit sich nach Goldental gebracht. Es war
gar artig. Die Leute wollten anfangs gar nicht daran; hintennach aber wussten sie
ihm grossen Dank. Er machte es nämlich so:
    Er ging herum mit seinen Verbündeten, die Kühe hatten, und sagte: »Ihr habet
von euern Kühen schlechten Nutzen. Man muss von einer Kuh jährlich wenigstens
fünfzig bis hundert Gulden baares Geld lösen. Wollet ihr mit mir einstehen, so
will ich's machen. Werbet dazu noch Andere an, die Kühe haben. Es gehören
wenigstens vierzig bis fünfzig Kühe zusammen; dann geht's.«
    Als nun die vierzig bis fünfzig Kühe gefunden waren, sagte er: »Nun geht's!«
Er kannte einen geschickten, rechtschaffenen Senn, der das Butter- und
Käsemachen als ein Meister verstand. Dem versprach er zweihundert Gulden
Jahrlohn; dafür musste sich derselbe aber Kerzenlicht, Tücher und Waschlumpen
selbst anschaffen, so zum Käsemachen und Reinhalten der Gefässe und der Waare
nötig waren. Geschirr und Salz schaffte Oswald auf Rechnung der Teilnehmer an,
von denen drei redliche Männer zu Aufsehern bei dem neuen Gewerbe ernannt wurden
für das erste Jahr.
    Im ehemaligen Wirtshause zum Adler war der beste Platz zum Käsemachen; ein
guter kalter Milchkeller, ein grosser Keller in dem geräumigen Waschhaus. Der
Eigentümer gab den Platz her, denn er hatte fünf Kühe, und wollte die Probe
mitmachen und sehen, was dabei herauskomme. - Nun musste Holz auf Unkosten Aller
herbeigeschaft werden. Es kam. Dann bestimmte Oswald einen Tag, da mussten Alle,
die zur neuen Käserei gehörten, ihre Kuhmilch in äusserst sauber gewaschenen
Gefässen bringen. War das Gefäss nicht sauber, nahm der Senn die Milch gar nicht
an; das war Gesetz. Nachher machte man aber das Gesetz noch schärfer.
    Der Senn mass die Milch, und schrieb unter eines Jeden Namen auf, wie viel
derselbe gebracht habe. Jeder konnte es für sich auch aufzeichnen. So brachte
jede Haushaltung alle Tage Morgens und Abends die Milch ihrer Kühe. Von fremden
Kühen aber durfte man bei schwerer Strafe keine Milch bringen.
    Die gesammte Milch eines Tages goss der Senn in der Milchkammer zusammen, und
bereitete daraus Butter und Käse. Das gab schöne, frische, grosse Ballen; zudem
noch Käsewasser, im Sommer ein gesundes, kühlendes Getränk.
    Nun war die Frage: Wem gehört die schöne Menge Butter und Käse von jedem
Tage? Denn alle Tage war eine solche Partie von der Milch aller Kühe der
Beigetretenen fertig. Es hätte sie gern Jeder gehabt, um in die Stadt damit zu
laufen.
    Das richtete man folgendermassen ein: Alles, was die zusammengebrachte Milch
eines einzigen Tages an Butter, Käse u.s.w. abtrug, ward auch nur einem einzigen
Teilhaber mit einem Male gegeben, und zwar demjenigen, dem man die meiste Menge
Milch in der Käserei schuldig geworden war. - In den ersten paar Tagen freilich
bekamen die Ersten weit mehr an Käse und Butter, als sie Milch gebracht hatten;
denn sie bekamen ja das, was aus der Milch von allen Teilhabern gemacht war.
Allein nun wurden sie für so viel, als sie zu viel bekommen hatten, den Uebrigen
schuldig, und was sie schuldig geworden waren, ward ihnen von Tag zu Tag an der
Milch abgezogen, die sie brachten. Das ging so lange, bis sie alle Schuld
abgetan und an Milch wieder mehr zu gut hatten, als die Uebrigen. Dann bekamen
sie wieder die an einem Tage bereitete Waare. Unterdessen hatte aber auch der,
welcher nur eine einzige Kuh besass, und alle Tage nur ein paar Maas Milch
bringen konnte, nach und nach mehr zusammengebracht, als Jeder von den Uebrigen,
wie man das wohl im Milchbuche aufgeschrieben fand. Und nun empfing er die
Frucht des Tages, bei andertalb Zentner Butter und Käse mit einem Male.
    Die Butter konnte Jeder den Tag gleich mit sich nehmen, da sie fertig war;
Buttermilch, Käsewasser gehörten ihm auch. Den Käse aber liess man so lange im
Keller, bis er gehörig fest und gut war. Allemal an dem Tage, da Einer das Recht
hatte, die aus der Milch bereitete Waare zu beziehen, musste er dem Senn bei der
Arbeit helfen und ihm handlangen, und saubere Handtücher, Linnen, und was nötig
war, herbeischaffen.
    Zuerst war den Goldentalern das ganze Wesen bedenklich, und es meinte
Jeglicher, er komme zu kurz dabei. Wenn Einer aber seine Menge Käse und Butter
empfing, und nun nachrechnet, wie viel Milch er gegeben: so war er hocherfreut.
Und es fand sich am Ende des ersten Jahres schon, dass auf diese Weise der
mittlere Ertrag und Gewinn von einer Kuh über 166 Gulden jährlich stieg, und
zwar nach Abzug aller Unkosten. Das war doch ein schöner Zins!
    Nun begriff man auch bald, woher das komme. Denn je frischer die Milch und
je mehr, je besser wird die Waare daraus. So was konnte eine einzelne Familie
für sich allein beim Aufsammeln ihrer Milch nicht leisten. - Ferner: sonst war
in den Haushaltungen manche Maas Milch verschlampt und verzehrt, jetzt in den
Milchkeller der Käserei an Zins gelegt. Sonst verlor mau viel Zeit, oder hatte
keine Zeit, selber Käse zu machen; jetzt ging das von selbst. Sonst kostete es
Jedem mehr Holz zum Kochen; jetzt war es ein grosses Holzersparniss.
    Einige Goldentaler versuchten anfangs zwar mit ihrer Milch Betrügereien;
aber man machte bald so strenge Gesetze, dass es Keinem mehr in Sinn kam, zu
betrügen, er hätte denn um alle seine gebrachte Milch bestraft und aus der
Gesellschaft gestossen sein wollen.
    Die Einrichtung aber brachte noch einen Vorteil, an den vorher kein Mensch
gedacht hatte. Nämlich, weil Jeder gern viel Milch gebracht hätte, um bald viel
Käse und Butter davon zu haben, besorgte Jeder sein Vieh besser, als ehemals;
baute künstliche Grasarten an, die viel Milch erzeugen; suchte sich eine grössere
Kuh zu verschaffen, statt der schlechten kleinen, oder stellte zwei Kühe in den
Stall, wo er vorher nur eine hatte. Und weil Jedem daran gelegen war, dass man
keine Milch von einer kranken oder kalbenden Kuh bekomme, hatten die drei
erwählten Aufseher Macht und Recht, zu jeder Zeit in die Ställe zu gehen, und
die Pflicht, alle halbe Jahre darin Umgang zu halten. So ward über die
Gesundheit alles Viehes wachsames Auge gehalten.
 
              21. Vom neuen Gemeindevorsteher und dem Löwenwirt.
»Der Oswald ist doch ein Hexenmeister und Tausendsasa!« sagten die Goldentaler
lachend, wenn er wieder etwas angegeben hatte, das gelungen war. Und es gelang
ihm ziemlich Alles, was er anfing, denn er fing nichts ohne Vorbedacht an; er
übereilte und überhaspelte nichts, sondern tat einen Schritt um den andern, und
nahm nie mehr auf seine Schultern, als er tragen konnte.
    Nun hätte man wohl glauben sollen, der Schulmeister habe sich und seine
herzige Elsbet mit Arbeiten überladen gehabt. Keineswegs; er wusste Alles so
einzurichten, dass zuletzt immer Andere ihm einen guten Teil der Arbeit abnehmen
konnten. Sogar in der Schule hatte er wenig zu tun, denn er hatte sich da einen
geschickten jungen Bauerssohn, Namens Johanns Heiter, nachgezogen. Der war von
armen Aeltern, und Oswald gab ihm bei sich Wohnung und Kost aus der Garküche,
und unterrichtete ihn in gelehrten Dingen. Oswald hatte seinen Johannes sehr
lieb, und dieser war in der Schule so meisterlich zum Unterricht, dass er
Oswalden gleich kam. Und die Kinder liebten den Johannes, denn er war sanft und
freundlich, und machte ihnen das Lernen beinahe noch leichter, als Oswald.
Dieser ging oft ganze Tage seiner Feld- und Gartenarbeit nach, und freute sich,
wenn er sah, wie im Dorfe Alles nach und nach anders ward.
    Und wirklich war es seltsam zu sehen, wie Leute, die vorder arme Schlucker
gewesen, nach und nach sich von Schulden frei machten, und wie ihre Häuser ein
stattliches Ansehen bekamen; hingegen, wie vormals wohlhabende Bauern, die in
ihrer alten Gewohnheit verblieben, nach und nach arm wurden, weil sie das Ihrige
verwahrlosten, verlumpten, versoffen, verprozessirten, verspielten.
    Die zweiunddreissig Bundesgenossen Oswalds hielten sich wacker und waren
allentalben voran, wo eine neue Einrichtung von ihm gemacht ward. Ihr Beispiel
munterte dann viele Nachbarn auf, es auch so zu machen. Die jungen Bursche,
welche Oswald am Sonntage unterrichtete, und die Mädchen aus Elsbets Nähschule
trugen bei ihren Aeltern nicht wenig zum Guten bei. Andere aber waren und
blieben im Dorfe unverbesserliche Lumpen. Und an der Spitze des schlechten Volks
stand der Löwenwirt Brenzel. Dieser war ein geschworner Feind aller neuen
Einrichtungen. Er fluchte beständig auf die Neuerer, und sagte, die Religion
gehe dabei zu Grunde; es müsse anders kommen; so könne es nicht länger gehen.
Doch hielt ihn der Herr Pfarrer, welcher ihn viel besuchte, immer im Zaum, dass
er nicht viel Böses tun konnte. Dazu kam, dass Brenzel seine Hauptstütze,
nämlich den dritten Gemeindsvorsteher, von seiner Seite verlor. Dieser hatte
schon längst bemerkt, dass es mit seiner Wirtschaft den Krebsgang gehe, und sich
darüber aus Verdruss dem Trunk ergeben, dass er keinen Tag nüchtern war. Und um
schnell wieder reich zu werden, hatte er in mehrere Lotterien gesetzt und sein
Geld verlottert, bis er nichts mehr hatte. Da kamen die Gläubiger, denen er
schuldig war, und nahmen ihm das Letzte.
    Nun mussten neue Gemeindevorsteher gewählt und der hohen Landesobrigkeit
vorgeschlagen werden. Da gab es im Dorfe zwei Parteien. Die Lumpen wollten Einen
oder Zwei ihres Gleichen, denen sie schuldig waren, die rechtschaffenen Leute
aber wollten das nicht. Es war viel Zanks. Viele fragten den Herrn Pfarrer
darüber, wenn er sie nach seiner Gewohnheit besuchte. Er aber antwortete ihnen
und sprach:
    »Ich wundere mich sehr, dass Keiner von euch noch an den braven Mann gedacht
hat, der euch schon so viel Nutzen gestiftet, der so klug, so menschenfreundlich
und so tätig ist. Ich meine den Schulmeister. Wenn ihr den wählet, so habet ihr
den rechten Mann an der Spitze. Freilich, er gehört nicht zu denen, die sich zu
einer Ehrenstelle drängen. Aber eben deswegen muss man zuerst auf ihn achten.
Denn die, welche um Ehrenstellen werben, und Andern den Rang ablaufen wollen,
haben gemeiniglich Nebenabsichten. Sie sind stolz und ehrgeizig, wollen nicht
das Beste der Gemeinde, sondern ihren Hochmut befriedigt sehen.«
    Ferner sprach er: »Es ist wohl gut, dass man einen wohlhabenden Mann zum
Gemeindevorsteher wählt; aber Reichtum nicht, sondern Uneigennützigkeit ist die
höchste Tugend. Wehe der Gemeinde, die den zum Vorsteher macht, dem die meisten
Bürger schuldig sind. Denn sie machen ihn zum Gewaltaber und Richter in seinen
eigenen Angelegenheiten, und sie werden Sklaven eines Dorftyrannen durch eigene
Torheit. Sie sollen lieber den wählen, der auch den harterzigen Gläubiger und
den reichen Tyrannen in Schranken halten kann.«
    Ferner sprach er: »Ein guter Kopf tut viel, aber ein redliches Herz tut
noch weit mehr. Darum fraget erst: ist der Mann ein grundredlicher, hülfreicher
Mann? nachher fraget: hat er Klugheit genug, und ist er keines Reichen
Schuldner? - Der Vorsteher einer Gemeinde soll unabhängig sein, sonst ist nicht
er, sondern sein Gläubiger, den er fürchtet, Vorsteher des Ortes.«
    »Ihr könnet nicht leicht irren, den würdigsten Mann zu finden. Denket nur
nach, welchen Mann würdet ihr auf euerm Sterbebette am liebsten zum Vogt eurer
Wittwen und hinterlassenen Waisen machen, in der Ueberzeugung, er werde das
Glück der Eurigen wohl besorgen? Nun, diesen machet zum Vorsteher. - Oder, wenn
ihr zu einem eurer Mitbürger in Dienst treten müsstet, welchen wünschtet ihr am
liebsten zu euerm Herrn? Nun, diesen machet zum Vorsteher!«
    »Wenn an einem Orte die Mehrheit der Vorsteher guten Willen und redliches
Gemüt hat, welche das Unrecht verabscheut; so findet sich leicht zu Allem guter
Rat. Ein einziger guter Kopf ist genug. Drei gute Köpfe, ohne gutes Herz,
werden sich beisammen nicht vertragen. Denn Jeder will es besser verstehen, als
der Andere, und so kommt Zwietracht unter sie, und von ihnen in die Gemeinde.«
    »Saget mir, wer ist der beste Vater bei seinen Kindern; liebreich und doch
nicht schwach, streng und doch nicht harterzig? Oder saget mir, wer ist der
beste Hausherr, dem sein Gesinde gern dienet und zugetan ist, aber den es doch
fürchten muss; der Alles in seinem Hauswesen geschickt ordnet und leitet ohne
Lärmen und Geräusch, ohne Zank, ohne Zorn, und dass doch Alles dabei gut geht,
wie von selber? - Diesen macht zum Hausvater der ganzen Gemeinde.«
    So sprach der weise Herr Pfarrer, und Jeder dachte nun anders als vorher.
Und als die Gemeinde sich versammelte, um zween Vorsteher zu wählen, ward von
den Meisten verlangt, man solle nicht offen wählen, sondern Jeder solle seine
Stimme auf einem verschlossenen Zettel eingeben, damit Niemand wisse, wer sie
gegeben, auf dass Jeder frei und ohne Furcht und Rücksicht den wählen könne, der
ihm der Würdigste scheine. Der Löwenwirt Brenzel wollte zwar dagegen lärmen;
denn er hatte schon bestimmt, wen er zum Amtsgenossen verlange, und nun wollte
er gern diejenigen sehen, die es mit ihm hielten oder von ihm abtrünnig wären.
Aber der grimmige Löwenwirt setzte es nicht durch. Und es ward geheimes
Stimmenmehr gesammelt, und in der ersten Wahl der Schulmeister Oswald, in der
zweiten der Müller Siegfried zu Vorstehern des Dorfes erwählt. Letzterer nahm
aber die Stelle nicht an, dieweil er Oswalds Schwiegervater wäre; das tauge
nicht, dass aus einer Verwandtschaft zwei Glieder beisammen im Rat sässen. Also
ward, statt des Müllers, gewählt Ulrich Stark, ein stiller, fleissiger,
verständiger Mann.
    Dem Löwenwirt, da er diese Wahl sah, ward es ganz grün und gelb vor den
Augen. Er hoffte noch, Oswald werde sich ebenfalls weigern, die Stelle
anzunehmen. Aber er betrog sich; Oswald dankte der Gemeinde für das Zutrauen,
und empfahl nun seinen lieben Johannes Heiter zum Schulmeister. Und Heiter ward
Schulmeister.
    Der Löwenwirt ging betäubt, als wäre ihm ein Kirchturm auf den Kopf
gefallen, nach Hause. Daselbst liess er seine Wut erst an der Katze aus, die ihm
schmeichelnd zwischen die Beine kam; dann an dem Hunde, der freundlich an ihm
hinaufspringen wollte; dann an der Magd, die ihn nicht gleich verstand, als er
ein Glas Branntewein begehrte; dann an der Frau, als die sagte, der Ulrich Stark
sei eine ehrliche Haut.
 
                 22. Der Gemeindsstall muss ausgemistet werden.
»O Herr Jerum! O Herr Jerum!« rief der Löwenwirt und kratzte sich hinter den
Ohren, so oft er daran dachte, dass Oswald nun Ortsvorsteher geworden. Doch
besann er sich, und lief spornstreichs zum Oswald hin, umarmte ihn als seinen
Kollegen, gratulirte von ganzem Herzen, sagte: nun wollten sie beide rechte
Herzensfreunde werden und wie Brüder leben.
    Elsbet wunderte sich über die gar zu schnelle Höflichkeit des Löwenwirts,
und sprach, als er fortgegangen war, zu ihrem Manne: »Oswald, Oswald, hättest du
doch die Stelle nicht angenommen! Denn Brenzel ist ein falscher Mann, und er
wird dir eine Grube graben und dich in die Falle bringen. Oswald, lieber Oswald,
hüte dich vor dem Löwenwirt!«
    Oswald küsste Elsbets finstere Stirn und sprach: »Brenzel ist kein grimmiger
Löwe; ich sehe, er ist nur ein feiger, schmeichelnder, tückischer Kater. Aber
ich will ihm die Pfoten schon lähmen.«
    Als nun die Vorsteher das erste Mal nebst dem Gemeindeschreiber beisammen
sassen, verlangten Ulrich Stark und Oswald vor allen Dingen, die Rechnungen
einzusehen und die Gemeindebücher. Aber da fand sich Alles in grosser Unordnung.
Vieles war gar nicht ins Protokoll eingetragen. Die Gemeinde hatte bei
siebentausend Gulden Schulden. Beinahe die Hälfte war sie dem Löwenwirt
schuldig, der sich fünf Prozent zinsen liess, während er Geld zu drei und vier
Prozent für sich aufgenommen hatte. Die jährlichen Gemeindssteuern waren
meistens für allerlei Unkosten, Bemühungen, Augenscheine und Besichtigungen, für
Reisen, Entschädigungen und dergleichen der bisherigen Gemeindsvorsteher darauf
gegangen. Besondere Rechnung war darüber nicht geführt, sondern Alles nur in
runden Summen ausgestellt. Eben so war es mit den Einkünften des Dorfspitals
oder Armenguts gegangen. Mit den Vormundschaftsrechnungen für die Wittwen und
Waisen stand es nicht besser. Aus den Waldungen hatte man im Einverständnis mit
dem Förster nach Belieben Holz geschlagen und verkauft, wie es hiess, zum Besten
der Gemeinde, ohne dass man jetzt wusste, wohin und wie viel. Hatte sich doch der
Löwenwirt manchmal selbst gerühmt: »Mein Beil hat schon mehr Holz abgeschlagen,
als der beste Hof im ganzen Lande wert ist.« - Genug, es war mit dem Gut der
Gemeinde übel gehauset, übel Rechnung gehalten; hingegen sah man wohl, die
Herren Vorgesetzten hatten sich dabei nicht vergessen. Es fand sich sogar, dass
um den Spottpreis von tausend Gulden ein grosses Stück Gemeindsland verkauft
worden war, dass es die Vorsteher gekauft, das Geld noch nicht einmal bezahlt und
seit fünf Jahren nicht verzinset hatten. Ferner, dass der Löwenwirt schon vor
eilf Jahren, im Einverständnis mit seinen Beisitzern, viertausend Gulden Kapital
aufgenommen hatte, Namens der Gemeinde; dass dafür die Gemeindswälder
unterpfändlich verhaftet worden waren; dass die Gemeinde den Zins unter den
übrigen Steuern hatte mitzahlen müssen, und dass das Kapital in den Händen der
Vorgesetzten geblieben war.
    Da ergrimmte Oswald in seinem Gemüt, und sprach: »Man hat mich nicht in den
Gemeindsrat gesetzt, sondern in den Gemeindsstall, der da ist voller Unflat
und Verderben. Aber wir wollen den Stall ausmisten, und sollte der Gestank auch
durch das ganze Land dringen. Ihr habet, als Vorsteher, nicht das Gemeinbeste
vertreten, sondern ihr habet es zertreten. Ihr Väter der Wittwen und Waisen
habet eure Kinder bestohlen, und den armen Leuten verschimmeltes Brod
zugeworfen, während ihr aus ihrem Gute euch Wein und Braten auftischtet. Ihr
habet den, der vom Felde zwo Rüben stahl, in den harten Kerker geworfen, aber
euch weiche Betten gekauft vom Gelde, das ihr der Gemeinde geraubet. Ihr
Ottergezücht, die ihr immer von Gerechtigkeit redet und in Ungerechtigkeit
schwelget, die ihr immer die Religion im Maule habet und den Teufel in der Brust
- wahrlich, wahrlich, ihr sollt ärnten, was ihr gesäet habt: Armut für
Hochmut, Galgenholz für Räuberstolz!«
    Als dies der Löwenwirt hörte, kam grosses Entsetzen über ihn, dass er im
Innersten erzitterte. Er schob die Schuld auf seine ehemaligen Beisitzer, und
fiel vor Oswald weinend und heulend nieder, und beschwor denselben bei Allem,
was heilig ist, ihn nicht unglücklich zu machen.
    Aber noch denselben Tag sendete Oswald einen Bericht an die hohe Obrigkeit,
und deckte Alles auf. Und im ganzen Dorfe war grosser Schrecken und allgemeine
Bestürzung; denn so viel Betrug hatte Keiner den ehemaligen Vorstehern
zugetraut. Viele wollten es gar nicht glauben, und schalten den Oswald einen
Verleumder und Bösewicht, der sich grosses Ansehen geben und unschuldige Leute
ins Verderben bringen wolle. Und der Löwenwirt lief umher im Dorfe und suchte
bei seinen Freunden allerlei Zeugnis, um sich gegen die schwersten
Beschuldigungen sicher zu stellen. Jedoch seine besten Freunde zuckten die
Achseln, und wollten sich in das Geschäft nicht mischen. Und schneller, als er
vermutete, erschien eine Untersuchungskommission der Regierung. Da kam alle
Schändlichkeit ans Tageslicht. Der Löwenwirt ward gefangen hinweggeführt, um
vor Gericht beurteilt zu werden. Er ward seiner Stelle entsetzt und kam ins
Zuchtaus. Aus seinem Vermögen wurde Vieles von dem wieder ersetzt, um was er
die Gemeinde betrogen hatte. So endete der stolze Löwenwirt; denn unrecht Gut
gedeihet nicht, und Hochmut kommt vor dem Fall.
    Oswald aber wurde zum ersten Vorsteher der Gemeinde ernannt, und ihm ein
Ehrenmann aus dem Dorfe zum dritten Beisitzer erwählt.
    Ueber diese schrecklichen Begebenheiten hielt der Pfarrer Roderich eine
schöne lehrreiche Predigt. Er sagte: »Wenn Aeltern ungeratene Kinder haben, so
muss man nicht nur die Kinder, sondern auch die Aeltern wegen schlechter Zucht
anklagen. Und wenn in einer Gemeinde Schande, Armut und Laster zunehmen, so ist
es ein Beweis, dass die Vorgesetzten nichts taugen, sondern Schuld an dem Unglück
sind. Aber Gott sendet Jedem seinen jüngsten Tag zu.«
 
                    23. Die Schulden müssen getilgt werden.
Der Oswald hatte jetzt gar viel zu schaffen. Keiner wusste, was er trieb. Bald
lief er in allen Feldern herum, bald tagelang in den Wäldern, bald wieder in die
Stadt.
    »Ach, du armer Oswald!« seufzte Elsbet, wenn sie ihm am Abend vor dem Dorfe
entgegenging und ihn mitleidig bewillkommte: »Warum kümmerst du dich so sehr,
armer Oswald, und plagest dich? Du wirst am Ende doch nur Undank und Verdruss von
aller deiner Mühe haben.«
    Oswald sprach: »Undank ist die Münze, womit das Volk am liebsten zahlt. Wer
aber einer Gemeinde vorsteht, der soll an seinen Gott und seine Pflichten
denken, nicht aber auf Lohn und Dank. Siehst du, liebes Herz, Gott lohnt endlich
auch gewiss alles Gute, gleich wie er Böses straft.«
    So redete Oswald, und tat, was er sollte.
    Es ergab sich aber, dass die Gemeinde noch über sechstausend Gulden schuldig
war, teils von den Zeiten des Krieges und der Teurung her, teils durch die
schlechte Haushaltung der ehemaligen Vorgesetzten. - Und Oswald sann Tag und
Nacht, wie er diese Last von dem armen Goldental nehmen, oder doch vermindern
könne. Und als sein Plan endlich reif war, legte er ihn seinen Amtsgenossen vor;
die hiessen ihn nach langer Beratschlagung gut, und sprachen: »Wollte Gott, die
Schulden wären abgetan, so wüsste doch auch Jeder wieder, was er Eigenes hätte,
und könnte frei atmen, und müsste nicht fort und fort an das Zinsen denken.«
    Darauf ward eine Besichtigung und Schätzung aller liegenden Gründe der
Ortsbürger angeordnet, damit man ungefähr wisse, wie arm oder reich Jedermann
sei; und damit Jeder auf gerechte Weise in Zukunft wegen der Steuer angelegt
werden könne. Und Jeder musste bei den Gemeindevorstehern angeben und beweisen,
wie viel Schulden er auf Haus und Gütern stehen habe; und das ward treulich in
ein Buch eingetragen und darnach Jedermann geschätzt.
    Dann trat Oswald am Sonntage nach der Kirche mit seinen zween Beisitzern vor
die versammelte Gemeinde und sprach: »Ihr Männer, liebe Mitbürger, unser Dorf
hat sechstausend vierhundert Gulden Schulden. Das Geld haben wir teils in den
benachbarten Städten zu verzinsen, teils sind wir es hier im Dorfe uns selber
für Heu, Haber, Fuhren und Requisitionen schuldig. Was wir auswärts zu zahlen
haben, wollen wir ein andermal besprechen. Jetzt wollen wir abtun, was sich die
Gemeinde selber schuldig geworden ist.«
    »Viele von uns haben an der Gemeinde noch beträchtlich für Stroh, Haber und
andere Lieferungen aus dem letzten Kriege zu fordern. Man verzinset ihnen zwar
jährlich, aber sie müssen doch allemal erst ihren Beitrag zur allgemeinen
Zinssumme geben. Also verzinsen sich im Grunde Viele nur ihre Sache selber. Das
ist mühsam und töricht. Nun haben wir diese Schuld auf alle Bürger, nach
Massgabe ihres Vermögens, verteilt. Den Reichen trifft davon mehr, den Armen
weniger. So wird die Gemeindschuld in eine Partikularschuld verwandelt. Wer auf
diese Art so viel schuldig wird, als er selber zu fordern hat, der streicht
Schuld und Forderung, und ist frei, bekommt und zahlt keinen Zins mehr. Wer mehr
zu fordern hat, als er durch die Einteilung schuldig wird, streicht erst so
viel von seiner Schuld weg, als ihm die Gemeinde selbst schuldig ist, und sagt:
Wer zahlt mir den Überschuss dessen, was mir herausgebührt? - Antwort:
Diejenigen zahlen ihn, die nichts an die Gemeinde geliefert haben im Kriege.
Diese sind als Schuldner an die Zugutaber verteilt, und tragen denselben
entweder die kleine Summe, die sie trifft, gleich baar ab, oder verzinsen solche
zu Vier vom Hundert.«
    So redete Oswald. Viele verstanden es anfangs nicht recht. Da sie aber
einsahn, dass dabei Keiner zu kurz kam, waren sie es sehr zufrieden. Denn die
Reichen, welche am meisten zu fordern hatten, die hatten auch nach Massgabe mehr
an Abtragung der Gemeindsschuld zu zahlen. So blieb für die Aermern weniger zu
entrichten übrig, und Jeder fand die Einrichtung darum billig, weil die
Schatzung der Güter und des Vermögens sehr unparteiisch gemacht war.
    Am Sonntage darauf ward die Gemeinde abermals versammelt, und Oswald redete
also: »Ihr Männer, liebe Mitbürger, es ist uns gelungen, das Geld, was die
Gemeinde schuldig ist, in benachbarten Städten zu geringerm Zins zu erhalten,
also, dass Goldental jährlich nur zweihundert und zwanzig Gulden Zins zu
entrichten hat. Aber es wird manchem Hausvater schwer fallen, den Beitrag zu
diesem Zins zu erschwingen aus seinem Gut. Daher ist es besser, es zahle Keiner
von euch den Zinsbetrag aus seinem Gut!«
    Da erhoben alle Goldentaler ein Gelächter, und sie riefen: »Das lässt sich
hören und gefällt uns über die Massen.«
    Oswald erhob die Stimme und redete weiter: »Ihr Männer, liebe Mitbürger, wir
haben noch ein grosses Stück Gemeinweide. Das ist elendes Land, vom Vieh
zertreten, mit alten einzelnen Eichen darauf. Jeder von euch, dem dies Land
gehörte, würde es besser benutzen. Aber wer benutzt es jetzt? - Niemand. Denn
die Reichen, welche viel Vieh haben und es im Sommer darauf weiden lassen, haben
offenbaren Schaden daran. Nicht nur kommen ihre Kühe magerer und hungriger
Abends heim, als sie des Morgens hinausgingen, sondern es geht auch für die
Aecker aller Dünger vom Vieh dabei verloren. Die Armen aber, die keine Kuh
halten können, haben gar keinen Nutzen davon, und müssen ihn den Reichen
überlassen. Ist das billig? Warum sollen reiche Bürger mehr Vorteil vom
Eigentum der Gemeinde haben, als arme? Sind wir nicht allesammt Goldentaler?
Hat Einer nicht so viel Recht, wie der Andere? Wer hat denn den Reichen den
Nutzen des Gemeinlandes allein gegeben? - Wenn die Armen ein Stück Feld davon
hätten, und könnten Klee oder andere Grasarten darauf bauen, so hätten sie für
ihre Ziegen und Schafe doppelt so viel und gesünderes, nahrhafteres Futter, als
jetzt. Also ist unser Rat, dass wir das Gemeinland in gleiche Teile unter die
Bürger verteilen, dass Jeder seinen Teil davon benutzen könne, wie er wolle.
Das Land aber bleibt aber ewiges Eigentum der Gemeinde; Jeglicher empfängt
seinen Anteil nur in Pacht, und kann ihn weder verkaufen, noch verleihen, noch
vererben, noch sonst veräussern; sondern derselbe fällt jedesmal nach des
Besitzers Tode an die Gemeinde zurück. Diese gibt ihn dann an einen jungen
Bürger, der eigene Haushaltung führt und noch ohne Gemeinland ist. Jeder zahlt
jährlich einen geringen Pachtzins von seinem Stück, und damit wird der Zins von
der Gemeindsschuld abgetragen. Also zahlt Niemand diesen Zins aus seinem eigenen
Gut, sondern aus dem, was er von der Gemeinde zum Lehen hat.«
    Nachdem Oswald geredet hatte, entstand grosses Nachdenken im Volk, Gemurmel,
Streit, Wortwechsel, Geschrei und Lärmen, als wäre Mord und Todtschlag. Denn die
reichen Bauern, welche das Weidland bisher ausschliesslich mit ihrem Vieh benutzt
hatten, wollten die Teilung nicht zugeben, schrien über Ungerechtigkeit und
drohten mit der Regierung. Andere sagten: »Wir sehen wohl, man will die Lumpen
reich machen, und die Ehrenleute im Dorfe zu Lumpen. Wer Vieh hat, der kann es
zur Weide schicken; das ist eine alte Rechtsame, die von den Vätern vererbt ist,
und die lassen wir uns nicht nehmen!«
    Doch die Mehrheit der Bauern, die nicht reich waren, oder die ihr Vieh, um
mehr Dünger zu gewinnen, im Stall fütterten, setzte es durch und hob den
Weidgang auf. Alsbald musste ein Feldmesser kommen, alles Gemeinland in so viel
Teile, als Haushaltungen waren, verteilen, und dann wurden die Stücke
verlooset. Die reichen Bauern gingen jammernd und klagend vor die Regierung und
beschwerten sich wegen der Bedrückung ihrer Rechtsame. Die Regierung aber gab
folgenden Bescheid: »Das Gemeinland ist eine Rechtsame der Bürger und nicht der
Kühe von Goldental. Also kann jeder Bürger das Gemeinland oder seinen Teil
benutzen wie er will. Ihr Herren aber verteidigt nicht eure alten Rechtsame,
sondern euern von Alter stinkenden Eigennutz, und verstehet noch dazu euern
Vorteil schlecht. Derohalben bleibt von nun an der Weidgang aufgehoben. Damit
packet euch, ihr Esel, und ziehet hin in Frieden!«
    Die reichen Bauern bedankten sich für den gnädigen Bescheid, und zogen heim.
Nun erst bedauerten sie den Löwenwirt Brenzel im Zuchtause, und sagten: »Er
war doch bei allen seinen Fehlern ein braver Mann; er hielt auf alte
Gerechtigkeiten und Herkommen; unter ihm wäre so etwas nie geschehen. Der Oswald
ist ein Franzos, ein Jakobiner, ein Neuerer, ein Bonapartler und dergleichen.«
 
              24. Und abermals die Schulden müssen getilgt werden.
Schon im folgenden Frühjahr war Jubel und Freude in der vormaligen Wüste des
Gemeinlandes. Denn wo sonst einsame Kühe am kurzen schlechten oder sauern Grase
rupften und zupften, blühete nun ein wahrer Garten. Da sah man nun Bohnen,
Hopfen und Hanf, Erbsen und Flachs, Kohl und Erdäpfel, Klee und Getreide in
bunter Mannigfaltigkeit. Jeder konnte leicht berechnen, dass er mit der Aernte
nicht nur den kleinen Zins abtragen, sondern Überschuss haben würde. Selbst die
reichen Bauern, sobald sie einmal zum rechten Verstand kamen, was oft sehr
schwer bei ihnen hielt, erkannten ihren Vorteil dabei. Denn nicht nur hatten
sie Gewinn am Futter für ihre Kühe im Stall, an Milch und Dünger, sondern auch
an baarem Geld. Denn hätte Jeder, wenn es nach ihrem Kopf gegangen wäre, zum
Schuldenzins der Gemeinde aus seinem eigenen Sack gesteuert, so hätten sie
verhältnissmässig das Meiste dazu haben zahlen müssen, während jetzt, ein Jeder
von seinem Pachtland, gleich viel Zins entrichtete. Der Oswald aber war noch
nicht zufrieden, und nicht vergebens so oft in den Wäldern Tage lang
umhergestrichen. Er hatte sogar in einer benachbarten Stadt den Oberförster
besucht, der in seinem Fach ein grundgeschickter Herr war, und hatte denselben
links und rechts in den Goldentaler Gemeindswaldungen herumgeführt und um Rat
gefragt. Der Oswald brütete wieder über etwas, aber Keiner wusste recht worüber?
Die reichen Bauern sagten: »Wir wissen's wohl, es soll wieder über unser Fell
hergehen!« Diesmal aber hatten sie sich doch geirrt.
    Jedermann war sehr neugierig, als die gesammte Bürgerschaft von Goldental
wieder versammelt wurde, um von den Vorgesetzten wichtige Anträge zu hören.
    Oswald trat wieder hervor und sprach mit lauter Stimme: »Ihr Männer, liebe
Mitbürger! Ein Mann ohne Schuld hat Jedermanns Huld. Unser Dorf hat aber noch
Schulden. Wir verzinsen dieselben vom Pachtlande. Besser wäre es, wir behielten
den Zins vom Pachtlande Jeder in seinem eigenen Sack, wenigstens zehn Jahre lang
oder länger. Damit wäre uns allen geholfen.«
    Die Leute lachten und sprachen unter sich: »Der Vorschlag ist nicht
unbillig.«
    Oswald fuhr fort zu reden: »Ich und die ehrsamen Beisitzer wollen es
übernehmen, dafür gut zu stehen, dass die Gemeindeschuld ganz oder doch
grösstenteils abgetragen werden soll, ohne eure Unkosten, sobald ihr einwilliget,
drei Beschlüsse zu genehmigen und zu befolgen.«
    »Aha!« schrien die reichen Bauern: »Jetzt kommt der hinkende Bote nach!«
    Oswald sprach: »Höret mich an und denket wohl nach, ob ich wahr rede oder
nicht. Wir haben in Goldental ungefähr hundert Haushaltungen.«
    »Das ist wahr!« riefen die Bauern.
    »Jede Haushaltung,« sagte Oswald, »bekommt jährlich drei Klafter Holz nebst
Reiswellen aus dem Gemeindswald.«
    Die Bauern sagten: »Das ist wieder wahr.«
    »Und,« fuhr Oswald fort, »so viel braucht jede Haushaltung; manche mehr,
manche aber auch weniger, die aus der Garküche speist. Aber alle könnten sich
mit Wenigerem behelfen, wenn sie nicht Jahr aus Jahr ein zum Brodbacken,
Obstdörren und zu den Wäschen gar viel Holz nötig hätten. Bedenket, wenn in
einer einzigen Woche zehn, zwanzig Familien Wäsche halten oder Brod backen, wie
viel Holz in so vielen Häuseln auf einmal verbrannt wird!«
    Die Bauern murrten und sprachen: »Das ist ganz richtig; aber wir können
nicht ohne Brod leben und in unreiner Wäsche gehen.«
    Oswald sagte: »Es gibt viele Gemeinden im Lande, die weit reicher sind, denn
wir, und doch weit mehr hausen und besser sparen, als wir. Aber eben darum sind
sie reicher. Es gibt Gemeinden, sie haben nicht so viel Waldung, als wir, und
haben doch Holz genug und können davon sogar verkaufen. Aber wie machen sie es?
Da haben mehrere Häuser zusammen nur einen einzigen Back- und Dörrofen. Da trägt
jeder in der Woche seinen Teig und sein Obst hin, wenn die Reihe an ihn kommt.
Und weil der Ofen nie kalt wird, braucht Jeder nur wenig Holz zur Feuerung
hineinzutun, um ihm die gehörige Hitze zu geben. Das nennt man hausen und
sparen! - Warum können wir das nicht? Warum taten wir das nicht schon längst?
Antwort: Weil wir zum Guten entweder zu träg oder zu unverständig waren. Und
bedenkt noch dazu, wie leicht wir durch das Backen und Dörren in den Wohnhäusern
ein ganzes Dorf in Feuersgefahr setzen. Bedenket, wie viel Holz wir nur dadurch
sparen könnten, wenn wir kleinere, bequemere Stubenöfen hätten, die weniger Holz
fressen, statt der ungeheuern Steinmassen, die wir haben müssen, weil sie auch
zum Backen und Dörren dienen sollen. Holz brennen heisst Geld verbrennen!«
    Bei diesen Worten kratzte sich die ganze ehrsame Gemeinde von Goldental
verdriesslich hinter den Ohren.
    Doch der erste Vorsteher liess sich nicht stören, und sprach weiter: »Schauet
rechts und links. Andere Gemeinden haben längst schon Gemeindswaschhäuser, deren
sich alle Haushaltungen nach der Reihe bedienen, und wozu sie sich einschreiben
lassen. Da ist mit dem Holz das gleiche Ersparnis, wegen Feuersgefahr die
gleiche Sicherheit für das Dorf. Wir wissen das und wir finden das löblich.
Warum muss denn bei uns jede Haushaltung noch ihre Wäsche bei sich im Hause
halten? - Durch das Feuer beim Backen werden unsere Oefen, durch das Feuer beim
Waschen werden unsere Herde weit schneller ausgebrannt und schadhaft. Wir müssen
daher beide öfters ausbessern lassen. Das kostet Geld. Hätte die Gemeinde ein
gemeinsames Waschhaus, hätte eine ganze Reihe Häuser ihren gemeinsamen Backofen
zu unterhalten, das würde ungleich weniger kosten.«
    »Nun denn, liebe Männer und Mitbürger! Wir machen euch den Vorschlag zur
Errichtung von Gemeindsbacköfen mit Einrichtung zum Dörren, und zur Erbauung
eines gemeinsamen Waschhauses, wie andere Gemeinden haben. Die ersten Unkosten
dazu sollen aus dem Gemeindssäckel gegeben werden. Wir alle wollen dazu
fuhrwerken und handlangen. Was meint  ihr?«
    Die Bauern meinten vielerlei. Die Einen wollten beim Herkommen bleiben;
mehrere aber sahen ein, dass ein Gemeindswaschhaus besser wäre. Doch die Backöfen
wollten sie nicht, weil sie dergleichen noch nicht kannten. Andere aber stimmten
auch zur Errichtung der gemeinsamen Dörr- und Backöfen. Als nun endlich einmal
abgestimmt werden sollte nach langem Streit, geschah es, dass sowohl für
Waschhaus als für Backöfen die grösste Mehrheit war.
    Da sprach Oswald mit freudigem Antlitz: »Bravo, ihr Männer und Mitbürger,
euer Beschluss macht euch Ehre und wird euch mit Nutzen belohnen. Nun kommt das
Letzte. Wenn ihr nun weniger Holz in Zukunft gebrauchet, so brauchet denn
weniger. Machet aus dem Holz, was ihr auf diese Weise ersparet, ein Geldkapital,
und bezahlet damit die Gemeindsschulden ab. Höret mich an und helfet mir
rechnen.«
    »Wenn sich jede Haushaltung, die jetzt nebst Reiswellen drei Klafter Holz
empfängt, im Jahr mit zwei Klaftern durchbringt, so werden von den hundert
Haushaltungen in einem Jahr einhundert Klafter erspart. Das Klafter ist fünf
Gulden wert, bringt im Jahr fünfhundert Gulden. Binnen zehn Jahren haben wir so
fünftausend Gulden gespart und unsere Schuld bezahlt.«
    »Höret mich weiter. Wir haben etwas über sechshundert Jucharten
Gemeindswaldung. Seit die hohe Regierung in den Wäldern den Weidgang verboten
hat, wächst darin Alles, wie ihr wisset, freudig und hanfdick auf. Ich bin mit
dem Herrn Oberförster durch den Wald gegangen. Er sagte: alle Jahr wächst auf
einer Juchart Land ein halbes Klafter Holz zu. Ferner sagt er: Wir müssen das
vom Stock ausgeschlagene Laubholz. wie Buchen, Erlen, Hagebuchen, Espen, Ahorn,
dreissig Jahre alt werden lassen; grosse Eichen, Buchen, Tannen und was zu grobem
Bauholz dient, muss siebenzig, hundert und mehr Jahre alt werden. Folglich, wenn
wir gehörig holzen, so müssen wir alle niedere Laubholzwaldungen in dreissig
Portionen einteilen, und alle Bauholzwaldungen in hundert und mehr Portionen.
Wenn wir nun alle Jahre von jeder Art nur eine Portion nehmen, so hätten wir
natürlich alle Jahre gleich viel Holz, und schlügen nicht zu viel und nicht zu
wenig, und wir und unsere Nachkommen hätten allezeit altes, reifes Holz zu
schlagen. Ferner sagt er: Wir hätten im Tannenwald so altes Holz, dass, wenn wir
nach der Ordnung holzten, vieles davon überalt und faul werden würde. Wenn wir
dies in einigen Jahren wegschlügen, würde in hundert Jahren da wieder für unsere
Nachkommen hundertjähriges Holz stehen. - So ist denn mein Rat und der Rat der
ehrsamen Beisitzer: Wenn wir uns im Gebrauch alle Jahre hundert Klafter
absparen, so sind tausend Klafter ungefähr das Ersparnis von zehn Jahren. Statt
nun zehn Jahre zu warten, holzen wir das Ersparnis in zwei Jahren ab, bezahlen
unsere Schuld, behalten den Zins im Geldsack für uns, und behelfen uns zehn
Jahre lang in jeder Haushaltung mit zwei Klaftern nebst Reiswellen.«
    Als die Gemeinde diesen Vorschlag angehört hatte, erhob sich wieder Streit
und tobendes Geschrei. Die Meisten hätten gern zwar den Zins behalten, aber auch
das Holz. Man stritt bis es Nacht ward, und kam zu keinem Schluss und lief
auseinander.
 
                           25. Es geht immer besser.
Die wohldenkenden und verständigen Männer im Dorfe schüttelten den Kopf und
sagten: »Das Ding mit den Holzsparen setzen wir bei dieser hartnäckigen Gemeinde
nie durch.« Oswald aber lachte und antwortete: »Nur Geduld! Gutes Ding will
seine Zeit haben. Die Leute müssen das Ding erst besprechen, beschlafen und
sattsam verdauen. Goldental ward nicht in einem Tage gebaut. Unsere Bauern,
wenn ihnen ein nützlicher Vorschlag gemacht wird, der ihnen neu ist, sind wie
die Kinder, wenn sie einen unbekannten Mann erblicken. Die laufen erst schreiend
und erschrocken davon; nachher schauen sie ihn aus der Ferne an; dann kommen sie
wieder einen halben Schritt näher, wenn sie merken, dass er nicht beisst; endlich
spielen sie mit ihm und werden gute Freunde.«
    So redete Oswald. Unterdessen ward zur Erbauung des Waschhauses und der
Backöfen Anstalt gemacht. Man fällte Holz, brach Steine, führte Leimen und Kalk
und Ziegel herbei, Alles durch gemeines Werk. Die Haushaltungen, welche einen
Back- und Dörrofen gemeinschaftlich haben wollten, traten zusammen, beredeten
die Reihenfolge im Gebrauch des Ofens, und bestimmten den sichersten und
bequemsten Platz. Oswald liess einen sehr verständigen Maurermeister kommen, der
die besten Vorteile bei Feuerherden und Oefen anzubringen wusste. Er selbst
besuchte verschiedene Dörfer, um dasige Einrichtungen kennen zu lernen und das
Beste davon für Goldental zu benutzen. Gegen den Herbst waren das Waschhaus und
die Oefen schon aufgerichtet und zum grossem Vergnügen der Goldentaler in vollem
Gebrauch. Jetzt spürten die Haushaltungen in der Tat, dass dabei viel Holz
erübrigt werde und grössere Sicherheit vor Feuersbrunst sei.
    Aber Eins folgt aus dem Andern. Manche Leute kamen nun von selbst auf den
Gedanken, die unflätigen grossen Stubenöfen wären nicht mehr so notwendig wie
ehemals; man könnte kleinere haben, die weniger Holz frässen. Oswald und der Herr
Pfarrer hatten solche kleine Stubenöfen, welche sogar auch zum Kochen bequem
eingerichtet waren, in ihren Stuben. In der Stadt sah man fast überall
dergleichen. Der ehemalige Löwenwirt Brenzel hatte sich auch schon solche
angeschaut, damit es bei ihm städtischer aussehe. Es war Gewinn dabei. Man
konnte das ersparte Holz verkaufen und Geld daraus machen. Keinem kamen die
Worte Oswalds wieder aus dem Sinn: Holz verbrennen heisst Geld verbrennen! Man
scheute nur die Unkosten für das Umsetzen und Abändern der Oefen.
    Doch verschiedene von den zweiunddreissig heimlichen Genossen des
Goldmacherbundes, auf welche Oswald noch immer durch sein Ansehen grossen Einfluss
hatte, liessen auf sein Zureden ihre Oefen schon im Herbst verändern, besonders
da er einigen der Unbemitteltsten dazu etwas Geld vorschoss. Ein geschickter Mann
aus der Stadt richtete Alles höchst vorteilhaft und einfach ein. Nun hätte man
sehen sollen, wie die Nachbarn und Nachbarinnen aus allen Winkeln des Dorfes
kamen, die neuen Stubenöfen, als wahre Wundertiere, zu beschauen. Alle lachten
darüber, Alle spotteten und tadelten. Hintennach, da der kalte Winter mit Eis,
Sturm und Schneeflocken ins Dorf einzog, verwunderten sie sich, dass die kleinen,
von den Wänden freistehenden Oefen doch so warme Stuben machen konnten. Als aber
im Frühjahre viele von den Besitzern dieser Oefen Holz verkauften, kam den
Uebrigen die Sache sehr annehmlich vor. Die alten, ungeheuern Oefen verloren
ihre alten Verteidiger, und zuletzt wollte Jedermann in der Stube ein kleines
Wundertier haben. Viele, welche die Einrichtung bei den Andern gesehen hatten,
bauten sich sehr kunstvoll die Oefen selbst auf, und sogar noch mit kleinen
Verbesserungen, die allgemeinen Beifall hatten. - Im Frühjahr ging der Weibel
herum von Haus zu Haus und sagte: Geld her; der Zins von der Gemeindsschuld soll
bezahlt werden, darum bezahlet den Zins vom Pachtlande, das ihr von der Gemeinde
habet!
    Das war ein böses Geschäft, so mit einmal zwei Gulden und darüber für nichts
und wieder nichts wegzugeben. Einige sagten: »Hole der Kukuk die
Gemeindsschulden!« Andere liefen zu Oswald und sagten: »Herr Vorsteher, warum
redet Ihr nicht mehr von Euerm Vorschlag, die Gemeindsschulden mit Holz aus dem
Wald für immer abzutun? Fangt doch wieder an!«
    Das war's, was Oswald erwartete. Und als die Gemeinde zusammen berufen war,
sagte er: »Die ganze Bürgerschaft ist darin einig, wie ich von allen Seiten
vernehme, die Schuld abzustossen. Keiner will jährlich ein Klafter Holz weniger
empfangen. Nun denn, so macht es mit einem halben Klafter jährlich ab. Das wird
bei den neuen Einrichtungen Keiner so stark vermissen, als ein ganzes. Nehmet
ihr also jährlich, statt drei, nur zwei und ein halbes Klafter, so lange, bis
wir wieder Holz im Walde genug haben, so ist die Schuld in zwei, drei Jahren
vernichtet.«
    Der Vorschlag erregte zwar auch Murren, aber er ging durch. Und als ihn die
hohe Landesregierung nicht nur billigte, sondern auch belobte, ward nahe und
fern der Holzschlag angekündigt. Es kamen viele Käufer von nahe und fern zur
Steigerung. Man schlug in Gegenwart und unter Anweisung des Oberförsters das
älteste Bauholz, auch an vielen Orten junges an, wo es zu dicht stand, verkaufte
aber daran zwei Jahre lang, um die Preise nicht zu niedrig zu halten, und in
zwei Jahren waren sechstausend Gulden gelöset, so dass die Gemeindsschuld nicht
nur bezahlt, sondern auch ein schöner Geldüberschuss für Notfälle der Gemeinde
an Zins getan werden konnte.
    Nun aber folgte Oswald auch dem Willen des Oberförsters und der Regierung.
Nämlich um den Wald, als das beste Stück vom Gemeindsvermögen, recht ordentlich
bewirtschaften zu können, liess man einen Feldmesser kommen. Der vermass alle
Waldungen und brachte sie in Karten. Der Oberförster ging durch die Gehölze, und
nachdem er sie besichtigt hatte, teilte er sie in Portionen oder Schläge, und
schrieb dazu, welchen Schlag man in jedem Jahre abholzen könne. Und so war dabei
für dreissig und für hundert Jahre Vorsorge getan. Der Oberförster machte den
Ortsvorgesetzten eine schriftliche Lehre und Anweisung dazu, was sie alle Jahre
beim Abholzen und beim Anpflanzen neuer Schläge zu beobachten hätten. Und die
Vorgesetzten machten der Gemeinde eine neue Waldordnung, darin, als in einem
Gesetz fürs Dorf, geschrieben war, was künftig bei Fällung des Holzes, bei
Austeilung der Gaben, bei Anweisung notwendigen Bauholzes in der Gemeinde, bei
Freveln, bei Ernennung der Bannwarte oder Waldvögte u.s.w. zu beobachten sei,
damit Alles recht unparteiisch und gemeinnützlich vor sich gehe.
    Diese Einrichtungen waren ganz vortrefflich. Und wenn es einmal an einen
Schlag im Walde kam, der zu wenig Holz gab, ward das Fehlende aus dem Überschuss
eines andern ersetzt. Der Bannwart empfing bessern Gehalt, damit er den Lumpen
und Holzdieben Tag und Nacht fleissiger nachgehen könne. Alle zwei Jahre wurden
die Marken und Grenzen der Wälder und Aecker und Wiesen von den Vorgesetzten,
Feldhütern, Bannwarten, Güterbesitzern u.s.w., von alten Männern und jungen
Knaben umgangen, besichtigt und berichtigt. Das verhütete vielen Grenzstreit,
viele Prozesse, die sonst aus Verwahrlosung der Marken entstanden waren.
 
                      26. Es ist noch viel Not im Dorfe.
Das ganze Land konnte sich nicht genug über die Goldentaler verwundern. Denn
der Wohlstand der Leute nahm sichtlich zu. Nicht nur das Dorf hatte keine
Schulden, sondern Leute, die sonst tief darin steckten, trugen nach und nach
ihre kleinen Kapitale ab. Jedermann in der Stadt, welcher Geld austun wollte,
lieh den Goldentalern am liebsten; denn Jedermann wusste, die Ortsvorgesetzten
waren bei Schätzung der Unterpfänder sehr gewissenhaft, und kannten haargenau,
wie viel Schuld auf einem Stück Landes haftete. Das war nicht so in andern
Gemeinden, darum hatten die Goldentaler überall den Vorzug und das Ansehen. Und
wenn einmal ein Bettler kam, und sagte, er sei aus Goldental, so sprach man:
»Pfui, schämst du dich nicht zu betteln, und du bist aus Goldental?« Man
bildete sich ein, im Goldmacherdorf wären gar keine bettelarmen Leute.
    Darin aber irrte man sich sehr. Denn in diesem neuaufblühenden Dorfe war
noch immer ein ansehnlicher Bodensatz ans der alten Zeit. Da lebten einige
verlumpte Familien, die nicht zu bessern waren, der Herr Pfarrer mochte mit
ihnen reden, oder die Obrigkeit drohen, wie sie wollte. Da lebten Leute, die
lieber müssig gehen, hungern und betteln wollten, als im Schweiss ihres Angesichts
das saure Brod verdienen. Da lebten Leute, die sogar ihre Kinder zum Bettel-und
Diebshandwerk abrichteten, und sie Abends abprügelten, wenn sie nicht genug
gesammelt hatten. Da lebten Leute, die immer wieder das, was sie entweder
verdient, oder als Almosen bekommen hatten, für Wein, Branntewein und allerlei
Nasch- und Leckerwaare hingaben. Man hatte auch keine Hoffnung, dass die Menschen
endlich einmal aussterben würden. Umgekehrt, sie vermehrten sich mit dem
Wohlstande der Goldentaler. Denn sie verheirateten sich unter einander und
setzten Kinder in die Welt, ohne sich darum zu bekümmern, wie sie sich und ihre
Kinder ernähren möchten. Die Lumpen sagten nur: »Die Gemeinde hat ein Armengut,
das gehört uns an; und es ist die Schuldigkeit der Gemeinde, sie muss uns
erhalten, sie mag wollen oder nicht. Verstossen oder verhungern lassen, darf sie
uns doch nicht.«
    Dem guten Herrn Pfarrer Roderich gingen diese frechen Redensarten des
Gesindels besonders zu Herzen. Und er sagte vielmals zu den Vorstehern:
»Arbeitet, wie ihr wollet: so lange ihr noch die Beispiele der Faulheit,
Ueppigkeit und Liederlichkeit, die Pflanzschule alles Lasters, im Dorfe habet,
so lange kommt die Gemeinde auf keinen grünen Zweig. Denn was rechtschaffene
Haushaltungen verdienen, davon zehren die Müssiggänger auch mit. Diese vermindern
immerdar das Vermögen der Andern, und verführen durch ihre Schlechtigkeit andere
Leute zur Schlechtigkeit.«
    Die Ortsvorgesetzten sahen dies so gut ein, wie der Herr Pfarrer. Aber wie
sollte man dem mutwilligen Bettel und Müssiggang abhelfen? Das war der Knoten! -
Im Dorfe befand sich zwar eine Art Armenhaus, welches man das Spital hiess,
allein es war für die Menge der Bettelschaft zu klein; darum kamen Viele nicht
hinein. Und man musste sich scheuen, Menschen hinein zu tun. Der Herr Pfarrer
ging oft in das sogenannt Spital, und hoffte die Leute darin zu bessern, - aber
hoffte vergebens. Hier wohnten Alt und Jung: Männer, Weiber, die sonst kein
eigenes Obdach mehr hatten, elend beisammen. Das Haus war, wie der Herr Pfarrer
oft sagte, eine wahre Mördergrube der Seelen. Denn die Kinder sahen und hörten
da von den Alten viele schändliche Sachen. Das Beisammensein von Personen
beiderlei Geschlechts und von den schlechtesten Sitten gab zu vielen
Ausschweifungen Anlass. Das Land, welches zum Spital gehörte, war immer am
unordentlichsten besorgt, und Oswald hatte grosse Mühe, im Hause selbst nur mehr
äusserliche Reinlichkeit herzustellen. Aber wie sehr er auch den Kopf anstrengte,
er konnte nichts ersinnen, dies zusammengepackte, müssige, lüderliche Gesindel zu
ändern, und er glaubte zuletzt selbst, das sei nun einmal leider ein
notwendiges Uebel.
    Hingegen der Herr Pfarrer hatte keine Ruhe, und wollte nicht Zeuge so vielen
Sittenverderbnisses in seiner Gemeinde sein. Er war aber ein kluger Herr, der
sich nicht geradezu in Gemeindsangelegenheiten mischte, weil er, um heilsam zu
wirken, mit allen Bewohnern des Dorfes in Freundschaft bleiben wollte. Er gab
hin und her einen guten Rat, warf einen guten Gedanken hin, und freute sich,
wenn er von diesem oder jenem Vorsteher aufgefasst wurde. Dann tat er gar nicht,
als wenn das von ihm herrühre; sondern er liess den Vorgesetzten die Ehre, von
selbst den rechten Weg gefunden zu haben. Das schmeichelte diesen und sie
verfolgten den rechten Weg um so williger. Pfarrer Roderich meinte auch: es sei
recht, dass die Ortsvorgesetzten bei der Gemeinde in höchster Achtung ständen;
und es schade ihrem Ansehen, wenn es hiesse, sie liessen sich vom Herrn Pfarrer
gängeln und lenken. Das sollte nicht sein. Auf solche Weise wirkte der weise
Mann im Stillen, ohne eigenen Ruhm, und mehr als selbst diejenigen wussten oder
glaubten, auf die er wirkte. Und wenn auch nicht Alles so geschah, wie er wohl
gewünscht hätte, ward er deshalb doch nicht missvergnügt, und zog die Hand nie
von der guten Sache zurück. Denn er war bescheiden genug zu glauben, dass andere
Leute ebenfalls Verstand von Gott und vielleicht in vielen Dingen bessere
Erfahrung und Kenntnis hätten, als er. Jedes Nützliche belobte er ungemein; das
gab grossen Mut und Freudigkeit. Und wo man begriff, dass gefehlt worden sei,
entschuldigte er freundlich den Irrtum; das gab wieder Trost und richtete die
Verdrossenen auf.
    »Das kann nicht länger so gehen mit unsern Gemeindsarmen und müssigen
Bettlern!« sagte eines Tages Oswald zum Pfarrer Roderich: »Aber ich weiss keinen
guten Rat zu schaffen. Diese Erb-Bettler sind für eine ehrsame Gemeinde, was
die Filzläuse für einen Menschenkörper sind: eine Plage, eine Schande; und das
Ungeziefer sauget Blut, Saft und Kraft aus, dass man nicht geneset. Ich habe ein
Grausen, so oft ich unser Spital erblicke. Die Verwaltung kostet so viel und
taugt offenbar nichts, und ist nur eine Plage und Schande und Lüderlichkeit.«
    Pfarrer Roderich antwortete und sprach: »Ihr habet mir endlich aus der Seele
gesprochen, Oswald. Hätte die Gemeinde kein Spital, so hätte sie auch keine
Bewohner desselben. Die meisten Bettler und Müssiggänger wird man allezeit in
denjenigen Orten finden, in denen das meiste Armengut angehäuft ist, und wo man
die meisten Almosen austeilt.«
    Oswald versetzte darauf: »Ich habe freilich schon daran gedacht, das Spital
abzuschaffen. Aber damit ist nichts gebessert. Es wird in den besteingerichteten
Gemeinden immerdar Arme geben und Taugenichtse. Wohin mit diesen? - Ich habe in
andern Gemeinden gesehen, dass man die dortigen Armen bei den vermöglichen Bauern
umherziehen lässt in die Runde, oder eine Woche lang von einer bestimmten
Haushaltung Kost oder vielleicht auch den Stall zum Schlafen erhält. Das ist
gegen Alte und Kranke oft unmenschlich, und für die Arbeitsfähigen Bestätigung
im Müssiggang, seelen- und sittengefährlich. Ich habe wieder in andern Gemeinden,
die den Bettel abschaften, gesehen, dass sie ihre Bettler auf Unkosten der
Gemeinde bei gewissen Leuten verkostgeldeten. Man übergab dann die Verpflegung
des Gesindels denjenigen, die am wenigsten dafür forderten. Das waren nun wieder
höchst arme Leute, die damit ein Stückchen Geld verdienen wollten, und in so
ruchloser Gesellschaft ganz verdarben. dabei hatte die Gemeinde gar keinen
Nutzen, sondern Schaden, denn die Bettler besserten sich nicht und steckten
Andere mit ihrer Liederlichkeit an, bei denen sie wohnten. - Ja, Herr Pfarrer,
und Blut weinen möchte ich, wenn ich zumal an arme, verwaisete Kinder denke,
welche auf diese Weise durch die Gemeinden versteigerungsweise in Verpflegung an
den Wenigstnehmenden gegeben worden sind. Ich weiss, wie man in den teuren
Zeiten für solche Kinder das Geld nahm, aber sie hungern liess; und wenn die
armen Würmer jammerten und vor Hunger schrien, wie man sie mit Ruten gestrichen
hat, um sie zum Schweigen zu bringen, damit die Leute es nicht vernehmen
sollten. Ich weiss, wie einst der Leichnam eines solchen Kindes geöffnet wurde,
fand sich im Magen nichts als etwas Gras und Wasser, und der Rücken und die
Lenden waren blutrünstig. Wahrlich, wahrlich, es ist unter Türken und Heiden
mehr Barmherzigkeit, als bei unsern rohen Bauersleuten oft gefunden wird.«
    »Ich weiss auch gar wohl,« fuhr Oswald fort, »dass die Vorsteher in vielen
Gemeinden an Errichtung von Armenhäusern und Spitälern dachten, worein sie ihre
Bedürftigen tun wollten. Das geschah aber nicht aus wahrer Menschlichkeit;
sondern die harterzigen, bequemen Vorsteher wollten sich damit nur die Mühe
erleichtern und die Plage abschaffen, immer an die armen Leute denken zu müssen.
Denn der Stolz der Vorsteher liebt zwar im Dorfe die Würde, aber erleichtert
sich auf ehr- und gottvergessene Weise die Bürde, wie es gehen mag!«
    So sprach Oswald. Der Herr Pfarrer freute sich über des Vorstehers
gründliche Kenntnis der Dinge und sprach: »Ich habe über diesen höchstwichtigen
Gegenstand meine Gedanken einmal schriftlich verfasst; leset doch diese Blätter.
Es sind viele unreife Gedanken darin; aber ändert und bessert oder verwerfet
Alles, was ihr wollet.«
    Oswald nahm des Pfarrers Schrift zu sich. Er las sie mehrmals durch. Er
sprach darüber mit den Beisitzern, Er ging zum Pfarrer und machte ihm allerlei
Einwürfe, hörte dessen Antworten und beriet sich wieder mit den Beisitzern.
Endlich verstand er sich mit dem Herrn Pfarrer über einen Plan zur bessern
Versorgung der Armen im Dorfe. Dann versammelte er die achtbarsten Männer der
Gemeinde, zog auch diese zu Rat und hörte ihre Einwendungen. Da ward wieder
allerlei abgeändert und wieder verbessert.
 
              27. Was die Goldentaler mit ihren Bettlern machen.
Nachdem Alles wohl beraten war, ging man ans Geschäft. Doch wussten Wenige im
Dorfe, wie man so viele Bettler, Müssiggänger, hilflose Kranke, Gebrechliche und
Kinder, ohne ungeheure Kosten, ernähren könne und wolle.
    Zuerst wurde aus dem Armengut eine Summe Geldes, mit Genehmigung der hohen
Regierung, erhoben; damit schaffte man eine Dreherbank, Aexte, Hobel, Sägen,
Schaufeln, Spaten, Hacken und anderes Arbeitsgeräte an. Man verbesserte auch
die Küche des Spitals, um daselbst für viele arme Familien zugleich kochen zu
können, und machte allerlei Aenderungen im Hause des Spitals, also dass darin
eine Arbeitsstube für Männer, eine andere für Weiber und zwei Krankenzimmer für
beiderlei Geschlechts angelegt wurden. Auch ward dafür gesorgt, dass für jeden
Gesunden ein eigenes Schlafkämmerlein eingerichtet wurde. Das war eine enge
Zelle, nur zehn Schuh lang und drei Schuh breit, am Boden nur Platz für einen
Strohsack, ein Kopfkissen mit Stroh gefüllt, mit grobem Bettuch und einer warmen
Wollendecke. Jede Zelle hatte eine eigene Tür mit Luftloch. »Man muss es
Bettlern nie ganz bequem machen,« sagte Oswald, »damit sie auch Lust bekommen,
sich durch eigenes Bemühen eine bessere Lage zu schaffen.« Darum ward jeder
Winkel im Hause zu Schlafstellen benutzt. Unter dem Dache des Hauses bewahrte
man angekaufte Vorräte von Wolle, Hanf, Nutzholz und dergleichen.
    Sobald Alles und Jedes vorbereitet war, nahmen die Vorgesetzten ein
Namensverzeichniss auf von denjenigen Personen im Dorfe, welche nicht ohne
Unterstützung von der Gemeinde leben konnten. Das war bald gemacht. Man kannte
diese Leute nur allzugut. Verschiedene derselben hatten im Dorfe noch eigene
Wohnungen; Andere aber zogen ohne Obdach umher, dem Bettel nach, von Stall zu
Stall. Diejenigen nun, welche keine eigenen Wohnungen besassen, wurden
aufgefangen und ins Spital gebracht. Sie gingen willig, denn der kalte Winter
war vor der Tür. Diejenigen, welche zwar eine Stube hatten, aber mit andern
armen Leuten gedrängt beisammen wohnten, so dass Alt und Jung, Leute beiderlei
Geschlechts im gleichen Gemach schlafen mussten, wurden ohne Umstände ins Spital
geführt. Nur diejenigen wurden in ihren Wohnungen gelassen, die darin nachweisen
konnten, dass sie und ihre Kinder alle getrennt schliefen und gesund wohnten.
    Also waren sämmtliche Arme und Bedürftige des Dorfes in zwei Klassen
zerfallen. Die, welche eigene Wohnungen hatten, hiessen Häusler; die, welche ins
Spital kamen, hiessen Spittler. Beide aber wurden als Genossen der gemeinen
Armenanstalt betrachtet, ohne Unterschied. Wo Kinder waren, liess man sie gern
bei ihren Aeltern. War aber die Behausung derselben zu klein, oder waren die
Aeltern ruchlos und unsittlich oder im Spital: so suchte man die Kinder bei
guten Haushaltungen im Dorfe oder in der Stadt unterzubringen, nicht bei armen
Leuten um Geld, auch nicht bei reichen Leuten, sondern bei solchen, die durch
ihre Rechtschaffenheit bekannt waren. Diese Kinder bekamen ihre Kleider von der
Armenanstalt, und die Pflegeältern, wenn sie es verlangten, auch geringe
Entschädigung. Aber die Wenigsten, die Kinder zu sich genommen hatten, forderten
Entschädigung. Sie taten es aus Ermahnung des Herrn Pfarrers und aus
Frömmigkeit. Der Herr Pfarrer war der rechte allgemeine Waisenvater. Er hatte
zween böse, mutwillige naschhafte Knaben, die Keiner annehmen wollte, zu sich
ins Haus genommen, und schon nach einem halben Jahre waren dieselben zu
Jedermanns Verwunderung recht gutartig geworden. Auf diese Weise brachte man die
Kinder an, und sie sahen nicht täglich mehr das böse Beispiel ihrer Aeltern, und
lernten arbeitsam und gottesfürchtig werden, da sie sonst nur zum Betteln,
Stehlen und müssigen Herumschwärmen gewöhnt worden waren.
    Wie man die gesammten armen Leute mit ihren Kindern also verteilte und
Jeglichem sein rechtes Obdach gab, ward zugleich von den Ortsvorgesetzten ein
Hauptgrundsatz aufgestellt, nämlich: Wer nicht im Stande ist, sich selbst zu
erhalten, und von Keinem versorgt wird, den muss die Gemeinde versorgen. Wen aber
die Gemeinde versorgen muss, den hat sie auch das Recht zu beaufsichtigen und zu
bevogten, damit er sich selbst erhalten und versorgen lerne. Das war nicht
anders als recht und billig.
    Darum ward jeder einzelnen Armenfamilie ein rechtschaffner Mann zum Vormund
oder Vogt gesetzt. Dieser Vogt hatte über Nahrung, Kleidung, Vermögen, Schulden
und Erwerb seiner ihm übergebenen Familie Vorsorge zu tun; musste über Ordnung
und Reinlichkeit der Häusler in ihren Wohnungen und über die Arbeit wachen, die
ihnen gegeben ward. dabei verfuhr man sehr streng. Denn da auch die Häusler ihre
Nahrung aus der Spitalküche bekamen, wo, wie in der teuren Zeit, die Sparsuppe
gemeinschaftlich gekocht wurde, und sie Kleider und Gerät von der Armenpflege
erhielten, so mussten sie auch für die Armenanstalt arbeiten, und damit ihr Brod
und was ihnen sonst zukam, wieder abverdienen. Was sie ausser der aufgetragenen
Arbeit durch grössern Fleiss verdienten, ward ihnen bezahlt. Sowohl dies Geld, als
das, was sie im Taglohn bei den Bauern verdienten, bekamen sie nicht in die
Hände, sondern wurde in die Ersparnisskasse für sie gelegt. Denn Leute, die zu
ihrem Unterhalt Alles und Jedes empfingen, brauchten kein baares Geld; sie
mussten aber erst sparen und haushalten lernen.
    Jeder Vogt musste dem Herrn Pfarrer von Zeit zu Zeit über das Betragen und
Schicksal der anvertrauten Familie Rechenschaft geben. Denn der Herr Pfarrer war
der rechte Oberaufseher aller Vögte; er war der Pfleger aller Armen und führte
darüber ein eigenes Buch. Fand er gegen einen Vogt zu klagen, so dass derselbe
sein menschenfreundliches Amt übel versah, so ward der Unwürdige von den
Ortsvorstehern geradezu abgesetzt.
    Diese beständige, unmittelbare Aufsicht und Bevogtung jeder armen
Haushaltung oder Person im Dorfe hatte ungemein viel Gutes. Denn weil das
Geschäft der Aufsicht für jeden Vogt nur auf eine Familie ging, war es weniger
mühsam und besser und sorgfältiger verrichtet. Jeder tat das Wenige gern und
unentgeldlich aus christlichem Gemüt. Es wurde bald ein ordentlicher Wetteifer
unter den Vormündern, wie jeglicher nach dem Ruhm trachtete, die ihm
anvertrauten Personen durch Rat und Anweisung und Beihülfe emporzubringen. So
hatte ganz unerwartet jede sonst verlassen gewesene arme Haushaltung einen
Freund, Vater und Fürsprecher und Schutzengel gefunden, dem sie lebenslänglich
dankbar wurde.
    Nun aber war die Frage: woher Nahrung und Kleider für die Armen nehmen? Der
Zins des Armenguts reicht nicht zu. Oswald aber sagte: »Es wäre wohl böse, wenn
die Leute mit gesunden Händen nicht ihr Brod verdienen könnten. Alle zusammen,
Häusler und Spittler, Männer und Weiber machen jetzt gleichsam eine einzige
grosse Haushaltung, und müssen Einer für Alle, Alle für Einen arbeiten. Die
Häusler müssen in der Woche arbeiten, was ihnen aufgegeben wird; die Spittler
müssen des Tages acht Stunden arbeiten, mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage.«
    Und so ging es. Wer nicht arbeiten wollte, der ward ins finstere Loch des
Turms gesperrt; da sass er und bekam zum Getränk kaltes Wasser, und zur Nahrung
geschwellte Erdäpfel, kalt und ohne Salz, welche die Andern nicht hatten essen
mögen. Das war Keinem angenehm. Wer aber arbeitete, hatte täglich warme Speisen,
Suppe, Gemüs und zweimal in der Woche Fleisch. Wer, ausser den acht
Arbeitsstunden, noch fleissiger sein wollte, konnte sich damit Geld verdienen.
Seine verfertigte Waare ward für ihn verkauft, und das erlösete Geld für ihn als
ein kleines Kapital in die Ersparnisskasse an Zins getan. So sammelten sie sich
ein kleines Vermögen. - Wer fluchte oder schwor, unzüchtig redete, Unordnung
trieb, kam in das finstere Loch ohne Gnade und Barmherzigkeit. Wer aber fein
still und ehrbarlich lebte, der hatte Hoffnung, seinen Zustand zu verbessern. Er
konnte im Spital ein Unteraufseher oder gar Spitalmeister werden. Denn aus den
bravsten Leuten im Spital wurden die Aufseher über die Arbeiten und das Betragen
der Andern, über Reinlichkeit und Ordnung der Zimmer und Schlafstätten und
Kleider erwählt. Die Aufseher berichteten Alles dem Spitalmeister, der selbst
ein Spittler war. Der Spitalmeister, so wie die Köchinnen, hatten den Vorteil,
nicht zur gemeinen Arbeit gebraucht zu werden. Was sie neben ihren
Amtsgeschäften verdienen konnten, das war ihr Eigentum und kam in die
Ersparnisskasse. Die Unteraufseher hatten nur vier Stunden des Tages für die
Gemeinschaft mitzuarbeiten; die übrigen Stunden waren ihnen erlaubt, für ihren
Vorteil fleissig zu sein. Die Köchinnen hatten es eben so. Elsbet führte die
Oberaufsicht der Spitalküche. Hier unterrichtete sie zwei arme Frauen im Kochen.
Eine andere Spittlerin hatte Aufsicht über Wäsche, Kleidung und Gerät der
Spittler. - Also wurden sämmtliche Spittler zwischen Furcht der Strafe und
Hoffnung des Nutzens gestellt und zu ihrem eigenen Besten hingeleitet.
    Und Arbeit gab es für die Armenhaushaltung vollauf im ganzen Jahr. Vor allen
Dingen mussten Spittler und Häusler gemeinschaftlich nicht nur die Gärten und
Felder des Spitals bestellen, das Getreide, Kohl, Rüben, Bohnen, Salat,
Erdäpfel, Flachs, Hanf, Oelpflanzen u.s.w. bauen, sondern auch gemeinschaftlich
ihr von der Gemeinde empfangenes Pachtland bearbeiten. Doch behielt jeder
Besitzer den Nutzen von seinem Stückchen Gemeinlandes, also dass er, nach Abzug
dessen, was er ebenfalls der Armenanstalt noch für Nahrung, Kleidung und Obdach
schuldig geblieben, das Uebrige verkaufen lassen konnte von seinem Vogt; der
Gewinn kam in die Ersparnisskasse.
    Ferner mussten die Männer Strassen verbessern; Brunnen reinigen; feuchte,
moosige Stellen des Waldes durch Abzugsgraben trocken legen; für das Spital und
die Häusler Holz fällen und spalten; im Walde leere Stellen mit jungen Tannen,
Buchen und Eichen besetzen, und sonst allerlei Maurer- und Zimmermannsarbeit zur
Ausbesserung des Spitals oder der Häuslerwohnungen verrichten. Bei schlechtem
Wetter oder im Winter hatten die Männer noch weit mehr zu tun. Da mussten die,
welche mit Drehbank, Hobel und Säge etwas umzugehen wussten, Haus- und Küchen-
und Feldgerät aller Art verfertigen. Andere lernten aus Wollen- und Leingarn
ein ländliches Halbtuch weben, das sehr dauerhaft war, oder aus Hanf- und
Flachsgarn Leinwand verfertigen. Immer waren einige Webstühle Winters und
Sommers in Bewegung.
    
    Die Weiber, selbst die Kinder der Häusler und Spittler, mussten, wenn es an
Leuten mangelte, bei der Feldarbeit helfen; ausserdem bei dem Reinigen und
Ausbessern der Wäsche und Kleider sämmtlicher Häusler und Spittler tätig sein;
Wolle, Hanf und Flachs spinnen, oder für die Weber spulen; Strümpfe und Kappen
stricken, Bettzeug und Hemden nähen, und dergleichen mehr. Alle arbeiteten für
Einen, und Einer für Alle. Die Leute befanden sich dabei so gut, dass nachher
noch ein paar Familien freiwillig zur Armenanstalt übergingen, da sie vorher aus
Furcht erklärt hatten, sie könnten sich ohne allen Bettel und ohne Unterstützung
von der Gemeinde erhalten.
    Diese Einrichtung war darum sehr vorteilhaft, weil die Verwaltung nun keine
Unkosten verursachte. Denn der Spittlermeister, die Unteraufseher und Köchinnen,
die Mägde, Holzspalter u.s.w. kosteten nichts. Es waren Spittler. Der Pfarrer,
die Vormünder, Oswald und Elsbet nahmen für ihre Liebeswerke keinen Lohn. Der
brave Schulmeister, Johannes Heiter, führte unentgeldlich die Buchhaltung und
Rechnung über Einnahme, Ausgabe und erspartes Vermögen der Spittler und Häusler
mit ungemeiner Pünktlichkeit.
    Ferner: die ganze Wirtschaft erhielt sich selbst. Die Leute pflanzten und
kochten ihre Nahrung selber; spannen, woben und schneiderten ihre Kleider selber
aus selbstgezogenem Hanf und Flachs; verfertigten ihre Tische, Bänke, Stühle und
Holzteller, Schränke u.s.w. selber; besserten Zimmer, Gebäude und Geräte selber
aus. Es wurde bald mehr Nahrung gewonnen, mehr Garn und Tuch und allerlei Gerät
verfertigt, als verbraucht. Das wurde verkauft zum Nutzen der Anstalt, und für
das Geld wieder eingekauft, was man an Wolle, Eisen u.s.w. nötig hatte. Die
fleissigern Häusler verdienten noch ausser den gesetzlichen Arbeitsstunden durch
mancherlei Arbeit oder Taglohn ein schönes Stück Geld. Das ward ihnen an Zins
gelegt oder angewandt, um ihnen zur Vervollkommnung ihrer Nebenarbeiten das
fehlende Werkzeug und rohe Stoffe zu verschaffen. Schon im zweiten Jahre
brauchte man den Zins vom Armenfond nicht mehr ganz.
    Weil die Leute bei einfacher Kost viel arbeiteten und Männer und Weiber
ohnedem fast beständig getrennt lebten, verging ihnen die Ueppigkeit von selbst.
Zudem war ein Gemeindsgesetz: es konnte Keiner heiraten, als der, welcher sich
ausser der Armenanstalt, ohne Hülfe der Gemeinde, ernähren konnte.
    Das Beste, was man noch rühmen musste, war die Gottesfurcht, welche allmälig
bei diesen einst verwilderten Leuten immer mehr Eingang fand. Und auch das war
ein Verdienst des Herrn Pfarrers. Denn alle Wochen hielt er einigemal mit den
Spittlern die Abendandacht; dazu kamen auch die Häusler. Da sprach er dann viel
Heilsames und Lehrreiches über ihren Seelenzustand, und zeigte ihnen, wie durch
Gottes- und Menschenliebe in der Welt, wie in der Ewigkeit, das reinste Glück
des Herzens gefunden werde. Diese Erbauungsstunden fruchteten zur Besserung weit
mehr noch, als die Drohungen und Strafen der Obrigkeit.
    Uebrigens stand jedem Spittler und Häusler vollkommen frei, die Anstalten zu
verlassen, wenn er wollte. Er musste nur zeigen, wie er sich selbstständig und
auf ehrliche Weise durch die Welt bringen könne und wolle. Und es war Gesetz,
dass, wenn Jemand die Anstalt verlassen und sich über ein Jahr lang ohne
Bettelei, ohne fremde Unterstützung, durch eigenen, häuslichen Fleiss erhalten
und gutes Lob und Zeugnis erworben hatte, dass er sodann den freien Gebrauch
seines kleinen, in der Ersparnisskasse befindlichen Vermögens empfing. Natürlich
hatte er dann auch keinen Vogt mehr, und war gehalten wie jeder andere Bürger.
    Was die Goldentaler Armenanstalten vorzüglich von andern dergleichen
ruhmvoll und segensvoll unterschied, war: dass die armen Leute gezwungen wurden,
Alles, was sie zur Nahrung, Kleidung und Bequemlichkeit gebrauchten, durchaus
selbst zu machen. Es sorgte Niemand für sie; sie mussten für sich selbst sorgen
und arbeiten. Hier war keine stillsitzende Lebensart, hier keine ungewisse,
leichte Fabrikarbeit, wodurch arme Leute zu schwerer Arbeit nachher untauglich
werden, hier gab es keinen leichten Verdienst, wo junge Mädchen und Knaben bald
eben so viel Geld gewinnen können, als die Alten, was dann zur Ueppigkeit, zu
frühen Heiraten und zur Vermehrung des Lumpengesindels beiträgt. Hier musste
Jeder seine Kraft für das anstrengen, was ihm lebenslänglich wohltat, wenn er
es konnte; er musste graben, hacken, säen, pflanzen, dreschen, zimmern, hobeln,
spinnen, weben, schneidern.
 
                       28. Probieren geht über Studieren.
Es war auch in Goldental, wie an andern Orten. Sobald irgend ein verständiger
Mann etwas Neues auf die Bahn brachte, um damit etwas offenbar Schädliches
abzuschaffen, machte sich Jeder ein Geschäft daraus, es zu verhindern. Dann ward
Jeder ein Bedenklichkeitskrämer und hatte Zweifel feil; dann schüttelte Jeder
den Kopf, zuckte die Achseln und sang das berühmte Lied aller feigen und trägen
Memmen:
Lass es sein, es ist zu schwer;
Es geht nun und nimmermehr.
    Oswald wusste das wohl, und war aus Erfahrung und Schaden klug geworden Hätte
er seinen Goldentalern den ganzen langen Plan von den Armenanstalten, wie er
sie im Sinn hatte, vorher bekannt gemacht, so würde Jedermann erschrocken
gewesen sein, sich in der Betrachtung desselben verwirrt, ihn geradezu verworfen
und dabei gerufen haben:
Lass es sein, es ist zu schwer;
Es geht nun und nimmermehr.
    Oswald aber dachte: Probieren geht über Studieren. Er hatte selbst seinen
ehrsamen Beisitzern nichts vom ganzen Umfang des Plans erzählt; denn es waren
zwar wohlwollende, brave Männer, aber ängstliche, schüchterne Leute. Darum sagte
er nie mehr, als immer stückweis etwas, das eben ausgeführt werden sollte.
    Erst wurden die Armen und Bettler mit ihren Kindern aufgezeichnet und in
Häusler und Spittler eingeteilt. Nun das ging. Dann wurde für jede Familie ein
Vogt ernannt, und ihm vom Herrn Pfarrer erklärt, was er zu tun habe. Das kam
endlich auch zu Stande. Dann schaffte man Hobel, Aexte, Sägen, auch Spinn-und
Spulräder, Wollenkarden und ein paar Webstühle aus dem Armengut an. Das war
keine Hexerei; eben so wenig der Ankauf von Wolle, das Hanf- und Flachssäen, das
Einführen der Spinnerei und die Einrichtung der Spitalküche. So ward allmälig
Eins ums Andere ins Werk gesetzt; man fand jedes Einzelne nicht zu schwer; so
kam das Ganze zu Stande, und die hohe Regierung genehmigte den Plan mit
grossermunterndem Lobe. Man hat hintennach erfahren, dass selbst in der Regierung
einige Herren den Plan für unausführbar gehalten und bespöttelt hatten, da
derselbe schon, ohne dass sie es wussten, ins Werk gesetzt war.
    Die meisten Sprünge machten anfangs die Spittler; sie wollten nicht in den
engen Zellen schlafen. Man sagte ihnen aber: Arbeitet fleissig, so könnet ihr
euch Wohnungen mieten oder Häuser bauen. Sie wollten aber nicht arbeiten, da
kamen sie tagelang ins finstere Loch bei kalter, schmaler Kost. Das gefiel ihnen
noch weniger. Einige versuchten, ihr Loos durch Gehorsam zu verbessern, und
ergaben sich in ihr Schicksal, zumal in den Wintertagen, wo es auf der
Landstrasse auch nicht angenehm zu reisen und zu schlafen war. Als sie einmal
bessere Kost und bessere Behandlung genossen und die Arbeit gelernt hatten, und
als sie schon in der Ersparnisskasse einige Gulden Eigentum für ihre alten Tage
oder für ihre Kinder besassen, blieben sie gern da. Denn sie wollten das kleine
an Zins gelegte Vermögen nicht im Stich lassen, und wurden begierig, es zu
vermehren. - Andere aber liefen davon und in die weite Welt hinaus, um müssig zu
gehen und zu betteln. Nun, dann war's ihr eigener Schade; die Gemeinde hatte nur
den Nutzen, sie nicht mehr erhalten zu müssen. Einige von den Weggelaufenen
kamen nie wieder zum Vorschein. Das war für Goldental kein Unglück. Andere
wurden, als Bettler, von den Polizeibedienten des Landes aufgefangen und wieder
zurückgebracht. Die besuchten zuerst das finstere Loch, und dann kamen sie
wieder an die gemeine Arbeit, wie zuvor. - Binnen drei Vierteljahren war es mit
allen Widerspenstigen in der Ordnung, und es gab keinen bettelnden Goldentaler
mehr, ausser einige Weggelaufene in fremden Ländern.
    Die Häuslerfamilien wollten sich anfangs auch auf die Hinterfüsse stellen,
und den Dreck und Unflat verteidigen, worin sie zu leben gewohnt waren. Und
sie klagten und schrien bitterlich über die Harterzigkeit der Goldentaler, die
ihnen nicht mehr unentgeltlich wollten zu essen und zu trinken, und ihnen nicht
einmal Geld in die Hände geben. Allein der Hunger und das finstere Loch machten
zuletzt auch die Sprödesten geschmeidig, und die Goldentaler blieben dabei: wer
essen will, soll arbeiten; wer es gut haben will, soll gut tun.
    Die Verwaltung des Spitals war vorzeiten kostbarer gewesen. Jetzt kostete
sie nichts. Nicht der Pfarrer, nicht Oswald, nicht Elsbet wollten sich am
Armengut bereichern. Die Spittler selbst mussten die angewiesenen Haus- und
Unteraufsichtsgeschäfte verrichten. Ward ihnen solch ein Aemtlein vertraut, war
es Belohnung ihres Wohlverhaltens; ward es ihnen genommen, war es Strafe. Einer
lauerte dem Andern dabei auf den Dienst. Die Spital-Gärten und Güter gaben
Nahrung genug, und auch was die armen Familien am ehemaligen Weidland zum
Anteil empfangen hatten, wurde abträglicher, weil es gemeinschaftlich angebaut
und besorgt ward. Die Unfleissigen bezahlten dem Spital mit dem, was sie auf dem
Pachtland ärnteten, ihre Kost und Kleidung, und was sie noch erübrigten, ward in
Geld verwandelt und für sie ein Schatz in der Ersparnisskasse.
    Die Männer im Spital stellten sich anfangs zum Hobeln und Sägen, zum
Wollekrämpeln und Weben ungeschickt genug an. Aber sie mussten lernen. Ein
Meister aus der Stadt brachte das Ding bald ins Geleis; der war ein verständiger
Mann und grosser Verehrer und Freund des Herrn Pfarrers. So kostete die
Bekleidung der Armen dem Spitalgut wenig, und die Anschaffung von Bänken,
Stühlen, Bettgestellen, Schränken und andern Gerätschaften, wie auch
Ausbesserung am Hause, fast nichts. Die Spittler mussten auch für die Häusler
Gerät machen; so ward jede Familie damit wohl versehen und gewöhnte sich an
einige Bequemlichkeiten.
    So wie das Armengut und Spital dabei gewann, weil so viele Hände nur für
Kost und Kleidung arbeiteten, so gewannen auch die Häusler und Spittler dabei an
Vermögen und Eigentum. Denn was sie ausser den acht üblichen Stunden mehr
arbeiteten, konnten sie zu ihrem Nutzen in Geld verwandeln und in der
Ersparnisskasse an Zins legen; eben so, was sie von den Erzeugnissen ihres
Pachtlandes erübrigen und verkaufen lassen konnten. Das war kein geringer
Vorteil. Die Menschen wurden arbeitslustig und bekamen Freude am Sparen und
Vermehren ihres Eigentums, weil sie die Zeit voraussahn, da sie ganz unabhängig
leben und einen gewissen Wohlstand zu geniessen im Stande waren.
    Am besten hatten es die Spitalmeister und die Aufseher, welche selbst
Spittler waren. Denn Alles, was sie neben ihren Amtsverrichtungen arbeiten
konnten und verkaufbar war, das wurde zu ihrem Nutzen verkauft. Darum war
Jedermann beflissen, sich wohl zu halten, um zu einer solchen Stelle zu
gelangen. Und diejenigen, welche das Aemtlein hatten, nahmen sich wohl in Acht,
etwas von den ihnen übertragenen Pflichten zu versäumen. Der kleinste Fehler
konnte sie um den vorteilhaften Dienst bringen, auf welchen Viele hofften.
    Es gab zuletzt in der Armenanstalt Goldentals recht geschickte Arbeiter.
Nicht nur die Bauern im Dorfe, sondern selbst viele Leute aus der Stadt kauften
von den hier verfertigten Waaren, oder liessen hier arbeiten. Und wenn so ein
geschickter Arbeiter spürte, er verdiene mehr, wenn er für sich allein arbeite,
verliess er das Spital und mietete sich Wohnung im Dorf oder in der Stadt und
lebte für sich selber. Das feuerte nun wieder die Andern an, ebenfalls recht
geschickt zu werden.
    Im Dorfe war natürlich Jedermann froh, nicht mehr vom Bettelgesindel geplagt
oder in Häusern und Gärten nächtlicher Weise bestohlen zu sein. Jeder schickte
mit Freuden, statt der Almosen, etwas ins Spital, wenn es irgend in demselben an
etwas fehlte. Allein es zeigte sich noch ein anderer Vorteil für das Dorf, an
den vorher Niemand gedacht hatte. Nämlich, hatte es im Sommer an Feldarbeit
gemangelt, so waren andere Arbeiten im Freien vorgenommen worden. Und so war's
gekommen, dass alle Gassen des Dorfes, wo man sonst bei schlechtem Wetter im Kot
bis über die Knöchel waten musste, mit Steinen besetzt wurden; dass der Bach im
Dorfe, der sonst überlief und grosse Pfützen bildete, mit Gemäuer eingefasst
stand; dass die Feldwege und Fussstege ohne Löcher waren; dass die
Gemeindswaldungen keine Stelle mehr hatten, die nicht mit jungen Setzlingen den
erfreulichsten Nachwuchs zeigte. Weit umher im Lande sah man keinen Wald in
besserer Ordnung, und kein säuberlicheres Dorf als Goldental. Es kamen sogar
grosse Herren von der Regierung und besichtigten die Goldentaler Anstalten und
Einrichtungen, und hätten dergleichen gern überall gehabt. Allein sie sahen sich
in andern Dörfern oft vergebens nach dem edeln Pfarrer Roderich, nach dem
menschenfreundlichen Oswald und seiner eifrigen Gehülfin Elsbet um. Dennoch
ward es auch anderswo mit Abänderungen und mit Glück versucht. Und daran tat
man Recht. Probiren geht über Studieren. Und wo man mit eifriger Menschenliebe
was Rechtes will, da geschieht auch was Rechtes.
 
                            29. Wieder etwas Neues.
»Was hat auch der Oswald wieder?« fragten sich die Bauern unter einander. Denn
wenn alle Leute Feierabend hatten, lief er noch mit dem Schulmeister und einigen
jungen Burschen in den Feldern herum. Die schleppten sich mit Ketten, steckten
lange Stangen in die Erde, und Oswald sah immer über einen kleinen, langbeinigen
Tisch nach den Stecken, und konnte sich nicht satt daran sehen. Und der
Schulmeister Heiter tat es auch gern. Und an den Stecken war doch nichts zu
sehen.
    Das ging beinahe ein Jahr lang so. Und da die Bauern hörten, dass Oswald das
Land und alle Felder vermessen und alle Wege und Stege in einen Plan bringen
lasse, ward Vielen bange. Denn es ging wieder die Rede vom Krieg und sie
dachten, der Oswald könne dem Feind das Land verraten wollen.
    Es verhielt sich aber folgendermassen: Oswald verstand das Feldmessen und
hatte Bücher, die davon handelten. Und er hatte seinen Liebling, den Johannes
Heiter, auch in dieser Kunst unterrichtet, nebst andern Bauernburschen, die Kopf
dazu besassen. Weil nun die Waldungen der Gemeinde sehr genau ausgemessen waren,
kam er auf den Einfall, nach und nach in den Nebenstunden alle Güter, Wege und
Stege des ganzen Gemeindsbezirks zu vermessen und daraus eine grosse Karte zu
machen.
    Auf der Karte sah man sehr deutlich jedes Stück Land, jeden Steg, jeden Hag,
jedes Haus. Eine Juchart war beinahe einen Zoll ins Geviert gross. Und die grosse
Karte, wie sie fertig war, wurde im Gemeindshause aufgehängt. Da liefen nun
tagtäglich Bauern hin und beschauten den Plan, und wunderten sich sehr. Denn sie
fanden sich bald zurecht, und Jeder erkannte seinen Acker, seinen Garten, seine
Wiese. Und was das Beste war: in jedem Stück Feld oder Acker stand die Grösse
desselben, genau bis auf einen halben Schuh, geschrieben. Nun erst wusste Jeder
recht eigentlich, wie gross seine Aecker und Wiesen waren, und er schrieb sich
die Zahlen sorgfältig ab. Das war beim Kauf und Verkauf keine Kleinigkeit; denn
bisher hatte man das Land nur nach Schritten geschätzt, und Mancher zu wenig
angegeben, Mancher zu viel. Das war allerdings nun ein grosser Nutzen.
    Der Vorsteher Oswald sagte aber zu den Leuten, wenn sie den Plan
betrachteten: »Das ist noch nicht der grösste Nutzen; ich weiss noch einen
bessern.« Wenn sie ihn darum fragten, antwortete er: »Habet ihr's bis Lichtmess
nicht erraten, so will ich es euch dann sagen.« Sie errieten es aber nicht.
    Als nun Lichtmess kam und die Gemeinde wegen verschiedener Angelegenheiten
versammelt war, trat Oswald, nachdem man alles abgetan hatte, hervor und
sprach: »Ihr Alle kennet sattsam den Plan von unserm Gemeindsbezirk, wie ihn der
Schulmeister Johannes Heiter mit seinen Schülern genau und zierlich verfertiget
hat. Ihr Männer, liebe Mitbürger, Jedermann hat dabei seine besondern Gedanken
gehabt, und auch ich die meinigen. Und diese will ich euch offenbaren.«
    »Wenn ich die Felder übersah, die wir im Schweisse unsers Angesichts bauen,
nicht ohne Segen von Gott dem Herrn, so tat es mir oft weh im Herzen, dass die
Arbeit uns so viel Mühe macht, und es tat mir oft weh im Herzen, dass dabei
Vieles nicht so gut angebaut ist, und folglich auch nicht so viel abträgt, als
wohl sein sollte. Und ich warf meine Augen noch einmal auf den Plan, und siehe,
da wurden auch die Augen meines Geistes eröffnet, und ich erkannte einen
Hauptfehler in unserer Feldwirtschaft.«
    »Ihr Männer, liebe Mitbürger, es liegt nun sonnenklar am Tage, wenn ihr euch
unter einander verstehet, so werden eure meisten Güter mit geringerem Aufwand
von Zeit und Unkosten besser besorgt werden und abträglicher sein können, als
bisher.«
    Da riefen viele Bauern: »Dazu wollen wir uns ohne Mühe mit einander
verstehen, wenn es nicht einmal so viel kostet, als sonst!«
    Oswald sprach: »Ich wünsche Glück dazu. Ich will euch sagen, was bisher viel
Unkosten verursacht hat, die ihr nun sparen könnet, wenn ihr wollet. Das ist die
Zeit! - Jeder von euch hat nämlich sein Land nach und nach zusammengeerbt oder
zusammengekauft, wie es kam. Da hat er ein Stück am Berg liegen, ein anderes
hinterm Wald, ein anderes wieder jenseits der Brücke, ein anderes neben der
Landstrasse, wieder ein anderes am Bach, und noch ein anderes beim Steinbruch. Da
muss er nun Viertelstunden weit unnütz umherlaufen von einem Stück zum andern,
eben so die Knechte und Mägde, eben so die Fuhre mit dem Dünger. Da wird ein
Teil des Tages bloss mit Gängen und Läufen verloren, wo man hätte arbeiten
können. Da werden Magd und Knecht für Hin- und Hergehen bezahlt, was doch nichts
einträgt. Es wird daher um so viel weniger im Tage gearbeitet, und das Land um
so weniger mit grösstem Fleiss bearbeitet, weil es an der nötigen Zeit gebricht.
Mancher scheut sich, noch etwas Land zu kaufen, weil er das seinige kaum recht
in Ordnung besorgen kann; und doch hat er nicht viel. Aber das Umherziehen von
einem Stück zum andern nimmt die Zeit weg. Lägen alle seine Felder beisammen und
wäre ein Ganzes, er könnte mit eben so vielen Leuten in eben so vieler Zeit noch
einmal so viel Land besorgen, als er jetzt hat, und um so viel reicher sein.«
    Die Bauern sagten: »Das ist ganz richtig, aber es lässt sich nicht ändern.
Man kann seine Aecker nicht auf den Rücken nehmen und an einen Haufen legen.«
    Oswald sprach: »Das könnet ihr, wenn ihr wollet, nun ihr den Plan vom
Gemeindsbezirk habet und nun Jedermann weiss, wie gross jedes seiner Stücke ist.
Aber ich sage euch, die Sache hat viel Schwierigkeiten. Ihr müsst mit einander
die zerstreuten Stücke austauschen, so dass endlich Jeder sein Land im
Zusammenhang hat, als ein einziges Stück. Da rede Jeder mit seinen Nachbarn und
Anstössern. Entschädiget einander, wo der Eine ein paar Schuhe Land mehr oder
bessern Boden hat, als der Andere. Und wenn Einer oder der Andere beim Tauschen
wirklich etwas einbüssen sollte, so gewinnt er doppelt dadurch, dass er Alles
beisammenliegend hat. Wo ihr nicht eins mit einander werdet, nehmet
unparteiische Schätzer oder billige Schiedsrichter, oder ziehet Loose. Ich sage:
lasset euch durch kein Hindernis abschrecken, oder seid darum nicht zufrieden,
weil ihr es jetzt seit vielen Jahren so gewohnt seid; es kommt darauf an, dass
ihr reicher werden könnet, ohne grössere Mühe.«
    Als der erste Vorsteher so geredet hatte, ging die Gemeinde kopfschüttelnd
aus einander. Zwar Alle sagten, der Gedanke sei gar gut; aber man würde nun und
nimmermehr einig werden.
    Inzwischen dachten doch Einige in müssigen Augenblicken daran, welches Stück
von ihren Feldern sie wohl Dem und Diesem für das seinige geben könnten, das an
das ihrige stiess. Sie fingen sogar zum Spass an, davon mit den Angrenzern zu
reden. Diesen war dann das Angebotene nicht allezeit gelegen, und wünschten ein
anderes, das dem Dritten gehörte, zu empfangen. Da begrüssten beide Teile nun
den Dritten. Einer stiess den Andern. Bald machte Jeder Plane für sich, seine
Besitzungen auszurunden und in ein einziges Stück zu verbinden. In kurzer Zeit
griffen die Unterhandlungen um sich. Manche gelang, manche scheiterte. Immer kam
dabei etwas heraus. Es war in Goldental wie an einer Landversteigerung oder wie
auf einem Gütermarkt, zumal im Winter, da man mehr müssige Stunden hatte und
Abends zum Gespräch zusammenkam, bald bei Diesem, bald bei Jenem. Denn ins
Wirtshaus zu gehen und das gute Geld durch die Gurgel zu jagen und einem Vieh
gleich zu werden, schämten sich alle Ehrenleute im Dorfe. Lieber tranken sie ihr
Glas bei Weib und Kind und mit denselben an einem Sonn- und Festtage.
    Oswald hatte es vorausgesagt: der Gütertausch hat Schwierigkeit! So war es
auch. Allein im ersten halben Jahr war es doch schon Fünfen fast ganz gelungen,
all ihr Land beisammen zu haben. Das verdross die Andern. Sie sahen den Nutzen
davon sehr wohl ein. Nun setzten sie den Kopf daran, es auch so weit zu bringen.
Das Gemeinhaus ward beständig besucht am Abend. Da standen immer einige Bauern
vor der grossen Karte, und handelten und stritten, dass man es draussen hörte, und
liefen aus einander im Zorn, und traten wieder mit neuen Vorschlägen zusammen.
    Was war die Folge? Von Jahr zu Jahr rundeten sich die Güter immer besser zu,
und die guten Wirkungen wurden auffallend sichtbar.
 
                      30. Wie es im Goldmacherdorf aussah.
Wohl war Goldental nun ein rechtes goldenes Tal. Da lag es mitten in den
fruchtbarsten Gärten, wie vergraben in den vollen Obstbäumen, umringt von Wiesen
und goldenen Saatfeldern, wie mitten im Paradiese. Die Feldwege zwischen den
Aeckern waren wie Gartenwege sauber und eben, die Landstrassen auf beiden Seiten
mit Obstbäumen besetzt, so weit der Gemeindsbezirk ging.
    Und trat man ins Dorf, so glaubte man in kein Dorf zu treten, sondern in
einen stattlichen Marktflecken. Denn die Häuser waren, wenn auch nicht alle
gross, doch alle schön und wohl unterhalten von oben bis unten; die Fenster
glänzend und hell; die Türen und Gesimse stets gewaschen oder frisch
angestrichen; die Dächer fast alle mit Ziegeln gedeckt, denn durch ein
Gemeindsgesetz waren die Strohdächer wegen Feuersgefahr verboten. Und wurde ein
neues Dach gedeckt, mussten es Ziegel sein. Auf mancher First sah man
Blitzableiter, fast vor allen Fenstern Blumen; neben den Häusern kleine Gärten,
zierlich geordnet und daneben wohlgeschirmte Bienenkörbe.
    Die Leute grüssten Jeden so freundlich auf der Strasse, und neckten einander
im Vorbeigehen scherzend. Man sah es ihnen wohl an, dass sie unter einander gut
lebten und mit ihrem Zustande vergnügt waren. Das konnte nicht anders sein.
Sogar in der Woche bei Feld- und Gartenarbeit gingen Alle, zwar schlicht und
einfach, aber doch reinlich gekleidet: man sah keine beschmierten, keine
zerrissenen Gewänder. Es gab braune, von der Sonne verbrannte Gesichter, aber
keine kotigen, mit struppigen Buschhaaren; und die Kraft und Gesundheit lachte
Allen aus den Augen. Die jungen Bursche in andern Dörfern sahen am liebsten nach
den Goldentaler Mädchen; denn sie waren nicht nur wundernett und hübsch,
sondern auch häuslich, geschickt und wirtlich. Mancher reiche Bauerssohn in
andern Dörfern holte sich ein Mädchen aus dem Goldmacherdorf; wenn es auch nicht
viel Geld hatte, hatte es doch viele Tugenden. Und ging ein junger Mann aus
Goldental auf die Heirat aus, so konnte er unter den Töchtern des Landes
wählen. Man schlug einem Goldentaler nie leicht die Tochter ab, wenn sie auch
mehr Vermögen hatte; denn man wusste, es war gar wohl angelegt. Das vermehrte den
Wohlstand der Gemeinde nicht wenig.
    Dass man keine Bettler und Müssiggänger in Goldental sah, verstand sich. Aber
man erblickte auch nicht einmal dem Anschein nach arme Leute. Denn sogar die
Spittler hatten ihr sattes Essen und Trinken und ordentliches Gewand. Und trat
man ins kleinste, ärmste Bauernhaus, so meinte man beinahe, es sei etwas recht
Vornehmes darin. Die Fussböden waren so reinlich und gefegt, die Bänke, Stühle,
Tische so ohne Flecken und Fehl, Fenster und Spiegel so hell - kurz, es war
nicht wie in den Sauhütten mancher Bauern in andern Dorfschaften. Man bekam
rechte Lust, da zu wohnen unter den Biederleuten.
    Während der Sommermonate, vom Frühjahr bis zum Herbst, war es an den
Sonntagen bei schönem Wetter ein fröhliches Leben zu Goldental. Da wimmelte es
von Besuchen aus der Stadt. Das grosse, neu ausgestattete Wirtshaus, welches -
wer hätte es glauben sollen? - einer von den zweiunddreissig armen Genossen des
Goldmacherbundes durch Erb und Kauf an sich gebracht hatte, war angefüllt mit
städtischen Familien, die Erfrischungen nahmen. Andere Familien kehrten in die
Wohnungen ihnen bekannter Bauern ein: sassen da in den Gärten bei Milch, Obst,
Honig und andern Näschereien des Dorfes; oder lagerten sich plaudernd und
spielend auf grünen Rasenplätzen, oder sassen auf den saubern Bänken vor den
Häusern im Schatten weit vorragender Dächer, und sahen die auf- und abwandelnden
bunten Reihen der Spaziergänger; oder traten auf den Platz unter die Linde, wo
die Jugend des Dorfes zuweilen tanzte beim heitern Gesang der Andern. Man kann
leicht denken, die Herren und Frauenzimmer aus der Stadt waren für das
Vergnügen, welches sie in Goldental genossen, nicht undankbar, und die von den
gefälligen Landleuten angebrachten Bequemlichkeiten und Verschönerungen ihrer
Häuser und Gärten trugen guten Zins. Selbst im Winter fehlte es nicht an
Besuchen. Da wurden aus der Stadt Schlittenpartien nach Goldental gemacht. Wo
konnte man's besser haben?
    Die Leute in andern Dörfern sahen und hörten das und wunderten sich fast zu
Tode, warum das bei ihnen nicht auch so sei? Sie meinten in vollem Ernst, die
Goldentaler hätten geheime Künste. Statt aber sich nach diesen Künsten recht zu
erkundigen, blieben sie ruhig auf ihrem alten Mist sitzen, und blieben, wie sie
waren. Sie zeigten nur Neid und Missgunst, wenn sie von Goldental sprachen, und
spotteten und nannten es das Goldmacherdorf. Aber dieser Uebername war kein
Uebelname.
    Auch machten sich die Goldentaler nicht viel daraus. Denn wohin sie kamen,
waren sie wertgehalten und geschätzt. Sie fuhren in ihrer guten Weise fort und
waren dabei des Lebens froh. Hatten sie die ganze Woche gearbeitet, war jeder
Sonntag ein rechter Ruhetag. Ins Wirtshaus freilich gingen die Goldentaler
nicht. Sie hatten ihren Labetrunk daheim. Aber auch im Winter tanzten da des
Abends die jungen Leute bei guter Musik. Einige Männer und Knaben waren durch
den Schulmeister Johannas Heiter im Spiel der Geigen und Flöten angeleitet
worden. Sie hatten es ziemlich weit gebracht. Oft führten auch die jungen Sänger
und Sängerinnen grosse Singstücke auf, wie man dergleichen kaum in der Stadt
hörte. Die alten Männer und Frauen kamen familienweise des Abends zu einander;
da bewirteten sie sich mit einfacher Kost, und hatten ihre muntern Gespräche.
Von besoffenen Leuten, von Raufereien, von Prozessen, von Ausschweifungen
anderer Art hörte man gar nicht. Denn mit dem Wohlstande und der bessern
Erziehung, die aus der Schule stammte, hatte sich ein gewisses Ehrgefühl und
eine Liebe zu anständigen Sitten unter den Bauern ausgebildet, wovon man sonst
nicht leicht in andern Dörfern Aehnliches gewahr ward. Man kannte und
unterschied sie schon beim ersten Anblick in der Stadt von Landleuten aus andern
Gegenden. Sie waren in ihrer Tracht höchst einfach und säuberlich, in ihrer Rede
sanft und bescheiden, in ihrem Benehmen offen und guterzig. Sie trugen zwar
keine feine Kleider, aber dafür war ihr Betragen fein.
    Man muss wohl nicht glauben, dass dies höfliche, ehrbare und löbliche Wesen
eine reine Frucht der Erziehung oder des allgemeinen Wohlstandes allein gewesen;
es war auch eine Wirkung der Gemeindegesetze. Denn wie einige Bauern reicher
geworden waren, hatte es gar nicht an solchen gefehlt, die wieder über die
Schnur hieben und aus der Art zu schlagen drohten. Da wollten Einige hochmütig
werden, putzten ihre Töchter ungebührlich, kleideten sich in kostbares Tuch
recht städtisch, und taten in allen Dingen gross. Einige andere nahmen die
Spielkarten wieder vor oder die Weinflaschen im Wirtshaus. Das erweckte aber
grosses Ärgernis bei den meisten rechtschaffenen Leuten, und sie sprachen:
»Fängt man es so wieder an, werden wir bald wieder den Krebsgang gehen!« Und es
war allgemeiner Unwille gegen diejenigen, welche von der einfachen, löblichen
Weise abwichen; und man begehrte, die Ortsvorgesetzten sollten besser über die
Bewahrung der guten Sitten im Dorfe wachen.
    Dieser Vorwurf, welchen man den Ortsvorstehern machte, erfüllte den Oswald
gar nicht mit Verdruss, sondern mit wahrer Freude. So kam ein strenges
Gemeindsgesetz zu Stande; darin war aller Aufwand in den Kleidern verboten und
jedem Alter seine Tracht vorgeschrieben, und auf Kartenspiel und alles Spiel um
Geld und Geldeswert, auf das Laster der Trunkenheit, auf Schimpfreden,
Lästerungen, Balgereien und andere Schändlichkeiten waren von der Gemeinde
einmütig harte Strafen gesetzt. So kam es, dass sich Keiner überhob und
übernahm; dass, wenn irgend Einer auch einmal Lust hatte, zu tun, was weder
ehrbarlich noch recht war, die Furcht vor Scham, Schande und Bestrafung ihn
wieder zurückschreckte.
    
    Alle Jahre wurde das Sittengesetz vor der ganzen Gemeinde vorgelesen. Da
mussten Alt und Jung, Männer, Weiber und Kinder es anhören. Fand man Zusätze
nötig, wurden sie gemacht. Und wenn das Sittengesetz vorgelesen war, musste der
erste Vorsteher jedesmal fragen: »Wollet ihr dies Gesetz halten, welches die
Grundlage unsers Wohlstandes, unserer Eintracht und Ehre ist?« - Und Alt und
Jung antwortete mit lauter Stimme deutlich ein allgemeines Ja.
 
                               31. Die Kindtaufe.
Oswald genoss zu dieser Zeit eine rechte Herzenswonne, nach der er sich lange
schon vergebens gesehnt hatte. Nämlich die liebe, gute Elsbet hatte ihm einen
muntern Sohn zur Welt gebracht. Da war er wie im Himmel.
    Und er ging darauf zu seinem Freund, dem neuen Löwenwirt, der einer von den
wohlbekannten zweiunddreissig Bundesgenossen war. Zu diesem sprach er: »Mein
Freund, ich habe doch dich noch nie um eine Gefälligkeit angesprochen, und ich
komme damit zum ersten Mal. Meine Frau liegt im Kindbette, und ich kann sie
nicht verlassen, und zur Stadt gehen. Ich gebrauche aber fünfhundert Gulden,
wenn auch nur acht Tage lang, und sie sollen wo möglich in Gold sein. Willst du
mir so viel auf acht Tage leihen?«
    Der Löwenwirt antwortete: »Ich bin dir für so Vieles Dank schuldig; warum
sollte ich nicht? Ich habe eben achtundert Gulden empfangen, die liegen noch
immer bei mir. Aber sie sind zum Teil in Silbermünze. Willst du, so nimm Alles
auf so lange du willst.«
    Oswald sagte: »Ich möchte lieber Gold; es liegt mir sehr daran.«
    Der Löwenwirt versetzte: »Wohlan, ich will Rat schaffen. Wann musst du es
haben?«
    Oswald erwiederte: »Bringe mir das Geld morgen Abend um die achte Stunde in
mein Haus. Aber sage Niemandem davon.«
    Als er sein Geschäft hier vollendet hatte, ging er fort und zu den übrigen
einunddreissig Bundesgenossen und sagte ihnen dieselben Worte, wie dem Löwenwirt
und bat um fünfhundert Gulden, wo möglich in Gold. Und Jeder freute sich, dem
wackern Manne endlich einmal einen Freundschaftsdienst erweisen zu können, und
versprach, ihm das Geld zu bringen. Er bestellte Jeden auf den folgenden Tag des
Abend um die achte Stunde zu sich.
    Und sie kamen um dieselbe Stunde, da es schon dunkel war, zu ihm. Er führte
sie Alle in sein Zimmer, aber es war noch kein Licht angezündet. Die Leute
wunderten sich in der Stille über die Menge der Anwesenden. Oswald ging, um
Licht zu holen. Und als er wieder in die Stube trat, mit zwei brennenden Kerzen
in der Hand, erblickten sie ihn wieder, wie sie ihn schon einmal gesehen hatten,
in prächtigen Offizierskleidern, mit hohem Federbusch auf dem Hut, einem Orden
auf der Brust und einem langen Säbel an der Seite. Sie sahen einander verwundert
an, und sahen, wie vor sieben Jahren, dieselben Gestalten, in demselben Zimmer,
um denselben Tisch, auf welchen der Offizier die Kerzen niedersetzte.
    Oswald sagte darauf: »Habet ihr mir gebracht, liebe Freunde, um was ich euch
gebeten habe, so leget es hier auf den Tisch.«
    Da traten sie Alle, Einer nach dem Andern, zum Tisch, und Mehrere
bedauerten, ihm die Summe nicht in Gold zahlen zu können. Er sagte darauf
liebreich: »So ist's gleichviel. Gebet, wie ihr es habet.« Und sie schütteten
Gold, Andere Silber auf den Tisch, Andere legten ihm gute Kapitalbriefe und
Zinsschriften hin.
    Darauf erhob Oswald die Stimme und sprach: »Erinnert euch, es ist die Zeit
der Prüfung vorüber, und die sieben Jahre und sieben Wochen sind zu Ende, von
denen ich euch geredet. Und ihr habet mehr Geld auf diesen Tisch geworfen, als
ich vor sieben Jahren und sieben Wochen vor euern Augen ausschüttete. Damals
waret ihr kaum im Stande, fünfhundert rote Kreuzer auszuleihen; in der Stadt
hätte sie euch Niemand anvertraut. Jetzt habet ihr binnen vierundzwanzig Stunden
Jeder fünfhundert Gulden aufgebracht, also dass sechszehntausend Gulden hier
plötzlich auf dem Tisch beisammen sind. Also ist die Prüfungszeit vorüber, und
ich habe euch die Kunst gelehrt, Gold zu machen. Und nun werdet ihr verstehen,
was ich sagte, da ihr das erste Mal hier standet. Ich sagte aber: die Kunst ist
selbst mehr noch, als das Gold, wert; denn diese Kunst ist die beste Weisheit
des Lebens. Bleibet euern Gelübden und Gott getreu, und euer Glück und Wohlstand
wird wachsen von Tag zu Tag. Wer vom Gelübde lässt, der lässt von seinem Glück.
Präget dies Gelübde euern Kindern ein, und lasset sie es halten, so werden sie
Fülle haben. Nun habe ich mein Wort gelöst, das ich euch gegeben. Ihr seid darum
reich, weil ihr wenig bedürfet und viel erwerbet, und weil ihr Zutrauen geniesst
bei den reichen Leuten, dass ihre Geldsäcke euch offen stehen. So habet ihr Gold
machen gelernt, wie Ehrenmänner Gold machen sollen. Oder habet ihr anderes
erwartet?«
    Sie lächelten allesammt und sprachen: »Ei nun, wir haben wohl längst schon
vermerken können, wie du es mit der Goldmacherei gemeint hast. Doch als wir
einmal zur rechten Erkenntnis gekommen waren, schämten wir uns auch des dummen
Aberglaubens, der uns vormals betörte, und wussten es dir im Herzen Dank, dass du
uns auf bessere Bahn gebracht. Ohne dich und deine Hülfe wären wir aber doch nie
dahin gekommen.«
    Oswald freute sich dieser Worte und der dankbaren Herzlichkeit, mit der ihm
Jeder die Hand drückte und schüttelte. Und er stellte ihnen ihr Geld wieder zu,
weil er es nicht hatte gebrauchen, sondern nur ihre Zuneigung auf die Probe
setzen wollen. Sie aber sagten: »Gebiete über uns, wie du willst, Tag und Nacht.
Denn wir Alle sind dir unser Hausglück schuldig. Sprich, wir sollen für dich
durchs Feuer gehen, wir werden gehen. Sprich, wir sollen für dich sterben, und
wir werden den Tod nicht fürchten.«
    Und wie sie sich so traulich und herzlich um ihn drängten, betrachteten sie
sein schönes Kleid und den Orden auf der Brust, und hätten gern erfahren, was
das bedeute.
    Er antwortete: »Ich danke es euerm alten Schulmeister, meinem seligen Vater,
noch in der Erde, dass er mich in vielen nützlichen Dingen und sogar im
Feldmessen unterrichtete. Denn als ich unter die Soldaten kam, half es mir,
nebst redlichem Sinn und herzhaftem Betragen, dass ich meinen Kameraden
vorgezogen ward. Ich tat meine Pflicht und ward zuletzt Rittmeister. Und als
ich in einem Treffen, da sich der Erbprinz zu weit vorwagte, denselben mit
seinem Gefolge von feindlichen Reitern umgeben sah, drang ich blitzschnell mit
meiner Schwadron unter die Feinde, und rettete den Prinzen. Dafür empfing ich
diese Wunde hier auf der Stirn, und dieses Ordens- und Gnadenzeichen auf der
Brust, und als ich den Abschied beim Friedensschluss nahm, einen anständigen
Jahrgehalt auf Lebenszeit. Auch hat der Erbprinz, als er unser Land
durchreisete, mich nicht vergessen, und mich, wie ihr wisset, sogar im
Vorbeireisen einmal besucht.«
    »Da ich aber heimkam nach Goldental, in meine liebe Heimat, und ich sah,
wie elend und verlumpt hier Alles war, verbarg ich meinen Wohlstand, um nicht
von lüderlichen Bettlern belagert zu werden. Auch hatte ich alle Lust verloren,
hier zu bleiben, und wäre wieder fortgezogen, hätte ich nicht des Müllers
Elsbet gesehen. Meine Elsbet hielt mich fest. Da beschloss ich in meinem
Herzen, zu versuchen, ob ich mir das Leben bei euch lieb machen könne? Und ich
stellte mich arm und den Uebrigen gleich, um Vertrauen zu erwecken. Und ich
sagte Niemandem von meinen Ehren und Jahrgeldern, so ich genösse. Nur Elsbets
Aeltern musste ich es am Abend, da ich um die Tochter anhielt, offenbaren, sonst
hätten sie mir ihr Kind nicht gegeben, denn sie hielten mich für arm. Als ich
aber noch am Abend den Müller Siegfried und seine Frau zu mir ins Haus führte,
und hier meine Uniform mit dem Orden anlegte, ihnen mein gesammeltes Geld und
den königlichen Gnadenbrief wies, woraus sie sahen, dass ich mehr Jahrgehalt
bezog, als des Müllers Mühle in drei Jahren verdienen konnte, wurden sie andern
Sinnes. Doch mussten sie verschwiegenen Mund halten, denn es war nötig. Nun aber
mag es Jedermann wissen; es schadet nicht mehr.«
    So erzählte Oswald, und die Leute verwunderten sich und freuten sich über
sein Glück. Und sie hatten vor ihm so grosse Ehrfurcht bekommen, dass sie ihn kaum
Du nennen wollten. Er aber sagte: »Was treibet ihr auch mit mir? - Nein, ich
bleibe eures Gleichen; darum seid und bleibet meine Brüder. Kein Offizierrock
und kein Orden, sondern ein wohlwollendes Herz voll Gottesfurcht macht zum
Ehrenmann.« So redete er und umarmte Alle nach der Reihe, da sie sich heim
begaben; und sie dankten ihm, denn er sei der wahre Stifter ihres irdischen und
ewigen Glücks, und sie nannten ihn Vater. Und wenn er Kindtaufe halten würde,
versprachen sie Alle, sich mit ihm zu freuen, als wäre sein Fest ihr eigenes
Fest.
    Wie nun drei Tage nach diesem der Sonntag kam, da Oswalds Sohn getauft
werden sollte, war Alles im Dorfe schon früh wach. Oswald aber trat zu seiner
Elsbet an das Bette, küsste die junge Mutter und ihren holten Säugling und
sprach: »Sieh', teure Elsbet, mein Herz bricht vor Freude und Wehmut. Mein
Söhnlein, das du geboren hast, macht mir grosse Wonne; aber noch grössere Wonne
macht mir der Anblick unseres Dorfes. Und es ist doch wahr, die Menschen sind so
böse nicht, und nicht so herzlos, wie man oft sagt. Man soll den Glauben an die
Güte der Menschheit nie verlieren. Siehe, in dieser Nacht haben sie unser
Wohnhaus wieder mit Blumenkränzen prächtig überdeckt und verziert, wie es am
Tage unserer Hochzeit war. Aber dabei ist es nicht geblieben. Alle Häuser des
Dorfes sind mit Blumen und Zweigen verziert, als wäre unser Fest das Fest jedes
Hauses. Und hinten von unserm Haus hinweg bis zur Kirchtür haben sie grünende
Birkenstangen auf beiden Seiten des Kirchwegs gepflanzt und lange Blumenschnüre
von Birke zu Birke gezogen, und den ganzen Weg mit grünem Laub und allerlei
Blumen überstreut.«
    So sprach Oswald und die junge Wöchnerin errötete in stiller Rührung, und
ihre Augen wurden feucht. Dann sagte sie nur: »Hab' ich doch in der Nacht oft
ein Gehen und Sumsen draussen gehört, und wusste nicht, was es gab?« Sie konnte
nicht im Bette bleiben, und musste auf und ans Fenster gehen und die Herrlichkeit
sehen. Da weinte sie still; denn nichts ist für ein zartes Gemüt rührender, als
wenn es den Zusammenklang der Seelen in tugendhafter Erhebung wahrnimmt. Das ist
die wahre Verklärung der Menschheit und eine Ahnung des schönern Himmels, der
unserer wartet.
    Als Elsbet wieder zu ihrem Säugling gegangen war, kamen ihre Aeltern, denn
sie waren die erbetenen Taufzeugen. Die Müllerin konnte nicht genug sagen, wie
ausgeschmückt die Häuser wären, wie lebendig Alles im Dorfe sei, und sie rief
einmal um das andere aus: »Nein, solch eine Kindtaufe ist in Goldental noch nie
geworden! So feiert man ja nicht die Geburt eines Fürsten.«
    Und wie sie noch so redete, kam ein ganzer Zug junger Mädchen und Knaben
gegen Oswalds Haus, sämmtlich in Feierkleidern, Paar um Paar. Alle trugen ein
kleines Geschenk von ihren Aeltern zur Wiege des Neugebornen; die Einen
schneeweisse Leinwand, die Andern Zucker, oder Mandeln, oder Blumen, oder
selbstgestrickt Strümpfe oder Handschuhe, die Andern niedliches Hausgerät,
kleine Bedürfnisse für Küche und dergleichen. So viele Haushaltungen im Dorfe,
so viele Geschenke. Und alle Kinder küssten Elsbets Hand und sagten: Mutter
Elsbet! und küssten Oswalds Hand, indem sie bloss dazu die Worte sprachen: Vater
Oswald! Aber welcher Wohllaut lag für Oswald und Elsbet in diesen Vater- und
Mutternamen! Es gab keinen einfachern und rührendern Glückwunsch.
    Da läuteten alle Glocken mit vollem Klange zur Kirche. Der Säugling ward zur
Taufe getragen, er voran; ihm folgten die beiden Grossältern, hintennach der
tiefgerührte Vater. Die ganze Gemeinde stand vor der Kirche in weitem Halbkreis,
Alt und Jung, und sah den Oswald kommen. Sanft und freundlich sprach Alles, wie
er vorbeiging an der Menschenmenge: »Guten Morgen, Vater Oswald.« Dann folgte
ihm Alles in die Kirche.
    Hier hielt der Herr Pfarrer Roderich nach vollbrachter Taufhandlung eine
schöne Predigt über die Pflicht öffentlicher Dankbarkeit des Volks gegen eine
gute Obrigkeit. Er schien noch nie so begeistert und salbungsreich geredet zu
haben. Wort auf Wort traf die Herzen. Es war im ganzen Volk die tiefste Andacht
und wachsende Rührung. Jeder hielt an sich, seine Tränen zu unterdrücken. Als
nun aber der Herr Pfarrer aus Schlussgebet kam, und er da die bebende Stimme zu
Gott erhob für die gute Obrigkeit von Goldental, wobei Jeder im Stillen an
Oswald dachte; als nun der Herr Pfarrer selber die Bewegung seines Gemüts nicht
länger zurückzwingen konnte, und ihm unter Tränen der Name Oswald entschlüpfte
- da ward lautes, heftiges Schluchzen in der ganzen Kirche. Da nun dachte Jeder
an das Alles, was dieser Oswald der Gemeinde getan und gestiftet; Jeder
erkannte in ihm den Urheber des allgemeinen Glückes. Der Pfarrer konnte nicht
mehr reden. Er schloss; er sprach den Segen über die fromme und dankbare
Gemeinde. Niemals war in Goldental mit höherer Inbrunst ein Gesang gesungen
worden, als diesmal aus dem Anhangbüchlein der Vers: Für das Leben der
Obrigkeit! - gen Himmel stieg.
    Der gute Oswald, sehr verlegen und beschämt, und doch froh gerührt, konnte
kaum aufsehen, da er aus der Kirche ging, und begab sich, tief sein Haupt
gesenkt, durch die grüssende Menge zu seiner Elsbet. Er konnte kaum reden. Zum
Mittagsmahl waren bei ihm seine Schwiegerältern und der Herr Pfarrer, der
Schulmeister und die beiden Mitvorgesetzten. Die erzählten, dass fast in allen
Häusern des Dorfes Gastmähler gehalten würden, wozu Einer den Andern eingeladen
habe; die Aermern speiseten bei den Reichern. Oswald schüttelte den Kopf und
sprach: »Das ist mir der Ehre allzuviel; ich habe es nicht verdient.«
    Doch die allgemeine Freude machte auch ihn wieder froh und wohlgemut. Er
ging gegen Abend, begleitet von seinen Gästen, hinaus ins Dorf, und ging da von
Haus zu Haus, und setzte sich zu jeder Familie einige Augenblicke und dankte
Allen für so viel Liebe. Goldental war voller Fremden; denn man wusste in der
Stadt von dem Feste, und wer konnte, eilte nun hierher, Zuschauer zu sein. Bis
in die späte Nacht währte der Tanz der Jugend, man hörte aller Enden Musik und
Gesang vor den Häusern, unter der Linde, unter den Blumenkränzen und in den
Gärten.
    Man sprach und spricht noch lange zu Goldental von diesem schönen Tage. Und
Oswald hiess seit demselben nur Vater Oswald, und die liebenswürdige Elsbet hiess
Mutter Elsbet.
    Wahrlich, wahrlich, was im Leben Gutes gesäet wird, das findet endlich immer
seinen schönen Aerntetag. Denn es lebt uns ein guter Gott, ein Vergelter voller
Barmherzigkeit und Liebe.
 
    