
        
                             Joseph von Eichendorff
                              Ahnung und Gegenwart
                                   Erstes Buch
                                  Erstes Kapitel
Die Sonne war eben prächtig aufgegangen, da fuhr ein Schiff zwischen den grünen
Bergen und Wäldern auf der Donau herunter. Auf dem Schiffe befand sich ein
lustiges Häufchen Studenten. Sie begleiteten einige Tagereisen weit den jungen
Grafen Friedrich, welcher soeben die Universität verlassen hatte, um sich auf
Reisen zu begeben. Einige von ihnen hatten sich auf dem Verdecke auf ihre
ausgebreitete Mäntel hingestreckt und würfelten. Andere hatten alle Augenblick
neue Burgen zu salutieren, neue Echos zu versuchen, und waren daher ohne
Unterlass beschäftigt, ihre Gewehre zu laden und abzufeuern. Wieder andere übten
ihren Witz an allen, die das Unglück hatten am Ufer vorüberzugehen, und diese
aus der Luft gegriffene Unterhaltung endigte dann gewöhnlich mit lustigen
Schimpfreden, welche wechselseitig so lange fortgesetzt wurden, bis beide
Parteien einander längst nicht mehr verstanden. Mitten unter ihnen stand Graf
Friedrich in stiller, beschaulicher Freude. Er war grösser als die andern, und
zeichnete sich durch ein einfaches, freies, fast altritterliches Ansehen aus. Er
selbst sprach wenig, sondern ergötzte sich vielmehr still in sich an den
Ausgelassenheiten der lustigen Gesellen; ein gemeiner Menschensinn hätte ihn
leicht für einfältig gehalten. Von beiden Seiten sangen die Vögel aus dem Walde,
der Widerhall von dem Rufen und Schiessen irrte weit in den Bergen umher, ein
frischer Wind strich über das Wasser, und so fuhren die Studenten in ihren
bunten, phantastischen Trachten wie das Schiff der Argonauten. Und so fahre
denn, frische Jugend! Glaube es nicht, dass es einmal anders wird auf Erden.
Unsere freudigen Gedanken werden niemals alt und die Jugend ist ewig.
    Wer von Regensburg her auf der Donau hinabgefahren ist, der kennt die
herrliche Stelle, welche der Wirbel genannt wird. Hohe Bergschluften umgeben den
wunderbaren Ort. In der Mitte des Stromes steht ein seltsam geformter Fels, von
dem ein hohes Kreuz trost- und friedenreich in den Sturz und Streit der empörten
Wogen hinabschaut. Kein Mensch ist hier zu sehen, kein Vogel singt, nur der Wald
von den Bergen und der furchtbare Kreis, der alles Leben in seinen
unergründlichen Schlund hinabzieht, rauschen hier seit Jahrhunderten
gleichförmig fort. Der Mund des Wirbels öffnet sich von Zeit zu Zeit
dunkelblickend, wie das Auge des Todes. Der Mensch fühlt sich auf einmal
verlassen in der Gewalt des feindseligen, unbekannten Elements, und das Kreuz
auf dem Felsen tritt hier in seiner heiligsten und grössten Bedeutung hervor.
Alle wurden bei diesem Anblicke still und atmeten tief über dem Wellenrauschen.
Hier bog plötzlich ein anderes fremdes Schiff, das sie lange in weiter
Entfernung verfolgt hatte, hinter ihnen um die Felsenecke. Eine hohe, junge,
weibliche Gestalt stand ganz vorn auf dem Verdecke und sah unverwandt in den
Wirbel hinab. Die Studenten waren von der plötzlichen Erscheinung in dieser
dunkelgrünen Öde überrascht und brachen einmütig in ein freudiges Hurra aus, dass
es weit an den Bergen hinunterschallte. Da sah das Mädchen auf einmal auf, und
ihre Augen begegneten Friedrichs Blicken. Er fuhr innerlichst zusammen. Denn es
war, als deckten ihre Blicke plötzlich eine neue Welt von blühender
Wunderpracht, uralten Erinnerungen und nie gekannten Wünschen in seinem Herzen
auf. Er stand lange in ihrem Anblick versunken, und bemerkte kaum, wie indes der
Strom nun wieder ruhiger geworden war und zu beiden Seiten schöne Schlösser,
Dörfer und Wiesen vorüberflogen, aus denen der Wind das Geläute weidender Herden
herüberwehte.
    Sie fuhren soeben an einer kleinen Stadt vorüber. Hart am Ufer war eine
Promenade mit Alleen. Herren und Damen gingen im Sonntagsputze spazieren,
führten einander, lachten, grüssten und verbeugten sich hin und wieder, und eine
lustige Musik schallte aus dem bunten, fröhlichen Schwalle. Das Schiff, worauf
die schöne Unbekannte stand, folgte unsern Reisenden immerfort in einiger
Entfernung nach. Der Strom war hier so breit und spiegelglatt wie ein See. Da
ergriff einer von den Studenten seine Gitarre, und sang der Schönen auf dem
andern Schiffe drüben lustig zu:
»Die Jäger ziehn in grünen Wald
Und Reiter blitzend übers Feld,
Studenten durch die ganze Welt,
So weit der blaue Himmel wallt.
Der Frühling ist der Freudensaal,
Viel tausend Vöglein spielen auf,
Da schallt's im Wald bergab, bergauf:
Grüss dich, mein Schatz, vieltausendmal!«
Sie bemerkten wohl, dass die Schöne allezeit zu ihnen herübersah, und alle Herzen
und Augen waren wie frische junge Segel nach ihr gerichtet. Das Schiff näherte
sich ihnen hier ganz dicht. »Wahrhaftig, ein schönes Mädchen!« riefen einige,
und der Student sang weiter:
»Viel rüst'ge Bursche ritterlich,
Die fahren hier in Stromes Mitt,
Wie wilde sie auch stellen sich,
Trau mir, mein Kind, und fürcht dich nit!
Querüber übers Wasser glatt
Lass werben deine Äugelein,
Und der dir wohlgefallen hat,
Der soll dein lieber Buhle sein.«
Hier näherten sich wieder die Schiffe einander. Die Schöne sass vorn, wagte es
aber in dieser Nähe nicht, aufzublicken. Sie hatte das Gesicht auf die andere
Seite gewendet, und zeichnete mit ihrem Finger auf dem Boden. Der Wind wehte die
Töne zu ihr herüber, und sie verstand wohl alles, als der Student wieder
weitersang:
»Durch Nacht und Nebel schleich ich sacht,
Kein Lichtlein brennt, kalt weht der Wind,
Riegl' auf, riegl' auf bei stiller Nacht,
Weil wir so jung beisammen sind!
Ade nun, Kind, und nicht geweint!
Schon gehen Stimmen da und dort,
Hoch überm Wald Aurora scheint,
Und die Studenten reisen fort.«
So war es endlich Abend geworden, und die Schiffer lenkten ans Ufer. Alles stieg
aus, und begab sich in ein Wirtshaus, das auf einer Anhöhe an der Donau stand.
Diesen Ort hatten die Studenten zum Ziele ihrer Begleitung bestimmt. Hier
wollten sie morgen früh den Grafen verlassen und wieder zurückreisen. Sie nahmen
sogleich Beschlag von einem geräumigen Zimmer, dessen Fenster auf die Donau
hinausgingen. Friedrich folgte ihnen erst etwas später von den Schiffen nach.
Als er die Stiege hinaufging, öffnete sich seitwärts eine Türe und die
unbekannte Schöne, die auch hier eingekehrt war, trat eben aus dem erleuchteten
Zimmer. Beide schienen übereinander erschrocken. Friedrich grüsste sie, sie
schlug die Augen nieder und kehrte schnell wieder in das Zimmer zurück.
    Unterdes hatten sich die lustigen Gesellen in ihrer Stube schon
ausgebreitet. Da lagen Jacken, Hüte, Federbüsche, Tabakspfeifen und blanke
Schwerter in der buntesten Verwirrung umher, und die Aufwärterin trat mit
heimlicher Furcht unter die wilden Gäste, die halbentkleidet auf Betten, Tischen
und Stühlen, wie Soldaten nach einer blutigen Schlacht, gelagert waren. Es wurde
bald Wein angeschafft, man setzte sich in die Runde, sang und trank des Grafen
Gesundheit. Friedrich war heute dabei sonderbar zumute. Er war seit mehreren
Jahren diese Lebensweise gewohnt, und das Herz war ihm jedesmal aufgegangen, wie
diese freie Jugend ihm so keck und mutig ins Gesicht sah. Nun, da er von dem
allem auf immer Abschied nehmen sollte, war ihm wie einem, der von einem
lustigen Maskenballe auf die Gasse hinaustritt, wo sich alles nüchtern
fortbewegt wie vorher. Er schlich sich unbemerkt aus dem Zimmer und trat hinaus
auf den Balkon, der von dem Mittelgange des Hauses über die Donau hinausging.
Der Gesang der Studenten, zuweilen von dem Geklirre der Hieber unterbrochen,
schallte aus den Fenstern, die einen langen Schein in das Tal hinauswarfen. Die
Nacht war sehr finster. Als er sich über das Geländer hinauslehnte, glaubte er
neben sich atmen zu hören. Er langte nach der Seite hin und ergriff eine kleine
zarte Hand. Er zog den weichen Arm näher an sich, da funkelten ihn zwei Augen
durch die Nacht an. Er erkannte an der hohen Gestalt sogleich das schöne Mädchen
von dem andern Schiffe. Er stand so dicht vor ihr, dass ihn ihr Atem berührte.
Sie litt es gern, dass er sie noch näher an sich zog, und ihre Lippen kamen
zusammen. »Wie heissen Sie?« fragte Friedrich endlich. »Rosa«, sagte sie leise
und bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen. In diesem Augenblicke ging die
Stubentür auf, ein verworrener Schwall von Licht, Tabaksdampf und verschiedenen
tosenden Stimmen quoll heraus, und das Mädchen war verschwunden, ohne dass
Friedrich sie halten konnte.
    Erst lange Zeit nachher ging er wieder in sein Zimmer zurück. Aber da war
indes alles still geworden. Das Licht war bis an den Leuchter ausgebrannt und
warf, manchmal noch aufflackernd, einen flüchtigen Schein über das Zimmer und
die Studenten, die zwischen Trümmern von Tabakspfeifen, wie Tote, umherlagen und
schliefen. Friedrich machte daher die Tür leise zu und begab sich wieder auf den
Balkon hinaus, wo er die Nacht zuzubringen beschloss. Entzückt in allen seinen
Sinnen, schaute er da in die stille Gegend hinaus. »Fliegt nur, ihr Wolken«,
rief er aus, »rauscht nur und rührt euch recht, ihr Wälder! Und wenn alles auf
Erden schläft, ich bin so wach, dass ich tanzen möchte!« Er warf sich auf die
steinerne Bank hin, wo das Mädchen gesessen hatte, lehnte die Stirn ans Geländer
und sang still in sich verschiedene alte Lieder, und jedes gefiel ihm heut
besser und rührte ihn neu. Das Rauschen des Stromes und die ziehenden Wolken
schifften in seine fröhlichen Gedanken hinein; im Hause waren längst alle
Lichter verlöscht. Die Wellen plätscherten immerfort so einförmig unten an den
Steinen, und so schlummerte er endlich träumend ein.
 
                                Zweites Kapitel
Als die ersten Strahlen der Sonne in die Fenster schienen, erhob sich ein
Student nach dem andern von seinem harten Lager, riss das Fenster auf und dehnte
sich in den frischen Morgen hinaus. Auch Friedrich befand sich wieder unter
ihnen; denn eine Nachtigall, welche die ganze Nacht unermüdlich vor dem Hause
sang, hatte ihn draussen geweckt und die kühle, der Morgenröte vorausfliegende
Luft in die wärmere Stube getrieben. Singen, Lachen und muntere Reden erfüllten
nun bald wieder das Zimmer. Friedrich überdachte seine Begebenheit in der Nacht.
Es war ihm, als erwachte er aus einem Rausche, als wäre die schöne Rosa, ihr Kuss
und alles nur Traum gewesen.
    Der Wirt trat mit der Rechnung herein. »Wer ist das Frauenzimmer«, fragte
Friedrich, »die gestern abends mit uns angekommen ist?« - »Ich kenne sie nicht,
aber eine vornehme Dame muss sie sein, denn ein Wagen mit vier Pferden und
Bedienten hat sie noch lange vor Tagesanbruch von hier abgeholt.« - Friedrich
blickte bei diesen Worten durchs offene Fenster auf den Strom und die Berge
drüben, welche heute Nacht stille Zeugen seiner Glückseligkeit gewesen waren.
Jetzt sah da draussen alles anders aus und eine unbeschreibliche Bangigkeit flog
durch sein Herz.
    Die Pferde, welche die Studenten hierherbestellt hatten, um darauf wieder
zurückzureiten, harrten ihrer schon seit gestern unten. Auch Friedrich hatte
sich ein schönes, munteres Pferd gekauft, auf dem er nun ganz allein seine Reise
fortsetzen wollte. Die Reisebündel wurden daher nun schnell zusammengeschnürt,
die langen Sporen umgeschnallt und alles schwang sich auf die rüstigen Klepper.
Die Studenten beschlossen, den Grafen noch eine kleine Strecke landeinwärts zu
geleiten, und so ritt denn der ganze bunte Trupp in den heitern Morgen hinein.
An einem Kreuzwege hielten sie endlich still und nahmen Abschied. »Lebe wohl«,
sagte einer von den Studenten zu Friedrich, »du kommst nun in fremde Länder,
unter fremde Menschen, und wir sehen einander vielleicht nie mehr wieder. Vergiss
uns nicht! Und wenn du einmal auf deinen Schlössern hausest, werde nicht wie
alle andere, werde niemals ein trauriger, vornehmer, schmunzelnder, bequemer
Philister! Denn, bei meiner Seele, du warst doch der beste und bravste Kerl
unter uns allen. Reise mit Gott!« Hier schüttelte jeder dem Grafen vom Pferde
noch einmal die Hand und sie und Friedrich sprengten dann in entgegengesetzten
Richtungen voneinander. Als er so eine Weile fortgeritten war, sah er sie noch
einmal, wie sie eben, schon fern, mit ihren bunten Federbüschen über einen
Bergrücken fortzogen. Sie sangen ein bekanntes Studentenlied, dessen Schlusschor:
»Ins Horn, ins Horn, ins Jägerhorn!«
der Wind zu ihm herüberbrachte. »Ade, ihr rüstigen Gesellen«, rief er gerührt;
»ade, du schöne freie Zeit!« Der herrliche Morgen stand flammend vor ihm. Er gab
seinem Pferde die Sporen, um den Tönen zu entkommen und ritt, dass der frische
Wind an seinem Hute pfiff.
    Wer Studenten auf ihren Wanderungen sah, wie sie frühmorgens aus dem dunkeln
Tore ausziehen und den Hut schwenken in der frischen Luft, wie sie wohlgemut und
ohne Sorgen über die grüne Erde reisen, und die unbegrenzten Augen an blauem
Himmel, Wald und Fels sich noch erquicken, der mag gern unsern Grafen auf seinem
Zuge durch das Gebirge begleiten. Er ritt jetzt langsam weiter. Bauern ackerten,
Hirten trieben ihre Herden vorüber. Die Frühlingssonne schien warm über die
dampfende Erde, Bäume, Gras und Blumen äugelten dazwischen mit blitzenden
Tropfen, unzählige Lerchen schwirrten durch die laue Luft. Ihm war recht
innerlichst fröhlich zumute. Tausend Erinnerungen, Entwürfe und Hoffnungen zogen
wie ein Schattenspiel durch Seine bewegte Brust. Das Bild der schönen Rosa stand
wieder ganz lebendig in ihm auf, mit aller Farbenpracht des Morgens gemalt und
geschmückt. Der Sonnenschein, der laue Wind und Lerchensang verwirrte sich in
das Bild, und so entstand in seinem glücklichen Herzen folgendes Liedchen, das
er immerfort laut vor sich hersang:
»Grüss euch aus Herzensgrund:
Zwei Augen hell und rein,
Zwei Röslein auf dem Mund,
Kleid blank aus Sonnenschein!
Nachtigall klagt und weint,
Wollüstig rauscht der Hain,
Alles die Liebste meint:
Wo weilt sie so allein?
Weil's draussen finster war,
Sah ich viel hellern Schein,
Jetzt ist es licht und klar,
Ich muss im Dunkeln sein.
Sonne nicht steigen mag,
Sieht so verschlafen drein,
Wünschet den ganzen Tag,
Dass wieder Nacht möcht sein.
Liebe geht durch die Luft,
Holt fern die Liebste ein;
Fort über Berg und Kluft!
Und sie wird doch noch mein!«
Das Liedchen gefiel ihm so wohl, dass er seine Schreibtafel herauszog, um es
aufzuschreiben. Da er aber anfing, die flüchtigen Worte bedächtig aufzuzeichnen
und nicht mehr sang, musste er über sich selber lachen und löschte alles wieder
aus.
    Der Mittag war unterdes durch die kühlen Waldschluften fast unvermerkt
vorübergezogen. Da erblickte Friedrich mit Vergnügen einen hohen, bepflanzten
Berg, der ihm als ein berühmter Belustigungsort dieser Gegend anempfohlen worden
war. Farbige Lustäuser blickten von dem schattigen Gipfel ins Tal herab. Rings
um den Berg herum wand sich ein Pfad hinauf, auf dem man viele Frauenzimmer mit
ihren bunten Tüchern in der Grüne wallfahrten sah. Der Anblick war sehr
freundlich und einladend. Friedrich lenkte daher sein Pferd um, und ritt mit dem
fröhlichen Zuge hinan, sich erfreuend, wie bei jedem Schritte der Kreis der
Aussicht ringsum sich erweiterte. Noch angenehmer wurde er überrascht, als er
endlich den Gipfel erreichte. Da war ein weiter, schöner und kühler Rasenplatz.
An kleinen Tischchen sassen im Freien verschiedene Gesellschaften umher und
speisten in lustigem Gespräch. Kinder spielten auf dem Rasen, ein alter Mann
spielte die Harfe und sang. Friedrich liess sich sein Mittagsmahl ganz allein in
einem Sommerhäuschen bereiten, das am Abhange des Berges stand. Er machte alle
Fenster weit auf, so dass die Luft überall durchstrich, und er von allen Seiten
die Landschaft und den blauen Himmel sah. Kühler Wein und hellgeschliffene
Gläser blinkten von dem Tische. Er trank seinen fernen Freunden und seiner Rosa
in Gedanken zu. Dann stellte er sich ans Fenster. Man sah von dort weit in das
Gebirge. Ein Strom ging in der Tiefe, an welchem eine hellglänzende Landstrasse
hinablief. Die heissen Sonnenstrahlen schillerten über dem Tale, die ganze Gegend
lag unten in schwüler Ruhe. Draussen vor der offenen Tür spielte und sang der
Harfenist immerfort. Friedrich sah den Wolken nach, die nach jenen Gegenden
hinaussegelten, die er selber auch bald begrüssen sollte. »O Leben und Reisen,
wie bist du schön!« rief er freudig, zog dann seinen Diamant vom Finger und
zeichnete den Namen Rosa in die Fensterscheibe. Bald darauf wurde er unten
mehrere Reuter gewahr, die auf der Landstrasse schnell dem Gebirge zu
vorüberflogen. Er verwandte keinen Blick davon. Ein Mädchen, hoch und schlank,
ritt den andern voraus und sah flüchtig mit den frischen Augen den Berg hinan,
gerade auf den Fleck, wo Friedrich stand. Der Berg war hoch, die Entfernung und
Schnelligkeit gross; doch glaubte sie Friedrich mit einem Blicke zu erkennen, es
war Rosa. Wie ein plötzlicher Morgenblick blitzte ihm dieser Gedanke fröhlich
über die ganze Erde. Er bezahlte eiligst seine Zeche, schwang sich auf sein
Pferd, und stolperte so schnell als möglich den sich ewig windenden Bergpfad
hinab; seine Blicke und Gedanken flogen wie Adler von der Höhe voraus. Als er
sich endlich bis auf die Strasse hinausgearbeitet hatte und freier Atem schöpfte,
war die Reuterin schon nicht mehr zu sehen. Er setzte die Sporen tapfer ein und
sprengte weiter fort. Ein Weg ging links von der Strasse ab in den Wald hinein.
Er erkannte an der frischen Spur der Rosseshufe, dass ihn die Reuter
eingeschlagen hatten. Er folgte ihm daher auch. Als er aber eine grosse Strecke
so fortgeritten war, teilten sich auf einmal wieder drei Wege nach verschiedenen
Richtungen und keine Spur war weiter auf dem härteren Boden zu bemerken.
Fluchend und lachend zugleich vor Ungeduld, blieb er nun hier eine Weile still
stehen, wählte dann gelassener den Pfad, der ihm der anmutigste dünkte, und zog
langsam weiter.
    Der Wald wurde indes immer dunkler und dichter, der Pfad enger und wilder.
Er kam endlich an einen dunkelgrünen, kühlen Platz, der rings von Felsen und
hohen Bäumen umgeben war. Der einsame Ort gefiel ihm so wohl, dass er vom Pferde
stieg, um hier etwas auszuruhen. Er streichelte ihm den gebogenen Hals, zäumte
es ab und liess es frei weiden. Er selbst legte sich auf den Rücken und sah dem
Wolkenzuge zu. Die Sonne neigte sich schon und funkelte schräge durch die
dunkeln Wipfel, die sich leise rauschend hin und her bewegten. Unzählige
Waldvögel zwitscherten in lustiger Verwirrung durcheinander. Er war so müde, er
konnte sich nicht halten, die Augen sanken ihm zu. Mitten im Schlummer kam es
ihm manchmal vor, als höre er Hörner aus der Ferne. Er hörte den Klang oft ganz
deutlich und näher, aber er konnte sich nicht besinnen und schlummerte immer
wieder von neuem ein.
    Als er endlich erwachte, erschrak er nicht wenig, da es schon finstere Nacht
und alles um ihn her still und öde war. Er sprang erstaunt auf. Da hörte er über
sich auf dem Felsen zwei Männerstimmen, die ganz in der Nähe schienen. Er rief
sie an, aber niemand gab Antwort und alles war auf einmal wieder still. Nun nahm
er sein Pferd beim Zügel und setzte so seine Reise auf gut Glück weiter fort.
Mit Mühe arbeitete er sich durch die Rabennacht des Waldes hindurch und kam
endlich auf einen weiten und freien Bergrücken, der nur mit kleinem Gesträuch
bewachsen war. Der Mond schien sehr hell, und der plötzliche Anblick des freien,
grenzenlosen Himmels erfreute und stärkte recht sein Herz. Die Ebene musste sehr
hoch liegen, denn er sah ringsumher eine dunkle Runde von Bergen unter sich
ruhen. Von der einen Seite kam der einförmige Schlag von Eisenhämmern aus der
Ferne herüber. Er nahm daher seine Richtung dortin. Sein und seines Pferdes
Schatten, wie er so fortschritt, strichen wie dunkle Riesen über die Heide vor
ihm her und das Pferd fuhr oft schnaubend und sträubend zusammen. »So«, sagte
Friedrich, dessen Herz recht weit und vergnügt war, »so muss vor vielen hundert
Jahren den Rittern zumute gewesen sein, wenn sie bei stiller, nächtlicher Weile
über diese Berge zogen und auf Ruhm und grosse Taten sannen. So voll adeliger
Gedanken und Gesinnungen mag mancher auf diese Wälder und Berge hinuntergesehen
haben, die noch immer dastehen, wie damals. Was mühn wir uns doch ab in unseren
besten Jahren, lernen, polieren und feilen, um uns zu rechten Leuten zu machen,
als fürchteten oder schämten wir uns vor uns selbst, und wollten uns daher
hinter Geschicklichkeiten verbergen und zerstreuen, anstatt dass es darauf
ankäme, sich innerlichst nur recht zusammenzunehmen zu hohen Entschliessungen und
einem tugendhaften Wandel. Denn wahrhaftig, ein ruhiges, tapferes, tüchtiges und
ritterliches Leben ist jetzt jedem Manne, wie damals, vonnöten. Jedes Weltkind
sollte wenigstens jeden Monat eine Nacht im Freien einsam durchwachen, um einmal
seine eitlen Mühen und Künste abzustreifen und sich im Glauben zu stärken und zu
erbauen. Wie bin ich so fröhlich und erquickt! Gebe mir Gott nur die Gnade, dass
dieser Arm einmal was Rechtes in der Welt vollbringe!«
    Unter solchen Gedanken schritt er immer fort. Der Fusssteig hatte sich indes
immer mehr gesenkt, und er erblickte endlich ein Licht, das aus dem Tale
heraufschimmerte. Er eilte darauf los und kam an eine elende, einsame
Waldschenke. Er sah durch das kleine Fenster in die Stube hinein. Da sass ein
Haufen zerlumpter Kerls mit bärtigen Spitzbubengesichtern um einen Tisch und
trank. In allen Winkeln standen Gewehre angelehnt. An dem hellen Kaminfeuer, das
einen grässlichen Schein über den Menschenklumpen warf, sass ein altes Weib
gebückt, und zerrte, wie es schien, blutige Därme an den Flammen auseinander.
Ein Grausen überfiel den Grafen bei dem scheusslichen Anblick, er setzte sich
rasch auf sein Pferd und sprengte querfeldein.
    Das Rauschen und Klappern einer Waldmühle bestimmte seine Richtung. Ein
ungeheurer Hund empfing ihn dort an dem Hofe der Mühle. Friedrich und sein Pferd
waren zu ermattet, um noch weiterzureisen. Er pochte daher an die Haustüre. Eine
rauhe Stimme antwortete von innen, bald darauf ging die Türe auf, und ein
langer, hagerer Mann trat heraus. Er sah Friedrich, der ihn um Herberge bat, von
oben bis unten an, nahm dann Sein Pferd und führte es stillschweigend nach dem
Stalle. Friedrich ging nun in die Stube hinein. Ein Frauenzimmer stand drinnen
und pickte Feuer. Er bemerkte bei den Blitzen der Funken ein junges und schönes
Mädchengesicht. Als sie das Licht angezündet hatte, betrachtete sie den Grafen
mit einem freudigen Erstaunen, das ihr fast den Atem zu verhalten schien. Darauf
ergriff sie das Licht und führte ihn, ohne ein Wort zu sagen, die Stiege hinauf
in ein geräumiges Zimmer mit mehreren Betten. Sie war barfuss und Friedrich
bemerkte, als sie so vor ihm herging, dass sie nur im Hemde war und den Busen
fast ganz bloss hatte. Er ärgerte sich über die Frechheit bei solcher zarten
Jugend. Als sie oben in der Stube waren, blieb das Mädchen stehen und sah den
Grafen furchtsam an. Er hielt sie für ein verliebtes Ding. »Geh«, sagte er
gutmütig, »geh schlafen, liebes Kind.« Sie sah sich nach der Türe um, dann
wieder nach Friedrich. »Ach, Gott!« sagte sie endlich, legte die Hand aufs Herz
und ging zaudernd fort. Friedrich kam ihr Benehmen sehr sonderbar vor, denn es
war ihm nicht entgangen, dass sie beim Hinausgehen an allen Gliedern zitterte.
    Mitternacht war schon vorbei. Friedrich war überwacht und von den
verschiedenen Begegnissen viel zu sehr aufgeregt, um schlafen zu können. Er
setzte sich ans offene Fenster. Das Wasser rauschte unten über ein Wehr. Der
Mond blickte seltsam und unheimlich aus dunkeln Wolken, die schnell über den
Himmel flogen. Er sang:
»Er reitet nachts auf einem braunen Ross,
Er reitet vorüber an manchem Schloss:
Schlaf droben, mein Kind, bis der Tag erscheint,
Die finstre Nacht ist des Menschen Feind!
Er reitet vorüber an einem Teich,
Da stehet ein schönes Mädchen bleich
Und singt, ihr Hemdlein flattert im Wind,
Vorüber, vorüber, mir graut vor dem Kind!
Er reitet vorüber an einem Fluss,
Da ruft ihm der Wassermann seinen Gruss,
Taucht wieder unter dann mit Gesaus,
Und stille wird's über dem kühlen Haus.
Wann Tag und Nacht in verworrenem Streit,
Schon Hähne krähen in Dörfern weit,
Da schauert sein Ross und wühlet hinab,
Scharret ihm schnaubend sein eigenes Grab.«
Er mochte ungefähr so eine Stunde gesessen haben, als der grosse Hund unten im
Hofe ein paarmal anschlug. Bald darauf kam es ihm vor, als hörte er draussen
mehrere Stimmen. Er horchte hinaus, aber alles war wieder still. Eine Unruhe
bemächtigte sich seiner, er stand vom Fenster auf, untersuchte seine geladenen
Taschenpistolen und legte seinen Reisesäbel auf den Tisch. In diesem Augenblicke
ging auch die Tür auf, und mehrere wilde Männer traten herein. Sie blieben
erschrocken stehen, da sie den Grafen wach fanden. Er erkannte sogleich die
fürchterlichen Gesichter aus der Waldschenke und seinen Hauswirt, den langen
Müller, mitten unter ihnen. Dieser fasste sich zuerst und drückte unversehens
eine Pistol nach ihm ab. Die Kugel prellte neben seinem Kopfe an die Mauer.
»Falsch gezielt, heimtückischer Hund«, schrie der Graf ausser sich vor Zorn und
schoss den Kerl durchs Hirn. Darauf ergriff er seinen Säbel, stürzte sich in den
Haufen hinein und warf die Räuber, rechts und links mit in die Augen gedrücktem
Hute um sich herumhauend, die Stiege hinunter. Mitten in dem Gemetzel glaubte er
das schöne Müllermädchen wiederzusehen. Sie hatte selber ein Schwert in der
Hand, mit dem sie sich hochherzig, den Grafen verteidigend, zwischen die
Verräter warf. Unten an der Stiege endlich, da alles, was noch laufen konnte,
Reissaus genommen hatte, sank er, von vielen Wunden und Blutverluste ermattet,
ohne Bewusstsein nieder.
 
                                Drittes Kapitel
Als Friedrich wieder das erstemal die Augen aufschlug und mit gesunden Sinnen in
der Welt umherschauen konnte, erblickte er sich in einem unbekannten, schönen
und reichen Zimmer. Die Morgensonne schien auf die seidenen Vorhänge seines
Bettes; sein Kopf war verbunden. Zu den Füssen des Bettes knieete ein schöner
Knabe, der den Kopf auf beide Arme an das Bett gelehnt hatte, und schlief.
    Friedrich wusste sich in diese Verwandlungen nicht zu finden. Er sann nach,
was mit ihm vorgegangen war. Aber nur die fürchterliche Nacht in der Waldmühle
mit ihren Mordgesichtern stand lebhaft vor ihm, alles übrige schien wie ein
schwerer Traum. Verschiedene fremde Gestalten aus dieser letzten Zeit waren ihm
wohl dunkel erinnerlich, aber er konnte keine unterscheiden. Nur eine einzige
ungewisse Vorstellung blieb ihm lieblich getreu. Es war ihm nämlich immer
vorgekommen, als hätte sich ein wunderschönes Engelsbild über ihn geneigt, so
dass ihn die langen, reichen Locken rings umgaben, und die Worte, die es sprach,
flogen wie Musik über ihn weg.
    Da er sich nun recht leicht und neugestärkt spürte, stieg er aus dem Bette
und trat ans Fenster. Er sah da, dass er sich in einem grossen Schloss befand.
Unten lag ein schöner Garten; alles war noch still, nur Vögel flatterten auf den
einsamen kühlen Gängen, der Morgen war überaus heiter.
    Der Knabe an dem Bette war indes auch aufgewacht. »Gott sei Dank!« rief er
aus Herzensgrunde, als er die Augen aufschlug und den Grafen aufgestanden und
munter erblickte. Friedrich glaubte sein Gesicht zu kennen, doch konnte er sich
durchaus nicht besinnen, wo er es gesehen hätte. »Wo bin ich?« fragte er endlich
erstaunt. »Gott sei Dank!« wiederholte der Knabe nur, und sah ihn mit seinen
grossen, fröhlichen Augen noch immer unverwandt an, als könnte er sich gar nicht
in die Freude finden, ihn wirklich wiederhergestellt zu sehen. Friedrich drang
nun in ihn, ihm den Zusammenhang dieser ganzen seltsamen Begebenheit zu
entwirren. Der Knabe besann sich einen Augenblick und erzählte dann: »Gestern
früh, da ich eben in den Wald ging, sah ich dich blutig und ohne Leben am Wege
liegen. Das Blut floss über den Kopf, ich verband die Wunde mit meinem Tuche, so
gut ich konnte. Aber das Blut drang durch und floss immerfort, und ich versuchte
alles vergebens, um es zu stillen. Ich lief und rief nun in meiner Angst rings
im Walde umher und betete und weinte dann wieder dazwischen, da ich mir gar
nicht mehr zu helfen wusste. Da kam auf einmal ein Wagen die Strasse gefahren.
Eine Dame erblickte uns aus demselben und liess sogleich stillhalten. Die
Bedienten verbanden die Wunden sehr geschickt. Die Dame schien sehr verwundert
und erschrocken über den Umstand. Darauf nahm sie uns beide mit in den Wagen und
führte uns hierher auf ihr Schloss. Die Gräfin hat beinahe die ganze Nacht
hindurch hier am Bette gewacht.« - Friedrich dachte an das Engelsbild, das sich
wie im Traume über sein Gesicht geneigt hatte, und war noch verwirrter, als
vorher. - »Aber wer bist denn du?« fragte er darauf den Knaben wieder. »Ich habe
keine Eltern mehr«, antwortete dieser, und schlug verwirrt die Augen nieder,
»ich ging eben über Land, um Dienste zu suchen.« Friedrich fasste den Furchtsamen
bei beiden Händen: »Willst du bei mir bleiben?« »Ewig, mein Herr!« sagte der
Knabe mit auffallender Heftigkeit.
    Friedrich kleidete sich nun völlig an und verliess seine Stube, um sich hier
umzusehen und über sein Verhältnis in diesem Schloss auf irgendeine Art
Gewissheit zu erlangen. Er erstaunte über das Altfränkische der Bauart und der
Einrichtung. Die Gänge waren gewölbt, die Fenster in der dicken, dunklen Mauer
alle oben in einem Bogen zugespitzt und mit kleinen runden Scheiben versehen.
Wunderschöne Bilder von Glas füllten oben die Fensterbogen, die von der
Morgensonne in den buntesten Farben brannten. Alles im ganzen Hause war still.
Er sah zum Fenster hinaus. Das alte Schloss stand von dieser Seite an dem Abhange
eines hohen Berges, der, so wie das Tal, unten mit Schwarzwald bedeckt war, aus
welchem die Klänge einsamer Holzhauer heraufschallten. Gleich am Fenster, über
der schwindlichten Tiefe war ein Ritter, der sein Schwert in den gefalteten
Händen hielt, in Riesengrösse, wie der steinerne Roland, in die Mauer gehauen.
Friedrich glaubte jeden Augenblick, das Burgfräulein, den hohen Spitzenkragen um
das schöne Gesicht, werde in einem der Gänge heraufkommen. In der sonderbarsten
Laune ging er nun die Stiege hinab und über eine Zugbrücke in den Garten hinaus.
    Hier standen auf einem weiten Platze die sonderbarsten, fremden Blumenarten
in phantastischem Schmucke. Künstliche Brunnen sprangen, im Morgenscheine
funkelnd, kühle hin und wider. Dazwischen sah man Pfauen in der Grüne weiden und
stolz ihre tausendfarbigen Räder schlagen. Im Hintergrunde sass ein Storch auf
einem Beine und sah melancholisch in die weite Gegend hinaus. Als sich Friedrich
an dem Anblicke, den der frische Morgen prächtig machte, so ergötzte, erblickte
er in einiger Entfernung vor sich einen Mann, der hinter einem Spaliere an einem
Tischchen sass, das voll Papiere lag. Er schrieb, blickte manchmal in die Gegend
hinaus, und schrieb dann wieder emsig fort. Friedrich wollte ausweichen, um ihn
nicht zu stören, aber es war nur der einzige Weg und der Unbekannte hatte ihn
auch schon erblickt. Er ging daher auf ihn zu und grüsste ihn. Der Schreiber
mochte eine lange Unterredung befürchten. »Ich kenne Sie wahrhaftig nicht«,
sagte er halb ärgerlich, halb lachend, »aber wenn Sie selbst Alexander der Grosse
wären, so müsst ich Sie für jetzt nur bitten, mir aus der Sonne zu gehen.«
Friedrich verwunderte sich höchlichst über diesen unhöflichen Diogenes und liess
den wunderlichen Gesellen sitzen, der sogleich wieder zu schreiben anfing.
    Er kam nun an den Ausgang des Gartens, an den ein lustiges Wäldchen von
Laubholz stiess. An dem Saume des Waldes stand ein Jägerhaus, das ringsum mit
Hirschgeweihen ausgeziert war. Auf einer kleinen Wiese, welche vor dem Hause
mitten zwischen dem Walde lag, sass ein schönes, kaum fünfzehnjähriges Mädchen
auf einem, wie es schien, soeben erlegten Rehe, streichelte das Tierchen und
sang:
»Wär ich ein muntres Hirschlein schlank,
Wollt ich im grünen Walde gehn,
Spazierengehn bei Hörnerklang,
Nach meinem Liebsten mich umsehn.«
Ein junger Jäger, der seitwärts an einem Baume gelehnt stand und ihren Gesang
mit dem Waldhorne begleitete, antwortete ihr sogleich nach derselben Melodie:
»Nach meiner Liebsten mich umsehn
Tu ich wohl, zieh ich früh von hier,
Doch sie mag niemals zu mir gehn
Im dunkelgrünen Waldrevier.«
Sie sang weiter:
»Im dunkelgrünen Waldrevier,
Da blitzt der Liebste rosenrot,
Gefällt so sehr dem armen Tier,
Das Hirschlein wünscht, es läge tot.«
Der Jäger antwortete wieder:
»Und wär das schöne Hirschlein tot,
So möcht ich länger jagen nicht;
Scheint übern Wald der Morgen rot:
Hüt schönes Hirschlein, hüte dich!«
                                      Sie:
»Hüt schönes Hirschlein, hüte dich!
Spricht's Hirschlein selbst in seinem Sinn,
Wie soll ich, soll ich hüten mich,
Wenn ich so sehr verliebet bin?«
                                      Er:
»Weil ich so sehr verliebet bin,
Wollt ich das Hirschlein, schön und wild,
Aufsuchen tief im Walde drin
Und streicheln, bis es stillehielt.«
                                      Sie:
»Ja, streicheln, bis es stillehielt,
Falsch locken so in Stall und Haus!
Zum Wald springt's Hirschlein frei und wild
Und lacht verliebte Narren aus.«
Hierbei sprang sie von ihrem Rehe auf, denn Pferde, Hunde, Jäger und
Waldhornsklänge stürzten auf einmal mit einem verworrenen Getöse aus dem Walde
heraus und verbreiteten sich bunt über die Wiese. Ein sehr schöner, junger Mann
in Jägerkleidung und das Halstuch in einer unordentlichen Schleife herabhängend,
schwang sich vom Pferde und eine Menge grosser Hunde sprangen von allen Seiten
freundlich an ihm herauf. Friedrich erstaunte beim ersten Blick über die grosse
Ähnlichkeit, die derselbe mit einem älteren Bruder hatte, den er seit seiner
Kindheit nicht mehr gesehen, nur dass der Unbekannte hier frischer und freudiger
anzusehen war. Dieser kam sogleich auf ihn zu. »Es freut mich«, sagte er, »Sie
so munter wiederzufinden. Meine Schwester hat Sie unterwegs in einem schlimmen
Zustande getroffen und gestern abends zu mir auf mein Schloss gebracht. Sie ist
heute noch vor Tagesanbruch wieder fort. Lassen Sie es sich bei uns gefallen,
Sie werden lustige Leute finden.« Während ihm nun Friedrich eben noch für seine
Güte dankte, brachte auf einmal der Wind aus dem Garten oben mehrere Blätter
Papier, die hoch über ihre Köpfe weg nach einem nahe gelegenen Wasser
zuflatterten. Hinterdrein hörte man von oben eine Stimme »Halt, halt, halt auf!«
rufen, und der Mensch, den Friedrich im Garten schreibend angetroffen hatte, kam
eilends nachgelaufen. Leontin, so hiess der junge Graf, dem dieses Schloss
gehörte, legte schnell seine Büchse an und schoss das unbändige Papier aus der
Luft herab. »Das ist doch dumm«, sagte der Nachsetzende, der unterdes atemlos
angelangt war, da er die Blätter, auf welche Verse geschrieben waren, von den
Schroten ganz durchlöchert erblickte. Das schöne Mädchen, das vorher auf der
Wiese gesungen hatte, stand hinter ihm und kicherte. Er drehte sich geschwind
herum und wollte sie küssen, aber sie entsprang in das Jägerhaus und guckte
lachend hinter der halbgeöffneten Türe hervor. »Das ist der Dichter Faber«,
sagte Leontin, dem Grafen den Nachsetzenden vorstellend. Friedrich erschrak
recht über den Namen. Er hatte viel von Faber gelesen; manches hatte ihm gar
nicht gefallen, vieles andere aber ihn wieder so ergriffen, dass er oft nicht
begreifen konnte, wie derselbe Mensch so etwas Schönes erfinden könne. Und nun,
da der wunderbare Mensch leibhaftig vor ihm stand, betrachtete er ihn mit allen
Sinnen, als wollte er alle die Gedichte von ihm, die ihm am besten gefallen, in
seinem Gesichte ablesen. Aber da war keine Spur davon zu finden.
    Friedrich hatte sich ihn ganz anders vorgestellt, und hätte viel darum
gegeben, wenn es Leontin gewesen wäre, bei dessen lebendigem, erquicklichem
Wesen ihm das Herz aufging. Herr Faber erzählte nun lachend, wie ihn Friedrich
in seiner Werkstatt überrascht habe. »Da sind Sie schön angekommen«, sagte
Leontin zu Friedrich, »denn da sitzt Herr Faber wie die Löwin über ihren Jungen,
und schlägt grimmig um sich.« - »So sollte jeder Dichter dichten«, meinte
Friedrich, »am frühen Morgen, unter freiem Himmel, in einer schönen Gegend. Da
ist die Seele rüstig, und so wie dann die Bäume rauschen, die Vögel singen und
der Jäger vor Lust in sein Horn stösst, so muss der Dichter dichten.« - »Sie sind
ein Naturalist in der Poesie«, entgegnete Faber mit einer etwas zweideutigen
Miene. - »Ich wünschte«, fiel ihm Leontin ins Wort, »Sie ritten lieber alle
Morgen mit mir auf die Jagd, lieber Faber. Der Morgen glüht Sie wie eine
reizende Geliebte an, und Sie klecksen ihr mit Dinte in das schöne Gesicht.«
Faber lachte, zog eine kleine Flöte hervor und fing an, darauf zu blasen.
Friedrich fand ihn in diesem Augenblicke sehr liebenswürdig.
    Leontin trug dem Grafen an, mit ihm zu seiner Schwester hinüberzureiten,
wenn er sich schon stark genug dazu fühle. Friedrich willigte mit Freuden ein,
und bald darauf sassen beide zu Pferde. Die Gegend war sehr heiter. Sie ritten
eben über einen weiten, grünen Anger. Friedrich fühlte sich bei dem schönen
Morgen recht in allen Sinnen genesen, und freute sich über den anmutigen
Leontin, wie das Pferd unter ihm mit gebogenem Halse über die Ebene hintanzte.
»Meine Schwester«, sagte Leontin unterweges und sah den Grafen mit verstecktem
Lachen immerfort an, »meine Schwester ist viel älter als ich, und, ich muss es
nur im voraus sagen, recht hässlich.« »So!« sagte Friedrich langsam und gedehnt,
denn er hatte heimlich andere Erwartungen und Hoffnungen gehegt. Er schwieg
darauf still; Leontin lachte und pfiff ein lustiges Liedchen. Endlich sah man
ein schönes, neues Schloss sich aus einem grossen Park luftig erheben. Es war das
Schloss von Leontins Schwester.
    Sie stiegen unten am Eingange des Parkes ab und gingen zu Fusse hinauf. Der
Garten war ganz im neuesten Geschmacke angelegt. Kleine, sich schlängelnde
Gänge, dichte Gebüsche von ausländischen Sträuchern, dazwischen leichte Brücken
von weissem Birkenholze luftig geschwungen, waren recht artig anzuschauen.
Zwischen mehreren schlanken Säulen traten sie in das Schloss. Es war ein grosses
gemaltes Zimmer mit hellglänzendem Fussboden; ein kristallener Lustre hing an der
Decke und Ottomanen von reichen Stoffen standen an den Wänden umher. Durch die
hohe Glastür übersah man den Garten. Niemand, da es noch früh, war in der ganzen
Reihe von prachtvollen Gemächern, die sich an dieses anschlossen, zu sehen. Die
Morgensonne, die durch die Glastür schien, erfüllte das schöne Zimmer mit einem
geheimnisvollen Helldunkel und beleuchtete eben eine Gitarre, die in der Mitte
auf einem Tischchen lag. Leontin nahm dieselbe und begab sich damit wieder
hinaus. Friedrich blieb in der Tür stehen, während Leontin sich draussen unter
die Fenster stellte, in die Saiten griff und sang:
»Frühmorgens durch die Winde kühl
Zwei Ritter hergeritten sind,
Im Garten klingt ihr Saitenspiel,
Wach auf, wach auf, mein schönes Kind!
Ringsum viel Schlösser schimmernd stehn,
So silbern geht der Ströme Lauf,
Hoch, weit rings Lerchenlieder wehn,
Schliess Fenster, Herz und Äuglein auf!«
Friedrich war gar nicht begierig, die alte Schöne kennenzulernen, und blieb
ruhig in der Tür stehen. Da hörte er oben ein Fenster sich öffnen. »Guten
Morgen, lieber Bruder!« sagte eine liebliche Stimme. Leontin sang:
»So wie du bist, verschlafen heiss,
Lass allen Putz und Zier zu Haus,
Tritt nur herfür im Hemdlein weiss,
Siehst so gar schön verliebet aus.«
»Wenn du so garstig singst«, sagte oben die liebliche Stimme, »so leg ich mich
gleich wieder schlafen.« Friedrich erblickte einen schneeweissen, vollen Arm im
Fenster und Leontin sang wieder:
»Ich hab einen Fremden wohl bei mir,
Der lauert unten auf der Wacht,
Der bittet schön dich um Quartier,
Verschlafnes Kind, nimm dich in acht!«
Friedrich trat nun aus seinem Hinterhalte hervor und sah mit Erstaunen - seine
Rosa am Fenster. Sie war in einem leichten Nachtkleide und dehnte sich mit
aufgehobenen Armen in den frischen Morgen hinaus. Als sie so unverhofft
Friedrich erblickte, liess sie mit einem Schrei die Arme sinken, schlug das
Fenster zu und war verschwunden.
    Leontin ging nun fort, um ein neues Pferd der Schwester im Hofe
herumzutummeln und Friedrich blieb allein im Garten zurück.
    Bald darauf kam die Gräfin Rosa in einem weissen Morgenkleide herab. Sie hiess
den Grafen mit einer Scham willkommen, die ihr unwiderstehlich schön stand.
Lange, dunkle Locken fielen zu beiden Seiten bis auf die Schultern und den
blendendweissen Busen hinab. Die schönste Reihe von Zähnen sah man manchmal
zwischen den vollen, roten Lippen hervorschimmern. Sie atmete noch warm von der
Nacht; es war die prächtigste Schönheit, die Friedrich jemals gesehen hatte. Sie
gingen nebeneinander in den Garten hinein. Der Morgen blitzte herrlich über die
ganze Gegend, aus allen Zweigen jubelten unzählige Vögel. Sie setzten sich in
einer dichten Laube auf eine Rasenbank. Friedrich dankte ihr für ihr hülfreiches
Mitleid und sprach dann von seiner schönen Donaureise. Die Gräfin sass, während
er davon erzählte, beschämt und still, hatte die langen Augenwimpern
niedergeschlagen, und wagte kaum zu atmen. Als er endlich auch seiner Wunde
erwähnte, schlug sie auf einmal die grossen, schönen Augen auf, um die Wunde zu
betrachten. Ihre Augen, Locken und Busen kamen ihm dabei so nahe, dass sich ihre
Lippen fast berührten. Er küsste sie auf den roten Mund und sie gab ihm den Kuss
wieder. Da nahm er sie in beide Arme und küsste sie unzähligemal und alle Freuden
der Welt verwirrten sich in diesen einen Augenblick, der niemals zum zweiten
Male wiederkehrt. Rosa machte sich endlich los, sprang auf und lief nach dem
Schloss zu. Leontin kam ihr eben von der andern Seite entgegen, sie rannte in
der Verwirrung gerade in seine ausgebreiteten Arme hinein. Er gab ihr schnell
einen Kuss und kam zu Friedrich, um mit ihm wieder nach Hause zu reiten.
    Als Friedrich wieder draussen im Freien zu Pferde sass, besann er sich erst
recht auf sein ganzes Glück. Mit unbeschreiblichem Entzücken betrachtete er
Himmel und Erde, die im reichsten Morgenschmucke vor ihm lagen. Sie ist mein!
rief er immerfort still in sich, sie ist mein! Leontin wiederholte lachend die
Beschreibung von der Hässlichkeit seiner Schwester die er vorhin beim Herritt dem
Grafen gemacht hatte, jagte dann weit voraus, setzte mit bewunderungswürdiger
Leichtigkeit und Kühnheit über Zäune und Gräben und trieb allerlei Schwänke.
    Als sie bei Leontins Schloss ankamen, hörten sie schon von ferne ein
unbegreifliches, verworrenes Getös. Ein Waldhorn raste in den unbändigsten,
falschesten Tönen, dazwischen hörte man eine Stimme, die unaufhörlich
fortschimpfte. »Da hat gewiss wieder Faber was angestellt«, sagte Leontin. Und es
fand sich wirklich so. Herr Faber hatte sich nämlich in ihrer Abwesenheit
niedergesetzt, um ein Waldhornecho zu dichten. Zum Unglück fiel es zu gleicher
Zeit einem von Leontins Jägern ein, nicht weit davon wirklich auf dem Waldhorne
zu blasen. Faber störte die nahe Musik, er rief daher ungeduldig dem Jäger zu,
still zu sein. Dieser aber, der sich, wie fast alle Leute Leontins, über Herrn
Faber von jeher ärgerte, weil er immer mit der Feder hinterm Ohre so erbärmlich
aussah, gehorchte nicht. Da sprang Faber auf und überhäufte ihn mit
Schimpfreden. Der Jäger, um ihn zu übertäuben, schüttelte nun statt aller
Antwort einen ganzen Schwall von verworrenen und falschen Tönen aus seinem
Horne, während Faber, im Gesichte überrot vor Zorn, vor ihm stand und
gestikulierte. Als der Jäger jetzt seinen Herrn erblickte, endigte er seinen
Spass und ging fort. Faber aber hatte indes, so boshaft er auch aussah, schon
längst der Zorn verlassen, denn es waren ihm mitten in der Wut eine Menge
witziger Schimpfwörter und komischer Grobheiten in den Sinn gekommen, und er
schimpfte tapfer fort, ohne mehr an den Jäger zu denken, und brach endlich in
ein lautes Gelächter aus, in das Leontin und Friedrich von Herzen mit
einstimmten.
    Am Abend sassen Leontin, Friedrich und Faber zusammen an einem Feldtische auf
der Wiese am Jägerhause und assen und tranken. Das Abendrot schaute glühend durch
die Wipfel des Tannenwaldes, welcher die Wiese ringsumher einschloss. Der Wein
erweiterte ihre Herzen und sie waren alle drei wie alte Bekannte miteinander.
»Das ist wohl ein rechtes Dichterleben, Herr Faber«, sagte Friedrich vergnügt. -
»Immer doch«, hub Faber ziemlich patetisch an, »höre ich das Leben und Dichten
verwechseln.« - »Aber, aber, bester Herr Faber«, fiel ihm Leontin schnell ins
Wort, dem jeder ernstafte Diskurs über Poesie die Kehle zusammenschnürte, weil
er selber nie ein Urteil hatte. Er pflegte daher immer mit Witzen, Radottements,
dazwischenzufahren und fuhr auch jetzt, geschwind unterbrechend, fort: »Ihr
verwechselt mit euren Wortwechseleien alles so, dass man am Ende seiner selbst
nicht sicher bleibt. Glaubte ich doch einmal in allem Ernste, ich sei die
Weltseele und wüsste vor lauter Welt nicht, ob ich eine Seele hatte, oder
umgekehrt. Das Leben aber, mein bester Herr Faber, mit seinen bunten Bildern,
verhält sich zum Dichter, wie ein unübersehbar weitläufiges Hieroglyphenbuch von
einer unbekannten, lange untergegangenen Ursprache zum Leser. Da sitzen von
Ewigkeit zu Ewigkeit die redlichsten, gutmütigsten Weltnarren, die Dichter, und
lesen und lesen. Aber die alten, wunderbaren Worte der Zeichen sind unbekannt
und der Wind weht die Blätter des grossen Buches so schnell und verworren
durcheinander, dass einem die Augen übergehn.« - Friedrich sah Leontin gross an,
es war etwas in seinen Worten, das ihn ernstaft machte. Faber aber, dem Leontin
zu schnell gesprochen zu haben schien, spann gelassen seinen vorigen Diskurs
wieder an: »Ihr haltet das Dichten für eine gar so leichte Sache, weil es
flüchtig aus der Feder fliesst, aber keiner bedenkt, wie das Kind, vielleicht vor
vielen Jahren schon in Lust empfangen, dann im Mutterleibe mit Freuden und
Schmerzen ernährt und gebildet wird, ehe es aus seinem stillen Hause das
fröhliche Licht des Tages begrüsst.« - »Das ist ein langweiliges Kind«,
unterbrach ihn Leontin munter, »wäre ich so eine schwangere Frau, als Sie da
sagen, da lacht ich mich gewiss, wie Philine, vor dem Spiegel über mich selber zu
Tode, eh ich mit dem ersten Verse niederkäme.« - Hier erblickte er ein Paket
Papiere, das aus Fabers Rocktasche hervorragte: eines davon war »An die
Deutschen« überschrieben. Er bat ihn, es ihnen vorzulesen. Faber zog es heraus
und las es. Das Gedicht entielt die Herausforderung eines bis zum Tode
verwundeten Ritters an alle Feinde der deutschen Ehre. Leontin sowohl als
Friedrich erstaunten über die Gediegenheit und männliche Tiefe der Romanze und
fühlten sich wahrhaft erbaut. »Wer sollte es glauben«, sagte Leontin, »dass Herr
Faber diese Romanze zu ebender Zeit verfertiget hat, als er Reissaus nahm, um
nicht mit gegen die Franzosen zu Felde ziehn zu dürfen.« Faber nahm darauf ein
anderes Blatt zur Hand und las ihnen ein Gedicht vor, in welchem er sich selber
mit höchst komischer Laune in diesem seinem feigherzigen Widerspruche
darstellte, worin aber mitten durch die lustigen Scherze ein tiefer Ernst, wie
mit grossen, frommen Augen, ruhend und ergreifend hindurchschaute. Friedrich ging
jedes Wort dieses Gedichtes schneidend durchs Herz. Jetzt wurde es ihm auf
einmal klar, warum ihm so viele Stellungen und Einrichtungen in Fabers Schriften
durchaus fremd blieben und missfielen. -
»Dem einen ist zu tun, zu schreiben mir gegeben«,
sagte Faber, als er ausgelesen hatte. »Poetisch sein und Poet sein«, fuhr er
fort, »das sind zwei verschiedene Dinge, man mag dagegen sagen, was man will.
Bei dem letzteren ist, wie selbst unser grosser Meister Goete eingesteht, immer
etwas Taschenspielerei, Seiltänzerei usw. mit im Spiele.« - »Das ist nicht so«,
sagte Friedrich ernst und sicher, »und wäre es so, so möchte ich niemals
dichten. Wie wollt Ihr, dass die Menschen Eure Werke hochachten, sich daran
erquicken und erbauen sollen, wenn Ihr Euch Selber nicht glaubt, was Ihr
schreibt und durch schöne Worte und künstliche Gedanken Gott und Menschen zu
überlisten trachtet? Das ist ein eitles, nichtsnutziges Spiel, und es hilft Euch
doch nichts, denn es ist nichts gross, als was aus einem einfältigen Herzen
kommt. Das heisst recht dem Teufel der Gemeinheit, der immer in der Menge wach
und auf der Lauer ist, den Dolch selbst in die Hand geben gegen die göttliche
Poesie. Wo soll die rechte, schlichte Sitte, das treue Tun, das schöne Lieben,
die deutsche Ehre und alle die alte herrliche Schönheit sich hinflüchten, wenn
es ihre angebornen Ritter, die Dichter, nicht wahrhaft ehrlich, aufrichtig und
ritterlich mit ihr meinen? Bis in den Tod verhasst sind mir besonders jene ewigen
Klagen, die mit weinerlichen Sonetten die alte schöne Zeit zurückwinseln wollen,
und, wie ein Strohfeuer, weder die Schlechten verbrennen, noch die Guten
erleuchten und erwärmen. Denn wie wenigen möchte doch das Herz zerspringen, wenn
alles so dumm geht, und habe ich nicht den Mut, besser zu sein als meine Zeit,
so mag ich zerknirscht das Schimpfen lassen, denn keine Zeit ist durchaus
schlecht. Die heiligen Märtyrer, wie sie, laut ihren Erlöser bekennend, mit
aufgehobenen Armen in die Todesflammen sprangen - das sind des Dichters echte
Brüder, und er soll ebenso fürstlich denken von sich; denn so wie sie den ewigen
Geist Gottes auf Erden durch Taten ausdrückten, so soll er ihn aufrichtig in
einer verwitterten, feindseligen Zeit durch rechte Worte und göttliche
Erfindungen verkünden und verherrlichen. Die Menge, nur auf weltliche Dinge
erpicht, zerstreut und träge, sitzt gebückt und blind draussen im warmen
Sonnenscheine und langt rührend nach dem ewigen Lichte, das sie niemals
erblickt. Der Dichter hat einsam die schönen Augen offen; mit Demut und
Freudigkeit betrachtet er, selber erstaunt, Himmel und Erde, und das Herz geht
ihm auf bei der überschwenglichen Aussicht, und so besingt er die Welt, die, wie
Memnons Bild, voll stummer Bedeutung, nur dann durch und durch erklingt, wenn
sie die Aurora eines dichterischen Gemütes mit ihren verwandten Strahlen
berührt.« - Leontin fiel hier dem Grafen freudig um den Hals. - »Schön,
besonders zuletzt sehr schön gesagt«, sagte Faber, und drückte ihm herzlich die
Hand. Sie meinen es doch alle beide nicht so, wie ich, fühlte und dachte
Friedrich betrübt.
    Es war unterdes schon dunkel geworden und der Abendstern funkelte vom
heitern Himmel über den Wald herüber. Da wurde ihr Gespräch auf eine lustige Art
unterbrochen. Die kleine Marie nämlich, die am Morgen mit dem Jäger auf der
Wiese gesungen, hatte sich als Jägerbursche angezogen. Die Jäger jagten sie auf
der Wiese herum, sie liess sich aber nicht erhaschen, weil sie, wie sie sagte,
nach Tabaksrauch röchen. Wie ein gescheuchtes Reh kam sie endlich an dem Tische
vorüber. Leontin fing sie auf und setzte sie vor sich auf seinen Schoss. Er
strich ihr die Haare aus den muntern Augen und gab ihr aus seinem Glase zu
trinken. Sie trank viel und wurde bald ungewöhnlich beredt, dass sich alle über
ihre liebenswürdige Lebhaftigkeit freuten. Leontin fing an, von ihrer
Schlafkammer zu sprechen und andere leichtfertige Reden vorzubringen, und als er
sie endlich auch küsste, umklammerte sie mit beiden Armen seinen Hals. Friedrich
schmerzte das ganze lose Spiel, sosehr es auch Faber gefiel, und er sprach laut
vom Verführen. Marie hüpfte von Leontins Schosse, wünschte allen mit
verschmitzten Augen eine gute Nacht und sprang fort ins Jägerhaus. Leontin
reichte Friedrich lächelnd die Hand und alle drei schieden voneinander, um sich
zur Ruhe zu begeben. Faber sagte im Weggehen: seine Seele sei heut so wach, dass
er noch tief in die Nacht hinein an einem angefangenen, grossen Gedichte
fortarbeiten wolle.
    Als Friedrich in sein Schlafzimmer kam, stellte er sich noch eine Weile ans
offene Fenster. Von der andern Seite des Schlosses schimmerte aus Fabers Zimmer
ein einsames Licht in die stille Gegend hinaus. Fabers Fleiss rührte den Grafen,
und er kam ihm in diesem Augenblicke als ein höheres Wesen vor. »Es ist wohl
gross«, sagte er, »so mit göttlichen Gedanken über dem weiten, stillen Kreise der
Erde zu schweben. Wache, sinne und bilde nur fleissig fort, fröhliche Seele, wenn
alle die andern Menschen schlafen! Gott ist mit dir in deiner Einsamkeit und Er
weiss es allein, was ein Dichter treulich will, wenn auch kein Mensch sich um
dich bekümmert.« Der Mond stand eben über dem altertümlichen Turme des
Schlosses, unten lag der schwarze Waldgrund in stummer Ruhe. Die Fenster gingen
nach der Gegend hinaus, wo die Gräfin Rosa hinter dem Walde wohnte. Friedrich
hatte Leontins Gitarre mit hinaufgenommen. Er nahm sie in den Arm und sang:
»Die Welt ruht still im Hafen,
Mein Liebchen, gute Nacht!
Wann Wald und Berge schlafen,
Treu' Liebe einsam wacht.
Ich bin so wach und lustig,
Die Seele ist so licht,
Und eh ich liebt, da wusst ich
Von solcher Freude nicht.
Ich fühl mich so befreit
Von eitlem Trieb und Streit,
Nichts mehr das Herz zerstreuet
In seiner Fröhlichkeit.
Mir ist, als müsst ich singen
So recht aus tiefer Lust
Von wunderbaren Dingen,
Was niemand sonst bewusst.
O könnt ich alles sagen!
O wär ich recht geschickt!
So muss ich still ertragen,
Was mich so hoch beglückt.«
 
                                Viertes Kapitel
Friedrich gab Leontins Bitten, noch länger auf seinem Schloss zu verweilen,
gern nach. Leontin hatte nach seiner raschen, fröhlichen Art bald eine wahre
Freundschaft zu ihm gefasst, und sie verabredeten miteinander, einen Streifzug
durch das nahe Gebirge zu machen, das manches Sehenswerte entielt. Die
Ausführung dieses Planes blieb indes von Tage zu Tage verschoben. Bald war das
Wetter zu neblicht, bald waren die Pferde nicht zu entbehren oder sonst etwas
Notwendiges zu verrichten, und sie mussten sich am Ende selber eingestehen, dass
es ihnen beiden eigentlich schwerfiel, sich, auch nur auf wenige Tage, von ihrer
hiesigen Nachbarschaft zu trennen. Leontin hatte hier seine eigenen Geheimnisse.
Er ritt oft ganz abgelegene Wege in den Wald hinein, wo er nicht selten halbe
Tage lang ausblieb. Niemand wusste, was er dort vorhabe, und er selber sprach nie
davon. Friedrich dagegen besuchte Rosa fast täglich. Drüben in ihrem schönen
Garten hatte die Liebe ihr tausendfarbiges Zelt aufgeschlagen, ihre
wunderreichen Fernen ausgespannt, ihre Regenbogen und goldenen Brücken durch die
blaue Luft geschwungen, und rings die Berge und Wälder wie einen Zauberkreis um
ihr morgenrotes Reich gezogen. Er war unaussprechlich glücklich. Leontin
begleitete ihn sehr selten, weil ihm, wie er immer zu sagen pflegte, seine
Schwester wie ein gemalter Frühling vorkäme. Friedrich glaubte von jeher bemerkt
zu haben, dass Leontin bei aller seiner Lebhaftigkeit doch eigentlich kalt sei
und dachte dabei: was hilft dir der schönste gemalte oder natürliche Frühling!
Aus dir selber muss doch die Sonne das Bild bescheinen, um es zu beleben.
    Zu Hause, auf Leontins Schloss, wurde Friedrichs poetischer Rausch durch
nichts gestört; denn was hier Faber Herrliches ersann und fleissig aufschrieb,
suchte Leontin auf seine freie, wunderliche Weise ins Leben einzuführen. Seine
Leute mochten alle fortleben, wie es ihnen ihr frischer, guter Sinn eingab; das
Waldhorn irrte fast Tag und Nacht in dem Walde hin und her, dazwischen spukte
die eben erwachende Sinnlichkeit der kleinen Marie wie ein reizender Kobold, und
so machte dieser seltsame, bunte Haushalt diesen ganzen Aufentalt zu einer
wahren Feenburg. Mitten in dem schönen Feste blieb nur ein einziges Wesen einsam
und anteillos. Das war Erwin, der schöne Knabe, der mit Friedrich auf das Schloss
gekommen war. Er war allen unbegreiflich. Sein einziges Ziel und Augenmerk
schien es, seinen Herrn, den Grafen Friedrich, zu bedienen, welches er bis zur
geringsten Kleinigkeit aufmerksam, emsig und gewissenhaft tat. Sonst mischte er
sich in keine Geschäfte oder Lust der andern, erschien zerstreut, immer fremd,
verschlossen und fast hart, so lieblich weich auch seine helle Stimme klang. Nur
manchmal, bei Veranlassungen, die oft allen gleichgültig waren, sprach er auf
einmal viel und bewegt, und jedem fiel dann sein schönes, seelenvolles Gesicht
auf. Unter seine Seltsamkeiten gehörte auch, dass er niemals zu bewegen war, eine
Nacht in der Stube zuzubringen. Wenn alles im Schloss schlief und draussen die
Sterne am Himmel prangten, ging er vielmehr mit der Gitarre aus, setzte sich
gewöhnlich auf die alte Schlossmauer über dem Waldgrunde und übte sich dort
heimlich auf dem Instrumente. Wie oft, wenn Friedrich manchmal in der Nacht
erwachte, brachte der Wind einzelne Töne seines Gesanges über den stillen Hof zu
ihm herüber, oder er fand ihn frühmorgens auf der Mauer über der Gitarre
eingeschlafen. Leontin nannte den Knaben eine wunderbare Laute aus alter Zeit,
die jetzt niemand mehr zu spielen verstehe.
    Eines Abends, da Leontin wieder auf einem seiner geheimnisvollen Ausflüge
ungewöhnlich lange ausblieb, sassen Friedrich und Faber, der sich nach
geschehener Tagesarbeit einen fröhlichen Feierabend nicht nehmen liess, auf der
Wiese um den runden Tisch. Der Mond stand schon über dem dunkeln Turme des
Schlosses. Da hörten sie plötzlich ein Geräusch durch das Dickicht brechen und
Leontin stürzte auf seinem Pferde, wie ein gejagtes Wild, aus dem Walde hervor.
Totenbleich, atemlos, und hin und wieder von den Ästen blutig gerissen, kam er
sogleich zu ihnen an den Tisch und trank hastig mehrere Gläser Wein nacheinander
aus. Friedrich erschütterte die schöne, wüste Gestalt. Leontin lachte laut auf,
da er bemerkte, dass ihn alle so verwundert ansahen. Faber drang neugierig in
ihn, ihnen zu erzählen, was ihm begegnet sei. Er erzählte aber nichts, sondern
sagte statt aller Antwort: »Ich reise fort ins Gebirge, wollt ihr mit?« - Faber
sagte überrascht und unentschlossen, dass ihm jetzt jede Störung unwillkommen
sei, da er soeben an dem angefangenen grossen Gedichte arbeite, schlug aber
endlich ein. Friedrich schwieg still. Leontin, der ihm wohl ansah, was er meine,
entband ihn seines alten Versprechens, ihn zu begleiten; er musste ihm aber
dagegen geloben, ihn auf seinem Schloss zu erwarten. Sie blieben nun noch
einige Zeit beieinander. Aber Leontin blieb nachdenklich und still. Seine beiden
Gäste begaben sich daher bald zur Ruhe, ohne zu wissen, was sie von seiner
Veränderung und raschem Entschlusse denken sollten. Noch im Weggehen hörten sie
ihn singen:
»Hinaus, o Mensch, weit in die Welt,
Bangt dir das Herz in krankem Mut!
Nichts ist so trüb in Nacht gestellt,
Der Morgen leicht macht's wieder gut.«
Am Morgen frühzeitig blickte Friedrich aus seinem Fenster. Da sah er Leontin
schon unten auf der Waldstrasse auf das Schloss seiner Schwester zureiten. Er
eilte schnell hinab und ritt ihm nach.
    Als er auf Rosas Schloss ankam, fand er Leontin im Garten in einem lauten
Wortwechsel mit seiner Schwester. Leontin war nämlich hergekommen, um Abschied
von ihr zu nehmen. Rosa hatte aber kaum von seinem Vorhaben gehört, als sie
sogleich mit aller Heftigkeit den Gedanken ergriff mitzureisen. »Das lass ich
wohl bleiben«, sagte Leontin, »da schnüre ich noch heut mein Bündel und reit
euch ganz allein davon. Ich will eben als ein Verzweifelter weit in die Welt
hinaus, will mich, wie Don Quijote, im Gebirge auf den Kopf stellen und einmal
recht verrückt sein, und da fällt's euch gerade ein, hinter mir dreinzuzotteln,
als reisten wir nach Karlsbad oder Pyrmont, um mich jedesmal fein natürlich
wieder auf die Beine zu bringen und zurechtzurücken. Kommt mir doch jetzt meine
ganze Reise vor, wie eine Armee, wo man vorn blitzende Schwerter und wehende
Fahnen, hinterdrein aber einen langen Schwanz von Wagen und Weibern sieht, die
auf alten Stühlen, Betten und anderm Hausgerät sitzen und plaudern, kochen,
handeln und zanken, als wäre da vorn eben alles nichts, dass einem alle Lust zur
Courage vergeht. Wahrhaftig, wenn du mitziehst, meine weltliche Rosa, so lasse
ich das ganze herrliche, tausendfarbige Rad meiner Reisevorsätze fallen, wie der
Pfau, wenn er seine prosaischen Füsse besieht.« - Rosa, die kein Wort von allem
verstanden hatte, was ihr Bruder gesagt, liess sich nichts ausreden, sondern
beharrte ruhig und fest bei ihrem Entschlusse, denn sie gefiel sich schon im
voraus zu sehr als Amazone zu Pferde und freute sich auf neue Spektakel.
Friedrich, der eben hier dazukam, schüttelte den Kopf über ihr hartes Köpfchen,
das ihm unter allen Untugenden der Mädchen die unleidlichste war. Noch tiefer
aber schmerzte ihn ihre Hartnäckigkeit, da sie doch wusste, dass er nicht
mitreise, dass er es nur um ihretwillen ausgeschlagen habe, und ihn wandelte
heimlich die Lust an, selber allein in alle Welt zu gehen. Leontin, der, wie auf
etwas sinnend, unterdes die beiden verliebten Gesichter angesehen hatte, lachte
auf einmal auf. »Nein«, rief er, »wahrhaftig, der Spass ist so grösser! Rosa, du
sollst mitreisen, und Faber und Marie und Erwin und Haus und Hof. Wir wollen
sanft über die grünen Hügel wallen, wie Schäfer, die Jäger sollen die
ungeschlachten Hörner zu Hause lassen und Flöte blasen. Ich will mit blossem
Halse gehn, die Haare blond färben und ringeln, ich will zahm Sein, auf den
Zehen gehen und immer mit zugespjetztem Munde leise lispeln: O teuerste, schöne
Seele, o mein Leben, o mein Schaf! Ihr sollt sehen, ich will mich bemühen, recht
mit Anstand lustig zu sein. Dem Herrn Faber wollen wir einen Strohhut mit
Lilabändern auf das dicke Gesicht setzen und einen langen Stab in die Hand
geben, er soll den Zug anführen. Wir andern werden uns zuweilen zum Spass im
grünen Haine verirren, und dann über unser hartes Trennungslos aus unsern
spasshaften Schmerzen ernstafte Sonette machen.« - Rosa, die von allem wieder
nur gehört hatte, dass sie mitreisen dürfe, fiel hier ihrem Bruder unterbrechend
um den Hals und tat so schön in ihrer Freude, dass Friedrich wieder ganz mit ihr
ausgesöhnt war. Es wurde nun verabredet, dass sie sich noch heute abend auf
Leontins Schloss einfinden sollten, damit sie alle morgen frühzeitig aufbrechen
könnten, und sie sprang fröhlich fort, um ihre Anstalten zu treffen.
    Als Friedrich und Leontin wieder nach Hause kamen, begann letzterer, der
seinen gestrigen Schreck fast schon ganz wieder vergessen zu haben schien,
sogleich mit vieler Lustigkeit zusammenzurufen, Befehle auszuteilen und überall
Alarm zu schlagen, um, wie er sagte, das Zigeunerleben bald von allen Seiten
aufzurühren. Rosa traf, wie sie es versprochen hatte, gegen Abend ein und fand
auf der Wiese bei Mondenschein bereits alles in der buntesten Bewegung. Die
Jäger putzten singend ihre Büchsen und Sattelzeug, andere versuchten ihre
Hörner, Faber band ganze Ballen Papier zusammen, die kleine Marie sprang
zwischen allen leichtfertig herum.
    Alle begaben sich heute etwas früher als gewöhnlich zur Ruhe. Als Friedrich
eben einschlummerte, hörte er draussen einige volle Akkorde auf der Laute
anschlagen. Bald darauf vernahm er Erwins Stimme. Das Lied, das er sang, rührte
ihn wunderbar, denn es war eine alte, einfache Melodie, die er in seiner
Kindheit sehr oft und seitdem niemals wieder gehört hatte. Er sprang erstaunt
ans Fenster, aber Erwin hatte soeben wieder aufgehört. Das Licht aus Rosas
Schlafzimmer am andern Flügel des Schlosses war erloschen, der Wind drehte
knarrend die Wetterfahne auf dem Turme, der Mond schien ausserordentlich hell.
Friedrich sah Erwin wieder, wie sonst, mit der Gitarre auf der Mauer sitzen.
Bald darauf hörte er den Knaben sprechen; eine durchaus unbekannte, männliche
Stimme schien ihm von Zeit zu Zeit Antwort zu geben. Friedrich verdoppelte seine
Aufmerksamkeit, aber er konnte nichts verstehen, auch sah er niemand ausser
Erwin. Nur manchmal kam es ihm vor, als lange ein langer Arm über die Mauer
herüber nach dem Knaben. Zuletzt sah er einen Schatten von dem Knaben fort längs
der Mauer hinuntergehen. Der Schatten wuchs beim Mondenschein mit jedem Schritte
immer höher und länger, bis er sich endlich in Riesengrösse in den Wald hinein
verlor. Friedrich lehnte sich ganz zum Fenster hinaus, aber er konnte nichts
unterscheiden. Erwin sprach nun auch nicht mehr und die ganze Gegend war
totenstill. Ein Schauer überlief ihn dabei. Sollte diese Erscheinung, dachte er,
Zusammenhang haben mit Leontins Begebenheiten? Weiss vielleicht dieser Knabe um
seine Geheimnisse? Ihm fiel dabei ein, dass sich sein ganzes Gesicht lebhaft
verändert hatte, als Faber heute noch einmal Leontins gestrigen unbekannten
Begegnisses erwähnte. Beinahe hätte er alles für einen überwachten Traum
gehalten, so seltsam kam es ihm vor, und er schlief endlich mit sonderbaren und
abenteuerlichen Gedanken ein.
 
                                Fünftes Kapitel
Als draussen Berg und Tal wieder licht waren, war der ganze bunte Trupp schon
eine Stunde weit von Leontins Schloss entfernt. Der sonderbare Zug gewährte
einen lustigen Anblick. Leontin ritt ein unbändiges Pferd allen voraus. Er war
leicht und nachlässig angezogen, und seine ganze Gestalt hatte etwas
Ausländisches. Friedrich sah durchaus deutsch aus. Faber dagegen machte den
allerseltsamsten und abenteuerlichsten Aufzug. Er hatte einen runden Hut mit
ungeheuer breiten Krempen, der ihn, wie ein Schirm, gegen die Sonne und Regen
zugleich schützen sollte. An seiner Seite hing eine dick angeschwollene Tasche
mit Schreibtafeln, Büchern und anderm Reisegerät herab. Er war wie ein fahrender
Scholast anzusehen. Rosa ritt mitten unter ihnen ein schönes, frommes Pferd auf
einem weiblichen, englischen Sattel. Ein langes grünes Reitkleid, von einem
goldenen Gürtel zusammengehalten, schmiegte sich an ihre vollen Glieder, ein
blendendweisser Spitzenkragen umschloss das schöne Köpfchen, von dem hohe Federn
in die Morgenluft nickten. Zu ihrer Begleitung hatte man die kleine Marie
bestimmt, die ihr als Jägerknabe folgte. Auch Erwin ritt mit und hatte die
Gitarre an einem himmelblauen Bande umgehängt. Hinterdrein kamen mehrere Jäger
mit wohlbepackten Pferden.
    Sie zogen eben über einen freien Bergrücken weg. Die Morgensonne funkelte
ihnen fröhlich entgegen. Rosa blickte Friedrich aus ihren grossen Augen so frisch
und freudig an, dass es ihm durch die Seele ging. Als sie auf den Gipfel kamen,
lag auf einmal ein unübersehbar weites Tal im Morgenschimmer unter ihnen.
»Viktoria!« rief Leontin fröhlich und schwang seinen Hut. »Es geht doch nichts
übers Reisen, wenn man nicht dahin oder dortin reiset, sondern in die weite
Welt hinein, wie es Gott gefällt! Wie uns aus Wäldern, Bergen, aus blühenden
Mädchengesichtern, die von lichten Schlössern grüssen, aus Strömen und alten
Burgen das noch unbekannte, überschwengliche Leben ernst und fröhlich ansieht!«
- »Das Reisen«, sagte Faber, »ist dem Leben vergleichbar. Das Leben der meisten
ist eine immerwährende Geschäftsreise vom Buttermarkt zum Käsemarkt; das Leben
der Poetischen dagegen ein freies, unendliches Reisen nach dem Himmelreich.« -
Leontin, dessen Widerspruchsgeist Faber jederzeit unwiderstehlich anregte, sagte
darauf: »Diese reisenden Poetischen sind wieder den Paradiesvögeln zu
vergleichen, von denen man fälschlich glaubt, dass sie keine Füsse haben. Sie
müssen doch auch herunter und in Wirtshäusern einkehren und Vettern und Basen
besuchen, und, was sie sich auch für Zeug einbilden, das Fräulein auf dem
lichten Schloss ist doch nur ein dummes, höchstens verliebtes Ding, das die
Liebe mit ihrem bisschen brennbaren Stoffe eine Weile in die Lüfte treibt, um
dann desto jämmerlicher, wie ein ausgeblasener Dudelsack, wieder zur Erde zu
fallen; auf der alten, schönen, trotzigen Burg findet sich auch am Ende nur noch
ein kahler Landkavalier usw. Alles ist Einbildung.« - »Du solltest nicht so
reden«, entgegnete Friedrich. »Wenn wir von einer innern Freudigkeit erfüllt
sind, welche, wie die Morgensonne, die Welt überscheint und alle Begebenheiten,
Verhältnisse und Kreaturen zur eigentümlichen Bedeutung erhebt, so ist dieses
freudige Licht vielmehr die wahre göttliche Gnade, in der allein alle Tugenden
und grossen Gedanken gedeihen, und die Welt ist wirklich so bedeutsam, jung und
schön, wie sie unser Gemüt in sich selber anschaut. Der Missmut aber, die träge
Niedergeschlagenheit und alle diese Entzauberungen, das ist die wahre
Einbildung, die wir durch Gebet und Mut zu überwinden trachten sollen, denn
diese verdirbt die ursprüngliche Schönheit der Welt.« - »Ist mir auch recht«,
erwiderte Leontin lustig. - »Graf Friedrich«, sagte Faber, »hat eine Unschuld in
seinen Betrachtungen, eine Unschuld.« - »Ihr Dichter«, fiel ihm Leontin hastig
ins Wort, »seid alle eurer Unschuld über den Kopf gewachsen, und, wie ihr eure
Gedichte ausspendet, sagt ihr immer: Da ist ein prächtiges Kunststück von meiner
Kindlichkeit, da ist ein besonders wohleingerichtetes Stück von meinem
Patriotismus oder von meiner Ehre!« - Friedrich erstaunte, da Leontin so keck
und hart aussprach, was er, als eine Lästerung aller Poesie, sich selber zu
denken niemals erlauben mochte.
    Rosa hatte unterdes über dem Gespräche mehrere Male gegähnt. Faber bemerkte
es, und da er sich jederzeit als ein galanter Verehrer des schönen Geschlechts
auszeichnete, so trug er sich an, zu allgemeiner Unterhaltung eine Erzählung zum
besten zu geben. »Nur nicht in Versen«, rief Rosa, »denn da versteht man doch
alles nur halb.« Man rückte daher näher zusammen, Faber in die Mitte nehmend,
und er erzählte folgende Geschichte, während sie zwischen den waldigen Bergen
langsam fortzogen:
    »Es war einmal ein Ritter.« - »Das fängt ja an wie ein Märchen«, unterbrach
ihn Rosa. - Faber setzte von neuem an: »Es war einmal ein Ritter, der lebte tief
im Walde auf seiner alten Burg in geistlichen Betrachtungen und strengen
Bussübungen. Kein Fremder besuchte den frommen Ritter, alle Wege zu seiner Burg
waren lange mit hohem Grase überwachsen und nur das Glöcklein, das er bei seinen
Gebeten von Zeit zu Zeit zog, unterbrach die Stille und klang in hellen Nächten
weit über die Wälder weg. Der Ritter hatte ein junges Töchterlein, die machte
ihm viel Kummer, denn sie war ganz anderer Sinnesart, als ihr Vater und all ihr
Trachten ging nur auf weltliche Dinge. Wenn sie abends am Spinnrocken sass, und
er ihr aus seinen alten Büchern die wunderbaren Geschichten von den heiligen
Märtyrern vorlas, dachte sie immer heimlich bei sich: Das waren wohl rechte
Toren, und hielt sich für weit klüger, als ihr alter Vater, der alle die Wunder
glaubte. Oft, wenn ihr Vater weg war, blätterte sie in den Büchern und malte den
Heiligen, die darin abgebildet waren, grosse Schnurrbärte« - Rosa lachte hierbei
laut auf. - »Was lachst du?« fragte Leontin Spitzig, und Faber fuhr in Seiner
Erzählung fort: »Sie war sehr schön und klüger, als alle die andern Kinder in
ihrem Alter, weswegen sie sich auch immer mit ihnen zu spielen schämte, und wer
mit ihr sprach, glaubte eine erwachsene Person reden zu hören, so gescheit und
künstlich waren alle ihre Worte gesetzt. dabei ging sie bei Tag und Nacht ganz
allein im Walde umher, ohne sich zu fürchten, und lachte immer den alten
Burgvogt aus, der ihr schauerliche Geschichten vom Wassermann erzählte. Gar oft
stand sie dann an dem blauen Flusse im Walde und rief mit lachendem Munde:
Wassermann soll mein Bräutigam sein! Wassermann soll mein Bräutigam sein!
    Als nun der Vater zum Sterben kam, rief er die Tochter zu seinem Bette und
übergab ihr einen grossen Ring, der war sehr schwer von reinem Golde gearbeitet.
Er sagte dabei zu ihr: Dieser Ring ist vor uralten Zeiten von einer kunstreichen
Hand verfertigt. Einer deiner Vorfahren hat ihn in Palästina, mitten im Getümmel
der Schlacht, erfochten. Dort lag er unter Blut und Staub auf dem Boden, aber er
blieb unbefleckt und glänzte so hell und durchdringlich, dass sich alle Rosse
davor bäumten und keines ihn mit seinem Hufe zertreten wollte. Alle deine Mütter
haben den Ring getragen und Gott hat ihren frommen Ehestand gesegnet. Nimm du
ihn auch hin und betrachte ihn alle Morgen mit rechten Sinnen, so wird sein
Glanz dein Herz erquicken und stärken. Wenden sich aber deine Gedanken und
Neigungen zum Bösen, so verlöscht sein Glanz mit der Klarheit deiner Seele und
wird dir gar trübe erscheinen. Bewahre ihn treu an deinem Finger, bis du einen
tugendhaften Mann gefunden. Denn welcher Mann ihn einmal an seiner Hand trägt,
der kann nicht mehr von dir lassen und wird dein Bräutigam. - Bei diesen Worten
verschied der alte Ritter.
    Ida blieb nun allein zurück. Ihr war längst angst und bange auf dem alten
Schloss gewesen, und da sie jetzt ungeheure Schätze in den Kellern ihres Vaters
vorfand, so veränderte sie sogleich ihre Lebensweise.« - »Gott sei Dank«, sagte
Rosa, »denn bis jetzt war sie ziemlich langweilig.« - Faber fuhr wieder fort:
»Die dunkeln Bogen, Tore und Höfe der alten Burg wurden niedergerissen und ein
neues, lichtes Schloss mit blendendweissen Mauern und kleinern, luftigen Türmchen
erhob sich bald über den alten Steinen. Ein grosser, schöner Garten wurde daneben
angelegt, durch den der blaue Fluss vorüberfloss. Da standen tausenderlei hohe,
bunte Blumen, Wasserkünste sprangen dazwischen, und zahme Rehe gingen darin
spazieren. Der Schlosshof wimmelte von Rossen und reichgeschmückten Edelknaben,
die lustige Lieder auf ihr schönes Fräulein sangen. Sie selber war nun schon
gross und ausserordentlich schön geworden. Von Ost und West kamen daher nun reiche
und junge Freier angezogen, und die Strassen, die zu dem Schloss führten,
blitzten von blanken Reitern, Helmen und Federbüschen.
    Das gefiel dem Fräulein gar wohl, aber so gern sie auch alle Männer hatte,
so mochte sie doch mit keinem einzigen ihren Ring auswechseln; denn jeder
Gedanke an die Ehe war ihr lächerrlich und verhasst. Was soll ich, sagte sie zu
sich selbst, meine schöne Jugend verkümmern, um in abgeschiedener, langweiliger
Einsamkeit eine armselige Hausmutter abzugeben, anstatt dass ich jetzt so frei
bin, wie der Vogel in der Luft. dabei kamen ihr alle Männer gar dummlich vor,
weil sie entweder zu unbehülflich waren, ihrem müssigen Witze nachzukommen, oder
auf andere, hohe Dinge stolz taten, an die sie nicht glaubte. Und so betrachtete
sie sich in ihrer Verblendung als eine reizende Fee unter verzauberten Bären und
Affen, die nach ihrem Winke tanzen und aufwarten mussten. Der Ring wurde indes
von Tage zu Tage trüber.
    Eines Tages gab sie ein glänzendes Bankett. Unter einem prächtigen Zelte,
das im Garten aufgeschlagen war, sassen die jungen Ritter und Frauen um die
Tafel, in ihrer Mitte das stolze Fräulein, gleich einer Königin, und ihre
witzigen Redensarten überstrahlten den Glanz der Perlen und Edelgesteine, womit
ihr Hals und Busen geschmückt war. Recht wie ein wurmstichiger Apfel, so schön
rot und betrüglich war sie anzusehen. Der goldene Wein kreiste fröhlich herum,
die Ritter schauten kühner, üppig lockende Lieder zogen hin und wieder im Garten
durch die sommerlaue Luft. Da fielen Idas Blicke zufällig auf ihren Ring. Der
war auf einmal finster geworden, und sein verlöschender Glanz tat nur eben noch
einen seltsamen, dunkelglühenden Blick auf sie. Sie stand schnell auf und ging
an den Abhang des Gartens. Du einfältiger Stein sollst mich nicht länger mehr
stören! sagte sie, in ihrem Übermute lachend, zog den Ring vom Finger und warf
ihn in den Strom hinunter. Er beschrieb im Fluge einen hellschimmernden Bogen
und tauchte sogleich in den tiefsten Abgrund hinab. Darauf kehrte sie wieder in
den Garten zurück, aus dem die Töne wollüstig nach ihr zu langen schienen.
    Am andern Tage sass Ida allein im Garten und sah in den Fluss hinunter. Es war
gerade um die Mittagszeit. Alle Gäste waren fortgezogen, die ganze Gegend lag
still und schwül. Einzelne seltsam gestaltete Wolken zogen langsam über den
dunkelblauen Himmel; manchmal flog ein plötzlicher Wind über die Gegend, und
dann war es, als ob die alten Felsen und die alten Bäume sich über den Fluss
unten neigten und miteinander über sie besprächen. Ein Schauder überlief Ida. Da
sah sie auf einmal einen schönen, hohen Ritter, der auf einem schneeweissen Rosse
die Strasse hergeritten kam. Seine Rüstung und sein Helm waren wasserblau, eine
wasserblaue Binde flatterte in der Luft, seine Sporen waren von Kristall. Er
grüsste sie freundlich, stieg ab und kam zu ihr. Ida schrie laut auf vor Schreck,
denn sie erblickte den alten wundertätigen Ring, den sie gestern in den Fluss
geworfen hatte, an seinem Finger, und dachte sogleich daran, was ihr ihr Vater
auf dem Totenbette prophezeit hatte. Der schöne Ritter zog sogleich eine
dreifache Schnur von Perlen hervor und hing sie dem Fräulein um den Hals, dabei
küsste er sie auf den Mund, nannte sie seine Braut und versprach, sie heute abend
heimzuholen. Ida konnte nichts antworten, denn es kam ihr vor, als läge sie in
einem tiefen Schlafe, und doch vernahm sie den Ritter, der in gar lieblichen
Worten zu ihr sprach, ganz deutlich, und hörte dazwischen auch den Strom, wie
über ihr, immerfort verworren dreinrauschen. Darauf sah sie den Ritter sich
wieder auf seinen Schimmel schwingen und so schnell in den Wald zurücksprengen,
dass der Wind hinter ihm dreinpfiff.
    Als es gegen Abend kam, stand sie in ihrem Schloss am Fenster und schaute
in das Gebirge hinaus, das schon die graue Dämmerung zu überziehen anfing. Sie
sann hin und her, wer der schöne Ritter sein möge, aber sie konnte nichts
herausbringen. Eine nie gefühlte Unruhe und Ängstlichkeit überfiel dabei ihre
Seele, die immer mehr zunahm, je dunkler draussen die Gegend wurde. Sie nahm die
Ziter, um sich zu zerstreuen. Es fiel ihr ein altes Lied ein, das sie als Kind
oft ihren Vater in der Nacht, wenn sie manchmal erwachte, hatte singen hören.
Sie fing an zu singen:
Obschon ist hin der Sonnenschein
Und wir im Finstern müssen sein,
So können wir doch singen
Von Gottes Güt und seiner Macht,
Weil uns kann hindern keine Nacht,
Sein Lobe zu vollbringen.
Die Tränen brachen ihr hierbei aus den Augen, und sie musste die Ziter weglegen,
so weh war ihr zumute.
    Endlich, da es draussen schon ganz finster geworden, hörte sie auf einmal ein
grosses Getös von Rosseshufen und fremden Stimmen. Der Schlosshof füllte sich mit
Windlichtern, bei deren Schein sie ein wildes Gewimmel von Wagen, Pferden,
Rittern und Frauen erblickte. Die Hochzeitsgäste verbreiteten sich bald in der
ganzen Burg, und sie erkannte alle ihre alten Bekannten, die auch letztinauf
dem Bankett bei ihr gewesen waren. Der schöne Bräutigam, wieder ganz in
wasserblaue Seide gekleidet, trat zu ihr und erheiterte gar bald ihr Herz durch
seine anmutigen und süssen Reden, Musikanten spielten lustig, Edelknaben
schenkten Wein herum, und alles tanzte und schmauste in freudenreichem Schalle.
    Während des Festes trat Ida mit ihrem Bräutigam ans offene Fenster. Die
Gegend war unten weit und breit still, wie ein Grab, nur der Fluss rauschte aus
dem finstern Grunde herauf. Was sind das für schwarze Vögel, fragte Ida, die da
in langen Scharen so langsam über den Himmel ziehn? - Sie ziehen die ganze Nacht
fort, sagte der Bräutigam, sie bedeuten deine Hochzeit. - Was sind das für
fremde Leute, fragte Ida wieder, die dort unten am Flusse auf den Steinen sitzen
und sich nicht rühren? - Das sind meine Diener, sagte der Bräutigam, die auf uns
warten. - Unterdes fingen schon lichte Streifen an, sich am Himmel aufzurichten,
und aus den Tälern hörte man von ferne Hähne krähen. Es wird so kühl, sagte Ida
und schloss das Fenster. In meinem Hause ist es noch viel kühler, erwiderte der
Bräutigam, und Ida schauderte unwillkürlich zusammen.
    Darauf fasste er sie beim Arme und führte sie mitten unter den lustigen
Schwarm zum Tanze. Der Morgen rückte indes immer näher, die Kerzen im Saale
flackerten nur noch matt und löschten zum Teil gar aus. Während Ida mit ihrem
Bräutigam herumwalzte, bemerkte sie mit Grausen, dass er immer blässer ward, je
lichter es wurde. Draussen vor den Fenstern sah sie lange Männer mit seltsamen
Gesichtern ankommen, die in den Saal hereinschauten. Auch die Gesichter der
übrigen Gäste und Bekannten veränderten sich nach und nach, und sie sahen alle
aus wie Leichen. Mein Gott, mit wem habe ich so lange Zeit gelebt? rief sie aus.
Sie konnte vor Ermattung nicht mehr fort und wollte sich loswinden, aber der
Bräutigam hielt sie fest um den Leib und tanzte immerfort, bis sie atemlos auf
die Erde hinstürzte.
    Frühmorgens, als die Sonne fröhlich über das Gebirge schien, sah man den
Schlossgarten auf dem Berge verwüstet, im Schloss war kein Mensch zu finden, und
alle Fenster standen weit offen. Die Reisenden, die bei hellem Mondenscheine
oder um die Mittagszeit an dem Flusse vorübergingen, sahen oft ein junges
Mädchen sich mitten im Strome mit halbem Leibe über das Wasser emporheben. Sie
war sehr schön, aber totenblass.«
    So endigte Faber seine Erzählung. »Erschrecklich!« rief Leontin, sich, wie
vor Frost, schüttelnd. Rosa schwieg still. Auf Friedrich hatte das Märchen einen
tiefen und ganz besonderen Eindruck gemacht. Er konnte sich nicht entalten,
während der ganzen Erzählung mit einem unbestimmten, schmerzlichen Gefühle an
Rosa zu denken, und es kam ihm vor, als hätte Faber selber nicht ohne Absicht
gerade diese Erfindung gewählt.
    Fabers Märchen gab Veranlassung, dass auch Friedrich und Leontin mehrere
Geschichten erzählten, woran aber Rosa immer nur einen entfernten Anteil nahm.
So verging dieser Tag unter fröhlichen Gesprächen, ehe sie es selber bemerkten,
und der Abend überraschte sie mitten im Walde in einer unbekannten Gegend. Sie
schlugen daher den ersten Weg ein, der sich ihnen darbot, und kamen schon in der
Dunkelheit bei einem Bauernhause an, das ganz allein im Walde stand, und wo sie
zu übernachten beschlossen. Die Hauswirtin, ein junges, rüstiges Weib, wusste
nicht, was sie aus dem ganz unerwarteten Besuche machen sollte und mass sie mit
Blicken, die eben nicht das beste Zutrauen verrieten. Die lustigen Reden und
Schwänke Leontins und seiner Jäger aber brachten sie bald in die beste Laune,
und sie bereitete alles recht mit Lust zu ihrer Aufnahme.
    Nach einem flüchtig eingenommenen Abendessen ergriffen Leontin, Faber und
die Jäger ihre Flinten und gingen noch in den Wald hinaus auf den Anstand, da
ihnen die gefällige Bäuerin mit einer gewissen verstohlenen Vertraulichkeit den
Platz verraten hatte, wo das Wild gewöhnlich zu wechseln pflegte. Rosa fürchtete
sich nun, hier allein zurückzubleiben, und bat daher Friedrich, ihr Gesellschaft
zu leisten, welches dieser mit Freuden annahm. Beide setzten sich, als alles
fort war, auf die Bank an der Haustür vor den weiten Kreis der Wälder. Friedrich
hatte die Gitarre bei sich und griff einige volle Akkorde, welche sich in der
heitern, stillen Nacht herrlich ausnahmen. Rosa war in dieser ungewohnten Lage
ganz verändert. Sie war einmal ohne alle kleine Launen, hingebend, ungewöhnlich
vertraulich und liebenswürdig ermattet. Friedrich glaubte sie noch niemals so
angenehm gesehen zu haben. Er hatte ihr schon längst versprechen müssen, seine
ganze Jugendgeschichte einmal ausführlich zu erzählen. Sie bat ihn nun, sein
Versprechen zu erfüllen, bis die andern zurückkämen. Er war gerade auch
aufgelegt dazu und begann daher, während sie, mit dem einen Arme auf seine
Achsel gelehnt, so nahe als möglich an ihn rückte, folgendermassen zu erzählen:
    »Meine frühesten Erinnerungen verlieren sich in einem grossen, schönen
Garten. Lange, hohe Gänge von gradbeschnittenen Baumwänden laufen nach allen
Richtungen zwischen grossen Blumenfeldern hin, Wasserkünste rauschen einsam
dazwischen, die Wolken ziehen hoch über die dunkeln Gänge weg, ein wunderschönes
kleines Mädchen, älter als ich, sitzt an der Wasserkunst und singt welsche
Lieder, während ich oft stundenlang an den eisernen Stäben des Gartentors stehe,
das an die Strasse stösst, und sehe, wie draussen der Sonnenschein wechselnd über
Wälder und Wiesen fliegt, und Wagen, Reuter und Fussgänger am Tore vorüber in die
glänzende Ferne hinausziehen. Diese ganze, stille Zeit liegt weit hinter all dem
Schwalle der seitdem durchlebten Tage, wie ein uraltes, wehmütig süsses Lied, und
wenn mich oft nur ein einzelner Ton davon wieder berührt, fasst mich ein
unbeschreibliches Heimweh, nicht nur nach jenen Gärten und Bergen, sondern nach
einer viel ferneren und tieferen Heimat, von welcher jene nur ein lieblicher
Widerschein zu sein scheint. Ach, warum müssen wir jene unschuldige Betrachtung
der Welt, jene wundervolle Sehnsucht, jenen geheimnisvollen, unbeschreiblichen
Schimmer der Natur verlieren, in dem wir nur manchmal noch im Traume unbekannte,
seltsame Gegenden wiedersehen!«
    »Und wie war es denn nun weiter?« fiel ihm Rosa ins Wort.
    »Meinen Vater und meine Mutter«, fuhr Friedrich fort, »habe ich niemals
gesehen. Ich lebte auf dem Schloss eines Vormunds. Aber eines ältern Bruders
erinnere ich mich sehr deutlich. Er war schön, wild, witzig, keck und dabei
störrisch, tiefsinnig und menschenscheu. Dein Bruder Leontin sieht ihm sehr
ähnlich und ist mir darum um desto teurer. Am besten kann ich mir ihn
vorstellen, wenn ich an einen Umstand zurückdenke. An unserm altertümlichen
Schloss lief nämlich eine grosse steinerne Galerie rings herum. Dort pflegten
wir beide gewöhnlich des Abends zu sitzen, und ich erinnere mich noch immer an
den eignen, sehnsuchtsvollen Schauer, mit dem ich hinuntersah, wie der Abend
blutrot hinter den schwarzen Wäldern versank und dann nach und nach alles dunkel
wurde. Unsere alte Wärterin erzählte uns dann gewöhnlich das Märchen von dem
Kinde, dem die Mutter mit dem Kasten den Kopf abschlug und das darauf als ein
schöner Vogel draussen auf den Bäumen sang. Rudolf, so hiess mein Bruder, lief
oder ritt unterdes auf dem steinernen Geländer der Galerie herum, dass mir vor
Schwindel alle Sinne vergingen. Und in dieser Stellung schwebt mir sein Bild
noch immer vor, das ich von dem Märchen, den schwarzen Wäldern unten und den
seltsamen Abendlichtern gar nicht trennen kann. Da er wenig lernte und noch
weniger gehorchte, wurde er kalt und übel behandelt. Oft wurde ich ihm als
Muster vorgestellt, und dies war mein grösster und tiefster Schmerz, den ich
damals hatte, denn ich liebte ihn unaussprechlich. Aber er achtete wenig darauf.
Das schöne italienische Mädchen fürchtete sich vor ihm, sooft sie mit ihm
zusammenkam, und doch schien sie ihn immer wieder von neuem aufzusuchen. Mit mir
dagegen war sie sehr vertraulich und oft ausgelassen lustig. Alle Morgen, wenn
es schön war, ging sie in den Garten hinunter und wusch sich an der Wasserkunst
die hellen Augen und den kleinen, weissen Hals, und ich musste ihr währenddessen
die zierlichen Zöpfchen flechten helfen, die sie dann in einen Kranz über dem
Scheitel zusammenheftete. dabei sang sie immer folgendes Liedchen, das mir mit
seiner ganz eignen Melodie noch immer sehr deutlich vorschwebt:
Zwischen Bergen, liebe Mutter,
Weit den Wald entlang,
Reiten da drei junge Jäger
Auf drei Rösslein blank,
lieb Mutter,
Auf drei Rösslein blank.
Ihr könnt fröhlich sein, lieb Mutter:
Wird es draussen still,
Kommt der Vater heim vom Walde,
Küsst Euch wie er will,
lieb Mutter,
Küsst Euch wie er will.
Und ich werfe mich im Bettchen
Nachts ohn Unterlass,
Kehr mich links, und kehr mich rechtshin,
Nirgends hab ich was,
lieb Mutter,
Nirgends hab ich was.
Bin ich eine Frau erst einmal,
In der Nacht dann still
Wend ich mich nach allen Seiten,
Küss, soviel ich will,
lieb Mutter,
Küss, soviel ich will.
Sie sang das Liedchen ganz allerliebst. Das arme Kind wusste wohl damals selbst
noch nicht deutlich, was sie sang. Aber einmal fuhren die Alten, die sie darüber
belauscht hatten, gar täppisch mit harten Verweisen drein, und seitdem, erinnere
ich mich, sang sie das Lied heimlich noch viel lieber.
    So lebten wir lange Zeit in Frieden nebeneinander, und es fiel mir gar nicht
ein, dass es jemals anders werden könnte, nur dass Rudolf immer finsterer wurde,
je mehr er heranwuchs. Um diese Zeit hatte ich mehrere Male sehr schwere und
furchtbare Träume. Ich sah nämlich immer meinen Bruder Rudolf in einer Rüstung,
wie sie sich auf einem alten Ritterbilde auf unserem Vorsaale befand, durch ein
Meer von durcheinanderwogenden, ungeheuren Wolken schreiten, wobei er sich mit
einem langen Schwerte rechts und links Bahn zu hauen schien. Sooft er mit dem
Schwerte die Wolken berührte, gab es eine Menge Funken, die mich mit ihren
vielfarbigen Lichtern blendeten, und bei jedem solchen Leuchten kam mir auch
Rudolfs Gesicht plötzlich blass und ganz verändert vor. Während ich mich nun mit
den Augen so recht in den Wolkenzug vertiefte, bemerkte ich mit Verwunderung,
dass es eigentlich keine Wolken waren, sondern sich alles nach und nach in ein
langes, dunkles, seltsam geformtes Gebirge verwandelte, vor dem mir schauderte,
und ich konnte gar nicht begreifen, wie sich Rudolf dort so allein nicht
fürchtete. Seitwärts von dem Gebirge sah ich eine weite Landschaft, deren
unbeschreibliche Schönheit und wunderbaren Farbenschimmer ich niemals vergessen
habe. Ein grosser Strom ging mitten hindurch bis in eine unabsehbare, duftige
Ferne, wo er sich mit Gesang zu verlieren schien. Auf einem sanftgrünen Hügel
über dem Strome sass Angelina, das italienische Mädchen, und zog mit ihrem
kleinen, rosigen Finger zu meinem Erstaunen einen Regenbogen über den blauen
Himmel. Unterdes sah ich, dass das Gebirge anfing sich wundersam zu regen; die
Bäume streckten lange Arme aus, die sich wie Schlangen ineinanderschlungen, die
Felsen dehnten sich zu ungeheuren Drachengestalten aus, andere zogen Gesichter
mit langen Nasen, die ganze wunderschöne Gegend überzog und verdeckte dabei ein
qualmender Nebel. Zwischen den Felsenplatten streckte Rudolf den Kopf hervor,
der auf einmal viel älter und selber wie von Stein aussah, und lachte übermässig
mit seltsamen Gebärden. Alles verwirrte sich zuletzt und ich sah nur die
entfliehende Angelina mit ängstlich zurückgewandtem Gesichte und weissem,
flatterndem Gewande, wie ein Bild über einen grauen Vorhang, vorüberschweben.
Eine grosse Furcht überfiel mich da jedesmal und ich wachte vor Schreck und
Entsetzen auf.
    Diese Träume, die sich, wie gesagt, mehrere Male wiederholten, machten einen
so tiefen Eindruck auf mein kindisches Gemüt, dass ich nun meinen Bruder oft
heimlich mit einer Art von Furcht betrachtete, auch die seltsame Gestaltung des
Gebirges nie wieder vergass.
    Eines Abends, da ich eben im Garten herumging und zusah, wie es in der Ferne
an den Bergen gewitterte, trat auf einmal an dem Ende eines Bogenganges Rudolf
zu mir. Er war finsterer, als gewöhnlich. Siehst du das Gebirge dort? sagte er,
auf die fernen Berge deutend. Drüben liegt ein viel schöneres Land, ich habe ein
einziges Mal hinuntergeblickt. Er setzte sich ins Gras hin, dann sagte er in
einer Weile wieder. Hörst du, wie jetzt in der weiten Stille unten die Ströme
und Bäche rauschen und wunderbarlich locken? Wenn ich so hinunterstiege in das
Gebirge hinein, ich ginge fort und immer fort, du würdest unterdes alt, das
Schloss wäre auch verfallen und der Garten hier lange einsam und wüste. - Mir
fiel bei diesen Worten mein Traum wieder ein, ich sah ihn an, und auch sein
Gesicht kam mir in dem Augenblicke gerade so vor, wie es mir im Traume immer
erschien. Eine niegefühlte Angst überwältigte mich und ich fing an zu weinen.
Weine nur nicht! sagte er hart und wollte mich schlagen. Unterdes kam Angelina
mit neuem Spielzeuge lustig auf uns zugesprungen und Rudolf entfernte sich
wieder in den dunkeln Bogengang. Ich spielte nun mit dem muntern Mädchen auf dem
Rasenplatze vor dem Schloss und vergass darüber alles Vorhergegangene. Endlich
trieb uns der Hofmeister zu Bette. Ich erinnere mich nicht, dass mir als Kind
irgend etwas widerwärtiger gewesen wäre, als das zeitige Schlafengehen, wenn
alles draussen noch schallte und schwärmte und meine ganze Seele noch so wach
war. Dieser Abend war besonders schön und schwül. Ich legte mich unruhig nieder.
Die Bäume rauschten durch das offene Fenster herein, die Nachtigall schlug tief
aus dem Garten, dazwischen hörte ich noch manchmal Stimmen unter dem Fenster
sprechen, bis ich endlich nach langer Zeit einschlummerte. Da kam es mir auf
einmal vor, als schiene der Mond sehr hell durch die Stube, mein Bruder erhöbe
sich aus seinem Bett und ginge verschiedentlich im Zimmer herum, neige sich dann
über mein Bett und küsse mich. Aber ich konnte mich durchaus nicht besinnen.
    Den folgenden Morgen wachte ich später auf, als gewöhnlich. Ich blickte
sogleich nach dem Bette meines Bruders und sah, nicht ohne Ahnung und Schreck,
dass es leer war. Ich lief schnell in den Garten hinaus, da sass Angelina am
Springbrunnen und weinte heftig. Meine Pflegeeltern und alle im ganzen Hause
waren heimlich, verwirrt und verstört, und so erfuhr ich erst nach und nach, dass
Rudolf in dieser Nacht entflohen sei. Man schickte Boten nach allen Seiten aus,
aber keiner brachte ihn mehr wieder.«
    »Und habt ihr denn seitdem niemals wieder etwas von ihm gehört?« fragte
Rosa.
    »Es kam wohl die Nachricht«, sagte Friedrich, »dass er sich bei einem
Freikorps habe anwerben lassen, nachher gar, dass er in einem Treffen geblieben
sei. Aber aus späteren, einzelnen, abgebrochenen Reden meiner Pflegeeltern
gelangte ich wohl zu der Gewissheit, dass er noch am Leben sein müsse. Doch taten
sie sehr heimlich damit und hörten sogleich auf davon zu sprechen, wenn ich
hinzutrat; und seitdem habe ich von ihm nichts mehr sehen noch erfahren können.
    Bald darauf verliess auch Angelina mit ihrem Vater, der weitläufig mit uns
verwandt war, unser Schloss und reiste nach Italien zurück. Es ist sonderbar, dass
ich mich auf die Züge des Kindes nie wieder besinnen konnte. Nur ein leises,
freundliches Bild ihrer Gestalt und ganzen lieblichen Gegenwart blieb mir übrig.
Und so war denn nun das Kleeblatt meiner Kindheit zerrissen und Gott weiss, ob
wir uns jemals wiedersehen. - Mir war zum Sterben bange, mein Spielzeug freute
mich nicht mehr, der Garten kam mir unaussprechlich einsam vor. Es war, als
müsste ich hinter jedem Baume, an jedem Bogengange noch Angelina oder meinem
Bruder begegnen, das einförmige Plätschern der Wasserkünste Tag und Nacht
hindurch vermehrte nur meine tiefe Bangigkeit. Mir war es unbegreiflich, wie es
meine Pflegeeltern hier noch aushalten konnten, wie alles um mich herum seinen
alten Gang fortging, als wäre eben alles noch, wie zuvor.
    Damals ging ich oft heimlich und ganz allein nach dem Gebirge, das mir
Rudolf an jenem letzten Abend gezeigt hatte, und hoffte in meinem kindischen
Sinne zuversichtlich, ihn dort noch wiederzufinden. Wie oft überfiel mich dort
ein Grausen vor den Bergen, wenn ich mich manchmal droben verspätet hatte und
nur noch die Schläge einsamer Holzhauer durch die dunkelgrünen Bogen
heraufschallten, während tief unten schon hin und her Lichter in den Dörfern
erschienen, aus denen die Hunde fern bellten. Auf einem dieser Streifzüge
verfehlte ich beim Heruntersteigen den rechten Weg und konnte ihn durchaus nicht
wiederfinden. Es war schon dunkel geworden und meine Angst nahm mit jeder Minute
zu. Da erblickte ich seitwärts ein Licht; ich ging darauf los und kam an ein
kleines Häuschen. Ich guckte furchtsam durch das erleuchtete Fenster hinein und
sah darin in einer freundlichen Stube eine ganze Familie friedlich um ein lustig
flackerndes Herdfeuer gelagert. Der Vater, wie es schien, hatte ein Büchelchen
in der Hand und las vor. Mehrere sehr hübsche Kinder sassen im Kreise um ihn
herum und hörten, die Köpfchen in beide Arme aufgestützt, mit der grössten
Aufmerksamkeit zu, während eine junge Frau daneben spann und von Zeit zu Zeit
Holz an das Feuer legte. Der Anblick machte mir wieder Mut, ich trat in die
Stube hinein. Die Leute waren sehr erstaunt, mich bei ihnen zu sehen, denn sie
kannten mich wohl, und ein junger Bursche wurde sogleich fortgesandt, sich
anzukleiden, um mich auf das Schloss zurückzugeleiten. Der Vater setzte unterdes,
da ich ihn darum bat, seine Vorlesung wieder fort. Die Geschichte wollte mich
bald sehr anmutig und wundervoll bedünken. Mein Begleiter stand schon lange
fertig an der Tür. Aber ich vertiefte mich immer mehr in die Wunder; ich wagte
kaum zu atmen und hörte zu und immer zu und wäre die ganze Nacht geblieben, wenn
mich nicht der Mann endlich erinnert hätte, dass meine Eltern in Angst kommen
würden, wenn ich nicht bald nach Hause ginge. Es war der gehörnte Siegfried, den
er las.«
    Rosa lachte. - Friedrich fuhr, etwas gestört, fort:
    »Ich konnte diese ganze Nacht nicht schlafen, ich dachte immerfort an die
schöne Geschichte. Ich besuchte nun das kleine Häuschen fast täglich, und der
gute Mann gab mir von den ersehnten Büchern mit nach Hause, soviel ich nur
wollte. Es war gerade in den ersten Frühlingstagen. Da sass ich denn einsam im
Garten und las die Magelone, Genoveva, die Haimonskinder und vieles andere
unermüdet der Reihe nach durch. Am liebsten wählte ich dazu meinen Sitz in dem
Wipfel eines hohen Birnbaumes, der am Abhange des Gartens stand, von wo ich dann
über das Blütenmeer der niedern Bäume weit ins Land schauen konnte, oder an
schwülen Nachmittagen die dunklen Wetterwolken über den Rand des Waldes langsam
auf mich zukommen sah.«
    Rosa lachte wieder. Friedrich schwieg eine Weile unwillig still. Denn die
Erinnerungen aus der Kindheit sind desto empfindlicher und verschämter, je
tiefer und unverständlicher sie werden, und fürchten sich vor gross gewordenen,
altklugen Menschen, die sich in ihr wunderbares Spielzeug nicht mehr zu finden
wissen. Dann erzählte er weiter:
    »Ich weiss nicht, ob der Frühling mit seinen Zauberlichtern in diese
Geschichten hineinspielte, oder ob sie den Lenz mit ihren rührenden
Wunderscheinen überglänzten - aber Blumen, Wald und Wiesen erschienen mir damals
anders und schöner. Es war, als hätten mir diese Bücher die goldnen Schlüssel zu
den Wunderschätzen und der verborgenen Pracht der Natur gegeben. Mir war noch
nie So fromm und fröhlich zumute gewesen. Selbst die ungeschickten Holzstiche
dabei waren mir lieb, ja überaus wert. Ich erinnere mich noch jetzt mit
Vergnügen, wie ich mich in das Bild, wo der Ritter Peter von seinen Eltern
zieht, vertiefen konnte, wie ich mir den einen Berg im Hintergrunde mit Burgen,
Wäldern, Städten und Morgenglanz ausschmückte, und in das Meer dahinter, aus
wenigen groben Strichen bestehend, und die Wolken drüber, mit ganzer Seele
hineinsegelte. Ja, ich glaube wahrhaftig, wenn einmal bei Gedichten Bilder sein
sollen, so sind solche die besten. Jene feinern, sauberen Kupferstiche mit ihren
modernen Gesichtern und ihrer, bis zum kleinsten Strauche, ausgeführten und
festbegrenzten Umgebung verderben und beengen alle Einbildung, anstatt dass diese
Holzstiche mit ihren verworrenen Strichen und unkenntlichen Gesichtern der
Phantasie, ohne die doch niemand lesen sollte, einen frischen, unendlichen
Spielraum eröffnen, ja sie gleichsam herausfordern.
    Alle diese Herrlichkeit dauerte nicht lange. Mein Hofmeister, ein
aufgeklärter Mann, kam hinter meine heimlichen Studien und nahm mir die
geliebten Bücher weg. Ich war untröstlich. Aber Gott sei Dank, das Wegnehmen kam
zu spät. Meine Phantasie hatte auf den waldgrünen Bergen, unter den Wundern und
Helden jener Geschichten gesunde, freie Luft genug eingesogen, um sich des
Anfalls einer ganz nüchternen Welt zu erwehren. Ich bekam nun dafür Campes
Kinderbibliotek. Da erfuhr ich denn, wie man Bohnen steckt, sich selber
Regenschirme macht, wenn man etwa einmal, wie Robinson, auf eine wüste Insel
verschlagen werden sollte, nebstbei mehrere zuckergebackene, edle Handlungen,
einige Elternliebe und kindliche Liebe in Scharaden. Mitten aus dieser
pädagogischen Fabrik schlugen mir einige kleine Lieder von Mattias Claudius
rührend und lockend ans Herz. Sie sahen mich in meiner prosaischen
Niedergeschlagenheit mit schlichten, ernsten, treuen Augen an, als wollten sie
freundlich tröstend sagen: Lasset die Kleinen zu mir kommen! Diese Blumen
machten mir den farb- und geruchslosen, zur Menschheitssaat umgepflügten Boden,
in welchen sie seltsam genug verpflanzt waren, einigermassen heimatlich. Ich
entsinne mich, dass ich in dieser Zeit verschiedene Plätze im Garten hatte,
welche Hamburg, Braunschweig und Wandsbek vorstellten. Da eilte ich denn von
einem zum andern und brachte dem guten Claudius, mit dem ich mich besonders
gerne und lange unterhielt, immer viele Grüsse mit. Es war damals mein grösster,
innigster Wunsch, ihn einmal in meinem Leben zu sehen.
    Bald aber machte eine neue Epoche, die entscheidende für mein ganzes Leben,
dieser Spielerei ein Ende. Mein Hofmeister fing nämlich an, mir alle Sonntage
aus der Leidensgeschichte Jesu vorzulesen. Ich hörte sehr aufmerksam zu. Bald
wurde mir das periodische, immer wieder abgebrochene Vorlesen zu langweilig. Ich
nahm das Buch und las es für mich ganz aus. Ich kann es nicht mit Worten
beschreiben, was ich dabei empfand. Ich weinte aus Herzensgrunde, dass ich
schluchzte. Mein ganzes Wesen war davon erfüllt und durchdrungen, und ich
begriff nicht, wie mein Hofmeister und alle Leute im Hause, die doch das alles
schon lange wussten, nicht ebenso gerührt waren und auf ihre alte Weise so ruhig
fortleben konnten.« -
    Hier brach Friedrich plötzlich ab, denn er bemerkte, dass Rosa fest
eingeschlafen war. Eine schmerzliche Unlust flog ihn bei diesem Anblicke an. Was
tu ich hier, sagte er zu sich selber, als alles so still um ihn geworden war,
sind das meine Entschlüsse, meine grossen Hoffnungen und Erwartungen, von denen
meine Seele so voll war, als ich ausreiste? Was zerschlage ich den besten Teil
meines Lebens in unnütze Abenteuer ohne allen Zweck, ohne alle rechte Tätigkeit?
Dieser Leontin, Faber und Rosa, sie werden mir doch ewig fremd bleiben. Auch
zwischen diesen Menschen reisen meine eigentlichsten Gedanken und Empfindungen
hindurch, wie ein Deutscher durch Frankreich. Sind dir denn die Flügel
gebrochen, guter, mutiger Geist, der in die Welt hinausschaute, wie in sein
angebornes Reich? Das Auge hat in sich Raum genug für eine ganze Welt, und nun
sollte es eine kleine Mädchenhand bedecken und zudrücken können? - Der Eindruck,
den Rosas Lachen während seiner Erzählung auf ihn gemacht hatte, war noch nicht
vergangen. Sie schlummerte rückwärts auf ihren Arm gelehnt, ihr Busen, in den
sich die dunklen Locken herabringelten, ging im Schlafe ruhig auf und nieder. So
ruhte sie neben ihm in unbeschreiblicher Schönheit. Ihm fiel dabei ein Lied ein.
Er stand auf und sang zur Gitarre:
»Ich hab manch Lied geschrieben,
Die Seele war voll Lust,
Von treuem Tun und Lieben,
Das Beste, was ich wusst.
Was mir das Herz bewogen,
Das sagte treu mein Mund,
Und das ist nicht erlogen,
Was kommt aus Herzensgrund.
Liebchen wusst's nicht zu deuten
Und lacht mir ins Gesicht,
Dreht sich zu andern Leuten
Und achtet's weiter nicht.
Und spielt mit manchem Tropfe,
Weil ich so tief betrübt.
Mir ist so dumm im Kopfe,
Als wär ich nicht verliebt.
Ach Gott, wem soll ich trauen?
Will sie mich nicht verstehn,
Tun all' so fremde schauen,
Und alles muss vergehn.
Und alles irrt zerstreuet -
Sie ist so schön und rot -
Ich hab nichts, was mich freuet,
Wär ich viel lieber tot!«
Rosa schlug die Augen auf, denn das Waldhorn erschallte in dem Tale und man
hörte Leontin und die Jäger, die soeben von ihrem Streifzuge zurückkehrten, im
Walde rufen und schreien. Sie hatten gar keine Beute gemacht und waren alle der
Ruhe höchst bedürftig. Die Wirtin wurde daher eiligst in Tätigkeit gesetzt, um
jedem sein Lager anzuweisen, so gut es die Umstände zuliessen. Es wurde nun von
allen Seiten Stroh herbeigeschaft und in der Stube ausgebreitet, die für Rosa,
Leontin, Friedrich und Faber bestimmt war; die übrigen sollten sonstwo im Hause
untergebracht werden. Da alles mitalf, ging es bei den Zubereitungen ziemlich
tumultuarisch her. Besonders aber zeigte sich die kleine Marie, welcher die
Jäger tapfer zugetrunken hatten, ungewöhnlich ausgelassen. Jeder behandelte sie
aus Gewohnheit als ein halberwachsenes Kind, fing sie auf und küsste sie.
Friedrich aber sah wohl, dass sie sich dabei gar künstlich sträubte, um nur immer
fester gehalten zu werden, und dass ihre Küsse nicht mehr kindisch waren. Dem
Herrn Faber schien sie heute ganz besonders wohl zu behagen, und Friedrich
glaubte zu bemerken, dass sie sich einige Male verstohlen und wie im Fluge mit
ihm besprach.
    Endlich hatte sich nach und nach alles verloren, und die Herrschaften
blieben allein im Zimmer zurück. Faber meinte: sein Kopf sei so voll guter
Gedanken, dass er sich jetzt nicht niederlegen könne. Das Wetter sei so schön und
die Stube so schwül, er wolle daher die Nacht im Freien zubringen. Damit nahm er
Abschied und ging hinaus. Leontin lachte ihm ausgelassen nach. Rosa war unterdes
in üble Laune geraten. Die Stube war ihr zu schmutzig und enge, das Stroh zu
hart. Sie erklärte, sie könne so unmöglich schlafen, und setzte sich schmollend
auf eine Bank hin. Leontin warf sich, ohne ein Wort darauf zu erwidern, auf das
Stroh und war gleich eingeschlafen. Endlich überwand auch bei Rosa die Müdigkeit
den Eigensinn. Sie verliess ihre harte Bank, lachte über sich selbst und legte
sich neben ihren Bruder hin.
    Friedrich ruhte noch lange wach, den Kopf in die Hand gestützt. Der Mond
schien durch das kleine Fenster herein, die Wanduhr pickte einförmig immer fort.
Da vernahm er auf einmal draussen folgenden Gesang:
»Ach, von dem weichen Pfühle
Was treibt dich irr umher?
Bei meinem Saitenspiele
Schlafe, was willst du mehr?
Bei meinem Saitenspiele
Heben dich allzusehr
Die ewigen Gefühle;
Schlafe, was willst du mehr?
Die ewigen Gefühle,
Schnupfen und Husten schwer,
Ziehn durch die nächt'ge Kühle;
Schlafe, was willst du mehr?
Ziehn durch die nächt'ge Kühle
Mir den Verliebten her,
Hoch auf schwindlige Pfühle;
Schlafe, was willst du mehr?
Hoch auf schwindligem Pfühle
Zähle der Sterne Heer;
Und so dir das missfiele:
Schlafe, was willst du mehr?«
Friedrich konnte die Stimme nicht erkennen; sie schien ihm mit Fleiss verändert
und verstellt. Mit besonders komischem Ausdruck wurde jedesmal das: »Schlafe,
was willst du mehr?« wiederholt. Er sprang auf und trat ans Fenster. Da sah er
einen dunklen Schatten schnell über den mondhellen Platz vor dem Hause
vorüberlaufen und zwischen den Bäumen verschwinden. Er horchte noch lange Zeit
dort hinaus, alles blieb still die ganze Nacht hindurch.
 
                                Sechstes Kapitel
Ein Hiftorn draussen im Hofe weckte am Morgen die Neugestärkten. Leontin sprang
schnell vom Lager. Auch Rosa richtete sich auf. Die Morgensonne schien ihr durch
das Fenster gerade ins Gesicht. Die Locken noch verwirrt vom nächtlichen Lager,
sah sie so blühend und reizend verschlafen aus, dass sich Friedrich nicht
entalten konnte, ihr einen Kuss auf die frischen Lippen zu drücken. Alles
rüstete sich nun fröhlich wieder zur Weiterreise. Aber nun bemerkten sie erst,
dass Faber fehle. Er hatte sich, wie wir wissen, abends hinausbegeben und er war
seitdem nicht wieder in die Stube zurückgekehrt. Leontin befragte daher die
Jäger, und diese sagten denn zu allgemeiner Verwunderung Folgendes aus:
    Als sie, noch vor Tagesanbruch, hinausgingen, um nach den Pferden zu sehen,
hörten sie jemand hoch über ihnen, wie aus der Luft zu wiederholten Malen rufen.
Sie sahen ringsherum und erblickten endlich mit Erstaunen Herrn Faber, der
mitten auf dem Dache des Hauses an dem festverschlossenen Dachfenster sass und
schimpfend mit beiden Armen, wie eine Windmühle, in der Morgendämmerung focht.
Sie setzten ihm nun auf sein Begehren die Leiter an, die vor dem Hause auf der
Erde lag, und erlösten ihn so von seinem luftigen Trone. Er aber forderte,
sobald er unten war, ohne sich weiter in Erklärungen einzulassen, sogleich sein
Pferd und seinen Mantelsack heraus. Da er sehr heftig und wunderlich zu sein
schien, taten sie, was er verlangte. Als er sein Pferd bestiegen hatte, sagte er
nur noch zu ihnen: sie möchten ihren Herrn, den fremden Grafen und die Gräfin
Rosa von ihm auf das beste grüssen, und für die lang erwiesene Freundschaft in
seinem Namen danken; er für seinen Teil reise in die Residenz, wo er sie früher
oder später wiederzusehen hoffe. Darauf habe er dem Pferde die Sporen gegeben
und sei in den Wald hineingeritten.
    »Lebe wohl, guter, unruhiger Freund!« rief Leontin bei dieser Nachricht aus,
»ich könnte wahrhaftig in diesem Augenblicke recht aus Herzensgrunde traurig
sein, so gewohnt war ich an dein wunderliches Wesen. Fahre wohl, und Gott gebe,
dass wir bald wieder zusammenkommen!« »Amen«, fiel Rosa ein; »aber was in aller
Welt hat ihn denn auf das Dach hinaufgetrieben und bewogen, uns dann so
plötzlich zu verlassen?« - Niemand wusste sich das Rätsel zu lösen. Aber die
kleine Marie hörte während der ganzen Zeit nicht auf, geheimnisvoll zu kichern,
Friedrich erinnerte sich auch an das gestrige, sonderbare Nachtlied vor dem
Fenster, und nun übersahn sie nach und nach den ganzen Zusammenhang.
    Faber hatte nämlich gestern abend mit Marie eine heimliche Zusammenkunft in
der Dachkammer, wo sie schlief, verabredet. Das schlaue Mädchen aber hatte,
statt Wort zu halten, das Dachfenster von innen fest versperrt und sich, ehe
noch Faber so künstlich von ihnen weggeschlichen, in den Wald hinausbegeben, wo
sie abwartete, bis der Verliebte, der Verabredung gemäss, auf der Leiter das Dach
erstiegen hatte. Dann sprang sie schnell hervor, nahm die Leiter weg und sang
ihm unten das lustige Ständchen, das Friedrich gestern belauscht, während Faber,
stumm vor Zorn und Scham, zwischen Himmel und Erde schwebte.
    Leontin und Rosa lachten unmässig und fanden den Einfall überaus herrlich.
Friedrich aber fand ihn anders und schüttelte unwillig den Kopf über das
vierzehnjährige Mädchen.
    Sie setzten nun also ihre Reise allein weiter fort. Der Morgen war sehr
heiter, die Gegend wunderschön; dessenungeachtet konnten sie heute gar nicht
recht in die alte Lust und gewohnte Gesprächsweise hineinkommen. Faber fehlte
ihnen und wurde von allen vermisst, besonders von Leontin, der fortwährend einen
Ableiter seines überflüssigen Witzes brauchte. Dazu taugte ihm aber gerade
niemand besser, als Faber, der komisch genug war, um Witz zu erzeugen und selber
witzig genug, ihn zu verstehn. Friedrich nannte daher auch alle Gespräche
zwischen Leontin und Faber egoistische Monologe, wo jeder nur sich selbst reden
hört und beantwortet, anstatt dass er bei jeder Unterhaltung mit redlichem Eifer
für die Sache selbst in den anderen überzeugend einzudringen suchte. Am
sichtbarsten unter allen aber war Rosa verstimmt. Sie hatte sich ganz besondere,
unerhörte Ereignisse und Wunderdinge von der Reise versprochen, und da diese nun
nicht erscheinen wollten und auch der Schimmer der Neuheit von ihren Augen
gefallen war, fing sie nach und nach an zu bemerken, dass es sich doch eigentlich
für sie nicht schicke, so allein mit den Männern in der Welt herumzustreifen,
und sie hatte keine Ruhe und keine Lust mehr an den ewigen, langweiligen Steinen
und Bäumen.
    So waren sie an einen freigrünen Platz auf dem Gipfel einer Anhöhe gekommen
und beschlossen, hier den Mittag abzuwarten. Ringsum lagen niedrigere Berge mit
Schwarzwald bedeckt, von der einen Seite aber hatte man eine weite Aussicht ins
ebene Land, wo man die blauen Türme der Residenz an einem blitzenden Strome sich
ausbreiten sah. Der mitgenommene Mundvorrat wurde nun abgepackt, ein
Feldtischchen mitten in der Aue aufgepflanzt, und alle lagerten sich in einem
Kreise auf dem Rasen herum und assen und tranken. Rosa mochte launisch nichts
geniessen, sondern zog, zu Leontins grossem Ärgernis, ihre Strickerei hervor,
setzte sich allein seitwärts und arbeitete, bis sie am Ende darüber einschlief.
Friedrich und Leontin nahmen daher ihre Flinten und gingen in den Wald, um Vögel
zu schiessen. Die lustigen bunten Sänger, die von einem Wipfel zum andern vor
ihnen herflogen, lockten sie immer weiter zwischen den dunkelgrünen Hallen fort,
so dass sie erst nach langer Zeit wieder auf dem Lagerplatze anlangten.
    Hier kam ihnen Erwin mit auffallender Lebhaftigkeit und Freude
entgegengesprungen und sagte, dass Rosa fort sei. Ein Wagen, erzählte der Knabe,
sei bald, nachdem sie fortgegangen waren, die Strasse hergefahren. Eine schöne,
junge Dame sah aus dem Wagen heraus, liess sogleich stillhalten und kam auf die
Gräfin Rosa zu, mit der sie sich dann lange sehr lebhaft und mit vielen Freuden
besprach. Zuletzt bat sie dieselbe, mit ihr zu fahren. Rosa wollte anfangs
nicht, aber die fremde Dame streichelte und küsste sie und schob sie endlich halb
mit Gewalt in den Wagen. Die kleine Marie musste auch mit einsitzen, und so
hatten sie den Weg nach der Residenz eingeschlagen. - Friedrich kränkte bei
dieser unerwarteten Nachricht die Leichtfertigkeit, mit der ihn Rosa so schnell
verlassen konnte, in tiefster Seele. Als sie an den Feldtisch in der Mitte der
Aue kamen, fanden sie dort ein Papier, worauf mit Bleistift geschrieben stand:
»Die Gräfin Romana.«
    »Das dacht ich gleich«, rief Leontin, »das ist so ihre Weise.« - »Wer ist
die Dame?« fragte Friedrich. - »Eine junge, reiche Witwe«, antwortete Leontin,
»die nicht weiss, was sie mit ihrer Schönheit und ihrem Geiste anfangen soll,
eine Freundin meiner Schwester, weil sie mit ihr spielen kann, wie sie will,
eine tollgewordene Genialität, die in die Männlichkeit hineinpfuscht.« Hierbei
wandte er sich ärgerlich zu seinen Jägern, die ihre Pferde schon wieder
aufgezäumt hatten, und befahl ihnen, nach seinem Schloss zurückzukehren, um die
Reise freier und bequemer, bloss in Friedrichs und Erwins Begleitung weiter
fortzusetzen.
    Die Jäger brachen bald auf und die beiden Grafen blieben nun allein auf dem
grünen Platze zurück, wo es so auf einmal still und leer geworden war. Da kam
Erwin wieder gesprungen und sagte, dass man den Wagen soeben noch in der Ferne
sehen könne. Sie blickten hinab und sahen, wie er in der glänzenden Ebene
fortrollte, bis er zwischen den blühenden Hügeln und Gärten in dem Abendschimmer
verschwand, der sich eben weit über die Täler legte. Von der andern Seite hörte
man noch die Hörner der heimziehenden Jäger über die Berge. »Siehst du dort«,
sagte Friedrich, »die dunklen Türme der Residenz? Sie stehen wie Leichensteine
des versunkenen Tages. Anders sind die Menschen dort, unter welche Rosa nun
kommt; treue Sitte, Frömmigkeit und Einfalt gilt nicht unter ihnen. Ich möchte
sie lieber tot, als so wiedersehn. Ist mir doch, als stiege sie, wie eine
Todesbraut, in ein flimmernd aufgeschmücktes, grosses Grab, und wir wendeten uns
treulos von ihr und liessen sie gehen.« - Leontin fuhr lustig über die Saiten der
Gitarre und sang:
»Der Liebende steht träge auf,
Zieht ein Herrjemine-Gesicht
Und wünscht, er wäre tot.
Der Morgen tut sich prächtig auf,
So silbern geht der Ströme Lauf,
Die Vöglein schwingen hell sich auf:
Bad, Menschlein, dich im Morgenrot,
Dein Sorgen ist ein Wicht!«
Darauf bestiegen sie beide ihre Pferde und ritten in das Gebirge hinein.
    Nachdem sie so mehrere Tage herumgeirrt und die merkwürdigsten Orte des
Gebirges in Augenschein genommen hatten, kamen sie eines Abends schon in der
Dunkelheit in einem Dorfe an, wo sie im Wirtshause einkehrten. Dort aber war
alles leer und nur von einer alten Frau, die allein in der Stube sass, erfuhren
sie, dass der Pächter des Ortes heute einen Ball gebe, wobei auch seine
Grundherrschaft sich befände, und dass daher alles aus dem Hause gelaufen sei, um
dem Tanze zuzusehen.
    Da es zum Schlafengehen noch zu zeitig und die Nacht sehr schön war, so
entschlossen sich auch die beiden Grafen, noch einen Spaziergang zu machen. Sie
strichen durchs Dorf und kamen bald darauf am andern Ende desselben an einen
Garten, hinter welchem sich die Wohnung des Pächters befand, aus deren
erleuchteten Fenstern die Tanzmusik zu ihnen herüberschallte. Leontin, den diese
ganz unverhoffte Begebenheit in die lustigste Laune versetzt hatte, schwang sich
sogleich über den Gartenzaun, und überredete auch Friedrich, ihm zu folgen. Der
Garten war ganz still, sie gingen daher durch die verschiedenen Gänge bis an das
Wohnhaus. Die Fenster des Zimmers, wo getanzt wurde, gingen auf den Garten
hinaus, aber es war hoch oben im zweiten Stockwerke. Ein grosser, dichtbelaubter
Baum stand da am Hause und breitete seine Äste gerade vor den Fenstern aus. »Der
Baum ist eine wahre Jakobsleiter«, sagte Leontin, und war im Augenblicke droben.
Friedrich wollte durchaus nicht mit hinauf. »Das Belauschen«, sagte er,
»besonders fröhlicher Menschen in ihrer Lust, hat immer etwas Schlechtes im
Hinterhalte.« »Wenn du Umstände machst«, rief Leontin von oben, »so fange ich
hier so ein Geschrei an, dass alle zusammenlaufen und uns als Narren auffangen
oder tüchtig durchprügeln.« Soeben knarrte auch wirklich die Haustür unten und
Friedrich bestieg daher ebenfalls eilfertig den luftigen Sitz.
    Oben aus der weiten, dichten Krone des Baumes konnten sie die ganze
Gesellschaft übersehen. Es wurde eben ein Walzer getanzt, und ein Paar nach dem
andern flog an dem Fenster vorüber. Junge, flüchtige Ökonomen, wie es schien, in
knappen und eng zugespitzten Fracken fegten tapfer mit tüchtigen Mädchen, die
vor Gesundheit und Freude über und über rot waren. Hin und wieder zogen
fröhliche, dicke Gesichter, wie Vollmonde, durch diesen Sternenhimmel. Mitten in
dem Gewimmel tanzte eine hagere Figur, wie ein Satyr, in den abenteuerlichsten,
übertriebensten Wendungen und Kapriolen, als wollte er alles Affektierte,
Lächerliche und Ekle jedes einzelnen der Gesellschaft in eine einzige Karikatur
zusammendrängen. Bald darauf sah man ihn auch unter den Musikanten ebenso mit
Leib und Seele die Geige streichen. »Das ist ein höchst seltsamer Gesell«, sagte
Leontin, und verwendete kein Auge von ihm. »Es ist doch ein sonderbares Gefühl«,
erwiderte Friedrich nach einer Weile, »so draussen aus der weiten, stillen
Einsamkeit auf einmal in die bunte Lust der Menschen hineinzusehen, ohne ihren
inneren Zusammenhang zu kennen; wie sie sich, gleich Marionetten, voreinander
verneigen und beugen, lachen und die Lippen bewegen, ohne dass wir hören, was sie
sprechen.« »Oh, ich könnte mir«, sagte Leontin, »kein schauerlicheres und
lächerrlicheres Schauspiel zugleich wünschen, als eine Bande Musikanten, die
recht eifrig und in den schwierigsten Passagen spielten, und einen Saal voll
Tanzender dazu, ohne dass ich einen Laut von der Musik vernähme.« - »Und hast du
dieses Schauspiel nicht im Grunde täglich?« entgegnete Friedrich.
»Gestikulieren, quälen und mühen sich nicht überhaupt alle Menschen ab, die
eigentümliche Grundmelodie äusserlich zu gestalten, die jedem in tiefster Seele
mitgegeben ist, und die der eine mehr, der andere weniger und keiner ganz
auszudrücken vermag, wie sie ihm vorschwebt? Wie weniges verstehen wir von den
Taten, ja, selbst von den Worten eines Menschen!« - »Ja, wenn sie erst Musik im
Leibe hätten!« fiel ihm Leontin lachend ins Wort. »Aber die meisten fingern
wirklich ganz ernstaft auf Hölzchen ohne Saiten, weil es einmal so hergebracht
ist und das vorliegende Blatt heruntergespielt werden muss; aber das, was das
ganze Hantieren eigentlich vorstellen soll, die Musik selbst und Bedeutung des
Lebens, haben die närrisch gewordenen Musikanten darüber vergessen und
verloren.«
    In diesem Augenblicke kam ein neues Paar bei dem Fenster angeflogen, alles
machte ehrerbietig Platz und sie erblickten ein wunderschönes Mädchen, das sich
durch seinen Anstand vor allen den andern auszeichnete. Sie lehnte lächelnd die
zarte, glühende Wange an die Fensterscheibe, um sie abzukühlen. Darauf öffnete
sie gar das Fenster, teilte zierlich ihre Haare, durch die ein Rosenkranz
geflochten war, nach beiden Seiten über die Stirn, und schaute, so wie in
Gedanken versunken, lange in die Nacht hinaus. - Leontin und Friedrich waren ihr
dabei so nahe, dass sie ihren Atem hören konnten; ihre stillen, grossen Augen, in
deren feuchtem Spiegel der Mond widerglänzte, standen gerade vor ihnen. »Wo ist
das Fräulein?« rief auf einmal eine Stimme von innen, und das Mädchen wandte
sich um und verlor sich unter den Menschen. - Leontin sagte: »Ich möchte den
Baum schütteln, dass er bis in die Wurzeln vor Freude beben sollte, ich möchte
hier ins offene Fenster hineinspringen und tanzen, bis die Sonne aufginge, ich
möchte wie ein Vogel von dem Baume fliegen über Berge und Wälder!« - Zwei
ältliche Herren unterbrachen diese Ausrufungen, indem sie sich zum Fenster
hinauslehnten. Ihr Gespräch, so ruhig wie ihre Gesichter, ergoss sich wie ein
einförmiger, aber klarer Strom über die neuesten politischen Zeitbegebenheiten,
von denen sie bald auf ihre Landwirtschaft ablenkten, und aus den Blitzen, die
man in der Ferne am wolkenlosen Himmel erblickte, ein günstiges Erntewetter
prophezeieten.
    Unterdes hatte die Musik aufgehört, das Zimmer oben wurde leerer. Man hörte
unten die Tür auf- und zugehen, verschiedene Parteien gingen bei dem schönen
Mondscheine im Garten auf und nieder, und auch die beiden alten Herren
verschwanden von dem Fenster. Da kam ein junges Paar, ganz getrennt von den
übrigen, langsam auf den Baum zugewandelt. »Gott steh uns bei«, sagte Leontin,
»da kommen gewiss Sentimentale, denn sie wandeln so schwebend auf den Zehen, wie
einer, der gern fliegen möchte und nicht kann.« Sie waren indes schon so nahe
gekommen, dass man verstehen konnte, was sie sprachen. »Haben Sie«, fragte der
junge Mann, »das neueste Werk von Lafontaine gelesen?« »Ja«, antwortete das
Mädchen, in einer ziemlich bäuerischen Mundart, »ich habe es gelesen, mein ädler
Freund! und es hat mir Tränen entlockt, Tränen, wie sie jeder Fühlende gern
weint. Ich bin so froh«, fuhr sie nach einer kleinen Pause fort, »dass wir aus
dem Schwarm, von den lärmenden, unempfindlichen Menschen fort sind; die
rauschenden Vergnügungen sind gar nicht meine Sache, es ist da gar nichts für
das Herz.« Er: »Oh, daran erkenne ich ganz die schöne Seele! Aber Sie sollten
sich der süssen Melancholie nicht so stark ergeben, die edlen Empfindungen
greifen den Menschen zu sehr an.« - »Sie sieht aber doch«, flüsterte Friedrich,
»blitzgesund aus und voll zum Aufspringen.« »Das kommt eben von dem Angreifen«,
meinte Leontin. - Er: »Ach, in wenigen Stunden scheidet uns das eiserne
Schicksal wieder, und Berge und Täler liegen zwischen zwei gebrochenen Herzen.«
Sie: »Ja, und in dem einen Tale ist der Weg immer so kotig und kaum zum
Durchkommen.« Er: »Und an meinem neuen schönen Parutsch gerade auch ein Rad
gebrochen. - Aber geniessen wir doch die schöne Natur! An ihrem Busen werd ich so
warm!« Sie: »O ja.« Er: »Es geht doch nichts über die Einsamkeit für ein
sanftes, überfliessendes Herz. Ach! die kalten Menschen verstehen mich gar
nicht!« Sie: »Auch Sie sind der einzige, mein ädler Freund, der mich ganz
versteht. Schon lange habe ich Sie im stillen bewundert, diesen - wie soll ich
sagen? - diesen ädlen Charakter, diese schönen Sentimentre -« »Sentiments wollen
Sie sagen«, fiel er ihr ins Wort und rückte sich mit eitler Wichtigkeit
zusammen.
    »O jemine!« flüsterte Leontin wieder, »mir juckt der Edelmut schon in allen
Fingern, ich dächte, wir prügelten ihn durch.«
    Die beiden Sentimentalen hatten einander indes mit den Armen umschlungen und
sahen lange stumm in den Mond. »Nun sitzt die Unterhaltung auf dem Sande«, sagte
Leontin, »der Witz ist im abnehmenden Monde.« Aber zu seiner Verwunderung hub er
von neuem an: »O heilige Melancholie! du sympatetische Harmonie
gleichgestimmter Seelen! So rein, wie der Mond dort oben, ist unsere Liebe!«
Währenddessen fing er an, heftig an dem Busenbande des Mädchens zu arbeiten, die
sich nur wenig sträubte. »Nun«, sagte Leontin, »sind sie in ihre eigentliche
Natur zurückgefallen, der Teufel hat die Poesie geholt.« »Das ist ja ein
verwetterter Schuft«, rief Friedrich, und fing oben auf seinem Baume an, ganz
laut zu singen. Die Sentimentalen sahen sich eine Weile erschrocken nach allen
Seiten um, dann nahmen sie in der grössten Verwirrung Reissaus. Leontin schwang
sich lachend, wie ein Wetterkeil, vom Baume hinter ihnen drein und verdoppelte
ihren Schreck und ihre Flucht.
    Unsere Reisenden waren nun wahrscheinlich verraten und mussten also auf einen
klugen Rückzug bedacht sein. Sie zogen sich daher auf den leeren Gängen des
Gartens an den Spazierengehenden vorüber und wurden so, vom Dunkel begünstigt,
von allen entweder übersehen oder für Ballgäste gehalten.
    Als sie, schon nahe am Ausgange, eben um die Ecke eines Ganges umbiegen
wollten, stand auf einmal das schöne Fräulein, die mit einer Begleitung von der
andern Seite kam, dicht vor ihnen. Der Mondschein fiel gerade sehr hell durch
eine Öffnung der Bäume und beleuchtete die beiden schönen Männer. Das Fräulein
blieb mit sichtbarer Verwirrung vor ihnen stehen. Sie grüssten sie ehrerbietig.
Sie dankte verlegen mit einer tiefen, zierlichen Verbeugung, und eilte dann
schnell wieder weiter. Aber sie bemerkten wohl, dass sie sich in einiger
Entfernung noch einmal flüchtig nach ihnen umsah.
    Sie kehrten nun wieder in ihr Wirtshaus zurück, wo sie bereits alles zu
einer guten Nacht vorbereitet fanden. Leontin war unterwegs voller Gedanken und
stiller, als gewöhnlich. Friedrich stellte sich eben noch an das offene Fenster,
von dem man das stille Dorf und den gestirnten Himmel übersah, verrichtete sein
Abendgebet und legte sich schlafen. Leontin aber nahm die Gitarre und
schlenderte langsam durch das nächtliche Dorf Nach verschiedenen Umwegen kam er
wieder an den Garten. Da war unterdes alles leer geworden und totenstill, in der
Wohnung des Pächters alle Lichter verlöscht und die ganze laute, fröhliche
Erscheinung versunken. Ein leichter Wind ging rauschend durch die Wipfel des
einsamen Gartens, hin und wieder nur bellten Hunde aus entfernteren Dörfern über
das stille Feld. Leontin setzte sich auf den Gartenzaun hinauf und sang:
»Der Tanz, der ist zerstoben,
Die Musik ist verhallt,
Nun kreisen Sterne droben,
Zum Reigen singt der Wald.
Sind alle fortgezogen,
Wie ist's nun leer und tot!
Du rufst vom Fensterbogen:
Wann kommt der Morgen rot!
Mein Herz möcht mir zerspringen,
Darum, so wein ich nicht,
Darum, so muss ich singen
Bis dass der Tag anbricht.
Eh es beginnt zu tagen:
Der Strom geht still und breit,
Die Nachtigallen schlagen,
Mein Herz wird mir so weit!
Du trägst so rote Rosen,
Du schaust so freudenreich,
Du kannst so fröhlich kosen,
Was stehst du still und bleich?
Und lass sie gehn und treiben
Und wieder nüchtern sein,
Ich will wohl bei dir bleiben!
Ich will dein Liebster sein.«
Das schöne Fräulein war in dem Hause des Pächters über Nacht geblieben. Sie
stand halbentkleidet an dem offenen Fenster, das auf den Garten hinausging. »Wer
mögen wohl die beiden Fremden sein?« sagte sie gleichgültig scheinend zu ihrer
Jungfer. - »Ich weiss es nicht, aber ich möchte mich gleich fortschleichen und
noch heute im Wirtshause nachfragen.« - »Um Gottes willen, tu das nicht«, sagte
das Fräulein erschrocken, und hielt sie ängstlich am Arme fest. - »Morgen ist es
zu spät. Wenn die Sonne aufgeht, sind sie gewiss längst wieder über alle Berge.«
- »Ich will schlafen gehen«, sagte das Fräulein, ganz in Gedanken versunken.
»Gott weiss, wie es kommt, ich bin heute so müde und doch so munter.« - Sie liess
sich darauf entkleiden und legte sich nieder. Aber sie schlief nicht, denn das
Fenster blieb offen und Leontins verführerische Töne stiegen die ganze Nacht wie
auf goldenen Leitern in die Schlafkammer des Mädchens ein und aus.
 
                               Siebentes Kapitel
Stand ein Mädchen an dem Fenster,
Da es draussen Morgen war,
Kämmte sich die langen Haare,
Wusch sich ihre Äuglein klar.
Sangen Vöglein aller Arten,
Sonnenschein spielt' vor dem Haus,
Draussen übern schönen Garten
Flogen Wolken weit hinaus.
Und sie dehnt' sich in den Morgen
Als ob sie noch schläfrig sei,
Ach, sie war so voller Sorgen,
Flocht ihr Haar und sang dabei:
»Wie ein Vöglein hell und reine,
Ziehet draussen muntre Lieb,
Lockt hinaus zum Sonnenscheine,
Ach, wer da zu Hause blieb'!«
Die Morgensonne traf unsre Reisenden schon wieder draussen zu Pferde, und das
Dorf, wo sie übernachtet, lag dampfend hinter ihnen. Leontin hatte bereits im
Wirtshause erfahren, dass das schöne Fräulein die Tochter eines in der Nähe reich
begüterten Edelmannes sei, welcher, wie er sich sehr wohl erinnerte, mit seinem
Vater in ganz besonders freundschaftlichen Verhältnissen gestanden hatte. Es
wurde daher beschlossen, bei ihm einzusprechen.
    Gegen Abend erblickten sie das Schloss des Herrn v. A., das aus einem
freundlichen Chaos von Gärten und hohen Bäumen friedlich hervorragte. Sie ritten
langsam zwischen hohen Kornfeldern hin. Die Sonne, die sich eben zum Untergange
neigte, warf ihre Strahlen schief über die Fläche und spielte lustig in den
nickenden Ähren. Ein fröhliches Singen und Wirren verschiedener Stimmen lenkte
bald die Augen der beiden Reiter von der ruhigen Landschaft vor ihnen ab, und
sie erblickten seitwärts in einiger Entfernung vom Wege ein weites Feld, wo man
soeben mit der Ernte begriffen war. Eine lange Reihe von Arbeitern wimmelte
lustig durcheinander, der laute Ruf der Merker erschallte von Zeit zu Zeit
dazwischen, und schwerbeladene Wagen zogen langsam und knarrend dem Dorfe zu. Im
Hintergrunde dieses Gewimmels sah man eine bunte Gruppe von vornehmeren Personen
gelagert, die den Arbeitern zusahn und unter denen Leontin sogleich das schöne
Fräulein wiedererkannte. Mitten unter ihnen ragte eine höchst seltsame Figur
hervor. Ein hagerer Mensch nämlich in einem langen, weissen Mantel sass auf einem
hochbeinigten Schimmel, der den Kopf fast auf die Erde hängen liess. Von dieser
seiner Rosinante teilte die abenteuerliche Gestalt im Tone einer Predigt Befehle
an die Bauern aus, worauf jedesmal ein lautes Gelächter erfolgte.
    Leontin und Friedrich zweifelten nicht, dass jene Zuschauer die Herrschaft
des Ortes seien, und da sie bemerkten, dass bereits alle Augen auf sie gerichtet
waren, so übergaben sie ihre Pferde an Erwin und eilten, sich selber der
Gesellschaft vorzustellen. Herr v. A. und seine Schwester, die sich seit dem
Tode ihres Mannes beim Bruder aufhielt, erinnerten sich sogleich der ehemaligen
freundschaftlichen Verhältnisse zwischen den beiden Häusern, und drückten ihre
Freude, Leontin und seinen Freund bei sich zu sehen, mit den aufrichtigsten
Worten aus. Das Fräulein wurde bei ihrer Ankunft über und über rot und wagte
nicht, die Augen aufzuschlagen, denn sie erkannte beide recht gut wieder. Neben
ihr stand ein ziemlich junger, bleicher Mann, in dem sie sogleich dieselbe
Gestalt wiedererkannten, die gestern mit so einer ironischen Wut getanzt und
musiziert hatte. Seine auffallenden Gesichtszüge hatten sich tief in Leontins
Gedächtnis gedrückt. Aber es war heut gar keine Spur von gestern an ihm, er
schien ein ganz anderer Mensch. Er sah schlicht, still und traurig und war
verlegen im Gespräche. Es war ein Teolog, der, zu arm, seine Studien zu
vollenden, auf dem Schloss des Herrn v. A. Unterhalt, Freunde und Heimat
gefunden und dafür die Leitung des Schulwesens auf den sämtlichen Gütern
übernommen hatte. Der Ritter von der traurigen Gestalt dagegen schaute von
seinem Schimmel während des Empfanges und der ersten Unterhaltung so unheimlich
und komisch darein, dass Leontin gar nicht von ihm wegsehen konnte. Jeder Bauer,
den seine Arbeit an ihm vorüberführte, gesegnete die Gestalt mit einem tüchtigen
Witze, wobei sich jener immer heftig verteidigte. Leontin erhielt sich nur noch
mit vieler Mühe, sich nicht dareinzumischen, als die Tante endlich die
Gesellschaft aufforderte, sich nach Hause zu begeben, und alles aufbrach. Die
sonderbare Gestalt setzte sich nun voraus in Galopp. Er schlug dabei mit beiden
Füssen unaufhörlich in die Rippen des Kleppers und sein weisser Mantel rauschte in
seiner ganzen Länge in den Lüften hinter ihm drein. Die Bauern riefen ihm
sämtlich ein freudiges Hurra nach. Herr v. A., der die Verwunderung der beiden
Gäste bemerkte, sagte lachend: »Das ist ein armer Edelmann, der vom Stegreif
lebt, ein irrender Ritter, der von Schloss zu Schloss zieht, und uns besonders oft
heimsucht, ein Hofnarr für alle, die ihn ertragen können, halb närrisch und halb
gescheut.«
    Als sie durchs Dorf gingen, wurden sie von allen Seiten nicht nur mit dem
Hute, sondern auch mit freundlichen Worten und Mienen begrüsst, welches immer ein
gutmütiges und natürliches Verhältnis zwischen der Herrschaft und ihren Bauern
verrät. Sie kamen endlich an das Schloss und übersahn auf einmal einen weiten,
freundlichen und fröhlich wimmelnden Hof. Alles war geschäftig, nett und
ordentlich und beurkundete eine tätige Hauswirtin. Friedrich äusserte diese
Bemerkung, wodurch sich die Tante ungemein geschmeichelt zu finden schien. Sie
konnte ihre Freude darüber so wenig verbergen, dass sie sogleich anfing, sich mit
einer Art von Wohlbehagen über ihre häuslichen Einrichtungen und die
Vergnügungen der Landwirtschaft auszubreiten. Das Schloss selbst war neu, sehr
heiter, licht und angenehm, das Hausgerät in den gemütlichen Zimmern ohne
besondere Wahl gemischt und sämtlich wie aus einer unlängst vergangenen Zeit.
    Der Tisch in dem grossen, geräumigen Tafelzimmer wurde gedeckt und man setzte
sich bald fröhlich zum Abendessen. Die Unterhaltung blieb anfangs ziemlich
stockend, steif und gezwungen, wie dies jederzeit in solchen Häusern der Fall
ist, wo, aus Mangel an vielseitigen, allgemeinen Berührungen mit der Aussenwelt,
eine gewisse feste, ungelenke Gewohnheit des Lebens Wurzel geschlagen hat, die
durch das plötzliche Eindringen wildfremder Erscheinungen, auf die ihr ewig
gleichförmiger Gang nicht berechnet ist, immer eher verstimmt als umgestimmt
wird. Herr v. A., ein langer, ernster Mann, in seiner Kleidung fast pedantisch,
sprach wenig. Desto mehr führte seine Schwester das hohe Wort. Sie war eine
lebhafte, regsame Frau, wie man zu sagen pflegt, in den besten Jahren,
eigentlich aber gerade in den schlimmsten. Denn ihre Gestalt und unverkennbar
schönen Gesichtszüge fingen soeben an, auf ein vergangenes Reich zu deuten. In
dieser gefährlichen Sonnenwende steigt die Schönheit mürrisch, launisch und
zankend von ihrem irdischen Trone, wo sie ein halbes Leben lang geherrscht, in
die öde, freudenlose Zukunft, wie ins Grab. Wohl denen seltenen grösseren Frauen,
welche die Zeit nicht versäumten, sondern im ruhigen, gesammelten Gemüte sich
eine andere Welt der Religion und Sanftmut erbauten! Sie verwechseln nur die
Trone und werden ewig lieben und geliebt werden.
    Das Gespräch fiel während der Tafel auch auf die Erziehung der Kinder, ein
Kapitel, von dem fast alle Weiber am liebsten sprechen und am wenigsten
verstehen. Die Tante, die nur auf eine Gelegenheit gepasst hatte, ihren Geist vor
den beiden Fremden glänzen zu lassen, verbreitete sich darüber in dem
gewöhnlichen Tone von Aufklärung, Bildung, feinen Sitten usw. Zu ihrem Unglück
aber fiel es dem irrenden Ritter, der unterdes ganz unten an der Tafel mit Leib
und Seele gegessen hatte, ein, sich mit in das Gespräch zu mischen. Gerade, als
sie sich in ihren Redensarten eben am wohlsten gefiel, fuhr er höchst komisch
mit Wahrheiten darein, die aber alle so ungewöhnlich und abenteuerlich
ausgedrückt waren, dass Friedrich und Leontin nicht wussten, ob sie mehr über die
Schärfe seines Geistes oder über seine Verrückteit erstaunen sollten. Besonders
brach Leontin in ein schadenfrohes Gelächter aus. Die Tante, der es nicht an
vielseitigen Talenten gebrach, um seine Verrückteiten nicht ohne Salz zu
finden, warf ihm unwillige Blicke zu, worauf sich jener in einem philosophischen
Bombast von Unsinn verteidigte und endlich selber in ein albernes Lachen
ausbrach. Sie hatte aber doch das Spiel verspielt; denn beide Gäste, besonders
Leontin, spürten bereits eine gewisse Kameradschaft mit dem rätselhaften
irrenden Ritter in sich.
    Als endlich die Tafel aufgehoben wurde, musste Fräulein Julie noch ihre
Geschicklichkeit auf dem Klaviere zeigen, welches sie ziemlich fertig spielte.
Währenddes hatte die Tante Friedrich beiseite genommen, und erzählte ihm, wie
sehr sie bedaure, ihre Nichte nicht frühzeitig in die Residenz in irgendein
Erziehungshaus geschickt zu haben, wo allein junge Frauenzimmer das gewisse
Etwas erlernten, welches zum geselligen Leben so unentbehrlich sei. »Ich bin der
Meinung«, antwortete ihr Friedrich, »dass jungen Fräulein das Landleben gerade am
besten fromme. In jenen berühmten Instituten wird durch Eitelkeit und heillose
Nachahmungssucht die kindliche Eigentümlichkeit jedes Mädchens nur
verallgemeinert und verdorben. Die arme Seele wird nach einem Modelle, das für
alle passen soll, so lange dressiert und gemodelt, bis am Ende davon nichts
übrigbleibt, als das leere Modell. Ich versichere, ich will alle Mädchen aus
solchen Instituten sogleich an ihrer Wohlerzogenheit erkennen, und wenn ich sie
anrede, weiss ich schon im voraus, was sie mir antworten werden, was für ein
Schlag von Witz oder Spass erfolgen muss, was sie für kleine Lieblingslaunen haben
usw.« Die Tante lachte, ohne jedoch eigentlich zu wissen, was Friedrich mit
alledem meine.
    Unterdes hatte das Fräulein ein Volkslied angefangen. Die Tante unterbrach
sie schnell und ermahnte sie, doch lieber etwas Vernünftiges und Sanftes zu
singen. Leontin aber, den dabei seine Laune überwältigte, setzte sich statt des
Fräuleins hin und sang sogleich aus dem Stegreif ein zärtliches Lied so
übertrieben und süsslich, dass Friedrich fast übel wurde. Fräulein Julie sah ihn
gross an und war dann während seines ganzen Gesanges in tiefe Gedanken versunken.
- Erst spät begab man sich zur Ruhe.
    Das Schlafzimmer der beiden Gäste war sehr nett und sauber zubereitet, die
Fenster gingen auf den Garten hinaus. Eine geheimnisvolle Aussicht eröffnete
sich dort über den Garten weg in ein weites Tal, das in stiller, nächtlicher
Runde vor ihnen lag. In einiger Ferne schien ein Strom zu gehen, Nachtigallen
schlugen überall aus den Tälern herauf. »Das muss hier eine schöne Gegend sein«,
sagte Leontin, indem er sich zum Fenster hinauslehnte. »Sie kommt mir vor, wie
die Menschen hier im Hause«, entgegnete Friedrich. »Wenn ich in einen solchen
abgeschlossenen Kreis von fremden Menschen hineintrete, ist es mir immer, als
sähe ich von einem Berge in ein unbekanntes, weites, nächtliches Land. Da gehen
stille breite Ströme, und tausend verborgene Wunder liegen seltsam zerstreut,
und die fröhliche Seele dichtet bunte, lichte, glückliche Tage in die verworrene
Dämmerung hinein. Ich habe oft gewünscht, dass ich die meisten Menschen niemals
zum zweiten Male wiedersehen und näher kennenlernen dürfte, oder dass ich immer
aufgeschrieben hätte, wie mir jeder zum ersten Male vorkam.« »Wahrhaftig«, fiel
ihm Leontin lachend ins Wort, »sprichst du doch, als wärst du von neuem
verliebt. Aber du hast ganz recht, mir ist ebenso zumute, und es ist nur schade
um ein redliches Herz, das durch eine immerwährende Täuschung so enterzt wird.
Denn wenn in jene schöne, ungewisse Nacht der ersten Bekanntschaft nach und nach
der Tag anfängt herüberzuschielen und die nüchternen Hähne krähen, da schleicht
ein wunderbarer Geist nach dem andern abseits; was in der Nacht wie ein dunkler
Riese dastand, wird ein krummer Baum, das Tal, das aussah wie eine umgeworfene,
uralte römische Stadt, wird ein gemeines Ackerfeld, und das ganze Märchen nimmt
ein schales Ende. Ich könnte so fromm sein, wie ein Lämmchen und niemals eine
Anwandlung von Witz verspüren, wenn nicht alles so dumm ginge.« - Friedrich
sagte darauf: »Nimm dich in acht mit deinem Übermute! Es ist leicht und
angenehm, zu verspotten, aber mitten in der Täuschung den grossen, herrlichen
Glauben an das Bessere festzuhalten, und die andern mit feurigen Armen
emporzuheben, das gab Gott nur seinen liebsten Söhnen.« - »Ich sage dir in
vollem Ernst«, erwiderte Leontin ungemein liebenswürdig, »du wirst mich noch
einmal ganz bekehren, du seltsamer Mensch. Gott weiss es wohl, mir fehlt noch
viel, dass ich gut wäre.« -
    Am Morgen strahlte die Gegend in einem zauberischen Glanze in ihre Fenster
herauf. Sie eilten in den Garten hinab, wo sie nicht wenig über die Schönheit
der Landschaft erstaunten. Der Garten selbst stand auf einer Reihe von Hügeln,
wie eine frische Blumenkrone über der grünen Gegend. Von jedem Punkte desselben
hatte man die erheiternde Aussicht in das Land, das wie in einem Panorama
ringsherum ausgebreitet lag. Nirgends bemerkte man weder eine französische noch
englische durchgreifende Regel, aber das Ganze war ungemein erquicklich, als
hätte die Natur aus fröhlichem Übermute sich selber aufschmücken wollen.
    Herr v. A. und seine Schwester, letztere, wie wir später sehen werden, wohl
nicht ohne besondere Absicht, baten ihre Gäste recht herzlich und dringend,
längere Zeit bei ihnen zu verweilen, und beide willigten gern in den angenehmen
Aufentalt. Doch erst, als die allmähliche Gewohnheit des Zusammenlebens ihnen
das Bürgerrecht des Hauses erteilt hatte, empfanden sie die Wohltat des stillen,
gleichförmigen, häuslichen Lebens und labten sich an diesem immer neu
erfreulichen Schauspiele, das über gutgeartete Gemüter eine Ruhe und einen
gewissen festen Frieden verbreitet, den viele ein Leben lang in der bunten
Weltlust oder in der Wissenschaft selber vergebens suchen.
    Wenn die Sonne über den Gärten, Bergen und Tälern auf ging, flog auch schon
alles aus dem Schloss nach allen Seiten aus. Herr v. A. fuhr auf die Felder,
seine Schwester und das Fräulein hatten im Hofe zu tun und wurden gewöhnlich
erst gegen Mittag in reinlichen, weissen Kleidern sichtbar. Friedrich und Leontin
wohnten eigentlich den ganzen Vormittag draussen in dem schönen Garten. Auf
Friedrich hatte das stille Leben den wohltätigsten Einfluss. Seine Seele befand
sich in einer kräftigen Ruhe, in welcher allein sie imstande ist, gleich dem
unbewegten Spiegel eines Sees, den Himmel in sich aufzunehmen. Das Rauschen des
Waldes, der Vogelsang rings um ihn her, diese seit seiner Kindheit entbehrte
grüne Abgeschiedenheit, alles rief in seiner Brust jenes ewige Gefühl wieder
hervor, das uns wie in den Mittelpunkt alles Lebens versenkt, wo alle die
Farbenstrahlen, gleich Radien, ausgehn und sich an der wechselnden Oberfläche zu
dem schmerzlich-schönen Spiele der Erscheinung gestalten. Alles Durchlebte und
Vergangene geht noch einmal ernster und würdiger an uns vorüber, eine
überschwengliche Zukunft legt sich, wie ein Morgenrot, blühend über die Bilder
und so entsteht aus Ahnung und Erinnerung eine neue Welt in uns und wir erkennen
wohl alle die Gegenden und Gestalten wieder, aber sie sind grösser, schöner und
gewaltiger und wandeln in einem anderen, wunderbaren Lichte. Und so dichtete
hier Friedrich unzählige Lieder und wunderbare Geschichten aus tiefster
Herzenslust, und es waren fast die glücklichsten Stunden seines Lebens.
    Oft besuchte ihn dort Herr v. A. in seiner Werkstatt, doch immer nur auf
kurze Zeit, um ihn nicht zu stören; denn er schien eine heilige Scheu vor allem
zu haben, womit es einem Menschen Ernst war, obschon er, wie Friedrich aus
mehreren Äusserungen bemerkt hatte, insbesondere von der Dichtkunst gar nichts
hielt. Er war einer von jenen, die, durch einseitige Erziehung und eine Reihe
schmerzlicher Erfahrungen ermüdet, den lebendigen Glauben an Poesie, Liebe,
Heldenmut und alles Grosse und Ungewöhnliche im Leben aufgegeben haben, weil es
sich so ungefüge gebärdet und nirgends mehr in die Zeit hineinpassen will. Zu
überdrüssig, um sich diese Rätsel zu lösen, und doch zu grossmütig, um sich in
das wichtigtuende Nichts der andern einzulassen, ziehen sich solche Menschen
nach und nach kalt in sich selbst zurück und erklären zuletzt alles für eitel
und Affektation. Daher liebte er die beiden Gäste, welche seine meist sehr
genialen Bemerkungen, mit denen er das Erbärmliche aller Affektation auf die
höchste Spitze des Lächerlichen zu stellen pflegte, immer sogleich verstanden
und würdigten. Überhaupt waren ihm diese beiden eine ganz neue Erscheinung, die
ihn oft in seiner Apatie irremachte, und er gewann während ihres Aufentaltes
auf dem Schloss eine ungewöhnliche Heiterkeit und Lust an sich selber. Übrigens
war er bis zur Sonderbarkeit einfach, redlich und gutmütig, und Friedrich liebte
ihn unaussprechlich.
    Fräulein Julie fuhr fort, ihre Tante in den häuslichen Geschäften mit der
strengsten Ordnung zu unterstützen. Sonst war sie still und wusste sich
ebensowenig wie ihr Vater in die gewöhnliche Unterhaltung zu finden, worüber sie
oft von der Tante Vorwürfe anhören musste. Doch verbreitete die beständige
Heiterkeit und Klarheit ihres Gemütes einen unwiderstehlichen Frühling über ihr
ganzes Wesen. Leontin, den ihre Schönheit vom ersten Augenblicke an heftig
ergriffen hatte, beschäftigte sich viel mit ihr, sang ihr seine phantastischen
Lieder vor, oder zeichnete ihr Landschaften voll abenteuerlicher Karikaturen und
Bäumen und Felsen, die immer aussehen, wie Träume. Aber er fand, dass sie
gewöhnlich nicht wusste, was sie mit alledem anfangen sollte, dass sie gerade bei
Dingen, die ihn besonders erfassten, fast kalt blieb. Er begriff nicht, dass das
heiligste Wesen des weiblichen Gemütes in der Sitte und dem Anstande bestehe,
dass ihm in der Kunst, wie im Leben, alles Zügellose ewig fremd bliebe. Er wurde
daher gewöhnlich ungeduldig und brach dann in seiner seltsamen Art in Witze und
Wortspiele aus. Da aber das Fräulein wieder viel zu unbelesen war, um diese
Sprünge seines Geistes zu verfolgen und zu verstehen, so führte er, statt zu
belehren, einen immerwährenden Krieg in die Luft mit einem Mädchen, dessen Seele
war wie das Himmelblau, in dem jeder fremde Schall verfliegt, das aber in
ungestörter Ruhe aus sich selber den reichen Frühling ausbrütet.
    Desto besser schien das Fräulein mit Friedrich zu stehen. Diesem erzählte
sie zutraulich mit einer wohltuenden Bestimmteit und Umsicht von ihrem
Hauswesen, ihrer beschränkten Lebensweise, zeigte ihm ihre bisherige Lektüre aus
der Bibliotek ihres Vaters, die meistenteils aus fabelhaften
Reisebeschreibungen und alten Romanen aus dem Englischen bestand, und tat dabei
unbewusst mit einzelnen, abgerissenen, ihr ganz eignen Worten, oft Äusserungen,
die eine solche Tiefe und Fülle des Gemütes aufdeckten, und so seltsam weit über
den beschränkten Kreis ihres Lebens hinausreichten, dass Friedrich oft erstaunt
vor ihr stand und durch ihre grossen, blauen Augen in ein Wunderreich
hinunterzublicken glaubte. Leontin sah sie oft stundenlang so zusammen im Garten
gehen und war dann gewöhnlich den ganzen Tag über ausgelassen, welches bei ihm
immer ein schlimmes Zeichen war.
    Der schöne Knabe Erwin, der mit einer unbeschreiblichen Treue an Friedrich
hing, behielt indes auch hier seine Sonderbarkeiten bei. Er hatte ebenfalls
seinen Wohnplatz in dem Garten aufgeschlagen und war noch immer nicht dahin zu
bringen eine Nacht im Hause zu schlafen. Leontin hatte für ihn eine eigne
phantastische Tracht ausgesonnen, so viel auch die Tante, die es sehr ungereimt
fand, dagegen hatte. Eine Art von spanischem Wams nämlich, himmelblau mit
goldenen Kettchen, umschloss den schlanken Körper des Knaben. Den weissen Hals
trug er bloss, ein zierlicher Kragen umgab den schönen Kopf, der mit seinen
dunklen Locken und schwarzen Augen wie eine Blume über dem bunten Schmucke
ruhte. Da Friedrich hier weniger zerstreut war, als sonst, so widmete er auch
dem Knaben eine besondere Aufmerksamkeit. Er entdeckte in wenigen Gesprächen
bald an Schärfe und Tiefe eine auffallende Ähnlichkeit seines Gemütes mit
Julien. Nur mangelte bei Erwin das ruhige Gleichgewicht der Kräfte, die alles
beleuchtende Klarheit ganz und gar. Im verborgensten Grunde der Seele schien
vielmehr eine geheimnisvolle Leidenschaftlichkeit zu ruhen, die alles verwirrte
und am Ende zu zerstören drohte. Mit Erstaunen bemerkte Friedrich zugleich, dass
es dem Knaben durchaus an allem Unterrichte in der Religion gebreche. Er suchte
daher seine frühesten Lebensumstände zu erforschen, aber der Knabe beharrte mit
unbegreiflicher Hartnäckigkeit, ja mit einer Art von Todesangst auf seinem
Stillschweigen über diesen Punkt. Friedrich liess es sich nun ernstlich angelegen
sein, ihn im Christentume zu unterrichten. Alle Morgen, wenn die Natur in ihrer
Pracht vor ihnen ausgebreitet lag, sass er mit ihm im Garten, und machte ihn mit
dem grossen wunderreichen Lebenswandel des Erlösers bekannt und fand, ganz dem
Gange der Zeit zuwider, das Gemüt des Knaben weit empfänglicher für das
Verständnis des Wunderbaren als des Alltäglichen und Gewöhnlichen. Seit dieser
Zeit schien Erwin innerlich stiller, ruhiger und selbst geselliger zu werden.
    In Juliens Wesen war indes, seit die Fremden hier angekommen waren, eine
unverkennbare Veränderung vorgegangen. Sie schien seitdem gewachsen und sichtbar
schöner geworden zu sein. Auch fing sie an, sich mehrere Stunden des Tages auf
ihrem Zimmer zu beschäftigen. Aus diesem Zimmer ging eine Glastür auf den Garten
hinaus; vor derselben standen auf einem Balkon eine Menge hoher, ausländischer
Blumen; mitten in diesem Wunderreiche von Duft und Glanz sass ein bunter Papagei
hinter goldenen Stäben. Hier befand sich Julie, wenn alles ausgegangen war, und
las oder schrieb, während Erwin, draussen vor dem Balkon sitzend, auf der Gitarre
spielte und sang. So fand sie Friedrich einmal, als er sie zu einem Spaziergange
abholte, eben über einem Gemälde begriffen. Es war, wie er mit dem ersten Blicke
flüchtig unterscheiden konnte, ein halbvollendetes Portrait eines jungen Mannes.
Sie verdeckte es schnell, als er hereintrat, und sah ihn mit einem
durchdringenden, rätselhaften Blicke an. - Sollte sie lieben? dachte Friedrich
und wusste nicht, was er davon halten sollte.
 
                                 Achtes Kapitel
Es war festgesetzt worden, dass die ganze Familie eine kleine Reise auf ein
Jagdgut des Herrn v. A. unternehmen sollte, das einige Meilen von dem Schloss
entfernt war. Am Morgen des bestimmten Tages wachte Friedrich sehr zeitig auf.
Er stellte sich ans Fenster. Der Hof und die ganze Gegend lag noch ruhig, am
fernen Horizonte fing bereits an der Tag zu grauen. Nur zwei Jäger waren auch
schon munter und putzten unten im Hofe die Gewehre. Sie bemerkten den Grafen
nicht und schwatzten und lachten miteinander. Friedrich hörte dabei mit
Verwunderung mehrere Male Fräulein Julie nennen. Der eine Jäger, ein schöner
junger Bursch, sang darauf mit heller Stimme ein altes Lied, wovon Friedrich
immer nur die letzten Verse, womit sich jede Strophe schloss, verstand:
»Das Fräulein ist ein schönes Kind,
Sie hat so muntre Augen,
Die Augen so verliebet sind,
Zu sonst sie gar nichts taugen.«
Friedrich erschrak, denn er zweifelte nicht, dass das Lied Julien gelten sollte.
Er überdachte das Benehmen des Fräuleins in der letzten Zeit, das Verstecken des
Bildes und verschiedene hingeworfene Reden, und konnte sich selbst der Meinung
nicht erwehren, dass sie verliebt sei; aber wen sie meine, blieb ihm noch immer
dunkel.
    Unterdes hatte sich der Tag immer mehr und mehr erhoben, hin und wieder im
Schloss gingen schon Türen auf und zu, bis es endlich nach und nach lebendig
wurde. Wer es weiss, was es heisst, ein so schwerfälliges Haus flottzumachen, der
wird sich von dem Rumpelmorgen einen Begriff machen können, der nun begann. Wie
auf einem Schiffe, das sich zu einer nahen Schlacht bereitet, verbreitete sich
langsam wachsend ein dunkles Getöse von Eile und Geschäftigkeit durchs ganze
Schloss, Betten, Koffer und Schachteln flogen aus einer Ecke in die andere, nur
noch selten hörte man die Kommandotrompete der Tante dazwischentönen. Für
Leontin waren diese feierlichen Vorbereitungen, die Wichtigkeit, mit der jeder
sein Geschäft betrieb, ein wahres Fest. Unermüdlich befand er sich überall
mitten im Gewühle und suchte unter dem Scheine der Hülfleistung die Verwirrung
immer grösser zu machen, bis er endlich durch seine zweideutigen Mienen den Zorn
der gesamten Frauenzimmer dergestalt gegen sich empört hatte, dass er es für das
rätlichste hielt, Reissaus zu nehmen.
    Er setzte sich daher mit Friedrich und Viktor, so hiess der Teolog, zu
Pferde und sie ritten auf das Gut hinaus. Viktor, der nun mit den beiden schon
vertrauter und gesprächiger geworden war, schien alle Trübnis dahintengelassen
zu haben, als sie über die Berge ritten. Er war auf einmal ausgelassen lustig,
und sie konnten nicht umhin, über den sonderbar wechselnden Menschen zu
erstaunen, der besonders ganz nach Leontins Geschmack war. Unterwegs sahen sie
den seltsamen, irrenden Ritter, der schon lange wieder das Schloss verlassen
hatte, in der Ferne auf seinem Gaule über ein Ackerfeld hinwegstolpern. Viktor
brachte dieser Anblick ganz ausser sich vor Freude. Er rief ihm sogleich mit
geschwenktem Hute zu. Da aber jener, statt stillzuhalten, seinen Gaul vielmehr
in Trab setzte, um ihnen zu entkommen, so drückte er sogleich die Sporen ein und
machte Jagd auf ihn. Er hatte ihn bald eingeholt und brachte ihn unter einem
heftigen und lauten Wortwechsel mit sich zurück. Um diese Eroberung vermehrt,
zogen sie nun fröhlich weiter und erblickten nach einigen Stunden endlich das
Gut des Herrn v. A., als sie auf einer Anhöhe plötzlich aus dem Walde
herauskamen. Das kleine Schloss mit seinem netten Hofe lag mitten in einem
einsamen Tale, ringsumher von Tannenwäldern umschlossen. Leontin, den diese
tiefe Einsamkeit überraschte, blieb in Gedanken stehen und sagte: »Wie
fürchterlich schön, hier mit einem geliebten Weibe ein ganzes Leben lang zu
wohnen! Ich möchte mich um alle Welt nicht verlieben.«
    Als sie unten in das Tal hinabzogen, bog auch schon auf der Höhe der Wagen
des Herrn v. A. mit seinen vier Rappen um die Waldesecke herum, und der Kutscher
knallte lustig mit der Peitsche, dass es weit in die Wälder hineinschallte. Das
Fräulein lehnte sich zum Wagen hinaus. »Da reitet er!« rief sie auf einmal
hastig. - Zum Glücke rollte der Wagen zu schnell hinab, und die Tante hatte es
nicht gehört.
    Am folgenden Morgen, da die Gesellschaft zur Jagd aufbrach, war Leontin
schon lange draussen im Walde. Er hatte sich von den Jägern im allgemeinen die
Gegend bezeichnen lassen, wo die Jagd gehalten werden sollte, und war noch vor
Tagesanbruch allein herausgeritten. Denn ihm waren alle die weitläufigen und
schulgerechten Zurüstungen, die einer solchen allgemeinen Jagd immer
vorherzugehen pflegen, in den Tod verhasst. Er durchstrich daher an dem frischen
Morgen allein die einsame Heide, wo ihn oft plötzlich durch eine Lichtung des
Waldes die herrlichsten Aussichten überraschten und stundenlang festbannten. So
folgte er dem lustigen Jagdgewirre immer von weitem nach. Und wie unter ihm die
Wälder rauchten, hin und wieder Schüsse fielen, und zwischen dem Gebell der
Hunde die Hörner von Zeit zu Zeit ertönten, da dichtete seine frische Seele
unaufhörlich seltsame Lieder, die er sogleich sang, ohne jemals ein einziges
aufzuzeichnen. Denn was er aufschrieb, daran verlor er sogleich die freie,
unbestimmte Lust. Es war, als bräche das Wort unter seiner Hand die luftigen
Schwingen. Er beherrschte nicht, wie der besonnene Dichter, das gewaltige
Element der Poesie, der Glückliche wurde von ihr beherrscht.
    Unterdes war die Sonne schon hoch über die Wipfel des Waldes gestiegen, nur
noch hin und her gaben die Hunde einzelne Laute, kein Schuss fiel mehr und der
Wald wurde auf einmal wieder still. Die Jäger durchstrichen das Revier und
riefen mit ihren Hiftörnern die zerstreuten Schützen von allen Seiten zusammen.
So hatte sich nach und nach die Gesellschaft, ausser Leontin zusammengefunden und
auf einer grossen, schönen Wiese gelagert, die kühl und luftig zwischen den
Waldbergen sich hinstreckte. Mehrere benachbarte Edelleute waren schon
frühmorgens mit ihren Söhnen und Töchtern im Walde zur Jagd gestossen und
vermehrten nun den Trupp ansehnlich. Die Mädchen sassen, wie Blumen in einen
Teppich gewirkt, mit ihren bunten Tüchern lustig im Grünen, reinlich gedeckte
Tische mit Esswaren und Wein standen schimmernd unter den kühlen Schatten, die
Tante ging, alles fleissig und mit gutem Sinne ordnend, umher. Julie hatte,
während Friedrichs und Leontins Aufentalte auf dem Schloss, den benachbarten
Fräulein schon manches von den beiden Fremden geschrieben, vielerlei seltsame
Dinge hatte der Ruf, der auf dem Lande alles Fremde um desto hungriger ergreift,
je seltener es ihm kommt, zu ihnen getragen. Friedrich hatten sie nun
kennengelernt, aber seine ruhige, einfache Sitte befriedigte die jungen,
neugierigen Seelen keineswegs. Und doch hatte ihnen Julie immer nur von ihm mit
so vieler Wärme und Ausführlichkeit geschrieben, Leontin aber bloss mit einigen
flüchtigen Worten berührt, aus denen sie niemals recht klug werden konnten. -
Auf einmal trat auch dieser gegenüber auf der Höhe aus dem Walde, und alle die
jungen, schönen Augen flogen der hohen, schlanken Gestalt zu. Er konnte sich
nicht entalten, als er unter sich das bunte Lustlager erblickte, seinen Hut
überm Kopfe zu schwenken. Man erwiderte von unten seine Begrüssung, wobei sich
insbesondere Viktor wieder auszeichnete. Er warf seinen Hut mit fröhlicher Wut
hoch in die Luft, ergriff schnell seine Büchse und schoss ihn so im Fluge, zu
nicht geringem Schrecken der sämtlichen Frauenzimmer, wieder herab.
    Leontin war indes hinabgestiegen, und alles rückte sich nun um die
reichbedeckten Tische zusammen. Die Jäger lagen, ihre Weinflaschen in der Hand,
hin und her zerstreut, ihre Hunde lechzend neben ihnen auf den Boden
hingestreckt. Der freie Himmel machte alle Herzen weit, der Wein blickte golden
aus den hellgeschliffenen Gläsern, wie die Lust aus den glänzenden Augen, und
ein fröhliches Durcheinandersprechen erfüllte bald die Luft. Unter den fremden
Fräulein befand sich auch eine Braut, ein hübsches, junges, sehr munteres
Mädchen. Ihr Bräutigam war ein schöner, schlanker Landjunker mit einem
bedeutenden Gesicht voll Leben, um das es jammerschade war, dass es durch einige
rohe Züge entstellt wurde. Er musste sich auf das tumultuarische Andringen
sämtlicher Alten feierlich neben seine Braut setzen, welches er auch ohne
weiteres tat. »Könnte ich es nur ein einziges Mal in meinem Leben so weit
bringen«, sagte Leontin zu Friedrich, »so einen stattlichen, engelrechten
Bräutigam vorzustellen! So eine öffentliche Brautschaft ist wie ein Wirtshaus
mit einem abgeschabten Cupido am Aushängeschilde, wo jedermann aus und ein gehen
und sein bisschen Witz blicken lassen darf.«
    Wehe der Braut, die unter lustige Trinker gerät! So wurde auch hier nach
rechter deutscher Weise dem Brautpaare bald von allen Seiten mit kernigen
Anhängen zugetrunken, wofür sich die junge Braut immer zierlich und errötend
bedankte, indem sie jedesmal ebenfalls das Glas an den Mund setzte. Auch
Leontin, der sich an dem allgemeinen Getümmel von guten und schlechten Einfällen
ergötzte, und dem die feinen Lippen der Braut rosiger vorkamen, wenn sie sie in
den goldenen Rand des Weines tauchte, setzte ihr tapfer zu und trank mehr als
gewöhnlich.
    Die alten Herren hatten sich indes in einen weitläufigen Diskurs über die
Begebenheiten und Heldentaten der heutigen Jagd verwickelt und konnten nicht
aufhören, zu erzählen, wie jener Hase so herrlich zum Schuss gekommen, wie jener
Hund angeschlagen, der andre die Jagd dreimal gewendet usw. Leontin, der auch
mit in das Gespräch hineingezogen wurde, sagte: »Ich liebe an der Jagd nur den
frischen Morgen, den Wald, die lustigen Hörner und das gefährliche, freie,
soldatische Leben.« - Alle nahmen sogleich Partei gegen diesen ketzerischen Satz
und überschrieen ihn heftig mit einem verworrenen Schwall von Widersprüchen.
»Die eigentlichen Jäger vom Handwerk«, fuhr Leontin lustig fort, »sind die
eigentlichen Pfuscher in der edlen Jägerei, Narren des Waldes, Pedanten, die den
Waldgeist nicht verstehen; man sollte sie gar nicht zulassen, uns andern gehört
das schöne Waldrevier!« Diese offenbare Kriegserklärung brachte nun vollends
alles in Harnisch. Von allen Seiten fiel man laut über ihn her. Leontin, den der
viele Wein und die allgemeine Fehde erst recht in seine Lustigkeit
hineinversetzt hatte, wusste sich nicht mehr anders zu retten: er ergriff die
Gitarre, die Julie mitgebracht, sprang auf seinen Stuhl hinauf und übersang die
Kämpfenden mit folgendem Liede:
»Was wollt ihr in dem Walde haben,
Mag sich die arme Menschenbrust
Am Waldesgrusse nicht erlaben,
Am Morgenrot und grüner Lust?
Was tragt ihr Hörner an der Seite,
Wenn ihr des Hornes Sinn vergasst,
Wenn's euch nicht selbst lockt in die Weite,
Wie ihr vom Berg frühmorgens blast?
Ihr werdt doch nicht die Lust erjagen,
Ihr mögt durch alle Wälder gehn;
Nur müde Füss und leere Magen -
Mir möcht die Jägerei vergehn!
O nehmet doch die Schneiderelle,
Guckt in der Küche in den Topf!
Sonntags dann auf des Hauses Schwelle
Krau euch die Ehfrau auf dem Kopf!
Die Tierlein selber: Hirsch und Rehen,
Was lustig haust im grünen Haus,
Sie fliehn auf ihre freien Höhen,
Und lachen arme Wichte aus.
Doch, kommt ein Jäger, wohlgeboren,
Das Horn irrt, er blitzt rosenrot,
Da ist das Hirschlein wohl verloren,
Stellt selber sich zum lust'gen Tod.
Vor allen aber die Verliebten,
Die lad ich ein zur Jägerlust,
Nur nicht die weinerlich Betrübten -
Die recht von frisch' und starker Brust.
Mein Schatz ist Königin im Walde,
Ich stoss ins Horn, ins Jägerhorn!
Sie hört mich fern und naht wohl balde,
Und was ich blas, ist nicht verlorn.
Ich glaube, ich blase gar schon aus des Knaben Wunderhorn«, unterbrach er sich
hier selber, und sprang schnell von seinem Stuhle. Die ganze Gesellschaft war
durch das lustige Lied wieder mit ihm ausgesöhnt, der Streit war vergessen, und
von allen Seiten wurde auf die Gesundheit des Sängers getrunken.
    Unterdes zog der seltsame Viktor, der sich während Leontins Gesang
fortgeschlichen hatte, weil er kein Lied vertragen konnte, wo er nicht selbst
mitsingen durfte, aller Augen auf ein neues Schauspiel. Er warf nämlich im
Hintergrunde, um nicht bemerkt zu werden, zu seiner eigenen Herzenslust, die
leeren Weinfässchen in die Luft, während die Jäger alle nach denselben schiessen
mussten, welches nicht ohne das grösste Geschrei ablief. Die Tante, welche keinen
Rausch an Männern ertragen konnte, befürchtete eine allgemeine Anarchie und lud
die Gesellschaft, um die erhitzen Gemüter zu zerstreuen, noch auf einige
Stunden zu sich auf das Jagdschloss. Alles brach daher auf und bestieg den Wagen.
Friedrich, Leontin und Viktor ritten wieder dem langen Zuge voran, den Ritter
von der traurigen Gestalt in ihrer Mitte, dessen baufälliges Pferd die Jäger mit
einem Baldachin von grünen Zweigen und jungen Bäumchen besteckt hatten, so dass
er, gleich Münchhausen, wie unter einer Laube ritt.
    Als sie auf dem Schloss angekommen waren, wurden geschwind noch einige
Musikanten, so gut sie hier zu bekommen waren, zusammengebracht, und man tanzte
bis zur einbrechenden Nacht. Für Friedrich und Leontin, die, frühzeitig in die
Welt hinausgestossen, gewohnt waren, das Leben immer nur in grossen, vollendeten
Massen, gleichsam wie im Fluge, zu berühren, gewährte dieser kleine Kreis, wo
fast alle, miteinander verwandt, nur eine Familie bildeten, eine neue
Erscheinung. Die erquickliche Art, wie die jungen Landfräulein immer mit Mund,
Händen und den muntern Augen zugleich erzählten, ihre kleinen Manieren und
unschuldige Koketterie, die Sorgfalt, mit welcher die Mütter nach jedem Tanze
herumgingen und ihren artigen Kätzchen die Haare aus der heissen Stirne strichen
und sie ermahnten, nicht kalt zu trinken, das lächelnde Wohlbehagen, mit dem
eine jede alle Mienen Leontins und Friedrichs verfolgte, wenn sie sich mit ihren
Töchtern gut zu unterhalten schienen, alles dies machte auf die beiden Fremden
den sonderbarsten Eindruck, und sie hätten mit ihrem neuen und ungewöhnlichen
Wesen heut viele Herzen erobern können, wenn der eine nicht zu grossmütig, der
andre nicht zu wild gewesen wäre.
    Leontin walzte mit der niedlichen Braut. Sie tanzte ausserordentlich leicht
und schön, und wie er so den schlanken, vollen Leib im Arme hatte, sah sie so
unbeschreiblich frisch und reizend aus, dass er sich nicht entalten konnte, das
schöne Kind einige Male an sich zu drücken. Sie blickte heimlich lächelnd mit
listig fragenden Augen zu ihm hinauf. Sie konnten endlich beide vor Müdigkeit
nicht mehr weiter fort und er tanzte daher mit ihr bis in die nächste
Fensternische, wo sie zusammen auf die Stühle sanken.
    Nach einiger Zeit sah er sie an einem andern Fenster neben Fräulein Julie in
ruhigem Gespräche sitzen. Er lehnte sich hinter ihnen an die Wand, ohne von
ihnen bemerkt zu werden. Sie erzählte Julie, wann ihre Hochzeit sein werde,
wieviel feine Wäsche sie mitbekomme, wie sie ihren kleinen Garten einrichten
wollten usw. »Dort in dem Schlösschen unten«, fuhr sie fort, »werden wir wohnen.«
Leontin warf einen Blick durch das offene Fenster und sah das Dach des
Schlösschens, soeben vom Abendrot beleuchtet, unbeschreiblich einsam und
verlassen aus den Wäldern hervorragen. Eine grosse Bangigkeit überflog da sein
Herz und er versank in tiefe Gedanken. Die Braut, die unterdes auf einmal gewahr
wurde, dass er alles mit angehört, schämte sich und verdeckte ihr Gesicht mit
beiden Händen.
    In diesem Augenblick hörte man ein verworrenes Getöse auf der Stiege, die
Tür gähnte und spie einen ganzen Knäuel der seltsamsten und abenteuerlichsten
Zerrbilder und Missgestalten aus, wie sie nur eine fürchterlich reiche, dunkel in
sich selber arbeitende Phantasie ersinnen konnte. »Viktor!« - riefen Leontin und
Friedrich zugleich, und sie hatten es erraten. Dieser hatte nämlich in
möglichster Hast alles Altmodische, Lächerliche und Zerlumpte von
Kleidungsstücken, dessen er habhaft werden konnte, zusammengerafft und damit die
Bedienten und Jäger des Herrn v. A. aufgeputzt. Mit einem unübertrefflich
raschen und glücklichen Witze hatte er, da er alle genau kannte, jedem
zugeteilt, was ihm zukam, und so durch eine ungewöhnliche Verbindung des
Gewöhnlichsten den phantasiereichsten Charakterzug erschaffen. Da keine Larven
vorhanden waren, so hatte er selber in aller Schnelligkeit die Gesichter gemalt,
und man musste zugeben, jedes war ein wahrer Triumph der freisten und schärfsten
Laune, denn eines jeden verborgenste, innerste Narrheit lachte erlöst aus den
Zügen. Besonders zeichnete sich eine über alle Massen dünne und schneiderartige
Figur aus mit einem unbeschreiblich albern lächelnden Gesichte, dem er alle
Haare rückwärts aus der glatten Stirne gekämmt hatte. Der Leib des alten Rockes
war um ebensoviel zu lang, als die knappen Ärmel zu kurz erschienen. Recht oben
auf dem Wirbel schwebte ein winziges Hütchen, in der Hand trug er einen kleinen
Sonnenschirm. Viktor selbst führte in einem umgekehrten Rocke mit einer
verstimmten Geige den Zug an und war recht das Salz und die Seele des
Abenteuers. Mit einer Wut von Lust wusste er einem jeden seinen eigentümlichen
Spielraum zu verschaffen, und selbst die Eitelsten dahin zu bringen, dass sie
sich einmal über sich selbst erhoben und ihre eigene Narrheit zum Narren hatten.
Und so gebärdeten sich denn auch die Ungeschicktesten meisterhaft, so wie die
Plumpheit selber komisch wird, wenn sie über ihre eigenen Füsse fällt. Herr v. A.
stand ganz still in einer Ecke und lachte, dass ihm die Augen übergingen. Die
Tante, die, wie fast alle Damen, keinen unmittelbaren Spass verstand, lächelte
gezwungen. Manche andere schämten sich zu lachen, und taten sich Gewalt an,
ernstaft auszusehen. Den irrenden Ritter aber hatte, seltsam genug, gleich beim
Eintritte des Maskenzuges eine sonderbare Furcht überfallen; er nahm Reissaus und
liess sich nicht wieder sehen.
    Viktor führte daher, als die Ergötzung an dem Spektakel anfing lau zu
werden, endlich die Bande wieder fort, um den flüchtigen Ritter aufzusuchen. Sie
fanden ihn in einem finstern Winkel des Hofes versteckt. Er war äusserst
aufgebracht und wehrte sich mit Händen und Füssen, als sie ihn aufspürten. Viktor
nahm ihn beim Arme und walzte mit ihm, wie wahnsinnig, im Hofe um den Brunnen
herum. Ein alter, dicker Gerichtsverwalter, dem sie unvermerkt die Dose mit
Kienruss gefüllt, und der daher, da er sich bei jeder Prise das Gesicht bemalte,
wider sein Wissen und Willen eine Hauptfigur in dem Lustspiele abgab, musste
ebenfalls an einer allgemeinen Menuett teilnehmen, die sich jetzt in dem Hofe
entspann. Ein einziges Licht stand auf einem Pfahle und warf im Winde einen
flatternden Schein über die seltsame Verwirrung. Leontin, der sich bald anfangs
mit Leib und Seele mit hineingemischt hatte, sass hoch oben auf dem Gartenzaune
und strich die verstimmte Geige dazu. Den irrenden Ritter, der sich indes voll
Angst und Zorn mit Gewalt wieder losgemacht hatte, sah man auf seinem Pferde
mitten in der mondhellen Nacht über die Felder entfliehen.
    »Wie haben Ihnen die Streiche gefallen?« fragte die Tante den Grafen
Friedrich, von dem sie ganz zuversichtlich erwartete, dass er den Spass für
unanständig hielt. »In meinem Leben«, sagte Friedrich, »habe ich keine Pantomime
gesehen, wo mit so einfachen Mitteln so Vollkommenes erreicht worden wäre. Es
wäre zu wünschen, man könnte die weltberühmten Mimiker, Grotesktänzer, und wie
sie sich immer nennen, auf einen Augenblick zu ihrer Belehrung unter diesen
Trupp versetzen. Wie armselig, nüchtern und albern würden sie sich unter diesen
tüchtigen Gesellen ausnehmen, die nicht bloss diese oder jene einzelne Richtung
des Komischen ängstlich herausheben, sondern Sprache, Witz und den ganzen
Menschen in Anspruch nehmen. Jene ermatten uns recht mit allgemeinen Spässchen
ohne alle Individualität, mit hergebrachten, längst abgenutzten Mienen und
Sprüngen, und vor lauter künstlichen Anstalten zum Lachen kommen wir niemals zum
Lachen selber. Hier erfindet jeder selbst, wie es ihm die Lust des Augenblickes
eingibt, und die Torheit lacht uns unmittelbar und keck ins Gesicht, dass uns
recht das Herz vor Freiheit aufgeht.« - »Das ist wahr«, sagte die Tante, über
dieses Urteil erstaunt, »unser Viktor ist ein pudelnärrischer, lustiger Mensch.«
- »Das glaube ich kaum«, erwiderte Friedrich, »ein Mensch muss sehr kalt oder
sehr unglücklich sein, um so zu phantasieren. Viktor kommt mir vor wie jener
Prinz in Sizilien, der in seinem Garten und Schloss alles schief baute, so dass
sein Herz das einzige Gerade in der phantastischen Verkehrung war.«
    Es war unterdes schon spät geworden, die fremden Wagen fuhren unten vor, und
die Gesellschaft fing an Abschied zu nehmen und aufzusteigen. In dem allgemeinen
Getümmel der Bekomplimentierungen hatte die niedliche Braut noch ein Tuch
vergessen. Sie lief daher mit Julie noch einmal in das Zimmer zurück. Es war
niemand mehr darin; nur Leontin, der endlich auch die Maskenbande verlassen
hatte, kam soeben von der andern Seite herein. Das lustige Mädchen versteckte
sich schnell, da sie ihn erblickte, hinter die lange Fenstergardine und wickelte
sich ganz darein, so dass nur die muntern Augen lüstern auffordernd aus dem
Schleier hervorbljetzten. Leontin zog das schöne mutwillige Kind heraus und küsste
sie auf den Mund. Sie gab ihm schnell einen herzhaften Kuss wieder und rannte
eiligst zu dem Wagen zurück, wo man ihrer schon harrte. »Ade, ade!« sagte sie
noch am Schlage zu Julie, eigentlich aber mehr zu Leontin hingewendet, »ihr seht
mich nun so bald nicht wieder, gewiss nicht.« - Und sie hielt Wort.
    Die Gäste waren nun fort, Herr v. A. und seine Schwester schlafen gegangen,
und alles im Schloss leer und still. Leontin sass oben im Vorsaale im offenen
Fenster. Draussen zogen Gewitter, man sah es am fernen Horizonte blitzen.
Fräulein Julie ging soeben, mit einem Lichte in der Hand, über den Hausflur nach
ihrer Schlafkammer. Er rief ihr eine gute Nacht zu. Sie war unentschlossen, ob
sie bleiben oder weitergehen sollte. Endlich kehrte sie zögernd um und trat zu
ihm ans Fenster. Da bemerkte er Tränen in ihren grossen Augen; sie war ihm noch
nie so wunderschön vorgekommen. »Liebe Julie!« sagte er, und fasste ihre kleine
Hand, die sie gern in der seinigen liess. Der Wind, der zum Fenster hereinkam,
löschte ihr plötzlich das Licht aus. Mit abgewendetem Gesicht sprach sie da
einige Worte in die Nacht hinaus, aber so leise und, wie es ihm schien, von
verhaltenem Weinen erstickt, dass er nichts verstehen konnte. Er wollte sie
fragen, aber sie zog ihre Hand weg und ging schnell in ihr Schlafzimmer.
    Ohne zu wissen, was er davon halten sollte, schaute er voller Gedanken in
den finstern Hof hinunter. Dort sah er Viktor auf einem grossen Steine sitzen,
den Kopf in beide Hände gestützt; er schien eingeschlafen. Er eilte daher selber
in den Hof hinab und nahm die Gitarre mit, die er unten im Fenster liegend fand.
»Wir wollen diese Nacht auf dem Teiche herumfahren«, sagte er zu Viktor, der
indes aufgewacht war. Dieser war sogleich mit voller Lust von der Partie, und so
zogen sie zusammen hinaus.
    Sie bestiegen den kleinen Kahn, der unweit vom Schloss im Schilfe
angebunden lag, und ruderten bis in die Mitte des Sees. Die ganze Runde war
totenstill, nur einige Nachtvögel pfiffen von Zeit zu Zeit aus dem Walde
herüber. Es schien, als wollte das Wetter heraufkommen, das man von ferne sah,
denn ein kühler Wind flog über den Teich voran und kräuselte die ruhige Fläche.
Sie glaubten Fräulein Julie an dem Fenster zu bemerken. Da sang Leontin, der
vorn im Kahne aufrecht stand, folgendes Lied zur Gitarre, während der ewig rege
und unruhige Viktor bald tollkühn mit dem Kahne schaukelte, bald wieder in den
Wald hinausrief, dass hin und her die Hunde an den nächsten Häusern wach wurden:
»Schlafe Liebchen, weil's auf Erden
Nun so still und seltsam wird!
Oben geht die goldne Herde,
Für uns alle wacht der Hirt.
In der Ferne ziehn Gewitter;
Einsam auf dem Schifflein schwank
Greif ich draussen in die Ziter,
Weil mir gar so schwül und bang.
Schlingend sich an Bäum und Zweigen,
In dein stilles Kämmerlein,
Wie auf goldnen Leitern, steigen
Diese Töne aus und ein.
Und ein wunderschöner Knabe
Schifft hoch über Tal und Kluft,
Rührt mit seinem goldnen Stabe
Säuselnd in der lauen Luft.
Und in wunderbaren Weisen
Singt er ein uraltes Lied,
Das in linden Zauberkreisen
Hinter seinem Schifflein zieht.
Ach, den süssen Klang verführet
Weit der buhlerische Wind,
Und durch Schloss und Wand ihn spüret
Träumend jedes schöne Kind.«
Es fing stärker an zu blitzen, das Gewitter stieg herauf. Viktor schaukelte
heftiger mit dem Kahne; Leontin sang:
»Es waren zwei junge Grafen
Verliebt bis in den Tod,
Die konnten nicht ruhn noch schlafen
Bis an den Morgen rot.
O trau den zwei Gesellen,
Mein Liebchen, nimmermehr,
Die gehn wie Wind und Wellen,
Gott weiss: wohin, woher. -
Wir grüssen Land und Sterne
Mit wunderbarem Klang,
Und wer uns spürt von ferne,
Dem wird so wohl und bang.
Wir haben wohl hienieden
Kein Haus an keinem Ort,
Es reisen die Gedanken
Zur Heimat ewig fort.
Wie eines Stromes Dringen
Geht unser Lebenslauf,
Gesanges Macht und Ringen
Tut helle Augen auf.
Und Ufer, Wolkenflügel,
Die Liebe hoch und mild -
Es wird in diesem Spiegel
Die ganze Welt zum Bild.
Dich rührt die frische Helle,
Das Rauschen heimlich, kühl,
Das lockt dich zu der Welle,
Weil's draussen leer und schwül.
Doch wolle nie dir halten
Der Bilder Wunder fest,
Tot wird ihr freies Walten,
Hältst du es weltlich fest.
Kein Bett darf er hier finden.
Wohl in den Tälern schön
Siehst du sein Gold sich winden,
Dann plötzlich meerwärts drehn.«
Viktor, der unterdes, ohne auf das Lied zu achten, immerfort das Echo versuchte,
zwang ihn, durch sein übermässiges Rufen und Schreien, hier abzubrechen. Julie
hatte auch schon lange das Fenster geschlossen und alles im Schloss war finster
und still. Das Gewitter zog indes gerade über ihnen hin, die Wälder rauschten
von allen Seiten. Leontin griff stärker und frömmer in die Saiten:
»Schlag mit den flamm'gen Flügeln!
Wenn Blitz aus Blitz sich reisst,
Steht wie in Rossesbügeln
So ritterlich mein Geist.
Waldesrauschen, Wetterblicken
Macht recht die Seele los,
Da grüsst sie mit Entzücken,
Was wahrhaft, ernst und gross.
Es schiffen die Gedanken
Fern wie auf weitem Meer,
Wie auch die Wogen schwanken:
Die Segel schwellen mehr.
Herr Gott, es wacht dein Wille!
Wie Tag und Lust verwehn,
Mein Herz wird mir so stille
Und wird nicht untergehn.«
Sie bemerkten nun einen roten Schein, der über dem Schlosshofe zu stehen schien.
Sie hielten es für einen Feuermann; denn die ganze Zeit hindurch hatten sie
rings in der Runde solche Erscheinungen, wie Wachtfeuer, lodern gesehen: teils
bläuliche Irrlichter, die im Winde über die Wiesen streiften, teils grössere
Feuergestalten, mit zweifelhaftem Glanze durch die Nacht wandelnd. Als sie aber
wieder hinblickten, sahen sie den Feuermann über dem Schloss sich langsam
dehnen und riesengross wachsen, und ein langer Blitz, der soeben die ganze Gegend
beleuchtete, zeigte ihnen, dass der Schein gerade vom Dache ausging. »Um Gottes
willen, das ist Feuer im Schloss!« rief Viktor erblassend, und sie ruderten, ohne
ein Wort zu sprechen, eiligst auf das Ufer zu.
    Als sie ans Land kamen, sahen sie bereits einen rötlichen Qualm zum
Dachfenster hervordringen und sich in fürchterlichen Kreisen in die Nacht
hinauswälzen. Alles im Hause und im Hofe schlief noch in tiefster Ruhe. Viktor
machte Lärm an allen Türen und Fenstern. Leontin eilte in die Kirche und zog die
Sturmglocke, deren abgebrochene, dumpfe Klänge, die weit über die stillen Berge
hinzogen, ihn selber im Innersten erschütterten. Der Nachtwächter ging durch die
Gassen des Dorfes und erfüllte die Luft mit den grässlichen Jammertönen seines
Hornes. Und so wurde endlich nach und nach alles lebendig, und rannte mit
bleichen Totengesichtern, gleich Gespenstern, bestürzt und verstört
durcheinander. Die heftige Tante hatte bald der erste Schrecken überwältigt. Sie
lag bewusstlos in Krämpfen und vermehrte so die allgemeine Verwirrung noch mehr.
    Schon schlug die helle Flamme oben aus dem Dache, das Hinterhaus stand noch
ruhig und unversehrt. Niemanden fiel es in der ersten Bestürzung ein, dass
Fräulein Julie im Hinterhause schlafe und ohne Rettung verloren sei, wenn die
Flamme die einzige Stiege, die dort hinaufführte, ergriffe. Leontin dachte daran
und stürzte sich sogleich in die Glut.
    Als er in ihr Schlafzimmer trat, sah er das schöne Mädchen, den Kopf auf den
vollen, weissen Arm gesenkt, in ungestörtem Schlafe ruhen. Alles in dem Zimmer
lag noch still und friedlich umher, wie sie es beim Entkleiden hingelegt; ein
aufgeschlagenes Gebetbuch lag an ihrer Seite. Es war ihm in diesem Augenblicke,
als sähe er einen schönen, goldgelockten Engel neben ihrem Bette sitzen, der
schaute mit den stillen, himmlischen Augen in das wilde Element, das sich vor
Kinderaugen fürchtet. - Das Fräulein schlug verwundert fragend die grossen Augen
auf, als er zu ihr trat, und erblickte bald die ungewöhnliche, schreckliche
Helle durch das ganze Haus. Leontin schlug schnell das Bettuch um sie herum und
nahm sie auf den Arm. Ohne ein Wort zu sprechen, umklammerte sie ihn in stummem
Schrecken. Ein heftiger Wind, der aus dem Brande selbst auszugehen schien,
faltete indes die Flammenfahnen immer mehr auseinander, der schreckliche
Feuermann griff mit seinen Riesenarmen rechts und links in die dunkle Nacht und
hatte bereits auch schon das Hinterhaus erfasst. Da sah Leontin auf einmal,
mitten zwischen den Flammen, eine unbekannte weibliche Gestalt in weissem Gewande
erscheinen, die ruhig in dem Getümmel auf und nieder ging. »Gott sei Dank!«
hörte er zugleich draussen die Bauern rufen, »wenn die da ist, wird's bald besser
gehn.« - »Wer ist die weisse Frau?« fragte Leontin, der nicht ohne innerlichen
Schauder auf sie hinblicken konnte. Julie, die ihr Gesicht fest an ihn gedrückt
hatte, überhörte in der Verwirrung die Frage, und so trug er sie hoch durch das
Feuer hindurch, ohne die Augen von der fremden Gestalt zu wenden. Kaum hatte er
aber das Fräulein im Hofe niedergesetzt, als er selber, von dem Rauche, der
Hitze und Anstrengung ganz erschöpft, bewusstlos auf den Boden hinsank.
    Jene seltsame Erscheinung hatte währenddessen alle mit frischem Mute
beseelt, und so war es der verdoppelten Anstrengung gelungen, die Flammen
endlich zu zwingen. Als Leontin die Augen wieder aufschlug, sah er mit Erstaunen
alles ringsumher schon leer und ruhig. Die weisse Frau aber war mit dem Feuer
verschwunden, wie sie gekommen war. Er selber lag neben der Brandstätte auf
einem Kasten zwischen einer Menge geretteter Gerätschaften, die unordentlich
übereinanderlagen. Julie sass neben ihm und hatte seinen Kopf auf ihrem Schosse.
Alle andern hatten sich, von der Arbeit ermattet, nach und nach zerstreut, Herr
v. A. und seine Schwester noch auf einige Stunden sich zur Ruhe begeben. Nur
Viktor, der während des Brandes mehrere Male bis in die innersten Zimmer
eingedrungen, und immer mitten zwischen dem zusammenstürzenden Gebälk erschienen
war, sah er hoch auf einem halbabgebrannten Pfeiler eingeschlafen. Das prächtige
Feuerwerk war nun in sich selber zusammengesunken, nur hin und wieder flackerte
noch zuweilen ein Flämmchen auf, während einige dunkle Wachen an dem verwüsteten
Platze auf und ab gingen, um das Feuer zu hüten. Leontin hatte den einen Arm um
Julie geschlungen, die still neben ihm sass. Ihr Herz war so voll, wie noch
niemals in ihrem ganzen Leben. Im Innersten aufgeregt von den raschen
Begebenheiten dieser Nacht, war es ihr, als hätte sie in den wenigen Stunden
Jahre überlebt; was lange im stillen geglommen, war auf einmal in helle Flammen
ausgebrochen. Müde lehnte sie ihr Gesicht an seine Brust und sagte, ohne
aufzusehen: »Sie haben mir mein Leben gerettet. Ich kann es nicht beschreiben,
wie mir damals zumute war. Ich möchte Ihnen nun so gern aus ganzer Seele danken,
aber ich könnte es doch nicht ausdrücken, wenn ich es auch sagen wollte. Es ist
auch eigentlich nicht das, dass Sie mich aus dem Feuer getragen haben.« - Hier
hielt sie eine Weile inne, dann fuhr sie wieder fort: »Die Flamme ist nun
verloschen. Wenn der Tag kommt, ist alles wieder gut und ruhig, wie sonst. Jeder
geht wieder gelassen an seine alte Arbeit und denkt nicht mehr daran. Ich werde
diese Nacht niemals vergessen.«
    Sie sah bei diesen Worten gedankenvoll vor sich hin. Leontin hielt sich
nicht länger, er zog sie an sich und wollte sie küssen. Sie aber wehrte ihn ab
und sah ihn sonderbar an. - So sassen sie noch lange, wenig sprechend,
nebeneinander, bis endlich Julie die Augen zusanken. Er fühlte ihr ruhiges,
gleichförmiges Atmen an seiner Brust. Er hielt sie fest im Arme und sass so
träumerisch die übrige Nacht hindurch.
    Die Gewitter hatten sich indes ringsum verzogen, ein labender Duft stieg aus
den erquickten Feldern, Kräutern und Bäumen. Aurora stand schon hoch über den
Wäldern. Da weckte der kühle Morgenwind Julie aus dem Schlummer. Der Rausch der
Nacht war verflogen; sie erschrak über ihre Stellung in Leontins Armen und
bemerkte nun, da es überall licht war, mit Erröten, dass sie halb bloss war.
Leontin hob das schöne, verschlafene Kind hoch vor sich in den frischen Morgen
hinein, während sie ihr Gesicht mit beiden Händen bedeckte. Darauf sprang sie
fort von ihm und eilte ins Haus, wo soeben alles anfing sich zu ermuntern.
 
                                Neuntes Kapitel
Am Morgen sassen alle in der Stube des Jägers beim Frühstück versammelt, die
unruhigen Ereignisse dieser Nacht besprechend. Julie sah blass aus, und Leontin
bemerkte, dass sie oft heimlich über die Tasse weg nach ihm hinblickte, und
schnell wieder wegsah, wenn sein Auge ihr begegnete.
    Alle untersuchten darauf noch einmal die Brandstätte, die noch immer
fortrauchte. Man war allgemein der Meinung, dass ein Blitz gezündet haben müsse,
so viele Mühe sich auch der dicke Gerichtsverwalter gab, darzutun, dass es
boshafterweise angelegt sei, und dass man daher mit aller Strenge untersuchen und
verfahren müsse. Herr v. A. verschmerzte den Verlust sehr leicht, da er ohnedies
schon lange willens war, das alte Schlösschen niederreissen zu lassen, um ein
neues, bequemeres hinzubauen.
    Leontin fragte endlich wieder um die weisse Frau. »Es ist eine reiche Witwe«,
sagte Herr v. A., »die vor einigen Jahren plötzlich in diese Gegend kam und
mehrere Güter ankaufte. Sie ist im stillen sehr wohltätig, und, seltsam genug,
bei Tag und bei Nacht, wo immer ein Feuer ausbricht, sogleich bei der Hand,
wobei sie dann die armen Verunglückten mit ansehnlichen Summen unterstützt. Die
Bauern glauben nun ganz zuversichtlich, sobald sie nur erscheint, müsse das
Feuer sich legen, wie beim Anblick einer Heiligen. Übrigens empfängt und
erwidert sie keine Besuche, und niemand weiss eigentlich recht, wie sie heisst,
und woher sie gekommen; denn sie selber spricht niemals von ihrem vergangenen
Leben.« »Ja wohl«, sagte der Gerichtsverwalter, mit einer wichtigen Miene, »es
geht dort überaus geheimnisvoll zu. Aber es gibt auch noch Leute hinterm Berge.
Man weiss wohl, wie es zugeht in der Welt. Mein Gott! die liebe Jugend - junges
Blut tut nicht gut.« - »Ich bitte, malen Sie uns keinen Schnurrbart an das
Heiligenbild!« unterbrach ihn Leontin, der sich seine Phantasie von der
wunderbaren Erscheinung nicht verderben lassen wollte.
    Es war unterdes schon wieder aufgepackt worden, um auf das Schloss des Herrn
v. A. zurückzukehren. Leontin konnte der Begierde nicht widerstehen, die weisse
Frau näher kennenzulernen. Er beredete daher Friedrich, mit ihm einen Streifzug
nach dem nahegelegenen Gute derselben zu machen. Sie versprachen beide, noch vor
Abend wieder bei der Gesellschaft einzutreffen.
    Gegen Mittag kamen sie auf dem Landsitze der Unbekannten an. Sie fanden ein
neuerbautes Schloss, das, ohne eben gross zu sein, durch seine grosse, einfache
Erfindung auf das angenehmste überraschte. Eine Reihe hoher, schlanker Säulen
bildete oben den Vorderteil des Schlosses. Eine schöne, steinerne Stiege, welche
die ganze Breite des Hauses einnahm, führte zu diesem Säuleneingange hinauf. Die
Stiege erhob sich nur allmählich und terrassenförmig und war mit Orangen,
Zitronenbäumen und verschiedenen hohen Blumen besetzt. Vor dieser blühenden
Terrasse lag ein weiter, schattenreicher Garten ausgebreitet.
    Alles war still, es schien niemand zu Hause zu sein. Auf der Stiege lag ein
schönes, etwa zehnjähriges Mädchen über einem Tamburin, auf das sie das
zierliche Köpfchen gelehnt hatte, eingeschlummert. Oben hörte man eine Flötenuhr
spielen. Das Mädchen wachte auf, als sie an sie herankamen, und schüttelte
erstaunt die schwarzen Locken aus den muntern Augen. Dann sprang sie scheu auf
und in den Garten fort, während die Schellen des Tamburins, das sie hoch in die
Luft hielt, hell erklangen.
    Die beiden Grafen gingen nun in den Garten hinab, dessen ganze Anlage sie
nicht weniger anzog, als das Äussere des Schlosses. »Wie wahr ist es«, sagte
Friedrich, »dass jede Gegend schon von Natur ihre eigentümliche Schönheit, ihre
eigene Idee hat, die sich mit ihren Bächen, Bäumen und Bergen, wie mit
abgebrochenen Worten, auszusprechen sucht. Wen diese einzelnen Laute rühren, der
setzt mit wenigen Mitteln die ganze Rede zusammen. Und darin besteht doch
eigentlich die ganze Kunst und Lust, dass wir uns mit dem Garten recht
verstehen.« Leontin war indes mehrere Male verwundert stehengeblieben. »Höchst
seltsam!« sagte er endlich, als sie den Gipfel eines Hügels erreicht hatten,
»diese Baumgruppen, Wäldchen, Hügel und Aussichten erinnern mich ganz deutlich
an gewisse Gegenden, die ich in Italien gesehen, und an manchen glücklich
durchschwärmten Abend. Es ist wahrhaftig mehr als eine zufällige Täuschung.«
    Der Abend fing bereits an, einzubrechen, als sie wieder bei den Stufen der
grossen Stiege anlangten. Sie wurden beide von dem herrlichen Anblicke
überrascht, der sich ihnen dort von oben darbot. Die Gegend lag in der
abendroten Dämmerung wie ein verworrenes Zaubermeer von Bäumen, Strömen, Gärten
und Bergen, auf dem Nachtigallenlieder, gleich Sirenen, schifften. »Wie
glücklich«, sagte Friedrich, »ist eine beruhigte, stille Seele, die imstande
ist, so besonnen und gleichförmig nach allen Seiten hin zu wirken und zu
schaffen, die, von keiner besondern Leidenschaft mehr gestört, auf der schönen
Erde wie in der Vorhalle des grössern Tempels wohnt!«
    Er wurde hier durch einige Saitenakkorde unterbrochen, die aus dem Garten
herauftönten. Bald darauf hörten sie einen Gesang. Friedrich horchte voll
Erstaunen, denn es war dasselbe sonderbare Lied aus seiner Kindheit, das
manchmal auch Erwin in der Nacht gesungen, und das er sonst nirgends wieder
gehört hatte.
    Leontin war indes in das erste Zimmer hineingetreten, dessen Tür halb
geöffnet stand. Er warf einen flüchtigen Blick durch das Gemach. Ein altes, auf
Holz gemaltes Ritterbild hing dort an der Wand, über welche der Abend zuckend
die letzten ungewissen Strahlen warf. Leontin trat erschüttert zurück, denn er
erkannte auf einmal das beleuchtete Gesicht des Bildes. In demselben Augenblick
trat ein alter Bedienter von der andern Seite in das Zimmer und schien heftig zu
erschrecken, als er Leontin ansah. »Um Gottes willen«, rief Leontin ihm zu,
»sagen Sie mir, wer ist der Ritter dort?« Der Alte entfärbte sich und sah ihn
lange ernstaft und forschend an. »Das Bild ist vor mehreren hundert Jahren
gemalt, eine zufällige Ähnlichkeit muss Sie täuschen«, sagte er hierauf wieder
gesammelt und ruhig. »Wo ist die Frau vom Hause?« fragte Leontin wieder. »Sie
ist heut noch vor Tagesanbruch schnell fortgereist und kommt so bald nicht
zurück«, antwortete der Bediente und entfernte sich mit einer eiligen
Verbeugung, als wollte er allen fernern Fragen ausweichen.
    Unruhig kehrte nun Leontin wieder zu Friedrich zurück, gegen den er von dem
ganzen letzten Vorfalle nichts erwähnte. Weder der Bediente, noch auch das
zierliche, scheue Mädchen, das sie vorhin schlummernd angetroffen, zeigte sich
mehr, und so ritten beide endlich gedankenvoll auf das Schloss des Herrn v. A.
zurück, wo sie spät in der Nacht anlangten.
 
                                Zehntes Kapitel
Die alte, gleichförmige Ordnung der Lebensweise kehrte nun wieder auf dem
Schloss zurück. Die beiden Gäste hatten auf vieles Bitten noch einige Zeit
zugeben müssen und lebten jeder auf seine Weise fort. Friedrich dichtete wieder
fleissig im Garten oder in dem daranstossenden angenehmen Wäldchen. Meist war
dabei irgendein Buch aus der Bibliotek des Herrn v. A., wie es ihm gerade in
die Hände fiel, sein Begleiter. Seine Seele war dort so ungestört und heiter,
dass er die gewöhnlichsten Romane mit jener Andacht und Frischheit der Phantasie
ergriff, mit welcher wir in unserer Kindheit solche Sachen lesen. Wer denkt
nicht mit Vergnügen daran zurück, wie ihm zumute war, als er den ersten Robinson
oder Ritterroman las, aus dem ihm das früheste, lüsterne Vorgefühl, die
wunderbare Ahnung des ganzen, künftigen, reichen Lebens anwehte; wie zauberisch
da alles aussah und jeder Buchstab auf dem Papiere lebendig wurde? Wenn ihm dann
nach vielen Jahren ein solches Buch wieder in die Hand kommt, sucht er begierig
die alte Freude wieder auf darin, aber der frische, kindische Glanz, der damals
das Buch und die ganze Erde überschien, ist verschwunden, die Gestalten, mit
denen er so innig vertraut war, sind unterdes fremd und anders geworden, und
sehen ihn an wie ein schlechter Holzstich, dass er weinen und lachen möchte
zugleich. Mit so muntern, malerischen Kindesaugen durchflog denn auch Friedrich
diese Bücher. Wenn er dazwischen dann vom Blatte aufsah, glänzte von allen
Seiten der schöne Kreis der Landschaft in die Geschichten hinein, die Figuren,
wie der Wind durch die Blätter des Buches rauschte, erhoben sich vor ihm in der
grenzenlosen, grünen Stille und traten lebendig in die schimmernde Ferne hinaus;
und so war eigentlich kein Buch so schlecht erfunden, dass er es nicht erquickt
und belehrt aus der Hand gelegt hätte. Und das sind die rechten Leser, die mit
und über dem Buche dichten. Denn kein Dichter gibt einen fertigen Himmel; er
stellt nur die Himmelsleiter auf von der schönen Erde. Wer, zu träge und
unlustig, nicht den Mut verspürt, die goldenen, losen Sprossen zu besteigen, dem
bleibt der geheimnisvolle Buchstab ewig tot, und er täte besser, zu graben oder
zu pflügen, als so mit unnützem Lesen müssig zu gehn.
    Leontin dagegen durchstrich alle Morgen, wenn er es etwa nicht verschlief,
welches gar oft geschah, mit der Flinte auf dem Rücken Felder und Wälder,
schwamm einige Male des Tages über die reissendsten Stellen des Flusses, der im
Tale vorbeiging, und kannte bereits alle Pfade und Gesichter der Gegend. Auch
auf das Schloss der unbekannten Dame war er schon einige Male wieder
hinübergeritten, fand aber immer niemanden zu Hause. Alle Tage besuchte er
gewissenhaft ein paar wunderliche altkluge Gesellen auf dem Felde, die er auf
seinen Streifereien ausgespürt hatte, gab ihnen Tabak zu schnupfen, den er bloss
ihretwillen bei sich trug, und führte stundenlang eine tolle Unterhaltung mit
ihnen. Er las wenig, besonders von neuen Schriften, gegen die er eine Art von
Widerwillen hatte. Dessenungeachtet kannte er doch die ganze Literatur ziemlich
vollständig. Denn sein wunderliches Leben führte ihn von selbst und wider Willen
in Berührung mit allen ausgezeichneten Männern, und was er so bei Gelegenheit
kennenlernte, fasste er schnell und ganz auf.
    Sowohl er, als Friedrich besuchten fast alle Nachmittage den einsamen
Viktor, dessen kleines Wohnhaus, von einem noch kleineren Gärtchen umgeben, hart
am Kirchhofe lag. Dort unter den hohen Linden, die den schönberaseten Kirchhof
beschatteten, fanden sie den seltsamen Menschen vergraben in eine Werkstatt von
Meisseln, Bohrern, Drehscheiben und anderm unzähligen Handwerkszeuge, als wollte
er sich selber sein Grab bauen. Hier arbeitete und künstelte derselbe täglich,
soviel es ihm seine Berufsgeschäfte zuliessen, mit einem unbeschreiblichen Eifer
und Fleisse, ohne um die andere Welt draussen zu fragen. Ohne jemals eine
Anleitung genossen zu haben, verfertigte er Spieluhren, künstliche Schlösser,
neue, sonderbare Instrumente, und sein bei der Stille nach aussen ewig unruhiger
und reger Geist verfiel dabei auf die seltsamsten Erfindungen, die oft alle in
Erstaunen setzten. Seine Lieblingsidee war, ein Luftschiff zu erfinden, mit dem
man dieses lose Element ebenso bezwingen könnte, wie das Wasser, und er wäre
beinahe ein Gelehrter geworden, so hartnäckig und unermüdlich verfolgte er
diesen Gedanken. Für Poesie hatte er, sonderbar genug, durchaus keinen Sinn, so
willig, ja neugierig er auch aufhorchte, wenn Leontin oder Friedrich darüber
sprachen. Nur Abraham von St. Clara, jener geniale Schalk, der mit einer
ernstaften Amtsmiene die Narren auslacht, denen er zu predigen vorgibt, war
seine einzige und liebste Unterhaltung, und niemand verstand wohl die Werke
dieses Schriftstellers so zu durchdringen und sich aus Herzensgrunde daran zu
ergötzen, als er. In diesem unförmlichen »Gemisch-Gemasch« von Spott, Witz und
Humor fand sein sehr nahe verwandter Geist den rechten Tummelplatz.
    Übrigens hatte sich Friedrich gleich anfangs in seinem Urteile über ihn
keineswegs geirrt. Seine Gemütsart war wirklich durchaus dunkel und
melancholisch. Die eine Hälfte seines Lebens hindurch war er bis zum Tode
betrübt, mürrisch und unbehülflich, die andere Hälfte lustig bis zur
Ausgelassenheit, witzig, sinnreich und geschickt, so dass die meisten, die sich
mit einer gewöhnlichen Betrachtung der menschlichen Natur begnügen, ihn für
einen zweifachen Menschen hielten. Es war aber eben die Tiefe seines Wesens, dass
er sich niemals zu dem ordentlichen, immer gleichförmigen Spiele der andern an
der Oberfläche bequemen konnte, und selbst seine Lustigkeit, wenn sie oft
plötzlich losbrach, war durchaus ironisch und fast schauerlich. dabei waren alle
Schmeichelkünste und alltäglichen Handgriffe, sich durch die Welt zu helfen,
seiner spröden Natur so zuwider, dass er selbst die unschuldigsten,
gebräuchlichsten Gunstbewerbungen, ja sogar unter Freunden alle äussern Zeichen
der Freundschaft verschmähte. Vor allen sogenannten klugen, gemachten Leuten war
er besonders verschlossen, weil sie niemals weder seine Betrübnis, noch seine
Lust verstanden und ihn mit ihrer angebildeten Afterweisheit von allen Seiten
beengten. Die beiden Grafen waren die ersten in seinem Leben, die bei allen
seinen Äusserungen wussten, was er meine. Denn es ist das Besondere
ausgezeichneter Menschen, dass jede Erscheinung in ihrer reinen Brust sich in
ihrer ursprünglichen Eigentümlichkeit bespiegelt, ohne dass sie dieselbe durch
einen Beischmack ihres eigenen Selbst verderben. Er liebte sie daher auch mit
unerschütterlicher Treue bis zu seinem Tode.
    Sooft sie nachmittags zu ihm kamen, warf er sogleich alle Instrumente und
Gerätschaften weit von sich und war aus Herzensgrunde lustig. Sie musizierten
dann in seiner kleinen Stube entweder auf alten, halbbespannten Instrumenten,
oder Friedrich musste einige wilde Burschenlieder auf die Bahn bringen, die
Viktor schnell auswendig wusste und mit gewaltiger Stimme mitsang. Fräulein
Julie, die nebst ihrem Vater von jeher Viktors beste und einzige Freundin im
Hause war, stand dann gar oft stundenlang gegenüber am Zaune des Schlossgartens,
strickte und unterhielt sich mit ihnen, war aber niemals zu bereden, selber zu
ihnen herüberzukommen. Die Tante und die meisten andern konnten gar nicht
begreifen, wie die beiden Grafen einen solchen Geschmack an dem ungebildeten
Viktor und seinen lärmenden Vergnügungen finden konnten.
    Und du seltsamer, guter, geprüfter Freund, ich brauche dich und mich nicht
zu nennen; aber du wirst uns beide in tiefster Seele erkennen, wenn dir diese
Blätter vielleicht einmal zufällig in die Hände kommen. Dein Leben ist mir immer
vorgekommen, wie ein uraltes, dunkel verbautes Gemach mit vielen rauhen Ecken,
das unbeschreiblich einsam und hoch steht über den gewöhnlichen Hantierungen der
Menschen. Eine alte verstimmte Laute, die niemand mehr zu spielen versteht,
liegt verstaubt auf dem Boden. Aus dem finstern Erker siehst du durch bunt und
phantastisch gemalte Scheiben über das niedere, emsig wimmelnde Land unten weg
in ein anderes, ruhiges, wunderbares, ewig freies Land. Alle die wenigen, die
dich kennen und lieben, siehst du dort im Sonnenscheine wandeln und das Heimweh
befällt auch dich. Aber dir fehlen Flügel und Segel, und du reissest in
verzweifelter Lustigkeit an den Saiten der alten Laute, dass es mir oft das Herz
zerreissen wollte. Die Leute gehen unten vorüber und verlachen dein wildes
Geklimper, aber ich sage dir, es ist mehr göttlicher Klang darin, als in ihrem
ordentlichen, allgepriesenen Geleier.
    An einem schwülen Nachmittage sass Leontin im Garten an dem Abhange, der in
das Land hinausging. Kein Mensch war draussen, alle Vögel hielten sich im
dichtesten Laube versteckt, es war so still und einsam auf den Gängen und in der
ganzen Gegend umher, als ob die Natur ihren Atem an sich hielte. Er versuchte
einzuschlummern. Aber wie über ihm die Gräser zwischen dem unaufhörlichen,
einförmigen Gesumme der Bienen sich hin und wider neigten, und rings am fernen
Horizonte schwere Gewitterwolken gleich phantastischen Gebirgen mit grossen,
einsamen Seen und himmelhohen Felsenzacken die ganze Welt enge und immer enger
einzuschliessen schienen, presste eine solche Bangigkeit sein Herz zusammen, dass
er schnell wieder aufsprang. Er bestieg einen hohen, am Abhange stehenden Baum,
in dessen schwankem Wipfel er sich in das schwüle Tal hinauswiegte, um nur die
fürchterliche Stille in und um sich loszuwerden.
    Er hatte noch nicht lange oben gesessen, als er den Herrn v. A. und dessen
Schwester aus dem Bogengange hervorbiegen und langsam auf den Baum zukommen sah.
Sie waren in einem lauten und lebhaften Gespräche begriffen, er hörte dass von
ihm die Rede war. »Du magst sprechen, was du willst«, sagte die Tante, »er ist
bis über die Ohren verliebt in unser Mädchen. Da müsst ich keine Menschenkenntnis
haben! Und Julie kann keine bessere Partie finden. Ich habe schon lange, ohne
dir etwas zu sagen, nähere Erkundigungen über ihn eingezogen. Er steht sehr gut.
Er vertut zwar viel Geld auf Reisen und verschiedenes unnützes Zeug, und soll zu
Hause ein etwas unordentliches und auffallendes Leben führen; aber er ist noch
ein junger Mensch, und unser Kind wird ihn schon kirre machen. Glaube mir, mein
Schatz, ein kluges Weib kann durch vernünftiges Zureden sehr viel bewirken. Sind
sie nur erst verheiratet und sitzen ruhig auf ihrem Gütchen, so wird er schon
sein sonderbares Wesen und seine überspannten Ideen fahrenlassen und werden wie
alle andern. Höre, mein Schatz, fange doch recht bald an, ihn so von weitem
näher zu sondieren.« - »Das tue ich nicht«, erwiderte Herr v. A. ruhig, »ich
habe mich um nichts erkundigt, ich habe nichts bemerkt und nichts erfahren. Ihr
Weiber verlegt euch alle aufs Spionieren und Heiratsstiften und sehet zu weit.
Wirbt er um sie, und sie ist ihm gut, so soll er sie haben; denn er gefällt mir
sehr. Aber ich menge mich in nichts.« - »Mit deiner ewigen Gelassenheit«, fiel
ihm hier die Schwester heftig ins Wort, »wirst du noch alles verderben. Dich
rührt das Glück deines eigenen Kindes nicht. Und ich sage dir, ich ruhe und
raste nicht, bis sie ein Paar werden!« - Sie waren unterdes schon wieder von der
andern Seite hinter den Bäumen verschwunden, und er konnte nichts mehr verstehn.
    Er stieg rasch vom Baume herab. »Noch bin ich frei und ledig!« rief er aus
und schüttelte alle Glieder. »Rückt mir nicht auf den Hals mit eurem soliden,
häuslichen, langweiligen Glück, mit eurer abgestandenen Tugend im Schlafrock!
Wohl hat die Liebe zwei Gesichter wie Janus. Mit dem einen buhlt diese
ungetreue, reizende Fortuna auf ihrer farbigen Kugel mit der frischen Jugend um
flüchtige Küsse; doch willst du sie plump haschen und festalten, kehrt sie dir
plötzlich das andere, alte, verschrumpfte Gesicht zu, das dich unbarmherzig zu
Tode schmatzt. - Heiraten und fett werden, mit der Schlafmütze auf dem Kopfe
hinaussehen, wie draussen Aurora scheint, Wälder und Ströme noch immer ohne Ruhe
fortrauschen müssen, Soldaten über die Berge ziehn und raufen, und dann auf den
Bauch schlagen und: Gott sei Dank! rufen können, das ist freilich ein Glück! -
Und doch noch tausendmal widerlicher sind mir die Faungesichter von Hagestolzen,
wie sie sich um die Mauern streichen, ein bisschen Rammelei und Diebsgelüst im
Herzen, wenn sie noch eins haben. Pfui! Pfui!«
    So jagten sich die Gedanken in seinem Kopfe ärgerlich durcheinander, und er
war, ohne dass er es selbst bemerkte, ins Schloss gekommen. Die Tür zu Juliens
Zimmer stand nur halb angelehnt, er ging hinein, fand sie aber nicht darin. Sie
schien es eben verlassen zu haben; denn Farben, Pinsel und andere
Malergerätschaften lagen noch umher. Auf dem Tische stand ein Bild aufgerichtet.
Er betrachtete es voll Erstaunen: es war sein eignes Porträt, an welchem Julie
lange heimlich gearbeitet. Er war in derselben Jägerkleidung gemalt, in der sie
ihn zum ersten Male gesehen hatte. Mit Verwunderung glaubte er auch die Gegend,
die den Hintergrund des Bildes ausfüllte, zu erkennen. Er erinnerte sich
endlich, dass er Julien manchmal von seinem Schloss, seinem Garten, den Bergen
und Wäldern, die es umgeben, erzählt hatte, und ihr reiches Gemüt hatte sich nun
aus den wenigen Zügen ein ganz anderes, wunderbares Zauberland, als ihre neue
Heimat, zusammengesetzt.
    Er stand lange voller Gedanken am Fenster. Ihre Gitarre lag dort; er nahm
sie und wollte singen, aber es ging nicht. Er lehnte Sich mit der Stirn ans
Fenster und wollte sie durchaus hier erwarten, aber sie kam nicht.
    Endlich stieg er hinab, ging in den Hof und sattelte und zäumte sich selber
sein Pferd. Als er eben zum Tore hinausritt, kam Julie eilfertig aus der
Gartentür. Sie schien ein Geschäft vorzuhaben, sie grüsste ihn nur flüchtig mit
freundlichen Augen und lief ins Schloss. Er gab seinem Pferde die Sporen und
sprengte ins Feld hinaus.
    Ohne einen bestimmten Weg einzuschlagen, war er schon lange herumgeritten,
als er mitten im Walde auf einen hochgelegenen, ausgehauenen Fleck kam. Er hörte
jemanden lustig ein Liedchen pfeifen und ritt darauf los. Es war zu seiner nicht
geringen Freude der bekannte Ritter, den er schon lange einmal auf seinen
Irrzügen zu erwischen sich gewünscht hatte. Er sass auf einem Baumsturze und liess
seinen Klepper neben sich weiden. Romantische, goldene Zeit des alten, freien
Schweifens, wo die ganze schöne Erde unser Lustrevier, der grüne Wald unser Haus
und Burg, dich schimpft man närrisch - dachte Leontin bei diesem Anblicke, und
rief dem Ritter aus Herzensgrunde sein Hurra zu. Er stieg darauf selbst vom
Pferde und setzte sich zu ihm hin. Der Tag fing eben an, sich zu Ende zu neigen,
die Waldvögel zwitscherten von allen Wipfeln in der Runde. Von der einen Seite
sah man in einer Vertiefung unter der Heide ein Schlösschen mit stillem Hofe und
Garten ganz in die Waldeinsamkeit versenkt. Die Wolken flogen so niedrig über
das Dach weg, als sollte sich die bedrängte Seele daranhängen, um jenseits ins
Weite, Freie zu gelangen. Mit einem innerlichen Schauder von Bangigkeit erfuhr
Leontin von dem Ritter, dass dies dasselbe Schloss sei, wo jetzt die muntere
Braut, die er auf jener Jagd kennengelernt, seit lange schon mit ihrem jungen
Manne ruhig wohne, wirtschafte und hause.
    »Aber«, sagte er endlich zu dem Ritter, »wird Euch denn niemals bange auf
Euren einsamen Zügen? Was macht und sinnt Ihr denn den ganzen langen Tag?« -
»Ich suche den Stein der Weisen«, erwiderte der Ritter ruhig. Leontin musste über
diese fertige, unerwartete Antwort laut auflachen. »Ihr seid irrisch in Eurem
Verstande, dass Ihr so lacht«, sagte der Ritter etwas aufgebracht. »Eben weil die
Leute wohl wissen, dass ich den Stein der Weisen wittere, so trachten die
Pharisäer und Schriftgelehrten darnach, mir durch Reden und Blicke meine
Majestät von allen Seiten auszusaugen, auszuwalzen und auszudreschen. Aber ich
halte mich an das Prinzipium: an Essen und Trinken; denn wer nicht isst, der lebt
nicht, wer nicht lebt, der studiert nicht, und wer nicht studiert, der wird kein
Weltweiser, und das ist das Fundament der Philosophie.« - So sprach der tolle
Ritter eifrig fort, und gab durch Mienen und Hände seinen Worten den Nachdruck
der ernstaftesten Überzeugung. Leontin, den seine heutige Stimmung besonders
aufgelegt machte zu ausschweifenden Reden, stimmte nach seiner Art in denselben
Ton mit ein, und so führten die beiden dort über die ganze Welt das
allerseltsamste und unförmlichste Gespräch, das jemals gehört wurde, während es
ringsumher schon lange finster geworden war. Der Ritter, dem ein so aufmerksamer
Zuhörer etwas Seltenes war, hielt tapfer Stich, und focht nach allen Seiten in
einem wunderlichen Chaos von Sinn und Unsinn, das oft die herrlichsten Gedanken
durchbljetzten. Leontin erstaunte über die scharfen, ganz selbsterschaffenen
Ausdrücke und die entschiedene Anlage zum Tiefsinn. Aber alles schien wie eine
üppige Wildnis, durch den lebenslangen Müssiggang zerrüttet und fast bis zum
Wahnwitz verworren.
    Zuletzt sprach der Ritter noch von einem Philosophen, den er jährlich einmal
besuche. Leontin war mit ganzer Seele gespannt, denn die Beschreibung von
demselben stimmte auffallend mit dem alten Ritterbilde überein, dessen Anblick
ihn auf dem Schloss der weissen Frau so sehr erschüttert hatte. Er fragte näher
nach, aber der Ritter antwortete jedesmal so toll und abschweifend, dass er alle
weitern Erkundigungen aufgeben musste.
    Endlich brach der Ritter auf, da er heute noch auf dem Schloss der
niedlichen Braut Herberge suchen wollte. Leontin trug ihm an dieselbe seine
schönsten Grüsse auf. Der Ritter stolperte nun auf seiner Rosinante langsam über
die Heide hinab, und unterhielt sich noch immerfort mit Leontin mit grossem
Geschrei über die Philosophie, während er schon längst in der Nacht verschwunden
war.
    Leontin sah sich, nun allein, nach allen Seiten um. Alle Wälder und Berge
lagen still und dunkel ringsumher. Unten in der Tiefe schimmerten Lichter hin
und her aus den zerstreuten Dörfern, Hunde bellten fern in den einsamen Höfen.
Auch in dem Schloss des Herrn v. A. sah er noch mehrere Fenster erleuchtet. So
blieb er noch lange oben auf der Heide stehen.
    Am folgenden Morgen frühzeitig erhielt Friedrich einen Brief. Er erkannte
sogleich die Züge wieder: er war von Rosa. So lange schon hatte er sich von Tage
zu Tage vergebens darauf gefreut, und erbrach ihn nun mit hastiger Ungeduld. Der
Brief war folgenden Inhalts:
»Wo bleibst Du so lange, mein innig geliebter Freund? Hast Du denn gar kein
Mitleid mehr mit Deiner armen Rosa, die sich so sehr nach Dir sehnt?
    Als ich auf der Höhe im Gebirge von euch entführt wurde, hatte ich mir fest
vorgenommen, gleich nach meiner Ankunft in der Residenz an Dich zu schreiben.
Aber Du weisst selbst, wieviel man die erste Zeit an einem solchen Orte mit
Einrichtungen, Besuchen und Gegenbesuchen zu tun hat. Ich konnte damals durchaus
nicht dazu kommen, obschon ich immer und überall an Dich gedacht habe. Und so
verging die erste Woche, und ich wusste dann nicht mehr, wohin ich meinen Brief
adressieren sollte. Vor einigen Tagen endlich kam hier der junge Marquis von P.
an, der wollte bestimmt wissen, dass sich mein Bruder mit einem fremden Herrn auf
dem Gute des Herrn v. A. aufhalte. Ich eilte also, sogleich an Dich dortin zu
schreiben. Der Marquis verwunderte sich zugleich, wie ihr es dort so lange
aushalten könntet. Er sagte, es wäre ein Séjour zum Melancholischwerden. Mit der
ganzen Familie wäre in der Welt nichts anzufangen. Der Baron sei wie ein
Holzstich in den alten Rittergeschichten: gedruckt in diesem Jahr, die Tante
wisse von nichts zu sprechen, als von ihrer Wirtschaft, und das Fräulein vom
Hause sei ein halbreifes Gänseblümchen, ein rechtes Bild ohne Gnaden. Sind das
nicht recht närrische Einfälle? Wahrhaftig, man muss dem Marquis gut sein mit
seinem losen Maule. Siehst Du, es ist Dein Glück, denn ich hatte schon grosse
Lust eifersüchtig zu werden. Aber ich kenne schon meinen Bruder, solche
Bekanntschaften sind ihm immer die liebsten; er lässt sich nichts einreden. Ich
bitte Dich aber, sage ihm nichts von alle diesem. Denn er kann sich ohnedies von
jeher mit dem Marquis nicht vertragen. Er hat sich schon einige Male mit ihm
geschlagen, und der Marquis hat an der letzten Wunde über ein Vierteljahr
zubringen müssen. Er fängt immer selber ohne allen Anlass Händel mit ihm an. Ich
weiss gar nicht, was er wider ihn hat. Der Marquis ist hier in allen gebildeten
Gesellschaften beliebt und ein geistreicher Mann. Ich weiss gewiss, Du und der
Marquis werdet die besten Freunde werden. Denn er macht auch Verse und von der
Musik ist er ein grosser Kenner. Übrigens lebe ich hier recht glücklich, so gut
es Deine Rosa ohne Dich sein kann. Ich bekomme und erwidere Besuche, mache
Landpartien usw. dabei fällt mir immer ein, wie ganz anders Du doch eigentlich
bist als alle diese Leute, und dann wird mir mitten in dem Schwarme so bange,
dass ich mich oft heimlich wegschleichen muss, um mich recht auszuweinen. - Die
junge, schöne Gräfin Romana, die mich alle Morgen an der Toilette besucht, sagt
mir immer, wenn ich mich anziehe, dass meine Augen so schön wären, und wickelt
sich meine Haare um ihren Arm und küsst mich. - Ich denke dann immer an Dich. Du
hast das auch gesagt und getan, und nun bleibst Du auf einmal so lange aus. Ich
bitte Dich, wenn Du mir gut bist, lass mich nicht so allein; es ist nicht gut so.
-
    Ich hatte mich gestern soeben erst recht eingeschrieben und hatte Dir noch
so viel zu sagen, da wurde ich zu meinem Verdrusse durch einen Besuch
unterbrochen. Jetzt ist es schon zu spät, da die Post sogleich abgehen wird. Ich
schliesse also schnell in der Hoffnung, Dich bald an mein liebendes Herz zu
drücken.
    Diesen Winter wird es hier besonders brillant werden. Wie schön wäre es,
wenn wir ihn hier zusammen zubrächten! Komm, komm gewiss!«
Friedrich legte den Brief still wieder zusammen. Unwillkürlich summte ihm der
Gassenhauer: »Freut euch des Lebens« usw., den Leontin gewöhnlich abzuleiern
pflegte, wenn seine Schwester etwas nach ihrer Art Wichtiges vorbrachte, durch
den Kopf. Der ganze Brief, wie von einem von Lustbarkeiten Atemlosen im Fluge
abgeworfen, war wie eine Lücke in seinem Leben, durch die ihn ein fremdartiger,
staubiger Wind anblies. Habe ich es oben auf der Höhe nicht gesagt, dass du in
dein Grab hinabsteigst? Wenn die Schönheit mit ihren frischen Augen, mit den
jugendlichen Gedanken und Wünschen unter euch tritt, und, wie sie die eigene,
grössere Lebenslust treibt, sorglos und lüstern in das liebewarme Leben
hinauslangt und sprosst, sich an die feinen Spitzen, die zum Himmel streben,
giftig anzusaugen und zur Erde hinabzuzerren, bis die ganze, prächtige
Schönheit, fahl und ihres himmlischen Schmuckes beraubt, unter euch dasteht wie
euresgleichen - die Halunken!
    Er öffnete das Fenster. Der herrliche Morgen lag draussen wie eine Verklärung
über dem Lande, und wusste nichts von den menschlichen Wirren, nur von rüstigem
Tun, Freudigkeit und Frieden. Friedrich spürte sich durch den Anblick
innerlichst genesen, und der Glaube an die ewige Gewalt der Wahrheit und des
festen religiösen Willens wurde wieder stark in ihm. Der Gedanke, zu retten, was
noch zu retten war, erhob seine Seele, und er beschloss, nach der Residenz
abzureisen.
    Er ging mit dieser Nachricht zu Leontin, aber er fand seine Schlafstube leer
und das Bett noch von gestern in Ordnung. Er ging daher zu Julie hinüber, da er
hörte, dass sie schon auf war. Das schöne Mädchen stand in ihrer weissen
Morgenkleidung eben am Fenster. Sie kehrte sich schnell zu ihm herum, als er
hereintrat. »Er ist fort!« sagte sie leise mit unterdrückter Stimme, zeigte mit
dem Finger auf das Fenster und stellte sich wieder mit abgewendetem Gesichte
abseits an das andere. Der erstaunte Friedrich erkannte Leontins Schrift auf der
Scheibe, die er wahrscheinlich gestern, als er hier allein war, mit seinem Ringe
aufgezeichnet hatte. Er las:
»Der fleissigen Wirtin von dem Haus
Dank ich von Herzen für Trank und Schmaus,
Und was beim Mahl den Gast erfreut:
Für heitre Mien und Freundlichkeit.
Dem Herrn vom Haus sei Lob und Preis!
Seinen Segen wünsch ich mir auf die Reis,
Nach seiner Lieb mich sehr begehrt,
Wie ich ihn halte ehrenwert.
Herr Viktor soll beten und fleissig sein,
Denn der Teufel lauert, wo einer allein;
Soll lustig auf dem Kopfe stehn,
Wenn alle so dumm auf den Beinen gehn.
Und wenn mein Weg über Berge hoch geht,
Aurora sich auftut, das Postorn weht,
Da will ich ihm rufen von Herzen voll,
Dass er's in der Ferne spüren soll.
Ade! Schloss, heiter überm Tal,
Ihr schwülen Täler allzumal,
Du blauer Fluss ums Schloss herum,
Ihr Dörfer, Wälder um und um.
Wohl sah ich dort eine Zaubrin gehn,
Nach ihr nur alle Blumen und Wälder sehn,
Mit hellen Augen Ströme und Seen,
In stillem Schaun, wie verzaubert, stehn.
Ein jeder Strom wohl findt sein Meer,
Ein jeglich Schiff kehrt endlich her,
Nur ich treibe und sehne mich immerzu,
O wilder Trieb! wann lässt du einmal Ruh?«
Darunter stand, kaum leserlich, gekritzelt:
»Herr Friedrich, der schläft in der Ruhe Schoss,
Ich wünsch ihm viel Unglück, dass er sich erbos,
Ins Horn, zum Schwert, frisch dran und drauf!
Philister über dir, wach, Simson, wach auf!«
Friedrich stutzte über diese letzten Zeilen, die ihn unerwartet trafen. Er
erkannte tief das Schwerfällige seiner Natur und versank auf einen Augenblick
sinnend in sich selbst.
    Julie stand noch immerfort am Fenster, sah durch die Scheiben und weinte
heimlich. Er fasste ihre Hand. Da hielt sie sich nicht länger, sie setzte sich
auf ihr Bett und schluchzte laut. Friedrich wusste wohl, wie untröstlich ein
liebendes Mädchen ist. Er verabscheute alle jene erbärmlichen Spitaltröster voll
Wiedersehens, unverhofften Windungen des Schicksals usw. »Lieb ihn nur recht«,
sagte er zu Julien, »so ist er ewig dein, und wenn die ganze Welt
dazwischenläge. Glaube nur niemals den falschen Verführern: dass die Männer eurer
Liebe nicht wert sind. Die Schufte freilich nicht, die das sagen; aber es gibt
nichts Herrlicheres auf Erden, als der Mann, und nichts Schöneres, als das Weib,
das ihm treu ergeben bis zum Tode.« - Er küsste das weinende Mädchen und ging
darauf zu ihren Eltern, um ihnen seine eigene, baldige Abreise anzukündigen.
    Er fand die Tante höchst bestürzt über Leontins unerklärliche Flucht, die
sie auf einmal ganz irre an ihm und allen ihren Plänen machte. Sie war anfangs
böse, dann still und wie vernichtet. Herr v. A. äusserte weniger mit Worten, als
durch ein ungewöhnlich hastiges und zerstreutes Tun und Lassen, das Friedrich
unbeschreiblich rührte, wie schwer es ihm falle, sich von Leontin getrennt zu
sehen, und die Tränen traten ihm in die Augen, als nun auch Friedrich erklärte,
schon morgen abreisen zu müssen. So verging dieser noch übrige Tag zerstreut,
gestört und freudenlos.
    Am andern Morgen hatte Erwin frühzeitig die Reisebündel geschnürt, die
Pferde standen bereit und scharrten ungeduldig unten im Hofe. Friedrich machte
noch eilig einen Streifzug durch den Garten und sah noch einmal von dem Berge in
die herrlichen Täler hinaus. Auch das stille, kühle Plätzchen, wo er so oft
gedichtet und glücklich gewesen, besuchte er. Wie im Fluge schrieb er dort
folgende Verse in seine Schreibtafel:
»O Täler weit, o Höhen,
O schöner, grüner Wald,
Du meiner Lust und Wehen
Andächt'ger Aufentalt!
Da draussen, stets betrogen,
Saust die geschäft'ge Welt,
Schlag noch einmal die Bogen
Um mich, du grünes Zelt!
Wann es beginnt zu tagen,
Die Erde dampft und blinkt,
Die Vögel lustig schlagen,
Dass dir dein Herz erklingt:
Da mag vergehn, verwehen
Das trübe Erdenleid,
Da sollst du auferstehen
In junger Herrlichkeit.
Da steht im Wald geschrieben
Ein stilles, ernstes Wort,
Vom rechten Tun und Lieben,
Und was des Menschen Hort.
Ich habe treu gelesen
Die Worte, schlicht und wahr,
Und durch mein ganzes Wesen
Ward's unaussprechlich klar.
Bald werd ich dich verlassen,
Fremd in der Fremde gehn,
Auf buntbewegten Gassen
Des Lebens Schauspiel sehn,
Und mitten in dem Leben
Wird deines Ernsts Gewalt,
Mich Einsamen erheben,
So wird mein Herz nicht alt.«
Als der junge Tag sich aus den Morgenwolken hervorgearbeitet hatte, war
Friedrich schon draussen zu Pferde. Julie winkte noch weit mit ihrem weissen Tuche
aus dem Fenster nach.
 
                                  Zweites Buch
                                  Elftes Kapitel
Es war schon Abend, als Friedrich in der Residenz ankam. Er war sehr schnell
geritten, so dass Erwin fast nicht mehr nach konnte. Je einsamer draussen der
Kreis der Felder ins Dunkel versank, je höher nach und nach die Türme der Stadt,
wie Riesen, sich aus der Finsternis aufrichteten, desto lichter war es in seiner
Seele geworden vor Freude und Erwartung. Er stieg im Wirtshause ab und eilte
sogleich zu Rosas Wohnung. Wie schlug sein Herz, als er durch die dunklen
Strassen schritt, als er endlich die hellbeleuchtete Treppe in ihrem Hause
hinaufstieg. Er mochte keinen Bedienten fragen, er öffnete hastig die erste Tür.
Das grosse, getäfelte Zimmer war leer, nur im Hintergrunde sass eine weibliche
Gestalt in vornehmer Kleidung. Er glaubte sich verirrt zu haben und wollte sich
entschuldigen. Aber das Mädchen vom Fenster kam sogleich auf ihn zu, führte sich
selbst als Rosas Kammermädchen auf und versicherte sehr gleichgültig, die Gräfin
sei auf den Maskenball gefahren. Diese Nachricht fiel wie ein Maifrost in seine
Lust. Es war ihm vor Freude gar nicht eingefallen, dass er sie verfehlen könnte,
und er hatte beinahe Lust zu zürnen, dass sie ihn nicht zu Hause erwartet habe.
»Wo ist denn die kleine Marie?« fragte er nach einer Weile wieder: »Oh, die ist
lange aus den Diensten der Gräfin«, sagte das Mädchen mit gerümpftem Näschen und
betrachtete ihn von oben bis unten mit einer schnippischen Miene. Friedrich
glaubte, es gälte seiner staubigen Reisekleidung; alles ärgerte ihn, er liess den
Affen stehn und ging, ohne seinen Namen zu hinterlassen, wieder fort.
    Verdrüsslich nahm er den Weg zu den Redoutensälen. Die Musik schallte lockend
aus den hohen Bogenfenstern, die ihre Scheine weit unten über den einsamen Platz
warfen. Ein alter Springbrunnen stand in der Mitte des Platzes, über den nur
noch einzelne dunkle Gestalten hin und her irrten. Friedrich blieb lange an dem
Brunnen stehen, der seltsam zwischen den Tönen von oben fortrauschte. Aber ein
Polizeidiener, der, in seinen Mantel gehüllt, an der Ecke lauerte, verjagte ihn
endlich durch die Aufmerksamkeit, mit der er ihn zu beobachten schien.
    Er ging ins Haus hinein, versah sich mit einem Domino und einer Larve, und
hoffte seine Rosa noch heute in dem Getümmel herauszufinden. Geblendet trat er
aus der stillen Nacht in den plötzlichen Schwall von Tönen, Lichtern und
Stimmen, der wie ein Zaubermeer mit rastlos beweglichen, klingenden Wogen über
ihm zusammenschlug. Zwei grosse, hohe Säle, nur leicht voneinander geschieden,
eröffneten die unermesslichste Aussicht. Er stellte sich in das Bogentor zwischen
beide, wo die doppelten Musikchöre aus beiden Sälen verworren ineinanderklangen.
Zu beiden Seiten toste der seltsame, lustige Markt, fröhliche, reizende und
ernste Bilder des Lebens zogen wechselnd vorüber, Girlanden von Lampen
schmückten die Wände, unzählige Spiegel dazwischen spielten das Leben ins
Unendliche, so dass man die Gestalten mit ihrem Widerspiel verwechselte, und das
Auge verwirrt in der grenzenlosen Ferne dieser Aussicht sich verlor. Ihn
schauderte mitten unter diesen Larven. Er stürzte sich selber mit in das
Gewimmel, wo es am dichtesten war.
    Gewöhnliches Volk, Charaktermasken ohne Charakter vertraten auch hier, wie
draussen im Leben, überall den Weg: gespreizte Spanier, papierne Ritter, Taminos,
die über ihre Flöte stolperten, hin und wieder ein behender Harlekin, der sich
durch die unbehülflichen Züge hindurchwand und nach allen Seiten peitschte. Eine
höchst seltsame Maske zog indes seine Aufmerksamkeit auf sich. Es war ein Ritter
in schwarzer, altdeutscher Tracht, die so genau und streng gehalten war, dass man
glaubte, irgendein altes Bild sei aus seinem Rahmen ins Leben hinausgetreten.
Die Gestalt war hoch und schlank, sein Wams reich mit Gold, der Hut mit hohen
Federn geschmückt, die ganze Pracht doch so uralt, fremd und fast gespenstisch,
dass jedem unheimlich zumute ward, an dem er vorüberstreifte. Er war übrigens
galant und wusste zu leben. Friedrich sah ihn fast mit allen Schönen buhlen. Doch
alle machten sich gleich nach den ersten Worten schnell wieder von ihm los, denn
unter den Spitzen der Ritterärmel langten die Knochenhände eines Totengerippes
hervor.
    Friedrich wollte eben den sonderbaren Gast weiter verfolgen, als sich die
Bahn mit einem Janhagel junger Männer verstopfte, die auf einer Jagd begriffen
schienen. Bald erblickte er auch das flüchtige Reh. Es war eine kleine, junge
Zigeunerin, sehr nachlässig verhüllt, das schöne schwarze Haar mit bunten
Bändern in lange Zöpfe geflochten. Sie hatte ein Tamburin, mit dem sie die
Zudringlichsten so schalkisch abzuwehren wusste, dass ihr alles nur um desto
lieber nachfolgte. Jede ihrer Bewegungen war zierlich, es war das niedlichste
Figürchen, das Friedrich jemals gesehen.
    In diesem Augenblicke streiften zwei schöne, hohe weibliche Gestalten an ihm
vorbei. Zwei männliche Masken drängten sich nach. »Es ist ganz sicher die Gräfin
Rosa«, sagte die eine Maske mit düsterer Stimme. Friedrich traute seinen Ohren
kaum. Er drängte sich ihnen schnell nach, aber das Gewimmel war zu gross, und sie
blieben ihm immer eine Strecke voraus. Er sah, dass der schwarze Ritter den
beiden weiblichen Masken begegnete, und der einen im Vorbeigehen etwas ins Ohr
raunte, worüber sie höchst bestürzt schien und ihm eine Weile nachsah, während
er längst schon wieder im Gedränge verschwunden war. Mehrere Parteien
durchkreuzten sich unterdes von neuem, und Friedrich hatte Rosa aus dem Gesichte
verloren.
    Ermüdet flüchtete er sich endlich an ein abgelegenes Fenster, um auszuruhen.
Er hatte noch nicht lange dort gestanden, als die eine von den weiblichen Masken
eiligst ebenfalls auf das Fenster zukam. Er erkannte sogleich seine Rosa an der
Gestalt. Die eine männliche Maske folgte ihr auf dem Fusse nach, sie schienen
beide den Grafen nicht zu bemerken. »Nur einen einzigen Blick!« bat die Maske
dringend. Rosa zog ihre Larve weg und sah den Bittenden mit den wunderschönen
Augen lächelnd an. Sie schien unruhig. Ihre Blicke durchschweiften den ganzen
Saal und begegneten schon wieder dem schwarzen Ritter, der wie eine Totenfahne
durch die bunten Reihen drang. »Ich will nach Hause -« sagte sie darauf
ängstlich bittend, und Friedrich glaubte Tränen in ihren Augen zu bemerken. Sie
bedeckte ihr Gesicht schnell wieder mit der Larve. Ihr unbekannter Begleiter bot
ihr seinen Arm, drängte Friedrich, der gerade vor ihr stand, stolz aus dem Wege
und bald hatten sich beide in dem Gewirre verloren.
    Der schwarze Ritter war indes bei dem Fenster angelangt. Er blieb vor
Friedrich stehen und sah ihm scharf ins Gesicht. Dem Grafen grauste, so allein
mit der wunderbaren Erscheinung zu stehn, denn hinter der Larve des Ritters
schien alles hohl und dunkel, man sah keine Augen. »Wer bist du?« fragte ihn
Friedrich. »Der Tod von Basel«, antwortete der Ritter und wandte sich schnell
fort. Die Stimme hatte etwas so Altbekanntes und Anklingendes aus
längstvergangener Zeit, dass Friedrich lange sinnend stehen blieb. Er wollte ihm
endlich nach, aber er sah ihn schon wieder im dicksten Haufen mit einer Schönen
wie toll herumwalzen.
    Ein Getümmel von Lichtern draussen unter den Fenstern lenkte seine
Aufmerksamkeit ab. Er blickte hinaus und sah bei dem Scheine einer Fackel, wie
die männliche Maske Rosan nebst noch einer andern Dame in den Wagen hob. Der
Wagen rollte darauf schnell fort, die Lichter verschwanden, und der Platz unten
war auf einmal wieder still und finster.
    Er warf das Fenster zu und wandte sich in den glänzenden Saal zurück, um
sich ebenfalls fortzubegeben. Der schwarze Ritter war nirgends mehr zu sehen.
Nach einigem Herumschweifen traf er in der mit Blumen geschmückten Kredenz noch
einmal auf die nur allzu gefällige Zigeunerin. Sie hatte die Larve abgenommen,
trank Wein und blickte mit den muntern Augen reizend über das Glas weg.
Friedrich erschrak, denn es war die kleine Marie. Er drückte seine Larve fester
ins Gesicht und fasste das niedliche Mädchen bei der Hand. Sie zog sie verwundert
zurück und zeichnete mit ihrem Finger ratend eine Menge Buchstaben in seine
flache Hand, aber keiner passte auf seinen Namen.
    Er zog sie an ein Tischchen und kaufte ihr Zucker und Naschwerk. Mit
ungemeiner Zierlichkeit wusste das liebliche Kind alles mit ihm zu teilen, und
blinzelte ihm dazwischen oft neugierig in die Augen. Unbesorgt um die Reize, die
sie dabei entüllte, riss sie einen Blumenstrauss von ihrem Busen und überreichte
ihn lächelnd ihrem unbekannten, sonderbaren Wirte, der immerfort so stumm und
kalt neben ihr sass. »Die Blumen sind ja alle schon verwelkt«, sagte Friedrich,
zerzupfte den Strauss und warf die Stücke auf die Erde. Marie schlug ihn lachend
auf die Hand und riss ihm die noch übrigen Blumen aus. Er bat endlich um die
Erlaubnis, sie nach Hause begleiten zu dürfen, und sie willigte mit einem
freudigen Händedruck ein.
    Als er sie nun durch den Saal fortführte, war unterdes alles leer geworden.
Die Lampen waren grösstenteils verlöscht und warfen nur noch zuckende, falbe
Scheine durch den Qualm und Staub, in welchen das ganze bunte Leben verraucht
schien. Die Musikanten spielten wohl fort, aber nur noch einzelne Gestalten
wankten auf und ab, demaskiert, nüchtern und übersatt. Mitten in dieser
Zerstörung glaubte Friedrich mit einem flüchtigen Blicke Leontin totenblass und
mit verwirrtem Haar in einem fernen Winkel schlafen zu sehen. Er blieb erstaunt
stehen, alles kam ihm wie ein Traum vor. Aber Marie drängte ihn schnell und
ängstlich fort, als wäre es unheimlich, länger an dem Orte zu hausen.
    Als sie unten zusammen im Wagen sassen, sagte Marie zu Friedrich: »Ihre
Stimme hat eine sonderbare Ähnlichkeit mit der eines Herrn, den ich sonst
gekannt habe.« Friedrich antwortete nicht darauf. »Ach Gott!« sagte sie bald
nachher, »die Nacht ist heut gar so schwül und finster!« Sie öffnete das
Kutschenfenster, und er sah bei dem matten Schimmer einer Laterne, an der sie
vorüberflogen, dass sie ernstaft und in Gedanken versunken war. Sie fuhren lange
durch eine Menge enger und finsterer Gässchen, endlich rief Marie dem Kutscher
zu, und sie hielten vor einem abgelegenen, kleinen Hause. Sie sprang schnell aus
dem Wagen und in das Haus hinein. Ein Mädchen, das in Mariens Diensten zu sein
schien, empfing sie an der Haustür. »Er ist mein, er ist mein!« rief Marie kaum
hörbar, aber aus Herzensgrunde, dem Mädchen im Vorübergehen zu und schlüpfte in
ein Zimmer.
    Das Mädchen führte den Grafen mit prüfenden Blicken über ein kleines
Treppchen zu einer andern Tür. »Warum«, sagte sie, »sind Sie gestern abend nicht
schon zu uns gekommen, da Sie vorbeiritten und so freundlich heraufgrüssten? Ich
sollte wohl nichts sagen, aber seit acht Tagen spricht und träumt die arme Marie
von nichts als von Ihnen, und wenn es lange gedauert hätte, wäre sie gewiss bald
gestorben.« Friedrich wollte fragen, aber sie schob die Tür hinter ihm zu und
war verschwunden.
    Er trat in eine fortlaufende Reihe schöner, geschmackvoller Zimmer. Ein
prächtiges Ruhebett stand im Hintergrunde, der Fussboden war mit reichen
Teppichen geschmückt, eine alabasterne Lampe erleuchtete das Ganze nur dämmernd.
In dem letzten Zimmer sah er die niedliche Zigeunerin vor einem grossen
Wandspiegel stehen und ihre Haare flüchtig in Ordnung bringen. Als sie ihn in
dem vordern Zimmer erblickte, kam sie sogleich herbeigesprungen und stürzte mit
einer Hingebung in seine Arme, die keine Verstellung mit ihren gemeinen Künsten
jemals erreicht. Der erstaunte Friedrich riss in diesem Augenblicke seinen Mantel
und die Larve von sich. Wie vom Blitze berührt, sprang Marie bei diesem Anblicke
auf, stürzte mit einem lauten Schrei auf das Ruhebett und drückte ihr mit beiden
Händen bedecktes Gesicht tief in die Kissen.
    »Was ist das!« sagte Friedrich, »sind deine Freunde Gespenster geworden?
Warum hast du mich geliebt, eh du mich kanntest, und fürchtest dich nun vor
mir?« Marie blieb in ihrer Stellung und liess die eine Hand, die er gefasst hatte,
matt in der seinigen; sie schien ganz vernichtet. Mit noch immer verstecktem
Gesichte sagte sie leise und gepresst: »Er war auf dem Balle - dieselbe Gestalt -
dieselbe Maske.« - »Du hast dich in mir geirrt«, sagte Friedrich, und setzte
sich neben sie auf das Bett, »viel schwerer und furchtbarer irrst du dich am
Leben, leichtsinniges Mädchen! Wie der schwarze Ritter heute auf dem Balle,
tritt überall ein freier, wilder Gast ungeladen in das Fest. Er ist so lustig
aufgeschmückt und ein rüstiger Tänzer, aber seine Augen sind leer und hohl, und
seine Hände totenkalt, und du musst sterben, wenn er dich in die Arme nimmt, denn
dein Buhle ist der Teufel.« - Marie, seltsam erschüttert von diesen Worten, die
sie nur halb vernahm, richtete sich auf. Er hob sie auf seinen Schoss, wo sie
still sitzen blieb, während er sprach. Ihre Augen und Mienen kamen ihm in diesem
Augenblicke wieder so unschuldig und kindisch vor, wie ehemals. »Was ist aus dir
geworden, arme Marie!« fuhr er gerührt fort. »Als ich das erstemal auf die
schöne grüne Waldeswiese hinunterkam, wo dein stilles Jägerhaus stand, wie du
fröhlich auf dem Rehe sassest und sangst - der Himmel war so heiter, der Wald
stand frisch und rauschte im Winde, von allen Bergen bliesen die Jäger auf ihren
Hörnern - das war eine schöne Zeit! - Ich habe einmal an einem kalten,
stürmischen Herbsttage ein Frauenzimmer draussen im Felde sitzen gesehen, die war
verrückt geworden, weil sie ihr Liebhaber, der sich lange mit ihr herumgeherzt,
verlassen hatte. Er hatte ihr versprochen, noch an demselben Tage
wiederzukommen. Sie ging nun seit vielen Jahren alle Tage auf das Feld und sah
immerfort auf die Landstrasse hinaus. Sie hatte noch immer das Kleid an, das sie
damals getragen hatte, das war schon zerrissen und seitdem ganz altmodisch
geworden. Sie zupfte immer an dem Ärmel und sang ein altes Lied zum
Rasendwerden.« - Marie stand bei diesen Worten schnell auf und ging an den
Tisch. Friedrich sah auf einmal Blut über ihre Hand hervorrinnen. Alles dieses
geschah in einem Augenblicke.
    »Was hast du vor?« rief Friedrich, der unterdes herbeigesprungen war. »Was
soll mir das Leben!« antwortete sie mit verhaltener, trostloser Stimme. Er sah,
dass sie sich mit einem Federmesser gerade am gefährlichsten Flecke unterhalb der
Hand verwundet hatte. »Pfui«, sagte Friedrich, »wie bist du seitdem unbändig
geworden!« Das Mädchen wurde blass, als sie das Blut erblickte, das häufig über
den weissen Arm floss. Er zog sie an das Bett hin und riss schnell ein Band aus
ihren Haaren. Sie kniete vor ihm hin und liess sich gutwillig von ihm das Blut
stillen und die Wunde verbinden. Das heftige Mädchen war währenddessen ruhiger
geworden. Sie lehnte den Kopf an seine Kniee und brach in einen Strom von Tränen
aus.
    Da wurden sie durch Mariens Kammermädchen unterbrochen, die plötzlich in die
Stube stürzte und mit Verwirrung vorbrachte, dass soeben der Herr auf dem Wege
hierher sei. »O Gott!« rief Marie sich aufraffend, »wie unglücklich bin ich!«
Das Mädchen aber schob den Grafen, ohne sich weiter auf Erklärungen einzulassen,
eiligst aus dem Zimmer und dem Hause und schloss die Tür hinter ihm ab.
    Draussen auf der Strasse, die leer und öde war, begegnete er bald zwei
männlichen, in dunkle Mäntel dicht verhüllten Gestalten, die durch die neblige
Nacht an den Häusern vorbeistrichen. Der eine von ihnen zog einen Schlüssel
hervor, eröffnete leise Mariens Haustür und schlüpfte hinein. Desselben Stimme,
die er jetzt im Vorbeigehen flüchtig gehört hatte, glaubte er vom heutigen
Maskenballe auffallend wiederzuerkennen.
    Da hierauf alles auf der Gasse ruhig wurde, eilte er endlich voller Gedanken
seiner Wohnung zu. Oben in seiner Stube fand er Erwin, den Kopf auf den Arm
gestützt, eingeschlummert. Die Lampe auf dem Tische war fast ausgebrannt und
dämmerte nur noch schwach über das Zimmer. Der gute Junge hatte durchaus seinen
Herrn erwarten wollen, und sprang verwirrt auf, als Friedrich hereintrat.
Draussen rasselten die Wagen noch immerfort, Läufer schweiften mit ihren
Windlichtern an den dunklen Häusern vorüber, in Osten standen schon
Morgenstreifen am Himmel. Erwin sagte, dass er sich in der grossen Stadt fürchte;
das Gerassel der Wagen wäre ihm vorgekommen wie ein unaufhörlicher Sturmwind,
die nächtliche Stadt wie ein dunkler eingeschlafener Riese. Er hat wohl recht,
es ist manchmal fürchterlich, dachte Friedrich, denn ihm war bei diesen Worten,
als hätte dieser Riese Marie und seine Rosa erdrückt, und der Sturmwind ginge
über ihre Gräber. »Bete«, sagte er zu dem Knaben, »und leg dich ruhig schlafen!«
Erwin gehorchte, Friedrich aber blieb noch auf. Seine Seele war von den
buntwechselnden Erscheinungen dieser Nacht mit einer unbeschreiblichen Wehmut
erfüllt, und er schrieb heute noch folgendes Gedicht auf:
                         Der armen Schönheit Lebenslauf
Die arme Schönheit irrt auf Erden,
So lieblich Wetter draussen ist,
Möcht gern recht viel gesehen werden,
Weil jeder sie so freundlich grüsst.
Und wer die arme Schönheit schauet,
Sich wie auf grosses Glück besinnt,
Die Seele fühlt sich recht erbauet,
Wie wenn der Frühling neu beginnt.
Da sieht sie viele schöne Knaben,
Die reiten unten durch den Wind,
Möcht manchen gern im Arme haben,
Hüt dich, hüt dich, du armes Kind!
Da ziehn manch redliche Gesellen,
Die sagen: »Hast nicht Geld noch Haus,
Wir fürchten deine Augen helle,
Wir haben nichts zum Hochzeitsschmaus.«
Von andern tut sie sich wegdrehen,
Weil keiner ihr so wohl gefällt,
Die müssen traurig weitergehen,
Und zögen gern ans End der Welt.
Da sagt sie: »Was hilft mir mein Sehen,
Ich wünscht, ich wäre lieber blind,
Da alle furchtsam von mir gehen,
Weil gar so schön mein Augen sind.« -
Nun sitzt sie hoch auf lichtem Schloss,
In schöne Kleider putzt sie sich,
Die Fenster glühn, sie winkt vom Schloss,
Die Sonne blinkt, das blendet dich.
Die Augen, die so furchtsam waren,
Die haben jetzt so freien Lauf,
Fort ist das Kränzlein aus den Haaren,
Und hohe Federn stehn darauf.
Das Kränzlein ist herausgerissen,
Ganz ohne Scheu sie mich anlacht;
Geh du vorbei: sie wird dich grüssen,
Winkt dir zu einer schönen Nacht. -
Da sieht sie die Gesellen wieder,
Die fahren unten auf dem Fluss,
Es singen laut die lust'gen Brüder;
So furchtbar schallt des einen Gruss:
»Was bist du für 'ne schöne Leiche!
So wüste ist mir meine Brust,
Wie bist du nun so arm, du Reiche,
Ich hab an dir nicht weiter Lust!«
Der Wilde hat ihr so gefallen,
Laut schrie sie auf bei seinem Gruss,
Vom Schloss möcht sie hinunterfallen
Und unten ruhn im kühlen Fluss. -
Sie blieb nicht länger mehr da oben,
Weil alles anders worden war,
Von Schmerz ist ihr das Herz erhoben,
Da ward's so kalt, doch himmlisch klar;
Da legt sie ab die goldnen Spangen,
Den falschen Putz und Ziererei,
Aus dem verstockten Herzen drangen
Die alten Tränen wieder frei.
Kein Stern wollt nicht die Nacht erhellen,
Da musste die Verliebte gehn,
Wie rauscht der Fluss! die Hunde bellen,
Die Fenster fern erleuchtet stehn.
Nun bist du frei von deinen Sünden,
Die Lieb zog triumphierend ein,
Du wirst noch hohe Gnade finden,
Die Seele geht in Hafen ein. -
Der Liebste war ein Jäger worden,
Der Morgen schien so rosenrot,
Da blies er lustig auf dem Horne,
Blies immerfort in seiner Not.
 
                                Zwölftes Kapitel
Rosa sass des Morgens an der Toilette; ihr Kammermädchen musste ihr weitläufig von
dem fremden Herrn erzählen, der gestern nach ihr gefragt hatte. Sie zerbrach
sich vergebens den Kopf, wer es wohl gewesen sein möchte, denn Friedrich
erwartete sie nicht so schnell. Vielmehr glaubte sie, er werde darauf bestehen,
dass sie die Residenz verlasse und das machte ihr manchen Kummer. Die junge
Gräfin Romana, eine Verwandte von ihr, in deren Hause sie wohnte, sass neben ihr
am Flügel und schwelgte tosend in den Tänzen von der gestrigen Redoute. »Wie ihr
andern nur«, sagte sie, »alle Lust so gelassen ertragen und aus dem Tanze
schnurstracks ins Bett springen könnt und der schönen Welt so auf einmal ein
Ende machen! Ich bin immer so ganz durchklungen, als sollte die Musik niemals
aufhören.«
    Bald darauf fand sie Rosas Augen so süss verschlafen, dass sie schnell zu ihr
hinsprang und sie küsste. Sie setzte sich neben sie hin und half sie von allen
Seiten schmücken, setzte ihr bald einen Hut, bald Blumen auf, und riss ebensooft
alles wieder herunter, wie ein verliebter Knabe, der nicht weiss, wie er sich
sein Liebchen würdig genug aufputzen soll. »Ich weiss gar nicht, was wir uns
putzen«, sagte das schöne Weib endlich und lehnte den schwarzgelockten Kopf
schwermütig auf den blendendweissen Arm, »was wir uns kümmern und noch Herzweh
haben nach den Männern: solches schmutziges, abgearbeitetes, unverschämtes Volk,
steifleinene Helden, die sich spreizen und in allem Ernste glauben, dass sie uns
beherrschen, während wir sie auslachen, fleissige Staatsbürger und ehrliche
Ehestandskandidaten, die, ganz beschwjetzt von der Berufsarbeit und das
Schurzfell noch um den Leib, mit aller Wut ihrer Inbrunst von der Werkstatt zum
Garten der Liebe springen, und denen die Liebe ansteht wie eine umgekehrt
aufgesetzte Perücke.« - Rosa besah sich im Spiegel und lachte. - »Wenn ich
bedenke«, fuhr die Gräfin fort, »wie ich mir sonst als kleines Mädchen einen
Liebhaber vorgestellt habe: wunderschön, stark, voll Tapferkeit, wild, und doch
wieder so milde, wenn er bei mir war.
    Ich weiss noch, unser Schloss lag sehr hoch zwischen einsamen Wäldern, ein
schöner Garten war daneben, unten ging ein Strom vorüber. Alle Morgen, wenn ich
in den Garten kam, hörte ich draussen in den Bergen ein Waldhorn blasen, bald
nahe, bald weit, dazwischen sah ich oft einen Reiter plötzlich fern zwischen den
Bäumen erscheinen und schnell wieder verschwinden. Gott! mit welchen Augen
schaute ich da in die Wälder und den blauen, weiten Himmel hinaus! Aber ich
durfte, solange meine Mutter lebte, niemals allein aus dem Garten. Ein einziges
Mal, an einem prächtigen Abende, da der Jäger draussen wieder blies, wagte ich es
und schlich unbemerkt in den Wald hinaus. Ich ging nun zum ersten Male allein
durch die dunkelgrünen Gänge, zwischen Felsen und über eingeschlossene Wiesen
voll bunter Blumen, alte, seltsame Geschichten, die mir die Amme oft erzählte,
fielen mir dabei ein; viele Vögel sangen ringsumher, das Waldhorn rief
immerfort, noch niemals hatte ich so grosse Lust empfunden. Doch wie ich im
Beschauen so versunken ging und staunte, hatt ich den rechten Weg verloren, auch
wurde es schon dunkel. Ich irrt und rief, doch niemand gab mir Antwort. Die
Nacht bedeckte indes Wälder und Berge, die nun wie dunkle Riesen auf mich sahen,
nur die Bäume rührten sich so schaurig, sonst war es still im grossen Walde. -
Ist das nicht recht romantisch?« unterbrach sich hier die Gräfin selbst, laut
auflachend. - »Ermüdet«, fuhr sie wieder weiter fort, »setzte ich mich endlich
auf die Erde nieder und weinte bitterlich. Da hört ich plötzlich hinter mir ein
Geräusch, ein Reh bricht aus dem Dickicht hervor und hinterdrein der Reiter. -
Es war ein wilder Knabe, der Mond schien ihm hell ins Gesicht; wie schön und
herrlich er anzusehen war, kann ich mit Worten nicht beschreiben. Er stutzte,
als er mich erblickte, und staunend standen wir so voreinander. Erst lange
darauf fragte er mich, wie ich hierhergekommen und wohin ich wollte? Ich konnte
vor Verwirrung nicht antworten, sondern stand still vor ihm und sah ihn an. Da
hob er mich schnell vor sich auf sein Ross, umschlang mich fest mit einem Arme,
und ritt so mit mir davon. Ich fragte nicht: wohin? denn Lust und Furcht war so
gemischt in seinem wunderbaren Anblick, dass ich weder wünschte, noch wagte von
ihm zu scheiden. Unterwegs bat er mich freundlich um ein Andenken. Ich zog
stillschweigend meinen Ring vom Finger und gab ihn ihm. So waren wir, nach
kurzem Reiten auf unbekannten Wegen, zu meiner Verwunderung auf einmal vor unser
Schloss gekommen. Der Jäger setzte mich hier ab, küsste mich und kehrte schnell
wieder in den Wald zurück.
    Aber mir scheint gar, du glaubst mir wirklich alles das Zeug da«, sagte hier
die Gräfin, da sie Rosa über der Erzählung ihren ganzen Putz vergessen und mit
grossen Augen zuhorchen sah. - »Und ist es denn nicht wahr?« fragte Rosa. - »So,
so«, erwiderte die Gräfin, »es ist eigentlich mein Lebenslauf in der Knospe.
Willst du weiter hören, mein Püppchen?
    Der Sommer, die bunten Vögel und die Waldhornsklänge zogen nun fort, aber
das Bild des schönen Jägers blieb heimlich bei mir den langen Winter hindurch. -
Es war an einem von jenen wundervollen Vorfrühlingstagen, wo die ersten Lerchen
wieder in der lauen Luft Schwirren, ich Stand mit meiner Mutter an dem Abhange
des Gartens, der Fluss unten war von dem geschmolzenen Schnee ausgetreten und die
Gegend weit und breit wie ein grosser See zu sehen. Da erblickte ich plötzlich
meinen Jäger wieder gegenüber auf der Höhe. Ich erschrak vor Freude, dass ich am
ganzen Leibe zitterte. Er bemerkte mich und hielt meinen Ring an seiner Hand
gerade auf mich zu, dass der Stein im Sonnenscheine funkelnd, wunderbar über das
Tal herüberbljetzte. - Er schien zu uns herüber zu wollen, aber das Wasser
hinderte ihn. So ritt er auf verschiedenen Umwegen und kam an einen tiefen
Schlund, vor dem das Pferd sich zögernd bäumte. Endlich wagte es den Sprung,
sprang zu kurz und er stürzte in den Abgrund. Als ich das sah, sprang ich, ohne
mich zu besinnen, mit einem Schrei vom Abhange aus dem Garten hinunter. Man trug
mich ohnmächtig ins Schloss, und ich sah ihn niemals mehr wieder; aber der Ring
blitzt wohl noch jeden Frühling aus der Grüne farbigflammend in mein Herz, und
ich werde die Zauberei nicht los.« - »Was sagte denn aber die Mutter dazu?«
fragte Rosa. - »Sie erinnerte sich sehr oft daran. Noch den Tag vor ihrem Tode,
da sie schon zuweilen irre sprach, fiel es ihr ein und sie sagte in einer Art
von Verzückung zu mir: Springe nicht aus dem Garten! Er ist so fromm und
zierlich umzäunt mit Rosen, Lilien und Rosmarin. Die Sonne scheint gar lieblich
darauf und lichtglänzende Kinder sehen dir von fern zu und wollen dort zwischen
den Blumenbeeten mit dir spazierengehen. Denn du sollst mehr Gnade erfahren und
mehr göttliche Pracht überschauen, als andere. Und eben, weil du oft fröhlich
und kühn sein wirst und Flügel haben, so bitte ich dich: springe niemals aus dem
stillen Garten!« - »Was wollte sie denn aber damit sagen?« fiel ihr Rosa ins
Wort, »verstehst du's?« - »Manchmal«, erwiderte die Gräfin, »an nebligen
Herbsttagen.« - Sie nahm die Gitarre, trat an das offene Fenster und sang:
»Laue Luft kommt blau geflossen,
Frühling, Frühling soll es sein!
Waldwärts Hörnerklang geschossen,
Mut'ger Augen lichter Schein,
Und das Wirren bunt und bunter
Wird ein magisch wilder Fluss,
In die schöne Welt hinunter
Lockt dich dieses Stromes Gruss.
Und ich mag mich nicht bewahren!
Weit von euch treibt mich der Wind,
Auf dem Strome will ich fahren,
Von dem Glanze selig blind!
Tausend Stimmen lockend schlagen,
Hoch Aurora flammend weht,
Fahre zu! ich mag nicht fragen,
Wo die Fahrt zu Ende geht!
Was macht dein Bruder Leontin?« fragte sie schnell abbrechend und legte die
Gitarre, in Gedanken versunken, hin. »Wie kommst du jetzt auf den?« fragte Rosa
verwundert. »Er sagt von mir«, antwortete die Gräfin, »ich sei wie eine Flöte,
in der viel himmlischer Klang ist, aber das frische Holz habe sich geworfen,
habe einen genialischen Sprung, und so tauge doch am Ende das ganze Instrument
nichts. Das fiel mir eben jetzt ein.«
    Rosa war froh, dass gerade der Bediente hereintrat und meldete, dass die
Pferde zum Spazierritte bereit seien. Denn die Reden der Gräfin hatten sie heute
mehr gepresst, als sie zeigte, und wäre Friedrich, nach dessen immer beruhigenden
Gesprächen sie hier gar oft eine aufrichtige Sehnsucht fühlte, in diesem
Augenblicke hereingetreten, sie wäre ihm gewiss mit einer Leidenschaft um den
Hals gefallen, die ihn in Verwunderung gesetzt hätte.
    Friedrich hatte bis weit in den Tag hinein geschlafen oder vielmehr geträumt
und stand unerquickt und nüchtern auf. Die alte, schöne Gewohnheit, beim ersten
Erwachen in die rüstige, freie Morgenpracht hinauszutreten, und auf hohem Berge
oder im Walde die Weihe grosser Gedanken für den Tag zu empfangen, musste er nun
ablegen. Trostlos blickte er aus dem Fenster in das verwirrende Treiben der
mühselig drängenden, schwankenden Menge, und es war ihm, als könnte er hier
nicht beten. In solchen verlassenen Stunden wenden wir uns mit doppelter Liebe
nach den Augen der Geliebten, aus denen uns die Natur wieder wunderbar begrüsst,
wo wir Ruhe, Trost und Freude wiederzufinden wähnen. Auch Friedrich eilte, seine
Rosa endlich wiederzusehen. Aber seine Erwartung sollte noch einmal getäuscht
werden. Sie war, wie wir gehört haben, eben fortgeritten, als er hinkam.
    Ungeduldig verliess er von neuem das Haus, und es fehlte wenig, dass er in
einer Aufwallung nicht sogleich gar wieder fortreiste. Müssig und unlustig
schlenderte er durch die Gassen zwischen den fremden Menschengesichtern, ohne zu
wissen, wohin. Die ersten Stunden und Tage, die wir in einer grossen, unbekannten
Stadt verbringen, gehören meistens unter die verdrüsslichsten unsers Lebens.
Überall von aller organischen Teilnahme ausgeschlossen, sind wir wie ein
überflüssiges stillstehendes Rad an dem grossen Uhrwerke des allgemeinen
Treibens. Neutral hängen wir gleichsam unser ganzes Wesen schlaff zu Boden und
haschen, da wir innerlich nicht zu Hause sind, auswärts nach einem festen,
sichern Halt. Solche Augenblicke sind es, wo wir darauf verfallen Visiten zu
machen und nach Bekanntschaften zu jagen, da uns sonst der ungestörte Zug eines
frischen, bewegten Lebens in Liebe und Hass mit Gleichen und Widrigen von selbst
kräftiger und sicherer zusammenführt.
    So erinnerte sich auch Friedrich, dass er ein Empfehlungsschreiben an den
hiesigen Minister P., den er von einsichtsvollen Männern als ein Wunder von
tüchtiger Tätigkeit rühmen gehört, bei sich habe. Er zog es hervor und überlas
bei dieser Gelegenheit wieder einmal den weitläufigen Reiseplan, den er bei
seinem Auszuge von der Universität sorgfältig in seine Schreibtafel
aufgezeichnet hatte. Es rührte ihn, wie da alle Wege so genau vorausbestimmt
waren, und wie nachher alles anders gekommen war, wie das innere Leben überall
durchdringt und, sich an keine vorberechneten Pläne kehrend, gleich einem Baume
aus freier, geheimnisvoller Werkstatt seine Äste nach allen Richtungen
hinstreckt und treibt, und erst als Ganzes einen Plan und Ordnung erweist.
    Unter solchen Gedanken erreichte er des Ministers Haus. Ein Kammerdiener
meldete ihn an und führte ihn bald darauf durch eine lange Reihe von Zimmern,
die alle fast bis zur Einförmigkeit einfach und schmucklos waren. Erstaunt blieb
er stehen, als ihm endlich an der letzten Tür der Minister selbst entgegenkam.
Er hatte sich nach alledem Erhebenden, was er von seinem grossen Streben gehört,
einen lebenskräftigen, heldenähnlichen, freudigen Mann vorgestellt, und fand
eine lange, hagere, schwarzgekleidete Gestalt, die ihn mit unhöflicher
Höflichkeit empfing. Denn so möchte man jene Höflichkeit nennen, die nichts mehr
bedeuten will, und keinen Zug mehr ihres Ursprungs, der wohlwollenden Güte, an
sich hat. Der Minister las das Schreiben schnell durch und erkundigte sich um
die Familienverhältnisse des Grafen mit wenigen sonderbaren Fragen, aus denen
Friedrich zu seiner höchsten Verwunderung ersah, dass der Minister in die
Geheimnise seiner Familie eingeweihter sein müsse, als er selber, und er
betrachtete den kalten Mann einige Augenblicke mit einer Art von heiliger Scheu.
    Während dieser Unterredung kam unten ein junger Mann in soldatischer
Kleidung die Strasse herabgeritten. Wie wenn ein Ritter, noch ein heiliges Bild
voriger, rechter Jugend, dessen Anblicks unser Auge längst entwöhnt ist, uns
plötzlich begegnete, so ragte der herrliche Reiter über die verworrene, falbe
Menge, die sein wildes Ross auseinandersprengte. Alles zog ehrerbietig den Hut,
er nickte freundlich in das Fenster hinauf, der Minister verneigte sich tief; es
war der Erbprinz.
    Auf Friedrich hatte die wahrhaft fürstliche Schönheit des Reiters einen
wunderbaren Eindruck gemacht, den er, solange er lebte, nie wieder auszulöschen
vermochte. Er sagte es dem Minister. Der Minister lächelte. Friedrich ärgerte
das britisierende, eingefrorne Wesen, das er aus Jean Pauls Romanen bis zum Ekel
kannte, und jederzeit für die allerschändlichste Prahlerei hielt. Auf die
Wahrhaftigkeit seines Herzens vertrauend, sprach er daher, als sich bald nachher
die Unterhaltung zu den neuesten Zeitbegebenheiten wandte, über Staat,
öffentliche Verhandlungen und Patriotismus mit einer sorglosen, sieghaften
Ergreifung, die vielleicht manchmal um desto eher an Übertreibung grenzte, je
mehr ihn der unüberwindlich kalte Gegensatz des Ministers erhitzte. Der Minister
hörte ihn stillschweigend an. Als er geendigt hatte, sagte er ruhig: »Ich bitte
Sie, verlegen Sie sich doch einige Zeit mit ausschliesslichem Fleisse auf das
Studium der Jurisprudenz und der kameralistischen Wissenschaften.« Friedrich
griff schnell nach seinem Hute. Der Minister überreichte ihm eine
Einladungskarte zu einem sogenannten Tableau, welches heute abend bei einer
Dame, die durch gelehrte Zirkel berüchtigt war, von mehreren jungen Damen
aufgeführt werden sollte, und Friedrich eilte aus dem Hause fort. Er hatte sich
oben in der Gegenwart des Ministers wie von einer unsichtbaren Übermacht
bedrückt gefühlt, es kam ihm vor, als ginge alles anders auf der Welt, als er es
sich in guten Tagen vorgestellt.
    Es war schon Abend geworden, als sich Friedrich endlich entschloss, von der
Einladungskarte, die er vom Minister bekommen hatte, Gebrauch zu machen. Er
machte sich schnell auf den Weg; aber das Haus der Dame, wohin die Adresse
gerichtet war, lag weit in dem andern Teile der Stadt, und so langte er ziemlich
spät dort an.
    Er wurde bei Vorweisung der Karte in einen Saal gewiesen, der, wie es
schien, mit Fleiss nur durch einen einzigen Kronleuchter sehr matt beleuchtet
wurde. In dieser sonderbaren Dämmerung fand er eine zahlreiche Gesellschaft,
die, lebhaft durcheinandersprechend, in einzelne Partien zerstreut umhersass. Er
kannte niemand und wurde auch nicht bemerkt; er blieb daher im Hintergrunde und
erwartete, an einen Pfeiler gelehnt, den Ausgang der Sache.
    Bald darauf wurde zu seinem Erstaunen auch der einzige Kronleuchter
hinaufgezogen. Eine undurchdringliche Finsternis erfüllte nun plötzlich den Raum
und er hörte ein quiekendes, leichtfertiges Gelächter unter den jungen
Frauenzimmern über den ganzen Saal. Wie sehr aber fühlte er sich überrascht, als
auf einmal ein Vorhang im Vordergrunde niedersank und eine unerwartete
Erscheinung von der seltsamsten Erfindung sich den Augen darbot.
    Man sah nämlich sehr überraschend ins Freie, überschaute statt eines
Teaters die grosse, wunderbare Bühne der Nacht selber, die vom Monde beleuchtet
draussen ruhte. Schräge über die Gegend hin streckte sich ein ungeheurer
Riesenschatten weit hinaus, auf dessen Rücken eine hohe weibliche Gestalt
erhoben stand. Ihr langes weites Gewand war durchaus blendendweiss, die eine Hand
hatte sie ans Herz gelegt, mit der andern hielt sie ein Kreuz zum Himmel empor.
Das Gewand schien ganz und gar von Licht durchdrungen und strömte von allen
Seiten einen milden Glanz aus, der eine himmlische Glorie um die ganze Gestalt
bildete und sich ins Firmament zu verlieren schien, wo oben an seinem Ausgange
einzelne wirkliche Sterne hindurchschimmerten. Rings unter dieser Gestalt war
ein dunkler Kreis hoher, traumhafter, phantastisch ineinander verschlungener
Pflanzen, unter denen unkenntlich verworrene Gestalten zerstreut lagen und
schliefen, als wäre ihr wunderbarer Traum über ihnen abgebildet. Nur hin und her
endigten sich die höchsten dieser Pflanzengewinde in einzelne Lilien und Rosen,
die von der Glorie, der sie sich zuwandten, berührt und verklärt wurden und in
deren Kelchen goldene Kanarienvögel sassen und in dem Glanze mit den Flügeln
schlugen. Unter den dunklen Gestalten des untern Kreises war nur eine kenntlich.
Es war ein Ritter, der sich, der glänzenden Erscheinung zugekehrt, auf beide
Kniee aufgerichtet hatte und auf ein Schwert stützte, und dessen goldene Rüstung
von der Glorie hell beleuchtet wurde. Von der andern Seite stand eine schöne
weibliche Gestalt in griechischer Kleidung, wie die Alten ihre Göttinnen
abbildeten. Sie war mit bunten, vollen Blumengewinden umhangen und hielt mit
beiden aufgehobenen Armen eine Zimbel, wie zum Tanze, hoch in die Höh, so dass
die ganze regelmässige Fülle und Pracht der Glieder sichtbar wurde. Das Gesicht
erschrocken von der Glorie abgewendet, war sie nur zur Hälfte erleuchtet; aber
es war die deutlichste und vollendetste Figur. Es schien, als wäre die irdische,
lebenslustige Schönheit von dem Glanze jener himmlischen berührt, in ihrer
bacchantischen Stellung plötzlich so erstarrt. Je länger man das Ganze
betrachtete, je mehr und mehr wurde das Zauberbild von allen Seiten lebendig.
Die Glorie der mittelsten Figur spielte in den Pflanzengewinden und den
zitternden Blätterspitzen der nächststehenden Bäume. Im Hintergrunde sah man
noch einige Streifen des Abendrots am Himmel stehen, fernes, dunkelblaues
Gebirg, und hin und wieder den Strom aus der weiten Tiefe wie Silber
aufblickend. Die ganze Gegend schien in erwartungsvoller Stille zu feiern, wie
vor einem grossen Morgen, der das geheimnisvoll gebundene Leben in herrlicher
Pracht lösen soll.
    Friedrich war freudig zusammengefahren, als der Vorhang sich plötzlich
eröffnete, denn er hatte in der mittelsten Figur mit dem Kreuze sogleich seine
Rosa erkannt. Wie wir einen geliebten köstlichen Stein mit dem Kostbarsten
sorgfältig umfassen, so schien auch ihm der herrliche Kreis der gestirnten Nacht
draussen nur eine Folie um das schöne Bild der Geliebten, zu welcher aller Augen
unwiderstehlich hingezogen wurden. An ihren grossen, sinnigen Augen entzündete
sich in seiner Brust die Macht hoher, freudiger Entschlüsse und Gedanken, das
Abendrot draussen war ihm die Aurora eines künftigen, weiten, herrlichen Lebens
und seine ganze Seele flog wie mit grossen Flügeln in die wunderbare Aussicht
hinein.
    Mitten in dieser Entzückung fiel der Vorhang plötzlich wieder, das Ganze
verdeckend, herab, der Kronleuchter wurde heruntergelassen und ein schnatterndes
Gewühl und Lachen erfüllte auf einmal wieder den Saal. Der grösste Teil der
Gesellschaft brach nun von allen Sitzen auf und verlor sich. Nur ein kleiner
Teil von Auserwählten blieb im Saale zurück. Friedrich wurde währenddessen vom
Minister, der auch zugegen war, bemerkt und sogleich der Frau vom Hause
vorgestellt. Es war eine fast durchsichtig schlanke, schmächtige Gestalt,
gleichsam im Nachsommer ihrer Blüte und Schönheit. Sie bat ihn mit so überaus
sanften, leisen, lispelnden Worten, dass er Mühe hatte, sie zu verstehen, ihre
künstlerischen Abendandachten, wie sie sich ausdrückte, mit seiner Gegenwart zu
beehren, und sah ihn dabei mit blinzelnden, fast zugedrückten Augen an, von
denen er zweifelhaft war, ob sie ausforschend, gelehrt, sanft, verliebt oder nur
interessant sein sollten.
    Die Gesellschaft zog sich indes in eine kleinere Stube zusammen. Die Zimmer
waren durchaus prachtvoll und im neuesten Geschmacke dekoriert; nur hin und
wieder bemerkte man einige auffallende Besonderheiten und Nachlässigkeiten,
unsymmetrische Spiegel, Gitarren, aufgeschlagene Musikalien und Bücher, die auf
den Ottomanen zerstreut umherlagen. Friedrich kam es vor, als hätte es der Frau
vom Hause vorher einige Stunden mühsamen Studiums gekostet, um in das Ganze eine
gewisse unordentliche Genialität hineinzubringen.
    Endlich erschien auch Rosa mit der jungen Gräfin Romana, welche in dem
Tableau die griechische Figur, die lebenslustige, vor dem Glanze des
Christentums zu Stein gewordene Religion der Phantasie so meisterhaft
dargestellt hatte. Rosas erster Blick traf gerade auf Friedrich. Erstaunt und
mit innigster Herzensfreude rief sie laut seinen Namen. Er wäre ihr um den Hals
gefallen, aber der Minister stand eben wie eine Statue neben ihm, und manche
Augen hatte ihr unvorsichtiger Ausruf auf ihn gerichtet. Er hätte sich vor
diesen Leuten ebensogern wie Don Quijote in der Wildnis vor seinem Sancho Pansa
in Purzelbäumen produzieren wollen, als seine Liebe ihren Augen preisgeben. Aber
so nahe als möglich hielt er sich zu ihr, es war ihm eine unbeschreibliche Lust,
sie anzurühren, er sprach wieder mit ihr, als wäre er nie von ihr gewesen und
hielt oft minutenlang ihre Hand in der seinigen. Rosa tat diese langentbehrte,
ungekünstelte, unwiderstehliche Freude an ihr im Innersten wohl.
    Es hatte sich unterdes ein niedliches, etwa zehnjähriges Mädchen
eingefunden, die in einer reizenden Kleidung mit langen Beinkleidern und kurzem
schleiernen Röckchen darüber, keck im Zimmer herumsprang. Es war die Tochter vom
Hause. Ein Herr aus der Gesellschaft reichte ihr ein Tamburin, das in einer Ecke
auf dem Fussboden gelegen hatte. Alle schlossen bald einen Kreis um sie und das
zierliche Mädchen tanzte mit einer wirklich bewunderungswürdigen Anmut und
Geschicklichkeit, während sie das Tamburin auf mannigfache Weise schwang und
berührte und ein niedliches italienisches Liedchen dazu sang. Jeder war
begeistert, erschöpfte sich in Lobsprüchen und wünschte der Mutter Glück, die
sehr zufrieden lächelte. Nur Friedrich schwieg still. Denn einmal war ihm schon
die moderne Knabentracht bei Mädchen zuwider, ganz abscheulich aber war ihm
diese gottlose Art, unschuldige Kinder durch Eitelkeit zu dressieren. Er fühlte
vielmehr ein tiefes Mitleid mit der schönen kleinen Bajadere. Sein Ärger und das
Lobpreisen der andern stieg, als nachher das Wunderkind sich unter die
Gesellschaft mischte, nach allen Seiten hin in fertigem Französisch schnippische
Antworten erteilte, die eine Klugheit weit über ihr Alter zeigten, und überhaupt
jede Ungezogenheit als genial genommen wurde.
    Die Damen, welche sämtlich sehr ästetische Mienen machten, setzten sich
darauf nebst mehreren Herren unter dem Vorsitze der Frau vom Hause, die mit
vieler Grazie den Tee einzuschenken wusste, förmlich in Schlachtordnung und
fingen an, von Ohrenschmäusen zu reden. Der Minister entfernte sich in die
Nebenstube, um zu spielen. - Friedrich erstaunte, wie diese Weiber geläufig mit
den neuesten Erscheinungen der Literatur umzuspringen wussten, von denen er
selber manche kaum dem Namen nach kannte, wie leicht sie mit Namen herumwarfen,
die er nie ohne heilige, tiefe Ehrfurcht auszusprechen gewohnt war. Unter ihnen
schien besonders ein junger Mann mit einer verachtenden Miene in einem gewissen
Glauben und Ansehen zu stehen. Die Frauenzimmer sahen ihn beständig an, wenn es
darauf ankam, ein Urteil zu sagen, und suchten in seinem Gesichte seinen Beifall
oder Tadel im voraus herauszulesen, um sich nicht etwa mit etwas Abgeschmacktem
zu prostituieren. Er hatte viele genialische Reisen gemacht, in den meisten
Hauptstädten auf öffentlicher Strasse auf seine eigene Faust Ball gespielt,
Kotzebue einmal in einer Gesellschaft in den Sack gesprochen, fast mit allen
berühmten Schriftstellern zu Mittag gespeist oder kleine Fussreisen gemacht.
Übrigens gehörte er eigentlich zu keiner Partei; er übersah alle weit und
belächelte die entgegengesetzten Gesinnungen und Bestrebungen, den eifrigen
Streit unter den Philosophen oder Dichtern: Er war sich der Lichtpunkt dieser
verschiedenen Reflexe. Seine Urteile waren alle nur wie zum Spiele flüchtig
hingeworfen mit einem nachlässig mystischen Anstrich, und die Frauenzimmer
erstaunten nicht über das, was er sagte, sondern was er, in der Überzeugung,
nicht verstanden zu werden, zu verschweigen schien.
    Wenn dieser heimlich die Meinung zu regieren schien, so führte dagegen ein
anderer fast einzig das hohe Wort. Es war ein junger, voller Mensch mit
strotzender Gesundheit, ein Antlitz, das vor wohlbehaglicher Selbstgefälligkeit
glänzte und strahlte. Er wusste für jedes Ding ein hohes Schwungwort, lobte und
tadelte ohne Mass und sprach hastig mit einer durchdringenden, gellenden Stimme.
Er schien ein wütend Begeisterter von Profession und liess sich von den
Frauenzimmern, denen er sehr gewogen schien, gern den heiligen Tyrsusschwinger
nennen. Es fehlte ihm dabei nicht an einer gewissen schlauen Miene, womit er
niedrere, nicht so saftige Naturen seiner Ironie preiszugeben pflegte. Friedrich
wusste gar nicht, wohin dieser während seiner Deklamationen so viel Liebesblicke
verschwende, bis er endlich ihm gerade gegenüber einen grossen Spiegel entdeckte.
    Der Begeisterte liess sich nicht lange bitten, etwas von seinen Poesien
mitzuteilen. Er las eine lange Dityrambe von Gott, Himmel, Hölle, Erde und dem
Karfunkelstein mit angestrengtester Heftigkeit vor, und schloss mit solchem
Schrei und Nachdruck, dass er ganz blau im Gesichte wurde. Die Damen waren ganz
ausser sich über die heroische Kraft des Gedichts, sowie des Vortrags.
    Ein anderer junger Dichter von mehr schmachtendem Ansehn, der neben der Frau
vom Hause seinen Wohnsitz aufgeschlagen hatte, lobte zwar auch mit, warf aber
dabei einige durchbohrende, neidische Blicke auf den Begeisterten, vom Lesen
ganz Erschöpften. Überhaupt war dieser Friedrich schon von Anfang an durch
seinen grossen Unterschied von jenen beiden Flausenmachern aufgefallen. Er hatte
sich während der ganzen Zeit, ohne sich um die Verhandlungen der andern zu
bekümmern, ausschliesslich mit der Frau vom Hause unterhalten, mit der er eine
Seele zu sein schien, wie man von dem süssen, zugespitzten Munde beider abnehmen
konnte, und Friedrich hörte nur manchmal einzelne Laute, wie: »Mein ganzes Leben
wird zum Roman« - »überschwengliches Gemüt« - »Priesterleben« - herüberschallen.
Endlich zog auch dieser ein ungeheures Paket Papiere aus der Tasche und begann
vorzulesen, unter andern folgendes Assonanzenlied:
»Hat nun Lenz die silbern'n Bronnen
Losgebunden:
Knie ich nieder, süssbeklommen,
In die Wunder.
Himmelreich so kommt geschwommen
Auf die Wunden!
Hast du einzig mich erkoren
Zu den Wundern?
In die Ferne süss verloren,
Lieder fluten,
Dass sie, rückwärts sanft erschollen,
Bringen Kunde.
Was die andern sorgen wollen,
Ist mir dunkel,
Mir will ew'ger Durst nur frommen
Nach dem Durste.
Was ich liebte und vernommen,
Was geklungen,
Ist den eignen, tiefen Wonnen
Selig Wunder!«
Weiter folgendes Sonett:
»Ein Wunderland ist oben aufgeschlagen,
Wo goldne Ströme gehn und dunkel schallen
Und durch ihr Rauschen tief Gesänge hallen,
Die möchten gern ein hohes Wort uns sagen.
Viel goldne Brücken sind dort kühn geschlagen,
Darüber alte Brüder sinnend wallen
Und seltsam' Töne oft herunterfallen -
Da will tief Sehnen uns von hinnen tragen.
Wen einmal so berührt die heil'gen Lieder:
Sein Leben taucht in die Musik der Sterne,
Ein ewig Ziehn in wunderbare Ferne.
Wie bald liegt da tief unten alles Trübe!
Er kniet ewig betend einsam nieder,
Verklärt im heil'gen Morgenrot der Liebe.«
Er las noch einen Haufen Sonette mit einer Art von priesterlicher Feierlichkeit.
Keinem derselben fehlte es an irgendeinem wirklich aufrichtigen kleinen
Gefühlchen, an grossen Ausdrücken und lieblichen Bildern. Alle hatten einen
einzigen, bis ins Unendliche breit auseinandergeschlagenen Gedanken, sie bezogen
sich alle auf den Beruf des Dichters und die Göttlichkeit der Poesie, aber die
Poesie selber, das ursprüngliche, freie, tüchtige Leben, das uns ergreift, ehe
wir darüber sprechen, kam nicht zum Vorschein vor lauter Komplimenten davor und
Anstalten dazu. Friedrich kamen diese Poesierer in ihrer durchaus polierten,
glänzenden, wohlerzogenen Weichlichkeit wie der fade, unerquickliche Teedampf,
die zierliche Teekanne mit ihrem lodernden Spiritus auf dem Tische wie der
Opferaltar dieser Musen vor. Er erinnerte sich bei diesem ästetischen Geschwätz
der schönen Abende im Walde bei Leontins Schloss, wie da Leontin manchmal so
seltsame Gespräche über Poesie und Kunst hielt, wie seine Worte, je finsterer es
nach und nach ringsumher wurde, zuletzt eins wurden mit dem Rauschen des Waldes
und der Ströme und dem grossen Geheimnisse des Lebens, und weniger belehrten als
erquickten, stärkten und erhoben.
    Er erholte sich recht an der erfrischenden Schönheit Rosas, in deren Gesicht
und Gestalt unverkennbar der herrliche, wilde, oft ungeniessbare Berg- und
Waldgeist ihres Bruders zur ruhigeren, grossen, schönen Form geworden war. Sie
kam ihm diesen Abend viel schöner und unschuldiger vor, da sie sich fast gar
nicht in die gelehrten Unterhaltungen mit einmischte. Höchst anziehend und
zurückstossend zugleich erschien ihm dagegen ihre Nachbarin, die junge Gräfin
Romana, welche er sogleich für die griechische Figur in dem Tableau erkannte,
und die daher heute allgemein die schöne Heidin genannt wurde. Ihre Schönheit
war durchaus verschwenderisch reich, südlich und blendend und überstrahlte Rosas
mehr deutsche Bildung weit, ohne eigentlich vollendeter zu sein. Ihre Bewegungen
waren feurig, ihre grossen, brennenden, durchdringenden Augen, denen es nicht an
Strenge fehlte, bestrichen Friedrich wie ein Magnet. Als endlich der
Schmachtende seine Vorlesung geendigt hatte, wurde sie ziemlich unerwartet um
ihr Urteil darüber befragt. Sie antwortete sehr kurz und verworren, denn sie
wusste fast kein Wort davon; sie hatte währenddessen heimlich ein auffallend
getroffenes Portrait Friedrichs geschnitzt, das sie schnell Rosa zusteckte. Bald
darauf wurde auch sie aufgefordert, etwas von ihren Poesien zum besten zu geben.
Sie versicherte vergebens, dass sie nichts bei sich habe, man drang von allen
Seiten, besonders die Weiber mit wahren Judasgesichtern, in sie, und so begann
sie, ohne sich lange zu besinnen, folgende Verse, die sie zum Teil aus der
Erinnerung hersagte, grösstenteils im Augenblick erfand und durch ihre
musikalischen Mienen wunderbar belebte:
»Weit in einem Walde droben,
Zwischen hoher Felsen Zinnen,
Steht ein altes Schloss erhoben,
Wohnet eine Zaubrin drinne.
Von dem Schloss, der Zaubrin Schöne,
Gehen wunderbare Sagen,
Lockend schweifen fremde Töne
Plötzlich her oft aus dem Walde.
Wem sie recht das Herz getroffen,
Der muss nach dem Walde gehen,
Ewig diesen Klängen folgend,
Und wird nimmermehr gesehen.
Tief in wundersamer Grüne
Steht das Schloss, schon halb verfallen,
Hell die goldnen Zinnen glühen,
Einsam sind die weiten Hallen.
Auf des Hofes stein'gem Rasen
Sitzen von der Tafelrunde
All die Helden dort gelagert,
Überdeckt mit Staub und Wunden.
Heinrich liegt auf seinem Löwen,
Gottfried auch, Siegfried der Scharfe,
König Alfred, eingeschlafen
Über seiner goldnen Harfe.
Don Quijote hoch auf der Mauer,
Sinnend tief in nächt'ger Stunde,
Steht gerüstet auf der Lauer
Und bewacht die heil'ge Runde.
Unter fremdes Volk verschlagen,
Arm und ausgehöhnt, verraten,
Hat er treu sich durchgeschlagen,
Eingedenk der Heldentaten
Und der grossen alten Zeiten,
Bis er, ganz von Wahnsinn trunken,
Endlich so nach langem Streiten
Seine Brüder hat gefunden.
Einen wunderbaren Hofstaat
Die Prinzessin dortin führet,
Hat ein'n wunderlichen Alten,
Der das ganze Haus regieret.
Einen Mantel trägt der Alte,
Schillernd bunt in allen Farben
Mit unzähligen Zieraten,
Spielzeug hat er in den Falten.
Scheint der Monden helle draussen,
Wolken fliegen überm Grunde:
Fängt er draussen an zu hausen,
Kramt sein Spielzeug aus zur Stunde.
Und das Spielzeug um den Alten
Rührt sich bald beim Mondenscheine,
Zupfet ihn beim langen Barte,
Schlingt um ihn die bunten Kreise,
Auch die Blümlein nach ihm langen,
Möchten doch sich sittsam zeigen,
Ziehn verstohlen ihn beim Mantel,
Lachen dann in sich gar heimlich.
Und ringsum die ganze Runde
Zieht Gesichter ihm und rauschet,
Unterhält aus dunklem Grunde
Sich mit ihm als wie im Traume.
Und er spricht und sinnt und sinnet,
Bunt verwirrend alle Zeiten,
Weinet bitterlich und lachet,
Seine Seele ist so heiter.
Bei ihm sitzt dann die Prinzessin,
Spielt mit seinen Seltsamkeiten,
Immer neue Wunder blinkend
Muss er aus dem Mantel breiten,
Und der wunderliche Alte
Hielt sie sich bei seinen Bildern
Neidisch immerfort gefangen,
Weit von aller Welt geschieden.
Aber der Prinzessin wurde
Mitten in dem Spiele bange
Unter diesen Zauberblumen,
Zwischen dieser Quellen Rauschen.
Frisches Morgenrot im Herzen
Und voll freudiger Gedanken,
Sind die Augen wie zwei Kerzen,
Schön die Welt dran zu entflammen.
Und die wunderschöne Erde,
Wie Aurora sie berühret,
Will mit ird'scher Lust und Schmerzen
Ewig neu sie stets verführen.
Denn aus dem bewegten Leben
Spüret sie ein Hochzeitsgrüssen,
Mitten zwischen ihren Spielen
Muss sie sich bezwungen fühlen.
Und es hebt die ewig Schöne,
Da der Morgen herrlich schiene,
In den Augen grosse Tränen,
Hell die jugendlichen Glieder.
Wie so anders war es damals,
Da mich, bräutlich Ausgeschmückte,
Aus dem heimatlichen Garten
Hier herab der Vater schickte!
Wie die Erde frisch und jung noch,
Von Gesängen rings erklingend,
Schauernd in Erinnerungen,
Helle in das Herz mir blickte,
Dass ich, schamhaft mich verhüllend,
Meinen Ring, von Glanz geblendet,
Schleudert in die prächt'ge Fülle,
Als die ew'ge Braut der Erde.
Wo ist nun die Pracht geblieben,
Treuer Ernst im rüst'gen Treiben,
Rechtes Tun und rechtes Lieben
Und die Schönheit und die Freude?
Ach! ringsum die Helden alle,
Die sonst schön und helle schauten,
Um mich in den lichten Tagen
Durch die Welt sich fröhlich hauten,
Strecken steinern nun die Glieder,
Eingehüllt in ihre Fahnen,
Sind seitdem so alt geworden,
Nur ich bin so jung wie damals. -
Von der Welt kann ich nicht lassen,
Liebeln nicht von fern mit Reden,
Muss mit Armen warm umfassen! -
Lass mich lieben, lass mich leben!
Nun verliebt die Augen gehen
Über ihres Gartens Mauer,
War so einsam dort zu sehen
Schimmernd Land und Ström und Auen.
Und wo ihre Augen gingen:
Quellen aus der Grüne sprangen,
Berg und Wald verzaubert standen,
Tausend Vögel schwirrend sangen.
Golden blitzt es überm Grunde,
Seltne Farben irrend schweifen,
Wie zu lang entbehrtem Feste
Will die Erde sich bereiten.
Und nun kamen angezogen
Freier bald von allen Seiten,
Federn bunt im Winde flogen,
Jäger schmuck im Walde reiten.
Hörner lustig drein erschallen
Auf und munter durch das Grüne,
Pilger fromm dazwischen wallen,
Die das Heimatsfieber spüren.
Auf vielsonn'gen Wiesen flöten
Schäfer bei schneeflock'gen Schafen,
Ritter in der Abendröte
Knieen auf des Berges Hange,
Und die Nächte von Gitarren
Und Gesängen weich erschallen,
Dass der wunderliche Alte
Wie verrückt beginnt zu tanzen.
Die Prinzessin schmückt mit Kränzen
Wieder sich die schönen Haare,
Und die vollen Kränze glänzen
Und sie blickt verlangend nieder.
Doch die alten Helden alle,
Draussen vor der Burg gelagert,
Sassen dort im Morgenglanze,
Die das schöne Kind bewachten.
An das Tor die Freier kamen
Nun gesprengt, gehüpft, gelaufen,
Ritter, Jäger, Provenzalen,
Bunte, helle, lichte Haufen.
Und vor allen junge Recken
Stolzen Blicks den Berg berannten,
Die die alten Helden weckten,
Sie vertraulich Brüder nannten,
Doch wie diese uralt blicken,
An die Eisenbrust geschlossen
Brüderlich die Jungen drücken,
Fallen die erdrückt zu Boden.
Andre lagern sich zum Alten,
Graust ihn'n gleich bei seinen Mienen,
Ordnen sein verworrnes Walten,
Dass es jedem wohl gefiele;
Doch sie fühlen schauernd balde,
Dass sie ihn nicht können zwingen,
Selbst zu Spielzeug sich verwandeln,
Und der Alte spielt mit ihnen.
Und sie müssen töricht tanzen,
Manche mit der Kron geschmücket
Und im purpurnen Talare
Feierlich den Reigen führen.
Andre schweben lispelnd lose,
Andre müssen männlich lärmen,
Rittern reissen aus die Rosse
Und die schreien gar erbärmlich.
Bis sie endlich alle müde
Wieder kommen zu Verstande,
Mit der ganzen Welt in Frieden,
Legen ab die Maskerade.
Jäger sind wir nicht, noch Ritter,
Hört man sie von fern noch summen,
Spiel nur war das - wir sind Dichter! -
So vertost der ganze Plunder,
Nüchtern liegt die Welt wie ehe,
Und die Zaubrin bei dem Alten
Spielt die vor'gen Spiele wieder
Einsam wohl noch lange Jahre. -«
Die Gräfin, die zuletzt mit ihrem schönen, begeisterten Gesicht einer welschen
Improvisatorin glich, unterbrach sich hier plötzlich selber, indem sie laut
auflachte, ohne dass jemand wusste, warum. Verwundert fragte alles durcheinander:
»Was lachen Sie? Ist die Allegorie schon geschlossen? Ist das nicht die Poesie?«
- »Ich weiss nicht, ich weiss nicht, ich weiss nicht«, sagte die Gräfin lustig und
sprang auf.
    Von allen Seiten wurden nun die flüchtigen Verse besprochen. Einige hielten
die Prinzessin im Gedicht für die Venus, andre nannten sie die Schönheit, andre
nannten sie die Poesie des Lebens. Es mag wohl die Gräfin selber sein, dachte
Friedrich. - »Es ist die Jungfrau Maria als die grosse Weltliebe«, sagte der
genialische Reisende, der wenig achtgegeben hatte, mit vornehmer Nachlässigkeit.
»Ei, dass Gott behüte!« brach Friedrich, dem das Gedicht der Gräfin heidnisch und
übermütig vorgekommen war, wie ihre ganze Schönheit, halb lachend und halb
unwillig aus: »Sind wir doch kaum des Vernünftelns in der Religion los und
fangen dagegen schon wieder an, ihre festen Glaubenssätze, Wunder und Wahrheiten
zu verpoetisieren und zu verflüchtigen. In wem die Religion zum Leben gelangt,
wer in allem Tun und Lassen von der Gnade wahrhaft durchdrungen ist, dessen
Seele mag sich auch in Liedern ihrer Entzückung und des himmlischen Glanzes
erfreuen. Wer aber hochmütig und schlau diese Geheimnisse und einfältigen
Wahrheiten als beliebigen Dichtungsstoff zu überschauen glaubt, wer die
Religion, die nicht dem Glauben, dem Verstande oder der Poesie allein, sondern
allen dreien, dem ganzen Menschen, angehört, bloss mit der Phantasie in ihren
einzelnen Schönheiten willkürlich zusammenrafft, der wird ebensogern an den
griechischen Olymp glauben, als an das Christentum, und eins mit dem andern
verwechseln und versetzen, bis der ganze Himmel furchtbar öde und leer wird.« -
Friedrich bemerkte, dass er von mehreren sehr weise belächelt wurde, als könne er
sich nicht zu ihrer freien Ansicht erheben.
    Man hatte indes an dem Tische die Geschichte der Gräfin Dolores
aufgeschlagen und blätterte darin hin und her. Die mannigfaltigsten Urteile
darüber durchkreuzten sich bald. Die Frau vom Hause und ihr Nachbar, der
Schmachtende, sprachen vor allen andern bitter und mit einer auffallend
gekränkten Empfindlichkeit und Heftigkeit darüber. Sie schienen das Buch aus
tiefster Seele zu hassen. Friedrich erriet wohl die Ursache und schwieg. - »Ich
muss gestehen«, sagte eine junge Dame, »ich kann mich darein nicht verstehen, ich
wusste niemals, was ich aus dieser Geschichte mit den tausend Geschichten machen
soll.« »Sie haben sehr recht«, fiel ihr einer von den Männern, der sonst unter
allen immer am richtigsten geurteilt hatte, ins Wort, »es ist mir immer
vorgekommen, als sollte dieser Dichter noch einige Jahre pausieren, um dichten
zu lernen. Welche Sonderbarkeiten, Verrenkungen und schreienden Übertreibungen!«
- »Gerade das Gegenteil«, unterbrach ihn ein anderer, »ich finde das Ganze nur
allzu prosaisch, ohne die himmlische Überschwenglichkeit der Phantasie. Wenn wir
noch viele solche Romane erhalten, so wird unsere Poesie wieder eine blosse
allegorische Person der Moral.«
    Hier hielt sich Friedrich, der dieses Buch hoch in Ehren hielt, nicht
länger. »Alles ringsumher«, sagte er, »ist prosaisch und gemein, oder gross und
herrlich, wie wir es verdrossen und träge, oder begeistert ergreifen. Die grösste
Sünde aber unsrer jetzigen Poesie ist meines Wissens die gänzliche Abstraktion,
das abgestandene Leben, die leere, willkürliche, sich selbst zerstörende
Schwelgerei in Bildern. Die Poesie liegt vielmehr in einer fortwährend
begeisterten Anschauung und Betrachtung der Welt und der menschlichen Dinge, sie
liegt ebensosehr in der Gesinnung als in den lieblichen Talenten, die erst durch
die Art ihres Gebrauches gross werden. Wenn in einem sinnreichen, einfach
strengen, männlichen Gemüte auf solche Weise die Poesie wahrhaft lebendig wird,
dann verschwindet aller Zwiespalt: Moral, Schönheit, Tugend und Poesie, alles
wird eins in den adeligen Gedanken, in der göttlichen, sinnigen Lust und Freude,
und dann mag freilich das Gedicht erscheinen, wie ein in der Erde
wohlgegründeter, tüchtiger, schlanker, hoher Baum, wo grob und fein erquicklich
durcheinander wächst, und rauscht und sich rührt zu Gottes Lobe. Und so ist mir
auch dieses Buch jedesmal vorgekommen, obgleich ich gern zugebe, dass der Autor
in stolzer Sorglosigkeit sehr unbekümmert mit den Worten schaltet, und sich nur
zu oft daran ergötzt, die kleinen Zauberdinger kurios auf den Kopf zu stellen.«
    Die Frauenzimmer machten grosse Augen, als Friedrich unerwartet so sprach.
Was er gesagt, hatte wenigstens den gewissen, guten Klang, der ihnen bei allen
solchen Dingen die Hauptsache war. Romana, die es von weitem flüchtig mit
angehört, fing an, ihn mit ihren dunkelglühenden Augen bedeutender anzusehen.
Friedrich aber dachte: in euch wird doch alles Wort nur wieder Wort, und wandte
sich zu einem schlichten Manne, der vom Lande war und weniger mit der Literatur
als mit dieser Art, sie zu behandeln, unbekannt zu sein schien.
    Dieser erzählte ihm, wie er jenem Romane eine seltsame Verwandlung seines
ganzen Lebens zu verdanken habe. Auf dem Lande ausschliesslich zur Ökonomie
erzogen, hatte er nämlich von frühester Kindheit an nie Neigung zum Lesen und
besonders einen gewissen Widerwillen gegen alle Poesie, als einen unnützen
Zeitvertreib. Seine Kinder dagegen liessen seit ihrem zartesten Alter einen
unüberwindlichen Hang und Geschicklichkeit zum Dichten und zur Kunst verspüren,
und alle Mittel, die er anwandte, waren nicht imstande, sie davon abzubringen
und sie zu tätigen, ordentlichen Landwirten zu machen. Vielmehr lief ihm der
älteste Sohn fort und wurde wider seinen Willen Maler. Dadurch wurde er immer
verschlossener, und seine Abneigung gegen die Kunst verwandelte sich immer
bitterer in entschiedenen Hass gegen alles, was ihr nur anhing. Der Maler hatte
indes eine unglückselige Liebe zu einem jungen, seltsamen Mädchen gefasst. Es war
gewiss das talentvollste, heftigste, beste und schlechteste Mädchen zugleich, das
man nur finden konnte. Eine Menge unordentlicher Liebschaften, in die sie sich
auch jetzt noch immerfort einliess, brachte den Maler oft auf das Äusserste, so
dass es in Anfällen von Wut oft zwischen beiden zu Auftritten kam, die ebenso
furchtbar als komisch waren. Ihre unbeschreibliche Schönheit zog ihn aber immer
wieder unbezwinglich zu ihr hin, und so teilte er sein unruhvolles Leben
zwischen Hass und Liebe und allen den heftigsten Leidenschaften, während er
immerfort in den übrigen Stunden unermüdet und nur um desto eifriger an seinen
grossen Gemälden fortarbeitete. - »Ich machte mich endlich einmal nach der weit
entlegenen Stadt auf den Weg«, fuhr der Mann in seiner Erzählung fort, »um die
seltsame Wirtschaft meines Sohnes, von der ich schon so viel gehört hatte, mit
eigenen Augen anzusehen. Schon unterweges hörte ich von einem seiner besten
Freunde, dass sich manches verändert habe. Das Mädchen oder Weib meines Sohnes
habe nämlich von ohngefähr ein Buch in die Hände bekommen, worin sie mehrere
Tage unausgesetzt und tiefsinnig gelesen. Keiner ihrer Liebhaber habe sie
seitdem zu sehen bekommen und sie sei endlich darüber in eine schwere Krankheit
verfallen. Das Buch war kein anderes, als ebendiese Geschichte von der Gräfin
Dolores. Als ich in die Stadt ankomme, eile ich sogleich nach der Wohnung meines
Sohnes. Ich finde niemand im ganzen Hause, die Tür offen, alles öde. Ich trete
in die Stube: das Mädchen lag auf einem Bette, blass und wie vor Mattigkeit
eingeschlafen. Ich habe niemals etwas Schöneres gesehen. In dem Zimmer standen
fertige und halb vollendete Gemälde auf Staffeleien umher, Malergerätschaften,
Bücher, Kleider, halbbezogene Gitarren, alles sehr unordentlich durcheinander.
Durch das Fenster, welches offenstand, hatte man über die Stadt weg eine
entzückende Aussicht auf den weit gewundenen Strom und die Gebirge. In der Stube
fand ich auf einem Tische ein Buch aufgeschlagen, es war die Dolores. Ich wollte
die Kranke nicht wecken, setzte mich hin und fing an in dem Buche zu lesen. Ich
las und las, vieles Dunkle zog mich immer mehr an, vieles kam mir so wahrhaft
vor, wie meine verborgene innerste Meinung oder wie alte, lange wieder verlorne
und untergegangene Gedanken, und ich vertiefte mich immer mehr. Ich las bis es
finster wurde. Die Sonne war draussen untergegangen, und nur noch einzelne
Scheine des Abendrots fielen seltsam auf die Gemälde, die so still auf ihren
Staffeleien umherstanden. Ich betrachtete sie aufmerksamer, es war, als fingen
sie an lebendig zu werden, und mir kam in diesem Augenblicke die Kunst, der
unüberwindliche Hang und das Leben meines Sohnes, begreiflich vor. Ich kann
überhaupt nicht beschreiben, wie mir damals zumute war; es war das erstemal in
meinem Leben, dass ich die wunderbare Gewalt der Poesie im Innersten fühlte, und
ich erschrak ordentlich vor mir selber. - Es war mir unterdes aufgefallen, dass
sich das Mädchen auf dem Bette noch immer nicht rühre, ich trat zu ihr,
schüttelte sie und rief. Sie gab keine Antwort mehr, sie war tot. - Ich hörte
nachher, dass mein Sohn heute, sowie sie gestorben war, fortgereist sei und alles
in seiner Stube so stehn gelassen habe.«
    Hier hielt der Mann ernstaft inne. »Ich lese seitdem fleissig«, fuhr er nach
einer kleinen Pause gesammelt fort; »vieles in den Dichtern bleibt mir durchaus
unverständlich, aber ich lerne täglich in mir und in den Menschen und Dingen um
mich vieles einsehen und lösen, was mir sonst wohl unbegreiflich war und mich
unbeschreiblich bedrückte. Ich befinde mich jetzt viel wohler.«
    Friedrich hatte diese einfache Erzählung gerührt. Er sah den Mann aufmerksam
an und bemerkte in seinem stark gezeichneten Gesicht einen einzigen, sonderbar
dunklen Zug, der aussah wie Unglück und vor dem ihm schauderte. Er wollte ihn
eben noch um einiges fragen, das in der Geschichte besonders seine
Aufmerksamkeit erregt hatte, aber der dityrambische Tyrsusschwinger, der
unterdes bei den Damen seinen Witz unermüdet hatte leuchten lassen, lenkte ihn
davon ab, indem er sich plötzlich mit sehr heftigen Bitten zu dem guten
Schmachtenden wandte, ihnen noch einige seiner vortrefflichen Sonette
vorzulesen, obschon er, wie Friedrich gar wohl gehört, die ganze Zeit über
gerade diese Gedichte vor den Damen zum Stichblatt seines Witzes und Spottes
gemacht hatte. Friedrich empörte diese herzlose, doppelzüngige Teufelei; er
kehrte sich schnell zu dem Schmachtenden, der neben ihm stand, und sagte: »Ihre
Gedichte gefallen mir ganz und gar nicht.« Der Schmachtende machte grosse Augen,
und niemand von der Gesellschaft verstand Friedrichs grossmütige Meinung. Der
Dityrambist aber fühlte die Schwere der Beschämung wohl, er wagte nicht weiter
mit seinen Bitten in den Schmachtenden zu dringen und fürchtete Friedrich
seitdem wie ein richtendes Gewissen. Friedrich wandte sich darauf wieder zu dem
Landmanne und sagte zu ihm laut genug, dass es der Tyrsusschwinger hören konnte:
»Fahren Sie nur fort, sich ruhig an den Werken der Dichter zu ergötzen, mit
schlichtem Sinne und redlichem Willen wird Ihnen nach und nach alles in
denselben klar werden. Es ist in unsern Tagen das grösste Hindernis für das
wahrhafte Verständnis aller Dichterwerke, dass jeder, statt sich recht und auf
sein ganzes Leben davon durchdringen zu lassen, sogleich ein unruhiges,
krankhaftes Jucken verspürt, selber zu dichten und etwas dergleichen zu liefern.
Adler werden sogleich hochgeboren und schwingen sich schon vom Neste in die
Luft, der Strauss aber wird oft als König der Vögel gepriesen, weil er mit grossem
Getös seinen Anlauf nimmt, aber er kann nicht fliegen.«
    Es ist nichts künstlicher und lustiger, als die Unterhaltung einer solchen
Gesellschaft. Was das Ganze noch so leidlich zusammenhält, sind tausend feine,
fast unsichtbare Fäden von Eitelkeit, Lob und Gegenlob usw., und sie nennen es
denn gar zu gern ein Liebesnetz. Arbeitet dann unverhofft einmal einer, der
davon nichts weiss, tüchtig darin herum, geht die ganze Spinnewebe von ewiger
Freundschaft und heiligem Bunde auseinander.
    So hatte auch heute Friedrich den ganzen Tee versalzen. Keiner konnte das
künstlerische Weberschiffchen, das sonst, fein im Takte, so zarte ästetische
Abende wob, wieder in Gang bringen. Die meisten wurden misslaunisch, keiner
konnte oder mochte, wie beim babylonischen Baue, des andern Wortgepräng
verstehen, und so beleidigte einer den andern in der gänzlichen Verwirrung.
Mehrere Herren nahmen endlich unwillig Abschied, die Gesellschaft wurde kleiner
und vereinzelter. Die Damen gruppierten sich hin und wieder auf den Ottomanen in
malerischen und ziemlich unanständigen Stellungen. Friedrich bemerkte bald ein
heimliches Verständnis zwischen der Frau vom Hause und dem Schmachtenden. Doch
glaubte er zugleich an ihr ein feines Liebäugeln zu entdecken, das ihm selber zu
gelten schien. Er fand sie überhaupt viel schlauer, als man anfänglich ihrer
lispelnden Sanftmut hätte zutrauen mögen; sie schien ihren schmachtenden
Liebhaber bei weitem zu übersehen und, sehr aufgeklärt, selber nicht so viel von
ihm zu halten, als sie vorgab und er aus ganzer Seele glaubte.
    Wie ein rüstiger Jäger in frischer Morgenschönheit stand Friedrich unter
diesen verwischten Lebensbildern. Nur die einzige Gräfin Romana zog ihn an.
Schon das Gedicht, das sie rezitiert, hatte ihn auf sie aufmerksam gemacht und
auf die eigentümliche, von allen den andern verschiedene Richtung ihres Geistes.
Er glaubte schon damals eine tiefe Verachtung und ein scharfes Überschauen der
ganzen Teegesellschaft in derselben zu bemerken, und seine jetzigen Gespräche
mit ihr bestätigten seine Meinung. Er erstaunte über die Freiheit ihres Blicks
und die Keckheit, womit sie alle Menschen aufzufassen und zu behandeln wusste.
Sie hatte sich im Augenblick in alle Ideen, die Friedrich in seinen vorigen
Äusserungen berührt, mit einer unbegreiflichen Lebhaftigkeit hineinverstanden und
kam ihm nun in allen seinen Gedanken entgegen. Es war in ihrem Geiste, wie in
ihrem schönen Körper ein zauberischer Reichtum; nichts schien zu gross in der
Welt für ihr Herz; sie zeigte eine tiefe, begeisterte Einsicht ins Leben wie in
alle Künste, und Friedrich unterhielt sich daher lange Zeit ausschliesslich mit
ihr, die übrige Gesellschaft vergessend. Die Damen fingen unterdes schon an zu
flüstern und über die neue Eroberung der Gräfin die Nasen zu rümpfen.
    Das Gespräch der beiden wurde endlich durch Rosa unterbrochen, die zu der
Gräfin trat und vedriesslich nach Hause zu fahren begehrte. Friedrich, der eine
grosse Betrübnis in ihrem Gesichte bemerkte, fasste ihre Hand. Sie wandte sich
aber schnell weg und eilte in ein abgelegenes Fenster. Er ging ihr nach. Sie sah
mit abgewendetem Gesicht in den stillen Garten hinaus, er hörte, dass sie
schluchzte. Eifersucht vielleicht und das schmerzlichste Gefühl ihres
Unvermögens, in allen diesen Dingen mit der Gräfin zu wetteifern, arbeitete in
ihrer Seele. Friedrich drückte das schöne, trostlose Mädchen an sich. Da fiel
sie ihm schnell und heftig um den Hals und sagte aus Grund der Seele: »Mein
lieber Mann!« Es war das erstemal in seinem Leben, dass sie ihn so genannt.
    Es kamen soeben mehrere andere hinzu und alles fing an Abschied zu nehmen
und auseinanderzugehen; er konnte nichts mehr mit ihr sprechen. Noch im Weggehn
trat der Minister zu ihm und fragte ihn, wie es ihm hier gefallen habe? Er
antwortete mit einer zweideutigen Höflichkeit. Der Minister sah ihn ernstaft
und ausforschend an und ging fort. Friedrich aber eilte durch die nächtliche
Stadt seiner Wohnung zu. Ein rauher Wind ging durch die Strassen. Er hatte sich
noch nie so unbehaglich, leer und müde gefühlt.
 
                              Dreizehntes Kapitel
Es war ein schöner Herbstmorgen, da ritt Friedrich eine von den langen
Strassenalleen hinunter, die von der Residenz ins Land hinausführten. Er hatte es
schon längst der schönen Gräfin Romana versprechen müssen, sie auf ihrem
Landgute, das einige Meilen von der Stadt entfernt lag, zu besuchen, und der
blaue Himmel hatte ihn heute hinausgelockt. Sie war seit seiner Trennung von
Leontin die einzige, zu der er von allem reden konnte, was er dachte, wusste und
wollte, die Unterhaltung mit ihr war ihm fast schon zum Bedürfnis geworden.
    Der Weg war ebenso anmutig als der Morgen. Er kam bald an einen von beiden
Seiten eng von Bergen eingeschlossenen Fluss, an dem die Strasse hinablief. Die
Wälder, welche die schönen Berge bedeckten, waren schon überall mit gelben und
roten Blättern bunt geschmückt, Vögel reisten hoch über ihm weg dem Strome nach
und erfüllten die Luft mit ihren abgebrochenen Abschiedstönen, die Friedrich
jedesmal wunderbar an seine Kindheit erinnerten, wo er, der Natur noch nicht
entwachsen, einzig von ihren Blicken und Gaben lebte.
    Einige Stunden war er so zwischen den einsamen Bergschluchten hingeritten,
als er am jenseitigen Ufer eine Stimme rufen hörte, die ihn immerfort zu
begleiten schien und vom Echo in den grünen Windungen unaufhörlich wiederholt
wurde. Je länger er nachhorchte, je mehr kam es ihm vor, als kenne er die
Stimme. Plötzlich hörte das Rufen wieder auf und Friedrich fing nun an zu
bemerken, dass er einen unrechten Weg eingeschlagen haben müsse, denn die grünen
Bergesgänge wollten kein Ende nehmen. Er verdoppelte daher seine Eile und kam
bald darauf an den Ausgang des Gebirges und an ein Dorf, das auf einmal sehr
reizend im Freien vor ihm lag.
    Das erste, was ihm in die Augen fiel, war ein Wirtshaus, vor welchem sich
ein schöner grüner Platz bis an den Fluss ausbreitete. Auf dem Platze sah er
einen, mit ungewöhnlichem und rätselhaftem Geräte schwer bepackten Wagen stehen
und mehrere sonderbare Gestalten, die wunderlich mit der Luft zu fechten
schienen. Wie erstaunte er aber, als er näher kam und mitten unter ihnen Leontin
und Faber erkannte. - Leontin, der ihn schon von weitem über den Hügel kommen
sah, rief ihm sogleich entgegen: »Kommst du auch angezogen, neumodischer Don
Quijote, Lamm Gottes, du sanfter Vogel, der immer voll schöner Weisen ist, haben
sie dir noch nicht die Flügel gebrochen? Mir war schon lange zum Sterben bange
nach dir!« Friedrich sprang schnell vom Pferde und fiel ihm um den Hals. Er
hielt Leontins Hand mit seinen beiden Händen und sah ihm mit grenzenloser Freude
in das lebhafte Gesicht; es war, als entzünde sich sein innerstes Leben jedesmal
neu an seinen schwarzen Augen.
    Er bemerkte indes, dass die Menschen ringsum, die ihm schon von weitem
aufgefallen waren, auf das abenteuerlichste in lange, spanische Mäntel gehüllt
waren und sich immerfort, ohne sich von ihm stören zu lassen, wie Verrückte
miteinander unterhielten. »Ha, verzweifelte Sonne!« rief einer von ihnen, der
eine Art von Turban auf dem Kopfe und ein gewisses tyrannisches Ansehn hatte,
»willst du mich ewig bescheinen? Die Fliegen spielen in deinem Licht, die Käfer
im - ruhen selig in deinem Schosse, Natur! Und ich - und ich - warum bin ich
nicht ein Käfer geworden, unerforschlich waltendes Schicksal? - Was ist der
Mensch? - Ein Schaum. Was ist das Leben? - Ein nichtswürdiger Wurm.« -
»Umgekehrt, gerade umgekehrt, wollen Sie wohl sagen«, rief eine andere Stimme. -
»Was ist die Welt?« fuhr jener fort, ohne sich stören zu lassen, »was ist die
Welt?« - Hier hielt er inne und lachte grinsend und weltverachtend wie Abällino
unter seinem Mantel hervor, wendete sich darauf schnell um und fasste unvermutet
Herrn Faber, der eben neben ihm stand, bei der Brust. »Ich verbitte mir das«,
sagte Faber ärgerlich, »wie oft soll ich noch erklären, dass ich durchaus nicht
mit in den Plan gehöre!« - - »Lass dich's nicht wundern«, sagte endlich Leontin
zu Friedrich, der aus dem allen nicht gescheit werden konnte, »das ist eine
Bande Schauspieler, mit denen ich auf der Strasse zusammengetroffen und seit
gestern reise. Wir probieren soeben eine Komödie aus dem Stegreif, zu der ich
die Lineamente unterwegs entworfen habe. Sie heisst: Bürgerlicher Seelenadel und
Menschheitsgrösse, oder der tugendhafte Bösewicht, ein psychologisches
Trauerspiel in fünf Verwirrungen der menschlichen Leidenschaften, und wird heute
abend in dem nächsten Städtchen gegeben werden, wo der gebildete Magistrat zum
Anfang durchaus ein schillerndes Stück verlangt hat. Ich werde der Vorstellung
mit beiwohnen und habe alle Folgen über mich genommen.«
    »Ja, wahrhaftig«, sagte Faber, »wenn das noch lange so fortgeht, so sage ich
aller gebildeten Welt Lebewohl und fange an auf dem Seile zu tanzen, oder die
Zigeunersprache zu studieren. Ich bin des Herumziehens in der Tat von Herzen
satt.« - »Verstellen Sie sich nur nicht immer so«, fiel ihm Leontin ins Wort,
»Sie kommen doch am Ende nicht weg von mir. Wir zanken uns immer und treffen
doch immer wieder auf einerlei Wegen zusammen. Übrigens sind diese Schauspieler
ein gar vortrefflicher Künstlerverein; sie wollen nicht gepriesen, sondern
gespeist sein, und gehen daher in der Verzweiflung der Natur noch keck und
beherzt auf den Leib.«
    Es war unterdes an einen jungen Menschen von der Truppe, der auch eine Rolle
in dem Stücke übernommen hatte, die Reihe gekommen, ebenfalls seinen Teil
vorzustellen. Er benahm sich aber sehr ungeschickt und war durchaus nicht
imstande, etwas zu erfinden und vorzubringen. Ein schönes Mädchen, mit welcher
er eben die Szene spielen sollte, wurde ungeduldig, erklärte, sie wolle hier
nicht länger einen Narren abgeben, und sprang lachend fort, der andere, ältere
Schauspieler lief ihr nach, um sie zurückzuholen, und so war die ganze Probe
gestört.
    Der junge Mann war indes näher getreten. Friedrich sah ihm genauer ins
Gesicht, er traute seinen Augen kaum, es war einer von den Studenten, die ihm
bei seinem Abzuge von der Universität das Geleit gegeben hatten. - »Mein Gott!
wie kommst du unter diese Leute?« rief Friedrich voll Erstaunen, denn er hatte
ihn damals als einen stillen und fleissigen Menschen gekannt, der vor den
Ausgelassenheiten der andern jederzeit einen heimlichen Widerwillen hegte. Der
Student gestand, dass er den Grafen sogleich wiedererkannt, aber gehofft habe,
von ihm übersehen zu werden. Er schien sehr verlegen.
    Friedrich, der sich an seinem Gesichte aller alten Freuden und Leiden
erinnerte, zog ihn erfreut und vertraulich an den Tisch und der Student erzählte
ihnen endlich den ganzen Hergang seiner Geschichte. Nicht lange nach Friedrichs
Abreise hatte sich nämlich auf der Universität eine reisende Gesellschaft von
Seiltänzern eingefunden, worunter besonders eine Springerin durch ihre Schönheit
alle Augen auf sich zog. Viele Studenten versuchten und fanden ihr Glück. Er
aber mit seiner stillen und tiefern Gemütsart verliebte sich im Ernste in das
Mädchen, und wie ihr Herz bisher in ihrer tollen Lebensweise von der Gewalt der
Liebe ungerührt geblieben war, wurde sie von seiner zarten, ungewohnten Art, sie
zu behandeln und zu gewinnen, überrascht und gefangen. Sie beredeten sich,
einander zu heiraten; sie verliess die Bande und er arbeitete von nun an Tag und
Nacht, um seine Studien zu vollenden und sich ein Einkommen zu erwerben. Es
verging indes längere Zeit, als er geglaubt hatte, das Mädchen fing an, von Zeit
zu Zeit launisch zu werden, bekam häufige Anfälle von Langeweile und - eh er
sich's versah, war sie verschwunden. »Mein mühsam erspartes Geld«, fuhr der
Student weiter fort, »hatte ich indes immer wieder auf verschiedene Einfälle und
Launen des Mädchens zersplittert, meine Eltern wollten nichts von mir wissen,
mein innerstes Leben hatte mich auf einmal betrogen, die Studenten lachten
entsetzlich, es war der schmerzlichste und unglücklichste Augenblick meines
Lebens. Ich liess alles und reiste dem Mädchen nach. Nach langem Irren fand ich
sie endlich bei diesen Komödianten wieder, denn es ist dieselbe, die vorhin hier
weggegangen. Sie kam sehr freudig auf mich zugesprungen, als sie mich erblickte,
doch ohne ihre Flucht zu entschuldigen oder im geringsten unnatürlich zu finden.
- Meine Mutter ist seitdem aus Gram gestorben. Ich weiss, dass ich ein Narr bin
und kann doch nicht anders.«
    Die Tränen standen ihm in den Augen, als er das sagte. Friedrich, der wohl
einsah, dass der gute Mensch sein Herz und sein Leben nur wegwerfe, riet ihm mit
Wärme, sich ernstlich zusammenzunehmen und das Mädchen zu verlassen, er wolle
für sein Auskommen sorgen. - Der Verliebte schwieg still. - »Lass doch die Jugend
fahren!« sagte Leontin, »jeder Schiffmann hat seine Sterne und das Alter treibt
uns zeitig genug auf den Sand. Du brichst dem tollen Nachtwandler doch den Hals,
wenn du ihn bei seinem prosaischen, bürgerlichen Namen rufst. Aber härter müssen
Sie sein«, sagte er zu dem Studenten, »denn die Welt ist hart und drückt Sie
sonst zuschanden.«
    Das Mädchen kam unterdes wieder und trällerte ein Liedchen. Ihre Gestalt war
herrlich, aber ihr schönes Gesicht hatte etwas Verwildertes. Sie antwortete auf
alle Fragen sehr unterwürfig und keck zugleich, und schien nicht üble Lust zu
haben, noch länger bei den beiden Grafen zurückzubleiben, als der
Teaterprinzipal kam und ankündigte, dass alles zur Abreise fertig sei.
    Der Student drückte Friedrich herzlich die Hand und eilte zu dem
aufbrechenden Haufen. Der mit allerhand Dekorationen schwer bepackte Wagen, von
dessen schwankender Höhe der Prinzipal noch immerfort aus der Ferne seine
untertänigste Bitte an Leontin wiederholte, heute abend mit seiner höchst
nötigen Protektion nicht auszubleiben, wackelte indes langsam fort, nebenher
ging die ganze übrige Gesellschaft bunt zerstreut und lustig einher, der Student
war zu Pferde, neben ihm ritt sein Mädchen auch auf einem Klepper und warf
Leontin noch einige Blicke zu, die ziemlich vertraulich aussahen, und so zog die
bunte Karawane wie ein Schattenspiel in die grüne Schlucht hinein. »Wie
glücklich«, sagte Leontin, als alles verschwunden war, »könnte der Student sein,
so frank und frei mit seiner Liebsten durch die Welt zu ziehn! wenn er nur
Talend fürs Glück hätte, aber er hat eine einförmige Niedergeschlagenheit in
sich, die er nicht niederschlagen kann, und die ihn durchs Leben nur so
hinschleppt.«
    Sie setzten sich nun auf dem schönen grünen Platze um einen Tisch zusammen,
der Fluss flog lustig an ihnen vorüber, die Herbstsonne wärmte sehr angenehm.
Leontin erzählte, wie er den Morgen nach seiner Flucht vom Schloss des Herrn v.
A. bei Anbruch des Tages auf den Gipfel eines hohen Berges gekommen sei, von dem
er von der einen Seite die fernen Türme der Residenz, von der andern die
friedlich reiche Gegend des Herrn v. A. übersah, über welcher soeben die Sonne
aufging. Lange habe er vor dieser grenzenlosen Aussicht nicht gewusst, wohin er
sich wenden solle, als er auf einmal unten im Tale Faber die Strasse
heraufwandern sah, den, wie er wohl wusste, wieder einmal die Albernheiten der
Stadt auf einige Zeit in alle Welt getrieben hatten. Wie die Stimme in der Wüste
habe er ihn daher, da er gerade eben in einem ziemlich ähnlichen Humor gewesen,
mit einer langen Anrede über die Vergänglichkeit aller irdischen Dinge
empfangen, ohne von ihm gesehen werden zu können, und so zu sich hinaufgelockt.
- Leontin versank dabei in Gedanken. »Wahrhaftig«, sagte er, »wenn ich mich in
jenen Sonnenaufgang auf dem Berge recht hineindenke, ist mir zumute, als könnt
es mir manchmal auch so gehn, wie dem Studenten.« -
    Faber war unterdes fortgegangen, um etwas zu essen und zu trinken zu
bestellen, und Friedrich bemerkte dabei mit Verwunderung, dass die Leute, wenn er
mit ihnen sprach oder etwas forderte, ihm ins Gesicht lachten oder einander
heimlich zuwinkten und die neugierigen Kinder furchtsam zurückzogen, wenn er
sich ihnen näherte. Leontin gestand, dass er manchmal, wenn sie in einem Dorfe
einkehrten, vorauszueilen pflege und die Wirtsleute überrede, dass der gute Mann,
den er bei sich habe, nicht recht bei Verstande sei, sie sollten nur recht auf
seine Worte und Bewegungen achtaben, wenn er nachkäme. Dies gebe dann zu
vielerlei Lust und Missverständnis Anlass, denn wenn sich Faber einige Zeit mit
den Gesichtern abgebe, die ihn alle so heimlich, furchtsam und bedauernd
ansähen, hielten sie sich am Ende wechselseitig alle für verrückt. - Leontin
brach schnell ab, denn Faber kam eben zu ihnen zurück und schimpfte über die
Dummheit des Landvolks.
    Friedrich musste nun von seinem Abschiede auf dem Schloss des Herrn v. A.
und seinen Abenteuern in der Residenz erzählen. Er kam bald auch auf die
ästetische Teegesellschaft und versicherte, er habe sich dabei recht ohne alle
Männlichkeit gefühlt, etwa wie bei einem Spaziergange durch die Lüneburger Ebne
mit Aussicht auf Heidekraut. Leontin lachte hell-laut. »Du nimmst solche Sachen
viel zu ernstaft und wichtiger, als sie sind«, sagte er. »Alle Figuren dieses
Schauspiels sind übrigens auch von meiner Bekanntschaft, ich möchte aber nur
wissen, was sie seit der Zeit, dass ich sie nicht gesehen, angefangen haben, denn
wie ich soeben höre, hat sich seitdem auch nicht das mindeste in ihnen
verändert. Diese Leute schreiten fleissig von einem Messkataloge zum andern mit
der Zeit fort, aber man spürt nicht, dass die Zeit auch nur um einen Zoll durch
sie weiter fortrückte. Ich kann dir jedoch im Gegenteil versichern, dass ich
nicht bald so lustig war, als an jenem Abende, da ich zum ersten Male in diese
Teetaufe oder Traufe geriet. Aller Augen waren prüfend und in erwartungsvoller
Stille auf mich neuen Jünger gerichtet. Da ich die ganze heilige Synode, gleich
den Freimaurern mit Schurz und Kelle, so feierlich mit poetischem Ornate angetan
dasitzen sah, konnt ich mich nicht entalten, despektierlich von der Poesie zu
sprechen und mit unermüdlichem Eifer ein Gespräch von der Landwirtschaft, von
den Runkelrüben usw. anzuspinnen, so dass die Damen wie über den Dampf von
Kuhmist die Nasen rümpften und mich bald für verloren hielten. Mit dem
Schmachtenden unterhielt ich mich besonders viel. Er ist ein guter Kerl, aber er
hat keine Mannsmuskel im Leibe. Ich weiss nicht, was er gerade damals für eine
fixe Idee von der Dichtkunst im Kopfe hatte, aber er las ein Gedicht vor, wovon
ich trotz der grössten Anstrengung nichts verstand, und wobei mir unaufhörlich
des simplicianisch-teutschen Michels verstümmeltes Sprachgepränge im Sinne lag.
Denn es waren deutsche Worte, spanische Konstruktionen, welsche Bilder,
altdeutsche Redensarten, doch alles mit überaus feinem Firnis von Sanftmut
verschmiert. Ich gab ihm ernstaft den Rat, alle Morgen gepfefferten Schnaps zu
nehmen, denn der ewige Nektar erschlaffe nur den Magen, worüber er sich
entrüstet von mir wandte. - Mit dem vom Hochmutsteufel besessenen Dityrambisten
aber bestand ich den schönsten Strauss. Er hatte mit pfiffiger Miene alle Segel
seines Witzes aufgespannt und kam mit vollem Winde der Eitelkeit auf mich
losgefahren, um mich Unpoetischen vor den Augen der Damen in den Grund zu
bugsieren. Um mich zu retten, fing ich zum Beweise meiner poetischen Belesenheit
an, aus Shakespeares: Was ihr wollt, wo Junker Tobias den Malvolio peinigt, zu
rezitieren: Und besässe ihn eine Legion selbst, so will ich ihn doch anreden. Er
stutzte und fragte mich mit herablassender Genügsamkeit und kniffigem Gesichte,
ob vielleicht gar Shakespeare mein Lieblingsautor sei? - Ich liess mich aber
nicht stören, sondern fuhr mit Junker Tobias fort: Ei, Freund, leistet dem
Teufel Widerstand, er ist der Erbfeind der Menschenkinder. Er fing nun an, sehr
salbungsvolle, genialische Worte über Shakespeare ergehen zu lassen, ich aber,
da ich ihn sich so aufblasen sah, sagte weiter: Sanftmütig, sanftmütig! Ei, was
machst du, mein Täubchen? Wie geht's, mein Putühnchen? Ei, sieh doch, komm,
tucktuck! - Er schien nun mit Malvolio zu bemerken, dass er nicht in meine Sphäre
gehöre, und kehrte sich mit einem unsäglich stolzen Blicke, wie von einem
unerhört Tollen, von mir. O jemine! fiel die Gräfin Romana hier mit ein. Sie
sagte dies so richtig und schön, dass ich sie dafür hätte küssen mögen. Das
schlimmste war aber nun, dass ich dadurch demaskiert war, ich konnte nicht länger
für einen Ignoranten gelten; und die Frauenzimmer merkten dies nicht so bald,
als sie mit allerhand Phrasen, die sie hin und wieder ernascht, über mich
herfielen. In der Angst fing ich daher nun an, wütend mit gelehrten Redensarten
und poetischen Paradoxen nach allen Seiten um mich herumzuwerfen, bis sie mich,
ich sie, und ich mich selber nicht mehr verstand und alles verwirrt wurde. Seit
dieser Zeit hasst mich der ganze Zirkel und hat mich als eine Pest der Poesie
förmlich exkommuniziert.«
    Friedrich, der Leontin ruhig und mit Vergnügen angehört hatte, sagte: »So
habe ich dich am liebsten, so bist du in deinem eigentlichen Leben. Du siehst so
frisch in die Welt hinein, dass alles unter deinen Augen bunt und lebendig wird.«
»Jawohl«, antwortete Leontin, »so buntscheckig, dass ich manchmal selber zum
Narren darüber werden könnte.«
    Die Sonne fing indes schon an, sich zu senken, und sowohl Friedrich als
Leontin gedachten ihrer Weiterreise und versprachen einander, nächstens in der
Residenz sich wieder zu treffen. Herr Faber bat Friedrich, ihn der Gräfin Romana
bestens zu empfehlen. »Die Gräfin«, sagte er, »hat schöne Talente und sich durch
mehrere Arbeiten, die ich kenne, als Dichterin erwiesen. Nur macht sie sich
freilich alles etwas gar zu leicht.« Leontin, den immer sogleich ein seltsamer
Humor befiel, wenn er die Gräfin nennen hörte, sang lustig:
»Lustig auf den Kopf, mein Liebchen,
Stell dich, in die Luft die Bein!
Heisa! ich will sein dein Bübchen,
Heute nacht soll Hochzeit sein!
Wenn du Shakespeare kannst vertragen,
O du liebe Unschuld du!
Wirst du mich wohl auch ertragen
Und noch jedermann dazu. -«
Er sprach noch allerhand wild und unzüchtig von der Gräfin und trug Friedrich
noch einen zügellosen Gruss an sie auf, als sie endlich von entgegengesetzten
Seiten auseinanderritten. Friedrich wusste nicht, was er aus diesen wilden Reden
machen sollte. Sie ärgerten ihn, denn er hielt die Gräfin hoch, und er konnte
sich dabei der Besorgnis nicht entalten, dass Leontins lebhafter Geist in
solcher Art von Renommisterei am Ende sich selber aufreiben werde.
    In solchen Gedanken war er einige Zeit fortgeritten, als er bei einer
Biegung um eine Feldecke plötzlich das Schloss der Gräfin vor sich sah. Es stand
wie eine Zauberei hoch über einem weiten, unbeschreiblichen Chaos von Gärten,
Weinbergen, Bäumen und Flüssen, der Schlossberg selber war ein grosser Garten, wo
unzählige Wasserkünste aus dem Grün hervorsprangen. Die Sonne ging eben hinter
dem Berge unter und bedeckte das prächtige Bild mit Glanz und Schimmer, so dass
man nichts deutlich unterscheiden konnte.
    Überrascht und geblendet gab Friedrich seinem Pferde die Sporen und ritt die
Höhe hinan. Er erstaunte über die seltsame Bauart des Schlosses, das durch eine
fast barocke Pracht auffiel. Es war niemand zu sehen. Er trat in die weite, mit
buntem Marmor getäfelte Vorhalle, durch deren Säulenreihen man von der andern
Seite in den Garten hinaussah. Dort standen die seltsamsten ausländischen Bäume
und Pflanzen wie halbausgesprochene, verzauberte Gedanken, schimmernde
Wasserstrahlen durchkreuzten sich in kristallenen Bogen hoch über ihnen,
ausländische Vögel sassen sinnend und traumhaft zwischen den dunkelgrünen
Schatten umher.
    Ein wunderschöner Knabe sprang indes soeben draussen im Hofe vom Pferde,
stutzte, als er im Vorbeilaufen Friedrich erblickte, sah ihn einen Augenblick
mit den grossen, schönen Augen trotzig an und eilte sogleich wieder durch die
Vorhalle weiter in den Garten hinaus. Friedrich sah, wie er dort mit
bewunderungswürdiger Fertigkeit eine hohe, am Abhange des Gartens stehende Tanne
bestieg und aus dem höchsten Gipfel sich in die Gegend hinauslegte, als suche er
fern etwas mit den Augen.
    Da immer noch niemand kam, stellte sich Friedrich an ein hohes Bogenfenster,
aus dem man die prächtigste Aussicht auf das Tal und die Gebirge hatte. Noch
niemals hatte er eine so üppige Natur gesehen. Mehrere Ströme blickten wie
Silber hin und her aus dem Grunde, freundliche Landstrassen, von hohen Nussbäumen
reich beschattet, zogen sich bis in die weiteste Ferne nach allen Richtungen
hin, der Abend lag warm und schallend über der Gegend, weit über die Gärten und
Hügel hin hörte man ringsum das Jauchzen der Winzer. Friedrich wurde bei dieser
Aussicht unsäglich bange in dem einsamen Schloss, es war ihm, als wäre alles zu
einem grossen Feste hinausgezogen, und er konnte kaum mehr widerstehen, selber
wieder hinunterzureiten, als er auf einmal die Gräfin erblickte, die in einem
langen grünen Jagdkleide in dem erquickenden Hauche des Abends auf der
glänzenden Landstrasse aus dem Tale heraufgeritten kam. Sie war allein, er
erkannte sie sogleich an ihrer hohen, schönen Gestalt.
    Als sie vor dem Schloss vom Pferde stieg, kam der schöne Knabe, der vorhin
auf der Tanne gelauert hatte, schnell herbeigesprungen, fiel ihr stürmisch um
den Hals und küsste sie. »Kleiner Ungestüm!« sagte sie halb böse und wischte sich
den Mund. Sie schien einen Augenblick verlegen, als sie so unvermutet Friedrich
erblickte und bemerkte, dass er diesen sonderbaren Empfang gesehen hatte. Sie
schüttelte aber die flüchtige Scham bald wieder von sich und bewillkommte
Friedrich mit einer Heftigkeit, die ihm auffiel. »Ich bedaure nur«, sagte sie,
»dass ich Sie nicht so bewirten kann, wie ich wünschte, alle meine Leute
schwärmen schon den ganzen Tag bei der Weinlese, ich selbst bin seit frühem
Morgen in der Gegend herumgeritten.«
    Sie nahm ihn bei der Hand und führte ihn in das Innere des Schlosses.
Friedrich verwunderte sich, denn fast in allen Zimmern standen Türen und Fenster
offen. Die hochgewölbten Zimmer selbst waren ein seltsames Gemisch von alter und
neuer Zeit, einige standen leer und wüste, wie ausgeplündert, in andern sah er
alte Gemälde an der Wand herumhängen, die wie aus schändlichem Mutwillen mit
Säbelhieben zerhauen schienen. Sie kamen in der Gräfin Schlafgemach. Das grosse
Himmelbett war noch unzugerichtet, wie sie es frühmorgens verlassen, Strümpfe,
Halstücher und allerlei Gerät lag bunt auf allen Stühlen umher. In dem einen
Winkel hing ein Portrait, und er glaubte, soviel es die Dämmerung zuliess, zu
seinem Erstaunen die Züge des Erbprinzen zu erkennen, dessen Schönheit in der
Residenz einen so tiefen Eindruck auf ihn gemacht hatte.
    Die Gräfin nahm den schönen Knaben, der ihnen immerfort gefolgt war,
beiseite und trug ihm heimlich etwas auf. Der Knabe schien durchaus nicht
gehorchen zu wollen, er wurde immer lauter und ungebärdiger, stampfte endlich
zornig mit dem Fusse, rannte hinaus und warf die Tür hinter sich zu, dass es durch
das weite Haus erschallte. »Er ist doch in einer Stunde wieder da«, sagte
Romana, ihm nachsehend, nahm die Gitarre, die in einer Ecke auf der Erde lag,
während sie Friedrich ein Körbchen mit Obst und Wein übergab, und führte ihn
wieder weiter eine Stiege aufwärts.
    Wie einem Nachtwandler, der plötzlich auf ungewohntem Orte aus schweren,
unglaublichen Träumen erwacht, war Friedrich zumute, als er mit ihr die letzten
Stufen erreichte, und sich auf einmal unter der weiten, freien, gestirnten
Wölbung des Himmels erblickte. Es war nämlich eine grosse Terrasse, die nach
italienischer Art über das Dach des Schlosses ging. Ringsum an der Galerie
standen Orangenbäume und hohe, ausländische Blumen, welche den himmlischen Platz
mit Düften erfüllten.
    »Hier auf dem Dache«, sagte Romana, »ist mein liebster Aufentalt. In den
warmen Sommernächten schlafe ich oft hier oben.« Sie setzte sich zu ihm, reichte
ihm die Früchte und trank ihm von dem mitgenommenen Weine selber zu. »Sie wohnen
hier so schwindlig hoch«, sagte Friedrich, »dass Sie die ganze Welt mit Füssen
treten.« - Romana, die sogleich begriff, was er meinte, antwortete stolz und
keck: »Die Welt, der grosse Tölpel, der niemals gescheiter wird, wäre freilich
der Mühe wert, dass man ihm höflich und voll Ehrfurcht das Gesicht streichelte,
damit er einen wohlwollend und voll Applaus anlächle. Es ist ja doch nichts als
Magen und Kopf, und noch dazu ein recht breiter, übermütiger, selbstgefälliger,
eitler, unerträglicher, den es eine rechte Götterlust ist aufs Maul zu
schlagen.« - Sie brach hierbei schnell ab und lenkte das Gespräch auf andere
Gegenstände.
    Friedrich musste dabei mehr als einmal die fast unweibliche Kühnheit ihrer
Gedanken bewundern, ihr Geist schien heut von allen Banden los. Sie ergriff
endlich die Gitarre und sang einige Lieder, die sie selbst gedichtet und
komponiert hatte. Die Musik war durchaus wunderbar, unbegreiflich und oft
beinahe wild, aber es war eine unwiderstehliche Gewalt in ihrem Zusammenklange.
Der weite, stille Kreis von Strömen, Seen, Wäldern und Bergen, die in grossen,
halbkenntlichen Massen übereinander ruhten, rauschten dabei feenhaft zwischen
die hinausschiffenden Töne hinein. Die Zauberei dieses Abends ergriff auch
Friedrichs Herz, und in diesem sinnenverwirrenden Rausche fand er das schöne
Weib an seiner Seite zum ersten Male verführerisch. »Wahrhaftig«, sagte sie
endlich aus tiefster Seele, »wenn ich mich einmal recht verliebte, es würde mich
gewiss das Leben kosten! - Es reiste einmal«, fuhr sie fort, »ein Student hier in
der Nacht beim Schloss vorbei, als ich eben auf dem Dache eingeschlummert war,
der sang:
Wenn die Sonne lieblich schiene
Wie in Welschland, lau und blau,
Ging' ich mit der Mandoline
Durch die überglänzte Au.
In der Nacht dann Liebchen lauschte
An dem Fenster, süssverwacht,
Wünschte mir und ihr - uns beiden
Heimlich eine schöne Nacht.
Wenn die Sonne lieblich schiene
Wie in Welschland, lau und blau,
Ging' ich mit der Mandoline
Durch die überglänzte Au.
Aber die Sonne scheint nicht wie in Welschland und der Student zog weiter, und
es ist eben alles nichts. - Gehn wir schlafen, gehn wir schlafen«, setzte sie
langweilig gähnend hinzu, nahm Friedrich bei der Hand und führte ihn wieder die
Stiege hinab.
    Er bemerkte, als sie wieder in den Zimmern angekommen waren, eine
ungewöhnliche Unruhe an ihr, sie hing bewegt an seinem Arme. Sie schien ihm bei
dem Mondenschimmer, der durch das offne Fenster auf ihr Gesicht fiel, totenblass,
eine Art von seltsamer Furcht befiel ihn da auf einmal vor ihr und dem ganzen
Feenschlosse, er gab ihr schnell eine gute Nacht und eilte in das ihm
angewiesene Zimmer, wo er sich angekleidet auf das Bett hinwarf.
    Das Gemach war nur um einige Zimmer von dem Schlafgemach der Gräfin
entfernt. Die Türen dazwischen fehlten ganz und gar. Eine Lampe, die der Gräfin
Zimmer matt erhellte, warf durch die offenen Türen ihren Schein gerade auf einen
grossen, altmodischen Spiegel, der vor Friedrichs Bett an der Wand hing, so dass
er in demselben fast ihr ganzes Schlafzimmer übersehen konnte. Er sah, wie der
schöne Knabe, der sich unterdes wieder eingeschlichen haben musste, quer über
einigen Stühlen vor ihrem Bette eingeschlafen lag. Die Gräfin entkleidete sich
nach und nach und stieg so über den Knaben weg ins Bett. Alles im Schloss wurde
nun totenstill und er wendete das Gesicht auf die andere Seite, dem offenen
Fenster zu. Die Bäume rauschten vor demselben, aus dem Tale kam von Zeit zu Zeit
ein fröhliches Jauchzen, bald näher, bald wieder in weiter Ferne, dazwischen
hörte er ausländische Vögel draussen im Garten in wunderlichen Tönen immerfort
wie im Traume sprechen, das seltsame bleiche Gesicht der Gräfin, wie sie ihm
zuletzt vorgekommen, stellte sich ihm dabei unaufhörlich vor die Augen, und so
schlummerte er erst spät unter verworrenen Phantasien ein.
    Mitten in der Nacht wachte er plötzlich auf, es war ihm, als hätte er Gesang
gehört. Der Mond schien hell draussen über der Gegend und durch das Fenster
herein. Mit Erstaunen hörte er neben sich atmen. Er sah umher und erblickte
Romana, unangekleidet wie sie war, an dem Fusse seines Betts eingeschlafen. Sie
ruhte auf dem Boden, mit dem einen Arm und dem halben Leibe auf das Bett
gelehnt. Die langen schwarzen Haare hingen aufgelöst über den weissen Nacken und
Busen herab. Er betrachtete die wunderschöne Gestalt lange voll Verwunderung
halbaufgerichtet. Da hörte er auf einmal die Töne wieder, die er schon im
Schlummer vernommen hatte. Er horchte hinaus; das Singen kam jenseits von den
Bergen über die stille Gegend herüber, er konnte folgende Worte verstehen:
»Vergangen ist der lichte Tag,
Von ferne kommt der Glockenschlag,
So reist die Zeit die ganze Nacht,
Nimmt manchen mit, der's nicht gedacht.
Wo ist nun hin die bunte Lust,
Des Freundes Trost und treue Brust,
Des Weibes süsser Augenschein?
Will keiner mit mir munter sein?
Da's nun so stille auf der Welt,
Ziehn Wolken einsam übers Feld,
Und Feld und Baum besprechen sich -
O Menschenkind! was schauert dich?
Wie weit die falsche Welt auch sei,
Bleibt mir doch Einer nur getreu,
Der mit mir weint, der mit mir wacht,
Wenn ich nur recht an Ihn gedacht.
Frisch auf denn, liebe Nachtigall,
Du Wasserfall mit hellem Schall!
Gott loben wollen wir vereint,
Bis dass der lichte Morgen scheint!«
Friedrich erkannte die Weise, es war Leontins Stimme. - »Ich komme, herrlicher
Gesell!« rief er bewegt in sich und raffte Sich schnell auf, ohne die Gräfin zu
wecken. Nicht ohne Schauer ging er durch die totenstillen, weit öden Gemächer,
zäumte sich im Hofe selber sein Pferd und sprengte den Schlossberg hinab.
    Er atmete tief auf, als er draussen in die herrliche Nacht hineinritt, seine
Seele war wie von tausend Ketten frei. Es war ihm, als ob er aus fieberhaften
Träumen oder aus einem langen, wüsten, liederlichen Lustleben zurückkehre. Das
hohe Bild der Gräfin, das er mit hergebracht, war in seiner Seele durch diese
sonderbare Nacht phantastisch verzerrt und zerrissen, und er verstand nun
Leontins wilde Reden an dem Wirtshause.
    Leontins Gesang war indes verschollen, er hatte nichts mehr gehört und
schlug voller Gedanken den Weg nach der Residenz ein. Das Feenschloss hinter ihm
war lange versunken, die Bäume an der Strasse fingen schon an lange Schatten über
das glänzende Feld zu werfen, Vögel wirbelten schon hin und her hoch in der
Luft, die Residenz lag mit ihren Feuersäulen wie ein brennender Wald im
Morgenglanze vor ihm.
 
                              Vierzehntes Kapitel
Draussen über das Land jagten zerrissene Wolken, die Melusina sang an seufzenden
Wäldern, Gärten und Zäunen ihr unergründlich einförmiges Lied, die Dörfer lagen
selig verschneit. In der Residenz zog der Winter prächtig ein mit
Schellengeklingel, frischen Mädchengesichtern, die vom Lande flüchteten, mit
Bällen, Opern und Konzerten, wie eine lustige Hochzeit. Friedrich stand gegen
Abend einsam an seinem Fenster, Leontin und Faber liessen noch immer nichts von
sich hören, Rosa hatte ihn letztin ausgelacht, als er voller Freuden zu ihr
lief, um ihr eine politische Neuigkeit zu erzählen, die ihn ganz ergriffen
hatte, an der Gräfin Romana hatte er seit jener Nacht keine Lust weiter, er
hatte beide seitdem nicht wiedergesehen; vor den Fenstern fiel der Schnee
langsam und bedächtig in grossen Flocken, als wollte der graue Himmel die Welt
verschütten. Da sah er unten zwei Reiter in langen Mänteln die Strasse ziehn. Der
eine sah sich um, Friedrich rief: »Viktoria!« es waren Leontin und Faber, die
soeben einzogen.
    Friedrich sprang, ohne sich zu besinnen, zur Tür hinaus und die Stiege
hinunter. Als er aber auf die Strasse kam, waren sie schon verschwunden. Er
schlenderte einige Gassen in dem Schneegestöber auf und ab. Da stiess der
Marquis, den wir schon aus Rosas Briefe kennen, die hervorragenden Steine mit
den Zehen zierlich suchend, auf ihn. Er hing sich ihm sogleich wie ein guter
Bruder, in den Arm, und erzählte ihm in einem Redestrome tausend Spässe zum
Totlachen, wie er meinte, die sich heut und gestern in der Stadt zugetragen,
welche Damen heut vom Lande angekommen, wer verliebt sei und nicht wiedergeliebt
werde usw. Friedrich war die flache Lustigkeit des Wichts heut entsetzlich, und
er liess sich daher, da ihm dieser nur die Wahl liess, ihn entweder zu sich nach
Hause, oder in die Gesellschaft zum Minister zu begleiten, gern zu dem letztern
mit fortschleppen. Denn besser mit einem Haufen Narren, dachte er übellaunisch,
als mit einem allein.
    Er fand einen zahlreichen und glänzenden Zirkel. Die vielen Lichter, die
prächtigen Kleider, der glatte Fussboden, die zierlichen Reden, die hin und wider
flogen, alles glänzte. Er wäre fast wieder umgekehrt, so ganz ohne Schein kam er
sich da auf einmal vor. Vor allen erblickte er seine Rosa. Sie hatte ein
rosasamtnes Kleid, ihre schwarzen Locken ringelten sich auf den weissen Busen
hinab. Der Erbprinz unterhielt sich lebhaft mit ihr. Sie sah inzwischen mehrere
Male mit einer Art von triumphierenden Blicken seitwärts auf Friedrich; sie
wusste wohl, wie schön sie war. Friedrich unterhielt sich gedankenvoll zerstreut
rechts und links. Jene Frau vom Hause, bei der er die Teegesellschaft verlebt,
war auch da und schien wieder an ihren ästetischen Krämpfen zu leiden. Sie
unterhielt sich sehr lebendig mit mehreren hübschen jungen Männern über die
Kunst, und Friedrich verstand nur, wie sie zuletzt ausrief: »Oh, ich möchte
Millionen glücklich machen!« - Da hörte man plötzlich ein lautes Lachen aus
einem andern abgelegenen Winkel des Zimmers erschallen. Friedrich erkannte mit
Erstaunen sogleich Leontins Stimme. Die Männer bissen sich heimlich in die
Lippen über dieses Lachen zu rechter Zeit, obschon keiner vermutete, dass es
wirklich jenem Ausruf gelten sollte, da der Lacher fern in eine ganz andere
Unterhaltung vertieft schien. Friedrich aber wusste gar wohl, wie es Leontin
meinte. Er eilte sogleich auf ihn los und fand ihn zwischen zwei alten Herren
mit Perücken und altfränkischen Gesichtern, mit denen sich niemand abgeben
mochte, mit denen er sich aber kindlich besprach und gut zu vertragen schien. Er
erzählte ihnen von seiner Gebirgsreise die wunderbarsten Geschichten vor, und
lachte herzlich mit den beiden guten Alten, wenn sie dabei ihn über offenbaren,
gar zu tollen Lügen ertappten. Er freute sich sehr, Friedrich noch heut zu sehn,
und sagte, wie es ihm eine gar wunderlich schauerliche Lust sei, so aus der
Grabesstille der verschneiten Felder mitten in die glänzendsten Stadtzirkel
hineinzureiten, und umgekehrt.
    Sie sprachen noch manches zusammen, als der Prinz hinzutrat und Friedrich in
ein Fenster führte. »Der Minister«, sagte er zu ihm, als sie allein waren, »hat
Sie mir sehr warm, ja ich kann wohl sagen, mit Leidenschaft empfohlen. Es ist
etwas Ausserordentliches, denn er empfiehlt sonst keinen Menschen auf diese Art.«
Friedrich äusserte darüber seine grosse Verwunderung, da er von dem Minister
gerade das Gegenteil erwartete. »Der Minister«, fuhr der Prinz fort, »lässt sein
Urteil nicht fangen, und ich vertraue Ihnen daher. Unsere Zeit ist so gewaltig,
dass die Tugend nichts gilt ohne Stärke. Die wenigen Mutigen aus aller Welt
sollten sich daher treu zusammenhalten, als ein rechter Damm gegen das Böse. Es
wäre nicht schön, lieber Graf, wenn Sie sich von der gemeinen Not absonderten.«
»Gott behüte mich vor solcher Schande!« erwiderte Friedrich halb betroffen,
»mein Leben gehört Gott und meinem rechtmässigen Herrn.« »Es ist gross, sich
selber, von aller Welt losgesagt, fromm und fleissig auszubilden«, sagte darauf
der Prinz begeistert, »aber es ist grösser, alle Freuden, alle eigenen Wünsche
und Bestrebungen wegzuwerfen für das Recht, alles -« hier strich soeben die
Gräfin Romana an ihnen vorüber. Der Prinz ergriff ihre Hand und sagte: »So lange
von uns wegzubleiben!« - Sie zog langsam ihre Hand aus der seinigen und sah nur
Friedrich gross an, als sähe sie ihn wieder zum ersten Male. Der Prinz lachte
unerklärlich, drückte Friedrich flüchtig die Hand und wandte sich wieder in den
Saal zurück. Friedrich folgte der Gräfin mit ihren herausfordernden Augen. Sie
war schwarz angezogen und fast furchtbar schön anzusehen. Von der Nacht auf dem
Schloss erwähnte sie kein Wort.
    Leontin kam auf sie zu und erzählte ihr, wie er erst gestern bei ihrem
Schloss vorbeigezogen. »Es war schon Nacht«, sagte er, »ich war so frei, mit
Faber und einer Flasche echten Rheinweins, die wir bei uns hatten, das oberste
Dach des Schlosses zu besteigen. Der Garten, die Gegend und die Galerie oben
waren tief verschneit, eine Tür im Hause musste offenstehn, denn der Wind warf
sie immerfort einförmig auf und zu, über der verstarrten Verwüstung hielt die
Windsbraut einen lustigen Hexentanz, dass uns der Schnee ins Gesicht wirbelte, es
war eine wahre Brockennacht. Ich trank dabei dem Dauernden im Wechsel ein Glas
nach dem andern zu und rezitierte mehrere Stellen aus Goetes Faust, die mir mit
den Schneewirbeln alle auf einmal eiskalt auf Kopf und Herz zuflogen. Verfluchte
Verse! rief Faber, schweig, oder ich werfe dich wahrhaftig über die Galerie
hinunter! Ich habe ihn niemals so entrüstet gesehn. Ich warf die Flasche ins Tal
hinaus, denn mich fror, dass mir die Zähne klapperten.« - Romana antwortete
nichts, sondern setzte sich an den Flügel und sang ein wildes Lied, das nur aus
dem tiefsten Jammer einer zerrissenen Seele kommen konnte. »Ist das nicht
schön?« fragte sie einige Male dazwischen, sich mit Tränen in den Augen zu
Friedrich herumwendend, und lachte abscheulich dabei. - »Ah pah!« rief Leontin
zornig, »das ist nichts, es muss noch besser kommen!« Er setzte sich hin und sang
ein altes Lied aus dem Dreissigjährigen Kriege, dessen fürchterliche Klänge wie
blutige Schwerter durch Mark und Bein gingen. Friedrich bemerkte, dass Romana
zitterte. Leontin war indes wieder aufgestanden und hatte sich aus der
Gesellschaft fortgeschlichen, wie immer, wenn er gerührt war.
    Wir aber wenden uns ebenfalls von den Blasen der Phantasie, die, wie die
Blasen auf dem Rheine, nahes Gewitter bedeuten, zu der Einsamkeit Friedrichs,
wie er nun oft nächtelang voller Gedanken unter Büchern sass und arbeitete. Wohl
ist der Weltmarkt grosser Städte eine rechte Schule des Ernstes für bessere,
beschauliche Gemüter, als der getreueste Spiegel ihrer Zeit. Da haben sie den
alten, gewaltigen Strom in ihre Maschinen und Räder aufgefangen, dass er nur
immer schneller und schneller fliesse, bis er gar abfliesst, da breitet denn das
arme Fabrikenleben in dem ausgetrockneten Bette seine hochmütigen Teppiche aus,
deren inwendige Kehrseite ekle, kahle, farblose Fäden sind, verschämt hängen
dazwischen wenige Bilder in uralter Schönheit verstaubt, die niemand betrachtet,
das Gemeinste und das Grösste, heftig aneinandergeworfen, wird hier zu Wort und
Schlag, die Schwäche wird dreist durch den Haufen, das Hohe ficht allein.
Friedrich sah zum ersten Male so recht in den grossen Spiegel, da schnitt ihm ein
unbeschreiblicher Jammer durch die Brust, und die Schönheit und Hoheit und das
heilige Recht, dass sie so allein waren, und wie er sich selber in dem Spiegel so
winzig und verloren in dem Ganzen erblickte, schien es ihm herrlich, sich selber
vergessend, dem Ganzen treulich zu helfen mit Geist, Mund und Arm. Er erstaunte,
wie er noch so gar nichts getan, wie es ihn noch niemals lebendig erbarmet um
die Welt. So schien das grosse Schauspiel des Lebens, manche besondere äussere
Anregung, vor allem aber der furchtbare Gang der Zeit, der wohl keines der
bessern Gemüter unberührt liess, auf einmal alle die hellen Quellen in seinem
Innern, die sonst zum Zeitvertreibe wie lustige Springbrunnen spielten, in einen
grossen Strom vereinigt zu haben. Ihn ekelten die falschen Dichter an mit ihren
tauben Herzen, die, uneingedenk der himmelschreienden Mahnung der Zeit, ihre
Nationalkraft in müssigem Spiele verliederten. Die unbestimmte Knabensehnsucht,
jener wunderbare Spielmann vom Venusberge, verwandelte sich in eine heilige
Liebe und Begeisterung für den bestimmten und festen Zweck. Gar vieles, was ihn
sonst beängstigte, wurde zuschanden, er wurde reifer, klar, selbstständig und
ruhig über das Urteil der Welt. Es genügte ihm nicht mehr, sich an sich allein
zu ergötzen, er wollte lebendig eindringen. Desto tiefer und schmerzlicher musste
er sich überzeugen, wie schwer es sei, nützlich zu sein. Mit grenzenloser
Aufopferung warf er sich daher auf das Studium der Staaten, ein neuer Weltteil
für ihn, oder vielmehr die ganze Welt und was der ewige Geist des Menschen
strebte, dachte und wollte, in wenigen grossen Umrissen, vor dessen unermessner
Aussicht sein Innerstes aufjauchzte.
    Ihm träumte einmal, als er in der Nacht einst so über seinen alten Büchern
eingeschlummert, als weckte ihn ein glänzendes Kind aus langen lieblichen
Träumen. Er konnte kaum die Augen auftun vor Licht, von so wunderbarer Hoheit
und Schönheit war des Kindes Angesicht. Es wies mit seinem kleinen Rosenfinger
von dem hohen Berge in die Gegend hinaus, da sah er ringsum eine unbegrenzte
Runde, Meer, Ströme und Länder, ungeheure, umgeworfene Städte mit zerbrochenen
Riesensäulen, das alte Schloss seiner Kinderjahre seltsam verfallen, einige
Schiffe zogen hinten nach dem Meere, auf dem einen stand sein verstorbener
Vater, wie er ihn oft auf Bildern gesehen, und sah ungewöhnlich ernstaft -
alles doch wie in Dämmerung aufarbeitend, zweifelhaft und unkenntlich, wie ein
verwischtes, grosses Bild, denn ein dunkler Sturm ging über die ganze Aussicht,
als wäre die Welt verbrannt, und der ungeheure Rauch davon lege sich nun über
die Verwüstung. Dort, wo des Vaters Schiff hinzog, brach darauf plötzlich ein
Abendrot durch den Qualm hervor, die Sonne senkte sich fern nach dem Meere
hinab. Als er ihr so nachsah, sah er dasselbe wunderschöne Kind, das vorhin
neben ihm gewesen, recht mitten in der Sonne zwischen den spielenden
Farbenlichtern traurig an ein grosses Kreuz gelehnt, stehen. Eine
unbeschreibliche Sehnsucht befiel ihn da, und Angst zugleich, dass die Sonne für
immer in das Meer versinken werde. Da war ihm, als sagte das wunderschöne Kind,
doch ohne den Mund zu bewegen oder aus seiner traurigen Stellung aufzublicken:
»Liebst du mich recht, so gehe mit mir unter, als Sonne wirst du dann wieder
aufgehen, und die Welt ist frei!« - Vor Lust und Schwindel wachte er auf.
Draussen funkelte der heitere Wintermorgen schon über die Dächer, das Licht war
herabgebrannt, Erwin sass bereits angekleidet ihm gegenüber und sah ihn mit den
grossen, schönen Augen still und ernstaft an.
    Zu solcher Lebensweise kam ein schöner Kreis neuer, rüstiger Freunde, die
auf Reisen, an gleicher Gesinnung sich erkennend, aus verschiedenen deutschen
Zonen sich nach und nach hier zusammengefunden hatten. Der Erbprinz, der mit
einer fast grenzenlosen Leidenschaft an Friedrich hing, wusste den Bund durch
seine hinreissende Glut und Beredsamkeit immer frisch zu stärken, so auch,
obgleich auf ganz verschiedene Weise, der ältere, besonnene Minister, der nach
einer herumschweifenden und wüst durchlebten Jugend, später, seiner grösseren
Entwürfe und seiner Kraft und Berufes vor allen andern, sie auszuführen sich
klar bewusst, auf einmal mehrere brave aber schwächere Männer gewaltsam
unterdrückt, ja, selbst seinen eigensten Wunsch, eine Liebe aus früherer Zeit,
aufgegeben und dafür eine freudenlose Ehe mit einem der vornehmsten Mädchen
gewählt hatte, einzig um das Steuer des Staats in seine festere und sichere Hand
zu erhalten. - Eine gleiche Gesinnung schien alle Glieder dieses Kreises zu
verbrüdern. Sie arbeiteten fleissig, hoffend und glaubend, dem alten Recht in der
engen Zeit Luft zu machen, auf Tod und Leben bereit.
    Ganz anders, abgesondert und ohne alle Berührung mit diesem Kreise lebte
Leontin in einem abgelegenen Quartiere der Residenz mit der Aussicht auf die
beschneiten Berge über die weiten Vorstädte weg, wo er, mit Faber
zusammenwohnend, einen wunderlichen Haushalt führte. Alle die Begeisterungen,
Freuden und Schmerzen, die sich Friedrich, dessen Bildung langsam aber sicherer
fortschritt, erst jetzt neu aufdeckten, hatte er längst im Innersten empfunden.
Ihn jammerte seine Zeit vielleicht wie keinen, aber er hasste es, davon zu
sprechen. Mit der grössten Geisteskraft hatte er schon oft redlich alles
versucht, wo es etwas nützen konnte, aber immer überwiesen, wie die Menge reich
an Wünschen, aber innerlich dumpf und gleichgültig sei, wo es gilt, und wie
seine Gedanken jederzeit weiter reichten als die Kräfte der Zeit, warf er sich
in einer Art von Verzweiflung immer wieder auf die Poesie zurück und dichtete
oft nächtelang ein wunderbares Leben, meist Tragödien, die er am Morgen wieder
verbrannte. Seine alles verspottende Lustigkeit war im Grunde nichts, als diese
Verzweiflung, wie sie sich an den bunten Bildern der Erde in tausend Farben
brach und bespiegelte.
    Friedrich besuchte ihn täglich, sie blieben einander wechselseitig noch
immer durchaus unentbehrliche Freunde, wenngleich Leontin auf keine Weise zu
bereden war, an den Bestrebungen jenes Kreises Anteil zu nehmen. Er nannte
unverhohlen das Ganze eine leidliche Komödie und den Minister den unleidlichen
Teaterprinzipal, der gewiss noch am Ende des Stücks herausgerufen werden würde,
wenn nur darin das Wort: »deutsch« recht fleissig vorkäme, denn das mache in der
undeutschen Zeit den besten Effekt. Besonders aber war er ein rechter Feind des
Erbprinzen. Er sagte oft, er wünschte ihn mit einem grossen Schwerte seiner
Ahnherrn aus Barmherzigkeit recht in der Mitte entzweihauen zu können, damit die
eine ordinäre Hälfte vor der andern närrischen, begeisterten einmal Ruhe hätte.
- Dergleichen Reden verstand Friedrich zwar damals nicht recht, denn seine beste
Natur sträubte sich gegen ihr Verständnis, aber sie machten ihn stutzig. Faber
dagegen, welcher, der Dichtkunst treu ergeben, immer fleissig fortarbeitete,
empfing ihn alle Tage gelassen mit derselben Frage: ob er noch immer
weltbürgerlich sei? - »Gott sei Dank«, antwortete Friedrich ärgerlich, »ich
verkaufte mein Leben an den ersten besten Buchhändler, wenn es eng genug wäre,
sich in einigen hundert Versen ausfingern zu lassen.« »Sehr gut«, erwiderte
Faber mit jener Ruhe, welche das Bewusstsein eines redlichen ernstaften Strebens
gibt, »wir alle sollen nach allgemeiner Ausbildung und Tätigkeit, nach dem
Verein aller Dinge mit Gott streben; aber wer von seinem einzelnen, wenn es
überhaupt ein solches gibt, es sei Staats-, Dicht- oder Kriegskunst, recht
wahrhaft und innig, d.h. christlich durchdrungen ward, der ist ja eben dadurch
allgemein. Denn nimm du einen einzelnen Ring aus der Kette, so ist es die Kette
nicht mehr, folglich ist eben der Ring auch die Kette.« Friedrich sagte: »Um
aber ein Ring in der Kette zu sein, musst du ebenfalls tüchtig von Eisen und aus
einem Gusse mit dem Ganzen sein, und das meinte ich.« Leontin verwickelte sie
hier durch ein vielfaches Wortspiel dergestalt in ihre Kette, dass sie beide
nicht weiterkonnten.
    Diese strebende, webende Lebensart schien Friedrich einigermassen von Rosa zu
entfernen, denn jede grosse innerliche Tätigkeit macht äusserlich still. Es schien
aber auch nur so, denn eigentlich hatte seine Liebe zu Rosa, ohne dass er selbst
es wusste, einen grossen Anteil an seinem Ringen nach dem Höchsten. So wie die
Erde in tausend Stämmen, Strömen und Blüten treibt und singt, wenn sie der alles
belebenden Sonne zugewendet, so ist auch das menschliche Gemüt zu allem Grossen
freudig in der Sonnenseite der Liebe. Rosa nahm Friedrichs nur seltene Besuche
nicht in diesem Sinne, denn wenige Weiber begreifen der Männer Liebe in ihrem
Umfange, sondern messen ungeschickt das Unermessliche nach Küssen und eitlen
Versicherungen. Es ist, als wären ihre Augen zu blöde, frei in die göttliche
Flamme zu schauen, sie spielen nur mit ihrem spielenden Widerscheine. Friedrich
fand sie überhaupt seit einiger Zeit etwas verändert. Sie war oft einsilbig, oft
wieder bis zur Leichtfertigkeit munter, beides schien Manier. Sie mischte oft in
ihre besten Unterhaltungen so Fremdartiges, als hätte ihr innerstes Leben sein
altes Gleichgewicht verloren. Über seine seltenen Besuche machte sie ihm nie den
kleinsten Vorwurf. Er war weit entfernt, den wahren Grund von allem diesem auch
nur zu ahnen. Denn die rechte Liebe ist einfältig und sorglos.
    Eines Tages kam er gegen Abend zu ihr. Das Zimmer war schon dunkel, sie war
allein. Sie schien ganz atemlos vor Verlegenheit, als er so plötzlich in das
Zimmer trat, und sah sich ängstlich einige Male nach der andern Tür um.
Friedrich bemerkte ihre Unruhe nicht, oder mochte sie nicht bemerken. Er hatte
heut den ganzen Tag gearbeitet, geschrieben und gesonnen. Auf seiner unbekümmert
unordentlichen Kleidung, auf dem verwachten, etwas bleichen Gesichte und den
sinnigen Augen ruhte noch der Nachsommer der Begeisterung. Er bat sie, kein
Licht anzuzünden, setzte sich nach seiner Gewohnheit mit der Gitarre ans Fenster
und sang fröhlich ein altes Lied, das er Rosa oft im Garten bei ihrem Schloss
gesungen. Rosa sass dicht vor ihm, voll Gedanken, es war, je länger er sang, als
müsste sie ihm etwas vertrauen und könne sich nicht dazu entschliessen. Sie sah
ihn immerfort an. »Nein, es ist mir nicht möglich!« rief sie endlich und sprang
auf. Er legte die Laute weg; sie war schnell durch die andere Tür verschwunden.
Er stand noch einige Zeit nachdenkend, da aber niemand kam, ging er verwundert
fort.
    Es war ihm von jeher eine eigene Freude, wenn er so abends durch die Gassen
strich, in die untern erleuchteten Fenster hineinzublicken, wie da alles,
während es draussen stob und stürmte, gemütlich um den warmen Ofen sass, oder an
reinlich gedeckten Tischen schmauste, des Tages Arbeit und Mühen vergessend, wie
eine bunte Galerie von Weihnachtsbildern. Er schlug heute einen andern,
ungewohnten Weg ein, durch kleine, unbesuchte Gässchen, da glaubte er auf einmal
in dem einen Fenster den Prinzen zu sehen. Er blieb erstaunt stehen. Er war es
wirklich. Er sass in einem schlechten Überrocke, den er noch niemals bei ihm
gesehen, im Hintergrunde auf einem hölzernen Stuhle. Vor ihm sass ein junges
Mädchen in bürgerlicher Kleidung auf einem Schemel, beide Arme auf seine Kniee
gestützt, und sah zu ihm hinauf, während er etwas zu erzählen schien und ihr die
Haare von beiden Seiten aus der heitern Stirn strich. Ein flackerndes Herdfeuer,
an welchem eine alte Frau etwas zubereitete, warf seine gemütlichen Scheine über
die Stube. Teller und Schüsseln waren in ihren Geländern ringsum an den Wänden
blank und in zierlicher Ordnung aufgestellt, ein Kätzchen sass auf einem
Grossvaterstuhle am Ofen und putzte sich, im Hintergrunde hing ein
Muttergottesbild, vom Kamine hell beleuchtet. Es schien ein stilles,
ordentliches Haus. Das Mädchen sprang fröhlich von ihrem Sitze auf, kam ans
Fenster und sah einen Augenblick durch die Scheiben. Friedrich erstaunte über
ihre Schönheit. Sie schüttelte sich darauf munter und ungemein lieblich, als
fröre sie bei dem flüchtigen Blick in die stürmische Nacht draussen, stieg auf
einen Stuhl und schloss die Fensterladen zu.
    Am folgenden Morgen, als Friedrich mit dem Prinzen zusammenkam, sagte er ihm
sogleich, was er gestern gesehen. Der Prinz schien betroffen, besann sich darauf
einen Augenblick und bat Friedrich, die ganze Begebenheit zu verschweigen. Er
besuche, sagte er, das Mädchen schon seit langer Zeit und gebe sich für einen
armen Studenten aus. Die Mutter und die Tochter, die wenig auskämen, hielten ihn
wirklich dafür. Friedrich sagte ihm offen und ernstaft, wie dies ein
gefährliches Spiel sei, wobei das Mädchen verspielen müsse, er solle lieber
alles aufgeben, ehe es zu weit käme, und vor allen Dingen grossmütig das Mädchen
schonen, das ihm noch unschuldig schiene. Der Prinz war gerührt, drückte
Friedrich die Hand und schwur, dass er das Mädchen zu sehr liebe, um sie
unglücklich zu machen. Er nannte sie nur sein hohes Mädchen.
    Später, an einem von jenen wunderbaren Tagen, wo die Bäche wieder ihre
klaren Augen aufschlagen und einzelne Lerchen schon hoch in dem blauen Himmel
singen, hatte Friedrich alle seine Fenster offen, die auf einen einsamen
Spaziergang hinausgingen, den zu dieser Jahreszeit fast niemand besuchte. Es war
ein Sonntag, unzählige Glocken schallten durch die stille, heitere Luft. Da sah
er den Prinzen wieder verkleidet in der Ferne vorübergehen, neben ihm sein
Bürgermädchen, im sonntäglichen Putze zierlich aufgeschmückt. Sie schien sehr
zufrieden und glücklich und drückte sich oft fröhlich an seinen Arm. Friedrich
nahm die Gitarre, setzte sich auf das Fenster und sang:
»Wann der kalte Schnee zergangen,
Stehst du draussen in der Tür,
Kommt ein Knabe schön gegangen,
Stellt sich freundlich da zu dir,
Lobet deine frischen Wangen,
Dunkle Locken, Augen licht,
Wann der kalte Schnee zergangen,
Glaub dem falschen Herzen nicht!
Wann die lauen Winde wehen,
Scheint die Sonne lieblich warm:
Wirst du wohl spazierengehen,
Und er führet dich am Arm,
Tränen dir im Auge stehen,
Denn so schön klingt, was er spricht;
Wann die lauen Winde wehen,
Glaub dem falschen Herzen nicht!
Wenn die Lerchen wieder schwirren,
Trittst du draussen vor das Haus,
Doch er mag nicht mit dir irren,
Zog weit in das Land hinaus;
Die Gedanken sich verwirren,
Wie du siehst den Morgen rot;
Wann die Lerchen wieder schwirren,
Armes Kind, ach, wärst du tot!«
Das Lied rührte Friedrich selbst mit einer unbeschreiblichen Gewalt. Die
Glücklichen hatten ihn nicht bemerkt, er hörte das Mädchen noch munter lachen,
als sie schon beide wieder verschwunden waren.
    Der Winter neckte bald darauf noch einmal durch seine späten Züge. Es war
ein unfreundlicher Abend, der Wind jagte den Schnee durch die Gassen, da ging
Friedrich, in seinen Mantel fest eingewickelt, zu Rosa. Sie hatte ihm, da sie
überhaupt jetzt mehr als sonst sich in Gesellschaften einliess, feierlich
versprochen, ihn heut zu Hause zu erwarten. Er hatte eine Sammlung alter Bilder
unter dem Mantel, die er erst unlängst aufgekauft, und an denen sie sich heut
ergötzen wollten. Er freute sich unbeschreiblich darauf, ihr die Bedeutung und
die alten Geschichten dazu zu erzählen. Wie gross war aber sein Erstaunen, als er
alles im Hause still fand. Er konnte es noch nicht glauben, er stieg hinauf. Ihr
Wohnzimmer war auch leer und kein Mensch zur Auskunft da. Der Spiegel auf der
Toilette stand noch aufgestellt, künstliche Blumen, goldene Kämme und Kleider
lagen auf den Stühlen umher; sie musste das Zimmer unlängst verlassen haben. Er
setzte sich an den Tisch und schlug einsam seine Bilder auf. Die treue
Farbenpracht, die noch so frisch aus den alten Bildern schaute, als wären sie
heute gemalt, rührte ihn; wie da die Genoveva arm und bloss im Walde stand, das
Reh vor ihr niederstürzt und hinterdrein der Landgraf mit Rossen, Jägern und
Hörnern, wie da so bunte Blumen stehen, unzählige Vögel in den Zweigen mit den
glänzenden Flügeln schlagen, wie die Genoveva so schön ist und die Sonne
prächtig scheint, alles grün und golden musizierend, und Himmel und Erde voller
Freude und Entzückung. - »Mein Gott, mein Gott«, sagte Friedrich, »warum ist
alles auf der Welt so anders geworden!« - Er fand ein Blatt auf dem Tische,
worauf Rosa die Zeichnung einer Rose angefangen. Er schrieb, ohne selbst recht
zu wissen, was er tat: »Lebe wohl« auf das Blatt. Darauf ging er fort.
    Draussen auf der Strasse fiel ihm ein, dass heute Ball beim Minister sei. Nun
übersah er den ganzen Zusammenhang und ging sogleich hin, um sich näher zu
überzeugen. Dicht und unkenntlich in seinen Mantel gehüllt, stellte er sich in
die Tür unter die zusehenden Bedienten. Er musste lachen, wie der Marquis soeben
im festlichen Staate einzog und mit einer vornehmen Geckenhaftigkeit ihn mit den
andern Leuten auf die Seite schob. Er bemerkte wohl, wie die Bedienten heimlich
lachten. Gott steh dem Adel bei, dachte er dabei, wenn dies noch seine einzige
Unterscheidung und Halt sein soll in der gewaltsam drängenden Zeit, wo
untergehen muss, was sich nicht ernstlich rafft!
    Die Tanzmusik schallte lustig über den Saal, wie ein wogendes Meer, wo
unzählige Sterne glänzend auf- und untergingen. Da sah er Rosa mit dem Prinzen
walzen. Alle sahen hin und machten willig Platz, so schön war das Paar. Sie
langte im Fluge ohnweit der Tür an und warf sich atemlos in ein Sofa. Ihre
Wangen glühten, ihr Busen, dessen Weisse die schwarz herabgeringelten Locken noch
blendender machten, hob sich heftig auf und nieder; sie war überaus reizend. Er
konnte sehen, wie sie dem Prinzen, der lange mit Bitten in sie zu dringen
schien, tändelnd etwas reichte, das er schnell zu sich steckte. Der Prinz sagte
ihr darauf etwas ins Ohr, worauf sie so leichtfertig lachte, dass es Friedrich
durch die Seele schnitt.
    Höchst sonderbar, erst hier in diesem Taumel, in dieser Umgebung glaubte
Friedrich auf einmal in des Prinzen Reden dieselbe Stimme wiederzuerkennen, die
er auf dem Maskenballe, da er Rosa zum ersten Male wiedergesehen, bei ihrem
Begleiter, und dann in dem dunklen Gässchen, als er von der kleinen Marie
herauskam, bei dem einen von den zwei verhüllten Männern gehört hatte. - Er
erschrak innerlichst über diese Entdeckung. Er dachte an das arme Bürgermädchen,
an Leontins Hass gegen den Prinzen, an die verlorne Marie, an alle die schönen
auf immer vergangenen Zeiten, und stürzte sich wieder hinunter in das lustige
Schneegestöber.
    Als er nach Hause kam, fand er Erwin auf dem Sofa eingeschlummert.
Schreibzeug lag umher, er schien geschrieben zu haben. Er lag auf dem Rücken, in
der rechten Hand, die auf dem Herzen ruhte, hielt er ein zusammengelegtes Papier
lose zwischen den Fingern. Friedrich hielt es für einen Brief, da es immer
Erwins liebstes Geschäft war, ihn mit den neuangekommenen Briefen bei seiner
Nachhausekunft selbst zu überraschen. Er zog es dem Knaben leise aus der Hand
und machte es, ohne es näher zu betrachten, schnell auf.
    Er las: »Die Wolken ziehn immerfort, die Nacht ist so finster. Wo führst du
mich hin, wunderbarer Schiffer? Die Wolken und das Meer haben kein Ende, die
Welt ist so gross und still, es ist entsetzlich, allein zu sein.« - Weiter unten
stand: »Liebe Julie, denkst du noch daran, wie wir im Garten unter den hohen
Blumen sassen und spielten und sangen, die Sonne schien warm, du warst so gut.
Seitdem hat niemand mehr Mitleid mit mir.« - Wieder weiter: »Ich kann nicht
länger schweigen, der Neid drückt mir das Herz ab.« - Friedrich bemerkte erst
jetzt, dass das Papier nur wie ein Brief zusammengelegt und ohne alle Aufschrift
war. Voll Erstaunen legte er es wieder neben Erwin hin und sah den lieblich
atmenden Knaben nachdenklich an.
    Da wachte Erwin auf, verwunderte sich, Friedrich und den Brief neben sich zu
sehen, steckte das Papier hastig zu sich und sprang auf. Friedrich fasste seine
beiden Hände und zog ihn vor sich hin. »Was fehlt dir?« fragte er ihn
unwiderstehlich gutmütig. Erwin sah ihn mit den grossen, schönen Augen lange an,
ohne zu antworten, dann sagte er auf einmal schnell, und eine lebhafte
Fröhlichkeit flog dabei über sein seelenvolles Gesicht: »Reisen wir aus der
Stadt und weit fort von den Menschen, ich führ dich in den grossen Wald.« - Von
einem grossen Walde darauf und einem kühlen Strome und einem Turme darüber, wo
ein Verstorbener wohne, sprach er wunderbar wie aus dunklen, verworrenen
Erinnerungen, oft alte Aussichten aus Friedrichs eigener Kindheit plötzlich
aufdeckend. Friedrich küsste den begeisterten Knaben auf die Stirn. Da fiel er
ihm um den Hals und küsste ihn heftig, mit beiden Armen ihn fest umklammernd.
Voll Erstaunen machte sich Friedrich nur mit Mühe aus seinen Armen los, es war
etwas ungewöhnlich Verändertes in seinem Gesichte, eine seltsame Lust in seinen
Küssen, seine Lippen brannten, das Herz schlug fast hörbar, er hatte ihn noch
niemals so gesehen.
    Der Bediente trat eben ein, um Friedrich auszukleiden. Erwin war
verschwunden. Friedrich hörte, wie er darauf in seiner Stube sang:
»Es weiss und rät es doch keiner,
Wie mir so wohl ist, so wohl!
Ach, wüsst es nur einer, nur einer,
Kein Mensch sonst es wissen sollt!
So still ist's nicht draussen im Schnee,
So stumm und verschwiegen sind
Die Sterne nicht in der Höhe,
Als meine Gedanken sind.
Ich wünscht, es wäre schon Morgen,
Da fliegen zwei Lerchen auf,
Die überfliegen einander,
Mein Herze folgt ihrem Lauf:
Ich wünscht, ich wäre ein Vöglein
Und zöge über das Meer,
Wohl über das Meer und weiter,
Bis dass ich im Himmel wär!«
 
                              Funfzehntes Kapitel
Schwül und erwartungsvoll schauen wir in den dunkelblauen Himmel, schwere
Gewitter steigen ringsum herauf, die über manche liebe Gegend und Freunde
ergehen sollen, der Strom schiesst dunkelglatt und schneller vorbei, als wollte
er seinem Geschick entfliehen, die ganze Gegend verwandelt plötzlich seltsam
ihre Miene. Keine Glockenklänge wehen mehr fromm über die Felder, die Wolken zu
zerteilen, der Glaube ist tot, die Welt liegt stumm, und viel Teures wird
untergehen, eh die Brust wieder frei aufatmet.
    Friedrich fühlte diesen gewitternden Druck der Luft und waffnete sich nur
desto frömmer mit jenem Ernst und Mute, den ein grosser Zweck der Seele gibt. Er
warf sich mit doppeltem Eifer wieder auf seine Studien, sein ganzes Sinnen und
Trachten war endlich auf sein Vaterland gerichtet. Dies mochte ihn abhalten,
Erwin damals genauer zu beobachten, der seit jenem Abend stiller als je geworden
und sich an einem wunderbaren Triebe nach freier Luft und Freiheit langsam zu
verzehren schien. Rosa mochte er seitdem nicht wieder besuchen. Romana hatte
sich seit einiger Zeit seltsam von allen grösseren Gesellschaften entfernt. - Wir
aber stürzen uns lieber in die Wirbel der Geschichte, denn es wird der Seele
wohler und weiter im Sturm und Blitzen, als in dieser feindlich lauernden
Stille.
    Es war ein Feiertag im März, da ritt Friedrich mit dem Prinzen auf einem der
besuchtesten Spaziergänge. Nach allen Richtungen hin zogen unzählige bunte
Schwärme zu den dunklen Toren aus und zerstreuten sich lustig in die neue,
warme, schallende Welt. Schaukeln und Ringelspiele drehten sich auf den offenen
Rasenplätzen, Musiken klangen von allen Seiten ineinander, eine unübersehbare
Reihe prächtiger Wagen bewegte sich schimmernd die Allee hinunter. Romana teilte
die Menge rasch zu Pferde wie eine Amazone. Friedrich hatte sie nie so schön und
wild gesehen. Rosa war nirgends zu sehen. Als sie an das Ende der Allee kamen,
hörten sie plötzlich einen Schrei. Sie sahen sich um und erblickten mehrere
Menschen, die bemüht schienen, jemand Hülfe zu leisten. Der Prinz ritt sogleich
hinzu; alles machte ehrerbietig Platz und er erblickte sein Bürgermädchen, die
ohnmächtig in den Armen ihrer Mutter lag. Wie versteinert schaute er in das
totenbleiche Gesicht des Mädchens. Er bat Friedrich, für sie Sorge zu tragen,
wandte sein Pferd und sprengte davon. Er hatte sie zum letzten Male gesehen.
    Die Mutter, welche sich selbst von Staunen und Schreck nicht erholen konnte,
erzählte Friedrich, nachdem er alle unnötigen Gaffer zu entfernen gewusst, wie
sie heut mit ihrer Tochter hierher spazierengegangen, um einmal den Hof zu
sehen, der, wie sie gehört, an diesem Tage gewöhnlich hier zu erscheinen pflege.
Ihr Kind sei besonders fröhlich gewesen und habe noch oft gesagt: »Wenn er doch
mit uns wäre, so könnte er uns alle die Herrschaften nennen!« Auf einmal hörten
sie hinter sich: »Der Prinz! der Prinz!« Alles blieb stehen und zog den Hut.
Sowie ihre Tochter den Prinzen nur erblickte, sei sie sogleich umgefallen. -
Friedrich rührte die stille Schönheit des Mädchens mit ihren geschlossenen Augen
tief. Er liess sie sicher nach Hause bringen; er selbst wollte sie nicht
begleiten, um alles Aufsehn zu vermeiden.
    Noch denselben Abend spät sprach er mit dem Prinzen über diese Begebenheit.
Dieser war sehr bewegt. Er hatte das Mädchen des Abends besucht. Sie aber wollte
ihn durchaus nicht wiedersehen und hatte ebenso hartnäckig ein fürstliches
Geschenk, das er ihr anbot, ausgeschlagen. Übrigens schiene sie, wie er hörte,
ganz gesund.
    Erwin fing um diese Zeit an zu kränkeln, es war, als erdrückte ihn die
Stadtluft. Seine seltsame Gewohnheit, die Nächte im Freien zuzubringen, hatte er
hier ablegen müssen. Es schien seit frühester Kindheit eine wunderbare
Freundschaft zwischen ihm und der Natur mit ihren Wäldern, Strömen und Felsen.
Jetzt, da dieser Bund durch das beengte Leben zerstört war, schien er, wie ein
erwachter Nachtwandler, auf einmal allein in der Welt.
    So versank er mitten in der Stadt immer tiefer in Einsamkeit. Nur um Rosa
bekümmerte er sich viel und mit einer auffallenden Leidenschaftlichkeit.
Übrigens erlernte er noch immer nichts, obschon es nicht am guten Willen fehlte.
Ebenso las er auch sehr wenig und ungern, desto mehr, ja fast unaufhörlich,
schrieb er, seit er es beim Grafen gelernt, sooft er allein gewesen. Friedrich
fand manchmal dergleichen Zettel. Es waren einzelne Gedanken, so seltsam weit
abschweifend von der Sinnes- und Ausdrucksart unsrer Zeit, dass sie oft
unverständlich wurden, abgebrochene Bemerkungen über seine Umgebungen und das
Leben, wie fahrende Blitze auf durchaus nächtlichem, melancholischem Grunde,
wunderschöne Bilder aus der Erinnerung an eine früher verlebte Zeit und Anreden
an Personen, die Friedrich gar nicht kannte, dazwischen Gebete wie aus der
tiefsten Seelenverwirrung eines geängstigten Verbrechers, immerwährende
Beziehung auf eine unselige verdeckte Leidenschaft, die sich selber nie deutlich
schien, kein einziger Vers, keine Ruhe, keine Klarheit überall.
    Friedrich versuchte unermüdlich seine frühere Lebensgeschichte auszuspüren,
um nach so erkannter Wurzel des Übels vielleicht das aufrührerische Gemüt des
Knaben sicherer zu beruhigen und ins Gleichgewicht zu bringen. Aber vergebens.
Wir wissen, mit welcher Furcht er das Geheimnis seiner Kindheit hütete. »Ich muss
sterben, wenn es jemand erfährt«, war dann jedesmal seine Antwort. Eine ebenso
unbegreifliche Angst hatte er auch vor allen Ärzten.
    Sein Zustand wurde indes immer bedenklicher. Friedrich hatte daher alles
einem verständigen Arzte von seiner Bekanntschaft anvertraut und bat denselben,
ihn, ohne Seine Absicht merken zu lassen, des Abends zu besuchen, wann Erwin bei
ihm wäre.
    Als Friedrich des Abends an Erwins Tür kam, hörte er ihn drin nach einer
rührenden Melodie ohne alle Begleitung eines Instruments folgende Worte singen:
»Ich kann wohl manchmal singen,
Als ob ich fröhlich sei,
Doch heimlich Tränen dringen,
Da wird das Herz mir frei.
So lassen Nachtigallen,
Spielt draussen Frühlingsluft,
Der Sehnsucht Lied erschallen
Aus ihres Käfigts Gruft.
Da lauschen alle Herzen,
Und alles ist erfreut,
Doch keiner fühlt die Schmerzen,
Im Lied das tiefe Leid.«
Friedrich trat während der letzten Strophe unbemerkt in die Stube. Der Knabe
ruhte auf dem Bette, und sang so liegend mit geschlossenen Augen.
    Er richtete sich schnell auf, als er Friedrich erblickte. »Ich bin nicht
krank«, sagte er, »gewiss nicht!« - damit sprang er auf. Er war sehr blass. Er
zwang sich, munter zu scheinen, lachte und sprach mehr und lustiger, als
gewöhnlich. Dann klagte er über Kopfweh. - Friedrich strich ihm die nussbraunen
Locken aus den Augen. »Tu nicht schön mit mir, ich bitte dich!« - sagte der
Knabe da, sonderbar und wie mit verhaltenen Tränen.
    Der Arzt trat eben in das Zimmer. Erwin sprang auf. Er erriet ahnend
sogleich, was der fremde Mann wolle, und machte Miene zu entspringen. Er wollte
sich durchaus nicht von ihm berühren lassen und zitterte am ganzen Leibe. Der
Arzt schüttelte den Kopf. »Hier wird meine Kunst nicht ausreichen«, sagte er zu
Friedrich, und verliess das Zimmer bald wieder, um den Knaben in diesem
Augenblicke zu schonen. Da sank Erwin ermattet zu Friedrichs Füssen. Friedrich
hob ihn freundlich auf seine Knie und küsste ihn. Er aber küsste und umarmte ihn
nicht wieder, wie damals, sondern sass still und sah, in Gedanken verloren, vor
sich hin.
    Schon spannen wärmere Sommernächte draussen ihre Zaubereien über Berge und
Täler, da war es Friedrich einmal mitten in der Nacht, als riefe ihn ein Freund,
auf den er sich nicht besinnen könnte, wie aus weiter Ferne. Er wachte auf, da
stand eine lange Gestalt mitten in dem finstern Zimmer. Er erkannte Leontin an
der Stimme. »Frisch auf, Herzensbruder!« sagte dieser, »die eine Halbkugel rührt
sich hellbeleuchtet, die andere träumt; mir war nicht wohl, ich will den Rhein
einmal wiedersehen, komm mit!« Er hatte die Fenster aufgemacht, einzelne graue
Streifen langten schon über den Himmel, unten auf der Gasse blies der Postillion
lustig auf dem Horne.
    Da galt kein Staunen und kein Zögern, Friedrich musste mit ihm hinunter in
den Wagen. Auch Erwin war mit unbegreiflicher Schnelligkeit reisefertig.
Friedrich erstaunte, ihn auf einmal ganz munter und gesund zu sehen. Mit
funkelnden Augen sprang er mit in den Wagen, und so rasselten sie durch das
stille Tor ins Freie hinaus.
    Sie fuhren schnell durch unübersehbare stille Felder, durch einen
dunkeldichten Wald, später zwischen engen, hohen Bergen, an deren Fuss manch
Städtlein zu liegen schien, ein Fluss, den sie nicht sahen, rauschte immerfort
seitwärts unter der Strasse, alles feenhaft verworren. Leontin erzählte ein
Märchen mit den wechselnden Wundern der Nacht, wie sie sich die Seele ausmalte,
in Worten kühl spielend. Friedrich schaute still in die Nacht, Erwin ihm
gegenüber hatte die Augen weit offen, die unausgesetzt, solange es dunkel war,
auf ihn geheftet schienen, der Postillion blies oft dazwischen. Der Tag fing
indes an von der einen Seite zu hellen, sie erkannten nach und nach ihre
Gesichter wieder, einzelne zu früh erwachte Lerchen schwirrten schon, wie halb
im Schlafe, hoch in den Lüften ihr endloses Lied, es wurde herrlich kühl.
    Bald darauf langten sie an dem Gebirgsstädtchen an, wohin sie wollten. Das
Tor war noch geschlossen. Der Torwächter trat schlaftrunken heraus, wünschte
ihnen einen guten Morgen und pries die Reisenden glückselig und beneidenswert in
dieser Jahreszeit. In dem Städtchen war noch alles leer und still. Nur einzelne
Nachtigallen vor den Fenstern und unzählige von den Bergen über dem Städtchen
schlugen um die Wette. Mehrere alte Brunnen mit zierlichem Gitterwerk rauschten
einförmig auf den Gassen. In dem Wirtshause, wo sie abstiegen, war auch noch
niemand auf. Der Postillion blies daher, um sie zu wecken, mehrere Stücke, dass
es über die stillen Strassen weg in die Berge hineinschallte. Erwin sass indes auf
einem Springbrunnen auf dem Platze und wusch sich die Augen klar.
    Friedrich und Leontin liessen Erwin bei dem Wagen zurück und gingen von der
andern Seite ins Gebirge. Als sie aus dem Walde auf einen hervorragenden Felsen
heraustraten, sahen sie auf einmal aus wunderreicher Ferne, von alten Burgen und
ewigen Wäldern kommend, den Strom vergangener Zeiten und unvergänglicher
Begeisterung, den königlichen Rhein. Leontin sah lange still in Gedanken in die
grüne Kühle hinunter, dann fing er sich schnell an auszukleiden. Einige Fischer
fuhren auf dem Rheine vorüber und sangen ihr Morgenlied, die Sonne ging eben
prächtig auf, da sprang er mit ausgebreiteten Armen in die kühlen Fluten hinab.
Friedrich folgte seinem Beispiele, und beide rüstige Schwimmer rangen sich lange
jubelnd mit den vom Morgenglanze trunkenen, eisigen Wogen. Unbeschreiblich
leicht und heiter kehrten sie nach dem Morgenbade wieder in das Städtchen
zurück, wo unterdes alles schon munter geworden. Es war die Weihe der Kraft für
lange Kämpfe, die ihrer harrten.
    Als die Sonne schon hoch war, bestiegen sie die alte, wohlerhaltene Burg,
die wie eine Ehrenkrone über der altdeutschen Gegend stand. Des Wirtes Tochter
ging ihnen mit einigen Flaschen Wein lustig die dunklen, mit Efeu überwachsenen
Mauerpfade voran, ihr junges, blühendes Gesicht nahm sich gar zierlich zwischen
dem alten Gemäuer und Bilderwerk aus. Sie legte vor der Sonne die Hand über die
Augen und nannte ihnen die zerstreuten Städte und Flüsse in der unermesslichen
Aussicht, die sich unten auftat. Leontin schenkte Wein ein, sie tat ihnen
Bescheid und gab jedem willig zum Abschiede einen Kuss.
    Sie stieg nun wieder den Berg hinab, die beiden schauten fröhlich in das
Land hinaus. Da sahen sie, wie jenseits des Rheins zwei Jägerburschen aus dem
Walde kamen und einen Kahn bestiegen, der am Ufer lag. Sie kamen quer über den
Rhein auf das Städtchen zugefahren. Der eine sass tiefsinnig im Kahne, der andere
tat mehrere Schüsse, die vielfach in den Bergen widerhallten. Erwin hatte sich
in ein ausgebrochenes Bogenfenster der Burg gesetzt, das unmittelbar über dem
Abgrunde stand. Ohne allen Schwindel sass er dort oben, seine ganze Seele schien
aus den sinnigen Augen in die wunderbare Aussicht hinauszusehen. Er sagte voller
Freuden, er erblicke ganz im Hintergrunde einen Berg und einen hervorragenden
Wald, den er gar wohl kenne. Leontin liess sich die Gegend zeigen und schien sie
ebenfalls zu erkennen. Er sah darauf den Knaben ernstaft und verwundert an, der
es nicht bemerkte.
    Erwin blieb in dem Fensterbogen sitzen, sie aber durchzogen das Schloss und
den Berg in die Runde. Junge, grüne Zweige und wildbunte Blumen beugten sich
überall über die dunklen Trümmer der Burg, der Wald rauschte kühl, Quellen
sprangen in hellen, frischlichen Bogen von den Steinen, unzählige Vögel sangen,
von allen Seiten die unermessliche Aussicht, die Sonne schien warm über der
Fläche, in tausend Strömen sich spiegelnd; es war, als sei die Natur hier
rüstiger und lebendiger vor Erinnerung im Angesichte des Rheins und der alten
Zeit. »Wo ein Begeisterter steht, ist der Gipfel der Welt«, rief Leontin
fröhlich aus.
    »Willkommen, Freund, Bruder!« sagte da auf einmal eine Stimme mit Patos,
und ein fremder junger Mann, den sie vorher nicht bemerkt hatten, fasste Leontin
fest bei der Hand. »Ach, was Bruder!« fuhr Leontin heraus, ärgerlich über die
unerwartete Störung. Der Fremde liess sich nicht abschrecken, sondern sagte:
»Jene Worte logen nicht, Sie sind ein Verehrer der Natur, ich bin auch stolz auf
diesen Namen.« »Wahrhaftig, mein Herr«, erwiderte Leontin geschwind, sich
komisch erwehrend, »Sie irren sich entsetzlich, ich bin weder biederherzig, wie
Sie sich vorstellen, noch begeistert, noch ein Verehrer der Natur, noch -« Der
Fremde fuhr ganz blind erpicht fort: »Lassen Sie die Gewöhnlichen sich ewig
suchen und verfehlen, die Seltenen wirft ein magnetischer Zug einander an die
männliche Brust, und der ewige Bund ist ohne Wort geschlossen in des
Eichenwaldes heiligen Schatten, wenn die Orgel des Weltbaues gewaltig
dahinbraust.« - Bei diesen Worten fiel ihm ein Buch aus der Tasche. »Sie
verlieren Ihre Noten«, sagte Leontin, Schillers Don Carlos erkennend. »Warum
Noten?« fragte der Fremde. »Darum«, sagte Leontin, »weil Euch die ganze Natur
nur der Text dazu ist, den Ihr nach den Dingern da aborgelt, und je schwieriger
und würgender die Koloraturen sind, dass Ihr davon ganz rot und blau im Gesichte
werdet und die Tränen samt den Augen heraustreten, je begeisterter und gerührter
seid Ihr. Macht doch die Augen fest zu in der Musik und im Sausen des Waldes,
dass Ihr die ganze Welt vergesst und Euch vor allem!«
    Der Fremde wusste nicht recht, was er darauf antworten sollte. Leontin fand
ihn zuletzt gar possierlich; sie gingen und sprachen noch viel zusammen und es
fand sich am Ende, dass er ein abgedankter Liebhaber der Schmachtenden in der
Residenz sei, den er früher manchmal bei ihr gesehen. Der Einklang der Seelen
hatte sie zusammen -, und ich weiss nicht was, wieder auseinandergeführt. Er
rühmte viel, wie dieses seelenvolle Weib mit Geschmack, treu und tugendhaft
liebe. »Treu? - sie ist ja verheiratet«, sagte Friedrich unschuldig. »Ei, was!«
fiel ihm Leontin ins Wort, »diese Alwinas, diese neuen Heloisen, diese
Erbschleicherinnen der Tugend sind pfiffiger als Gottes Wort. Nicht wahr, der
Teufel stinkt nicht und hat keine Hörner, und Ehebrechen und Ehebrechen ist
zweierlei?« - Der Fremde war verlegen wie ein Schulknabe.
    Es neigte sich indes zum Abend, aber die Luft war schwül geworden und man
hörte von fern donnern. Das letztere war dem Fremden eben recht; der Donner, den
er nicht anders als rollend nannte, schien ihn mit einem neuen Anfalle von
Genialität aufzublähen. Er versicherte, er müsse im Gewitter einsam und im
Freien sein, das wäre von jeher so seine Art, und nahm Abschied von ihnen.
Leontin klopfte ihn beim Weggehn tüchtig auf die Achsel: »Beten und fasten Sie
fleissig und dann schauen Sie wieder in Gottes Welt hinaus, wie da der Herr
genialisch ist. Es ist doch nichts lächerlicher«, sagte er, da jener fort war,
»als eine aus der Mode gekommene Genialität. Man weiss dann gar nicht, was die
Kerls eigentlich haben wollen.«
    Es gewitterte indes immer stärker und näher. Leontin bestieg schnell eine
hohe Tanne, die am Abhange stand, um das Wetter zu beschauen. Der Wind, der dem
Gewitter vorausflog, rauschte durch die dunklen Äste des Baumes und neigte den
Wipfel über den Abgrund hinaus. »Ich sehe in das Städtchen, in alle Strassen
hinab«, rief Leontin von oben, »wie die Leute eilig hin und her laufen, und die
Fenster und Türen schliessen, und mit den Laden klappern vor dem heranziehenden
Wetter! Es achtet ihrer doch nicht und zieht über sie weg. Unsern Don Carlos
sehe ich auf einer Felsenspitze, den Batterien des Gewitters gegenüber, er
steht, die Arme über der Brust verschränkt, den Hut tief in die Augen gedrückt,
den einen Fuss trotzig vorwärts, pfui, pfui, über den Hochmut! Den Rhein seh ich
kommen, zu dem alle Flüsse des Landes flüchten, langsam und dunkelgrün, Schiffe
rudern eilig ans Ufer, eines seh ich mit Gott geradaus fahren; fahre, herrlicher
Strom! Wie Gottes Flügel rauschen, und die Wälder sich neigen, und die Welt
still wird, wenn der Herr mit ihr spricht. Wo ist dein Witz, deine Pracht, deine
Genialität? Warum wird unten auf den Flächen alles eins und unkenntlich wie ein
Meer, und nur die Burgen stehen einzeln und unterschieden zwischen den wehenden
Glockenklängen und schweifenden Blitzen. Du könntest mich wahnwitzig machen
unten, erschreckliches Bild meiner Zeit, wo das zertrümmerte Alte in einsamer
Höhe steht, wo nur das einzelne gilt und sich, schroff und scharf im
Sonnenlichte abgezeichnet, hervorhebt, während das Ganze in farblosen Massen
gestaltlos liegt, wie ein ungeheurer, grauer Vorhang, an dem unsere Gedanken,
gleich Riesenschatten aus einer andern Welt, sich abarbeiten.« - Der Wind
verwehte seine Worte in die grenzenlose Luft. Es regnete schon lange. Der Regen
und der Sturm wurden endlich so heftig, dass er sich nicht mehr auf dem Baume
erhalten konnte. Er stieg herab, und sie kehrten zu der Burg zurück.
    Als das Wetter sich nach einiger Zeit wieder verzogen hatte, brachen sie aus
ihrem Schlupfwinkel auf, um sich in das Städtchen hinunterzubegeben. Da trafen
sie an dem Ausgange der Burg mit den zwei Jägern zusammen, die sie frühmorgens
über den Rhein fahren gesehen, und die ebenfalls das Gewitter in der Burg
belagert gehalten hatte. Es war schon dunkel geworden, so dass sie einander nicht
wohl erkennen konnten. Die Bäume hingen voll heller Tropfen, der enge Fusssteig
war durch den Regen äusserst glatt geworden. Die beiden Jäger gingen sehr
vorsichtig und furchtsam, hielten sich an alle Sträucher und glitten mehrere
Male bald Friedrich, bald Leontin in die Arme, worüber sie vom letztern, der
ihnen durchaus nicht helfen wollte, viel Gelächter ausstehn mussten. Erwin sprang
mit einer ihm sonst nie gewöhnlichen Wildheit allen weit voraus, wie ein Gems
den Berg hinab.
    Allen wurde wohl, als sie nach der langen Einsamkeit in das Städtchen
hinunterkamen, wo es recht patriarchalisch aussah. Auf den Gassen ging jung und
alt, sprechend und lachend, nach dem Regen spazieren, die Mädchen des Städtchens
sassen draussen vor ihren Türen unter den Weinlauben. Der Abend war herrlich,
alles erquickt nach dem Gewitter, das nur noch von fern nachhallte, Nachtigallen
schlugen wieder von den Bergen, vor ihren Augen rauschte der Rhein an dem
Städtchen vorüber. Leontin zog mit seiner Gitarre, wie ein reisender Spielmann
aus alter Zeit, von Haus zu Haus und erzählte den Mädchen Märchen, oder sang
ihnen neue Melodien auf ihre alten Lieder, wobei sie still mit ihren sinnigen
Augen um ihn herumsassen. Friedrich sass neben ihm auf der Bank, den Kopf in beide
Arme auf die Knie gestützt, und erholte sich recht an den altfränkischen
Klängen.
    Die zwei Jäger hatten sich nicht weit von ihnen um einen Tisch gelagert, der
auf dem grünen Platze zwischen den Häusern und dem Rheine aufgeschlagen war, und
schäkerten mit den Mädchen, denen sie gar wohl zu gefallen schienen. Die Mädchen
verfertigten schnell einen fröhlichen, übervollen Kranz von hellroten Rosen, den
sie dem einen, welcher der lustigste schien, auf die Stirn drückten. Leontin,
der wenig darauf achtgab, begann folgendes Lied über ein am Rheine bekanntes
Märchen:
»Es ist schon spät, es wird schon kalt,
Was reitst du einsam durch den Wald?
Der Wald ist lang, du bist allein,
Du schöne Braut! ich führ dich heim!«
Da antwortete der Bekränzte drüben vom andern Tische mit der folgenden Strophe
des Liedes:
»Gross ist der Männer Trug und List,
Vor Schmerz mein Herz gebrochen ist,
Wohl irrt das Waldhorn her und hin,
O flieh! du weisst nicht, wer ich bin.«
Leontin stutzte und sang weiter:
»So reich geschmückt ist Ross und Weib,
So wunderschön der junge Leib,
Jetzt kenn ich dich - Gott steh mir bei!
Du bist die Hexe Lorelei.«
Der Jäger antwortete wieder:
»Du kennst mich wohl - von hohem Stein,
Schaut still mein Schloss tief in den Rhein.
Es ist schon spät, es wird schon kalt,
Kommst nimmermehr aus diesem Wald!«
Der Jäger nahm nun ein Glas, kam auf sie los und trank Friedrich keck zu:
»Unsere Schönen sollen leben!« Friedrich stiess mit an. Da zersprang der Römer
des Jägers klingend an dem seinigen. Der Jäger erblasste und schleuderte das Glas
in den Rhein. -
    Es war unterdes schon spät geworden, die Mädchen fingen an einzunicken, die
Alten trieben ihre Kinder zu Bett, und so verlor sich nach und nach eines nach
dem andern, bis sich unsere Reisenden allein auf dem Platze sahen. Die Nacht war
sehr warm, Leontin schlug daher vor, die ganze Nacht über auf dem Rheine nach
der Residenz hinunterzufahren, er sei ein guter Steuermann und kenne jede Klippe
auswendig. Alle willigten sogleich ein, der eine Jäger nur mit Zaudern, und so
bestiegen sie einen Kahn, der am Ufer angebunden war. Den Knaben Erwin, der
während Leontins Liedern zu Friedrichs Füssen eingeschlafen, hatten sie, da er
durchaus nicht zu ermuntern war, in den Kahn hineintragen müssen, wo er auch
nach einem kurzen, halbwachen Taumel sogleich wieder in Schlaf versank.
Friedrich sass vorn, die beiden Jäger in der Mitte, Leontin am Steuerruder lenkte
keck gerade auf die Mitte los, die Gewalt des Stromes fasste recht das
Schiffchen, zu beiden Seiten flogen Weingärten, einsame Schlünde und
Felsenriesen mit ausgebreiteten Eichenarmen, wechselnd vorüber, als gingen die
alten Helden unsichtbar durch den Himmel und würfen so ihre streifenden Schatten
über die stille Erde.
    Der Himmel hatte sich indes von neuem überzogen, die Gewitter schienen
wieder näher zu kommen. Der eine von den Jägern, der überhaupt fast noch gar
nicht gesprochen, blieb fortwährend still. Der andere mit dem Rosenkranze
dagegen sass schaukelnd und gefährlich auf dem Rande des Kahnes und hatte beide
Beine, die bei jeder Schwankung die Wellen berührten, darüber heruntergehangen.
Er sah in das Wasser hinab, wie die flüchtigen Wirbel kühl aufrauschend, dann
wieder still, wunderbar hinunterlockten. Leontin hiess ihn die Beine einstecken.
»Was schadet's«, sagte der Jäger innerlich heftig, »ich tauge doch nichts auf
der Welt, ich bin schlecht, wär ich da unten, wäre auf einmal alles still.« -
»Oho!« rief Leontin, »Ihr seid verliebt, das Sind verliebte Sprüche. Sag an, wie
sieht dein Liebchen aus? Ist's schlank, stolz, kühn, voll hohen Graus', ist's
Hirsch, Pfau oder eine kleine süsse Maus?« - Der Jäger sagte: »Mein Schatz ist
ein Hirsch, der wandelt in einer prächtigen Wildnis, die liegt so
unbeschreiblich hoch und einsam, und die ganze Welt übersieht man von dort, wie
sich die Sonne ringsum in Seen und Flüssen und allen Kreaturen wunderbar
bespiegelt. Es ist des Jägers dunkelwüste Lust, das Schönste, was ihn rührt, zu
verderben. So nahm er Abschied von seinem alten Leben und folgte dem Hirsche
immer höher mühsam hinauf. Als die Sonne aufging, legte er oben in der klaren
Stille lauernd an. Da wandte sich der Hirsch plötzlich und sah ihn keck und
fromm an, wie den Herzog Hubertus. Da verliessen den Jäger auf einmal seine
Künste und seine ganze Welt, aber er konnte nicht niederknieen, wie jener, denn
ihm schwindelte vor dem Blick und der Höhe, und es fasste ihn ein seltsames
Gelüst, die dunkle Mündung auf seine eigene, ausgestorbene Brust zu kehren.« -
    Die beiden Grafen überhörten bei dem Winde, der sich nach und nach zu
erheben anfing, diese sonderbaren Worte des Verliebten. Fahrende Blitze
erhellten inzwischen von Zeit zu Zeit die Gegend, und ihr Schein fiel auf die
Gesichter der beiden Jäger. Sie waren gar lieblich anzusehen, schienen beide
noch Knaben. Der eine hatte ein silbernes Horn an der Seite hängen. Leontin
sagte, er solle eins blasen; er versicherte aber, dass er es nicht könne. Leontin
lachte ihn aus, was sie für Jäger wären, nahm das Horn und blies sehr geschickt
ein altes, schönes Lied. Der eine gesprächige Jäger sagte, es fiele ihm dabei
eben ein Lied ein, und sang zu den beiden Grafen mit einer angenehmen Stimme:
»Wir sind so tief betrübt, wenn wir auch scherzen,
Die armen Menschen mühn sich ab und reisen,
Die Welt zieht ernst und streng in ihren Gleisen,
Ein feuchter Wind verlöscht die lust'gen Kerzen. -
Du hast so schöne Worte tief im Herzen,
Du weisst so wunderbare alte Weisen,
Und wie die Stern am Firmamente kreisen,
Ziehn durch die Brust dir ewig Lust und Schmerzen.
So lass dein Stimme hell im Wald erscheinen!
Das Waldhorn fromm wird auf und nieder wehen,
Die Wasser gehn, und Rehe einsam weiden.
Wir wollen stille sitzen und nicht weinen,
Wir wollen in den Rhein hinuntersehen,
Und, wird es finster auf der Welt, nicht scheiden.«
Kaum hatte er die letzten Worte ausgesungen, als Erwin, der durch den Gesang
aufgewacht war und bei einem langen Blitze das Gesicht des andern stillen Jägers
plötzlich dicht vor sich erblickte, mit einem lauten Schrei aufsprang und sich
in demselben Augenblicke über den Kahn in den Rhein stürzte. Die beiden Jäger
schrieen entsetzlich, der Knabe aber schwamm wie ein Fisch durch den Strom und
war schnell hinter dem Gesträuch am Ufer verschwunden.
    Leontin lenkte sogleich ihm nach ans Ufer und alle eilten verwundert und
bestürzt ans Land. Sie fanden sein Tuch zerrissen an den Sträuchern hängen; es
war fast unbegreiflich, wie er durch dieses Dickicht sich hindurchgearbeitet.
    Friedrich und Leontin begaben sich in verschiedenen Richtungen ins Gebirge,
sie durchkletterten alle Felsen und Schluchten und riefen nach allen Seiten hin.
Aber alles blieb nächtlich still, nur der Wald rauschte einförmig fort. Nach
langem Suchen kamen sie endlich müde beide wieder auf der Höhe über ihrem
Landungsplatze zusammen. Der Kahn stand noch am Ufer, die beiden Jäger aber
unten waren verschwunden. Der Rhein rauschte prächtig funkelnd in der
Morgensonne zwischen den Bergen hin. Erwin kehrte nicht mehr zurück.
 
                              Sechszehntes Kapitel
Die heftige Romana liebte Friedrich vom ersten Blicke an mit der ihr
eigentümlichen Gewalt. Seitdem er aber in jener Nacht auf dem Schloss von ihr
fortgeritten, als sie bemerkte, wie ihre Schönheit, ihre vielseitigen Talente,
die ganze Phantasterei ihres künstlich gesteigerten Lebens alle Bedeutung verlor
und zuschanden wurde an seiner höhern Ruhe, da fühlte sie zum ersten Male die
entsetzliche Lücke in ihrem Leben, und dass alle Talente Tugenden werden müssen
oder nichts sind, und Schauderte vor der Lügenhaftigkeit ihres ganzen Wesens.
Friedrichs Verachtung war ihr durchaus unerträglich, obgleich sie sonst die
Männer verachtete. Da raffte sie sich innerlichst zusammen, zerriss alle ihre
alten Verbindungen und begab sich in die Einsamkeit ihres Schlosses. Daher ihr
plötzliches Verschwinden aus der Residenz.
    Sie mochte sich nicht stückweise bessern, ein ganz neues Leben der Wahrheit
wollte sie anfangen. Vor allem bestrebte sie sich mit ehrlichem Eifer, den
schönen, verwilderten Knaben, den wir dort kennengelernt, zu Gott
zurückzuführen, und er übertraf mit seiner Kraft eines unabgenützten Gemütes gar
bald seine Lehrerin. Sie knüpfte Bekanntschaften an mit einigen häuslichen
Frauen der Nachbarschaft, die sie sonst unsäglich verachtet, und musste beschämt
vor mancher Trefflichkeit stehen, von der sie sich ehedem nichts träumen liess.
Die Fenster und Türen ihres Schlosses, die sonst Tag und Nacht offenstanden,
wurden nun geschlossen, sie wirkte still und fleissig nach allen Seiten und
führte eine strenge Hauszucht. Friedrich sollte ihretwegen von alledem nichts
wissen, das war ihr, wie sie meinte, einerlei. -
    Es war ihr redlicher Ernst, anders zu werden, und noch nie hatte sich ihre
Seele so rein triumphierend und frei gefühlt, als in dieser Zeit. Aber es war
auch nur ein Rausch, obgleich der schönste in ihrem Leben. Es gibt nichts
Erbarmungswürdigeres, als ein reiches, verwildertes Gemüt, das in verzweifelter
Erinnerung an seine ursprüngliche, alte Güte, sich lüderlich an dem Besten und
Schlechtesten berauscht, um nur jenes Andenken loszuwerden, bis es, so
ausgehöhlt, zugrunde geht. Wenn uns der Wandel tugendhafter Frauen wie die Sonne
erscheint, die in gleich verbreiteter Klarheit, still und erwärmend, täglich die
vorgeschriebenen Kreise beschreibt, so möchten wir dagegen Romanas rasches Leben
einer Rakete vergleichen, die sich mit schimmerndem Geprassel zum Himmel
aufreisst und oben unter dem Beifallsklatschen der staunenden Menge in tausend
funkelnde Sterne ohne Licht und Wärme prächtig zerplatzt.
    Sie hatte die Einfalt, diese Grundkraft aller Tugend, leichtsinnig
verspielt; sie kannte gleichsam alle Schliche und Kniffe der Besserung. Sie
mochte sich stellen, wie sie wollte, sie konnte, gleich einem Somnambulisten,
ihre ganze Bekehrungsgeschichte wie ein wohlgeschriebenes Gedicht, Vers vor
Vers, inwendig vorauslesen, und der Teufel sass gegenüber und lachte ihr dabei
immerfort ins Gesicht. In solcher Seelenangst dichtete sie oft die herrlichsten
Sachen, aber mitten im Schreiben fiel es ihr ein, wie doch alles eigentlich
nicht wahr sei - wenn sie betete, kreuzten ihr häufig unkeusche Gedanken durch
den Sinn, dass sie erschrocken aufsprang.
    Ein alter, frommer Geistlicher vom Dorfe besuchte die schöne Büsserin
fleissig. Sie erstaunte, wie der Mann so eigentlich ohne alle Bildung und doch so
hochgebildet war. Er sprach ihr oft stundenlang von den tiefsinnigsten
Wahrheiten seiner Religion, und war dabei immer so herzlich heiter, ja, oft voll
lustiger Schwänke, während sie dabei jedesmal in eine peinliche, gedankenvolle
Traurigkeit versank. Er fand manchmal geistliche Lieder und Legenden bei ihr,
die sie soeben gedichtet. Nichts glich dann seiner Freude darüber; er nannte sie
sein liebes Lämmchen, las die Lieder viele Male sehr aufmerksam und legte sie in
sein Gebetbuch. Mein Gott! sagte da Romana in Gedanken verloren oft zu sich
selbst, wie ist der gute Mann doch unschuldig! -
    In dieser Zeit schrieb sie, weniger aus Freundschaft, als aus Laune und
Bedürfnis sich auszusprechen, mehrere Briefe an die Schmachtende in der
Residenz, im tiefsten Jammer ihrer Seele verfasst. Sie erstaunte über sich
selbst, wie moralisch sie zu schreiben wusste, wie ganz klar ihr Zustand ihr vor
Augen lag und sie es doch nicht ändern konnte. Die Schmachtende konnte sich
nicht entalten, diese interessanten Briefe ihrem Abendzirkel mitzuteilen. Man
nahm dieselben dort für Grundrisse zu einem Romane, und bewunderte die feine
Anlage und den Geist der Gräfin.
    Romana hielt es endlich nicht länger aus, sie musste ihren hohen Feind und
Freund, den Grafen Friedrich, wiedersehen. Kaum hatte sie sich diesen Wunsch
einmal erlaubt, als sie auch schon auf dem Pferde sass und der Residenz zuflog.
Dies war damals, als sie Friedrich an dem warmen Märzfeste so wild die Menge
teilend vorüberreiten sah. Als sie nun ihren Geliebten wieder vor sich sah, noch
immer unverändert ruhig und streng wie vorher, während eine ganz neue Welt in
ihr auf- und untergegangen war, da schien es ihr unmöglich, seine Tugend und
Grösse zu erreichen. Die beiden vor ihr Leben gespannten, unbändigen Rosse, das
schwarze und das weisse, gingen bei dem Anblick von neuem durch mit ihr, alle
ihre schönen Pläne lagen unter den heissen Rädern des Wagens zerschlagen, sie
liess die Zügel schiessen und gab sich selber auf.
    Friedrich war indes noch mehrere Tage lang mit Leontin in dem Gebirge
herumgestrichen, um Erwin wiederzufinden. Aber alle Nachforschungen blieben
vergebens. Es blieb ihm nichts übrig, als auf immer Abschied zu nehmen von dem
lieben Wesen, dessen wunderbare Nähe ihm durch die lange Gewohnheit fast
unentbehrlich geworden war.
    Rüstig und neu gestärkt durch die kühle Wald- und Bergluft, die wieder
einmal sein ganzes Leben angeweht, kehrte er in die Residenz zurück und ging
freudiger, als jemals, wieder an seine Studien, Hoffnungen und Pläne. Aber wie
vieles hatte sich gar bald verändert. Die braven Gesellen, welche der Winter
tüchtig zusammengehalten, zerstreute und erschlaffte die warme Jahreszeit. Der
eine hatte eine schöne, reiche Braut gefunden und rechnete die gemeinsame Not
seiner Zeit gegen sein eigenes einzelnes Glück zufrieden ab, seine Rolle war
ausgespielt. Andere fingen an auf öffentlichen Promenaden zu paradieren, zu
spielen und zu liebeln, und wurden nach und nach kalt und beinahe ganz geistlos.
Mehrere rief der Sommer in ihre Heimat zurück. Aller Ernst war verwittert, und
Friedrich stand fast allein. Mehr jedoch, als diese Treulosigkeit einzelner, auf
die er doch nie gebaut, kränkte ihn die allgemeine Willenlosigkeit, von der er
sich immer deutlicher überzeugen musste. So bemerkte er, unter vielen andern
Zeichen der Zeit, oft an einem Abend und in einer Gesellschaft zwei Arten von
Religionsnarren. Die einen prahlten da, dass sie das ganze Jahr nicht in die
Kirche gingen, verspotteten freigeisterisch alles Heilige und hingen auf alle
Weise, die Gott sei Dank! bereits abgenutzte und schäbige Paradedecke der
Aufklärung aus. Aber es war nicht wahr, denn sie schlichen heimlich vor
Tagesanbruch, wenn der Küster aufschloss, zum Hinterpförtchen in die Kirchen
hinein und beteten fleissig. Die andern fielen dagegen gar weidlich über diese
her, verfochten die Religion und begeisterten sich durch ihre eigenen schönen
Redensarten. Aber es war auch nicht wahr, denn sie gingen in keine Kirche und
glaubten heimlich selber nicht, was sie sagten. Das war es, was Friedrich
empörte, die überhandnehmende Desorganisation gerade unter den Bessern, dass
niemand mehr wusste, wo er ist, die landesübliche Abgötterei unmoralischer
Exaltation, die eine allgemeine Auflösung nach sich führen musste.
    Um diese Zeit erhielt Friedrich nach so vielen Monaten unerwartet einen
Brief von dem Gute des Herrn v. A. An den langen Drudenfüssen sowohl, als an dem
fast komisch falsch gesetzten Titel erkannte er sogleich den halbvergessenen
Viktor. Er erbrach schnell und voll Freude das Siegel. Der Brief war folgenden
Inhalts:
»Es wird uns alle sehr freuen, wenn wir hören, dass Sie und der Herr Graf Leontin
sich wohl befinden, wir sind hier alle Gott sei Dank! gesund. Als Sie beide
weggereist sind, war es hier so still, als wenn ein Kriegslager aufgebrochen
wäre und die Felder nun einsam und verlassen stünden, im ganzen Schloss sieht's
aus, wie in einer alten Rumpelkammer. Ich musste anfangs an den langen Abenden
auf dem Schloss aus dem Abraham a St. Clara vorlesen. Aber es ging gar nicht
recht. Der Herr v. A. sagte: ja, wenn der Leontin dabei wäre! Die gnädige Frau
sagte: es wäre doch alles gar zu dummes Gewäsch durcheinander, und Fräulein
Julie dachte Gott weiss an was, und passte gar nicht auf. Es ist gar nichts mehr
auf der Welt anzufangen. Ich kann das verdammte traurige Wesen nicht leiden! Ich
bin daher schon über einen Monat weder aufs Schloss, noch sonstwo ausgekommen.
Sie sind doch recht glücklich! Sie sehen immer neue Gegenden und neue Menschen.
Ich weiss die vier Wände in meiner Kammer schon auswendig. Ich habe meine zwei
kleinen Fenster mit Stroh verhangen, denn der Wind bläst schon infam kalt durch
die Löcher herein, auch alle meine Wanduhren habe ich ablaufen lassen, denn das
ewige Picken möcht einen toll machen, wenn man so allein ist. Ich denke mir dann
gar oft, wie Sie jetzt auf einem Balle mit schönen, vornehmen Damen tanzen, oder
weit von hier am Rheine fahren oder reiten, und rauche Tabak, dass das Licht auf
dem Tische oft auslischt. Gestern hat es zum ersten Male den ganzen Tag wie aus
einem Sacke geschneit. Das ist meine grösste Lust. Ich ging noch spätabends, in
den Mantel gehüllt, auf den Berg hinaus, wo wir immer nachmittags im Sommer
zusammen gelegen haben. Das Rauchtal und die ganze, schöne Gegend war verschneit
und sah kurios aus. Es schneite immerfort tapfer zu. Ich tanzte, um mich zu
erwärmen, über eine Stunde in dem Schneegestöber herum.
    Dies hab ich schon vor einigen Monaten geschrieben. Gleich nach jener Nacht,
da ich draussen getanzt, verfiel ich in eine langwierige Krankheit. Alle Leute
fürchteten sich vor mir, weil es ein hitziges Fieber war, und ich hätte wie ein
Hund umkommen müssen; aber Fräulein Julie besuchte mich alle Tage und sorgte für
Medizin und alles, wofür sie Gott belohnen wird. Ich wusste nichts von mir. Sie
sagt mir aber, ich hätte immerfort von Ihnen beiden phantasiert und oft auch gar
in Reimen gesprochen. Ich muss mir das Zeug durch die Erkältung zugezogen haben.
- Jetzt bin ich, Gott sei Dank, wiederhergestellt, und mache wieder fleissig
Uhren. - Neues weiss ich weiter nichts, als dass seit mehreren Wochen ein fremder
Kavalier, der in der Nachbarschaft grosse Herrschaften gekauft, zu uns auf das
Schloss kommt. Er soll viele Sprachen kennen und sehr gelehrt und bereist sein,
und will unser Fräulein Julie haben. Die gnädige Frau möchte es gern sehen, aber
dem Fräulein gefällt er gar nicht. Wenn sie nachmittags oben im Garten beim
Lustause sitzt und ihn von weitem unten um die Ecke heranreiten sieht, klettert
sie geschwind über den Gartenzaun und kommt zu mir. Was will ich tun? Ich muss
sie in meiner Kammer einsperren, und gehe unterdes spazieren. Neulich, als ich
schon ziemlich spät wieder zurückkam und meine Tür aufschloss, fand ich sie ganz
blass und am ganzen Leibe zitternd. Sie war noch völlig atemlos vor Schreck und
fragte mich schnell, ob ich ihn nicht gesehen? Dann erzählte sie mir: als es
angefangen finster zu werden, habe sie auf meinem Bette in Gedanken gesessen, da
habe auf einmal etwas an das Fenster geklopft. Sie hätte den Atem eingehalten
und unbeweglich gesessen, da wäre plötzlich das Fenster aufgegangen und Ihr
leibhaftiger Page, der Erwin, habe mit totenblassem Gesicht und verwirrten
Haaren in die Stube hineingeguckt. Als er sich überall umgesehen und sie auf dem
Bett erblickt, habe er ihr mit dem Finger gedroht und sei wieder verschwunden.
Ich sagte ihr, sie sollte sich solches dummes Zeug nicht in den Kopf setzen. Sie
aber hat es sich sehr zu Herzen genommen, und ist seitdem etwas traurig. Die
Tante soll nichts davon wissen. Was gibt's denn mit dem guten Jungen, ist er
nicht mehr bei Ihnen? - Soeben, wie ich dies schreibe, sieht Fräulein Julie
drüben über den Gartenzaun. - Als ich sagte, dass ich an Sie schriebe, kam sie
schnell aus dem Garten zu mir herüber und ich musste ihr eine Feder schneiden;
sie wollte selber etwas dazuschreiben. Dann wollte sie wieder nicht und lief
davon. Sie sagte mir, ich solle Sie von ihr grüssen und bitten, Sie möchten auch
den Herrn Grafen Leontin von ihr grüssen, wenn er bei Ihnen wäre. Kommen Sie
beide doch bald wieder einmal zu uns! Es ist jetzt wieder sehr schön im Garten
und auf den Feldern. Ich gehe wieder, wie damals, alle Morgen vor Tagesanbruch
auf den Berg, wo Sie und Leontin mich immer auf meinem Sitze besucht haben. Die
Sonne geht gerade in der Gegend auf, wo Sie mir immer an den schwülen
Nachmittagen beschrieben haben, dass die Residenz liegt und der Rhein geht. Ich
rufe dann mein Hurra und werfe meinen Hut und meine Pfeife hoch in die Luft.
    P. S. Die niedliche Braut, auf die Sie sich vielleicht noch von dem Tanze
auf dem Jagdschlosse her erinnern, besucht uns jetzt oft und empfiehlt sich. Sie
leben recht gut in ihrer Wildnis, sie hat schon ein Kind und ist noch schöner
geworden und sehr lustig. Adieu!«
Friedrich legte das Papier stillschweigend zusammen. Ihn befiel eine
unbeschreibliche Wehmut bei der lebhaften Erinnerung an jene Zeiten. Er dachte
sich, wie sie alle dort noch immer, wie damals, seit hundert Jahren und
immerfort zwischen ihren Bergen und Wäldern friedlich wohnen, im ewig gleichen
Wechsel einförmiger Tage frisch und arbeitsam Gott loben und glücklich sind, und
nichts wissen von der andern Welt, die seitdem mit tausend Freuden und Schmerzen
durch seine Seele gegangen. Warum konnte er, und wie er wohl bemerkte, auch
Viktor nicht ebenso glücklich und ruhig sein? -
    dabei hatte ihn die Nachricht von Erwins unerklärlicher, flüchtiger
Erscheinung heftig bewegt. Er ging sogleich mit dem Briefe zu Leontin. Aber er
fand weder ihn, noch Faber zu Hause. Er sah durch das offene Fenster, der reine
Himmel lag blau und unbegrenzt über den fernen Dächern und Kuppeln bis in die
neblige Weite. Er konnt es nicht aushalten; er nahm Hut und Stock und wanderte
durch die Vorstädte ins Freie hinaus. Unzählige Lerchen schwirrten hoch in der
warmen Luft, die neugeschmückte Frühlingsbühne sah ihn wie eine alte Geliebte
an, als wollte ihn alles fragen: Wo bist du so lange gewesen? Hast du uns
vergessen? - Ihm war so wohl zum Weinen. Da blies neben ihm ein Postillion
lustig auf dem Horne. Eine schöne Reisekutsche mit einem Herrn und einem jungen
Frauenzimmer fuhr schnell an ihm vorüber. Das Frauenzimmer sah lachend aus dem
Wagen nach ihm zurück. Er täuschte sich nicht, es war Marie. Verwundert sah
Friedrich dem Wagen nach, bis er weit in der heitern Luft verschwunden war. Die
Strasse ging nach Italien hinunter.
    Da es sich zum Abend neigte, wandte er sich wieder heimwärts. In den
Vorstädten war überall ein sommerabendliches Leben und Weben, wie in den kleinen
Landstädtchen. Die Kinder spielten mit wirrem Geschrei vor den Häusern, junge
Burschen und Mädchen gingen spazieren, der Abend wehte von draussen fröhlich
durch alle Gassen. Da bemerkte Friedrich seitwärts eine alte, abgelegene Kirche,
die er sonst noch niemals gesehen hatte. Er fand sie offen und ging hinein.
    Es schauderte ihn, wie er aus der warmen, fröhlich bunten Wirrung so auf
einmal in diese ewig stille Kühle hineintrat. Es war alles leer und dunkel
drinnen, nur die ewige Lampe brannte wie ein farbiger Stern in der Mitte vor dem
Hochaltare; die Abendsonne schimmerte durch die gemalten, gotischen, Fenster. Er
kniete in eine Bank hin. Bald darauf bemerkte er in einem Winkel eine weibliche
Gestalt, die vor einem Seitenaltare, im Gebet versunken, auf den Knien lag. Sie
erhob sich nach einer Weile und sah ihn an. Da kam es ihm vor, als wäre es das
Bürgermädchen, die unglückliche Geliebte des Prinzen. Doch konnte er sich gar
nicht recht in die Gestalt finden; sie schien ihm weit grösser und ganz verändert
seitdem. Sie war ganz weiss angezogen und sah sehr blass und seltsam aus. Sie
schien weder erfreut, noch verwundert über seinen Anblick, sondern ging, ohne
ein Wort zu sprechen, tief in einen dunklen Seitengang hinein, auf den Ausgang
der Kirche zu. Friedrich ging ihr nach, er wollte mit ihr sprechen. Aber draussen
fuhren und gingen die Menschen bunt durcheinander, und er hatte sie verloren.
    Als er nach Hause kam, fand er den Prinzen bei sich, der, den Kopf in die
Hand gestützt, am Fenster sass und ihn erwartete. »Mein hohes Mädchen ist tot!«
rief er aufspringend, als Friedrich hereintrat. Friedrich fuhr zusammen: »Wann
ist sie gestorben?« - »Vorgestern.« - Friedrich stand in tiefen Gedanken und
hörte kaum, wie der Prinz erzählte, was er von der alten Mutter der
Dahingeschiedenen gehört: wie das Mädchen anfangs nach der Ohnmacht in allen
Kirchen herumgezogen und Gott inbrünstig gebeten, dass er sie doch noch einmal
glücklich in der Welt machen möchte. Nach und nach aber fing sie an zu kränkeln
und wurde melancholisch. Sie sprach sehr zuversichtlich, dass sie bald sterben
würde, und von einer grossen Sünde, die sie abzubüssen hätte, und fragte die
Mutter oft ängstlich, ob sie denn noch in den Himmel kommen könnte? Den Prinzen
wollte sie noch immer nicht wiedersehen. Die letzten Tage vor ihrem Tode wurde
sie merklich besser und heiter. Noch den letzten Tag kam sie sehr fröhlich nach
Hause und sagte mit leuchtenden Augen, sie habe den Prinzen wiedergesehen, er
sei, ohne sie zu bemerken, an ihr vorbeigeritten. Den Abend darauf starb sie.
Der Prinz zog hierbei ein Papier heraus und las Friedrich ein Totenopfer vor,
welches er heut in einer Reihe von Sonetten auf den Tod des Mädchens gedichtet
hatte. Die ersten Sonette entielten eine wunderfeine Beschreibung, wie der
Prinz das Mädchen verführt. Friedrich graute, wie schön sich da die Sünde
ausnahm. Das letzte Sonett schloss:
»Einsiedler will ich sein und einsam stehen,
Nicht klagen, weinen, sondern büssend beten,
Du bitt für mich dort, dass ich besser werde!
Nur einmal, schönes Bild, lass dich mir sehen,
Nachts, wenn all' Bilder weit zurücke treten,
Und nimm mich mit dir von der dunklen Erde!«
»Wie gefällt Ihnen das Gedicht?« - »Gehn Sie in jene Kirche, die dort so dunkel
hersieht«, sagte Friedrich erschüttert, »und wenn der Teufel mit meinen gesunden
Augen nicht sein Spiel treibt, so werden Sie sie dort wiedersehen.« - »Dort ist
sie begraben«, antwortete der Prinz, und wurde blass und immer blässer, als ihm
Friedrich erzählte, was ihm begegnet. »Warum fürchten Sie sich?« sagte Friedrich
hastig, denn ihm war, als sähe ihn das stille, weisse Bild wie in der Kirche
wieder an, »wenn Sie den Mut hatten, das hinzuschreiben, warum erschrecken Sie,
wenn es auf einmal Ernst wird und die Worte sich rühren und lebendig werden? Ich
möchte nicht dichten, wenn es nur Spass wäre, denn wo dürfen wir jetzt noch
redlich und wahrhaft sein, wenn es nicht im Gedichte ist? Haben Sie den rechten
Mut, besser zu werden, so gehn Sie in die Kirche und bitten Sie Gott inbrünstig
um seine Kraft und Gnade. Ist aber das Beten und alle unsere schönen Gedanken um
des Reimes willen auf dem Papiere, so hol der Teufel auf ewig den Reim samt den
Gedanken!« -
    Hier fiel der Prinz Friedrich ungestüm um den Hals. »Ich bin durch und durch
schlecht«, rief er, »Sie wissen gar nicht und niemand weiss es, wie schlecht ich
bin! die Gräfin Romana hat mich zuerst verdorben vor langer Zeit; das
verstorbene Mädchen habe ich sehr künstlich verführt; der damals in der Nacht zu
Marie bei Ihnen vorbeischlich, das war ich; der auf jener Redoute -« Hier hielt
er inne. - »Betrügerisch, verbuhlt, falsch und erbärmlich bin ich ganz«, fuhr er
weiter fort. »Der Mässigung, der Gerechtigkeit, der grossen, schönen Entwürfe, und
was wir da zusammen beschlossen, geschrieben und besprochen, dem bin ich nicht
gewachsen, sondern im Innersten voller Neid, dass ich's nicht bin. Es war mir nie
Ernst damit und mit nichts in der Welt. - Ach, dass Gott sich meiner erbarme!«
Hierbei zerriss er sein Gedicht in kleine Stückchen, wie ein Kind, und weinte
fast. Friedrich, wie aus den Wolken gefallen, sprach kein einziges Wort der
Liebe und Tröstung, sondern die Brust voll Schmerzen und kalt wandte er sich zum
offenen Fenster von dem gefallenen Fürsten, der nicht einmal ein Mann sein
konnte.
 
                              Siebzehntes Kapitel
Rosa sass frühmorgens am Putztische und erzählte ihrem Kammermädchen folgenden
Traum, den sie heut nacht gehabt: »Ich stand zu Hause in meiner Heimat im
Garten; der Garten war noch ganz so, wie er ehedem gewesen, ich erinnere mich
wohl, mit allen den Alleen, Gängen und Figuren aus Buchsbaum. Ich selber war
klein, wie damals, da ich als Kind in dem Garten gespielt. Ich verwunderte mich
sehr darüber, und musste auch wieder lachen, wenn ich mich ansah, und fürchtete
mich vor den seltsamen Baumfiguren. dabei war es mir, als wäre mein vergangenes
Leben und dass ich schon einmal gross gewesen, nur ein Traum. Ich sang immerfort
ein altes Lied, das ich damals als Kind alle Tage gesungen und seitdem wieder
vergessen habe. Es ist doch seltsam, wie ich es in der Nacht ganz auswendig
wusste! Ich habe heut schon viel nachgesonnen, aber es fällt mir nicht wieder
ein. Meine Mutter lebte auch noch. Sie stand seitwärts vom Garten an einem
Teiche. Ich rief ihr zu, sie sollte herüberkommen. Aber sie antwortete mir
nicht, sondern stand still und unbeweglich, vom Kopfe bis zu den Füssen in ein
langes, weisses Tuch gehüllt. Da trat auf einmal Graf Friedrich zu mir. Es war
mir, als sähe ich ihn zum ersten Male, und doch war er mir wie längst bekannt.
Wir waren wieder gute Freunde, wie sonst - ich habe ihn nie so gut und
freundlich gesehen. Ein schöner Vogel sass mitten im Garten auf einer hohen Blume
und sang, dass es mir durch die Seele ging, meinen Bruder sah ich unten über das
glänzende Land reiten, er hatte die kleine Marie, die eine Zimbel hoch in die
Luft hielt, vor sich auf dem Rosse, die Sonne schien prächtig. Reisen wir nach
Italien! sagte da Friedrich zu mir. - Ich folgte ihm gleich, und wir gingen sehr
schnell durch viele schöne Gegenden immer nebeneinander fort. Sooft ich mich
umsah, sah ich hinten nichts, als ein grenzenloses Abendrot, und in dem Abendrot
meiner Mutter Bild, die unterdes sehr gross geworden war, in der Ferne wie eine
Statue stehen, immerfort so still nach uns zugewendet, dass ich vor Grauen davon
wegsehen musste. Es war unterdes Nacht geworden und ich sah vor uns unzählige
Schlösser auf den Bergen brennen. Jenseits wanderten in dem Scheine, der von den
brennenden Schlössern kam, viele Leute mit Weib und Kindern, wie Vertriebene,
sie waren alle in seltsamer, uralter Tracht; es kam mir vor, als sähe ich auch
meinen Vater und meine Mutter unter ihnen, und mir war unbeschreiblich bange.
Wie wir so fortgingen, schien es mir, als würde Friedrich selbst nach und nach
immer grösser. Er war still und seine Mienen veränderten sich seltsam, so dass ich
mich vor ihm fürchtete. Er hatte ein langes, blankes Schwert in der Hand, mit
dem er vor uns her den Weg aushaute; sooft er es schwang, warf es einen
weitblitzenden Schein über den Himmel und über die Gegend unten. Vor ihm ging
sein langer Schatten, wie ein Riese, weit über alle Täler gestreckt. Die Gegend
wurde indes immer seltsamer und wilder, wir gingen zwischen himmelhohen,
zackigen Gebirgen. Wenn wir an einen Strom kamen, gingen wir auf unsern eigenen
Schatten, wie auf einer Brücke, darüber. Wir kamen so auf eine weite Heide, wo
ungeheure Steine zerstreut umherlagen. Mich befiel eine niegefühlte Angst, denn
je mehr ich die zerstreuten Steine betrachtete, je mehr kamen sie mir wie
eingeschlafene Männer vor. Die Gegend lag unbeschreiblich hoch, die Luft war
kalt und scharf. Da sagte Friedrich: Wir sind zu Hause! Ich sah ihn erschrocken
an und erkannte ihn nicht wieder, er war völlig geharnischt, wie ein Ritter.
Sonderbar! es hing ein altes Ritterbild sonst in einem Zimmer unsers Schlosses,
vor dem ich oft als Kind gestanden. Ich hatte längst alle Züge davon vergessen,
und geradeso sah jetzt Friedrich auf einmal aus. - Ich fror entsetzlich. Da ging
die Sonne plötzlich auf und Friedrich nahm mich in beide Arme und presste mich so
fest an seine Brust, dass ich vor Schmerz mit einem lauten Schrei erwachte.« -
    »Glaubst du an Träume?« sagte Rosa nach einer Weile in Gedanken zu dem
Kammermädchen. Das Mädchen antwortete nicht. »Wo mag nun wohl Marie sein, die
Ärmste?« sagte Rosa unruhig wieder. - Dann stand sie auf und trat ans Fenster.
Es war ein Gartenhaus der Gräfin Romana, das sie bewohnte; der Morgen blitzte
unten über den kühlen Garten, weitin übersah man die Stadt mit ihren duftigen
Kuppeln, die Luft war frisch und klar. Da warf sie plötzlich alle
Schminkbüchschen, die auf dem Fenster standen, heimlich hinaus und zwang sich,
zu lächeln, als es das Mädchen bemerkte. -
    Denselben Tag abends erhielt sie einen Brief von Romana, die wieder seit
einiger Zeit auf einem ihrer entferntesten Landgüter im Gebirge sich aufhielt.
Es war eine sehr dringende Einladung zu einer Gemsenjagd, die in wenigen Tagen
dort gehalten werden sollte. Der Brief bestand nur in wenigen Zeilen und war
auffallend verwirrt und seltsam geschrieben, selbst ihre Züge schienen verändert
und hatten etwas Fremdes und Verwildertes. Ganz unten stand noch: »Letztin, als
Du auf dem Balle beim Minister warst, war Friedrich unbemerkt auch da und hat
Dich gesehen.« -
    Rosa versank über dieser Stelle in tiefe Gedanken. Sie erinnerte sich aller
Umstände jenes Abends auf einmal sehr deutlich, wie sie Friedrich versprochen
hatte, ihn zu Hause zu erwarten, und wie er seitdem nicht wieder bei ihr
gewesen. Ein Schmerz, wie sie ihn noch nie gefühlt, durchdrang ihre Seele. Sie
ging unruhig im Zimmer auf und ab. Sie konnte es endlich nicht länger aushalten,
sie wollte alle Mädchenscheu abwerfen, sie wollte Friedrich, auf welche Art es
immer sei, noch heute sehn und sprechen. Sie war eben allein, draussen war es
schon finster. Mehrere Male nahm sie ihren Mantel um und legte ihn zaudernd
wieder hin. Endlich fasste sie ein Herz, schlich unbemerkt aus dem Hause und über
die dunklen Gassen fort zu Friedrichs Wohnung. Atemlos mit klopfendem Herzen
flog sie die Stiegen hinauf, um, so ganz sein und um alle Welt nichts fragend,
an seine Brust zu fallen. Aber das Unglück wollte, dass er eben nicht zu Hause
war. Da stand sie im Vorhaus und weinte bitterlich. Mehrere Türen gingen indes
im Hause auf und zu, Bediente eilten hin und her über die Gänge. Sie konnte
nicht länger weilen, ohne verraten zu werden.
    Die Furcht, so allein und zu dieser Zeit auf der Gasse erkannt zu werden,
trieb sie schnell durch die Gassen zurück, das Gesicht tief in den seidenen
Mantel gehüllt. Aber das Geschick war in seiner teuflischen Laune. Als sie eben
um eine Ecke bog, stand der Prinz plötzlich vor ihr. Eine Laterne schien ihr
gerade ins Gesicht, er hatte sie erkannt. Ohne irgendein Erstaunen zu äussern,
bot er ihr den Arm, um sie nach Hause zu begleiten. Sie sagte nichts, sondern
hing kraftlos und vernichtet vor Scham an seinem Arm. Er wunderte sich nicht, er
lächelte nicht, er fragte um nichts, sondern sprach artig von gewöhnlichen
Dingen. - Als sie an ihr Haus kamen, bat er sie scherzend um einen Kuss. Sie
willigte verwirrt ein, er umschlang sie heftig und küsste sie zum ersten Male.
Eine lange Gestalt stand indes unbemerkt gegenüber an der Mauer und kam
plötzlich auf den Prinzen los. Der Prinz, der sich nichts Gutes versah, sprang
schnell in ein Nebenhaus und schloss die Tür hinter sich zu. Es war Friedrich,
den der Zufall eben hier vorbeigeführt hatte. Sie hatten beide einander nicht
erkannt. Er sass noch die halbe Nacht dort auf der Schwelle des Hauses und
lauerte auf den unbekannten Gast. Die wildesten Gedanken, wie er sie sein
Lebelang nicht gehabt, durchkreuzten seine Seele. Aber der Prinz kam nicht
wieder heraus. - Rosa hatte von der ganzen letzten Begebenheit nichts mehr
gesehen. - Der Prinz hatte sie überrascht. Noch niemals war er ihr so
bescheiden, so gut, so schön und liebenswürdig vorgekommen, und sein Kuss brannte
die ganze Nacht verführerisch auf ihren schönen Lippen fort.
    Es war ein herrlicher Morgen, als Friedrich und Leontin in den ewigen
Zwinger der Alpen einritten, wohin auch sie von der Gräfin Romana zur Jagd
geladen waren. Als sie um die letzte Bergecke herumkamen, fanden sie schon die
Gesellschaft auf einer schönen Wiese zwischen grünen Bergen bunt und schallend
zerstreut. Einzelne Gruppen von Pferden und gekoppelten Hunden standen rings in
der schönen Wildnis umher, im Hintergrunde erhob sich lustig ein farbiges Zelt.
Mitten auf der glänzenden Wiese stand die zauberische Romana in einer grünen
Jagdkleidung, sehr geschmückt, fast phantastisch wie eine Waldfee anzusehn.
Neben ihr, auf ihre Achsel gelehnt, stand Rosa in männlichen Jagdkleidern und
versteckte ihr Gesicht an der Gräfin, da der Prinz eben zu ihr sprach, als sie
Friedrich mit ihrem Bruder von der andern Seite ankommen sah. Von allen Seiten
vom Gebirge herab bliesen die Jäger auf ihren Hörnern, als bewillkommneten sie
die beiden neuangekommenen Gäste. Friedrich hatte Rosa noch nie in dieser
Verkleidung gesehen und betrachtete lange ernstaft das wunderschöne Mädchen.
    Romana kam auf die beiden los und empfing sie mit einer auffallenden
Heftigkeit. Nun entlud sich auch das Zelt auf einmal eines ganzen Haufens von
Gästen, und Leontin war in dem Gewirre gar bald in seine launigste
Ausgelassenheit hineingeärgert, und spielte in kecken, barocken Worten, die ihm
wie von den hellen Schneehäuptern der Alpen zuzufliegen schienen, mit diesem
Jagdgesindel, das ein einziger Auerochs verjagt hätte. Auch hier war die
innerliche Antipatie zwischen ihm und dem Prinzen bemerkbar. Der Prinz wurde
still und vermied ihn, wo er konnte, wie ein Feuer, das überall mit seinen
Flammenspitzen nach ihm griff und ihn im Innersten versengte. Nur Romana war
heute auf keine Weise aus dem Felde zu schlagen, sie schien sich vielmehr an
seiner eigenen Weise nur immer mehr zu berauschen. Er konnte sich, wie immer,
wenn er sie sah, nicht entalten, mit zweideutigen Witzen und Wortspielen ihre
innerste Natur herauszukitzeln, und sie hielt ihm heute tapfer Stich, so dass
Rosa mehrere Male rot wurde und endlich fortgehn musste. »Gott segne uns alle«,
sagte er zuletzt zu einem vornehmen Männlein, das eben sehr komisch bei ihm
stand, »dass wir heute dort oben an einem schmalen Felsenabhange nicht etwa einem
von unsern Ahnherren begegnen, denn die verstehn keinen Spass, und wir sind
schwindlige Leute.« -
    Hier wurde er durch das Jagdgeschrei unterbrochen, das nun plötzlich von
allen Seiten losbrach. Die Hörner forderten wie zum Kriege, die Hunde wurden
losgelassen, und alles griff nach den Gewehren. Leontin war bei dem ersten
Signal mitten in seiner Rede fortgesprungen, er war der erste unter dem Haufen
der anführenden Jäger. Mit einer schwindelerregenden Kühnheit sah man ihn, sich
an die Sträucher haltend, geschickt von Fels zu Fels über die Abgründe immer
höher hinaufschwingen; er hatte bald alle Jäger weit unter sich und verschwand
in der Wildnis. Mehrere von der Gesellschaft schrien dabei ängstlich auf. Romana
sah ihm furchtlos mit unverwandten Blicken nach; »wie sind die Männer
beneidenswert!« sagte sie, als er sich verloren hatte.
    Die Gesellschaft hatte sich unterdes nach allen Richtungen hin zerstreut,
und die Jagd ging wie ein Krieg durch das Gebirge. In tiefster Abgeschiedenheit,
wo Bäche in hellen Bogen von den Höhen sprangen, sah man die Gemsen schwindlig
von Spitze zu Spitze hüpfen, einsame Jäger dazwischen auf den Klippen erscheinen
und wieder verschwinden, einzelne Schüsse fielen hin und her, das Hiftorn
verkündigte von Zeit zu Zeit den Tod eines jeden Tieres. Da sah Friedrich auf
einem einsamen Fleck nach mehreren Stunden seinen Leontin wagehalsig auf der
höchsten von allen den Felsspitzen stehen, dass das Auge den Anblick kaum
ertragen konnte. Er erblickte Friedrich und rief zu ihm hinab: »Das Pack da
unten ist mir unerträglich; wie sie hinter mir drein quickten, als ich vorher
hinaufstieg! Ich bleibe in den Bergen oben, lebe wohl, Bruder!« Hierauf wandte
er sich wieder weiter und kam nicht mehr zum Vorschein.
    Der Abend rückte heran, in den Tälern wurde es schon dunkel. Die Jagd schien
geendigt, nur einzelne kühne Schützen sah man noch hin und wieder an den Klippen
hängen, von den letzten Widerscheinen der Abendsonne scharf beleuchtet.
Friedrich stand eben in höchster Einsamkeit an seine Flinte gelehnt, als er in
einiger Entfernung im Walde singen hörte:
»Dämmrung will die Flügel spreiten,
Schaurig rühren sich die Bäume,
Wolken ziehn wie schwere Träume -
Was will dieses Graun bedeuten?
Hast ein Reh du lieb vor andern,
Lass es nicht alleine grasen,
Jäger ziehn im Wald und blasen,
Stimmen hin und wider wandern.
Hast du einen Freund hienieden,
Trau ihm nicht zu dieser Stunde,
Freundlich wohl mit Aug und Munde,
Sinnt er Krieg im tück'schen Frieden.
Was heut müde geht unter,
Hebt sich morgen neugeboren.
Manches bleibt in Nacht verloren -
Hüte dich, bleib wach und munter!«
Es wurde wieder still. Friedrich erschrak, denn es kam ihm nicht anders vor, als
sei er selber mit dem Liede gemeint. Die Stimme war ihm durchaus unbekannt. Er
eilte auf den Ort zu, woher der Gesang gekommen war, aber kein Laut liess sich
weiter vernehmen.
    Als er eben so um eine Felsenecke bog, stand plötzlich Rosa in ihrer
Jägertracht vor ihm. Sie konnte der Sänger nicht gewesen sein, denn der Gesang
hatte sich nach einer ganz andern Richtung hin verloren. Sie schien heftig
erschrocken über den unerwarteten Anblick Friedrichs. Hochrot im Gesicht,
ängstlich und verwirrt, wandte sie sich schnell und sprang wie ein
aufgescheuchtes Reh, ohne der Gefahr zu achten, von Klippe zu Klippe die Höhe
hinab, bis sie sich unten im Walde verlor. Friedrich sah ihr lange verwundert
nach, später stieg auch er ins Tal hinab.
    Dort fand er die Gesellschaft auf der schönen Wiese schon grösstenteils
versammelt. Das Zelt in der Mitte derselben schien von den vielen Lichtern wie
in farbigen Flammen zu stehn, eine Tafel mit Wein und allerhand Erfrischungen
schimmerte lüstern lockend zwischen den buntgewirkten Teppichen hervor, Männer
und Frauen waren in freien Scherzen ringsumher gelagert. Die vielen wandelnden
Windlichter der Jäger, deren Scheine an den Felsenwänden und am Walde auf und
nieder schweiften, gewährten einen zauberischen Anblick. Mitten unter den
fröhlich Gelagerten und den magischen Lichtern ging Romana für sich allein, eine
Gitarre im Arm, auf der Wiese auf und ab. Friedrich glaubte eine auffallende
Spannung in ihrem Gesichte und ganzem Wesen zu bemerken. Sie sang:
»In goldner Morgenstunde,
Weil alles freudig stand,
Da ritt im heitern Grunde
Ein Ritter über Land.
Rings sangen auf das beste
Die Vöglein mannigfalt,
Es schüttelte die Äste
Vor Lust der grüne Wald.
Den Nacken, stolz gebogen,
Klopft er dem Rösselein -
So ist er hingezogen
Tief in den Wald hinein.
Sein Ross hat er getrieben,
Ihn trieb der frische Mut;
Ist alles fern geblieben,
So ist mir wohl und gut!«
Sie ging während des Liedes immerfort unruhig auf und ab und sah mehrere Male
seitwärts in den Wald hinein, als erwartete sie jemand. Auch sprach sie einmal
heimlich mit einem Jäger, worauf dieser sogleich forteilte. Friedrich glaubte
manchmal eine plötzliche, aber ebenso schnell wieder verschwindende Ähnlichkeit
ihres Gesanges mit jener Stimme auf dem Berge zu bemerken, da sie wieder
weitersang:
»Mit Freuden musst er sehen
Im Wald ein' grüne Au,
Wo Brünnlein kühle gehen,
Von Blumen rot und blau.
Vom Ross ist er gesprungen,
Legt sich zum kühlen Bach,
Die Wellen lieblich klungen,
Das ganze Herz zog nach.
So grüne war der Rasen,
Es rauschte Bach und Baum,
Sein Ross tät stille grasen,
Und alles wie ein Traum.
Die Wolken sah er gehen,
Die schifften immerzu,
Er konnt nicht widerstehen -
Die Augen sanken ihm zu.
Nun hört' er Stimmen rinnen,
Als wie der Liebsten Gruss,
Er konnt sich nicht besinnen -
Bis ihn erweckt ein Kuss.
Wie prächtig glänzt' die Aue!
Wie Gold der Quell nun floss,
Und einer süssen Fraue,
Lag er im weichen Schoss.
Herr Ritter! wollt Ihr wohnen
Bei mir im grünen Haus:
Aus allen Blumenkronen
Wind ich Euch einen Strauss!
Der Wald ringsum wird wachen,
Wie wir beisammen sein,
Der Kuckuck schelmisch lachen,
Und alles fröhlich sein.
Es bog ihr Angesichte
Auf ihn, den süssen Leib,
Schaut mit den Augen lichte
Das wunderschöne Weib.
Sie nahm sein'n Helm herunter,
Löst Krause ihm und Bund,
Spielt mit den Locken munter,
Küsst ihm den roten Mund.
Und spielt' viel süsse Spiele
Wohl in geheimer Lust,
Es flog so kühl und schwüle
Ihm um die offne Brust.«
Friedrichs Jäger trat hier eiligst zu seinem Herrn und zog ihn abseits in den
Wald, wo er sehr bewegt mit ihm zu sprechen schien. Romana hatte es bemerkt. Sie
verwandte gespannt kein Auge von Friedrich und folgte ihm in einiger Entfernung
langsam in den Wald nach, während sie dabei weitersang:
»Um ihn nun tät sie schlagen
Die Arme weich und bloss,
Er konnte nichts mehr sagen,
Sie liess ihn nicht mehr los.
Und diese Au zur Stunde
Ward ein kristallnes Schloss,
Der Bach, ein Strom gewunden,
Ringsum gewaltig floss.
Auf diesem Strome gingen
Viel Schiffe wohl vorbei,
Es konnt ihn keines bringen
Aus böser Zauberei.«
Sie hatte kaum noch die letzten Worte ausgesungen, als Friedrich plötzlich auf
sie zukam, dass sie innerlichst zusammenfuhr. »Wo ist Rosa?« fragte er rasch und
streng. »Ich weiss es nicht«, antwortete Romana schnell wieder gefasst, und suchte
mit erzwungener Gleichgültigkeit auf ihrer Gitarre die alte Melodie
wiederzufinden. Friedrich wiederholte die Frage noch einmal dringender. Da hielt
sie sich nicht länger. Als wäre ihr innerstes Wesen auf einmal losgebunden,
brach sie schnell und mit fast schreckhaften Mienen aus: »Du kennst noch nicht
mich und jene unbezwingliche Gewalt der Liebe, die wie ein Feuer alles verzehrt,
um sich an dem freien Spiele der eigenen Flammen zu weiden und selber zu
verzehren, wo Lust und Entsetzen in wildem Wahnsinn einander berühren. Auch die
grünblitzenden Augen des buntschillernden, blutleckenden Drachen im Liebeszauber
sind keine Fabel, ich kenne sie wohl und sie machen mich noch rasend. Oh, hätte
ich Helm und Schwert wie Armida! - Rosa kann mich nicht hindern, denn ihre
Schönheit ist blöde und dein nicht wert. Ja, gegen dich selber will ich um dich
kämpfen. Ich liebe dich unaussprechlich, bleibe bei mir, wie ich nicht mehr von
dir fort kann!« -Sie hatte ihn bei den letzten Worten fest umschlungen.
Friedrich fuhr mit einem Male aus tiefen Gedanken auf, streifte schnell die
blanken Arme von sich ab, und eilte, ohne ein Wort zu sagen, tief in den Wald,
wo er sein Pferd bestieg, mit dem ihn der Jäger schon erwartete, und fort
hinaussprengte.
    Romana war auf den Boden niedergesunken, das Gesicht mit beiden Händen
verdeckt. Das fröhliche Lachen, Singen und Gläserklirren von der Wiese her
schallte ihr wie ein höllisches Hohngelächter.
    Rosa war, als sich Tag und Jagd zu Ende neigten, von Romana und aller
Begleitung, wie durch Zufall, verlassen worden. Der Prinz hatte sie den ganzen
Tag über beobachtet, war ihr überall im Grünen begegnet und wieder verschwunden.
Sie hatte sich endlich halb zögernd entschlossen, ihn zu fliehen und höher ins
Gebirge hinaufzusteigen. Sein blühendes Bild heimlich im Herzen, das die
Waldhornsklänge immer wieder von neuem weckten, unschlüssig, träumend und
halbverirrt, zuletzt noch von dem Liede des Unbekannten, das auch sie hörte,
seltsam getroffen und verwirrt, so war sie damals bis zu dem Flecke
hinaufgekommen, wo sie so auf einmal Friedrich vor sich sah. Der Ort lag sehr
hoch und wie von aller Welt geschieden, sie dachte an ihren neulichen Traum und
eine unbeschreibliche Furcht befiel sie vor dem Grafen, die sie schnell von dem
Berge hinabtrieb.
    Unten, fern von der Jagd, sass der Prinz auf einem ungeheuren Baume. Da hörte
er das Geräusch hinter sich durch das Dickicht brechen. Er sprang auf und Rosa
fiel atemlos in seine ausgebreiteten Arme. Ihr gestörtes Verhältnis zu
Friedrich, das Lied oben, und tausend alte Erinnerungen, die in der grünen
Einsamkeit wieder wach geworden, hatten das reizende Mädchen heftig bewegt. Ihr
Schmerz machte sich hier endlich in einem Strome von Tränen Luft. Ihr Herz war
zu voll, sie konnte nicht schweigen. Sie erzählte dem Prinzen alles aus
tiefster, gerührter Seele.
    Es ist gefährlich für ein junges Mädchen, einen schönen Vertrauten zu haben.
Der Prinz setzte sich neben ihr auf den Rasen hin. Sie liess sich willig von ihm
in den Arm nehmen und lehnte ihr Gesicht müde an seine Brust. Die Abendscheine
spielten schon zuckend durch die Wipfel, unzählige Vögel sangen von allen
Seiten, die Waldhörner klangen wollüstig durch den warmen Abend aus der Ferne
herüber. Der Prinz hatte ihre langen Haare, die aufgegangen waren, um seinen Arm
gewickelt und sprach ununterbrochen so wunderliebliche, zauberische Worte,
gleich sanfter Quellen Rauschen, kühlelockend und sinnenberauschend, wie Töne
alter Lieder aus der Ferne verführend herüberspielen. Rosa bemerkte endlich mit
Schrecken, dass es indes schon finster geworden war, und drang ängstlich in den
Prinzen, sie zu der Gesellschaft zurückzuführen. Der Prinz sprang sogleich
seitwärts in den Wald und brachte zu ihrem Erstaunen zwei gesattelte Pferde mit
hervor. Er hob sie schnell auf das eine hinauf, und sie ritten nun, so geschwind
als es die Dunkelheit zuliess, durch den Wald fort.
    Sie waren schon weit auf verschiedenen, sich durchkreuzenden Wegen
fortgetrabt, aber die Wiese mit dem Zelte wollte noch immer nicht erscheinen.
Die Waldhornsklänge, die sie vorher gehört hatten, waren schon lange verstummt,
der Mond trat schon zwischen den Wolken hervor. Rosa wurde immer ängstlicher,
aber der Prinz wusste sie jedesmal wieder zu beruhigen.
    Endlich hörten sie die Hörner von neuem aus der Ferne vor sich. Sie
verdoppelten ihre Eile, die Klänge kamen immer näher. Doch wie gross war Rosas
Schrecken, als sie auf einmal aus dem Walde herauskam und ein ganz fremdes,
unbekanntes Schloss vor sich auf dem Berge liegen sah. Entrüstet wollte sie
umkehren und machte dem Prinzen weinend die bittersten Vorwürfe. Nun legte der
Prinz die Maske ab. Er entschuldigte seine Kühnheit mit der unwiderstehlichen
Gewalt seiner lange heimlich genährten Sehnsucht, umschlang und küsste die
Weinende und beschwor alle Teufel seiner Liebe herauf. Die Hörner klangen
lockend immerfort, und zitternd, halb gezwungen und halb verführt, folgte sie
ihm endlich den Berg hinauf. Es war ein abgelegenes Jagdschloss des Prinzen. Nur
wenige verschwiegene Diener hatten dort alles zu ihrem Empfange bereitet.
    Friedrich ritt indes zwischen den Bergen fort. Sein Jäger, der gegen Abend
weit von der Jagd abgekommen war, hatte zufällig Rosa mit dem Prinzen auf ihrer
Flucht durch den Wald fortjagen gesehen, und war sogleich zu seinem Herrn
zurückgeeilt, um ihm diese Entdeckung mitzuteilen. Dies war es, was Friedrich so
schnell auf sein Pferd getrieben hatte.
    Als er endlich nach manchem Umwege an die letzten Felsen kam, welche diese
Wiese umschlossen, erblickte er plötzlich im Walde seitwärts eine weisse Figur,
die, eine Flinte im Arm, gerade auf seine Brust zielte. Ein flüchtiger
Mondesblick beleuchtete die unbewegliche Gestalt, und Friedrich glaubte mit
Entsetzen Romana zu erkennen. Sie liess erschrocken die Flinte sinken, als er
sich nach ihr umwandte, und war im Augenblick im Walde verschwunden. Ein
seltsames Graun befiel dabei den Grafen. Er setzte die Sporen ein, bis er das
ganze furchtbare Jagdrevier weit hinter sich hatte.
    Unermüdet durchstreifte er nun den Wald nach allen Richtungen, denn jede
Minute schien ihm kostbar, um der Ausführung dieser Verräterei zuvorzukommen.
Aber kein Laut und kein Licht rührte sich weit und breit. So ritt er ohne Bahn
fort und immerfort, und der Wald und die Nacht nahmen kein Ende.
 
                                  Drittes Buch
                               Achtzehntes Kapitel
Wir finden Friedrich fern von dem wirrenden Leben, das ihn gereizt und betrogen,
in der tiefsten Einsamkeit eines Gebirges wieder. Ein unaufhörlicher Regen war
lange wie eine Sündflut herabgestürzt, die Wälder wogten wie Ährenfelder im
feuchten Sturme. Als er endlich eines Abends auf die letzte Ringmauer von
Deutschland kam, wo man nach Welschland heruntersieht, fing das Wetter auf
einmal an sich auszuklären, und die Sonne brach warm durch den Qualm. Die Bäume
tröpfelten in tausend Farben blitzend, unzählige Vögel begannen zu singen, das
liebreizende, vielgepriesene Land unten schlug die Schleier zurück und blickte
ihm wie eine Geliebte ins Herz.
    Da er eben in die weite Tiefe zu den aufgehenden Gärten hinablenken wollte,
sah er auf einer der Klippen einen jungen, schlanken Gemsenjäger keck und
trotzig ihm gegenüberstehn und seinen Stutz auf ihn anlegen. Er wandte schnell
um und ritt auf den Jäger los. Das schien diesem zu gefallen, er kam schnell zu
Friedrich herabgesprungen und sah ihn vom Kopf bis auf den Fuss gross an, während
er dem Pferde desselben, das ungeduldig stampfte, mit vieler Freude den
gebogenen Hals streichelte. »Wer gibt dir das Recht, Reisende aufzuhalten?« fuhr
ihn Friedrich an. »Du sprichst ja deutsch«, sagte der Jäger, ihn ruhig
auslachend, »du könntest jetzt auch etwas Besseres tun, als reisen! Komm nur mit
mir!« Friedrich erfrischte recht das kecke, freie Wesen, das feine Gesicht voll
Ehre, die gelenke, tapfere Gestalt; er hatte nie einen schönern Jäger gesehen.
Er zweifelte nicht, dass er einer von jenen sei, um derentwillen er schon seit
mehreren Tagen das verlassene Gebirge vergebens durchschweift hatte, und trug
daher keinen Augenblick Bedenken, dem Abenteuer zu folgen. Der Jäger ging
singend voraus, Friedrich ritt in einiger Entfernung nach.
    So zogen sie immer tiefer in das Gebirge hinein. Die Sonne war lange
untergegangen, der Mond schien hell über die Wälder. Als sie ohngefähr eine
halbe Stunde so gewandert waren, blieb der Jäger in einiger Entfernung plötzlich
stehen, nahm sein Hiftorn und stiess dreimal hinein. Sogleich gaben unzählige
Hörner nacheinander weit in das Gebirge hinein Antwort. Friedrich stutzte und
wurde einen Augenblick an dem ehrlichen Gesichte irre. Er hielt sein Pferd an,
zog sein Pistol heraus und hielt es, gefasst gegen alles, was daraus werden
durfte, auf seinen Führer. Der Jäger bemerkte es. »Lauter Landsleute!« rief er
lachend, und schritt ruhig weiter. Aller Argwohn war verschwunden, und Friedrich
ritt wieder nach.
    So kamen sie endlich schon bei finsterer Nacht auf einem hochgelegenen,
freien Platze an. Ein Kreis bärtiger Schützen war dort um ein Wachtfeuer
gelagert, grüne Reiser auf den Hüten, und ihre Gewehre neben sich auf dem Boden.
Friedrichs Führer war schon voraus mitten unter ihnen und hatte den Fremden
angemeldet. Mehrere von den Schützen sprangen sogleich auf, umringten Friedrich
bei seiner Ankunft und fragten ihn um Neuigkeiten aus dem flachen Lande.
Friedrich wusste sie wenig zu befriedigen, aber seine Freude war unbeschreiblich,
sich endlich am Ziele seiner Irrfahrt zu sehen. Denn dieser Trupp war, wie er
gleich beim ersten Anblick vermutet, wirklich eine Partei des Landsturmes, den
das Gebirgsvolk bei dem unlängst ausgebrochenen Kriege gebildet hatte.
    Die Flamme warf einen seltsamen Schein über den soldatischen Kreis von
Gestalten, die rings umherlagen. Die Nacht war still und sternhell. Einer von
den Jägern, die draussen auf dem Felsen auf der Lauer lagen, kam und meldete, wie
in dem Tale nach Deutschland zu ein grosses Feuer zu sehen sei. Alles richtete
sich auf und lief weiter an den Bergesrand. Man sah unten die Flammen aus der
stillen Nacht sich erheben, und konnte ungeachtet der Entfernung die stürzenden
Gebälke der Häuser deutlich unterscheiden. Die meisten kannten die Gegend,
einige nannten sogar die Dörfer, welche brennen müssten. Alle aber waren sehr
verwundert über die unerwartete Nähe des Feindes, denn diesem schrieben sie den
Brand zu. Man erwartete mit Ungeduld die Zurückkunft eines Trupps, der schon
gestern in die Täler auf Kundschaft ausgezogen war.
    Einige Stunden nach Mitternacht ohngefähr hörte man in einiger Entfernung im
Walde von mehreren Wachen das Losungswort erschallen; bald darauf erschienen
einige Männer, die man sogleich für die auf Kundschaft Ausgeschickten erkannte
und begrüsste. Sie hatten einen jungen, fremden Mann bei sich, der aber über der
üblen Zeitung, welche die Kundschafter mitbrachten, anfangs von allen übersehen
wurde. Sie sagten nämlich aus, eine ansehnliche feindliche Abteilung habe ihre
heimlichen Schlupfwinkel entdeckt und sie durch einen rastlosen, mühsamen Marsch
umgangen. Der Feind stehe nun auf dem Gebirge selbst mitten zwischen ihren
einzelnen, auf den Höhen zerstreuten Haufen, um sie mit Tagesanbruch so einzeln
aufzureiben. - Ein allgemeines Gelächter erscholl bei den letzten Worten im
ganzen Trupp. »Wir wollen sehn, wer härter ist«, sagte einer von den Jägern,
»unsere Steine oder ihre Köpfe!« Die Jüngsten warfen ihre Hüte in die Luft,
alles freute sich, dass es endlich zum Schlagen kommen sollte.
    Man beratschlagte nun eifrig, was unter diesen Umständen das klügste sei.
Zum Überlegen war indes nicht lange Zeit es musste für den immer mehr
herannahenden Morgen ein rascher Entschluss gefasst werden. Friedrich, der allen
wohl behagte, gab den Rat, sie sollten sich heimlich auf Umwegen neben den
feindlichen Posten hin vor Tagesanbruch mit allen den andern zerstreuten Haufen
auf einem festen Fleck zu vereinigen suchen. Dies wurde einmütig angenommen, und
der Älteste unter ihnen teilte hiermit alsogleich den ganzen Haufen in viele
kleine Trupps und gab jedem einen jungen, rüstigen Führer zu, der alle Stege des
Gebirges am besten kannte. Über die einsamsten und gefährlichsten Felsenpfade
wollten sie heimlich mitten durch ihre Feinde gehen, alle ihre andern Haufen,
auf die sie unterwegs stossen mussten, an sich ziehn und auf dem höchsten Gipfel,
wo sie wussten, dass ihr Hauptstamm sich befände, wieder zusammenkommen, um sich
bei Anbruch des Tages von dort mit der Sonne auf den Feind zu stürzen.
    Das Unternehmen war gefährlich und gewagt, doch nahmen sie sehr vergnügt
Abschied voneinander. Friedrich hatte sich auch ein grünes Reis auf den Hut
gesteckt und auf das beste bewaffnet. Ihm war der junge Jäger, den er zuerst auf
der Strasse nach Italien getroffen, zum Führer bestimmt worden, zu seinen
Begleitern hatte er noch zwei Schützen und den jungen Menschen, den die
Kundschafter vorhin mitgebracht. Dieser hatte die ganze Zeit über, ohne einigen
Anteil an der Begebenheit verspüren zu lassen, seitwärts auf einem Baumsturze
gesessen, den Kopf in beide Hände gestützt, als schliefe er. Sie rüttelten ihn
nun auf. Wie erstaunte da Friedrich, als er sich aufrichtete und in ihm
denselben Studenten wiedererkannte, den er damals auf der Wiese unter den
herumziehenden Komödianten getroffen hatte, als er auf Romanas Schloss zum
Besuche ritt. Doch hatte er sich seitdem sehr verändert, er sah blass aus, seine
Kleidung war abgerissen, er schien ganz herunter. Sie setzten sich sogleich in
Marsch, und da es zum Gesetz gemacht worden war, den ganzen Weg nichts
miteinander zu sprechen, so konnte Friedrich nicht erfahren, wie derselbe aufs
Gebirge und in diesen Zustand geraten war.
    Sie gingen nun zwischen Wäldern, Felsenwänden und unabsehbaren Abgründen
immer fort; der ganze Kreis der Berge lag still, nur die Wälder rauschten von
unten herauf, ein scharfer Wind ging auf der Höhe. Der Gemsenjäger schritt
frisch voran, sie sprachen kein Wort. Als sie einige Zeit so fortgezogen waren,
hörten sie plötzlich über sich mehrere Stimmen in ausländischer Sprache. Sie
blieben stehen und drückten sich alle hart an die Felsenwand an. Die Stimmen
kamen auf sie los und schienen auf einmal dicht bei ihnen; dann lenkten sie
wieder seitwärts und verloren sich schnell. Dies bewog den Führer, einen andern,
mehr talwärts führenden Umweg einzuschlagen, wo sie sicherer zu sein hofften.
    Sie hatten aber kaum die untere Region erlangt, als ihnen ein Gewirre von
Reden, Lachen und Singen durcheinander entgegenscholl. Zum Umkehren war keine
Zeit mehr, seitwärts von dem Platze, wo das Schallen sich verbreitet, führte nur
ein einziger Steg über den Strom, der dort in das Tal hinauskam. Als sie an den
Bach kamen, sahen sie zwei feindliche Reiter auf dem Stege, die beschäftigt
waren, Wasser zu schöpfen. Sie streckten sich daher schnell unter die Sträucher
auf den Boden nieder, um nicht bemerkt zu werden. Da konnten sie zwischen den
Zweigen hindurch die vom Monde hell beleuchtete Wiese übersehen. Ringsum an dem
Rande des Waldes stand dort ein Kreis von Pferden angebunden, eine Schar von
Reitern war lustig über die Aue verbreitet. Einige putzten singend ihre Gewehre,
andere lagen auf dem Rasen und würfelten auf ihren ausgebreiteten Mänteln,
mehrere Offiziere sassen vorn um ein Feldtischchen und tranken. Der eine von
ihnen hatte ein Mädchen auf dem Schosse, das ihn mit dem einen Arme umschlungen
hielt. Friedrich erschrak im Innersten, denn der Offizier war einer seiner
Bekannten aus der Residenz, das Mädchen die verlorne Marie. Es war einer von
jenen leichten, halbbärtigen Brüdern, die im Winter zu seinem Kreise gehört, und
bei anbrechendem Frühling Ernst, Ehrlichkeit und ihre gemeinschaftlichen
Bestrebungen mit den Bällen und andern Winterunterhaltungen vergassen.
    Ihn empörte dieses Elend ohne Treue und Gesinnung, wie er mit vornehmer
Zufriedenheit seinen Schnauzbart strich und auf seinen Säbel schlug, gleichviel
für was oder gegen wen er ihn zog. Der Lauf seines Gewehres war zufällig gerade
auf ihn gerichtet; er hätte es in diesem Augenblicke auf ihn losgedrückt, wenn
ihn nicht die Furcht, alle zu verraten, davon abgehalten hätte.
    Der Offizier stand auf, hob sein Glas in die Höh und fing an Schillers
Reiterlied zu singen, die andern stimmten mit vollen Kehlen ein. Noch niemals
hatte Friedrich das fürchterliche Lied so widerlich und höllisch-gurgelnd
geklungen. Ein anderer Offizier mit einem feuerroten Gesichte, in dem alle
menschliche Bildung zerfetzt war, trat dazu, schlug mit dem Säbel auf den Tisch,
dass die Gläser klirrten, und pfiff durchdringend den Dessauer Marsch drein. Ein
allgemeines wildes Gelächter belohnte seine Zote. -
    Unterdes hatten die beiden Reiter den Steg wieder verlassen. Friedrich und
seine Gesellen rafften sich daher schnell vom Boden auf und eilten über den Bach
von der andern Seite wieder ins Gebirge hinauf. Je höher sie kamen, je stiller
wurde es ringsumher. Nach einer Stunde endlich wurden sie von den ersten Posten
der Ihrigen angerufen. Hier erfuhren sie auch, dass fast alle die übrigen
Abteilungen, die sich teils durchgeschlichen, teils mit vielem Mute
durchgeschlagen hatten, bereits oben angekommen wären. Es war ein freudenreicher
Anblick, als sie bald darauf den weiten, freien Platz auf der letzten Höhe
glücklich erreicht hatten. Die ganze unübersehbare Schar sass dort, auf ihre
Waffen gestützt, auf den Zinnen ihrer ewigen Burg, die grossen Augen gedankenvoll
nach der Seite hingerichtet, wo die Sonne aufgehn sollte. Friedrich lagerte sich
vorn auf einem Felsen, der in das Tal hinausragte. Unten rings um den Horizont
war bereits ein heller Morgenstreifen sichtbar, kühle Winde kamen als Vorboten
des Morgens angeflogen. Eine feierliche, erwartungsvolle Stille war über die
Schar verbreitet, einzelne Wachen nur hörte man von Zeit zu Zeit weit über das
Gebirge rufen. Ein Jäger vorn auf dem Felsen begann folgendes Lied, in das immer
zuletzt alle die andern mit einfielen:
»In stiller Bucht, bei finstrer Nacht,
Schläft tief die Welt im Grunde,
Die Berge rings stehn auf der Wacht,
Der Himmel macht die Runde,
Geht um und um
Ums Land herum
Mit seinen goldnen Scharen,
Die Frommen zu bewahren.
Kommt nur heran mit eurer List,
Mit Leitern, Strick und Banden,
Der Herr doch noch viel stärker ist,
Macht euren Witz zuschanden.
Wie wart ihr klug! -
Nun schwindelt Trug
Hinab vom Felsenrande -
Wie seid ihr dumm! o Schande!
Gleichwie die Stämme in dem Wald
Wolln wir zusammenhalten,
Ein' feste Burg, Trutz der Gewalt,
Verbleiben treu die alten.
Steig, Sonne, schön!
Wirf von den Höhn
Nacht und die mit ihr kamen,
Hinab in Gottes Namen!«
Friedrich ärgerte es recht, dass der Student immerfort so traurig dabeisass. Seine
Komödiantin, wie er Friedrich hier endlich entdeckte, hatte ihn von neuem
verlassen und diesmal auch alle seine Barschaft mitgenommen. Arm und bloss und
zum Tode verliebt, war er nun dem aufrührerischen Gebirge zugeeilt, um im Kriege
sein Ende zu finden. »Aber so seid nur nicht gar so talket!« sagte ein Jäger,
der seine Erzählung mit angehört hatte. »Mein Schatz«, sang ein anderer neben
ihm:
»Mein Schatz, das ist ein kluges Kind,
Die spricht: Willst du nicht fechten,
Wir zwei geschiedne Leute sind;
Erschlagen dich die Schlechten,
Auch keins von beiden dran gewinnt.
Mein Schatz, das ist ein kluges Kind,
Für die will ich lebn und fechten!«
»Was ist das für eine Liebe, die so wehmütige, weichliche Tapferkeit erzeugt?«
sagte Friedrich zum Studenten, denn ihm kam seine Melancholie in dieser Zeit,
auf diesen Bergen und unter diesen Leuten unbeschreiblich albern vor. »Glaubt
mir, das Sterben ist viel zu ernstaft für einen sentimentalischen Spass. Wer den
Tod fürchtet und wer ihn sucht, sind beide schlechte Soldaten, wer aber ein
schlechter Soldat ist, der ist auch kein rechter Mann.«
    Sie wurden hier unterbrochen, denn soeben fielen von mehreren Seiten Schüsse
tief unten im Walde. Es war das verabredete Zeichen zum Aufbruch. Sie wollten
den Feind nicht erwarten, sondern ihn von dieser Seite, wo er es nicht
vermutete, selber angreifen. Alles sprang fröhlich auf und griff nach den
herumliegenden Waffen. In kurzer Zeit hatten sie den Feind im Angesicht. Wie ein
heller Strom brachen sie aus ihren Schluchten gegen den blinkenden Damm der
feindlichen Glieder, die auf der halben Höhe des Berges steif gespreizt standen.
Die ersten Reihen waren bald gebrochen, und das Gefecht zerschlug sich in so
viele einzelne Zweikämpfe, als es ehrenfeste Herzen gab, die es auf Tod und
Leben meinten. Es kommandierte, wem Besonnenheit oder Begeisterung die Übermacht
gab. Friedrich war überall zu sehen, wo es am gefährlichsten herging, selber mit
Blut überdeckt. Einzelne rangen da auf schwindligen Klippen, bis beide einander
umklammernd in den Abgrund stürzten. Blutrot stieg die Sonne auf die Höhen, ein
wilder Sturm wütete durch die alten Wälder, Felsenstücke stürzten zermalmend auf
den Feind. Es schien das ganze Gebirge selbst wie ein Riese die steinernen
Glieder zu bewegen, um die fremden Menschlein abzuschütteln, die ihn dreist
geweckt hatten und an ihm heraufklettern wollten. Mit grenzenloser Unordnung
entfloh endlich der Feind nach allen Seiten weit in die Täler hinaus.
    Nur auf einem einzigen Flecke wurde noch immer fortgefochten. Friedrich
eilte hinzu und erkannte inmittelst jenen Offizier wieder, der in der Residenz
zu seinen Genossen gehörte. Dieser hatte sich, von den Seinigen getrennt, schon
einmal gefangengegeben, als er zufällig um den Anführer seiner Sieger fragte.
Mehrere nannten einstimmig Friedrich. Bei diesem Namen hatte er plötzlich einem
seiner Führer den Säbel entrissen und versuchte wütend, noch einmal sich
durchzuschlagen. Als er nun Friedrich selber erblickte, verdoppelte er seine
fast schon erschöpften Kräfte von neuem und hieb in Wut blind um sich, bis er
endlich von der Menge entwaffnet wurde. Stillschweigend folgte er nun, wohin sie
ihn führten, und wollte durchaus kein Wort sprechen. Friedrich mochte ihn in
diesem Augenblicke nicht anreden.
    Das Verfolgen des flüchtigen Feindes dauerte bis gegen Abend. Da langte
Friedrich mit den Seinigen ermüdet auf einem altfränkischen Schloss an, das am
Abhange des Gebirges stand. Hof und Schloss stand leer; alle Bewohner hatten es
aus Furcht vor Freund und Feind feigherzig verlassen. Der Trupp lagerte sich
sogleich auf dem geräumigen Hofe, dessen Pflaster schon hin und wieder mit Gras
überwachsen war. Rings um das Schloss wurden Wachen ausgestellt.
    Friedrich fand eine Tür offen und ging in das Schloss. Er schritt durch
mehrere leere Gänge und Zimmer und kam zuletzt in eine Kapelle. Ein einfacher
Altar war dort aufgerichtet, mehrere alte Heiligenbilder auf Holz hingen an den
Wänden umher, auf dem Altare stand ein Kruzifix. Er kniete vor dem Altare nieder
und dankte Gott aus Grund der Seele für den heutigen Tag. Darauf stand er
neugestärkt auf und fühlte die vielen Wunden kaum, die er in dem Gefechte
erhalten. Er erinnerte sich nicht, dass ihm jemals in seinem Leben so wohl
gewesen. Es war das erstemal, dass es ihm genügte, was er hier trieb und
vorhatte. Er war völlig überzeugt, dass er das Rechte wolle, und sein ganzes
voriges Leben, was er sonst einzeln versucht, gestrebt und geübt hatte, kam ihm
nun nur wie eine lange Vorschule vor zu der sichern, klaren und grossen
Gesinnung, die jetzt sein Tun und Denken regierte.
    Er ging nun durch das Schloss, wo fast alle Türen geöffnet waren. In dem
einen Gemache fand er ein altes Sofa. Er streckte sich darauf; aber er konnte
nicht schlafen, so müde er auch war. Denn tausenderlei Gedanken zogen wechselnd
durch seine Seele, während er dort von der einen Seite durch die offene Tür den
Schlosshof übersah, wo die Schützen um ein Feuer lagen, das die alten Gemäuer
seltsam beleuchtete, von der andern Seite durchs Fenster die Wolkenzüge über den
stillen, schwarzen Wäldern. Er gedachte seines vergangenen ruhigen Lebens, wie
er noch mit seiner Poesie zufrieden und glücklich war, an seinen Leontin, an
Rosa, an den stillen Garten beim Herrn v. A., wie das alles so weit von hier
hinter den Bergen jetzt im ruhigen Schlafe ruhte.
    Das Feuer aus dem Hofe warf indes einen hellen Widerschein über die eine
Wand der Stube. Da wurde er auf ein grosses, altes Bild aufmerksam, das dort
hing. Es stellte die heilige Mutter Anna vor, wie sie die kleine Maria lesen
lehrte. Sie hatte ein grosses Buch vor sich auf dem Schosse. An ihren Knien stand
die kleine Maria mit vor der Brust gefalteten Händchen, die Augen fleissig auf
das Buch niedergeschlagen. Eine wunderbare Unschuld und Frömmigkeit, wie die
demütige Ahnung einer künftigen, unbeschreiblichen Schönheit und Herrlichkeit,
ruhte auf dem Gesichte des Kindes. Es war, als müsste sie jeden Augenblick die
schönen, klaren Kindesaugen aufschlagen, um der Welt Trost und himmlischen
Frieden zu geben. Friedrich war erstaunt, denn je länger er das stille Köpfchen
ansah, je deutlicher schienen alle Züge desselben in ein ihm wohlbekanntes
Gesicht zu verschwimmen. Doch verlor sich diese Erinnerung in seine früheste
Kindheit, und er konnte sich durchaus nicht genau besinnen. Er sprang auf und
untersuchte das Bild von allen Seiten, aber nirgends war irgendein Name oder
besonderes Zeichen zu sehen.
    Verwundert ging er in den Hof hinaus und fragte nach den Bewohnern des
Schlosses. Nur einige wussten Bescheid und sagten aus, das Schloss werde
gewöhnlich bloss von einem Vogte bewohnt und gehöre eigentlich einer Edelfrau im
Auslande, die alle Jahre immer nur auf wenige Tage herkomme. Sonst konnte er
nichts erfahren. Ihm fiel dabei unwillkürlich die weisse Frau ein, die er schon
fast wieder vergessen hatte. -
    Sein Schlaf war vorbei - er begab sich daher auf die alte steinerne Galerie,
die auf der Waldseite über eine tiefe Schlucht hinausging, um dort den Morgen
abzuwarten. Dort fand er auch den gefangenen Offizier, der in einem dunklen
Winkel zusammengekrümmt lag. Er setzte sich zu ihm auf das halb abgebrochene
Geländer.
    »Das Unglück macht vieles wieder gut«, sagte er, und reichte ihm die Hand. -
Der Offizier wickelte sich fester in seinen Mantel und antwortete nicht. - »Hast
du denn alles vergessen«, fuhr Friedrich fort, »was wir in der guten Zeit
vorbereitet? Mir war es Ernst mit dem, was ich vorhatte. Ich war ein ehrlicher
Narr, und ich will es lieber sein, als klug ohne Ehre.« - Der Offizier fuhr auf,
schlug seinen Mantel auseinander und rief: »Schlag mich tot wie einen Hund!« -
»Lass diese weibische Wut, wenn du nichts Besseres kannst«, sagte Friedrich
ruhig. »Du siehst so wüst und dunkel aus, ich kenne dein Gesicht nicht mehr
wieder. Ich liebte dich sonst, so bist du mir gar nichts wert.« - Bei diesen
Worten sprang der Offizier, der Friedrichs ruhige Züge nicht länger ertragen
konnte, auf, packte ihn bei der Brust und wollte ihn über die Galerie in den
Abgrund stürzen. Sie rangen einige Zeit miteinander; Friedrich war vom vielen
Blutverluste ermattet und taumelte nach dem schwindligen Rande zu. Da fiel ein
Schuss aus einem Fenster des Schlosses; ein Schütze hatte alles mit angesehen. -
»Jesus Maria!« rief der Offizier getroffen, und stürzte über das Geländer in den
Abgrund hinunter. - Da wurde es auf einmal still, nur der Wald rauschte finster
von unten herauf. Friedrich wandte sich schaudernd von dem unheimlichen Orte.
    Die Schützen hatten unterdes ausgerastet, das Morgenrot begann bereits sich
zu erheben. Neue Nachrichten, die soeben eingelaufen waren, bestimmten den
Trupp, sogleich von seinem Schloss aufzubrechen, um sich mit den andern tiefer
im Lande zu vereinigen.
    Eine seltsame Erscheinung zog jedoch bald darauf aller Augen auf sich. Als
sie nämlich auf der einen Seite des Schlosses herauskamen, sahen sie jenseits
zwischen den Bäumen auf einer hohen Klippe eine weibliche Gestalt stehen, welche
zwei von den Ihrigen, die ihr nachstiegen, mit dem Degen abwehrte. Friedrich
wurde hinzugerufen. Er erfuhr, das Mädchen sei gegen Morgen allein mit
verwirrtem Haar und einem Degen in der Hand an dem Schloss herumgeirrt, als
suche sie etwas. Als sie dann auf den erschossenen Offizier gestossen, habe sie
ihn schnell in die Arme genommen, und den Leichnam mit einer
bewunderungswürdigen Kraft und Geduld in das Gebirge hinaufgeschleppt. Zwei
Schützen, denen ihr Herumschleichen verdächtig wurde, waren ihr bis zu diesem
Felsen gefolgt, den sie nun wie ihre Burg verteidigte.
    Als Friedrich näher kam, erkannte er in dem wunderbaren Mädchen sogleich
Marie, sie kam ihm heute viel grösser und schöner vor. Ihre langen, schwarzen
Locken waren auseinandergerollt, sie hieb nach allen Seiten um sich, so dass
keiner, ohne sie zu verletzen, die steile Klippe ersteigen konnte. Als dieselbe
Friedrich unter den fremden Männern erblickte, liess sie plötzlich den Degen
fallen, sank auf die Knie und verbarg ihr Gesicht an der kalten Brust ihres
Geliebten. Die bärtigen Männer blieben erstaunt stehn. »Ist in dir eine solche
Gewalt wahrhafter Liebe«, sagte Friedrich gerührt zu ihr, »so wende sie zu Gott,
und du wirst noch grosse Gnade erfahren!«
    Die Umstände nötigten indes immer dringender zum Aufbruch. Friedrich liess
daher einen des Weges kundigen Jäger bei Marie zurück, der sie in Sicherheit
bringen sollte. Das Mädchen richtete sich halb auf und sah still dem Grafen
nach; sie aber zogen singend über die Berge weiter, über denen soeben die Sonne
aufging.
 
                              Neunzehntes Kapitel
Der Krieg wütete noch lange fort. Friedrich hatte im Laufe desselben den Ruhm
seines alten Namens durch alte Tugend wieder angefrischt. Der Fürst, dem er
angehörte, war unter den Feinden. Friedrichs Güter wurden daher eingezogen. Das
Kriegsglück wandte sich, die Seinigen wurden immer geringer und schwächer, alles
ging schlecht: er blieb allein desto hartnäckiger gut und wich nicht. Endlich
wurde der Friede geschlossen. Da nahm er, zurückgedrängt auf die höchsten Zinnen
des Gebirges, Abschied von seinen Hochländern und eilte güterlos und geächtet
hinab. Über das platte Land verbreitete sich der Friede weit und breit in
schallender Freude; er allein zog einsam hindurch, und seine Gedanken kann
niemand beschreiben, als er die letzten Gipfel des Gebirges hinter sich
versinken sah. Er gedachte wenig seiner eigenen Gefahr, da rings in dem Lande
die feindlichen Truppen noch zerstreut lagen, von denen er wohl wusste, dass sie
seiner habhaft zu werden trachteten. Er achtete sein Leben nicht, es schien ihm
nun zu nichts mehr nütze. -
    So langte er an einem unfreundlichen, stürmischen Abend in einem abgelegenen
Dorfe an. Die Gärten waren alle verwüstet, die Häuser niedergebrannt, die
wenigen übriggebliebenen schienen von den Bewohnern verlassen; es war ein
trauriges Denkmal des kaum geendigten Krieges, der an diesen Gegenden besonders
seine Wut recht ausgelassen hatte. An dem andern Ende des Dorfes fand Friedrich
endlich einen Mann, der auf einem schwarzgebrannten Balken seines umgerissenen
Hauses sass und an einem Stück trockener Brotrinde nagte. Friedrich fragte um
Unterkommen für sich und sein Pferd. Der Mann lachte ihm widerlich ins Gesicht
und zeigte auf das abgebrannte Dorf.
    Ermüdet band Friedrich sein Pferd an und setzte sich zu dem Manne hin. Er
befragte ihn, wie so grosses Unglück insonderheit dieses Dorf getroffen? - Der
Mann sagte gleichgültig und wortkarg: »Wir haben uns den Feinden widersetzt,
worauf unser Dorf abgebrannt und mancher von uns erschossen wurde. Was kümmert
mich aber das, und das Land und die ganze Welt«, fuhr er nach einer Weile fort,
»mir tut's nur leid um mich, denn zu fressen muss man doch haben!« - Friedrich
sah ihn von der Seite an, wie er so an seinem Brote kauete, sein Gesicht war
hager und bleichgelb, und sah nach nichts Gutem aus.
    Eine lustige Tanzmusik schallte inzwischen immerfort durch die Nacht zu
ihnen herüber. Sie kam aus einem altertümlichen Schloss, das dem Dorfe
gegenüber auf einer Anhöhe stand. Die Fenster waren alle hell erleuchtet.
Inwendig sah man eine Menge Leute sich drehen und wirren; manches Paar lehnte
sich in die offenen Fenster und sah in die regnerische Gegend hinaus.
    »Wem gehört das Schloss da droben, wo es so lustig hergeht?« fragte
Friedrich. »Der Gräfin Romana«, war die Antwort. Unwillkürlich schauderte er bei
dieser unerwarteten Antwort zusammen. Erstaunt drang er nun mit Fragen in den
Mann und hörte mit den seltsamsten Empfindungen zu, da dieser erzählte: »Als die
letzte Schlacht verloren war und alles recht drunter und drüber ging, heisa! da
wurde unsere Gräfin so lustig! - Ihr Vermögen war verloren, ihre Güter und
Schlösser verwüstet, und als unser Dorf in Flammen aufging, sahen wir sie mit
einem feindlichen Offiziere an dem Brande vorbeireiten, der hatte sie vorn vor
sich auf seinem Pferde, und so ging es fort in alle Welt. Seit einigen Tagen
hatte der Feind dort unten auf den Feldern sein Lager aufgeschlagen; da war ein
Trommeln, Jubeln, Musizieren, Saufen und Lachen, Tag und Nacht, und unsere
Gräfin mitten unter ihnen, wie eine Marketenderin. Gestern ist das Lager
aufgebrochen und die Gräfin gibt den Offizieren, die heute auch noch nachziehen,
droben den Abschiedsschmaus.« - Friedrich war über dieser Erzählung in
Nachdenken versunken. - »Ich sehe den Offizier noch immer vor mir«, fuhr der
Mann bald darauf wieder fort, »der den Befehl gab, unsere Häuser anzustecken.
Ich lag eben hinter einem Zaune, ganz zusammengehauen. Er sass seitwärts nicht
weit von mir auf seinem Pferde, der Widerschein von den Flammen fiel ihm durch
die dunkle Nacht gerade auf sein wohlgenährtes, glattes Gesicht. Ich würde das
Gesicht in hundert Jahren noch wiedererkennen.« -
    Die Lichter in dem Schloss, während sie so sprachen, fingen indes an zu
verlöschen, die Musik hörte auf, und es wurde nach und nach immer stiller. Der
Mann wurde seltsam unruhig. »Jetzt werden die Offiziere auch fortziehn, wollen
wir ihnen nicht sicheres Geleit geben?« - sagte er abscheulich lachend, und
stand auf. Friedrich bemerkte dabei, dass er etwas Blitzendes, wie ein Gewehr,
unter seinem Kittel verborgen hatte. Eh er sich aber besann, war der Mann schon
hinter den Häusern in der Finsternis verschwunden. Friedrich trauete ihm nicht
recht, er zweifelte nicht, dass er etwas Grässliches vorhabe. Er eilte ihm daher
nach, um ihn auf alle Fälle zu verhindern. Tief im Walde sah er ihn noch einmal
von weitem, wie er eben eilig um eine Felsenecke herumbog; darauf verschwand er
ihm für immer, und er hatte sich vergebens ziemlich weit vom Dorfe in dem
Gebirge verstiegen.
    Als er eben auf einer Höhe ankam, um sich von dort wieder zurechtzufinden,
stand sehr unerwartet die Gräfin Romana plötzlich vor ihm. Sie hatte eine kurze
Flinte auf dem Rücken und dieselbe feenhafte Jägerkleidung, in welcher er sie
zum letzten Male auf der Gemsenjagd gesehen hatte. Versteinert wie eine
Bildsäule blieb sie stehen, als sie Friedrich so unverhofft erblickte. Dann sah
sie ringsherum und sagte: »Ich habe mich hier oben verirrt, ich weiss den Weg
nicht mehr nach Hause - führe mich, wohin du willst, es ist alles einerlei!« -
Friedrich fiel das ungewohnte »Du« auf, auch bemerkte er in ihrem Gesichte jene
leidenschaftliche Blässe, die ihn sonst schon oft an ihr gestört hatte. Die
Nacht überdeckte schon unten die stillen Wälder, der Mond ging von der andern
Seite über den Bergen auf. Er führte sie an Klippen und schwindligen Abhängen
vorüber den hohen, langen Berg hinab, sie sprachen kein Wort miteinander.
    So kamen sie endlich nach einem mühsamen Wege zu dem Schloss der Gräfin
zurück. Es war eine alte Burg, mitten in der Wildnis, halb verfallen, kein
Mensch war darin zu sehen. »Das ist mein Stammschloss«, sagte Romana, »und ich
bin die letzte des alten, berühmten Geschlechts.«
    Sie führte ihn durch die hohen, gewölbten Gemächer. In dem einen Zimmer lag
alles vom Feste noch unordentlich umher, zerbrochene Weinflaschen und
umgeworfene Stühle; durch das zerschlagene Fenster pfiff der Wind herein und
flackerte mit dem einzigen Lichte, das, fast schon bis an den Leuchter
herabgebrannt, in der Mitte auf einem Tische stand und spielende Scheine auf
eine Reihe altväterischer Ahnenbilder warf, die rings an den Wänden umherhingen.
    »Sie sind alle schon morsch, die guten Gesellen«, sagte Romana in einem
Anfalle von gespannter, unmenschlicher Lustigkeit, als sie die Verwüstung
betrat, die noch vor so kurzer Zeit vom Getümmel und freudenreichen Schalle
belebt war, nahm ihre Stutzflinte vom Rücken und stiess ein Bild nach dem andern
von der Wand, dass sie zertrümmert auf die Erde fielen. Dazwischen kehrte sie
sich auf einmal zu Friedrich und sagte:
    »Als ich mich vorhin im Gebirge umwandte, um wieder zum Schloss
zurückzukehren, sah ich plötzlich auf einer Klippe mir gegenüber einen langen,
wilden Mann stehen, den ich sonst in meinem Leben nicht gesehen, der hatte in
der einsamen Stille seine Flinte unbeweglich mit der Mündung gerade auf mich
angelegt. Ich sprang fort, denn mir kam es vor, als stehe der Mann seit tausend
Jahren immer und ewig so dort oben.« - Friedrich bemerkte bei diesen verwirrten
Worten, die ihn an den Halbverrückten erinnerten, dem er vorhin gefolgt, dass der
Hahn an ihrer Flinte, die sie unbekümmert in der Hand hielt und häufig gegen
sich kehrte, noch gespannt sei. Er verwies es ihr. Sie sah in die Mündung hinein
und lachte wild auf. »Schweigen Sie still«, sagte Friedrich ernst und streng,
und fasste sie unsanft an. -
    Er trat an das eine Fenster, setzte sich in den Fensterbogen und sah in die
vom Monde beschienenen Gründe hinab. Romana setzte sich zu ihm. Sie sah noch
immer blass, aber auch in der Verwüstung noch schön aus, ihr Busen war
unanständig fast ganz entblösst; sie hielt seine Hand, er bemerkte, dass die
ihrige bisweilen zuckte.
    »Heftiges, unbändiges Weib«, sagte Friedrich, der sich nicht länger mehr
hielt, sehr ernstaft, »gehn Sie beten! Beschauen Sie recht den Wunderbau der
hundertjährigen Stämme da unten, die alten Felsenriesen und den ewigen Himmel
darüber, wie da die Elemente, sonst wechselseitig vernichtende Feinde
gegeneinander, selber ihre rauhen, verwitternden Riesennacken und angeborne
Wildheit vor ihrem Herrn beugend, Freundschaft schliessen und in weiser Ordnung
und Frömmigkeit die Welt tragen und erhalten. Und so soll auch der Mensch die
wilden Elemente, die in seiner eigenen dunklen Brust nach der alten Willkür
lauern und an ihren Ketten reissen und beissen, mit göttlichem Sinne besprechen
und zu einem schönen, lichten Leben die Ehre, Tugend und Gottseligkeit in
Eintracht verbinden und formieren. Denn es gibt etwas Festeres und Grösseres, als
der kleine Mensch in seinem Hochmute, das der Scharfsinn nicht begreift und die
Begeisterung nicht erfindet und macht, die, einmal abtrünnig, in frecher,
mutwilliger, verwilderter Willkür wie das Feuer alles ringsum zerstört und
verzehrt, bis sie über dem Schutte in sich selber ausbrennt - Sie glauben nicht
an Gott!« -
    Friedrich sprach noch viel. Romana sass still und schien ganz ruhig geworden
zu sein, nur manchmal, wenn die Wälder heraufrauschten, schauerte sie, als ob
sie der Frost schüttelte. Sie sah Friedrich mit ihren grossen Augen unverwandt
an, denn sie wusste alles, was er in der letzten Zeit getan und aufgeopfert, und
es war im tiefsten Grunde nur ihre unbezwingliche Leidenschaft zu ihm im
zerknirschenden Gefühl, ihn nie erreichen zu können, was das heftige Weib nach
und nach bis zu diesem schwindligen Abgrund verwildert hatte. Es war, als ginge
bei seinem neuen Anblick die Erinnerung an ihre eigene ursprüngliche, zerstörte
Grösse noch einmal schneidend durch ihre Seele. Sie stand auf und ging, ohne ein
Wort zu sagen, nach der einen Seite fort.
    Friedrich blieb noch lange dort sitzen, denn sein Herz war noch nie so
bekümmert und gepresst, als diese Nacht. Da fiel plötzlich ganz nahe im Schloss
ein Schuss. Er sprang, wie vom Blitze gerührt, auf, eine entsetzliche Ahnung flog
durch seine Brust. Er eilte durch mehrere Gemächer, die leer und offen standen,
das letzte war fest verschlossen. Er riss die Tür mit Gewalt ein: welch ein
erschrecklicher Anblick versteinerte da alle seine Sinne! Über den Trümmern
ihrer Ahnenbilder lag dort Romana in ihrem Blute hingestreckt, das Gewehr, wie
ihren letzten Freund, noch fest in der Hand.
    Ihn überfiel im ersten Augenblicke ein seltsamer Zorn, er fasste sie in beide
Arme, als müsste er sie mit Gewalt noch dem Teufel entreissen. Aber das wilde
Spiel war für immer verspielt, sie hatte sich gerade ins Herz geschossen. Der
müde Leib ruhte schön und fromm, da ihn die heidnische Seele nicht mehr
regierte. Er kniete neben ihr hin und betete für sie aus Herzensgrunde.
    Da sah er auf einmal helle Flammen zu den Fenstern hereinschlagen, durch die
offene Tür erblickte er auch schon die andern Gemächer in vollem Brande. Kein
Mensch war da, die Nacht auch gewitterstill, sie musste das Schloss in ihrer
Raserei selber angesteckt haben, vielleicht um Friedrich zugleich mit sich zu
verderben. Er nahm den Leichnam und trug ihn durch das brennende Tor ins Freie
hinaus. Dort legte er sie unter eine Eiche und bedeckte sie mit Zweigen, damit
sie die Raben nicht frässen, bis er im nächsten Dorfe die nötigen Vorkehrungen zu
ihrem Begräbnisse getroffen. Dann eilte er den Berg hinab und schwang sich auf
sein Pferd.
    Hinter ihm stieg die Flamme auf die höchste Zinne der Burg und warf
grässliche Scheine weit zwischen den Bäumen. Das Schloss sank wie ein dunkler
Riese in dem feurigen Ofen zusammen, über der alten, guten Zeit hielt das
Flammenspiel im Winde seinen wilden Tanz; es war, als ginge der Geist ihrer
Herrin noch einmal durch die Lohen. -
 
                              Zwanzigstes Kapitel
Es war Friedrich seltsam zumute, als er den andern Tag am Saume des Waldes
herauskam und den wirtlichen, zierlich bepflanzten Berg mit seinen bunten
Lustäusern und dunklen Lauben dort auf einmal vor sich sah, auf dem er beim
Antritt seiner Reise die ersten einsamen, fröhlichen Stunden nach der Trennung
von seinen Universitätsfreunden zugebracht hatte. Überrascht blieb er eine Weile
vor der weiten, von der Sonne hell beschienenen Gegend stehen, die ihm wie ein
Traum, wie eine liebliche Zauberei vorkam; denn eine Gegend aus unserm ersten,
frischen Jugendglanze bleibt uns wie das Bild der ersten Geliebten ewig
erinnerlich und reizend. Dann lenkte er langsam den lustigen Berg hinan.
    Dort oben war alles noch wie damals, die Tische und Bänke im Grünen standen
noch immer an derselben Stelle, mehrere Gesellschaften waren wieder bunt und
fröhlich über den grünen Platz zerstreut und schmausten und lachten, aller kaum
vergangenen Not vergessend. Auch der alte Harfenist lebte noch und sang draussen
seine vorigen Lieder. Friedrich suchte das luftige Sommerhaus auf, wo er damals
gespeist und den eben verlassenen Gesellen frisch zugetrunken hatte. Dort fand
er den Namen Rosa wieder, den er an jenem schwülen Nachmittage mit seinem Ringe
in die Fensterscheibe gezeichnet. - Er hielt beide Hände vor die Augen, so tief
überfiel ihn die Gewalt dieser Erinnerung. Die treuen Züge blitzten noch frisch
in der Sonne, aber die Züge jenes wunderschönen Bildes, das er damals in der
Seele hatte, waren unterdes im Leben verworren und verloren für immer. -
    Er lehnte sich zum Fenster hinaus und übersah die schöne, noch gar
wohlbekannte Gegend, und sein ganzer damaliger Zustand wurde ihm dabei so
deutlich, wie wenn man ein lange vergessenes, frühes Gedicht nach vielen Jahren
wiederliest, wo alles vergangen ist, was einen zu dem Liede verführt. Wie anders
war seitdem alles in ihm geworden! Damals segelten seine Gedanken und Wünsche
mit den Wolken ins Blaue über das Gebirge fort, hinter dem ihm das Leben mit
seinen Reisewundern wie ein schönes, überschwenglich reiches Geheimnis lag.
Jetzt stand er an demselben Orte, wo er begonnen, wie nach einem mühsam
beschriebenen Zirkel, frühzeitig an dem andern, ernstern und stillern Ende
seiner Reise und hatte keine Sehnsucht mehr nach dem Plunder hinter den Bergen
und weiter. Die Poesie, seine damalige, süsse Reisegefährtin genügte ihm nicht
mehr, alle seine ernstesten, herzlichsten Pläne waren an dem Neide seiner Zeit
gescheitert, seine Mädchenliebe musste, ohne dass er es selbst bemerkte, einer
höheren Liebe weichen, und jenes grosse, reiche Geheimnis des Lebens hatte sich
ihm endlich in Gott gelöst.
    Während er dies alles so überdachte, fiel ihm ein, wie Leontins Schloss ganz
in der Nähe von hier sei. Er fühlte ein recht herzliches Verlangen, diesen
seinen Bruder und jene Waldberge wiederzusehen. Der Gedanke bewegte ihn so, dass
er sogleich sein Pferd bestieg und von dem Berge hinab die schattige Landstrasse
wieder einschlug.
    Die Sonne stand noch hoch, er hoffte den Wald noch vor Anbruch der Nacht
zurückzulegen. Nach einiger Zeit erlangte er einen hohen Bergrücken. Die Lage
der Wälder, der Kreis von niederern Bergen ringsumher, alles kam ihm so bekannt
vor. Er ritt langsam und sinnend fort, bis er sich endlich erinnerte, dass es
dieselbe Heide sei, über welche er in jener Nacht, da er sich verirrt und das
seltsame Abenteuer in der Mühle bestanden, sein Pferd am Zügel geführt hatte.
Der Schlag der Eisenhämmer kam nur schwach und verworren durch das Singen der
Vögel und den schallenden Tag aus der fernen Tiefe herauf. Es war ihm, als
rückte sein ganzes Leben Bild vor Bild so wieder rückwärts, wie ein Schiff nach
langer Fahrt, die wohlbekannten Ufer wieder begrüssend, endlich dem alten,
heimatlichen Hafen bereichert zufährt.
    Ein Gebirgsbach fand sich dort in der Einsamkeit mit seiner plauderhaften
Emsigkeit neben ihm ein. Er wusste, dass es der nämliche sei, der die schöne Wiese
von Leontins Schloss durchschnitt, und folgte ihm daher auf einem Fusssteige die
Höhen hinab. Da erblickte er nach einem langen Wege unerwartet auch die
berüchtigte Waldmühle im Grunde wieder. Wie anders, gespensterhaft und voll
wunderbarer Schrecken hatte ihm damals die phantastische Nacht diese Gegend
ausgebildet, die heute recht behaglich im Sonnenscheine vor ihm lag. Der Bach
rauschte melancholisch an der alten Mühle vorüber, die halbverfallen dastand und
schon lange verlassen zu sein schien; das Rad war zerbrochen und stand still.
    Auf der einen Seite der Mühle war ein schöner, lichtgrüner Grund, über
welchem frische Eichen ihre kühlen Hallen woben. Dort sah Friedrich ein Mädchen
in einem reinlichen, weissen Kleide am Boden sitzen, halb mit dem Rücken nach ihm
gekehrt. Er hörte das Mädchen singen und konnte deutlich folgende Worte
verstehen:
»In einem kühlen Grunde,
Da geht ein Mühlenrad,
Mein' Liebste ist verschwunden,
Die dort gewohnet hat.
Sie hat mir Treu versprochen,
Gab mir ein'n Ring dabei,
Sie hat die Treu gebrochen,
Mein Ringlein sprang entzwei.
Ich möcht als Spielmann reisen
Weit in die Welt hinaus,
Und singen meine Weisen
Und gehn von Haus zu Haus.
Ich möcht als Reiter fliegen,
Wohl in die blut'ge Schlacht,
Um stille Feuer liegen
Im Feld bei dunkler Nacht.
Hör ich das Mühlrad gehen,
Ich weiss nicht, was ich will -
Ich möcht am liebsten sterben,
Da wär's auf einmal still.«
Diese Worte, so aus tiefster Seele herausgesungen, kamen Friedrich in dem Munde
eines Mädchens sehr seltsam vor. Wie erstaunt, ja wunderbar erschüttert aber war
er, als sich das Mädchen während des Gesanges, ohne ihn zu bemerken, einmal
flüchtig umwandte, und er bei dem Sonnenstreif, der durch die Zweige gerade auf
ihr Gesicht fiel, nicht nur eine auffallende Ähnlichkeit mit dem Mädchen, das
ihm damals in der Mühle hinaufgeleuchtet, bemerkte, sondern in dieser Kleidung
und Umgebung vielmehr jenes wunderschöne Kind aus längst verklungener Zeit
wiederzusehen glaubte, mit der er als kleiner Knabe so oft zu Hause im Garten
gespielt, und die er seitdem nie wiedergesehen hatte. Jetzt fiel es ihm auch
plötzlich wie Schuppen von den Augen, dass dies dieselben Züge seien, die ihm in
dem verlassenen Gebirgsschlosse auf dem Bilde der heiligen Anna in dem Gesichte
des Kindes Maria so sehr aufgefallen waren. -
    Verwirrt durch so viele sich durchkreuzende, uralte Erinnerungen, ritt er
auf das Mädchen zu, da sie eben ihr Lied geendigt hatte. Sie aber, von dem
Geräusche aufgeschreckt, sprang, ohne sich weiter umzusehen, fort, und war bald
in dem Walde verschwunden.
    Da sah er auf der Anhöhe, wohin sich das Mädchen geflüchtet, eine andere
weibliche Gestalt zwischen den Bäumen erscheinen, gross, schön und herrlich. - Es
war Friedrich, als begrüsse ihn sein ganzes vergangenes Leben hier wie in einem
Traume noch einmal in tausend schönwirrenden Verwandlungen; denn je näher er dem
Berge kam, je deutlicher glaubte er in jener Gestalt Julie wiederzuerkennen. Er
stieg vom Pferde und eilte die Anhöhe hinauf, wo unterdes die liebliche
Erscheinung sich wieder verloren hatte.
    Oben fand er sie ruhig auf dem Boden sitzend, es war wirklich Julie.
»Stille, stille«, sagte sie, als er näher trat, nicht weniger überrascht als er,
und wies auf Leontin, der neben ihr, an einem Baume angelehnt, eingeschlummert
lag. Er war auffallend blass, sein linker Arm ruhte in einer Binde. Friedrich
betrachtete verwundert bald Leontin, bald Julie. Julie schien dabei das
Unschickliche ihrer einsamen Lage mit Leontin einzufallen, und sie sah errötend
in den Schoss.
    Leontin war indes erwacht und machte die Augen gross auf, da er neben der
Geliebten auch noch den Freund vor sich sah. »Da mag schlafen, wer Lust hat,
wenn es wieder so lustig auf der Welt aussieht«, sagte er, und sprang rasch auf.
Friedrich erstaunte, wie männlicher seitdem sein ganzes Wesen geworden. »Aber
sage, wie hat dich der Himmel wieder hierhergebracht?« fuhr er fort, »ich
dachte, die Zeit würde uns beide mit verschlingen; aber ich glaube, sie fürchtet
sich, uns nicht verdauen zu können.« - Friedrich kam nun vor lauter Fragen nicht
selber zum Fragen, sosehr es ihm auch am Herzen lag; er musste sich bequemen, die
Geschichte seines Lebens seit ihrer Trennung zu erzählen. Als er auf den Tod der
Gräfin Romana kam, wurde Leontin nachdenkend. Julie, die auch sonst schon viel
von ihr gehört, konnte sich in diese ihre seltsame Verwilderung durchaus nicht
finden und verdammte ihr schimpfliches Ende ohne Erbarmen, ja, mit einer ihr
sonst ungewöhnlichen Art von Hass.
    Nach vielem Hin- und Herreden, das jedes Wiedersehen mit sich zu bringen
pflegt, bat endlich auch Friedrich die beiden, seinen Bericht mit einer
ausführlichen Erzählung ihrer seiterigen Begebenheiten zu erwidern, da er aus
ihren kurzen, unzusammenhängenden Antworten noch immer nicht klug werden konnte.
Vor allem erkundigte er sich nach dem Mädchen, das, wie er meinte, zu ihnen
geflüchtet sein müsse. Julie sah dabei Leontin unentschlossen an. - »Lassen wir
das jetzt!« sagte dieser, »die Gegend und meine Seele ist so klar und heiter,
wie nach einem Gewitter, es ist mir gerade alles recht lebhaft erinnerlich, ich
will dir erzählen, wie wir hier zusammengekommen.«
    Er nahm hierbei eine Flasche Wein aus einem Körbchen, das neben Julie stand,
und setzte sich damit an den Abhang mit der Aussicht in die grüne Waldschlucht
bei der Mühle; Friedrich und Julie setzten sich zu beiden Seiten neben ihn. Sie
wollte ihm durchaus die Flasche wieder entreissen, da sie wohl wusste dass er mehr
trinken werde, als seinen Wunden noch zuträglich war. Aber er hielt sie fest in
beiden Händen. »Wo es«, sagte er, »wieder so gut, frisch Leben gibt, wer fragt
da, wie lange es dauert!« Und Julie musste sich am Ende selber bequemen,
mitzutrinken. Sie hatte sich mit beiden Armen auf seine Knie gestützt, um die
Geschichte, die sie beinahe schon auswendig wusste, noch einmal recht aufmerksam
anzuhören. Friedrich, der sie nun ruhig betrachten konnte, bemerkte dabei, wie
sich ihre ganze Gestalt seitdem entwickelt hatte. Alle ihre Züge waren
entschieden und geistreich. So begann nun Leontin folgendermassen:
    »Als ich auf jener Alp während der Gemsenjagd von dir Abschied nahm, wurde
mir sehr bange, denn ich wusste wahrhaftig nicht, was ich in der Welt eigentlich
wollte und anfangen sollte. Was recht Tüchtiges war eben nicht zu tun,
gleichviel, ob am Guten oder am Schlechten; bloss um der Tätigkeit willen
abzuarbeiten, wie man etwa spazierengeht, um sich Motion zu machen, war von
jeher meine grösste Widerwärtigkeit. Wäre ich recht arm gewesen, ich hätte aus
lauter Langeweile arbeiten können, um mir Geld zu erwerben, und hinterdrein die
Leute überredet, es geschehe alles um des Staates willen, wie die andern tun.
Unter solchen moralischen Betrachtungen ritt ich über das Gebirge fort, und es
tat mir recht ohne allen Hochmut leid, wie da alle die Städte und Dörfer gleich
Ameisenhaufen und Maulwurfshügeln so tief unter mir lagen; denn ich habe nie
mehr Menschenliebe, als wenn ich weit von den Menschen bin. Da wurde es nach und
nach schwül und immer schwüler unten über dem deutschen Reiche, die Donau sah
ich wie eine silberne Schlange durch das unendliche, blauschwüle Land gehn, zwei
Gewitter, dunkel, schwer und langsam standen am äussersten Horizonte
gegeneinander auf; sie blitzten und donnerten noch nicht, es war eine
erschreckliche Stille. - Ich erinnere mich, wie frei mir zumute wurde, als ich
endlich die ersten Soldaten unten über die Hügel kommen und hin und wider
reiten, wirren und blitzen sah.
    Ich zog in den Krieg hinunter. Was da geschah, ist dir bekannt. Nach der
grossen Schlacht, die wir verloren, war das Korps, zu dem ich gehörte, erschlagen
und zersprengt, ich selber von den Meinigen getrennt. Ich suchte durch
verschiedene Umwege mich wieder zu vereinigen, aber je länger ich ritt, je
tiefer verirrte ich mich in dem verteufelten Walde. Es regnete und stürmte in
einem fort, aber ich mochte nirgends einkehren, denn ich war innerlichst so
zornig, dass ich mich in dem Wetter noch am leidlichsten befand.
    Am Abend des andern Tages fingen endlich die Wolken an sich zu zerteilen,
die Sonne brach wieder hindurch und schien warm und dampfend auf den Erdboden,
da kam ich auf einer Höhe plötzlich aus dem Walde und stand - vor Juliens
Gegend. Ich kann es nicht beschreiben, mit welcher Empfindung ich aus der
kriegerischen Wildnis meines empörten Gemüts so auf einmal in die friedens- und
segensreiche Gegend voll alter Erinnerungen und Anklänge hinaussah, die, wie du
wissen wirst, zwischen ihren einsamen Bergen und Wäldern mitten im Kriege in
tiefster Stille lag.
    Überrascht blieb ich oben stehen. Da sah ich den blauen Strom unten wieder
gehn und Segel fahren, das freundliche Schloss am Hügel und den wohlbekannten
Garten ringsumher, alles in alter Ruhe, wie damals. Den Herrn v. A. sah ich auf
dem mittelsten Gange des Gartens hinab ruhig spazierengehen. Auf den weiten
Plänen jenseits des Stromes, über welche die eben untergehende Sonne schräg ihre
letzten Strahlen warf, kam ein Reiter auf das Schloss zugezogen, ich konnte ihn
nicht erkennen. Julie erblickte ich nirgends.
    Es liess mir da oben nicht länger Ruh; ich eilte den Berg hinunter, ich
wollte Julie, ihren Vater, den Viktor wiedersehen, die ganze Vergangenheit noch
einmal in einem schnellen Zuge durchleben und geniessen. Tiefer unten am Abhange
erblickte ich den Reiter plötzlich wieder. Es war eine junge, hagere, verlebte
Figur, durchaus modern, einer von den gäng und gäben alten Jungen mit der Brille
auf der Nase. Mich überlief ein Ärger, dass dieses modische, mir nur zu sehr
bekannte Gezücht auch schon bis in diese glücklich verborgenen Täler gedrungen
war. Er aber sah mich flüchtig vornehm an, lenkte auf einem bequemeren, aber
weiteren Umwege nach dem Schloss und verschwand bald wieder.
    Ein Bauer aus dem Dorfe des Herrn v. A., der auch von der Arbeit nach Hause
ging, hatte sich indes neben mir eingefunden. Ich erinnerte mich seines Gesichts
sogleich wieder, er aber kannte mich nicht mehr. Von diesem erfuhr ich nach
einem schnell angeknüpften Gespräche, dass die Tante schon seit längerer Zeit tot
sei. - Ich fragte ihn darauf, wer der fremde Herr sei, der eben vorbeigeritten.
Er antwortete mir mit heimlicher Miene: Fräulein Juliens Bräutigam.« -
    Hier schüttelte Julie lächelnd den Kopf und wollte Leontins Erzählung
unterbrechen. Leontin fuhr aber sogleich wieder fort:
    »Es war inzwischen völlig Nacht geworden, als ich das Dorf erreichte. Ich
mochte nach jener Nachricht nun niemand aus dem Hause sprechen, noch sehen - nur
einen flüchtigen Streifzug durch den alten, schuldlosen Garten wollt ich machen,
und sogleich wieder fort.
    Ich band mein Pferd an einem Baume an und stieg übern Zaun in den Garten.
Dort war jeder Gang, jede Bank, ja, jedes Blumenbeet noch immer auf dem alten
Platze, so dass die Seele nach so vielen inzwischen durchlebten Gedanken und
Veränderungen diesen gemütlichen Stillstand kaum fassen konnte. Der Sturm wütete
indes noch immer heftig fort und riss ein Heer von Wolken nebst vielen
verspäteten Abendvögeln, die kreischend dazwischenruderten, in einer
unabsehbaren Flucht über den Garten hinaus, während unten die Bäume sich neigten
und einzelne Nachtigallentöne aus den Tälern durch den Wind heraufklagten; es
war eine recht dunkelschwüle Gespensternacht.
    Ein ungewöhnlich starkes Licht, das aus dem einen Fenster in den Garten
hinausschien, zog mich zum Schloss hin. Ich stellte mich gerade vor das Fenster
und konnte das ganze Zimmer übersehen, das von einem Kaminfeuer so hell
erleuchtet wurde. Der Herr v. A. sass in einem Lehnstuhle und las Zeitungen,
Julie sass am Kamine und sang, hatte aber den Rücken gegen das Fenster gekehrt,
so dass ich ihr Gesicht nicht sehen konnte. Was sie sang, war eine alte Romanze,
die mir schon als Kind bekannt war. Sie ist mir noch erinnerlich:
Hoch über den stillen Höhen
Stand in dem Wald ein Haus,
Dort war's so einsam zu sehen
Weit übern Wald hinaus.
Drin sass ein Mädchen am Rocken
Den ganzen Abend lang,
Der wurden die Augen nicht trocken,
Sie spann und sann und sang:
»Mein Liebster, der war ein Reiter,
Dem schwur ich Treu bis in Tod,
Der zog über Land und weiter
Zu Kriegeslust und - not.
Und als ein Jahr war vergangen,
Und wieder blühte das Land,
Da stand ich voller Verlangen
Hoch an des Waldes Rand.
Und zwischen den Bergesbogen,
Wohl über den grünen Plan,
Kam mancher Reiter gezogen,
Der meine kam nicht mit an.
Und zwischen den Bergesbogen,
Wohl über den grünen Plan,
Ein Jägersmann kam geflogen,
Der sah mich so mutig an.
So lieblich die Sonne schiene,
Das Waldhorn scholl weit und breit,
Da führt' er mich in das Grüne.
Das war eine schöne Zeit! -
Der hat so lieblich gelogen
Mich aus der Treue heraus,
Der Falsche hat mich betrogen,
Zog weit in die Welt hinaus.« -
Sie konnte nicht weitersingen,
Vor bitterem Schmerz und Leid,
Die Augen ihr übergingen
In ihrer Einsamkeit.
Julie ging es wohl nicht besser, denn sie stand plötzlich auf, öffnete das
Fenster und lehnte sich in die Nacht hinaus. Überhaupt glaubte ich während des
Singens eine grosse Unruhe an ihr bemerkt zu haben. Was ist das für ein
erschrecklicher Sturm! hört ich den Herrn v. A. drin sagen, der bedeutet noch
Krieg, Gott steh unsern Leuten bei, die schlagen sich wohl jetzt wieder. - Und
ich muss hier sitzen! sagte Julie aus tiefster Seele. - Ich stand seitwärts, an
einen Pfeiler gelehnt, und die Töne gingen in dem rasenden Winde gar seltsam
wehmütig über den Garten hinaus, in dem ich mir nun wie ein lange Verbannter
vorkam, da Julie bald in ihrem Gesange am offenen Fenster wieder also fortfuhr:
Die Muhme, die sass beim Feuer
Und wärmet sich am Kamin,
Es flackert und sprüht das Feuer,
Hell über die Stub es schien.
Sie sprach: »Ein Kränzlein in Haaren,
Das stünde dir heut gar schön,
Willst draussen auf dem See nicht fahren?
Hohe Blumen am Ufer dort stehn.«
»Ich kann nicht holen die Blumen,
Im Hemdlein weiss am Teich
Ein Mädchen hütet die Blumen,
Die sieht so totenbleich.«
»Und hoch auf des Sees Weite,
Wenn alles finster und still,
Da rudern zwei stille Leute, -
Der eine dich haben will.«
»Sie schauen wie alte Bekannte,
Still, ewig stille sie sind,
Doch einmal der eine sich wandte,
Da fasst' mich ein eiskalter Wind. -
Mir ist zu wehe zum Weinen -
Die Uhr so gleichförmig pickt,
Das Rädlein, das schnurrt so in einem,
Mir ist, als wär ich verrückt. -
Ach Gott! wann wird sich doch röten
Die fröhliche Morgenstund!
Ich möchte hinausgehn und beten,
Und beten aus Herzensgrund!
So bleich schon werden die Sterne,
Es rührt sich stärker der Wald,
Schon krähen die Hähne von ferne,
Mich friert, es wird so kalt!
Ach, Muhme! was ist Euch geschehen?
Die Nase wird Euch so lang,
Die Augen sich seltsam verdrehen -
Wie wird mir vor Euch so bang!«
Und wie sie so grauenvoll klagte,
Klopft's draussen ans Fensterlein,
Ein Mann aus der Finsternis ragte,
Schaut still in die Stube herein.
Die Haare wild umgehangen,
Von blutigen Tropfen nass,
Zwei blutige Streifen sich schlangen,
Wie Kränzlein, ums Antlitz blass.
Er grüsst' sie so fürchterlich heiter,
Er heisst sie sein' liebliche Braut,
Da kannt sie mit Schaudern den Reiter,
Fällt nieder auf ihre Knie.
Er zielt' mit dem Rohre durchs Gitter
Auf die schneeweisse Brust hin;
»Ach, wie ist das Sterben so bitter,
Erbarm dich, weil ich so jung noch bin!« -
Stumm blieb sein steinerner Wille,
Es blitzte so rosenrot,
Da wurd es auf einmal stille
Im Walde und Haus und Hof. -
Frühmorgens da lag so schaurig
Verfallen im Walde das Haus,
Ein Waldvöglein sang so traurig,
Flog fort über den See hinaus.
Gegen das Ende ihres Gesanges hatte Julie von ohngefähr meinen Schatten bemerkt,
den das Licht vom Zimmer lang und unbeweglich in den Garten warf. Sie sah sich
stutzend um, und da sie nichts erblicken konnte, schloss sie nachdenkend und
schweigend das Fenster. In diesem Augenblick klopfte es drin an die Stubentür.
Sie fuhr erschrocken zusammen und vom Fenster auf. Ich blickte noch einmal
hinein und sah jenen gehässigen Reiter, dem ich vorhin begegnet, eilfertig
eintreten. Er lebt! rief Julie ausser sich vor Freude und stürzte dem Manne um
den Hals. -
    Hatt ich schon vorher draussen in dem Fremden sogleich einen von jenen
poetischen Jüngern erkannt, die's niemals zum Meister oder überhaupt zu einem
Manne bringen, so kam mir jetzt der hagere, blasse Poet neben der gesunden
Julie, die unterdes so wunderbar hoch geworden war, und deren grosse Augen in
diesem Augenblicke vor Freude ordentliche Strahlen warfen, gar erbärmlich vor.
Mir kamen die Verse aus Goetes Fischerin zwischen die Zähne:
Wer soll Bräutigam sein?
Zaunkönig soll Bräutigam sein!
Zaunkönig sprach zu ihnen
Hinwieder den beiden:
»Ich bin ein sehr kleiner Kerl,
Kann nicht Bräutigam sein,
Ich kann nicht der Bräutigam sein!«
Ich schwang mich sogleich wieder über den Gartenzaun, band mein Pferd los und
ging, es hinter mir herführend, aus dem Dorfe hinaus.
    Da kam ich am andern Ende desselben an dem kleinen Häuschen Viktors vorüber,
ich guckte ihm ins Fenster hinein, das, wie du weisst, im Sommer Tag und Nacht
offensteht. Er sass eben mit dem Rücken gegen das Fenster, über einem alten,
dicken Buche, den Kopf in die Hand gestützt. Das Licht auf dem Tische flackerte
ungewiss umher, die vielen Uhren an den Wänden pickten einförmig immerfort, es
war eine unendliche Einsamkeit drinnen. Ich begrüsste ihn endlich mit dem Vers,
der ihm im ganzen Faust der liebste war: Ich guckte der Eule in ihr Nest, Hu!
die macht' ein Paar Augen! Er wandte sich schnell um, und als er mein Gesicht
völlig erkannte, sprang er auf, warf die Bücher und alles, was auf dem Tische
lag, auf die Erde und tanzte wie unsinnig in der Stube herum. Ich kletterte
sogleich durchs Fenster zu ihm hinein, ergriff eine halbbespannte Geige, die an
der Wand hing, und so walzten wir beide mit den seltsamsten Gebärden und grossem
Getös nebeneinander in der kleinen Stube auf und ab, bis er endlich erschöpft
vor Lachen auf den Boden hinsank. Es dauerte lange, ehe wir zu einem
vernünftigen Diskurs kamen, während welchem er einen ungeheuren Krug voll Wein
anschleppte. Er ist noch immer der alte, noch immer nicht fetter, nicht ruhiger,
nicht klüger, und wie sonst wütend kriegerisch gegen alle Sentimentalität, die
er ordentlich misshandelt.
    Gegen Mitternacht endlich, so viel er auch dagegen hatte, zog ich wieder von
dannen, das gelobte Land in ruhigem Schlafe hinter mir und die weite Stille
ringsumher gesegnend, während Viktor, der mich ein Stück begleitet hatte, auf
der letzten Höhe mir wie eine Windmühle in der Dunkelheit mit dem Hute
nachschwenkte und nachrief, bis alles in den grossen, grauen Schoss versunken war.
    In den Krieg denn von neuem in Gottes Namen hinaus! rief ich draussen und
nahm die Richtung auf mein Schloss, da ich indes erfahren hatte, dass der
Tummelplatz jetzt dort in der Nähe sei. Bei Sonnenaufgang sah ich die Unsrigen
in dem weiten Tale bunt und blitzend zerstreut wieder, und das Herz ging mir auf
bei dem Anblick. Die lustige Bewegung, die mir von weitem so mutig
entgegenbljetzte, war aber nichts anderes, als eine verworrene, grenzenlose
Flucht. Der Feind war noch ziemlich weit, ich ritt daher an den zerstreuten
Trupps langsam vorüber. Da sah ich den Haufen in dumpfer Resignation
herumtaumeln, mehrere weise Mienen achselzuckend zur Schau tragen, als steckten
wohl ganz andere Pläne dahinter - keinem hätte das Herz im Leibe zerspringen
mögen. Da fiel mir ein, was mir Viktor oft in seinen melancholischsten Stunden
gesagt: besser, Uhren machen, als Soldaten spielen.
    Ich meinesteils war fest entschlossen, da alles, was mir ehrwürdig und lieb
auf Erden war, zugrunde gehen sollte, lieber fechtend selber mit unterzugehn,
als gefangen in der gemeinen Schande zurückzubleiben. Ich sprengte eilig auf
mein Schloss und bot alle meine Jäger und Diener auf, deren Gesinnung und Treue
ich kannte, viele Freiwillige von der Armee gesellten sich wacker dazu, und so
verschanzten und besetzten wir mein Schloss und Garten, da ich wohl wusste, dass
der Feind bei seiner Verfolgung diesen Weg nehmen und demselben an dieser
vorteilhaften Höhe besonders viel gelegen sein musste. Wir wehrten uns
verzweifelt oder vielmehr tollkühn gegen die Übermacht. Die feindlichen Kugeln
hatten mein Schloss fürchterlich zerrissen, die Gesimse brannten, ein Burgtor
nach dem andern stürzte in den Lohen zusammen, alles war verloren, und ich fiel,
der letzte, nieder. - Als ich die Augen wieder aufschlug, lag ich im
Sonnenscheine in dem schönen Garten des Herrn v. A. vor der grossen Aussicht, und
Julie stand still neben mir.« -
    Hier hielt Leontin inne, denn Julie, die sich schon einige Zeit mit
ängstlicher Unruhe umgesehen hatte, sagte ihm etwas ins Ohr, stand schnell auf
und ging in den Wald hinein, worauf Leontin, nachdem er ihr eine Weile
nachgesehen, folgendermassen wieder fortfuhr:
    »Es war mir wie im Traume, als ich so wieder meinen ersten Blick in die Welt
tat, alles auf einmal so stille um mich, und Julie neben mir, die mich
schweigend und ernstaft betrachtete. Sie sagte mir damals nichts, aber später
erfuhr und erriet ich Folgendes: Der moderne Junge, dem ich damals in der Nacht
auf dem Schloss des Herrn v. A. begegnet, war ein Edelmann aus der
Nachbarschaft, der erst unlängst von Universitäten auf seine Güter zurückgekehrt
war. Seine fast täglichen Besuche bei Julie, seine ungebundene Art, mit ihr
umzugehen, und die voreilig geschwätzigen Andeutungen der anfangs noch lebenden
Tante veranlassten, dass er binnen kurzer Zeit allgemein für Juliens Bräutigam
gehalten wurde. Er war nach seiner Art verliebt in Julie, aber ein Mädchen im
Ernste zu lieben oder gar zu heiraten, hielt er für lächerrlich, denn - er war
zum Dichter berufen. Als nachher der Krieg ausbrach und das Gerücht mein
Benehmen dabei auch bis dortin trug, pries er mit grenzenlosem Entusiasmus,
doch immer mit der vornehmen Miene eines eigenen, höheren Standpunktes, solche
erzgediegne, lebenskräftige Naturen, ewig zusammenhaltende Granitblöcke des
Gemeinwesens usw., aber selbst mit dreinschlagen konnt er nicht, denn - er war
zum Dichter berufen. Übrigens hat er ein ganz ordinär sogenanntes gutes Herz.
Daher ritt er, als mich allerhand widersprechende Gerüchte bald für tot, bald
für verwundet ausgaben, aus Mitleid für Julie auf Kundschaft aus, und kehrte
eben in jener Nacht, da ich ihm begegnete, mit der gewissen Botschaft meines
Lebens zurück, und Juliens: Er lebt! das mich damals so schnell vom Fenster und
übern Zaun und aus dem Dorfe trieb, galt mir.
    Erstaunt erfuhr Julie am Morgen von Viktor meinen schnellen Durchzug, und
bald nachher auch das Los meiner Burg. Ohne Verwirrung, im Schreck wie in der
Freude, sattelte sie noch in der Nacht, wo sie die Nachricht erhalten, ihr Pferd
und ritt, ohne ihren Vater zu wecken, mit einem Bedienten nach meinem Schloss.
Der vermeinte Bräutigam, der noch dort war, liess es sich durchaus nicht nehmen,
die Romanze, wie er es nannte, mitzumachen. Er schmückte sich in aller Eile sehr
phantastisch und abenteuerlich aus, bewaffnete sich mit einem Schwert, einer
Flinte und mehreren Pistolen, obschon die Feinde mein Schloss längst wieder
verlassen hatten, da es ihnen jetzt, bei dem grossen Vorsprunge der Unsrigen,
ganz unnütz geworden war. Julie suchte unermüdlich zwischen den
zusammengefallenen Steinen, erkannte mich endlich und trug mich selbst aus den
dampfenden Trümmern. Der Bräutigam machte ein Sonett darauf, und Julie heilte
mich zu Hause aus.
    Da aber meine Verteidigung des Schlosses als unberufen, und in einem bereits
eroberten Lande als rebellisch angesehen wird, so wurde mir vom Feinde
nachgestellt, und ich befand mich auf dem Schloss des Herrn v. A. nicht mehr
sicher. Man brachte mich daher auf die abgelegene Mühle hier, wo mich Julie
täglich besucht, bis ich endlich jetzt wieder ganz hergestellt bin.«
    So endigte Leontin seine Erzählung. - »Und wohin willst du nun?« fragte
Friedrich. »Jetzt weiss ich nichts mehr in der Welt«, sagte Leontin unmutig. -
Sie mussten abbrechen, denn eben kam Julie wieder zurück und winkte Leontin
heimlich mit den Augen, als sei etwas Bewusstes glücklich vollbracht.
    Sie hatten indes über diesen Unterhaltungen alle nicht bemerkt, dass es
bereits anfing dunkel zu werden. Julie wurde es zuerst gewahr, und zwar nicht
ohne sichtbare Verlegenheit, denn jetzt in der Nacht nach Hause zu reiten, war
wegen der noch immer umherstreifenden Soldaten für ihr Geheimnis höchst
bedenklich, andererseits überfiel sie ein mädchenhafter Schauer bei dem
Gedanken, so allein mit den zwei Männern im Walde über Nacht zu bleiben. Am Ende
musste sie sich doch zu dem letztern bequemen, und so lagerten sie sich denn, so
gut sie konnten, vergnüglich in das hohe Gras auf der Anhöhe.
    Die Nacht dehnte langsam die ungeheuren Drachenflügel über den Kreis der
Wildnis unter ihnen, die Wälder rauschten dunkel aus der grenzenlosen Stille
herauf. Julie war ohne alle Furcht. Leontin aber, der noch matt war, fing
endlich an sich nach kräftigerer Ruhe zu sehnen, und auch Julie wurde die
zunehmende Frische der Nacht nach und nach empfindlich. Sie brachen daher auf
und begaben sich zu der nahen, alten, verlassenen Mühle, wo Leontin, wie gesagt,
schon seit einigen Tagen heimlich sein Quartier hatte. Friedrich wollte draussen
auf der Schwelle bleiben und als ein wackrer Ritter die Jungfrau im Kastell
bewachen, Julie bat ihn aber errötend, mit hineinzugehen, und er willigte
lächelnd ein, während einem Bedienten, den Julie mitgebracht, aufgetragen wurde,
vor der Tür Haus und Pferde zu bewachen.
    Das Stübchen, das sie in Beschlag nahmen, war eng und nur zur Not vor dem
Wetter verwahrt. Ein Bett, das Julie für Leontin mitgebracht hatte, wurde
verteilt und nebst einigem Stroh auf dem Fussboden ausgebreitet, so dass es für
alle drei hinreichte; Licht wagte man nicht zu brennen. Die beiden Grafen nahmen
das Fräulein in ihre Mitte, Leontin war vor Müdigkeit bald eingeschlafen.
Friedrich bemerkte, wie Julie sich fest aufs Ohr legte und tat, als ob sie
schliefe, während sie beide Augen lauschend weit offen hatte und Leontin
fortwährend ungestört betrachtete, bis sie endlich auch mit einschlummerte.
Friedrich hatte sich mit halbem Leibe aufgerichtet und sah sich, auf den einen
Arm gestützt, ringsum. Ein Schauder überlief ihn, sich wieder an demselben Orte
zu erblicken, wo er damals die grausige Nacht verlebt. Er gedachte des jungen
Mädchens wieder, das ihm damals in dieser Stube hier Feuer gepickt, ihm fiel
dabei die rätselhafte Gestalt ein, die er heut bei seiner Ankunft vor der Mühle
getroffen, und ihre flüchtige Ähnlichkeit mit jener, und er versank in ein Meer
von Erinnerungen und Verwirrung. Julie hörte er leise neben sich atmen, es war
eine unendlich stille, mondhelle Nacht.
    Da erhob sich auf einmal draussen ein Gesang, von einer Ziter begleitet,
zuerst vom Walde, dann wie aus der Ferne melodisch schallend, das Haus mit
wunderschönen Weisen erfüllend, dann wieder weiter verhallend. Friedrich wagte
kaum zu atmen, um die Zauberei nicht zu stören. Doch, je länger er den leise
verschwindenden Tönen lauschte, je unruhiger wurde er nach und nach; denn es war
wieder jenes alte Lied aus seiner Kindheit, das er einmal in der Nacht auf
Leontins Schloss von Erwin auf der Mauer singen gehört; auch schien es dieselbe
Stimme. Er raffte sich endlich auf und trat leise vor die Tür hinaus. Da lag und
schlief der Bediente quer über der Schwelle, wie ein Toter. Draussen sah er den
Sänger im hellen Mondenscheine unter den hohen Eichen wandeln. Er lief freudig
auf ihn zu - es war Erwin! - Der Knabe wandte sich schnell, und als er Friedrich
erblickte, stürzte er mit einem durchdringenden Schrei zu Boden, unter ihm lag
seine Ziter zerbrochen.
    Der Bediente auf der Schwelle fuhr über dem Schrei taumelnd auf. »Verrückt!
verrückt!« rief er, sich aufmunternd Friedrich zu, und eilte sehr ängstlich in
das Haus hinein, um seine Herrschaft zu wecken. Friedrich schnitt dieser Ausruf
wie Schwerter durchs Herz, denn er hatte es aus des Knaben unbegreiflicher
Flucht längst gefürchtet.
    Erwin sah indes wie aus einem langen Traume mit ungewiss schweifenden Blicken
rings um sich her und dann Friedrich an, während sehr heftige innerliche
Zuckungen, die sich immer mehr dem Herzen zu nähern schienen, durch seinen
Körper fuhren. Abgebrochen durch den Schmerz, aber ohne sein schönes Gesicht zu
verziehen, sagte er zu Friedrich: »Es war ein tiefes, weites, rosenrotes Meer,
dich sah ich darin auf dem Grunde immerfort über hohe Gebirge gehen, ich sang
die besten alten Lieder, die ich wusste, aber du erinnertest dich nicht mehr
daran, ich konnte dich niemals erjagen, und unten stand der Alte tief im Meere,
ich fürchtete mich vor seinen Augen. Manchmal ruhtest du, auf mich zugewendet,
aus, da sass ich still dir gegenüber und sah dich vielhundert Jahre an - ach, ich
war dir so gut, so gut! - Die Leute sagten, ich sei verrückt, ich hörte es wohl
und hörte auch draussen die Uhren schlagen und die Welt ordentlich gehn und
schallen wie durch Glas, aber ich konnte nicht mit hinein. Damals war mir wohl,
jetzt bin ich wieder krank. - Glaube nur nicht, dass ich jetzt irre spreche,
jetzt weiss ich wohl recht gut, was ich rede und wo ich bin - das ist ja der
Eichgrund, das ist die alte Mühle -« bei diesen Worten versank er in ein starres
Nachsinnen. Dann fuhr er unter immerwährenden Krämpfen wieder fort: »Dort, wo
die Sonne aufgehn wird, ist ein grosser Wald, in dem Walde wohnt ein Mann mit
dunklen Augen und einer langen Schramme über dem rechten Auge, der kennt mich
und euch alle, er -« hier nahmen die Zuckungen in immer engern Kreisen auf
einmal sehr heftig zu. Der Knabe nahm Friedrichs Hand, drückte sie fest an seine
Lippen und sagte: »Mein lieber Herr!« Ein plötzlicher Krampf streckte noch
einmal seinen ganzen Leib, und er hörte auf zu atmen.
    Friedrich, ausser sich, stürzte über ihn her und öffnete oben schnell sein
Wams, denn es war dieselbe phantastische Kleidung, die der Knabe sonst auf dem
Schloss des Herrn v. A. getragen hatte. Wie sehr erschrak und erstaunte er, als
ihm da der schönste Mädchenbusen entgegenschwoll, noch warm, aber nicht mehr
schlagend. - Er blieb wie eingewurzelt auf seinen Knien und starrte dem Mädchen
in das stille Gesicht, als hätte er es noch nie vorher gesehn.
    Leontin und Julie waren unterdes auch aus der Mühle herbeigeeilt. Sie
schienen gar nicht erstaunt, Erwin hier zu sehen, noch weniger über die
Entdeckung seines Geschlechts, sondern nur bestürzt über seinen jetzigen,
unerwarteten Zustand. In stummer Geschäftigkeit, ohne sich wechselseitig zu
erklären, waren alle nur bemüht, ihn ins Leben zurückzurufen - aber alles blieb
vergebens, das schöne, seltsame Mädchen war tot.
    Julie hatte sie trostlos vor sich auf dem Schosse liegen. Sie ruhte wie ein
Engel still und schön. Kein Atem wehte mehr säuselnd durch die zarten, roten
Lippen, die sonst zu so wunderschönen Tönen sich auftaten, ihre grossen Augen, so
lieblich wild, waren auf ewig verschlossen, nur eine einsame Nachtluft bewegte
noch ihre Locken hin und her. Leontin und Friedrich sassen stillschweigend
gegenüber. Friedrich, dem jetzt auf einmal viele Sonderbarkeiten des Mädchens
nur zu klar wurden, klagte sich in tiefem, stummem Schmerze bei sich selber an,
dass er ihre zerstörende, verhaltene Liebe zu ihm so schlecht belohnt, dass er sie
bei grösserer Achtsamkeit hätte schonen und retten können.
    Währenddes fing jenseits über dem Walde der Morgen an zu dämmern und
beleuchtete die seltsame Gruppe. Da kam plötzlich ein Bedienter von dem Schloss
des Herrn v. A. angesprengt und brachte atemlos die Nachricht, dass ein
feindlicher Offizier mit seinem Trupp in der Nähe herumstreife und ihnen, wie er
eben von Bauern erfahren, auf der Spur sei. Die Bestürzung aller über diese
unerwartete Begebenheit war nicht gering. Leontin und Friedrich, die ein
Schicksal verfolgte, waren in diesem Augenblick noch ohne weitern Plan; soviel
war gewiss, dass Julie zum Vater zurückkehren und das tote Mädchen mitnehmen
musste. Die Leiche wurde daher eiligst auf ein lediges Handpferd gehoben. dabei
entdeckte Julie ein reichgefasstes Medaillon, welches das Mädchen auf dem blossen
Leibe hängen hatte, und das sonst niemand jemals bei ihr bemerkt. Es war das
Portrait eines sehr schönen, etwa neunjährigen Mädchens. Sie nahm es ab und
überreichte es Friedrich.
    Sein Gesicht veränderte sich, als er den ersten Blick darauf warf; denn es
waren die Züge der kleinen Angelina, mit der er als Kind so oft im Garten
gespielt, und welcher, wie es ihm nun ganz klarwurde, das Kind Maria auf dem
Heiligenbilde des verlassenen Gebirgsschlosses so auffallend ähnlich sah. Er
betrachtete es lange gerührt und stillschweigend. Da fielen ihm die rätselhaften
Worte wieder ein, die Erwin sterbend von dem Alten im Walde gesagt hatte. Er
zweifelte nicht, dass dieser um vieles wissen müsse, was ihnen Licht über das
sonderbare Leben der Verstorbenen und ihren Zusammenhang mit seiner eigenen
Kindheit geben könne. Er erzählte es Leontin. Dieser erschrak darüber und ward
bei jedem Worte aufmerksamer; er schien den Alten selber schon gesehen zu haben,
doch sagte er nicht, wann und wo.
    Die beiden Freunde beschlossen nun, jenen Winken Erwins zufolge die Richtung
nach dem beschriebenen Walde hin zu nehmen, um dort vielleicht eine erwünschte
Auflösung zu erhalten, da überdies jene Wildnis von Feinden rein und der Weg
Leontin ziemlich bekannt war. Es wurde schnell alles vorbereitet. Sie nahmen
herzlichen Abschied von Julie, mit dem Versprechen, einander so bald als möglich
wiederzusehen, und Julie ritt nun mit ihrer süssen, traurigen Last, die sie in
ihrer bunten Kleidung wie eine abgebrochene Blume auf einem Pferde neben sich
herführte, von der einen Seite nach Hause, während sie von der andern gegen
Sonnenaufgang in den grossen Wald fortzogen.
 
                           Einundzwanzigstes Kapitel
Der Morgen stieg dampfend aus den Wäldern, als die beiden Grafen schon fern über
einen einsamen Wiesengrund hinritten, der seltsamen Ereignisse dieser Nacht
gedenkend. Der Weg war für jeden Fremdling fast ungangbar, die Entfernung, die
sie in den wenigen Stunden zurückgelegt, ziemlich beträchtlich, sie konnten
schon langsamer und gemächlicher ziehn. Da erzählte Leontin Friedrich Folgendes:
    »Es war ein schöner Sommermorgen, da Julie in ihrem Schlafzimmer, das, wie
du weisst, auf den Garten hinausgeht, noch schlummerte, als sie draussen von einer
bekannten Stimme mit einem bekannten Liede geweckt wurde. Sie trat in den Garten
hinaus und sah Erwin, der wieder auf der Blumenterrasse sass und in das glänzende
Land hinaussang. Mit pochendem Herzen flog sie zu ihm und fragte ihn nach seinem
Herrn. Der Knabe sah sie aber starr an, er war blass und seltsam verwildert im
Gesichte, und aus seinen verwirrten Antworten bemerkte sie bald mit Schrecken,
dass er verrückt sei. - In solchem Gemütszustande hatte er uns nämlich in jener
Nacht auf dem Rheine so unbegreiflich verlassen, und auf unzähligen Umwegen zu
dem Schloss des Herrn v. A. sich geflüchtet, wahrscheinlich aus Eifersucht,
denn die beiden Jäger, die wir damals in der alten Burg trafen, und die dann mit
uns auf dem Rheine fuhren, waren, wie ich nachher erfuhr, niemand anders, als
Romana und meine Schwester Rosa, welche Erwin bei dem schnellen Lichte des
Blitzes, gleichwie mit schärferen Sinnen, plötzlich erkannt hatte.« - Friedrich
verwunderte sich hier über die gewagte Kleidung der beiden Weiber und beklagte
das unglückliche Ohngefähr, indem ihm dabei alles, was in jener Nacht
vorgegangen, wieder erinnerlich ward. - Leontin fuhr fort: »Erwin verriet durch
seine jetzige verwirrte Unachtsamkeit und seine tiefe, unüberwindliche Neigung
zu dir gar bald sein Geschlecht. Das unglückliche Mädchen sang sehr viel, und
ihre Lieder zeigten oft eine zeitig aufgereizte und heimlich genährte, heftige
Sinnlichkeit. Von ihrem frühesten Leben war auch jetzt nicht das mindeste
herauszukriegen. Julie bot alles auf, sie zu retten. Sie nannte sie Erwine, gab
ihr Frauenzimmerkleider, suchte überhaupt alles erinnernde Phantastische aus
ihrer Lebensweise zu entfernen und taufte sie so, nach dem gewöhnlichen
Verfahren in solchen Fällen, in gemeingültige Prosa. Das Mädchen wurde dadurch
auch stiller, aber es war eine wahre Grabesstille, von der sie sich nur manchmal
im Gesange wieder zu erholen schien.
    So traf ich sie, als ich verwundet auf dem Schloss ankam. Mein erster
Anblick verdarb auf einmal wieder viel an ihr, doch nur vorübergehend. Viel
heftiger, und uns allen unerklärlich aber erschütterte sie der Anblick der alten
Mühle, wohin wir sie mitnahmen, als ich hingebracht wurde; sie zitterte am
ganzen Leibe. Julie nahm sie daher künftig niemals mehr mit dortin. Gestern
aber war sie ihr heimlich nachgeschlichen, und sie war es, die du im weissen
Gewande singend vor der Mühle trafst. Wir waren in nicht geringer Besorgnis, dass
sie dich nicht so plötzlich wiedersehe, und Julie schickte sie daher heimlich
mit dem Bedienten sogleich wieder auf das Schloss zurück. Dort muss sie aber in
der Nacht ihrer alten Knabentracht habhaft geworden und noch einmal entwichen
sein.«
    Der Schluss von Leontins Erzählung bestätigte Friedrichs Ahnung, dass Erwin
wirklich dasselbe Mädchen sein müsse, das ihm damals in jener fürchterlichen
Nacht in der Mühle Feuer gemacht und hinaufgeleuchtet hatte, womit auch ihre
schon bemerkte Ähnlichkeit vollkommen übereinstimmte. Er versank darüber in
Gedanken und sie beschleunigten beide stillschweigend wieder ihre Reise.
    Gegen Abend erblickten sie auf einmal von einer Höhe fern unten die Kuppeln
der Residenz. Ein von plötzlichem Regen angeschwollener Gebirgsbach hinderte sie
zugleich, ihren Weg in der bisherigen Richtung fortzusetzen. Sie blieben eine
Weile unentschlossen stehen. Die Dämmerung fing indes an, sich niederzusenken,
da bemerkten sie mit Verwunderung Feuerblicke und schnell entstehende und wieder
verschwindende Sterne in der Gegend der Residenz, die sie für Raketen hielten.
»Das sieht recht lustig aus«, sagte Leontin. »Hier können wir ohnedies nicht
weiter, lass uns einen Streifzug dortinaus wagen und sehen, was es in der Stadt
gibt. Wir kommen wohl in der Dunkelheit unerkannt durch und sind, ehe der Tag
anbricht, wieder im Gebirge.« - Friedrich willigte ein, und so zogen sie ins Tal
hinunter.
    Noch vor Mitternacht langten sie vor der Residenz an. Der ganze Kreis der
Stadt war bis zu den höchsten Turmspitzen hinauf erleuchtet, und lag mit seinen
unzähligen Fenstern wie eine Feeninsel in der stillen Nacht vor ihnen. Sie
hatten die Kühnheit, bis ins Tor hineinzureiten. Ein verworrener Schwall von
Musik und Lichtern quoll ihnen da entgegen. Herren und Damen wandelten wie am
Tage geputzt durch die Gassen, unzählige Wagen mit Fackeln tosten dazwischen,
sich mannigfaltig durchkreuzend, eine fröhliche Menge schwärmte hin und her. -
»Nun, was gibt's denn hier noch für eine rasende Freude?« fragte Leontin endlich
einen Handwerksmann, der, ein Schurzfell um den Leib und ein Glas Branntwein
hoch in der Hand, unaufhörlich Vivat rief. Der Mann machte eine verteufelt
pfiffige Miene und hätte gern die Unwissenheit der beiden Fremden tüchtig
abgeführt, wenn ihm nicht eben sein Witz versagt hätte. Endlich sagte er: »Der
Erbprinz hält heute Hochzeit mit der schönen Gräfin Rosa. Wer will mir da
Branntwein verbieten! Mag der Gräfin voriger Bräutigam Wasser saufen, denn er
ist lange tot, und ihr Bruder mit den Engeln Milch und Honig trinken, denn er
treibt sich in allen Wäldern herum. Hol der Teufel alle Ruhestörer! Friede!
Friede! Es leben alle Patrioten, vivat hoch!« - So taumelte der Branntweinzapf
wieder weiter.
    Die beiden Grafen sahen einander verwundert an. An Friedrichs Brust schallte
die Neuigkeit ziemlich gleichgültig vorüber. Er hatte Rosa längst aufgegeben.
Seine Phantasie, die Liebeskupplerin, war seitdem von grössern Bildern
durchdrungen, alle die hellen Quellen seiner irdischen Liebe waren in einen
grossen, ruhigen Strom gesammelt, der andere Wünsche und Hoffnungen zu einem
andern Geliebten trug. -
    Ein Bürger, der ihr Gespräch mit dem Betrunkenen mit angehört hatte, war
unterdes zu ihnen getreten und sagte: »Es ist alles wahr, was der Kerl da so
konfus vorgebracht. Die Gräfin Rosa hatte wirklich vorher schon einen Grafen zum
Liebhaber; der ist aber im Kriege geblieben und es ist gut für ihn, denn er ist
mit Lehn und Habe dem Staate verfallen. Der Bruder der Gräfin ebenfalls, aber
wir wissen von sicherer Hand, dass man gegen diesen nicht streng verfahren wird
und ihm gern verzeihen möchte, wenn er nur zurückkäme und Reue und Besserung
verspüren lassen wollte.« -
    Leontin lachte bei diesen Worten laut auf und gab seinem Pferde die Sporen.
»Frischauf!« sagte er zu Friedrich, »ich ziehe mit den Toten, da die Lebendigen
so abgestanden sind! Ich mag keinen von ihnen mehr wiedersehen, kommen wir
wieder zurück auf unsere grünen Freiheitsburgen!«
    Sie waren indes an das fürstliche Schloss gekommen. Tanzmusik schallte aus
den hellen Fenstern. Eine Menge Volks war unten versammelt und gebärdete sich
wie unsinnig vor Entzücken. Denn Rosa zeigte sich eben an der Seite ihres
Bräutigams am Fenster. Man konnte sie deutlich sehen. Ihre blendende Schönheit,
mit einem reichen Diadem von Edelsteinen geschmückt, funkelte und blitzte bei
den vielen Lichtern manches Herz unten zu Asche. - So hatte sie ihr höchstes
Ziel, die weltliche Pracht und Herrlichkeit, erreicht. - »Sie taugte niemals
viel, Weltfutter, nichts als Weltfutter!« schimpfte Leontin ärgerlich immerfort.
Friedrich drückte den Hut tief in die Augen, und so zogen die beiden dunklen
Gestalten einsam durch den Jubel hindurch, zum Tore hinaus und wieder in die
Berge zurück.
    Nach mehreren einsamen Tagereisen, wobei auch die schönen Nächte zu Hülfe
genommen wurden, kamen sie endlich immer höher auf das Gebirge. Die Gegend wurde
immer grösser und ernster, kaum noch lagen mehr einzelne Hirtenhütten in den
tiefen, dunkelgrünen Schluchten hin und her zerstreut, es war eine grenzenlose
Einsamkeit, nebenaus oft Streifen von unermesslicher Aussicht. Ihre Herzen wurden
wieder stark und weit, und voll kühler Freudenquellen.
    Da erblickten sie sehr unerwartet mitten in der Wildnis einen niedrigen,
zierlichen Zaun von weissem Birkenholz, dem es ordentlich Mühe zu kosten schien,
die wilde Freiheit der Natur, die überall ihre grünen, festen Arme wie zum
Spotte ungezogen durchstreckte, im Zaume zu halten. Sie lachten einander beide
bei dem ersten Anblicke an, denn überraschender konnte ihnen nichts kommen, als
gar eine moderne englische Anlage in dieser menschenleeren Gegend. Sie ritten
längs des Zaunes hin, aber nirgends war die geringste Spur eines Einganges. Sie
wussten wohl, dass sie bereits in dem grossen Walde sein mussten, den Erwine
sterbend meinte, auch waren sie nach der langen Tagereise begierig, endlich
einmal Menschen, Speise und Trank wiederzufinden, sie banden daher ihre Pferde
an und sprangen über den Zaun hinein.
    Ein niedlicher Schlangenpfad, mit weissem Sande ausgestreut, führte sie dort
bis an ein grosses, dichtes Gebüsch von meist ausländischen Sträuchern, wo er
sich plötzlich in zwei Arme teilte. Sie schlugen nun jeder für sich allein einen
derselben ein, um so desto eher zu einer erwünschten Entdeckung zu gelangen.
Doch diese schmalen Pfade gingen seltsam genug in einem ewigen Kreise immerfort
um sich selber herum, so dass die beiden Grafen, je emsiger sie zuschritten, zwar
immer ganz nahe blieben, aber einander niemals erjagen oder zusammenkommen
konnten. Einige Male, wo die Gänge sich plötzlich durchkreuzten, stiessen sie
unverhofft aneinander, trennten sich von neuem und standen endlich, nachdem sie
sich beinahe müde geirrt, auf einmal wieder vor dem Zaune, an demselben Orte, wo
sie ausgelaufen waren.
    Sie lachten und ärgerten sich zugleich über den sinnreichen Einfall. Doch
machte sie diese kleine Probe aufmerksam und neugieriger auf die ganze
sonderbare Anlage. Sie nahmen daher noch einmal einen beherzten Anlauf und
drangen nun mitten durch das dicke Gehege gerade hindurch. Da kamen sie bald auf
einen freien Platz zu einem Gebäude. Ihre Augen konnten sich bei dem ersten
verwirrenden Anblick durchaus nicht aus dem labyrintischen, höchst
abenteuerlichen Gemisch dieses Tempels herausfinden, so unförmlich, obgleich
klein, war alles über- und durcheinandergebaut. Den Haupteingang nämlich bildete
ein griechischer Tempel mit zierlichem Säulenportal, welches sehr komisch
aussah, da alles überaus niedlich und nur aus angestrichenem Holze war. Sie
traten hinein und fanden in der Halle einen hölzernen Apollo, der die Geige
strich, und dem der Kopf fehlte, weil nicht mehr Raum genug dazu übriggeblieben
war. Gleich aus dem Tempel trat man in einen geschmackvollen Kuhstall nebst
einer vollständigen holländischen Meierei in der neuesten Manier, aber alles
leer. Über der Meierei hing, wie ein Bienenkorb, eine Art von schwebender
Einsiedelei. Den zweiten Eingang bildete ein viereckiger Turm, wie bei den alten
Burgen, der eine Ruine vorstellen sollte, und auf dessen Mauer hin und her
Blumentöpfe mit Moos umherstanden. Über das ganze Gemisch hinweg endlich erhob
sich ein feingeschnjetztes, buntes, chinesisches Türmchen, an welchem unzählige
Glöcklein im Winde musizierten. Unter diesem Türmchen in dem innersten Gemache
sass inmitten des getäfelten Bodens ein unförmlicher, kleiner Chinese von
Porzellan mit untergeschlagenen Beinen und dickem Bauche, und wackelte einsam
fort mit dem breiten Kahlkopfe, als der einzige Bewohner seines unsinnigen
Palastes.
    »Nein, das ist zu toll!« sagte Leontin, »was gäb ich drum, wenn wir den
Phantasten von Baumeister noch selber in seinem Zauberneste überraschten! Das
ist ja ein wahrer Surrogattempel für allen Geschmack auf Erden.«
    Währenddes waren sie endlich in dem letzten Gemache des Gebäudes angekommen,
welches mit grossen, goldenen Buchstaben »Gesellschaftssaal« überschrieben war.
Sie erstaunten auch wirklich beim Eintritte nicht wenig über die ungeheure
Gesellschaft, denn Wände und Decke bestanden daselbst aus künstlich
geschliffenen Spiegeln, die ihre Gestalten auf einmal ins Unendliche
vervielfältigten. Ihr Kopf war ganz überfüllt und verwirrt von dem Gesehenen.
Kein Mensch war in der weiten Runde zu hören, es grauste ihnen fast, länger in
dieser Verrückung so einsam zu verweilen, und sie begaben sich daher schnell
wieder ins Freie.
    Sie durchstrichen darauf noch den andern Teil des Parks, der auf die
alltäglichste Art mit Trauerweiden, Baumgruppchen, Brückchen usw. angefüllt war.
Auch die üblichen Aushängetafeln mit Inschriften waren im Überfluss vorhanden,
nur mit dem Unterschiede, dass hier alle von einer ungeheuren Länge und Breite
waren, so dass sie die jungen Bäume, an denen sie befestigt, fast bis auf die
Erde herunterzogen. Unsere Reisenden verweilten verwundert hin und wieder, und
lasen unter andern: »Wachsen, Blühen, Staubwerden.« - Gleich daneben stand auf
einer andern Tafel die erste Strophe von: »Freuet euch des Lebens!« usw. nebst
einigen andern Zoten.
    So von groben Bäumen verfolgt, waren sie endlich am andern Ende des
sonderbaren Parks angekommen, wo derselbe wieder durch ein niedliches Zäunchen
von dem Walde geschieden war. Noch eine ungeheure Inschrift begrüsste sie dort
folgendermassen: »Gefühlvoller Wanderer! stehe still und vergiesse einige Tränen
über deine Narrheit!« Darunter stand nur noch halbleserlich mit Bleistift
geschrieben: »Und dann kehre wieder um, denn mir bist du doch nur langweilig.«
Nicht ohne Bedeutung, wie es schien, stiess diese letzte Partie des Gartens,
welche besonders kleinlich aus allerlei Zwergbäumen nebst einem kaum bemerkbaren
Wasserfalle bestand, auf einmal an den dunkelgrünen Saum des Hochwaldes.
Zwischen Felsen stürzte dort ein einsamer Strom gerade hinab, als wollte er den
ganzen Garten vernichten, wandte sich dann am Fusse der Höhe plötzlich, wie aus
Verachtung, wieder seitwärts in den Wald zurück, dessen ernstes, ewig gleiches
Rauschen gegen die unruhig phantastische Spielerei der Gartenanlage fast
schmerzlich abstach, so dass die beiden Freunde überrascht stillstanden. Sie
sehnten sich recht in die grosse, ruhige, kühle Pracht hinaus und atmeten erst
frei, als sie wirklich endlich wieder zu Pferde sassen.
    Während sie sich so über das Gesehene besprachen, verwundert, keine
menschliche Wohnung ringsum zu erblicken, fing indes die Gegend an etwas
lieblicher und milder zu werden. Vor ihnen erhob sich ein freundlicher, bis an
den Gipfel mit Laubwald bedeckter Berg aus dem dunkelzackigen Chaos von
Gebirgen. Hinter dem Berge schien es nach der einen Seite hin auf einmal freier
zu werden und versprach eine grosse Aussicht. Sie zogen langsam ihres Weges fort,
der Himmel war unbeschreiblich heiter, der Abend sank schon hernieder und
spielte mit seinen letzten Strahlen lustig in dem lichten Grün des Berges vor
ihnen. Friedrich hatte lange unverwandt in die Gegend vor sich hinausgesehen,
dann hielt er plötzlich an und sagte: »Ich weiss nicht, wie mir ist, diese
Aussicht ist mir so altbekannt, und doch war ich, solange ich lebe, nicht hier.«
-
    Je weiter sie kamen, je erinnernder und sehnsüchtiger sprach jede Stelle zu
ihm; oft verwandelte sich auf einmal alles wieder, ein Baum, ein Hügel legte
sich fremd vor seine Aussicht wie in eine uralte, wehmütige Zeit, doch konnte er
sich durchaus nicht besinnen.
    So hatten sie nach und nach den Gipfel des Berges erreicht. Freudig
überrascht standen sie beide still, denn eine überschwengliche Aussicht über
Städte, Ströme und Wälder, so weit die Blicke in das fröhlich-bunte Reich
hinauslangten, lag unermesslich unter ihnen. Da erinnerte sich Friedrich auf
einmal: »das ist ja meine Heimat!« rief er, mit ganzer Seele in die Aussicht
versenkt. »Was ich sehe, hier und in die Runde, alles gemahnt mich wie ein
Zauberspiegel an den Ort, wo ich als Kind aufwuchs! Derselbe Wald, dieselben
Gänge - nur das schöne, altertümliche Schloss Ende ich nicht wieder auf dem
Berge.« -
    Sie stiegen weiter und erblickten wirklich auf dem Gipfel im Gebüsche die
Ruinen eines alten, verfallenen Schlosses. Sie kletterten über die
umhergeworfenen Steine hinein und erstaunten nicht wenig, als sie dort ein
steinernes Grabmal fanden, das ihnen durch seine Schönheit sowohl, als durch
seine mannigfaltige Bedeutsamkeit auffiel. Es stellte nämlich eine junge,
schöne, fast wollüstig gebaute weibliche Figur vor, die tot über den Steinen
lag. Ihre Arme waren mit künstlichen Spangen, ihr Haupt mit Pfauenfedern
geschmückt. Eine grosse Schlange, mit einem Krönlein auf dem Kopfe, hatte sich
ihr dreimal um den Leib geschlungen. Neben und zum Teil über dem schönen
Leichnam lag ein altgeformtes Schwert, in der Mitte entzweigesprungen, und ein
zerbrochenes Wappen. Aus dieser Gruppe erhob sich ein hohes, einfaches Kreuz,
mit seinem Fusse die Schlange erdrückend.
    Friedrich traute seinen Augen kaum, da er bei genauerer Betrachtung auf dem
zerbrochenen Schilde sein eigenes Familienwappen erkannte. Seine Augen fielen
dabei noch einmal aufmerksamer auf die weibliche Gestalt, deren Gesicht soeben
von einem glühenden Abendstrahle hell beleuchtet wurde. Er erschrak und wusste
doch nicht, warum ihn diese Mienen so wunderbar anzogen. Endlich nahm er das
kleine Porträt hervor, das sie auf Erwinens Brust gefunden hatten. Es waren
dieselben Züge, es war das schöne Kind, mit dem er damals in dem Blumengarten
seiner Heimat gespielt; nur das Leben schien seitdem viele Züge verwischt und
seltsam entfremdet zu haben. Ein wehmütiger Strom von Erinnerung zog da durch
seine Seele, dem er kaum mehr in jenes frühste, helldunkle Wunderland
nachzufolgen vermochte. Er fühlte schaudernd seinen eigenen Lebenslauf in den
geheimnisvollen Kreis dieser Berge mit hineingezogen.
    Er setzte sich voller Gedanken auf das steinerne Grabmal und sah in die
Täler hinunter, wie die Welt da nur noch in einzelnen, grossen Farbenmassen
durcheinander arbeitete, in welche Türme und Dörfer langsam versanken, bis es
dann still wurde wie über einem beruhigten Meere. Nur das Kreuz auf ihrem Berge
oben funkelte noch lange golden fort.
    Da hörten sie auf einmal hinter ihnen eine Schalmei über die Berge wehen;
die Töne blieben oft in weiter Ferne aus, dann brachen sie auf einmal wieder mit
neuer Gewalt durch die ziehenden Wolken herüber. Sie sprangen freudig auf. Sie
zweifelten längst nicht mehr, dass sie sich in dem Gebiete des sonderbaren Mannes
befänden, zu dem sie von Erwin hingewiesen worden. Um desto willkommener war es
ihnen, endlich einen Menschen zu finden, der ihnen aus diesem wunderbaren
Labyrinte heraushelfe, in dem ihre Augen sowie ihre Gedanken verwirrt und
verloren waren. Sie bestiegen daher schnell ihre Pferde und ritten jenen Klängen
nach.
    Die Töne führten sie immerfort bergan zu einer ungeheuren Höhe, die immer
öder und verlassener wurde. Ganz oben erblickten sie endlich einen Hirten,
welcher, auf der Schalmei blasend, seine Herde in der Dämmerung vor sich her
nach Hause trieb. Sie grüssten ihn, er dankte und sah sie ruhig und lange von
oben bis unten an. »Wem dient Ihr?« fragte Leontin. - »Dem Grafen.« - »Wo wohnt
der Graf?« - »Dort rechts auf dem letzten Berge in seinem Schloss.« - »Wer
liegt dort«, fuhr Leontin fort, »auf der grünen Höhe unter den steinernen
Figuren begraben?« - Der Hirt sah ihn an und antwortete nicht; er wusste nichts
davon und war noch niemals dort hinabgekommen. - Sie ritten langsam neben ihm
her, da erzählte er ihnen, wie auch er weit von hier in den Tälern geboren und
aufgewachsen sei, »aber das ist lange her«, sagte er, »und ich weiss nicht mehr,
wie es unten aussieht.« Darauf wünschte er ihnen eine gute Nacht, nahm seine
Schalmei wieder vor und lenkte links in das Gebirge hinein. - Sie blickten rings
um sich, es war eine weite, kahle Heide und die Aussicht zwischen den einzelnen
Fichten, die hin und her zerstreut standen, unbeschreiblich einsam, als wäre die
Welt zu Ende. Es wurde ihnen angst und weh an dem Orte. Sie gaben ihren Pferden
die Sporen und schlugen rechts den Weg ein, den ihnen der einsilbige Hirt zu dem
Schloss des Grafen angezeigt hatte.
    Es war indes völlig dunkel geworden. Die Gegend wurde noch immer höher, die
Luft schärfer; sie wickelten sich fest in ihre Mäntel ein und ritten schnell
fort. Da erblickten sie endlich auf dem höchsten Gipfel des Gebirges das
verheissene Schloss. Es war, soviel sie in der Dunkelheit unterscheiden konnten,
weitläufig gebaut und alt. Der Weg führte sie von selbst durch ein dunkles
Burgtor in den altertümlichen, gepflasterten Hof, in dessen Mitte sich ein
grosser Baum über einem steinernen Springbrunnen wölbte.
    Das erste, das ihnen dort auffiel war ein seltsamer Mensch, mit einem
langen, breiten Talare über den Achseln, einer Art von Krone, die etwas schief
auf dem Kopfe sass, und einem langen Hirtenstabe in der Hand. Er näherte sich
ihnen ein wenig, kehrte sich dann stolz wieder um und ging mit einem feierlich
abgemessenen Schwebetritte langsam über den Hof, wobei der breite Mantel, wie
der Schweif eines sich aufblähenden kalkuttischen Hahnes, hinter ihm drein
rauschte. Ein alter Mann war unterdes heruntergekommen und sagte den beiden
Gästen, sein Graf sei nicht zu Hause, bat sie aber, abzusteigen. Sie hatten die
Augen noch auf jene vorüberschwebende Figur gerichtet und fragten erstaunt, was
das zu bedeuten habe? »Er sucht den Karfunkelstein«, sagte der Alte trocken und
führte ihre Pferde ab.
    Ein junger Mensch, der sich inzwischen mit einem Lichte eingefunden hatte,
bat sie, ihm zu folgen, und führte sie stillschweigend über verschiedene
Wendeltreppen und einen langen Bogengang in ein grosses, gotisch gewölbtes Gemach
mit zwei Himmelbetten, ein paar grossen, altmodischen Stühlen und einem
ungeheuren runden Tische in der Mitte. Sie bemerkten mit Verwunderung, dass er
ein ledernes Reiterwams trug und seine ganze Tracht überhaupt altdeutsch sei.
Seine blonden Haare hatte er über der Stirne gescheitelt und in schönen Locken
über die Schultern herabhängen.
    Er setzte das Licht auf den Tisch und fragte sie, wann sie wieder
weiterzuziehen gedächten? »Ach«, fügte er hinzu, ohne erst ihre Antwort
abzuwarten, »ach, könnt ich mitziehn!« - »Und wer hält Euch denn hier?« fragte
Leontin. - »Es ist meine eigene Unwürdigkeit«, entgegnete jener wieder, »wohl
fehlt mir noch viel zu der ehrenfesten Gesinnung, zu der Andacht und der
beständigen Begeisterung, um der Welt wieder einmal Luft zum Himmel zu hauen.
Ich bin gering und noch kein Ritter, aber ich hoffe, es durch fleissige
Tugendübung mit Gottes Gnade zu werden und gegen die Heiden hinauszuziehn; denn
die Welt wimmelt wieder von Heiden. Die Burgen sind geschleift, die Wälder
ausgehauen, alle Wunder haben Abschied genommen, und die Erde schämt sich recht
in ihrer fahlen, leeren Nackteit vor dem Kruzifixe, wo noch eines einsam auf
dem Felde steht; aber die Heiden hantieren und gehen hochmütig vorüber und
schämen sich nicht.« - Er sprach dies mit einer wirklich rührenden Demut, doch
selbst in der steigenden Begeisterung, in die er sich bei den letzten Worten
hineingesprochen hatte, blieb etwas modern Fades in seinen Zügen zurück. Leontin
fasste ihn bei der Hand und wusste nicht, was er aus ihm machen sollte, denn für
einen Menschen, der seine ordentliche Vernunft besitzt, hatte er ihm doch
beinahe zu gescheit gesprochen.
    Unterdes hatte sich der Ritter nachlässig in einen Stuhl geworfen, zog eine
Lorgnette unter dem Wams hervor, betrachtete die beiden Grafen flüchtig und
sagte, seine letzten Worte wohlgefällig wiederholend: »Aber die Heiden gehen
vorüber und schämen sich nicht. - Recht gut gesagt, nicht wahr, recht gut?« -
Beide sahen ihn erstaunt an. - Er lorgnettierte sie von neuem. »Aber ihr seid
doch recht einfältig«, fuhr er darauf lachend fort, »dass ihr das alles
eigentlich so für baren Ernst nehmt! Ihr seid wohl noch niemals in Berlin
gewesen? Seht, ich möchte wohl eigentlich ein Ritter sein, aber, aufrichtig
gesprochen, das ist doch im Grunde alles närrisches Zeug, welcher gescheite
Mensch wird im Ernste an so etwas glauben! Überdies wäre es auch schrecklich
langweilig, so strenge auf Tugend und Ehre zu halten. Ich versichere euch aber,
ich bin wohl eigentlich ein Ritter, aber ihr fasst das nur nicht, ihr andern
Leute, ich halte aus ganzer Seele gleichsam auf die alte Ehre, aber seht, das
ist ganz anders zu verstehen - das ist - aber ihr versteht mich doch nicht - das
ist« - hierbei schien er verwirrt und zerstreut zu werden. Er zog sein
Ritterwams vom Leibe und erschien auf einmal in einem überaus modernen Negligé
vom feinsten, weissen Perkal, von dem er mit vieler Grazie hin und wieder die
Staubfleckchen abzuklopfen und wegzublasen bemüht war.
    Nach einer Weile nahm er das Augenglas wieder vor und musterte die beiden
Fremden, sich vornehm auf dem Sessel hin und her schaukelnd. »Bei welchem
Schneider lassen Sie arbeiten?« sagte er endlich. Dann stand er auf und befühlte
ihre Hemden an der Brust. »Aber, mein Gott! wie kann man so etwas tragen?« sagte
er, »bon soir, bon soir, mes amis!« Hiermit ging er, laut ein französisches
Liedchen trällernd, ab. In der Tür begegnete er einem Mädchen, das eben mit
einem Korbe voll Erfrischungen heraufkam. Er nahm sie sogleich in den Arm und
wollte sie küssen. Sie schien aber keinen Spass zu verstehen und warf den Ritter,
wie sie an dem Gepolter wahrnehmen konnten, ziemlich unsanft die Stiege hinab.
    »Nun wahrhaftig«, sagte Friedrich, »hier geht es lustig zu, ich sehe nur,
wann wir beide selber anfangen, mit verrückt zu werden.« - »Mir war bei dem Kerl
zumute«, meinte Leontin, »als sollten wir ihn hundemässig durchprügeln.«
    Das Mädchen hatte unterdes, ohne ein Wort zu sprechen, mit unglaublicher
Geschwindigkeit den Tisch gedeckt und Essen aufgetragen. Ihre Hast fiel ihnen
auf, sie betrachteten dieselbe genauer und erschraken beide, als sie in ihr die
verlorne Marie erkannten. Sie war leichenblass, ihr schönes Haar war seltsam
aufgeputzt und phantastisch mit bunten Federn und Flitter geschmückt. Der
überraschte Leontin nahm sie sanft streichelnd bei dem weichen, vollen Arme, und
sah ihr in die sonst so frischen Augen, die er seit ihrem Abschiede auf der
Gebirgsreise nicht wiedergesehen hatte. Sie aber wand die Hand los, legte den
Finger geheimnisvoll auf den Mund, und war so im Augenblicke zur Tür hinaus.
Vergebens eilten und riefen sie ihr nach, sie war gleich einer Lazerte zwischen
dem alten Gemäuer verschwunden.
    Beide hatte dieses unerwartete Begegnis sehr bewegt. Sie lehnten sich in das
Fenster und sahen über die Wälder hinaus, die der Mond herrlich beleuchtete.
Leontin wurde immer stiller. Endlich sagte er: »Es ist doch seltsam, wie
gegenwärtig mir hier eine Begebenheit wird, die mich einst heftig erschütterte;
und ich täusche mich nicht, dass ich hier endlich eine Auflösung darüber erhalten
werde.« Friedrich bat ihn, sie ihm mitzuteilen, und Leontin erzählte:
    »Ich hatte einst ein Liebchen hinter dem Walde bei meinem Schloss, ein
gutes, herziges, verliebtes Ding. Ich ritt gewöhnlich spätabends zu ihr, und sie
litt mich wohl manchmal über Nacht. Eines Abends, da ich eben auch hinkomme,
sieht sie ungewöhnlich blass und ernstaft aus, und empfängt mich ganz feierlich,
ohne mir, wie sonst, um den Hals zu fallen. Doch schien sie mehr traurig, als
schmollend. Wir gingen an dem Teiche spazieren, der bei ihrem Häuschen lag, wo
sie mit ihrer Mutter einsam wohnte; da sagte sie mir: ich sei ja gestern abends
noch sehr spät bei ihr gewesen, und da sie mich küssen wollen, hätte ich sie
ermahnt, lieber Gott, als die Männer zu lieben, darauf hätte ich noch eine Weile
sehr streng und ernstaft mit ihr gesprochen, wovon sie aber nur wenig
verstanden, und wäre dann ohne Abschied fortgegangen.
    Ich erschrak nicht wenig über diese Rede, denn ich war jenen Abend nicht von
meinem Schloss weggekommen. Während sie noch so erzählte, bemerkte ich, dass sie
plötzlich blass wurde und starr auf einen Fleck im Walde hinsah. Ich konnte
nirgends etwas erblicken, aber sie fiel auf einmal für tot auf die Erde. -
    Als sie sich zu Hause, wohin ich sie gebracht, nach einiger Zeit wieder
erholt hatte, schien sie sich ordentlich vor mir zu fürchten, und bat mich in
einer sonderbaren Gemütsbewegung, niemals mehr wiederzukommen. Ich musst es ihr
versprechen, um sie einigermassen zu beruhigen. Dessenungeachtet trieb mich die
Besorgnis um das Mädchen und die Neugierde den folgenden Abend wieder hinaus, um
wenigstens von der Mutter etwas zu erfahren.
    Es war schon ziemlich spät, der Mond schien wie heute. Als ich in dem Walde,
durch den ich hindurch musste, eben auf einem etwas freien, mondhellen Platz
herumbiege, steigt auf einmal mein Pferd und mein eigenes Haar vom Kopfe in die
Höh. Denn einige Schritte vor mir, lang und unbeweglich an einem Baume, stehe
ich selber leibhaftig. Mir fiel dabei ein, was das Mädchen gestern sagte; mir
grauste durch Mark und Bein bei dem grässlichen Anblicke. Darauf fasste mich, ich
weiss selbst nicht wie, ein seltsamer Zorn, das Phantom zu vernichten, das immer
unbeweglich auf mich sah. Ich spornte mein Pferd, aber es stieg schnaubend in
die Höh und wollte nicht daran. Die Angst steckte mich am Ende mit an, ich
konnte es nicht aushalten, länger hinzusehn, mein Pferd kehrte unaufhaltsam um
eine unbeschreibliche Furcht bemächtigte sich seiner und meiner, und so ging es
windschnell durch Sträucher und Hecken, dass die Äste mich hin und her blutig
schlugen, bis wir beide atemlos wieder bei dem Schloss anlangten. Das war jener
Abend vor unserer Gebirgsreise, da ich so wild und ungebärdet tat, als du mit
Faber ruhig am Tische auf der Wiese sassest. - Später erfuhr ich, dass das Mädchen
denselben Abend um dieselbe Stunde gestorben sei. - Und so wolle Gott jeden
Schnapphahn kurieren, denn ich habe mich seitdem gebessert, das kann ich redlich
sagen!«
    Friedrich erinnerte sich bei dieser wunderlichen Geschichte an eine Nacht
auf Leontins Schloss, wie er Erwinen einmal von der Mauer sich mit einem
fremden Manne unterhalten gehört und dann einen langen, dunklen Schatten von ihm
in den Wald hineingehn gesehen hatte. - »Allerdings«, sagte Leontin, »habe ich
selber einmal dergleichen bemerkt, und es kam mir zu meinem Erstaunen vor, als
wäre es dieselbe Gestalt, die mir im Walde erschienen. Aber du weisst, wie
geheimnisvoll Erwine immer war und blieb; doch so viel wird mir nach
verschiedenen flüchtigen Äusserungen von ihr immer wahrscheinlicher, dass dieses
Bild hier in diesem Walde spuke oder lebe, es sei nun was es wolle. - Ich weiss
nicht, ob du noch unsres Besuches auf dem Schloss der Frau v. A. gedenkest.
Dort sah ich ein altes Ritterbild, vor dem ich augenblicklich zurückfuhr. Denn
es war offenbar sein Portrait. Es waren meine eigenen Züge, nur etwas älter und
ein fremder Zug auf der Stirn über den Augen.«
    Während Leontin noch so sprach, hörten sie auf einmal ein Geräusch auf dem
Hofe unten, und ein Reiter sprengte durch das Tor herein; mehrere Windlichter
füllten sogleich den Platz, in deren über die Mauern hinschweifenden Scheinen
sich alle Figuren nur noch dunkler ausnahmen. »Er ist's!« rief Leontin. - Der
Reiter, welcher der Herr des Schlosses zu sein schien, stieg schnell ab und ging
hinein, die Windlichter verschwanden mit ihm, und es war plötzlich wieder dunkel
und still wie vorher.
    Leontin war sehr bewegt, sie beide blieben noch lange voll Erwartung am
Fenster, aber es rührte sich nichts im Schloss. Ermüdet warfen sie sich endlich
auf die grossen, altmodischen Betten, um den Tag zu erwarten, aber sie konnten
nicht einschlafen, denn der Wind knarrte und pfiff unaufhörlich an den
Wetterhähnen und Pfeilern des alten, weitläufigen Schlosses, und ein seltsames
Sausen, das nicht vom Walde herzukommen schien, sondern wie ferner Wellenschlag
tönte, brauste die ganze Nacht hindurch.
 
                           Zweiundzwanzigstes Kapitel
Kaum fing der Morgen draussen an zu dämmern, so sprangen die beiden schon von
ihrem Lager auf und eilten aus ihrem Zimmer auf den Gang hinaus. Aber kein
Mensch war noch da zu sehen, die Gänge und Stiegen standen leer, der steinerne
Brunnen im Hofe rauschte einförmig fort. Sie gingen unruhig auf und ab; nirgends
bemerkten sie einen neuen Bau oder Verzierung an dem Schloss, es schien nur das
Alte gerade zur Notdurft zusammengehalten. Bunte Blumen und kleine grüne
Bäumchen wuchsen hin und wieder auf dem hohen Dache, zwischen denen Vögel lustig
sangen. Sie kamen endlich über mehrere Gänge in dem abgelegensten und
verfallensten Teile des Schlosses in ein offenes, hochgelegenes Gemach, dessen
Wände sie mit Kohle bemalt fanden. Es waren meist flüchtige Umrisse von mehr als
lebensgrossen Figuren, Felsen und Bäumen, zum Teil halb verwischt und
unkenntlich. Gleich an der Tür war eine seltsame Figur, die sie sogleich für den
Eulenspiegel erkannten. Auf der andern Wand erkannte Friedrich höchst betroffen
einen grossen, ziemlich weitläufigen Umriss seiner Heimat, das grosse alte Schloss
und den Garten auf dem Berge, den Strom unten, den Wald und die ganze Gegend.
Aber es war unbeschreiblich einsam anzusehen, denn ein ungeheurer Sturm schien
über die winterliche Gegend zu gehen, und beugte die entlaubten Bäume alle nach
einer Seite, sowie auch eine wilde Flammenkrone, die aus dem Dache des Schlosses
hervorbrach, welches zum Teil schon in der Feuersbrunst zusammenstürzte.
    Friedrich konnte die Augen von diesen Zügen kaum wegwenden, als Leontin
einen Haufen von Zeichnungen und Skizzen hervorzog, die ganz verstaubt und
vermodert in einem Winkel des Zimmers lagen. Sie setzten sich beide auf den
Fussboden hin und rollten eine nach der andern auf. Die meisten Blätter waren
komischen Inhalts, fast alle von einem ungewöhnlichen Umfange. Die Züge waren
durchaus keck und oft bis zur Härte streng, aber keine der Darstellungen machte
einen angenehmen, viele sogar einen widrigen Eindruck. Unter den komischen
Gesichtern glaubte Friedrich zu seiner höchsten Verwunderung manche alte
Bekannte aus seiner Kindheit wiederzufinden.
    Der erste Morgenschein fiel indes soeben durch die hohen Bogenfenster, und
spielte gar seltsam an den Wänden der Polterkammer und in die wunderliche Welt
der Gedanken und Gestalten hinein, die rings um sie her auf dem Boden zerstreut
lagen. Es war ihnen dabei wie in einem Traume zumute. - Sie schoben endlich alle
die Bilder wieder in den Winkel zusammen und lehnten sich zum Fenster hinaus.
    Alles war noch nächtlich und grenzenlos still, nur einige frühe Vögel zogen
pfeifend hin und her über den Wald und begrüssten die ersten Morgenstrahlen, die
durch die Wipfel funkelten. Da hörten sie auf einmal draussen in einiger
Entfernung folgendes Lied singen:
»Ein Stern still nach dem andern fällt
Tief in des Himmels Kluft,
Schon zucken Strahlen durch die Welt,
Ich wittre Morgenluft.
In Qualmen steigt und sinkt das Tal;
Verödet noch vom Fest
Liegt still der weite Freudensaal,
Und tot noch alle Gäst.
Da hebt die Sonne aus dem Meer
Eratmend ihren Lauf:
Zur Erde geht, was feucht und schwer,
Was klar, zu ihr hinauf.
Hebt grüner Wälder Trieb und Macht
Neu rauschend in die Luft,
Zieht hinten Städte, eitel Pracht,
Blau' Berge durch den Duft.
Spannt aus die grünen Tepp'che weich,
Von Strömen hell durchrankt,
Und schallend glänzt das frische Reich,
So weit das Auge langt.
Der Mensch nun aus der tiefen Welt
Der Träume tritt heraus,
Freut sich, dass alles noch so hält,
Dass noch das Spiel nicht aus.
Und nun geht's an ein Fleissigsein!
Umsumsend Berg und Tal,
Agieret lustig gross und klein
Den Plunder allzumal.
Die Sonne steiget einsam auf,
Ernst über Lust und Weh,
Lenkt sie den ungestörten Lauf
In stiller Glorie. -
Und wie er dehnt die Flügel aus,
Und wie er auch sich stellt:
Der Mensch kann nimmermehr hinaus,
Aus dieser Narrenwelt.«
Die beiden Freunde eilten Sogleich auf das sonderbare Lied hinunter und aus dem
Schloss hinaus. Die Wälder rauchten ringsum aus den Tälern, eine kühle
Morgenluft griff stärkend an alle Glieder. Der Gesang hatte unterdes aufgehört,
doch erblickten sie in jener Gegend, wo er hergekommen war, einen grossen,
schönen, ziemlich jungen Mann an dem Eingange des Waldes. Er stand auf und
schien weggehn zu wollen, als er sie gewahr wurde; dann blieb er stehen und sah
sie noch einmal an, kam darauf auf sie zu, fasste Friedrich bei der Hand und
sagte sehr gleichgültig: »Willkommen Bruder!« -
    Wie dem Schweizer in der Fremde, wenn plötzlich ein Alphorn ertönt, alle
Berge und Täler, die ihn von der Heimat scheiden, in dem Klange versinken, und
er die Gletscher wiedersieht, und den alten, stillen Garten am Bergeshange, und
alle die morgenfrische Aussicht in das Wunderreich der Kindheit, so fiel auch
Friedrich bei dem Tone dieser Stimme die mühsame Wand eines langen, verworrenen
Lebens von der Seele nieder; - er erkannte seinen wilden Bruder Rudolf, der als
Knabe fortgelaufen war, und von dem er seitdem nie wieder etwas gehört hatte.
    Keine ruhige, segensreiche Vergangenheit schien aus diesen dunkelglühenden
Blicken hervorzusehen, eine Narbe über dem rechten Auge entstellte ihn seltsam.
Leontin stand still dabei und betrachtete ihn aufmerksam, denn es war wirklich
dasselbe Bild, das ihm mitten im bunten Leben oft so schaurig begegnet. »Oh,
mein lieber Bruder«, sagte Friedrich, »so habe ich dich denn wirklich wieder!
Ich habe dich immer geliebt. Und als ich dann grösser wurde und die Welt immer
kleiner und enger, und alles so wunderlos und zahm, wie oft hab ich da an dich
zurückgedacht und mich nach deinem wunderbaren härtern Wesen gesehnt!« - Rudolf
schien wenig auf diese Worte zu achten, sondern wandte sich zu Leontin um und
sagte: »Wie geht es Euch, mein Signor Amoroso? Durch diesen Wald geht kein Weg
zum Liebchen.« - »Und keiner in der Welt mehr«, fiel Leontin, der wohl wusste,
was er meine, empfindlich ihm ins Wort, »denn Eure Possen haben das Mädchen ins
Grab gebracht.« - »Besser tot, als eine H -« sagte Rudolf gelassen. »Aber«, fuhr
er fort, »was treibt euch aus der Welt hier zu mir herauf? Sucht ihr Ruhe: ich
habe selber keine; sucht ihr Liebe: ich liebe keinen Menschen, oder wollt ihr
mich listig aussondieren, zerstreuen und lustig machen: so zieht nur in Frieden
wieder hinunter, esst, trinkt, arbeitet fleissig, schlaft bei euren Weibern oder
Mädchen, seid lustig und lacht, dass ihr euch krähend die Seiten halten müsst, und
danket Gott, dass er euch weisse Lebern, einen ordentlichen Verstand, keinen
überflüssigen Witz, gesellige Sitten und ein langes, wohlgefälliges Leben
bescheret hat - denn mir ist das alles zuwider.« - Friedrich sah den Bruder
staunend an, dann sagte er: »Wie ist dein Gemüt so feindselig und wüst geworden!
Hat dich die Liebe -« »Nein«, sagte Rudolf, »ihr seid gar verliebt, da lebt
recht wohl!«
    Hiermit ging er wirklich mit grossen Schritten in den Wald hinein und war
bald hinter den Bäumen verschwunden. Leontin lief ihm einige Schritte nach, aber
vergebens. »Nein«, rief er endlich aus, »er soll mich nicht so verachten, der
wunderliche Gesell! Ich bin so reich und so verrückt wie er!« - Friedrich sagte:
»Ich kann es nicht mit Worten ausdrücken, wie es mich rührt, den tapfern,
gerechten, rüstigen Knaben, der mir immer vorgeschwebt, wenn ich dich ansah, so
verwildert wiederzusehen. Aber ich bleibe nun gewiss auch wider seinen Willen
hier, ich will keine Mühen sparen, sein reines Gold, denn solches war in ihm,
aus dem wüst verfallenen Schachte wieder ans Tageslicht zu fördern.« - »Oh«,
fiel ihm Leontin ins Wort, »das Meer ist nicht so tief, als der Hochmütige in
sich selber versunken ist! Nimm dich in acht! er zieht dich eher schwindelnd zu
sich hinunter, ehe du ihn zu dir hinauf.«
    Friedrich hatte der Anblick seines Bruders auf das heftigste bewegt. Er ging
schnell von Leontin fort und allein tief in den Wald hinein. Er brauchte der
stillen, vollen Einsamkeit, um die neuen Erscheinungen, die auf einmal so
gewaltsam auf ihn eindrangen, zu verarbeiten und seine seltsam aufgeregten
Geister zu beruhigen.
    Lange war er so im Walde herumgeschweift, als auch Leontin wieder zu ihm
stiess. Dieser hatte währenddes wieder jene Bilderstube bestiegen und die Zeit
unter den Zeichnungen gesessen. dabei waren ihm in dieser Einsamkeit die Figuren
oft wie lebendig geworden vorgekommen und verschiedene Lieder eines Wahnsinnigen
eingefallen, die er, wie Sprüche auf die alten Bilder, den Gestalten aus dem
Munde auf die Wand aufgeschrieben hatte.
    Die Sonne fing schon wieder an sich von der Mittagshöhe herabzuneigen. Weder
Leontin noch Friedrich wussten recht, wo Sie sich befanden, denn kein
ordentlicher Weg führte vom Schloss hierher. Sie schlugen daher die ohngefähre
Richtung ein, sich über den melancholischen Rudolf besprechend. Als sie nach
langem Irren eben auf einer Höhe angelangt waren, hörten sie plötzlich mehrere
lebhafte Stimmen vor sich. Ein undurchdringliches Dickicht, durch welches von
dieser Seite kein Eingang möglich war, trennte sie von den Sprechenden. Leontin
bog die obersten Zweige mit Gewalt auseinander: da eröffnete sich ihnen auf
einmal das seltsamste Gesicht. Mehrere auffallende Figuren nämlich, worunter sie
sogleich Marie, den Karfunkelsteinspäher und den Ritter von gestern erkannten,
lagen und sassen dort auf einer grünen Wiese zerstreut umher. Die grosse
Einsamkeit, die fremdartigen, zum Teil ritterlichen Trachten, womit die meisten
angetan, gaben der Gruppe ein überraschendes, buntes und wundersames Ansehen,
als ob ein Zug von Rittern und Frauen aus alter Zeit hier ausraste.
    Marie war ihnen besonders nahe, doch ohne sie zu bemerken. Sie war mit
langen Kränzen von Gras behangen und hatte eine Gitarre vor sich auf dem Schosse.
Auf dieser spielte sie und sang das Lied, das sie damals auf dem Rehe gesungen,
als sie Friedrich zum ersten Male auf der Wiese bei Leontins Schloss traf. Nach
der ersten Strophe hielt sie, in Gedanken verloren, inne, als wollte sie sich
auf das Weitere besinnen, und fing dann das Lied immer wieder vom Anfang an. -
    Mitten unter den Narren sass Rudolf auf einem umgefallenen Baumstamme, den
Kopf vornhin in beide Arme auf die Knie gestützt. Er war ohne Hut und sah sehr
blass aus. Mit Verwunderung hörten sie, wie er mit ihnen allen in ein lebhaftes
Gespräch vertieft war. Er wusste dem Wahnsinn eines jeden eine Tiefe und
Bedeutung zu geben, über welche sie erstaunten, und je verrückter die Narren
sprachen, je witziger und ausgelassener wurde er in seinem wunderlichen Humor.
Aber sein Witz war scharf ohne Heiterkeit, wie Dissonanzen einer grossen,
zerstörten Musik, die keinen Einklang finden können oder mögen.
    Leontin, der aufmerksam zugehört hatte, war es durchaus unmöglich, das wilde
Spiel länger zu ertragen. Er hielt sich nicht mehr, riss mit Gewalt durch das
Dickicht und eilte auf Rudolf zu. Rudolf, durch sein Gespräch exaltiert, sprang
über der plötzlichen, unerwarteten Erscheinung rasch auf, und riss dem verrückten
Ritter, der neben ihm sass, den Degen aus der Scheide. So mit dem Degen
aufgerichtet, sah der lange Mann mit seinen verworrenen Haaren und bleichem
Gesichte fast gespensterartig aus. Beide hieben in demselben Augenblicke wütend
aufeinander ein, denn Leontin ging unter diesen Verrückten nicht unbewaffnet
aus. Ein Strom von Blut drang plötzlich aus Rudolfs Arme und machte der
seltsamen Verblendung ein Ende. Alles dieses war das Werk eines Augenblicks.
    Friedrich war indes auch herbeigeeilt, und beide Freunde waren bemüht, das
Blut des verwundeten Rudolfs mit ihren Tüchern zu stillen, worauf sie ihn näher
an sein Schloss führten.
    Als er sich nach einiger Zeit wieder erholt hatte, und die Gemüter beruhigt
waren, äusserte Friedrich seine Verwunderung, wie er so einsam in dieser
Gesellschaft aushalten könne.
    »Und was ist es denn mehr und anders«, sagte Rudolf, »als in der andern
gescheiten Welt? Da steht auch jeder mit seinen besondern, eigenen Empfindungen,
Gedanken, Ansichten und Wünschen neben dem andern wieder mit seinem besondern
Wesen, und wie sie sich auch, gleichwie mit Polypenarmen, künstlich betasten und
einander recht aus dem Grunde herauszufühlen trachten, es weiss ja doch am Ende
keiner, was er selber ist oder was der andere eigentlich meint und haben will,
und so muss jeder dem andern verrückt sein, wenn es übrigens Narren sind, die
überhaupt noch etwas meinen oder wollen. Das einzige Tolle bei jenen Verrückten
von Profession aber ist nur, dass sie dabei noch glücklich sind.«
    Bei diesen Worten erblickte er das vielerwähnte Medaillon von Erwin, das
Friedrich nur halbverborgen unter dem Rocke trug. Er ging schnell auf Friedrich
zu. »Woher hast du das?« fragte er, und nahm das Bild zu sich. Er schien bewegt,
als sie ihm erzählten, von wem sie es hatten und dass Erwin gestorben sei, doch
konnte man nicht unterscheiden, ob es Zorn oder Rührung war. Er sah darauf das
Bild lange Zeit an und sagte kein Wort.
    Durch die Ermattung von dem Blutverluste, sowie durch den unerwarteten
Anblick des Portraits, schien seine Wildheit einigermassen gebändigt. Die beiden
Freunde drangen daher in ihn, ihnen endlich Aufschluss über das alles zu geben,
und, wo möglich, seine Lebensgeschichte zu erzählen, auf welche sie beide sehr
begierig waren, da sie wohl bemerkten, dass er mit diesem Mädchen und vielen
andern Rätseln in einem nahen Zusammenhange stehen müsse. Er war heut wirklich
ruhig genug dazu. Er setzte sich, ohne sich weiter nötigen zu lassen, neben
ihnen auf den Rasen und begann sogleich folgendermassen:
 
                           Dreiundzwanzigstes Kapitel
»Wenn ich mein Leben überdenke, ist mir so totenstill und nüchtern, wie nach
einem Balle, wenn der Saal noch wüst und schwül qualmt und ein Licht nach dem
andern verlöscht, weil andere Lichter durch die zerschlagenen Fenster
hineinschielen, und man reisst die Kleider von der Brust und steigt draussen auf
den höchsten Berg und sieht der Sonne entgegen, ob sie nicht bald aufgehn will -
Doch ich will ruhig erzählen:
    Die erste Begebenheit meines Lebens, an die ich mich wie an einen Traum
erinnere, war eine grosse Feuersbrunst. Es war in der Nacht, die Mutter fuhr mit
uns und noch einigen fremden Leuten, auf die ich mich nicht mehr besinne, im
Kahne über einen grossen See. Mehrere Schlösser und Dörfer brannten ringsumher an
den Ufern und der Widerschein von den Flammen spiegelte sich bis weit in den See
hinein. Meine Wärterin hob mich aus dem Kahne hoch in die Höhe und ich langte
mit beiden Armen nach dem Feuer. Alle die fremden Leute im Kahne waren still,
meine Mutter weinte sehr; man sagte mir, mein Vater sei tot. -
    Noch eines Umstandes muss ich dabei gedenken, weil er seltsam mit meinem
übrigen Leben zusammenhängt. Als wir nämlich, soviel ich mich erinnere,
gleichsam aus Flammen in den Kahn einstiegen, erblickte ich einen Knaben etwa
von meinem Alter, den ich sonst nie gesehn hatte. Der lachte uns aus, tanzte an
dem Feuer mit höhnenden Gebärden und schnitt mir Gesichter. Ich nahm schnell
einen Stein und warf ihn ihm mit einer für mein Alter ungewöhnlichen Kraft an
den Kopf, dass er umfiel. Sein Gesicht ist mir noch jetzt ganz deutlich und ich
wurde den widrigen Eindruck dieser Begebenheit niemals wieder los. - Das ist
alles, was mir von jener merkwürdigen Nacht übrigblieb, deren Stille,
Wunderbilder und feurige Widerscheine sich meinem kindischen Gemüte
unverlöschlich einprägten. In dieser Nacht sah ich meine Mutter zum letzten
Male.
    Nachher erinnere ich mich wieder auf nichts, als Berge und Wälder, grosse
Haufen von Soldaten und blitzenden Reitern, die mit klingendem Spiele über
Brücken zogen, unbekannte Täler und Gegenden, die wie ein Schattenspiel schnell
an meiner Seele vorüberflogen.
    Als ich mich endlich zum ersten Male mit Besinnung in der Welt umzuschauen
anfing, befand ich mich allein mit dir in einem fremden, schönen Schloss und
Garten unter fremden Leuten. Es war, wie du weisst, unser Vormund, und das
Schloss, obschon unser Eigentum, doch nicht unser Geburtsort. Wir beide sind am
Rheine geboren. - Es mochte mir hier bald nicht behagen. Besonders stach mir
gegen das niemals in meiner Erinnerung erloschene Bild meiner Mutter, die ernst,
hoch und schlank war, die neue, kleine, wirtschaftliche und dickliche Mutter zu
sehr ab. Ich wollte ihr niemals die Hand küssen. Ich musste viel sitzen und
lernen, aber ich konnte nichts erlernen, besonders keine fremde Sprache. Am
wenigsten aber wollte mir das sogenannte gewisse Etwas in Gesellschaften
anpassen, wobei ich mich denn immer sehr schlecht und zu allgemeiner
Unzufriedenheit präsentierte. Mir war dabei das Verstellen und das zierliche
Niedlichtun der Vormünderin und des Hofmeisters unbegreiflich, die immer auf
einmal ganz andere Leute waren, wenn Gäste kamen. Ja, ich erinnere mich, dass ich
den letztern einige Male, wenn er so ausser dem gewöhnlichen Wege besonders klug
sprach, hinten am Rocke zupfte und laut auflachte, worauf ich denn jedesmal mit
drohenden Blicken aus dem Zimmer verwiesen wurde. Mit Prügeln war bei mir nichts
auszurichten, denn ich verteidigte mich bis zum Tode gegen den Hofmeister und
jedermann, der mich schlagen wollte. So kam es denn endlich, dass ich bei jeder
Gelegenheit hintenangesetzt wurde. Man hielt mich für einen trübseligen
Einfaltspinsel, von dem weder etwas zu hoffen noch zu fürchten sei. Ich wurde
dadurch nur noch immer tiefsinniger und einsamer und träumte unaufhörlich von
einer geheimen Verschwörung aller gegen mich, selbst dich nicht ausgenommen,
weil du mit den meisten im Hause gut standest.
    Ein einziges liebes Bild ging in dieser dunklen, schwerer Träume vollen Zeit
an mir vorüber. Es war die kleine Angelina, die Tochter eines verwandten
italienischen Marchese, der sich auch vor den Unruhen in Italien zu uns
geflüchtet hatte und lange Zeit dort blieb. Du wirst dich des lieblichen,
wunderschönen Kindes erinnern, wie sie von uns Deutsch lernte und so schöne,
welsche Lieder wusste. Ich hatte damals Tag und Nacht keine Seelenruh vor diesem
schönen Bilde. Inzwischen glaubte ich zu bemerken, dass sie überall dich mehr
begünstigte, als mich; ich war ihr zu wild, sie schien sich vor mir zu fürchten.
Mein alter Argwohn, Hass und Bangigkeit nahm täglich zu, ich sass, wie in mir
selbst gefangen, bis endlich ein seltsamer Umstand alle die Engel und Teufel,
die damals noch dunkel in mir rangen, auf einmal losmachte.
    Ich war nämlich eines Abends eben mit Angelina im Garten an dem eisernen
Gitter, durch das man auf die Strasse hinaussah. Angelina stand am Springbrunnen
und spielte mit den goldenen Kugeln, welche die Wasserkunst glänzend auf- und
niederwarf. Da kam eine alte Zigeunerin am Gitter vorbei und verlangte, als sie
uns drinnen erblickte, auf die gewöhnliche ungestüme Art, uns zu prophezeien.
Ich streckte sogleich meine Hand hinaus. Sie las lange Zeit darin. Währenddes
ritt ein junger Mensch, der ein Reisender schien, draussen die Strasse vorbei und
grüsste uns höflich. Die Zigeunerin sah erstaunt mich, Angelina und den
vorüberziehenden Fremden wechselseitig an, endlich sagte sie, auf uns und ihn
deutend: Eines von euch dreien wird den andern ermorden. - Ich blickte dem
Reiter scharf nach, er sah sich noch einmal um, und ich erkannte erschrocken und
zornig sogleich das Gesicht desselben unbekannten Knaben wieder, der uns bei
unsrem Auszuge aus der Heimat an dem Feuer so verhöhnt hatte. - Die Zigeunerin
war unterdes verschwunden, Angelina furchtsam fortgelaufen, und ich blieb allein
in dem grossen, dämmernden Garten und glaubte fest, nun als Mörder auch sogar von
Gott verlassen zu sein; niemals fühlte ich mich so finster und leer.
    In der Nacht konnt ich nicht schlafen, ich stand auf und zog mich völlig an.
Es war alles still, nur die Wetterhähne knarrten im Hofe, der Mond schien sehr
hell. Du schliefst still neben mir, das Gebetbuch lag noch halb aufgeschlagen
bei dir, ich wusste nicht, wie du so ruhig sein könntest. Ich küsste dich auf den
Mund, ging dann schnell aus dem Hause, durch den Garten, und kehrte niemals mehr
wieder.
    Von nun an geht mein Leben rasch, bunt, ungenügsam, wechselnd, und in allem
Wechsel doch unbefriedigt. Ich will nur einige Augenblicke herausheben, die
mich, wie einsam erleuchtete Berggipfel über dem dunkelwühlenden Gewirre, noch
immer von weitem ansehn.
    Als ich zu Ende jener Nacht die letzte Höhe erreicht hatte, ging eben die
Sonne prächtig auf. Die Gegend unten, so weit die Blicke reichten, war mit
bunten Zelten, unermesslich blitzenden Reihen, und Lust und Schallen überdeckt.
Einzelne bunte Reiter flogen in allen Richtungen über den grünen Anger, einzelne
Schüsse fielen bis in die tiefste Ferne hin und her im Walde. Ich stand wie
eingewurzelt vor Lust bei dem Anblick. Ich glaubte es nun auf einmal gefunden zu
haben, was mir fehlte und was ich eigentlich wollte. Ich eilte daher schnell
hinunter und liess mich anwerben.
    Wir brachen noch denselben Tag von dem Orte auf, aber schon da auf dem
Marsche fing ich an zu bemerken, dass dieses nicht das Leben war, das ich
erwartete. Der platte Leichtsinn, das Prahlen und der geschäftige Müssiggang
ekelte mich an, besonders unerträglich aber war mir, dass ein einziger,
unbeschreiblicher Wille das Ganze wie ein dunkles Fatum regieren sollte, dass ich
im Grunde nicht mehr wert sein sollte, als mein Pferd - und so versenkten mich
diese Betrachtungen in eine fürchterliche Langeweile, aus der mich kaum die
Signale, welche die Schlacht ankündigten, aufzurütteln vermochten.
    Damals bekam mein Oberst von meinem Vormund, der mich aufgespürt hatte,
einen Brief, worin er ihn bat, mich auszuliefern. Aber es war zu spät, denn das
Treffen war eben losgegangen. Mitten im blitzenden Dampfe und Todesgewühl
erblickt ich plötzlich das beinahe bleiche Gesicht des Unbekannten wieder mir
feindlich gegenüber. - Wütend, dass das Gespenst mich überall verfolgte, stürzte
ich auf ihn ein. Er focht so gut, wie ich. Endlich sah ich sein Pferd stürzen,
während ich selbst, leicht verwundet, vor Ermattung bewusstlos hinsank. Als ich
wieder erwachte, war alles ringsum finster und totenstill über der weiten Ebene,
die mit Leichen bedeckt war. Mehrere Dörfer brannten in der Runde, und nur
einzelne Figuren, wie am Jüngsten Gericht, erhoben sich hin und her und
wandelten dunkel durch die Stille. Ein unbeschreibliches Grausen überfiel mich
vor dem wahnwitzigen Jammerspiel, ich raffte mich schnell auf und lief, bis es
Tag wurde.
    In einem Städtchen las ich in der Zeitung die Bekanntmachung meines
Vormunds, dass ich in dem Treffen geblieben sei, auch hörte ich, dass der Marchese
mit seiner Tochter unser Schloss wieder verlassen habe. Ich war zu stolz und
aufgeregt, um nach Hause zurückzukehren. Indes erwachte das Bild der kleinen
Angelina von neuem in meinem Herzen. Ich bildete mir die liebliche Erinnerung
mit allen Kräften meiner Seele aus, und so malte ich damals jenes
Engelsköpfchen, das du hier zu meinem Erstaunen mitgebracht hast. Es ist
Angelinens Portrait.
    Mein unruhiges und doch immer in sich selbst verschlossenes Gemüt bekam nun
auf einmal die erste entschiedene Richtung nach aussen. Ich warf mich mit einem
unerhörten Fleisse auf die Malerei und streifte mit dem Gelde, das ich mir
dadurch erwarb, in Italien herum. Ich glaubte damals, die Kunst werde mein Gemüt
ganz befriedigen und ausfüllen. Aber es war nicht so. Es blieb immer ein
dunkler, harter Fleck in mir, der keine Farben annahm und doch mein
eigentlicher, innerster Kern war. Ich glaube, wenn ich in meiner Angst einen
neuen Münster hätte aus mir herausbauen können, mir wäre wohler geworden, so
felsengross lag immer meine Entzückung auf mir. Meine Skizzen waren immer besser
als die Gemälde, weil ihre Ausführung meistens unmöglich war. Gar oft in guten
Stunden ist mir wohl eine solche Glorie von nie gesehenen Farben und
unbeschreiblich himmlischer Schönheit vorgekommen, dass ich mich kaum zu fassen
wusste. Aber dann war's auch wieder aus, und ich konnte sie niemals ausdrücken. -
So schmückt sich wohl jede tüchtige Seele einmal ihren Kerker mit Künsten aus,
ohne deswegen zum Künstler berufen zu sein. Und überhaupt ist es am Ende doch
nur Putz und eitel Spielerei. Oder würdet ihr den nicht für töricht halten, der
sich im Wirtshause, wo er übernachtet, eifrig auszieren wollte? Und wir machen
so viel Umstände mit dem Leben und wissen nicht, ob wir noch eine Stunde
bleiben!
    An einem schönen Sommerabende fuhr ich einmal in Venedig auf dem Golf
spazieren. Der Halbkreis von Palästen mit ihren still erleuchteten Fenstern
gewährte einen prächtigen Anblick. Unzählige Gondeln glitten aneinander vorüber
über das ruhige Wasser, Gitarren und tausend weiche Gesänge zogen durch die laue
Nacht. Ich ruderte voll Gedanken fort und immer fort, bis nach und nach die
Lieder verhallten und alles um mich her still und einsam geworden war. Ich
dachte an die ferne Heimat und sang ein altes, deutsches Lied, eines von denen,
die ich noch als Knabe Angelina gelehrt hatte. Wie sehr erstaunte ich, als mir
da auf einmal eine wunderschöne weibliche Stimme von dem Altan eines Hauses mit
der nächstfolgenden Strophe desselben Liedes antwortete. Ich sprang sogleich ans
Ufer und eilte auf das Haus zu, von dem der Gesang herkam. Eine weisse
Mädchengestalt neigte sich zwischen den Orangenbäumen und Blumen über den Balkon
herab und sagte flüsternd: Rudolf! Ich erkannte bei dem hellen Mondenscheine
sogleich Angelina. Sie schien noch mehr sprechen zu wollen, aber die Tür auf dem
Balkon öffnete sich von innen, und sie war verschwunden.
    Verwundert und entzückt in allen meinen Sinnen, setzt ich mich an einen
steinernen Springbrunnen, der auf dem weiten, stillen Platze vor dem Hause
stand. Ich mochte ohngefähr eine Stunde dort gesessen haben, als ich die Glastür
oben leise wieder öffnen hörte. Angelina trat, sich furchtsam auf dem Platze
umsehend, noch einmal auf den Balkon heraus. Ihre schönen Locken fielen auf den
schneeweissen, nur halbverhüllten Busen herab, sie war barfuss und im leichtesten
Nachtkleide. Sie erschrak, als sie mich wirklich noch unten erblickte. Sie legte
den Finger auf den Mund, während sie mit der andern Hand auf die Tür deutete,
lehnte sich stillschweigend über das Geländer und sah mich so lange Zeit
unbeschreiblich lieblich an. Darauf zog sie ein Papierchen hervor, warf es mir
hinab lispelte kaum hörbar: Gute Nacht! und ging zaudernd wieder hinein. - Auf
dem Zettel stand mit Bleistift der Name einer Kirche aufgeschrieben.
    Ich begab mich am Morgen zu der benannten Kirche und sah das Mädchen
wirklich zur bestimmten Stunde mit einer ältlichen Frau, die ihre Vertraute
schien, schon von weitem die Strasse heraufkommen. Ich erschrak fast vor Freuden,
so überaus schön war sie geworden. Als sie mich ebenfalls erblickte, wurde sie
rot vor Scham über die vergangene Nacht und schlug den Schleier fest über das
Gesicht. Auf dem Wege und in der Kirche erzählte sie mir nun ungestört, dass sie
schon lange wieder in Italien zurück seien, dass ihr Vater, da ihre Mutter bei
ihrer Geburt in Todesnot war, das feierliche Gelübde getan, sie, Angelina, als
Klosterjungfrau dem Himmel zu weihn, und dass der dazu bestimmte Tag nicht mehr
fern sei. - Das verliebte Mädchen sagte dies mit Tränen in den Augen.
    Wir kamen darauf noch oft, bald in der Kirche, bald in der Nacht am Balkon
zusammen; der Tag, wo Angelina aus dem väterlichen Hause fort ins Kloster
sollte, rückte immer näher heran, und wir verabredeten endlich, miteinander zu
entfliehn.
    In der Nacht, die wir zur Flucht bestimmt hatten, trat sie, mit dem
Notwendigsten versehen und reich geschmückt wie eine Braut, hervor. Die heftige
Bewegung, in der ihr Gemüt war, machte ihr Gesicht wunderschön, und ich sehe sie
in diesem Zustande, in diesem Kleide, noch wie heute vor mir stehn. Sie war noch
in ihrem Leben nicht um diese Zeit allein auf der Gasse gewesen, sie wurde daher
noch im letzten Augenblick von neuem schüchtern und halb unschlüssig; sie weinte
und fiel mir um den Hals. Ich fasste sie endlich um den Leib und trug sie in den
Kahn, den ich im Golf bereitielt. Ich stiess schnell vom Ufer ab, das Segel
schwoll im lauen Winde, der Halbkreis der erleuchteten Fenster versank
allmählich hinter uns, und wir befanden uns allein auf der stillen,
unermesslichen Fläche.
    Die Liebe hatte sie nun ganz in meine Gewalt gegeben. Sie wurde nun ruhig.
Innerlichst fröhlich, aber still sass sie fest an mich gedrückt und sah mit den
weit offenen, sinnigen Augen unverwandt ins Meer hinaus. Ich bemerkte, dass sie
oft heimlich zusammenschauerte, bis sie endlich ermüdet einschlummerte.
    Da rauschte plötzlich ein Kahn mit mehreren Leuten und Fackelschein vorüber
nach Venedig zu. Der eine von ihnen schwang eben seine Fackel und ich erblickte
bei dem flüchtigen Scheine den unbekannten, wunderbar mit mir verknüpften
Fremden wieder, der mitten im Kahne aufrecht stand. Ich fuhr unwillkürlich bei
dem Anblick zusammen, und höchst seltsam, obschon die ganze Erscheinung ohne das
mindeste Geräusch vorübergeglitten war, so wachte doch Angelina in demselben
Augenblicke von selber auf und sagte mir erschrocken, es habe ihr etwas
Fürchterliches geträumt, sie wisse sich nun aber nicht mehr darauf zu besinnen.
Ich beruhigte sie und sagte ihr nichts von dem Begegnis, worauf sie denn bald
von neuem einschlief.
    Ein lauter Freudenschrei entfuhr ihrer Brust, als sie nach einigen Stunden
die hellen Augen aufschlug, denn die Sonne ging eben prächtig über der Küste von
Italien auf, die in duftigem Wunderglanze vor uns dalag. Es war der erste
überschwengliche Blick des jungen Gemütes in das freie, lüstern lockende,
reiche, noch ungewisse Leben. Wir stiegen nun ans Land und setzten unsre Reise
zu Pferde nach Rom fort. Dieses Ziehen in den blauen, lieblichen Tagen über
grüne Berge, Täler und Flüsse, rollt sich noch jetzt blendend vor meiner
Erinnerung auf, wie ein mit prächtig glänzenden, wunderbaren Blumen gestickter
Teppich, auf dem ich mich selbst als lustige Figur mit bunt geflickter
Narrenjacke erblicke.
    In Rom nisteten wir uns in einem entlegenen Quartiere der Stadt ein, wo uns
niemand bemerkte. Wir führten einen wunderlichen, ziemlich unordentlichen
Haushalt miteinander, denn Angelina gewöhnte sich sehr bald auch an das freie,
sorglose Künstlerwesen. Sie hatte, gleich als wir ans Land stiegen, Mannskleider
anlegen müssen, um nicht erkannt zu werden, und ich gab sie so für meinen Vetter
aus. Die Tracht, in der sie mich nun auch frei auf allen Spaziergängen
begleitete, stand ihr sehr niedlich; sie sah oft aus wie Correggios Bogenschütz.
Sie musste mir oft zum Modell sitzen, und sie tat es gern, denn sie wusste wohl,
wie schön sie war. Damals wurden meine Gemälde weniger hart, angenehmer und
sinnreicher in der Ausführung.
    
    Indes entging es mir nicht, dass Angelina anfing mit der Mädchentracht nach
und nach auch ihr voriges mädchenhaftes, bei aller Liebe verschämtes Wesen
abzulegen, sie wurde in Worten und Gebärden kecker, und ihre sonst so
schüchternen Augen schweiften lüstern rechts und links. Ja, es geschah wohl
manchmal, wenn ich sie unter lustige Gesellen mitnahm, mit denen wir in einem
Garten oft die Nacht durchschwärmten, dass sie sich berauschte, wo sie dann mit
den furchtsam dreisten Mienen und glänzend schmachtenden Augen ein ungemein
reizendes Spiel der Sinnlichkeit gab.
    Weiber ertragen solche kühnere Lebensweise nicht. - Ein Jahr hatten wir so
zusammengelebt, als mir Angelina eine Tochter gebar. Ich hatte sie einige Zeit
vorher auf einem Landhause bei Rom vor aller Welt Augen verborgen, und auf ihr
eigenes Verlangen, welches meiner Eifersucht auffiel, blieb sie nun auch noch
lange nach ihrer Niederkunft mit dem Kinde dort. -
    Eines Morgens, als ich eben von Rom hinkomme, finde ich alles leer. - Das
alte Weib, welches das Haus hütete, erzählt mir zitternd: Angelina habe sich
gestern abend sehr zierlich als Jäger angezogen, sie habe darauf, da der Abend
sehr warm war, lange Zeit bei ihr vor der Tür auf der Bank gesessen und
angefangen so betrübt und melancholisch zu sprechen, dass es ihr durch die Seele
ging, wobei sie öfters ausrief: Wär ich doch lieber ins Kloster gegangen! Dann
sagte sie wieder lustig: Bin ich nicht ein schöner Jäger? Darauf sei sie
hinaufgegangen, habe, während schon alles schlief, noch immerfort Licht gebrannt
und am offenen Fenster allerlei zur Laute gesungen. Besonders habe sie folgendes
Liedchen zum öftern wiederholt, welches auch mir gar wohlbekannt war, da es
Angelina von mir gelernt hatte:
»Ich hab gesehn ein Hirschlein schlank
Im Waldesgrunde stehn,
Nun ist mir draussen weh und bang,
Muss ewig nach ihm gehn.
Frischauf, ihr Waldgesellen mein!
Ins Horn, ins Horn frischauf!
Das lockt so hell, das lockt so fein,
Aurora tut sich auf!
Das Hirschlein führt den Jägersmann
In grüner Waldesnacht
Talunter, schwindelnd und bergan,
Zu nie gesehner Pracht.
Wie rauscht schon abendlich der Wald,
Die Brust mir schaurig schwellt!
Die Freunde fern, der Wind so kalt,
So tief und weit die Welt!
Es lockt so tief, es lockt so fein
Durchs dunkelgrüne Haus,
Der Jäger irrt und irrt allein,
Findt nimmermehr heraus.« -
Gegen Mitternacht ohngefähr, fuhr die Alte fort, hörte ich ein leises
Händeklatschen vor dem Hause. Ich öffnete leise die Lade meines Guckfensters und
sah einen grossen Mann, bewaffnet und in einen langen Mantel vermummt, unter
Angelinas Fenster stehn, seitwärts im Gebüsch hielt ein Wagen mit Bedienten und
vier Pferden. In demselben Augenblicke kam auch Angelina, ihr Kind auf dem Arme,
unten zum Hause heraus. Der fremde Herr küsste sie und hob sie geschwind in den
Wagen, der pfeilschnell davonrollte. Eh ich mich besann, herauslief und schrie,
war alles in der dicken Finsternis verschwunden.
    Auf diesen verzweifelten Bericht der Alten stürzte ich in das Zimmer hinauf.
Alles lag noch wie sonst umher, sie hatte nichts mitgenommen, als ihr Kind. Ein
Bild, das nach ihr kopiert war, stand noch ruhig auf der Staffelei, wie ich es
verlassen. Auf dem Tische daneben lag ein ungeheurer Haufen von Goldstücken.
Wütend und ausser mir, warf ich alle das Gold, das Bild und alle andere Bilder
und Zeichnungen hinterdrein zum Fenster hinaus. Die Alte tanzte unten mit widrig
vor Staunen und Gier verzerrten Gebärden wie eine Hexe zwischen dem Goldregen
herum, und ich glaubte da auf einmal in ihren Zügen dieselbe Zigeunerin zu
erkennen, die mir damals an dem Gartengitter prophezeit hatte. - Ich eilte zu
ihr hinab, aber sie hatte sich bereits mit dem Golde verloren. - Ich lud nun
meine Pistolen warf mich auf mein Pferd und jagte der Spur des Wagens nach, die
noch deutlich zu kennen war. Ich war vollkommen entschlossen, Angelina und ihren
Entführer totzuschiessen. - So erbärmliches Zeug ist die Liebe, diese liederliche
Anspannung der Seele! -
    So durchstreifte ich fast ganz Italien nach allen Richtungen, ich fand sie
nimmermehr. Als ich endlich, erschöpft von den vielen Zügen, auf den letzten
Gipfeln der Schweiz ankam, schauderte mir, als ich da auf einmal aus dem
italienischen Glanze nach Deutschland hinabsah, wie das so ganz anders, still
und ernstaft mit seinen dunklen Wäldern, Bergen und dem königlichen Rheine
dalag. - Ich hatte keine Sehnsucht mehr nach der Ferne und versank in eine öde
Einsamkeit. Mit meiner Kunst war es aus. -
    Dagegen lockte mich nun bald die Philosophie unwiderstehlich in ihre
wunderbaren Tiefen. Die Welt lag wie ein grosses Rätsel vor mir, die vollen
Ströme des Lebens rauschten geheimnisvoll, aber vernehmlich, an mir vorüber,
mich dürstete unendlich nach ihren heiligen, unbekannten Quellen. Der kühnere
Hang zum Tiefsinn war eigentlich mein angebornes Naturell. Schon als Kind hatte
ich oft meinen Hofmeister durch seltsame, ungewöhnliche Fragen in Verwirrung
gebracht, und selbst meine ganze Malerei war im Grunde nur ein falsches Streben,
das Unaussprechliche auszusprechen, das Undarstellbare darzustellen. Besonders
verspürte ich schon damals dieses Gelüst vor manchen Bildern des grossen Albrecht
Dürer und Michelangelo. Ich studierte nun mit eisernem, unausgesetztem Fleiss
alle Philosopheme, was die Alten ahneten und die Neuen grübelten oder
phantasierten. Aber alle Systeme führten mich entweder von Gott ab, oder zu
einem falschen Gott.
    Alles aufgebend und verzweifelt, dass ich auf keine Weise die Schranken
durchbrechen und aus mir selber herauskommen konnte, stürzt ich mich nun wütend,
mit wenigen lichten Augenblicken schrecklicher Reue, in den flimmernden Abgrund
aller sinnlichen Ausschweifungen und Greuel, als wollt ich mein eigenes Bild aus
meinem Andenken verwischen. dabei wurde ich niemals fröhlich, denn mitten im
Genuss musste ich die Menschen verhöhnen, die, als wären sie meinesgleichen, halb
schlecht und halb furchtsam, nach der Weltlust haschten und dabei wirklich und
in allem Ernst zufrieden und glücklich waren. Niemals ist mir das Hantieren und
Treiben der Welt so erbärmlich vorgekommen, als damals, da ich mich selber darin
untertauchte.
    Eines Abends sitz ich am Pharotisch, ohne aufzublicken und mich um die
Gesellschaft zu bekümmern. Ich spielte diesen Abend wider alle sonstige
Gewohnheit immerfort unglücklich, und wagte immer toller, je mehr ich verlor.
Zuletzt setzte ich mein noch übriges Vermögen auf die Karte. - Verloren! hört
ich den Bankhalter am andern Ende der Tafel rufen. Ich springe auf und erblicke
den geheimnisvollen Unbekannten, den ich fast schon vergessen hatte. Er wurde
sichtbar bleich, als er mich erkannte. Ich weiss nicht, mit welcher Medusengewalt
gerade in diesem Augenblicke sein Bild auf meine Seele wirkte. In der
Verblendung dieses Anblicks warf ich alle Karten nach dem Orte, wo die
Erscheinung gestanden, aber er war schon fort und schnell aus der Stube
verschwunden. Alle sahen mich erstaunt an, einige murrten, ich stürzte zur Tür
hinaus auf die Strasse.
    Ich ging eilig durch die Gassen und blickte rechts und links in die
erleuchteten Fenster hinein, wie da einige soeben ruhig und vollauf zu Abend
schmausten, dort andere ein L'hombrechen spielten, anderswo wieder lustige Paare
sich drehten und jubelten, und allen so philisterhaft wohl war. Mich hungerte
gewaltig. Betteln mocht ich nicht. Schmaust, jubelt und dreht euch nur, ihr
Narren! rief ich, und ging mit starken Schritten aus dem Tore aufs Feld hinaus.
Es war eine stockfinstere Nacht, der Wind jagte mir den Regen ins Gesicht.
    Als ich eben an den Saum eines Waldes kam, erblickte ich plötzlich hart vor
mir zwei lange Männer, heimlich lauernd an eine Eiche gelehnt, die ich sogleich
für Schnapphähne erkannte. Ich ging im Augenblick auf sie los, und packte den
einen bei der Brust. Gebt mir was zu essen, ihr elenden Kerle! schrie ich sie
an, und musste auch gleich darauf laut auflachen, was sie über diese unerwartete
Wendung der Sache für Gesichter schnitten. Doch schien ihnen das zu gefallen,
sie betrachteten mich als einen würdigen Kumpan, und führten mich
freundschaftlich tiefer in den Wald hinein.
    Wir kamen bald auf einen freien, einsamen Platz, wo bärtige Männer, Weiber
und Kinder um ein Feldfeuer herumlagen, und ich bemerkte nun wohl, dass ich unter
einen Zigeunerhaufen geraten war. Da wurde geschlachtet, geschunden, gekocht und
geschmort, alle sprachen und sangen ihr Kauderwelsch verworren durcheinander,
dabei regnete und stürmte es immerfort; es war eine wahre Walpurgisnacht. Mir
war recht kannibalisch wohl. Übrigens war es, ausser dass sie alle ausgemachte
Spitzbuben waren, eine recht gute, unterhaltende Gesellschaft. Sie gaben mir zu
essen, Branntwein zu trinken, tanzten, musizierten und kümmerten sich um die
ganze Welt nicht.
    Mitten in dem Haufen bemerkte ich bald darauf ein altes Weib, die ich bei
dem Widerscheine der Flamme nicht ohne Schreck für dieselbe Zigeunerin
wiedererkannte, die mir als Kind geweissagt hatte. Ich ging zu ihr hin, sie
kannte mich nicht mehr. - Von unserm letzten Zusammentreffen bei Rom wusste oder
mochte sie nichts wissen. - Ich reichte ihr noch einmal die Hand hin. Sie
betrachtete alle Linien sehr genau, dann sah sie mir scharf in die Augen und
sagte, während sie mit seltsamen Gebärden nach allen Weltgegenden in die Luft
focht: Es ist hoch an der Zeit, der Feind ist nicht mehr weit, hüte dich, hüte
dich! Darauf verlor sie sich augenblicklich unter dem Haufen, und ich sah sie
nicht mehr wieder. Mir wurde dabei nicht wohl zumute und die abenteuerlichen
Worte gingen mir wunderlich im Kopfe herum.
    Indes brachten mich die andern Gesellen wieder auf andere Gedanken. Denn sie
drängten sich immer vertraulicher um mich, und erzählten mir ihre verübten
Schwänke und Schalkstaten, worunter eine besonders meine Aufmerksamkeit auf sich
zog. Ein junger Bursch erzählte mir nämlich, wie seine Grossmutter vor vielen
Jahren einmal einer reisenden, welschen Dame, die mit einem Herrn im Wirtshause
übernachtete, ihr kleines Kind gestohlen habe, weil es so wunderschön aussah. Er
beschrieb mir dabei alle Nebenumstände so genau, dass ich fast nicht zweifeln
konnte, die reisende, welsche Dame sei niemand anders, als Angelina selbst
gewesen. - Ich sprang auf und drang in ihn, mir die Geraubte sogleich zu zeigen.
Bestürzt über meinen unerklärlichen Ungestüm, antwortete er mir: Das geraubte
Fräulein wuchs teils unter uns, teils unter unsern Brüdern in einer Waldmühle
auf, wo sie vor einigen Tagen plötzlich mit Mann und Maus verschwunden ist, ohne
dass wir wissen, wohin?« -
    »So war also Erwine deine Tochter!« fiel hier Friedrich seinem Bruder
erstaunt ins Wort. - »Seit ich dieses kleine Bild hier gesehen«, sagte dieser,
»und ihre weitere Geschichte und Namen von euch gehört habe, ist es mir gewiss.
Ich habe sie später, nachdem ich schon von der Welt geschieden war, manchmal von
der Mauer gesehn und gesprochen, wenn ich des Nachts an Leontins Schloss
vorbeistreifte. Aber mir war der Knabe, für den ich sie hielt, wie ihr, nur
reizend als eine besondere neue Art von Narren, als von welcher mir noch keiner
vorgekommen war. Denn auch ich konnte und mochte niemals etwas von ihrem
früheren Leben aus ihr herauskriegen. Das gute Kind fürchtete wahrscheinlich
noch immer Strafe für die unwillkürliche, schändliche Verbindung, in der sie
ihre Kindheit zugebracht. - Doch, hört nun meine Geschichte völlig aus, denn das
viele Plaudern ist mir schon zuwider:
    Noch vor Tagesanbruch also, als wir so lagen und erzählten, kam ein junger
Kerl von der Bande, der auf Kundschaft ausgeschickt worden war, mit fröhlicher
Botschaft zurück, die sogleich den ganzen Haufen in Alarm brachte. Der reiche
Graf, sagte er nämlich aus, wird heute abend auf dem Schloss seinen Geburtstag
feiern, da gibt's was zu schmausen und zu verdienen! Es wurde sogleich
beschlossen, dem Feste, auf was immer für eine Art, ungeladen beizuwohnen. Das
Wetter hatte sich aufgeklärt, wir brachen daher alle schnell auf und zogen
lustig über das Gebirge fort.
    Gegen Abend lagerten wir uns auf einem schönen, waldigen Berge, dem
gräflichen Schloss gegenüber, das jenseits eines Stromes ebenfalls auf einer
Anhöhe mit seinen Säulenportalen und seinem italienischen Dache sich recht
lustig ausnahm. Wir wollten hier die Dunkelheit abwarten. Der letzte Widerschein
der untergehenden Sonne flog eben wie ein Schattenspiel über die Gegend. Unten
auf dem Flusse zogen mehrere aufgeschmückte Schiffe voll Herren und Damen mit
bunten Tüchern und Federn lustig auf das Schloss zu, während von beiden Seiten
Waldhörner weit in die Berge hinein verhallten.
    Als es endlich ringsumher still und finster wurde, sahen wir, wie im
Schloss drüben ein Fenster nach dem andern erleuchtet wurde und Kronleuchter
mit ihren Kreisen von Lichtern sich langsam zu drehen anfingen. Auch im Garten
entstand ein Licht nach dem andern, bis auf einmal der ganze Berg mit Sternen,
Bogengängen und Girlanden von buntfarbigen Glaskugeln erleuchtet, sich wie eine
Feeninsel aus der Nacht hervorhob. Ich überliess meine Begleiter ihren
Beratschlagungen und Kunstgriffen und begab mich allein hinüber zu dem Feste,
ohne eigentlich selber zu wissen, was ich dort wollte.
    Von der Seite, wo ich auf dem Berge hinaufgekommen, war kein Eingang. Ich
schwang mich daher auf die Mauer und sah, so da droben sitzend, in den
Zaubergarten hinein, aus dem mir überall Musik entgegenschwoll. Herren und
Frauen spazierten da in zierlicher Fröhlichkeit zwischen den magischen Lichtern,
Klängen und schimmernden Wasserkünsten prächtig durcheinander. Auch mehrere
Masken sah ich wie Geister durch den lebendigen Jubel auf und ab wandeln.
    Mich fasste bei dem Anblick auf meiner Mauer oben ein blindes, wildes,
unglückseliges Gelüst, mich mit hineinzumischen. Aber meine von Regen und Wind
zerzauste Kleidung war wenig zu einem solchen Abenteuer eingerichtet. Da
erblickte ich seitwärts durch ein offenes Fenster eine Menge verschiedener
Masken in der Vorhalle des Schlosses umherliegen. Ohne mich zu besinnen, sprang
ich von der Mauer herab und in das Vorhaus hinein. Eine Menge Bedienten, halb
berauscht, rannten dort mit Gläsern und Tellern durcheinander, ohne mich zu
bemerken oder doch weiter zu beachten. Ich zettelte daher den bunten Plunder von
Masken ungestört auseinander und zog zufällig eine schwarze Rittertracht nebst
Schwert und allem Zubehör hervor. Ich legte sie schnell an, nahm eine
danebenliegende Larve vor und begab mich so mitten unter das Gewirre in den
Glanz hinaus.
    Ich kam mir in der Fröhlichkeit vor wie der Böse, denn mir war nicht anders
zumute, als dem Zigeunerhauptmann auf dem Jahrmarkt zu Plundersweilern. Am Ende
eines erleuchteten Bogenganges hörte ich auf einmal einige Damen ausrufen: Sieh
da, die Frau vom Hause! Welche Perlen! Welche Juwelen! Ich sehe mich schnell um
und erblicke - Angelina, die in voller Pracht ihrer Schönheit die Allee
heraufkommt. - Mein mörderischer Zorn, der mich damals durch ganz Italien hin
und her gehetzt hatte, war längst vorüber, denn ich war nicht mehr verliebt. Es
war mir eben alles einerlei auf der Welt. Ich wandte mich daher, und wollte,
ohne sie zu sprechen, in einen andern Gang herumbiegen. Wie sehr erstaunte ich
aber, als Angelina mir schnell nachhüpfte und sich vertraulich in meinen Arm
hing. - Kennst du mich? rief ich ganz entrüstet. - Wie sollt ich doch nicht,
sagte sie scherzend, hab ich dir denn nicht selber die Halskrause zu der Maske
genäht? - Ich bemerkte nun wohl, dass sie mich verkannte, konnte aber nicht
wissen, für wen sie mich hielt, und ging daher stillschweigend neben ihr her.
    Wir waren indes von der Gesellschaft abgekommen, die Musik schallte nur noch
schwach nach, die Beleuchtung ging gar aus, von fern gewitterte es hin und
wieder. Warum bist du so still? sagte sie wieder. Ich weiss nicht, fuhr sie fort,
ich bin heut traurig bei aller Lust, und ich könnte es auch nicht beschreiben,
wie mir zumute ist. Aber ihr harten Männer achtet gar wenig darauf. - Wir kamen
an eine Laube, in deren Mitte eine Gitarre auf einem Tischchen lag. Sie nahm
dieselbe und fing an, ein italienisches Liedchen zu singen. Mitten in dem Liede
brach sie aber wieder ab. Ach, in Italien war es doch schöner! sagte sie, und
lehnte die Stirn an meine Brust. Angelina! rief ich, um sie zu ermuntern. Sie
richtete sich schnell auf und lauschte dem Rufe wie einem alten, wohlbekannten
Tone auf den sie sich nicht recht besinnen konnte. - Dann sagte sie: Ich bitte
dich, singe etwas, denn mir ist zum Sterben bange! Ich nahm die Gitarre und sang
folgende Romanze, die mir in diesem Augenblick sehr deutlich durch den Sinn
ging:
Nachts durch die stille Runde
Rauschte des Rheines Lauf,
Ein Schifflein zog im Grunde,
Ein Ritter stand darauf.
Die Blicke irre schweifen
Von seines Schiffes Rand,
Ein blutigroter Streifen
Sich um das Haupt ihm wand.
Der sprach: »Da oben stehet
Ein Schlösslein überm Rhein,
Die an dem Fenster stehet:
Das ist die Liebste mein.
Sie hat mir Treu versprochen,
Bis ich gekommen sei,
Sie hat die Treu gebrochen,
Und alles ist vorbei.«
Ich bemerkte hier bei dem Scheine eines Blitzes, dass Angelina heftig geweint
hatte und noch fortweinte. Ich sang weiter:
Viel Hochzeitleute drehen
Sich oben laut und bunt,
Sie bleibet einsam stehen,
Und lauschet in den Grund.
Und wie sie tanzen munter,
Und Schiff und Schiffer schwand,
Stieg sie vom Schloss herunter,
Bis sie im Garten stand.
Die Spielleut musizierten,
Sie sann gar mancherlei,
Die Töne sie so rührten,
Als müsst das Herz entzwei.
Da trat ihr Bräut'gam süsse
Zu ihr aus stiller Nacht,
So freundlich er sie grüsste,
Dass ihr das Herze lacht.
Er sprach: »Was willst du weinen,
Weil alle fröhlich sein?
Die Stern so helle scheinen,
So lustig geht der Rhein.
Das Kränzlein in den Haaren
Steht dir so wunderfein,
Wir wollen etwas fahren
Hinunter auf dem Rhein.«
Zum Kahn folgt' sie behende,
Setzt' sich ganz vorne hin,
Er setzt' sich an das Ende
Und liess das Schifflein ziehn.
Sie sprach: »Die Töne kommen
Verworren durch den Wind,
Die Fenster sind verglommen,
Wir fahren so geschwind.
Was sind das für so lange
Gebirge weit und breit?
Mir wird auf einmal bange
In dieser Einsamkeit!
Und fremde Leute stehen
Auf mancher Felsenwand,
Und stehen still und sehen
So schwindlig übern Rand.« -
Der Bräut'gam schien so traurig
Und sprach kein einzig Wort,
Schaut in die Wellen schaurig
Und rudert immerfort.
Sie sprach: »Schon seh ich Streifen
So rot im Morgen stehn,
Und Stimmen hör ich schweifen,
Am Ufer Hähne krähn.
Du siehst so still und wilde,
So bleich ist dein Gesicht,
Mir graut vor deinem Bilde -
Du bist mein Bräut'gam nicht!« -
Ich bitte dich um Gottes willen, unterbrach mich hier Angelina dringend, nimm
die Larve ab, ich fürchte mich vor dir. - Lass das, sagte ich abwehrend, es gibt
fürchterliche Gesichter, die das Herz in Stein verwandeln, wie das Haupt der
Medusa. - Ich hatte fast zu viel gesagt und griff rasch wieder in die Saiten:
Da stand er auf - das Sausen
Hielt an in Flut und Wald -
Es rührt mit Lust und Grausen
Das Herz ihr die Gestalt.
Und wie mit steinern'n Armen
Hob er sie auf voll Lust,
Drückt ihren schönen, warmen
Leib an die eis'ge Brust.
Licht wurden Wald und Höhen,
Der Morgen schien blutrot,
Das Schifflein sah man gehen,
Die schöne Braut drin tot.
Kaum hatte ich noch die letzte Strophe geendigt, als Angelina mit einem lauten
Schrei neben mir zu Boden fiel. Ich schaue ringsum und erblicke mein eigenes,
leibhaftiges Konterfei im Eingange des Bosketts: dieselbe schwarze Rittermaske,
die nämliche Grösse und Gestalt. - Lass mein Weib, verführerisches Blendwerk der
Hölle! rief die Maske ausser sich, und stürzte mit blankem Schwerte so wütend auf
mich ein, dass ich kaum Zeit genug hatte, meinen eigenen Degen zu ziehn. Ich
erstaunte über die Ähnlichkeit seiner Stimme mit der meinigen, und begriff nun,
dass mich Angelina für diesen ihren Mann gehalten hatte. In der Bewegung des
Gefechts war ihm indes die Larve vom Gesicht gefallen, und ich erkannte mit
Grausen den fürchterlichen Unbekannten wieder, dessen Schreckbild mich durchs
ganze Leben verfolgt. Mir fiel die Prophezeiung ein. Ich wich entsetzt zurück,
denn er focht unbesonnen in blinder Eifersucht und ich war im Vorteil. Aber es
war zu spät, denn in demselben Augenblicke rannte er sich wütend selber meine
Degenspitze in die Brust und sank tot nieder.
    Mein dunkler, wilder, halb unwillkürlicher Trieb war nun erfüllt. Finsterer,
als die Nacht um mich, eilte ich den Garten hinab. Ein Kahn stand unten am Ufer
des Stromes angebunden. Ich stieg hinein und liess ihn den Strom hinabfahren. Die
Nacht verging, die Sonne ging auf und wieder unter, ich sass und fuhr noch
immerfort.
    Den andern Morgen verlor sich der Strom zwischen wilden, einsamen Wäldern
und Schluchten. Der Hunger trieb mich ans Land. Es war diese Gegend hier. Ich
fand nach einigem Herumirren das Schloss, das ihr gesehen. Ein alter, verrückter
Einsiedler wohnte damals darin, von dessen früherem Lebenslaufe ich nie etwas
erfahren konnte. Es gefiel mir gar wohl in dieser Wüste und ich blieb bei ihm.
Kurze Zeit darauf starb der Alte und hinterliess mir seine alten Bücher, sein
verfallenes Schloss und eine Menge Goldes in den Kellern. Ich hätte nun wieder in
die Welt zurückkehren können mit dem Schatze zum allgemeinen Nutzen und
Vergnügen. Aber ich passe nirgends mehr in die Welt hinein. Die Welt ist ein
grosser, unermesslicher Magen und braucht leichte, weiche, bewegliche Menschen,
die er in seinen vielfach verschlungenen, langweiligen Kanälen verarbeiten kann.
Ich tauge nicht dazu, und sie wirft solche Gesellen wieder aus, wie
unverdauliches Eisen, fest, kalt, formlos und ewig unfruchtbar.« -
    So endigte Rudolf seine Erzählung, welche die beiden Grafen in eine
nachdenkliche Stille versenkt hatte. Leontin hatte sich, als Rudolf das Schloss
der Angelina beschrieb, an jenen kurzen Besuch erinnert, den er nach dem Brande
mit Friedrich auf dem Schloss der weissen Frau abgelegt, und konnte sich der
Vermutung nicht erwehren, dass diese vielleicht Angelina selber war. - Es war
unterdes dunkel geworden, der Mond trat eben über den einsamen Bergen hervor.
»Ihr wisst nun alles, gute Nacht!« sagte Rudolf schnell und ging von ihnen fort.
Sie sahen ihm lange nach, wie sein langer, dunkler Schatten sich zwischen den
hohen Bäumen verlor.
    Als sie wieder oben in ihrem Zimmer waren, ergriff Leontin Mariens Gitarre,
die sie dort vergessen hatte, und sang über den stillen Kreis der Wälder hinaus:
»Nächtlich dehnen sich die Stunden,
Unschuld schläft in stiller Bucht,
Fernab ist die Welt verschwunden,
Die das Herz in Träumen sucht.
Und der Geist tritt auf die Zinne,
Und noch stiller wird's umher,
Schauet mit dem starren Sinne
In das wesenlose Meer.
Wer ihn sah bei Wetterblicken
Stehn in seiner Rüstung blank:
Den mag nimmermehr erquicken
Reichen Lebens frischer Drang. -
Fröhlich an den öden Mauern
Schweift der Morgensonne Blick,
Da versinkt das Bild mit Schauern
Einsam in sich selbst zurück.«
 
                           Vierundzwanzigstes Kapitel
Friedrich und Leontin vermehrten nun auch den wunderlichen Haushalt auf dem
alten Waldschlosse. Der unglückliche Rudolf lag gegen beide und gegen alle Welt
mit Witz zu Felde, sooft er mit ihnen zusammenkam. Doch geschah dies nur selten,
denn er schweifte oft tagelang allein im Walde umher, wo er sich mit sich selber
oder den Rehen, die er sehr zahm zu machen gewusst, in lange Unterredungen
einzulassen pflegte. Ja, es geschah gar oft, dass sie ihn in einem lebhaften und
höchst komischen Gespräche mit irgendeinem Felsen oder Steine überraschten, der
etwa durch eine mundähnliche Öffnung oder durch eine weise vorstehende Nase eine
eigene, wunderliche Physiognomie machte. dabei bildeten die Narren, welche er
auf seinen Streifzügen, die er noch bisweilen ins Land hinab machte,
zusammengerafft, eine seltsame Akademie um ihn, alle ernstaften Torheiten der
Welt in fast schauerlicher und tragischer Karikatur travestierend. Jeder
derselben hatte seine bestimmte Tagesarbeit im Hauswesen. Durch diese
fortlaufende Beschäftigung, die Einsamkeit und reine Bergluft kamen viele von
ihnen nach und nach wieder zur Vernunft, worauf sie dann Rudolf wieder in die
Welt hinaussandte und gerührt auf immer von ihnen Abschied nahm.
    In Friedrich entwickelte diese Abgeschiedenheit endlich die ursprüngliche,
religiöse Kraft seiner Seele, die schon im Weltleben, durch gutmütiges Staunen
geblendet, durch den Drang der Zeiten oft verschlagen und falsche Bahnen
suchend, aus allen seinen Bestrebungen, Taten, Poesieen und Irrtümern
hervorleuchtete. Jetzt hatte er alle seine Pläne, Talentchen, Künste und
Wissenschaften unten zurückgelassen, und las wieder die Bibel, wie er schon
einmal als Kind angefangen. Da fand er Trost über die Verwirrung der Zeit, und
das einzige Recht und Heil auf Erden in dem heiligen Kreuze. Er hatte endlich
den phantastischen, tausendfarbigen Pilgermantel abgeworfen, und stand nun in
blanker Rüstung als Kämpfer Gottes gleichsam an der Grenze zweier Welten. Wie
oft, wenn er da über die Täler hinaussah, fiel er auf seine Knie und betete
inbrünstig zu Gott, ihm Kraft zu verleihen, was er in der Erleuchtung erfahren,
durch Wort und Tat seinen Brüdern mitzuteilen. - Leontin dagegen wurde hier oben
ganz melancholisch und wehmütig, wie ihn Friedrich noch niemals gesehen. Es
fehlte ihm hier alle Handhabe, das Leben anzugreifen. -
    Eines Tages, da sie beide zusammen einen ihnen bis jetzt noch unbekannten
Weg eingeschlagen und sich weiter als gewöhnlich von dem Schloss verirrt
hatten, kamen sie auf einmal auf eine Anhöhe zwischen den Bäumen heraus zu einer
wundervollen Aussicht, die sie innigst überraschte. Mitten in der
Waldeseinsamkeit stand nämlich ein Kloster auf einem Berge; hinter dem Berge lag
plötzlich das Meer in seiner schauerlichen Unermesslichkeit; von der andern Seite
sah man weit in das ebene Land hinaus. Es schien eben ein Fest in dem Kloster
gewesen zu sein, denn lange, bunte Züge von Wallfahrern wallten durch das Grün
den Berg hinab und sangen geistliche Lieder, deren rührende Weise sich gar
anmutig mit den Klängen der Abendglocken vermischte, die ihnen von dem Kloster
nachhallten.
    Leontin sah ihnen stillschweigend nach, bis ihr Gesang in der Ferne
verhallte und die Gegend in dämmernde Stille versank. Dann nahm er die Gitarre,
die hier überall seine Begleiterin war, und sang folgendes Lied:
»Lass, mein Herz, das bange Trauern
Um vergangnes Erdenglück,
Ach, von dieser Felsen Mauern
Schweifet nur umsonst dein Blick!
Sind denn alle fortgegangen:
Jugend, Sang und Frühlingslust?
Lassen, scheidend, nur Verlangen
Einsam mir in meiner Brust?
Vöglein hoch in Lüften reisen,
Schiffe fahren auf der See,
Ihre Segel, ihre Weisen
Mehren nur des Herzens Weh.
Ist vorbei das bunte Ziehen,
Lustig über Berg und Kluft,
Wenn die Bilder wechselnd fliehen,
Waldhorn immer weiter ruft?
Soll die Lieb auf sonn'gen Matten
Nicht mehr baun ihr prächtig Zelt,
Übergolden Wald und Schatten
Und die weite, schöne Welt? -
Lass das Bangen, lass das Trauern,
Helle wieder nur den Blick!
Fern von dieser Felsen Mauern
Blüht dir noch gar manches Glück!«
Beide Freunde wurden still nach dem Liede und gingen schweigend nebeneinander
wieder nach dem Schloss zurück. Die abgefallenen Blätter raschelten schon unter
ihren Tritten auf dem Boden, ein herbstlicher Wind durchstrich den seufzenden
Wald und verkündigte, dass die fröhliche Sommerzeit bald Abschied nehmen wolle.
Sie schienen beide besondern Gedanken und Entschlüssen nachzuhängen, die sie an
jenem Platze gefasst hatten.
    Als der Mond die alten Zinnen des Schlosses beleuchtete, trat Leontin auf
einmal reisefertig vor Friedrich. »Ich ziehe fort«, sagte er, »der Winter kommt
bald, mir ist, als läge das ganze Leben wie diese Felsen hier auf meiner Brust,
und ein Strom von Tränen möchte aus dem tiefsten Herzen ausbrechen, um die Berge
wegzuwälzen; ich muss fort, ziehe du auch mit!« - Friedrich schüttelte lächelnd
den Kopf, aber im Innersten war er traurig, denn er fühlte, dass sich ihr
Lebenslauf nun bedeutend und vielleicht auf immer scheiden werde.
    Leontin zog endlich sein Pferd hervor und führte es langsam am Zügel hinter
sich her, während ihm Friedrich noch eine Strecke weit das Geleite gab. Der
volle Mond ging eben über dem stillen Erdkreise auf, man konnte in der Tiefe
weit hinaus den Lauf der Ströme deutlich unterscheiden. Leontin war ungewöhnlich
gerührt und drang nochmals in Friedrich, mit hinunterzuziehn. »Du weisst nicht,
was du forderst«, sagte dieser ernst, »locke mich nicht noch einmal hinab in die
Welt, mir ist hier oben unbeschreiblich wohl, und ich bin kaum erst ruhig
geworden. Dich will ich nicht halten, denn das muss von innen kommen, sonst tut
es nicht gut. Und also ziehe mit Gott!« Die beiden Freunde umarmten einander
noch einmal herzlich, und Leontin war bald in der Dunkelheit verschwunden.
    Ihm zogen nun bald auch Vögel, Laub, Blumen und alle Farben nach. Der alte,
grämliche Winter sass melancholisch mit seiner spitzen Schneehaube auf dem Gipfel
des Gebirges zog die bunten Gardinen weg, stellte wunderlich nach allen Seiten
die Kulissen der lustigen Bühne, wie in einer Rumpelkammer, auseinander und
durcheinander, baute sich phantastisch blitzende Eispaläste und zerstörte sie
wieder, und schüttelte unaufhörlich eisige Flocken aus seinem weiten Mantel
darüber. Der stumme Wald sah aus wie die Säulen eines umgefallenen Tempels, die
Erde war weiss, so weit die Blicke reichten, das Meer dunkel; es war eine
unbeschreibliche Einsamkeit da droben.
    Rudolfs seltsam verwildertem Gemüt war diese Zeit eben recht. Er streifte
oft halbe Tage lang mitten im Sturm und Schneegestöber auf allen den alten
Plätzen umher. Abends pflegte er häufig bis tief in die Nacht auf seiner
Sternwarte zu sitzen und die Konjunkturen der Gestirne zu beobachten. Eine Menge
alter astrologischer Bücher lag dabei um ihn her, aus denen er verschiedenes
auszeichnete und geheimnisvolle Figuren bildete.
    Nach solchen Perioden machte er dann gewöhnlich wieder grössere Streifzüge,
manchmal bis ans Meer, wo es ihm eine eigene Lust war, ganz allein auf einem
Kahne mit Lebensgefahr in die wilde, unermessliche Einöde hinauszufahren.
Bisweilen verirrte er sich auch wohl in den Tälern zu manchem einsamen
Landschlosse, wenn er in der Faschingszeit die Fenster hellerleuchtet sah. Er
betrachtete dann gewöhnlich draussen die Tanzenden durchs Fenster, wurde aber
immer bald von dem rasenden Trompeten und Geigen wieder vertrieben.
    Als er einmal von so einem Zuge zurückkam, erzählte er Friedrich, er habe
unten, weit von hier, einen grossen Leichenzug gesehen, der sich bei Fackelschein
und mit schwarzbehängten Pferden langsam über die beschneiten Felder hinbewegte.
Er habe weder die Gegend, noch die Personen gekannt, die der Leiche im Wagen
folgten. Aber Leontin sei bei dem Zuge, ohne ihn zu bemerken, an ihm
vorübergesprengt. - Friedrich erschrak über diese düstere Botschaft. Aber er
konnte nicht erraten, welchem alten Bekannten der Zug gegolten, da sich Rudolf
weiter um nichts bekümmert hatte.
    Friedrich setzte indes noch immer seine geistlichen Betrachtungen fort. Er
besuchte, sooft es nur das Wetter erlaubte, das nahgelegene Kloster, das er an
Leontins Abschiedstage zum ersten Male gesehen, und blieb oft wochenlang dort.
Rudolf konnte er niemals bewegen, ihn zu begleiten, oder auch nur ein einziges
Mal die Kirche zu besuchen. Er fand in dem Prior des Klosters einen frommen
erleuchteten Mann, der besonders auf der Kanzel in seiner Begeisterung, gleich
einem Apostel, wunderbar und altertümlich erschien. Friedrich schied nie ohne
Belehrung und himmlische Beruhigung von ihm, und mochte sich bald gar nicht mehr
von ihm trennen. Und so bildete sich denn sein Entschluss, selber ins Kloster zu
gehen, immer mehr zur Reife.
    Der Winter war vergangen, die schöne Frühlingszeit liess die Ströme los und
schlug weit und breit ihr liebliches Reich wieder auf. Da erblickte Friedrich
eines Morgens, als er eben von der Höhe schaute, unten in der Ferne zwei Reiter,
die über die grünen Matten hinzogen. Sie verschwanden bald hinter den Bäumen,
bald erschienen sie wieder auf einen Augenblick, bis sie Friedrich endlich in
dem Walde völlig aus dem Gesichte verlor.
    Er wollte nach einiger Zeit eben wieder in das Schloss zurückkehren, als die
beiden Reiter plötzlich vor ihm aus dem Walde den Berg heraufkamen. Er erkannte
sogleich seinen Leontin. Sein Begleiter, ein feiner, junger Jäger, sprang
ebenfalls vom Pferde und kam auf ihn zu.
    »Setzen wir uns«, sagte Leontin gleich nach der ersten Begrüssung munter,
»ich habe dir viel zu sagen. Vor allem: kennst du den?« Hierbei hob er dem Jäger
den Hut aus der Stirne, und Friedrich erkannte mit Erstaunen die schöne Julie,
die in dieser Verkleidung mit niedergeschlagenen Augen vor ihm stand. »Wir sind
auf einer grossen Reise begriffen«, sagte er darauf. »Die Jungfrau Europa, die so
hochherzig mit ihren ausgebreiteten Armen dastand, als wolle sie die ganze Welt
umspannen, hat die alten, sinnreichen, frommen, schönen Sitten abgelegt und ist
eine Metze geworden. Sie buhlt frei mit dem gesunden Menschenverstande, dem
Unglauben, Gewalt und Verrat, und ihr Herz ist dabei besonders eingeschrumpft. -
Pfui, ich habe keine Lust mehr an der Philisterin! Ich reise weit fort von hier
in einen andern Weltteil, und Julie begleitet mich.« - Friedrich sah ihn bei
diesen Worten gross an. - »Es ist mein voller Ernst«, fuhr Leontin fort, »Juliens
Vater ist auch gestorben und ich kann hier nicht länger mehr leben, wie ich
nicht mag und darf.«
    Friedrich erfuhr nun auch, dass sie Land und alles, was sie hier besessen, zu
Gelde gemacht, und ein eigenes Schiff bereits in der abgelegenen Bucht, die an
das erwähnte Kloster stiess, bereitliege, um sie zu jeder Stunde aufzunehmen. -
Er konnte, ungeachtet der schmerzlichen Trennung, nicht umhin, sich über dieses
Vorhaben zu freuen, denn er wusste wohl, dass nur ein frisches, weites Leben
seinen Freund erhalten könne, der hier in der allgemeinen Misere durch
fruchtlose Unruhe und Bestrebung nur sich selber vernichtet hätte.
    Sie sprachen dort noch lange darüber. Julie sass unterdes still, mit dem
einen Arme auf Leontins Knie gestützt, und sah überaus reizend aus. - »Seid ihr
denn getraut?« fragte Friedrich Leontin leise. - Julie hatte es dessenungeachtet
gehört, und wurde über und über rot.
    Es wurde nun sogleich beschlossen, die Trauung noch heute in dem Kloster zu
vollziehen. Man begab sich daher in das alte Schloss, die Felleisen wurden
abgeschnallt und Julie musste sich umziehen. Friedrich bereitete unterdes
fröhlich alles, was sich hier schaffen liess, zu einem lustigen Hochzeitsfeste,
während Leontin, der sich in dieser Lage als feierlicher Bräutigam gar komisch
vorkam, allerhand Possen machte, und die seltsamsten Anstalten traf, um das Fest
recht phantastisch auszuschmücken.
    Endlich erschien Julie wieder. Sie hatte ein weisses Kleid, die schönen,
goldenen Haare fielen in langen Locken über den Nacken und die Schultern, man
konnte sie nicht ansehen ohne sich an irgendein schönes, altdeutsches Bild zu
erinnern. Sie bestiegen nun alle ihre Pferde und zogen so, Julie in die Mitte
nehmend, auf das Kloster zu. Als sie die letzte Höhe vor demselben erreichten,
wo auf einmal das Meer durch die Wälder und Hügel seinen furchtbar grossen
Geisterblick hinaufsandte, tat Julie einen Freudenschrei über den unerwarteten,
noch nie gehabten Anblick, und sah dann den ganzen Weg über mit den grossen,
sinnigen Augen stumm in das wunderbare Reich, wie in eine unbekannte, gewaltige
Zukunft. Die Glockenklänge von dem Klosterturme kamen ihnen wunderbar tröstend
aus der unermesslichen Aussicht entgegen.
    In dem Kloster selbst war eben das Wallfahrtsfest, das alle Jahre einige
Male gefeiert wurde, wiedergekehrt. Die Einsamkeit ringsherum war wieder bunt
belebt, eine Menge Pilger war, als sie dort ankamen, in kleinen Haufen unter den
grünen Bäumen vor der Kirche gelagert, die Kirche selbst mit Blumen und grünen
Reisern freundlich geschmückt. Friedrich hatte schon früher den Prior von ihrer
Ankunft benachrichtigen lassen, und so wurden denn Leontin und Julie noch diesen
Vormittag in der Kirche feierlich zusammengegeben.
    Die Menge fremder Pilger freute sich über das fremde Paar. Nur eine hohe,
junge Dame, die einen dichten Schleier über das Gesicht geschlagen hatte, lag
seitwärts vor einem einsamen Altare voll Andacht auf den Knien und schien von
allem, was hinter ihr in der Kirche vorging, nichts zu bemerken. Friedrich sah
sie; sie kam ihm bekannt vor. - Diese einsame Gestalt, das unaufhörliche Ringen
und Brausen der Orgeltöne, der fröhliche Sonnenschein, der draussen vor der
offenen Tür auf dem grünen Platze spielte, alles drang so seltsam rührend auf
ihn ein, als wollte das ganze vergangene Leben noch einmal mit den ältesten
Erinnerungen und lang vergessenen Klängen an ihm vorübergehen, um auf immer
Abschied zu nehmen. Ihm fiel dabei recht ein, wie nun auch Leontin fortreise und
wahrscheinlich nie mehr wiederkomme, und eine unbeschreibliche Wehmut
bemächtigte sich seiner, so dass er ins Freie hinaus musste. Er ging draussen unter
den hohen Bäumen vor der Kirche auf und ab und weinte sich herzlich aus.
    Die Zeremonie war unterdes geendigt, und sie ritten wieder nach dem alten
Schloss zurück. Auf dem grünen Platze vor demselben empfing sie unter den hohen
Bäumen ein reinlich gedeckter Tisch; grosse Blumensträusse und vielfarbiges Obst
stand in silbernen Gefässen zwischen dem golden blickenden Wein und
hellgeschliffenen Gläsern, alle das fröhlich bunte Gemisch von Farben gab in dem
Grün und unter blauheiterm Himmel einen frischer lockenden Schein. Man hatte,
was in dem Schloss nicht zu finden war, schnell aus dem Kloster
herbeigeschaft. Rudolf liess sich nirgends sehen.
    Sie assen und tranken nun in der grünen Einsamkeit, während der Kreis der
Wälder in ihre Gespräche hineinrauschte. Julie sass still in die Zukunft versenkt
und schien innerlich entzückt, dass nun endlich ihr ganzes Leben in des Geliebten
Gewalt gegeben sei.
    So kam der Abend heran. Da sahen sie zwei Männer, die in einem lebhaften
Gespräche miteinander begriffen schienen, aus dem Walde zu ihnen heraufkommen.
Sie erkannten Rudolf an der Stimme. Kaum hatte ihn Julie, die schon von dem
vielen Weine erhitzt war, erblickt, als sie laut aufschrie und sich furchtsam an
Leontin andrückte. Es war dieselbe dunkle Gestalt, die sie aus dem Wagen bei dem
Leichenzuge ihres Vaters einsam auf dem beschneiten Felde hatte stehen sehen. -
    »O seht, was ich da habe«, rief ihnen Rudolf schon von weitem entgegen, »ich
habe im Walde einen Poeten gefunden, wahrhaftig, einen Poeten! Er sass unter
einem Baume und schmälte laut auf die ganze Welt in schönen, gereimten Versen,
dass ich bis zu Tränen lachen musste. Gib dich zufrieden, Gevatter! sagte ich so
gelind als möglich zu ihm, aber er nimmt keine Vernunft an und schimpft
immerfort.« - Rudolf lachte hierbei so übermässig und aus Herzensgrunde, wie sie
ihn noch niemals gesehen.
    Sie hatten indes in seinem Begleiter mit Freuden den lang entbehrten Herrn
Faber erkannt. Leontin sprang sogleich auf, ergriff ihn, und walzte mit ihm auf
der Wiese herum, bis sie beide nicht mehr weiter konnten. »Et tu Brute?« - rief
endlich Faber aus, als er wieder zu Atem gekommen war, »nein, das ist zu toll,
der Berg muss verzaubert sein! Unten begegne ich der kleinen Marie, ich will sie
aus alter Bekanntschaft haschen und küssen, und bekomme eine Ohrfeige; weiter
oben sitzt auf einer Felsenspitze eine Figur mit breitem Mantel und Krone auf
dem Haupte, wie der Metallfürst, und will mir grämlich nicht den Weg weisen, ein
als Ritter verkappter Phantast rennt mich fast um; dann falle ich jenem
Melancholikus da in die Hände, der nicht weiss, warum er lacht; und nachdem ich
mich endlich mit Lebensgefahr hinaufgearbeitet habe, seid ihr hier oben am Ende
auch noch verrückt.« - »Das kann wohl sein«, sagte Leontin lustig, »denn ich bin
verheiratet« (hierbei küsste er Julie, die ihm die Hand auf den Mund legte) »und
Friedrich da«, fuhr er fort, »will ins Kloster gehn. Aber du weisst ja den alten
Spruch: sie haben sich zu Toren gemacht vor der Welt. - Und nun sage mir nur,
wie in aller Welt du uns hier aufgefunden hast?«
    Faber erzählte nun, dass er auf einer Wallfahrt zu dem Kloster begriffen
gewesen, von dessen schöner Lage er schon viel gehört. Unterwegs habe er am
Meere von Schiffsleuten vernommen, dass sich Leontin hier oben aufhalte, und
daher den Berg bestiegen. - Rudolf verwandte unterdes mit komischer
Aufmerksamkeit kein Auge von dem kurzen, runden, wohlhäbigen Manne, der mit so
lebhaften Gebärden sprach. Faber setzte sich zu ihnen, und sie teilten ihm nun
zu seiner Verwunderung ihre Pläne mit. Rudolf war indes auch wieder still
geworden und sass wie der steinerne Gast unter ihnen am Tische. Julie blickte ihn
oft seitwärts an und konnte sich noch immer einer heimlichen Furcht vor ihm
nicht erwehren, denn es war ihr, als verginge diesem kalten und klugen Gesichte
gegenüber ihre Liebe und alles Glück ihres Lebens zu nichts.
    Die Nacht war indes angebrochen, die Sterne prangten an dem heitern Himmel.
Da erklang auf einmal Musik aus dem nächsten Gebüsche. Es waren Spielleute aus
dem Kloster, die Leontin bestellt hatte. Rudolf stand bei den ersten Klängen
auf, sah sich ärgerlich um und ging fort.
    Leontin, von den plötzlichen Tönen wie im innersten Herzen erweckt, hob sein
Glas hoch in die Höhe und rief: »Es lebe die Freiheit!« »Wo?« - fragte Faber,
indem er selbst langsam sein Glas aufhob. - »Nur nicht etwa in der Brust des
Philosophen allein«, erwiderte Leontin, unangenehm gestört. »Diese allgemeine,
natürliche, philosophische Freiheit, der jede Welt gut genug ist, um sich in
ihrem Hochmute frei zu fühlen, ist mir ebenso in der Seele zuwider, als jene
natürliche Religion, welcher alle Religionen einerlei sind. Ich meine jene
uralte, lebendige Freiheit, die uns in grossen Wäldern wie mit wehmütigen
Erinnerungen anweht, oder bei alten Burgen sich wie ein Geist auf die zerfallene
Zinne stellt, der das Menschenschifflein unten wohl zufahren heisst, jene
frische, ewig junge Waldesbraut, nach welcher der Jäger frühmorgens aus den
Dörfern und Städten hinauszieht, und sie mit seinem Horne lockt und ruft, jener
reine, kühle Lebensatem, den die Gebirgsvölker auf ihren Alpen einsaugen, dass
sie nicht anders leben können, als wie es der Ehre geziemt. - Aber damit ist es
nun aus. - Wenn unserer Altvordern Herzen wohl mit dreifachem Erz gewappnet
waren, das vor dem rechten Strahle erklang, wie das Erz von Dodona; so sind die
unsrigen nun mit sechsfacher Butter des häuslichen Glückes, des guten
Geschmacks, zarter Empfindungen und edelmütiger Handlungen umgeben, durch die
kein Wunderlaut bis zu der Talggrube hindurchdringt. Zieht dann von Zeit zu Zeit
einmal ein wunderbarer, altfränkischer Gesell, der es noch ehrlich und ernstaft
meint, wie Don Quijote, vorüber, so sehen Herren und Damen nach der Tafel
gebildet und gemächlich zu den Fenstern hinaus, stochern sich die Zähne und
ergötzen sich an seinen wunderlichen Kapriolen, oder machen wohl gar auch
Sonette auf ihn, und meinen, er sei eine recht interessante Erscheinung, wenn er
nur nicht eigentlich verrückt wäre. - Das alte grosse Racheschwert haben sie
sorglich vergraben und verschüttet, und keiner weiss den Fleck mehr, und darüber
auf dem lockern Schutt bauen sie nun ihre Villen, Parks, Eremitagen und
Wohnstuben, und meinen in ihrer vernünftigen Dummheit, der Plunder könne so
fortbestehn. Die Wälder haben sie ausgehauen, denn sie fürchten sich vor ihnen,
weil sie von der alten Zeit zu ihnen sprechen und am Ende den Ort noch verraten
könnten, wo das Schwert vergraben liegt.« - Leontin ergriff hierbei hastig die
Gitarre, die neben ihm auf dem Rasen lag, und sang:
»O könnt ich mich niederlegen
Weit in den tiefsten Wald,
Zu Häupten den guten Degen,
Der noch von den Vätern alt!
Und dürft von allem nichts spüren
In dieser dummen Zeit,
Was sie da unten hantieren,
Von Gott verlassen, zerstreut;
Von fürstlichen Taten und Werken,
Von alter Ehre und Pracht,
Und was die Seele mag stärken,
Verträumend die lange Nacht!
Denn eine Zeit wird kommen,
Da macht der Herr ein End,
Da wird den Falschen genommen
Ihr unechtes Regiment.
Denn wie die Erze vom Hammer,
So wird das lockre Geschlecht,
Gehaun sein von Not und Jammer
Zu festem Eisen recht.
Da wird Aurora tagen
Hoch über den Wald hinauf,
Da gibt's was zu siegen und schlagen,
Da wacht, ihr Getreuen, auf!
Und so«, sagte er, »will ich denn in dem noch unberührten Waldesgrün eines
andern Weltteils Herz und Augen stärken, und mir die Ehre und die Erinnerung an
die vergangene grosse Zeit, sowie den tiefen Schmerz über die gegenwärtige heilig
bewahren, damit ich der künftigen, bessern, die wir alle hoffen, würdig bleibe,
und sie mich wach und rüstig finde. Und du«, fuhr er zu Julie gewendet fort,
»wirst du ganz ein Weib sein, und, wie Shakespeare sagt, dich dem Triebe
hingeben, der dich zügellos ergreift und dahin oder dortin reisst, oder wirst du
immer Mut genug haben, dein Leben etwas Höherem unterzuordnen? Und dämmert
endlich die Zeit heran, die mich Gott erleben lasse! wirst du fröhlich sagen
können: Ziehe hin! denn was du willst und sollst, ist mehr wert, als dein und
mein Leben?« - Julie nahm ihm fröhlich die Gitarre aus der Hand und antwortete
mit folgender Romanze:
                          »Von der deutschen Jungfrau
Es stand ein Fräulein auf dem Schloss,
Erschlagen war im Streit ihr Ross,
Schnob wie ein See die finstre Nacht,
Wollt überschrein die wilde Schlacht.
Im Tal die Brüder lagen tot,
Es brannt die Burg so blutigrot,
In Lohen stand sie auf der Wand,
Hielt hoch die Fahne in der Hand.
Da kam ein röm'scher Rittersmann,
Der ritt keck an die Burg hinan,
Es blitzt sein Helm gar mannigfach,
Der schöne Ritter also sprach:
Jungfrau, komm in die Arme mein!
Sollst deines Siegers Herrin sein.
Will baun dir einen Palast schön,
In prächt'gen Kleidern sollst du gehn.
Es tun dein Augen mir Gewalt,
Kann nicht mehr fort aus diesem Wald,
Aus wilder Flammen Spiel und Graus
Trag ich mir meine Braut nach Haus!
Der Ritter liess sein weisses Ross,
Stieg durch den Brand hinauf ins Schloss,
Viel Knecht ihm waren da zur Hand,
Zu holen das Fräulein von der Wand.
Das Fräulein stiess die Knecht hinab,
Den Liebsten auch ins heisse Grab,
Sie selbst dann in die Flammen sprang,
Über ihnen die Burg zusammensank.«
Faber brach, als sie geendigt hatte, einen Eichenzweig von einem herabhängenden
Aste, bog ihn schnell zu einem Kranze zusammen und überreichte ihr denselben,
indem er mit altritterlicher Galanterie vor ihr hinkniete. Julie drückte den
Kranz mit seinen frischgrünen, vollen Blättern lächelnd in ihre blonden Locken
über die ernsten, grossen Augen, und sah so wirklich dem Bilde nicht unähnlich,
das sie besungen. -
    »Es ist seltsam«, sagte Faber darauf, »wie sich unser Gespräch nach und nach
beinahe in einen Wechselgesang aufgelöst hat. Der weite, gestirnte Himmel, das
Rauschen der Wälder ringsumher, der innere Reichtum und die überschwengliche
Wonne, mit welcher neue Entschlüsse uns jederzeit erfüllen, alles kommt
zusammen; es ist, als hörte die Seele in der Ferne unaufhörlich eine grosse,
himmlische Melodie, wie von einem unbekannten Strome, der durch die Welt zieht,
und so werden am Ende auch die Worte unwillkürlich melodisch, als wollten sie
jenen wunderbaren Strom erreichen und mitziehen. So fällt auch mir jetzt ein
Sonett ein, das euch am besten erklären mag, was ich von Leontins Vorhaben
halte.« Er sprach:
In Wind verfliegen sah ich, was wir klagen,
Erbärmlich Volk um falscher Götzen Tronen,
Wen'ger Gedanken, deutschen Landes Kronen,
Wie Felsen, aus dem Jammer einsam ragen.
Da mocht ich länger nicht nach euch mehr fragen,
Der Wald empfing, wie rauschend! den Entflohnen,
In Burgen alt, an Stromeskühle wohnen,
Wollt ich auf Bergen bei den alten Sagen.
Da hört ich Strom und Wald dort so mich tadeln:
»Was willst, Lebend'ger du, hier überm Leben,
Einsam verwildernd in den eignen Tönen?
Es soll im Kampf der rechte Schmerz sich adeln,
Den deutschen Ruhm aus der Verwüstung heben,
Das will der alte Gott von seinen Söhnen!«
Friedrich sagte: »Es ist wahr, wovon Ihr Sonett da spricht, und doch billige ich
Leontins Plan vollkommen. Denn wer, von Natur ungestüm, sich berufen fühlt, in
das Räderwerk des Weltganges unmittelbar mit einzugreifen, der mag von hier
flüchten, so weit er kann. Es ist noch nicht an der Zeit, zu bauen, solange die
Backsteine, noch weich und unreif, unter den Händen zerfliessen. Mir scheint in
diesem Elend, wie immer, keine andere Hülfe, als die Religion. Denn wo ist in
dem Schwalle von Poesie, Andacht, Deutschheit, Tugend und Vaterländerei, die
jetzt, wie bei der babylonischen Sprachverwirrung, schwankend hin und her
summen, ein sicherer Mittelpunkt, aus welchem alles dieses zu einem klaren
Verständnis, zu einem lebendigen Ganzen gelangen könnte? Wenn das Geschlecht
vorderhand einmal alle seine irdischen Sorgen, Mühen und fruchtlosen Versuche,
der Zeit wieder auf die Beine zu helfen, vergessen und wie ein Kleid abstreifen,
und sich dafür mit voller, siegreicher Gewalt zu Gott wenden wollte, wenn die
Gemüter auf solche Weise von den göttlichen Wahrheiten der Religion lange
vorbereitet, erweitert, gereinigt und wahrhaft durchdrungen würden, dass der
Geist Gottes und das Grosse im öffentlichen Leben wieder Raum in ihnen gewönne,
dann erst wird es Zeit sein, unmittelbar zu handeln, und das alte Recht, die
alte Freiheit, Ehre und Ruhm in das wiedereroberte Reich zurückzuführen. Und in
dieser Gesinnung bleibe ich in Deutschland und wähle mir das Kreuz zum Schwerte.
Denn, wahrlich, wie man sonst Missionarien unter Kannibalen aussandte, so tut es
jetzt viel mehr not in Europa, dem ausgebildeten Heidensitze.«
    Faber kam aus tiefen Gedanken zurück, als Friedrich ausgeredet hatte. »Wie
Ihr da so sprecht«, sagte er, »ist mir gar seltsam zumute. War mir doch, als
verschwände dabei die Poesie und alle Kunst wie in der fernsten Ferne, und ich
hätte mein Leben an eine reizende Spielerei verloren. Denn das Haschen der
Poesie nach aussen, das geistige Verarbeiten und Bekümmern um das, was eben
vorgeht, das Ringen und Abarbeiten an der Zeit, so gross und lobenswert als
Gesinnung, ist doch immer unkünstlerisch. Die Poesie mag wohl Wurzel schlagen in
demselben Boden der Religion und Nationalität, aber unbekümmert, bloss um ihrer
himmlischen Schönheit willen, als Wunderblume zu uns heraufwachsen. Sie will und
soll zu nichts brauchbar sein. Aber das versteht Ihr nicht und macht mich nur
irre. Ein fröhlicher Künstler mag sich vor Euch hüten. Denn wer die Gegenwart
aufgibt, wie Friedrich, wem die frische Lust am Leben und seinem
überschwenglichen Reichtume gebrochen ist, mit dessen Poesie ist es aus. Er ist
wie ein Maler ohne Farben.«
    Friedrich, den die Zurückrufung der grossen Bilder seiner Hoffnungen
innerlichst fröhlich gemacht hatte, nahm statt aller Antwort die Gitarre, und
sang nach einer alten, schlichten Melodie:
»Wo treues Wollen, redlich Streben
Und rechten Sinn der Rechte spürt,
Das muss die Seele ihm erheben,
Das hat mich jedesmal gerührt.
Das Reich des Glaubens ist geendet,
Zerstört die alte Herrlichkeit,
Die Schönheit weinend abgewendet,
So gnadenlos ist unsre Zeit.
O Einfalt gut in frommen Herzen,
Du züchtig schöne Gottesbraut!
Dich schlugen sie mit frechen Scherzen,
Weil dir vor ihrer Klugheit graut.
Wo findst du nun ein Haus, vertrieben,
Wo man dir deine Wunder lässt,
Das treue Tun, das schöne Lieben,
Des Lebens fromm vergnüglich Fest?
Wo findest du den alten Garten,
Dein Spielzeug, wunderbares Kind,
Der Sterne heil'ge Redensarten,
Das Morgenrot, den frischen Wind?
Wie hat die Sonne schön geschienen!
Nun ist so alt und schwach die Zeit;
Wie stehst so jung du unter ihnen,
Wie wird mein Herz mir stark und weit!
Der Dichter kann nicht mit verarmen;
Wenn alles um ihn her zerfällt,
Hebt ihn ein göttliches Erbarmen -
Der Dichter ist das Herz der Welt.
Den blöden Willen aller Wesen,
Im Irdischen des Herren Spur,
Soll er durch Liebeskraft erlösen,
Der schöne Liebling der Natur.
Drum hat ihm Gott das Wort gegeben,
Das kühn das Dunkelste benennt,
Den frommen Ernst im reichen Leben,
Die Freudigkeit, die keiner kennt.
Da soll er singen frei auf Erden,
In Lust und Not auf Gott vertraun,
Dass aller Herzen freier werden,
Eratmend in die Klänge schaun.
Der Ehre sei er recht zum Horte,
Der Schande leucht er ins Gesicht!
Viel Wunderkraft ist in dem Worte,
Das hell aus reinem Herzen bricht.
Vor Eitelkeit soll er vor allen
Streng hüten sein unschuld'ges Herz,
Im Falschen nimmer sich gefallen,
Um eitel Witz und blanken Scherz.
O lasst unedle Mühe fahren,
O klinget, gleisst und spielet nicht
Mit Licht und Gnad, so ihr erfahren,
Zur Sünde macht ihr das Gedicht!
Den lieben Gott lass in dir walten,
Aus frischer Brust nur treulich sing!
Was wahr in dir, wird sich gestalten,
Das andre ist erbärmlich Ding. -
Den Morgen seh ich ferne scheinen,
Die Ströme ziehn im grünen Grund,
Mir ist so wohl! - die's ehrlich meinen,
Die grüss ich all aus Herzensgrund!«
Faber reichte Friedrich, der die Gitarre wieder weglegte, die Hand zur
Versöhnung. - Der Morgen warf unterdes wirklich schon vom Meere her ungewisse
Scheine über den dämmernden Himmel, hin und wieder erwachten schon frühe Vögel
im Walde, alle Wipfel fingen an sich frischer zu rühren. Da sprang Leontin
fröhlich mitten auf den Tisch, hob sein Glas hoch in die Höh und sang:
»Kühle auf dem schönen Rheine
Fuhren wir vereinte Brüder,
Tranken von dem goldnen Weine,
Singend gute deutsche Lieder.
Was uns dort erfüllt' die Brust,
Sollen wir halten,
Niemals erkalten,
Und vollbringen treu mit Lust!
Und so wollen wir uns teilen,
Eines Fels' verschiedne Quellen,
Bleiben so auf hundert Meilen
Ewig redliche Gesellen!«
Alle stiessen freudig mit ihren Gläsern an, und Leontin sprang wieder vom Tische
herab. Denn soeben sahen sie Rudolf, unter beiden Armen schwer bepackt, aus der
Burg auf sie zukommen. »Lustig! lustig!« rief er, als er den gläserklirrenden
Jubel sah, »frisch, spielt auf, Flöten und Geigen! Da habt ihr Gold!« Hierbei
warf er zwei grosse Geldsäcke vor ihnen auf die Erde, dass die Goldstücke nach
allen Seiten in das Gras hervorrollten. - »Das ist ein lustiges Metall«, fuhr er
fort, »wie es in die fröhliche, unschuldige Welt hinaushüpft und rollt, mit den
verwunderten Gräsern funkelnd spielt und mit dunkelroten, irren Flammen zuckt,
liebäugelnd, klingend und lockend! Verfluchter, unterirdischer, rotäugiger
Lügengeist, der niemals hält, was er verspricht! Da, nehmt alles, greift zu!
Kauft Ehre, kauft Liebe, kauft Ruhm, Lust und alles Ergötzen der Erde, seid
immer satt und immer wieder durstiger bis ans Grab, und wenn ihr einmal fröhlich
und zufrieden werdet, so mögt ihr mir danken.« -
    Alle sahen ihn erstaunt an. Faber sagte: »Ich achte das Geld nur, wenn ich
es brauche. Aber Dichter brauchen immer Geld.« Und hiermit packte er ruhig seine
Taschen voll, so dass er mit dem aufgeschwollnen Rocke sehr lächerrlich anzusehen
war.
Rudolf nahm hierauf kurzen Abschied von allen und wandte sich wieder nach seinem
Schloss zurück. Friedrich eilte ihm nach, er wollte ihn so nicht gehn lassen.
Da kehrte er sich noch einmal zu ihm. »Du willst ins Kloster?« fragte er ihn,
und blieb stehn. »Ja«, sagte Friedrich, und hielt seine Hand fest, »und was
willst du nun künftig beginnen?« - »Nichts -« war Rudolfs Antwort. - »Ich bitte
dich«, sagte Friedrich, »versenke dich nicht so fürchterlich in dich selbst.
Dort findest du nimmermehr Trost. - Du gehst niemals in die Kirche.« - »In mir«,
erwiderte Rudolf, »ist es wie ein unabsehbarer Abgrund, und alles still.« -
Friedrich glaubte dabei zu bemerken, dass er heimlich im Innersten bewegt war. -
    »O könnt ich alles Grosse wecken«, fuhr er dringender fort, »was in dir
verzweifelt und gebunden ringt! Hast du doch selber erzählt, dass dich alle
wissenschaftliche Philosophie nicht befriedigte, dass du darin Gott und dich nie
erkanntest. So wende dich denn zur Religion zurück, wo Gott selber unmittelbar
zu dir spricht, dich stärkt, belehrt und tröstet!« - »Du meinst es gut«, sagte
Rudolf finster, »aber das ist es eben in mir: ich kann nicht glauben. Und da
mich denn der Himmel nicht mag, so will ich mich der Magie ergeben. Ich gehe
nach Ägypten, dem Lande der alten Wunder.« - Hiermit drückte er seinem Bruder
schnell die Hand und ging mit grossen Schritten in den Wald hinein. Sie sahen ihn
nicht mehr wieder.
    Lange blickten sie ihm nach und bedauerten den unglücklich Verwirrten, als
ein Schiffer ankam, um Leontin an die Abfahrt zu mahnen, indem soeben ein
günstiger Wind vom Lande trieb. Alle sahen einander stillschweigend an und
schienen erschrocken, da nun der Augenblick wirklich da war, den sie selber
lange vorbereitet hatten.
    Der Schiffer übernahm das wenige Gepäck, und sie machten sich sogleich auf
den Weg nach dem Meere. Friedrich begleitete sie. Langsam rückten Berge und
Wälder bei jedem Schritte immer weiter hinter ihnen zurück, das Meer rollte sich
vor ihren Blicken auseinander.
    Friedrich sagte unterwegs: »Mir scheint unsre Zeit dieser weiten, ungewissen
Dämmerung zu gleichen! Licht und Schatten ringen noch ungeschieden in
wunderbaren Massen gewaltig miteinander, dunkle Wolken ziehn verhängnisschwer
dazwischen, ungewiss, ob sie Tod oder Segen führen, die Welt liegt unten in
weiter, dumpfstiller Erwartung. Kometen und wunderbare Himmelszeichen zeigen
sich wieder, Gespenster wandeln wieder durch unsre Nächte, fabelhafte Sirenen
selber tauchen, wie vor nahen Gewittern, von neuem über den Meeresspiegel und
singen, alles weist wie mit blutigem Finger warnend auf ein grosses,
unvermeidliches Unglück hin. Unsere Jugend erfreut kein sorglos leichtes Spiel,
keine fröhliche Ruhe, wie unsere Väter, uns hat frühe der Ernst des Lebens
gefasst. Im Kampfe sind wir geboren, und im Kampfe werden wir, überwunden oder
triumphierend, untergehn. Denn aus dem Zauberrauche unsrer Bildung wird sich ein
Kriegsgespenst gestalten, geharnischt, mit bleichem Totengesicht und blutigen
Haaren; wessen Auge in der Einsamkeit geübt, der sieht schon jetzt in den
wunderbaren Verschlingungen des Dampfes die Lineamente dazu aufringen und sich
leise formieren. Verloren ist, wen die Zeit unvorbereitet und unbewaffnet
trifft; und wie mancher, der weich und aufgelegt zu Lust und fröhlichem Dichten,
sich so gern mit der Welt vertrüge, wird, wie Prinz Hamlet, zu sich selber
sagen: Weh, dass ich zur Welt, sie einzurichten, kam! Denn aus ihren Fugen wird
sie noch einmal kommen, ein unerhörter Kampf zwischen Altem und Neuem beginnen,
die Leidenschaften, die jetzt verkappt schleichen, werden die Larven wegwerfen,
und flammender Wahnsinn sich mit Brandfackeln in die Verwirrung stürzen, als
wäre die Hölle losgelassen, Recht und Unrecht, beide Parteien, in blinder Wut
einander verwechseln - Wunder werden zuletzt geschehen, um der Gerechten willen,
bis endlich die neue und doch ewig alte Sonne durch die Greuel bricht, die
Donner rollen nur noch fernab an den Bergen, die weisse Taube kommt durch die
blaue Luft geflogen, und die Erde hebt sich verweint, wie eine befreite Schöne,
in neuer Glorie empor. - O Leontin! wer von uns wird das erleben!« -
    Sie waren unterdes ans Gestade gekommen. Leontin umarmte hierauf noch einmal
die Freunde, Friedrich küsste Julie auf die Stirn, und die drei bestiegen ihr
Schiff. Faber ritt landeinwärts fort. Friedrich kehrte ins Kloster zurück, um es
niemals mehr zu verlassen.
    Als er in die Kirche eintrat, fand er dort noch alles leer und still. Nur
einige fromme Pilger waren noch hin und her in den Bänken zerstreut. Auch die
hohe, verschleierte Dame von gestern bemerkte er wieder unter ihnen. Er kniete
vor einen Altar und betete. Als er wieder aufstand und sich umwandte, wobei ihm
durch ein offenes Fenster die Morgenhelle gerade auf Brust und Gesicht fiel,
sank plötzlich die Dame ohnmächtig auf den Boden nieder. Mehrere Bedienten
sprangen herbei und brachten sie vor die Tür, wo ein Wagen ihrer zu warten
schien. - Es war Rosa.
    Friedrich hatte nichts mehr davon bemerkt. Beruhigt und glückselig war er in
den stillen Klostergarten hinausgetreten. Da sah er noch, wie von der einen
Seite Faber zwischen Strömen, Weinbergen und blühenden Gärten in das blitzende,
buntbewegte Leben hinauszog, von der andern Seite sah er Leontins Schiff mit
seinem weissen Segel auf der fernsten Höhe des Meeres zwischen Himmel und Wasser
verschwinden. Die Sonne ging eben prächtig auf.
 
    