
        
                          Caroline de la Motte Fouqué
                    Der Spanier und der Freiwillige in Paris
                    Eine Geschichte aus dem heiligen Kriege
                                  Erstes Kapitel
Die grosse metallene Wanduhr schlug unter langen schnarrenden Absätzen zehn. Die
junge Blansche sprang unruhig auf, schob den schweren, verblichenen Sammetsessel
an die Seite und trat zu ihrer Mutter. Diese schrieb unter häufigen Tränen in
schnellen, flüchtigen Zügen eilig fort, und ohne aufzusehen, fuhr sie
schmeichelnd mit der flachen Hand über das zarte Gesichtchen der Tochter. Doch
plötzlich von den eignen, niedergeschriebenen Worten überwältigt, warf sie sich
an ihres Kindes Brust, und rief unter lautem, ungehemmten Schluchzen: Gott, mein
Gott, die Freude ist gewaltiger als der Schmerz! wie soll ich es denn ertragen,
meinen rechtmässigen König, die Tochter meiner unglücklichen Königin
wiederzusehen! Blansche, liebes, liebes Kind, die Vorsehung schenkt uns die
Bourbons wieder! Träume ich auch wirklich nicht? ist es denn wahr?
    Frau von Saint Alban hatte die Hände gefalten, und sah, gleichsam über das
Unbegreifliche nachsinnend, in unaussprechlichem Entzücken gen Himmel. Blansche
kniete vor ihr, und von den Tränen der Mutter aufs tiefste erschüttert, weinte
sie still in ihr Tuch.
    Beide hielten sich eine Zeit lang fest umschlungen, dem Glück der nächsten
Gegenwart voll Teilnahme und Vertrauen hingegeben, als der alte Kammerdiener
eintrat und sein Erscheinen ihnen sagte, dass der unruhig erwartete Augenblick
nun gekommen sei. Frau von Saint Alban sah gerührt auf den treuen Armand. Er war
fein und sorgfältig gepudert, trug einen langen Rock von violetter Seide mit
veralteter Stickerei, Points Manschetten und geränderte Schnallen, sein
scharfes, hageres Gesicht war ernst, doch strebte er vergeblich durch feierliche
Haltung und gemessene Worte die grosse Bewegung seiner Seele zu verbergen. Just
so gekleidet, so gerührt und so förmlich war er vor sechs und zwanzig Jahren als
Frau von Saint Alban dies Haus zuerst betrat, dessen schlechtere Zimmer sie
zeiter bescheidentlich bewohnte. Armand, sagte sie, ihm die Hand reichend, wir
könnten denken, wir hätten geschlafen und wachten jetzt erst wieder auf, aber
die Zeit hat entsetzlich gearbeitet, ihre Spuren schneiden schringend in die
Sinne. Sie blickte fast beschämt auf die knappe, mühsam ergänzte Kleidung, auf
das beschädigte, gebrechliche Gerät, die abgesprungene Vergoldung, und den
langen, eingelegten Spiegel, der ihr das Bild der schönen Blansche so blühend
und so schmucklos zurückwarf. Sich abwendend sprang sie hastig auf, wie man wohl
tut, wenn eine störende Empfindung unbequem in unsere Freude hineinsieht,
faltete darauf das beschriebene Blatt zusammen, siegelte und addressirte unter
angenehmem Lächeln, wog dann den Brief hoffnungsvoll zwischen Daum und
Zeigefinger und eilte mit kurzen, schnellen Schritten in ein Seitenzimmer.
    Blansche sah ihr bewegt nach. Sie wusste an wen der Brief gerichtet war, und
dass er den ersten, freien, innigen Gruss der Mutter an die Herzogin von Angouleme
entielte, den mündlich auszusprechen ihr die Beschränkung ihrer Lage für den
Augenblick noch verbot. Zum erstenmal lastete der Druck enger Verhältnisse
peinlich auf dem kleinen Herzen, es regte sich ein wehmütiger Streit, das
Aussenleben war weniger hell, sie sah mit einiger Beschämung auf sich selbst
zurück, als Frau von Saint Alban mit einem Lilienzweig vor sie hintrat. Diese
schwieg eine kleine Weile, ihr stockten die Worte in der Brust, sie verschluckte
die Tränen, und sagte dann mit einer lieblichen, ihr eignen Neigung des Kopfes:
mein armes Kind, das ist der einzige Schmuck, den ich dir geben kann, denk'
aber, das befreiete Frankreich habe ihn dir geschenkt, und trage ihn so mit
Ehrfurcht und Dankbarkeit.
    Blansche war vor ihr hingesunken und fühlte mit Stolz die Lilie zwischen
ihren blonden Locken befestigen. Frau von Saint Alban hing darauf einen Schleier
über, legte ein schwarzes Sammetmäntelchen an, und die etwas vergelbten weissen
Handschuh sorgfältig anziehend, gab sie der Tochter die Hand. Armand öffnete
beide Flügeltüren, und eilte dann in schicklicher Entfernung voraus an den
Schlag eines bescheidenen Mietswagens. Den einen Fuss auf dem Tritt, wandte sich
Frau von Saint Alban noch einmal, Gott! sagte sie, Freude wie Schmerz pressen
die Brust ängstlich zusammen, und jeder Entscheidung, der glücklichen wie der
unglücklichen, geht eine erstickende Beklommenheit voran.
    Als nun der Schlag zufiel und der Kutscher sich fragend umwandte, sagte sie:
nach der Katedrale! ich will meinen König betend vor Gottes Tron begrüssen.
 
                                Zweites Kapitel
Der Wagen fuhr langsam durch die gedrängten Strassen. Jeden Augenblick stockte
die ungeheure, immer aufschwellendere Menschenmasse. Cabriolets und Kutschen,
Truppenabteilungen, feierliche Aufzüge, alles geriet verwirrend aneinander,
das Geläute der Glocken, die Trommeln und Pfeiffen, die Pauken und Trompeten,
die schreiende, jubelnde, schwatzende Menge, die ganze wogende Stadt betäubte
die arme Blansche, die zitternd neben der Mutter sass, und jedesmal mit
ersticktem Schrei zusammenfuhr, wenn das Volk sich immer dichter und dichter
heranpressend, den Wagen fast zu tragen schien. Frau von Saint Alban wusste
nichts von allem dem, sie sah, sie hörte alles und nichts, sie war in einem
Taumel, in einer Bewegung, die das Einzelne verschlang, tausendmal liess sie die
Fenster nieder und zog sie wieder auf, sie winkte, sie grüsste Bekannte und
Unbekannte, streckte die Hand zum Wagen hinaus, reichte und drückte sie dem
Nächsten dem Besten, ihre ganze Seele schwamm in der Freude Frankreichs.
Blansche hatte keinen Begriff von den Leidenschaften und der Veränderlichkeit
der Menschen; in ihrem Kloster, von dem sie sich seit drei Tagen zum erstenmale
trennte, ging alles so sacht und eben, so grade und notwendig zu, dort freuete
man sich auch, aber anders, stiller, innerlicher, sie wusste gar nicht wie ihr
hier war, sie glaubte zuletzt, der tolle Strom werde sie unbarmherzig mit
fortziehn.
    Endlich waren sie vor der Kirche. Der Wagen hielt. Mit zitternden, wankenden
Knieen traten sie in den Dom. Es waren eben noch nicht viel Menschen hier
versammelt. Die Meisten trieb es nach Aussen hin. Frau von Saint Alban kniete vor
einem Betpult, Blansche an ihrer Seite, beide, den Kopf auf die Brust gesenkt,
die Augen geschlossen, beteten unter leisen, immer wachsenden Schauern, je näher
der heranrollende Freuderuf den Namen des Königs an ihr Ohr trug. Jetzt trat
Ludwig der Geprüfte unter die leinene Halle. Sein würdevolles, edles Angesicht
entfaltete sich heiter als er zwischen den geteilten Reihen hingetragen, nun
vor dem Hochaltar, den heiligen Boden betretend, niederkniete, und das Gebetbuch
aus des Erzbischofs Händen empfing. Die Wunder einer grossen, unerhörten Zeit,
die Gewalt göttlichen Willens, der mit dem König so sinnlich nahe trat, die tief
empfundene heilige Scheu vor dem Geweiheten des Schicksals, zügelte die
taumelnden Sinne. Minutenlang ward kein Atemzug gehört, Blick und Minen lagen
in heiligen Banden, Blansche sah zitternd vor sich nieder. Jetzt ward das:
Domine salvum fac regem angestimmt, ihr schwindelte, sie schlug die schönen
blauen Augen auf, die Kirche war gepfropft voll, die gepresste Luft trat ihr zum
Herzen, die Töne schienen in wunderbaren Gestalten an ihr hinumzuziehn,
ängstlich umblickend streiften ihre Augen an einem jungen Mann vorüber, der sich
nach ihr hinwandte und sie mit Teilnahme betrachtete. Die Haltung seines Kopfes
war überaus edel, er hatte die Arme übereinander geschlagen und schien in jeder
Bewegung gehalten. Die ganz schwarze Kleidung und das aufwärts gehobene, nach
einer Seite der Stirn hingeworfene, bläulich schwarze Haar gab ihm zudem ein
düster ernstes Ansehn. Blansche zitterte heftiger, die Sinne vergingen ihr, sie
fühlte sich zusammensinken, als sie ein starker Arm umfasste und sie gewandt und
schnell an dem königlichen Gefolge hin, nach der Halle trug. Sie atmete tief an
des fremden Mannes Brust, sah dankbar in seine dunkle melankolische Augen, und
fühlte sich alsobald von ihm verlassen an der Seite einer ältlichen Frau, dem
königlichen Leibarzt gegenüber, der ihr geschäftig die Schläfe mit starken
Wassern rieb, und sie wohlmeinend der frischen Luft entgegenführte.
    Sie erholte sich bald, doch sie fühlte sich mit Bangigkeit allein unter
Fremden. Sie schrie laut auf und stürzte ihrer Mutter, die sich endlich zu ihr
durcharbeitete, schluchzend und mit einer Freude in die Arme, als hätten sie
Jahre getrennt.
    An einen Pfeiler gelehnt, das Gedränge an sich vorbeilassend, erzählte
Blansche in grosser Bewegung ihr kleines Abenteuer, während sie Armand und den
Wagen erwarteten. Die Mutter war voll Dankbarkeit, voll Ungeduld, den
grossmütigen Ritter ihrer Tochter zu sehen, als Blansche rief, das ist er! das
ist er gewiss! Frau von Saint Alban teilte die Menge, erreichte, fasste den
jungen Mann - und liess nun ihr volles Herz in reichen Wortströmen überfliessen.
Der Fremde dankte bescheiden, doch einsilbig und nachdem er gefragt, ob er noch
nützlich sein könne, entfernte er sich unter etwas stolzer, ernster Verbeugung;
die Tochter wie die Mutter sahen ihm gedankenvoll nach und fuhren, jedes in sich
beschäftigt, nach Hause.
 
                                Drittes Kapitel
Als Blansche am folgenden Morgen zu ihrer Mutter kam, fand sie einen ältlichen
fremden Herrn, im dunkeln Frack mit dem Ludwigskreutz im Knopfloch neben ihr
sitzen. Frau von Saint Alban rief, sogleich auf sie zueilend, mit unglaublicher
Schnelligkeit: der Herzog, dein Oheim, liebste Blansche, der so lange Jahre mit
seinem König auf fremdem, unheimatlichen Boden lebte und litt, er ist in alle
seine Würden wieder eingesetzt, er liebt uns wie immer, er will unser Glück; wir
werden künftig bei einander wohnen und alles, alles Leid ist vergessen. Sie
drückte die Tochter heftig an sich, und warf sich dann in grosser Rührung an des
Herzogs Brust. Dieser erwiederte schweigend, mit liebreichem Ernst und herzlich
wohlmeinender Geberde der Schwester rasche Freude, indem er sich etwas beeilte
die junge anmutige Nichte in angebohrner Galanterie und höfisch bequemer Sitte
zu begrüssen.
    Blansche besass jene anmutige Verbindlichkeit der Worte und Minen, welche
schnell in ein unbefangnes Verhältnis setzt. Ihre Blödigkeit schwand sogleich
vor einer tief empfundenen innern Berührung, es blitzte dann etwas von der
Lebhaftigkeit der Mutter hervor, doch weniger glühend, eher wehmütig heiter.
Die grosse Unschuld ihres Sinnes hielt noch jeden herben Lebensstreit fern,
welcher Leiden schafft und über die Gränzen vollständiger Natur hinausstreift.
Doch öffnen sich die Tiefen des Daseins oft vorahndend in jungen Gemütern, und
machen das Gefühl an sich ernst und heilig in der innerlichen Erwartung naher
und grosser Lebenserfahrungen. Wenn daher der Oheim in ihr klares, weiches
Gesichtchen wie in die Maientage seiner Jugend verjüngt zurücksah, so empfand
sie ihrer Seits voll Ehrfurcht und Teilnahme bei seinem Anblick die schwere
Arbeit der Zeit.
    Der Herzog betrachtete sie mit vergleichenden Blicken auf die Mutter, es
schien, er suche die Vergangenheit in neu belebten, redenden Zeichen wieder auf.
Doch liess sich hier eben keine sonderliche Uebereinkunft finden. Frau von Saint
Alban war von kleinem, zartem Bau und sehr lebendiger Gewandteit, ihre grossen,
feurigen Augen beleuchteten in spielenden Blitzen ein bleiches Gesicht und
überaus bewegliche, feine Züge. Ohne Unruhe oder ängstigende Ueberfülle in ihrem
Wesen zu spüren, empfand man doch eine höchst empfängliche, stets mit Vielem
beschäftigte Seele, ihre redende Physiognomie reflektirte das Aussen- und
Innenleben in ununterbrochener Berührung, und schien nur auf diesem Wege die
Sicherheit der Reife erlangt zu haben. Man fühlte sich ihr gegenüber behaglich
angeregt, zu Teilnahme und Mitleben getrieben. Blansche im Gegenteil war hoch
und schlank, ihre stillen, edlen Züge strahlten im Frieden unangeweheter
Jugendblüte, die schwimmenden blauen Augen empfingen ihr sanftes Licht nur von
der Eintracht innerer Unschuld und Güte. Der Gang, die Bewegungen waren leicht,
doch leise und eben, nirgend eine Spur leidenschaftlicher Heftigkeit, und zog
auch eine dunkle Frage, eine unverstandene Bangigkeit durch sie hin, so perlete
wohl ein Tränchen in den Augen, aber der ruhige Einklang des holden Ganzen
blieb ungestört. Man konnte sie Stundenlang sehen, empfinden, ohne sich etwas
anderen als wachsender Liebe, freudiger unbekümmerter Hingebung bewusst zu
werden, ihre anmutige Nähe war durchaus beschwichtigend und heiter.
    Das eine schöne Kind, sagte der Herzog zur Schwester gewandt, ist dir allein
noch geblieben. Ach Türgis! mein Türgis! rief Frau von Saint Alban aufs
lebhafteste erschüttert. Alle Freude war aus den Blicken, aus der Seele
plötzlich weggewischt, sie konnte sich kaum fassen und die Erinnerung über das
wunde Herz hinziehen lassend, lehnte sie, das Tuch vor den Augen, den Kopf
abwärts von dem Bruder, an einen Wandpfeiler. Der Herzog sah fragend auf
Blansche. Diese entgegnete leise, um die Mutter zu schonen: mein Bruder fiel
ohne Zweifel in Spanien, wir haben seitdem nicht wieder von ihm gehört. Im
Dienste des Tyrannen? unterbrach sie der Herzog heftig. Blansche senkte die
Augen. War das nicht zu vermeiden? setzte er begütigend hinzu. Es gibt
Verhältnisse, Herr Herzog, sagte Blansche schüchtern, die Augen noch immer nicht
aufschlagend, welche das Gefühl bezwingen und uns harte Pflichten auflegen, mein
Bruder hat das sehr bitter empfunden. Die Ehre, gutes Kind, erwiederte der
Oheim, ist immer die erste Pflicht: Ach, seufzte Blansche, ich hörte den armen
Türgis wohl sagen, in unserm unglücklichen Frankreich habe man nur die
persönliche Ehre zu retten. Dem jungen redlichen Gemüte bleibe glücklicher
Weise noch der Degen sich selbst einen Weg damit zu bahnen.
    Der Herzog spielte, vor sich hinsehend, mit dem Stock auf den Teppich. Hm!
sagte er, halb in Gedanken, die Jugend - freilich, sie will leben - es ist ein
Unterschied, man sucht eine Wirksamkeit, einen Namen, und dann die Fesseln der
Zeit, alles Hohe und Grosse in den Staub getreten. - Ach! rief er aufblickend,
hätte er seinen König gesucht! Bruder, sagte Frau von Saint Alban, das trübe
Gesicht seitwärts nach ihm hingewandt, er hat wohl seinen Gott gefunden. Der
Herzog schloss sie sehr gerührt in die Arme und äusserte sich beruhigend und
liebreich über ihren gerechten Schmerz.
    Es gelang ihm auch bald diesen zu mildern, man kam nach und nach wieder in
die vorige heitere Haltung zurück. Die kleine Erschütterung hatte sie unbewusst
einander genähert, ein jedes hatte sich, vom Gefühle überrascht, unbewunden
geäussert, man kannte, man schätzte sich in der bezeugten Treue fester
Gesinnungen. Entstehendes Vertrauen windet unwillkührlich ein Band nach dem
andern vom Herzen los, man will sich in jeder Beziehung lieb werden, und alles
was im wohlbegründeten Verhältnis vielleicht unberührt liegen bliebe, tritt
hervor, und macht sich Luft. Frau von Saint Alban hatte tausenderlei zu sagen
und zu fragen, der Herzog seiner Seits manches aus seinem abgerissenen,
zerstückelten Leben zu ergänzen. Die letzte Vergangenheit lag beiden gleich
nahe. Vieles wurde von den Sorgen und der Angst, von der heftigen Bewegung
geredet, welche grossen Umwälzungen stets vorangeht, alles ward noch einmal
durchempfunden, und so kam man auch auf heute und gestern. Frau von Saint Alban
konnte den Eindruck nicht genugsam beschreiben, den der Anblick des Königs auf
sie gemacht habe. Sie sagte, es sei ihr ein Zittern durch alle Glieder gegangen,
die Knie habe sich von selbst gebeugt und ohne es zu wissen, hätte sie das
Domine salvum fac regem mitgesungen, wobei ihr nicht anders gewesen, als rolle
dumpfer Donner über ihr hin und die Erde schwinde unter ihren Füssen. Beiden
Geschwistern war es zugleich unbegreiflich und höchst rührend einander unerkannt
so nahe gewesen zu sein. Frau von Saint Alban wusste überall nicht viel von dem
was um sie vorgegangen war und wie ihre Tochter so plötzlich von ihrer Seite
kam. Sie äusserte sich über diesen letzten Vorfall mit behaglicher Liebe für
Blansche und einer Art mütterlichen Triumpfs. Viel, sagte sie, gebe ich darum,
den jungen Fremden noch einmal wiederzusehen, ob er gleich meinen Dank etwas
frostig und spröde von sich wies. Hieran, fuhr sie fort und an den richtigen,
ohne Accent, gleichwohl etwas langsam und feierlich gesprochenen Worten habe ich
den Deutschen oder den Spanier erkannt. Und grade in diese beide Nationen, just
weil sie uns so hassen, bin ich ganz verliebt. Es war Charakter in der
Physiognomie, mein Bruder, das versichere ich dich, sehr viel Charakter, und
eine Melankolie und eine Weltverachtung, die unsere Teilnahme immer anregt,
wäre es auch nur um den stolzen, kalten Sinn zu bezwingen.
    Blansche war während dem an das Fenster getreten und knüpfte in bunten
Seiden allerlei Figuren und Bilder, der schwierigen Mosaic-Arbeit gleich. Der
Herzog mass lächelnd ihre schöne Gestalt, und sagte leise zur Schwester geneigt,
wer weiss, ist es diesem Engel nicht aufbehalten, den freundlich feindlichen
Fremden zu versöhnen! Glaube mir, wir Franzosen brauchen solche Engel.
 
                                Viertes Kapitel
Frau von Saint Alban hatte recht gesehen. Der junge Mann, der ihre Dankbarkeit
verdiente, ihre Teilnahme, ihren Stolz reizte, war ein Spanier, Don Alonzo de
Mendoz. Seit Jahren in französischer Gefangenschaft, hatte ihn jetzt Ferdinand
der Siebente in Aufträgen nach Paris gesandt. Hier lastete die Luft
centnerschwer auf seiner Brust. Der plötzliche Umschwung äusserer Gestaltung
konnte ihn weder mit der Gegenwart überhaupt, noch mit einer Nation versöhnen,
die ihm in allen Bedingungen seines Wesens entgegenstand, die er aus
persönlicher nicht ausgewaschener Ehrenkränkung, aus Grundsatz und Ueberzeugung
hassen zu müssen glaubte. Alles, bis auf die unbetonte, dumpf verschwimmende
Sprache war ihm an ihr in der Seele zuwider. Er hielt sich deshalb still und
eingezogen, und wehrte das Aussenleben von sich ab, so viel es die Natur seines
Geschäftes wie seiner Stellung zu hiesiger Welt erlaubte.
    Zu den Kunstschätzen flüchtete er noch am liebsten. Sie ermangelten eben
auch durch rohe Gewalttat heimatlicher Uebereinkunft, und er konnte sie sich,
losgerissen wie sie waren, ganz frei von aller störenden Beziehung aneignen.
    Unter den hohen Gebilden früherer, arbeitender Gedanken ward ihm das Herz
weit, er vergass Zeit und Ort, sich selbst, und liess den beschwichtigenden
Eindruck stiller Harmonie friedlich über sich walten. Er konnte sich so
hineinsehen und empfinden, dass er, wie in völliger Einsamkeit nicht allein,
wenig oder gar nicht auf solche achtete, die Neugier und Ruhmsucht, das
Ausserordentliche gesehen zu haben, hieher lockte, sondern auch unbewusst an
Gleichfühlende vorüberging.
    Wie sich indes der Mensch auch umbauen und verschanzen mag, Empfänglichkeit
ohne Mitteilung wird zur drückenden Ueberfülle. Man schwelgt ungesellig,
heimlich und im Dunkeln. Das Licht des antwortenden Auges fehlt. Herz und Gemüt
brauchen den spiegelnden Strom der Rede, um sich klar zu werden.
    Unzähligemal schwebte auf Alonzos Lippe ein Laut der Bewunderung, jener
staunende Ruf der Seele, die plötzlich das Geahndete erkennt. Aber er drängte
ihn ängstlich in sich zurück, und erstickte fast im Übermass des Entzückens.
    Sehr willkommen daher, wenn gleich überraschend, war es ihm, als er eines
Tages einen jungen preussischen Offizier an seiner Seite vernahm, der mit
gleicher Lust und Innerlichkeit aufmerksam ein vor ihnen stehendes Bild
betrachtete, und das beseelte Auge langsam zu Alonzo hinwendend, ihn bequem und
sicher in spanischer Sprache anredete.
    Alonzo ehrte die preussische Armee weit mehr als er es sagen konnte, er
achtete die Ration wie die seine, und konnte nicht ohne demütige Rührung den
reinsten Heldenkönig sehen und nennen hören. Wenn er gleichwohl die
ehrenwertesten aller Kampf- und Waffengenossen auch jetzt nicht aufgesucht
hatte, sich nicht von ihnen finden liess, so lag es wohl darin, dass der Spanier
wie der Deutsche niemals unaufgefordert in des Andern Weg tritt, und beide es
verschmäheten die französische Sprache in diesem Augenblick zur Vermittlerin zu
machen. Denn es ist natürlich und dem Menschen eigen, sich von dem mit
Widerwillen abzuwenden, was man los zu werden einmal beschlossen hat. Es fiel
daher jetzt jede bisherige Scheidewand vor Alonzo nieder. Hatte ihn früher die
frische, fröhliche Weise der tapfern Preussen, ihre naive Wissbegier und
aufmerkende Teilnahme eben so wie die abhaltende Höflichkeit ihres Benehmens
erfreuet, so gelangte er hier durch die Fülle frei und kräftig gebildeter
Künstlernatur, den Scharfsinn und die gemütvollste Gewandteit unversehens zum
Einverständnis deutscher Nationalität.
    Wer sich eine Zeitlang vor der Welt verschlossen und alles daraus abgewehrt
hat, was ihn ansprechen könnte, wird dem neu hineinfallenden Lebensstrahle um so
mehr Gewalt über sich gönnen müssen. Die wohltätige Wärme und Klarheit eines
hellen Gespräches treibt Blut und Sinn und Worte zu schnellerem Lauf, ein Funke
zündet den andern, es glühet von allen Seiten. Gedanken brennen zusammen, die
Flamme leuchtet weit über die gewohnten Gränzen hinaus.
    Alonzo fühlte sich immer freier und verständlicher, sein Gefühl immer
lebendiger umgetrieben, je leiser und sachter der junge Fremde ihm entgegentrat,
ohne ihn gleichwohl absichtlich suchen zu wollen. Beide gingen bald von der
Kunst zu dem Leben und der Gegenwart über, und in den Sälen, als der gemeinsamen
Heimat, auf und ab gehend, redeten sie ohne Zwang über den gemischten und
höchst wunderbaren Eindruck, den Paris unter den gegenwärtigen Zeitumständen auf
sie mache. Alonzo hütete seinen Hass zu sorgfältig, um ihn in Worten zersplittern
zu wollen, er äusserte sich nur im allgemeinen, dass er den ganzen Streit nicht
für geschlichtet halte, so lange noch ein Einziger in dem eigenen Bewusstsein
gefesselt bleibe. Er könne sich nun einmal mit der Freiheit nicht beruhigen, die
ihm Andre erkämpften. Teuflische List habe ihn um die Mitwirkung betrogen und
dass er das nicht rächen dürfe, hetze ihm eben das Blut durch alle Adern. Ehe
gebe es auch keine Ruhe für ihn, bis dies heisse Blut auf eine oder die andere
Art sich gekühlt habe. Der Deutsche war bei weitem milder. Er konnte manches
Tadelnswerte nicht in Abrede sein, gleichwohl ging er, als etwas
Ausserwesentlichem, nur leicht darüber hin. Ueberall betrachtete er in dem Ort
nicht sowohl die Hauptstadt Frankreichs, als vielmehr den Brenn- und
Scheidepunkt ungeheurer Reibungen, die sich hier sichtend, befriedigt und
vollständig in die ruhige Natur ihrer Bestimmung zurücktreten müssten. Die
wechselnden Berührungen so verschiedenartiger Elemente, fuhr er fort, können
schon an sich nicht kalt lassen, zudem spiegeln sich die grossen Ereignisse in
eines jedem Dasein eigentümlich zurück, und wenn man acht darauf hat, werden
Kunst und Leben eben nicht zu kurz dabei kommen.
    Alonzo hatte ihn unter dem Reden aufmerksam beachtet. Es ging ein leises,
weiches Minenspiel über sein jugendlich braunes Gesicht, das die Züge höchst
angenehm belebte. Um den Mund vorzüglich schwebte ein feines sittiges Lächeln,
in welchem sich Güte und Schalkheit wunderbar mischten. Er öffnete die Lippen
nur wenig, wenn er sprach, doch ohne den Ton zu pressen, schlüpften die Worte
behend, wie leichtfertige Boten darüber hin, während sich der kaum
hervorgelockte Bart wie ein ernster Wolkenstreif darüber hinzog. Die Augen waren
den stillen Grubenlichtern zu vergleichen, die in ihrem dunklen Glanz sicher in
tiefe Schachten dringen, ohne durch flackernden Schein die Sinne zu irren. Er
trug sich wohl und edel, ob er gleich weder gross noch hervorstechend gebauet
war. Gestalt, Ton und Geberde, alles an ihm verkündete innere Uebereinstimmung,
die in ihrer leisen, biegsamen Sicherheit nichts abwehrt und sich immer bewahrt.
    Es war nicht leicht möglich den bildenden Künstler in ihm zu verkennen. Auch
erfuhr Alonzo bald im Laufe des Gesprächs, dass er Mahler sei, Philipp heisse und
als Freiwilliger nur für die Kriegszeit Soldat geworden, jetzt in die stille
Künstler-Laufbahn zurücktrete.
    Beide schieden darauf mit dem Versprechen, einander wieder aufzusuchen. Als
nun Alonzo einen herrlichen Barber Hengst bestieg, der draussen am Tore auf ihn
wartete, blieb Philipp mit untergeschlagenen Armen vor ihm stehn, und sagte
lächelnd: Alonzo gebe ihm das Bild zu einem ritterlich maurischen Helden der
alten Spanierwelt, auch spüre er etwas von der eifersüchtigen Glut in seinen
Augen, er wolle sich hüten, ihm in den Weg zu treten. Alonzo sah sich nicht
ungern in jene Zeit zurückgewiesen, und als Philipp schalkhaft grüssend, in eine
Seitengasse bog, blickte er ihm mit einer Befriedigung und einem Wohlwollen
nach, wie er es lange nicht in dem Maasse empfanden hatte.
    In dieser erhöheten glücklichern Stimmung ritt er ganz behaglich durch den
kühlen Abend hin, ohne sonderlich von dem lästigen Schwarm umher gestört zu
werden. Die Nähe liebenswürdiger Menschen hebt uns immer eine Zeit lang über uns
selbst hinaus, und trennen wir uns nun, so glimmt und dämmert das Herz noch eine
Weile in sich fort, ohne dass wir uns gerade davon Rechenschaft geben. Wir können
nicht sagen was in uns vorgeht, wir lassen das Unbekannte eben walten. Alonzo
erging es nicht anders.
    Die duftigen, verschwimmenden Abendlichter schienen sich in seinem Innern
zurückzuspiegeln, er träumte so nachempfindend fort bis ihn das ganz
unerträgliche Gedränge an den Boulewards hin, alle zehn Schritt einmal zwang,
seinen unruhigen schnaubenden Barber anzuhalten. Das stolze Tier warf
ungeduldig den Kopf in die Höhe, und machte mahl auf mahl Mine, über alles das
wegzusetzen, Alonzo musste in einem Strafen und Zügeln bleiben. In diesem
unbequemen Geschäft ärgerte ihn so viel zwecklose Beweglichkeit, das heisere
Durcheinanderschreien, die Fremden, die sich nach dem Grössterlebten in
eingefleischtem Vorurteil, zu dem Unbedeutenden drängen konnten, die
vergiftende Torheit, der Schmutz, die Sünde doppelt und dreifach, und er würde
es dem Barber just eben nicht verdacht haben, wenn er den Boden aufwühlend all
der geschäftigen Verdorbenheit ihr Grab gegraben hätte. Im höchsten Unwillen
hielt er hart an einem kürzlich eingeäscherten Hause. Tanzende Affen,
Leierkasten, Marionetten, Sträussermädgen und Betteln der Invaliden,
Hundecomedien und Vaudeville-Sänger, alles schwirrte, gaukelte und presste sich
an ihm hin. Auf einem niedergebrannten Pfeiler dicht neben ihm sass ein braunes
Mädgen von zartem Alter in knappem blauen Kattunhemd und drüber hingeworfenem
dunkeln Mantel, dessen Risse und Schlitzen und abgetragene Wolle eine
weitläuftig überkommene Erbschaft verrieten. Neben ihr kauerte sich ein altes,
dürres Mütterchen fröstelnd zusammen, die blinden Augen in der Kleinen Schoos
gedrückt. Diese sang in demselben leiernden Ton, die gefaltenen Hände von Zeit
zu Zeit mit auswendig gelernter, zur Gewohnheit gewordener Geberde gen Himmel
hebend; um Gottes und des Heilands Liebe willen, für eine arme Blinde ein paar
Sous. Alonzo warf ihr Geld hin! Das Kind stand auf und verneigte sich, indem sie
ihr: Herr, Gott wird es Ihnen vergelten: eben so notwendig, eben so eintönig
wie die frühern Worte hersagte. Die Alte aber, vom Klange des Geldes aufgeweckt,
richtete sich in die Höhe und mit den geschlossenen Augen mühsam zu Alonzo
hinaufblinzelnd, rief sie: das schönste Herz Frankreichs wird so viel Grossmut
lohnen. - Alonzo schauerte zurück, teils vor dem gespenstischem Anblick des
Weibes, teils vor der unwillkommenen Prophezeihung. Er wandte sich mit einiger
Heftigkeit, doch die Blinde reckte sich, auf den Schultern des Mädgens gestützt,
zu ihm hin, indem sie sagte: Bereuen Sie es ja nicht, wenn es Sie übereilte, es
ist auch zu Ihrem Glück.
    Alonzo glaubte, sie fasele, er wusste im Grunde nicht recht was sie wolle,
das eben ängstete ihn. Er spornte sein Pferd an und teilte in ein paar wilden
Galoppsprüngen die gaffende Menge, die bewundernd nachrief: herrlich! herrlich!
auf Ehre echt englisch! - Die Toren! dachte Alonzo, ohne im Herzen ganz sicher
zu sein, ob es nicht ebenfalls Torheit genannt werden könne, sich durch ein
paar Worte so jagen und hetzen zu lassen. -
 
                                Fünftes Kapitel
Er konnte gleichwohl den wüsten Eindruck jener Worte mehrere Tage hindurch nicht
los werden. Und was ihn vollends belästigte, war die Notwendigkeit, mit
verschiedenen Behörden verhandeln zu müssen, wozu ihn die Beschaffenheit seiner
Sendung ganz natürlich verpflichtete. Berührungen der Art waren ihm stets
verletzend. Er konnte nun einmal sein Gefühl nicht bezwingen. Er empfand die
Verschiedenheit diplomatischer und ritterlicher Galanterie ums o schärfer, je
reiner das letztere Element in ihm ausgesprochen war. Was auch die französische
Behendigkeit ersinnen, was die regelrechte ausgleichende Sprache auch
verbindliches sagen mochte, er ahndete, er sah überall den Hohn, die
Geringschätzung leichtsinniger Beschränkteit; und unerträglich drückte ihn die
versteckt gehaltene Ueberlegenheit, mit welcher Besiegte zu ihren Siegern reden
durften. Ihm kochte das Blut jedesmal, dass er so oft etwas ähnliches hörte, alle
Sinne gerieten in Aufruhr, er musste sich selbst entfliehen, und Hass und Stolz
und jede heisse Regung beleidigter Natur tödten, um Sitte und Anstand retten zu
können.
    Ganz ermattet von so unseligen Kämpfen, flüchtete er einst zu Philipp,
dessen Wohnung er ausgemittelt hatte. Der junge ritterliche Künstler sass im
dunkeln, leicht umgeworfenen Mantelkragen, mit übergeschlagenem Hemdestreif und
entblösstem Hals, pfeiffend vor einer saubern Staffelei. Alonzo blieb ganz
verwundert vor ihm stehen. Wie denn, sagte er, sie haben Lust und Musse gefunden,
hier selbst etwas zu bilden? Wo nehmen sie nur den Frieden, die Eintracht im
Innern her? Nun, entgegnete jener lächelnd, was soll ich mich weiter in dem
Tumult verlieren! Auch sind mir die Eindrücke nicht so neu, ich war früher hier
und finde daher manchen unbesetzten Augenblick. Mir schien es billig, dass ich
dem einzigen beruhigenden Eindruck, den ich hier empfing, Gestalt und Dauer gebe
und ein versöhnendes und wertes Andenken aus so merkwürdiger Zeit in die
Heimat zurückbringe. Alonzo war näher getreten. Er sah zur Zeit nur die noch
erst höchst dürftig und weich gehaltenen Umrisse eines Engelskopfes auf dem
Leinen. Das Gesichtchen blickte überaus unschuldig aus einer weisslichen
Lichtwolke hervor, die fast blendend an dem nächtlichen Himmel vorüberzog.
Unterwärts arbeitete ein dunkel wogendes Meer, dessen nakte, kalte Kreideufer in
wunderlich hieroglyphischen Spitzen und Zacken heraussprang. Den Hintergrund
deckten tiefblaue Dunststreifen, man unterschied keinen einzigen Gegenstand. Die
schauerliche Einöde und tief empfundene Seele des Bildes erfüllte Alonzo mit
Ehrfurcht. Er hielt das Ganze für eine Vision, deren der Künstler hier gewürdigt
worden und sah andächtig auf dessen Arbeit.
    Wie indes nicht leicht im Innern ein Ton angeschlagen wird, den fortallend
nicht noch viel andre Klänge und Stimmen wecken und sich ganz eigne Akkorde und
Chöre bilden sollte, so rauschte auch jetzt etwas durch Alonzo hin wie der
dunkle Flügelschlag der Nacht, von dem die einsame Seele in Sehnsucht erbebte.
Alle Empfindungen wurden wach, sie fuhren schauernd aneinander, das Herz stockte
fast in den gewaltsamen Wirbeln. Er hatte sich über Philipps Sessel gelehnt, und
sah und empfand sich in das Bild hinein, ohne eben deutlich zu denken oder gar
zu reden. Die Arbeit ging indes still fort. Philipp war ohnehin nicht einer von
vielen Worten. Es war ihm schon recht, dass nichts Fremdes in sein Tun und
Sinnen hineinfiel, Alonzos Blicke begleiteten ihn vielmehr auf ganz eigene,
geheime Weise. Mehr und mehr ging ein warmer Hauch von dem Lichtglanz der Wolke
aus, Philipp selbst bog sich fast geblendet zurück, das strahlende Engelsgesicht
sah wie ein Friedensbote zwischen silberne Mondflämmchen hindurch, die
Landschaft war unbegreiflich hell geworden, die wüste Angst der Nacht sank ganz
zusammen. Plötzlich fuhr Alonzo mit beiden Händen über die Augen, er sah und
sah, seine Blicke wurden immer fester, immer flammender, mein Gott, rief er, wie
kommen Sie grade zu diesen Zügen? das ist ja das Gesicht des Mädgens, das ich
neuerlich aus dem Gedränge der Catedrale trug. Taten Sie das? fragte Philipp,
den Kopf nach ihm hinwendend, nun da kann es ja sein, dass es dieselbe ist, die
ich neben der Mutter knieend, in so seligem Schauen des reinen, ungetrübten
Himmels fand, dass ihr still entzückter Blick wie linder Engelsgrus über die
unruhig wirre Menge zu schweben schien. Ich habe nie etwas Klareres gesehen. Die
blonden Haare spielten so kindlich weich um Schläfe und Wangen, der
eingeflochtene Lilienkranz spiegelte sich in dem ruhigen Schein der Stirn
zurück, doch nichts glich dem lösenden, beschwichtigenden Zauber jener
schwimmenden, ganz von Begeisterung aufwärts gehobenen Augen, sie sahen, sie
empfanden nur das Licht ewiger Liebe. Nirgend noch begegnete ich so fester
Andacht in Mitten so sündlichen Tobens.
    Philipp hatte mit grosser Lebhaftigkeit geredet, die Begeisterung spielte in
rötlichen Streifen auf seiner Stirn, seine Augen schienen grösser als sonst, sie
bewegten sich leuchtend in ihren Kreisen. Doch wie die Jugend oft beschämt da
inne hält, wo sie mit liebenswürdigem Selbstvergessen über sich hinauszugehen
bereit war, so zügelte auch hier anmutige Blödigkeit Philipps Zunge, er
schwieg, sah Alonzo noch einen Augenblick nachsinnend an, und wandte sich dann
zu seiner Arbeit zurück.
    Daher also, sagte Alonzo zerstreuet. Wie konnte Sie nur die Französin so
begeistern? Das lassen Sie sich weiter nicht anfechten, entgegnete Philipp, das
kommt hier ganz und gar nicht in Betracht. Es ist Gottlob nicht sowohl die
Frage, wo sich ein Künstler befindet, als ob überhaupt ein Künstlerauge da ist,
denn Offenbarungen denke ich gibt es überall!
    Alonzos Blicke hingen unverwandt an dem Bilde, er schien ganz
hineingewachsen. Offenbarungen, wiederholte er langsam, gibt es überall! Und
alle Werkzeuge der Offenbarung sind geheiligt? Fragen Sie sich das noch,
unterbrach ihn Philipp lächelnd? Alonzo wandte sich mit einiger Heftigkeit
abwärts. Er trat zum Fenster und starrte mehrere Augenblicke finster in die
dunkle, unter menschliche Torheit veraltete und verjüngte Stadt; Hass und
Unwille behaupteten wieder ihr verjährtes Recht. Er atmete tief auf, und ohne
das Bild weiter anzusehen, reichte er Philipp die Hand, drückte und schüttelte
sie und fragte mit abwehrender Eile: wo treffen wir einander nun wohl wieder?
Jener sah ihn etwas befremdet an, doch eine leise Empfindlichkeit schnell
unterdrückend, entgegnete er heiter und zuversichtlich: Nun es trifft sich ja
wohl bald einmal auf diese oder die andre Weise.
    Er war aufgestanden und beschäftigt, Pinsel und Palette an die Seite zu
legen. Das Bild stand frei. Alonzos Blicke streiften unwillkührlich daran hin.
Er riss sich unter glühendem Erröten davon los, als Philipp wieder zu ihm
gekehrt, seinen Augen begegnete. Alonzo drückte den jungen, anmutigen Künstler
an seine Brust und flog wie ein Getriebener aus dem Zimmer.
 
                                Sechstes Kapitel
In Paris war es indes nach und nach zu einer gewissen Ordnung gekommen. Die
Eingebornen hatten sich in gänzlicher Sicherheit beruhigt, die Fremden leidlich
gewöhnt. Das Neue war alt geworden. Kein Mensch wunderte sich mehr. Man
langweilte sich so alltäglich aneinander hin, und die Stadt würde vergessen
haben, wie ihr geschahe, hätten Kaiser und Könige nicht von Zeit zu Zeit ihre
Truppen zur Heerschau versammelt. Dahin drängte denn doch immer wieder Alt und
Jung. Man ward es nicht müde die schönen, kräftigen Gestalten, den Glanz, die
Behendigkeit und würdig stille Haltung der ritterlichen Helden zu bewundern. Der
Trompete weckender Klang, der Waffen heller Schein, das Hurrah, der
pfeilschnelle Flug behender leichtfüssiger Pferde, das Leben, die Bewegung war
doch jedesmal wieder neu und verlockte Herz und Augen.
    Einst hatte der König von Preussen seine Garden zusammenberufen. In langen
glänzenden Reihen füllten sie die Avenüe von Saint Germain. Ihr königlicher
Führer hielt neben dem unvollendet gebliebenen Triumpfbogen von Jena. Die Lust
ewiger rächender Vergeltung blitzte aus Aller Augen. Ohne Stolz, mit
treuherziger Vergnüglichkeit sahen die zuversichtlichen, ehrenfesten Krieger auf
jenes schmähende Denkmal, und nachdenklich erwogen sie, wie wunderbar Gott der
Zeit und den Kräften gebiete, nur fertige, was bestehen solle.
    Unzählige Wagen hielten dicht aneinander gereihet, unzähliges Volk wimmelte
dazwischen, Adjudanten und Commandirte rauschten nur so eben an den Zuschauern
hin, man hörte nicht den Hufschlag ihrer Pferde, halb schreitend, halb fliegend
schienen diese kaum den Erdboden zu berühren. Federbüsche wogten, Bajonette
blitzten, Helm und Kürass leuchtete golden in spielenden Sonnenstrahlen. Voll und
gewaltig schmetterten helle Kriegsklänge dazwischen, alles Leben wurde wach,
alle Herzen schlugen freier, man musterte, verglich und lobte nicht mehr, man
sah, man jubelte nur.
    Alonzo hielt im Gefolge eines englischen Generals nahe an der Barriere de
l'Etoile. Hier hatten sich viel Wagen zusammengedrängt, der Lärm war ungeheuer,
Alonzos Pferd wieherte jedem Trompetenstoss nach, und stampfte und schüttelte
schäumend an dem zügelnden Gebiss. Er strich ihm wohl begütigend den schlanken
Hals, und meisterte und wendete sich mit ihm bald rechts bald links, aber in der
Seele war ihm wie dem feurigen Tier; vorwärts! rief es mit tausend Stimmen und
die Zähne zusammenbeissend, schlug er die zündenden Augen gen Himmel. Er
beachtete es nicht, dass dicht hinter ihm viel Lärmens und Gelächter war; ein
junger französischer Offizier sprengte mit fliegendem Ellenbogen und
schwerfälliger Beweglichkeit bald hin bald her, hatte überall zu sehen und zu
reden. Jetzt bog die lange Wagenreihe etwas seitwärts, die Preussische Garde dü
Corps marschirte vorbei. Unwillkührlich lief ein leises Murmeln durch die Menge,
man hatte nie etwas Schöneres gesehen. Ernst und gemessen ging der Zug vorbei.
Alonzos Herz bebte bei dem Rasseln der Waffen, dem stolzen, sichern Tritt der
Pferde, dem heitern Glanz freudiger Maiengesichter. Er hatte sich etwas
genähert, um genauer zu sehen. Sein Pferd arbeitete und drängte ungestüm an die
Wagen hin, er war gezwungen es zu beachten als er eben an einem perlfarbenen
Muschelwagen mit silbernen Verzierungen streifte und durch einen gewaltigen Satz
ein junges schlankes Frauenzimmer tödtlich erschreckte, die mit dem Rücken gegen
ihn gewandt, die eine Hand auf dem Knopf des Schlages gestützt, stehend, die
Regimenter vorüberziehen sah. Sie fuhr leise aufschreiend zusammen, und blickte
etwas bleich und verstört nach dem schnaubenden Barber um. Ein leichter Strohhut
mit blassroten Rosen beschattete das feine Gesichtchen, gleichwohl waren diese
Augen nicht zu verkennen, Alonzo neigte sich überrascht vor seiner Unbekannten
aus der Katedrale. Der junge laut bewegliche Franzose, der sich schon früher
viel um diesen Wagen zu schaffen machte, hielt auf jener Seite, so dass er
Blansche gegenüber war, er machte in diesem Augenblick eine etwas rasche
Bewegung zu Alonzo hin, öffnete die schmahlen, eingezogenen Lippen und stand im
Begriff etwas Scharfes zu sagen, als sich Fahrende und Reuter plötzlich in
Bewegung setzten und alles aneinander und durcheinander zur Stadt lenkte.
    Alonzo war immer grader und höher auf seinem Pferde geworden und schien noch
jene gedrohete Anrede zu erwarten. Jetzt schoss er pfeilschnell nach der Barriere
zu, er hätte die Welt darum gegeben, dem übermütig fragendem Gesicht noch
einmal zu begegnen, aber das wüste Gewirr wickelte sich immer dunkler, immer
unkenntlicher in einander, ganz von weitem zeigte sich die silberne Muschel von
vier Apfelschimmeln gezogen, noch einmal. Alonzo hielt die Hand wie geblendet
vor die Augen. Als er wieder aufsah, stand ein allerliebstes zierliches Kind,
mit den aufgehobenen Armen ein Körbchen voll der glühendsten Rosen haltend,
neben ihm. Mine und Geberde sagte: schöner lieber Herr, kaufen Sie doch. Alonzo
blickte ganz tiefsinnig in die hellen Rosenlichter, es trabte ein Preussischer
Freiwilliger vorbei und sang:
Ihr habt uns geladen
Wie ringen wir baden
Durch Blut und durch Wolken
An's herrliche Ziel.
Alonzo hatte früherhin auf spanischem Boden tapfere Deutsche gekannt, die der
allgemein heiligen Sache im fremden Streite dienten. Das Wort Blut war ihm
wohlbekannt, es fiel wunderbar in sein Ohr; er wandte sich nach dem Reuter und
griff fast zugleich in das weiche Blumenmeer, die roten, duftenden Wellchen
spielten kühlend um seine Finger, er fasste eine Hand voll Blumen und sagte ganz
unwillkührlich: rote Rosen, rotes Blut: und Geld in das Körbchen werfend,
trabte er ganz in sich versunken nach seinem Quartier.
 
                               Siebentes Kapitel
Hatte Alonzo bis dahin still und verborgen gelebt, so hielt er es jetzt seiner
Ehre gemäss, überall, so viel sichs tun liess, an öffentlichen Orten zu
erscheinen. Kein Mensch sollte ihn vergebens suchen, keine an ihn gerichtete
Frage unbeantwortet bleiben. Er war deshalb, alles Widerwillens ohnerachtet,
fast zu jeder Stunde im Palais Royal zu finden. Sein stattlich stolzes Wesen,
der feste Trotz, mit dem er etwas zu erwarten schien, die kalte Geringschätzung
in Blick und Minen bezeichnete ihn bald genug. Karikaturen und Vaudevilles
malten den tiefsinnig spröden Spanier auf komisch neckende Weise, ohne dass er
selbst eine Ahndung davon hatte. Sein Auge war auf ganz Anderes gerichtet. Mit
scharfem Adlerblick fasste er jedes verwandte Gesicht, ohne gleichwohl seinen
Mann finden zu können.
    Unwillkührlich hatte er denn doch manche Bekanntschaft gemacht, sich manchem
Kreise angeschlossen. Es konnte nicht fehlen, dass er hin und her zur Teilnahme
gezwungen, in Gespräche verwickelt ward, in denen er ein tiefes, überaus edles
Gemüt offenbarte. So fand er sich bald gesucht und schon in den ersten Tagen
unter mehreren verbündeten Offizieren einheimisch. Es kam hier vieles zur
Sprache, das die gemischten, oft verletzenden Verhältnisse der Zeit mit immer
gesteigertem Unwillen aus den empörten Herzen riss, man stachelte sich so
gegenseitig und es sprüheten Funken, die oft nur des zündenden Gegenstandes
ermangelten, um hell aufzuflammen. Niemand machte just ein Hehl daraus, dass er
das Land, die Stadt und die Einwohner hasse, dass dies Gefühl rechtmässig und nun
und nimmermehr auszurotten sei. Wir haben es leider nur allzuzeitig vergessen,
sagte einst ein wackrer Oestreicher, wie uns seit dem spanischen
Successionskriege her und wohl früher dies Volk gehofmeistert und durch seinen
sündlichen Einfluss unterjocht hat. Das waren Franzosen wie jetzt. Man sagt
immer: die Revolution und der Napoleon habe alles so schlimm gemacht, aber es
lese nur Eins wie es damals zuging, Treue und Glauben war niemals drin.
    Da hinter, sagte ein blonder, hochgewachsener Brandenburger, sind nun wohl
nach grade auch alle gekommen, mit dem Vertrauen ist's meist aus und jedweder
bleibt gefasst und auf seiner Hut. Was schmeichelt man ihnen denn noch lange,
unterbrach ihn der Oestreicher, und lässt sie glauben, sie seien nicht besiegt.
Es hätte nicht viel gefehlt, wir massten die grünen Zweige verstecken, weil ihnen
das ehrenwerte Feldzeichen in die Augen schlug. Darf sich wohl Einer rein
heraus Sieger nennen, wir umgehen und umgehen das Wort und tun mit ihnen, wie
mit kranken Kindern, darüber werden sie vollends töricht und vorlaut. Ich
glaube, sagte der Brandenburger aufstehend, man macht es mit den Franzosen wie
mit den Besessenen, man scheuet und windet sich vor ihren krampfigen Zuckungen,
und lässt sie laufen. Ich habe nur eine Zeitlang das Wesen so mit angesehen, und
all' die Manövres und Kunststückchen vormachen lassen, es war mir spasshaft
genug, dass sie mich zu imponiren glaubten, aber es nehme mir kein Mensch übel,
lange hält man das nicht aus, zuletzt wird man ganz müde und matt und geht ihnen
gern aus dem Wege.
    Ein feiner, schlanker Russe, der eine Zeitlang lächelnd in den Streit hinein
gesehen hatte, sagte jetzt in etwas gepresstem weichem französisch, wir hätten
doch alle sammt unrecht, die Nation zu hassen, da wir ihrer Sprache jede
gesellige Mitteilung und selbst den jetzigen, kameradschaftlichen Verkehr
verdanken. Auch können wir es uns nicht wohl ableugnen, dass, die
augenblicklichen Missverständnisse abgerechnet, Paris der Sitz aller urbanen
Gewandheit, des feinsten Gesellschaftswitzes und einer Cultur ist, wie wir sie
anderswo nur im matten Wiederscheine finden. Die Franzosen bleiben immer unsre
Vorbilder und wir streben vergebens sie zu erreichen. Gestehen wir es nur, wir
bleiben bei allem Stolz weit hinter ihnen zurück. Solch Streben, fiel der Preusse
ein, verdient solchen Lohn. Gottlob! bei uns ist die alte Comödie ausgetrommelt.
Es bringt sie kein Mensch mehr aufs Tapet. Wir fangen denn doch nach grade an
uns zu ehren. Im Selbstgefühl liegt die Selbstständigkeit, darauf soll der
deutsche Ritter wieder seine Burgen bauen, und denn wirds auch mit der
vielgepriesenen Welt- und Gesellschaftssprache ein Ende mit Schrecken nehmen.
Ich sehe gar nicht ein, weshalb sie nicht zu entbehren sei. Es kommt nur darauf
an, dass notwendiger Ausgleichungen im Leben wegen, das klassisch, poetische
Italiänisch Hofsprache werde. Welch ganz anderer Geist würde in die Gesellschaft
übergehen. Und gleichwohl, fiel der Russe ein, bestechen die Franzosen uns heut
wie immer, uns rejetzt und lockt die Meisterschaft dessen, was wir kennen, ohne
es zu können. Mich nicht, fiel ein alter Landwehroffizier ein, mich wahrhaftig
nicht. Ich wollte das Meer verschlänge das ganze Land, ehe ist doch keine Ruhe
in der Welt.
    Philipp war während dem hinzugekommen. Er lachte über des alten guten Mannes
Eifer, und malte seinen Vernichtungswunsch noch deutlicher aus, indem er in den
Franzosen schon Seeungeheuer sah, die nach tausend und tausend Jahren die
Uferfahrenden durch wunderlichen Spuk erschrecken würden und deren rätselhafte
Fabeln die späten Nachkommen von diesem Kriege und der Ahnherrn tapfere Taten
hören sollten. Man lachte und umspann Zorn und Unwillen in allerlei possenhaften
Ausfällen.
    Alonzo hatte sich etwas entfärbt als Philipp ihm zutraulich auf die Schulter
klopfte und neckend fragte: Wie nehme ich es denn, dass Sie zu dem allem
schweigen? Was sollen Worte? entgegnete jener. Wir sehens ja, man kühlt sich
gegenseitig wieder ab. Es ist immer ein müssiges Geschäft, das Skelett eigner
Empfindung einem Andern ins Herz drücken zu wollen, jener wirft es heraus wie es
ihm beschwert und behält höchstens einen widrigen Eindruck davon.
    Er hatte sich selbst im Reden erbittert und sah tiefsinnig und kalt an
Philipp hin. Dieser schlenderte neben ihm, an etwas anders denkend, hin Beide
traten in die Vorhöfe des ungeheuren Gebäudes. Es war schon spät, der Nachtwind
wehete kühl. Im Caffé de la Rotonde erlosch ein Licht nach dem andern. Die
Patrouillen gingen spähend umher, die Menge verliess sich. Mich friert, sagte
eine bebende Stimme dicht neben Alonzo, gehn wir, mir ist so angst, es ist Zeit,
niemand kommt mehr, alles wird still. Alonzo wandte sich nach der Stimme hin, er
erkannte die Blinde von den Boulevards, an der Hand des braunen Kindes. Da
steh'n noch zwei, flüsterte dieses; wo? fragte die Alte. Die Kleine bog die
dürre Hand der Mutter bittend nach Alonzo. Doch diese zog sie sogleich zurück;
lass nur, sagte sie, lass, tritt niemand mehr in den Weg, es ist keine gute
Stunde, stöhre niemand, hörst du, komm, jeder hat sein Geschäft, ach Gott, mir
wird so angst! Sie keuchte an Alonzo vorbei, er hörte sie noch dumpf aus der
Ferne stöhnen, bis sie in dem Caveau des aveugles verschwand! -
    Wo wollen Sie hin? fragte Philipp, als sich Alonzo schnell nach den Zimmern
zurückwandte, aus denen sie gekommen waren. Ich habe drinnen etwas zu zahlen
vergessen, erwiederte dieser flüchtig. Lassen Sie's doch bis morgen, rief ihm
Philipp nach, Sie hörens ja, es ist keine Zeit mehr zu Geschäften. Alonzo stand
einen Augenblick unschlüssig, doch gleich darauf war er verschwunden. Philipp
ging einige Zeit auf und ab, in der Absicht ihn zu erwarten. Er hätte ihn gern
noch gesprochen. Doch währte es lange. Er konnte das nicht begreifen und halb
verdriesslich, halb von einem beklommenden Vorgefühl getrieben, folgte er dem
Zögernden nach.
    Es war fast überall schon öde und leer. In einem hintern Spielzimmer endlich
fand er Alonzo an einen Pfeiler gelehnt, mit festem Blick auf mehrere
französische Offiziere sehend, die unter tollem lautem Gelächter einen jungen
Cameraden aus ihrer Mitte zuhörten. Dieser hielt ein Blatt in der Hand, und fuhr
mit dem länglichen Zeigefinger, seinem Witz bei sehr beweglichem Minenspiel mehr
Nachdruck gebend, geschäftig darüber hin. Man trieb hier sichtlich höchst leere
und flache Possen. Philipp trat daher ganz entrüstet zu Alonzo, ihm zuflüsternd,
um Gotteswillen was tun Sie hier? lockt Sie die verrenkte Spasshaftigkeit so
unwiderstehlich an? Es hatte mich vorlängst, entgegnete Alonzo mit unverwandtem
Blick, einer der Herrn etwas zu fragen, ich erwarte nun dass ers tue. Ah! so!
erwiederte Philipp, ohne sonderlich den Sinn jener Worte zu beachten. Er hatte
viel anderes in Gedanken, und übersah leicht was um ihn vorging. Nachlässig zog
er einen Stuhl in eine Fenstervertiefung, stützte den Ellenbogen auf den Sims
und den Kopf in die Hand gelegt, richtete er die dunkeln Augenlichter in die
Nacht stiller träumender Erinnerungen. Jetzt ward es jedoch laut neben ihm, er
liess die Hand sinken und wandte das Gesicht nach dem Geräusche hin. Der junge
Franzose trat mit eingeknicktem Beine und nachlässig schleppendem Gange, die
geringschätzige Weise des Kaisers Napoleon nachahmend, Kopf und Nase in die Höhe
geworfen vor Alonzo, und fragte mit Talmas Heldenmine: ob er etwas an ihm
auszusetzen finde, da er ihn seit lange auf belästigende Weise fixire. Ich
erwartete Sie, entgegnete Alonzo trocken. Sollte, fuhr der Franzose die Antwort
überhörend, fort, in Spanien, wie ich Ursache habe zu glauben, unsre freie,
reiche Lebensgewandteit noch fremd sein, so erlauben Sie mir Ihnen zu sagen,
dass es bei uns höchst auffallend ist, jemand anzusehn, ohne ihn zu begrüssen. Der
Gebrauch verbietet das durchaus, es darf nie geschehn! Alonzo stand, beide Hände
übereinander auf den aufgestemmten Säbel gelegt, höchst stolz und feierlich vor
ihm, und mit einem Feuerblick, an dem der Franzose fahrig hin und her flog,
sagte er gelassen, ich habe mich niemals um französische Gebräuche bekümmert,
spanische Rittersitte, aber denke ich, sollte man in Frankreich kennen gelernt
haben. Die Bekanntschaft, fiel der Franzose rasch ein, ist nicht seit gestern,
sie war gegenseitig, auch ermangelten wir nicht ähnliche Notizen zu sammeln. Er
hob ein bemaltes Blatt gegen die flache Hand gelehnt, schräg gegen Alonzo auf,
und mit gekniffenem fuchsartigen Lächeln setzte er hinzu: wenn Umstände und
Nationaldekrete uns die Waffen aus der Hand winden, so sehen Sie, dass wir die
Waffe des Spottes unbestritten besitzen, vor der dennoch ganz Europa zittert.
Alonzo hatte nur ein halbes Auge an die bunte Fratze gewandt, in welcher er sein
und seiner Nation karikirtes Bild in der Person des Donquichot aus einem
Lieblingsstück der Variétés, Croque mitaine genannt, in allen seinen Zügen
sprechend ähnlich, erkannte. Der Zorn flammte leuchtend auf seiner Stirn, er
behielt die eine Hand an dem Säbel, neigte die andre gleichsam winkend gegen
seinen Gegner, und sagte mit stiller Sicherheit, wir Spanier pflegen die
Franzosen nur mit Blut zu malen. Er winkte noch einmal, und vorausgehend, setzte
er hinzu, ich bitte zu folgen.
    Philipp hatte schon längst sein weisses Barett in die Augen gedrückt, das
Schwerdt heftig unter die Arme geklemmt, sich ungeduldig die Hände gerieben und
bald den einen bald den andern Fuss zum Weggehen gehoben. Er zitterte vor innerer
kaum verhaltener Wut, er hätte den Uebermütigen auf der Stelle niederstossen
mögen. Jetzt stand er unter heftigem Herzklopfen neben Alonzo. Der Franzose
lächelte auf eigne höhnisch verbindliche Weise, redete ein paar Worte mit seinen
Cameraden und folgte Alonzo dann mit teatralischer Vornehmheit.
    Sie gingen rasch und schweigend durch Strassen und über Plätze, jetzt standen
sie an einer Gartenmauer. Alles war still, der Raum bequem. Die Entfernung ward
ausgeschritten, man stellte sich. Alonzo blickte noch einmal umher, er sah über
die ausgebogene Mauer zwischen dunkeln Buchenwänden auf einen frischen
Rasenplatz, hohe Rosen und Lilien weheten duftend herüber, ganz von fern
schimmerte ein weisses Gewand, wie ein Lichtwölkchen durch die Schatten. Arme
Taube! dachte Alonzo, so nahe bei dir rauscht vielleicht der Todesengel. Er hob
das schöne Auge ernst gen Himmel, silberne Mondlichter spielten auf seinem
Gesicht, die dunklen Locken wogten in der Nachtluft, das Schwerdt blitzte in
seiner Rechten. Mit Gott, rief er, die freie Hand aufs ungestüme Herz drückend,
schnell trafen dann die scharfen Waffen aneinander, es ging eine Weile Stich um
Stich, drauf taumelte der Franzose, der Säbel fiel ihm aus der Hand, das Blut
sprang dicht unter dem Herzen hervor, todtenbleich sank er in seines Kameraden
Arme. Alonzo schöpfte Atem, da rauschte das weisse Gewand immer näher und näher
heran, das Gartenpförtchen sprang auf, Türgis, mein Türgis, rief eine
Engelsstimme! Bediente stürzten herbei, man umringte, man bestürmte den
Verwundeten und trug ihn endlich unter lautem Jammergeschrei in den Garten. Die
Tür schlug hinter ihm zu, alles ward still, Alonzo stand auf Philipp gestützt,
einsam in der kühlen Nacht. Er seufzte tief, drückte Philipp die Hand und ging
von dem stillen, innigen Jüngling begleitet, im wunderbarsten Taumel der Sinne
nach Hause.
 
                                 Achtes Kapitel
Philipp war des andern Tages schon geraume Zeit bei Alonzo, ohne dass beide noch
eigentlich mit einander geredet hätten, es wusste eben keiner recht anzufangen,
indes Blick und Minen tausend Fragen an des Andern Seele taten.
    Sie haben wohl nichts gehört, hub endlich Alonzo an, das Auge unsicher auf
Philipp gerichtet. Doch, entgegnete dieser, ich weiss wenigstens, dass Ihr Gegner
lebt, dass er der Sohn einer Frau von Saint Alban und eines Herzogs Neffe ist, in
Spanien für den Unterdrücker focht, und dass just nicht viel an ihm verloren
wäre, falls der Himmel dennoch über ihn beschlossen hätte. Er hatte dies
Letztere schon mit halbem Lächeln gesagt und der lustige Glanz der Augen zeigte,
dass er auf dem schönsten Wege war, seiner neckenden Laune Bahn zu machen.
    Gestehe ich es Ihnen nur, fiel Alonzo niedersitzend ein, mir ist es lieb,
dass er lebt. So lange ich gegen das namenlose Wesen focht, schlugen Hass und
Rache flammend über mir zusammen, ich sah, ich hörte nichts als die verhassten
Töne, die meine Brust unter tausend Qualen unaufhörlich zerrissen. Ich dankte
dem Himmel für diesen Augenblick, der ätzende Aerger war mir Labsal und da mir
nun die warmen Blutquellen hell entgegensprudelten, atmete ich leicht, Gott,
dachte ich, hat gerichtet. Als aber jene Klagestimme mir einen Namen nannte, da
war es mit dem Zorne plötzlich aus, ich fühlte ein menschliches, von warmen
Herzen geliebtes Wesen nahe. Der wunde Jüngling kam mir mit einem male ganz
anders vor, er lag so bleich, so rührend da, aller Übermut war von der Stirn
weggehaucht, sie schien mir ganz klar und rein. Der Schmerz zuckte wehmütig an
seiner Lippe, es ging mir durch alle Nerven, ich hätte ihn küssen, ihn Bruder
nennen mögen. Philipp, darf auch der Mensch so über den tief bewartesten,
heiligsten Gefühlen schalten lassen, darf er dem Mitleid diese Gewalt einräumen?
    Philipp war auf- und abgegangen. Die Schultern etwas gehoben, mit der Hand
auf Allgemein hinweisend, sagt er: Gott trägt auch Mitleid mit dem Sünder, wir
sollen uns freuen, wenn wir einmal eine freie göttliche Regung in uns spüren.
Was ängstigen wir uns überhaupt über etwas, was einmal nicht anders sein kann.
    Sie erkannten sie gleich? fragte Alonzo ohne aufzusehen. Jener wandte sich
rasch, sah ihm scharf ins Auge und halb ernst halb lächelnd, sagte er unter
leichtem Erröten, glauben Sie, dass das anders möglich sei? Alonzo schwieg.
Philipp blieb vor ihm stehen. Mir war, sagte er, als habe sich eine von den
hohen Lilien herübergeneigt und lege sich nun an des gefallenen Jünglings Brust.
Es kam alles so schnell, so traumartig.
    Alonzo fasste seine Hand. Ich reise, lieber Philipp, ich muss hier fort, die
Luft drückt mich entsetzlich. Ich habe meiner Mutter schon geschrieben. Es geht
nicht länger. Sie muss sich bei dem Könige für mich verwenden, er wird mich
zurückrufen, er siehts ja, ich tauge hier nichts, wie konnte er mich auch
wählen!
    Ich wollte, ich könnte Sie begleiten, sagte Philipp, seine Hand immer noch
in der seinen haltend, aber mein Weg ist mir schon vorgezeichnet.
    Bei allem dem, fuhr Alonzo ganz in Gedanken fort, wie gut dass er lebt. Er
schien ihr so wert, so unaussprechlich teuer zu sein! Wenn er - o höchst
wunderbarer unbegreiflicher Gott! -
    Beide schwiegen unter ernstem Nachdenken als ein Wagen vor dem Hause
anhielt, und man Alonzo, Türgis Oheim, den Herzog meldete. Störe ich Sie, sagte
Philipp aufbrechend, so leben Sie für jetzt wohl. Im Gegenteil, erwiederte
Alonzo, Ihre Nähe tut mir ganz unumgänglich not. Ich denke es kömmt hier noch
wohl mancherlei zur Sprache, und wir halten und bewahren uns nie besser, als
wenn wir wissen, dass uns ein Freund beachtet. Nun fiel jener lachend ein, das
wird einmal wieder einen komischen Aufzug geben, am Ende sollen Sie sich wohl
gar noch mit dem alten Herrn herumschlagen. Ich dächte Sie überliessen mir das,
wir können leicht die Rollen vertauschen, er kennt keinen von uns beiden, und
ich zeige ihm dann sein eignes Gesicht, ich weiss schon all die Minen, Phrasen
und Luftsprünge der Gedanken auswendig, er soll glauben sich in einem Spiegel zu
sehen, hören Sie nur, da geht's los. Die Türen schlugen auf, der ältlich
würdige Mann trat ein und gab durch sein blosses Erscheinen den beiden Jünglingen
Ehrfurcht. Sie neigten sich schweigend gegen ihn. Das stille Leiden vieler
Jahre, die Kraft und Ruhe der Ueberwindung lag auf den verfallenden Zügen, er
richtete die grossen Augen nach Alonzo; die Nacht hereinbrechenden Alters
umdämmerte bereits ihre frühere Glut, und gab ihnen jenes wehmütig
verschwimmende Licht, das leise zum Herzen redet. Mit altadelich sicherm
Anstande sagte er darauf, ich fühle mich gedrungen Sie aufzusuchen, ihnen
persönlich zu eröffnen, wovon mein Herz voll ist. Sie sind zum Unglück meines
Hauses auf unverzeihliche Weise gerejetzt worden, und haben nach würdig
anerkannter Sitte ihr Recht genommen, ich kann jenes nur bedauern, wie dieses
ehren. Wenn indes der leichtsinnige Übermut eines Unbesonnenen, wenn die
empörende Frechheit meines vergifteten Frankreichs sich so verletzend gegen Sie,
gegen eine ganze edle Nation äussern durfte, werden Sie dem Bereuenden, dem
Todtwunden verzeihen? werden Sie einer verzweifelnden Mutter den Trost geben
wollen, dass kein Fluch ihrem Liebling ins Grab folgt? Mein Herr, Sie haben
keinen Begriff von dem Schmerze, alle Lebenshoffnungen in seinem Kinde, in
seinem eignen Blute scheitern zu sehen! Herr Herzog, entgegnete Alonzo in grosser
Bewegung, Ihnen ist es zu wohl bekannt, dass der geendete Kampf auch den Streit
beendet. Die Ehre ist befriedigt, das Gefühl hat keine Stimme mehr; auch ist
dieses beruhigt, und ich darf Ihnen mein Ritterwort geben, dass ich um so freier
von allem Groll bin, als durchaus keine weitern Beziehungen zwischen mir und
meinem Gegner statt finden, und nur die allgemeinen, tief liegenden Elemente
verschiedener Nationalität sich durch uns einen Weg bahnten, um aneinander zu
geraten. Die Gesetze wie die Weihe der Waffen haben hier geschlichtet und
entschieden. Den Frieden der Gemüter behindert fortan nichts weiter. Wenn Sie,
nahm der Herzog auf innige Weise das Wort, wenn Sie meiner Schwester das selbst
sagen, wenn Sie uns die Beruhigung Ihrer Nähe nur auf kurze Augenblicke gönnen
wollten. Alonzo sah ihn betreten an. Sie erschrecken, fuhr jener fort, schon vor
der blossen Möglichkeit persönlicher Befreundung, Sie hegen die lebhafteste Scheu
gegen jede Art von Gemeinschaft mit allem was Franzose heisst? Ich kann Sie nicht
tadeln, aber eben dass ich es nicht kann, lastet härter als der Fluch der
Verbannung auf mir. Ich will Sie, fügte er einlenkend hinzu, weiter nicht in
Verlegenheit setzen. Sie werden es ja nicht übersehen wollen, dass es auch hier
tapfere und freie Herzen gibt, die Pflicht und Ehre, Gott und Gewissen über
alles hoch halten, und diesen Ihre Teilnahme schenken, je mehr Sie sie zu
bedauern Ursach finden. Er hatte die letzten Worte mit frommen Eifer gesprochen,
in seinen Augen glänzte eine Träne. Alonzo sah beschämt vor sich nieder. Ich
gehe, sagte der Herzog nach kurzem Schweigen um vieles getrösteter von ihnen als
ich kam, ich sehe Ihr menschliches Gefühl überwiegt den Nationalhass bei weitem,
wenn dieser gleich nicht duldet, dass Sie sich aussprechen dürfen. Ich verstehe
Sie, junger Mann, und noch einmal, ich ehre Sie deshalb. Wo das Recht und die
Wahrheit, rief Alonzo sehr bewegt, so gebietend sprechen, ist es nicht länger
erlaubt zu wanken. Sie haben mich bezwungen, Herr Herzog, ich bitte Sie zu
glauben, dass Sie, dass Ihre Familie meine Teilnahme in einem weit höhern Maasse
besitzen als ich es sagen kann, dass ich stolz sein werde, Ihnen das zu bezeigen.
Sie waren unter diesen Worten bis an die Tür gekommen. Der Herzog wandte sich
noch einmal und mit prüfendem Blick auf beide Fremdlinge, rief er, möchten Sie
doch Frankreich wahrhaft befreien können!
    Philipp sah ihm gedankenvoll nach. Wie eitel die Jugend ist, sagte er nach
einer Pause zu Alonzo gewandt, wie klug und sicher waren wir vorher, und wie
stehen wir nun da! Mich ärgern meine voreiligen Worte! Leben Sie wohl, ich bin
vedriesslich, weiss nicht recht wie ich mit mir selbst dran bin. Der Hass ist von
dieser Welt, aber die Gerechtigkeit ist Gottes, das fühle ich wohl! Der Krieg
macht doch wüst und einseitig, es muss wieder anders werden! Leben Sie für heute
wohl.
    Hören Sie doch, rief Alonzo ihn zurückhaltend, Sie schlugen noch so eben
vor, wir sollten unsere Rollen in dieser Sache vertauschen, so ganz denke ich
Sie nicht beim Worte zu nehmen, doch einigermassen müssen Sie in meiner Seele
handeln. Gott weiss es, setzte er tiefsinnig hinzu, ich bin mir selbst fremd
geworden, wer mag sagen, wie weit das gehn kann, ich muss mich bei Zeiten zügeln,
ich darf mich keiner allzu grossen Weichheit hingeben, und doch bin ich der
Familie, dem braven alten Manne etwas schuldig, es muss etwas gescheh'n, ich darf
nicht in dieser gemessenen Zurückhaltung verharren. Wollen Sie in meinem Namen
zu dem Kranken, zu der Mutter gehn? Ihnen wird es leichter sein, ein allgemein
begütigendes Wort zu sprechen, ohne doch zu viel zu sagen. Sie werden das schon
zu machen wissen, und verschaffen mir dadurch Zeit, mich zu sammeln. Es hat mich
dies alles sehr überrascht, ich muss mich wirklich erst wiederfinden. Vielleicht
begnügen sich auch die Menschen mit dieser einen Höflichkeit, sie wollen die
Formen beobachtet wissen, sie vergessen nachher das Uebrige. Tun Sie es immer,
lieber Philipp. Ich merke wohl, sagte dieser, es ist eine erschreckliche Sache
mit den Worten, sie fallen einem so unversehens aus dem Munde und verstricken
nachher in Dinge, die besser fern blieben. Ohne meinen unzeitigen Spass vorhin
wären Sie gar nicht auf den Gedanken gekommen. Nun ich gehe, fuhr er fort, aber
was daraus entsteht, setzte er mit halb verstecktem Ernst hinzu, kommt dennoch
auf Sie.
 
                                Neuntes Kapitel
Alonzo vermied es auf alle Weise, mit sich zur Sprache zu kommen. Er liess die
innern Wogen über Herz und Brust zusammenschlagen, ohne viel zu rühren und zu
rücken. Die beklemmende Schwüle hielt jeden freiern Lebensstrom gefangen. Das
eben war ihm recht, er scheuete die eigne Kühnheit.
    Gleichwohl erwartete er Philipps Rükkehr mit weit mehr Unruhe als ihm lieb
war. Er wollte etwas hören, etwas erfahren, er wusste selbst nicht was? Mit jeder
Minute schwoll das Verlangen, die Sehnsucht immer stürmischer an. Er ging heftig
auf und ab, Türe und Fenster standen offen, er wollte durch kein falsches
Geräusch länger getäuscht werden. Bei dem ersten Tritt, dem ersten Laut seiner
Stimme, wollte er Philipp entgegentreten, er musste doch endlich kommen, es
konnte gar nicht fehlen.
    Ob der Kranke wohl noch lebt? fragte er zuweilen, mit dem allerinnigsten,
tiefsten Mitleid, dazwischen drang eine andre Frage herauf, der er niemals Herr
werden konnte, sie sah ihn so lange und so fest an, bis er ganz verwirrt die
Hand auf die Augen drückte und nichts mehr hören und nichts mehr sehen mochte.
    So quälte er sich stundenlang. Endlich sagte er ganz trotzig: mag er kommen
oder nicht, was ist's weiter? - Er ging aus, und verträumte den Abend über in
Teater und Caffees. Aber mitten unter den tausend Lampen, unter den fremden
Menschengesichtern schlich es wie ein Gespenst heran? was ist das schlanke,
weinende Mädgen dem wunden Jüngling? liebt sie den Bruder, liebt sie den Freund
in ihm? Und kann sie anders als den Mörder hassen? -
    Als er spät nach Hause kam, erfuhr er, dass ihm Philipp aufgesucht, ihn zu
sprechen gewünscht, gleichwohl etwas eilig und zerstreut, nichts an ihn
zurückgelassen habe. Gleichviel! sagte Alonzo, es ist auch so gut. Doch legte er
sich ins Fenster und hoffte, jener solle noch einmal heransprechen. Es blieb
indes alles wie es war. Seltsam ist es bei allem dem, sagte er missmütig, dass
Philipp nicht wenigstens ein paar Zeilen schreibt! wer weiss, was er mir zu sagen
hatte! Es war schon tief in der Nacht. Er warf sich aufs Bett. Ihm ward
unerträglich heiss. An Schlaf war nicht zu denken. Er sprang wieder auf, ging im
Zimmer hin und her und griff dann in Gedanken nach der Guitarre, und da sie
verstimmt war, spannte er an den Saiten, und rührte in die Töne, ohne etwas mehr
als einzelne Akkorde anzuschlagen. Er sass dem Nachtlicht gegen über, die Klänge
hallten leise an ihm hin, ein kühler Luftauch strich durch das offene Fenster,
auf den Strassen war es still geworden, Alonzo sann und spielte sich so in eine
tiefe Wehmut hinein, als ein kleiner weisser Schmetterling, den man Nacht- oder
Todtenvogel zu nennen pflegt, in blendenden Kreisen aus dem Dunkel an das Licht
flog und vorüberschwirrend bald wieder verschwand. Alonzo wehete ein Schauer an,
er wusste nicht woher noch worüber. Lange nachher kam es ihm vor, als höre er
noch das Schillern der bleichen Flügel, er griff deshalb stärker in die Saiten
und stimmte zuletzt unter lautem Begleiten der Stimme einen Choral an, vor dem
seine Seele sich hob und dehnte.
    Er hatte die ganze Nacht über aufgesessen und die heisse Brust dem frischen,
beruhigendem Morgenstrahl geöffnet. Der Tau lag perlend auf einem kleinen
Blumengärtchen unter seinen Fenstern. Levkoyen und Reseda dufteten balsamisch,
durch die Blätter säuselte der Morgenwind und schüttelte die hellen Tropfen
erquicklich auf den Rasen. Es ward recht still und hell in Alonzo, und er konnte
sogar dem erwachenden Leben umher, vom einförmigen Treiben der Hökerer und
Verkäufer an bis zum emsigen Fleiss in der geöffneten Werkstatt freudig zu sehen.
Nach und nach ward alles lauter, auch in seiner nächsten Nähe. Es war noch
frühe, als er folgenden Zettel von Philipp erhielt:
    »Sie waren gestern Abend nicht zu finden, ich habe Sie vergeblich gesucht.
Heute bin ich gedrängt und eilig. Nur so viel, Ihr Auftrag ist ausgerichtet und
aufgenommen wie Sie wünschen können. Man sagt es nicht, aber man erwartet Sie.
Sie hätten unrecht, dies Vertrauen zu täuschen. Leben Sie für ein paar Tage
wohl. Ich mache einen kleinen Streifzug nach Versailles und dort umher. Gott mit
Ihnen!«
    Weich und offen und unbewaffnet gegen unerwartete Eindrücke, wie Alonzo es
in der frühen Morgenstunde war, trafen ihn die flüchtigen unbefriedigenden
Zeilen höchst unangenehm. Er warf den Zettel heftig vor sich hin. Es ist doch
wahr, rief er, Künstler sind schroffe Egoisten, sich selbst in der Kunst
heraufschmeichelnd und verwöhnend, lassen sie alles andre im Leben, all' die
tausend rührenden Beziehungen des Daseins unbeachtet, und kränken unaufhörlich
durch Nachlässigkeit und Leichtsinn! In Versailles! was will er da! nach alten
Bildern jagen, je verbleichter und bestäubter, je lieber sind sie ihm freilich,
die heisse, lebendige Nähe des wartenden Freundes, was ist sie dagegen! sie fällt
nur unbequem in seine Träume. Die Gegenwart ist so wahr, sie sieht so scharf und
nahe ins Auge, die Phantasie hat nicht Raum, nicht Zeit zu spielen, sie will die
Tat, die rund herausgesprochene, feste Tat, man hat es leichter drüben hin zu
sehen und jeden flüchtig auf sich selbst zurückzuwerfen!
    Er war in grosser Bewegung auf- und abgegangen. Da blitzte es dunkel in ihm
auf, er hat mir wohl gar etwas zu verbergen! er will mit der Sprache nicht
heraus, ich soll selber sehen. Das ist so recht! dem unangenehmen Eindruck geht
man aus dem Wege.
    Immer unwilliger, immer zerrissener im Innern beschloss er jetzt all' der
Quälerei ein Ende zu machen. Der schwere Gang zu Frau von Saint Alban ward
unternommen. Der Weg war lang, Alonzo hätte ihn noch um Stunden ausdehnen mögen.
Endlich fuhr der Wagen jener wohlbekannten Mauer entlängst. Der Tag schien hell
und deutlich auf die verhängnisvolle Stelle nieder, das Pförtchen stand offen,
Kinder liefen hinein und heraus und sammelten in Körbchen die abgefallenen
Rosenblätter, um sie weiter zum Verkauf zu tragen. Ein alter Mann stand daneben
und hütete die blühenden Zweige vor Beschädigung. Es ward alles so wirklich, so
beängstigend um Alonzo. Vor einem dunkeln Eisengatter, am Eingange einer dichten
hochgewölbten Kastanienallee hielt jetzt der Wagen. Der Schlag flog auf, Alonzo
blieb länger keine Wahl, er war gemeldet, angenommen, so trat er denn in Gottes
Namen in den schattigen Gang. Die Brust war ihm so beklemmt, dass er ein paarmal
hustete und stille stand, um nur des stockenden Atems wieder Herr zu werden.
Eine breite Rasentreppe herauf zwischen künstlichen Blumenbeeten erstieg er
mühsam die Terassen, und trat nun unter das Portal des vornehmen altväterlichen
Gebäudes. Gewölbte Gänge, in Stuck gearbeitete Verzierungen, breite Fliesen, ein
paar steinerne Ritterbilder, an die sich die freche Hand der Zeit vergeblich
wagte, alles hier sprach von gediegener, fester Sinnesweise. Armand öffnete
feierlich, mit gesenktem Blick einzig auf sein Geschäft bedacht, eine Tür, und
Alonzo stand vor Frau von Saint Alban.
    Wie er hieher gekommen? was er hier sollte? es war ihm selbst ein Rätsel.
Er verbeugte sich tief, als die lebhafte Frau mit schnellem Blick an ihm
hinfliegend ausrief: das erwartete ich. Sie mussten es sein! Ich erkannte sie
sogleich und das ist bei dem Tumulte dieser Zeit recht sehr viel, Sie sehen, wie
tief Sie in unserm Herzen leben. Alonzo hatte bei dem ersten Laut ihrer Stimme
die Mutter seiner Unbekannten wiedergefunden. Ein Strahl unaussprechlicher
Freude blitzte durch seine Seele. Es scheint, fuhr Frau von Saint Alban fort,
Ihr Eintritt in dies Haus bringt Segen. Mein Sohn ist heut um vieles wohler, er
dankt das unfehlbar Ihrer gestrigen Botschaft, die ihm sichtlich wohl tat.
    Die linde verbindliche Weise, mit der das zerrissene Mutterherz dem Trost zu
geben bemühet war, der ihr so unaussprechlich wehe tat, verwirrte Alonzo
vollends. Gnädige Frau, stammelte er unter flammendem Erröten, wie ich Ihnen
gegenüberstehe, Sie trauen mir zu, dass ich es fühle. Ihre Güte macht mich vor
mir selbst schuldiger als ich es wirklich bin. Ich kann Ihnen nichts, gar nichts
sagen, dass nicht zu viel oder zu wenig wäre. Ihr scharfer Geist aber macht es
Ihnen klar, dass es unglückliche Werkzeuge in der Hand des Himmels gibt, die
ohne ihre Schuld bestimmt sind, den Frieden Anderer zu trüben. Gewiss es gibt im
Leben verhängnisvolle Augenblicke, die dunkel und gewaltsam über uns gebieten.
Dass mein Gewissen rein ist, sagt Ihnen mein Anblick, wie könnte ich anders vor
Ihnen erscheinen. Ach mein Herr, entgegnete Frau von Saint Alban, indem sie ihn
gütig bei der Hand fassend, neben sich niedersetzen liess, Sie finden in mir eine
herb geprüfte, viel erfahrene Bürgerin dieser Welt. Das Glück kenne ich nur
trügerisch und doch bin ich nicht unglücklich. Ich müsste nach so vielen
Täuschungen verzweifeln und doch hoffe ich gern, es ist mir nötig, und so oder
so, am Ende geht mir doch mancher Wunsch aus, und es schickt und fügt sich mir
zum Heil. Ich beweinte und betrauerte lange den einzigen Sohn. Ich gab ihn auf.
Da fand ich ihn wieder. Aber anders, ganz anders, höchst fremd, und doch mein
Kind. Sein Leben ward mir ein Schmerz. Ich war nicht ohne Schuld, ich hätte es
denken können. Wer darf den Pestauch dieser Luft ungestraft einatmen! Unter
allen Gräueln der Revolution aufgewachsen, hatte ich ihn gehegt, bewahrt und so
tief ist der Grund, den ein frommer Sinn in eines Kindes Herzen legt, dass der
falsche Schein nur augenblicklich weichen darf, so tritt das rechte Wesen
lebendig hervor. Mein Türgis war so weich, so hold, so leicht beweglich, der
Höllendämon der Armee, fasste und bearbeitete das arme, junge Herz. Mein Herr,
Torheit und Leichtsinn sind Gespielen der Jugend, wer darf einen Stein auf ihn
werfen? Glücklich alle die, welche ein reines Vaterland haben, und bescheidene
Vorliebe und feste Treue hegen dürfen!
    Sie schwieg einige Sekunden, den Blick tiefsinnig am Boden geheftet. Drauf
leicht und vertraulich zu Alonzo gewandt, sagte sie lächelnd, es scheint, der
Himmel habe es sich vorgesetzt, unsre Bekanntschaft nicht fallen zu lassen. Zu
stolz, meinen Dank anzunehmen, zwingt Sie die Vorsehung nun zum Mitleid. Sie
erinnern sich, dass es ein menschliches Auge ist, dem Sie Tränen auspressten, und
eilen menschlich fühlend es zu trocknen. Sie sahen, es musste so kommen,
widerstreben Sie denn nicht länger, lassen Sie uns Freunde sein. Sie hatte ihre
Hand mütterlich auf die seinige gelegt, Alonzo drückte sie gerührt an die
Lippen. Ich bin stolz darauf, entgegnete er lebhaft, von Ihnen gnädige Frau
erkannt zu sein, Sie tadeln nicht, was mich früherhin bestimmte, Sie fühlen, was
mich jetzt zu Ihnen führt, und zweifeln keinen Augenblick an dem, was Sie zu
unverhohlen in meiner Seele lesen.
    Nun denn, sagte Frau von Saint Alban aufstehend, so ist Friede zwischen uns,
und so Gott will, ein festerer als alle Politik der Welt zu schliessen vermag.
Lassen Sie mich Sie nun meiner Familie vorstellen, der arme Kranke sehnt sich
unaussprechlich Ihre Hand brüderlich zu fassen. Sie nahm Alonzos Arm und ging
mit ihm durch mehrere Zimmer in einen kleinen Gartensaal. Türgis lag unter
leichter Decke auf einem Ruhebett, den Kopf matt an Blansches Brust gelehnt.
Diese hielt seine Hände in der ihrigen, das Gesicht wandte sich gedankenvoll
nach dem offenen Fenster. Hohe Blumen wiegten draussen die Kelche hin und wieder,
Bienen und glänzende Käfer summten begehrlich an ihnen hin, der Kranke
schlummerte in leichten Fieberträumen. Zuweilen hob Blansche die längliche Hand,
und wehete leicht die Fliegen von des armen Türgis Stirn. Alonzo und die Mutter
waren herzugetreten. Blansche wagte nicht sich zu regen, aus Furcht den Bruder
zu erwecken, eine leichte Neigung des Kopfes, der gesenkte Blick und das feinste
Erröten begrüssten indes den Eintretenden. Alonzo betrachtete sie in stummer
Ueberraschung. Die reichen blonden Haare waren in dichten Flechten aufgesteckt,
Brust und Arme umschloss ein knappes weisses Kleid, das Gesichtchen sah aus hohem
Spitzenkragen, so schuldlos rein und friedlich wie der Engelskopf auf Philipps
Bilde. Er hätte stundenlang so gegen ihr über stehen können, ohne das tiefe
Schweigen in ihm und um ihn durch einen Laut zu unterbrechen. Frau von Saint
Alban war nicht so geduldig. Sie machte eine rasche Bewegung, Türgis schlug die
Augen auf, ein leichter Schatten flog über seine Stirn, die bleichen Wangen
färbten sich leise. Alonzo hatte seine Hand gefasst und sah hell und versöhnlich
in die schönen, sich mehr und mehr belebenden Augen. Es ist mein Loos, sagte
jener mit rührender Stimme, Sie überall als Sieger zu sehen, Sie werden es indes
begreifen, dass auch der Ueberwundene ein stolzes Herz hegen darf, und nur im
wiedergefundenen Selbstgefühl sich und dem Schicksal verzeihet, ihm so
gedemütigt zu haben. So gefallen und so gehoben darf ich Ihren brüderlichen
Händedruck erwiedern. Alonzo ging ein tiefer Schauder durch die Seele, als er
den matt gebrochenen Klang der jugendlichen Stimme hörte, er sah mit bangem
Herzklopfen die feinen, kaum geöffneten Lippen unter dem Sprechen beben, und als
Türgis erschöpft auf die Kissen zurücksank, beugte er sich unwillkührlich ihn zu
unterstützen. Frau von Saint Alban weinte in grosser Rührung, ihres Sohnes Stirn
küssend, Blansche allein sah ruhig und klar auf den ritterlichen
Versöhnungsbund. Es kostete ihr auch weder Anstrengung, noch spürte man einen
Wechsel in ihrem Wesen, als sich nach und nach das Gespräch gewöhnlich
gestaltete und alles mehr und mehr das Ansehn eines ruhig befreundeten
Krankenbesuches gewann. Sie blieb unbefangen und innig, alle ihre Achtsamkeit
auf den Bruder gerichtet; und teilte so den Andern eine Stille und Wärme mit,
die Alle beglückte. Alonzo vergass, wo er war. Er fühlte sich ganz einheimisch,
im Innern mit einer Familie verwachsen, von der er sich nur spät und mühsam
losriss.
 
                                Zehntes Kapitel
Von da kostete es Alonzo weder Kampf noch Ueberredung zu seinen neuen, wunderbar
gewonnenen Freunden zurückzukehren. Unwillkührlich führte ihn der Weg jeden Tag
zu ihnen. Er übte die angenehme Pflicht des Trostes und der Teilnahme mit einer
Freudigkeit, in der er sich bald genug selbst vergass. Sein Blut floss leichter,
sein Blick ward heller, der strenge Frost seines Wesens linder, er empfand sich
mit unaussprechlicher Rührung, ohne sich zu kennen, ohne zu forschen und zu
fragen. Der Schmerz wie die Freude, jedes heilige und wahre Gefühl ziehet
schnell das Band unter den Menschen zusammen. Wie durch ein Wunder war Alonzo
plötzlich zu Hause unter den Fremden. Kam er, so hatte man ihn immer schon
erwartet, seine Gegenwart schien allen mit einem male unentbehrlich, und nur
unter herzlichen Versicherungen baldiger Wiederkehr schied man von einander.
Blansche empfing ihn jedesmal mit verschämter und doch höchst edler
Verbindlichkeit. Dem süssen Gemisch ihrer reizenden Natur widerstand leicht
niemand, das Stimmchen so hell und rein, so einfache Worte und kindlich
herzliches Lachen, die allerliebste Freudigkeit über Kleines und Grosses, und
doch wieder so fest und ruhig, so heilig still. Von solcher unbefangenen
Hingebung, von diesem ernsten Selbsterfassen hatte Alonzo früher nie eine
Vorstellung gehabt. Alles war leise an dem zierlichen Mädgen, ihr Gehen und
Kommen, ihr Neigen und Grüssen, jede Handreichung, die sie dem Bruder leistete,
selbst die Worte flogen nur säuselnd über die feinen Lippen, man glaubte eine
Blume wehen und rauschen zu hören und atmete ihr Wesen wie den Duft der
Maienglöckchen, ihr linder Zauber hielt alle Gemüter gefangen. Litt Türgis,
weinte die Mutter, sahen der Oheim und Alonzo zweifelhaft drin, so
beschwichtigte ihr frommer Blick den Aufruhr der Sinne, die Herzen wandten sich
unwillkührlich zu dem, den ihr Auge suchte, und still und ergeben erwartete man
des Himmels ewigen Willen.
    In solcher Nähe hatte Alonzo weder an Gefahr noch Trennung gedacht. Ihm war
wohl, und er hielt das Störende abwärts. Auch blieb er sich selbst und seiner
neuen Verbindung. Riemand hemmte den verborgenen Andrang und Wachstum seiner
Gefühle. Philipp war immer noch nicht wieder da. Alonzo dachte nicht an ihn, er
vermisste ihn nicht, er vermisste nichts in der Welt, er schien alles zu besitzen,
was ihn beglücken durfte.
    Sehr überrascht war er daher, als er eines Morgens den abwesend geglaubten
an Türgis Bett zwischen Blansche und ihrer Mutter im ruhigen Gespräch begriffen
fand. Alle drei traten ihm entgegen. Die alte Freude begrüsste ihn heut wie
immer. Er erwiederte sie zerstreuet und als ihm Philipp lächelnd zuflüsterte:
ich war gewiss, Sie hier zu finden, deshalb suchte ich Sie auch nur hier, konnte
er sich nicht entschliessen, in seine harmlose Neckerei einzugehen, sondern blieb
ernst und einsylbig. Ihm war als sehe er in Philipps Augen wie in einen Spiegel,
alles was er früher gedacht, empfunden und gesagt hatte, ward ihm mit einem male
gegenwärtig. Er fühlte sich unsicher, durch die Nähe des Freundes auf unbequeme
Weise gedruckt. Die Uniform, welche Philipp trug, erinnerte ihn an Krieg und
Streit, und seine Stellung zu Frankreich, eine Beschämung, deren er nicht Herr
werden konnte, hielt Herz und Zunge gefangen. Dazu lagen Philipps Blicke in
stiller Beschaulichkeit immer fester und innerlicher auf Blansches Zügen, er
konnte es sich nicht ableugnen, dass der Glanz und die Seele des hellen
Künstlerauges eine Welt ausströme, die unter tief empfundenen Schauren das
verborgene Dasein wecke. Philipp kannte nur ein Leben, er hatte sich ihm
hingegeben, sein ganzes Wesen in ihm aufgelöst, er achtete nach Jünglings- und
Künstlerweise wenig auf das, was um ihn vorging, ruhig horchte er der
Offenbarung, welche ihm durch des Menschenbildes ewige Verkündigung aufging.
    Alonzo befiel eine Angst, dass er nicht zu bleiben wusste. Er stand auf und
setzte sich nieder, redete kurz und hastig, ohne mit sich zurecht zu kommen.
Frau von Saint Alban spottete über seine Unruhe. Aber er konnte sich nun einmal
nicht finden, schützte Geschäfte vor, und eilte nach Hause.
    So zerrissen und geklemmt, traf ihn folgender Brief seiner Mutter auf das
peinlichste.
    »Alonzo, ich sehe Dich ungern in einer Stimmung, die Deiner Würde wie Deinem
Frieden drohet. Was ängstet dem Adler das wüste Geflatter der Raben. Der Spanier
lebt stets in Mitten seiner Welt, voll Ehre und Ruhm. An diese Glorie reicht
kein Gleissen, noch Flimmern. Richte Du dein Auge nach der Sonne, und lass der
Nacht ihr dunkles Wesen. Was geht's Dich an! Dein unruhiger Hass gefällt mir
nicht. Er zeigt von Ungleichheit und Streit, man hasst niemals, was man
unbeachtet liess.
    Dein Verhältnis, dein Geschäft, sagst du, drücken dich? Die Pflicht darf
niemand eine Last sein. Uebe sie ruhig, sie wird Dein Gemüt klar machen.
    Des Königs Vertrauen ehrt Dich. Ich darf nichts dazu noch davon tun. Er hat
Dich gesandt, fordre nicht, dass ich Dich zurückrufe. Alonzo, die Welt hat ihre
Ketten abgeschüttelt, bist du noch unterjocht, dass du seufzst? Wehre den
kränklichen Aerger von dir, er mattet das Herz ab und lockt die Schmach auf
unser Haupt. Denke an den Heiland und seinen Stellvertreter auf Erden, er
duldete und klagte nicht, und überwand! Was kann Alonzo de Mendez mit einem Volk
zu teilen haben, das nicht Gott, nicht Glauben, nicht Treue kennt! Vergiss es
nicht, dass Deinem Blick das Unwürdige nicht begegnen darf, nicht begegnen kann,
wenn er rein ist. Mein Sohn bete, und harre aus. Schlage das Kreuz Morgens und
Abends auf Brust und Lippen, lass nichts Unreines hineinfallen, nichts
Unbesonnenes herausgehn. Bete mein Kind, Deine Mutter betet mit dir. Bewahre
Auge und Sinn.«
    Er hielt das Blatt in der Hand, und sah starr auf die strengen, heftig
bewegten Züge. Seine Augen füllten sich mit Tränen. Hat sie dich verstanden,
Unglückseliger, rief er unter gewaltiger Angst, hat ihr ahndendes Herz es
ausgesprochen, ohne es zu wollen, ohne es zu wissen? und ist es nun wahr? Mein
Gott ja, der Streit ist es, der Hass und die Liebe, die mich noch um Sinn und
Verstand bringen werden. Er presste die gefaltenen Hände schmerzlich gegen die
Brust. Blansches Bild stieg fromm und rührend in ihm auf, er sah das liebe Auge,
den kleinen, rosigen Mund, das zarte weiche Minenspiel, es kam ihm vor als weine
sie, als rede sie zu ihm! Ach Blansche, rief er, willst du den Freund nicht
lassen, rufen Deine sanften Engelblicke ihn zurück? Armes Herz, du weisst nichts
von Feindschaft und Eigensinn der Menschen! -
 
                                Eilftes Kapitel
Einen ganzen langen Tag hatte Alonzo zugebracht, ohne Blansche zu sehen. Es war
so wüst und dumpf in ihm, dass er nichts dachte, nichts zu wollen vermochte. Was
in ihm vorging, was trübe und schwer aus der tiefen Seele heraufdrängte, und die
Bande lang gehegter Festigkeit und Ruhe zu sprengen drohte, es schwebte ihm
dunkel vor, er wusste es nicht zu nennen, doch an der gährenden Angst im Herzen
spürte er, dass er sich länger selbst nicht trauen dürfe, und arbeitete nun über
einen Gedanken, der ihn retten könne.
    Unter dem unsichern Dämmern ging die Zeit unbemerkt an ihm hin. Der Abend
nahete, er hatte nichts gewonnen, der Pfeil steckte nur noch tiefer in der
Wunde. Und wie denn Umstände und Ereignisse selten die Hand bieten uns zu
retten, wenn wir es selbst nicht anzufangen wissen, im Gegenteil Kraft und
Wille nur noch ängstlicher verstricken, so waren auch folgende Zeilen, die
Alonzo jetzt erhielt, wenig geeignet es zu einem klaren Entschluss in ihm kommen
zu lassen. Frau von Saint Alban schrieb ihm:
    »Was hält Sie ab, dass Sie nicht kommen? Ich bin glücklich, und deshalb
brauche ich Sie; Türgis ist heut so still, so schmerzensfrei, ich hoffe so viel,
dürfen Sie uns fehlen, wenn wir hoffen? Lassen Sie jetzt alles andre bei Seite,
auch ihren gestrigen chinesischen Ernst, Sie waren mir ganz fremd geworden.
Ueberlegen Sie nicht lange, kommen Sie. Wir rechnen auf Sie,« Hat denn, rief
Alonzo plötzlich aufgeschüttelt, hat denn die Ehre zwei Stimmen? Darf sie das
Eine gebieten und zugleich untersagen? Kann ich hier zurückbleiben? Soll ich den
Verdacht auf mich laden, als habe ich wie ein Mörder meines Gegners Tod gewollt,
zweideutig mit dem Worte Versöhnung gespielt und dem Genesenden jetzt gehässig
den Rücken gewandt? Soll ich kleinmütig mit mir selber heucheln und aus
früherer Tat eine Lüge machen? Blansche, darf ich das Gift des Misstrauens in
deinen Freudenbecher giessen? Nein Engel, zweifeln sollst du nie an deinem
Freund.
    Er war unter diesen Worten schon über die Schwelle der Tür, schon aus dem
Hause getreten. Immer schneller und schneller trug ihn die Ungeduld nun
vorwärts. Er hatte zuletzt keinen Atem mehr, und stand verschnaufend an dem
Gartenpförtchen. Es war nur angelehnt, er trat hinein. Der Tag war fast ganz
gesunken. Der Himmel unendlich rein und duftig. Hin und her funkelte schon ein
Sternchen durch das bleichende Licht. Die blassen Umrisse des Mondes traten
leuchtend hervor. Alles war still; schweigend ging er an den flüsternden
Blumenwänden hin. Die glühende Lichnis, der hochflammende Mohn neigten sich
grüssend auf ihren zarten Stengeln, von fern sah er in den geöffneten Saal, die
Türen standen auf, Blansche schwebte daran hin und wieder. Wie sie ihn
erblickte, flog sie zurück, bald darauf trat sie mit der Mutter heraus, ihm
entgegen. Alle drei hatten eine Freude, als wären sie einander aufs neue
gegeben. Zuerst schalt Frau von Saint Alban, dann erzählte sie von ihrer
Hoffnung, von Türgis sichtlicher Besserung. Alonzo hatte beiden den Arm geboten,
er ging, ohne Worte zu finden, zwischen ihnen. Blansche war so innig, so
gerührt, ihre Blicke richteten sich aufwärts zum Himmel. Alonzo suchte ihr Auge,
sie sah ihn lächelnd an, aber es schwebte eine Wehmut um ihren Lippen, vor der
sein ganzes Herz zitterte. Leise drückte er ihren Arm an seine Brust. Die Mutter
trat zuerst in den Saal. Alonzo hielt noch Blansches Hand, ihre Finger
schlüpften leicht durch die seinigen, ihm war als flöge ein sanfter Druck, fast
wie ein Luftauch, drüber hin. Alle Nerven bebten ihm, die glühenden Augen lagen
verzehrend auf Blanches Gestalt. Sie war schon weit von ihm, neben dem Bruder,
der aufgerichtet im Bett, Alonzo freundlich zunickte. Diesem ging die Welt noch
in wunderlichen, ungleichen Kreisen hin und wieder. Er sah und hörte nur halb.
Gleichwohl fiel ihm die ausserordentliche Blässe und der feste, beinah verklärte
Blick des Kranken auf. Er trat überrascht zu ihm. Türgis redete stark und
schnell. Er schien voll Teilnahme, empfänglich für alles. Seine Zärtlichkeit
für die Mutter hatte etwas unbeschreiblich Reizendes. Ueberall entfaltete er in
der grossen Beweglichkeit der Züge unwiderstehliche Anmut.
    Frau von Saint Alban sah liebkosend auf ihn nieder, mein bestes Kind, sagte
sie, wenn werde ich dich wieder so frisch und freudig pfeifend und singend die
Treppe hinauffliegen, deinen raschen Schritt durch Zimmer und Säle schallen
hören. Gott weiss es, mir ist all' die Tage so still und ängstlich gewesen, wie
im Grabe. Blansche barg das Gesicht in Türgis Kissen. Es wird alles nach grade
kommen, sagte der Oheim auf- und abgehend. Ja Gottlob, fiel Frau von Saint Alban
ein, den heutigen Tag darf ich als eine Crisis ansehen, heut' ist er ganz
umgewandelt. Nicht wahr, Türgis, dir ist viel leichter? Viel, erwiederte der
Kranke, dankbar, ihre schmeichelnde Hand mit seinen Lippen suchend. Blansche
küsste ihm auf die Stirn, sie hatte ihm Früchte und Blumen, und alles was ihr
junges Herz erfreuen konnte, auf die Decken gelegt. Er sah sie liebreich an, auf
seinen Lippen schwebten die herzlichsten, süssesten Worte, doch schwieg er, und
liess die Blicke in stiller Rührung an sie hingleiten. Als sie aber aus Furcht
ihn zu hindern, zurücktrat, hielt er sie bei der Hand: bleibe so, sagte er
leise, deine sanfte Nähe tut mir wohl. Ueberall ängstete ihn das zerstreuete
Umhergehn im Zimmer. Er wollte niemand entfernt wissen, und sah es gern, als
der Teetisch dicht an sein Bett geschoben ward, und alle nun ruhig umhersassen.
    Frau von Saint Alban war von der sorglosesten Heiterkeit. Ein wenig
vorgelehnt, mit übereinandergeschlagenen Armen, sass sie recht behaglich da, und
sprach von Türgis Krankheit wie von etwas, das nun überwunden, nur noch in der
Erinnerung schrecklich sei. Ein Vorgefühl von dem, was mich treffen würde, sagte
sie, hatte ich doch wohl. Mir träumte, ich sah Türgis ganz klein in seiner Wiege
liegen. Ich wollte ihn putzen und trug allerlei veraltete Stücke Zeug und
staubigen Wust herbei. Sehr geschäftig hielt ich das zusammengetragene prüfend
gegen das Licht. Eins kam mir ganz auserlesen vor, ich zeigte es mehreren, die
umherstanden, man lobte es sehr, ich legte es zurecht, als ich es aber dem Kinde
nun antun wollte, sah ich mit einem mal, dass es ein steifer, schwerer grauer
Mantel war, ich erschrack sehr, und liess vor Entsetzen das hässliche Ding auf die
Wiege fallen. Mir zitterten alle Glieder beim Erwachen, und als ich gar drüber
nachdachte, und die Nacht mir das Blut rascher durch die Adern jagte, befiel
mich solch ein Schauder, dass ich nicht zu atmen wusste. Früher, fuhr sie fort,
habe ich niemals darüber reden wollen. Aber nun, da das Unglück geschehen und
zum Teil wieder gehoben ist, hat es weiter nichts zu bedeuten.
    Wie gebannt lagen alle Blicke am Boden, niemand wagte die Augen
aufzuschlagen, niemand sprach. Frau von Saint Alban bedachte zurücksehend das
Vergangene, und blieb einen Augenblick gedankenvoll. Nach einer Weile sagte
Türgis: ich vermisse ungern den jungen Deutschen unter uns, er brachte mir die
erste versöhnende Botschaft von Ihnen Alonzo, ich wollte er wäre hier, mein
Friedensbote! Er kommt wohl gewiss noch, entgegnete Frau von Saint Alban, denn
hat er auch nicht das Ansehn die Menschen zu suchen, so kann er doch nicht von
ihnen lassen. Ihm steht das etwas spröde Verschmähen im Umgang recht wohl. Der
Künstler muss nicht allzuviel umhersehen, es stört ihn nur, darum liebe ich den
abhaltenden Ernst, ja den ganzen wunderlichen Trotz in Philipp, der doch auch
niemals die gute Sitte und den Anstand verletzt. Und denn, fuhr sie fort, hat er
so innige verklärte Augen, so heilig verschämte Blicke, sein treuer Mund redet
so liebe Worte. Ich bin gewiss, er hegt und bewahrt im Herzen, was Andre fahrig
am Leben veräussern. Sie redeten noch mancherlei über Philipp und das Uebersehen
und flüchtige Abschätzen der Jugend. Es liegt, nahm der Herzog das Wort, in dem
Nichts oder Alles, dem Entweder: Oder der Jünglingsseele einzig der Keim zu
festerer Lebensgestaltung. Die Verhältnisse der Gesellschaft, die Behaglichkeit
des Daseins vermitteln und gleichen nachher aus, wogegen früherhin die frische
Jugend in Zorn und Bewunderung aufloderte. Wir lassen es eben gehn, aber was wir
empfinden und denken, es wird blass und fahl. Wer nicht über alles lieben und aus
voller Seele verabscheuen kann, der denke nicht zu leben. Frau von Saint Alban
legte zutraulich ihre Hand auf seine Schulter, sie dachte mit Ehrfurcht an die
feste Treue seines ganzen Lebens, und wie er sich auch im wiederkehrenden Glücke
nicht verleugne. Doch das Gespräch auf Vergangenes zurücklenkend, nicht allzu
ernst werden zu lassen, sagte sie mit angenehmen Lächeln: nun, wenn wir Frauen
uns auch nicht so streng und scharf bezeigen, so übt auch das Alter keinesweges
diese niederschlagende Gewalt über uns. Ich für mein Teil empfinde noch immer
die lebendigste Teilnahme, ich kann mich heute wie ehemals mit derselben
Lebhaftigkeit dem Schmerz und der Freude entgegenwerfen, und so ausser mir vor
Entzücken und Leidwesen geraten, tadeln, loben, lieben, hassen, schelten und
entschuldigen, als wäre ich achtzehn Jahr. Die Frauen, entgegnete der Herzog,
mit gutmütiger Galanterie ihre Hand küssend, wollen schon höher beachtet sein.
Wir sollten ihnen billig eine andre Sphäre anweisen, sie stehn keinesweges so
mitten inne im Lebensverkehr, oder wissen sich doch drüber hinauszuheben, die
Zeit kann ihnen, wenn sie indes wollen, eben nicht sonderlich viel anhaben. Zu
Anfang sind sie in lieblicher Unbestimmteit alles zugleich, man ahndet jede
schöne Tugend in ihnen, man empfindet den schuldlosen Einklang aller Gefühle an
ihrer Seite, dann zwingt sie das Geschick so oder so in eine besondere Richtung,
und scheint sie zu bestimmen. Sie stehn ausgesprochen vor uns, und man vermisst
nicht selten die verschwimmende Weichheit und anmutige Sorglosigkeit früherer
Zeit an ihnen. Absichtlich berechnet, verschlossen oder zerrissen, verarbeiten
und durchsteuern sie so ein paar Umschwungsperioden, dann aber haben sie
gesiegt, oder sind erlegen. Wir fühlen uns wohl bei den ältern Frauen, deren
Wesen sich klärt und setzt und ihnen die Glut der Reife lässt. Man spürt noch
all' die tausend Elemente menschlicher Leidenschaften und wird durch sie mit dem
Leben in bewegliche Verhältnisse gesetzt, ohne jemals das Unbequeme
gegenwärtiger Vorwirrung zu empfinden.
    Frau von Saint Alban begleitete seine Worte mit beifälligem Blicke, jedes
Stufenjahr weiblicher Anmut, sagte sie lächelnd, findet doch in Frankreich
seinen Ritter. Niemand taste mir mein galantes Frankreich an! Alonzo sah
überrascht auf sie hin. Es fuhr schneidend durch seine Seele, er spürte ein
unangenehmes Beben und das Unheimliche verborgener Störung. Aengstlich suchte er
Blansche. Sie sass in qualvoller Anstrengung neben Türgis, seine Hand in der
ihrigen, von Zeit zu Zeit einen Strauss weisser Rosen gegen die heissen,
überfliessenden Augen drückend. Ach! dachte er, könntest Du so alle schringende
Wunden der Seele kühlen.
    Philipp war indes geräuschlos eingetreten, er grüsste sittig und still, und
nahm seinen Platz zu Türgis Füssen, Blansche gegenüber. Seine Blicke lagen
mitempfindend auf beiden Geschwistern. Blansche hielt sich kaum noch, ihr Bruder
sah sie oft lang und forschend an. Wehet es Sie nicht zu kühl aus der offnen
Tür entgegen? fragte Philipp den Kranken. Dieser lächelte und machte eine
verneinende Bewegung. Er schien schlafen zu wollen, die Wimpern senkten sich so
bleiern nieder. Alle redeten nun leiser, das Licht ward unter einer gefärbten
Glasglocke gedämpft, die mondhelle Nacht spielte in grüssenden Flämmchen durch
die bewegten Zweige vor Tür und Fenstern, in den Blättern säuselte es hörbar
durch die wispernden Worte. Blansche schlüpfte zur Tür hinaus. Alonzo sah sie
in den dunkelsten Gängen langsam auf- und niedergehen. Er konnte nicht
zurückbleiben, er folgte ihr unsicher und beklommen nach. Die Stirn an eine
junge schlanke Birke, wie an Schwesterbrust gelehnt, unvermögend sich länger zu
bezwingen, weinte das arme bekümmerte Kind aus voller heisser Seele. Alonzo fasste
ihre Hand, sie wehrte es nicht, sie dachte nichts, sie fühlte nur den
unaussprechlich tiefen Schmerz. Blansche, flüsterte er scheu und innig, meine
arme Freundin, was ängstet Sie nur gerade jetzt so herzzerreissend, so
unbezwinglich? Er stirbt, ach Gott er stirbt ja! schluchzte sie. Sehn Sie's denn
nicht! Sieht's denn kein Mensch als ich, welch' ein Lächeln ihm den ganzen Tag
schon um die Lippen schwebte, so lächeln nur Engel, das ist der Tod! - Der Tod!
wiederholte Alonzo schaudernd! ihm war als stosse er erst jetzt den kalten Stahl
in des armen Türgis Brust! Es schien ihm ganz unglaublich, ganz unerhört, dass es
jemals dahin kam! Wie im Traum blieb er vor Blansche stehn, er liess ihre Hand
fahren und sah starr vor sich nieder. Ich konnte, klagte sie leise, länger die
entsetzliche Angst nicht aushalten. Ganz langsam hörte ich den Todesengel
heranrauschen und als Türgis die Augen senkte, da brach mir das Herz, da war
mir's als sehe ich den dunkel glänzenden Fittig, der sein liebes, liebes Gesicht
beschattete. Sich abwendend, weinte sie still in die kleinen, vorgehaltenen
Hände. Ihre Tränen fielen brennend in Alonzos Herz, zerreissender als Vorwürfe
es gekonnt, klagten sie ihn an, er hatte nicht den Mut, Blansche anzusehn, und
eiskalt überlief es ihn, als sie plötzlich gefasst und ernst sagte: die Mutter
ahndet es nicht, sie ist so kindlich vertrauend, alles, alles überhört sie. Mein
Gott, wie wird ihr sein, wenn nun der verhasste graue Todtenmantel auf ihren
Liebling niederfällt.
    Sie schlug die Augen bittend zum Himmel und ging langsam nach dem Hause zu.
Alonzo wagte es nicht sie zu begleiten. Er blieb den einen Arm um die Birke
geschlungen tiefsinnig zurück. Der weisse Stamm leuchtete so hell im Mondenlicht,
die schwanken Zweige spielten kühlend um seine Schläfe, aber ihn konnte nichts
erfreuen, nichts trösten. Das Leuchten und Flüstern jagte ihm nur Graus in die
Seele, er wand sich von dem Baume wie aus Gespenstes Armen und schritt rasch
durch die Gänge Blansche nach.
    Bei dem Kranken war es dunkler und stiller geworden. Frau von Saint Alban
hatte sich entfernt, der Herzog und Philipp sassen etwas abwärts, ohne zu reden.
Alonzo sah schüchtern umher, er glaubte dem Todesengel irgendwo zu begegnen. Ich
bitte, sagte Blansche zu ihrem Oheim gewandt, lassen Sie uns noch einige Stunden
hier versammelt bleiben, ich fürchte mein Türgis ist nicht mehr lange unter uns.
Der Herzog strich ihr die blasse Wange und sah mit feuchten Augen auf das
schmerzliche Beben ihrer Lippen, die nur mühsam die wenigen Worte
herausbrachten. Er versprach zu tun was sie wolle und gestattete, dass der
Beichtvater geholt ward, der unter frommem Gebet die scheidende Seele des
Sterbenden geleitet.
    Philipp sah ernst in den Garten hinein. Ueber dem breiten Rasenplatz hin
zogen Nachtdünste in seltsamen Nebelbildern aufwärts. Alonzo war seinen Blicken
gefolgt. Es ist eine tiefsinnige Bedeutung deutscher Sprache, sagte Philipp
leise, dass Nebel umgekehrt Leben ist, und Eines in dem Andern liegt. So ist es
ja denn auch wirklich, und erst wenn die Wahn-und Trugspiele sinken, bricht die
Lebenssonne an! Er hatte die Knie übereinander geschlagen, und das Gesicht in
die aufgestemmte Hand gesenkt, als spüre er im Innern das Dämmern ew'ger Glorie.
    Türgis griff indes unruhig mit den Händen in die Luft, dann zupfte er an den
Decken und schien in Gedanken Blumen zu zerpflücken. Noch einmal schlug er die
gebrochenen Augen auf, er machte eine verlangende Bewegung mit den durstenden
Lippen. Der Geistliche hielt das Kruzifix an seinen Mund. Blansche zitterte
heftig, doch fasste sie sich schnell. Niederkniend betete sie mit Engelsklarheit,
Alonzo und Philipp an ihrer Seite. Es ist vorbei! sagte der Geistliche zu den
Umstehenden gewandt. Blansche richtete sich auf. Sie drückte die Hand aufs Herz.
Der Atem verging ihr. Tief aufseufzend sank sie ohnmächtig an Alonzos Brust. Er
hielt sie, er trug sie wie ehemals aus der Kirche. Erde und Dasein, Leben und
Tod, alles was Worte nennen, schwand vor seinen Blicken. Er fühlte das arme Herz
matt an seinem schlagen, den holden Leib kraftlos hingegeben in seinen Armen
ruhen! Das zarte Köpfchen senkte sich gebeugt auf tiefbewegter Brust, ein
scharfer Nachtauch schien es, habe der schlanken Blume wehe getan. Alonzo
fürchtete sie mit seinem Atem zu berühren. Ganz leise legte er sie im
Nebenzimmer auf ein Ruhebett, ein Schauder, eine Scheu wehete ihn an, er hatte
sie einen Augenblick sein genannt, zum zweitenmal hatte sie Gott unter heil'ger
Weihe an seine Brust gelegt, doch er durfte, er konnte sie so nicht halten, er
selber liess sie aus seinen Armen los. Noch hielt er ihre beiden Hände, er kniete
schweigend neben ihr, kein Wort, kein Laut drang über seine Lippen. Jetzt regte
sie sich, sie schlug die Augen auf. Blansche, flüsterte er, sagen Sie, das Sie
mir den ungeheuren Schmerz verzeihen, dass Sie mich nicht hassen! Sie sah klar
zum Himmel, wie käme, sagte sie, in dieser Stunde Hass in meine Seele. Er starb
ja versöhnt. Vor dem Klang ihrer weichen, rührenden Stimme sprangen alle Banden
von seiner Seele. Nichts mehr sehend als sie, unfähig zu denken, alles andre
vergessend, rief er ganz ausser sich, so nehmen Sie denn das Opfer meines ganzen
Lebens, Blansche, lassen Sie mich nur für Sie Herz und Dasein haben, verwerfen
Sie mich nicht, ich bin, ich atme nur durch Sie! Aufgerichtet, innig in sein
schönes Auge sehend, schwieg Blansche einen Augenblick, dann legte sie die
errötende Wange wieder auf die Kissen zurück und winkte Alonzo schweigend, mit
linder Güte in Blick und Bewegung, sie zu verlassen.
    Er gehorchte. Wie im Traume schwankte er nach dem Saale zurück. Philipp
stand seitwärts neben der Leiche, den einen Arm über sie hingestreckt, drückte
er sanft dem schlummernden Jüngling die Augen zu, die seinen schwammen in
dunkelm Glanz, er sah fast aus wie der Todesengel selbst. Der alte Herzog lehnte
weinend an ein Fenster. Die Lichte waren ausgebrannt, der Morgen dämmerte fahl
herein, Einer erschrack vor des Andern Leichenblässe. Armand trat ein, er nahm
seinen Platz zu seines jungen Herrn Füssen, der Herzog wandte sich traurig zu den
beiden Freunden, die schwere Nacht, sagte er, war überstanden, wir wollen uns
alle einen hellen Morgen wünschen! Er neigte sich sehr liebreich und ging, das
Taschentuch gegen die brennenden Augen haltend, aus dem Zimmer. Noch einmal
fassten beide Türgis Hand, sie sahen sich gerührt an und sanken laut schluchzend
einander in die Arme. Schweigend, mit gesenktem Blick gingen sie darauf durch
den hellen, lauter werdenden Tagesschein, in der Seele schmerzliches Entzücken
und die Verheissung unvergänglichen Daseins.
 
                                Zwölftes Kapitel
Es vergingen mehrere Tage, ohne dass Alonzo Blansche und ihre Mutter sah. Die
Familie begleitete die Leiche nach einem unweit gelegenen Landgute. Alles war
leer und öde im Hause, niemand als Armand zurückgeblieben. Es gereichte
gleichwohl Alonzo zum Trost dahin zurückzukehren und des Abends unter den Blumen
und Bäumen sitzend, von Blansche träumen zu können. Zuweilen gesellte sich der
alte Diener zu ihm. Dieser redete gern von dem frühern Glanz und der langen
Prüfungszeit seiner Herrschaft. Er erzählte von der Hochzeitfeier der Frau von
Saint Alban, und den vielen Gästen, von seinem Gehen und Laufen, und wie die
verstorbene Herzogin Mutter gesagt habe: es ist wahr, niemand in der Welt
versteht zu serviren wie der Armand; worauf der selige Herr von Saint Alban
lächelnd erwiederte: er hat mich stets auf meinen Reisen begleitet, er war
überall in London, Wien und Petersburg mit mir, er hat die feinere Lebensart
gebildeter Menschen studirt und kennt die Weise guter Häuser. Dieser Tag, der
wie eine Ordensfeier in seine Dienstjahre fiel, ward denn plötzlich durch die
Schrecken der Revolution verdunkelt. Er wusste von den damaligen Gräueln und der
sinnreichen Bosheit der Rebellen viel zu erzählen, beweinte noch heut den König
und die Königin, und schloss gewöhnlich mit der Versicherung: Ströme Blutes, mein
Herr, sind hier geflossen, Ströme Blutes, sie haben die alte Zuverlässigkeit, den
Respekt und die Devotion aus den Herzen der Franzosen weggespült. Glauben Sie
mir, ich erkenne meine Mitbürger nicht, alles ist seitdem anders geworden, auch
der junge Herr von Saint Alban war angesteckt, das Gift hatte ihn gewonnen,
hatte ihn gefasst, ich verstehe mich darauf, so etwas kränkelt heimlich fort,
haben Sie mich verstanden, so etwas wird niemals ganz ausgeheilt, glauben Sie
mir, der Tod hat es gut mit ihm gemeint.
    Alonzo half ihm über alles dies hinaus zu Blansches Jugendleben hin. Armand
schenkte ihm indes keinen Schreckenstag, kein bedeutendes oder unbedeutendes
Ereignis, und nur Schritt vor Schritt erfuhr er, dass Frau von Saint Alban Türgis
im Arm, viele Meilen zu Fuss flüchten müssen, mit seinem Beistand und
Geistesgegenwart endlich nach Holland übergeschifft, und lange nachher durch den
Schutz einer deutschen Fürstin in ihr Vaterland zurückgekehrt sei. Hier, fuhr er
fort, lebte sie in ehrwürdiger Verborgenheit einige Jahre an der Seite ihres
kränkelnden Mannes und gab erst wenige Monate nach seinem Tode der schönen
Blansche das Licht der Welt. Armes Kind, sagte sie bei ihrer Geburt, du hast
nicht Vater, nicht Vaterland, was willst du in deiner verwaisten Familie! Doch
ich lächelte, und dachte bei mir, dies ist, oder ich kenne mich nicht darauf,
das schönste Kind der Welt und recht gemacht die Ungerechtigkeit des Geschickes
zu versöhnen. Frau von Saint Alban war um ihre Erziehung verlegen. Sie hatte
indes ein zu stolzes Herz und zu gute Sitten, um von ihren Grundsätzen
abzuweichen, und widerstand daher allen Versuchungen, die sie mit der verderbten
Gesellschaft des heutigen Frankreichs in Berührung setzen konnte. Doch die
Vorsehung sieht ins Verborgene, und weiss die Aufopferungen der Tugend zu lohnen.
Die Aebtissin vom Kloster Sainte Genevieve sah die kleine Blansche, nahm sie zu
sich, und erzog sie in Demut und Weisheit bis zu diesem Tag.
    Alonzo ward es nicht müde, auf verschiedene Fragen und Wendungen fast immer
mit denselben Phrasen, dieselben Antworten zu hören. Die Sprache, die
geschwätzige Beredsamkeit, das narcissartige Selbstbespiegeln, beäugeln und
belehren, schien ihm nicht mehr lästig! Er hatte sich in die Weise hineinsingen
lassen, sie war ihm schon nicht mehr fremd, er fühlte sich sogar nie
gemächlicher, nie entfernter von Streit und Ungleichheit, als wenn die
veralteten Redensarten so schnarrlend an ihm hinleierten und jeder mahnende
Aufschwung der Phantasie vor dem Passschritt eingefugter Alltäglichkeit
unterduckte. Armand kam ihm ganz gescheut vor, er erinnerte ihn an alles, was
ihm die feinere französische Welt gezeigt, die Blüte geselligen und
litterärischen Witzes von Frau von Sévigné. an bis auf den heutigen Tag gelehrt
hatte. Die Bildungsfähigkeit der Individuen fiel ihm zum erstenmale auf, er
bemerkte, dass wenn man Armands Erzählungen Wort für Wort aufschriebe, und sie in
irgend einem französischen Roman einschalten wollte, man just kein Buch dadurch
verschlechtern würde.
    Der gute, redselige Alte ward es denn auch nicht müde die Conversation zu
machen, und Alonzo durch Garten und Haus umherführend, das Geringfügige und
Gewöhnliche so zu erklären, so umständlich zu entwickeln und dergestalt als
Ausserordentliches hinzustellen, dass jener oftmals irre an sich selber ward und
nicht wusste, ob er auch wirklich jemals etwas Aehnliches sah. Doch in so fern
nur irgend eine Beziehung auf Blansche zu entdecken war, folgte Alonzo der
weitschweifigen Anekdotenkrämerei und Erklärungssucht wie ein gebundener Löwe,
ohne Widerstreben.
    Einst traten sie in eine schmale staubige Gallerie. Unter mehreren leer
gewordenen Feldern hingen hin und her vergelbte Familienbilder, meist
verzeichnet, unschön, in steifen, gezwängten Stellungen, den Tapetenfiguren
ähnlich. Ganz im Schatten, aus dichtem Spinnengewebe, wie durch einen Schleier
sah ein hübsches, blondes Gesichtchen auf die Beschauer nieder. Alonzo glaubte
Blansche im veralteten Putz zu sehen. Armand auf seine Blicke aufmerksam, war
sogleich auf einem Stuhl gestiegen und fuhr mit einem Tuch reinigend über das
Bild. Eine junge Dame stand unter sehr hellem Himmel, und liess mit der einen
Hand einen Schmetterling aufwärts fliegen, während sie mit der andern den
bräunlichen Carmelitermantel über die Schultern hing. Waren Minen und Geberden
gleich etwas peinlich und geziert, so war doch Seele in dem Gedanken und ein
wehmütiger Anklang, der Alonzo blitzesschnell traf. Die Herzogin von la
Valliere, sagte Armand erklärend, sie war Frau von Saint Alban mütterlicher
Seits verwandt. Die schöne la Valliere rief Alonzo, das demütige Veilchen! Sie
starb im Kloster, fiel jener ein. Ich weiss, entgegnete Alonzo gedankenvoll. Du
früh gebrochenes Herz, sagte er gegen das Bild gewandt, die Welt hat dich
zertreten, verworfen, aber du lebst in jeder fühlenden Seele fort. Sie ward
selig gesprochen, unterbrach ihn Armand mit Erhebung. Sie hatte dreissig Jahr
gebüsst, und war nun mit der Welt fertig. - War mit der Welt fertig, wiederholte
Alonzo, wer das sagen könnte! Und doch vergessen, doch in staubige Winkel
geworfen! Er schüttelte Armand die Hand und schlich ganz aufgestört und
tiefsinnig durch den Garten, in Willens nach Hause zu gehen. Doch wie er sich
aus den Buchenhecken wendend, nun den Rückweg antreten wollte, sah er des
Herzogs Wagen zu dem Eisengatter hineinbiegen. Er war im Begriff ihm
nachzueilen. Doch besann er sich. Es fiel ihm ein, dass sein plötzlicher Anblick
wohl die kaum beruhigten Gemüter stören könne. Er sagte sich das zuerst, wie
man sich wohl aus schicklicher Rüksicht an etwas Hinderndes erinnert, allein
kaum hatte er es ausgesprochen, so erschrak er auch auf das heftigste vor dem
entsetzlichen Gedanken. Ja, ja, rief er, mein Anblick wird sie stören, muss sie
ewig stören! wie ein Gespenst werde ich zwischen ihre fromme Ergebung treten,
werde die ungeheure Pflicht mir verzeihen zu müssen, in die zurückgezogene
Herzen drücken. Unter Eisesschauern, scheu, in Todesangst werden sie mir
gegenüber stehn. Kann ich den Schmerzesstachel aus ihrer Seele ziehn, kann ich
das Geschehene ungeschehen machen? Wie soll die Mutter mir vergeben! Sie dachte
es wohl, da das Unglück ihr so fern schien, jetzt aber! - Blansche - und du?
wirst du hassen und lieben zugleich! Ach Gott! was die Rührung, was des offnen
Grabes Stimme Dir aus dem Herzen riss, was Du bewegt verhiessest, es ist auch wohl
jetzt verklungen. Der stumme Schmerz verschliesst dir nun die Welt, du bist ernst
und ruhig; von da zur Kälte und Strenge ist nur ein Schritt! Verdammen wird
deine Engelsmilde mich just nicht, doch abwehren, zurückdrängen wirst du den
feindlichen Störer!
    Er ging heftig in den dunkeln Schattengängen auf und ab. Die Nacht war
wolkig und kühl, durch die Fenster sah er Licht, nur am Gartensaale hin war
alles verschlossen, vor der Glastüre war noch eine äussere hölzerne angelehnt,
breite eiserne Querstangen lagen wie Riegel darüber. Hier, dachte Alonzo, hier
trugen sie den Sarg hinaus zwischen den Blumen hin! alle rauschten und klagten
über das früh gebrochene Leben! Er sah den Leichenzug, den bleichen
Kerzenschein, der Blumen wunderliches Wanken. Zufällig stiess der Wind gegen die
Tür, sie bebte zwischen den Eisenklammern, ihm war als falle sie jetzt erst zu.
Gruft und Gewölbe und des Todes dunkle Angst zog durch seine Sinne. Er blieb vor
der Türe stehen. Alles ausgestorben, rief er! und durch dich Unglückseliger!
Das war der namenlose Druck, die Pein, die mich hier in Frankreich folterte. Der
Hass, der Freiheitsdurst war es nicht allein! Das stolze Herz verlangte nach den
grossen Worten, es konnte nichts die heisse Brust füllen, die unbestimmte Angst
wollte einen Namen haben. Darum befeindete ich das arme, verblendete Volk und
dich, du lieber verführter Jüngling! So hämisch riss mich mein Geschick in den
Abgrund. Ich hätte dich versteh'n sollen! der Vorschmack dieser Höllenqualen der
lag mir in der Seele!
    Hier klopfte es leise auf seine Schulter. Er fuhr rasch zurück. Jesus! mein
Erlöser rief er, das Kreutz schlagend. Ihm war nicht anders, als sehe er Türgis
vor sich steh'n. Was erschrecken Sie nur so heftig, rief eine bekannte Stimme
fast unter gleichen Schauern bebend! Sind Sie es Philipp, sagte Alonzo etwas
beschämt. Ja, entgegnete dieser, zutraulich seine Hand fassend, ich komme für
einige Tage Abschied zu nehmen. Alonzo konnte sich noch nicht recht von dem
gehabten Schreck erholen, er betrachtete ihn ganz verwirrt. Philipp war in einen
weissen Beutemantel gewickelt, das kleine Barett lag nachlässig auf die dunkeln
Locken, so dass diese hervorquillend die Stirn beschatteten und vom Nachtauch
bewegt, einen unkenntlich machenden Schein aufs Gesicht warfen. Ich werde, sagte
er, jenen durch seine Stimme beruhigend, noch in dieser Nacht von hier in
Aufträgen versandt. Ich denke es ist das letzte Geschäft der Art, was mir
überkommt. Morgen wird der Friede unterzeichnet, ich fodre dann meinen Abschied.
Er kann mir nicht entstehn. Bis dahin bleibe ich bei meinem Regimente. Doch
sobald ich frei bin, kehre ich noch einmal zurück, um alsdann von hier meinen
Weg nach Rom zu nehmen. Nach Rom, wiederholte Alonzo gedankenvoll. Meine ganze
Seele, fuhr jener fort, durstet danach. Haben Sie nicht gelesen, wie der heilige
Vater, auf dem Altane stehend, den Segen austeilte und das Weihwasser mild
träufelnd vom Himmel sprühete? O die ewige Liebe weiss es, wieviel tausend Wunden
jetzt an diesem Balsam heilen müssen! Sein herrliches Auge glänzte wie ein
milder Stern im Dunkeln. Alonzo fühlte sich leise erschüttert. Glauben Sie mir,
fuhr Philipp fort, wir leben in einer dreisten, kühnen Zeit, die tiefsinnigsten
Wunder werden herausgerissen, ans Licht geworfen, beklügelt, besprochen. Alle
wollen alles wissen, es tut uns Not, dass wir uns in Demut zurückziehn und
still und heimlich werden. Die Luft hier ist trocken und kühl, sie wirft einen
fahlen Staub auf das Mysterium des Lebens. Wir halten den blassen Nebel für
Licht und wenden das Auge bequem ohne Blendung hier hin und dortin, und bleiben
doch immer auf dem alten Fleck. Vor jener Sonne aber reisst das Netz, wir werden
erschrecken und das eben brauchen wir. - Sie gingen schweigend weiter. Vor
Alonzos Wohnung standen sie noch einen Augenblick. Sie kommen also gewiss wieder,
fragte Alonzo? - gewiss, erwiederte Philipp, doch meines Bleibens darf hier nur
kurz sein. Auch Sie, setzte er hinzu, tun wohl bald von hier fortzukommen.
Alonzo drückte verlegen seine Hand. Der Kampf, sagte Philipp ernst, ist kein
Unglück, wohl aber die Beschwichtigung. Nichts ist dem Menschen so gefährlich
als sich mit dem aussöhnen, was ihm feindlich entgegenstehen soll, und Frevel
wird es, alles Hohe und Herrliche der Seele augenblicklichen Beziehungen
unterwerfen, und denken zu wollen, man sei eben nicht grösser als das Herz es
wolle. Sein Blick flammte, des Geistes fromme Erleuchtung hob ihn über sich
selbst hinaus, heftig drückte er den Freund an seine Brust, Gott verlasse Sie
nicht, rief er, und eilte dann fort zu seinem Geschäft.
    Alonzo sah ihm nach. Ob es Philipp, ob es ein Bote des Himmels, der eben
geredet, war, er wusste es nicht, sein Herz bebte, er wollte ihm folgen, - doch
tröstlich war es ihm zugleich, dass er ihn nun nicht mehr erreichen konnte.
 
                              Dreizehntes Kapitel
Alonzo erfuhr bald, dass Frau von Saint Alban mit ihrer Tochter im Kloster Sainte
Genevieve sei und dort die stille Trauerzeit zuzubringen denke. Er war noch in
den bangsten Zweifeln, ob er sie dort aufsuchen dürfe als eine Einladung der
liebenswürdigen Frau ihn schnell über alle Unsicherheit hinaushob. Sie schrieb
ihm:
    Mein armer junger Freund. Ich muss Sie sehen, wir gehören von nun an
zusammen, das Unglück verbindet uns; denn mein Gott! wie unglücklich müssen Sie
jetzt sein! Ich habe alle die Zeit mit wahrem Schmerz an Sie gedacht. Und ich
Alonzo - ich? denken Sie nicht, dass Sie mein Gefühl begreifen, dass Sie es nur
entfernt ahnden können! Wie ich an dem fürchterlichen Tage die Augen aufschlug!
wie es Nacht war und Nacht blieb, wie es an meinem Herzen riss und ich es mit
aller Lebenskraft halten wollte! Es ist gescheh'n, es ist vorbei! Das Herz ist
mir aus der Brust gefallen, sie ist seitdem ganz hohl und leer, nur Blansches
Bild schwankt noch drin umher. Das arme Kind! sie lernt so frühe weinen! Die
Augen sind ihr so trübe, die Wangen so bleich, matt und krank die Stimme, der
Gang langsam und schleppend. Ich sah das mit neuen Sorgen, aber ich habe noch
keine Kraft zur Angst, wie müsste ich sein, um ein neues Unglück fassen zu
können, Sie werden das alles lesen, die Tränen werden Ihnen in die Augen
treten, Sie werden glauben mitzufühlen! Ach mein Herr, der Schmerz der hier
wühlt, zittert nur matt in einer andern Seele wieder! Die Einbildungskraft
schafft das nicht, die Natur sträubt sich es vorher zu offenbaren, nur wenn das
Schicksal sie beschleicht und zwingt, dann tritt sie aus aller Ordnung und wird
entsetzlich!
    Ich lerne jetzt die Worte recht verachten! sie beschneiden das Gefühl, es
kommt ganz eng und matt heraus. Ein Ton, - ein einziger Ton! O Gott, was sagt
der nicht! Zuweilen, wenn es mich so befällt, das Namenlose mich packt, ich in
der Angst die Hände krampfhaft zusammenpresse, und ein Schrei aus meiner Brust
dringt, dann beben selbst der Engel Seelen, die Heiligen weinen, und Menschen
ahnden, was ein Mutterherz spaltet und zerbricht!
    Alonzo, der graue Mantel ist nun doch niedergefallen! sie haben ihm das
liebe Gesicht verhüllt. Das schwere Kleid liegt auf ihm. Vielleicht erbarmt sich
der Frühling und streuet leichte Blumen darauf.
    Wie ich sonst wohl sein Bett sorgsam zurecht legte, jedes Fältchen aus den
Tüchern strich, die Vorhänge zuzog, Luft und Zug abwehrte, so hüte ich nun sein
Grab, pflanze und begiesse und spiele Leben, aber kein Auge dankt mir, keine
Lippe öffnet sich nicht mehr!
    Ich hätte unrecht vor Ihnen so zu klagen? Nein, nein, Sie dürfen es hören,
Ihre Seele ist rein von aller Schuld, das schwöre ich! Aber auch seine? nicht
wahr Alonzo, auch er ist gereinigt?
    »Gott weiss es, ich liebe Sie jetzt mehr als sonst. Sie sind mir ein
schmerzliches Andenken; und der Schmerz tut mir so wohl! Kommen Sie denn mein
trüber, armer Freund. Ich erwarte Sie.«
    Es bedurfte der herzerschütternden Worte nicht, um Alonzos ganzes Wesen
gefangen zu nehmen. Er hatte ja schon lange keinen andern Wunsch, keinen andern
Gedanken mehr. Das Unglück, was er über diese Familie gebracht, erschien ihm so
ungeheuer, dass sein Leben nicht hinreichte es auszugleichen. Von jetzt kannte er
keine andre Pflicht als die Tränen zu trocknen, die er ausgepresst. Er hielt
sich dazu für berufen. Umsonst hatte ihn das Verhängnis nicht so wunderbar
gestellt.
    Kaum hatte er die letzte Zeile gelesen, so flog er zu Frau von Saint Alban.
Sie schrie laut als sie ihn sah. Er stürzte zu ihren Füssen, er drückte ihre
Hände an seine Brust, seine Augen lagen bittend auf den ihrigen. Sie weinte ohne
ein Wort hervorbringen zu können, doch ihm unter den Tränen freundlich
zulächelnd, war sie bemüht, Friede in das allzubewegte Herz zu giessen. Blansche
stand in grosser Anstrengung abwärts. Mit der einen Hand das herabhängende
Batisttuch haltend, stemmte sie sich gegen ein Tischchen, die andre spielte in
einer neben ihr stehenden Cypressenstaude. Ohne Verrückung der ruhig klaren
Züge, flossen die Tränen perlend über ihre Wangen, die Augen senkten sich zur
Erde, ein bleiches Rot flog an sie hin, als sie schüchtern aufsehend, Alonzos
rührenden Blicken begegnete. Er sah sie leicht beben. Das war der Strahl, so
fühlte er, der ihre Seelen auf ewig vermählte.
    Frau von Saint Alban hatte sich schnell gefasst. Sie zeigte sich ruhiger als
es Alonzo erwarten durfte. Mit unaussprechlicher Güte hob sie ihn vom Boden auf,
hiess sie ihn neben ihr sitzen. Alles Liebkosende und Süsse ihrer Stimme wandte
sie an, um jede Scheu, jede Besorgnis aus seiner Seele zu wischen. Wie sie nun
so herzlich bemühet war, ihn zu beruhigen und der düstere Zweifel doch nicht von
seiner Stirn weichen wollte, sagte sie: denken Sie nicht, dass es anders in mir
sei, wenn ich Sie nicht sehe. Ich habe eine sehr lebhafte Vorstellung von den
Leidenschaften der Menschen, und wie sie aneinander geratend das Unerhörteste
erzeugen. In ruhigen Stunden liegt der Grund von den Ereignissen, die mich am
härtesten treffen, ganz unumwunden vor mir, ich gewinne eine Einsicht und werde
stiller und ergebener in dem, was einmal so kommen musste. Man beschuldigt die
Frauen, es komme bei ihnen alles darauf an, eine Ursach, eine Veranlassung
auffinden zu können, wenn sie sagen dürfen, das ist es, daher kam es, so sind
sie fertig in sich, der Erfolg möge dann sein, welcher er wolle. Ich weiss es
nicht, ob die Befriedigung müssiger Neugier das Herz stillen könne, doch leugnen
werde ich es nicht, dass, was einmal in notwendiger Folge vor mir entsteht und
wird, aufhört mich wie ein Gespenst mit verstörendem Sinn und Geist umhüllenden
Schauder zu erfüllen. Die helle, freiwillige Ergebung in dem Unabwendbaren ist
mir eigen, ist den Frauen überhaupt so notwendig. Wir können so wenig tun, wir
müssen so viel leiden! wie kämen wir nur mit uns selbst zurecht, wie bewahrten
wir die Duldung und Liebe, wenn ein eingebohrner Sinn nicht von selbst Dinge und
Gefühle zu ordnen wüsste? Ich habe es in den gepresstesten, engsten Verhältnissen
erfahren, dass man sich nur dann frei bewegt, wenn man so viel als möglich jedes
an seinen Platz zu stellen vermag. Ich weiss Sie zu stellen, Alonzo, auch meinen
Türgis. Glauben Sie mir, ich kenne die ewige Ausgleicherin Zeit. Frankreich hat
über seine Kräfte hinausgegriffen, es hat sich überlebt, es ist welk und matt
geworden. Ihm geht es wie jener Coquette, die täglich rot trug, und es nicht
begreifen konnte, dass einmal der Tag kam, wo sie aufhören musste, da sie es erst
gestern und vorgestern tat. Der Aufentalt im Auslande hat mich über vieles
belehrt. Wir passen nicht unter die junge Welt, glauben Sie, ich fühle das, und
ohne zu wissen, was mit uns werden solle, begreife ich doch jeden Widerstreit.
    Frau von Saint Alban kam von hier auf das wechselnde Unglück ihres
Vaterlandes zu reden, und was seit Jahrzehnte an ihm gepresst und gezehrt hätte.
Sie verweilte mit Teilnahme bei allem Schönen und Erwünschten, was es zum
Lebensgenusse biete. Mehr und mehr erreichte sie sich über sein trübes Geschick.
Die Demütigung, welche es erfahren, schmerzte sie tief, der Unwille gegen die
Verbündete blitzte unwillkührlich auf, sie tadelte diese niemals, aber sie lobte
das Eigentümliche französischer Nationalität mit warmer, eingeborner
Parteilichkeit, und konnte sich nicht entalten zu sagen, das jugendlich
gewordene Europa solle in seinem aufstrebenden Stolze nicht vergessen, dass es
lange in französischer Schule ging, man könne nicht immer angeben, welchen
Rutzen man von diesem oder jenem Unterricht gezogen, es solle sich nicht durch
unbilliges Herabwürdigen selbst beflecken. Wenn sie gleich der Verderbteit
nicht das Wort reden, und schreiende Tatsachen entschuldigen wollte, so sah
sie diese doch mehr in den Zeitumständen, in der Form zufälliger Gestaltung als
in den verschlammten Wust vergifteter Lebenskraft begründet. Und prophezeihete
sie auch noch viel unsägliches Unheil für Frankreich, so ahndete sie doch sein
phönixartiges Vergnügen und das beschämte Anerkennen ungerechter Feinde. Ein
lebhafter Sinn steigerte den Streit in ihrer Brust, bis sie, nicht mehr
ausreichend, in matte Wehmut verfiel. Die Vergänglichkeit, der Wechsel alles
irdischen Lebens trat ausgleichend vor sie hin, sie ward stiller und weinte
viel.
    Alonzo fühlte sich beengt. Es war das erstemal, dass zwischen ihnen
Nationalverschiedenheiten berührt, gerügt wurden. Frau von Saint Alban in allen
ihren Gefühlen aufgelöst, sprach sich rücksichtslos aus, die Worte reiheten sich
unberechnet aneinander und rollten eines durch das andre fortgezogen, in der
Flut unvereinbarer Empfindungen weiter. Endlich stand sie auf und ging in ein
Nebenzimmer, wo sie unter vielen Papieren kramte und ordnete. Auch sie also!
dachte Alonzo, auch sie kann den Stolz und die Herbigkeit nicht verleugnen, wie
gerecht sie auch zu sein denkt. Er näherte sich Blansche. Sie war an das Fenster
getreten. Errötend gab sie es zu, dass er ihre Hand fasse. Blansche, fragte er
leise, wenn Sie in dieser Zeit an mich dachten, wie erschien Ihnen mein Bild?
Haben Sie es in keinem Augenblick mit Schmerz und Unwillen zurückgedrängt? Haben
Sie nie den Unglücklichen verwünscht, der zu Ihrer Qual Frankreichs Boden
betrat? Meine Seele, erwiederte Blansche still gefasst, weiss nichts von der
wüsten Qual, die Sie in mir voraussetzen. Ich habe recht friedlich und wie zum
Trost in den letzten Stunden an Sie gedacht. Ich wusste Sie voll Teilnahme und
Mitgefühl, Ihr Andenken ist ganz rein und ungetrübt in mir.
    Das Fenster war offen, sie sahen über die Klostermauern in das weite Feld.
Volle Kornähren wogten im glühenden Abendrot wie ein leise wallendes Meer, die
Sonne warf scheidend die schärfsten blendensten Lichter zurück, Blansche stand
ganz glänzend wie verklärt neben Alonzo. Unwillkührlich sank er vor ihr nieder
und mit den heissen Lippen die Falten ihres Kleides berührend, rief er, heiliger
Engel! sage, dass du mich nicht verwirfst, dass du das Opfer meines Lebens
annimmst! Blansche faltete die Hände, drückte sie gegen die Brust und die Augen
zum Himmel gehoben, sagte sie, Gott willst du ein Opfer, nimm mich, lass ihn
schuldlos, den Frieden seiner Seele unangefochten! Sie senkte das Gesicht in
beide Hände, und blieb einige Sekunden still, drauf sich zu Alonzo wendend und
ihn sanft vom Boden aufhebend, fuhr sie zutraulich fort: mein Freund, ich weiss
wenig von der Welt, ihre Verhältnisse sind mir meist unverständlich und was sich
dunkel und verworren um mich her getrieben, macht mich nicht begierig mehr zu
erfahren. Was das Leben von mir fodern wird, es wird es mir ja sagen; ich will
es gefasst erwarten. Was aber in mir lebt, - Sie haben den stillen Gedanken Worte
gegeben, ich hege keine Scheu es auszusprechen, ja Alonzo, in mir lebt Ihr Bild,
es hat mein ganzes Herz genommen, und ich widerstehe der sanften Gewalt nicht.
Geht es Ihnen auch so, so lassen Sie uns in dem innern, geheim gehaltenen
Verkehr beglückt und heiter sein, vertrauen Sie Gott, lassen Sie das Uebrige
kommen, noch weiss ich gewiss, ist die Stunde nicht da, wo die Welt, wo ein Mensch
ausser uns darum wissen darf. Alonzo wagte nicht zu sprechen, sie anzurühren,
seine ganze Seele war in ihr, doch Wort und Bewegung schien ihm zu roh, zu kühn
für dies durchsichtig helle Wesen, ihre Blicke flossen lautlos in einander, die
Lippen verschlossen den allzudreisten Klang.
    Frau von Saint Alban war wieder hineingetreten. Sie fand Alonzo
gedankenvoll, ohne Worte. Freundlich, mit höchst liebenswürdiger Beschämung, die
Hand auf seine Schulter gelegt, sagte sie: hat mein rasches Gefühl Sie vorher
beleidigt, armer Freund? Ich habe es schon längst vergessen, dass Sie nicht immer
zu uns gehörten, wollen Sie, dass ich Worte und Gefühl beherrschend, mich
absichtlich daran erinnern soll? - Alonzo war viel zu bewegt, um an irgend etwas
ausser Blansche und an sein Glück zu denken. Mein Gott, entgegnete er zerstreut,
ich glaube, es ist überall Friede, im Himmel und auf Erden, was bleibt uns noch
zu wünschen übrig? Freilich, sagte Frau von Saint Alban, Sie haben wohl recht,
man ist lange nicht durchdrungen, lange nicht entzückt genug über diese
Himmelsgabe! Aber so ist das Herz, niemals gnügt ihm das Eine, das Höchste, es
zieht sich mühsam herab in den Streit hinein, es kann nicht Ruhe halten. Nun,
Alonzo, nicht wahr, wir streiten nicht mit einander? Nein, gewiss nicht, gnädige
Frau, rief er hastig, bei Ihnen ist Liebe und Güte und eine Welt voll Glück. Er
war im Begriff mehr zu sagen, Blansche sah ihn warnend an. Frau von Saint Alban
war wieder mit sich selbst Eins und über das Vergangene beruhigt. Alonzo allein
wusste nirgend hin mit dem gedrängten Herzen, wie im Taumel redete er lebhaft und
confus, küsste mit immer wachsender Innigkeit verschiedentlich Frau von Saint
Alban die Hand und rettete endlich die überströmende Leidenschaft vor allzu
bedrohlichem Ausbruch durch frühes Entfernen.
 
                              Vierzehntes Kapitel
Es war gescheh'n, der Bund war geschlossen. Was Alonzo noch vor wenigen Wochen
ein frecher Spott über sich selbst geschienen hätte, war Schritt vor Schritt
heraufgedrungen, hatte sich Bahn gemacht, stand ausgesprochen vor ihm, und hatte
seine Gewalt über ein andres Wesen ausgestreckt, das zu ihm gehörte, das von nun
an Pflicht und Ehre an sein Herz legten, das er nicht mehr lassen konnte.
    Er erwachte des folgenden Morgens etwas schüchtern, ohne rechtes Vertrauen
zu seinem Glück, zu sich selbst. Sein Stolz war geknickt, er verhüllte sich in
den Zweifel an menschliche Kraft überhaupt. Er fing an, der Notwendigkeit ein
furchtbares Recht über Tat und Gedanken einzuräumen und sah mit Unsicherheit
dem fortrollenden Rade der Zeit kein Ziel.
    Philipp hatte ihm einen Teil seiner Sachen zum Aufbewahren zurückgelassen.
Auch das unvollendet gebliebene Bild. Es stand auf einem Tischchen, die
Rückseite nach aussen, gegen die Wand gelehnt. Alonzo hatte es schon mehrere male
betrachtet, und immer wieder mit einiger Unruhe abwärts gestellt. Unausgeführte
Gemählde haben stets etwas schauerlich Rührendes. Das unerschaffene Geheimnis
liegt noch wie ein Schleier darüber, das ausgesprochene Leben hat kein Recht
daran. Dies Bild ganz besonders sah wie ein Geisterhauch aus der dunkeln
Traumwelt herüber. Alonzo ward immer bewegter, je öfter und länger er es ansah.
So ist es, rief er sehr erschüttert, so ist es, aufwärts rufst du den Blick,
unter dir, auf der trüb bewegten Welle ist nicht Halt, nicht Raum für des
Menschenfuss. Das steile Ufer, der kahle Strand, alles glatt und schroff und
zurückweisend, nirgend wo der Mensch dem Menschen begegnen mag! O läge ich, wo
Türgis liegt, wir wären wohl weniger getrennt! Weisses Nachtwölkchen mit den
blendenden Schmetterlings-Schwingen weisest du dahin? Mahntest du nicht umsonst,
bleicher warnender Todtenvogel? - Er setzte das Bild schweigend an seine Stelle,
und den bangen Druck im Innern los zu werden, ging er, sich an Aeusserem
zerstreuend, in die Stadt umher.
    Der Friede war bekannt gemacht, der Abmarsch der Truppen bestimmt. Die
Freude der Franzosen gewann mehr und mehr ein übermütiges Gesicht. Des
rettenden Schutzes uneingedenk, die lästigen Mahner armen Unvermögens
verwünschend, bläheten sich aufs neue viele in Eitelkeit und Hochmut. Was man
nicht ungeschehen machen konnte, wollte man doch wenigstens lächerrlich machen.
Vertrauen, Mässigung, ritterliche Treue, alles ward durch solche verhöhnt, die
mit behender Gewandheit, mit gespanntem Scharfsinn über alles jenes hinaus ein
einziges Gesetz übten und ehrten, die es sich täglich zuriefen: Zügle das
Gefühl, nutze den Vorteil der Gegenwart, deren rasche, auf Äußeres gestellte
und geschliffene Fertigkeit tausendmal die Arg- und Harmlosen überlistet,
tausendmal in Unbedeutendem den Sieg über sie davon getragen hatten. Deutsche
und Russen hoben den Kopf stolz über das fratzenhafte Andrängen hinaus, und
wehrten mühelos, mit kaum gehobener Hand, die Pfeile ab, die man höhnisch genug
in ihrem Rücken verschoss. Sie atmeten schon in Gedanken überrheinische Luft,
sie schüttelten den Staub von ihren Füssen und dankten Gott und freueten sich der
Erlösung. Wie nach einem Schiffbruch der Geängstete Land sehend, dem Bruder
entzückt die Hand reicht, sie drückt und schüttelt und mit freiem Blick die
Spanne misst, die ihn noch vom Ufer trennt, so traten jetzt Bekannte und
Unbekannte, Stammverschiedene und Mitbürger eines Landesstriches zu einander,
und was die Unbekanntschaft der Sprache nicht zu sagen verstattete, das zeigten
Minen und Geberden und die nach Osten winkende Hand. Jubelnd, den schlanken Leib
wie zum Gruss geneigt, in dem behenden Arm die Lanze schwingend, sausten flinke
Cosakken durch die Strassen und wie sie an den Franzosen vorüberflogen, fuhren
diese doch etwas zusammen, der Witz erstarb auf ihren Lippen, sie schluckten ihn
beklemmt hinunter und verbargen geschickt das rasche Wort, bis die furchtbaren
Rächer Seine und Rhein hinter sich hatten.
    Alonzo vergass, dass er zurückbleiben musste. Er gesellte sich zu mehreren
jungen Fremden, die frisch und froh gesinnt in dem lustigsten Behagen der
überstandenen Prüfungsstunden gedachten und einander mit immer wachsender
Innerlichkeit und Rührung die Rückkehr in die Heimat ausmahlten. Ich kann mir
kaum denken, sagte ein hübscher frischer Jüngling, mit dem einnehmendsten
Gesicht und den freundlichsten, herzlichsten Augen, wie es sein wird, wenn ich
die liebe gute Mutter, den Grossvater, die Schwestern und alle herzensgute
Menschen wiedersehen werde. Als wir uns trennten, - es war eine abscheuliche
Zeit, das ganze Land von feindlichen Bundesgenossen überschwemmt, die
Hauptstadt! - ach ich mag gar nicht mehr daran denken! wie Gefangene, in
bürgerlichen Kleidern mussten wir Offiziere uns hineinschleichen, wir Preussen
kennen das sonst nicht, unser Stolz ist die Uniform, mir war als müsste ich den
armen Sünderrock anzieh'n und wäre es nicht um meine Mutter gescheh'n, mich
hätten wahrhaftig nicht zehn Pferde nach Berlin gebracht. Sie war aber voller
Mut, schenkte mir den Säbel hier und wie ihr die Tränen in die Augen traten,
drängte sie mich selbst sanft zur Tür hinaus! wie leicht hätten wir uns niemals
wiedergesehn! Bei Lützen war es hart dran! Sein älterer Bruder stand hinter ihm,
zupfte an dem wohlgehaltenen Bart und strich einigemal über die
schöngezeichneten, etwas stolzen Augenbraunen. Gottlob, sagte er, den Kopf
gehoben, mit vornehmen zu ihm gehörigen Wesen, es ist niemand unter uns, der
nicht leichten Herzens zurückkehren könnte. Unser ganzer Stamm hat seinem Namen
Ehre gemacht, wir sind uns in allem, auch in unserm Abscheu und Ekel gegen dies
Land treu geblieben. Alonzo fuhr es durch alle Nerven. Ich für mein Teil, fuhr
jener fort, nehme noch eine Portion Widerwillen mehr nach Hause, als ich
mitbrachte, und das will wahrhaftig viel sagen, denn mir kochte die Rache schon
im Herzen, seit ich als Knabe in den Schulferien zum erstenmal nach Hause
kommend, die unverschämten Gäste wie lästige Brumfliegen durch die Zimmer
summsen hörte, alle Freude war mir verdorben, ich empfand wie Knechtschaft in
den kleinsten Lebensbeziehungen drücke, und schwur es einst zu rächen und habe
Wort gehalten! Die Herren mochten schon damals spüren, was ihnen die
heranwachsende Jugend für ein Süppchen bereite, sie erinnerten die Mutter mit
vieler Weisheit meinen Stolz zu mässigen, ich hege, wie sie sagten, eine vornehme
Geringschätzung gegen fremde marquante Personen, die mir späterhin nachteilig
werden könnte. Wir haben jetzt viele von den marquanten Personen marquirt, und
ich denke sie werden sich nie wieder aus ihren Gränzen verlaufen. Man sage was
man wolle, nahm ein Andrer das Wort, die Rache ist doch die eigentliche Sühnung
der Ehre, und wir sollen nicht glauben, durch so ein zimperlich baumwollenes
Wesen, unsrer Würde gerade einen grossen Zuwachs gegeben zu haben, auf den Schlag
gehört der Stich, das ist alte Sitte, also doppelte Bezahlung. Nun, ich denke,
erwiederte der Erstere, schuldig sind wir ihnen just nichts geblieben. Diese
Wiedervergeltung ist denn aber auch nächst dem befreieten Bewusstsein, das einzig
kräftige wahrhafte Gefühl, was man hier haben konnte. In meinem ganzen Leben ist
es noch nicht so leer und schal in mir gewesen als hier. Die Luft ist
ansteckend, es ist gut dass wir sie gekostet haben, wir werden davon zu sagen
wissen. Hoffentlich wird sich die närrische Wut nach Frankreich und Paris zu
reisen, bei Kind und Kindeskind gelegt haben. Was ist denn auch Grossartiges,
Hohes und Heiliges ehemals von hier aus auf Europa übergegangen? Welche Ausbeute
gewann der französirte Ausländer? Liederlichen Witz, schlaffe und flache
Philosophie, engherzige Moral und ausgeartete Beredsamkeit, das waren die
Schätze, an denen er den eingebornen Reichtum setzte. Und denke niemand, man
könne so ungestraft aus sich herausgehen, wie zum Spiele, das Eine tun, das
Andre nicht lassen, das ist nichts, entweder warm oder kalt - Gott haben oder
nicht, dazwischen gibt's kein drittes.
    Alonzo stand wie auf Kohlen. So hatte er ja auch gedacht, eben so empfunden,
so lange er sich dem Ungleichartigen entgegenstellend, Sitte und Sinnesart und
Menschen aus der Ferne an sich vorbeigehen liess, das war die unbewundene
Strenge, die noch kein vermittelndes Element mildern konnte. Alles was der
hochherzige Jüngling im gerechten Unwillen sagte, hatte ihn ja auch tausendmal
durchzuckt, seinen Zorn entflammt und tiefe, unbezwingliche Verachtung in seine
Seele gelegt. Und nichts war anders geworden, alles noch heute so wahr und doch
sein Gefühl so himmelweit verschieden! Wenn Hass eine Strafe unserer Sünden ist,
dachte er, womit, Ewiger, habe ich es verdient, dass ich lieben durfte, wo Andre
das empörte Herz abwenden. Er erschrak über die dreiste Frage, und sah
schüchtern und verlegen, als habe ein Mensch in sein Innres gelesen, im Kreise
umher. Nicht weit von ihm stand ein fein gebaueter, sehr schlanker Offizier, das
helle Haar lag schlicht und kurz an beiden Seiten der Schläfe, reine blaue Augen
sahen bescheiden und mehr im sinnigen Nachdenken mit sich als Andern
beschäftigt, vor sich nieder, sein Gesicht war kurz, fast kindlich gerundet, die
Züge klein. Er hatte noch wenig geredet, seine Freude, dies Land zu verlassen,
schien still und bestimmt. Das Widerwärtige lag schon weit hinter ihm. Jetzt zog
er aus einer grünen Saffiantasche ein kleines Buch, er hielt es behend und
sauber, der Deckel war von mattem Golde, auf der einen Seite sah man die
Verkündigung, auf der andern die Verklärung sehr sauber in Oel gemalt. Er blies
fast ängstlich die anfliegenden Stäubchen ab, öffnete es und zu einem nahe
stehenden Freunde gewandt, sagte er mit angenehm nordischem Organ: der Kreis
wird nun bald geschlossen sein, wer weiss welche Blume die Endpunkte des Kranzes
verbindet. Nur keine französische Immortelle, entgegnete sein Nachbar lächelnd,
er hielt den Finger, ohne das Blatt zu berühren, gegen die aufgeschlagene Seite
des Buches. Nicht doch! rief jener fast unwillig, du weisst ja, dies alles sind
die Blüten eines Jahres, soll das schöne französische Mädchen nicht auch ihren
Platz finden dürfen? Auf dem feinen, fast listigen Gesicht des Andern, spielte
unaufhörlich neckender Mutwille, o ja, erwiederte er unbefangen, da kann sie
recht schön stehn, sie nimmt just keiner bessern den Raum weg, und es ist auch
um des Contrastes willen gut. Was diese Lippen übrigens für eine Sprache reden,
fuhr er fort, eine leicht entworfene Zeichnung betrachtend, ist doch wirklich
keine Frage, man sieht das krause Gelispel aus dem zugekniffenem, nur in der
Mitte spitz geöffnetem Munde, kann da wohl ein herzliches Wort heraus? Er hatte
dies Letztere in französischer Sprache, zu Alenzo gewendet, gesagt, der es
höchst verlegen, unter fliegendem Erröten bejahte. Dieser suchte indes die
innere Bewegung unter einer äusseren zu verbergen, indem er angelegentlich auf
die vorgehaltene Zeichnung sah, und sie in allen ihren Teilen zu studiren
schien. Der Besitzer des kleinen Buches schlug gefällig noch einige andere
Blätter um, und vergönnte Alonzo in das zarteste Blütennez kindlicher,
unendlich sinnvoller Gedankenspiele hineinzusehen. Hier, sagte er, hat alles was
in dieser unermesslichen Zeit im tiefsten Schmerz, in der reinsten Freude meine
Seele durchzog, was Freundschaft mir gegeben, was Liebe mich ahnden liess,
duftige, traumartige Gestalt gewonnen, der Hauch, der von diesen Bildern wehet,
denke ich, soll mein ganzes Leben erfrischen. Alonzo blätterte in dem
Arabeskengedicht, Blumenkelche schlossen sich auf, helle Menschengesichter sahen
aus dem geheimnisvollen Blätterkragen hervor, kühne Heldensänger auf fliegendem
Pferde Regenbogenbrücke erstürmend, ernste Schlachtscenen, tiefsinnige,
trauernde Liebe, Engelsköpfe aus Passionsblumen, unverbrüchlicher Treue fester
Bund, alles rankte sich phantastisch an Erlebtem und Gedachtem hin. Was eine
treu bewahrte Seele in demütigen Schauern hier geahndet, es war auch Liebe,
freundliche allumfangende Engelsliebe, nirgend ein Zwiespalt, nirgend Kampf,
keine Spur von unausreichendem Weltsinn, das ganze verderbte Frankreich war so
rein an der unbefleckten Einbildungskraft hingegangen, nichts als das zarte
Mädgenbild fiel in die Erinnerung zurück. Alonzo schloss beschämt das Buch, er
gab es dem stillen Jüngling wieder, ohne seinen Blick zu suchen, die Bilder
gaukelten fast ängstlich vor ihm her, was sich auf so ruhiger Flut
zurückgespiegelt, wie sollten die dunklen Wellen das bewahren?
    Doch was er heut gesehen und gehört, es war nichts gegen die Qual der
folgenden Tage. Alle verbündete Truppen fort, kein verwandtes gleichfühlendes
Wesen zu finden, das dreiste laute Geschrei der Eingebohrnen oben auf, kein
andrer Ton in den Strassen als dieser eine! Ganz dumpf und hohl schlugen die
Klänge zum erstenmale wieder an sein Ohr, wie geächtet wand er sich dann umher,
alles Leben schien geschwunden, die Angst der Verdammnis klemmte ihm die Brust.
Ich unter diesen? fragte er sich besinnend? - Er flog zu Blansche, sie war in
der Messe, ihre Mutter unwohl, verstimmt, der Aufentalt im Kloster fing an
diese zu drücken, die Einsamkeit machte sie schwer, alles haftete an ihr, sie
empfand ihr Unglück mit ungekannter Herbigkeit, gleichwohl war der Entschluss
hier einige Zeit zu verleben, einmal ausgesprochen, ohne Unanständigkeit war
daran nichts zu ändern, so suchte sie denn ihren Kreis zu erweitern, sie war
sich das schuldig, sie zog ihre Freunde herbei. Zum erstenmale fand Alonzo
mehrere, bis jetzt ungekannte Glieder der Familie bei Frau von Saint Alban
versammelt. Die fremden Gesichter fielen ihm unangenehm auf. Man empfing ihn
ziemlich leichtin, das Gespräch ward wie es war, fortgesetzt, ohne ihm das Wort
zu gönnen. Man redete schnell und flüchtig durcheinander, die Verhältnisse
Frankreichs wurden auf unangenehme anmassende Weise berührt, der Fremden mit
Bosheit und üblen Willen gedacht. Frau von Saint Alban wollte einlenken und
zugleich nicht allzuviel wagen, ihr Verhältnis zu Alonzo schien ihr in diesem
Augenblick misslich. Eine Dame, welche man die Marschallin nannte, deren Witz man
stillschweigend das Patent des guten Geschmackes und liebenswürdigen Mutwillens
gab, machte ein hämisches Epigramm nach dem andern. Bei Gelegenheit der
Deutschen rief sie: que de vertus ils me font hair! sie nannte sie les braves
forcés und des faiseurs de gloire oder Messieurs du grand air, wusste ihren
verschiedenen Dialekt und den langfüssigen weit ausgeholten Schritt ihres
sublimen grammairen Französisch grotesk nachzuahmen, bezeichnete ihr stilles
innerliches Wesen durch des maniêres du fauxbourg St. Denis, verlegte die
Wohnsitze der Preussen hart an die Pole, machte die Kosacken zu ihren Nachbarn
und Wölfe und Bären zu ihren Feldkameraden; von den Russen sprach sie gar nicht
anders als des bêtes qui s'abreuvent de l'air de Paris pour en donner aux
habitans de Petersbourg. Doch nichts in der Welt stellte sie sich so komisch
vor, als les dames de l'hôpital de Berlin mit einem mal aus dem fond des
boutiques de Paris ausstaffirt zu sehen. Wie, sagte sie, der ganze Einzug in
diese Mauern ein Spiel war, das sie sich selbst gaben, so sind auch die
Trophäen, die sie nach Hause schicken, Hauben und Bänder und Schuhe, für ihr
Geld erhandelt, das emsige Mütter und Frauen kärglich ersparten und das man für
unser Vergnügen prägen liess. Alonzo trat das Blut zum Herzen, die Augen rollten
drohend in ihren Kreisen, er warf einen flammenden Blick auf die Dame, vor dem
sie die elektrischen Spitzen ihres Witzes einzog: Moskau und Madrid, sagte er
mit gezwungener Kälte, haben sich nicht gleichen Vorteils zu rühmen, man würde
in ganz Europa das französische Sousstück vergebens suchen und gleichwohl fanden
wir Moskauer Silber und Shawls, Berliner Porzellan und spanische Tücher in Menge
hier, ja der einzelne Eigentümer sah oft plötzlich seinen Namen in
französischen guten Häusern auf längst vermissten Büchern und Karten und
Geräten. Jenseit der Vogesen und Pyrenäen weiss man, wie Sie sehen, von den
droits du vainceur noch zu wenig. Er war aufgestanden, verneigte sich, ohne
etwas anders als das verletzte Recht, die befleckte Wahrheit, alle Foltern des
gereizten Selbstgefühls, in den tapfern Waffenbrüdern zu empfinden, eilte er von
hier weg in die tiefe Einsamkeit seiner entlegenen Wohnung.
 
                              Funfzehntes Kapitel
Der Aerger zitterte ihm noch lange in Herz und Gliedern. Er hörte noch immer die
höhnenden Worte, er sah das lächelnde, verschmitzte Gesicht; und Frau von Saint
Alban hatte zu dem allem geschwiegen, sie hatte nichts versucht, um dem
anwachsenden Übermut Einhalt zu tun, sie hatte ihm das Wort überlassen und
eben dadurch das Widerwärtige, Nieauszugleichende herbeigeführt. Gesinnungen
waren laut geworden, die bis dahin nur geahndet, unter dem Schleier zarter
Schonung ihren Stachel verbargen. - Jetzt war der Damm durchbrochen. Was Blut
und Tod nicht vermochten, das unbezwingliche Wort hatte es für ewig und immer
angefacht. Die rasche Tat konnte ein dunkler Augenblick erzeugt haben, Liebe
und Mitleid fühlten sich gross im Verzeihen, wie aber der lang verkleidete
Unwille das Innere schreiend auseinander riss, und das Herz des Lebens
zerfleischte, da war an kein vergeben und vergessen zu denken. Die Kluft, die
von jetzt zwischen Alonzo und der französischen Familie lag, verdeckten nicht
Worte, nicht Taten. Nur an Blansche konnte er sich noch mit seinen Gedanken
wenden, sie war über Streit und Unwillen, über Vaterland und Welt hinaus
gehoben, beziehungslos ewig Eins in seinem Herzen. Er flüchtete zu ihr, er
schrieb ihr in diesen qualvollen Stunden.
    »Warum meine Blansche, musste ich Sie vergeblich suchen, warum waren Sie so
weit von ihrem Freunde? Ihr Auge, ihre Stimme, ihre Nähe hätte alles abgewendet!
Es sollte so sein! Alles um uns her musste erst zusammenbrechen, der feindliche
Hass alles untergraben, alles dunkel werden, nirgend eine Rettung, als in uns in
unsrer Liebe! Ich habe das lange geahndet, jetzt ist es ja ganz unauslöschlich
da! Erschrecken Sie Blansche? Ich nicht. Ich habe mich nun erst ganz wieder, ich
fühle mich wie über allen Streit hinaus. Was geht mich dies Frankreich an, was
habe ich mit seinen Einwohnern zu schaffen! Nichts, in der Welt nichts! Sind Sie
auch eine Bürgerin Frankreichs, Blansche? O um Gottes Willen überreden Sie sich
das nicht. Sie sind es nicht, Sie dürfen es nicht sein! Welches Land, welches
Volk ist stolz genug, Sie sein zu nennen? Sie eine Französin! Wie töricht und
wie unwahr! Der Liebe gehören Sie, das ist Ihre Heimat. Bin ich mit dieser
zerfallen, Blansche? Sagen Sie das wirklich! Wie ihre stillen Züge dies dunkle
Land erhellen! wie ich bei Ihnen all' die Störungen vergass! Wird das nun anders
sein? Ich weiss es, Ihre Mutter kann das nie verzeihen! Wo werde ich Sie denn
wiedersehen? wann wird Ihr liebes frommes Auge Friede in meine Seele giessen?
Meinen Sie etwa, ich sei nun entschlossen, Frankreich zu fliehen, Sie
aufzugeben? Haben Sie denn ein Herz, Blansche und denken Sie so Entsetzliches?
Nein, ich bleibe, ich werde Sie suchen, und so Gott will, finden. Kann Blansche
durch die Meinung ihrer Freunde bestimmt werden? Kann irgend etwas mein Bild in
Ihrem Herzen verrücken, so stand es niemals fest und dann möge es nur lieber
gleich zerbrechen.«
    Der eben ausgesprochene Gedanke trat so lebhaft auf ihn zu, er sah ihn so
entsetzlich an, dass er ganz gelähmt und erschrocken die Feder wegwarf und nun
auch nicht wieder mit sich zurecht kam.
    Des folgenden Tages eilte er mit jenen Zeilen zu Blansche, in der Absicht
sie ihr heimlich einzuhändigen. Die kleine Scheu vor Frau von Saint Alban konnte
ihn nicht zurücke halten. Im Gegenteil empfand er einigen Stolz, ihr so frei
und unbekümmert unter die Augen zu treten. Er traf Blansche allein. Sie schien
etwas überrascht ihn zu sehen, doch war sie nicht unruhig, noch verlegen. Er gab
ihr das Blatt. Sie sah ihn gross an, an mich? fragte sie, von Ihnen? Was können
Sie mir denn zu sagen haben, das ich so blöde, so ängstlich in diesem Papier
einwickeln müsste? Lesen Sie, bat Alonzo. Sie faltete kopfschüttelnd das Blatt
auseinander, und es vor sich hinlegend, las sie, den Kopf in die Hand gestützt,
sehr langsam und genau, ohne durch irgend eine ängstliche Anstrengung die
Klarheit ihrer Züge zu trüben. Alonzo ging während dem heftig auf und ab.
Zuweilen blieb er stehen, sah sie dringend an, oder zählte ungeduldig die
ablaufenden Sekunden an der Wanduhr. Jetzt hatte sie geendigt. Sie legte das
Blatt sorgfältig in seine Falten zurück, und verschloss es, ohne aufzusehn in dem
Nähetischchen. Alonzo fasste ihre Hand. Sie sah ihn lächelnd an; was sind Sie
nur so unruhig, sagte sie mit anmutiger Freundlichkeit. Sie tun so viel
Fragen, lieber Alonzo, ich weiss nicht, wie ich das könnte, ich habe eine
ausserordentliche Scheu vor dem Ausgesprochenen, lassen Sie doch dem Geheimnis,
das bisher waltete, ferner seinen stillen Gang. Sie wollen mir entgehen,
Blansche, unterbrach sie Alonzo hier, Sie wissen mir nichts zu antworten, Sie
selber sind unsicher. Freilich, entgegnete sie leutselig, Sie könnten mich
ängstlich machen, ich habe Sie so nicht erwartet, ich glaubte Sie auf das
Unvermeidliche gefasst, Sie sind so entzweiet mit allem, so unsicher, wo ist denn
die Ueberzeugung und die Treue, die allein beglücke? Von welcher Ueberzeugung,
Blansche, fiel Alonzo ein, reden Sie hier? Von der einfachsten und
natürlichsten, die es gibt, von der Wahrheit des Wesens, das Sie liebend in
ihrer Seele tragen, Alonzo, mein Freund, können Sie zweifeln und vertrauen
zugleich? Sagen Sie mir, Blansche, hub Alonzo nach einigem Besinnen an, was soll
ich bei so widerstrebenden Verhältnissen für ein Opfer von Ihrem Mute erwarten
dürfen? Täuschen wir uns nicht; es ist plötzlich ein gewaltsamer Riss zu Ihren
Füssen entstanden, Sie sind allein mit mir am jenseitigen Ufer, dortin das
Jugendland, die Mutter, die Freunde, Blansche, werden Sie mich nicht auch
verlassen wollen? Was drängen Sie doch, rief Blansche wehmütig, unser
verborgenes Dasein so hastig in das bunte Leben hinein, und geben ihm die
dreiste Figur und Sprache! Ach mein Freund, die Scheu, die ich davor habe, sagt
mir, dass wir niemals aus dieser Verborgenheit hinaus sollen. Also doch! rief
Alonzo heftig, Sie selbst verweisen mich zu ewigem Verstummen, zu Entsagung und
Tod! Was Blansche, was denken Sie aus mir zu machen? Wollen Sie den
Ueberlästigen aus Ihrer Gegenwart verbannen? Oder soll ich in verzehrender Glut
ein ängstliches, peinliches Leben auf- und abwinden, ein Leben, in welchem
Streit und Zorn das einzig Lebendige ist? Das einzig Lebendige? rief Blansche
mit gefaltenen Händen, o Herr, mein Gott, so lehr du ihn doch, was Leben ist!
    Frau von Saint Alban war herein getreten. Sie warf einen schnellen, scharfen
Blick auf Blansche, der dann blitzartig an Alonzo vorüberflog. Sie schien
gerührt, gerejetzt, heftig und schnell wieder besonnen. Sie wusste das Gespräch am
Rande der Vertraulichkeit hinzuhalten, Alonzo hatte sich just nicht zu beklagen,
gleichwohl schwebte etwas Aengstigendes im Hinterhalte, was gern herauswollte,
und nur der Gelegenheit ermangelte. Man wehrte diese ab, denn niemand hatte Lust
es zu einer Erklärung kommen zu lassen. Frau von Saint Alban war Meisterin der
Conversation, sobald Sie es wollte. Es schien, sie könne ihrer innern Bewegung
plötzlich Einhalt tun. Mit Gewandteit fasste sie jedes Äussere an, warf es hin
und wieder, und machte es in der Wechselberührung der Laune und des Witzes nach
und nach zu etwas, das unterhielt, ohne zu beschäftigen. Alonzo vergass an ihrer
Seite einen kurzen Augenblick, was seine Seele so schwer belastete, was aus der
Ferne drohete, was zum Teil schon ganz nahe war. Die flüchtigen Worte wirbelten
sich so leicht wie ein gefälliger Tanz an ihm hin, und stahlen seinen Beifall
und sein Wohlgefallen, ohnerachtet des Disperaten ihres beiderseitigen
Verhältnisses. Zum Lachen gezwungen, vergass er leicht worüber und verlor ein
paar Stunden an einem Spiel, dessen absichtlichen Gang er weit entfernt war zu
ahnden. Als er endlich durch Blansches schwebenden Gang und ihr lautloses
Verschwinden aufgeschreckt ward, verliess er Frau von Saint Alban etwas wüst und
betäubt, ohne ins Klare über sie und sich selbst kommen zu können.
    Auf den Strassen sang man das Couplet auf Heinrich den Vierten. Er hatte das
tausend und tausendmal gehört, heute frappirten ihn die Worte angenehm. Das
höchst wunderbare Gemisch von Galanterie, gutmütiger Treuherzigkeit und
neckendem Volkssinn sprühete auf eigene Weise an sein Gemüt. Er glaubte eine
Einsicht in den Volkscharakter gewonnen zu haben. Der Duft frischer Jugendzeit
wogte noch in dem alten Liede. Die anmutigen Gestalten französischen Ritter-
und Heldentums traten höchst lebendig in ihrer feinen, jovialen Sitte in seine
Erinnerung zurück. Er glaubte noch verwandte Elemente in dem Herzog und Türgis
entdecken zu können. Er dachte an die ritterlichen Könige, an die rührenden
Worte Ludwig des Achtzehnten vor seinem Einzug in Paris: die Religion allein
vermag mich diese Dornenkrone auf mein greises Haupt zu setzen. Er sah das
würdig stille Angesicht, er fühlte den Kampf und die Leiden der geweiheten
Königsfamilie, tiefe Ehrfurcht erfüllte ihn. Er war milder gegen alles, was er
sah. Er ging heute in die Variétés au françois, er glaubte sein Unrecht gegen
Frau von Saint Alban nicht genug abbüssen zu können. Das reizende, ergreifende
Spiel grosser Künstler bezwang seine strenge Abneigung! Vieles ward ihm hier
klar, was ihm im Leben verwirrte, die Funken originellen, treffenden Witzes
sprüheten fast blendend umher, der behende, flüchtige Verstand wagte die
raschesten Flüge, er riss die Bewunderung um so eher fort, als niemand vor sich
selbst zu besteh'n, zurückbleiben wollte. Alonzo glaubte sich dem allem mehr und
mehr verwandter, je mahnender er zur Teilnahme gezwungen ward. Er stand im
Begriff noch heute an Blansche zu schreiben, sich selbst hart anzuklagen, das
arme schöne Herz durch Ungestüm und schroffen Ernst erschreckt zu haben. Er
wollte es ihr bekennen, dass er alles zu hoch und trübe und gewaltsam genommen,
dass er es empfinde, wie im Erkennen fremder Eigentümlichkeit der Friede im
Leben aufgehe, es schien ihm der Gedanke an Versöhnung mit allem, was dem lieben
Geschöpf angehörte, so süss, er wollte ihr das sagen und noch vieles andre, wovon
sein Herz voll war, als ihm eine Einladung des Herzogs, diesen zu Frau von Saint
Alban zu begleiten, die Hoffnung gab, Blansche morgen zu sehen, und in der alten
Eintracht und dem schönen, wechselseitigen Vertrauen mit ihr und ihren Freunden.
Er schrieb jetzt nicht. Er dachte und malte sich die Stunden nächster Zukunft in
dem Gewinn schwankender, unruhiger Leidenschaft bald lockend, bald ängstigend
aus, die Bilder flossen ungewiss in einander, und er musste sich zuletzt fragen,
was von dem allem darfst du denn wünschen, betörtes Herz?
 
                              Sechszehntes Kapitel
Alonzo sass schon über eine Stunde Blansche in höchster Spannung gegenüber, ohne
ihr ein Wort sagen zu können. Unter mehrern Anwesenden war ein junger Verwandter
um sie beschäftigt, in dessen leisem altfranzösischen Wesen sie sich mit der
unbefangensten Heiterkeit ausnehmend zu gefallen schien. Sie nannte ihn Louis,
und Frau von Saint Alban mein armer, kleiner Vetter, mit einem Ton, der die
Teilnahme und das Vertrauen herzlicher Gesinnungen ganz rücksichtslos
aussprach. Der junge Mann trug den Lilienorden, war von edler Familienbildung,
und sachten, etwas schüchternen Manieren, die eine kleine Beimischung des
Fremdartigen und Ausländischen an sich trugen. Auch war er über dem Rhein
erzogen. Der Kampf erweiterter Bildung und schmerzlich empfundener,
unaustilglicher Blutsverwandtschaft hatte trübe Jahre hindurch tiefe Furchen in
die junge Stirn gedrückt und das reiche, dunkel wallende Haar hin und her
gebleicht. Oft nach den launigsten Ausbrüchen sanken seine Züge plötzlich
zusammen, es lag dann eine Trauer auf diesem Gesicht, die nicht Sehnsucht, nicht
Rückerinnerung, die Lebenserfahrung im allgemeinen so wunderbar erzeugte. Frau
von Saint Alban hob ihn auf alle Weise heraus, die übrige Familie suchte ihn mit
Frankreich zu befreunden, wohin er erst seit kurzem zurückgekehrt war, man
neckte ihn und verspottete seine gemischten Sitten. Eine hübsche pikante
Brünette sagte mit bedeutendem Seitenblick auf Blansche, er werde sich wohl nach
und nach entgermanisiren, man erlaubte sich manche Anspielung auf sein
Verhältnis in der Familie, deren Aeltester er nach des Herzogs Tode ward. Er
pflegte denn wohl mit einem komischen Seufzer, O du mein Gott! auszurufen und
durch einen burlesken Gedankenspruch Spott und Laune auf etwas Anderes zu
richten. Er redete etwas gepresst, die Gedanken rissen sich nur mühsam von dem
Innern los, dafür gab er aber auch mit jedem Wort ein Stück Herz in den Kauf.
Frau von Saint Alban rief mal auf mal: wie gut er ist! Die kleine Brünette aber
konnte sich nicht entalten, ihn auszulachen, und die ausländischen
Sonderbarkeiten und die eigne behutsame Weise, wie eines solchen, der stets
anzustossen oder zu fallen denkt, aufs lebhafteste zu rügen. Sie flüsterte Alonzo
zu, Louis nehme sich aus wie ein altfranzösisches Bild, das man in Deutschland
unter Glas und Nahmen geschoben und ihm glauben gemacht habe, es sei ein
deutsches Kunstwerk. Er passe sich eben deshalb nicht recht in französischen
Zimmern und über dem Rhein wittere man doch auch den Franzosen in ihm. Ich mag
es nicht leiden, setzte sie hinzu, wenn man sich so verschieben lässt und am Ende
nirgend zu Hause ist. Deshalb hasse ich auch die meisten Nordländer, die uns zu
Liebe ihre Nationalität aufopfern, hier nicht geachtet und dort nicht
verstanden, was wird aus ihnen? Gleichwohl sagte Alonzo, dem die schönen Lippen
die Worte anmutig ins Herz lächelten, steht nicht zu leugnen, dass viele
Ausländer durch stete Uebung eine gewisse Meisterschaft in der französischen
Eleganz errungen haben, die doch anzuerkennen und von Ihnen, gnädige Frau, zu
loben wäre. Zu loben? rief sie heftig, weshalb denn? etwa weil sie auf plumpen
Stelzen ungeschickt, eckig und langsam unsre freie, leichte Bewegungen einzeln
und auswendig gelernt nachahmen? O ich höre sie auf zehn Meilen kommen, diese
gemachten Pariser! steif, formell oder impertinent, nicht achtend wie ihnen
veraltete Galanterie oder un mal appris de nos jours im Kopfe spukt, wenn so ein
alter Herr mir die Reminiszenze des goldnen Zeitalters wieder auftischt und die
ganze Conversation aus lauter Citaten alter bestäubter Biblioteken besteht,
dann schnappe ich nach Luft, denn der Bücherdunst schmeckt nach schwarzer
Wäsche, die man ausgezogen und längst weggeworfen hat.
    Doch über allen Ausdruck widerlich sind mir jene eifrigen Lehrlinge einer
gewissen Schule, die kunstgerecht den Schmutz verderbter Dichter, wie die
Aussprüche der Sorbonne, einstudiren und sie in Sälen und Boudoirs geltend
machen, die metodisch die Einbildungskraft beflecken, Mangelhaftigkeit im
Leichtsinn heucheln, sich brutal in der Liebe und ungeschickt in der
Treulosigkeit anstellen, kurz die durch groteske Nachäffung das Gefühl auf alle
Weise verletzen. Und sind sie denn anders, dachte Alonzo, die Originale zu
diesen Copien? Verweilet man denn nicht noch am liebsten bei den verknöcherten
Gestalten, durch die, rührend genug, ein Anklang verschollener Zeit wehet?
Stehet man gleich neben ihnen auf dem Grenzstein versunkener Galanterie, so
spürt man doch wehmütige Sehnsucht nach dem, wohin die letzten bleichenden
Lichter unter Ludwig dem Vierzehnten zurückweisen. Noch wagt sich die Liebe
Liebe zu nennen, noch verspottet niemand den Prinzen und Helden, der in still
bescheidener Demut seiner Dame durch ein ganzes Leben huldigt, keine Zunge
lästert den ehrfurchtsvollen Dienst geheimer Treue, galante Rittersitte hat noch
Raum auf Erden, Henriette von England darf ohne Erröten ihr Bild auf einer
Heldenbrust wissen, der Leumund schweigt, denn uneigennützige Liebe ist noch
kein Unding geworden, und tausende kennen ihr heiliges Panier. Kann das
veraltete Wesen gleich nicht sonderlich mehr gefallen, so rührt es doch und
verzeihlich wird es, mit dem Schein zu spielen, wenn man das Wesen empfindet.
Doch verloren ist die Seele, die mit dem wesenlosen, giftigen Dunst heutiger
Sitte liederliche Gaukeleien treibt. Er sah finster umher, Louis sass etwas
abwärts, die Hand wie einen Schirm gegen die Stirn gehalten, so dass die Augen
ungestört in sich hinein sehend bei Selbstgeschaffenem verweilten. Der Herzog
hatte ihn einige Augenblicke beobachtet, mit Alonzo abwärts tretend, sagte er:
die freie Gemeinschaft der Geister konnte ihm die leibliche Sicherheit des
Daseins nicht ergänzen, die man nur im Vaterlande empfindet, so innig ist der
Mensch mit der Heimat verwachsen, wie töricht darüber hinaus zu wollen! Man ist
umsonst bemühet das Ungleichartige zu verschmelzen. Der Natur widerstreben,
heisst sich ewigen bittern Kampf bereiten! Wenig sind diesem gewachsen! Auch mein
junger Vetter nicht! Er ist zerrissen, nicht hier, nicht dort zu Hause, und
gleichwohl zieht ihn seine Vorwelt hieher. Was ist ein Dasein, mein Herr, ohne
Erinnerungen? Darf der Mensch an eine Zukunft denken wollen, wenn er die
Vergangenheit vernichtet? -
    Es schien Alonzo fast als lege der Herzog eine besondere Bedeutsamkeit in
diese Worte. Was konnte er sagen wollen? hatte er in seinem Herzen gelesen? Und
wollte der ruhig erfahrene Mann ihn warnend auf sich selbst zurückführen? Alles
kam ihm heut so absichtlich, so besonders vor. Frau von Saint Alban war von der
gesuchtesten Höflichkeit, sie wollte ihn recht eigentlich gegen ihre Familie
herausheben, doch alle frühere Innigkeit, das leichte anmutige Vertrauen wandte
sich auf Louis, für Alonzo hatte sie nur Phrasen und achtungsvolles Bezeigen.
Einmal als die Rede von einem jungen Ausländer war, den man früher in Paris
gekannt und liebenswürdig gefunden hatte, sagte sie mit wegwerfender Bitterkeit,
es ist ein Fremder! ich achte ihn ohne ihn zu verstehn, man versteht niemals das
Fremde. Ihr Blick flog an Alonzo vorbei, er sah sie erröten, er fühlte, dass
sie mit Absicht redete. Ihm ward sehr beklommen. Er suchte Blansche. Sie war in
ein Nebenzimmer getreten und spielte gedankenvoll mit den Fingern gegen die
Fensterscheiben. Was ist es, Blansche, sagte er dringend, was hier im Dunkel
gähnt, was ich kommen höre? Sie wenigstens dürfen mich nicht täuschen wollen.
Blansche schlug die Augen zum Himmel auf. Sind Sie einig mit sich, lispelte sie
leise, was ängstet sie? was kann kommen, das Ihr Herz bezwänge? O um Gottes
willen, Wahrheit, rief er heftig, nackte, trockene Wahrheit? ich verstehe sie
nicht, ich will sie nicht verstehen, diese dunkle Andeutungen! Von Ihnen will
ich es hören, Blansche, Sie sollen mir es sagen, dass Sie, dass alle wortbrüchig
waren, dass Sie Herz und Leben zerreissen, zertreten, dass alles frühere Lüge und
Possenspiel war, dass Sie das heilige Wort zurücknehmen. Blansche sah ihn
warnend an, hüten Sie sich, Alonzo, sagte sie, dass Sie es nicht zurückgeben. Sie
war fort, ehe er sich besinnen konnte. Einen Augenblick darauf sah er sie
lächelnd neben Andren stehn. Sie war ihm ein Rätsel. Ihr Blick traf dann und
wann bittend und beruhigend auf den seinen, er wusste ihr nicht zu antworten,
seine Unruhe wuchs mit jedem Augenblick.
    Frau von Saint Alban streifte im Vorübergehen an seinen Arm. Sie sah
entschuldigend zu ihm auf, sein düsteres Auge begegnete dem ihrigen. Die alte
Rührung flog über ihr Gesicht. Sie neigte den Kopf etwas seitwärts und mit
lieblich weicher Stimme sagte sie: es muss sein, lieber Alonzo, es muss wahrhaftig
sein. Sie selbst haben es so bestimmt gesagt; man schmeichelt sich immer eine
Weile, aber der Irrtum hält nicht vor! - Er wollte ihre Hand fassen, er wollte
sie zwingen, ihm zu sagen, was sein müsse? was er selbst gesagt, getan habe?
doch sie war ihm entschlüpft. Man ging auseinander, der Herzog sagte gelassen:
der Wagen erwartet uns. Alonzo sah ihn betroffen an. Doch jener war schon in
der Tür, er musste ihm folgen.
    Sie sassen schweigend neben einander, der Wagen flog an der dunkeln
Klostermauer hin. Alonzo sah seinen Schatten, der immer länger ward und endlich
zurückzubleiben schien. Trübes Selbst, dachte er seufzend, du zerfliessest in
Nacht und Traum, keine Spur bleibt von dir zurück. Lieber Alonzo, hub der Herzog
jetzt an, ich hätte fast vergessen, Ihnen zu sagen: dass Ihr Geschäft hier
beendigt ist. Ihre Aufträge sind beantwortet, es liegt alles bereit, der
Minister erwartet Sie, auch die Abschiedsaudienz beim Könige ist für Sie
nachgesucht und auf Morgen festgesetzt. Nachgesucht und festgesetzt? rief Alonzo
mit flammender Stirn, wer mischte sich in meine Angelegenheiten? Ich, entgegnete
der Herzog. Junger Mann, fuhr er sehr ernst fort, vergessen Sie nicht, dass nach
dem Tode meines Neffen mein Ansehn, meine Vorsprache Sie allein hier erhielt.
Ich hegte damals andre Wünsche, man hört auch im Alter nicht auf an dem Leben zu
meistern und etwas anderes daraus machen zu wollen, als es sein kann. Der Hass
ist so trübe, Wohlwollen und Teilnahme so tröstlich! Aus dem Verein der
Familien, dachte ich, solle die Versöhnung entzweieter Nationen hervorgehen.
Opfer waren gefallen, die Rache hatte ihr Recht genommen, der Natur heilige
Anfoderungen sollten sich durch sich selbst ausgleichen, ich durfte einen
Augenblick an Erdenglück denken. Und weshalb, fiel Alonzo ganz überwältigt ein,
weshalb wollen Sie so gerechte, so bescheidene Wünsche aufgeben? weshalb, ich
beschwöre Sie, wollen Sie mich unbarmherzig aus der Reihe Ihrer Hoffnungen
ausstreichen? Warum, wenn ich Sie anders zu verstehen wage, warum wollen Sie das
linde Band meinen Händen entreissen, dass Sie, dass Ihre Familie mit dem Schicksale
aussöhnen könnte? Sie gehören nicht zu uns, entgegnete der Herzog kalt. Hass, wie
glühend er sei, kann Blut löschen, Verachtung tritt in den Staub und nie kann
man lieben, was man befleckte? Lassen Sie uns davon schweigen, ich fühle mein
Blut noch brausend genug, um es fürchten zu müssen. Sie selbst haben zur rechten
Zeit den Wahn zerrissen, und mit ihm jeden aufblühenden Verein, wir fallen ganz
und auf immer auseinander, und wollen Sie sich anders treu bleiben, so dürfen
Sie nie daran denken, diese Kluft zu überschreiten. Dacht' ich's doch, rief
Alonzo, französische Eitelkeit konnte niemals verzeihen, was sie durch tausend
und tausend ärgere Beleidigungen unserm empörten Gefühl abpresste. Alles und
jedes erlaubt sie sich zu sagen, und die einfachste Tatsache darf ihr nicht
unter die Augen gerückt werden! Was ich mir und meinem Gott unter heissem Schmerz
bekenne, entgegnete der Herzog, soll mir dennoch kein Anderer laut
entgegenrufen, und wer es tut, dessen Anblick wird ewig den Stachel in meine
Seele drücken und Gift und Galle aus eiternder Wunde pressen. Und deshalb also,
sagte Alonzo spöttisch, soll ich Frankreich meiden, weil Ihnen mein Anblick
unangenehme Wahrheiten ins Gedächtnis ruft! sehr despotisch bei meiner Ehre! Nun
ich denke, Alonzo de Mendez geht wohin ihn seine Pflicht ruft, entgegnete der
Herzog mehr galant als aufrichtig. Es ist die Frage, fiel Alonzo ein, welche
Pflicht mir die höhere ist. Die der Ehre, ohne Zweifel, erwiederte jener.
    Beide schwiegen einige Augenblicke aus Furcht zu viel zu sagen. Wozu denn
nur, rief Alonzo plötzlich vom Zorne überwältigt, das ganze Spiel des heutigen
Tages, wozu dies Zusammenkommen, die trügerische Freundlichkeit und all' das
Gleissen, dem Herz und Seele fehlte! Sie sind sehr ungerecht, unterbrach ihn der
Herzog, wir waren es Ihnen und uns schuldig, im besten Vernehmen zu scheiden.
Die Welt darf nie wissen, wenn wir uns in der Wahl unserer Freunde vergriffen.
Ihre neulichen Ausfälle hatten Sie auf unangenehme Weise für Sie und unser Haus
affischirt, das musste durch die Achtung, die wir persönlich gegeneinander an den
Tag legten, ausgeglichen werden. Noch einmal mussten Sie in der Gesellschaft
erscheinen. Das ist geschehen, auf die schicklichste Weise für alle Teile.
Jeder unangenehme Eindruck ist vertilgt. Dass Sie unwissend so geführt wurden,
werden Sie der Mässigung Ihrer Freunde Dank wissen. Und Blansche, rief Alonzo mit
bebenden Lippen, sie wusste darum? Sie konnte die Hand zu dem allem bieten?
Blansche, erwiederte der Herzog, weiss, was sie sich, ihrem Namen und Vaterlande
schuldig ist. Der Wagen hielt. Noch einmal, fuhr der Herzog fort, lassen Sie
jeden persönlichen Unwillen schweigen, denken Sie, dass eine unbezwingliche
Naturnotwendigkeit so entscheidet, dass Sie diese vielleicht schärfer als ich
empfinden und dass niemand gegen das Geschick ankämpft. Ich werde, entgegnete
Alonzo, etwas stolz von seinem Sitz aufstehend, wie ich denke, Gelegenheit
finden zu zeigen, dass ich nur Vorschriften von mir selbst anzunehmen weiss, und
hierin, wie in allen, den Gesetzen der Ehre folge. Er grüsste flüchtig und
beeilte seine Schritte, um jeder Antwort überhoben zu sein. -
 
                             Siebenzehntes Kapitel
In dem raschen Andrang aller Empfindungen, fand Alonzo ganz von selbst Gedanken
und Entschluss. Eins stand fest in ihm, darum drehete sich alles Andre in
natürlicher Ordnung. Er wollte jener feinen Absichtlichkeit zum Trotz in Paris
bleiben und sollte Leib und Seele darüber zu Grunde gehen. Das einmal
Eingeleitete war nicht abzubrechen, das sah er wohl, seine Mission war hiermit
beendet, gleichwohl fand er sich andrer Seits eben dadurch um so unabhängiger
und zu ganz rücksichtslosem Verhalten berechtigt.
    Er betrieb demnach alles auf das sorgfältigste und schnellste, empfing und
expedirte Depeschen, beurlaubte sich in der Qualität eines Abgesandten, schickte
Couriere ab, schützte Krankheit vor und etablirte sich von da an ganz eigentlich
zu Angriff und Verteidigung.
    Für alles andre, als seine eigensten Wünsche todt, ging er nirgend hin als
in die Messe, wo er Blansche zu finden hoffen durfte. Durch viele Tage erwartete
er sie indes Morgens und Nachmittags vergeblich. Er ward nicht müde zu gehen und
zu kommen. Liebe, Stolz, gekränktes Recht, alles hielt ihm sein Ziel unverrückt
vor die Augen, die Leidenschaft hatte ihre Blitze zurückgezogen, die Nacht
tiefen Geheimnisses lag über sein ernstes Gesicht und gab dem unbezwinglichen
Willen das Ansehen ruhiger Eintracht und festen Gleichmutes. In welchen Zustand
ihn indes der harte Kampf, die gescheiterte Erwartungen setzten, wie streitend
Gefühl gegen Gefühl anstrebte, was die Leidenschaft wollte und nicht wollte, das
werden folgende Zeilen an Philipp deutlich machen.
    »Wenn die stille Glut Ihrer Augen der Leitstern zu Ihrem Herzen war, so
haben Sie sie geliebt, Philipp, heiss, verzehrend, mit allem Schmerz und aller
Lust der durstenden Seele. Das ist der Fluch des Menschen, dass ihn Götterbilder
äffen, und den Himmel vor den trunkenen Blicken zaubern. Es ist alles Lüge hier!
alles! auch sie, zweifeln Sie nicht. Wie könnte es anders sein! das absichtlich
berechnete, auswendig gelernte Spiel fängt mit dem ersten Strahle des
Bewusstseins an. Tugend heisst es und Weisheit, Leib und Leben und jeden freien
Aufflug des Geistes in die enge Klammern nüchterner Sitte einzupressen, das sind
die Formeln, die man dem weichen Kinderhirn eindrückt, ein paar knöcherne
Phrasen die ganze Mitgift auf der weit auslaufenden Lebensreise. Unbesonnen
nennt man dies Volk, leichtsinnig und flatterhaft im Denken und Tun,
schnelleres Blut, heisst es, treibe sie flüchtig an dem Ernst des Lebens hin,
nicht Bosheit, nicht Sünde sei in ihnen, unbedacht wie unzuverlässig dürfe man
sie höchstens schelten. Hätten wir niemals einen Franzosen gesehen, wir könnten
uns unter dem beweglichen Bilde harmlosen Genuss und den spielenden Schaum
ungewisser Jugendlohe denken. Aber wie schlägt uns das welke, sich selbst
überlebende Gerippe in greiser Kindheit in die Augen! misstrauisch und lauernd
wie das Alter, auf fremder Unkosten erfahren, zu Hause auf der glatt getretenen
Bahn gewandt, in Maass und Takt selbst erfundener Convenienz, verlocken uns die
gräulichen Kindergestalten und prunken mit Weisheit, wenn sie den armen Vorrat
ihres Herzens zu verschliessen, und Vertrauen und Liebe und Hoffnung zu betrügen
wissen! Das ist die Klugheit der Welt, Philipp, nach der man Jahrhunderte rang,
der man Altäre bauete, die auch noch nicht aufhörte, die Leichtgläubigen zu
blenden. Geschwätzig wie die Weiber, das Geheimste entweihend, schlau wie sie,
da verschlossen, wo es den eignen Vorteil gilt, täuschen sie, reissen sie das
Innere auf, und verletzen die offne Seele mit tausend giftigen Dolchen.
Diplomatiker sind sie, das glaube ich, so lange Andre es wollen! Aber es gibt
eine Kraft, die all' die abgenutzten Fäden mit einem Griff zerreisst! Glauben
Sie, dass sie mir jemals verziehen, mich selbst gegen einen Franzosen behauptet
zu haben? Glauben Sie das? Mit Grossmut haben sie eine Weile vor mir, vor der
Welt, vor sich selbst gespielt, das war in ihrem Leben noch nicht vorgekommen,
das passte zu irgend einer Teaterscene, es hatte Blut gekostet, es war
hochtragisch! Aber die ganz gemeine, unzubestreitende Wahrheit, die so blank und
baar da lag, die sich nicht drehen, nicht wenden, aus der sich nichts machen
liess, die konnten sie nicht vertragen, da hatte das Spiel ein Ende, die kalten
Herzen hatten nur sich geliebt! Könnte ich Ihnen die lange Comödie erzählen,
könnte ich Ihnen sagen, wie sie so natürlich zu hintergehen wussten! Auch sie
Philipp, ach Gott! auch sie konnte mich täuschen! Und wie denn am Ende alles so
berechnet, so gemässigt, so vernünftig klar und ruhig endete! Ich sollte
einsehen, empfinden, dankbar sein! Gottlob, ich fühlte mich selbst. Freuet Sie
das? - Nun mich auch. Und ich denke, es wird uns allen frommen. Ich bin jetzt
frei, und bleibe doch hier, aus eigner Kraft, verstehn Sie mich? Man hiess mich
gehen. Jetzt ganz gewiss gehe ich nicht. Ich muss Blansche sehen, ich muss sie
sprechen. So leichten Kaufes kommt sie nicht los. Vor Gott hat sie gelobt, vor
Gott muss sie wiederrufen. Könnte ich Ihnen den Blick malen, so gross und still!
Vertrauen sollte ich ihr! Herr Gott, ich tat es unbedingt, Seele und Leben
gehörten ihr, sie hat damit gespielt! Begreifen Sie es? Das Rätsel eben soll
sie mir lösen. Weiter will ich ja nichts, sie ist es mir schuldig, mein Glaube,
meine Seligkeit hängt davon ab. Philipp, ich wollte, Sie wären hier! Wie unter
Todten lebe ich, keine, keine Seele mein! -«
    Die letzten Worte waren von einem Strom unbezwinglich hervorbrechender
Tränen verwischt. Alonzo schob das Blatt weg, den Kopf in die gefaltenen Hände
gelehnt, weinte er heiss und bitterlich. Das Geräusch eines Eintretenden
schreckte ihn auf. Beschämt riss er sich empor. Seine Weichheit schien ihm ganz
kindisch, er fasste sich zusammen, und die eine Hand vor den Augen empfing er mit
der Andern mehrere Briefe, unter denen die Schriftzüge seiner Mutter ihm das
Blut beklemmend zum Herzen trieben. Er brach das Siegel mit kaum erzwungener
Fassung und las, ohne recht zu wissen, was? folgendes:
    »Mit Erstaunen und einem Befremden, von dem ich nicht weiss, ist's des
Schreckens oder Zorns Erstarren, erfahre ich, dein Geschäft, Alonzo, sei
beendigt, und du gleichwohl noch in Paris. Ich will nicht denken, was ich mich
zu hören schämte, und ehe verschliesse sich diese Lippe auf ewig, als dass sie
Unwürdiges von meinem Blute sage. Gleichviel auch welche Ursach! - keine als
Unvermögen des Leibes ist gültig, und auch denn noch, wenn die gelähmten Glieder
ihren Dienst versagen, die schwindende Kraft nicht weiter kann, treibe die Angst
der Verdammnis, den morschen Leichnam über die verfluchte Erde hin nach
geweiheter Stätte!
    Nur das Eine Alonzo höre. Den geschäftslosen Mann, der aus Neigung oder
Trägheit in Paris verweilt, muss ich verachten, denn da der Einzelne nicht dem
ganzen Volke stehen kann, duckt er dehmütig unter und lässt die Woge des
Übermuts feige über sich zusammenschlagen. Lächeln muss er, wenn ihm das Blut
tropfend aus den Augen sprühet, Spass verstehen, unbeachtet die Pfeile schwirren
hören, und wenn's hoch kommt, sie versenden helfen. Anders ist es, wenn ein
gegebenes Ziel zu strenger Arbeit ruft, er sieht nicht rechts, nicht links, ihn
schützt das Panier der Pflicht. Doch des Müssiggängers fahrig Auge, was kann es
anders wollen, als sich im Schmutz der Sünde baden? Alonzo hast du denn jenseit
der Pyrenäen noch ein Vaterland? Darfst du dein eigen sein, ein Dasein, Sitte
und Gesetz, Gott und einen Heiland haben? O dass ich dich das fragen muss? Ist
denn dein Stab so ganz und gar gebrochen, kreist denn keine Ader meines Blutes
in deinem Herzen mehr? Ich will's nicht denken, doch muss ich zittern, weinen -
und wenn's sein muss, dich geliebtes Kind verfluchen!«
    O Mutter, Mutter, rief Alonzo händeringend, verblendet denn die Leidenschaft
und macht sie zugleich so scharf und hellesehend! Gute Mutter! wir werden von
einer Flamme getrieben, nenne sie Zorn oder Liebe!
    Eine lange Zeit sass er ganz tiefsinnig da, die entsetzlichen Worte dreheten
sich ihm wie eine kreisende Scheibe im Gehirn umher. Er hatte gar keine
Gedanken, ihm war, als werde er wahnsinnig, und so ging er dann wie im Traume,
ohne Wille und ohne Widerstand zur gewohnten Stunde in die Messe. Er wusste kaum
noch was er hier wollte. Die Augen lagen gesenkt am Boden, die Arme schlaff und
matt in einander geschlungen, er betete mechanisch, und liess betäubt die Worte
an sich vorüberklingen, als das Wispern einer weichen Stimme neben ihm,
plötzlich tausend Funken zugleich in seiner Seele anschlugen. Blansche kniete
mit dem Rücken nach ihm gewandt, das Gesicht auf die Stufen eines kleinen Altars
gesenkt, über welchem Maria abgebildet war, wie sie das schlafende Jesuskind mit
Liebe und Zuversicht betrachtet, ohne die wunderbare duftige Gestalten zu sehen,
die im Traum an des Kindes Bettchen vorübergehen und ihm die Zukunft offenbaren,
der Engel mit den Marterwerkzeugen schwebt leicht vorüber, zuletzt überstrahlt
des Heilands Verklärung die weisslichen Wolkenspiele. Blansche hob den Kopf in
die Höhe, sie sah das Bild fest an, ihr Blick schien zu sagen, heilige Mutter,
von dir geht das trübe Erdenleben aus, aber du gabst uns den Erlöser! Alonzo
sah und ahndete von dem allem nichts, er fühlte nur Blansches Nähe. Seiner kaum
noch mächtig, unter ungestümen Klopfen der kochenden Brust, warf er sich neben
sie nieder und mit einem Tone und Blick, vor dem das zarte Mädchen
zusammenschauerte, flüsterte er, jetzt Blansche, jetzt können Sie mir länger
nicht entgehn. Hier im Angesicht aller Heiligen wagen Sie es zu sagen, dass Sie
mich verstossen, dass Sie Ihr eignes Wort zurücknehmen, dass Sie mich hassen! Sie
sah ihn wehmütig an. Tränen strömten aus ihren schönen Augen. O Gott, sagte
sie leise, so haben Sie mich denn nie verstanden; und kein Vertrauen, keine
Ahndung meiner Liebe ist in Ihrer Seele! Sie lieben mich noch, Blansche? rief
Alonzo ganz ausser sich, o sagen Sie nichts, kein einziges Wort weiter, auf Ihrer
Zunge schwebt etwas, das ich nicht wissen will, nicht wissen darf, wenn Sie mich
lieben - ja unterbrach ihn Blansche ernst, ich liebe Sie, fest und
uneigennützig, wie Sie nicht lieben können. Jetzt Alonzo, fuhr sie aufstehend
fort, wissen Sie, was Ihnen für diese Welt zu wissen frommt, kann es Ihnen
gnügen, so sind wir beide nicht zu beklagen - wenn nicht - ich kann nur aus der
Ferne mit Ihnen weinen. Unsre Wege scheiden sich von hier, und ich fodre es im
Namen der Kirche, deren Boden kein vermessener Schritt entweihen soll, folgen
Sie mir nicht, Alonzo, bei Gott und seinem allmächtigen Sohn bleiben Sie zurück.
Sie hatte die letzten Worte mit bebenden Lippen in tödtlicher Seelenangst
gesprochen. Alonzo war einen Augenblick wie gelähmt, dann stürzte er ihr nach,
drängte und stürmte alles aus seinem Wege, doch sie war fort, wie durch höhere
Gewalt seinen Blicken entrückt.
    Nun erst war es entschieden in ihm, nun wusste er bestimmt, was er immer
gewollt hatte. Blansche sollte, musste sein werden und ginge auch Ruhe und
Frieden und seiner Seelen Seeligkeit drüber zu Grunde. Immer stachelnder und
angstvoller wards nun in ihm. - Der Weltklugheit zum Trotz wollte er mit Gewalt
besitzen, was man ihm listig entzog. Frau von Saint Alban, der Herzog, seine
Mutter - es bestürmte und drängte ihn alles so wunderbar, Hass und Pflicht, und
mitten inne die fressende, verlangende Liebe - ein kühner Schlag musste die
dumpfe Wetterschwüle auf einemmal auseinander reissen, er musste Atem schöpfen,
er hielt es so nicht aus.
    Ganz ermattet setzte er sich an seinen Schreibtisch. Der angefangene Brief
an Philipp lag vor ihm. Er durchlas das Geschriebene noch einmal. Es schwirrte
ihm confus durch die Sinne, er griff nach einer Feder, seine Seele durstete nach
Mitteilung, Worte, dachte er, müssen die pressenden Bande lösen. Er las laut,
was er niederschrieb:
    »Ich weiss nicht, Philipp, wie mir ist, noch was aus mir werden soll! Hätte
mir ein Sterblicher gesagt, es wird ein Augenblick kommen, wo Don Alonzo de
Mendez schwankend zwischen Ehre und Liebe und Pflicht dastehn und nicht wissen
wird, welchen Weg er einschlagen soll, ein Blick hätte den Frevler vernichtet.
Und jetzt - mein Gott, was wolltest du mit deiner Kreatur, als du an geweihter
Stätte das schöne Mädchen in meine Arme legtest und von da den Zunder in die
offne Seele warfst! Sollte ich löschen, ehe ich brennen fühlte? heimlich
dämmerte die Glut herauf, schlich langsam durch die Adern, bis plötzlich alle
Pulse rascher schlugen, die Flamme aufblitzte, Erinnerung, Bewusstsein, ein
ganzes hingeträumtes Leben verschlang. Warum ich Ihnen das sage? Sie müssen
alles wissen. Ich habe Blansche wiedergesehen, lieber Philipp, sie ist
unschuldig, unschuldig wie ein Lamm, das man zur Schlachtbank führt. Soll ich
sie fallen sehen, wenn ich sie retten kann? Mitten aus dem fahlen Dunst, der das
arme Herz beengt, reisse ich sie heraus, verlassen Sie sich darauf. Fragen Sie
mich, ob ich das Blut der Mendez mit meiner Feinde Blut beflecken wolle? Feinde
- Philipp? Wie sagte Sie doch einmal? ich erinnere mich! der Hass ist von dieser
Welt, aber die Gerechtigkeit ist Gottes. - Ja, ja, mein Leidens- und
Liebesgefährte, der Hass ist von dieser Welt! lassen wir ihn da sein blutig Wesen
treiben. Haben Sie nicht selbst dem Engel Blansche Schwingen gegeben, dass er
über das trübe nächtige Meer hinaus den Blick versöhnend zum Himmel trage? Hat
die Kunst dem Gedanken Dasein verliehen, soll das Leben zögernd zurückesteh'n?
    Ich weiss nicht, wesshalb mich vor Ihnen bangt. Dürfen Sie tadeln, was Sie
selbst taten? Philipp, es gibt Winke und Stimmen in der Natur, die wir nicht
überhören dürfen. Umsonst trifft nicht Eines zum Andern, das Schicksal will
etwas, es zwingt uns, denn über nichts spottet der Himmel so als über
menschliche Absicht. Sie haben es ja erfahren, was wundern Sie sich über Andre!
Sein Sie nicht weiser in Worten als Gefühlen. Gefühle allein sind wahr, alles
andre ist todtes, angelerntes Gesetz. Was wissen wir auch von Gesetzen! Jedweder
trägt einen eignen Schlüssel zu diesem Hieroglyphen in sich. Das ist die
göttliche Freiheit. Ich folge ihr, Philipp. Leben Sie wohl!«
    Er siegelte mit einer Hast, als wäre ihm um die Antwort zu tun gewesen, und
ermahnte seine Leute zu schneller Besorgung. Philipp war noch nicht allzufern
bei seinem Regimente. Alonzo hätte ihn gern hier gehabt und auch wieder nicht.
Ihm war doch etwas leichter, nachdem er geschrieben hatte, nachdem er denken
konnte, es werde ein menschliches Wesen fühlen, wie ihm zu Mute sei. Erhält ein
gefürchtetes Uebel gleich Riesengrösse und Gewissheit durch das Wort, so mildert
Klage und Mitteilung das schon vorhandene gekannte Leiden. Alonzo kam sich
gestärkt und fest durch den Schluss seines Briefes vor. Eines war seinem Willen
doch auch schon wirklich gelungen, er hatte Blansche gesehen und gesprochen. Sie
liebt ihn, über sie war er beruhigt. Alles andre musste ja auch kommen, wenn er
es nur ernstlich wollte.
    So durch sich selbst gehoben und zuversichtlich geworden, ging er noch spät,
um Luft zu schöpfen nach den Elisaischen Feldern. Schon von fern sah er die
kleine silberne Muschel und die vier Apfelschimmel des Herzogs, sie hielt an der
Barriere, niemand war darin, ein paar müssige Knaben standen auf dem
Lackaienbrett und schaukelten an den Riemen. Alonzo beeilte seine Schritte, doch
ehe er heran kommen konnte, winkte ein Bediente, der Wagen bog in eine Allee,
Frau von Saint Alban und nach ihr Blansche an der Hand ihres jungen Vetters,
Louis de Bocourt, stiegen hinein. Dieser stand noch am Schlage, und gab Blansche
einen Strauss wilder Kräuter und Blumen, die sie sehr sorgfältig zusammenfasste
und ihn damit grüssend beim Abfahren vertraulich winkte. Louis ging langsam nach
der Seite, wo Alonzo stand. Er bückte sich von Zeit zu Zeit nach kleinen
unscheinbaren Gräsern oder Pflanzen und beachtete sie genau in allen ihren
Fasern und Teilchen. Sein gutes, stilles Gesicht schien unter diesem Geschäft
heiterer, sein Auge heller und von einem Strahl ruhiger und sicher gestellter
Forschgier angenehm belebt. Er war jetzt dicht vor Alonzo getreten, ohne ihn zu
sehen. Diesem war es lieb, einem Wesen zu begegnen, auf dem Blansches Augen
freundlich geruhet hatten, er redete ihn an. Louis in seiner schüchternen,
unendlich verbindlichen Höflichkeit, sagte etwas verlegen grüssend, o mein Gott!
ich wusste nicht - Frau von Saint Alban glaubte Sie längst abwesend von hier. Sie
glaubte das, wiederholte Alonzo etwas trocken, mich dünkt sie hätte eine bessere
Meinung von meiner Höflichkeit hegen sollen, da keine Ursach denkbar ist,
wesshalb ich mich so unter ihren Augen wegstehlen sollte, ohne sie zuvor begrüsst
zu haben. Doch, entgegnete jener achselzuckend, hat sie mir nicht anders gesagt,
indem sie mit Bedauern und vieler Teilnahme und Liebe von Ihnen, mein Herr,
sprach. Beide gingen einige Augenblicke schweigend neben einander, Louis etwas
gedrückt, Alonzo etwas hoch und vornehm. Erst seit kurzem, hub dieser an, sind
Sie in Ihr Vaterland zurückgekehrt? - Ganz neuerlich, erwiederte Louis. Sie
waren lange abwesend, fuhr Alonzo fort, Sie werden Ihre schöne Cousine kaum
wiedergekannt haben. Auf des jungen Bocourt Gesicht schwebte eine rührende
Freude, mit innigem Lächeln sagte er, ein recht liebes Mädchen habe ich in ihr
gefunden, von ungemeinem Liebreiz und einer Unschuld und Durchsichtigkeit, die
an die früheste Kindesreinheit der Menschen erinnert. Er sagte das so warm und
wahr, so ganz ohne Bezug auf irgend etwas ausser Blansche, dass Alonzo
hingerissen, sich selbst vergessend ausrief: nicht wahr, Sie fühlen das! O wer
ist auch so unglücklich, dagegen verschlossen zu bleiben. Sie hat mir, fuhr
jener an Eigenes denkend, fort, das Sinnbild der Lilien klar gemacht, und wie es
immer solche Engel gab, die über Frankreich schwebten. Blansche ist ein Engel
des Friedens und der Ruhe und erinnert zugleich an alles unbefangen Liebliche
und Sinnvolle besserer Zeit, sie versöhnt mit einem Lande, das aus seinem Schoos
solche Blüten hervorgehen liess. Alonzo sah ihn gross an, ihn also versöhnt sie
mit dem Vaterlande, dachte er, und mich entzweiet sie mit dem meinigen
vielleicht auf ewig! Ich habe, hub Louis nach kurzer Pause auf's neue an,
geraume Zeit hindurch die Natur in ihrem leisen Verkehr mit der Pflanzenwelt
begleitet, und hier ein heimatliches Verhältnis gefunden, das ich bei den
Menschen so rein und unbestritten nicht antraf. Blansche nun scheint mir in
diese Blumenwelt ganz entschieden zu gehören. Sie steht so rein und bestimmt vor
mir da, dass gar kein Zweifel obwaltet, ja durch einen Zug geheimen
Einverständnisses glaube ich die stille Natur in ihren verwandten Elementen ganz
zu verstehen. Ich weiss nicht was sie tun oder sagen könnte, worüber ich
unsicher an ihr würde. So genau, sagte Alonzo mit einem scharfen Blick, glauben
Sie Blansche zu kennen? Was man so eigentlich unter kennen versteht, entgegnete
jener, möchte ich nicht sagen, es könnte sein, dass sie ganz anders zu handeln
durch sich selbst bestimmt würde, als ich mir's vorgestellt hätte, doch sollte
mich das nicht irre machen, ich würde sogleich wissen, dass es so sein musste,
dies zusammenklingende gleichartige Wesen kann sich selbst nicht untreu werden.
    Sie waren unter diesem Gespräch auf eine Brücke gekommen, ihre Wege schieden
sich. Louis war einigermassen blöde und beschämt, so viel geredet, sich so
umständlich geäussert zu haben. Sein gutmütiges Lächeln, die Art seiner schnell
in sich zurücktretenden Verbeugung war auf gewisse Weise eine Entschuldigung
dieser allzugrossen Freimütigkeit. Alonzo wusste nicht recht, was er von ihm
denken sollte. Er ging still vor sich hin und sagte sich selbst: was der da so
trocken und schwerfällig hinspricht, ist das Grösste, was ein Mensch von dem
Andern sagen kann, solch' Vertrauen ist göttlicher Art, es müsste den ganzen
Menschen begeistern, er bleibt gelassen, er meinte es so nicht, er ist gelehrt,
er zwängt alles, was er sieht, in ein System und classifizirt Blansche wie
Augentrost und Rosmarin. Was will er von dir wissen, schöne Blansche! dein Herz
ist der Schlüssel zu deinem lieblichen Selbst, das aber soll mir keine Natur
oder Kunstverwandschaft in aller Welt streitig machen!
 
                              Achtzehntes Kapitel
Je mehr die Glut eigener Leidenschaft in Alonzo anwuchs, je fester bauete er
sein Glück und seine Hoffnungen auf Blansches Liebe. Er überzeugte sich ganz
innig und unbezweifelt, dass die gleiche Qual, wie sehr sie diese auch zu bergen
wisse, an dem armen Herzen nage, und sie endlich über jeden Widerstand hinaus in
seine Arme treiben werde. Alles kam für ihn darauf an, Blansche geheim und
ungestört zu sprechen. Er war so gewiss wie von seinem Dasein, dass sie der Gewalt
seiner Worte nicht widerstehen werde. Er hatte es ihrer Angst, den bleichen,
bebenden Lippen, dem feuchten Glanz der schönen Augen ja angesehen, wie all' ihr
Leben zum Herzen dringe, wie sie dieses nur unter trüben Schmerzen zügle. Was
konnte er wollen, dass nicht auch ihr geheimer, schüchterner Wunsch war! sie
sollte das in seinen Armen fühlen, ihm unter leisen, heimlichen Schauern
bekennen. Er rang und spähete nur nach Mittel sie zu sehen. In der Messe durfte
er nicht hoffen sie zu finden. Frau von Saint Alban und dem Herzog mochte er in
dieser Stimmung nicht begegnen, gleichwohl verschmähete sein Stolz wie die Natur
seiner Liebe jeden Schritt, den Blansche's Würde zu nahe trat. Unter wechselnden
Stürmen und Beschwichtigungen der Seele verwarf er jetzt, was er zuvor als
wünschenswert und notwendig erkannte, und vergeudete Zeit und Kraft in
ungleichen Kämpfen.
    Er erfuhr, dass Blansche mit ihrer Mutter das Kloster verlassen hatte, und
wieder bei dem Herzog wohne. Es war ihm ein Trost sie dort zu wissen. Er ritt
und fuhr und ging spät und früh an dem dunkeln Eisengatter hin, ohne dass es sich
gastlich wie ehemals vor ihm aufschloss. Es schien, die Familie verharre noch in
der angenommenen klösterlichen Stille. Nur des jungen Bocourt Cabriolet sah er
zuweilen unter den Kastanien halten. Er ahndete wohl, was Frau von Saint Alban
mit dieser auszeichnenden Vertraulichkeit wolle und welche Wünsche Louis hegen
durfte. Gleichwohl konnte er dem unbefangenen, anspruchlosen Herzen nicht feind
sein, das sich unter der stillen Begünstigung natürlicher Verhältnisse
vielleicht zum erstenmale ganz einig fühlte. Er empfand sogar ein
schmeichelndes, wohltuendes Mitleid mit ihm und spürte selbst einige Neigung
Louis Gutmütigkeit und ablich bewahrter Sinnesweise zu vertrauen. Es dünkte ihm
wahrscheinlich durch freie Eröffnung der wahrhaften Lage der Dinge, die
Teilnahme des treuen Menschen zu gewinnen, er erwartete von der
Uneigennützigkeit des geprüften, an nichts verwöhnten Gemütes um so mehr, als
er deren bedurfte. Selbst nicht aus noch ein wissend, in der Verwirrung dunkler,
treibender Gefühle wenig auf Gottes Beistand rechnend, dachte er dem Geschick
vertrauen zu müssen, das ihm vielleicht in Blansche's Verwandten einen Freund
zuführte.
    Sehr überrascht war er daher, als er Louis bei ihrem nächsten
Zusammentreffen etwas feierlich, bei weitem weniger schüchtern, vielmehr in der
Stellung des Erwartens und Kommenlassens fand. Alonzo brannte vor Ungeduld, die
fremde angelegte Rinde zu lösen und zu dem Kern des wohlwollenden Innern zu
kommen, doch jener blieb behutsam, sprach mit seiner gewohnten leisen
Höflichkeit wenig, nannte Frau von Saint Alban gar nicht und suchte sich auf
alle Weise los zu machen. Haben Sie ihn auch umstrickt, dachte Alonzo, und
führen sie ihn nun an den künstlich gesponnenen Fäden? oder hat er sich selbst
so diplomatisch überfeint? Kann denn hier nichts wahrhaft und ungetüncht
bleiben? Sie standen noch bei einander als mehrere französische
Truppen-Detaschements, die früher Paris verlassen mussten, jetzt wiederkehrend,
an ihnen vorbeizogen. Die vergelbten, abgeflachten Gestalten gingen unter
brutalem Trotz und dumpfen Gemurr durch die Strassen. Der dünne Wirbel matter
Trommeln, das Zittern heiserer Trompeten verkündete ihre unerfreuliche Ankunft.
Die Menge achtete bei stetem Hin- und Hertreiben wenig auf sie. Einzelne blieben
stehn, es fielen tonlose Worte aus den hohlen Kehlen, wie dunkle Flammen aus
qualmender Glut aufprasseln, der Name des Kaisers, Fluch der Fremden, Schmähung
der Regierung schallten rasch und drohend durcheinander. Gemütloser
Halbverstand zischelte daneben und blies luftigen Witz in die glimmenden Kohlen.
Auf Louis Gesicht lag ein selbstzufriedenes Lächeln. Das ist etwas! sagte er, in
den Kerlen steckt Nationalität, da ist Furchtlosigkeit und Leichtsinn, der
gewohnt ist mit der Gefahr zu spielen, da ist Kern und Mark, das macht sich wohl
von selbst. Was, fragte Alonzo befremdet, was soll sich von selbst machen? Eine
Verfassung, entgegnete jener, die nicht da ist. Und die auch diese
Uebermütigen, fiel Alonzo ein, wahrhaftig nicht wollen, was sollte den
Gesetzlosen die stille Ordnung des Daseins? Erwarten Sie doch nichts von dem
gährenden Unrat, dem der flüchtige Geist unter unnatürlicher Uebertreibung
verflog. Glauben Sie mir, das geht so in sich selbst und verbrökelt im Wechsel
der Zeit. Ich meine nicht, sagte Louis etwas empfindlich, die Elemente sind
offenbar vorhanden, sie verlangen nach Bestimmteit, nach Farbe und Physionomie.
Die haben sie schon, erwiederte Alonzo rasch, und eine so fertige, so
ausgesprochene, dass sie an Carikatur gränzt, nicht ein Tüttelchen darf die Zeit
hinzusetzen, so fällt das mürbe Staubwerk zusammen. Das Rad der Zeit, entgegnete
jener, geht um sich selbst herum, was da ist, soll etwas, wo Leben zu spüren
ist, dürfen wir an Verjüngung denken. Gallien hat sich vielfach verjüngt, sagte
Alonzo lächelnd, doch waren es Fremdlinge, welche die verderbte Frucht zu
brechen und neue Keime des Daseins durch gesunde Vermischung hervorzurufen
wussten. An solche Verjüngung will ich glauben. Es ist mit der Gesundheit, sagte
Louis, nur überall nicht weit her, die Keime sind im Ganzen faul, denn ach du
mein Gott, der Rock, den die Gegenwart angelegt hat, ist mit Lumpen geflickt,
das hält nicht über das nächste Bedürfnis hinaus, in der Nähe kann man die
Fasern nackt und bloss liegen sehen, man zieht dann einen neuen an und es ist
eben so gut. Alles bleibt am Ende gebrechliches Stückwerk und die Erfahrung
gibt zuletzt noch die beste Auskunft, wie wir wieder nach Hause finden. Das ist
überall Eins.
    Alonzo war es, als würde ihm ein Riegel vor die Brust geschoben. Er war ganz
still geworden. Das ist also Weisheit, dachte er, die an alles zweifelt und
höchstens das Alte wiederkommen sieht, just so, wie es auf einem gewissen Punkt
war. Auch dies warme Herz, das so liebendes Verlangen in sich trägt, ehe gibt
er alles auf als das Eine, was ihm einen Leib gab, aus dem er nicht heraus kann.
Er konnte nicht mit Louis streiten, und ihm auch nicht vertrauen. Er fühlte, sie
verstanden einander nicht. Jener hatte sich gewissermassen behauptet und war nun
wieder mild und einlenkend wie immer. Man sah offenbar, er war auf Alonzo
aufmerksam gemacht und hatte einen Angriff erwartet. Dies alles, was fremde
Absichtlichkeit ahnden liess, verschloss Alonzo Herz und Lippen, er trennte sich
sehr lau und ging in verdriesslicher Ungewissheit in sich selbst zurück.
    Auf seinen müssigen Streifzügen durch Strassen, über Plätze und Brücken
geriet er eines Tages an eine kleine Glücksbude. Unter leinenem Dach, auf
niederm Schemel sass ein alter Invalide, die beiden Krücken lagen gekreutzt gegen
seine Knie, neben ihm stand Alonzos wohlbekannte Blinde, den Becher und die
Glückswürfel in den zitternden Händen. Das kleine braune Mädchen hielt einen
schmutzigen verknitterten Bogen in der Hand, von dem sie Nummern und Gewinnste
ablas. Auf langen roten Bändern, hingen in verschlungenen Bogen am Saum des
überhangenden Daches grüne Börsen, Ringe und Tuchnadeln, Ohrgehänge,
Uhrschlüssel und andrer schillernder Tand sorgfältig aneinander gereihet, und
sah vornehm auf braune Tabacksdosen, messingene Leuchter, Balsambüchschen und
dergleichen mehr herab. Die blinde Glücksgöttin hatte Alonzo angelockt. Er
setzte Geld in ein kleines zinnernes Becken, das ihm der Alte herhielt und nahm
die Becher, schüttelte die Würfel hin und her, und warf mahl auf mahl eine
Niete. Er ward ärgerlich, auch in dieser Kleinigkeit kein Glück zu haben. Der
alte Soldat lächelte über den Eifer des vornehmen Herrn, der so erpicht auf
einen kleinen Gewinst schien. Endlich fiel ihm ein kleiner goldner Schlüssel zu,
mehr als Zierrat als zum Nutzen an einer Uhr zu tragen. Die Blinde hatte ihn
geschickt von dem Bande losgeknüpft und hielt ihn Alonzo hin. Dieser besann sich
noch einen Augenblick. Nehmen Sie immer, sagte sie, er gehört ihnen. Sie
bedürfen seiner nicht, setzte der galante Franzose hinzu, deshalb hielt ihn das
Schicksal so lange zurück; die Herzen schliessen sich Ihnen von selbst auf, hüten
Sie sich keinen Missbrauch davon zu machen. Ein Schlüssel! dachte Alonzo, diesen
gedankenvoll zwischen den Fingern hin und her drehend, welch Geheimnis soll er
mir eröffnen? Plötzlich fuhr es ihm wie ein Blitz durch den Sinn, vielleicht das
Rätsel meines ganzen Lebens! Er sah die Alte scharf an, durch sie hatte er ihn
bekommen, sie konnte, sie sollte vielleicht mehr für ihn tun, von Anfang her
war sie ihm hier prophetisch gewesen. Immer hatte er sie vor einem
entscheidenden Augenblick gesehen. Er beschied sie zu den andern Morgen nach
seiner Wohnung, fest entschlossen ihren Beistand in Anspruch zu nehmen. Noch in
selbiger Stunde schrieb er Blansche:
    Ein wunderliches Wesen, von dem ich nicht weiss, wie es in meinen Weg kommt,
noch was das Schicksal mit ihr will, bringt Dir diese Zeilen, liebste Blansche.
Ich weiss nichts von Dir, als dass du mich liebst, daran glaube ich, darauf baue
ich. Doch kann ich Frankreich nicht verlassen, ohne dich zuvor gesprochen zu
haben. Du sollst über mich bestimmen. Ich verstehe nichts mehr von mir, von der
Welt, von den Menschen, ich lebe und denke in Dir, Blansche. Kannst Du wollen,
dass es anders sei? O könntest Du dies zerrissene Innere sehen! wüsstest Du, was
an eines Menschen Seele zerren und martern kann! - Und weisst Du es nicht,
Blansche? Bist Du so ruhig? Ich beschwöre Dich, lass Dir von niemand Dinge
einreden, die Deinem schönen Herzen fremd sind. Denke an Deinen armen Freund!
fühle, dass Du ihm mit dem holden, berauschenden Geständnis Deiner Liebe Rechte
gegeben hast, die keine Klugheit, keine Rücksicht der Welt aufheben kann; die
ich, erwäge es wohl, nur mit meinem Leben aufgeben kann. Einmal nur lass mich
Dich sprechen, ruhig, ungehindert, allein, Blansche. Kannst Du, so verbanne mich
dann auf ewig von Dir. Denkst Du es zu können? Unmöglich, unmöglich! Was willst
Du mit einem armen, nüchternen Leben ohne Liebe? Sieh ich möchte dir alles
opfern, Namen, Vaterland, den Stolz und die Hoffnung kühner feuriger Jugend,
alle Gedanken, alle Wünsche, die mühselige Arbeit angestrengter Jahre, darfst Du
zögern, Dein zerrissenes entartetes Frankreich hinter Dir zu lassen? Hast Du ein
anderes Glück als das meine? Sieh ich bin so stolz, so kühn und dreist, wenn ich
aus der Ferne zu Dir rede, und Du beherrschest mich so gewaltig, wenn ich Dich
sehe, Blansche, um Gotteswillen missbrauche Deine Gewalt nicht. Ich bitte Dich,
versage mir lieber die Gunst Dich zu sehen, als Dich streng und ernst wie
neulich zu finden! Nein, Blansche, nein, höre das voreilige Wort nicht, willige
vor allem andern in meine Bitte, lass mich zu Dir reden, lass mich dir ein
einzigesmal alles, alles sagen, was auf diesem Herzen lastet. Morgen Abend,
schöne Blansche, bin ich an dem Gartenpförtchen, Engel, lass es mich offen
finden! und wenn Du wolltest - wenn du Deinem Freunde folgen könntest - ein
Wagen ist bereit, meine angebetete Geliebte, England gibt dem Gedanken wie dem
Herzen eine Freistatt! -
    Die Alte kam des andern Tages. Alonzo sprach mit ihr. Sie verstand ihn
schnell. Leicht, meinte sie, sei es, in des Herzogs Hause Eingang zu finden und
ein Herzchen wie Blansche zu rühren. Vor Abend versprach sie Antwort.
    Es ward Alonzo ganz leicht. Es gab Augenblicke, wo er gar nicht an seinem
Glücke zweifelte. Er konnte sich die Zukunft mit allem, was sie Reizendes hatte,
ausmalen, das Aengstigende, Trübe legte er bei Seite. Blansche liebte ihn ja,
was hatte er denn noch zu fürchten! Gleichwohl liefen die Stunden ab, sein Herz
schlug immer gewaltiger. Er hatte auf keiner Stelle Ruhe. Jetzt brachte man ihm
einen Brief, die Blinde, rief er, und riss das Blatt von einander. Es war
Philipps Hand, er schrieb ihm:
    »Mussten Sie denn mein stilles Innere aufreissen, um das Ihrige daran zu
messen und zu beruhigen? Warum berührten Sie ein Geheimnis, das geahndet noch zu
zart ist, um es zu denken? Sie haben dem leisen Traume Worte gegeben, und die
bescheidene Woge über des Stromes Bett hinausgerissen! Dachten Sie rein zu
werden, wenn Sie sich Mitschuldige schufen? Sie haben fehl geschlossen. Der
Massstab, den Sie anlegen, passt hier nicht. Anders ist es mit der Kunst, anders
mit dem Leben. Mein schönes Ideal bleibt für alle Ewigkeit rein, wenn Sie das
Ihrige im Sturm eigennütziger Leidenschaft tausendfach zerreissen. Dem Leben
gehört der unstäte Wunsch, der Kunst die stille Anschauung. Was fahren Sie so
ungestüm in den verborgenen Schacht, in welchem Sie nie zu Hause waren, wo Sie
durch ihr dreistes Erscheinen nur hindern, ohne selbst belehrt zu werden?
Missgönnen Sie mir den demütigen Heiligendienst nicht, da Sie so laut den
Göttern dieser Welt dienen!
    Ihr Brief ist ein trüber Beleg, wie auch ein starkes Herz sich selbst untreu
werden kann. Ich verstehe es nicht, Sie mit Worten zu bestreiten, es ist wohl so
weitläuftig als unnütz. Doch wenn Sie mich mit den eignen Waffen zu schlagen
glauben, so muss ich mich schon vor Ihnen behaupten, und Sie auf den Sinn
aufmerksam machen, in welchem diese gebraucht wurden. Der Hass ist von dieser
Welt, habe ich gesagt. Sie gehören in ihr, darum hassen Sie aus fester Seele,
was nicht zu lieben ist. Werfen Sie nicht alles übereinander, verwischen Sie die
Gränzen nicht! es kommt nichts als Unsicherheit, Reue, Trotz und Kälte aus dem
wüsten Selbstbetrug heraus. Gott allein darf alles lieben wollen, für uns gibt
es Leben und Tod, Hass und Liebe! - Machen Sie sich nicht weiss, Ihre Brust sei
weit genug, die ganze Welt zu umfassen. Wir halten nichts, wenn wir nach allem
greifen. Und tüchtig gefasst will die Welt sein, hören Sie wohl, tüchtig, nicht
lose und halb. Um Gottes Willen übertünchen und verkleiden Sie den gerechten
Zorn nicht, der allein Versöhnung schafft! Im Uebrigen sehen Sie zu, wie weit
Sie das schmeichelnde Gelispel bestochener Sinne locken wird. Don Alonzo, Don
Alonzo, darf auch ein dritter zwischen ihnen und der Ehre den Dolmetscher
machen? Stolzer Castilier, konnte es dahin kommen, und duldet die freie Brust
das kranke Herz!«
 
                              Neunzehntes Kapitel
Der Abend dunkelte durch die Fenster, Blitze zuckten in der Luft, der Regen
schlug rasselnd gegen die Fenster. Alonzo hielt Philipps Brief in der Hand und
sah starr in das Unwetter hinein. Da klopfte es leise. Das braune Kind führte
die blinde Mutter über die Türschwelle, Haar und Kleider trieften, die Alte
schauerte fröstelnd zusammen. Mühsam wickelte sie aus einem alten Stück Leinen
einen kleinen Zettel, den sie Alonzo mit zitternden Händen hinhielt. Er griff
hastig danach, seine Blicke verschlangen die kleinen, mit Bleistift
geschriebenen Zeilen, er las folgendes »Das Gartenpförtchen wird sich gegen 11
Uhr Abends öffnen, ich werde Sie sprechen. - Blansche« -
    Gold fiel in der Blinden Schoos, Alonzo drückte ihr taumelnd die welken
Hände, Himmel und Erde war sein, er hätte alle Herzen beglücken, alle Tränen
trocknen mögen. Sie liess das Geld prüfend zwischen den Fingern hin und her
fallen, dann wog sie das Sümmchen bedächtig, indem sie sagte, man sollte denken,
mir wäre der Schlüssel zu verborgenen Goldkammern zugekommen, aber das
bedeuteten mir die funkelnden Sterne. Meine arme Augen, fuhr sie fort, haben Sie
niemals gesehen, doch müssen Sie es sein, ich erkannte Sie an der Stimme, Sie
sind mir im Traume erschienen. Alonzo ward es unheimlich, als sie jetzt Zug für
Zug seine Gestalt beschrieb, und dann fortfuhr: ich musste Sie just über dieselbe
Brücke führen, wo wir neulich zusammentrafen. Die Brücke war sehr lang, über uns
hing eine dunkle Wolke, sie sah aus wie ein langer fliegender Mantel. Sie gingen
ganz stolz vor mir her, und es kam mir zuletzt vor als stünden Sie in der Wolke
und stiessen mit dem Kopf gegen den Himmel. Ich hatte ängstlich in die Höhe
gesehen, da stolperte ich und es war mir als schlüge mich jemand in den Rücken,
so dass mir der Kopf auf die Brust sank und ich niedersah, ich erschrak aber
sehr, als mir zwei rote Blutstropfen über die Stirn rannen und auf die Erde
niederfielen. Ich lasse Dir mein Herzblut zurück, sagten Sie, und als ich
aufblickte, waren Sie und die Wolke fort, aber im Osten funkelten viele, viele
tausend Sterne und ein weisslicher Streif zog durch die rote Glut. Meiner Liebe
Himmel! rief Alonzo ganz entzückt, du hast auch mir den Weg dahin gebahnt, gute
Alte, dein stiller Abend soll nun ferner auch hell und ungetrübt bleiben. Er
drückte noch mehr Geld in ihre Hand und geleitete sie freudig an die Tür.
    Das Wetter tobte indes ungestüm fort. Alonzo zitterte, dass Blansche
vielleicht gehindert werden könnte, Wort zu halten. Doch wickelte er sich in
seinen Mantel und ging ungeduldig durch Regen und Sturm dem ersehnten Augenblick
entgegen. Er kam an der kleinen Tür an. Es war noch meist um eine Stunde zu
früh, alles war dunkel, das Schloss verriegelt, unter ungeduldigen Herzschlägen
die Hand an den Degen gelegt, ging er auf und nieder, als halte er Wache hier.
Die schwanken Baumstämme jenseit der Mauer wanden sich ängstlich unter heulenden
Windstössen, das Laub schüttelte sich rauschend, es rang und arbeitete peinlich
in der Natur. Alonzo setzte sich ermüdet auf einen Stein an der Tür. Die Knie
übereinandergeschlagen, seine Waffen im Arm, sass er, den Kopf auf die Brust
gesenkt, tiefsinnig da, und liess es nun über sich toben und flüstern und
wimmern, er hörte auf nichts als Blansche's leisen Schritt, den er alle
Augenblicke über den knirrenden Kies zu vernehmen glaubte. Die Zeit verging
langsam, allerlei lief ihm durch den Sinn, er hatte die Augen geschlossen und
sah in wachsender Fieberglut Bild auf Bild vor sich aufsteigen. Die Blinde, der
alte Stelzfuss, dann ein hoher, greiser Herr in seiner Landestracht, sah ihn
streng und scheltend an, Alonzo kannte ihn wohl aus alter Bildersammlung, es war
sein Ahnherr, den er frühe ehren gelernt. Die hohe Gestalt schien ihm so
ängstlich nahe, dass er aufsprang und einen Schritt zurücktrat. Alonzo, rief eine
leise Stimme, die Türe ging auf, Blansche trat heraus, hinter ihr ein Mann,
dessen Gesicht im Mantelkragen verdeckt lag. Bei seinem Anblick alles, auch
Blansche vergessend, zog Alonzo das Schwerdt aus der Scheide, und: der dritte
ist hier überflüssig, rufend, drang er auf den vermummten Begleiter ein. Sehen
Sie um sich, sagte Blansche mit gebietender Stimme, dieser Boden hat schon
einmal teures Blut getrunken, zügeln Sie die Unglück bringende Hand! Alonzo
liess Arm und Degen sinken und mit einem Schauer, als stehe Turgis Schatten mit
aufgehobenem Finger vor ihm, fragte er leise, was wollen Sie mit mir, Blansche,
machen Sie es kurz, ich bin gefasst. Die Erinnerung, mein armer Freund,
entgegnete sie sanft, die Sie jetzt so lähmend trifft, sagt Ihnen, was für diese
Welt zwischen uns steht. Es ist nicht des Bruders junger, früh geopferter Leib,
es ist die Unvereinbarkeit ewig geschiedener Elemente. Alonzo, es ist ein Wahn,
das Leben auf ungleichem Boden gestalten zu wollen. Niemand kann aus sich
heraus. Sie können uns das nie verzeihen, der Hass bahnt sich tausend Wege,
beflecken Sie die Liebe nicht so sehr, sie in solchen Kampf herabzuziehen! Ein
andrer Erdenfleck ward Ihnen angewiesen, ein andrer mir, was die Gränzen
überstrahlt, ist ein himmlisches Licht, es scheint eine kleine Weile, dann zieht
es sich betrübt zurück, es weilt nicht auf dieser Erde. Sie gehören hier nicht
her, ich habe das immer beklemmend gefühlt, die Angst hat mich in Ihrer Nähe nie
verlassen, darum mein Freund - sie drückte leise seine Hand, ihr Blick lag
ungewiss und bang am Boden, Alonzo fühlte ihre Finger auf den seinigen ruhend,
ohne aus seiner starren, düstern Hingebung zu erwachen. Wir trennen uns,
flüsterte Blansche kaum hörbar, dies Leben gehört der Pflicht, ich habe es mir
gelobt, vor diesem Zeugen wiederhole ich es Ihnen und mir. Philipp schlug den
Mantel zurück und fasste bebend ihre dargereichte Hand. Alonzo sah ihn
verwundert an. Jetzt bog ein Reisewagen um die Ecke, Alonzo erkannte Gepäck und
Leute, es war sein eigner, ha! ich verstehe, rief er, heftig zitternd, Blansche
stand abgewandt, ihre Brust arbeitete unter leisem Schluchzen. Nach Osten, sagte
Philipp, die Hand nach dem klaren Himmel hebend, der von dort aus die tief
blauen Gewitterschauer langsam aufrollte. Nach Osten, wiederholte Alonzo
langsam. Er sank an Philipps Brust, Tränen erstickten seine Stimme. Darauf den
Kopf mutig in die Höhe gehoben, sagte er, mit kräftigem Blick und Händedruck:
junger Preusse, ihr tapfres Volk war der Wegweiser für Europa, ich folge Ihnen,
treuer Bundesgenosse! - Nach Rom dann, sagte Philipp, Alonzo schüttelte ihm
bejahend die Hand. Da warf sich Blansche an sein krankes Herz, der Scheidekuss,
rief sie, sei Ihre Weihe. - Er drückte sie heftig an sich, - Blansche, Blansche
stammelte er unter unsäglichem Schmerz - sie wand sich sanft los und verschwand
hinter der zufallenden Tür.
    Stumm standen beide Freunde einander gegenüber. Ein stiller Heilgendienst?
war es nicht so? fragte Alonzo nach einer kleinen Weile. Philipp winkte
bejahend. Es mag, fuhr jener fort, leicht der einzige Weg zum Glücke sein, was
wir im Leben anfassen, es ist todt und welk, - Philipp führte ihn schweigend zum
Wagen. Als sie nun einstiegen und der Postillion in sein Horn stiess und die
Räder sich fortbewegten, da brach Alonzos letzte Kraft zusammen. Er warf sich in
die Ecke des Wagens, und weinte ohne alle Kraft, dem Schmerz zu widersteh'n.
Philipp hatte seine Hand gefasst, er wagte kein Wort in den augenblicklichen
schweren Kampf hineinzureden. Der Wagen rasselte über das Steinpflaster, sie
fuhren über die Brücke, wo der Alten kleine Bude stand, Alonzo bog sich weit zum
Schlage hinaus, das Wetter war still und klar, tausend Sterne funkelten über
seinem Kopf, im Osten dämmette schon die rote Morgenglut, jetzt waren sie an
der Barriere, Alonzo riss plötzlich seine Hand aus Philipps los, warum folge ich
Ihnen dann, rief er mit wildem Blick, was wollt Ihr Alle von mir, wer hat über
mich zu gebieten? Blansche, entgegnete Philipp, Sie wissen's ja - o Gott, o
Gott, rief Alonzo, beide Hände vor die Augen drückend, sie - freilich sie will
es! Was, hub Philipp nach kurzer Pause an, was hoffen Sie denn auch, nach dem
letzten, höchsten Moment ihres ganzen Lebens noch Grosses zu gewinnen? Blansche
lag an Ihrer Brust, sie gehörte Ihnen - was noch kommen konnte, was ist's
dagegen. Im Genuss spürt der Mensch die Armut des Daseins. Wie voll und lebendig
der Gedanke, wie reich die Phantasie. Das Errungene, Erlebte, wie trübe und
gemischt, wie kahl und nüchtern; glauben Sie's doch, nur in der schaffenden
Kraft des Gedankens ist Leben!
 
                              Zwanzigstes Kapitel
Wochen waren verflossen. Alonzo schrieb seiner Mutter aus Rom:
    »Von den Stufen der versöhnten, verzeihenden Kirche wende ich mich zu Ihnen,
meine hohe, strenge Mutter. Wenn die Liebe mich das Leben vergessen liess, so
wusste sie auch Wege zu finden, mich mit seinen Anfoderungen auszugleichen. Worte
sagen nicht, was ich hier erfuhr. Der Mensch wähne nicht, grosse Offenbarungen
kommen ihm durch sich selbst. Auge und Sinne müssen empfangen, ehe die Seele
erzeugt. In den Schauren geheimnisvoller Stille sah Jesu Auge aus menschlicher
Bildung auf mich nieder und ich empfand die Prüfung wie die Weihe des Lebens.
Wem die Glorie göttlicher Sendung nie geleuchtet, wer vor dem herandringenden
Geheimnis niemals erbebte, wer das tiefsinnige Rätsel in des Menschen, in des
Geweiheten Nähe nicht empfand, den durchzuckte nie höhere Ahndung, dem ist das
Innere todt.
    Ich bin gestärkt, zu neuem Dasein gerüstet. Mein Vaterland ruft mich, vieles
verwirrt sich dort aufs neue, vieles muss sich lösen. Sie sehen mich in Kurzem
wieder. Was aus der Vergangenheit mir blieb, möge Sie nicht stören, es ist die
still begleitende Wehmut, die niemand, der die Welt erkennt, verlässt. Sie sind
gerecht, deshalb bin ich Ihrer wie meiner selbst gewiss.« -
    Während Philipp nun immer stiller und innerlicher seiner Kunst lebte und
durch frische Heiterkeit einen hellen Glanz in Alonzo zurückwarf, bereitete
dieser auf solche Weise seine Rükkehr nach Spanien vor. Er hatte sich schon von
seinem treuen Gefährten getrennt, als er, recht wie ein Abschiedsgruss des
kurzen, schwindenden Traumes, einen Brief von Frau von Saint Alban erhielt; sie
schrieb ihm:
    »Wüssten Sie, wie schwer es mir geworden ist, was es mich gekostet hat, wie
lieb ich Sie habe! doch alles war dagegen, ich sah es wohl nachher, wie sehr
ich mich auch anfangs selbst betrog. Ich habe geweint, geschluchzt, mit mir, mit
dem Herzoge gescholten, ich wollte Blansche den letzten Abend, der mir so viel
Tränen gekostet hat, zurückrufen, Sie im Triumph in unser Haus einholen, ich
wäre Ihnen um den Hals gefallen, - aber was wäre es gewesen? Sie hätten mich
nicht verstanden, so vieles in uns ist Ihnen ganz fremd, das ist es eben! das
hat mich in den Tod beleidigt, das vergisst sich nicht. Lieber guter, junger
Freund, der Mensch stelle sich wie er wolle, er ist unter Bedingungen da, von
denen hängt er ab, die lassen ihn nicht, Sie nun ganz und gar gehörten nicht zu
uns. -
    Blansche ist so vernünftig, so still und freundlich! das liebe Kind! gestern
fragte der Herzog seine Nichte, ob sie sich der Worte not erinnere, die sie ihm
bei ihrem ersten Wiedersehen gesagt habe: es gibt Verhältnisse, die das Gefühl
bezwingen und uns harte Pflichten auflegen. Blansche küsste seine Hand, und
erwiederte lächelnd, ich habe noch nicht aufgehört so zu denken. Mein armer
Alonzo, tut Ihnen das wehe? - Ich berge es Ihnen nicht, lieber Freund, ich habe
viel an Louis und eine Verbindung mit meiner Tochter gedacht. Bocourt ist so
bescheiden, er versteht das sanfte Kind so gut, aber es wird nichts draus!
Blansche liebt ihn wie einen Bruder, doch ich glaube, sie stürbe lieber als
diesen Schritt zu tun. Sie fragte mich gestern, wo nähme ich denn ein Gemüt zu
solchem Betruge her? - Ich schwieg, lieber Alonzo, ich errötete vor mir selbst,
Pflicht und Gesetz halten die stillen Seelen stets in schicklichem
Gleichgewicht, ich beneide sie darum!
    Ich fürchte, Blansche hat weit anderes im Sinn. Sie geht fast täglich nach
dem Kloster St. Genevieve. Klage ich darüber, so sieht sie mich so bittend an,
dass es mir das Herz bricht. Gestern fand ich sie vor dem Bilde der schönen La
Vallière. Armand musste es ihr herunterheben, sie wischte und säuberte daran und
betrachtete es mit leidenschaftlicher Teilnahme. Blansche! rief ich, Tränen
stürzten mir aus den Augen, sie flog an meine Brust, ich zog sie sanft an mich,
mein Kind, fragte ich leise, denkst du daran mir Schmerz zu machen? sie weinte;
was recht ist, sagte sie darauf, wird Sie nicht betrüben. Ich weiss es, Alonzo,
ich werde Himmel und Erde in Bewegung setzen, zu hintertreiben, was ich fürchte,
was ich nicht nennen mag, und werde es doch nicht hindern. Es geschieht gewiss,
meine Angst sagt mirs.
    Ich suche Sie heut, lieber Alonzo, um Ihnen zu sagen, wovon mir das Herz
voll ist. Es ist wohl das letzte mal. Es ist recht betrübt, dass es so ist! ach
so vieles ist betrübt im Leben. Es wird alles, alles anders als man denkt! Haben
Sie mir denn vergeben, Alonzo? - tun Sie es lieber junger Freund, glauben Sie
nur, ich bin auch nicht glücklich, es wird so kraus und bunt um mich her,
vielleicht lerne ich mich noch finden! So sagen wir uns nun Lebewohl aus weiter
Ferne? Alonzo, ich höre nicht auf ein Kind zu sein! ich weine über das, was ich
selbst gewollt!«
    Fromme Blansche! rief Alonzo, reife nur in deiner Einsamkeit zur Heiligen
herauf! Was willst du auch unter den ungleichen, engen Gemütern, in der
frostigen, abgeblassten Welt, die sich den eignen Boden untergräbt und den Tag
der Rache gewaltsam heranruft. Der Tag wird kommen, tausend Stimmen verlangen,
tausend Herzen dursten danach, denn noch ist nichts abgebüsst und keine Schuld
getilgt. Ihr Weltklugen mischt nur die Karten und berechnet das Spiel, das
Schicksal spielt auch mit und ist ein unzuberechnender Gegner! - Sanfte
Blansche, bete du, und rüste deine Schützlinge, lass die Kunst unter Philipps
geweiheter Hand gross gewaltig aufblühen, gönne deinem Freunde mit glühenden
Waffen seinen Namen in das Buch der Geschichte zu schreiben, und gelte es auch
deinem Frankreich und müsste der versteinte Hochmut noch einmal vor dem Spanier
und dem Freiwilligen erzittern!
    Er warf sich mit diesen Worten in den Wagen und eilte Kraft und Mut in den
Unruhen des Vaterlandes, in neuem glimmenden Krieg zu messen.
 
    