
        
                             Ludwig Achim von Arnim
                               Die Kronenwächter
                                   Erster Band
                       Bertolds erstes und zweites Leben
                                    Einleitung
                            Dichtung und Geschichte
Wieder ein Tag vorüber in der Einsamkeit der Dichtung! Die Glocke läutet
Feierabend, und die Pflüger ziehen heim mit dem Gespann, führen und tragen
behaglich die Kinder, die ihnen entgegen gegangen, und freuen sich ihrer Mühe in
der Ruhe. Der Pflug ruht nicht verlassen auf der letzten Erdscholle, die er über
stürzte, denn notwendig wie die Sonnenbahn scheint der Bedürftigkeit sein
Furchenzug und ein heilig strenges Gesetz bewacht ihn in der Nacht gegen Frevel.
Am Morgen setzt der Pflüger seinen Weg ohne Störung fort, misst nach der Länge
seiner Furchen den trüben Morgen, wie er die helle Mitte des Tages an seinem
eignen Schatten zu ermessen versteht, und teilt nach seinen Morgenwerken die
Erdfläche in festbegrenzte Morgen, wie er nach dem Tage werke der Sonne die
unendliche Zeit in Stunden teilt. Die Sonne und der Pflüger kennen einander und
tun beide vereint das Ihre zum Gedeihen der Erde. Fest fortschreitend, von allen
geschätzt und geschützt, sehen wir die Tätigkeit, die sich zur Erde wendet; sie
ist auch dauernd bezeichnet und gründet, so lange sie sich selbst treu bleibt,
mit unbewusster Weisheit das Rechte, das An gemessene, im Bau des Ackers, wie des
Hauses, in der Beugung des Weges, wie in der Benutzung des Flusses. Die
Zerstörung kommt von der Tätigkeit, die sich von der Erde ablenkt und sie noch
zu verstehen meint. Aber nach Jahrhunderten der Zerstörung erkennen die
einwandernden Anbauer des Walds mit Teilnahme die Unvergänglichkeit der
Ackerfurchen und Grund mauern untergegangener Dörfer und achten sie als ein
wiedergefundenes Eigentum ihres Geschlechts, das der Gaben dieser Erde nie genug
zu haben meint. Gleichgültig werden daneben die auf gefundenen Werke des Geistes
früherer Jahrhunderte als unverständlich und unbrauchbar aufgegeben, oder mit
sinnloser Verehrung angestaunt. Das Rechte will da errungen sein, und wie die
eine Zeit ihre geistigen Gaben über alles schätzt und zusammen hält, so meint
eine andere, alles schon selbst im Überflusse zu besitzen und lässt es zu, dass
die Sibylle ihre heiligen Bücher verbrennt, um ihr nicht Dank und Lohn geben zu
müssen. Wer misst die Arbeit des Geistes auf seinem unsichtbaren Felde? Wer
bewacht die Ruhe seiner Arbeit? Wer ehrt die Grenzen, die er gezogen? Wer
erkennt das Ursprüngliche seiner Anschauung? Wer kann den Tau des Paradieses von
dem ausgesprjetzten Gifte der Schlange unterscheiden? Kein Gesetz bewacht
Geisteswerke gegen Frevel, sie tragen kein dauerndes, äusseres Zeichen, müssen in
sich den Zweifel dulden, ob böse oder gute Geister den Samen ins offene Herz
streueten; ja die anmassende Frömmigkeit nennt oft böse, was aus der Fülle der
Liebe und Einsicht hervorgegangen ist. Der Arbeiter auf geistigem Felde fühlt am
Ende seiner Tagewerke nur die eigene Vergänglichkeit in der Mühe und eine Sorge,
der Gedanke, der ihn so innig beschäftigte, den sein Mund nur halb auszusprechen
vermochte, sei wohl auch in der geistigen Welt, wie für die Zeitgenossen
untergegangen. Diese härteste aller Prüfungen öffnet ihm das Tor einer neuen
Welt. Indem er diese geistige Welt gleich der umgebenden als nichtig und
vergänglich aufgibt, da fühlt er erst, dass er nicht hinaus zu treten vermag, dass
sein ganzes Wesen nicht nur von ihr umgeschlossen, sondern, dass sogar ausser ihr
nichts vorhanden sei, dass kein Wille vernichten könne, was der Geist geschaffen.
Darum sei uns lieb diese träumende Freude und Sorge aller schaffenden Kräfte als
ein Zeichen der höheren Ewigkeit, in die sich der Geist arbeitend versenkt und
der Zeit vergisst, die immer nur weniges zu lieben versteht, alles aber fürchten
lernt und mit Ängstlichkeit dingt, was mitteilbar sei, oder was verschwiegen
bleiben müsse. Das Verschwiegene ist darum nicht untergegangen, töricht ist die
Sorge um das Unvergängliche. Aber der Geist liebt seine vergänglichen Werke als
ein Zeichen der Ewigkeit, nach der wir vergebens in irdischer Tätigkeit,
vergebens in Schlüssen des Verstandes trachten, auf die uns der Glaube vergebens
eine Anwartschaft gäbe, wenn sie nicht die irdische Tätigkeit lenkte, das Spiel
des Verstandes übte, und dem Glauben aus der tätigen Erhöhung in Anschauung und
Einsicht beglaubigt entgegen träte. Nur das Geistige können wir ganz verstehen
und wo es sich verkörpert, da verdunkelt es sich auch. Wäre dem Geist die Schule
der Erde überflüssig, warum wäre er ihr verkörpert, wäre aber das Geistige je
ganz irdisch geworden, wer könnte ohne Verzweifelung von der Erde scheiden. Dies
sei unserer Zeit ernstlich gesagt, die ihr Zeitliches überheiligen möchte mit
vollendeter, ewiger Bestimmung, mit heiligen Kriegen, ewigen Frieden und
Weltuntergang. Die Geschicke der Erde, Gott wird sie lenken zu einem ewigen
Ziele, wir verstehen nur unsere Treue und Liebe in ihnen und nie können sie mit
ihrer Äusserlichkeit den Geist ganz erfüllen. Die Erfahrung müsste es wohl endlich
jedem gezeigt haben, dass bei dem traurigsten, wie beim freudigsten Weltgeschicke
ein mächtigeres Gegengewicht von Trauer und Freude uns selbst verliehen ist, dass
sich alles in der Kraft des Geistes überleben lässt und in seiner Schwäche uns
nichts zu halten vermag. Es gab zu allen Zeiten eine Heimlichkeit der Welt, die
mehr wert in Höhe und Tiefe der Weisheit und Lust, als alles, was in der
Geschichte laut geworden. Sie liegt der Eigenheit des Menschen zu nahe, als sie
den Zeitgenossen deutlich würde, aber die Geschichte in ihrer höchsten Wahrheit
gibt den Nachkommen ahndungsreiche Bilder und wie die Eindrücke der Finger an
harten Felsen im Volke die Ahndung einer seltsamen Urzeit erwecken, so tritt uns
aus jenen Zeichen in der Geschichte das vergessene Wirken der Geister, die der
Erde einst menschlich angehörten, in einzelnen, erleuchteten Betrachtungen, nie
in der vollständigen Übersicht eines ganzen Horizonts vor unsre innere
Anschauung. Wir nennen diese Einsicht, wenn sie sich mitteilen lässt, Dichtung,
sie ist aus Vergangenheit in Gegenwart, aus Geist und Wahrheit geboren. Ob mehr
Stoff empfangen, als Geist ihn belebt hat, lässt sich nicht unterscheiden, der
Dichter erscheint ärmer oder reicher, als er ist, wenn er nur von einer dieser
Seiten betrachtet wird; ein irrender Verstand mag ihn der Lüge zeihen in seiner
höchsten Wahrheit, wir wissen, was wir an ihm haben und dass die Lüge eine schöne
Pflicht des Dichters ist. Auch das Wesen der heiligen Dichtungen ist wie die
Liederwonne des Frühlings nie eine Geschichte der Erde gewesen, sondern eine
Erinnerung derer, die im Geist erwachten von den Träumen, die sie hinüber
geleiteten, ein Leitfaden für die unruhig schlafenden Erdbewohner, von heilig
treuer Liebe dargereicht. Dichtungen sind nicht Wahrheit, wie wir sie von der
Geschichte und dem Verkehr mit Zeitgenossen fordern, sie wären nicht das, was
wir suchen, was uns sucht, wenn sie der Erde in Wirklichkeit ganz gehören
könnten, denn sie alle führen die irdisch entfremdete Welt zu ewiger
Gemeinschaft zurück. Nennen wir die heiligen Dichter auch Seher und ist das
Dichten ein Sehen höherer Art zu nennen, so lässt sich die Geschichte mit der
Kristallkugel im Auge zusammenstellen, die nicht selbst sieht, aber dem Auge
notwendig ist, um die Lichtwirkung zu sammeln und zu vereinen; ihr Wesen ist
Klarheit, Reinheit und Farbenlosigkeit. Wer diese in der Geschichte verletzt,
der verdirbt auch Dichtung, die aus ihr hervorgehen soll, wer die Geschichte zur
Wahrheit läutert, schafft auch der Dichtung einen sichern Verkehr mit der Welt.
Nur darum werden die eignen unbedeutenden Lebensereignisse gern ein Anlass der
Dichtung, weil wir sie mit mehr Wahrheit angeschaut haben, als uns an den
grössern Weltbegebenheiten gemeinhin vergönnt ist. Das Mittätige und
Selbstergriffene daran ist gewiss mehr hemmend als aufmunternd, denn Heftigkeit
des Gefühls unterdrückt sogar die Stimme, weil diese sie zum Mass der Zeit
zwingt, wie viel weniger mag sie mit der trägen Pflugschar des Dichters, mit der
Schreibfeder zurecht kommen. Die Leidenschaft gewährt nur, das ursprünglich
wahre, menschliche Herz, gleichsam den wilden Gesang des Menschen, zu vernehmen
und darum mag es wohl keinen Dichter ohne Leidenschaft gegeben haben, aber die
Leidenschaft macht nicht den Dichter, vielmehr hat wohl noch keiner während
ihrer lebendigsten Einwirkung etwas Dauerndes geschaffen und erst nach ihrer
Vollendung mag gern jeder in eignem oder fremden Namen und Begebenheit sein
Gefühl spiegeln.
                                   Waiblingen
Die Geschichten, welche hier neben der Karte von Schwaben vor uns liegen,
berühren weder unser Leben, noch unsere Zeit, wohl aber eine frühere, in der
sich mit unvorhergesehener Gewalt der spätere und jetzige Zustand geistiger
Bildung in Deutschland entwickelte. Das Bemühen, diese Zeit in aller Wahrheit
der Geschichte aus Quellen kennen zu lernen, entwickelte diese Dichtung, die
sich keineswegs für eine geschichtliche Wahrheit gibt, sondern für eine
geahndete Füllung der Lücken in der Geschichte, für ein Bild im Rahmen der
Geschichte. Die Karte von Schwaben, wie sie Homanns Erben im Jahre 1734
herausgaben, muss noch jetzt nach so vielen Veränderungen, wohlgefallen. Diese
sinnreichen Nürnberger haben alle Farben ihres weltberühmten Muschelkastens
benutzt, die Grenzen der vielen Staaten augenscheinlich zu machen, auf dass ein
jeder in dieser Farbenpracht den Bogen der Gnade erkennen möge, den Gott über
dieses herrliche Land gestellt hatte, als er es nach freier Entwickelung durch
Krieg und Friede mit der Kraft seines heiligen, deutschen Reichs für
Jahrhunderte schützte. Ein mächtiger Strom, die Donau, entspringt in Schwaben,
begrenzt den Erbfeind der Christenheit, den Türken. Ein anderer, der Rhein,
findet erst im Bodensee seinen rechten Boden, der ihn zur Grösse erzieht, wofür
er die Grenze, von der er ungern scheidet, zu einer Inselwelt durchflicht. Der
Bodensee selbst ein sanftes Abbild des Meeres, bezeichnet neben den Höhen eine
reiche Tiefe des Landes. Wer nennt alle lieblichen Ströme, welche das Land
durchrauschen! Wer nennt alle Berge von Schlössern gekrönt, von denen die Ströme
entspringen, von denen die Heldengeschlechter herrschend zu den fernen Ebenen
niedergezogen sind! Ganz Schwaben ist dem Reisenden ein aufgeschlagenes
Geschichtbuch, hier war der früheste Mittelpunkt deutscher Geschichten und so
seltsam alles umfassend die Deutschen sich später schaffend und zerstörend
geregt haben, diese Vollendung in einem gewissen Sinne erreichten sie nicht
wieder und so reibt sich das Bild des Unterganges unmittelbar an den Glanz der
Hohenstaufen. Schöner ist das dauernde Steigen eines Landes, das in jeder
Einrichtung das ungestörte Erbe der Jahrhunderte aufweisen kann, aber menschlich
näher tritt uns als ein Bild des eignen Geschicks diese Berührung mit grossen
Hoffnungen aus früheren Tagen in einem Volke, das bewahrtem und achtend gegen
seine Vorzeit in Urkunden, Erinnerungen und Gebräuchen jedem Dorfe seine
Denkwürdigkeit erhalten hat. Suchen wir auf unsrer Karte den Neckarfluss und
gehen wir mit Behagen an seinem Ufer von Reben umgrünt zum Einflusse der Rems
und da hinauf durchs reiche Wiesental nach Waiblingen, so befinden wir uns auf
dem Schauplatze unsrer Geschichte. Waiblingen versteckt sich jetzt, wie wir von
Reisenden hörten, ungeachtet es an einem Hügel hinangebaut ist, hinter
umgebenden Weinbergen. Ehemals ragte am Tore ein hoher Wachtturm hinaus, der mit
vier kleinen Türmchen und einem höhern in der Mitte, alle fünf mit Schiefer
wohlgedeckt, der Stadt schon aus der Ferne ein wehrhaftes Ansehen gab.
    Dieser Turm ist die Bühne, welche den Anfang unsrer Geschichten aus den
engen Verhältnissen eines kleineren Städtleins zum Seltsamen erhebt; so verdient
er eine nähere Beschreibung. Die vier Türmchen traten an den vier Ecken des
Mauerwerks von Werkstücken heraus, auch ein gezähnter Gang zwischen ihnen war
zur bessern Verteidigung hinaus gebaut. Unter dem mittleren Turme befand sich
das Wachtzimmer, in dessen Mitte eine grosse Wurfschleuder gegen andringende
Feinde aufgerichtet war, während die Wände hinlänglich mit Armbrüsten und
Harnischen behangen waren, um bei raschem Angriff gleich eine bedeutende Zahl
Bürger zu rüsten. Als Wächter wurde immer ein alter Kriegsmann gelöhnt, der des
Schlafes entwöhnt, mit den Seinen abwechselnd eine ununterbrochene Wacht
unterhalten musste. Auf seinem Büffelhorne zeigte er mit allgemein bekannten
Zeichen an, wenn sich Not und Sorge, sei es durch Kriegsscharen und Räuber, oder
durch Feuer und Wasser dem Stadtgebiete näherten. In solchem Fall kamen viel
neugierige Gesellen zum Besuch, sonst mied jeder die enge Windeltreppe des
Turms, der nicht besondere Freundschaft zu dem Wächter trug. Eine Winde im
Wächterzimmer war zu doppeltem Gebrauche eingerichtet, sie hob in einem grossen
Eimer von der Stadtseite zu bestimmten Stunden seine Lebensmittel empor, und
nahm in demselben Eimer von der Landseite nach dem unerbittlichen Torschluss alle
verspätete Sendungen an Rat und Bürger der Stadt gegen mässigen Lohn auf. Bei dem
lebhaften Verkehr, dessen sich die Stadt jetzt als Vorratskammer der Neckarweine
für Augsburg, durch Gerbereien und Ankauf von Schlachtvieh erfreute, war diese
Art Nebengewinn ein Hauptunterhalt des Wächters geworden, der nach dem frühen
Torschlusse mit Sehnsucht nach verspäteten Boten auf die Strasse von Augsburg
herunter blickte. Von Augsburg war das Tor genannt, so weit Augsburg davon
entlegen sein mochte. Augsburg war damals gleichsam ein heiliger Name, weil die
sichtbaren Quellen des Wohlstandes, das Geld und die Reisenden, die es brachten,
von Augsburg entsprangen und nichtimmer wieder dahin zurückkehrten; im zweiten
Buche führt uns die Geschichte nach diesem Mittelpunkte des Handels, zu den
reichen Geschlechtern, die, das neu entdeckte Amerika mitzuerobern, Schiffe
ausrüsteten und die Kaiser durch Glanz und Erfindung froher Feste sich zu
geselliger Freude verbanden.
 
                                  Erstes Buch
                                Erste Geschichte
                           Die Hochzeit auf dem Turme
Der Bürgermeister von Waiblingen, Herr Steller, und der Vogt des Grafen von
Wirtemberg, Herr Brix, führten einander in der Neujahrsnacht mit ungewissen
Schritten durch die glatten Gassen, nachdem sie einander beim Schlage der
zwölften Stunde vor dem Ratskeller den flockig fallenden Schnee vom Barte geküsst
und alles gute Glück angewünscht hatten. Der Wein erweicht des Menschen Herz,
dachte der Bürgermeister, ich hätte nimmermehr geglaubt, dass ich den Vogt so
lieb hätte; dann fuhr er fort: »Schade, dass es so dunkel am Himmel und so weiss
an der Erde ist, kein Sternlein ist zu sehen, das uns ein Zeichen gäbe vom neuen
Jahre.« - »Kein Stern«, fragte der Vogt mit schwerer Zunge, »was sind denn das
für ein Paar rote Sterne am Himmelsrande?« - »Das sind die Fenster des
Wachtturmes«, antwortete Herr Steller lachend, »kennt Ihr die nicht, aber sie
leuchten heute wohl heller als sonst, denn da ist Bettelmanns Hochzeit, der neue
Turmwächter, der Martin, hat heute die Witwe des vorigen geheuratet, weil sie
oben zu stark geworden, um die enge Windeltreppe herunter zu steigen. Wir
konnten doch wahrhaftig der Frau wegen nicht den Turm abbrechen lassen und so
musste sie sich dazu bequemen, sonst hätte sie lieber unsern Schreiber, den
Bertold, geheuratet. Der Pfarrer hat sie oben müssen zusammengeben.« - »Aber um
Gottes willen«, fragte der Vogt, »wie soll die Frau hinunterkommen, wenn sie
erst tot ist, da wird ein Mensch doch noch ungeschickter, als er bei lebendigem
Leibe war.« - »Das würde sich finden, wie's Sterben, meinte sie«, sprach
Steller, »solch armes Volk lebt in die Zeit hinein, wie's liebe Vieh, wenn es
nur Futter hat. Gute Nacht Gevatter, viel Glück zum neuen Jahre; Ihr werdet doch
allein fortkommen?« So taumelten sie aus einander, der Vogt ging den beiden
roten Sternen nach und der Bürgermeister gab Achtung, dass sie ihm im Rücken
blieben und so führte das Glück der Armen die beiden Reichen wie eine
Vorbedeutung in ihre Häuser heim.
    Auf dem Turme sass der alte, trockene Martin, der neue Turmwächter im
verschossenen, roten Wams, den er noch aus dem italienischen Kriege mitgebracht
hatte, zwischen Frau Hildegard, mit der er heute vermählt war, und Bertold, dem
Ratsschreiber, wie auf dem Felde des Schachbretts zwischen Schwarz und Weiss,
denn jene war reinlich in weissem, selbstgewebten Leinen, dieser sehr anständig
in schwarzem Tuch gekleidet. Martin sprach davon, wie er sonst auf
Schlachtfeldern zwischen Tod und Teufel und jetzt wie im Schachspiel fröhlich
zwischen Freund und Frau sitze und habe sich das nicht träumen lassen voraus,
dabei umfasste er beide und drückte beiden die Köpfe an einander, dass sie sich
küssen mussten und trank dann seinen Wein auf die Erinnerung einer Neujahrsnacht,
wo er und Bertold auf den Turm stiegen und Frau Hildegard belauschten, wie sie
mit ihrer Base Zinn gegossen. - BERTHOLD: »Das war eine schöne Nacht, klar und
warm, die Witterung wird immer rauher in Waiblingen und die Welt geht endlich
gewiss in Eis unter.« - MARTIN: »Kalt oder warm, untergehn muss sie doch bald,
wenn nur Hildegard so lange lebt, um den Lärmen mit uns zu beschauen. Ja in der
Nacht ging mir das Herz auf gegen dich und es zuckte mir in dem Arme, was
hilft's verhehlen, Gott weiss es doch und schreibt sich alles auf.« - BERTHOLD:
»Du wolltest der guten Frau um den Hals fallen, die Sünde vergibt der Küster.« -
MARTIN: »Nein Bertold, ihren Mann wollte ich zum Turm hinunterwerfen, er stand
auf der Mauer und blies das neue Jahr an, er wollte sich recht hören lassen, da
tratest du zwischen uns und so wurdest du mein guter Engel und bist es immer
geblieben und hast bei Hildegard für mich geworben. Das kam alles vom
Zinngiessen.« - HILDEGARD: »Habe dich damals am Fenster nicht beachtet, aber den
Zinnguss habe ich aufgehoben, wie ich alles aufhebe; seht da drei Kirchtürme im
Zinn, was deutet mir das?« - MARTIN: »Der eine bedeutet deinen ersten Mann, der
zweite deutet auf mich und der dritte, das ist dein dritter Mann Bertold.« -
HILDEGARD: »Der Tod ist der dritte Mann.« - BERTHOLD: »Hör Martin, ich mag auf
deinen Tod zu meiner Seligkeit nicht warten; dir schadet's noch nicht, wenn du
ein paar Stunden mit offner Brust im Schneegestöber auf ein Wild lauerst, ich
muss mir schon Kopf und Füsse warm halten, am Schreibtische altert ein Mensch
früher, als auf dem Rosse.« - MARTIN: »Mit dem Reiten und Fechten ist es jetzt
aus, bin ärgerlichen Gemüts und das gedeiht nicht im Alter; kann ich die
Armbrust nicht mehr spannen und keinen Vogel im Fluge sehen und treffen, dann
stösst mir der Gram das Herz ab. Sieh Bertold, so gräm ich mich auch, dass wir
von einander ziehen sollen und haben so lange mit einander Haus gehalten, ich
sorgte fürs Wildbret und du für die Fische aus dem Ratsweiher. Es liegt wenig
daran, ob einer in Seide oder nackt, wie auf dem Schlachtfelde begraben wird,
aber dass wir nicht in alten Tagen einsam leben müssen, davor behüte der Himmel
jeden. Hör Bertold, wir sind heute bei deinem Wein lustig, sei künftig auch
vergnügt bei unserer alltäglichen Hausmannskost, zieh herauf zu uns, Hildegard
wird dir mit keiner doppelten Kreide anschreiben.« - BERTHOLD: »Du kannst meine
Gedanken lesen, dachte schon lange daran, ob ich mir nicht dort auf der wüsten
Brandstelle ein Haus in eurer Nähe errichten könnte, wo wir zusammen aus einer
Kasse lebten und mit einander teilten, was wir verdienen.« - MARTIN: »Damit
alles gleich wird, teilen wir auch die Frau.« - HILDEGARD: »Sonst bin ich mit
allem zufrieden, aber das ist gegen die zehn Gebote.« - MARTIN: »Und er soll
dein Herr sein, hat der Pfarrer gesagt und dabei bleibt's, Bertold schläft
hier, du nennst ihn Du wie mich, du sorgst für ihn wie für mich und schlägst ihm
nichts ab, er wird nichts Ungebührliches von dir fordern. Und hier ist deine
Schlafstelle auf der alten Wurfschleuder, die doch nimmermehr gebraucht wird,
hier ziehen wir eine Wand von Latten und du überziehst sie mit Papier, so hast
du dein Haus da drin und dein Fenster und deine Schreibereien liegen da
ungestört und wenn wir Nachts nicht schlafen können, so können wir wie bisher
mit einander reden; du sagst, was du Neues gelesen und ich, was ich in jungen
Tagen bei dem Franzosen und Italiener erlebt habe.« - BERTHOLD: »Du sprichst wie
aus himmlischer Eingebung, wie kann ich mich widersetzen. Seht, da kehre ich
meine Tasche um in den Topf, das ist meine ganze Habe, so tut desgleichen und so
lange der Topf nicht leer ist, greife ich dreist in eure Schüsseln.« - MARTIN:
»Halt Bruder, du hast schon zuviel voraus, gleiche Brüder, gleiche Kappen, fort
mit den Batzen, bis ich auch welche verdient habe und gleich einlegen kann.« -
BERTHOLD: »Hör nur, da ruft's vor dem Tore, da kommt ein reiches Trinkgeld, das
setzest du gegen meinen Sparpfennig, was der bringt, gehört uns auch zusammen.«
- MARTIN: »Das wird nicht viel sein, aber du sollst deinen Willen haben; rückt
nun den Tisch, hebt den Eimer über, nun lasst die Winde langsam ablaufen: das
musst du alles lernen, Bruder Bertold, wenn du mit uns im Adlerneste hausen
willst, die Krähen werden dir oft genug den Käse vom Brot stehlen.«
    Bertold hatte das alles schon gelernt und während Martin die Winde in
Ordnung brachte, hatte er schon den wohlbeschlagnen Eimer auf die andere Rolle
übergelegt. Frau Hildegard erinnerte Martin, seinen Schafpelz anzuziehen, er
aber lachte und sprach: »Hab eher im Schnee geschlafen, als wären's Daunen, als
ich noch bei den Kronenwächtern diente, doch halt, davon darf ich nicht
schwatzen, ich hab's geschworen.« - Der Reiter unter dem Tore fluchte, dass es so
lange daure, und Martin wollte ihm eben in alter Kriegsmanier antworten, da bat
jener sorglich, er möchte den Eimer nicht anstossen lassen, es sei zerbrechliche
Ware darin und Martin verschluckte seine Antwort und sprach: »Zu meiner Hochzeit
hättet Ihr wohl das Fluchen vergessen können.« - Der Reiter schrie herauf: »Nimm
das, was im Eimer liegt, zum Hochzeitgeschenk, sei eingedenk deines Schwures,
kein Turm ist zu hoch, kein Grab zu tief für Gottes Richterschwert und für
unsern Pfeil.« - Martin trat ernst mit dem Kasten ins Zimmer, den er aus dem
Eimer genommen, setzte ihn in der Zerstreuung auf den Apfelkuchen und brummte
vor sich: »Wäre ich nur nie bei den alten Mördern gewesen!« Als Frau Hildegard
wegen des Apfelkuchens schalt, sagte er: »Es ist auch ein Hochzeitgeschenk, mit
dir Bertold wird es geteilt, vielleicht ist's ein feinerer Kuchen, macht es
sorglich auf, es soll sehr zerbrechlich sein.« Frau Hildegard schob den
durchlöcherten Deckel auf, hob eine Pelzdecke auf und sah mit grossem Erstaunen
einen kleinen Knaben der auf einem Totenschädel, halb mit einem weichen Kissen
bedeckt, ruhte und schlief. »Ha«, fuhr Martin bei dem Anblick auf, »es hat das
Zeichen!« Bei dem Worte sprang er hinaus, sah aber nur noch in bedeutender
Entfernung den Reiter auf seinem Schimmel, wie sein weisser Mantel im Winde
gleich einem Segel aufbauchte und wie er sich bald gleich einer Schneewolke
unter den stumpfen Weiden der Strasse verlor. Er kam zurück, als Bertold mit
überwundener Sorge sprach: »Es ist nicht tot, es schläft nur, tragt's ins Bette,
Frau Hildegard, aber denkt nicht, dass dies liebe Kind euch allein gehört, mein
ist die Hälfte, Martin hat's versprochen.« - MARTIN: »Du sprichst ja wie ein
Versucher, dem ich des Kindes Seele verschrieben habe.« - BERTHOLD: »Ich brauche
nicht seine Seele, ich brauche nur seine Hand, ich will's zum Schreiber
aufziehen.« - MARTIN: »Versuch's nur; wenn der Knabe älter wird, da merkt er
schon in sich, dass er nicht zum Schreibtisch, sondern unter den Helm gehört;
aber Hildegard, ist es dir denn lieb, ein Kind zu haben, bist ja so still emsig,
es einzupacken, als ob du es im Federbett ersäufen wolltest.« - HILDEGARD:
»Still, hab nie ein schöneres Kind gesehen, alle andern sind Holzklötze dagegen,
ein feines Bild aus Elfenbein ist dies, das muss aus hohem Geschlechte stammen;
wenn wir nur reich wären, um es fein ordentlich aufzuziehen!« - MARTIN: »Gott
sorgt für die Gemslein auf den Felsenspitzen, sieh her Hildegard, sieh den
Schatz, der bei dem Kinde im Kästchen liegt.« - BERTHOLD: »Fünf Goldgülden, alle
mit dem Stempel unsres letzten Schwabenherzogs Konradin, die sollen wunderselten
sein, die mögen in einer recht alten Sparbüchse gerostet haben, bis die grimme
Not, die das liebe Kind verstossen, sie in die Welt trieb. Der Schatz soll dem
Kinde bleiben, ich sorge mit Abschreiben in den Abendstunden für das Kind.«
MARTIN: »Ich sorge für meine Hälfte, sonst hau ich sie mir von dem Kinde ab, hab
wohl keine Kinder mehr zu erwarten, will mich auch von einem Kinde streicheln
lassen: ob ich mir hier ein Kind, oder einen Hund futtre, das kostet gleich
viel!« Das Kind war von dem Streite aufgewacht und forderte schreiend seine
Nahrung, die Frau war in grosser Sorge, was sie ihm geben sollte, sie hoffte, dass
ein gläubiges Gebet zur heiligen Mutter, ihre Brust mit Milch füllen könnte,
aber Martin schüttelte mit dem Kopfe und sprach: »In unsrer Zeit geschehen keine
Wunder.« Frau Hildegard liess sich aber nicht stören in ihrem Glauben, sondern
betete an ihrem kleinen Altare und wie sie noch so betete, da hörte sie das Kind
schlucken, das ganz allein lag, weil die beiden Männer an den Herd gegangen
waren, um Feuer zu einem Brei anzuschüren. Sie sah sich um, und erblickte ihre
grosse, schwarze Ziege, die sich aus dem Stall losgerissen und auf das Bette
gesprungen war, und das Kindlein sog mit freudiger Begierde an der Ziege.
Hildegard richtete sich mit gefaltenen Händen auf und rief die Männer:
    »Seht, seht, dem Frommen geschehen alle Tage Wunder!« Bertold faltete
gleichfalls verwundert die Hände, aber Martin sprach gleichgültig: »Es ist doch
gut, dass wir heut das Zicklein zum Hochzeitbraten opferten, die Ziege wäre sonst
mit keiner Gewalt zum Stillen des Kinds zu zwingen gewesen, jetzt drängt es sie
dazu: es ist nicht alles Liebe, was die Menschen so nennen!« Dann nahm er
Bertold bei der Hand und führte ihn an die andere Ecke des Zimmers, wo der
Kasten stand und sprach wehmütig und leise: »Sieh da das weisse Kind unter dem
gehörnten, schwarzen Tiere, das dem Teufel ähnlich sieht, so kommt die Unschuld
zur Schuld und nährt sich von ihr, so soll auch ich das Kind ernähren und bin
nicht wert solcher himmlischen Gnade. Ich halt's nicht aus! Habe so viele
blühende Jünglinge in Feldschlacht und Fehden erschlagen und werde nun zum Narrn
vor Freude, dass ich der Welt ein Kind zum Ersatz aufziehe, o ich wollte, dass ich
bei meinem Vater am Webstuhl ausgeharrt, oder dass ich gar nicht gelebt hätte.
Wer weiss, wem der Schädel gehört, der bei dem Kinde liegt, er trägt eine schwere
Narbe, wie ein Fenster, durch welches der Geist zum Himmel geflogen, vielleicht
habe ich ihm die geschlagen. Ich musste meinen Herren folgen auf den Fehden und
sie fragten mich nicht, ob sie ein Recht hätten zum Blutvergiessen, es hiess nur:
hier gilt's, hier musst du vor, Martin. Es sind jetzt noch keine sechs Monat, da
focht ich mit einem jungen Ritter, er wehrte sich entsetzlich, da fiel ihm der
Helm ab, ich hatte ihm die Schienen durchhauen, und mein Schwert drang tief in
sein Haupt, er war schön wie eine Jungfrau, meinen Hals hätte ich abschlagen
lassen, um ihn zu heilen, aber der Tod lässt sich nicht wieder gut machen. Ich
sagte den Kronenwächtern mit Abscheu meinen Dienst auf, sie liessen mich ziehen.
Das Kind gleicht dem Ritter, sie haben's mir geschickt. Bertold, zieh es zum
Frieden auf, es soll für mich beten.« Bertold sah verlegen nieder, es war ihm,
als ob ein anderer, als Martin, mit ihm rede, so weich hatte er ihn nie gekannt,
er sah nach dem Schädel und wies auf etwas Blinkendes, das darin steckte. -
MARTIN: »Wird wohl ein Splitter von meinem schartigen Doppelschwerte sein, oder
ein Helmring, lass es stecken, so etwas, das einem Menschen den Tod brachte, muss
vergraben sein, ich werd's auch bald sein: Wenn einst andere Leute so in meinen
Schädel hinein sehen, was werden sie darin lesen?«
 
                               Zweite Geschichte
                             Die Chronik der Stadt
Die Nacht verging unbemerkt in mancher Besorgung für das Kind, am Morgen
bemerkte erst Frau Hildegard eine feine Schrift auf dem Kasten, der das Kind
geborgen, und Bertold las da den biblischen Spruch auf das Kind angewendet:
»Gehet hin und taufet ihn im Namen des Vaters.« Frau Hildegard erschrak, dass
dies wohl sechs Monat alte Kind noch nicht getauft sei, und Bertold nahm es
eilig mit dem Bette in seinen Mantel, da Martin von seinem Wachtposten nicht
abkommen konnte. Erst lief er zum Bürgermeister und berichtete ihm den seltsamen
Vorgang, indem er zugleich den zierlich mit blauer und roter Tinte geschriebenen
Neujahrwunsch abgab. Der Bürgermeister war in sehr gnädiger Stimmung, dankte
freundlich und sagte, dass er dieses Kind wohl zu sich nehmen würde, wenn er
verheiratet wäre, jetzt könne es aber seinem Rufe bei den Eltern seiner Braut
schaden, übrigens werde wohl zuweilen aus der Armenkasse etwas für das Kind zu
erübrigen sein und man müsse inzwischen nachforschen, wer des Kindes Eltern
wären. Das alles hatte der Schreiber sich längst selbst bedacht, nahm es aber
doch wie hohe Weisheit an und entfernte sich demütig. Aber die Frühmesse war
inzwischen schon längst zu Ende gegangen, als er nach der Pfarrkirche kam. Der
Geistliche trat eben hinaus, ihn fror sehr und er war nur mit Mühe zu überreden,
die Taufe sogleich zu erteilen. In der Eile vergass er, sich nach Vor- und
Zunamen des Kindes zu erkundigen und fragte während der Handlung, wie es heissen
sollte! Bertold, der es auch nicht bedacht, antwortete Bertold, und weil der
Pfarrer es für Bertolds Kind hielt, so taufte er es Bertold mit Vornamen und
Bertold mit Zunamen, so dass es nun Bertold Bertold hiess, oder Berchtold
Berchtold, wie andere den guten, alten Namen schreiben. Der Tag durchbrach
siegend die Schneewolken, als Bertold im Turme das Kind aus dem warmen Mantel
hob und sich in dessen hellen Augen sonnte. Die lahme Elster, die in der vorigen
Nacht alles unter dem Bette verschlafen hatte, sprang zum Kinde mit Hildegard
und Martin und rief zu ihm: »Bertold, Bertold.« - »Sie weiss es schon«, rief
Bertold verwundert, »das haben ihr gewiss die Sperlinge gesagt, die in der
Kirche herumflogen.« Martin aber ging ruhig zu seiner Arbeit an der neuen
Lattenwand zurück und brummte vor sich: »Nenne ihn, wie du willst, er wird
seinen rechten Namen doch erhalten, wenn seine Stunde schlägt, aber sieh hier,
wie fleissig ich gewesen bin; die Wand ist gleich fertig und nun schaffe Papier
zum Überziehen.« »Auch dafür habe ich in der Schreibstube gesorgt«, antwortete
Bertold, »sieh die schönen, grossen Bogen, habe darauf in jungen Jahren, als ich
noch mehr Freude am Schreiben hatte, die Chronik von unserm Städtlein
geschrieben, der Knabe mag daran buchstabieren lernen.« - »Schade, dass wir's so
zerreissen müssen«, sagte Martin, »habe oft darüber nachgedacht, wie die Leute
auf den närrischen Einfall gekommen sind, sich hier niederzulassen, obgleich
jedermann lieber in Augsburg wohnen möchte.« - »Ei«, sagte Bertold, »du denkst,
das Glück hat immer auf dem Fleck wie jetzt gestanden, vielmehr rückt es immer
von einem Platze zum andern, weil es nie sich festsetzen darf und des Stehens
müde wird. Es gab eine Zeit, wo Augsburg kaum genannt wurde, und da stand hier
eine Stadt, die auch niemand mehr zu nennen weiss, die war das Haupt von ganz
Schwaben, zwei Meilen von hier nach Schorndorf soll noch ein Stück von unsrer
alten Stadtmauer zu sehen sein, bei meinen Geschäften ist mir aber die Reise zu
weit, um es zu besehen.« - »Und ich darf vom Turme gar nicht fort«, klagte
Martin. »Tröste dich mit mir«, meinte Hildegard, »ich dürfte wohl herunter, aber
bei meinem Schwindel darf ich die Windeltreppe nicht ansehen, sonst geht alles
mit mir um, da sagen denn die bösen Leute in der Stadt, dass ich zu stark
geworden sei, um die Treppe zu steigen; wer weiss, ob solche Lügenreden nicht
auch in die alten Geschichten gekommen sind, so dass kein Mensch jetzt mehr sagen
kann, wo die Lüge aufhört und wo die Wahrheit anfängt.« - »Aber ich habe es
geschrieben funden auf altem Pergament«, rief Bertold, »wer würde sich die Mühe
geben, Lügen aufzuschreiben. In diesem Pergament fand ich auch, was hier steht,
dass der Attila, Gottes Geissel getauft, diese Hauptstadt der alten schwäbischen
Herzoge bis auf den Grund ausbrannte und dass wir entweder gar nicht lebten, oder
doch keine Waiblinger wären, wenn nicht die Frau des Frankenkönigs Klodwig hier
drei Hirsche mit ihrer Armbrust erlegt hätte. Seinem Weibe zu Ehren baute der
Frankenkönig die Stadt, nannte sie von ihr Waiblingen, versteht ihr wohl, weil
dort einem Weibe gelingt, was sonst kaum ein Mann leisten kann auf der Jagd.« -
»Und davon kommen wohl die drei Hirschhörner in unserm Stadtwappen?« fragte
Martin. »Ein schlimmes Zeichen für uns Ehemänner«, fuhr er fort, »muss nur die
Wand hier recht dicht und fest zukleben.« Bertold blätterte weiter und sagte
»Du hast mir ein gut Stück Geschichte zugeklebt, da stehe ich schon beim Kaiser
Konrad, der so viel auf die Treue seiner Waiblinger hielt, dass er es zum
Feldgeschrei der Seinen gegen die verräterischen Welfen machte. Hier Waiblinger,
hiess es, wo es hart herging, und mit dem Feldgeschrei siegte er über alle
Feinde. Der hörnerne Siegfried war ihr Anführer, der seinem Herrn die starke
Braut bezwungen hatte und dafür durch den tückischen Hagen sein Leben einbüsste;
nun von dem Märchen singen ja noch die Fiedler auf den Strassen, und es wäre wohl
gut, dass sie etwas Neues lernten, denn es will ihnen niemand mehr zuhören.« -
»Was haben mir die Italiener von Ghibellinen oder Wibellinen erzählt«,
unterbrach ihn Martin, »sie schimpften sich noch so, obgleich keiner mehr wusste,
was es bedeute, und da kommt all der Lärmen aus unserm Städtlein.« - »Ehre
unsere Stadt alter Martin«, sagte Bertold, »denn sie hat viel mehr Auszeichnung
genossen zur Zeit der schwäbischen Kaiser. Vor allem liebte sie der hochberühmte
Friedrich Barbarossa, erbaute auch hier einen Palast, gleich dem von Gelnhausen.
Ich habe ihn oft gesucht dort unter den Trümmern, aber ich konnte nicht ohne
Aufsehen über das alte Mauerwerk klettern und die Leute hätten gemeint, ich sei
auch so ein Schatzgräber, die immer noch bei den alten Häusern, welche die grosse
Feuersbrunst einstürzte, nach Gold suchen und Kohlen finden. Die Beschreibung
von dem Schloss ist gar sehr prächtig, es bestand aus einem Hauptgebäude und
einem Seitenflügel zum Anschauen der Ritterspiele. Hinter demselben war ein
seltsamer Garten von fremden Pflanzen. Alle Zimmer waren kostbar mit Teppichen
und Waffen des Morgenlandes verziert, aber am reichsten die Kapelle zu Ehren der
heiligen drei Könige, deren Leichen dort eine Nacht geruhet, als sie der Kaiser
von Mailand nach Köln sendete, wo sie noch ruhen und grosse Wunder verrichten. In
dem Hause hier sollen die Anhänger des schwäbischen Hauses noch lange Zeit ihre
Zusammenkünfte gehalten haben, bis die grosse Feuersbrunst es mit aller
Herrlichkeit gleich der ärmsten Hütte verzehrt hat.« - »so geht's auch Eurer
saubern, schön gemalten Handschrift, habt sicher nicht gedacht, sie so zu
verbrauchen, als Ihr Euch dem Schreiben unterzogen«, bemerkte hier Martin. »Ich
erheiterte mich als Knabe«, erwiderte Bertold, »mit der gewissen Zuversicht,
sie werde sich zum ewigen Andenken wie die alten Schenkbriefe der Stadt von
einem Ratsschreiber zum andern vererben, aber der Bürgermeister warf sie neulich
zornig dreinreissend vor die Türe, weil er etwas von den Seinen, die ich unter
dem Namen nicht erkannt, darin gefunden, das ihm gar nicht lieb war, dass nämlich
eine Jungfrau seines Geschlechts einen Löwen in unsrer Stadt geboren habe. Es
hat sich damals ein Löwe hieher verlaufen gehabt, der viele Menschen würgte, bis
diese Jungfrau ihm entgegentrat, der er geduldig den Kopf in den Schoss legte und
sich von ihr mit gemeiner Kost abspeisen liess. Da glaubten schon die Leute, sie
sei eine Heilige, bald aber kam es heraus, dass sie sich ihm vermählt habe, als
sie einen Löwen gebar, denn da zog der Alte mit seinem jungen Löwen fort, sie
aber stürzte sich aus Gram in die Rems.« - »Sollte die Geschichte also doch wahr
sein«, brummte Martin, »hab sie den Kronenwächtern nie glauben wollen, von dem
Löwen stammten nachher viele Menschen, versteht Ihr mich, von ihren gelben,
lockigen Haaren wurden sie Löwen genannt, auch von ihrer Stärke und königlichen
Abkunft. Doch das stirbt hier unter uns, ich darf davon nicht reden, aber Ihr
wisst doch von dem Feinde unsres Barbarossa, dass der Heinrich der Löwe hiess, kein
Stamm geht unter, aber erst, wenn feindliche Stämme sich innerlich versöhnen und
verbinden, wird der Friede kommen auf Erden.« - »Aber wie ist mir«, rief
Hildegard, verliess das schlummernde Kind und trat ans Fenster, »es ist, als ob
es schon wieder Nacht werden wollte.« - »Es wird eine Schneewolke sein«, meinte
Bertold. »Nein, nein«, seufzte Martin, »ich sagte wieder ein Wort zu viel, das
geht mir nicht ungestraft hin, seht nur, die Sonne verliert ihren Glanz, dass
jeder sie anschauen kann, wie ein verweintes Auge. Der schwarze Star deckt sie
immer mehr, die wird nicht wieder scheinen, seht wie die Vögel in den Tannen
sich verstecken, auch unsre Elster geht schon unters Bette zum Schlafen, die
Schatten der Bäume verschwinden vom Schneegrund, denn ein Schatten deckt alles,
ich stehe vor der Sonne, dass sie nicht scheinen mag. Die Bürger laufen umher und
wissen nicht, woher ihnen die Strafe kommt. Hört ihr's da unten, das brachte ich
euch!« - »Schweig Martin«, unterbrach ihn Bertold, »ich muss dir sonst den Mund
zuhalten, mir ist nicht wohl in der Dunkelheit und die Bürger läuten der Sonne
die Sterbeglocke, jetzt ist sie kaum noch einer Mondensichel zu vergleichen, die
am Tage da oben stehen geblieben, aber wartet geduldig, um einen Menschen geht
die Welt nicht unter. Aus meiner Chronik erinnere ich mich einer
Sonnenfinsternis, die so dunkel gewesen, dass die Arbeiter der grossen
Wollenwebereien in Augsburg aus Angst zu den Ihren zu kommen, einander tot
drängten und nachher war alle Not verschwunden, nur die nicht, die sie selbst in
der Angst geschaffen hatten.« - »Ihr habt recht«, sagte Hildegard, »mir ist, als
ginge die Sonne mitten am Himmel wieder auf, als wäre ihr Licht tausendfach
schöner als je; wie sich unsre Tauben erschwingen und Kreise um den Turm
ziehen.« - »Die Bürger lachen ihrer Furcht«, fuhr Bertold fort, »schämst du
dich nicht Martin?« »Wär's mit der Scham abgetan und mit der Furcht«, sprach
Martin in sich, »ich wollte mich fürchten und meiner Furcht mich schämen und den
Spott der Kinder tragen; mir aber ist es mehr als eine Sonnenfinsternis, was ich
gesehen; vergebens ziehen die Tauben ihre Kreise um mich her, sie können mich
nicht schützen!«
                               Dritte Geschichte
                           Der Palast des Barbarossa
Die Ehe des Turmwächters Martin blieb ohne Segen eigner Kinder, um so höher
ehrten die beiden Eheleute den kleinen Bertold und Frau Hildegard hatte
eigentlich keinen Augenblick, wo sie ihn vergass. Selbst im Schlafe reichte sie
ihm noch die Hand, dass er damit spielen und sie erwecken könnte, wenn er einmal
früher aufwachen sollte. Die Elster war aber des Kleinen Gespielin, die ihm nie
etwas zu leide tat, aber durch ihr Geschrei warnte, wo das Kind sich einer
Gefahr aussetzte. Martin fand sich in seiner schwarzen Seelentiefe durch den
Anblick des Knaben erhellt, schnitzte ihm Stöcke und Degen, so bunt der Kleine
sie verlangte, und Bertold war eifrig beschäftigt, dass der Kleine früher als
andere Kinder Buchstaben kennen lernte und bald auch buchstabierte. »Das wird
ein Gelehrter«, sagte er mit Zuversicht und Martin lächelte, aber Bertold liess
sich dadurch nicht abbringen von seinem Unterrichte. Schon im siebenten Jahre
schrieb der Kleine eine feste Hand, rechnete schon notdürftig und wäre in der
Schule als ein Wunderkind aufgetreten, wenn er sie hätte besuchen dürfen. Aber
Bertold setzte seinen Schreiberstolz darin, ihn allein weiter zu bringen, als
die bequemen Geistlichen in der Stadtschule es mit allen Züchtigungen bei den
Stadtkindern vermochten, und Frau Hildegard war es sehr zufrieden, weil er sonst
Unarten und Ungeziefer mit annehmen könnte. Nur Martin schüttelte mit dem Kopfe
und sagte, es werde der Junge zu nichts in der Welt taugen und die beste Zeit
seines Lebens in dieser Einsamkeit verlieren, doch sah er ihn zu gern um sich,
als dass er ihn mit Ernst entfernt hätte. Schon im zehnten Jahre wusste ihn
Bertold mit schriftlichen Aufsätzen aller Art zu beschäftigen, indem er ihm
einbildete, die Stadt habe ihn als Unterschreiber angenommen. Der Kleine
arbeitete sich in alles mit einem Amtseifer hinein, dass Bertold schon im
zwölften Jahre des Knaben ihn dem Bürgermeister zuführen konnte. Dem
Bürgermeister gefiel seine gute Bildung, sein freundliches Auge, noch mehr seine
Handschrift, in der er selbst dem alten Bertold überlegen war, so künstlich
dieser die Anfänge der Kaufbriefe verzieren mochte. Der Bürgermeister strich ihm
die langen gescheitelten, blonden Haare und versprach, ihn mit einem kleinen
Gehalt zur Hülfe des alten Bertolds anzustellen. Der junge Bertold dankte, dass
er ihn in seiner Stelle wolle fortbestehen lassen, und Bertold klärte mit
Selbstzufriedenheit seine List auf, wie er dem Knaben durch eine eingebildete
Anstellung Lust zur Arbeit gemacht habe. Dem Bürgermeister machte der Einfall
viel Spass, er erzählte ihn seiner Tochter Apollonia, die eben eintrat, ungefähr
ein Jahr jünger als der junge Bertold, und seit dem Tode der Mutter des Vaters
Augapfel, während der junge Bertold von tiefer Scham über seine Täuschung immer
heisser erglühte und sich zuletzt des lauten Schluchzens und der Tränen nicht
erwehren konnte. Der alte Bertold entschuldigte ihn mit einer ihm angebornen
Blödigkeit und der Bürgermeister versprach ihm ein Kleid, wenn er etwas Altes
ablegte, wo dann Jungfrau Apollonia an das grüne Tuch, welches vom Ratstische
abgenommen war, erinnerte, das sich auf der linken Seite noch untadelig gefunden
hätte. Der Bürgermeister schenkte es auf ihre Bitte dem Knaben, dem es zwischen
den Arm von Apollonien geschoben wurde, die er dabei seitwärts durch die Tränen
ganz freundlich ansah und sich dann mit dem Vater fortbewegte.
    Als der Vater den Knaben in die Ratsstube führte, ihm seinen Platz anwies
und wie er die Schriften ordnen sollte, da musste der Knabe wieder weinen. Als
der Vater nach der Ursache fragte, antwortete der Knabe; »Ich habe nun schon
seit Jahren etwas zu tun vermeint, es war aber lauter Nichts und nur zu meiner
Übung; wenn nun das alles, was ich hier treiben soll, auch nur zu meiner Prüfung
und an sich zu nichts dient?« - »Vielleicht, lieber Sohn«, antwortete der Alte
leise, »zuweilen überkommt mich so eine tiefere Einsicht und sie erschreckt mich
nicht mehr wie sonst, du aber bist ein Kind, darum weine dich aus wie ein Kind,
wirst immer noch früher wieder lachen als ich, wenn ich dich zum
Schneidermeister Fingerling führe und dir das grüne Kleid anmessen lasse, was du
mit deinem Schreiben dir verdienet hast. An dem Kleid magst du erkennen dass
dennoch nichts vergebens ist, was der Mensch in gutem Willen tut.« Sie gingen zu
Meister Fingerling und der kleine Bertold ward in der Werkstätte vom Meister
nach allen Richtungen gemessen. Seltsam war es ihm, als er den Arm musste heben
und krümmen, wie er es sonst nie getan, er meinte in dem neuen Rocke künftig
immer so stehen zu müssen. Während der Meister die Umrisse des Kleids auf das
Tuch nach dem Masse kreidete und zuschnitt, sah der junge Bertold mit grosser
Aufmerksamkeit der Schere nach. »Ich sehe es wohl an deiner Neugierde«, sprach
Fingerling, »dass du Lust zum Handwerk hast und dass du die spöttischen Reden der
andern Gewerke über uns Schneider nicht achtest.« Der junge Bertold antwortete
darauf: »Ich verstehe nichts von Eurem Gewerke, lieber Meister, aber
unbarmherzig scheint es mir, wie Ihr mit der grossen Schere das schön farbige
Tuch zerfetzt, mir ist's, als zerschnittet Ihr mir die Haut, so lieb habe ich
diese grüne Wiesenfläche; ich hätte mir das Tuch bewahren sollen, statt es
zerschneiden zu lassen, um das Geschenk der edlen Jungfrau mir auf immer zu
bewahren.« - »Du musst ein Tuchhändler werden«, sagte der fixfingrige Mann, ohne
von der geheimnisvollen Bewegung seiner Schere aufzublicken, »wenn so ein
Händler mit rechtem, eignen Wohlgefallen das Tuch aufrollt und mit der Hand
sanft überfährt, als ob er des Käufers ganz vergessen, da gibt jeder einige
Kreuzer mehr. Ich für mein Teil denke, das Tuch wird erst durch meinen Zuschnitt
zu etwas, wie der Mensch durch die Erziehung, ja ich sehe dann schon im Geiste
die goldne Ehrenkette in dem Wams verdienen und darauf prangen.« - »Ich würde
lieber ein Tuchhändler«, sagte der junge Bertold und empfahl sich dem Meister
mit besonderer Zuneigung Frau Hildegard ehrte den Knaben mit tausend
Zärtlichkeiten und noch mehr Ermahnungen, als sie seine neue Würde vernahm, nur
Martin schüttelte mit dem Kopfe und brummte vor sich: »Sie haben ihn ganz
aufgegeben und vergessen.« Der junge Bertold wusste schon, dass er um solche
Redensarten den alten Martin nicht befragen durfte, daher war auch alle
Neugierde über dergleichen Äusserungen bei ihm verschwunden, er meinte, das
gehöre so zu einem alten Kriegsmann, wie das Fluchen. Keiner verlor aber mehr
bei dieser Änderung, als der Martin. Die Frau war jünger und konnte sich so
nicht in seine Launen fügen, wenn sie ihn auch lieb hatte, und ihre Liebe selbst
war doch nur seiner Anwartschaft zur Türmerstelle gewesen, was konnte da mit den
Jahren viel übrig bleiben, ausser der guten alltäglichen Gewohnheit, alles als
gemeinschaftlich zu betrachten, ausgenommen das Herz und die Gedanken.
    Alle Morgen, wenn der junge Bertold vom Ratause kam, ging ihm Martin
ungeduldig entgegen, sah ihn an und liess sich berichten, was vorgefallen sei.
Auf nichts mochte er sonst hören, jetzt hatte er mit dem Liebling wieder Auge
und Ohr in die Welt gestreckt, und ärgerte sich an dem vielen Unrecht, was auf
dem Ratause zur Sprache kam, und fluchte vom Jüngsten Tage. Der alte Bertold
aber meinte »Das Gute bringen sie nicht zum Rataus, so wenig sie ihr Brot auf
die Strasse werfen; so wissen wir im Ratause nur von den Sünden, und auf der
Strasse nur von der Unreinlichkeit der Menschen.«
    Aber Martin wurde immer finsterer, seine Augen verdunkelten sich und es
mochte wohl ein Jahr seit der Anstellung des jungen Bertold verflossen sein,
als er einmal ungeduldig auf ihn wartete und endlich Frau Hildegard die Wacht
anvertraute, um ihm entgegen zu gehen. Endlich kam der junge Bertold, aber
nicht von der Seite des Ratauses, sondern von der Seite der wüsten Brandstätte.
»Erst erkannte ich dich nicht«, rief ihm Martin entgegen, »ist mir doch jetzt
beständig wie damals bei der Sonnenfinsternis, die Sonne hat einen Flecken und
alles umher hat auch Flecken, nachdem ich hinein gesehen; wie kannst du mich so
lange warten lassen, ich bin so neugierig, wie sich der Streit wegen des alten
Fundaments geendet hat, worauf der Nachbar übergebauet hatte.« Aber der junge
Bertold hörte nicht auf ihn, sondern umarmte ihn voller Seligkeit und rief
wiederholend: »Das Haus des Barbarossa!« - »Was weisst du denn von dem?« fragte
Martin. »Hab ich nicht täglich davon an der Papierwand von Vater Bertolds
Schlafkammer gelesen, habe ich nicht lesen gelernt an der Stelle, wo der Palast
in der Chronik steht, und habe immer heimlich daran gedacht, dass ich ihn finden
müsste, und heute habe ich ihn gefunden, als mir die alte lahme Elster beim
Heimgehen entlief. O sie weiss nun alles, was ich denke, und so zeigte sie mir
den Weg und liess mich nahe kommen und hüpfte weiter, wenn ich ihr den Finger
hinhielt, dass sie darauf springen sollte, und so kletterte ich ihr ärgerlich
über drei Mauern nach - ohne mich umzusehen - da erst sah ich mich um, denn sie
rief weit von mir, Bertold, Bertold, - und mit freudigem Erschrecken sah ich
mich von den mächtigen Überbleibseln eines wunderbaren Gebäudes umgeben, eine
Reihe ritterlicher Steinbilder steht noch fest und würdig zwischen ausgebrannten
Fenstern am Hauptgebäude, ich sah auch das Seitengebäude, ich sah im
Hintergrunde einen seltsamen, dicht verwachsenen Garten und allerlei künstliche
Malerei an der Mauer, die ihn umgibt, - das ist Barbarossas Palast.« - »So
seltsam rufen sie die Ihren«, sagte Martin in sich, »so viel Tausende haben als
Kinder unter diesen Mauern gespielt und keinem fiel dies Gebäude auf, keiner
dachte des Barbarossa.« - »Es ist mein«, rief der Knabe, »ich will es aushauen,
und will den Garten reinigen, ich weiss schon, wo die Mutter wohnen soll. Komm
mit Vater, sieh es an! Du wirst sie alle wieder kennen in den Steinbildern,
unsre alten Herzoge und Kaiser, von denen du mir so viel erzählt hast.«
    Bei diesen Worten zog er den alten Martin über die Trümmer der wüsten
Stadtseite fort und Martin folgte ihm willig, aber mit Mühe, denn in dem
einsamen Wächtergange des Turms hatte er seine Sehnen zum Klettern allzu sehr
erhärtet.
    Da stand er endlich atemlos in der grünen Wildnis vor den Steinbildern und
rief: »Wie sie mit Epheu bewachsen sind und ich erkenne sie doch, sieh, das ist
Barbarossa, es ist mir doch nie so wohl geworden wie an diesem Flecke, fänden
wir nur die Kapelle der heiligen drei Könige!« - »Ich war schon drin«, sagte der
Knabe »aber ich kann die Türe nicht wieder finden, auch der Alte ist fort der
mich hinführte, und je mehr ich sein gedenke, desto sonderbarer fällt es mir
auf, dass er dem Steinbilde des Barbarossa ähnlich war. Seht, hier sass ich und
staunte alles an, da klopfte er mir auf die Schulter, der Alte in dem seltsam
prächtigen Mantel, vorn mit einem roten Steine zugeheftelt, und fragte mich, ob
es mir wohlgefalle, dieses Haus in den Trümmern, er habe ein steinern Bild, wie
es gewesen, im kleinen ausgeführt, das wolle er mir zeigen, so solle ich es
aufbauen und ich würde viel Glück in dem Hause erleben und wenig würde mir von
meinen Wünschen unerfüllt bleiben.« - »Und du hast es gesehn?« fragte Martin,
indem er den Knaben auf andre Art als je ansah. »Freilich«, antwortete der junge
Bertold; »und nimmer werde ich das kleine Steinbild vergessen, ich könnte es
Euch hier auf dem Boden herzeichnen. Könnte ich nur die Türe wieder finden, wo
er mich einführte, es ist als ob der Alte sie mit Schutt bedeckt hat. Hier war
es, meine ich, da führte er mich in einen gewölbten Gang, an dessen Ende er eine
metallne Türe öffnete. Wie erschrak ich, als wir da eintraten. Das ganze
hochgewölbte Zimmer, von zwei hängenden Lampen erleuchtet schien mit Gold und
Edelsteinen, wie andre Häuser mit Kalk überzogen, in der Mitte stand ein Sarg
und darin lagen drei hochehrwürdige Männer mit Kronen und als ich den Sarg näher
betrachtete, war es dies Haus, schön neu und vollendet und schien mir gewaltig
gross, ob ich gleich drüber weg und hinein sehen konnte und als ich die alten
Männer näher betrachtete, so sah ich, dass der mittlere dem Alten glich, der mich
hinein führte. Ich sah mich um nach dem Alten, es war mir, als wäre er es
selbst, der da lag mit Königen, aber er war fort, eine Angst füllte mein Herz,
ich weiss nicht warum, ich floh aus der Kapelle, aus dem Garten über die Mauer
und so fand ich Euch Vater Martin.« - »Warum flohst du dein bestes Glück,
unglücklicher Knabe?« rief Martin. »Aber so ist's mit dem Menschen, der bildet
sich viel auf seine Natur ein und meint, seine Liebe und sein Hass, seine Furcht
und Hoffnung müssen einen wahren Grund und Boden in der Welt haben.« Der Knabe
sah den Alten an und verstand ihn nicht, sondern fuhr in seiner Rede fort: »Mir
ist noch immer so bange, ich fürchte, der Alte ist ein Geist gewesen.« Martin
fuhr eben so in seinen Gedanken fort: »Wir schaudern vor den Geistern und gehen
doch lange schon als abgeschiedene Geister umher, wenn uns die Lebenden noch für
mitlebend halten. Höre nicht auf mich, mein Sohn, ich bin hier so vergnügt, wie
ich lange nicht gewesen und da schwatze ich mit mir selbst. Wie die Linden schön
herduften, die den Garten schliessen, mir ist nie so wohlgemut gewesen. Gott
führt auf immer neuen Wegen zum Heil, unser Leben ist wie ein Märchen, das eine
liebe Mutter ihrem unruhigen Kinde erfindet.« - »Aber wird nicht Mutter
Hildegard mit dem Essen auf uns warten?« unterbrach ihn der Knabe. »Sie wird
noch öfter auf mich warten«, antwortete der Alte, »und ich werde nicht kommen,
die Treppen des Turms steige ich nicht mehr hinauf und lasse auch das Seil nicht
mehr zur Erde laufen nach täglicher Notdurft, sehe mir auch nicht mehr die Augen
aus, ob irgend ein Strauchdieb unsern Fuhrleuten auflauert, das ist nun alles
aus und ich bin hier eingesetzt, dich Bertold, den Abkömmling der Hohenstaufen
zu erziehen, dir den Gebrauch ritterlicher Waffen zu zeigen und dein Schwert zu
wetzen, dass es schneidet, wenn du es brauchen sollst.« Der Knabe wusste ihm nicht
mehr zu antworten, sondern schmiegte sich an ihn, als er ihn aber über sich
singen hörte, da erschrak er, denn so lange er um ihn gewesen, hatte Martin nie
gesungen, obgleich ihm ein Wächterlied anbefohlen war, sondern sich immer am
Gesange geärgert und oft mit Steinen nach Knaben und Handwerksgesellen
geschleudert, die singend aus der Stadt zogen. Als aber der erste Schreck
vorüber war, da hörte er dem Martin gern zu, nie hatte er eine so tiefe, ernste
Stimme gehört, es war ihm, als ob er eine ganze Kirche aus der Ferne singen höre
und jedes Wort blieb seinem Gedächtnisse eingeprägt.
MARTIN:
Im See auf Felsenspitzen
Wird bald dein Schloss, die Pfalz,
So eckig weiss dir blitzen,
Als wär's ein Körnlein Salz,
Und rings in dem Kessel von Felsen,
Da siedet das Wasser am Grund,
Ich rat es euch Wagehälsen,
Verbrennet euch nicht den Mund.
Es glänzen da sieben Türme,
Von sieben Strudeln bewacht,
Und wie der Feind sie stürme,
Der alte Türmer lacht;
Die alten Salme lauern
Auf frische Helden voll Mut,
Wenn Heldenbräute trauern,
Da füttern sie ihre Brut.
Denn sieh, die Schiffe kommen
Gerüstet bis zum Schloss,
Gar prächtig angeschwommen,
Da trifft sie Wirbelstoss,
Und wie ein Rad der Mühle,
So drehn sie sich geschwind,
Als wär es nur zum Spiele,
Bis sie verschwunden sind.
Doch willst du einen retten,
Dem wirft der Türmer dreist
Um den Leib den Haken an Ketten
Und ihn hinüber reisst;
Und zeigt ihm des Schlosses Türe,
Doch wer nicht fliegen kann,
Der braucht der Leitern viere,
Eh' er zur Türe hinan.
Und ist er eingetreten,
Da stehn vier eiserne Mann,
Die stechen, eh' er kann beten,
Hält sie der Türmer nicht an;
Sie scheuen keinen Degen
Und haben doch kein Herz,
Stabileren sie bewegen,
Sie sind gegossen aus Erz.
Und ist er da vorüber,
Im grünen ummauerten Platz,
Da wird ihm wohler und trüber,
Als wär er bei seinem Schatz,
Da stehen die Kirschen in Blüten
Und Kaiserkronen in Glanz,
Die Nachtigall singet im Brüten,
Kein Mädchen führt ihn zum Tanz.
Der Türmer nimmer leidet
Ein Mädchen in der Pfalz,
Und ist sie als Ritter verkleidet,
So kostet's ihr den Hals.
Doch hat er den Bart gefühlet,
Dann lässt er ihn zu dir ein,
Zum Schlosshof, wo Wasser spielet,
Mit buntem Strahlenschein.
Da fliesst ein Brünnlein helle,
Das wie der Himmel rein,
Wie auch der See anschwelle
Von irdisch gelbem Schein;
Der Blumen stehen da viele
Am schwarzen Gemäuer entlang
Und eine kleine Mühle
Steht mitten in dem Gang.
Die Mühle drehet und netzet
Den Schleifstein grau und fein,
Ein Alter schleifet und wetzet
Beständig auf dem Stein:
Da schleifet er alle Stunden
Ein Heldenschwert am Stein,
Und hat nicht Zeit gefunden,
Dass alle würden rein.
Nun Fremdling geh nur vorüber,
Dir springen die Funken ins Aug,
Bald wäre es dir viel lieber
Du lägst bei den andern auch,
Denn keiner kömmt zurücke,
Der einmal hier oben war,
Es sei denn, dass er sich bücke,
Und dass ihm gebleicht sein Haar.
Die Zimmer des Schlosses sind enge,
Gewölbt von Doppel-Kristall,
Und blankes Silbergepränge,
Das spielt mit den Strahlen Ball;
Da sitzet auf einem Löwen
Des letzten Grafen Sohn,
An solchen gefährlichen Höfen
Ist das der sicherste Tron.
Er denkt an Vater und Mutter
Und an des Unsterns Nacht,
Das ist ein Heldenfutter,
Das nährt des Herzens Macht.
Da sieht er in die Schrecken
Wie in Alltäglichkeit,
Und lässt sich nimmer necken
Von falscher Sorglichkeit.
Er ist so sicher in Kräften,
So herrlich von Angesicht,
So glücklich in allen Geschäften,
Des Unsterns achtet er nicht;
Ihm scheint der Tag der Sage
Schon freudig durch die Nacht,
Die Nacht vorm Jüngsten Tage
Wird schweigend zugebracht.
 
                               Vierte Geschichte
                               Schatz und Messer
»Du kannst nicht schweigen«, rief eine Stimme aus dem Gebüsche; »zum drittenmal
hast du den Schwur gebrochen!« - »Fluch über euch«, antwortete der Alte
ergrimmt, »die ihr mein freies Herz an unbesonnene Schwüre gekettet, ich breche
die Kette, ich fürchte euch nicht mehr.« In dem Augenblicke zischte ein Pfeil
neben dem Knaben vorüber in Martins Herz, er sah Martins Blut auf spritzen,
hörte seine dumpfen Flüche und stürzte besinnungslos über ihn her, als wollte er
ihn mit seinem Leibe gegen jedes Wurfgeschütz seiner Feinde sichern: aber kein
zweiter Pfeil war nötig. Die lahme Elster erweckte den jungen Bertold gar bald
aus seiner Bewusstlosigkeit, um ihn von der ernsten Wahrheit seines ersten,
grossen Verlusts zu überzeugen. Sein Gram verwandelte sich in Zorn, er forderte
den Mörder auf, sich ihm zu stellen, allen Schimpf häufte er laut auf ihn, aber
gleichgültig hallte die Mauer von seiner Rede und Martins Richter und Feind
schien entweder gleich verschwunden, oder gegen die Reden des Knaben
gleichgültig. Die Besinnung erwachte weiter in ihm, wie er Martin, wenn ihm noch
zu helfen wäre, über die Mauern, die er allein mühsam überstiegen, nach der
bewohnten Stadt schaffen könnte. Er beschloss eben Menschen herbei zu holen, als
der alte Bertold über die Mauern suchend gestiegen kam, beim Anblicke Bertolds
frohlockte, aber beim Anblicke Martins sich kaum fassen konnte. Er hatte beide
vor dem Tore gesucht, wo ein Vetter Martins seinen Weinberg liegen hatte. Ein
fremder geharnischter Mann, den er ansprach, hatte ihm den Garten unter der
Brandstätte bezeichnet, wo er sie gewiss finden würde, da habe er vom Berge einen
Mann im roten Wams mit einem Knaben im grünen Wams stehen sehen. So war er auf
den rechten Weg geführt worden, seinem lieben Martin die letzte Pflicht zu
erweisen. Seiner Verzweifelung liess er keine Zeit, sondern mit rascher Eile
suchte er einen bequemen Eingang und fand auch schnell das Tor, wo nur wenige
Steine weggewälzt zu werden brauchten, um den Leichnam Martins hindurch zu
schleppen. Er und der Knabe trugen ihn nach der Badestube. Da ward ein Aufsehen,
denn es war ein Sonnabend, und alle Handwerker wollten zum Sonntag reinlich
erscheinen, die rot angelaufenen Gestalten drangen neugierig aus der dampfenden
Badestube heraus, mancher mit Schröpfköpfen besetzt, ein andrer mit halb
beschnittenen Haaren und allen tat der alte Martin leid, weil er ein stattliches
Ansehen im Tode bewahrte. Aber der Bader untersuchte die Wunde und sagte
traurig, da vermöge seine Kunst nicht mehr, der Schütze, der ihn getroffen,
müsse das menschliche Herz wohl gekannt haben. Nun jammerte erst Bertold und
sein Sohn, kaum konnten sie dem eintretenden Bürgermeister Antwort geben, der
sie über den Vorfall befragte, denn schon hatte das Gerücht sich verbreitet,
Bertold habe Martin aus Liebe zu dessen Frau umgebracht. Es drohte der
Bürgermeister mit der Folter, als ein Bote von den Freigerichten einging, welche
durch ein Schreiben an den Bürgermeister erklärten, Martin sei schon lange wegen
einer Mordtat verurteilt gewesen, aber erst jetzt von ihnen erreicht worden. So
kam nun Bertold mit seinem Sohne und seinem Jammer frei und eilte zur Frau
Hildegard, die sie gefasst und von allem durch die beredte Hökerfrau am Tore
unterrichtet fanden; sie suchte Bertold damit zu trösten, dass sie versicherte,
Martin hätte bei seinem Husten doch wohl nicht lange mehr leben können. Martin
wurde mit Ehren begraben und der am innigsten und längsten ihn betrauerte, war
der junge Bertold.
    Der junge Bertold hatte sich so treu fleissig in dem Jahre seinem Geschäfte
ergeben, dass der Bürgermeister ihn jetzt schon brauchbarer, als den Alten fand,
der sich nur mit Mühe in eine neue Einrichtung versetzen konnte. Er gestattete
daher gern, dass der Alte vorläufig die Geschäfte des Martin als Türmer besorgte
und dass die Schreibegeschäfte sämtlich dem jungen Bertold übertragen wurden. So
hatte nun der junge Bertold viel mehr Freiheit in der Anwendung seines Tages,
denn der Alte sass ihm nicht mehr zur Seite und diese Freiheit benutzte er
reichlich, den entdeckten Garten sich einzurichten. Der Eingang war beim
Heraustragen Martins eröffnet, so dass er jetzt vom Ratause zu der wüsten
Marktseite in seine Trümmerburg schnell hinüber gehen konnte, wenn er mit
angestrengter Eile seine Schreibereien beendet hatte. Er zimmerte sich eine
Gittertüre, die den Eingang schloss, damit nicht mutwillige Knaben ihm seine
Arbeit verderben könnten, doch besser als diese Tür schützte ihn die Furcht vor
geheimen Mächten, die jeder nach seiner Art sich dachte, die aber seit dem
gewaltsamen Tode Martins sich mit den alten Gerüchten und Sagen gepfropft hatte.
Es tat ihm leid, dass der Alte ihn nicht wieder besuchte und dass er die Kapelle
der heiligen drei Könige nicht wieder finden konnte, allmählich schien es ihm
sogar, als sei er etwas eingeschlafen gewesen und ein Traum habe ihn getäuscht,
denn die schmerzliche Wirklichkeit von Martins Tode hatte jene Anschauungen in
Schatten gestellt. Als er den alten Bertold darüber befragte, antwortete ihm
dieser »Wir glauben, was etwas ist, und wissen, was etwas nicht ist; wir wissen
nichts, wir müssen alles glauben, aber der Glaube ist ohne Wissen nichts.« Er
verstand das nicht, aber er merkte sich es doch auf spätere Tage, weil er wohl
ahndete, dass etwas darin liegen müsse. Übrigens waren des jungen Bertolds
Gartenanlagen verständig. Wie er gern auch das Halbverstandene sich lernend
bewahrte, so verfuhr er mit dem verwilderten Gartenplane; ehe er gewaltsam Bäume
umhieb, suchte er sich deutlich zu machen, was gepflanzt sei und was wild aus
Samen und Wurzel aufgewachsen. Zwar schien manches von dem Gepflanzten
untergegangen und abgestorben, aber auch mit diesen Stämmen bezeichnete sich die
Anlage des Gartens. - Allmählich trat alles an seine rechte Stelle, indem das
Überflüssige hinweg genommen war. Brunnen und Gänge waren gereinigt, die
ausgeschnittenen, alten Obstbäume trugen wieder und edler Wein bezog die
sonnigen Mauern. Ein wohl erhaltenes gewölbtes Zimmer bewahrte während des
Winters Blumenpflanzen und Sämereien und so war dem jungen Bertold das erste
Jahr mit sichtbaren Zeichen seines Daseins und Wirkens vergangen.
    Da kam er eines Tages zum Abendessen und fand Frau Hildegard in stiller
Betrübnis, aber sie wischte ihm dennoch nach ihrer Gewohnheit den Schweiss von
der Stirn, zog ihm die Schuhe aus und die Pantoffeln an und sagte ihm dann erst,
dass sie sehr betrübt sei, weil sie schon wieder heiraten müsse, der
Bürgermeister wolle dem Bertold nicht anders das Türmeramt und ihm den
Ratsschreiberdienst geben. »Tut es doch mir zu liebe«, sagte Bertold, »heiratet
den Vater, da brechen wir hier die Wand weg und haben mehr Raum.« - »Ja wie du's
verstehst«, sagte Hildegard, »der Martin hat's mir wohl prophezeit an unserm
Hochzeittage aus dem Zinnguss, aber wenn mein Schwindel nicht wäre, dass ich die
Treppe hinunter gehen könnte, ich ginge lieber ins Kloster, als dass ich wieder
ins Ehebette stiege.« - »Mutter du musst heiraten«, sagte der Sohn, »denn ins
Kloster dürfte ich nicht mitgehen und ich kann dich nimmermehr verlassen.«
Hildegard drückte den Knaben an ihr Herz, der alte Bertold trat vom
Wächtergange herein, sie verlobten sich unter vielen Tränen. Wirklich setzte es
der Bürgermeister aus Wohlgefallen gegen den alten Bertold bei der Bürgerschaft
durch, dass diesmal der Mann von der Feder, statt eines Kriegsmanns, die
Türmerstelle erhielt, als Grund führte er an, dass der alte Bertold in früheren
Zeiten doch auch der Stadt mit dem Schwerte bei mehreren Fehden gedient habe.
Der junge Bertold wurde nur vorläufig in Eid und Pflicht genommen, weil er noch
zu jung war, und der Alte behielt immer noch Gehalt und Würde eines
Ratschreibers. Die dritte Hochzeit, welche Frau Hildegard feierte, war die
stillste von allen, der alte Bertold gestand mit inniger Rührung, dass die Wege
des Himmels unerforschlich wären, der ihm nach ruhigem Ausharren im Alter ein
Glück aufdränge, wonach er in früheren Jahren vergeblich sich bemüht; wenn er es
auch nicht lange mehr geniesse, so müsse er doch die Fügung des Himmels preisen.
- »So ist es doch wahr«, seufzte der junge Bertold, »dass du älter wirst und
gebeugter gehst, seltener froh bist und öfter stille in dich versinkst, stirb
nur nicht so bald wie Martin, dann wären wir ganz verlassen.« - »Jetzt haben wir
uns noch!« sagte der Alte, und ging das Wächterlied vom Turm zu blasen.
    Die mühsame Arbeit des jungen Bertold hatte die Neugierde des
herrschaftlichen Stadtvogts, des Herrn Brix, auf die Reste des alten Palasts
gewendet, und er hielt es jetzt für seine Pflicht, da er in demselben ein
Besitztum seines Herrn, des Grafen von Wirtemberg erkannte, bei demselben
anzufragen, was damit anzufangen sei. Da nun niemand für diese alten,
ehrenwerten Trümmer sprach, so wurden sie zum öffentlichen Verkauf bestimmt. Der
junge Bertold war untröstlich, als sein liebes Eigentum, wofür er es so lange
gehalten, zum öffentlichen Verkauf an den Meistbietenden ausgerufen wurde, er
hätte dem Ausrufer den Mund zuhalten mögen, er hoffte, die Leute würden nicht
darauf achten. Aber bald kamen Bürger der Stadt, besahen sich die Gelegenheit,
massen das Gärtchen rund brummten nur immer, dass so viel aufzuräumen, sonst gäbe
es schon einen artigen Bleichplatz. Also nichts, was da gewesen, nichts was er
gepflanzt, sollte bleiben, alles sollte für den gemeinsten Gebrauch vernichtet
werden. Da fielen ihm die fünf Goldgülden ein, die ihm Martin als sein Erbe (mit
der Kiste, worin der Schädel) oftmals gezeigt und ihm wohl eingeprägt hatte, das
Geld nur dann zu brauchen, wenn er sein ganzes Glück und Geschick damit lenken
könne. Aber dies schien ihm zu wenig für die Herrlichkeit seines Lieblingsortes,
er kannte niemand im Städtlein so vertraulich, dass er ihn hätte um Rat fragen
mögen. Von Bertold und von Frau Hildegard fürchtete er Widerspruch, er musste
ihnen seinen häufigen Besuch der wüsten Stelle verschweigen, denn der Ort gefiel
ihnen nicht. Ganz heimlich nahm er an dem Freitage, der zur öffentlichen
Versteigerung bestimmt, sein Erbteil mit, betete in drei Kapellen und war der
erste auf dem Rataussaale, wo die Versteigerungen abgehalten wurden. Es
versammelten sich viele, er glaubte in ihnen Seine ärgsten Feinde zu sehen. Es
geschah der erste Ruf und alles schwieg. Es geschah der zweite Ruf, und er bot
mit trockener, fast erdrückter Stimme seine fünf Goldgülden, und keiner überbot
ihn. Es wurde wieder zum ersten- und zweitenmal ausgeboten, und keiner überbot
ihn. Da geschah das dritte Ausgebot und er glaubte schon, den Hammer für sich
niedergeschlagen zu sehen, als eine ihm wohlbekannte Stimme einen Gulden mehr
bot. Er sah sich erschrocken um, erstaunte aber noch mehr, als er das Antlitz
des Alten, der ihn damals in die Kapelle geführt, hinter sich erblickte. Und
hätte er auch einen unerschöpflichen Geldbeutel gehabt, gegen den hätte er nicht
gewagt zu bieten, der Alte zog alle seine Gedanken auf sich und er war
verwundert, ihn hier in gewöhnlicher ritterlicher Kleidung wieder zu sehen, den
er damals in so seltsamer, prächtig alter Tracht erblickt. Der Alte trat zu ihm
und fragte ihn leise, ob er denn nicht überbieten wolle? Der kleine Schreiber
antwortete ihm traurig, er habe nicht mehr Geld, auch wage er sich nicht, gegen
ihn zu bieten. - Der alte Herr erwiderte aber, dass er sich irre, wenn er glaube,
dass er geboten, der Schneider dort wolle sich eine Werkstatt in dem alten
Gemäuer anlegen, er möge nur zubieten, und auf Gott vertrauen, mit dem Bezahlen
werde es sich schon finden. - Kaum hatte der junge Bertold das Wort gehört, so
kam ihm ein Vertrauen ins Herz, er bot noch einen Gulden. Der Schneider
Fingerling, denn der war sein Mitbieter, rieb sich die Hände und drückte noch
einen halben Gulden heraus, doch Bertold sprach wieder sein Voll aus. Aber
gleich fasste ihn hier der Schrecken, der andere möchte nicht wieder bieten, das
Vertrauen war fort, es überzog ihn kalt und die Sinne gingen ihm fast unter, als
ihm die Trümmer des Palasts von Barbarossa für sieben Gulden zugeschlagen
wurden. Er wollte sich an dem Alten halten und trösten, aber der war schon
fortgegangen, er fragte nach ihm, aber keiner der Nachbarn hatte ihn gekannt.
Meister Fingerling ging spöttisch auf den armen Bertold los und sagte ihm: »Ihr
müsst viel geerbt haben, dass Ihr das grosse Werk unternehmt, den Platz
aufzuräumen und Euch da anzubauen, wünsche Euch Glück.« Mit den Worten entfernte
er sich und der Stadtdiener, welcher den Zuschlag gemacht hatte, kündigte
Bertold an, dass er sogleich die Hälfte der Kaufsumme und den Rest am andern
Morgen zahlen müsse, widrigenfalls die Hälfte verloren sei. Bertold reichte
seine fünf Gulden hin, mit einem Gefühle, als wären sie verloren. »Das ist mehr
als die Hälfte«, sagte der Mann. »Das schadet doch nichts?« fragte Bertold. »Es
schadet nichts, wenn Ihr morgen den Rest bezahlt, sonst sind fünfe verloren.«
    Sie sind verloren, dachte er, und mein lieber Garten dazu, und mit diesen
betrübten Gedanken beladen, sollte er bei der Mutter Heiterkeit erzwingen sie
merkte ihm bald etwas Trübes an und er schob es auf ein Kopfweh und liess sich
alle ihre Hausmittel gefallen. Zum Glück hatte der alte Bertold die
Versteigerung ganz vergessen, sonst hätte er sich doch wohl verraten. Endlich
kam die ersehnte Zeit des Schlafes, er schlief nicht, aber er konnte doch
unbemerkt seinem Unglücke nachdenken. Früh stand er auf, sprach von notwendigen
Schreibereien und eilte statt dessen in seinen Garten. Er glaubte ihn zum
letztenmal von dem frischen Morgenlichte durchstrahlt zu sehen, seine Wehmut
betaute alle geliebten Pflanzen, bis endlich die Müdigkeit, als er sich noch
einmal in seiner Bohnenlaube ausgestreckt, ihn überwältigte. Ganz unbemerkt
versank er in eine andre Welt, die sich nur ungern mit jener befassen mag, in
der wir zu wachen meinen. Es träumte ihm manches Vorüberflatternde, bis ihm das
rechte Bewusstsein des Traumes aufging. Da trat zu ihm dieselbe ehrwürdige
Gestalt, die ihn beim Ausgebote zum Mehrbieten aufforderte, aber er trug wieder
das alte Kleid mit dem roten Steine zugeheftet. Und Bertold klagte ihm seine
Not mit den beiden Gulden, die ihm fehlten. »Wenn es weiter nichts ist, was dich
betrübt«, antwortete der Alte lächelnd, nahm ihn bei der Hand und führte ihn in
den Gang der alten Linden, welche das Gärtchen begrenzten. Dort bei einer Linde
scharrte er mit dem Fusse die Erde auf und ein eiserner Kasten voll goldner und
silberner Münzen stand geöffnet vor den freudigen Augen. »Nimm so viel du
brauchen kannst von meinem kleinen Hausschatze«, sagte der Alte, »aber vergiss
nicht, dass es nur geliehenes Gut ist und dass alles mein ist, was du damit kaufst
und verdienst, und dass ich alles zurück fordern kann, wenn es mir gut dünkt und
ich es einem andern verleihen will. Der Zins ist nicht hart«, fuhr er fort, als
ihn Bertold bedenklich ansah, »ist doch dem Menschen unter gleicher Bedingnis
die Erde geschenkt, er nimmt nichts von ihr in jene Welt, als die Einsicht und
den Glauben, den er auf ihr gewonnen.« Bei diesen Worten schien es Bertold, als
ob er sich in diese Worte verwandelt habe, er wollte ihm antworten, aber es war,
als ob eine Gewalt seine Stimme zurückdrückte, endlich brachte er einen Ton
heraus, erweckte sich selbst dadurch und fand sich wie ein erwachender
Nachtwandler verwirrt, erschöpft und gleichsam ausser sich im Lindengange stehend
wieder. Er brach halb bewusstlos einen Zweig vom Baume, zählte in Gedanken die
Blätter und fand vierundzwanzig daran, warf den Zweig zur Bezeichnung der Stelle
auf den Boden und wankte dann schlaftrunken zurück in sein Frühlingshaus, wo ihn
der tiefste Schlaf mehrere Stunden fesselte. Als er aufwachte, stand die Sonne
schon hoch, er sprang auf und sah zu seinem Ärger, dass die Gartentüre offen
stand. Es kränkte ihn jede mögliche Verletzung seines Gartens, sei es durch
eingedrungene Tiere oder Menschen, obgleich er des Traumes längst vergessen und
seiner Armut eingedenk, den Besitz desselben bald aufzugeben dachte. Er übersah
seine Blumenbeete und fand seine Maiblumen ausgeplündert, die saftigen Stengel
der Hyazinten weinten noch, als ob der Frevel erst begangen. Er eilte umher,
den Missetäter zu entdecken, und sah im Lindengange den Rücken eines Mädchens,
das beschäftigt war, einen Kranz auf ihrem Schoss zu winden. Ohne sich darum zu
kümmern, wer es sein könnte, rief er mit innigem Verdrusse: »Besser tausend
Augen, als eine Hand!« Da blickte das schöne Kind sich scheu um und er sah in
ein Paar Augen, die der Hand wohl einen tausendfach höheren Wert gegeben hätten,
als alle denkbare Blumen, die sie abpflücken konnte, Augen, die ihm schon seit
dem Tage, wo sie ihm den grünen Wams schenkte, wie ein unerreichlich seliger
Sternhimmel erschienen waren. Es war Apollonia Steller, die er so zornig
angeredet hatte, sie stand auf, warf ihm den halb vollendeten Kranz auf den Kopf
und erwiderte mit einer innern Kränkung: »Behalte Er seine dumme Blumen, wenn Er
sie mir nicht gönnt.« Der Kranz gleitete aber von seinem Kopf in seine Hände,
bleich von Schrecken, in unbeschreiblicher Verlegenheit, wie er seine Übereilung
gut machen sollte, erfror ihm jedes entschuldigende Wort. Er drehte den Kranz,
als ob er einen Rosenkranz abbetete, oder seinen Schaden zählen wollte, während
Apollonia den Garten eilig verliess. Und immer noch arbeitete er und zählte in
bittern Gedanken an dem Kranze, während dieser auseinander fiel und ihm nur der
Zweig blieb, über welchen er gebunden war. Und wieder zählte er die Blätter
dieses Zweigs und fand vierundzwanzig daran und bei dieser Zahl ging ihm ein
Blitz durch den Kopf, als wär's die Entdeckung einer neuen Welt. Sein Traum, der
Schatz, das Haus, der Garten, alles war wieder sein, auch Apollonia glaubte er
durch diesen Reichtum noch erlangen zu können, da fiel ihm erst sorgenvoll ein,
dass es doch wohl nur ein zufälliges Zusammentreffen mit dem Traum sein könne.
Seine Tätigkeit überwog Gram und Sorge, die Schaufel war in seiner Hand, er grub
in die Erde, dass der Schweiss ihm über Wangen und Rücken lief. Jeder Einschnitt
in den schwarzen Boden war ihm ein lohnendes Gefühl, dass er näher seiner
Hoffnung, - endlich klang der Spaten gegen Metall, - noch ein Abheben der Erde
und er sah die rostige Fläche eines eisernen Deckels. Nun ruhte er sich einen
Augenblick, sein Schweiss tropfte auf die Fläche des Deckels und er sah schon das
Gold eingelegter Blumen auf demselben. Nun hob er den Kasten mit Gebet, dass er
ihm nicht entschwinden möge. Da stand er, aber das Schloss wollte nicht weichen,
bis er mit einem derben Steine so kräftige Schläge gegen den vorstehenden Deckel
führte, dass das Schloss zersprang und der Deckel aufsprang. Das Geld lag nicht
unmittelbar im Kasten, sondern erst musste er einen alten ausgenähten, ledernen
Beutel aufziehen, da stand die Erscheinung des Traumes, die Fülle silberner und
goldner Münzen vor ihm. Und als er sie in beschaulicher Eile in den Kasten
stürzte, so fand er noch im Beutel ein wenig verrostetes Gürtelmesser, dessen
Griff in türkischer Art einen Drachenkopf bildete. Eilig nahm er zwei Gulden aus
der Menge und steckte sie zu sich, wollte eilig zum Ratause, den Rest der
Kaufsumme zu zahlen, aber nun plagte ihn schon der Reichtum: wo sollte er seihen
Schatz verbergen? Endlich glaubte er ihn unter Steinen in seinem aufgeräumten
Zimmer ziemlich gesichert zu haben, nahm aber doch eine Tasche voll Geld mit, um
im Falle unseliger Beraubung nicht alles zu verlieren.
    Sein Kaufbrief war bald ausgefertigt, der Vogt sah ihn an wie einen
seltsamen Toren, der sein Geld verschwendet und obenein als verdächtig, woher er
das Geld bekommen. Beim Bürgermeister erhielt er einige Verweise, dass er so spät
gekommen, weil dieser zur Feier des Namenstags seiner Tochter noch ein Gedicht,
das er anfertigen lassen, abgeschrieben wollte haben. Da strengte er sich an,
jeder Schnörkel mehr an den Buchstaben sollte ihr dartun, wie er ihr mit allen
Kräften zu dienen strebte. Als er diese Arbeit zur Zufriedenheit des Herrn
Bürgermeisters beendet, eilte er, von seinem Garten mit einem Kuss, den er der
Erde gab, Besitz zu nehmen und dann mit furchtbarer Reue alles Blühende zu Ehren
Apolloniens abzumähen. Es war ein hoher Tragekorb voll Blumen, womit er in das
Haus des Bürgermeisters einrückte, die er an Apollonien abzugeben bat. Der
Bürgermeister, der gerade noch im Zimmer, nahm das Geschenk als ein Zeichen
schuldiger Anhänglichkeit an sein hohes Haus, im Namen der Tochter, wohl auf, er
befahl, ihn zum Vesperbrot herein zu rufen. Da ward ihm gar fröhlich, als
Apollonia mit ganz versöhntem, freundlichem Blicke ihm ein Glas Wein darbot, auf
welchem ein breiter Schnitt Mandelkuchen mit krispelkrauser Oberfläche lag. Wie
aber zu dem Dargebotenen zu gelangen, da er in der einen Hand sein Barett, in
der andern einige Schriften hielt, unter welche der Bürgermeister seinen Namen
setzen sollte. Nach kurzer Überlegung liess er beides fallen, denn das
dargebotene Glück war zu gross. Nun hörte er hinter sich ein feines Lachen,
während Apollonia, in seiner Seele verlegen, die Augen niederschlug. Das war
doch schön von ihr, wie sie so mit ihm fühlte, auch war es gutmütig vom
Bürgermeister, dass er einen ernsten Blick gegen die Lachenden aussandte und dem
Bertold vormachte, wie er erst die Pergamente hätte in die Tasche stecken, das
Barett unter dem Arm einklammern sollen, um ruhig zu dem Glase Wein zu gelangen.
Bertold tat, wie ihm geheissen, klemmte aber so heftig an seinem Barett, dass das
kleine Eichhörnchen, welches er gewöhnlich mit sich herumtrug, ihn biss und mit
dem ihm eignen Knurren in der Bosheit hinaus und wie ein Teufelchen im Zimmer
herumsprang, während Bertold sein Weinglas zum Teil überschwabbern liess und
nachher ängstlich mit seinem Fusse den Weinfleck am Boden zu decken suchte. Nun
war das Gelächter allgemein und der Bürgermeister verliess das Zimmer, um sich
nichts von seinem Ansehen gegen den Schreiber zu vergeben. Apollonia suchte ihn
jetzt dreister zu machen, schenkte ihm das Glas voll, er musste trinken und der
seltene Genuss des edlen Weins und Apolloniens freundliche, braune Augen
erheiterten ihn ungemein, er kam zu einiger Fassung und sah sich um, wer denn
eigentlich so feinstimmig gelacht hatte. Da erschrak er aber recht, es standen
da zwei Mädchen, die ihm ein Paar ausgestopfte Hosen auf dem Kopf zu tragen
schienen. Seine Unbekanntschaft mit den neuen Stuttgarter Trachten hatte an
dieser Verwunderung schuld, es war eine niederländische Tracht, die dort
nachgebildet war, und die beiden Mädchen, es waren des Vogts Brix heiratslustige
Töchter, taten sich nicht wenig darauf zu gute (sie waren kürzlich in Stuttgart
gewesen) und hofften, dass Apollonia sie darum beneiden würde. - »Was sieht Er
mich so gross an?« fragte die eine, Babeli mit Namen, die gleich jeden in sich
verliebt glaubte. - »Je Jungfer«, sagte Bertold, »Sie hat ja ein Paar Hosen auf
dem Kopf.« - Babeli fand sich sehr gekränkt, aber sie rümpfte kaum den Mund und
fragte weiter: »Weiss Er denn sonst nichts Neues?« - »Erzähl Er uns etwas Neues«,
fiel gleich die andere, Josephine, ein. Bertold dachte, was er erzählen sollte,
er wusste nur wenig aus dem Umgange mit Menschen, aber alles, was ihm einfiel,
schien ihm zu schlecht, er wollte durchaus nicht wieder lächerrlich werden.
Endlich betete er heimlich zu Gott, dass ihm etwas Neues einfallen möge und da
stand's vor seiner Seele, was er kürzlich erst gelesen und er sprach: »Der
heilige Papst hatte erlaubt, dass in unserm Lande, wegen Mangel an Fischen und
Baumöl, die Milch auch in den Fasten zu geniessen sei, aber ein Doktor Spenlin
hat sich widersetzt und appelliert vom Papste an das Konzilium, er sagt, es
seien genug Fische im Lande und statt des Baumöls reines Nussöl, Leinöl, Rüböl,
Mohnöl....« Hier lachten schon die Vogtsjungfern hellaut, wie es sich wahrlich
nicht schickte, und Apollonia sagte ärgerlich, dass er sich nicht besser
empfohlen: »Lass Er uns, Er hat uns schon genug beölt, weiss Er denn nichts anders
zu sprechen?« - Josephine, eine rechte Schnatterbüchse, sagte ihm vor, er müsse
von Turnieren und Fehden sprechen, von hochberühmten Frauen und Sängern, von
zarter Minne und teuren Gottesdegenen, von Blaubärten und Milchbärten, von
Fidelern und Fanten. - »Von Elefanten«, sagte er, »steht auch was in meinem
Buche.« - »Ihr müsst Bären anbinden«, fuhr Josephine lachend fort, »Euren Falben
von einer Felsenspitze zur andern einreiten und Euch endlich vom uralten
Schneemanne in Gegenwart von Rundienen und Galgenschwenglein zum Ritter schlagen
lassen und dabei Gottes Wort in einem Hausbackenbrote verehrt erhalten.« -
»Meister Fingerling ist garstig dabei zerkratzt worden«, sagte Bertold, ohne
von dem Vortrage verwundert zu sein. - »Der Schneider?« fragte Babeli. - »Er ist
wirklicher Katzenritter«, fuhr Bertold fort, »er hat vor zehn Jahren in der
Zunftstube die angebundene Katze gänzlich verbissen, er hat davon viel Ehre
gehabt, aber wenn er davon spricht, ist ihm noch immer eklig zu Mute.« - Die
Geschichte machte den Vogtsjungfern viel Freude, sie behaupteten, er habe mehr
Verstand, als man erst glaube, sie liessen sich ausführlich von den
Katzenrittern, einem damals üblichen Spass der Handwerksgenossen gegen die
Ritterschaft, erzählen. Josephine sprach, dass Bertold einem Ritter vom
Stuttgarter Hofe ähnlich sehe, mit dem sie oft getanzt habe, und da versuchte
sie, wie Bertold sich im Tanze zeige. Bertold sprang höflich mit, wie ein
Mensch es macht, dem Boden und Wände sich drehen, dem es aber doch nicht übel in
den Gliedern tut, von weiblichen Händen so geschwenkt zu werden, hätte er nur
feinere Schuhe angehabt; diese waren abgelegte von Martin, mit Nägeln, wie
Eulenspiegels Grabeiche, beschlagen. Der grosse, rotwangige Bursche gefiel den
Vogtstöchtern nicht übel und je lauter er stampfte, je mehr Spass machte es
ihnen, er schien ihnen, wie den Kindern der Haushund, ein Geschöpf, vom Himmel
zu jeder Quälerei geschaffen. Apollonia wollte sie nicht stören, aber das Wesen
gefiel ihr gar nicht. Babeli fiel nun darauf, dem Bertold Unterricht im Tanzen
geben zu wollen, sie stiess gegen seine Beine, kniff ihn und stopfte ihm den Mund
mit Kuchen, wenn er verdriesslich zu werden schien. Bertold kam in dem fremden
Wesen ganz aus seinem Häuschen, er meinte mit den Wölfen heulen zu müssen, und
als Apollonia mit in das Spiel hineingezogen wurde, so wuchs ihm gar der Kamm,
er erwiderte, was ihm angetan wurde, und glaubte Beifall zu ernten und sich
recht geschickt aufzuführen. So kam es, dass, als ihn Babeli kniff, er wieder
kniff, aber nicht Babeli, sondern aus angestammter Neigung Apollonien in die
Backen, indem er freundlich um Vergebung bat, dass er am Morgen ihr die Blumen
abgejagt. Dieses min Verbrechen wurde von den Vogtsjungfern vor Gericht gezesen
und er von den ausgelassenen Mädchen zu drei Streichen, ogt seinen eigenen
Pergamenten verdammt, weil er die ritterlichen Miinnegesetze verletzt habe, nach
welchen die Blumen dem weiblichen Geschlechte gehören. Er drohte, so oft zu
küssen, als er gestrichen würde, da machte Josephine gleich Ernst und strich ihn
dreimal mit einer Gerte über, die zufällig in der Stube stand. Die Streiche
brannten dem Bertold nicht halb so heiss, wie seine Neigung, er umfasste
Apollonien im Vergeltungsrecht und küsste sie dreimal recht derb ab. Josephine
wollte ihn mit Schlägen fortbringen; das erbitterte ihn noch mehr, er küsste
Apollonien immer mehr. Als ob er blind und taub wäre, merkte er nicht, dass der
Bürgermeister eingetreten war, bis dieser ihn mit starker Hand fortriss, ihn zur
Stubentüre, und weiter bis zur Treppe hinzog und dort mit einem derben Fusstritt
und den Worten herunterförderte: »Denk Esel, dass dein Huf nicht zum Liebkosen
geschaffen, nie lass dich wieder vor meinen Augen sehen, Undankbarer, mit deinem
Dienste ist es aus.«
    Bertold lief bewusstlos aus Angewohnheit seinem Garten zu, er hätte ebenso
unempfindlich ins Wasser laufen können. Was ist menschliches Wünschen, der
Himmel straft uns in der Erfüllung unsrer Bitten, wenn sie nach dem Irdischen zu
heftig streben; was war Bertold jetzt der Garten und der Schatz, er glaubte
sich nicht mehr im Paradiese zu finden, aber die Äpfel schmeckten ihm noch süss
in der Erinnerung. Ihm war so schwer ums Herz, selbst nach dem Turme wagte er
nicht aufzublicken, der schon in der Dunkelheit leuchtete, er hielt das alte
Messer des Schatzes voll Gram in seinen Händen, es war ihm in dem Augenblicke
lieber, als der Schatz. Als er sich aber zufällig damit in die Hand ritzte, fand
er, es täte weh, legte das Messer wieder in den Kasten des Schatzes und begab
sich mit dem Kasten nach dem Turme, um sein ganzes Herz, Glück und Unglück, vor
den treuen Seelen auszuschütten, die heut ängstlicher, als je, seiner harrten,
weil allerlei Seltsames vom Hauskauf durch die kreischende Stimme des alten
Hökerweibs zu ihnen hinauf erschollen war.
 
                               Fünfte Geschichte
                                    Der Bau
Des jungen Bertolds Erzählung wurde von dem Alten und Frau Hildegard ganz
anders aufgenommen, als er gefürchtet hatte. Sei es der Anblick des Schatzes,
das Ausserordentliche im Geschick, kein einziger Vorwurf traf ihn, dass er den
Kauf so heimlich aus geführt. Frau Hildegard wischte ihm sorgfältig jede Träne
ab, steckte seine Füsse in weiche Pantoffeln und der Alte ergoss zum erstenmal
seinen Zorn gegen den Bürgermeister, indem er alle einzelnen Verweise aufzählte,
die er um Kleinigkeiten erhalten. Endlich fahr er auf und sagte: »Keinen Schritt
sollst du ihm nachgehen, du hast mehr Geld, als er, und was er hat, ist nicht
ehrlich gewonnen, mit Gottes Hülfe wollen wir irgend ein ansehnliches Gewerbe
anfangen, das uns gut nährt. Stände nur erst das Haus auf den alten Trümmern, so
gäbe ich die Türmerstelle gleich auf und zöge hinein.« - »Und ich sollte gar
allein bleiben«, sagte Hildegard mit Vorwurf. »Ich liesse eine Brücke bauen«,
antwortete der Alte, »dass du recht bequem heruntergehen könntest, oder wir
hingen eine bequeme Sänfte an das Seil und liessen dich herab, ich habe schon in
Gedanken für alles gesorgt.« - »Und ich weiss schon den ganzen Bauplan«, seufzte
der junge Bertold, »aber wozu soll ich alle die Zimmer erbauen, ehe wir wissen,
wozu wir sie brauchen sollen und was ich darin unternehme. Zum Abschreiben
brauche ich nur ein Kämmerlein und zum täglichen Leben brauchen wir auch nur ein
Zimmer, denn wir bleiben gern beisammen.« - »Was klingelt denn so spät von der
Stadt her und will noch zu uns herauf?« fragte der Alte und zog am Draht die
untere Türe auf, während der junge Bertold den Schatz unter dem Bette verbarg.
Es trat aber zu aller Verwunderung Meister Fingerling herein, entschuldigte
seinen Besuch, indem er sagte, dass Bertold mit seinem Kauf einen Lieblingsplan
gestört habe, an welchem er seit vielen Jahren arbeite; nun habe er eben im
Ratskeller bei einem Glase Wein vom Gerichtsdiener vernommen, dass Bertold
seines Schreiberdienstes entsetzt und ein fahrender Schüler aus der Schweiz, ein
Bacchante, der seit Jahren schon in den Strassen herumsinge, vorläufig an seine
Stelle trete; da komme er nun, um zu hören, ob sich nicht durch verständige
Besprechung alles zwischen ihnen ausrichten lasse. Der alte Bertold fragte
neugierig, was er denn eigentlich beabsichtige, »Ich habe Euren Pflegesohn vom
ersten Anblicke lieb gewonnen«, fuhr Fingerling fort, »und seine Freude am
schönen Tuche gefiel mir sehr wohl, als er damals den grünen Wams sich machen
liess. Nun habe ich mir etwas mit langem Fleiss erspart, habe auf meinen
Wanderungen alles kennen gelernt, was zur Tuchmacherei gehört, und will nicht
länger dulden, dass wir unsre Wolle nach Augsburg fahren und unser Tuch aus
Augsburg holen, ich kenne Weber und Tuchscherer, auch einen Walkmüller, die sich
wohl alle hier niederliessen, wegen der Wohlfeilheit vieler Lebensmittel, wenn
ihnen nur ein Handelshaus Nahrung gäbe, und das Handelshaus will ich stiften,
und wenn Euer Sohn mir den Bauplatz gibt, so soll er einen Anteil am Gewinn
haben und ich nehme ihn an Kindesstatt an, da ich bei solchem Unternehmen doch
keine Zeit mehr zum Heiraten behalte. Diese meine Absicht ist auch der Grund
gewesen, warum ich Euren Sohn nicht weiter überboten habe, ich dachte gleich:
Nun der denkt dasselbe wie du, und will auch eine Tuchhandlung anlegen und es
ist so gut, als ob du es selbst hättest.« - Der alte Bertold und Frau Hildegard
falteten bei dem Vortrage die Hände, sie glaubten die höhere Hand noch nie so
sichtbar in ihren Geschicken wahr genommen zu haben und der junge Bertold war
so demütig durch sein Missgeschick geworden, dass er es für eine Ehre schätzte,
von dem Schneider als Kind angenommen zu werden. Der Alte vertraute nun dem
ehrlichen Fingerling die eine Hälfte des Geheimnisses, dass nämlich sein
Pflegesohn einen schönen Schatz an barem Gelde habe, der aber nach seinem
Vorgeben in der Kiste gelegen, mit der er ihn empfangen habe. Da sprang
Fingerling vor Vergnügen in die Höhe, kein Tag sollte versäumt werden, er wolle
gleich morgen ausreisen, die Weber aus Augsburg zu holen, während Bertold den
Bau eilig fördern müsste. Sie kamen die Nacht gar nicht von einander, denn
Fingerling war ein unermüdlicher Erzähler und beschrieb von der Dachrinne bis
zur Plinte das neue Haus der Fugger in Augsburg, die ebenfalls durch Webereien
ihren Reichtum verdient hätten. Was aber mehr als alles den jungen Bertold
tröstete, das war die Hoffnung, die er ihm erweckte, wenn erst die Handlung in
Flor stände, so würde ihn der Bürgermeister mit allen zehn Fingern für Apollonia
als Eidam zu sich hinziehen. Der Vertrag war vom Alten noch vor Sonnenaufgang
geschrieben, unterzeichnet und bei einem Kruzifix Hildegards, in welchem ein
heiliger Knochensplitter eingelegt, von allen beschworen.
    Schon am andern Tage hatte Fingerling seine Wanderung angetreten, während
der junge Bertold seine Schreibereien dem neuen Schreiber übergab und bei
dieser Gelegenheit zu seinem Leidwesen erfuhr, dass sowohl Apollonia, als die
beiden Vogtstöchter, in das Nonnenkloster der Stadt zur Erziehung gegeben
worden. Er hatte aber keine Zeit zur Trauer, denn mit rascher Eile ging's an den
Bau. Ein alter Mauermeister, mit Namen Bauer, und der Zimmermeister Matis,
beide des alten Bertolds Ratskellerbrüder, waren sehr erfreut, als sie bar Geld
sahen, um ihre Gesellen, die eben feierten, beschäftigen zu können. Sie waren
gar verwundert über den jungen Bertold, dass der ihnen so geschickt mit Feder
und Lineal auf Papier vorreissen konnte, wie der Seitenflügel, der als die
kleinere Arbeit zuerst ausgebaut werden sollte, eigentlich beschaffen gewesen,
aber Bertold hatte sich das alles in der Kapelle genau gemerkt, es stand wie
eingegraben vor seinen innern Augen. Nichts durfte an Baustoffen, an Holz,
Steinen und Kalk herbeigeschaft werden, das er nicht vorher als trefflich
erkannt hatte, und keine Arbeit wurde unternommen, von deren Zweck er sich nicht
unterrichtet hätte, so dass er bald mit Einsicht über die Vollendung Aufsicht
führen konnte. Er sparte kein gutes Wort bei den Gesellen, wenn sie zu lange
Zeit mit Messen und mit Essen zubrachten, mancher Trunk Wein zur rechten Zeit
sparte ihm viel Geld und der fröhliche Tag des Richtens war schon vor dem
Herbste erreicht und ehe der Winter die Arbeit hemmte, alles mit Dach und
Fenstern geschlossen. Aber der rachsüchtige Bürgermeister sah die Arbeit mit
Neid an. Er mochte wohl vernommen haben, dass der alte Bertold laut und
öffentlich gegen ihn zur Verteidigung seines Sohnes rede, und wollte sein
Ansehen nicht sinken lassen, so brachte er einen Verdacht gegen beide in Umlauf,
als ob sie die öffentlichen Truhen möchten heimlich geöffnet haben und jetzt
davon gut bauen hätten; aber die beiden Bertolds hörten nichts davon, oder
liessen sich dadurch nicht stören. Während des Winters kam Fingerling mit seinen
Webern angezogen, brachte sie in kleinen Häusern unter, die er wohlfeil
erstanden, und brachte die Wollenniederlage in das neue Haus. Eine verfallene
Mühle an der Rems wurde zum Walken eingerichtet, ein Nebengebäude zur Färberei,
zu der die Gegend manche Farbestoffe seit lange baute, aber sonst weit
verschicken musste. Der junge Bertold wollte nicht nachstehen in seinem Fleiss,
und benutzte jede Stunde, die der Frost ihm frei gab, zur innern Einrichtung des
Hauses, zum Ankauf und zur Anfuhre der Baumaterialien für das Hauptgebäude. Bald
war der Seitenflügel belebt und die Schornsteine rauchten, die Wolle wurde da
nach ihrer Güte abgesondert, die Wolle zum Spinnen verteilt und wieder
eingenommen und zur Weberei ausgegeben, die Gewebe sorgfältig durchsehen,
gereinigt, späterhin hier auch geschoren. Die Bürger sagten von den Bertolds:
»Mögen sie das Geld, auf welche Art es sei, gewonnen haben, es bringt der Stadt
mehr Nutzen, als der Bürgermeister mit allem Gelde geschaffen, das er zu seinen
eingestürzten Bauwerken beigetrieben hat.« Der alte Bertold bekam ein neues
Leben, seine Feder war unermüdlich, er knüpfte überall Verbindungen an, die
Städte standen einander gern bei und Fingerling hatte die Freude, im Frühling
den ersten Einspännerwagen nach Augsburg mit Tüchern abzusenden, ehe noch die
Leute in der Stadt selbst zu dem Tuche ein Zutrauen fassten, dass es wie
Augsburger Tuch halten könne. Wohl mochte auch der Bürgermeister Schuld haben,
denn er setzte in Umlauf, die Tücher wären in der Farbe verbrannt, aber die
Wahrheit musste bald auch bei den Landleuten sich bewähren und wie der Mut unsrer
Bertolds nicht sank, so stieg ihr Glück. Gegen den Sommer legte Bertold sein
Türmeramt nieder, nachdem die Arbeiter in der Walkmühle eine starke Winde
eingerichtet hatten, um Frau Hildegard sicher vom Turme herabzulassen, denn er
wusste voraus, dass der Bürgermeister ihn mit dem Abzuge gewaltig drängen würde,
wenn er seine Dienste aufgekündigt hätte.
    So traf es auch ein, denn schon am nächsten Morgen trat in den Turm mit
grossem Gepolter ein alter Reisiger, Bastian mit Namen, der grimmig fluchte, dass
die Sachen des alten Bertolds noch nicht fortgeschaft wären, und ihn fragte,
was er und die Seinen noch da oben zu suchen hätten. Frau Hildegard weinte
heftig, dass sie auf solche Art von dem geliebten Turme scheiden sollte, auf
welchem sie so ruhig bei geringem Glücke ihre Jugend und zwei Männer überlebt
hatte. Der alte Bertold frass seinen Zorn in sich und suchte mit Vernunft dem
alten Würgesel zu begegnen, der durchaus auf Streit und Quälerei vom
Bürgermeister angewiesen war. Dem jungen Bertold ballte sich die Faust und als
der Kriegsknecht Anstalt machte, Betten und Sachen zum Fenster herunter zu
werfen, da lief er dem ungeheuren Knochengerüste geschickt zwischen die Beine,
dass er zu Boden fiel, und sich dabei die Nase zerstiess, dass er blutete. Nun
fielen alle drei über ihn her, banden ihn mit Stricken und hingen ihn mit diesen
an den Haken der Winde, nach der Aussenseite der Stadt, und liessen ihn auf der
Hälfte des Turms, wie einen geschossenen Raubvogel, als Warnungstafel hängen.
Bastian fluchte und wetterte, dass er es ihnen gedenken wolle. Der alte Bertold
und Frau Hildegard gedachten aber der hohen Abkunft des Sohnes, die er so
männlich beurkundet hatte, und wie ihnen der Knabe zum Schutz ihrer alten Tage
gedient habe, aber sie sprachen nur heimlich davon, dass der Junge nicht stolz
würde. Nun kamen schon die Arbeiter mit dem sargartigen Kasten für Frau
Hildegard, um sie herab zu lassen, er wurde an der Winde nach der Stadtseite
befestigt und als sie sich darein gelegt und sich immer noch fürchtete, legte
sich der alte Bertold zu ihr, als wär's ihr Ehebette, der junge Bertold aber
sprang die Treppe hinunter, dass der Kasten nicht hart auf das Pflaster stossen
möchte. So sank nun die seltsame Fracht zur Stadt nieder, während der hängende
Kriegsknecht durch die natürliche Aufwickelung des Stricks zum Turm erhoben und
von den lachenden Arbeitern frei gemacht wurde. Während die beiden unten
glücklich ausstiegen, schimpfte der Bastian schon zum Turme herunter, weil er
das Horn mit Sägespönen von den Arbeitern gefüllt erhalten und sich den Mund
damit gar unbequem zugepappt hatte. So wollte der Himmel gar keine Rührung im
Hause der Bertolds bei diesem wichtigen Ereignis dulden, vielleicht um sie
aufmerksam zu machen, dass sie wichtigen Begebenheiten, grösserem Leben entgegen
gingen; auf der Höhe des Turms hatte sich ein grosses Handelshaus begründet, das
sich bald zum Palast ausbaute. So ging's damals sehr häufig, die Welt war noch
nicht so durchwandert und umschifft, wie in unsern Tagen, es war damals dem
Himmel noch leicht, durch einen guten Gedanken einem ehrlichen Kerl unter die
Arme zu greifen und ihn zu erheben. Frau Hildegard ward unter dem Zujauchzen
einer Menge Volks, die allerlei gutmütigen Scherz, aus Neugierde sie zu sehen,
ausgehen liess, weil sie so gewaltig dick beschrieben war und sich ganz
verhältnismässig vorfand, so ward sie durch den Bauwust des Hauptgebäudes nach
dem Seitenflügel geführt, wo ihr Sohn ein paar schmucke Zimmer eingerichtet
hatte. »Gott segne meinen Eingang und Ausgang«, das waren ihre einzigen Worte,
dann weinte sie und flehte zu Gott dass der junge Bertold immer artig und
anständig bleiben möchte und machte sich geschäftig an die Einrichtung der
Wirtschaft.
    Der alte Bertold war mit einigen Briefen beschäftigt, die ihm ein fremder,
langer, etwas gebeugter, schwarz gekleideter Mann überbracht hatte. »Herr«,
sagte er, »Ihr seid wohl gar selbst der Baumeister des hochberühmten Münsters zu
Strassburg,« Er sah ihn bei diesen Worten genauer an, der Mann hatte schattige,
schwarze Augenbraunen, sein Mund schien ein Geheimnis einzukneifen und so
seltsam äusserte er sich auch, er sei zwar der Baumeister des Münsters, aber er
habe ihn nicht erbaut; er sei zwar auf andre Veranlassung gekommen, aber es sei
eine Hauptabsicht seiner Reise, den Palast des Barbarossa zu sehen, nicht eben,
was neu auf der Stelle jetzt erbaut worden, sondern wie er eigentlich in älterer
Zeit beschaffen gewesen. Der alte Bertold erzählte ihm, was er wusste, aber der
Baumeister wusste schon mehr von dem ganzen Bauplane aus der blossen Anschauung,
als der Alte, so dass dieser froh war, als der junge Bertold herbei kam. Er liess
ihm diesen zur Gesellschaft, als ihn Geschäfte fortriefen, und der junge
Bertold führte ihn in den Hof.
    Der junge Herr, wie jetzt der junge Bertold gewöhnlich von den Arbeitern
genannt wurde, glaubte sich nie so gut unterhalten zu haben, wie mit dem Manne,
der jede seiner Bemühungen zu schätzen wusste, überall ihm mit Einsicht und gutem
Rat entgegen kam, zugleich eine Fülle von Hoffnungen über das allmähliche
Steigen und Befreien der Städte von Fürsten und herrschenden Geschlechtern vor
dem mutigen Herzen des Jünglings ausbreitete. Dürfe er sich einst den
Geschlechtern gleich schätzen, dachte er, so möchte auch wohl Apollonia jeden
Unterschied der Geburt zwischen ihnen vergessen. »Herr Baumeister«, fragte er,
»wie kommt's, dass die Baumeister gern mit weit aussehenden Dingen sich
beschäftigen, unser alter Mauermeister hat auch die Art, während sich der
Zimmermann nur mit dem abgibt, was eben zu tun not ist.« - »Brave, starke,
entschlossene Leute sind die Zimmerleute«, erwiderte der Baumeister, »haben
richtiges Augenmass, wissen Schnur, Winkelmass und Senkblei zu brauchen, lassen
die scharfe Axt an ihren Beinen mit Sicherheit herum fliegen, und fürchten nie,
dass sie sich selbst treffen; sie sind zu allen Zeiten gerecht, doch zornig
gefunden worden. Ihr Werk ist aber nicht von langer Arbeit und gewöhnlich mit
dem Jahre angefangen und gerichtet, geht rasch empor und sinkt noch schneller in
Asche, denn das Feuer ist ihrer Werke unversöhnlicher Feind. Wir Maurer arbeiten
daran, sie wegen dieser Vergänglichkeit ganz zu vertilgen; könnten wir es
leisten, so müsste kein Spon Holz an den Gebäuden sein, doch hat dies grosse
Hindernisse und wir müssen uns den Babylonischen Turm noch immer vorwerfen
lassen. Was von uns aber ordentlich steht, das lässt die Feuerzerstörung wie der
Himmel des Menschen Lästerung über sich hinziehen und wartet, dass es wieder
erkannt werde. Wir arbeiten mit Erzeugnis der ersten reinen Schöpfung, mit
Steinen und gebrannten Erden; unsre Arbeit fordert Jahrhunderte, wenn sie gross
werden soll, sie dauert Jahrtausende. Die Axt des Zimmermanns fürchtet den alten
Eichbaum, mit mühsamerem Fleisse meisseln wir Eichen zum Tragen der Gewölbe aus
Steinen, die wir mit weichem Kalk, Eisen und Blei zur festesten Einheit
verbinden. Wir lassen uns nicht durch die Erscheinungen des Tages irre machen,
manchmal begreift uns das mitlebende Geschlecht gar nicht, darum halten wir
unter uns zusammen in den Hütten, die zu Jerusalem gestiftet, in der
Sophienkirche zu Konstantinopel lange versammelt, jetzt im Münster zu Strassburg
ihren Mittelpunkt finden. Einzeln sind wir nichts, wir müssen verbunden leben,
müssen für verschiedne Menschenalter die Lehre des Meisters an Gesellen und
Lehrlingen verbreiten.« - »Aber die andern Gewerke haben gleiche Stufen
anzusteigen«, sagte der junge Herr. - »Sie haben die Form«, fuhr der Baumeister
fort, »wir haben das Wesen! Wir erkennen einander, ehe wir uns den Wert
zuschreiben, die Erscheinungen mit sicherer Einsicht bewahren zu können, an
welchen die irrende Liebe und der törichte Hass der Lehrlinge meistert. Die Länge
und Breite des Baus ist in allem menschlichen Verein durch das Eigentum der
Nachbaren voraus bestimmt, die Höhe, welche zum Himmel aufsteigt, ist darum
nicht willkürlich, weil sie frei ist. Davon ahndet der Zimmermann nichts, nur
die Holzstärke bindet ihn, sonst baute er gern in den Himmel. Ihr habt hier das
Rechte aus seltner innern Einsicht getroffen, es lässt sich aber auch berechnen;
der letztere Weg ist lang, aber sicher, jener ist kurz, aber unsicher und
fordert einen Sinn der Erfindung, der nicht allen erteilt ist. Unsre Kunst ist
ein allgemeines Eigentum, wie würde sie sonst von jedem verstanden werden, aber
ihre Aufgaben sind durch das Neue im Bedürfnis und in der Bedingung jedesmal neu
zu lösen und da langt keine Berechnung aus. Die Regel nutzt nur dem, der sie
entbehren kann, den aber verdirbt sie, der sich in ihr weise glaubt; jede Regel
ist ein Rätsel, das durch andre Rätsel fortilft. Darum müssen wir nicht bloss
das Wissen prüfen, wenn wir einen frei sprechen, wir müssen die Kraft der
Erfindung in ihm erforscht haben. Ich sage Euch, lieber Bertold, Ihr solltet
Maurer werden.« Bertold sah ihn verwundert an und sprach: »Hätte ich nur früher
daran gedacht, aber jetzt ist's zu spät, ich bin schon zu weit in der Handlung,
doch erzählt mir etwas noch von Euren Bauten.« Der Baumeister blickte etwas
finster um sich und sprach: »Das eigne Werk und die eigne Kunst gibt Überdruss,
jenes, wenn es fertig und zu steigender Erfindung verpflichtet, diese, wenn wir
über sie sprechen sollen. Führt mich zum Prior, der hier den Bau der
Klosterkirche besorgt, er hat mich rufen lassen und harret meiner, vielleicht
gibt uns eine andre Stunde mehr Vertraulichkeit, dass ich Wortzeichen, Gruss und
Handschenke, wie sie in unsrer Hütte gebraucht werden, Euch mitteilen kann.« -
Der junge Herr führte ihn nicht ohne Scheu zu der Wohnung des Priors, weil er
seit dem unglücklichen Geschicke in der Gesellschaft des Bürgermeisters keine
Gesellschaft besucht hatte. Es war ein Seitengebäude des Augustinerklosters, wo
sie anklopften, und gleich trat ihnen der Prior selbst entgegen, ein kleiner,
heftiger Mann mit vorstehenden Lippen und Augen, welche letztere sich in einem
roten Kreise von Augenlidern, wie in einer Abendröte bewegten, auch trug der
Prior ein grünes Schiffchen zum Schutze derselben. Er hatte kaum ein Wort von
dem Baumeister des Münsters aus Bertolds Munde vernommen, so warf er sich
diesem mit tausend Versicherungen der Freundschaft um den Hals. Bertold wagte
nicht zu widersprechen und der Baumeister lächelte fein, hier war auch kein
Widerspruch angebracht, denn der Prior redete ohne sich unterbrechen zu lassen.
Er berichtete, dass er sich eben wieder heftig mit der Äbtissin des
Nonnenklosters gezankt habe und der Baumeister käme ihm recht gelegen, um sie
mit seinem Ansehen zur Ruhe zu bringen. »Sie lässt sich nicht überzeugen«, sagte
er, »dass die Stimmen ihrer Nonnen in dem steinernen Gewölbe noch eben so gut und
besser als sonst unter der Bretterdecke klingen werden, sie meint, dass der ganze
Sängerruhm ihres Chors dadurch vernichtet werde, dass ich den Chor überwölbt
habe. Ich sagte ihr umsonst, dass sie sich auf mich, den baulustigen
Augustinerprior verlassen könnte, sie meinte, dass ich darauf nicht die Weihe
empfangen hätte und dass der Strassburger Baumeister wohl anders darüber sprechen
würde. Nun was meint Ihr?« - Der Baumeister wollte antworten, aber der Prior
fragte Bertold: »Was will denn der lange Kerl; Wer ist das?« - Der Irrtum
erklärte sich, der Prior fluchte und betete, dass ihm der Himmel den Fluch
verzeihe, hob sich auf den Zehen in Ungeduld, strich den Bauch im Bunde, der ihn
umgürtete, und fragte Bertold, wer er sei. - Als Bertold seinen Namen nannte,
da setzte der Prior seine Brille auf, sah ihn an und sprach: »Ich finde Euch gar
nicht sonderlich schön, die Apollonia erzählt mir immer von Euch. Das ist ein
seltsam Kind, die kann nie fertig werden mit der Beichte, immer ist sie durch
Euer Andenken gestört worden; lauf, lauf, muss ich ihr sagen, lauf lieber zum
Teufel, als dass ich ewig Beichte sitzen muss. Ihr seid mir alle beide lieb, wir
wollen mit einander ein gutes Weinchen trinken und von unsern Bauten reden. Der
Bertold ist gar kein übler Anfänger, ich hab oft schon seine Arbeit belauert,
nur schade, dass all die schönen Säle zu weltlichem Gerümpel dienen sollen, denn
was ist das Kleid des Menschen wert, wenn er selbst nur ein Madensack ist, Euer
feinstes Tuch ist nur ein Übersack des Madensacks; ist der Wein alt genug, so
schenken wir ihn ein und in drei Schluck ist das Glas herunter, der Wein mag
jämmerlich rufen: Setzt ab! Da hilft nichts, er muss nieder, so auch der Mensch,
er mag zappeln, so viel er will, er muss in die Erde, dass ihn die Maden fressen.«
- Bei solchen Worten trank er mächtig und gab dem Baumeister durch Klopfen,
Händedrücken, Bartstreichen allerlei närrische Zeichen, denen Bertold in Demut
zusah und bescheidentlich aus seinem Glase nippte, voll des frohen Gefühls, dass
es doch nicht in allen Gesellschaften Hiebe und Fusstritte regnete.
    Unterdessen war im Nonnenkloster seltsame Bewegung. Die Äbtissin war eine
alte, sehr lebendige, dürre Jungfrau, von gar unermüdlicher Tätigkeit. Sie
freute sich herzlich, wenn die Novizen sich schwesterlich an sie anschlossen und
verzieh ihnen jede Unart, wenn sie nur fleissig den reichen, in Absätzen gebauten
Garten des Klosters mit ihr bearbeiteten, mit ihr die gewonnenen Früchte sorgsam
dürrten und in selbst ausgewirktem Honig einmachten, auch die Kräuter zur
Armenapoteke, die sie für die Stadt bereit hielt, vorsichtig trockneten und
klein rieben. Mit den frommen Nonnen vertrug sie sich um so schlechter, nannte
sie Brigitten und Betschwestern und wurde deswegen, ungeachtet ihrer übrigen
Tadellosigkeit, sehr verlästert. Die Äbtissin lachte über sie, durch ihre
Wirtschaftlichkeit hatte sie Geld zusammengebracht, um die verfallene
Klosterkirche neu zu erbauen, dies war ihr Stolz. Apollonia ward ihr Liebling,
weil sie in der Wirtschaft schon sehr geübt war, diese rief sie zu allem Kummer
und zu allen kleinen Freuden des Klosterlebens. Auch heute hatte sie ihr den
neuen, heftigen Streit mit dem Prior erzählt und dass ihr nichts so kränkend sein
würde, als wenn ihr Kloster den Ruhm der feinsten und stärksten Nonnenstimmen
unter dem Backofen, so nannte sie das Kirchengewölbe, verlieren sollte.
Apollonia meinte, es müsse doch erst untersucht werden, ob die Stimmen so
unterdrückt würden, ehe sie ihre Klage beim Bischof einreichte. »Wie sollen
wir's versuchen«, klagte die Äbtissin, »der Gang zur Kirche ist noch nicht
wieder hergestellt, es möchte eine böse Nachrede geben, wenn wir in die
ungeweihte, neue Kirche gingen, um den Gesang zu versuchen.« - »Und doch muss es
bald geschehen«, sprach Babeli Brix, »denn der Vater sagte mir, dass der berühmte
Baumeister aus Strassburg, vom Prior hieher gerufen, heute oder morgen ankommen
werde, um für ihn ein Zeugnis abzulegen.« - »Da will er uns mit dem Namen des
Baumeisters ganz unterdrücken«, rief die heftige Äbtissin, »ehe wir noch wissen,
wie sehr unsre Stimmen von dem Gewölbe erdrückt sind; wär's nur nicht zu spät,
wir gingen noch heute zur Kirche; aber ich fürchte die Nachrede der Schwester
Veronika.« - »Da weiss ich Rat«, sagte Babeli listig, »die ganze Stadt hat ein
Gerede von einer Nonnenprozession, lauter verfluchte Nonnen, die Nachts um zwölf
nach der Kirche ziehen und mit einem Kreuzritter sich begrüssen, der da begraben
ist, aber keiner hat sie gesehen. Wir haben auch keine Geister gesehen, wir
besprengen uns mit geweihtem Wasser, wir sind unsrer viele, da fürchten sich die
Geister; wir ziehen ganz heimlich mit Laternen, die wir unter den Kutten
verbergen, um zwölf Uhr nach der Kirche, singen eine Mette, dann können wir den
Prior zu einer öffentlichen Probe ausfordern, er muss zu seinem Schimpf das
Gewölbe abreissen lassen.« Die Äbtissin küsste Babeli in heller Freude, und hörte
nicht auf Apollonia, die ihr das Wagestück ausreden wollte, Josephine Brix
brachte eine Nachricht aus dem alten Klosterkalender, dass an diesem Tage von je
her um ein Lamm gespielt worden wäre. Das Kloster versammelte sich zu diesem
Spiele, so ward dieser Abend mit einem Eifer, einer Lust gewürzt, es gab ein
Zischeln, ein Vorbereiten, ein Beobachten der alten Nonnen, denen man nicht
traute, wie es nur unter eingesperrten, lebenslustigen Jungfern möglich ist.
Endlich war das lebende Gespenst, die Mutter Veronika, fort gegangen, sie hatte
Apollonien das Lamm geschenkt, weil sie am schnellsten die geistlichen Sprüche
hersagen konnte, nun ging's ans Gespensterspiel.
    Jedes Mädchen nahm etwas zu ihrer Bewaffnung auf die gefährliche Fahrt, nur
Apollonia liess sich an dem Lamm genügen, das sie eben gewonnen hatte und mit
halb heiliger Andacht ehrte. Wegen ihres frommen Ansehens mit dem Lamm musste sie
den Zug eröffnen, die Laternen wurden versteckt, sie verliessen leise die
schützenden Mauern. Ein schwarzes Ringgewölbe schien über die Hälfte des Himmels
gezogen, hinter welchem der Mond sich bedenklich bergen mochte, die Gassen waren
leer, als ob kein Liebhaber sich in diese Gegend mit weltlichem Gesange wagte;
nur ein Kind schrie aus der Ferne, das vom Alp oder von seiner Amme gedrückt
wurde, und Lampenschimmer strahlte aus einem Krankenzimmer streifig nach dem
Zuge hin, die Fledermäuse schwirrten in Lüften, gar lieblich dufteten die
Nachtviolen des Klostergartens im sanften Winde. Die Äbtissin sah das alles,
aber sie zitterte so innerlich, dass es ihr wenig Freude machte, nur spottete sie
leise zu Apollonien über den Turm, der freilich erst im Aufsteigen war. Aber als
sie der Türe nahe war, erschütterte sie die Höhe derselben und die Reihen
betender Gestalten, die sie im reifigen Bogen umschwebten. Sie konnte die
Schlüssel nicht umdrehen und das schwarze Gewölbe legte sich immer dunkler über
die freie Seite des Himmels. Die Jungfrauen drängten sie ängstlich und
ungeduldig zur Türe hin, bis sie endlich ein Herz fasste und das Schloss
eröffnete. Nun erhoben sich alle Laternen neugierig im ernsten Hause der Gnade,
aber das Licht scheute sich noch vor dem widerspenstigen Dunkel. Endlich
sammelten sich die Lichter am Altare, an dessen Seiten die Chöre sich erhoben,
und alle staunten gerührt über die Herrlichkeit. Wo sie die drückende Fläche der
Balken sonst mit Ärger im augenerhebenden, herzenbefeurenden Gesange angestarrt
hatten, da schien jetzt des Himmels Gewölbe mit Sternenglanz und Äterschein
sich erst zu erheben, fast schien es ihnen, als ob die Kirche oben noch nicht
geschlossen sei. Die Äbtissin und alle Jungfrauen blieben lange stumm in
Beschämung und Bewunderung über die Herrlichkeit einer Kunst, die sie nie
geahndet hatten. Dann stimmte die Äbtissin ein Gloria an, und der Schall des
Chors verklärte sich so wunderbar in dem Gewölbe, dass sie erschrak, als ob noch
ein andrer Chor von obenher einstimme. Als sie aber die Herrlichkeit des eignen
Ausdrucks in diesem heiligen Raume erkannt hatten, da riss Begeisterung die
ungläubigen Scharen an den Haaren empor, dass sie zwischen Himmel und Erde
schwebend, ein unerschöpfliches Gloria der heiligen Baukunst erschallen liessen.
 
                               Sechste Geschichte
                         Die hohe Fremde und ihr Ritter
Der Baumeister und der Prior sassen, der Zeit vergessen, bis Mitternacht beim
Weine, nur Bertold zählte die Augenblicke, weil er die Angst der Mutter bei
seinem späteren Ausbleiben kannte, aber er wagte nicht, die beiden Herren zu
stören, deren Gespräch ihn bezauberte, weil er nie zwei Menschen über so hohe
Dinge ausführlich hatte reden hören. - »Kein Glas mehr«, sagte der Baumeister,
»sonst finde ich den Weg nach Hause nicht mehr!« - »Der junge Freund da wird
Euch schon führen«, sagte der Prior, »er trinkt mässig und hört lieber zu, das
ist eine seltene Tugend bei den jungen Leuten unsrer Zeit. Noch ein Glas vom
Besten und dazu singen wir noch einmal das Lied vom Babylonischen Turme:
Als der Turm zu Babylon
Mit dem Haupte wankte,
Läuft der Meister gleich davon,
Der vorher sich zankte,
Steckt den Plan in seine Tasche,
Saugt sich Mut aus voller Flasche,
Lässt sie nicht von seinem Mund,
Bis er sieht auf ihren Grund.
Lächelnd tritt er in sein Haus,
Spricht als rechter Kenner:
Diese Rechnung war zu kraus,
Zähler ohne Nenner,
Mauern ohne Fundamente,
Sprache, die uns Menschen trennte,
Seht der Mond stiess an die Spitz,
Da verbrannte sie der Blitz.
Gib dem Himmel alle Schuld,
Wenn du schlecht bestanden,
Und du gehst in eigner Huld
Nimmermehr zu schanden,
Ist der Turm dir eingefallen,
Diese Dummheit kommt von allen,
Wer das Geld hat nach dem Streit,
Gilt doch einzeln für gescheit.
Es ist doch seltsam«, sagte der Prior am Schlusse des Liedes, »dass bei allen
grossen Bauten immer grosse Streitigkeiten ausgebrochen sind, von denen in
Strassburg seid Ihr noch besser, als ich, unterrichtet und nun bei meinem
kleineren Bau an der Nonnenkirche will es wieder nicht friedlich enden. Der Mond
scheint eben hell durch die Wolken, ich meine, wir besuchen einmal mein Werk,
der Mond gibt allen Bauwerken das schönste Licht, denn der farbige Flitterstaat
der vergänglichen Welt setzt dann unsre Arbeit am wenigsten zurück.« - »Das kann
ein Grund sein«, sagte der Baumeister, »aber die Verhältnisse erscheinen grösser,
je weniger die bekannten Gegenstände uns deutlich sichtbar werden; ich freue
mich auf ein Werk, das mir im Plane wohl gefällt.« - So rüsteten sie sich zum
Fortgehen und Bertold begleitete sie in Ergebenheit, indem er vergeblich nach
einem Vorwande suchte heimkehren zu können. So kamen sie in die Nähe der Kirche,
und der Baumeister lobte scholl die schönen Verhältnisse. Vielleicht wären sie
vorüber gegangen, wenn nicht eine alte Hebamme mit grosser Angst an ihnen vorüber
laufend erzählt hätte, es sei der Umgang der Geisternonnen nach der Kirche
gegangen und singe jetzt darin. Der Prior wollte sie ausfragen, aber sie liess
sich nicht halten und schrie, als ob sie selbst gebären wollte. Der Prior
stutzte, aber der Baumeister sagte ruhig: »So müssen wir uns in die Kirche
begeben, wer weiss, was da für Unfug getrieben wird, den Gesang höre ich
deutlich.« - Sie gingen beide der Kirche zu, während Bertold halb entseelt
ihnen nachschlich, und sie doch in seiner Treulichkeit nicht verlassen wollte.
Die Türe öffnete sich leise, sie standen bald in der Mitte der Kirche und
staunten der lieblichen Erscheinung der schönen Mädchen, die entschleiert dem
Altar nahe standen, an dessen höchster Stufe Apollonia mit ihrem Lamm, von der
Last desselben gedrückt, sich niedergelassen hatte. Doch dieser Anblick und der
Gesang dauerte nur wenig Augenblicke in seiner Schönheit und Würde: nicht
Bertolds feurig erglühende Wangen, aber der weisse Mantel des Baumeisters störte
die Versammlung. Die mutige Babeli schrie zuerst auf: »Der Kreuzritter!« und
lief davon, ihr folgten die andern mit der Äbtissin, nur Apollonia, deren Kleid
sich an einen Haken, woran der Teppich befestigt werden sollte, gehängt hatte,
konnte nicht aufkommen. Ihr war, als halte sie eine Hand, aus der Erde
erwachsen, endlich riss sie sich los und sprang den andern, aller
Beruhigungsworte des Priors ungeachtet, wie ein verschüchtert Füllen blind nach,
aber er sowohl, wie der Baumeister und Bertold, folgten ihr. Das war auch
nützlich, denn an der Tür des nahen Klosters, die von den geschreckten
Jungfrauen zu übereilt geschlossen war, fanden sie Apollonien in einer Art
Betäubung niedergesunken. »Was ratet Ihr jetzt?« fragte der Prior »Machen wir
Lärmen an der Türe, so öffnen sie diese darum doch nicht in ihrer Furcht und der
Lärmen könnte noch mir und dem Kloster in dieser argwöhnischen, geschwätzigen
Zeit eine üble Nachrede machen.« - Der Baumeister schwieg, indem er Apollonien
unterstützte, deren Lamm unser guter Bertold sorgfältig auf den Arm genommen
hatte. Endlich ermunterte sie sich mit heftigem Weinen, indem sie ihren Ruf und
die Liebe ihres Vaters schon als gänzlich verloren betrachtete. Umsonst suchte
sie der Baumeister aufzurichten, sie sprach immer von der Strenge ihres Vaters
und wie sie im Kloster so glücklich gewesen, das ihr nun auf immer verschlossen.
Der Prior sah in der Ferne einige Leute, er drängte zu einem Entschluss, schlug
Bertolds Haus vor, aber das lehnte Apollonia mit einem Seufzer ab, weil sie
sich mit ihrem Vater auf ewig verfeinden würde. Die Tritte der Leute auf den
Pflastersteinen wurden immer hörbarer, da führte der Baumeister die Betrübte
fort, indem er zum Prior sagte, er wolle sie zu einer fremden Frau von gesetztem
Alter bringen, die einen Sohn suche und gewiss an dieser Tochter ihre Freude
finden würde, es sei dies dieselbe Bürgerin aus Strassburg, in deren
Angelegenheit er ebenfalls einen Grund seiner Reise gefunden. »Das hätte Euch
gleich einfallen sollen«, sagte der Prior ungeduldig, »mir ist nie so seltsam
bange gewesen, wie in dieser Verwirrung.«
    Sie gingen schnell und schweigend, endlich klopfte der Baumeister bei einem
kleinen Wirtshause an, schnell wurde aufgetan und der Prior äusserte sich sehr
überrascht, so viele Leute bei grosser Erleuchtung in dienender Tätigkeit zu
finden. »Sie ist reich, diese unsre Mitbürgerin«, sagte der Baumeister, »auch
fordern die Sitten unsrer Stadt mehr Glanz und Aufsehen, als wirkliche
Verschwendung, wir tragen schon etwas vom Stempel unsrer Nachbarn, der
Franzosen.« - Der Baumeister ging voran, und die andern blieben in einem hell
erleuchteten Vorzimmer, Apollonia und Bertold sahen einander angenehm verlegen
an, der Prior kneipte ihnen die Backen und fragte: »Kinder, habt ihr euch denn
nichts zu sagen?« - Da trat in sehr bescheidner Tracht, aber mit edlem, festen
Anstande eine Frau in dem Alter ein, wo eine gewisse Fülle reicht noch den
verlornen Reiz erster Jugend ersetzt, es war ein so wohlwollendes Gesicht, das
jeden aus der Verlegenheit riss. Sie hob das Kinn Apolloniens mit ihrer flachen
Hand in die Höhe und; sagte ihr: »Schweig nur, ich weiss alles schon, Geheimnisse
sind meine einzige Freude auf Erden und ich weiss lange keine Nacht, die sie sich
mir so schön angefangen. Wundert Euch nicht, Herr Prior, wenn ich von der Nacht,
wie andre vom Tage, rede, ein seltsames Gelübde verpflichtet mich, den Tag zu
meiden, das Antlitz der Sonne nie aus Absicht wieder zu sehen! Es war ein sehr
unglücklicher Tag, der mir diesen Schwur abzwang, ich verlor Mann und Sohn in
einer Stunde durch die verruchten Kronenwächter.« »Schweigen wir davon«, sagte
der Baumeister ernst, »wir sind in der Fremde, wir sind nicht mehr im Verbande
treuer Städte und Ihr kennet am besten ihre Kundschafter, wo sie herrschen.«
»Freilich«, sagte die Frau, »aber wer kann sich immer bezwingen, es fällt mir so
manches ein, indem ich die beiden jungen Leute betrachte! Du bist recht hübsch
Apollonia, bilde dir nichts darauf ein, man achtet's nur, so lange man andern
gefallen will; deine Augen sind gross und weit auseinander, wie ich es gern habe,
der Mund ist fein geschnitten, die Nase recht gut gebogen, - die ganz krummen
Nasen kann ich nicht leiden, sie sitzen im Gesicht, als ob sie die Veilchen der
Augen absicheln wollten, - dein Wuchs ist kräftig, du wirst noch wachsen; ohne
gemein auszusehen, könntest du dich aller schweren Arbeit unterziehen. Aber
Kind, so gut deine Hände gebaut sind, waschen musst du dich!« - »Es kommt von den
Blumen«, antwortete Apollonia, »mit denen das Lamm bekränzt war und auf die ich
vor dem Kloster mich stützte.« - »Einerlei«, sagte die Frau, »du musst dich
waschen - ein Waschbecken ihr Leute!« - Die lebhafte Frau liess sich nicht
einreden und im Augenblicke trugen ein paar Mädchen ein silbernes Waschbecken
mit wohlriechendem Wasser und ein Handtuch herbei, das mit Spitzen besetzt war.
Der Baumeister war sichtbar wegen dieser Waschung in Verlegenheit, aber er
begnügte sich ans Fenster zu treten, als ob er die Adspekten der Sterne belauern
wollte. Der Prior trat einen Augenblick zu ihm und sagte: »Was ist das für eine
seltsame Frau, unter dem groben Kleide sieht ein Hemde von höchster Feinheit
hervor und ist mit einem Diamanten zugesteckt, den jeder König in seiner Krone
tragen könnte.« - »Es ist so der Brauch bei unsern reichen Bürgerfrauen«,
antwortete der Baumeister, »Ihr müsst der guten Frau in gewissen Dingen nach
sehen, ihr Verstand mag wohl von manchem Unglück angegriffen sein, aber sie ist
sehr gut und muss mit aller Achtung behandelt werden.« - »Nun seht«, sprach die
Gräfin, »Apolloniens schöne, länglichte Finger, welche weisse, weiche Haut, nur
darum war es mir zu tun, dass jeder die anerkennen sollte; wie schön wird sich
auf diesem Finger der Trauring ausnehmen - dass er dir nur nichts Trauriges
bedeute!« - Bei diesen Worten steckte sie gerührt einen goldnen Ring an
Apolloniens Finger und sprach: »Den behalt so lange, bis dir einer lieber ist,
als du dir selbst.« - Sie ging jetzt zu Bertold über und sagte: »Und dieser
Johannes mit dem Lamme, will es scheren, um daraus feine Tücher für die ganze
Welt zu verfertigen, ach Gott, den kann ich gar nicht ansehen, Ihr wisst
Baumeister den Zug an den Augen, diese Hügel zur Stirne herauf, das kann ich gar
nicht sehen, ohne zu weinen! Ihr Leute bringt mein Mitternachtessen; wer zu
essen verlangt, lasse sich einen Teller geben, aber der Prior darf sich nicht so
nahe setzen, der arme Mann hat so rote Augen, wüsste ich ihn nur zu heilen!« »Die
Augen sehen ins Himmelreich, davon sind sie rot«, sagte der Prior, »ins
Himmelreich und ins Glas, kann sie nicht mehr rein polieren, sie sind dauerhaft
rot angelaufen, es ist die Frage, ob's einer für Geld machen könnte, wenn's
verlangt würde.« - »Ihr solltet beständig Brillen mit breiten Rändern tragen
lieber Prior«, sagte die Frau, »so sähe niemand Eure Augen genauer und Ihr
könntet für einen erträglichen Mann gelten. Ihr Leute schafft eine Brille!« Das
Essen wurde in prachtvollen, silbernen Gefässen gebracht, auch silberne Teller
umgereicht und in dem Gedecke liess sich deutlich ein fürstliches Wappen noch an
der Krone erkennen, ungeachtet das Schild ausgeschnitten und ein schön gewebter
Blumenstern eingenäht war. Auch eine Brille kam bald, die ein Mädchen dem Prior,
der sich erst weigerte, auf die Nase steckte, mit dem Bedeuten, die gnädige Frau
könne sonst aus Widerwillen nicht essen. Es wurden seltene, kostbare Speisen
aufgetragen, aber die Frau nahm nur wenig davon, Apollonia und ihr Lamm waren zu
ängstlich, um etwas zu verlangen, die andern hatten das Ihre reichlich genossen,
desto lebhafter wurde von allen Seiten über Apolloniens Schicksal beraten. Der
Prior sollte am Morgen der Äbtissin, die er durch Apolloniens wahren Bericht
ganz in seine Gewalt bekommen, von dem Vorgange unterrichten und Apollonia in
der Dunkelheit am folgenden Abend zu der frommen Herde zurückführen. Dem
Bürgermeister hingegen sollte alles verschwiegen bleiben, da von seiner
störrigen Gemütsart, die selbst vom eignen Vorteile nicht zu beschwichtigen war,
einiger Skandal für das Kloster und für Apollonien zu besorgen wäre.
    Der Tisch war aufgehoben, alles war besprochen, der Prior und Bertold
wollten fortgehen, indem der letztere Mut gefasst hatte, seiner Eltern zu
erwähnen, da hielt der Baumeister beide auf, sagte dem Prior, dass er ihm mit
Elsässer Weinen eine Antwort auf die Neckarweine schuldig wäre, und Bertold
versicherte er, dass er schon durch einen Boten des Priors seine Eltern
seinetwegen beruhigt habe, sie alle wären der Frau, die sie aufgenommen und die
nur bei Nacht Gesellschaft sehen dürfe, zu einiger Unterhaltung verpflichtet. -
»Nun freilich«, sagte die Frau, »auch ich bin euch dergleichen schuldig; die
beide Herren haben ihre Flasche, was fang ich aber mit euch beiden jungen Leuten
an. Stellt euch einmal an, als wäret ihr verliebt, es gilt nur für diese Nacht
und morgen ist Apollonia ein kleines, angehendes Nönnchen.« - Apollonia liess es
sich gefallen, ihre Hand Bertold zu geben, mehr wurde aber nicht aus der Sache.
»Willst du denn wirklich eine Nonne werden?« fragte die Fürstin Apollonien.
Diese antwortete ihr, dass sie erst recht zufrieden im Kloster geworden, sie
müsse dahin zurückkehren. - Die Fürstin seufzte und sprach: »Es ist schwer, dem
zu entsagen, was wir nicht kennen, wer aber die Welt mit aller ihrer Freude
kannte und alles verlor, der mag da gern absterben; suchte ich nicht den
verlornen Sohn, ich hätte mich längst in die Stille der Klostermauern
zurückgezogen.
    Ich war einst ein recht wildes Mädchen«, fuhr sie nach einer Pause fort,
»vielleicht merkt ihr davon nichts, als eine gewisse Lebhaftigkeit, die zuweilen
in schnellen Sprüngen meiner Gedanken sich äussert und die Leute bange macht,
weil ich des Übergangs nicht erwähne, ich könnte wohl von Sinnen sein: unser
guter Baumeister war schon oft in dieser Meinung. Mein Vater, der keine Söhne
hatte, förderte meine Neigung zu männlichen Beschäftigungen, weil er mich auf
diese Art beständig um sich sehen und in müssigen Stunden der Jagd sich mit mir
unterhalten konnte. Da fabelten wir oft, wie der Ritter durch Heldentaten aller
Art ausgezeichnet sein müsste, der mein Herz rühren sollte; wir musterten alle
junge Fürsten-und Grafensöhne Schwabens, fanden aber keinen meiner würdig.« -
Sie ist also doch eine Fürstentochter, dachte der Prior, wie hätte sie sonst an
solche Freier denken können. - »Statt aller der kühnen Abenteurer ward mir ein
stiller Spinner und Weber zu Teil.« - »Ein Mann an der Spindel?« fragte der
Prior. - »Ich kann Euch nicht erklären, was mich zu ihm führte«, antwortete die
Frau, »mich bestimmte ewige Zuneigung, die nie erlöschen wird, meinen Vater
andre Gründe, kurz dieselben Kronenwächter, die ihn mir gaben, entrissen ihn
mir, als er sich von ihrer Tyrannei loszureissen und an den Kaiser anzuschliessen
trachtete. Nicht Blödsinn oder Schwäche hatte ihn zu weiblichen Arbeiten
herabgewürdigt, er war ritterlich geübt in allen Waffen, sondern eingeborne Lust
und die vieljährige Einsamkeit im seltsamsten Winkel der Erde hatte ihn
veranlasst, bei solchen Beschäftigungen Geduld zu lernen. In kunstreich gewirkten
Teppichen hatte er eine besondere Meisterschaft erreicht, in einem derselben,
den mir der Vater brachte, entdeckte er mir seine Neigung. Seht, hier in diesem
Kasten bewahre ich seine besten Arbeiten als treue Begleiter, seht dieses
Geflecht seltsamer Pflanzen, das bis zu den Sternen reicht, Kinder sitzen in den
Blumenkelchen und blicken sehnlich empor. Unter dem Dach dieser Pflanzenwelt
sitzt er selbst einsam am Webstuhle, wo mit seltsamer Künstlichkeit sich alle
Wurzeln zu einem Aufzug seiner Arbeit hin vereinen, sein Schiff aber, welches
den Einschlag trägt, ist wie ein Herz gebildet. Der Sinn dieses Bildes umfasste
sein reines Dasein. Wie konnte er mit diesem Herzen, mit dieser freudigen
Anschauung der Welt die finsteren, drückenden Erwartungen seines Hauses ertragen
und durchführen! Gern hätte er im offenen Kampfe mit dessen Unterdrückern
gestritten, aber dieses katzenartige Lauern war ihm unmöglich.« - Apollonia
bewunderte die Herrlichkeit dieses Gewebes, der Prior wollte es durchaus nicht
glauben, dass so etwas gewebt werden könne, er meinte, es sei gemalt. - »Könntet
Ihr so etwas weben«, sagte er zu Bertold, »da wollte ich Euer Tuch auch kaufen
und Messgewänder daraus schneiden lassen.« - »Ich schäme mich unsres Ungeschicks
bei dem Anblick dieser Weberei!« sagte Bertold. - »Lasst Euch nicht irre machen,
junger Herr«, unterbrach ihn die edle Frau, »wenn Ihr mit Lust und Liebe etwas
unternommen habt; oft erzählte mir mein Mann, dass er wegen einiger Spottreden
der Kronenwächter einmal die Weberei aufgeben wollte und seine Not einem alten,
geistlichen Einsiedler klagte. Der schüttelte mit dem Kopfe und riet Ihm beim
werke zu bleiben, denn, sagte er, wir Menschen sind Nachtwandler mitten am Tage,
nur ein kleiner Kreis unsers Lebens ist zu unsrer Prüfung der freien Wahl
überlassen, öfter ist es unsre höchste Tugend, dem Gesetze und dem Triebe unsres
Herzens uns mutig zu überlassen, wo der Geist nicht widerspricht. - Kein Werk
ist zu niedrig, das mit Liebe getan wird, und die Magd, welche in emsiger
Häuslichkeit den Stall reinigte, wo unser Herr geboren ward, tat ihm mehr zu
Liebe, als Fürsten und Völker jetzt vermögen, die ihm Kirchen zum Himmel
erheben. - Diese Bemerkung kränkt unsern guten Baumeister, darum wende ich mich
zu meiner Geschichte. Diese Weberei gewann mein Herz, ich musste den sehen, von
dem lernen, der so etwas schaffen konnte, und mein Ritter behauptete immer, dass
seine Arbeit ihren Preis und ihren unbewussten Zweck erreicht habe, indem sie ihm
meine Neigung gewonnen. Meinem Vater war es gleichgültig, was uns verband, seine
geheime Absichten wollten uns verbinden, so sah er es doch gerne, dass der Ritter
mir Tage lang auf unserm Jagdschlosse in dieser künstlichen Arbeit Unterricht
gab, und lachte, wenn ihm die Zofen hinterbrachten, dass dies Geschäft zwischen
uns nicht ohne Liebelei ausgehen würde. In geselligem Spiele versteckter und
doch nicht geheimer Wünsche webten wir zusammen diesen zweiten Teppich, den wir
zusammen erfanden, als wär's eine fremde Geschichte, indem wir unsre Bilder nur
in Ermangelung andrer anwebten. Seht mich als Jägerin auf einem getigerten
Rosse, der Falke auf meiner Hand, das Jagdhorn über den Rücken, eingefangen aber
selbst von einem goldnen Netze, in dessen Maschen listige Liebesgötter gaukeln,
dort aber den Ritter, der nicht darauf Achtung zu geben scheint, weil er das
Netz an eine Krone anzustricken und damit zu schliessen trachtet.« -
»Wunderschön«, rief der Prior, »hier ist weibliche Geschicklichkeit zu
bewundern.« - »Nein Herr Prior«, sagte die Frau, »jenes ist als Arbeit
tadelfreier, als dies Gewebe, hier ist mancher Fehler von mir nur künstlich
durch meinen Meister versteckt worden, jenes hättet Ihr mehr bewundern müssen,
wenn Ihr mir schmeicheln wolltet, das ist fehlerfrei, denn es ist von ihm. Das
Gewebe machte mir viel unnützen Kummer, denn wie ich meinte, dass er mich bei
dessen Endigung verstanden habe, so war mein Ritter statt dessen mit kurzem
Abschiede von mir fortgeritten, ohne sich näher über seine Absicht zu erklären.
Zorn trat der verschmähten Liebe nach, es war mir unleidlich, dem Ritter zu
Ehren so viele liebe Gewohnheit aufgegeben, so viele Arbeit unternommen zu
haben, ohne von ihm des rechten Danks gewürdigt zu sein. Mein Ross und mein Falke
wurden wieder zu Gnaden angenommen, ich durchstrich den Wald allein, da mein
Vater, wie ich zu erzählen vergass, wegen eines Zuges zum Heiligen Grabe noch
immer abwesend war, doch nahm ich gern einen Diener des Ritters mit mir, der bei
seiner Abreise entlaufen und zu mir gekommen war. Einstmals machte mich dieser
auf ein vielstimmiges Vogelgeschrei aufmerksam. Ich ritt voll Neugierde nach dem
seltsamen Zauberklange und fand mich von einem goldnen Netze gefangen, der
Ritter hatte es über mich geschlagen, indem dessen Enden an eine goldne Krone
befestigt waren. So hatte sich alles erfüllt, mit vielen Küssen erzählte er mir,
dass er den Auftrag meines Vaters, die lang bewahrte Krone der Hohenstaufen zu
rauben und durch deren Überlieferung seine Versöhnung mit dem Kaiser zu machen,
erst erfüllt habe. Die Krone sei in seiner Gewalt, er habe sein Gelübde erfüllt
und nichts hindre unsre Verbindung. Da wendete sich mein Herz ganz zur Freude,
der Diener pfiff fröhlich, er war immer mit seinem Herrn im Einverständnisse
gewesen. Nach dem ersten Freudenergusse berichtete er mir, wie ihn das Geschick
begünstigt habe, die Krone in seine Gewalt zu bekommen. Seht hier das dritte
Gewebe, den Glasturm in der Mitte des Wassers und hier den kühnen Schwimmer auf
dem abgerissenen, treibenden Holzstamme, die Krone auf dem Haupte.« - Hier hielt
sie inne, aber der Prior bat dringend, um die Erzählung, er habe so oft von der
Burg der Kronenwächter gehört und nimmer den Ort sich deutlich machen können, wo
sie zu finden. - Die edle Frau fuhr dann fort: »Ich lass mich heute einmal gehen,
ich weiss nicht warum, doch ihr seid gute Seelen und werdet mich nicht den
Unerbittlichen verraten, die mir den Gemahl raubten. Der Ritter hatte durch
seinen früheren Aufentalt einige Kunde, in welcher Richtung das Schloss zu
suchen sei. Vierzehn Tage war er einsam mit seiner Liebe zu mir durch Wälder und
Auen hingestrichen, ein schmerzlich süsses Leben, doch ungewiss seines
Entschlusses, es kostete ihm viel, den Willen meines Vaters zu erfüllen.
Rätselhaftes, trostloses Geschick, seine Heiligen hat uns der Himmel entzogen,
sie wandeln nicht mehr unter uns, die Engel verstecken sich den ernsteren Tagen,
und die Gewalt der Jahrhunderte fällt wie ein Fels unerwartet, oft unerkannt auf
die Brust des Erwachsenen, der gegen sie immer nur ein Neugeborner ist, und wer
ist der Engel bedürftiger, als wir Abkömmlinge grosser Begebenheiten.« -
    »Wir«, sagte der Prior mit Bedeutung. »Aber in so trauriger Welt wiegten
sich dennoch«, fuhr die edle Frau fort, »alle Liebesgedanken an mich mit den
klingenden Federspielen auf wilden Rosen des Weges, die Quelle des Weges glänzte
von dem Heiligenschein, den sie der Welt zurückstrahlte, nichts entreisst dem
jugendlichen Herzen Hoffnung und Reiselust. Endlich wurde ihm der Weg
ungewisser, die Hirten seltener, die Wälder hörten auf, Wolken versteckten ihm
die Gegend, sie lagerten sich feucht um ihn her und die Sonne ging über ihm, wie
ein trübes Mondlicht in schwankender Bewegung. So kam der Abend still und
anteillos, als ob er in eine andre Welt übergestiegen, es wurde immer kälter,
ein Steinbock, der über eine nahe Klippe sprang, entdeckte ihm, dass er an einem
Abgrunde stehe, in welchem zwei Geier mit gewaltigem Flügelrauschen sich um ein
zerschmettertes Ziegenlamm mit den Schnäbeln zerzausten, dass ihm die Federn ins
Gesicht flogen. Hier musste er sich wenden, er hoffte auf nahe, menschliche
Wohnung, weil er diese so lange nicht wahrgenommen, musste aber immer weiter von
den Menschen fort, immer höher hinauf eine Eisebene ansteigen, die jetzt noch
leichter, als im Spätsommer zu überschreiten war, weil das Tauwasser noch keine
bedeutende Risse darin gesprengt hatte. Es war ihm schmerzlich so weglos zu
irren, aber die hohe Luft füllte ihn mit einem seligen Mute: er müsse seiner
Liebe folgen und die alten Schmerzen seines Hauses enden. Da traten über ihm die
Sterne aus blauer Himmelswoge hervor und er war gewiss, auch ich müsste in dem
Augenblicke zu ihnen aufblicken und für ihn beten, wie er für mich. Und als er
so still an einem Eisaltare betete und seine Tränen, die er nicht halten konnte,
zum Opfer brachte, da hörte er jenseits einen Zug geharnischter Männer rasseln,
die heftig gegen einen unter ihnen tobten, und ihm den Tod schworen, weil er auf
der Wacht eingeschlafen sei, nun müssten sie darum in der kalten Nacht wie Gemsen
auf den Gletschern herumsuchen, wo der Fremdling tot oder lebendig zu finden und
zu fangen sei den ihnen der Hirte beschrieben. Ein paar liessen sich den Fremden
beschreiben und der Ritter erkannte sich deutlich an dem Panzerhemde, das rot
besetzt sei, an dem grünen Barett. So furchtbar diese Drohung war, so ging ihm
doch ein Licht auf, er sei nahe der Kronenburg. Er versteckte sich so gut, dass
sie ihn nicht erblickten, obgleich ihr Atem von der wehenden Luft sichtbar über
ihn hingetrieben wurde; dann sprang er freudig auf, als sie vorüber, schritt
über Eisspalten und kletterte über Felsenstücke, die auf der höchsten Bergebene
wie Riesensitze zur Beratung zusammengetragen schienen. Und als er auch diese
überschritten hatte, da senkte sich das Eisfeld nach der andern Seite. Er
schritt um so schneller, je leichter es ihm jetzt wurde, auch war hier kein
Gletscher, mildere Luft wehte ihn an und in der fernen Tiefe glaubte er ein
Städtlein mit brennenden Lichtern zu erblicken, das von einem Freudenfeste wach
erhalten worden. Er sehnte sich nach Ruhe, bald bemerkte er aber, dass es der
Widerschein der Sterne gewesen, in einem grossen Gewässer, das unbegrenzt vor ihm
ausgebreitet lag, was er für Lichterglanz gehalten, bald deckte ein allgemeiner
Nebel die ganze Aussicht, er konnte nicht weiter gehen ohne Gefahr, auch
übermannte ihn der lange zurückgewiesene Schlaf. Ich lag damals schlaflos auf
weichen Betten, sein Lager war hart, auch weckte ihn zuweilen Hunger, ohne dass
er ihn vor Müdigkeit aus seiner Reisetasche befriedigte, sondern er schlief
immer wieder zu schnell ein, die Kälte mochte dazu mitwirken. Endlich wachte er
ganz vom Einstrahlen der Sonne, aber er öffnete nur mit Mühe die Augen, denn die
Sonne, die aus dem Wasser emporgestiegen, blendete seine Blicke, die über
tausend Wunder, wie über Traumbilder ungläubig hinirrten! Die beschneiten Wipfel
hinter ihm wie Paradiesesmauern; Alpenrosen und Bergtymian blühten neben ihm,
ein freudiger, wundervoller Teppich, wie er ihn oft in seiner Weberei ersonnen
und doch nicht ganz erreicht hatte; vor ihm ein endloses Gewässer, der Bodensee,
der über seine Ufer ausgetreten war und in den noch immer die Wasserfälle mit
ausgerissenen Tannen und Felsenstücken niederdonnerten, die Sonne aber schwamm
ruhig auf ihm, wie ein Glutschiff. Er ging entzückt taumelnd einige Schritte,
sah nieder und warf sich erschreckt auf den Boden, schloss die Augen und drückte
die Steine an sich, wie seinen letzten Halt. Über dem Wasser schien er sich zu
schweben und ohne Hoffnung an dem glatten Felsen niederzugleiten, der gerundet
ihm die Gefahr versteckt hatte, bis er in träumenden Gedanken die Höhe der
Wölbung erreicht hatte und schon zwischen Himmel und Wasser schwebte. Sich
selbst aufgebend, meiner noch denkend, liess er sich einige Ellen niedergleiten,
da stand sein Fuss an einem Vorstoss fest. Er blickte hin und sah, dass er einen
gehauenen, schmalen Felsensteig erreicht hatte, der ihm von der Felsenwölbung
versteckt gewesen war, er sah jetzt eine Felsenbucht zu seiner Linken, die nur
durch diesen Fussgang eingänglich schien, das Wasser brauste gewaltig in
Strudeln, und in der Mitte dieses Wellenschaums stand fast wie der Schatten
eines Schlosses ein siebentürmiges, eckiges Schloss, das in seinen Türmen völlig
durchsichtig und von Glasstücken erbaut schien, da jeder der Türme einen bunten
Regenbogen auf die entfernte, schwarze Wasserfläche der Bucht und auf die
schwarzen Felsen warf. Er hatte nie einen so gewaltsamen Anblick erlebt, die
Sonne schien dienstbar dem Menschenwerke und gleich stand seine Überzeugung
fest, dies sei die Kronenburg, die Pfalz der Hohenstaufen. Alle Furcht war
verschwunden und Glut durchkochte seine Wangen, die Krone zu gewinnen, die ihm
durch seine Geburt gehörte. Er eilte den Felsenweg nieder; sah, dass die
kunstreiche, eiserne Laufbrücke über das Wasser gespannt war. Schon glaubte er
alles gewonnen, da sah er vor der Brücke zwölf alte, starke, geharnischte
Männer, ihre Füsse blutig, als ob sie beim schweren Steigen über Gletscher sich
selbst verwundet hätten, um einen Anhalt an der glatten Fläche zu gewinnen. Es
waren dieselben, die ihn so zornig auf dem Gebirge suchten, aber sie schliefen
jetzt wie todmüde Menschen unerwecklich, schienen aber nicht willig
eingeschlafen, denn sie hielten noch ihre Schwerter, als wachten sie bei der
Brücke. Da war's, als ob der Tod schon hinter ihm mit der Sense gehe, als ob die
Engel ihm die Füsse vorwärts höben und stellten, dass er die Brücke überschreite,
so schneidend sauste die Luft hinter ihm, als er über die hochschwebende,
eiserne Stufenbrücke schritt, so sorglich umflogen ihn die Tauben, dass er sich
nicht einsam fühle und schwindle. Ich kenne euch Regenbogenhälse, dachte er,
seid ihr heimlich mir nachgeflogen, ihr waret meine einzige Gespielen auf
Hohenstock, leitet mich, ihr treulich Liebenden! So gelangte er an den hohen
Eingang und erblickte an jeder Seite zwei eiserne Männer mit grossen
Doppelschwertern. Er zog sein Schwert, dass er nicht ungerächt fiele, aber sie
standen still und er sah, dass ihr Antlitz von Glockengut bei der Berührung hohl
erklang; diese herzlos Gewaltigen waren angekettet, weil die Wächter draussen auf
Kundschaft harrten. Glorreich in sich betrat er den ersten Platz, da sangen die
Vögel in ewigem, sichern Frieden und die Blumen schienen keinen Winter zu
kennen, die Erde schuf sie in einer Fülle der Kraft, wie nirgend sonst;
Fruchtbäume an Glasstäben der Glasmauer aufgebunden, standen in voller Blüte,
grosse, bunte Schmetterlinge flatterten hier wie eine Herde. Und er trat weiter
in den zweiten Hof, der von Wohnungen umgeben war, da stand ein hoher
Schleifstein, der von einem rieselnden Wasser wie eine Mühle getrieben wurde und
Schwerter lagen umher, die frisch geschliffen waren. Nie hatte er solchen
Klingenglanz erblickt, er warf sein Schwert fort und wählte sich das schönste,
der feine Sand des Mühlsteins war davon noch nicht abgewischt. Aber kaum war er
so bewehrt, da brüllte ihm ein Löwe entgegen, der ein ganz junges Kind, als wär
es von ihm geraubt, an den Windeln, worin es eingeschlagen, trug. Mitleid mit
dem Kinde unterdrückte jede Rücksicht, er trat auf den Löwen zu, der das Kind
nun fallen liess. Der Löwe erhob sich auf seine Hintertatzen, er durchstach das
gewaltige Ungeheuer. Das Kind schrie, er hob es auf, es schien unversehrt, das
Kind war ihm lieb wie die Krone, er hatte es erstritten, er konnte es nicht
lassen. Nun eilte er von einem Turme zum andern, die Krone zu finden, durch das
Gepränge der Silbergefässe in den engen, gewölbten Gängen. Nicht schreckten ihn
in doppelten Farbenspiegelungen die gemalten Wächter, nicht die Schneckentreppen
in freier Luft, nicht die einzelnen Steine, auf denen er zur Spitze ausserhalb
dem Turme schreiten musste, er sah auf das Kind in seinem Arm, wenn ihm graute.
Endlich auf dem mittelsten, höchsten Turme sah er in einer kristallenen, matt
geschliffenen Schale die Krone blinken, aber noch zwei Stufen waren zu
überwinden, die sich um die enge Spitze des Turmes wendeten. Auch diese waren
überwunden und schon hielt er die Krone in seinen Händen, einen schlechten,
goldnen Reifen über einen eisernen Ring geschmiedet, da merkte er erst, dass er
keinen Augenblick in der Höhe verweilen dürfe, sondern unmittelbar sich
zurückwenden müsse, weil die obere Stufe zu schmal war, um ihn mit beiden Füssen
zu tragen. Es gibt Augenblicke, die so furchtbar schnell zu einem Entschlusse
drängen, dass der höhere Wille keine Zeit hat, den rohen Trieb zu bemeistern. Dem
Ritter blieb in dem Umwenden scheinbar die Wahl, entweder die Krone, oder das
Kind in die Wasserflut zu stürzen, wenn er nicht mit beiden niederfallen wollte.
Dass er aber das Kind herabschleuderte, war nicht seine Wahl, wie er mir oft
geschworen, sondern es geschah, ehe er wählte. Mit seinem Leben hätte er das
Kind errettet, denn was war ihm die Krone? Nur als Brautgeschenk, um mich zu
erhalten, hatte sie ihm einen Wert; er hätte mir gern entsagt, wenn er das Kind
hätte retten können. Nie hat er das Schmerzliche dieses Augenblicks vergessen
und sich oft gewünscht, er wäre nachgesprungen in die Flut, auch meinte er
immer, dass er dafür einen gewaltsamen Tod wohl verdient habe. Das Unglück war
geschehen, das Kind seiner Hand entschlüpft, er wünschte ihm nachzustürzen, aber
er kam glücklich mit der Krone zum Schlossplatze nieder. Da hörte er die schweren
Wächter über die Brücke kommen, ihm blieb kein Ausweg, als das Wasser, und darum
folgte er dem Wasser der kleinen Mühle, setzte die Krone auf sein Haupt, warf
Waffen und Kleider fort und senkte sich mit dem Flüsschen am glatten Bauwerke in
den See nieder, in welchem eine grosse Zahl von Stämmen, mit ihren unzähligen
Ästen vom Berge niedergestürzt, umhertrieben und die Drehung des Wassers
hemmten. Auf Hohenstock zur Schwimmerei erzogen, half er sich leicht zu einer
Tanne hinüber, aber sie war zu klein und sank unter seiner Last, doch nutzte er
ihre Hülfe, um zu einer grössern sich hintreiben zu lassen, die ihn wie ein
sicheres Floss aufnahm. Da blickte er um sich, sie deckte ihn mit ihren Zweigen,
er sah, dass die Kronenwächter, die des Löwen Tod und den Verlust des Kindes
wahrgenommen, umsonst riefen und suchten und schauten, sie bemerkten nicht, wo
er entkommen; er trieb unaufgehalten der breiten Seefläche zu, von brütenden
Tauben, die ihre Jungen in den Nestern nicht aufgeben wollten, in den Ästen
umflattert, von namenloser Qual durchbebt, sein reines Leben mit dem Morde des
Kindes befleckt zu haben.« - Hier schwieg die edle Frau, indem sie einen Teppich
hervorsuchte, der Prior aber flüsterte zum Baumeister: »Hält sie mich wirklich
für so einfältig, dass ich das Märchen glauben soll, ich war so oft am Bodensee
und habe nie von solcher Felsbucht gehört.« Der Baumeister lächelte, winkte und
strich sich über das Kinn, verzog auch den Mund, als ob er selbst nicht alles
glaube, doch sagte er: »Wer kann vor den ärgerlichen Seeräubern da in alle
Felsenschluchten fahren, sie unterbrechen allen Handelsverkehr der Städte.«
    Nach einer Pause fuhr die edle Frau in ihrer Erzählung fort, als ob sie das
leise Geflüster gehört hätte: »Vielleicht dünkt Euch diese Erzählung des Ritters
ein Traum, den er sich ernstlich eingebildet hatte, ich fürchtete für seinen
Verstand, als ich sie vernahm und suchte ihn um so liebreicher zu trösten, je
lieber ich die Geschichte vergessen hätte. Ein Blumenkranz, den er mir
mitbrachte, war mir lieber, als die berühmte Krone, ich nahm den Schlüssel des
Kastens, wo er die Krone eingepackt, dass er der verhassten Gedanken sich
entschlüge, und zog mit ihm aus dem einsamen Jagdhause zum Schloss meines
Vaters, der bald darauf von der Pilgerreise, die er wegen der Türken nicht
vollenden konnte, mit seinen früheren Planen beschäftigt, zurückkehrte. Mit
heftiger Freude hörte er die Erzählung des Ritters, er schien alles zu glauben,
ich musste die Krone bringen, er küsste sie wie ein Heiligtum, sagte aber, sie sei
bei mir sicherer, als bei ihm, er könne nicht jedem in seiner Umgebung trauen,
seine Zeit sei noch nicht reif. Unsre Vermählung wurde als Dank für dieses
Brautgeschenk ungesäumt, aber heimlich, vollzogen und der Ritter schien seinen
Gram vergessen zu haben. Doch als ich ihn mit der Hoffnung erfreute, Vater zu
werden, da trat es ihm schwarz in die Gedanken, die Kronenwächter möchten sich
an seinem Kinde rächen, wegen des Verlusts des begünstigten Sprösslings. Er
beredete mich, scheinbar mit ihm zu einem verwandten Hause nach Flandern zu
reisen, uns aber im tiefsten Walde meines Vaters, als Bauern verkleidet,
niederzulassen. Mein Vater willigte ungern in den Plan, er fühlte sich nahe dem
Tode und hätte sich gern noch die letzte Zeit den Lebenden angeschlossen, aber
er fürchtete selbst Gefahr, da er zwar noch nicht seine Aussöhnung mit dem
Kaiser durch Überlieferung der Krone abgeschlossen, aber in der Unterhandlung
begriffen war. Wir lebten ein glückliches halbes Jahr in der Einsamkeit, ein
Diener sorgte für unser Bedürfnis, wir trieben es in kunstreichen Webereien zur
grössten Vollendung und erfreuten den Vater mit unsern Arbeiten, indem wir ihn
durch diese Abbilder künstlich in unsre Nähe zauberten. Ich wurde von einem
Sohne entbunden, genas bald wieder und nichts schien unserm Glücke zu fehlen.«
    Die Fremde hielt inne, drückte ihre Stirn mit der Hand und fuhr fort: »Als
wir eines Nachmittags den Huf eines Rosses durch den Wald schallen hörten, da
fuhr ich auf, wie aus einem Traume, und der Ritter erschrak bei dieser
Seltsamkeit, denn der Wald war so dicht, dass niemand seinen Weg durch denselben
nahm, am wenigsten zu Rosse. Er griff nach seiner Armbrust, aber ich hielt ihn,
denn im Augenblicke entdeckte ich, es sei ein sehr alter Mann, der sich mit
seinem Ross durch die Büsche quälte, und mein unseliges Mitleiden raubte mir
alles. Der Ritter unterhielt sich mit dem Alten, er nannte sich Martin.« -
»Martin?« fragte Bertold halblaut. - »Martin nannte sich der Alte und seinen
Herrn nannte er den Ritter von Golm, der unfern mit seinem Pferde harre, sie
hätten sich durch Irrlichter anführen lassen, so wären sie schon in der Nacht
von der Strasse nach Augsburg abgekommen. Der Ritter entschloss sich, sie auf die
rechte Strasse zu begleiten, aber meine Neugierde erwachte, etwas Neues von der
Welt zu hören, da mein Vater nicht schreiben mochte und der alte Diener zu
einfältig war, etwas Neues zu begreifen. Der Ritter gab meinem unseligen
Verlangen nach, zur Strafe dieser Neugier habe ich ihn verloren und dem
Tageslichte entsagt, bis ich meinen Sohn wieder finde. - Er brachte den fremden
Ritter und seinen Reisigen Martin in unser Haus, ich wandte mich mit allerlei
Fragen an den Ritter, der alt und grämlich sie nur kurz beantwortete und sich
verwunderte, was wir Wald-Bauerleute uns um die hohen Häuser Schwabens
kümmerten. Mein Ritter gab vor, wir hätten Sollst beide in einem der Häuser
gedient und hätten uns in die Wildnis geflüchtet, weil der Herr unsre Heirat
nicht zugeben wollen. Der alte Ritter stellte sich etwas ungläubig und wollte
seine Waffen nicht ablegen, auch nichts geniessen, was wir ihm vorsetzten,
vielmehr musste sein alter Martin ihm selbst etwas, das er bei sich führte, in
der Küche wärmen. Der unbequeme Gast verdarb uns schon alle Laune, oder war's
die Ahndung des nahen Unglücks, dass der Ritter und ich mehrmals mit heimlicher
Trauer einander die Hände drückten. So stumm sassen wir drei bei einander, als
ein seltsames Knistern und Sausen über uns meinen Ritter aus dem Traume weckte;
er riet nicht lange, was es sein könne, denn Martin stürzte herein und sagte,
der Schornstein müsse nicht fest gewesen sein, das Sparrwerk des Daches brenne.
Ich eilte halb sinnlos nach der Wiege des Kindes und riss es heraus, der Ritter
sprang nach dem verdeckten Behältnisse unter dem Bette, wo die Krone bewahrt
wurde, und nahm die Krone offen in seine Hand. Wir eilten mit dem Ritter und
Martin ins Freie und bemerkten dort, dass der Brand nur den oberen Teil des
Daches ergriffen und dass wir noch in Sicherheit so manches unsrer Arbeiten und
unseres Gerätes erretten könnten. Ich gab mein Kind dem alten Ritter und sprang
ins Haus zurück, mein Gemahl folgte dem Beispiele und warf die Krone beiseite,
indem er mir folgte. Wir brachten manchen seltnen Schrank und unsre Teppiche
hinausgetragen und als wir fertig mit der Rettung unsrer besten Sachen waren,
riefen wir nach dem Ritter, weil wir ihn nicht gleich sahen. Da hörten wir in
einiger Entfernung sein Lachen und seiner Rosse Wiehern, Kind und Krone fehlten,
wir fühlten und es erstickte unsre Worte, dass wir schrecklich betrogen waren,
dass dieses Feuer nur angelegt worden, um zu entdecken, wo die Krone verborgen
sei. Ich blieb sinnlos stehen und lehnte mich an einen Baum, mein Ritter zog
sein Schwert und eilte den Räubern wie ein Rasender nach. Ich hörte
Waffengeklirr, ich sah Martin, den Reisigen, im Gefecht mit meinem Herrn, da
sank ich nieder. Ich meinte meinen Herrn gesehen zu haben, wie er mit blutigem,
gespaltenen Haupte zu mir trat, vor mir niedersank, mich um ein letztes Andenken
bat, und wie ich in Erstarrung den goldnen, schön geschuppten Trauring in die
Wunde drückte. Ist's ein Traum gewesen, so war er schrecklich deutlich, aber
kein andres Bild aus meinem wahnsinnigen Zustande ist mir so deutlich geblieben.
Der alte Diener, der mich fand, konnte von meinem Ritter, von dem Kinde, von der
Krone nichts entdecken, die Gesträuche waren mit Blut bespritzt, mein Herz
wusste, es sei das Blut des Geliebten, mein Verstand unterlag, ich fühlte bald
nichts von der Welt, deren Ungewissheit mich von ihr losgerissen hatte. Der alte
Diener fand mich sinnlos, allmählich besann ich mich, der Tod des Vaters ging
gleichgültig meinem Ohr vorüber. Erst im Hause dieses edlen Baumeisters lernte
ich wieder denken, erkannte meine Schuld, und brachte zur Sühne meiner Neugierde
das schmerzliche Gelübde, das Tageslicht zu meiden, bis ich den Sohn oder den
Geliebten wieder finde.« - »Ihn habe dies Gelübde nicht angeraten«, sagte der
Baumeister, »wer etwas sucht, muss Tag und Nacht danach sich umsehen.« -
»Vergebens sind meine Reisen gewesen«, fahr die Fremde fort, »doch was ist
vergebens? Seht hier auf diesem Teppich, den ich nicht vollenden konnte, und den
ein junger Maler Sixt, der mich begleitet, mit geschicktem Pinsel füllte, das
brennende Haus, unter welchem wir ein seliges Jahr wohnten, dort den tückischen
Ritter mit Kind und Krone, den grimmigen Martin, den ich aus tiefster Seele
verfluchte, und hier den blutigen Ritter, der ein Andenken von mir begehrt. -
Aber was ist Euch, junger Herr?« fragte sie ängstlich, dass sie alle
zusammenfuhren, den jungen Bertold, »Eure Tränen übermannen Euch, Ihr wechselt
die Farbe wie ein Kranker.« - Mit gebrochener Stimme antwortete Bertold: »Mir
wird gewiss wohl, wenn ich ins Freie komme, erlaubt mir nur wenige Zeit, ich
werde mich erholen und Euch etwas überbringen, woran jetzt meine ganze Seligkeit
gekettet ist.«
    Er eilte nach seinem Hause, fand Frau Hildegard bei ihrer Lampe sitzen und
beten, es tat ihm wehe, ihr zu sagen, dass er sie wohl nicht mehr lange als seine
einzige, liebe Mutter verehren würde, er antwortete ihr daher nur unbestimmt auf
die Frage, was er suche, und sie berichtete ihm während des Suchens, dass der
alte Bertold wegen des ausgehängten Turmwächters zum Bürgermeister spät abends
gerufen und noch nicht wieder gekommen sei, weswegen die Leute meinten, der
Bürgermeister habe ihn einsetzen lassen. Diese unangenehme Nachricht ging ohne
tiefen Eindruck an ihm über, sie merkte aber den Ärger und die Angst, in die er
sich versetzt fühlte, als er den Kasten mit dem geliebten Haupte durchaus nicht
an der Stelle finden konnte, wo er ihn hingestellt hatte. Frau Hildegard konnte
keine Auskunft von ihm erpressen, was er suche; die Angst, das Kennzeichen
seiner Geburt verloren zu haben, verwirrte ihn schon, er hörte auf nichts und
hätte im unruhigen Durcheinanderwerfen die Kiste gewiss übersehen, wenn sie
gleich vor ihm gestanden hätte. Endlich sprach Frau Hildegard mitleidig: »So ist
nun der Mensch, er meint, der Teufel habe sein Spiel, wenn er irgend eine
Kleinigkeit, die er braucht, nicht finden kann, und einen guten Gedanken, den
ihm wohl ein Engel zum Trost der Seinen eingeben könnte, verschluckt er darüber,
als ginge er nicht verloren, wenn er zu spät kommt. Lass dein Suchen und rate
mir, wie wir uns mit dem Bürgermeister benehmen!« - Das Wort drang in sein Herz,
er fiel der Mutter Hildegard und den Hals, er suchte sie zu trösten wegen des
Vaters; dann vertraute er ihr die Hoffnungen seines kindlichen Herzens, und wie
er nur geschwiegen, um ihr die Sorge zu sparen, als ob seine Liebe schwächer
werden könnte, wenn sie sich teilte. Frau Hildegard weinte und segnete die
höhern Wege der Vorsehung, wünschte sich aber zurück in die stille Ruhe des
Turmes, wie sie der Welt näher gekommen, werde sie auch von ihr bewegt; dann
zeigte sie auf einen Wandschrank, wo unser Bertold das Heiligtum fand. Er
drückte den Schädel so heftig an Mund und Herz, dass jenes Blinkende, was Martin
für einen Helmring angesehen, aus der Öffnung des Schädels sprang und über den
Boden rollte. »Es ist ein Trauring«, sagte Hildegard, die ihn aufhob, »hier
steht der Tag eingegraben im innern Kreise.« Besinnungslos freudig sprang schon
Bertold mit Schädel und Ring die Treppe hinunter zur Wohnung der edlen Fremden.
 
                              Siebente Geschichte
                                   Der Sturm
Er fand nur Apollonien im Zimmer der edlen Frau, sie hatte sich zur Besorgung
einiger Briefe fortbegeben. Ohne sich Apollonien erklären zu können, drückte er
ihr die Hand und küsste den Schädel; Apollonien durchdrang ein Entsetzen, sie
weinte, denn er schien ihr sinnlos. - »Beweine nicht mein Glück«, antwortete
Bertold, »wer keinen Vater, keine Mutter kannte und von Fremden so mild und
zärtlich, wie ich auferzogen wurde, der ahndet erst alle Liebe, die eine rechte
Mutter zu ihm trägt, und auch dich, Apollonia darf ich ohne Scheu anblicken, aus
gutem, edlen Stamm bin ich entsprossen, bin kein Findelkind, dessen sich die
Eltern schämten, wie mir die bösartigen Knaben der Stadt sonst nachschrien, als
ich noch ein armer Schreiber war.« - »Bist du also vornehm geworden«, fragte
Apollonia, »dir gönne ich's recht von Herzen und will für dich im Kloster beten,
dass kein Glück dich verdirbt.« - »Du willst wieder ins Kloster?« fragte Bertold
traurig. - »Ich war recht glücklich und zufrieden im Kloster«, antwortet:
Apollonia.
    Jetzt trat die edle Fremde ein und ihr erster Blick fiel auf den Ring, der
aus der Wunde des Schädels entfallen, in Bertolds Hand glänzte, sie sah auch
den Schädel und die tiefe Wunde, in der er so lange verborgen gelegen, sie
glaubte, die geliebte Gestalt wieder zu erblicken, und es hatte nach so langen
Leiden ihr nichts Schauerliches mehr. Mit hastiger Ungeduld, der Worte oft nicht
mächtig, stammelte Bertold seine Geschichte, wie er auf dem Schädel geruht, was
Martin oft so bedeutend von ihm gesprochen. Nun wusste sie, was sie bei seinem
Anblicke gefühlt hatte, ihr war alles gewiss, sie umhalste ihn mit Tränen,
drückte ihn an sich und sprach: »So habe ich dich wieder, du geliebter Sohn, und
keine Macht soll dich mir rauben, du bleibst nun an meiner Seite; wie eine
Löwin, die ihre Jungen schützt, so will ich dich mit meinem Blute bewahren! -
Wie viele Jahre meiner Liebe sind dir verloren, denn gut kann der Mensch gegen
jeden sein, aber nur das Blut bindet die Liebe unauflöslich; so kann dich keine
Mutter lieben, wie ich und die heilige Mutter, der ich dich so oft in meinem
Gebete empfahl! Ach deinetwegen lerne ich die Schrecklichen wieder fürchten, in
deren Gewalt dein Geschlecht seit Jahrhunderten zwischen der Hoffnung
unerreichbarer Herrlichkeit und der Furcht eines gewaltsamen Sturzes ohne Boden,
ohne Himmel schmachtet. Ich darf dich nicht von mir lassen, du musst dich
blödsinnig anstellen, um vor ihnen sicher zu sein, ihre Gaben sind wie des
Teufels Schätze, in der Nacht glänzt es wie Gold, am Tage sind es Kohlen. Was
soll ich dir schenken zu der seligen Stunde, bewahre den Ring, bis du eine
Jungfrau findest, die dir noch über dies teure, väterliche Andenken geht,
verschenke ihn nicht leichtsinnig.« - Bertold betrachtete den Ring und blickte
zu Apollonien. Die Mutter verstand beide und wollte schon die Ringe wechseln, da
blickte die aufgehende Sonne feurig durchs Fenster, da fiel die gute Frau auf
ihre Knie nieder und rief inbrünstig: »Ich darf dich wieder sehen, du scheinst
in zwei Augen, die ich zu deinem Licht geboren; ruhig wird jetzt die Trauer
meiner Liebe und eine innige Gegenwart mit dem Geliebten; die Lerchen steigen
wieder freudig und die Glocken klingen wieder hell und der Verstand sieht mich
nicht mehr ungültig an.« Bei den letzten Worten winkte sie dem Baumeister, der
ernst über ihr stand und er sprach milde: »Der höchste Verstand ist die Güte; wo
mir die noch fehlt, da bin ich ein unverständiger Geselle, diesmal aber meine
ich doch etwas zusammengeführt zu haben mit Verstand, dessen sich die höchste
Güte nicht zu schämen brauchte.«
    Während er noch so wohlgefällig sprach, trat der Prior ein und warnte ihn
ängstlich, der Bürgermeister lasse das Haus von allen Seiten durch bewaffnete
Bürger umringen. Die Fremde meinte, es wäre wegen der Tochter, aber der
Baumeister schüttelte mit dem Kopfe und der Prior sagte, er habe ihn sehr heftig
von einer Frau sprechen hören, welche sich für die Erbtochter eines regierenden
Hauses ausgäbe, aber von den Verwandten dieses Hauses als eine Betrügerin
verfolgt würde. »Ich weiss, was sie wollen«, seufzte die Fremde, »die edlen
Steine aus dem Erbe des Vaters, gebt es ihnen, ich besitze Diamanten von
reinerem Wasser in den Freudentränen, die ich weine. Lasst sie ein, die
neidischen Seelen, sie sollen fühlen, dass sie mir nichts nehmen können, so lange
ich den geliebten Sohn in meinen Armen halte, er ist mein und keine Gewalt
trennt mich von ihm.« Der Baumeister trat zwischen und suchte sie zu überzeugen,
der Besitz jener Kostbarkeiten könne nur ein Vorwand sein, ihr werde der Sohn
von den Unerbittlichen nicht gegönnt, um noch in ihr das Vergehen des
unglücklichen Gemahls zu rächen. »Ihr wisst ihn jetzt wohlbewahrt, reichlich
versorgt«, sagte er, »Ihr scheidet nicht auf ewig von ihm, Euer Gelübde ist
gelöst, erfüllt die Wünsche meiner Treue, lohnt meinen vieljährigen Dienst! Was
ist Euch der fürstliche Name, dessen viele Euch wegen der ungleichen Geburt
Eurer Mutter und wegen der Vermählung mit dem unbekannten Ritter für verlustig
achten. Als meine Frau kann Euch die freie Stadt Strassburg schützen.« - Aber die
Fremde hob den Schädel des geliebten Gatten auf und sprach: »Alles könnte ich
Euch schenken, und lohnte Eure Dienste nur gering und das einzige, was Ihr
verlangt, mein Herz, meine Hand, sie beide sind nicht mein; von meinem Gatten,
von meinem Sohne trennt mich kein Entschluss, nur die Gewalt, die mich dem Leben
entreisst, kann mich von ihnen scheiden. Überlasst mich dem Geschicke meines
Himmels.«
    In diesem Augenblicke stiess der zornige Bürgermeister die Leute der Fremden,
die ihn aufhalten wollten, ungeduldig von sich und trat ein, mit dem Ausrufe »Im
Namen meines Grafen!« Aber der Baumeister führte ihm in dem Augenblicke, wo er
die Fremde für eine Gefangne erklären wollte, die zitternde Apollonia entgegen.
Diese unerklärliche Erscheinung brachte den heftigen Mann ausser Fassung; hätte
er Bertold erblickt, so hätte sein Zorn eine Erklärung gefunden, aber die
Fremde hielt ihn noch in ihren Armen. »Du hier?« fragte der Bürgermeister
stammelnd und Apollonia konnte schluchzend nicht antworten. Nach kurzer
Besinnung nahm er sie beim Arm, Bertold wollte sie zurückhalten, aber sie
selbst entzog ihm in der Angst die Hand, die er von der Abgewendeten ergriffen
hatte. Eine Unbestimmteit hatte alle ergriffen, die jeden lähmte, und wie
Krankheiten im Menschen solche Vorgefühle von Erschöpfung voranschicken, so
schien diesmal ein gewaltsames Ereignis in den Lüften wie eine allgemeine
Krankheit des Gestirns auf alle Bewohner zu wirken. Ein Sturm erbebte durch die
Gassen der Stadt, den die innerlich Erschütterten bis jetzt überhört hatten. Mit
steigender Heftigkeit pochten die Luftadern, die fallenden Reihen der
Dachsteine, die klirrenden Fenster, das Geschrei der Menschen, die sich in ihren
wankenden Holzgebäuden nicht mehr sicher glaubten, wurden jetzt erst hörbar, wo
der Sturmwind ein schlecht verschlossenes Fenster des Zimmers, wo sich alle noch
befanden, aufschlug, Stroh und Baumäste hineinführte und mit allem Beweglichen
im Zimmer sein tolles Spiel forttrieb. Von allen Seiten riefen Stimmen nach dem
Bürgermeister, es wurde der Befehl von ihm verlangt, dass alle Feuer auf den
Herden gelöscht würden, damit nicht eine allgemeine Feuersbrunst den Schrecken
erfüllte. Der Mann war an so schnelle Entschlüsse wenig gewöhnt, er verlangte in
der Verlegenheit nach dem Ratause, aber die Tochter liess er nicht aus der Hand,
gleich wie die Fremde den Schädel und den Sohn bei allem Sturm immer fester an
sich drückte. So zog nun der Bürgermeister mit der Tochter, der grimmige
Schlächter mit dem zerschmetterten Lamm ab, über das der sichre Stall
zusammengebrochen war.
    Nun trat, als er geschieden, der Prior aus seinem Versteck heraus; er hatte
für seinen Namen, für sein Amt gebetet, dass er nicht als Entführer der Tochter
in Anspruch genommen werden möchte. Er benutzte zur Flucht die ersten
Augenblicke, wer hätte geglaubt, dass ein feurig rotes Antlitz so bleich werden
könnte!
    Die Fremde allein schien wieder ganz ruhig und gefasst, sie sprach zu
Bertold: »Das Unglück ging vorüber, auch der Sturm hat seine Zeit, um so
schöner wird die Stille sein, in der jeder erkennt, wie viel ihm blieb.« - »Wir
müssen den Sturm benutzen, um fort zu ziehen«, sprach der Baumeister nach
einigem Umschauen in den Vorderzimmern, »ich habe die Pferde bestellt, unsre
Wache ist fortgelaufen, jeder zu den Seinen, mögen sie mich für einen Zauberer
halten, weil ich die Gewalt der Natur als ein gutes Zeichen benutze.« - Aber die
Fremde erklärte fest, dass sie bleiben wolle; wenn sie ihren Ansprüchen entsage,
werde sie Schutz und ruhigen Aufentalt bei dem geliebten Sohne finden, sie
wolle nicht länger wie das Laub im Sturme von entgegengesetzten Gewalten sich
emportreiben lassen, sie wolle ruhen an der Erde und bald auch in der Erde. -
Der Baumeister machte ihr leise Vorstellungen, aber sie lehnte alles ab, dann
nahm er mit tiefem Ernst eine Kette vom Halse, die er von ihr trug, zerriss sie
und gab sie der Fremden zurück. Sie reichte ihm die Hand zum Kusse, er kniete
längere Zeit still vor ihr. Der Wagen rollte vors Haus, er verliess Mutter und
Sohn mit Schweigen.
    Ihm folgten die meisten der Leute, welche die Fremde bis dahin als die Ihren
behandelt hatte, auch der Maler Sixt, dessen Kunst sich ihr oft in Beihülfe
verbunden hatte. Sie weinte auf, die liebe Fremde, als der Wagen im Sturme
rollte: »Ich habe einen Freund verloren«, sagte sie, »dich aber kann ich nicht
verlieren, mein Sohn, führe mich in dein Haus zu den treuen Seelen, die deine
Jugend bewachten, der Sturm senkt die Flügel, er hat erfüllt, was er sollte, und
die zerstreuten Wolkenschäflein sammeln sich wieder ruhig aneinander; es bedarf
der ganzen Gewalt und Erschütterung des Erdelements, um dem Geiste seine
Freiheit zu geben. Ich war befangen von innen und äusserlich von meinen Feinden
bewacht, der Sturm hat alle Ketten abgeschüttelt und ich danke dem Himmel, dass
die Zerstörung, in der auch dieses Haus schwankte, mir ein neues Vertrauen
geschaffen hat.« - Bertold bat die heftig bewegte Mutter, sich zu beruhigen,
das morsche Häuschen zu verlassen und in dem sicheren Hause einzukehren, das er
zu irdisch ewiger Dauer begründet und auferbaut habe. Sie sprach noch mit ihren
Dienern, dann führte er sie hinunter auf die Strasse. Da flatterte ihm ein
Schleier in die Augen, der an einem eisernen Schildhaken hängen geblieben. War
es Apolloniens Schleier? Vielleicht ihr letzter Gruss der ihm werden sollte. Er
wagte es nicht, ihn mitzunehmen, so sehr es ihn gelüstete, denn er war strenge
von Bertold gegen jeden Diebstahl gewarnt worden; aber er blickte so lange es
ihm möglich nach dem Schleier um, als wäre es die Geliebte, und als er dem Auge
ganz verschwunden, da stand er schon in der Nähe seines Hauses. Und nun beengte
ihn die Sorge, wie Frau Hildegard seine Mutter empfangen würde, sie vertrug sich
nicht mit andern Frauen und hatte daher keinen Umgang. »Sie liebt mich«, dachte
er endlich, »sie wird auch die Mutter lieben.«
    »Gottes Segen über dich, lieber Sohn«, rief Frau Hildegard ihm entgegen,
»eben bringt Meister Fingerling die Nachricht, dass unser guter, alter Turm bei
dem Sturm zusammengestürzt ist, eben als ein Wagen mit einem Fremden
hinausgefahren war; da wäre ich wie der neue Türmer in meinen Sünden
hingestorben und verdorben, wenn du mich nicht in das neue Haus geführt
hättest.« »Es gibt Zeichen und Wunder«, rief die Fremde. - »Wen führst du mir
ins Haus?« fragte Frau Hildegard. - »Die Mutter, die mich geboren hat«, sagte
Bertold, »führe ich zur Mutter, die mein Leben erhielt; umarmt euch, ihr lieben
Mütter, liebt euch um meinetwillen, dass ich euch beide zusammen wie eine Mutter
umfassen, lieben, ehren kann.« - Frau Hildegard segnete die Stunde, in welcher
jene Bertold geboren, die Fremde segnete die Stufen, auf denen sie in das Haus
angestiegen, das alles, was sie auf Erden noch liebe, den Sohn und seine treuen
Pfleger umfasse. Da sanken beide Frauen einander zärtlich in die Arme, und
Bertold drückte beide innig aneinander und freute sich still dieser Einigung.
Das Haus und die Treppe waren noch von der Feier des Einzugs mit Blumen
bestreut, Apolloniens Lamm war dem Bertold unbemerkt nach gelaufen, weil er es
getragen hatte, und schloss sich an ihn, als wüsste es etwas von seinem Glücke.
Die neugierigen Arbeiter, die zur Türe hineinsahn, nahmen unwillkürlich die
Mützen ab und falteten die Hände, sie fanden sich durch diese Zusammenstellung
an ein Gemälde der Waiblinger Kirche erinnert.
 
                                  Zweites Buch
                                Erste Geschichte
                             Die wunderbare Heilung
Die Gewohnheiten und der Schmuck des täglichen Lebens verwandeln sich früher in
der zerstörenden und schaffenden Hand der Zeit und des Menschen, als das
sonntägliche, kirchliche Wesen; die Kunst insbesondere versucht sich erst im
Weltleben und über lebt ihre meisten Irrtümer in demselben, ehe das Geheiligte
die Verwandlung erfährt, ja es scheint, dass sie sich zuweilen, nach dem
Erreichen einer gewissen Höhe, unter dem Einflusse ewiger Ahndungen ganz von dem
heiligen Kreise wendet, um mit frischer, neu begründeter Kraft sich demselben
von andrer Seite zu nahen. Es ist leicht, durch den Anblick von älteren Kirchen
uns in die Zeiten Luters, Dürers, Raphaels zu versetzen, schwerer ist's, das
häusliche Leben jener Zeit noch irgendwo ungestört erhalten zu finden. Der Bau
unsrer Häuser hat sich so gänzlich verändert, wie unser Verkehr, wir glauben
bequemer zu wohnen; im Bau und Schmuck der Kirchen dagegen ist bei allen
verschiedenartigen Glaubensbekennern noch kein wesentlicher Fortschritt gemacht.
Hat ein Teil der Christen sich der Kunst in Kirchen geschämt (Reformierte), so
hat ein andrer durch bedeutungslose Anwendung derselben (man vergleiche alle
prachtvolle Jesuiterkirchen), sie weder gefördert, noch den Dienst verherrlicht
und beides wird vor einer neuen Kunst verschwinden, deren Strahlen uns aus der
Dämmerung erwärmen; vielleicht wird ungestört fortgearbeitet werden, wo Cranach,
Dürer und Raphael ihre Pinsel niederlegten, wo die edlen Bilder vor den toten
Augen unter Staub oder Kerzendampf verblichen, oder wo die blinde Wut sie
herabriss. Ehe aber diese Zeit eintreten kann, muss Alltägliches und
Sonntägliches, muss Haus und Kirche aus einem Stück gebildet sein, wie damals,
als unser Dürer den heiligen Hieronymus mit seinem Löwen in sein eignes
Wohnzimmer setzte, als Cranach den Melanchton zur Taufe, den Luter zur
Kreuzigung Christi führte. Das Himmlische war damals noch nicht so weit der Erde
entrückt, sondern wohnte vertraulich unter den Wahrhaften, der Künstler brauchte
sich nicht in eine andre Welt hinauf zu schrauben, er sah die Seinen im erhöhten
Sinn an. Wer zu Wittenberg in Luters Wohnzimmer geblickt hat, muss die innige,
eigene Entwickelung jener zeit erkennen, wie Blatt und Blüte, Krone und Wurzel
einer Pflanze auf einander deuten, so natürlich fühlt sich jene Zeit von ihrem
innern Reichtum auch äusserlich durchdrungen, ohne es selbst zu wissen; denn
lebte gleich Luter nach allen Nachrichten prachtlos und einfach, so ist doch
das Getäfel, der kunstreiche Ofen, mit edlen Bildern der Wissenschaften und
Künste geschmückt, unendlich besser, einiger mit dem Stil des ganzen Gebäudes,
als wir jetzt die Zimmer eines Geistlichen finden würden. Derselbe Geschmack
herrschte im nördlichen wie im südlichen Teil Deutschlands, nur war letzteres
damals durch die Nähe und den Verkehr vieler reichen, freien Handelsstädte noch
reichlicher von jeder Art Künstlern befruchtet, besucht und geschmückt, und da
sich die Kunst erst damals anfing, nach Völkern zu trennen, auch noch weniger
bloss mechanische Scheinblüten trieb, so störte es noch nicht so unangenehm, wie
späterhin, Niederländer und Italiener neben deutschen Künstlern an der Ausmalung
oder Verzierung desselben Hauses arbeiten zu sehen. Manchen dieser Fremden
trieben Staatsverhältnisse nach Deutschland, andre der Erwerb, noch andre in der
ungebändigten Leidenschaftlichkeit jener Zeit unselig vergossenes Blut und
Familienrache, aus gleichem Grunde besuchten auch deutsche Künstler die Fremde,
ohne eben mit diesen Reisen nach Bildung und Unterricht zu streben, ohne sich
die heutige Narrheit auszusinnen, als ob die Kunst nur in Rom ausgeheckt würde.
Die deutschen Künstler wussten und konnten alles, was von ihnen verlangt wurde,
und mehr forderte keiner, als sie zu leisten vermochten, auch hatte jede Stadt
ihre Künstler lieb, weil sie ihr von Gott nicht anders beschert waren, und
suchte sie zur Ehre der Stadt zu beschäftigen, und hungerten zuweilen auch
damals die Künstler, so hungerten sie nicht als Künstler, sondern mit der ganzen
Stadt.
    Auch Bertold hatte sein vollendetes, grosses Haus von den Steinmetzen,
Tischlern und Glasmalern der Stadt einrichten lassen, so schön als die guten
Leute vermochten, die mit rechter Anstrengung alles zur Dauer durch Wahl der
Stoffe und zur Lust durch künstliche Ausführung eingerichtet hatten, er kümmerte
sich nicht darum, als Fingerling ihm versicherte, es gäbe in Augsburg noch
kunstreichere Männer, er suchte seine Waiblinger Künstler und Arbeiter zu
bilden, das segnete Gott durch manche kunstreiche Hand, die sich unerwartet
hervor tat. Selbst den alten Maler Fischer verschmähte er nicht, der mit
sterbender Hand die Mutter Gottes mit dem Kinde auf die Wand über der Haustüre
gemalt und aus Schreck, dass er sie so bleich und hinfällig dargestellt,
gestorben war. Obgleich sich nun mancher durchreisende Maler zur Besserung
dieses verblichenen Bildes gemeldet hatte, so wies doch Bertold alle ab, denn
er fühlte sich allmählich absterbend dem Fleische und auflebend im Geiste. Wie
hat sich der fröhliche Knabe verändert, seit Reichtum und Ehre ihn mächtiger
rüsteten, wie war er so ohnmächtig und siech geworden und nur in dem engen Raume
seines Zimmers, wo die zierlichen Gitterschränke mit seinen Handschriften vom
bunten Glase der beiden Fenster mit wechselnden Strahlen beschienen wurden, da
fühlte er sich selig erweitert zur frohen Stimmung seiner Jugendtage. Der
Neujahrstag war ihm besonders schmerzlich, weil er ihm zugleich den Verlauf
eines neuen Lebensjahres seit dem unbewussten Eintritt auf dem Turme bezeichnete
und weil Frau Hildegard es sich nicht nehmen liess, am Morgen, ehe es tagte, ihm
mit einem Kuchen die Augen zu blenden, um welchen schon mühsam der Wald
vergangener Jahre durch eben so viele kleine, brennende, bunte Lichter
ausgedrückt war. Ach die Jahre brannten tief in sein trauerndes Herz, als
wären's unbewusste Sünden, und er dachte der vielen verlornen Zeit, der vielen
geleerten Medizinflaschen und wie er weder in Ehre noch Minne gleich seinen
Lieblingen in den Büchern irgend etwas getan, obgleich er in seiner Stadt die
höchste Ehre, die Stelle als Bürgermeister erreicht hatte. Dann sah er alle die
gemalten Briefe durch, die er am Jahreswechsel erhalten, und wünschte sich die
Zeit zurück, als er noch selbst dergleichen für den Bürgermeister Steller mit
demütiger Ehrfurcht geschrieben; da flossen seine Tränen häufiger, denn er
fühlte die Sehnsucht nach der verschollenen Apollonia wieder erwachen, die er
nach einigen Nachrichten nur jenseits der Grenzen dieses Lebens wieder zu sehen
hoffen durfte. Unwillig setzte er den Trank, den er einnehmen sollte, in den
Schrank zurück, nahm das Buch von Tristan und Isalde in die Hand und sah
nachdenkend die schönen, feinen Bilder an, mit denen es durchweg geschmückt war.
»Er ist unglücklich wie ich«, dachte er, »aber er hat doch etwas erfahren und er
starb früher als seine Isalde.«
    Der Diener trat ein und meldete einen niederländischen Maler Sixt an.
Bertold fuhr bei dem Namen aus seiner Träumerei mit offenem Visier dem
Ankommenden entgegen, der demütig, klein und krummbeinig vor ihm reverenzte.
»Seid Ihr's, lieber Sixt«, sagte Bertold, »ja Ihr seid's, der meiner Mutter
Begleiter gewesen, ihr hülfreich in ihren Arbeiten beistand und sie damals vor
etwa dreissig Jahren hier verliess.« - »Verzeihet es mir, Herr Bürgermeister«,
antwortete der gekrümmte Maler, »ich glaubte mich nicht recht sicher bei der
edlen Gräfin, denn die Leute sprachen so verschieden von ihrer Herkunft und der
Baumeister wusste mir immer Arbeit nachzuweisen, da hielt ich es für meinen
Unterhalt sicherer, mit ihm nach Strassburg zu ziehen. Es ist mir aber allda sehr
konträr ergangen, weil ich da lange vom leidigen Satanas geplagt wurde, die
Leute in kontrafetischen Bildnissen durch ihre seltsamen Züge getreulich
darzustellen, die sie nicht gern an sich erblickten, also dass sie sich durch
ihre eigne Leiblichkeit denigriert fanden gegen die gute Meinung, die sie so
lange von ihren schadhaften Angesichtern bewahrt hatten. Jetzt aber bin ich
meine Aberration inne geworden und male die Leute, wie sie gern sein möchten und
empfehle mich bestens mit dieser meiner neuen Manier.« - »Nein alter Freund«,
rief der Bürgermeister, »nicht in dieser neuen Manier, in der alten malt mich,
dass ich um so williger sterbe, wenn meine Leiche mir schon im Abbild des
Lebenden entgegenfriert.« - »Hoffe zu kontentieren, Eure Exzellenz«, rief der
Maler, und packte sogleich aus allen Taschen sein Malerbrett, seine Staffelei
zum Zusammenlegen, seine Farbenscheibe, wohl belegt mit allem Farbenreichtum,
seine blecherne Büchse mit Pinseln aus und stand jetzt, nachdem er sich der Last
entledigt hatte, als ein feiner, wohl gebildeter, nur etwas buckliger Mann vor
dem Bürgermeister. »So schnell dachte ich nicht, diese Arbeit zu unternehmen«,
rief dieser, »inzwischen bin ich heute frei von Geschäften, und wer weiss, ob ich
morgen noch lebe.« - »Bemerke nur wenig von dem hippokratischen Gesichte an Ihro
Hochunvermögen!« sagte der Maler. Während der Arbeit erzählten einander beide,
was sie während der langen Zwischenzeit betroffen, denn Meister Sixt war sehr
neugierig und suchte Neuigkeiten durch Gegenerzählungen zu bezahlen. Bertold
brachte ein Gemälde mit dem Gewebe, das nach diesem, beides aber von der Hand
seiner rechten Mutter gemacht, mit einem Seufzer aus dem dunkelsten Schranke
hervor. »Damals trug ich noch Farben auf den Wangen, Hoffnung im Herzen«, sagte
er, »seht, so kunstreich ist mein Mantel aus Blüten aller Art von der Mutter
erfunden und ausgeführt und ein Kranz von singenden Vögeln schwebt über dem
Haupte, das begeistert den Himmel offen und tausend Engelköpfe in der
schimmernden Bläue erblickt, die Mutter ist tot, die Blüten sind verwelkt wie
meine Wangen und wie mein Herz mit allen Hoffnungen.« »Wann starb Eure verehrte
Mutter?« fragte der Maler, indem er schon mit schneller Hand die Grundfarben in
den Umriss peitschte. »Es war am Fronleichnamsfeste vor zwanzig Jahren«,
antwortete der Bürgermeister, »als sie einen grossen Schreck, den die Ihren ihr
bereitet, nicht überleben konnte.« - »An dem Tage beliebte auch der Baumeister
zu sterben«, sagte der Maler, »und mich unredlich in meinem Geschäfte zu
verlassen. Es liesse sich viel darüber sagen, wenn ich nur Zeit hätte.« Aber
Bertold bat ihn, sich Zeit zu nehmen, er wolle sie ihm bezahlen, als ob er
während derselben gemalt habe. - Sixt berichtete nun, dass der Baumeister viel
von dem Tode der Gräfin an jenem Tage mit ihm gesprochen habe, dann sei er auf
die Spitze des Münsters, auf den Turm zur rechten Hand des Ausgangs, der allein
seine Spitze vollendet trägt, hinauf gestiegen, kletterte zu allem Erstaunen an
den Knopf hinan und warf die Fahne hinunter, welche das von ihm auf den Knopf
gesetzte Marienbild festgeschnürt, bedeckt hatte. Mit der Fahne flatterten
unzählige gedruckte Blätter zur Erde; seht Herr, eins habe ich immer als ein
teures Andenken bewahrt und trage es bei mir: »Leset es ruhig, die Augen nach
dem Schranke gerichtet, weicht nicht aus der Lage.« - Bertold las aber laut
vor:
Lass, o Herr, das Werk der Zeiten,
Das dein Hauch hat angereget,
Heut durch meinen Mund ausdeuten,
Grosses Wort sich schwer beweget,
Schwer und langsam wie die Steine,
Die aus rauhem Fels gespalten,
Sich erhoben zum Vereine
Und den hohen Turm gestalten.
Gott erschuf am zweiten Tage,
Der vom Wasser schied die Erde,
Zeugen dieser heiligen Sage,
Felsen sich zum Opferherde.
Erwin sah die heil'gen Zeugen
Drüben harrend an dem Rheine,
Und im Geiste ward ihm eigen,
Was ein jeder sag und meine.
Wie sie alle ihm gebieten,
Dass er sie hinüber führe,
Dass sie heil'gen Dienst behüten,
Dass die heil'ge Kunst sie ziere;
Dass aus felsenfestem Kerne
Sich erbaue Gottes Kirche,
Darum treiben Gottes Sterne
Goldne Adern durchs Gebirge.
Seht, mit diesem Goldgewinne,
Den sie zu dem Rheine senden,
Regen sie der Menschen Sinne,
Wirken sie in fleiss'gen Händen,
Dass sie grosse Gaben schenken,
Zu der grossen Münsterkirche,
Die der Erwin will erdenken
Aus den Felsen im Gebirge.
Erwin reisst mit schnellem Bleie
Viele Pläne zu dem Baue,
Doch es fehlt die rechte Weihe,
Dass er auch das Rechte schaue;
Zu der Wildnis jener Berge
Dringt er in Verzweiflung weiter,
Klagt, dass Wahrheit sich verberge
Auf des Schönen Himmelsleiter.
Betend kommt er so zur Kirche,
Die der erste Christ erbaute,
In dem wildesten Gebirge,
Dass er seinen Herren schaute;
Sieht ein zierlich Bild des Stalles,
Wo der Herr einst ward geboren,
Und das geht ihm über alles
Und er hat es gleich erkoren.
Die Kapell aus Stabgeflechten
Ist mit Blumen reich verzieret,
Und was andre bilden möchten,
Diesem Plan der Preis gebühret;
Nein, kein Tempel alter Zeiten,
Kann entzücken wie die Hütte,
Soll sich Dauerndes bereiten,
Steigt es nur aus frommer Sitte.
Wo die Krippe einst gestanden,
Ist der Altar aufgerichtet,
Wo das Kind, die Hirten standen,
Hat der Morgen ihn umlichtet,
Und zwei Türme, wo der Tauben
Keusch getrennte Liebe wohnet,
Sich erheben, wie der Glauben,
Der im Geist hoch oben tronet.
Unser guter Meister sinnet,
Dass der Bau in Stein sich gründet,
Bischof Konrads Herz gewinnet,
Und der Bau wird weit verkündet,
Und Vergebung aller Sünden
Wird zu diesem Bau verliehen,
Jedem, der sich da wird finden,
Treu und mutig im Bemühen.
Bischof Konrad, wohl beraten,
Kommt mit heil'gem Öl und Weine,
Mit dem Stabe, mit dem Spaten,
Legt geschickt die Gründungssteine.
Ringsum stehn die Arbeitsleute,
Alle Geistliche des Landes,
Alle Zünfte graben heute,
Selbst die Herren edlen Standes.
Als die Weihung ist vollendet,
Tritt der Bischof still zurücke,
Doch ein Streit hat bald geschändet
Dieser Sonne Gnadenblicke,
Wohl mit Recht ist lang verkündet,
Dass der Teufel sich bestelle,
Wo die Kirche wird begründet,
Seinem Dienste die Kapelle.
Eh' der Bischof sie kann trennen,
Ist ein Kampf da ausgebrochen,
Brüder wild im Kampf entbrennen,
Und der eine ist erstochen.
»Wer hat diesen Streit entzündet?«
Ruft der Bischof mit Entsetzen,
»Neu sei dieser Bau begründet,
Nicht mit Blut dürft ihr ihn netzen.«
Und es sprach der Mordgeselle:
»Wo dein heil'ger Arm gegraben,
Von der lieben Gnadenstelle,
Stiess er mich wie einen Knaben;
Weiss, ich hab den Tod verdienet,
Dass ich Bruderblut vergossen,
Doch es sei die Welt versühnet,
Ihr zum Heil sei es geflossen.
Wisst, es fliessen hier im Grunde
Zwei versteckte böse Quellen,
Stopft ihr nicht die Doppelwunde,
Werdet ihr den Turm nicht stellen.
Ganz umsonst sind hier die Pfähle,
Steine, Mörtel ganz vergebens,
Wenn ich's nicht zum Grab erwähle
In der Fülle meines Lebens.
Eine Quelle will ich laben
Mit des armen Bruders Leiche,
Und ein Grab mir selber graben,
Dass das Wasser schaudernd weiche.
Dann erst ist der Turm begründet,
Und das Wasser ist bezwungen,
Und die Säulen hoch verbündet
Sind vom Sumpfe nicht verschlungen.
Eilet euch ihr starken Hände,
Dass ihr euer Grab vollendet,
Weh ihr glüht wie Feuerbrände,
Erde reinigt, was sie schändet.
Seid begrüsst ihr Rein'gungsquellen,
Schaudert nicht vor mir zurücke,
Ich umspanne eure Wellen,
Bin des Heiles feste Brücke.«
Und der Bischof sieht zum Heile
Hier das Unheil ausgedeutet,
Viele Schuh tief grub in Eile
Dieser Mörder und erstreitet
Sich ein Grab in tiefen Quellen,
Die dem Meister sich verbargen,
Sicher kann er Mauren stellen
Auf den Leichnam dieses Argen.
Wo die Brüder eingegraben,
Weiht der Bischof neu die Stelle,
Friedlich werden böse Knaben
Nun des heil'gen Baues Schwelle,
Und der Turm ersteigt in Eile
Ohne Streit die höchste Höhe,
Wo ich jetzt zu meinem Heile
Zu der Gnadenmutter flehe.
Flehe, dass sie mich von hinnen
Zu dem Bau des Himmels nehme,
Neue Lehre zu gewinnen,
Denn als Meister ich mich schäme,
Dass ich diesen Turm verdorben,
Weil der Plan schon hier erfüllet;
Was vollendet, ist gestorben
Und die Sehnsucht nicht mehr stillet.
Ja ich fleh um Ungewitter,
Flehe um der Blitze Strahlen,
Dass sie durch das graue Gitter
Dieser Steine Flammen malen,
Dass sie brechen und zerschmettern
Diesen Turm, den ich geschlossen,
Und schon blick ich zu den Wettern,
Fest entschlossen, unverdrossen,
»Nein«, rief Bertold und sprang auf, »nein Herr, keine Blitzstrahlen sende in
mein Haus, obgleich ich des Hauses auch zuweilen überdrüssig bin, nun ich es
überall vollendet habe; wegen meiner alten Mutter Hildegard schone des Hauses.«
- »Domine«, sagte der Maler betroffen und wischte zitternd ein halbes Dutzend
Farben auf der Scheibe zusammen, die nicht zusammen gehörten, »was fehlt Euch?
Das Poema ist nicht auf Euer Haus, sondern auf den Strassburger Münster gemacht;
soll ich einen Doktor rufen?« »Ich danke Euch«, sagte Bertold und setzte sich
wieder in die rechte Lage, »der Baumeister hat manche Beziehung auf mich gehabt,
ohne ihn hätte ich nie die hohe Liebe einer wahren Mutter kennen gelernt und
hätte nie eine tiefe Einsicht von der Nichtigkeit gewonnen, welche die Welt in
ihren Herrschern verehrt, wäre in eitlem Sinn in die Absichten der Überklugen
eingegangen, welche der Zeit Gewalt antun möchten. Lassen wir das, erzählt mir
weiter von dem Baumeister.« - »Es alteriert Euch«, sagte der Maler, »darum will
ich mich der Kürze befleissigen, mit einem Worte, der Baumeister kniete oben auf
dem Knopfe vor dem Marienbilde, wie ein kleines Figürchen, dergleichen am
Eingange stehen in Stein; kein Mensch wusste, was daraus werden sollte, und das
Volk wurde gar sehr ungeduldig. Es wurden Schieferdecker und Zimmerleute
aufgefordert von dem Rate, den Baumeister herunter zu schaffen, aber sie
versicherten alle, es sei zu viel gewagt, weil er mit der Fahne auch die kleine
Leiter fortgestossen habe, welche ganz notwendig sei, um auf den Knopf hinauf zu
steigen, es scheine, dass er nicht zurück verlange. Aber der Rat wollte nun
einmal nicht, dass er da oben bleibe, da erbot sich ein verruchter Mensch, für
einen grossen Beutel mit Geld hinauf zu steigen und den Baumeister herunter zu
werfen, wenn er nicht die Zitation des Rats annehme, die ihm sogleich
schriftlich ausgefertigt, auch mit dem grossen Wachssiegel bedruckt wurde. Der
Signor Birbante machte sich auf den Weg, aber viel Zeit war über die
Ausfertigung der Zitation vergangen, und so hell es vorher war, dass wir sehen
konnten, wie der Baumeister die Hände rang und beten wollte, aber immer wieder
die Hände rang, weil er sie nicht falten konnte, so wurde es jetzt allmählich
trübe am Himmel, die Wolken zogen gegen den Wind, es blitzte in der Ferne. Der
verruchte Bote liess sich nicht abhalten, der Teufel hatte ihn mit dem Gelde
verblendet. Wir sahen ihn noch die Treppen der Schnecken, wie ein Wiesel lustig
hinauf rennen, eben wollte er hinaus, baff, - da haben wir's, schrien alle, die
nicht davon liefen.« - »Was, was?«, rief Bertold, »so lasst doch den Pinsel aus
dem Munde, oder tut's nachher.« - »Es sind nur ein paar Härchen, die ich
abbeissen muss«, antwortete der Maler, »nun ist es wieder ganz gut, das kann
mancher Mensch nicht mit seinen Zähnen leisten.« - »Nun erzählt nur weiter, was
geschah«, rief Bertold und hielt sich am Stuhle fest »ich habe mir in der Zeit
schon dreimal das Genick gebrochen, es ist ein schwindelndes Unternehmen, aus
der Schnecke heraus zu treten, ich kenne sie dort aus dem Risse und kann ihn nur
selten ansehen.« - »Besonders, wenn die Mauer so vom Winde bebt«, antwortete der
Maler, »da ist das Heraustreten nicht recht praktikabel, die Stufen waren auch
glatt vom Regen und ein Mensch, der keine Praktik in solchen Klettereien hat,
meint schon in den Schnecken, er könne wohl ausgleiten und durch die mannshohen
Nasenlöcher der Steinhaube, die wie eine Brüsseler Spitze gelöchert ist,
hindurch fallen.« - »Racker«, schrie Bertold auf und fasste den Maler am Kragen,
»sprichst du noch ein Wort von der Schwindelei, so bin ich des Todes: was wurde
aus dem Wagehals, was wurde aus dem Baumeister, sag's mit einem Worte!« -
»Impossibile«, sagte der Maler kalt, »mit einem Worte kann ich mich nicht
exprimieren; Ihr müsst einen Arzt gebrauchen, ich erzähle Euch kein Wort mehr von
selbigem Vorgange.« - »Ihr sollt aber«, rief Bertold, »sonst friert mir alles
Blut in den Adern.« - »Nun«, antwortete der Maler, »auf Eure Gefahr; als der
Galgenvogel den einen Fuss hinaussetzte, zischte ein Blitzstrahl an ihm vorbei
auf die grosse Glocke nieder, dass diese ganz fein aufschrie, da kriegte sein
Cranium auch eine Erderschütterung, er ging sacht zurück, als ob er's nicht
gewesen wäre, und wieder schmetterte ein Blitz hinter ihm auf das Bleidach
zwischen beiden Türmen. Da ging mir schon der Regen durchs Hemde, ich zog mich
zurück wegen meines Zipperleins und habe erst am andern Tage gehört, der bewusste
hochadlige Galgenvogel sei von Blitzen beständig turbieret worden, bis er sich
unter dem Münster in dem Wassergewölbe, das über den beiden Brüdern steht,
geflüchtet, sich auf einen Kahn gesetzt und vom Lande gegen des Kirchners Rat
abgestossen habe. Der Bandit ist auch nimmermehr wieder gesehen worden, am andern
Morgen schwamm sein Kahn umgekehrt und zerrissen auf dem Rheine, so dass wir
erkannten, ein Arm des Rheins fliesse unterm Münster, und die Kirche musste sich
einen neuen Kahn bauen lassen, um jährlich die Gewölbe zu untersuchen.« - »Und
der Baumeister?« fragte Bertold ruhiger. »Ja der«, antwortete der Maler, »der
sah am Morgen so grau aus vor dem Marienbilde, als wäre er auch von Stein, doch
kniete er noch lange davor und die Leute erzählten, er sei wohl zu Asche
verbrannt. Allmählich hat ihn der Regen herunter gewaschen, es ist nichts mehr
von ihm zu sehen.« Bertold wurde jetzt so blass, dass der Maler einmal über das
andre rief: »Cospetto di bacco, ich habe nicht so viel Bleiweiss bei mir, ich muss
immer mehr darauf streichen, und es will immer noch nicht käseweiss werden, wie
Ihr ausseht.« - Allmählich erholte sich nun wieder Bertold und erzählte dem
Maler, dass er diese Kränklichkeit seit jener Zeit schon in sich trage, da er ihn
als einen frischen Gesellen bei seiner Mutter gesehen. - »Ihr waret rot wie ein
Apfel«, sagte der Maler, »habet Euch vielleicht den Pfeilen des Gottes Amors zu
viel Preis gegeben.« - »Wär es nur das«, antwortete Bertold, »so wäre doch
etwas mir geblieben, aber nein, mein Leben ist mir verkümmert worden, ohne dass
ich einen Genuss, oder eine höhere Absicht des Himmels darin erraten kann, das
Schicksal hat mich zertreten, wie der Mensch einen Wurm, der ihm zu gering ist,
als dass er seinetwegen den Fuss eine Linie weiter setzen sollte. Ihr wisst, dass
ich damals meine Mutter gefunden hatte, ich führte sie in den Seitenflügel, der
damals allein noch stand, zu meiner Pflegemutter, um ihr die Rechte unsrer
Bürgerschaft gegen ihre Verfolger zu sichern. Es schien auch für den Augenblick,
als ob diese sich beruhigten, seitdem sie sich von dem Baumeister losgesagt
hatte. Nun müsst Ihr wissen, dass mein Pflegevater Bertold damals gefangen sass
wegen einer Kränkung, die wir dem neuen Türmer angetan hatten. Der Türmer war
aber mit einer Seite des Turmes herabgestürzt, es fehlte also der Ankläger. Ich
schlich mich heimlich zum Gitter vor dem Gefängnisse des Vaters, fragte ihn, was
ich tun könne, er reichte mir einen Schlüssel zu seinem Schreibtisch, wo eine
Anklage gegen den Bürgermeister schon aufgesetzt liege, die ich einem
Zunftmeister übergeben sollte. Ich eilte nach Hause, ich las diese Anklage, es
war darin unwiderleglich erwiesen, dass der hochmütige Bürgermeister die Bürger
bei öffentlichen Bauten betrogen habe. Da stand ich in grässlichem Zweifel, ob
ich dem lieben Pflegevater folgen und die einzige Hoffnung meines Herzens in
ihrem Vater von mir stossen und vernichten sollte. Halb tot übergab ich endlich
nach langem Kampfe diese Anklage in die rechten Hände. Es wurde eine Versammlung
der Bürger gehalten in den grössten Trinkstuben, ich fühlte mich so unglücklich,
wie ein Verbrecher und mochte niemand um den Ausgang befragen. Am Morgen
erzählte mir Fingerling mit grossem Triumph, der Bürgermeister sei mit seiner
Tochter und seinen kostbarsten Sachen entwichen weil er durch Zuträger
vernommen, dass sein Betrug verraten sei und er von der Bürgerschaft in
Untersuchung genommen werde. Bleich und zitternd fiel ich dem erschrocknen
Fingerling in die Arme, ein Blutsturz machte mir Luft, ich lag schwer darnieder
und konnte mich nicht freuen, als der Vater in Ehren heimkehrte ich war krank
zum Sterben, ich war so vernichtet in meinem Herzen, dass ich gern sterben
wollte.« - »Signor«, sagte der Maler, »den Kopf etwas höher, alles übrige
schadet mir nichts, erzählt, das belebt die Züge.« - »Eine kränkliche Schwäche
blieb mir nach der Gefahr«, fuhr Bertold fort, »die beiden Mütter waren
beständig in liebevoller Sorgfalt bei meinem Bette versammelt, ich fühlte mich
zärtlich geliebt, aber von der, die ich über alles liebte, konnte mir niemand
berichten, ob sie meiner Hülfe nicht dringend in der Fremde bedürfe. - Der
Bürgermeister hatte um so mehr Grund sich zu verbergen, weil der Vogt aus seinen
Papieren erfahren hatte, dass er abwechselnd mit den Kronenwächtern und mit den
Städten heimliche Verbindungen angeknüpft habe, um die Stadt reichsfrei zu
machen. Auch über Apollonia hatte die Bosheit der Menschen ihr Gift verbreitet.
Die Nonnen gaben ihr schuld, dass sie wegen heimlicher Liebeshändel dem Kloster
entwichen sei. Auf mich häufte sich alle Qual der Stadt im Gespräche der Mütter,
endlich auch noch das drückende Geschäft des Bürgermeisters als der Vater
Bertold mehr in der Verlegenheit, als aus Überlegung von den Bürgern dazu
erwählt war. Auf mich fiel die Arbeit ganz, als der Vater durch meine fürstliche
Mutter in eine zeitraubende Frömmigkeit eingeweiht wurde, beide beteten Tage
lang mit einander und in der Kirche. Auf mir, dem jedes Schreiben eine
Anstrengung kostete, ruhte das mühsame Geschäft während des Städtekrieges.
    Als der gute Vater kurz vor dem Tode meiner Mutter an seinem kleinen
Hausaltare tot gefunden worden und mich der Schmerz noch mehr geschwächt hatte,
erwählte mich die Bürgerschaft einmütig in seine Stelle und wählte mir zugleich
einen Stellvertreter für alle die Geschäfte, denen ich in meiner Kränklichkeit
nicht vorstehen konnte.« - »Darüber freute sich noch gestern im Ratskeller ein
alter Bürger, der es vorgeschlagen«, unterbrach ihn der Maler, »mit der Stadt
sei es so schön vorwärts gegangen, wie mit Eurem Hause und Eurer Weberei und
jedermann wisse jetzt vom Städtlein Waiblingen in der Fremde zu rühmen, wie von
Eurem Tuche, dass es nicht besser als in Waiblingen zu finden. Aber sagt mir,
habt Ihr die Mutter sterben sehen?« - »Nein«, antwortete Bertold, »ich war
damals so krank, dass mir das Unglück lange verschwiegen blieb.« - »Die Leute«,
meinte der Maler, »wollen sie vor einiger Zeit im Kloster gesehen haben.« -
»Torheit des wundersüchtigen Völkchens, sie konnte keine Stunde ohne mich
leben«, erwiderte Bertold, »wie hätte sie mir in so vielen Jahren kein Zeichen
ihres Daseins geben wollen. Übrigens könnt Ihr denken, lag manches Schmerzliche
für sie in dem Verhältnisse zu meiner guten lieben Mutter Hildegard, sie musste
ihr die Hälfte ihres teuersten Rechts auf mich abtreten, und Hildegard fühlte
oft nicht, wo sie auch jene andre Hälfte tief kränkte, oder an sich riss. Dieser
Zwiespalt zeigte sich besonders bei neuen Heilmitteln, welche mir die eine, oder
die andre zubrachte, da wollte keine zurücktreten und ich musste verschlucken und
einreiben, was der Wahn von Jahrhunderten in den Köpfen der Leute an
Geduldsmitteln für Kranke zusammengebracht hat. Seht da alle Flaschen, Kruken
und Schachteln Arzneimittel in diesem Schranke, die ich während der Jahre
ausgeleert habe, ein grässliches Kriegesheer des blassen Todes. Auch verheiraten
wollten sie mich mehrmals und stritten sich darüber, mich den Schwachen, der mit
seinem Polsterstuhle vermählt ist.« - »Domine«, sagte der Maler, »in den
Flaschen, Kruken und Schachteln steckt Eure ganze Krankheit, mein Paracelsus und
mein Doktor Faust aus Kindlingen, der jetzt hier ist, haben die ganze Heilkunde
transfiguriert, sie ätzen, schneiden, brennen, wo die andern leise überstrichen,
sie schmeissen den Pinsel gegen das Bild, wo keiner fertig malen konnte, und
siehe, immer treffen sie damit den rechten Fleck, ich hole den Doktor Faust, Ihr
seid gesund, Signor.« - Bertold lächelte über den eifrigen kleinen Mann und
sprach: »Mir hilft keiner, ich habe schon so viele von diesen Gelddieben
befragt, so viel von vergeblichen Mitteln leiden müssen, dass ich seit Jahren
aller vergeblichen Quacksalberei entsagte; mag sein, weil ich so seltsam
entsprossen bin, dass mir die Heilkunde andrer Menschen nicht anschlägt. Seht
Meister Sixt, ich tat in der Begierde nach Gesundheit noch mehr, studierte
selbst die alten Bücher der Ärzte, lernte von einem flüchtigen Griechen, mit
Namen Laskaris, das Altgriechische, um den Hippokrates lesen zu können. Die
Sprache ist mir ein Trost, aber die Heilmittel des alten Arztes haben mir nicht
geholfen. Ich meine, dass ich für meine inwohnende Kraft seit den heftigen
Blutstürzen zu lang gewachsen bin, nur wer mich zusammendrängen könnte, der
könnte mich heilen und verjüngen.« - »Das kann Faust gewisslich«, rief Sixt, »er
hat mir schon so eine Geschichte erzählt, wie er die Konfiguration eines
Menschen kondensiert und konzentriert habe, um ihn von dem horrorem vacui zu
heilen; ich ruf ihn, bester Herr Bürgermeister.«
    Und ehe noch Bertold seinen Willen drein gegeben hatte, war schon Meister
Sixt die Treppe hinunter und Bertold betrachtete sein eignes Bild, das schon in
den wenigen Stunden unter der Hand des fixen, vielgeübten Mannes so weit
vorgeschritten war, dass jedermann die Ähnlichkeit erkennen konnte. Nun hatte
sich Bertold wohl schon im Spiegel mit ganzem Gesichte, auch in einem Gemälde
schon so gesehen, aber ganz von der Seite, wie ihn Sixt nach seiner
unwiderstehlichen Tücke genommen, hatte er sich nie erblickt. So fehlte ihm
hier, was sein Bild sonst erträglich machte, der lebendige Blick, das Friedliche
und Milde des Ausdrucks im Munde und es graute ihm vor sich selbst, er meinte
auf Erden nichts Grässlicheres, keinen ärgeren Spuk in mitternächtlicher
Einbildungskraft gesehen zu haben, er hätte das Gemälde zerstören mögen, aber
noch lieber sich selbst; was auch der Tod ihm bringen möchte, so meinte er doch
selbst bei der Verwesung nicht übler weg zu kommen. Dieser heftigen Bewegung
folgte die Schwäche, Frau Hildegard fand ihn bleich und kraftlos auf seinem
Ruhelager, als sie eintrat, ihn zum Mittagessen zu rufen.
    Sie hatte ihn am Morgen so wohl nach seiner Art verlassen, dass sie über die
schnelle Änderung herzlich erschrak. Darum hörte sie mit Freuden von dem Diener,
als wär's ein Engel, dass sich ein Arzt, Doktor Faust, ansagen lasse. Meister
Sixt begleitete den Wundermann, trat aber bescheidentlich, wie ein dienendes
Gestirn zurück, als das feuerrote, dicke Gesicht des Arztes, mit weiss blondem
Haar und kahler Platte ausgestattet, gleich einem Vollmond in dem Zimmer des
Bürgermeisters aufging. Was trug der Doktor für ausserordentliche, rote
Pluderhosen, noch nie hatte Waiblingen so etwas Faltenreiches gesehen, die
Bänder hingen daran so reichlich herunter wie an einem Erntekranze; zehn
Ehrenketten beschwerten den schwarzen Wams, der nicht minder seltsam nach
Venezianer Art geschnitten war; seine Finger waren mit unzähligen Ringen voll
Grabsteine bedeckt; auch einen prachtvollen, türkischen Dolch trug der feurige
Drache, einen Kranz mit Amuletten um seine Hüften und sein Diener stellte einen
kleinen Turm voll künstlicher Scheiben, Zifferblätter in die Mitte der Stube, in
welchem unzählige Räder schnurrten. In solchem Aufzuge war noch kein Arzt
erschienen, es war, als ob eine kleine Welt mit ihm zöge, auch war sein Wesen
dermassen heroisch, dass Frau Hildegard, die sonst wohl ihren Platz zu behaupten
wusste, verlegen an ihren Armen auf - und niederstrich, als hätte der Beichtvater
sie beim Fluchen über ihre Mägde angetroffen. Nun sprach Faust den Kranken
lateinisch an, der ihm die Antwort in gleicher Sprache nicht schuldig blieb, und
daran hatte Frau Hildegard ihre Freude, sie meinte immer, ihr Sohn wisse alles
und noch etwas mehr. Doktor Faust berechnete nach dem Geburtstage die
Konstellation an der Maschine und den Pulsschlag nach einem Perpendikel, den er
schwingen liess und erklärte dem Bürgermeister, er könne ohne Transfusion des
Blutes nicht vierzehn Tage leben. »Aber ich habe schon dreissig Jahre so
kränklich fortgelebt, warum sollen diese vierzehn Tage mehr über mich vermögen,
als dreissig Jahre?« fragte Bertold. »Die Konstellation ist zu Ende«, schrie der
Doktor, »es stürzt bald alles zusammen, wie an einem Gewölbe, dem der
Schlussstein entnommen wird.« Die Mutter erkundigte sich, was es denn eigentlich
mit dieser Transfusion auf sich habe, wie sie gekocht und abgedämpft werde. -
»Ihr Narrn«, sagte Faust, »wisst ihr hier in dem Loche noch nichts von meiner
neuen Heilart, mit der ich den König von Portugal und die Königin von Neapel
verjüngt habe; durch eine grosse Saugepumpe ziehe ich das alte Blut aus den Adern
des Kranken, indem ich junges, überkräftiges Blut gleichzeitig durch ein
Druckwerk in dessen Adern ergiesse; das Fass ist oft noch gut, wenn auch das Bier
verdorben ist, so ist's auch mit dem Menschen; die Kunst des Arztes besteht
darin, im alten Menschen einen neuen zu erbauen.« - »Da soll ich also wieder zum
Kinde werden!« rief Bertold. - »Gewissermassen«, fuhr Faust fort, »fanget Ihr
ein neues Leben an, wie ein Mensch sich neu und frisch fühlt, der von einer
Fussreise heimkehrt und weisse Wäsche angelegt hat; dreitausend habe ich erneut
und jene Mühle, in der die Alten jung werden, von der das Volk erzählt, die
Auferstehung selbst ist nur als Nachbedeutung meiner wunderbaren Kunst zu
betrachten.« - »Ich habe sie oftmals mit grosser Admiration verifiziert
gefunden!« meckerte der Maler. »Mein abgelebtes Blut will ich gern opfern«,
sprach Bertold, »doch niemals möcht ich einem andern sein gesundes, junges Blut
für Geld abkaufen, noch weniger mag ich tierisches Blut in meinen Adern, das
wäre Blutschuld, vor der mir graut.« - »O ha«, entgegnete Faust, »es leiden und
sterben eben so viele an zu starkem Blute, als andre an zu schwachem, ich
gleiche aus, ich helf mit einem Kunststück beiden und seltsam ist es, wo ich
einen Schwachen finde, da treff ich immer einen Überstarken, als ob zwei Leben
eigentlich gesellt, zusammen innerlich gehörten. Gleich hier, bei Meister Sixt,
liegt krank in wilder Phantasei der starke Knabe Anton, der ist des Todes
Eigentum so gut wie Ihr, wenn ihm kein schwächres Blut kann eingetrichtert
werden; wenn Ihr für Euch das grosse Werk nicht wollt vollbringen, so tut es aus
Erbarmen für den schönen Knaben, dem alle Welt in Freuden aufgeht. Ihr schüttelt
mit dem Kopf, Frau Hildegard, verflucht, ich gehe augenblicklich von hier und
lass den lieben Sohn krepieren; seht hier mein grosses Zeugenbuch, da leset, wie
ich in Spanien, Frankreich und in Rom geehrt, hier sind sie alle abgemalt, wie
meine Kranken vor der Kur und nach der Heilung ausgesehn, seht diese Bleichheit,
Magerkeit und hier die feisten Wangen, den dicken Wanst voll wohlgefüllter
Bratwürste, wie der so ritterlich turniert, der dort vom grossen Stuhl sich nicht
erheben konnte.« »Hier meine Hand«, rief Bertold mutig, »ich wag's, nichts hält
mich ab und eine Kette reiche ich Euch zum Lohne, wenn ich ein Ross zum erstenmal
besteige, schwerer als irgend ein König sie Euch verehrte.« - »Ich nehme den
Lohn an«, sagte Faust, »aber der Ruhm, das Glück, welches ich verbreite, ist
meine Hauptsache, mein deutsches Vaterland strahlt durch mich bis zu den Säulen
Herkulis.« - Frau Hildegard staunte ihn gläubig an und küsste ihm die reich
beringte Hand, für die Wohltat, die er ihrem Sohne erweisen wolle, und Faust hob
das Kinn und zog die Falten der Stirn zur kahlen Platte hinauf, als ginge ein
neuer Vorhang zur Freude der Menschen auf, dann befahl er Meister Sixt, den
kranken Anton herzuführen.
    Während Meister Sixt fortwippte, trat ein Diener mit Flaschen und kalten
Speisen zum Frühstock ein und der alte Fingerling, der bei seiner unermüdlichen
Tätigkeit unersättlichen und doch nutzlosen Hunger hatte, zog dem Geruche nach.
Der machte Augen über den Wundermann, glaubte ihn schon längst gesehen zu haben
und wusste nicht wo, meinte aber, er habe einmal in Bopfingen einen bösen
Gesellen hinrichten sehen durch den Strang, der habe ihm auf ein Haar geglichen,
der sei wegen eines Bunds mit dem Teufel verrufen gewesen, habe auch den Leuten
die Köpfe abgehauen und wieder anheilen können, doch einstmals zweie mit
einander verwechselt, woraus grosser Prozess entstanden. Faust schnalzte
verächtlich mit der Zunge und sprach: »Das sind Kleinigkeiten, ich habe schon
mehr erlebt, ich habe alles versucht und das Hängen war nicht die schlechteste
meiner Erfahrungen, es kommt nur darauf an, den Hals zu schützen und dass man zur
rechten Zeit abgeschnitten wird, ich habe dabei sehr viel über den Zusammenhang
zwischen Kopf und Herz gelernt und dies Mittel schon mehrmals mit Erfolg
angewendet.« Fingerling sass da wie erstarrt, so ein Mensch war ihm nicht
vorgekommen, er konnte kein Wort vorbringen und zog sich ohne den Rücken ihm
zuzukehren, allmählich zur Türe zurück, wo er auf Sixt und dessen dicken Sohn
Anton fiel, die leise eintraten. Bertold und Frau Hildegard schämten sich zu
erklären, was das alles bedeute, aber sie fühlten sich immer mehr von Fausts
Allmacht bezwungen, sie wagten nicht zu widersprechen. »Welch ein prächtiger
Knabe«, rief Bertold dem Anton entgegen, »aber seine Augen glühen und seine
feurigen Wangen glänzen, seine Worte irren und seine Arme winden sich
jammervoll, er fasst an sein Haupt, es schmerzt ihm, und wenn ich stürbe und
hätte dem Knaben das Leben gerettet, es sollte mir nicht leid sein.« Doktor
Faust legte aber schnell seine Ehrenketten und sein Wams, seine Ringe und seinen
Spitzenkragen ab, setzte eine grosse Brille auf die Nase, streifte sein Hemde
auf, dass seine Muskeln wie Mäuse unter der Haut spielten, als er die Pumpe nun
aus dem Planetenkasten hervorhob und in Bewegung brachte, sie nach der einen
Seite an Bertolds Arm, nach der andern auf des betrübten Antons rechten Arm
anbrachte. Nun öffnete er mit einem Schnepper die Adern der beiden, wies Sixt
und Fingerling an, wo sie das Tretrad der Pumpe bewegen sollten; Frau Hildegard
wollte beten, er schlug ihr aber auf den Mund und arbeitete wie ein Rasender,
indem er nach allem zugleich sah; Fingerling meinte, er habe doppelte Augäpfel
in diesen Minuten gezeigt. Die Hitze des Zimmers mehrte sich so schnell, dass die
befrornen Fensterscheiben einen Regen herabtropften und den Lichtstrahlen freien
Durchzug, als ob sie auch neugierig würden, gestatteten. Frau Hildegard bemerkte
zuerst, wie der Knabe aus der dumpfen Fieberhitze erwacht, fröhlich zum Fenster
blicke und von den bunten Wappen in denselben spreche, wahr und richtig wie ein
verständiger Sinn sich ausdrückt; dann sah sie mit noch grösserer Freude, wie
sich die Wangen Bertolds mit dem edlen Lichte des starken Blutes füllten, wie
er kräftiger atme und seine Arme unwillkürlich versuche, wie ein erstarrter
Vogel die angefrornen Flügel.
    Endlich schlug eine Glocke unter der Pumpe, Faust löste die saugenden
Schläuche von den Armen der Kranken, verband die geschlagenen Aderwunden, legte
die Kranken bequem auf die wohlgepolsterten Bänke, die um das Zimmer liefen,
trocknete sich die Stirn, zog aus seiner Tasche eine gläserne Flöte und blies so
sanft träumend hinein, dass beide Kranke in einen festen Schlummer fielen, auch
Frau Hildegard, Fingerling und Sixt sich nur mit Mühe des süssen Schlafs
erwehrten. Aber im Augenblicke drangen zwei Arbeiter mit Feuergeschrei ins
Zimmer, der Schornstein strecke eine feurige Zunge gen Himmel. Faust, Sixt und
Fingerling, auch Frau Hildegard liefen mit den Leuten fort, so blieben die
beiden Kranken allein mit den seltsamen Maschinen und Gemälden.
    Bertold wachte zuerst aus dem Schlafe auf und konnte sich nicht gleich
erinnern, was mit ihm vorgegangen; er hatte ein Gefühl so frisch wie damals, als
sich ihm der Schatz in der Nacht gezeigt hatte, den er auch jetzt wieder
erwartete. Da fand er den Knaben Anton und blickte ihn wie einen Segen des
Himmels, wie einen Schatz an, er fühlte ein lebendiges Wohlwollen gegen ihn, als
gehörte er zu ihm, es ging ihm durchs Herz, er müsse ihn an Kindesstatt
annehmen, dem er so viel danke, ja er meinte, einige Ähnlichkeit im Knaben mit
seinem Bilde, das daneben stand, wahrzunehmen, obgleich jener viel stärker an
Muskeln und Knochen, gewaltsamer im Ausdruck, kraushaarig und dreiahrig aus
grossem Überfluss der Natur entsprossen zu sein schien. Er weckte ihn mit sanftem
Streicheln seiner Wangen, der junge Bullenbeisser wachte brummend auf, sprang
heftig empor, sah sich um, rieb sich die Augen und setzte sich heisshungrig zu
dem Frühstück, das Faust auf dem mit herrlichem Teppich bedeckten, runden,
geschweiften Tische, den Adler trugen, hatte stehen lassen. »Im Himmel ist gut
Leben«, sagte der Knabe mit tiefer Stimme, dass die Balken brummten, »und Ihr
seid ein recht braver Herr Gott, wie haben mich die Teufel im Fegfeuer mit
Hunger und Durst geplagt.« - Ehe der Bürgermeister noch antwortete, weil er in
stillem Vergnügen den derben, lebenslustigen Bengel beschaute, traten Faust und
die Mutter mit Sixt ein, und riefen: »Das Feuer ist gelöscht.« - »Recht so«,
sagte der Knabe, »nun will ich auch meinen Durst löschen«, und leerte die
irdene, mit Ritterbildern erhaben und bunt überglaste Ehrenkanne. - Meister Sixt
trieb ihn aber unsanft von dem himmlischen Mahle und der Junge sagte: »Wenn Er
mit in den Himmel gekommen ist, so wird es schmale Bissen geben und mein ganzer
Spass ist zu Ende.« - »Hört Meister«, sprach Bertold, »über den Knaben will ich
Euch einen Vorschlag machen, jetzt muss ich zuerst unserm Retter, Erhalter, dem
hochverehrten Faust danken, indem ich ihm die versprochne Kette umhänge.« -
»Gebt her den Quark«, antwortete Faust, »ich will sie als ein Angedenken
schätzen, sonst kann ich mir Gold genug machen und feineres, als der Bergmann
scheidet, ich werde nur freilich etwas stark, die chemische Arbeit macht mir
Mühe. Übrigens Herr, ich rate, Ihr wollt den Jungen haben, den lasse ich Euch
nicht, ich brauch einen zum Kräutersammeln und zum Stehlen der Leichen, wenn ich
meine anatomischen Untersuchungen fortsetze.« - »Ich hätte ihn an Kindesstatt
angenommen«, sagte Bertold, »aber ich möchte nicht gern Eure unzähligen
Menschen wohltätige Versuche stören.« - Meister Sixt aber trat zwischen und
sagte: »Mit aller Devotion, die ich gegen beide Signorias habe, kann doch aus
Dero wohlwollenden Desseins nichts werden, da gedachter Jovane mir von hoher
Hand anvertraut ist, ich denselben auch zum Farbenreiben wegen seiner Force wohl
applizieren kann so ist es mir nicht möglich, Euch mit demselben ein Präsent zu
machen.« - »Wenn Ihr mir den Jungen nicht überlasst«, sagte Faust grimmig, »so
schicke ich Euch zehn schwere Krankheiten über den Hals, Ihr sollt zugleich an
Schwind - und Windsucht, an Heiss- und Wassersucht leiden.« - Da stellte sich der
Knabe Anton mit drohender Faust vor den Doktor und rief: »Noch ein Wort, du
alter Zauberer, so schlage ich dir die Zähne ein.« - »Das ist ein böser Bube«,
sagte Frau Hildegard, »den leide ich nicht im Hause, geht ihr Herren, mein Sohn
muss sich noch ausruhen.« - »Ihr habt recht«, sprach Faust, packte seinen grossen
Kasten auf Antons Schultern, »den kleinen Bösewicht will ich mir schon zähmen!«
So scheltend zogen die dreie fort und jetzt erst konnte die Mutter den Sohn
recht herzlich küssen und ausfragen »Wie ist dir jetzt? Wie war dir? Glaubst du
dich gesund? Wird das lange dauern? Ach ich habe kein Zutrauen zu dem grimmigen
Doktor; er hatte so etwas Entsetzliches, als er den Knaben forderte, als wäre er
ein Teufel, der die Seele zum Lohn nimmt, wer weiss, was er noch von dir
fordert?« Aber Bertold wurde wieder müde, verschlief noch den Tag und wachte
erst am Abend auf, beruhigte aber die besorgte Mutter gleich mit dem Ausruf:
»Ich fühle gründlichen Schlaf, wie einen kräftigen Wein in allen Adern, mir
war's im Traume, als erhielte ich mit jedem Augenblicke erfreuliche Nachricht
über etwas, was mich lange bekümmert, auch kam es mir vor, als gingen die Uhren
rückwärts, so wendeten sich auch die Jahreszeiten in umgekehrter Ordnung um mich
her; ich sah schöne Frauen mit Anteil und auch der Schmerz um Apollonien hatte
sich gemindert; ich fühle, dass ich ganz gesund werde, dass meine späteren Jahre
für alles Versäumte mich schadlos halten; geben wir Gott die Ehre, aber wir sind
dem Faust grossen Dank schuldig!« - Die Mutter war so innig erfreut über seine
veränderte Gesinnung, dass sie ihm wieder alle Bräute mit allem, was an ihnen zu
loben, im Gespräche vorführte, auch hörte er ihr diesmal geduldig zu und
bekannte, dass eine Heirat ihn sehr glücklich machen könnte, wenn er eine zweite
Apollonia auf Erden fände. »Sieh nur um dich«, sagte die Mutter, »wähle, welche
du willst, es schlägt dir kein Vater seine Tochter ab, die reichsten
Geschlechter haben es mir unter der Hand durch arme Witwen sagen lassen, du
brauchtest nur anzuklopfen und dir würde aufgetan; ich wüsste keinen schönern
Lohn für mich, als wenn ich am Ende meiner Tage ein Kind von dir auf meinen
Armen wiegen könnte.«
    Der Bürgermeister versprach gerührt, das Heiraten in bessere Überlegung, als
bisher, zu nehmen und Frau Hildegard ging froh von ihm und liess eine für die
Genesung des Sohnes seit lange angelobte, ewige Lampe vor dem Marienbilde am
vordern Hausgiebel mit frommen Dankgebete anzünden. Die Stadt lief bei der
seltsamen Erscheinung zusammen, erzählte sich von der Heilung des guten
Bürgermeisters und brachte ihm unter Begleitung der kunstreichen Stadtpfeifer
ein freudiges Lebehoch. Bertold war tief gerührt durch die Teilnahme der Menge,
er hätte gern zu ihnen gesprochen, aber die Mutter Hildegard wollte es aus
Sorge, er möchte sich erkälten, nicht dulden. Es war auch gut, denn sonst hätte
er mitten durch den Jubel das Geschrei im Ratskeller gehört, was der trunkne
Faust in demselben mit allerlei Katzen und Hunden anstellte, die er unter
Gotteslästerungen marterte, wie er sich mit dem alten Sixt um Anton zankte und
endlich von diesem zum Keller hinausgeworfen wurde und nun auf allen vieren,
weil er sich sonst nicht halten konnte, zum Spott der Knaben über das Eis
hinkroch, bis ihm einer in einer Seitengasse einen Schweinestall öffnete, wo er
mit seinen grunzenden Glaubensgenossen eine selige Nacht verschlief.
 
                               Zweite Geschichte
                            Die Reise nach Augsburg
Der Morgen war ein seliges Erwachen für den guten Bertold, die Mutter hatte es
ihm schon im Schlafe angesehen, dass er sich wohl befinde, und war gleich heiter
und gesprächig. Beide dachten auf schöne Gaben, die sie dem Faust verehren
wollten, als die Nachricht kam, er habe sich in grossem Zorn aus der Stadt
fortbegeben, nachdem er am Morgen sein Nachtlager kennen gelernt, zugleich
beschuldigten ihn die Leute vieler schändlicher Laster. »Wie kann ein Wohltäter
der Menschen, mit der höchsten Weisheit und Gnade begabt, solch ein Saumatz
sein!« seufzte Frau Hildegard. Aber Bertold, der viel in Römern und Griechen
gelesen hatte, suchte ihr deutlich zu machen, wie gerade die allgemeine,
wissenschaftliche Ansicht, wenn sie allein herrschend würde, die sittlichen
Grenzen des einzelnen Menschen auslösche; er sehe so Mannigfaltiges,
Widersprechendes geglaubt und geehrt, dass er nur den Geist achte, in welchem
alles getrieben würde. Frau Hildegard schüttelte mit dem Kopfe und warnte
Bertold gegen die Bücher, dass er es nicht auch einmal so treibe wie Faust, wenn
er ganz gesund würde.
    Wirklich hatte schon Bertold am Dreikönigstage einen Lusten zum
Dreikönigsschmaus beim Herrn Brix, als die beiden Töchter, die noch immer keinen
Mann bekommen hatten, ihn besuchten und dazu einluden. Sie kamen ihm diesmal
ganz anders vor, die frische Luft hatte ihre Gesichter angeregt und es war ihm,
als ob der Glanz von Apolloniens Augen noch auf ihnen weilte. Hätten die beiden
Jungfrauen durch seine Stirn sehen können, sie hätten diese Stimmung gewiss
benutzt, denn sie waren nicht freiwillig so einsam in der Welt geblieben. Aber
in ihrem ruschligen, schwatzhaften Wesen übersahn sie alle Neuigkeiten an dem
reichen Bertold, wie er heimlich der einen an den Arm fasste und die andre zu
seinem Schranke hinzerrte, wo Zeichnungen von Orden, zum Dreikönigsfeste
brauchbar, durchsucht wurden. Ja er schalt nicht, als ihm Babeli einigen
Festkuchen auf die saubern Pergamentbilder krümelte. Schon nahm er sein Barett,
als die Mutter eintrat und nach seinem Beginnen fragte. Es wurde ihr erzählt,
sie sollte auch Teil nehmen. - »Auf einen Schmaus«, rief die Alte, »bei allen
Heiligen nein, der Schneesturm brächte dir die Krankheit in die Glieder zurück,
und heute schon so zu schwärmen, hiesse Hundshaare auf eine kaum geschlossene
Wunde legen.« - »Mutter«, sagte Bertold, »ich bin ganz gesund und was ist
Gesundheit anders als der freie Gebrauch des Lebens.« - »Nein, nein«, sagte die
Mutter, »du wirst schon unartig und bist kaum ein wenig aus den Windeln, daran
sind die beiden Mädchen schuld; es ist gar nicht schicklich, dass sie so den
jungen Leuten auf die Stube laufen.« - »Ich bin über vierzig Jahre alt, liebe
Mutter«, sagte Bertold bedeutend. - »Ach lieber Gott«, riefen die Mädchen, »wir
sind noch älter«, und trippelten mit Gelächter davon; wenn sie es recht bedacht,
hätten sie lieber weinen mögen, aber sie waren drüber hinaus und längst mehr auf
Zerstreuung und Putz, als auf Liebesabenteuer gerichtet.
    Nun fragte Bertold nach Anton, seinem Gesundheitsgenossen, aber die Mutter
schimpfte heftig auf den Knaben, er habe sich nicht nur recht unbescheiden im
Essen und Trinken aufgeführt, sondern auch die Nacht mit Faust im Keller
vertrunken, sie habe deswegen schon dem alten Sixt den Kopf gewaschen und dieser
habe ihn zur Strafe nach einem armen Dorfe zum Ausmalen der Kirche geschickt.
Bertold wagte nicht, seinen Vorschlag laut werden zu lassen, ihn ins Haus an
Kindesstatt zu nehmen.
    Mit Fingerling hatte Bertold ein ganz andres Verhältnis, jener glaubte ihm
nie genug Dank für den Reichtum abstatten zu können, der durch den Schatz,
eigentlich durch seine Anwendung über sie beide gekommen, er suchte Bertold an
den Augen abzusehen, was ihm Freude mache. Seine Lebhaftigkeit gab ihm bei
seinen weissen Haaren etwas Jugendliches, er war wie ein alter Bedienter immer in
einer Art Verschwörung mit Bertold gegen die Mutter. Nie hätte diese zugegeben,
dass Bertold so viel Geld für seltne Handschriften, alte Waffenstücke und andre
Altertümer ausgäbe, wenn sie die Preise gewusst hätte. Aber Fingerling brachte
die Sachen ins Haus, als ob sie ihm von Handelsfreunden geschenkt wären, und
Frau Hildegard bedauerte nur immer den Raum, den sie einnähmen, nachdem das Haus
durch die Erbschaft der Gräfin mit Gerät so dicht vollgestopft wäre. Bertolds
Wonne war der Waffensaal, den er mit Fingerling eingerichtet hatte und den nur
dieser mit ihm betreten durfte. Da las er ihm vor aus den Heldenbüchern, jeder
Haupteld hatte da seine Rüstung, sein eigen benanntes Schwert und der
Rosengarten war eigen künstlich mit gemachten Bäumen und Blumen, welche die
natürlichen übertrafen und mit Bildern von Wachs ausgeführt, so dass er die Mitte
des Saals einnahm, und dass die beiden alten Spielkameraden mit den Figuren
zusammensetzten, was sich an Hauptbegebenheiten im Buche zutrug. Als Bertold
nun mit jedem Tage an Kraft und Gesundheit zunahm, da wurde er an einem
Februarsonntage gar unerwartet für Fingerling traurig. Er konnte sich der Tränen
nicht erwehren, und Fingerling musste lange in ihn dringen, ehe er ihm die
Ursache sagte, endlich sprach er: »Du musst mich recht verlachen, gutes altes
Herz, aber unsre Chriemhilde scheint mir nicht mehr so lebendig wie sonst, und
Siegfried wird so steif und unbehülflich in seinem Wesen, dass ich lieber einmal
selbst ihn vorstellen möchte. Besonders verdriesslich erscheinen mir aber unsre
hölzernen Pferde, kein gutes Haar ist mehr daran; - ich möchte gern einmal
selbst reiten, aber die Mutter darf es nicht wissen.« - Fingerling wollte ihn
zur Ruhe ermahnen, weil sich das nicht so geheim treiben lasse, sonst sei er
selbst, obgleich kein schulgerechter, doch ein geübter Reiter auf seinen Reisen
geworden. Aber Bertold war nicht von der Sache abzubringen: »Ich kann mich
nicht mehr beruhigen, seit ich Kraft in mir fühle«, sprach er, - »ich möchte,
dass mir etwas Ritterliches begegne, wie dem Siegfried, ich tue in Gedanken
tausend Streiche in die Luft. Deine Liebe zu mir ist gross, aber du liebtest mich
gewiss noch höher, wenn ich erst etwas recht Ritterliches getan hätte: Ich möchte
in Verzweiflung aufschreien, dass mich die Mutter von allem Reiten, Fahren,
Ringen, Armbrustschiessen, Schlittschuhlaufen, wie es andre gute Gesellen der
Stadt treiben, aus Furcht wegen meiner Gesundheit abgehalten hat und ich muss
mich tot grämen, nun ich gesund bin, aber des Lebens und seiner Gaben nicht zu
brauchen weiss.« - Da sah Fingerling, dass die Sache ihm ernstlich ans Herz griff,
er versprach alles zu tun, um diese seine Sehnsucht zu befriedigen, schlug ihm
auch vor, in einem grossen Schafstalle vor der Stadt auf dem Hofe, den Bertold
kürzlich gekauft hatte, eine Reitbahn für sie beide einzurichten, auch ein Paar
gutmütige Pferde zu den ersten Versuchen aus den Ackergespannen auszusuchen. -
Da fiel ihm Bertold um den Hals und konnte kaum ruhen, bis die Sache ausgeführt
war, ja er schlug vor, gleich nach dem Ratause zu gehen, wo von einem
Komödienspiele, worin die Waiblinger sehr ausgezeichnet waren, ein trojanisches,
hölzernes Pferd stehen geblieben, um Sitz und Haltung vorläufig zu üben. So
taten auch die beiden Freunde, schützten Geschäfte vor und verschlossen sich im
Rataussaale, wo das hölzerne Pferd stand. Fingerling zeigte, so gut er es
wusste, wie die Zügel und der Steigbügel zum Aufsteigen gefasst sein wolle - mit
einem Schwunge sass Bertold oben und freute sich der Höhe. »Nun gebt die
Spornen, dann geht's fort«, rief Fingerling, »aber haltet die Zügel, dass es
nicht durchgeht, nicht zu fest und nicht zu wenig.« Auch das tat Bertold,
bemerkte aber plötzlich solche Bewegung in dem Rosse, dass er die Zügel immer
stärker anzuhalten für nötig fand, was aber alles nicht half, denn unaufhaltsam
stürzte der stolze, von der Sonne ausgetrocknete Holzbau zusammen, Bertold an
die Erde, und aus dem hohlen Bauche sprang Anton schlaftrunken, sich die Augen
reibend, hervor. Fingerling half erschrocken seinem lieben Bertold auf, fragte
ihn sorglich, ob er sich Schaden getan, dieser aber hörte nicht auf ihn, sah
Anton verwundert an und sprach: »Ist mir's doch wie ein bedeutsamer Traum, dass
du aus meiner verunglückten Ritterfahrt so froh hervorgehst; begegnest du mir
vielleicht noch oft? Wie kommst du hieher? Du bist in der kurzen Zeit recht
gewachsen?« - Anton antwortete mit der Bitte, seinem Vater nichts zu sagen, er
habe sich vom Lande heimlich in die Stadt geschlichen, um sich einmal bei der
Ratskellerwirtin, die ihm sehr gnädig, satt zu essen, und da sei er nach Tische
im trojanischen Rosse zur Ruhe übergegangen, zugleich dankte er, dass sie ihn
erweckt hätten, er müsse noch sechs Meilen bis zum Dorfe zurückgehen. Bertold
schenkte ihm etwas auf den Weg und Anton eilte fort. »Wir geben das Reiten auf,
nicht wahr?« fragte Fingerling. »Nein«, antwortete Bertold, »ich habe gefühlt,
dass ich recht dazu geschickt bin, denn die Besonnenheit hat mich keinen
Augenblick verlassen; aber dieses Vorfalls werde ich oft noch gedenken müssen.«
    Schon am andern Morgen hatte Fingerling alles zum Reiten auf dem Vorwerke
eingerichtet. Der ehrliche alte Meyer war sehr verwundert und erfreut über die
Seltsamkeit des Herrn, wusste aber in allem gut zu raten, da er in seiner Jugend
ein wackerer Reitersknecht gewesen war, und auch die künstlichen Aufzäumungen
und Zügelbewegungen, samt der richtigen Anwendung des Sporns, wie es die
Rennpferde verlangen, wohl verstand und sich darüber mitteilen konnte. Als nun
der Bürgermeister zuerst an der Leine im Kreise ritt, da meinte er sich
unwiderstehlich nach einer Seite niedergezogen, aber er blieb dennoch mutig
sitzen. Als er abgestiegen, fand er sich in allen Gliedern seltsam zerschlagen,
aber er liess sich nichts merken, weder vor dem Freunde, noch vor der Mutter.
Besonders unbequem war es ihm in den nächsten Tagen, wo er heimlich anfing, zu
zweifeln, ob er zu solchen Beschwerden sich gewöhnen werde. Aber der Meyer
machte ihm mit seinem Lobe immer frische Lust, er rühmte seinen guten Anstand,
er werde sicher ein guter Reiter werden. Bald war er seinem Gefährten Fingerling
überlegen, auch waren ihm bald die geduldigen Ackerpferde zu gering, die
Rennbahn zu enge. Es wurden ein Paar schöne Rennpferde von einem verarmten
Ritter gegen einige Stücke Tuch eingetauscht und nun beschlossen, durch ein
feierliches Vorbeireiten das Schelten der Mutter zu besänftigen.
    Demnach tat ihr Fingerling kund, dass an einem Sonntage ein fremder Ritter,
der sehr viel kaufe, bei ihnen eintreffe, sie möchte ihm ein Mahl bereiten
lassen. Das war alles geordnet und Frau Hildegard nur allein darum ärgerlich,
dass ihr Sohn so lange ausbleibe, da sah sie einen stattlichen Rittermann, in
voller Rüstung auf hohem Ross über den Markt traben und ging ihm feierlich an die
Türe entgegen. Der Ritter liess sein Pferd kunstreich traversieren, dass sie
heimlich den Übermut des Menschengeschlechts bejammerte, auf glattem Pflaster so
brotlose Künste zu machen, dann stieg er ab, - sie blickt ihm in den offnen
Helm, sie stockt in ihrem Gruss, - es ist ihr lieber Sohn, der Bürgermeister, der
ihr um den Hals fällt.
    Nun erst erschrak sie über seine Kühnheit, fürchtete, er würde ihr in allen
Dingen ausschrammen, nachdem er solche gefährliche Kunst heimlich erlernt habe,
und suchte ihn mit Scheltworten und Tränen von dieser brotlosen Kunst
abzubringen. Aber Bertold hatte das alles voraus gesehen und sprach zu ihr, als
er sich an den hochgeschmückten Tisch gesetzt hatte: »Seht Mutter, so ein Mahl
habt Ihr mir nie bereiten lassen, wenn ich auch den ganzen Tag zum Besten der
Stadt gearbeitet hatte; so ehret Ihr selbst die brotlosen Künste des Ritters und
wollet mich gegen etwas warnen, wozu mein Blut mich bestimmte, und woran mich
nur Leibesschwäche so lange hinderte ich habe bisher vor Euch wie ein
umgekehrtes Panzerhemde erscheinen müssen, tatenlos und gedankenvoll, den Stahl
innerlich, die Polster äusserlich, meine Welt war die Vorzeit, denn was die
Gegenwart brachte, konnte mich nur erschrecken, da ich sie in keiner Art zu
bestreiten wusste.« - »Ach«, seufzte Frau Hildegard, »gewiss ist der verwünschte
Ehrenhalt bei dir gewesen, den ich so oft mit Geld und Gaben von dir fortgekauft
habe.« - »Der Ehrenhalt?« fragte Bertold, »weiss ich doch nichts von dem Manne,
was bringt er, was will er mit mir, ist er abgesandt von den Kronenwächtern?
Seid ruhig Mutter, ich diene ihnen nicht, die Tränen der Mutter, der Tod des
Vaters, auch Martins Tod, haben mich von ihnen geschieden. Meine Wünsche sind
beschränkter, ich will nur als ein guter Bürger gerüstet und wehrhaft gegen
Gefahren sein, ich will mich selbst um mein Handelsgeschäft kümmern, denn unser
guter Fingerling ist zwar munter, wie ein junger Geselle, aber gar alt, er soll
mich in Augsburg mit unsern Handelsfreunden bekannt machen, und darum hindert
mich nicht, dass ich mit ihm gen Augsburg reite, wo der ehrwürdige, ritterliche,
in allen Künsten versuchte Kaiser Maximilian einen Reichstag ausgeschrieben hat,
der alle Handelsleute aus Schwaben zusammenführen wird.« - Frau Hildegard schlug
in Verzweiflung die Hände über den Kopf zusammen und rief zu Gott um Rat, wie
sie sich benehmen solle, ob sie den jungen Menschen in solche gefährliche,
verführerische Stadt hinziehen lassen dürfe. »Die Verführung ist so gross«, sagte
sie, »so ein junger Mensch ist zutulich und neugierig und wenn die Leute hören,
dass er nicht ohne Mittel, da drängen sich alle an ihn, er wird ausgezogen und
noch wohl gar verlacht.«- Da trat Fingerling mit kluger Rede zwischen, versprach
die Fahrt mitzumachen, den Herrn Bürgermeister wie seinen Augapfel zu bewachen,
versicherte, die Reise sei notwendig, weil sonst alle Webstühle still ständen,
und trank auf die glückliche Heimkehr. So war die Erlaubnis zur Reise der
sorglichen Mutter über den Kopf weggenommen.
    Als die Zeit nahete, verwunderte sie sich, dass sie es erlaubt habe, dennoch
sorgte sie fleissig für das Reisegerät und packte ausser der Wäsche eine ganze
Apoteke und eine halbe Küche in die Mantelsäcke, und konnte immer noch nicht
mit ihren Anstalten fertig werden, nachdem schon Maximilian mit seinem
prachtvollen Einzuge fertig geworden war. Endlich war der Ritt angeordnet, der
Bürgermeister hatte einem Ratmann die Geschäfte übertragen, der Buchhalter
sorgte für das Haus, die Pferde standen bepackt vor dem Hause, dennoch liess sich
Frau Hildegard nicht abhalten, dem Sohne noch einmal alle Warnungen einzuprägen,
die sie in der ganzen Zeit gesammelt hatte, und zum Schluss suchte sie ihn noch
mit der Ahndung zu rühren, als ob sie ihn nicht wieder sähe. Obgleich er diese
Ahndung schon oft gehört hatte, so beschwerte sie doch sein Herz und er ritt die
erste Strecke gar nachdenkend in seinem Reisemantel. Endlich wurde es ihm
leichter ums Herz, er genoss der ersten Freiheit seines Lebens, und der keusche
Frühling blickte mit tausend Blüten, wie mit neugierigen Augen in die geheime
Sehnsucht, die ihm seit der Genesung jedes artige Jüngferchen zu einer Apollonia
erhob, dass er jede ehrfurchtsvoll, aber oft anblicken musste. Die Gesundheit
hatte das Samenkorn, das bis dahin in ihm wie im Sarge geruhet, schnell zum
Keimen gebracht, es sprengte das Steingewölbe, das ihn bisher umgab; er war, er
fühlte sich frei und zu etwas bestimmt. Und wie herrlich glänzte ihm das
Schwabenland, überall Züge von Reisenden; hier Kaufleute, die neben ihren
Frachtwagen einhergingen, dort Landsknechte, die einen Hauptmann suchten;
Pilger, die zu dem wundertätigen Bilde der schönen Maria in Regensburg zogen und
Frauen und Männer, wie sie gingen und standen, mit ihrem Gesange fortrissen,
denn es war das erste Bild unter den Deutschen, in welchem die geheime Gewalt
des Heiligen mit der offenkundigen der Schönheit verbunden war. Hätte Fingerling
nicht Einspruch getan, der gute Bertold wäre mit zu dem Bilde gezogen, aber der
lebendige Trieb nach lebendiger Schönheit wuchs in dieser Annäherung.
    In reger Geistestätigkeit, von allem angesprochen, doch ohne sonderbare
Reisevorfälle, kamen die beiden Reisenden in die Nähe Augsburgs, hatten schon
mit einiger Beklemmung die weite Stadt mit ihren vielen Türmen von einer Anhöhe
überschaut, als Kaiser Maximilian bei der Wertachbrücke, der Kurfürst Joachim
von Brandenburg auf der einen Seite, auf der andern Markgraf Kasimir, der schöne
Verlobte, dessen hoher Braut entgegen ritten und dem Bürgermeister den Weg
verrannten. Aus dem Gerede der voreilenden Menschen, mehr noch aus der
Ähnlichkeit mit vielen Holzschnitten erkannte Bertold den Kaiser schon in der
Ferne und wurde gezwungen, ihn recht in der Nähe zu betrachten, weil er von der
Menge, die nicht weichen wollte, an das Geländer der Wertachbrücke angedrängt
wurde. Er freute sich, wie viel milder der Kaiser aus des höchsten Weltkünstlers
Hand gekommen, als aus der Hand der Maler; der Kaiser hatte wohl recht, einmal
zu sagen: »Jeder, der eine lange Nase zu pinseln weiss, meint, er habe mein Bild
gemacht.« Der Kaiser trug über seinem, mit Gold eingelegten Panzer einen roten,
mit grossen Perlen und grünen Edelsteinen gestickten Waffenrock, auf seinem Helme
den zweiköpfigen Adler, der in der Krone wie in einem Neste seine Jungen
ausbrütete - ein Zeichen, dass er diesmal die Nachfolge im Reiche für seinen Sohn
Karl vermitteln wollte. Er ritt ein ganz weisses Ross mit leibfarbenen Nüstern und
Augenwinkeln in goldnem Zaumzeuge, ein Panterfell seine Satteldecke, das mit
schweren, goldnen, betroddelten Gitterbändern um den Leib des Pferdes angezogen
war. Der Kurfürst Joachim war dagegen einfach in einem Marderpelz gekleidet,
sein Ross war schön, aber etwas scheu, so dass er sich manchmal von der Seite des
Kaisers abwandte. Der Bräutigam, Herr Kasimir, liess sich in einem leibfarbenen,
seidenen, mit Hermelin aufgeschlagenen, mit Silber gesticktem kurzen Mantel
sehen, einen grünen Kranz auf dem Haupte, aber seine Schönheit, seine
Freudigkeit war sein bester Kranz, so dass ihm jeder die schöne Braut gönnte, der
das unzählige Volk, wogegen alle Hartschierer zu schwach, mit Freudengeschrei
entgegen jauchzte, sie recht in der Nähe zu sehen.
    Sie war in ihrem Wagen so nahe an Bertold gedrängt, dass er wie einer der
Fürsten zu ihrer Begrüssung entgegen geritten schien. Er sah die steigende Röte
ihrer Wangen unter dem Kranze von Edelsteinen; das Klopfen ihres Herzens bebte
in dem Blumenstrausse, der auf der reichen Silberwoge ihres Busens unterzusinken
schien. Bertold hörte deutlich, dass sie nach Herrn Kasimir fragte, den sie bis
dahin nur im Bilde gesehen, das auf ihrem Herzen an goldner Kette hing, und
Bertold meinte, sie frage ihn und zeigte nach der andern Seite des Wagens, der
nach beiden Seiten offen, nur oben mit goldnem Teppich gedeckt war. »Auf der
andern Seite wartet seine Hoheit!« sprach er; er wusste es genau, denn ein
Nachbar hatte es ihm kurz vorher erzählt. - »Dank, Dank, Ihre kurfürstliche
Liebden«, sagte die Braut, Fräulein Susanna von Bayern, die ihn für den
Kurfürsten Joachim hielt und sich jetzt an der Schönheit Kasimirs weidete, indem
sie bescheiden die Augen mit einem Wadel von Pfauenfedern deckte. Der Bräutigam
beugte vor ihr ein Knie, nachdem er vom Pferde gestiegen, die Braut reichte ihm
den Mund, dann lockte sie der Kaiser auseinander, indem er in den Wagen stieg
und ihnen sagte, sie würden einander noch lange genug sehen, auch sprach er:
»Nicht wahr, liebe Tochter, wir haben gut gewählt, wir gedenken heut bei euch
beiden, dass wir auch einmal jung waren und freiten, und in der Welt wie in einem
Baum voll reifer Kirschen gegen die Sonne gedeckt zu sitzen glaubten, aber die
Kirschenzeit ist kurz, am Ende beisst man mit stumpfen Zähnen die Kerne auf, die
man erst weggeworfen, und die Jahre vergehen wie die Tage, sonst war mir die
Sonne zu warm und jetzt zu kalt.« Er winkte zum Fortfahren und die schöne Braut
reichte Bertold die Hand, als einem Verwandten, dem sie sich freute verbunden
zu sein. Der Kaiser blickte sie befremdet an und fragte: »Wäre dies wohl einer
meiner lieben Vettern aus Bayern, den ich noch nicht kenne?« - »Ich meine, es
sei Herr Joachim, kurfürstliche Gnaden von Brandenburg, unser künftiger lieber
Herr Vetter!« »Wir irren, liebe Tochter«, antwortete der Kaiser, »dort reiten
Seine Liebden von Brandenburg. Wer seid Ihr, guter Herr?« fragte er Bertold.
Und Bertold antwortete noch freundlicher, von dem Händedruck erwärmt: »Der
glücklichste Bürgermeister aus Waiblingen.« - »Nun du ehrlicher Schwabe«, sprach
Maximilian, »Gott segne dir den Händedruck meiner schönen Schwestertochter bei
deiner Frau!«
    In dem Augenblicke bewegte sich der Wagen fort und Bertold versank in ein
stummes Nachsehen, nicht allein, weil er gewünscht hätte, der Augenblick möchte
immer und ewig währen, sondern auch, weil es ihn recht kränkte, dass er noch
keine Frau besitze. Aber kaum waren die sechs Prachtwagen, die dreihundert
bayrischen Ritter mit ihren Reisigen und Trabanten vorüber, so riss der
unglaubliche Volksstrom den Bürgermeister aus den Gedanken und mit sich fort
nach dem Felde an der Stadt. Jedermann wollte der Trauung in der Ulrichskirche
beiwohnen, nur Bertold wusste nichts von der Ursache dieser Eile und widersetzte
sich dem Drange, um Fingerling zu erwarten, der unbemerkt schon früher von ihm
fortgetrieben war. Den Fussgängern widerstand er auf seinem starken Rennpferde,
aber die Reiter, die nachfolgten, zogen ihn unwiderstehlich dem Tore zu, umsonst
lavierte er von einer Seite zur andern, wie ein Schiff, das mit halbem Winde
fährt, die Volksmenge trieb ihn fort, wie ein höheres Geschick. Am Tore stieg
der Drang aufs höchste, denn die kaiserlichen Trabanten hinderten den Eintritt,
damit Julia Peutinger, das geehrte vierzehnjährige Kind des Stadtschreibers,
ihre lateinische Rede an der Spitze vieler hundert weiss gekleideter Jungfrauen
Augsburgs ungestört vor der Braut halten konnte. Kaum war die Rede geendet, das
Kind im Wagen der Braut aufgenommen, die vornehmsten Jungfrauen in die nächsten
Häuser zur Sicherheit gebracht, während der Brautzug hereinfuhr, so schloss sich
das Tor mit vieler Gewalt und die neugierige Menge war wie ein Feind
ausgeschlossen. Gleich verbreitete sich der gute Rat unter dieser Menge, ans
nächste Tor zu eilen, um dort noch zur Kirche zu gelangen. Da war aber grosse
Eile wegen des Umweges nötig und um so ärger wuchs das Gedränge, Reiter
stürzten, Wagen warfen um, niemand kümmerte sich darum, am schlimmsten ward
einer Schar der weiss bekleideten Jungfrauen mitgespielt, die nicht Zeit gehabt
hatten, sich in die Stadt zu flüchten; auf ihren weissen Kleidern war der Schmutz
der bespritzen Wagen und stampfenden Rosse deutlicher zu erkennen, als auf den
dunkelfarbigen oder bunten Mänteln. Während der Donner des Geschützes von den
Wällen die übrige Menge immer wilder nach der Mitte des Festes hintrieb, fand
Bertold sich immer lebhafter von Mitleid gegen die Verunglückten hingezogen,
die um ihre Hoffnungen betrogen, Schmerz statt Lust eingetauscht hatten; dort
hob er einen Gestürzten aufs Pferd, hier half er einem Wagen aus dem Graben
heraus, und sah sich dabei nach Fingerling, aber vergebens um. Bei dieser
Geschäftigkeit hatten sich die Leute verlaufen, es wurde ihm tausend Segen
gewünscht, aber die Trauung war inzwischen vorüber gegangen, das bezeichnete der
neue Donner des Geschützes von den Wällen, wie ihm einer mit Bedauern sagte.
    Verdriesslich, seinen Freund nicht finden zu können, der in seinem Mantelsack
alle Empfehlungsbriefe an Handelsfreunde trug, noch verdriesslicher, dass an ein
Unterkommen in Wirtshäusern, wie ihm jeder versicherte, jetzt gar nicht zu
denken, liess er sein Pferd langsam den Fussstapfen der Menschen nach dem andern
Tore hin folgen. Schluchzend, weil sie sich einsam glaubte, ging da eine hohe
Jungfrau von kräftigem Wuchse, und besah mit Trauern ihr Kleid, an welchem die
eine Seite ganz zerrissen und beschmutzt wie eine Trauerfahne erschien. Bertold
fühlte sich vom Mitleide hingezogen, er liess sein Pferd etwas schneller gehen,
dass er fast an ihr vorbeigeritten wäre, wenn ihn nicht die schönen blauen Augen
festgehalten hätten, die gleich Vergissmeinnicht am Bache ihre äussersten Blätter
eintauchten und mit Tropfen füllten, ehe sie ihm, beschämt gesehen zu sein, die
langen, vierfachen Flechten des dichten, gelbbraunen, sanft gekrausten Haares
zugewendet hatte. Jetzt konnte er so recht mit müssiger Lust beschauen die
Wölbung des Nackens, die breiten Schultern die schlanken Hüften, die weissen,
runden Arme, vielleicht zum erstenmal der Sonne entblösst, während die Hände von
ihren Strahlen gebräunt waren, die zierlichen Füsse mit hohem Spann, den edlen
Gang in der Bewegung aller Falten, die gleichsam von einem edlen Tanze
widerhallten. Noch sass der Kranz von mancherlei Feldblumen freudenstolz auf dem
Haupte der Betrübten, deren Angesicht sich in dem Rosenbusch versteckte, welcher
die Mitte des keusch geteilten Busens bezeichnete. Da war kein Mangel, kein
Überfluss, sondern in dem Ebenmass ein rechtes Bild menschlicher Zufriedenheit,
alles schien an der hohen Jungfrau fest und beweglich zugleich, nirgends Zwang,
alles eine schöne Gewohnheit der verhältnisreichen Gestalt. Er hätte so gern ihr
Antlitz gesehen und besann sich auf eine Frage, aber er fand keine, so ritt er
stumm an ihrer Seite, wendete sich zu ihr und wieder von ihr ab, wie eine
Wetterfahne bei streitendem Winde, denn Apollonia fiel ihm ein, aber so blass wie
der Mond am Tage gegen diese neue Sonne seines Lebens. Er hätte weinen mögen mit
ihr und musste sich freuen, denn alles lebte in ihm mit Freude an der Welt, in
solchen Augenblicken der Bestimmung zeigt sich Gott in der Herrlichkeit seiner
Welt, wie auf dem Trone, jedem nach seinem Masse. So kam wie eine höhere Gabe
ein Zutrauen in Bertolds Seele, dass er mit ernster Stimme zu der Jungfrau
sprach: »Ich kann Euch gewiss helfen!« Sie sah ihn an, schüttelte mit dem Kopfe
und sprach mit Schluchzen, das gegen ihren Willen wieder ausbrach: »Kein Mensch
kann mir helfen, die Leute haben mir im Gedränge das Kleid zerrissen, was fange
ich an, wir haben es zum heutigen Tage geliehen!« - Bei diesen Worten sah sie
von neuem den grossen Riss und musste wieder weinen und jammerte über die Schläge,
die sie von der Mutter erhalten würde, obgleich sie keine Schuld bei dem Unfall
hätte, es müsse einer im Gedränge mit der Degenschnalle eingehakt sein. -
Bertold versprach die Mutter zu besänftigen, er werde ihr den Drang und die Not
am Tore berichten. »Ihr kennt sie nicht«, sagte das Mädchen, »auch hatte sie mir
alles voraus gesagt, aber meine Lust, die fürstliche Braut zu sehen, war allzu
gross, und dass ich sie gesehen habe, ist mein einziger Trost bei dem Unglück!« -
Und nun erzählte sie von dem Einzuge und schien ihr Unglück etwas zu vergessen,
bis sie an Häuser kamen und sie dem Bürgermeister das niedrige Dach ihres Hauses
zeigte, da wollte sie in Angst keinen Schritt weiter tun, sondern sich hinter
dem steinernen Brunnenbecken verstecken.
    Bertold fasste seinen Entschluss, ritt voran nach dem Hause und bat die
Jungfrau langsam nachzukommen, indem er sich den Namen der Mutter, welche Frau
Zähringer hiess, von ihr sagen liess. Er klopfte an das Haus und hörte sie im
Hause schelten, wer sie schon wieder stören wolle; gleich trat auch eine rüstige
Frau heraus, etwas stark, doch ohne davon beschwert zu sein und vom Ansehn
jugendlicher, als sich bei einer erwachsenen Tochter vermuten liess. Sie hatte
wahrscheinlich am Webstuhle gesessen, denn sie hielt noch ein Schiff in Händen
und fragte mit Ungeduld, was Bertold wolle. Das Ansehen, die Stimme noch mehr
erinnerten Bertold an etwas Bekanntes, inzwischen achtete er nicht darauf,
sondern brachte seine Entschuldigung der langsam sich annähernden Tochter in der
Art vor, er sei beim Einzuge auf die Tochter gedrängt worden, und habe ihr ohne
bösen Willen mit seinem Sporn das Kleid zerrissen, er biete ihr einen Gulden zur
Sühne und diesen Gulden reichte er ihr zugleich dar. Der Anblick des Geldstücks
löschte alle Zornglut der Mutter, sie schalt die Tochter, dass sie sich nicht
mehr in acht genommen, sie sagte Bertold, dass er nicht hätte reiten sollen,
wenn er sein Pferd nicht zu führen verstehe, endlich versicherte sie aber doch,
weil er sie so höflich angesprochen, wolle sie diesmal nicht schmälen, doch sei
es zu viel, was er ihr biete, sie wolle das Stück verwechseln lassen und ihm das
zuviel herausgeben. - »Vielleicht brauchet Ihr mir nichts wieder zu geben«,
sprach Bertold darauf, »wenn Ihr eine Bitte von mir erfüllen könntet, mich für
heute in Eurem Hause zu beherbergen, die Wirtshäuser sind gefüllt und alle
Empfehlungen an Handelsfreunde hat ein Freund von mir bei sich, den ich im
Gedränge aus den Augen verloren habe.« Die Mutter sah ihn bedenklich an und mass
ihn vom Kopf bis zum Fusse. »Ich glaube Euch wohl«, sprach sie, »dass Ihr in der
Stadt kein Unterkommen finden würdet, waren doch schon gestern alle Herbergen
besetzt, aber ich kann Euch nicht ins Herz sehen, was Ihr für einer seid, und in
dieser Zeit ist jeder auf seiner Hut; es schwärmt viel loses Gesindel umher und
wir wohnen hier einsam.« - »Liebe Mutter«, sagte die Jungfrau, »er meint es
gewiss ehrlich, was hätte ihn sonst bewogen, meinen Schaden auf sich zu nehmen.«
- »Ich habe kein Haus, das sich zum Herbergen für Mann und Ross eignet«, sagte
die Mutter. - »Im Stall ist wohl noch Platz«, sagte die Tochter, »so auch in der
Giebelstube.« - »Aber wer seid Ihr?« fragte die Mutter. - »Ich bin Bertold, der
Bürgermeister aus Waiblingen.«- Bei diesen Worten sah die Mutter ihn genauer an,
indem sie die Hand gegen die Sonnenblendung richtete, schwieg einige Augenblicke
und sprach: »Tretet ein, es sollte nun einmal so sein, seid willkommen, Anna
soll für Euer Ross sorgen, ich kann mich schon schützen gegen Euch, wenn Ihr
etwas Übles wollt.« Bertold dankte, aber er gab nicht zu, dass die Tochter sein
Pferd führte, er selbst führte es, sattelte es ab, hatte noch etwas Futter bei
sich und füllte ihm die Krippe. Dann ging er mit dem Felleisen ins Haus, wurde
in das reinliche Wohnzimmer geführt, wo zwei Leinenwebstühle standen. Er
beschaute in der Verlegenheit die kleinen Bilder an der Wand und fand ein Bild
von Waiblingen in deren Mitte befestigt. Die Mutter antwortete nicht auf seine
Frage, wie sie zu dem Bilde gekommen, sie schien beschäftigt. Bald rief sie ihn
zum gedeckten Tische, wo ihm die Tochter mit ihren runden Armen, die gleichsam
mit weissen Haaren bestäubt waren, einen guten Hirsenbrei aufsetzte und eine
hölzerne Kanne mit Bier dabei hinstellte und ihn zum Essen nötigte, nachdem die
Mutter den Segen darüber gesprochen hatte.
 
                               Dritte Geschichte
                                   Der Becher
Das kleine Mahl war längst verzehrt und noch immer wurde von den
Merkwürdigkeiten des Reichstags und von den Festlichkeiten, welche die
Vermählung feiern sollten, gesprochen. Die Jungfrau Anna konnte ihre Vorliebe
für die ritterlichen Spiele, für das Gesellenstechen, das am andern Tage gegeben
werden sollte, nicht verbergen, obgleich sie nie etwas der Art gesehen und eben
so wenig von dem Wesen dieser Spiele gehört hatte. Da fühlte sich Bertold recht
im Mittelpunkte seiner Kenntnisse, Tage lang hatte er an einzelnen kunstreichen
Stücken, die von den Stechen erzählt wurden, spekuliert, sie zu zeichnen sich
bemüht, auch alle Gesetze und Gewohnheiten der Turniere mit seinem Freunde
Rüxner gemeinschaftlich gesammelt, sein Gedächtnis bewahrte ihm jedes berühmte
Turnier und die Namen derer, welche Preise gewonnen hatten. Er unterrichtete die
Frauen von dem hohen Altertume der Kampfspiele unter den Deutschen, die nicht
wie bei andern Völkern der alten Welt als ein müssiges Schauspiel für die grössere
Menschenzahl, sondern als eine allgemeine Belustigung aller ritterlichen Männer
geachtet wurden, bei welcher nur Frauen als Zuschauer zu beachten waren. »Vor
allem war das Rennen mit Spiessen immerdar hochgeehrt«, sagte er, »und der grosse
Kaiser Heinrich der Vogler hat zuerst einen grossen Reichsverein darin gestiftet,
den Adel gegen Verwilderung zu schützen und ihn dem übrigen Volke als Vorbild
aufzustellen. Wer gegen den christlichen Glauben Untreue erwiesen, gegen des
Reiches Beste gefrevelt, Frauen entehrt, die Ehe gebrochen hatte, wer meineidig
und siegelbrüchig erkannt, wer feldflüchtig erfunden aus Feigheit oder Verrat,
wer gemordet, wer Kirchen, Witwen oder Waisen beraubt hatte, wer Wein oder
Getreide gegen die Kriegsordnung zerstört, wer ohne Grund und Kriegsordnung
befehdet und Strassenräuberei getrieben hatte, sollte sein Pferd verlieren und
auf die Schranken des Turnierplatzes gesetzt werden. Diesen Gesetzen fügte
Meister Philipsen, des Kaisers Schreiber noch zweie hinzu, nämlich, dass auch die
ausgeschlossen wären, die sich mit der Kaufmannschaft abgegeben und die ihren
Adel nicht mit vier Ahnen beweisen könnten.« - »Bei uns hätten die Reichen dem
Meister Philip die beiden letzten Gesetze nicht zugegeben«, meinte Frau
Zähringer, »jetzt werden die reichen Fuggers höher geachtet, als tausend adlige
Heckenreiter, die hier aussen in den Vorstädten den Juden ihre Beute verkaufen.«
- »Meine gute Frau«, sagte Bertold, »als jene Gesetze angenommen wurden, hatten
sie gewiss ihren Grund, der Adel durfte sich nicht in fremdartigen Geschäften
zerstreuen, der nahen Reichsfeinde gab's zu viele, auch musste er sich für ein
geschlossenes Ganze im gewissen Sinne halten, sollte er anders der Ehre sich als
Opfer bringen. Demnach konnte der Kaiser wohl den Adel verleihen, aber erst die
in mehreren Geschlechtern geprüften Abkömmlinge erhielten das volle Recht des
Adels. Darauf haben die Zünfte der reichen Städte ähnliche Turniere bei sich
eingerichtet und seit Jahren schon sind die grossen Turniere der vier deutschen
Lande ins Aufschieben gekommen. So wechselt alles gar seltsam, was nicht nach
der Zeit sich richten, oder die Zeit überwältigen kann. Statt die andern
deutschen Lande, wie sie aufblühten, in gleiche Rechte mit den früher Geordneten
einzusetzen, statt eines freundlichen Verkehrs und Zusammenhaltens mit den
Städten, trennte sich alles in herkömmlichem Stolze. Wir werden noch mehr
erleben, bald meinen die Bauern Fürsten zu sein, geben keinem mehr eine
freundliche Antwort, man braucht sie nur anzusehen, so gehen einem die groben
Knollfinken zu Leibe. Der Bundschuh in der Fahne der Speierschen Bauern im
Aufruhr bezeichnete, dass sie ihn so hoch ehrten, wie eines Ritters Stiefel mit
dem güldnen Sporn, dieser Aufruhr ist gewiss nicht der letzte gewesen, besonders
in den geistlichen Landen, wo die Last doppelt drückt und weltlicher Prunk mit
geistlichem zusammen bestritten werden soll.« - »Ja«, sagte Frau Zähringer,
»wenn ich so einen Bettelmönch aus dem Bistum sehe, wie er mir mein sauer
verdientes Brot abtrotzt, um es nachher für Wein in der Schenke zu verhandeln,
da möchte ich ihm mit meinem Bundschuh gern auf die Platte schlagen und mit den
Bauern rufen: Was ist das für ein Wesen? Vor Mönchen mag keiner genesen.« -
»Sonst war alles anders«, fuhr Bertold fort, »das strenge, arbeitsame Leben
dieser Mönche befriedigte zu Hause alle ihre Bedürfnisse und nur, wenn sie mit
geistlichem Troste zu den Leidenden umher gingen, bedurften sie eines geringen
Unterhalts, der kaum bemerkt wurde gegen die Fülle höherer Unterhaltung, die ihr
Wort verbreitete.«
    Während dieses Gesprächs war die Tochter, die in der vorigen Nacht
arbeitsvoll und erwartungswach nicht zum Schlafe gekommen war, auf ihrer Hand
eingeschlummert, dem guten Bertold gegenüber, der mit scheuem Vergnügen auf die
von Schlaf und Traum lebhaft bewegte, heftig atmende Jungfrau hinblickte, denn
alles war gut an ihr, wie in der Welt nach den Schöpfungstagen. »Dass dem lieben
Kinde nur nicht die Hände einschlafen«, sagte er endlich in Verlegenheit, »sie
liegt damit an der scharfen Kante des Tisches und klemmt ihr Herz ein, es
scheint ihr sehr heiss.« Die Mutter nahm ein Näpfchen mit Weihwasser, sprengte
damit über die Brust des Mädchens, dass diese aufschreckte und rief dann, dass ihr
der Segen wohl bekommen möge nach dem Schlafe. - »Ich habe nicht geschlafen«,
sagte Anna, »ich hörte noch von dem Stechen und wie der fremde Herr
Bürgermeister den Preis und Dank gewonnen hat, wie er ihn mir darreichte und wie
ich darüber so glücklich war.« - Die Mutter verlachte ihre Einbildung, aber dem
Bürgermeister war das Blut glühend heiss in die Stirn getreten; Anna hatte mit
dem Traume die vieljährige Sehnsucht seines Herzens zu Worte kommen lassen, der
er so lange nur heimlich nachgehängt, weil sie während seiner Schwäche als
Wahnsinn erschienen wäre. Er konnte dem innern Drange, dem äussern Rufe zugleich
nicht widerstehen, er musste es wieder bestätigen, dass jeder Mensch, früher oder
später, einmal ausrasen muss, er rief, dass er beim heil'gen Georg für die edle
Jungfrau eine Lanze brechen müsse, der Himmel werde es fügen, dass er den Traum
wahr mache, ihr sei der Preis verehrt. Nun bedauerte er, keine seiner Rüstungen
mitgebracht zu haben, aber Anna erzählte ihm von einem Waffenschmidt in der
Nähe, der immer dergleichen in Vorrat zum Verleihen habe, nur die Mutter warnte
ihn, sich in acht zu nehmen, es seien geschickte Stecher in Augsburg. Die
Warnung befeuerte seinen Mut, jetzt erst freute er sich, Fingerling aus den
Augen verloren zu haben, der hätte ihm Hindernisse in den Weg gelegt; was die
Mutter einst dazu sagen würde, brachte er aus dem Kopfe und freute sich nur, wie
er für Alma sein Leben an das Ungewohnte setze.
    Schnell beurlaubte er sich von Mutter und Tochter und dachte zum
Waffenschmidt gehend: Für einen Reiter, der mehr auf dem Pferde, als auf der
Erde, mehr in der Rüstung, als im Schlafrock gelebt hat, ist es ein kleiner
Dienst, seiner Jungfrau zu Ehren ein Rennen einzugehen, etwa nicht mehr, als
wenn ich mich anheischig machte, ihr ein Liederbüchlein schön abzuschreiben; wer
aber wie ich, mehr auf der vierbeinigten Bank, oder im Krankenbett, als auf dem
Ross und auf der Burg gelagert war, wer wie ich, kein junger Wagehals mehr ist,
wer wie ich, vieles kennt, was ihm lieb und wichtig ist, und eine warnende
Mutter stets vor sich sieht, der mag sich dieses Dienstes wegen ehren, er opfert
ihm alles, was ihn so lange betätigte und beengte.
    So kam er an zwei Läden, deren einer mit weiblichen, reichen Tanzkleidern in
Gold und Silber, der andre mit schwarzen eisernen Harnischen angefüllt war,
alles zur Wahl für diese Tage, wo Tanz und Stechen mit einander wechselten, in
heller Beleuchtung zum Kauf und Leihen ausgestellt. Da sah er sich erst
zweifelnd nach beiden um und beide Verkäufer nötigten ihn mit guten Worten
einzutreten, indem er bei sich bedachte, welches von beiden, der Frauenschmuck
oder die Männerwaffen, mehr Heil und Ehre, mehr Unheil und Schande bereiteten.
Er fühlte sich stark genug, beides, Heil und Unheil zu ertragen, ging erst in
den Laden mit kostbaren Tanzkleidern und wählte eins, das nach seinen Gedanken
der schönen Anna besonders gut stehen müsse, liess es in eine saubre Schachtel
einpacken, zahlte und trat dann zu dem Waffenschmidt. Der Meister sah ihn
seltsam an, dass er zum Stechen eine Rüstung begehre, denn Bertold war wohl von
hohem Wuchse, aber in dem Stubensitzen und Kränkeln etwas dünnlich angewachsen,
obgleich er jetzt in seiner Art wohl aussah. »Es gibt hier starke Renner, glaube
kaum eine Rüstung Euch leihen zu können, die gut schliesst«, sagte der Schmidt.
    Somit rasselte er unter allem alten Vorrat herum, der an der Seite auf einem
Haufen lag, und schrie endlich: »Gefunden, ein rechtes Prachtstück, in alter Art
mit silbernem Blumenwerk ausgelegt, etwas eingerostet zwar, aber dafür seht Ihr
eine Merkwürdigkeit an ihr, die soll einem Hohenstaufen gehört haben, ich
tauschte sie von einem Hohenemser Grafen ein, der dafür eine nach neuem
Zuschnitt annahm, die fest gegen Büchsenkugeln.« Da griff Bertold mit Eifer zu,
lieh sie nicht, sondern gab gleich den geforderten Preis, zog sie an, sie passte
und er gelobte heilig, seinen Ahnen keine Schande zu machen.
    Rasselnd in der Rüstung, die Schachtel in der Hand, während ein Knabe des
Schmidts ihm die Pferderüstung, samt dem Speer nachtrug, trat er an die kleine
Türe des lieben Häuschens, wo er nicht zu klopfen brauchte, da Anna aufmerksam
am geöffneten Fenster seiner geharrt hatte. Er nahm dem Knaben alles ab und trat
mit freundlichem Grusse zur Frau Zähringer, die bei hellem Lampenschein an ihrem
Webstuhl arbeitete. - »Sollte ich mich doch fast vor Euch fürchten«, sagte Frau
Zähringer, »erst kamet Ihr friedlich, nun in Waffen, aber ich habe die Furcht
überstanden, habe oft während des Kriegs mein kleines Haus mit den Waffen
schirmen müssen und der selige Mann gab mir manchmal seine Wehr, wenn er zu müde
war, hinaus zu treten und nach den Fremden zu fragen.« - »Ich komme wie ein
Kriegsmann, der den Frieden erkaufen möchte«, sagte Bertold, »seht, dieses
seltsame Kleid habe ich gekauft, versucht doch Anna, ob es Euch passt; die,
welcher ich es verehren werde, hat gleichen Wuchs mit Euch.« »Gewiss Eure Frau?«
fragte Frau Zähringer, nahm ihrer Tochter den gefalteten, hoch stehenden Kragen
ab, zog ihr das Jäckchen aus, dass Bertold den schönen, vollen Hals und Nacken
und die sanften Umrisse des Rückens mit selig staunendem Blicke, wie ein neu
entdecktes Paradies in bekannter Gegend umspannte und die Antwort vergass. »Eure
Frau kann mit dem Kleide zufrieden sein«, sagte Frau Zähringer, »nie sah ich
schöneren Silberbrokat, die Rosen sind recht natürlich darin gewirkt und gar
köstliche Spitzen im Besatz.« - »Meine Frau«, antwortete Bertold aus dem Traum
aufschreckend, »ich habe keine Frau, ich habe nur eine Mutter, der ich es
verehren wollte.« - »Diese Rosen schicken sich nicht für eine alte Frau«, sagte
Frau Zähringer, während sie sich über Anna innerlich freute, die einer Kaiserin
gleich mit ernst frohem Angesicht in der ungewohnten Pracht auf und nieder
stolzierte, als folge ihr ein ganzer Hofstaat zur Vermählung. - »Es passt mir
gut«, sagte Anna, »mag es Eurer Mutter eben so gut sitzen!« Mit diesen Worten
legte sie es wieder ab, wie es ihm schien ohne Neid, denn auch das schönste
Kleid war nicht wert, so viele kräftige Schönheit zu verstecken, die sie so
wenig erkannte, als versteckte, sondern unbekümmert wie bei ihrer täglichen
Arbeit im knappen Leibchen sich neben dem Geharnischten an den Webstuhl setzte,
wo dieser in spielender Freundlichkeit sich anstellte, als ob er auch die
Weberei lernen wollte. dabei erzählt er, wie viele Webstühle er beschäftige,
ohne selbst etwas davon zu verstehen, und erkundigte sich nach der Gelegenheit,
seinem verlornen Freunde Fingerling am andern Morgen nachzuspüren, dem er die
Leitung dieses Geschäfts hauptsächlich danke. Frau Zähringer versprach, sich
selbst in den Gastäusern und Herbergen am andern Tage nach ihm umzusehen, denn
Anna mochte sie in dem Drange nicht dahin schicken und Bertold möchte sich
nicht überall zurecht finden. Während dieses Berichts nickte Anna mehrmals auf
Bertolds Schulter ein, und fiel gleichsam in einen Kuss gegen seine Wange, ohne
dass sie es wollte, deswegen trieb Frau Zähringer den Ritter in die Giebelstube,
dass alle ihre Ruhe fänden. Welche selige Träume senkten ihren vielfarbig
blühenden Mohn über den müden Ritter, auch Anna träumte und die Mutter auch, die
lange nicht geträumt hatte.
    Früh war er auf, sein Ross tüchtig auszufüttern, das an den vielen
Liebkosungen zu merken schien, es solle nach langer Abwesenheit wieder einmal
die Rennbahn betreten, den Kopf stolz hob und mit den Vorderfüssen arbeitete, als
gehe es schon in den Schranken. Dann ging er in die nahe Kirche zur Frühmesse,
mehr in Erinnerung ritterlicher Gewohnheit, als aus Andacht, denn seine Gedanken
waren ganz allein auf Anna hingerichtet und obgleich wohlgemeint, doch nicht
heilig zu nennen. Ob er sie heiraten solle, ob sie ihn wolle, ob sie nicht zu
jung sei, ob er ihr gleich seine Hand anbiete, ob er prüfend warte, das
schwirrte ihm so im Kopfe umher, dass er nicht auf eignen Rat sich verlassen
wollte, sondern die Vorsehung anzusprechen beschloss, indem er eine Münze für den
Opferstock aus seinem Beutel nahm. Er hatte sich dies als Kind schon in
zweifelhaften Fällen angewöhnt, er warf die mit einem Kreuz auf der einen Seite
bezeichnete Münze in die Höhe, fing sie in der flachen Hand auf, und war diese
heilig bezeichnete Seite oben, so billigte der Himmel seinen Vorsatz. Auch
diesmal erhielt er dreimal das Kreuz hinter einander, somit blieb ihm kein
Zweifel, dass er um Anna bald anhalten müsse. Er ging mutig heim, waffnete sich
und liess sich von Anna einen Kranz auf die Lanze stecken, dann ritt er von einem
gemieteten Knecht begleitet, nach dem Weinmarkte, wo die Schranken eingerichtet
waren. Die Grieswärtel machten ihm in dem Gedränge Platz und er ritt hinter die
Seile, wo seine Waffen von den Turniervögten untersucht und untadelig gefunden
wurden. Dann wurde sein Name aufgezeichnet und er in die innern Schranken
gelassen. Die Pracht des Anblicks blendete ihn einen Augenblick, nie hatte er
einen solchen Haufen geharnischter Reiter, so viele hochgeschmückte Frauen
beisammen gesehen. Wie kann ich da siegen dachte er bescheiden in sich; aber ich
kann doch zeigen, dass ich für Anna alles wage, so dachte er weiter. Bald ward
unter den Frauen ein stürmisches Bewegen, jede suchte sich höher zu stellen, das
Stechen verkündete sich durch ein betäubendes Geschmetter aller Trompeten. Der
Kaiser ritt jetzt mit geschlossenem Helme durch die Schranken, machte aber nur
eine zierliche Wendung gegen Markgraf Kasimir, der ihm folgte, als ob er sagen
wollte er möchte wohl, aber könne nicht stechen, und reihete sich dann mit allen
Fürsten und Herren, die seinem Beispiele folgten, hinter den Schranken der einen
Seite. Als nun die Herren das Stechen abgelehnt hatten, so begann das
Gesellenstechen, auf ein Zeichen des Ehrenhalts, nach welchem die Seile, welche
die Kämpfer zurückgehalten, von den Bahndienern mit scharfem Beil zerhauen
wurden. Je sechs und sechs wurden nun immer aufgerufen und ritten gegen
einander. Das waren nun meist tüchtige Männer, wie sie das Handwerk bildet, aber
nur wenig geschickt und ermässigt, die meisten gaben mehr auf die Derbheit des
Anlaufs, als auf die Richtung und auf die Benutzung der Blösse des Gegners, so
dass der Kaiser, der in allem Meister war, oft herzlich über das Ungeschick
lachen musste, wenn gewöhnlich alle zusammenstürzten. Die dritte Reihe berief
auch Herrn Bertold in die Schranken, er empfahl sich dem Himmel und seiner Anna
und weil er wirklich sein Pferd sehr gut führte, sein Pferd auch sehr gut
eingeritten war, er sich ausserdem die Art des Kaisers wohl gemerkt hatte, so
zeichnete er sich gleich vor allen aus, die bis dahin erschienen. Es geschah
bald seinetwegen Nachfrage unter den Frauen, sein Glück aber erreichte den
Gipfel, als ein Fleischer, mit Namen Kugler, in solchem Ungestüm gegen ihn
anrannte, dass dessen Spiess abgleitete und der Schwankende ohne grosse Gewalt von
ihm abgeworfen wurde, während er sich unerschüttert hielt und gegen einen
zweiten rannte, der schon von einem abgeworfenen Gegner bügellos gemacht war.
Auch dieser fiel, und da inzwischen die andern einander herunter gestossen
hatten, so war er der erste der als Sieger aus einer Reihe blieb und
aufgezeichnet wurde. Von seinem Glücke erfüllt, sah und hörte er nicht, was
weiter auf der Bahn geschah, sein Geschick war entschieden und er konnte ruhig
warten, wenn auch einer noch mehrere niederrannte, einer der Preise musste ihm
werden. Am Schlusse des Rennens wurde ihm von der neu vermählten Markgräfin ein
silberner Becher, mit silbernen Denkmünzen ausgelegt, als Preis überreicht, sie
erkannte ihn wieder, gab ihm die Hand zum Kuss und sprach: »Ei, ei hätte ich Euch
doch nicht angesehen, dass Ihr ein so starker Renner seid!« Kaum hatte er seinen
Dank gesprochen, so trat ihn ein Bote des Kaisers an und nötigte ihn zum
Mittagessen. An den Schranken war ihm eine neue Freude bereitet, hier umhalste
ihn Fingerling, der in Kraft der Empfehlungsschreiben bei Fugger die Nacht
geherbergt hatte, ihn ausrufen hörte und nun auf ihn wartete. Kaum konnte der
gute Alte seinen Jubel mässigen, dass solche Ehre über Bertold gekommen, zugleich
berichtete er ihm, dass ein Bette für ihn im Hause Fuggers bereitet sei und was
er für Angst ausgestanden, seit er ihn im Gedränge aus den Augen verloren hatte.
Bertold ging mit ihm auf dieses Zimmer, zog dort seine Rüstung aus, erfrischte
sich mit Wein, erzählte, wie gut er aufgenommen sei, vertraute Fingerling seine
Liebe, und bat ihn, mit dem Becher zur schönen Anna zu gehen, ihr zu sagen, dass
er nur für sie gewonnen sei, dass er zu alt wäre, um seine Entschlüsse lange
aufzuschieben, sie möchte entscheiden: wolle sie ihm geneigt sein, sie möchte
den Becher ans Fenster stellen, damit er vorübergehend sein Glück erkenne und in
ihr Haus eingehe, oder im Falle sie ihn meide, für immer vorübergehe, sich den
Schmerz und ihr die Verlegenheit zu ersparen. Zwar wollte Fingerling mit
allerlei Rat auftreten, dass Rom nicht in einem Tage erbaut, die Welt nicht in
einem Tage erschaffen sei, weil Eile mit Weile auch bei Gott und den
Weltgeschicken gelte, aber der junge Hohenstaufen sprach aus Bertold mit
heftigem, fast befehlenden Drange, und Fingerling unterwarf sich als ein
ergebener Schneider. So war diese Herzensangelegenheit zu einer Entscheidung
gereift, Bertold fühlte sich leichter, als wäre etwas abgetan, und ging mit
einer frohen Zuversicht nach dem Fuggerischen Saale, wo der Kaiser diesmal die
grossen Tafeln hatte einrichten lassen.
    Gleich beim Eintritt, als der Ehrenhalt seinen Namen nannte begrüsste ihn
Marx von Treitssauerwein, des Kaisers Schreiber, in griechischer Sprache; er
hatte mit ihm schon längere Zeit über einige Komödien des Menander gebrieft, die
damals noch in einem schwäbischen Kloster vorhanden waren, aber bald darauf von
einem hypochondrischen Abte verbrannt wurden. Es war ein freundlicher,
behaglicher Herr, wohl beleibt und den Freuden der Tafel ergeben, wenn er seine
Geschäfte wohl erfüllt zu haben glaubte. Bertold musste sich zu ihm an den Tisch
setzen und sie kamen im Gespräch bald auf den Kaiser; beide liebten und ehrten
ihn, aber beide hatten genug deutsche Wahrheit in sich, durch keine Freude an
Menschen sich blenden zu lassen, sondern das Menschliche in allem Gegenwärtigen
zu erkennen und nur aus der Vergangenheit sich Strahlenbilder fleckenloser
Vollendung zum Vorbild dieser Gegenwart aufzustellen. Der kaiserliche Schreiber
bedauerte, dass das Schauen von unnützen Prachtzügen, von Jagden und Fischereien
dem Kaiser so viel Zeit genommen habe, es würde sonst mehr fürs Wesentliche
geschehen. Bertold gab es zu, doch rühmte er es aus seinem Gefühle, wie innig
ihn die Nähe des Kaisers bei dem heutigen Spiele mit ihm verbunden habe; wenn
die Kaiser so leicht die Ergebenheit der Menschen sich gewinnen könnten, so sei
es nicht verlorne Zeit zu schelten, die sie darauf verwendeten. »Vielleicht«,
sagte er, »würde der deutsche Adel sich auch viel eher in die gute Ordnung
fügen, wenn der Kaiser seine grossen Turniere mehr begünstigte, sie in seiner
Gegenwart halten liesse.« - »Falsch«, sagte Treitssauerwein, »da es unsre geheime
Absicht ist, den Bürgerstand empor zu bringen, so müssen solche Versammlungen
des Adels gemieden werden. Ihr kennt wenig unsern Adel, der steht ein paar
Jahrhunderte zurück, ich meine den auf dem Lande, der denkt noch an die
Kreuzzüge und an die Hohenstaufen, meint niemand über sich als Gott und die
Wahrheit was ist damit bei der jetzigen List und Verruchteit in allem Verkehr
anzufangen. Die Neuerungen, der Landfriede, die ihnen jetzt über den Kopf
weggenommen werden, weil sie vereinzelt sind, alles das ginge zum Teufel, wenn
die Kerls mit einander zur Sprache kämen. Der Kaiser steht hoch über der Zeit,
er hat die Welt kennen gelernt, hat sich wie eine Erdbeerpflanze an zehn Stellen
eingewurzelt, in Spanien, Portugal, Ungarn, Böhmen, und das alles, um sich gegen
dies unser verwirrtes, übermächtiges, deutsches Adelsvolk und die Menge kleiner
Fürsten zu sichern; es geht jetzt ins Grosse, der Adel denkt nur ans Kleine,
verachtet den Handel, statt ihn zu nutzen, verachtet das neue Kriegswesen und
kann doch mit seiner Art nur bei kleinen Zügen etwas wirken; es möchte noch
jeder als Mensch bestehen, während die Geschichte alles zu Nationen
zusammenfegt. Was unser Maximilian und wir nicht erleben, das kommt seinem Sohne
Karl zu Gute, ihm gehört die Welt, die Kirche macht er frei vom Papste, darum
möchte der Kaiser ihm schon auf diesem Reichstage das Reich sichern. Die
widersprechenden Kräfte müssen sich in Neid aufzehren, die Fortschritte der
höchsten Gewalt im Auslande werden auch auf Deutschland einwirken und die
stolzen Fürsten, Kirchen- und Stadtäupter, die wir jetzt dem Adel
entgegensetzen, werden wie ausgepresste Zitronen in ihre Winkel geworfen, wenn
sie unsre Rache gekühlt haben gegen diese übermütige Mittelgewalt, die den
Kaiser kaum wie seines Gleichen achtet.« - Bertold sah verlegen nach dem Boden
und Marx fragte nach der Ursache. »Soll ich's Euch sagen«, sprach Bertold, »der
Kaiser hat immer seine Plane zu weit gemacht, so dass sie nirgends recht passen
wollten, mit aller seiner Tapferkeit und Weisheit ist er in allen Kriegen
schlecht bestanden, wie ist er von den Schweizern vernichtet worden. Er kennt zu
viel fremde Sprachen und fremde Lande, und hat darüber sein eignes vergessen;
ein Volk mag doch nur von dem glücklich regiert werden, der seine Tugenden und
seine Fehler in sich gefühlt hat. Der Kaiser sieht aber nur dessen Fehler, durch
seinen Landfrieden hat er alle ritterlichen, bisher geehrten Verhältnisse für
Strassenraub erklärt, Volkssitte lässt sich nicht wie ein Wams umschneidern. Der
Kaiser meint, wenn der Adel unter sich friedlich lebte, so könnte er ihn um so
eher gegen gefürchtete Fürsten aufhetzen, aber die sich erst an ein
Zuhausesitzen, wie die Bauern gewöhnt, lassen sich eher von dem brauchen, der
ihrem Hause am nächsten, als von dem überall weit entfernten, fremden Kaiser.
Der Kaiser will sich ein unabhängiges Heer in den Landsknechten erziehen, dass er
der Lehnsfolge entbehren kann, er mag aber wohl bedenken, dass er einen Haufen
ohne anders Vaterland, als das, wo es Geld gilt, sich bildet, und dass dieses
Heer jedem dienen wird, auch dem Welschen, wenn er sie bezahlt.« - »Wird der
Kaiser noch Papst«, antwortete Treitssauerwein, »so macht er aus den
Landsknechten einen geistlichen Ritterorden, gibt ihm liegende Gründe in
Deutschland und Italien, wer möchte ihm dann widerstehen; das Papsttum macht er
erblich, indem er allen Geistlichen das Heiraten erlaubt, römisches Kaisertum
und römisches Papsttum ist dann unauflöslich verbunden, der alte Spuk mit den
Hohenstaufen und ihren vermeintlichen Abkömmlingen, die überall und nirgends
stecken, sinkt wie die Stunde schlägt.«
    In diesem Augenblicke wurden sie durch ein Lärmen vor dem Fenster gestört,
das Volk schrie und lachte, alle traten an die Fenster. Sie sahen Kunz von
Rosen, den Hofnarrn des Kaisers, der wie ein Huhn, das Enten ausgebrütet hat,
neben dem Brunnen umher lief, in welchem drei Bettelmönche umher schwammen und
sich wie gebadete Mäuse heraus arbeiteten. Kunz kam dann heran und erzählte, mit
welcher Begierde die Mönche dem Essen zugesehen und auf den Zehen am Rande des
Brunnens gestanden hätten. Er habe sich zu ihnen gestellt und getan, als ob er
das Gleichgewicht verliere, einer habe sich am andern fest gehalten, einer den
andern hinein geworfen, »so geht's den deutschen Fürsten bald auch«, damit
schloss er. - »Aber wirst du auch Ablass bekommen?« fragte Marx. - »Den habe ich
schon, seht da in der Tasche, auf eine Sünde, die ich mir vorgenommen, den hatte
ich eben von ihnen gekauft«, antwortete Kunz. »Der eine graue Esel predigte
heute, so wie der Pfennig in des Papstes Kiste falle, so müssten bei dem
Silberklange die Teufel eine erlöste Seele loslassen. Ich antwortete ihm darauf
aus der Menge: Der Papst sei grausam, dass er bei seinem Reichtum nicht alle Tage
eine Million in den Kirchenkasten würfe, dass es recht klappere, er könne sie
alle Abend wieder heraus nehmen, so hätte er keinen Schaden und die armen Seelen
hätten den Nutzen.« - Jetzt rief der Kaiser den Kunz ab und dieser tat so
eilfertig, als ob etwas Wichtiges bevorstehe, warf aber im Vorbeigehen ein
prachtvolles, venedisches Trinkglas vom Kredenztische, das der Augsburger Rat
dem Kaiser verehrt hatte. - Die Ratsherren sprangen erschrocken und zornig auf,
viele nannten den hohen Preis des Glases, andre suchten die Stücke auf, als ob
sie das Glas wieder zusammen leimen wollten, andre baten beim Kaiser, den Narrn
zu strafen, der sich so ungeschickt durch kluge Leute dränge. Kunz warf sich vor
dem Kaiser nieder und fragte ihn, ob wohl einer von diesen, die sich für klug
hielten und ihn für einen Narrn, so wie er zu ihm durch den Graben geschwommen
wäre, ihn zu sehen, ihn zu retten, als er in den Niederlanden gefangen sass. -
Maximilian klopfte ihm freundlich die Backen und sagte: »Mit den Narren ist
immer am meisten auszurichten in der Welt, darum nimm den Titel für keinen
Tadel: Ihr Herren beruhigt euch, ich habe das Glas verloren, aber ich will nicht
vergessen, dass ihr es mir geschenkt habt. Wäre es von Silber gewesen, da könnten
wir die Stücke noch brauchen und doch kostet es so viel, wie das feinste Silber
und das Geld kommt unsern Feinden, den Venezianern zugute.« - Bei diesen Worten
merkten die Ratsherren, dass Kunz nur ausgeführt hatte, was seinem Herrn durch
den Kopf gegangen, sie konnten nichts darauf entgegnen und der Kaiser hob mit
einem Trunk auf das Wohl aller Jungfrauen der Stadt Augsburg die Tafel auf.
Diese Gesundheit trank Bertold mit Innigkeit herunter.
 
                               Vierte Geschichte
                                   Die Ringe
Ehe Bertold sich auf den Weg machte, sein Geschick zu erfahren, trat ihn
Treitssauerwein an und flüsterte ihm ins Ohr, er möchte sich bereit halten, am
nächsten Morgen mit dem Kaiser zu sprechen, der ihn zu einigen Nachforschungen
ausersehen habe. Bertold fragte bestürzt, ob er sich vielleicht vorbereiten
könne auf diese Unterredung, wenn er ihm den Gegenstand der kaiserlichen
Wissbegierde anzeigte. Der Geheimschreiber meinte, es würde wohl von den
versteckten Hohenstaufen die Rede sein, für die unter den Bauern ein Anhang
gesammelt werde. Mit diesem Worte entliess er ihn und Bertold ging doppelt
angeregt durch die Stadt zu den stillen Vorstadtgassen. Als er sich dem kleinen
Hause näherte, das mit Weinreben bezogen, durch kleine Blumengärten vor den
Fenstern gegen Neugierde gesichert war, da sah er am Fenster eine seltsame,
zweifelhafte Erscheinung. Er sah seinen Becher abwechselnd erscheinen und
verschwinden! - Lag dieses Glanzspiel in seinen Augen, wallte die Luft von der
Sonne erhitzt? Jetzt war er verschwunden, und schon wollte er sich traurig zum
Stadttore zurück wenden, da blickte er noch einmal nach dem Hause, wie zum
Abschiede und sah den Becher vor dem Fenster. Er nahte sich jetzt schnell und
sah, dass Anna mit der Mutter und Fingerling am Fenster stand, dass die Mutter den
Becher neckend zurückzog, wenn jene beiden ihn hinaus gestellt hatten und seine
Sorge löste sich in lebhafte Freude. Er sprang eilig ins Haus, dass ihn keiner
bemerkte und lauschte nun durch die offene Stubentüre. Die Mutter sagte, Anna
sei jung und unbesonnen, sie dürfe nicht gleich dem fremden Manne trauen, keiner
wisse, ob er nicht zehn Bräute habe sitzen lassen, dann sei er auch älter, wie
sie, könne wohl eifersüchtig, böse und herrisch im Hause sein und ihr die Armut
vorrücken, weil sie ihm wenig mitbringe, vielleicht wolle er sie nur als eine
dienende Krankenwärterin seiner späteren Jahre sich annehmen. - Aber Anna
schwor, keiner könne das glauben, der Bertold einmal recht angesehen habe, sein
Antlitz sei von Ehre, Ehrlichkeit, Milde und Frömmigkeit erhöht und geläutert,
dass er ihr jugendlicher scheine, als Kugler und andre, die so lange sich um ihre
Hand beworben hätten. Sie schwöre bei der heiligen Radiana von Wellenburg in ein
Kloster zu gehen, wenn die Mutter diese Vermählung, dies vom Himmel ihr seltsam
bescherte Glück, verhindern wolle. Die Mutter antwortete darauf: »Anna, du hast
kein geistliches Blut, du bist ein frisches Mädchen, aus deinen Augen blicken
freudige Kinder, darum magst du ihn heiraten, wenn du nicht anders willst; aber
ich hätte dir einen jungen Mann gegönnt, dass euer überflüssiges Leben mit
einander aufgegangen wäre und dass nicht eines dem andern nachtrauern muss.« - »Du
weisst Mutter«, antwortete Anna, »die jungen Leute haben mich immer mit ihrem
Schöntun traurig gemacht, als kämen ihre Worte nur aus böser Lust, als würden
sie mich gern verderben, wenn ich es zuliesse. Bertold sagt wenig, aber seine
Liebe sieht ihm aus den Augen, er hat mich lieber, als sich selbst; ihm könnte
ich mein lebelang gern und treulich als Magd dienen, wenn es mir versagt wäre,
seine Frau zu sein.«
    Bertold trat jetzt gerührt zu Anna, die etwas zusammen fuhr, weil sie sich
belauscht sah, nahm ihre Hand, drückte sie an sein Herz und sprach: »Anna, du
hegst so fromme, sanfte Wünsche, du denkst so gut von mir, es ist wahr, was du
von meiner Liebe zu dir denkst, wir werden glücklich sein, wenn nur nicht die
Verschiedenheit unseres Alters uns so bald zu scheiden drohte. Ach, liebes Kind,
daran bin ich jetzt zum erstenmal erinnert, das hat mir noch keiner gesagt und
seit ich gesund worden, fühle ich mich so frisch und lebenslustig, wie damals,
als mir das Geschick das erste Liebesglück entrissen.« - Fingerling, der bisher
still geschwiegen, wollte Bertold etwas mitteilen, aber Anna liess ihn mit den
Beteuerungen, dass sie Bertolds Alter nicht wahrnehme, dass ein Traum ihr gesagt
habe, sie werde eher sterben als er, nicht zu Worten kommen. Endlich sagte die
Mutter: »Es ist eine seltsame Geschichte und es muss wohl der Wille des Himmels
sein, dass sich alles so fügen musste; die Leute werden meinen, ich hätte Euch
künstlich in mein Haus gelockt, wie in ein Garn, um mir einen reichen
Schwiegersohn zu erwerben. Aber ich will es beweisen, dass ich mich nähren kann
und nähren werde künftig, wie jetzt, von meiner Hände Arbeit.« - Als Bertold
diese trostreichen Worte vernahm, da zog er von seinem Finger den Ring, den er
einst Apollonia zu geben durch die Schrecken und Wonnen des stürmischen
Geschicks verhindert worden. »Es ist ein bedeutungsvoller Ring, den ich Euch
biete«, sagte er, »nur der sollte ich ihn verehren, der ich mich auf ewig
verbinden wollte und Ihr erbt ihn von der, die ihn nie empfing, die mir früher
entrissen wurde, ehe sie meine Liebe kannte, der ich jahrelang vergeblich
nachgeseufzt und die ich in Euch wieder liebe und die mir nach dreissigjähriger,
treuer Hoffnung sie zu finden, bei Eurem Anblicke in einem Augenblicke
verschwunden ist.« - »Bin ich es wert«, fragte Anna mit niedergeschlagenen
Augen, »so lange gehegte Neigung zu verdrängen?« - »Wer kann Unschätzbares
messen«, sagte Bertold, »gibt's in dieser seligen Fülle meines Herzens eine
Kränkung, so ist es nur ein inniges Bedauern, dass ich so lange einer andern
denken konnte: Nimm den Ring Anna.« - Sie nahm den Ring und steckte ihn an ihre
Hand, während sie schmeichelnd einen Ring der Mutter vom Finger zog und ihn
Bertold überreichte. - Bertold wollte den Ring küssen, als seine Augen darauf
verweilten, er mit einer Hand seine Stirne deckte, als ob er sich an etwas
erinnert fühle, während er ihn mit der andern dem Fenster näherte. Endlich
sprach er, als ob es ihm dämmerte: »Ihn trug die Mutter, sie gab ihn Apollonien,
o sprecht: wie kam dies werte Andenken an Euch?« - Jetzt konnte sich Fingerling
nicht länger halten, er drängte sich vor und sprach in seiner lebhaften
Beweglichkeit: »Warum wolltet Ihr mich nicht hören, ich wollte es Euch
zuflüstern, als Ihr eintratet, es ist gewiss seltsam, dass Ihr sie nicht erkannt
habt, ich brachte es doch gleich heraus, wie sich Menschen in dreissig Jahren
verändern; gross war Apollonia, aber wie ist sie so stark geworden, das kommt von
der Arbeit; so nahe war sie uns und wir schrieben an alle Handelsfreunde
vergebens.« Bertold sah jetzt Frau Zähringer tief in die Augen und sprach:
»Verzeihet mir, ich kann dem guten Manne diesmal nicht glauben, dass Ihr meine
Apollonia gewesen.« - Frau Zähringer wischte eine leichte Träne aus den Augen
und sprach: »Der alte Name, so lange nicht gehört, wieder einmal von geliebten
Lippen ausgesprochen, führt mir die ganze Reihe verlorner Hoffnungen und Wünsche
zurück. Seid glücklich mit meiner Anna und habt Ihr mich je geliebt, nun ist
nichts verloren, was macht die grimme Zeit aus dem Menschen, kaum kann ich mich
in die alten Tage zurück denken. Ich habe Euch wohl nicht so geliebt, wie Ihr
mich und wie Ihr es verdient hättet, - Anna ist mehr zärtlich und nachdenklich
als ich, ich verliere mich bei jeder Tätigkeit; ich dachte nicht in der
Unglücksnacht, dass ich Euch entrissen werden könnte und doch habe ich mich hier
vermählt, als der Vater starb; - ich hatte Euch keine Treue geschworen und ich
war hier einsam und verlassen.«
    Bertold unterdrückte mit einem Kusse jede Entschuldigung, er glaubte sie
jetzt in jedem Zuge, in ihrer Stimme wieder zu gewinnen, er fand sich mit dem
Geschick des ganzen Hauses jetzt so mannigfaltig verflochten, dass die Freude der
Verlobung von der Neugierde, wie es der Mutter ergangen, unterbrochen wurde, im
Hintergrunde regte sich das Gefühl, ob er ihr nicht Treue schuldig sei, ob sie
seinem Alter nicht angemessener sei, als die Tochter, er fühlte sich zu beiden
gezogen, aber den Widerspruch, der darin lag, fühlte er eigentlich noch nicht.
Frau Zähringer machte ihn nun zum Vertrauten ihrer unglücklichen Geschichte.
    Ihr Vater hatte das kleine Haus, das sie noch bewohnte, unter anderm Namen
zum Zufluchtsort gekauft, Kleider und Namen wurden geändert, so entkamen sie
aller Nachforschung, aber nicht der steten Angst, verraten zu werden. Alle
Anschläge des Vaters, im Handel sein Glück zu begründen, wurden durch die
Nichtswürdigkeit eines Vertrauten umgestossen, der ihm das bei ihm niedergelegte
Geld nicht unter seinem jetzigen Namen ausliefern wollte. Sein Stolz musste sich
herablassen, er nährte sich mit Schreibereien, während Apollonia alles zu nutzen
wusste, was sie bei den Nonnen in Weberei und andrer wirtschaftlichen Arbeit
gelernt hatte. Der Vater sank immer tiefer, denn er übergab sein quälendes
Bewusstsein der Zerstreuung im Trunk und vernachlässigte seine Arbeit. Der
trunkne Müssiggang führte ihn in das Haus einer bösartigen Witwe, die ihn an sich
zog, um Apollonien in ihre Gewalt zu bekommen und sie einem scheinheiligen
Sünder zu verkaufen. Die Angst in diesem Verhältnisse, Apollonia von Arbeit
erschöpft, vom Vater misshandelt, von der Nachbarin mit Lug und List gedrängt,
hatten alle höhere Wünsche ihres Herzens unterdrückt, sie betete nur, ehrlich
durch die Welt zu kommen. Und der Himmel gewährte ihr diesen Wunsch durch einen
Landsknecht, der vor dem Hause bettelte, als eben der trunkene Vater mit
Schelten heimkehrte. Sie klagte vor sich, wie sie mit dem Vater fertig werden
wolle, der Landsknecht bot ihr seine Hand, er wolle ihr schon Ruhe schaffen, er
wisse etwas gegen die Trunkenheit, sie möchte ihn nur ins Haus aufnehmen. Sie
nahm ihn auf wie einen himmlischen Boten, er setzte sich zum Vater und schüttete
ihm etwas in den Wein, den jener noch mit sich brachte, um ja nicht ein Funklein
Bewusstsein übrig zu behalten. Als er das herunter trank, machte er ein grimmig
Gesicht und mochte keinen Tropfen mehr trinken. So wusste auch der Landsknecht
jener Frau, die den Vater in ihrer Gewalt hielt, etwas anzuheften, dass der Vater
grossen Überdruss gegen sie empfand. Nachdem er durch seine Künste das Haus
gereinigt hatte, vermählte sich ihm Apollonia, aber nie gab sie ihm den Ring,
den sie einst Bertold bestimmt hatte. Der Landsknecht, Zähringer war sein Name,
nährte sich und die Frau von vielen kunstreichen Heilmitteln fürs Vieh, auch vom
Ratten- und Mäusegift, das er für Geld legte, andre Übel wusste er zu besprechen.
Der Vater half ihm dabei, starb aber, noch ehe Anna geboren, nicht ohne
Verdacht, die Ratten um Gift betrogen zu haben; ihn quälte ein steter
Lebensüberdruss, seit ihm der Wein verleidet worden, ein Durst und eine Begierde,
die er nicht befriedigen konnte. Apollonia machte dem Manne Vorwürfe, dass er
ihren Vater umgebracht habe mit seinen teuflischen Mitteln, sie drohte ihn
anzugeben, wenn er nicht von der schwarzen Kunst ablasse. Er schwieg und ging
aus dem Hause und liess sich seitdem nicht wieder sehen. Sie hatte Anna bald
darauf geboren, sie durch ihrer Hände Arbeit auferzogen, bis sie geschickt genug
wurde, ihr helfen zu können. Sie schloss mit der Versicherung, indem sie Bertold
weinend umarmte, dass es ihr vielleicht unmöglich geworden wäre, ihrer Neigung zu
ihm zu entsagen, nun der Zufall ihn ihr so unerwartet zurückgeführt habe, ja
unmöglich wäre es ihr geworden, ihre Neigung dem Wunsche ihrer Tochter und
seiner Liebe zu ihr aufzuopfern, wenn nicht die Ungewissheit, ob ihr Mann noch
lebe, ihr jede Verbindung untersage, und darum müsse sie die Wege des Himmels
preisen, die ihr bis dahin so unverständlich gewesen. - Mit inniger Beklemmung
hörte Bertold dieses offene Bekenntnis ihrer Neigung, er fühlte auch für sie
ein zärtliches Nachgefühl seiner Jugendsehnsucht, aber er liebte mehr jenes
Bild, das er so lange in seinen Gedanken getragen, das ihm viel lebendiger in
der Tochter, als in der Mutter selbst wieder begegnete. Die Tochter hingegen
zeigte eine seltsame Eifersucht gegen die Mutter, sie stellte sich zwischen
beide und sprach klein laut, dass sie zurücktreten müsse, weil die Mutter ein
älteres Recht zum voraus habe. Die Mutter achtete dieser Ziererei ihrer Tochter
nicht, sondern gab ihr einen Backenstreich, dass sie sich in die Angelegenheiten
ihrer Mutter mische, und legte die Hände Bertolds und Annens zusammen, nahm den
bescheidnen Fingerling zum Zeugen und öffnete das Fenster, dass der Himmel ihren
Segen über beide höre, wenn sie einander lieb und getreu blieben und ihren Fluch
über den, der den andern böslich verlasse; wenn sie noch lebe, wolle sie dem ihr
Gürtelmesser ins Herz stossen. - Die Frauen trugen nämlich zu jener Zeit ein
Küchenmesser neben der Geldtasche am Gürtel und sie sprachen gern davon, wie die
Männer von ihren Degen. Die beiden Glücklichen hörten nur den Segen, sie
glaubten nie des Fluchs zu bedürfen, der Himmel war noch abendklar und sie
vergassen in seliger Beschaulichkeit, dass ihnen noch ein grosses Fest bevorstand.
    Bald aber erinnerte sie daran der Gruss eines starken Mannes, der sich mit
einer Kiste dem Hause nahte und Anna einen guten Abend bot. »Das ist Meister
Kugler, der reiche Schlächter«, sagte sie ärgerlich zu Bertold, »der freit um
mich schon seit einem Jahre und ich kann ihn nicht los werden, nun will er uns
noch den schönen Abend verderben.« - »Bei Verlobungen und Hochzeiten kommen
immer überlästige Gäste«, sagte die Mutter, »aber das befehle ich dir, sei nicht
hart gegen ihn, niemand meint es besser, wie der; wäre Bertold nicht zwischen
gekommen, du hättest ihn doch heiraten müssen.« Nun trat der Meister hinkend ein
und erzählte, dass er ein schönes Kleid bringe und sich Annens Gesellschaft zum
Ball erbitte. - Die Mutter aber dankte ihm freundlich, drückte ihm die Hand,
indem sie ihm versicherte, ihre Tochter habe schon einen Begleiter, dieser
Begleiter sei Bertold, ein alter Freund von ihr und jetzt der Tochter
Verlobter. Kugler starrte Bertold an, der starke Mann musste sich halten, so
überraschte ihn die Nachricht, endlich fasste er sich und sprach: »Herr Bertold,
Ihr seid zu meinem Ärger auf die Welt gekommen, erst stecht Ihr mich heute aus
dem Sattel und jetzt bei dem Mädchen aus. Beim heiligen Kristophel, wenn ich
Euch so ansehe, ich kann's nicht glauben, dass ich Euch unterliegen musste, wovon
ich noch am linken Fusse hinke, der Fuss tut mir sehr weh. Nun sagen auch die
Leute, Ihr wäret des Kaisers Liebling und aller heidnischen Sprachen Meister. Da
sagt mir beim heiligen Kristophel, was wollt Ihr mit der grossen Dirne noch dazu,
die lasst mir. Ihr kriegt überall eine vornehmere und reichere, die in
Gelehrsamkeit erzogen ist, ich aber kann keine andre brauchen, als so eine, die
ein halbes Rind aufheben und an den Haken hängen kann, wenn ich gerade nicht im
Scharrn bin, auch muss sie den Lehrburschen eins verreichen können, wenn sie die
Wurst nicht fein hacken.« - »Lieber Meister«, antwortete Bertold, »unser
Ännchen kann mehr, als das, wollt Ihr nur ein starkes, grosses Mädchen, ich
schaffe Euch in Waiblingen ein Dutzend zur Auswahl.« - »Darauf gebt mir die
Hand«, antwortete Kugler, »und so will ich mir Annen aus dem Kopf schlagen, aber
das Kleid kann sie wohl von mir noch annehmen.« - »Das ziehe ich an«, sagte die
Mutter, um ihn zu versöhnen, »denn für die Tochter hat Bertold schon gesorgt,
Ihr fahrt mich und bildet Euch ein, ich sei Eure Braut.« - »Ei Mutter«, sprach
er, »mache einen rechten Ernst daraus, ich bin dir auch recht gut und in der
Wirtschaft bist du noch brauchbarer, als Anna, ich werde gar zu sehr betrogen,
wenn ich länger allein wirtschafte.« - »Nun das hat Zeit«, sagte die Mutter
Apollonia, »wollen uns darüber noch ein zehn Jahre bedenken, aber zum Tanz gehn
wir mit einander, lasst uns nur das Zimmer frei, damit wir uns dazu ankleiden
können.«
    Bertold führte den heiratslustigen Meister in die Laube vor der Haustüre,
übersah so die Strasse und sprach, um von dem unbequemen Verhältnisse des Mannes
zu Annen abzukommen: »Es ist doch eine herrliche Sache um den Eifer fürs gemeine
Wohl, der in Reichsbürgern liegt, auch in den Vergnügungen zeigt es sich, sie
lieben das Öffentliche und Gemeinsame und setzen darin ihre Ehre, während die
Bürger andrer Städte ihre Feste lieber im engen Hause unter wenigen Verwandten
feiern und keinen Kreuzer für öffentliche Lustbarkeiten zusammensteuern mögen.
Und wie sie zur Lust nicht gemeinsam gesellt sind, so trifft auch jedes Unglück
den einzelnen vernichtend, denn jeder fängt mit seiner Dummheit zu leben an und
muss auch damit auskommen. Ja ich sage Euch, bis in Kleinigkeiten macht sich eine
freie Stadt kenntlich, schon in den herrlichen Glocken tönt's entgegen aus der
Ferne, da darf keine gesprungene scharren, dann kommen viele zierliche Gärten
und auch im ärmsten ist noch etwas für den Anblick getan, die Zäune verziert und
angestrichen, die Stadtmauern und Tore sind aber vor allem gut erhalten und aus
den reinlichen Häusern strecken sich überall die Gewerbszeichen, wie
Siegesfahnen heraus und die Wirte stehen ruhig und fest in den Türen, sie
wissen, dass sie mit zu regieren haben. Sehe ich nun die vielfachen Waren in den
Läden, so erkennt sich gleich die allgemeine Verbindung unter den Städten, der
keine Entfernung zu weit ist, das Nützliche und Künstliche gegen gemeine
Landeserzeugnisse einzutauschen. Im Einheimischen ist alles kunstreicher, das
Brot weisser, die Semmel in allerlei lockenden Gestalten, die Braten kunstreich
in der Haut gekerbt, dass Hirsche und Hasen drüber zu laufen scheinen.« - »Es
gibt nur ein Augsburg«, rief Kugler, »wir Augsburger haben den Schelm im Nacken,
ich sage Euch, zwölftausend Ochsen schlachten wir jährlich und darunter sind
rechte Kerls. Auf unserm Kornhause bewahren wir hundertundeinjährigen Roggen,
habe selbst davon kürzlich ein Probebrot gegessen, es ist etwas schwärzer, aber
sehr nahrhaft; wir haben einen Tanzsaal erbaut, da können dreihundert Paare
schleifen, wir haben einen Knopf auf die Hauptkirche gesetzt, der wiegt 309
Pfund. Das Sprichwort sagt: Nürnberger Hand geht durch alle Land, aber nichts
geht über Augsburger Geld, das gilt in der Neuen Welt. - Übrigens wird es mit
dem Gelde bald aus sein«, fuhr er bedenklich fort, »die reichen Geschlechter
kaufen sich ausserhalb Güter, wie kleine Königreiche, die Alten bleiben nun wohl
unter uns, aber die Jungen sind schon mehr in Cadiz, Lissabon und Antwerpen, als
bei uns zu Hause, und hätten unsre Zünfte nicht seit dem Aufruhr im Jahre 1368
die Hälfte der Ratsstellen zu besetzen, so würden wir vielleicht künftig von den
Landgütern der reichen Geschlechter, wie Ihr von Stuttgart aus befehligt. Mit
dem heimlichen Gerichte hätten sie uns gern untergezwungen, aber wir haben die
heimlichen Boten mehrmals so wacker durchgebläut, dass sie nicht mehr wagen, sich
unserm Weihbilde zu nahen. Hört, lieber Bertold, Ihr müsst Euer Wappen in mein
Gesellenbuch malen, Ihr sprecht so vernünftig, dass ich Euch recht achte und
ehre.« - »Recht gern«, antwortete Bertold »aber ich habe kein Wort gesagt, nur
wollte ich Euch bemerklich machen, dass die heimlichen Gerichte eine Freiheit und
keine Last, Hohe und Niedre durch gleiches, unabwendbares Gesetz richten
sollten. Dazu bedurfte es des Geheimnisses, damit sich keiner dem entziehen
konnte, es wurde gefürchtet und hat doch nicht halb so viel Blut vergossen, als
die Halsgerichte jeder Stadt und jedes Fürsten.« - »Ich kann es doch nicht
leiden«, sagte Kugler, »was ich für ehrlich halten soll, das muss öffentlich
getrieben werden, schon in den Zünften sind mir zu viele Geheimnisses, ich will
alles klar und deutlich.«
    Inzwischen waren Mutter und Tochter mit ihrem Anzuge fertig geworden und
traten mit einer Laterne heraus, um den Weg nach dem Tanzsaale einzuschlagen.
Die Mutter erregte diesmal die meiste Verwunderung, besonders bei Kugler, der
sie nie recht anzusehen verstanden hatte, oder weil der schöne Anzug überhaupt
dem Nachsommer, wegen des kalten Windes, der noch immer drin weht, nützlicher
ist, genug, sie schien in der Pracht ganz verjüngt, ihre Farbe in der
ungewohnten Bewegung lebhaft, ihre Augen glänzten, sie hätte eher für eine
ältere Schwester, als für die Mutter gelten können; ihr Anstand war vortrefflich
und mit dem Kleide schien sie auch die angewöhnte Härte und Roheit des Ausdrucks
abgelegt zu haben. Dem guten Fingerling wurde das bescheidne Los zugeworfen, ein
Wächter des Hauses in dieser Nacht zu sein. Er fühlte sich dabei sehr zufrieden,
da er sich heimlich auf einen schnellen Ritt nach Waiblingen vorbereitete und
ausruhte, der alten Mutter diese Verlobung so gut wie möglich beizubringen, denn
er machte es gern allen recht, denen er sich verpflichtet hielt.
    Unter grossem Drang, den nur Kuglers mächtige Gestalt durchbrechen konnte,
kamen sie in den herrlich beleuchteten Tanzsaal, der schon von dem Glanze der
Reichen wie ein wogendes Meer blickte, während die Pfeifer und Trommelschläger
durch Bässe und Posaunen verstärkt, mit den Geigen und Trompeten auf den
verschiedenen Bühnen wetteiferten, sich trennten und wieder verbanden. Als aber
der Kaiser (an seiner Seite Matäus Lang, der Bischof von Gurk) eintrat, da
verbreitete eine Stille allgemeine Ordnung. Die Gesellschaft ging paarweis
geordnet an dem Kaiser vorüber und er reichte jeder Frau oder Jungfrau eine
duftende Blume aus den Körben, welche seine Edelknaben hertrugen. Anna erhielt
von ihm eine Rosenknospe und die Mutter eine stark aufgeblühete Rose. Beide
wunderten sich über die frühzeitige Menge aller Blumen, es waren aber künstliche
Blumen aus Draht und Seide, denen durch wohlriechende Öle der natürliche Geruch
verliehen war. Kunz von Rosen eröffnete dann den grossen Reihentanz, indem er mit
einem Degen viele künstliche Fechtersprünge machte, um einen freien Raum im
Saale zu gewinnen, dabei sang er:
Platz, Platz uns jungen Gesellen,
Wir wollen zum Tanze uns stellen,
Wer reicht mir den Kranz,
Ich führe den Tanz.
Ich bin ein Geschlechter,
Ein stattlicher Fechter,
Ich kann euch beschützen
Mit Messern und Witzen,
Will einer euch kränken,
Ich will's ihm nicht schenken.
Kann schweben und schwanken
Mit Herz und Gedanken,
Kann treten und springen,
Wie Pfeifen erklingen,
Kann drehen und wenden
Mit drückenden Händen,
Mit klopfendem Herzen,
Mit jauchzenden Scherzen;
Es folgen mir alle
Mit freudigem Schalle,
Schnell spielen die Geigen
Den freudigen Reigen,
Es schwanken die Dielen
Je höher sie spielen,
Es stäubet das Haus,
Da geht es zum Schmaus,
Da geht es zum Wein:
Nun Liebchen, schenk ein!
»Das nenn ich ein Kränzelsingen«, rief der begeisterte Kugler und trabte scharf,
wie ein Gaul, wegen seines hinkenden Beines. Bertold erschrak über sein
teuflisches Trampen, aber viele andere machten es nicht besser, der gute Kaiser
mochte wohl darüber so lachen, er konnte sich gar nicht beruhigen und setzte
sogar des Bischofs grosse Brillengläser auf, um diese halsbrechende Arbeit recht
genau zu betrachten. Als endlich die Männer von Schweiss triefend, als ob sie
Holz gesägt hätten, ihre Schritte hemmten, liess der Kaiser den reichen
Ratsherren Stutzer zu sich kommen, von dem nachher alle windige Bursche den
Namen behalten haben, und machte den Wunsch ihm bekannt, von den jungen Frauen
und Mädchen unter sich einen Reihentanz aufführen zu sehen. Die Frauen traten
zusammen, Stutzer berichtete, der Vortrag wurde überlegt: wer war nun alt? Bald
hätten sich die Frauen darüber verfeindet, aber Kunz sprang hinein, holte die
Schönsten paarweis heraus und sagte: »Wer schön, ist jung!« Es mochte wohl für
Frau Zähringer zeugen, dass sie mit der Tochter zusammen in den Tanzkreis geführt
wurde. Nun erfuhr man erst, was es heisse, zierlich zu tanzen, nie hatte ein
Augsburger solche Kunst in den Frauen geahndet, was der Kaiser beim ersten Blick
aufgefasst hatte. Die trabenden, tropfenden Männer standen rings, wie verzuckt,
denn die lebendigste, mannigfaltigste aller Künste, der Mittelpunkt aller, die
lebendige Malerei, Bildnerei, in der nach dem Sinne der Freude und Leidenschaft
wechselnde Musikbewegung sich gestaltet, die hochherrliche Tanzkunst war ihnen
in dieser freudigen Nacht aufgegangen, keinem aber so schön, wie unserm
Bertold, denn seine Anna übertraf alle in der Sicherheit schöner Bewegung! So
schön und kräftig war keine gewachsen, das zeigte sich erst hier durch die Anmut
ihrer Bewegung, wie die Schönheit eines Bildes durch richtige Beleuchtung. Kaum
wagte er mehr aufzublicken, so viel Lob erhielt sie überall, er betete in sich,
dass sie keinen dieser Verehrer liebenswürdiger als ihn finden möchte, zugleich
beseufzte er die vielen Jahre, die er unter den Büchern, ohne Anschauung aller
lebenden Herrlichkeit hatte zubringen müssen. Dem Blute Antons dankte er diese
Verwandlung, er wollte es gerne nicht vergessen und doch mochte er nicht gern
daran denken, es war ihm, als ob jener dadurch auch ein Recht an seine Braut
gewinne, das er niemand gönnte. Sonst war er nicht eifersüchtig, vielmehr freute
er sich über den Ratmann Stutzer, der gegen die schöne Alma so viele artige
Dienerlein machte, dass es wie ein Kinderspiel aussah. Dieser Stutzer war ein
seltsamer Gesell, er stellte sich viel schlimmer an, als er war und hätte gern
aller Welt Liebeshändel einzubilden gewünscht, die er weder haben mochte, noch
hätte bestreiten können. Er sprach bald Frau Zähringer ins Ohr, bald Anna, und
dann sprach er wieder halb laut vor sich, wenn er von ihnen fern, und
verwünschte das Mädchen, es habe ihm ein Liebes angetan, und es könne doch
nichts daraus werden, da er schon zu viel Liebschaften habe. Darum machte er
Annen aus der Ferne ein ganz saures Gesicht, als ob er in ein Essigfass gerochen,
und schwänzelte dann wieder freundlich zu ihr, weil eben ein andrer mit ihr
sprechen wollte.
    Dem allen sah Bertold mit einem Gefühle der vollkommensten Sicherheit zu
und ging unbekümmert in einem Gespräche mit Kunz, der sich durch Treitssauerwein
mit ihm hatte bekannt machen lassen, durch die Nebenzimmer umher. Er war
verwundert über den seltsamen Mann, der neben seinen Possen den tiefsten Ernst
in sich zu beherbergen vermochte. Unter den gelehrten Gesprächen über die
griechische Literatur hatte ihn Kunz unbemerkt durch alle Zimmer des Hauses bis
unter den Haufen geführt, der vor dem Hause unter manchem rohen Gespäss dem Feste
zuzusehen strebte, aber immer wieder von kaiserlichen Hartschierern und
Trabanten zurück geworfen wurde. Verwundert fragte endlich Bertold: Wohin er
ihn führe und ob er ihn auch anführen wolle. - »Nein«, sagte Kunz, »aber ich
habe mit Euch etwas vor, es ist mit Treitssauerwein verabredet, ich konnte es
besser ausführen, weil niemand hinter meinen seltsamen Gängen und Sprüngen etwas
Ernstaftes sucht. Die Stimme unsres Volks, die Stimme Gottes, Luter ist hier,
der Kardinal kann ihn nicht mit Wortstreit, nicht mit Drohungen dahin bringen,
seine Sätze zurück zu nehmen, er will ihn jetzt mit heimlicher Gewalt
vernichten; ihn lebend oder tot nach Rom zu bringen, hat er Befehl und bei dem
vielen armen und fremden Gesindel könnte ihm dies wohl gelingen. Luter muss
fort, aber so unbemerkt, dass es morgen noch niemand weiss, dass keiner den Kaiser
als Mitgehülfen seiner Flucht denken kann. Niemand wird Euch diese Kühnheit
zutrauen, Euch habe ich ausersehen, diese schnelle Flocht möglich zu machen, da
Ihr vor dem Tore wohnt und ein Pferd besitzt. Entscheidet Euch schnell, ob Ihr
wollt, denn dort an dem erleuchteten Fenster wohnt Luter, wartet auf Euch; sei
Euch der heutige Dank im Turniere ein Vorzeichen, dass der Himmel Euch zu etwas
Grossem ermutigen wollte.« - Bertold schlug in die dargebotne Hand des Kunz und
antwortete: »Es sei, habe mich gleich an dem kühnen Mönch erfreut, obgleich
nicht viel bei der Sache herauskommen wird, es wäre doch schade, wenn er in
welsche Schlingen, wie der Savonarola einginge und sie ihm ein Feuer unter den
Füssen anzündeten.« - »Warum nicht viel heraus kommen?« fragte Kunz verwundert. -
»Einmal«, antwortete Bertold, »weil er nicht durchdringen kann gegen die Menge,
welche ihren Vorteil in der Gelderpressung sucht und dann, weil es kein grösseres
Übel ist, Geld zur Abstrafung von Gewissenspflichten zu geben, unter dem Namen
Ablass, wie für Verletzung bürgerlicher Pflichten. Was hilft's den Ablass
abzuschaffen, wenn die Fürsten und Städte zum Besten der Reichen, alle Strafen
mit Geld abkaufen lassen. Da das Bekenntnis und die Zahlung des Gelds freiwillig
ist, so sind sie als Zeichen der Reue recht gut, denn das Landvolk besonders
möchte lieber zehn Jahr im Sack und in der Asche büssen, als einen Kreuzer
Bussgeld dafür ausgeben, und Tränen, die geben sie gar leichtsinnig aus.« - »Aber
das Geld geht nach Rom und kehrt nicht wieder nach Deutschland«, sagte Kunz,
»und die schrecklichen Lehren der Ablasskrämer verderben die Menschen.« - »Die
Lehren sind schon längst bei uns verlacht«, sagte Bertold, »unsre Leute sind
darüber hinaus; was aber die Geldverschleppung nach Rom betrifft, freilich, es
wäre besser, Kaiser und Reich duldeten sie nicht, statt dass jetzt ein armer
Mönch dies für sie durchfechten muss. Das Ablassgeld könnten wir gut brauchen zur
Führung der schweren Reichskriege, die wir mit unsern Sünden wohl verschuldet
haben.« - »Freilich«, sagte Kunz, »es ist verkehrte Zeit, das Volk weiss mehr von
Gottes Wort, als die Geistlichen, und ein Mönch muss für einen mächtigen Kaiser
und seine Fürsten das Wort führen!«
    
    Unter diesen Gesprächen waren sie in Luters Zimmer getreten, der von einer
ernsten Unterredung mit zweien Männern, die mit ihm das Zimmer durchschritten,
abbrach und sich zu den Eintretenden wandte. »Dies ist Staupitz, der
Generalvikar des Ordens, unter welchem Luter steht, jenes der edle Langemantel,
Luters Beschützer«, sagte Kunz, »und dass der in der Mitte Luter ist, steht ihm
wohl an die Stirn geschrieben.« - Staupitz bat noch einmal Lutern, er möchte
nachgeben, die Zeit sei nicht reif zur bessern Einsicht, aber Luter antwortete
ihm, er kenne sich und seine Schüler, und sein Werk stehe nicht mehr in seiner
Macht und seinem Willen. Dann ging er wieder zu einem Schreibpult und liess die
andern inzwischen mit Kunz und Bertold das Nötige zur Flucht verabreden, er
liess sich gern in den Vorsichten seines äusseren Lebens von Freunden raten.
    Kunz wurde weggesandt, um Frau Zähringer und ihre Tochter zu
benachrichtigen, dass Bertold zu einem Geschäfte abgerufen, er könne sie nicht
heimführen. Kunz liess noch Mantel und Kappe für Luter zurück. Bertold hörte in
einem nahen Zimmer Lautenspiel, und Staupitz sagte, es sei Kurfürst Friedrich,
bei dem Bilde seiner geliebten Fürstin Amalia von Schwarzburg, einer gebornen
Mansfelder Gräfin, zu deren Garten ihn der Hirsch mit goldnem Geweihe geführt
hätte. Staupitz öffnete leise die Tür, sie sahen das hellerleuchtete Bild einer
weinenden Frau in einem Lustgarten, die einen Hirsch mit goldnem Geweihe
streichelt, der Kurfürst war von ihnen abgewandt. Staupitz schloss leise die Tür
und sagte: »So fand er sie vor dreissig Jahren, Ihr würdet sie jetzt schwerlich
wieder erkennen, aber er liebt sie noch immer in gleicher Verzweiflung, denn mit
strengem Ernst hat sie ihn während dieser Jahre zu kühnen Zügen bis Jerusalem
gesendet, aber seine Wünsche nie erfüllt, wenn er ihre Aufträge vollbracht
hatte; sie glaubt mit ihrer Tugend die Herrschaft über ihn zu verlieren, so
stirbt er keusch und kinderlos. Unsern Luter schützt sie, Luter kann sicher
sein, so lange ihr Wille dauert. Sie hatte den seltsamen Traum in der Nacht vor
dem Tage, als Luter die Teses gegen den Ablass an das Tor der Schlosskirche zu
Wittenberg schlug, ein Mensch stosse mit seiner Feder dem Papst die dreifache
Krone vom Haupte und zwar mit einer Feder, die von Wittenberg bis Rom reichte,
sie fuhr nach Wittenberg und als sie Luter sah, von dem jedermann in den Tagen
sprach, da versicherte sie, er sei es gewesen. Es liesse sich viel von der
seltenen Frau sagen, die immer in andrer Welt zu leben scheint, als andre
Menschen, und doch auf diese so unerbittlich wirkt, sie hat gestern geschrieben,
der Kaiser werde schwach, der Kaiser werde sterben, wir sollten für Luters
Sicherheit sorgen.« - »Amen«, sagte jetzt Luter und legte die Feder nieder,
»hier ist mein letztes Wort an den Kardinal und nun stehe ich in Gottes Hand,
bin fertig und bereit, wohin ihr mich senden wollt.« Langemantel reichte ihm
Kunzens Mantel und Kappe und Luter lächelte des seltsamen Staats, wusste ihn
kaum anzulegen, dann aber erschien er darin allen bunten Lappen zum Trotz,
gleich einem Herrscher mit kühnem Blick. Wie ein Gebirge Ströme nach Osten und
Westen sendet, so vereinigte der Mann ein Entgegengesetztes, was sonst nirgend
gefunden wird: Demut und Stolz, Bewusstsein seiner Bahn und Hingebung an andrer
Rat, helle Verständigkeit und blinden Glauben; noch war das Volk nicht reif,
sich solch einem Manne nachzubilden, aber seine Gegner lernten bald so viel von
ihm, wie seine Anhänger.
    Staupitz und Langemantel nahmen mit Ernst und Rührung von ihm Abschied.
Bertold führte Luter herunter. Als Bertold die laute Freude des Festes hörte,
stieg ihm wohl ein schwerer Seufzer auf, ob er nicht das nahe Glück seines
Lebens an eine Angelegenheit setze, die dem ganzen Deutschland, nur ihm nicht
wichtig scheine, aber er stärkte sich gleich mit seinem ritterlich gegebenen
Worte. Die Gassen wurden stiller, die Brunnen geschwätziger und der scharfe
Morgenwind trieb seinen Mutwillen mit den Schlafkammerfenstern; sie waren jetzt
am Tor, das in dieser Nacht wegen des Festes geöffnet blieben, sie schritten
ohne Aufentalt hindurch über die Brücke, da hörten sie mit Teilnahme des
Wächters Lied:
So mancher liegt in Nöten
Und liegt in Liebchens Arm,
Er liegt so still und warm,
Der Bruder will ihn töten,
Er träumt vom goldnen Ringe,
Sieht nicht die blanke Klinge,
Die um das Haupt ihm schwirrt.
So mancher flieht in Sorgen
Und steht in Gottes Hand,
Der ihm den hellen Morgen
zu seinem Trost gesandt,
Er denkt nur seiner Feinde
Und kennt nicht seine Freunde,
Die Klugheit ihn verwirrt.
»Bei Gott, das ist Kunzens Stimme«, sagte Bertold. - »So fand mein Herz in dem
Narren Trost!« antwortete Luter. Als sie in die angelehnte Türe des kleinen
Hauses der Frau Zähringer traten, fand sich Luter, der vorangegangen, von zwei
freundlichen Armen umfangen. Luter sprach: »Kein lieberes Ding auf Erden, als
Frauenliebe, wem sie zu Teil mag werden!« - - Da fuhr Anna vor der fremden
Stimme erschrocken zurück und Bertold trat zu ihr, freute sich, dass sie schon
heimgekommen, erklärte ihr den Irrtum, sagte aber, dass er diesem tapfern
geistlichen Herrn den Gruss auf die Reise wohl gönne, zugleich stellte er Anna
als Braut vor und bat um Luters Segen zur Verlobung. - Luter sprach: »So tut,
wie euer Herz begehrt, was ihr in eurem Herzen gelesen habt. Frühes Aufstehen
und Freien soll niemand gereuen. Das Weib wird selig durch Kindergebären, wenn
sie bleiben im Glauben und in der Liebe und in der Zucht. Der Mann arbeitet sich
froh durch die Welt, wenn ein frommes Weib den Schweiss von seiner Stirne
trocknet, er wirft seine Sorge auf Gott, tut recht, scheuet niemand, und freut
sich an der Welt, wie auf den Himmel. Amen, es geschehe!« - Anna dankte unter
Tränen, sie blieb mit Luter allein, während Bertold sein Pferd sattelte. »Und
Ihr dürft nicht heiraten?« sagte sie mitleidig, »und wisst doch den Ehestand zu
rühmen?« - »Freilich«, sagte er, »ist es gegen des Papstes Gebot, was die
Heilige Schrift gebietet: Es soll ein Bischof unsträflich sein, eines Weibes
Mann!« - Nun kam Bertold mit dem Rosse vor die Türe, Luter grüsste freundlich
und trat hinaus. - »Euch fehlen ein Paar Stiefel«, sagte Bertold, »gern gäbe
ich Euch die meinen, aber ich sehe, sie sind Euch zu enge.« - »Mein Vater und
Grossvater«, antwortete Luter, »waren arme Bauern, haben oft ohne Strümpfe und
Schuhe ihre Rosse zur Schwemme geritten und so musste ich auch tun, als ein
kleiner Knabe. Und nass soll das Ross werden, als ging es in die Schwemme, acht
Meilen muss ich zurücklegen, ehe ich sicheres Geleit finde. Habt Dank und lebt
wohl, ich sende Euch das Ross mit meinem Dank beladen durch sichere Hand zurück.«
    Es wurde helle, als er forttrabte, und Bertold ging nicht ungeküsst auf sein
Zimmer ans Giebelfenster, um ihm in die Ferne nachzusehen. Anna blieb noch vor
der Türe, sie wollte den neuen Tag in ihre Freude hineinziehen. Ein lustiger
Wind spielte in den Blumenkelchen der beiden kleinen Gärten vor dem Hause und
Anna sang, indem sie ein wenig da aufräumte, was in den beiden Tagen vergessen
war:
Goldne Wiegen schwingen
Und die Mücken singen,
Blumen sind die Wiegen,
Kindlein drinnen liegen,
Auf und nieder geht der Wind,
Geht sich warm und geht gelind.
Wie viel Kinder wiegen?
Wie viel soll ich kriegen?
Eins und zwei und dreie
Und ich zähl aufs neue,
Auf und nieder geht der Wind,
Und ich weine, wie ein Kind!
 
                               Fünfte Geschichte
                                    Die Rose
Bertold mochte noch keine Stunde vom süssen Schlaf umfangen gewesen sein, als
ihn ein Lärmen erweckte, es kamen kleine Steine an sein Fenster geflogen und er
fürchtete für die Scheiben. Er sprang eilig auf und hoffte Annen vor dem Fenster
zu erblicken. Diesmal irrte er, es war Fingerling, der zu Pferde und reisefertig
ihm berichtete: er eile nach Waiblingen, mit der Mutter alles zu besprechen und
auszugleichen, am Abend habe er sich deswegen gleich schlafen gelegt, als Anna
zurückgekehrt, zugleich sagte er ihm, wo er die Briefe wegen der
Handelsgeschäfte aufbewahrt habe. Bertold dankte ihm schlaftrunken für alle
seine Liebe, hiess die Mutter schön grüssen und wollte sich wieder ins Bett legen,
als ihm der Befehl des Kaisers einfiel, nach Göggingen zu gehen, wo er ihn
sprechen wollte. Gleich bereitete er sich unter stetem Dehnen und Gähnen, denn
der vorige Tag hatte ihn übermüdet, öffnete leise die Tür, stieg herab, ging zur
unverschlossenen Haustüre hinaus und sah beim zufälligen Umblicken die liebe
Anna durch das Fenster in ihrem Bette liegen. Er schlich sich in das Zimmer.
Hätte sie die Augen geöffnet, kein Kaiser hätte ihn von ihr fortgezogen, denn
schon jetzt war er schier entschlossen, die kaiserlichen Aufträge zu vergessen.
Aber sie schlief ruhig und fest und er hing ihr, ohne dass sie es bemerkte, ein
kleines silbernes Kettchen über, das er lange getragen, um einen Strauss zu
bezahlen, den er vom Bette nahm und der ihm eigentlich wohl gegönnt und bestimmt
war.
    So erfrischt durch Anblick und Duft, trat er seinen Weg freudiger an,
erkundigte sich und fand die Strasse, fand auch bald Herrn Treitssauerwein, der
ihm bedeutsam vertraute, er schreibe an einem Werke, die Taten und Geschicke
seines Herrn Maximilian zusammen zu stellen. Nun versicherte er, dass Maximilian
während seiner ganzen Regierung auf so wunderbare Art in den bedeutendsten
Augenblicken der Unternehmung gehemmt worden sei, dass er diese unendliche Reihe
von Zufälligkeiten endlich nur aus einer sehr durchdachten Gegenkraft erklären
könne, welche vielleicht jetzt kalt ihr Dasein öffentlich gegen ihn, oder gegen
seinen Stamm kund tun würde, da sie in ihren Verbindungen so allgemein und
dringend geworden sei. Es gehe schon lange die Sage von Sprösslingen der
Hohenstaufen, die in einem unzugänglichen Schloss der zeit warteten, den
Kaisertron zu erstreiten. Dem Kaiser sei selbst einmal, als er sich auf der
Gemsenjagd verirrt und verstiegen hatte, ein Schloss erschienen und in den Wolken
verschwunden, das gleichsam aus durchsichtigem Glase erbauet zu sein geschienen
und eine Krone in die Wolken gestreckt habe. »Begierig staunte er das Wunderbild
an, suchte sich ihm zu nähern, aber bald umzog ihn die Wolke immer dichter.
Dennoch verfolgte er nach seiner Meinung die rechte Richtung, als aber der Wind
die Wolken zerstreute, fand er sich in einer noch öderen Gegend wieder, wo er
nichts von dem Schloss wahrnehmen konnte, aber auch keinen Weg, um herab zu
kommen, denn da, wo er hinauf gestiegen war in der Trübheit der Wolken, da war
in der Klarheit kein Herabsteigen möglich. Er hatte sonst die Welt in seinem
Reichsapfel spielend in Händen getragen, jetzt trug ihn die Welt spielend in
ihrer luftigen Hand und schien zu zweifeln, ob sie ihn dem eignen Schwindel,
oder dem Sturmwinde, oder den wilden Vögeln überlassen sollte, deren Nestern er
zu nahe getreten war. Er liess sich auf die Kniee nieder, um sich im Gebet zu
verstecken, wie der Strauss, vom Jäger übereilt, den Kopf unterm Flügel birgt. Da
rührte eine Hand an seine Schulter, Gottes Allgegenwart schien ihn sichtlich zu
ergreifen, er blickte mit Scheu um und sah einen heiter lächelnden, blonden
Lockenkopf, den er für einen Engel hielt. Aber körperlich fest ergriff der Knabe
seine Hand und führte ihn mit Anstrengung zu einem schwierigen, doch
gefahrlosen, sehr verborgenen Seitenwege, wo weiter keine Gefahr voraus zu sehen
war. Hier blieb der Knabe und gebot ihm auf demselben, ohne sich aufzuhalten,
bis zum Sonnenuntergang fort zu gehen, nie wieder zu kehren in diese Gegend und
niemand von seiner Rettung etwas zu sagen, so lieb ihm sein Leben; denn, sagte
er, ich war geschickt, dich herab zu stossen, aber dein mildes Antlitz machte
mich ungehorsam und ich rettete dein Leben und wage jetzt das meine, wenn ich
nicht dein Schwert mitbringe, das mir als Wahrzeichen zu bringen geboten. -
Milde reichte der Kaiser dem Knaben das Schwert und sagte ihm, es sei das
Schwert Karls des Grossen, zugleich bat er ihn um Aufschluss über die Geschichte
des Schlosses und der Menschen, die es bewohnten. Aber leichtfüssig, ohne
Antwort, war schon der Knabe mit dem Schwerte entschwunden, der Kaiser traf nach
mehreren Tagen auf Bergbewohner, die ihn zu den Seinen führten. Er schwieg
wirklich, sagte, dass er sein Schwert beim Klettern verloren habe, und liess
heimlich ein gleiches machen. Erst nach mehreren Jahren hat er mich jetzt, wo er
sich am Rande seines Lebens fühlt, ins Vertrauen gezogen, nachdem ihm auf andern
Wegen die Sage von Abkömmlingen der Hohenstaufen bestätiget worden ist; er
fürchtet für seinen Sohn und für die grossen Entwürfe seines Lebens. Er wünscht
von Euch Nachforschung über die geheimen Führer des Bauernaufruhrs, der im Jahre
1514 um Waiblingen bei Beutelspach scheinbar wegen Mass und Gewicht ausbrach,
eigentlich aber wohl von der Brüderschaft des Armen Konrad, worunter Konradin
von Schwaben gemeint, angestiftet worden sei.« - Bertold lächelte und meinte:
»Ich bin zwar hinfällig in dieser Zeit gewesen, dass ich nur das Notwendigste zur
Sicherheit unsrer Stadt anordnen konnte, aber so viel ich damals gehört, so hat
dieser Konrad nichts mit Konradin zu tun, es war ein Bauernscherz, sie wussten
sich keinen Rat, wer sie führen sollte, da keiner gern seinen Hals daran setzen
mochte, darum nannten sie ihren unsichtbaren Führer Keinrat, daraus wurde in
ihrer Aussprache Konrad. Die Sage bildet gern etwas Zweideutiges in der
Geschichte, so wurde auch dieser Name, wie die Orakel der Alten, zweifach
ausgelegt.« - Treitssauerwein antwortete: »Das Nächste täuscht am leichtesten,
denn aus Gewohnheit kommen wir darauf, nichts Ungewohntes darin zu vermuten;
glaubt mir, am armen Konrad war der Ernst früher, als der Scherz, der ihm zum
Deckmantel dienen sollte.« - Sie hatten sich unterdessen dem Kaiser genähert,
der, mit der Armbrust hinter einem Dornbusche versteckt, ihnen Stille zuwinkte,
weil seine Hunde ihm einen Hasen eben schussrecht herantrieben. Inzwischen hatten
sie beide doch schon dem Hasen zur Warnung gedient, er sprang seitwärts, der
Kaiser nahm ohne Zorn den Bolzen von der Armbrust, rief die Hunde und schickte
sie mit den Jägern zurück. Der Kaiser sprach: »Nicht wahr, mein lieber
Bürgermeister, es steht eigen mit der Welt, wenn sie einen Jäger zum Kaiser
hat!« - »Gnädiger Kaiser«, antwortete Bertold, »ich habe eben vernommen, wie
die Gemsenjagd Euch einst auf so seltsame Entdeckung gebracht, demnach möchte
auch diese Neigung wohl zu Eurem Besten Euch eingepflanzt sein.« - »Zu meiner
Gesundheit wenigstens«, sagte Maximilian, »wohl tat unser Freund Gelegenheit
etwas für uns, aber unser Feind Ungelegenheit machte alle Nachforschungen
darüber bisher vergeblich. Wir nahmen's damals nicht ernst genug, wir merken
erst jetzt an manchem Widerstande der Kurfürsten, dass sie mehr von der Sache
wissen, als wir bei aller offenen Macht und heimlichen Kundschaft. Wir haben
Euch erwählt, lieber Bürgermeister, weil Ihr uns durch Marx und Kunz empfohlen
seid, und keiner auf Euch rät, uns Aufschluss in der Sache zu verschaffen.« -
Bertold erklärte sich bereit, aus allen Kräften mitzuwirken, und es ging ihm
ängstlich im Kopfe herum, ob er nicht dem Kaiser sagen solle, was er durch
Martin von dem Schloss gehört und wie er selbst zu diesem Geheimnisse gehören
möchte aber Martins Tod schwebte ihm vor, er schwieg. - Der Kaiser fuhr nun
fort: »Aber Bertold, wenn nun der Papst in dem Bunde mitwirkte, seid Ihr in der
Gewalt eines Beichtvaters, oder seid Ihr darüber hinaus?« - »Die Geistlichkeit«,
antwortete Bertold, »hat überall zu viel Ärgernis gegeben, als dass die Leute
sich ihnen auf Gnade und Ungnade ergeben; was gut tut zu sagen, das wird bei uns
gebeichtet, vieles aber verstehen die geistlichen Herren nicht und es ist ihnen
auch mehr um das Beichtgeld, als um die Geheimnisse zu tun.« - »Das Geld«, sagte
der Kaiser, »ist das Blut des Staats und wie der edle Held Perzifal so
tiefsinnig wurde beim Anblicke dreier Blutstropfen im Schnee, so wird mir oft
beim Anblick eines Kreuzers recht nachdenklich, wie viel Kunst, Taten, Glück und
Weisheit durch solch ein Stücklein gefördert und gelähmt werden können! Wohin
hätten wir unsre Fähnlein geführt, wenn es nicht an Gelde gefehlt hätte! Darum
lasse ich auch nicht den Luter verderben, der das deutsche Geld von Rom
abschneiden will, und danke Euch, dass Ihr ihm förderlich gewesen seid, von hier
fortzukommen. Doch seht, wir sind unbemerkt von einem Umgange umgeben, also
kürzlich gesagt, mein lieber Bürgermeister, es ist mir sowohl um meine Feinde,
die Hohenstaufen zu tun, als auch um meinen Freund, den Knaben, der jetzt schon
ein wackrer Jüngling sein mag, ich meine jenen, der mir das Leben rettete, ich
möchte ihm lohnen; sucht mir von einem oder dem andern Kunde zu schaffen, ich
werde Euch danken.« Der Umgang zog singend an ihnen vorbei und endete das
Gespräch; der Kaiser, Bertold und Treitssauerwein schlossen sich an und zogen
zur grossen Freude der Bauern mit ihnen nach St. Leonhard in die Kirche; die
Bauern meinten, ein so herrlicher Umgang sei nicht gehalten worden, seit
Göggingen stehe.
    Während der Messandacht wurde Bertold gestört, indem ein neben ihm
Knieender, auf den er noch nicht geblickt, ihm in den Finger biss. Ärgerlich sah
er hin und staunte, es war eine Jungfrau, es war Anna, gleich war sein Zorn
verschwunden und er fragte heimlich, was sie hergeführt. Sie sagte ihm, dass sie
ihm Notwendiges zu erzählen habe. Zum Glück beteten und seufzten die Bauern
umher so laut, dass sie ihm leise flüsternd alles erzählen konnte, wie es
ergangen. Die Mutter hatte am Morgen das Pferd, den Herrn und auch Fingerling in
grosser Verwunderung vermisst, da weder Fingerling, noch Bertold ihr Vorhaben
deutlich gemacht hatten. Da Bertold sie so unerwartet auf dem Ballhause
verlassen hatte, so schwankte sie zwischen der Vermutung, Bertold reue seine
Verlobung, oder er sei davon durch einen hohen Herrn abgehalten, vielleicht
durch den Kaiser selbst, dem noch ein Ruf von Zärtlichkeit, trotz seinem Alter,
nachzog. Ihr war gestern durch Kunz bestellt worden, ein höherer Auftrag habe
ihn entfernt und er könne sie nicht heimführen. In diesem Zweifel wendete sich
erst ihre Härte gegen Anna, die gar nicht begreifen konnte, was ihr fehlte, sie
erfuhr erst diese Sorgen der Mutter durch Kugler, der mit einem Braten als
Geschenk sich eingestellt hatte, dem sie sich heimlich vertraute, und der Annen
sagte, er reite fort, um in Waiblingen Nachfrage zu halten, ob Bertold etwa
auch, wie Fingerling dahin zurückgekehrt sei, doch müsse die Mutter und sie sich
gleich entschliessen, inzwischen seiner Wirtschaft und seinem Fleischscharrn
vorzustehen. Dort hatte Anna durch einen Kunden zufällig gehört, er sei mit dem
Kaiser auf der Strasse nach Göggingen im Gespräche gesehen worden, sie hatte sich
unter einem Vorwande fortgeschlichen, mit ihm zu sprechen und von ihm Wahrheit
zu hören, denn sie konnte nicht leugnen, dass seine Kette, die sie am Morgen
gefunden, ihr wie ein schweigendes Abschiedszeichen erschienen wäre. Bertold
beruhigte sie, aber ihre Tränen flossen nun um so häufiger, da sie ihrer Sorge
befreit war, und die ehrlichen Bauern meinten, es sei Andacht und Busse. Kaum war
die Messe geendet, so schlich sich Bertold mit Annen fort, so schnell, dass
weder Kaiser noch Geheimschreiber seinen Weg bemerkten. Aber noch einen
Aufentalt mussten sie überstehen, der Weg führte sie an Stutzers Gartenhause
vorbei, der eben beschäftigt war, Pfeffersäcke in ein Vorrataus packen zu
lassen, und dabei sehr emsig die einzelnen ausfallenden Körner auflas, aber die
Vorübergehenden nicht weniger fest hielt, ihnen die Pracht seines Landhauses zu
zeigen. Dem kleinstädtischen Bürgermeister glaubte er die Augen damit
auszuleuchten und Annen für immer unglücklich zu machen, wenn sie nicht ein
Gleiches bei Bertold fände. Ein Italiener hatte ihm dies Landhaus nach ganz
neuer Art erbaut, die Fassungen der Fenster waren gemalt wie Marmor, alte
Götterbilder bedeckten die Flächen im bunten Gemisch mit Heiligen. Bertold
erklärte sich ohne Umschweife gegen den malerischen Schein, um fehlende Bauwerke
zu ersetzen. »Die Schönheit eines Baus«, sagte er, »liegt wie die Schönheit des
menschlichen Antlitzes nicht allein in der Berechnung gewisser Verhältnisse,
sondern in dem Ausdruck innerer Vortrefflichkeit; die Dauerhaftigkeit und
Bequemlichkeit der innern Einrichtung mag sich auch gern äusserlich kennbar
machen; die innere Wölbung, die Balkenlage will sich auch äusserlich zeigen. Hier
ist alles das gemalt, von einer Seite erscheint es herrlich, von der andern wird
die Nichtigkeit um so deutlicher und eine glatte Wand ohne Architektur gäbe
wenigstens keinen Arger.« Der gute Stutzer hörte nicht auf die Rede, er sah nur
verdriesslich höhnisch ihn an und sagte: »Lieber Herr, entschlagt Euch solchen
Gedanken, das hat Pilati aus Florenz gebaut und gemalt.« - »Das macht ihm wenig
Ehre«, sagte Bertold, »da kann ich Euch von unserm Meister Fischer manches
Bessere zeigen in meinen Zimmern.« - Stutzer wurde innerlich so böse über den
stolzen Kleinstädter, führte ihn aber doch ins Haus, dessen weiter Flur von
Marmorsäulen mit korintischem Hauptschmuck glänzte; Faunen und Silenen trugen
die Treppe, welche mit einer Weinlaube überzogen war, an der durch die Wärme
hinter den geschlossenen Fenstern der Wein schon blühte. - »Prächtig«, sagte
Bertold, »aber ich wundre mich, wie Ihr hier bestehen könnt.« - »Warum?« fragte
Stutzer. - »Einmal«, meinte Bertold, »könnt Ihr keine ehrliche, deutsche Frau
hier einführen, es ist ja eben so gut, als ob Ihr sie in das öffentliche
Männerbad gebracht hättet, und dann, wie gefallt Ihr Euch als Herr im Hause, da
Ihr doch nur winzig und dürr seid, wenn so wohlgenährtes Göttervolk, wie Hunde
auf der Treppe vor Eurer Türe harren muss. Ich ginge in Eurer Stelle unter die
türkischen Enten und welschen Hähne, die in Eurem Garten so gemächlich wandeln
und picken, statt Euch so übermässig vornehm bedienen zu lassen.« - Der eitle,
kleine Kerl wusste nichts zu antworten, denn so war ihm noch keiner gekommen,
aber die Rede hatte die gute Folge, dass er die beiden nicht länger zwang, seine
Pracht zu beschauen; mit seiner Zudringlichkeit gegen Anna hatte er die kleine
Züchtigung verdient.
    Als sie zum kleinen Hause der Frau Zähringer kamen, waren beide etwas
ermüdet, besonders Bertold, und Anna fürchtete, weil es schon spät, den Zorn
der Mutter wegen ihres Ausbleibens. In solchen Betrachtungen setzten sie sich
ein wenig ins Gras des Gartens hinter dem Hause, die Sonne schien betäubend
warm, die Blumen dufteten mit ihren betäubenden Kräften und beide nickten neben
einander ein; der Geist möchte immer Wunder tun, immer tätig sein, aber der
Körper hasst die Wunder und gleicht den einzelnen Menschen mit dem ganzen
Geschlechte aus, indem er ihn mit Schlaf oder Krankheit beschwichtigt.
    Was Frau Zähringer an diesem Tage ausstand, nun auch die Tochter ausblieb
und Kuglers Wirtschaft ganz auf ihr lastete, ist schwer zu sagen, insbesondere
als Boten des Kaisers, Treitssauerweins, des Kurfürsten Friedrich kamen und nach
Bertold fragten, als ob sie ihrer recht spotten wollten. Endlich kam der Abend,
der sie den Geschäften entliess, aber um so tiefer in den einsamen Gram ihres
Hauses versenkte, bis auch diesen der Schlaf ablöste.
    Die Sterne glänzten schon scharf auf dem blauen Grunde, als Anna erwachte
und durch ihre Bewegung den glücklichen Träumer Bertold mit erweckte. Kaum
konnten sie es begreifen, dass es natürlich im Wandel der Zeit jetzt Nacht
geworden sei; sie machten sich bittre Vorwürfe wegen der Mutter und dachten
nach, wie sie dem ausweichen könnten, auch scheute sich Anna vor bösem Ruf, wenn
eines der Nachbarn sie mit Bertold im Grase liegen gesehen. Nach vergeblichem
Beraten entschlossen sich beide, jedes in sein Zimmer zu gehen und zu tun, als
ob nicht geschlafen und nichts versäumt sei; der Morgen werde ihnen der Unruhe
ohnehin genug bringen. Anna öffnete die Haustür mit einem Kunststücke: »Das
lernte ich, wenn ich für unsre Kuh auf Grasung spät ausblieb«, sagte sie; dann
drückte sie Bertold sanft an sich und drückte ihn von sich, als seine
Zärtlichkeit sie zu verraten schien, und ging in das Zimmer der Mutter, wo sie
angekleidet in das grosse Bett schlüpfte, das sie seit dem Davonlaufen des Vaters
mit ihr teilte. Die Mutter erwachte nicht, dies erlauschte Bertold, dann ging
er leise die Treppe hinauf in seine Giebelstube. Ihm war so heiss, er riss das
Fenster auf, öffnete den Wams und fand eine Rose, die ihm Anna unbemerkt hinein
geschoben hatte, er konnte das stille Lager im grünen Grasgarten erkennen, das
Gras war eingeknickt und erhob sich jetzt, die Worte hüpften ihm im Munde und er
sang mit geschlossenen Augen in wehmutsvoller Freude zu den seligen Sternen, die
ihm im Herzen aufgegangen waren:
Ein Stern der Lieb im Himmelslauf
Die offne Brust sanft atmend kühlt,
Der Frühling heiss im Herzen spielt,
Da blüht die erste Rose auf;
Du bist der Stern, dir unbewusst,
Dein Atem kühlet meine Brust,
Du bist der Frühling, der mich wärmt,
Der in des Herzens Blumen schwärmt,
So kühlst du aussen, wärmst da innen,
Die Glut verschliesst dein keusch Besinnen.
Gern tat sich Lust in Bitten kund,
So lebenswarm wie Herzensblut,
Da schloss die Rose mir den Mund
Und tut mir duftend hier so gut,
Ich schwimme in dem Liebesduft
Unendlich scheint das Blau der Luft;
Die Augen füllt ein süsser Drang,
O Liebestau, in Tränen Dank,
Dass keusche Sterne dürfen scheinen,
Und nur zerdrücktes Gras beweinen.
 
                               Sechste Geschichte
                                 Der Mahlschatz
Frau Zähringer erwachte, als die liebe Anna eben eingeschlafen war; sie sah die
Tochter neben sich, als sie eben über ihre Abwesenheit nachdenken wollte, und
die Begebenheiten des vorigen Tages gewannen das Ansehen eines Traums. Sie stand
auf und schlich nach dem Zimmer Bertolds herauf, blickte durch das
Schlüsselloch und sah, dass er auch ruhig in seinem Bette liege. Da schien es ihr
Gewissheit, dass sie sich nur mit einem bösen Traume geplagt habe. Sie ging
herunter und schämte sich, weckte die Tochter, die auch keine Lust hatte, von
der Geschichte anzufangen, so wenig wie Bertold, der auch zum Frühstück gerufen
wurde. Die Leute Kuglers weckten sie aus dieser guten Meinung, sie verlangten
von ihr Rat und nun entwickelte sich das Geheimnis. Bertold erfuhr jetzt erst,
dass Kugler ihn in Waiblingen suche, er fürchtete, dass seine Mutter erschrecken
möchte, und behauptete, dass er nur durch ein eiliges Nachreisen das Ungewitter
zerstreuen könne. Frau Zähringer gab ihm recht, und Anna wusste nichts dagegen zu
erinnern, doch äusserte sie die Meinung, dass sie ihn gern begleiten möchte.
Bertold fasste das auf und suchte der Mutter und Tochter zu beweisen, dass sie
nichts in Augsburg hielte, Kuglers Wirtschaft würde dessen Schwester gern
führen, die eigne Wirtschaft sei schnell geordnet, die Mutter kenne Waiblingen,
und selbst wenn sie in seinem Hause nicht zu wohnen Lust hätte, so sei doch eben
so leicht ein eignes Haus für sie zu finden. In Apollonien sprach eine alte
Liebe zu dem Orte für den Vorschlag, aber sie liess sich noch erst recht lange
bitten, bis Bertold ihre Einwilligung erzwang. Es wurde ein Fuhrmann aus der
Nachbarschaft gemietet, mit grosser Hast alle Kleider, Betten und Leinenzeug
eingepackt, so dass alles übrige im Hause durch fremde Leute konnte besorgt
werden, wenn sie etwa gar nicht wieder an den Ort ihrer Plage und Arbeit
zurückkehren wollte. Die Geschäftigkeit unterdrückte Gefühl und Betrachtung;
nach einer Stunde, als alles eingepackt, alles besorgt war, als die Pferde schon
vor dem Wagen ungeduldig die Erde stampften, da fühlte erst Frau Zähringer, dass
die Zeit im Unglück, wie im Glück den Menschen an den Boden fesselt, sie konnte
nur unter heftigen Tränen die armselige Hütte verlassen. Bertold hatte manches
Geschäft abgemacht in aller Eile, Herren Marx und Kunz sich empfohlen, er freute
sich recht der Ruhe auf dem Wagen an Annens Seite, ein lag der Reise macht
vertraulicher, als ein Monat andrer Umgang, er freute sich, für Mutter und
Tochter allerlei Besorgungen übernehmen zu können. Das Stossen des Wagens setzte
manche Erzählung in Umlauf. Bertold suchte Apollonia mit allem bekannt zu
machen, was sich inzwischen in Wirtemberg verändert habe, wie der Graf Eberhard,
der Bärtige, vom Kaiser zum Herzog gemacht sei und wie jetzt Herzog Ulrich gar
seltsam regiere. Frau Apollonia erzählte, dass sie ihn in früheren Jahren einmal
zu Augsburg gesehen, er sei ein bauchiger, dickköpfiger Herr gewesen, der sich
zuweilen aus Hochmut alles Blut ins Gesicht geblasen und gedrängt habe, wie ein
welscher Hahn. - »Er war schon in die Acht erklärt«, fuhr Bertold fort, »aber
der Kardinal Lang machte seine Versöhnung mit dem Kaiser und jetzt wirtschaftet
er noch rasender mit seinen Räten, welche nach der Bedingung dieser Versöhnung
wärend sechs Jahren die Landesverwaltung führen sollten; ein paar hat er schon
unter nichtigem Vorwande foltern lassen und einen im Kohlenfeuer fast gebraten.«
    »Gott stehe uns bei«, sagte Apollonia. - »Wir können ruhig leben«,
antwortete Bertold, »aller Zorn des Herrn ist persönlich, es leiden nur die von
ihm, die er kennt, die Räte und Herren vom Hofe, seine Frau und Kinder.« - »Ist
nicht seine Frau, die edle Sabina von Bayern, mit der er so prunkvoll Hochzeit
gehalten, ihm entflohen?« fragte Frau Apollonia. - »Freilich«, antwortete
Bertold, »wie konnte sie länger das qualvolle Leben ertragen, allen Weibern
ihres Gefolgs stellte er nach. Die schrecklichste Geschichte war wohl, als er
der Frau des Hans von Hutten nachtrachtete, die ihm aber als eine ehrliche Frau
widerstand. Das kränkte ihn, er stellte sich eifersüchtig wegen eines Rings, den
Hutten von seiner Herzogin erhalten hatte, um ihn seiner Frau für ihre
Standhaftigkeit einzuhändigen, er beschied Hutten in den Beblinger Wald, gebot
ihm um Leib und Leben sich zu wehren und durchstach ihn, ehe er noch sein
Schwert gezogen hatte. Dann hing er ihn an eine Eiche mit dem Gürtel und machte
als Freigraf das Zeichen des heimlichen Gerichts zum Schutz seines sinnlosen
Frevels über den Toten.« - Die Geschichte veranlasste ein langes Gespräch über
die Eifersucht, in welchem es sich äusserte, dass die Mutter wohl einige
Eifersucht gegen die Tochter, die Tochter aber noch viel mehr gegen die Mutter
hege und jeden Händedruck, jeden Kuss Bertolds missgönne. Bertold aber nahm
diese Äusserungen wie einen Scherz auf, er war zu bescheiden, sich so heftige
Einwirkung auf die Gemüter zuzuschreiben, zu unbekannt mit sich selbst, um zu
fühlen, dass diese Eifersucht Annens wohl einen Grund in ihm haben könnte, denn
je mehr er Apollonien sprach, je mehr Erinnerungen der frühen Jahre erwachten in
ihnen beiden.
    Übrigens war es eine schwere Sache, dem Meister Kugler nachzureisen, um die
Sorge, die seine Anfrage in Waiblingen verbreiten konnte, durch die Gegenwart
des Vermissten zu zerstreuen. Kugler war des Reitens beim Einkauf des Viehs sehr
gewöhnt, in seinem Treiben lag immer etwas Rastloses und danach hatte er auch
seinen Schecken ausgesucht, der nicht eher vom starken Trabe absetzte bis der
Herr ihn hielt. Fingerring war bequemer, sein Pferd geringer und so kam's, dass
ihm Kugler vorbei geritten, ohne dass einer vom andern etwas gemerkt hätte, da
Fingerling sein Pferd in einen Wirtsstall gezogen und selbst einem
Mittagsschlummer auf der Ofenbank sich ergeben hatte. Er gewann einen solchen
Vorsprung, dass Fingerling ihn selbst dann nicht erreichte, als Kugler einen
Handel über ein Paar Lämmer mit einem Bauer abschloss, die Lämmer über den Sattel
band und nun doch etwas langsamer seinen Weg fortsetzte. Als er in Waiblingen
angekommen, kümmerte er sich wenig um ein Wirtshaus, sondern liess sich nach dem
Hause des Bürgermeisters weisen, wo er wie ein Würgengel mit den Lämmern trabend
einritt. Die alte Frau Hildegard trat auf den Lärmen an die Stiege, fragte ihn,
was er wolle, und horchte auf seine Antwort sehr aufmerksam, konnte aber nicht
klug daraus werden, so wenig war der Mann zur klaren Erzählung geeignet. Bald
fragte er nach Bertold, ob ihm ein Unglück geschehen, bald schimpfte er auf
ihn, dass er entwichen sei, bald machte er ihr als Mutter Vorwürfe, dass sie ihn
nicht besser gezogen habe; dabei bähten die Lämmer und Kuglers Hund zeigte den
neugierigen Haushunden knurrend die Zähne. Nachdem diese Unverständlichkeit
etwas gewährt hatte, so glaubte Frau Hildegard ihrem Hausrecht etwas zu
vergeben, wenn sie sich von einem Fremden so etwas bieten lasse, sie fing also
an, auf Meister Kuglers Pferd zu schimpfen, das ihr den eben gekehrten Torweg
verunreinige, auch auf den Hund, der einen ihrer Lieblinge zu zausen Anstalt
machte, zuletzt auf den Meister, der kein vernünftig Wort rede. Meister Kugler
schonte auch nicht, weil er sich im Recht glaubte; schon liefen die Leute aus
der Schreibstube mit Knütteln herbei, als ein gellendes Jagdhorn durch die
Unterhaltung schmetterte. Es war Fingerling, der sich diesen Spass ausgesonnen
hatte, um jeden Widerspruch der Alten mit seinem Jubel über das Geschehene
zurück zu weisen und gleichsam die Sache mit Gloria zu verkünden. Der Lärmen
schwieg und Fingerling stieg mit seligem Antlitze von seinem Rosse, als ob er
eine Tasche voll Rosinen trüge, verkündete mit sehr abgemessener Sprache,
vielleicht wohl gar in Reimen, den Turnierruhm, des Kaisers Gnade, die Verlobung
Bertolds. Frau Hildegard schlug beide Hände zusammen, sie meinte den Alten
wahnwitzig. Aber noch toller war's, als jene beiden in Streit gerieten, als
Kugler von dem Bertold, als von einem verlornen Manne sprach, der auch wohl ein
Ausreisser sein dürfte. Fingerling behandelte ihn als einen eifersüchtigen Toren,
der dem ein Bein stellen wolle, der ihn aus beiden Sätteln gehoben, und das
kränkte Kugler. Die Schreiberherren halfen dem schwächer gestimmten Fingerling
durch ihr begleitendes Chor, die Dienstmägde, die Arbeiter drohten in ihrer Art,
schon bissen die Hunde auf Kuglers Hund los und alles schien über Kugler
herfallen zu wollen, als Bertold, dessen Wagenrollen niemand bei dem Schreien
beachtet hatte, mit seinen beiden Reisegenossen mitten unter ihnen stand. Kugler
wollte ihm gleich zu Leibe gehen, da sah er die beiden Begleiterinnen und
erstarrte in Verlegenheit. Die Mutter wollte Bertold umarmen, da trat sie scheu
zurück vor den beiden Frauen, die er ihr zuführte, alles war verlegen oder
verwundert, nur nicht Fingerling, der aus seinem Jagdhorne die süssesten Töne
herausdrückte, welche auch das Beissen der Hunde in der Art trennte, dass diese
mit allen heulenden Tönen, ihre musikalische Beistimmung gaben.
    Alles zog sich während dieser Kunstgewalt ins Feierliche, Bertold küsste
Frau Hildegard die Hand, auch Anna folgte seinem Beispiele, die Mutter begrüsste
sie förmlich, worauf Frau Hildegard alle Zusammengehörigen in ihr Zimmer
nötigte. Da geschah in Ordnung die Auseinandersetzung, bei welcher Frau
Hildegard sich nicht entalten konnte, so einige Worte von Verführung junger
Leute zu sprechen, und wie sie zwar die Verheiratung des jungen Menschen immer
gewünscht, aber sich doch jetzt nicht der Tränen erwehren könne, nun sie so
unerwartet, ohne ihre Vermittelung erfolge, dass sie nun nicht mehr über seine
Gesundheit im Schlafe wachen könne, nicht mehr ihr Bette neben das seine stellen
dürfe. Ihr Argwohn gegen die fremden Frauen, die sie für Abenteuerinnen hielt,
welche den Sohn künstlich beschwatzt hätten, verwandelte sich bald in Teilnahme
und Rührung, als ihr Apollonia im Verfolg der Erzählung näher bekannt ward, von
der sie sonst wie von einem Mädchen gesprochen hatte, zu der ihr Sohn nie
aufblicken dürfe, und die nun nach so vielen ausgestandenen Leiden ihren
ehemaligen Freund der Tochter abtreten müsse. Ihrem Gefühle nach sollten es sich
alle noch überlegen, sie meine, der Sohn müsse Apollonien heiraten, das sei er
ihr schuldig, mit ihr komme auch sein Alter überein. Der Vorschlag kränkte Annen
und Frau Hildegard hatte Mühe, sie zu trösten, als sie ihr versicherte, dass sie
auf den Vorschlag gar nicht bestehe. Der ehrliche Kugler fühlte sich bei der
ganzen Sache am überflüssigsten, dachte deswegen auf eine Artigkeit, sich
beliebt zu machen, und brachte die beiden Lämmer zum Geschenk, die schön
weissgewaschen, wie sie waren, der Frau Hildegard so wohl gefielen, dass sie
dieselben aufzuziehen beschloss. - »Wo mag damals in der Schreckensnacht mein
Lamm geblieben sein?« fragte Apollonia. - »Von diesem Lamm stammt eine Herde«,
sagte Bertold, »die sich jährlich auf dem Hofe vor der Stadt vermehrt und die
feinste Wolle im ganzen Lande trägt. Lernt mich in meiner Treue gegen Tiere
kennen, auf jenen Bäumen brüten jährlich und werden von mir gefüttert die
Abkömmlinge der Elster, welche mir diese Baustelle zeigte.« Das gab
Veranlassung, die Fremden umher zu führen, ihnen die Zimmer zu zeigen, die ihnen
bestimmt wären. - So endete der Tag und Frau Hildegard freute sich, dem Sohne im
Bette wieder wie sonst die Hand reichen zu können, und in diesem Gefühle gelobte
sie zur glücklichen Vermählung desselben, die Mutter Maria mit dem heiligen
Kinde, die am Hause nur schlecht gemalt, vom Regen ausgelöscht war, wieder
auffrischen zu lassen. Der gute Sohn sann aber inzwischen darauf, wie er seiner
Mutter eine stete Gesellschaft lassen könnte und berechnete sich, wie viel Dank
er dem alten Fingerling schuldig sei und wie dieser auch so einsam lebe. Da trug
er ihr vor, ob sie sich nicht mit dem guten Manne vermählen wolle, im Grunde
wären sie doch in Hinsicht aller Wirtschaftsangelegenheiten längst mit einander
verbunden; habe sie wegen ihres Schwindels sich sonst schon gegen ihren Willen
vermählt, warum wolle sie jetzt nicht ihrem Alter und ihrer Bequemlichkeit
dieselbe Gefälligkeit erweisen. Die Mutter wies das zwar von sich, sie sei schon
neunzig Jahre, aber der Sohn meinte dennoch durch zu dringen, weil sie von ihrer
Seite den Plan machte, Apollonien mit Meister Kugler zu verheiraten, wenn ihr
entlaufener Mann für verschollen erklärt wäre, so dass ein Tag sie alle in
gehörige Verbindungen versetzen könne. Der Mensch denkt und Gott lenkt.
    Am Morgen wurde Anna sehr erschreckt, sie konnte sich nicht gleich erinnern,
wo sie erwache, das Zimmer erschien in der Morgenhelle anders, als Abends in der
Lampenerleuchtung. Sie rief die Mutter, aber diese hatte schon Zimmer und Bett
verlassen, und erst allmählich besann sie sich auf alles. Sie strählte ihre
Haare am Fenster und flocht sie auf, des herrlichen Anblicks über den
blumenreichen Garten erfreut und darum weniger eilfertig: das alles sollte nun
bald ihr Eigentum sein, in dem Gedanken fühlte sie ein stolzes Glück. Ein
sanfter Wind wogte mit Ästen und Gesträuchen und wie er diese einmal stärker
niederbeugte, sah sie die Mutter auf einer Gartenbank neben Bertold sitzen, wie
er sie herzlich küsste. Sie zitterte, sie wollte nicht glauben, aber der Wind
trat immer stärker auf und es war nicht zu zweifeln; mm suchte sie alles auf,
Bertold und die Mutter zu entschuldigen, aber nichts wollte die Heftigkeit
ihres Zorns erleichtern, als ein Strom von Tränen. Als sie noch weinte und ehe
sie sich bezwingen konnte, trat die alte Frau Hildegard an ihrem Stabe ein und
liess durch ein paar Mädchen ein elfenbeinernes Schränkchen auf den Tisch in die
Mitte der Stube setzen. Die Mägde gingen fort, die Alte hatte zu schwache Augen,
um gleich die Tränen der künftigen Schwiegertochter wahrzunehmen, auch war sie
sehr beschäftigt, die Seltsamkeiten des Schränkchens sorgsam auszupacken, so
gewann Anna Zeit, sich etwas zu fassen. - »Das Schränkchen«, sagte Hildegard,
»entält den Mahlschatz der guten Mutter unsres Bertolds, wie wird sie sich
freuen, wenn ein Blick aus jener Welt ihr gegönnt ist, diese Zeichen ihrer Liebe
in Zeichen der Liebe ihres Sohnes verwandelt zu sehen. Ich, die ich viel älter
war, als sie, sollte das alles noch vor meinem letzten Stündlein erleben.« -
Anna kannte nichts von dem Geräte, freute sich aber an aller zierlichen Arbeit,
während sie ungeduldig nach dem Fenster hinblickte, ob ihre schmerzliche
Wahrnehmung sich ihr zu grösserm Kummer wiederhole. - Frau Hildegard erklärte ihr
nun die Bedeutung jeder einzelnen Gabe des Mahlschatzes. »Der Kranz mit drei
Eicheln auf einem Stiele bezeichnet«, sagte sie, »die Unschuld, welche bisher
unter dem höchsten Schutze der Dreieinigkeit gestanden, ihn überreichst du
meinem Bertold am Hochzeittage, wogegen er dir die goldne Kette mit den Rubinen
als ein Anerkenntnis deiner Unschuld verehrt. Dies ist das silberne
Armgeschmeide, das ihr einander anlegt, als Zeichen, dass eure Hände nicht mehr
frei sind. Dies ist der Schaugroschen, den du als Mietsgeld von dem Manne
empfängst, ein Zeichen der treuen Dienste, die du ihm und seiner Wirtschaft
leisten musst. Dafür übergibst du ihm in der Hochzeitnacht dies feine Hemd, das
du noch mit seinem Namen sauber zeichnest, und für das Hemde gibt er dir am
Morgen diesen aus Silberdraht geflochtenen Gürtel, an welchem eine Geldtasche
und ein Küchenmesser hängt, als Zeichen, dass du gegen jedermann das dir
anvertraute Gut schützen sollst.« - Anna dankte ihr unter Tränen für alle die
guten Lehren, sie wolle fleissig und treu wirtschaften, wenn nur Bertold gleiche
Treue gegen sie erweise. Das Geheimnis liess sich der Anfrage Hildegards nicht
bergen, und Anna vertraute ihr, was sie eben gesehen und was vielleicht noch
geschehe. Hildegard war betroffen, sie sagte, wenn auch jetzt zu diesen
Zärtlichkeiten nur die Erinnerung der Stelle, wo er sich zuerst mit Apollonien
begrüsst, den Stoff hergegeben habe, so sei freilich eine Rückkehr zu dem
Jugendgefühle eine sorgliche Sache, weswegen sie immer noch wünsche, dass jene
beiden einander ehelichen möchten und dass Anna einen Jüngling ihres Alters
erwähle. Der Rat brachte die Jungfrau auf, sie schwor, dass sie ohne Bertold
nicht leben könne, dass sie auch von Luter feierlich eingesegnet sei. Da gab ihr
Hildegard den Trost, sie möchte nur schweigen und tun, als ob nichts sie kränke,
damit nicht Unfrieden in die Ehe gesäet würde, sie wolle dafür sorgen, dass
Apollonia nicht im Hause bleibe, so sei doch der Umgang weniger häufig. Zum
Glück sei das artige Haus des Nachbars feil, das solle der Sohn für Apollonien
kaufen und einrichten lassen.
    Sehr unbefangen, wie es der Unschuld ihres Herzens ziemte, traten jetzt
Apollonia und Bertold ein, grüssten, erzählten, wie sie im Garten des
wunderbaren Zusammentreffens, der noch wunderbareren Trennung gedacht hätten,
die Annen das Leben geschenkt habe. Bertold erzählte noch, es sei ihm einen
Augenblick vollkommen wie damals zu Mute gewesen und sie hätten sich wie ein
Paar Verliebte geküsst; dann habe er noch eine Inschrift an die Stelle gesetzt,
wo ihm so viel Glück geworden. Alle gingen hinunter, diese Inschrift an Ort und
Stelle zu hören, und Bertold las sie mit inniger Rührung, es war eine Art
Gebet:
Gib Liebe mir und einen frohen Mund,
Dass ich dich, Herr der Erde tue kund,
Gesundheit gib bei sorgenfreiem Gut,
Ein frommes Herz und einen festen Mut;
Gib Kinder mir, die aller Mühe wert,
Verscheuch die Feinde von dem trauten Herd;
Gib Flügel dann und einen Hügel Sand,
Den Hügel Sand im lieben Vaterland,
Die Flügel schenk dem abschiedschweren Geist,
Dass er sich leicht der schönen Welt entreisst.
Anna wurde von dem Gebete sehr ergriffen, sie versprach ihm mehr, als der Himmel
ihm geben könne. Es wurde von der Einrichtung des Hauses gesprochen und ehe noch
Hildegard davon anfing, erklärte Apollonia, sie wolle weder auf Kosten, noch im
Hause ihres lieben künftigen Schwiegersohns leben, aber die Stadt gefalle ihr
wieder von neuem, sie höre, dass ihr ein mütterliches Erbe zugefallen sei, worauf
die Stadt keinen Anspruch machen könne, sie wolle sich ankaufen, bis sie in den
letzten Jahren zu dem Kloster zurückkehre, welchem sie damals entrissen worden.
Frau Hildegard machte trotz aller Gegenrede Bertolds, der Apollonien nicht aus
dem Hause lassen wollte, ihren Vorschlag wegen des Nachbarhauses, er gefiel
Apollonien, doch gab Bertold nur ungern seinen Willen darein, weil beide Häuser
durch ein schmales Fussgängergässchen getrennt waren, so dass keine andre
Verbindung, als durch das Zubauen der allgemeinen Strasse zwischen den beiden
gestiftet werden könnte.
    Das Nachbarhaus wurde jetzt in Augenschein genommen. Es fand sich neu und
dauerhaft, denn es wurde erst vor wenig Jahren auf der wüsten Stelle gebaut, nur
konnte sich Frau Apollonia nicht zufrieden geben, dass ein Brunnen fehle, der ihr
als eins der liebsten und wesentlichsten Teile der Wirtschaft erscheine.
Bertolds Baulust machte gleich einen kühnen Plan. Auch ihm mangelte ein tiefer
Brunnen in seinem Hofe, nur trübe, moorichte Quellen sammelten sich in dem
Behälter, das er damals bei der ersten Besitznahme des Gebäudes ausgegraben
hatte, zum Ersatz hatte ihm immer der schöne, tiefe Marktbrunnen gedient, der
doch sehr unbequem weit vom Hause ablag. Jetzt fiel ihm ein, beiden Häusern den
Dienst zu erweisen durch einen gemeinschaftlichen Brunnen zwischen beiden, ihnen
nicht nur ein tieferes, reines Quellwasser, sondern auch die Freude der
Verbindung am Brunnen wie den Altvätern der Bibel in den Wüsten Asiens zu
verschaffen. Zwar musste dann die kleine Strasse, die dem ganzen Städtlein
nützlich war, um zu den Bleichplätzen auf kurzem Wege zu gelangen auf immer
geschlossen werden. Er schwankte, aber Apollonia trieb ihn mit der Bewunderung
seines Anschlags über sein gutes Gewissen und seine Besonnenheit als
Bürgermeister hinaus. Er fühlte, dass er unrecht habe, ganz deutlich; unrecht,
weil er die ehrwürdige Scheidewand des Hohenstaufenpalasts durchbrach; unrecht,
als Verwalter des öffentlichen Vorteils, aber der Gedanke war ihm zu süss, er
konnte sich nicht losreissen, er hätte gleich in Ungeduld Hand ans Werk legen
mögen. Er hatte so viele Gaben himmlischer Gnade erhalten, dass ihn der Mangel
dieses Brunnens so quälte, als ob alles, was er besitze, gar nichts dagegen
bedeute.
    Schon versuchte er den Boden, ob er fest sei, da hörte er Frauen in dem
Gässchen, die rühmten dies Gässchen, wie es so reinlich und fest sei, der Regen
schade gar nicht, kein Wagen komme ihnen da entgegen, wenn sie mit dem Linnen
bepackt wären, die Kinder könnten da auch so sicher spielen, ohne Gefahr
übergefahren zu werden. Es rief in ihm, dies sei die Stimme eines warnenden
Engels, aber der Teufel stand auch schon neben ihm, der Doktor Faust, der,
wieder angekommen aus der Fremde, sich nach seinem Wohlsein erkundigte und die
Unterredung behorcht hatte. Er fühlte Bertolds Puls und sagte, sein Blut
verdicke sich, es fehle ihm entweder an Luftbewegung, oder an fleissigem
Gebrauche des reinen Wassers. Frau Apollonia fiel ihm in die Rede, dass es an der
Seite der Stadt nur einen öffentlichen Brunnen gebe, der natürlich so
verunreinigt würde, sie könne nicht leben, ohne einen Brunnen in ihrem Hause zu
haben. Faust gab ihr mit schrecklich wichtiger Gebärde allen Beifall, wollte
aber von der Wunderkur anfangen, wie er Bertold ein frisches Lebensblut
verschafft habe und dass er dies schonen müsse; da führte ihn Bertold unter
einem Vorwande bei Seite, steckte ihm eine Hand voll Geld zu, sagte ihm, er
müsse diese Wunderkur verschweigen, weil er sich schäme, durch fremdes Blut
genesen zu sein. Faust grinste über das seltsame Geheimnis und brummte: »Ihr
meint wohl, die Frau möchte nach dem fragen, der Euch das Blut gegeben, Ihr
solltet ihn einmal jetzt sehen, das ist ein rechter Heidengott, ein junger
Herkules geworden, er wächst wie Holunder und ist fest wie Hagebuche. Seid
ruhig, ich will schweigen, aber erfrischt Euch an gutem Wasser, ich sage Euch,
ich habe es in den Füssen, wo Quellen liegen, mir wird da so wohl, als stiege ich
in ein Bad; da wo Ihr eingegraben habt, liegt entweder ein Schatz, oder eine
mächtige Quelle.« - »Ich will einen Rutenschläger bestellen, ehe ich anfange zu
arbeiten«, meinte Bertold, »Euer Gefühl kann irren.« - »Herr«, sagte Faust
ergrimmt und seine schwarzen Augäpfel traten hervor, wie Kugeln, die er eben
fortschiessen wollte, »Herr Bürgermeister, ich wünsche Euch alle Pestilenz auf
den Hals, ich kuriere Euch nicht, wenn Ihr einen elenden Gauner von
Rutenschläger befragen wollt, wo ich Euch schon Bescheid gesagt habe. Ihr müsst
hier einen Brunnen graben, oder ich schreie in der ganzen Stadt, der
Bürgermeister ist ein toter Mann, der nur durch Bürgerblut lebt, und ihr braucht
nur sein Blut dem Anton abzuzapfen, so muss er wie ein Blutigel, dem Salz
aufgestreut wird, auch sein Blut entlassen. Nun Herr, habe ich Euch in meiner
Gewalt, es ergibt sich keiner umsonst dem Teufel.« - Bertold sagte ihm, er sei
trunken. - Faust antwortete: »Trunken bin ich, denn jetzt sind es gerade
siebenundzwanzig Jahre, als ich zum letztenmal nüchtern war, aber im Wein ist
Wahrheit, wenn das Wort heraus ist, so gehört's einem andern, und wenn ein Ding
geschehen ist, so verstehen's auch die Narren, der Balbier lässt sich mit dem
abgeschnittenen Haar nicht bezahlen; wüsste ein Mensch recht, wer er wär, er
würde fröhlich nimmermehr, aber der Wein macht lustig, das ist seine
Gerechtigkeit.« - Bei diesen Worten winkte er einem verschmitzten, bleichen
Knaben, der auf ihn an der Türe wartete, liess sich eine grosse Henkelflasche von
ihm reichen und wankte langsam dem Ratskeller zu, indem er zuweilen anhielt, um
mit Hülfe des Knaben, der beide Arme unterstemmte, die grosse, geflochtene
Flasche ihrer letzten Tropfen in seinen Mund zu entledigen.
    »Es ist ein seltsames Vieh, unser Doktor«, sagte Bertold zu Apollonien, die
sich über ihn verwunderte, »aber ein Ingenium hat er, wie keiner, wenn er kaum
seinen weg sehen kann, da errät er am besten alle verborgne Übel und hier hat er
eine ausserordentliche Quelle entdeckt, wo wir einen Brunnen nötig haben. Ich
kann nicht ruhen, bis ich Arbeiter finde, das Werk anzugreifen; ich sehe in
Gedanken den Rand des Brunnens, die Sitze umher von Marmorstein, auf denen wir
täglich mit einander frühstücken, wenn hell und herrlich der Morgen, und wenn er
von Annen mit den ersten Gaben des Jahres, mit Krokus, Schneeglöckchen und
Veilchen bekränzt wird, wenn wir unsre Kinder dabei taufen lassen; wenn bei
Feuersgefahr dieser Brunnen die Stadt rettet, dann werden sie gern das kleine
Gässchen geopfert haben und werden es mir danken.«
    Um keinen Widerspruch zu erfahren, eilte er, aufgemuntert von Apollonien, zu
seinen Arbeitern, die Gasse wurde geschlossen, die Mauern durchbrochen, ehe noch
die Sonne sank und Fingerling ihm sagte, dass die Zünfte einen Verdruss empfänden
und zusammen gekommen wären, dass er eine solche gewaltsame Änderung und
Zueignung ohne sie vorgenommen habe, nur ihre alte Anhänglichkeit halte sie ab,
sich heftig dagegen zu erklären. Er meinte aber die guten Leute zu kennen, er
wusste, dass sie einer grossen, öffentlichen Lustbarkeit nicht widerstehen könnten
und bat Fingerling, alle Zünfte mit Frauen und Kindern zu seinem Hochzeitfeste
einzuladen, zugleich sollte er die Angelegenheit des Brunnens hin halten; wenn
sie erst ein paar Wochen daran gewöhnt wären, würden sie einigen alten Weibern
zu liebe, die das Linnen trügen, ihm diesen Gipfel des häuslichen Glücks nicht
wieder entreissen.
    Anna und Hildegard vernahmen nichts von der Sache, die erstere war allzu
glücklich mit der Musterung aller Kostbarkeiten und Künstlichkeiten beschäftigt,
welche die fürstliche Mutter dem Hause zur Überfüllung aller Zimmer verlassen
hatte. Kaum gönnte sie sich Zeit zum Mittagessen, die neugierige Anna; wäre
Bertold nicht mit seinem Brunnen beschäftigt gewesen, es hätte ihn kränken
müssen, dass die Begierde auf Wirtschaftsgeräte, die sie bald als Eigentum
betrachten sollte, ihre Aufmerksamkeit von ihm für den ganzen Tag abgelenkt
hatte. Mit rastlosem Eifer wurden alle Zimmer, alle Schränke gemustert, und Frau
Hildegard selbst hatte die Freude, manches durch die Berührigkeit Annens wieder
zu sehen, was ihr zu schwierig war aufzuheben, selbst manches noch zu entdecken,
wovon sie bisher keine Kunde gehabt hatte. Immer höher stiegen sie und kamen im
Boden an eine Kammer, von der Frau Hildegard selbst nichts wusste. Da aber die
Türe verschlossen war und kein Schlüssel unter allen sich dazu vorfand, so
wurden alle durchversucht, ob sie passten. Endlich fand sich ein Schlüssel von
dem Zimmer Bertolds, der auch hier aufschloss, aber die Erwartung war betrogen,
die Kammer schien nichts zu entalten als einen mottenfrässigen, grünen Wams, den
Frau Hildegard bei näherer Betrachtung für den grünen Schreiberwams, für die
erste Gabe Apolloniens erklärte. Der wurde von Annen mit Hildegards Einwilligung
gleich bei Seite geschafft, damit diese Erinnerung, von der er oft sprach, keine
neue Neigung und Eifersucht erwecken könnte. Nun fand sich noch ein eiserner
Kasten in einer Ecke, in welchem Anna nichts fand, als ein türkisches Messer mit
einem Drachengriff und einem ledernen Beutel, beides war seltsam schön
gearbeitet und gefiel ihr, sie meinte, es brauchen zu können. Aber Frau
Hildegard gebot ihr beides hinzulegen, sie wolle ihr ein besseres Messer kaufen,
das sie in der Wirtschaft brauchen könne und der Beutel scheine ihr ohnehin
verstockt zu sein. Doch Anna dachte sich schon als Herrin des Hauses, glaubte
das alles schon ihr Miteigentum, wollte mitgeniessen, was ihr gefiel, und sparen,
was überflüssig schien, sie meinte also, es sei verständig, Messer und Beutel
mitzunehmen, ohne dass es die Alte mit ihren blöden Augen bemerke, nachher werde
sie schon vergessen, ein überflüssiges Messer zu kaufen, und den Beutel brauche
sie ohnehin gleich, um allerlei kleine Gaben zu bewahren, die sie während der
Haussuchung erhalten hatte. So kamen beide bedeutsame Gaben alter Zeit, das
einzige, was von dem Schatze Bertolds übrig, in die Gewalt der schönen Braut,
die ihre Seltsamkeit und die Gefahr, welche damit verbunden, nicht ahnden
konnte, aber das Unrecht war ihr doch deutlich, denn sie nahm beides heimlich
und es brannte sie doch schon etwas, wie den Adler die glühende Kohle, welche er
statt des Opferfleisches in das sichere Nest trug.
 
                              Siebente Geschichte
                                  Der Brunnen
Der Heiratsanschlag auf Fingerling hatte keinen Fortgang, der alte Junggeselle
befand sich in seiner ängstlichen Ordnung zu wohl, als dass er sie hätte ändern
mögen. Er fand sich durch den Antrag sehr geehrt und geängstigt, denn seine alte
Aufwärterin war gegenwärtig und machte ein böses Gesicht, auch die
Kanarienvögel, denen er etwas Grünes gebracht, schrieen zornig drein, seine drei
Schosshunde knurrten - und Bertold fand es demnach geratener, zu ihren
Geschäften überzugehen. Einen Vorteil hatte er inzwischen durch den verlornen
Antrag, es durfte Fingerling seine Einwendungen gegen den Brunnen aus
erwiderndem Nachgeben nicht weiter vorbringen. Dieser Brunnenplan war Bertold
aber ganz ans Herz gewachsen, seit Anna, die vorläufig mit der Mutter ins
Nachbarhaus der Schicklichkeit wegen bis zur Vermählung gezogen war, diese
Verbindung höchst bequem fand, um spät und früh bei Bertold zu sein, mit ihm
die Zukunft und das Haus auszuschmücken. Bertolds Zärtlichkeit, die jede Stunde
durch artige Zeitvertreibe, Geschenke und Gesellschaften zu beleben wusste, hatte
jede Eifersucht der Tochter wieder in den Hintergrund gestellt und bei der
Brunnenverbindung beider Häuser störte sie kein sorglicher Gedanke. Sie suchte
inzwischen doch die Verbindung der Mutter mit Meister Kugler zu betreiben, der
nun einmal fest entschlossen war, nicht ohne Frau in seine Wirtschaft zurück zu
kehren, und sich inzwischen mit dem Fleischeinkauf für das grosse Fest
beschäftigte, das Bertold der Stadt geben wollte. Als die Mutter ihr dieses
Ansinnen rund abschlug, weil sie von dem Tode ihres Mannes eigentlich gar nicht
unterrichtet sei, so sannen beide auf eine andre Frau für ihn, doch vergebens.
Da traten die geschwätzigen Töchter des Vogts, Babeli und Josephine mit grossem
Geschrei ein, weil sie erst jetzt die Anwesenheit ihrer liebsten Gespielin
erfahren hätten, küssten Apollonien, erzählten gleich, wie viele Verehrer sie
ausgeschlagen hätten, bis die andern davon abgeschreckt, sich ihnen nicht mehr
zu nahen wagten; wie sie jetzt viel verständiger handeln würden, wenn es ihnen
gestattet wäre, ihren Weg noch einmal zu machen, wie sie nicht mehr auf irrende
Ritter, sondern auf ehrliche Zunftgenossen sehen würden. Das Gespräch belebte
sie, die Erinnerungen schmolzen das Eis ihrer Herzen und Kugler, der nicht mehr
hinkte und sehr grossstädtisch gekleidet war, trat zur rechten Zeit ein. Babelis
Stunde hatte geschlagen, zwar spät, aber um so lauter, Kugler wollte eine Frau
aus der Stadt, woher Anna stammte, sie liebten beiderseitig nicht ein zartes
Verstecken mit ihrer Zuneigung zu spielen, Apollonia und Anna förderten die
Geburt mit freundlichem Zureden, sie hatten sich erklärt und verständigt,
geeinigt und geküsst; sie waren zum uralten Vogt gelaufen, der seinen Töchtern
allen Willen liess und auch zu dieser Verlobung freundlich nickte; alles das an
einem Tage.
    Auch hievon zog Bertold für seinen Brunnenbau wesentlichen Vorteil. Die
Bürger wollten sich durch den versprochenen Schmaus wegen des vermauerten
Bleichgässchens nicht beschwichtigen lassen, sie wollten aber den reichen
Bürgermeister nicht unmittelbar kränken und steckten sich deshalb hinter den
Vogt, der gegen Bertold gleich einige Worte von herzoglicher Genehmigung fallen
liess. Gegenwärtig fielen diese Worte ins Wasser, womit der Vogt seine Hände in
Unschuld wusch: wie hätte er den Mann kränken sollen, der seinen künftigen
Schwiegersohn beherbergte, der gewissermassen die Veranlassung gegeben, dass er
Babeli unter die Haube brachte, eine Hand wäscht die andere. Vielmehr gab er
gleich den Bürgern zu verstehen, wenn sie sich gegen den Bau setzten, so würde
Bertold durch herzogliche Gnade ihn dennoch durchsetzen, ihr Widerspruch sei
vergebens. Die Bürger kannten Herzog Ulrich und schwiegen, trugen es aber
Bertold nach, der doch nichts von diesem Gerede des Vogts wusste.
    Das Ausgraben des Brunnens hatte grosse Schwierigkeiten, weil Bertold nichts
vom Bergbau verstand, der doch hier notwendig zu Hülfe gerufen werden musste,
wenn er die oberen Quellen verschmähen und sich zur Tiefe durcharbeiten wollte.
Die Arbeiter sagten oft, Erde und Steine möchten ihnen über den Kopf
zusammenstürzen, denn sie verstanden es nicht, durch ein Zimmerwerk die steilen
eingegrabenen Erdwände zu sichern, doch Bertold redete es ihnen in seiner Lust
den Brunnen fertig zu sehen, immer aus, machte ihnen Mut durch Wein und Geld,
stieg auch selbst in die Tiefe und half zum Zeichen, dass er keine Gefahr da
ahnde. Aber jedesmal stürzte die Erde auf ihn nach und nötigte ihn, hinaus zu
gehen und sich umzuziehen, wenn sie auch keinen weiteren Schaden tat. Er liess
das Ausgraben weiter umherfahren, glaubte alles gesichert und förderte die
Arbeit um so eifriger, je weitläuftiger sie wurde. So tief hat des Himmels Gnade
das Verderben versteckt, der Mensch sucht es trotz allen Gefahren auf, oft
scheint es, als ob sein höchster Mut erst in der Sehnsucht nach dem
Verderblichen erwache, als ob die Überzeugung des Guten nicht diese heftige
Flamme in ihm entzünden könne. Bertold hatte eben die Arbeiter verlassen, es
war am dritten Tage, da kam ein Geschrei, der Brunnen sei eingestürzt, die
Arbeiter verschüttet. In Verzweiflung eilte er hin, er sah den Brunnen durch die
von zwei Seiten eingestürzten Wände halb gefüllt, der Gram seines Herzens nannte
ihn einen Mörder, er sprang hinunter, er rief jedermann zu Hülfe, alles
arbeitete in stummer Verzweifelung. Endlich gelang es, den armen Verschütteten
Luft zu schaffen, sie konnten sich schon zum Teil selbst helfen; die leblos
schienen, wurden wieder zu Atem gebracht, nur einem war der Arm zerschmettert.
Bertold sorgte reichlich für alle, den Unfall suchte er den Frauen zu
verheimlichen, doch glaubte er sich gezwungen, den Bau so lange auszusetzen, bis
er sich erfahrne Arbeiter verschafft hätte.
    Da brachte ihm Fingerling am nächsten Tage Botschaft, ein fremder, seltsam
gekleideter Mann, fast wie ein Schornsteinfeger, der eine Lederschürze hinten,
schwarz leinene Jacke und grüne Mütze trage, reite sein hohes Ritterpferd in den
Hof und bringe ein Schreiben von Martin Luter. - »Glück auf«, sagte der
Fremdling, übergab seinen Brief mit einem freundlichen Händedruck. Bertold
durchlas den Brief, worin ihm Luter berichtete, dass er den ersten Tag wohl acht
Meilen auf dem Pferde seiner Sicherheit wegen zurückgelegt habe, am Abend aber
so steif und müde angekommen sei, dass ihn die Leute hätten herunter heben müssen
Ein ehrlicher Bergknappe habe es übernommen, das Pferd zurück zu bringen. Noch
wünschte er ihm viel Segen zu der Ehe, auch solle ihm der ehrliche Bergmann ein
Lied vom Ehestande vorsingen, denn der wisse aus den Tiefen, wie der Gesang in
die Tiefen des Herzens dringt. - Aber unserm Bertold klang ein andrer Gesang in
den Ohren bei den Worten, dies sei ein Bergmann, er sah ihn an wie einen höhern
Boten, er drückte ihm die Hand wie einem Bruder, er zog ihn mit sich fort, zum
Brunnen hin, zeigte ihm mit Leidwesen, wie die Tiefe zugestürzt sei, er müsse
ihm Rat geben, um gefahrlos in die Erde zu dringen. Der Bergmann lachte und
sagte in seiner fremden Mundart, er wäre ein so hochgelehrter Herr, der lesen
und schreiben könne, er wolle ihn mit der Kleinigkeit wohl nur zum Narren haben.
Bertold stutzte und sah ihn verwundert an, dann beteuerte er ihm, dass keiner
einen Rat wisse, in die Tiefe zu kommen, so wenig es ihm gelungen in die Wolken
zu fliegen. - Der Bergmann spottete ihn aus, beschrieb ihm, wie ein Schacht
nicht anders sei, wie eine Brunnenöffnung, bei der es aber auf Erz ankomme, wie
dieser oft auf mehrere hundert Fuss Tiefe durch Wasser und Felsen eingetrieben
werde, wie das Wasser und Gestein heraus zu schaffen sei und wie das Pulver
jetzt alles Sprengen der Felsen erleichtere, wo sonst gar mühsam durch
Feuersbrand die Härte gelöst werden musste. Dann bestellte er sich Holz und
Zimmerleute; Bertold versprach ihm reichen Lohn.
    Die Bürger hatten des Unfalls am Brunnen gespottet, jetzt konnten sie gar
nicht begreifen, was er vorhabe. Keiner der Schmiede und Zimmerleute konnte den
fremden Bergmann verstehen, denn zwischen den ungebildeten Menschen, die
verschiedne Mundart reden, ist das Verständnis schwerer, als mit denen, die
schon ihre gewohnte Sprache durch Erlernung fremder Sprachen zu übersetzen
gewöhnt sind. So musste Bertold als Dolmetscher zwischentreten, um den Leuten
deutlich zu machen, was sie hauen, sägen, bohren, hobeln, nageln und schmieden
sollten, obgleich er selbst eigentlich nicht verstand, was aus der Sache werden
solle, auch dazwischen von mancher Besorgung für das Haus und die Braut
abberufen wurde. Es war diese Zeit des Glücks gefährlich für ihn, der so lange
durch seine Erziehung und seine Schwächlichkeit von der Welt in eignen Wünschen
und Leidenschaften abgehalten worden, er hatte sie nur immer durch das
gleichgültige Nebelmeer der öffentlichen Geschäfte, der eignen Bedürftigkeit und
des Erwerbs angeschaut. Nun fühlte er sich auf einmal ein mitlebender Mensch,
der manches vermöge, von zweien Frauen geliebt, von vielen Menschen umdrängt,
die jetzt erst Vorteil oder Unterhaltung in dem Hause suchten. Es kamen Ritter
aus der Gegend unter manchem Vorwand, versicherten ihm ihre Freundschaft, es tat
ihm wohl von Turnieren mitzureden, den gewonnenen Becher zu zeigen; dann
erregten sie seine Eifersucht, wenn sie artig gegen Apollonien und Annen waren,
auch seinen Zorn, wenn sie auf Annen nicht zu achten schienen. Er lernte aus
ihren Erzählungen das kriegerische Jagdleben der kleinen Ritterstaaten von der
glänzenden Seite kennen und fühlte sich da mehr zu Hause, als bei sich selbst,
wo ihm die Schreibstube, das Einkaufen der Wolle, das Dingen und Zahlen, wenn es
gleich Fingerling gern besorgte, unleidlich fiel, so bald einer jener
ritterlichen Gesellen ihn in der Zahlstube besuchte. Über seine früheren Jahre
suchte er in sich ein Vergessen zu verbreiten, der Rosengarten und das
ritterliche Puppenspiel ward eingepackt, er glaubte sich selbst zum fertigen
Ritter bilden zu können, weil er sich gesund fühlte. Meister Sixt wurde jetzt
von Frau Hildegard ins Haus gerufen, um die Bildnisse von allen zu ewigem
Gedächtnis der schönen Zeit zu malen. Bertold schenkte ihm eine bedeutende
Geldsumme für Anton, damit dieser ihm nie, so wenig während der Arbeit, wie
nachher, ins Haus komme, weil er behauptete, Frau Hildegard könne ihn nicht wohl
leiden. Er bemühte sich gar, den Anton nach Nürnberg zu Dürer in die Lehre zu
bringen, aber das schlug Sixt rund ab, weil er auf die Malerei der dortigen
Meister, besonders Albrecht Dürers, gar nichts hielt, sondern das Wohlgefallen
der Leute an dessen magern Gestalten für eine Augenverblendung ausgab. Er hatte
die vollen sinnlichen Gestalten seiner niederländischen Meister im Kopfe, so
malte er auch seine Heiligen, dass noch ein sehr vollendeter Mensch ausser der
Heiligkeit sich in ihnen zur Schau stellte, ein Mensch, der auch zur Sünde den
Stoff in sich trug, aber in seinem Ausdruck, die Bändigung der Lust, die
Unterwerfung des blinden Triebs zu höherem Zwecke zeigte, der zugleich
durchscheinen liess, dass dies alles in ihm kein toter Zwang des Gesetzes sei,
sondern ein Drang seiner Seele, ein feuriger Wille, oder was gewöhnlich Glaube
genannt wird, dies Vertrauen auf einige Begeisterung des Willens für etwas, das
alles wirkt und bildet. So tückisch Meister Sixt die schwächliche Gestalt
Bertolds einst aufgefasst hatte, so reich und freudig wusste er die herrlichsten
Augenblicke in Annens Gestalt und Ausdruck zu sammeln und fest zu halten,
Apollonien gab er dagegen zu viel Böses und Frau Hildegard zu viel Gemeines in
den Ausdruck, denn was ihn nicht entzückte, das machte ihn tückisch. Eine
Bosheit von ihm war es auch, dass er sie durch das Zugehörige, die Eule bei
Apollonien, die Taube bei Almen und den Pfau bei Hildegard, als die drei
Göttinnen der Fabel bezeichnete, Bertold aber als Paris hinzufügte, wie er
Annen den Apfel reichte. Diese mytische Bedeutung, die niemand in Waiblingen,
als Bertold verstand, hatte dieser in Zutrauen auf Anna gebilligt, da er in ihr
allerdings etwas von einer Liebesgöttin fand, auch konnte das ganze Bild, das an
den zu erbauenden Vereinigungsbrunnen (der nach Bertolds Zeichnung in das Bild
eingetragen war) den Zuschauer versetzte, eben so gut für eine Verherrlichung
der Gartenlust, die Bertold geschaffen, gelten; so wurde es auch von den
Frauen, von allen Basen und Vettern, von Rittern und Knappen aufgenommen.
    Zu keiner Angelegenheit verhielt sich während dieser Arbeit unser alter Sixt
seltsamer, wie zu dem Bergbau am Brunnen, der inzwischen schon mit verschränktem
Holze ausgesetzt war und durch ein Drehrad mit zwei Pumpen seines wilden
Gewässers entledigt wurde. Er konnte ihm seine Bewunderung nicht versagen,
begriff aber nicht, was da vorgehe. Dass da unten in der Tiefe einer arbeite, kam
ihm nicht in den Sinn, sondern er meinte, das mache sich alles von selbst durch
die mirakulöse Maschine. Er spritzte deswegen eines Morgens sehr unbesorgt sein
warmes Wasser, worin er die Pinsel, Farbenscheibe und Farbenbeutelchen
ausgewaschen, in den Brunnenschacht. Er hatte den Tag sehr viel an einem roten
Kleide Annens gemalt, das warme Wasser war wie Blut gerötet und der Bergmann
erschrak bei seinem Grubenlichte nicht wenig, als ihm rotes, warmes Blut über
den Kopf rann, er glaubte, dass ihm eine Ader an einer Kopfwunde, woran er schon
einmal todkrank gelegen, wieder aufgesprungen sei. Er stieg entsetzt und gar
unerwartet für Meister Sixt, wie ein Schornsteinfeger für den Storch, der ruhig
über dem Schornstein nistet, aus der Tiefe. Meister Sixt machte ein Kreuz mit
seinem Pinsel und wäre schnell dem Berggeiste entwischt; der aber hatte ihn
schon in seinen schwarzen Fäusten und sagte ihm in seiner breiten Mundart, er
solle ihm einen Arzt bestellen, ihm sei eine Ader gesprungen. Meister Sixt
versprach alles, um dem schwarzen, blutigen Manne zu entkommen. Er lief fort und
begegnete in der Strasse einem Geistlichen, dem Pfarrer Sprenger, der die heilige
Speise zu einem Kranken getragen hatte; den sandte er gleich zum Trost des armen
Bergmanns. Dann lief er zum Bader, dass er sich mit chirurgischem Verbande
einstelle, und begleitete diesen zum kranken Bergmanne. Der gute Bergmann hatte
inzwischen schon alle seine Sünden gebeichtet, wie er hie und dort Erze bei
Seite geschafft und an die Chimisten verkauft habe, er war seiner Sünden
entledigt und die heilige Speise ihm gereicht worden. Der Geistliche suchte ihm
noch Mut einzusprechen, aber der Bergmann blieb dabei, ihm würde im Himmel auch
nichts geschenkt werden; er werde »ta prav tonnern« helfen müssen. Da trat der
Chirurg hin, wusch den Kopf ab, setzte seine Brille auf, schüttelte mit dem
Kopfe, sah wieder, roch wieder und brüllte endlich zornig: »Meister Sixt, ich
schlage Euch alle Rüben im Leibe zusammen, hier ischt keine Wunde, das ischt
kein Blut, sondern riecht wie Malerfarbe, Ihr habt mich zum Narren brauchen
wollen, mein Gang kostet einen Gulden, die Ehrenerklärung kostet auch einen
Gulden, und wenn ich Euch nicht totschlagen soll, so kostet's noch einen
Gulden.« - Der Geistliche, als er dies vernahm, sprach Fluch und Bann über den
dürren Meister aus, dass er mit dem Heiligsten seinen Spott treibe. - Meister
Sixt krähte dazwischen von seinem point d'honneur, indem er einen kleinen Degen
zog, ihn habe der schändliche Bergmann angeführt, er sei unschuldig; der
Bergmann aber schalt grimmig auf den Maler, er habe ihm ein Fieber in den »Leip«
gejagt, er habe ihn mit »Treck gesalpt«. Schon hatte der Bergmann mit seinem
Fäustel den kleinen Degen des Malers in die Luft geschnellt und wollte ihn damit
weiter auspochen, da trat Bertold aus dem Hause, ermahnte ihn zum Frieden, liess
sich den Vorgang erzählen und erklärte allen den seltsamen Irrtum, worin sie
sich vergebens ereifert hätten, zahlte dem Wundarzt eine kleine Entschädigung,
verehrte dem Geistlichen Tuch zu einem Mantel, schickte Sixt zum Bilde fort und
trieb den Bergmann an die Arbeit, die ihrer Beendigung nahe schien und die viel
Menschen nötig hatte, weil die Pumpen Tag und Nacht beschäftigt werden mussten.
    Der Bergmann wollte sich zwar weigern, gleich nach solcher »Unortnunge und
pöser Warnunge«, wie er sich ausdrückte, fort zu arbeiten, aber Bertold stellte
ihm vor, dass die Arbeit durch den Felsen wahrscheinlich noch an dem Tage zu der
grossen Quelle führe, auf die alle Vorzeichen deuteten. Der Bergmann dachte
seines Berufs und der Vergebung seiner Sünden, er stieg ein in die Tiefe: das
Unheil war so tief verborgen, er musste es doch zu Tage fördern. Bertold hörte
den Bergmann aus der Tiefe gar herrlich singen und dachte wohl an Luters Brief
und wie dieser fromme Bergmannssohn für die Sehnsucht der Welt nach tiefer
Erkenntnis sein Leben daran setze, eine Quelle des Glaubens zu entdecken,
nachdem aller andrer Glaube, wie er bisher gebraucht, als getrübt befunden
worden. Ängstlich fragte er den Bergmann, ob auch keine Gefahr ihm drohe, es sei
ihm so bange. - »Eine feste Burg ist unser Gott«, antwortete der alte Hauer,
»ich lass mich nicht zum zweitenmal von blinder Furcht abtreiben, es muss
hindurch, der Fels mag hier noch so fest sein, ich habe gebeichtet und gebetet.«
    Beruhigt ging Bertold zu seiner Anna, fand aber dort einen sehr
schmerzlichen Brief des guten Treitssauerweins; er schrieb ihm: dass der Kaiser
täglich schwächer werde, dass ihm seine grossen Bestrebungen lächerrlich dünkten,
dass er viel von den Kronenwächtern vernommen und sich lächelnd geäussert habe,
dass er sich gerade an den Unrechten gewendet, als er Bertold zu Nachforschungen
aufgefordert habe, er möchte wohl selbst zu ihnen gehören. Das habe er als
Freund bestritten, aber der Kaiser sei nun einmal altersschwach und beschaue
täglich seinen Sarg, den er bei sich führe. Als er von Augsburg ohne Prunk
ausgezogen, habe er sich bei der Rennsäule auf dem Lechfelde umgewendet, lange
mit seinen weisen, gütigen Augen die Stadt beschaut und endlich mit bebendem,
tiefem Atem gesprochen: »Nun gesegne dich Gott, du liebes Augsburg und alle
frommen Bürger darin, wohl haben wir manchen guten Mut in dir gehabt, nun werden
wir dich nicht mehr sehen!« - Wo die Tonkugel eines Knaben und wo die
Geschützkugel zur Ruhe kommen, sind beide gleich machtlos, von dem Leben nimmt
der Bürger und der Kaiser mit gleichem Gefühle Abschied; dass aber ein Kaiser
nach so gewaltigem, sausenden Laufe durch die Welt und ihre Geschichte noch so
menschlich mit der Stadt reden konnte, in der er wenige frohe Tage lebte, die
Treue rührt tiefer, als das Angedenken mancher grossen Tat.
    Bertold erinnerte unter solchen Betrachtungen seine Anna an jedes gute Wort
des Kaisers und beide sassen fest verschlungen aneinander in Tränen, als sich ein
Lärmen hören liess nach der Hofseite, als ob ein fernes Geschütz abgefeuert
würde. Bertold hörte gleich darauf ein Geschrei der Arbeiter am Brunnen, er
lief ans Fenster und erblickte eine Wassersäule, die sich über den Brunnen erhob
und sich dann senkte; das Wasser aber floss dann wie aus einem überkochenden
Kessel aus dem Brunnenschacht die enge Gasse zwischen den beiden Hofmauern nach
der Rems hinunter. - »Gott, Gott«, rief er, »unser armer Bergmann!«
    Mit diesem Ausruf eilte er aus dem Zimmer hinunter die Treppe, über den Hof
zum Brunnen hin: »Helft, helft!« schrie er zu den Arbeitern, aber da war schon
alles versucht, den armen Bergmann heraus zu ziehen, es fehlte nur an Haken um
bis zur Tiefe des Brunnens zu gelangen. Die Leute berichteten, dass sie einen
Schall in der Tiefe gehört, als ob er den Durchbruch eines Felsenstücks, woran
er lange gearbeitet, zu Stande gebracht, aber mit einem furchtbaren Bullern, das
leichte Steine fortgeschleudert, habe sich eine Wassersäule erhoben, gewiss habe
er ein grosses Wasserbecken im Innern des Bodens geöffnet, und sei vom
Felsenstück niedergedrückt worden, sonst würde ihn der Strom emporgetragen
haben. Kein Schwimmer könne da niederdringen, so lange der Wasserstrom mit
solcher Gewalt ausströme, die Haken möchten ihn nicht erreichen, selbst von
langen Bäumen, er sei verloren; ein Glück für ihn sei es, dass er gebeichtet habe
und gespeist sei. Die Leute sahen darin eine besondre Absicht und Gnade des
Himmels, dass der Maler den Geistlichen herbeigeführt habe. Das war kein Trost
für Bertold, er suchte umher nach Rat und Hülfe, aber vergebens, zugleich
schämte er sich des Vorgangs vor den Frauen und vor der Stadt. Er gab den Leuten
Geld, dass sie dies Unglück verschwiegen, auch im Hause sagte er nichts von dem
Vorgange, sondern berichtete nur die Erscheinung der von Faust vorausgesagten
grossen Quelle. Alles eilte verwundert dahin, der Bergmann schien vergessen.
Heimlich bestellte Bertold, so wenig er sonst darauf gehalten, Seelenmessen für
ihn zu lesen; so verschmähen nur wenige, was ihnen angenehm im Glauben ist, nur
das Unbequeme veranlasst den Zweifel und die Untersuchung.
    Aber die Arbeiter schwiegen kaum so lange, als dies Geld währte, das er
ihnen geschenkt, bald war die Geschichte ein Märchen der Stadt, es hiess, der
Bergmann habe kostbare Edelsteine im Grunde des Brunnens gefunden und sei von
Bertold herabgestürzt, um dies zu verheimlichen, er werde es künftig schon
herausarbeiten. Niemand sagte ihm so etwas wieder, dass er die Wahrheit hätte
offenkundig machen können. Die Lüge wandte immer mehr Herzen von ihm, aber er
war zu übermächtig durch seinen Reichtum, durch die grosse Zahl von Arbeitern,
die er beschäftigte, als dass irgend ein Bürger eine Anklage gegen ihn gewagt
hätte. Faust mehrte den Zorn der Leute, in seiner Trunkenheit sagte er seltsame
Dinge von Bertolds Heilung durch Blut, wovon er, wenn er nüchtern, nichts
wissen wollte. Um diese Zeit liefen aber so viele Klagen gegen Faust ein, dass
Bertold, seines ärgerlichen Wandels überdrüssig, ihn zur Stadt hinaus führen
liess. Da sagte Faust ganz vernehmlich: Es solle dem Bürgermeister noch gereuen;
wenn er den Anton nur erstechen könne, so wäre er auch des Todes, und dazu werde
sich schon einer finden. Aber auch davon erfuhr Bertold nichts, er wurde immer
noch von den Seinen wie ein krankes Kind gegen jedes unangenehme Lüftchen
bewahrt. Schnell ordneten sich die Steine um den Brunnen zu seinem Rande und zu
Sitzen umher, sein Abfluss wurde sanft und ein kleiner Ausschnitt leitete den
Überfluss durch ein Gitter ab. Am sogenannten Polterabend vor der Hochzeit, wo
bei den Ärmeren alles Gerät abgesondert, die alten Töpfe zerschmissen werden, um
ein neues Leben anzufangen, war der Brunnen am Abend fertig und trocken und erst
jetzt entdeckte sich allen seine Anlage. Die Sitze waren hinlänglich gehöht, um
über die Mauern nach dem Remstale hinzublicken, so dass die sinkende Sonne in
ihrem abendlich gesättigten Rot aus dem Spiegel des gewundnen Flusses mit dem
Scheine mannigfaltiger Inseln blickte; unter den Mauern sangen dazu die Chöre
der Bleicher auf den grünen Wiesen, Bertold wurde überrascht und überraschte
zugleich, die beiden Frauen zierten den Brunnen mit einem Blumennetze, das sie
heimlich bereitet hatten und auf bunten Stangen über die Mitte des Brunnenrads
stellten, dass es mit Duft und Farbenspiel sie wie ein Zelt umgab und die
Aussicht erhöhte, indem es zuweilen sie unterbrach. So sassen sie ruhig, und Anna
fühlte einmal gar keine Eifersucht, dass Bertold die Mutter mit seinem andern
Arm umfasste, sie sprachen wenig und blendeten sich an dem Abendrot. Der Brunnen
war zwar teuer erkauft, aber er gewährte dem glücklichen Bertold das stolze
Gefühl, dass ihn diesmal nichts geschreckt habe; die andern wussten nichts von dem
armen Bergmann. Da hörte Anna von einer Seite einen Atemzug, wo keiner der Ihren
stand, sie blickte um sich und sah einen alten Mann in rostiger Rüstung, sie
fragte Bertold mit leichtem Schreck: »Wer ist der fremde Mann? Er sieht aus,
als ob eines von unsern alten Steinbildern am Hause zu uns herabgestiegen wäre.
Er hat mehr Züge im Gesicht, als zwei gewöhnliche Menschen. Er schiebt jetzt
einen Kasten heran, es kommen mehrere, die ihm helfen, alle gerüstet wie er,
alle von bleichem steinernen Angesicht. Sie gehen schweigend zurück, er bleibt.«
 
                                Achte Geschichte
                                Das Hausmärchen
Frau Hildegard, die sich zugleich mit Bertold umsah, stiess diesen vergebens an
und flüsterte ihm zu, er möchte sich fortbegeben, es sei einer der
Kronenwächter, den sie sonst schon oft abgewiesen habe. Bertold fühlte einen
Mut in sich, dem Alten zu begegnen, und fragte ihn, was er wolle, warum er sich
ihnen so heimlich genaht habe! - »Heimlich?« antwortete der Alte mit tiefer
heiserer Stimme, als ob die böse Witterung eines Jahrhunderts darin sich
verkrochen hätte, »heimlich war nicht nötig, ihr saht und hörtet nichts! Mein
Name ist Kronenhelm, bin Ehrenhalt auf dem Schloss Hohenstock, wurde viel hin
und her geschickt in Ernst und Spiel, habe Turnier ausgerufen, Fehde verkündet,
Schlösser aufgefordert, habe im Zweikampf Sonne und Schwerter gemessen,
besprochene Waffen losgesprochen, die Hexerei mit ritterlicher Ehre gebrochen,
kann blasen auf dem Ehrenhorn hoch und tief, und wenn einer sieben Jahre
schlief, ich weck ihn und schreck ihn, doch wenn einer lustig ist, bin ich auch
ein guter Christ, und zu Eurem Polterabend komm ich über die Heide trabend, Euch
Gruss zu bringen, Eure Hand zu schwingen, Geschenk und Gaben, die sollt Ihr
haben, buntes Glas, wie bald bricht das darum nehmt's wohl in acht, es hat ein
Vorfahr gemacht. Seht her seht hin, seht die Sonne darin, wie's flimmt, wie's
flammt, alles vom Lichte stammt.« - Bei diesen Worten hob er aus einem Kasten,
den ihm einige Leute nachtrugen, länglichte Glasfenster, oben als Spitzbogen
geschnitten, und stellte sie in die leeren Räume zwischen den mit Blumen
umwundnen Stangen gegen die untergehende Sonne, dass die Farbenpracht des Glases
in seinem Durchscheinen in dieser vollsten aller Lichtfüllungen jedes andre
denkbare Bild überstrahlte. - Bertold grüsste den Mann und in der Meinung, er
sei von den Frauen geschickt, drückte er den beiden Frauen die Hand und dankte
ihnen für die seltne Freude, die sie ihm bereitet hätten, er schwöre ihnen, kein
Baumeister hätte je so etwas Schönes ersonnen. Dieses Blumenzelt solle in feinem
Marmorstein ausgeführt werden und die Glasfenster haltend umschliessen, dass der
Brunnen eben so leicht frei, als geschlossen nach Witterung und Stimmung genutzt
werden könne, zum kalten Bad für die heisse Zeit, als warmes Bad im Winter, auch
zum sichern Mittagsschlaf beim Rauschen des Gewässers. Er rühmte Almen, wie sie
ihn in allem übertroffen, - aber Anna sah Apollonien verwundert und ärgerlich
an, als ob diese heimlich sie durch Erfindung habe übertreffen wollen, - und
Apollonia noch verwunderter Annen, - der alte Ehrenhalt lachte recht von Herzen.
- »Warum lacht Ihr, Alter?« fragte Bertold, »dass ich so eifrig bin, mir hier
gleich ein Brunnenhaus fertig zu denken, woran noch mancher Meissel stumpf wird.
Ihr sehet hier noch Stangen, ich sehe schon die Blumenkrone in Marmor über dem
Brunnen, ich sehe schon die Morgensonne von jener Seite, wie sie die Fenster
durchleuchtet, ich meine das Tal dort wird noch freundlicher scheinen, weil es
weniger blendet.« - »Herr«, antwortete der Ehrenhalt, »Eure Absicht finde ich
gar wohl erdacht, aber ich wundre mich, dass Ihr diese Arbeit so wenig kennt nach
ihrem Werte und ihrer Seltenheit, dass Ihr es für eine blosse Artigkeit Eurer
Braut haltet. Solche Fenster möchte der Kaiser sich wünschen und sie nicht
bereit finden; dieser mühsam zusammengebrachte Reichtum an Schmelzfarben steht
keinem Glasmaler so zu Gebote und die Fertigkeit in der Benutzung aller ihrer
Mischungen und Überlagen fordert ein vieljähriges Nachdenken. Hier ist nicht wie
in gewöhnlicher Glasmalerei mit Schwarz geschattet, ein jeder Schatten sinkt in
seiner eigentümlichen Farbentiefe. Ehrt dies Geschenk, das erste, womit die
Kronenwächter Euch ein Zeichen ihres Vertrauens geben.« - »Wer erlaubt Euch hier
einzudringen?« unterbrach ihn jetzt die alte Frau Hildegard, »jetzt erkenn ich
Euch, wie oft habe ich Euch abgewiesen.« - »Lass ihn«, sagte Bertold, »seid
nicht böse, guter Mann, die Mutter meint es gut mit mir und fürchtet Euch wegen
Martins Tod; Eure Gabe lerne ich jetzt erst recht bewundern, Ihr habt diesen
Abend seltsam verherrlicht, Ihr sollt Zeuge sein meiner Freudentage und Ihr
werdet Euch scheuen, ein Glück zu stören, um Greuel hoffnungsloser Erwartungen
zu säen.« »Greuel?« fragte der Ehrenhalt ernst. - »Ich sage Euch meine Ansicht«,
antwortete Bertold, »verhehlt sie nicht den Kronenwächtern. Ich meine, dass ein
hochberühmtes Geschlecht nach Gottes Weisheit von der Höhe schwindet und dem
gemeineren Platz macht, wenn seine Fortdauer Greuel brütet. Denkt Euch, der
vielfache Mord, an welchem mein Vater untergegangen, wäre von dem herrschenden
Geschlechte vor den Augen der Welt begangen, welch ein Vorbild den Völkern;
jetzt schwindet er in der Unbemerkteit, nur denen verderblich, die sich darin
verwickelt finden.« - »Woher aber diese Greuel?« antwortete der Ehrenhalt.
»Fühlt Ihr solche Frevel in Eurem Blute? Seid Ihr nicht mild und schaffend in
Eurem Kreise gewesen, und war nicht eben so Euer Vater? Berührt Euch aber der
Gedanke Eures Sturzes ernstlich, und das wird keinem fehlen, dann lernet Euch
selbst fürchten; fiele die wärmende Sonne zur Erde, sie würde uns verbrennen.
Als Euer heiliges Geschlecht herrschte, gab es ein reines, keusches
Rittergeschlecht, aber die jetzt den Namen tragen, sind es nicht. Nicht die sind
Ritter, welche mit goldnen Spornen einherstolzieren, die von den Kaisern mit
Gunst und Torheit zu Rittern geschlagen sind. Die echten Ritter sind vom harten
Geschick geschlagen und geprägt, ihr Sporn ist die Treue und ihr Schwert der
Glauben an das ewige Bestehen der Geschlechter und dass dieselbe Herrlichkeit aus
dem Stamme immerdar wiedergeboren werde, wie Ihr das Wasser dieses Brunnens
ruhig abfliessen lasst und immerdar auf die Dauer und Gabe der Quelle rechnet.
Doch Herr, es ist nicht gut einen zu wecken, ehe er ausgeschlafen hat, Ihr müsst
noch ausschlafen von dem Siechtum, das Euch lange zu ritterlichen Taten
untüchtig machte, auch wollen die Kronenwächter noch nichts mit Euch, sie senden
Euch nur eine kleine Freundesgabe, dass Ihr Eure Abkunft nicht vergesst, denn in
diesen Bildern ist viel von Eurer Abstammung erzählt und hier sind die Reime,
die Euch hierüber weitere Auskunft geben.« - Mit neugierigem Stolze griff Anna
nach dem Buche und sagte: »Es ist mein, denn seine Ehre ist auch meine Ehre
jetzt; aber die Züge dieser Handschrift müssen gar alt sein, ich kann sie nicht
lesen. Herr Ehrenhalt, schenkt uns noch einen Bericht aus diesem Buche, es
scheint gar lang und Ihr werdet uns das mehr in der Kürze berichten können, da
das Abendlich bald zu verlöschen droht.« »Tut es alter Herr«, sagte Bertold,
und bot ihm einen Becher alten Neckarwein an, »wenn Ihr ein ritterlicher Diener
seid, so dürft Ihr schönen Jungfrauen so etwas nicht abschlagen.« - »Euer Wein
ist klar, wie der Jungfrauen Angesicht«, antwortete der Ehrenhalt, »und was Ihr
begehrt, ist unsre stete Unterhaltung in den einsamen Wachtstunden, bald
sprechen wir von den wohlbezeugten Geschichten des Hauses, von Barbarossa und
Konradin, bald von den Hausmärchen aus den Zeiten des Attila, von denen hier
eins abgebildet ist. Es berichtet von einem der alten schwäbischen Könige, aus
dem Hause der Hohenstaufen, dessen Name verschieden angegeben wird, hier aber
soll er in Waiblingen sein Hoflager gehalten haben. Waiblingen war damals eine
grosse Stadt.« - »Das wissen wir aus der Chronik«, sagte Bertold. - Nun erzählte
der Ehrenhalt das Hausmärchen nach Ordnung der Bilder, die er nach einander, wie
er in der Erzählung fortschritt, gegen die Sonne stellte, dass jeder ihre
Bedeutung zugleich erschaute.
                                  Erstes Bild
Es war nun der dritte Tag, dass der König dem wunderbaren, kleinen, wie Silber
blinkenden Vogel über Höhen und Tiefen bis zum Anfang des dichten Schwarzwaldes
nachschlich. Der Vogel schien aber der Jagdkunst verständig, trug spielend eine
goldne Feder im Schnäbelchen, wenn er ausser dem Bereiche der Armbrust war,
wiegte sich auf dem Zweige und sang ruhig, aber im Augenblicke, wo der König den
Pfeil auflegte, breitete er seine Flügel aus und schwand selbst wie ein Pfeil in
die gefahrlose Weite, während der König ihm ärgerlich, aber vergebens, seinen
Pfeil nachschnellte. Die Jagdwut des Königs überwältigte seine Ermüdung; seine
beiden einzigen Gefährten, zwei Ritter, die ihm aus gutem Willen folgten, waren
schon am Morgen erschöpft bei einem Einsiedler liegen geblieben. Des Königs
Jagdlust entschädigte ihn für alles, was er entbehrte, er überliess sich ihr nach
dem schnellen Absterben seiner beiden Eltern, das einem tückischen Gifte
zugeschrieben wurde, um seinen Kummer zu zerstreuen, dass er den Mörder nicht
entdecken konnte. Gewiss war es einer seiner Gaugrafen, denen er in der Trauer so
unbesorgt die Nachforschung, die Regierungsgeschäfte und alle Einnahmen
überlassen hatte. Dieser schmerzliche Müssiggang machte ihn dem Volke
verächtlich, wenige entschuldigten ihn mit dem schmerzlichen Anlasse. Die beiden
gutmütigen Edelleute, die ihm auf seinen Irrwegen folgten, erkannten zwar das
Unglück, was er durch diese Lässigkeit über das Land brachte, aber sie wagten
nur selten, ihm Vorstellungen zu machen, da er allmählich in seiner Jagdlust
verwildert, gegen jede Einrede wütete, und sich selbst überredet hatte, indem er
von dem Ertrage der Jagd sich kärglich nähre, so müsste es seinem Volke recht
wohl sein, dem er alle seine Einnahmen überlassen hätte. Aber seine Grafen
hatten dieses Erbe zur Unterdrückung des Volks durch fremde Söldner benutzt, so
wurde das reiche Land vernichtet. Jener Vogel hatte den König allmählich in den
damals dreifach grösseren, unzugänglichen Schwarzwald geführt, er eilte über die
von den Menschen bis dahin nicht überschrittene Grenze der Wildnis, ohne es
selbst wahr zu nehmen. Da bedeckte die untergehende Sonne ihr Haupt mit Asche
der brennenden Wolken, er hätte seinen letzten Atem aushauchen mögen, um ihr
Feuer noch für einen Augenblick anzufachen. Er blickte um sich, denn der Vogel
schien entschwunden, und er hörte doch seine Stimme. Welche Bäume umgaben ihn
und welche zusammengestürzten Haufen von Baumstämmen, auf denen riesenhafte
Pilze mit bunten Giftfarben erwachsen waren, hier sah er eine Eidechse, die auf
den Tod einer Schlange lauerte und ihr vorsang, dort hackten unzählige Spechte
den Takt zu dem Gesange. Wilde Reben aller Art, lebendig und abgestorben,
verflochten den Urwald, in welchem die Bäume so dicht aneinander ihre Äste
drängten, dass er seinen Weg durch die abgestorbenen Unteräste brechen musste.
Grimmig schleicht er auf den Zehen
Durch des Waldes tiefe Nacht,
Aus dem Tale zu den Höhen
Lockt der Vogel ihn und lacht,
Lacht in tausendfachen Tönen,
Schlägt mit seinen Flügeln ihn,
Recht als wollt er ihn verhöhnen,
Denn das Dunkel macht ihn kühn.
Wütend schlägt der Herr die Bäume,
Wo er längst entflohen ist,
Schiesset in die dunklen Räume
Und die Wut sein Herz zerfrisst.
Kracht die Tanne an der Tanne,
Seufzt er auch aus zorn'ger Brust,
Fühlt sich schmerzlich in dem Banne
Von der bösen Jägerlust.
So wütete sein stolzer Jagdsinn gegen den Vogel, der ihn in diese Wildnis
geführt, und wo er etwas flattern hörte in den gedrängten Ästen, da schoss er
seine Bolzen hinein, doch ohne andre Frucht als die Mückenscharen auf sich
hinzuziehen, die schon in den Fichtenästen ihr Nachtlager aufgeschlagen hatten.
Von ihnen gepeinigt, stampfte er auf den Boden, da sauste eine Wolke von
Erdbienen gegen ihn empor. Er stürzte sich durch die trocknen Äste, ihnen zu
entfliehen, da brummte an ihm vorüber ein zottiger Bär, der den Honig der Bienen
wittern mochte, denn er achtete des Königs nicht, der schon sein Schwert zur
Wehr gezogen hatte. Nun hörte er wieder die Stimme des silbernen Vogels, aber er
fühlte keinen Zorn mehr gegen ihn, er war ihm eine willkommnere Gesellschaft
unter den Ungeheuern, die ihn umdrängten. Ein heftiger Durst zähmte ihn, er
hörte wohl Wasser rauschen, aber wie ein Strom, der von einer Höhe stürzend
zerstäubt, denn der Felsen, auf welchem er stand, bebte von dem Falle. »Ein
Schritt noch, und es ist der letzte«, schien ihm des Vogels Gesang zu sagen und
der König fühlte zum erstenmal, dass er noch nicht zum Sterben vorbereitet sei.
Er betete zum erstenmal seit dem Unglücke, das ihm die lieben Eltern geraubt
hatte, denn er hatte mit dem Himmel gezürnt, in Finsternis und Wildnis kam der
Geist des Herrn über ihn. Und als er das Haupt vom Gebete erhob, da sah er den
silbernen Vogel dicht neben sich, der einen grossen, leuchtenden Johanniswurm in
seinem Schnabel trug und damit flatternd einen Fusspfad erleuchtete, den er in
der Dunkelheit der Nacht und des Walds nie wahrgenommen hätte. Demütig hing er
seine Armbrust über und folgte mit Rührung dem angefeindeten Boten des Himmels.
Seht hier auf dem Bilde, wie alles Licht von dem Johanniswurme ausgeht, welchen
der Vogel trägt, seht an der Seite Schlange und Eidechse, an jener Bär und
Bienen am Abgrunde, den das brausende Wasser unterwühlt.
 
                                  Zweites Bild
Über eine Stunde führte ihn der kleine Laternenträger durch den dichten Wald.
Bei solcher Obhut konnte ihn weder das Heulen der Wölfe, noch das Liebesgeschrei
der Eulen erschrecken, aber doch fühlte er in seinem brennenden Durste, welchen
das Kauen von Blättern nur vermehrte, dass er ohne eine Quelle zu finden, bald
verschmachten müsse. Der Boden blieb dürr oder felsig, das Nadelholz hatte alles
Leben unter sich erstickt, die Nacht war taulos, und ein fernes Blitzleuchten in
der Schwüle gab nur entfernte Hoffnung zu himmlischen Quellen. Da erschien ihm,
als er schon alle Hoffnung aufgeben und eine Ader sich öffnen wollte, seinen
Durst zu stillen, das Feuer eines nahen Herdes, indem sich die Türe eines
Häuschens, das von Bäumen versteckt war, öffnete. Der Vogel sang fröhlich und
zeigte ihm den Weg dahin durch die Gebüsche und setzte sich auf den Giebel des
Häuschens und liess den leuchtenden Johanniswurm frei entfliegen. Nicht aus
Vorsorge, weil Räuber die Wildnis zum Aufentalt wählen konnten, sondern
erschöpft lehnte sich der König an die aus wilden Rosenbüschen geflochtene Wand
der Hütte, ehe er einging, und dankte dem Himmel für die gnädige Führung. Dies
stellt das zweite Bild dar: in der Hütte sehen wir einen ehrwürdigen Greis mit
langem, weissen Barte, an einem Pulte schreibend, während schöne Knaben neben ihm
an einem Tische Früchte und Becher zu einem Mahl auftragen. Die alten Reime
lehren dabei:
Lernt im Zufall Gottes Führung,
Wie er euch in Not begrüsst,
Denn es braucht oft tiefe Rührung
Dass ihr euch nicht ganz verschliesst.
 
                                  Drittes Bild
Totenbleich tritt er zur Hütte,
Wie sein eignes Schattenbild,
Trinkt vom Quell, der in der Mitte,
Gleich dem müd gehetzten Wild;
Und ein Kind bringt Stuhl und Früchte,
Und der Alte Wein und Brot,
Will nicht, dass er erst berichte,
Was ihn brachte in die Not.
Der König stillte seinen Durst, dann dankte er dem Alten, und fragte nach der
Gegend, wohin er sich verirrt habe. Der Alte schrieb schon wieder gar eifrig und
legte den Finger auf den Mund, zum Zeichen des Schweigens. Der König schwieg und
die Kinder führten ihn zum Lager am Feuer, wo ihn der Schlaf in wenig
Augenblicken überwältigte.
    Er mochte wenige Stunden geschlafen haben, als ein Funke vom frisch
angeschürten Feuer auf seine Stirn sprang und ihn erweckte. Aber die Ermüdung
aller Glieder war noch zu gross, er wollte sich erheben und vermochte es nicht,
nicht einmal die Augenlider konnte er öffnen, er hörte die Unterhaltung zwischen
dem Vater und seinen Söhnen, ohne dass diese wahrnehmen konnten, dass er erwacht
sei. Der Alte schien etwas sehr Ernstes zu bedenken, er hatte einen Dolch gegen
Himmel gehoben und sprach heftig:
Ja der König muss verderben,
Soll der Staat genesen sein,
Mit dem Dolche muss er sterben,
Meine Träne soll ihn weihn,
Mich entflammt nicht eigne Rache,
Mich ergreift des Landes Wut,
Denn bald nährt der grimme Drache
Sich mit unsrer Kinder Blut.
Aber die Kinder flehten alle für den König und sagten:
Wie viel Wolken ziehn vorüber,
Und die Sonne scheint dann hell,
Und der König wird einst lieber,
Als der mutigste Rebell,
Vor dem armen Volk erscheinen,
Das vergessen alte Not,
Sich erwählet einen Reinen
Und bestraft des Königs Tod;
Er ist gut, es sind die Grafen,
Die mit frechem Übermut,
Laster lohnen, Tugend strafen,
Ach der König ist so gut!
Fest entgegnete darauf der Alte und focht mit dem Dolche gegen die Luft:
Wer darf sein Geschick vergessen,
Nicht der Bettler fremd im Land,
Und kein König darf vermessen,
Kronen, die aus Gottes Hand,
Unter seine Diener teilen,
Um in ungestörter Ruh
In dem wilden Wald zu weilen,
Nein bei Gott, ich stosse zu.
Dem Könige war in diesem Gespräch so manches Wort wieder erwacht, was seine
beiden Edelleute bescheiden hatten fallen lassen, die Not hatte seinen Geist
erhellt, mit Jammer erkannte er sein Unrecht, richtete sich auf, öffnete seinen
Wams und sprach zum Alten: »Stoss zu, ich fühle mein Unrecht, ich habe mein Volk
und meine Krone lange vergessen, möge ein Würdiger mir folgen, der es treuer
bewacht.« - Der Alte und die Knaben sprangen von ihren Sitzen und sahen ihn
verwundert an. »Bringt kühles Wasser dem Kranken«, sagte der Alte, »er hat
unserm Spiele zugehorcht und wähnt, er sei selbst der Schottenkönig, dessen
Geschichte wir darstellen.« - »Ihr spielt mit dem Dolche?« sprach der König.
»Oder hat Euch mein Auge den Mut benommen? Ich will es schliessen, will mich
niederlegen wie ein Schlafender, dass Ihr mich ohne Scheu morden könnt.« - Bei
diesen Worten entfiel dem König die Krone, die er unter seinem Hute trug, und
der Alte erkannte wohl, dass dies Missverständnis einen Grund habe und keine leere
Qual der falschen Einbildung zu nennen sei. Er liess sich vor dem Könige auf ein
Knie nieder und sprach: »Nicht jeder kennt die Not und das Geschick eines
andern, der die Furchen seiner Stirn erblickt, wohl mögt Ihr unser gnädiger Herr
sein, den wir so lange vermissen, ich aber wage es nicht, Euch zu beraten, so
wenig ich Euch zu morden gesonnen war. Lange habe ich meine Augen nicht mehr dem
Lebenden geöffnet, aber oft habe ich vor Euch in jüngeren Jahren am Marktfeste
zu Waiblingen die Geschichte der Völker auf künstlicher Bühne gesprächsweise
aufgeführt; gedenkt Ihr meiner noch, des alten Meistersängers David, aus
Ungerland. Hier in stiller Einsamkeit durchdenke ich die Geschicke der Völker,
und was Euch ergriffen, ist die Geschichte eines Schottenkönigs, der von seinen
Barden erstochen wurde, weil ein Drache ungestört das Land verwüstete.« - Der
König erhob den Alten, küsste ihn und sprach: »Mag Eure Geschichte mir fremd
sein, Eure Lehre ist mein geworden, der Sänger Wort ist ein höherer Ruf und wie
es uns trifft im Innersten, im Geist, im Herzen zugleich mit einem Strahle, so
wirkt ein höherer Geist durch das Wort; wohl mögt Ihr mich noch vergessen haben
und des fernen Schottenkönigs gedenken, dennoch steht mein Reich ich und meine
Gedanken im Spiegel Eures Geistes, Euch selbst unbewusst und ich schaudre vor
meinem Abbild.« Das Bild stellt den König dar, wie er seine Brust dem Dolche
entblösst, während die Krone von seinem Haupte fällt.
 
                                  Viertes Bild
Der König fühlte sich entschlossen, wieder selbst zu herrschen und fragte nach
Kostnitz am Bodensee, wo der Graf der Nibelungen, als besonderer Günstling des
Königs wohnte. Gleich war ein Knabe mit einer Kienfackel dazu bereit und der
Alte gab ihm seltsame, ahndungsvolle Worte auf den Weg. Und der Knabe führte ihn
die wunderbarsten Wege auf umgestürzten Baumstämmen über Abgründe, in denen die
Wölfe heulten. So waren sie bei dem Morgenlichte schon am Waldrande, wo der
König den Knaben mit vielem Dank zurücksandte, gern hätte er ihm auch eine Gabe
gereicht, aber schon lange hatte er kein Geld mehr gehabt und verlangt. Gegen
Abend erreichte der König das Schloss des Grafen der Nibelungen, versteckte seine
Krone und sein Schwert unter dem Mantel und warf die Armbrust unter einen
Steinhaufen, dass er sie einst wieder finden könnte. Das Schloss war hell
erleuchtet, er mischte sich unter das müssige Volk der Zuschauer, die alten Reime
sagen:
Und er geht zum hohen Schloss,
Helle jedes Fenster blitzt,
Viele kommen da zu Rosse
Und sie haben ihn bespritzt,
Und er lässt die Wagen rollen,
Steht da, wie ein armer Tropf,
Fackeln, die sie putzen wollen,
Schlagen sie auf seinen Kopf,
Dass das heisse Pech ihm rinnet
In den Nacken, auf das Kleid,
Wahrlich, keine Seide spinnet,
Wer so zusieht wilder Freud.
Ruhig wärmt er sich am Feuer,
Das der Wagen Spur erhellt,
Einen Brand nimmt da ein Geier,
Trägt ihn in das reife Feld,
Und des Armen Feld muss brennen,
Weil der Reiche fröhlich zecht,
Doch sie werden bald erkennen,
Dass noch lebt ein göttlich Recht.
Und wie der König dem ernstlich nachdachte, hatte sich die Menge, die keine
Gäste mehr zu sehen erwartete, schon vom Wachtfeuer verlaufen, er stand allein,
als ein Haufen Reiter eine gebundne und dennoch würdig scheinende Jungfrau auf
einem Pferde herbeiführten und am Tore zu Boden setzten. Die Reime sagen:
Von dem Mund der Jungfrau nehmen
Sie das Band, das ihn verschloss,
Meinen, dass sie sich soll schämen
Vor dem glanzerfüllten Schloss.
Doch die Jungfrau ruft dem Winde,
Sagt's der keuschen Sternennacht,
Dass sie ihren Gram verkünde
Und die nahe Übermacht:
»Harter Graf, der mich geraubet,
Schlechter König, der nicht hört,
Heut hat Myrte mich umlaubet,
Morgen bin ich schon zerstört.«
Diesen Raub der schönen Jungfrau seht ihr hier auf dem Bilde und wie der König
nach dem Degen greift.
 
                                  Fünftes Bild
Die Besonnenheit des Königs beschwichtigte diese Aufwallung, er gedachte der
Zahl jener Räuber und beschloss, der armen Geraubten, deren Schönheit ihn tief
gerührt hatte, mit sicherer Klugheit zu helfen, oder selbst der Strafe für die
lange Vergessenheit seiner Pflicht zu unterliegen. Sein Schwert wieder im Mantel
versteckt, wie seine Krone, trat er ins Schloss und vertraute einem Diener des
Grafen, er habe seinem Herrn willkommne Botschaft von einer schönen Frau zu
überbringen. Der Diener, solcher Verhältnisse des Grafen kundig, wies ihn nicht
ab, wie der König wohl gefürchtet hatte, aber er brachte ihn auch nicht zum
Grafen, wie er gehofft hatte, sondern nach einem abgelegnen, unerleuchteten
Zimmer des Schlosses und verliess ihn, um seine Anwesenheit dem Grafen zu melden.
Der König war nicht lange mit sich allein, als Seufzer aus dem Nebenzimmer ihm
hörbar wurden; gleich dachte er, es sei die unglückliche Jungfrau, die den
Untergang ihres Lebens, zum Schutz ihrer Ehre, beschliesse, und sang zu ihrer
Vertröstung:
Liebeszauber, Unschuldtränen,
Ihr erweckt mein totes Schwert,
Wie der Blitz, der durch die Mähnen
Eines müden Rosses fährt,
Und es bäumt sich kühn zum Himmel,
Wo der Donnerwagen rollt,
Möcht ihn lenken durchs Getümmel,
Dass er nicht der Erde grollt.
Dieser Gesang schien die Seufzer zu stillen, bald hörte der König von der andern
Seite Menschentritte und der Graf trat mit einer Kerze ein, erhitzt vom Traume
der Freude, sehnsüchtig der Verheissenen. - »Bist du es selbst, liebe Freundin«,
sagte er eintretend, »ich schwor darauf, als mir ein Unbekannter im Mantel
verhüllt gemeldet wurde, der mir frohe Botschaft bringe.« - Aber statt des
Kusses, den der Graf erwartete, als jetzt der König den Mantel abwarf, sah er
ein Schwert in seiner Hand blitzen, er wollte zurück springen und Verrat rufen,
da erkannte er den König und war wie von einer Erscheinung erschüttert und
verwirrt. »Gnädiger Herr«, stammelte er, »Ihr beehrt dies Fest mit Eurer
Gegenwart, möchte es Eurer würdig sein, Euch erheitern.« - Der König sagte
darauf mit Ruhe: »Das Fest ist meiner nicht würdig, es betrübt mich tief, die
Klage der Unschuld ist Eure Musik und das Brot der Armen drückt Eure Tische
nieder, Ihr habt mein Zutrauen getäuscht, ich habe Euch meine königliche Gewalt
übergeben, mir bleibt nur mein ritterliches Herz, einer von uns beiden ist der
Erde überzählig, zieht lieber Graf, dass Gott zwischen uns blutig richte, wer
hier herrschen soll.« - Der Graf zog zwar seinen Degen, aber von dem früher
gewohnten Gefühle übernommen, dies sei sein Herr, legte er den Degen zu dessen
Füssen, kniete nieder und sprach: »Ich habe Euch nicht kränken wollen, gnädiger
Herr, verzeihet meiner Jugend und der Freiheit, der Ihr uns überlassen hattet,
wo ich in Leidenschaft irrte.« - Der König setzte ihm einen Fuss in den Nacken,
erhob sein Schwert und sagte: »Der Übermut deiner Diener hat mir heisses Pech auf
den Nacken geschüttet, als ich ruhig dem Freudenfeuer zuschaute, an dir will ich
mich rächen, dein Tod ist in diesem Augenblick ein Schwung meines Arms! Ich will
nicht deinen Tod, doch gedenke dieses Augenblicks künftig und schwöre mir
ritterliche Treue!« - Der Graf hob die Hand auf und schwor ihm einen Eid der
Treue, da gab ihm der König seinen Degen zurück und befahl, ihn als Herrn in die
Mitte der Grafen zu führen, die in dem Schloss versammelt wären. Das Bild
stellt dar, wie der König ihm den Fuss in den Nacken setzt und sein Schwert
erhebt:
Der vor allen hochgestanden,
Ist am tiefsten nun gebeugt,
Also geht der Stolz zu Schanden
Und vor Gottes Macht sich neigt.
Wer mit Mut dem Rechte dienet,
Ist erfüllt von Gottes Macht,
Was er schafft, auf Erden grünet,
Was er störet, sinkt in Nacht!
Und woran er zu erkennen,
Ist die sichre Mässigung,
Rache will er sich nicht gönnen,
Ihm genügt die Besserung.
 
                                 Sechstes Bild
Der Graf, von der Würde des Königs in seinem leichtsinnigen Herzen frisch
erschüttert, meinte sich ernstlich ihm anschliessen zu müssen, er schilderte ihm
die Verwirrung, die Bedrückung des Landes, den Trotz der meisten Grafen, die
sich gewiss der Rückgabe aller Gewalt in seine Hände widersetzen würden. Er wolle
deswegen den Saal mit bewaffneten Dienern besetzen, dass die Grafen nicht zu
ihren Waffen kommen könnten und sich in die Notwendigkeit seiner Anerkennung
ohne gewaltsamen Widerstand ergäben. Für diesen Rat ernannte ihn der König zum
Nachfolger in der Regierung, wenn er, der letzte des altschwäbisschen Hauses,
ohne eigne Kinder sterben sollte. Diese Gnade befeuerte den Grafen, er
bewaffnete schnell die besten Leute; der Saal, wo die Ritter bankettierten, ward
von ihnen besetzt, als der König, die Krone auf dem Haupte, das Schwert in der
Hand, von vielen bewaffneten Fackelträgern umgeben, an seiner Seite der Graf in
den Saal trat. Da war grosses Erstaunen, insbesondere als der König nicht
freundlich, sondern mit harter Belehrung ihnen ihre Fehler verwies, sie
bedrohete, alle entaupten zu lassen, wenn sie nicht in Reue und Demut ihren
Übermut büssten. Sie sahen den Grafen und dessen Leute auf der Seite des Königs,
sie fühlten sich verloren, wenn sie widerstehen wollten, sie knieten nieder,
gaben die Regierung in seine Hand zurück und liessen sich an ihren alten Rechten
genügen und huldigten ihm von neuem. Und als nun dies grosse Werk für das Land
geendet war, da befahl der König zu neuer Überraschung des Grafen, die geraubte
Jungfrau in den Saal zu führen. Und bald trat sie mit dem Morgenstern in den
Saal, der die Decke der wunderbaren Nacht lüftete, und alle waren erstaunt über
ihren Glanz, vor allen der König, der sie jenem liebreichen Knaben ähnlich fand,
der ihn aus dem Walde zurückgeführt hatte und der noch immer wie ein wunderbarer
Engel in seinem Andenken erschien. Der König kündigte ihr Freiheit an, zugleich
bat er, Im ihren Namen und ihr Geschick zu vertrauen, dass er für ihre Sicherheit
sorgen könne. Da nannte sie sich die Tochter des unglücklichen Herzogs David,
aus Ungerland, der im Kampfe gegen Attila seiner zwölf Söhne, seines Landes und
Verstandes beraubt, ich unter dem Namen eines Meistersängers in dieses
Königreich Schwaben geflüchtet und sie einem Nonnenkloster in Schutz gegeben
habe; sie bat um Freiheit, ihn aufzusuchen, für ihn zu sorgen, er König fragte
zagend, ob sie ihr Gelübde im Kloster schon abgelegt habe. - Sie antwortete mit
niedergeschlagnen Augen, ass sie noch kein Gelübde abgelegt habe und auch keines
ablegen werde, seit sie erfahren müssen, dass nicht die Klostermauern, sondern
ritterlicher Mut sie gegen Gewalt geschützt habe. Darauf kniete der König vor
ihr nieder, ergriff ihre Hand und zeigte ihr einen Goldring. Und sie steckte
ihren Finger hinein, denn ihre Augen verstanden sich und nannte ihn ihren lieben
Ritter, denn sie wusste nicht, dass es der König sei. Als aber jetzt die Grafen
ihr mit gebeugtem Knie die Hand küssten und das Heil ihrer neuen Königin
ausriefen, da erkannte sie die hohe Würde ihres Verlobten, wie sie sein hohes
Herz erkannt hatte, sie verbarg ihr Antlitz auf einer Brust und segnete alles
Unglück, in welchem der Himmel geprüft, ob sie dieses Glück ertragen könne,
wobei sie ihres Vaters gedachte, wie er sich dieser Rückkehr zum alten Ansehen
eines Hauses freuen werde. Das Bild zeigt, wie sie den Finger in den Ring
steckt, die alten Reime sagen:
Seht der neue Tag zieht prächtig
In die Herzen, in die Welt,
Alle Sorge dunkel nächtig
Hat zum Grafen sich gestellt.
Wer verlor auch mehr als der Graf, ausser der Herrschaft, auch die Geliebte und
nicht durch Gewalt, sondern durch ihre Neigung zum Könige.
 
                                 Siebentes Bild
Die schöne Braut war von Müdigkeit überwältigt, im Gemache der Mutter
eingeschlummert und ihr Schlaf war lang. Der König gönnte sich nur kurze Rast,
es trieb ihn die Sehnsucht nach dem alten Sänger, der gleichsam eine Seele
seines Volkes, unbewusst sein Schicksal gelenkt hatte. Er sorgte für die
Sicherheit seine Braut und zog mit den rüstigsten Grafen und den wegkundigsten
Gebirgsjägern in den grossen Schwarzwald. Er selbst ging voran weil er an den
bedeutendsten Punkten Zweige eingebrochen hatte auch fand er bald diesen seinen
Weg, den ihm der Knabe gezeigt hatte, nur fehlten jetzt alle die Brücken, auf
denen er über Abgründe sicher hingeschritten. Diese Verbindungen schienen mit
Absicht vernichtet zu sein. Aber der König liess sich dadurch nicht abhalten; die
Gebirgsjäger, obgleich sie diesen wilden Teil des Waldes nur selten berührt
hatten, wussten doch aus ihrer Erfahrung guten Rat, die schroffsten Felsen zu
umgehen und Wege zu bahnen die Jäger erlegten die zornigen Bewohner der Wildnis,
die ihnen nahten, Bären, Wölfe, Luchse. Zwei Tage arbeiteten sie mit frischem
Mute, aber am dritten wurden alle stiller und langsamer mancher meinte, es sei
unmöglich, dass der König in einer Nach diese Wege gewandelt sei, er müsse wohl
geträumt haben. Darum waren alle sehr überrascht, als sie wirklich beim Aufgange
de dritten Tages in einer grünen Fläche, die von hohen Eichen um geben war, eine
wunderbare Kapelle erblickten, die aus hoch stämmigen, weiss blühenden
Rosenbüschen geflochten, von Epheu umrankt, ein Kreuz über der Erde bildete. Der
König ging voran um den alten Freund durch die Zahl der Gäste nicht zu
erschrecken ihm folgten die andern. Als aber der König die Türe öffnete, sah er
einen einfachen Altar, wo wenige Tage vorher der Alte geschrieben hatte, ein
Kreuz bezeichnete ihn und die Morgensonne glänzte prachtvoll hinüber. Alle
knieeten nieder, der König beschloss, dem Erlöser hier, wo er vom Trübsinn zur
Freude erlösworden, eine Kirche zu erbauen. Und als er über die Art diese Baues
nachsann, erblickte er auf dem Altar den Bau vieler Bienen, welche in ihrem
Wachs die Kapelle im kleinen nachgebildet hatten.
Gleich der freundlichen Kapelle
Ist der Wachsbau ausgeführt,
Von dem Turme bis zur Schwelle
Gleiches Mass darin regiert.
Einsam bauten diese Bienen
Wohl schon manche liebe Zeit,
Dass sie diesem Altar dienen,
Dass ein Schränklein sei bereit,
Um das Heil'ge drin zu stellen
Und des heil'gen Nachtmahls Brot,
Das der Priester den Gesellen
Bei des Baues Gründung bot,
Denn da flogen sie zur Sonne,
Wie ein Kreuz geordnet hin,
Dass Vertrauen mit der Wonne
Sel'ger Tränen weicht den Sinn.
Dreifach wird die Kirche schimmern
In dem Wachs, im Rosendach,
Aus Granit die Werkleut zimmern
Nun die Wölbung auch danach.
Die beiden Kapellen und die Gründung der Kirche zeigt das Bild, alle dreie
einander gleich, nur in verschiednem Masse.
 
                                  Achtes Bild
Nachdem der Bau angeordnet und die Arbeiter bestellt waren, zog der König heim,
indem er überall den Weg zu dieser Wallfahrtskirche eröffnen liess. Acht Tage
nach seinem Auszuge traf er zum Schloss des Grafen ein. Da trat seiner
freudigen Ungeduld die liebliche Braut weinend entgegen und klagte, sie habe
ihren Vater nur wieder gefunden, um sein Ableben zu betrauern. Die Vorsteherin
des Klosters habe sie zu ihm geführt, aber er habe, einem Toten ähnlich, wenn
gleich noch atmend, in seiner Hütte geruht. Zwar hätten die Nachbarn, welche ihm
gern aufwarteten, weil er ihnen zum Lohn schöne Geschichten erzählte, behauptet,
er sei nicht tot, sondern schon oft in solche Entzückung verfallen, aber sie
könne nicht mehr an diesen Trost glauben, diese Störung seines Lebens dauere zu
lange. Hierauf führte sie den bestürzten König nach dem Saale, wo der Vater
unter einer Purpurdecke auf weichen Kissen ruhte. Wie sie nun die Decke mit
abgewendetem Gesichte aufhob, rief der König: »Frommer Sänger, du hast mich ins
Leben zurückgeführt und bist selbst zu den Toten gegangen, warum sahest du nicht
die Freude deines Werkes, ehe deine Augen sich schlossen.« - So war es nun
heraus, der Vater seiner Braut, der alte Herzog war eben der Meistersänger,
dessen Schauspiele und Gesänge die Stadt erfreuten, eben der, welcher den König
aus seiner Trägheit erweckt hatte. Das Seltsame aber war, wie er nach der
Wildnis gekommen, da die Nachbarn versicherten, er habe an jenem Tage schon in
der Verzückung auf seinem Bette gelegen. Wie nun der König jener Ähnlichkeit der
zwölf Knaben mit seiner Braut gedachte, da fiel ihm ein, ob es wohl die zwölf
Söhne gewesen sein möchten, welche die Hunnen umgebracht hatten? Es schauderte
ihm, als ob er im Schwarzwalde schon über die Grenzen des Lebens hinüber
gestiegen gewesen, aber durch Warnung in dessen Mitte wieder zurück getreten
sei. Da traten die beiden treuen Begleiter seiner Jagd, die beiden Ritter,
welche erkrankt gewesen, in abgetragenen Wämsern, wie es sich an Höfen wohl
nicht ziemte, in den Saal, begrüssten den König mit Freudentränen, erzählten, wie
sie ihn so lange vergeblich gesucht hätten, bis sie ihn endlich durch den Fang
zweier Vögel, unter denen auch der, welchem der König so lange nachgeschlichen,
zur Heimkehr veranlasst worden wären. Dieser Fang, der ihnen so leicht geworden,
da die Vögel mit einander gespielt und sie nicht wahr genommen hätten, sei ihnen
als ein gutes Zeichen erschienen und dies gute Zeichen sei nun erfüllt. Bei
diesen Worten zog der eine einen Gitterkasten unter dem Mantel hervor, in
welchem die beiden Vögel, in der Gestalt wie Spechte, der eine golden, der andre
silbern, eingesperrt sassen. Mit Gnade sagte der König den Freunden willkommen,
aber nicht ohne Widerwillen fühlte er in sich die alte, böse Jagdlust beim
Anblicke der Vögel wieder erwachen. Er kämpfte mit sich, endlich reifte sein
Entschluss, er liess den goldnen Vogel aus dem Kasten fliegen, dass er durch das
Fenster ins freie Blau der Luft entflöge; er wollte auch den silbernen
entfliegen lassen, aber da überwand ihn seine Jagdlust, dass er die Gittertüre
wieder schloss. Der goldne Vogel nutzte aber nicht das Geschenk der Freiheit, er
flog zwar fort, aber blieb auf dem Munde des halbtoten Sängers sitzen, dieser
öffnete den Mund, der Vogel schlüpfte hinein und der Alte öffnete die Augen wie
ein gesund Erwachter. Der Saal war ihm fremd, er fragte, wo er sei, fragte die
Tochter, wer sie sei. Dann aber erkannte er sie beim ersten Kusse, auch der
König erschien ihm bekannt, und als ihn dieser an die Lehre erinnerte, die er
von ihm in der Rosenhütte empfangen, da rieb sich der Alte die Stirn und meinte,
dass ihm von dem allem auch geträumt habe, dass er auch seine zwölf Söhne wieder
gesehen, die ihm vielen guten Rat zu dem Fastnachtsspiele gegeben hätten. Dann
sei ihm aber auf dem Heimwege seine geliebte, selige Frau begegnet, die habe ihn
so ernstlich an den Himmel gemahnt und dass er der irdischen Spiele vergessen
solle, darüber hätten sie sich so im Gespräche vertieft, dass sie beide gefangen
worden. Jetzt erkannte er in dem eingesperrten silbernen Vogel die geliebte
Seele seiner Frau, er beschwor sie, ihn noch nicht zum Himmel zu entlocken, bis
er sein tiefsinniges Spiel beendet habe, und der Vogel schien mit sanftem Tone
ihm darin nachzugeben. Das Bild stellt euch dar, wie der Vogel in den Mund des
Alten schlüpft.
 
                                  Neuntes Bild
Kaum gestattete sich der Alte die Zeit, alles zu vernehmen, was seiner Tochter
geschehen, die Frau mahnte ihn zur Arbeit, sie war ehrfurchtsvoll dem Käfig
entlassen und sass auf seiner Schulter, auf seinem Tintenfasse, auf seiner Feder,
dass er nicht bei den Liebkosungen der Tochter das Schreiben unterlasse. Umsonst
führte diese den Vater zu weiten Aussichten in Prachtzimmer, umsonst zeigte sie
ihm den reichen Garten, der Alte schrieb gehend, stehend, sitzend, so wie sich
seine Gedanken klar machten und verdrängten. Die Tochter wusste aber die Gefahr,
dass er sich ihrer Liebe und der Welt entzöge, wenn er seine Arbeit beendigt
habe, und da diese rasch fortrückte, so ersann sie einen Kunstgriff:
Unermüdet schreibt der Alte,
Schaut begeistert in die Welt,
Sieht nicht, wie die Tochter walte,
Nur sein Werk ihm wohlgefällt.
Wenn er nun ein Blatt geschrieben,
Wirft's die Tochter heimlich fort,
Dass es in den Strom getrieben
Und erloschen jedes Wort.
So der Alte unermüdlich,
Ohne zürnen, ohne Groll,
Schreibt von neuem still und friedlich,
Doch sein Werk wird nimmer voll.
Als nun die Sonne an die Erde gestossen und in tausend Sterne zersprungen war, da
sank der Alte ermüdet auf seinen Schreibstuhl, sein Mund öffnete sich, der
goldne Vogel entfloh singend dem Munde, und flog in den Jasminenbusch, wo der
silberne Vogel sein harrte, wo dann grosse Freude zwischen ihnen war, und tausend
Bitten der Mutter kund wurden, die Arbeit bald zu enden. Aber auch der König
dachte bei der Lust der guten Vögel, dass er seine Vermählung, seinen Einzug in
die Hauptstadt beschleunigen müsse und ordnete alles zum andern Tage. - Er
begann den Zug auf einem schwarzen Rosse, ihm folgten die Grafen, dann folgte
die Königin auf weissem, sicheren Rösslein, umgeben von den Gräfinnen, den Zug
schlossen die Meistersänger, welche zu Pferde den Wagen umgaben, in welchem der
Alte sass und schrieb, das Vöglein auf seiner linken Hand tragend. Das Volk
strömte mit Jubel entgegen, küsste den Ankommenden die Steigbügel jeder atmete
wieder frei auf; so ging der Zug zur Katedrale auf der Anhöhe, wo wir hier noch
jetzt den vielen Bauschutt auf dem Weinberge finden, dort wurde die schöne Braut
durch die Hand des Priesters dem Könige feierlich vermählt. Dies zeigt das Bild.
 
                                  Zehntes Bild
Als der König und die Königin am andern Morgen nach der Hochzeit aus süssem
Schlaf erwachten, waren sie verwundert den Alten noch nicht erwacht auf seinem
Ruhebette, noch nicht beim Schreiben zu sehen, vielmehr bemerkten sie die beiden
Vögel in grosser Tätigkeit auf einem hohen Rosenstocke, der in goldnem Gefässe die
Hochzeitkammer schmückte. Die beiden Vögel hatten sich in den Ästen ein Nest
geflochten aus seidnen und leinenen Fäden und dasselbe mit goldnen und silbernen
Federn gefüttert, die sie einander spielend ausgezogen hatten. Sie liessen sich
nicht von der Anwesenheit der beiden Neuvermählten stören, sie grüssten sie und
sangen zu ihnen Glückwünschungen und nahmen süssen Mohn vom Munde der Tochter.
Dies war der einzige Tag, dass der Alte versäumte in seinen Leib zurück zu
kehren, auch war am andern Morgen die seltsame Änderung vorgegangen, dass die
silberne Frau ihn nicht mehr so dringend zur Arbeit anmahnte und dass der Alte
sich daher mehr seinen Kindern mitteilen konnte. Dennoch schrieb er immer noch
viel und die Tochter löschte an jedem Abende alles wieder aus, dass sein
Heldenspiel zwar immer schöner, aber nie fertig wurde. Die Mutter war zwar
abwechselnd mit dem Neste beschäftigt, aber sie war doch die meiste Zeit um den
Vater, der Tochter hingegen schenkte sie weniger Aufmerksamkeit. Eines Tages
ging sie aber gar nicht vom Nest, und die Tochter lauschte und nahm endlich
wahr, dass die Mutter ein silbernes, mit goldnen Ringen bezeichnetes Ei unter den
Federn des Nestes versteckte. So legte der silberne Vogel allmählich zwölf Eier,
jeden Tag eins und setzte sich darauf, sie auszubrüten, und wechselte in dieser
Arbeit mit dem goldnen Vogel ab, so dass der Alte während seiner ganzen Brütetest
nicht in seinen ruhenden, menschlichen Körper, nicht zu seiner Arbeit kam, denn
auch während sie brütete, war er emsig beschäftigt, zarte Blumensämereien für
sie herbei zu tragen, welche kein Mensch finden kann, wie die klugen Vögel sie
finden und sammeln können. Aber auch die Königin rückte während der Brütezeit
ihrer Mutter in ihrer Leibessegnung so weit vor, dass sie eines Morgens von einem
herrlichen Knaben entbunden wurde. Und kaum war er in die Welt getreten, so
entflogen zwölf schöne, kleine, geflügelte Kinder, in der Grösse von
Kanarienvögeln, mit goldnen und silbernen Flügeln versehen, also ganz so wie
Engel geschildert werden, aus dem Neste der silbernen Mutter, sangen den
Neugeboren an, liebkosten ihm, spielten mit ihm und reinigten, wickelten ihn mit
zärtlicher Sorge, und wehrten ihm die Fliegen und Mücken ab. Sie selbst waren
zwar klein, aber doch fertig in allen ihren Kräften in die Welt geflogen und
kannten die menschliche Bedürftigkeit nur, indem sie diese andern erleichterten.
Das Bild zeigt dort im Hintergrunde das Bette; die Königin, erschöpft von der
Mühe, drückt sie dem Könige die Hand und blickt mit Wohlgefallen nach dem Kinde,
das im Vorgrunde von den kleinen Engeln gewickelt wird.
 
                                  Eilftes Bild
Als die Königin das Kind von ihrer Brust entwöhnt hatte, da sagte ihr der König,
dass er in der Stunde ihrer Not die Beschleunigung des Kirchenbaus im
Schwarzwalde durch eine strenge Wallfahrt dahin gelobt habe. Sie sei nun
glücklich befreit und er wolle seinem Gelübde treu, von ihr Abschied nehmen.
Aber die Königin erklärte, er dürfe nicht allein gehen, sie müsse mitziehen; sie
liess sich durch keinen Grund zurückweisen, wie Weiber sind; unter andern ersann
sie, dass sie den Vater als Vogel einfangen und samt der Mutter im Käfig mit sich
nehmen wolle, damit der Vater die Zeit nicht benutze, sein Heldenspiel fertig zu
schreiben und sich ihnen auf immer zu entziehen. Die zwölf geflügelten Boten
versprachen für den kleinen Königssohn in ihrer Abwesenheit Sorge zu tragen, wie
sie es ohne Beihülfe andrer täglich zu tun gewohnt waren, und sich nicht
abschrecken liessen, wenn das starke Kind mit kindischem Ungeschick zuweilen
einen ergriff, drückte oder rupfte. Sie standen in solchem Falle einander so
treulich bei, dass sie bald des Kindes Meister wurden, und das Kind folgte ihnen
in allem, worin es sie verstehen konnte. In dieser Obhut liessen sie nach
unzähligen Küssen das geliebte Kind und begaben sich heimlich, um jedes Gefolge
von Leuten zu vermeiden, das ihrer Demut ein Vorwurf zu sein schien, aus der
Stadt, ohne zu ahnden, dass sie das Kind und die Stadt zum letztenmal gesehen
hätten. Erst mehrere Stunden nach ihrer Auswanderung verbreitete sich das
Gerücht derselben und grosse Scharen frommer Pilger folgten ihnen nach. - Es
hatte sich aber, seit der König selbständig und gerecht die Regierung übernommen
hatte, viel Glück über alle verbreitet, nur die Grafen wollten das nicht
erkennen, weil sie sich durch die Gerechtigkeit in ihren Einnahmen sehr
beschränkt fanden. Jener Graf des Nibelgaus, welcher sich die meiste Schuld
dieser neuen Wendung der Dinge beimass, weil er sie seiner Feigheit zuschrieb,
teils von Liebe zu der Königin gequält, nun auch von Ärger über die Geburt des
Prinzen erfüllt, weil dieser die Hoffnung der Nachfolge ihm raubte, fand sich
vom Geiste der Versuchung gereizt, durch den Mord des Königs sein Schicksal
ändern zu wollen. Diese Wallfahrt, die einer seiner Diener auskundschaftete, bot
ihm die Gelegenheit zur unbemerkten Ausführung. Die Vormundschaft über das
königliche Kind konnte ihm nach dem Tode des Königs nicht streitig gemacht
werden, wie leicht konnte es aus der Reihe der Lebenden vertilgt werden; die
Königin hoffte er durch sein Liebesglück und durch sein Ansehen sich dann
zuzueignen. Der Graf war zum Schein zu seinem Bruder gefahren, hatte sich aber,
ohne eines Menschen Begleitung nach dem Schwarzwalde gewendet und lauerte an der
gebahnten Strasse der Wallfahrer. Der ganze Weg hatte unsre beiden Pilger ganz in
die Zeit ihrer ersten Liebe versetzt, mancher Kuss hemmte die Reise, sie sahen
nicht um sich, sondern vergassen sogar oft das angelobte Gebet. Umsonst warnten
sie die beiden Vögel im Käfig, der Wurfspiess des Grafen hatte beide durchbohrt
und den Käfig der Vögel durchbrochen, ehe sie eine der Warnungen vernommen
hatten; ohne Schrecken, ohne Ahndung, noch freundlich lächelnd, hatte der
Mordstahl ihren Lebensfaden durchschnitten. Aber der Graf sah mit Verzweifelung
zu ihnen hin, denn nicht die Königin sollte sein Spiess treffen, aber ein
zärtlicher Kuss hatte sie an den König gedrückt, als schon das Wurfspiess seiner
Hand entschleudert war. Erst jetzt fühlte der Graf, dass mehr seine Liebe zu der
Königin als der Wunsch nach der Herrschaft ihn getrieben, er hasste sich und sein
Unglück, das er sich selbst geschaffen hatte. Den Mord stellt das Bild dar.
 
                                 Zwölftes Bild
Bald dachte der Graf auf seine Sicherheit und eilte nach seinem Schloss, ehe
irgend eine Kunde des Mords in das Land gekommen. Der grosse Zug der Waiblinger
Pilger, welcher dem Königspaare nachgepilgert war, entdeckte die beiden Leichen
beim Geschrei der beiden Vögel, und da jeder Versuch, sie zu beleben, vergeblich
war, so zogen sie mit ihnen traurig und still der Kirche des Erlösers zu, wo die
Geistlichen sie mit Balsam zu erhalten suchten, bis die feierliche Beisetzung
angeordnet wäre. In der Hauptstadt war aber, ehe diese Trauerbotschaft einlief,
eine allgemeine Verwirrung. Der Königssohn war verschwunden mit seinen zwölf
Engeln, niemand erriet, wer ihn könne geraubt haben. Als aber die Kunde des
Mordes anlangte, da erhob sich das Volk in Verwünschungen der Mörder, so dass der
Graf von Glück zu sagen hatte, dass kein Verdacht auf ihn gefallen weil ihn viele
kurz vorher bei seinem entfernten Bruder gesehen hatten. Zur Beerdigung des
Königspaares versammelten sich alle Grafen und vieles Volk bei der wüsten
Kirche, die Särge wurden geöffnet, der Graf, als Nachfolger, verfluchte da
öffentlich die Mörder, sie sollten das Licht der Sonne nicht mehr sehen. In dem
Augenblicke drangen die beiden königlichen Vögel, wie sie vom Volke genannt
wurden, aus den Wolken nieder zu ihm und hackten ihm, ehe er sich ihrer erwehren
konnte, beide Augen aus. Das Bild zeigt, wie die beiden Vögel auf ihn
eindringen, im Hintergrunde ist das Hochamt und die Leichen, an der Seite das
Volk zu sehen, die alten Reime sagen:
»Mörder«, ruft der ganze Haufen,
»Sieh, es ist erfüllt der Fluch;
Kannst du Licht der Augen kaufen
Von dem Himmel durch Betrug?«
Und der Graf irrt in der Kirche,
Ruft umsonst nach Freundeshand,
Dass ein andrer ihn erwürge,
Alle sind von ihm gewandt.
Blind, nach einem Ausgang suchend,
Stürzt die Stufen er hinab,
Und so stirbt er, sich verfluchend,
Sein Gebein bleibt ohne Grab.
 
                                Dreizehntes Bild
Nun begann ein bürgerlicher Krieg um den befleckten Tron. Jedes der
Grafenhäuser machte Ansprüche auf den Tron, ohne es laut werden zu lassen, es
äusserte sich aber darin, dass sie jeden stürzten, der die Absicht zeigte zu
herrschen. So dauerte es wohl vierzehn Jahre, dass der königliche Palast von
keinem aus Scheu der andern bezogen wurde, als die Hunnen, unter Attila bis
Schwaben eindrangen. Gleich suchten einige der Grafen durch Attila zur
Herrschaft zu gelangen, aber er benutzte sie nur, um alle gegenseitig durch
einander aufzureiben. So kam er unter dem Zujauchzen derer, die immer noch Lohn
von ihm erwarteten, von ihren Leuten gezogen, in die Hauptstadt, in den
Schlosshof. Eins seiner ersten Geschäfte war, den alten, ehrwürdigen Palast teils
aus Neugierde und Habsucht, teils aus Vorsicht und der Befestigung wegen in
Augenschein zu nehmen. Die Beute war gering, die Raubsucht hatte ihm wenig
Kostbarkeiten gelassen, aber endlich fand er in einem Zimmer, das mit Epheu grün
berankt war, weil die Luft frei durch die offenen Fenster strich, einen starren,
alten Mann, der auf eine geschriebene Rolle blickte und den einer der Begleiter,
als den alten Sänger, den Vater der ermordeten Königin erkannte von dem niemand
seit ihrer Abreise etwas erfahren hatte, denn in der Bestürzung jener Zeit war
niemand in dies abgelegene Zimmer eingedrungen. Der Attila meinte, es sei ein
alter Zauberer, der immer noch lebe, die andern dachten auch, er läge nur noch
immer in der Verzückung, so wenig hatte der Tod ihm anhaben können. Nun wollte
Attila wissen, was in der Schrift, die vor ihm lag, woran er zuletzt
geschrieben, stehe und befahl einen der Eingebornen, weil er der Schrift
unkundig, dies Blatt ihm vorzulesen. Ein Geistlicher las aber folgende Worte zu
einem im Heldenspiel beschriebenen Triumphzuge:
Wer lebendig blieb, schreit Sieg aus, doch die Toten schweigen still,
Triumphierend zieht der Feldherr auf den blutbefleckten Tron
Und die Narrn, die ziehn den Karrn ihm, und er lacht der Narren schon;
Denn er sinnt schon im Triumphzug, wo er die verbrauchen will,
Die mit ihm zerstört den Weltteil, und beim Raub nun möchten ruhn.
Seht, er treibt sie frisch zum Krieg fort, treibt sie schlau zum Todesnetz,
Denn er erbt auch ihre Diebsbeut, erst ihr Tod ist ihm der Sieg!
Dann erst feiert Friedens Heimkehr, wenn er einsam kehrt zurück
Und von jedem tapfern Mordknecht trägt die Schuld und das Geschick,
Dass an einem Haupt übt Strafrecht, Gott vom ungerechten Krieg,
Dass bei einem Namen Eis läuft über uns in Lust verwirrt,
Dass in dieser Qual die Richtscheit jeder Kraft, die sich verirrt.
Als Attila diese prophetischen Worte vernommen hatte, glaubte er, sie seien ihm
zum Trotze geschrieben und gelesen, und spaltete zuerst das Haupt des
Geistlichen, der sie gelesen, wobei zum Schrecken aller, der Körper des Alten
von der Erschütterung in einen kleinen Aschenhaufen zusammenstürzte. Er und
seine treue Geliebte waren längst der Erde entschwunden. Das Bild zeigt, wie
Attila das Schwert zweifelnd erhebt, welchen von beiden er zuerst erschlagen
möchte.
 
                                Vierzehntes Bild
Attila selbst fühlte sich durch dieses Ereignis erschüttert, auch seine Anhänger
mochten ihm zweifelhaft scheinen, er wollte deswegen etwas Festes begründen, und
wo er kein ererbtes Recht hatte, doch in seinem Mut ein Recht der Erwerbung
begründen. Er liess öffentlich ausblasen, dass er im Schwarzwalde am Grabe des
letzten Königs mit jedem um die Krone Schwabens kämpfen wolle, die dann dem
Sieger unweigerlich zufallen solle, und zu dem Kampfe bestimmte er einen Tag. -
Was bisher aus dem königlichen Kinde geworden, ist noch nicht berichtet, so aber
verhielt es sich damit. Die zwölf fliegenden Boten erhielten schnelle Kunde
durch die zum Himmel fliegenden Eltern von der Ermordung, sie hoben den
Königssohn im Schlafe aus den Betten und trugen ihn zu einem Adlerneste in der
Nähe der Erlöserkirche. Da nährten sie ihn mit der Milch der Hirschin, bis er
kräftig war, an der Erde zu gehen. Dann brachten sie ihn zu einem Einsiedler bei
der wüsten Kirche, sie sorgten für des Kindes Nahrung, der Einsiedler für dessen
Erziehung. Er zeigte dem Kinde früh, wie das Bestehen des Glaubens vom Wohl der
Staaten abhänge, denn seit der allgemeinen Verwirrung sei kein Stein zum Bau der
Kirche angefahren worden. Der Knabe wuchs in sichtlichem Gedeihen seine dunklen
Augen spiegelten Ernst und Mutwillen, sein Mund wechselte in Würde und Milde und
seine Stirne trat hervor von der Kraft guter Gedanken und fester Entschlüsse.
Früh reifte er zum männlichen Jüngling und übte sich selbst in jeder
ritterlichen Kunst, so weit es die Einsamkeit und der Mangel an Kampfgenossen
ihm gestatten wollte, denn die geflügelten Boten, wenn sie ihm ein Turnier unter
einander vorstellten, dass er es daraus kennen lerne, waren nur wie die Gedanken
zu betrachten, die wir uns als Kind von einer Schlacht machten. So hatte er sein
funfzehntes Jahr erreicht und fragte ebnen die kleinen Boten aus, was es sei,
das ihn so schwermütig mache, als der wilde Attila mit dem Volke sich der Kirche
nahte. - Da sprach der älteste von den Zwölfen: »Königssohn, die ganze Welt ist
noch ein Geheimnis für dich und das Leben ein ritterlicher Kampf mit ihr, nur
nach ernstem Kampfe wird sie sich dir entüllen und das Gleichartige wird dir
eigen werden und eine neue Jugend aus dir hervorgehen. Sohn der Könige, rüste
dich, nicht der Tag der Liebe, sondern des Kampfes mit dem Räuber deines Landes
ist erschienen. Sohn der Könige, du kennst Ritterpflicht, wir dürfen dir nur mit
unserm Gebete im Kampf beistehen, besteig dies Ross, bestreite den fremden König,
der jeden ausfordert, der ihm die Krone, deine Krone streitig macht, siegend
oder fallend wirst du uns über dir wie eine Wolke sehen, unsre Tränen in Lust
und Schmerz werden auf dich fallen, auf Erden suche uns nicht mehr.« - Sie
erhoben sich, die lieben Zwölfe, der Königssohn dankte ihnen und war so zornig,
dass er sie auf Erden nicht wieder sehen sollte, dass er sich gern in die Lanze
des Fremden gestürzt hätte. Vergebens hatte der König Attila seine Gegner
ausgefordert, keiner der Grafen wagte sich gegen den Riesenmann in die
Schranken; da trat der gerüstete Jüngling auf und der König lächelte seiner
schlanken Gestalt. Aber der Jüngling rannte auf ihn in so zornigem Sinne, dass
seine Lanze durch die Ringe des Brustarnisches in König Attilas Herz drang. Der
wilde Attila stöhnte sein Leben aus, da blickte der Jüngling dankbar zum Himmel,
zu der glänzenden Wolke, die Freudentränen auf ihn fallen liess, dann öffnete er
den Helm und nannte seinen Vater und führte das Volk zu dessen Grabe, und der
Einsiedler beschwor, dass er des Königs Sohn, des Reiches Erbe sei, und setzte
auf dessen Haupt die Krone, die er dem ermordeten König abgenommen und heimlich
bewahrt hatte. Das Volk schwor ihm Treue als König und er schlug die Hunnen, die
mit ihnen da versammelt waren. Das Land war frei, der König weise, die Kirche
wurde vollendet. Das Bild zeigt die Krönung des jungen Königs und das Erschlagen
der hunnischen Ritter; die alten Reime schliessen mit den Worten:
Doch die Zeit will neue Taten
 Und erzählt ist schon genug,
 Gott im Himmel wird uns raten,
 Schützt uns vor des Teufels Trug,
 Wird uns seine Sänger senden
 In des Schmerzes Einsamkeit,
 Dass wir ahnden, wie zu ende
 Das Beginnen dieser Zeit.
 
                                  Drittes Buch
                                Erste Geschichte
                                  Die Hochzeit
Die ewige Lampe vor dem Bilde der heiligen Mutter, welche Frau Hildegard bei der
Genesung Bertolds gestiftet hatte, war schon sichtbar, auch die messingenen
Kronen glänzten durch die offenen Fenster des Ratauses, als eine neue
Erleuchtung bei dem grossen Röhrbrunnen des Marktes für die armen Frauen
eingerichtet wurde, die dort mit grosser Emsigkeit zinnerne Schüsseln und Teller
abscheuerten, welche von den Hochzeitgästen auf dem Ratause geleert waren. »Wie
der steinerne Ritter sein Laternchen so schön über den Brunnen hält, als ob er
drin krebsen wollte!« sagte die eine der Frauen. - »Das war noch ein guter
Einfall von dem Anton«, meinte die andre, »dafür schenk ich ihm das grosse Stück
Schinken, das hier auf der Schüssel blieb.« - »Und ich schenke ihm den
Backfisch«, sagte die andre, »aber er muss mir einen Kuss geben.« - »Ich gebe
keinen Kuss!« brummte Anton und begnügte sich mit dem Schinken. - »Was das für
ein Junge ist«, sagte die andre, »es gäbe mancher etwas darum, wenn ich ihm
einen Kuss anböte, und der nähme lieber einen Backenschlag dafür an. Was treibst
du dich bei den Weibern herum, wenn du nicht willst geküsst sein, Anton!« - »Ihr
denkt wohl, ich komme euretwegen hieher«, sagte Anton, »mein Alter hat
Weidenruten in den Brunnen gelegt, damit sollt ihr gestrichen werden, wenn ihr
die Schüsseln nicht reiner abwascht, schreit nur nicht, - die Weidenruten
braucht er zum Flechten der Ehrenpforte an Bertolds Haustor, und die
Ehrenpforte, um das Gerüst zu verstecken, das wir auf Befehl der Frau Hildegard
heimlich erbauen, um morgen in aller Frühe das Bild der heiligen Mutter
aufzufrischen, wie sie zur Vermählung ihres Sohnes gelobt hat. Denkt euch, bis
Mittag soll das alles fertig sein.« - »Das ist recht«, sagte eine Frau, »so
verdient Ihr doch auch was und die heilige Mutter war gar nicht mehr zu kennen.«
-
    »Mir ist's nicht recht«, sagte Anton, »denn meinem Alten schwindelt da oben
auf dem kleinen Gerüste und da muss ich früh auf und muss alles allein pinseln.« -
»Ich geb dir auch einen Kuss dafür«, sagte die eine Frau. - »Lieber lauf ich
gleich davon«, antwortete Anton und ging mit seinen Weidenruten und grünen
Zweigen nach Bertolds Hause, aus welchem die Waisenknaben jetzt wieder eine
Reihe der seltsamsten Backwerke nach dem Ratause unter Fackelbeleuchtung
trugen. Die Weiber liefen vom Brunnen, liessen ihre Eimer überlaufen unter den
Röhren und ihr heisses Wasser kalt werden, um diese Wunderwerke, die Türme und
Gebirge aus Teig und Früchten zu bewundern. - »Gott ist mein Zeuge«, sagte die
eine, »aber wie die Brautmutter mit dem Teige umzugehen weiss, das geht nicht mit
rechten Dingen zu: das läuft ihr unter den Händen auf, da bleibt nichts sitzen,
das hat sie noch im Kloster von der vorigen Äbtissin gelernt, die jetzige weiss
um so weniger davon, da kochen sie jetzt zum Erbarmen und die Nonnen sehen aus,
wie Gespenster. Die werden sich freuen, über die guten Gerichte, die ihnen heut
die Brautmutter ins Kloster geschickt hat.« - »Hat sie denn alles allein
gekocht'« fragte eine andre. - »Warum nicht gar, wie kann ein Mensch so
einfältig fragen«, sprach die andre, »ich habe gesehen, wie sie sich unter
einander in der Arbeit geteilt haben. Die Braut hatte die Aufsicht über alle
Braten, Meister Kugler schlachtete alles aus, Frau Hildegard besorgte die Suppen
und das gekochte Fleisch, Frau Apollonia gab sich allein mit dem Backwerke, mit
Pasteten und Kuchen ab, und der Meister Sixt kochte die Fische nach seiner
niederländischen Art, bloss aus Wasser und Salz, und bereitete aus tausenderlei
Zeugs die Tunken, ich konnte ihn gar nicht ansehen, wie er sich dabei hatte; als
er kostete, habe ich ihn mit der Nase unversehens hineingestossen, dass die ganze
Küche lachte. Aber hört, etwas muss ich euch erzählen, das wird mir keiner
glauben, in dem Hause ist ein Kobold, Gott weiss, ob es die Seele des armen
Bergmanus ist, der im Brunnen liegt, aber ich ginge um keinen Preis an den
Brunnen. Hatte gestern allerlei Kessel und Eimer, die wir beim Schlachten
brauchten, an den Brunnen im Garten gestellt, in der Küche war kein Platz, nun
blieben aber die Herrschaften am Brunnen bis zur Nacht, so konnte ich nichts
abscheuern: heute morgen finde ich alles so blank gescheuert, wie es kein Mensch
auf Erden zu Stande bringt; das war böse Teufelsarbeit, aber ich dankte Gott
dafür, denn wir hatten keine Zeit.« - »Der Teufel kann immer schon ein Stück
Arbeit für uns tun, wenn wir nur nicht dabei sind«, meinte eine andre,
»Narrenpossen sind's, in dem Hause gibt's viel Leute, wer weiss, welcher sich
über die Kessel hergemacht hat.« - Die andre stemmte beide Arme in die Seite und
wollte eben zanken, da wurden aber die grossen Schüsseln herunter getragen; was
jeder Gast für die Seinen nach Hause schickte, das wollten sie alle sehen. Da
hiess es: »Der Vogt hat sich am besten bedacht, der Alte kann auch nur wenig
essen, begnügt sich mit der Tunke, da wird sich die alte Ausgeberin freuen.« -
»Dafür hat er uns auch die Strasse nach dem Bleichplatz zubauen lassen«, sagte
die andre, »das vergebe ich ihm und dem Bertold nimmermehr!« - »Dafür läuft
jetzt das Wasser durch den Bleichplatz«, sagte die andre, »das ist mir mehr wert
als ein paar Schritte, die ich umlaufen muss, eine Liebe ist der andern wert!« -
»Wir könnten aber beides haben« sagte die andre, »die Bürgerschaft hätte es
nicht leiden sollen, aber die Einladung zum Hochzeitschmaus hatte alle zu
stummen Hunden gemacht, die vorher so laut klafften.« - »Und beim ersten Kinde
will er zur Taufe einen gleichen Schmaus geben«, sagte die andre, »das kratzt er
alles vom Tuche ab, davon ist es auch so dünn, dass einer jetzt Mohn durchsäen
kann. Wenn es nur bald ein Kind gäbe, aber die reichen Leute müssen immer eine
Weile darauf warten, wo es uns Armen immer zu früh kommt. Was sie wieder blasen!
Das ist eine rechte Gesundheit! Da zerschmeissen sie alle Gläser! Nun, das ist
auch recht, so ein Glas, woraus eine ordentliche Gesundheit getrunken ist, soll
auch zu nichts anderm gebraucht werden, sonst schadet's; der Teufel weiss überall
sich einzuschleichen, er hat einen spitzen Kopf und ist wie die Schlange
beschaffen, wo die mit dem Kopf durchkommt, da zieht sie den Leib nach. Hört
nur, ich glaube, die Stadtpfeifer schlagen sich mit den fremden Fiedlern und sie
haben doch alle zu essen, an den Tag will ich mein lebelang gedenken, von der
Hochzeit werden noch Kinder und Kindeskinder reden!«
    Unsre Stadtleute sprechen von grossen Festschmäusen, als von einer
Fronarbeit, der nur ein Fremder durch anders gefärbte Einfälle Reiz verleihen
kann. Dieser Überdruss kommt aber vom Überfluss solcher Feste, die in manchen
Kreisen zum Alltäglichsten gehören, so dass jeder Leichnam schon aus der
Gewohnheit voraus weiss, wie viel beschwerter er sich am Schlusse des Festes, als
im Anfange fühlen werde. Wie können sie sich in Festlichkeiten alter Zeit
versetzen? Die höchste Lust muss ihnen widrig erscheinen! Auf dem Lande sind wir
jener Zeit schon näher, die Speisen selbst haben eine geistige Berührung mit
unsrer Tätigkeit und Einsicht, weil sie nur mit Klugheit der widerstrebenden
Witterung abgewonnen, in ihr gezogen und geerntet werden konnten. Wer überdies
Monate in seiner Hauswirtschaft zugebracht hat, der ist schon erfreut, andre
fremde Gesichter bei sich versammelt zu sehen, das Gespräch scheint sogar
störend, so lange der Genuss dauert, und nur der Tafelmusik möchte man ein Recht
einräumen, das Herz unbewusst anzuregen. Solch ein Fest, durch bedeutenden Anlass
erzwungen, nicht müssig erdacht, hat auch seinen Zwang zur Lust und diese fehlt
nimmer, niemand naht sich der Türe ohne mitzugeniessen, und selbst die, welche zu
Hause bleiben, erhalten ihren Anteil durch das Heimgesandte, und lassen dann
auch Gott einen guten Mann sein. Aber neben der Lust sind auch Streitigkeiten
nicht selten, keiner hat einen Grund, sich zu verschliessen und da die Mitteilung
selten ist, so ist sie auch heftiger, insbesondere wenn die Lebensfülle sich im
Genusse scheinbar erhöht und über ihre Schranken steigt. So war es im Lande der
Ditmarsen gewöhnlich, das Leichenhemde zu den Hochzeiten mitzunehmen, weil keine
ohne Kampf und Mord endete.
    Auch Bertolds Hochzeitfest war nicht ohne Schimpf und Unfrieden. An dem
Herrentische blieb es freilich bei einigen stachligen Reden, die ein trunkner
Schuhmacher über den Brunnen und die verbaute Strasse mit Anspielungen auf den
Ehestand fallen liess; bei dem Tische der Stadtpfeifer ward es dagegen
ernstafter, denn da ging's zugleich um Kunst und Lebensunterhalt, auch gab sich
keiner die Mühe, wie der Ehrenhalt am Herrentische, gute Ordnung zu bewahren,
vielmehr hetzten manche Bürger die Stadtpfeifer, die fremden Meistersänger und
die Fiedler gegen einander, weil sie sich in ihrer Tücke so grundlächerrlich
darstellten. Nun weiss jeder, dass ein Hauptunterschied zwischen den Menschen
darin liegt, dass ein Teil durch den Weinrausch unbändig froh und der andre
grundlos traurig wird; wie ist da ein gutes, verständiges Vernehmen möglich,
insbesondere wenn es sich gewöhnlich noch dabei findet, dass die nüchtern
Lustigen trunken traurig werden, und die nüchtern Ernsten im Rausche an den
Scherz jener heransteigen, die Leute fühlen sich unter einander ausgetauscht und
schlagen sich, ihre Seele wieder zu gewinnen. So war zum Feste ein lustiger,
ältlicher Sänger des Herzogs von Bayern, mit Namen Grünewald angekommen, der in
Augsburg sich in Annen verliebt, wie es ihm mit allen schönen Mädchen erging,
auch bald seine Liebe bei allen Banketten besungen hatte, ohne dass die Leute
eigentlich wussten, auf wen seine Liebesnoten anspielten. Er hatte Annens Wohnung
endlich ausgeforscht und in Verzweifelung, dass ihr Fenster sich nie seinem
Gesange öffnete, weil sie längst fortgereist war, hatte er sich dem Weine, ohne
Berechnung seiner Kasse so lange ergeben, bis der Wirt seine vollgekreidete
Wandtafel überrechnete, Zahlung forderte und als er diese nicht leisten konnte,
ihm den Mantel nahm. Das kümmerte den Sänger wenig, er setzte davon ein lustig
Liedlein, schimpfte darin den Wirt wacker aus, dem er mit seiner Lustigkeit viel
Gäste ins Haus gelockt hatte, ging mit dem Liede zum reichen Fugger und erzählte
darin zum Schlusse, dass dieser seinen Mantel ausgelöst habe. Der gute Fugger
tat, wie von ihm erzählt worden, löste den Mantel nicht nur aus, sondern gab
auch dem lustigen Grünewald ein Zehrgeld auf die Reise, aber mehr als Geld
schenkte er ihm in der Nachricht, wohin die schöne Alma gezogen, was Fugger aus
Fingerlings Handelsbriefen erfahren hatte. Grünewald küsste ihm die Hände aus
Dankbarkeit, nahm ein Schreiben als Empfehlung und schritt stolz in seinem
Mantel vor dem Wirtshause vorbei, dessen Wirt ihm so teure Zeche angekreidet
hatte. Der Wirt sah sich eben nach Gästen um, als der Sänger vorbeizog, und
gähnte, da erhob sich ein Windstoss, blies den Mantel gar stolz auf und warf dem
Wirte den Flügel eines Fensters, das eben offen stand, auf die rote Nase. Dies
Geschichtlein hatte Grünewald auf dem Wege einem Kunstgenossen vertraut, aber es
ganz geheim zu halten gebeten, als er mit diesem zum Hochzeittage in Waiblingen
ankam, wo er sich als ein reisender Sänger der Gesellschaft durch Lieder und der
schönen Anna durch Fuggers Brief so gut empfahl, dass er von Bertold allen
einheimischen Sängern vorgezogen wurde. Die Bayern und Schwaben sind aber nicht
bloss in der Sprache, sie sind in ihrem ganzen Wesen sehr verschieden, jene
trinken Bier, diese Wein, jene sind schwerer und ernster, diese lustig und
schnell, es kam daher den Stadtpfeifern seltsam vor, dass ein bayerischer Sänger
ihnen den Preis der Lustigkeit nehmen sollte. Die Schwaben sangen: »Unser
Herrgott ist auch kein Bayer« und andres mehr, was dem Grünewald schon zu Kopf
steigen konnte, aber er antwortete mit der »Schwabenbeichte«; sie sangen von der
vierbeinigten, bayerischen Nachtigall, er achtete dessen wenig, denn wie er mehr
trank, ging es ihm immer trauriger zu Herzen, dass Anna sich an dem Tage vermähle
und dass er nicht der Bräutigam sei. Kaum merkte der Oberpfeifer Haring, dass er
traurig wurde, so hielt er das für Verzagteit und rückte mit lustiger Bosheit
gegen ihn an. Er hatte eben das Geschichtlein des Mantels von dem Kunstgenossen
erfahren, gab sich das Ansehen, welsch reden zu können, indem er viel
Schimpfworte aller Völker in allerlei fremdes Geschrei einmischte und sprach zu
einem Schüler so erzählend, indem er abwechselnd auf den Mantel des Sängers
hinwies, auch wohl den Mantel anfasste, doch halb verstohlen, und Geld zählte.
Grünewald merkte nun wohl, dass er verraten sei, die Beschämung erregte seine
Galle. Um Haring zu ärgern, machte ihm Grünewald boshaft nach, wie er beim
Blasen seine Backen dehne und nichts heraus bringe. Haring schlug ihm auf die
Backen, dass der bayerische Wind hinaus fahre. Grünewald zog sein Messer, die
Kunstpfeifer rissen es ihm fort, drängten auf ihn ein, er war zur Rataustüre
hinaus gedrängt, ehe er zur Besinnung kam. Der Stadtpfeifer warf ihm ein Becken
auf den Kopf und rief ihm zu: »Gott geleite Euch.« Darüber lachten die Weiber am
Brunnen gar unmässig und Grünewald wollte wieder die Treppe hinanstürmen und
neues Geprassel von Töpfen stürzte über ihn her, ehe Bertold und der Ehrenhalt
es hindern konnten. In seinem Rausche, glühend und kühl durchnässt, lief er
hastig am Markte umher und regte alle Jammertöne seiner Ziter, die ihm um den
Leib hängen geblieben. Ernst sprachen die Sterne zu ihm und mit Trauer die hohen
Häuser, er hätte immer wieder zu Annen hinaufstürmen mögen, die Beine trugen ihn
aber unsicher, wohin sollte er sich wenden? Er sank an der Ehrenpforte nieder,
über der Anton die letzten Bretter seines Malergerüstes befestigte. Da sich
inzwischen nach Wegnahme der Tische in den Rataussälen, alles zum Reihentanz
geschickt hatte, also die Pfeifer und Fiedler vollauf zu tun hatten, die Weiber
am Brunnen aber an die Fenster neugierig sich drängten, so hatte er Musse, seinem
Geschicke nachzudenken, wenn er nur Vernunft dazu mitgebracht hätte, aber sein
Nachdenken bestand immer nur im Erzählen. Erst sprach er mit sich selbst, dann
stieg Anton vom Gerüste herunter, und er fand an dem Maler einen gutmütigen
Zuhörer. Er berichtete diesem, dass er gar berühmt und geachtet sei, so wenig es
ihm jetzt einer ansehe und so wenig Ehre ihm der verdammte Stadtfiedler übrig
gelassen »Wenn ich so ein Glas zu viel getrunken habe«, sagte er endlich, »da
kommt es mir immer vor, als ob ich ein Kaisersohn und einst in einem gläsernen
Schloss bei einem Löwen gewohnt habe, doch will mir das kein Mensch glauben.« -
»Ich glaube es Euch wohl«, sagte Anton, »aber seid froh, dass Ihr aus dem Neste
fortgekommen seid.« - »Warum das, was wisst Ihr davon?« fragte Grünewald. - »Ich
meine nur«, antwortete Anton, »das Schloss hätte in Stücken gehen und Ihr drein
treten können.« - »Meinetwegen«, antwortete Grünewald, »mag es nur so ein Traum
mit dem Schloss sein, aber das ist gewisslich wahr, dass ich, wie Moses auf einem
Baumaste schwimmend bei Bregenz ans Land getrieben bin und da hat mich leider
keine Königstochter, sondern ein alter Hofnarr zu sich genommen, der hiess Konrad
Naftsger aus Limpurg, von dem habe ich Ziterspiel und Meistergesang gelernt,
habe schon dreimal im Wettgesang das Gehänge gewonnen und bin in Nürnberg zum
Meister gemacht. Da gaben mir alle Ratsherren ein grosses Fest und die
Stadtpfeifer bliesen vor meinem Fenster. Oft ist der Herzog von Bayern Abends zu
mir gelaufen, ein Buhlenlied sich zu bestellen, und manche Fürstin drückte mir
die Hände. So schlecht, wie hier, ist's mir noch nirgends ergangen und ich kann
nicht glauben, dass ihr hier sonderlich lustig seid.« - »Wir sind hier nach
unsrer Art auch recht lustig«, meinte Anton, »aber grob sind wir auch ein
wenig.« - »Es scheint mir«, sagte Grünewald, »als ob die Leute hier gar nichts
von zierlichen, ritterlichen Festen wissen, ihr seid hier wie die Böhmen.« -
»Wie sind die?« fragte Anton. -»In Böhmen ist es noch schlimmer, davon hat
Konrad, mein Meister erzählt, ich muss es Euch schon vorsingen, auf dass Ihr
daraus erseht, wie es mir nicht allein bei solchen Fressgelagen übel ergangen
ist, und dass ich armer Narr mich endlich auch trösten kann.«
Der Böhmen König gibt ein Fest;
Auf goldnem, reichbesetzten Tisch
Steht ein verstecktes Narrennest,
Ein ungeheurer Riesenfisch.
Der König schneidet in den Bauch,
Da springt ein kleiner Kerl heraus,
Bekleidet nach Prophetenbrauch
Und gibt sich für den Jonas aus,
Und küsst des Königs Gnadenhand,
Die aus dem Fische ihn befreit,
Das Kerlchen spricht so schlau gewandt,
Dass es den König recht erfreut.
»Wer bist du Zwerglein«, spricht der Held,
»Sei mir willkommen bei dem Schmaus,
Was treibt dich in die weite Welt,
Wo bist du kleiner Mann zu Haus?«
Er spricht »Ich bin ein Narr fürs Geld,
Ein Narr ist überall zu Haus,
Ich bleibe, wenn es Euch gefällt,
Ich gehe, wenn mein Witz zu kraus.
Beim Herrn von Limpurg war ich lang,
Der war zu sanft, ich sprach zu hart,
So machte ich zu Euch den Gang,
Um mich zu freun an Heldenart.«
Der König ruft nun seine Narrn,
Um ihn zu prüfen, ob er klug,
Und ihn zu fangen in dem Garn,
Mit einem list'gen Narrenzug;
Zwei alte Tölpel stolpern her,
Mit buntem Kleide angetan,
Doch ihre Zungen sind so schwer,
Sie greifen an den kleinen Mann,
Mit lahmen Spässen ohne Mut
Und wären lieber wieder fort,
Doch unser Kleiner gar nicht ruht,
Er schenket ihnen gar kein Wort.
Der Kleine übermeistert sie,
Im fremden Land gilt der Prophet,
Er fürchtet keinen, scheut sich nie,
Er weiss es nicht, wie es dort steht.
Die grossen Tölpel werden stumm,
Der König nimmt ihr hölzern Schwert
Und spricht: »Ihr Narren seid zu dumm,
Der Kleine ist des Schwertes wert,
Ihr geht, der Mann im roten Kleid,
Wird eure Löhnung zahlen aus!«
Der Kleine schmückt sich voller Freud,
Die beiden gehen voller Graus.
Der Kleine höhnt sie wacker aus,
Ein jeder Einfall neue schafft,
Nie dauerte so lang der Schmaus,
Wie mundet heut der Rebensaft,
Der König sagt zu allen laut,
Dass er noch nie so lustig war,
Dem Kleinen hat er ganz vertraut,
Er sagt, was wahr, er trinkt, was klar,
Der Narr belehrt den klügsten Rat
Und wendet jeglichen Verdruss,
Der Kleine denkt: »Es ist ein Staat,
Wo mir ein jeder gut sein muss.«
Da bringt der Mann im roten Kleid
Noch eine Schüssel seinem Herrn,
Der sieht hinein mit Schadenfreud,
Und tut sie wieder dann versperrn.
Doch unser Narr ist schon so dreist,
Er blicket durch den Spalt hinein,
Obgleich der König es verweist,
Der Narr fängt kindisch an zu schrein.
»Herr«, spricht er, mit gebrochner Stimm,
»Zwei Menschenhäupter liegen drin;
Wer reizte Euren edlen Grimm,
Mit Frevel oder Eigensinn?«
»Mit nichten«, spricht der König kalt,
»Die beiden hab ich nicht gehasst,
Sie wurden mir nur allzu alt,
Und haben hier nicht mehr gepasst,
Es sind die Narren, die allhier
Dein guter Witz schnell überwand,
Was sollten sie nun ferner mir,
Du hast sie in ihr Nichts gesandt,
Ein kluger Mann, wenn er verdummt,
Erweckt noch aller Narren Witz;
Was ist ein Narr, der je verstummt,
Er ist auf Erden nichts mehr nütz.«
Das läuft dem Narren kalt wie
Eis Durchs Rückenmark zu Zung und Mund,
Dann wird ihm wieder glühend heiss,
Er spricht aus bangem Herzensgrund:
»Der Teufel sei hier Narr fürs Geld,
Denn wagte ich mein Leben gern,
So wär ich auch ein grosser Held
Und nicht ein Narr für grosse Herrn,
Ich spring zurück in meinen Fisch,
Der Narren Blut löscht allen Witz:
Wer junge Narren braucht am Tisch,
Der gönn den alten ihren Sitz.«.
Bei den letzten Worten fing Grünewald zu lachen an: »Ich will dem alten
Stadtpfeifer gern seinen Platz gönnen, dies liebe Städtlein hat kaum eine Strasse
und auch die ist nur halb gepflastert, ich möchte hier nicht begraben sein, wenn
Anna nicht bei mir läge. Das Fest ist auch jetzt vorbei, sie kommen herunter und
ich bin schon hier. Anna soll leben, hoch, hoch und immerdar hoch.«
    Der Fackelzug führte sie eben nach ihrem Hause vorüber, ein seliger Anblick.
Als alle vorüber waren und nur der Abfall der Fackeln von der leuchtenden
Erscheinung noch am Boden verglühte, sang Grünewald zu den Fenstern Annens
hinauf:
Nun kenne ich die Nacht
Und ihre Flammenspur,
Und hemme meine Uhr,
Dass spät der Tag erwacht,
Und schliesst die Läden dicht,
Dem ersten Morgenlicht.
Eh' Licht kann werden, bringt die Nacht,
Der Schöpfung dunkle Freuden sacht;
Ich kenne die Geschichte
Und nehme die Gewichte,
Die Räder und die Glocken,
Aus meiner Uhr bedacht,
Sonst schlägt sie in der Nacht,
Und ich fahr auf erschrocken.
Nun steht die Zeit ganz still,
Des freu sich, wer da will,
Des freuet sich alsbald
Der treue Grünewald.
Anton sah verwundert den Mann an, der so in einem Atem lachen und weinen,
belustigen und rühren wollte, aber er trug ein brüderliches Herz zu ihm und
nötigte ihn, da er ohne Obdach, sein Lager mit ihm zu teilen.
 
                               Zweite Geschichte
                               Das Bild am Giebel
Anna, die schöne, junge Frau, wurde spät von der Sonne erweckt, die über den
wolkenlosen Himmel in voller Klarheit hinzog und ihre Strahlen in den runden
Scheiben des Fensters sammelte, um mit einem Kusse ihrer Art die geschlossenen,
weichen Augenlider der Müden zu erwärmen, die sich gern dem Tag verleugnet
hätte, nachdem sie den Morgen verschlafen hatte. Endlich rief sie leise ihren
Bertold, um ihn nicht zu erwecken, wenn er noch schliefe. Als sie aber keine
Antwort erhielt und die Blendung ihr gestattete umzuschauen, da sah sie, dass
Bertold nicht mehr im weiten Bette zu finden, dass er sich fortgeschlichen habe,
- und das kränkte sie. Sie wollte nun nicht eher aufstehen, bis er ihr selbst
die neuen goldnen Strumpfbänder gereicht hätte, nachdem ihre silbernen
Strumpfbänder beim letzten Tanze feierlich zerrissen und jedem Gast ein
Stücklein zum Andenken geschenkt worden war. Mit diesem Gedanken beschäftigt,
sah sie nach dem Boden des Zimmers, weil die Fenster ihr zu hell entgegen
leuchteten, und bemerkte das Schattenbild einer Leiter, auf welcher zwei Beine
standen. Mit vorgehaltener Hand suchte sie zu entdecken, woher dieses seltsame
Schattenspiel sich durch die Fenster sehen lasse, und fand bald, dass eine Leiter
ans Fenster gelehnt sei, auf welcher die Beine eines Menschen ständen. Erst
glaubte sie, es sei ein Scherz Bertolds oder eines mutwilligen Bekannten, und
schämte sich, aber die feste Ruhe dieser Beine zeigte bald, der Gebeinte müsse
seine Neugierde an der Mauer über und neben dem Fenster befriedigen, und sie
hielt ihn für einen Arbeitet, der irgend etwas an dem Hause zu verrichten habe.
Sie wollte eben mit Vorsicht aufstehen, fest versichert, der Mann könne nichts
von ihr durch die blinkenden Scheiben wahrgenommen haben, da öffnete sich der
obere Fensterflügel, und sie erinnerte sich mit Schrecken, dass Bertold diesen
der Hitze wegen am Abend geöffnet hatte. Es bückte sich ein Antlitz nieder, das
zu den Beinen gehören mochte, sie sah es aber nicht, denn sie war unter die
Decke gefahren. Was war zu tun? Unter der Decke war es zu heiss und nicht allzu
lange auszuhalten; ihr Vorzimmer, wo Kleider lagen, war etwa zehn Schrittchen
entfernt, die Zeit musste benutzt werden, wenn der Mann nicht hineinblickte. Aber
konnte er nicht in der Zwischenzeit sich wieder niederbeugen, ehe das Vorzimmer
erreicht war? Endlich war der Entschluss gefasst: in der Decke eingehüllt, hatte
sie ohne umzublicken das Vorzimmer erreicht, wo sie in Eile die bequemen
Morgenkleider anlegte.
    Nun kehrte ihr gewöhnlicher Mut zurück, sie schämte sich der kleinlichen
Besorgnis und wurde neugierig, die Ursache dieses Schreckens näher kennen zu
lernen. »Gewiss ist es Meister Sixt«, dachte sie, »die Mutter Hildegard gelobte,
die heilige Mutter am Giebel neu aufmalen zu lassen, wie hat mich der gute, alte
Mann so erschrecken können?« Sie trat nun dreist ans Fenster, um dem Meister,
den sie gern in allen Sprachen welschen hörte, einen guten Morgen zu wünschen,
trat aber mit neuer Verwunderung zurück, als sie die Beine ins Auge fasste. So
riesenhafte Beine mit breiten Waden, knorrigen Knöcheln und wohl gepolsterten
Zehen, welche durch die zerrissenen Schuhe blickten, konnten dem dürren, kleinen
Sixt nicht passen, auch war die Bekleidung für den geschniegelten, alten
Niederländer allzu nachlässig. Die langen, roten Tuchhosen waren nicht aus Mode,
sondern von der Hand der Zeit aufgeschljetzt, doch hatte der Eigentümer die List
gebraucht, die unvermeidlichen Lücken, die sein Bein füllte, mit roter Farbe zu
überstreichen, wodurch aber die Mücken keinesweges getäuscht wurden, denn sie
nötigten oftmals die mit dem Pinsel bewaffnete, rechte Hand, die wohl zweimal so
dick, als gewöhnliche Hände war, gegen sie niederzuschlagen, als müsse sie das
Gemälde auffrischen. Anna meinte, es sei ein fremder Meister, der hier seine
Kunst an ihrem Hause zeigen wollte, und sie hielt sich für verpflichtet, ihm zum
mühsamen Werke in der Sonnenhitze einen guten Morgen zu bieten. »Guten Morgen
Meister!« sagte sie. - »Ich bin nicht der Meister«, antwortete ihr eine
mächtige, tiefe Stimme, »ich bin aber sein Junge.« - »Wenn Ihr auch noch nicht
Meister seid«, antwortete Anna, »so steht Ihr doch auf Eurem Platz fest und geht
auf einem grossen Fusse einher, in jedem Eurer Beine hat ein Meister Sixt Platz
und wenn Eure Kunst Euer Mass hält, so könnt Ihr einer der grössten Meister
werden.« - »Es würde schon etwas aus mir werden«, entgegnete er mit einem
lustigen Grundton, dass die Balken mitbrummten, »aber der Meister gibt mir mehr
Schläge als Essen, wenn ich ein Körnchen in der Farbe nicht fein abgerieben
habe, dabei kommt niemand zu Kräften, besonders wenn einem die Sonne wie hier
beständig auf den Buckel brennt.« - »Wie macht er das, Euch Schläge zu geben«,
fragte Anna, »ich dächte, er langte kaum zu Eurer Halskrause herauf, wenn er
sich auch auf die Zehen stellte.« - »Der Meister ist ein listiger Mann«, sagte
er und blickte durch das Fenster wie vorher, als Anna noch im Bette lag, indem
er aus dem Farbentopf, der an der Leiter hing, den Pinsel füllte. Sie sah ein
fröhliches Gesicht, das wie der Vollmond im Aufgange den Fensterflügel fast
füllte, von grossen, blauen Augen durchstrahlt, mit einem dichten Bart von
Milchhaaren umglänzt, erschien er, wie ein Engelskopf unter dem
Vergrösserungsglase sich darstellen möchte. - »Wie ist denn der Meister so gar
listig?« fragte Anna und beschaute das junge Blut mit Freude, wie es in dem
erhitzen Halse pulsierte. - »Der Meister ist ein listiger Mann«, sagte er, »das
sieht ihm keiner an. Wenn er nur jetzt käme, da schnippte ich ihn mit meinem
Finger in die Ecke, aber da wartet er ganz ruhig, wenn ich etwas ausgefressen
habe, was er für sich zurückgelegt hatte, bis zum andern Morgen und wenn ich im
besten Morgenschlaf liege und für keinen Preis mich rühren mag, da haut er auf
mich herum, als wäre ich ein staubiger Wams dass ich es wohl noch fühle, wenn ich
erwacht bin.« - »Vaterhand schlägt nie zu hart; das Kind, welches sie am
liebsten hat, schlägt sie am meisten«, sagte Anna. - »Gott behüte«, sprach
Anton, »dass die kleine Heuschrecke mein Vater wäre, ich bin nur so in der Not zu
ihm gelaufen, als ich noch ein dummes Kind war, und weil er mir damals etwas
Gutes angetan hat, dafür muss ich ihm mein lebelang eigen sein. Ich wollte, ein
Koch wäre mein Pflegevater, so könnte ich doch essen, was ich zusammenreibe und
koche, aber so muss ich die Wände und die Leinewand damit beschmieren; zu einem
Weinküper taugte ich auch besser.« - »Einen frischen Trunk kann ich Euch schon
geben«, sagte Anna, und reichte ihm eine hölzerne Kanne mit dem Abendtrunk
heraus. Er dankte kaum, sondern kippte sie wie eine Nussschale über, sie dachte
nur, dass er einen Zug daraus tun sollte. Anna sah ihn verwundert an, konnte aber
nicht böse werden, sie dachte: Es gehört wohl etwas in den breiten Hals, auf
welchem der Adamsapfel wie ein Ziehbrunnen auf und nieder steigt, und dann sind
ihm auch so viele Tropfen in seinem Milchbart hängen geblieben, dass sich die
Fliegen darin ersäufen; will doch sehen, ob er nach solchem mächtigen Zuge noch
Platz für das Essen behält. - »Will Euch doch etwas zum Zubeissen bringen«, sagte
sie, holte aus dem Nebenzimmer eine gebratene Hammelkeule und schnitt eine
Scheibe davon ab. »Wie heisst Ihr;« fragte sie, »hier ist die Gabel, langt zu!« -
»Ich heisse Anton«, sagte der Maler, »sage Euch schönen Dank, bin heut vor Tage
aufgestanden und habe kein Frühstück bekommen, weil mich der Alte mit dem Hunger
zum Fleiss antreiben wollte.« - Ohne Verlegenheit steckte er die Gabel durch das
abgeschnittene Stückchen in den ganzen Braten und wie ein guter Heulader
schwenkte er die Gabel, ohne etwas von der Ladung zu verlieren, in die obere
Region, wo sich am Menschen der Mund öffnet. Frau Anna rief: Ob er nicht Brot
dazu esse, das Fleisch sei fett. - »Dank Euch«, sagte Anton, »mein Magen
verträgt Kieselsteine, wenn ich nichts andres habe; wo ich aber gute Fracht
finde, da mach ich's wie Schiffer in den Niederlanden und nehme keinen Ballast
auf, gebt Euer Brot den Hühnern.« - Mit Verwunderung sah ihm Anna zu, wie er so
eifrig essen und malen konnte, sie bekam selbst Esslust bei dem Anblicke und
wollte zum Frühstück fortgehen, als Anton sie bat, noch einen Augenblick zu
verweilen, weil er den Kopf der Maria gleich beendet habe, sie möchte aber die
Augen niederschlagen, wie sie im Bette getan, denn mit fast geschlossenen Augen
habe er sie gemalt. Frau Anna schämte sich, dass er sie im Bette gesehen habe,
und verbarg das hinter dem Unmute, wie er dem heiligen Bilde ihr sündliches
Angesicht geben könne. - »O«, sagte Anton, »ich male nur das Schöne an Euch, das
Hässliche lasse ich weg. Die Menschen sind recht sonderbar, uns Malern trauen sie
zu, dass wir das heiligste Bild aus nichts schaffen und malen können, aber nicht
unserm Herrgott, der die ganze Welt zwar aus nichts, aber den Menschen nach sich
als sein Ebenbild geschaffen hat, wir müssen von unserm Herrgott, aus seinen
Menschen lernen.« - »Aber es wäre mir doch lieber gewesen«, sagte Anna, »wenn
Euer Meister mich abgemalt hätte, wenn ich einmal gemalt sein sollte.« - »Der
hätte sich hier längst aus Schwindel den Hals gebrochen«, antwortete Anton,
»auch geht's ihm nicht so von der Hand, wie mir und auf der Mauer will alles
schnell gemalt sein, sonst stimmen die Farben nicht, wenn alles getrocknet ist.«
Während des Gesprächs förderte sich die Arbeit und Anton suchte die Unterhaltung
deswegen immer noch zu verlängern. »Ich muss Euch doch«, sagte er, »ein
Hochzeitlied übergeben, das der arme Grünewald auf Euch zurückgelassen hat, der
gestern von den Stadtpfeifern ist herausgedrängt worden, er hat die ganze Nacht
geweint, denn er sagte, dass er Euch so lange nachgegangen und nun er Euch
gefunden, so unehrlich behandelt sei, dass er sich aus Gram nicht mehr wolle
sehen lassen.« - »Ist er denn schon fort?« fragte Anna. »Ganz früh zog er fort«,
antwortete Anton, »aber sein Hochzeitlied habe ich unten in meiner Tasche.« -
»Zeigt es mir«, sagte Anna, »es tut mir recht leid, dass er schon fortgegangen,
wir hatten ihn gestern vergessen in dem Gewirr, er sang sehr kunstreich.«
    Anton stieg die Leiter hastig herunter, um das Lied zu holen dass sie an der
Mauer ausgleitete, denn sie stand zu flach. Aber zum Glück fasste er den
Fensterrahmen, wo Anna stand, und so kamen beide mit dem Schrecken davon; er
schwang sich unversehrt in das Zimmer, während die Leiter niederstürzte. - »Gott
sei gedankt«, rief Anna einmal über das andre, »Euch fehlt doch nichts!« - »Es
war mein Glück, dass das Fenster offen war«, antwortete er und wollte schon
fortgehen, um die Leiter aufzurichten da hörte er Schritte und laute Worte im
Vorzimmer. »Es ist der Ehrenhalt«, sprach Anna, »er wird von mir Abschied nehmen
wollen.« - »Um Gottes willen verbergt mich«, sprach Anton in grosser
Verlegenheit, »der darf mich nicht sehen, er möchte mich wieder kennen, ich bin
ihm entflohen, helft mir, ich bin verloren.« Anna war so überrascht, dass sie
nichts zu sagen wusste, sondern halb unbewusst Anton in ihre Kleiderkammer schob,
sie fühlte ein unwiderstehliches Mitleiden gegen ihn, denn Bertold hatte ihr
schon so mancherlei von der Gewalt verlauten lassen, mit der die Kronenwächter
wirkten. Er trat mit Apollonien ins Zimmer und überbrachte der jungen Frau einen
kleinen, vergoldeten Schrank, wie ein Münster ausgedreht und geschnitten, in
welchem ein gar schönes Muttergottesbild stand. Das übergab er im Namen der
Grafen von Hohenstock, riet ihr sorgsame Pflege, wenn sie der Himmel mit einem
Kindlein segnete, und dass sie sich von den gewaltsamen Ereignissen der Zeit, die
jetzt bald eintreffen müssten, in der Pflege und Sorge nicht möchte stören
lassen, endlich nahm er mit einer Herzlichkeit Abschied, wie keiner dem rauhen,
alten Manne zugetraut hätte. Anna, von dem seltsamen Vorfalle mit Anton
zerstreut, hörte nur unaufmerksam dem Alten zu und blieb noch unbequemer in
ihrem Gefühle, als die Mutter den Ehrenhalt nur bis zur Türe begleitete und dann
zu ihr umkehrte, um sie schnell anzukleiden, weil Bertold bei dem Brunnen mit
einer Festlichkeit auf sie warte. Anna geriet in grosse Verlegenheit, weil die
Festkleider in der Kammer lagen, wo Anton sich versteckt hatte. »Was soll die
Mutter denken, wenn ich ihn heraus führe«, meinte sie, »oder soll ich mich hier
ankleiden, wo er mich durch die Tür erblicken kann?« Aber die Mutter machte
diesen Zweifeln schnell ein Ende, indem sie ungeduldig die Türe öffnete, aus
welcher ihr Anton mit der ruhigen Anfrage entgegentrat: »Also ist der Alte fort,
Gott sei gedankt, ich dachte, er hätte mich am Kragen!« - Die Mutter staunte,
Anna war verwirrt, was sie denken möchte, und Anton sprach wieder: »Nun will ich
Euch das Hochzeitlied des guten Grünewald holen, es hätte Euch gewiss gejammert,
wie er von seiner Liebe zu Euch die ganze Nacht geklagt hat.« - Mit diesen
Worten ging er zur Stube hinaus und Apollonia brachte erst nur unvernehmliche
Töne heraus, dann aber rief sie: »Wäre ich doch so ruhig entschlafen in dieser
Nacht, wie Frau Hildegard, sie weiss nichts mehr von deiner Schande, sie hat dich
zum Feste geschmückt, das den lieben Sohn ihr von der Seite nahm, die Einsamkeit
hat sie nicht überlebt, und wie dankst du ihr, dass sie so ihr lang gewohntes
Leben, den guten Sohn dir abtrat! Du verrätst ihn an einen Liebesboten, der wohl
gar selbst dich verführte, hätte ich mein Messer, ich könnte dich mit kaltem
Blute umbringen!« - »Liebe Mutter«, unterbrach sie Anna, »übereile dich nicht;
um eine Kleinigkeit, an der ich gar keine Schuld habe, mir zu fluchen!
    Sieh das Malergerüst vor dem Fenster, sieh die umgefallene Leiter, die der
Junge eben wieder aufrichtet, und frag ihn, wie er in das Fenster gefallen, da
sieh noch die eine Scheibe, die er eingebrochen hat. Und wie er hier war, da
versteckte er sich vor dem Ehrenhalt.«- »Und solche freche Lügen kannst du
gleich aus dem Stegreif ersinnen«, rief die Mutter, »wie oft magst du mich in
Augsburg betrogen haben, aber du sollst den guten, den lieben Bertold nicht
anführen. Er ist jeder treuen Liebe wert, ich will ihn trösten, er soll dich
vergessen, wenn er fühlt, dass doch eine Seele ganz und ewig an ihm hängt, und in
so langen Jahren sich ihm ungeteilt bewahrt hat.« - »Weh mir«, rief Anna, »du
sagst zu viel, liebe Mutter, und dein unnützes Schelten über eine Schuld, die
mit dem leisesten Hauche den Spiegel meiner Seele nicht trübte, eröffnet mir
eine schwarze Tiefe naher Besorgnisse, du liebst ihn du gestehst es dir und mir,
du glaubst mich bei ihm in Vergessenheit zu bringen, nie duldet das mein Herz,
und mit aller Glut, wie ich ihn liebe, so will ich alle Netze verbrennen, mit
denen du ihn zu dir zu ziehen strebst.«
    Der Streit wäre noch weiter gegangen, aber im Augenblicke klopfte Anton an
das zugeschlagene Fenster. Die Mutter öffnete und er reichte ihr ein Blatt und
sprach: »Dies ist das Hochzeitlied aber verzeihet mir, dass es ein wenig vom
Firnis zusammenklebt die Leiter hat beim Herunterfallen die Firniskruke
zerschlagen und bittet für mich beim Meister, dass er mich nicht dafür auch
zerschlägt, Ihr saht ja, dass ich nichts dafür konnte.« - Der Vortrag geschah so
natürlich und Anton sah ehrlich und offen in die Welt, dass die Mutter in ihrer
Meinung irre wurde und sich endlich ganz von ihrem Irrtum überzeugte. »Der
Morgen nach der Hochzeit«, sagte sie endlich, »ist nie ganz ohne Ärgernis, darum
machen auch Freunde dazu gern allerlei Spässe und Schauspiele, wir wollen auch
dies dafür annehmen, als ob wir selbst mitgespielt hätten. Zieh dich schnell an!
Wer lässt denn hier am Hause malen, Bertold erzählte nichts davon.« - »Frau
Hildegard hat dies Gelübde getan«, antwortete Anna. - »Die gute, selige Frau«,
sagte Apollonia, »mag wohl durch meinen Zorn in dieser Morgenstunde gekränkt
sein, sie wird mir nicht zürnen, ihr Gelübde hatte den Irrtum veranlasst. Sei
zufrieden Anna, werde nur nicht eifersüchtig auf mich, sieh dich im Spiegel, du
blühende Rose, so freudig sah ich dich nie wie eben mitten in der Kümmernis
unsres Streits, dann sieh mich an und du wirst deine Eifersucht beruhigen,
selbst wenn du meiner Liebe zu dir nicht glauben wolltest.« - Anna küsste der
Mutter die Hand und sprach: »Die gute Mutter Hildegard, nun kann ich ihr keine
Liebe erweisen, aber du lebst doch noch recht lange, sollst dich recht lange mit
erfreuen. Die arme Mutter Hildegard, sie hat es nicht überlebt, dass ihr Sohn
fern von ihr schlafen sollte, ach da trage ich unschuldig die Schuld ihres
Todes.« - Die Mutter suchte sie zu zerstreuen und sagte: »Wir wollen doch einmal
lesen, was der bayerische Meistersänger dir zu Ehren gereimt hat, wahrscheinlich
hat er es schon zu tausend Bräuten gesungen, denn darum läuft das Sängervolk
immer so umher, dass sie an fremde Orte kommen, wo ihre paar Lieder noch für eine
Neuigkeit gelten; aber es ist schwer zu lesen vor dem Firnis, der daran klebt.«
Hochzeitsterne sind verglommen,
Und das schwarze Sonntagskleid
Ist dem Himmel abgenommen,
Alle Lust erwacht in Leid;
Freudig ist nun junges Leben
hl den frischen Tag gestellt,
Der gerührt des Blickes Beben
Tauend über dich erhellt.
Und du glaubst dem neuen Tage,
Endlos scheint er, weil er klar,
Es versinkt in Lust die Klage,
Dass kein Kranz in deinem Haar;
Sieh, dir blühen tausend Kränze,
Dieser ach versank im Fluss,
Führt des Lebens Wellentänze,
Lebensflut im stillen Kuss.
In der Kraft, die er gesegnet,
In der Hoffnung, die er regt,
Seid ihr beide euch begegnet,
Selig, wem das Herz so schlägt;
Selig, denn die tät'ge Ferne,
Der Gedanken Unbestand,
Und des Glückes Wandelsterne,
Trennen nicht dies innre Band.
Hochzeitmorgen ist gekommen,
Trägt ein feurig Freudenkleid,
Und die Welt erscheint vollkommen,
Feiert euren schönsten Eid,
Mit dem Licht vom ersten Tage,
Als die Erde jugendgrün,
Als zum heiligen Vertrage
Gott dem Menschenpaar erschien.
 
                               Dritte Geschichte
                                 Gute Hoffnung
Das Fest am Brunnen, welches den Morgen nach der Hochzeit feiern sollte, war
durch den Tod der guten Mutter Hildegard in seinem Wesen gestört worden, manches
blieb unbeendigt, weil Bertold sich der geliebten Toten nicht entreissen konnte,
und die scherzenden Masken sandte er alle zu dem Hause des Herrn Brix, wo Kugler
seit der Hochzeitnacht eingezogen war. Auch verspätet war das Frühstück am
Brunnen durch den langen Schlaf Annens, die Sonne schien dort zu heiss, und der
Tisch mit den Sesseln wurde auf Annens Bitte, unter die uralte, schattige Linde
gestellt, unter der Bertold einst den Schatz gefunden hatte. Er ward
nachdenklich und sprach wenig, so dass ihm Anna Vorwürfe machte, wie er an
solchem Tage fremden Gedanken Raum gebe und dass er sie am Morgen so früh
verlassen habe. Unter mancher Zärtlichkeit erzählte er ihr nach und nach, was
ihn gequält und erweckt hatte »Als wir vor dem Altare in der Nonnenkirche
standen und der Geistliche Himmel und Hölle des Ehestands mit gewaltiger Stimme
malte, da flossen meine Augen in Sorge und Seligkeit, in Vorahndungen des Lebens
und des Todes, aber ich schämte mich dieser Tränen vor dir und wendete mich ab,
um sie unbemerkt zu trocknen. Und wie ich so zur Seite blickte und meine Augen
sich aufklären, da erblicke ich einen Kriegsmann von alter Tracht, der grossen
Anteil an der Feierlichkeit zu nehmen schien, da war mir, als sei es derselbe
Alte, derselbe alte Herr, den ich immer für ein Schattenbild des Barbarossa auf
Erden gehalten, wenn er in Wolken vorüberzieht, der mir hier die Kapelle der
heiligen Könige zeigte, die ich bis jetzt noch nicht wieder fand, der mir den
Schatz verlieh, der mich aufforderte, diese Baustelle zu erstehen, auf der ich
allen Reichtum erwarb, und mit Schrecken erinnerte ich mich bei einem Worte des
Geistlichen von der Wandelbarkeit des Irdischen, dass der Alte mir diesen Schatz
mit allem, was ich dadurch erwerbe, nur auf so lange verliehen habe, bis er es
zurückfordere. Ich wandte mich ab von dem Alten und blickte nach dem
vergitterten Nonnenchore und sah ein Antlitz halb befreit vom Schleier, der sich
zur Seite gedrückt hatte, und meinte die geliebte Mutter, meine rechte Mutter,
sehr veralten, doch unverkennbar wieder zu sehen. Diese Erscheinungen kreuzten
sich und verwirrten mich; als ich wieder um mich blickte, waren beide
verschwunden und ich fürchtete, dass die lebhafte Anregung des Tages mich um den
Verstand bringe. Beim Gelag hatte ich das alles vergessen und bald war auch das
Gelag vergessen und du weisst vielleicht, wie alles gekommen, aber ich schlief
doch endlich ein, schlief lange ruhig, bis ich denselben Alten, der mich in der
Kirche erschreckt hatte, wieder zu sehen glaubte. Er sagte mir, dass meine Zeit
abgelaufen sei, dass ich ihm alles wieder erstatten solle, was er mir geliehen,
ich sei jetzt gesund, ich kennte die Welt und ihre Geschäfte und sollte mich
jetzt allein durchschlagen. Da dachte ich deiner, wie ich der Armut dich
hingeben müsste, und konnte meinen Zorn nicht mässigen, so unbegreiflich ist der
Mensch sich selbst im Traume, ich ergriff das Messer, welches ich damals bei dem
Schatze gefunden, und durchstach den Alten, und der Alte war ich selbst, ich
hatte mich selbst erstochen. Da erwachte ich und konnte nicht wieder
einschlafen, weil Meister Sixt vor dem Hause malte und mir die letzte Ruhe nahm,
so viel mein Gewissen mir noch übrig liess. Sieh nur, um diese meine innere
Vorwürfe zu mehren, hast du den Tisch hieher unbewusst gesetzt, wo mir der Alte
den Schatz zeigte.« - Anna lachte über diesen Gram: »Der Traum bedeutet immer
sein Gegenteil«, sagte sie, »das wissen alle Traumbücher, und was der Mensch im
Traume tut, möchte er wachend gern meiden; liebst du mich recht, so vergisst du
alle die Einbildungen in einem Kusse von mir.« - »Noch etwas geht mir im Kopf
herum«, fuhr Bertold fort, »der Ehrenhalt hat mir nur Geschenke gebracht, um
Anforderungen an mich zu machen. Er spricht von meinem Vetter, von dem Grafen
von Hohenstock, dass er blödsinnig sei, dass mir das Schloss Hohenstock vielleicht
bald zufallen könne dass grosse Begebenheiten um uns her reiften, bei denen ich
dort Sicherheit und Anhang mir und den Meinen erringen könnte; ich sollte das
Schloss als Fremder besuchen, wie es mir gefalle. Ich mochte mich nicht darauf
einlassen, ich wollte es dir sogar verschweigen, aber der Traum, die Möglichkeit
mein erworbenes Gut zu verlieren, machten mich aufmerksam auf das Ererbte. Gib
deinen Rat, aber gelobe mir Verschwiegenheit.« - Anna besann sich keinen
Augenblick, sie sah sich dort im Geiste wie die kurfürstliche Braut zu Augsburg
empfangen, sie dachte sich das Schloss im Verhältnis zu dem Hause in Waiblingen
in steigender Herrlichkeit, wie sich dies zu ihrem Häuschen in Augsburg
verhalten; sie konnte sich der Sehnsucht nach diesem alten, geheimnisvollen
Stammschlosse nicht erwehren, sie versicherte Bertold, dass sie ihre Zunge nur
beschwichtigen könne, in sofern ihr Bertold das Versprechen gebe, noch diesen
Sommer das Schloss zu besuchen. - Bertold gab ihrem Willen nach und beschloss
unter dem Vorwande, einen Wallfahrtsort, oder einen Sauerbrunnen besuchen zu
wollen, den Weg dahin einzuschlagen. - Sie wurden in dem Gespräche von Meister
Sixt gestört, der feierlich mit Devotion kondolierte und gratulierte, auch
berichtete, dass er den letzten Auftrag der seligen Frau Hildegard wohl beendet,
die heilige Jungfrau am Giebel aufgemalt und dafür einen Gulden in Submission
einzufordern habe, er bitte diese Votivtafel zu inspizieren und ihn zu
remunerieren, wenn das Werk seinen Meister lobe. Bertold folgte ihm mit Annen
und war sehr erstaunt, ein sehr vollkommnes Bild seiner Frau an der Stelle des
verblichenen heiligen Bildes zu sehen, und weil es ihm lieb war, so schien es
ihm recht. - »Aber wie schön ist das Christuskind«, rief Anna, einmal über das
andre, »schenkte mir doch der Himmel solch ein kräftig freundliches Kind, in ihm
ist Segen für die Welt und ihre reichste Zukunft.« - Bertold aber zog Meister
Sixt bei Seite und fragte leise: »Gleicht das Kind nicht Eurem Anton, wahrhaftig
so muss er als Kind ausgesehen haben.« - Anna wollte wissen, was er gesprochen
habe, und Bertold antwortete gleichgültig: »Ich erinnerte den alten Herrn, dass
er dies Kind nach einem jungen Gesellen gemalt hat, der bei ihm in der Lehre
steht.« Anna musste ihm innerlich recht geben und wurde äusserlich so rot, dass sie
sich abwenden musste, sie gedachte der unangenehmen Verwirrung am Morgen und
hätte lieber das Bild gleich abreissen lassen.
    Kugler und seine Frau kamen jetzt zu ihnen, um Abschied zu nehmen. Das tat
dem ehrlichen Knaben gar weh, sonst war er seelenglücklich mit seiner Wahl, er
wusste nicht genug anzurühmen, was er alles zum Dank unserm Bertold antun
möchte, er wünschte, dass er in Not kommen möchte, um ihm die Treue seiner
Freundschaft zu beweisen.
    Nun ging alles zur Einrichtung der Wirtschaft über, und Anna lernte ihre
Magd Verena, die sie zunächst bediente, näher kennen. Diese klagte bei ihr
Jammer und Not über die Magd der Mutter Apollonia, ihre leibliche Schwester,
welche Sabina sich nannte, dass diese Böses von ihr rede, und auch Frau Anna
beschuldige, was sie kaum nachsagen möge, den jungen, schönen Maler Anton zu
sich ins Fenster eingelassen zu haben, sie scheine das von ihrer Frau gehört zu
haben. Sie habe ihr darauf den Mund verboten, denn wenn einer reden wollte, so
wäre genug darüber zu sagen, warum Frau Apollonia immer dem Herrn im Garten
nachgehe, auch ihn küsse, es wisse jeder, dass sie einst mit einander so gut wie
Eheleute gewesen, aber die Zeit sei vorüber. - Anna verbot dem Mädchen zu reden,
das Mädchen aber kehrte sich wenig daran, sie war zu heftig ereifert, nur wandte
sich jetzt ihr Zorn gegen ihre Schwester, die zu demselben eigentlich die Hefen
eingerührt hatte, sie berichtete, wie diese immer von den Schüsseln beim
Auftragen nehme, nur fleissig spinne, wenn die Frau es sähe, gern zu den Knechten
in den Stall gehe, sich immer Wege in die Stadt mache, auch beim Einkaufen mehr
an sich als an die Herrschaft denke, dass sie nur fünf Hemden habe und darunter
sei eins noch stark zerrissen und nicht einmal geflickt, ihre Schürzen wären
aber ganz unbedeutend. »Aber sag nur«, fragte Anna, die eigentlich aus
Gewohnheit gern den Mägden zuhörte, »wie habt ihr euch so verfeindet, ihr beiden
Schwestern, nachdem ihr hier bloss darum in Dienst getreten, weil ihr so nahe
beisammen wohnt.« - Das Mädchen wollte die Ursache nicht sagen, ihre Schwester
sei aber an allem schuld, sie wolle ihr aber alles gebrannte Herzeleid antun. -
Anna gebot Frieden, aber das half nur gegen schnellen Ausbruch der
Feindseligkeiten. Jeden Morgen früh war immer ein dumpfes Schelten der beiden
Schwestern am Brunnen, wenn sie früh Wasser holten, ein Keifen, als ob es an
Wasser fehle, und doch lief dies im Überfluss.
    Bertold schalt einmal, als er spät Abends zu Apollonien gehen wollte, dass
so viel Wirtschaftsgerät, Eimer, Töpfe und Kupfergeschirr am Brunnen gestanden,
er sei darüber gefallen. Verena machte daraus eine seltsame Historie, erzählte
Annen, ihr Mann gehe Abends, wenn sie ihn im Garten beschäftigt glaube, gar
heimlich zu Frau Apollonien, so dass es Annen gar heiss überlief, sie konnte mit
ihrer Mutter nicht mehr frei und offen sprechen. Darauf hörte sie in der Stadt,
dass von einem Kobold die Rede sei, der an ihrem Brunnen alles Geschirr reinige,
aber auch sehr bösartig sei, wenn einer ihn störe. Sie befragte Bertold, der
lachte über das Märchen, er sei so oft am Brunnen gewesen. Verena aber winkte
mit den Augen bei dieser Aussage ihrer Herrin und berichtete beim Ausziehen, der
Herr poltere oft so spät bei den Geschirren am Brunnen herum, da hielten die
Leute ihn für einen Kobold und hätten schon in der Stadt ausgebracht, sie und
ihre Schwester hätten sich wegen des Kobolds entzweit, wenn er nicht allen
beiden die Arbeit abnehmen wolle, er gehöre nur zum Hause des Bertolds und die
Schwester setze immer ihre Gerätschaften unter die ihren, aber das sei Lüge, und
rief alle Heiligen zu Zeugen, dass sie sich mit keinem Kobold abgebe.
    Sabina quälte mit ihrer Zänkerei die Frau Apollonia weniger, weil diese
strenger war, sie nistete sich aber auf feinere Art ein. Apolloniens
Zärtlichkeit zu Bertold glaubte jetzt, wo er ihr als Schwiegersohn verbunden,
keines Zaums zu bedürfen, sie äusserte ihm gern ihr Wohlwollen durch jedes gute
Zeichen, nahm jedes von ihm an, fand auch darin einen Ersatz, als es ihr schien,
dass die Tochter von ihr unabhängig sei, sie weniger aufsuche und andre
Gesellschaft vorziehe. Sabina erfand sich eine Menge Freundlichkeiten von
Bertold, die sie der Frau berichtete und ihr schmeichelte, am Abend aber die
Schwester damit zu ärgern. Das alles erfuhr Anna, nachdem es kaum einen halben
Tag ersonnen oder missdeutet war, und machte die Stolze ihrem Bertold auch keine
Vorwürfe, so spottete sie doch wohl gegen ihn über die Mutter und Bertold
verteidigte sie mit Wärme und sagte wohl noch mehr, als er eigentlich glaubte,
eben weil ihn die unerklärliche Härte in der Tochter ärgerte.
    Ein Zufall reifte die Stacheln an der Hecke zwischen beiden Häusern.
Apollonia war in ihrer Arbeit sehr emsig, obgleich sie es jetzt nicht mehr
bedurfte, nun ein gutes Vermögen mütterlicher Seite ihr zugefallen war. Es brach
ihr spät am Webstuhle etwas in dem Kamme, sie schickte Sabina damit zum
Verfertiger, dass er es gleich in Ordnung bringe. Es sieht manches wie eine
kleine Arbeit dem aus, der sie nicht zu machen versteht. Die Arbeit verspätete
sich, die Nacht war dunkel heiss und Apollonia ging selbst ungefähr gegen
Mitternacht an den Brunnen, um ihren Henkelkrug zu füllen. Sie nahte sich ohne
Absicht leise, denn sie ging bequem und stand nicht ohne Schauder neben einer
grossen Gestalt, die am Brunnen auf etwas zu warten schien. Kaum hatte sie den
Entschluss gefasst, dies unheimliche Wesen ein wenig zu betrachten, ehe sie
entliefe, so wurde ihr der Mond günstig, trat hervor und beschien einen blonden,
herrlichen Lockenkopf, der im Augenblicke nach dem Garten Bertolds entsprang.
Die Angst und die Besonnenheit geboten ihr zu schweigen, es war Anton, sie
konnte nicht zweifeln. Was wollte er so spät? Bertold war in einem Geschäfte
ausgereist, Anna hatte sich den Abend verleugnen lassen. Sie wurde wieder irre
an dem guten Glauben, den sie den Entschuldigungen der Tochter am Hochzeitmorgen
geschenkt hatte; ihre Qual war gross, denn ihre Rechtlichkeit war unerbittlich
strenge. Sie gewann es über sich, nicht laut zu werden, es fiel ihr ein, dass
Bertold von einer Reise nach Hohenstock gesprochen. Sie glaubte, dass sein guter
Geist ihm den Rat eingegeben hätte, und beschloss ernstlich, mit allem ihren
Einflusse auf ihn, dies Unternehmen zu fördern.
    Anton, denn er war es wirklich gewesen, hatte nicht geringeren Schrecken
über Frau Apollonia, als diese über ihn erfahren, er meinte sich schon beim
Meister angeklagt und bestraft. Die Bosheit der Frau, als er damals so
unschuldig in Annens Zimmer gekommen, liess ihn viel schlimmere Bosheit ahnden,
nun er in gewissem Sinne schuldig war. Er war wirklich der Kobold, der da
nächtlich am Brunnen die Geschirre reinigte, was den beiden nachlässigen Mägden
zu beschwerlich war. Er hatte sie in den Vorbereitungen der Hochzeit kennen
gelernt und war in dem Drange der Arbeiten für seine Hülfe in der wohlbesetzten
Küche von ihnen gelohnt worden. Für diesen Preis setzte er bei dem teuflischen
Geize des Meisters, der ihm das Brot verschloss, diese geringe Arbeit Nachts
heimlich fort, und die Sache hätte lange in Ruhe geschehen können, wenn nicht
beide Schwestern gar zutuliche Liebe zu ihm empfunden hätten. Da er aber von
eigner Gleichgültigkeit gegen beide blieb und wohl ihre guten Bissen, aber nicht
ihre Küsse annehmen mochte und sich beide doch für schön hielten, so meinte
jede, die andre habe heimlich mehr Vertraulichkeit mit ihm und das brachte sie
gleich in Neid und Eifersucht. Als er nun gar in der nächsten Nacht ausblieb,
ward der Unfriede am Brunnen gross. Bertold kehrte am andern Morgen heim und
sprach zufällig erst bei Apollonien an, so schien seine Untreue der harrenden
Anna gewiss.
    Während Apollonia ihm heftig zürnte, trat Bertold mit freudigem Gruss und
Gaben ein, erzählte von den schönen Burgen der befreundeten Ritter und drang in
Annen, wie Apollonia eben in ihn gedrungen war, die Reise nach Hohenstock mit
ihm zu unternehmen, es komme kein Schlächter aus jener Gegend in die Stadt, der
ihm nicht Briefe mit Anmahnungen des Ehrenhalts überbringe, dort einen Besuch
abzustatten, und je mehr er das Leben der Ritter kenne, je weniger lasse sich in
ihm das Gefühl unterdrücken, dass er noch zu etwas anderm, als zur Wollrechnung,
bestimmt sei. Der Antrag kam ihr jetzt so willkommen, sie hoffte, Bertold werde
sie ausschliesslich lieben, wenn sie mit ihm allein wäre, sie gab ihren Beifall,
sie wollten beide vorgeben, dass sie Klostereinsiedlen in der Schweiz zu besuchen
gelobt hätten.
    Es war Sonntag, sie fühlte dunkel, dass sie dem Manne unrecht getan habe,
oder aber wie Grünewald oft sang:
Sonntag hat ein eigen Wesen,
Innres Streben, äussre Ruh,
Mag von sel'gem Glauben lesen,
Lässt den Drang der Zeit nicht zu.
Sie wollte beichten und nahm ihr schwarzes Gebetbüchlein, ging aber nicht zum
Hause hinaus, sondern in den Garten, wo ohne dass sie es wahrnahm, der eifrige
Gärtner Bertold beschäftigt war, seine Lieblingsblumen selbst zum Strauss für
die Frau abzupflücken. Da kam eine hohe Frau in den Garten mit einer Harfe und
einem Kästchen, worin Feigen und Apfelsinen, trug einen grünen Hut mit einer
Feder darauf, grüne Jacke mit kurzem, bunten Rock, auch bunte Strümpfe, sie
nannte sich eine Tirolerin, die aus der Hand weissage, und Apollonia meinte sie
schon in Augsburg gesehen zu haben. Anna klagte ihr, dass sie vergessen habe, was
sie noch eben beichten wollte, und die Tirolerin, - oder vielmehr Grünewald, der
so verkleidet war und sich etwas mit Wahrsagen abgab, - prophezeite ihr, was er
ihr ansah, und hat alles nachher in Reimen abgesungen, wie es da erging:
Der Sonntag winkt mit stillen Blicken
Und schmückt ein jedes Blumenbeet,
Der Gärtner will ein Sträusslein pflücken,
Weil seine Frau zur Kirche geht.
Und kann sich immer nicht entschliessen,
Wo er sein Messer brauchen soll,
Die Blumen sich im Tau noch küssen
Und Herz am Herzen hängt so voll.
Da kommt sein junges Weib gegangen,
Ihr schwarz Gebetbuch in der Hand,
Ihr Blick gesenkt im frommen Bangen,
Zur Laube hat sie sich gewandt;
Wie heimlich glüht die Geissblattlaube,
Ihr Schatten ist ein duftig Bad,
Und drinnen girrt die Turteltaube
Und Nelken glänzen an dem Pfad.
Da spricht die Frau mit bangen Sorgen:
»Vergessen ist die Sündenschuld,
Was wollt ich beichten heute morgen,
Ach Gott, hab nur mit mir Geduld.
Ach hätte ich nur eine Stunde,
Mir fielen wieder Sünden ein,
Aus welchem bösen Sündengrunde
Mag ich wohl so vergesslich sein.«
Der Gärtner hat sich nicht verstecket,
Doch ist er nicht von ihr gesehn,
Die Reben haben ihn gedecket,
Er staunet still, wie sie so schön;
Es kniet sein Weib am Bänklein nieder
Und deckt das holde Angesicht
Und steht dann auf und saget wieder:
»Was ich gesündigt, weiss ich nicht.«
Der Mann will eben zu ihr springen,
Und ihr in Kraft von Lieb und Lust,
Vergebung für die Sünde bringen,
Die ihrem Herzen unbewusst,
Da hört er eine Harfe klingen,
Sieht eine Frau mit grünem Hut,
Die ihr will süsse Früchte bringen,
Die Frau sagt wahr und ist ihr gut.
Sie küsst die Hand des schönen Weibes
Und rufet mit Verwundrung aus:
»Du bist gesegnet deines Leibes,
Und Segen kommt nun in dein Haus!«
Beschämt will es die Frau nicht glauben,
Und klagt, wie schwer zu Mute ihr,
Tirola spricht: »Eh' reif die Trauben,
Die jetzt so hart, dann glaubst du mir.«
Ihr glaubt die Frau, und heil'ge Blicke
Wie Perlen sie umkränzen schön,
Tirola singt von ihrem Glücke
Zu ihrer Harfe Vollgetön;
Was sie gedrückt, war keine Sünde,
Es war die ungewohnte Lust,
Dass sie den Dank zu Gott verkünde,
Erhebt Gesang die freud'ge Brust.
In wessen Herz die Sünde schweiget,
Da klingt des Herren Lobgesang,
Das Dasein sich so freundlich zeigt,
Wenn neue Hoffnung es durchdrang;
Sie fleht, dass sie der Herr durchdringe
Mit seines Geistes Gegenwart,
Dass früh ihr Kind den Geist empfinge,
Wenn es noch bildsam, rein und zart.
Da kann der Gärtner sich nicht halten,
Er stimmt ins fromme Lied mit ein,
Und muss die Hände betend falten:
»So muss sich eine Kirche weihn!«
Und er gelobt, an dieser Stelle,
Zum Angedenken dieser Gunst,
Will er erbauen die Kapelle
Mit hocherfahrner Bildner Kunst.
Es steht die Frau in Scham betroffen,
Woher er ihr Geheimnis weiss?
Er spricht: »Ich sah den Himmel offen,
Ein Engel sagte es mir leis:
Und alles Geld, was du gesparet,
Den Armen gib zum Freudenmahl,
Dass Gott, der Herr, dein Kind bewahret
Und führt es leicht zum Sonnenstrahl.«
 
                               Vierte Geschichte
                               Schloss Hohenstock
Der Reisewagen schwankte heftig ungeachtet des langsamen Fahrens über die rohen
Steingerölle, die im Bergwege lagen, dass Bertold längst mit der Frau Anna
ausgestiegen war und sich zu dem Ehrenhalt und Grünewald, (der als Tirolerin
gekleidet) gesellt hatte, die neben dem Wagen gingen und mit einander den Wagen
durch Stricke, die sie an beiden Seiten angebracht, vom Umsturz abzuhalten
suchten. »Das ist ein Mordweg!« sagte Anna. - »Es ist noch nicht unser
schlechtester Weg«, meinte der Ehrenhalt, »so kann er freilich nicht in Ordnung
gehalten werden, wie die Wege nach Augsburg, hier fährt kein Güterwagen, kein
Reisender, zum Holzfahren ist er immer noch gut genug.« - »Warum bleiben wir
nicht hier oben«, fragte Grünewald, »der Wald ist kühl, die Erdbeeren reif und
mein Blumengewinde wächst mir immer wunder barer in der Hand, dass ich Euch
endlich damit umgürten muss, Frau Anna. Weilt hier. Der grün bewachsene,
meilenweite Sumpf da unten ist für die Kiebitze, die darüber schreien, dass die
Leute ihnen ihre sommerfleckigen Eier nehmen. Und was ist das für ein
Schwalbennest in der Mitte, sieht aus wie eine gebrochene Kinnlade mit schwarzen
Zähnen, da möchte ich nicht begraben sein.« - Der Ehrenhalt verwies sie als eine
unverständige Närrin zur Ruhe, bei ihrem Kuhmelken und Pomeranzenverkauf werde
sie viel wissen, was zu einer Ritterburg gehöre. »Seht Herr«, sagte er zu
Bertold, »das ist Hohenstock, weil der Fels, worauf es steht, wie der Stock
eines Baumes aus dem tiefen Bruch heraus sieht. Das ist gegen jeden Angriff
sicher, wenn die Brücke und der einzige Damm zerstört sind, der bis dahin führt.
Durch den Sumpf watet kein Mensch und die warmen Quellen hindern, dass er je
zufriert; der Kaiser mag klug sein, aber wäre er recht gescheit, so setzte er
sich in Ruhe auf Hohenstock, würde einer der Unsern und liesse die regieren, die
dazu geboren sind. Bei uns da ist alles im Überfluss, was sich ein Mensch
wünschen kann, Fische, Wildbret, Früchte, auf der Welt gibt's keine fruchtbarern
Gärten, als die Ihr so rings an dem Schlossfelsen glänzen seht. Gott gebe, dass
ich von der Wacht auf der Kronenburg entlassen, dort endlich in Ruhe meine Tage
beschliessen kann.« - Bertold und Anna wollte das Schloss nicht so erfreulich
erscheinen, doch äusserten sie nur, dass ihnen der Bau gar seltsam verwirrt
scheine, die Gebäude lägen in allerlei spitzen Winkeln, selbst in Krümmungen an
einander, wie Kinder in ihren Spielen zu bauen pflegen. - »Das versteht unser
einer nicht«, antwortete der Ehrenhalt, »aber seht, das grosse Schloss nach dieser
Seite gehört Eurer Linie, und das kleinere drüben gehört dem Grafen Rappolt, und
in dem Mittelschlosse ist die Kapelle und der Waffensaal.« - »Vom Grafen Rappolt
habt Ihr mir nie ausführlich gesprochen«, sagte Bertold. - »Es ist nicht viel
von ihm zu sagen«, antwortete der Ehrenhalt »als dass er Euer Oheim ist, er ist
meist verwirrt im Kopfe und was ihm allen Verstand nimmt, ist die Liebschaft zu
seiner Ausgeberin Ita, die sein Sohn nicht mehr bei ihm dulden will, weil sie
dem alten Manne alles abstiehlt und den Ihren zusteckt. Ihr müsst ihn wohl
besuchen, aber weiter kümmert Euch nicht um ihn, es kommt nichts dabei heraus,
als dass Euch der alte Herr leid tut.«
    Ein Wächterhorn von der Dammwarte verkündete ihre Ankunft nach dem Schloss,
als der Weg anfing, gepflastert zu sein. Alle stiegen in den Wagen und nun ging
es fast eine Viertelstunde in vollem Lauf über den hohen Damm, der an beiden
Seiten mit Obstbäumen und Weiden besetzt war, und über Brücken dem Schloss zu,
dessen hohe Lage sie erst jetzt in der Ebene erkannten.
    Endlich rollten sie durch das enge Tor und da ging es langsam durch den
schmalen Burgweg hinauf, der allmählich ansteigend um den Felsen lief, auf einer
Seite von Mauern mit Türmen gedeckt, auf der andern Seite mit kleinen Häusern
und Ställen besetzt, vor denen Landleute in so schlechter Bekleidung standen,
dass die Städter sie für Bettler hielten. »Nein«, sagte der Ehrenhalt, »das sind
in ihrer Art sehr reiche Leute, aber sie gehen gern bequem in ihren Kleidern und
mögen sich ihr gutes Zeug nicht verderben; die haben mehr aufs Brot zu
schmieren, als Eure Federhänse in der Stadt, die sich vor Gott mit dem
Sprichwort rechtfertigen: Ein jeder sieht den Kragen und keiner in den Magen.« -
Der Wagen hielt vor dem alten Schloss und sie traten in grosse, gewölbte Zimmer,
die nur von sehr kleinen, ohne Regel verteilten Fenstern erhellt waren, aber die
Aussicht war schön über die grüne Fläche nach dem Gebirge, ein grünes Meer voll
Vögel, statt der Fische. Auf eigensinnige Art war der Boden zwischen den
verschiednen Zimmern verungleicht, es mussten immer Stufen gestiegen werden, um
aus einem Zimmer ins andre zu gelangen. Grosse, schwere Schränke von Eichenholz,
mächtige, gepolsterte Lehrstühle, grosse, runde Tische und ein Bette, in dem wohl
viere Raum hatten, zierten das grösste, mit achteckigen Steinen gepflasterte
Zimmer. »Hier ist das Schlafzimmer für die Gäste«, sagte der Ehrenhalt, »lasst
Euch ja nicht merken, dass Ihr eigentlich hier mehr zu befehlen hättet, sonst
müsst Ihr hier bleiben gegen Euren und meinen Willen.« Anna erbleichte etwas, sie
schrieb es dem mit Kaliums bestreuten Boden zu, auch war mit Wacholder
geräuchert, weil das Zimmer so lange unbewohnt geblieben. Anna sah zum Fenster
hinaus, um eine gewisse Beklemmung ihres Herzens aufzulösen, aber sie musste es
vor aufbringendem, üblen Geruche schliessen. »Ihr müsst Euch nicht verwundern«,
sagte der Ehrenhalt, »da unten ist der grosse Hundestall, doch wenn er Euch
lästig, so schaffen die Knechte morgen alles fort. Kommt heute zu dem Oheim im
zweiten Anteile, doch muss ich Euch vorher sagen, die vielen Kinder, die da
herumfaulenzen, sind keine echte, das ist so uneheliches Zeugs, von ihm und der
Frau Ita, seiner Ausgeberin, und Gott weiss von wem noch sonst; haltet Euch die
vom Leibe, die schnüffeln und betteln überall, sind Wild- und Fischdiebe, wie
keine auf der Welt; wenn der alte Graf ihnen nicht täglich die Haut gerbt, so
behält der erste Anteil nichts.«
    Nachdem Bertold und seine Frau angemeldet waren, so traten sie in das
Zimmer des alten Oheims, der ihnen wie ein ernstes Knochengerippe von einem
Riesen der Vorzeit entgegen trat und sie feierlich, doch verlegen, nicht als
Verwandte, sondern als Fremde begrüsste. Es wollte sich kein Gespräch anknüpfen,
der Alte brummte einige unverständliche Höflichkeit, während Bertold und Anna
mit Verwunderung das Zimmer überblickten. Ein kleines Mädchen futterte da
unzählige, junge Hühner, während die alten Gluckhennen gegen einander eiferten,
eine Mästgans wackelte auch herbei und die Nudeln, mit denen sie genudelt werden
sollte, dunsteten mit schrecklichem Geruch von dem scharf geheizten Stubenofen,
in welchem gebacken wurde, während die Fenster gegen die Sommerhitze
verschlossen waren. Drei alte, fette Hunde, deren Haar vom steten Liegen
abgerieben war, bellten von den schmutzigen Polsterstühlen, indem sie sich
ausstreckten, an der Decke wankte ein grosser Wermutbüschel mit den
Fliegenleichen und eine Wetterdistel drehte sich, als ob sie ein nahes, böses
Wetter verkündigte. Sollte dies aber aus einer Weltgegend kommen, so musste es
zunächst von Frau Ita ausgehen, die im Hintergrunde den geschundnen, blutigen
Körper eines Hasen spickte. Dies Ungewitter mit starken Schlägen traf aber ein
etwas erwachsenes Mädchen, das sich an Anna heran geschlichen hatte und ihr die
Röcke sacht von der Seite ein wenig aufhob um zu sehen, von welchem Zeuge ihre
Unterröcke wären, denn das erklärte sie jetzt unter der peinlichen
Backengerichtsordnung der Mutter, als einzigen Grund ihrer heimlichen
Bestrebungen. Der alte Rappolt wollte gern Frieden stiften, drückte aber dabei
vorsichtig wie eine Katze, die Schläge fürchtet, die Augen zu, auch wurde seine
Vermittelung abgewiesen. Dagegen stiftete sich sogleich Friede, als ein junger,
derber Bursche Frau Iten mit den Worten in die Hände griff »Mutter, Sie ist
verrückt, was sollen die fremden Leute von Ihr denken, Sie meint noch immer, dass
Sie die Schweine unter sich hat, geh Sie mit Ihrem Küchenschmutz in die Küche.«
Frau Ita entschuldigte sich und ging fort, der alte Rappolt sah mit dankbarer
Rührung den höflichen Jüngling an und erklärte sich offner gegen Bertold. Die
gute Frau sei sehr heftig, aber sie sei sein einziger Trost, er müsse beherrscht
werden, Gram nehme ihm die Besinnung, und ohne ausgezankt zu werden, komme er zu
keinem Entschlusse. Sie sollten sich vor den Kronenwächtern in acht nehmen, fuhr
er nach kurzem Stillschweigen fort, eben so auch vor den andern. Er habe einen
schönen Sohn von seiner verstorbenen, geliebten Frau gehabt, mit Namen
Friedrich, den hätten sie zuerst auf der Kronenburg erzogen, der sei von einem
fremden Ritter in das Wasser gestürzt worden, er habe es unter der Hand
erfahren. Darauf er nach langen Jahren Zwillingssöhne, Anton und Konrad
bekommen. Bald hätten ihm die Kronenwächter seinen kräftigen, hell gelockten
Anton genommen und der sei entflohen, kein Mensch wisse wohin, nun sei ihm nur
noch Konrad übrig, der sei ein dürrer Neidhart von Jugend an gewesen und werde
jetzt auf der Kronenburg erzogen, wolle da nicht mehr gut tun, sie würden ihn
auch bald bei Seite schaffen. Als er dies beendet, fiel er in ein Weinen und der
Bastard riet Bertold fortzugehen, »denn«, sagte er, »kommt Vater auf die alten
Geschichten, da weiss er nicht mehr, was er will, da kann die Mutter kaum mit ihm
fertig werden, da will er Waffen anlegen und darf doch nicht heraus. Er hat
einmal in seinen frühern Jahren die Kronenburg verraten wollen, ist im
unterirdischen Gange im Sperrwasser gefangen und aufgefischt worden, seitdem
musste er hier hocken. Sie wollten nur Söhne von ihm haben, dann, sagten sie,
wollten sie ihn hinrichten. Wie ginge er so gerne auf die Jagd, aber er darf
nicht heraus, da sieht er drüben die Hirsche am Gebirge sich sonnen, seht Ihr,
wie er hinsieht, er kennt alle am Geweihe, er darf aber nicht heraus. Das hat
ihn so unsinnig gemacht.« - »Aber hört er denn nicht, was du jetzt sprachst,«
fragte Bertold, indem er mit Annen fortging. - »Kein Wort hört er, wenn er so
in sich versinkt«, antwortete der Knabe und nahm Abschied.
    Bertold und Anna sahen einander verlegen an, als sie auf ihrem Zimmer
allein waren, Anna war sehr enttäuscht von den hohen Erwartungen gräflicher
Herrlichkeit, Bertold warnte sie, gegen niemand davon zu reden, sie ständen in
einer unerbittlichen Gewalt. Die Tirolerin kam jetzt herein und brachte viele
Nachrichten von der Burgverfassung. Eben seien wohl zehn Raubgesellen in Dienst
genommen, um einem Nachbarn, der sich gegen die Bauern vergangen, das Vieh
wegzutreiben, die tobten und tanzten in der Gesindestube, niemand höre ohne
Fluchen und Schläge, was ihm gesagt würde: der eine habe ihr das Essen
umgestossen, weil er sie durchaus küssen wollte. Die Rosse lägen im Hofe, dass
niemand gehen könne, die Hunde heulten und bissen aus allen Ecken, und die Enten
stürmten die Küche, der Ehrenhalt sei fort und sie wisse keinen andern Rat, als
dass sie drüben aus der Küche sich etwas ausbäte, um ihre Herrschaft zu speisen.
    So waren beide genötigt, bei Frau Ita anzusprechen, die eben in dem Kreise
mehrerer andrer Frauen beim Mahle sass, die sie ihnen als die Weiber von
Kronenwächtern vorstellte, welche dahin gekommen, um ihren Männern weisse Wäsche
zu bringen. Alle fielen über Frau Anna her, sie zu herzen und zu küssen. Der
Becher ging fleissig umher, Frau Ita ging zuweilen in die Schlafkammer, wo der
Alte jammerte, und brachte ihm etwas, klagte aber dann bitterlich zu Annen, was
sie für einen alten, gebrechlichen Herrn habe, wie der sie plage, da sei sie mit
ihrem Bertold besser versorgt. Nun erzählten die Frauen von den Taten ihrer
Männer: wie vielen Herren der eine gedient habe, ehe er von den Kronenwächtern
aufgenommen sei, wie der andre einen Mauren im Zweikampfe erlegt habe, wo ein
dritter unter den Schweizern gegen den Herzog von Burgund gefochten und das Gold
nachher in Metzen ausgemessen habe. Der Ehrenhalt betrat jetzt das Zimmer, wurde
von allen gar ehrfurchtsvoll begrüsst, die Frauen baten ihn, seine Geschichten im
Morgenlande zu erzählen, wie er dem Emir, bei dem er gefangen, mit einem
silbernen Becher den Hals zerhauen habe, worin ihm dieser Wein unter
Verwünschung des Christentums gereicht, und wie er auf dem Pferde des Emirs der
Strafe und der Gefangenschaft zugleich entkommen sei. Es wurde, als dieser Alte
erzählte, eine lebendige Freude ausgegossen, jeder fühlte sich grösser, nur
Bertold fühlte sich unendlich gering dass er noch nichts Kriegerisches getan.
Noch schmerzlicher fühlte er sich gekränkt, als Frau Anna, die ihren Mann gern
auch empfehlen wollte, mit der Turniergeschichte in Augsburg anrückte. Da riefen
alle, es sei schade, dass er nicht einen Tag früher gekommen, es hätten gestern
nahe der Burg ein paar Ritter auf Leben und Tod mit einander gerannt und wären
beim zweiten Anlauf auf dem Platz geblieben, durch ihre Spiesse unauflöslich
verbunden.
    Als sie alle auseinander gegangen, musste Bertold eingestehen, so seltsam
dies Völkchen sei, so stehe doch jeder fest auf seinen Füssen und wisse seine
Bahn; er möchte gern auch im Kriege sich versuchen und wisse nicht, wie er es
anfange. Anna dagegen wünschte sich und ihn von Herzen aus diesem Kreise, aus
dieser Gegend fort, sie behauptete, dass die armen Spinnerinnen in Augsburg in
ihren Spinnstuben nicht so roh und gemein, so grob und frech sich ausgedrückt
hätten, wie diese edlen, ritterlichen Frauen, Bertold habe nur nicht alles
gehört, was sie leise unter einander und zu ihr heimlich gesprochen hätten.
Bertold wollte ihren Wunsch, bald abzureisen, gern erfüllen, nur bat er sie,
ihn nicht so kund werden zu lassen, auch die Wände hätten da Ohren, das ganze
Schloss sei von geheimen Gängen durchzogen, diesen sei alle Schönheit und
Regelmässigkeit aufgeopfert, das habe er endlich durch seine Kenntnis vom
Bauwesen herausgebracht.
    Am andern Morgen fragte Bertold den Ehrenhalt, ob er nicht den Zug gegen
die Nachbarn mitmachen könne, wozu schon Leute geworben wären, die gestern im
Schloss gelegen. Der Ehrenhalt lächelte ihm zum erstenmal recht freundlich zu
und sprach: »Es ist recht, dass Ihr etwas tun wollt, was vor der Welt besteht,
der alte Hohenstaufe regt sich in Euch, im Kriege macht der Mensch sein Schwert
zum Massstab der Welt und misst alles nach seiner Elle von vorne durch, so kommt
alles in die Lage, wie es ihm gefällt; er braucht nicht mehr zu denken, ob er es
allen Leuten recht macht, die Leute müssen ihm tun, wie er ihnen tut. Was aber
den Zug von gestern abend angeht, so ist der schon zurück und die Leute sind
entlassen. Unser junger Graf Konrad hat einmal wieder schlimme Streiche gemacht,
Ihr werdet das saubre Früchtchen heut noch sehen, ein rechter Lilaps und
Hannepampel. Kaum war der Zug beim grossen Lug, so sah der Graf im Vollmondschein
ein aufgeschürztes Mädchen darin stehen, die Sumpfgras in ihre Kiepe für die
Kühe ihrer Mutter schnitt. Gleich war er verliebt, rief sie zärtlich und als sie
ihn verlachte und verhöhnte, weil er schwerlich ihr da durch das Wasser nach
steigen konnte, wo diese armen Leute seit erster Kindheit Steg und Weg auswendig
lernen, so beschoss er sie mit stumpfen Bolzen, als wäre sie eine Festung. Das
Mädchen war aufgeschürzt und schrie ach und weh, und suchte nach der andern
Seite zu entkommen. Er setzte ihr mit den Reisigen wie einem Hirsch nach, der
ins Wasser getrieben, ein paar stürzten, endlich fing er das arme, ganz
erschöpfte Mädchen und brachte sie zu einem Einsiedler, der eine Art
Possenreisser ist. Da wurde getafelt und getobt, dass ein frommer Reisiger, der
draussen blieb, bei dem nächtlichen Sturm jeden Augenblick meinte, der Teufel
werde die ganze Gesellschaft holen. Statt des Viehes bringt uns der Graf heute
das Mädchen auf das Schloss, das er nicht lassen will und das doch zu den Ihren
verlangt. Zum Glück schicken ihn die Kronenwächter bald fort zum Herzog Wilhelm
von Bayern, er soll da dem Schwäbisschen Bunde dienen und die tollen Hörner sich
ablaufen. Vielleicht lässt sich etwas erreichen und auch Ihr sollt dann dazu
wirken. Der Schwäbische Bund ist auf unsrer Seite, wie wir sicher glauben,
Herzog Ulrich feindet ihn an, es brechen gewiss Streitigkeiten aus, der Herzog
wird verjagt, der Kaiser stirbt bald, wir beherrschen das Land, vielleicht könnt
Ihr in Eurer Stadt mehr dabei wirken, als unter den Reitern, wir brauchen auch
Männer von der Feder, der Hutten führt sie zu wild und unbändig.«
    Die Tirolerin kam jetzt aus der Küche hereingeflüchtet, Graf Konrad hinter
ihr her, der ohne Aufhören schrie: »Sie hat einen Bart!« Der Ehrenhalt trat ihm
entgegen: »Nun Graf, ich dächte, Ihr hättet heute keinen Grund, so laut zu
krähen, der Zug ist schlecht ausgefallen, Ihr müsst fort von hier, die Briefe
sind geschrieben, Ihr sollt zum Herzog Wilhelm von Bayern, doch lernt vorher
noch anständig sein im Hause des ersten Anteils.« - Graf Konrad war schnell wie
verwandelt, er entschuldigte sich mit der Seltsamkeit des Bartes an einem
Mädchen, das noch so jung scheine, nahm gar artige Stellungen an und fiel Frau
Annen gar nicht unangenehm in die Augen. »Er gleicht dem Malerburschen Anton«
fiel ihr ein, aber sie wagte es nicht auszusprechen, weil sie dem Manne nichts
von der Geschichte am Morgen der Hochzeit erzählt hatte. Auch Bertold dachte
umher, bis ihm die Ähnlichkeit mit Anton einfiel, während er den Grafen
begrüsste. Die Tirolerin war bei Konrad gleich vergessen und Grünewald kam
diesmal mit dem Schrecken davon, erkannt und vielleicht sehr hart bestraft zu
werden. Graf Konrad strengte alle seine Erfindung an, um durch artige Feste den
Tag zu verschönern.
    Er ritt mit Bertold und Anna zur Jagd, aber ein paar Gewitterschläge
brachten so unglaubliche Regengüsse, dass sie in wenig Minuten ganz durchnässt den
Damm zur Heimkehr suchten. Ihr Weg führte sie an dem Felde vorbei, das zu
Hohenstock gehörte, wo die Schnitter eben mit der Ernte beschäftigt gewesen, von
bewaffneten Reisigen bewacht. Aber hier hatte der Himmel mit seinem Feuer gegen
die Erde geschlagen, es brannte ein abgestorbner, wilder Birnbaum und der Hagel
schüttete sich aus der Wolke, wie aus einem zerrissenen Säetuche über die
Weizenähren. Die Jagdgesellschaft musste von den Pferden steigen, weil diese wild
wurden, die Landleute deckten ihre Kinder mit Schürzen zu, aber alles schrie
jammervoll. Nur zehn Minuten mochte der Hagel geschlagen haben und die Ernte,
der Lohn eines mühevollen Jahres war wie von einem Kriegsheere in den Boden
gestampft und zerstreut. So lange das Wetter so währte, war Konrad gar
kleinmütig, fragte wohl gar wegen des Jüngsten Tages bei Bertold nach. Aber
kaum verwandelte sich der Hagel in Regen, der Regen in Sonnenstrahlen, so kannte
sein Mutwillen keine Grenze. Abgefallene Kappen und Hauben der Landleute spiesste
er auf sein Jagdspiess, hetzte mit seinem Pferde die Kinder wie Hasen, dass
endlich Bertold seine Missbilligung nicht länger zurückhalten konnte. Konrad
fuhr mit hässlichen Reden gegen ihn an, nannte ihn einen Wollkratzer und
Federfuchser, was Frau Anna so beschämte, dass sie in Tränen und dann in die
Worte ausbrach: »Wie dürft Ihr einen der Euren so schelten!« - Nun hielt sich
Bertold nicht länger, er sagte, dass ein bedeutendes Geheimnis verraten sei, er
möchte es verschweigen und seinen Hochmut bezähmen. Aber um so ärger verhöhnte
ihn Konrad, schwor darauf, er sei von den Kronenwächtern zum besten gehalten mit
seiner hohen Abstammung und dafür wolle er ihn sogleich aus dem Paradies
verjagen, wo er sich fälschlich eingeschlichen habe. dabei machte er eine
Bewegung, als wolle er Bertold mit entehrenden Schlägen angreifen. - Bertold,
dessen unruhiges Pferd seine Aufmerksamkeit forderte, hatte diese Tücke Konrads
nicht beachtet, hatte nicht bemerkt, dass Frau Anna im Zorne ihr Messer gezogen
und ihrem Bertold zum Schutz vor ihm schirmend gehalten, dass jener es sich
durch die Hand geschlagen und nun erst den gewaltsamen Schmerz dieser Wunde
fühlte. Da war ihm aller Mut gefallen, er bat um sein Leben, er bat jammernd um
Verzeihung, um Hülfe, um einen Wundarzt, er verschwor sich bei allen Teufeln,
dass er immer Unglück habe. Bertold meinte erst, dass Konrad von einem
Blitzstrahl getroffen sei, jetzt aber sah er das blutige Messer in ihrer Hand
und erkannte es gleich als jenes, das er bei dem Schatze gefunden hatte, und die
Verwunderung darüber machte ihn einen Augenblick untätig. Dann aber kam er dem
schwachmütigen Konrad zu Hülfe, verband seine Wunde mit allem Fleiss und suchte
ihn zu trösten, die Hitze habe sein Gemüt verwirrt, er möchte sich heimführen
lassen und sich zu beruhigen suchen.
    Grünewald, die Tirolerin, hatte, ehe es noch so weit gekommen, den
Ehrenhalt, der bei den Wachen der Schnitter sich befand, in grosser Eile
herbeigerufen. Dieser kam eilig geritten und machte Konrad ernste Vorstellungen,
dass er überall Händel anfange und überall in den Händeln schlecht bestehe.
Konrad war noch in der Periode der Schwachherzigkeit, er weinte über sein
Unglück, bat tausendmal um Verzeihung und machte dem Ehrenhalt nur sanfte
Vorwürfe, dass er ihm nicht anvertraut habe, diese Fremden seien mit seinem Hause
verwandt. - »Wir sind's nicht«, sagte Bertold, der lebhaft das Versehen seiner
Frau einsah, »wir rechnen uns nur zu den Euren, weil wir seit vielen Jahren
jeden, der uns von hier gesandt, gastfreundlich aufgenommen haben, und so sollt
auch Ihr uns willkommen sein, wenn Euch der Weg durch Waiblingen führt.« - Nach
diesen Worten wuchs dem Konrad wieder Hochmut, das Blut der Wunde war gestillt,
er schwang sich auf sein Pferd und ritt davon, indem er zum Ehrenhalt sagte: Er
möchte erkennen, dass ihr Haus durch die Verbindung mit solchen Leuten keine Ehre
gewinnen könne, er müsse mit der meuchelmörderisch ihm vielleicht für immer
unbrauchbar gemachten Hand heimreiten, und das Volk lebe schon mehrere Tage auf
Kosten seines Hauses. Bertold fand sich tiefgekränkt, er schwor, dass dieser
junge Hochmut eine Art habe, seinen Zorn zu erregen, wie ihm nie etwas begegnet
sei, er fühle sich auf ihn gehetzt, wie der Jagdhund auf die Fährte des Wildes,
ohne genau zu wissen warum. - »Einem Verwandten lässt sich doch eher, als jedem
andern, eine Kränkung überhören«, antwortete der Ehrenhalt, »doch daran erkennt
Euer Blut, woraus Ihr stammt; lernt es fürchten, denn selten begegnen sich zweie
der Euren in Frieden und Einigkeit. Es führte uns zu weit, Euch den Grund und
die Veranlassung dieses Zwistes aus fernen Zeiten zu erzählen, es sei genug,
Euch zu warnen; in diesem Zwiste ist alles untergegangen, was die Kronenwächter
und alle edlen Geschlechter, die ihnen anhangen, für die Euren unternommen und
beabsichtigt hatten. Die Kronenwächter trennten deswegen die verschiednen
Zweige, liessen viele in der Unwissenheit, dass sie zu diesem Geschlechte
gehörten, sorgten aber für ihre Aufziehung, dass sie brauchbar sich fänden, wenn
die Stunde schlägt. Aber auch mit diesen, wenn sie zufällig einen der Unsern
berührten, brach Streit aus und Blutvergiessen. Frau Anna hat ein Wort fallen
lassen, dass Euch grosses Unheil droht! Können wir hier alles bewahren? Kann nicht
eine Stunde kommen, wo Konrad Euch überfällt in der Sicherheit, im Schlafe;
können wir doch kaum Frau Ita gegen ihn schützen, die schon einmal am Felsen
mit ihm rang, als er sie herunter stürzen wollte. Ihn bändigt nur der Schrecken
in seiner Seele, da schwankt er in seinen boshaften Entschlüssen, Mitleid und
Edelmut sind ihm fern. Herr Bertold, Ihr müsst fort, Ihr dürft noch nicht
untergehen, wir brauchen Kinder von Euch, Ihr seid hier nicht sicher, ich
geleite Euch mit der Frau nach Isny, die Tirolerin mag den Wagen mit Euren
Sachen nachfördern!« - »Nehmt mich mit«, rief die Tirolerin, »der böse Bube
verfolgt mich überall.« - »Seid ruhig«, sagte der Ehrenhalt, »ich empfehle Euch
meinen Waffenbrüdern, sie kennen ihre Pflicht. - Der Besuch war nur kurz«, fuhr
der Ehrenhalt fort, »aber Ihr kommt nicht um Euer Erbteil, guter Bertold, es
kann die Zeit der Not kommen, die Euch hieher treibt, Ihr wisst die Wege und habt
hier den Reichtum an allem, was der Mensch zu seinem Unterhalt fordern kann,
übersehen; dies Feld ist verhagelt, der Weizen nährt die Hirsche und Eber, seht,
wie sie schon herandringen, nun sie nicht mehr zurückgejagt werden, aber
jenseits des Waldes sind unsre Felder noch unversehrt, die Schnitter ziehen
dahin und gingen auch diese durch die Witterung verloren, so schützen uns
Vorräte auf zehn Jahre gegen jeden Mangel. Der ganze Felsen von Hohenstock ist
innerlich zu einem grossen Vorratshause ausgehöhlt, da können wir uns ruhig
belagern lassen. Hier, wo sich der Wald öffnet, senkt noch einen Blick auf
Hohenstock, verwundert ihr Euch?« - »Es liegt in einem grossen See«, rief
Bertold, »kaum ragt der hohe Damm über das Wasser hinaus.« - »Seht«, fuhr der
Ehrenhalt mit Behagen fort, »so etwas habt Ihr weder in Waiblingen, noch in
Augsburg gesehen; der Wolkenbruch hatte unsre Fischweiher zwischen den Bergen
zum Überfliessen angefüllt, auch ist einer ganz abgelassen, um Fische für die
Ernte zu geben, so können wir unsren Sumpf künstlich anfeuchten, wenn je ein
seltsam trocknes Jahr seine Oberfläche zu erhärten drohte, dass Feinde sich
darüber hinzugehen wagen möchten. Aber das denkt Euch einmal, was bei dem
wildesten Gewässer, beim dichtesten Walde, bei dem höchsten Berggipfel nicht
gedacht werden kann, so lange die Erde steht, ging nie ein Menschenfuss über
diese Fläche, als nur auf dem einzigen Wege, auf dem Damme, den der Teufel
erbauen half, aber freilich zur Mitgabe Zank und Streit in dieses Geschlecht
pflanzte, indem solche wunderbare Liebe für diesen wunderbarsten Fleck der Erde
entstand, dass jeder ihn allein und einzig zu besitzen trachtete.« - »Ja, es ist
seltsam«, sprach Bertold, »nun ich auf längere Zeit von dem wunderbaren
Schloss Abschied nehme, quält es mich recht innig, dass ich nicht zum
ausschliesslichen Besitz desselben kommen kann, ich möchte dem Rappolt seinen
Anteil mit meinem Hause abtauschen, geht das wohl?« - »Nimmermehr!« antwortete
der Ehrenhalt. - »Gott behüte mich vor dem Neste!« fuhr Anna heraus, »das schöne
Haus in Waiblingen, wer möchte es mit dieser Vorhölle der Langeweile
vergleichen; ich atme erst wieder frisch, seit ich weiss, dass wir es so bald
nicht wieder sehen; noch schwebt mir aller üble Geruch, das rohe Wirtschaften
der Menschen, ihr Absterben in der Trennung von aller Welt deutlich vor, jeder
sorgte nur für Essen und Trinken und ass und trank, und der Hochmut der Frauen
und der steinerne Boden in den zimmern, der wahnsinnige Alte, der
Wacholdergeruch, die fischig riechenden Netze an allen Bäumen aufgehängt, der
Kot überall, wo ein Mensch noch zu gehen Lust hatte, das Zanken und Schlagen mit
den Dienstleuten, die doch nicht des Herrn Willen taten, das Diebswesen und die
Heuchelei; wo in den Städten findet sich das alles so zusammen, wie in diesem
Landleben.« - »Frau Anna« sagte der Ehrenhalt, »Ihr werdet sicher noch einmal
wünschen hieher zurück zu kehren, verscherzt das nicht, Ihr wisst doch nur erst
wenig von unserm Burgleben, das Jahr ist uns eine Tat, die uns vom Beginnen bis
zum Schluss unter Arbeit und Festen an sich fesselt, als gehörten wir notwendig
zur Welt, ja wir fühlen uns Mitschöpfer und Mitgeschaffene zugleich. Wer hat
Euch die Grillen in den Kopf gesetzt?« - »Jeder, der mir begegnete«, rief Anna,
»machte mich zum Vertrauten seiner Sorge, seiner Bosheit; seine Absichten
schienen durch jede Verleumderei und doch wollten sie deren nicht Wort haben.
Wie viele heimliche Liebeshändel, wie viel Eigennutz in der Liebe!« - »Sie sind
wie die Kinder geblieben«, sagte der Ehrenhalt, »sie müssen bis an ihr
Lebensende erzogen werden, sie sind Bauern, sie werden nie mit sich fertig, noch
weniger mit ihren Wünschen und mit ihren kleinen Feindschaften, aber eben, weil
sie nie zu leben aufhören, ist auch jedes neue Leben von ihnen zu fordern und
durch sie zu fördern. Gebt acht, was Eurem Hause die Bauern werden bringen, wenn
sie mit Macht und Andacht sich für die Euren erheben. Ihr werdet Euch schon
eines andern bedenken, und vergesst nicht, zu schweigen.« - Jetzt drängten sich
einige Kinder zu Annen hin, denen sie im Schloss einige kleine Gaben geschenkt
hatten, sie weinten und wollten sie nicht abreisen lassen. »Wie haben wir hier
so schnelle Freunde und Feinde gefunden«, sagte Anna, »sieh, wie die Kinder uns
mit Gewinden von Kornähren fest zu halten suchen.« - »Die Blumen hat der Hagel
nicht erschlagen«, sagte die Tirolerin, »Ihr weint liebe Frau, erlaubt mir, dass
ich in Eurem Namen und in Eurem Grame dem Schloss einen Abschied singe:
Nun ade, du altes Schloss,
Das da über mir gehangen,
All mein Hoffen und Verlangen,
War auch nur ein Wolkenschloss,
Nun ade, ihr ew'gen Quellen,
Die ich gähnend angesehen,
Wenn ich hier nicht werde gehen,
Höret nicht zu fliessen auf,
Denn die Welt hat ihren Lauf.
Nun ade, du Berg und Tal,
Die um Waldes Lieblichkeiten
Ihre Felsenarme breiten,
Ihr seid doch wie überall,
Nun ade, ihr Kindlein kleine,
Euch alleine will ich grüssen,
Für die Gaben lasst euch küssen,
wisst nichts von des Schlosses Qual,
Seid wie frisches Grün im Tal.
Nun ade, du alte zeit,
Die in ihren Mutterarmen
Sehnlich trug ein tief Erbarmen,
Mich zu trösten war bereit,
Aber gar nichts konnt ersinnen
Und mit mir fing an zu weinen,
Tränen froren im Besinnen,
So fiel Hagel mir zum Heil
Und zerschlug die Langeweil.«
Anna küsste erheitert die Tirolerin zum Dank und Abschied, der Ehrenhalt mochte
über sie schelten, er musste sie doch nach dem verwünschten Schloss hinsenden,
um Annens Reisegerät einzupacken, während er mit Bertold und Anna die unbequeme
Landstrasse übers Gebirge einschlug.
 
                               Fünfte Geschichte
                                  Traubenlese
Wer sein Haus verlässt, um zu verreisen, mag ernstlich beten dass er alle darin
wieder finde, aber unserm Bertold wurde dies Gebet nicht erfüllt. Er kam früher
heim, als er versprochen hatte, und doch zu spät, Frau Apollonia trat ihm
entgegen vor seinem Hause, küsste ihn und fragte: Ob er wohl sei. Der alte
Fingerling sei nach kurzem Krankenlager gestorben. - »So sind nun alle tot, die
meine Jugend schirmten«, rief Bertold, »aber ich habe euch beide, ihr treuen
Seelen, mir gewonnen.« Mit Tränen küsste er Annen und Apollonien und fühlte sich
reich in ihrer Mitte. -
    »Wo ist die Tirolerin,« fragte darauf Apollonia, um die schmerzliche
Stimmung zu zerstreuen. - »Wir wollen ein andersmal von ihr reden«, sagte
Bertold, »sie war ein Mann, hiess Grünewald ein Sänger des Herzogs Voll Bayern,
ist vom Grafen Konrad auf Hohenstock in ihrer Verkleidung entdeckt und dort
gefangen zurückgehalten worden.« - »Ich muss mich ewig schämen«, rief Anna
verdriesslich, »liess ich sie doch aus Mitleid während der Reise zweimal in meinem
Bette schlafen, täglich musste sie mir die Kleider zuschnüren, ich hatte so ein
blindes Vertrauen zu dem Mädchen, weil sie die schönsten Sprüche von Tugend und
Frömmigkeit mir vorsagte, streng fastete, kein Gebet versäumte, alles mit einem
Eifer, wie es in unsrer Zeit selten zu finden.« - So hatte Sabina doch recht,
dachte Frau Apollonia in sich und betrachtete ihre Tochter mit Abscheu, doch
unterdrückte das traurige Ereignis ihren Zorn.
    Bertold hatte mehr verloren, als er sogleich überdenken konnte. Das Jahr
hatte viel an ihm verändert, es hatte ihm einen zweiten Lebenslauf geschenkt,
und der wich immer weiter von jenem ersten ab, der mit Fingerling und Hildegard
Haus und Handlung begründete. Was er damals errungen, schien ihm jetzt an sich
nichtig, nur als Mittel seinen Durst nach Tat, Wirksamkeit und Einfluss auf die
Geschicke zu befriedigen, konnte er es noch loben. - Er gedachte jener früheren,
erwerbenden Zeit, wie ein lebenslustiger Sohn seines emsigen Vaters, er ist ihm
dankbar, aber er mag nicht seinem Beispiele folgen, sondern lieber dem Gelde
einen zweckmässigen Abzug verschaffen. Die kleinen Geschäfte der Handlung, die
Fingerling scheinbar ohne Mühe vollbracht hatte, weil sie mit ihm ganz eins
geworden waren, fielen jetzt drückend auf den Bürgermeister. »Ein doppeltes
Leben ist eine schwere Aufgabe«, seufzte er oft, wenn er von den nahenden
Ereignissen träumte, und von den Arbeitern mit unzähligen Anfragen, Forderungen
und Bestellungen umdrängt wurde, »ich habe nicht die Kraft, zweierlei zugleich
zu tun, zu bedenken.« Anna erschwerte ihm diese Aufgabe durch eine eigne,
störrige Laune, die wohl aus ihrem Zustande hervorging. Von steter Übligkeit
gequält, hatte sie eine Art Ärger an ihm, der die Ursache dieser Leiden und sich
doch dabei vollkommen wohl befand. Sie konnte ihn oft nicht ansehen und Bertold
suchte sich dann, der Bücher und Schreibereien überdrüssig, ein Stündlein
freundlicher Unterhaltung bei Apollonien, die von ihrer Magd Sabina beschwatzt,
gar viel Böses von ihrer Tochter sagte, wofür sie dem guten Bertold mit der
höchsten Freundlichkeit keinen Ersatz geben konnte. Verena war nicht müssig,
jedesmal ihrer betrübten Frau zu erzählen, wann der Herr zu Apollonien gegangen
und was die Leute sagten, wie sie so lustig wären mit einander, während Bertold
bei ihr immer tiefsinnig und geschäftig vorbei eile. Verena wurde durch dieses
Zutragen von Neuigkeiten ihr Liebling und ihre Vertraute, von ihr erfuhr auch
Anna, dass Bertold durch das Blut eben jenes Anton genesen sei, der zu ihr ins
Fenster gefallen. Es war gewissermassen ein Dank für das geliebte Leben
Bertolds, dass Anton, den Verena für ihren Schatz ausgab, diese zu besuchen
Erlaubnis erhielt. Anton wusste durch Sixt, dass Bertold ihn nicht im Hause sehen
mochte, so erwartete er die Stunden, wenn jener am Brunnen zu Apollonien
gegangen war, was er von seiner Dachstube genau sehen konnte, und brachte dann
seinen Abend bei Verena zu, indem er sich wohl bewirten liess, sie malte und ihre
Zärtlichkeit von sich abwies. Der arme Junge meinte, es sei nur die gute Küche,
die ihn hinziehe, und bemerkte nicht, dass er alles kalt werden liess, um Frau
Annen einen Augenblick im Durchgehen durch das Zimmer oder im Hofe zu sehen und
dass sein Herz frohlockte bei einem Worte, das sie ihm im Vorbeigehen auf Verenas
Bitte sagte, um ihn zu bestimmen, sich bald niederzulassen, sich zu verheiraten
und als Meister sein Glück zu begründen. Alle diese Besuche erfuhr Frau
Apollonia durch Sabina, die nicht ihre Schwester Verena, sondern Frau Anna als
die Ursache derselben angab, in der Hoffnung, dass Anton auf diese Weise am
schnellsten aus jenem Hause vertrieben würde. Frau Apollonia wollte mehrmals
darüber reden, aber Anna machte sie durch ihre stolze Sicherheit in ihrer
Meinung so zweifelhaft; in dieser Unbestimmteit mieden sich beide, beide sahen
einander so selten, nie kam es zu einer Erklärung, und beide glaubten mehr auf
dem Herzen zu haben, als sich durch blosses Besprechen gut machen lasse.
    Auch trat eine Störung eigner Art zwischen alle diese eingebildeten Leiden.
Herzog Ulrich wollte die Jagden in der Gegend von Waiblingen benutzen und
beschloss, sich einige Tage in dem Orte niederzulassen. Bertold und Anna sahen
eines Morgens zum Fenster hinaus, da war der Marktplatz von Jägern, Hofgesinde
und Hunden besetzt. Ein dicker Herr, ganz in grünem Samt gekleidet, ritt in der
Mitte, heftig zankend und stiess mit seinem rechten Fuss einem Jäger in die
Rippen, der die Hunde führte und diese nicht zur rechten Zeit angelassen hatte.
Darüber verlor der Herr das Gleichgewicht und ein Jäger zog ihn in guter Absicht
wieder auf die Mitte des Pferdes. Die gute Absicht wurde ihm aber mit Fusstritten
vergolten und der Herr wackelte nach der andern Seite über, so dass er ganz
gelinde vom Pferde herunter sank und auf die Beine zu stehen kam. Jetzt sah sich
der Herr um, den Bertold sogleich als seinen Herzog Ulrich erkannte. Der Herzog
ging auf sein Haus zu, weil es bei weitem das grösste und angesehenste in der
Stadt war. Bertold eilte ihm entgegen und der Herr war sehr gnädig, fragte ohne
Aufhören, denn er wartete nie auf die Antwort, erzählte dazwischen recht lustig
und trocknete den Schweiss, der ihm reichlich von der Stirn floss, und streichelte
seine grossen Hunde, die an ihm heransprangen und seine feurige Nase berochen. Er
trat ohne weitere Anfrage ins Haus und zwar in das Zimmer, wo Anna eben einiges
Tischzeug zusammenlegte. Er trat auf sie zu, befahl ihr den Tisch gleich zu
decken, er habe ein grosses Mahl auf seinen Packpferden, liess auch gleich
spanischen Sekt bringen und Kuchen; trank, tunkte ein und fütterte Annen, wie
einen jungen Falken. Anna konnte ihm nicht böse sein, er machte das alles mit
einer gewissen Gutmütigkeit, während er sich bei Bertold nach der Zahl
streitbarer Männer, nach der Art ihrer Bewaffnung genau erkundigte. Bald stellte
er Bertold einen neuen Vogt vor, der an die Stelle des alten, hinfälligen Brix
treten sollte, er nannte ihn Grünewald, sagte, er sei noch etwas neu in den
Geschäften, aber vom besten Willen beseelt, sich durch ihn belehren zu lassen,
er habe sich diese Stelle als Gnade für ein Trinklied erbeten, das ihn entzückt
habe. Bertold war nicht wenig verwundert, den armen Sänger und die Tirolerin
jetzt in schimmernden Hofkleidern als Geschäftsmann einführen zu sehen, dagegen
tat Grünewald, als sehe er ihn und die Stadt zum erstenmal, und sprach von einem
lustigen Vetter, den er habe, der sich überall herumtreibe und schon manchmal
mit ihm verwechselt sei. Bertold war beschwichtigt durch die Dreistigkeit
dieses Leugnens und Anna beschämt, aber Grünewald entwickelte ungestört eine
Menge guter Einsichten über die Verhältnisse der Stadt, über ihren Weinbau und
endlich auch über die Weinlese, die an diesem Tage ihre Freudenfeste zu feiern
begann. Der Herzog wollte alle Lust mitgeniessen, er setzte alle seine Leute in
Bewegung, um im schönen Tale ein Mahl zu bereiten, er war heftig im Befehlen und
sehr ungeduldig, wenn einer ein Wort nicht verstand, obgleich er eine eigne,
abgekürzte Sprache sich angewöhnt hatte, die nur seiner steten Umgebung ganz
geläufig war. So wurde nun in feierlichem Zuge nach den Weinbergen ausgegangen,
der Herzog zwischen Bertold und Anna, ging voran, ihnen folgte die Jägerschar
und alle Bewohner der Stadt, die nicht ohnehin schon draussen mit der Traubenlese
beschäftigt waren. Oft wurden sie auf den engen Wegen von den Ochsenwagen mit
grossen Tonnen eingetretnen Mosts in ihrem Marsche gehemmt, wo dann der Herzog
heftig zankte, sich aber durch Annens Zureden besänftigen liess, oder durch ein
Lied von Grünewald auf die schöne Abschiedstunde des Jahres. Als sie endlich an
die Stelle unter dem zerstörten Schloss gekommen waren, die Grünewald zum Feste
eingerichtet hatte, welch ein Anblick: vor ihnen Waiblingen mit vielen andern
Ortschaften im Tal, unter ihnen der Fluss, umher alle gleich dicht mit Menschen,
wie mit Reben bepflanzten Berge. Beim Aufjauchzen der Jagdhörner verbreitete
sich der Jubel durch alle Anhöhen, der die Ankunft ihres Herzogs verkündigte.
Bald setzte sich der Herzog zur Tafel, die von reichen Pokalen schimmernd, unter
einem gestickten, roten Baldachin aufgetragen war. Bald stieg ein Zug von halb
entkleideten Arbeitern, wie es die Hitze des Tages forderte, mit Weinblättern
gegürtet und bekränzt, den Berg herunter, deren vordersten zweie ein nacktes,
schönes Kind in einer Butte trugen. Dies Kind trugen sie zum Herzog, dass es ihm
einen Kranz von höchst seltenen, späten Weinblüten aufsetzen sollte, der Herzog
aber nahm den Kranz mit freundlichem Danke und setzte ihn Annen auf den Kopf,
indem er die Gesundheit seiner schönen Wirtin ausbrachte, die dann von allen
Bergen widerhallte. Und so geschah bei jeder Gesundheit, die der Herzog
ausbrachte, und er selbst und seine Hofjunker sahen strenge darauf, dass jeder
seinen Becher leerte. Grünewald allein wusste sich von dem Trinken frei zu
machen, indem er für jeden Becher ein Lied sang, das an den Felsen widerhallte,
und wurde stumpf seine Stimme, so schrie er um so ärger. Das Mahl war reichlich
und der Wein stark, der Himmel wurde dunkler, die Köpfe heller, überall zündeten
sich Fackeln und Feuer, alle Arbeiter drängten sich heran von den Bergen,
hundert Melodieen pfiffen und grüssten unter einander, wer nicht mehr fest stehen
und sitzen konnte, tanzte sich wieder nüchtern. Hätte Bertold nur tanzen
können, aber er war schon umgesunken, wie viele andre, mit denen er auf
Tragebahren wohlbekränzt und festgebunden, zum feierlichen Heimzuge gelegt war.
Anna schämte sich seinetwegen und war um so mehr verlegen, da der Herzog ihr
sehr zudringliche Artigkeiten sagte und Huttens unglückliche Geschichte ihr vor
Augen schwebte. Grünewald mochte an der Verlegenheit ihres Blicks ahnden, was
ihr der Herzog zuflüsterte, er benutzte die Zeit, als dieser sich von ihr
abgewandt hatte, ihr unbemerkt zu sagen, sie sollte sich nicht ängstigen, er
wolle sie wie seinen Augapfel bewahren. Dann tat er wieder, als ob er taumle und
sang: »Grunzt ihr, meine lieben Schweine, ich bin der verlorne Sohn, und ihr
singet als Gemeine, was ich singe von dem Tron.« Und nun sprang er in das
Fenster des alten Schlosses und fing an greuliche Geisterhistorien vorzutragen,
von Verstorbenen, die zu einem Festmahl gekommen, von Geistern, mit denen
Menschen gerungen hätten und die ihnen schreckliche Schläge gegeben. Der Herzog
verbot es ihm kleinlaut, es half nichts, denn alle waren zu so etwas
Übernatürlichem durch Rausch und Nacht gestimmt. Zuletzt erzählte er von einem
Kobold, der, wie er gehört, am Brunnen Bertolds zu Waiblingen hause, auch
Nachts das Haus durchziehe. Das wurde dem Herzog zu arg, er sah sich ängstlich
um und wagte nicht zu reden, endlich sprach er unordentliche Worte, weil er sich
der Furcht schämte und brach auf. Grünewald flüsterte Annen zu: »Nichts in der
Welt fürchtet der Herzog so kindisch, wie Geister, sie müssen ihn in der Jugend
schrecklich untergekriegt haben, weil sie seine Bosheiten wohl merkten; die
Geister sollen Euch diese Nacht gegen ihn bewachen.«
    Diese Worte gaben Annen ein besseres Vertrauen, sie hörte die zudringlichen
Reden des Herzogs kaum, als er wieder Mut gefasst hatte, sondern blieb mit
Bertold beschäftigt, der auf der Bahre heimgetragen wurde und zuweilen seufzte.
Überhaupt stand der Rückzug im grellsten Widerspiel mit der Pracht des Hinzugs;
die Menge drängte sich verwildert der Stadt zu, auch der Herzog empfing manchen
Stoss, den er ungeduldig mit Gegenstössen erwiderte, die oft den Unschuldigsten
trafen. Ein scharfer Nachtwind erlöschte die Fackeln und die eignen Leute des
Herzogs achteten seiner wenig mehr in der Dunkelheit. Im Hause Bertolds änderte
sich das alles. Der Herzog wurde feierlich von den Zurückgebliebnen empfangen,
auch war ein Nachtessen bereitet und er befahl für ihn und Annen zu decken. Da
entschuldigte sich Anna mit ihrer Ermüdung, aber er liess sie nicht fort, er warf
sich vor ihr nieder, sprach mit Rührung, dass sie alle seine Sinne verwirre,
seine festen Entschlüsse für das Wohl seines Landes breche, ihn zur Wut und
Feindschaft entzünde, wenn sie es ihm nicht gewähre, die letzte Hälfte der Nacht
mit ihm zu teilen. Seine Beredsamkeit liess sie nicht zu Worten kommen, er mochte
eine Stunde ohne Aufhören zu seinen Gunsten gesprochen haben, als die Hofjunker
das Mahl forttrugen und er mit zuversichtlichem Lächeln befahl, seine
Nachtkleider zu bringen.
    Anna empfahl sich in Verlegenheit, er versprach ihr zutraulich, bald
nachzukommen, Bertold schlafe so fest, dass er sie nicht stören werde, und seine
Leute schicke er alle ins Nebenhaus, dass keiner sie belausche und verrate, sie
möchte gleiche Vorsicht brauchen. Auf ihre Gegenrede hörte er nicht, er ging in
sein Zimmer und sie ging in ihr Schlafzimmer, entschlossen zu entfliehen. Aber
Verena kam ihr mit der Nachricht entgegen, das Haus sei von den Wachen des
Herzogs mit dem Befehle besetzt, niemand ein-oder auszulassen. Anna fragte, wie
sie das erfahren habe. Das Mädchen berichtete, dass Anton bei ihr auf Grünewald
warte, der ihm Kleider, viele Schlüsseln und einen beleuchteten, als Gesicht
ausgeschnittenen Kürbis habe bringen wollen, denn Anton solle diese Nacht einen
Geist spielen, aber Grünewald bleibe aus und als sie nach ihm sich umsehen
wollen, sei sie von der Wache zurück gewiesen. Sie klagte, dass sie nun gezwungen
wäre, Anton die ganze Nacht zu beherbergen. - »Das wird dir keine Qual sein«,
sagte Anna und konnte sich der Tränen nicht erwehren, »aber wo finde ich Hülfe
gegen alle Qual, die meiner wartet, nun Grünewald mit seiner Klugheit mir
fehlt.« Sie machte den Versuch ihren Bertold zu erwecken, aber sein tiefer
Schlaf liess ahnden dass schlafbringende Mittel ihm in dem Weine beigebracht
worden. Diese Tücke des Herzogs erregte ihren Zorn, das Drachenmesser bewegte
sich in ihrer Hand, aber die Gefahr für Bertold, die daraus entstehen konnte,
drängte auf andere Mittel. Sie erzählte Verena ihre Not, sie beschwor das
Mädchen, ihr Rat zu geben, denn alle ihre Klugheit gehe in Zorn und Sorge unter.
Verena besann sich und sprach endlich, dass sie sich ihr aufopfern wolle, wenn
sie ihr schwöre, alles vor Anton geheim zu halten und sie auszustatten, auf dass
Anton sie heiraten könne. Anna versprach alles, ohne ihre Absicht zu erraten.
Als aber Verena jetzt ihre Kleider anzog und sie nötigte, in das Zimmer zu Anton
sich zu begeben, da erriet sie, dass dies listige Mädchen, das ungefähr in
gleicher Grösse mit ihr, im Bunde mit der Nacht, den Herzog anführen wolle. Sie
wollte ihr danken, aber Verena antwortete: »Mir kostet es wenig und Euch hilft
es viel.«
    Anna ging jetzt zu Anton und erzählte ihm, sie sei nicht sicher in ihrem
Zimmer und wolle von ihm bewacht, die Nacht dort zubringen, sie habe Verena als
Schildwacht ausgestellt. In ängstlicher Stille harrten sie, denn Anna quälte
sich immer mit innrem Vorwurfe, dass eine andre sich aufopfere, und Anton ärgerte
sich, dass Grünewald ihn so habe sitzen lassen und dass Frau Anna sich ängstige,
obgleich er ihr tausendmal geschworen, dass er jeden niederschlage, der Gewalt
gegen sie üben wolle; auch beteten beide, als es zwölfe schlug und sie Tritte im
Gange vernahmen. Da sauste es um sie her und lichte, blaue Flammen blickten
durch die Ritze der Tür, die Tritte wichen von dem Gange in Eile und mit grossem
Krachen, als ob ein Stückfass die Treppe hinunterrolle, schien ihr Feind diese
herunter zu fallen. Die Flammen waren verschwunden, aber sie wagten nicht,
hinaus zu blicken, obgleich Anton einmal über das andre rief: »Der Grünewald ist
listiger, als ein Mensch denkt.«
    Erst nach einer halben Stunde blickte Anton auf den Gang, kein Feuerdunst
war zu bemerken, aber in die Türe war eine Faust mit aufgehobnem Zeigefinger
eingebrannt, wo die Flammen durch die Ritze gespielt hatten. Das berichtete er
und lähmte Annen noch mehr in ihrem Vorsatz, Verena zu besuchen, wer konnte ihr
zusichern, dass sie nicht den Herzog dort finde und dass der Gefallene wirklich
der Herzog gewesen. »Erzählt mir etwas aus Euren Begebenheiten«, sagte Anna,
»das wird mich zerstreuen und wach erhalten, bis das Licht am Himmel und unsre
Feinde auf Erden uns Einsicht in diesen Handel verschaffen.
    Warum waret Ihr damals so entsetzt vor dem Ehrenhalt?« - »Euch kann ich
nichts verschweigen, liebe, gnädige Frau«, antwortete Anton, »aber ich verrate
Euch ein schreckliches Geheimnis und wenn Ihr es nicht bewahrt, so trifft mich
gar bald die Rache der boshaften Gesellen der Kronenwächter. Habt Ihr je von
Hohenstock gehört?« - »Freilich«, sagte Anna sehr gespannt, »Gott sei jedem
gnädig, der da zu hausen gezwungen ist.« - »Da erlebte ich frohe Tage«,
antwortete Anton, »mein Vater war wohl zuweilen sinnlos, aber immerdar sehr gut
gegen mich und Konrad, meinen Bruder. Zwischen uns beiden hatte es eine
sonderbare Bewandtnis. Der Vater hatte alle seine Kinder verloren, wir waren
spät nachgeborne Zwillinge. Die Freude über uns verwandelte sich in tiefe
Trauer, als die gute Mutter nach der schweren Geburt ihr Leben aufgab. So wurden
wir, die erst so eifrig ersehnt worden, ganz vernachlässigt. Wir wurden in den
ersten Lebenstagen einander so ähnlich, dass wir mit einander verwechselt wurden
und dass bald keiner wusste, wer von uns zuerst geboren, wer von uns beiden in der
Nottaufe den Namen Anton und welcher den Namen Konrad erhalten hatte. So trieb
der Teufel mit uns sein Spiel und wir wussten lange nichts davon, denn es sollte
verheimlicht bleiben, dass wir einander nicht anfeindeten. Das hatten sie nicht
nötig zu befürchten, wir beiden Brüder waren so unzertrennlich von einander auf
der Welt, wie im Mutterleibe und als Konrad die Geschichte einmal von den
Kronenwächtern abgehorcht hatte und dass sie den stärksten von uns für den
ältesten erklären wollten, da gab ich kaum darauf Achtung. Ich dachte gar nicht,
dass diese Entscheidung für mich Folgen habe, dass ich meinem Konrad so bald
entrissen werde. Aber einige Tage später ward ich in der Mitternachtsstunde von
Geharnischten aus dem Bette genommen, in einen Mantel eingeschlagen und auf ein
Pferd gebunden. Das war eine Schreckensnacht, es ging so eilig fort dass die
durstenden Pferde kaum ihre Zungen in den Quellwassern kühlen durften, durch die
wir ritten. Wir stiegen von den Pferden, da ging's über Höhen, in unterirdischen
Gängen durch die Felsen über Gewässer. Die Augen wurden mir zugebunden und als
mir die Binde abgenommen, sass ich einsam mit einem Löwen in einem blühenden,
kleinen Garten. Ich war in der Kronenburg, wer könnte sie Euch beschreiben! Aber
alle ihre Wunder erfreuten mich wenig: der Löwe ward mir gleichgültig, ich
schrie nach meinem Konrad, weil ich ohne ihn nicht spielen konnte. Konrads
Mutwille war unerschöpflich im Erfinden von allerlei Streichen, die ich ihm
ausführen musste; ich schwor, dass ich nichts essen, dass ich zu ihrem Gram
verhungern wolle, wenn sie mir Konrad nicht schafften. Als sie meinen Ernst
merkten, beratschlagten sie unter einander. Nach wenig Tagen ward Konrad in
meine Arme geführt. Nun war es eigen, wie sich Konrad in den wenigen Tagen
geändert hatte! Es mochte ihn kränken, dass ich als der älteste anerkannt worden,
er mochte gar nicht davon sprechen, er sah mich scheu an. Da ich mir alle Mühe
gab, ihm zu versichern, dass, wenn ich erst erwachsen, wir Krone und Burg mit
einander teilen wollten, so wurde er mutwillig, wie er gewesen. Wir spielten den
Kronenwächtern manchen Streich, bemalten ihnen die Gesichter, wenn einer
einschlief, schmierten dem Löwen Butter auf die Nase, dass er tagelang danach
leckte, kratzten allerlei Fratzenbilder in die gläsernen Wände. Er war
unerschöpflich in solcher Erfindung und ich in der Ausführung und niemals
verriet ich ihn, sondern ertrug die Hiebe mit der Klinge ganz allein, die mir
dafür von den Kronenwächtern zuerkannt wurden. - So vergingen ein paar Jahre, in
denen sie mich und Konrad zu allen Künsten und Kunststücken einübten. Die Türme
kletterte ich in die Höhe als wäre ich ein Eichhörnchen, eben so die Felsen
umher, ich konnte mit den Fischen um die Wette schwimmen und tauchen. In dem
allen war ich Konrad überlegen, aber um ihn nicht zu kränken, verbarg ich gar
oft, dass ich mehr als er leisten konnte; was konnte er dafür, dass ihm der Himmel
nicht so viel Kraft und Ausdauer verliehen hatte. Eines Tages kam ein Geflüster
unter die Kronenwächter, wir wurden beide in ihre Mitte berufen. Sie erklärten
uns, dass der Tag gekommen sei, uns zu bewähren, unsern Feind zu vernichten, der
Kaiser Maximilian habe sich in unser Gebirge gewagt und stehe dort auf einem
Felsgrat, er würde uns vernichten, wenn wir nicht den Mut hätten, ihn herab zu
stürzen; als Wahrzeichen der Tat sollten wir sein Schwert, das Schwert Karls des
Grossen, dessen er sich angemasst, dem Zerschmetterten abnehmen und heimbringen.
Konrad sagte, der Felsgrat sei zu steil und unersteiglich, ich zeigte mich
gleich mutig zu dem Unternehmen, der Kaiser war mir durch die Erzählungen der
Kronenwächter zu einem Drachen verfabelt, den zu vernichten höchstes Verdienst
schien. Als Konrad mich bereit sah, ging er zagend mit, kehrte aber wieder um,
als er den steilen Felsen vor sich sah. Ich kletterte ohne Sorgen hinauf, wo der
Kaiser sich verstiegen hatte, und sah ein mildes Antlitz im Gebet ergossen, in
seinen Untergang ergeben, und doch voll Vertrauen zum Himmel. Solch einem
Antlitz widerstehe, wer aus Felsen gehauen, ich beschloss den Kaiser zu retten,
führte ihn zu einem Wege, den ich beim Jagen kennen gelernt hatte, und erbat mir
zur Belohnung sein Schwert. Er streichelte mich mit der Hand, küsste das Schwert
und gab es mir. Mit diesem kam ich gar beunruhigt zurück, ob ich auch frech
genug, den Wächtern seinen Tod vorlügen könnte, das Lügen war mir immer so
schwer und darum blieb keiner meiner bösen Streiche unbestraft. Konrad kam mir
zum Glück entgegen, ich fragte ihn um Rat. Er sagte mir, die Wächter hätten
schon wahrgenommen, dass ich den Kaiser nicht herabgestürzt hätte, das Schwert
sei schon geschliffen, um mich zu entaupten, er sei mir heimlich entgegen
gegangen, mich zu warnen, denn so gewiss die Steine unter unsern Tritten den Berg
nicht hinauf, sondern herunter rollten, so gewiss würde mein Kopf zu Boden
fallen. Ich hatte schon einen Kronenwächter hinrichten sehen, gleich war die
Flocht beschlossen, ich wusste alle geheime Wege und Stege, Konrad gab mir
einiges Geld, das ein Kronenwächter verloren, dem ich die Tasche aufgeschnitten
hatte; zuletzt tauschten wir noch mit den Schwertern, weil er meinte, das
kaiserliche sei mir zu schwer und könne mich mit seiner Pracht verraten. Ich
musste ihm versprechen, so weit zu wandern, bis ich das Meer vor mir sehe, sonst
erreichten mich dennoch die Kronenwächter.« - »Gewiss hat Euch Konrad betrogen«,
unterbrach ihn hier Anna »ich darf Euch jetzt nicht mehr vertrauen, aber
vielleicht erzähle ich Euch bald mehr von der Sache, als Ihr selbst wisst.« -
»Hat der Ehrenhalt auch davon gesprochen«, fragte Anton ängstlich, »hat er mich
ausgekundschaftet, ich bin verloren, wenn sie mich fangen, ich kenne ihre
Strenge, wohl mancher Kopf liegt getrennt vom Rumpf auf der Kronenburg, sie üben
das strenge Recht unter sich und über uns unglückliche Hohenstaufer, die
grausamen Kronenwächter!«
    Allmählich ging Erzählung und Nachdenken in Schlaf unter. Von allen zuerst
wachte Bertold auf, ein heftiges Weh schraubte seinen Kopf zusammen, seine
Zunge lechzte, er blickte um sich und befand sich in seinem Schlafzimmer und
seinem Bette. Er glaubte Anna neben sich zu erblicken, es war ihr Nachtkleid,
aber sie war ihm so fremd geworden in der Nacht, er rieb sich die Augen. Endlich
bemerkte er, es sei Verena und verwunderte sich noch mehr, wie das Mädchen in
die Kleider und an den Ort gekommen sei. Aber Verena hatte sich so lange gegen
den Schlaf gewehrt, dass sie jetzt nicht so leicht zu erwecken war. Er ging in
das Zimmer der Verena, um sich Aufschluss zu verschaffen, und fand Anna auf einer
Seite eines Tisches und Anton auf der andern eingeschlafen. Ehe er sie erwecken
konnte, pochte schon ein Jäger an, der Bertold befahl, sogleich zum Herzog zu
kommen. Da er angezogen zu Bette gebracht worden, so forderte es nur einen
Augenblick, sich in Ordnung zu bringen, er folgte dem Boten, ohne etwas von dem
Zusammenhange aller Ereignisse zu wissen.
    Bertold nahm sich zusammen, als er beim Herzog eintrat, die Neugierde hatte
fast sein Kopfweh unterdrückt, er fragte ehrerbietig: wie der Herzog unter
seinem Dache geschlafen. - »Schlecht«, sagte der Herzog, »ich habe das Unglück
gehabt, aus dem Bette auf den Stiefelknecht zu fallen, die Stirn ist wund, das
Auge entzündet, ich brauche schon die halbe Nacht kalte Umschläge und jetzt lässt
der Schmerz etwas nach.« - Bertold bedauerte ihn und sagte, dass er sich nach
dem Rausche auch übel befinde, zugleich äusserte er seine Verwunderung, wie der
Wein des Herzogs so betäubend auf ihn gewirkt habe. - »Ich bin daran gewöhnt«,
sagte der Herzog, »er ist mit türkischem Mohnsaft in der Gärung versetzt, aber
es gefällt nicht jedermann. Wie haltet Ihr es aber in dem Hause aus«, fuhr er
fort, »das könnte ich nicht vertragen.« - Bertold fragte: Ob ihn Wanzen oder
Mücken geplagt hätten. - »Nein, die Geister meine ich«, antwortete der Herzog,
»hier halte ich es keine Nacht mehr aus bei den leuchtenden Gestalten, wie alte
Kaiser mit feurigen Kronen, die einem so dicht vor den Augen herumziehen, dass
man meint, sie springen in die Augen, und dann die heftigen Blitzschläge durch
alle Glieder. Ihr seht mich ungläubig an! Lassen wir das, ich habe Wichtigeres
mit Euch zu verhandeln.«
    Nun erzählte der Herzog mit Auflodern, die Reutlinger hätten seinen Vogt von
Achalm erschlagen, was Bertold schon wusste, bloss weil er in ihrer Stadt über
einen Reutlinger gespottet hatte, den der Herzog vorher hinrichten lassen. Er
wolle jetzt sein ganzes Land bewaffnen. - »Gegen die eine Stadt?« fragte
Bertold. - »Nicht wegen der Reutlinger muss ich mich bis zum Kinn verschanzen«,
antwortete der Herzog, »Ihr werdet bald mehr hören.
    Es harren zwölf Edelknaben mit Absagebriefen von dem Schwäbisschen Bunde vor
dem Tore, weil ich in aller Eile das Reutlinger Stadtgebiet verwüsten liess.« -
Bei diesen Worten wurde er so zornig, dass ihm zwei Blutstrahlen aus der Nase
sprangen. Bertold reichte ihm Wasser und der Herzog sagte: »Der Aderlass hat
mich beruhigt, ich will jetzt den Boten, die vor den Toren harren,
entgegenreiten und Ihr begleitet mich.«
    Der Herzog auf einem hohen, schweren Falben, Bertold auf seinem braunen,
treuen Rennpferde, umgeben von Grünewald und der grossen Schar Diener, ritten
vors Tor, wo die Edelknabe harrten. Der Herzog winkte sie zu sich, sie
überreichten ihm die Absagebriefe, die an den Spitzen ihrer Spiesse befestigt
waren, und er liess jedem dafür eine Flasche Most an den Spiess hängen mit
freundlichem Grusse und so schmecke der diesjährige Wirtemberger Most und, wenn
er klar gegoren, würde es zwischen ihnen auch klar sein.
    Die Edelknaben wurden entlassen, der Herzog sprach eifrig von der Sicherung
der Stadt gegen den Schwäbisschen Bund und Grünewald sehr gelehrt von allen Arten
der Befestigung. Endlich bestellte er noch durch Bertold einen Gruss an Frau
Anna und dass er bald wieder kommen werde und gab seinem Pferde die Spornen, um
nach Schorndorf zu reiten. Ihm folgte ein zahlreicher Jägerhaufen zu Ross und zu
Fuss, mit Hunden und Falken, mit Küchenwägen und Zelten, als ob ein Volk mit Hab
und Gut auswandre.
    Alte Stille blieb nun in der Stadt zurück, die Einwohner konnten ruhig die
Traubenlese fördern, und Bertold hatte endlich Zeit sich nach dem Zusammenhange
aller der Begebenheiten zu erkundigen. Aber Grünewald wusste ihm nur zu
berichten, dass er durch die Vorsichtsmassregeln des Herzogs in seinem Geisterspass
gehemmt worden sei, er hätte dem Anton einen Kürbis und Ketten überbringen
wollen, aber die Wachen hätten ihn nicht eingelassen. Im Hause hörte er von
Annen den ganzen Verlauf, so weit sie ihn wusste, und küsste sie tausendmal für
ihre Vorsicht und hätte dem Anton gern gelohnt, dass er sich so willig zu der
Geisterfahrt gezeigt, aber dieser war schon nach Hause zu seinem Meister geeilt.
Frau Apollonia kam und klagte, wie ihr die Jäger in der Küche so viel Schaden
getan, aber heimlich quälte sie sich, dass Anton, wie ihr Sabina erzählt, die
Nacht bei Annen zugebracht habe. Alle waren verwacht, verstimmt, sie
beschlossen, einmal wieder den alten Anno, den Einsiedler, auf den Weinbergen zu
besuchen. »Vielleicht ist's der letzte schöne Abend im Jahre«, sagte Bertold,
»er will auf ausserordentliche Art gefeiert sein, und der Alte hat eine höhere
Freude an der Traubenlese, als wir gestern mit dem betäubenden Geschrei
erreichen konnten.«
    Der Weg in seinem leisen Ansteigen auf mancherlei Krümmungen zerstreute sie
mit stets wechselnder Ansicht, sie holten aus den Weinbergen Bertolds die
schönsten, gelben Trauben und erfrischten sich an dem edlen, schuldlosen Safte,
den die wilde Gärung in den Tiefen der Keller bald zur wilden Raserei verführt.
Mit dieser Gabe stiegen sie weiter hinauf, wo Anno wohnte, den sie im Gebete vor
seiner Hütte trafen. Der Platz, wo sie gestern an der Burg zum Schwärmen
gezwungen waren, lag tief unter ihnen, wie ein niedriges Erdenleben, hier
fühlten sie sich dem Himmel näher. Der alte Anno empfing sie freundlich, dankte
für ihre Gabe und sagte, er habe an dem Tage schon eine herrliche Gabe erhalten
von einem jungen Maler Anton, ein frommes Muttergottesbild. Anna sah sich mit
Beschämung in dem Bilde wieder, auch Apollonia sah sie bedeutend an, nur
Bertold war mit dem Einsiedler allzu sehr beschäftigt, um dies zu beachten.
Dieser erzählte ihm seine Geschichte, wie er schon neunzig Jahre, vielleicht
noch älter sei, wie er so lange im Dorfe unten gewohnt habe, als er noch viele
Kinder und Kindeskinder gehabt. Als sie ihm aber allmählich abgestorben und er
ihr Erbe geworden wäre, da hätte sich ihm in seinem Gram eine andre Freude und
ein andres Leben eröffnet und er könne die Ereignisse dieser Welt von da an nur
immer als Gleichnisreden zur Belehrung, aber nicht als etwas, das an sich
bestehe, ansehen. Von da an habe er alle Sorgen aber nicht den Fleiss aufgegeben,
denn was er auf seinen Äckern und Bergen über sein Bedürfnis gewinne, das
schenke er frommen, armen Leuten, die es bedürften, oder denen, die ihn in guter
Gesinnung besuchten. Die Gesellschaft wurde bei der Erzählung immer stiller und
aufmerksamer. Er sprach zuletzt von der Seligkeit reicher Ernte und von der
Erziehung des Menschen in dem Reichtum himmlischer Gaben, die in der Ernte
irdisch ausgesprochen würden: »wie viel herrlicher ist diese«, rief er, »als die
Erziehung in Reue und Jammer, aber nicht jedem ist sie gedeihlich, nicht jeder
bleibt in seiner Unschuld unsträflich, obgleich menschliche Irrtümer vom Himmel
gern übersehen werden.« Darauf brachte er Brot vom frischen Weizen und einen
Becher jungen Most und sprach dabei manches fromme Wort. Es wurde dunkel, aber
Bertold konnte sich der heitern Ruhe nicht entziehen, um an alle Schrecknisse
der vorigen Nacht, an Gewalt und Geisterspuk in dem Hause erinnert zu werden,
dessen Vollendung ihm einst als höchste Glückseligkeit erschienen war. Auch die
andern wünschten zu bleiben, der Alte bot ihnen Strohmatten zum Lager an und sie
nahmen die Einladung an. Sie schliefen und beteten mit ihm, wie es die Stunden
forderten. Am Morgen bat Bertold den Alten, dass er für sein künftiges Kind
bete. Nach dem Gebete stand der Alte lange mit ausgebreiteten Armen gegen die
Sonne, die über den Nebel wie über ein Weizenfeld hinaufdrang, sprach dann mit
den Augen zum Himmel gewendet, von der Geburt des Herrn und sang, indem er
Annens und Bertolds Hände ergriff und drückte:
Es schwebt ein Glanz hoch überm Gold der Ähren,
Sie tauchen nickend in den Segen ein,
Ein Engel weint die hellen Freudenzähren,
Am Himmel zieht ein einz'ger Stern allein.
Die Hirten schlafen noch und lächeln drein,
Sie ahnden schon, wie nah der Herr mag sein.
Dem Engel geht ein Lamm so still zur Seite,
Das trägt ein Kreuz und blickt zu allen mild,
Die Schäflein sehen auf, was das bedeute,
Sie freuen sich am höhern Ebenbild:
»Ihr Hirten wachet auf, verkündet laut,
Ihr habt den Herrn im fernen Glanz geschaut.«
Es naht der Herr in dieses Tages Frühe,
Im Erntesegen nahet uns der Herr,
Er lohnet uns Vertrauen, Liebe, Mühe,
Er gibt sich selbst für uns, so lohnet er,
Es ziehn die Könige zum Erntefest,
Wie kann die Hütte fassen solche Gäst.
Die arme Hütte kann sie alle fassen,
Es macht der Glanz sie alle froh und satt,
Und seinen Tron mag jeder gern verlassen,
Der hier noch einen Platz zum Knieen hat,
Es ist ein Kind geboren in dem Glanz,
Ihm bringen sie den reichen Erntekranz.
Aus Ähren und aus Trauben ist gebunden
Der Kranz, den sie dem Kinde bieten dar,
Sie haben es beim Strahl des Sterns gefunden,
Der noch am Tageshimmel leuchtet klar,
Einst segnet dieses Kind das Brot, den Wein,
Gott wird euch nah im ird'schen Zeichen sein.
Hat euch der Herr im Reichtum sich verkündet,
In seiner Ernten schöner Mannigfalt,
Verkündet ihn der Welt, der euch entsündet,
In dem Geschenk übt göttliche Gewalt:
Gedenkt des Herrn beim Brot, beim Becher Wein,
So kehrt der Herr im Geiste bei euch ein.
 
                               Sechste Geschichte
                               Das Todaustreiben
Wie mag die Erde sich scheuen, wie möchte sie so gern ihren Lauf zurück wenden,
wenn sie in den Winterhimmel tritt, der alle ihre Saaten verschüttet. Sie ringt
vergebens gegen ihren eignen Umschwung. - Ob die Tiere wohl ihr Leben rühmen
mögen, welche auf einen Jahreslauf beschränkt, nur Frühling und Sommer kennen?
Oder ob sie neidend zu den überlebenden Geschlechtern hinblicken mögen, ehe sie
sich vor der kalten Luft verkriechen?
    Törichter Neid, sie wissen nicht, wie die Bienen trauern, wenn sie ihren
Vorrat in der Winternot angreifen müssen, denn sie hatten ihn nur zur Erinnerung
der Blumenküsse zusammen getragen. Sie wissen nichts von der Gefangenschaft der
Fische, wenn sich ihr Mund an der harten Eisdecke, die sie unbemerkt umschlossen
hat, blutig stösst, wie sie erschrecken, wenn der Hirsch neugierig auf die
Eisdecke klopft, weil ihm verlangte nach dem klaren Bache und das Wasser ihm in
Stein verwandelt ist. Der Winter kommt den Tieren und den Menschen zur
Verwunderung, nur wenige wissen ihre Zeit voraus, wie die Wasserlilien, die zum
Blühen in rechter Zeit ihre strahlenden Häupter über die Oberfläche der Gewässer
erheben, um dann genügsam und ruhig in den Abgrund seliger Erinnerungen bis zur
Wiedergeburt zu versinken.
    Ein harter Winter war dem schönen Herbste gefolgt und während der Most zu
Wein wurde, froren die Reben, an denen er gewachsen. Bertold wurde am
Neujahrstag durch ein Beben seines Bettes erweckt und wollte erst nicht glauben,
die Erde habe gebebt, bis die Nachrichten von allen Seiten kamen und
eingefallene Schornsteine sie bestätigten. Die treue Muttererde bebt, dachte er
im stillen, die treue Mutter hat mir kein Lebenslicht zum Neuen Jahre überbracht
und Anna denkt an so etwas nicht. Aber diese kleine Sorge ging ihm schnell in
der schwereren für seine Stadt unter. Durch die Hoffnung eines Kindes hatten
sich seine Stadtplane, die ihn schon immer beschäftigt, über das mitlebende
Geschlecht hinaus, über entfernte Zukunft ausgedehnt. Die Stadt sollte sich frei
und selbstständig erheben, wie Reichsstädte; nur dazu waren ihm die Anmahnungen
der Kronenwächter, sich dem Schwäbisschen Bunde anzuschliessen, willkommen.
Grünewald, der gar keine Meinung über so etwas hatte, aber alles sehr geschickt
auszuführen verstand, gab ihm in allem nach, hatte er sich doch überhaupt nur
darum in die Gunst des Herzogs geschmeichelt, um in der Nähe Annens mit Ansehen
aufzutreten. Auch der Neujahrstag verging, wie so mancher andre Tag in
vergeblichen Beratschlagungen mit ihm, wie die Unternehmung des Bundes zu
beschleunigen sei, da die Erde selbst zu ungewöhnlichen Unternehmungen geneigt
scheine; das Unternehmen konnte in der Kälte nicht zur Geburt kommen. Der Frost
in den nächsten Tagen nach Neujahr stieg immer noch, die ältesten Eichen
spalteten sich, der edle Kaiser Maximilian starb und Bertold betrauerte ihn
aufrichtig und war mit den öffentlichen Trauerfeierlichkeiten beschäftigt. Da
kam Botschaft vom Herzog Ulrich, der Reutlingen trotz dem Froste belagerte, dass
sie die Rüstungen beschleunigen und ihm Leute senden möchten. Bertold und
Grünewald stellten sich dem Willen des Herzogs ergeben, aber je eifriger sich
Bertold und Grünewald zur Förderung der Rüstung anstellten, desto weniger
vollbrachten sie. Der Ehrenhalt kam jetzt und versprach die nahe Ankunft der
Scharen des Schwäbisschen Bundes, aber es zögerte sich, wie mit allen
Unternehmen, die aus dem Entschlusse vieler hervorgehen sollen. Reutlingen musste
sich ergeben, vom Geschütz in seinen wesentlichen Befestigungen zerstört,
während die Gräben zugefroren waren. Der Herzog hielt einen feierlichen Einzug,
die Bürger mussten ihm huldigen, die Reichsfreiheit war verloren, wenn der
Schwäbische Bund noch länger zögerte. Bertold hätte verzweifeln mögen, während
er Freudenfeste zur Ehre dieses Zuwachses des Herzogtums veranstalten musste.
    Der Wind wendete sich, die zeit war im Nichtstun vorgerückt, der Frühling
liess wie ein bescheidner Freund erst anfragen, während Bertold vor der Türe
stand (wie er nach dem Mittagessen zu tun pflegte), um nach ihm sich umzusehen,
ob er nicht bald komme. Er fühlte sich in Frühlingsahndung ganz wehmütig. Da
blies es vom Turme, den er als Kind bewohnte, in grossem Jubel schrieen alle aus
den Häusern, doch wusste er nicht gleich, was es bedeute, weil er als Kind nicht
unter die Leute gekommen war. Da sah er den beschrieenen Gast über den Markt
ziehen, es war der Storch. Gleich liefen die Kinder aus allen Häusern am Markt
zusammen, jedes brachte Stroh oder Lumpen und die grössten verfertigten eine
gewaltige Strohpuppe, während die kleinen mit Tellern in die Häuser liefen, um
ihren Lohn einzufordern, dass sie den Winter aus der Stadt vertrieben; sie kamen
auch zu Bertold, der sie reichlich beschenkte. Nun begann der grosse Zug der
Kinder, die Strohpuppe wurde an einem langen Seile geschleift und alle schrieen:
Nun treiben wir den Winter aus,
Den Tod aus unsrer Stadt hinaus.
Wie junge Rosse wiehernd einen Leichenwagen ziehen, mit den Gebissen spielen,
die sie lenken, sich von der Erde aufbäumen der sie doch nicht entlaufen können,
so erschien unserm Bertold in seinem betrübten Herzen der fröhliche Zug, er
wusste nicht, welche Freude ihm an dem Tage bevor stand, was ihm der Storch an
dem Tage gebracht hatte. Anna hatte ihn an dem Tage nicht sehen wollen, sie war
krank, auch das machte ihn sehr beklemmt. Da glaubte er ein Kindergeschrei in
seinem Hause zu vernehmen, er horchte noch einmal, da kam Frau Apollonia mit
freudigem Auge und fast atemlos die Haustreppe herunter, und schrie: »ein Sohn,
ein Sohn!« - Bertold fühlte sich selbst entrissen von Freude, er stürzte die
Treppe hinauf ins Zimmer, die Tränen liefen ihm in seligem Entzücken über die
Wangen, schon sah er das Kind, wie es im Bade sich allmählich von dem Ärger
beruhigte, aufs Trockne versetzt zu sein: »Wie schön ist der Knabe«, rief er,
»gleicht er nicht dem Christuskinde an unserm Giebel, wie soll ich dir danken
Anna, alle Mühe, alle Qual, die du bei dem Kinde ausgestanden hast, und wie
schön blickst du mich an aus deiner Schwäche.« Frau Apollonia war bei den Worten
Bertolds erbleicht, sie sah das Kind ernstlich an, es war das vollkommenste
Abbild des Kindes am Hause und dies das vollkommenste kindlichste Bild Antons.
In ihrer Verlegenheit winkte sie Bertold, das Zimmer zu verlassen, es sei nicht
gut, die Wöchnerinnen in ihrer ersten Ruhe zu stören. Aber er war nicht
fortzubringen von dem Kinde, er sass da, betend wie einer der heiligen drei
Könige und freute sich immer, dass sein Kind dem Christuskinde gleiche. Als es
endlich eingeschlafen war und er fühlte, wie er nur hindre, statt zu helfen, und
die Strasse laut wurde, schlich er fort und trat vor die Haustüre. Da kamen die
Knaben von ihrem Zuge zurück, die Winterpuppe war in die Rems geworfen, sie
brachten statt ihrer eine grünende Maie und indem sie dem Bürgermeister das
erste Zweiglein davon darboten, sangen sie:
So viel Blätter an dem Strauss,
So viel Kinder in dein Haus,
Wünschet dir die Engelschar.
»Mit dem einen ist's schon wahr!« fiel Bertold ein und wendete seine Tasche um,
ihnen alles Geld zu spenden, was er bei sich trug, sie sollten sich an dem Tage
recht lustig machen, dabei zeigte er auf seinen Giebel und sprach mit Jubel:
»Seht Kinder, so sieht mein Kleiner aus.« - Apollonia stand hinter ihm und
seufzte in sich und dachte: Wie soll ich den armen Mann von der unseligen
Ähnlichkeit abbringen, er breitet seine eigne Schande aus, die Wartfrauen nennen
schon den Kleinen ihren heiligen Anton. Bertold ahndete nichts von dem
Geschwätz in seiner Seligkeit, er konnte sich nicht entalten, Anton von Herzen
zu küssen, der zufällig den Zug der Kinder mitgemacht hatte, um ihn zu zeichnen,
und nun zurück kam. Er führte ihn in seine Rüstkammer zu den schönen, kleinen
Puppen, mit denen er selbst einst sich die Zeit vertrieb, und freute sich mit
ihm, wenn sie den Sohn da zum erstenmal hinführen, ihm die Puppen zum Spiel
übergeben wollten. Anton sollte das Kind malen, sobald es nur ein wenig
ausgebildet wäre. Dem Anton schenkte er für die leichte Zeichnung des
Todaustreibens einen schönen, roten Mantel mit goldner Einfassung. Anton ging so
stolz aus dem Hause, als ob er sich den Doktormantel verdient hätte, oder, wie
die Leute sagten, als ob alles mit dem Mantel christlicher Liebe zugedeckt
werden sollte. Grünewald schüttelte mit dem Kopfe, als er am Abend zu Frau
Apollonien ging, und sprach erst mit ihrer Magd Sabina über Bertolds Kind und
dann mit ihr, als sie gerufen worden, denn er liess sich mit allen Leuten ein und
hatte gar kein Geheimnis.
 
                              Siebente Geschichte
                          Die Gräber der Hohenstaufen
Kaum vier Wochen waren seit der Niederkunft vergangen, Mutter und Kind waren
frischer und schöner, als je eine Wöchnerin und ein so junges Kind in Waiblingen
gesehen, und die Ähnlichkeit beider mit dem Bilde am Giebel wuchs zu Bertolds
Freude mit jedem Tage. Eben so wuchs das Gerede der Leute in der Stadt und
Antons Verlegenheit dabei, der sich keiner Schuld bewusst war. Wie oft
verwünschte er den Einfall, sich selbst in dem Christuskinde abgebildet zu
haben, und meinte es frevelhaft, seit sich Frau Anna daran versehen habe, denn
alle Weiber in der Stadt narrten ihn damit und verlangten, dass er ihnen Bilder
auf den Giebel malen solle, die Männer aber stellten sich, als ob sie ihn gar
nicht mehr in ihren Häusern dulden dürften. Mitten in dies Gerede, das Grünewald
in seiner unabweislichen Geschwätzigkeit und Vertraulichkeit immer neu anregte,
schrie die Kriegstrompete, dass alles für einige Zeit verstummen musste. Der
Schwäbische Bund war endlich doch mit seiner Rüstung fertig geworden. Unter dem
Namen Herzog Wilhelms von Bayern führte Georg von Frundsberg eine grosse
Übermacht gegen den Herzog Ulrich. Der grosse Frundsberg, an der Spitze einer
geringeren Zahl, wäre schon des Siegs gegen Herzog Ulrich sicher gewesen, aber
ausser der Menge stand ihm der ganze Einfluss der Kronenwächter zur Seite, sie
nannten ihn damals ihren Reichsfeldherrn und er wäre es auch geblieben, wenn sie
ihm hätten erfüllen können, was sie ihm zugesagt hatten. Der Herzog Ulrich
sammelte sein Volk in Blaubeuren und kamen viele Boten an Bertold und Grünewald
wegen Beschleunigung der Rüstung, als Bertold gerade beschäftigt war, das der
ganzen Stadt zur Taufe versprochene Fest einzurichten. Alle fröhlichen Anstalten
wurden gehemmt, auch dem Meister Kugler abgeschrieben, der zur Taufe eintreffen
wollte. Nun wurden die Rüstungen wieder durchgesehen und der Ehrenhalt trat als
Waffenschmidt auf, weil in dem Jahre der Waiblinger Waffenschmidt gestorben war
und die Witwe zu hässlich war, um sogleich einen jungen Mann für ihre Nahrung zu
finden. Der Ehrenhalt beschaute die Bürgerwaffen, riss hier eine Schiene ab, dort
schlug er eine ein, um den Bürgern zu beweisen, dass sie verloren gewesen, wenn
sie mit so verrosteten Waffen ausgezogen wären. Unterdessen wurde mit Herzog
Wilhelm verhandelt und was sehr seltsam, durch den herzoglichen Vogt Grünewald,
der seinen alten Herrn gern einmal wieder sehen und ihm einige neue Liebeslieder
vorsingen wollte. Der Herzog liess der Stadt Reichsfreiheit versprechen, wenn sie
ihre Streitkräfte mit ihm vereinigte. Der eifrige Bertold, durch Erziehung,
Kränklichkeit, Reichtum und Bildung immerdar von der Masse der Bürger getrennt
und nur in Geschäften mit ihnen bekannt, setzte voraus, dass ihre Gesinnung ganz
mit der seinen übereinstimme, dass sie als eine Wohltat annehmen würden, was er
für ein Glück erkenne. So kam's, dass er sich nicht einmal die Mühe gab, die
Meinung der Zünfte über diese Angelegenheit zu erforschen, auch fehlte ihm dazu
der gute Fingerling. Die Zunftmeister wunderten sich zwar über die langsame
Rüstung, aber sie hatten gerade auch keinen Übermut zu diesem ganz unnützen,
verderblichen Kriege, sie liessen es so gehen. Endlich hiess es, alles sei fertig,
die ältere Mannschaft blieb zur Besatzung, Grünewald und Bertold sollten mit
den andern zu Herzog Ulrich ausziehen.
    Anton war in dieser Zeit in der unbequemsten Lage, er wollte mitziehen und
musste sich doch vor dem Ehrenhalt verstecken, und wusste das bei Musterungen
nicht anders zu bewerkstelligen, als durch eine scheinbar zufällige Färbung
seines Gesichts, über die ihn die Leute zwar auslachten, die er aus der Unruhe
jener Zeit erklärte, die nicht Zeit zum Waschen lasse; zugleich steckte er eine
Kugel in die eine Backe, als ob sie vom Zahnweh geschwollen wäre, so dass ihn
Meister Sixt selbst zuweilen nicht erkannte. Als nun der Zug vor dem Ratause
sich sammelte, die Weiber und Kinder die Tornister und Mantelsäcke weinend
herbeischleppten, konnte er sich des Lachens nicht erwehren, ihm war so
seelenglücklich zu Mute, dass seine Kugel ihm aus dem Mund in einen Suppennapf
mit Klössen fiel, aus welchem ein Bürger eben sein letztes Mittagsmahl essen
sollte. Der Bürger fing an zu essen und biss sich fast einen Zahn an der Kugel
aus, die er für einen Kloss gehalten, es war die einzige Kugel, die bei diesem
Zuge Schaden tat.
    Frau Anna war von allem unterrichtet und stellte sich daher nur traurig über
diesen Auszug wegen der fremden Leute, die sie umgaben. Das Kind schmiegte sich
an den ausziehenden, gerüsteten Bertold, hatte sein Haar gefasst und wollte ihn
gar nicht fortlassen, da weinten die Hebamme und die Mägde, und sie redeten
unter einander, wenn es den Pflegevater schon so fest gehalten habe, so würde
Anton sich nie von ihm haben losreissen können; das hörte Anna, obgleich es leise
gesprochen war, es fiel ihr schwer aufs Herz, sie dachte der Ähnlichkeiten nun
erst recht, verstand manche Winke der Mutter. Ihr Stolz war tief gekränkt,
obgleich sie nichts sagte und gar nicht tat, als ob sie etwas vernommen habe.
Alles andre war ihr jetzt gleichgültig, sie sann darauf, wie sie diesen bösen
Leumund falscher Zungen zerstreue, während der Zug vorüber zog. Sie glaubte in
jedem, der hinauf blickte, Hohn und Spott zu erkennen, sie glaubte zu hören, wie
sie über das Christuskind auf dem Bilde sprachen. Anton musste fort aus der
Stadt, das Bild musste geändert werden, das stand ihr fest im Sinne und sie
grübelte, wie das auszuführen sei mit einer Ungeduld, dass ihr Kind davon
erkrankte.
    Viele der Streiter zogen nur mit angetrunknem Mute aus, dieser Mut sank
aber, als sie ermüdeten, die Pferde schienen zu erlahmen, die Fussgänger ruhten
sich oft. Der Ehrenhalt erzählte, nachdem Grünewald von einem Spähen
zurückgekommen, es würden ihnen bald Stückkugeln über die Köpfe sausen, sie
brauchten sich darum nicht zu bücken, denn das sei doch gewöhnlich zu spät, er
erzählte von den bayerischen Reitern, wie die so genau zusammenritten, dass ihre
Spiesse wie eine grosse Säge glänzten, sie möchten sich gefasst machen, sie ständen
schon zwischen ihnen und dem Herzog. Da sonderten sich die Verzagten, einer sang
mit bebender Stimme und wusste nicht, was er sang, ein andrer, der sonst eine
schreckliche Stimme führte, konnte kaum so laut kommandieren, dass es seine
Rotten hörten, ein Schuster unterhandelte laut mit Gott, dass er wohl ein Bein
daran geben wolle, wenn er ihm nur seine beiden Arme unversehrt lasse. Aber die
Kräftigen, unter denen Anton gewiss einer der ersten, liessen sich diese Sorgen
wenig anfechten, sie untersuchten noch sorgfältig ihre Vorräte und warteten der
tätigen Stunde. Der Ehrenhalt erkannte nach seiner Kriegserfahrung die Sicheren,
sonderte sie auf Bertolds Befehl in eine Schar zusammen, liess sie nach einer
Seite den Feind aufsuchen, wo keiner anzutreffen war.
    Kaum eine Stunde, nachdem Anton mit diesen von der Masse sich getrennt
hatte, erblickte Bertold und die bei ihm geblieben, das grosse Bundesheer beim
Ausreiten aus einem dichten Walde gleich einer Überschwemmung um sich her, aus
der ein Schilfwald von Spiessen und zwölf grosse Kanonen, wie Krokodile mit
offenem Munde, hervorragten. Hier war weder an Sieg noch an Flocht zu denken,
sie waren beobachtet, eine Masse Fussvolk schrie schon hinter ihnen im Walde.
Bertold wendete sich zu dem erschrockenen Haufen, stellte ihnen die ganze
Gefahr ihrer Lage dar, sie müssten sich auf Gnade und Ungnade ergeben. Dann aber
sagte er ihnen, dass der Schwäbische Bund keine Ungnade gegen sie hege, dass er
ihm wiederholend Reichsfreiheit für die Stadt habe anbieten lassen, in sofern
die Bürger sich entschlössen, die Sache Herzog Ulrichs aufzugeben und mit dem
Bunde sich zu vereinigen. Sie möchten jetzt wählen, er werde sich ihrem
Entschlusse ergeben, es stehe bei ihnen, ob sie, ergeben dem trunknen Unholde,
von dem sie nie Schutz, sondern nur immer Trutz, Zwang und Zahlungsgebote
empfangen, der sie wie Hunde zu seinen Jagden, ihre Frauen zum Frevel
missbraucht, in den Wald von Spiessen stechen, oder sich selbst als freie
Reichsbürger regieren, niemand als dem Kaiser verpflichtet sein, und die Hand
dem Herzog Wilhelm reichen wollten, der mit Grünewald geritten komme, um sie
ihnen zu bieten. Die Bürger sahen einander verwundert an, keiner wollte
sprechen, einige fluchten auf den Bürgermeister, aber da keiner Anstalt zur
Gegenwehr machte, so begrüsste Herzog Wilhelm Bertold und seine Bürger als
Freunde, verkündete ihnen Friede und Freiheit und Bertold dankte in ihrem
Namen.
    Der ganze Zug ging nun nach Waiblingen, den Bürgern wurden die Tore
geöffnet, die Fremden zogen nach, die Stadt wurde besetzt, und die Bundesscharen
in die Häuser gelegt. Jeder Bürger war über die Änderung verwundert, am meisten
Anton mit seiner Schar, als sie keinen einzigen Feind im Felde und nun so viele
in der Stadt fanden, aber es war geschehen und die Bedürfnisse der Gäste
beschäftigten alle Hände. Am andern Morgen sollte der Zug weiter gehen, vermehrt
durch die bewaffneten Bürger. Bertold freute sich der kühnen Taten, die seiner
warteten, aber kein Bürger kam zur Versammlung, sie erklärten, dass sie nicht
eidbrüchig, wie der Bürgermeister wären. Nichts auf der Welt hatte Bertold je
so gekränkt, schon musste er von Frundsberg hören, dass an keine Reichsfreiheit zu
denken sei, wenn die Bürger sie nicht zu erstreiten sich geneigt fänden. So
hatte er ganz vergebens das Glück der Seinen an dies Unternehmen gesetzt, mit
Herzog Ulrich war keine Versöhnung möglich; er fühlte, dass er die Stadt nicht
gekannt, sie in seine Hoffnungen habe zwingen wollen, er konnte sich nur mit der
guten Absicht bei dem schlechten Erfolge rechtfertigen. In dem Wirbel dieser
Betrachtungen sass er fast gedankenlos müssig; das Geschehene lässt sich nur durch
Tat, nicht durch Nachdenken vernichten.
    Grössere Bundesscharen kamen in den nächsten Tagen, die Bürger hatten alle
Lebensgefahr vergessen, der sie entkommen, die Last und Kosten schienen ihnen
unerschwinglich, sie sprachen laut gegen den Bürgermeister, obgleich dieser aus
freiem Willen mehr Last übernahm, als ihm im Verhältnis zukommen konnte. Er
wollte die Stadt befestigen, aber niemand zeigte sich bereitwillig, er wollte
den Rat über alle Angelegenheiten setzen, die sonst der herzogliche Vogt
besorgte, aber keiner wollte sie übernehmen, er sah, dass die reichsstädtische
Verfassung zu einer leeren Form wurde, weil sie nicht durch die Notwendigkeit
entstanden war, eine allgemeine Kraft zu begrenzen. Diese allgemeine, belebende
Kraft fehlte, die Verständigen schwiegen, die Toren und Widerspenstigen waren
überlaut, die Verständigen hielten ihn für einen Schwärmer, die Schlechten
glaubten in ihm einen bestochenen Verräter, die fremden Landsknechte spotteten
seiner teuer erkauften Reichsfreiheit. Jeder suchte sich ihm und der Stadt in
der Vorsorge für die Bedürfnisse der fremden Scharen zu entziehen, auf ihm
lastete das ganze Geschäft, dabei schwärmten seine Gedanken umher nach Rat und
Trost, so musste sich ihm die Arbeit verdoppeln und die Fremden mochten zuweilen
wohl mit Recht auf den Mangel an Anordnung schelten. Sein einziger Genuss war es,
seit er von diesen Fremden doch kein Heil erwartete, die Bürger gegen ihren
Unwillen und Übermut zu schützen; zu jedem Streite eilte er mit rechter Lust und
setzte gar oft sein Leben an eine Kleinigkeit, die mit einiger Ruhe friedlich
geschlichtet werden konnte. Die üble Folge davon war, dass stärkere Besatzung in
die Stadt gelegt wurde, damit nicht einzelne wieder in solchen Streitigkeiten
unterliegen möchten, und so fühlte sich Bertold die Veranlassung einer neuen,
drückenden Last. »Wären wir ruhig zu Hohenstock!« rief Bertold zuweilen, aber
Anna antwortete immer: »Lieber tot, als dort unter den wahnsinnigen Menschen!«
    Als eine Verstärkung der Besatzung rückte auch ein sehr unbequemer
Bekannter, der Graf Konrad, mit einer Schar Reisigen ein, welche die
Kronenwächter für ihn geworben und mit denen sie ihn zum Herzog Wilhelm
geschickt hatten. Bertold freute sich in seinem Unmut, ihre alte Streitigkeit
da fortsetzen zu können und liess ihn sehr hart an. Aber Konrad schien seine
Natur ausgetauscht zu haben, er antwortete nur das Notwendigste in
Bescheidenheit und bat ihn, seine früheren Unbesonnenheiten zu vergessen, die
Kronenwächter hätten ihn belehrt, dass sie zu einem Ziele alle beide
hinarbeiteten. Bertold sah sich durch dies Verhältnis gezwungen, obgleich es
ihm unangenehm, Konrad in sein Haus einzuführen.
    Dieser betrug sich dort ganz bescheiden und anständig, er schien Annen ganz
verwandelt und sie fasste ein gewisses Vertrauen zu ihm. Sie sah den Gram, der
ihrem Bertold schnell die Haare bleichte, sie hörte die Härte, mit der die
Bürger ihn beurteilten, durch Grünewald, der über alles mit jedem sprach, ohne
zu beachten, ob es schade. Sie fragte einmal Konrad, was er meine, wie Bertold
könne aus den widrigen Geschäften befreit werden. Der riet, dass er sich für den
Bund rüste und gegen Herzog Ulrich ziehe, denn wie er höre, deute man es ihm
ohnehin übel beim Herzoge Wilhelm, dass er mit seinen Bürgern untätig
zurückbleibe, nachdem er versprochen, mit einer Schar zu ihm zu stossen; dort sei
jetzt für ihn und die Seinen allein noch Sicherheit.
    Dieses Gespräch wiederholte Anna ihrem Bertold am Abend und dieser erfreute
sich des unerwarteten Auswegs; aber er wagte es nicht, sich demselben zu
überlassen, weil er den Vorwurf fürchtete, sich dem drückenden Geschäfte für die
Stadt entzogen zu haben. Wer die Seinen in der Not verlässt, dachte er, den
verlässt Gott in seiner letzten Not, und konnte nicht einschlafen und sich zu
nichts entschliessen. Früh stand er auf und fand Apollonien am Brunnen und
berichtete ihr seinen Wunsch ins Feld zu ziehen und alle Gründe dagegen, indem
er sich ihren Rat als seine älteste, treueste, verwandteste Seele erbat.
Apollonia hatte im Ärger über die Ereignisse sich die Erzählungen der Sabina
über Anna und Anton erst recht zu Herzen genommen, dass sie diesen für den
geheimen Grund seines unerwarteten Entschlusses annahm. Sie suchte ihn zu
trösten, indem sie über ihre Tochter heftig weinte, sie habe es immer nicht
glauben wollen, die Tochter habe so frei und ruhig jede Warnung abgelehnt, nun
müsse sie sehen, dass der edelste und beste Mann das eigne Haus fliehen wolle,
das ihre Tochter ihm aus Himmel in Hölle verwandelt habe, es sei die Folge vom
übereilten Heiraten. »Hättet Ihr gewusst«, sagte sie, »dass eben der, mit welchem
Ihr Blut und Leben getauscht, Euer Leben so verbittern würde, Ihr hättet Euer
Siechtum ruhig ertragen.« - Bertold, der gar nichts verstanden hatte, fuhr bei
diesen Worten gleichsam beschämt auf: »Woher wisst Ihr die Geschichte meiner
Genesung:« - »Von Annen«, sagte die Mutter, »der hat es Anton erzählt.« - »O
dieser Anton«, rief Bertold, dem nun auf einmal die Rede der Mutter wie durch
einen Blitz erhellt wurde, »dieser Anton ist zu meinem Glück und Verderben
geboren, umsonst habe ich mich dem Missgeschicke meines Stammes entzogen, es hat
mich durch Anton ergriffen. Liebe Mutter, sagt mir kein Wort, lasst mich irren in
der Dämmerung, es gibt grausame Ähnlichkeiten, aber ich vertraue auf Anna. Was
ich zweifelhaft in meinen Gedanken würfelte, das ist entschieden, ich ziehe
fort, ich kann nicht bleiben. Sagt mir kein Wort, verschweigt Annen, dass Ihr mir
etwas gesagt, verschweigt ihr alles, Gott und die Zeit wird alles schlichten und
richten.« - Anna hatte sich ihnen beiden genähert und sagte mit einiger Wehmut:
»Mich lässt du allein Bertold, nachdem ich so viel Schmerz und Not bei dem Kinde
ausgestanden habe, und setzest dich hier zur früheren Geliebten.« - Frau
Apollonia wollte heftig antworten, aber Bertold beschwichtigte beide, indem er
sagte: »Ich gehe noch heute einem ungewissen Geschicke entgegen, vergessen wir
alles Überflüssige, gedenkt, dass wir nur noch wenige Stunden beisammen sind,
meine Ehre fordert, dass ich fortziehe.« - Anna schloss sich weinend an seine
Brust und gestand, so schmerzlich ihr seine Abwesenheit falle, er sei es seiner
Erhaltung schuldig, sich den Geschäften zu entziehen, die ihm in wenig Wochen
die Haare gebleicht hätten, deren Frucht und Lohn ihm die Undankbarkeit und der
Starrsinn der Bürger entreisse. - Bertold zuckte mit den Achseln und sagte:
»Jetzt rücken sie mir die vermauerte Gasse vor und möchten den Brunnen
einreissen, jetzt, wo jeder Tag sie dringend beschäftigen und auf ihr Bestes
führen sollte, ich habe die Leute klüger, viel klüger geglaubt, das ist mein
Fehler!« - »Boshaft und undankbar hat sie das kleine Missgeschick gemacht«, sagte
Anna, »die Frauen sagen mir ins Angesicht Böses von dir.« - »Das löst die
letzten Bande«, sagte Bertold, küsste Annen und Apollonien und so sassen alle
drei wohl eine lange Abschiedsstunde, ohne zu sprechen, von den Ahndungen der
Zukunft gerührt.
    Er versammelte darauf die Bürger, erklärte, dass, wenn sie nicht mit ihm, er
ohne sie dem Bunde folgen wolle, sie möchten einen andern an seine Stelle
wählen. Zu seiner Kränkung fand er, dass schon ein andrer Bürgermeister heimlich
für den Fall erwählt worden, wenn die Fremden abziehen müssten, ein Weinhändler
Kranz, sie gaben Bertold der Landesverräterei schuldig. »Ihr richtet nach dem
Erfolg, Gott nach der Absicht«, rief Bertold, »ich biete euch die Hand zum
Abschied, obschon ihr mich tief gekränkt habt; es wird eine Zeit kommen, wo es
euch reut, dass ihr mir nicht gefolgt seid.«
    Seinen Nachlass hatte er schon beim Anfange der Unruhen gerichtlich geordnet,
Frau Apollonien übergab er die Oberaufsicht der Seinen, so lange Anna noch mit
ihrem Kinde beschäftigt sei. Sie assen schweigend mit einander, als wäre ein
Kranker unter ihnen. Nach Tische wurde ein Pferd vorgeführt, Anna und Apollonia
weinten gleich heftig, Bertold fühlte sich beklemmt zum Ersticken. Er übersah
Haus und Garten noch einmal, und betete in der Kapelle, die eben fertig geworden
und geweiht war, da wo ihm das Kind verheissen. Er fühlte sich gefasster, aber als
er schon Abschied genommen, an seine Tür trat und einen frischen Maulwurfhaufen
an der Schwelle bemerkte, der sich eben herausarbeitete, da fiel ihm Mutter
Hildegard ein, die das immer als Zeichen eines Todesfalles angesehen hatte. Er
sprang noch einmal zurück, küsste Annen und Apollonien und das Kind heftig,
schwang sich, ohne ein Wort zu gewinnen, auf sein Pferd, gab ihm die Spornen und
ritt ohne Umblicken fort, damit ihm nicht das Bild am Giebel wieder in die Augen
leuchte.
    Bald war er bei Frundsberg durch den Ehrenhalt eingeführt, doch gab jener
wenig Hoffnung zu Taten; den Herzog hatten die Schweizer verlassen und darum
entliess er auch seine Landeskinder zur Verteidigung der Städte. Diese fielen
aber ohne bedeutenden Widerstand, jedermann fühlte, der Herzog könne sich nicht
halten und er fühlte es auch bald, nahm in Tübingen von seinen Kindern
schmerzlichen Abschied und entfloh nach der Schweiz. Der Zug ging nun von einem
Städtlein zum andern, gewöhnlich geschahen kaum einige Schüsse, dann wurde
unterhandelt. Bertold vergass eignen Kummer bei dem Anblicke der Not, welche die
fremden Scharen auf dem Lande verbreiteten. Die Briefe von Annen und Apollonien
waren sein liebster Schmerz und sein einziger Trost, sie benutzten jede
Gelegenheit, ihm Nachricht zu geben. Einmal berichtete ihm Anna, dass es in der
Stadt ein Gespött sei, dass ihr Kind noch nicht getauft worden. Er antwortete ihr
froh, dass er nicht dabei zu sein brauche, sie möchte die Taufe und den Schmaus
für die ganze Stadt ausrichten, wie er ihn vor den kriegerischen Ereignissen
angeordnet habe, er stehe vor dem Assberge und müsse da wohl noch einen halben
Monat ausharren, das Fest könne vielleicht den Seinen die Neigung vieler
Mitbürger wieder gewinnen. Bald darauf erhielt er die Nachricht, dass Taufe und
Fest am Tage des heiligen Anno angeordnet sei (das Kind, so war schon
verabredet, sollte diesen Namen führen), er möchte den Tag durch sein Gebet
feiern.
    Zwei Tage vor diesem festgesetzten Tauftage wurde er zu Frundsberg gerufen
und ihm der Auftrag gegeben, in der Hülle eines Pilgers nach Kloster Einsiedlen
zu wandern, um auszuforschen, ob der Herzog in der Schweiz werbe und
Unterstützung finde. Der Auftrag war gefährlich, jene Seite Schwabens schwärmte
von den zerstreuten Anhängern des Herzogs Ulrich, doch freute es ihn, seinen
Willen bewähren zu können.
    Er zog mit einem frohen Gefühle durch das Land, der Tag der Taufe brach an,
er dachte sich lebhaft nach Hause, die Sonne brannte, die Luft war schwül. Gegen
Abend traf er in Kloster Lorch ein, betete lange in der Kirche und wurde dann
von den Mönchen freundlich bewirtet, ohne dass sie nach seinem Namen fragten,
denn das Pilgerkleid war ihnen Empfehlung genug.
    Die Mönche klagten, dass sie allmählich aussterben müssten, bei der jetzigen
Gesinnung der Leute trete keiner in ein armes Kloster und da dies Kloster, nach
der Strenge ihrer Gelübde, ihre Welt sei, so hätten sie ein lebendiges Bild vom
Weltuntergange in ihrem Kreise, der sich mit jedem Jahre verenge. Bertold sagte
ihnen, dass solch ein Aussterben sein Wunsch sei. - »Habt Ihr je ernstlich an das
Sterben gedacht?« fragte ihn der älteste der Mönche. »Kommt hinunter in die
Gruft, wo die Hohenstaufen begraben liegen, und Ihr werdet Euch am Leben fest zu
halten suchen.« - Bertold schüttelte mit dem Kopft, aber er bat, ihm die
Grabhallen zu zeigen, er sei lieber bei den Toten, als bei den Lebenden. - Der
alte Mönch strich nachdenklich seinen weissen Bart, ergriff eine Fackel, zündete
sie am Herde an und ging mit ihm über den Hof.
    Bertold beschaute die Sterne, welche vom nahen Gewitter nicht verdunkelt,
in der Schwüle funkelten. - »Was leset Ihr in den Sternen?« fragte der Mönch. -
Bertold antwortete nach einem Schweigen: »O wie so oft hab ich ein Zeichen
erhofft, zogen Sterne den schimmernden Bogen durch die himmlische Leere, durch
die himmlische Tiefe, dass ich der irdischen Schwere endlich auf immer
entschliefe. Aber der Morgen löschte die Sterne aus, weckte die Sorgen, weckte
des Herzens Haus, und des Alltäglichen Macht zwang die Ahndung der Nacht.«
    »Auch Euer Stündlein wird kommen!« sagte gleichgültig der Alte, öffnete die
Schlösser der Kapelle und führte Bertold in die gewölbten Grabhallen, wo die
Hohenstaufen unter einfachen, gehauenen Grabsteinen ruhten. Bertold versuchte
die Namen auf den Grabsteinen zu lesen, aber die Buchstaben waren alt und sehr
verwittert. »So ist's mit dem guten Namen der Menschen«, sagte Bertold, »vom
Zufall geschenkt, von der Zeit bald ausgelöscht!« - Der Mönch nannte ihm alle
die berühmten Namen der Hohenstaufen, die da eines zweiten Lebens harrten, und
Bertold fragte mit unerwartet aufbrechendem Zutrauen: »Ehrwürdiger Vater, wer
nun zweimal schon gelebt hat, darf der noch ein drittes Leben erwarten.« - Der
Alte meinte, er schwärme im Fieber und Bertold antwortete: »Es mag Euch
unverständlich sein, was ich sage, aber fühlt meinen Puls, dass ich nicht krank
bin. Glaubt mir, ich bin von einem Arzt, als ich sterben sollte, mit einem
zweiten Leben, das er mir wunderbar schenkte, gar schrecklich betrogen und doch
glaube ich an jenes Leben, das uns verheissen ist.« - Der Mönch sagte ihm, er sei
vom Wege angegriffen, vielleicht von Kummer, sie wollten die dunkle Halle
verlassen, er möchte ausschlafen. - Bertold antwortete: »Hier bei den Meinen
möchte ich ausschlafen!« - Der Mönch sah ihn verwundert an und sprach: »Freilich
alle Menschen sollen Brüder sein, wenn sie es nur wären.« - »Darum ist mir so
wohl, wie mir nie gewesen«, antwortete Bertold, »hier ist brüderliche
Einigkeit, hier verfolgen sie die Ihren nicht mehr, sie wollen gern alle
beisammen sein jenseits der Erde, darum nur lassen sie den Ihren keine Ruhe auf
Erden.« - Der Mönch sah Bertold mitleidig an, er hielt ihn für einen
Wahnsinnigen; ihn zu zerstreuen, las er von der neu errichteten, schwarz
marmornen Gedächtnistafel die Inschrift vor: »Dass ein Geschlecht vergehe und das
andre komme, und die Erde indessen unbeweglich bleibe und ein jegliches Ding
seine Zeit und alles unter dem Himmel seine Stunde habe, dessen gedenket man
nicht, wie es doch jedem geraten ist, denn die künftigen Zeiten werden alles
zugleich in Vergessen bringen, was wir aufzeichnen von der Vergangenheit und was
wir schaffen in der Gegenwart, denn nichts erringen wir, als die Zukunft.« -
»Amen«, sagte Bertold, ein blauer Blitzstrahl zuckte durch die Halle, der
Donner rollte und ein Blutstrahl sprang aus der Armader Bertolds, da wo Faust
ihm das Blut Antons eingedrängt hatte, und löschte die Fackel des Mönchs. Der
Mönch liess die Fackel fallen und fasste Bertolds Hand, der nun sanft auf das
Grabmal des Stammvaters der Hohenstaufen niedersank. »Böser Faust! armer Anton,
junges Blut!« sagte Bertold mit schwacher Stimme, seine Hand ward kalt.
 
                                Achte Geschichte
                                   Die Taufe
Anton hatte sich nach dem Verdrusse über den vergeblichen Kriegszug, von
Bertold gewendet, denn er hatte sich auf den Ruhm gefreut, noch ehe er ihn
errungen, auch nahm ihn die Anwesenheit des Ehrenhalts gegen alles ein, was
unternommen wurde. Er liess sich durch keine Drohung des Meister Sixt bestimmen,
die Adler zu malen, welche an den Toren neben dem bisherigen Stadtwappen
aufgehängt werden sollten. Meister Sixt jagte ihn im Zorn darüber aus dem Hause,
vielleicht auch aus List, weil der Erwerb in der unruhigen Zeit sinken und der
Preis aller Lebensmittel steigen musste und Anton, wenn er sich selbst in der
Zeit durchgeholfen, zu ihm als dem einzigen Meister in der Stadt endlich doch
zurückkehren musste, um frei gesprochen zu werden. Anton gab ihm wenig gute
Worte, dass er ihn behielte, er konnte nichts mehr bei ihm lernen und sein Geiz
war unerträglich. Dem Herzog mochte er nicht zuziehen, denn ihn selbst hasste und
verachtete er, es war nur die Landessache, die ihn gegen die raubsüchtigen
Bundesscharen einnahm. Zum Glück gab es viel in den Weinbergen zu tun, und die
Leute mussten ihre Häuser wegen der fremden Völker, die da lagen, bewachen, so
dass es ihm an Unterhalt für Handarbeit nicht fehlte, vielmehr fand er
reichliches, ungemessenes Brot bei der Weinhacke, während er bei dem Pinsel
hatte hungern müssen. Am Sonntage half er dem alten Anno ohne Lohn und Brot, und
ging nach der Arbeit in die Stadt zu seinen Verehrerinnen Sabina und Verena, die
ihn immer schöner fanden, je mehr sich sein Gesicht und sein Hals in der Sonne
bräunte; die ihn um so reichlicher bewirteten, je seltener er jetzt kam.
    Anton sass eines Sonntags bei Verena im Vorzimmer von Frau Annen, als Graf
Konrad von Hohenstock, von dessen Anwesenheit er auf den Weinbergen nichts
vernommen hatte, durch das Zimmer zum Besuch bei Frau Annen, im zierlichsten,
samtnen, kurzgeschnittnen Wamse stolzierte und sein Gesicht in die angenehmste
Begrüssung voraus spitzte. Konrad stutzte ein wenig, als er Anton sah, es mochte
ihm wohl eine Erinnerung kommen, aber sie schien auch gleich wieder zu
verlöschen; er ging durch das Zimmer, ohne sich bei ihm aufzuhalten. Anton hatte
ihn beim ersten Blicke erkannt, es war ihm zu Mute gewesen, als ob er ihm um den
Hals fallen müsste. Alle Jugendstreiche fielen ihm ein, aber zugleich, ob Konrad
nicht auch hier auf dem Kriegszuge von den Kronenwächtern bewacht sein möchte.
Bald sah er auch eine jener ihm verhassten Gestalten, einen Reisigen, der nach
Konrad fragte, und schlich sich unter einem Vorwande fort.
    Auf der Strasse fasste ihn ein andres Gespenst am Rocke, es war Faust. »Wo
steckst du Vielfrass?« sagte der Doktor. »Lässt du dich wieder hier sehen, alter
Schwamm«, antwortete Anton, »du meinst, weil Bertold fort ist, gäbe es hier
keine Aufsicht mehr gegen solche Landstreicher.« - »Du überreifer Junggeselle«,
schrie Faust, »was weisst du, wie es in der Welt hergeht, der Bürgermeister, den
ich dem Bertold zum Ärger eingesetzt habe, ist ein Weinhändler, der ohne mich
nicht leben kann. Hast du denn schon dein zartes Brüderlein gesehen, den Konrad,
den Halunken, ihr könnt nicht von einem Vater sein.« - »Von mir darfst du
schlecht sprechen«, antwortete Anton finster, »aber nicht von Bruder und Vater;
was weisst denn du davon, dass es mein Bruder ist?« - »Mehr als du weisst«,
antwortete Faust, »war er es nicht, der dich beredete, der Kronenburg zu
entfliehen, du wärst verloren.« - »Freilich«, sagte Anton, »er hat mir das Leben
gerettet.« - »Es ist nicht wahr«, schrie Faust, »er hat dich um die Krone
betrogen, er war dir zur Hülfe nachgesendet von den Wächtern, aber er versteckte
sich aus Furcht; er beredete dich, zu fliehen und nahm dir das Schwert
Maximilians ab, und brachte es heim als Siegeszeichen, das er noch erbeutet
habe, nachdem du dich zwingen lassen, dem Kaiser den Weg zu zeigen. Und so ward
er als Erstgeborner von euch beiden durch die Entscheidung dieser kühnen Tat
anerkannt, er aber hofft, dass du inzwischen längst in Hunger und Pest
untergegangen bist.« - »Du lügst, du Teufelsbanner«, schrie Anton noch lauter
und hieb mit dem Stiel der Weinbergshacke auf dem fetten Rücken Fausts weidlich
herum. - »Das kostet dir dein Leben«, brummte Faust mit Zähneknirschen, »denn
wem dankst du deine Gesundheit, als mir, du bist mir dein gemässigtes, ruhiges
Blut schuldig.« Anton achtete nicht darauf, sondern ging zornig davon, indem er
noch immer in die Luft hieb. Die Bürger, die bei dem Streite herzugelaufen
waren, winkten Anton Beifall und liessen ihn ruhig gehen, der Teufelsbanner war
allen verhasst, aber die meisten scheuten sich, ihm zu missfallen, weil sie seine
Kunst brauchten und seine Zauberei fürchteten.
    Anton blieb jetzt vierzehn Tage auf den Weinbergen, denn er scheute den
neuen Bürgermeister wegen des Vorfalls mit Faust. An einem Sonntag schlich er zu
Sabina, diese aber stellte sich erzürnt; weil er sie so lange vergessen, so
möchte er nun auch wegbleiben. Er sagte ihr vergebens seinen Grund, sie blieb
ganz kalt und er schied von ihr, um zur Schwester zu gehen. Sabina wusste, dass
diese ausgegangen sei, also lachte sie ihm nach und meinte, er werde bald wieder
kommen, denn dass er mit Frau Anna eine Liebschaft habe, glaubte sie eigentlich
selbst nicht. Aber Anton kam nicht wieder, sie sah sich die Augen fast blind.
Anton war in Verenas Zimmer gegangen und hatte sich zu einer vollen Schüssel
gesetzt, als Anna eintrat, ihn verwundert anblickte und fragte, wie ihm das
Mittagsessen geschmeckt habe, das für sie da aufbewahrt stehe. Anton geriet in
grosse Verlegenheit und erbot sich, was es koste, abzuarbeiten. »Ich nehme Euch
beim Worte,« sagte Anna, »aber nicht heute, sondern erst in acht Tagen sollt Ihr
an die Arbeit gehen, wenn wir die Taufe feiern. Ich kann das Bild am Giebel
nicht leiden, das Ihr am Hochzeittage gemalt habt, mag es aber nicht vor den
Leuten ändern lassen, weil die gute, selige Frau Hildegard dies Bild als ein
Gelübde hat malen lassen. Ein grosses Blumenbrett habe ich jetzt vor dem Fenster
auf vielen eisernen Stützen errichtet, um Pomeranzenbäume da zu setzen, das
trägt viele Menschen und meine Verena ist alle Abende darauf beschäftigt, die
Windeln zum Trocknen aufzuhängen. An dem Abend ist voller Mond, Ihr könnt zum
Malen genug sehen und nehmt einen Weibermantel von mir um, dass, wenn Euch einer
zufällig sieht, Ihr für eins meiner Mägde gehalten werdet. Farben stehen noch
bereit beim grossen Brunnenbilde, weil Meister Sixt das neue Marmorhaus und die
Kapelle einträgt, die inzwischen fertig geworden. Malt die heilige Mutter und
ihr Kind, wie Ihr wollt, nur malt beide, besonders aber das Kind anders, als es
jetzt erscheint, ich kann es nicht leiden. Zum Lohn für das Unternehmen, das ihr
niemand verraten dürft, zahle ich Euch mehr, als Ihr zu einer Reise nach
Nürnberg und zu einem jährigen Aufentalt bei Dürer braucht.« Anton hörte dem
allem, was Anna nur nach längerer Überlegung und nach manchem Kampfe so deutlich
hersagen konnte, mit offenem Munde, wie einer himmlischen Botschaft zu. Die
Sehnsucht nach der Malerei hatte ihn erst ergriffen, seit er in den Weinbergen
hackte, er verglich die elende Wirkung dieser Tätigkeit (höchstens ein paar Mass
Wein mehr, die Faust in einer Stunde hinunter stürzte), mit der eines Bildes,
das von Tausenden bewundert, ein paar Jahrhunderte besteht und neue Schöpfungen
anregt, er hatte oft im Zorn darüber die Erde übermässig zerhackt. Er nahm
dankbar die Hand Annens, sprach seine Verehrung gegen Dürer aus, dessen »Ritter
zwischen Tod und Teufel« er auf einem Schloss gesehen hatte, - aber da hielt er
inne und sprach: »Wird mir's auch gelingen, etwas Besseres am Giebel zu malen,
denn ich kenne gar nichts andres seit jener guten Stunde, in welcher mir dies
Bild gelang, aufzuzeichnen, als diese beiden Gesichter, die Euch so verhasst sind
und die ich über alles verehre?« - Frau Anna machte ihm Mut und er glaubte
daran. Sie verbot ihm mit Verena über die Angelegenheit zu reden, sie wolle sie
an dem Abend bei den Schenktischen beschäftigen, er solle sich durch den Brunnen
einschleichen, wenn es dunkel geworden. Sie brach hier ab und ging in ihr
Zimmer, denn sie hörte Verena auf der Treppe.
    Diese tat, als ob sie Anton nicht sähe, brachte die Milch in das Zimmer
ihrer Frau, kam dann zurück und sagte: »Warst du allein?« - »Freilich!«
antwortete Anton. - »Es ist unmöglich«, rief Verena, »denn den herrlichen Braten
hast du kaum angerührt und kalt werden lassen.« - Anton leugnete, so gut sein
ehrlich Gesicht leugnen konnte. Verena sagte, dass die Schwester vom Brunnen her
die Treppe hinauf geschlichen sei und behauptet habe, Frau Anna flüstere
heimlich mit Anton und sie würden beide von ihr betrogen. Sie habe ihr noch
erzählt, am Morgen sei ein grosser Streit zwischen Mutter und Tochter über den
Namen Anno vorgefallen, den Bertold verordnet habe, weil er dem Namen Anton so
ähnlich klinge, dass die Leute darüber spotten würden. Anna habe so heftig
darüber gezürnt, dass Apollonia geschworen, sie wolle das Haus nicht mehr
betreten, sie hätte sonst nur Schande von ihrer Aufsicht, das wolle sie an
Bertold schreiben und ihm alles anheim stellen. Anton verstand wenig, was das
alles bedeuten solle. Weil er sich bewusst war, an allen den Gerüchten und
Scherzreden unschuldig zu sein, so machte es ihm viel Vergnügen, was sich die
Leute für Grillen in den Kopf setzten, er fand sich sogar ein wenig
geschmeichelt, dass die schöne Anna seinetwegen in den Verdacht eines
Liebeshandels gekommen. Er verlachte den Zorn von Verena, ging fort und grüsste
Sabina nicht einmal im Vorübergehen.
    Zum Schmause bei der Taufe war die Bürgerschaft eingeladen, auch manche
Bekannte aus der Gegend versprachen zu kommen, doch Kugler bedauerte, dass er
durch die bevorstehende Entbindung seiner Frau abgehalten sei. Frau Apollonia
besorgte alles Nötige zu dem Feste in ihrem Hause, aber sie hielt ihr Gelübde,
das Haus ihrer Tochter bis zu Bertolds Rückkehr nicht zu betreten. Anna sah
darin nur ihre Liebe zu Bertold und ihren Ärger gegen sie und da die Vorwürfe
der Mutter aus so verhasstem Grunde entstanden, so hielt sie es für eine
verdächtige Nachgiebigkeit, wenn sie den ersten Schritt zur Versöhnung täte;
wäre Anton erst fort, so meinte sie, dann fiele aller Verdacht. Sie suchte sich
zu zerstreuen, indem sie Konrad und die Ritter, die er einführte, öfter in ihrem
Hause sah, und das zerstörte ihren guten Ruf bei der Bürgerschaft. Es mieden
nämlich in gemeinsamer Verabredung alle ordentliche Frauen der Stadt den Umgang
dieser verhassten, kostbaren Gäste. Frau Anna, die als eine Fremde mit keiner
Frau in recht vertrauten Umgang getreten, war auch von denen, die sie sonst
zuweilen bei sich gesehen, durch Bertolds Verfeindung mit der Bürgerschaft
getrennt, sie ahndete nichts von einem solchen Entschlusse und sah die Fremden
gern, bloss darum, weil sie fremd waren und etwas Neues erzählten. Die Bürger
dachten sich bei dem Umgange Annens teils geheime Absichten, teils Liebschaften,
und selbst die Einladung zum Schmause bei der Taufe schien vielen so verdächtig,
dass sie am Sonntage Morgens, wo er gehalten werden sollte, noch eine
Bürgerversammlung in einer der grössten Trinkstuben anordneten. Es waren ein paar
fremde Reisigen erstochen gefunden worden, ein paar waren wirklich im Ratskeller
von den Bürgern gar übel in einer Schlägerei zugerichtet und die Bürger
fürchteten, dass sich die Fremden für alles auf einmal rächen möchten, wo es die
Leute am wenigsten ahndeten. Sie hörten insbesondere vom Grafen Konrad viele
Tücken, die er in der Gegend durch seine Leute hatte ausüben lassen, und
meinten, dass er Waiblingen nur schone, um es auf einmal recht gründlich
auszuplündern, wenn er es erst gründlich kennen gelernt habe; sie wussten nicht,
wie hoch Waiblingen in der Gunst der Kronenwächter stehe, wie viel stürmischer
er seiner Liebschaft zu Annen nachgetrachtet, wenn ihn nicht ein strenges Verbot
in den Schranken der Zucht gehalten hätte. Haring, der Kunstpfeifer, zur
Schusterzunft eingeschrieben, erzählte, dass es Blut geregnet habe auf das Kleid
seiner Frau, das bedeute grossen Kampf, sie wären alle verloren, wenn sie einen
der Ihren im Stich liessen. Dass er noch immer Grünewalds Zorn für seine Haut
fürchte, das verschwieg er, weil er ihn wohl verschuldet hatte am Hochzeitfeste,
er tat vielmehr, als ob er sich für das Ganze aufopfere, obgleich er so viel
Vorteil vom öfteren Tanz bei den Fremden erntete; er schwor, zur Sicherheit
seiner Mitbürger, einen guten Degen in seine Posaune zu stecken, und so solle
sich jeder heimlich bewaffnet einfinden, dann könnte ihre Überzahl siegen. Der
neue Bürgermeister hatte sich aus Vorsicht krank melden lassen, weil er aus den
trunknen Worten des Doktor Fausts auf grossen Streit schloss, der sich am Abend
ereignen könnte, aber er wirkte in der Versammlung durch einen seiner Schwäger,
welcher Jackel, oder der dürre Jäger genannt wurde. Dieser regte die Galle der
Bürger, indem er ihnen ein Schimpflied in bayerischer Mundart, wie es ihm die
bayerischen Reisigen, wenn er auf die Jagd gehe, vorgesungen, mit grimmigem
Gesichte nachsang, es berichtete von neun Schwaben die gegen einen Hasen zu
Felde gezogen und davon gelaufen sind. Haring schrie wie seine Bassposaune, er
wollte den Bayern schon zeigen, dass sie sich in Schwaben auf die Hasenjagd
verständen. Den Schlussstein dieses schwankenden Gewölbes öffentlicher Ruhe und
Gesetzlichkeit nahm der Türmer vom Augsburger Tore (wo Bertold auferzogen),
indem er berichtete, dass am Morgen der Graf Konrad mit einigen Reisigen sich da
umgesehen und die geputzten Bürgerfrauen und Bäuerinnen, die aus- und
eingezogen, mit dem Blut einiger Tauben und Krähen, die sie geschossen,
besprützt habe, dass dadurch bei dem trüben, schwülen Himmel das Gerede
entstanden, es habe Blut geregnet. - »Die Gotteslästerer«, rief Haring, »das
neue Kleid meiner Frau so zu verderben; Blut soll es regnen, aber ihr Blut!«
    So endete die Versammlung nach der Messe, es wurde dabei wacker gezecht, dass
mancher nicht das Gebot des Schweigens vernahm, das sich auch auf alle
erstreckte, die mit Bertold in Verbindung standen. Haring selbst konnte gegen
Frau und Kind die Heldentaten nicht verhehlen, die er beabsichtige, wenn ihm
einer in den Weg träte. Sein Söhnchen prahlte mit diesen Heldentaten gegen den
Reisigen, der dort in Wohnung lag. Der Reisige lief zu seinen Kameraden, ihnen
zu erzählen, dass bei dem Feste etwas gegen sie unter den Bürgern im Werke sei.
Sie beredeten sich, wie sie einander nahe sein wollten und wie sie sich gegen
die Menge stellen wollten, um im Falle ihre Feinde überlegen wären, des Auszugs
sicher zu sein. Bei ihnen galt Konrad für ein leichtsinniges, unerfahrnes
Grafensöhnchen, das eine Liebschaft mit Frau Anna habe und alles ausschwatzen
könne, ihm blieb alles verschwiegen. So erfuhr Anna von keiner Seite etwas von
den Besorgnissen, denn alle, die zu ihrem Hause gehörten, waren seit Bertolds
Abfall von Herzog Ulrich nicht mehr in den Zünften erschienen, um Vorwürfe gegen
Bertold nicht anhören zu müssen.
    Grünewald und Anton sassen den Morgen einsam in ganz verschiedner Quälerei
und Betrachtung. Anton hatte den alten Anno angekleidet, der sich zur Taufe im
reinlichen Wams zeigen wollte dann hatte sich der Alte zu seinem Geberbuche
hingesetzt und Anton zu seinem Zeichenbuche. Anton hatte lange gebetet, dass eine
heilige Mutter mit dem Kinde seiner Seele sich darstelle, die vollkommner und
reiner das Wesen derselben zeige, als jene, die er am Hausgiebel gemalt hatte.
Aber immer deutlicher schwebte ihm dieselbe Gestalt vor. Schon gab er sich
verloren, weil er das Bild nur verderben könne, wenn er es ändern wollte, und
wollte sich gar nicht die Mühe geben, es aufzuzeichnen. Aber endlich riss er doch
so in Gedanken, um die Hand zu beschäftigen, das Bild auf, wie es ihm
vorschwebte. Die Arbeit unterhielt ihn in emsiger Tätigkeit und erst wie es
fertig war, erkannte er zu seinem Erstaunen, es sei dasselbe und doch ganz
anders wie jenes, das er auf den Giebel gemalt habe. Es war so viel fester,
reiner, erdenfreier, als jenes, dass ein gemeines Auge den Ursprung aus jenem
übersehen hätte, die Ähnlichkeit war nur noch ihm kenntlich. Seine Seligkeit
hatte keine Grenzen, aber je freudiger und reiner er zu dem erhabnen Abbilde,
das sich ihm, dem unwürdigen Arbeiter geschenkt, betete, desto unruhiger füllte
ihn Annens Bild mit Wünschen, die er nie gefühlt, mit einer Sehnsucht, der er
sich gern entzogen hätte. Ihm schauderte vor dem seltsamen Abende, der seiner
wartete! Die harte Arbeit, die er in der Zeit ertragen, machte ihm den Müssiggang
des Sonntags gefährlich; ruht die Mühle, so füllt sich der Mühlteich und tritt
über die grüne Wiese, die er bisher nährte.
    Grünewald sass in der neu erbauten Kapelle, da wo Bertold die Nachricht
erlauschte, dass ihm ein Kind geboren werde, und wollte ein Freudenlied auf die
Taufe dichten, wie er deren unzählige auf alle Kinder für Geld gemacht. Aber
kein Reim wollte sich zu allen unzähligen, freudigen Anfängen finden lassen, die
er hinaus stiess. Diese Seltsamkeit rief ihm die Geschicke des Hauses zurück, er
gedachte des Bergmanns, er sah um sich und fand eine wunderherrliche, reife
Frühbirne unter den Blumen des Grases. Diese nahm er auf und zeigte sie dem
Kinde, das von Annen in den Garten getragen wurde, und sprach dazu in Reimen:
Nimm auf die abgefallne Frucht,
Es ist die süsseste von allen,
Es hat sie keine Hand versucht,
Weil über ihr die Blumen wallen;
Ich aber sah nach allen Zeichen
In dieses Tages Müssiggang,
Und konnt ihr nicht vorüber streichen,
Mich hielt ihr Duft mit süssem Zwang.
Sieh an des Fusstritts Einsamkeit,
Der hier zu der Kapelle lenket,
Du warst mit dir in stillem Streit,
Als ich ein Zeichen dir geschenket,
So führt ein Zeichen zu dem andern
In meines Glückes Müssiggang,
Wir wollen jetzt nicht weiter wandern,
Es füllt mein Herz ein naher Klang.
Glück auf, so klingt es aus dem Grund,
Als wenn ein Bergmann ihn durchdrungen,
Es grüsst dies Kind sein frommer Mund,
Weil er nach ihm so kühn gerungen.
Im harten Fels fand er die Quelle,
Zu einer Taufe Freudenbund,
Jetzt strahlet sie zur Sonnenhelle,
Doch dringt kein Strahl zum schwarzen Grund.
Grünewald erschrak einen Augenblick, als er den letzten Reim gesprochen, das
Wort hatte sich ihm im Munde umgedreht, er suchte seine Verlegenheit in eine
andre zu stürzen, er unterhielt einmal wieder Annen mit seiner Liebe. Anna war
wohl nicht so heiter gestimmt, wie sonst, wenn sie über seine Leidenschaft
scherzte, sie sagte ihm mit Empfindlichkeit, dass er in einem Alter sei, dem
dergleichen Verwirrungen nicht mehr wohl ständen, und in einer Zeit lebe, die
mit ernsteren Dingen beschäftigt wäre. Grünewald hatte nie eine Ahndung gehabt,
dass er so ernstaft genommen werden könnte, er flehte um Rat bei der zürnenden
Anna, was er tun solle, um ihr wieder zu gefallen und dass sie ihm nicht mehr
zürne, aber sie sagte ihm, von der Sonne und dem unruhigen Kinde geplagt, ein
kurzes »Gott befohlen!« und ging in ihr Haus. »Wäre ich nur Anton!« rief er ihr
in seinem Zorne nach, es ärgerte ihn, dass er einst von Anton ein Bett angenommen
habe.
    Die Kapelle am Brunnen wurde zur Taufe geschmückt und das vertrieb den
ärgerlichen Grünewald, weil er nun nicht mehr mit sich reden und zanken konnte.
Er setzte sich in einen Winkel des Brunnenhauses, um seinem Verdrusse recht
nachzudenken und ihn ganz aufs reine zu bringen. Es erschien ihm wie ein Befehl
von Frau Annen, dass keiner, der da Wasser holte am Brunnen nach ihm frage, ihn
zum Feste einlade, ja dass manche sogar seinem Ansprechen nur kurze Antwort
gaben. Er gedachte nicht der Eile, die das ganze Haus zur Bedienung der Gäste
mit einem Vesperbrote beschäftigte. Seine traurigen, eingebildeten Geschicke,
dass er hungre und niemand ihn zum Vesperbrote lade, schnürten ihm die Kehle zu,
er rang die Hände und weinte, dass wieder ein Mensch zu gleichem traurigen
Geschicke in die Welt gesetzt und getauft werde. Der Gram öffnete sich endlich
eine Ader in der Zunge und es strömte eine trauervolle Wahrsagung über das Kind,
das jetzt vom frommen Anno in feierlichem Zuge der Bürgerschar, vorbeigetragen
wurde.
Auf Menschen sollst du nicht vertrauen,
Sie kennen nur die eigne Not,
Es überkommt sie leicht ein Grauen
Und du lebst einsam in dem Tod.
Vertrau dem Wort in deiner Seele,
Das dir nicht eigen, du bist sein,
Es dringt aus freudensel'ger Kehle,
Es klingt in deinem Jammerschrein.
Die Glocke wird umsonst geschwungen,
Trifft sie kein harter Hammerschlag,
So wird das Wort von dir errungen,
Du bebst dem Klange lange nach.
Der Kindheit Schrei'n und Freudenlallen,
Hat manchen ernsten Mann belehrt,
Das Wahre muss uns erst gefallen,
Das jeden in sich selbst bekehrt.
Des Paradieses Frucht bewahre,
Der Apfel reift zur Weihnachtszeit,
Und du wirst selbst das ewig Wahre,
Suchst du des Schönen Seligkeit.
 
                               Neunte Geschichte
                              Der Kampf am Brunnen
Frau Apollonia, ihrem Schwure treu, das Haus der Tochter nicht zu betreten, ging
von der heiligen Taufhandlung, der sie als Zeugin beigewohnt hatte, sogleich am
Brunnen vorbei nach ihrem Hause zurück. Sie sah Grünewald im Winkel sitzen und
meinte, er sei eingeschlafen dort und vergessen worden. Sie trat zu ihm und
sagte: »Wacht auf, geht zum Schmause, wenn Ihr gleich die heilige Taufe
verschlafen habt.« - »Ich schlief nicht«, antwortete er, »aber ich wollte, dass
ich geschlafen hätte, da hätte ich nicht gesehen, was ich nicht sehen sollte.« -
»Was saht Ihr denn wieder?« fragte Apollonia bestürzt. - »Ich sage nichts«,
antwortete er, »ich habe hier sehr ernst nachgedacht über alle Ereignisse meines
Lebens, ich bin ein ganz andrer Mensch geworden, ich will schweigen, wie ein
Kartäuser; das ewige Reden, Horchen und Wiedererzählen, was ich nicht lassen
kann, rührt all den Schlamm in dem blumig bewachsenen Behälter des menschlichen
Herzens auf; hier ging einer vorüber, der mich auch für schlafend hielt. Habt
Ihr keinen bei der Taufe unter den Bürgern vermisst« - Apollonia fragte kleinlaut
»Anton?« - Grünewald nickte, aber er sagte kein Wort, denn er bemerkte Sabinen,
die an der Tür ihnen zuhorchte. - Apollonia ging mit Achselzucken fort, aber
Sabina trat jetzt zu ihm, erzählte ihm ganz offen, dass sie eine Neigung zu Anton
habe, ihre Schwester Verena auch und dass sich Anton gegen sie zwar nicht
zärtlich anstelle, dass er ihr aber zuschwöre, er sei mit ihrer Schwester auch
nicht vertraulicher, das habe sie so hingehalten, weil sie geglaubt, es werde
noch die Zeit kommen, wo sein Herz gegen sie erwache. Neulich sei sie ihm
nachgeschlichen, als ihre Schwester ausgegangen, da habe sie ihn mit Frau Anna
in Unterredung gehört und sie hätten aber leise geflüstert, dass sie nichts
verstehen können. Bei dieser ihm zuverlässigen Entwickelung überlief Grünewald
die Galle, er fluchte auf Frau Anna, schwor, dass er keine Stunde länger in der
Stadt leben, sondern sich der Kette entreissen wolle, möge Stadtvogt werden, wer
Lust habe, mit seiner Ziter und seinem Mantel sei er noch immer jung, wenn
gleich sein Scheitel kahl und sein Haar grau geworden. Sabina sah ihn verwundert
an, wollte ihn halten, meinte, es sei nicht sein Ernst, aber er lief ihr zur
Warnung mit Abscheu aus dem Hause, aus der Stadt, wie die Sturmvögel den
Schiffern dadurch zur Warnung dienen, dass sie sich selbst in Sicherheit bringen
und die Küste zu erreichen suchen.
    Obgleich Frau Anna bei der durch die Kriegsgeschicke so lange verspäteten
Taufe selbst hätte gegenwärtig sein und den Schmaus durch ihre Gegenwart beleben
können, so war doch das erste gegen die Sitte und das letzte bei der Abwesenheit
ihres Mannes unschicklich. Sie hatte Grünewald gebeten, die Stelle des Wirts als
Stadtvogt zu übernehmen, aber sie sah ihn nicht wieder seit dem Morgen, wo sie
sich mit ihm gestritten hatte. Sie war daher verwundert, als sie vernahm, er sei
nicht beim Mahle erschienen und die Stelle des Wirtes sei noch unbesetzt. Sie
erhielt diese Nachricht in unbequemer Überraschung durch Verena, die sie an den
Schenktisch gebannt glaubte, nachdem sie schon Anton in ihre Zimmer und zwar
zuerst in das geführt hatte, wo Meister Sixt an dem grossen Familienbilde gemalt
hatte, um sich die Farben vor der Dunkelheit zu bereiten. Gleich schickte sie
das Mädchen mit der Bitte zur Mutter, dass sie diese Stelle übernehmen möchte.
Diese schlug es ihr rund ab, noch tiefer gekränkt durch das, was ihr Grünewald
vertraut hatte. Die Gegenwart der Mutter hätte vielleicht dem Unglück
vorgebeugt. Anna sagte verdriesslich zu Verena, sie solle zurückeilen, den
Ehrenplatz des Wirts möge einnehmen, wer da wolle. Kein Bürger hielt sich bei
der Abwesenheit des Bürgermeisters zu dieser Ehre bestimmt, so kam's, dass sich
Graf Konrad dahin setzte und Faust, den er auf einmal vertraulich kennen und zu
ehren schien, die Oberstelle neben sich einräumte, was manche Bürger so kränkte,
dass sie augenblicklich das Fest verliessen. Den andern versenkte der gute, alte
Wein aus Bertolds Keller allen Ärger, Sorge und Vorsicht, viele Gesundeten
wurden von Konrad aufs Wohl der Stadt ausgebracht. Auch der Tanz wurde nach
Aufhebung der Tische mit freudig taumelnden Herzen von der Jugend, unter Konrads
Anführung ausgeführt, während Faust mit Kunststücken, die fast wie Hexerei
aussahen, die älteren Leute und die Kinder um seinen Tisch sammelte. Er fragte
nach manchem, endlich auch nach Anton, aber keiner hatte ihn gesehen. Doch
Sabina trat zu ihm und sagte ihm etwas ins Ohr. Gleich warf er sein Kartenspiel
fort, sprang vom Tische auf und redete mit Konrad leise.
    Unterdessen war Anton sehr fleissig gewesen. - Als der Aufgang des Vollmonds
nahe schien, glaubte es Anna die rechte Zeit, Anton in ihr Schlafzimmer zu
rufen. Sie löschte das Licht als ob sie zu Bette gegangen, und rief ihn nicht
ohne Zagen hinein. Anton wurde von ihr aus einer Träumerei erweckt, deren
Gegenstand sie war. Diese Vertraulichkeiten waren ihm gefährlich, die
Heimlichkeit erregte sein Blut, dass er fürchtete, nicht sicher und ordentlich
malen zu können. Er trat ein mit den Farben und legte alles auf das
Fensterbrett, aber da es noch nicht hell vom Mondschein, so setzte er sich zu
Anna in die Nähe des Fensters, wo sie den Aufgang des Mondes beachten konnten.
Sie sprachen gleichgültige Dinge, aber doch fühlte er ein Niegefühltes, über das
er nie Herr werden könnte, in sich jung werden, alle Seligkeit, welche ein
jugendlich träumendes Herz in der Liebe ahndet. Wie ein Mäuslein, das einen
reichen Tisch im Dunkel wittert, sich aber noch nicht verraten mag, so sass er
still mit glänzenden Augen und immer rief es in ihm: das ist meine Nacht, meine
Anna, mein Haus, mein Kind! Auch Anna fühlte ein Wohlwollen gegen ihn, dass er
sie aller Sorge entreissen wolle, indem er das Bild ändre und nach Nürnberg
ziehe, und sprach zu ihm: »Lieber Anton, hier ist Reisegeld nach Nürnberg!« -
»Es ist noch nicht verdient«, erwiderte Anton, »Ihr seid so gut, jetzt tut es
mir erst leid, dass ich wandern soll, aber ich will Eurer Unterstützung Ehre
machen bei Dürer; ich komme wieder als ein berühmter Meister, oder nimmermehr.«
- Nimmermehr, dachte Anna, aber sie sagte es nicht, um ihn nicht zu kränken.
»Die Zeit wird auch kommen«, sagte sie. Er hatte sich vor ihr auf ein Knie
niedergelassen und ihren Fuss geküsst, sie drückte mit dem Fuss ganz leise seine
Hand, die er ihm als Teppich untergelegt hatte. Die Blüten der Orangen wehten
jetzt ins offene Fenster und Anna sagte: »Steht auf, Anton, der erste Rand des
Monds steigt über die Häuser, wie ein umgestürztes Glutschiff, er ruft zur
Arbeit, dass er nicht untergeht, ehe Ihr fertig seid.« Sie wollte ihm die Hand
reichen, um ihm aufzuhelfen, aber, nach dem Monde schauend, verfehlte sie die
Hand und fuhr über den schönen Umriss seines Gesichts, dass er sich lebendig in
ihr gestaltete, sie hätte ihn in Ton darstellen können, wenn sie die Bildnerei
damals schon getrieben hätte. »Nun weiss ich, wie es den Blinden geht«, sagte sie
verlegen, »und wie sie die Leute kennen!« - Und er entgegnete: »Und ich weiss
nun, wie einem Menschen zu Mute, der sehen lernt, denn mit Eurer Hand kamen mir
die ersten Strahlen ins Auge und nun sehe ich schon Euer Antlitz im
Mondenschein.« Er erhob sich und sehnte sich zu ihrem Munde, denn seine Hände
waren von der Arbeit gehärtet und er fürchtete mit einem Druck derselben sie zu
verletzen, so schwankte er nach ihrem Munde und wieder zurück und er konnte sie
nicht erreichen, denn schon stand der reine Mond über der Erde und die
Wolkenengel verbargen scheu im Kreise umher ihre Angesichter unter farbigen
Flügeln. »Der Mond ist rund und voll«, sagte Anna, »er schaut durchs Fenster,
wie Ihr damals an meinem Hochzeitmorgen, der Markt ist leer, drüben ist alles
beim Tanze eifrig versammelt, eilt Euch lieber Anton; hier ist der Mantel der
Verena, hängt ihn um, diese Tücher über die Leine, so kann Euch niemand sehen,
viel weniger erkennen.« - Anton folgte ihrem Befehl ohne Anstand und, wie er so
verkleidet hinaustrat, stand nicht Anna, sondern das heilige Bild vor seinen
Augen, das ihn am Morgen mit seinem Umriss beglückt hatte. Die Beleuchtung war
hinlänglich, er hätte ohne Licht sehen können, so war seine Stimmung. Kein
Pinselstrich misslang, die kräftige Farbe überdeckte bald die schwächere seines
ersten Bilds, das in seinem Umriss sehr leise und sogar unbestimmt gehalten war.
    Kaum zwei Stunden angestrengter und doch nicht gefühlter Tätigkeit bedurfte
es, um beide Gesichter dem Höheren zu nähern, was seiner Seele vorschwebte, aber
ohne zu zerstören, hätte er jetzt in den nassen Farben nicht weiter ausführen
können. »Für diese Höhe wird es gut genug ausgeführt sein«, sagte er zu Annen
niederblickend, die ungeduldig der Beendigung harrte. »Es ist gewiss recht gut
und beendigt«, sagte sie und reichte ihm den Arm, dass er sicher von dem
Blumenbrett auf den Stuhl und von da zur Erde kam. »Euer Geld ist wohl verdient,
denke ich«, sagte sie ihm dann, indem sie ihm einen Geldbeutel in seine Tasche
steckte; »Ihr habt so eifrig gemalt, es wird gewiss ein tüchtiger Maler aus Euch,
ich habe Euch so in aller Stille beobachtet.« - »Darf ich denn keinen Augenblick
zum Abschiede in Eurer Nähe verweilen«, antwortete er traurig, »wer weiss, ob wir
uns je wieder sehen, Krieg und Pest wüten in der Welt.« - »Hier dürft Ihr nicht
weilen«, sagte Anna, »aber ich will Euch noch auf einige Schritte bis zur
Haustüre das Geleite geben, damit Ihr heute meinen guten Willen gegen Euch
kennen lernt; morgen früh dürft Ihr nicht mehr unsern Turm sehen, das gelobt
mir, Ihr möchtet sonst das Geld vergeuden.« - Anton versprach's und beide gingen
leise die Treppe des leeren Hauses hinunter zum Haustore. - Das Tor war aus
Vorsicht vor den Leuten, die alle zum Tanz hinüber nach dem Rataus gelaufen,
fest verschlossen. Unbekümmert wendeten sich beide nach dem Garten, gingen in
der gekühlten Nachtluft einige Schritte in den Gängen und setzten sich dann am
Brunnen. »Rauschte nicht etwas neben uns?« fragte Anna und wollte schon wieder
in ihr Haus zurückkehren. Aber es fiel ihr ein, dass Anton könne erkannt werden,
und sie fuhr fort: »Es ist gut, dass Ihr vergessen habt, den Mantel Verenas
abzulegen, hier setzt noch meinen Schleier auf, so wird Euch keiner erkennen bei
der Menge fremder Menschen, welche der Sonntag und die Taufe in die Stadt
geführt hat.« Eben wollte sie fortgehen, da hörte der Brunnen zu fliessen auf,
sie bemerkte diese wunderbare Erscheinung und sagte: »Seht, da ist die Arbeit
doch vergebens gewesen, er hat die Dürre dieses Monats nicht überstanden, er ist
eingetrocknet.« - »Es ist nur der Überfluss«, meinte Anton, »der überzufliessen
aufhört, für Euer Haus ist er immer noch reichlich gefüllt.« - »Der Überfluss ist
doch schön«, sagte sie, »ich wollte nicht, dass es ein Vorzeichen für das
Schicksal unsers Hauses würde.«
    So sprachen sie noch ihre Gedanken aus über den seltsamen Vorfall und keiner
dachte an sich, da hörten sie die Musik des Kehraus in dem Hause der Mutter und
sahen viele Kerzen. Anna hasste diese Tanzweise, sie wollte sich fortflüchten
nach ihrem Hause, aber gleichzeitig kam ein andrer Zug mit der verhassten Musik
durch ihr eignes Haus in den Garten. So waren sie in dem Brunnenhause
eingeschlossen und mussten hoffen, dass keiner der beiden Züge dahindrängte. Aber
wie verabredet zu ihrem Verderben, sahen sie jetzt Faust mit seinem Zuge der zum
Schlusstanze geordneten Paare von der Mutterseite und Graf Konrad mit gleich
starkem Zuge vom Hause gegen den Brunnen ziehen, bei Faust leuchtete Sabina mit
einer Fackel voraus, bei Konrad Verena. »Gewiss hat Sabina uns hier gesehen«,
rief Anton, »wie werden sie Euch alles zum Schaden deuten, lebt wohl, ich
verberge mich im Brunnen, ich verstehe das Untertauchen.« - Aber Anna hielt den
Übereilten an dem Mantel fest, auch trat schon Faust mit seinem Zuge, von einer
Abteilung Musiker begleitet, herein. »Teufel«, rief Faust, »da finde ich endlich
eine Tänzerin, waren doch alle andern schon gepaart«, und nahm die Hand Antons,
indem er zu Konrad, der mit seinem Zuge von der andern Seite eindrang, unter
boshaftem Lachen die Tanzreime des Kehraus sang: »Und als der Grossvater die
Grossmutter nahm, da war der Grossvater ein Bräutigam!« - Konrad ergriff mit
gleichem Ungestüm Frau Annens Hand, und so ging's in dem Drange von beiden
Seiten um den Brunnen herum. Faust machte mehrere Bewegungen mit Durchschlingung
der Arme, um Anton Schleier und Mantel zu entreissen, aber beide waren durch eine
zum Knoten gezogene Schleife befestigt. »Holde Schönheit«, schrie endlich Faust
zu Anton, »ich kann nicht mehr leben, wenn ich dich nicht sehe.« - Anton wagte
jetzt sein Letztes, er sprang zu Konrad, und raunte ihm ins Ohr: »Ich bin Anton,
dein Bruder, rette mich gegen den Zudringlichen!« - Aber Konrad antwortete laut:
»Hört, dies Riesenmädchen ist ein Mann, seht ihn an, Frau Anna mag viele Männer
um sich leiden, wenn sie nur einen Schleier tragen.« Er hatte in dem Augenblicke
das Drachenmesser aus Frau Annens Gürtel gerissen, um jenes Band am Schleier,
zur Beschämung Annens, aufzuschneiden. Faust aber schlug so begeistert den Takt
des Tanzes umher, dass er dieses Messer tief in Antons Arm an eben der Stelle
einschlug, wo er damals die Ader öffnete, um die Transfusion des Blutes zu
bewirken. Ein Blutstrahl sprang aus der Ader über den Brunnen nach Frau Annen
hin, Mantel und Schleier sank von der Schulter Antons, alle erstarrten und
Konrad rief: »Ich bin unschuldig an dem Blute!« - Frau Anna sank erblasst am
Brunnen nieder, ihr letztes Wort war: »Fluch und Rache über euch!« Anton sah und
hörte nur sie und sein Zorn machte sich frei. Mit einem Faustschlage traf er
Faust, dass er an die Seite taumelte, mit dem andern Konrad, der ihn halten
wollte. Das Geschrei der Frauen verkündete gleich ausserhalb Mord und Totschlag,
Konrad stürzte blutend aus dem Brunnenhause.
    Die Reisigen waren gleich beisammen, sie sahen ihres Führers Blut, sie
nahmen ihn in ihre Mitte, zogen ihre Schwerter und machten sich Luft, um nicht
im engen Gartenraume von den Bürgern, die sie dazu eben vorbereitet und im Werk
glaubten, gegen die Mauern gedrängt und erschlagen zu werden. Haring rief nahe
den Reisigen die Bürger zusammen, aber ehe er noch seinen Degen aus der Posaune
ziehen konnte, stürzte ihn ein Reisiger auf die Posaune, diese schob sich
zusammen und die Spitze des Degens in seine Kehle, so dass er als der erste Tote
fiel. Die Bürger konnten in Überraschung erst allmählich zu ihren versteckten
Waffen kommen, sie konnten den Auszug der Reisigen aus dem Garten und dem Hof
auf den Ratausplatz nicht hindern, wo diese sogleich die Hauptstrasse besetzten,
um zu ihren Pferden zu gelangen und im Notfall abziehen zu können.
    An Harings Blute erhitzte sich das Blut aller Bürger. Umsonst suchten
verständige Frauen und Töchter ihre Männer und Brüder von dem Kampfplatze in
ihre Häuser zu ziehen, weil die Strassen in diesem Augenblicke noch grösstenteils
frei waren, während törichte Frauen aus Harings Verwandtschaft ihre Männer zur
Rache aufriefen, indem sie ihnen schworen, dass sie ihnen jeden Schimpf antun
wollten, wenn sie das von den übermütigen Reisigen litten. Der Bürgermeister
Kranz vermehre das wilde Geschrei mit seinen Klagen um den Faust, den er blutig
fortführte; er hatte keine Seele, um auf die Leute in gutem zu wirken, und kein
Herz, sie in den Streit zu führen. Sein Schwager, der dürre Jäger, vereinigte
dagegen alle Bürger, die sich allmählich bewaffnet einfanden, mit dem Geschrei:
»Blut will Blut, wir sind zehne gegen einen.«
    So tobte die Menge der Bürger ihm nach auf den Marktplatz, die Reisigen
anzugreifen: während dort das Geschrei, das Rasseln der Rüstungen, das Schlagen
der Waffen, das Trotzen und Aufmuntern der Mutigen, mit allem Jammer und
Hülferufen der Bedrängten und der Frauen aufloderte, das Getrappel der Pferde,
das Bellen der Hunde mit Feuerlärm sich mischte, versank der Garten in eine
tiefe Totenstille.
    Anna erwachte erst in dieser Stille, eine niedergefallene Kerze hatte ihr
Haar ergriffen, sie glaubte in Feuer zu stehen, aber in dem Augenblicke, wo sie
sich bewegte, sank das Haar knisternd in das Brunnenbecken, neben welchem sie
lag. Das Haar war verloren, wie bei einer Nonne, ihr Leben war gerettet, sie
besann sich und ergriff die Kerze, welche am Boden lag, und richtete sich auf.
Da erkannte sie, dass sie nicht geträumt habe, und sah Anton entseelt
ausgestreckt über die Stufen des Brunnens; mit seinem Zorne war auch seine Kraft
um so schneller durch die geöffnete Ader entströmt. Sie sah ihr Kleid von seinem
Blute gerötet, es rief in ihr mit einer fremden Stimme, als wäre es Bertold,
der es ihr zuriefe: »Armer Anton, junges Blut!« Und sie musste mit Verzweifelung
sich zurufen: »Anna, Alma, du trägst sein Blut, du trägst die Schuld seines
Todes, der Brunnen der Gnade hat aufgehört zu fliessen, du kannst deine Seele
nicht rein baden.«
    Wer möchte ein zweites Erdenleben um die Verzweifelung eines so reinen
Herzens erkaufen! Guter Bertold, du warst betrogen, armer Anton, dir kostet's
dein junges Blut! Die Verzweifelung trieb Annen, jedes Mittel zu versuchen, das
ausströmende Blut von Antons Wunde zu stillen, sie schrie umsonst nach Hülfe,
die Raserei und die Furcht des Kampfes betäubte alle Bewohner der Häuser. Sie
zerriss Schleier und Mantel, um das Blut zu stillen, aber es war zu mächtig in
seinem Andrange. Endlich kniete sie nieder, als ihre Kraft, ihre Einsicht
erschöpft waren, flehte zu allen Heiligen, denen sie sich je empfohlen, und
heftete ihre Lippen auf die Wunde, ohne zu wissen, was sie tat. So still betend
hoffte sie zu vergehen, und zugleich mit dem, dessen Tod sie in falscher
Klugheit verschuldet, vor dem Richter der Welt zu stehen.
    Wird sich die Wunde nicht schliessen bei dem Gebete, bei dem Drucke so
schöner Lippen! Der Lärmen des Kampfs stillt sich, die Reisigen drängen sich
fliehend zum Tore hinaus, die Bürger ihnen nach: die Verwundeten sind
heimgetragen, die Toten schweigen und die Nacht wird still, dass Anna die
Mühlenräder in der Rems und die Räder der Turmuhr in ihrem festen, gleichen
Gange zusammen hören kann mit ihrem heftig schlagenden Herzen. Ein Glaube dringt
mit dem Glanz der Sterne in ihr Herz, sie werde vergehen, oder Anton werde mit
der Sonne erstehen, die Augen aufschlagen, sie von der Schuld seines Todes
befreien und ihre Unschuld bezeugen, wie der glühende Stahl in der Hand
angeklagter Frauen ihre Unschuld im Gottesgerichte beweist. Ihrer Unschuld sich
bewusst, drückt sie ihn so fester an sich, schliesst die Todeswunde um so fester
mit ihren Lippen, ihre Lippen mit ihrem Gebete, ihren Gram mit ihrem Glauben und
wird nicht müde dieses angestrengten, heilenden Willens. Alle andre Sorge
schweigt in der einen um Antons Leben, keine Ahndung sagt ihr, dass Bertold von
derselben Gewalt, die ihn heilte, entseelt auf den Leichensteinen seiner
Voreltern ruht, keine Ahndung ruft sie an die leere Wiege ihres Kindes, das
jetzt gebettet in Konrads Stahlschilde von hartem Trabe eingewiegt wird. Faust
hat es entführt und dem Grafen Konrad übergeben, Verena ist dem Hause entflohen,
als sie das Kind nicht gefunden hat, und Apollonia ins Kloster geflüchtet, dem
sie einst vorzeitig entrissen wurde, um dort ihre Tage zu beschliessen. Welch ein
Morgen, der solchen Jammer erhellt, aber Anna hofft auf Zeichen und Wunder.
Anton wird erwachen, das glaubt ihr Herz, das erfüllt ihre Gedanken, wie die
Verheissung des ewigen Lebens die gläubige Seele, dass sie der irdischen Sorge
entrissen, den Himmel mit ihren betenden Lippen zu berühren, mit ihren
ausgestreckten Armen zu umfassen glaubt.
 
                                  Zweiter Band
                               [Aus dem Nachlass]
                         Vorwort [von Bettina von Arnim]
                               Zum Erstdruck 1854
Der erste Teil endet mit Annens feurigem Gebet um Antons Leben. Indes der
Kampfeslärm sich verzieht, die Reisigen aus den Toren fliehen, die Bürger
nachdrängen, Verwundete hineintragen und die Toten in lautloser Nacht verlassen
sind, heftet sie, aus besinnungsloser Verzweiflung erwachend, ihre Lippen auf
die Todeswunde und schliesst sie mit ihrem Gebet, ihrem Gram und ihrem Glauben,
sie werde zu Grunde gehen oder Anton mit der Sonne erstehen und sie von der
Schuld seines Todes befreien. Keine Ahnung mahnt sie, dass ihr Kind durch Faust
der Wiege entrissen, von Graf Konrad in raschem Trabe davon getragen wird. Keine
Ahnung sagt ihr, dass Bertold von Geistern seiner Ahnen fortgerissen durch
dieselbe Gewalt, die ihn heilte, jetzt ihn entseelt, zwischen Leichensteinen auf
des Stammvaters Gruft niedergeworfen hat. Kein Donnerschlag erweckt wieder den
sanft Hingesunkenen, dessen Armader die fremden Blutwellen entströmen, während
der Mönch, der ihn dahin geleitet hatte, nun vor seinem gehörlosen Ohr von dem
schwarzen Gedächtnisstein abliest, wie ein Geschlecht gehe und das andere komme,
indes die Erde unbewegt bleibe.
    Im Eingang dieses zweiten Teils der Kronenwächter deutet alles darauf, dass
hier noch kein befruchtendes Gewölk auf ihn niedergeregnet war, um ihn von dem
Staub, der auf Pergamente sich senkt, denen der Tatenlauf von Jahrhunderten
vertraut ist, zu befreien. Der Geist, der diesen ersten Teil aufzeichnete, war
längst entflohen, ehe er den folgenden mit letzter Hand berührt hatte, daher
sein Werk nicht völlig mit den Ereignissen des ersten übereinstimmt, obschon ein
harmonischer Einklang gefühlt wird, der den Verehrern dieses schönen, feurigen
Buchs um so anregender sein muss, weil er sie auch tiefer in die Werkstätte
desselben einführt, der noch einmal aus seinem Dichterhimmel unter die rollenden
Donnergewölke unserer Zeiten herableuchtet.
    In diesem zweiten Band ist das Kind Oswald noch in der Mutter Obhut und
Bertold im Grabgewölbe der Waiblinger Bürgermeister beigesetzt, auch tritt
Faust als früher noch nicht dagewesen auf, was alles dennoch nur auf
Namenwechsel beruht, welche die Überarbeitung des ersten Bandes herbeigeführt
haben mag.
 
Anton ist wieder zum Leben erwacht, Anna will aus Mitleid ihn nicht von sich
lassen und pflegt ihn in seiner Schwäche, obgleich auch die Mutter ihm das Haus
verbietet; das gibt neuen Streit zwischen beiden. Anna bewährt ihren Eigensinn,
sie wird das Gespött der ganzen Stadt - niemand will mit ihr zu tun haben, die
Geistlichen sogar dringen auf eine bessere Lebensweise, ihr Eigensinn mehrt
sich. Anton will fort, sie lässt es nicht zu, denn es kommt die Nachricht, ihr
Mann sei auf einer Sendung von einzelnen Plünderern aus Herzog Ulrichs Heer
umgebracht worden.
    Nach Antons Genesung, als er den ersten Schritt aus dem Bette tun sollte,
stand sie vor ihm und winkte aus der Ferne, wie einem Kinde, das laufen lernt,
und als das Riesenkind auf sie zu kam, da gab sie ihm einen zärtlichen Kuss und
feine Hemden, die besten aus des Mannes Nachlass. Anton, der vom Liegen doch
etwas herabgekommen war, hatte zu viel mit seiner Esslust zu schaffen, um diese
Liebeszeichen nach dem vollen Werte aufzunehmen, er dachte erst an die
Bedeutung, als ihn einer seiner Kameraden fragte, ob er bald Hochzeit mache? Nun
hielt er aber von unnützen Reden nicht viel, er machte Frau Annen keine weiteren
Erklärungen, sondern nach ein paar Monaten, wo die Gesetze weiter nichts gegen
eine zweite Vermählung einwenden konnten, sagte er ihr, er habe nirgendwo so gut
geschlafen, wie in ihres verstorbenen Mannes Bette, wo er versteckt gewesen, sie
solle ihn wieder dahin betten. Sie nannte ihn wohl einen Grobian, einen Esel,
hielt ihm auch eine lange Ermahnung, wobei sie ihm die Halskrause in Ordnung
legte, letztlich aber sagte sie, wenn er ihr eine gute Aufführung verspreche, so
wolle sie sich den nächsten Sonntag mit ihm in aller Stille, wie es einer Witwe
gezieme, trauen lassen. Anton war ausser sich vor Freuden, tanzte im Zimmer herum
und bat sie, seine Ungeschicklichkeit in dem neuen Stande zu verzeihen und ihn
zu belehren, er wollte sicher alles nach ihrem Willen tun. Sie machte ihm nur
eine Bedingung, dass er seine alten Kameraden und das Weinhaus nicht wieder
besuchen solle; sie hätte alles, sogar Hunger und Durst von ihm fordern können,
er hätte in dem Augenblicke alles versprochen. Bei der Hochzeit waren nur ein
paar Verwandte gegenwärtig, viele waren durch das Gerede und durch die
Schnelligkeit dieses Übergangs zur zweiten Ehe beleidigt, doch keiner beneidete
Anton, in den Besitz eines so ansehnlichen Vermögens zu kommen; jedermann
meinte, wenn es einer hätte sein sollen, so wäre es dem armen Schelm doch eher
als einem andern zu gönnen. Der erste Monat war ganz glücklich, Frau Anna war so
unerschöpflich in Zärtlichkeiten gegen Anton, dass jeder erstaunte, der sie so
kalt gegen ihren ersten Mann gesehen hatte; Anton durfte keinen Schritt ohne sie
aus dem Hause gehen, denn ihre Eifersucht war nach Witwenart sehr gross. Anton
hatte nun keine Beschäftigung, als mit ihr zu sprechen; er fing deswegen an, was
er gelobt hatte, zu erfüllen und den Altar in der Kirche, vor welchem er getraut
worden, mit einem neuen Bilde des grossen Christophels, dem er geweihet war, zu
verzieren, und dazu brauchte er sich selbst als Modell sowie er den kleinen
Stiefsohn zum Bilde des Jesukindes brauchte, das jenem so viel Mühe machte über
das Wasser zu tragen, weil es die Welt in seinen Händchen trug. Diese Malerei
machte Frau Annen so stolz auf Mann und Kind, dass sie eines Abends einige alte
Freundinnen zu sich bat, um es ihnen zu zeigen, weswegen Anton Erlaubnis
erhielt, in der Stadt nach Farben und Pinsel sich umzusehen. Ohne an etwas
anders zu denken, ging er vor dem Ratskeller vorbei, vor welchem alle seine
alten Trinkgesellen unter einem frischen Dache von abgeschnittenem Weinlaube
zechten; alle grüssten ihn, einer rief ihm, einer sprang auf, fasste ihn beim Arm,
er wollte weitergehen, es fasste ihn ein anderer beim zweiten Arm, beide küssten
und herzten ihn, fragten, wie er sie so ganz vergessen, ob die Frau ihn unter
dem Pantoffel habe; er schämte sich und folgte ihrem Ziehen und Nötigen mit
langsamen Schritten. Bedenklich sass er am Tische und forderte keinen Wein, da
trank ihm ein Gerber auf seiner Frauen Gesundheit ein Glas zu; dem musste er
Bescheid tun, er forderte Wein, trank, er fand ihn besser als bei seiner Frau,
die ihn heimlich bis zur Hälfte mit Wasser mischte, ärgerte sich über den Betrug
und verlangte einen Schoppen nach dem andern. Da gingen die alten Lieder auf:
»Zu Klingenberg am Maine« und vom Muskateller; sein Bass füllte wieder Keller und
Markt, die Frau hörte ihn mit Schrecken bis in ihrem Hause widerklingen. Kaum
waren alle recht lustig, so wurde ein Kartenspiel vorgeschlagen; Sixt war jetzt
der reichste von allen, er konnte es nicht ausschlagen, es machte ihm auch viel
Spass, sein Glück zu versuchen. Er gewann erst, dann verlor er und wollte wieder
gewinnen, er glühte vor Ungeduld, ob ihm gleich die Zeit so schnell verging, dass
der Wächter längst abgerufen, ohne dass er es bemerkt hatte; das Singen und Toben
im ganzen Keller fing eine eigne Welt an, die sich um jene ausserhalb nichts
bekümmerte, die Kellner liefen mit aufgeschürzten Ärmeln mit Henkelkrügen,
Bechern, Seideln, Kühlkesseln dazwischen, die Mägde brachten geräucherten
Schinken, Braten; jeder rief, jeder neckte sich mit ihnen, den stiessen sie fort,
jenen stiessen sie an, besonders aber den schönen Anton, den sie immer am
schnellsten und besten bedienten und ihm den Rücken klopften, so oft ihm etwas
in die unrechte Kehle war gekommen. Die Wirtin setzte ihm sogar einen Kranz von
Weinlaub auf den Kopf und küsste ihn als ihren Bacchus, da schrieen die andern:
»Frau Wirtin habt ihr uns nicht gern im Haus, faldrida, so jagt uns nur fein
gütlich hinaus, faldrida. Aber zum Sturmwind heisst dies Haus, darum leben wir
alle im Saus. Ich muss auch einen kriegen, dass alle Balken biegen!« - Und der
küsste sie alle herzhaft. Da rief einer: »Martialis gefällt unsrer Gnaden, der
trank so viel Hochbecher aus, als viel seiner Buhlschaft Name Buchstaben
innhielt, so muss mein Buhlschaft Be a er bar, the o to barto, el o lo, tolo
Bartolo, em e me, lome, tolo me, Bartolome heissen. Alsdann werd ich ihr des
öfter gedenken, je öfter man wird einschenken. O ihr lieben Weiber, wie ein
guter Fund für euch, auf diese Weise können die Männer beim Wein euer nicht
vergessen, lasset nur tapfer einschenken, heisst eine schon Anne, so sag sie heiss
Peternellule.« Bei diesem Ruf konnte Frau Anna, die mit einem Regentuche, als
Magd, bedeckt ans offene Kellerfenster geschlichen war um ihren Mann zu
belauschen, dessen Stimme sie hatte erschallen hören, sich nicht langer halten,
sie rief hinein: »Anton, Anton!« Und die ganze Gesellschaft rief Frau Annen ein
Lebehoch und Segen; der lustige Wachtmeister, der eben gesungen, sprang hinaus,
nahm sie scherzend bei ihrem Arme, achtete ihres Sträubens nicht und zog sie in
den Keller hinunter. Durch diese Behandlung war ihre ganze Seele schon
aufgebracht, sie musste sich gegen jemand entladen, und da war niemand mehr
geeignet als ihr Anton, der alles das Missgeschick veranlasst hatte; sie trat zu
ihm und rief, dass er mit ihr kommen solle, aber er sah eben einen Kreuzbuben
fallen, der ihm den Stich nahm und gab nicht acht. Sie trat näher und rief
nochmals: »Aber Anton!« und winkte ihm, er aber schüttelte ärgerlich mit dem
Kopfe, weil es nur an einer Karte noch hing, ob er alles Geld, was er bei sich
hatte, verloren; da sangen Seger und Melchior zweistimmig: »Die Weinlein, die
wir giessen, die soll man trinken, die Brünnlein, die da fliessen, die sollen
blinken. Und wer ein steten Buhlen hat, der soll ihm winken: ja winken mit den
Augen und treten auf den Fuss, es ist ein harter Orden, der seinen Buhlen meiden
muss, und noch viel härter, dass ich dies hohe Glas aussaufen muss.« Während dieses
Gesanges war sie dicht an sein Ohr herangetreten und sprach halblaut hinein:
»Hörst du nicht, du roter Weinschlauch mit deinem Kranze, ich habe es wohl
gesehen, wie dir die Metze den Kranz aufgesetzt hat und einen unehrlichen Kuss
dir gegeben, ja lebte noch mein Mann, sie sollte Busse tun; hörst du noch nicht?
Da siehst du auf Herzdame, statt deine ehrliche Frau anzusehen, die dich erst zu
einem Manne gemacht; was warst du denn, du Tunichtgut, hörst du nicht?« Bei
diesen Worten wollte sie ihm den Kranz abreissen, der ihm übers Ohr hing,
zugleich sah Anton, dass er von seiner Frau gestört, die Herzdame zu früh
ausgespielt hatte, das Spiel, was er gewonnen hätte, war nun verloren,
ungeduldig griff er um sich, um seine Ohren frei zu erhalten und schlug seiner
Frau ohne Absicht hinter die Ohren. Da war keine Zeit zum Entschuldigen, schon
fiel sie ihm in die Haare, er wusste nicht, wie ihm geschah, und da er nicht sehr
empfindlich war und in seinem Haupte ziemlich wankte, so liess er es mit sich
geschehen; Seger aber sang: »Fröhlich, so will ich singen, schlage dein Weib um
den Kopf, ich muss dir diesen bringen, zieh dein Weib bei dem Zopf, das Lied, das
will nicht klingen, ich stopf dafür den Kropf.« Anton liess alles mit sich
manchen, umsonst sagten ihm seine Kameraden, er solle es nicht leiden, er habe
zu viel angewöhnte Demut gegen sie; er lachte während ihrer Schimpfreden und
Schläge, hob sie endlich, als der Wirt kam und sie beide ermahnte, auf seine
Arme und trug sie wie ein Kind die Treppe hinauf nach dem Hause und in ihr
Zimmer Hier wirkte der Rausch nach, kaum konnte er sie aufs Bett legen, so
taumelte er selbst quer über, das erweckte den Ärger der Frau von neuem, über
beide Betten hingesunken, war er eingeschlummert, sie konnte ihn nicht von der
Stelle heben und hatte daher nicht einmal ihr eignes Bette frei; bald fasste sie
einen Arm, dann ein Bein, es war unmöglich; sie begann ihn zu entkleiden, ob er
vielleicht von der Nachtkühle erwachen werde, dabei stiess und schlug sie ihn, so
oft ihre Galle überlief, aber alles umsonst; wenn sie ihn eben erweckt zu haben
meinte, schlug er unerwartet um sich, dass sie einmal gegen den Kachelofen
geworfen wurde, und dann drückte er sich noch fester ins Bette. Sie musste sich
endlich entschliessen, ihm eine Decke überzuwerfen und sich selbst gleich ihm
quer über beide Betten zu legen, um ihren Gram wenigstens ein paar Stunden zu
verschlafen. Anton wachte früh auf, er konnte sich erst nicht besinnen, wo er
sei, da fiel ihm denn eins nach dem andern ein, und es reute ihn recht herzlich,
er hatte seine Frau ungemein lieb und sah auch Tränen in ihren schlafenden
Augen, er küsste ihr die Tränen ab und dann ihren Mund; sie aber, die von dem
Schrecken und Ärger sehr ermüdet war, merkte von dem allen nichts, bis er sie
zärtlich umarmte und sie seiner Freundlichkeit nicht mehr widerstehen konnte.
»Ja sieh nur, wie glücklich wir sein könnten«, sagte sie ihm, »wenn du keine
dumme Streiche machtest; ich bin doch wahrlich noch hübscher als das freche
Wirtsweib und küsse dir gern einen Kranz statt des Kranzes, den sie dir
aufsetzt, und Wein geb ich dir, so viel du magst, alle Tage deine neun Mass und
Sonntags einen richtigen Ehrentrunk, was kann dir denn dabei fehlen?« - Der
aufrichtige Anton konnte hier nicht unterdrücken, dass er die Wasserverfälschung
an dem Weine entdeckt; das ärgerte die Frau, sie fuhr auf und sagte: »Reinen
Wein willst du Tagediebe gib mir Geld dazu! mein voriger Mann, der so viel
verdiente, trank nie andern als den ich dir gebe; ja, denk nur einer, bald wird
dir nichts mehr gut genug sein, und sonst nahmst du mit allem vorlieb.« - Anton,
der ein Feind vom Zanken war, beruhigte sie mit Liebkosungen, er war in der
schönsten Friedenszeit nie so zärtlich gewesen, wie heute nach dem ersten grossen
Streit. Das versöhnte die Frau bis zum Nachmittage, wo ihr schon allerlei
Gerüchte von dem gestrigen Ereignisse zu Ohren kamen, die sie gar sehr ärgerten.
Sie fing von neuem an gegen Anton zu knuttern, der sich zu seinem Altarbilde
recht begeistert gesetzt hatte; sie sagte ihm, wie sie gestern bei dem Bilde,
als sie es den Frauen gezeigt, ihn vor allen Männern herausgestrichen habe, wie
fleissig, wie ordentlich er geworden, wie er nie mehr zu Wein gehe und mitten in
der Unterredung habe sie seine Stimme im Keller gehört, und wie ihr das wehe
getan, das könne sie nicht verschmerzen, die Frauen hätten sie angesehen und
nicht gewusst, was ihr fehle. Als jene aber weggegangen, da sei sie ihm
nachgegangen und habe ihren Jammer im Keller gesehen, und nun fing sie mit allen
Vorwürfen und Klagen ihm die Geschichte zu wiederholen an, dass Anton nach ein
paar Stunden in heller Verzweiflung aufstand und unter dem Vorwande sich Farben
einzukaufen, vor dem Tore in frischer Luft sich zu ergehen beschloss. Er kam auf
einen freien Platz mit Bäumen, wo er oft mit seinen Kameraden Ball geschlagen
hatte, er dachte sich, mit welcher Ungeduld er sonst dahingeeilt und für alle
Quälereien seines Vaters hinlänglichen Ersatz mitten im Staube gefunden, in dem
sie sich getummelt, wie sie die Gärten listig beraubt, die Kühe auf der Weide
ausgemolken und wie sie sich so vielerlei gedacht, was aus ihnen werden sollte,
Ritter und Räte mit goldenen Ketten und Spornen, und wie aus allen so wenig
geworden. Er dachte des guten alten Bürgermeisters, wie ihn der in aller
ritterlichen Übung unterrichten lassen, und wie ihm alles so wohl angestanden;
er dachte, wie ihm die Welt sonst so weit gewesen und wie er nun Abends nicht
über seiner Frauen Kammerschwelle hinausschreiten solle. In dem Augenblicke kam
Seger ganz allein den Weg zu ihm heruntergeschritten und fragte scherzweis:
»Nun, hat's noch viel Schläge von der Frau gesetzt, oder hat sie Euch gar
weggejagt? Hört«, fuhr er fort, »ich rate Euch als Freund, verliert Eure Hosen
nicht in den ersten Momenten, Ihr bringt sie sonst niemals wieder; so einer
Witwe müsst Ihr den Daumen aufs Auge setzen, um sie nach der Hand zu ziehen, ich
weiss es aus Erfahrung, mein Weib wollt es eben so machen jetzt muss sie kuschen.
Ich bin Euch gut, Ihr seid ein Kerl, der überall sein Glück machen kann bei
Weibern und bei grossen Herren, was wollt Ihr bei dem Weibe verjammern? Kommt mit
in das Jägerhaus, es ist jetzt gut Wildbret und Wein dort, Eure Kameraden, an
die Ihr gestern so viel Geld verloren, kommen auch, Ihr müsst es ihnen wieder
abnehmen.« Anton war durstig und er schämte sich zu sagen, dass er seiner Frau
wegen schon nach Hause müsste; er schlenderte mit in das Jägerhaus, kegelte erst
einen Stamm ab und beredete sich mit dem Jäger zu einer grossen Jagd am andern
Tage, dann kamen seine Spiessgesellen, und er spielte und trank mit ihnen. Das
Glück hielt diesmal zwischen ihm und den andern die Waage, es wurde ihm so
behaglich, Seger erzählte gute Schwänke aus dem Kriege, wie er mit Sickingen
gegen Köln gezogen, wie sie die Mönche geärgert, dabei fluchte er auf den Papst,
mit dem man damals aus allerlei Gründen unzufrieden war; es wurde von Luter
erzählt, wie der des Papstes Bullen verbrannt. Anton bewunderte den tapfern Mann
und hätte gern sein Bildnis malen mögen. »Seinem Bilde müssen wir folgen«,
sprach Seger; »wahrhaftig, die Geistlichen sollen uns hier nicht mehr mit
Beichte und Ablass martern und abschätzen.« Darüber kam es zum Streit, wobei
Anton mit seiner Stärke Frieden stiftete. Erst um zwölf Uhr kam er ziemlich
bezecht, doch wohl bei Sinnen in sein Haus zurück, wo alles in der grössten
Verwirrung durcheinander lief, Frau Anna war auf den Gedanken gekommen, weil sie
ihm den Nachmittag so viele Vorwürfe gemacht, er möchte in die weite Welt
gelaufen sein, und nun fühlte sie erst recht, wie lieb sie ihn hatte; mit grosser
Ungeduld hatte sie Boten auf alle Strassen abgesendet, an alle Tore geschickt, es
war ein Lärm in der Stadt geworden, Meister Anton Sixt sei davongelaufen, und
alles, was noch im Hause deswegen auf und versammelt geblieben, war verwundert,
ihn so fröhlich und ruhig eintreten zu sehen. Die Frau war ganz elend vom
Schrecken, sie lag bleich auf einem Ruhebette; als sie ihn aber so fröhlich
ankommen sah, sprang sie doch aus Ärger auf und über ihn her, er aber sah sie
gross an, wie ein Adler, der einer Grasmücke die Eier ausgetrunken, die ihm dafür
auf den Rücken gesprungen und mit dem Schnabel hackt. Er fragte mit grossen
Augen, was denn das bedeuten solle, und erfuhr von den Mägden die ganze
Geschichte. Diesen öffentlichen Lärmen nahm er ernstlich übel, er schwor, er sei
Herr im Hause, und wenn sich noch einer unterstehe, ohne seinen Befehl so etwas
zu tun, so werde er ihm Arm und Beine entzwei schlagen. dabei schlug er so
grimmig auf den Tisch, dass die Frau in Angst geriet und ihm gute Worte gab; sie
wollte ihn auch liebkosen, aber er wies sie von sich. Alle waren über Herrn
Anton verwundert, der bisher kaum etwas im Hause sich zu erbitten erlaubt hatte;
schon den nächsten Tag sah er die Wirkung seines Ernstes; während seine Frau
noch heftig mit ihm zankte, kam der Hausknecht und fragte ihn, was für Wein er
holen solle. Die Frau wollte vor Ärger umkommen, aber er bestellte sich einen
teuren Wein und liess sie toben, dass er ihr alles Geld verschleudere. Wollte sie
von nun an ein gutes Wort von ihm haben, so musste sie ihm Geld geben, so viel er
haben wollte, und stillschweigen, wenn er Abends aus den Weinkellern nach Hause
kam, nachdem er tagelang mit ihnen auf der Jagd gelegen, die ihm eine
unüberwindliche Leidenschaft geworden. Seine Ausgaben überstiegen bald alle ihre
Einnahmen, ans Malen hatte er nicht Zeit zu denken, aber ihre Liebe zu ihm nahm
immer zu; sie machte ihm täglich Vorwürfe, auch schlug sie wohl zuweilen, aber
das half alles nicht; sie schickte deswegen die Geistlichen über ihn, dass sie
ihm das Abendmahl versagen sollten.
    Anton merkte bald, woher dies stamme, und ärgerte sich über diese
Pfaffenwirtschaft, durch die seine Frau ihn regieren wollte, er besprach sich
mit Seger und andern in der Stadt, die heimlich Luter zugetan waren und
erklärten, dass sie das Abendmahl künftig nur unter beiderlei Gestalt annehmen
wollten. Die Geistlichen betrieben die Sache für jetzt nicht weiter, sie waren
unter sich uneinig und sahen, wie viele Anhänger die Kirchenverbesserung unter
ihnen gewönne; Frau Anna hatte an ihnen keine Hülfe in ihrem Grame,
insbesondere, als Anton das neue schöne Altarbild in die Kirche geliefert hatte;
sie sagten ihr, dass eine christliche Ehefrau ihrem Manne in allen zeitlichen
Angelegenheiten dienen und nachgeben müsse. Das war eine harte Zeit für Frau
Anna, insbesondere, da sie sich ihrer zweiten Niederkunft näherte und Anton
immer leichtsinniger in allerlei Verschwendung wurde. Sein fröhliches Wesen und
gute Lebensart hatte ihn einigen Rittern der Gegend empfohlen, mit denen er
jagte, auch ein paarmal zu Fehden mitritt, wobei er sich den Ruf eines sichern
unerschrockenen Mannes erwarb. Da er halbe Wochen bei ihnen zugebracht hatte, so
besuchten sie ihn wieder in der Stadt, was Frau Anna bei der gewohnten Achtung,
die sie im geringen Herkommen gegen den Adel der Gegend hatte, nicht wenig in
Verlegenheit setzte. Anton zog sie mit ihrem ängstlichen linkischen Wesen auf,
und jedem solchen Besuche folgte ein Strom von Tränen, die sie aus Arger über
sich vergoss.
    Unter solchen Bekümmernissen wurde sie glücklich von einem prächtigen Jungen
entbunden, der fröhlich in die Welt lachte und sie zornig anschrie. Das Kind war
aber ein Nimmersatt wie ihr Mann, dessen Namen Anton es auch in der Taufe
erhielt; sie gab ihm zwei Ammen. Der grosse Anton hatte diese Zeit in stetem
Jubel verprasst; er benutzte ihre Schwäche, um einmal alles im Hause
durchzusehen, Kisten und Kasten, um zu wissen, ob ihr Jammer über seine grossen
Ausgaben wirklich einen Grund hätte. Nun fand er freilich, dass manche grosse
Kiste nichts als unbedeutendes altes Gerät entielt; so fand er auch jenen
verrosteten Degen und den durchlöcherten Beutel, den ihr Kurt aufgefunden hatte,
doch erstaunte er über die Menge Leinen und anderen Vorräte.
    Als eine törichte Pracht erschienen ihm die alten Pokale von des
Bürgermeisters Ahnherren, weil niemals im Hause daraus getrunken wurde. Er nahm
im Spass ein Paar mit auf den Ratskeller und bewirtete seine Freunde. Ein
Rosshändler, der gerade durchreiste, bezeigte seine Lust, sie zu kaufen, während
er einige seiner schönsten Streitengste vorbeireiten liess. Da war nun ein
Apfelschimmel, der die ganze Neigung Antons auf sich gezogen; er konnte die
Seligkeit kaum überschlagen, so ein Pferd täglich zu reiten, was alle
Ritterpferde in der Gegend weit übertraf; er selbst trat dem Kaufmann mit der
Frage entgegen, ob sie tauschen wollten, und der Mann liess es sich gern
gefallen, die Becher anzunehmen, die mit goldenen Denkmünzen bedeckt, den Henkel
mit Edelsteinen besetzt, als Hauptschätze des Hauses geachtet wurden. Anton
machte diesen Tausch heimlich, so dass keiner seiner Freunde ihn warnen konnte;
er war ganz selig darüber, aber er fürchtete gleich, dass die Geschichte seiner
Frau zu Ohren kommen möchte, deswegen beschloss er, ein paar Tage bei dem Ritter
von Wieringen, seinem liebsten Jagdfreunde, zuzubringen. Er ritt noch den Abend
fort und liess es seiner Frau durch Segen sagen, die bei dieser Veranlassung in
bittre Klagen über ihn ausbrach, dass er ihren Mann verführe. Seger meinte, sie
möchte sich nur auch verführen lassen, und ihnen wäre beiden geholfen, worüber
die Frau in grossem Zorne ihm das Haus verbot. Seger liess einige drohende Worte
fallen und sein Fluch ging noch in derselben Nacht in Erfüllung. Viele haben
behauptet, er möchte selbst die Ursache des Unglücks sein: das grosse Vorwerk vor
der Stadt, woher Frau Anna ihre Einnahme zog, brannte bis zum Grunde ab. Sie
raufte sich die Haare aus und weinte über ihre unglücklichen Kinder; endlich
sagte sie aber mit Hiob: der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, der
Name des Herrn sei gelobet; doch hätte sie gern ihren Herrn im Hause gehabt, um
ihm ihre dringende Ermahnungen vorzutragen.
    Gegen Mittag kam Anton, aber in welchem Zustande! Er wurde von einem Bauer
mit Ochsen herein gefahren, so gelähmt und zerschunden hatte ihn nach mutiger
Gegenwehr ein Haufen reisiger Knechte liegen lassen, denen nach seinem Rosse
gelustet, die ihn überfallen und es durch überlegene Zahl nach hartem Kampfe ihm
abgenommen hatten; er glaubte, den Rosskamm unter ihnen bemerkt zu haben. Seiner
Hausfrau Bewillkommnung war nicht so milde, wie sein trauriger Zustand erwarten
konnte; kaum sorgte sie für sein notwendigstes Bedürfnis, mit Unwillen gab sie
ihm seine gewohnten neun Masse Wein und vier Pfund Rindfleisch, die er zum
Mittagessen gebrauchte, und kündigte ihm gleich an, dass er nach dem Brandschaden
kein solches Mahl künftig zu erwarten habe. Er war so beschämt, dass er nichts
darauf antwortete, sondern seine Frau durch Vorschläge, wie der Schaden zu
ersetzen sei, zu zerstreuen suchte; bald meinte er, ob es besser sei, das
Vorwerk jetzt zu verkaufen oder es aufzubauen. Die Frau stimmte aber für das
Letztere und meinte, dass dazu die silbernen Pokale und Becher aus des Mannes
Erbschaft verkauft werden sollten.
    Anton wagte die Augen nicht aufzuschlagen, er dachte sich den Lärmen, wenn
der Verlust der beiden bedeutendsten Stücke entdeckt würde, und brachte es durch
seine Beredsamkeit dahin, sie zum Verkaufe zu überreden. Nach acht Tagen, wo
Antons unverwüstliche Gesundheit alle Beschädigung überwunden hatte daran
mancher andre gestorben wäre, ging er nach dem Ratskeiler und wurde bei einem
Becher Wein mit dem Wirte eines Kaufs einig, der ganz billig war, da Seger sehr
lebhaft für Anton gesprochen hatte. Aus Dankbarkeit tat er Seger den Gefallen,
ihm das Kapital zu einem gewohnten Zinse auf seine Häuser und Gärten zu leihen,
die sehr ansehnlich waren, sowie auch Seger überall für einen wohlhabenden Mann
galt. Frau Anna war zwar böse, dass er mit dem schlechten Menschen dadurch in
Verbindung bleibe, sie konnte aber das Geschehene nicht ändern; auch war sie
jetzt mit ihrem Kinde sehr beschäftigt, das so ausserordentlich zunahm, als wolle
es den Vater bald einholen. Anton, im geheimen Bewusstsein der Schuld mit den
Bechern, wurde in dieser Zeit so demütig wie in der ersten seines Ehestandes;
doch begegnete sie ihm mit gleicher Härte, die er während der Zeiten seines
wüsten Herumlebens in ihr notwendig gemacht hatte. Er dachte auch wieder an die
Malerei und verfertigte einen St. Sebastian und einen St. Petrus, die ihm gut
bezahlt wurden. Freilich war diese Einnahme immer nur gering gegen die Ausgaben,
die ihm solch Bild machte. Um ruhig und ausdauernd zu malen, musste seine
Weinkanne nie leer werden; es blieb immer nur wenig übrig, um die beiden Becher,
wie er sich vorgenommen hatte, früher zu ersetzen, ehe die Frau den Verlust
wahrnehmen könne.
    Aber ein neues Unglück störte diesen Frieden von neuem: Seger lief davon und
hinterliess so viele Schulden, dass seine Häuser und Gärten ihnen nur für ein
Zehntel Ersatz gaben. Die Nachricht setzte Frau Annen ganz ausser sich; sie
schimpfte, sie schlug ihren Mann, wo sie ihn traf, und dieser im Bewusstsein, wie
viel mehr er noch verschuldet, ertrug alles geduldig. Sie gab ihm nur noch wenig
Wein; er malte desto fleissiger, und die Geistlichen gaben ihm grosse
Bestellungen. In der Not, worin ihn die Frau erhielt, in der Liebe zu seinem
Knaben, die ungemein gross war, fing er an, was er so machte und gemacht hatte in
handwerksmässiger Gewohnheit und besondrer Anlage, näher zu betrachten; es kam
ihm selbst wunderbar vor, was er hervorbringe; es konnte sich doch nichts von
allem in der Gegend damit messen, und seines Vaters Bilder waren neben den
seinen kaum zu dulden; insbesondre konnte er nicht begreifen, woher ihm die
frommen stillen Gesichter kämen, da er selbst einem lustigen Landsknecht glich,
auch nur mit lustigen Leuten gern umging. Da meinte er, das müsse wohl von
seiner Frau ihm so vorschweben, die bei aller Härte gegen ihn doch immer ein
sehr mildes heiliges Gesicht bewahrte, auch fleissig betete; der Gedanke
vermehrte seine Achtung gegen sie; er schlich ihr oft nach, beobachtete sie und
fand dann immer, dass seine Marien und andere heilige Frauen natürlicher würden
und mehr Beifall erhielten.
    Als er sich so mit eigner Gesinnung seiner Kunst widmete und aus dem
Handwerke hervorstrebte, griff die von Karlstein verbreitete Bilderstürmerei
auch bis in diese Gegenden um sich; der Vorwand, den Götzendienst zu zerstören,
brachte eine Menge liederlichen Volkes zusammen, welche die Kirchen beraubte.
Mit grosser Wut sprach Anton in seiner Stadt gegen die Lehre, ja er verfluchte
Luter und alle seine Anhänger, weil durch sie dieser Wahnsinn aufgeregt worden,
und wirklich hatte seine Stimme sein körperliches Ansehen die Macht, lange Zeit
alle in Ordnung zu halten. Endlich drang aber Seger, als Anton gerade wegen der
Überbringung eines Gemäldes abwesend war, mit einer Schar schwärmender
Landsknechte in die Stadt und hielt Predigten vom wahren Glauben. Sein Haufe
vermehrte sich schnell, und sie wollten eben in die Stadtkirche dringen, die von
den Geistlichen stark verriegelt war, als Anton anlangte, von dem Lärmen hörte,
sich mit einem Spiesse bewaffnete und durch Hülfe der Geistlichen auf geheimen
Wegen in die Kirche kam, um sie zu verteidigen.
    Der Anlauf gegen die Türe ward immer wilder, endlich hob der Haufe ein Stück
Bauholz zur Türe und schwang diese wie einen Mauerbrecher dagegen; die Riegel
sprangen und alle, Seger voran, jubelten, dass alles gelungen, als ihnen Anton
aus dem Dunkel der Kirche mit donnerndem Fluche und glänzendem Spiesse
entgegentrat. »Dass eure Augen ausfallen, ihr Frevler!« rief er mit grässlicher
Stimme und stiess Seger, der nicht weichen wollte, nieder. »Du sollst den Herrn
nicht betrüben, wie du mir getan«, rief er weiter, »du sollst noch der Arm
seiner Gerechtigkeit werden.« Bei diesen Worten ergriff er ihn beim Fuss und
schmetterte mit ihm, wie mit einer gebrochenen Keule, auf die rasenden Stürmer
los, die von dieser Riesenkraft erschreckt, sich nach allen Richtungen
fortflüchteten. »Ihr Wiedehopfen, die ihr euer eigen Nest besudelt«, rief er
ihnen nach, »habt ihr so viel Herz euren Herrgott anzufallen, und lauft davon
vor einem Menschen?« Segern legte er in einen Winkel vor der Kirche, damit
dieses Frevlers Leiche den heiligen Boden nicht besudele; jetzt wartete er noch
ein paar Stunden als Wächter und ging dann mit einer innern Zufriedenheit nach
Hause, um sich bei seiner Frau zu stärken und zu erfrischen. Hier erwartete ihn
ein neuer Kampf.
    Ein Haufen hatte ihn erkannt, war in sein Haus gedrungen, hatte mit
entsetzlichem Toben der Frau erzählt, wie sich ihr Mann gegen sie vergangen
habe, wie sie nur aus Mitleid ihr das Leben liessen, hingegen alles andere rauben
wollten. Sie waren in dieser fürchterlichen Arbeit, als Anton vor das Haus trat:
einer schüttete Federn zum Fenster hinaus; ein andrer durchtrat ein
Christusbild, das ihn in der Zerstörung noch mild lächelnd anblickte; ein
dritter hatte einen Teerpinsel gefunden und besudelte das Bild am Giebel, das zu
der Bekanntschaft Antons die Veranlassung gegeben; einer aber, ein gewesener
Prediger, schrie ununterbrochen eine Stelle aus dem Propheten Michä I, V. 7:
»Alle ihre Götzen sollen zerbrochen und alle ihr Hurenlohn soll mit Feuer
verbrannt werden und will alle ihre Bilder verwüsten: denn sie sind von
Hurenlohn gesammelt und sollen auch wieder Hurenlohn werden.« Diesen Schreier
warf Anton zuerst darnieder, dann rannte er schäumend vor Wut, in das offene
Haus, und wer ihm nicht auswich, fiel unter seinen Streichen, ungeachtet er
seinen Spiess aus Heftigkeit weggeworfen und bloss mit der Faust auf seine Gegner
eindrang. Als alle andern geflüchtet waren, legte er zwei Tote und vier
Schwerverwundete vor die Tür; da jammerte ihn der Tod dieser Leute, und seine
Frau machte ihm harte Vorwürfe, dass er durch seinen törichten Eifer ihnen das
letzte zu ihrer Unterhaltung geraubt; es ward ihm zu Mute, als sei nun alles
aus. »Sind sie denn auch bei dem Silberzeuge gewesen?« fragte er kalt; er wollte
ihr seine alte Sünde mit den beiden Bechern beichten. Da weinte sie statt der
Antwort und sagte dann: »sieh selbst zu.«
    Er ging hinauf und fand die Schränke leer; jetzt fühlte er, dass er sich und
die Seinen auf eine Art ernähren müsse, und seine einzige Geschicklichkeit, auf
die er bisher rechnen konnte, seine Fertigkeit, heilige Bilder zu malen, die
galt nichts mehr, wo so viele hochheilige alte Bilder an allen Orten zerstört
oder nur mit Mühe bewahrt werden konnten, wo alle Opfer und Einnahmen den
Kirchen versagt wurden; doch fühlte er in sich eine Art Trost, dass die
Geschichte mit den Bechern seiner Frau vielleicht verborgen bliebe und dass er
dieser Beschämung überhoben sei.
    Er trat stille in ihr Zimmer, wo sie ganz erschöpft mit herunterhängenden
Armen auf ihrem Stuhle sass; es war finster, der Mond beschien ihre beiden
Kinder, die neben ihr schlummerten; die Kinder kannten ihn noch nicht, und im
Herzen der Frau sprach nichts für ihn; er schien ihr ein schrecklicher Riese,
der all ihr Glück durch sein Ungeschick zerstört hatte. »Ach wäre nur mein guter
sel'ger Mann nicht gestorben!« rief sie endlich, und er wiederholte: »Wär nur
der gute Bürgermeister nicht gestorben, da könnte ich mir jetzt schon
ritterliche Ehre erfochten haben; was soll nun aus mir werden, wer mag jetzt
noch Bilder kaufen!« Dieser neue Kummer war ihr noch nicht in die Seele
gedrungen, jetzt aber rief sie: »Wehe dir, du unnützer Mann, so bist du zu gar
nichts tauglich.« Dies Wort stach ihm durchs Herz, dass ihm fast der Atem
versagte; er hätte sich in Zorn entladen, wenn nicht in dem Augenblicke an die
Haustür geklopft worden wäre.
    Er sah zum Fenster hinaus, es war ein einzelner unbewehrter Mann; er kannte
ihn nicht, machte aber doch auf und führte ihn in seiner Frauen Zimmer. »Ihr
kommt von den Geistlichen?« fragte Anton; aber zugleich erkannte er Segern, der
sehr bleich aussah, im Mondenscheine, schauderte zusammen und meinte, dass ihn
ein Toter besuche. »Ihr erstaunt«, sprach Seger, »Ihr glaubt mich tot, eine
Katze lässt sich nicht leicht totschlagen; kaum waret Ihr fort, so sprang ich
auf; die Stichwunde und die Beulen haben nicht viel zu bedeuten; seid Ihr denn
rasend gewesen, mit einem alten Freunde so umzugehen, wenn er Euch auch um ein
paar Taler betrogen hat?« - »Wahrhaftig«, sagte Anton, »darum war ich so giftig
nicht, sondern weil Ihr mir das Liebste beschimpfen und zerstören wolltet, das
einzige, wovon ich lebe.« - »Ei was«, meinte Seger, »du lebst vom Essen und
Trinken; hier findest du beides nicht mehr, denn die Geistlichen schützen dich
wahrhaftig nicht, wenn du wegen der Leute in Anspruch genommen wirst, die in
deinem Hause erschlagen; du weisst, es sind angesehene Bürger. Komm mit mir
heimlich fort, ich war von den Leuten zu ihrer Partei gezwungen, so würde es dir
auch gehen; komm mit zu Schärtlin, der sammelt Landsknechte, und du verstehst
dich aufs Fechten, du kannst dein Glück machen.«
    Anton stand verwundert vor Seger; der Gedanke an ritterliche Taten war ihm
oft durch den Kopf gezogen, aber seine Haut als gemeiner Landsknecht zu Markte
zu tragen, das war ihm ganz fremd; Weib und Kind aufzugeben, die er so lieb
hatte, es war ihm zu hart; und so wandte er sich in der Hoffnung, dass sie es
ganz abweisen werde, zu seiner Frau: »Was rätst du mir, Anna, soll ich in die
Welt ziehen und im Kriege mein Glück versuchen?« - »In Gottes Namen, Anton«,
erwiderte sie; »hier in Frieden hast du nichts getan, als uns arm und elend zu
machen, vielleicht geht dein Glück im Kriege auf; meines Vaters Bruder wurde ein
reicher Mann durch einen Kriegszug; wo sollte ich dir jetzt Zehrung schaffen.«
    Mit einem Schauder überlief Anton diese kalte Abfertigung von seiner Frau;
es fiel ihm unwillkürlich ein, wie an dem Tage das Bild am Giebel ausgewischt
worden. »Nun«, so sagte er zitternd, »soll es geschieden sein, so sei es
schnell; mein Kind will ich nur einmal noch herzen, aber aus dem Schlafe möcht
ich es nicht aufstören.«
    »An mir liegt dir wohl nichts«, sagte die Frau; »ich glaube, du könntest
mich verlassen und wüsstest nicht, ob du mich in Zeit und Ewigkeit wiedersehen
würdest, aber darum gäbst du mir kein gutes Wort zum Abschiede; habe ich das um
dich verdient, hast du mich darum um Gut und Ehre gebracht?«
    »Kommt in einer Stunde vorbei, Seger«, sagte Anton; »die Stunde muss noch vom
Kriegszuge abgehen; die Nacht ist lang, und ehe es tagt, sind wir weit genug zu
unsrer Sicherheit.«
    »Keine Viertelstunde dürfen wir warten«, sagte Seger, »sonst sind die Tore
geschlossen, jetzt geht's noch in der Unordnung so aus und ein; was habt ihr
euch noch zu sagen, ihr hättet's einander lange sagen können, am Ende fangt ihr
doch nur an, euch zu zanken; fallt nicht in Liebestorheit in solcher Blutzeit,
küsst euch übers Jahr, wenn die Kriegsbeute im Hause floriert.«
    Er hatte nicht nötig ihnen das Küssen mit seinen Worten zu verleiden, in
seiner Gegenwart war ihnen alle Lebenswärme abgeleitet. Anton schlug Licht; doch
wie ihn kein Unglück um seine Lebenslust bringen konnte, so bat er seine Frau,
ihnen aufzutischen, was die Bilderstürmer übrig gelassen. Sie brachte ein Brot
und einen Krug Wein; Anton nahm den Krug, setzte ihn an ihren Mund, sie musste
einen guten Zug tun; dann trank er an der Stelle, schenkte auch den beiden
Kindern und gab dann das übrige dem Waffenbruder. Das Brot steckte er in seinen
Reisesack, dann holte er seine Muskete und seinen Degen, hieb mit dem Degen
Pinsel und Paletten zusammen, die im Winkel standen, schluchzte, dass er nicht
sprechen konnte, küsste Kinder und Frau, die ihm nachrief: »Sei mir treu, Anton;
wenn du wiederkommst, sollst du den Lohn dafür empfangen; behüte dich Gott und
unsre liebe Frau im Himmel.« - »Fort«, sagte Seger und trieb ihn wie ein
Würgengel vor sich hin; Anton aber klang es in den Ohren: »Ach ihr Berg und
tiefe, tiefe Tal, so sah ich meinen Schatz zum letztenmal, zum letztenmal und
hab sie nicht geherzt, das schmerzt.« Anton ging still vor sich hin; Seger
machte im Walde den Raubvögeln nach, die auf Buhlschaft zogen; es schien ihm
recht wohl, und Anton, der in seiner derben Natur viel verschmerzen konnte,
hörte seinen Erzählungen von Liebesabenteuern mit ganzer Aufmerksamkeit zu.
    Bis Augsburg reichten beide mit dem Gelde, das Sixt noch in seiner Tasche
geführt hatte; als sie die reiche Stadt vor sich sahen, da ging diesem das Herz
auf: »Da werden wir auch keine Not leiden.« Gleich am Tore erkundigte sich Seger
nach der Wohnung Sebastian Schärtlins von Burtenbach, der dort Landsknechte
gegen Frankreich warb. Ein bärtiger Landsknecht mit weiten Pluderhosen, der da
auf Werbung lauerte, sah sie an: »St. Veit«, sagte er, »ihr seid gute Kerle, ich
muss euch gleich zum Obersten führen, der wird grosse Freude über euch haben, wir
wollen die Franzosen diesmal dengeln.« So kamen sie vor das grosse Haus
Schärtlins am Markte, aus welchem eine grosse gelbe Fahne mit schwarzen
Doppeladlern flatterte; viele Landsknechte standen davor, überzählten Geld und
sprachen von ihren Kriegszügen. Seger trat voran ins Haus, Anton folgte; da
fanden sie Schärtlin, einen Mann von stattlichem Ansehen, langen schwarzen
Bartes, langen Oberleibes, wie er auf einem rotgepolsterten Sitze neben einem
Tische sass, an welchem geschrieben wurde. Er grüsste freundlich mit dem Kopfe,
sah aber mehr auf Anton, denn auf Seger. »Grüss euch Gott«, sprach er, »ich meine
euch schon gesehen zu haben, woher des Weges?« - »Herr«, sprach Seger, »wir sind
beide aus Waiblingen, mich könnt Ihr wohl gesehen haben, denn ich stand nicht
weit von Euch, als wir Rom stürmten.« - Schärtlin sah ihn an: »Je, seid Ihr's,
Seger, hab Euch seitdem nicht wiedergesehen, wo waret Ihr so lange, War der
Grosse da auch dabei?« - »Nein, Herr«, sagte Anton, »noch habe ich keinen
Kriegszug mitgemacht.« »Das hätt ich Euch nicht angesehen«, sagte Schärtlin,
»Ihr scheint mir ein recht versuchter Geselle. Ja, Seger, bei Rom ging's uns
gut, da haben wir seltsam hausgehalten, Kirchen und Klöster nicht verschont,
einen guten Teil der Stadt abgebrannt, alle Register, Briefe und Kopistereien
zerrissen und zerschlagen, war da ein grosser Jammer, wurden wir alle reich.« -
»Aber wie gewonnen, so zerronnen«, sagte Seger, »ich brachte mehr mit zurück
nach Waiblingen als irgend ein anderer Knecht, kaufte viel Häuser und Gärten,
verspielte es aber alles in wenigen Jahren.« - Schärtlin lachte und sprach: »Hab
einmal auch zu Neapolis 5000 Dukaten in einer Stunde verspielt, brachte doch aus
demselben Kriege zurück an 15000 Florenen und gute Kleider und Kleinode; dem
Allmächtigen sei Lob, ich hatte es sauer verdient. Doch zur Sache, ihr wollt
also Dienste?« - SEGER: »Bei gutem Handgeld, ich bin ein guter Hakenschütze, der
auch.« - SCHÄRTLIN: »Ich geb euch jedem vierzig Gulden für den Kriegszug.« -
ANTON: »Ist das für mich, der noch nicht gedient, recht und genug, so ist's für
den zu wenig.« - SCHÄRTLIN: »Vertragt euch darum, mehr kann ich nicht geben, ihr
könnt bei mir was lernen und gut plündern.« - SEGER: »Ich dien bei Euch, auf!
lasse uns den Eid ablegen.«
    Schärtlin befahl jetzt dem Schreiber, das Geld auszuzahlen. Unter der Zeit
traten neun Fähnlein seiner geworbenen Knechte, die noch in Augsburg lagen, vor
dem Hause zusammen. Da war ein prächtiger Trommelschlag auf grossen Trommeln; die
Pfeifer taten ihr bestes, die Hakenschützen sprangen mit zierlichen Schritten
voran, die Hauptleute spielten mit den Spiessen in der Sonne, die grosse Fahne
wurde herabgereicht vom Hause und in die Mitte gepflanzt; dann bestieg Schärtlin
sein Pferd, nahm seinen Streitammer in die Hand und liess die beiden
Neuangeworbenen bei der Fahne schwören, indem er sprach: »Guten Abend, lieben
Kriegsleut, also lieben Landsknecht, darum wir versammelt und hier beisammen
sind, das geschieht darum, dass unser grossmächtiger Kaiser unser bedarf zur
Beschützung seiner Land und Untertanen, Witwen und Waisen; derhalben werdet ihr
beiden Neuangeworbenen, Seger und Sixt, schwören, unserm gnädigen Herren zwölf
Monat getreu zu dienen, auf Zügen und Wachten, gegen alle seine Feinde, zu
Wasser und zu Lande, wo uns unser gnädiger Herr brauchen will.«
    Hierauf sprachen die beiden: »Wie mir vorgesagt und wie ich mit Worten wohl
verstanden habe, das fest und stet zu halten, schwör ich, als mir Gott helfe.«
    Nach diesem Schwure ging mit Trommelschlag alles auseinander und drängte
sich um die beiden neuen Brüder, um ihnen auf den Zahn zu fühlen. Anton und
Seger waren genug mit Leuten aller Art umgegangen, um sich schnell beliebt zu
machen, die guten Gesellen wurden gleich mit ihnen bekannt, und Seger machte
alle lustig, dass er sie aufmahnte, in das grosse Frauenhaus zu gehen. Da war
unter den jungen Burschen ein Jubel, wohl einhundert zogen mit. Dieses Haus war
damals eins der prächtigsten, wenngleich am abgelegensten in der Stadt,
ursprünglich ein grosses Bad, späterhin durch die Kriegszüge, die viel
liederliches Volk in die Stadt getrieben, zu dem neuen Gebrauche eingerichtet.
Aus allen Fenstern hingen Teppiche; schöne Frauen sassen daran und winkten mit
grossen Blumensträussen, oder auch mit Luftfächern aus bunten Federn; unten im
Hause waren die grossen Säle, wohin sich eine Zahl derselben, je nachdem ihrer
bestellt wurden, begab; doch ehe das geschah, versicherte sich erst der Wirt mit
seinen Helfershelfern, die mit Peitschen umhergingen, die Mädchen in ihrer
Gewalt zu erhalten, ob auch Geld unter den Leuten sei. Wer Geld auslegte, wurde
nach Gefallen gebadet und gezwagt und mit allem bewirtet, da klapperten die
Würfel, ein Teil tanzte bei dem Schalle von Pfeifen, die Frauen wussten sich in
allem recht stolz und freventlich zu zeigen, und es kostete dann noch viel Mühe,
Geld und manchen blutigen Kopf, ehe sie sich dem Willen eines jeden fügten.
Seger tat, als sei er mit allen seit Jahren schon vertraut gewesen, aber keine
mochte ihn sonderlich leiden; er sah so kalt und tückisch aus, dass sie ihn
ausschimpften wenn er ihnen zu nahe trat; hingegen drängten sich mehrere um
Anton, der bei seinem Schoppen Wein bisher in aller Treue seiner Alma gedacht
hatte. Zwei, die eine nannte sich Dido, die andere Semiramis, wollten nicht von
ihm lassen, sie drängten ihn, er möchte sagen, welcher er den Vorzug gönne, und
dabei zeigten sie so frech ihren stolzen Leib, dass ihm allerdings gar wunderlich
zu Mute wurde, aber er dachte seiner Frau in aller Treue. Und wie sie ihn so mit
glänzenden Augen unter sich sitzen sahen und doch so ruhig, als habe er gar
nichts ihnen zu sagen, da fasste eine gegen die andere Verdacht geheimer
Liebschaft mit ihm, und so begann der Schimpf zwischen beiden. Die hochmütige
Semiramis schlug aus gegen Dido, die es ihr mit beiden Händen zurückgab. Der
Tisch mit Gläsern stürzte um, die alten Landsknechte, die sich am Feuer von
einem Weibe Waffeln backen liessen, sprangen so hastig auf, dass die Butter ins
Feuer lief. Seger, der schon lange auf Antons Frauenglück eifersüchtig gewesen,
sprang zu seinem Degen und drang auf ihn ein, der, staunend über den Anfall und
des tollen Menschen wenig achtend, nur nachlässig seine Stösse mit der Hand
ablenkte. Von dem verschütteten Weine war aber der Boden so glatt geworden, dass
Anton fiel, und Seger hätte ihn in dem Augenblicke durchstossen, wäre nicht ein
junges Mädchen mit fliegenden Haaren, einen Degen in der Hand, aus der
offenstehenden Küche gesprungen, die ihn mit grosser Geschicklichkeit
entwaffnete. Mehrere sprangen jetzt auf ihn und rissen ihn näher zum Lichte, da
schwankte er aber und redete so durch einander, dass sie ihn entweder für schwer
verwundet oder für trunken halten mussten; das erstere widerlegte sich bald, er
war unversehrt, da banden sie ihn an eine Leiter und legten ihn in ein
Seitenzimmer.
    Jetzt gab man erst auf Anton acht, der vor Schmerz aufschrie, ihm war im
Gefechte das obere Glied des kleinen Fingers, woran der Trauring sass, halb
abgehauen worden; er behauptete, es müsse gleich im Anfange geschehen sein, denn
indem er mit der Hand den Tisch zu halten gesucht, sei er durch einen Hieb
darauf schmerzlich aus der ersten Betäubung über das Ereignis geschreckt worden.
Seine junge Retterin verband ihm den Finger, aber das war jetzt seine grösste
Sorge nicht; er suchte den Ring, der von dem Gliede abgehauen worden, der aber
nicht aufzufinden war; man scharrte in allen Dielenritzen, aber vergebens;
endlich gewann die Vermutung, er sei in das Feuer gefallen, die Oberhand, und da
war jetzt nichts zu suchen und nichts zu finden, ohne Feuerschaden zu stiften.
    Anton ärgerte sich über diesen Verlust, er kam sich selbst nicht recht
vollständig vor; inzwischen suchte er keine Bedeutung in den Vorfällen des
Lebens, und das wunderliche Mädchen, das ihn errettet hatte, zog seine ganze
Aufmerksamkeit auf sich, er dankte ihr, sie hörte kaum darauf; sie war mit
seiner Wunde beschäftigt und fragte ihn, ob er gute Pflege in seiner Wohnung
habe. »Wohnung«, fragte Anton, »daran habe ich noch nicht gedacht; wo wohnt Ihr,
Bruder?« - »Wir sind bei den Bürgern eingemietet«, sagte einer; »hast du dich
bei dem Musterrollenschreiber nicht gemeldet?« - ANTON: »Keinesweges, ich
meinte, Seger würde das besorgen, wie steht's mit dem?« - »Der ist in
vierundzwanzig Stunden noch nicht nüchtern, es muss ihn einer hier bewachen,
bleib du hier, du hast frisches Geld, sie werden dir ein Nachtlager nicht
abschlagen.«
    Die beiden Frauen, die das Fechten bisher auseinander geschreckt hatte,
kamen jetzt wieder aneinander, indem sie beide in seine blonden Locken griffen
und ihn zu sich zu ziehen suchten. Das Zerren tat ihm wehe, der Wirt befreite
ihn endlich, indem er die Mädchen in entgegengesetzten Ecken des Zimmers an
Bänke festband. Jetzt hatten sie Zeit, wie Hähne, die zum Kampfe angeleitet
werden, in verschlossenen Behältern einander gegenüber sich gegenseitig zu
ärgern; wie eine losgelassene Mühle ergossen sich schäumend die Schimpfreden
dieser beiden Zwillingstöchter des Müllers; ihre Schönheit hatte ihm viel
Mahlgäste gelockt, bis Dido (der Name war ihr von einigen gelehrten Bacchanten
geblieben, die mit ihr verkehrten, gleichwie der Name Semiramis ihrer Schwester)
ihrer Lust die Weltfreiheit gewährte und die Schwester aus Liebe zu ihr die
Mühle verliess.
    Dido machte jetzt ihrer Schwester harte Vorwürfe: »Wie hast du dich
verstellt vor mir; wie schienst du kalt gegen die Männer? - wie schienst du
allein mich zu lieben?« - Semiramis antwortete: »Was hast du je mir zur Liebe
getan? und doch habe ich Jahre lang dir gedient - deinem Eigensinn und deiner
Lust; warum habe ich dir Hunderte zugeführt, die sich mir ergaben, und willst
mir den einen rauben, den ich liebe.« - DIDO: »Was willst du mit ihm, willst du
eine Rose auf Eis betten, du kannst nicht lieben, du hast nur den Schein des
Lebens, aber in deinen Adern ist kaltes Blut, du bist eine kalte Schlange.« -
SEMIRAMIS: »Und bin ich eine Schlange, so will ich mich um ihn winden, um seinen
Hals, mit ewigem Knoten meine Arme in seinem Nacken verknüpfen und seines Mundes
Küsse aussaugen.« - DIDO: »Sieh, du Schöngelockter, so denkt sie, so träumt sie;
sie kennt nicht die Liebe; ich will dich schützen gegen Sonnenstrahlen wie ein
Dach von Weinlaub; deinen Lippen will ich feurigen Trank und süsse Speise
reichen, und willst du schlummern, da soll dich das Beben meiner linken Seite,
in der das Herz schlägt, sanft einwiegen, und dann will Ich mit deinen Haaren
den Vögeln Schlingen stellen, dass du beim Erwachen von ihren Gesängen wie die
aufgehende Sonne begrüsst wirst.« - SEMIRAMIS: »Ich kann nicht reden wie die
Schwester, die verliebt zu allen gesprochen hat; aber sieh dieser Arme Glanz, wo
sie von schwarzen Fesseln gebunden; so weich, so voll sind sie, so hart das
Band; ach viel weicher und voller ist meine Seele; und viel härter liegt sie in
den Fesseln meiner Neigung zu dir.« DIDO: »Sieh mich, ich bin gelblich von dem
Feuer des Goldes in mir, ein reiches Bergwerk und die reichen Stufen warten auf
dich, dein Licht brennt hell in deinen Augen, sieh, wie das Gestein flimmert und
funkelt, sieh meine Spangen mit Granaten umglänzt, sieh die Schnallen meiner
Schuhe von gelben Topasen flammend.«
    Da fuhr der Wirt, der etwas eingenickt war, auf; »ihr habt die Peitsche wohl
lange nicht gesehn, wollt ihr schweigen, wollt ihr wieder Händel anstiften!« -
Anton hielt ihn und sagte: er könne so harte Zucht nicht zugeben; darauf führte
der Wirt mürrisch die beiden Frauen fort. Anton sah jetzt seine Retterin, das
kleine Mädchen, freundlich an und fragte sie: »Wie heisst du?« - »Susanna, Herr!«
- »Wohl denn, Susanna, sei die keusche Susanna, so bleibe ich bei dir!« - »Ihr
seid sehr gütig, lieber Herr«, antwortete sie, »aber ich bin ein armer
Aschenprödel und habe nur eine ärmliche Streu.« - »Mir einerlei, ich bin müde
und möchte bald Ruhe haben!« - Susanna führte ihn unter eine Treppe, wo ihre
Schlafkammer aufgeschlagen war; sie brachte ihm eine kleine Blechlampe, wobei er
das Strohlager erkannte, von einem reinlichen, aber zerrissenen Leintuche
bedeckt; eine gemeine gewürfelte wollene Pferdedecke diente zum Kopfkissen, eine
andre zur Decke; sie zeigte ihm ein Kruzifix zum Beten und ging dann fort, um
noch die Teller in der Küche abzuwaschen. Anton verwunderte sich wohl über das
schwarzgelockte Mädchen, das so viel für ihn getan und so gar nichts von ihm zu
verlangen schien, dem er aus Dankbarkeit nichts hätte abschlagen können; dann
löschte er die Lampe aus und schlief, gegen seinen Willen, schnell ein. Der
Hunger weckte ihn Morgens frühe; er hatte Abends mehr getrunken als gegessen,
doch strahlte ihm schon der Lampenschein in die Augen, ungeachtet sie mit einer
Schürze verhangen war.
    Susanne lag vor dem Kruzifixe und betete den Rosenkranz dann stand sie auf,
die zierlichste Gestalt im Übergange zur weiblichen Fülle, aber noch unbeendigt
und schlank. Es war jene goldene Mädchenzeit, wo sie in doppelter Gestalt zu
leben scheinen, in der künftigen und in der gegenwärtigen; aber ihr ganzes Wesen
hat eine Freiheit von dem Bedürfnisse und einen Reiz, dass sie mit grosser
Überlegenheit alle beherrschen, dass sie jede Huldigung anerkennen, aber keine
erwidern mögen. O wenn ihr nicht selbst Engel wärt in dem Alter, ihr Mädchen, so
würden euch alle Engel schützen, und für alles Gute, was ihr in dem Alter
unbewusst tut, könnt ihr nachher lange sündigen.
    Nachdem sie mit grosser Scheu vor dem Schlafenden sich angezogen hatte, trat
sie leise zu ihm, öffnete mit wunderbar leichter Hand den Verband seines
Fingers, nahm ihn ab, küsste ihn und legte ihn in eine kleine blecherne Kapsel,
die sie sich an einem Schnürchen um den Hals hing. Anton konnte es jetzt nicht
lassen, nach seinem Finger zu sehen; er fürchtete, dass nach der Abnahme des
Verbandes er sich die Kleider vollbluten würde; ihm war aber, als erwachte er
aus einem Traume, wo er einen guten Freund verloren, der nun lebend vor seinem
Bette stand, als er den abgehauenen gesund und unversehrt, bis auf einen
schmalen, roten Strich, der quer durch wie ein Feuermal lief, an seiner Hand
sah. Jetzt glaubte er erst, dass er träume; er bewegte ihn des Versuches wegen,
und er war seinem Willen folgsam wie sonst; auch fühlte er damit die Spitzen des
Strohs, wo an jener Seite das Bettlaken sich zurückgezogen hatte. Sie schien
seine Bewegung nicht zu bemerken, sondern war eben mit der beschwerlichen Arbeit
beschäftigt, einige Steine des gepflasterten Bodens auszuheben; sie kam endlich
damit zu Stande, öffnete einen Kasten, der dort vergraben, und holte einen
männlichen gelben Wams, Pluderhosen, ein rotes Barett und einen Gurt mit dem
Messer heraus; das zog sie alles an und erschien dem Lauernden plötzlich in
einen schönen Edelknaben verwandelt.
    Länger konnte er seine Verwunderung nicht bergen, er richtete sich auf und
sprach: »Hast du dich verwandelt, Wundermädchen, bist du Susanne nicht mehr,
hast du mich auch verwandelt, bin ich ein Mädchen geworden?« - Sie kniete sich
bescheiden nieder und bat ihn um Verzeihung, dass sie ihm nicht früher ihren Plan
mitgeteilt hatte, ehe die Ausführung schon so weit gediehen. »Ich bin in diesem
Hause geboren und auferzogen; ich kann nicht länger hier verweilen; seit der
Geschichte gestern abend würde ich die Neugierde aller auf mich ziehen, ich
würde als ein Opfer böser Lust fallen, wie ich so viele fallen gesehen; nehmt
mich fort, gnädiger Herr! niemand wird mich in dieser Tracht vermuten; ich gehe
Euch nach wie ein Bube aus dem Trosse, der Euch abholen soll; gestern verspracht
Ihr mir so viel zum Danke, seht, jetzt fordere ich das einzige von Euch.«
    »Alles, liebes Kind, will ich dir gewähren; was brauchst du der Verkleidung,
sei es mit Gewalt oder Güte, ich schaffe dich aus diesem Hause der Schande
heraus.«
    »Und was sollte dann aus mir werden, wer nähme mich hier in seine Dienste,
hier kennt mich jedermann, von allen Kindern bin ich ausgeschimpft worden, wenn
ich einkaufte am Markte; ich muss fort von hier, von der Stadt, von dem Lande;
ich ziehe mit Eurem Fähnlein als Trossbube; zu diesem Gebrauche habe ich mir die
Kreuzer erspart, die mir zum Lohne und als Trinkgeld hier gegeben sind. Ein
Edelknabe verkaufte mir diese Tracht, der aus einer unsinnigen Leidenschaft zu
einer Frau unseres Hauses sich hier, in Mädchenkleidern versteckt, aufhielt.«
    »Wie hiess der Knabe, wo ist er geblieben?«
    »Kurt hiess er, aus Pforzheim; er liess sich in nächtlicher Weile mit der
geliebten Frau aus dem Fenster an den Bettüchern herunter; am Morgen entdeckte
der Herr, was vorgegangen, es war aber keiner von beiden zu erforschen. Der Herr
war sehr wild, denn die Frau war ihm viel schuldig geblieben.«
    »Nun wohlan«, meinte Anton, »mein gutes Susannchen, so sei denn zum
letztenmal so genannt; Kurt heisst du nun, und Gott segne unsern Feldzug; so
bring ich dich zu meiner Frau, da sollst du gute Tage leben und wie mein eignes
Kind gehalten werden.«
    Susanne lachte: »Wie Euer Kind? Ihr kommt mir gar nicht vor wie mein Vater;
vielleicht scheint Ihr mir, ob Ihr gleich so gross und stark seid, jünger wie
ich; seht, ich möchte Euch immer unterweisen und beraten.«
    Anton war durch diese Rede in neue Verlegenheit gesetzt; er glaubte sein
Verhältnis zu ihr durch den Ausdruck »väterlich« gut festgesetzt zu haben; er
sprach, ohne recht zu wissen warum: »Ich könnte freilich manches lernen von dir,
abgehauene Finger in einer Nacht anzuheilen.«
    »Ach denkt der Kleinigkeit nicht; es war gut, dass ich mein sympatetisches
Mittel brauchen konnte, ich habe wohl grössere Kuren damit vollbracht, hier wo
selten der Tanzboden ohne Raufereien leer wird; doch es wird schon hell in den
Gängen, sie könnten mich erkennen; zahlt Eure Zeche.«
    Anton stand jetzt auf, dehnte sich mit allen Gliedern, sah noch einmal in
das wunderliche Schlafkämmerlein und weckte dann den Wirt, der entsetzlich das
verfluchte Susannchen schimpfte, die noch auf der faulen Haut liege. Er machte
ihm eine teure Rechnung; und als er wissen wollte, wofür, sagte er: »Ich habe
Euch so hoch aufgeschrieben, als Ihr hereingetreten; Ihr hättet das Doppelte
verzehren können, ich hätte Euch nicht mehr abgefordert. Was habt Ihr da für
einen feinen Burschen bei Euch?«
    »Er ist mein Trossbube«, sagte Anton sehr verlegen und schob ihn zur Tür
hinaus. »Da habt Ihr Euer Geld, lebt dafür als ein schlechter Kerl wie bisher,
und dann segne Euch der Teufel mit allen seinen Gaben.«
    Er wollte unter dem Toben des Wirtes fortgehen, als Seger an der Leiter
gebunden hereinsprang, den Wirt umrannte und flink voran zur Tür hinauslief; wie
ein tollgewordenes Schaltier schleppte er die breite Wagenleiter, die sich an
der Tür festakte.
    Susanna, die jetzt die Hemmung fürchten musste, kletterte über ihn hinaus,
Anton ihr nach; der Wirt wollte wieder aufstehend beiden hitzig nach, er stieg
die Leiter hinan, da liess aber Seger dieselbe los und lief davon, so dass der
Wirt sehr unsanft über seine Treppe hinaus auf das Strassenpflaster fiel.
    Die drei Flüchtigen hatten nicht Lust abzuwarten, bis der Wirt mit seinen
zahlreichen Prügelknechten ihnen nachgekommen; sie liefen schnell vor Schärtlins
Haus, wo immer eine Zahl Landsknechte versammelt war. Einige, die gestern bei
dem Streite zwischen Seger und Anton gegenwärtig gewesen, fragten ihn, ob er
nicht seinen Finger mit dem Degen rächen wollte. Anton zeigte ihnen den Finger,
dass er wieder angeheilt, dann ging er aber, weil er sich in seiner Ehre gekränkt
glaubte, ganz trotzig auf Seger los und fragte ihn, wie er das gestern gemeint
habe. Seger, an welchem ein paar andere gehetzt hatten, meinte, er wäre zwar
betrunken gewesen, wenn er's aber so gar ernstlich nehmen wolle, so könne er...
und dabei drehte er sich um und bleckte mit seiner langen Zunge aus dem magern
gelben Gesichte heraus.
    Der Feldwebel nahm jetzt Anton bei Seite, als er eben auf jenen losschlagen
wollte, und sagte ihm, dass er ihn auf den Rosengarten vor der Stadt
herausfordern sollte. Das sei Gebrauch unter den Landsknechten.
    Susanna hatte sich bei diesem Verhalten ängstlich dem Anton angeschmiegt;
das rührte ihn, er bat sie, wenn er fiele, nach Waiblingen zu seiner Frau zu
gehen und ihr zu sagen, dass er an einer Krankheit gestorben. Susanna versprach
es, sagte ihm aber, er möchte nur erst zu Gott beten, so stürbe er selig. Diese
Fassung in dem Mädchen, ihn sterben zu sehen, brachte in seine Seele ein ganz
neues Gefühl; sein Zorn gegen Seger war längst veratmet, er war zu gutmütig, um
ihn länger zu hassen, als die Bewegung im Blute dauerte; er war wohl schon auf
einigen Fehdezügen und Gefechten gewesen, aber da waren viele mit ihm, jeder war
mit sich auch beschäftigt; so war es auch bei manchem Zusammenlauf in
Weinkellern und Gelagen, da war nichts Vorbereitetes, nichts Feierliches. Jetzt
aber konnte ihm der Feldwebel nicht genug erzählen von allen Regeln, wie er sich
stellen, wie er die Gänge endigen müsse, was er sprechen, wie er um sich blicken
sollte; er sah, wie alles auf ihn blicken würde, welches Zutrauen sie dabei auf
seine Grösse, auf seine Stärke setzten, wie lächerrlich es sich ausnehmen würde,
wenn er sich feige zeigte, oder nur linkisch erschiene. Vom Gebete hatte ihm der
Feldwebel nun gar nichts berichtet; er fragte ihn, ob es im Gebrauch. »Nein«,
sagte jener, »das ist abgekommen, aber tüchtig Fluchen, das hilft.«
    »Vergiss nicht zu beten«, sagte Susanna; und schon gelobte er sich mit grosser
Inbrunst, dass er nicht möchte zu Schanden werden.
    Es wurde sehr heiss; sie gingen am sandigen Ufer des Wassers, einer nach dem
andern, herunter, und Anton sah im Spiegel, dass Seger mehrmals nach Kräutern am
Boden griff, nach Kletten und Stechapfel und damit seinen Degen rieb; er fragte
den Feldwebel, was das solle. »Fest soll es machen«, sagte er, »aber ich halte
nichts darauf; wer sich brav wehrt, ist am festesten.«
    Unter solchen Reden kamen sie an das frische Grün des Rosengartens, der mit
gar nichts als mit einer dünnen seidenen Schnur umzogen war, die aber keiner von
allen Soldaten zu überspringen wagte, vielmehr rückte jeder seine Kleider in
Ordnung und trat mit gemessenen Schritten auf den Eingang zu, wo die zwölf alten
Ritter, die den Rosengarten in Worms verteidigten, in Stein gehauen standen. Sie
grüssten alle ehrerbietig, dann gingen sie vor den weissen Rosen vorüber in den
Kreis, wo die roten Rosen in höchster Fülle zu einem hohen Zelte geflochten
schattend dufteten. Seger und Anton warfen ihre Mäntel ab; jener bewegte sich
ungeduldig hitzig, dieser, wie er ihn so ungeduldig vor sich sah, spürte eine
Art Mitleid. Susanna schlich sich in diesem Augenblicke an ihn und flüsterte ihm
zu: »Lieber Herr!« - Anton blickte auf und bezeichnete seine Brust mit dem
Kreuze; dabei zitterte Seger, dann aber sprang er auf Anton tückisch ein, der
seine ersten Stösse, weil er sie noch nicht erwartete, nur mühsam abwenden
konnte.
    In diesem Augenblicke sprangen die beiden Frauen Dido und Semiramis, die
eigentlich an dem Ausbruche des Streites schuld gewesen waren, mit einem lauten
»Halt ein!« nicht ohne Gefahr zwischen die Klingen der Kämpfenden. Dido war
meergrün und Semiramis kornblumenblau gekleidet.
    »Hört«, rief Semiramis, »wie grossmütig eine liebende Frau sein kann; ihr
wisst, wir haben uns um Anton gestritten, aber sein Leben ist mir lieber als
meine Liebe, und so warf ich meine ganze Liebe auf dich, Seger; dich aber Anton,
muss ich der Dido überlassen; so seid ihr beide versöhnt.«
    Seger umfasste sie und kniete nieder, hob sie dann auf seine Schulter und
rief: dass solch ein Edelmut unerhört sei; sie beide dankten ihnen das Leben.
    Anton stand in sich gekehrt und wusste gar nicht, was er sagen sollte. Dido
hatte, ohne dass er es bemerkt, ihm den Degen abgenommen, sie küsste ihn, und er
merkte nichts. Susanna war von ihm getreten und hielt sich unter den Soldaten
versteckt.
    Jetzt erscholl ein lieblicher Tanz von gedämpften Trommeln, Pfeifen und
Fagotten. Dido ergriff Anton zum Reihentanz, Semiramis führte Seger. Der Tanz
verschlang sich immer mehr, und immer tiefer gingen seine Gedanken unter, immer
mehr traten die Sinne hervor; bald tanzte er mit einer Anmut, die er sich einst
erworben, den einzelnen Locktanz. Dido flüchtete scheinbar vor ihm und von ihm
in das dichte Holz; er tanzte trauernd und suchend, dass alle Rosen sich auf ihn
niedersenkten und seine Lippen kühlten; er rief, aber sie kam nicht, aber alle
wurden durch ein nahes Waffengeklirr erschreckt. Alle liefen nach dem Orte, auch
Anton und Seger, aber alle kamen zu spät, um das schreckliche Ereignis zu
hindern. O Jammer, dass die Zeit immer umwendet, das Geschehene zu verwandeln
nach dem Rate der Klugheit. Über das meergrüne Kleid Didos, über das blaue
Gewand der Semiramis flossen zwei rote Ströme zusammen und mischten das
feindliche Blut der beiden streitenden Weiber; sie hatten einander mit den
abgenommenen Degen der Kämpfer durchbohrt.
    Semiramis rief zu Anton: »Siehe, Unglückseliger, zwei Opfer deiner
göttlichen Schönheit; ich konnte nichts als sterben, seit ich dir entsagt; o
Amor! wie hat deine Flamme mich verzehrt, dass ich mein eignes Haus angezündet
habe; wisset, es ist meine Zwillingsschwester, die ich zum Gefechte gezwungen,
meine Zwillingsschwester, mit der ich einträchtig zusammen ruhte im Leibe der
Mutter, die ich zur ewigen Ruhe niedergestreckt; es ist meine
Zwillingsschwester, die mich mitnimmt in die grausenden Lieblichkeiten des
Venusberges, in welchem wir bis zum jüngsten Tage schmachten müssen nach dem
Genusse, in dem wir hier uns übernahmen.«
    »Schweige, du arme Schwester«, rief Dido mit schwacher Stimme, »ich bin
deiner Leiden, deiner Sünde Anfang und Ende; das Eis, auf welchem du zu Falle
gekommen. Hört es ihr harten Kriegesseelen, und ihr werdet sie jammervoll
anblicken und für sie beten; sie war zu stolz, zu edel für die Sünde, mich aber
ergriff sie in wilder Lust, doch wollte sie mich nicht verlassen, so war sie
geschändet vor der Welt und doch ohne Schuld; sie sorgte nur für mich, freute
sich meines Glückes, sie aber empfand keine Liebe.«
    »Ach«, seufzte Semiramis, »die Liebe ist ein guter Jäger, sie lädt uns die
Freiheit, wie den wilden Vögeln, bis wir erwachsen sind und in voller Schönheit
des Gefieders prangen, da schiesst sie uns mit Pfeilen des Todes in einer Stunde
ungewarnt darnieder; wehe mir des letzten Tages, wo ich dich Anton erblickt; da
ging meine Freiheit verloren und mein Edelmut und meine Schwestertreue.«
    »Jammer, unendlicher Jammer schlägt an meine Brust mit todespochender Hand«,
rief Dido, »du hattest so viel für mich getan, und konnte dir nicht opfern dies
eine Glück. O du doppelsinnige Liebe, ich kannte deine Tücke, deine
Unersättlichkeit, darum wollte ich dich bewahren, o meine Schwester, vor ihrem
ersten Handgelde, denn niemand dient bei ihr aus, immer neue Dienste weiss sie
aus den alten zu erzwingen.«
    »Reiss nicht so schmerzlich in meinem Hirn, Schauder der Liebe«, klagte
schwächer Semiramis, »wie hat dein Hauch alle Rosen des Gartens verwelkt, wie
ein giftiger Tau, wie ein glühender Wind der Wüste. Es ist heller Mittag, aber
doch seh ich schrecklich rasende Sternbilder am Himmel, greulich wüten die Wesen
in einander, Menschen und Tiere vermischt. Geliebter Anton, könnte ich den
reinen Himmel nur sehen, wie ich ihn noch gestern gesehen; o halte mich fest,
geliebter Anton! wer lässt den Boden unter mir gleich Korn durch den Mühlstein
gehen, er sinkt, er sinkt! schon fasst mich der rollende Mühlstein; mein Vater,
warum hast du deine Mühle angelassen und deiner Kinder nicht gedacht.«
    Und die andere schrie: »Vater, warum hast du den Strom angelassen, er treibt
mich in das Rad; das Bad war mir so kühl und lieblich.«
    »Ja, ja«, sagte der Feldwebel, »werdet den Vater schon wieder finden in der
Hölle; seid doch zu beklagen, was konntet ihr dafür, dass er mit euch sich
Mahlgäste lockte, ihm hat's auch nicht geholfen, wie gewonnen, so zerronnen.«
    Aber die armen Müllertöchter hörten nicht mehr diese kalte Rede, ihr Jammer
endete für diese Welt und ging in jener auf, und Anton lief in seiner
Herzensangst, die Ursach ihres Todes zu sein, von einer zur andern; aber die
toten Leiber erkannten nicht mehr seine Liebkosungen, die noch vor wenig
Augenblicken sie zu tausend Freudensprüngen belebt hätten. So sah er der
irdischen Liebe Tod, und wie ein Vogel, der aus dem Nest ausgestossen, zuerst
seiner Flügel Schwingkraft kennen lernt, so wurde es ihm nun zu Mute, als er
überdachte, was er in den Gemütern der Menschen gewirkt; sein Gemüt selbst
erkannte sich in einer Freiheit von dem Boden des Jammers, und er hörte auf, ein
Leibeigner seines Bedürfnisses zu sein; er kam sich vor, als gehöre er zu
Susannen, und mit dem Gedanken erinnerte er sich, wie wunderbar sie seinen
Finger geheilt.
    »Kurt«, rief er, »wenn du mir wirklich treu bist, tue diesen armen Frauen
wie du mir getan und heile ihre Wunden.«
    »Herr,« sagte sie, »das sind Wunden der Gerichte Gottes, über die vermag
alle Sympatie nichts; ich werde tun nach Eurem Befehle, aber ich meine, dass
alles vergebens.«
    Bei diesen Worten ergriff sie ein Holz und legte es unter Gebeten im Kreuze
auf die Wunden, und die armen Mädchen öffneten die Augen; da faltete ihnen
Susanna die Hände und betete ein Vaterunser, da verschieden sie, und das
Schrecken ihrer Gesichter schien gemildert, als wäre ein Jahrhundert abgebüsst.
    Neue Wildheit durchströmte jetzt den Garten, der Wirt des Frauenhauses kam
mit seinen Knechten, um die entlaufenen Mädchen zurückzurufen; da er mit
Beschimpfungen von den Soldaten empfangen wurde, so hieb er mit seinen Leuten,
die in grösserer Zahl waren, auf diese ein. Hier zeichnete Anton sich zuerst vor
ihnen aus, er tat Wunder; aber Susanna war an ihn gebannt wie ein Waffenzeichen
und hielt manchen Hieb ab, der ihn treffen sollte. Von beiden Seiten waren schon
mehrere schwer verwundet, als endlich der Wirt durch einen Hieb Antons mit
grässlichem Geschrei fiel, worauf seine Knechte entliefen.
    Im Triumphmarsche zogen nun die Knechte in die Stadt; es wirrte Anton im
Kopfe. Seger trat zu ihm und sagte, er müsse sich an dem Wirte rächen. Jetzt
sprach Anton von nichts als Zusammenschlagen des Frauenhauses; er ging so stolz
einher wie ein Hauptmann, so folgte ihm jeder und keiner wusste warum. Es
sammelten sich zu ihm noch mehr Soldaten in der Stadt, und sie gingen im
Sturmmarsche auf das Frauenhaus, erbrachen die verschlossenen Türen, ergriffen
die Feuerbrände am Herde, durchsuchten das Haus und schlugen die Hüter aus allen
Ecken heraus. Die Frauen flüchteten jubelnd heraus, ihre Sündenrechnungen waren
zerrissen, denn die Flamme wirbelte schon aus einem Fenster heraus, als sie noch
Tisch und Bänke und alles Geräte zerschlugen.
    Draussen waren indessen durch die Sturmglocken viel Bürger versammelt, die
aus Ärger über den Frevler in die Flammen zurücktrieben, aus denen sie sich
jetzt auf die Strasse zu flüchten suchten. Die Menge dieser Feinde war gross, aber
Anton verlor den Mut nicht; er nahm die Muskete eines Soldaten, legte an und
schoss los, dass die Kugel über die Häupter der Bürger hinsauste, da wussten die
Hintersten nicht, dass ihrer Feinde so wenig nur waren, sie sprangen in Eile über
eine Kirchhofsmauer, die ihnen im Rücken lag, die andern sprangen nach, wie wir
bei Schafen sehen; wenn eins emporgesprungen ist, so springen da alle nach. Die
Vordersten, die hinter sich plötzlich das Geschrei hörten und die Flocht
wahrnahmen, meinten, ihnen sei ein unbekannter Feind in den Rücken gekommen, und
fürchteten sich vor zwei Feuern und liefen nach allen Richtungen.
    Die mächtige Stadt wäre in dieser blinden Furcht vor wenigen Menschen leicht
zu plündern gewesen, aber die Landsknechte verachteten das; vielmehr sammelten
sie sich in Reih und Glied vor Schärtlins Hause, der sie mit Weisheit und
Entschlossenheit sogleich aus der Stadt führte. Anton sah in dem Gerassel der
Waffen, in dem gleichen Schritt, von dem die Erde bebte, mit einer wunderlichen
Schwermut nach den Feuerwolken, die über der Stadt durch die Nacht schienen;
erst jetzt dachte er, wie viele Unschuldige sein blinder Eifer vielleicht in
vieljähriges Verderben gestürzt.
    Susanna, die still neben ihm gegangen war, seufzte und sagte, dass sie
versinke in Müdigkeit. Da nahm er sie in seine Arme, und als der Mond aufging,
da schien sie ihm bleich wie eine Tote, und der milde Tau seiner Tränen fiel auf
die Schläfe der Müden, dass sie erwachte, die Augen aufschlug und betete: »Herr
vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.« Das Wort drückte sich in das
tiefste Gedächtnis Antons; er fühlte, dass er nie gewusst, was er getan, sondern
dass der Zufall mit ihm gespielt; und vor dem Mädchen fasste ihn eine heimliche
Scheu, wie vor einem Engel.
    Sie sprang erfrischt auf den Boden und marschierte an seiner Seite weiter
fort, bis der Haufen Halt machte und sich über den grünen Boden streckte; da
sank ein hoher Federbusch nach dem andern ins Gras, sie aber sang noch im
frischen Morgenwinde:
Herr der Müden,
Herr der Schwachen,
Nach dem Wachen
Schenke uns des Schlafes Frieden;
Dass wir ruhen von Beschwerde,
Dass kein Feind uns mag beschleichen.
Decke uns mit Palmenzweigen,
Decke uns mit kühler Erde.
Während sie so sang, heulte der Wolf im dichten Forst. Anton war der Gesang ganz
unbehaglich; er setzte sich zu Seger und fragte ihn: »Wo mag das Feuer
eigentlich ausgekommen sein?« - Seger lachte und sprach: »Ich warf einen
Feuerbrand in einen Haufen alter Lumpen; das war ein Spass, anzusehen, wie das
alles in die Höhe flammte und das unverbrannte Zeug mit sich riss, als wären es
Brandbriefe, die überall ausfliegen sollten; dann schloss ich das Zimmer zu,
damit niemand zum Löschen herein konnte.«
    »Pfui Teufel!« sagte Anton, »das Zerschlagen habe ich wohl geraten, aber das
Verbrennen war schlecht, denn das Feuer hat seinen eigenen Weg, und keiner weiss,
wen es erreicht.«
    Bei diesen Worten beorderte die Trommel alle in den Ring. Schärtlin sah sehr
ergrimmt aus und hielt in der Mitte zu Pferde. Es traten zwei Abgeordnete des
Augsburger Rates auf und baten ihn um Bestrafung der Frevler, die Brand in ihrer
Stadt gestiftet hätten. - Schärtlin versprach ihnen das und hielt bei dieser
Veranlassung eine Rede über das unnütze Gesindel, das ein Verderben ihrer
Kameraden sei. »Es gibt«, sagte er, »solche Federhansen, Eisenbeisser und
Spitzknechte; die halten sich zusammen, prassen, schlemmen, demmen und
verspielen ihre Besoldung bei Zeiten, schlagen sich dann bei andern ehrlichen
Gesellen zu. Wo man ihnen den Kragen nicht füllt, suchen sie Gelegenheit durch
Spiel oder Balgen andere zu überrumpeln, ziehen im Lager um oder von einem Haus
zum andern, schreien Mum, Mum, tragen Würfel in der Hand, haben etwa den Degen
oder Wehr am Arm oder Hals hangen, sind gleich bös und freudig mit dem Maul; was
sie im Wege sehen, fallen sie an, durchstreichen die Dörfer; da kann kein Armer
ein Hühnlein vor ihnen behalten, jagen sie wohl gar zum Hause hinaus, stecken
ihnen wohl gar das Haus an; aber solcher Frevel soll gestraft werden.«
    Nach diesen Worten gab er Befehl zur Untersuchung. Ein paar Zeugen, des
Augsburger Wirts Knechte, sagten auf Anton aus, dass er in das Haus gedrungen; er
leugnete nichts, sondern erzählte, wie alles sich verlaufen, dass er aber am
Feuer unschuldig sei.
    Schärtlin sah ihn aufmerksam an und sprach: »Schade, dass ich dich so bald
verliere, aus dir hätte was werden können.«
    Die drei Richter waren nach dem ersten Verhöre gleich einig, dass er sein
Leben verwirkt habe, doch solle ihm aus besonderer Gnade des Feldmarschalls
keine schimpfliche Strafe angetan werden, sondern er durch drei Musketenschüsse
seiner Kameraden fallen.
    Anton stand da verwundert, aber nicht erschüttert; es kam ihm alles wie ein
elendes Spielwerk vor; er fragte: Wie bald er denn solle der Welt absagen.
    »In einer Stunde«, antworteten die Richter.
    »Wohl denn«, sprach er, »so will ich noch einen guten Trunk tun. Wein her
für mich und für meinen Knaben.«
    Seger trat jetzt zu ihm und dankte ihm, dass er ihn nicht verraten; zugleich
riet er ihm, er wolle ihm heimlich einen Dolch zustecken, damit möchte er nur
den Steckenknecht, der ihn bewachte, niederstossen und davonlaufen; er könne ihm
schwören, dass keiner der Landsknechte umher ihm nachsetzen würde, vielmehr wären
sie alle schon in Aufruhr, dass einer von ihnen wegen einer Ehrensache des ganzen
Haufens zum Tode verurteilt werden sollte.
    Anton dankte ihm und nahm den Dolch; jetzt aber redete ihn Susanna an, die
den Vorschlag vernommen hatte: »Herr, lasst keinen Unschuldigen Euretwegen
sterben.«
    Anton ward dadurch ernst und gerührt; er tat nichts zu seiner Befreiung,
sondern dachte so in sich, was nun in wenig Augenblicken aus ihm werden würde,
wer ihn in der Welt vermissen, und dass sich alle so wohl befinden würden wie
vorher; aber da sah er Susanna, die mit jammervollem Blicke betete, und betete
auch. Die Gedanken gingen ihm immer höher, als ihn Schärtlin aus seinem Traume
erweckte und laut sprach, er wolle doch hören ob er noch was auf Erden zu
bestellen. Dann sprach aber der Feldmarschall leise zu ihm: »Ich habe dich lieb
gewonnen wegen deines tapfern Angesichts, ich will ein Grosses für dich tun,
meine Schützen sollen die Kugeln wegbeissen; stell dich, als wärst du getroffen;
der Nachrichter soll dich gleich forttragen, lauf dann, so weit du kommen
kannst, dein Handgeld sei dir geschenkt.« - Anton sah ihm mit gerührtem Blicke
in das grosse ernste Gesicht, und Schärtlin blieb ihm unvergesslich; er glaubte
noch vor ihm zu stehen, als er längst fortgeritten war.
    Die Anstalten zur Hinrichtung wurden gemacht; feierlich nahmen alle
Spiessgesellen von ihm Abschied und schwuren ihm sie hätten ihn zum Rittmeister
erwählt, wäre er leben geblieben. Der Ernst dieser Reden durchzog endlich Anton
mit dem Gedanken, was Schärtlin ihm gesagt, habe ihm wohl nur die Furcht
ersparen sollen; das erregte seinen Stolz, und mit Kühnheit kniete er auf dem
Sandberge nieder, seiner selbst gewiss, uneingedenk des Ausgangs. Als aber der
erste Schütze geschossen und er nichts als den Luftzug und die Blendung
empfunden, da bereitete er sich umzustürzen, wie Schärtlin ihm befohlen. Der
zweite, ein alter Schütze, sah ihn grimmig an, zielte langsam, dann blitzte das
Pulver auf, und Anton streckte sich zusammenstürzend über den Sandhaufen. Gleich
bedeckten ihn ein paar Steckenknechte mit einem roten Mantel und trugen ihn ins
Gehölz. Der Marsch wurde geschlagen, und die Gegend verödete sich mit jedem
Schritte.
    Anton musste noch immer tot scheinen, aber fast ertrug er den Zwang nicht
länger, als er Susanna mit so beweglicher Stimme um ihn klagen hörte. - »O Vater
im Himmel!« rief sie, »was soll ich auf Erden, wo mich keiner liebt, da du ihn
zu dir genommen hast, den ich liebte auf Erden; wo soll ich einen Trost finden,
da sein fröhliches Angesicht mir nicht mehr leuchtet; wem gehöre ich an auf
dieser Welt als ihm, der mich nicht mehr hört; er ist mir Mutter und Vater,
Bräutigam und Mann, Vaterland und Unterhalt. Hier will ich bleiben, bis meine
Klagen mit dem letzten Atem verseufzen; hier will ich beten und verhungern, denn
seines toten Angesichts bleiche Lieblichkeit ist die einzige Nahrung, wonach ich
verlange.« Bei diesen Worten zog sie den Mantel hinweg, und Anton hielt sich
nicht länger, hätte es ihm auch das Leben gekostet; er umfasste sie mit beiden
Armen, und sie stürzte von dem Erschrecken tot in seine Arme. An seinem Herzen
erwärmte er ihr Herz, an seinen Lippen ihre Lippen, in seinen Händen ihre Hände,
und als sie erwachte, da füllte die Röte der Scham ihre Wangen; sie gab einen
leisen Schlag mit der Hand auf seine Brust, machte ein Kreuz über die ihre und
sprach: »Du verdirbst mir die Freude.«
    Anton, der das alles in seiner bittersten Not getan, konnte ihren Missmut
nicht begreifen: »Mädchen, du bist zweiköpfig, wie man die Zeit malt; jetzt eben
zeigtest du mir das verkehrte Antlitz, was nicht einsieht, wie es voraus in der
Welt aussieht!« - Sie aber sprach: »Ich dachte nie, dass mir das begegnen sollte
- aber du bist hart wie alle Männer.« - »Was ist dir geschehen«, fragte Anton
erstaunt, »wie könnte ich, kaum aus den Klauen des Todes und des Teufels erlöst,
dir liebes Kind ein Unrecht tun wollen, tun können?« - »Aber wer erlaubte dir
mein Wams zu lüften?« - »Die Not zwang mich, du starrtest zum Paradiese hinüber,
und was sollte ich hier auf dürrer Heide?«
    Susanna ging vor sich und sah ihn nicht an; dabei befiel ihn eine
Langeweile, eine Lust zu essen und zu trinken, dass er sich von ganzem Herzen zu
seinen Kamera den zurückwünschte. Langsam ging er so übers Feld, als ihm eine
bekannte Stimme aus der Ferne rief; er sah sich um, es war Seger, der in vollem
Laufe zu ihm eilte und ihm ausser Atem herstammelte, wie er es ohne ihn unter den
Landsknechten nicht mehr aushalten könne; er habe den Betrug beim Totschiessen
wohl bemerkt, habe bald unter einem Vorwande der Notdurft sich in einen Graben
gesetzt und sei hinter Bäumen immer fort glücklich bis zum Schiessplatze
gekommen, von wo er seinen Schritten gefolgt. Nach diesen Worten warf er seine
Feldtasche und Feldflasche an den Boden, trank Anton eine gute Gesundheit in
altem Sekt zu, worauf ihm dieser guten Bescheid tat und die Flasche dann
Susannen reichte, die aber alles verschmähte.
    »Halt dich hier nicht auf«, sagte sie zu Anton; »die Augsburger sind uns
noch nahe, ein Zufall könnte uns in ihre Hände bringen.«
    Aber Anton hörte nicht bei der Flasche und bei den Butterbroten. Seger riet
ihm, den Kurt zur Wacht in einiger Entfernung in die Tiefe zu stellen, und
Anton, indem er Susannen alles aufnötigte, was er eben mit grosser Lust zum Munde
fahren wollte, bat sie um diesen Liebesdienst. Susanna gehorchte
stillschweigend, Seger sah ihr ungeduldig nach. Als sie ihn nicht mehr hören
konnte, sprach er zu Anton: »Hört Anton, Euretwegen ist nun schon so gross
Unglück geschehen, Mord und Brand haben jeden Eurer Schritte gezeichnet; Ihr
seht, dass Ihr zum Unglück geboren seid; Ihr wollt nichts Böses tun, aber das
Böse lässt nicht von Euch; seht, so ist's mir auch gegangen.«
    Anton stutzte bei dieser Anrede und fragte nach seiner Geschichte; er müsse
wohl manches erfahren haben.
    »Ich könnte Euch ein paar Jahre davon berichten«, antwortete Seger, »aber
Ihr sollt die Zeit nicht verlieren; Ihr seid in Euren besten Jahren, Ihr sollt
mir helfen. Ich bin in jenem Fürstenhause geboren, das dort so weiss aus den
Tannen hervorsieht; es war ein Jagdschloss der Herzoge von Schwaben und gehört
jetzt den Graten von Reck; es hat viel Gelass, um alle Sünden und Missetaten zu
bergen, viel heimliche Eingänge unter der Erde, wo sich das Laster einschleicht;
so kam auch ich auf einem Schleichwege in die Welt, denn meine Mutter war eine
Nonne, die sich Agate nannte. Ich habe sie nicht gekannt, denn Niklas, mein
Vater, hatte sie umgebracht, weil sie mich durch die Kraft des Grafen in die
Welt gesetzt hatte, was mir doch recht lieb war, denn ich hätte sein Sohn nicht
sein mögen. Darauf übernahm er meine Erziehung mit grossem Ernste; zuerst musste
ich den Leuten, die bei uns einkehrten, die Sacktücher und Handschuhe, wo sie
einen liegen liessen, verheimlichen; dann musste ich ihnen die Geldbeutel, wenn
sie beim Weine eingenickt waren, entfremden; ich tat das so im Spiel. Da
schickte er aber eine böse Magd mir zu, die musste sich verliebt in mich stellen
und mich in ihre Gewalt bringen; die beredete mich, einem Bacchanten
aufzulauern, der oft bei uns verkehrte und von dem sie behauptete, dass er ihr
mit seiner Liebe nachstelle. Es ward mir recht sauer; ich lag wohl eine halbe
Stunde im Dorngebüsch, und die Spechte hackten so fürchterlich an den Bäumen;
auf meine Armbrust, die gespannt neben mir im Grase ruhte, kroch eine grosse
schwarze Waldschnecke und streckte bei der Spitze des Pfeiles, der darauf lag,
ihre Fühlhörner in die Weite; ich aber blickte auf und sah den Schüler in seinem
weiten schwarzen Mantel einherkommen, wie er einen Apfel ass, den ich noch am
Morgen mit Verlangen auf dem Schranke der Magd gesehen hatte. Meine Armbrust war
in meiner Hand, ich wusste nicht wie, gezielt und losgedrückt, und der Bacchant
schrie, als hätte er Bauchkneifen, und da war's still, ich aber lief hin und sah
ihn recht an; eine Seele konnte wohl nie in ihm gewesen sein, denn um das
bisschen Eisen, was ihm im Herzen steckte, war sie heraus gefahren. Darauf kam
die Magd gelaufen und mein Vater; sie nahmen alles Geld aus seinen Taschen, aber
das freute mich nicht ich wollte seinen schwarzen Mantel haben, aber den wollten
sie nicht geben, weil es sonst auskäme; darüber schlug ich auf meinen Vater, dass
er mich verfluchte. Beim Abendbrote war alles wieder vertragen, da herzte mich
die Magd, und mein Vater litt es. Darauf erklärte er mir die ganze Welt und wie
es aller Orten zugehe, dass immer einer den andern bestohlen und umgebracht, die
Fürsten den Edelmann, der Edelmann die Bauern; weil es denn so artig zugehe,
hätten sie sich als freie Leute im Walde auch dazu vereinigt, und ich hätte mein
Probstück abgelegt und sei nun auch ein rechter Kerl, der ihn einmal, wenn er
alt und schwach und zu nichts mehr gut, aus der Welt schaffen sollte.«
    Dem guten Anton wurde bei diesen Worten der Wein kalt, er sah sich mit einer
schmerzlichen Sehnsucht nach seiner Susanna um; sie stand aber unter dem Hügel.
Der Himmel war rot nach einer Seite und schwarz gestreift; er meinte, dass
Augsburg noch brenne, und sah wieder auf Seger, der mit grimmigem Hohn fortfuhr:
    »Meines Vaters Segen machte mich herzlich froh; ans Lernen brauchte ich nun
nicht mehr zu denken, ich wurde zu allem mitgenommen, lernte meines Vaters
Raubgesellen kennen und dachte mir, dass es nicht anders sein könne; ich
schmierte meine Haare mit Speck ein wie sie, konnte hungern und saufen wie sie;
die Mädchen taten mir schön, obgleich ich dürr aussah wie ein Käfer; ich brachte
ihnen immer was mit vom Zuge. So ging ich in meiner Spielerei als Bettelknabe
verkleidet gar oft durch den Wald. Da trat ich einstmals an einen schmalen Steg,
wo über ein laufendes Wasser ein einziger Baumstamm führte. Als ich darüber
gehen wollte, trat mir ein Mann in schwarzem Mantel mit dem Apfel in der Hand
entgegen; es war der Bacchant, den ich erschossen hatte, und ich zitterte so
entsetzlich, dass ich weder rück- noch vorwärts konnte. Er trat mir aber ganz
nahe und zischte mir leise in die Ohren: Bring mir deines Vaters Blut, so geb
ich dir meinen schwarzen Mantel! In dem Augenblicke tat die Luft einen blauen
Donnerschlag neben mir nieder; als ich wieder zu mir kam, lag ich im Wasser mit
den Beinen, und es war beinahe dunkel. Als ich nach Hause kam, war ich ganz
verwildert; sie brachten mich zu Bette. Immer sah ich den Bacchanten, der auf
meinen Vater wies, als wollte er sagen: Stoss zu auf den, du hast ja ein
Brotmesser neben dir. In dieser Krankheit ward ich ein grimmiger Sittenrichter,
denn wenn ich den Bacchanten sah, so fing ich an den Vater zur Tugend zu
ermahnen; wenn ich aber nüchtern wurde, machte ich Verse, über die mein Vater
grosse Freude hatte. Weil wir nun eben so lustig zusammen sind, will ich Euch ein
Lied vorsingen, was mir nachher die Bauern nachgesungen haben und wussten nicht,
was es recht heisse; es schmeckte ihnen aber wie die neunerlei Kräuter am grünen
Donnerstag.
Für meinen Vater bettle ich
Den ganzen Tag im Staube,
Belüg die Leute freventlich,
Wachs auf zu Mord und Raube.
Er hörte nimmer meine Not
Und trieb mich aus wohl in den Tod.
Ich ruf ihn oft in dunkler Nacht
In meine dunkle Kammer,
Wenn blutig mir der Mond erwacht
Und wecket allen Jammer:
Ach Vater lass vom Raube ab,
Das gibt uns nie ein ehrlich Grab.
Da wirft er mich zur Tür hinaus,
Da kann ich ruhig schlafen;
Da spukt es nicht wie in dem Haus,
Weil da die Hunde blaffen.
Dafür soll Vater schlafen auch
Von Sohnes Hand nach Räubers Brauch.
Ich hab am Dornstrauch ihn erharrt,
Die Armbrust ist voll Tücke;
Es scharrt mein Fuss, mein Auge starrt,
Weil ich so lang mich bücke.
Es weht vom Berge her ein Wind,
Der ist so rauh und kalt gesinnt.
Die Zunge lechzt, kein Tropfen sinkt;
Die Zeit ist schier verflossen.
Das Zeichen von dem Berge klingt,
Gleich hab ich abgeschossen!
Doch das traf nur sein Schattenbild,
Der Mond deckt über ihn sein Schild.
Lasst heute nur den Vater fliehn,
Ich krieg ihn doch noch morgen;
Ich will auf seine Fährte ziehn,
Da lasset mich nur sorgen,
Das ist dem Jäger leichte Sach,
Ich schick ihm meine Hunde nach.«
Bei diesem Schlusse sprang Seger auf; - »Anton, Anton! da kommt ein Augsburger
über die betauten Spinnweben, könnt ich sie ihm zum Strick drehen; Anton, schiess
ihn nieder; da hast du meine Muskete, oder du bist des Todes, sieh, er zielt auf
dich.« Anton wandte sich um und sah einen alten Jägersmann, dem die Augen
entweder ausgefallen oder tief in den Kopf zurückgetreten waren, mit einer
Muskete hinter sich stehen. - »Schiess ihn nieder«, rief Seger noch einmal. -
»Fabian, Fabian!« rief drohend der Alte, und bei dem Worte riss ein Vorhang in
Antons Hirn; wie eines vergangenen Lebens erinnerlich entfiel ihm alle
Gegenwart; er nahm staunend die Muskete Segers und wollte sie gegen den
Ankommenden losbrennen. In dem Augenblicke blitzte gegen ihn ein Schuss auf, dass
er zu Boden fiel; er glaubte etwas wie eine lange schwarze Schlange von ihm fort
über den Boden schleichen zu sehen, und indem er den Windungen so nachsah und
ihrer Bewegungen staunte, verlor er alles Bewusstsein.
    Während Seger den ersten Schrecken zur Flucht benutzt hatte, war Susanna
herbeigeeilt, den geliebten Herrn aus der Ohnmacht zu erwecken. Sie wollte erst
den Alten, weil er ihn verwundet, nicht zu ihm lassen, aber der Alte weinte so
schmerzlich, dass sie bald an ihn glaubte. Er griff darauf mit rüstiger Kraft den
Ohnmächtigen um den Leib, Susanna erhob die Füsse, und so schleppten sie ihn mit
vieler Anstrengung nach dem weissen Schloss im Walde. Auf ein dreimaliges
Pfeifen des Alten liess sich die Zugbrücke herunter; es kamen mehrere alte Diener
dem Jäger ehrfurchtsvoll entgegen und trugen Anton auf seinen Befehl in eins der
geräumigsten Zimmer des ersten Stockwerkes. Hier wollte Susanna ihren
sympatetischen Verband wieder versuchen, aber mit Schrecken sah sie, dass die
Wunde an der Hüfte, und ihre Schamhaftigkeit gestattete ihr nicht, sich zu der
Besichtigung zuzudrängen, insbesondere da ihr der Alte einen Wink gab, seinen
Wundarzt nicht zu stören, der in kunstgerechter Art die Wunde untersuchte.
    Anton litt dabei sehr schmerzlich, doch seine Stärke ertrug alles; der
Wundarzt fand keine Lebensgefahr, sein Inneres war unverletzt, aber in seinem
starken Fleische hatte sich die Kugel so vertieft, dass sie nicht herausgebracht
werden konnte, darum war nur eine langsame Genesung zu erwarten. Diese Nachricht
schlug Anton mehr darnieder als der Schmerz; er sehnte sich nach seiner Hausfrau
und beschloss, ihr zu schreiben, sobald er seiner Gesundheit gewiss wäre.
    Unter solchen Gedanken schlief er unbemerkt ein, und es träumte ihm wieder,
wie ihm so oft schon geträumt hatte, er sei auf den Armen einer schönen Frau,
die ihn mit offenem Munde küsste, und halte an rotem Bande ein Lämmchen, das an
seine Schuhe beisse, weil sie grün waren, und er könnte der Mutter nicht sagen,
was ihn ängstige, weil sie ihn küsste und weil er nicht sprechen konnte; bis
endlich der Vater, ein grosser ernster Mann, hinzugetreten und das Lämmchen
gefüttert. Da wurde ihm so stille und wohl, er sah im Zimmer umher, sah die
grünen Vorhänge, das alte Bild, welches der Vater ihm immer zeigte. Es stellte
zwei Kramläden neben einander von entgegengesetzter Art dar: in dem einen
standen Harnische, gross und klein, Helme, prachtvoll befiedert, Degen und
Lanzen, ungeduldig blendend, die rasche Kraft zu wecken, die sie führen und
brauchen sollte; in dem andern hingen viele Bilder grosser Begebenheiten, mancher
Degen in raschem Schwunge, mancher Harnisch zertreten, manche Lanze zerbrochen;
vor beiden Kramläden stand aber ein Knabe zweifelnd und hielt sein Geld in
beiden Händen; dort waren die Harnische und noch viel mehr, aber es war
Täuschung; hier hingen die Harnische wirklich, aber er wusste nicht, ob ihm einer
passe, und dann halfen sie ihm nichts. In diesem Bedenken wachte er auf; es war
Tag, Susanna war neben ihm auf dem Stuhle eingeschlummert; auf sie fiel sein
erster Blick, und er dachte wieder, wie sonderbar es sei, dass er jedesmal, wo er
verwundet gewesen, als er das Bein gebrochen, als er von den Rittern
niedergeworfen, denselben Traum träume. - Jetzt sah er aber auf und erst wischte
er sich die Augen, denn wirklich zierte die Wand ihm gegenüber das beschriebene
Bild, auf die Mauer gemalt; die grünen Vorhänge deckten wohltätig die Fenster
zu, er fühlte, dass er hier schon gewesen und tausend Freuden als Kind mit erster
warmer Frühlingsluft hier eingesogen.
    In diesem Aufbrausen alter Zeit trat der hohe ernste Alte ins Zimmer, der
ihn vom Felde fortgetragen, ergriff seine Hand und drückte sie kräftig. - »O
mein Vater!« rief eine innere Stimme aus ihm, »wie habe ich dich so lange nicht
gesehen; wie ist deiner Augen Licht erloschen!«
    Der Alte sagte, seine Hand loslassend: »Du schwärmst, junger Mann; zwar bist
du ähnlich meiner Jugendzeit, und darum bist du mir lieb, aber meinen einzigen
Sohn hat ein Wolf zerrissen und seines Lammes geschont.«
    »Ich bin's, Vater!« rief Anton, »wo ist mein Lamm geblieben? ich hatte es so
lieb; wo ist Fabian, der mit mir spielte, dem ich meine Kirschen schenkte?«
    Der Alte stutzte. - »Fabian, der heuchlerische Satanas! ihn wollte ich
niederschiessen, als ich dich getroffen habe.«
    »Das war Fabian?« fragte Anton; »bei uns hiess er Seger; da sei ihm
verziehen, ich hatte ihn so lieb wie meinen Gott.«
    Der Alte wischte sich die Augen und seufzte: »O lass mich träumen, harter
Gott, der immer seinen armen Knecht Rappolt gnädig liess erwachen; schenk mir den
Glauben, dass der fremde Mann mein Sohn; ich will ihm alles Gute tun, als wär's
mein liebes Kind; ich will ihm zeigen seine Herde, die aus den beiden Lämmern
ist gezeuget und geboren!« - Bei diesen Worten ging der Alte hastig zur Tür
hinaus.
    Anton sah starr nach dem Bilde; da hörte er ein Getrappel auf den Treppen,
als käme eins der kleinen Völker zu ihm, die nach alten Sagen in alten
Schlössern hausen und in gewissen Zimmern und Zeiten ihre Feste feiern sollen.
Er hörte die kleinen Ritter gegen die Türklinke springen, aber vergebens, sie
war zu hoch. Susanna sprang auf und öffnete sie; aber eine gedrängte Herde von
Schafen, die nimmer geschoren in prachtvollen breiten glänzenden Pelzen prangte,
riss sie fast nieder. Die ganze Herde schien mit wunderlicher Neigung in das
Zimmer und dann zu dem Bette des Verwundeten zu dringen, denn einzelne stiegen
über die andern fort, und der Alte konnte sich kaum durch ihre Mitte drängen.
Die Schafe stiegen aber mit den Vorderfüssen auf Antons Bett und leckten ihm die
Hände und reichten die weichen Schnauzen an seinen Mund.
    »Du bist mein Sohn«, rief der Alte, »du bist mein verlorener Anton! sie
kennen dich, weil ihre Eltern von dir aufgezogen. Ach, wenn das deine Mutter
noch erlebt hätte; aber sprich, mein einziger Junge, wie bist du uns entwendet?«
    Anton besann sich; - »Weiss ich es doch selbst nicht, wie es auf einmal
anders geworden und wie ich einen andern Vater, Martin Sixt, und eine alte
hässliche Mutter, Sybilla, bekommen; aber das weiss ich noch, dass Fabian mir
sagte, er wolle mir zeigen, wo bei Tage die Nacht sei; dann führte er mich in
eine Höhle, und da ich müde wurde, nahm mich drin ein fremder Mann auf die Arme,
und so kam ich von einem zum andern, und zuletzt blieb ich bei dem alten Maler.«
    »Fabian!« rief der Alte, »du bist Satanas; denn deine Jugend hat an Lastern
die alte Welt überboten. O mein Sohn, was wird es für schwere Zeiten geben, wenn
die Teufel so von allen Seiten schon losgelassen werden!« - Bei diesen
jammervollen Worten setzte er sich auf einen grossen Sessel nieder und sang
seinen Schafen:
Schäflein drängt euch dicht zusammen
In der heissen Mittagsstunde:
Einsam steh ich in den Flammen,
Macht der Teufel seine Runde
In der schwarzen Mitternacht.
Schäflein lasst die Glocken klingen,
Dass ihr nimmer euch verirret.
Denn wenn ich muss einsam singen,
Meine Seele sich verwirret
Vor des Teufels stiller Macht.
Der Alte hielt sich nach diesen Versen beide Augen zu, die Schafe flüchteten
ängstlich von ihm; Anton erschrak, aber Susanna trat hin zu dem Alten und fasste
unerschrocken seine Stirne, die herabhing, und drückte sie mit beiden Händen.
    »Du guter Engel«, sagte der Alte, »du hast mir wohlgetan; habe Dank! es sind
so Schwindel, die ich der grossen Einsamkeit und vielem Kummer zu danken habe.
Ach, lieber Sohn, wenn du, wie ich, dein Leben verwacht hättest auf der
Kronenburg, starr hingerichtet mit aller Aufmerksamkeit auf nichts, denn du
lauerst stets, ob nicht der Verräter nahe, und niemand dringt in die einsame
Wildnis, so dass die Vögel zahm mit dir frühstücken, da würdest du nicht mehr wie
eine Blume mit deinen Augen in die Welt sehen.«
    »Hoher Vater«, sagte Anton, »erzählt mir von dieser Burg.« -
    »Es kommt wohl noch die Zeit dazu«, meinte der Alte nachdenklich; »du
gehörst dahin, du bist ihre letzte Stütze; sei eingedenk deiner hohen
Bestimmung, deiner hohen Geburt; gedenk aber auch deiner vielen Feinde, um deren
Willen du deine Abkunft hier noch verheimlichen musst; ich traue nicht allen
meinen Dienern mehr, seit Niklas uns so schändlich betrogen.« - ANTON: »Ich sag
mit Frundsberg: je mehr Feinde, je mehr Glück; doch sprecht, Vater, welches
adligen Namens kann ich mich rühmen; ich sage Euch zu, vor Euren Leuten zu
schweigen.«
    DER ALTE: »Vernimm mein Sohn, dass du ein Nachkomme des Grafen von Stock
bist, der, von Kaiser Konrad mit einer Schlossertochter in Würzburg gezeugt,
erst Huf- und Waffenschmidt im Gefolge Konradins wurde, und als solcher die
Gnade des unglücklichen Fürsten sich in dem Masse verdiente, dass dieser ihn noch
vor seiner Gefangennehmung als seines Vaters ausser der Ehe erzeugten Sohn
anerkannte und in den Grafenstand erhob.«
    Der Alte erzählte von hier an oft abgebrochen; wir müssen seine Rede
zusammenziehen. »Nach der unseligen Schlacht, wo Konradin in jugendlichem
Übermute, gesiegt zu haben, die Seinen zum Verfolgen zerstreuen liess und von dem
Hinterhalte Karls angegriffen und gänzlich geschlagen wurde, flüchtete er sich
mit Friedrich von Österreich, mit Lancea von Calvano, seinem Sohn Galeotto und
seinem geliebten Grafen von Stock in die Wälder. Sie zwangen einige Eseltreiber,
ihnen für ihre kostbaren Waren und seidnen Kleider ihre groben Kittel zu
überlassen. So irrten sie im grössten Mangel an ordentlicher Speisung mehrere
Tage, bis sie an das Ufer von Astura gelangten. Hier lag ein Schiffer mit seinem
Boote und wartete auf die Nacht zum Fischfang; sie segneten ihren Stern, der sie
dahin geführt, aber der Fischer sah sie gross an, als sie ihn baten, sie nach
Pisa zu fahren, wo ihrer Sicherheit und Freundschaft wartete. Er sagte ihnen,
wie sie als arme Leute ihn für eine so weite Fahrt bezahlen könnten. Jetzt
fassten sie in ihre Taschen und merkten erst, dass sie bloss eine Kiste mit
Kleinodien gerettet, dass sie aber ihr Geld in den vertauschten Kleidern stecken
gelassen. Hastig zog Konradin einen kostbaren Smaragden von seinem Finger und
gab ihn dem Fischer, dass er sie dafür überfahre. Dieser lachte über den Ring und
meinte, weil sie so ärmlich aussahen, er möchte nichts wert sein, sagte es aber
nicht, weil er sich vor Schlägen fürchtete, sondern ging bloss unter dem
Vorwande, Lebensmittel einzukaufen, nach der Stadt Astura, um sich dort nach dem
Werte des Ringes zu erkundigen. Da wurden ihm von einem immer mehr Zechinen
geboten als von dem andern; einige wollten ihn festnehmen lassen, um zu
erfahren, woher er einen so kostbaren Ring empfangen; er sagte, wie es sich
verlaufen, und war endlich froh, eine Summe für den Ring bekommen zu haben. Mit
Wein und Brot beladen kam er zum Ufer, wo Konradin mit Ungeduld seiner harrte,
nachdem ihm der Graf von Stock vergebens geraten, ohne seiner zu warten, ihr
Heil auf dem Meere zu suchen. O hätten sie es getan, denn jetzt nachdem sie mit
dem Schiffer bei schönem Winde auf dem Meere schwebten und ihre Hemden als Segel
ausgespannt, mit jeder Welle, die sie durchschnitten, das Unglück weiter von
sich gestossen zu haben wähnten: jetzt waren sie schon von den Galeeren aus
Astura umkreist, und als am Morgen das Meer heiter erglänzte, da ging Konradins
Stern unter. Johannes Frangipani, der Stattalter in Astura, hatte die Erzählung
von den armen jungen Leuten, die einem Fischer einen so kostbaren Ring
geschenkt, um sie nach Pisa überzusetzen, mit dem Argwohne angehört, ob nicht
Konradin, der jetzt aller Orten gesucht wurde, darunter sein möchte, und
versprach sich von dessen Gefangennehmung grosse Vorteile. Er sendete ihnen zwei
schnelle Galeeren nach, die auch am Morgen das Boot erreichten und die armen
Flüchtigen zu Gefangenen machten und nach Astura in ein altes Schloss als
Gefangene einbrachten. Hier sollte Konradin von seinem geliebten Bruder getrennt
werden; er übersah, dass dieser ihm allein nützlich werden könnte, wenn er
loskäme und seine Anhänger zu seiner Befreiung sammelte, und verpflichtete ihn,
wenn sie getrennt würden, seine Freiheit zu suchen und zu seiner Rettung zu
brauchen; zugleich sagte er ihm den Ort und die Wege der alten Kronenburg der
Hohenstaufen, wo ihre Krone und ihr Schatz noch immer bewahrt wird, bis ein von
Gott Begnadeter alle Deutschen zu einem grossen friedlichen gemeinsamen Leben
vereinigen wird. Sie nahmen mit schwerem Herzen Abschied. König Karl, Konradins
Sieger, belagerte Astura wenige Tage vorher, weil Frangipani seine Gefangenen
nicht ohne grossen Lohn überliefern wollte; er musste sich bald übergeben;
Frangipani wurde hingerichtet und die Gefangenen nach Neapel gebracht. Auf dem
Wege machte sich unser Altvorderer, der Graf von Stock, durch die Stärke seines
Arms, der einen rollenden mit zwei Pferden bespannten Wagen aufhalten konnte,
von seinen Wächtern frei; er drang bis tief in das kalabrische Gebirge und
sammelte eine Zahl von Konradins Anhängern, mit denen er durch Bestechung der
Wächter, die mehr Konradins edle Tugend als das Geld rührte, einen Versuch
machte, ihn zu befreien. Konradin hatte aber sein ritterliches Wort dem Könige
gegeben, wenn er ihn ritterlich im Gefängnisse hielte, keinen Versuch zu machen,
daraus zu entkommen; er hörte mit unsäglicher Sehnsucht des Bruders Stimme
wieder, und wie er ihm sprach von seiner Mutter und der Burg Hohenstaufen, vor
allem aber als er ihm sprach von der Kronenburg; doch seine ritterliche Ehre
widerstand ihm, er befahl, von ihm zu weichen, dass er ihn nicht für einen Teufel
halten möge, der ihm die Herrlichkeit der Welt für seine Seele biete.« Bei
diesen Worten schlug der Alte wieder beide Hände über seine Augen und sang noch
jammervoller als vorher zu seinen Schafen:
Schäflein lauft nach allen Seiten,
Wenn der Wolf den Hund bezwungen;
Ihr könnt nimmer ihn bestreiten,
Lasst ihm eure zarten Jungen,
Hab es auch also gemacht.
Schäflein fort von meinem Sohne,
Seid ihr Wölf in Schafes Kleide,
Als ich wachte bei der Krone,
Brachte Satanas im Neide
Meinen Sohn in seine Macht.
Bei diesen Worten sprang der Alte auf und trieb die Schafe mit grosser Angst von
dem Bette Antons fort und zur Tür hinaus; Anton wollte aufspringen, aber Susanna
hielt ihn; der Alte, fechtend wie mit einem Doppelschwerte in der Feldschlacht
trieb die Herde mit einem grossen Zweige nun ungestört zur Tür hinaus; als er
hinaus war, bat Anton Susannen, die Fenster zu eröffnen, denn der Duft der Herde
machte die Zimmerluft unerträglich Als die Luft so einströmte und die fernen
Berge in der Blendsonne rötlich bekleidet ihm erschienen, da fand sich das Gemüt
des Kranken von den Entdeckungen des Tages vorbewegt, in einer Sehnsucht
aufgelöst, die ihn in gesunden Tagen noch nie übernommen hatte; er dachte, was
ist's denn mehr ein Graf zu sein in einer Einöde, oder ein froher Bürger in der
Stadt; er wusste sich nicht zu nehmen, sich nicht auszulassen, er bat Susannen,
zu ihm zu kommen, fasste ihre Hände, spielte damit, berührte ihre Fingerspitzen
und fügte sie wie schlanke Zweige, die er zu einem Kranze flechten wollte,
ineinander, und hielt sie dann wieder zusammen und sah nach dem Lichte, das
rötlich zwischen den Fingern durchschien. »Liebes Kind«, so brach er endlich das
Schweigen, »warum hast du mich heute nicht verbunden, wie du es damals getan?
vielleicht wäre ich jetzt schon geheilt und könnte mit dir im Freien die
Wolkenzüge beschauen, die hier auf der grossen Ebene viel wunderbarer erscheinen,
als bei uns, wo sie von den Bergen abgeschnitten.«
    »Ich hätte es wohl getan«, sagte sie, »aber ich schämte mich vor den fremden
Leuten, da Ihr halbtot waret.« - ANTON: »Wie kommst du zu der wunderlichen
Geschämigkeit, da der Ort deiner Erziehung aller Scham und Schande den Kopf
hätte abbeissen müssen.« - SUSANNA: »Ich habe viel Böses sehen müssen und ich
werde wohl lange darum büssen.« - ANTON: »Büssen, ja Kind, wie meinst du das. Du
sollst bei mir büssen, gib mir einen Kuss zur Busse; du wendest dich von
mir?«SUSANNA: »Ich schäme mich, dass Ihr dies von mir verlangt; ich bin Kurt,
Euer Knappe, der Euch treu dienen wird in Not und Gefahr; ich diene aber nicht
um Küsse ich diene um Ehre.« - ANTON: »Hast du dich so in deinen Rock, in deinen
Degen verliebt, Liebst du mich nicht?« - SUSANNA: »Nein, Herr, aber es wäre mir
lieb, wenn ich Euch lieben könnte.« -
    ANTON: »Du meinst wegen meiner Hausfrau.« - SUSANNA: »Von der weiss ich
nichts, als was Ihr mir gesagt habt; was würde die mich hindern, Euch zu lieben,
der müsste es ja Freude machen.« ANTON: »Ich meine doch nicht; sie möchte wohl
eifersüchtig sein, wenn sie wüsste, dass ich mit dir in einem Zimmer geschlafen.«
SUSANNA: »Daran habe ich nie gedacht, ich will es nie wieder tun, es geschah
aber aus Vorsorge für Euch, dass ich hier blieb.«
    Anton dankte ihr für ihre Güte, doch mischte sich ein Ingrimm über ihre
Kälte in diese erste nähere Bekanntschaft mit ihr, wie der Pechgeschmack, der
das erste Glas von einer frisch entpfropften Weinflasche zuweilen verdirbt, dass
wir nicht beurteilen können, ob er edel oder unedel sei; er wünschte sich einen
munteren Gesellen von weniger Vortrefflichkeit, der in seiner Fröhlichkeit
mitjubelte, der an seinem Halse hinge. Sie diente ihm mit einer Hochachtung, wie
einem höheren Wesen, das er nicht sein mochte, dessen Schwungkraft er gar nicht
in sich fühlte; so etwas wurde aber niemals in ihm zum Gedanken; er fühlte den
Ärger, dann fühlte er, dass er unrecht gehabt, und suchte es gut zu machen.
»Liebes Kind«, so sprach er, indem er sich zu Susannen hinwandte, »wie sieht es
denn hier im Hause eigentlich aus, lebt mein Vater ganz allein?« - SUSANNA:
»Herr, es ist überaus wunderlich hier bestellt mit allen Leuten, doch gefällt es
mir; die meisten sind alterschwere Männer, die gar nicht hören können, aber
jeder hat sein eigen Geschäft, wie die Vögel sich jeder ein besonderes Nest
bauen.« - ANTON: »Hast du sie besucht?« - SUSANNA: »Sie nahmen mich
stillschweigend mit; der eine zeigte mir seine Eichhörnchen; die Kammer hatte
Drahtfenster und war mit hohlen Bäumen verziert, und drin heckten die
Eichhörnchen; kaum trat er ein, gleich kamen sie wie rote Brände aus allen
Höhlen und seufzten zu ihm so durchdringend, dass mir wohl ums Herz wurde; er
brachte jedem Nusskerne und allerlei Früchte; wie zierlich setzten sie sich auf
die Hinterfüsse, schlugen den Schweif in die Höhe und wirbelten die Nüsse erst in
ihren Vorderpfoten unter den blitzenden Augen umher, eh' sie mit dem scharfen
Zahne einsägten. Seht Herr, da hab ich eins mitgebracht, ein Junges.« - ANTON:
»Es hat dir die Brust blutig gekratzt, lass dir das Blut abtrocknen.« SUSANNA:
»Es schadet nichts, es tat nicht weh; seht nur das artige Tier, jetzt legt es
sich in meiner Hand rund zusammen zum Schlaf.« - ANTON: »Du hast doch das hier
nicht gestohlen?« - SUSANNA: »Es denkt doch keiner so schlecht von mir, wie Ihr.
Der Alte hatte mich lieb, und da er die Mutter von diesem Kleinen nicht sah und
sie im Neste tot fand, da holte er das Kleine heraus und gab es mir und weinte
dann, als er die Alte schon kalt und steif fand, jetzt geht er herum und ladet
die andern zum Begräbnisse.« - ANTON: »Hätte ich nur Farben, ich malte ihm das
Tier zum Gedächtnis.« SUSANNA: »Lieber Herr, gleich schaff ich Euch Farben, der
eine von den Alten ist ein Maler, und das Tier will ich Euch auch bringen, er
hat es auf Moos vor dem Hause hingestellt, bis alle Gäste des Leichenzuges
beisammen sind.« - ANTON: »Schnell, schnell, du aufmerksame Seele.«
    Susanna brachte in drei Sprüngen das Eichhörnchen, und nach kurzer
Unterredung einen alten Mann, den sie Reichental nannte, mit allem
Malerwerkzeuge, einer ebnen Holztafel mit Kreidegrund, in die Stube gezogen.
    ANTON: »Du bist zu ungestüm, Kind; werter alter Herr, wollt Ihr mir Eure
Tafel und Euer Gerät leihen, oder malt Ihr selbst vielleicht besser und seid
geschickter, dies tote Eichhörnchen zu malen.«
    Simon versicherte ihm, dass er nie etwas anderes, als Wappen gemalt nach
einem Zeichenbuche, niemals nach der Natur, und war daher nicht wenig
verwundert, als Anton mit seiner Sicherheit und Fertigkeit in ein paar Stunden
das Eichhörnchen, auf zwei gekreuzten Knochen sitzend, gemalt hatte, wie es an
einem Schädel, wie an einer Nuss nagte.
    Inzwischen war im Hause, ohne dass die beschäftigten drei es wahrgenommen,
ein ängstliches Suchen nach dem Leichnam des Eichhörnchens gewesen; der
Leichenzug hatte sich versammelt, das mit Blumen durchflochtene Kästchen sollte
die Tote aufnehmen, aber sie war verschwunden; man suchte an allen Orten, aber
der trostlose alte Mann fand nirgends seinen Liebling wieder. Susanna musste sich
jetzt mit dem toten Eichhörnchen und mit dem Gemälde wieder zu dem Ehrenbette
aus Moos hinschleichen, jenes darin verstecken und dieses aufstellen. Der Alte,
der sich müde gesucht hatte, kam endlich, wie alle Leute, die etwas verloren,
woran ihnen viel liegt, auf den Platz zurück, wo er es vermisst; seine trüben
Augen sahen das Bild für den lebenden Liebling an und ergossen sich in Tränen.
»Sie sieht mich an«, rief er, aber jetzt fühlten seine Hände die Täuschung der
Farben, und diese Täuschung blieb ihm noch lieb. »Wer hat mir die Freude
bereitet«, fragte er, »dem lohne es der Himmel mit gleicher Freude; das Bild ist
mein Schatz, mein einziges Spiel und Gespräch, an meinem Bette soll es hängen,
meinem Haupte gegenüber, dass es mich begrüsse beim Einschlafen und mir begegne im
Erwachen.«
    Während der Alte, der sich von seinen Lieblingen Eichhorn genannt hatte,
also sprach, hatte der alte Graf Rappolt von Reichental die Geschicklichkeit
seines Sohnes erfahren; er kam zu ihm und sprach: »Lieber Sohn, ich kann dir die
Freude nicht ausdrücken, die du mir mit deiner guten Gesinnung schaffst; bei
deiner Kunst wirst du ein herrliches Leben auf der Kronenburg führen, wir alten
Wächter wussten meist nichts Besseres zu tun, als uns mit ganzer Seele an irgend
ein Tiergeschlecht zu hängen, oder an eine Händearbeit, und dabei gehen die
Lichter aus im Hirne!«
    »Führt mich zur Kronenburg, teurer Vater; ich möchte Euch dienen mit allen
Kräften«, sagte Anton.
    »Du wirst vielleicht bald dazu reif gefunden werden«, sprach Graf Rappolt,
»vielleicht auch niemals, denn nie werde ich dich durch Gunst dazu fördern;
kannst du hungern und dursten?«
    »Nein!«, rief Anton, »lieber möcht ich mich selbst stückweis verzehren, als
hungern.«
    »Armer Sohn«, sagte Rappolt, »das hast du von deiner Mutter, da wirst du
schwere Lehrjahre ausstehen, ehe du es lernst.«
    Susanna brach jetzt in Tränen aus am Fenster, der Alte unterstützte den
Sohn, sie sahen die Alten paarweis vorüber ziehen; zuletzt trug der Alte die
kleine Leiche auf Moos und Blumen in einem zierlichen Korbe. Sie blieben in
einem Winkel unter Tränenweiden stehen, wo mehrere weisse Denkmale schimmerten;
hier sangen sie während des Grabens und Einsenkens ein sanftes Lied, das
deutlich in das Fenster schallte.
Der Überdruss
Auch weichen muss,
Die Langeweil
Hat nimmer Heil;
Mach dich von allem frei,
So ist dir alles neu.
Das einfältige Lied hatte einen eignen Trost für Anton, der jetzt erst merkte,
dass ihn eine Art Überdruss und Langeweile über die Abwechselung seines Geschicks
ergriffen hatte. »Lustig wollen wir leben«, rief er zum Vater, »heut will ich
meinen Geburtstag feiern, denn mich durstet; lasst mich unten in den Garten
tragen, Vater, schafft mir junges Volk, das tanzen und springen kann; die
Ankunft des verlornen Sohnes muss gefeiert werden.«
    Einem Grafen von Stock, meinte der alte Rappolt, zieme sich wohl eine andere
Art der Freude, inzwischen zieme es sich recht gut, dass heute die Hirten
herantrieben, um ihre Abgabe dem Schloss zu entrichten, wobei sie fröhlich zu
tanzen und zu singen pflegten. Wirklich liessen sich schon die Feldschalmeien auf
den Waldhügeln in Gruss und Gegengruss hören; die Glocken des angetriebenen Viehes
richteten die Aufmerksamkeit nach allen schönen Waldgründen, die sonst in dem
grossen Eindruck des Ganzen leicht übersehen werden. Rappolt befahl einigen
Dienern, den Sohn in der Bettstelle herunter zu tragen, wobei Susanna Achtung
gab, dass nirgends von den steifen alten Männern angestossen wurde. Auf dem grossen
Platze vor dem Jagdschlosse waren schon die jungen Stiere und Kühe aufgestellt,
alle mit Blumen und bunten Bändern geschmückt; die Hirten nahmen von ihnen
zärtlichen Abschied und übergaben sie den alten Dienern des Grafen, die sogleich
Befehl erhielten, einige nach der Kronenburg zu führen. Dann wurden grosse Fässer
mit Bier auf hohe Steine festgelegt, es wurde in grosse hölzerne Krüge gezapft
und von den Mädchen umhergetragen, die zierlich gekleidet in roten Jacken mit
silbernen Ketten und kurzen blauen Röcken, die Haare in langen Flechten,
erschienen waren. Ein lustiger Tanz vergalt ihnen die Mühe, vier Paare tanzten
in bunter Abwechselung, die Einladung und das Geheimnis der Liebe immer
zierlicher zu verhüllen, dass es sich endlich ohne Schamröte kund machen konnte,
während die übrigen alles spottend aussangen, selbst das, was noch nicht wahr
geworden. Da hiess es:
Auf, schwenkt die Mädchen rum!
Es tanzt sich gut im grünen Wald,
Und seid dabei nicht stumm,
Damit es lustig schallt
Ju ja, ju ja!
Lustig wollen wir springen
Allhier im grünen Wald.
Nun waren einige Paare über einander gefallen, da sangen sie weiter:
Das Moos ist gar zu weich,
Das Moos ist gar zu glatt:
Es war ein grüner Zweig,
Der uns zu Fall gebracht;
Ju ja, ju ja!
Auf grünen Zweig wir kommen
Allhier im grünen Wald.
Wir trudeln uns herum
Auf weichem glatten Moos,
Der Maulwurf ist nicht dumm,
Der wohnt im Erdenschoss;
Ju ja, ju ja!
Wir wollen uns begraben
Allhier im Erdenschoss.
Deck mich mit Rosen zu
Und mit Vergissmeinnicht,
Sonst hab ich keine Ruh,
Wenn mich die Sonne sticht,
Ju ja, ju ja!
Lass mir den Haber stechen
Allhier auf grüner Heid.
Gehört das Laub dem Baum?
Gehört das Laub der Luft?
Es spielt damit der Baum,
Es spielt damit die Luft.
Ju ja, ju ja!
Jetzt will ich dich erst küssen,
Dann küsse mich einmal.
Anton hatte seine Herzensfreude an all dem Jubel, an dem plumpen Schwenken der
Mädchen, an dem Stampfen der Knechte; er sprang im Bette hoch auf, wenn der
Dudelsack, ein altes Ziegenfell, woran der Kopf mit messingenen Hörnern und
Korallenaugen, in eine andere Melodie umsetzte, und ärgerte sich über Susannen,
die sich hinter seinem Bette wie ein geängstigter Hund verkrochen hatte und auf
jeden schlug, der sie wieder aus dem Zufluchtsorte herausbringen wollte. Der
alte Rappolt hingegen meinte seinen Sohn zerstreuen zu müssen; er sprach von
manchen ernstaften Begebenheiten und befahl bald, dass sein Völkchen, welches
allmählich in der Erhitzung und Bewegung allzustark nach dem Stalle roch, sich
in eine weitere Entfernung begebe.
    »Weisst du, lieber Sohn«, sagte er, »dass ich meine Jugendzeit als Kapuziner
verbetet habe?«
    »Nein«, sprach Anton zerstreut und sah in die Ferne, wo getanzt wurde, »da
muss Euch das Hosentragen nachher schwer geworden sein.«
    »Die Kapuze lag heiss auf mir, als wär sie von geschmolzenem Blei gewesen,
lieber Sohn; wenn du eine hohe Klostermauer erblickst, denk nicht mit den Leuten
von heute, dass da lauter Üppigkeit die müssigen Leiber füllt; gemeiniglich ist
das nur ein aufgegebenes Leben, das sich in Trunkenheit zu vergessen strebt,
nachdem Not und Sünde, und Hass und Bosheit, eigne und fremde, viele Jahre die
arme Jugend gegeisselt hat.«
    Bei diesen Worten weinte Susanna; der Alte sah sie an und sagte: »Du bist
ein schöner Reiterknabe, flennst wie ein altes Weib, geh fort zum Tanz und
kriech hier nicht herum wie eine Katze; was ich hier zu sprechen habe, geht dich
nichts an; fort, lauf, such dir ein Mädchen und sing ihr zärtlich vor, das
andere wird sich finden.«
    Susanna aber klemmte sich fester an Anton, den eine Lust zu ihr durchdrang,
wie er ihren festen Bau berührte; er spielte mit ihren Haaren und bat den Vater
sie zu dulden: der Knabe sei treu, aber schüchtern.
    »Nun, so sei wenigstens ganz ruhig«, sagte der Alte, und sie konnte sich
jetzt nicht wehren, als Anton sie heimlich umfasste.
                        Die Geschichte des alten Rappolt
Der alte Rappolt erzählte nun mit einem schmerzlichen Ernste sein Leben.
    »Ich bin das jüngste von drei Kindern, die meine Mutter, Katarina von
Blanken, meinem Vater Wolf, als er schon hoch betagt war, geboren hatte. Gott
habe sie beide selig und lasse sie niederschauen auf diesen ersten Freudentag
meines Alters! Meinem Vater habe ich die Augen auf der Kronenburg zugedrückt; er
starb auf der Wacht, nachdem er mich mehrere Jahre in dem Geheimnisse der Krone
und der Gänge und des Gebetes wohl unterrichtet hatte. Das alles sollst auch du
lernen, mein teurer Sohn Anton, wenn du erst zu verständigen Jahren gekommen und
Rinde angesetzt hast auf deine glatte Stirn. Von meiner Mutter weiss ich nichts,
als dass ich damals ausser ihr nichts wusste; sie spann viel und stand dazu früh
auf; von ihrem feinen Gespinst kommen alle die feinen Gedecke, worauf in der
Kronenburg am Todestage Konradins gespeiset wird. Wenn sie nun bei einem
Kienfeuer im Kamin früh Morgens aufsass, da ruhte ich nicht mit Schreien, bis sie
mich auf ein Kissen an die Erde gelegt; da lag ich auf dem Rücken und spielte
mit meinen Füssen, und sah sie wohl stundenlang an und lachte, wenn sie sang.
Weiter weiss ich auch nichts von ihr, dabei sog ich an meinem Finger, was sie mir
oft verbot, aber ausser meinem Kissen und meinem Finger hatte ich gar kein
Spielzeug.«
    »Vater«, fragte Anton, »weisst du nicht mehr, was Frau Katarina, die
Grossmutter, gesungen? ich höre gern alte Lieder, denn man weiss doch nicht recht,
wo sie herkommen.«
    »Ein paar Reime sind mir so geblieben«, sagte Rappolt, »nicht aus der frühen
Zeit, sondern weil sie mein Vater immer zu ihrem Angedenken wiederholte:
Mein Mann ist auf der Wacht
Die lange schwarze Nacht,
Und wenn der Morgen graut,
Und wenn der Nebel taut,
Hat er sich müd gedacht,
Da bin ich frisch erwacht.
Gott segne ihn, Gott stärke ihn
Und lass ihn bald zu Tale ziehn.
Ich hab nur kurzen Schlaf,
Weil fern mein lieber Graf;
Noch ruhen Hahn und Kind,
Es geht ein scharfer Wind;
Doch fahr ich in die Schuh,
Ich habe keine Ruh;
Gott segne euch, Gott stärke euch,
Ihr lieben Kinder, allzugleich.
Von grauer Asch bedeckt
Liegt helle Flamm versteckt,
Und dieses Feuers Stärk
Zeigt Gottes Gnadenwerk.
Ich arbeit nicht allein,
Gesellig ist der Schein,
Gott segne ihn, Gott hüte ihn,
In Ruh will ich den Faden ziehn.
Ist mein Gespinst zu End,
Streck ich zu Gott die Händ
Und harre stille sein
Im Totenhemde fein,
Jed' Kind ein Hochzeitemd
Aus gleichem Stück bekömmt;
Gott segne sie, Gott stärke sie,
Wenn ich zu meinem Heiland zieh.
Sieh, lieber Sohn«, fuhr Rappolt mit ungewohnter sanfter Stimme fort, »was sie
gesungen, das ward an ihr wahr, aber nicht an uns; sie starb so weg, kein Mensch
wusste wie, ich weiss es auch nicht recht, denn ich lief damals schon meinem
älteren Bruder Wolf und der Schwester Gloria nach und hatte die Mutter etwas
mehr vergessen. Als sie aber tot war und zur Erde bestattet wurde, da schrieen
wir alle erbärmlich; doch, wie es bei Kindern geht, eine alte Magd, die uns
alles Gute tat, hatte bald unsre Liebe zur Mutter geerbt; auch wuchsen wir
selbst allmählich an, dass wir nach unsrem Kopfe wirtschafteten. Wir hielten alle
drei auf strenge Ordnung, da war kein Winkelchen in unserm Zimmer, das nicht zu
etwas Bestimmtem benutzt wurde. Ich trieb viel Vogelstellerei und hatte die eine
Wand mit ausgestopften Vögeln besteckt; nebenbei war ein Bauer mit lebendigen
Vögeln, die ich in allerlei Sangweisen abrichtete, sowie ich auch noch jetzt das
wilde Geschrei von allen so genau nachzumachen weiss, dass sie scharenweis zu der
Kronenburg geflogen kommen und dort überwintern. Meine Schwester Gloria war sehr
geschickt mit der Nadel in allerlei künstlichem Werk; auch spielte sie das
arabische Schachspiel besser als wir beide, worüber wir uns oft geärgert hatten,
ihr Gerät stand zwischen den Fenstern auf der andern Seite. Mein Bruder Wolf war
recht fleissig in aller Art Gelehrsamkeit, und täglich besuchte ihn ein Mönch aus
der Gegend, der ihm in allem gelehrten Wesen Unterricht gab; sein Schreibtisch
und sein Bücherschrank besetzten die dritte Seite, an der vierten stand der
Esstisch. So lebten wir einen Tag wie den andern, und jeder lernte mit dem
andern; wir sagten es uns nie, wussten es auch nicht, hatten einander aber so
lieb, dass wir keinen Unterschied zwischen einander zu machen wussten; auch
schliefen wir noch, wie in unserer ersten Kindheit, in einem grossen Bette
zusammen, beteten zusammen und küssten uns, ehe wir einschliefen.
    Lieber Sohn, zuweilen haben die Väter gross Unrecht; der Himmel verzeihe
meinem Vater, wie er uns einmal des Morgens aufgeschreckt, unter fürchterlichen
Schimpfreden und Flüchen, die wir nicht verstanden, aus dem Bette riss und
einzeln seinen Leuten übergab. Er hat mir in späten Jahren erst anvertraut, was
ihn damals zu dem gewaltsamen Erscheinen gebracht: es war die Warnung des
Niklas, Fabians verruchten Vaters, den wir nicht leiden mochten: wir trieben
schändliche Sünden, deren Namen meine Lippen verunreinigen würden, zusammen; er
möchte nur frühe kommen, so würde er uns in einem Bette finden, obgleich drei
andere für uns bereit ständen. Als er uns nun in dem grossen Bette angetroffen,
hatte er in Wahrheit gemeint, der Teufel habe uns zusammengeknebelt; er brachte
uns beide, um Busse zu tun, in zwei entfernte Klöster, und meine Schwester zu
einer reichen adligen Witwe ihrer Verwandtschaft in Konstanz. Nicht einmal einen
Abschied gönnte er uns Kindern, sondern einzeln schleuderte er uns aus dem
Zimmer und befahl seinen Knechten, wohin er jeden von uns auf seinem Rosse
führen sollte. Ich war von Kälte halb erstarrt, als ich in dem Waldkloster zu
Hirschingen abgesetzt wurde, und wusste meiner Seele keinen Rat; ich sann
vergebens die lange Zeit, was ich verbrochen hatte, und wusste mir endlich nichts
anderes zu denken, als dass ich unter meinen Vögeln irgend einen verzauberten
Ritter gefangen, wie so damals die kindischen Märchen umgingen, der sich an mir
hätte rächen müssen. Ein alter Abt nahm mich gutmütig auf und brachte mich zu
einem Haufen anderer Knaben, die ihn sehr demütig begrüssten, aber entsetzlich
über ihn schimpften, als er den Saal verlassen hatte; auch hörte ich bald von
ihnen so boshafte Reden, so schlimme Streiche, wie Heldentaten erzählen, dass ich
meiner Unschuld mir bewusst wurde. Nach einigen Tagen, wo mein Vater mit dem Abte
mochte gesprochen haben, wurde ich zu ihm gerufen; er fragte mich so sonderbar
aus, ich wusste nicht, was er wollte, ich musste ihm so viel von meiner Schwester
erzählen, dass ich ihm endlich den Argwohn nicht verbergen konnte, sie möchte
mich verleumdet haben, wie sie uns zuweilen in sonderbarer Laune allerlei
vorerzählte, von Zwergen und Zuckerhäuschen, die wir nachher umsonst im Walde
aufgesucht hatten. Der Abt bestätigte meine Vermutung, wahrscheinlich aus guter
Absicht, um die vom Vater ihm vorerzählte strafbare Neigung zwischen uns
gänzlich zu unterdrücken, aber er wusste nicht, dass er den schönsten Funken
offener, hingebender Freude und Freundlichkeit für alle Zeit in mir auslöschte;
wem sollte ich trauen, da meine liebreiche Gloria mich verlästert. Weh mein
Kopf:
Denke ich der Freudenfülle
Meiner ersten Jugendzeit,
Schäm ich mich der leeren Stille,
Und mich fasst ein tiefer Neid,
Und wen kann ich mehr beneiden,
Als mich selbst in Jugendfreuden.«
Der alte Rappolt hielt sich hier den Kopf, dann fuhr er fort: »Von meinen
Klosterjahren weiss ich dir wenig zu sagen;« der Ernst, womit alles Feierliche
getrieben wurde, die Strenge aller Gesetze bezwangen mich mit den Jahren; ausser
dem Kloster schien mir bald nichts Herrliches mehr zu wohnen, um uns her lag die
grosse Einsamkeit, wir hörten nichts, als das wilde Geschrei der Bären, Wölfe und
Lüchse daher, und in seltenen Tagen kamen Wallfahrten von armen Köhlern und
Waldbauern, deren rohe Unwissenheit mich erschreckte; die Anstrengung des
Kirchendienstes, das Wachen und Lernen war die kräftigste Busse; alle meine liebe
wendete sich zu den gnadenreichen Bildern der Mutter des Herrn, die mir wie
ewige Lichter in der Kirche brannten, zu denen ein heiliger Zauber alles schöne
Licht aus der unendlichen Luft hinriss. Nachdem ich meine Gelübde als ein
Nachfolger des heiligen Franziskus abgelegt hatte, ward ich nach andern Klöstern
auf die Wanderschaft gesendet; o der Greuel, die ich anschauen musste, welche
Buhlerei mit der Welt, die sie aufgegeben hatten, welche Üppigkeit mit den Gaben
der Armut! Oft sass ich im Beichtstuhl und konnte vor dem Schreien der
Chorherren, die in der Kirche sassen und spielten, die Beichte der armen Sünder
nicht vernehmen; ich sah die Mönche in die Häuser zu den Frauen schleichen, wenn
die Männer zur Arbeit ins Feld gegangen, da tobte ich und ward von vielen
übermannt, geschlagen, in Kerker geworfen und ohne Zehrung weiter geschickt. In
solcher Armut kam ich eines Abends von Kostnitz die Hügel herunter, und Gottes
Herrlichkeit spiegelte mir aus dem See in die Seele; die Berge hatten sich in
Feuer gekleidet, und es schien alles wie zum Tage des Gerichts, wo die Toten
erwachen und die Lebenden ihnen gleich sind und mit ihnen sich mischen; da
schien ich so frei von aller Welt, dass ich bald einzukehren vergessen und mit
Verwunderung auf meinem Kopf fühlte, dass meine Locken mir vom Scheitel
abgeschoren. Einige Ritter trabten mit Frauen auf mutigen Rossen vorüber, sie
sahen mich nicht und sprachen mit einander von süssem Liebesspiel, von der Nacht
und von der Jagd; mir ward so weh ums Herz, gern wäre ich als ihr geringster
Diener mitgezogen; aber schnell waren sie mir aus den Augen, und ich stand vor
einer Klosterpforte, wo ich ohne Nachdenken anklingelte. Mir wurde aufgetan, da
es aber zu spät war, um mit den andern Mönchen im Refektorio zu speisen, so
wurden mir einige Nahrungsmittel in meine Klause gereicht; ich sprach wenig, und
der Mönch, der mir die Gastfreundschaft tat, schien auch nicht zum Reden
geneigt; beim Abschiede sagte er mir, ich möchte mich durch keinen Lärm im
Schlaf stören lassen, ich sei zu weit gegangen, um die Messe mitzusingen. Aber
der Schlaf versteckte sich meinen offenen Augen, die in die Nacht, wie in ein
Grab starrten; das erhitzte Blut glänzte in Feuergestalten vor mir, und ich
musste immer meines Bruders Wolf und meiner Schwester Gloria denken, von denen
ich so lange nichts gehört hatte; sie sahen mich unendlich traurig an und
zerflossen dann in Lichtwolken. Dieser Bilder überdrüssig, wollte ich erst auch
den Fackelschein, der bei meinem Fenster, das nach dem Klosterhof sah,
vorüberzog, für eine Täuschung kranker Sinne halten, bis ein leises Beten mich
überzeugte, dass dort ein Fest gefeiert werde. Das Fenster war der Sommerluft
geöffnet, ich trat heran und sah eine Reihe von Mönchen mit Fackeln in den
Händen aus der geöffneten Knochenkammer hervorgehen, die leise betend sich im
Kreise stellten. Die letzten, die heraustraten, waren ein Mönch ohne Fackel und
ohne Kappe über das Haupt, neben ihm ging ein anderer ohne Fackel mit dem
Kruzifix, der ihm die Hände faltete und mit ihm betete; ein Laienbruder mit
glänzendem Beile folgte beiden. Diese drei traten in die Mitte des Kreises, der
Mönch ohne Kappe kniete nieder, betete, legte sein Haupt auf den Block, und der
Laienbruder trennte es mit einem Hiebe von dem Rumpfe, das alles in einer
Schnelligkeit, dass mir schwindelte; in halber Ohnmacht hörte ich das Lied
»Oremus pro fideli defuncto singen; der Körper wurde zurück in die Totenkammer
gebracht, der Zug der Mönche ging bei Glockenklang in die Kirche.
    War es die Wirkung dieser schaudervollen Erscheinung, oder trug ich die
Krankheit schon im Blute, am Morgen lag ich im heftigen Fieber, aus dem ich nur
für einzelne Stunden erwachte und bald wahrnahm, dass ich in ein anderes besseres
Zimmer gebracht sei, das eine Aussicht auf ein anderes grosses Gebäude hatte. Ich
wurde sehr gutmütig in meiner Krankheit gepflegt, ich vermied, von jener Nacht
zu sprechen, doch endlich brachte mich mein Wärter, Pater Posidonius, selbst auf
dieses Gespräch, indem er mir erzählte, dass ich immer von einem Mönche
phantasiert hätte, dem der Kopf abgeschlagen worden. Ich erzählte ihm das
schaudervolle Nachtgesicht; er hörte zu und versicherte, das habe alles seine
Richtigkeit, ihr Kloster habe das Recht über Leben und Tod, und der
Hingerichtete sei wegen einer Verbindung mit einer vornehmen Nonne im Kloster
gegenüber hingerichtet worden. Hier hat er gewohnt, sagte er, von hier sah er zu
der Nonne ins Fenster, hier wurde er auf Befehl des Abtes weggebracht, und die
Verzweiflung gab ihm den unseligen Gedanken ein, sich kunstreiche Flügel zu
machen; das gelang ihm nicht, er kam nicht zu ihr, sondern in den Himmel, es war
eine treue Seele; sie weiss nichts von seinem Tode und wartet täglich, ihn zu
sehen, denn dort haben sie kein so strenges Gesetz wie bei uns. Es wäre ihm auch
nie etwas geschehen, sagte der Mönch sachte, aber der Abt hat selbst ein Auge
auf die schöne Nonne geworfen.
    Kaum war der Mönch fort, so sah ich verwildert im Zimmer umher, ich wünschte
mich weit fort, ich dachte, der Unglückliche werde mir missgönnen, durch das
Unglücksfenster, was ich bisher nicht der Mühe wert geachtet hatte,
hinauszublicken; wenn eine Maus durch die Kammer lief, glaubte ich seinen Geist
herschreiten zu sehen. Kaum war ich hergestellt, so wollte ich weiterziehen;
aber mir ward angedeutet, dass ich die Mühe und die Kosten, die ich dem Kloster
gemacht, durch kirchliche Dienste abverdienen sollte, so blieb ich halbgezwungen
zurück. O wäre ich mit Gewalt herausgebrochen, hätte mein Leben selbst nicht
geschont!
    Es war an einem Sonntag abend, als ich ermüdet vom Beichtstuhl mich an das
Fenster setzte, um die frische Luft zu geniessen, die, mit Wohlgerüchen aus dem
Garten der Nonnen durchdrungen, sich begierig in unsere Zellen ergoss; da sah ich
zum erstenmal nach dem Turme mir gegenüber und erblickte in der höchsten
Klarheit bei einer Lampe eine Heilige an einem Stickrahmen, denn heilig war sie
mir, das schwöre ich im Anblick der Waage, die vor uns am Himmel sichtbar
geworden, mag der ewige Richter mein Herz wägen. Mein Auge sah immer weiter und
klarer, mir ward, als stände ich unsichtbar neben ihr, so sah ich mich hinein in
jeden Zug des hohen jugendlichen Gesichtes; ich fühlte zu ihr alle Liebe, die
ich bei meiner Schwester aufgegeben. Sie fuhr plötzlich von ihrer Arbeit auf,
versteckte sie unter ihrem Bette und entriegelte die Tür; es trat eine fröhliche
alte Nonne mit einem Schachbrette herein, sie küsste meine Heilige, beide setzten
sich näher zum Fenster und legten das Schachbrett auf einen kleinen Tisch; die
Heilige spielte mit den weissen Schachfiguren, die Alte mit den schwarzen. Das
Spiel begann; ich sah die sanfte Aufmerksamkeit der Heiligen, die Bosheit der
Alten; jene betete, diese fluchte mit ihren Augen, und beiden wurde gewährt. Die
Nachtfalter, die erst vor dem Fenster und an der Lampe sich umhergetrieben,
verwandelten sich in Gestalten; rötliche kleine buntgeflügelte Engel umflogen
die Heilige und setzten sich auf die Figuren, die sie ziehen sollte; dahingegen
kleine schwarze geschwänzte Teufelchen mit Fledermausflügeln die Gegenzüge der
Alten bezeichneten. Der Kampf des Guten und Bösen wurde auch in meiner Brust
gestritten bis tief in die Mitternacht; endlich sah ich, dass meine Heilige
ermüdete, sie sah nicht mehr die Engel, und die Alte ging triumphierend mit dem
gewonnenen Spiele fort. Die Heilige sank ermüdet über den Sessel, und die Teufel
und der Wind spielten in den Falten ihres Gewandes. O du heiliger Gott, welch
ein weltträumender Sinn ging mir da auf, dass ich die Welt hätte verachten mögen;
weichliches Gras des Frühlings und glatte Früchte des Herbstes und Sommerquellen
und Winterschlaf, alles in erstem Weine des Lebens berühret, erstes Atmen des
lebendigen Wortes, worin die Welt sich verklärt; Wunder des Glaubens, das
Unmögliches der sehnenden Seele gewährt; Fülle der Freude, die in allem
widerklingt, von allem uns wiederkehrt: ihr seid doch geahnt; aber die Liebe in
einem kindisch-ernsten Gemüte, die in einem Augenblick Jahre reift, die ist
nicht geahnt in den Abgründen ihrer trauernden Wollust, die den Menschen
vernichtet, während er mit allem Leben zu prangen scheint.
    Lieber Sohn, ich vergesse, dass ich dich nicht zu lebhaft an das menschliche
Fleisch erinnern sollte; aber was kann ich dafür, es war eine Aufwallung, von
der mir noch jetzt der Mund übergeht; sie wusste nichts von meiner Glut, in der
alle Sterne wie glühende Blasen zersprangen und den Morgenhimmel räumten. Sie
hatte fest geschlafen, bedeckte sich im Erwachen, sah empor zur blauen Luft und
sang sehr traurig:
Als ich im Grase noch spielte,
Sah ich den Himmel nicht an;
Ob er da glühte und kühlte,
Nimmermehr fühlt ich den Bann,
Der über den Bergen und Talen
Wirket in ewigen Zahlen.
Winter war freundlich willkommen,
Brachte der Früchte so viel,
Frühling war nimmer beklommen;
Selig verarmt das Gefühl
In Jahren, die fröhlich vergessen,
Glücklich, wer gar nichts besessen.
Seit ich im Herzen vermählet
Seufz im vermauerten Haus,
Hab ich den Himmel erwählet,
Ahne die Wolken voraus,
In ihnen ist ewig Entstehen,
In mir ist ein irdisch Vergehen.
In dieser Trauer lag mein Mut, ich trat hervor an mein Fenster und nie in meinem
Leben hat mich Unwürdigen ein so herrlicher Blick getroffen; alle Adern taueten
auf, und mein Leben drang dem Tage vor. So stand ich, und meine Augen sprachen;
sie aber ergriff das Blatt einer Pappel, die vor ihrem Fenster zitterte, schrieb
mit zierlicher Schnelligkeit darauf, warf es geschickt in den Wind, und der Wind
warf es auf meine Lippen, und als meine Lippen sich satt geküsst, da lasen meine
Augen unermüdlich, was sie darauf geschrieben: Selig jeder Morgen, wo du mir
erscheinst, meines Herzens Heiliger, doch selig vor allen der, wo ich dich
wieder sah nach langen Tagen; sieh, alles ist grün geworden, und mein Herz geht
auf mit tausend Sonnenblumen zu dir, der Himmel ist hell und deine Wangen
glühen; wo warst du so lange?
    Ich las die Worte mit seligem Entzücken, aber wie Kinder die heilige
Schrift: sie glauben daran, sie wissen die Worte, aber sie verstehen nichts.
Woher kannte sie mich? War ich dem armen Sünder so ähnlich, den die Liebe zu ihr
unter das Beil gebracht? Wie sollte ich ihr antworten? Durfte ich ihr antworten?
Wollte sie auch mich verderben; Ich fragte es, und doch war mir dies Verderben
so schön. Bald schrieb ich zu ihr auf Blättern und vertraute sie dem Winde, ich
durfte ihr nichts von dem Unglücke dessen sagen, den sie in mir begrüsste, aber
ich klagte ihr mein Unglück, dass ich sie liebte; jedoch der Wind, der uns einmal
begünstigte, schien uns jetzt für immer feindlich abgewendet; ich sah jedem
Blatte wie einer geflügelten Seele nach, aber sie stürmten alle fort, bis die
Zeit kam, die mich in die Kirche rief. Mit welchem Widerwillen begegnete mir
jetzt der Weihrauchdampf, seit mich die Gärten der Nonnen mit Frühlingsduft
gestillt hatten; wie schrecklich sahen mich die gebräunten Heiligenbilder an,
seit ich die blendenden Hügel, in denen der Mondschein weidet, wenn er der Welt
versteckt ist, mit allen Herzensschlägen zittern und schimmern gesehen. Dann
aber erzitterte der feierliche Gesang des Miserere wie ein Erdbeben durch einen
Donnerschlag meine Seele bis zum tiefsten Grunde; mit jedem Worte glaubte ich
mich strafbarer und verworfener; ja, als mich dazwischen der Gedanke an die
Nonne umschlang, glaubte ich der Teufel selbst zu sein, der sich der
Gottseligkeit nur beflissen, um mit erneutem Jubel seine Sündenlust zu
empfinden. Aber meine Tränen, die ich in langen Nächten mir zur Busse und in
halber Ohnmacht vergoss, löschten nimmer die Wonne des Tages aus, die mir
gegenüber in immer neuen Lockungen erschien; und ihre Tränen, die ich mehrmals
auf ihren Wangen wie Diamanten in spielendem Sonnenlichte flimmern sah, rührten
mich mehr, als alle Blutstropfen des Herrn, wie er von seinen Feinden gegeisselt
worden. In diesem Kampfe mit mir vergingen Monate, in denen ich durch die
Strenge meiner Busse den vollen Hass aller Mönche auf mich zog, die froh lebten
und meine Busse einer eitlen Lust nach frommer Auszeichnung zuschrieben; jeder
lauerte mir auf, aber mein Wandel war nur tief in mir strafbar; was vor der Welt
erschien, hätte heilig genannt werden können. Immer seltener sah ich mein heilig
Sündenbild; sie schien zu trauern.
    Es war ein dunkler Freitag, als ich nach langem Kampfe Abends an das Fenster
trat und zu meiner Teufelin hinüber blickte; wie erstarrte ich aber, als ich
heftig in ihrem Zimmer reden hörte und bald darauf sie selbst, verstört, mit
fliegendem Schleier, das Fenster eröffnen sah, hinter ihr den Abt unseres
Klosters, der sie mit Angst zurückzuhalten strebte. Wie es mich übernommen, wie
ein Stein in meine Hand gekommen, wie ich es gewagt habe, ihn auf den Verführer
zu schleudern, der ihr so nahe stand; noch jetzt schaudert mir und schwindelt
mir.«
    Nach einer längern Unterbrechung, wo Rappolt seinen Kopf gehalten, fuhr er
ruhig fort:
    »Mein Stein hatte den Abt am Haupte verwundet; ich, ohne mich zu verbergen,
stand in drohender Stellung am Fenster, alle dankbaren Blicke aufzufangen, die
mir aus den Augen der Nonne strahlten. Der Ruf des Abtes hatte bald die alte
Frau herbeigerufen, die an jenem Abende der Versuchung Schach gespielt hatte; er
ward fortgebracht, und drohend zeigte ich ihm noch meine Faust, und so stand ich
noch mit dem Gefühle eines Befreiers, als ich schon von Mönchen umgeben und
gebunden wurde. Ich fluchte dem Abt und seinen Missetaten, aber Posidonius, der
bei mir zur Wache blieb, riet, an meine eigene Seligkeit zu denken. Wo war meine
Seligkeit? Die Grausamkeit eines Eifersüchtigen hatte mich in der Wohnstätte
meiner Liebe gelassen; aber wohin war sie entführt die meiner Augen Lustgarten,
Ernteflur und Himmelsplan war. Mein Jammer ging dem harten, alten Mönche zu
Herzen: O rief er einmal, wie wunderbar ähnlich seid Ihr in Eurem Schmerze dem
armen Wolf, den gleiches Unglück und gleiche Liebe mit Euch verbunden; oft schon
sah ich verwundert die Ähnlichkeit Eurer Züge, ähnlicher können Zwillinge nicht
sein; er wollte zu ihr fliegen, die euch verdirbt; von dir sind die Blätter zu
ihr geflogen, du bist entlaubt.
    Bei dem Namen Wolf gewann mein Bewusstsein für alte Erinnerungen Raum: Wolf
sagt ihr? Wohl hatte ich einen Bruder in meiner Kindheit, den ich herzte und
ehrte und von dem ich nichts weiss; aber wenn der Unglückliche geliebt hat wie
ich, so war er sicher mein Bruder.
    Ich kann Euch sein Geschlecht wohl nennen, er vertraute es mir in den
letzten Tagen; sein Vater hatte sich neu vermählt und seine Kinder erster Ehe in
Klöster gebracht; er soll ein harter Mann gewesen sein, und darum mochte er wohl
heissen der Graf von Stock.
    O mein armer Bruder, so wurdest du aus meinen Armen gerissen, dass ich dich
sterben sähe als ein unschuldiger Sünder, von der Mörderhand falscher Gerichte;
bald grüssen wir uns und tragen zusammen unsere blutigen Köpfe vor den
Richterstuhl des Herrn.
    Er wird jedem nach seinem Verdienste lohnen, sprach Posidonius. Wer aber
soll seine Ehre verkünden auf Erden? rief ich. Und wie soll mein Vater bestehen,
wenn er sieht, wie er gewütet hat mit den Gliedern seiner Zukunft, mit den
letzten Ästen seines Stammes, auf dem auch er erwachsen?
    Sorge nicht für ihn, sprach Posidonius, denn dir selbst steht noch das
Schwerste bevor.
    Er liess mich bald allein, und der Jammer über den Untergang meines
Geschlechtes strömte in wilden Klängen von meinem Herzen, bis mich das Dunkel
des Abends umgeben hatte; da klinkte es sacht an meine Tür, und ein verhüllter
Mönch trat leise herein, blickte mich an und fiel dann zu meinen Füssen.
    Du solltest sterben um mich, rief eine Stimme, die ich nie in solcher Nähe
vernommen, die ich aber kannte, wie wir den Himmel erkennen an Wohlwollen; aber
ich rette dich, fliehe von hier, kümmere dich nicht um mich, wir sehen uns
wieder.
    Warum sollte ich sterben, warum sollte ich fliehen? fragte ich. Nur bei dir
zu bleiben nenne ich leben.
    Du bist verloren, sprach sie, der Abt hat Blätter mit Liebesworten von dir
dem Gerichte vorgelegt, die du dem falschen Winde für mich anvertrautest; er hat
seine Wunde eröffnet vor dem Gerichte, die du ihm geworfen, als er mich, sein
Beichtkind, abhalten wollte, nicht nach dir zu blicken.
    Hab ich es darum getan?
    O Himmel, sprach sie, ich weiss am besten die Beichte, die er von mir
verlangte; aber siehe, dein Leben ist sonst nicht zu retten, ich muss schweigen.
    Vor einer Stunde, so sprach ich, wäre ich deinem Willen gefolgt, jetzt habe
ich keinen Willen mehr; hier will ich sterben, hier, wo mein Bruder Wolf
blutete; dieselbe Sichel soll uns beide abmähen.
    O sprich, rief sie bestürzt, ich ahne und zweifle; wohl hab ich es länger
vermutet, es seien euer zwei, die ich gesehen und liebte; du schienest mir
grösser und bleicher.
    Die Sonne ging unter, der Mond ging auf; mein Bruder fiel an dem Abend unter
dem Beile, wo ich als ein müder Wanderer hier eintraf; unsere Liebe ist gleich
zu dir; er baute sich kühne künstliche Flügel, zu dir zu gelangen, aber die
Eifersucht hemmte seinen Flug - auch meine Flügel sinken dem Grabe zu, und ich
bin müde des Weges; dich habe ich gesehen, ich fühle deinen Mund an meinem,
deine Tränen rinnen auf meinen Backen, und meine Tränen küssest du auf; mit dir
hätte ein herrliches Geschlecht hervorgehen sollen, mein Geschlecht sinkt. -
Diese Küsse, die ich dir reiche, schenkte mir die vielgeliebte Mutter; begegnet
dir auf Erden meine Schwester Gloria, teile sie mit ihr.
    Gloria, rief sie, wer ruft mich, das ist mein Name, aber mein Herz ruft
Jammer; sage, wie wandelt sich alles um, das Feuer wird fest und die Erde
flüchtig, und das Freudige will ich fliehen und die Leiden mir wünschen; ich
fühle dein Herz, und sein mächtiger Schlag sagt, dass du stammest von den
Wächtern der Kronenburg, Rappolt, geliebter Bruder!
    Stirn gegen Stirn lagen wir so im stummen Erstaunen an einander und
jammerten, und sie sang mir, wie sie als Kind getan, von den Wellen, die an den
Himmel schlagen, und von den Sündern, die an der Himmelstür singen; ich aber,
über allen Jammer hingetragen von dem sanften Flügel des Schlafes, besiegt von
seiner Macht, sank in seine empfindungsloseste Tiefe; schwarz ward es rings, und
kein Traumbild wagte sich in diese Tiefe. Aber allmählich, wie ein Leichnam,
der, tief im Wasser versunken, in der Sehnsucht zum Lichte wieder aufstrebt, so
fühlte ich ein Erbeben und endlich ein farbig Begrüssen in den schillernden
Wellen, in denen die aufgehende Sonne sich spiegelt. Bald lag ich in den Armen
der Schwester, und alle Scheu, die mich sonst von ihr geschieden, war vergessen;
ich wusste gar nicht mehr, dass sie mir Schwester war und Nonne; ich fühlte nur
mit wildentbrannten Sinnen, dass sie ein Mädchen, dass sie mein. Doch als ich
ihres Leibes Wonne suche, da meine ich, des Klosters Glocken schreien zu hören;
ich fühlte ganz, dass mich ein Traum getäuscht, ich aber wollt's nicht wissen,
ich wehrte mich, die Augen zu öffnen, um zu geniessen aller Lieblichkeit. Was in
jener zarten Welt des leeren Spiels gestört, das lebt nicht mehr; ein Windstoss
zerreisst die zarten bunten Flügel, die in einer Nacht sich entfalten und
versinken; seit ich die Glocken gehört, drückte ich das Traumbild meiner Lust
immer gewaltsamer an mein Herz, dass mich Gloria wie einen Heiligen umschloss, der
sich in Strahlen vor der Welt verstecken möchte. Aber immer lauter wurden die
Glocken; ich öffnete gezwungen und doch mühsam ein Auge und schloss es dann
wieder und wollte fortträumen; ich wusste nicht, wo ich war, als ich es wieder
eröffnete; die Erinnerung sammelte sich erst allmählich bei dem Geläute und bei
verwirrten Stimmen, die ich hörte; ich wollte aufspringen, aber noch hielten
mich die Fesseln, mir war, wie in jener Nacht der Hinrichtung; aber bald sagte
ich mir, dass ich schon hingerichtet sei, bald, dass ich hingerichtet werden
sollte; alle Vorstellungen liefen über einander und suchten einander auf
unendlichen Windeltreppen; nur eins glaubte ich wirklich und jammerte dessen,
die Schuld mit meiner Schwester; das Fieber hatte mich durch und durch wieder
ergriffen, was mich bei dem Eintritte in das Kloster überfallen hatte. Selige
Tage der Krankheit, die Welt liegt abgestorben fern, aber in uns blüht alles und
regt sich in seinen Übergängen; die verständigen Stunden wagte ich nicht, durch
Fragen zu stören, und wenn ich fragte, antwortete mir Posidonius so unbestimmt,
dass ich bald daraus schloss, er dürfe mir nichts sagen; auch sah ich, dass man
mich aus meinem Zimmer in ein entferntes Gartenhaus gebracht hatte wo mir mit
liebevoller Sorgfalt allerlei Blumen ums Bett gelegt wurden, die ich in der
Bewusstlosigkeit des Fiebers gern streichelte und befühlte.
    Langsam genas ich und nahm mir endlich vor, was sich im Kloster ereignet, ob
ich nur zur Hinrichtung so mühsam aufgepflegt würde, zu erforschen, als ein
ernster Ritter mit weissen Haaren und verweinten Augen zu mir eintrat; er stürzte
an meinem Bette nieder und sprach nach langem Schweigen: Sohn, wenn du wüsstest,
wie schwer es einem Vater wird, sein Kind um Verzeihung anzuflehen, du würdest
mich aufheben.
    Vater, sprach ich, wenn Ihr es seid, was habe ich Euch zu verzeihen: Aber
ich bin zu schwach, Euch aufzuheben.
    Darin zeig dein Verzeihen, sagte der Vater, dass du in Geduld abwartest, bis
ich dich stark genug weiss, alle Ereignisse, die uns betroffen, anzuhören; jetzt
vernimm, dass du nicht mehr Geistlicher bist; der Papst hat mein Flehen erhört,
deine Gelübde gelöst; du ziehest jetzt heim mit mir, um das Geschlecht der
Graten von Stock fortzuführen und ihren schweren Dienst zu vollbringen.
    Das Fieber hatte alle Heftigkeit in mir gelöscht, aber nach Freiheit atmete
ich noch, und das Unbestimmte, was mir begegnen und was ich erfahren könnte,
stärkte meinen Willen, gesund zu werden. Nach einer Woche war ich stark genug,
mich auf ein Pferd setzen zu lassen; erst jetzt wagte ich es, nach meiner
Schwester Gloria zu fragen; der Vater drehte sich zur aufgehenden Sonne und
wischte sich die Augen, als ob er geblendet wäre, und sprach: Keine Frage,
lieber Sohn, ihr ist wohl, ein guter Vater sorgt für alle seine Kinder.
    Als wir so an der Ebene stillschweigend hinuntergeritten waren, wo alles mir
wie eine neue Welt schien, da sprach meines Vaters Knecht: Herr, jetzt geht es
hellauf.
    Gut, sagte er, in der Hölle wird es ihnen heisser werden.
    Ich blickte um und sah die wohlbekannten Zinnen und Türmchen der beiden
Klöster hellflammend; erst glaubte ich im Morgenrot, aber die Mauern wurden
durchsichtig, und der irdische Dampf rang mit dem ewigen Lichte; da wandte ich
mein Pferd und wollte zurückeilen: Gott, meine Schwester! rief ich.
    Sie ist nicht mehr dort, rief mein Vater, sie ist nicht mehr hier, kein Auge
kann sie sehen, kein Ohr sie hören, sie lebt in den Gedanken, sie ist bei Gott!
    So will ich bei ihrem Grabe bleiben und wie eine Zypresse einwurzeln, rief
ich.
    Ihr Grab ist nirgends, sagte mein Vater, der teure Leib ist zu Asche
verbrannt, von der Luft verweht; so soll auch dieses Haus der Grausamkeit und
der Schande zu Asche verwehen, denn dieses Feuer habe ich angelegt.
    Vater, Eure Worte haben mich wie Stahl gehärtet, sagt mir alles, wie es sich
verlaufen, denn trauern werde ich um alles, was mir geschehen, um alles, was ich
weiss, und um alles, was ich wissen möchte.
    Noch ist es nicht Zeit, sagte er, und ritt stillschweigend fort.
    Wir kamen nach dem Schloss Stock; er stellte mich seiner zweiten Frau, mit
der er in missvergnügter kinderloser Ehe lebte, als den Erben seiner Güter und
seiner ganzen Liebe vor; die Frau weinte und schien erfreut, ihr einsames Haus
durch mich belebt zu sehen; mir aber war das Haus zum Verstummen einsam; das
Geheimnis, das mich erdrückte, verschloss mich mitten in Waffenzügen, in denen
ich mich jetzt statt am Brevier übte, dem ewig Erneuenden der Tage. Kam ich
heim, so blieb ich Tage lang vor den Bildern meiner Ahnen stehen; sie umlagerten
mich auch Nachts; ich träumte von ihnen das Abenteuerlichste, und beim Erwachen
dachte ich mir schrecklich die Ewigkeit, wenn ich sie immer mit diesen
Verwandten, möchten sie auch noch so gut sein, zubringen sollte. Mehrmals
erinnerte ich meinen Vater, das Geheimnis mit meiner Schwester aufzuklären; ich
sehnte mich selbst nach dem Schrecklichsten, wenn es nur das Geheimnis meines
Unglücks aufklärte und mich mit lebendigen Bildern erfüllte. Er aber sagte
ernst: Erst sollst du ein Mann werden und heiraten, ich habe für dich gewählt,
aber du wirst meine Wahl bestätigen. Ich sagte ihm, dass ich nur für den Preis
des Geheimnisses heiraten würde; er bewilligte das. Nicht lange nachher traf
ich, heimkehrend von einer Fehde, deine Mutter, mein Anton, bei meiner Mutter an
sie hiess Matilde von Amorbach, war ernst, schön und übergross, fast einem Manne
ähnlich an Bildung, aber ihre sanfte, bescheidene Stimme machte sie bald als
Weib kenntlich. Wir wussten beide was wir miteinander sollten, man liess uns
allein, wir schwiegen lange, endlich sprach ich: Matilde, seht diesen Ring;
sonst sass ein heller Demant in seiner Mitte, aber der Demant fiel durch einen
heftigen Schlag des Geschickes ins Meer; da liegt er unversehrt, nichts kann ihm
schaden, hell und klar liegt er in der Tiefe, weiss aber nicht, wo er ist. Auch
kann ihn kein Mensch herausziehen, mein Herrlichstes ist mir verloren. Dieser
Goldring, der ihn fasste, es ist reines Gold, aber er wurde nicht gesehen vor dem
Glanze des Diamanten; jetzt ist er mein alles, kann er Euch genügen? Was von mir
übrig ist, soll Euer werden.
    Matilde senkte die Augen und sprach: Ich will mit Euch trauern um alles,
was Ihr verloren, ich werde es aber nicht vermissen, denn ich kannte es nicht;
was Ihr mir bietet, ist mir aber schon zu viel, denn ich habe nur einen Ring von
Zinn, den ich Euch dagegen bieten kann.
    Darauf sagte ich ernst: Weil Ihr denn meint, dass Euer Ring zu leicht sei, so
legt die Hand dazu auf die Waage, und ich lege mein Herz darein. Ich drückte bei
diesen Worten ihre Hand an mein Herz; unsere Eltern traten ins Zimmer, wir
knieten nieder, und sie segneten uns ein.
    Nachdem die Hochzeit vollbracht, störten mich nicht mehr die Ahnenbilder in
Träumen; die Ebene und die ersten Höhen waren rings in mir fröhlich bebaut, nur
auf dem Gipfel lag der alte Schnee. Du warst unser erstes und einziges Kind;
dein Gemüt kenne ich noch nicht, aber dein mächtiger Körperbau erinnert mich an
deine Mutter, die ohne Prahlerei, nur wenn ich es ihr geheissen hatte, Hufeisen
zerbrechen konnte und Zentnerlasten mit einem Finger heben. Als du geboren und
getauft, führte mich der Vater auf die Kronenburg; er zeigte mir das grosse
Geheimnis und das künftige Geschäft meines Lebens, den schweren Dienst und die
unbestimmte Hoffnung; dann führte er mich nach kurzem Gebet den schwindelnden
Gang, auf den er mich schon lange durch Versuche, an hohen Felsen, an Gebäuden
anzuklettern, vorbereitet hatte. Der Gang ist fürchterlich; ich schwöre, dass
kein Feind, und wenn er die ganze Burg erstürmt, es wagt, auf die Spitze des
Turmes zu steigen, wo die Krone liegt; und doch ist dies der einzige sichtbare
Zugang. Dieser Turm ist eine zweihundert Fuss über das höchste Gebäude
hervorragende Säule, an der die schmalen Stufen, auf denen nur zwei Füsse Platz
zum Auftritt finden, ringsum in freier Luft ohne Geländer laufen. Der Blick
vorwärts geht bald in unendliche Täler, bald in Felsengeklüft, je nachdem sich
der Weg windet; unter einem erscheinen da abwechselnd Strassenpflaster, Giebel
von Häusern, die Luftbogen der Architektur, in denen die Vögel nisten; die
Menschen aber wenden die Augen weg, um nicht nachzusehen; es ist ein Gang, den
jede Fliege zum Spass geht, wohin aber der Mensch nicht gehört, - mein armer
Anton, du musst ihn auch noch gehen. - Der Vater sagte mir, ich möchte nur ein
herzerfrischend Lied singen. Ich fing an eine lustige Weise zu pfeifen, aber
kaum war ich einmal um den Turm herum und konnte nicht mehr zurück, da sah ich
vorwärts alles doppelt; Vater, sagte ich und klammerte mich an die Stufen, ich
seh zwei Treppen, die laufen so dicht beisammen, dass ich nicht weiss, auf welche
ich treten soll.
    Es hat ja keine Eile, antwortete er; halte dich nur fest, ich will auf
meiner Stufe auch ruhen; ich habe mir so vorgenommen, dir endlich ein Geheimnis
aufzuklären, was so lange auf dir gelastet hat.
    Wo ist meine Schwester? fragte ich.
    Sie ist tot, antwortete er.
    Vater, ich sehe jetzt klar, rief ich, was unter mir ist, reizt und schreckt
mich nicht mehr, wir können ruhig ansteigen durch den Saum der Wolke, der meinen
Scheitel umhüllt.
    Das Wort hatte mir Totenruhe gegeben, mit dem Worte war ich von der Erde
frei; ruhig ging ich die Stufen hinauf, als wäre ich Jahrhunderte schon wie ein
Stern auf und nieder gegangen, kein Schwindel war mir schrecklich; ich sah mich
selbst in der Leere über der Erde, ich schwebte und erschien mir in dem
bisherigen Verhältnisse zu mir töricht, es war jetzt Ernst geworden. -
    Verkürzt den Weg mit der Erzählung, bat ich den Vater, ich will warten, wenn
Euer Atem zu kurz wird. -
    Lieber Sohn, sagte er, noch weisst du nicht, warum ich euch in so früher Zeit
so hart auseinander gerissen; der gute Niklas war um euch besorgt, dass eure
Liebe zu einander sündlicher Art sei, und als ich euch verschlungen in einem
Bette fand, da übernahm mich der Zorn; ich verschwor euch Söhne dem Kloster und
wollte von einer andern Frau mir Erben gewinnen; die Tochter aber brachte ich zu
einer Verwandten nach Kostnitz. Diese Frau lebte mit vielen Menschen in
weltlicher Fröhlichkeit, aber Gloria wandte sich zur Einsamkeit und Busse, wo ihr
der Herr erschien und mit ihr in Stunden der Entzückung sprach und sie ermahnte,
in das Kloster zu gehen. Sie war nach dieser Erscheinung gleich willig dazu,
aber alle ihre Bekannten, die so herrlich sie aufblühen sahen, suchten sie mit
Liebe und Gewalt zurückzuhalten; dies verzögerte ihren Eintritt, aber veränderte
nicht ihren Entschluss; ich musste ihrem Flehen nachgeben, obgleich es mich schon
damals, nachdem ich lange vergebens auf Kinder von meiner zweiten Frau gehofft
hatte, schwermütig reute, dass ich meine beiden Söhne von der Welt abgeschieden
hatte. Ihr Abschied war ein Zeichen für mehrere junge Ritter, in fernen
Kriegszügen Zerstreuung und Ersatz zu suchen. Vor allen schmerzlich war das
Scheiden eines Ritters von Lilienfeld, der nach Jerusalem zog; aber auch sie
ging nicht in den Frieden ein, auf den sie gehofft hatte. Das Kloster war
heimlicher Sünde voll, und die Äbtissin, eine frühe Freundin des Abtes, den dein
Wurf verwundete, suchte seine Neigung sich zu erhalten, indem sie ihm die
reizendsten ihrer neuangenommenen Novizen opferte. Meine arme Tochter ahnte
nichts davon, sie sah den Abt als einen ehrwürdigen Beichtvater, auch war ihr
ganzes Gemüt von der Erscheinung deines unglücklichen Bruders Wolf erschüttert,
der in dem Kloster, ihr gegenüber, angekommen, ihr das Bild des Herrn, das ihr
im Entzücken vorgeschwebt, fest und deutlich vor Augen mit zärtlichen Blicken
hingestellt hatte. Sie beichtete diese Erscheinung dem Abte; er legte ihr
leichte Busse auf, deinen Bruder aber beschloss er aus Eifersucht zu verderben.
Nun trug dein Bruder den geistlichen Stand mit grösserem Widerstreben als du; die
Leidenschaft zur schönen Nonne raste in ihm; unbekannt mit der Welt, von der er
so lange geschieden, suchte er in dem Kreise seiner Beschäftigungen mit
mechanischen Kunstwerken seiner Leidenschaft Hülfe und Rat. Unsäglich war die
Mühe, sich die Gerätschaften heimlich zusammenzubringen, um sich Flügel zu
bilden, die Geliebte gegenüber aus dem Turme fortzutragen. Der Abt hatte ihn
schlau umstellt; beim ersten Versuche wurde er gefangen - du hast ihn sterben
sehen. Du kamst in gleiche Schlingen des Satans, und meine Tochter wurde von der
Äbtissin angeleitet, sich dem Abte für die Rettung deines Lebens zu versprechen.
In einem Kampfe, der zuletzt alle Besinnung erschöpfte, liess sie sich die
Mönchskleider anziehen, sie wurde durch einen geheimen Gang zitternd und
ohnmächtig in das Zimmer des Abtes geführt. Er versprach ihr dein Leben.
    Bei diesen Worten waren wir auf der Spitze des Turmes angekommen; die Krone
lag vor mir, aber ich sah sie nicht; ich setzte mich nieder, sah in die Weite,
wo ein ausgetretener Strom über die Wohnungen der Menschen hinrauschte, dass sie
wie Schreckensfrüchte an den dürren Gipfeln der Bäume hingen; dabei biss ich mir
auf die Finger, und der Schmerz war mir Wollust. Als mein Vater diese Heftigkeit
in mir erblickte, legte er mir Ketten an die Glieder und heftete mich fest; dann
fuhr er fort: Mein Sohn, dass ich dich so schmerzlich ankette, tue ich dir zur
Sicherheit. Gloria ging, dir Lebensrettung anzukündigen, ihr erkanntet einander;
jetzt sah sie, dass du ohne ihre schreckliche Aufopferung zu retten gewesen
wärest; wer konnte es dir verargen, zu deiner Schwester zärtlich geschrieben zu
haben? was du dem Abte getan, erschien jetzt nicht mehr als verliebte Raserei;
das aber fühlte sie nur wenig, eins wusste sie nur, dass sie in ihrem Schimpfe
nicht fort leben könnte. Du versankst in Ohnmacht und sie in Verzweiflung, aber
ihre Rettung und ihr Tod waren nahe. Der Abt hatte seine Lust gekühlt, jetzt
blieb ihm nur die Rache gegen dich; er brach sein Wort und sendete die Gesellen
seiner Bosheit, dich zum Richtplatze zu führen; die Schwester glaubte er schon
zum Kloster zurück. Die Glocken läuteten; sie muss aus den Reden der Mönche
erfahren haben, dass sie dich zur Hinrichtung führen wollten, sie ist ihnen
entgegengetreten im Dunkel und hat ihnen wie mit erstickter Stimme, wodurch sie
getäuscht worden, erklärt, dass sie alle Bande zerrissen, dass sie aber freiwillig
sterben wolle. Die Mönche haben sie ergriffen und in stiller Feierlichkeit zum
Richtplatz geführt. O mein Sohn, rief er hier, wie habe ich jahrelang diese
Krone bewacht, die ich nie trage! und dieses Kind, das meine Frau getragen in
Liebe und Schmerzen, habe ich ohne Wache in der Welt irren lassen!
    Erst als sie entauptet, erkannte der Laienbruder ihr Geschlecht, und diese
Herrlichkeit schmetterte sie alle nieder, denn sie wussten nun alle, dass sie
getan, was nimmer zu vergüten und mit jeder Stunde, bis zur letzten, immer
schwerer auf ihnen lasten, dann aber sie alle in die Gewalt ewiger Glut bringen
werde. Der Abt, den das verwirrte Geschrei herbeizog, verfiel in wilde Raserei;
er wütete mit dem Beile gegen den schönen Körper und gegen alle, die ihn
zurückreissen wollten; endlich wurde er mit Steinen von ihnen
darniedergeschmettert, sie bereiteten einen Holzstoss und verbrannten die beiden
Leichname; wie eine länderverödende Pestilenz zog der Qualm des Abtes über die
Stadt, aber die Leiche der Tochter wollte die Flamme nicht ergreifen, ihre
Wunden bluteten noch nach mehreren Tagen frisch wie am ersten. Da erwachte das
Gewissen eines Mönchs, er lief in die Stadt und verkündigte die Missetaten; da
kam der Ritter von Lilienfeld, der sich einst aus Liebe zu ihr in den Krieg
geflüchtet, drang in das Kloster und erkannte ihre Züge. Es drangen die Bürger
von Kostnitz in das Kloster, und jeder erkannte sie; da zerfiel sie in Asche,
der Wind hob sie empor wie den fliegenden Sommer, von dem wir nicht wissen,
woher er komme, noch wohin. Schnell war die Verhaftung der Schuldigen erfolgt,
du wurdest gepflegt von Mönchen, die unschuldig erfunden; ich erhielt in Rom
meines Elends Kunde, mein Jammer hallte in den Toren des Vatikans, und mir ward
gewährt, dich zurückzuführen in die Welt, in dir mein Geschlecht und die
schweren Pflichten, die auf ihm ruhen, erfüllt zu sehen.
    So endete mein Vater, als ginge ihm Atem und Stimme für immer aus; mich aber
ergriff ein Schwindel, als hätte alles Blut einen andern Lauf genommen und flöhe
mich, - mein Sohn, mein Sohn! stehe mir bei, denn mir wird wieder, als wäre ich
ohne Sinne zu früh auf die Welt geboren - mein Sohn, mein Sohn, steh mir bei,
denn ich zerfliesse wie ein Tropfen, der aus dem milden Auge meiner Mutter
hundert Meilen tief auf den harten Scheitel meines Vaters gefallen - mein Sohn,
mein Sohn...«
    Bei diesen Worten stürzte Graf Rappolt nieder; Anton sprang trotz seiner
Wunde auf, aber der Schmerz und die Schwäche des Beines stürzten ihn zurück;
Susanna war schon mit liebevoller Sorgfalt zu dem Ohnmächtigen getreten und rief
die Diener von dem Feste zu ihrem leidenden Herrn. Die Bestürzung war gross; alle
waren um ihn beschäftigt, die Musik schwieg, das Getümmel erstarrte. Nach
wenigen Minuten gab der alte Graf wieder Zeichen des Lebens, aber er war schwach
und befahl leise, ihn auf sein Zimmer zu bringen. Anton wäre ganz verlassen
zurückgeblieben, hätte nicht Susanna jetzt wieder alle Sorgfalt auf ihn
gewendet; sie rief bald einige Leute zusammen, die ihn auf sein Zimmer brachten.
Erst hier sammelten sich alle zerstreuten Züge der Erzählung; das Schreckenvolle
aller Ereignisse, welche die Seinen teils überstanden, teils das Gefährliche des
Dienstes, wozu er berufen, drückten ihn nicht nieder, aber nichts von seiner
alten Weise stimmte mehr dazu; selbst seine Frau fügte sich nicht in diese
Entbehrungen und Anstrengungen, um einen so ungewissen Zweck zu erreichen; dass
er nun erreicht habe, wonach er sonst fröhlich gestrebt hatte, ein ritterlicher
Mann zu werden, das war ihm noch nicht so nahe und deutlich. Er brütete so in
sich, wie er noch nie getan, forderte zuweilen Nachrichten von seinem Vater, der
sich besserte, und schlief endlich ein, so tief, so fest, dass er erst erwachte,
als die Sonne schon hoch am Himmel gestiegen.
    »Susanna«, rief er erwachend, »guten Morgen! Schaff mir ein tüchtig
Frühstück, denn gestern abend ist es mir zum erstenmal begegnet, dass ich das
Abendbrot vergessen habe.«
    »Herr«, sprach sie, »von wem soll ich's Euch schaffen? sie sind alle fort.«
    »Was? Wer?«
    »Ja, Herr! es mochte Morgens zwei Uhr sein, da ward ein Gelaufe; ich fragte,
sie antworteten mir, der alte Herr befinde sich schlechter, sie müssten ihn
fortbringen; ich sah ihn vorbeitragen, weiss aber nicht, wohin sie ihn gebracht;
sie schlossen mich ein, und ich kann noch nicht heraus aus dieser Reihe von
Zimmern.«
    Anton seufzte: »Gewiss ist mein Vater tut, oder sterbend; so habe ich ihn
gestern zum letzten Mal gehört und seine Leiden, aber nicht das Geheimnis
vernommen, das ich bewahren soll. Wo werde ich die Kronenburg finden? Wie werde
ich erkannt werden! - Alle Herrlichkeit ist mir wie durch Zauberei gezeigt, aber
wie ich hingreifen möchte, so vergeht alles wie Luft.«
    Als Anton nun so traurig sass, sprach Susanna: »Lieber Herr, Ihr habt Euern
Vater so wenig gekannt, dass Ihr diese Stunden wie einen Traum ansehen könnt;
sorgt für Euch, denn ich vermag es nicht, allein für Euch zu sorgen; ich vermag
nicht die Türen zu sprengen, die uns einschliessen.«
    »Sei nicht besorgt um meine Traurigkeit«, sagte Anton, »es ist uns ein
Übergang, denn eigentlich schäm ich mich vor jedem traurigen Gesichte, das ich
mache, und ich sage dir, du sollst mich noch bitten, dass ich weniger mutwillig
sei.«
    Mühsam erholte sich Anton und schlich, von ihr gestützt, auf einem Fusse zur
Tür, wo ein Druck von ihm das Schloss sprengte; dann ging er zurück zu seinem
Bette, und Susanna ging aus, im Hause nach Vorräten zu suchen.
    Sie blieb lange aus; endlich kam sie mit kaltem Fleisch, Brot und Butter,
auch Weinflaschen zurück; sie war aber sehr bleich und sprach: »Herr, ich habe
oft gehört von dem Schrecken grosser Unglücksfälle, von Erdbeben, welche die
Häuser zerstören und die Bewohner vertreiben, wie da so mancher Unglückliche von
seinen sinkenden Glücksgütern niedergeschlagen wird; das mag schrecklich sein,
aber viel schrecklicher ist die Leere dieses Hauses, wo noch alles steht und
liegt, als wohnten viele darin, und nirgends begegnet einem eine sichtbare
Gestalt, in alle Winkel blicke ich und meine die Luft von Unsichtbaren bewohnt,
aber nichts bewegt sich, als die verlassenen Lieblinge in den Kammern; die Vögel
in den Drahtäuschen schreien ängstlich nach Futter, das Rindvieh brüllt, den
gewöhnlichen Weideplatz zu besuchen; ich soll für alle sorgen, so glaube ich mir
geboten, und kann mit keinem umgehen; ich habe in der Stadt in unserm Hause
nichts als Hunde und Katzen mit dem Küchenabfall gefüttert.« -
    »Liebes Kind«, sagte Anton, »gib ihnen die Freiheit, und ihnen ist allen
geholfen, und jedes erhält das Seine vom Himmel aus gesäet; nur uns mögen wir
bedauern, denn alles was wir brauchen, bedarf menschlicher Vorbereitung, - doch
keiner sorge für den andern Morgen; setz dich zu mir, trink ein Glas auf deinen
Schreck; erst jetzt weiss ich recht, was mich so trübsinnig machte, mich
hungerte; mit dem ersten Bissen, mit dem ersten Trunke fühle ich mich glücklich
wie ein König, und mir soll nimmer so Trauriges begegnen wie meinem Vater.« -
    »Herr, Ihr seid zu kühn«, sagte Susanna, »wer viel ertragen kann, dem wird
viel aufgelegt, denn im Schweisse seines Angesichts soll jeder sein Brot essen.«
- Susanna aber holte das kleine Eichhörnchen das sie ihm den Tag vorher gebracht
hatte, aus dem Winkel, wo es sich in einem Schuh eingenistet hatte, und fütterte
es erst mit einigen Nüssen, die sie noch gefunden hatte, ehe sie sich zu dem
Tische setzte. Nachdem die erste Lust der Speise gestillt war, fragte Anton:
»Sag, liebes Kind, wer wird mich nun verbinden?«
    »Ach Herr«, sagte sie, »daran habe ich schon lange mit Sorge gedacht; wir
sind sehr unglücklich, doch hat mir die Mutter Gottes einen Gedanken eingegeben,
Euch zu retten, ohne mich vor Euch zu schämen; Ihr bindet mir die Augen zu und
führet mir die Hände, dass ich die Wunde mit einem grünen Blatt und feurigen
Gebete schliesse.«
    Anton, dem ein Scherz einfiel, gab ihr recht in dieser Gesinnung, wartete
bis sie ein Blatt geholt, verband ihr die Augen und führte dann ihre Hand auf
seinen Mund, indem er den Kopf tief heruntergebeugt hatte; sie senkte darauf
ihren feinen, sanftgeschweiften Mund seinen Lippen nahe, ihr Atem strömte in
Gebeten wie ein Frühlingsregen über ihn; darauf küsste sie dreimal die vermeinte
Wunde, die sich so sanft anschloss, legte zwei grüne Rosenblätter im Kreuz darauf
und verband den Kopf zitternd, aus Furcht ungeschickt zu werden, weil sie ihn
für das Oberbein hielt, mit einem Tuche, dann kniete sie nieder, sprach noch ein
stilles Gebet und wartete, bis ihr Anton das Tuch von den Augen nahm. Anton
hätte gern gelacht, aber der Verband hatte seine Lippen so fest verschlossen,
dass er ernstlich fürchtete, der Mund möchte zur Bestrafung seines Mutwillens
zugeheilt sein und allen süssen Speisen verschlossen bleiben. Susanna war ganz
versteinert, ihn mit verbundenem Kopfe zu erblicken, und zwar mit demselben
rotgestreiften Tuche umwunden, das sie um sein Bein gelegt zu haben meinte. Er
machte ihr ängstliche Zeichen, diese Binde schnell abzunehmen, die sie aber
nicht gleich verstand, sondern ihm besorgt den Kopf hielt. Endlich löste sie den
Knoten, fand die beiden Rosenblätter auf seinem Munde und warf sich beschämt
über sein Bett und verhüllte sich in der Decke. Anton brachte mit Mühe die
Lippen auseinander, auch bluteten sie, so schnell hatte das Heilmittel sie an
einander geheftet; dann lachte er herzlich und schwor jetzt Susannen, sie nicht
noch einmal anzufahren; jetzt schmerzte ihn auch die Wunde so heftig, dass er an
keinen Scherz dachte sondern eilig die Augen der lieben Retterin verband und die
Wunde seines Schenkels von ihr besprechen und verbinden liess. Die Linderung war
augenblicklich, er dankte ihr freundlich und fragte sie, was er ihr als
Gegengefälligkeit erweisen könnte; sie sah vor sich nieder und bat ihn, da er
jetzt Zeit und Farben habe, ihr sein Bild so klein gemalt zu geben, dass sie es
zum Andenken immer bei sich tragen könne. Anton schwor ihr, dass er sich noch nie
selbst gemalt und kaum wisse, wie er aussehe, sie möchte ihm indessen ein
breites Gefäss mit Wasser bringen, er wolle sich gleich an die Arbeit machen.
Susanna schaffe alles in grossem Eifer schnell herbei. Anton sah sich im Wasser
und musste lachen; seine grossen Augen glänzten so herrlich, sein blonder Bart
krauste sich so dicht und zierlich, sein ganzer Kopf hing voll schöner Locken;
das Bild gefiel ihm so wohl, dass er auf einem kleinen runden Holztäfelchen sein
Bild ganz so wie im Spiegel eines hellen Wassers abbildete, durch seine Locken
liess er ein paar muntere Fische spielen, eine Taube sass an der Seite und trank
aus dem Becken; er malte so eifrig, der Einfall war ihm so neu, dass er über sich
selbst verwundert war, wie geschickt und schnell er alles herausbrächte; ja er
meinte, dass ihm Susanna, die immer eifrig zusah, Farben reichte und Pinsel
reinigte, ihm mit besonderen Gebeten beigestanden. Susanna war hingegen immer
noch unzufrieden damit, sie fand, es sähe noch immer so tot, so starr und
unbeweglich aus. Anton wusste nicht, was sie wollte, er hatte nie ein
lebendigeres Bild weder gesehen noch selbst gemalt; sie hätte gern ihn selbst
wie das Eichhörnchen so mit sich geführt, lebend aber klein und ihr folgsam; ihr
steter Tadel kränkte endlich sogar seinen Künstlerstolz, so wenig er auch davon
hatte; er meinte doch richtiger über ein Bild urteilen zu können, als ein
Mädchen, das noch kein einziges gutes Bild gesehen. Als sie ihm Abends, da es
fast beendigt war, noch einmal sagte, die Augen hätten nicht das volle Feuer,
rief er ungeduldig: »So fahr Gott und der Teufel mit allem Sonnen- und
Höllenfeuer hinein! Ich hab mich heiss genug dran gearbeitet!« und warf den
Pinsel gegen das Bild. Susanna tat einen Schrei, hob das gefallene Bild auf und
rief: »Seht Herr, jetzt ist Feuer in den Augen!« Anton sah hin und war
verwundert, wie der Pinsel, der mit Weiss gefüllt war, so glücklich auf das eine
Auge gefallen war, um ihm einen Ausdruck von Lebensfeuer zu geben, den er nie
herauszubringen verstanden; er brachte jetzt den Effekt mit Absicht im andern
Auge hervor, glättete und reinigte in jenem, wo der Zufall oder Zuwurf es
verdorben hatte, und Susanna sprach leise mit den Augen zu dem Bilde und bewegte
fast unmerklich zu ihm die Hände. Anton fragte sie, was sie ihm zum Dank gebe;
sie sagte ihm beschämt, dass sie nichts habe. Er wünschte sich einen Kuss und
meinte, sie müsste es erraten; seine Lippen waren aufgesprungen seit dem Morgen
und schmerzten ihn, er mochte sie nicht zum Kusse darbieten. In diesen Gedanken
liess er sich Wein bringen, er wollte den Wunsch ertränken, aber je mehr er
trank, je mehr zog es ihn zu ihren Lippen, er konnte nicht schlafen. Susanna
setzte sich neben seinem Bette auf einen Stuhl; er sah sie in allen
Beleuchtungen und malte sie schlafend; das Werk fesselte ihn, und er malte, bis
Phosphorus schon am Himmel glänzte und Susanna, die an seinem Bette gesessen,
schlaftrunken über dasselbe hingesunken war. Da legte er den Pinsel nieder und
sang:
Ach Gott, wie tät mir gut
Ein Kuss auf ihren Mund!
Die Lippe wär nicht wund,
Ich wär auf meiner Hut,
Ich wäre dann gesund
Und ruhig lief mein Blut.
Ach Gott, wie tät mir gut
Ein Kuss auf ihren Mund!
Die Liebe wär dann aus,
Ich wollte fleissig sein.
Es fiel mir manches ein,
Ich zöge dann nach Haus;
Mit tausend Gläsern Wein
Löscht sich nicht Phosphor aus;
Er stehet überm Haus
Und zündet Liebesschein.
Er schaut der Erde Rand,
Auf dem ihr Himmel liegt,
Wie hat die Erd besiegt
Der Nacht verschwiegne Hand;
Es schliesst die Nebeldeck
Sie beide traulich ein,
Ganz still der Sterne Schein
Zieht über sie hinweg.
Ach Gott, so schliess mich ein
In ihren Lippen dicht,
Im lieblichen Gesicht
Ist nichts so kühl und fein;
Ich brenne hell und licht,
Erlösche mich darein;
Es kann nicht anders sein,
Und ich versag mir's nicht.
Bei diesen Worten küsste er sie; Susanna sprang auf und wusste nicht, wie ihr
geschehen; sie schwor, dass sie Seger im Traume gesehen, der dem Vater Antons
nachstellte.
    »Mein armer Vater ist tot«, sagte Anton, »ich habe wenig von ihm gewusst, als
eine lange Geschichte, die er mir erzählt und die ich ihm nicht glaube, wenn er
gleich darauf gestorben; lass uns das Vergangene vergessen, ich bin nüchtern
geworden, seit ich dich geküsst, und meine Lippen sind geheilt; ich meine jetzt
ruhig zu schlafen, und hast du bei Sonnenaufgang ausgeschlafen, so lass dein Bild
für dich schlafen.« Susanna sah beschämt ihr Bild und sagte: »Nein Herr, so
hübsch bin ich nicht.«
    »Hör Susanna«, sagte Anton schlaftrunken, »du tadelst heute zu viel meine
Kunst, was verstehst du davon? Du bist nur ein dummes kleines Mädchen, hast
nichts Gemaltes gesehen, als deine Puppen und die Wirtshausschilder; ich muss am
besten wissen, wie du aussiehst.«
    Anton schlief bei diesen Worten ein; der Wein hatte schon lange seine Zunge
schwer gemacht und machte noch am Mittag, als er erwachte, seine Augenlider
schwer. Er blinkte durch und sah mit Verwunderung, wie Susanna ihr schlafendes
Bild mit Epheu, Lilien und Rosen umkränzt hatte und auf den Knieen davor lag und
in grosser Inbrunst betete; er verstand nur einzelne Worte, sie aber betete zu
sich: »O lass mich werden im Wachen wie du bist, heilig im Schlaf; lass deine
Engelträume mich schützen und mir gegenwärtig sein; dir ist so wohl, mir ist so
weh, was wird aus mir werden?« - Anton hatte Scheu, sie aus dieser Andacht als
ein Lauschender mit Spott zu erwecken, vielmehr bewegte er sich erst im Bette,
dass sie sein Erwachen ahnen, sich aufraffen und zu ihm setzen konnte; dann blieb
er noch einige Minuten ruhig, ehe er sich aufrichtete und nach alter Gewohnheit,
als wisse er von nichts, sein Frühstück begehrte.
    »Nun«, sagte er, »bist du noch nicht mit deinem Bilde zufrieden? ich sehe,
du hast es mit einem Blumenkranz umfasst.«
    »Ach Herr«, sagte sie, »wenn das Bild nur mit mir zufrieden ist, ich habe
solche Angst davor; was ich tue und denke, immer meine ich, es möchte dadurch im
Schlafe gestört werden; ich habe eine grosse Angst, dass ich ihm nicht gut genug
bin; wie müsst Ihr herrlich sein, dass so etwas Eurer Hände Werk, weniger Stunden
Fleiss ist.«
    Anton lachte: »Liebes Kind, wenn du so viel Schläge darum bekommen hättest
wie ich, du maltest eben so gut, hast du denn gar nichts gelernt?« - SUSANNA:
»Ich war zu allem, was sie mir beibringen wollten, zu ungeschickt; ich sollte
singen, aber wenn es auch unter uns gegangen war, so blieben mir doch die Worte
in der Kehle wie ein Vogel an der Leimrute stecken, wenn ich nun mit einem
Kranze oder mit einem Becher heraustreten sollte, die Vorüberziehenden zu grüssen
und in das Haus zu locken.« - ANTON: »Kannst du wohl vor mir singen, liebes
Kind, Sing etwas, mir ist wüst im Kopfe von der närrischen Nacht.« - SUSANNA:
»Wenn Euch mein Gesang nur gefallen wird, gern will ich's versuchen.« Sie ging
hierauf im Zimmer umher, fing leise an, bald von Küssen, bald von Rittern zu
singen, wie sie in dem Frauenhause unter üppigen Buhlenliedern aufgewachsen war,
aber so leise, dass Anton kaum einzelne Worte hervorschimmern sah, denn kaum
hatte sie eins ausgesprochen, so schämte sie sich davor.
Erst dreizehn Sommer zählt die Kleine,
Da strich sie durch den grünen Wald
Und sang in seinem Dämmerscheine
Ein Lied, das durch die Wipfel schallt.
Und von den Wipfeln steigt es nieder
Wie Sonnenstrahl, wie Morgentau,
Es wird so eng ihr rotes Mieder
Im Paradies der grünen Au.
Ich trete leise auf die Strahlen,
Die in dem Grase sich ergehn
Und es mit Blumen lieblich malen;
Wird mir denn auch also geschehn?
Es ist ein Frühling wie noch keiner,
Der Atem bebend mir beginnt;
Es sind die Blumen so viel kleiner
Und sind doch alle hell gesinnt.
O Frühlingsliebe, zarte Blume,
Du süsse Angst im reinen Sinn;
Im Busen, ihrem Heiligtum,
Versteckt sie scheu ihr freies Kinn.
Und als sie aufblickt, ist verklungen
Das Lied im freudberauschten Wald,
Sie fühlt sich fremd den frohen Zungen,
Wovon ein jeder Baum erschallt.
Anton hatte ihr selig zugesehen; die Angst gab ihrer Stimme ein Leben der
Vollendung, er streckte sich auf sein Bette und sang ihr nach:
Dies Liedchen drängte sich zu Ohren,
Die zärtlich lauschten in dem Gras,
Dies Lied ist nimmermehr verloren,
Wenn sie es gleich recht bald vergass.
In süsser Angst ist es geboren,
Verstossen in die Einsamkeit,
Ich nahm es auf in meinen Ohren,
In meines Herzens Sittsamkeit.
Ich weiss es mir mit Lust zu deuten;
Es suchet, was es noch nicht kennt,
Es suchet in den blauen Weiten,
Was ihm so nah im Jagdschloss brennt.
Fühlst du der Liebe Ahnung nimmer?
Im Dämmerschein, im grünen Wald,
Da suchet dich der Liebe Schimmer,
Und ihre Sonne scheint dir bald.
»Wie meint Ihr das?« fragte Susanna, und Anton stockte; er wusste nicht, was er
sprechen sollte, er hatte sich so in angenehmer Bequemlichkeit gehen lassen; er
sah sie jetzt verlegen an, sie wurde rot und ging zur Türe hinaus.
    Nach einiger Zeit kam sie ängstlich zur Tür herein: »Herr«, rief sie leise,
»er ist da!«
    »Wer?« fragte Anton, »hast du einen Geist gesehen? meines Vaters Geist?«
    »Nein, der Seger«, sagte sie leise und legte den Finger auf die Lippen, »er
hat das Vieh weggetrieben, Ihr könnt ihn noch sehen, da geht er am Walde.«
    Bei diesen Worten erwachte eine Wut in Anton, sich an diesem seinem
Verderber zu rächen, der ihn der väterlichen Liebe entführt hatte; er griff nach
einem Jagdgewehre seines Vaters, das an der Wand hing, achtete nicht seines
Übels, sprang ans Fenster, sah Segers hagere Gestalt deutlich bei der Herde und
- schoss auf ihn; im Augenblicke vergingen ihm die Sinne. Die Aufwallung war
vorüber, er seufzte: »Es wird ihm sein Recht geschehen, aber ich wollte doch, es
wäre alles nicht wahr; es war doch Fabian, den ich hier in meiner Kindheit so
oft mit Bewunderung betrachtet habe; ohne den schändlichen Niklas, seinen Vater,
hätte wohl etwas aus ihm werden können, das ist nun alles aus, sein Dasein misst
die Länge seines Leibes, und um mein Leben könnte ich ihn nicht wieder zum Reden
und Gehen, zum Essen und Trinken bringen.«
    Susanna, die ihn also traurig sah, seiner eignen Schmerzen uneingedenk, nur
den undankbaren Freund bejammernd, bat ihn, dass sie hinuntergehen und ihn
ansehen dürfe, ob seine Wunde zu heilen; Anton nickte mit dem Kopfe, sie öffnete
die Tür und schrie erschrocken auf: »Jesus Maria!«
    Seger stand draussen und trat herein, indem er sprach: »Anton, wir sind
quitt, ich habe Euch entführt, Ihr habt auf mich schiessen wollen; wir haben
nichts mehr gegen einander; wir können jetzt manches mit einander tun, vor allem
zechen.«
    »Aber sage mir Seger, sag mir mein Fabian, ich erkenne dich jetzt erst ganz
wieder, wie hast du so vielfach gegen mich handeln können?«
    »Nun, Ihr wisst alles schon«, sagte Seger, »ja seht, in früher Zeit musste ich
es auf Geheiss meines Vaters Niklas tun, den nun schon lange der Teufel geholt
hat; was ich zuletzt getan, das war der verfluchten Weiber wegen in Augsburg,
und ich frag Euch selbst, ob einem ein Weib nicht den Kopf umdrehen kann, als
wär er ein Wetterhahn.«
    Anton dachte sich in dem Augenblicke zwischen seine Frau und Susannen,
machte eine bedenkliche Miene und bot ihm die Hand: »Es ist gut, will weiter
nicht daran denken; es ist mir lieb, dass ich wieder einen habe, mit dem ich von
alten Zeiten reden kann, von alten Spässen; von meiner neuen gräflichen
Herrlichkeit werde ich wohl so bald nichts erfahren. Wein her, Kurt! Sagt mir
nur, warum habt Ihr meines Vaters Vieh weggetrieben?«
    SEGER: »Ich brauchte Geld und jetzt haben wir's beide; es kam gerade ein
Schlächter vorbei, der hatte eine schwere Geldkatze um und ein Dutzend blanke
Messer in der Scheide; der Kerl hatte solche Lust zum Schlachten, wie sein Hund
zum Blutlecken, der hatte einen Jubel an all dem fetten Schafvieh.« - ANTON:
»Mit den Schafen, das ärgert mich, es war so ein Angedenken aus meiner Jugend;
wenn das mein Vater noch erlebt hätte!« - SEGER: »Es geht immer anders nach dem
Tode, als die Alten meinen; meinen Vater sollte ich recht reinlich begraben, das
hatte er mir befohlen; nun hatte er sich niemals gewaschen, ich zog ihm also die
Haut ab und liess mir ein Paar Hosen daraus gerben, so war uns beiden gedient und
geholfen.« - ANTON: »Pfui Teufel! mit solchen Geschichten bleib mir vom Leibe.
Wie ist dein Vater gestorben?« SEGER: »Das wird Euch nicht sonderlich gefallen,
ich hab's Euch ja damals erzählt, wie ich ihm den Tod zugeschworen; das habe ich
auch gehalten.« - ANTON: »Ihr seid ein erschrecklicher Mensch! Ich weiss gar
nicht, warum ich Euren verfluchten Reden immer zuhören muss.« -
    Susanna brachte jetzt Wein in einer hölzernen Kanne, die mit verschiedenen
farbigen Holzarten buntgewürfelt ausgelegt war.
    SEGER: »Bringst du auch einen Fingerhut mit? Nein, das gilt nicht; jetzt
ziehen wir in den Keller, ich glaub, der Junge will sparen.« - ANTON: »Hör
Susanna, du bringst uns wenig.«
    Susanna wurde rot und ging zur Tür hinaus; Seger lachte mit hoher Stimme:
»Also ist Frau Annas Bettplatz schon wieder besetzt? das nenn ich rasch nach
solchem Gesichterschneiden, Mundlecken, Herzdrücken und Tränenquetschen.« -
ANTON: »Nichts davon, ich liebe noch meine Frau wie sonst und hab dies arme Kind
nicht sonderlich sündlich berührt.« - SEGER: »Da seid Ihr ein Narr gewesen, so
will ich's tun.« - ANTON: »Beim heiligen Sixtus, ich spalt Euch das Haupt, wo
Ihr sie anrührt; auch dürft Ihr nicht sagen, dass ich ihr Geschlecht verraten.« -
SEGER: »Ihr seid verflucht herrisch, seit Ihr den Titel eines Grafen von Stock
Euch hinters Ohr geschrieben, denn auf der Stirn dürft Ihr das S doch nicht
tragen, sonst lachen Euch die Leute aus; weiss noch kein Mensch, ob an der ganzen
Kronenburg etwas ist; mein Vater meinte immer, es sei ein altes Loch von einem
Bergschlosse, wo sie einen Schatz drin glaubten, den aber noch kein Mensch
gesehen; es ist so wie mit den Reliquien, hab mein Tage viel Geld damit
verdient; wo ich irgend einen alten Lumpen, ein Stück faul Holz, ein paar
ausgedürrte Knochen am Schindanger finden kann, das schneide ich zu Reliquien,
lege Zeugnis und alte Schrift bei; die Leute sind so fromm und so dumm dabei,
wie bei den echten.«
    Susanna brachte wieder Wein, aber der war schnell ausgetrunken.
    Seger schwor darauf, sie müssten in den Keller, bei dem Tragen verdufte die
beste Kraft, nahm auch Anton halb auf seine Schulter, halb ging er, und brachte
ihn mit Ächzen bis vor die Türe. Hier liess sich Anton herunter und sagte, dass er
wirklich schon allein gehen könne, besah die Wände und seufzte: »Seht Seger, in
diesem Saale trug mich meine liebe Mutter oft Huckepack und sagte mir, sie sei
ein Streitpferd und ich ein Ritter, wenn ich Abends nicht einschlafen wollte.« -
»Meine Mutter sprach immer, ich sei ein schieler Spitzbube, wenn ich Abends
nicht schlafen wollte, und wenn sie eins zu viel getrunken hatte, schlug sie mir
dabei an die Ohren - das war mein Ritterschlag.«
    Sie kamen in den Keller, da lagen viele Fässer, aber wenig Wein; endlich
zeigte ihnen Susanna das letzte, worin der heimliche Gott noch wirkte. Anton war
von dem Geruche aus dem Spundloche so begeistert, dass er sich hinaufhelfen liess
und mit einem Stechheber selbst in die Gläser füllte. Susanna holte auf sein
Geheiss Rosen und Epheu in den Keller und umhing ihn damit; dann musste sie auch
die zahmen Singvögel des einen Alten darin fliegen lassen; die Wände glänzten
vom Mauertropfen, es sah herrlich aus. Anton, bei dem der erste Zwang zur
Lustigkeit nach seiner Art schnell zur leichtsinnigen Freude übergegangen, legte
sein Wams ab und sang ein Lied aus der alten Zeit in Waiblingen.
Weil jetzt die Hundstag hitzig scheinen,
Macht euch im Keller Sitze,
Zieht aus den Wams bei kohlen weinen,
So weicht von euch die träge Hitze.
Ich streich die Hemdesärmel auf
Und reite auf dem Fasse;
Mein Pferd hat einen raschen Lauf,
Es ist gewiss von edler Rasse.
Es dreht sich mit mir um im Kreise,
Das nenn ich recht turnieren;
Reicht mir gesalzen Brot zur Speise,
Dann will ich es noch spanisch führen.
Mit dem Stechheber in der Hand
Sitz ich wie mit dem Schwerte,
Und manchen streckt ich in den Sand,
Der meine hohen Gläser leerte.
Die Sonne zog viel Wasser heute,
Und ich sog viele Weine;
Das nenn ich eine gute Beute,
Dafür reit ich mir müde Beine:
Ich überwache ganz allein
Den Mond und auch die Sonne,
Wär nur noch drin ein Tröpflein Wein,
Ich stieg nicht ab von meiner Tonne.
Seger war trunken und Susanna ermüdet eingeschlafen; Anton war auch erschöpft,
fegte alle Rosen, die er finden konnte, zusammen und legte sich darauf selig
fest. Am andern Morgen erwachte in allen dreien die Betrachtung, was sie dort
anfangen sollten; kaum war noch etwas zum Frühstock zu finden. Seger riet zum
Fischfang und zur Jägerei, bis sich Antons Wunde hinlänglich gebessert hätte, um
sich auf den Weg zu machen. Anton lobte den Rat, und Seger machte sich mit dem
Schiesszeuge auf in den Wald; Anton sah ihm nach; alle Holzschreier krächzten vor
ihm her und rauschten in ungeschicktem Fluge durch das Eichenlaub; es war als
wenn der Schrecken ihm nachfolgte.
    Susanna redete lange kein Wort. »Hör Susanna«, sprach Anton, »es wird mir
ordentlich ängstlich hier im Zimmer.«
    »Herr«, sagte sie, »Ihr seht auch ganz entstellt aus; seht Euch einmal im
Wasserbecken an, vorgestern waret Ihr viel schöner als Euer Bild, und heute viel
hässlicher.«
    »Sonderbar, aber du hast recht, woher mag das kommen? Ist wohl ein heisser
Tag heute?«
    »Ja, Herr, es kommt noch ein heisserer Tag am Ende aller Tage, der fragt nach
Rechenschaft von allem; ich aber bitte Euch, Eures Leibes zu schonen, denn Ihr
zündet das Licht an beiden Enden an, und so verbrennt es bald; denkt wie schön
Ihr seid.«
    So eindringend hatte Frau Anna ihn nie ermahnt, sie sprach nur immer vom
Gelde, das er unnütz verschwende; er sah sie zärtlich an und sprach: »Wärst du
nur immer bei mir gewesen, es wäre manches anders.«
    »Schickt den Seger fort«, bat Susanna.
    »Wie soll ich ihn fortschicken«, fragte Anton, »ich kann ihn jetzt nicht
entbehren; er muss mich in Ehren durchdringen bis zu meiner Frau, da will ich ein
ganz fleissiges Leben anfangen; wenn ich mässig lebe, wird mich immer noch meine
Kunst nähren.«
    Seger kam gegen Mittag zurück, hatte aber nichts als eine Schnepfe
geschossen. »Satanas weiss es«, schrie er, »das Wild muss mich auf eine Meile
wittern, alles läuft vor mir; was sollen wir mit dem kleinen Braten? Ich will
fort in die Gegend, will unter meinen Schandkameraden die alte Freundschaft
aufsuchen; Ihr könnt bis Abend ein paar Nester voll Kanarienvögel ausessen, die
ich unten gesehen habe, dann komm ich zurück mit Wein und Fleisch.«
    Ohne eine Antwort abzuwarten, ging er fort; Susanna fiel vor Antons Füssen
nieder: »Gott sei gelobt, der mein Gebet erhört hat, wir sind befreit;
versucht's, gnädiger Herr, Euer Fuss muss heil sein; lasst uns fliehen aus dem
Schloss, ehe er mit seinen Helfershelfern zurückkommen kann, es steht uns
nichts Gutes bevor.«
    Anton sah sie verwundert an: »Was fürchtest du, hab ich nicht Arme dich zu
schützen? Augen, die dich bewachen und nur dich sehen?« - SUSANNA: »Gewiss weiss
er, dass ich ein Mädchen bin; ich sah es ihm an, er führt nichts Gutes in dem
Faltenlächeln seiner Wangen«
    Jetzt kam Anton etwas in den Gedanken, was er oft gemalt, aber noch niemals
gefühlt hatte, wie Engel eine Seele durch das Fegefeuer führen; es war keine
Furcht, die sich seiner bemächtigte aber eine Überzeugung, dass sie recht habe
und dass etwas aus ihr spreche, was er noch nicht gekannt. Er sprang von dem
Sessel auf und versuchte den Fuss; er hinkte wohl noch etwas, aber er konnte
deutlich merken, dass sich die Gelenkigkeit mit dem Gebrauche herstellte.
    »Mädchen«, sagte er und fasste sie unter das Kinn, »was soll das geben? Du
machst mit mir was du willst, ich muss dir schon folgen hinkend und hungernd; nun
pack ein, was wir haben.«
    Er hatte nicht viel mitzunehmen; das kleine Ölbild von Susanna steckte er in
eine Jagdtasche, sie hing sein Bild an einem Schnürchen sich um den Hals und
liess es zwischen Wams und Hemde versinken; Anton sah ihm über die angenehme
Stelle vergnügt nach. Dann würden die Mäntel umgenommen; Anton hatte die Flinte
wieder geladen, sah noch einmal das Bild in seinem Zimmer an und dachte, nun
bist du doch den Waffen näher als den Farben, und durchzog das Haus. »Einmal hat
mich Fabian aus diesem stillen Hause meiner Jugend weggelockt, heute Susanna;
sie wird mir kein Böses wollen; wohin soll ich? Alle Eintracht ist aus meiner
Lebensweise gewichen. Aber Susanna!« rief er laut, »wo ist das Eichhörnchen?«
    »Es schläft in meiner Tasche; alle andern habe ich heute schon in den Wald,
so auch die Vögel in den Himmel entlassen; erst glaubten sie nicht, dass sie fort
könnten, sie gingen so langsam wie Ihr; dann aber ging es jubilierend auf und
nieder, und jedes suchte sich eine freie Nahrung.«
    »Nun so wollen wir uns auch nähren wie die Vögel unter dem Himmel, wie die
Lilien im Felde; sieh, an dieser Tür hab ich einmal als Kind mein ganzes
Frühstück, und es waren die ersten Kirschen im Jahr, einem Bettelknaben gegeben;
wer weiss, wo uns wieder so geschieht.« Ihre Schritte hallten öde im Hause; die
Fliegen sogar lagen aus Mangel an Nahrung schon in Haufen unter den Fenstern,
durch deren harte Durchsichtigkeit zu entkommen sie vergebens gestrebt hatten;
ein paar Schmetterlinge, die erst den Larven in den Winkeln entkrochen,
rauschten mit ihren Flügeln noch ungeduldig an den Scheiben; Susanna liess sie
hinaus. Es ward beiden doch recht wehmütig, als sie auf den Platz des Tanzes und
der Blumen kamen; Anton und Susanne schmückten ihre Hüte mit dem Schönsten, was
noch blühte. Anton, der sich jetzt schon gefasst hatte, sah sich noch einmal um,
schwenkte Hut und Strauss und sang dabei:
Blumenduft dem Hungernden;
Worte wenn ich liebend brenn.
Ritterschaft ohne Pferd und Helm,
Also wird es mir armem Schelm.
Schätze bewachen ist mir Pflicht,
Aber ich finde im Säckel sie nicht,
Leere Fässer im Keller stehn,
Darum muss ich nun weiter gehn.
Der mich führt, weiss selbst keine Strass;
Ob ich gehe, ob ich's lass,
Hinken muss ich doch überall,
Darum lach ich viel tausendmal.
So lustig fing sich die Wanderschaft an. Anton vermied nur die Richtung gegen
Augsburg; wo er sonst hin wollte, das wollte er erst im nächsten Orte fragen;
aber das weite Feld, das in den letzten Zeiten erst verwüstet schien und noch
die Wasserfurchen aus früherer Bearbeitung zeigte, so wenig es von Bäumen
beschränkt war, liess es doch nirgend eine Turmspitze vorscheinen; die Wohnungen
der Gegend lagen meist in tieferen Tälern, das Jagdschloss war ihnen auch aus den
Augen verschwunden. Zwischen dem offenen Meere, wo alle Küsten schwinden, und
zwischen einer Fläche, auf der kein Haus zu finden, ist sehr wenig Unterschied;
mühsamer ist es in jedem Falle, über Erdfläche hinzugehen, statt das Schiff
unter sich lustig gehen zu lassen, und viel verzweiflungsvoller, wenn ein neuer
Hügel hinangeschritten und die Fläche sich immer weiter hinausdehnt; das
Verzweiflungsvollste aber, wenn ein Strom jetzt die tagelange Richtung des Weges
durchschneidet und einen neuen Weg erzwingen will, weil nirgend an ein
Überkommen zu denken ist.
    Das alles geschah unsern Wanderern. Susanna hatte ihre Füsse so schmerzlich
wund gelaufen, dass sie der Tränen sich nicht entalten konnte; Anton fühlte
Schmerz in seinem verwundeten Beine, aber er liess sich nichts merken und
tröstete sie bei jedem Ausrufe mit Küssen, die sie weder merkte noch zurückwies.
Sie lagen so am Ufer des Flusses, der vom Schneeschmelzen im Gebirge über seine
Ufer ausgetreten war; sie sahen in den Buchten die Wasserspinnen mit ewiger
Ungeduld dem Strome entgegenstreben, wenig fortrücken und meist von der nächsten
Welle doppelt so weit zurückgetrieben werden und doch ihren Weg nicht aufgeben
und endlich doch alle etwas fortrücken. Susanna zeigte still auf die langfüssigen
Tierchen, und sie dienten beiden zur Unterhaltung, dass sie nicht merkten, wie
sich ihnen ein Mann mit einer Ziter genähert hatte. Susanna erschrak, als sie
zufällig ihn erblickte; sie meinte erst, es sei Seger; der gütige Blick des
Ankommenden vertrieb bald diesen ersten Eindruck, das Zutrauen musste ihm überall
entgegen kommen. »Ihr wartet auf die Überfahrt, ich auch«, sagte der Ankommende,
»es wird nicht mehr lange dauern, so besteigt der alte Fährmann seine Fähre.«
    »Eine Fähre hier?«
    »Seht nur in den Winkel hinter den Weiden jenseits; jetzt ist sie schwer zu
erkennen, das Wasser steht hoch, und die Kronen der Weiden treten vor; da liegt
sie; alle Abend kommt ein alter Fischer am Ufer herunter und fährt über.«
    »Du hast mich gut geführt, Kurt«, sagte Anton, »wahrscheinlich wären wir
sonst nirgends übergesetzt worden.«
    »Auf zehn Meilen«, sagte der Fremde, »sind alle Fähren, der aufrührerischen
Bauern wegen, versenkt; es ist ein fürchterliches Morden und Brennen überall;
viele Schlösser sind von ihnen beraubt und zerstört; sie wollen an einem Tage
die ganze Rechnung mit ihren Herren abmachen und nichts schuldig bleiben. Ich
geriet in ihre Hände, und weil ich ein Spielmann bin, taten sie mir nichts zu
leide; aber welche Greueltaten musste ich mit ansehen und dazu musizieren! da
warfen sie mir dann wohl etwas Geld ins Barett, letztlich nahmen sie es aber
alles wieder fort. Apollon, mein rechter Vorsteher, sei gelobt, dass ich von
ihnen bin; in Marbach wäre ich fast mit ihnen gefangen und gehangen!«
    »Was ist da geschehen?«
    »Die Bauern wollten das Städtlein ohne Mühe einnehmen und plündern; so kamen
sie einzeln mit Jagdspiessen vor die Tore und begehrten friedfertig, zur
Kirchweih eingelassen zu werden, um ihre Verwandten zu besuchen; die Hüter
hatten kein Arg; der Aufruhr war noch nicht in die Gegend der Stadt gedrungen,
auch mich brachten ihrer zehn mit, und ich musste lustig vor ihnen her singen.
Auf dem Markte kamen sie alle zusammen; als sie mit einander sich zu beraten
anfingen, da sah ich die Zeit ab und ging zum Untervogt und warnte ihn vor ihrer
bösen Absicht, die ich erlauert hatte. Er dankte mir und bat, dass ich nun zu
ihnen zurückkehre und gelegentlich wiederkäme. Der Untervogt ging darauf zum
Obervogt Eitel von Plieningen, der auf dem Ratause einer Sitzung beiwohnte, und
fragte ihn, was er tun solle. Da wurde nun lange hin und her geraten, ob man die
Bürger bewaffnen oder die Tore schliessen solle; unter der Zeit waren der Bauern
schon zu viele eingedrungen; man musste ein gut Gesicht zum bösen Spiele machen.
Inzwischen war den Bauern der Kamm gewachsen; sie schickten an den Rat, weil
viele unter ihnen keine Freunde in der Stadt hätten, so liessen sie um Wein aus
dem herrschaftlichen Keller bitten. Der Vogt schlug es erst ab, es sei gegen
seinen Eid; nachher aber, als sie Rat gepflogen und die Bauern drohende Worte
ausgaben, wurden ihnen einige Fässer Wein bewilligt. Während die Bauern dabei
lustig wurden, sammelte der Obervogt und der Untervogt den Rat und einige
sichere Männer auf dem Ratause; als jene das aber merkten, drangen sie zum Teil
in das Rataus, teils blieben sie unter demselben stehen und riefen in voller
Trunkenheit jenen zu: Stürzet den Rat zum Fenster hinaus! Die Bauern im Ratause
wollten auch die Tür des Ratzimmers sprengen, konnten es aber nicht möglich
machen. Dann stiegen sie in den Ofen und wollten durch denselben in das Zimmer
einbrechen; der Ofen war aber mit einem eisernen Gitter umgeben und die
Ratsherren stachen mit ihren Degen durch die Risse des zerschlagenen Ofens; sie
mussten zurück. Hierauf, wie es bei Trunkenen geht, wer vom Streit müde, lässt
schnell gütliche Verhandlung folgen, beschwichtigte der Obervogt ihren ganzen
Unwillen, indem er ihnen mit vernehmlicher Stimme aus dem Fenster des Ratauses
zurief, er wolle ihnen noch einigen Wein zukommen lassen. Der Wein wurde mit
neuem Jubel empfangen; ich musste zum Tanze aufspielen; die alten Bauerstiefel
trampelten auf dem Pflaster wie eine Ramme, bis sich das Übermass des Weines Luft
machte und einer über sein Mädchen, der andere über einen Mistaufen fiel und
sich nicht wieder aufrichten konnte. In solchem Taumel überkam uns die Nacht;
ich schlich mich zum Obervogt, da waren schon viel angesehene Bürger bewaffnet
zusammen gekommen; er stellte ihnen ernstlich vor, wie sie es ihrer eigenen
Sicherheit und dem Eide schuldig seien, den sie der Obrigkeit geschworen hätten,
mit allen Kräften ihm beizustehen, das bittere Bauernvolk aus der Stadt zu
schaffen. Alle verschworen sich aufs neue, ihm treulich beizustehn, und er
befahl ihnen, sich nach dem Schloss zu begeben und zwei Feuermörser, eine
Feldschlange, einen Doppelhaken und ein paar Büchsen, die in den unteren Zimmern
des Ratauses standen, dahin zu schaffen. Ein ärgerlicher Umstand war es, dass
der Konstabler Marx Spengler, der das Geschütz zu bedienen verstand, mit den
Bauern sich vollgetrunken hatte und nur mit Mühe aufgeweckt werden konnte; in
demselben Taumel war auch der Stadttrommelschläger, so dass beiden ein paar feste
Bürger beigesellt werden mussten, die sie in ihrer Pflicht erhalten oder, wenn
sie dagegen fehlten, sie niederschiessen sollten. Die Weiber der treuen Bürger
mussten in der Zeit siedendes Wasser in Bereitschaft halten, um die Feinde, wenn
es zum Treffen käme, damit zu verbrühen, dass ihnen die stolzen Federn ausfielen.
    Bei Tagesanbruch rückten wir aus dem Schloss die Stücke voran, doch nur mit
Pulver geladen, ich zuletzt, weil ich gar nichts dabei zu suchen hatte; der
Trommelschläger, von den beiden Bürgern immerfort in die Rippen gekeilt, schlug
das Kalbfell fast zusammen; die taumelnden Bauern und die mit ihnen
einverstandenen Bürger, aus dem ersten Schlaf erwacht, liefen aller Orten gegen
einander, und keiner hörte mehr Rat; da wussten sie auf einmal wieder die Namen
aller Heiligen und riefen bald diesen, bald jenen an, dessen Bild sie oftmals
mit Füssen getreten, er möchte ihnen sagen, was es gebe. Der Obervogt aber schrie
mit grausamer Stimme: Ihr treulosen, aufrührerischen Bösewichter, heut sollt ihr
alle eure Strafe empfangen, hier sollt ihr sterben! Bei diesen Worten musste der
Konstabler die Stücke lösen. Mancher fiel vor Schreck und meinte sich getroffen,
oder lag in seinem Unflat und meinte in seinem Blute; die meisten aber bückten
sich, dass sie sich klein wie Mäuse meinten, streckten die alten Beine
auseinander, als wollten sie sich zerreissen, und sprangen, wo sie konnten, über
die Stadtmauern; weiss Gott, wo sie aufgehört haben zu laufen. Die aber von den
Bürgern eingeschlossen zurückblieben, streckten die Hände aus und baten, sie
herauszulassen und ihnen Gnade angedeihen zu lassen.
    Der Obervogt sprach zum Untervogt: Es ist doch besser, wenn wir den Wolf
erst aus dem Schafstall herauslassen, und rief dann laut: Weil euch
leichtsinnige Bösewichter eure Übeltat reut, so soll euch verziehen werden; aber
ihr sollt alle durch das Eselstor, wo sonst nur die Mülleresel treiben,
hinausziehen zum ewigen Schimpfe.
    Die Bauern wollten erst jeglicher zu seinem Tore hinausgehen und baten
darum, aber der Konstabler machte eine so grimmige Bewegung mit seiner Lunte in
der Trunkenheit, und der Obervogt schwor, er wolle sie, so wahr er ein Edelmann,
wie Hühner abschlachten, dass sie endlich wohl gar noch Eselsohren sich gemacht
hätten, wenn's verlangt worden wäre; sie zogen ab, und ich musste zu ihrem Abzuge
spielen. Als sie fort waten, da ging die Untersuchung gegen die schuldigen
Bürger an; da wurde der Schaden Josephs erst besehen; es sollte der Wein wieder
in den herrschaftlichen Keller geschafft werden; darüber wurde mein Dank
vergessen, ich musste weiter ziehen und bin nun, wie ihr mich seht, hungernd und
durstig und ohne Geld.«
    »Was ist denn aber Euer Handwerk sonst?« fragte Anton; »wie heisst Ihr? damit
ich Euch künftig nennen kann. Ich heisse Anton und bin ein Maler.«
    »Ich habe nur ein Mundwerk«, sagte der andere, »kein Handwerk; ich habe mich
viele Jahre mit der Meistersängerei in Nürnberg abgequält, hab Euch in allen
Tonarten Wörter zusammenschreiben können, wie die andern, habe selbst die
Seidenschwanzweise erfunden, die ihren Kunstbau durch hundertundzwanzig Reime
treibt, wurde verliebt, als ich den Gesang der drei Männer im feurigen Ofen
darin aufgeschrieben hatte; meine Braut lachte mich aus damit und sang mir ein
Liebeslied vom schmelzenden Schnee und grünen Grase, von der Frau Nachtigall,
vom Goldring, den sie im Schnabel trägt; das behagte mir so wohl, dass ich allen
meinen Narrenkram wegwarf und sang, wie mir's ums Herz war. Da wollte mich
niemand mehr in Nürnberg bei festlicher Gelegenheit haben; der gute alte Hans
Sachs, die weisse Taube, gab mir aber ein Reisegeld, dass ich nach München gehen
solle, um noch singen zu lernen; so bin ich immer weiter gekommen und rücke
immer näher an meine Bärbel; ich aber heisse Güldenkamm.«
    »Ihr seid ein kühner Mann«, sagte Anton, »dass Ihr den Meistergesang so
herabsetzt; habe sonst immer grosses Lob davon gehört, weiss aber selbst nichts
von ihm; in meiner Stadt hatten wir keine solche Schule und schämten uns dessen;
die Nürnberger taten immer bei uns so stolz, wenn einer das Schulkleinod, die
Krone oder den Kranz gewonnen, oder wenn einer getauft und gefreiet worden.«
    »Das bin ich alles auch«, sagte Güldenkamm, »verkauf Euch aber alles, was
ich da gelernt habe, für ein Mittagessen, es ist eine Wortschinderei; mich
hungert heute, ich habe nichts gegessen; habt Ihr nichts bei Euch?«
    »Nein, mein guter Güldenkamm«, seufzte Anton, »ich habe schon lange Euren
Ranzen angesehen, ob nichts Essbares darin sein möchte.«
    »Ihr seht so stattlich ritterlich angezogen aus«, sagte Güldenkamm, »wie
seid Ihr in solche Not gekommen?«
    Anton erzählte ihm in der Kürze, was ihm begegnet, von seiner Frau, wie er
sie liebte; nur von seinem Vater und von Susannen schwieg er. Doch sah der
listige Meistersänger recht wohl, dass es ein Mädchen sei und Anton ihr zärtlich
die Hand drücke.
    Die Erzählung wurde durch die Ankunft des Fährmanns unterbrochen, der mit
einigen Leuten über das Feld jenseit des Flusses kam und sie übersetzte.
    Anton suchte jetzt in seinen Taschen nach Geld zum Übersetzen und stampfte
mit dem Fusse zornig: »Habe meine Geldtasche im Bette vergessen! Wer hat nun Geld
zur Überfahrt?«
    Traurig sahen sich alle drei an. »Umsonst tut's der Alte nimmermehr, ich
kenne ihn.«
    Susanna holte jetzt das kleine Eichhörnchen aus ihrer Tasche und sagte sehr
trübsinnig: »Unser armer Tucktuck verhungert, er nagt schon meine Finger an, und
nirgends, so weit ich blicke, sehe ich einen Ort, wo er was fände, wenn wir ihn
frei liessen.«
    Inzwischen wurde die Fähre ans Land gestossen und festgebunden; es stieg ein
alter Prälat und zwei Nonnen aus; jener sass zu Pferde, diese gingen zu Fuss. Der
Prälat sah gleich auf das Eichhörnchen und sagte zu den Nonnen: »Eure Liebden
sehen einmal den Rotschwanz! Gib her Kleiner, ein artig Tier; wie es mir die Nuss
aus der Hand nimmt! sehn Eure Liebden, es nagt wie ein Zimmermann mit der Säge
in die Schale; ich wollte, es wäre feil, möchte es Eure Liebden zu meinem
Angedenken verehren.«
    »Was gebt Ihr, gnädiger Herr?« fragte Güldenkamm; »es ist uns zwar sehr
lieb.«
    »Da sind dreissig Kreuzer«, sagte der Prälat, »es ist teuer damit bezahlt;
aber seht nur, wie kraus ihm die Blume steht, ihr lieben Nonnen; möchte mir
daraus einen Weihwedel machen.«
    Susanna liess heimlich eine Träne fallen, küsste das Eichhörnchen noch einmal
und übergab es dem Prälaten, der ihr die Backen kneipte. Sie übergab das Geld
Anton, sah dem Prälaten mit den beiden Nonnen nach, denen er das zierliche
Tierchen übergab, sie segnete und in verschiedener Richtung von ihnen fortritt.
Jetzt bezahlte Anton zwei Kreuzer für sich und Susannen; Güldenkamm sagte ihm,
dass er mit Musika seine Überfahrt bei ihm freispielen wollte, und Anton bezahlte
auch für ihn. Susanna aber, wie sie auf der Fähre sass, fing heftig an zu weinen;
sie hatte das Tier so lieb gehabt, sie warf sich ihren Unverstand vor, nicht
besser dafür gesorgt zu haben. Anton suchte sie zu trösten und vergass sich
darüber, nannte sie bald Susanna, bald Kurt, und küsste sie zärtlich. Güldenkamm
hatte das mit allerlei lustigen Liedern schon begleitet, sie hatten es aber
nicht beachtet; endlich hörte doch Anton darauf, als er ihnen näher trat und
sang:
O tiefer Strom, der alle Welt durchschnitten,
An deinem Ufer ist ein harter Stand;
Der alte Fährmann weiss da nichts von Bitten,
Er fordert Lohn und strecket aus die Hand;
Ihm lohnet für ein schönes Kind der Ritter,
Ein armer Spielmann fleht ihn an mit Schall:
Bezahl für mich, es klingt dafür die Ziter,
Sonst kenne ich kein klingendes Metall.
Der Ritter hat bezahlt für ihn die Fähre,
Der Spielmann singt zu seines Ritters Lust,
Von Liebesschmerz und Not und süsser Zähre,
Ihm ist das tiefe Herz im Wort bewusst.
Der Ritter horcht und lässt die Küsse kühlen,
Die auf den Lippen herzlich glühend stehn;
In leerer Luft kann er die Küsse fühlen,
Ein schmerzlich Ende durch den Anfang sehn.
Da kömmt die Fähre zu dem andern Strande,
Das schöne Kind geht fort an fremder Hand;
Der Ritter ruft: »Du sprengst die falschen Bande,
Ich hab mich heim zu meiner Frau gewandt!«
Der Spielmann schlägt mit Jubel in die Saiten:
»Nur einer Liebe folge, der sei treu;
Der Sänger mag dich zu der einen leiten,
Er spielte dich, er spielte sich auch frei.«
Anton hatte diese Worte mit Bestürzung gehört, er fühlte, dass er nicht in dem
Sinne an seine Frau denken konnte; noch mehr war er aber verwundert, als der
Spielmann leichtfüssig mit Susannen aus dem Kahne sprang, ohne dass sich beide
nach ihm umsahn. Susanna hatte nichts von dem Liede vernommen, der Klang der
Ziter und das Wesen des Fremden hatte ihr gefallen; sie nahm gern seinen Arm,
denn er war mit ihr in gleicher Grösse, dahingegen sie zu Anton auflangen musste,
der selbst über grosse Männer um eines Kopfes Länge hervorragte. Anton sah ihnen
nach und sah zu gleicher Zeit ein Brot im Kahne liegen; fast mit
fortschreitendem Beine und halb aufgehobener Hand fragte er den Fährmann, was er
für das Brot haben wollte.
    Der Fährmann sagte, es sei Hungersnot im Lande, unter zwanzig Kreuzern könne
er es nicht lassen.
    »Aber so wartet doch«, schrie Anton den raschen Fussgängern nach; »sind deine
Blasen am Fusse schon geheilt, Susanna? Wisst ihr schon, wohin ihr wollt?«
    Susanna und Güldenkamm standen still.
    »Alter, da habt ihr das Geld, aber sagt mir noch, wie weit das nächste Dorf
ist.«
    »Kann Er denn nicht sehen?« sagte der Alte; »liegt es ja!«
    Anton sah erst jetzt in grosser Entfernung ein paar schwarze Dächer, die vom
Acker wenig zu unterscheiden waren. Güldenkamm kannte das Dorf; es sei eine
Hecke für Wanzen und Flöhe, die allein hätten dort gute Nahrung, meinte er.
Anton hatte bei dem Brote seine Verwunderung über Susannen lachend vergessen; er
teilte es schnell und war mit dem seinen fast fertig, ehe die andern noch
angefangen, die ihm nun zur Ausgleichung von dem ihren aufzwangen; es wollte ihm
aber alles nicht helfen, die Lücke in seinem Innern, durch die Zehrung der
Bewegung vermehrt, liess sich nicht füllen; er nahm im Scherz kleine Steine,
hüllte sie in Brotkrume und verschluckte sie; das tat ihm wohl. Susanne fand
diesen Scherz entsetzlich, sie musste weinen; aber wie ein unartiges Kind, das
die Kirschkerne nicht hinunterschlucken soll, erst tut, als wolle es dieselben
aus dem Munde nehmen, sie zeigt und dann doch verschluckt, so hatte er eine
eigene Freude an den Besorgnissen der beiden und fühlte sich endlich so wohl
gesättigt, wie damals, als er die erste Trappe seiner Frau aufzehrte. Gegen
Abend erreichten die Wanderer ein armes, sehr ödes Dorf; die Bauern waren
gutmütig gegen sie, aber sie hatten nichts - Hungersnot herrschte überall; das
Brot war mit Rinden und Eicheln gemischt, die Hütten übelriechend, dunkel, ohne
Fenster und schmutzig. Anton hatte kaum hineingeblickt, so hatte er sich schon
über ein Heulager geworfen, um seinen ermüdeten Fuss zu ruhen; Susanna blickte
kaum hinein, so wurde ihr von dem üblen Geruche und heissen Dampfe schwindlig;
sie musste zurücktreten, und Anton drang in sie, seinetwegen sich nicht mit dem
Elende der Hütte zu plagen. Sie ging also mit Güldenkamm an das Ufer des Stromes
und las einzelne Beeren für Anton; dann setzten sich beide der Abendröte
gegenüber; der Bach flüsterte so freundlich; alles was am Himmel und auf Erden
geschah, war Susannen eine neue Welt. Ihre fremdartigen Fragen ergötzten den
Spielmann; sie hatte eine so vornehme Vorstellung von der Welt gehabt und ihren
eigenen Zustand in Augsburg so allen andern nachgesetzt, dass sie sich jetzt
nicht beruhigen konnte, wie so viel Menschen noch elender lebten als sie; sie
redete die Bäuerinnen mit einer Art Rührung an, diese aber äusserten herzliches
Mitleiden mit dem jungen Burschen, der so durch die Welt ziehe. Es wurde
dunkler; da kamen die jungen Leute, trotz der Hungersnot, so vertraulich Paar
und Paar gezogen; mancher sang, viele lachten; da war kein Rückhalt in allem,
was sie meinten, und doch war es ein anderes Wesen, als in dem Frauenhause, ein
anderes Wesen, als bei den Bürgerfrauen in München; sie schienen so gut wie
diese und so schlecht wie jene zu gleicher Zeit zu sein. Güldenkamm, mit seiner
gewohnten Träumerei erfüllt, ging unter den Mädchen umher, wie von den rechten
Weingegenden erzählt wird, dass durchwandernde Fremde so viel davon essen dürfen,
als ihnen gefällt, ohne dafür zu zahlen, aber nichts nach Hause mitnehmen
dürfen; jedes Mädchen war ihm eine Traube, die er gern sogleich genossen hätte,
aber die Hast, mit der er gewöhnlich zu Werke ging, zerdrückte sie meist früher,
und er blieb ohne Genuss. Ohne dass ihm Susanna ein Zeichen ihrer Zuneigung
gegeben hatte, glaubte er sich derselben schon versichert; er bildete sich
dieses Verhältnis aus; stumm neben ihr sitzend und spielend mit einem Bande
ihres Wamses, dachte er der letzten Zeiten in den steten Unruhen, wo er oft mit
herzlicher Sehnsucht nach einem Mädchen sich umgesehen hatte, mit der er nur ein
vertrauliches Wort wechseln könne; und jetzt sass ein recht wunderbares Mädchen
neben ihm und schwatzte von aller Welt Himmels und der Erden so unnachahmlich
neu, und ihn beschäftigten jetzt andere grössere Anforderungen an sie; er
verachtete seine Unbefriedigung, fühlte plötzlich den glücklichen Abend und sang
zu ihr in freien Bewegungen mit leichter Begleitung der Ziter:
Seliger war ich noch nie als heute,
Nach Tages Müh, an Liebchens Seite;
Spielend an Ufers Rand
Durch ihre Hand,
Mit ihrem Band,
Umzieht mich ihr süsses Geschwätz
Wie ein Netz;
Darum nenn ich sie Fischerin,
Weil sie mit klugem Sinn
Mich im eignen Element erhält,
Nachdem sie mir Reusen gestellt,
In die mich der Fluss
Immer tiefer treibt im Genuss.
Ich weiss es und setze die Flossen nicht entgegen,
Möcht sie viel lieber ganz dicht an mich legen;
Lasse mich still von dem Strome bewegen,
Es kühlet darin ein heimlicher Segen.
Konnte sonst so listig und mutig,
Und oft mit einem Herzen so blutig,
Mich entreissen der Weiber Gewalt
Und Wohlgestalt;
Und wie ein Kramsvogel aus den Dohnen
Liess ich zwar Federn ohne Schonen,
Aber ich entriss mich der Schlinge,
Sang fröhlich und guter Dinge.
Eine Reihe Schönen, die meiner spotten
Und mit mir zanken,
Mich fragend, ob ich nun bald gesotten,
Ohne glänzende Schuppen,
Als ein Märtyrer gerieben zur Suppen,
Würde büssen,
Dass ich so fälschlich konnte küssen und grüssen;
Herzinniglich weiden,
Stolz dann zu scheiden.
Ei seht doch, nun bin ich's wohl gar,
Der falsch und untreu und unbestimmt war:
Hab euch alle geliebt,
Ihr habt mich alle betrübt;
Die Kleine dort, weil ich nicht bei ihr blieb,
Die Gute hier, weil sie mir nicht die Zeit vertrieb,
Die Feine daneben, weil sie einem andern gehört,
Die vierte Selbstüberlebte, weil ich sie nicht immer gehört
Die immer hätte singen sollen,
Ich bin ihr wie ein Lied verschollen.
Eine aber, die tat mir weh,
Die meinte, ich sei zu flüchtig zur Eh'.
Sie starb darüber am Fieber
Und zieht vorüber so mild, so licht,
Und streicht mir die Haare aus dem Gesicht.
Es tut mir vieles leid,
Doch bin ich unschuldig bis heut;
Ich sag's euch derb und trocken,
Ihr schüttelt mit den Locken,
Ich hab euch nie versucht,
Die Gelegenheit hat mich aufgesucht.
Liebliche Kleine in fürstlicher Krone,
Die mein schlummerndes Herz erweckt,
Gabst du mir nicht einen Schlag zum Hohne
Auf die Backen, dass Glut sie bedeckt,
Um mit dem Kusse ihn dann zu vergüten?
Lieblichste, musstest du also wüten?
Musste das Glück auf jeglichen Wegen
Uns zusammenführen mit List?
In den Bäumen, ach, welches Erregen,
Wie geschmückt zu dem heiligen Christ;
Wenn du hinter den Stämmen verborgen,
Betest den fröhlichsten guten Morgen!
Doch die Verwirrung des Sinns zu entflammen
Wussten die fürstlichen Brüder mit Lust,
Warfen uns Abends auf Blumen zusammen,
Und du ruhtest an meiner Brust;
Doch da sagte der böse Hofmeister:
»Nehm Er nun Abschied, denn morgen, da reist Er.«
Du ruhst, wo Gold und Silber ruht,
In den Tiefen, -
Viele Tage und Jahre verliefen,
Schnell wie zum Tanze beschuht;
Ich ward Student
Und dachte nur dein liebliches Gesicht,
Und achtete der andern Mädchen nicht,
Und wie ein Berg unübersteiglich uns getrennt,
Die hohe Felsenwand
Von Rang und Stand;
Verzweifelnd warf ich mich auf meine Bücher,
Und ward, wenn nicht gelehrt, doch siecher;
Der trüben Lampe Licht
Entfärbte mein Gesicht,
Wie in dem Schacht die weissen Moose sprossen,
Und sind doch auch des Lebens Mitgenossen.
Da regte sich der erste Frühlingstanz
Vor unsrer Stadt auf erstem Grün;
Der zarten Blumen erstgeborner Glanz
Verschien, als eine Jungfrau drin erschien;
Ihr Leib war schlank gestreckt, doch voll und rund.
Es öffnete sich leicht ihr roter Mund,
Dass ihre Lippe zeigt der Zähne Bund.
Und dieser Bund stand gleich dem Kriegesheer
Der Tempelherren weiss und gleich im Feld,
Das rings von süssem Blut ein wogend Meer;
Da stand es fest, als hätt es Gott gestellt.
Und dieser Zähne Glanz ward jetzt der Felsenriff,
Den ich für eine sichre Küste hielt;
Mit vollen Segeln lief darauf mein Schiff.
Ich glaubte sie von hohem Geist umspült;
Ich reichte ihr im Tanze meine Hand
Und blieb so Hand in Hand, bis uns das Licht
Den Rücken hatte zögernd zugewandt.
Das gute Kind zu mir kein Wörtchen spricht.
Ich war begeistert wie von jungem Wein
Und sprach zu ihr in manchem lust'gen Wort;
Sie fuhr nach Haus, ich stieg da hinterdrein,
Wo sonst nur der Bedienten schlechter Ort.
Mir war's ein Tron, ich sprang am Haus herab;
Sie sah mich an und lächelte so dumm;
Sie stieg heraus, ich diente ihr als Stab.
Statt alles Danks blieb sie noch immer stumm;
Ich trat mit ihr ins Haus, ich wusst nicht wie,
Und eine Frau begrüsst uns nah am Tor;
Ach, warum beugt ich nicht vor ihr die Knie,
Ich war ein Tor, dass ich den Tag verlor.
Wie jene, hochgeschmückt, mit braunem Haar,
War diese fein und zierlich, blond gelockt;
Ich wusste nicht, ob ich im Himmel war,
So hat mein Herz bei ihrem Blick gestockt.
Der Blick war blau, so wie Vergissmeinnicht,
Und ihre Worte wie ein Perlenkranz,
Doch war ich treu dem vollen Angesicht;
Es wogte noch in mir der Rausch vom Tanz.
Du bist ein gutes Kind, ich sag's dir hier,
Ich war, bei Gott, dir vierzehn Tage treu,
Studierte mich fast tot, was ich nur sagte dir;
Du sagtest nur ein Ja, ein Nein dabei.
Die blonde Frau hob alles sorgsam auf,
Was meinem frohen Mund mit Lust entfiel,
Und gab ihm Federkraft zum raschen Lauf,
Es traf ihr Witz stets alle neun im Spiel.
Allmählich ward's mir lieb, wenn sie allein,
Ich setzte mich zu ihr, ich liess dich stehn,
Ich brachte dir den grossen Hund, der mein,
Und liess ihn dir, damit du mich liesst gehn.
Du warst vergnügt und ich war voller Glut,
Wie ein Kamin voll hellem Flammenschein;
So trieb die Schwägerin herum mein Blut,
Ich sass so gern bei ihr - sie war nicht mein;
Die Lieb, die ich mit Sange angeregt,
Die wandte sie zum Mann, kam er nach Haus,
Und hat sich froh mit ihm zu Bett gelegt;
Ich grämte mich und blieb dann doch nicht aus.
Zum guten Glück kam eine Sängerin
Mit kaiserlichem Hofe durch die Stadt,
Die alle Welt bezaubert hat;
Ich war beim ersten Tone hin,
Ich schmiegte mich in ihres Liedes Falten;
Die göttlichen Gestalten
Der alten Helden, die sie schön besungen,
Die hätt ich gerne dargestellt,
Und wie Merkur bin ich gesprungen
Ganz einsam unterm Himmelszelt,
Und wie Apollo hohen Blicks,
Hab ich gewartet meines Glücks.
Du wolltest aber immer essen,
Ich hatt es oft vergessen;
Du wolltest süssen Trank,
Wenn schier mein Aug in Wehmut sank;
Du wolltest Schmuck,
Ich hatt an dem Gesang genug,
Der in den Ohren ewig tönte;
Da war ich oftmals der Verhöhnte
Und lief davon,
Eh' mich beschien die Morgensonn;
Eh' noch die Schuldner konnten klopfen,
Da sass ich schon, die Schuh voll Tauestropfen
Bei einem schönen Pachtergut
Und sah den grossen gelben Hut
Auf einer festlichen Gestalt;
Ich schlich mich näher zu der Schönen;
Es war die Allgewalt
Von allem, was mich konnt verhöhnen
Und mich beglücken konnte,
Als sie ihr Antlitz zu mir sonnte
Und lauschte, ob ein Hase in dem Kraute,
Und mich zuletzt mit grossen Augen schaute.
Sie hob die Hände auf,
Als wollte sie in meine Arme fallen,
Und mitten in dem Lauf
Sah sie so stolz auf mich, wie Herrscher auf Vasallen;
Ich ward ihr Knecht,
Und hab gelebt so arm und schlecht,
Früh auf, spät nieder,
Schmale Kost, viele Lieder;
So hat sie mich zu prüfen gemeint,
Ich hab gelacht, geweint.
Nichts weiss ich mehr von der Zeit,
Mit mir, mit ihr ein ew'ger Streit;
Mir war's, als hätt ich einen Schatz gefunden,
Der mir zu schwer;
Ich hätt ihn gerne aufgewunden,
Doch als das Werk bald fertig
Und ich des Danks gewärtig,
Da war die Grube voll und leer.
Wieder lieb ich, da ich dein gedenke,
Wieder leid ich, dass ich dich muss missen,
Nicht zu mir die toten Augen lenke,
Deine bleichen Wangen möcht ich küssen.
Wieder wähn ich, dass ich dich verkannte,
Wieder glaub ich, dass ich dich noch habe,
Ach ich war's, den dir die Liebe sandte,
Doch der Zweifel sandte dich zum Grabe.
Güldenkamm hatte sich durch die Erinnerung rühren lassen; es war ohne seine
Absicht, dass sich sein Lied zum Ernst hin wandte; es liegt das aber meist in der
Art einer Tändelei bei einem bewegten Gemüte. Susanna fand sich durch seine
Ausdrücke, durch das Gefühlvolle in ihm ergriffen, und sie wusste nicht wozu; es
gab nichts zu tun, sie wusste nichts, als ein paar Tränen auf seinen Wangen
abzutrocknen und ihn zu streicheln.
    Anton hatten die Wanzen nicht lange schlafen lassen, denen sein glatter,
saftiger Stamm ein besonderer Leckerbissen zu sein schien; ganz zerstochen
sprang er an die Luft und sah die beiden so vertraulich beisammen sitzen. Er
konnte es sich nicht sagen, welches Gefühl ihn durchwallte; es wurde ihm so
kalt, er schämte sich seiner selbst; er hätte sich gewaltsam von beiden befreien
mögen, um dieses Gefühl los zu werden; er wandte sich von ihnen, setzte sich
unter eine grosse Linde, in welche ein Muttergottesbild eingelegt war, und fing
an zu beten; während er betete, fiel ihm seine Frau und sein Kind ein; er dachte
sich Frau und Kind in dem Muttergottesbilde, das von der Mondnacht zwar
beleuchtet, aber von der Linde dünn in schwebender Wallung beschattet war; da
ward er wieder Hausvater und Gatte und flehte um die Fortdauer seiner Liebe.
Susanna aber ward ihm gleichgültig; er dachte mit Behagen daran, dass er sie
vielleicht mit Güldenkamm gut versorgen könnte; alles wurde ihm fertig vor der
Seele; er nahm sich vor ein Schmied zu werden; wenn seine Malerei nicht mehr
bezahlt würde, da würde ihm seine Kraft nützen; er sah schon in Gedanken die
Kohlen in seiner Schmiede glühen, sah die Ritterpferde, die bei ihm beschlagen
wurden; da weckte ihn der Hunger und der Schmerz seiner Wunden aus der
Betrachtung; nicht bloss die Wunde am Schenkel, sondern auch der Finger, die
Susanna ihm geheilt, schienen in den alten Zustand der Verletzung zurückkehren
zu wollen; er hinkte deswegen zu Susanna und Güldenkamm, die ruhig, in geringer
Entfernung von einander, im Grase eingeschlafen waren. Er fühlte weder Neid noch
Eifersucht, vielmehr war er so gutmütig, sie nicht stören zu wollen. Er selbst
machte noch einen Versuch, ob er nicht zum Schlafe gelangen könne, aber
unmöglich; er wachte, bis die Morgenkälte die beiden andern auch erweckte.
Susanna sah ihm gleich nach dem Erwachen an, dass sein Auge getrübt sei; sie
fragte nach der Ursache, er schützte Hunger und Schmerzen vor; sie verschafte
ihm durch ihre schmeichelnde Fürbitte bei einigen Frauen etwas Kleienbrot mit
Baumrinde gemischt; dann mussten sie weiterziehen, wobei Güldenkamm, der in aller
Not an nichts als an seine Liebe dachte, recht wacker voranschritt. Susanna
wollte Anton unterstützen und verbinden, er wollte es aber nicht leiden. »Heute
werden wir den schlimmsten Tag haben«, sagte Güldenkamm, »denn bis Pforzheim
steht kein Dorf mehr; Gras und Laub werden unsere Nahrung sein, und das ist
allzu natürlich und paradiesisch.«
    In dieser schlimmen Erwartung schon halb ermüdet, gingen sie stillschweigend
hinter einander eine Strecke; es zog sich ein Morgennebel über die Ferne, und so
hofften sie, wenigstens in eine erfreulichere Gegend einzudringen; als er aber
verschwunden, sahen sie eine weite Gegend ohne Merkzeichen vor sich, von Bergen
begrenzt, die von der Hitze sehr verbrannt schienen, das Auge hatte kein Mass
mehr, um sich Ruhepunkte in gewissen Entfernungen festzuhalten; am Himmel war
auch wenig zu sehen, gleichgültige weisse Wolken zogen vorüber, zuweilen schien
es dunkler zu werden und regnen zu wollen, aber die Hitze war dann um so
drückender. Nach ein paar Stunden, wo sie sich mehrmals ausruhen mussten, um zu
gähnen und den kalten Schweiss abzutrocknen, legten sie sich vor einem
Tannenwalde nieder. Güldenkamm sang halb lallend, indem er seine Füsse
streichelte:
Meine Beine, meine Beine,
Ach, ich weine um die Steine,
Dass die Steine ohn Erbarmen
Reissen durch den Schuh mir Armen
In die Haut,
Und die Tränen und der Schweiss
Tröpfeln von der Stirne heiss.
Arme Braut,
Kann doch heut an deiner Seite
Nicht empfinden Lust und Freude.
Anton horchte bei diesen Worten auf und fragte ihn: »Seid ihr schon so weit? Nun
wohlan, so muss ich euch wohl einsegnen.«
    »Tut das, mein neuer Freund«, sagte Güldenkamm; und Anton nahm mit
abgewendetem Gesichte beider Hände und legte sie in einander.
    »Was macht Ihr«, fragte Susanna, »ich weiss von nichts, ich will nichts. Was
soll mir das Zusammenlegen der Hände?«
    »Seid glücklich mit einander«, sagte Anton, sprang auf und schritt mutig
voran in den Wald, der vor ihnen lag; die beiden Gesellschafter schritten stumm
und langsam ihm nach; sie hatten das Verlöbnis in der Mühe bald vergessen und
aufgegeben. Als sie wieder eine Stunde fortgegangen, bemerkten sie über dem
Walde einen starken Rauch. Anton rief mit Entzücken: »Feuer! Menschen! Essen!«
Er glaubte sich in der Nähe einiger Köhlerhütten zu befinden, aber der Rauch
wurde vom Wind herangetrieben, immer heisser und stärker; sie konnten sich diese
Erscheinung nicht erklären; endlich kamen sie auf einen freieren Platz mitten im
Gehölze, als eben wunderbare leichte Flammen neben ihnen über die dürren Halme
und die knisternden Tannenbäume hinaufliefen, bis der Baum, der von der Hitze
ausgedörrt, in heller pyramidaler Flamme stand. Dieser freie Platz war ihre
Rettung, sie hätten sonst in dem Waldbrande ersticken müssen; aber auch dort
litten sie noch von der Nähe des Feuers, das aber zu ihrem Glück nicht lange an
einem Orte weilte, sondern, wenn es die Zweige und Rinde aufgezehrt hatte, dem
grünen Stamme nur an der Spitze etwas anhaben konnte. Der Weg vor ihnen ward
schon wieder gangbar, als das Feuer sich über den zurückgelegten Weg
verbreitete; sie sahen jetzt, wie die Vögel, ihres letzten Schutzortes beraubt,
sich teils in die Flammen stürzten teils flüchtend von den Dampfwirbeln
zurückgerissen wurden. Der gewaltige Anblick hatte ihre Ermüdung geistig
unterdrückt; sie schritten dumpf über die rauchenden Zweige fort, die in den Weg
gefallen waren; hin und wieder brannten sie noch, und Anton nahm Güldenkamm und
Susanna und trug sie, ihres Sträubens ungeachtet, hinüber; er kam in einen Ärger
über die Hindernisse, die ihm die Natur entgegenstellte; das erfrischte ihn.
Nach zwei Stunden mussten sie sich an einer Stelle niederlassen; sie fanden kein
Bächlein, wohin sie auch blickten; die trockene Hitze des Jahres hatte die
Quellen in den Schoss der Erde zurückgeschreckt; sie groben mit den Degen eine
Höhlung und stiessen bald auf dichte Felsmasse. Jetzt warfen sie alles von sich,
was den Marsch erschwerte: Anton die Muskete und den Degen, Güldenkamm seinen
Reisemantel, Susanna ihren Degen, und schritten erleichtert fort, wie Gefangene
entwaffnet, durch die schwarzen geordneten Spiesse des feindlichen Heeres, das
sie in stolzer Ruhe anblickte; denn also erschienen die verbrannten jungen
Tannen. Als die Sonne über den Mittag hinaus in stärkster Hitze gegen drei Uhr
brannte, sank Susanna an den Boden, sie hatte den Schmerz der wunden Füsse lange
bekämpft, sie war erschöpft; Anton kniete neben ihr und hielt ihr das Haupt, sie
erholte sich wieder; Güldenkamm hatte auch nicht viel Macht zum Aufstehen, als
er sich neben ihr niedergelassen. Susanna sagte sehr matt: »Was mir das Herz
abstösst, ist der Gram, dass ich alles dieses Unglück über dich gebracht habe,
mein Anton; meine Ahnung hat dich von einem wahrscheinlichen Unglücke zu
befreien gesucht, um dich einem gewissen schmerzlichen Hungertode zu opfern, lass
mich hier liegen, ich kann nicht weiter; suche aus dem Wald zu kommen,
vielleicht bringst du mir zur rechten Zeit noch Hülfe zurück.«
    Anton sprach ihr Mut ein, er sei noch stark genug, sie zu tragen; nie würde
er sie verlassen. Güldenkamm sagte, dass er voranlaufen wolle, weil er des Weges
kundig, um ihnen Hülfe zu schaffen. Dieses Anerbieten wurde angenommen; er lief,
nach manchem gerührten Ausdrucke seiner Leidenschaft, ohne sich umzuwenden fort;
er war wie ein Schatten entschwunden, und das Elend trat immer deutlicher
hervor. Anton fühlte bald, dass nur seine Kraft den Schmerz der Wunden bisher
bekämpfte, beide hatten sich geöffnet, und Arm und Fuss waren so entzündet, dass
er sie nicht mehr brauchen konnte; vergebens wartete er zwei Stunden, nagte Gras
und Wurzeln; endlich, es mochte sechs Uhr sein, hörten sie das Auftreten, dann
das Schnaufen von mehreren Pferden, sie rieten um Hülfe; sie sahen mit freudigem
Jubel drei kräftige Pferde, von denen nur eins einen gewaffneten Reiter trug,
heransprengen; der Reiter machte vor ihnen Halt, sah herab, sie sahen hinauf -
es war Seger.
    Unwillkürlich wollte Anton nach seinem Degen greifen, da gedachte er, wie er
den Degen von sich geworfen. Seger sah ihn verwundert an und sprach: »Welcher
Wurm hat sich in Euer Gehirn eingebohrt, dass Ihr so unsinnig in die Welt
gelaufen seid? Ihr seid doch ein Querkopf, wie noch keiner mit dem Steiss die
Welt angesehen; da liegt Ihr, elend, wie geschundene Vögel zum Braten auf
Kohlen, und mir kostet der Streich ein paar brave Kameraden. Hol Euch das
Käuzlein! ich komme den Abend mit ein paar Gesellen, bringe Futter für Euch mit;
da schrieen mir gleich ein Dutzend alte Kerle entgegen, wo ich des alten Herrn
Sohn hingetragen; ich mag sagen was ich will, wie ich Schmächtling so eine dicke
Sau wegtragen könnte! sie wollen uns fangen, wir wollen es nicht leiden, sie
reissen meine beiden Gesellen vom Pferde, ich muss ausreissen, und die beiden
Pferde laufen hinter mir her.«
    Anton sah nach seinen Taschen: »Lass gut sein, es war nichts zu fressen auf
dem Schloss. Hast du was bei dir?«
    »Freilich, ich werde auch nüchtern ausreiten«, sprach Seger; »einem wilden
Eber hab ich eine Kugel durch das alte Fell gejagt, dass er zusammengestürzt ist,
und mir die Keulen bei dem schönen Waldbrande ordentlich gebraten; mein Fässchen
ist auch nicht mit Regenwasser gefüllt, um mir die Haut damit zu waschen.«
    Er bestätigte diese Rede mit Vorweisung der angezeigten Lebensmittel und
warf noch ein grosses Weissbrot herunter, das aus dem Korbe herausfiel.
    »Potz Vetter Michel«, sagte er, »ein paar Brote und eine gute Wurst hab ich
verloren.« Aber Anton hatte schon mit Wut das Brot zerrissen und seinen Teil
verzehrt, als er die andere Hälfte Susannen kaum zugeworfen; er konnte kein Wort
sprechen, der wilde Schweinbraten war sein Leitgericht und hielt ihm diesmal in
aller Wahrheit Leib und Seele zusammen, der Wein netzte seinen Gaumen, aber er
wünschte auch Wasser; selbst das schaffte Seger, indem er rings umher in den
Wald sprengte, aus einem versteckten kleinen Teiche. Susanna nahm nichts als
Wasser; sie zeigte einen Widerwillen gegen Fleisch und Wein und konnte sich nur
wenig erholen, während Anton mit feurigem Gesichte neben ihr sass und über das
Bein fluchte, dass es sich noch nicht wollte brauchen lassen.
    »Marsch! fort jetzt!« rief Seger, »binde deinen Jungen auf das kleine Pferd,
ich will dir aufs grosse helfen!«
    
    »Hätten wir nur den Güldenkamm nicht nach jener Seite geschickt, um uns
Hülfe zu erbetteln, wir könnten jetzt zum Schloss meines Vaters zurückkehren«,
sagte Anton.
    »Ja, hätten wir nicht«, rief Seger, »da wäre meine Mutter noch eine Jungfer;
fort nach Pforzheim, da wird sich der Kerl irgendwo in einer Kneipe vorfinden!«
    Sie ritten fort; Susanna, die nie zu Pferde gesessen, liess ihr Pferd von
Anton führen und hielt sich mit den Händen fest; Seger lachte über einen so
furchtsamen Burschen. Gegen das Dunkel kamen sie aus dem Walde heraus und in die
Nähe von Pforzheim und fanden Güldenkamm, der mit einem alten Hirtenweibe aus
einem Topfe ass. Kaum konnte er seine armen Gesellen auf den schönen Pferden
wiedererkennen; dann flehte er sie aber an, ihm seine Ziter, die er dem alten
Weibe für einen warmen Brei verkauft hätte, einzulösen. Seger, ohne ihn zu
kennen, sprang ab, nahm stillschweigend die Ziter fort, stülpte ihr den
Breitopf über den Kopf, half Güldenkamm hinter Susannen aufs Pferd, stieg selbst
auf und sagte: »Der alten Vettel soll doch endlich einmal die Lust an der Ziter
vergehen; sie zittert selbst schon am ganzen Leibe; hört, wie sie in den hohlen
Topf hineinbrüllt, sie kriegt ihn nicht ab, ohne ihn zu zerschmeissen oder sich
die Nase zu zerbrechen - der soll die Wohltätigkeit auf ewig vertrieben sein.«
Susanna beschämte der Vorfall, aber sie waren alle zu schwach, um viel an
Edelmut zu denken; also ritten sie zu Pforzheim durch das schöne Tor mit den
zwei gespitzten Türmen ein und stiegen bei der Herberge zum Hopfenblatt ab.
    Als sie im Zimmer sassen, schwor Anton dem Seger in herzlicher Gesinnung und
reiner Dankbarkeit: Für den einen Dienst möchte er sich einmal fordern, was es
sei, er wolle es ihm zu Gefallen tun. Seger schlug ein; er wird es nicht
vergessen, denn der Teufel vergisst so etwas nicht. Er sorgte mit grossem Eifer
für die Bequemlichkeit Antons, der nach frohem Mahle sehr bald einschlief;
Susanna legte sich ihm zu Füssen auf eine Streu, Güldenkamm wusste nicht recht,
was mit sich anfangen, und begleitete noch Seger in die untere Wirtsstube, wo
dieser sich mit einigen Wilddieben in erbauliche Gespräche einliess. Am anderen
Morgen musste Anton den Wundarzt der Stadt kommen lassen, der sein Bein und seine
Wunde sehr entzündet fand und einen Gulden voraus forderte, um die nötigen
Salben und Umschläge anzuschaffen. Seger gab den Gulden sehr bereitwillig her,
verlangte aber, Anton möchte sogleich zu seiner Frau gen Waiblingen schicken, um
etwas Geld von ihr zu fordern; sie hätte immer noch ein paar tausend Gulden
übrig, das wisse er. Anton beredete Susannen, die er in Gedanken dem frohen
Güldenkamm schon ganz übergeben, in dessen Schutz nach Waiblingen zu wandeln;
Seger gab ihnen Reisegeld, sie sollten nur mässige Tagereisen gehen; in einem
Briefe stellte Anton der Frau seine Not recht eindringlich vor, und seine
Sehnsucht, zu ihr zu kommen und dort ein Schmied zu werden, wenn seine Kunst sie
nicht mehr ernähren wollte.
    Der Zufall führte einen Güterwagen durch Pforzheim, der die Strasse nach
Waiblingen ging, wo Susanna und Güldenkamm sich für ein Geringes auffrachten
liessen; dem Fuhrmanne war Gesellschaft sehr willkommen, insbesondere da
allgemein ein Gerede lief, dass Franz von Sickingen und Götz von Berlichingen
wieder gegen den Schwäbisschen Bund verfehdet seien, die Kaufleute niederwürfen
und die Wagen plünderten. Anton gab beiden Bitte und Befehl, sich in kein
Gefecht einzulassen, denn wer jetzt recht hätte in der Welt und wem etwas
gehöre, das sei ganz unbestimmt. »Zieht mit Gott!« rief er, als Susanna mit
Tränen Abschied nahm. Güldenkamm und Susanna sassen hinten auf der Höhe des
stossenden Wagens, wo eine Kiste mit scharfen Leisten ihnen zum Sitz, eine andere
als Rückenlehne diente; wäre die Erinnerung des vorigen Tages nicht so ermüdend
in ihren Gliedern gewesen, sie hätten die bequeme Einrichtung des Wagens, der
das Nebenherlaufen zuliess, weit vorgezogen; sie mussten mit solcher Kunst die
einzelnen Schwankungen und Stösse des Wagens ausnivellieren, um nicht
herabgerissen zu werden, dass sie, bis der lange Stadtdamm zurückgelegt war, an
nichts anderes denken konnten. Erst dann überlegte sich Güldenkamm, in welches
angenehme Verhältnis ihn das gute Glück zu einem lieben, zarten Mädchen geführt;
er beschloss, keine Freude, die sie ihm gewähren könnte, aufzuschieben; ja er
fürchtete zuweilen, dass sie ihm die schlechte Benutzung jener Nacht am Wasser
als einen Mangel an Zuneigung auslegen möchte. Er unterhielt sie mit vielen
sonderbaren Liebeshistorien, denen sie ernstafte Bemerkungen beifügte; er las
jeden ihrer Wünsche in ihren Augen, sie war ihm so freundlich; mit welcher Wonne
hob er sie in Böcklingen, wo sie die Nacht verweilen wollten, vom Wagen.
    In dem Wirtshause war ein grosser Lärmen; da lagen viele Handelsleute, kein
Mensch kam heraus und begrüsste sie. Nach langem Schreien guckte einer wie eine
Schnecke zum Häuschen heraus, der zeigte dem Fuhrmann mit der Hand, wo die
Pferde und wo die Menschen untergebracht würden. Sie traten ein; da war eine
Hitze, weil trotz des Sommers in dieser Waldgegend eingeheizt wurde, ein
Gestank, weil sich da jeder die unreinen Kleider auszog und lüftete, dass Susanna
fast umzusinken vermeinte. Güldenkamm fragte nach einem Zimmer, da sagte der
bärtige Hausknecht, der wie ein Hauslumpen in allen Winkeln gelegen zu haben
schien, wenn sie mit der Stube nicht zufrieden, möchten sie wo anders einkehren.
    Was war zu machen! Es gab keine andere Herberge, Susanna suchte Wasser, um
sich zu waschen, sie musste aber zum Brunnen gehen, denn jenes im Zimmer war von
den Kohlenbrennern schon so geschwärzt, dass sie zwei andre Wasser nötig gehabt
hätte, um sich wieder davon zu reinigen. Sehr schlimm war es, dass die Hitze
vielen übel bekam, so wie das viele Essen; da gab's erst Gestank, dass Güldenkamm
ein Fenster aufmachen wollte, wie schrie ihn aber der Bartmann an! wenn er in
die Luft wollte, möchte er sich hinausscheren. Da sah er nun wohl, dass er unter
groben Leuten sei, die von den Nürnbergern noch sehr verschieden waren. Nach
langem Harren wurde ein Tuch, grob wie Segeltuch, über den Tisch gebreitet,
Teller ausgesetzt, Messer und Gabel beigelegt mit Brot; alle setzten sich heran
und schabten beinahe eine halbe Stunde bis die Suppe fertig, an der schmutzigen
Brotrinde. Endlich kam dieser ungeheure Kübel voll Suppe, bald darauf ein Gemüse
in gleicher Brühe, dann gekochtes Fleisch in eben solcher, endlich nach einer
Stunde etwas gebratenes Fleisch und Fisch, nachdem alle satt waren; ein saurer
Wein stand dazu auf dem Tische, wovon jeder so viel trinken mochte als er
wollte, denn alle bezahlten gleich. Da brachte der Bartans einen
Schinkenteller, worauf er einige Ringe und halbe Ringe mit Kreide gemalt hatte,
das verstanden viele und legten ihre Zeche auf den Tisch. Güldenkamm verstand es
aber nicht, er hatte all sein Geld zum Mittagessen aufgehen lassen; er wusste
nichts Besseres zu tun, als den Schalksnarren zu spielen, worauf er sich schon
in Nürnberg beflissen hatte. Er stellte sich wie ein blökendes Kalb und machte
allerlei lächerliche Sprünge, die aber Susannen herzlich zuwider waren; zuletzt
sprang er auf den Tisch, streckte Hände und Beine in die Luft, drehte sich auf
dem Bauche herum und wischte sehr geschickt alles auf dem Kreideteller aus. Der
Schwank gefiel allen; ein Kaufmann bezahlte für ihn und für Susannen und
schenkte ihm noch Reisegeld obenein. Susanna nur empfand von dem Augenblicke
gegen ihn einen unerklärlichen Widerwillen, er war ihr einen Augenblick wie eine
lächerliche widerliche Spinne erschienen. Als er so wohl aufgenommen, liess er
sich in allerlei Trinksprüchen hören, die um so lauter belacht wurden, je
kräftiger der Schmutz sie würzte. Endlich wurde eine Streu über den Boden
ausgebreitet, schmutzige Tücher mit Kopfkissen und wollene Decken darauf gelegt;
Güldenkamm legte sich zu den Füssen Susannens. Die Lampe wurde ausgelöscht, und
Güldenkamm stieg die Glut des Weines ins Herz; er näherte sich leise Susannens
Füssen und küsste sie mit einer Inbrunst, dass sie erwachend aus unwiderstehlichem
Widerwillen ihm einen Tritt gegen den Kopf gab, der sich für den Augenblick
zurückzog. Aber mit erneuter Liebesmacht drängte es ihn zurück, doch ein
heftiger Stoss gegen die Nase erleichterte ihn vom Blute und kühlte ihn dadurch.
    Früh Morgens ging es davon; der Fuhrmann fluchte, dass die Kinder ein Stück
von seiner Peitsche abgeschnitten, Güldenkamm war verstimmt durch seine
aufgeschwollene Nase, Susanna konnte ihn gar nicht mehr ansehn, und das Stossen
des Wagens schien ihnen heute so ganz unerträglich, dass sie abstiegen,
stillschweigend ihre Strasse zu gehen. Sie hatten jetzt den Kamm des Gebirges
erreicht und sahen in ein weites reiches Tal, alle auslaufenden Spitzen des
Gebirges waren mit glänzenden Schlössern besetzt, in den grünsten Tälern
schimmerten ferne Klöster; ein Wohlleben war überall, und ihre Augen schwankten
von einem Anblick zum andern wie Füllen, die im Überflusse das Gras durch den
Mund gehenlassen, ohne es abzubeissen, und sich lieber drin strecken und wälzen.
Die beiden Reisegefährten waren plötzlich versöhnt, und Güldenkamm liess seine
Ziter so anmutig klingen, dass der Fuhrmann den Takt dazu knallte, bis sie die
Stadt Waiblingen erreicht hatten.
    »Das heisst lange geschlafen«, sagte der Wirt, als er gegen Mittag eintrat;
»wollt ihr denn nicht heute nach dem Hause des gewesenen Bürgermeisters gehen?
das wird heute von den Schuldleuten verkauft.«
    Susanna erschrak bei diesen Worten, sie vernahm so unerwartet, dass die
Umstände von Frau Annen viel schlimmer ständen, als Anton ihr gesagt hatte; sie
beschloss sogleich zu ihr hinzugehen. Als sie vor das hohe Haus trat, da dachte
sie ihres Anton recht in Liebe, sie dachte ihn, wie er da aus und ein gegangen;
sie hatte eine ungemeine Sehnsucht, sein Weib und seine Kinder zu sehen, da
dachte sie, würde ihr recht wohl sein, da wollte sie für alle arbeiten, allen
dienen. Die Haustür stand offen, eine harte gellende Stimme tobte im Hause mit
höchster Verzweiflung; ein ernster Mann in Ratskleidung führte einen kleinen
kräftigen blondgelockten Knaben, den kleinen Anton, zur Tür hinaus. Eine Frau
von ernstem Ansehen, von schönem Bau, hohen, etwas starken Leibes, in der
Kleidung vornehmer Bürgerinnen, fluchte hinter dem Kinde: »Du Kain, meine
Schläge kriegst du nicht, aber das Rad wird dich schlagen, Tunichtgut, wie dein
Vater, der Landstreicher, der Dieb. Mein liebes, liebes Kind hast du umgebracht,
mein Oswaldchen; Fluch über dich, dass du unstet und flüchtig durch die Welt
irrest, dass dich der Teufel besitze und dir in allen Gliedern bis zum jüngsten
Tage gichtere, dass deine Knochen noch auf dem Galgen tanzen; ja sieh dich nur
um, du Fresser, wirst bald ausgefressen haben!«
    Bei diesen erschrecklichen Verfluchungen traten alle Menschen von ihr
zurück, und so schlug sie an der Treppe des grossen Hausflures hart auf die Erde
nieder. Susanna, aus einem Mitleidsinstinkt, trat zu ihr und suchte sie zu sich
zu bringen; ein Mädchen trat mit Wasser herbei und sagte: »Ich glaube, sie wacht
nicht wieder auf; es wäre gut, da wär ihres Herzeleids ein Ende.« Susanna
fragte, was geschehen; da sagte ihr das Mädchen in aller Kürze, der Ratsherr
wäre wegen der Versteigerung im Hause gewesen, da sei der kleine Anton voll
Blut, aber recht fröhlich ins Zimmer getreten und hätte die Mutter gerufen, sie
sollte einmal oben kommen, er habe sein Schwein recht schön geschlachtet und das
Blut getrunken. Die Mutter habe erst nicht anders gemeint, als er sei an ihr
Eingeschlachtetes gegangen, weil sie den Tag wegen des Umziehens alle Schweine
habe schlachten lassen; sie habe ihn gescholten, er aber habe gesagt, sie solle
nur kommen, er habe es ganz ordentlich gemacht, das Schwein habe sich recht
gewehrt. Mit Zagen sei die Mutter und der Ratsherr hinauf gegangen und habe
ihren ältesten Sohn in seinem Bette vom Bruder geschlachtet gefunden; alle
Besinnung sei ihr erst vergangen, der Ratsherr aber habe den Anton gefragt: Wie
er denn seinen Bruder ein Schwein nennen könne! Der Kleine habe darauf
geantwortet, die Mutter hätte ihn immer so genannt, wenn er das Bett
verunreinigt hatte, und ihm gesagt, wenn er es wieder täte, sollt er ihn
schlachten; da habe er sich nun heut das Schlachten genau abgesehen, und als der
Bruder, der krank war, wieder das Bett verunreinigt, habe er mit einem
Messerchen ihn abgestochen. Als die Frau dieses Messerchen gesehen, habe sie
laut aufgeschrieen und gesagt: mit dem Messerchen sei ihr Anton zur Ader
gelassen worden vom Faust, als ihrem Manne das Blut eingezapft worden! - »Das
kommt von solchen falschen Künsten«, habe der Ratsherr gesprochen und den
Kleinen ernstaft gefragt, warum er das Blut getrunken. Der Kleine habe
geantwortet, der Metzgerhund hätte es ebenso gemacht, und er sei sich wie der
Hund auf einmal vorgekommen weil ein grosser fremder Mann bei ihm gestanden, der
wie der Schlächter ausgesehen. Hierauf habe der Ratsherr mit dem Kopfe
geschüttelt, das Kind aber, auf welches die Mutter wütend losgehen wollen, unter
seinen schwarzen Mantel genommen und erklärt dass er es im Namen eines hochweisen
Rates zur Untersuchung mit sich fortführe.
    Die Magd hatte eben diese Erzählung geendigt, oft unterbrochen von Jammer
und Verwunderung, als Frau Anna aufwachte und mit neuer Verzweiflung nach ihren
Kindern fragte, nichts verschonte ihr Jammer; wie Menschen im heftigen Fieber
sich aus den Fenstern werfen, ohne der Tiefe zu achten, in die sie stürzen so
rief die Unglückliche den höllischen Geist an, dass er sie tröste und erquicke,
da Gott ihr nicht gnädig sein wolle. Bei diesen Worten verliess Susanna sie
stillschweigend, ein Grauen trieb sie aus dem Unglückshause fort, die Bürger
sammelten sich schon vor demselben, fragten und gaben Sentenz, aber die Glocke
rief zu dem grossen Ratssaale, wo auch Susanna begierig mit eintrat. Die
Ratsherren waren schon in andern Angelegenheiten versammelt gewesen; der
Ratsherr Arnold, welcher den Knaben aus dem Hause geführt, hatte im Vorbeigehen
das Glockenläuten bestellt, er trat jetzt zur Verwunderung aller in den
Ratssaal, öffnete den Mantel und zeigte dann den Knaben, der über alles, was
bisher zu ihm gesprochen und mit ihm geschehen, wie ein voller Brunnen in Tränen
überlief.
    »Kind«, sagte der Ratsherr, »geh jetzt in diese Armesünderkammer, ich werde
dich rufen, wenn deine Mutter hier ist, die sehr zornig gesinnt ist gegen dich.«
    Kaum war der Knabe in die Kammer getreten, so redete der Ratsherr
ausführlich und sehr rührend zur Versammlung, erzählte von dem Unglücke der Frau
ihres ehemals hochgeachteten Bürgermeisters, wie sie durch die Verschwendung
ihres zweiten Mannes und durch die Verwüstung der Bilderstürmer, in der Meister
Anton sein eigenes Haus preisgegeben habe, um das Haus Gottes zu retten, um
alles Ihre gekommen und selbst darben müsse, während noch eine blühende Stiftung
für die Jugend der Stadt auf ewige Zeiten das Wohlwollen und den Wohlstand ihres
würdigen ersten Mannes verkünde. Nun erzählte er das unglückliche Ereignis, das
die arme Frau mitten im Schmerz über die öffentliche Versteigerung
niedergedrückt habe, das Lieblingskind ihres Herzens, ihren Erstgeborenen, das
einzige Pfand der Liebe ihres verehrten ersten Mannes, so gewaltsam sich
entrissen zu sehen; der ihm aber ihr entrissen, das sei jetzt ihr letztes
einziges Eigentum, ihr letzter Trost. Jetzt entwickelte er, zur grossen
Verwunderung aller, die wunderbare Geburt dieses älteren Sohnes, nachdem das
Blut Antons dem schwachen alten Bürgermeister eingeflösst worden, wie unnatürlich
seine Entstehung, wie der jüngere Anton gleichsam sein Eigentum nur
zurückgenommen, das der Vater auf leichtsinnige Art verschwendet hatte, als er
das Blut seines Bruders getrunken; dabei beschrieb er die völlige Unbefangenheit
des Knaben, seinen festen Glauben, dass er recht getan habe, dabei sein
gutmütiges Wesen, das ihn bei allen Kindern beliebt gemacht hatte; er rief die
Kindern der Versammlung auf, die alle ein gutes Zeugnis für ihn ablegten, wie er
oft durch seine ungemeine Stärke den Bruder geschützt habe.
    Diese Erzählungen der Kinder hatten alle bewegt; jetzt trat der Ratsherr mit
seinem Vorschlage heraus: »Ich sehe, liebe Mitbürger, ihr seid alle gerührt; ihr
habt die schwere Sünde des Brudermordes, die auf dem Kleinen ruht, als eine
kindische Unwissenheit euch erklärt, ihr würdet vielleicht ohne weitere Beweise
den Kleinen begnadigen; aber ich glaube, dass der Ernst unserer Gerichte einen
öffentlichen Beweis dieser kindischen Unwissenheit fordert, den Beweis, dass
dieses Kind, über seine Jahre körperlich stark und gross aufgewachsen, doch
geistig noch unentwickelt sei und nicht etwa eine versteckte Tücke gegen den
Bruder, eine verstellte Unschuld es habe leiten können. Was ist aber der
Prüfstein der Unschuld, wenn das, was den Wunsch eines Kindes unmittelbar
befriedigt, von ihm alle dem, was denselben Wunsch in grösserem Masse, aber auf
einem Umwege befriedigen kann, vorgezogen wird; ich will mich deutlicher
erklären: wenn das Kind diesen Apfel, den ich aus der Tasche ziehe und in meine
rechte Hand nehme, diesem Vierundzwanzig-Kreuzerstücke vorzieht, das ich ihm zur
Wahl mit der linken Hand zeige, wofür es sich einen Scheffel Äpfel kaufen
könnte.«
    Die Ratsherren gaben seinem Vorschlage ihren Beifall, manche Bürger aber
baten laut für das Kind aus Mitleiden, weil es das Geld leicht als etwas Blankes
vorziehen könne, ohne von seinem Werte etwas zu wissen; der ernste Bürgermeister
aber wies sie zurück mit den Worten: »Hier ist schon grosse Gnade für Recht
ergangen; ihr Bürger, betet für den Knaben. - Gerichtsdiener, öffnet die
Armesünderkammer!«
    Viele beteten schon, als die schwere eiserne Tür in ihren Angeln aufknarrte,
niemand eifriger als Susanna; als aber der schöne Knabe mit seinen grossen Augen
verschüchtert wieder heraustrat und langsam auf den Ratsherrn zugeführt wurde,
da hätte man die Herzen schlagen hören können.
    Der Ratsherr sprach zu dem Knaben: »Die Mutter hat dir verziehen; sie weiss,
dass du nicht mit Willen dein schönes weisses Kleidchen so blutig gemacht hast,
sie schickt dir hier zu deiner Freude zweierlei, worunter du dir eins wählen
sollst; komm her, liebes Kind, eins kannst du nur bekommen, willst du den
schönen Apfel oder das Stück Geld?«
    Der Knabe sah verwundert erst nach der rechten Seite, wo der Apfel ihm
vorgehalten wurde; alle jubelten im Herzen; dann aber wandte er sich zur linken,
und keiner entielt sich, ihm verstohlen zuzuwinken, wie manche beim Kegelspiele
die geworfene Kugel mit dem Beine nachzulenken trachten; aber ein heller
Himmelsschein strahlte jetzt durch die staubigen Fenster auf den roten Apfel,
und das Kind wendete sich hin zu ihm, fasste ihn und biss gleich recht tief
hinein. Der Ratsherr wurde blutrot vor wallender Freude, er hob seine Hände zum
Himmel und dankte stumm; manche in der Versammlung schluchzten. Der Bube ass
recht vergnügt seinen Apfel, und als er beinahe damit fertig, rief er bittend:
»Geld auch haben!«
    Der Ratsherr wurde bedenklich und fragte betreten: »Was willst du denn mit
dem Gelde machen?« - Der Kleine antwortete: »Bruder Oswald geben, da lacht er.«
- Die Antwort befriedigte alle Gemüter; der Bürgermeister und die Ratsherren
sprachen Gnade und liessen das Kind in das Haus des Ratsherrn führen, der dessen
Unschuld so scharfsinnig bewährt hatte.
    Nachdem das Kind fortgeführt worden, beratschlagten die Herren lange Zeit,
was aus dem Kleinen werden sollte, dass er nicht sobald zur Mutter zurück dürfte,
bis der tränengenässte Schwamm der Zeit alle alte Rechnung ausgelöscht habe;
darüber waren alle einig, dass es besser sei, ihn ein paar Jahre aus der Stadt zu
entfernen, das gab jeder zu, aber in der unruhigen Zeit war es schwer, einen
bequemen Ort für ihn auszumitteln; endlich beschlossen sie, ihn in den vom alten
Bürgermeister zu einem Waisenhause und zu einem Kinderfeste vermachten Hofe vor
der Stadt unterzubringen. Nachdem Susanna diesen Beschluss vernommen hatte, ging
sie fort; sie hatte schon vorher einige Bürger vernommen, die sich beschwerten,
was so ein fremder Junge in ihrem Ratssaale zu tun habe. Im Vorbeigehen am
Ratskeller hörte sie Güldenkamm, der die ganze Geschichte mit dem Knaben in
Reime gebracht hatte und sie den Fremden mit grossem Beifalle vorsang; es war den
Leuten über die vielen Religionsstreitereien etwas ganz Neues geworden, klar und
lustig singen zu hören; auch erbosten sich manche, wenn er alte lustige Schwänke
von einem Brunnen sang, über dem ein Mädchen gestanden; er nötigte Susanna
herein, sie musste mit ihm ein Glas Wein trinken und von dem Ausgange der Sache
erzählen, den die meisten noch nicht wussten. Sie sprach wenig, nur wenn eine
heftige Bewegung ihr ganzes Gemüt füllte, da durchbrach es die Eisrinde, die
eine harte Erziehung ihr aufgebürdet, dann sprossten Blumen, wo es gezogen, und
das Wider strebende riss es mit sich fort. Alle horchten ihrer Erzählung, alle
sprachen ihr nach; Güldenkamm, so künstlich er singen mochte, wurde nicht mehr
gehört, alle Gäste tranken ihr zu; die Wirtin brachte ihr eine herrliche frische
Festbrezel, sie konnte sich nicht genug über den artigen Jungen verwundern, der
so schön erzählte und nun so geschämig wie eine Jungfer mit hochroten Backen
dasitzen tät, als ob er nicht fünf zählen könnte.
    Erst nach dem Mittagsmahle konnte sich Susanna von der lustigen Gesellschaft
losmachen, um ihren Brief und Auftrag an Frau Anna zu bestellen. Im Hause musste
sie wegen der Versteigerung noch einige Zeit warten; sie sah mit Teilnahme allen
zu, wie ein paar Hundert mit heisser Begierde und wenig versteckter Absicht den
wohlfeilen Verkauf aller der Geräte wünschten, die Frau Anna bald mit einem
Seufzer, bald mit einem hervorhebenden Lobe, manche selbst mit Tränen dem
Versteigerer darreichte. Sah Susanna, dass ein paar bärtige Hebräer sich mit
einander heimlich beredet hatten, auf etwas nicht zusammen zu bieten, so kam ihr
die Lust, sie in die Höhe zu treiben; ein paarmal verschluckte sie das halb
ausgesprochene Wort, dann aber, als Frau Anna mit einem Seufzer einmal bei einem
Schranke dazwischen redete, die Beschläge wären ja mehr wert und es sei ihr
Brautschrank gewesen, worin ihr erster Mann ihr die Ausstattung vor der Hochzeit
verehrt, da bot Susanna einige Kreuzer höher, und mit einem Schrecken durch alle
Glieder schlug der Hammer ihr diesen Schrank zu. Das Zahlbrett wurde ihr
gereicht, voller Verzweiflung fasste sie in ihre Tasche, und mit Verwunderung
fand sie mehr darin, als zur Zahlung nötig. Erst wendete sie zu Gott den Blick,
dann zahlte sie und gedachte, wie die Wirtin im Ratskeller ein paarmal ihr wie
zum Scherz, ob sie auch reich sei, in die Tasche des Wamses gegriffen;
wahrscheinlich hatte sie ihr aus Gutmütigkeit das Geld eingesteckt.
    Die Versteigerung ging gegen die Zeit, wo man hätte Licht anzünden müssen,
zu Ende; da gab es aber noch ein Besehen und Bereden über alles Erkaufte.
Endlich verlief sich die Menge, und Susanna liess sich von der Magd, die sie vom
Morgen her gleich wieder kannte, zu Frau Anna führen. Frau Anna stand in einem
Zimmer, wo die weggenommenen Sachen noch ihre Schatten, wo sie gestanden und wo
das Licht nicht hindringen konnte, zurückgelassen hatten; sie hatte ihrem toten
Oswald ein weisses Hemde reinlich angezogen, sein Haupt mit einer Myrtenkrone
besteckt; sie wartete auf den Schreiner, der den Sarg bringen sollte, und sah
stumm auf das bleiche Gesicht hernieder. Die Magd sprach im Hereintreten: »Der
junge Mensch, der heute Frau Bürgermeisterin gehalten, als sie in Ohnmacht
gefallen, will gern einen Brief abgeben.«
    Frau Anna sah auf, als wüsste sie wenig von allem, was mit ihr vorgehe. »Wer
bist du?« fragte sie.
    »Ich heisse Kurt von Pforzheim!« antwortete schüchtern Susanna.
    »Da kenn ich dich schon«, sagte sie; »du willst wohl gut machen, dass wir
einmal in Unfrieden geschieden, mein guter Kurt? Du bist in der Zeit gewachsen,
mit mir ist aber alles den Krebsgang gegangen; da waren noch gute Zeiten bei
meinem seligen Herrn, wo wir alle Tage was Neues fanden, ja gestern fielst du
mir wieder ein beim Ausräumen der Kasten, da kam mir der lederne Beutel und der
Degen wieder in die Hände, den du aufgefunden hattest und durchaus behalten
wolltest; weisst du noch, wie du mir eine Faust gemacht und mich bedroht hast,
nie wieder zu kommen wenn ich dir das beides nicht liesse; damals war's wohl
genau von mir, dass ich's aufbewahrte, jetzt kommt's mir zu Gute; sieh, da liegt
der Degen und da der Beutel, ich löse doch wohl einen Kreuzer daraus.«
    Susanna war bei dieser Anrede in heisser Verlegenheit, sie meinte, es könne
nicht fehlen, dass sie sich bald verreden müsste; stammelnd sagte sie: sie möchte
an die Zeiten nicht denken, das würde sie nur traurig machen, sie habe ihr eine
kleine Freude machen wollen, indem sie ihr den Schrank, worin die Ausstattung
sich befunden wiedergekauft hätte, und sie bäte, ihn wieder in Besitz zu nehmen.
    Frau Anna war ausser sich vor Dankbarkeit, sie lief gleich hinunter und
befühlte jede Leiste, ob auch nichts davon losgebrochen; dann trug sie ihn, er
war leicht und zum Aufsetzen auf einen Tisch eingerichtet, wieder in das
Totenzimmer und legte mit grosser Hast ihr totes Kind hinein. Susanna verwunderte
sich, aber Frau Anna sprach mit grosser Heftigkeit: »Du lieber Schrank, du hast
all mein Glück so viele Jahre bewahrt, nun sollst du auch das Liebste, was mir
noch übrig ist, zu Grabe tragen!«
    Der Schreiner trat jetzt herein und sagte, dass der Sag nicht fertig
geworden. Frau Anna sagte ihm: es sei ihr ganz recht, so sollte es sein, sie
wolle ihr Kind in dem Liebsten, was ihr übrig sei, begraben. Der Schreiner
äusserte sich nicht undeutlich, als er diesen Sarg gesehen, die Frau müsse aus
Gram den Verstand verloren haben, inzwischen fügte er sich in alles. Frau Anna
sang und betete nun mit ihm und Susannen noch eine Stunde; kein Geistlicher kam
zu ihrem Troste, sie waren alle wegen der Unruhen geflüchtet; dann schloss sie,
von unzähligen Seufzern unterbrochen, das Schloss und warf den Schlüssel in den
Mühlbach, der an dieser Ecke des Hauses durch die Stadt floss. Der Meister
Schreiner nahm den Schrank mit dem Kinde und ging langsam die Treppe hinunter;
Frau Anna folgte, von Susannen und der Magd unterstützt.
    Es war dunkle Nacht, und ein nahendes Gewitter erhellte ihnen die Strassen,
die ganz verlassen schienen; schweigend zogen sie in die Kirche, wo ihnen der
Glöckner eine Nebentür öffnete und mit einer Fackel vorleuchtete. Gleichgültig
führte er sie durch die wunderbare Nacht des Gebäudes, wo Adams Fall durch den
Apfel in dem flammenden Blitze durch die hellfarbig gebrannten Scheiben
leuchtete; Susanna machte ein Kreuz und gedachte des Apfels wie eines
wiedergewonnenen Paradieses, der heute ein gutes unschuldiges Kind von einem
schmachvollen Tode errettet hatte; sie fühlte in ihrer ganzen Seele Gottes
Herrlichkeit, vor dem alles gut wird, was auf Erden geschieht.
    
    Sie kamen jetzt an das hoch vergitterte Grabgewölbe der Bürgermeister von
Waiblingen. Die schwere Türe wurde eröffnet, da standen in einer langen Reihe
mit schönen metallnen Handgriffen und Zieraten die Särge aller Verstorbenen
dieses edlen Hauses dessen letzten Sprössling sie dem Vater zu Füssen setzten. -
Der Glöckner fragte, ob das Wappen im Siegelring dem Kinde mitgegeben sei; da
beseufzte die Mutter, dass sie den Schlüssel zu dem Schranke in den Mühlbach
geworfen, sie trug den Siegelring noch in der Tasche. Der Glöckner stellte ihr
vor, dass er mit demselben Rechte dem Vater, Ihrem verehrten Bürgermeister, in
den Sarg gelegt werden könnte, und hob bei diesen Worten den Deckel jenes Sarges
auf, der ihn verschloss. Frau Anna stürzte bei seinem Anblick mit den Worten
nieder: »Heilige Mutter Gottes, er hat sich umgedreht!« - Susanna sah hin, und
wirklich lag das graue Haupt gegen das Kissen, worauf es ruhte, hingewendet, als
ob er seinen Schmerz darin ausweinte. Der Glöckner wagte ihn nicht zu wenden, er
steckte ihm den Siegelring über die Handschuhe und verschloss den Sarg. Frau Anna
hatte sich jetzt aufgerichtet und wollte ihren geliebten Mann noch sehen; das
verweigerte ihr aber der Glöckner, vielmehr trieb er sie das feuchte Gewölbe zu
verlassen, weil es der Gesundheit verderblich sei. Susanna führte die
Unglückliche hinaus, sie sah nicht mehr die leuchtenden Blitze, die durch das
Kirchengewölbe schimmerten, sie sah immer das graue Haupt des alten Mannes vor
sich und konnte es nicht aus den Augen verlieren. Frau Anna wollte im
Herausgehen aus der Kirche dem Glöckner einiges Geld in die Hand drücken, er
aber weigerte sich es anzunehmen, denn, sagte er, wir hätten ja alle nichts ohne
Meister Antons mutige Verteidigung gegen die ketzerischen Hunde, die unser
wohltätiges Marienbild verbrennen wollten.
    Diese Erinnerung brachte Susannen darauf, der Frau endlich zu eröffnen, sie
habe einen Brief von Anton an sie zu überbringen, aber mit diesen Worten weckte
sie schon den ganzen Eifer der armen Frau gegen ihn; sie verfluchte die Stunde,
wo sie ihn zuerst gesehen, nannte es eine geile Lust, was sie dazu getrieben,
ihn zum Manne zu machen; sie war unerschöpflich alles aufzuzählen, worum er sie
gebracht, was sie aber vor allem ihm nicht verzeihen könne, das sei die Lüge und
der Betrug mit dem silbernen Pokal, den er heimlich ihr entwendet, um ein Pferd
zu kaufen, davon ihn die Ritter herunter geschmissen und wovon er ihr nachher
erzählt dass es die Bilderstürmer gestohlen. Diesen Wunderbecher konnte sie nicht
satt loben und beschreiben, sie schwor, dass er nicht ein Dritteil dafür
bekommen, was er gekostet und wert gewesen. Susanna wollte die Geschichte von
ihrem Freunde nicht glauben sie fragte, wer ihr so boshafte Dinge weis gemacht
habe.
    »Weis gemacht?« fragte sie; »hat mir nicht der Seger den Becher den andern
Tag, nachdem sie beide weggezogen, durch seinen Helfershelfer wieder anbieten
lassen? ja was hatte ich da zu bieten als tausend Flüche für jeden, der daraus
trinken würde.«
    »Glaubt mir«, unterbrach sie Susanna, »Anton mag darin gefehlt haben, aber
er meint es recht ehrlich und gut mit Ihr.«
    »Mag er's meinen, wie er's vor Gott verantworten kann«, rief sie, »mich hat
er um all mein Glück gebracht durch seine Grosstuerei, durch seine schnöden
Gesellen, durch sein Fressen und Saufen; die ganze Welt hat in dem Kerl Platz,
so hat er mir Haus und Hof hinuntergeschluckt und ist davon nicht einmal satt
geworden; dass ihm die Pest in den Magen schlage!«
    Unter so heftigen Reden und bei den gewaltigen Wetterschlägen kamen sie an
Frau Annens Haus. Der Schreiner hatte sich stillschweigend fortgeschlichen, und
Susanna wäre gern weit weg gewesen und hätte lieber nackt und bloss bei einer
Herde die ganze Nacht gewacht, als in so schlimmem Handel Anton verfluchen zu
hören. Sie trat mit ins Haus und bat Frau Anna den Brief zu lesen, sie reise den
andern Morgen früh fort und der Brief sei dringend zu beantworten.
    Kaum hatte Frau Anna den Brief durchlaufen, so riss sie die Augen auf und
lief heftig auf und nieder. Sie schrie: »So ist der Taugenichts auch nicht
einmal zum Landsknecht gut, das sei Gott geklagt, dass er solch Ungeheuer
geschaffen. Andre Kriegsknechte, der Nachbar, brachte erst gestern seiner Frau
einhundert Mark Silbers nach Haus, und meinem Mann soll ich noch Geld nach
schicken, denkt er denn, dass ich Geld machen kann? Sicher hat er sich auf die
faule Haut gelegt und geschmaust statt zu fechten. Geh mein Sohn nur schnell aus
meinen Augen, dass ich nicht wild werde; wie kannst du dich unterstehen, mir
solche Briefe zu bringen!« - Susanna stellte ihr mit rührenden Worten seine Not
vor, sie möchte ihm doch etwas schicken, er werde alles wieder verdienen, das
Glück werde ihm schon günstiger werden. - »Er mag sich auch durchschlagen, wie
ich mich habe durchschlagen müssen«, sagte Frau Anna trocken, »Gott verzeihe
ihm, was er meinem seligen ältesten Knaben angetan hat!« - »Je, was denn Frau?«
- »Seit meines Mannes Abreise wurde er vom Teufel geplagt; wenn er kaum
eingeschlafen war, überfiel ihn ein grosser Schrecken, er rang sich die Hände zum
Erbarmen, und war alsbald wie in Schweiss gebadet; mit offenen Augen hielt er
sich fest an mir, aber kannte mich nicht; wenn ich ihn nun durch vieles Rütteln,
selbst durch Schläge erweckte, da wusste er nichts zu sagen, als von Seger, dem
schwarzen Teufel, der den Vater in die Hölle führte, dann schlief er wie ein
toter Mensch ohne aufzuwachen wohl zwölf Stunden ununterbrochen, am andern
Morgen wusste er nicht, was mit ihm geschehen, er wurde aber von Tage zu Tage
matter und hinfälliger, dass er zuletzt beständig zu Bette bleiben musste. Das war
aber der Teufel, von dem meine beiden Kinder besessen waren und der kam nicht
aus meinem ersten Manne, der war fromm und gut, aber der zweite hatte den Teufel
im Leibe, von seinem Blute kam es auch beim ältesten.«
    Susanna verstand das nicht, sie mochte aber nicht mehr davon hören, vielmehr
kam sie mit erneuten Vorstellungen für Anton Frau Anna wieder sehr unrecht.
Heftig rief diese: »Und könnte ich ihn mit einer Stecknadel loskaufen, ich stiess
sie ihm lieber ins Herz! Geh Kurt, hüte dich vor dem Menschen, er borgt dir
sicher was ab; er soll sich was verdienen, dann mag er sich vor mir sehen
lassen, sonst will ich ihn beim Rat verklagen. Du bist ein guter Junge, Kurt,
dir schenkte ich gerne was, aber sieh, ich hab nur noch wenig; etwas musst du
aber von mir nehmen zum Angedenken wenigstens, wenn's dir sonst auch nichts
hilft. Da hast du den Degen und den Beutel, oder willst du ihn nicht behalten
und willst recht gut sein, so gib es meinem Mann; mit dem Degen sollte er auf
Beute ziehen, und wenn er mir den Beutel voll Geld bringe, dann solle er auch
einmal wieder in meinem Bette schlafen.«
    Das alles hatte sie mit einer Härte gesprochen, die Susannen erschreckte;
sie wäre ohnedies bald fortgegangen, ausserdem ermahnte sie aber noch eine
bekannte Stimme zur Rückkehr nach dem Wirtshause. Güldenkamm sang vor der Türe
zur Ziter:
Von Wein und von Scherz
Entfliehet mein Herz
Durch die drückende Hitze.
Durch die blendenden Blitze
Hab ich umsonst ihr gesungen:
Wohin, ach wohin ist mein Liebchen entsprungen?
Ein lieblicher Duft
Erfrischet die Luft,
Herrlich segnen die Gluten,
Sterne spiegeln in Fluten,
Schmerzliche Glut, die ich leide:
Dahin, ach dahin ist die liebliche Freude!
Und wär sie nun nah,
Und wär sie nun da,
Sähen Sterne sie wieder,
Säng ihr Nachtigall Lieder;
Ich nur allein, ich müsste dann schweigen.
Vorhin, ach vorhin war Liebchen mir eigen!
Susanna wusste kaum, wie sie Abschied genommen und wie sie zur Türe hinaus
gekommen, sie horchte, und das ganze Haus schien ihr in schmerzlicher
Bezauberung; sie ergriff Degen und Beutel, der ihr verehrt war, grüsste kaum und
sprang die Treppen hinunter zur Tür hinaus zu dem Sänger, dem sie ihre Trauer
erzählte, von der harterzigen Frau. »Der arme Anton!« sagten beide; dann aber
griff Güldenkamm in die Saiten und sprach ergriffen mit grosser Lebendigkeit von
allerlei Plänen, wie sie sich künftig durch Schauspielerei ernähren könnten, sie
wären gerade vollständig drei, um alles Traurige und Lustige der ganzen Welt
darzustellen.
    Hätten sie gewusst, wie bedrängt ihr armer Anton zu Pforzheim in der
Zwischenzeit lebte, sie würden sich nicht so leicht beruhigt haben. Seger war
gleich nach ihrer Abreise fortgewandert, indem er Anton versicherte, er habe
kein Geld, er wolle auf Wilddiebere ausgehen; die Pferde, erzählte er ihm, habe
er in der ersten Nach im Brettspiel verloren. Anton war nun ganz sich selbst
überlassen ohne Geld und nicht ohne Misstrauen wegen seiner Landsknechtskleidung
von dem Wirte angesehen, der für alles gleich bar bezahl sein wollte. Die
wenigen Kreuzer, die Seger zurückgelassen, waren bald verzehrt; er wusste sich
keinen Rat, als unerwartet ein Jud zu ihm eintrat um alte Kleider von ihm zu
erhandeln. Es schien ihm ein Himmelsbote, denn gleich fielen ihm seine
Pluderhosen ein, die wohl vierzig Ellen gutes Tuch entielten; er fragte der
Juden, was er ihm zu einem Paar anderer zugeben wollte. Er musst sie ausziehen,
der Jude besah sie inwendig so lange, dass Anton ihn mit der krummen Nase
hineinstiess, dann hielt er sie gegen das Licht; endlich sagte er, sie wären
schon sehr dünn, er wolle ihr aber doch ein Paar andere Hosen dafür geben.
»Verfluchter Jude« rief Anton, »was gibst du aber zu? sonst behalte ich sie.«
    »Nun«, sagte der Jude, »ich will noch ein Paar Handschuhe zu geben.«
    Anton warf ihn über diese unbequeme Rede zur Tür hinaus »Wer solche Hände
hat, braucht keine Handschuhe.« Als er seine Hosen kaum wieder angezogen hatte,
klopfte der Jude wieder an die Tür und bat sehr demütig, er möchte den Handel
ihm nicht versagen, er wolle die Hosen noch einmal besehen. Anton in seiner Not
musste die Hosen wieder ausziehen, der Jude besah sie und sagte, er wolle sie nur
einem Tuchhändler zeigen, weil er nicht wüsste, ob das Tuch auch in der Wolle
gefärbt wäre. Anton gestattete ihm das Gesuch. Der Jude ging fort, es läutete
zum Essen, aber er kam nicht wieder, Anton rief den Wirt und erzählte ihm den
Vorfall, der aber fasste einen Argwohn, er möchte die Hosen schon verkauft und
das Geld ausgegeben haben, denn er hätte keinen Juden bemerkt, er wurde deswegen
zornig und drohte ihm, dass er nicht länger bei ihm wohnen dürfte. Anton war in
grosser Not, er ward um so hartnäckiger gegen den groben Wirt, setzte ihn auf
sein Bett, zog ihm die Hosen aus, die er dann gemächlich anlegte und zu der Frau
ging. Der Wirt schämte sich, wie er bezwungen worden, und bat ihn flehentlich,
ihn nicht in seiner Blösse zu verlassen, da er kein Hemde zu seiner Bedeckung
trug, sondern nur ein kurzes Wams und Brusttuch. Anton machte demnach den
Vertrag mit ihm, dass er ihn ohne Schererei bis zur Rückkehr seiner Freunde wolle
in seinem Hause wohnen und zehren lassen, dafür wolle er ihm jetzt von der Frau
ein Paar andere Hosen holen. Die Frau war verwundert, Anton in ihres Mannes
Hosen, die er mächtig aufgeplatzt hatte, hereinschreiten zu sehen, sie leistete
ihm in Vorzeigung dieses Hausregimentzeichens, Gehorsam und überlieferte ihm für
den Mann ein Paar weite Staatshosen. Anton brachte sie hinauf, er tauschte sie
aber noch gegen die alten Küchenhosen, und der Wirt empfing wieder seine Gäste,
wie sie ihn immer zu sehen gewohnt waren. Eine Not war nun abgemacht, aber eine
zweite war ihm dadurch erwachsen. Die Wirtin hatte solche Hausverehrung gegen
ihn durch seine neue Tracht gewonnen, dass sie ihn erst mit allen guten Brühen,
Markknochen, fetten Brustknochen überlief, die er nicht verschmähte, bis sie
sich ihm selbst auftrug, die er nicht anrühren mochte. Der Mann durfte zu dem
allen nichts sagen, er war des Gehorsams gewohnt und hatte genug im Hause zu
tun; aber der Frau war nichts recht, was Anton im Hause beginnen mochte, es sei
denn, dass er sich zu ihr setzte ans Fenster, wo sie Mohrrüben schabte, und ihr
gute Worte vorsagte.
    Die Frau verlor aus Liebe zu ihm alle gesunde Vernunft; sie kam in den
abenteuerlichsten Trachten, halb entblösst angezogen, mit einem Fächer von
Pfauenfedern, die Röcke schnitt sie ganz kurz und schwenkte trefflich damit im
Gehen; Anton sah mit Verwunderung ihr zu, er konnte sein Unglück nicht
begreifen, dass er allen Weibern so zu Herzen gehe, ohne dass er es wolle. Der
Frau war aber mit solchen Betrachtungen nicht gedient.
    Antons Wunden besserten sich wirklich sehr schnell in der Ruhe deren er sich
hier erfreute, wenn nicht seine Sehnsucht nach Frau und Kindern, nach dem Vater
und nach Susannen ihn ewig im Hause umhergetrieben hätten, denn hinaus liessen
ihn weder der Wirt noch die Wirtin.
    Eines Mittags kam ein gelehrter Mann mit einem Diener angeritten, er trug
ein rotsamtenes Barett auf dem Haupte und einer grünen Mantel; sein Gesicht war
sehr gross, bleich und abgezehrt sein Auge wild, auf seinem Degenknopfe standen
geheime Zeichen Kaum war er abgestiegen, so forderte er vom besten Wein, sagte
aber, dass er ihm nicht schmecke; als die Wirtin dies übel vermerkte, sagte er,
dass er den Wein bald reif machen wolle, goss aus einer kleinen Phiole einen
gelben Tropfen hinein und kostete ihr dann. Hierauf gab er ihn am Tische herum,
und jedermann erkannte in dem Neckarwein einen spanischen Sekt. »Das ist
Kleinigkeit« sagte er, »aber Blei in Gold zu verwandeln, das ist etwas wert.«
Darauf liess er sich jedoch nicht weiter ein; er sprach nur zuweilen von allen
Hauptstädten der Welt, wenn darauf die Rede kam, mit einer Ausführlichkeit, doch
ohne Prahlerei, als wenn er aller Orter zugleich gelebt habe, zeigte einzelne
kleine Merkwürdigkeiten, die er daraus mitgebracht, geschnittene Steine, die
heidnische Götter darstellten, meist von so schändlicher Art, dass die Wirtin lau
lachen musste und Anton gar herzhaft auf den Fuss trat. Nach Tische kramte er sein
Felleisen aus und brachte Spielkarten heraus dabei versicherte er Anton, dass er
durchaus Nachmittags etwa spielen müsse, er möge doch ein Solo mit ihm
versuchen. Anton sagte ihm ohne Umschweife, er habe jetzt kein Geld, er sei wie
ein Fisch im Trocknen; der Fremde versicherte ihm, dass er bloss zum Vergnügen
spiele und das Geld nicht so eilig brauche, er wolle bar bezahlen und wenn Anton
verlöre, so möge er ihm nur ein Handschrift darüber ausstellen. Anton spielte
mit Eifer, weil er nicht gern verlieren mochte; es war ihm zuweilen, als ob
Susanna ihm zurufe, er solle aufstehen, doch blieb er sitzen. Abwechselnd ging
das Spiel, wie es überhaupt im Schlechten geht, bis das Verderben einen ganz
umstrickt, das Blut wallend, die Zeit flüchtig, Gott und die Welt wird
vergessen. Anton stampfte mit den Füssen bei jeder Summe, die höher angeschrieben
wurde, er biss sich auf die Finger und merkte es nicht; endlich dachte er, es ist
doch nur Papier, was du verlierst, und ganz unmöglich zu bezahlen, frisch gewagt
ist schon gewonnen. So verlor er über tausend Gulden; hier hielt sein Gegner
inne und sagte, er sei heute des Spieles überdrüssig, auch habe Anton allzuviel
Unglück an diesem Abend. Anton schwieg und wischte sich den Schweiss von der
Stirn. Sein Gegner hatte unterdessen einen Schuldschein mit Bleistift auf ein
Blatt Papier geschrieben, den Anton, ohne den Inhalt genauer zu prüfen,
unterzeichnete; doch erfuhr er daraus, dass sein Mitspieler sich Doktor Faust
nenne. Nachdem das Spiel geendigt, machte Faust Kunststücke mit Karten, die
unerhört waren, er zeigte das ganze Spiel Anton und befahl ihm, eine Karte sich
zu merken. Er dachte den Eichelbube; nach kurzer Frist zeigte ihm Faust diese
Karte. Anton erschrak vor dieser Allwissenheit; nichts, was jener noch
vorbringen mochte, schien ihm mehr unmöglich; so zeigte er ihm, wie er sich
Messer ohne Verletzung durch die Hand schlug, wie ihm Wasser, das er aus einem
mitgebrachten Trichter eben getrunken, wieder aus dem Ellenbogen durch den
Trichter herauslief. Anton fand sich durch diesen Wundermenschen so angezogen,
dass er seiner Einladung gern folgte und ihn auf sein Zimmer begleitete. Hier
empfing ihn Faust besonders zärtlich, er drückte ihm die Hände und fragte zu
Antons grosser Beschämung, wie er, der so ritterlich aussähe, zu einem Paar
seidenen schwarzen Ratsherrnhosen komme. Anton meinte in der Verlegenheit, sie
seien kühl und leicht für seine Wunde. Faust wünschte diese Wunde zu sehen und
versprach ihm sichere Hülfe, da er seit frühen Jahren aus der Wundarzneikunde
sein Hauptgeschäft gemacht habe. Anton zeigte keine Neigung dazu, da ihn die
Wunde jetzt nicht schmerzte, vielmehr dachte er mit inniger Sehnsucht an seine
Frau und an seine Kinder und fuhr heraus: »Doktor, Ihr könnt so viele Künste,
könntet Ihr mir doch meine Frau zeigen, was sie und die Kinder eben tun und
denken!«
    Faust sah ihn ernstaft an: »Könnt Ihr schweigen und mir danken, so soll es
geschehen, es ist eine schwere Arbeit; geht in das Nebengemach, ich werde hier
meine Kunst treiben.«
    Anton trat nicht ohne zagen in ein Nebengemach, er hatte ein Buch erstanden,
was ihm den Verstand verwirren konnte, er ahnete es, aber die Begierde liess
nicht davon ab. Schon war er im Begriff den Handel aufzusagen, und trat gegen
die Tür, als er seine Frau, wie sie leibte und lebte, doch mager und mit
verweinten Augen zu sehen glaubte, wie sie vor dem ältesten Sohne Oswald
hingestreckt lag, der entseelt und blutig den kleinen Tisch vor ihr einnahm. -
Der Jammer überwältigte in diesem Augenblicke allen Schrecken im Herzen Antons,
er wollte die geliebte Frau erwecken und sich über sie hinstürzen; indem er sich
zu ihr bewegte, geschah ein heftiger Schlag, als flöge eine Mine auf, er sank
nieder; als er erwachte, stand Faust neben ihm, der ihm mancherlei Essenzen
eingeflösst hatte. Anton fragte verstört: »So ist es doch alles wahr, was ich
gesehen?«
    »Ihr habt uns alle in grosse Gefahr gesetzt«, sagte Faust, »durch Euren
gewaltsamen Eingriff ins Geisterreich; wohl mag ich staunen, dass Ihr so
unverletzt zurückgeschleudert seid.«
    Mehr brachte Anton erst weder mit Drohungen, noch mit Bitten aus ihm heraus,
als er aber endlich, da es schon spät geworden, so dringend flehte, nur noch
einmal die geliebte Frau zu sehen, da sagte ihm Faust, er könne es nur mit
grossen Kosten, durch die teuersten Kunstmittel erreichen, er solle ihm also bis
zu einem gewissen Tage hundert Florien oder seine Seele versprechen. Anton
bestimmte den Tag der Rückkehr Susannens und unterschrieb fast blindlings. Mit
trauriger, doch gefasster Seele wartete er jetzt im Nebengemache; endlich fing
die Wand an zurückzuwanken, Dämmerlicht blickte durch eine lange Grabeshalle,
viele Särge standen in einer Reihe. An dem Sarge seines geliebten Bürgermeisters
erkannte er das Grabgewölb der Waiblinger Bürgermeister, er sah es geöffnet, sah
wie sich sein graues Haupt schmerzlich umgewendet hatte, sah den Schrank, worin
seine Frau ihre erste Ausstattung immer sorgsam hegte zu seinen Füssen, und seine
Frau ohnmächtig daneben; doch stärkte ihn Susannens Anblick neben ihr, die mit
helleuchtenden weissen Schwanenflügeln ihre Tränen wegzuwischen schien. Er sah
wie sie Frau Annen erweckte, in dem Augenblicke schwand die Erscheinung. Erst
jetzt, wo Faust mit einem Lichte eintrat, bemerkte er, wie er mit beiden Händen
tief in den morschen Stuhl eingegriffen, worauf er sich festgesetzt hatte, um
diese Erscheinung in keiner Art zu stören; sein tiefstes Innere war erschüttert,
er ahnete tausendfaches Unheil, was er sich nicht zu sagen und zu klagen wusste,
vor allem ängstigte ihn das Wunderbare seines Geschicks. Er fragte jetzt auch
Faust nach seinem Vater, nach dem Grafen von Stock; jener aber wies ihn höhnisch
ab, ob er ihn auch mit solchen alten Lügengeschichten äffen wolle? - Ihn habe
auch einmal dieser wahnsinnige Alte im Jagdschlosse am Walde für seinen Sohn
erklärt, von Burgen erzählt, die nirgend anzutreffen, von Kronen, die nimmer
wieder zu gewinnen; »der Alte sitzt voll Schwindelei, sagt, ist Euch je recht
wohl geworden bei ihm?«
    Das konnte Anton nicht behaupten, er hatte immer eine Angst bei dem alten
Rappolt empfunden, doch hätte er gern die Ehre des Alten verteidigt.
    Faust fuhr fort: »Ich sage Euch, ist der Alte kein Schelm, so ist er ein
Narr!« -
    Bei diesen Worten rief eine ferne Stimme: »Es ist nicht wahr!«
    »Wenn du sprichst, muss ich wohl schweigen«, sagte Faust. Anton aber führte
eine unsichtbare Hand des Schreckens aus dem Zimmer, vor welchem er den Wirt und
die Wirtin in heftigem Streite antraf. »Was willst du hier«, sagte sie, »du hast
mich hier belauschen wollen, nicht wahr, du Simpel?«
    »Es ist nicht wahr, es ist nicht wahr«, rief er mit derselben Stimme, die
Faust eben so mächtig zum Schweigen gebracht hatte. »Es ist nicht wahr«, hallte
es in Antons Seele wider, »alles nicht wahr, die Stimme des Hohnes hat mich
erschreckt und die Stimme des Zauberers belogen; Rappolt ist mein Vater, Oswald
lebt, meine Frau lebt, und statt aller Särge will ich von der ersten
Freudennacht nach der Wiederkehr träumen.« Er versank bald in dem Pfühle, sah
sich auf einer freundlichen alten Meierei, die dem Jagdschlosse seines Vaters
Rappolt glich. Unter einem hellen Himmel zog ein hellgrüner Kastanienwald in
Frühlingsblüte die Berge hinauf, er dachte seiner Tagesarbeit und ging an den
hohen Ruinen vorüber, welche den Weg bezeichneten, und auf jedem fand er einige
alte Münzen, Henkeltaler, Denkmünzen, die er zu sich steckte und der Frau
brachte, die mit ausgebreiteten Armen auf ihn zueilte. Indem er sie an sich
drücken wollte, fühlte er sich von einem Paar Armen umschlungen, er meinte
seinen Traum wirklich, aber leider hatte sich im Erwachen die schöne Gestalt in
die der Wirtin verwandelt. Anton wusste seinen Verdruss nicht anders zu verbergen,
als dass er heftig über seine Wunde schrie. Die Wirtin fürchtete ihn bei ihrer
Annäherung verletzt zu haben und suchte ihn zu beschwichtigen mit den
zärtlichsten Umhalsungen. Da trat Doktor Faust mit einer Nachtlampe herein und
schimpfte mit einer Wut, die schwer zu erklären war, auf die Hauswirtin und
gebot ihr sich augenblicklich zu entfernen. Die Wirtin verstand keinen Spass, sie
fiel schimpfend den heftigen Doktor mit der Schärfe ihrer Nägel an und
verwickelte sich bald so grimmig in seinen Haaren, dass er seinen Diener
Mephistopheles zu Hülfe rief. Der Diener trat mit einer Ofengabel herein, setzte
die Wirtin mit wunderlicher Geschicklichkeit darauf und führte sie von dannen,
worauf der arme Doktor nach seinem Zimmer sich zurückzog, um die Nägelmale
auszuwaschen und mit Zündschwamm zu verbinden. Anton konnte nun wieder schlafen,
aber sein schöner Traum kam nicht wieder, denn es war ein Traum der Liebe.
    Am andern Morgen war jedermann so verstört im Hause, als wäre in der Nacht
Feuer gewesen und jeder hätte beim Retten seine Sachen verlegt. Doktor Faust
hatte ganz frühzeitig schon den Wirt zu sich gerufen und ihm das schlechte
Betragen seiner Frau mitgeteilt; der Wirt konnte sich vor Bosheit kaum fassen,
dass seine Frau sich an einen Menschen hänge, der ihn nicht bezahle und seine
Hosen auftrage, »Sakrifingerhut«, schrie der kleine Knirps, »sie soll es mir
heute bekommen!« Indem er dies gesprochen, trat die Wirtin scheltend herein:
»Fauler Esel, will Er hier schwatzen, will Er sich gleich herunterscheren, es
ist der Junker Blaubart ganz betrunken angekommen und ich habe heute keine Lust
einen Schritt zu tun für die Fremden.« »Gleich, gleich«, sagte der Mann; sie
drehte sich um und er schlug leise ein Schnippchen hinter ihr, dass es Faust
sehen konnte. In dem grossen gewölbten Wirtszimmer wurde bald ein ungemeiner
Lärmen, als würde ein Turnierrennen darin gehalten. Der Junker hatte sein Pferd
mit hereingezogen, weil er den Stall zu schlecht gefunden hatte. Der kleine Wirt
war auf die Fensterbekleidung vor Angst gesprungen, der Junker aber hatte sich
auf sein Ross geschwungen und liess sein Pferd die Schule machen. Die Gasse stand
bald voll Menschen, die diesem ausserordentlichen Schauspiel zusehen wollten und
darüber die blinden Fenster einschlugen; der Junker gefiel sich immer mehr in
seiner Pracht, je mehr die Wirtin und der Hausknecht dazu in die Jammerposaune
stiessen. Anton war erst von diesem Augenblicke herzlich ergötzt, insbesondere
als der Junker mit seiner Lanze die Henkelkrüge sehr geschickt
herunterturnierte, die in feierlicher Ordnung auf einer Seite des Saales an der
Wand gereihet standen; doch als er sie in dieser Kunstübung meist zerschmissen
hatte, da tat es Anton leid, wie manchen guten Zug er damit getan, und befahl
dem Junker, der Krüge zu schonen. Dem Junker kam dieser Zuspruch sehr ungelegen,
er legte die Lanze gegen Anton an, der sie aber sehr geschickt mit der Hand
packte und zerbrach. Als der Junker sich noch nicht zufrieden geben wollte,
sprang Anton mit grosser Gewandteit unter den Gaul, packte die Vorderbeine
zusammen und drängte ihn gegen die Tür, dass der Gaul die Stufen mit ihm herunter
in den Torweg stürzte und der Junker vom Bogen der Tür aus dem Sattel gehoben
auf dem Kampfplatze einsam zurückblieb. Gleich stürzte die Wirtin auf den
Junker, der erst sehr betäubt vom Falle sich nicht wehren konnte, der Hausknecht
fasste seine Hände, der Wirt holte einen Strick und so wurde er schnell
geknebelt, worauf Anton ihn wie ein grimmiges Wickelkind auf das Rataus trug,
um die ganze Angelegenheit zu den Akten zu legen. Der Aktuarius sah mit
Schrecken, wie er den Junker einheften sollte, doch machte er sich unnütze Mühe;
ein Vetter des Junkers, der im Rate sass, befreite ihn mit einem derben Verweise
und nahm ihn in sein Haus zu einer grossen Gastierung. Hier wurde von des
Ratsherrn Tochter der ganze Vorfall dem Junker Blaubart, der sie eben heiraten
wollte, so hart vorgerückt, dass er sich an dem vierschrötigen Kerl, - so nannte
er Anton - ernstlich zu rächen beschloss. Dieser sass eben beim Nachtische, der in
einigen Rettichen bestand, und schnitzte in Gedanken Taler, als ihm durch des
Junkers Knaben ein Ausforderungsbrief für den morgenden Tag, wo er sich schon
der Wirtin, den Schuldnern und dem Teufel verschrieben hatte, abgegeben wurde.
Er versprach sich einzufinden und bat den Doktor nachher ihm Waffen zu leihen,
der aber durchaus nichts davon wissen wollte, sondern ihn zärtlich küssend an
seine Gesundheit und an die Verpflichtungen erinnerte, die er gegen ihn
übernommen. Die Not bestürmte jetzt Anton von allen Seiten, von Seger erhielt er
keine Nachricht, die Wirtin scherzte schon mit widerlicher Zärtlichkeit von der
Nacht, die der nächsten folgen solle; der Wirt sah so spöttisch auf seine Hosen,
als ob er selbst schon drin zu stecken hoffe. Faust verfolgte ihn mit
abgeschmackter Freundlichkeit und selbst der Knecht Mephistopheles erlaubte sich
widrige Scherze gegen ihn, als ob er seine Not durch und durch kenne, er sah
kein Mittel, seinen Mut dem Junker zu zeigen und zu bewähren; er sass trübsinnig
in einem Winkel des Zimmers, wo er am Morgen triumphiert hatte, und spielte mit
den Hunden, die von allen sonst gestossen und getreten nur an ihm einen Schutz
fanden. Faust war mit seinem Diener, zierlich geschmückt, in das Haus des
gastierenden Ratsherrn gegangen, wo er sich durch reiche Verlobungsgeschenke den
Eintritt verschafft hatte. Anton sah ihn mit der ganzen Gesellschaft nach einem
Garten vorüberziehen; zur Zerstreuung wäre er ihnen gern nachgefolgt, der Abend
blickte so herrlich über die Dächer, und die Weiber liessen ihre Augen wie Pfauen
ihren vieläugigen Schweif herrlich glänzend darin umhergehen - aber die Wirtin
hatte sich in die Tür gesetzt, und ihre Zärtlichkeit zu durchdringen war ihm ein
schweres Werk, er blieb also ruhig auf seinem Schemel und wartete, dass der Sohn
der Wirtin aus der Schule komme und ihm mit Geschwätz die Zeit vertreibe.
    Der kleine Georg setzte sich zu ihm und erzählte ihm von allen Gästen, die
im Hause wären. Gegen den Doktor hatte er einen besondern Hass, ungeachtet ihm
dieser allerlei süsse Kuchen geschenkt hatte, er mochte sie nicht essen. Georg
erzählte, wie er von seiner alten Wärterin von einem Wolfe gehört habe, der vor
einem dunklen Walde in einem weissen Zuckerhäuschen wohne er meinte, der Wolf
sehe so aus wie der Doktor, der Wolf habe auch eine Menschenstimme und rufe den
Kindern, die hinter der Stadt spielten, alle Tage zu: »Bübchen, willst du
Zucker?« Endlich ging der eine kleine Bube und ein kleines Mädchen hin nach dem
weissen Hause, wo sie die Stimme gehört hatten, sahen den Zucker so recht sternig
blinken und leckten daran und knusperten was ab. Der Wolf lag ruhig drin und sah
sie recht gut, fragte aber, als wenn er sie nicht sähe: »Wer nagt an meinem
Zuckerhäuschen?« - »Das ist der Wind«, sagten die Kinder, waren etwas still und
nagten dann wieder ein Stück ab. - »Wer nagt an meinem schönen Zuckerhäuschen?«
fragte der Wolf noch einmal. - »Es tut der Regen«, antworteten die Kinder, waren
wieder eine Weile ganz stille, dann aber brachen sie noch ein gut Stück ab, um
es den andern Kindern zu bringen. Da fragte der Wolf zum dritten Male: »Wer nagt
an meinem wunderschönen Zuckerhäuschen?« - Da wussten die Kinder nicht, was sie
antworten sollten, und der Wolf sprang heraus, packte sie mit seinen scharfen
Klauen und drohte ihnen zornig: »Wenn ich euch gleich wie ein Huhn in der Suppe
zerrisse, das wäre mir leicht, aber ihr seid mir noch nicht fett genug zur
Suppe, ihr habt nach Zucker gelüstet, der soll euch werden; da seht, ich sperre
euch in meinen Zuckerkasten, und hier aus dem Gitterchen streckt ihr jeder euer
klein Fingerchen, dass ich sehe, ob ihr recht zugenommen habt, auf dass ihr mir
wohl schmeckt.« - Und da mussten die Kinder in den Kasten, das Bübchen sass beim
Zuckerkandis, der glänzte prächtig wie ein grosser Edelstein, und das Mädchen sass
beim Kanarienzucker, der war so weiss wie Schleier, und sie konnte gleich singen
wie ein Kanarienvogel, als sie kaum davon gekostet hatte, und wenn sie genug
gegessen, da kamen sie beide zusammen und tanzten vor dem Gitter und sahen
heraus, wie die schönen Blumen blühten, und alles bekam ihnen so gut, dass sie
schnell gemästet waren. Da kam der Wolf und rief vor dem Gitter: »Bübchen zeig
dein Fingerchen, dass ich sehe, ob du fett bist«, und der Bube steckte in der
Angst das Stöckchen heraus, worauf der Zuckerkandis gesessen, dass der Wolf mit
dem Kopfe schüttelte und sprach: »Esst nur und seid lustig, dass ihr bald fett
werdet.« So ging es zweimal recht gut. Sie hatten den Wolf ganz vergessen; als
er nun aber kam und wieder sagte: »Bübchen, zeig dein Fingerchen, dass ich sehe,
ob du fett bist.« Da konnte das Mädchen den Stock unter ihrem Zucker nicht
finden; da musste das Bübchen sein Fingerchen herausstrecken und der Wolf lachte:
»Bübchen, wie bist du fett geworden, das soll mir schmecken.« Darauf schloss der
Wolf den Zuckerkasten auf und führte die beiden zitternden Kinder an den Fluss,
liess sie da stehen und wetzte seine Zähne an einem Kieselsteine, dass die Funken
davon flogen. Die beiden Kinder standen ganz blass am Ufer und sahen viele Enten,
die zusammen schwammen, zu denen sang das Bübchen in grosser Angst: »Entchen,
baut ein Brückchen, dass ich kann hinüber, kriege sonst das Fieber.« Die Enten
sprachen: »das soll geschehn« und schwammen dicht zusammen in einer doppelten
Reihe verkehrt, dass Steiss gegen Steiss zu schwimmen kam, und die Kinder gingen
trocknen Fusses über ihren Rücken hinüber. Kaum sah das der Wolf, so wurde er
grimmig und wollte ihnen nach; als er aber mitten auf der Entenbrücke war, da
schwammen sie mit grossem Geschnatter aus einander und der Wolf fiel plumps ins
Wasser, worüber dem kleinen Mädchen vor Lachen der Bauch platzte.
    »Den werde ich wohl zunähen müssen«, sagte ein fremder Mann mit
aufgestreiften Hemdsärmeln, der in das Zimmer trat. »Herr«, sagte er zu Anton,
»das Bad ist fertig, wie mir die Frau befohlen.«
    »Wer hat's befohlen?« fragte Anton.
    »Mutter hat's befohlen«, sagte Georg. Es ist der Zuckerkasten des Wolfs,
worin ich mich noch einen Tag pflegen soll, bis ich fett bin, dachte Anton für
sich, was aber geschehen mag, das Bad ist darum nicht zu verschmähen, mag ich
auch das Weib verschmähen, mein Haar ist mir fast zu krausig, es liegt mir auch
noch genug alt Pflaster von den Wunden auf der Haut.
    So folgte er ziemlich heiter dem Bademeister, der ihm in einem engen
Zimmerchen den Bart und das Hauptaar abschnitt, ein feines Badehemde anlegte
und ihn dann durch einen langen Gang in das grosse Stadtbad führte, das
hochgewölbt, herrlich mit Blumen verziert, von hellfarbigen Lampen dämmernd
erhellt, die vornehme Jugend der Stadt in abwechselnden Kreisen umspannte in
einem Teich. Rings umher lief ein Gang für die Zuschauer, welche mit
Blumenkränzen, die sie herabwarfen, die schönsten Mädchen begrüssten und dafür
von ihnen mit Gesang belohnt wurden, sich auch häufig eingefunden hatten, unter
denen auch der Ratsherr mit seiner Gesellschaft und Doktor Faust zu bemerken
waren. Ein schönes Mädchen, nach deren Saitenschall sich erst mehrere andere im
Wasser tanzend umgedreht hatten, wandte sich jetzt zu den Zuschauern; ihr
Badekleid hatte sich etwas erhoben und schwamm auf dem Wasser, dass sie in einer
Muschel zu schweben schien, sie bat scherzend um eine Gabe bei den Zuschauern
und im Augenblicke war sie mit herabgeworfenen Blumenkränzen wie eine Wiese im
Frühlinge bedeckt, sie dankte artig und warf dann die Blumenkränze auch den
übrigen Frauen zu, dann aber sang sie zu einer Reihe Frauen, die dieses Bad
besuchten, um sich des himmlischen Segens der Kinder zu erfreuen, und die in
einem Kreise unter frischem Weinlaube sassen, das seinen grünen Schein dem Wasser
mitteilte:
In den laulich blauen Wellen
Schwimmt die Hoffnung unsichtbar,
Jedem mag sie sich gesellen,
Und umschliesst die ganze Schar,
Doch die Kränze, die da fallen,
Und die Lieder, die da schallen -
Wer sie auch gespendet hat -
Nicht bezahlen sie das Bad.
Nur die gute Hoffnung lohnet
Reichlich aller Herzen Gunst
Und die Hoffnung gerne wohnet
In der Bäder warmem Dunst.
Gar verschieden sind die Gaben
Guter Hoffnung unsichtbar,
Jede möcht ihr Abbild haben
Und sie stellt sich keiner dar.
Jede muss die Freunde denken
Als die Hoffnung unsichtbar,
Eilt nach Haus mit den Geschenken,
Kehrt zurück im nächsten Jahr.
Anton stand bei diesem Anblick wie versteinert in einem Winkel; alles, was er
aus heidnischen Dichtern in der Schule von Meernymphen und Bacchanten gelesen
hatte, das alles kehrte ihm in diesem reizenden Bade versinnlicht wieder, es war
ihm ein Anklang frohen Lebens, den sein Ohr nie vernommen hatte, Unglück, was
ihn bedrohte, war aus seinen Gedanken gewichen, als ihm eine mit Luft gefüllte
und mit Schellen besetzte Blase plötzlich mit hellem Geklingel auf den Kopf
fiel. Es war ein neues Spiel, das auch ihn mit fortriss; die Mädchen hatten eine
besondere Geschicklichkeit im Auffangen dieser schelmischen Bälle, ihm ward so
leicht in dem Bemühen danach, dass er sich einer der Mitgötter wähnte, als er
plötzlich im Durchschreiten des Wassers auf die Wirtin zukam, die jetzt sich
unter die Badenden gemischt hatte.
    Sie konnte ihm aber seine Lust nicht verderben, vielmehr nahm er den
Rosenbusch, den er in seinen Händen trug, und schlug damit lachend auf die
Entblösste; seinem Beispiele folgten die andern im Scherze, und die Frau, welche
das immer noch für eine Ehre anzunehmen geneigt war, musste sich doch endlich
zurückziehen, weil nach den entblätterten Rosen sehr scharfe Dornen blieben, die
ihre Leidenschaft anspornten.
    Sie war nicht lange fort, so wurde Anton von dem Bademeister herausgerufen;
alle seine neuen Bekannten grüssten ihn zärtlich, er stieg traurig ans Land, auf
welchem seine Sorgen ruhten, das Wasser der Vergessenheit wirkte kaum so lange,
als er darin geschwommen hatte. Als er in das Wirtszimmer zurückgekommen war,
dachte er sich zuerst einen sehr unfreundlichen Willkommen von der mit Rosen
gepeitschten Wirtin, sie hatte sich aber die grosse Aufmerksamkeit, die sie
erregte, gänzlich zum Guten ausgelegt und küsste ihn als den Bringer und Geber
dieser Ehre. In diesem Augenblicke wünschte sich Anton lieber dem Teufel in die
Arme und Faust und Mephistopheles traten herein. Faust hetzte gleich die Wirtin
hinaus, nahm Anton bei Seite und sagte ihm, dass er das Geld morgen notwendig
brauche, um seine Spielschulden in der Ratsgesellschaft zu bezahlen, seine Ehre
sei verloren, wenn er sie nicht am andern Tage abtrage. Anton gab ihm die besten
Hoffnungen; morgen ist die Sündflut, dachte er in sich, da ist alles ein
Aufwaschen, ass und trank ohne Unruhe und erzählte so viele Historien, dass der
Diener des Faust mehrmals hinter dem Stuhl des Herrn zu lachen anfing, ohne den
Befehl seines Herrn ihm Wein einschenkte und mit seinen Zusätzen die
Gesellschaft erheiterte. Halb selig taumelte Anton zu Bette, er erwachte am
Morgen ziemlich spät, dann setzte er sich ans Fenster und sah die Strasse nach
Waiblingen hinunter. »Herr«, sagte Mephistopheles, der leise zu ihm getreten,
»was starren Eure Augen wie ein Wegweiser die eine Strasse hinunter? Wolltet Ihr
mich nur sorgen lassen, Euch sollte niemand etwas anhaben.«
    »Was kannst du mir helfen?« sagte Anton, »der Teufel und ein altes Weib
haben mich in ihrem Rachen.«
    »Grämt Euch nicht, mein lustiger Herr«, sagte noch einmal Mephistopheles,
»ich sehe nach nichts aus, aber ich gebe Euch doch vielleicht noch einen Rat,
der Euch angenehm ist, nur wünsche ich, dass Ihr mir aus Gefälligkeit für die
Dienste, die ich Euch noch leisten werde, einen Brief an meine Geliebte
schreiben wollt, denn seht, ich kann nicht schreiben und bin darum doch nicht
weniger verliebt.«
    Anton versprach's ihm und der Diener drang auf schnelle Erfüllung; »schreibt
alle Perlen, Samt, Edelsteine in den Brief«, sagte der Diener, »dass er nur recht
zärtlich wird.« Anton sah den zerbröckelten Kerl an und konnte sich so etwas wie
Liebe gar nicht in ihm denken; halb lachte er, dann aber dachte er in sich an
Frau Anna und Susanna abwechselnd und so wogte sein Herz in voller Zärtlichkeit,
und seine Feder jagte wie der Helmbusch eines frohen Ritters über das Papier.
    »Meine Geliebte - die süsse Strasse, die zu Dir führt - auf die mein Auge Tag
und Nacht blickt, wird mit den Augen nicht befahren - meine Seele aber wandelt
sie blind und versenkt sich darein und hat keine Rast und kann an keiner Stätte
weilen, bis ich sie vollbracht haben werde. - Schaudernd in Lust denke ich aber
in die Weite, fern von Dir festgehalten, und bin ein fröhlicher Knecht, wenn ich
nur der Fahrt zu Dir gedenke und derer, die darauf wandeln; die beiden, die bei
Dir sind gewesen und mit Deinem liebreichen Troste bald zu mir heimkehren,
lieben werde ich sie, weil sie Dich gesehen; bald bin ich Dir nahe wie sie, und
dann will ich Dich festalten wie meine Feder, die ich sonst beisse mit meinen
Lippen, mein Bart soll Dich wärmen, denn es wird bald Winter, bewahre Dich, Du
geliebter Abgrund aller Zärtlichkeit, vor allem Fremden und bleibe rein und
bleibe mein.«
    Anton fragte, ob es so richtig und wie er unterschreiben solle. »Sie nennt
mich kurzweg Anton«, sagte Mephistopheles, und Anton schrieb seinen Namen ruhig
unter das Briefchen, das er dem armen Kerl einhändigte.
    »Was will der verliebte Racker wieder hier?« erhob sich plötzlich vor der
Tür ein Geschrei, »an die Tür will ich dich annageln, wenn du bei deinen Gästen
horchen willst.«
    Dieses war Fausts Stimme, dagegen gellte ein Strom von Flüchen aus dem Munde
der Wirtin, die von seiner Seite mit grimmigen Nasenstübern beantwortet wurden;
er schien schlagfertig und sie war wirklich im Unrecht, da sie gehorcht hatte,
sie fing nach den Nasenstübern an, ein paar Worte Französisch zu reden, dann
sehr vornehm etwas Spanisches, was sie aber nicht endigen konnte, denn der
Doktor hatte sie sehr geschickt die Treppe hinuntergleiten lassen, ohne grossen
Schaden, doch zur grossen Beunruhigung ihres Sitzfleisches, indem er sich vorne
wie ein Einspänner an ihren Unterrock angespannt hatte. Nach diesem Geschäfte
trat er zu Anton herein und erinnerte ihn an sein Geld. Anton antwortete aus dem
traurigen Schicksale der Welt, dass es sich gewissermassen auf Geld reime,
zugleich konnte er sich diese Einrichtung nach Gottes Weisheit nicht erklären.
Faust lachte hochmütig und sprach: »Da seid Ihr weit zurück, wenn Ihr Gott als
den Schöpfer der Welt anbetet, die Welt ist dem viel zu klug, sie hat sich
selbst am besten zu machen gewusst; so wie ein paar Nachbarn es bald einsehen,
dass es ihnen beiden besser sei, ihre Gärten durch einen Zaun zu trennen, als
gemeinschaftlich auf demselben Fleck Landes bauen zu wollen, so merkten auch
bald die Erde und das Wasser, wenn sie beide etwas eigen haben wollten, so
müssten sie einander gewisse Strecken abtreten; in Hinsicht der übrigen blieben
sie zweifelhaft und sind noch bis jetzt streitig, im Menschen haben sie aber
beide ihren Anteil, und Erde und Wasser scheidet sich auch in ihm.«
    Bei diesen Worten führte sich Mephistopheles so unanständig auf, dass sie das
Zimmer verlassen mussten, aber eben dadurch auf die Schöpfung der Luft und des
Feuers geführt wurden. Ihr Gespräch setzten sie beim Mittagessen fort, wo
diesmal die verliebte Wirtin nicht erschienen war, wogegen der Wirt eine ganz
andere Rolle spielte. Bei der mindesten Nachlässigkeit des Hausknechts fuhr er
heftig auf, auch mischte er sich sehr weise in alle Gespräche der Gäste. Zu der
Weltschöpfung sprach er: »Eine Welt ist immer gegen die andere, wenn die eine
lacht, muss die andre weinen, darum sollte man sich über beides nicht sonderliche
Gedanken machen, sondern die Tränen laufen lassen und das Lachen nicht
verbeissen, denn die Welt bleibt Welt, so lange sie sein wird.«
    »Der Herr Wirt versteht sich auf Politik, wie ich sehe«, sprach Faust, indem
er sich ernstaft stellte; »sind derselbe vielleicht im Rate angesessen?«
    WIRT: »Ich habe die Ehre, ein Ratsfreier zu sein, der bei wichtiger
Gelegenheit zugezogen wird, und da habe ich bemerkt, dass Bileams Esel oft
schärfer sieht, als sein Herr.«
    FAUST: »Das wird Ihre Familie dem Hofe sehr empfehlen.«
    WIRT: »Des Herrn Gunst ist stets die grösste Tugend, der Teufel aber ist der
beste Hofmann.«
    FAUST: »Sagt mir, werter Ratsfreund, wie seid Ihr bei so vieler Klugheit zu
der dicken Sau gekommen?«
    WIRT: »Sie ist bei mir gefallen.«
    FAUST: »Ja heute die Treppe herunter; es hat ihr doch nichts geschadet? Aber
seht, das Horchen kann ich von Eurer Frau nicht leiden.«
    WIRT: »Von wem sprecht Ihr, mein gelehrter Herr?«
    FAUST: »Ich sprach von Eurer Frau; ohne Umstände, sagt mir Freund, wo habt
Ihr so viel höllische Courage gewonnen, solch ein Stock Euch aufzuhalsen?«
    WIRT: »Weil ich nicht danach frage, wo dieses gebrechliche Schifflein meines
Fleisches hinkomme, wenn ich nur diejenige, die darin überfährt, sicher
durchbringe.«
    FAUST: »Aber gedenk doch auch an die dicke Seele des Dreimasters, dem Ihr
als eine kleine Schaluppe angebunden seid.«
    WIRT: »Das Nein ist nicht Nein in eines Weibes Mund, so mag auch die meine
selig werden; übrigens ist der meisten Weiber Leben nichts anderes, als der
Zustand derjenigen, die im Schlafe gehen und reden.«
    FAUST: »Ist denn gar nichts Gutes an Eurem Rhinozeros von Frau?«
    WIRT: »Ein Weib ist immerdar ein Mittelding zwischen Mann und Teufel, denn
beide können sie brauchen und machen sich lustig mit ihnen.«
    Die Frau war hereingetreten und fragte den Mann, was er da wieder geschwätzt
habe. Er sagte ihr liebreich: »Engelskind, ich sagte eben, dass mancher Esel
draussen sucht, der Pferde daheim hat.«
    WIRTIN: »Solch töricht Zeug hat er immer im Munde, was sollen dazu die Gäste
sagen?«
    FAUST: »Eine aufgeweichte Semmel schmeckt nicht sonderlich dazu.«
    WIRTIN: »Mit Ihm rede ich gar nicht, denn Er ist grob; wenn du ein Mann
wärst, Mann, du gäbst ihm eins an die Ohren, statt mit ihm lange zu reden.«
    WIRT: »Wer eins gibt, bekommt zwei wieder, es ist leichter Krieg anfangen,
als ausführen.«
    WIRTIN: »Du hast recht, Herzensschatz!« dabei tat sie, als ob sie sich ihm
nähern wollte und kniff ihn in ein Ohr, dass der kleine Mann vor Angst tanzte.
    Anton hatte dem allen ruhig zugehört, als wenn es ihn weiter nichts angehe,
er dachte an den nächsten Tag und da grauste ihm, besonders vor der Wirtin, die
ihm heimlich auf den Fuss trat und in den Seiten kitzelte. Nach Tische sehnte er
sich nach der Kirche, aber die Wirtin hatte schon wieder die Haustüre besetzt
und wickelte Wolle. Er ging auf sein Zimmer und fühlte ein Bedürfnis sich ein
frommes Bild in der Zerknirschung seines Herzens zu malen, das seine Versuchung
ausdrücken könnte. Er nahm eine Kohle und verzierte erst ein Feld an einer
Bogenseite seines Zimmers, worauf die Abendsonne schien; er zeichnete sich
selbst verwundet, wie er kleine Steine aus Hunger isst, zwei Engel, Susanna und
Güldenkamm, die vor ihm wandeln; rings umgeben ihn die Wirtin, die ihm einen
hohen Becher bietet, der Faust, der ihm die Füsse hält, während er vom Teufel
gefesselt wird und sich deswegen auch gegen den Junker Blaubart nicht wehren
kann, der mit eingelegter Lanze gegen ihn anreitet. Als das Bild so vor ihm
stand, fühlte er ein so heftiges Mitleiden mit sich selbst, dass er sicher
meinte, es müsse Gott auch zu Herzen gehen. Er warf sich nieder und betete so
ausser sich, so inbrünstig und gewaltig, dass er einen Rollwagen nicht hörte, der
vor dem Wirtshause angefahren war.
    Susanna und Güldenkamm, die von einem Kaufherrn mitgenommen waren, traten
ins Zimmer, als er noch auf seinen Knieen lag; sie knieten stille neben ihn hin
und als er endlich aus seiner Gottesnähe zurückkam in die scheue Ferne und
aufwachte und umblickte, da waren seine guten Engel ihm nahe, er umhalste sie
und konnte keine Worte finden. Endlich sprach er ausser Atem: »Nun, was macht
mein Weib? Wie geht's meinen Kindern? Was schreibt meine Frau? Wie hat sie euch
aufgenommen?«
    »Herr«, sagte Susanna, »betet noch einmal, wie uns Gott gelehrt hat in Not
und Trübsal, dann will ich Euch berichten«
    Anton betete und wusste nicht, was er betete, seine Freude war ihm in alle
Glieder zurückgetreten. »Lebt meine Frau nicht mehr? ist mein Anton tot?« fragte
er endlich.
    SUSANNA: »Beruhigt Euch darüber, sie leben beide, aber der Oswald ist
gestorben.«
    ANTON: »Zwei leben für einen, den ich misse, Gott sei gelobt! Der Oswald war
nur ein kränkliches Kind. Wie geht's meiner Frau? Hast du ihr meine Not
geschildert und meinen guten Willen, wie ich künftig still und fleissig leben
will?«
    SUSANNA: »Ich habe ihr alles gesagt, aber sie schilt über Euch, sagt, dass
Ihr die silbernen Pokale verkauft habt.«
    ANTON: »Gott ist mein Zeuge, das hat mich oft gereut, aber meiner grimmen
Not wird sie sich darum doch erbarmen, sie hat doch noch Geld und Gut genug für
mich und sich, wenn sie das viele Hausgerät verkaufen lässt.«
    SUSANNA: »Lieber Herr, ich war dort zur Versteigerung, aber die arme Frau
war so verwirrt, so betrübt über den Tod ihres Söhnleins, dass sie mir alles
versagte; sie meinte, andre Soldaten brächten von ihren Zügen Geld heim, Ihr
aber brauchtet immer mehr Geld dazu, sie könnte Euch nichts schicken als dies
Andenken.«
    ANTON: »Zeig her, liebe Seele, was ist's? Was, diese rostige Klinge und
dieser zerrissene Beutel!«
    SUSANNA: »Es mag wohl ein Geheimnis darin sein; sie schwor, dass sie erst,
wenn Ihr diesen Beutel gefüllt mit Gold zurückbrächtet, Euch in ihrem Bette
wieder aufnehmen wolle, das schwor sie mir und da musste ich gehen.«
    ANTON: »So sei verflucht...«
    SUSANNA: »Flucht nicht im Unglück, denn das reuet im Glücke.«
    ANTON: »Was bliebe mir, wenn ich nicht fluchen dürfte, fluchen aus ganzer
Seele meinem...«
    SUSANNA: »Für einen Fluch ist des Menschen Mund zu klein und seine Stimme zu
schwach.«
    ANTON: »Ich aber kann Steine zermalmen mit meinem Munde und Gläser
zersprengen mit meiner Stimme, fluchen will ich, dass die Erde verdorrt, wo sie
hintritt, das gottlose Weib, für das ich tausendfach mein Leben gegeben hätte,
das verbunden mit mir durch alle heilige Gewalt mich aller Not, allen Teufeln
und Hexen überantwortet, gleichgültig höhnisch, vergangener Lust mich erinnert,
des Bettes meines Glückes, verflucht sei die Stunde...«
    SUSANNA: »Haltet inne, ich halte Euren Mund zu.«
    ANTON: »Fort von mir, ich ersticke in meiner Wut, verflucht sei der Tag, die
Nacht, der Augenblick, wo ich ihr Bett besteige, und flehte sie Voll mir die
Liebe wie ein Almosen, ein Schlag soll meine Glieder lähmen, die sich ihr
überlassen, und wie ein glühendes Eisen soll mir ihr Mund auf den Lippen glühen,
verflucht sei der Glanz ihrer Brust, dass er Schnee trage statt Liebesfeuer, -
ach, wer ist ärger verflucht als ich.«
    SUSANNA: »Herr! Wie ist Er so schrecklich, so verwandelt.«
    GÜLDENKAMM: »Lass ihn doch austoben, da wird ihm wohl.«
    ANTON: »Wohl soll mir werden, das schwör ich! - will leben wie ein Gott,
freudig in jeden Genuss wie ein Meer, das nimmer auszutrinken ist. Wie sah das
Weib aus?«
    SUSANNA: »Schön, aber traurig und blass.«
    ANTON: »Ja so sah sie gewiss aus, schön aber traurig, ich weiss, dass sie schön
ist, aber traurig soll sie werden, dass sie alle Spiegel zerschlagen muss, ich
will ihr zeigen, wie ich bin, im Glücke wohl zu gängeln, aber das Unglück mag
jahrelang mit mir ringen, ich bin glatt wie ein Fisch und will ihm doch
entschlüpfen, will aufziehen vor ihr in ritterlicher Pracht und meinem
Überflusse soll sie zum Auffangen ihren Schoss ausspannen, mich aber empfängt sie
nimmer. Wie ist der Oswald gestorben?«
    SUSANNA: »Der Anton hat ihn in kindischem Spiele geschlachtet.«
    ANTON: »Das tat wohl der Mutter wehe? der Oswald war immer ihr Liebling; er
hätte es nicht tun sollen, aber er versteht's doch schon, seinen Vater zu
rächen, - jetzt sehe ich wohl, Faust hat in allem recht gehabt. Ist Oswald in
einem Sarge begraben?«
    SUSANNA: »Nein Herr, in einem Schrank von Nussbaum, worin die Ausstattung des
ersten Mannes bewahrt gewesen.«
    ANTON: »Richtig, du wunderlicher Doktor, du hast einen Arm wie die Könige,
du kannst weit greifen und die Seelen aus dem Körper wie einen Splitter
herausziehen, wie sticht diese Seele, so lange sie in uns, und ist sie von uns,
dann schmerzt sie doch; du und dein Teufel, ihr mögt mir vom Leibe bleiben, habe
nichts mit euch zu tun. - Nun euch wird dursten nach der Reise, mich auch. Heda
Wein, vom besten!« -
    So tobte er fort und brachte den Hausknecht an den Haaren gezogen, der ihn
zu langsam bediente, schenkte ein und trank selbst wild hinein, jetzt klopfte es
und der Wirt trat mit einer Rechnung herein. Anton lachte ihn an, biss in sein
Glas, zerkaute das Stück zu weissem Schaum und bespie ihn damit; »wer das
verbeissen kann, der schluckt Eure Rechnung noch dazu.« Bei diesen Worten hatte
er die ganze Rechnung zerkaut und heruntergeschluckt; dem armen Ratsfreunde
verging aller Rat, er zog sich fort und wusste nicht warum.
    Der Doktor Faust war der zweite, der seine Rechte bei ihm geltend machen
wollte; Anton empfing ihn artig und entliess auf sein Begehren die beiden
Gesellschafter. Faust hielt ihm seine Rechnung vor, Anton zeigte ihm seine
flache Hand: ob da wohl ein Bart sässe. Als Faust darauf ein scharfes Nimmermehr
antwortete, so fuhr Anton fort, »eben so wenig wachsen mir hier hundert oder
tausend Gulden und Euer Teufel, der ist ein übermässiger Zinsfuss mit seinem
Pferdefuss, ich mag ihn nicht anerkennen.« Faust lächelte dazu und sprach, es sei
ja nicht so arg mit dem Teufel gemeint, es wären nur einige Stücke, die er nicht
ohne einen Mann ausführen könne, der nackt in seinen Kreis träte und einige
unschädliche Zeremonien über sich ergehen liesse, dann sei der Schatz gehoben.
Anton dachte einen Augenblick nach, dann sprach er: »So gescheh es gleich, will
heute alles abtun und Feierabend machen, geht nur in die dunkle Kammer, zieht
Eure Kreise, ich komme entkleidet zu Euch, will Euch so viel Zentner Schätze
ausheben, als der Hort der Nibelungen nimmermehr gewogen.« Mit diesen Worten
trieb Anton den erhitzen Faust, der die Verschreibung ihm übereilt wieder
zustellte, in die dunkle Kammer, denn er hörte schon die nahenden Schritte der
Wirtin, die mit dem ersten Dunkel zu ihm bestellt war, er fiel ihr um den Hals
in scheinbarer Zärtlichkeit, dann bat er sie, sich zu entkleiden und in die
Kammer zu gehen, wohin er durch den Gang kommen wolle, wenn er die Sicherheit
der Gänge erst belauscht hätte. Sie schwor ihm zwar, die Vorsicht sei unnütz,
sie wisse im Hause ihren Befehlen Nachdruck zu geben. Anton liess sich nicht
abhalten, sondern sprang fort und verschloss die Tür hinter sich. Die Wirtin
hatte kaum ihres Schmuckes sich entledigt, so rief schon Faust, der Kreis sei
beendigt, sie glaubte Antons Stimme zu hören und schwebte mit offenen Armen in
die dunkle Kammer, aber welcher Schrecken dämpfte ihre süssen Erwartungen. Faust
entdeckte schnell, er sei getäuscht, und schmetterte sie in einen Winkel; sie
schrie nicht, sie brüllte Rache und Verzweiflung und hätte ihn vernichtet, hätte
er nicht gleiche Wut ihr entgegengesetzt. Das Geschrei wurde bald so furchtbar,
dass Anton ungescheut Mord aus dem Gange auf die Gasse rufen konnte, die Masse
Volk drang mit Licht in die verschlossenen durchtobten Zimmer, aber die beiden
Streiter, uneingedenk ihrer Blösse benutzten die ersten Strahlen nur allein um
sich noch fester zu fassen und zu verbeissen; die Hunde des Hauses wollen ihrer
Frau beistehen, aber der Pudel Fausts biss so grimmig um sich, dass sie bald
heulend den Kampfplatz verlassen mussten. Der Wirt allein von allen hatte genug
kaltes Blut, ein zweckmässiges Mittel zur Beschwichtigung dieses sonderbaren
Religionsdisputs verschiedener Konfessionen, er brachte die Handspritze des
Hauses gefüllt in eine richtige Entfernung und liess auf die Streitenden den
Wasserstrahl fallen; das erkältete ihre letzte Wut und sie wendeten sich
verschüchtert und verwundet von dem Kampfplatze fort.
    Susanna hatte die Zeit schnell benutzt, um den Beutel und den Degen, welchen
sie mitgebracht, vor aller Gefahr zu retten, sie zog Anton und Güldenkamm fort
und so gingen sie mit der Menge ungestört nach dem Wirtshause zum Anker, wo sich
Güldenkamm durch sein Lied von dem Tode des kleinen Oswald bald ein Unterkommen
verschafte, während er Anton und Susannen zu Tränen rührte. Die Abendgäste, die
dort ihren Schoppen zu trinken gewohnt waren, kamen jetzt nach einander von dem
sonderbaren Vorfalle mit der Wirtin zum Hopfenblatte, der fremde Doktor sei mit
entsetzlichen Drohungen gleich fortgeritten, auch sei von dem Augenblicke aller
Wein im Keller verdorben, die Wirtin rase und sei auf Befehl des Rats in Verhaft
genommen, worüber der Mann sehr vergnügt scheine.
    Anton fühlte sich sehr erschöpft von dem Tage, oder vielmehr war ihm das
Wachen so überdrüssig, dass er ewig hätte schlafen mögen, er eilte auf einen
Heuboden, wo ihm zuerst ein weiches Lager vorkam, und entschlummerte sehr sanft.
Es mochte in der Mitte der Nacht sein, da weckte ihn eine Hand, er wachte auf
und meinte noch zu träumen, doch hörte er unter sich die Pferde an den
Halfterketten sich umlegend bewegen; der Mond schien durch die Luke in das
Angesicht einer Gestalt, die ihn bis zum gänzlichen Verstummen verwunderte. Zwei
Gestalten, die einander so wenig glichen, wie Anna und Susanna, jene
hochgewachsen mit blondem Haar, diese klein und mit dunklen Locken, schienen
einander durchdrungen zu haben, um diesen Bund alles Reizenden, was Antons Sinne
erregen konnte, zu errichten. Freimütig trat dieses Gemisch seiner Liebe zu ihm
und sagte, dass sie auf seinen zärtlichen Brief, den ihr Mephistopheles übermacht
habe, weite Wege gegangen sei, sie zeigte ihm dabei den Brief, jetzt sei sie
erschöpft und müsse einige Stunden ruhn. Schon krähten die Hähne und die
Fledermäuse flatterten pfeifend in die Winkel. Bei diesen Reden sank sie müde in
seine Arme; er sah im Mondschein den Brief, den er für Mephistopheles
geschrieben, er sah im Mondschein ihrer Reize Fülle, die süsse Unwissenheit von
Susannens Lippen, den erfahrnen Scherz von Frau Annen, er hielt sich nicht, er
wünschte sich, recht bald Frau Annen untreu sein zu können, aber seine Freude
war nicht gleich seiner Begierde, denn einer Toten gleich schlummerte sie, er
mochte sie nicht berühren. Bald - so hoffte er, werde der Morgen ihm alles für
einen törichten Traum erklären, und schlief darüber endlich ein.
    Die Knechte holten Heu für die Pferde am frühen Morgen, das erweckte ihn, er
sah sich um, halb in der Furcht, dass sein Schlafgesell verraten sein möchte,
halb in der Hoffnung, dass er nie und niemals vorhanden gewesen; mit einiger
Beruhigung sah er nichts, doch wie er so in das Dunkel des Heues blickte, sah er
einen dünnen Schatten, der ihm die Erinnerung jener reizenden Nachtgestalt
wieder ganz lebhaft zurückführte, sie erfüllte alle seine Sinne, aber sie
erfüllte nicht sein Verlangen und er wendete sich trostlos von ihr und stieg
herunter zu Susannen und Güldenkamm, die Abends ihn gesucht und schlafend
gefunden hatten; aus ihren Reden schloss er, dass sie eine fremde Gestalt bei ihm
gesehen hatten. Güldenkamm scherzte darüber und Susanna sah still vor sich
nieder. Mit Umschweifen suchte sich Anton zu unterrichten, was sie gesehen
hätten. Er gab vor, dass es ihm in der Nacht vorgekommen als ob sich ein Mensch,
wahrscheinlich ein Trunkener, zu ihm aufs Bett gelegt, am Morgen habe er aber
niemand gesehen. Güldenkamm meinte, es wäre sonderbar, wer es aber wohl möchte
gewesen sein, der ein so schönes Mädchen in solchem Zustande von sich entliesse.
Anton brach hier ab und fragte, was sie zu ihrem Unterhalte beginnen wollten,
denn er sah wieder den wunderlichen Schatten im Dunkel des Zimmers, der ihn von
den Gegenwärtigen fort hin zu sich locken wollte, er drehte sich deswegen
gewaltsam nach dem Fenster.
    Güldenkamm sprach: »Ihr habt in der Not unterwegs eine Kunst erfunden, die
ich mit höchster Verwunderung angesehen, Ihr habt so viel Steine
heruntergeschluckt, dass ich meine, Ihr müsstet ein Bergwerk im Leibe haben, doch
hat es Euch nichts geschadet bei der Ausfuhr, darum dächte ich, Ihr könntet
diese Beschaffenheit Eures Leibes als ein silberhaltiges Bergwerk ernstlich
benutzen und Euch für Geld damit sehen lassen, auch seid Ihr so riesenhaft
stark, wie ich oftmals bemerkte, dass auch dieses Aufsehen erregen wird. Meine
Singerei kennt Ihr, ich will Euch verkündigen, Susanna mag recht artig das Geld
einfordern; schade, dass wir den Seger nicht bei uns haben, da liesse sich auch
zuweilen allerlei tragieren.«
    Anton seufzte bei diesem Vorschlage, er dachte mit einem tiefen Ausrufe der
Kronenburg und seiner grossen Ahnen, und seiner Bestimmung in der Zukunft und
seines jetzigen Elends, und er meinte gewiss, wenn er so etwas treibe, müsse es
jenem Alten im Grabe bittern Schmerz machen, aber wieder sah er den zärtlichen
Schatten im Dunkel des Zimmers und freute sich durch diese Beschäftigung den
wunderlichen Gedanken entrissen zu werden. »Gut«, sprach er, »der Vorschlag mag
gelten, ich will Steine fressen, dass sich die Steine erbarmen, mach's nur
schnell bekannt, doch muss ich dir sagen, wir dreie sind noch zu vornehm zu
solchem Unternehmen; wir müssten den Seger haben, der gäbe erst dem Dinge einen
gemeinen Beigeschmack, dass es allen gefiele.«
    »Da ist der Seger«, rief dessen bekannte Stimme, die seinem haarigen Körper
voreilte, »was soll er wieder? er ist doch zu allem gut und keiner dankt ihm, da
habt Ihr Fasanen und Rebhühner, heut soll es ein Fressen geben.«
    »Steine werd ich fressen sollen«, sagte Anton traurig.
    »Meinetwegen auch Haare und Karbatschenstiele«, sagte Seger, »jetzt aber
lasst uns zusehen, es wird auf dem Markte ein grosser öffentlicher Zweikampf
gehalten werden!«
    »Da müssen wir gleich hin«, sagte Güldenkamm, »wer will fechten?«
    »Der Ritter Blaubart«, sagte Seger, »mit einem unbekannten Ritter, der ihn
in unserm alten Wirtshause gebunden hat.«
    »Das bin ich«, rief Anton, »bei allen Heiligen, den Lumpenkerl hatte ich
ganz vergessen. Schnell gebt mir Waffen, verflucht dass wir unsre guten Degen im
Walde weggeworfen, die Meisen pfeifen jetzt darauf, und mir will der Tod dafür
auf seinen alten Knochen flöten. Her da, gebt her das alte Schwert, das mein
schändliches Weib mir spöttlich zugesendet hat, es ist wohl unansehnlich, es mag
aber geheime Kraft führen.«
    Vergebens suchten ihn Güldenkamm und Susanna abzuraten und zurückzuhalten;
Seger trieb ihn mit kaltem Spotte in die Schanze. Die Tore waren schon
geschlossen, der Markt mit Sand bestreut und die Schranken, die von alter Zeit
her standen, mit Griesswärteln besetzt; an einer Seite stand eine Totenbahre mit
Kerzen und Bahrtüchern. Der Junker stand mit seinen Freunden an einer Seite und
liess ausrufen, dass dem Fremden, der ihn beleidigt habe, vom Rate ein freier
öffentlicher Kampf, mit welcher Art gleicher Waffen es sei, zugesagt worden, es
sollten sich deswegen alle Weiber und Knaben unter dreizehn Jahren entfernen;
bei Lebensstrafe solle aber niemand durch Wink und Zuruf sich in den Kampf
mischen. Ritter Blaubart hatte diese ganze Festlichkeit seiner Braut zu Ehren
durch den Schwiegervater anrichten lassen, der gegen die Meinung der andern
Ratsherren das alte Recht der Stadt, solche Kämpfe und Gottesgerichte, das seit
einem Jahrhundert nicht in Ausübung gebracht worden war, geltend machte, der
festen Überzeugung, dass sich niemand einfinden werde und dass diese schnöde
Flucht des Gegners, den er mit Faust verwechselt hatte, der fortgeritten, seines
Eidams Ehre in der Stadt herstellen werde.
    Die erste Viertelstunde war schon verlaufen und der Herold wollte eben zum
dritten Male ausrufen, als Anton mit seinem alten Degen in seinem Soldatenwams
und Ratsherrenhosen in Begleitung des rauhen Seger, des feinen Güldenkamm und
seines schönen Knaben in die Schranken trat. Der Junker lachte verächtlich über
den wunderlichen Aufzug, doch bebte ihm heimlich das Herz. Der riesenhafte
sichere Mensch stand da so fest, als ob er wie die steinerne Rolandssäule zum
ersten Gericht hingepflanzt sei. Der Junker wollte erst seine Ahnen wissen,
worauf Seger beschwor, es sei ein ehelicher Sohn des Grafen von Stock, dann
verlangte der Junker, dass er in gleichen Waffen wie er mit Brustarnisch und
Schienen sich darstellen solle.
    Anton sprach: »Schmeisst Eure Rüstung ab, so sind wir gleich gewaffnet, hab
ich gleich nur einen alten rostigen Bratspiess, glaube ich doch gegen Eure
Strahlenklinge zu bestehen.« Dem Anton war ungemein behaglich; wenn er den Degen
ansah, dachte er an seine Frau und es war ihm, als könne er sein ganzes Gift
gegen sie damit auslassen, er lag ihm so leicht in der Hand wie sein Pinsel und
er wollte sein Bild heute rot anlegen. Der Junker hatte ihm noch mancherlei
gesagt, aber er hörte nicht darauf, sondern versuchte für sich die Klinge; der
Anhang des Junkers wurde selbst ungeduldig, was daraus werden sollte, und
ermahnten ihn dringend, so viele Umstände und Kosten nicht umsonst angewendet zu
haben. Seger besonders erhitzte das junge Gemüt dieses Helden, indem er sanft
von einem Hundejungen etwas fallen liess, der Männer herauszufordern wage. Der
Junker warf endlich mit einem Fluche seine Rüstung weg und um sich aus dem
Froste in die Hitze zu bringen, liess er einen Strom von Schimpfreden gegen den
Stocknarren los, so nannte er den Grafen von Stock, der es wage, sich mit ihm zu
messen; er schwor, die Leute sollten etwas sehen, dass sie die Augen wegdrehen
möchten und doch nicht könnten, und schwor, so gewiss ein Teufel in der Hölle, so
gewiss wolle er auf dem Flecke in Antons Jacke, sie war am Herzen, ein Loch
stossen, das kein Mensch zustopfen solle.
    Die Trompeter stopften ihm den Mund, er ging auf Anton mit grosser
Heftigkeit, die aber nach den ersten Wendungen und Stössen immer mehr abnahm.
Anton begriff sich selbst nicht, er war kaltblütig und führte seinen Degen fast
bloss verteidigend aber der Degen zog seine Hand zu den ungeheuersten Stössen fort
Stösse von so seltener Geschicklichkeit, wie er sie in der Zeit bester Übung
nicht ausführen konnte, auch liess er sich nicht hemmen und halten. »Gott sei mir
und dir gnädig«, rief er einmal über das andere, wie Unglückliche, die von
scheuen Pferden dicht an einem Abgrunde fortgerissen werden, und zwar bisher
ihren Weg schneller gemacht haben als sie es erwartet, aber darum doch diese Art
der Beschleunigung in keinem Fall loben mögen. »Gott sei mir und dir gnädig«,
sagte Anton wieder, da steckte seine Klinge, die den Koller des Junkers schon
mehrmals gefärbt hatte, in dessen Herzen, dass er niederstürzte und mit dem
letzten Worte jammernd bekannte, er sei schuld an diesem unseligen Streite
gewesen. Die Seinen sprangen zu seiner Hülfe herbei. »Ade Gertraud, süsse Braut,
ade mein geliebtes Rotross, ade mein Leibhund Waidewund, das ist meine letzte
Stund.« Mit diesen Worten verschied er und Anton stand neben seiner Tat wie ein
Kind, das mit ängstlicher Neugierde ein schauerliches Märchen hört, es wünscht
es bald zu Ende und darum horcht es desto aufmerksamer. Aber nicht lange dauerte
seine Unempfindlichkeit. Ein schönes adliges Fräulein, prachtvoll rot gekleidet,
ihr Hals mit goldnen Ketten behangen, in ihren Haaren eine hohe mit Karniolen
besetzte Heftnadel, stürzte sich durch die Menge der Staunenden auf den
Entseelten; ihr Jammergeschrei mischte sich mit dem Gurren der Tauben, die sich
eben auf einem hohen Ratausturme niedergelassen hatten. »Rächen will ich dich«,
seufzte sie, »rächen soll ich dich« - zog die Nadel aus ihren Haaren, dass die
Locken wie die Tränen bis zur Erde herunter fielen, und warf sich mit Wut gegen
Anton, der sich von dem Jammer weggewendet hatte, aber Güldenkamm hatte mit
seiner Ziter so schnell zwischen beide gehauen, dass die Nadel in einem
klirrenden Zusammenklang durch die Saiten fuhr und im Holze stecken blieb.
    »Auch deine Adern sind verzaubert und klingen wie Erz«, rief sie in
Verzweiflung, »aber leben will ich nicht, wenn ich den Geliebten nicht räche,
will mich allen Fürsten zu Füssen werfen, dass sie mich rächen, dem will ich mich
verloben, der mich rächt, den will ich lieben, der mich rächt, dem bin ich ewig
eigen, der mich zu rächen sein Schwert in diesen verruchten Zauberer stösst.«
Aber keinen der vielen Ritter schien die Liebe, die er nach dem Tode geniessen
sollte, zu einem Kampfe mit Anton zu reizen; ein jeder flüsterte seinem Nachbar
einen andern Grund zu, warum er in diesem Augenblicke mit dem Riesen nicht
kämpfen möchte, die meisten aus Misstrauen, dass so ein Versprechen aus Not nicht
gehalten werden dürfte. Als keiner für sie streiten wollte, warf sie sich wieder
bei dem Toten nieder. »Hier will ich sterben, an deiner Seite ruhen bis ich am
jüngsten Tage Rache schreien kann.« Güldenkamm hatte jetzt die Nadel aus seiner
Ziter gezogen und sang zur Trauernden hingeneigt:
Mit dem Dolch reg ich die Saiten,
Dass sie in den Sonnenstrahlen
Flammen von der Liebe Qualen,
Tönen von dem harten Streiten,
Rächend seiner Jugend Glanz,
Decken mit dem Lorbeerkranz.
Leben nehmet an für Leben,
Der gefallen unterm Schwerte,
Soll sich in dem Lied erheben
Und bestehn auf weiter Erde.
Wie auf einem Demantschild
Trag ich hoch sein herrlich Bild.
Ehre diesem tapfern Knaben,
Der dem Mächtigsten entgegen
Schwang den hellen Ritterdegen,
Denn sein Ruhm wird nicht begraben,
Der Geliebten Klagelied
Rächt durch Ruhm, der nicht verblüht.
Held, du lebst in ihrem Herzen,
Strahlst aus ihren Augen mächtig,
Und es zieht die Nacht so prächtig
Nun herauf zu ihren Schmerzen,
Deines Ruhmes ew'ge Glut
Brennt in ihrer Adern Blut.
Der junge Ritter war jetzt auf die Bahre gehoben und wurde von den Griesswärteln
fortgetragen, ihm nach ging Gertraud, von andern Frauen gehalten, dann folgte
der trauernde Ratsherr, ihr Vater, dessen stolze Eitelkeit dieses Unglück
zugelassen hatte; hart sah er in die Welt und die andern Ratsherren in Besorgnis
bedenklicher Folgen, die dieser Vorfall für sie und für die Stadt haben könne,
hatten sich von ihm abgewendet, die Bürger folgten paarweis. So gingen sie bei
Anton vorüber, der sich nicht verdammen konnte und doch fühlte, dass er zu allem
Unglück verdammt sei.
    Als der Markt leer geworden, zog ein Sturmregen herauf, der das Blut
auszulöschen von raschem Winde hinübergetrieben wurde. Anton trat unter den
Bogengang des Ratauses mit seinen Gesellen, und wie er gegen das Dunkel sah,
erschien ihm wieder die zärtliche Gestalt, die aber jetzt auch von dem
unglücklichen Fräulein Gertraud eine Beimischung zeigte. Er stach mit Wut gegen
die Mauer, wo er dieses Bild gesehen, aber es wich ihm so geschwind aus und
zeigte sich wieder so freundlich in einer andern Ecke, dass er hätte verzweifeln
mögen, seine Begleiter glaubten, er habe den Verstand verloren; die
Gerichtsdiener hingegen, die schon wegen des Kampfes eine Gelegenheit suchten,
an ihn zu kommen, nahmen dies für einen Angriff gegen den Rat und die Stadt, er
weigerte sich nicht; als sie ihn fangen wollten, gab er seinen Degen an Susanna,
die vergebens flehte mit ihm zusammen eingesperrt zu werden. Er wurde in einen
Turm am Markte gebracht, sein Fenster hatte die Aussicht auf den Kampfplatz,
seine Freunde konnten an den Gittern mit ihm reden und fragten ihn, ob er etwas
bedürfe. »Ihr habt ja nichts mir zu geben, könntet Ihr Steine in Brot verwandeln
wie ich, da könntet Ihr noch zufrieden sein«, so sprach Anton, und Güldenkamm
schwor ihm, dass er für ihn noch heute etwas verdienen wolle, und so ging er
beratschlagend mit Seger und Susannen ins Wirtshaus zurück.
    Dort fanden sich ein paar aufgeweckte Bettelmönche, die sich mit Seger
sogleich in ein lustiges Gespräch einliessen, der ihnen den Vorschlag
auseinandersetzte, für einen Freund, der in den Narrenturm gesetzt sei, einen
lustigen Schwank aufzuführen; die beiden Mönche schlugen aus Vergnügen mit den
Händen zwischen den Füssen zusammen und hoben sich während des Vortrags auf den
Zehen, als ob sie überfallen wollten. Seger ging gleich umher und schrie in der
Stadt das schöne Schauspiel von dem Kriege auf der Wartburg aus. Die Tische
waren unterdes schon an einander gerückt und die Anzüge zusammengelumpt; ein
sehr gemischtes Völkchen füllte bald den grossen Wirtssaal. Fräulein Helena von
Eschilbach, von Susannen in den Kleidern der Wirtin, die sie über die eignen
gezogen, dargestellt, erschien zuerst und betrauerte, dass die Ungeschliffenheit
ihres Bruders alle Menschen von ihr zurückschrecke, sie sprach sehr zärtlich von
ihrem vielgeliebten Heinrich von Ofterdingen und erzählte, dass er jetzt zu ihr
komme, die Bekanntschaft mit dem rauhen Bruder zu machen. Güldenkamm kam nun als
Heinrich von Ofterdingen mit seinen zärtlichsten Liedern aufgetreten, so dass
Helena ihm ihre Hand fest verlobte. Diesen schönen Augenblick störte die Ankunft
Segers als Wolfram von Eschilbach, er brach sogleich in erstaunliche
Schimpfreden gegen die Gesangsweisen Heinrichs aus, worüber dieser sehr
entrüstet ihn zum Kampfe forderte. Der Landgraf von Türingen, einer der
Bettelmönche, der auf diesen Lärmen aus seiner Regierungsstube heraustrat,
erkundigte sich nach der Ursache des Streites und als er vernommen, dass die
beiden Edelleute mit einander kämpfen wollen, so hatte er Mitleid mit der
zierlichen Schwäche Heinrichs, über den der ungeschliffene Wolfram kopfhoch
hinausragte, und befahl ihnen, sie sollten den Streit mit den Waffen ausmachen,
die ihnen besser als die kriegerischen anständen, mit der Geschicklichkeit ihrer
Rede, sie sollten Helenas Schönheit preisen, und wer besiegt werde, solle
gehangen werden. Beide nahmen den Vorschlag an; der Landgraf hoffte, dass
Wolfram, den er hasste, unterliegen müsse, da jener in dessen Schwester verliebt
sei. Der grosse Kampf wurde angeordnet, Helena sass auf einem hohen Sessel, dass
beide sie sehen konnten, aber Heinrich wurde von ihrem Anblick so wonniglich
durchdrungen, dass ihm die Worte wie eine überreife Saat früher entfielen, ehe
der Saitenklang sie ernten konnte; wenn er nicht singen sollte, sang er leise zu
ihr sein feuriges Lob, sollte er aber vor allen auftreten, da verstummte er.
Wolfram und alle Kampfrichter verdammten ihn deshalb zum Galgen, ehe sie ihn
aber ergreifen konnten, hatte er sich unter den Mantel Helenas geflüchtet und
der Landgraf erkannte ihn als sicher in diesem heiligen jungfräulichen Schutze.
Heinrich unterhandelte nun hinter der Schürze seiner Helena mit dem Gegner, er
wolle seinen Freund Klingsohr für sich stellen; wenn auch der überwunden würde,
wolle er sterben. Wolfram nahm spottend den Kampf an und der andre Mönch, ein
lächerlicher runder Kerl mit doppeltem Kinn trat mit einem Gesange auf, den er
in der Dreiteufelweise gesetzt hatte und worin er Wolfram aufforderte
fortzufahren. Wolfram fand diese Forderung unchristlich, er wolle nur in
christlicher Weise singen, und da jener nicht abstehen wollte, so rühmten sie
sich beide des Sieges und Klingsohr drohte jenem beim Abschiede, er wolle ihm in
der Nacht so viele Teufel zusenden, dass er ihm doch den Sieg einräumen müsse.
Deswegen ging Wolfram in die Kirche und hinderte also die Trauung Heinrichs mit
Helena, die für die Nacht festgesetzt war; inzwischen gab ihnen der Klingsohr,
der Heinrichs Bedienter war, einen geschickten Anschlag, durch allerlei
Schrecken den Wolfram in der Kirche also zu betörkeln, dass er von dem Trauaktus
gar nichts bemerkte und doch nicht leugnen könnte, als Zeuge gegenwärtig gewesen
zu sein.
    Es ward nun dunkler und das Teater sollte eine Kirche darstellen, Wolfram
schlief und Klingsohr kam und gab ihm einen derben Schlag auf den Hintern,
gleich fing jener an die Schwanenweise zu singen, aber sowie er sich umzudrehen
wagte, wurde er auf alle Art von Klingsohr misshandelt, während Heinrich und
Helena nicht fern von ihm getraut wurden. Beide kamen jetzt und umarmten den
Bruder und Schwager, der in grosser Angst, dass sie der Teufel wären, vor ihnen in
alle Winkel flüchtete. Nachdem Wolfram also abgeängstigt worden zum grossen
Vergnügen des stinkenden Volkes, da erklärte der weise Landgraf die ganze
Geschichte und Wolfram konnte gegen die Heirat nichts einwenden, da alle, die zu
widersprechen das Recht hätten, bei der Trauung aufgerufen worden, er aber
gegenwärtig gewesen war und geschwiegen hatte, alles endigte sich in einen Tanz,
ans Hängen wurde nicht weiter gedacht. Wolfram Seger liess zum Brautkranz
künstliche Blumen aus dem Tisch wachsen, die Helena Susanna mit Freundlichkeit
annahm. Nach dem Ende des Stückes musste Helena Susanna in ihren weiblichen
Kleidern herumgehen, um die freiwilligen Gaben der Zuschauer einzusammeln; da
sie in weiblicher Kleidung, ungeachtet ihres verbrannten Gesichtes, doch
eigentümlich schön erschien, so gab jeder eine Kleinigkeit, die sie sehr
verschämt in dem ledernen Beutel empfing, den Frau Anna ihr verehrt hatte, das
Loch darin hatte sie vorher sorgsam zugebunden, dass ihrem verehrten Herrn nichts
verloren gehe. Kaum hatte sie den Umgang mit ihrem Beutel gemacht, so schlich
sie sich, ohne den Mitschauspielern etwas zu sagen in ein Nebengemach, warf die
weiblichen Kleider ab und sprang hin zu dem Turme, worin Anton lag, und blickte
durch das Gitter zu ihm hin, ehe sie ihm aus Rührung das Mitgebrachte reichen
konnte. Nur nach vielen Bitten hatte Anton eine Lampe erhalten, nachdem ihn das
zärtliche Gespenst im Dunkel wohl zwei Stunden mit zärtlichen Liebesworten
versucht hatte; jetzt sass er bei einem groben Brote und einem Kruge Wasser und
sang, indem er Susannen, die am Fenster stand, wieder für das Gespenst hielt:
Zärtliche Gespenster,
Weicht von meinem Fenster,
Liebe mag nicht hausen
In der Erde Grausen,
Treue mag nicht dauern
In den kalten Mauern.
Mich schmerzt der süsse Blumenduft,
Der lieblich atmet in die Gruft,
Was soll mir flücht'ge Frühlingsgabe?
Ich lieg versteinert in dem Grabe.
Der Wächter rief die neunte Stunde vor dem Fenster ab und sang:
Wie trat ich, Herr, so oft vermessen
Vor dein allgütig Angesicht,
Ich hab dich Herr so oft vergessen,
Doch du vergassest meiner nicht,
Du liessest deine Sonne scheinen,
Als schwarze Blindheit mich bedeckt,
Nun ich will reuig vor dir weinen,
Hast du die Sterne angesteckt,
Du stellst die Wächter meines Lebens
Auf deiner hohen Zinne aus,
Kein Flehen ist bei dir vergebens,
Bewachest auch mein kleines Haus.
Ich ziehe aus mit meinem Horne,
Bewache diese Christenstadt,
O Herr, du strafst mich nicht im Zorne,
Lässt mich nicht werden müd und matt.
Will dir im Schlaf mein Aug erschliessen
Du hast die Furcht mir zugesellt,
Der Wächter muss so vieles wissen,
Die Nacht ist eine eigne Welt.
Susanna stand zwischen den beiden Schreckenstimmen noch voll von dem Tumulte des
Schauspiels und wusste nicht, was sie tun sollte, der Blumenstrauss und das Geld
schienen ihr eine jämmerliche Gabe für die Grösse der Zeit, die vor ihr auftrat,
sie riss unwillkürlich den Beutel auf, wo sie ihn zugebunden, und das Geld fiel
klingelnd in das dunkle Gefängnis, der Wächter rief sie an und sie musste sich
von dem Fenster fortflüchten.
    Anton sah das Geld am Boden und war gleich aufgesprungen, um den unbekannten
Geber zu entdecken, er trat ans Fenster, wo ihm der Wächter eine ernste gute
Nacht bot und weiter nichts sagen konnte, als dass jemand am Fenster gestanden
und rasch davon gelaufen sei. Jetzt las er das Geld auf und erkannte alles für
echte Goldgulden, es war eine Summe, wie er sie in glücklichen Zeiten nicht
besessen, was sollte er jetzt damit in unglücklicher Zeit? Berauschen wollte er
sich vor den Nachgedanken, die auf ihn eindrängten, er hatte noch nie über sich
selbst nachgedacht wie heute, und sein Wesen, was es sei und wie es mit den
andern sich verhalte, wenn er im Kerker durch die Rache des Ratsherrn untergehe,
ob ihm die Versprechungen der Mönche im ewigen Leben gehalten würden, das war
ihm sonderbar umhergegangen und er hätte es vergessen mögen.
    »Wach auf«, rief er dem Gerichtsdiener, »ich will Wein haben!« - »Hat Er
Geld?« - »Ja, alles mit Gott!« - Und so brachte ihm der schwarze Gerichtsdiener
für einen der Goldgulden mehr Wein, als er vertrinken machte. Er setzte die
Flaschen in eine Reihe neben sein Strohlager und leerte in hastiger Eile ein
paar, da ward ihm das Öde und Zweifelhafte in seinem Leben bald verbunden, er
glaubte sich ein Strudel, der alle Schiffe an sich gezogen und verderbt, er
selbst musste sich drehen, ob er gleich lieber in einer schönen Fläche geruht
hätte. »Es ist ein eigner Zauber an mir«, dachte er, »es macht sich alles von
selbst, und wird alles anders als ich meine, bin ich etwa der Zauberer, der
seine Kräfte nicht kennt? Jetzt will ich sie versuchen.« Scheu wendete er sich
nach dem Dunkel und erblickte die zärtliche Gestalt in grosser Nähe, sie sprach
auch zu ihm, als er sein Auge nicht abwendete: »Zauberer, warum ziehst du mich
aus meiner Seligkeit und stösst mit Degen und Blicken gegen mich und verachtest
mich? Deiner Macht muss ich gehorchen, aber du gebietest mir nicht und mein
Dasein wird ein ewiges Warten.« - »Bringe dich selbst um«, rief er wild, »opfere
dich mir, dass ich deiner Dienste froh werde, indem ich dich verliere.« Die
zärtliche Gestalt wendete sich um und sprach: »Ich bringe mich um alles, wenn
ich dich nicht mehr sehe.« - »Vernichte dich«, rief Anton, »hänge dich.« - Mit
einem Sprunge hing sie an seinem Halse: »Hängen will ich mich an dich,
vernichten will ich mich in lauter Zärtlichkeit.«
    Er hatte sich nur hart gestellt, sein Herz klopfte, seine Wangen brannten,
sie aber schlief in seinen Armen ein und mitten im Taumel seiner Wünsche, denen
er nicht mehr gebot, die er nicht zu hemmen wünschte, machte ihn der Anblick
ihres müden sinkenden Auges so schlaftrunken, dass er eingeschlafen war, ehe er
es ahnte. Durch eine wilde Verwirrung von Schrecknissen aller Art wandelte er
träumend und kam zu einem sicheren behaglichen Leben auf hohem Schloss, er hiess
der grosse Zauberer, aber er mochte nicht mehr zaubern. Nun kommen viele Gäste
bei ihm zusammen, darunter auch alle, mit denen er in diesen Tagen zusammen
gewirtschaftet, er sah Seger und den Junker Blaubart unter andern neben sich und
jener bat ihn, an diesem seine alte Kunst zu beweisen, Köpfe abzubauen und
wieder anzusetzen. Ihm ist bei dieser Rede, als ob er die Kunst wirklich
verstehe, aber, so wie einen gefährlichen Sprung, der doch einmal missraten
könnte, gänzlich abgeschworen hätte, aber alle dringen in ihn, er möchte es nur
einmal noch versuchen. Sicher seiner Sache, aber doch ängstlich, weil es das
letzte Mal ist, wo er sich damit zeigen will, haut er den Kopf mit eben dem
Degen ab, den ihm Frau Anna gesendet hat, er wirft ihn spielend in die Luft und
setzt ihn dann wieder auf, aber die Muskeln wollen einander nicht anpassen und
der Kopf sieht ihn starr an. Gleich merkt er, dass einer der Gäste ihn daran
behindert, er bittet flehentlich ihn nicht zu stören, versucht wieder das
Aufsetzen jenes Kopfes, aber es ist durchaus, als wäre ein Stück verloren, es
fügt sich nicht zusammen. Er warnt und droht dreimal, der Kopf fügt sich nicht
zusammen. Da bricht ihm der Verstand auf, er zieht aus einem Fenstergitter eine
weisse Lilie auf, der hieb er die Blume ab, im Augenblicke stürzte Seger neben
ihm tot nieder, aber der abgehauene Kopf fügte sich von selbst dem Rumpfe, der
Junker stand frisch vor ihm und schmähete auf Seger als auf einen verruchten
Zauberer, der ihm nach dem Leben getrachtet habe. Darauf folgten Hochzeiten und
hohe Freuden, es lagen aber viele erschlagene Bauern unter den Tischen.
    Seger hatte während dieser Nacht, wo Anton also träumte, wenig Ruhe gehabt,
er war bald zu Güldenkamm, bald zu Susannen gekommen und hatte ihnen unter
grimmigen Klagen versichert, dass ihm am nächsten Tage der Tod bevorstehe, sie
möchten doch für ihn beten, vielleicht könnte es ihm noch helfen, er wolle
selbst sein Geld zum Messelesen tragen. Der Wirt, den er deswegen weckte,
versicherte ihm aber, dass seit der Bilderstürmung keine Messe mehr in der Stadt
gelesen werde, Seger schlug sich vor den Kopf und hatte im Zimmer keine Ruhe, er
lief durch die Gassen in grimmiger Angst und schrie ein so entsetzliches Wehe,
Wehe, Wehe durch die Stadt, dass viele ehrliche Bürger, die davon erwachten,
heftig erschreckt wurden, doch schrie er so fort bis an den Morgen, wo ihn die
Scharwache nach langem Kampfe festielt. Er wurde auf den Platz geführt, wo
gestern das ritterliche Gefecht gehalten worden war, und stand auf dem Flecke,
wo das Blut vergossen, da klagte er grimmig über Brand, aber die Wächter liessen
ihn nicht von der Stelle. Anton erwachte von seinem Geschrei, halb taumelnd noch
von seinem Traum sprang er ans Fenster, nach der Ursach umzuschaun, da liegen
die Blumen, die Susanna am Abend hatte fallen lassen, und eine Lilie legt sich
an das Gitter, als ob sie daraus erwachsen wäre. Anton, halb noch im Traume, vor
sich den Platz überschauend, wo er gestern den Junker niedergestreckt hatte,
reisst ohne Nachgedanken, bloss in Erinnerung seines Traumes das Haupt der Lilie
ab, ein grimmiger Schrei erhebt sich jetzt auf dem Platze, die Wachen laufen
auseinander, so schrecklich hat Seger sie angeblickt, jetzt liegt er bleich an
dem Boden und scheint entseelt.
    Anton wendet sich fort vom Fenster und sieht im Dunkel die zärtliche
Gestalt, seine Gedanken laufen zusammen, die Angst ergreift ihn, mit einem
Drucke seiner Hand reisst er die eisernen Stäbe seines Fensters aus der Mauer und
steht in einem Schwunge frei vor dem Turme. Keiner bemerkt ihn, denn eben geht
ein grösseres Wunder die gemauerten Stufen zum Marktplatze herunter, des Junkers
bleiches Angesicht blickt aus seiner Rüstung, in der ihn die Seinen in der
Kirche niedergelegt hatten, verwundert auf die Menschen herab, die vor ihm wie
vor einem Geiste flüchten. Anton weiss alles aus seinem Traume, aber er kann es
nicht ausdrücken, sein Auge ist schon auf einen neuen Zug geheftet, der von der
andern Seite der Kirche die Stufen herab kommt. Fräulein Gertraud und ihre
jammernden Freundinnen, die den Leichnam des Ritters bekränzen, rufen in alle
Winde den Frevel aus, der dieses trauernde Denkmal jugendlicher Schönheit ihnen
entführt hat, ihr Schritt ist immer heftiger; wie sie aber den Markt betreten,
sieht zu ihnen der Ritter mit ausgebreiteten Armen, die Liebe des Fräuleins
weicht jetzt der Furcht, sie kann nicht fliehen, aber sie wendet sich von ihm
und schliesst ihre Augen mit beiden Händen. Es ist ein Augenblick, wo alles
stille steht, dass die Ratsuhr über den vollen Markt zu hören ist, dann aber hat
die Seele aus ihrer innersten Tiefe einen Lebensmut getrunken. »Gertraud, ich
lebe«, ruft der Ritter, »geliebte Gertraud, sieh, mein Waidewund kennt mich und
legt sich mir zu Füssen, wende dich nicht fort von mir.« Kaum ruht sie selig in
seinen Armen, so eilt Susanna auf Anton zu und spricht zu ihm: »Herr, waffnet
Euch, oben in der Stadt, im Wirtshause wird heftig gefochten, viel fremdes Volk
ist in der Stadt, die sie verbrennen wollen, alle rufen nach Seger, der muss ihr
Anführer sein.«
    Nach diesem Zuruf reichte sie ihm den Degen der Frau und einen Helm, den sie
gefunden. Schon stürzen die Ratsherren herbei und einzelne bewaffnete Bürger,
viele sprechen von Gegenwehr. »Nieder mit den Mordbrennern!« schreien sie, aber
keiner führt sie, keiner weiss die Macht zu richten.
    Da tritt Anton in ihre Mitte und schreit: »Wer die Stadt lieb hat, der folge
mir!« - Die Gewalt seiner Stimme und seines Ansehens unterwirft sich alle,
Ritter Blaubart selbst stellt sich an seine Seite, keiner kennt ihn und doch
trauen ihm alle, denn mit rascher Einsicht teilt er die Männer ab, lässt die
Halbbewaffneten zurück, teilt die Bewaffneten in drei Rotten, die eine führt er,
die andere der Ritter, die dritte Susanna. Diese drei lässt er durch drei
verschiedene Strassen gegen das Wirtshaus andringen, wo die fremden Mordbrenner
Seger suchen. Wo sie ziehen, geben sie den guten Bürgern Mut sich ihnen zu
gesellen, ihre Zahl vermehrt sich um das Doppelte, ehe sie an dem Ort des
Kampfes ankamen wo die Bürger eben nach allen Seiten vor den Fremden
zurückwichen, aber auf allen drei Seiten, wo sie fliehen wollten, von den
frischen Rotten aufgenommen und in den Kampf zurückgedrängt wurden.
    Der Kampf war über alle Erwartung heftig, die Gegner wohl bewaffnet und so
entschieden auf Sieg oder Tod gefasst, dass alle Anerbietungen von Gnade bei ihnen
abgleiteten; sie selbst hatten hinter sich die Häuser angezündet, dass keiner der
Ihren im Wahne sich zu retten, den Kampf verlassen konnte, dabei schien eine
Religionswut sie zu begeistern, denn sie riefen grimmig den Bürgern »Ketzer!
Ketzer!« entgegen, auch teilte das ausbrechende Feuer die Aufmerksamkeit des
Rats und der herbeieilenden Bürger. Anton half nach, wo er irgend einen Kampf
zweifelhaft sah, ihn selbst scheuten die Verräter, er aber schonte sie nicht und
sein Degen arbeitete in seiner Hand, dass er es selbst nicht begreifen konnte.
Sein Mut drängte ihn vor, und er war fast von den Feinden umringt, als ihm die
bekannte Stimme Fausts zurief: »Komm, flüchte in meine Arme, ich weinte mich
blind, wenn dein Leib durchbohrt wäre.« Aber mit grimmem Zorne, den er nicht
bewältigen konnte - es war ihm, wie in der Kindheit, wenn ihn grosse Mädchen
verspotteten - schlug er auf den Doktor ein und streckte ihn nieder. Jetzt aber
trat ein fahrender Schüler gegen ihn auf, der einen festen Degen hatte, keiner
mochte da nahe treten, viele aber ruhten einen Augenblick, denn solche Künste
hatte noch niemand geschaut, aber wie zwei Ärzte, welche mit ihrer Kunst bei
einer Frau, die beide lieben, gegen einander wirken und beide nichts ausrichten
können, weil sich ihre Mittel und Liebestränke einander aufheben, so fochten
auch diese festen Degen gegen einander ganz vergebens, bis Güldenkamm, der
bisher unter den Fremden versteckt gewesen war, mit des Fräuleins Nadel, die er
in seinem Busen bewahrt hatte, den fahrenden Schüler von hinten durchstach, dass
er umsank. Jetzt konnte Anton erst wieder auf die Seinen sehen, da war aber
alles rückwärts gewichen, ja alles wäre verloren gewesen, wenn nicht die, welche
am Markte von ihm zurückgelassen worden, jetzt verstärkt ihnen zugezogen wären.
Unter diesen waren endlich auch gute Schützen, die ihre Musketen geladen hatten
und den Kampf entschieden, da gab es ein Bücken, ein Schreien zu allen Heiligen,
ein Fluchen und Würgen; die Fremden wurden endlich in den brennenden Hof des
Wirtshauses getrieben, nachdem sie ihre grösste Zahl verloren hatten. In dem
Jammer dieser Glut suchten sie wieder hinauszudringen, da stürzte aber das
Gebäude zusammen und die letzten schrieen mit grosser Wut, aber
unerschütterlicher Festigkeit Rache und Trotz gegen die ketzerische Stadt.
    Jetzt liess Anton den Bürgern noch nicht Zeit ihre Gefallenen zu betrauern
und ihre Gefangenen auszuforschen, dem Feuer musste erst Einhalt getan werden,
das mit unermüdlicher Tätigkeit um sich griff und zerstörte. Anton befahl,
einige kleinere Häuser, die den brennenden Teil mit dem übrigen Teile verband,
niederzureissen, er selbst stieg voran und half mit seiner Stärke; als diese
Arbeit beendigt, liess er die Spritzen an diesen Übergangsorten sammeln, jenen
Teil aber dem Feuer Übergeben, das ihn auch in einer Stunde nach dem Kampfe bis
zu den Kellern ausgebrannt hatte. Die Wachen blieben noch immer an ihren
Stellen; jetzt aber, wo man mitten in dem Jammer und in der Freude der Bürger,
die siegend viele der Ihren verloren hatten, zu der Untersuchung schreiten
wollte, verkündeten die Hörner aller Turmwächter die Ankunft eines Heeres. Das
Zutrauen zu Anton hatte sich bis zu einer göttlichen Verehrung durch den Erfolg
vermehrt, jeder wusste von seinem wunderbaren Kampfe mit dem fahrenden Schüler zu
erzählen, der allerdings ein Erzzauberer gewesen sein musste; jeder fragte jetzt
um seine Befehle und er liess schleunig die Tore schliessen, die Brücken aufziehen
und die Bürger, die endlich alle bewaffnet waren, den Wall besetzen, die
Ermüdeten mit Wein aus den Ratskellern stärken, auch Speisen durch die Weiber
herbeitragen.
    Der anziehende Haufe wurde an seiner unordentlichen Bewegung, an dem
unbestimmten Blinken mannigfaltiger Waffen, an den Feuersäulen, die hinter ihm
aller Orten aufgingen, für ein Bauernheer erkannt, das sich unter Anführung des
armen Konrad schon seit einem Monat versammelt hatte. Bald trieb der Wind den
hohen Staub über die Stadtmauer, auch klang das alte Spottlied: »Der Schwäbisch
Bund kummt, die Gurr gumpt, da drunten, da droben, da kummen die Schwoben mit
der kleine Gillegeia, mit der grossen Gunggung.«
    Anton vertrieb ihnen dieses Zutrauen, indem er auf einen Wink erst alle
kleine Gewehre, dann alle grossen Stücke gegen sie losbrennen liess. Diese
unerwartete Anrede wendete sie in einem Augenblick allesamt um, die Getroffenen
ausgenommen, die jämmerlich am Boden schrieen; sie zogen sich in eine
Entfernung, wo sie vom Geschütz nicht mehr erreicht werden konnten. Kurz darauf
ritt ein Trompeter bis nahe ans Tor und begehrte eine Unterhandlung, Anton musste
auf Begehren der Ratsherren zu ihnen heraustreten. Der Abgesandte bei dem
Trompeter war der arme Konrad selbst, er bot der Stadt Friede und Schonung ihrer
Dörfer an, wenn man ihnen alle Freunde, die wahrscheinlich bei ihnen gefangen
seien, ausliefern wolle, insbesondere erkundigte er sich nach Seger, der über
alle Haufen den Oberbefehl führte. Anton sagte ihm, dass er tot sei. Da wollte
Konrad schier aus der Haut fahren, er schlug sich gegen die Stirne und weinte
die hellen Tränen, ein paar seiner Leute begehrten von ihm Rat, er aber sprach:
»Ich bin nicht Konrad, sondern kein Rat. Der arme Konrad heiss ich, bin ich,
bleib ich!« -Anton erzählte ihm alle Greuel, wie es in der Stadt ergangen, ehe
sie der Fremdlinge Meister geworden seien, Konrad redete granzend dazwischen:
»Ja wär Seger nur nicht so früh gestorben, da wären wir diesen Morgen schon in
der Stadt gewesen und hätten gewirtschaftet; da er uns kein Zeichen mit dem
Tuche an der Mauer gab, so schlichen unsre Kundschafter zurück und meinten alles
bis morgen aufgeschoben; was mag dem guten Bruder angekommen sein, ach gnädiger
Herr, es ist mit der Mutter Maria gar nichts mehr, sonst wär es uns besser
gegangen, sagt guter Herr, was habt Ihr in der Stadt für einen Patron, wir
wollen uns auch darunter begeben.«
    »Hör du arme Seele«, sprach Anton, »du bist auch wohl zum Heerführer
geworden, du weisst nicht wie?«
    »Ja Herr, woher wisst Ihr das?« sprach Konrad, »seht Ihr's mir an der Nase
an? ja verflucht! - meine Nase hat mich immer verraten, seht nur, ich war ein
armer Knecht des Herzogs von Württemberg in Beutelsbach und da sagte mir einmal
der Seger, der Herzog sei ein Mensch wie ich; das kam mir gar wunderlich in die
Gesinnung, ich fragte den geistlichen Herrn, was jenen zum Herzog und mich zum
armen Konrad gemacht habe, der sagte mir, der liebe Gott, und weil wir beide,
der zum Herzog und ich zum Konrad geboren, so seien wir auch höchsten Orts dazu
gewählt und müssten wir dabei bleiben. Damit war ich ruhig und wurde bald darauf
von einem hitzigen Trunk sehr krank und der Geistliche sagte, ich solle mich nur
drein ergeben, ich müsse sterben. Ich sagte ihm aber kecklich: Nein Herr, so geb
ich mich noch nicht, und er musste unverrichteter Sache abziehen, ohne dass er
mich zum Tode vorbereiten konnte. Da wurde ich bald darauf wieder gesund, sass
einen Monat nachher auf meinem Kirschbaum und pflückte mir Kirschen der
geistliche Herr ging darunter weg und sah mich nicht, da liess ich ihm ein
Dutzend Kirschen auf die Nase fallen. He Konrad sprach er, seid Ihr's, wie
geht's Euch? - Recht gut, sprach ich ich bin auf einen grünen Zweig gekommen,
aber sagt Herr, wo wär ich jetzt, wenn ich Euch gefolgt wäre und mich ins
Sterben begeben hätte. - Seht Herr, seit dem Tage kriegte ich einen festen Mut;
was mir nicht recht war, das sagte ich und litt es nicht, wo etwas auszufechten
war, da sprach ich...«
    »Sprech Er nur nicht zu lange«, sagte der Trompeter zu dem Feldherrn, »ich
habe meine Zeit auch nicht gestohlen!«
    »Was ist Er?« sprach der arme Konrad; »Er ist Trompeter, also schweig Er,
wenn sein Kriegsoberster redet, wie soll ich Krieg führen, wenn jeder Schliffel
drein spricht.«
    »Recht so«, sagte Anton, »Ihr versteht's, das ist Kriegsordnung.«
    »Nun hört Er wohl«, sprach Konrad, »der Herr sagt's auch, immer soll ich
unrecht haben, sie sehen es mir alle an, dass ich nur ein dummer Bauer bin. Sie
hören mich doch noch an, was ich so in meiner Dummheit rede, aber die
Ochsenpantoffel lachen mich immer aus.« Nun gnäd'ger Herr, da kam die neue
Pfennigsteuer und die neuen Masse in unser Land, das fand ich ganz unrecht, Mass
ist Mass, und was wir zu geben hatten, das gaben wir lange; als wir so zusammen
waren, sprach ich darüber und alle gaben mir recht; da nahm ich meinen Stock,
machte einen Kreis und sagte: Wer den Pfennig nicht geben will, der komm in
diesen Kreis. Da gingen sie alle hinein und so weit war es recht gut mit dem
Spass, aber da war gleich der Geisshirte und der Hammelmann, die sagten, ich solle
ihr Feldoberster werden, oder der Teufel sollte mich auf der Stelle holen. Es
waren ein paar starke Kerls, rechte Knochenbrecher, was sollte ich mich wehren,
ich sagte ihnen: Meinetwegen, wenn's nicht anders sein soll; wenn unser Herr
Treibjagen hielt, hatte ich oft schon die Jungens angestellt. Da war alles
richtig.«
    Ein Bauer kam jetzt mit grossem Zorne: »Oberster, wir hauen Euch das Fell
lederweich, wenn Ihr nicht bald den Kram abschliesst.«
    »Bedanke mich für eure Dienste«, sagte Konrad, »mag nicht mehr euer
Feldoberster sein, alle Tage Prügel zu kriegen, man mag tun, was man will, das
hält kein Mensch auf die Länge aus; wenn es Euch recht ist, gnäd'ger Herr, so
gehe ich mit Euch in die Stadt, Ihr braucht doch wohl einen Hausknecht, ich bin
fleissig und diese Geschichte soll meinem Vorwitz eine rechte Warnung sein.«
    Die andern Bauern und der Trompeter wollten über den armen knickbeinigen
Kerl mit derben Fäusten herfallen, aber Anton schmiss sie zurück, versicherte ihn
seines Schutzes und liess den Bauern durch den Trompeter sagen, wenn sie nicht
liefen, dass ihnen die Beine ausfielen, so möchten sie wohl nimmermehr gesund
nach Hause kommen, dann ging er mit seinem armen Konrad in die Stadt, den er
sogleich als Knecht in seine Dienste einsetzte und bestallte mit dem Amte eines
Stallknechtes.
    Der Übergang ihres Oberfeldherrn Konrad, die Nachricht von Segers und der
Seinen Tode hatte schon gewirkt, noch ehe Anton dem Rate Bericht über seine
Sendung abgestattet hatte, die Bürger sahen mit Jubel den schnellen Rückzug der
Bauern und sangen Schandlieder hinter ihnen her: »Vor einem Knall sind sie
geflohn, gelobt sei unser Herr Anton.« Alle dankten ihm jetzt feierlichst für
seinen Heldenmut und Klugheit, die Tochter des Ratsherrn, die ihn gestern
erstechen wollte, überreichte ihm mit einem zärtlich verwirrten, beschämten
Blicke einen Kranz und einen herrlichen roten Mantel mit Gold gestickt. Beides
musste er anlegen, um zu dem Rate hinauf zu gehen, der ihn in einer ernsten Rede
begrüsste und den Ritterschlag durch des Kaisers hohe Hand ihm zusicherte. Anton
achtete wenig auf diese Rede, denn hinter dem Redner im Dunkel begrüsste ihn die
zärtliche Gestalt mit solcher Heftigkeit, dass er erhitzt vom Kampfe sich kaum
bemeistern konnte; alle lieblichen Jungfrauengestalten, die ihn mit Gertraud
umgaben, unter denen auch viele waren, die er im Bade gesehen hatte,
verschwanden gegen den glühenden Reiz, die schamlose Lockung der zärtlichen
Gestalt, alles, was zu seiner Ehre gesprochen war, schien ihm zum Ärger gesagt,
denn seine ganze Sehnsucht strebte nur nach dem Augenblicke mit der frechen
Schönen allein zu sein. Neue Qualen hinderten ihn, als jetzt noch die
verwundeten Gefangenen, nachdem die Frauen entlassen, in seiner Gegenwart zum
Verhöre geführt wurden, aber die Lichter, die jetzt den Saal erhellten,
verdrängten den zärtlichen Schatten, er gewann der Fassung und Überlegung genug,
die Entwirrung alles Rätselhaften in den Begebenheiten der letzten Tage mit Ruhe
abzuwarten und abzuhorchen. Der fahrende Schüler, welchen er niedergestreckt,
wurde noch lebend hereingetragen; er litt fürchterlich in den Qualen seines
Gewissens, mehr als an seinen Wunden, und erklärte, dass er in Rom von Mönchen
mit Seger und vielen hundert andern, die sich nur aus Zeichen kannten,
ausgesendet worden sei, die Länder, in denen sich ein Anhang Luters zeigte,
durch Brand und Aufruhr zu verwüsten. Ihm wurde ein Geistlicher gerufen, dem er
sein Bekenntnis schwer atmend in abgerissenen Sätzen ablegte, die Reihe seiner
Brandstiftungen übertraf seine Kräfte; durch geheime Zeichen, die nur den Seinen
bekannt waren, heftete er das Verderben an friedliche Wohnungen, deren Bewohner
sie sahen und als kindische Spielerei duldeten, wo bald das Feuer zu ihrem
Verderben eingelegt wurde; selbst den Vögeln, deren Schutz sonst Segen über die
Häuser bringt, den frommen Schwalben, hatten sie oft brennenden Zündschwamm an
die Füsse gebunden, womit sie in ihre Nester geflogen sind und ihre Jungen zuerst
dem Tode und ihre Schützer dem Verderben übergeben haben. Hier erfuhr Anton, dass
der Brand in dem Frauenhause zu Augsburg, der heimlich sein Gewissen beschwerte,
ein längst beschlossener Bundesstreich dieser Rotte war, der ihnen aber durch
Antons Händel und die dadurch erweckte Besorglichkeit der Bürger weniger
eingetragen hatte, als sie erwartet. Daher der plötzlich wieder erwachte Ingrimm
in Segers Herzen, dessen ganzes Verhalten zu Anton, wie der Schüler meinte, noch
besondere Gründe haben müsse, er sei zuweilen sehr ängstlich um ihn besorgt
gewesen. Der Schüler fieberte dann allerlei Geschichten unter einander, endlich
kam er auf den Anschlag gegen die Stadt, nannte die Orte, die von Seger zum
Feuereinlegen bezeichnet gewesen waren, welches Feuer schon in der Nacht hätte
auskommen sollen, um die Bürger am Morgen in der grössten Verwirrung zu
überfallen, er bezeichnete den Ort der Mauer, wo er mit seinen Gesellen
eingeschlichen war. Er habe im Wirtshause das erste Feuer einlegen sollen und
sei fast damit fertig gewesen, als er in der Kammer von einem fremden Knaben ein
Gebet vernahm, der sich und die ganze Stadt in die gnädige Vorsorge Gottes
befohlen und bekreuziget habe; die Stimme habe aber auf eine Stelle in seiner
Seele getroffen, die er hart zugefroren gemeint und jetzt so weich gefunden, dass
sein ganzer Vorsatz darin versunken. Gleich habe er das eingelegte Feuer
gelöscht und einige Häuser weiter eingelegt, er habe sich erkundigt, wer der
Knabe sei, und man habe ihn Kurt genannt, er sei mit Seger gekommen; was ihn
aber über alle Beschreibung geärgert, denselben Knaben habe er am Morgen im
Gefechte überall gegen sich gefunden und ihm doch nichts anhaben können, er
wisse selbst nicht, wie ihn das so wild gemacht, dass er darum auf Anton so
unermüdlich losgestossen.
    Dieses war seine letzte Erzählung, seine Notseufzer verkündigten sein Ende,
ein Kinnbackenkrampf schloss ihm den Mund, durch den nur ein dumpfes Schlucken
hervorscholl. - Die allgemeine Ermüdung machte der Sitzung ein Ende, die nötige
Vorsicht für die nahende überschattende Nacht auf den Wällen und bei der
Brandstätte beschäftigte Anton noch einige Zeit, dann führte ihn der Ratsherr
Ehinger, der Vater der schönen Gertraud, nach seinem Hause, um ihn dort zu
bewirten und zu betten. Vergebens weigerte sich Anton aus einer Bescheidenheit,
die ihm im Glücke immer eigen war, bei ihm zu nachten, doch drang er sehr
ernstlich darauf, erst von seinen beiden Gefährten, Güldenkamm und Susanna
Nachricht zu bekommen.
    »Für die ist längst bei mir gesorgt«, sprach der dienstfertige Mann, »was
werdet Ihr aber sagen, werter Ritter, wenn ich Euch versichere, dass jetzt die
Zeit gekommen, wo die Schmetterlinge aus ihren Larven fliegen und in der Sonne
glänzen.«
    Anton verstand ihn nicht, jener fuhr fort: »Ihr werdet sehen, dass ich eine
neue Tochter gewonnen, da mein Sohn verloren und meine Tochter durch Heirat mir
entfremdet wird, und einen Sohn wohl zugleich, wenn ich die jungen Leute recht
verstehe. Ihr seht mich gross an und legt den Finger an den Mund, ich will's Euch
erklären, der Kurt von hier, der in früheren Jahren zu Waiblingen bei einem
reichen Vetter sich aufhielt, von dem nach Augsburg geschickt wurde auf die
Stadtschule und dort durch böse Lust verführt, mit einem öffentlichen Mädchen
flüchtete, jetzt hört, leise, denn mein Schmerz kann es Euch nicht laut sagen:
ist eben der fahrende Schüler, der durch Euch und Güldenkamm gefallen ist; macht
keine Entschuldigung, ich lese sie auf Eurem Gesichte; Ihr tatet ein herrlich
Werk, ich hätte es selbst vollbringen müssen, wärt Ihr nicht gewesen, es war ein
Ausbund von Verderben in diesem Knaben. Der Himmel hat ihn mir schon reichlich
in Eurem Kurt ersetzt, der Susanna heisst, und in edler weiblicher Tracht alle
unsre Mädchen an Ausdruck und edlem Leben übertrifft, ein Hieb hatte den Wams
gelöst, ich erkannte ihr Geschlecht und gebe sie ihrem Geschlechte zurück,
Güldenkamm ist zum Vergehen in sie verliebt und verlässt sie keinen Augenblick.«
    Mit diesem Gespräche hatten sie sich dem Hause des Ratsherren genähert,
Anton, von allen Gefühlen bestürmt, nahm doch mit tiefem Schmerze wahr, dass ein
Jammer über den nahen Verlust Susannens diese alle überwältigte; schweren
Herzens trat er in den Saal und mit einem freudigen Rufe sprang ihm Susanna
entgegen, die auf einem Ruhebette eingeschlummert war. Er staunte, als er sie
jetzt anschaute, und vergass darüber, Güldenkamm für die Kühnheit zu danken, mit
der er dem Gefechte zwischen ihm und dem fahrenden Schüler ein Ende gemacht
hatte; er sah sie in vollendeter weiblicher Reife vor sich stehn, so schnell
hatte das tätige Leben, worin er sie gestürzt, ihre Entwickelung beendigt. Ihre
verbrannte Haut, im Antlitz und an den Händen, wie eine fremde Färbung neben dem
weissen Schnee ihrer Arme und ihres Halses, erinnerte an einen Übergang aus einem
sehr verschiedenen Lebensklima; in aller Bewegung erschien sie sonst in dem
Ebenmasse und der geschickten Verbindung einer Frau, die lange in den besten
Gesellschaften ihres Geschlechts gelebt hatte; der Anstand war ihr etwas
Eingebornes, kein Angelerntes, sie konnte ihn nicht lassen, also konnte sie auch
nicht dagegen sündigen. Bald erhoben sich noch andere befreundete Hausgenossen;
Ritter Blaubart, der an seinen früheren Wunden litt und an diesem Tage wieder
ein paar leichte Wunden erhalten hatte, bat Anton zu ihm zu treten und bot ihm
seine Hand, um damit allen vergangnen Streit auf ewig aus seinem Herzen
auszulöschen. Anton gab ihm mit freundlichem Entgegenkommen beide Hände und
schwor ihm, dass er sich auf ihn verlassen dürfe, wo er ihn irgend brauchen
könne. Fräulein Gertraud war bei dieser ganzen Verhandlung in einer wunderlichen
Bewegung, die aber Anton wenig beachtete, weil er innerlich ganz mit Susannen
beschäftigt war; sie wandte sich mit einer Unruhe, mit einer fliegenden Röte so
oft zu ihm, schien um ihren Bräutigam so gar nicht mehr unruhig, und während sie
jenem mit steter Aufmerksamkeit Wein und Früchte und was die Küche vermochte
darbot, liess sie diesen mehrmals nach einer Labung bitten, die sie ihm dann
eilig darreichte, um von Anton etwas Neues zu vernehmen. »Mein Kranz hat sich
auf Eurer Stirn verrückt«, sagte sie plötzlich, als nichts seine Aufmerksamkeit
gewinnen wollte, stellte sich vor ihn, rückte an dem Kranze und drückte ihm
zuletzt einen bekämpften Kuss auf die Lippen, von dem sie aus Verlegenheit
überlaut lachend, sich zu ihrem Vater umdrehte und sagte: »Lieber Vater, den Kuss
war ich unserm Befreier noch für alle jene schuldig, die ich gestern auf meinen
Knieen verschwendet habe, um ihn schnell hinrichten zu lassen.« - Der Vater
lachte und sprach: »So seid ihr Mädchen, so war auch meine Frau selig; wenn ich
an einem Tage alles getan hätte, worum sie mich gebeten, sie hätte mir dafür am
nächsten Tage die Augen ausgekratzt; was wird aber der fremde Ritter dazu sagen,
von einem Mädchen geküsst zu werden.« - »Ihr seht ja, dass ich schweige«, sagte
Anton, »denn im Grunde küsst das Fräulein in mir nur ihren Ritter, weil sie ihn
nun ungestört besitzt und mir etwas Verdienst darum zuschreiben will.«
    Fräulein Gertraud schien mit dieser Auslegung nicht zufrieden und durfte es
sich doch nicht merken lassen; als sie aber Antons Seite beim Nachtessen besetzt
hatte, da drückte sie ihm zärtlich die Hand, und er musste es erwidern, weil er
überhaupt niemand leicht etwas abschlagen konnte. Doch beschäftigten ihn diese
Zeichen wenig, er sehnte sich nach einem Augenblicke mit Susannen allein zu
sein, und doch fand sich keiner durch die stete Gegenwart und Gesprächigkeit des
Fräuleins, die immer lebhafter in ihn drang, alle kleinen Umstände dieser Tage
zu erfahren. Anton erzählte endlich den ganzen Vorgang ausführlich, vergass auch
der Goldstücke nicht, die in sein Gefängnis geworfen worden und die dem
Ratsherren durch ihre Jahreszahl als äusserst selten bekannt waren, er
behauptete, dass niemand in der Stadt einer solchen Freigebigkeit fähig sei.
Anton erzählte dann auch von seinem wunderbaren Traume und von den Blumen, die
er am Fenstergitter gefunden, dabei bemerkte er, dass sich Susanna entfärbte, er
brach also ab, weil er eine weibliche Gespensterfurcht in ihr voraussetzte, und
ging zu der fröhlichen Unterredung mit dem Obersten der Bauern über, den er zu
diesem Zwecke ins Zimmer kommen liess, nachdem er sich einen Teller voll kleiner
Kieselsteine bestellt hatte. »Konrad«, sagte Anton, als jener besorglich
eingetreten und an der Türe stehen geblieben war, »Konrad, wie geht es dir?« -
»Den armen Konrad hungert«, antwortete Konrad, »und da sage ich immer, ein
Mensch ist doch immer ein Mensch und alle Menschen sind Sünder, ich bin freilich
ein Sünder, aber ein Mensch muss doch immer essen.«
    ANTON: »Konrad, möchtest wohl gern mit deinem Herrn an einem Tische essen.«
    KONRAD: »Und aus einer Schüssel noch lieber.«
    ANTON: »Meinst du denn, wir essen mehr als ihr armen Leute?«
    KONRAD: »Ihr esst doch, so viel Ihr wollt und was Ihr wollt.«
    ANTON: »Das weisst du nicht, sieh Konrad, wenn ich so feste Bauernklösse sehe,
womit Ihr Euch die Köpfe einschlagen könntet, da hab ich immer grosse Esslust,
aber die sind zu schlecht auf einem Herrentische, die darf ich nie fordern, komm
einmal her, ob dir unsre Kost schmeckt und ob sie dir wohl bekommt.«
    Konrad setzte sich ohne Umstände Anton zur Seite, der einige Kieselsteine
vom Teller nahm, mit einer Brühe übergoss und herunterschluckte; der arme Konrad
war freilich schon von dem Geklapper dieses Gerichts überrascht, meinte aber, es
seien indianische Eier, nahm sich eine tüchtige Portion und biss sich darauf
einen Zahn aus.
    Anton fragte, ob er sich den Backenzahn ausgebissen hätte.
    »Ich bin der arme Konrad«, sagte er und ging unter dem Gelächter der
Ratsherren heraus, »und will der arme Konrad bleiben, Hoffart will Zwang haben,
von solcher Speise kriegt unser einer Zahnweh.«
    Anton warf ihm einen Braten zu, der stehen geblieben war; Konrad vergass den
Schmerz und rief: »Heida, hier ist's besser unterm Tische als an dem Tische
sitzen.« Anton sehnte sich jetzt nach Ruhe, es wurde seine Gesundheit getrunken
und die Stadtpfeifer liessen sich mit einer Musik vor den Fenstern hören, er nahm
ein Licht und dankte allen, da nahm ihm Susanna nach alter Gewohnheit das Licht
ab und wollte vorleuchten, Anton sah sie traurig an. »Seit du in diesen Kleidern
umhergehest, kannst du mir nicht mehr als ein dienender Knabe vorgehen, Kleider
machen Menschen!«
    »Lieber Herr«, sprach sie züchtig, »ich möchte mit Euch ein Wort allein
sprechen, ist mir das auch nicht vergönnt?«
    »Nicht zu aller Zeit und an jedem Orte«, sagte er, »führe mich nicht in
Versuchung, sondern erlöse mich vom Übel.«
    SUSANNA: »Lieber Herr, es ist etwas sehr Gutes, was ich Euch sagen möchte.«
    Anton wollte sie eben mitnehmen, als Fräulein Gertraud dazwischen trat und
Susanna mit der Bitte an sich zog, sie möchte bei ihr schlafen, der Ritter sei
müde und bedürfe der Ruhe. Susanna schien sich ihr ungern zu fügen, Anton ging
auf sein Zimmer, schlaftrunken und von Susannen erfüllt, vergass er aller
Zärtlichkeit des Gespenstes, dann wollte er einschlafen, aber die zärtliche
Gestalt stand wieder mit unendlich freundlichen Reden vor ihm.
    »Wer lohnt deine Mühe, wer preist deinen Ruhm«, sprach sie, »ich allein,
alle andern denken nur an sich, wenn es dunkel wird, ich sehe dann, ob du
schläfst, und wache, wenn du von der Welt nichts weisst, bei deinem Lager; wer
ist dir treu? ich allein; wer ist schön? ich allein, denn in mir sind alle, die
dich lieben.« - »Schön bist du«, sagte Anton, »ich möchte dich malen, wart, dass
ich dich anschaue und in mein Gedächtnis präge.« - Kaum blickte er sie so fest
an, so war sie verschwunden und er schlief ruhig bis zum Spätmorgen. Kaum war er
angekleidet, so klopfte es mehrmals furchtsam an seine Türe, er öffnete und es
trat Susanna in der Kleidung eines Mannes zu ihm herein. »Sollte mich der
Schmuck von Euch trennen«, sprach sie, »lieber wollte ich in Lumpen umhergehen,
verwundert Euch nicht; bis ich in den Kleidern einer Frau für Euch sorgen kann,
bleibe ich so, ich habe Euch viel zu erzählen, gewährt mir Aufmerksamkeit. -
Jener Unbekannte, der Euch die Goldgulden verehrt hat, war ich, denn ich hatte
auch die Blumen an Eurem Fenster zurückgelassen, wie aber die Kreuzer und
Heller, die wir im Wirtshause mit Komödienspielen erworben haben, sich in
Goldgülden verwandelt haben, weiss ich nicht, so wenig, wie die Blumen, die Seger
auf dem Tische künstlich hatte wachsen lassen, ihm selbst so gefährlich werden
konnten. Seht hier den Beutel, derselbe den ich von Eurer Frau empfing, ich
meine, dass in ihm die goldmachende Kraft heimlich verborgen sei, Ihr müsst ihn
versuchen, denn wahrhaftig, in dem Degen, der so unscheinbar ist, müssen auch
geheime Kräfte wirken, da er in so vielen Angriffen glücklich bestanden ist.« -
Sie versuchte jetzt den Beutel und warf ein paar kleine Münzen hinein; wie sie
diese umschüttelte, fielen ein paar Goldstücke heraus. »Bei Gott«, rief Anton,
»das ist ein Fortunatussäckel, nun bin ich für immer ein gemachter Mann, will
mich aber in acht nehmen, dass ich nicht so schändlich darum komme, wie die alte
Historie von jenem berichtet. Gleich, Susanna, lass einen Goldgulden in Kreuzer
wechseln, ich will mir so viel Geld in dieser edlen Münze prägen, dass ich meiner
verfluchten Frau ein Geschenk mache, das mehr wert ist als ihre alten Becher und
alle alten Klappern ihres Hauses zusammengenommen, bei Gott, sie soll eine
Achtung gegen mich bekommen, als wäre ich ein Dukatenmacher, und wenn sie sich
vor mir auf die Knieen wirft, so will ich stolz vorüberreiten und mein Pferd
soll ein Paar goldne Hufeisen fallen lassen, die sie begierig hinter mir
aufnehmen wird und wenn auch Pferdeäpfel darauf lägen; mach schnell und wechsle,
es ist die einzige Lust, die ich kaum erwarten kann, dann will ich auch dem
Ratsfreunde seine Hosen wieder schicken und meine Schuld dreifach bezahlen und
ein Bündel Ruten, womit die Frau zu ihrer Bessrung wie ein Sandland bepflanzt
werden muss, dabei legen, auch den andern Wirt will ich bezahlen und dann Almosen
geben, dass Pforzheim in einem halben Jahre schöner aufgebaut ist, als es je
gestanden.« - Heiter ging er in diesen Gedanken auf und nieder, von Würden zu
Würden hob er sich empor, erkaufte Länder, erweiterte durch Eroberung, und die
Krone auf der Kronenburg, die das vereinigte Deutschland beherrschen sollte,
fühlte er schon auf seiner Stirne, ihm ward so wollüstig, da stand die zärtliche
Gestalt in dem Dunkel des Zimmers vor ihm. »Und dir«, rief er wütend, »dir werf
ich diese Handvoll Dukaten an den Kopf, damit du kommst, wenn ich dich rufe, und
wegbleibst, wenn du mich störst.« - Sie verschwand, Susanna trat mit einem
Beutel voll kleiner Kupfermünzen herein, die sich schnell in einen Schatz von
Golde verwandelten. Er verfuhr damit, wie er beschlossen, ein angesehener
Kaufmann schaffte ihm ein Paar viel prachtvollere Becher, als die er damals
seiner Frau heimlich verkauft hatte.
    Güldenkamm, der von dem Kampfe kaum ausgeschlafen hatte, musste die Wirte
bezahlen und necken, dann liess Anton in der ganzen Stadt die Armen, die beim
Brande das Ihre verloren, nach dem Ratause vorfordern, um dort eine
Unterstützung zu empfangen. Welcher Jubel von allen Seiten, als die Goldgulden
so leicht wie die Kreuzer verschenkt wurden, der Beutel musste den ganzen Tag
ununterbrochen arbeiten.
    Sehr verlegen trat aus der Menge sein erster Wirt im Hopfenblatte, der
kleine Ratsfreund, zu ihm: »Die sich zuerst verkennen, erkennen einander
späterhin am besten, wer zuletzt lacht, der lacht am besten, meine Frau ist
durch Gottes Fügung verbrannt, ich heirate in meinem Leben nicht wieder,
herzlichen Dank für die gnädige Zahlung, ich habe viel verloren in diesem
Brande, aber meiner Frauen Tod macht aus einem geschlagenen einen reichen Mann,
ich und mein Georg wissen vor lauter Vergnügen nicht, wo uns der Kopf steht; was
von Gott kommt, das gedeiht durch Gott, was aber vom Teufel kommt, das geht mit
dem Teufel unter, meine Frau ist wie ein Feuer in mein Haus gekommen und mit dem
Feuer hinausgezogen, ich verlang nicht selig zu sein, wo sie es ist.«
    »Ja«, sagte Anton, »es ist erschrecklich, wie leichtsinnig wir Männer zu den
Weibern kommen, hütet Euch künftig davor, wenn Ihr Eure Hosen behalten wollt,
Ihr habt der ganzen Stadt immer so gut geraten, aber die ganze Stadt ist dafür
an Eure Frau geraten und das taugt nicht.«
    So schieden sie mit weisen Sprüchen auseinander, Güldenkamm kam wie aus
einem Triumphzuge aus allen Kneipen der Stadt zurück; ganz behangen mit Kränzen
und Bändern wie eine Festtagskerze, schüttelte er sich sehr ärgerlich, als Anton
ihm anzeigte, dass er Rüstung und Pferde gekauft habe, um mit dem anderen Morgen
nach Waiblingen zu ziehen. Desto froher war Susanne, ein geheimer Kummer musste
sie in der Stadt beschwert haben, ihre Freude war heftig, sie sprang gegen ihre
Gewohnheit hoch auf und rief: »Nun wird alles gut, Ihr kehret heim zu Eurer
Hausfrau, lebet treu und ehrlich und ich kann ungekränkt in Eurer Nähe mich in
allem unterrichten lassen.« - »Nein liebes Mädchen«, sagte Anton, »du hast
meinen Fluch gehört, jenes Glück ist für mich kein Wunsch mehr, es liegt hinter
mir, aber ich will seine Grabstätte noch überreiten, um seiner zu spotten, es
liegt mir wie ein Balken auf meinem Haupte, dass mein Weib noch immer in sich
triumphiert, wie ich in Not schmachte, als ein armer Wicht und meint mich
bestraft für den unschuldigen Leichtsinn, der mich erheitert hat, sie soll es
sehen, dass das Glück mir ewig treu ist, ich will ihr nichts schuldig bleiben,
reichlich will ich ihr ersetzen, was sie mir geschenkt, aber wenn sie dann mich
verlangt, da soll sie mich suchen und nicht finden, wie ich sie nicht gefunden
habe, als ich sie suchte.« - Mit diesen Gedanken legte er sich auch ins Bette,
er sah sich schon in stolzer Rüstung über den Markt reiten, liess sein Pferd auf
den Hinterfüssen tanzen, und vergass darüber der zärtlichen Gestalt zu achten, als
ein leises Pochen seine Tür erschütterte und Fräulein Gertraud zu ihm ins Zimmer
trat, in einer Hand eine Blendlaterne, in der andern einen schön geschliffenen
Degen. Anton glaubte im ersten Erwachen, sie komme in der Absicht ihn zu
ermorden, aber ihr freundliches Niederknieen an seinem Bette, der Kuss, den sie
auf eine Hand drückte, liess ihn eher einen Liebesgruss hoffen, wozu sein Herz
auch nicht unwillig sich regte. Er hoffte ein Wort von ihr zu hören, aber sie
schwieg, sah ihn zärtlich an und reichte einen Degen mit dem etwas ungeduldigen
Ausrufe: »Da, da!« - »Soll der mein sein, soll ich ihn zu deiner Ehre führen?« -
Sie nickte und fing an ihn zu küssen, einerlei was sie von ihm wegriss, was
Antons Begierden nicht bloss entflammte, sondern auch seine Ehre gewissermassen,
die sie in Zärtlichkeit zu überwältigen strebte. Dieser Wettstreit von
Höflichkeit verwirrte ihre Lage immer mehr, war ein Kuss ungewöhnlich
vertraulich, so wurde der Gegengruss frei und der dritte unzüchtig, der vierte
hätte Anton zur Schändung der Ehre der schönen Verlobten veranlasst, wenn sie
nicht zurückgesprungen wäre und geweint hätte. Anton schauderte wie ein armer
Sünder darüber zusammen. »Was begegnet Euch Fräulein, welch ein Unglück schwebt
Euch wie ein Gespenst vor!« - Sie aber antwortete: »Ich will allem mich
unterwerfen, aber schenke mir den Degen, womit Ihr meinen Ritter überwunden
habt, er wird ihn und seine wilden Launen in meine Gewalt geben, wisset, dass
schon zwei Frauen durch seine Heftigkeit gestorben sind.« - »Mein Fräulein«,
sagte Anton, »der Degen ist mir lieber als das teuerste Glied meines Leibes, Ihr
fordert zu viel und es ist Torheit von Euch; was der Degen wirkt, das wirkt er
nur in meiner Hand, in Eurer Hand ist er eine Gerte.« »Bitte, bitte«, sagte sie
kindisch, »ich brachte Euch dieses prächtige Schwert, dessen Knopf in Italien
von Benvenuto Cellini in Stahl so herrlich geschnitten des Herkules Taten
darstellt, seht ihn bei der Lampe, wie wunderbar, und Euer Degen dagegen, halb
verrostet, der Korb zerbrochen und klappernd, wie könnt Ihr mir diese
Kleinigkeit versagen, und dass ich ihn führen kann, bei Gott, das solltet Ihr
gleich sehen; wenn Ihr ihn mir geben wolltet, ich würde Euch zeigen, und damit
nieder strecken und mit tausend Küssen züchtigen, macht die Probe!«
    Anton konnte aus ritterlicher Gesinnung nichts dagegen einwenden, er reichte
ihr seinen rostigen Flederwisch und bewaffnete sich mit dem neuen Degen.
Gertraud drang lustig auf ihn ein, er vermied es erst sie zu berühren und
wendete nur ihre Hiebe von sich ab, deswegen ging er einigemal zurück, der
wunderliche Geist des Degens hatte sie besessen und wäre er nicht durch Zufall
in sein Bette gestürzt, er möchte verloren gewesen sein. Er schämte sich und
wütete in sich, mochte sich das aber nicht merken lassen; der Befreier der
ganzen Stadt von einem Mädchen überwunden, das schmerzte ihn, er suchte dies
hinter Liebkosungen zu verstecken und seine Siegerin beantwortete diese in den
abenteuerlichsten Abirrungen einer Romanphantasie, wollte er aber seiner Lust
gemäss sich an ihr erfreuen, da drohte sie ihm mit dem Degen. Ergrimmt darüber
wollte er sich in den Degen stürzen, aber sie wich vor ihm und flüchtete sich
mit dem Zauberdegen von ihm fort. Seine Wut war entflammt, er ging in Konrads
Nebenzimmer und fragte, warum er nicht ihm zu Hülfe gekommen sei, er sei von
einem Fremden überfallen worden. Konrad kam schweisstriefend unter der Decke
heraus und sagte: »Herr, das war unmöglich, erst hörte ich Degen klingen, da
verkroch ich mich unter der Decke, davon kriegte ich solche Hitze und solchen
Schweiss, dass wenn ich aufgestanden wäre, ich mich sicher erkältet hätte, die
Nächte werden wahrhaftig schon kalt.« Anton konnte über den armen Teufel nicht
lachen, er hätte sich gerne Luft gemacht, seine Unruh liess ihn nicht zum Schlaf
kommen, gern hätte er den Schimpf vergessen, aber er durfte nicht laut
schimpfen; er hoffte auf das zärtliche Gespenst, um seine Galle dagegen
auszuspeien Aber auch das blieb aus und nachdem er die Stunden auf und nieder
schreitend in seinem Zimmer gemessen hatte, wurde es hell, da wurde es ihm
wehmütig in seinem Herzen, er liess sich auf ein Knie nieder und betete zu dem
Gestirn, das in alle Naturen Klarheit gösse, ihn von diesen grauenvollen
Wunderlichkeiten, die ihn umdunkelten, zu erheben, in die Arme der einen ewig
einigen Liebe zu legen, die einst im gemeinsten Leben ihn so sicher und fest, so
erfüllt von einem, so erheitert von allem in ruhiger Tätigkeit geduldet hatte,
»vorher aber«, rief es in ihm, »räche mich an dem Weibe, das mich in diesen
Abgrund von Zweifeln durch Geiz und Zank gestürzt hat, lass sie erblinden, dass du
der Welt nicht dein strahlendes Auge entziehen musst.«
    Susanna trat jetzt zierlich gerüstet herein, sie sagte, dass alles auf sei,
und eine Schar der edelsten Bürger habe beschlossen ihn zu begleiten. Anton sah
sie nicht an, er musste die Augen niederschlagen, ein Ekel vor der Nacht schlug
ihn selbst nieder und als sie nach dem Zauberdegen fragte, da wusste er kaum, was
er antworten solle. Er zwang sich zum Lachen und sprach: »Sieh, ich habe gut
getauscht, was hältst du von dieser damaszierten Klinge, von dem herrlichen
Gefässe?«
    »Recht schön«, sagte Susanna, »dieser trägt seine Schönheit ausserhalb, jener
hatte sie in sich.«
    Anton schwieg, er fühlte, dass sie recht habe, er hätte heute den ganzen Tag
schweigen mögen und still und einsam seinen Weg fortreiten, aber nun musste er
noch so viel Grüsse, so viel Feierlichkeiten ausstehen, schon stand der Haufen
reitender Bürger in einer Reihe vor dem Hause, die Trompeter schmetterten lustig
in die Morgenluft, die Pauker wirbelten und liessen ihre Paukenhämmer durch die
Luft spielen, die Fahne wehte und die Glocken läuteten. Jetzt gab ein Schiessen
mit kleinen Gewehren das Zeichen der Feierlichkeit, die Bürgerschaft rückte von
allen Seiten an, der Ratsherr trat in sein Zimmer und bereitete ihn auf ein
feierliches Lebehoch, das ihm von den Einwohnern, verbunden mit den fremden
Badegästen gegeben werden sollte. Er trat mit ihm ans Fenster, der Ratsherr
wollte das Fenster ausheben, konnte aber damit nicht fertig werden, Anton griff
zu und hob es mit einem Drucke aus den Angeln, welche Freundlichkeit der ganzen
Bürgerschaft ungemein wohlgefiel. Jetzt begannen die Zünfte mit ihren
Ehrenzeichen den Zug vor dem Fenster; da trugen die Zimmerleute ein gezimmertes
kleines Haus mit bunten Bändern geziert, die Maurer alle Säulenordnungen in
grossen Modellen, die Bäcker liessen ihren weiss angezogenen Fahnenschwinger durch
eine grosse Brezel springen, kurz jedes Gewerk trug sein eigenes Zeichen mit
Pracht und Zierlichkeit, jedes machte ein eigenes Geschenk und jedermann nahm an
dem geretteten Wohlstand der Stadt einen gemeinschaftlichen Anteil, einen
Ausdruck mit allen, der allen ein neues Band gegenseitigen Vertrauens wird.
Nachdem sich alle Zünfte im Kreise gestellt, rief der Ritter Blaubart, wegen des
ausgezeichneten Mutes, den er am Tage der Bestürmung bewiesen, dem tapfersten
und weisesten Führer, Ritter Grafen von Stock, sein dreifaches Lebehoch, alles
rief dreimal mit, dass Pauken und Trompeten kaum zu hören waren. Alle waren
entzückt, nur Anton sah mit innerer Scham seinen guten alten Degen in den Händen
des Ritters, und seufzte in sich nach Gelegenheit ihn mit offener Gewalt wieder
zu gewinnen. Seine Pferde wurden jetzt vorgeführt, sowohl die mit eignem Gold
und Geschenken aller Art beladenen, als auch die Ritterpferde, da gab es ein
Anstaunen der Pracht, er nahm einen herzlichen Abschied von seinem Hausherrn und
hing ihm eine goldne Kette um, auch Gertraud zeigte sich ihm ganz unbefangen und
fröhlich, als sähe sie ihn zum ersten Mal, aber es war ihr noch eine Beschämung
zugedacht und die blieb nicht lange aus.
    Der arme Konrad hatte ihre Stimme in der Nacht recht wohl vernommen, er
meinte einen seiner bäurischen Spässe an ihr vollbringen zu können und hatte ihr
im Vorbeigehen, wo er ihr den Rock zu küssen schien, einen Faden hindurch
gezogen, den gab er so geschickt über seine Schulter mit den Zügeln in Antons
Hand, dass dieser, indem er sein Pferd anspringen liess, die Röcke des Fräuleins
emporhob, die jetzt als ein Bild der Unzüchtigkeit allgemein verlacht wurde.
dabei tat er aber so eifrig, diesen Faden abzureissen, dass er das Übel noch
vermehrte, ehe er es fortschaffen konnte. Ritter Blaubart, unentschlossen, ob er
selbst zuspringen und den Vorhang herunter lassen sollte, oder ob dies die
Verwirrung nur vermehren möchte, vielleicht auch etwas angezogen von dem
Anblicke, bewegte er seinen Degen aus Verlegenheit in derselben Art, wie er mit
den Trompetern verabredet hatte, wenn er ihnen das Zeichen des Tusches geben
wollte, die Trompeter gehorchten im Augenblicke und der Tusch wurde hellaut
geblasen und erstickte und vermehrte das Gelächter. Wütend schrie der Vater des
Fräuleins, indem er seinen Mantel über die Tochter deckte, zu den Trompetern: ob
jetzt der Tusch sein sollte. - Das ward zum Sprüchwort unter den lustigen
Gesellen und jeder feierliche Schimpf wurde seitdem ein Tusch genannt. Der Faden
war nun gerissen. Anton drehte sich um, den Vorfall gut zu machen, aber der
Faden seiner Rede schien ihm auch gerissen, er musste lachen, das Fräulein lag in
Ohnmacht und die Gesellen riefen einander zu, wenn sie nun weiter wanderten,
kennten sie doch wenigstens das Wahrzeichen der Stadt; der Zunftmeister liess auf
ihr Begehren den Vorfall in Stein gehauen an dem Hause des Ratsherrn aufstellen,
der nach glücklicher Verheiratung seiner Tochter ebenfalls seine Freude daran
hatte.
    So fröhlich war nun der Austritt Antons; vor dem Tore hatten ihm die
Badegäste noch eine kleine Überraschung gemacht, da die Bäder in der Stadt
abgebrannt waren, so mussten sich jetzt alle in dem grossen Weiher vor der Stadt
baden, er musste nahe vorbei, alle waren hinter einem hervorragenden Ufer
versteckt, plötzlich rauschten sie zu ihm hin wie eine Schar Enten, vom Hunde
aus dem Rohre gejagt, sein Pferd scheute sich, er hielt es. Zwei Jungfrauen
erhoben sich jetzt auf künstlichen weissen Flügeln und setzten ihm, indem sie
vorüberstreiften, einen Perlenkranz auf sein Haupt, dabei sangen sie sehr
anmutig:
Den Nymphen der Gewässer hast du beigestanden
In ihrem Kampfe mit dem Feuer,
Du führtest sie, entlöstest sie den Banden,
Du wurdest ihrer Macht Befreier,
Und siegend drückten sie die Flammen nieder
Und brachten sie zurück zur Unterwelt,
Dich sanft zu kühlen schwingt sich ihr Gefieder,
Du hast noch weiten Weg, du kühner Held!
Anton dankte ihnen anständig und freundlich. Georg kam noch zu ihm, streichelte
sein Pferd und konnte sich nicht trösten, dass er schon fortritt, und wollte ihn
durchaus begleiten, er beschenkte ihn mit schönen Früchten und tröstete ihn
damit, dann ging der Zug munter weiter, die gute Stadt verschwand hinter ihm,
Güldenkamm ritt mit Susannen neben ihm, alle wunderlichen Abenteuer ihm zu
berichten, die ihnen während ihrer ersten Reise hier begegnet waren. Es wurde
beiden leichter, als sie sich so aussprachen. Die ungeheuren Dinge, die
Güldenkamm auf seinem Herzen drückten, wie er sich mit Susannen stehe, was aus
ihnen beiden werden solle, schwanden auf einmal in ihr Nichts.
    Anton sprach nachdenklich: »Wenn ich diese mancherlei Hindernisse überdenke,
so meine ich, dass ihr auf diesem Wege nicht zusammenkommen solltet, ach wäre ich
so gestört worden, so aufgehalten, ehe ich meinen alten Drachen geheiratet, da
wäre ich jetzt noch ein freier Mann und könnte dich heiraten, Susanna.«
    »Das wäre recht schön«, sagte sie. - Güldenkamm entflammte von Eifersucht,
aber er versteckte sich, er wollte beide erforschen, ob sie vielleicht einander
schon näher verbunden seien, als er in seinem zutraulichen Sinne niemals geahnt
hatte. »Wäret Ihr luterisch gesinnt«, sagte er und sah vor sich nieder, »da
könntet Ihr rasch von Eurer Frau geschieden sein, sie hat Euch ihr Haus und
Bette versagt und Susannen könntet Ihr dann heiraten.«
    »Sonderbar ist's«, sagte Anton, »dass es in einer Lehre eine Sünde sein kann,
was gleichsam die ganze Seele fordert, und die andre Lehre für recht erklärt;
überhaupt seit mir selbst so viel Wunderbares begegnet ist, denke ich über das
Wunderbare in unserm Glauben anders, ich bin allen den Wesen, vor denen ich in
scheuer Entfernung selig in ihrem kleinsten Blicke wandelte, näher gezwungen,
das Wunderbare in ihnen liebe ich nicht mehr, sondern ich meine es ein grosses
Unglück, womit sie behaftet sind, aber das Herrliche, rein Menschliche in ihrem
Wandel schwebt mir in unerreichlicher Höhe und käme ich wieder zu meinen Farben,
das würde ich auszudrücken streben; was kümmert mich jetzt die gnadenreiche
Mutter Maria, die an den geheiligten Orten manchem Leidenden geholfen hat; die
herrliche Mutter und Frau, deren weiser Unterricht ihr Kind so früh gereift hat,
dass es im Tempel jugendlich auftreten konnte, die alten Graubärte zu beschämen,
die ist mir ehrwürdig, weil Millionen zu ihr anstreben und keiner sie erreicht.«
    »Herr«, sprach Güldenkamm, der seit den letzten Ereignissen sich zu einer
Art von ernstem Verhältnisse gegen ihn gebunden fühlte, »Herr, Ihr seid schon
ein Luteraner, wenn Ihr so sprecht, wenn Ihr so frei forscht über das
Religionswesen, wenn Ihr nur das ehren wollt, was Euch ehrwürdig scheint.«
    »Da bin ich gar schon weiter«, sprach Anton, »das lange Beten
unverständlicher lateinischer Worte mag ich gar nicht mehr ertragen, selbst das
Gebrümmle eines solchen Beters kann mich erzürnen, immerhin mag es gut sein,
wenn Menschen mit Gewalt einem Glauben unterworfen sind, die nichts anerkennen
als die Gewalt, dass sie so einen Betlärmen bei einander machen, wie jede Art
Vieh sich an solch Geschrei und auch die erkennt, die sie füttern; die Menschen
aber, die in ihrer Erkenntnis aus den übrigen hervorgerissen sind, denen genügt
kein solches auswendig gelerntes Plappern.«
    »Herr, Ihr seid schon weit über Luter«, sprach Güldenkamm, »Ihr könnt Euch
immer scheiden lassen.«
    »Aber hört«, sprach Susanna, »wenn unsrer Inbrunst nun kein Wort genügt und
die Stummheit unsern Herzen widerspricht, sind uns da nicht Worte willkommen,
bei denen das Gefühl stets mit Heiligkeit verweilte, die von uns nie
gemissbraucht sind, weil sie uns nicht verständlich sind, während in unserer
Sprache selbst die frommsten Redensarten gar oft fluchend und spottend vor
unsern Ohren missbraucht sind, darum bete ich mein Ave Maria.«
    »Ihr würdet Euch also niemals scheiden lassen?« fragte Anton erleichtert.
    »Ich verdamme keinen, der es tut«, sprach Susanna, »ich habe in Pforzheim
viel fromme Leute gesehen, die sich in grosser Ehrbarkeit haben scheiden lassen,
ich aber, wem ich mich verlobe, dem ergebe ich mich für Zeit und Ewigkeit, seine
Tugend und sein Laster soll mein werden, kein Geschick kann mich von ihm
trennen, mir scheint eine Ehe wie das Leben von Zwillingen, die ohne dass sie es
selbst wissen, zusammengewachsen sind, nur in diesem Glauben der vollkommenen
Einigung könnte ich mich einem Manne ergeben.«
    Anton drückte ihr die Hand, es dämmerte ihm eine Aufklärung seiner
wunderlichen Schicksale aus diesen Worten, er aber wusste sie nicht zu deuten.
Nicht lange blieb ihnen Frist von diesem innern Leben in ihnen zu verhandeln,
die Reiter, welche mit ihren Pferden bisher sie nicht hatten einholen können,
ritten jetzt in ihre Nähe und der Ritter Blaubart dankte Anton in den
freundlichsten Worten, dass er ihm durch das Geschenk des Degens, womit er ihn
überwunden, den vergangnen Schmerz zu einer angenehmen Erinnerung habe
umschaffen wollen; er schwor, das Schwert bis zu seinem letzten Atemzuge zu
bewahren, es solle ihm den Ernst und die Würde verleihen, die er bisher, von
einem gütigen Vater verzogen, oft vergessen habe. Was konnte Anton so grossen
Vorsätzen entgegenstellen, um den Degen wieder zu erhalten; sollte er ihn wegen
seiner Zauberkraft rühmen, so verlor sein Kampf und alles sein Bemühen den Wert,
im Grunde war er auch froh wieder von einer der schrecklichen Gewalten frei zu
sein, die ihn bisher getrieben hatten.
    Den Ritter Blaubart trat jetzt ein Haufe Zigeuner an, die mit schussfertigen
Gewehren, in Vortrupp und Lauscher verteilt den Weg herunterzogen, sie hatten
nichts Bösartiges im Sinn, suchten ihm aber ihre Kunst gleich deutlich zu
machen, indem sie ihn als blanken Bräutigam anredeten. Er musste ihnen die Hand
zeigen und ein altes Mütterchen fahr zurück, sie sagte ihm, er werde fünf Frauen
haben und viere davon würden gewaltsam umkommen.
    »Wie geht es mir aber dann?« fragte er lachend. Die Alte sagte: »Buch zu!«
    »Diese Alte müssen wir doch etwas näher betrachten«, sagte Güldenkamm, »ein
bedeutenderes Gesicht ist mir nie begegnet, nicht die Zauberzeichen, womit ihr
Kragen und Hemdärmel gestickt sind, erzwingen von mir einen gewissen Glauben an
sie, diese Stirn, dieses Auge unterwerfen mich, lasst Euch weissagen von ihr,
Graf Anton.«
    »Frau«, sagte Anton, »lasst Euer gelbes Ungeziefer von Gesellen zurücktreten,
die Kerle mit ihren sonderbaren Fellen, närrischen Waffen und unverständlichen
Reden stören mich, da ist meine Hand.«
    »Ei«, sagte die Frau, »Eure Hand ist so breit, blanker Herr, dass sie ein
Land bedecken könnte, und sie wird nicht hart darauf ruhen, ja das wäre nun
alles recht gut, blanker Herr, aber Ihr werdet noch heiraten, das wäre alles
gut, aber Ihr werdet ein junges Mädchen heiraten, das nicht bis fünf zählen
kann.«
    Susanna ward rot und Anton sah auf sie mit dem Gedanken, es könne sie wohl
betrüben, dass sie es nicht sei, und fragte, um einen übereinstimmendern Sinn zu
bekommen, wessen Tochter seine Frau sein werde.
    »Eines Kaisers Tochter«, antwortete die Frau.
    ANTON: »Wann soll ich sie erkennen?«
    ZIGEUNERIN: »Wenn du niemand liebst als sie.«
    Susanna reichte jetzt die Hand, die Zigeunerin schlug ihr leicht darauf, gab
sie ihr dann, drückte sie und sagte: »Bist bald zu gross zum Hosentragen, blanke
Schwester, trag die Hosen über dein Gewissen sorgsam, dass dir nichts genommen
werde, was du nicht wieder bekömmst.«
    Güldenkamm war auch schon mit der Hand bereit, die Zigeunerin lachte: »Ihr
werdet noch allen aus der Not helfen ohne selbst einen Rat zu wissen, Ihr seid
ein Mann des Zufalls, seid zufrieden mit allem, was er Euch beschert, ein
verständiges Weib täte Euch not.«
    »Das ist infam«, schrie Güldenkamm, »das Weib macht mich zum Narrn.«
    »Nein«, sprach sie, »du wirst nur zum Narrn gehalten, aber du bist keiner,
der aber dort auf einem Pferde sitzt, das er immer mit dem Zügel anzieht, wenn
es still stehen soll, der hat einhundert Narrenkappen in seinem Wappen und wird
Euch so gut bedienen, wie irgend ein Narr vornehme Herren bedient hat.«
    Jedermann sah sich um, der arme Konrad pfiff in die Luft, und merkte nichts.
    Anton wollte schon weiter ziehen, indem er der Zigeunerin einen Goldgulden
überreichte, sie aber trat noch zu ihm und sprach: »Sorgt für Susanna, ich werde
sie einmal von Euch zurückfordern.«
    »Wer seid Ihr, warum könnt Ihr sie von mir fordern?«
    »Schweigt davon«, sagte sie, »denn keine Springwurzel öffnet mein Herz, wenn
ich nicht sprechen darf, gedenkt, dass Ihr von der Krone auf hohem Turm auch
schweigen müsst. Gott behüt Euch, blanker Bruder.«
    Die Zigeuner zogen mit ihrem wunderlichen Kram von tanzenden Bären,
Murmeltieren und abgerichteten Vögeln fort. Anton zog tief in sich versenkt
seinen Weg, da öffnete Güldenkamm, indem er lustig zujagend seinen Gram gestossen
und verschaukelt, seinen Mund und die andern sangen ihm sein frohes Reiterlied
nach.
GÜLDENKAMM:
Flüchtig Dasein auf den Rossen,
Kühnes Buhlen mit dem Winde
Schaut die Erde fortgestossen,
Rollet unter uns geschwinde.
CHOR:
Schaut die Erde fortgestossen,
Rollet unter uns geschwinde.
GÜLDENKAMM:
Brausend strecken sich die Rosse
Schmal wie einer Jungfrau Leib,
Was auf Erden ich genossen,
Dies ist schnellster Zeitvertreib.
CHOR:
Was auf Erden wir genossen,
Dies ist schnellster Zeitvertreib.
GÜLDENKAMM:
Grüne Äste überstreifend,
Treiben fort die läst'gen Fliegen,
Durch die grünen Wiesen
Gleiten wir in Wolkenzügen.
CHOR:
Durch die leichten Wolken schweifend
Teilet euch in gleichen Zügen.
GÜLDENKAMM:
Unser Hufschlag schallet doppelt
An des Waldes grüner Wand,
Und die Sonne scheinet doppelt
Bebend an der Erde Rand.
CHOR:
Seht, die Sonne scheinet doppelt
Vor dem Auge froh entbrannt.
GÜLDENKAMM:
In den Zügen, welch Geschreie,
In den Mähnen, welch ein Hauch,
Über uns kommt eine Weihe,
Eine Träne in das Aug.
CHOR:
Über uns kommt ein Geschreie,
Holla ho nach Reiterbrauch.
GÜLDENKAMM:
Wir vergessen schon der Stunden,
Wo wir zwischen Mauern wohnen,
Sind vom Abendglanz gebunden
Freier Lieb zur Nacht zu fronen.
CHOR:
Abendglanz, wer dich gefunden,
Wird bei seinem Liebchen wohnen.
GÜLDENKAMM:
Lange drückte schweigend Bangen
Meines Herzens tiefen Grund,
Seit mein Ross ist durchgegangen,
Füllt mit Jubel sich mein Mund.
CHOR:
Uns erfasset doch ein Bangen
Auf dem glatten Wiesengrund.
GÜLDENKAMM:
Weggeworfen sind die Bügel,
Schwebend hält mich Gleichgewicht,
Freies Ross, zerreiss die Zügel,
Jage nach dem Sonnenlicht.
CHOR:
Fallet ihm nur in die Zügel,
Dass er sich den Hals nicht bricht.
Die gute Laune der Reiter endete das gefährliche Spiel Güldenkamms, der in einer
frevelnden Begeisterung diesen Abend fortphantasierte, wunderliche, oft freche
Liebesabenteuer anderer als seine eigene Geschichte erzählte; indem er in
verkehrter Überzeugung eines heimlichen Einverständnisses zwischen Anton und
Susanna seine Liebe zu ihr auszulöschen suchte in angenommenem Stolz, entfernte
er sie ohne Willen von sich zu einer Zeit, wo sie ihre Freundlichkeit mehr als
je zu ihm hingewendet hätte, da sie vor mancher Eitelkeit Antons
zurückschreckte. Auf einer warmen Bergseite, wo in der Wiesennähe grosse Haufen
des schönsten frischen trocknen Heues dufteten, beschloss Anton diese Nacht zu
rasten, alles stieg ab, die Knechte sorgten für die Pferde, die sie mit
verbundenen Füssen auf die schöne Wiese führten und ihrer Fresslust überliessen,
die Herren hatten unterdessen schon das Heu unter dem Laubdache grosser Buchen
ausgebreitet und Decken darauf gelegt. Sie suchten nach Holz und fanden Bretter,
die sie als Tisch in die Mitte des Lagers zur Sicherstellung der Becher auflegen
konnten, das Brennholz mussten sie aus dem häufigen Reisig zusammenlesen, alles
brach man übers Knie, was vorgefunden wurde, und Anton, indem er Feuer
angeschlagen hatte, legte den brennenden Zündschwamm in einen grossen Büschel
trockner Blätter, die von Papier festgehalten waren, und bewegte sie dann heftig
in der Luft herum. Erst rauchte es, dann fing es an, rötlich durchzuleuchten,
dann brach die helle Flamme durch seine Hand, womit er schnell die angebrannte
Blättermenge unter das trockene Reisig steckte, ein Wind erhob sich, und alles
loderte mit Eile empor, dass sich die Bäume plötzlich in herrlicher Beleuchtung
gleichsam verwandelt wie Säulen eines Tempels mit grüner Wölbung um ihn her
ordneten, herrlich knatterte mit Wohlgeruch das grüne Laub des Wacholders, an
welchem die Beeren fast schwarz gereift waren; die Vögel in ihrem
Blätterdickicht erwachten und glaubten den Tag zu begrüssen, Güldenkamm bestärkte
sie darin, denn mit wunderlicher Geschicklichkeit wusste er ihren Morgengruss
nachzumachen, dass Finken und Häher, Meise und Specht getäuscht wurden. Ehe die
Speisen bereitet waren, wurde das Weinfass aufgerichtet, Susanna als erwählter
Mundschenk musste die Becher füllen, da gab's ein Gesundheittrinken, ein Singen
aus allen Kehlen, von Klingenberg am Maine, von dem guten Heu, Güldenkamm schrie
seine Spässe dazwischen, dass mancher ehrliche Pforzheimer sich wälzen musste. Als
er alle lustig geschwatzt hatte, machte er plötzlich einen ernsten Zug mit der
Hand übers Angesicht, sah auf einmal ganz anders aus und sang mit recht bitterm
Ernst:
Grimmig ist der Gott verwandelt,
Der im weine lächelnd haust,
Hat mit Schlägen mich behandelt,
In den Haaren mich gezaust.
Keiner trink vom Freudenwein,
Der ein traurig Herz verschliesst,
Denn er öffnet uns allein,
Was in Tränen sich ergiesst.
Wein verwandelt sich in Weinen,
Wie er lang den Namen äfft,
Denn die Traurigen erscheinen
Während Lust sich selbst verschläft.
Trauer sitzet auf zur Wacht,
Liebe schliesset ihr das Tor,
Und die kalte feuchte Nacht
Weilet sausend ihr im Ohr.
Die lustigen Seelen waren aber noch nicht hinlänglich verschlafen, um von dem
Schreckensgesange nicht aufgeweckt zu werden, ein paar fielen über ihn her, um
ihn zum Tanzen zu bringen, er wehrte sich, aber es half nicht, der Zwang verdross
ihn, aber es half nicht, er schlug um sich, es half nicht, ein paar knollige
Bursche hatten ihn gepackt, ein paar ludelten dazu, Anton gönnte ihm den
Unterricht in dem, was sich beim Trinken schickt. Endlich riss ihm die Geduld und
er riss sich los, die andern mit Holzbränden hinter ihm her, das war eine Jagd,
er lief so eilig, dass er einem wilden Eber beinahe in die Rippen trat, der dann
mit seinen Hauern den Verfolgern den Weg zu verhauen Lust bezeugte. Der Anblick
war den unbewaffneten Verfolgern nicht willkommen, sie waren noch gescheit genug
davon zu laufen, wobei es leicht begreiflich war dass sie im allmählichen
Erlöschen aller ihrer Feuerbrände den rechten Weg verfehlten, nur ein paar kamen
zu Anton zurück, der mit Konrad und Susannen beim Weine geblieben war. Vergebens
war jetzt das Rufen nach ihnen, die vielen Stimmen, die verwirrend einander
zuriefen, der Widerschein, der sie weiter lockte, Irrlichter, die sie in falsche
Richtungen führten, Moräste, die sie vermeiden mussten, zogen sie immer weiter
von dem schönen Lager ab, an dem sich jetzt die Knechte ergötzten, die über
einander genug zu lachen und zu erzählen hatten, was jeder erlebt, wie er sich
endlich wieder zurecht gefunden, um sehr lange bei der unglücklichen Ursache
dieser Zerstreuung zu verweilen. Noch waren keineswegs alle vollzählig, wohl
aber waren manche Jäger und Bauern durch das Lärmen herbeigezogen worden, auf
die man ein wachsames Auge haben musste.
    Unter diesen Fremden zog ein Hirtenmädchen Katarina die Aufmerksamkeit
aller auf sich, sie ging stolz neben ihrer Ziegenherde, ihre Grösse war männlich,
ihre Hüften hoch, ihr langes schwarzes Haar trug sie frei aufgebunden, ihre
gebogene Nase hatte einen Adlerstolz und die aufgeworfene Lippe verleugnete
diesen weder durch Ansehen, noch durch Rede. Einige junge Leute machten ihr
leichtsinnige Anträge, sie wirft alle hochmütig von sich und wenn sie um die
Ursache dieses Stolzes fragten, antwortete sie höhnisch: »Weil ich eine Jungfrau
bin.« - Als die Bauern sahen, dass die Fremden sie neckten, fingen sie auch an
sich in etwas sehen zu lassen, der eine fragte: »Was macht der Herr Vater
Edelmann auf der Burg?« - Sie erwiderte stolz: »Er prügelt euch Bauern!« -
Güldenkamm, der ein Gefallen am Ungewöhnlichen vorgab, nahte sich ihr mit vieler
Artigkeit, wodurch er ihr Zutrauen schnell zu erwerben wusste, dass sie von ihm
Wein und Speisen annahm, ihm auch erlaubte ihre Ziegen an sich zu locken, die er
herzte und küsste, als hätte sich alle Zärtlichkeit von Susanna plötzlich auf
diese Tiere geworfen, er trug sie und schüttelte sie, neckte sie, bis sie gegen
ihn anliefen, dann fing er den Stoss mit seinen Händen auf. Katarina schien das
mit Wohlgefallen zu bemerken, sie sass dabei in ernster Ruhe und sang ein
Hirtenlied, das sie auf sich gemacht hatte:
Die Schäferin
Mit Rittersinn,
Die Jungfrau rein
Geht ganz allein,
Der Bauernknecht
Ist ihr zu schlecht,
Aus edlem Blut
Erwächst ihr Mut.
Des Kaisers Jagd
Zieht übers Feld,
Des Kaisers Macht
Sich ihr gesellt,
Der Kaiser spricht
Ihr ins Gesicht.
                                   Der Kaiser
Vom Schloss ich zieh,
Zu dir ich flieh,
Lieb Schäferin,
Nach deinem Sinn.
Mein Zepter wird
Ein Hirtenstab,
Und was ich hab,
Dich Schäfrin ziert. -
Die Schäfrin spricht
Vor sich ins Gras,
Ihr im Gesicht
Der Kaiser las.
                                   Schäferin
Ich Schäferin
Mit leichtem Sinn
Sing ruhig fort
Mein sinnig Wort:
Ein jeder bleib
Bei seiner Herd,
Den König ehrt
Kein Schäferweib.
Der Gesang entzückte Güldenkamm, er glaubte einer vertriebenen Kaiserin begegnet
zu sein, er sagte ihr entzückt, dass ihr Wesen ihre hohe Abkunft beweise, und sie
nahm diese Worte mit sichtbarem Wohlgefallen auf, auch sprach sie gern mit
Susannen, die sehr bald aus ihr herausbrachte, dass sie sich für die Tochter
eines Grafen halte. Die Bauern aber versicherten, es sei nicht wahr, der Vater
habe sie oft darum geschlagen, es sei daher gekommen, dass eine Gräfin in früher
Zeit sie einige Zeit zu sich genommen habe, bis ein eignes Kind die Lücke
gefüllt hätte, da sei sie im Schloss nicht mehr wie sonst geliebt und verzogen
worden, das habe sie gekränkt und sie sei fortgeflüchtet. Das sei schon sehr
lange und Katarina gar nicht so jung, wie sie aussähe. Die Gräfin fand diese
Aufführung so undankbar, dass sie das Mädchen nie wieder gesehen hat, Katarina
hingegen lebt in ihren Gedanken noch immer auf dem Schloss, sie verrichtet ihre
Geschäfte, dann aber nimmt sie alle vornehme Leute, die sie dort gesehen, in
Gedanken zum Besuche an, spielt mit ihnen wunderliche Abenteuer, wobei ihre
Tugend und ihr Leben oft in schrecklicher Gefahr zu sein scheinen, die sie aber
alle glücklich überwindet.
    Anton bat die Leute, Güldenkamm von diesen Einbildungen der stolzen Hirtin
nichts zu sagen; da er doch wegen einiger vermisster Reisegenossen den Tag noch
im Walde gelagert bleiben wollte, so versprach er sich davon einige
Unterhaltung. Sehr bald ging Güldenkamm mit der Hirtin in tiefen Gesprächen den
Berghang hinunter; als er zurückkam, schien er in besonders heitrer Laune ganz
in der Art, wie er in den ersten Tagen mit Susannen gewesen, er drückte jeden an
sein Herz und lächelte, als würde er von schöner Hand gekämmt.
    Allmählich kamen die Verlorenen wieder zusammen, Ritter Blaubart war einer
der letzten, er wurde ganz erschöpft und gebunden von einem Köhler
herbeigeführt. Nachdem er befragt, erzählte er seine Abenteuer, dass er durch
ungeheure Sümpfe sich gearbeitet habe, wo Molch und Schlangen sich um ihn
hergeschlängelt, dass er endlich vor der Hütte eines armen Kohlenbrenners liegen
geblieben sei, der ihn gespeist und erquickt habe; derselbe Mensch habe ihn auch
zurückgeführt, sei aber unterwegs so still geworden, habe sich einen gewaltigen
Stamm als Spazierstock abgebrochen und so fürchterlich mit allen Muskeln
geknackt, dass er jeden Augenblick gefasst gewesen sei, ihn gegen sich als Mörder
umdrehen zu sehen. Dieser Gedanke hatte den Ritter endlich so durchdrungen, dass
er sich über den Führer von hinten hergeworfen und ihn geknebelt hatte. Nachdem
er dies vollbracht, hatte er erst die Klagen des alten Mannes vernommen, der ihm
alles Gute vorwarf, was er ihm getan, er hatte sich über eine so schlechte
Vergeltung geärgert und den alten Mann losgebunden; kaum aber ist der Köhler in
Freiheit gewesen, so hat der die Gelegenheit benutzt, als er es am wenigsten
erwartet, ihn zu binden, der Ritter hatte seinen Tod für gewiss gehalten, der
Alte aber hatte ihn stillschweigend an den Platz geführt, wo er die Fremden
vermutete.
    Anton fragte den Köhler nach der Ursach seines Betragens, der Alte brummte
ganz ruhig: »Einmal war der Herr nicht recht klug, da konnte er es wohl öfter
sein.« Dagegen war nichts einzuwenden, alles Zutrauen ist doch nur die Folge
davon, dass es niemals gebrochen; Anton suchte mit einem frohen Trinkgelage alle
zu versöhnen, wozu er ein nah gelegenes verlassnes Schloss erwählte, dessen
Rittersaal, mit wilden Rosen reichlich geschmückt, die grosse Menge stattlich und
bequem umfing.
    Güldenkamm war unterdes mit der stolzen Katarina beschäftigt, sie kam
häufig zu der Gesellschaft zurück, er aber suchte sie auf allerlei Art davon zu
entfernen, besonders von Anton, dem sie nicht abgeneigt schien. Als sie wieder
allein war mit Güldenkamm, fing sie an ihn milder anzublicken und versicherte,
sie wolle ihm in der Nacht etwas vertrauen, er möchte nur zu ihr schleichen, sie
würde sich unter der hohen Eiche nicht weit vom Schloss finden lassen. Sie
sprach so ernst bei dieser Einladung, dass Güldenkamm erst an ein Liebesabenteuer
gar nicht denken wollte, sie aber sah ihn zuweilen so schelmisch an und sang
dann mit leiser Stimme:
Auf den Berg bin ich gezogen,
Hab den Vögeln zugeschaut,
Wie sie da gespielet haben,
Dass die Federn sind geflogen,
Und ich nahm die kleinen Gaben,
Hab ein Häuschen draus erbaut.
Auf die Wiesen sah ich nieder,
Und die Lämmer, mit Gespött
Jagten sich in Rosenhecken,
Wolle blieb da hin und wieder
An den Dornenzweigen stecken
Und ich machte draus ein Bett.
Als der Erntewagen kommen,
Zog er auch am Rosenzweig,
Weil er war zu breit geladen,
Hat der Zweig davon genommen,
Wär's verloren, war's ein Schaden,
Was ich sammle, macht mich reich.
Haus und Bett und Winterfutter
Hab ich mir nun angeschafft,
Einsam lieg ich in dem Bette,
In dem Haus befiehlt die Mutter,
Wenn ich einen Liebsten hätte,
Wär ich frei aus dieser Haft.
Güldenkamm war von dieser Annäherung sehr überrascht, doch ging er gleich zur
näheren Untersuchung dieses gepriesenen Heiratsguts mehr aus Neugierde, als dass
sein Herz darnach verlangte. Katarina erzählte ihm nun ausführlich, dass sie
lange Gänse gehütet habe und Schafe und alle verlorne Federn und alle hängen
gebliebene Wolle sich aufgesammelt habe, nun sei daraus ein schönes breites
Bette geworden, auch habe sie mit Ährenlesen eine kleine Scheuer gefüllt, das
alles sei ihr Eigentum und wenn sie nun erst den Grafen, ihren reichen Vater,
gefunden, da werde sie in Überfluss leben. Güldenkamm fragte nach dem Namen
dieses Grafen, sie verwies ihn auf die Nacht, wo sie ihm alles sicher erzählen
könne. »Seht da«, sprach sie, »ich werde schon wieder gescholten werden von dem
alten Niklas, der sich ganz trotzig für meinen Vater ausgibt, aber Ihr braucht
ihn nur anzusehen, so werdet Ihr finden, das sei unmöglich.«
    Der alte Köhler kam jetzt vorbei und befahl ihr mit grimmigen Gebärden ihn
nach Hause zu geleiten, es sei finster und er werde bald nicht mehr recht sehen
können. »Alter, bleibt hier«, sagte Güldenkamm, »es ist für Euch reichlich
gesorgt mit Speise und Trank!« - »Ich kann nicht«, sagte der Alte, »die Mutter
wartet mit dem Essen.« - »Die wird was Schönes zugekocht haben«, sagte
Katarina, »kein Mensch mag mit der essen, heut ist so ihr Tag, wo sie
Rattenschwänze statt Nudeln in die Suppe tut.« - Der Alte ward böse und wollte
Katarinen mit Gewalt fortreissen, aber Güldenkamm warf sich dazwischen und
nötigte ihn mit Ernst in das Schloss zurück, wo er ihn der Aufsicht der Knechte
übergab, damit er ihm sein nächtliches Abenteuer nicht durchkreuze. Als er das
veranstaltet, fühlte er selbst, wie zerschlagen er war durch die Anstrengung
vergangener Nacht, durch den Tritt des Ebers in seine Rippen, er konnte sich
kaum regen, wenn er sich einmal niedersetzte, und musste vor sich selbst lachen,
wie er so eifrig einem Vergnügen auflauere, das er wohl gar verschlafen müsse,
doch fühlte er dabei, dass die Lust ihren eigenen Kopf hat, und an den Leib nicht
gebunden ist.
    Im Schloss ward es immer unruhiger, auf dem Hofe tanzte und schlug sich das
Bauernvolk bei dem Biere; da hatten sie bunte Federn auf ihre Kappen gesetzt, da
hatte einer schon seinen alten rostigen Degen gezogen, weil der Nachbar seine
Frau in einen Winkel gezogen, dort hatten ein paar Weiber einander bei den
Haaren und die Männer gossen ihnen ruhig kaltes Bier über die Köpfe; der
Dudelsack ging nicht schlecht. Im grossen Schlosssaale ging es beim Weine noch
etwas still zu, das ganze Zimmer war mit wilden Blumen aller Art gestreut, Anton
und die meisten seiner Gesellschaft lagen umher und schienen in der
Behaglichkeit zur Träumerei übergehen zu wollen. Endlich sprang Anton auf und
sang, indem er sich an die Spitze des langen Tisches setzte:
ANTON:
Wälzt ihr träumend euch auf Rosen,
Wecken sie mit spitzem Dorn,
Lasst beim Wein der Liebe Kosen,
Denn das gärt ihn auf zum Zorn.
GÜLDENKAMM:
Kitzelt die Lust,
Witzelt die Freude.
Mir ist bewusst
Himmlische Weide.
ALLE:
Springt zum Weine, muntre Füllen,
Alle Pfropfen sollen springen;
Jeder Becher soll sich füllen
Und am andern widerklingen.
GÜLDENKAMM:
Springet in Lust,
Klinget in Scherzen,
Mir ist bewusst
Heimliches Scherzen.
ALLE:
Eitle Lichter sollen zittern,
In der Tonflut hohen Wellen,
Alle Tische ungewittern,
Trommeln mut'ge Trinkgesellen.
GÜLDENKAMM:
Trommelt in Lust,
Stürmet den Himmel,
Mir ist bewusst
Zärtlich Getümmel.
ALLE:
Höret alle Scheiben beben,
Höret alle Wände dröhnen,
Wenn die Stimmen sich erheben,
Muss der Donner uns versöhnen.
GÜLDENKAMM:
Bebet in Lust,
Tönet in Fülle,
Mir ist bewusst
Liebender Wille.
ALLE:
Überall ist frohes Leben,
Wie noch keiner je erhörte,
Alle Lustigkeit von oben
Wieder zu der Erde kehrte.
GÜLDENKAMM:
Lebet in Lust
Jauchzender Stunden,
Mir ist bewusst,
Wer sie empfunden.
ALLE:
Saget, unter welchem Zeichen
Stehen wir an diesem Tage?
Schwört, dass keiner soll entweichen
Ohne Spitz vom Festgelage.
GÜLDENKAMM:
Fraget in Lust,
Suchet die Zeichen,
Mir ist's bewusst,
Sie ist mir eigen.
ALLE:
Einer schwanket nach der Türe,
Dass wir andern fester sitzen,
Schwacher Bruder, lass dich führen,
Musst dich nicht so schnell bespitzen.
GÜLDENKAMM:
Bleibet in Lust
Angeführt sitzen,
Mir bebt die Brust,
Sie zu besitzen.
ALLE:
Einer fiel, es fallen alle,
Doch in Reih und Glied wie Krieger
Harren wir mit Jubelschalle,
Wer zuletzt erst fällt als Sieger.
Alle glaubten, Güldenkamm mache einen seiner gewohnten Scherze, eine
Heimlichkeit sich einzubilden, diesmal war es aber ernst, er schlich nach der
hohen Eiche, an der Katarina, mit ihrem Schäferstab gelehnt, wie eine Bildsäule
stand. Der Meistersänger beschleunigte seine müden Beine und wollte ihr um den
Hals fallen, sie wies ihn mit dem Schäferstabe zurück. »Höre«, sprach sie,
»nicht zu schnödem Liebeswerk hat dich die schuldlose Schäferin bestimmt, nein
du edler Sänger, ein grösseres Werk ist dir beschieden, mich sollst du führen auf
des Vaters Schloss, zur Kronenburg, die mir verheissen.«
    »Kronenburg?« fragte Güldenkamm, »und wenn ich mein Gedächtnis wie eine
Tasche umdrehe, so fällt mir nicht ein, wo der Ort gelegen sei, Mädchen lass das
jetzt.«
    »Drei Schritt von mir«, spricht sie, »sonst straf ich deine Frechheit;
gedenke, dass ich eine Jungfrau bin, wohl aus dem herrlichen Geschlecht der
Grafen Stock.«
    »Gut gesprochen«, sagte Güldenkamm, der durch alles Feierliche in den
Gegensatz des Spottes gesetzt wurde, »den Stock scheinst du führen zu können,
dass ich dich immerhin als Gräfin von dem Stocke anerkennen möchte, wenn du ihn
nur bei Seite stellen wolltest, aufrichtig gesagt, es kommt nichts dabei
heraus.«
    KATHARINA: »Es kommt heraus, dass ich des Grafen Schwester bin, dem du als
Sänger zugesellt; zwar nicht im Ehestand geboren, doch aus der Liebe, sieh
diesen roten Strich um meinen Hals im Mondenscheine, dies wird dem Herrn mein
edles Blut versichern.«
    GÜLDENKAMM: »Der Strich ist mit den Augen nicht zu leugnen, doch möcht ich
ihn auch mit dem Munde mir bestätigen.«
    KATHARINA: »Des braucht es jetzt noch nicht, doch biet ich dir die Wange
heut zum Kuss, wenn du zur Ehe dich mir heut verloben willst, doch ohne meiner
Liebe zu begehren.«
    GÜLDENKAMM: »Ich könnte das Versprechen immer wagen, denn nicht umsonst
blick ich durch deine Feueraugen in dein Herz.«
    KATHARINA: »Was ich gebiete, kann ich selbst halten, doch ehe du
leichtsinnig diesen Bund willst eingehen, höre, was ich dir von den Meinen sagen
muss.« Sie redete leiser, »ich habe Schreckliches dir zu verkünden, der Niklas,
der mein Vater wird genannt, der ist der Teufel und meine Mutter hat er zur
Hexenkunst verführt. Sie hat es mir vertraut, als sie mich ihm mit Leib und
Seele übergeben wollte, er könne sich verwandeln, erscheine oft ein stattlich
junger Jäger mit einer Hahnenfeder, wenn sie ihm wohlgedient, mit Zärtlichkeit
zu lohnen. Ich tat ihr meinen Abscheu kund, da lachte sie und sprach: Vergnügen
ist nicht viel dabei, das muss ich selbst gestehen, doch manche Kunst, die gar
sehr künstlich ist! Bei diesen Worten hatte sie die Stirn sich eingesalbt und
setzte sich auf eine Ofengabel und schwankte bebend um den Feuerherd, dann sank
sie tot zu Boden, dass ich sie nicht erwecken mochte, doch plötzlich krachte
schwer das Dach, da wachte sie aus ihrer Ohnmacht auf und erzählte vergnügt von
tausend Dingen, die sie auf ihrer Reise nach dem Blocksberg wollt gesehen haben,
wohin der böse Geist sie in der kurzen Zeit entrückt hatte, sie sprach von der
Musik, vom Tanz, vom Glanz der grossen Herren, als ob ich noch in meines Vaters
Schloss gewesen, und sicher hätte sie mich in das Garn gelockt, wenn sie mir
nicht von dem Konfekt geboten hätte, was sie dort eingesteckt, das war...«
    GÜLDENKAMM: »Ein Dreck.«
    KATHARINA: »So eine fremde Losung mocht es sein. Seitdem vermied ich sie und
suchte mir im Dorf Bekannte und mancher Freier kam, mich zu besuchen, doch wenn
sie sich bei uns zum Tisch gesetzt und sahen die Schlangen in der Suppe und den
Salat von Spinnen und gebackene Frösche, was sie als Leckerbissen ihnen
vorgesetzt, da liefen sie mit grosser Übelkeit vom Hause fort und ich ward bald
verlacht. Seht Herr, mit solchem Haus wollt Ihr Euch kühn verbinden.«
    GÜLDENKAMM: »Es macht mich eifriger nach deiner Liebe, weil sie dir nützlich
ist und mir nichts kostet als die Keuschheit, die ich doch gegen dich bewahren
müsste, wenn ich dich nicht besässe; wohlan, nimm meine Hand, ich will dich führen
zu dem Bruder.«
    Sie gingen beide auf das Schloss zu, und wie Katarina den Schatten der Bäume
am Boden so zuschaute, winkte sie Güldenkamm mit einem Drucke der Hand auf
einige Schattenbilder von Menschen zu achten, die in den Zweigen versteckt an
mehreren Bäumen hervorsahn. Güldenkamm sah mit einem heimlichen Herz- und
Händefrost diese sonderbare Erscheinung, wären es Geister gewesen, die jene
Bäume bewohnt, so hätten sie keine Schatten geworfen, es mussten versteckte
Mörder sein, denn die leben wollten, fanden es herrlich lebend im Schloss, wo
jedermann gut aufgenommen war. Stillschweigend gingen sie in das Schloss, immer
in der Sorge, dass der Druck eines Fingers eine Kugel oder die Spitze einer Lanze
gegen sie aussende, doch kamen sie unverletzt in den Rittersaal, wo alles in
tobender Freude durcheinander sang und lag. Anton goss durch eine Trompete den
Wein an die Erde und blies abwechselnd hinein, dabei sang er:
Trompete, du willst lustig sein,
Und giesst den Wein von oben rein,
Und unten läuft er wieder aus,
Da bleibt das liebe Gut im Haus,
Du blecherne Trompete,
Du willst ein rein Gelöte.
Trompete, du willst lustig sein,
Ich blase dir von vorn hinein,
Du bläst von hinten gar nicht fein,
Du grunzest wie ein wildes Schwein,
Du blecherne Trompete,
Was spricht von dir die Flöte?
Nur mit Mühe konnte Güldenkamm Anton in diesem Gesang stören, um ihm die
sonderbare Erscheinung auf den Bäumen zu melden, die Anton weiter nicht achten
mochte. Aber der Zufall hatte ihm besser gedient als seine Klugheit, der Schall
seiner Trompete hatte die Knechte geweckt, dass sie die Pferde gesattelt
herausführten; die Bauern, die auf den Bäumen versteckt die müde Frühheit zum
Überfalle erwarteten, wurden über die Trompete, über das Lärmen im Schloss
bedenklich, ein paar glaubten, der alte Niklas, der sich aus dem Hause
weggeschlichen, werde sie den Herrn verraten, fielen über ihn her, banden ihn
und brachten ihn mit grossem Geschrei ins Schloss, wo jedermann ihn noch in festem
Gewahrsam vermutete. »Er hat uns allein verführt«, rief einer, »die gnädigen
Herren heute auf den Kopf zu schlagen, ich verstehe, dass wir es haben tun
wollen, er hat uns viel Geld dafür versprochen.« Alles fuhr auf und sprach
untereinander, nur Anton blickte ihn ruhig scharf an und fragte ihn, warum er
das habe tun wollen.
    »Ihr habt meinen Fabian umgebracht«, sagte der Alte, »meinen lieben Fabian.«
    »Bist du Niklas?«
    »Ich bin es, Herr!«
    »Hab ich dich, du Verruchter«, wütete Anton, »wie hast du meinen armen Vater
verfolgt; wie kann ich das je genug an dir rächen.«
    »Herr«, sprach er, »er hat Euch wohl nicht gesagt, dass wir ausgeglichen
sind, er ist ein Sünder wie ich, hab ich ihm wehe getan in der Jugend, so hat er
mich in späteren Jahren vernichtet; o du mein Himmelchen, meine Barbara, die
hatte ich mir für meine alten Tage ganz allein für mich geheiratet und als er
von seiner Frau erst keine Kinder hatte, da hat er mir Hörner aufgesetzt, - und
da seht Ihr sie stehn, Eure Halbschwester.«
    »Dem Teufel Hörner aufzusetzen, das ist ein liebes wertes Stück«, sagte
Güldenkamm; Anton aber sah den roten Streifen um Katarinens Hals, der sein
Geschlecht bezeichnete, er fasste seines Vaters Ähnlichkeit in ihrer hohen
Gestalt, stürzte in ihre Arme und nannte sie Schwester. »Niklas«, sagte er,
»Euch sei verziehen um dieser Schwester willen, die Ihr mir auferzogen habt,
aber sagt mir Bescheid, Ihr seid nun ein alter Mann, Euer Haar fällt vom Haupte
und Eure Knieen beben, könnt Ihr nicht endlich zum Guten kehren? - seht diese
geliebte Schwester, da so viel Herrliches neben Euch bestanden hat, so muss
Gottes Kraft gross sein, entsagt dem Teufel und allen seinen Werken.«
    »Hört Niklas«, sprach Katarina, »seht nur, wie so ein Mann noch gutmütig zu
Euch reden kann, für Euch sorgen möchte, den Ihr ewig verflucht habt, wendet
Euch aus des Teufels Ringen, reicht uns die Hand.«
    Niklas schien weinen zu wollen, er wollte auch die Hand ausstrecken, die
Rührung in beiden, aus dem ersten Genusse verschwisterter Gesinnung
hervorgequollen, strömte ihm aus einem Himmel, den er nie gekannt hatte; zum
erstenmal rief ihm eine innere Stimme zu: ich wollte, dass ich wäre wie diese! Da
warf ihn die Macht des Teufels an die Erde nieder; wie der Jäger seinen Hund,
der aus Mitleid einen Hasen laufen liess, und schlägt ihn mit scharfen Dornen, so
zerschlug ihn der Teufel unsichtbar und er wand sich fürchterlich, seine Lippen
wurden blau, sein Gesicht weiss, seine Kleider zerriss er, seine Hände zerrang er.
So tobte er schon lange - als ein armer Einsiedler aus dem Walde geholt wurde,
der in solchen Dingen erfahren war; der kräftige Fromme kniete neben ihn, packte
ihn fest und schrie ihm die kräftigsten Gebete in die Ohren, besprengte auch
seine Schläfe mit Weihwasser und brachte ihn dadurch allmählich zu einem tiefen
Schlafe, währenddessen ihm der Einsiedler eine Tonsur schor und eine Kutte
überzog. Als Niklas nun wieder erwachte, wollte der Teufel in ihm lostoben, als
er aber das Kleid betrachtete, erschrak er und auf des Einsiedlers Gebet ging
nun wie eine Flamme aus seinem Rachen, in welcher ein schwarzer Geist sich
bewegte. »Amen«, sagte der Einsiedler, »Amen«, rief Niklas ihm weinend nach, so
sprach er ihm jetzt auch willig alle Gebete nach.
    Niklas wollte jetzt alle jämmerlichen Ereignisse seines Lebens in frommer
Gesinnung beichten, der Einsiedler erlaubte es ihm aber nicht, es möchte den
Teufel wieder locken, er müsse jetzt in strenge Aufsicht genommen werden. Die
Neugierde Antons entschied, ihn, den Einsiedler, der sich Rautenstrauch nannte,
mit dem armen Sünder nach der Einsiedelei zu begleiten, um das Leben eines
Einsiedlers näher kennen zu lernen. Der Aufbruch aus dem wüsten Schloss wurde
durch die Trompeten verkündigt, die Reisigen stiegen zu Pferde, die stolze
Katarina ritt an Antons Seite, so kamen sie vor den Bauern vorbei gezogen, die
sie gnädig begrüsste, endlich zu der Herde, die sie einem jungen Hirten übergab,
der ihr oft behülflich gewesen war, die verlaufnen Ziegen zusammen zu treiben.
    »Liebe Katarina«, sagte der schöne Schäfer, »sonst gibst du mir nichts zum
Abschiede, dachte ich doch einmal deine Hand mir zu gewinnen.«
    »Einfältiger Bauerkerl«, antwortete Katarina, »wie hat Er sich so etwas
einbilden können; erst wenn dein Holzschuh mit einem güldnen Sporne geziert ist,
will ich dich als meinen Herrn anerkennen.«
    »Geb Er sich zufrieden«, rief ihm Güldenkamm, »wer das Glück hat, führet die
Braut nach Hause.«
    »Vergesst nicht die Bedingung«, sagte Katarina ernstaft zu Güldenkamm.
    Eine andre wunderliche Unterredung zog aber in diesem Augenblicke alle
Aufmerksamkeit zu dem Einsiedler, der einen alten Bauer heftig ausschimpfte, dass
er ihm keine Vögel gebracht, da er doch wisse, dass dies sein Vögelmonat sei. Der
Bauer entschuldigte sich, er sei krank gewesen, aber der Einsiedler nannte ihn
einen eselhaften Knollfinken, ohne Andacht, den er bis ins dritte Glied
verfluchen wolle, die Vögel sollten ihm nicht nur die Saat auf dem Felde,
sondern auch alle Haare aus dem Haupte ausraufen, der Geier seine Lämmer
wegtragen und seine Kinder dazu.
    Anton wollte ihm Einhalt tun, aber Rautenstrauch versicherte, dass er längst
wisse, wie man mit solchen Ochsenpantoffeln und Sauschwänzen umgehen müsse.
    Güldenkamm hatte noch ein schönes Bild vom Einsiedlerleben in tiefster
Seele, er hatte auch diese Unterredung nicht gehört, er brachte den Einsiedler
darauf, was er denn Abends in seiner Einsamkeit tue, wenn die frommen Pilger
weggezogen wären und der Schlaf seine schwarzen Flügel noch nicht über die Augen
breite.
    »Herr«, sagte er, »da hab ich erst noch genug mit meinem Fressen zu tun,
denn was einem die albernen Bauern bringen, ist immer entweder versalzen oder
verschmolzen, und habe ich gefressen, da muss ich mich lausen, wer tut mir das,
wenn ich es nicht selbst tue, es kriecht einem immer so etwas an von den
Bauernpudeln; die Knochen muss man sich doch auch waschen, ja Herr, es ist ein
hart Leben, was ich so im Walde führe und nun ich alt werde, kommen die Leute
nicht mehr wie sonst zum Besuche.«
    Güldenkamm fuhr entsetzt vor ihm zurück und ergoss gegen Anton sein
Missbehagen über die verfluchte Natur dieses Teufelbeschwörers; dagegen hatte
sich Rautenstrauch das volle Zutrauen des armen Konrad erworben, der sein Pferd
an Katarina hatte abtreten müssen und sich als Fusswanderer leicht zu ihm
gesellen konnte. Konrad machte ihm eine ungeheure Beschreibung von allen seinen
Geschicklichkeiten, wie er kochen, backen, fischen, schiessen, alles aus dem
Grunde verstehe und seinem Pfarrer häufig bei der Messe gedient habe, so dass sie
zusammen einen grossen Gottesdienst anstellen könnten. Der Einsiedler sah den
rüstigen Kerl an, der schien ihm vortrefflich, er wollte ihn zu allem brauchen,
wozu er sich selbst nicht mehr recht tüchtig fühlte, er machte schnell alles
richtig und Konrad musste noch unterwegs von Anton seinen Abschied begehren, der
ihm auch ohne Umstände bewilligt wurde. Jetzt näherten sie sich der Einsiedelei,
die wie in einer Wolfsgrube erbauet war, man sah sie nur, wenn man dicht davor
stand; damit aber kein Wasser sich an dem Boden sammelte, so hatte der Regen
einen Ausfluss nach dem tieferen Tale aus der gemauerten Zisterne an der Seite
des Hauses. Konrad gab sich das Ansehen, als wisse er vollkommen schon mit der
Einsiedelei Bescheid, er ging mutig darauf los und fiel plötzlich durch
Strauchwerk, dass er vor allen Augen wie ein Schatten verschwand.
    Rautenstrauch sagte ernstaft: »So wollte ich doch, dass ihm alle Gebeine
verdürrten, wenn er mir heiligem alten Manne, mein bisschen Vorrat von Lagerbier
zerbricht.«
    »Nicht so übereilt geflucht«, sagte Anton.
    RAUTENSTRAUCH: »Herr, warum soll ich nicht fluchen, ich weiss es doch, dass
Gott solch einen Lümmel mit Strafen heimsucht, wenn er mich gottseligen Mann in
seinem bisschen Armut stört. Vermaledeiter Schlingel, Konradus, Laienbruder, hast
du mir mein Lagerbier in den Krügen zerbrochen?«
    KONRAD: »Herr, ich koste eben, ob es zerbrochen ist, es scheint mir aber
alles noch gut, ich bin jetzt beim dritten Krug.«
    Kaum hatte der Einsiedler das Wort mit den Ohren gekostet, so sprang er in
unwiderstehlicher Wut dem armen Konrad in den Keller nach, da gab's ein
Schreien, ein Fluchen in der Tiefe, als wäre ein Dutzend Dachshunde eben in
einen Dachstau gelassen, und die versammelten lustigen Seelen stimmten ein
frohes Jagdlied an:
Hatz, hatz, hatz,
Ein jeder auf seinem Platz,
Ein jeder auf der Lauer,
Den fetten Dachs, den Einsiedler,
Den treibet jetzt der Bauer,
Den treibet jetzt der Bierfiedler
In seinem Bau herum:
Fluchet ihn lahm und krumm,
Prügelt ihn taub und stumm,
Haltet das Loch nur zu,
Sonst kriegt er Ruh.
Nachdem sie beide in ihrer Grube Frieden versprochen hatten, wurden sie
herausgelassen, der alte Niklas äusserte aber jetzt seine Bedenklichkeit, wie er
bei so wüsten Händeln sein Leben bessern könne, seine Frau brauche nur
hinzuzukommen, so wäre der Teufel ganz los. Anton fand diese Bedenklichkeiten
gegründet und gab ihm vorläufig die Aufsicht über seinen eignen
Teufelsbeschwörer, worauf ihm dieser in aller Heiligkeit die Schwerenot
anfluchte. Die Gesellschaft fing schon an, ihren Ritt in diese wüste Waldgegend
zu missbilligen, der Einsiedler kam vor lauter Ärger gar nicht dazu ihnen die
Bequemlichkeiten seines Hauses zu zeigen, die sich endlich elend genug fanden.
Es war sein Vögelmonat und er hatte durchaus nichts vorzusetzen, als ein Fass mit
kleinen und grossen Vögeln, die eigentlich schon zu lange seinen totenrichtenden
Augen zur Besichtigung vorgelegt waren, er befahl Konrad die Vögel am Spiesse zu
braten, während er einigen Bauerweibern, die sich in der kleinen Kapelle
eingefunden, die Beichte abnehmen musste. Konrad hatte eben kein Arges dabei, dass
er die Vögel nicht rupfte, es war ihm nur zu langweilig, er steckte sie mit den
krausen Federn lustig an den Spiess und dachte, es könne sich jeder schon selbst
den Gefallen tun, die Federn abzunehmen beim Essen. Mitten in der Beichte
kriegte aber Rautenstrauch ein Gelüsten, so einen Vogel, wenn er recht frisch
gebraten, zu verzehren, er gebot also den Frauen ein paar Dutzend Paternoster zu
beten und ging indessen zu seinem Vögelkameraden, der eben, als er die Butter
mit dem schönsten Geknister darüber gegossen, neugierig geworden war, wie die
Bauerweiber dort in der Beichte wohl aussehen möchten, denn seit er von seiner
Grete fort in den Krieg gezogen, hatte er kein Bauerweib in der Nähe gesehen und
die Stadtjungfern waren ihm allzu schnippisch. Der Einsiedler zog sich einen
grossen Dompfaffen vom Spiess und freute sich recht, wie knusprig er anzufühlen,
biss auch mutig hinein, aber die Zähne blieben ihm zwischen den rauhen Federn
stecken, die sich wieder aus einander taten. »Dass dir doch alle Zähne ausfallen
mögen, Bruder Konradus«, seufzte er vor sich, »dass dir ein Reiher im Hals niste
und ein Wiedehopf dazu! - mich heiligen Mann so in der Andacht zu stören, o das
ist jämmerlich, ach dass du doch eine Katze mit Haut und Haar und allen ihren
Jungen aus Hunger fressen müsstest, ach Gott, du bist ungerecht gegen deinen
treuen Diener!« Bei diesen Worten ging er in wildem Ekel sich den Konrad
aufzusuchen, den er aber in der Kapelle schon unter viel schärferen Klauen fand,
als alle seine gebratenen Vögel aufweisen konnten. Eine der beichtenden Frauen
war Grete, das Eheweib des armen Konrad, die eben ihr Bekenntnis abgelegt hatte,
dass ihr Mann aus Ärger über ihr Hausregiment den Krieg möchte angestiftet haben;
nun kam der unschuldige Kerl, der eine fremde Frau zu necken meinte, indem er
den Weihkessel über sie ausschüttete, mit einem Eimer Wassers frisch gefüllt,
jetzt in ihre gewaltigen Arme fiel und die Nägelmale sehr bald aufweisen konnte.
    »Gnädiger Gott«, rief der Einsiedler bei diesem Anblicke, »du bist
allwissend, du bist die Hand deiner Getreuen, du schlägst, wem wir fluchen,
darnieder, schlage noch recht tüchtig, auf dass dieser ungeratene Diener deines
Wortes zum Nachdenken und zur Busse gelange. Nur sechs Nasenstüber und drei
Ohrfeigen fluche ich auf dich - da hast du sie - noch drei, noch vier.«
    Anton, durch Konrads Geschrei herbeigelockt, musste bei diesem Verfluchen mit
einem reuigen Gefühle jenes Fluchs gegen seine Frau gedenken, seit welchem ihm
die zärtliche Gestalt so überlästige Besuche machte, doch drängte das Mitleid
gegen den armen Geschlagenen, dem die andere Frau Greten zur Gesellschaft
diente; ihre Schwester, die Frau Niklassen, hatte sich nicht minder über den
armen Teufel mit Faustschlägen erbarmt. Anton schmiss sie auseinander, das Weib
aber so heftig gegen den Beichtstuhl, dass dieser alte baufällige Sessel umfiel
und das Ansehen eines zweischläfrigen Ehebettes gewann. Der Einsiedler war dabei
nicht müssig im Fluche, er rief alle Engel Gottes, dass sie Anton alles Inwendige
auswärts sollten kehren, doch blieb Anton unversehrt, vielmehr setzte er sich
auf die alte Bundeslade und liess sich den Fall ordentlich vortragen. Da fand es
sich, dass Frau Grete ihren Mann gerichtlich hatte vorladen lassen, wegen der
Gläubiger, die er ihr als Nachlass vermacht hatte, er war nicht erschienen, sie
war von ihm gerichtlich geschieden, der Hof war verkauft und sie hatte ihr
weniges Eingebrachte bei sich, um nach Dünkelspiel zu ihrem Bruder, dem
Schleifer zu gehen. Nachdem Anton vernommen, dass sie geschieden, da schalt er
heftig, was sie sich noch für eheliche Erziehungsrechte gegen ihren Mann anmasse,
oder ob sie ihn etwa dadurch bewegen wolle, sich ihr wieder anzutrauen. Frau
Grete verschwor sich hoch und teuer, das Schlagen sei nur eine alte
Angewohnheit, sie hätte in der ersten Hitze vergessen, dass der nicht mehr ihr
Mann sei, Gott sei ihr Zeuge, dass sie ihn nimmermehr wieder verlange.
    Ein evangelischer Geistlicher aus Pforzheim, der sich auch in der
Gesellschaft befand, die Anton begleitete, ein stiller Mann, der bloss um zu
heiraten die neue Lehre angenommen hatte, sprach sehr erbaulich zu ihr aus den
Worten der Bibel: »Besser heiraten als Brunst leiden.« Er geriet darüber in so
augenscheinliche Begeisterung, dass der alte Rautenstrauch heute an der
funfzigjährigen Jubelfeier seines Einsiedlerlebens zugleich den neuen Glauben
und Grete zur Frau annehmen wollte. Konrad sass ganz bestürzt unter einem Bilde
des heiligen Hubertus, von welchem die Geweihe und das Kreuz ihm über den Kopf
sahen, Anton sah mitleidig zu ihm, er wusste nicht, was er unter den Umständen
raten solle, zwar war er der neuen Lehre nicht mehr wie sonst abgeneigt, aber
sie war doch nicht die seine; dem verruchten Leben des Einsiedlers machte sie
freilich ein Ende und das musste er loben. Der Geistliche, wie es denn überhaupt
damals während der Bauernkriege in ganz Schwaben etwas ungleich zuging,
examinierte den Einsiedler in grösster Kürze über die Hauptlehren des neuen
Glaubens und nahm ihn mit einem Handschlage darin auf, Frau Grete sprach dem
Einsiedler alles nach und so wurden mit ihr auch weiter keine Umstände gemacht.
Jetzt hatten sich allmählich alle versammelt, der Einsiedler stellte sich in die
Mitte der kleinen Kapelle und beichtete seinen ganzen sträflichen Lebenslauf;
der sei ihm, von dem vorigen Einsiedler in aller Frömmigkeit auferzogen, so in
den funfzig Jahren, die er nach dessen Tode die Einsiedelei verwaltet, zu einer
unschuldigen Angewohnheit geworden, mit Rührung sähe er die grosse Ähnlichkeit
und Anhänglichkeit aller Kinder zu ihm, doch habe er keine lieber gehabt, wie
Konrads Kinder, die er auch künftig ganz als die seinen anerkennen wolle, er
schloss mit einem Fluche, wer da meine, dass er nicht die Wahrheit gesprochen.
Alle waren verwundert über seine Rede, nur Niklas konnte sich nicht entalten,
über sein Schicksal zu weinen, das ihn aus der Gewalt eines Teufels in die
Gewalt eines viel ärgern übergeben habe; »seht da meine verhexte Frau«, rief er,
»es ist das Weib, Gretens Schwester, die sich hinter dem Beichtstuhle verbirgt,
wie kann ich hier meinem Seelenheile leben?«
    Die Frau Niklassen kam ganz schmeichelnd hervor und gab zuckersüsse Worte,
sie sagte ihrem Manne, dass sie mit ihm weiter nichts zu schaffen haben wollte,
denn wenn der Rautenstrauch sich vereheliche mit ihrer Schwester, so könne er es
auch mit ihr tun.
    Der evangelische Geistliche entsetzte sich über diese Schlangenbrut und
verweigerte seinerseits alle Einsegnung diesem höllischen Bunde, der Einsiedler
verlachte ihn und sprach in grosser Freude die Trauungsworte über sich und seine
beiden Weiber, keiner mochte ihnen Glück wünschen, als aber ein kleiner gelber
hinkender Hirte in rotem Mantel erschien, man wusste nicht, zu welcher Türe er
eingegangen, und auf seinem Dudelsack ein sehr schrecklich Gerumpel begann, da
zogen sich alle aus dieser Teufelsgrube von Einsiedelei zurück. Da kam der
Einsiedler mit beiden Frauen auf den geräumigen Platz vor der Kapelle, der
Rotmantel spielte in der Kapelle so schnell, so schnell, und sie tanzten so
wild, so wild, dass ihnen die Kleider stückweise vom Leibe fielen, dabei fluchten
sie auf alle, die den Ehrentanz nicht mit ihnen machen wollten, aber jedermann
hütete sich wohl bei dieser teuflischen Musik. Lange sahen ihnen die Reisenden
zu, was das werden solle, sie hatten sich schon drei Schuhe tief in die Erde
getanzt, waren ganz nackt und zermagert, ein schändlicher Anblick, sie mochten
es nicht mehr sehen, wendeten sich weg gegen den Wiesenplan, der im Mondschein
schimmerte und wo ein Fest begangen wurde von lauter zarten Gestalten, die
schwebten auf Schmetterlingsflügeln, in ewigem Wechsel vor einem Kinde, das da
im Grünen ruhete, bald näherten sie den Mund es zu küssen, bald wiegten sie es
in den Händen, als ob es schlafend fliege, bald hoben sie es, als regierte es
ein ritterlich Ross, bald machte sich eine ganz klein, wie das Kind, kreuzte die
Hände auf der Brust, indem sie ein Veilchen im Munde ihm bot; es gab kein
seligeres Kind, keiner mochte es stören, keiner kannte es, bis am Morgen der
Wilhelm, Katarinens Schäfer und seine Eltern gelaufen kamen, als aber die
Gestalten in Tau zerrannen und das Kind nach ihnen schrie, es mit tausend Tränen
begrüssten weil sie es von einem Wolfe fortgetragen glaubten.
    Das Kind erzählte, wie es so neugierig gewesen, ob im Walde keine Pflaumen
wüchsen, und da wäre es hierher gerannt, wo es von lauter schönen Fräulein
geliebkost und eingeschläfert sei. Diese zierlichen Bilder, diese rührenden
Ereignisse hatten allen die Teufelsgrube fast aus dem Gedächtnisse verschlagen,
als sie die Musik wieder leise vernahmen, sie blickten hin und konnten von den
drei verteufelten Seelen nicht mehr sehen, als eine Bewegung in der Erde, in die
sie sich hinein getanzt hatten, die über ihren Köpfen sich bewegte, als wenn ein
Maulwurf eben aus der Erde sich herausgraben will. Als sie die Teufelskinder
also in des Teufels Macht selbst vernichtet sahen, da warf Anton die erste
Handvoll Erde in die Grube, alles folgte ihm, und in wenigen Stunden war diese
Lasterhöhle, die lange Zeit eine Zuflucht der Frommen geschienen, dem Boden
gleich gemacht, auf dass der Same des allgemeinen Weltlebens sie bald mit grünem
Grase bedecke, auf welchem unschuldige Lämmer weiden.
    Die stolze Katarina hatte ihrer Mutter Untergang ohne ein Zeichen des
Mitleidens zugeschaut; ihr Wilhelm stand in weiter Entfernung von ihr und schien
es wagen zu wollen, mit ihr zu reden, aber, lange von ihren Blicken
zurückgehalten, fasste er sich doch endlich ein Herz, nahete sich ihr, indem er
den wiedergefundenen Knaben auf seinen Armen trug und sprach: »Auch Eurem Kinde
wollt Ihr keinen Abschiedskuss geben, Katarina, denkt doch, dass es Fleisch von
Eurem Fleische ist.«
    »Aber nicht von einem Geschlechte, dummer Bauer«, antwortete sie kalt, »ich
habe für den Knaben gesorgt, so viel ihm nötig, mit mir kann er nie sein, denn
es fliesst ein gemeines Blut in ihm, auch würde es mir nach den Sitten des neuen
Standes, dem ich jetzt angehöre, nachteilig sein, wenn man vernähme, dass ich als
Jungfrau schon ein Kind gehabt habe, man würde es eine unanständige Herablassung
nennen, mich mit einem Bauern abgegeben zu haben, darum geht nach Hause mit dem
Balge, gebt ihm gute Lehre, dass er der Mutter eingedenk, wie eine Sonnenblume
das Haupt zur Sonne richte.«
    Anton war hinzugetreten und erkundigte sich, was beide verhandelten, er war
nicht wenig verwundert, die stolze Jungfrau schon als Mutter begrüssen zu können,
seine Gutmütigkeit sprach aber gleich drein; den kleinen Wilhelm wollte er den
jetzigen Unruhen im Lande, der Hungersnot und der Pest nicht aussetzen, er
selbst nahm das Kind auf sein Pferd, es seiner Frau statt des verstorbenen
Oswald zu bringen, beschenkte Wilhelm reichlich und munterte ihn auf, da der
Kriegssturm jetzt lustig durch die Welt ziehe, der manchen hoch erhöhe, der
klein gewesen, er solle sein Glück suchen und für seinen Kaiser werben, wer
könne voraus sagen, wie viel oder wie wenig ihm das Glück bestimme.
    Wilhelm dankte ihm mit Tränen; weil er nicht oft weinte, so liess es ihm gut.
Niemand machte bei dieser Veranlassung ein verlegneres Gesicht als Güldenkamm,
die Stirne schien ihm zu jucken, er wollte von seiner Braut Auskunft, sie aber
fragte ihn, was ihn das angehe; wenn er wegen dieses kleinen Ereignisses ihre
Vereinigung aufgeben wolle, so möge er es ihr im Augenblicke sagen, dann dürfe
er ihr aber nicht mehr vor Augen kommen. Güldenkamm mochte das unreine Wasser
nicht ausschütten, ehe er frisches hatte, mit Susanna war nun doch alles vorbei.
Er nahm den weinenden Wilhelm auf die Seite und suchte ihm zu entlocken, wie er
es eigentlich angefangen habe, diese stolze und spröde Schöne zu verführen.
Wilhelm versicherte, dass er es aus eignem Willen nimmermehr gewagt haben würde;
immer ferne von ihr, doch nur sie beachtend, habe er sich gehalten, da sei aber
eines Tages die schöne Katarina von andern Mädchen der Herzenskälte und der
Leibesunfruchtbarkeit beschuldigt worden, was bei allen Gebirgshirtinnen der
schimpflichste Vorwurf sei, worauf sie verstummt und, zu bewähren, dass Gott ihr
nicht den Segen, den er im ersten Buch Moses den Menschen erteilt hat und
wodurch sie fähig werden, über die Vögel in der Luft und über die Fische im
Wasser zu herrschen, von ihr zurückgenommen habe; »dazu schenkte sie mir die
nächtliche Zeit, wo ich zu ihr in ihre Sennhütte schlich:
Gejagt von allen Sonnenstrahlen,
Spring ich wie's Eichhorn fessellos,
Bis ich am Abend von den Qualen
Mich flüchte in der Jungfrau Schoss,
Sie könnt mit Spinngeweb mich fangen,
Doch liess sie mich am Morgen los.
Ich blieb in Augenwimpern hangen,
Doch sie die süssen Augen schloss,
Öffnet euch wieder
Augen der Nacht,
Tauet hernieder
Schimmernde Pracht,
Kürzere Tage,
Längere Nacht,
Mindert die Plage,
Dass ich erwacht.«
Güldenkamm hörte ihm mit Wohlbehagen zu, er konnte es endlich mit Katarinen
nicht mehr so genau nehmen, ausserordentliche Umwälzungen hatten seine Gedanken
von der Liebe so oft erfahren, dass er bald mit Stolz auf die andern Menschen
herabsah, die nicht wie er gewürdigt worden, ein Ehrengemahl des stolzesten
Mädchens zu werden, das ihre eigne Mutter und ihr eignes Kind verschmäht hatte.
Statt Katarinen aufzugeben, sprang er vielmehr in grossem Eifer zu ihr, als er
in ihrer Nähe einen Streit hörte. Sie hatte sich auf einen Schecken des
Zunftmeisters gesetzt, der ihr besser gefiel wegen seiner Höhe als der kleinere,
aber viel kostbarere Rappe, den ihr Anton gegeben. Der Zunftmeister konnte nun
nicht anders widersprechen, als indem er heftig zankte; nun wollte er ihr recht
sanft beweisen, dass es sein Pferd sei, konnte aber nichts anders herausbringen,
als Beispiele von Spitzbuben, die ehrlichen Leuten das Ihre genommen, weswegen
ihn Katarina sehr stolz anblickte und, ohne sich stören zu lassen, auf seinem
Pferde davon ritt. Der Zunftmeister sprach hinter ihr her allerlei in guter
Gesellschaft unzünftige Worte, weswegen ihn Güldenkamm eben angreifen wollte,
als Anton dazwischen trat und mit einer Hand voll Gold den Tausch mit seinem
Rappen zu Stande brachte, so dass sich endlich der Zug fortbewegte. Anton ritt an
Susannens Seite, die durch alle diese Erscheinungen verwirrt und erschöpft,
wenig gesprochen hatte. »Hör«, sagte Anton, »wenn ich denke, dass ich nun auch
ein Kind der Frau wiederbringe, das viel schöner und herrlicher als der kleine
Oswald gebildet ist, den sie verloren hat, da läuft es mir kalt übern Kopf vor
lauter Vergnügen, sie soll mich kennen, was ich vermag, sie soll nach mir
verlangen, aber ich - ich bin durch tausendfachen Fluch von ihr geschieden.«
    »Den Fluch nehmen Gottes Engel von Eurem Haupte!« sprach Susanna.
    »Wenn er nur in meinem Herzen verlöschen wollte«, sprach Anton, »aber er
treibt mich unaufhörlich und gibt mir wunderliche Anschläge. Sieh, es koste mir
Leben und Ehre, ich kann es nicht lassen, vor meiner Frau in grosser Pracht zu
erscheinen, um ihr meinen Verlust recht bitter ins Herz zu graben, um ihre Reue
zu schärfen, dass sie mich so spöttisch abgewiesen, als ich in elender Not mit
ganzer Seele zu ihr flüchtete.«
    SUSANNA: »Aber denkt doch daran, dass diese ihre verächtlichen Gaben Euch zu
so grosser Segnung geworden sind, das Schwert und das Säcklein. Vielleicht wusste
sie das voraus.«
    ANTON: »Meinst du das wirklich, kannst du das ernstlich und treulich
behaupten?«
    SUSANNA: »Nein, - aber der Himmel hat es doch Euch zum Besten gefügt.«
    ANTON: »Ich bete zu ihm meinen Dank, - konnte er mir nicht die Zunge lähmen,
als ich meine Frau verfluchen wollte.«
    SUSANNA: »Habe ich Euch nicht den Mund geschlossen? Was hatte es denn damals
geholfen; Ihr hättet sie auch dafür noch in Gedanken verflucht.«
    ANTON: »Weh mir, ich liebe sie noch und du hast recht.«
    Sie hätten wohl noch länger gesprochen, aber mit grossem Getrappel,
ausschlagend nach allen Seiten lief der Scheck, welchen Katarina geritten
hatte, vorbei, mit den Vorderfüssen im Zaumzeuge verwickelt, die Reiterin lag am
Boden. Der Scheck war bald gefangen, da er wegen des starken Zaumzeuges nicht
weit laufen konnte; schwerer war es aber, die stolze Katarina zu einem
Entschlusse zu bringen, sie blieb verächtlich gegen die Pferde und gegen alle
Arten des Reisens am Boden liegen; ihr ganzes Unglück, erklärte sie, sei daher
entstanden, dass sie das elende Lederzeug nicht habe so lange in ihren Händen
halten mögen. Ihr zu Gefallen mussten sich alle bequemen bis zum Nachtquartier,
das sie auf einer Höhe vor Waiblingen einrichten wollten, zu Fuss zu gehen; sie
hatte etwas Bezwingendes in ihrem Wesen und so ging sie mit ihrem Schäferstabe
kühnlich voran, während ihr Güldenkamm in grosser Bescheidenheit die Wege zeigte.
Durch diese Zeichen von Aufmerksamkeit fand sie sich sehr behaglich, dass sie für
sich ein hohes Lied sang, während die Sterne über ihr aufgingen:
Sterne, die mich krönen,
Und der Mond auf meiner Stirn,
Strafen alle, die mir höhnen
In dem eitlen frechen Hirn:
Wer von hohem Stamm entsprossen,
Flammt in hohem Weltgeschick,
Über alle die Genossen,
Die sich heben durch Geschick,
Mich erhebt des Himmels Glück.
Keine Sterne euch bescheinen,
Ordnen eurer Taten Lauf,
Denn die Sterne sind die meinen,
Meine Ahnherrn stehn darauf,
Dort der Ahnen Schwerterblitzen
Stärken mich mit Ahnungsblick,
Dass ich höher werde sitzen,
Dass mir kommt ein hoch Geschick,
Mich erhebt des Himmels Glück.
Hier unterbrach sie Konrad, warum sie von dem Scheck heruntergefallen sei, wenn
sie so vortreffliche Ahnung über ihre Erhebung gehabt habe? - Statt der Antwort
schlug sie ihm so kräftig mit dem Schäferstabe über sein dummes Angesicht, dass
er zu Boden fiel. Konrad blutete recht stark, Anton wollte ihr Vorwürfe machen,
aber er war es nicht im Stande. Der Konrad sagte ihr aber ungeachtet seiner
Schmerzen, sie möge gedenken, wer ihre Mutter, und dass sie doch nur so eine
unerlaubte Frucht sei. Ohne ihm anzusehen, doch ohne sich zu erzürnen, sang sie:
Kind der Liebe, Kind der Kraft,
Kind der höchsten Leidenschaft,
Also mag mich jeder nennen,
Jeder soll an mir erkennen,
Liebe, - Kraft, -
Hohe Leidenschaft.
Kind des Himmels, Kind der Welt,
Bin ich über euch gestellt,
Mit dem Himmel zu beraten
Dass ich lenke eure Taten,
Himmel, - Welt, -
Sind in mir gesellt.
Sie blieb bei diesem Schlusse stehen und Anton erkannte in den Lichtern, die vor
ihnen im Tale leuchteten und bewegten, sein gutes Waiblingen; es überfiel ihn
eine Rührung, was er gewesen, als er ausgegangen, einsam vom Teufel Seger
geführt, jetzt durch die Geburt an hohe Geschicke geknüpft, schon durch Taten
mächtig und bekannt, reich an Freunden und Geld, mit ihm ein guter Engel und
eine wunderbare Schwester, und indem er so im Gedanken einige Schritte
vorgetreten war, fühlte er sein Gemüt in einer Erhebung, die ihm sein altes
Wesen entfremdete; da schlug ihn eine Hand auf den Rücken, da grüsste ihn eine
bekannte Stimme mit den Worten: »Ha Anton, Lumpenhund, liebster Herzensbube bist
du wieder hier? na was hast du geschossen?«
    Es war der Jäger, wo Anton sonst halbe Nächte verspielt hatte, der ihn also
begrüsste; wie sich aber Anton herumdrehte, dass ihm das frische Wachtfeuer in die
Augen leuchtete, da trat der dürre Jäger zurück und meinte, er sei es wohl
nicht, er habe ja ein ernstes Angesicht wie der Kaiser. Aber Anton nahm ihn
freundlich bei der Hand, sagte ihm, dass über sein Gesicht in der kurzen Zeit so
mancher Wind gegangen, sein Herz sei noch dasselbe, des wolle er ihm bei gutem
Weine Bescheid sagen. Aber der dürre Jäger konnte nicht mehr in seine rechte
Laune kommen, immer wollte er noch etwas aus alter Zeit fragen, aber da blieb er
mitten inne stecken und sagte: »Ei, das gesteh ich!« Zuletzt stand er ganz ab
vom Reden und wendete sich zum Weine, der ihm noch nie so gut vorgekommen war,
dabei gefiel er sich bald mit Konrad ganz vortrefflich, der auch lange keinen so
geistreichen Mann wollte gesehen haben, fast brannte ihm der Geist zum Halse
hinaus.
    Güldenkamm hatte die Anordnung dieser letzten Abendtafel übernommen, er
hatte die Gäste auf den Hügeln verteilt, schöne Wachtfeuer wirbelten in die Luft
und Trompeter verkündigten von einem Tische zum andern, wenn Gesundheiten
ausgebracht wurden.
    Diese kriegerischen Töne, womit kriegerische Seelen gern ihre Lust würzen,
damit jede Art der Begeisterung sich verbinde, schien im Widerhalle an den
Mauern der Stadt seine Natur zu verwandeln; was jenen auf waldiger Höhe das Blut
erwärmte, erkältete es diesen in den Mauern der Stadt Eingeschlossenen, die
schon seit länger als vierzehn Tagen eine Belagerung von den Bauern fürchteten.
Niemand erschrak aber so verdriesslich, als die Eltern aus den Betten aufstanden
und sie weckten, als die Kinder, die zu dem grossen Herbstfeste, das nach des
seligen Bürgermeisters Stiftung mit Tanz und Geschenken aller Art im Frühling
und im Herbste gefeiert werden sollte, aufsprangen und jetzt von nichts hörten,
als wie sie in Kellern und Bodenkammern versteckt werden sollten. Die Kinder
lärmten so unerschrocken, widersetzten sich so ungestüm, griffen ohne sich
abhalten zu lassen, nach den weissen Feierkleidern, nach den roten Mäntelchen und
blauen Baretten, die ihnen aus der Stiftung verehrt waren, dass viele von ihnen,
während die Eltern in grosser Verlegenheit mit einander beratschlagten, schon auf
dem Markte versammelt waren, als eben das erste Morgenlicht erschien. Der gute
Arnold, der Ratsherr, der damals mit seiner Weisheit das Leben des kleinen Anton
gerettet hatte, ging in seinen Amtskleidern vorüber und der kleine Anton, der
zum Feste zum erstenmal wieder in die Stadt gekommen war, hing sich an ihn und
sagte, dass er bei ihm bleiben wolle, die Mutter, die jetzt eine kleine Wohnung
im Keller ihres Hauses bezogen, krame schon die halbe Nacht an ihren
Habseligkeiten und habe ihm gedroht, sein neues Kleid auszuziehen. Der gute
Arnold suchte ihn und die andern Kinder möglichst zu trösten, blickte auf gen
Himmel und sagte: »Hört Kinder, mir kommt ein Gedanke von oben, betet fromm, dass
er sich erfülle, bleibt still zusammen, bald komme ich vom Ratause zurück und
sage euch, was ihr zu tun habt.« Die Kinder knieten in der Morgensonne in Reihen
auf den Stufen der grossen Treppe, die zum Münster hinaufführt, nieder und
beteten ein jeder, was er wusste und was seinem Gemüte recht demütig klang, dass
der Herr ihnen die Lust des Jahres beschütze. Der Glöckner sah die Betenden und
öffnete die Tore des Münsters, da strahlte die Sonne durch das Goldglas über dem
Altare, die Türen, welche die heilige Mutter Gottes verschlossen, sprangen auf;
da glänzte sie mit silberner Krone und ihr Kind hatte segnend zwei Finger
aufgehoben; eine Taube, die auf dem Altare eingesperrt worden, flatterte in
sanften Kreisen über beiden und schwebte dann empor. Die Kinder schrieen bei
diesem Anblicke auf, sie hätten Gewährung ihres Gebets erhalten und zogen nach
dem Rataus, wo ihnen Arnold mit den Worten entgegentrat: »Ihr Kinder, habt ihr
Mut, für eure Vaterstadt, die ihr länger als wir bewohnen sollt, einen demütigen
Gang zu dem wilden Feinde zu wagen, der mit Mord und Brand seinen Weg
bezeichnet? - Vielleicht könnt ihr uns und euer Herbstfest retten, hat doch
Jesus Christus die liebreichen Worte verkündet: Lasset die Kindlein zu mir
kommen und wehret ihnen nicht; seht, das Wort wird sich behalten von Ewigkeit zu
Ewigkeit, auch das Blut wird es nicht auslöschen im Herzen der wilden Krieger.«
- Der kleine Anton trat mutig hervor und sprach: »Gottes Wille geschehe im
Himmel wie auf Erden, ich gehe voran den Feind um Schutz für meine liebe Mutter,
für meinen lieben Herrn Arnold anzuflehen und für die kleinen Buben alle, die
unter meinem Fähnlein dienen.« Gleich sammelten sich diese Spielkameraden um ihn
her und riefen, dass sie ihren Feldhauptmann nicht verlassen, und dabei erhoben
sie ihre kleinen hölzernen Spiesse, die sie nimmer von sich liessen, wie er ihnen
befohlen.
    Nachdem Arnold den Zug der Kinder, die dem Feinde entgegen gehen sollten,
angeordnet hatte, war ein unerwartetes Hindernis zu bekämpfen; die Mütter, denen
es in keiner Art deutlich gemacht werden konnte, dass die wütenden Bauern doch
keine Hussiten wären, die selbst in Naumburg durch einen Haufen Kinder, die
ihnen entgegen gegangen, von Mord und Brand abgehalten worden, es seien
Landsleute, einer Sprache und gleicher Sitte. Fast mit Gewalt mussten die Weiber
von den Kindern losgerissen werden, bis Frau Anna hervortrat und sie alle
feigherzig schalt, dass sie ihre Kinder höher als das Wohl der Stadt achteten und
als ihrer aller Vermögen, dagegen rief sie ihrem kleinen Anton zu, er solle sich
nicht vor ihr blicken lassen, wenn er nicht Friede und Freiheit der Stadt
erbeten habe. Als die andern Frauen diese Gesinnung vernahmen, schämten sie sich
ihrer Feigherzigkeit und segneten ihre Kinder und liessen sie im Namen Gottes
gegen den Feind ziehen der sich auf den Hügeln schon regte und sich zu einem
Sturme anzuschicken schien.
    Dieser anscheinende Sturm war das frühzeitige Aufschmücken der Pferde und
Panzer zum prachtvollen Einritte in Waiblingen, Anton selbst half dabei seinem
Diener, dass nichts gebrechen solle er trug wie sein Pferd einen stahlblauen
Panzer, auf welchem der Sündenfall durch ein Weib dargestellt war, Susanna hatte
einen kurzen silbernen Brustarnisch auf Purpurunterkleidern, Katarina hatte
sich einen vergoldeten Harnisch angelegt, doch wollte sie ihr weibliches
Unterkleid aus gewürfeltem grün und roten Wollenzeuge, das sie als Schäferin
trug, nicht auslassen, und der luterische Geistliche, der seiner Studien wegen
in Frankreich gewesen war, versicherte ihr, sie gleiche dem Bilde der Jungfrau
von Orleans. Sie erkundigte sich nach den Taten der Jungfrau und nach ihrer
Abkunft und sagte dann verächtlich, dass derselben schon recht geschehen, als sie
verbrannt worden, weil sie aus so niedrer Abkunft in die hohen Ereignisse der
Welt eingegriffen habe; der Geistliche fragte spottend, ob sie denn durch Taten
ihre Abkunft beweisen werde? Sie antwortete, dass die Welt ihrer Taten noch nicht
wert sei, da sie ihrer Worte noch zu wenig achte.
    Während dieses Gesprächs nahete sich der wunderliche Zug der Kinder, die wie
ein Mohnfeld mit Weiss, Rot und Blau, wie der Wind ging, abwechselten, keiner
konnte sich den Zug erklären, doch erkannte Anton, wie er sich näherte, seinen
Sohn an der Spitze, verhüllte sich in seinem grossen grünen Mantel und wartete
ab, was sich ereignen werde. Der Kleine konnte seinen Vater, der sein Gesicht
halb bedeckte, indem er vortrat, nicht erkennen, denn er erwartete ihn nicht und
hatte ihn nie in so fremder Tracht gesehen, er beugte vor ihm ein Knie, hob die
Hände auf und sprach sehr gefasst: »Feldhauptmann, ich komme nicht für uns Kinder
zu bitten um Schirm und Schutz, denn wir werden alle einmal als gute
Landsknechte ritterlich in die Welt ziehen und müssen alle früh oder spät auf
grüner Heide unser junges Leben lassen, aber Herr, wir flehen für die Mütter,
die uns ernähren.«
    Anton konnte sich hier des Lachens und der Tränen zugleich kaum erwehren, er
unterbrach deswegen die feierliche Rede des Kleinen, indem er ihn mit
verstellter Stimme fragte: »Gibt dir die Mutter auch etwas Gutes zu essen?«
    Der kleine Anton sah ihn verwundert an und sprach: »Sonst als der Vater noch
zu Hause war, da gab's immer was Gutes, jetzt aber kocht sie Klösse einen Tag und
alle Tage.«
    »Das soll untersucht werden«, fuhr Anton fort, »ihr andern bleibt hier, du
aber Kleiner, gehe flugs hin und hole deine Mutter, sage ihr, dass ich die Stadt
an allen vier Ecken anzünden wolle, dass kein Schwalbennest übrig bleiben soll.«
    Die stolze Katarina freute sich über die gedemütigte stolze Stadt, die mit
ihren Wällen und Wachttürmen, voll Menschen, die den Ausgang erspähend, sich
regten, vor ihnen ausgebreitet lag, in der kein Schornstein rauchte, kein Wagen
fuhr, sie musste ihren Bruder umarmen, es schien ihr die neue Saat der Zeit
aufzugehen; sie gebot den guten Pforzheimern, die aus Mitleiden den Kindern
ihren Irrtum deutlich machen wollten, Stille und Ergebenheit, sie glaubte sich
hinein, dass sie als feindliches Heer vor den Mauern dieser Stadt ständen und
ordnete, dass jeder bei seinem Pferde bleibe, um vor jedem Überfalle sicher zu
sein.
    Unterdessen kam Frau Anna, die aus den Reden des Knaben, der Klösse und
Feldhauptmann, Friede und Fastenspeisen, und Kraut und Lot zusammen mischte,
nicht hatte klug werden können, sie kam in ihrer häuslichen Kleidung, ihre
Tasche und ihre Schlüssel an der Seite, und als Anton sie erblickte, hielt er
sich nicht mehr, er liess den Mantel fallen, er trat in der Pracht seiner Rüstung
vor sie hin, die Wut machte ihn stumm; sie aber nach Weiberart immer beredt,
rief ihm zu: »Anton, du Tunichtgut, du Geldverschwender, du liederlicher
Landschweifer, so muss ich dich hier noch als Ruhestörer wiederfinden, du gehörst
ja an den Galgen, wem hast du die schöne Rüstung ausgezogen, in Gold gehst du,
aber deine Frau und dein Kind müssen darben; dir soll ich noch gute Worte geben,
hab ich dich nicht verflucht, so fluche ich dir jetzt, dass deine Arme verdürren,
mit denen du mich an dich gedrückt, das die Lippen dir vergehen, mit denen du
mich geküsst.«
    »Halt inne Weib«, rief Anton, »ich habe dich längst verflucht, du gibst mir
zurück alle Blitzstrahlen, die ich auf dein Haupt zusammenbeschworen, als du
mich hilfsbedürftigen Kranken, der sich von ganzer Seele nach dir sehnte, der
ein ehrlich Leben fleissig und fromm mit dir zu führen begehrte, mit Spott von
dir wiesest, jetzt will ich dich bezahlen, wie du es verdient hast.« - Bei
diesen heftigen Worten ergriff er seinen grossen Sack mit Geld und warf ihn der
Frau hin, dass die Gulden daraus umherflogen; »da hast du deine silbernen Becher
und allen Plunder, den ich mit dir erheiratete, zehnfach wieder, kauf dir, was
dein Herz wünscht.« - In diesem Augenblick kam ihm der Gedanke, er möchte den
wundertätigen Beutel mit dem Geldsacke verschenkt haben, doch konnte er sich
nicht zu der Demütigung entschliessen, auch das Kleinste von dem zurückzunehmen,
was sein Übermut ihr geschenkt hatte; »mag alles hin sein, ich bin
gerechtfertigt und gerächt«, tobte seine Leidenschaft, und mit schneller
Heftigkeit ergriff er den kleinen Wilhelm, den Susanna getragen hatte, reichte
ihn seiner Frau und sprach: »Sieh Anna, dass dir nichts durch mich genommen sei,
was ich nicht herrlicher dir erstatte, nimm dieses Kind, sieh wie viel
herrlicher es in die Welt lacht als das kümmerliche Altmannskind, der Oswald,
das sei dein, es ist meiner Schwester Kind, du wirst es lieben mehr als dein
eignes Kind, ziehe es auf nach deinem Gewissen, es wird eine Zeit kommen, wo ich
es von dir zurückfordre!« - Das liebevolle Angesicht des fröhlichen Kindes hatte
Frau Annens ganze Liebe gewonnen, sie drückte es an ihr Herz, seufzte, weinte
und sprach zu Anton: »Herr, du hast alles herrlicher vollendet, als ich armes
Weib gedachte, der Mund, der dir fluchte, kann dich auch segnen, Herr, ich werde
nimmermehr froh als in deiner Nähe.«
    Als Anna diese Worte sprach, erstarrte Antons Angesicht; in wohliger
Erfüllung seiner Wut, gedemütigt vor ihm sollte die stolze Frau erscheinen, er
aber konnte nicht bleiben, und dass der Huf seines Rosses sie zerschmettert, wenn
sie dessen Hufen umklammert hätte, um es festzuhalten; er riss seine Sporen durch
ihre Hände, die seine Beine umklammerten, er stieg auf sein hohes geharnischtes
Ross, es erhob sich und liess die goldnen Hufbeschläge fallen, die Frau Anna in
Verzweiflung aufhob, während der Zug in rascher Eile ihr vorbei in die Stadt
jagte, viele ihrer lachten, und nur Susanna ihr einen milden Blick und ein
Gebetbuch zuwarf; einsam blieb sie im Staube liegen, denn die Kinder, selbst ihr
eigenes, folgten jubelnd der Reiterschar, vor der die Herden im Felde nach allen
Seiten flüchteten und die Bürger, die aus ihrer geringen Zahl ihren guten Willen
erkannten, die Tore öffneten. Da sass sie, wie ein Stein am Wege in eigner
Schwere noch alle Lasten, die jeden drücken, ertragen muss, damit alle sich
erleichtern, sie konnte nicht empor sehen zu Gott, denn sie hatte geflucht wie
kein Frommer, aber da sah sie nieder ins Gras und sah in die Blumen und sah in
die Augen des kleinen Wilhelm und es schwand ihr Wut und Fluch, Gram und
Herzeleid, und das Kind war mit diesem Blicke an ihr Herz geknüpft durch ein
Band fester als jenes im Mutterleibe, sie legte es sanft wiegend an ihr Herz und
ihr Herz hatte Freude und - der dürre Jäger, der sie hohnlächelnd durch das
Gebüsche belauscht hatte, trat jetzt zu ihr und brachte ihr einen Brief von
ihrem Mann, es war derselbe, den er dem Mephistopheles geschrieben, der Jäger
bestellte ihr dabei, sie möchte ihm das Geld übergeben, er wolle es ihr
nachtragen. Sie war so selig in dem Augenblicke, sie hätte es ihm übergeben,
aber ein Lärmen erschreckte ihn, er ging zähneknirschend in den Wald, dass die
Tannenäste ihm ins Gesicht schlugen. Eigentlich vertrieb ihn von seinem Posten,
wo er einen Teil des Geldes zu rauben hoffte, das aus dem grossen Sacke fallend
zerstreut lag, eine Schar von Zigeunern, die den Reisenden nachgezogen war,
dieselbe die Anton und Susannen unterwegs wahrgesagt hatten. Die Zigeunerkönigin
trat zu Frau Anna heran und riet ihr, das Geld, das sie um sich liegen habe,
besser zu bewahren, es sei jetzt schlimme Zeit in aller Welt und wer nichts habe
und wer viel habe, beide suchten mehr zu bekommen. Frau Anna erwachte wie aus
einem Traume, sie kehrte zu ihrer häuslichen Art zurück, sagte Dank für den
guten Rat und sammelte das Zerstreute, es wurde ihr sogar Angst vor den
wunderlichen gelben Leuten, die rings mit allerlei Waffen standen. Die
Zigeunerin aber hatte ein zutrauliches Wesen, fragte sie erst nach dem Kinde,
dann nach ihrem eigenen Namen, verwunderte sich über beide und erbot sich, sie
nach der Stadt zu begleiten, um ihren Schatz in Sicherheit zu bringen. Dieser
Mühe brauchte es aber nicht, der gute Ratsherr Arnold hatte nicht sobald den
Verlauf gehört und Anton wieder erkannt, als er schon mit einigen Ratsfreunden
hinauseilte, der glücklichen Frau Anna mit Rat beizustehen. Ihnen übergab Frau
Anna sowohl die goldnen Hufbeschläge als auch das Gold, doch verlangte er es auf
der Stelle zu zählen, um jeden Verdacht von sich abzulehnen. Indem sie nun die
Gulden aus dem Sack herausschütteten, fiel auch der lederne Beutel heraus, der
Geber aller dieser Reichtümer. Die Zigeunerin sah ihn zuerst und bat Frau Anna
darum, sie wolle einige Wurzeln hineintun, die sie eben eingesammelt und die
ihre Kraft verlieren machten. Frau Anna in ihrer Sparsamkeit, ungeachtet die
Frau ihr so redlich beigestanden, verweigerte es ihr, aber Herr Arnold meinte,
das Beutelchen sei einer reichen Frau ganz unwert, auch versprach die
Zigeunerin, dem Kindchen eine Violenwurzel zu schenken, auf die es beim Zahnen
beissen könne. Frau Anna nahm diese Wurzel und gab das Beutelchen der Zigeunerin,
die sie noch fragte, ob sie ihr auch aus der Hand wahrsagen solle und sie dabei
an der Hand fasste. Zwar hörte Frau Anna mit dem Zählen beschäftigt wenig zu,
aber die Zigeunerin musste es ihr sagen: »Ihr haltet gut Haus, aber Ihr gebt das
Beste weg, das ist gut, und weil Ihr's Beste nicht achtet, wird es Euch
abtrünnig und das ist gut, Ihr kriegt noch einen Mann, ja das ist gut, er
kriegte sonst keine Frau und das ist auch gut.«
    Während sie noch so weiter dahlen wollte, kam schon der fröhliche Herbstzug
der Kinder über das Stoppelfeld, Frau Anna eilte sich mit Zählen und da viere
zugleich dabei beschäftigt, war alles beendigt und Herr Arnold mit seinen
Gehülfen trug alles in die Stadt. »Also Frau, meinen Mann kriege ich wieder«,
fragte Anna, die der Zigeunerin nur halb zugehört hatte. »Werdet's schon sehen«,
sagte die Zigeunerin, »wenn einem Glück gesagt wird und einer hört nicht zu, da
vergeht's ihm wie verfrorne Knospen.«
    So zogen die Zigeuner fort in den Wald, Frau Anna aber lief mit dem Kinde
dem Zuge entgegen, der in allerlei Vermummung das Schneiden des Weines feierte,
sie war die einzige ohne Larve, wenn gleich viele andere ebenfalls zu erkennen
waren, ein jeder rief sie an wegen ihres Glücks, sie aber fürchtete sich, dass
jeder nun von ihr etwas begehren werde, und war entschlossen nichts, gar nichts
abzugeben.
    Der ganze Zug war unendlich fröhlich zu beschauen, die gleich und ernstaft
gekleideten Kinder, die in einer Kriegsordnung vorüber zogen und als Panier
grosse Blumenkronen hoch erhaben trugen, umgeben von den vermummten wunderlichen
Gestalten der älteren Leute, machten einen Eindruck wie ein kleines kunstreiches
Zwergenvolk, das in ein wildes Riesenland siegreich eingedrungen ist, der Himmel
schien ihnen hold, die Sonne glänzte ungetrübt auf dem blauen Grunde, kein
Zugvogel liess sich in der Luft mit mahnendem Geschrei vernehmen, vielmehr schien
ein verspäteter Herbst dem Jahre zulegen zu wollen, was von dem Sommer in den
Schrecknissen der Zeit untergegangen war. Die neuangekommenen Pforzheimer
folgten dem lustigen Zuge in Gesellschaft der ernsten Ratsherren und der
bejahrteren Bürger, an ihrer Spitze ging Katarina, die ihren Harnisch nicht
ablegen mochte, ihr hatte Anton seine Stelle übergeben, während er selbst in die
von den Kindern geöffnete Kirche eingetreten war, der Einsamkeit sein Herz
auszuschütten, das allmählich die harte Wut mit weicher Wehmut vertauschte.
Seine Frau schwebte ihm erst vor den Augen, dass er sie nicht bannen konnte, bald
aber ging diese Gestalt in das freischwebende zärtliche Nebelbild über, die ihn
allen Heiligen zum Trotz freundlich begrüsste, und diesmal lieblicher als je ein
Inbegriff alles Schönen war. Ihr Wesen war diesmal unausstehlich, sie suchte ihn
sogar eifersüchtig zu machen, indem sie den alten bärtigen Heiligen schmeichelte
und doch nebenher zu ihm hinschielte.
    »Ach«, seufzte Anton, »Christus, hab ich deinen Tempel errettet vor der
Zerstörung, kannst du den kleinen zärtlichen Teufel nicht von mir verjagen, der
mir deinen Tempel verunreinigt, gedenke, wie du die Krämer daraus vertrieben,
ein grösseres Unheil ist dies zu nennen, Herr zeige, dass du lebst!«
    Bei diesen Worten verschwand das zärtliche Bild und er hatte Musse, seine
Vorzeit sich zu vergegenwärtigen, er sah die Bilder, die er mit Fleiss und Lust
geschaffen, sie waren ihm aber alle nicht recht, er zog das kleine Bild
Susannens heraus, wie viel Heiligkeit, Leben und Segen gegen alle Marien,
Katarinen und Cäcilien, womit er die Altäre der Kirche geschmückt hatte; es
ergriff ihn eine Wut gegen sich, gegen seine Arbeit, er konnte den Gedanken
nicht ertragen, dass diese Arbeiten einst seinen Namen tragen sollten, einen
Namen, dem so grosse Geschicke anvertraut waren, es drängte ihn in den Fingern,
seine Glieder zuckten ihm zum Zerstören, wie Kranken, die den Tod in sich
tragen, die Sehnsucht sich zu vernichten, sich zu zerstören, alles dient diesem
Wunsche, mit einem Zuge hatte sein Degen drei der grössten Altarbilder, die auf
Holz gemalt waren, zerspalten; noch aus den Trümmern sah ihn der verspottete
Christus unter der Dornenkrone mitleidig an, aber das vermehrte nur seinen Gram
und seinen Zorn, die Blitzesschnelligkeit seines Degens, der rasch den heiligen
Christophorus niederhieb und die heilige Katarina. So wütete er, bis kein Stück
seiner Arbeiten mehr kenntlich war, und wohlgefällig sah er auf die Trümmern,
niemand hatte ihn gestört, denn alle, bis auf wenige Wächter der Häuser, waren
dem Feste nachgezogen; mit kühnem Blicke stand er auf diesen bunten Brettern und
dachte, wie er mit seinem unversieglichen Reichtume, was er nicht selbst besser
leisten könne, durch das Herbeirufen der gepriesensten Maler in Verherrlichung
ersetzen wolle, da erst gedachte er wieder, ob er nicht den wunderbaren Beutel
mit den Schätzen seiner Frau in den Schoss geschüttet habe, er fühlte in die
Tasche seines Wamses, wo er ihn sonst zu tragen pflegte, die Tasche war leer und
so jede andere Tasche und sein Verstand lief wie eine Sanduhr aus. Da war kein
Geschehenes zu vergüten, kein Zukünftiges zu beschliessen, Gründe und Gegengründe
schaukelten ihn hoch in die Luft und senkten ihn in die Meerestiefe seines
wogenden Unmutes. Er flüchtete wie aus dem Paradiese von einem Engel mit
feurigem Schwerte getrieben, aus der zerstörten Kirche, unbemerkt erreichte er
den Wald, er wollte seinen Schmerzen und seiner Verzweifelung entlaufen, indem
er sie ermüdete; wie ein Kain lief er umher, der seinen Bruder erschlagen, und
lechzend blieb er endlich hinter einem Rebenhügel liegen.
    Das grosse Herbstfest hatte während dieser Zeit immer mehr Stimmen in seinen
Jubel und Strudel hineingerissen. Die Kinder waren mit einem andächtigen
Ernteliede in den Hof gekommen, wo die Geschenke ihnen ausgeteilt werden sollten
und wo die Bürger sich eine Mahlzeit hatten bereiten lassen. Der kleine Anton
hing nach kurzer Einsegnung durch einen Geistlichen die Blumenkrone vor dem
Muttergottesbilde auf, der Geistliche betete dann in einer der Feierlichkeit
angemessenen Rede für diese Jugend, dass sie der milden Gesinnung treu bleiben
möchte, in der dieses Fest von dem Bürgermeister war gestiftet worden, dass keine
falsche Deutung das freudige Wesen desselben lieblos herabwürdige und dass die
Kindheit mit der Wunderwelt, die sie erzieht, beschützt bleibe wie die Pracht
der Kirche, durch Meister Antons Standhaftigkeit in jenen Schreckenstagen der
Bilderstürmerei bewahrt worden sei. Bei diesen Worten suchte er Anton in der
Versammlung, weil er seine Rückkehr erfahren hatte und ihn gegenwärtig meinte,
da er ihn indessen nicht ersehen konnte, rief er den kleinen Anton zu sich auf
die erhöhten Stufen, ermahnte ihn, dem Beispiele seines Vaters in allem Guten zu
folgen, der Knabe weinte über die hohe Auszeichnung, die ihm wurde, nachdem er
von allen auf dem Pachtofe, wohin er nach dem Tode Oswalds untergebracht, als
ein Missetäter angesehen worden; allgemein verbreitete sich die Rührung und das
stille Gebet für den Kleinen, der die ganze Stadt an jenem Tage für sich
eingenommen hatte. Der Geistliche glaubte nach diesem Augenblicke allgemeiner
Teilnahme nichts Bedeutendes mehr sagen zu können, er schloss daher, indem er zum
Frieden im fröhlichen Genusse ermahnte; eine Warnung, die in dieser Gegend
besonders notwendig war, wo die Bauerfrauen, die aus entfernteren Gegenden zu
Kirchweihen zogen, gern das Totenhemd für ihre Männer ihrem Sonntagsstaate
beipackten, um für alle Fälle gesorgt zu haben; das Volk wollte Blut sehen, um
nüchtern zu werden.
    Nach der feierlichen Rede wurde wieder ein angemessener Dank für die reiche
Ernte aus einem alten Kirchenliede gesungen, dann wurden die Kinder auf den
grünen Bleichplatz geführt, wo Bretter als Tische, und Decken zum Sitzen gelegt
waren, die Milchsuppe wurde in grossen Braukesseln herbeigetragen und auf die
Teller gekellt, die Weizenbröte wurden ausgeworfen, die irdenen Weinkannen
ausgeteilt, der Schweinebraten nach den Einschnitten seiner harten knupprigen
Schwarte in breite Stücke zerlegt, deren weisser Glanz mit brauner vieläugiger
Brühe bedeckt, den Kindern ungeduldig in die Augen leuchtete; dann der
Äpfelkuchen, reichlich mit Honig bestrichen, das Mahl und den Mund der Kinder
schloss.
    Nach feierlichem Gebete standen sie auf und durften sich selbst in den
Gärten die reifen Frühäpfel abschütteln. Da gab's ein Leben, als sie die Mäntel
und Barette und aus Schonung ihre neuen Wämser und Hemden abgelegt hatten, jeder
Baum schien ein volles Nest von Engeln, ein Adler schwebte lange über ihnen und
senkte sich nieder, weil der kleine Anton, auf den höchsten Ästen immer voran,
und der kühnste, obgleich einer der jüngsten, ihm winkte, aus sehnlichem
Verlangen auf ihm zur Sonne zu reiten. Da liess sich der Adler bis nahe über dem
Haupt des Kleinen herab, der ihm freundlich einen Apfel reichte; der Adler nahm
ihn mit seinem Schnabel, und sei es, dass ihm die Gabe genügte, oder dass ihn das
Geschrei der andern Kinder erschreckte, er stieg mit rastlosem Fittich der Sonne
zu und verlor sich dem geblendeten Auge in ihrer rollenden Scheibe.
    Frau Anna sass halb träumend auf dem Ehrenplatze des bezahlten Gasttisches,
ihr zur Seite war ein Platz für Anton leer, sie wurde durch die Erzählung aus
einem Taumel erweckt, in welchen sie das Ausserordentliche der Begebenheiten
verzaubert hatte, sie freute sich über dies Ereignis, aber dieser kleine Anton,
wenn sie ihn auch nicht mehr hasste, war ihr gleichgültig, sie trank kaum seine
Gesundheit mit, die ihm gebracht wurde, und fragte nur zuweilen nach dem kleinen
Wilhelm, den sie der Verwalterin im Pachtofe übergeben hatte, um ihn zu ihrem
Kinde in die Wiege zu legen.
    Katarina sah sie mit grosser Verwunderung an, sie konnte nicht begreifen,
dass diese Frau, deren Wesen ihr so gemein und niedrig erschien, die Frau ihres
Bruders sein könne, und wie Frau Anna die Versicherung des Ratsherrn Arnold, dass
es nichts koste, dazu benutzen wollte, sich einmal ganz satt zu essen, so stieg
der Hochmut in Katarinen so gewaltig, dass sie über den Geruch der Speisen, die
reichlicher gewürzt waren, als es in der Hexenküche ihrer Mutter herkömmlich,
die Nase rümpfte, ja wohl gar darauf nieste, dass keiner den Teller anrühren
mochte und alle nur aus Rücksicht, weil sie mit den Fremden gekommen, es beim
Zischeln bewenden liessen. Als der Hunger aber so mächtig in ihr wurde, während
die meisten andern schon den Käse schabten, dass sie die fortgeschobenen Teller
einen nach dem andern vornahm und mit dem Brote bis zum letzten ausputzte, da
konnten sich viele nicht mehr des Lachens entalten. Sie wollte trotzig die
Ursache wissen eine dreiste Frau vertraute es ihr, da wurde sie so beleidigt,
dass sie mit so elendem Volke gar nicht mehr ausdauern mochte und die
Gesellschaft verliess. Kaum war sie fort, so legten die Pforzheimer mit allen
sonderbaren Geschichtchen los, die sie von ihr unterwegs erfahren, wie sie ein
Kind gehabt und doch Jungfrau sei, dass sie ein unehelich Kind und ihre Mutter
eine Hexe.
    Zum Unglück war Güldenkamm und Susanna bei diesen Erzählungen nicht
gegenwärtig, sie hätten ihnen sonst Einhalt getan, beide waren gleich nach der
feierlichen Rede in die Stadt gegangen ihren Anton aufzusuchen, den sie im
Ratskeller oder sonst bei alten Bekannten vermuteten und dem Feste zuführen
wollten.
    Nach Tische begann die Traubenlese, freilich an diesem Tage mehr zum Schein
als des Nutzens wegen, denn jeder durfte essen was er brach, jeder durfte sich
die reifsten Trauben auslesen und sich damit nach der grossen Weinlaube begeben,
wo ein Fass Wein auf gemeinschaftliche Kosten ausgetrunken werden sollte.
    Beim Weine fiel es dem unbescheidnen Junker Blaubart ein, dem Waiblinger
Burgemeister einen Pforzheimer Mut zuzutrinken, wenn die Bauern einmal wirklich
vor die Stadt zögen und nicht ihre arme Kinder so voraus zu schicken.
    Der Burgemeister rief Arnold, er möchte einmal hören, was der Pforzheimer
spreche, ob es auch nicht ihrer Stadt zum Nachteil gereiche. Da gab es harte
Worte von beiden Seiten; eben sollte es zum Losschlagen kommen, als eine grosse
Schar Winzer mit verdeckter Trage und grossem Geschrei zur Gesellschaft heranzog.
    Es war nämlich die Sitte des Landes, dass die Winzer gegen Abend auszogen und
Mädchen, die etwa müssig umherliefen, auf ihre Trage legten, um sie unter dem
Namen der Herbstsau zum Gelächter aller in die Gesellschaft der Fleissigen zu
bringen, solch ein Mädchen musste sich mit allerlei Geschenken loskaufen.
    Welch eine Verwunderung, als jetzt die stolze Katarina aus der
geheimnisvollen Verhüllung hervorkam und mitten im Geschrei und Gelächter wie
eine Königin sich gebärdete. Da sie den Gebrauch nicht kannte, weil im Gebirge
kein Weinbau getrieben wurde, so hielt sie die Winzer für Abgeordnete, die sie
auf eine recht ehrenvolle Art als Königin des Festes der Gesellschaft
zurückführen sollten und war natürlich jetzt verwundert, von allen als Sau! Sau!
Sau! sich anrufen zu hören und die Neigen aus aller Gläser wie einen Regensturm
auf sich fallen zu fühlen.
    »Güldenkamm!« rief sie mit lauter Stimme; der war aber mit Susanna im
Ratskeller so gutmütig festgehalten von der Wirtin, dass er seiner Geliebten
nicht gedachte, »ach«, seufzte sie, »wäre mein Wilhelm hier, er liesse mich nicht
ungerächt, warum habe ich die treue Seele verstossen - nun macht's nur nicht gar
zu grob«, fahr sie fort, als ihr Brot und Käserinde an den Kopf flogen. Dies war
das Ziel ihrer Demütigung, denn mit einigen kräftigen Schlägen lagen plötzlich
die Winzer, die sie auf dem Schandsitze festgehalten hatten, am Boden;
»Katarina - Wilhelm - dein - mein - mein Leben um deine Ehre!« - mehr konnten
sie nicht mit einander reden, Wilhelm wütete gegen die Menge und wäre sicher
verloren gewesen, wenn nicht die Waiblinger in der Meinung, er sei ein
Pforzheimer, der den alten Streit erneuern wolle, gegen diese Gäste
losgeschlagen hätten.
    Da gab's ein Schlagen, Junker Blaubart hatte bald auch blaue Augen, und
hätte er nicht ein Messer gehabt, so war er verloren; vielleicht wäre alles
nicht so schlimm geworden, wenn nicht, sonderbar war es anzusehen, die
Weinlaube, deren Stützen zum Schlagen ausgerissen wurden, endlich über die
Fechtenden zusammenstürzte, die in ihrem grünen verflochtenen Netze die
Drohenden festielt. Manche Traube kühlte den zornigsten Mund, indem sie sich
auf ihm zerdrückte, und es schien, als ob sie der Freude erzogen den Streit
nicht leiden wolle.
    Aber Katarinas beleidigter Stolz litt keine Hemmung, sie verhöhnte die
Waiblinger mit bittern Reden, indem sie alle weibische Männer nannte, welche die
Ehre einer Jungfrau nicht zu achten wüssten.
    Wilhelm und die Pforzheimer, die bessere Messer und ein paar Degen hatten,
arbeiteten sich zuerst von dem Flechtwerke los; da sie nun auf vielen hart
herumtrampelten, die darunter vergraben lagen, so erweckte ihr Geschrei Furcht
in den andern, als erst einige flohen, wuchs die Zuversicht der Pforzheimer
ungeachtet ihrer geringen Zahl, dazu kam, dass in der Dunkelheit die halb
berauschten Waiblinger, die sich unter der Laube allmählich erhoben, einander
verkannten und mit Faustschlägen sich einander gegenseitig traktierten. Nach
einer halben Stunde waren die Waiblinger, so viele deren noch gehen konnten,
ausserhalb der Mauer des Hofes, der aus alter Zeit her noch wie eine Burg
befestigt war und nur einen Zugang hatte. Wilhelm zog die Brücke auf und sah
jetzt als der einzig ganz Nüchterne nach den Verwundeten auf dem Schlachtfelde.
    Katarina kam ihm mit einem goldnen Sporne entgegen, den sie einem
verwundeten Ritter Landschaden abgenommen, auch nahm sie ihr Schwert wieder, das
sie hatte in der Laube stehen lassen, und schlug ihren Geliebten zum Ritter mit
dreimaligem Ausrufe: »Besser Ritter als Knecht!« erst dann durfte er sich den
Sporn anschnallen, erst dann durfte er sie umarmen, dann wechselte sie im
Beisein aller Pforzheimer die Ringe mit ihm, die sie dem toten Bürgermeister
abgezogen hatte, als Zeichen ihres Verlöbnisses. Als er sie an seinen Mund, an
sein Herz gedrückt hatte, da fühlte er erst seine Wunden und sank auf seine Knie
und küsste ihre Hände. Sie liess es geschehen, sie sah den Sieger, den Ihren gern
zu ihren Füssen, sie fragte ihn, welcher Zufall ihn in ihre Nähe geführt. Er
sprach, wie er ihr noch recht lange habe nachsehen wollen, ihr und dem Zuge, so
sei er von Hügel zu Hügel hinter ihnen hergegangen, er habe aber nicht gewagt
sich ihnen zu nähern, er habe sie mit Herzensjubel zuletzt auf dem Felde
belauscht, wie sie die Feldzwiebeln neben sich geköpft, auch sei er schon bereit
gewesen ihr zu Hülfe zu eilen, als die Winzer sie ergriffen, doch ihm habe es
geschienen, als sei es mit ihrem Willen. Leise sei er endlich dem Zuge der
fröhlich mit Weinlaub Geschmückten gefolgt, bis er ihren Ruf nach Hülfe und
Rache vernommen. »Mir ist alle Seligkeit geworden auf Erden«, so sprach er, »du
hast zum Ritter mich geschlagen, dein hohes Blut mit mir verlobt, und wie ein
Pferd bei einer vollen Krippe, nachdem es seines Lebens satt und froh mit seiner
Halfterkette spielt, so will ich mit dem Ringe spielen, wenn mich die Kraft
verlässt noch die geliebten Hände festzuhalten.«
    Bei diesen Worten sank er um, erst jetzt sah Katarina, dass er an zwei
starken Stichwunden in der Seite verblutet war, o du armer Stolz der Erde, jeden
Tropfen des gemeinen Blutes hätte sie gern mit ihrem hohen Blute erkauft, ihre
Hand, die ihm den Himmel aufschliessen konnte, hatte keine Macht ihn auf der Erde
festzuhalten und ihre Augen, die ihm sonst in steter seliger Nähe vorschwebten,
versanken in die unendlich tiefen Brunnen voll Tränen wie fallende Sterne am
Todestage der Welt. Rings um den Sterbenden waren alle Lebenden auf ihre
Sicherheit bedacht, sie gedachten aber nicht, welches Pfand der
Unverletzlichkeit ihnen geblieben, die Kinder der Stadt, die sich in dem Garten
beim Spiele eben so rauften wie ihre Väter beim Weine, erst bei den Klagen der
Weiber, die aus dem Felde heimkehrend das Schrecken erfuhren und um ihre Kinder
fleheten, dass man sie ihnen zurückgeben solle. Aber Blaubart erkannte schnell
seinen Vorteil, er versprach ihnen Schonung der Kinder, wenn sich alle Bewohner
von Waiblingen während der Nacht in die Stadt zurückzögen, dass sie sicher vor
jedem Überfalle den Morgen erwarten könnten.
    Herr Arnold, der glücklich entkommen war, ging diesen Vertrag ein, nur sagte
er, dass sie Güldenkamm und Susanna, die von dem Lärmen aufgeschreckt ihrem Herrn
zu Hülfe eilten und den ergrimmten Flüchtlingen in die Hände gefallen waren, zur
Sicherheit des Vertrages, als Unterpfänder bewahren wollten.
    In dieser schrecklichen Nacht, wo jeder für die seinen bebte, sich aber gern
vergessen hätte, stieg zum erstenmal der grosse Komet aus dem Schosse der Nacht
auf, der nachher noch so viel Blutvergiessen über die Welt gebracht hat; das traf
in das schönste Wohlleben Deutschlands. So ist uns oft das Leben eines einzelnen
Menschen ein Bild von den Schicksalen seines Volkes, oft voraus warnend, oft zu
spät. - So mögen wir auch wohl erwägen, was sich zwischen Anton und Frau Anna in
dieser Nacht ereignete. Er war erschöpft an einem Rebenhügel liegen geblieben,
dort hatte ihn die Zigeunerin gefunden und mit einem brennenden Getränke, das
damals nur den Kranken gegeben wurde und das aus der Gärung der Kirschen in
künstlicher Destillation erhalten wird, wieder zu seinem Verstande gebracht, er
kannte sie wieder, sie gab ihm Speise und brachte ihm einen Gruss von seinem
Vater Rappolt, der da noch lebe und ihn zu sich rufen lasse, ihm im schweren
Dienste seine jugendlich wachenden Augen zu leihen, weil er allmählich erblinde.
Diese Nachricht beruhigte Anton, er sah wieder ein Ziel, wonach er streben
konnte, einen Schatz, durch den er den Waiblingern die Verwüstung ihrer Kirche
vergüten könne, eine Rache gegen seine Frau, wenn er ihr seinen Überfluss und
sein Erspartes zusenden konnte.
    Die Zigeunerin versprach, seiner im Walde zu warten, um ihn zum Vater zu
führen, er eilte die Seinen von dem Feste abzuholen. Es dunkelte, als er wieder
in die Nähe des Pachtofes kam, und wie er über die reiche Gegend sah, die
abgeerntet wieder neu belebenden Stoff den himmlischen Strahlen ausgelegt hatte,
da regte sein Herz wieder die Nähe des zärtlichen Gespenstes, es war ihm diesmal
nicht unwillkommen, doch schien es scheuer vor ihm hinter jedem Busche sich zu
verstecken, er lockte es sanft wie ein Schäfer das Lamm, das einem Abgrunde nahe
steht, er gab ihm schmeichelnde Worte, pflückte weiches Laub von den Weinreben
und mochte den Vorübergehenden wohl töricht vorkommen wenn nicht der Weg an
diesem Festtage den Verirrten nur gehört hätte. Zärtlich bewegte sich das
geliebte Bild vor ihm, umsonst mahnte er es, sich ihm zu verbinden, er sei ein
Neugeborner aller Fesseln frei, seit er die Stunde verflucht, die ihn wieder mit
seiner Frau verbinde, aber die liebliche Gestalt, bald seiner Frau, bald
Susannen ähnlicher, schien den Spass wie ein törichtes Kind allzuweit zu treiben,
er zürnte in seinem erhitzen Gemüte, zog sein Messer und rief: »Teufelin, ein
Wort, du bist mein oder bist des Todes, du teilst mein Lager oder wir sind auf
ewig geschieden wie zwei Felsen durch einen Wasserstrom!«
    Da regte sich die Gestalt, da schien sie zu verschwinden, trat aber dann den
Weg hinauf ganz in der Gestalt seiner Frau, nur war sie, wie der Sternenschein
aussagte, in ihrem Angesichte frischer, sie trat auf ihn zu, umfasste ihn und
konnte nicht reden. Wenn aber der Wolf seinen Fang sucht, da ist er still, dass
seine Stimme nicht erschrecke, so still zwang Anton die Gestalt seinem Willen
und sie schien dem Zwange mit zögerndem Wunsche zu begegnen, sie entschliefen
beide in Lust und der Wind, der auf Blumenrädern, und der Sturm, der auf
Eisnadeln über sie hin fuhr, konnten sie nicht erwecken. Als aber die Sonne
aufging, da träumte Anton, er falle in eine Höhle, die bis in den Kern der Erde
gehe, er wollte sich helfen und erwachte, der Zaubertrank der Zigeuner war
verraucht, er sah die Frau an seiner Seite, um die er sich und die Stunde
verflucht hatte, in der er sie wieder berühre, und die Stunde hatte schon lange
ausgeschlagen und der Fluch brannte in seinem Haupte wie brennender Zunder, der
einem Pferde in das Ohr gesteckt ist, dass es durchgehe; es schauderte ihm, dass
das Messer in seiner Schale zitterte, das am Gürtel hing, er zog es und rief:
»Du oder ich!«
    Das Messer war in Frau Annas Brust, sie war es gewesen, sie selbst, sie war
vom Weine in Gedanken verwirrt, von dem Zuge der Frauen abgekommen; unbekannt
mit der Gegend war sie ihrem Mörder in die Arme gelaufen, den sie mit ihrer
Gunst stillschweigend zu versöhnen trachtete, denn sie kannte ihn sonst zwar
heftig, aber ohne Falsch und was er sonst küsste, das war ihm heilig dadurch auf
immer und ewig.
    Jetzt zogen die grauen Wolken über ihr und sie wusste nichts davon, die
Zugvögel flüchteten vor dem neuen Wetter, sie aber war schon weiter gezogen, der
dürre Jäger stand aber hinter dem erstarrten Anton und fragte ihn: »Bruder, ein
Wildbret, du fällst mir in meine Jagdgerechtigkeit, soll ich dich auf einen
Hirsch schmieden und durch den Wald jagen, was hast du geschossen, was so
schweisst, deck deinen Mantel auf, wir wollen teilen!«
    »Nimm uns beide«, rief endlich Anton und schlang die goldne Halskette, die
er zum Geschenke erhalten hatte, um seine beiden Hände, dass er festgebunden war,
»diese gib der Erde, mich aber übergib dem Richter, der an Gottes Stelle auf
Erden richtet, mich bringe als Mörder nach Waiblingen, so will ich dich zum
Erben setzen von allem, was noch auf Erden mein ist.«
    »Nicht also, guter Bruder«, sprach der dürre Jäger, »haben wir gewettet; ich
habe auch mein Weib umgebracht, wir kennen uns nun besser einander und keiner
hat dem andern was vorzuwerfen, sei kein Tor, dich den Gesetzsprechern
auszuliefern, die doch keinen Armen vor Mord und Totschlag in dieser Zeit
schützen können und viel tausend Landsleute um eine Frage, die keiner versteht,
niederhauen lassen, ich meine, du bist eines vornehmen Herren Kind, ich habe
auch vom Grafen Rappolt gehört, zieh ab, hier ist kein Boden für uns beide, was
hält dich noch hier?«
    »Mein Kind!« seufzte Anton, »und diese Leiche.«
    »Fort mit ihr in den Strom, der sich hier durchquält, er mag sie tragen,
wohin er will!«
    So tat der Jäger, eh' er's sprach, und als Anton sich ihm nach werfen
wollte, trug er nur noch den Brief auf seiner Fläche, der aus Frau Annens Busen
gefallen war, und legte ihn dem Erstarrten zu Füssen. Der Anblick hielt ihn
zurück, er trat in das Bewusstsein eines grösseren Geschickes, dem nicht zu
entfliehen sei, seine Augen weilten auf der ewig wandelnden, ewig gleichen
Fläche des Stroms, der jetzt Katarinens verweintes Angesicht ihm abspiegelte,
wie sie den kleinen Wilhelm auf dem Arme, den kleinen Anton an der Hand mit
Güldenkamm und Susanna über die Wiese aus dem Pachtofe fortzogen, während die
Pforzheimer, die sich alle Pferde der Sicherheit wegen zugeeignet hatten, über
das Feld fortjagten, dass sie der Grenze entkämen. Nimmer war eine Sehnsucht nach
dem Tode in Antons Seele erwacht, jetzt aber war seine Seele in den Worten: »Mir
wäre besser, dass ich tot, als dass durch mich solches Unheil in die Welt
gekommen.« - Katarina ihm gegenüber seufzte in den Wind, der gleichgültig über
alles hin das Tal mit dem Flusse hinabgleitete: »Mir wäre besser die Schande,
als eine Ehre, die mir den Geliebten entrissen!«
    Beide standen so von einander getrennt und achteten nicht, was rings
geschah, da pfiff es aus allen Büschen, und wie in einem Wirbelwind auf einen
Kreis aller bewegliche Staub und gelbe Blätter zusammengedreht sich vereinet, so
standen sie plötzlich zu beiden Seiten von den gelben bestaubten Scharen der
Zigeuner umgeben, die Anton wieder erkannte, mit der Hand von sich fortwinkte,
die Hände dann faltete und von sich fort zu beschwören schien. Die Zigeuner
versammelten sich aber, mit der Begleitung vieler Maultrommeln und Querpfeifen
singend, immer näher um Anton und Katarinen, dass ihr Hauch im Aufschreien die
blonden Locken durchschauderte:
                                    Zigeuner
Betet nur kein Vaterunser,
Ihr seid unser,
Stehet auf der Wegesscheide,
Euer Weg, der führt zum Galgen
Und der unsre führt zum Balgen,
Ihr seid auch von unsern Leuten,
Uns hilft Streiten und Erbeuten.
Sehet euch nicht um und weinet,
Ihr versteinet,
Eure Stadt seht ihr nicht wieder
Euer Haus geht auf in Feuer,
Werdet frei von dem Gemäuer,
Lasst euch nirgend wieder nieder,
Maurer, Zimmerleut sind Feinde
Und die Welt ist die Gemeinde.
                              Die Zigeunerkönigin
Einer seh nicht nach den andern,
Ihr müsst wandern.
Wo kein andrer ist geboren,
Überm Stroh geschorner Felder,
Überm Besenreis der Wälder,
Wo der König steht verloren,
Von der Erd löst euch die Schuld,
Steigt durch Tat zu Himmelshuld.
                                    Zigeuner
Springt das Grün aus Frühlingstrieben,
Sollt ihr lieben,
Sind verguldet alle Saaten,
Müsst ihr ernten ohne Säen,
Scharfe Schwerter können mähen,
Haun aus jedem Schwein die Braten;
Graben wir nach fetten Dachsen,
Knarren bald die Wagenachsen.
Betet nur kein Vaterunser,
Ihr seid unser,
Müsst mit uns auf Felsen klimmen,
Ihr seid nirgend mehr willkommen,
Wollt ihr zu einander kommen,
Müsst ihr wie die Fische schwimmen,
Wer noch durch die Luft gezogen,
Hat den Teufel drum betrogen.
                              Die Zigeunerkönigin
Hunger lehrt euch prophezeien,
Lasst euch weihen,
Sagt erst Kindern, was sie wollen,
Jungen Mädchen sprecht vom Knaben,
Heimlich kommen euch die Gaben,
Klebt ihr nicht an Erdenschollen,
Ahnen euch der Wittrung Taten; -
Helden kann ein Held erraten.
Propheten sprechen oft zu uns aus unserm eigenen Munde, an das Unbedeutende
heften sie den Blick mit Ahnungen und wir fühlen ein gemeinsames Leben mit aller
Welt. O ihr Ahnungen, wunderbare Seher der Zukunft, eure Sternzeichen leuchten
in der unerschöpflichen Tiefe unsres Herzens, ihr seid das Licht, ihr seid das
Auge zugleich und darum seid ihr nicht zu erkennen und zu begreifen mit der
Vernunft. Mit wechselnder Schnelligkeit hebt überfliessend der Eimer des neuen
Lebens, dass sein herabfallender Überfluss im Brunnen uns erst hörbar wird, wenn
der geleerte Eimer schon in leerer Gegenwart schwankend niedersinkt. Das
Herrlichste erkennt sich erst, wenn es vorbei, und darum begrüsse ich euch
dankbar und locke euch liebevoll, ihr viel verschmähten Ahnungen; aus euch atme
ich hoffend und leicht in die Welt, durch euch schlägt jede Ader mächtiger und
freut sich ihrer unendlichen Verflechtungen, die ein Vorbild sind, wie die
unendlichen Geschlechter der Erde aus einem Blute stammend auch an ein Blut
glauben sollen, das für alle vergossen, alle zur Seligkeit führen wird. Wie
sehen wir ahnend so anders in die Welt, und in dem Himmel sehen wir, wie ein
allumfassendes Blau die verbrennenden Gestirne ernährt und herstellt, woraus
wird uns in Ahnungen so wohl? - O könnten wir doch auch rückwärts unsern Blick
in eurer Kraft wenden und die Welt verstehen lernen, die unsere Erinnerung
belastet, könntet ihr das Vergessene und Verborgene uns wiederbringen, erst dann
wäre unsre Welt unendlich und dazu möchte ich euch zur Stunde meiner Geburt
hinwenden, das Gefühl zu wissen, mit dem der Mensch sein Auge zum erstenmal
öffnete, zu wissen, wie er dann in der Wiederkehr des Jahres, nachdem er den
grossen Kreis das erste Mal durchwandert, den Jahrestag seiner Geburt feierte, ja
dann wüsste ich, wie die Erde fühlt mit ihren Saaten und Wäldern in jeder
Jahreszeit, ob die Tiere ihr Leben rühmen, das auf einen Jahreslauf beschränkt
ist, oder ob sie neidend den überlebenden Geschlechtern, sich vor der Luft
verkriechen, die sie erweckt hatte, und entschlummern. Dann wüsste ich, wie jedem
Geschlechte der Tiere zu Mute ist, wenn der Tod des Jahres, der Winter, alle
Blätter abstreift; - was die Vögel singen, wenn diese gleich ihnen durch die
Luft fliegen, was das Gewild schreit, wenn sie ihnen das Gras bedecken und die
Fische, wenn sie wie unzählige kleine Nachen auf der Wasserfläche umhergaukeln
bis sie versinken. Eine schwerere Decke überzieht aber bald mit gleichem Weiss
die vielfarbige Erde, wie mögen die Ameisen erschrecken auf ihren weiten
Wanderungen, wie mögen die Bienen trauern, wenn sie ihren Vorrat, die goldene
Erinnerung unzähliger Blumenküsse in der Not angreifen, was mögen die Fische
träumen, wenn eine harte, trübe Eiswölbung sie in härterer Gefangenschaft hält
als die Netze, denen sie so oft entschlüpft sind, und sie von der Oberfläche
bannt, an der sich das Wasser erneut, in der sie so oft fröhlich des
Sonnenscheins rauschten, wie sie erschrecken, nun der Hirsch, den der Teich so
lange tränkte, verwundert über ihr Haupt hintobt und mit hartem Hufe anklopft,
bis er die Eisdecke eingeschlagen und dann selbst erschreckt den Kopf
zurückzieht, wenn ihm die scheuen Bewohner des so spiegelnden Elements
ungeduldig entgegentreten, weil sie schon erstickt sind in der kalten Nacht und
verkehrt oben aufsteigend kaum noch die Flossen zu regen vermögen. Wie sich in
der Liebeszeit des Jahres die Tiere über einander fröhlich verwunderten über
alles, was jedem besonders verliehen, wie die Krähen da sich Flöckchen Wolle zu
ihrem Neste von der Fülle des Schafs abrissen und der treue Hund, der es nicht
leiden wollte, ihnen kaum eine Feder ausreissen konnte und den sichern Fang
erstaunt in die Luft emporsteigen sah und vergebens danach emporsprang, wie der
ergrimmte Hahn die Enten auf dem Wasser nicht weiter verfolgen konnte, die
seinen Hühnern das Futter weggefressen, so beneiden einander alle in der
Schreckenszeit, die Krähe sieht von ihrem dürren Ast den dichten Pelz des
Schafes mit Neid und möchte sich darin kleiden, Enten und Hühner sehen mit Neid
die fröhlichen Zugvögel fortziehen, alle Tiere macht der Winter ernst und
boshaft und der Mensch, der alle beherrschen sollte, verkriecht sich furchtsam
vor ihnen und liest in dem Fluge, in dem Geschrei der Tiere abergläubische
Zeichen einer höhern Gewalt.
    Du armer Mensch, wärst du doch wie jene Murmeltiere einem Winterschlafe
wenigstens unterworfen, wenn du nicht mit den Zugvögeln dich in die Gegenden
ewigen Frühlings flüchten kannst oder wie die Wasserlilien nur zum Blühen an die
Oberfläche kommst, o dass du ihnen nicht gleichtun kannst und schlafend, oder
wandernd, oder versinkend dem Winter entkommen magst; keiner von uns mag so
schnell ziehen und versinken, um der Kälte zu entkommen, die in einer Nacht
halbe Weltteile überfliegt, und wer schliefe so fest, dass ihn der Frost und der
Sturm nicht weckten, so schlafen nur die Toten. Die Lebenden aber wie das Grün,
das noch aus dem Schnee wunderbar hervorblickt, strecken ihre Arme von ihrem
Lager in die Welt, der Sonne entgegen, aber sie wärmt nicht mehr, sie
erschrecken vor ihr wie vor einer alten Freundin, die in einem Augenblicke ihnen
fremd geworden ist. Aber die Trompeten schmettern in allen Strassen, gedämpft von
den Schneelagen, doch hörbar, der Feind ist nahe, der Freund ist in der Not, Not
und Ehre rufen ihn, doch der die ganze Welt vergessen möchte, die Schüsse fallen
immer näher, das Laufen der Flüchtenden hallt immer schneller, er fühlt keinen
Frost mehr, ihm ist heiss wie in Frühlingsluft, die Ahnung, hier müsse er
kämpfen, durchlebt ihn, ob der Himmel hell oder dunkel, nur eine Tätigkeit in
ihm und um ihn her, nur ein Bestreben, denen, die ihn vom traurigen Tode des
Erfrierens erweckt haben, sich anzuschliessen, ihre Feinde sind seine Feinde und
wäre es die ganze Welt.
    Mit solchem Herze voll Ahnungen des Mutes sprang Anton unter der Schneedecke
hervor, die ihn während des festen Schlafes am Waldabhange unsichtbar gemacht
hatte, das grüne Gras sah gedrückt, doch hell an der Stelle hervor, wo er
gelegen hatte, und dampfte von seiner Lebensglut, die zu ihm übergegangen war,
er sah es noch, so träg und trüb war seine Seele, trotz der dringenden Gefahr
der Seinen, die ihn anriefen, mit seinem Zigeunernamen: »Huty, Huty, wenn nur
unser Huty bei uns wäre.«
    Auf der andern Seite sahen ihn die Juden und riefen ihm zu: »Komm zu uns
Simson, du sollst unser Führer sein, zieh aus dein Schwert!«
    Der dürre Jäger weckte ihn und rief: »Komm zu uns, denn bei uns ist deine
Schwester, deine Kinder, Susanna und Güldenkamm!«
    Diese Worte hätten Anton entschieden, sein Schwert gegen die Zigeuner zu
wenden, da erschienen ihm die Seinen wie goldne Morgenflammen, wie sie am Berge
fortzogen und nach ihm riefen, weil sie ihn überall vermisst hatten. »Anton!
Anton!« schallten ihm die teuren Stimmen, die nach ihm riefen, und er wandte
sich zu ihnen zurück, sie sahen ihn und sprangen noch bleich vom Schrecken auf
ihn zu. »Steh Katarinen bei«, rief Güldenkamm, »sie ist mit ihren Jungfrauen im
stärksten Kampf beim schmalen Wege am Sumpfe.«
    Anton eilte mit einer allmählichen Erwärmung seines Gemüts nach jener Seite,
es war ihm, als hätte er nach einem Vierteljahre Kerkernacht wieder die Sonne
erblickt; ihm war, als ob er noch zu etwas tauge, und eine Rührung durchschnitt
ihm das Herz, als dränge ihm ein blankes Schwert hindurch und machte es der Last
seines Lebens frei; die Reue war ein Greuel in diesem Leibe gewesen, der sich
nicht beugen konnte, weil er zu stark war, der sich nicht vor der Welt büssend im
Staube verkriechen konnte, weil er zu gross gewachsen. Es war ihm ein Bewusstsein
geworden und er sah sich in der Tat, wie der volle Mond das erleuchtete Viertel
sieht und auch in klarer Nacht an seinem Rande gesehen werden kann, er handelte,
er wusste, dass er handelte, und so riss ihn nichts mehr unwissend fort. Zwischen
Klotilden, die mit ihren ergebnen Zigeunermädchen die Brücke besetzt hielt, und
zwischen den Juden, die sich zum Angriffe mit Jagdspiessen anschickten, war noch
ein gegenseitiges Zuschrein und wildes Unterhandeln; die Juden meinten sie durch
Überredung von ihrem Passe zu vertreiben und schickten sich nur ungern dazu an
sie anzugreifen, die ihnen mutig mit gutem Degen unter die Augen trat. Der dürre
Jäger trat endlich zwischen beide und suchte beide zu besänftigen, sein Anblick
aber mehrte so gewaltig die Wut der Jungfrauen, dass sie mit dem Geschrei »Tod
dem Verräter« auf ihn eindrangen, eben als Anton ganz in ihre Nähe getreten. In
diesem Augenblicke schwärzte sich der ruhelose Nachtimmel und hoch in den
Lüften erschallte durch die schwarze Luft ein kriegerischer Marsch in harter
Tonart, scherzend in Wildheit. Die Juden schrieen auf: »Das wütende Heer, werft
euch nieder!«
    Alle warten sich nieder wie schwarze Garben auf der weissen verschimmelten
Flur, auch die Jungfrauen warfen sich nieder und schimmerten wie Blutstropfen in
dem weissen unschuldigen Lammfelle der Erde, Anton aber beugte sich nicht,
sondern hob drohend über sich sein Schwert. Und bald sahen die wütenden Scharen
auf ihn und zogen doch weiter wie Kriegsvölker, die vor der Bildsäule eines
feindlichen Helden lobend vorüberziehen und in sich denken, dass die Lebenden
recht behalten. Welch ein Gewirre von Trachten, aber alle mit Blut bezeichnet,
leicht und flatternd in ihren Hemden liefen in fröhlichem Gesange; die an Wunden
gestorben, ihre Rüstung war ihnen abgenommen und ihr Fähnlein war aus
zerschossenen Hemden zusammengepflastert, darauf stand geschrieben, gegen
welches Volk sie gestritten, gegen welches sie um Rache schrieen; ein trockenes
Lazarett, das aus dunklen Kasematten auf eine grüne Wiese ausgeführt wird, wo
ihre Geliebten ihnen volle Becher alten Weines reichen, so dass sie in Licht,
Wein und Liebe zugleich ersoffen sich alle gesunder fühlen, als da sie noch
gesund waren, so zog dieser mutwillige Haufen, jeder mit seiner Geliebten, mit
Blumen und bunten Bändern geschmückt, und wüteten hinkend auf den verstümmelten
Gliedern. Zwischendurch drang die rührende Tonart des Kriegsgesanges der
Gerüsteten, die mit den Waffen in der Hand vor dem Feinde gefallen; ihre grossen
Fahnen aus allen Zeiten, hatten sie mit hinübergenommen, teils die eigenen,
teils feindliche, sie liessen Anton ihre Zeit erraten, sie forderten keine Rache;
denn ihnen war geschehen, wie sie gewollt; aber ein feierlicher Ernst, eine
Gewissheit ihrer selbst, erhielt sie in einer wohlwollenden Rührung, sie wären
gern gnädig gewesen aller Welt und wollten für die Ihren am jüngsten Tage reden.
    Diesem Heldenzuge des wütenden Heeres entgegen, zog der wilde Jäger aus
Osten, ein herrlicher Mann auf hohem Rosse, vor ihm her ein Wolkenzug von
ähnlichen weissen Jagdhunden, die suchend liefen, in ewiger Dummheit bellten und
am Himmel kein Gewild erspüren konnten, hier roch einer an die Spitze einer
Tanne, dass die Nacht ein Hase in ihrem Schatten geschlafen hatte, gleich kamen
alle im Kreise, und rochen und bellten, bis der wilde Jäger sie mit starker
Jagdpeitsche heulend in die Weite trieb. Die beiden Züge drangen gegen einander
und wie sie einander berührten brannte ein Blitzstrahl nieder, dass die Welt in
einem Feuerabgrund zu versinken schien, dann war es schwarz vor Antons Augen, er
fühlte um sich und fühlte nichts, er wusste nicht, wohin er entrückt war, es war
still um ihn her, weder Jagd noch Krieg, aber ein tiefes Atmen, als sei er ein
Früherwachter unter vielen Langschläfern.
    Endlich berührte seine Hand eines Menschen Mund und mit einem Schrei hörte
er wieder die Stimme seiner Schwester: »Anton, du lebst, nun so lass uns zu Gott
beten, der uns erschüttert hat.«
    Anton aber fragte: »Katarina, wo sind wir, in welcher Tiefe büssen wir unsre
Sünden?«
    KATHARINA: »Wir allein stehen aufrecht, wie wir standen, um uns her liegen
Freunde und Feinde im Grase hingestreckt und wagen nicht aufzublicken. Aber
sprich Anton, was berührst du so stillschweigend meine Augen?«
    ANTON: »Siehst denn du mit deinen Augen, warum deckst du mir die Augen zu.«
    KATHARINA: »Herrlich glänzen deine Augen, wie ich nimmer sie gesehen,
weitinleuchtend über die erschreckte Flur und die Feinde, statt zu streiten,
beten demutvoll zu dir und bitten dich um Frieden.« - Anton fühlte, er sei vom
Blitzstrahl geblendet, aber er schämte sich, es zu gestehen, so verlassen von
Gott und von der Welt hatte er sich nie gefühlt, als die Feinde ihm den Jäger
gebunden überschickten, dass er und die Zigeuner ihnen Frieden und Freundschaft
schenken möchten, nachdem der Blitzstrahl ihren alten Anführer Niklas erschlagen
habe, der unter ihnen Manasse geheissen.
    Anton befahl, den Gefangenen wohl zu bewachen, und die Seinen, die sich
jetzt allmählich um ihn versammelt hatten, hoben Geiseln aus, um ihre kleinere
Zahl gegen die Übermacht dieser Höhlenbewohner zu sichern. Aber alle diese
Bewegungen, diese Vorsicht, alles schien noch durch die betäubende Erscheinung
verwirrt, es war als ob ein Menschenfuss durch ein paar Heere streitender Ameisen
geschritten, ihre Wut ist in der allgemeinen Zerstörung erloschen und die
ergrimmten Feinde suchen gegenseitig bei einander Zuflucht. Da die Herzogin der
Zigeuner nicht gegenwärtig war, so hatte das allgemeine Zutrauen Anton als
Führer emporgehoben, er aber starrte in eine ewige Nacht und wenn er es ihnen
auch zu verbergen trachtete, und jeden Augenblick das Licht der Welt erwartete,
so konnte er doch nur nach langsamer Ausfrage gebieten, was der Augenblick
erheischte. Aber der Friede war den Menschen aufgedrungen in dem
gemeinschaftlichen Schauder vor grösseren Ereignissen, die sich der Welt nahten
und die jeder vorerst in seinem Kreise sich zu deuten suchte.
    »Den wilden Jäger kennen wir wohl«, sagte ein Bewohner der Höhlen, »es ist
der Hackelnburg mit der Tut Ursel, sie ziehn vor allen grossen Festlichkeiten aus
ihrem Gebirgswinkel heraus; - wie mögen sie aber heute sich entsetzt haben, als
ihnen das wütende Heer in den Weg getreten ist, denn das bedeutet grossen Krieg,
und wo die alten erschlagenen Landsknechte herziehen, daher kommt es über
Deutschland, das wilde Kriegswetter.«
    »Wie ist die Geschichte mit dem Hackelnburg?« fragte Susanna, die Anton
wieder traurig auf den Boden hinstarrend erblickte, wie er oft getan, seit dem
Tode seiner Frau.
    Ein alter Jude antwortete: »Wir haben viel von dieser Geschichte im Lande
gehört, in unsern Büchern steht nichts davon. Er soll ein gewaltiger Jägersmann
gewesen sein, der Hackelnburg, die Tut Ursel aber eine Nonne, die in ihrer
höchsten Andächtigkeit die andern Nonnen mit ihrer schrecklichen grunzenden
Stimme gestört hat, Hackelnburg hat ihre Stimme im Chore gefallen, weil sie der
eines wilden Ebers ähnlich, er entführte sie, verliess sie aber im Walde wegen
eines Traumes, der ihn warnte, er werde durch einen grossen Eber umkommen. Als er
sie verlassen, durchstreifte er wieder das Jagdrevier und traf auf einen grossen
Eber, zwar entsetzte er sich erst vor ihm, doch fing er ihn ab und als er ihn so
vor sich liegen sah, da stiess er verächtlich mit dem Fusse gegen einen der grossen
Hauer und sagte: Nun, du sollst es mir auch nicht getan haben.
    Das war sehr unvorsichtig von dem Manne, das hätte er lassen sollen, er
stiess sich den Hauer durch den Stiefel ins Fleisch und starb bald an einer
Entzündung dieser Wunde. Nicht wahr, das hätte er lassen sollen? Die Leute
sagten gleich, es sei mit dem Eber nicht richtig gewesen, sie begruben ihn mit
dem Hackelnburger zusammen, bald zeigte es sich, dass er mit seinen Hunden
umziehe, wenn Feste im Lande, und die Tut Ursel vor sich herjage. Ja was ist
dagegen zu sagen?«
    Der dürre Jäger, der gebunden und grimmig am Boden lag, rief hier: »Ja das
weiss ich und habe es erfahren, wie eine menschliche Seele in ein wildes Tier
einfahren kann, und sich austauschen mit der Seele des Tieres, die in den
menschlichen Leib mit Vergnügen übergeht, das ist des Teufels höchster Spass und
macht ihm seinen Tiergarten voll und lustig, ach ihr Leute mögt wohl über mich
reden und mich vielleicht umbringen und wisst nicht, wie sich alles mit mir
ereignet hat und wie ich so gern anders gewesen wäre, als ich geworden bin. Den
der Blitz vor einer halben Stunde erschlagen hat, Niklas, der alte böse Niklas,
ich muss jetzt darüber lachen, warum der mein Vater gewesen ist, aber er war es
wirklich, ich war als Euer Untertan geboren, Anton, ich musste auf sein Geheiss
Euch zu Trunk und Spiel verführen, als Ihr durch Eure Frau zu Würde und Ansehen
kamet.«
    Anton sagte finster: »Also Feinde, immer mehr Feinde, immer weniger Freunde,
sprich, was konnte Euch mein fröhlich Leben schaden? Meine Augen sahen nie über
die Stadtmauern hinaus und so wäre ohne Euch, ein Tag wie der andere mir in
stiller Arbeit unverloren vorüber gegangen und in mir mit Segen eingekehrt und
versunken!«
    »Anton«, sprach der Jäger, »ich schwöre es Euch, nicht aus Gaukelei, wie ich
oftmals getan, dass es mich schmerzte, als ich um Euch mein Netz geworfen, aber
ich konnte nicht anders, der grimmige Teufel hatte mich so lange angehetzt, dass
ich um alles in der Welt ihm nicht hätte ungehorsam sein mögen.«
    »Welcher Teufel«, fragte Anton, »und was wollte er mit mir gerade, ich habe
ihm doch nur eine gemeine Lastertat geliefert und tue ihm keine mehr zu
Gefallen.«
    »Wisset«, sprach der Jäger, »dass in Italien noch jetzt zwei Parteien sich
gegen einander in den Ringmauern derselben Stadt durch hohe Häuser mit Türmen
befestigen, von denen die eine jetzt unterdrückte noch von Eurem Vorfahren, der
zu Waiblingen geboren, den Seinen den Namen der Waiblinger oder Ghibellinen
verliehen hat, es war Konrad III., der lange mit Wolf, dem Bruder des geächteten
Heinrich gestritten hat. Von diesem Wolf kommen die Welfen, die sich unserm
heiligen Papste unterwerfen, es geht aber eine alte Sage, dass ein neuer
Waiblinger die Unsern unterdrücken werde, darum ward mein Vater Niklas nach
Deutschland gesendet vom Papste, um Euer Geschlecht zu unterdrücken, bald war es
ihm mit Eurem Vater gelungen, auch Euch glaubte er im vergessenen armen Leben
untergegangen, als Ihr plötzlich durch Eure Heirat erhoben ihn erst aufmerksam
machtet, wie er Euch durch seine Entführung gerade zum rechten Waiblinger
gestempelt hatte. Nun war Euch mit Gewalt nicht viel beizukommen, denn Ihr
standet wohl ein paar Männer, und in Wahrheit, wenn der Teufel nicht mich und
meinen Bruder Seger so unablässig geplagt hätte, wir waren Euch zu gut, Ihr seht
mich darauf an, es ist aber doch wahr.«
    »Nein bei Gott«, rief Anton, »wenn Ihr nicht ein Gesicht habt, wie eine
Sonnenfinsternis vor einem berauchten Glase, so kann ich Euch nicht sehen.«
    »Nun wie Ihr wollt«, sprach der Jäger weiter, »seht Ihr die aufgehende Sonne
an und überseht mich, mir ist es lieb, ich aber muss Euch erzählen, wie ich von
meinem Vater dem Teufel bin übergeben worden. Ganze Tage liess er mir von einem
Jäger von der Ehre vorerzählen ein wildes Tier zu schiessen, einen Fuchs, einen
Wolf, einen Bären! Was nicht geniessbar den Menschen, ihnen aber gefährlich sei.«
 
                                    Nachtrag
Der dürre Jäger erzählt weiter, wie er und Seger und viele andre vom Teufel in
eine Menagerie gesteckt worden, und so lange geärgert bis sie sich ihm ergaben.
Sie ziehen in eine Berggegend in den Alpen, die Zigeunerkönigin erzählt ihre
Geschichte, sie ist Kaiser Karls erste Liebschaft. Die Szene spielte in den
Niederlanden, wie sie nach dem Frauenhause gebracht worden, um dem Kaiser
verleidet zu werden - nähere Beschreibung desselben - ärger als Gefängnis - ihr
Kind wird von ihr getrennt - Anton mahnt dies an Susanne - sie entflieht und
kommt durch Zigeuner mit der Kronenburg in Berührung - ihre Beschreibung
derselben usw.
    Anton in dem gesichtslosen Elend kommt auf die Kronenburg, Rappolt will sich
nicht überzeugen, dass er sein Sohn ist, er jagt ihn fort und verbannt ihn bei
Lebensstrafe aus seinem Gebiete, er irret umher, blind, fliehende Hirten
erzählen ihm von dem Drachen, der das Land verwüstet. Hart betroffen in seinen
gehemmten Schritten durch Mangel des Augenlichtes reisst er plötzlich sein
Schicksal an sich: »Komme meiner Verhängnisse Gewaltsamstes - da ich der Sonne
nicht mehr kann ins Auge schauen, liegt mir ob, was der Sehende nicht vermag,
dem Volk vor den Füssen wegräumen, was es bedrängt.« Er sucht den Drachen auf, um
das Land zu befreien und den Tod zu finden; er erlegt ihn aber und erhält durch
sein Blut das Gesicht wieder. Als er dies vollbracht hat, führen die Hirten ihn
gegen seinen Willen zu Rappolt, der ihn als Sohn begrüsst; aber indem er ihn
umhalst, von dem Gifte, das der Drache in den Mantel gebissen, erkrankt er, und
verlangt von Anton, dass er den Turm der Kronenburg ersteige und die Wache bei
der Krone übernehme. Nun kann Anton ohne Wanken den schwindelnden Steig
hinaufwagen, die Verzweiflung, die zum Drachenkampf ihn gestählt hatte, hebt ihn
jetzt über die Gefahr gleichgültig hinaus. - So bricht die Seelengrösse, irdisch
gezeugt, aber selig gesprochen, in ihre Blüte auf. Schutzgeister nahen und
hauchen begeistigend ihn an, er erreicht unbewusst die Stufen, auf denen er sich
nimmer zu halten wähnte. Dort sehen wir ihn seiner Befähigungen sich
bemächtigen, sich und dem Göttergleichen zulieb, das ihn treibt, uns aber wie
eine Hieroglyphe entgegensteht, das Unbegreifliche nämlich.
    Woher die Sehnsucht in königlichen Geschlechtern, als ob der Sonne Tag eben
ihnen erlösche? Woher die Schwere des flügellahmen Geistes zum Stürzen? Zu müde
gegen die Geschicke sich aufzuraffen, die fern donnernd heranrollen über die
ahnenden Häupter der Todeshelden?
    Wenn wir sehen unsern Helden mit raschem Selbstgefühl durchsetzen, was der
Augenblick heischt, oder sich widerstemmen dem Untergang, oder auch aus
sinkender Nacht verborgne Keime hervorbrechen, gierig den Tautropfen aufsaugend
in die vollen Blüten und schmerzlich aufseufzend, so oft zu höherer Befähigung
sie Nahrung gewinnen, dann fühlen wir, wie jede leise Regung des Geschickes,
jeder Reiz gleich zur Handlung sich wandeln muss, und das Widersinnige mit
schneller Kriegswendung todverkündend niederbeugen muss, um dem Genius, der auf
ein harmonisches Dasein deutet, zu genügen.
    Anton übernimmt jetzt die Wache bei der Krone und wünscht sich den
lieblichen Geist Voluptas zurück, dem er entsagt hatte; der kommt nicht, aber
der Teufel erscheint ihm, wie er sonst gewesen, wie herrlich, fröhlich, kräftig,
wie jedes Auge ihn angelacht; nachher lässt er ihn im Brunnen sehen, wie er
verfallen und abgemagert keinen Reiz der Sünde mehr bietet. - Nun versucht er
jenen Geist, wie er ihm damals erschienen war, zu malen, indem er die Gänge zur
Burg verziert, er bringt aber das Ideal des Muttergottesbildes hervor, das immer
um eine Kopflänge höher erscheint als der Beschauende. - Tage vergehen - er
sehnt sich nach öffentlichem Berühren mit der Gesinnung des Volkes - ein freies
Land, damit nicht etwa längst anerkannte Begriffe, sondern das wirklich
Schwankende, noch Unsichere in allem Werdenden, ins Gegenwärtige zur Eingebung,
zum allgemeinen Kunstgefühl sich fördern. »Dieses wird durch ein einziges
lebendiges Beispiel dem Menschensinne näher gerückt als durch unzählige
Besprechungen, und somit werde ich mehr Dank verdienen«, sagte sich Anton, »wenn
ich diese Einsamkeit verlasse und mit meinem Willen das Wesentliche darlege, als
alle Untersuchungen, die sie zweifelnd berühren, um sich auszugleichen mit
Härten und Gesetzen.« Überall müssen wir den ehren, der keine Untersuchung
seines Anreizes verschweigt, unbesorgt ob einzelne wohl gar zu dem sich
verführen lassen, was er als falsch erkundet, er fühlt, dass er nicht der
einzige, nicht der unfehlbare Ausleger höherer Erkenntnisse sei, die ihm Leben
und Lernen zugeführt haben, er scheuet keinen Weg, welcher den Hochgebildeten
anstössig oder kleinlich scheinen könnte, aus dem aber der Gesamteit Begriff und
Lehre hervorwachsen mag; ihm selbst erleuchtet sich das Forum der Künste in
vollendender Begeisterung. Im feuernden Abendrot steigt er von der Höhe herab
und verlässt die Burg:
Aus meiner Zelle treibt mich fort
Die leere Einsamkeit,
Es füllet sie kein heilig Wort,
Es nährt den innern Streit.
Das innre Leben ward nicht mein,
Weil ich das äussre mied,
Das Ewige will nicht zeitlich sein,
Das in der Zeit erblüht.
Es gleicht mein bleiches Angesicht
Des Grabes Bild von Stein,
Es scheint gewesen, strahlt kein Licht
Ins Innere hinein.
Die Sanduhr gleicht der Todeshand,
Lauft ab des Lebens Geist,
Es hat sie keiner umgewandt
Und keiner naht mir dreist.
Der fromme Schauder war bald hin,
Der mich der Welt entriss,
Ein endlos Meer ist kein Gewinn,
Wenn ich das Land vermiss.
Ich flehte, dass ein höhres Wort
Der Seele Flügel wär,
Es riss mich keins zum Himmel fort,
Ich blieb mir immer schwer.
Weh jedem, dem hier nichts geschieht,
Weil alles scheint gering,
Weh jedem, der hier gar nichts sieht,
Weil er das Licht verhing,
Der sich in die Beschauung senkt
Und nichts zu schauen hat
Und was er findet, immer denkt,
Dass er des Denkens satt.
Es treibt mich wieder in die Welt,
Die ich mit Hohn verliess;
Ach wie sie mir so wohl gefällt,
Die ich einst von mir stiess.
Als ob ich nimmer von ihr liess,
So bin ich drin zu Haus,
Gewinn, der Seligkeit verhiess,
Spielt schon das Leben aus.
Es spiegelt sich die Ewigkeit
In engster Gegenwart,
Und rückwärts die Vergangenheit
Erscheint von höchster Art,
Wie ein verlornes Paradies
Seh ich's vor meinem Blick,
Was ich betrauert, war so süss,
Was ich verflucht, mein Glück.
Ich suche nach dem reichen Schmuck,
Den ich ins Wasser warf,
Mein Finger sehnt sich nach dem Druck
Von der zerschlagnen Harf,
Mein Mund nach jener Lippen Hauch,
Den Seligkeit verschliesst,
O spräche er doch wieder auch,
Nun Frühling mich begrüsst!
Es kehret wieder jeder Keim
Aus Winters Einsamkeit,
O kehrte sie auch wieder heim
Zu dieser Frühlingszeit:
Es meidet keiner Lebensnot,
Wohin er sich entzieh,
Und wer nicht sorgt für täglich Brot,
Geniesst das ew'ge nie.
Durchbrich das Gitter, das dich hält
Von mir wie Todesband,
Zum Schweigen schuf nicht Gott die Welt,
In ihr dies Frühlingsland.
Er gab dir mehr als einen Mund,
Der die Gebete lallt,
Es ist ein Herz des Busens Grund,
Es spricht mit Allgewalt.
Des Herzens Stimme schallt zurück,
Aus jeder Nachtigall,
Die in dem Garten sucht ihr Glück
In weisser Blüten Fall,
O dieser Schnee, er ist so heiss
Und dieser Duft so süss,
Wer's Frevel nennt, ich sag es leis,
Dies ist das Paradies.
Anton, gespornt durch Erinnerung an die Vermissten, fühlt, dass die Welt des
Herrschens nicht im Alleinsein bestehe, er sei nicht von der Einsamkeit ein
Waffenbruder. - »Wenn ich meinem Urbeginn entspreche, lüge ich dann; - Und
diesem Trotz zu lieb soll ich nach Gelüsten untergehen im Zorn aus Schwere des
Leidest« Er steigt herab von der Höhe, um seine allegorische Welt aufzusuchen -
er kommt zu Dürer, dessen Kunst ihm gefällt, der aber selbst nichts auf das
achtet, was Anton zu finden hofft. Cranach in seinem aristokratischen
Diensteifer für Fürsten, geht näher auf seine Hoffnungen ein - Kunstgespräch
zwischen beiden - der Kunstberuf greife ein in die Umbildung der Welt, nur sie
begründe den Frieden, in welchem zugleich alle Elemente des Krieges bedingt
sind. - »Aller Kampf ist nur, um entsagen zu lernen - die Kunst lehrt es - du
kannst sie nicht an dich reissen, aber du kannst ihrer teilhaftig werden. Du
kannst ihrer nie Meister werden und doch als Meister erkannt, wenn sie dich
beherrscht. - So das Volk, erkennt den als Herrscher, in dem es verklärt sich
gespiegelt findet. - Neidest du den Höheren, so trete ihn kühner an, er wird
dich bezähmen und gefangen nehmen, und dies wird deine Ehre erhöhen, nicht sie
beleidigen, du willst ja ihn erreichen, nicht ihn verderben, der die Welt trägt
und hebt durch sein Werden und Lernen. Ein neuer Tag, vom Geist der Kunst
durchdrungen - des Künstlers ewig schaffende Verklärung ist's, was den Frieden
begründet mitten im werbenden Kampf höherer Entwicklung.«
    Langer Bericht über Luter und Melanchton. Anton wird Protestant und wieder
über den Protestanten hinaus. Mit der Zweifelhaftigkeit der Tat kommt ihm der
geistige Zweifel, aber doch eben dadurch vergeistigt.
    Predigten Luters über die Unruhen. Beschreibung und Stellen. »Der Tod ist
verschlungen in den Sieg. Gott aber sei Dank, der den Sieg gegeben hat.« Cor. I.
15, 55.
    »Ihr seid teuer erkauft, werdet nicht der Menschen Knechte.« Cor. 17, 23.
»Und so jemand kämpfet, wird er doch nicht gekrönt, er kämpfe denn recht.« Ep.
II. Timot. »Denn Gott hat nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft
und Liebe und Zucht.« II.. I, 7.
    »Darum lieben Brüder, fleissiget euch des Weissagens und wehret nicht mit
Zungen zu reden.« Cor. 14, 39.
    Über die verschiedenen Sinne, die neben Luter die Welt bewegten. Erstens
falsches Prophetentum, zweitens Gleichheitslehre, drittens Altertümer und
Gelehrsamkeit, viertens Dummheit, die Geheimnisse nicht mehr fassen zu können.
    Anton geht von da zu Frundsberg, der ist für den Bauernaufstand gewonnen,
schickt Anton hin - er kann sich nicht halten, geht nach Waiblingen unter dem
Namen Fortunat. Die Frau verliebt sich heftig in ihn und will ihn nicht lassen;
er bleibt da, wo ihn der Zufall einquartiert hat, lässt den Krieg gehen, wie er
will, sie haben ein Kind, er schickt es zur Kronenburg, die Bauern werden
geschlagen. Unterdes schreibt Johann aus Leiden, die Frau soll ins Königreich
kommen; wie sie ihn nicht kann als Johann erkennen, da richtet er sie hin.
    Anton ist der, welcher das Königreich endet. - Er geht mit Frundsberg auf
seinen letzten Zug nach Italien, Susanna begleitet ihn als Soldat; - rühmliche
Taten ihrer Tapferkeit, indem sie ihn aus Gefahren errettet bei der Eroberung
von Rom. Die Kronenwächter berichten ihm dahin, Nass; jetzt seine Zeit gekommen,
der Sitz der Welfen sei zerstört. Er eilt nach Deutschland, bringt den Degen
Franz' I. dem Luter, der grade Hochzeit hält: Dies eröffnet das andre Buch.
    Luter und Melanchton reden mit Anton heftig gegen die Münsterschen
Wiedertäufer. - Jetzt kommt durch die Zigeuner die Nachricht, die Krone sei in
Münster, Anton wird entflammt und zieht dahin, ihm werden die Begebenheiten
berichtet, auch wie seine Schwester Katarina umgekommen, die Johann entauptet
hat - Susanna ist auch unter den Weibern, sie hat die Krone in Verwahrung -
Entdeckung ihrer Geburt und ihrer Würde (Tochter Karls V.). Anton bestimmt sie,
den Weg zu Ende zu gehen bis er ihr folge. Die Kronenwächter erwarten töricht
aus dem Bauernaufruhr ihr Aufkommen, sie begünstigen ihn, können ihn aber nicht
lenken, die Zigeuner führen Anton mit dem Satanas Seger den Bauern zu und
vertrauen ihm die Absicht der Kronenwächter, er wird ein leidenschaftlicher
Verfechter der Bauernfreiheit - Zweifelhaftigkeit der Edlen, als er unter
Metzlers Bande ist. Götz, Ulrich von Schwaben, Graf Georg von Werteim, sind
über Luter ergrimmt; Georg Truchsess von Velsburg steht gegen ihn, nimmt ihn
gefangen; als Anton ihm seine Geschichte erzählt, lässt er ihn von sich. Die
Bauern unter Feuerbacher haben Hohenstaufen verbrannt, Anton zerstört
Hohenstaufen und die Kronenburg.
    Trennung von Deutschland - Schmalkaldischer Bund. - Hier entsteht der grosse
Streit zwischen wahren und falschen Deutschen, sie trennen sich. - Die Auflösung
ist endlich, dass die Krone Deutschlands nur durch geistige Bildung erst wieder
errungen werde. So löst sich die Frage: ein Teil des Menschengeschlechtes
arbeitet immer im Geiste bis seine Zeit gekommen.
    Der Kronenwächter harter Kampf - der taube Rappolt in ihrem Kreise auf der
Höhe.
»Kronenritter, Kronenritter!
Schaut im Westen das Gewitter,
Jeder steh an seiner Stelle,
Dass ich in des Blitzes Helle,
Eurer Augen Sterne sehe,
Wenn ich bei der Krone stehe.«
Also ruft der taube Wächter,
Und es stehn die starken Fechter
An den Speeren mit dem Kinne,
Aug auf Aug mit wachem Sinne,
Jeder auf den andern lauert,
Also hat's die Nacht gedauert.
Ströme flüchten von dem Himmel
Vor des Feuers wild Getümmel,
Das durch alle Fugen sprützet,
Wo's erst Morgens ausgeblitzet,
Als die Sonne schwer beladen
Schauet auf des Landes Schaden.
Wo die goldnen Ähren wogen,
Schwarze Ströme niederzogen,
Schwarze Tannen aus der Höhe
Schwimmen in dem weiten See,
Und die Hirsche und die Rinder
Flüchten zum Gebüsch geschwinder.
Doch auf den Gebirgen stehen
Blanke Säbel, die sie mähen,
Schlagen, schlagen, schonen keinen,
Vor der Kronenburg erscheinen,
Auf dem Berg ihr Lager schlagen,
Ihren Gruss den Rittern sagen.
»Übergebt des Volkes Krone
Und wir geben euch zum Lohne
Euer Leben, eure Lehen,
Sonst müsst ihr zugleich vergehen
Mit dem Volke in der Fläche,
Schont des roten Blutes Bäche.«
Aug in Auge sich befassen
Unsre Ritter und erblassen,
Und der taube Wächter findet,
Auf den Wangen was verkündet,
Schüttelt dreimal mit dem Haupte,
Weil's die Ehre nicht erlaubte.
»Alle Pforten doppelt schliesset
Und mit Steinen sie begrüsset,
Die so ungebeten kommen;
Keiner ist noch aufgeklommen,
Der nicht stürzte eilig nieder,
Auf und brecht der Feinde Glieder.«
Fester stehet nicht der Himmel,
Als die Ritter im Getümmel,
Und der Feinde freche Haufen
In dem wilden See ersaufen,
Andre meinten in dem Streite,
Auszuhungern unsre Leute.
»Kronenritter, Kronenritter,
Ach das Hungern ist so bitter
Und der Durst, der ist ein Feuer,
Und der Schlaf ist uns so teuer
Als die Krone, wir versinken,
Gibt's für uns nicht Schlaf noch Trinken.«
»Ritter, euch seh ich mit Schmerzen
Stehen wie erloschene Kerzen.« -
Und er greift das Schwert mit Grimme,
Ruft mit ganz gedämpfter Stimme:
»Ich zerhau dich Gnadenkrone,
Dass du nicht dem Feind zum Hohne.«
Wieder zu dem alten Bette
Zog den Strom der Erde Kette,
Unsers Volkes flüchtige Scharen
Eilen ihren Schatz zu wahren,
Und die Feinde werden flüchtig,
Als sie unser Volk ansichtig,
Jubelnd ziehen sie zum Schloss,
Doch da rufet kein Genosse
Und weil keiner sie will führen,
Brechen sie vom Schloss die Türen
Und sie sehen die Ritter alle
Finster blickend auf dem Walle.
Fest gelehnet an den Speeren
Stehen sie mit hohen Ehren,
Als entseelte treue Wächter
Schauen sich noch an die Fechter,
Schauen zu dem tauben Alten,
Der die Krone will zerspalten.
Nein, ein Wunder anzuschauen,
Wo sein Schwert hat eingehauen,
Sind Rubinen ausgeflossen,
Um die Krone schön entsprossen,
Dass sie fester im Gewinde
Ritter und auch Volk verbinde.
Nun nach den Tagen des Streites zwischen Menschen und der Elemente Verwüstung
durch das Erdbeben, nachdem Anton alle seine Waffengesellen, Schwester und
geliebte Frau untergehen sehen, flüchtet er zur Höhe, zum gläsernen Turm, der
wie ein Gewölk erscheint, dort zeigt ihm Rappolt, wie er, dass er, nach Rom
gezogen, nun zum zweitenmal versäumte sich empor zu schwingen, und wie das Böse
mit sich fortreisse, nur das Gute getan und bedacht sein will. Er erzählt ihm,
wie die Krone, während des Kampfes vermisst, die verloren und von Seger gestohlen
war, von Susannen während dem Erdbeben ist wieder gebracht worden, und ihre
getreuen Wächter für sie sich dem Tode geweiht haben. Sie stürzten hinab in den
See, nur der alte Rappolt blieb einsam auf der Höhe - er legt ihm die Zeichen
dar, wie sie nun alle erfüllet sind.
Ja die Zeichen sind alle erfüllet,
Als sich der Himmel so dunkel umhüllet,
Sonne auf blutenden Gleisen entstieg.
Wie die häuslichen Tiere sich bargen,
Ha! da schauderte allen vorm Argen
Ahnend der Unterwelt nahenden Sieg.
Glühender, stiller werden die Winde,
Vögel verfliegen vom Neste geschwinde,
Säulen des Wassers wirbeln im Meer,
Rollende Donner von unten und oben
Gegen die Flammen, die unter uns toben,
Stiebet der Himmel in Blitzen sich leer.
Gärende Tiefe will neu sich erheben,
Unterweltschatten durchstossen im Beben
Lieblicher Auen blühenden Grund,
Jupiter schleudert vergebens die Blitze
Von des dröhnenden Götterbergs Spitze
Nach des Vulkanes eröffnetem Schlund.
Weh! die Titanen sich wieder erkühnen,
Schon die feurigen Augen erschienen,
Schon der dampfende Atem sich hebt,
Schön wie ein Fruchtbaum im Herbste zu schauen,
Aber den Früchten ist nimmer zu trauen,
Denn sie zerschmettern bald alles, was lebt.
Sehet die Zähne im geifernden Munde
Reissen dem Berge die berstende Wunde,
Lange verschloss er die glühende Wut,
Sehet, der Atem der Riesen entbrennet,
Zündend mit bläulicher Flamme hin rennet,
Sticket der Menschen erdreistenden Mut.
Könnten sie dräuend die Glieder noch regen,
Tapfer die Brust entgegen ihm legen,
Fühlten sie rächend dies Leiden nicht ganz,
Aber die glühenden Arme, sie schwinden,
Mutige Augen im Feuer erblinden,
Jammernd verrinnet begeisternder Glanz.
Erde und Himmel zusammen sich brennen,
Chaos, das alte will keiner erkennen,
Wehe dem letzten, der alles das sieht.
Jeglicher glaubt sich geblendet der letzte,
Ehe die strömende Lava sich setzte,
Wie sie jetzt dampfend hernieder sich zieht!
Doch da stehet der Glutstrom gebannet,
Langsam sich jeder vom Schrecken ermannet,
Suchet und findet das eigene Haus,
Findet die Seinen und forschet entzücket,
Wie sie dem Feinde alle entrücket,
Alle erkennen ein Wunder im Graus.
Leiser ertönet der siegende Himmel
Ziehet zum Berge der Wolken Getümmel
Ströme zum alten Bette zurück.
Kühlende Blitze durchspielen die Ferne.
Einzeln entzünden sich wieder die Sterne
Wie der Versöhneten liebender Blick.
Luna, die ziehet im glänzenden Wagen
Schauet verwundert die Freuden und Klagen,
Leuchtet, beleuchtet das Wallen der Welt,
Dass die Verirrten die Strassen erkennen
Und die Verwirrten sich freudig anrennen.
 
                         Antons Vermählung mit Susannen
Wie beide der Erde schon abgewendet, vor dem Lichte ihrer Gedanken die Sterne
erlöschen. - Geistesverklärte haben keine Planeten. - Auf der gläsernen Säule
ist ihr Ehebett, der Alte hat sie eingesegnet, eh er sich in die Luft hat
sprengen lassen. Anton findet beim Erwachen Susannen nicht mehr und glaubt sie
aufgeküsst zu haben, sie spricht in ihm, aus ihm. Preis der Liebe des Alters, der
reinen geistigen und ihrer ewigen Lust. In ihrem Lobe, im Vertrauen auf die
Krone stirbt er. Der Hunger ist ihm nicht schmerzlich - er hat kein Verlangen
nach Speise, selbst die Luft ist ihm zu schwer.
 
                              Das Rätsel der Krone
Sie hat die Eigenschaft zu verschwinden, wenn ein Böser sie tragen will; sie
besteht aus zwei in einander steckenden Kreisen und Gewölben, beim Bauernaufruhr
will Seger sie führen, da ist sie verschwunden.
    Das Rätsel der Krone soll sich lösen, wenn die in einander gewundenen
Kreisgewölbe, den letzten Stamm darstellend, als zwei, die in eins zusammen
gehen, und aus diesem einen wieder dreie von verschiedenen Namen hervorgehen.
Dies trifft ein: Anton und Seger, verwechselte Zwillinge, gehen in eins
zusammen, und aus dem einen stammen drei von verschiedenen Namen: Antons erster
Sohn Anton; der Sohn seiner Schwester Katarina, Wilhelm, den er seiner Frau zum
Ersatz für den Sohn des Bertold übergab, dann sein jüngster Sohn, den er unter
dem Namen Fortunat mit Frau Anna gehabt.
    Nach Antons Tod steigt der Älteste mit seinen Brüdern hinauf und findet die
Krone neben dem Leichnam des Vaters, er teilt sie zwischen beiden, indem er die
gewölbten Kreise auseinander hebt, den einen Bruder sendet er nach Norden, den
andern nach Süden er selbst setzt sich den eisernen Reifen auf, worauf die Krone
gestanden, es ist die Mauerkrone, er ist Burgherr.
Güldenkamms, oder wie er in letzter Bearbeitung des ersten Bandes umgetauft
wurde: Grünewalds Geschichte.
Er hat sein Leben verwettet in einem Gedichte und dann hat er nicht den Mut,
sich ins Wasser zu stürzen, nun schämt er sich seines Lebens; er hat die Furcht
in sich entdeckt und ist nun in allem gehemmt. Will in ein Kloster flüchten,
kommt vom Glockengeläute fortgezogen zum Trauerzug des letzten Stammherrn von
Hohenstock, gedenket der Zeiten und Abenteuer, die er mit Susannen bestanden,
und an die hingerichtete Katarina. Seine Erschütterung, da man die Särge in die
Gewölbe nieder gelassen:
Tiefster unendlicher Schlaf, bei dir nur findet das Senkblei
Ruhe inmitten der Sorgen, tief in die Erde versenkt.
Selber der Träume strahlendes Licht verschwindet da unten,
Und die durchsichtige Flut, scheinet da über mir schwarz.
Ach und so schwer mein Herz - Senkblei kann ich's wohl nennen,
Hoffnung zum Himmel entstieg, blieb nur Erinnerung drin.
Hier verlorne Liebe - dort die verlorne Geliebte! -
Ja der gedoppelte Schlag wecket unendliche Ruh!
Hier verlöschen die Kerzen am Sarge erträumeter Liebe,
Dort am gemordeten Leben gehen sie glühender auf.
Bin ich denn noch nicht gestillt? - erziehn mich nicht schmerzliche Tage!
Jagen Geschütze nicht lange, ernst den flüchtigen Puls? -
Sah ich Zerschmetterte doch mit Gleichmut in zückenden Haufen,
Warum erschrecket mich denn, was mir so fern und vorbei? -
Denn ich suche dein Grab, Susanne, - es liegt mir so ferne.
Was dem Herzen so nah, lieget doch immer so fern.
Löwen, die möchte ich senden die heilige Stätte zu hüten,
Seit du bei Menschen nicht mehr, scheinen mir Menschen zu schlecht,
Güte und Schönheit such ich fortan bei Tieren des Waldes,
Eigen waren sie dir, sie bewährt ewig dein menschlich Geschick,
Bricht der Morgen heran, dann trinken die Tränen
Vöglein mir von der Wimper und sie singen davon
Traurig ein trauriges Lied.
Zwiefach seh ich dich dort, auf schwebender Grabstätte weilen
Über der Berge grünenden Flur wie ein Wölklein am Fels:
Nemesis einmal, sternenumtanzt im Glanze der Jugend
Scheidend vom Unrecht das Recht, im eignen Busen versenket den Blick.
Kriegrische Muse dann - ewig grünender Lorbeer
Umschlinget das Haupt dir von Geisterflammen beleuchtet.
Schrecklich sind Menschen, denn sie neiden ums Licht
Geistige Flammen am Grab. Ach was leuchten die Gassen,
Während kein ewiges Licht brennet auf Gräbern mehr. -
Ha was finde ich hier auf diesen Klippen zerstreut,
Die ich in tosender Nacht, meiner vergessen erstieg,
Hier das Purpurgewand, noch warm vom Dufte des Lebens -
Hier die Sohlen gelöst - hier der Eindruck im Fels
Von beiden Füssen so deutlich, zeigt, - ein gewaltiger Sprung
Hat sie beflügelt zur Höh. - Ach du schwebest wohl noch -
Es schwebten dem Wagen der Sonne, manche Gestalten zuvor,
Sie erblicke ich nicht! - Ach zu spät - schon kommen
Die Schmetterlinge ermüdet, abgeschwirret zurück,
Die dich führten hinauf - setzen sich mir um das Haupt
Wie leiser Klage Liederkränze,
Wohl weiss ich, warum die sonnenvertrocknete Quelle
Mühsam das Wasser bewahrt unter den Steinen am Busch,
Weiss warum sich das Grün des Erlengebüsches erfrischet,
Wo ich lange nicht mehr hoffend auf Liebe geweilt,
Nüchtern trinke ich jetzt aus dieser heiligen Quelle
Opfernd den Toten zuerst aus der gekrümmeten Hand.
Grünewalds gelehrte Unterhaltung mit dem gelehrten Bruder in der Bücherei des
Klosters: Dieser zeigt ihm das erste Schauspiel in Deutschland, deren Urheber
Reuchlin war, von dem edlen Johann von Dalberg - Bischof von Worms, mit grossem
Frohlocken, dass ein Deutscher etwas solches geschrieben, hochgehalten. Heut zu
Tage, wenn Homer und Demostenes oder Euripides selbst käme, würde man ihn
schier nicht achten. Es fängt den Leuten schier an zu ekeln vor guten Künsten
und Wissenschaften. Man geht darin wie eine Kuh in der Streue. Gelehrte Leute
werden jetzo um ihrer Menge willen verachtet und ist zu befürchten, es möchte
die Gelehrsamkeit, wenn sie aufs Höchste gestiegen, wieder auf eine Barbarei
herauskommen. Und gewiss erst vor kurzer Zeit affektierte man eine neue
Schreibart aus altem und dunkeln Gepräge und aus unlautern und trüben Pfützen,
und hatte einen Ekel an Ciceronis heller und lauterer Reinigkeit. - Die
Religionsstreitigkeiten mehren sich und überwuchern den ganzen Boden der
Gelehrsamkeit. Grünewald auf Zureden des gelehrten Bruders bleibt im Kloster. -
Macht Sonette auf Antons Bilder.
 
                             Waiblingen an der Rems
Bei Waiblingen im Dorfe Briessen war ein altes Schloss, Konradin hatte es seiner
Gemahlin errichtet.
    Im Jahre 1429 haben die beiden Brüder Graf Ludwig und Ulrich, an einen
Bürger zu Waiblingen namens Berchtold Müssiggänger das dortige Haus verkauft,
in welchem vor Zeiten die Fürsten von Waiblingen gewohnt und aus welchem
Friedrich Barbarossa entsprossen war. Dieses Haus stand nah am Markt und hatte
einen Garten und eine Scheuer hinter sich - sonst stehen die Häuser fest
aneinander gebaut. In diesem Hause sollen die drei heiligen Leiber der Weisen
aus dem Morgenland, welche das Christkind beschenkt haben, über Nacht geblieben
sein, als sie vom Morgenland durch Köln vom Kaiser Barbarossa geschickt wurden.
    Die Marienkapelle, wo die Gattin Armins begraben, sie vermachte einen gülden
Becher dahin. - Koschhorn, Lidhorn, Geiersberg, Wolfhardt, sind noch alte
Familien daselbst. Die Sattlerische Familie und die Härpische hatten eigne
Kapellen.
    Johann von Ulm fing 1488 den Turmbau in Waiblingen aus Quadratsteinen an.
    1529 wurden die Bilder erst in Basel und St. Gallen weggeschafft. 1530 die
Wiedertäufer.
                                 Herzog Ulrich
Herzog Ulrich, sechzehnjährig, kommt 1503 zur Regierung ein dicker dickköpfiger
Bengel, bauchig, lernte nichts als Latein, heiratet 1510, nachdem er einer
brandenburgischen Prinzess, die sich zwei Meilen von Stuttgart bei der Witwe
Eberhards des II. aufhielt, durch Trompeter den Hof gemacht hatte; er liebte
Hans von Huttens Weib, des Erbmarschalls Tochter, es war eine vertraute
Freundschaft zwischen Sabine und Huttens Frau, was den Herzog in Eifersucht
setzte. Kanzler Lamparter. Erbmarschallstum. 1512 machte er das Nest kleiner bei
Schorndorf. Der eine der Edlen war von seinen Gütern zu Nirgends, der andre
hatte sie beim Hungerberg.
    Beutelsbach, Probe der Gewichte im Wasser, die Bauern hatten kein Zutrauen
zur Lastung. Durch kaiserlich pfälzische und bayrische Gesandte der Tübinger
Vertrag.
    Jagen in Schönbuch 1515, 8. März. Ulrich schrie Hans von Hutten an, sich
seines Leibes und Lebens zu wehren, stösst ihn nieder, löste ihm den Gürtel und
knüpfte ihn an die nächste Eiche. Glaubte er sich vielleicht als Freigraf des
heimlichen Gerichts dazu berechtigt, - Seine Gemahlin flüchtet nach Bayern, 2.
Okt. Der Kaiser nimmt sich seiner Schwestertochter an, erklärt die Acht,
Matesius Lang vermittelt alles in Blaubeuern. Der Trompeter, der dem Herzog die
Nachricht brachte, widerruft. - Er versprach, die nächsten sechs Jahre eine
Verwaltung von Landhofmeister, Kanzler und Räten anzunehemn. Bei der Rückkehr
fiel ein Schuss aus dem Schloss Helfenstein, er verheerte das Land. Die Gräfin
fiel ihm zu Füssen.
    Alle, die den Blaubeurer Vertrag zur Anordnung eines Regimentsrats benützen
wollten, wurden gefoltert, ein Teil an Kohlen gebraten.
    1519 kam die Nachricht, die Reutlinger hätten den Vogt zu Achalm erschlagen,
er eroberte die Stadt. 1520 wurde er vom Schwäbisschen Bunde verjagt unter
Wilhelm von Bayern. Er kam wieder mit Schweizern, konnte sich aber nicht halten.
1520, 6. Februar, wurde das Land Karl V. überlassen. 222 000 Gulden den Bauern
bezahlt. Vierzehn Jahre blieb es unter österreichischer Herrschaft, er litt
alles, Briefe durften nicht nach Paris, verpfändete Mompelgart, Hohentwiel
machte Kosten. Selbst Landgraf Philipp von Hessen bot ihm an, fremde Höfe zu
besuchen.
    Die österreichische Hofhaltung war kurz, alles ward zum Schuldenzahlen
bestimmt.
    1533 trennte sich der Schwäbische Bund, Landgraf Philipp gewinnt sein Land
durch die Schlacht bei Lauffen am Neckar 1534, 13. Novbr. 1547 musste Ulrichs
Pferd die Knie vor dem Kaiser beugen, er war hart und karg gegen seinen Sohn
Christoph.
    Ulrich ward wieder eingesetzt 1534.
    1535 wurde die Reformation in Württemberg nach Vorschrift der Augsburger
Konfession von Ulrich eingeführt. Erhardt Schnepf von Wimpfen und Ambrosius
Blaurer von Konstanz waren die Führer. Leonhard Verich von Schnapf ordiniert;
als er seine erste Predigt hielt in Waiblingen und das Lied anstimmen liess: »Es
ist das Heil uns kommen«, so sprangen die päpstlichen Priester und Kapläne im
Aufruhr empor.
    Die Waiblinger waren gute Komödianten. In Waiblingen hat ein Mönch das
Osterlied: »Christ ist erstanden« dem anzustimmen befohlen, der Herr im Hause
sei, darauf haben alle geschwiegen, dann hat er unter den Frauen die aufgerufen,
welche Herr im Hause - da haben alle angefangen.
    1487 war das letzte Turnier in Waiblingen.
    Waiblingen führt drei Hirschhörner im Wappen.
    Von Klodwig stammen die Staufen, die Waiblinger stammen daher. Das
Kriegsgeschrei war bei der Armee: »Dirs belf, hin Wölf.« Bei der Armee Konrads,
des Königs Sohn, schrieen spöttisch die Waiblinger: Wo er den Winter erst
gefangen, um ihm zu zeigen, dass er auf dem blossen Bauch für Landsleute gekämpft
habe.
Frundsberg, der erste ritterliche Staatsmann in Deutschland, fest und stark in
seiner Meinung, spanische Heimlichkeit und italienische List durchschauend und
verachtend, innig überzeugt, dass bei Herrschern wie Maximilian und Karl V.
nichts Grosses für Deutschland gedeihen könne, mit Luter allein zufrieden, das
Heil Deutschlands von seiner allgemeinen Reformation erwartend. Darum wollte er
den Papst stürzen, da liess ihm der Papst die Krone anbieten, wenn er den goldnen
Strick um Luters Hals gelegt habe. Anna von Württemberg liebte ihn und sucht
seinen Aufentalt auf alle Weise zu erheitern.
 
                               Vorsätze zum Anton
Unmittelbarkeit in allem, Ausführlichkeit. Meiden aller grellen Effekte. Das
Ende soll bestimmt sein, ehe die neue Bearbeitung angefangen wird, eine Zeit,
welche durch ihr Bestreben zum Allgemeinen alle besondern Ansprüche aufhebt.
Anton zerstört Hohenstaufen und die Kronenburg.
    Die Kinder des Fuchs haben sich überzeugt, der Stamm lasse sich nicht durch
Gift und Mord unterdrücken, so wollen sie ihn durch Verführung verderben. Um
sich nicht gegen Gott zu empören, muss der Mensch einen innern geheimen Feind auf
Erden suchen. Diese Geheimnisse entwickeln die neue Zeit; als sie gebildet,
erlöschen jene wie Mondschein am Tage.
    Trennung von Deutschland - Schmalkaldischer Bund, hier entsteht der grosse
Streit zwischen wahren und falschen Deutschen, sie trennen sich. - Die Auflösung
ist endlich, dass die Krone Deutschlands nur durch geistige Bildung erst wieder
errungen werde. So löst sich die Frage: Ein Teil des Menschengeschlechts
arbeitet immer im Geist, bis seine Zeit gekommen.
Zum Seestaate. - Von den Bibern.
    Die Namen der Schiffe, dabei die Geschichte aller deutschen Helden.
    Eberhard der Gelinde, der den Adel in Heinsheim fing, der machte, dass sie
sich ergaben und allen verzieh.
    Georg von Ehingen, der Sieger über die Züricher.
    Die Verbindung mit den Meergeusen wird angedeutet.
 
                      Politisches Interesse im Bauernkrieg
1. Die Grafen von Stock und die übrigen Edelleute suchten auf diesem Wege ihre
Ansprüche gegen die grösseren Fürsten und den Kaiser geltend zu machen.
    2. Seger oder Baader, wie er in der Umarbeitung heissen soll, hatte mit der
Dienerschaft der Kronenburg das Interesse eine völlige Gleichheit
hervorzubringen und Schweizerverfassung.
    Bauernkrieg - der Bundschuh bei Speier 1503.
    1514 Der arme Konrad im Rheintal - hier kann die Veranlassung sein, dass
Anton fortgeführt worden, Cras. VI 181.
    1519 wurde Württemberg an Karl V. verkauft. Die Bauern sagten, dass sie die
Knechtschaft abschütteln wollten, die seit Klodwig sie belastet.
    1526 werden im Württembergischen allerlei Zeichen wegen des Bauernkriegs
gegeben und den Bauern die Waffen genommen, auch die Leute von bestellten
Reitern untersucht.
    1536 wurden alle Bilder weggeschafft, gleichzeitiges Auftreten der Jesuiten.
    In der Zeit zwischen dem ersten und zweiten Bauernaufruhr hat sich alles
geändert, im ersten waren sie noch fremder Absicht untertan, beim zweiten
arbeiten sie schon für sich.
    Zeitgenossen von Anton.
    Peter Vischer der ältere, im Jahre 1519 brachte er das Sebaldusgrab mit
seinem Sohn zu Stande; 1540 das Gitter. Sein Monogramm, zwei Fische. Sein Sohn
war ein Ungeschickter, eigentlich ein Handwerker, sein Ruf gering. Das Haus
jetzt Bierschenke zum goldnen Bären. Pfarrhaus zu St. Sebald mit dem Chorerker;
die bunten Fenster gemalt von Veit Hirschvogel.
    1513 Melchior Pfinzing, Verfasser des Teuerdank, kaiserlicher Rat, war
Probst zu Sebald, nachher zu Mainz.
    Der Taufstein in der Sebaldkirche ist sehr schön von einem unbekannten
Meister.
    Adam Kraft, Steinhauer: Die Begebenheiten Christi 1492 und das
Sakramentshäuslein zu St. Lorenz, 1500 fertig.
    Veit Voss, ein Bildschnitzer, 1518.
    Nach den Statuten der Malergilde mussten die Gesellen wandern. Hans Schorel
1495 bei Altmar geboren, 1512 studierte in Augsburg bei Cornelius, in Utrecht
bei Mabuse, ging nach Venedig, wo Daniel von Bomberg aus Antwerpen eine
Druckerei hatte, ging nach dem heiligen Grabe - Cypern, Kandia - kehrte über
Rhodus zurück 1520 nach Venedig, mit Aussichten, aber arm. Rhodus wurde drei
Jahr später von den Osmanen erobert. - Der Einzug Christi in Jerusalem von ihm
mit dem wirklichen Jerusalem im Hintergrund, war sehr ausgezeichnet.
    Hemling soll aus Konstanz sein, 1439 geboren, seine Gemälde von 1479, 80, 84
und 87; - kam als Krieger von Damaskus nach Brügge. 1529
 
                               Zum Leben Luters
Am Tag, als Doktor Luters Hand
Das Kirchenrecht im Feuer verbrannt
Vor Wittenberg am Elstertor,
Als es gar heftig auf Erden fror,
War Nachts sein Herz so wach und gequält,
Ob auch das Feuer nicht heimlich noch schwelt,
Das ihm dazu vor dem Elstertor
Entzündet hatte der Studentenchor,
Es kann der Wind wohl gar zur Stadt
Noch tragen des Feuers schreckliche Saat.
Er wirft den neuen Mantel sich um,
Die Sterne golden ihn anschaun so stumm,
Er tritt hinaus ganz einsam und sieht,
Wie mancher Funke in der Asche noch glüht,
Das Tor steht offen, weil niemand wacht,
Denn jeder schwärmt in dieser Nacht
Und Kinder spielen und schreien daher,
Ihm wird das Herz im Busen so schwer:
»Was seht ihr den Funken so eifrig nach, -
Die in den Papieren noch blieben wach?« -
»Ach«, sagte zum Doktor da einer der Knaben,
»Die grösste Freude wir daran haben,
Wenn hier die Funken in der Asche laufen;
Fast sieht es aus wie der volle Haufen,
Der aus der Kirche geht, wenn's vorbei,
Sehn wir, wer der letzte in der Kirche sei.«
»Ihr lieben Kinder«, sagt der Doktor gerührt,
»Seht oben die Funken, die der Himmel regiert,
Sie gehen wohl unter, sie gehen nicht aus,
Sie strahlen ewig im himmlischen Haus.
In jener Kirche ist kein Vergängnis,
In dieser herrschet ein wechselnd Verhängnis.«
Der Knabe sieht ihn verwundert an
Und spricht in sich: »Was will denn der Mann,
Wie sollen wir mit den Sternen spielen,
Wer sich denn finden unter die vielen,
Wer kann sie im Auge deutlich bewahren,
Bald kommen die Wolken, bald sind sie im Klaren,
Wir bleiben bei unseren Freuden auf Erden,
Sie werden auch einst wohl Sternlein noch werden.«
»Hast recht mein Sohn«, spricht Doktor Luter,
»Ein jegliches Alter braucht eignes Futter,
Mit leichter Milch ernähren sich Kinder,
Der Wein ist erwachsnen Männern gesünder,
Und für die Kinder soll stehen bleiben,
Womit sie die goldne Zeit sich vertreiben,
Am Morgen glaubt ich ein Grosses zu leisten,
Am Abend, da lern ich von Kindern am meisten,
O wie so viele Blinde sind grosse Kinder
Und auch die Ernsten spielen nicht minder,
Wenn ihre Stunde geschlagen hat,
Dass sie vom Ernste sind steif und matt;
Wir auch müssen lernen lieblich zu träumen,
Wer würde die Hälfte des Lebens versäumen.«
Und seit dem Tage, da hemmt er den Zorn
Gegen Äusserlichkeit, auch wenn sie verworrn,
Nur falsche Lehre bedroht er mit Eifer.
Gegen die sündigen Ablassverkäufer,
Die in den Tempel des Herrn gedrungen,
Da hat er die Geissel mächtig geschwungen,
Was bleiben konnte von äusseren Zeichen,
Das brauchte nicht vor ihm auszuweichen,
So blieben die Bilder alle bestehen,
Die überall sonst im Feuer aufgehen,
Sie sind die Freuden auf niedrer Erde,
Die einst zu Sternen des Himmels noch werden,
Und ruhig duldet er allen Hohn,
Dass er der äusseren Pracht verschon,
Die Nachwelt gibt einst ihm dafür den Lohn
Und bei den Kindern hat er ihn schon.
 
                               Zum Leben Luters
Wer vom flachen Lande her in Eisleben einreitet und die ansteigende Kirche und
den niedersteigenden Bergbau wahrnimmt, findet die Vorstellung seiner Kindheit:
dass der Ort, wo so ein Mann wie Luter geboren und gestorben, auch dem Auge
schon ausgezeichnet sein müsse, überraschend erfüllt; neben der festen dauernden
Sitte, welche die kleineren Städte von Sachsen vor dem übrigen Deutschlande
schon im Äusseren durch ordentliche Erhaltung und Reinlichkeit kenntlich macht,
hat die Umgebung der Kirche noch etwas besonders Ernstes und Feierliches; älter
als Luter, scheint sie doch seinetwegen erbaut, dass Gottes Wort lauter und klar
darin gepredigt werde; sein Haus ist nicht erneut, aber altertümlich genug, um
die neugierigen Reisenden in die ernstere Gesinnung einer früheren Zeit unseres
Vaterlandes zu versetzen.
 
                            Beschreibung und Stellen
Sein Famulus Wolfgang Sieberger, mit dem er viel Gelehrteit trieb, den er um
Gotteswillen nährte, scheint bei allem Guten doch ein Langschläfer gewesen zu
sein und sich mit seinem Finkenherde viel abgegeben zu haben. XIV. B. Seite
1358. Klageschrift der Vögel an Luter über seinen Diener Wolfgang Sieberger.
Beschreibung seines Wappens.
Abteilungen der Briefe: I. Weltliche Angelegenheiten, die ihn nichts anders als
durch seinen guten Willen angingen, (hier war er zuweilen in aller Gutmütigkeit
Hofnarr). 2. Äusserliche Lebensverhältnisse. 3. Innere Beziehungen seines Lebens
ohne Verhältnisse zur allgemeinen Geschichte. 4. Charakteristische Äusserungen.
5. Verteidigungen gegen Vorwürfe.
 
                       [Anmerkung von Bettina von Arnim]
Dies Wenige wurde aus der umfangreichen Sammlung der Notizen gewählt, zum
bessern Verständnis der Kronenwächter, nach deren ursprünglichem Plan,
Geschichte, Sitten und Gebräuche von ganz Deutschland in vier Bänden umfasst
werden sollte.
 
    