
        
                          Caroline de la Motte Fouqué
                                Magie der Natur
                          Eine Revolutions-Geschichte
                                   Erstes Buch
                                  Erstes Kapitel
Um die Zeit der grossen Französischen Revolution sah man, noch mehrere Jahre
hindurch, an den Ufern der Rhone, im südlichen Burgund, ein höchst prachtvolles,
altertümliches, Schloss sein unerschüttertes Dasein behaupten, während
unscheinbare Besitzungen längst der freigegebenen Willkühr weichen mussten. Sein
Bewohner, der Marquis von Villeroi, blieb unteilnehmend, und deshalb
unangefochten in Mitten der dammlosen Flut; und Mauern und Zinnen spiegelten
sich ruhig in der königlichen Rhone, die, ihren jähen Sturz gleichsam bereuend,
sich plötzlich hier in scharfer Beugung westlich wendet. Sie netzte in silbernem
Wellenschlag die Wurzeln uralter Bäume, die, eine zweite Wehr, den hohen Wall in
doppelten Reihen einfassten. Ueber ihren Wipfeln spielten die Fahnen vieler
kleinen Türme ihr bewegliches Spiel mit den wechselnden Winden fort, während
die alte Turmuhr in gemessenem Takt den Pulsschlag des verhängnisvollen Lebens
angab.
    Der Marquis hatte Jahrelang ihren Stundenwechsel in tiefer Einsamkeit
gezählt, ohne in die grosse Reibung des Aussenlebens hineingezogen zu werden.
Sein Gemüt war früher auf andere Weise getroffen. Ein Schüler Mesmers, rang er
mit durstiger Seele nach dem geheimnisvollen Zusammenhang der Dinge. Von
dämmernder Ahndung getrieben, dem Wunderbaren ganz rücksichtslos offen, ohne
Sinn für das grösste Wunder der Welt, Gott in den Dingen, ja ohne Ehrfurcht vor
dem Gesetzlichen in der Wissenschaft, und deshalb ohne ruhiges
Entfaltungsvermögen, griff er rasch in das aufgerollte Netz, dessen Schlingen
sich eben so plötzlich über ihm zusammenhakten und ihn gefangen hielten. Durch
jede Bemühung, sich Luft zu machen, rankte er sich nur fester hinein. Er wollte
das grosse Rätsel mit einem Schlage lösen, aber es ging ihm wie solchen, denen
das Wort entflieht, wie sie es auszusprechen im Begriff sind. In dieser
Verwirrung strebte er sich und seinen Meister zu überfliegen. Und als im Jahre
1779 seine Gattin, die er aus glühender Liebe in seinen leidenschaftlichen
Wirbeln verstrickt hielt, im Wochenbette starb, nachdem sie ihm ein schönes
Mädchenpaar geboren hatte, und der geheimnisvolle Magnet die schwindende
Lebenskraft nicht fesseln konnte, ja sie vielleicht gewaltsam zerbrach, riss sich
der Marquis aus den zauberischen Banden heraus, floh die Schule der Harmonie,
Paris und die Welt, und begrub sich in diesem Schloss, dessen Stifter ihn,
Mütterlicher Seits, mit dem Königsgeschlecht der Burgundionen verband.
    Zu Anfang glaubte er sein Lebensgeschäft abgetan, dessen Ziel verfehlt. Was
er gewollt und nicht gewollt, jegliches Streben, das ganze Dasein, ward ihm ein
Hirngespinnst, jede Tätigkeit ein lästiges, zweckloses Spiel der Kräfte, dessen
er sich entschlagen zu müssen glaubte, um die törigen Triebe nicht abermals an
den äffenden Gaukeleien abzuarbeiten. So brach er jeden Verkehr mit befreundeten
Menschen ab, und schob selbst die Sorge für seine Kinder in fremde Hände; indem
er sie mit einer Ruhe, die weder Glaube, noch absolute Verzweiflung, war, in
einem nahen Kloster erziehen liess.
    Die Einsamkeit lockte indes langsam seine eigenste Natur aus dieser
Scheinvernichtung hervor, und führte sie, durch manchen wunderbaren Ruf
angeregt, wieder in die alte Kreise zurück.
 
                                Zweites Kapitel
Der Marquis pflegte mehrere Stunden des Tages in einer langen Gallerie, welche
den östlichen Flügel des Schlosses mit dem westlichen verband, auf und
abzugehen, und sein lebensmüdes Auge an dem bunten Schmelz der farbigen
Bogenfenster zu laben, deren purpurrote, goldgelbe, grüne und dunkelblaue
Scheiben zwar einen unkenntlich machenden, aber deshalb magischen, Schein auf
die dahinter liegende Landschaft warfen, und die Gegenstände, in dem veränderten
Lichte der Traum- und Geisterwelt des Marquis, näher rückten. Vorzüglich nahmen
sich der Strom und die darüber hinziehenden Wolkenbilder seltsam aus, jenachdem
das Auge ihnen zufällig in einem bestimmten Farbenton, oder durch die gebrochene
Lichter dicht aneinandergränzender Glasflächen, begegnete.
    Wie oft wohl Klänge an den verschlossenen Kammern der Seele vorüberrauschen,
Riegel und Pforten vor ihnen zusammen stürzen, und alle liebe Bilder der
Vergangenheit sich plötzlich, wie freigelassen, in wehmütiger Eil zum Herzen
drängen, so rührte hier der bewegliche Strahl des Lebens an die dunkle
Innenwelt, und der Farben Glut schmolz langsam die nächtige Decke hinweg. Der
Marquis fand sich angenehm in der ungehofften Verjüngung überrascht; denn
unversehns war alles wieder wie sonst in ihm, Fragen, Wünsche, Erwartungen,
alles gewann dieselbe Richtung, dieselbe Gewalt der Leidenschaft, das gleiche
Steigern des Zieles. Nur, dass ihn eine geheime Scheu vor äussrem Misslingen und
jeder geselligen Gemeinschaft zu immer verborgenerm Umgang mit dem
Geheimnisvollen trieb, und seinem Tun und Erscheinen ein fremdes, ja
unheimliches, Ansehn gab; wozu ein gänzlich vernachlässigter Anzug, oder, bei
einzelnen, feierlichen, Momenten, ein wunderlicher Aufputz, teils veralteter
Pracht und steifer Festlichkeit, teils eigentümlicher Zusammenstellung der
Kleidung, vieles beitrug. So war er gewöhnlich mit einem langen Schlafrock von
chinesischem Stoffe angetan, den ein breiter Gurt über den Hüften
zusammenhielt, ein grosser ziemlich verrosteter Schlüssel sah aus diesem hervor;
um den ganz unbedecktem Hals trug er, an einer langen Haarschnur, etwas, das in
einem seidnen Beutelchen nach Art geweiheter Amulete, verdeckt war. Die weiten
Aermel streifte er, indem sie ihm, bei freier, oft heftiger Bewegung hinderlich
waren, meist in die Höhe und liess die Arme unbedeckt daraus hervorsehen. Das
Haar blieb unfrisirt und ungepudert; um es indes über der Stirn zusammen zu
halten, trug er um diese ein farbiges Tuch geknüpft. Den Bart liess er sich nicht
so oft abnehmen, dass dessen dunkle Bläue nicht Kinn und Hals beschattet hätte.
Doch vor allem auffallend an ihm war die Gewohnheit, sehr laut und überaus
schnell und anhaltend vor sich selbst zu reden, so bald er allein war. Die
innere Notwendigkeit, dieses zu sein, und das Bedürfnis, durch Wort und Geberde
aus sich herauszugehn, vielleicht auch andere, nicht gekannte, Ursachen, liessen
ihn so ungeteiltes Gespräch oft Stundenlang führen. Seine Leute, anfänglich in
dem Glauben, ihm sei etwas zugestossen, dann aber, um ihn aufmerksamer auf sich
selbst zu machen, eilten zu ihm in das Zimmer, nach seinen Befehlen fragend?
Aber sie mussten jedesmal solchen Vorwitz durch einen fürchterlichen Blick büssen,
den er aus dem glühendem Augenpaar auf sie niederschoss, indem er mit einer Art
zitternden Donner in der Stimme rief: was wollt Ihr? Niemand verlangt Euch! Ihr
seid Gottlob weit von meinen Gedanken. Auch konnte er solche Störung sobald
nicht überwinden, und man sah ihn Tagelang mit innerer Beklemmung kämpfen, die
es sogleich nicht wieder zu einem ähnlichen Strom der Rede kommen liess. Er
konnte sich niemals von diesem fremdartigen Weesen losmachen, selbst bei
unabzuweisenden Besuchen seiner Nachbarn, oder von Geschäftsmännern, ja
späterhin, in einem ausgebreiteten geselligen Verkehr, flüsterte er oftmals
lange Zeit vor sich hin, und jeder liess ihn gewähren, seine Art schon kennend.
    Das erste deutliche Bewusstsein jener obenerwähnten Wiederbelebung gab dem
Marquis indes ein Augenblick, der, wie immer im Leben, der Gipfelpunkt vieler
andern war, die ihm vorbereitend vorausgingen.
    Er fand sich nämlich einst bei hereinbrechender Abenddämmerung in jener
Gallerie, wo es ihm bald ausschliessend einheimisch und wohl war. Die Jahreszeit
fiel in die Herbst-Aequinoktien. Die Natur arbeitete schwer, unter starken,
anhaltenden Stürmen. Ungeheure Wolkenmassen rissen sich voneinander und türmten
sich wieder zusammen, immer wechselnd und steigend, bis ihre tiefblauen Gipfel
sich über das Flussbett neigten und das geängstete Wasser unter sich wie mit
metallener Geissel peitschten. Dieses aber brauste und zischte und der gährende
Brodem kämpfte gegen die heulenden Luftzüge, die immer gewichtiger darüher
hinfuhren, die Bäume in ihren Gipfeln fassend, wie ein ungestümer, trotziger
Gast an Gemäuer und Fenster mit gewaltigen Stössen anschlagend. Der Marquis
geriet gemeinhin durch die gebrochenen Töne, das plötzliche Abprallen, und
fernhin rollende Gewimmer des Sturmes, in den quälendsten Zustand. Sein ganzes
Wesen schwankte wie auf Windeswogen. Schon als Knabe fand er in solchen
Augenblicken keine Ruhe, und auch späterhin hatte er sehr peinliche Kämpfe mit
den wechselnden Naturzuständen auszuhalten. Jetzt stand er wie eingewurzelt, und
starrte gedankenvoll, doch bewusstlos wie im Traume, in die aufgerührte
Elementenwirbel. Plötzlich legte es sich wie ein weisser Schein über dem dunklen
Wolkenberge auseinander, kleine Silberflocken kreisten anfangs am Saume umher,
bis sie immer dünner und durchsichtiger ineinanderflossen, und das weisse Gewölk
endlich wie ein weiter Schleier aufwallete, hinter welchem der Vollmond in
seiner ganzen, wunderlichen Herrlichkeit heraufstieg, und gleichsam auf dem
schwarzen Trone Platz nahm. Dem Marquis war es, als sähe die strenge
Naturgöttin strafend auf ihn nieder. Er schauerte unwillkührlich zusammen, und
schloss die geblendeten Augen.
    Der gesellige Mensch, voll heim atlicher Bilder des befreundeten Lebens,
voll vertraulich gewordenen, aus der aufgedeckten Welt geschöpften Wünschen,
weiss kaum, wie die Nacht an die Seele des Einsamen, Hoffnungsarmen, rührt, wie
er dastehen, auf einen Ton horchen könne, den er vergebens dem reichen
Tagesschein abbettelte.
    Der Marquis hoffte mit gespannten Sinnen auf irgend eine grosse Offenbarung.
Ihm werde, dachte er, jetzt gegeben, was er früher der Natur abzutrotzen meinte.
Doch leider sollte er nur immer tiefer in die alte Verwirrung hineingeraten!
    Das volle Mondenlicht warf einem hellen Kreis in das Zimmer, der Marquis
stand in Mitten desselben, fast regungslos, in einem Strudel ungestüm
arbeitender Vorstellungen befangen. Zwei Welten schmolzen jetzt in ihm zusammen,
äussere Wahrnehmung und inneres Schauen und Fühlen wurden Eins. Der wachsende
Sturm riss in seiner Seele, ohne dass er sich bewusst war, ihn zu hören, der
herabströmende Regen, ja ein, zu dieser Jahreszeit ungewöhnlich starkes,
Gewitter, rollte nur dumpf an ihm vorüber, doch fühlte er es wie Feuergüsse
durch sich hinziehn. Auch vor den geschlossenen Augen sprühete es ihm wie Feuer,
und zwar wie lauter brennende Schriftzüge, von denen er gleichwohl nichts lesen
konnte. Er sprach in der Zukunft gern und oft von diesem Zustand, der ihm wie
ein Traum erinnerlich blieb, und den er, als einen Licht- und Wendepunkt seines
Lebens, sehr in Ehren hielt. Plötzlich fiel ein heftiger Donnerschlag, der,
mehrere Scheiben zerschlagend, in das Gemach hinein, eine metallene Leiste
entlängs, an einem sehr kunstreichen, in die Wand eingelassenen, Uhrwerke herab,
in die Erde fuhr. Dies Uhrwerk, von einem deutschen Meister vor mehrerern
hundert Jahren verfertigt, liess zu bestimmter Zeit einen Vogel aus
goldgeflochtenem Bauer hervorgehen, der, seine Schwingen ausspreitzend, mit
gellender Kehle die Stundenzahl angab. Die ganze Sache war seit langer Zeit ins
Stocken geraten. Niemand erinnerte sich, das nunmehr ziemlich verachtete
Kunststückchen selbst gesehen und gehört zu haben, man erwähnte dessen nur als
einer Merkwürdigkeit des Schlosses. Jetzt aber, wie durch einen elektrischen
Schlag entzaubert, trat der Vogel hervor, und gleichsam, als wolle er sich für
das lange Schweigen schadlos halten, blieb er in einem schnarrenden Geschmetter,
bis das rostige Räderwerk, abgelaufen, wieder in seine Fugen zurücksprang, indem
noch zuletzt ein Ton nachklang und langsam verhallte. Da nun der Marquis mit
diesem einen letzten Tone zugleich aus seiner halben Ohnmacht aufschreckte, und
es sich fand, dass es nach Mitternacht, ja nach den übrigen Uhren des Schlosses,
auf den Glockenschlag Eins sei, so behauptete er, die Stunde seiner Wiedergeburt
habe zugleich auch in der Geisterwelt geschlagen, und alles, was er in dieser
erlebt und nicht erlebt, was er geahndet und innerlich gesehn, sei Mahnung zu
einem höchst wundervollen Berufe, dem er sich nun ganz ohnfehlbar weihen solle.
    Hierin ward er folgenden Tages um so mehr bestärkt, indem er jene
herausgefallene und zerbrochene Scheiben aufsammelte, und wirkliche
Schildereien, ja recht sinnvolle Gestalten, darauf wahrnahm, was er früher
niemals bemerkt, indem sie die obern Felder ausfüllten und sich weiter herunter
keine gemalte, sondern, vielleicht als spätere Ergänzungen, nur farbige Gläser
vorfanden. Besonders auffallend war ihm die Bildung eines Mannes mit grossem Buch
und goldenem Schlüssel in der Hand. Die Figur war sorgsam ausgezeichnet, nur in
Rücksicht der Kleidung schien sie keinem Zeitalter noch Volk eigends
anzugehören, sondern allein das Wunderbare der Zauberei anzudeuten. Da sich nun
dasselbe Buch mit darüber liegendem Schlüssel auf den übrigen Glasscherben, auch
ohne die erwähnte Gestalt, zeigte, so glaubte der Marquis, hierin, in Verbindung
mit jenen im Innern gesehenen, feurigen Schriftzügen, eine Weisung zu finden,
dass solches Buch noch irgendwo im Schloss verborgen sei, welches ihm vielleicht
allein die ersehnten Aufschlüsse geben könne.
    Er stellte deshalb sogleich die allergenauesten Untersuchungen an, und
gelangte endlich, am äussersten Ende des Gebäudes, in ein Zimmer, welches den
untern Raum eines der vielen kleinen Türme ausmachte. Hier hatte man nun wohl
seit Jahren den lästigen Ausschuss abgetragener Kleider, veralteten Hausgeräts,
zerrissener und verblichener Schildereien, kurz alles dasjenige hingeworfen, was
die neuere Zeit von sich wegschiebt, ohne grade zu auf zerstörende Weise Hand
daran legen zu wollen. Unter vermodertem Plunder und einer Decke von Staub und
Spinnengewebe lagen auch wirklich Bücher, welche der Marquis sogleich hervorzog,
und einen Folianten mit Pergamentdeckel als das rechte und ersehnte erkannte. Zu
seinem Kummer aber war es in unbekannter Sprache geschrieben, und die über jedem
Paragraphen eingestochenen Cirkel, Linien und seltsamen Figuren, rejetzten seine
Begier bis zur quälendsten Leidenschaft.
    Er konnte indes den gefundenen Schatz dennoch nicht wieder fahren lassen. Er
beschloss, alles anzuwenden, das Geheimnis zu entziffern, indem er ausfündig zu
machen hoffte, in welcher Sprache das Buch abgefasst sei, und diese sodann ohne
weiteres erlernen zu können meinte.
    Voll von diesem Gedanken wollte er das Zimmer verlassen, als er auf dem
hervorspringenden Sims der Tür einen Schlüssel liegen sah. Er durfte, seiner
Meinung nach, nichts unbeachtet lassen, und ob er gleichwohl keinen Nutzen von
dieser Entdeckung einsah, so steckte er doch den Schlüssel zu sich, und träumte
sich im Besitz vom Steine der Weisen, ohne diesen jemals zu finden, denn wenn er
auch Tage und Nächte und Monate und Jahre über das Buch sann, und forschte, es
blieb ihm verschlossen, und keine Spur konnte ihm die eigentliche Sprache
entdecken.
    Er begnügte sich demnach, mit den darin befindlichen Zeichen Versuche
anzustellen, und, indem er sie so oder so legte und stellte, brachte er
Resultate heraus, die ihm zwar nicht gnügten, dennoch aber eine eigene Magie
zusammenbaueten, in welcher er sich selbst als Herrn und Meister feierte.
 
                                Drittes Kapitel
Auf diese Weise war dem Marquis, unter stetem Forschen und angestrengter Arbeit,
eine Reihe von Jahren in einer Gattung von Tätigkeit verflossen, welche zwar
keinen sichtbaren Einfluss auf das Gestalten und den Fortgang der Dinge gewann,
ihm jedoch grosse Ereignisse vorzubereiten schien. Was überall geschehen könne?
was er besonders erringen werde? darüber war er wohl nicht völlig auf dem
Reinen. Nur so viel schien ihm gewiss: Die Natur habe in jeder ihrer
Offenbarungen eine Stimme, und ob nun gleich diese der sinnlichen Warnehmung
meist unverständlich bliebe, so müsse die entbundene Seele doch notwendig in
einen Rapport mit der geheimnisvollen Innenwelt zu setzen und in Einverständnis
mit ihr zu bringen sein. Das grosse Phänomen des Somnambülismus und der
Clairvoyance schwebte ihm hierbei vor Augen. Was dort dem Uebergewicht einer
animalischen Kraft über die andere möglich sei, das, glaubte er, dürfe der
Einwirkung höherer Kräfte um so weniger entstehn. Wie diese nun zu beschwören,
wie sie von den Banden der Leiblichkeit frei zu machen seien, das war die grosse
Angelegenheit seines Lebens, an die er Gesundheit, frische und freudige
Sinnenlust, den Schmuck und die heitere Klarheit des Lebens, ja alles in allem,
des Daseins ewig bewegliches Element, der Liebe und Freundschaft belebenden
Verkehr, setzte.
    Während er sich indes in die finstern Schachten langsam selbst vergrub, und
der Qualm und Dampf. nebelnder Ahndungen sein Herz vertrocknete und den Geist
wie ein flackerndes Licht unstät hin und her trieb, rückte ihm das wirkliche
Leben immer näher und näher, und schien die gefristete Stundenzahl mit Wucher
von ihm einzufodern.
    Sein abstruses, oft verzücktes, Wesen hatte ihm längst den Ruf stillen
Wahnsinnes gegeben. Man war ihm mit einer Scheu begegnet, welche, bei aller
Verachtung vor übersinnlicher Träumerei, in unsern Tagen, nicht selten, im
Gemisch von Geringschätzung und augenblicklich aufflammender Ahndung eines
Etwas, das die bunte Decke des Lebens verbirgt, den Schein demütiger Furcht
gewinnt. Ein Mensch wie der Marquis zieht unwillkührlich einen Kreis um sich
her, den das freudige, wie das freche, Leben flieht.
    Deshalb konnte die Revolution losbrechen, und sich von den Stufen des
Trones durch Gerichtshöfe und Institutionen bis zu dem stillen Verkehr des
Landmanns hinunterwälzen. Das grosse Triebund Räderwerk ineinander greifender
Verhältnisse aus seinen Fugen reissen, alle Bande des Gesetzes, der Ehre,
sichtbarer und unsichtbarer Liebe zerbrechen, weder Parteigeist, noch
Freundschaft, noch tapferer Mut machten sich Bahn zu dem abenteuerlich
gesinnten Mann, dem sich, in trüber Verpuppung, die glänzenden Fittige niemals
lösen wollten.
    Wie der Marquis indes in jener Nacht das Gewitter schmerzlich fühlte, ohne
es deutlich zu hören, so zitterte auch jetzt sein Herz bei dem Untergange alles
dessen, was zahllose Geschlechter aus sich erwachsen sahen, wie der Leib ihres
Denkens und Schaffens Fuss fasste auf Erden. Der Mensch wächst mit der Form
zusammen, die er bilden half, und man zerbricht diese niemals, ohne das innere
Leben nicht auch zu berühren. Die Nachricht der Gefangennehmung des Königs, und
später dessen Tod, jagte dem Marquis das Blut flammend durch die Adern. Ein
unleidlicher Druck legte sich ihm auf Brust und Herz. Seine ganze Vergangenheit
war zusammengestürtzt, zu welcher ihn der Gedanke, in stillen, erschöpften
Stunden, unwillkührlich zurücktrug, und den ganzen wehmütigen Traum des Lebens
nochmals vor ihm aufrollte. Deshalb ward ihm nunmehr alles peinigend, was aus
jener Zeit zu ihm redete, und er befliss sich sorgfältig, jeglichen Gegenstand zu
entfernen, welcher diese Sprache führte. Aus eben dem Grunde liess er die
Bildnisse seiner Eltern aus dem Zimmer tragen und sein Familienwappen über dem
Kamin verhangen. Dieser Umstand legte den Grund nachheriger Verwirrungen, und
gab den ersten Anstoss, welcher in die Ereignisse der Zeit hineindrängte. Denn es
war nicht sobald laut geworden, dass der Marquis, in lichten Momenten, wie sie es
nannten, der guten Sache anhänge, ja Vater und Mutter verleugne und der grossen
Angelegenheit der Menschheit huldige, als einzelne rohe Bursche versuchten,
seine Reichtümer und geheimen Künste zu ihrem Vorteil zu benutzen.
    Es war schon hoch an der Zeit, als eines Abends der ehemalige Essenkehrer
des Schlosses und zwei andere Handwerksgesellen aus dem nahen Städtchens in
täppischer Eil zu dem Marquis eintraten. Mit gesprejetzten Beinen, auf Eisen
beschlagenem Knotenstock gestützt, standen sie da, streckten die breiten,
bärtigen Gesichter auf kurtzem Halse aus Flügelartig gebogenen Schultern hervor,
und schickten lüstern freche Blicke im reichen Zimmer umher. Verwogen hing die
Jakobinermütze über einem Ohr in den Nacken herab, das struppig wilde Haar
bauschte sich unter dieser über flacher, eingedrückter Stirn. Der Marquis fuhr
erstaunt bei ihrem Eintritt in die Höhe, aber sie legten die groben Fäuste
vertraulich auf seine Schultern und Arme; und riefen »Hör' Bürger, Du bist von
den Unsern, wir wissens, lass jetzt einmal Deine Hexenstreiche, und tu' was
rechts. Die Lyoner Königsknechte schicken Streifpartieen im Lande umher, zieh'
mit uns! wer weiss, wie lange der alte Steinhaufen so noch steht! Zieh' mit uns!«
riefen alle drei und stiessen die derben Knittel ermunternd auf gegen den Boden.
»Oder willst Du das nicht, fuhr der Essenkehrer fort, so gieb Deine Barschaft
her, wir brauchen Geld, Waffen, Kleider und Schuh, es ist ja für Dich wie für
uns, wie das Sündengeld von Dir, was Deine höllischen Väter erpressten.« -
    Bleich wie der Tod, die nackten Arme drohend aufgehoben, starren Blickes,
mit verhaltenem Atem, stand der Marquis ihnen gegenüber! So dreist sah die neue
Welt zum erstenmal in seine Einsamkeit hinein! Die Wut schwellte sein Herz zum
Zerspringen. Fürchterlich schrie er auf, und fiel, wie die überrejetzte Natur
sich jetzt oft so in ihm zerriss, in Haaransträubenden Zuckungen zur Erde.
    Die Bursche blickten einander, wie gelähmt an Händen und Füssen, ganz
verdutzt an, dann aber, wie auf einen Wink, stürtzten sie, ohne hinter sich zu
sehen, zur Tür und zum Schloss hinaus, und meinten nicht anders, als der
Teufel gehe drin um, und es sei nicht geraten, sich mit diesem weiter
einzulassen. Mehrere Domestiken des Marquis, welche schon längst ähnliche
Vermutungen hegten, schlossen sich an die Flüchtenden an. Wenige blieben
zurück, unter ihnen Bertrand, der bejahrte Schlossverwalter. Dieser eilte zu
seinem Herrn, leistete ihm alle erdenkliche Hülfe, und verliess ihn während der
ganzen Nacht, in welcher der Marquis viel innere und äussere Schmerzen litt,
nicht einen Augenblick. Der unerwartete Vorgang schwebte diesem unablässig vor
der Seele. Er hatte so lange nichts von der Welt gesehen, nun brach sie so
frech, so verwirrend, auf ihn ein! Dass diesem ersten Anfalle ähnliche folgen
würden, fühlte er wohl. Er sah sich der rohesten Willkühr blossgestellt. Deshalb
fiel es ihm auch wohl ein, Eigentum und Vaterland zu verlassen, allein sein
Blick war nirgend in der Aussenwelt zu Hause, sein Denken, nach dieser Richtung
hin, so unbehülflich, er selbst so losgerissen von jeder befreundeten Beziehung
des Lebens, so eingefugt in die liebe, lange Gewohnheit täglichen Seins und
Tuns, dass er sich tröstete, so gut es ging, die Gefahr in weite Ferne
hinausschob, und bange Vorgefühle einschläferte.
    Der Mensch mag sich indes vor sich selbst und gegen die Welt hinstellen und
wenden wie er will, das Alte kehrt ihm nie in seiner vorigen Gestalt zurück. So
kam dem Marquis grade dasjenige, was er bewahren wollte, die gewohnte Weise,
nicht in dem vorigen Takt und Maasse wieder. Mit dem müssigen Zusehn des
Aussenlebens war es vorbei! Jene grossen, allgemeinen Fragen über Natur und
Menschenleben wanden sich in immer engern Kreisen zu einem ganz kurz gesteckten
Zielpunkte zurück. Seine Orakelbeschwörungen klangen bald anders. Unwillkührlich
schloss Frankreichs Boden die Welt in sich, das eigene, enge Dasein umfasste die
grosse Angelegenheit der Menschheit, und ewig fortschreitende Zeitentwickelungen
wurden zu Heut und Morgen. Was einmal geschehen war, konnte wiederkehren; und
bei weitem gewaltsamer, frecher, Freiheit und Leben bedrohender. Deshalb mischte
sich Unsicherheit und Zagen in alle Vorstellungen des Marquis. Er konnte nicht
mehr allein sein. Bertrand durfte ihn nicht verlassen, ja er verschmähete es
nicht, mit diesem zu reden, und Fragen über die Tagesneuigkeiten an ihn zu
richten, welche die innere Unrnhe seines Gemütes deutlich genug offenbarten.
    In dieser Stimmung erhielt er eines Tages eine Botschaft von der Aebtissin
jenes Klosters, in welchem seine Töchter ohnweit Lyon erzogen wurden. Sie
meldete ihm durch einen Köhler, welcher das Klosters Heitzung früher gepachtet
hatte, dass die Gewalt auch in ihrer Provinz von neuem siege, dass sie seinen
Kindern länger keinen Schutz zusichern könne, und selbst, einzig unter Gottes
Schutz flüchtend, ihr Vaterland zu verlassen gesonnen sei. Der Köhler setzte
hinzu, die bedrängte Unschuld habe wohl Schande und Übermut zu fürchten, da
unzählige Opfer täglich unter dem blutigen Beile des Henkers fielen, Andere,
durch die Kriegesgeissel vertrieben, unstät umherwanderten, oder in Hunger und
Not verkämen, er selbst sei mit Frau und Kind auf dem Wege nach den Savoyer
Gebirgen.
    In Chambery habe die Frau einen Bruder wohnen, dort wollten sie noch ein
Stückchen Erbschaft holen, und dann vielleicht nordwärts nach Deutschland
wandern, wo die Menschen doch einen Gott und einen Glauben hätten.
    Des Mannes verkümmerte Gestalt, die Schatten, die bei den trüben Worten, wie
Schreckenserinnerungen, über sein bleiches Gesicht hinfuhren, und mehr als
alles, die Hindeutung auf schamloses Entweihen zarter, geheiligter Unschuld,
sprach mit unwiderstehlicher Gewalt zu dem Herzen des Marquis. Das Entsetzen,
die Angst, gaben ihm augenblicklich Kraft und Entschluss. Es galt die Ehre seines
Hauses, er konnte nicht zögern. So wollte er sich denn aufraffen und seine
Töchter retten, die er nicht kannte, an die er seit siebzehn Jahren zum
erstenmal in einem einzigen, alles beherrschenden, Gefühle dachte. Er zitterte
vor Ungeduld, war ganz Feuer, Mut und Tat, plötzlich allen bänglichen
Rücksichten vorübergeflogen. Er selbst verstand sich nicht, und glaubte, eine
unsichtbare Gewalt handle durch ihn, um so mehr, da er sein Vorhaben durch des
Köhlers Bereitwilligkeit, dessen Zuhausesein in der jetzigen Welt, seinen
wackeren Sinn und tätigen Eifer, unerwartet erleichtert sah.
    Das Kloster war nicht über funfzehn Stunden vom Schloss entfernt. Der
Köhler liess sich sogleich willig finden, den Marquis dortin zu begleiten, der
niemand die Sorge für seine Kinder anvertrauen wollte, je furchtbarer der
wildeste Aufruhr grade in diesem Zeitpunkte durch ganz Frankreich raste.
Vorzüglich erzitterten die südlichen Departements unter den Doppelschlägen
inländischer und auswärtiger Feinde. Die Königsgesinnten hoben, durch Schmerz
und Verzweiflung getroffen, einen Augenblick die gebeugten Häupter, Toulon war
in den Händen der Engländer, Portugiesen und Spanier hatten Fuss gefasst bis
jenseits Perpignan, Lyon trotzte Gefahr und Tod, aber Carnot schoss Feuerflammen
in die Herzen der Republikaner. Aus Savoyen strömten die Truppen, welche es
unter Montesquiou besetzten, zurück - Tod und Blutgier waren losgelassen, der
Würgeengel ging vor beiden Parteien einher, nichts sollte bestehen, die Erde
arbeitete ein neues Leben aus den Blutwellen herauf. Durch alle diese Schrecken
sah der wachgeschüttelte Vater mit steigender Ungeduld der Rettung seiner Kinder
entgegen! Deshalb hatte er auch keinen Augenblick länger Ruhe. Die Luft im
Schloss schien ihm das Herz zusammenzudrücken, überall wo er sich hinwandte,
was er anfasste, traf es ihn wie mit elektrischen Schlägen! Er trieb und drängte
demnach mit solcher Heftigkeit, dass in wenigen Stunden alles beratschlagt,
eingerichtet, und zur Abreise bereit war.
 
                                Viertes Kapitel
Der Morgen dämmerte kaum, als sich der Marquis in der allerwunderlichsten
Stimmung, von Schmerz und Erwartung zerrissen, mit den Waffen des stolzesten
Mutes im Innern, und den gehörigen Verteidigungsmitteln von Aussen versehen, in
den Wagen warf, und nachdem er des Köhlers Frau, nebst ihrem Kinde, Bertrands
Pflege empfohlen hatte, mit seinem rüstigen Begleiter in Gottes Nahmen die Reise
antrat.
    Aber es war nicht das ehemalige Frankreich, noch dessen vorige Bewohner,
welche die alte, ewig gekannte, Sonne beschien! Weder Dörfer noch Felder und
Wälder sahen sich ähnlich. Ganze Ortschaften lagen eingeäschert, oder standen
leer; aus zerschlagenen Türen und Fenstern klafften blutgefleckte Wände
schreiend hervor. Nirgend hatte die Pflugschaar ihre segensreiche Furchen
gezogen. Die Kammern der Reichen waren aufgerissen, geiler Überfluss
verscheuchte Fleiss und Betriebsamkeit und den stillen Genuss sittigen Erwerbs.
Die Aecker lagen aufgewühlt, zerstampft, tief gleisete Wege führten achtlos
darüber hin. Auf den Weinbergen rankte sich ein wild wucherndes Gewächs zwischen
überhangendem Unkraut hin, Planken und Pfähle waren ausgerissen, Winzerwohnungen
umgestürtzt, die schwellende Traube schüttete ihren Segen in den Schoss der
Erde, keine Hand wollte sie pflücken, in keinen Becher perlte der bescheidene
Most, so lange reiche Keller ihre Schätze hergaben und schäumende Feuerströme
das trockene Gehirn der Menge entzündeten. Und aus all den verwandelten
Umgebungen starrte ein neues Geschlecht mit verwilderten Blicken hervor. Sehr
mannigfach und in seltsamer Verzerrung war dessen Erscheinen! Auf das
Empörendste trieben viehische Rohheit und bettelhafter Trotz ihr wüstes Spiel
unter Männern und Frauen. Bewaffnete und verstümmelte Weiber schleppten sich in
wilden Haufen umher, hielten Wegelagerung und waren die grausamsten
Verfolgerinnen ihrer Beute. Spindel und Nadel ruheten, das Schwerdt half
ertrozzen, was diese mühsam erwarben. Aber mehr noch als Geldgier und Rache war
Misstrauen das Schreckensgespenst, das vor jeglichem herging, und mit seinem
Pestauch die Lebensluft vergiftete. Es zerschnitt plötzlich Vertrauen und
Zuversicht und verwirrete die reinsten Verhältnisse.
    Unversehns hatte es auch den Marquis erfasst, die düstere Verwilderung um ihn
her hatte in diesem den unheimlichen Gedanken erwerkt, dass der Köhler
abgeschickt sei, ihn vor irgend ein Blut-Gericht zu locken, dass man ihn dort der
Zauberei angeklagt habe, sein verborgenes Wesen indes scheue, deshalb keine
Gewalt gebrauchen wolle, und sich der List bediene.
    Was zu Anfang nur in dunkler Beklemmung sein Herz zusammenzog, arbeitete
sich immer deutlicher und kenntlicher herauf, wie er den Gedanken nur einmal ins
Auge fasste. Jede Bewegung des Köhlers ward ihm verdächtig. Er bewachte ihn mit
gespannten Blicken und steigerte seine Angst, vorzüglich gegen die Nacht, auf
eine Weise, dass die wildesten Mordbilder seine Seele durchzuckten. Der stille
Schlaf des müden Mannes schien ihm die abgefeimteste Heuchelei, und ein
verruchtes Mittel, ihn selbst zu ähnlicher Hingebung anzulocken. Dahin liess es
nun die geängstete Natur auf keine Weise in ihm kommen, das fühlte er wohl,
indem er sein Ahnungsvermögen pries, welches ihn zu rechter Zeit vor Gefahr
warnte. Diese ward ihm aber so gewiss, dass er entschlossen war, umzuwenden, und
nach dem Schloss zurückzufahren. Indes schwankte er noch, und verweilte einen
Augenblick bei der Möglichkeit, das allgemeine Elend könne ihn sehr zur Unzeit
scheu und voreilig machen, als ein neuer unerwarteter Auftritt seine ganze
Aufmerksamkeit gefangen nahm und ihn zwang, auf das Nächste und Gewisseste
hinzusehn.
    Ihr Weg führte sie an dem Schloss des Baron Clairval vorbei, welcher mit
einer Schwester der verstorbenen Marquise vermählt war. Unzähligemal kamen die
jungen Frauen in der schönen Sommerzeit des kurzen Eheglückes der Marquise hier
zusammen. Der Baron, voll gemütlicher Fröhlichkeit, reich, grossmütig,
gastlich, sinnreich im Genuss der Zeit, zog Freunde und Bekannte in seinen
heitern Kreise. Die jugendlichste Lebenslust trieb hier ihr freudiges Spiel.
Teater, Bälle, glänzende Aufzüge, mutwillige Verkleidungen, gesellige
Intriguen, Freundschaft und Liebe, alles durcheinander, füllte hier Herz und
Sinne vieler sorgenfreien, lustigen Menschen, denen sich die Welt, wie eine
Knospe, plötzlich im Frührot des Lebens öffnete. Der Marquis insbesondere
sprühete seine Feuernatur in tausend glühenden Funken umher, wohin diese fielen,
zündeten sie, und strömten bewegliches Leben durch die gesellige Lust. Ihn
selbst erfüllte nur ein Gefühl, Vergötterung der jungen, bildschönen Frau, und
heftiges Verlangen, diese unauflöslich an sich zu ketten, zu bannen, durch alle
Künste geheimnisvoller Liebeszauberei. Damals spielte dies Verlangen nur noch
auf der frischen, farbigen Blumendecke des Lebens. Die Aufmerksamkeit des
geliebten Weibes immer neu und gespannt auf sich zu heften, zeigte er sich
dieser in mannigfacher Gestalt. Sein reiches Talent, die Gewalt und brennende
Kraft seines Willens, gaben ihm tausend Mittel dazu. Er war furchtbar herrlich
in der Tragödie, blendend und fast verwirrend im magischen Zauber ausgewählter
Aufzüge, zierlich, gewandt bei Tanz und Spiel, und unwiderstehlich fortreissend
in der leidenschaftlichen Glut seiner Liebe. So überfüllte und zersprengte er
denn auch das zarteste Herz, das sich in jenen Tagen unbefangen an das seine
legte. Seitdem sah er das Schloss nicht wieder. Mit allem, was ihm sonst gelacht,
zerfallen, blieb ihm das gastliche Gebäude verschlossen. Jetzt war es bis auf
seine Grundsteine geschleift, Lust- und Fruchtgärten lagen verschüttet, wo sich
einst die heitern Zimmer dem vertrautesten Menschenverkehr eröffneten; wo Musik,
befreundete Gespräche und der Liebe leises, berauschendes Geflüster erklangen,
da brannten jetzt Wachtfeuer, ein republikanisches Chasseur-Regiment nebst
Infantexte-Bataillon stand dort auf dem Bivouac, Gesindel aller Art hatte sich
hinzugesellt, viel abenteuerliche Gestalten lagen neben dem Auswurf des Pöbels
um dampfende Kessel frisch geschlachteten Fleisches, freche Lieder schallten
durch die Luft, zwischen den Feuern sah man die Carmagnole unter wütenden
Verdrehungen tanzen, dazwischen schrieen ganze Schaaren Raubvögel, die gierig
auf die ekelhaft umhergeworfenen Eingeweide des getödteten Viehes niederfielen,
an den Seiten hielten Vedetten zu Pferde und zu Fuss. Eine derselben, ein
Infanterist, vertrockneter, dürftiger Statur, in weiten Lumpen hängend, mit
seltsam aufgeputztem Helm, dessen Flügelartige Schutzleder von Tigerfell sich um
das gelbe, abgeflachte Gesicht legten und es bewahrend einschlossen, brüllte den
Reisenden sein qui vit? entgegen. Dem Marquis, dem Vergangenheit und Gegenwart,
wie zwei gegeneinander fassende Dolche ohnehin in die Seele schnitten, geriet
durch den widerlich-trotzigen Anruf ganz ausser sich, er sprang auf, griff nach
seinen Waffen, und war im Begriff, ein Pistol abzudrücken, als der Köhler sich
über ihn warf, seine Arme fest um ihn schlang und dem Vorposten zurief, er
bringe den wahnsinnigen Bürger Villeroi in Verwahrung in das Hospital nach St.
Fons. Der Marquis schrie bei diesen Worten laut auf, und der Köhler hatte alle
Mühe, sich seiner versichert zu halten, als der Republikaner ungestüm den Pass zu
sehn verlangte. Da kam ein junger schöner Mann, in reicher Uniform, auf
stattlichem Pferde, an den Wagen gesprengt, und gebot mit überaus milder Stimme,
den Unglücklichen fahren zu lassen, der sichtlich Hülfe bedürfe. Der Ton dieser
Stimme fiel wie Balsam auf des Marquis innere Wunden, er wusste nicht, wie ihm
geschah, der Zorn hatte keine Kraft mehr in ihm, Tränen stürtzten aus seinen
Augen, er wollte dem jungen Mann um alles nur einmal ins Gesicht sehn, aber der
hatte sein Pferd gewandt, und der Wagen flog schnell davon.
    Der Köhler liess jetzt den Marquis aus seinen Armen. Verzeiht, lieber Herr!
sagte er leise, wenn Euch meine Worte verdrossen haben, aber ich wusste kein
ander Mittel, und es ist doch nun auch alles gelungen. Der Marquis erwiederte
nichts, drückte sich in eine Ecke des Wagens und bemerkte es kaum, dass
unwillkührlich ein Gebet über seine Lippen flog. Der Köhler zog einen Rosenkranz
aus dem Futter seines Rockes und betete still mit, bis der Marquis eingeschlafen
war.
    Dieser sah im Traum den jungen Mann in allerlei bekannter Gestalt hin und
herschwanken. Paris, das verwüstete Schloss, er selbst, seine früherer
Soldatenstand, alles rankte sich in ein buntes Geflecht zusammen, zuletzt trat
die verstorbene Marquise zu ihm, sie hielt den Finger auf das geheimnisvolle
Buch, die magischen Zeichen flossen alle in einander, dann traten wieder
Buchstaben einzeln herauf, aber er konnte sie nicht festalten, und vergass einen
über den andern, da wollte er fragend zu der Marquise hinsehn, die war nicht
mehr da, das Buch aber, was er in der Hand hielt, war die Bibel.
    Die Bibel! - sagte er träumend, als jetzt der Wagen hielt und der volle Tag
das Kloster beschien, welches am Abhang eines ausnehmend frischen und blühenden
Hügels vor ihm lag. Der Köhler öffnete den Schlag, der Marquis sah gerührt auf
ihn hin, reichte ihm in schweigender Beschämung die Hand, und ging nun, von der
treuen Seele geleitet, den Steg hinan.
    Sie fanden die grossen Flügeltüren achtlos angelehnt, das Gebäude wie
ausgestorben, alle Zellen offen und leer! Dem Marquis klopfte das Herz in
unaussprechlicher Angst, auch der Köhler ward unruhig, indes fanden sie keine
Spur irgend einer Gewalttätigkeit. Freiwillige Auswanderung nur war denkbar,
doch so plötzlich erschien auch diese unbegreiflich. Sie setzten daher ihre
Nachforschungen mit möglichster Sorgfalt fort. Alle Schlupfwinkel waren bereits
durchsucht, als sie hinter einem Pfeiler in der Kapelle eine Tür wahrnahmen,
sie öffneten und eine Treppe hinuntergingen, welche zu mehrern labyrintisch in
einander fortlaufenden Gewölben führte. Der schräge Strahl eines fernen
Lichtscheines gab ihrer Wanderung hier bestimmte Richtung. Sie traten auch bald
in eine weite Halle, deren schöne Verhältnisse und schlanke Säulenpracht, den
Eintretenden das Gefühl heimatlicher Ruhe und tiefen Ernstes in die Seele
legte. An den Seiten standen viel kostbare Särge in Nischen, welche zugleich die
steinernen Bildnisse verstorbener Klosterfrauen einschlossen. Aus dem
Hintergrunde strahlten mehrere Kerzen herauf und verbreiteten ein heiteres Licht
über die einfach grosse Erscheinung. Das bewegliche Gemüt des Marquis war auf
das Höchste gespannt, als die Aebtissin, durch den Anblick des Köhlers jeder
Erklärung überhoben, von mehrern Jungfrauen begleitet, vortrat, und dem Marquis
ein überaus zartes, fast kindisches Wesen, mit blondem Lockenköpfchen und
schmeichelndem Augenpaar, zuführte. Mehr hinter ihr, als zu ihrer Seite, schritt
eine hohe Gestalt von überaus grosser Schönheit, blendendem Auge und strenger
Regelmässigkeit in Wuchs und Gang, langsam, fast zögernd, einher. Der Marquis
hatte die Worte: Ihre Kinder! schon gehört, fühlte die Kleine unter heissen
Tränen an seiner Brust, als jene, nicht scheu, nicht schroff, aber sinnig
beachtend, dastand, gleichsam, als erwarte ihr Herz, was der ungekannte Vater zu
diesem sprechen, was der ganze wunderbare Moment ihr sagen werde. Auch der
Marquis sah fragend in ihr Auge und beider Blick brannte in stummen
schauervollem Erkennen ineinander. Meine Tochter, sagte er langsam, sich des
Unbegreiflichen versichernd, sie neigte sprachlos ihre Stirn auf seine Hand und
es schien, als gehe mit dieser Berührung sein ganzes Wesen, zu ihrer
Verständigung, in sie über. Unter Gräbern, sagte sie, welche Betrachtung eben in
ihm aufstieg, führt uns das rohe Leben zusammen. Es deutet uns wohl auf den
trüben Ernst unserer aller Zukunft! Die Aebtissin sah sie verwundert an, sie
hatte sie niemals so bestimmt und dreist sprechen hören. Antonie aber sank zu
ihren Füssen, umfasste ihre Knie und flehete mit nie geäusserter Heftigkeit um
ihren Segen. Die bewegte Frau legte ihre Hände segnend auf beide Schwestern, die
kleine lächelnde Marie indes mit besonders wehmütiger Inbrunst an ihre Brust
drückend. Drauf führte sie beide nochmals den Vater zu und liess der Natur still
geheimnisvolle Sprache sich ungehindert offenbaren!
 
                                Fünftes Kapitel
Nach diesen ersten, gefeierten Momenten kam es sodann bald zwischen dem Marquis
und der Aebtissin zu den nötigen Erörterungen. Sie sagte ihm: dass die gehäuften
Truppenmärsche dieser Tage, Lyons nahender Fall, die immer wachsende
Zügellosigkeit und Gewalt der Republikaner, ihr Kloster jedem Angriff
blosgestellt und sie zu dieser letzten Zuflucht hinabgedrängt habe, welche ihr
jedoch nur sehr Augenblicklichen Schutz gewähren dürfe; sie sei deshalb erfreut,
ihre Pfleglinge seinem Händen zurückgeben zu können, indem sie nur für diese
gesorgt, ungewiss, welcher Partei er, der Marquis, beigetreten sei, oder welche
Pläne er für seine Familie entworfen habe, die sie vielleicht, notgedrungen,
durch still vorbereitete Flucht und gänzliche Auswanderung zu durchkreutzen,
noch vor wenigen Minuten im Begriff gestanden. Er seiner Seits versicherte sie
seiner Dankbarkeit mit all der Leidenschaft, in welche ihn das zur Hälfte
gelungene Vorhaben, der Anblick seiner Kinder, alles vorher Erfahrene, der Ort
ihres Wiedersehns, und eine unruhig in seiner Seele heraufdämmernde Zukunft,
versetzte. Er redete, wie immer, ausserordentlich schnell, leise, und mit
geringer Bewegung der kaum geöffneten Lippen; so dass der Ton seiner Stimme einem
fernen Säuseln glich, und um so grässlicher eingriff, wenn ihn einzelne
Erschütterungen, unversehns wie Sturmgeheul, hoben. Seine Worte fügten sich
leicht und kunstlos: aber mit der seltsamen Behendigkeit laut denkender, sich
alles aussprechender Gemüter, zu einem ganz eigentümlich wogenden Strom der
Rede zusammen. Ohne seinen Entschluss für die Zukunft bestimmt hinzustellen,
verbreitete er sich mit der sinnlichsten Erfasslichkeit über die schaudervolle
Zerrüttung seines Vaterlandes und das Verhältnis jedes Gutgesinnten zu diesem;
der rasche Lauf seiner Rede entführte ihn zuletzt sich selbst, er sagte Worte
voll prophetischen Inhaltes, vor denen sich die Aebtissin scheu abwandte. Marie
hielt diese freundlich umfangen, und folgte mit geschäftigem Blick den
ungekannten schnellen Verschlingungen des Gesprächs. Antonie ging Gedankenvoll
auf und nieder; zuweilen betrachtete sie die schönen, jetzt durch Alter und
fortwährendes Arbeiten der Seele, scharfausgesprochenen Züge ihres Vaters. Auf
das Gespräch achtete sie wenig: mehr aber auf die Blitzartigen Bewegungen des
Marquis, vor welchen sie oft, wie davon getroffen, die Augen schloss und mit
verschränkten Armen dastand, als wolle sie das fremde Bild vor die inneren
Spiegel tragen, unfähig es sogleich zu erkennen.
    Noch, sagte die Aebtissin, den Marquis abwärts führend, läge mir ob, Ihnen
in allgemeinen Unrissen das Bild Ihrer Kinder zu entwerfen und so das schnellere
Verstehn aller Teile zu erleichtern, doch glaube ich, überheben Sie mich
dieser, ohnehin gewagten, Arbeit. Beider Erscheinung sagt vieles, und, ich
leugne es nicht, die Hand würde dem Herzen folgen, das aber ist nicht frei von
Parteilichkeit. Antonie steht allen, auch mir und der Schwester, fern. Ich habe
sie nie verstanden, und wage es nicht, sie zu ahnden. Schon als Kind war ihre
Nähe ängstend. Am Tage träumend, ohne Lust und Teilnahme zu Spiel und Arbeit,
war Nachts im Schlafe ihre Seele wie geflügelt, sie erzählte gehörte und nicht
gehörte Dinge; und ging zum Entsetzen der Klosterfrauen durch die langen Gänge,
zur Kapelle, wo sie vor einem Schrein, in welchem das Muttergottesbild steht,
knieend, das Salve regina und Stabat Mater mit heller tönender Stimme sang. Oft
fanden wir sie noch in den Frühmetten umherschleichend, oder sie gesellte sich
im Schlafe zu uns, und fand jedesmal ihren Platz an meiner Seite. Erweckten wir
sie, so war ihr von allem dem keine Erinnerung geblieben, und sie schien unsern
Worten sogar keinen Glauben beizumessen. Da ihre Gesundheit indes durch diese
Naturunordnung litt, so war ich genötigt, dem Rat erfahrner Aerzte gemäss, zu
strengen Züchtigungen meine Zuflucht zu nehmen, und ich heilte sie auch wirklich
von diesem krankhaften Schlaf, der ihr oftmals die heftigsten Uebel zuzog. Doch
scheint die, einmal in ihren Grundfesten anders gebildete Organisation, stets
einen eigentümlichen Gang zu gehn! Antonie fällt zu Zeiten, am Tage, in jenen
dem Nachtwandel ähnlichen Zustand; welchen noch kein Arzt recht verstand, ihn
entweder zu hoch, ausser der Sphäre medicinischer Erkenntnis, oder zu tief, in
die Classe gemeiner Verstellungskunst, hinabsetzend. Wie wenig letzteres nun
hier der Fall ist, bewies schon sehr frühe ein Vorfall, der mir stets
unvergesslich bleiben wird. Eine junge Novize sollte ihr Gelübde ablegen. Der Tag
war festgesetzt. Die Heiligkeit, wie der äussere Schein der Feier, zog Fromme und
Neugierige herbei, ganz ungewohntes Leben regte sich um die Kinder, deren Gemüt
durch Hin- und Wieder-Reden, Vorkehrungen und Erwarten aufs höchste gespannt
war. Endlich schlug die Stunde. Der Zug brach auf nach der Kapelle, die, voll
gepfropft von Menschen, der scheidenden Himmelsbraut noch ein letztesmal das
Bild der bunten Welt vor die Sinne führte. Diese schwankte in sichtlicher
Bewegung zu den Stufen des Altars. Ein drückender Dunst zitterte durch das
Gebäude und schien mit den reinen Klängen der Orgel und den hallenden
Menschenstimmen zu ringen. Ich weiss selbst nicht, wie mir so bange und beklommen
ward, noch weniger, wie es kam, dass Antonie, von der Hand ihrer Aufseherin
losgemacht, zu mir hintrat. Sie sah mit scharfem Blick auf die Novize, und als
diese niederkniete und sich anschickte, ihr Gelübbde abzulegen, die Musik
schwieg, und kein Atemzug aus der dichten Volksmenge gehört ward, schlang
Antonie beide Arme über die Brust, und sank wie todt zu meinen Füssen. Ich hob
sie erschrocken auf, richtete ihr den Kopf in die Höhe, sie hatte beide Augen
geschlossen und vollkommen das Ansehn einer Schlafenden. Wie ist Dir Kind?
fragte ich leise, den Andern kaum hörbar, aber sie sagte, langsam und sehr
deutlich, mit einer Stimme, die aus keiner Menschenbrust, nicht über
Menschenlippen zu kommen schien, tief wie aus dem hohlen Innern einer Maschine:
heisst ihr, das Bildnis wegwerfen, das sie an goldner Kette im Busen trägt, es
drückt mir das Herz entzwei! Ich neigte meinen Mund, so verwirrende Worte
abwehrend, auf den ihrigen, aber sie rief fast schreiend: heisst ihr das Bild
wegwerfen, es ist eines Mannes Bild, ich ertrage den Schmerz nicht länger!
Dumpfes Murmeln rollte durch die Versammlung, plötzlich wiederholten viele
Stimmen Antoniens Gebot. Der unruhige Strom wogte immer näher und näher heran,
ich wollte die Angeklagte retten, und drängte mich zu ihr hin, sie flüchtete
scheu an meine Brust, aber, als habe sie Gottes Blick getroffen, so riss der
Himmel die Wahrheit an das Licht, bei der raschen Bewegung glitt das Bild aus
den Schleiern hervor und sah ernst und finster von ihrem Herzen auf die
erstaunte Menge hin. Die Unglückliche hatte alle Besinnung verloren, sie welkte
von da in einem wahnsinnigem Traume hin, der ihr niemals gestattete, das Gelübde
wahrhaft abzulegen.
    Antonie aber ward wie eine Heilige auf ihr Zimmer getragen. Ich hatte Mühe,
dem Ueberlaufenden Zudringen zu wehren. Sie schlief indes viele Stunden einen
festen nätürlichen Schlaf, und hatte, wie immer, keine Erinnerung von dem ganzen
Vorgange, ja ihre ersten Worte vielmehr waren: nun sie sagt ja nichts! als
horche sie auf das abzulegende Gelübbde, von welchem sie sich längst etwas
Grosses versprochen und mich oft danach gefragt hatte.
    Späterhin erfuhr ich, dass Antonie stets ein Uebelbefinden in der Nähe der
armen Schwester spürte, und als sie einst das goldene Kettchen auf ihrem Busen
schimmern sah, fuhr es ihr stechend durch den ganzen Körper, so dass sie laut
ausschrie. Doch als man sie nach der Ursach dieser Bewegung fragte, verschwieg
sie sie aus geheimer Scheu. Von dem Bilde indes wusste sie wachend nicht, wie es
in ihre Seele kam? - Hier trat der Köhler herzu und benachrichtigte sie, dass
viel Kriegsvolk im Anmarsch sei, und so viel er von fern gesehen, glaube er,
dieselben Truppen zu erkennen, welchen sie in der Nacht begegneten. Er empfahl
Allen Stille und Zurückgezogenheit, da es nicht wahrscheinlich sei, dass sie dem
Kloster vorbeiziehen werden, ohne es zuvor zu durchsuchen, er seiner Seits habe
sogleich Wagen und Pferde in Sicherheit gebracht, indem er sie in die unter den
Speichern befindlichen Gewölbe gezogen und verborgen.
    Die Aebtissin war sehr erschrocken und voll bittren Unwillens, sich noch in
den letzten Stunden ihrer harten Prüfung gefährdet zu sehn. Doch vor allen
bezeigte sich Antonie unruhig. Sie ging heftig hin und wieder, und äusserte den
lebhaften Wunsch, selbst auf den obern Turm zu steigen, um den Zug der Krieger
zu beobachten; ja als das wüste Lärmen dieser schon näher auf sie zudrang, war
sie kaum von ihrem Vorhaben abzubringen.
    Indes hörte man bald in den obern Gängen Fusstritte schallen, Türen wurden
aufgesprengt, drauf tobte es wild in der Kapelle, heftige Kolbenstösse, von
lautem Viktoriaruf begleitet, verkündeten den Umsturz und die Verstummelung
geweiheter Gefässe und Heiligenbilder; das Gewühl wand sich bald über, bald neben
den Gefangenen, plötzlich drang das Stampfen vieler Pferde zu diesen hinunter,
ein dumpfer Trompetenstoss schmetterte durch die Hallen, alles lief wild
durcheinander, viele drängten sich die Treppen zu den Gewölben hinunter, als
eine einzelne Menschenstimme dicht neben ihnen ein lautes Commandowort rief.
Antonie fuhr auf, stürtzte bis zu dem Eingang der Halle, und blieb mit
ausgebreiteten Armen dort knieend, als das Getöse mehr und mehr fernabbrauste,
und sich dann gänzlich verlor
    Niemand als der Vater hatte Antonien in dem Augenblicke beobachtet, er
selbst war, wie von der gebietenden Stimme angezogen, vorgetreten, und als nun
alles ruhig war, standen sich Vater und Tochter nahe und reichten einander die
Hände, wie solche, die sich auf einem Wege begegnen, ohne zu wissen, wohin
dieser führt? -
    Ob nun gleich die nahe Gefahr vorüber war, so blieb es doch für jeden
ungeraten, sich sogleich hervorzuwagen, und das Kloster jetzt zu verlassen. Die
Unruhe auf den Heerstrassen zwang sie, die Nacht abzuwarten. Es ward ihnen auch
nicht schwer, die Zeit bis dahin mit vorbereitenden, der Gegenwart
zuvoreilenden, Gesprächen auszufüllen. Jedes war durch den letzten Ueberfall auf
eigene Weise in Nachdenken oder Sorgen versenkt. Marie sah ganz still und
schüchtern in sich hinein; auch der Marquis richtete seine Gedanken auf die
unsichere Zukunft. Antonie nur schien mit dem eben Erfahrenen beschäftigt. Es
ist fürchterlich, sagte sie, von Wesen bedroht zu werden, denen unser Auge
vielleicht nie begegnen wird! und wie man sonst wohl unterirdische Geister
scheut, so hatten wir das zu fürchten, was unsichtbar über uns sein Wesen trieb!
Ueber oder unter uns, sagte die Aebtissin, noch immer sehr erschüttert und
ungewiss über das Nächste, es ist ewig der Ring des Schicksals, aus dem wir nicht
heraus können! Ring des Schicksals! wiederholte Marie, ihr fiel dabei ein
wirklicher wahrhafter Ring ein, ihre kindisch-spielende Phantasie führte ihr
goldene Ringe und goldene Tage vor die Sinne, Gedanken rankten sich an Gedanken,
eine liebe, heitere Welt tat sich vor ihr auf, und sie dachte vergnügt, dass
dennoch eine Zeit kommen könne, welche ihr den Schmuck des Lebens zuführen
werde. Die Aebtissin hingegen fuhr in grosser Bewegung fort; es ist gewiss, man
verliert den Mut zu handeln, ja zu denken, wenn man es steht, auf wie morschem
Grunde des Menschen Werke stehn! Bedurfte es mehr, als der Frechheit niederer
Rebellen, um das zu zerstören, was Jahrhunderte erzeugten! Was hat dieser
Zeitmoment nicht alles untergraben, was spurlos vernichtet! Und wie es einem
gesegneten, arg- und sorglosen Volke im Allgemeinen erging, so ergeht es täglich
jedem Einzelnen, ob auf Frankreichs oder Chinas Boden! und keinen, keinen gibt
es, der nicht das Spiel seiner Hoffnungen, ja seiner Vorsätze, ein ganzes Leben
hindurch wäre! Mit Schaudern betrat ich vor vielen Jahren diese Schwellen, und
nun mir die Tore geöffnet sind, was bietet mir die Welt anders, als die
bejammernswürdige Freiheit, meinen Wanderstab über die Gränzen meines
Vaterlandes hinaussetzen zu dürfen, ohne irgendwo eine Heimat, ohne ein Herz zu
finden, das zu mir gehört! Auch Du, rief sie, Marien heftig an sich ziehend,
wirst die stillen Tage hier zu beweinen haben! Was kann das Leben anders mit Dir
tun, als Dich verlocken und hintergehn? Die Kleine sah betrübt mit fragendem
Blick auf Vater und Schwester, und als diese, überrascht von der losbrechenden
Heftigkeit der sonst so gehaltenen Frau, schwiegen, und, gleich ihr, vor dem
Augenblick zurückbebten, der sie plötzlich, in der breiten Schrankenlosigkeit
aufgelöster Verhältnisse, zu Schöpfern ihrer Zukunft machte, so stürtzten dem
armen Kinde ihre bunten Bilder alle zusammen, und sie betete still um einen
frühen Tod, der sie der düstern Lebensnacht überheben möge.
    In dieser wachsenden Verfinsterung der Gemüter brach der Abend allmählich
herein. Die Aebtissin legte mit zitternden Händen bäurische Kleider über die
ihrigen, umwickelte sich Stirn und Kinn mit dicken Tüchern, und erwartete sehr
unruhig ein verabredetes Zeichen, welches ihr die Anwesenheit ihres Führers und
Beschützers ankündigen sollte; sie entdeckte dem Marquis, ihre grosse
Familienähnlichkeit mit den Bourbons, von welchen sie, in geringer Abstufung,
stamme, gäbe ihr die entsetzlichsten Besorgnisse, sie verliere fast den Mut,
aus diesen Mauern hervorzutreten, sie scheue jedes Menschenauge, ja die Luft,
das Licht, das ihr Gesicht berühren werde; sie wolle deshalb so geheim als
möglich nach den Küsten eilen, und nach Toulon auf ein englisches Schiff zu
gelangen suchen, wohin sie Adressen habe.
    Die Stille von Aussen hatte ihnen Mut genug gegeben, nach den obern
Gemächern heraufzusteigen. Antonie blieb mehreremale auf den Treppen und in den
Gängen stehn, sie schien sich die Gestalten zu dem zu schaffen, was sie im
Taumel ihrer Sinne gehört hatte. Antonie, sagte die Aebtissin, rufe Dir nicht
Dinge in das Gemüt zurück, die uns noch blutig genug auf unserm Wege begegnen
können! Auch dem Marquis waren jene Erinnerungen widrig, da es ihm unschicklich,
ja entehrend, erschien, dass er sich wie ein Gelähmter oder Feigling vor der
wilden Rotte verborgen halten, und jeden Gedanken an tapfern Widerstand
unterdrücken musste. Er zog daher Antonien schnell mit sich fort, und wünschte in
allem sehnlich, das Gebäude je eher je lieber verlassen zu können. Es ward auch
nach grade so dunkel, dass jeder unerkannt seines Weges zu ziehn hoffen durfte.
Alle sassen nun unruhig neben, nicht mehr bei einander, denn eines jeden Gedanke
war über die Gegenwart hinausgerückt. Man erwartete nur den Aufbruch der
Aebtissin, welche der Marquis niemals allein zurückgelassen haben würde. Endlich
klang es von aussen, als wenn zwei Eisen zusammenfielen. Das ist der Herzog! rief
die Aebtissin ganz ausser sich. Der Herzog! wiederholten Alle, aber die
erschütterte Frau, welche die endliche Befreiung in ein ganz fremdartiges
Element des Lebens warf, vor welchem sie innerlich zurückbebte, hatte nur noch
Kraft, sich den alten und neuen Freunden sprachlos in die Arme zu werfen.
Antonie ward leichenblass, als sie auf diese zutrat, sie fasste ihre beiden Hände
und riss sie in wilder Heftigkeit an ihre Brust. Dann wankten alle zur grossen
Pforte, durch welche nun auch ein jeder einem ganz unbekannten Leben
entgegentreten sollte.
    Draussen stand ein langer, dicht vermummter Mann, neben einem einspännigen,
Karrenartigen Fuhrwerk. Er hielt mit einer Hand eine kleine Blendlaterne, doch
so, dass der Schein nicht auf sein Gesicht fiel, die andere bot er der Aebtissin,
welche unter dumpfem Wimmern auf dem dürftigen Brettchen Platz nahm. Der Mann
schwang sich dann auf das Pferd, und führte das kleine Fuhrwerk kaum hörbar von
dannen, als die Aebtissin sich noch einmal in die Höhe richtete, die Freunde zu
grüssen, Antonie schrie laut auf, und verhüllte, als sehe sie etwas Unheimliches,
das Gesicht.
    Jetzt trieb auch der Köhler Pferde und Wagen des Marquis aus den untern
Speichern herauf. Er hatte zuvor ein Bündel Kiehn in den Klosterhof angezündet.
Die Tiere stiegen wild und scheu aus dem dunkeln Schlupfwinkel hervor und
schüttelten sich und stampften den Boden, den das grelle Licht blendend
überflog, die beiden Mädchen sahen scheu auf ihre Führer, welche sie indes
schnell in den Wagen hoben, und ohne weiteres mit ihnen in die dunkle Nacht
hineinfuhren.
 
                                Sechstes Kapitel
Schärfere Luftzüge und ein dämmernder Himmel verkündeten den Anbruch des Tages,
als die Reisenden, im unbehaglichen Gefühl des Ueberwachens und dem krankhaften
Frösteln abgespannter Kräfte, vor einem ehemaligen Zoll- und Gastause an der
Landstrasse hielten, um die Pferde etwas verschnaufen zu lassen und selbst einige
Stunden dort zu ruhen.
    Der Köhler klopfte an der Tür, vor welcher er, erwartend dass sie sich
öffne, stehn blieb; es regte sich auch drinnen, ward aber bald wieder still, er
klopfte deshalb noch einmal und stärker, und voll Ungeduld, den erschöpften
Frauen einige Erholung zu verschaffen, stiess er ein drittesmal heftig mit dem
Fusse dagegen. Endlich ward das Seitenfenster aufgeschoben, ein bärtiges Gesicht
sah heraus, ein paar derbe Flüche durch die Luft schmetternd. Der Köhler
verlangte mit einigem Ungestüm Obdach für sich und seine Begleiter. Zum Teufel
rief jener, hier ist kein Wirtshaus! packt Euch weiter! und schlug das Fenster
zu. Die Pferde waren indes unruhig geworden, traten bald vor, bald zurück,
wodurch der Wagen, auf unangenehme Weise gerückt, hin und wieder schwankend, das
Uebelbefinden der Reisenden vermehrte; besonders litt Marie, welche das bleiche
Gesichtchen ganz erschöpft an der Schwester Schulter lehnte, und nur bat: man
möge weiter fahren, da sich ihr unter dem Anhalten alles schwindelnd drehe und
sie es kaum noch ertragen könne. Dem Marquis kochte schon längst das Blut:
gewohnt, sich durch eine lange Reihe von Jahren gehorcht zu sehn, ohne seinen
Willen irgend einer obern Gewalt zu unterwerfen, befahl er, man solle die Tür
einschlagen, wenn die Hunde keine Vernunft annehmen wollten! Er machte dabei
Miene, aus dem Wagen zu springen und selbst Hand an das Werk zu legen, als der
Köhler seine Stimme noch einmal erhob, und dringend und mit mehr Höflichkeit
bat, einer jungen, kranken Dame nur einen Augenblick Ruhe und etwas Brod und
Wein zu gestatten. Drauf fielen drinnen einige Worte, und ob gleich der Köhler
diese nicht verstand, so hörte er doch Schritte auf sich zukommen und sah
endlich die Tür aufgehn.
    Es war indes ziemlich hell geworden, man konnte die Gegenstände umher genau
ins Auge fassen. Der Anblick des Mannes, der jetzt aus dem Hause, und auf den
Wagen zutrat, benahm den Frauen daher fast den Mut, auszusteigen und seinem
Anerbieten zu folgen. Er war wilden, Soldatischen Ansehns, von roher
Gesichtsbildung und plumper Galanterie. Sehr ungeschickt entschuldigte er seine
frühere Grobheit, und setzte lachend hinzu: dass wenn er gewusst, welche
Schönheiten zu ihm hineingewollt, er ihnen wahrhaftig die Tür nicht würde
verschlossen haben. Marie und Antonie wandten sich betroffdn ab. Der Marquis
aber, immer noch ungeduldig, seinen Vorsatz durchgesetzt zu sehn, riss den Schlag
auf, und trat mit seinen Töchtern unter die offene Tür. Der fremde Mann sagte
ihnen, indem sie sich auf dem Hausflur befanden, dies Gebäude gehöre zwar nicht
ihm, es sei auch überall keine eigentliche Wirtschaft und kein fortgesetzter
Verkehr darin, allein für etwas Glühwein und geröstetes Brod wolle er dennoch
sorgen, die zarten Püppchen möchten indes nur ihre Bequemlichkeit brauchen, und
somit öffnete er ihnen eine lange, dunkle Stube, deren räucherige, angeschmutzte
Wände auf den ersten Blick widrig in die Sinne fielen. Doch wie mit Eiseshand
zog es den Eintretenden das Herz zusammen, als sie auf dem Boden umher wohl an
zwanzig schlafende Männer auf Strohlagern hingestreckt sahen. Ihre Reisebündel,
Gewehre und Mützen, lagen zerstreut, zwischen Gläsern, leeren und
halbangefüllten Flaschen, auf einem langen Tische; ekelhafte Spuren
verschütteten Getränks nässten noch den schmalen Gang zwischen den Lagerstätten
der Schlafenden, so dass man nicht wohl trockenen Fusses einen Schritt gehen
konnte. Der Köhler zupfte den Marquis leise beim Ermel, dieser machte eine
unschlüssige Bewegung, ungewiss, ob er vor, oder zurückgehn solle? Doch als
einige der Kerle sich regten, und halb aufgerichtet mit blinzelnden, kaum
geöffneten, Augen schlaftrunken auf ihn hinsahn, stand er fest, jeden Gedanken
an Entfernen jetzt für feig und niederträchtig verwerfend. Er hiess seinen
Kindern, sich neben ihn auf eine an der Wand fortlaufende Bank niederzusetzen,
und erwartete sehr gespannt, was ihm der nächste Augenblick bringen werde.
    Auch blieben sie nicht lange unangefochten. Es wälzte sich auf dem
knisternden Stroh bald eine bekannte Gestalt aus dem Winkel hervor!
aufgerichtet, das breite Gesicht zwischen beiden Händen aufwärtsgeschoben,
starrte der Essenkehrer dem Marquis in die Augen. Bist Du es, rief er lachend,
oder bist Du es nicht? denn Dich Teufelskerl kennt nur der Teufel! Hat Dich der
endlich einmal losgelassen? Aber eine verflucht feine Nase hast Du doch, unser
Fuchsloch gleich auszuwittern! Sieh! nun bist Du mitten unter uns! Hier ist
unser Feldlager, unser Proviant- und Rathaus, unser Kriegs- und Bluttribunal,
von hier geht es nach allen Richtungen, wo es was zu tun gibt! Sag' hast Du
das ausgespürt? Nein, entgegnete der Marquis. Nein, wiederholte jener; wie hast
Du uns denn aufgefunden? Ich weiss nicht, war die Antwort. Ueber Deine dummen
Rätsel? rief der Essenlehrer aufgebracht? Sag' wie kommst Du hieher? Durch
Nacht und Dunkel und die Gewalt der Sterne, sagte der Marquis mehr vor sich hin,
als in Antwort jener Frage. Hast Du uns die da mitgebracht, rief ein junger
Bursche, dicht vor Antonien hintretend, so komm' meinetalben aus der Hölle! Ihr
sprecht das Wort so leicht aus, sagte diese, wisst Ihr denn, ob Ihr nicht da
hinab müsst? Sieh mal! die Hexe! schrieen lachend mehrere Stimmen! hast Du auch
Teufeleien im Kopf? Antonie sah mit ihren brennend durchbohrenden Blicken starr
auf sie hin, anfangs lachten sie, dann aber drückten sie die Augen zu, und
wandten sich, über das vermaledeiete Hexenvolk etwas in den Bart murmelnd, von
ihr ab! Lasst nur, rief der Essenkehrer, wir werden sie schon zahm machen, los
kommt sie einmal nicht, sie mag ihre Künste an uns probiren. Dem Köhler schwoll
das Herz, er sah hier mehr als ein Unglück auf sie zukommen, und wusste keinen
Ausweg zu finden, da das früher benutzte, halb wahre Mährchen vom Wahnsinn des
Marquis, nichts fruchten, ja diesen aufs Äusserste treibend, alles zum Ausbruch
bringen konnte, was vielleicht noch zu umgehen war.
    Volk ist Volk, dachte dagegen der Marquis, ob frei, ob in Banden, wer es
versteht, beherrscht es. Er maass das Häuflein mit schnellem Blick. Dummer Trotz
und feige Schwelgerei lagen lang und breit auf den nüchternen Gesichtern
ausgespannt. Die possenhafte Tapferkeit, die ihr Mütchen am Abknallen eines
Gewehrs und dem Tragen der Freiheitsmütze kühlt, verwirrte ihn nicht. Abwärts
von ehrlichem Streit, sagte er sich, treiben sie ihr loses Wesen, sie sind der
schmutzige Schaum, den der gährende Gedanke auswirft. Man muss sie mit dem Teufel
kirren, der in sie gefahren ist. Und somit tat er einige rasche Schritte, und
stand in Mitten des eklen Knäuels mit Lumpen ausstaffirter Neuerer. - Bürger,
rief er, den finstern Blick in sich zurückgezogen, ich bin in dieser Nacht unter
Euch getreten, wie? das lasst Euch gleich sein. Ihr seid freie Bürger auf Erden,
aber über und unter dieser waltet das Gestirn. Forscht nicht, lasst Euch an dem
gnügen, was Ihr seht. Ich bringe Euch Gold, ich weiss, die Freiheit will durch
Gold und Eisen gewonnen sein, das Letztere wusstet Ihr mit furchtbarer Hand zu
fassen. Das Erstere müssen Euch des Schicksals Mächte zuführen. Ich bin ihr
geweiheter Diener! Nehmt, was ich Euch bringe! Er streuete bei diesen Worten
einige Hände voll Gold, welches er für den Notfall zu sich gesteckt hatte,
unter sie. Aber, fuhr er fort, lasst Euch nicht einfallen, törige Gedanken auf
mich und die Meinen zu richten, ich gehöre Euch nicht, nicht der Welt, nicht mir
an. Die unerforschlich Tiefen, setzte er mit steigender, sich und alles was ihn
umgab, vergessender Stimme, hinzu, sie allein wissen von mir, sie gebieten über
mich, sie reissen mich fort in die Wirbel des neugebährenden Lebens, und so
schöpf' ich, und schöpfe mit wuchernder Hand, das Gold aus den heiligen
Behältern der Unvergänglichen! Seine Stimme zitterte zuletzt wie ein Donner
durch das Zimmer! und, das Maass seines Wollens überspringend, hatte er sich
selbst in die Täuschung hineingesponnen, die er Andern bereitete. Als ihn der
rohe Zuruf der Menge zu sich selbst brachte, schlug er sich mit beiden Händen
vor die Stirn und sank dem Köhler halb ohnmächtig in die Arme. Dieser ward ganz
irre an ihm, ungewiss, was dem Selbstbetruge oder ersonnener List angehöre? Die
Kerle aber rafften ihr Geld zusammen, und, es sich einander zuzählend, liessen
sie sich das Uebrige nicht sonderlich anfechtend.
    Jetzt trat auch der vermeintliche Hauswirt mit einem Napf dampfenden Weines
herein. Das Gold in den Händen seiner Kameraden und mehrere durcheinander
hingestossene Worte sagten ihm genug. Er sann nicht lange nach, riss schnell den
Stöpsel aus einer leeren Flasche, klemmte ihn zwischen den Henkel eines Glases,
zog drauf eine Gabel aus seiner Mütze, steckte diese in den Kork, und schöpfte
so den Wein in die Gläser. Eines dann in die Höhe hebend, rief er! Heil und
Brüdergruss den geheimen Münzern! Nimm mich zu Deinem Gesellen Alter, und trink'
mir gute Kameradschaft zu. Der Marquis stiess das Glas zurück. Du tätest gut
daran, sagte jener, denn ich gehe Dir nicht von der Falte, Du liessest uns denn
die Weiber hier! Ja, lass uns die Weiber hier, brüllten Alle, und halb liegend,
den Kopf auf die aufgestemmten Arme gestützt, gossen sie sich das glühende
Getränk in die aufgerissenen Mäuler. Lass uns die Weiber hier! scholl es noch
einmal, fast gebietend. Da kannte sich der Marquis nicht länger. Auch nicht die
Spitze eines Haares soll Euch bleiben, schrie er! Und während Antonie die Hand
des Uebermütigen wegschleuderte, der ihr zur Besiegelung seines Höllenbundes
Wein einzwingen wollte, rief der Marquis, auf diesen ein Pistol abdrückend:
ihren Durst löscht nur Blut! fasste sie dann mit Blitzesschnelle in die Arme,
schlang den Andern um Marien, und ehe sich das Gesindel aufraffen und nach den
Gewehren greifen konnte, stürtzte er mit beiden und dem Köhler zur Tür und dem
Hause hinaus, dem Wagen zu, fasste selbst die Zügel der Pferde, und trieb diese,
mehr fliegend als gehend, den Weg entlängs, der fürchterlichen Rotte aus den
Augen.
    Die Sonne stand hell und ruhig über ihnen, als sie, zu sich selbst kommend,
in einem frischen blühenden Wiesental gleichsam zuerst Atem schöpften, und die
erschütterten Gedanken in ein klares Gefühl zusammenfassten. Hier war alles
friedlich. Einige schön gefleckte Rinder weideten ruhig zwischen den Gräsern,
neben ihnen schlenderte ein Knabe, sein Liedchen auf Binsenröhren pfeifend. Als
dieser die Reisenden sah, pflückte er eine Hand voll Blumen, und warf sie ihnen
zum Morgengruss in den Wagen, eine zierliche Art, die Blicke des Vorübereilenden
auf sich zu ziehen, ihn erinnernd, das Unscheinbare nicht zu übersehn, woran
sich der Marquis oft schon in ähnlichen Fällen erfreuete, weshalb er auch jetzt
mit rechter Lust ein Geldstück in das hingehaltene Strohhütchen des Kindes warf.
Marie hatte Gefahr und Todesangst vergessen. Sie lehnte sich weit zum Schlage
hinaus, und freuete sich an der sonnigen Beleuchtung des Tales, dem frischen
Klee, und den vielen roten und gelben Blumen, die in grossen Büschen
umherstanden. Auch dem Marquis war leicht und wohl. Er hatte sich in der Gefahr
zusammengefasst, und hielt sich nun eine Zeitlang so gesammelt, den nächsten
Kämpfen tüchtig zu begegnen. Es ist nötig geworden, sagte er, dass wir an die
Zukunft deutlich und mit bestimmtem Entschluss denken. So ins Blaue hinein dem
Zufall länger vertrauen, ist tollkühnes Spiel. Auch werden die Blutunde wohl
bald genug Ernst mit uns machen. Was sie jetzt versäumten, werden sie nächstens
nachholen. Deshalb ist mein Plan nach Deutschland zu flüchten; spätestens Morgen
oder Uebermorgen müssen wir die Wanderung antreten. Ich brauche nur soviel Zeit,
das Notwendigste einzurichten, dann bin ich bereit. Euch meinen Töchtern wird
das Opfer leicht. Eure Welt ist noch überall dieselbe! Mir auch! mir auch! - was
ich suche, ist nirgend oder überall!
    Sie blieben von da nachdenkend. Die Vorstellung eines fremden Volkes,
fremder Sprache, vielleicht auch Sitten, verwickelte ihre Phantasie in
unerfreulich unbequemes Denken. Sie fanden keinen Maasstab für das Künftige, und
waren nirgend mehr zu Hause.
    Ziemlich spät langten sie auf dem Schloss an. Der Marquis verschloss sich
sogleich in seinem Cabinet. Doch Bertrand trug fast die jungen Fräulein auf ihre
Zimmer, wo das Schönste und Beste für sie bereitet war. Allein sie genossen von
allem nur flüchtig, hatten nirgend Ruhe, und baten den Alten, ihnen alle
Gemächer zu öffnen, damit sie noch Heut alles in Augenschein nähmen. Die
Augenblicke sind in dieser Zeit gemessen, sagte Antonie, wir werden die
Herrlichkeiten kaum einmal überschauen dürfen.
    So durchflogen sie denn Kammern und Säle. Auch zu dem Bildersale kamen sie.
Marie hatte sich an Antoniens Arm gehängt. Diese trug die Kerze, welche sie in
die Höhe hob, als sie zwischen zwei hervorspringenden Säulen in das Zimmer
traten. Die veralteten, durch die Zeit angebräunten, Gesichter der Ritter,
Marschälle und Geistlichen, neben den wunderlich aufgeputzten Damen an ihrer
Seite, welche alle so grade und starr durcheinander hinsahn, gaben den beiden
Mädchen das beklemmende Gefühl zweier Fremdlinge, die in grosse unbekannte
Versammlung treten. Schüchtern schlossen sie sich aneinander, sie, die beiden
einzigen, lebenden Wesen unter so vielen verehrten Todten! Mit unaussprechlichem
Entzücken entdeckte Antonie zuerst das Bild ihrer Mutter. Sie war mit aller
Pracht höfischer Sitte, sehr reich, etwas steif, aber doch höchst edel,
abgebildet. Beiden war, als sähen sie sich selbst, und auch jede die Andere, im
Spiegel. Antonie hielt das Licht in grösster Ueberraschung gegen die wunderbar
verschmolzenen Züge, beide betrachteten es lange, dann sahen sie einander an,
wie sich der Blick wohl vom Conterfei vergleichend auf das Original zurück
wendet, und in überwältigender Rührung sanken sie sich in die Arme, und weinten
das erstemal Herz an Herzen. Antonie besonders war ganz Liebe und Milde, sie
streichelte Mariens Wangen, und drückte das zarte dankbar an sie angeschmiegte
Wesen liebkosend an die Brust. Wie rührst Du mich, da Du weinst, sagte sie, nun
siehst Du erst der Mutter ganz ähnlich, die den reizend jungen Leib so
vorahndend mit aller Pracht der Welt verziert, als werde sie nun bald vom
Schmuck des Lebens scheiden! Das sagt der feuchte Blick, der sich recht wie eine
Decke über das glühende Herz hinzieht! Denn da glüht es, das fühl' ich, in den
lieben bewegten Mienen, in der ernsten, strengen Haltung, die verbirgt, was die
Welt nicht sehen soll. Die Haltung, sagte Marie, ist die Deine, darin eben,
liebe Antonie, und in den hohen Brauen und den etwas gehobenen Schwanenhals bist
Du ihr so sprechend ähnlich, mir hat sie wohl nur das blonde Haar gelassen, und
die armen Augen, die so leicht über Geringes weinen müssen! Sei nicht böse
darüber, unterbrach sie Antonie, es liegt ein ganzer Himmel in diesen Augen!
Und, die Schwester wieder an sich ziehend, gingen beide in ungewohnter
Vertraulichkeit den Saal auf und nieder. Während dem öffneten sie eine
Glastüre, welche nach dem Balkon hinausführte, sie traten in dieselbe, den
Blick an der nächtigen Stille der Landschaft zu stärken. Das Gebäude selbst
verbarg ihnen zwar den Mond, allein dessen lichter, schneeiger Glanz spielte
dennoch um Büsche und Wiesen, und leuchtete zurück aus dem versilberten
Flussbett. Unaussprechlich gewaltig, und doch mild wie die gehaltene Kraft,
rauschte der Strom in gleichmässigem Wellenschlag durch die tiefe Ruhe der Natur.
Riesenhaft, in grossen Massen, traten die Gegenstände hervor, undeutlich in ihren
Umrissen und doch so ahndungsreich! die Schwestern blieben lange Zeit stumm, sie
fürchteten, den leisen Schlaf des rasch bewegten Lebens zu unterbrechen. Ganz
still setzten sie sich auf die schmale Steinbank, welche dem Eisengitter des
Balkon entlängs lief, und flüsterten kaum hörbare Worte.
    Antoniens Herz war wunderbar erweicht. Offen liess sie sich über manches aus,
was in ihr vorging. Es ist traurig, sagte sie, dass oft etwas Unwillkührliches
mein ganzes Wesen zusammenzieht, und Schrecken ungekannter Art mein Blut
versteinen. So, ich darf es Dir wohl sagen, überlief's mich todeskalt, als die
Aebtissin scheidend ihren Arm um meinen Nacken legte; ein leiblich Weh stiess
einen Schrei aus meiner Brust. Ihr Gesicht schien mir verzerrt, und ekler
Leichenduft umgab sie. Mein Herz war mir zum Zerspringen voll, ich hätte sie um
alles in die Arme schliessen mögen, und doch vermocht ich's nichts. So geht mirs
oft mit dem was ich liebe, es flösst mir plötzlich Schauder und Entsetzen ein, so
ging mirs ganz frühe mit jener schönen Nonne, und fast muss ich glauben, die
Natur habe ein unglücklich weissagend Gefühl in meine Brust gelegt, und diese
solle sich strenge dem verschliessen, was die Welt schön und freundlich nennt.
Denn wie leicht, dass ich nur zerstörend lieben könnte! Ich spüre so etwas in
mir! Drum liebes Kind bewach' ich mich, und zügele stets den Drang nach
Mitteilung und jenes innige Erwiedern des Empfundenen, die jedes Herz bewegen.
Denn mir und Andern, das glaube nur, würde ich grossen Schmerz bereiten, wollte
ich dem brennenden Verlangen meiner Seele Gnüge leisten. Nur mir, sagte Marie,
ganz hingerissen von der leutseligen Hingebung der Schwester, nur mir gönne den
Reichtum Deines schönen Herzens. Ueberschütte, erdrücke mich damit, aber nimm
mir nicht wieder, was Du mich ahnden liessest. Sieh' meine Antonie, wir werden
vielleicht nun bald ganz allein, von allem losgerissen, in fernen, fernen Landen
leben; wenn wir nun nicht aneinander hangen, uns nicht treu in Liebe bewahren,
was soll aus mir, ja auch aus Dir Antonie werden? Liebe Schwester, lass uns an
die Mutter, an die arme liebe Mutter denken! Das wollen wir! erwiederte Antonie
bewegt, und ihre Hand in die der Schwester legend, sassen beide Gedankenvoll und
schweigend, als ein Getöse sie aufschreckte, das erst dumpf, dann immer
anschwellender und lauter, zu ihnen herandrängte. Herr Jesus! schrie Antonie, da
sind sie schon! Indem stürzte Bertrand die Stiegen herauf, und bleich und
verstört rief er ihnen zu: dass ein Schwarm Republikaner das Schloss umzingele,
und obgleich die Zugbrücken aufgezogen, sei es doch zu befürchten, dass sie durch
die flachen Gräben dringen, den Wall erklettern, und Pforten und Riegel sprengen
werden. Der Marquis sei ausser Fassung, denn, da er sich nicht verteidigen
könne, woran er zuerst gedacht, wisse er auch kein Rettungsmittel zu finden. So
wird er und wir Alle doch zu sterben wissen, sagte Antonie, welche voraneilend
dem Vater zurief: Ist noch etwas zu tun, so lassen Sie uns nicht säumen, wo
nicht, den Tod suchen. Noch ist es möglich, von der Wasserseite zu entfliehn,
sagte Bertrand, es kommt allein darauf an, dass der Kahn auf dieser Seite des
Ufers ist, und wir unbemerkt aus dem Schloss entkommen können. Ich gehe, setzte
er nach einigem Besinnen hinzu, das Nötige zu erkunden. Marie drückte ihm
sprachlos weinend die Hand, Antonie aber beschwor ihn, zu eilen, ungeduldig die
Entscheidung ihres Schicksals zu erfahren.
    Alle blieben in gleichem Maasse unruhig zurück. Der Marquis lief heftig auf
und nieder, fuhr sich oft mit beiden Händen in die Haare, und machte so
grässliche Geberden, als sähe er schon all die Greuel, die ihn bedroheten.
Plötzlich fiel ein Büchsenschuss dicht vor dem Fenster, dann noch einer, und des
Essenkehrers Stimme rief laut: nur mir nach, ich kenne hier Wege und Stege! Herr
des Lebens! schrie die Köhlerfrau, Alexis, ihr fünfjähriges Söhnchen, in den Arm
nehmend, nun sind sie herüber, nun ists vorbei mit uns! Antonie aber zog alle
mit sich fort in die hinteren Gemächer, sie hatte selbst keinen klaren Gedanken,
sie wollte nur entfernt sein von den nahen Eingängen. Dasselbe Gefühl drängte
alle immer weiter zurück, und so flüchteten sie von Zimmer zu Zimmer, und kamen
endlich in jene Polterkammer, welche dem Marquis vor vielen Jahren das
rätselhafte Buch und den Schlüssel zuführte. Antonie schob einen alten Schrank
vor die einzige Tür, die zu diesem äussersten Schlupfwinkel führte. Und so
blieben sie einander gegenüber, entsetzt, nichts mehr zu ihrer Rettung tun zu
können.
    Indes knisterten neben und über ihnen Flammen, welche durch hereingeworfene
Feuerbrände im Schloss angeschürt waren. Die fürchterlichste Angst, auf solche
Weise dem Tode nicht mehr entgehen zu können, riss Alle aus sich heraus, und
überwältigte jeden stilleren Ruf mahnender Gottesfurcht und Ergebung. Der
Marquis schäumte vor Wut, Antonie ging wie betäubt umher; die Andern lagen
kniend am Boden. Der Qualm und Rauch drang schon durch die verrammelte Tür, als
Antonie jenen Schlüssel, welchen der Vater immer bei sich trug, aus dessen
Tasche zog, ihn in eine schmale Tür, welche hinter einem Wust alten Bilder und
zerbrochener Stühle verborgen war, hineinsteckte, mit grosser Anstrengung in dem
verrosteten Schloss umdrehete, die Tür eröffnete, einzelne in der breiten
Mauer eingehauene Stufen hinabstieg, und den Andern, ihr zu folgen, winkte.
Worauf sie alle einen schmalen, dunklen Steg fortgingen, ohne zu wissen, was sie
taten, noch wohin sie gelangen würden. Doch ehe sie sich recht besannen, waren
sie auf der andern Seite des Walles, dicht an der leuchtenden Rhone, die ihnen
den silbernen Rücken grossmütig bot, sie aus den Flammen zu tragen. Dicht am
Ufer stand Bertrand mit dem Nachen, und sah verzweifelnd auf das brennende
Schloss. Doch kaum ward er ihrer ansichtig, als er auf sie zusteuerte, und die
plötzlich Erretteten, zitternd vor Wonne und Angst, in das kleine Fahrzeug
stiegen, sich einander in die Arme fielen, beteten und weinten, und halb
ohnmächtig an den Mauern hingleiteten, aus welchen die Flammen wild
hervorleckten, und die Fenster grässlich erhellten, die klirrend über ihnen
zersprangen, und die innere Verwüstung kund gaben. Bald nachher sahen sie einige
ihrer Verfolger sich auf die Bäume der Wallbekränzung schwingen, und ihre
Gewehre nach dem Wasser zu abfeuern. Ruhig glitt der Kahn indes, von dem
mächtigen Strome geschützt, weiter hinab, die Nacht verdeckte sie, wie die
heimatliche Gegend, nur die Feuer warfen noch, hell aufleuchtend, scheidende
Blicke vom Schloss auf sie herüber.
 
                                  Zweites Buch
                                Siebentes Kapitel
Der feuchte, lösende Hauch des Wassers, wie das linde Wiegen des Kahnes, hatte
nach grade alle Gemüter beruhigt. Die Gefahr trat mit Frankreichs Küsten
zurück. Ein fremder Boden sollte ihnen eine neue Welt, neue Verhältnisse, neue
Glückseligkeit, zuführen. Die Erinnerung jener verstörenden Schreckbilder ward
von den vorüberrauschenden Wellen verdrängt. Wo diese herkamen, war es anders;
dahin ging ihr Weg. Zudem boten ihnen Savoyens nahe Ufer Augenblickliche
Rettung. Und als der Köhler dem Marquis vorschlug, mit ihm nach Chambery zu
gehn, und so lange dort zu bleiben, bis er einen festen Plan für die Zukunft
gefasst habe, willigte dieser ein, worauf sie sofort ans Land stiegen, und ihre
Wanderung durch das anmutige Tal bis zur Hauptstadt voll belebender Hoffnung
fortsetzten.
    Als sie dort ankamen, und durch die schmale Gassen, zwischen hohen, schönen
Häusern hingingen, ihre Blicke bald hier bald dortin auf den belebten Gang
ungefährdeten Verkehrs richtend, der lang entbehrten bürgerlichen Sicherheit
froh, ward in mehreren Kirchen die Messe eingeläutet. Der Glocken metallene
Schwingungen bebten durch die eng aneinander gereiheten Gebäude, und brachen
sich, wie Himmelsruf, in den Herzen der glücklich Erretteten. Unwillkührlich
lenkten diese ihre Schritte zu den Stufen einer Katedrale, und dort
niedersinkend, beteten alle aus tiefstem Innern, ja in beschämender Freude, so
vieler Huld gewürdigt zu sein.
    Unter der Menge hier aus und ein strömender Menschen, streifte auch eine
ärmlich in Trauer gekleidete Frau an ihnen vorbei. Sie blieb einen Augenblick
stehn, und sah leutselig froh auf die verschiedenartige Gruppe schöner,
bedeutender Köpfe, als sie, plötzlich den Marquis in die Augen fassend, näher
hinzu trat; doch eben so plötzlich durch das Gedränge neu Herzukommender
fortgerissen, sich in die grosse Masse verlor.
    Der Marquis hatte weder sie, noch überall einen der Vorübergehenden bemerkt.
Durch das eigene Innere überrascht und bezwungen, hatte er gebetet, und folgte
nun fast träumend dem Köhler, der ihn freundlich einlud, bei seinem Schwager
einzukehren, welcher Goldarbeiter, wohlhabend und gastlich sei, die
ausgewanderten Nachbarn daher gern aufnehmen werde. Die Frau, setzte er hinzu,
treibe daneben einen Spitzenhandel, der wie bekannt überall stark in der Stadt
getrieben werde, habe deshalb viel Verkehr, selbst im Auslande, bis nördlich
über die Berge hin, und, gewandt und freundlich wie sie sei, könne sie ihnen
wohl über manches Auskunft geben.
    Dem Marquis war das ganz willkommen. Er trug ausser mehrern wichtigen
Papieren noch das Schmuckkästchen der Marquise bei sich, und hoffte, mit Hülfe
des Goldarbeiters, einige Kleinigkeiten desselben vorteilhaft benutzen zu
können, indem es ihm wichtig war, die Papiere, alle auf bedeutende Summen
ausgestellt, nicht eher umzusetzen, als bis sein äusseres Verhältnis sich fest
gestaltet habe.
    Sie kamen jetzt an ein sauberes Häuschen oberhalb der Leisse gelegen, als
der Köhler sagte, nun sind wir an Ort und Stelle! Der Goldarbeiter hatte seine
Werkstatt in der Vorhalle aufgeschlagen, und arbeitete dort emsig. Die Tür nach
Innen zu war offen. Man sah um einen grünbehangenen Tisch Kinder und Jungfrauen
im Vorsale sitzen, alle die schweren Kissen vor sich, und die feinen Knöppel,
wie zum Spiel, zwischen den Fingern hin und her werfend. Als der Köhler zuerst
mit Frau und Kind herantrat, stand der Mann höflich grüssend von seinem Sitze
auf, doch plötzlich ward sein Gesicht hell wie die Freude, und ein Zug weichen
Mitleids um den Mund, sagte was in seinem Herzen vorging. Er nahm den Knaben auf
den Arm, hertzte und küsste ihn, streichelte der Köhlerin blasse Wange, und
eilte, nach einer flüchtigen Unterredung, dem Marquis, voll Bereitwilligkeit,
ihn und die Seinen aufzunehmen, entgegen. Es bedurfte wenig Worte, um dass alle
befreundet in das Haus traten. Auch Felicitas, die Hausfrau, zeigte sich
wohlmeinend; und gewohnt, die geschäftigen Hände flink zu rühren, hatte sie
alles bald angeordnet, Zimmer geräumt, jeden seinen Platz angewiesen,
Erfrischungen herbeigeschaft; und wohl fühlend, dass Ruhe das Notwendigste sei,
was die armen Erschöpften bedürften, diese im Hause geboten, und sich mit den
Ihren zurückgezogen.
    Es gab auch wirklich Niemand unter ihnen, welcher den Schlaf nicht gesucht
und gefunden hätte. Er legte sich besonders den beiden Schwestern so bleiern auf
Auge und Bewusstsein, dass andern Tages beider Erwachen recht beklemmend war. Das
ungewohnte Zimmer, das fremde Bett, die eigens dem Bedarf angepassten
bürgerlichen Umgebungen, ja ehe sie alles das noch deutlich wahrnehmen konnten,
das lose Schwanken des innern und äussern Blickes, bis er die wirkliche, nun
aufgegangene Gegenwart gefasst, alles drückte sie schüchtern in ihre Decken
zurück. Was gestern noch wünschenswert erschienen, was der Not des Augenblicks
plötzlich abhalf, war heute doch beengend. Wie aus dem Schlaf, so erwachten sie
jetzt erst aus der Verwirrung ihrer Sinne. Frankreich, dem schönen Vaterlande,
hatten sie in ängstlicher Eile den Rücken gewandt, und sich blindlings fremdem
Boden anvertrauet! Anders, sagte Antonie, ist es hier, ganz anders, das ist
gewiss! ob besser oder schlechter? wir wissens nicht! Niemand von uns weiss es!
Mir fällt, vielleicht zur Unzeit, die Geschichte eines Offiziers bei, welcher
während eines Krieges in den Transcheen kommandirend, endlich abgelöst, zu
seinem Regimente geht, und aller Gefahr entgangen, auf dem Wege dahin vom
Gewitter erschlagen wird. Liebe Marie! wer weiss was sich da hinter den blauen
Gebirgen für Gewitter gegen uns auftürmen!
    Marie sah ängstlich in dem engen Zimmerchen umher, und zu der trüben
Schwester hin, deren Worte immer so schwer in ihre Seele fielen. Ihr stiegen die
Tränen in die Augen, sie ging zum Fenster, öffnete das, und erheiterte schnell
ihren Blick, an den schönen, vollen Früchten, den Blumen, den Citer- und
Mandolinen- Klängen, den freudigen Menschenstimmen, an all dem bunten Wesen der
Menge. Sieh, o sieh! liebe Antonie, rief sie dieser zu, hier ist es wirklich gar
nicht so traurig! Die Menschen sehn recht lustig aus! bemerkst Du wohl das
kleine Mädchen, mit dem glänzenden Strohhut! wie allerliebst! sieh, wie zierlich
ihr die Mandoline über der Schulter hängt, wie sie mit einer Hand zwei Orangen
spielend in die Höhe wirft, und immer eine wiederfängt, indes sie mit der andern
Hand leicht über die Saiten hinfährt, als greife sie die Töne und den Takt aus
der Luft, mit welchen sie die tanzende Bewegung ihres Körpers begleitet! komm,
ich bitte Doch, lass uns das näher sehn, geh mit mir hinunter!
    Antonie folgte ihr Gedankenvoll in den Vorsal. Er war noch leer. Sie traten
in die Halle. Hier sass Alexis auf dem Sessel des Oheims, vor dessen
Arbeitstisch, und einen Stift in der Hand grub er, diesen nachahmend, in eine
kleine Silberplatte lauter Pünktchen, einen neben den andern. Antonie verwies es
ihm, aus Furcht, dass er etwas verderben möchte. Das Kind hatte immer eine grosse
Scheu vor ihr gehabt. Ihr strenger Blick und die starre Schönheit ihrer Züge
machten ihn heben. Jetzt sah sie besonders strafend auf ihn nieder. Er fuhr bei
dem Ton ihrer Stimme zusammen, und wollte erschrocken fliehen, als er
unversehens den Stuhl, auf dem er sass, mit dem Tisch und allem darauf liegenden,
zur Erde warf.
    Antonie ward sehr bestürtzt über diesen Vorfall. Denn Gold und Silber,
Feile, Schmelztiegel und Goldwage, Cirkel und Massstab, alles lag neben edlen
und unedlen Steinen bunt durcheinander. Marie war ihr sogleich behülflich, alles
wieder an Ort und Stelle zu legen. Auch Antonie wollte das Ihre tun, als sie,
ein aufgesprungenes Futteral schliessend, einen schön gearbeiteten Dolch
erblickte, der sie erst mit einer Art Entsetzen erfüllte, dann aber ihr Blut
glühend durch die Adern trieb. Dunkel sagte sie sich: ich will dem Goldarbeiter
davon sagen, und steckte ihn in den Busen. Da klopfte eine leise Hand auf ihre
Schulter, sie wandte sich, und die Frau in Trauer stand vor ihr, ein Kästchen
mit Arbeitsgerät und ein Kissen, worauf angefangene Spitzen befestigt waren,
unter dem Arm tragend. Verzeihen Sie, sagte diese im feinsten Pariser Accent,
wenn ich eine Unbescheidenheit begehe, indem ich Sie frage, ob Sie sich gestern
mit einem ältlichen Herrn am Eingang der grossen Katedrale befanden? ob dieser
Herr Ihr Vater war? ob Sie - O mein Gott vergeben Sie, setzte sie hinzu, als
Antonie etwas zerstreuet, und mit dem Vorhergehendem beschäftigt, ungeduldig auf
sie hinsah, aber ich muss Sie bitten, mir das zu beantworten. Nun ja, sagte
Antonie, er ist mein Vater. Der aber rief jene unbeschreiblich bewegt, ist kein
anderer, kann kein anderer sein, als der Marquis von Villeroi! und ein Fräulein
Villeroi steht hier vor mir! Mein liebstes Kind, umarme mich immer! ich habe
Rechte auf Dein Herz, glaube mir das! Sie zog Antonien an ihre Brust; dann aber,
sich besinnend, fragte sie hastig, wo ist Deine Schwester? lebt sie nicht mehr?
Marie näherte sich, und ihre Hand mit Schüchternheit fassend, sagte sie leise,
ich bin es! Arme hübsche Kinder! rief die Dame! wandte sich dann ab, und weinte
einige Augenblicke heftig in ihr Taschentuch.
    Wo soll ich denn anfangen, sagte sie drauf gefasster, Euch kenntlich zu
werden! Ihr wisst nichts von Eurer Familie! Ihr seid so jung, die Vergangenheit
ist so alt! es ist so lange her, dass Frankreich schön war, dass Freunde und
Verwandte von einander wussten. Ihr kennt wohl Niemand! habt niemals von mir
sprechen hören! und geträumt hat Euch auch nicht von der armen ausgestossenen,
bejammernswerten Tante Clairval!
    Marie lag schon lange schluchzend an ihrer Brust, als Antonie nachsinnend
sagte: ich habe Sie früher gesehn, meine Tante, ich erinnere mich dunkel!
Niemals, niemals, mein Kind, entgegnete die Baronin. Nach dem Tode Deiner armen
Mutter hat der Marquis sich und seine Kinder von der Welt fern gehalten. Die
Aebtissin Eures Klosters war nicht meine Freundin. Seit dem ersten Jahre Eures
Lebens trafen wir nicht wieder zusammen. Doch! doch! sagte Antonie in sich
zurücksehend, als der Marquis eben in den Vorsaal trat. Die Baronin blieb einen
Augenblick überrascht stehn! Das ist er also geworden! rief sie, so hat die Zeit
gearbeitet! Der Marquis ward bei dem Ton ihrer Stimme von verworrner Erinnerung
getroffen. Er sah fragend auf seine Töchter. Armer Schwager! sagte die Baronin,
so ist alles todt! die schöne Jugend, und die Liebe, und das Andenken an den
Wahnsinn der Leidenschaft, und den beruhigenden Balsam treuer Freundschaft! Mein
Gott, Pauline, rief der Marquis, wie vom Blitze getroffen, meine liebe, meine
unglückliche Pauline! Was machen Sie hier? was wollen Sie hier? in diesem
Aufzuge, in Trauer sehe ich Sie wieder! Was ich hier will? erwiederte sie,
lieber Himmel! weinen und arbeiten, da drüben haben sie mir das Herz aus dem
Busen gerissen, und nachdem sie es mit Füssen getreten, stiessen sie mich zum
Lande hinaus! Schloss Clairval ist geschleift, der Baron - sie stockte einen
Augenblick - die Henker schleppten ihn aufs Blutgerüst, - mich wollten sie
nicht, ich weiss nicht, warum ich leben muss, aber ich muss! ich tue selbst dazu,
ich friste mir das Leben, ich arbeite für Geld; dieselbe Frau die mir sonst
häufig grosse Pakete Spitzen auf heimlichem Wege zuschicken musste, hat mich nun
selbst auf heimlichem Wege hiehergebracht, und lehrt mich, für den Schmuck, und
das elegante Bedürfnis Anderer sorgen. Es liegt darin nichts besonderes, es ist
der Lauf der Dinge! und doch ist hier etwas, sie drückte beide Hände gegen die
Brust, was sich empört, was mir bittere Tränen auspresst. Es ist so schwer,
allem zu entsagen, was, wie das Tageslicht, Leblosem und Lebendem erst Glanz und
Farbe gibt. Doch ich rede von mir. Sagen Sie mir, wie es Ihnen erging? Was mein
Bruder macht und sein Sohn? ob sie noch in Frankreich, ob der Letztere noch bei
seinem Regimente ist?
    Beschämt, nichts von den Freunden zu wissen, sah der Marquis zur Erde, und
sagte kleinlaut, ich denke, wir begrüssen einander alle recht bald in unserm
Vaterlande wieder. Glauben Sie das? fragte die Baronin, damit haben sich die
Leichtgläubigen seit Jahren einander selbst belogen. Und wenn auch! Das Alte
kommt nicht wieder. Wie wir beide nicht noch einmal zwanzig Jahr werden können,
so macht auch das Gesammtleben keinen Rückschritt. Politische Crisen sind
Stufenjahre, geistige und leibliche Natur, alles geht einen Weg. Verwachsen
Kinder ihren Schuh, so verwächst der Zeitmoment Formen. Lieber Marquis, wir
betteln uns wohl einmal wieder in unser Vaterland zurück, aber die abgefallene
Frucht ist doch tod. - Sie wissen also nichts von den Meinen? fuhr sie
nachsinnend fort. Es ist schlimm! ich hatte auf meinen Bruder gehofft!
    Sie haben den Bruder wieder, liebe Pauline, sagte der Marquis sehr bewegt,
wir verlassen einander nicht! Sie müssen meinen Töchtern die Mutter ersetzen.
Ich verstehe nichts mehr von der Welt, die Welt nichts von mir, die armen Kinder
sind wohl übel daran mit mir, gewiss liebe Freundin, Sie können nicht so
ungrossmütig sein, sie jetzt zu verlassen.
    Musste denn so vieles geschehn, sagte die Baronin, ehe wir uns wiederfanden!
Und sind wir nun zwei Andere geworden, dass Sie Vertrauen zu mir fassen? Mein
alter Freund, ich sehe in dem umdämmertem Auge da dieselbe dunkle Glut, die
Hochzeit- und Todtenfackeln anzündete, die Schloss Clairval mit tausend Blitzen
durchschoss, vor der sich Herzen zusammenzogen und die dennoch Schmerz und
Entzücken hineinbrannte! Ich höre aus dem Ton Ihrer Stimme jene Worte des
Mahomet herausklingen, mit der Sie von der Bühne aus die Seele der Geliebten,
wie die der Freunde, heftig anfassten:
»Ha, wiss um meine Wut, um alle meine Schwächen!«
Und dann wieder:
»Mein Leben ist ein Kampf, durch meine Mässigkeit
Hab ich Natur dem Joch des strengen Sinns geweiht!«
Ja, ich fühl es dem unbezwinglichen Herzen an, dass es Heut wie in jenem
Sinnverwirrenden Winter zu Paris die Abgründe der Zeit wie der Erde sprengen,
der Natur ihr hohes Geheimnis und die Zügel der Welterrschaft entreissen, sich
aber zum Gott und Tyrannen der Welt hinaufmeistern möchte!
    Sie sagte die letzten Worte unter heftigem Weinen, denn sie dachte an die
blühende Schwester, die ein Opfer jener vermessenen Versuche ward! Der Marquis
hatte sich in einen Stuhl geworfen, und mehr durch die Frühlingslichter jener
Zeit, als durch ihre Vorwürfe, getroffen, liess er ungehindert einzelne Tränen
über sein Gesicht hinrollen. Die Baronin trat zu ihm, legte die Hand auf seine
Schulter, und sagte gutmütig, ich will nicht rechten mit Ihnen, auch nicht
tadeln, was die Natur und das Leben einmal so gemacht, einmal so gewollt haben!
aber fragen muss ich Sie doch, ob Sie es Heut besser wie damals in mir dulden
werden, wenn ich über manches anders denke, anders empfinde, wie Sie? Ich bin in
der Hauptsache dieselbe geblieben. Sie haben das so eben noch gesehn. Ich muss
sagen, wie ich es empfinde, berechnen kann ich nicht, solchen Kopf hatte ich
nie. Und wenn mich nun meine Welterfahrung, mein rasches Hineinempfinden in das
Leben, andere Dinge sehen lässt, als Ihnen Ihr mystischer Feuerblick zeigt,
werden sich die Kinder da in dem Streite behaupten können? Was von allem wird
ihnen wahr, notwendig, und bestehend erscheinen?
    Der Marquis schwieg einen Augenblick. Meine Freundin, hub er nach einer
Weile an, ich bin unruhig in mir selbst geworden. Ich glaubte mit dem Aussenleben
fertig zu sein. Ich durfte das lange Zeit glauben, jetzt scheint die allgemein
menschliche Wirksamkeit die gefristete Stundenzahl einzufodern, ich weiss nicht,
wie ich mich darin finden werde, ich weiss nicht, wie ich mich überhaupt finden
soll! Der Blick für das Maass und die Verhältnisse des ganzen Aussenwerkes ist mir
verloren gegangen. Man hat den Boden unter mir verschoben, deshalb stehe ich zu
dem neuen Leben in schiefer Richtung, und alles darin stört und verletzt mich.
Urteilen Sie nun, wie überraschend, wie erwünscht es mir ist, Sie zu finden,
der ich getrost den verwickelten Faden in die Hand geben kann, die Töchter daran
fortzuleiten, ohne selbst meine eigenste Welt zu verlassen, die ich niemals
verlassen kann, in der weder Sie, noch irgend einer mich findet, und die deshalb
jedem verschlossen bleiben muss, den nicht tiefe Nacht die flammenden
Hieroglyphen entziffern lehrte. Pauline, es ist etwas fruchtbar Heiliges um die
Nacht; glauben Sie mir das! sie spinnt ihre Fäden durch Schlaf und Traum, wirkt
und webt Bilder in die Seele, die aus Gräbern hinaufsteigen, die Decke von dem
tiefen Grunde wegziehen und hinweisen auf das grosse Räderwerk des ewigen
Weltmechanismus! Der Schlüssel, der ihre Tore öffnet - Er hielt betroffen inne,
- der Schlüssel - mein Gott! wohin hat mich der geführt! -
    In die Welt! unterbrach ihn die Baronin etwas ungeduldig. Täuschen Sie sich
nicht, Sie kommen so leichten Kaufs nicht los! Das Leben hat Sie einmal gerufen,
es gibt Sie nicht wieder frei. Doch lassen wir das! es findet sich von selbst
am besten. Vor der Hand nur das Nächste. Der Augenblick hat uns, wie viele
Andere, unversehens zusammengeführt. Sie reichen mir die Hand, aus Grossmut? aus
bequemer Eil die eigene Ruhe zu erretten? ich will nicht grübeln! Nehmt mich
hin, Ihr Kinder, rief sie, beide Mädchen umschlingend! Ich berge es nicht, mir
bangte recht nach Herzen, die meines Stammes Blut bewegt, sich höre wieder
Frankreichs Sprache! Paris, die Welt, die Jugend, das volle Leben ist wieder da!
Ich liebe auch das Fremde, es sieht oft so gross, oft recht zierlich aus, aber
wenn ich denke, dass es mich festalten will, dann ist mirs ein Gräuel! Seht! so
habe ich unzählige Tränen auf die Kantenarbeit fallen lassen, die Nadeln da auf
dem grünen Kissen drückten sich mir jedesmal ins Herz zurück, die Hände
zitterten vor Ungeduld, dacht' ich, dass all die Schlingen und Oesen mein armes
Dasein so eng einspannen. Und doch werde ich noch recht oft Kanten knöppeln! Es
ist ein liebes Spiel! Man wirft die Fäden so hin und wieder, wie oft die
Menschen und die Ereignisse im Leben, und wenn es fertig ist, ist's doch etwas!
Werdet Ihr mich auch lieb haben Kinder? fragte sie jetzt, ohne Eure Liebe könnte
ich nicht eine Stunde unter Euch sein. Du da, mit den Junoaugen und der
wunderbaren Stirn, sie strich Antonien leise über die Augenbrauen, was liegt da
für eine dunkle Welt? Eine Welt voll tiefer Liebe, sagte Antonie, schnell auf
ihre Hand gebeugt. Die Baronin küsste ihr die Stirn. Du hast was Eigenes, Kind,
sagte sie, was Fremdes! ich muss Dich wider Willen ansehn! Nun wir werden uns
alle in einander finden lernen!
    Marie flog jubelnd durch das Häuschen, erzählte Bertrand, Felicitas, allen
die es hören wollten, dass sie eine liebe Verwandte, die Tante Clairval gefunden
hätten, und nun immer mit ihr sein, mit ihr reisen, und vielleicht auch nach
Frankreich zurückkehren würden. Alle nahmen Teil, besonders freuete sich
Felicitas des Glückswechsels ihrer ehemaligen Beschützerin, sie setzte hinzu:
sie habe sie zwar gern ihr kleines Handwerk gelehrt; doch habe es sie jedesmal
geschmerzt, es sie so ängstlich, des Gewinnftes willen, treiben zu sehn.
    Der Marquis hatte indes der Baronin das Schmuckkästchen seiner Frau gegeben,
und sie gebeten, dasjenige herauszunehmen, was ihr jetzt am nutzbarsten zu sein
schiene. Sie empfing es nicht ohne Erröten, und hielt das sauber ausgelegte
Maroquinfutteral einen Augenblick, unschlüssig, was sie tun solle? Doch öffnete
sie es. Steine und Perlen sahen schön von dem weissen Sammet herauf, mit welchem
die innern Fächer ausgelegt waren. Die Baronin liess überrascht den Deckel wieder
zufallen. Helle Tränen schossen ihr in die Augen. Die furchtbarste Sprache in
der Natur, sagte sie, hat das Leblose, es fällt wie eine Leiche auf unsere
Brust! Ein ausgeräumtes Haus, ein Kleid, ja ein blosser Handschuh, können einem
die Seele zerreissen! und nun diese Steine! Aus jedem sieht mir das liebe
Gesichtchen entgegen! Sie setzte sich, das Futteral vor sich auf den Tisch
legend! Lange spielte sie gedankenvoll an dem silbernen Schloss, dann öffnete sie
es langsam, als wolle sie sich mit dem Anblick bekannt machen. Die Schwestern
sahen ihr neugierig über die Schulter, aber Antonie hatte kaum einen halben
Blick hinein getan, als sie schnell nach eines Mannes Bild, reich mit Steinen
eingefasst, griff, und unruhig fragte, wer der Herr sei? Mein Bruder, der Herzog,
entgegnete die Baronin. Ohne weiter Antonien zu beachten, nahm sie das Bild, und
zu dem Marquis gewandt, sagte sie; wenn ich die glänzende Einfassung hier
abnehme, will ich denken, ein Teil von dem verlorenen Glanze des armen Herzogs,
wie des Vermögens meiner Väter, sei auf mich gekommen, und ich empfange nur, was
mir früher zukam. So schalte ich wie mit dem Meinen, und mir ist wohler Ihnen
gegenüber. Kommt eine Zeit der Ausgleichung, so wird das Spiel ein ernster
Tausch, wo nicht - so löscht eine höhere Hand meinen Schuldbrief.
    Antonie fasste jetzt mit grosser Heftigkeit der Baronin Hände, sah ihr fast
bittend in die Augen, liess dann langsam die Hände sinken, und wandte sich
schweigend ab. Die Baronin verstand sie nicht, sie schüttelte den Kopf, sagte
indes nichts weiter, sondern schritt gleich zur Ausführung dessen, was sie so
eben dem Marquis mitgeteilt hatte. Deshalb hiess sie dem herzukommendem
Juwelier, ihr das Bild sauber aus der Fassung heben, diese dann abschätzen, und
den Handel selbst übernehmen, oder ihn gefälligst anderweitig zu besorgen.
    Der Mann ging sogleich an die Arbeit. Felicitas stellte sich neben ihn, den
Wert der Steine mit ihm zu besprechen, sie wollte der Freundin gern zum
Vorteil, und sich auch nicht zum Schaden die Sache eingeleitet wissen, und
legte Maass und Gewicht in ihre Blicke, die auf und ab über das Bild
hingleiteten. Die Schönheit der Züge fiel ihr daneben auch in die Sinne, sie
fasste sie daher scharf auf, und sagte, da ihr die Sache klar ward: ich habe den
Herrn kürtzlich gesehn, als die französischen Regimenter die Stadt besetzten.
Ihn gewiss nicht, erwiederte die Baronin, vielleicht seinen Sohn, denn die
Aehnlichkeit ist sprechend, vergleiche ich diesen mit dem, was der Herzog in
seinem Alter war. Nun, auch mit Ihnen, gnädige Frau, sagte Felicitas, ist die
Familienähnlichkeit sehr auffallend. Antonie fuhr schmerzlich mit der Hand auf
die Brust; sie fühlte dort den Dolch, welchen sie vergessen hatte, sah
verwirrend zur Erde, und ging mit gesenktem Auge zum Zimmer hinaus.
 
                                 Achtes Kapitel
Alles war nach und nach in ruhigen Gang gekommen. Die Baronin war wieder
geschmackvoll und bequem gekleidet, hatte ein Zimmer neben ihren Nichten
bezogen, jedes fügte sich, und wurden heimatlich und vertraut mit Lage und
Umgebung.
    Die Tante hatte es gern, wenn Marie erzählte; sie sass dann behaglich auf dem
Ruhebett, die Arme übereinander geschlungen, den Oberleib etwas vorgebeugt, und
sah mit anmutiger Neugier und seitwärts geneigtem Kopfe, in die weichen,
beweglichen Züge der Kleinen. Oft unterbrach sie dies auch, spielte mit ihren
blonden Locken, und sagte wohlgefällig: wie hübsches weiches Haar! Marie küsste
ihr dann die schönen Hände, und gab ihr die kleinen Schmeicheleien reichlich
wieder zurück. Antonie war meist still, doch aufmerksam, ja zärtlich bis zur
Demut, gegen die Baronin. Sie lernte vom Juwelier allerlei feine Arbeit machen,
auch in Kupfer stechen, und in Gold und Silber graviren. Es beschäftigte sie
dies dauernd, und oft bis zur Erschöpfung angestrengt. Sie bemühete sich indes
vergebens, ein höchst widriges Gefühl hierbei zu bekämpfen, was sie zu Zeiten
nötigte, mit der Arbeit inne zu halten, und mehrere Stunden zu feiern. Es gab
nehmlich Tage, vorzüglich bei scharfem Sonnenschein, wo ihr das Berühren aller
Metalle höchst empfindlich war. Sie versuchte sich mit allen, doch jedes wirkte
eigens unangenehm. Ganz besonders gaben ihr Kupfer und Eisen die gröste Qual.
Letzteres goss Todeskälte durch ihren Körper, da Ersteres durch bittere Säure
ekelhaft auf Geruch- und Geschmacksnerven wirkt. Auch mit dem Golde ging es ihr
nicht besser, dies stach ihr prickelnd, wie elektrische Fünkchen, durch Arme und
Finger. Sie war an solchen Tagen, heftig, ungleich, Fieberkrank, konnte weder
bei der Werkstatt des Goldarbeiters vorbeigehn, noch diesen überall um sich
dulden. Eigen war es, dass sie, auf solche Weise gerejetzt, mit einer Art von
Begier den stählernen Dolch ergriff, welchen sie heimlich von ihrem Wirte
eingehandelt und in ihren Kleidern verborgen hatte, an diesem hin und her griff
und einen wohltätigen Strom durch ihre Adern rinnen fühlte. Fast immer in sich
verschlossen, kam von allem dem nichts zu der Kenntnis der Andern, als was die
Aufmerksamkeit dieser erspähte, oder was sich durch die spröde Sonderbarkeit
Antoniens ihnen unverständlich aufdrang. Auch standen beide Schwestern jetzt
einander wieder entfernter. Marie war höchst behaglich und wie zu Hause bei der
Tante. Beide plauderten vor ihr Leben gern, und mochten von allem hören, was um
sie vorging. Zudem hatte Marie mit grosser Freude jenes zierliche Kind, was sie
jüngst so auf der Strasse entzückte, unter Felicitas Schülerinnen wahrgenommen.
Sie war eine Veroneserin, um weniges jünger als Marie, noch kleiner als diese,
und auf die anmutigste Weise lebhaft und gewandt. Beide gesellten sich leicht
zu einander, und war Marie ganz Entzücken, sah sie Giannina die üppige Tarantela
nach dem schallenden Takt der Kastagneten tanzen; oder hörte sie sie, im
Wechselmaass, den Streit zweier Liebenden mit geläufiger Zunge komisch parodiren;
so bewunderte jene in ihr das feine Französisch und die vornehmen Sitten.
    Die Baronin hatte Giannina schon früher lieb gewonnen, sie sah es gern, wenn
sie nach der Arbeit zu ihr herauf kam. Sie wusste so wunderliche Geschichtchen zu
erzählen, oder zärtliche Romanzen zu singen, die auch Alexis anzogen, so dass er
niemals dabei fehlte. Der Herbst kündigte sich überdem jetzt, von den Gebirgen
her, schon ziemlich stürmisch an; Im Freien war es nicht mehr hübsch; um den
Kamin sass es sich behaglicher. Die Baronin war nicht viel davon wegzubringen und
nie erschien sie heiterer, als wenn sie die lieben, kleinen Menschengesichter,
wie sie ihre jungen Freunde nannte, umgaben.
    Der Marquis hielt sich von all dem heitren Verkehr ziemlich entfernt. Er
hatte sich wieder in seinem Zimmer eingebauet, und kam selten und nur flüchtig
zur Baronin herüber. Sie dankte ihm sein Schweigen, und vermied es gern, ihn
nach der Ursach einer immer wachsenden Unruhe zu fragen, die sich deutlich in
seinem Wesen offenbarte. Doch ward sie endlich durch ihn selbst gezwungen, näher
darauf einzugehn.
    Er fand sich einst mit ihr allein, und, jedes andere Gespräch abbrechend,
entdeckte er ihr, dass er gesonnen sei, sie und seine Kinder zu verlassen und
sich allein nach Aegypten einzuschiffen. Ohne auf ihr Erstaunen und das
Bestreben, ein Wort dazwischen zu reden, Acht zu haben, rückte er seinen Stuhl
näher an den ihren, und fuhr fort, ihr die Geschichte jener Gewitternacht, die
Verheissung und das Auffinden des seltsamen Buches zu erzählen, zugleich aber
seinem Schmerz, über den unvermeidlichen Verlust desselben bei dem Brande des
Schlosses, freien Lauf zu lassen. Er setzte hinzu, dass er fest glaube, es sei in
Aegyptischer Sprache abgefasst gewesen, weshalb er zu dem Quell der alten
Weisheit hineile, die verborgenen Schätze aufzusuchen. Wie kommen Sie darauf?
fragte die Baronin; warum grade in Aegyptischer Sprache? Ich sehe davon die
Ursach nicht ein! Wie sollen Aegyptische Bücher nach den Ufern der Rhone kommen?
Die alte, versteinte Zeichensprache ist ja kein Gemeingut, mit welchem, am
Weitesten zurückgegangen, Marsilias Erbauer Handelsverkehr getrieben hätten!
Viel natürlicher halte ich jenes Buch für eine Sammlung Altnordischer
Zaubersprüche, welche sehr wahrscheinlich die alte wunderliche Königin
Giselberta, Ihre Stammmutter, aufsammeln liess. Sie wissen, was der Abbee
Cername für seltsame Nachrichten über sie aus dem Schlossarchiv herauslas; wie
sie durch das Auflegen ihrer Hände allerlei körperliche Schäden geheilt, welche
Gabe sich lange in unsers Königs Hause forterbte, wie sie ferner Metalladern und
den Lauf des Wassers unter der Erde durch physische Wahrnehmung herausgefühlt,
und der Wunderkräfte und Eigenheiten mehr besessen hat. Der Marquis sah
nachsinnend in die Flamme des Kamins; - doppelt schlimm, rief er, wenn es so
ist! ein vererbtes heiliges Pfand! und unersetzlich verloren, unersetzlich! -
Was hülfe es Ihnen, unterbrach ihn die Baronin, besässen Sie es noch, Sie können
es nicht gebrauchen, niemand kann jetzt absichtlich zaubern, niemand; das ist
vorbei, das soll vorbei sein. Wer sagt Ihnen das! rief der Marquis sehr heftig.
Die Ordnung Göttlicher und weltlicher Dinge, entgegnete die Baronin. O heilige
Natur! schrie er mit gewaltiger Stimme: kreisen Deine ewige Sonnen nicht Heut
wie damals in ihren gesetzlichen Bahnen! ist ihr Verhältnis zu einander ein
neues geworden! und ist der Mensch ein ausgestossener Fremdling in Deinen azurnen
Hallen? Ja, sagte die Baronin fest und sicher, ein überwachsenes Kind ist er,
das Tor ist ihm zu klein geworden, aus welchem er heraustrat, nun will er es
einschlagen, das geht nicht, er soll leise anklopfen, es wächst mit seiner
Demut und wird höher und höher bis er bequem hineintritt! Heilig nennt Ihr die
Natur, Ihr Neuerer, und wollt Ihr doch Gewalt antun? - Nein Marquis, Heut zu
Tage kann nur ein Kranker oder ein Teufel zaubern wollen! Pauline! - sagte der
Marquis ernst - Sie reichte ihm freundlich die Hand. Ich meine es nicht schlimm,
sagte sie, wir missverstehn einander jetzt, wie so oft. Lassen wir das! Nur das
Eine: sind die Zauberformeln rechter Art, so kommen Sie zu ihrer Bedeutung; so
viel ist einmal gewiss! Wie meinen Sie das? fragte der Marquis. Es wird sich ja
zeigen, entgegnete sie. - Beide schwiegen. Das Gespräch war in sich
zurückgefallen, keiner nahm es wieder auf, und es blieb alles wie es war.
    In dem Marquis war indes ein Gedanke zur Sprache gekommen, der, sich weiter
entwickelnd, eine Art von Beruhigung für ihn hatte. Er hielt nämlich das
geheimnisvolle Buch nicht für das einzige Erbgut seiner Stammmutter, und, die
Notwendigkeit des eigenen Daseins durch sie erkennend, war er überzeugt, einen
Schatz geheimer Kräfte in sich zu tragen, welcher, trotz dem Dunkel der Zeit,
sicher an das Licht treten werde. Er hielt sich an diese Ueberzeugung, ward
zuverlässiger in sich selbst, heiterer und achtsam auf die äussere Umstände, wie
auf den Gang des Lebens, in welchem er die Einflüsse seiner Natur zu belauschen
hoffte. Wie seltsam und ungewöhnlich er auch unter dem stäten Erspähen erschien,
so trat ihm doch das Aussenleben näher, er liess sich ein damit, und es wirkte
langsam und still wohltätig auf ihn zurück.
    Die Baronin glaubte einen Umschwung in ihm bewirkt zu haben, und freuete
sich der Gewalt ihrer Worte. Doch zu klug, um durch voreiligen Triumph die
Eitelkeit und den Eigensinn des Marquis zu wecken, sammelte sie im Stillen die
Früchte ihres Sieges und war auch ihrer Seits leichter ums Herz.
    So stand es mit allen Gliedern der kleinen Familie, als sie eines Abends bei
der Baronin versammelt waren und heiter über ihre Zukunft sprachen. Der Marquis,
überzeugt die Unruhen in Frankreich auf irgend eine Weise bald geschlichtet zu
sehn, äusserte den Plan, den Winter über ruhig in Chambery zu bleiben, und dann
erst zu bestimmen, ob sie nach Deutschland flüchten oder nach Frankreich
zurückkehren wollten. Im letztern Fall, den Alle im Geheim als gewiss annahmen,
erklärte er, dass er unverzüglich aus den Trümmern des eingeäscherten Schlosses
ein neues, ganz im Plan des alten, erbauen werde, dass ihm die Stätte heilig,
dieser Punkt auf der Erde durch Gesetz und Natur angewiesen sei, und er ihn
auch, als die eigentliche Sphäre seiner Wirksamkeit, behaupten werde.
    Die Baronin ward durch das Feuer seiner Worte an seine früheste Jugend
erinnert, und glaubte um so fester, er wolle von Anfang herauf ein ganz
frisches, sicheres Leben beginnen. Giannina bat Marien leise, sie ja nicht
allein hier zurück zu lassen, sie beschwor sie, in ihre Dienste treten zu
dürfen, und beide schlossen ihren kleinen Kontrakt heimlich mit einander ab.
Alexis sass auf der Türschwelle, sang einige von Giannina aufgefangene Strophen,
hielt ihre Mandoline zwischen den gekreuzten Beinen geklemmt, und stimmte und
klimperte daran, bis endlich eine Saite unangenehm schrillend zerriss! Ha! schrie
Antonie, was war das! sie war todtenbleich und zitterte heftig. Mein Gott! sagte
die Baronin ungeduldig, was soll es sein! eine gesprungene Saite ist es, nichts
mehr und nichts weniger! Mein armes Mädchen, setzte sie begütigend hinzu, wie
magst Du denn gleich so erschrecken! Antonie fasste sich, die Baronin setzte sich
zu ihr, und alle redeten nun freundlich über die Gewalt eines plötzlich
hineinfallenden Tones, der selten der festeste Nervenbau ganz widerstehe. Auch
ich, sagte die Baronin, erschrak, und mein kleiner Unwille galt meiner wie
Deiner Schwäche. Und bei Lichte gesehn, fuhr sie fort, ist auch daran nicht so
Grosses zu tadeln. Wir wollen nun einmal von allem den Grund kennen; überrascht
uns die Wirkung ehe wir die Ursach ahnden, so schneidet das in unsern
Ordnungssinn, und wir schreien, wie bei anderm Schmerz! Darum ist uns Gott so
oft ein fürchterlicher Gott! Verständen wir ihn immer, er wäre in jedem
Augenblick die Liebe!
    Sie schwieg hier, eine neue Ideeenreihe war in ihr angeknüpft. Giannina aber
schalt den Knaben, der, schon über Antoniens Ausrufung erschrocken, bitter
weinte. Die Kleine versuchte, nicht ohne Unwillen, das zerstörte Instrument
wieder in Ordnung zu bringen, als es an der Tür klopfte, und der Köhler mit
einem langen, sehr bleichen, Mann in das Zimmer trat.
    Es dunkelte bereits, und nur die Flamme im Kamin warf ein ungewisses Licht
umher. Die Baronin trat einige Schritte vor, sah zweifelnd auf den Fremden,
schlang dann heftig beide Arme um ihn, und rief ganz ausser sich: mein Bruder! O
Gott mein Bruder! Dieser zog sie ungestüm an sich, und sie im Arme haltend, warf
er den Adlersblick auf die andern Gestalten umher, und maass sie langsam
erforschend. Nun Marquis! rief er, wir haben unsere Heldenbahn würdig
geschlossen, wir können aufs neue Brüderschaft machen, denn beim Himmel! ein
Meisterstück ist des andern wert! Wir geben der Welt ein Beispiel, was
menschliche Klugheit ist! Wollen Sie sich gütigst erklären, unterbrach ihn der
Marquis mit kaum noch gehaltener Heftigkeit. O ich bitte Sie, sagte der Herzog,
nehmen Sie es ja nicht ernstaft. Mit dem Ernst ists vorbei, der lag in der
Exposition der Tragödie, nun alles drunter und drüber geht, wirds komisch. Ich
muss Sie bitten, deutlicher zu sein, wiederholte der Marquis. Ja, dann müssen Sie
erlauben, dass ich mich setze, entgegnete jener, sich in einen Stuhl
niederlassend, denn sehn Sie, ich habe meine gesunden Glieder dabei in den Kauf
gegeben, wie Sie früher den gesunden Verstand! Herzog! rief der Marquis, das
fodert Blut. Bewahre Gott, sagte dieser gelassen, die Mühe, uns die Hälse zu
brechen, können wir Andern überlassen, dazu hat man jetzt leichte Mittel, und
ich weiss die Leute die Wege dahin zu führen. Ich brauche keine fremde Hülfe,
schrie der Marquis, heftig auf ihn eindringend! Zum Teufel, sagte jener, ich
kann mich jetzt nicht schlagen, und hielt ihm den linken Arm abwehrend entgegen.
Alle sahen jetzt erst, dass er den rechten im Bande trug, und einer Ohnmacht nahe
war. Die Baronin, aufs höchste erschrocken, tat dennoch keine unnütze Frage,
sagte nichts, die Gemüter zu beruhigen, überzeugt, dass sich alles von selbst
machen müsse, und war nur bemühet, dem Bruder Hülfe zu leisten, als dieser
erschöpft sagte: Beruhige Dich, Villeroi, ich will keinen Krieg mit Dir, Du hast
im Tumult Deiner Sinne die Ehre rein erhalten, Du bist der Alte! braver Camerad
vergieb mir, mein düsterer Unmut wollte sich Luft machen, gieb mir die Hand!
wir sind nun Unglücksgefährten, wie wir sonst Kriegsgefährten waren. Du hast das
Liebste, was Du auf Erden hattest, im Wahnsinn geopfert, ich habe eine
unglückliche Freundin zum Schaffot geführt. Die Aebtissin - rief Antonie, - ja,
sagte der Herzog, das Auge langsam auf sie hinrichtend, ich wollte geschickt und
geheim ihre Freiheit sichern, ein unglücklicher Fehltritt des Pferdes stürzt
dieses nieder, ich liege halbtodt am Boden, das Pferd rafft sich auf, fliegt im
Gallopp mit dem leichten Karren über mich weg, lenkt in die grosse Strasse, und
führt das unglückliche Schlachtopfer den Blutunden in die Hände. Pöbelhaftes
Volk, das mit seiner Schande die Erde besudelt, fängt den Karren auf, die
Aebtissin wird misshandelt, nach dem nächsten Gerichtshofe geschleppt, und, ihrer
Aehnlichkeit mit der Königsfamilie wegen, zum Tode verdammt. Ich erwache aus
meiner Betäubung, unfähig mich zu rühren, Arm und Bein zerbrochen, zertreten,
gequetscht, so liege ich, bis mich ein junges Weib, die des Weges geht, auf ihre
Schultern ladet, und nach einer nahen Hütte schleppt. Unbeschreiblich ist's was
die gute Seele an mir getan hat, ihr Mann war ein Hirt, er heilte meine
beschädigten Glieder. Kaum war ich im Stande, zu gehn, so nahm ich meinen
Wanderstab, ich zog Erkundigungen ein, erfuhr, wie mein unseliges Geschick die
verfluchte Tat veranlasste, und wollte mir nun den Sohn wenigstens aus dem
Höllenpfuhl erretten, der stand vor Lyon, bei der Republikaner Armee. Ich bettle
und schleiche mich bis einige Meilen davon; grade da geht der Tross der
Königsgesinnten über, Toulon war auch erobert, viehischer Jubel schallt durch
ganz Frankreich, ich muss mit jubeln oder mein Blut durch Henkers Hand
verspritzen lassen; mein Entschluss war gefasst, durch und durch krank, verzehrt
von Wut und Schmerz, schicke ich mich an, das Vaterland zu verlassen, bei den
Trümmern vom Schloss Clairval stosse ich auf André, Deinen Kammerdiener, er ist
jetzt Kärrner und fährt Baumwollen-Waaren aus der Schweitz nach Frankreich, er
kannte Deinen Aufentalt. Ich bin nun hier; was weiter aus uns allen wird, ist
Gott bekannt, hier können wir nicht bleiben, denn Savoyen wird in Kurzem aufs
neue besetzt sein, und ich bin zum Tode müde!
    Der Marquis, wie immer durch einen starken Anstoss aufgeregt, vom Anblick des
ehemaligen Waffenbruders in die alte Zeit versetzt, fühlte seine Kraft im
aufflammenden Ehrgefühl wachsen. Ist nichts, gar nichts mehr zu tun, rief er!
Soll Frankreich untergehn? Sollen wir Nahmen, Stand, Eigentum, alles hinwerfen,
und die Hände in den Schoos legen? Regt sichs nun? sagte der Herzog lachend, ja
nun ist's zu spät! Ich habe meine Welt kennen gelernt! ich bin es müde, auf
Worte zu bauen! In der Vendée da gab es Männer! und in Lyon! Was Menschen tun
können, ist dort getan! Ich habe lange unter den Vendéern gestritten. Es ist
vorbei! Die Andern haben kein Mark, keinen Willen! Es ist unglaublich, wie sich
Menschen über sich selbst täuschen! Auch die Guten! Bei unbezwinglicher Scheu
vor dem Streit fühlen sie gleichwohl das Gebot der Ehre und peitschen sich mit
Worten das Blut in den Adern hin und her, bis sie schon in Gedanken auf dem
Schlachtfelde stehn, da träumen sie Taten und schlagen uns ihr noch zu
vergiessendes Blut zu hohen Preisen an! dabei bleibt es aber! Die abgenutzten
Worte Freiheit und Ehre sind wie ein Feuerzeug ohne Stahl, sie geben kein Feuer
und kein Mensch wärmt sich an einer Flamme, von der er nur reden hört! Der
Marquis schwieg. Alle waren erschüttert, gestört. Antonie stand vor dem Herzog,
jedes seiner Worte in sich hineinziehend. Die Baronin fühlte, dass niemand in
diesem Augenblick gestellt sei, etwas Zweckmässiges zu wollen, und für die Folge
den Andern vorzuschlagen; sie dachte daher an das Nächste, und hiess für jetzt
die Andern auseinandergehn, einzig auf die Pflege und Erholung des Herzogs
bedacht. Morgen, sagte sie, werden wir uns eher finden, und das Notwendige
tun, Heute hat keiner einen gesunden Willen. Es stösst sich alles wie im
Fiebertraum aneinander, wir haben so viel in Kurzem erlebt, es kann noch nicht
alles Platz in uns finden. Wir müssen es erst auseinanderpacken, und jedes an
seine Stelle legen, dann kommt der vernünftige Entschluss von selbst. Gute Nacht
also, Ihr Kinder, sagte sie, und winkte Allen, sie zu verlassen.
    Der Herzog ging mit dem Marquis, bei welchem er sich einquartirte, die
Andern mussten folgen. Antonie allein blieb ganz still auf der Stelle stehn, wo
der Herzog gesessen hatte, schien von dem Gebote der Tante auch nichts gehört zu
haben, und nur als diese es wiederholte, ging sie schweigend in ihr Zimmer.
 
                                Neuntes Kapitel
Die Baronin bedurfte wirklich mehr als je der Ruhe und innern Sammlung. Das
Leben war ihr aufs neue so aufgerüttelt, alles trübe ineinandergewirrt, und
grade jetzt, wo die Verhältnisse anfingen, sich zu setzen. Sie wäre so gern an
Ort und Stelle geblieben! Das Herumziehn in fremden Ländern, so spät im Jahre
hinein, hatte viel Unerfreuliches. Und was war am Ende davon zu erwarten? Sie
mochte die Gedanken hinwerfen, wohin sie wollte, sie mochte den Lebensplan so
oder so ordnen, es blieb alles unbegründet, alles durch Umstände bedingt, die
ich nicht vorher bestimmen liessen. Unter dem Vielen Hin- und Herschieben und
Stellen der Lebensverhältnisse ward es ihr indes klar, dass über diese das Leben
ganz allein zu bestimmen habe, dass man sie müsse kommen lassen, ohne sie sich
selbst zuschneiden zu wollen, und dass der Mensch nichts anders solle und könne,
als sich in jeder Lage würdig behaupten.
    Am Ende, sagte sie sich, ist daran auch nichts zu meistern! es wächst alles
aus tiefem, unbekanntem Grunde herauf, wir mögen die Richtungen lenken, wie wir
wollen, das Leben schlägt immer seinen eigenen Weg ein. Und hier, fuhr sie fort,
gibt uns die Menschliche Klugheit auch nicht einmal Augenblickliche Zwecke zu
berücksichtigen. Das Notwendige liegt vor uns, wir müssen fort von hier. Wohin
wir gehen? kann uns im Grunde gleich sein. Ein jeder Ort kann der rechte, ein
jeder der unrechte sein. Wir haben keine Ursach, einen vor dem andern zu wählen.
Das Zweifelhafte hierbei muss uns, an uns selbst zweifeln, und höherer Führung
vertrauen lehren.
    Es ward ihr ganz leicht ums Herz, als sie sich das so anschaulich bestimmt
ausgesprochen hatte; um so mehr, da sie nicht anders glauben konnte, als
Frankreich werde dennoch das endliche Ziel aller dieser Irrfahrten sein. Und ob
sich auch dort ihrer Seele kein vertraut gebliebenes Bild zeigen wollte, so war
es doch der heimatliche Boden, welcher sich, wie glückliche Inseln, aus den
unruhigen Wellen der Ereignisse heraufhob.
    Sie ruhete hier aus, liess die Familie des Marquis ihre eigene sein, sah
mancherlei von weitem kommen, bis die Gedanken immer loser, die Bilder immer
unkenntlicher, wurden, und sie endlich einschlief.
    Sie lag indes noch zwischen Bewusstsein und Traum, im anmutigen Gefühl
unwiderstehlicher Hingebung, als ihre Vorhänge leise geöffnet wurden und der
warme Hauch flüsternder Lippen ihre Wange berührte.
    Die Baronin war von Natur schrekhaft, leicht überrascht, und verfiel, durch
irgend etwas stark ergriffen, auf das Unwahrscheinlichste. Sie fuhr jetzt
schnell in die Höhe, sah indes kaum die Umrisse einer weiblichen Gestalt im
Dämmerlicht der Lampe, als sie eben so schnell in ihre Kissen zurückfiel, und
kaum hörbar stammelte: mein Heiland! die Marquise! Meine beste Tante, sagte
Antoniens Stimme, ich wollte Sie nicht erschrecken. Aber Sie haben in meinem
Herzen gelesen. Die Mutter ist es, die mich zu Ihnen führt. Ich habe ihretwegen
keine Ruhe. Ich muss es wissen, wie und auf welche Weise sie starb. Sonderbares
Kind! sagte die Baronin etwas beschämt, welche Stunde wählst Du auch dazu, Du
hast mich ganz verwirrt, ich träumte wohl grade. Verzeihen Sie mir, erwiederte
jene, aber ich dachte, wie unzuverlässig es jetzt mit der Zeitbestimmung sei, wir
müssen vielleicht schon Morgen von hier fort, was uns zusammenführte, kann uns
auch wieder von einander reissen, man wird anjetzt so scheu, und dazu ängstet
mich das Dunkel der Vergangenheit mehr als die ungewisse Zukunft, deshalb meine
Tante - Nun wohl, unterbrach sie die Baronin, ich will Dir gern die gewünschte
Auskunft geben. Sie richtete sich im Bette auf, und Antoniens beide Hände
fassend, gleich als wolle sie sich versichern, dass sie zu einem lebenden Wesen
rede, zog sie diese sanft zu sich nieder. Hast Du, hub sie nach einigem Besinnen
an, vielleicht von einer geheimnisvollen Kraft gehört, welche einem Wesen über
das Andere eine furchtbare Gewalt einräumt, und die man, mit Recht oder Unrecht,
magnetisch zu nennen pflegt? - Magnetisch heisst die Kraft? fiel Antonie schnell
ein. Ja, erwiederte die Baronin. Ich zweifele nicht, fuhr sie fort, es gibt so
unbegreifliche Einflüsse in der Natur, welche der Einzelne freilich nur am
Einzelnen entdecken kann. Allein das Menschliche Gemüt ist nicht entaltsam, es
kann nichts kommen, nichts aus seiner Notwendigkeit ruhig hervorgehn lassen, es
muss alles an sich reissen, und wie der Effekt den Sinn trifft, und der Mensch
durch irgend ein Vermittelndes dem Herr wird, so freuet er sich schwachherzig
der Meisterschaft, und prüft und übt sich an etwas Willkührlichem, das ihm
unvermerkt Zweck wird. So ging es sicher mit mancher unerforschten Tätigkeit in
der Natur, deren Wirkung, blendend oder verletzend, als Gaukelspiel verworfen
ward, weil sie ausser ihrem Zusammenhang auf Individuelles bezogen, das todte
Produkt tief verborgener, ungekannter Ursach blieb. Die bereits festgestellte
Wissenschaft duldet das nicht, und es konnte nicht fehlen, dass grade dasjenige,
was dem Geisterreich so nahe gerückt schien, alle solche zu Feinden hatte,
welche nach vorgefundenem Maassstabe prüfen, wie im Gegenteil in denjenigen
Anhänger fand, die niemals Zeit behalten zu prüfen. Dein Vater gehörte ganz
unbedingt zu den Letztern; und jemehr die kalte Zergliederung und Herabwürdigung
Anderer ihn verletzte, je leidenschaftlicher hielt er sich an dem, was er sah,
erlebte, durch sich selbst erfuhr. Und wirklich waren die Hervorbringungen des
Magnetismus so unleugbar, die Kraft des Willens erschien dabei so über alles
herrschend, dass der Marquis den weisern Einwurf, wie den frechen Tadel, auf
gleiche Weise verlachte.
    Es wäre mir so unbequem, wie Dir unerspriesslich, wollte ich alle die
zauberischen Wirkungen des Magnetismus hier aufzeichnen. Eben so wenig kann ich
Dir ein genaues Bild der dabei vorwaltenden, mechanischen Behandlung entwerfen.
Die grosse Hauptsache war, dass zuerst durch magnetische, mit der flachen oder
geschlossenen Hand geführte, Striche, der Behandelte von dem ersten Grad müden
Ziehens der Augen, nach und nach in einen Zustand versetzt ward, in welchem die
äussern Sinne vollkommen ruhen und die innern allein agiren. In diesem Zustande
hat der magnetisch Schlafende eine vollkommene Kenntnis seiner selbst, sieht in
sich, wie in Andere, hinein, denkt, handelt mit Bewusstsein, und redet Dinge,
welche er vielleicht wachend nicht zu sagen wüsste.
    Es ist unglaublich, welche Sensation diese Entdeckung in Paris machte.
Verbindungen wurden geschlossen, Gebäude, Zimmer eingerichtet, Versuche gemacht,
an deren Resultate sich die gescheutesten Köpfe vergebens wagten.
    Der Marquis hatte indes bei alle dem nur Eines im Sinne. Er beherrschte das
Gemüt seiner Frau, und hielt ihr Herz in Händen. Sie war froh, seine
leidenschaftliche Zweifel stillen zu können, und öffnete ihm in Stunden der
Crisen willig ihr reines Innre. Da sie indes guter Hoffnung und äusserst reizbar
war, so kam es dahin, dass ein anhaltender Blick des Marquis sie in
convulsivische Zuckungen und dann in jenen unnatürlichen Schlaf versetzte, die
mir, als ich einst gegenwärtig war, das ängstigende Gefühl gaben, als stehe ich
zwischen dem todten Leib und der geschiedenen Seele meiner Schwester.
    Vergebens schrie ich dem Marquis ins Gewissen, dass er seine Frau tödte,
beschwor ihn, sich von ihr zu entfernen, setzte Freunde, Aerzte, Himmel und
Erde, in Bewegung, sie vor ihm zu retten, allein durch einen seltsamen
Widerspruch wollte sie so wenig von ihm, als er von ihr lassen, ja sie war in
dem Maasse an ihn gebannt, als seine Nähe zerstörend auf sie wirkte. So ward sie
immer schwächer, fast verworren in sich selbst, und gab in einer dieser Crisen
Euch, meine armen Kinder, das Dasein. Die Natur aber ward durch den doppelten
Kampf zerrissen, sie starb wenige Stunden darauf.
    Die Baronin schwieg sehr bewegt. Antonie sah vor sich hin. Der Tod der
Mutter hatte nichts Trübes mehr für sie, im Gegenteil ward ihre Brust von der
süssesten Wehmut gehoben. Sie fühlte in allem dem eben Erfahrenen nur die Gewalt
tiefer, unergründlicher Liebe. Sie konnten nicht von einander lassen, sagte sie
sich leise, so fest kettet die geheimnisvolle Kraft!
    Seitdem, unterbrach endlich die Baronin das Schweigen, haben nähere
Ereignisse das Auge von dem Unbegreiflichen abgezogen. Mein Kind, fuhr sie fort,
ich habe noch immer gefunden, dass wenn die Menschen die Natur so recht derb
anfassen, und sie nun in ihrer Gewalt zu haben glauben, diese plötzlich ihren
Händen entschlüpft, und gross und gelassen ihren gemessenen Gang über ihnen
hingeht; sie ruft sie an, aber unter ganz anderer Gestalt, und heisst ihnen, sie
geschichtlich begleiten, wenn sie im freundlichen Verkehr mit ihr bleiben
wollen. Wer dem Moment die Flügel beschneiden und ihn zu etwas machen will, der
tut eben gar nichts! Und doch, sagte Antonie, ist das ganze Leben auch nur ein
Moment, und was geschieht nicht alles in ihm! Ach die Liebe schafft ja eine
ganze Welt hinein!
    Grade die Liebe, erwiederte die Baronin, soll viel mehr als den Augenblick
wollen. Will sie ihr Reich auf Erden so recht dicht und fest gründen, so bricht
es zusammen, und das Herz obenein.
    Aber wie bricht es! unterbrach sie Antonie, unter der allerseligsten, wie
unter der furchtbarsten Gewalt! Kind, entgegnete die Tante, erinnere Dich, dass
jedes Heraustreten aus dem Gleichgewicht der Natur Krankheit ist, und dass wir
uns vor dieser überall zu hüten haben. Und nun geh', Du kleine Nachtwandlerin,
fuhr sie gütig fort, geh, wir kehren sonst auch die Naturordnung um, und das
tut niemals gut.
    Mir hat es wohl getan, sagte Antonie, indem sie ihre brennende Lippen auf
die Hand der Baronin drückte. Diese küsste ihr die Stirn, und sah sie, mit einer
Art von wehmütigen Beklemmung, an dem Nachtlicht vorüber durch das Zimmer gehn.
    Am folgenden Morgen liess der Herzog keinen aus der Gesellschaft lange ruhen.
Er war heftig, ja ungestüm, und konnte es nicht dulden, dass man lange über einen
Entschluss sann, oder die Entscheidung gar von sich wegschob. Die Baronin aber
trauete sich selbst nicht recht in Dingen, die in einem sächlich oder
persönlichen Verhältnis zu nahe auf sie zutraten, ihr Blick ward alsdann leicht
befangen, es ging ihr, wie solchen Augenkranken, die nur in gewisser Entfernung
eine helle Unterscheidung und Uebersicht gewinnen. Sie sagte daher dem Herzog:
Niemand wird so geblendet, so leicht bestochen, als ich wenn Mehreres
zusammentritt; verschone mich also mit jedem, was einer Auswahl unter Vielem
ähnlich sieht. Ich bin entweder ganz Gefühl, oder ganz Ueberlegung. Die Letztere
allein lässt es zu nichts kommen, das Erstere reisst mich fort. Ist einmal ein
Unglück geschehn, so weiss ich mich schnell zu finden, weil ich, zurücksehend,
die Ursach bald entdecke, soll ich dies aber umgehn, so verwickele ich mich in
den Wegen die umherlaufen. Es ist einmal meine Art so. Aendern lässt sich darin
nicht viel. Schilt darüber auch weiter nicht, und da Du siehst, dass uns allen
ein kräftig-bestimmender Wille Not tut, so bestimme Du für uns.
    Nun gut, sagte der Herzog, meine Partie ist bald genommen. Der Marquis
schwindelt da noch von Abwehren der Gefahr, geheimen Einflüssen, und Gott weiss
was allem, aber das muss er mir nicht sagen, ich weiss auf ein Haar, wie wir
stehn, ich bin auch keinesweges auf Gaukeleien der Art gestellt. Das Kurze und
das Lange von der Sache ist, dass wir fort müssen, je eher je lieber, auf dem
kürzesten Wege dem besten. Daher ist mein Plan, über die Gebirge nach der
Schweiz und Deutschland zu gehn. Sind wir gleich bereits weit in der Jahreszeit
vorgerückt, und sind Wege und Wetter rauh, so ist das ein freiwilliges Uebel,
das wir uns auflegen, und keinesweges mit einem entehrenden Tode zu vergleichen,
der uns hier unfehlbar bedroht. Ich für mein Teil wenigstens gehe, und seid ihr
klug, so folgt ihr nach. War es sonst schon immer schwer, dem raschen Andringen
seiner Worte zu widerstreben, so liess sich jetzt gegen das Gewichtige derselben
nichts einwenden. Es wurden deshalb, trotz der Unbequemlichkeit und dem
Störenden einer Winterreise, alle erforderliche Anstalten dazu getroffen.
Antonie, welche sich dem Herzog sehr ergeben zeigte, war besonders geschäftig
dabei, und übertrug gewissermassen Marien, die ungern den angenehmen, ruhigen
Auffentalt verliess, zumal da sie wegen Giannina in Verlegenheit war, und nicht
recht wusste, wie sie es einzuleiten habe, dass sie das gute Kind begleiten dürfe.
Allein diese hatte in der Baronin eine Beschützerin gefunden, die selbst nicht
von der Kleinen lassen konnte. Sie ward daher förmlich in das Gefolge des Marquis
eingeschoben, ob man gleich ihr heiter-luftiges Wesen durch keine genauere
Dienstbeschäftigung einengen wollte.
    Marie ward dadurch um vieles getrösteter, nur kostete es ihr Mühe, sich von
ihren freundlichen Wirtsleuten zu trennen. Sie gewöhnte sich so leicht an
Menschen! Der Ton ihrer Stimme, ihr Lächeln, ein gutes Wort, herzliches
Benehmen' ja die eigene, selbst auf sie nicht Bezug habende, Art und Weise,
fesselte sie, und ihr weiches Herzchen brach fast, musste sie solche verlassen,
die ihr wohlgewollt, oder sie durch Gefälligkeit verpflichtet hatten. Zudem goss
das lautlose Gewerbe beider Eheleute, ihre stille, genaue Tätigkeit, das
Notwendige ihres Gehens und Kommens, der angenehm belebte und doch so
friedfertige Gang ihrer Unterhaltung, ein so helles lebendiges Sein, so
behagliche Ordnung, durch das kleine Häuschen, dass allen darin wohl war, und
Marie oftmals mit innerm Behagen dachte, wie schön es sei, sich als Mittelpunkt
einer so geschaffenen kleinen Welt zu finden! Sie beneidete Felicitas darum, wie
denn überhaupt der Umgang dieser stets heiteren Frau, die Anlage zu mancher
häuslichen Tugend und den alles fördernden und über allem waltenden Ordnungssinn
mehr und mehr in ihr heraushob, und ihr vielfache Unterhaltung in der
wohleingerichteten Haushaltung gab. Jetzt ward der Faden ihrer kleinen
Gedankenspiele plötzlich wieder zerrissen, der einfach ruhige Farbenton ihrer
Vorstellungen gemischt, vervielfacht, ihr Blick auf Ungekanntes gelenkt, sie
konnte sich der innern Trauer so wenig wie des Gedankens erwehren, dass solch
unstätes Leben sie nur verwirre, und ihr Gefühl noch oft zerreissen werde.
    Ihre Zärtlichkeit für die; welche sie verlassen sollte, mehrte sich mit jeder
Stunde, und bewegte sowohl Felicitas, wie ihren Mann, auf solche Weise, dass
Erstere ihr einen feinen Spitzenschleier, Letzterer aber zwei mit einander
verbundene Goldringe, mit dem Bedeuten verehrte, solche an ihrem Hochzeitstage
von einander zu lösen und die Einigkeit und freudige Lust, die sie hier
verbunden, mit dem Geliebten zu teilen; wie Gott ihrer beider Hände dann
zusammenfügen werde, so werde sich auch das stille Band der Einigkeit
verschlingen und Liebe und Treue nur Eine sein.
    Marie empfing die Gaben, sowohl durch ihre Bedeutung, als den lustigen Glanz
derselben, erfreuet. Sie besah sie wohl tausendmal, und steckte die Ringe unter
innerm Erzittern des Herzens an den Finger. Noch oft am Tage zog sie sie ab, und
steckte sie wieder an, sie errötete dabei, und versuchte, wie sie sich wohl
ablösen würden, ohne dadurch verletzt zu werden. Der Goldarbeiter bemerkte es
wohl, und freuete sich ihrer unschuldigen Lust.
    Indes war alles zur Reise angefertigt, Felleisen gepackt, Wagen und Führer
gemietet, Wege und Stationen berechnet, die Richtung östlich über Aosta, den
St. Bernhard und die Walliser Gebirge, nach Tun, Bern und Basel zu genommen;
und da sie den näheren Weg über Genf wegen der Kriegsunruhen vermeiden mussten,
so sahen alle dem späteren Ruhepunkte mit Verlangen entgegen, und eilten nun
insgesammt, aus dem natürlichen Triebe das frühere Ungemach erst hinter sich zu
haben, schnell zur Abfahrt.
    Auch diesmal verliess sie der Köhler nicht, um so mehr, da er sich dort
drüben die Gelegenheit ansehen, und erwägen wollte, ob da seines Bleibens sein
könnte. Die kränkliche Frau aber liess er unter dem Schutze ihres Bruders zurück,
was er wohl tun durfte, da sie als Italienerin nichts von den feindlichen
Franzosen zu fürchten hatte. Nur von Alexis wusste er sich auf keine Weise zu
trennen, und da der Knabe so leidenschaftlich an Giannina gebannt war, und diese
ihre besten Neckereien mit ihm trieb, so fügten sich alle, und das Kind fand
sein Plätzchen.
    Der Herzog hatte seinen Aerger über das viele Hin und her Reden, die kleinen
Berücksichtigungen, das Abschiednehmen und seltsame Erweichen bei der Trennung
von einem Ort, den man von Anfang her nur als einen Durchgangspunkt angesehen,
ja ihn niemals anders betrachtet wissen wollte. Welche Umstände, sagte er, um
von Abend bis Morgen zu leben! wie schwerfällig macht so unzeitiges Erweichen,
und wie träge zu jeder tüchtigen Betriebsamkeit! Du könntest, unterbrach ihn die
Baronin, eben so gut sagen, welche Umstände überall, zu leben, da jeder des
Todes gewiss ist! Ein jeder weiss, dass er hier auf Erden keine bleibende Stätte
aufschlägt, und gleichwohl! wer vergässe es nicht gern? wer möchte noch etwas
anfassen, erinnerte er sich jeden Augenblick, dass er den Tod in Händen halte?
Treibt man im Allgemeinen schon so tolles Narrenspiel, sich selbst zu äffen,
sagte der Herzog, so sollte man es doch nicht absichtlich, bis zur Kinderei,
vervielfachen. Es geschieht auch im Kleinen wie im Grossen nicht absichtlich,
erwiederte jene, es kommt von selbst, man muss die Gegenwart eben so oft von
ganzer Seele lieben, wie sie einem in andern Augenblicken von Herzen lästig
fällt.
    Sie wandte sich bei diesen Worten nicht ohne Unwillen von dem edlen aber
schroffen Bruder, und Marien, auf welche dieser Ausfall besonders, ihrer vielen
Tränen wegen, gerichtet war, bei der Hand nehmend, stieg sie in den Wagen, und
gab so das Zeichen zum Aufbruch.
    Es schien aber, als seien alle aus ihrem Gleise gewichen. Die heftigen, über
die Lippen hinfliegenden Worte, hatten die Baronin verstimmt, sie fühlte dadurch
in ihrem Innern das Verhältnis zu dem Bruder für den Augenblick gestört, sie
konnte sich niemals einen Unwillen, oder gar eine Heftigkeit, gegen die, welche
sie liebte, verzeihen, und wie sichtlich deren Unrecht war, es fiel, hatte sie
es gerügt, immer doppelt auf sie zurück; deshalb tadelte sie sich auch jetzt
bitter, ja sie ging weiter, sie fand Mariens Tränen selbst kindisch, und
verwies es ihr mit einiger Strenge, wodurch die arme Kleine nur noch bewegter,
und unfähig ward, sich sogleich zu fassen. Da nun aber Alexis, wie alle Kinder,
wenn sie weinen sehen, auch weinte, und, um dem Vorschub zu tun, laut nach der
Mutter bangte, so griff die üble Laune alle an, und Verweise und Drohungen
fielen durch einander hin, und wurden in dem engen Raum um so störender, da sie
jede heitere Betrachtung unterbrachen.
    Zudem wurden die Wege jetzt sehr beschwerlich. Die Baronin, im Fahren
ängstlich, nur gewohnt, von Paris nach Versailles, oder andere bekannte Strassen
zu reisen, litt sichtlich von der quälendsten Besorgnis, wie sehr sie sich auch
bekämpfte. Niemand sprach zuletzt, bis Alexis, der sich in dem Maasse erheiterte,
als die andern schwiegen, Giannina anlag, ihm etwas zu erzählen. Diese wusste ein
uraltes Mährchen von einer Bergfrau, welche Abends auf weissem Flügelpferde durch
die blaue Alpen ziehe, Krankheit und Tod über die Menschen bringe, Jünglinge aus
den Hochzeitkammern entführe, und wenn die Bräute ihnen nachfolgten, diese in
kleine Blumen verwandele, welche man Alpenrosen zu nennen pflege. Der Knabe
wurde nun auch still, und sah ganz scheu zum Wagen hinaus, denn er fürchtete,
die grosse, schreckliche Dame zu sehen, wie er sich ausdrückte.
    Jenseit Aosta bestiegen die Männer Maultiere, die Frauen mussten sich
grösstenteils in Sesseln tragen lassen. Antonie indes bestand mit einiger Hast
darauf, ebenfalls den Weg auf einem Maultiere zurückzulegen. Sie hatte einen
sichern Führer, und ritt nun zwischen dem Herzog und ihrem Vater die steilen,
gewundenen Pfade entlängs, ohne eine Spur von Unruhe zu zeigen, weshalb sie der
Herzog oftmals freundlich anlächelte, und selbst einigen Stolz über sie, die
Richte, zu empfinden schien.
    Es war am Ende des Dezembers. Ungleiche Windstösse hüllten sie oftmals in
Wolken von Schnee und Hagel. Ein jeder fühlte die Kälte sehr empfindlich,
Antonie hatte einen Mantel übergehangen, und den Kopf vielmals mit langen
Schleiern umwunden, allein der Wind wickelte diesen, wie das aufgeflochtene
Haar, immer wieder los, bis sie, doch etwas unsicher auf dem fremden Tier, und
sich keinesweges mit Freiheit darauf bewegend, Haar und Schleier in Gottes Namen
im Winde flattern liess, einzig darauf bedacht, wie sie sich sonst vor der Kälte
verwahre, die immer schneidender ward.
    Die Reitenden gewannen leicht einen kleinen Vorsprung, so dass sie die Andern
zuweilen ganz aus den Augen verloren, und dann plötzlich bei einer Beugung des
Pfades ihrer erst wieder ansichtig wurden. Als es daher bereits dunkelte, und
Antonie, unter der schwarzen Wolke ihrer Haare, den Steg etwas fern ab ritt,
schrie Alexis laut auf, und versteckte sich an Gianninas Brust, indem er rief,
da ist die Dame! da ist sie! Wirklich hatte sie ein seltsames Ansehn, was durch
die Schneewirbel noch undeutlicher, und ganz Mährchenhaft, durchschimmerte.
    Doch Antonie ward ihrer Seits auch bald genug auf weit ernstere Weise
erschreckt. Sie stiegen bereits die nördliche Abdachung des Bernhard hinunter,
und freueten sich, eine Hütte zu finden, wo sie ausruhen und übernachten
könnten, als die Tiere plötzlich stutzten, und ihre Führer gleichfalls einige
Schritt, vor einem, über den Weg liegenden Mann, still standen. Ein Todter! rief
der Eine, welcher näher herzugetreten war. Der Herzog sprang zur Erde, der
Marquis folgte ihm, doch ehe sie noch zu der Stelle kamen, war ihnen Antonie
schon vorangeflogen, hatte die Hand des Mannes gefasst, und rief sehr freudig: er
lebt, er lebt!
    Ob indes gleich einige matte Pulsschläge das krankhafte Leben andeuteten, so
lag der Mann doch wie entseelt, regungslos, mit gebrochenem Auge. Das Blut war
ihm aus mehrern Wunden hervorgestürtzt, jetzt rieselte es nur schwach an der
geronnenen, zusammengeballten Kruste hin, die sich um die kranken Stellen gelegt
hatte. Sein Gesicht war todtenbleich, die Hände starr und kalt, Rock und Gilet
waren, wie in Todesangst, weit über die Brnst aufgerissen, der Wind strich
schneidend über diese und die offenen Wunden hin. Antonie warf ihren Mantel über
ihn, riss heftig an den Schleiern, und, während sie die Wunden mit diesen
umwickelte, rieb sie sanft hin und wieder an den bleichen, verfallenen Schläfen.
Ein grünes Netz deckte verschoben das reiche Haar, die schönsten Brauen lagen,
wie hingezeichnet, auf der freien Stirn, Antonie berührte diese leise, als es
wie eine Erinnerung durch sie hinfuhr, sie blickte auf nach dem Herzog, der
stand, auf seinen Stock gestützt, mit tief über die Augen gezogenem Hut, finster
und stumm da. Antonie fühlte das Herz des Kranken jetzt stärker schlagen, das
Blut schien gestillt. Nun Ihr Männer! rief sie, was besinnt ihr Euch, soll der
Unglückliche hier vergehn? Er lebt, ich sage es Euch ja, die Besinnung kehrt
zurück, ich sehe es in den starren Zügen leise arbeiten! Wollt Ihr nicht, so
trage ich ihn auf meinem Rücken zur nächsten Hütte!
    Der Herzog machte eine unwillkührliche Bewegung zu dem Kranken hin, trat
aber wieder zurück, und stand wie eingewurzelt mit gesenkten Augen.
    Der ganze Zug war indes herangekommen. Alles stockte und drängte sich herzu.
Bertrand und der Köhler waren gleich bereit, den Unglücklichen herunter zu
schaffen. Antonie half, ihn leise in die Höhe heben, deckte ihn dann behutsam
mit ihrem Mantel zu, und hiess beide sachte, und soviel als möglich gleichen
Schrittes, gehn, weil ungleiche Bewegung die Wunden wieder aufreissen könne. Als
sich nun beide aufmachten und langsam vorangingen, sah Antonie ihnen noch eine
Weile sorglich nach, dann fasste sie den Herzog bei der Hand und sagte leise:
Mein Onkel! hassen Sie den Sohn? denn dass er das ist, das sieht und fühlt sich
wohl, warum denn diese Härte? Hm! sagte der Herzog, sich unwillig abwendend,
erst muss ich wissen, ob er mit Ehren hier ist, ehe ihn meine Liebe zu nennen
weiss. - Sie sah ihn betroffen an, doch schwieg sie, und Alle setzten nun still,
und innerlich beunruhigt, ihren Weg zur Hütte fort.
                                Zehntes Kapitel
Sie waren noch nicht lange auf diese Weise in Gedanken fortgeritten, als sie an
der sanftern Abflachung des Weges ein Häuschen erblickten, das, zu gastlicher
Bewirtung bestimmt, gehörig erhellt, dem nächtigen Wanderer schon von fern dies
ersehnte Ziel langer, unbequemer Anstrengung zeigte.
    So nahe, dachte Antonie, war der arme müde Mann Menschlicher Hülfe, und
musste dennoch unfehlbar sterben, kamen wir nicht des Weges. Und wer weiss, war es
nun nicht zu spät! -
    Sie hielten jetzt vor der Herberge. Antonie strich eilig an dem Wirte
vorüber, welcher, der vielen Gäste froh, diesen entgegen trat. Ihr Haar hing
noch aufgelöst, wie ein Mantel, um ihre Schultern, die Unrahe der arbeitenden
Seele glühete unstät aus Blick und Mienen, der Mann trat einen Schritt zurück,
und sah sie befremdet die Türe der Gaststube mit wilder Hast aufreissen; doch
hier blieb sie eben so schnell überrascht stehn. Der Kranke sass bereits
aufgerichtet in einem Lehnstuhl, sein bleiches Gesicht ruhete in der
aufgestemmten Hand. Bertrand, ehemaliger Feldchirurgus, schien eben seine Wunden
untersucht und verbunden zu haben, der Köhler legte ihm jetzt sanft den Mantel
auf Brust und Schultern, während Bertrand die feinen Instrumente sauber
abwischte und wieder in die rote Tasche einlegte, Antoniens blutiger
abgerissener Schleier lag noch zu des Kranken Füssen. Sie bückte sich danach, und
steckte ihn eben unter das Busentuch, als der junge Mann aufblickte, und, fast
erschrocken, mit fliegender Röte im Gesicht, beide Arme auf die Lehnen des
Stuhls gestemmt, den Oberleib gehoben, eine rasche Bewegung ihr entgegen machte,
aber mit einem tiefen Atemzug aus der kranken Brust, erschöpft, halb in die
alte Ohnmacht zurücksank.
    Antonie tat einen lauten Schrei, denn sie glaubte nicht anders, als er
sterbe, da in diesem Augenblick die entsetzlichste Blässe sein Gesicht überzog.
Auf diesen Schmerzeston stürtzte auch der Herzog hinein, welcher bis dahin wie
im Kampfe mit sich selbst zögernd vor dem Hause stehn geblieben war, und das
Ansehn hatte, als erwarte er die Uebrigen der Gesellschaft, welche eben auch
eintraten. Doch fasste er sich sogleich, als er den Sohn lebend, ja unter
Bertrands Händen besser fand, als er es früher dachte. Er blieb im Hintergrunde
des Zimmers, und schien abzuwarten, bis es Zeit sein werde, zu reden. Allein die
Baronin hatte kaum einen Blick auf den Kranken geworfen, als sie alle
fortdrängte, an seinen Sessel niederkniete, seine Hände küsste, und unter einem
Strom von Tränen wiederholt rief: Adalbert, Adalbert, mein Adalbert, bist Du es
wirklich?
    Dieser vernahm kaum den Ton ihrer Stimme, als sich die sanfteste
Freundlichkeit über das liebe, weiche Angesicht ausbreitete, und er mit aller
Anstrengung seiner erschöpften Kräfte, ja mit ritterlicher Zierlichkeit, bemühet
war, die Tante vom Boden aufzuheben! Allein sie verharrte in ihrer Stellung, und
sagte, noch immer heftig weinend, lass mich so, o lass mich so! ich bin Dir näher
und danke zugleich Gott in Demut für Deine Rettung. Mein liebstes Kind! es ist
mir wie ein Traum, dass ich Dich hier sehe! Ach Adalbert! rief sie, jetzt
Frankreich, ihr eignes und des Neffen Leid beweinend, was ist aus Schloss
Clairval, aus Dir und uns Allen geworden! Wir leben, meine Tante! erwiederte
jener mit besänftigender Stimme, und haben die Ehre gerettet. Hast Du nun auch
Deinem Vaterlande den Rücken gekehrt? fragte die Baronin, und die armen
betörten Mitbürger verlassen? Ist es denn unvermeidlich geworden, dass Ihr Euch
Alle auf eine oder die andere Weise Eurer Pflicht entziehet? Davor bewahre mich
Gott! sagte Adalbert rasch einfallend, nur der Schuld entziehen wir uns! Der
Degen, den mir mein König im Nahmen meines Vaterlandes gab, soll kein Blutbeil
werden! Der Soldat, meine Tante treibt nicht des Nachrichters Handwerk! Das
fühlten alle meine Cameraden mit mir, unser Regiment ist aufgelöst, das ganze
Officierscorps, in Treue und Ehre verbunden, harret ein jeder, in würdiger
Zurückgezogenheit, der Stimme seines Volkes das jetzt Teufel betören!
    Gottlob! rief der Herzog. Er musste sich einen Augenblick auf den Marquis
stützen, denn seine Standhaftigkeit war durch den allermühseligsten Kampf
erschüttert! Doch kaum hatte Adalbert den Ton dieser Stimme gehört, als ihn
niemand zurück hielt, er glitt vom Sessel auf die Knie nieder, und schleppte
sich, beide Arme ausgebreitet, zu den Füssen des todt geglaubten, lang entbehrten
Vaters! Mein Sohn, stammelte der Herzog, noch immer bemühet, die innere Bewegung
zu verbergen! Mein Sohn! rief er endlich, diesen mit aller Gewalt des
überwältigenden Entzückens an die starke, liebevolle Brust drückend.
    Alle hatten sich herzugedrängt, es war, als sei der schöne tapfere Vetter
erst in diesem Augenblick der Welt und ihnen insgesammt gegeben. Marie hatte im
Gefühl unaussprechlicher Verehrung auch ein Knie vor dem Herzog gebeugt, und
küsste ganz still, dem eignen Herzen Gnüge zu tun, die Falten seines Mantels!
Als daher Adalbert zuerst von der Brust des Vaters aufblickte, sah er das
weinende Mädchen an seiner Seite. Er reichte ihr sehr gerührt die Hand, und als
die Tante rief: Deine kleine Cousine Villeroi, so umarmten beide niegesehene
Verwandte einander in dieser Stellung, welche ohnehin die Form gewohnter Sitte
weit hinter sich liess.
    Antonie sah zwischen dem Vater und der Tante hin, sehr ernst, fast
gebietend, auf beide nieder, so dass Adalbert, als er auch auf sie durch die
Tante aufmerksam gemacht ward, den Blick senkte, und sie mit ehrfurchtsvoller
Scheu, den Kopf tief neigend, begrüsste.
    Die Freude ist ein Balsam, der oft schneller und wirksamer heilt, als die
erprobteste Arzenei. Adalbert fühlte sich gehoben, frei und stark in der Brust.
Sein Blut floss so leicht durch die Adern, sein Herz klopfte so frei und ruhig.
Alle gewannen dadurch Mut, auch an sich zu denken. Man freuete sich der endlich
errungenen Bequemlichkeit, erfrischte und stärkte sich, und setzte dem Wunsch,
sich mitzuteilen, und voneinander zu hören, länger keine ängstigende Gränzen.
Der Herzog sorgte indes für Adalberts Gesundheit und behagliches Sein, mit einer
Zärtlichkeit, welche doppelt rührend war, jemehr sie unwillkührlich aus dem
gehaltensten und festesten Innern hervorbrach. Er bestand darauf, dass der Kranke
seinen vorigen Platz einnehme, holte selbst Mäntel und Decken herbei, um ihn vor
der eindringenden Zugluft zu bewahren, er beugte sich zur Erde nieder, und
umlegte und umwand den Sessel damit, ja die früher bezähmte Liebe wusste sich auf
keine Weise selbst zu gnügen, und Vater und Sohn schienen in die zarten
Verhältnisse zurückgekehrt, wo die unbeholfene Kindheit noch des Väterlichen
Beistandes bedarf, und die gegenseitige Beziehung zu einander durch leibliche
Notwendigkeit fester zusammengezogen erscheint. Auch war Adalbert schmeichelnd
und gerührt wie ein Kind. Er liess des Vaters Hand nicht aus der seinen, und
richtete alle seine Worte ausschliessend an ihn, als habe er nur ihm von einem
ganzen Leben Rechenschaft zu geben.
    Die Ereignisse der letzten Tage wurden bald das ausschliessende Gespräch.
Adalbert hatte wenig mehr zu sagen, als der Vater bereits wusste. Seit der
Einnahme von Lyon und Robespierres Bluterrschaft hatte sich sein Regiment
aufgelöst. Er hatte denselben Weg wie sie gemacht, und war wenige Stunden vor
ihnen auf der Stelle liegen geblieben, wo sie ihn gefunden, Erschöpfung und
Anstrengung hatten seine, bei Lyon empfangene, Wunden aufgerissen, er musste
sterben, wenn sie ihn nicht retteten. Marie umarmte bei diesen Worten Antonien,
sie schmeichelte der Tante, Giannina nahm den kleinen Alexis auf den Schoos,
herzte ihn, und erlaubte ihm willig, mit einem kleinen Riechfläschchen zu
spielen, das sie an einer feinen Kette um den Hals trug. Antonie sah sie
befremdet an, sie konnte ihre Liebkosungen nicht erwiedern, es ängstete sie
selbst das fröhliche Wesen, ihre Brust war durch alles Vorhergehende beklemmt,
sie drückte, wie sie es in solchen Augenblicken oft tat, die Hand gegen die
Brust, um tief aus dem Innern heraus zu atmen, da durchschauerte sie etwas
Unbegreifliches, es zog wie der zitternde Hauch eines warmen Luftstromes durch
sie hin, Tränen traten ihr in die Augen, sie küsste die Schwester leise und
zärtlich.
    Die Nacht foderte indes jeden zu Schlaf und Ruhe auf. Auch gebot der Herzog
bald Stille, und da nur das eine Zimmer und weiter keine Lagerstätten vorhanden
waren, so mussten sich alle bequemen, in ihren Sesseln beieinander zu
übernachten. Für den Kranken ward ausschliessend gesorgt, die andern richteten
sich ein, wie es eben ging.
    Alle schliefen bald. Nur Antonie fand keine Ruhe; ihr brannte es wie Feuer
in den Adern. Sie stand auf, schlich leise im Zimmer auf und ab, und liess ihre
Blicke leicht über die Schlafenden hingleiten. So oft sie Adalbert nahe trat,
oder ihr Auge fest auf ihn richten wollte, ward dessen Schlaf unruhig, er warf
sich hin und her, und sie musste sich abwenden, aus Furcht, ihn zu erwecken.
Unwillkührlich sah sie von ihm weg auf Marien hin; und musste sich gestehn, dass
sie nie ein zarteres Engelsköpfchen gesehen habe. Höchst unbefangen sass die
Kleine, beide Hände über der Brust gefaltet, neben der Tante, ihr Kopf war
dieser auf die Schultern gesunken, die blonden Löckchen kräuselten sich weich
über den Schläfen, ihr Schatten lag fast wie ein Nebelstreifen auf dem klaren,
ruhigen Gesicht. Zu ihren Füssen sass Alexis, den kleinen Krauskopf halb in ihrem
Schoss verhüllt.
 
                                Eilftes Kapitel
Der anbrechende Tag fand Antonien noch ruhelos, am Kamine sitzend, und
beschäftiget, die Flamme hell und lebendig darin zu erhalten. Ob sie gleich
selbst von ungewohnter Hitze brannte, so konnte sie doch nicht fort von dem
beweglichen Elemente, das den dunklen Fragen ihrer Seele geheime Antwort zu
geben schien. Sie fühlte eine Unendlichkeit in sich, und hatte kein Wort, kein
Bild, keinen Gedanken dafür, hier sah sie Unendliches ausser sich, senkte
tiefsinnig den Blick hinein, und empfand mit geheimer Wollust ihr eigenes Wesen
wieder. So träumte sie bewusstlos fort, bis ihr Auge und Wangen unerträglich
brannten. Sie hielt die Hand schützend vor der Flamme, und lüftete mit der
andern das sittig anschliessende Busentuch, als zu ihrem Schrecken der
vergessene, blutgefleckte Schleier in ihren Schoos niederfiel. Mein Gott! rief
sie, dies Blut! - sein Blut - so nahe trug ich's auf dem Herzen! - sie schauerte
zusammen, barg das Gesicht in beide Hände, und stammelte leise: O Gott! O Gott!
es ist mein eigenes Herzensblut geworden!
    Jetzt fühlte sie, wie alles war, sie wusste es, sie sagte es sich ganz
bestimmt. - Der also, dachte sie, der ward mir so unleugbar auf diesen Wege
zugeführt! Darum mussten wir hierher und grade hierher - wie leicht konnte es
anders sein! Mein armer Freund! und Dein Blut musste fliessen! sie sah mit tiefer,
wehmütiger Zärtlichkeit zu ihm hin. Er war erwacht, und schien etwas betroffen
ihrem Blicke zu begegnen. Es war gewiss, man konnte nichts Schöneres, nichts
Ergreifenderes sehen, als sie in diesem Augenblick. Der strenge Ernst ihrer
Mienen war erweicht, ihre Wangen glüheten wie zwei Purpurrosen, das Haar war
fest geordnet, die Stirn frei und der königliche Blick von sanfter Trauer über
des verhängnisvolle, schöne, schmerzliche, Leben gemildert. Die länglich feinen
Hände waren herabgesunken, Hals und Kopf weniger gehoben als sonst, es war, als
sei ihr Stolz, ihr Mut, ihr Herz, gebrochen!
    Doch jetzt war auch Marie erwacht. Sie rieb mit beiden Händchen die Augen
klar, dann faltete sie sie wieder, und betete leise, ohne aufzusehen. Ihre
Lippen bewegten sich anmutig wie zwei Rosenknospen, die im säuselnden
Morgenhauch einander leicht berühren, Adalbert glaubte, das linde Wehen zu
fühlen, als sie hell aufsah, wie die Freude lächelte, ihn schweigend grüsste, und
nur mit Zeichen fragte, ob seine Wunden noch schmerzten? aus Furcht, den Schlaf
der Andern zu stören. Ihre Bewegungen hatten dabei so viel Liebliches, und wenn
sie die Hand mit der allerschuldlosesten Unbefangenheit bald hier bald dort auf
die Brust legte, um die Stelle seiner Wunden anzudeuten, so hatte es fast das
Ansehn, als beteuere sie irgend eine liebevolle Zusicherung, so dass Adalbert,
auf das Anmutigste gerührt, lebhaft wünschte, es möchte so sein, und, einen
Augenblick dem süssen Wahne nachgebend, so viel Zärtlichkeit und Ergebung in
seine Geberden- und Zeichensprache legte, dass Antonie, davon erschreckt,
unwillkührlich in die Höhe fuhr, und durch das etwas heftige Fortschieben ihres
Stuhles die Andern erweckte.
    Jetzt ward alles laut und lebendig. Man hatte sich begrüsst, befragt, Mittel
und Wege zur weitern Reise bestimmt, Alles war bereit. Adalbert sollte Antoniens
Platz in der Baronin Wagen einnehmen. Antonie hatte sich einmal zu den Männern
gesellt, sie musste jetzt schon den unbequemern Sitz, und das luftigere Fuhrwerk,
welches beide, wenn sie nicht ritten, vorzugsweise gewählt hatten, dem kranken
Vetter zu Liebe, ertragen. Der Herzog wollte nun einmal keine von den andern
Frauen neben sich haben, er fürchtete ihr verzärteltes Wesen, er kannte Antonien
nur gesund, fest, und in jedem Augenblick Mutvoll. So blieb es dann dabei, dass
Adalbert Marien gegenüber, im fest verschlossenen Reisewagen sass, und sie ihn
für mehrern Stunden aus den Augen verlor. Zwar hatte er sich nur mühsam in die
Anordnung gefügt, und der gütigen Freundin so verbindlich und rührend für das
grosse Opfer gedankt, welches sie so willig bringe, dass sie gern tausendmal für
ihn gestorben wäre, aber er reiste mit Marien, und ihr Herz litt von doppelten
Qualen. -
    In ähnlicher Stimmung verlebte sie alle folgende Reisetage. Es half ihr
wenig, dass sie sich rasch fortbewegte, und die Gegenstände um sie her
wechselten, denn, obgleich die fortrollenden Räder zu irgend einem Ziele
führten, so war dieses doch ungekannt, ja ungewiss, da es stets von Umständen
abhing, ob sie da oder dort verweilen würden. Zudem war jedes weitere Vordringen
ein neues Abreissen, ein neuer Kampf, denn hatten die früh einbrechenden Abende
alle an irgend einem Orte versammelt, wo sie übernachteten, machten sie dort nur
eine Familie aus, drängte die Unbekanntschaft mit auswärtigen Umgebungen, die
Fremdlinge auf einander zurück, so riss sie der folgende Morgen wieder
auseinander, ja warf sie oftmals auf andere Wege, wo sie sich nicht begegneten,
denn der Herzog liebte, mit dem beweglichern, leicht gebaueten Wagen,
Seitenpfade einzuschlagen, wohin die andern nicht folgen konnten. Seiner
Ungeduld, seinem Hinstürmen auf ein Ziel, musste sich alles fügen. Der Marquis
war froh, an Ort und Stelle zu kommen, und liess ihn gewähren. Antonie schwieg;
aber von da hatte sie nur ein Augenmerk, ein Einziges, was sie beschäftigte, und
zwar, wie weit jener Wagen zurückbleibe, und ob er sie beim Wechseln der Pferde,
beim notwendigen Aufentalt einer halben oder ganzen Stunde, ihrerseits, nicht
einholen könne? und liess dies Zusammentreffen auch nichts als einen flüchtigen
Gruss, eine Erkundigung, den gemeinschaftlichen Genuss irgend einer Erfrischung
zu, man trat doch in eine Art von Verhältnis zu einander, denn es entging ihr
nicht, wie die vielen kleinen Zufälligkeiten, die gemeinsamen Begegnisse, die
Vertraulichkeit jener mehrten, wie das äussere Berühren auch ein inneres ward,
wie die Gemüter mit den Verhältnissen zusammenfielen; deshalb wünschte sie,
bald die Zeit beflügeln, bald ihren Lauf anhalten zu können. So berechnete sie
stets, und nahm ängstlich dies und jenes zum Maassstabe an. Doch ward ihre Brust
oft grade da zerschnitten, wo sie Trost erwartete.
    Einst fügte es sich, dass beide Wagen am Ausgang eines Waldes zusammentrafen.
Antonie hatte längst Stimmen hinter sich gehört, welche immer in der
Waldumgränzung vernehmlicher herüberklingen. Sie war höchst erfreuet, und sah
mit Vergnügen, wie sie eine Zeitlang, auf ganz gleichlaufenden Wegen, neben
einander hinfuhren, als, höchst unerwünscht, der Postillon des grössern Wagens
einen Vorsprung zu gewinnen suchte, und der Herzog, sein früheres Recht
behauptend, selbst in die Zügel griff, die Pferde ungestüm antrieb, über Stock
und Stein hinflog, und einen Wettstreit veranlasste, der wenig Erfreuliches
erwarten liess. Auch trafen sie bei der Einbiegung in einen Hohlweg so heftig
zusammen, dass des Herzogs Wagen halb umgeworfen, gegen die Seitenwand gedrückt
ward, und sämmtliche Pferde in einer Verwirrung drunter und drüber hinstürzten,
dass alles wie ein Knäuel todt und beschädigt ineinander zu liegen schien. Der
Herzog geriet ausser sich. Die Erinnerung jenes unglücklichen Sturzes, der
seiner Freundin das Leben kostete, setzte ihn in ungemessene Wut, auch der
Marquis fluchte und schimpfte, und gebot mit vorauseilender Heftigkeit, alles
schnell wieder herzustellen. Dies wilde Durcheinanderrufen, das Gekrach des
Falles, die Unbehülflichkeit ihrer Lage, alles gab den Unerfahrenen die grösste
Angst, Marie glaubte die Schwester, alle Freunde in Gefahr, und, sich dicht an
Adalbert anklammernd, flehete sie ihn um Rettung. Er fühlte das kleine Herzchen
so ängstlich schlagen, er sah Tränen in ihren Augen, ihre Hände lagen bittend
zusammengefaltet in den seinen, er rief bewegt, Marie wer dürfte Dich je
ungerührt weinen sehen! schlang dann seinen Arm dichter um sie, trug sie
geschickt aus dem Wagen den Abhang hinauf, und liess die zierlich feine Gestalt
leise auf einen Stein niedersinken. Marie sah ihm freundlich in die Augen, sie
wollte ihn zu der andern Beistand fortdrängen, doch schien es ihr so undankbar,
sie hatte nicht das Herz dazu, und blieb halb verlegen, halb unbewusst, was sie
tue, dem lieben Freunde gegenüber, der sich zärtlich über sie neigte, und einen
flüchtigen Kuss auf ihre Stirn drückte.
    Als er denn endlich wieder zu der Tante und Antonien eilte, hatte diese den
Verdruss, dass alles ohne ihn getan war, und der Herzog bereits, mit dem Verbote,
ihm nicht den Willen zu durchkreuzen, weiter fuhr.
    Auch in den ruhigern Abendstunden ging es ihr nicht besser. Marie hatte
Romanzen und kleine Lieder von dem Vetter gelernt, Giannina begleitete sie auf
der Mandoline, alle drei sangen und musizirten die halben Abende mit einander,
und, seit jenem letzten Vorfalle, flossen Stimmen wie Blicke des Lehrers und der
Schülerin so innig zusammen, dass Antonie ihr Elend langsam auf sich zukommen
sah! -
    Es ist eine Täuschung, sagte sie, es kann nicht sein, es soll nicht sein,
das Schicksal hat anders gesprochen! Er darf sich nicht verblenden wollen! Sie
sass des Nachts oft Stundenlang in ihrem Bette auf, und sann, wie es enden werde?
Denn es schien ihr so unerträglich, wie unmöglich, dass er lange in dieser
ängstigenden Täuschung verharre.
    Deshalb drängte sie sich zu Adalbert, sie horchte auf die Gespräche, in
welche er sich öfter mit dem Marquis und seinem Vater über die gegenwärtige
Verfassungen, über die Lage Frankreichs, und ihrer aller Beziehung zu dem
Vaterlande, sehr angelegentlich verwickelte. Sie durchdrang schnell seine
Ansicht, und da diese das Allgemeine wie das Einzelne umfasste, so war sie bald,
mit unbegreiflicher Gewandheit, ganz heimatlich in dem fremden Gebiete. Beide
älteren Männer verteidigten die alte, seit Jahrhunderten geheiligte Form, mit
Feuer und dem nichts aufkommen lassenden Gewicht der Erfahrung. Adalbert fühlte
die Notwendigkeit einer Umwälzung, er sprach lebhaft, schön und eindringlich,
so lange er hoffen konnte, verstanden zu werden, schwieg aber, wenn der Herzog,
vom Gegenstande abspringend, den Schwindelgeist der Jugend angriff. Dann liess
Antonie oftmals einzelne Worte fallen, wie aus Adalberts tiefstem Innern
herausgehoben, welche alle zwangen, auf sie zu merken, und dem Gespräch nicht
selten eine ernstere, auf das Wesentliche zurückgehende, Wendung gaben.
    Auf ähnliche Weise griff sie fast überall ein. Oft traf es sich, dass bei
vorfallenden Streitigkeiten über militairische Operationen, Stellungen und
Märsche der Corps, Adalbert seine Meinung durch einige flüchtig auf das Papier
hingeworfene Striche unterstützte, und der Herzog sie dann, mit seinem
Eigensinn, als undeutlich verwarf. Antonie an Sauberkeit und Schärfe der
Umrisse, durch das Kupferstechen und Radiren gewöhnt, wusste nicht selten im
Fortgange des Sprechens, seine rasche Andeutungen genauer im Kleinen anzugeben,
wodurch der Herzog, schon aus Bewunderung und Liebe für sie, bezwungen ward.
Adalbert konnte sie nicht übersehen. Sie riss seine Aufmerksamkeit, seine
Verehrung an sich. Doch liess der erste Eindruck eine peinigende Scheu zurück,
und er flüchtete nicht selten vor der Gewalt ihrer Herrschaft, zu Mariens
kindlicher, hellen Engelswelt. Ihm hatte das Leben so selten gelacht, die
Verhältnisse der Gesellschaft hatten ihm so grosse Schmerzen gegeben! auch jetzt
war er zerrissen in seiner Wirksamkeit, das Ziel blieb ihm verrückt, wie
Vaterland, Stellung zur Welt und Gebrauch der Kräfte umdunkelt waren. Er
scheuete Antoniens Ernst, wie den trüben Rückblick in die Vergangenheit. Marie
war heiter, ihre kleine Tätigkeit hatte immer etwas Freundliches, das Leben
Anfrischendes, zum Ziel. Man sah so viel Schönes in ihr werden, sie entwickelte
mit jedem Worte, mit jeder Tat, eine Zukunft aus sich hervor, welche in eine
Welt voll Liebe und Wohlwollen zurückwies. Man ward an nichts Einzelnes bei ihr
erinnert, aber man fühlte sich so ganz, so vollständig, so bereit, den jungen,
frischen Lebensweg mit ihr einzuschlagen. Adalbert vergass, dass er je etwas
Widerwärtiges erfahren habe, wenn er bei dem guten Kinde war. Und er war viel um
sie, denn es blieb auf der ganzen Reise bei der frühern Einrichtung, obgleich
seine Gesundheit zum Teil wiederhergestellt war, und er sehr wohl freie Luft,
und anhaltende Bewegung ertragen konnte. Die Tante war einmal an die Art und
Weise gewöhnt, der leichte Gang des Gesprächs, die kleinen Neckereien, der
Gesang, ja das liebliche Wechselspiel aufkeimender Neigung, alles erfreute sie.
Ueberdem fand sie es langweilig, dass Frauen und Männer, auf einer ohnehin
beschwerlichen Reise, so ängstlich geschieden, die Tage von einander verträumen
sollten! Und an einen Umtausch mit Antonien gegen eine der andern Frauen, war
bei des Herzogs Gesinnung nicht zu denken.
    So kamen sie denn, auf eigene Weise gestimmt und verstimmt, endlich in Basel
an. Man hatte, von Bern aus, die nötigen Vorkehrungen getroffen. Der Marquis,
wie der Herzog, fanden wohl eingerichtete Wohnungen. Und ob beide Familien
gleich durch ein paar Strassen von einander getrennt waren, so fühlte Adalbert
diesen Zwischenraum sehr störend. Antonie hingegen atmete freier. Alles
verhielt sich nun anders! Beziehungen und Verhältnisse waren gleichmässig
verteilt, ihre Einwirkung auf sein Gemüt blieb gehindert, hier riss der Morgen
nicht ein, was der Abend aufgebauet, hier musste das Schicksal erfüllen, was es
verheissen hatte!
    In der volkreichen, bequem gelegenen Stadt, fanden sich viele Ausgewanderte
zusammen. Mehrere Bekannte aus der Pariser Welt stiessen leicht zu einander. Dem
Herzog war der Anblick eines Mitbürgers im Auslande, unter diesen Umständen, ein
Stich ins Herz. Er vermied jeglichen, so gut sichs tun liess. Die Baronin
häkelte sich an alles an, was ihr die Vergangenheit zurückrief, und bauete sich
aus jedem morschen Bruchstück auch ein Stückchen alte Welt zusammen, sie wusste
recht gut, was es damit zu bedeuten habe, aber es sah doch so aus, wie sonst,
und war hübsch und bestechlich. Das Neue, pflegte sie wohl zu sagen, muss erst
aus mir herauswachsen, und ich hinein altern. Jetzt ist es noch so unbequem!
    Unter denen, welche ihr aus den ehemaligen Kreisen am meisten zusagten, war
der Chevalier Cerane. Er hatte viel gereist, viel gesehen, viel erfahren, war
von schneller Umsicht, grosser Gewandheit, leicht, und überall, zu Hause, trug
einen Abriss jeglicher Wissenschaft und Kunst in sich, und behauptete in jedem
Augenblick ein freundlich, harmlos Gemüt. Man sah ihn fast immer in
Gesellschaft zweier Damen, von denen die Präsidentin als die ältere, Wittwe;
Viktorine, ihre Nichte, aber noch verheiratet war. Ohne einer von beiden mit
besonderer Neigung zugetan zu sein, war er durch Gewohnheit an sie gefesselt.
Vertrauet mit ihrem Ideengange, ihrer Vorliebe für diese oder jene
Lebensansicht, eingepasst in Takt und Maass ihrer Gesprächsformeln, wusste er
stets, wo er einzugreifen, wie weit er zu gehn habe. Zudem war die Präsidentin
Schriftstellerin, hatte einen scharfen, genauen Blick für das Einzelne, wusste
dies leicht aufzufassen, und nicht ohne Witz zusammenzustellen, ihre
Miniaturbildchen waren daher, der Aehnlichkeit wegen, immer interessant, um so
mehr, da sie alle den Farbeton bekannter, und nur zu sehr vermisster Umgebungen
trugen. Viktorine, jung, elegant, im Gemisch origineller Eitelkeit, mit
Entsagung und Hingebung drappirt, warf sich der Welt als ein interessantes
Rätsel in den Weg, an welchem sich der Chevalier den Kopf zu zerbrechen schien,
ob er sie gleich vollkommen auswendig wusste. So waren die drei Personen einander
unentbehrlich geworden. Der Baronin gereichte es zu besonderer Lust, sie um sich
zu versammeln, sie ihre Kunststückchen machen zu lassen; und hatte Viktorine
gleich manches gegen die unbefangene Wahrheit dieser Frau, gegen das rasche
Aussprechen ihres Gefühls, einzuwenden, ärgerte sie ihr festaltender Blick, der
sich dieser, unwillkührlich, bis auf den Grund fremder Gemüter senkte, so fand
sie sich dennoch durch ihre Auszeichnung geschmeichelt, und, der Eigenliebe
nichts zu vergeben, überredete sie sich, die Baronin suche ihren Umgang, die
still erzogenen Nichten zu bilden.
    Antonie sah indes streng und kalt, wie ein altes Steinbild, das man zufällig
in einen modernen Gesellschaftssaal geschoben hätte, in jene Kreise hinein. Sie
trug nichts in sich, was sie mit dem Fremden verbinden konnte. Die Welt lag ihr
fern, was sie von Menschen kannte, war ihr nur durch Beziehungen lieb, und das
einzige Wesen, in welchem Leben und Schmerz und Seeligkeit zusammenflossen, das
trat ihr, wie die eigene Seele, weit aus dem hellen, dreisten Lichtscheine
zurück.
    Mit Marien war es schon anders. Ganz Glück, ganz Freude, im Gefühl still
empfundener, still geteilter Liebe, hätte man sie eher mit den lieben Frauen
Bildchen vergleichen können, die so selig bescheiden aus dem goldenen Rahmen,
wie aus der freundlichen Schranke weiblichen Genügens, hervorblicken. Ihr
Verhältnis zu Adalbert, das schweigend von ihr, wie von allen, ausser Antonien
und dem Herzoge, anerkannt ward, schied sie zwar von den Uebrigen, allein da
ältere und reifere Personen sich stets an der zarten Entwickelung kindlicher
Menschen erfreuen, und glückliche Liebe immer einen himmlischen Zauber über
solche verbreitet, die sie in sittiger Verborgenheit hegen, so behauptete Marie
doch unwillkührlich einen erfreulichen Platz in der Gesellschaft; vorzüglich
räumten ihr diesen grade diejenigen Frauen ein, welche den schmalen Pass, der sie
in die Matronenkreise hinüberführt, schon zur Hälfte hinter sich hatten, und das
mühsam bezwungene Herz noch an jenen Nachklängen bestechlich erweichten. Die
Männer hingegen, denen eine Verlobte oder bestimmt Liebende meist uninteressant
wird, gaben Antonien, des Abenteuerlichen ihrer Erscheinung wegen, grössere
Aufmerksamkeit. Wie still, wie unteilnehmend sie auch dasass, ihr lautloses
Erscheinen, einzelne tief hervorgeholte Worte, ihr dunkelglühendes Auge, das
langsame Schreiten durch die Zimmer hin, und wieder die jähe Hast in Mienen und
Geberden, die bei einzelnen Vorfällen heiter wie elektrische Funken
durchbrachen, alles an ihr übte die Magie des Unbegreiflichen, der selten irgend
ein Gemüt widersteht. Der Chevalier besonders sah mit einer Art
leidenschaftlicher Neugier auf sie hin. Sie gehörte zu dem Wenigen, was er nicht
bequem in seiner eigenen Stellung zur Welt erfassen konnte, und doch so gern
verstanden, mit vielem andern, was er besass, in Uebereinstimmung gebracht hätte!
Er näherte sich ihr deshalb, und fühlte leise in sie hinein, welche Satte er
anzuschlagen habe? Antoniens kürzlich zurückgelegte Reise gab sehr natürliche
Veranlassung, das Gespräch zu eröffnen. Sie äusserte sich gern darüber, sie trug
jene Bilder immer in ihrer Seele, von dem Uebergange über den Bernhard, den
steilen einsamen Pfaden, den gewaltigen Riesenmassen, an denen sich diese
hinwinden, von der Grossheit und tiefsinnigen Ruhe der Natur in den unterhalb
liegenden Tälern, redete sie mit Liebe und Rührung. Der Chevalier hatte nicht
sobald ihr Hinneigen zu grossen Naturgegenständen entdeckt, als er sie geschickt
auf das, was er in der Art gesehen und erfahren, auf seine Reisen, auf seinen
Aufentalt in den Amerikanischen Inseln, zu lenken wusste. Er besass die
Gewandheit aller der Menschen, die sich mehr bei dem Gesehenen als dem dabei
Empfundenen aufzuhalten pflegen, und jenes in anschaulicher Deutlichkeit und
eigentümlichem Farbentone ausser sich hinzustellen wissen. Antonie hörte ihm
aufmerksam zu Nichts von allem, was er schilderte, war ihr fremd, es war, als
rede er von ihrer Heimat, er riss sie aus der träumerischen Gegenwart heraus, in
welcher ihr alles dämmernd und unklar erschien, sie folgte ihm willig zum
fremden tief hallenden Strande, die Natur war dort eine andere, auch ihr
Geschick ward dort ein anderes, Adalbert war um sie, bis dahin waren sie
geflüchtet, das trügerische Europa weit hinter sich lassend, nun Durchzogen sie
die gewaltigen Wälder, über ihnen ein fremder Himmel, in seinen Gezelten
schweift der mächtige Riesengeier in weit gezogenen Kreisen, fremde Stimmen
schlagen an ihr Ohr, ungeheure Tiere sehen bedrohlich auf sie hin, ein
ungekannt Geschlecht scheint sich ihrer zu verwundern, allein mit dem Geliebten
in der fremd belebten Wüste brennen ihre Herzen in der Tropen ewigen Glut
zusammen. Antonie war ganz Ohr, ganz inneres, unaussprechlich heisses, flammendes
Leben!
    So fanden sich denn beide aus ganz verschiedener Ursach, in ganz
entgegengesetzter Richtung des Innern, äusserlich stets zusammen. Es blieb nicht
unbemerkt, man lächelte und spottete freundlich darüber. Und wirklich hatte sich
der Chevalier, indem er ein Gemüt auf grossen Umwegen ergründen wollte, in
diesem verloren, und die Herrschaft über sich selbst auf eine Weise eingebüsst,
wie es denen immer geht, welche sich an etwas wagen, was über ihre Kräfte hinaus
reicht. Schon konnte er nicht von Antonien getrennt sein, ohne eine lebhafte
Unruhe zu empfinden, die so merklich aus der gezwungenen Haltung seines
Gesprächs, aus dem mühsamen Abwenden seiner Blicke von der Tür wo sie
einzutreten pflegte, aus allen den kleinen Bewegungen hervorleuchtete, welche
ein erfahrenes Auge niemals übersieht, dass die Baronin ihre herzliche Freude
daran hatte. Denn ihr konnte es nicht ganz entgehn, was Antonie, obgleich
dunkel, doch ihr vernehmlich, ahnden liess. Sie sah jetzt einen Ausweg aus dieser
entstehenden Verwirrung, und lobte sich im Stillen den Zauber geselligen
Verkehrs, der leicht und freudig das Störende ausgleiche, wenn die Einsamkeit
jede Anregung mit ängstigender Gewalt anpacke, und alles so einzeln und deshalb
so ungeheuer hinstelle.
    Fröhlich wie sie war, dachte sie nur an Frohes. Kleine gesellige Feste waren
ihr von je eine liebe Unterhaltung, und jetzt riefen sie ihr die Zeit zurück, wo
die Menschen in Ruhe und Sicherheit, sich selbst, ihrer Regierung, und ihrem
Gott vertrauend, mit dem Leben ein heiteres Spiel trieben. Die Ruhe war
wenigstens in ihrer Nähe scheinbar begründet. Der Herzog weniger stürmisch, von
Zeit zu Zeit sogar häuslich in ihrer Mitte, der Marquis, in der Gesellschaft
eines niedersächsischen Arztes, dessen Bekanntschaft er gemacht, wohl
unterhalten, alles hatte ein zufriedenes Ansehn. Sie erinnerte sich jetzt, dass
sie in diesem Jahre das Fest der heiligen drei Könige zu feiern vergessen, dass
sie dies nicht vorbei gehn lassen, dass sie es nachfeiern müssten. Alle stimmten
ihr bei, es ward zum Tage Maria festgesetzt. Die lustige Königswahl, welche an
diesem Feste, in ganz Frankreich, durch das ohngefähre Zufallen einer, in einen
Kuchen hineingebackenen, Bohne, scherzhaft getroffen, und für einen Abend
behauptet wird, gab schon vorher Stoff zu mancher Lust und mancher Neckerei. Der
Tag kam. Das Loos entschied für den Chevalier. Ihm blieb die Wahl einer Königin.
Er besann sich einen Augenblick, dann reichte er Antonien nicht ohne Rührung die
Hand. Antonie hatte anders gewünscht, anders gehofft, Einer konnte ihrer Meinung
nach, hier nur König sein! Das Loos hatte sich vergriffen. Sie sah zögernd
umher, sie erwartete, alle sollten fühlen wie sie! eine Gegenwahl schien ihr
natürlich. Aber statt dessen drängte man sie, dem Herrscher zu folgen, ihr Herz
stäubte sich selbst gegen das augenblickliche Spiel, und sie schritt neben dem
fremden, ihr aufgedrungenen Mann, mit unbeschreiblichem Stolz und wahrhaft
königlicher Miene einher. Alle huldigten ihr, und Adalbert neigte, als ihr vom
König erwählter Hofmarschall, halb scherzhaft, halb in überraschender
Aufwallung, ein Knie vor der schönen Gebieterin.
    Während dem Abendessen ward die Freude, wie immer, ungebundener. Der Wein
entfesselte manche Zunge. Die kurze Lust steigerte sich mit jedem Augenblick, es
schien, sie wolle ihr Maass auf lange Zeit erschöpfen. Adalbert sang mit sehr
schöner Stimme Kriegslieder, er sass neben Marien, Antonien gegenüber, er trank
rasch und viel, unter stetem Sprechen und Singen. Mienen und Geberden waren
unendlich beredet. Er schien Antonien etwas sagen zu müssen, sagen zu wollen, er
machte oft eine Bewegung zu ihr hin, doch der Herzog, ebenfalls vom Weine
angeregt, verliess fast Antoniens Sessel nicht. Endlich hoben sie die Tafel auf.
Adalbert nahete sich Antonien, er zog sie leise in ein Fenster, und, die
glühenden Finger auf ihre Hand gelegt, sagte er heimlich flüsternd, meine
Freundin, meine Königin, ein Wort von Ihren Lippen kann zwei Menschen beglücken,
wollen Sie es sprechen? Antonie, unfähig zu reden, die Glut seiner Finger wie
heisse Zangen an ihrem Herzen fühlend, atmete kaum. Adalbert riss unruhig ihre
Hand an seine Brust, und sagte nun heftig und schnell: Antonie, Sie haben Gewalt
über meinen Vater, ich liebe Marien mehr wie mein Leben, sagen Sie ihm, dass er
mir sie gebe, ich kann sonst nicht in Europa bleiben, sie allein kann mich mit
dem Schicksale versöhnen, ich fliehe sonst in einen andern Weltteil, der Sohn
geht ihm für immer, sagen Sie ihm das Antonie, für immer verloren! O! meine
schöne Schwester, reden Sie, reden Sie für mich! Wollen Sie? Antonie hatte
längst nichts mehr gehört, sie sah nur die Bewegung seiner Lippen, sein Atem
berührte sie, sie war wie eine Träumende und erwiederte Gedankenlos auf sein
wiederholtes Fragen, ein dumpfes Ja.
    Der Herzog hatte sie, wie den Sohn, genau beobachtet, er trat zu ihr, als
jener sie verliess. In seiner Seele war nur ein Gedanke. Er fragte zärtlich: Ist
alles richtig? seid Ihr einig? Antonie sah ihn krankhaft lächelnd an, und
wiederholte ihr freudloses Ja.
    Voll Entzücken eilte er nun zu Adalbert, drückte ihn ungestüm an die Brust,
und als dieser fast erstaunt fragt, habe ich Ihre Einwilligung? - fällt er ihm
heftig in die Rede, und bekräftigt seine Zusage mit einem heilig gegebenen
Worte. Doch, gelähmt vor Schreck, bleibt er stumm, als auch Marie seine Hand
fasste und beide Glückliche sich umarmen.
    Das Wort war gegeben. Pflicht und Ehre waren Bürge geworden. Er hatte nichts
mehr zu sagen. Wie ein grosser Missgriff sah ihn der ganze Abend an. Das
Unvermeidliche war nicht zu vermeiden. Er fühlte das tief, und stand noch in
sich versunken, als sich der Marquis, die Baronin, alle um ihn versammelten, und
Adalbert, der sich nicht kannte, der alles schon beendigt, sein Glück vollkommen
gesichert wissen wollte, ihm anlag, Heute, noch diesen Abend, die Trauung
vollziehn zu lassen. Der Herzog nickte bejahend mit dem Kopfe. Ein Geistlicher
war zur Stelle, die Tante flocht Marien das kleine Orangenbouquet durch das
Haar, Adalbert brachte Antonien, welche sich auf dergleichen verstand, die
beiden verbundene Ringe Mariens, mit der Bitte, sie geschickt von einander zu
lösen. Ohne Verwunderung blicken zu lassen, ja ohne Teilnahme irgend einer Art,
empfing sie die Ringe. Sie trat damit zum Licht, und, eine kleine Zange aus
einem Portefeuille nehmend, brach sie hin und her an der Verbindung. Sie schien
selbst nicht zu wissen, was sie tue, denn plötzlich brachen beide Ringe
entzwei, und das Stiftchen was sie zusammenhielt, flog weit davon. Im selben
Augenblick drang es wie ein helles Lachen aus Antoniens Brust, sie sank nieder
zur Erde und blieb bewusstlos liegen.
    Der Deutsche Arzt, welcher zugegen war, und die Unglückliche schon längst
teilnehmend betrachtete, sprang auf sie zu, und trug sie zum Zimmer hinaus.
    Doch Adelbert war Heut durch nichts zu erschrecken, durch nichts zu stören,
er sorgte schnell für zwei andere Ringe und die Ceremonie ward ohne Antonien,
doch nicht ohne bange, ängstigende Vorgefühle, vollzogen.
 
                                  Drittes Buch
                                 Zwölftes Kapitel
Der Arzt sass indes bei Antoniens Bett, und tat behutsam einige leise Fragen an
sie, welche sie langsam und mit grosser Anstrengung beantwortete. Ueberhaupt
schien ihr Zustand ganz dem ähnlich, welchen die Aebtissin früherhin mit so
grosser Bewegung erwähnte.
    Der vorsichtige Mann trug Sorge, sie vor jedem Ueberfalle, vor jeder
unwillkommenen Störung, zu bewahren. Er verweigerte selbst den Freunden allen
Zutritt, und senkte, was er unwillkührlich erfahren, gewissenhaft in die
verschlossene Tiefen seiner Seele. Doch konnte er es so wenig wissen, als
verhindern, dass sich Alexis in der Nacht unbemerkt auf sein Brettchen warf, das
nur durch eine dünne Bretterwand von Antoniens Lager getrennt war. Und erst viel
später traten die Vorstellungen hervor, welche das Kind wie im Traume berührten.
    Als es darauf am folgenden Morgen in Adalbert Tag ward, besannen sich auch
die Andern, und erschraken fast über den gestrigen Taumel, der, so
unvorbereitet, eine wirkliche, bleibende Tat veranlasste. Die ruhig-gesetzliche
Klarheit um sie her schob die Erinnerung ihrer raschen Freude in den
Hintergrund, und, wie ein Vorwurf, wie eine Warnung, reiheten sich Antonie, ihr
Zusammenstürtzen, der helle Schrei, der ihrer Brust entfuhr, der Vorfall mit den
Ringen, an den bleichen Saum der Nacht, und schienen in den hellen Tag herüber
zu sehen. Adalbert allein blieb heiter. Ihm war, wie Jemand, der von einem
ersehnten Gute träumt, mit Bangigkeit erwacht, und sich plötzlich im Besitz
desselben sieht. Das Ziel seiner Wünsche schien erreicht Er wollte sein Dasein
nur dauernd begründen. Tausend Plane flogen ihm durch den Sinn. Frankreichs
Schicksal konnte nicht lange unentschieden bleiben. Seiner Rückkehr dahin lag,
bei gemässigterer Verfassung, nichts im Wege. Er hatte für die Freiheit mit
strengem Eifer, mit Auszeichnung, gefochten, sich allein ruchloser Willkühr
entzogen. Alle natürliche Bande zwischen dem Vaterlande und ihm waren
unzerschnitten, und konnten sich in jedem Augenblicke enger zusammenziehn. Er
hatte das nie so angesehen, nie so empfunden. Früher erwartete er, alles annoch
Bestehende werde zusammenbrechen, und aus dem allgemeinen Umsturz solle das Neue
und Bessere hervorgehn; jetzt glaubte er an ein mögliches Zurücktreten der
überströmenden Willenskraft, er hoffte auf eine weise, begütigende Hand, welche
die Gränzen aufs neue scharf und bestimmt ziehe. Alle konnten noch glücklich,
noch zufrieden werden; er rechnete darauf mit einer Zuversicht, wie sie nur der
Glückliche kennt. Marie teilte seine Hoffnungen, ihr häuslichansiedelnd Gemüt
schuf sich in Gedanken schon all die freudige Wirksamkeit, die ein heimatliches
Eigentum der tätigen Frauenliebe bereitet.
    So innig froh durch Besitz und Hoffnung, empfingen beide junge Gatten ihre
glückwünschenden Freunde. Mariens Gesichtchen glänzte wie der Schmelz des
Frührotes. Sie war nur durch Eines beunruhigt. Die Schwester gab ihr Sorgen,
und Niemand wusste recht, wie es mit ihr stehe? Endlich trat der Arzt in das
Zimmer. Ein jeder bestürmte ihn mit Fragen. Der Chevalier war kaum noch Herr
seiner Ungeduld. Er trug die Gewissheit dessen, was Antoniens Uebelbefinden zum
Grunde lag, dunkel in sich, die innere Angst sagte ihm etwas, das er nicht
sogleich verstehn mochte. Jetzt erschien ihm der ernste deutsche Mann wie ein
rettender Engel. Er hoffte, dieser solle etwas anders, etwas ganz Gewöhnliches,
über jenes Ereignis sagen, er flüchtete sich mit seinen Sorgen schon dahinter,
als dieser, die Ungeduldigen höflich abwehrend, seinen Platz neben der Baronin
nahm, und mit seiner gewohnten Besonnenheit sagte: Der Arzt besonders soll
bescheiden in der Beurteilung solcher Fälle sein, welche nicht in der
aufgedeckten Folgereihe wirkender Motive und Ursachen liegen, da seine
Wissenschaft, vielleicht mehr als jede andere, mit der geheimnisvollen,
unerforschten, Natur verkehrt. Er darf so wenig einzelne Anklänge zu
ausgesprochenen Worten umbilden, als sie überhören wollen. Er soll stets mit
stillem, tief in das Innere zurückgehenden Sinn beobachten, aber weder die
Sucht, etwas Ausserordentliches aufgefunden zu haben, noch der kleinliche Kitzel,
Entdeckungen Anderer verspotten zu wollen, darf ihn auf Nebenwege verlocken. Die
heilige Ehrfurcht gegen das Wesen der Dinge erlaubt kein allzudreistes
Hervortreten, und deshalb ist dem Arzt besonnenes Schweigen unerlässliche
Pflicht.
    Hiermit schwieg er wirklich, und niemand gewann sogleich den Mut zu
erneueter Frage. Die Baronin allein, ob er gleich ihre eigenste Meinung ganz
unleugbar aussprach, wollte es dennoch hierbei nicht bewenden lassen. Es schien
ihr zuviel laut geworden zu sein, um es so unberührt bei Seite zu legen. Sie
selbst hatte gestern in der Ueberraschung manches über Antoniens wunderbares
Wesen, die inneren Offenbarungen, welche sie früherhin schmerzhaft durchzuckten,
und alle in ihr erspäheten Eigentümlichkeiten, fallen lassen, sie wollte jenen
Äusserungen das Abenteuerliche benehmen, indem sie dem Arzt zwang,
umständlicher auf das Vorliegende einzugehn. Deshalb sagte sie: wie sehr Sie im
Allgemeinen recht haben, empfindet niemand deutlicher als ich. Doch tut es im
Einzelnen öfters Not, dass des Erfahrenen Urteil schwankende Vorstellungen
berichtige, da Irrtümer und Abwege ja allein daraus entstehn, dass wir auf
keinem sichern Grunde Fuss gefasst, und nur auf flüchtigen Erdschollen unsere
systematische Gebäude aufgetürmt haben. Sie fuhr jetzt fort, manches kluge Wort
über Antonien zu reden, und alles zur Sprache zu bringen, was sie selbst über
diese wusste.
    Es ist unleugbar, erwiederte der Arzt, nach einigem Besinnen, und wir dürfen
es wohl mit Zuversicht behaupten, dass, wie in allem organischen Leben
Wechselbeziehungen statt finden, diese sich auch unter den Menschen, sowohl
gegenseitig, als der bewusstlosen Natur gegenüber, offenbaren. Was hier nun
jedesmal das Vermittelnde ist, ob ein Äußeres, oder ein Inneres, ob beides
zugleich? der sinnvolle, denkende Beobachter wird es prüfen, ohne gleichwohl
seinen Mutmassungen den Stempel der Unfehlbarkeit aufzudrücken. Vieles, das
sehen wir wohl, soll dem Einzelnen dunkel bleiben, was über seinen Zeitmoment
hinaus liegt. Die ganze Menschheit reift immer erst langsam in eine grosse Idee
hinein, und diese entwickelt sich während dem durch das Leben selbst aus ihrer
Wurzel rein heraus. Die Natur macht uns den Umgang mit ihr nicht allezeit
leicht. Sie verkündet sich dem Einen heut, und scheint sich dem Andern Morgen zu
widersprechen. Sie wirft uns grosse Phänomene wie Rätsel in den Weg. Der Mensch
soll sich daran wagen, aber ich wiederhole es, mit Ehrfurcht und Bescheidenheit,
was zu dreist, zu plötzlich, an das Licht gerissen wird, dem ergeht es wie
solchen altertümlichen Schätzen, welche lange Zeit der Erde Schoss verbarg, sie
zerbröckeln an der jähen Luftberührung. Und sicher, wir graben auch nur
versunkene Schätze aus.
    Durch ähnliche Wechselbeziehung, sagte die Baronin, welche lange in tiefen
Gedanken da sass, würden die oft bestrittenen Wirkungen der Sympatie und
Antipatie plötzlich berichtigt sein, und wie diesem, das Knarren einer Tür,
das Schneiden in Kork, das Reiben zweier Metalle aneinander, jenem aber, der
Duft einer Blume, die Ausdünstung eines Tieres, Uebelkeiten und physische
Schmerzen geben, so dürften Blick, Ton, Mienen und Geberdensprache, ja die blosse
Atmosphäre eines Menschen, anziehende oder abstossende Gewalt über einen Dritten
ausüben können, und Neigung oder Abneigung würde ein Gemüt beherrschen, ehe es
sich selbst davon Rechenschaft zu geben wüsste. Sehr traurig, - fuhr sie fort,
bleibt es, wenn solche Zufälligkeiten über ein Leben entscheiden sollen.
    Zufälligkeiten, erwiederte der Arzt, dürfen wir wohl nichts nennen, was
durch innere Notwendigkeit begründet ist. Alles, was die Individualität eines
Menschen so, oder so bestimmt, geht aus dem Zusammenhang des Ganzen hervor, und
selbst dasjenige, was von aussen hereinwirkend, als zufällig betrachtet wird,
bekommt erst durch die innere Gegenkraft seine bleibende Richtung. Man kann
nicht immer sagen, wie das Störende entstanden sei, allein wir empfinden dessen
trüben Grund in dem Eindruck, welchen es auf uns macht.
    Das Fürchterliche hierbei ist, fiel der Chevalier ein, dass man den
Aussendingen eine unumschränkte Gewalt über sich einräumt, und es den Umständen
überlassen bleibt, ob zwei Wesen in Conflikt geraten sollen, welche ohne äussere
Vermittelung wohl nie von einander gewusst hätten. Er seufzte bei diesen Worten
unwillkührlich, und schien sich seinem bedrohlichen Geschick hinzugeben.
    Vergessen wir nicht, erwiederte der Arzt, dass die Natur ein Wechselgespräch
mit uns führt, und dass die Vernunft auch eine Stimme hat!
    Die Vernunft! rief der Chevalier, ist sie in oder ausserhalb dem
Zusammenhange des Ganzen begriffen? Im ersten Fall, wird sie nicht von der
ganzen Folge notwendiger Fortentwickelungen mit bestimmt werden? Oder, wo
wollen sie ihr sonst ihren Platz anweisen?
    Gewiss, nahm die Baronin hier rasch das Wort, ist die Vernunft in jedem
Lebenskreise eingeschlossen, aber wie ein Auge, das alle Verhältnisse
zusammenfasst, und zu dem innern Spiegel zurückführt, ruht es mitten darin;
jeder Mensch ist wie ein kleiner Welterrscher anzusehen, und da keiner dieser
Lebenskreise für sich allein ist, sondern alle, wie ein Nürnberger Ei, in
einander gefügt sind, so lernt das Auge erst einen, als den Familienkreis,
überschauen, dann geht es weiter und weiter, und umfasst die Welt. Wie leicht
wird uns bei einem erweiterten Horizont, und wie sehnen sich alle danach!
    Sie werden mir aber doch nicht streiten, unterbrach sie der Chevalier, dass
diese Erweiterung sowohl durch Raum- als Zeitverhältnisse hedingt ist, und dass
individuelle, wie allgemein geschichtliche, Entwickelungen hier das ihre tun.
Wie oft, rief er, durch das Gewicht eigener Erfahrung unterstützt, wird dies
innere Auge, um Ihr Gleichniss beizubehalten, von undurchdringlichen Nebeln
umschleiert, die so notwendig, wie unwillkührlich, aus dem Kampf des Lebens
erwuchsen. Wo, ich bitte sie, bleibt da die Freiheit der Vernunft?
    In sich selbst, entgegnete der Arzt, in dem Vermögen, sich nach Innen zu dem
höchsten Wesen zu flüchten, an ihm zu stärken, von ihm zu erfahren, was wir
wollen und müssen!
    Der Chevalier schüttelte ungläubig den Kopf, als Antonie bleich und schwach,
auf Marien gestützt, in das Zimmer trat. Man begegnete ihr sehr liebreich, ohne
sie gleichwohl durch zudringliche Fragen oder ein unruhig beeiferndes
Entgegenkommen zu quälen. Es gewann sogar das Ansehen, als lasse man der
Unterhaltung den einmal begonnenen Lauf. Antonie schien wenig auf die Uebrigen
zu merken, sie setzte sich neben Marien ins Fenster, und arbeitete ruhig an
einem Haargeflecht, das sie mit grosser Sauberkeit zu ordnen verstand. Zuweilen
blickte sie auf, und hauchte einen flüchtigen Kuss auf Mariens Stirn; Viktorine
ging mit der Präsidentin das Zimmer auf und ab, der Herzog stand düster auf
Antonien sehend, dieser gegenüber, die Andren redeten eifrig, vorzüglich fasste
der Chevalier den Faden immer wieder auf, sobald die Unterhaltung einen
Augenblick stockte, und da diese von dem Besondern auf das Allgemeine
hinauslief, so schien man den Gegenstand ein für allemal erschöpfen zu wollen.
Adalbert war auch hinzugetreten. Man kam, wie gewöhnlich, von Einem in das
Andere; und das gemeinsame Gebiet der Ahndungen, Träume und Vorgefühle, ward
nach allen Richtungen durchzogen. Einige, welche das Allgemeine bestritten,
stellten gleichwohl, unwillkührlich fortgezogen, einzelne Tatsachen in einem
Gemisch von Unglauben und innerer Scheu als sonderbare Zufälligkeiten auf. Man
sprach hin und her, über die Möglichkeit wechselseitiger Einwirkung aus der
Ferne. Mehrere bezweifelten sie, andere, unter ihnen der Arzt, meinten, der
Punkt lasse sich schwerlich angeben, wo noch Mitteilung möglich sei,
insbesondere, da man die Agenten keinesweges kenne, welche vermittelnd wirken,
und die verschiedenen Naturen solche auf eigentümliche Weise fordern und finden
müssen. Der Marquis entschied für die Notwendigkeit unsichtbarer Verbindung
durch alle Welten. Er verlor sich in die weiten Sternenräume, bezog ihren Lauf
auf des Menschen Dasein und Bestimmung, und verwirrte sowohl Gegenstand als
Ausgangspunkt des Streites, durch das Viele und Seltsame, was er durcheinander
warf. Ohne so weit auszuholen, sagte Adalbert einlenkend, würden mehrere
Erfahrungssätze schon hinlänglich für das Ferngefühl beweisen, und da dieses,
einmal angenommen, auf Schritte, oder Meilen ausgedehnt, seiner Idee nach immer
dasselbe bleibt, so kann ich aus meinem eigenen Leben einen furchtbaren Beitrag
zu vielen andern hierüber gesammelten Beobachtungen liefern. Er schwieg einen
Augenblick, und schien die raschen Worte zu bereuen, alles war indes gespannt,
und man drang lebhaft in ihn, fortzufahren.
    Ich hatte, begonn er endlich, in den schönen Jünglingstagen, wo das Herz so
neu und die Hoffnung so frisch und mutig ist eine holde Freundin gefunden, die
ihr junges, liebliches Leben, in der zärtlichen Anhänglichkeit zu mir, jeden Tag
reizender entwickelte. Familienbande hatten sie mir, wie Dich meine Marie, nahe
gebracht. Des Jünglings Seele will durch eine freundlichere Hand geweckt sein,
als die gewohnten Tagesverhältnisse ihm zuführen. Sie berührt zugleich sein
ganzes Dasein, und öffnet alle verschlossenen Behälter des überschäumenden
Jugendlebens. Ich liebte in dem zarten Kinde die Welt, meine Bestimmung, die
Ehre, Gott, eine tiefe unergründliche Unendlichkeit. Unsere Verbindung
entwickelte sich mit unsern Ansichten und Vorstellungen von dem Leben. Die
Politik der Eltern meiner Geliebten führte indes eine andere Sprache als unsere
Herzen, das arme Kind ward für das Kloster bestimmt. Ich wütete, drohete,
versuchte das Unerhörteste, die Jugend erschöpft sich nie in Hoffnungen, aber
sie weicht mit gesunder Kraft schnell dem Unabwendbaren. Ist das Entscheidende
einmal geschehn, so kehrt der Mut in sich selbst zurück, und erträgt ein Uebel,
das er vorher mit Riesengewalt von sich zu stossen bemüht war. Meine junge
Freundin hatte ein ergeben, fügsam Gemüt, sie konnte sich dem Willen der Eltern
nicht widersetzen. Aber ihr zartes Herz brach unter den Ketten, die auf ihr
lasteten. Man hatte sie unbarmherzig von der Welt und ihrer freundlichen
Bestimmung geschieden. Ein Jahr lebte sie das trübe, enge Klosterleben, in
zweckloser Vorbereitung, denn sie starb, noch ehe sie den Schleier nahm. Die
Veranlassung ihres Todes blieb mir lange verborgen. Nach mehreren Jahren erfuhr
ich das Nähere hierüber aus einem Briefe der Aebtissin jenes Klosters. Es ist
vergebens, schrieb mir diese, man versucht es nie ungestraft, Gott zu täuschen,
hier hat ein unmündig Kind des Herrn Sache geführt. Am Tage der Einkleidung -
Adalbert ward durch Antoniens Annäherung unterbrochen, sie war aufgestanden und
stellte sich hinter seinen Stuhl, er wandte sich seitwärts gegen sie, und
richtete seine Worte zu ihr hin. Am Tage der Einkleidung, fuhr er fort, war die
Novize bereits im Begriff, den Eid abzulegen, als ein wunderbares Kind betäubt
zur Erde sinkt, und in einem Zustande, den ich Schlaf nennen muss, laut in die
Versammlung ruft, und der Freundin heisst, das Bild wegwerfen, das sie an goldner
Kette im Busen trägt, es drücke ihr das Herz entzwei! -
    Der Marquis fasste Antoniens Hand, die kalt und zitternd in der seinen lag. -
Adalbert hielt einen Augenblick inne, ihre Bewegung auf rückkehrendes Uebelsein
deutend, denn sagte er weiter: Es war mein Bild, mein unglückselig Bild, was auf
dem armen, gequälten Herzen verborgen lag, niemand wusste darum, auch das Kind
hatte es nie gesehen. Die Unglückliche bebte bei den fürchterlichen Worten, und,
sich zur Aebtissin neigend, reisst sie selbst in unvorsichtiger Bewegung das
stumme Zeugnis ihrer verräterischen Liebe an das Licht. Aller Augen richten
sich darauf, dumpfes Murren rollt zu ihr heran, und, als habe sie Gottes Gericht
getroffen, so stürzt sie leblos nieder und kehrt niemals zur Vernunft zurück.
    Antonie schlug hier beide Hände zusammen und mit aufwärtsgerichteten Blicken
ging sie schweigend zur Tür hinaus. Der Marquis und der Arzt folgten ihr nach,
allein sie hatte sich in dem entferntesten Zimmer eingeschlossen, und antwortete
keinem von beiden auf ihr wiederholtes Andringen, eingelassen zu werden, denn
sie lag betend am Boden und gelobte es sich, Gottes Fingerzeig von nun an streng
zu folgen. In ihr war kein Zweifel mehr. Es lag klar und unwidersprechlich vor
ihr; sie war Adalberts Schutzgeist. Schon damals hatte sie ihn vor der ewigen
Verdammnis gerettet, einen Meineid veranlasst zu haben, das Herz musste brechen,
das er dem Himmel entrissen hatte, ehe es sich neuem Frevel hingab. Später
hauchte sie den Tod von seiner Stirn, und gestern zerbrachen die unglückseligen
Vermählungsringe in ihrer Hand, als warnend untrügliches Zeichen. Niemand hatte
das beachtet, sie wusste es jetzt, ihr war es Pflicht, ein Band zu trennen, gegen
welches Gott gesprochen hatte. Der Marquis belehrte, rückkehrend, die Anwesenden
von dem Anteil, welchen Antonie an jenem Ereignis hatte. Adalbert erschrak
heftig. So nahe stand ihm das Werkzeug ewiger Rache! Sein Verhältnis zu dem
seltsamen Wesen schien ein anderes geworden, und wie eine Geweihete musste er sie
betrachten, als sie ruhig, ja heiter, zur Gesellschaft wiederkehrte.
    Auf Marien hatte Adalberts Erzählung ebenfalls einen peinlichen Eindruck
gemacht. Die frühe Jugendliebe erschien ihr so reizend! Adalbert noch so innig,
so leidenschaftlich, in ihr fortlebend! Sie erinnerte sich des schönen, früh
gefallenen Opfers gar wohl. Der Tag war ihr immer unvergesslich geblieben. Es
war, als sähe sie die bleiche, schmachtende Gestalt in diesem Augenblicke
niedersinken, und durch eine wunderbare Täuschung der Sinne, lieh sie dieser die
eigenen Züge, wie sie ihr unendlich Leid in sich selbst übertrug. Sie konnte
sich der Tränen nicht entalten, ihr Herz schlug so ängstlich, sie sank an
Adalberts Brust, der sie liebreich, aber verstört und eigen zerstreut, an sich
drückte, ohne gleichwohl nach der Ursach ihres Kummers zu fragen.
    Die Präsidentin nutzte die allgemein verbreitete Stimmung zu ihrem Vorteil,
und sehr überzeugt, dass ein jeder willig etwas ausser ihm liegendes ergreifen
werde, schlug sie vor, eine von ihr kürzlich verfasste Dichtung vorzulesen. Sie
hatte richtig geurteilt. Ihr Anerbieten ward von allen Seiten, sowohl aus
Artigkeit, als Missbehagen mit der innern Gegenwart, angenommen. Man schloss
sogleich einen engen Kreis um die Vorleserin, die, mit voller, angenehmer
Stimme, recht wohltönende Worte las. So viel Behendigkeit sie indes im Auffassen
und Darstellen gesellschaftlicher Verhältnisse, eigentümlicher Sonderbarkeiten
der Menschen, und daraus entstehender Verwirrungen des Lebens und der
Schicksalsbestimmungen besass, so fehlte es ihr doch gänzlich an Umsicht und
Tiefe, wenn sie über diese leicht angedeuteten Kreise hinausschweifte. Da sie
nun jetzt durch eigenes und fremdes Missgeschick widerwärtig getroffen,
politische Ansichten und Zwecke schärfer ins Auge gefasst und häufig in sich
umhergeworfen hatte, so wagte sie sich unbedacht in dies weite Feld; das sie
noch unsicherer betrat, indem sie den Schauplatz nach dem Oriente verlegte,
wohin die Phantasie nur unbequem hinübergetragen und in die entwachsene
Märchenform gezwängt wurde. Den Zuhörern war dabei, als seien sie auf einem
Maskenball. Bei jedem Schritte stiessen sie auf ein Bekanntes, dessen Verkleidung
gleichwohl, wie eine abhaltende Scheidewand, die alte Vertraulichkeit hinderte.
Man war zu Hause und auch wieder nicht, der Standpunkt für Wahrnehmung und
Mitgefühl blieb verrückt, niemand konnte mit der behaglichen Teilnahme recht zu
Stande kommen, da die Ereignisse, statt frisch und beweglich aus gesunder Wurzel
zu erwachsen, wie eine Reihe aus dem Zusammenhang gerissener Erfahrungssätze,
aufeinander gepackt dalagen, und das Schmerzliche, was ein jeder in der Zeit mit
durchlebt, mit durcharbeitet hatte, das im rüstigen Gegenstreit überwunden war,
jetzt schroff und schneidend in die Seele zurückfiel. Zudem griffen die häufig
vorkommenden politischen Diskussionen alte Streitpunkte ungeschickt an, und da
sie sämmtlich, auf Zufälligkeiten begründet, aller soliden Basis ermangelten, so
verletzten sie nicht selten Wahrheit und Sitte, und liessen alle Parteien
unbefriedigt.
    Es stand daher nach beendigter Vorlesung mit der geselligen Heiterkeit um
nichts besser, als zuvor, und die Verlegenheit, mit welcher ein jeder das
dürftige Lob über kaum geöffnete Lippen drückte, gehörte in die Reihe aller
peinlichen Zustände, die an diesem Tage auf einander folgten.
    Der Herzog nahm indes ziemlich mürrisch den Faden der Unterhaltung bei der
eben verhandelten Politik auf, und brachte das Gespräch nach und nach leidlich
in Gang. Er griff die Präsidentin nicht ohne Gründe an, behauptete indes mit
seiner gewohnten Strenge, Frauen haben gar keine Stimme über öffentliche
Angelegenheiten, weil ihnen der innere, wie der äussere Massstab, zu deren
Beurteilung, fehle. Was, fragte er, wollen Sie als Grundsatz, was als Zweck
annehmen? Sie haben nur Familienruhe, Lebensglanz, oder höchst abenteuerliche
Weltbürgerliche Ideen im Sinne. Gewöhnlich ist etwas Einseitiges der trübe Quell
ihrer Ehr- und Freiheitsliebe; ja sie haben kein anderes Vaterland, als den
engen Raum, welchen die vier Pfäle ihrer häuslichen Wirksamkeit einschliessen.
Die Welt mögen sie hier ahnden und fühlen, Liebes-und Lebensverhältnisse mögen
sie hier begründen, aber Staatsverhältnisse werden sie nie begreifen, weil diese
auf Bedingungen beruhen, deren Wesen ihnen nur undeutlich vorschwebt.
Abgeschlossenes Recht, Gewalt, erfassender Wille, stehn ihnen so fern, wie der
hohe Gedanke königlicher Welterrschaft. Sie träumen davon, wie von allem, aber
empfunden hat es keine.
    Viktorine, auf welche diese Worte hauptsächlich gerichtet waren, nahm sie
auch ganz ausschliessend übel auf. Ihr Mann focht mit den Engländern gegen das
Vaterland, und so wenig man es tadeln mochte, dass sie sein Verfahren, wie die
hierbei zum Grunde liegende Ansichten, billigte, so konnten es ihr die Männer
niemals verzeihen, dass sie mit sarkastischen Ausfällen solche angriff, welche
anderen Grundsätzen folgten. Sie stand daher in einer Art kriegerischem
Verhältnis mit Vielen unter ihnen, wenn Andere im Gegenteil die Oriflamme in
ihrer Hand gewünscht hätten. Jetzt insbesondere hatte sie sich in ihrer einmal
genommenen Stellung zu behaupten. Sie verteidigte sich daher nachdrücklich,
doch, wie immer, ohne Wortreichtum, mit gedämpfter, etwas gedehnter, Stimme,
welche den bescheidenen Rückzug anzukündigen schien, im Grunde aber den Feind zu
heftigerem Angriff verlocken sollte. Den Sinn für Ehre, sagte sie sanft, werden
Sie uns wenigstens lassen müssen, da sie es allein ist, um derentwillen wir die
Männer lieben.
    Drehen Sie den Satz um, unterbrach sie der Herzog lachend, Sie lieben die
Ehre, der Männer willen. Denn diese Gattung der Ehre liegt ausserhalb ihrer Welt.
Aber es ist Frauenart, sich in alles Fremde hineinzuwerfen und das Einzelne ins
Allgemeine, Gränzenlose auszudehnen. Die Teilnahme an dem Ruf, der günstigen
Stellung eines Mannes, macht ihnen glauben, ihr Wesen wie das der Männer
überhaupt, glühe und flamme in Tatendurst und ritterlichem Stolz. Ihr Wesen ist
Liebe, wenn sie lieben, verstehn sie alles, sind sie alles, aber sie sollen sich
auch nur liebend zeigen. Bei ihrem Anteil an dem Heil und Segen eines Staates,
eines Volkes, soll immer die zärtliche Sorge für befreundete Wesen und durch
diese für alle Menschen hervorsehen, denn das Wort Volk an und für sich, ist
ihnen nichts, so wenig wie Staat und Regierung.
    Sie schweigen zu dem Allem, flüsterte der Chevalier Antonien zu, haben Sie
nichts zur Rechtfertigung Ihres Geschlechtes zu erwiedern?
    Wir sollen lieben, sagte sie zerstreuet, war es nicht so? Erschreckt Sie das
Gebot, fragte er leiser, wollen Sie ihm folgen? können Sie es Antonie?
    Sie sah ihn befremdet an, eine wunderliche Röte flammte über ihre Stirn,
sie rückte einigemal ängstlich hin und her, dann, als könne sie seine Nähe nicht
ertragen, stand sie hastig auf, und setzte sich an das andere Ende des Zimmers.
    Der Herzog fuhr indes fort, seinem Unwillen Luft zu machen. Wüssten die
Frauen nur, sagte er weiter, wie sehr sie sich aus dem Vorteil geben, wenn sie
sich an etwas wagen, dem sie nicht gewachsen sind. Die fremden Mienen zu den
fremden Gedanken und Worten, die erhöhete Stimme, die unnatürliche Glut in
ihren Augen, und all die gemachte Exaltation, lassen es die Männer vergessen,
wer gegen sie streitet, Worte reihen sich an Worte, und wenn der Mann sein Leben
an eine Meinung setzt, wodurch behauptet sich die Frau vor sich und der Welt,
hat sie die Würde ihres Geschlechtes verletzt?
    Viktorine stand aufs höchste beleidigt von ihrem Sitze auf; Tränen des
allerbittersten Unmutes traten ihr in die Augen. Der Herzog fasste sie
begütigend bei der Hand, warum, sagte er sanfter, wollen sie dem Schicksal etwas
abtrotzen und sich dürftig aneignen, was Ihnen nicht werden sollte? warum wollen
sie sich des schönen Vorrechtes begeben, durch ihr blosses Erscheinen zu
herrschen, Gesinnungen wie Taten zu zügeln. Was sollen Ihnen die ungeschickten
Waffen, die sie nicht zu lenken wissen, die unsicher umher schwanken, und meist
nur sie selbst verletzen.
    Niemals, versetzte Viktorine, werde ich mich überzeugen, dass wir aus irgend
einer Sphäre menschlicher Wirksamkeit ausgeschlossen seien. Wie häufig sind es
grade Frauen, welche die Zügel des Staates geheim und sicher lenken, und nicht
selten verdanken es die Männer nur ihnen, wenn sie auf ihrem rechtem Platze
stehn.
    Meine schöne Freundin, entgegnete der Herzog, in Staatsintriguen sind die
Frauen immer die Ueberlisteten, sie werden zufällige Mittel, man gibt ihnen ein
buntes Seilchen in die Hand, und macht ihnen weiss, sie lenken das gewaltige
Fahrzeug, indes sie selbst weit sichrer durch Eitelkeit, Ruhmsucht und andere
unreine Motive gelenkt werden.
    Weiser Einfluss, sagte die Präsidentin, ist sehr wohl von gewinnsüchtiger
Intrigue zu unterscheiden. Wie viel erhabene Fürstinnen haben durch ihr ruhiges
Erkennen, geschicktes Sondern, und schnelles Durchdringen, Gatten und Söhne zum
Vortrefflichen geführt, wie viele waren selbst vom Trone aus das Heil ihrer
Völker.
    Es ist wohl unleugbar, hub hierauf der Doktor an, dass den Frauen ein Organ
für jedes Verständnis inwohnt; und sie augenblicklich in verwandtliche Berührung
mit allem setzt, was ihnen nahe tritt. Sie erlangen dadurch eine geheimnisvolle
Gewalt über Dinge und Menschen, welche selbst der gesellschaftliche
Sprachgebrauch zauberisch nennt. Solch ein Zauber war von jeher anerkannt, die
königlichen Frauen der Vorzeit übten ihn, mittelbar in das äussere Leben und
dessen Gestaltung einwirkend; aber es gehört dazu das treueste Verharren in der
eigenen Natur, denn, wie es Ihre Worte erschöpfend sagten, in der Liebe, welche
der Frauen Wesen ist, verstehn und sind diese allein jedes und alles.
    Als nun hierauf Viktorine unversöhnt und die Präsidentin unbefriedigt die
Gesellschaft verliessen und der kleine Kreis sich immer enger zusammenzog, fragte
der Chevalier die Baronin, wie ihr die Vorlesung behagt habe? Ich kann das noch
nicht wissen, erwiederte sie. Noch nicht! wiederholte er, mein Gott, wann wollen
Sie es denn erfahren? Ich weiss nicht, war ihre Antwort, vielleicht zufällig
einmal, wenn mir die Dichtung ganz von ohngefähr in die Hände fällt und ich sie
wieder vergessen habe. Mir ist es allezeit ängstlich, Werke meiner Bekannten von
ihnen selbst vortragen zu hören. Ich behalte kein freies Urteil dabei. Mir ist
bange, sie entweder zu überschätzen, oder nicht hoch genug zu stellen. Darüber
geht mir der Totaleindruck verloren. Es ist so schwer, Menschen, die man essen
und trinken, Gewöhnliches im Tageslauf denken und tun sieht, plötzlich auf
einer höhern Stufe zu erblicken, sie dreist zu der ganzen Welt reden zu hören,
man kann sich nicht einbilden, dass dies nicht zuviel gewagt sei, man vermischt
die einzelnen Stunden der Erhebung mit ihrem übrigen Leben, und glaubt sie
früherhin oder jetzt misskannt zu haben; so wird das Urteil trübe, und es kommt
zu keinem gesunden Gedanken.
    Antonie, welche während dem unruhig auf und ab gegangen war, fragte jetzt
den Arzt, ob man nicht in alten Büchern das Leben jener wundertätigen Frauen,
deren er zuvor Erwähnung getan, aufgezeichnet fände? und ob sie solche
Schriften wohl zu lesen bekommen könne? sie erinnere sich aus ihrer Kindheit,
ein Lied von einer Zauberkönigin gehört zu haben, es schwebe ihr aber nur ganz
dunkel vor, sei ihr auch nichts Besonderes daraus erinnerlich, allein sie fühle
oft eine wehmütig Sehnsucht nach dem alten Liede, und möge gern etwas ähnliches
hören.
    Der erfahrene Mann sah mit Bedauern, dass seine unschuldigen Worte die kranke
Phantasie des armen Kindes in ein dunkles Meer verwirrender Bilder hineingezogen
hatten. Er lenkte daher ihren Wunsch, mehr über das geheime Wirken einzelner
Geweiheten der Vorzeit zu erfahren, auf die genauere Kenntnis der Naturkräfte
überhaupt; riet ihr, beweglichern Verkehr mit dem Lebendigen; freien,
vertrauten Umgang mit der Gegenwart zu pflegen, verhiess ihr freundlich, sie in
das geschäftige Innenleben der Natur einzuführen, und suchte ihren Blick auf
alle Weise von dem trüben Wiederschein verblichener Gestaltungen abzulenken.
    In Antonien war aber das Wort Zauberei wie ein zündender Funke
hineingefallen. Sie dachte, es ist alles unbegreifliches Wunder, was uns
umgibt, warum sollen wir selbst nichts Wunderbares vollbringen dürfen! Und gäbe
es einen Zauber, ihn an mich zu bannen, wie ich an ihn gebannt bin, weshalb
sollte ich nicht? - Es gibt so viel Verborgenes im Menschen, wovon er selbst
nichts weiss - Gott hat es ihm eingepflanzt - Gott will - Sie konnte es nicht
vergessen, wozu sie Gott ausersehen habe. Ihre Eltern fielen ihr ein. Sie
konnten nicht von einander lassen, sagte sie! - ihr Herz bebte in freudigem
Entzücken; sie beschloss, sich dem Marquis zu nähern, von ihm über vieles
Auskunft zu erhalten. Auch das Anerbieten des Arztes nahm sie an, sie hoffte,
mehr unter seiner Anleitung zu ergründen, als er ihr offenbaren konnte; denn
gewinnen musste sie sich den Geliebten, das war im Himmel wie in ihrem Herzen
beschlossen!
 
                              Dreizehntes Kapitel
Während ein unnatürlich Beginnen der notwendigen Ordnung des Lebens vorgreifen
wollte, entfaltete sich der Frühling nach alten, ewigen Gesetzen, und schien es
den Menschen an das Herz zu legen, sich der stillen Führung der Natur ruhig zu
überlassen. Unwetter und Stürme hatten ausgekämpft, die Erde lachte ein neues
Dasein in jedes Herz hinein, ihre feste Rinde gewann ein lockeres duftiges
Ansehn, man sah sie arbeiten, und wenn sie Abends wogender Dampf umzog, und
wieder in ein grosses Meer umzuwandeln schien, schwirrende Insekten durcheinander
brausten, und tief unten alles hämmerte und pochte, dann fühlte jeder die Welt
aufs neue in sich entstehn! Marie, wie Giannina und Alexis, waren die
allerseligsten Kinder! Tagelang schweiften sie umher, sie waren nicht im Hause
zu erhalten, und Marie, welche im Kloster ein eigenes Gärtchen hatte, liess nicht
ab mit Bitten, bis ihr Adalbert auch jetzt ein Sommerhaus, mit recht
freundlicher Umgebung, vor dem Tore mietete. Hier war sie ganz in ihrem
Element, sie verstand und trieb die Blumenzucht mit vielem Eifer. Alexis ging
ihr dabei ganz besonders zur Hand. Der Knabe hatte Geschick und Trieb zu allem,
was er Andere machen sah, deshalb war er auch überall, wo es etwas zu tun gab,
und überall aufmerkend, behend und tauglich. Giannina lief viel hin und her,
allein mit der Arbeit wollte es nicht recht von statten gehn, indes erhielt sie
das Geschäft stets heiter, und Adalbert musste sich eingestehn, dass er nichts
reizenderes kenne, als die drei zarten Wesen, welche, wie Elfen auf grünem
Boden, ihr freundlich Beginnen so leicht und anmutig förderten. Sie hatten
recht nach Feeenart einen Blumentron unter zwei dicht ineinander verwachsenen
Ulmen erbauet. Eine Wand schlanker Kelchblumen, hoher Feuerlilien und glühroten
Mohnes, fasste den lieblichen Sitz ein, am Boden blüheten Doppelveilchen und
Anemonen, den Rasen aber bezog ein Gewinde der schönsten Vinka. Adalbert sass
hier oft Stundenlang, und tändelte mit Marten, die, immer geschäftig, sich nur
einzelne Augenblicke abstahl, um dem geliebten Mann in die Arme zu fliegen, und
allen freundlichen Spott und die tausend kleinen Neckereien von seinem Lippen
wegzuküssen. Nicht selten feierte Giannina solche Augenblicke mit ihrer Herrin,
und, sich in die Zweige der starken Ulme schwingend, sass sie über dem jungen
Ehepaare, wiegte sich nachlässig in dem Grün, und stimmte ein scherzendes
Liedchen auf ihrer Mandoline an.
    Einst waren alle hier versammelt, als die Baronin herzukam und Marien bat,
sie nebst mehrern Andern auf einem Spatziergang den Rhein hinunter zu begleiten,
wo sie in einer Meierei zu Abend essen und Nachts zu Wasser rückkehren wollten.
Marie liess sich sogleich willig finden. Giannina sollte ihr Instrument
mitnehmen, Alexis, der zeiter ganz artig das Flageolet blies, durfte auch nicht
fehlen, man versprach sich unendliches Vergnügen. Auch Adalbert ward bestürmt,
mit zu gehn, er hatte noch Geschäfte, wollte indes gewiss nachkommen. Antonie war
mit dem Marquis; man wusste nicht, ob sie zu dem lustigen Feste gestimmt seien,
doch ward Bertrand aufgetragen, sie einzuladen, wenn sie aus ihren Zimmern
kämen.
    Die Andern waren zum Aufbruch bereit. Marie hatte ihren Strohhut mit Mohn
geschmückt, und sah sehr reizend aus, als sie, von ihren jungen Gefährten
begleitet, den Zug eröffnete. Giannina wusste sich nicht zu lassen vor innerer
Lust, sie bewegte den kleinen Körper in tausend zierlichen Verdrehungen,
spielte, sang und tanzte, und zwang Alexis, in ihre komische Liedchen und
Geberdensprache mit einzustimmen.
    Adalbert blieb noch auf seinem Platze sitzen, sah innerlich entzückt der
anmutigen Frau nach, und sich selbst in unzählige liebliche Bilder hinein, bis
der Blumenduft, das Säuseln der Blätter, die schwüle Stille um ihn her, seine
Augen schloss und er fest einschlief. Nicht lange, so teilte sich die Blumenwand
hinter ihm, Antonie beugte sich leise hervor, legte ihre rechte Hand unter sein
Herz, und flüsterte, mit den Lippen fast seine Schläfe berührend: »Lass mein Bild
in Dich eingehn, halte es fest, wie es der Traum Dir zeigt, werde mein für alle
Ewigkeit.«
    Sie wiederholte die Worte mehreremale, wie lebhaft sich auch Adalbert regte,
und gegen den Traum anzukämpfen schien, endlich seufzte er tief, öffnete seine
Arme, und breitete sie ihr entgegen. Antonie hauchte einen flüchtigen Kuss über
seine Lippen, und zog sich hinter die Blumen zurück.
    Es war bereits dunkelnder Abend geworden, als die Fehlenden, einer nach dem
andern, zur übrigen Gesellschaft stiessen. Marie flog Adalbert entgegen, er
begrüsste sie zerstreut, seine Blicke flogen überall unruhig umher, endlich
fanden sie Antonien, diese sass im Hintergrunde unter dem Vorgebäu der Haustür,
um welche die Uebrigen einen Kreis geschlossen hatten. Ihr schneeweisses Kleid,
das in einen hohen, weit abstehenden Kragen, dicht unter dem Kinn, zusammenlief,
das Blendende ihrer fast blutlosen Haut, und die grossen, dunkelglühenden Augen,
gaben ihr in der abendlichen Dämmerung etwas überaus Wunderbares und
Schauerliches. Adalbert bebte, als er sie sah, doch konnte er seine Augen nicht
von ihr wenden. Sie schien gelassen, nur einmal fiel ihr Blick mit
unbeschreiblicher Gewalt auf ihn nieder. Er senkte, wie davon getroffen, den
Kopf auf Mariens Schulter, hinter deren Stuhl er stand, diese bog das
Gesichtchen nach ihm zurück, so dass ihr Mund seine Wange streifte. Zum erstenmal
befiel ihn tödtliche Angst bei ihren Liebkosungen, er machte sich schnell los,
und eilte in das Gärtchen der Meierwohnung.
    Hier traf er den Herzog, welcher mit grosser Aufmerksamkeit den Fleiss und die
Anordnungen des tätigen Besitzers beachtete. Alles war hier wohl übersehen,
benutzt und bekommen. Innerer Wohlstand, Stille und behagliches Gnügen, schienen
durch die einfache Anlage hindurch zu sehen. Der Herzog redete gebrochenes
deutsch mit den Arbeitern, er schien über manches Auskunft zu wünschen. Als er
Adalbert ansichtig ward, ging er ihm heiter entgegen; und indem er ihn auf die
friedliche Betriebsamkeit der Leute aufmerksam machte, sagte er: mein Sohn, man
ist nicht unglücklich, wenn man so ein stürmisches Leben beschliesst. Adalbert
sah ihn betroffen an, als er fortfuhr: für uns ist wenig anders zu erwarten. Die
törigen Träume, welche wir lange nährten, schrumpfen zu nichts zusammen. Unser
Vaterland ist ein anderes geworden, seit die Republik sich konstituirte. Die
Ruhe kehrt allmählich darin zurück, aber weder mein Einfluss, noch die alte
Stellung zur Welt, kehren wieder; damit ist es vorbei, wie mit dem Glanz unsers
Hauses, ich lerne das begreifen, deshalb freue ich mich jetzt Deiner einfachen
Aussohnung mit dem Schicksal, Deiner frühen Resignation! Du hast ein häuslich,
bescheiden Weib zur Gefährtin gewählt, ich hatte Anfangs andere Pläne, ich
dachte Antonie - Antonie, rief Adalbert entsetzt, Antonie mein Vater! Lass Dich
das nicht befremden, entgegnete der Herzog, sie ist ein wunderbares Wesen von
königlichem Stolz und hoher Entschlossenheit, sie hat mir oft seltsame Gedanken
gegeben, ich konnte nie in ihre Augen sehen, ohne so etwas von Welterrschaft zu
träumen. Lass das jetzt! es ist so besser, ich sehe das ein. Zwar glaube ich, hat
sie Dich geliebt, heftig, gewaltsam, wie ihre ganze Natur es fodert, aber auch
das ist wohl vorbei! Und Du hast glücklicher für Dich, für uns Alle, gewählt.
Die stille heitere Marie passt sich wohl für ein beschränktes Dasein, das unser
aller Loos geworden ist. Mich drückt dies auch nicht mehr. Das Leben reibt nach
grade alle Stacheln der Ehrsucht stumpf. Wie ich hier so mitten in der kleinen
Schöpfung stand, und die Familie ihre Gerätschaften nach getaner Arbeit bei
Seite legte, die Hände freudig schwenkend zusammenschlug und nun Feierabend
machte, mir ward mit ihnen wohl, unzähligemal habe ich Deine Marie so spielend
arbeiten sehen, ich musste mit Liebe an sie denken, und ich kann sagen, ich
freuete mich Deiner Wahl zum erstenmal recht von Herzen.
    Er umarmte hier Adalbert und führte ihn zu der Gesellschaft zurück. Die war
besonders laut und aufgewekt. Das Abendessen war bereit. Man sass um einen runden
Tisch. Antonie hatte noch ihren vorigen Platz, der Kreis war dadurch nicht
geschlossen, dass man neben ihr einen Raum liess für die Ab- und zu- Gehenden aus
dem Hause. Adalbert stand, ohne es zu wollen, neben ihr, doch redeten sie
einander nicht an, beide assen nichts, sondern tranken nur ein wenig Milch. Sein
Blut kochte, die Hand zitterte ihm, mit der er an Antonien vorbei, nach dem
Glase fasste, unversehens vergriff er sich, er nahm Antoniens Glas, das er mit
wilder Hast herunterstürzte.
    Indes hatte die fröhliche Laune allgemein um sich gegriffen, auch der Herzog
war munterer als je, und stimmte schöne Kriegslieder an. Adalbert musste auch
singen, er stockte erst, dann aber ward er ganz zu Flammen und Glut, die eigene
Stimme schien ihm den Taumel seines Hochzeitsabends zurückzurufen, er kannte
sich kaum noch! Auch Giannina und Alexis waren durch die anregende Abendluft,
den Gesang, den würzigen Duft der Wiesenkräuter, wie betäubt. Das ausgelassene
Mädchen tanzte mit ungewöhnlicher Heftigkeit, und fast gänzlichem Zerfliessen der
üppigsten Geberden, die Tänze ihres Landes; die Saiten schrillten wunderbar
dazwischen, und wenn sie auf dem Anger, in dem heraufgezogenen Mondlicht so
leicht hinschwebte, glaubte man wirklich, eine feenartige Erscheinung zu sehen.
    Der Kahn war jetzt angekommen, der sie zurückführen sollte. Es war an keinen
Aufschub mehr zu denken. Man stieg ein. Adalbert nahm das Ruder, um nur ausser
sich Beschäftigung zu finden. Eine Zeitlang glitt man schweigend über den Wellen
hin, es war, als sänftige das Wasser die unruhige Fröhlichkeit. Alexis, der
alles nach alles mit machen musste, hatte sich indes auch eines Ruders
bemächtigt, man achtete Anfangs nicht viel darauf, weil er sich auch hierbei
gewandt zeigte. Doch das wilde Spiel des ganzen Tages hatte sein Blut
unnatürlich angeregt, der Kopf war ihm schwer, die Arme schwächer als sonst, er
lehnte sich zu weit hinaus, und schoss vorn herüber ins Wasser. Ein lauter Schrei
aller Anwesenden durchdrang noch die Luft, als Adalbert schon seinen Rock
abgeworfen hatte, und frisch in die Wellen untertauchte. Mit Gewalt musste man
Marien zurückhalten. sich ihm nicht nachzustürzen, Antonie aber lag kniend im
Boden, beide Arme über den Bord des Kahnes ausgebreitet kein Laut drang aus
ihrer Brust, sie schien nichts von sich zu wissen. Jetzt arbeitete sich Adelbert
wieder herauf, den Knaben lebendig über sich haltend. Ein Augenblick, und er war
im Kahn, der Knabe in den Händen der Frauen, die den kleinen Unbedacht mit ihren
Shawls und Tüchern rieben und ihn hineinwickelten, um alle böse Folgen zu
vermeiden. Antonie begriff indes von allem nichts, als Adalberts jähen Sprung.
Sie lag noch unbeweglich da, als der Kahn ans Land stiess. Da sie sich am vordern
Rande des Schiffes befand, so reichte ihr Adalbert zuerst die Hand, um sie
hinaus zu führen; sie sah ihn mit dem süssesten Lächeln an, bist Du wirklich
gerettet? fragte sie. Seine Hand zitterte schon in der ihren, als er bewusstlos
stammelte, nein Antonie, nein, ich bin von nun an rettungslos! Der Mond hatte
sich hinter einer dichten Wolke versteckt, es war ganz dunkel um sie, als sie
das kleine Brettchen betraten, das nach dem Ufer führte, Antonie glitt aus,
Adalbert fasste sie stärker in seine Arme. O Gott, Adalbert! flüsterte Antonie,
überwältigt von seiner Nähe. Du liebst mich noch, rief er wild, es ist nicht
vorbei, ich fühle es an dem süssen Beben Deines himmlischen Leibes, sage mir es
Antonie, sage es dem Himmel, dass Du mich liebst. Sie standen jetzt auf der
Rhede; ja, erwiederte sie gefasst, ja ich sage Dir es und dem Himmel, dass ich
Dich liebe! Der Mond warf in diesem Augenblick einen leichten Strahl auf ihre
Stirn. Göttlich Wesen! rief Adalbert wie verzückt, ich gehöre Dir von jetzt bis
in alle Ewigkeit!
 
                              Vierzehntes Kapitel
Alexis war trotz aller Vorkehrungen am folgenden Tage dennoch bedeutend krank.
Schon in der Nacht hatte er starkes Fieber, sprach und wimmerte ängstlich, und
schreckte zusammen, als tue er aufs neue den ersetzlichen Fall. Der Köhler war
abwesend, er hatte weiter nördlich hin eine Geschäftsreise unternommen, und den
Knaben Mariens Pflege überlassen. Diese war nun aufs äusserste beunruhigt. Sie
wich nicht von seiner Seite, und da er in der Fieberhitze nicht im Bette
aushalten mochte, so lag er entweder auf ihrem Schoos, oder doch, den Kopf an
ihre Brust gelehnt, auf einem Bänkchen, das sie mit Decken belegte und bald hier
hin und dort hin trug, wie es die Unruhe des armen Kindes foderte. Alles
Spielzeug hiess sie herbeischleppen, jede Zerstreuung musste ihm augenblicklich
werden. Er hatte nach Kinder Weise in Kisten und Kasten mancherlei
hineingekramt, wonach man oft lange vergebens suchen musste. Jetzt verlangte er
nach einem Beutelchen, worin, wie er sagte, schöne Dinge seien. Man fand es
endlich im Garten auf dem schattigen Blumensitz. Alexis öffnete die Schnur, und
schüttete unter mehrern bunten Steinchen, einigen Silberpfennigen und glänzenden
Muscheln, die beiden zerbrochenen Ringe in Martens Schoos. Sie fuhr
unwillkührlich zusammen, diese hier zu finden, da sie sie lange vergebens
gesucht hatte. Das Kind, durch ihre Bewegung erschreckt, glaubte, sie wolle ihm
die Kleinodien nehmen, und rief weinerlich, ich habe sie ja von der Erde
aufgenommen, und wollte sie wieder mit Wachs zusammenkleben, wie der Onkel in
Chambery, aber es ging ja nicht. Nein, nein guter Junge, erwiederte Marie, ihn
auf die brennende Stirn küssend, es ging auch nicht, sei nur ruhig, und spiele
fort. Höre mal, hub er nach einer Weile an, die Ringe hat die Antonie entzwei
gemacht, es war recht unartig von ihr! Sie hat es nicht gern getan, entgegnete
Marie. Ja, rief er heftig, ja, sie hat es mit Willen getan, ich weiss es.
Alexis! drohete Marie sanft, so etwas musst Du nicht sagen! Es ist aber doch
wahrhaftig wahr, schluchzte er, durch Krankheit und Widerspruch gerejetzt, sie
hat mir es ja selbst gesagt. Dir? fragte Marie, Kind, wann denn? I! damals,
entgegnete er, wie sie so hässlich war! damals, - Nachts, - sein Auge flammte
hell auf, er sprach entsetzlich schnell, sie setzte sich bei mir aufs Bett, und
da schnarrte es so in ihrer Brust wie die grosse Hausuhr, und da träumte mir, -
und, da sagte sie - ich weiss nicht recht, - ich glaube, - Adalbert gehört mir!
Er gehört mir! ich lass ihn nun und nimmermehr, ich habe die Ringe zerbrochen,
ich will alles zerbrechen, und dann kam was von Blut, von verschreiben, ich weiss
nicht mehr, aber gesagt hat sie mirs gewiss.
    Das Schicksal hat mich ihr verschrieben, schrie Adalbert, der in einem
Seitencabinet arbeitete, rette mich Marie, rette mich Engel! rief er vor sie
hinstürzend. Marien schwindelte es, sie dachte in die Erde zu sinken. Das Kind
hatte sich ängstlich an ihren Hals geklammert, Adalbert umfasste ihre beiden Knie
und drückte sie unter heftigem Weinen an seine Brust. In dem Augenblicke trat
Antonie in das Zimmer. Alexis lag mit halb offnen Augen, die Fieberhitze
flimmerte zitternd über die zufallenden Wimpern und riss sie krampfhaft in die
Höhe; als er Antonien sah, sagte er furchtsam; sieh mal, sieh mal, da ist die
böse Hexe wieder! Nicht doch, flüsterte Marie sanft, und wandte sein Köpfchen
abwärts nach der Wand. Doch als Adalbert Antoniens Blicke begegnete, fuhr er mit
beiden Händen vor die Augen und rief in unmässigem Schmerz, ich bin
unwiederbringlich verloren! Marie winkte ihm, sich zu entfernen, er schwankte
nach seinem Zimmer. Antonie, sagte sie darauf, Du hast grausame Gewalt geübt!
Musstest Du ihn verderben, wenn Du ihn liebst? und willst Du alles tödten, was
seinem Herzen nahe war?
    Antonie stand regungslos da. Marie weinte still. Das Kind war auf ihrem
Schoss eingeschlafen. Jetzt trat Antonie zu ihr, reichte ihr die Hand, und
sagte: Schwester, gieb ihn freiwillig auf, Dein darf er einmal nicht bleiben. Du
bist fürchterlich, seufzte Marie. Aber täusche Dich nicht, Gott hat unsern
Schwur angenommen, er allein kann den Eid lösen. Er hat auch meinen Schwur
angenommen, entgegnete Antonie, auch den seinen, durch welchen er mein ist!
Meineid dringt nicht auf zu Gott, sagte Marie, den halten die Engel mit ihren
Schwingen zurück, er fällt auf die Erde nieder! da aber, da säet er unabsehbares
Elend! Sie verbarg ihr Gesicht in des Knaben Locken, den Blicken der Schwester
zu entgehn!
    Diese sank vor ihr auf die Knie, und mit aufgehobenen Händen sagte sie: ich
beschwöre Dich bei allem Heiligen, gieb ihn freiwillig auf!
    Geh! erwiederte Marie gefasst, Gott wird zwischen uns richten! Er hat
gesprochen, stammelte jene, in der höchsten Seelenangst, - zerbrachen nicht die
Ringe in meiner Hand? -
    Ach! stöhnte Marie, - die Ringe lagen jetzt, ein bei Seite geworfenes
Spielzeug, neben dem kranken Kinde. Nun, rief sie, so möge uns des Ewigen Hand
aus diesem Labyrinte führen!
    Sie hörten jetzt ein Geräusch im Vorzimmer. Antonie stand auf, die Baronin
trat eilig herein. Was geht hier vor? fragte sie mit ihrer gewohnten Heftigkeit;
Alexis todtkrank, ihr beide in Tränen, Adalbert und der Chevalier wie zwei
Rasenden an mir vorbei, die Treppe hinunter, zum Hause hinaus, was habt Ihr? was
ist geschehn? Adalbert und der Chevalier? rief Antonie, die es wie ein
Ahndungsblitz durchzuckte, das hat etwas zu bedeuten! Freilich, Ihr Kinder,
sagte die Baronin, aber was denn, was denn? Ich weiss nicht, entgegnete Antonie,
schon halb zur Tür hinaus, als ihr der Herzog in den Weg trat, und sie
schweigend in das Zimmer hineinführte. Niemand hatte jetzt den Mut zu einer
Frage, oder auch nur zu einer verratenden Bewegung. Der Knabe ist krank, sagte
er, freundlich zu Marien gewandt. Sie bejahete es leise. Er betrachtete sie
lange; sieh Pauline, rief er nach einer Weile, gleicht sie nicht der Mutter zum
sprechen, grade jetzt, jetzt in diesem Augenblick! Marie streckte ihm die Arme
entgegen, ihr Herz ertrug den Kampf nicht länger, sie weinte an seiner Brust auf
doppelte Weise zerrissen Sagt mir um Gottes Willen, rief die Baronin, was ist es
denn, was Euch so ausser Euch setzt? Dass sie ein Opfer wird, wie die Mutter,
entgegnete er heftig losbrechend, das ist es, dass die Teufelskünste, die
Aberwitz und freche Klügelei zum Spielwerk machten, ihr das Herz brechen, dass
die tollen Fratzen uns noch lange nicht Elend genug bereitet haben, dass - o ich
möchte rasend werden! - Wo ist Adalbert, was ist es mit ihm und dem Chevalier?
fragte Marie. Bleibe ruhig, mein Kind erwiederte der Herzog, ihn führt, ihn
schützt die Ehre, sie rettet ihn und uns vielleicht.
    Antonie machte eine rasche Bewegung nach der Tür. Nicht von der Stelle,
rief der Herzog, sie zurückhaltend. Verwirrungen anzetteln mögen die Weiber,
lösen können sie nur Männer. Marie faltete ihre Hände zum beten. Recht mein
Kind, sagte er, da suche Du Hülfe, der Weg ist Dir offen geblieben. Antonie sank
wie zerschmettert auf den Boden, und beide Arme gen Himmel gebreitet, rief sie,
führe Du meine Sache! O! verdammet mich nicht, wimmerte sie, des Herzogs Knie
umfassend, Ihr wisst es alle nicht, was mich treibt!
    Die Baronin hatte die Ungewissheit nicht länger ertragen können, sie war
hinausgeeilt, und kam nach einigen Augenblicken mit dem Arzt zurück, der ihr,
von allem unterrichtet, das Nötige mitgeteilt hatte. Der Doktor reichte dem
Herzog ein zusammengefaltetes Blatt. Gottlob! rief dieser, so ist er fort! Fort?
wiederholten beide Schwestern. Mein Gott, Du bist gewaltig! seufzte Marie, beide
Hände auf das kranke Herz legend.
    Der Marquis kam jetzt auch herzu. Sie haben sich herrlich geschlagen, sagte
er dem Herzog halb laut, der Chevalier ist durch die Schulter geschossen,
Adalbert hat einen Streifschuss am rechten Arm unbedeutend, und keinesweges
geeignet, ihn an seiner Reise zu hindern. Der Chevalier, ohne zum Tode zu sein,
wird das Bett hüten, und Adalberts Flucht hat einen Grund vor der Welt, der
Anstand ist behauptet. Und die Ehre, fiel der Herzog ein, hat uns alle gerettet,
indem sie heilig geachtet ward. - Marie, fuhr er zu dieser gewendet fort, Dein
Mann ward vom Chevalier beleidigt, welcher Rechte auf Antonien zu haben glaubt,
und gestern etwas Zweideutiges beim Heraustreten aus dem Kahne will gehört
haben. Worte, mein Kind, sind innere Waffen, welche die äusseren herausfordern.
Adalbert fasste die Gelegenheit begierig auf, den tollen Gaukeleien ein Ende zu
machen. Er musste mir versprechen, überlebe er den Ausgang, nach Russland zu
flüchten. Es ist geschehn. Jetzt fordere ich Haltung und Ruhe von allen. Das
Uebrige wird sich finden.
 
                              Funfzehntes Kapitel
Marie und der Arzt blieben die ganze Nacht über bei dem kranken Alexis; und
obgleich das Kind nach Mitternacht ruhiger schien, so wollte ihn die sorgsame
Pflegerin doch nicht verlassen. Ihre Haltung war die edelste, ihr Wesen klar und
bestimmt. Der kleine Unmut, die ungezügelte Trauer, der sie sich wohl bei
geringfügigern Ereignissen hinzugeben pflegte, schien in die schwankende
Kindeszeit zurückgesunken, der sie plötzlich entwachsen war.
    Sie redete gefasst mit dem Arzt über mancherlei, nur erwähnte sie Adalberts
nicht mit einer Silbe. Antoniens wunderbare Natur schien sie sich klar machen zu
wollen. Sie kam immer auf diese zurück. Es ist eigen, sagte sie einmal, dass wir
einander so verschieden und doch so ähnlich sind. Auch im Äußern ist das
auffallend. Man sagt, Zwillinge gleichen sich oft zum Verwechseln. Bei uns ist
das nur zum Teil der Fall! So im Tone der Stimme, im Gange, in der Handschrist,
die gleichwohl schon mehr durch das Innere bedingt wird, und in diesem ist das
verwandtliche Begegnen ausserordentlich! Sie schwieg einige Augenblicke betrübt.
Ich erinnere mich, fuhr sie fort, dass wir in den frühesten Kinderjahren oft
plötzlich zugleich über ein Spielzeug herfielen, dass wir so lange darüber
weinten und zankten, bis es beiden genommen ward! - Wie oft spielen Kinder so
ihr ganzes kommendes Schicksal im voraus! Der Arzt fasste sie gerührt bei der
Hand: rechnen Sie darauf, sagte er, dass Gott einem Jeden gibt oder vielmehr
lässt, was von je her sein eigen zu sein bestimmt war. Das tue ich auch, Herr
Doktor, entgegnete Marie, wie könnte ich sonst wohl noch leben!
    Sie redeten hierauf ruhig weiter, und er, um sie zu zerstreuen, erzählte ihr
manch merkwürdiges Beispiel der eben erwähnten Familienähnlichkeiten, welche
sich in einer langen Reihe von Jahren durch ein ganzes Geschlecht dergestalt
wiederholen, dass man alle des gleichen Namens durch einen hervorklingenden
Grundton wiedererkenne. Oftmals, fuhr er fort, ist die Aehnlichkeit nicht so
durchgehend, sie springt über, wie von Grosseltern auf Enkelkinder, anderer Seits
wird sie auch wohl durch Vermischungen gänzlich unterbrochen, und tritt erst
nach mehrern Stufenfolgen gewissermaassen fremd als etwas Neues auf, ob wir
gleich nur das Alte darin erkennen sollten. So ist auch die Individualität der
Volksstämme allein zu begreifen.
    Mir fällt bei dem, was sie zuvor über Geschlechtsvermischungen sagten, ein,
entgegnete Marie, dass die Reinerhaltung des Adels, die Ahnenproben, und alles
was dahin gehört, wohl auf der Vorliebe für jene Eigentümlichkeit beruhen. Und
war der alte, einfache Grund wahrhaft gut, so mögen wir uns auch wohl hüten,
etwas Fremdes darauf zu verpflanzen.
    Man muss hierbei, nahm jener das Wort, viel auf die Kraft der Naturen
rechnen. Es sichtet sich alles nach und nach, was im Kampf der Zeiten
übereinander geworfen wurde. Und fast immer finden wir in jeder Familie irgend
eine versöhnende Erscheinung, welche, das Alte und Neue zusammenfassend, den
übergetretenen Lebensstrom, auf eine oder die andere Weise, in seine Schranken
zurückführt. Wie oft, dass ein Kind in Verwirrung und Schmerz geboren, bewusstlos
Friede und Freude über sein Haus mit auf die Welt bringt.
    Er dachte hierbei an Marien, welche ihm immer wie ein versöhnender Engel
erschienen war. Sie aber deutete es anders, und blickte ernst und nachdenklich
vor sich hin, dann reichte sie dem Arzt unter flüchtigem Erröten die Hand, und
ging, da der Tag bereits angebrochen und Alexis fest eingeschlafen war, in ihr
Zimmer zurück.
    Nichts glich der wehmütigen Teilnahme, der innigen Zärtlichkeit, mit
welcher die Baronin ihrem unglücklichen Kinde, wie sie Marien nannte, entgegen
kam. Alles was sie selbst jemals erfahren und gelitten hatte, alle trübe Tage
und Stunden, wanden sich wieder aus dem alten Abgrund der Zeit herauf. So vieles
hatte sie eingebüsst, so vieles heldenmütig entbehrt, nichts Grosses mehr vom
Schicksal verlangt, in das Unabwendbare hatte sie sich schnell gefunden, aber
Familienfrieden, behagliches Teilen der letzten Lebensfreuden mit den teuren
Verwandten, darauf hatte sie gerechnet, das, dachte sie, sei nicht zu viel
gefodert, und nun war alles zerrissen, was sich so natürlich, so von selbst,
zusammengefügt. Sie war von dem letztem Schlage wie zerschmettert.
    Doch konnte sie nicht lange in einem Zustande verharren der sie zu allem
tauglichen unfähig, zu jeder wohltätigen Erheiterung Anderer ungeschickt
machte. Sie gewann Kraft, sich aus einer Kette abspannender Erinnerungen und
trüber Weltansichten herauszureissen. Das alte Gleichgewicht war bald wieder in
ihr hergestellt. Sie fasste die Gegenwart klar auf, und arbeitete einer bessern
Zukunft dadurch entgegen, dass sie sich mit dem Arzte vereinte, Antoniens
widerstrebendes Gemüt dem Gesetz und der Notwendigkeit zu unterwerfen.
    Erneuen, das wusste sie wohl, lassen sich Menschen nicht. Wegzuwischen,
anders zu machen, war hier nichts, das Alte musste bleiben. Die Leidenschaft
stumpft sich indes an dem Unmöglichen ab, oder sie wendet sich gegen die Brust,
die sie hegt. Die Natur musste zeigen, zu was sie hier Mut habe, zum Besiegen
oder Zerstören!
    Antonien ward daher die Unmöglichkeit, jemals zu Adalberts Besitz zu
gelangen, hell und anschaulich auseinander gelegt. Du kannst ihn, sagte die
Tante, bis ans Ende der Welt, aus der Welt treiben, aber was gewinnst Du dabei?
Antonie schwieg. Gehört er dir darum mehr, wenn er Euch beide flieht? fuhr die
Baronin fort, was hilft es Dir denn, ein Band locker und lose auseinander zu
halten, das Du niemals zerreissen kannst? An Dir ist es also, den fremden Mann
aufzugeben, und Deine eingebildeten Rechte bescheiden fahren zu lassen!
    Fremder Mann! rief Antonie, Gott! Gott! Hier brennt sein Bild, sagte sie,
die Hand der Baronin auf ihre Brust drückend, meine Tante, Sie wissens ja, Sie
sagten es selbst, Sie konnten nicht von einander lassen, die unglücklichen
Eltern! Wie soll ich denn von ihm lassen! Schieben, rühren Sie nicht an seinem
Bilde, Sie drücken es sonst so tief hinein, dass ich schreien muss! Es schnitt mir
ja von Kindheit an blutige Wunden ins Herz, wie soll ich es denn jetzt wegwerfen
können! Wie fodern nur überall Menschen grade das Unmenschlichste! Lassen Sie
dem Schicksal ungehindert seinen Lauf, ich bitte Sie!
    Die Baronin ging nach jedem neuen Versuche trostloser von dem krankhaft
verwirrten Mädchen zurück. Es stärkte sich ihr wohl das Herz an Mariens ruhigem
Walten, an ihrem milden Tun mit Alexis, der unter ihrer Pflege wieder
aufblühete, und sie Stundenlang auf ihren Spatziergängen begleitete, aber sie
sah in dem allen keinen Ausweg, und zitterte vor irgend einem entscheidenden
Schlage! Ueberall begriff sie die Fassung ihres zarten, so leicht zu
verletzenden Kindes, nicht, die keine Anstrengung, keine Gattung nützlicher
Tätigkeit verschmähete, niemals klagte, niemals Adalberts Namen nannte, und
jeden Fremden in schicklicher Entfernung zu halten wusste. Zwar hatte sich die
Präsidentin bald genug eingestellt, erst leise angechlagen, dann dreister nach
dem eigentlichen Grund des seltsamen Duells nachgegraben, auf die unbesonnene
Heftigkeit der Männer gescholten, es lächerrlich gefunden, dass solche, welchen
das Verhältnis verbiete, die Waffen für das Vaterland zu führen, und die es
gewissermassen entwaffnet habe, nun ihre Blutgier gegen einander richten, und
dies aus Ursachen - wobei sie lauernd inne hielt, - denen wohl dieselben
lähmenden Verhältnisse, die ewige, nie zu erschöpfende, Politik zum Grunde
liege. Marie entgegnete ihr indes gelassen, dass sie das ernste Ereignis nicht
lächerrlich finden könne, andern möge es so erscheinen, es sei hiermit, wie
überall mit jedem entusiastischen Aufwallen, das den Gleichgültigen immer zum
Spotte reize. Dann aber liess sie sich auf nichts weiter ein, und die Präsidentin
verzweifelte an der strengen Entschlossenheit des sonst so geschmeidigen, fast
unterwürfigen Wesens. Sie tadelte deshalb Marien, und meinte, sie habe doch im
Grunde viel von Antoniens starrem Trotz. Viktorine hingegen hob die gekränkte
Frau auf alle Weise heraus, und suchte an dieser ihre ganze Liebesfähigkeit, und
den Schatz weiblicher Tugenden an den Tag legen zu wollen. Mit der Miene einer
barmherzigen Schwester stattete sie der Leidenden unablässig Leidensbesuche ab,
kam und ging zu jeder Stunde, verschmähete jede andere gesellige Mitteilung,
hatte tausend leise Aufmerksamkeiten, und war von einer Aufopferung welche die
Welt nicht unbeachtet, nicht unerkannt, lassen konnte. Gleichwohl war sie nicht
zu bereden, Antonien ein einzigesmal in ihrer Abgeschlossenheit aufzusuchen. Die
Unglückliche litt zeiter an einem unerträglichen Herzkrampf, der sie oft halbe
Tage lang unfähig machte, ein Wort herauszubringen. Die Baronin lag deshalb
Viktorinen oftmals an, ihre Güte zwischen beiden Schwestern zu teilen, doch sie
entschuldigte sich anfangs unter frostiger Zurückhaltung, endlich aber sagte
sie, nicht ohne entstellende Bitterkeit: ich war immer von strengen Sitten,
geprüfter Auswahl meiner Freunde, und gestehn Sie mir, würde eine junge Frau, in
den Tagen der guten Gesellschaft, Fräulein Antonien ungestraft in Paris haben
sehen können? Sie können es sich nicht verbergen, dass der Schein, trotz aller
klugen Massregeln ihrer Familie, gegen sie ist, und ich gestehe Ihnen, ich liebe
meinen Ruf zu sehr, um ihm durch übel angebrachte Nachgiebigkeit schaden zu
wollen. Die Baronin stutzte, doch machte sie eine so stolze als abwehrende
Bewegung mit dem Kopfe, und sagte mit gezwungener Haltung: dagegen lässt sich
nichts einwenden, das hat die Sitte sanktionirt. Doch kaum hatte sich Viktorine
entfernt, als sie mit losbrechender Heftigkeit ausrief, wie grausam und wie
ungeschickt sind diese unsichern Geschöpfe, die niemals wissen, wie sie mit sich
und der Welt stehn, die ohne jene edle Haltung starker, reiner Naturen das
elende Spiel fremder Fingerzeige sind, die kalten Blutes warme Herzen todt
drücken, weil sie ihrer Meinung nach zu rasch schlagen, und die sich besinnen
werden, ob sie eine Mücke in einer regnigen Mainacht aus dem Fenster setzen
sollen, wenn grade ein Bewunderer dabei steht! O ich kenne sie auswendig, diese
Frauen von sogenannten Grundsätzen, sie waren mir immer ein Greuel! weil sie
leise, leise einen Tropfen Gift nach dem andern in den Ruf eines vielleicht
betörten Geschöpfes schütten, und dessen Fall dadurch beschleunigen, weil sie
selbst die Liebe, die sie nicht kennen, durch geistige Buhlerei verkrüppeln, zu
der ihnen das komponirte Wesen einen Freibrief auswirken half. Denn ich habe sie
ja gesehen, diese selbe Frauen, wie sie ihr studirtes Mienenspiel und die
kleinen Mittel ihrer armen Natur in Bewegung setzen, wenn es gilt, einen Mann zu
bestricken, den sie nicht lieben, nicht achten, der grade da und Mode ist. Maske
ist ihr ganzes Wesen, an der ich mich stets getrieben fühle, zu rücken, und sie
wegzuschieben. Die Welt sieht das auch ein, denn es ist ja zum Sprachgebrauch
geworden, von solchen, die eben nichts anders tun als figuriren, gemeinhin zu
sagen, sie behaupten ihre Rolle gut in der Welt, sie fallen nie aus ihrer Rolle!
Wie anders ist es mit jenen hellen, durchsichtigen Engelsseelen, die an dem
Unrecht hingehn, ohne Scheu vor Befleckung, oder die Starken, die überwunden
haben, und mild und gütig auf die hinblicken, die noch im Kampf begriffen sind.
Unter allen weiblichen Tugenden ist sanfte Duldung die schönste. Sie küsste hier
Marien auf die Stirn, welche sich zärtlich an sie schmiegte, wie immer, Liebe
und freundliches Anerkennen bei der mütterlichen Freundin findend.
    So standen alle Teile zu einander, so hatte ein jeder Monate lang das Leben
hingehalten, Sorgen und Bekümmernis in sich verschlossen, gehofft und
gefürchtet, als endlich Briefe von Adalbert einliefen. Es waren fliegende
Blätter an den Herzog addressirt, ohne Datum, ohne Ort des Auffentalts. Ihr
Inhalt war folgender.
    »Zu wem unter Euch Allen soll ich reden? ich bin Euch Allen verschuldet! Ich
kann an keinen ohne Schmerz, ohne Vorwurf, denken! Marie! Antonie! Wo ist hier
ein Ausweg! War das ganze vorige Leben nicht da? Sagt, ich bitte Euch, ist
Wahrheit in den Augenblick, den ich nicht weggeben, den ich nicht erlebt haben
möchte? Es ist mir wie im Traum! - ich hatte einen Traum - O Gott! Träume
greifen vor und zurück, welches ist nun das rechte?
    Warum treibe ich mich in so heftiger Eil von Ort zu Ort? Wohin will ich
denn? was soll ich in einer ganz fremden Welt! Ich ängstige die Postmeister,
verleite die Postillone ihre Pferde todtzujagen, stürze mich bis in die Nacht
unter unbekannte Gegenstände hin, reisse dann die Menschen unbarmherzig aus ihrem
Schlaf, gönne Niemand Ruhe, weil ich sie selbst nirgend finde, setze nach kurzer
Frist alles wieder in Bewegung, und schleppe mich heute wie gestern trostlos in
der Irre umher. Wozu nur das? Ich sehe dem allem kein Ende?
    Es muss anders werden! Gestern fand ich in einer Stadt französische
Kriegsgefangene. Es waren Leute von meinem Regiment dabei. Sie erkannten mich
gleich! ich glaubte Musik zu hören, als das Wort, Camerad, über ihre Lippen
flog. Ist denn der Mann noch etwas anderes als Soldat! Sie fragten mich wo ich
hinwolle? Ich stand beschämt unter ihnen. Weiss ich es selbst! weiss es irgend
eine Seele?
    Ich möchte nach Frankreich zurück! Der - sche Gesandte bot mir es an, mir
die nötige Erlaubnis auszuwirken, es gehn viel Emigrirte von hier dahin ab. Ich
will wieder Kriegsdienste nehmen! Es muss anders werden!
    Marie! meine Marie, weinst Du? Gott im Himmel! warum hast Du mich so elend
gemacht! Vergieb mir Engel! aber ich kann, ich darf nicht zu Dir zurück!«
    Marie faltete die Blätter zitternd zusammen, nachdem sie sie gelesen und
händigte sie dem Herzoge wieder ein.
    Es ist im Grunde gut, sagte dieser, unruhig in ihr Auge blickend, dass sich
die alte Kriegslust wieder in ihm regt; so schlägt doch etwas Bestimmtes den
widerwärtigen Streit nieder, er nimmt sich zusammen, er richtet sich an grossen
Beispielen auf, und die gesunde Natur heilt sich nach und nach aus. Meinst Du
nicht mein Kind? Marie drückte ihm die Hand, und weinte still in ihr
Taschentuch. Sieh, fuhr er fort, wir können ja nun auch nach Frankreich zurück.
Wir sind ihm dann näher. Ich muss es Dir nur sagen, Dein Vater und ich haben seit
Kurzem daran gearbeitet. Was sollen wir Kräfte und Mittel im Auslande
verschleudern? Wir haben ohnehin genug eingebüsst; mit der Wiedererstattung
daheim sieht es freilich misslich aus, indes hat der Marquis Hoffnung, sein
Stammhaus an der Rhone wieder zu erlangen, und haben wir erst festen Fuss gefasst,
so findet sich auch manches andere zu tun und zu erlangen.
    Sein Stammhaus, sagte Marie, die Flammen haben es ja verschüttet. Er denkt
es wieder aufzubauen, entgegnete der Herzog, lass ihn sich daran wagen, es
beschäftigt ihn und lenkt ihn von törigen Grübeleien ab. Sein Stammhaus -
wiederholte Marie noch einmal. Sie hielt einen Augenblick inne, dann sagte sie
mit fester Stimme, mein Vater, ich kann nicht zweifeln, Gott habe zwischen mir
und Antonien entschieden, die Natur lässt sich nicht irren, sie hat ihr einfaches
Wort gesprochen, Adalbert ist durch sie an mich gebunden, er ist Vater. - Der
Herzog sah sie überrascht und zugleich mit Ehrfurcht an, küsste ihre Stirn, und
sagte, meine Tochter, bewahre das als ein heiliges Geheimnis, das in dieser
Verwirrung noch nicht an das Licht treten soll. Vertraue Dich Niemand als dem
Arzte, greife der Entscheidung durch nichts vor, lass die Natur ungehindert ihren
zuverlässigen Sieg bereiten. Sie will uns in ihre stille Ordnung zurück haben.
Mein Gott! sagte er nach augenblicklichen Nachsinnen, wie ungestüm ist der
Mensch! wie arbeitet er sich an dem Unmöglichen ab, und dann kommt ihm das Gute
unversehens von selbst, aber anders, ganz anders wie er es dachte! Mein Kind! es
ist viel Wunderbares in dem Leben!
    Von jetzt betrieb er nun die Versöhnung mit dem Vaterlande auf alle Weise,
was ihm um so leichter ward, da die gemässigte Gewalt der Direktoren nach der
dritten Constitution, den Ausgewanderten die Tore der Heimat öffnete.
Frankreich hatte um diese Zeit mit einem Teil seiner auswärtigen Feinde Frieden
geschlossen. Es begründete sich nun in sich selbst und zog die vertriebenen
Mitbürger teils durch die wieder aufgehende Ruhe, teils durch die
allernatürlichsten, unzerreissbarsten Bande, nach und nach an sich. Auch der
Köhler ward des Suchens und vergeblichen Ansiedelns in der Fremde müde, und
schon im Herbst begleitete er den Marquis, der, den Wiederaufbau des
Rhoneschlosses betreibend, vorauseilte, nach Frankreich zurück, wie er ihn
früher aus diesem führte.
    Die Andern sollten unter dem Schutz des Herzogs in kleinen Tagereisen
folgen, und in Besançon Nachricht über ihren fernern Aufentalt erwarten, da
vielleicht ein Teil des Schlosses stehn geblieben sei, und sie dort bis zur
Wiederherstellung des Ganzen einziehen könnten. Marie fügte sich in alles, ohne
grade besondern Hoffnungen Raum geben zu wollen. Doch wie es auch werden mochte,
ängstlicher konnte ihre Lage nirgend sein, als hier, wo ihr alles so liebe,
glückliche Tage zurückrief, und wo sie jetzt die dunkle Gegenwart doppelt
drückte. Auch konnte sie es nicht wehren, dass manch verheissender Traum
unmerklich aus der unbekannten Zukunft heraufstieg; sie drückte ihn wohl scheu
und bescheiden zurück, aber er war doch einmal da gewesen, und jeder Blick in
die Ferne zeigte ein mögliches Glück, da die nahen Umgebungen im Gegenteil nur
Störung und Sorgen entielten. Denn Antoniens Zustand ward mit jedem Tage
leidenschaftlicher, ihr Sinn immer finsterer. Sie kam wenig mehr unter Menschen.
Meist allein in ihrem Zimmer, war sie beschäftigt, Scenen aus ihrem Leben,
welche Bezug auf Adalbert hatten, mit grosser Kraft und erschütternder Wahrheit,
in reichen und schön zusammengestellten Gruppen, mit Kreide auf das Papier zu
werfen. Vorzüglich verweilte sie bei dem Uebergang über den Gottard. Alle
andern Gestalten waren nur eben angegeben, Adalbert allein mit der höchsten
Liebe in rührender Aehnlichkeit ausgezeichnet. Niemand konnte den Zug tiefen
Leidens in seinem Gesicht ohne Wehmut sehen. So mochte sie sich ihn am liebsten
denken. Oft wenn sie stundenlang an seinem Bilde gearbeitet hatte und seine
Lippen sich wie zum Sprechen zu öffnen schienen, dann drückte sie die ihren
darauf, und verwischte mit ihren Tränen die trügerisch verlockende Erinnerung!
    Die herannahende Veränderung ihres Aufentaltes war ihr willkommen. Sie
verlangte sogar mit Heftigkeit darnach. In den letzten Tagen vor ihrer Abreise
zeigte sie sich geselliger, oftmals heiter und liebreich, ihr war, als sei die
Entscheidung nun ganz nahe. Sie sprach mit Liebe von der Rhone und dem
blühenden, heimatlichen Boden! zuweilen hoffte sie, die Flammen sollen nur das
Innere des schönen Schlosses angegriffen und die Möglichkeit gelassen haben, es
wieder bewohnen zu können. Sie pries dem Arzt die Herrlichkeit der schönen
Besitzung, und lag ihm an, sie dahin zu begleiten. Sie hatte sich einmal an
seine milde Behandlung gewöhnt, selbst auf gewisse Weise Vertrauen zu ihm
gefasst. Es schien ihr tröstlich, sich ihn als eine Art von Mittelsperson
zwischen ihr und der übrigen Familie zu denken, er war vielleicht der Einzige,
der sie verstand, seit sich auch der Herzog von ihr wandte. Sie hatte eine so
beherrschende Gewalt in ihren Worten und Mienen, sie bestimmte nicht eigentlich
durch Gründe, allein sie überwältigte die Gründe Anderer so, dass der leutselige
Mann, durch Teilnahme für eine der wunderbarsten Erscheinungen der Zeit, wie
für eine ganze liebenswürdige Familie, bewogen, in ihren Vorschlag willigte.
    Am Vorabend der Reise trat der Chevalier zum erstenmal nach jenem
unglückseligen Vorfall wieder in ihren Kreis. Ein jeder ward durch seinen
Anblick erschüttert. Er nahete sich Antonien, und in ehrerbietiger Entfernung
sagte er: ich habe Sie beleidigt, mein Fräulein, mein Blut konnte den Frevel
nicht wegwischen, ich will ihn abbüssen, auf welche Weise Sie es wollen, unter
allen Strafen die Sie mir auflegen können, ist wohl die härteste, Sie zu
fliehen, doch ich bin Ihnen so sehr verschuldet, dass ich mich auch dieser
unterwerfen muss. Wissen Sie aber eine freundlichere Art, die trüben
Missverständnisse auszugleichen, wollen sie mir die schöne Pflicht - Antonie
winkte mit der Hand - der Krampf stellte sich wieder ein, er zog ihr das Herz
zusammen, sie konnte nicht reden, und als der Chevalier übermannt zu ihren Füssen
sank, bezeigte sie die unerträglichste Unruhe. Ich bin ein Tor! rief er, stolz
aufspringend, ein Unrecht gegen Sie durch ein grösseres gegen mich selbst
aufheben zu wollen. Man gewinnt nie sogleich durch die erste veränderte Stellung
das verlorene Gleichgewicht wieder, aber ein französischer Ritter hat es noch
immer gefunden, wenn es die Ehre gebietet. Ich denke, es zweifelt niemand an
mir, sagte er, zuversichtlich umhersehend, die kleinen Wolken auf der Stirn wird
der ruhige Tagesschein bald wieder wegwischen. Er grüsste anständig, und verliess
einigermassen zufrieden mit sich selbst, den Schauplatz einer kurzen, ziemlich
hart bestraften, Torheit.
 
                              Sechzehntes Kapitel
Der Marquis ward gleich bei seinem Eintritt in Frankreich auf eigene Weise
überrascht. Was er auch bis dahin von der neuen Verfassung gehört, was er selbst
darüber gelesen hatte, er fand kein eigentliches Bild dafür in seiner Phantasie.
An die Vorstellung des Gesetzlichen, der wiederbegründeten Ordnung, reihete sich
unwillkührlich die Erinnerung des ehemals Bestandenen. Es blieb ihm stets das
Alte, er mochte es zurecht legen und stellen wie er wollte.
    In dieser dunklen, wenn auch nicht ausgesprochenen, Erwartung, betrat er
jetzt französischen Boden. Sitte und Notwendigkeit hatten nach grade genauere
Schranken gezogen. Eine jede Tätigkeit fand ihre eigene Sphäre. Betriebsamkeit
und tüchtiges Wesen suchten überall wieder zu schaffen, zu erneuern. War indes
das Leben in seinen Grundbestimmungen, auf die Weise, hier wie überall, dasselbe
geblieben, so war die Form desselben dennoch so ganz anders geworden, dass er
sich nicht darin zu finden wusste, und grade durch die gesetzliche Feststellung
des Neuen am meisten erschreckt ward. So lange noch alles in der allgemeinen
Crisis begriffen, und ein jeder mir in die Gährung hineingezogen war, konnte das
zerrissene Gefühl nicht zum eigentlichen Bewusstsein gelangen, doch jetzt, wo
sich der Tumult arbeitender Kräfte gelegt, und wirklich etwas gestaltet hatte,
prallte das Auge scheu vor dem Fremden, Ungewohnten, zurück. Der Marquis empfand
den Stoss in der Fortentwickelung der Zeit, allein er konnte sich nicht besinnen,
auf welchem Punkte er selbst stehe!
    Um nichts besser ging es ihm beim Wiederfinden seines alten Besjetztumes, in
welchem man kaum noch die Spur menschlichen Wohnsitzes erkannte. Das mächtige
Schloss war völlig in sich zusammengestürzt, und die gewaltigen Massen
übereinanderliegender Steine schienen Frieden mit der Gegenwart geschlossen zu
haben, die wohl nicht mehr an ihnen rühren mochte. Eine grüne Moosdecke hatte
sich schon über das dunkle Gemäuer ausgelegt, von der Terrasse herauf wanden
sich Wein- und Epheuranken an einzelne Pfeilerstümpfe hinan, die Bäume, welche
es von der Wallseite schützten, waren abgehauen, nichts von allem war sich
gleich geblieben, als die prachtvolle Rhone, die, wie die Natur, an der
verwüstenden Zeit, in stiller Notwendigkeit vorüberging.
    Nirgend mochte menschlicher Sinn hier an an heimatliches Ansiedeln, an
friedlichen Lebensverkehr denken. Das Einzige, was sich noch in bewohnlichen
Stand setzen liess, war ein ehmals moderner Garten-Pavillon, dessen Aussenwände
ziemlich unverfehrt geblieben, und von dem nur die Bedachung und das Innere der
Gemächer zerstört waren. Alle umfassende Pläne des Marquis, alle seine
Hoffnungen und Wünsche schrumpften demnach, bei genauerer Besichtigung des
Vorgefundenen, auf die Wiederherstellung dieses einen, armen Restes ehemaliger
Herrlichkeit, zusammen!
    Zwar konnte er nicht sogleich einen Plan aufgeben, in welchem er seit langer
Zeit lebte. Er hatte immer gehofft, das Alte wieder zu erneuern, und sich in
mitten des königlichen Gebäudes gleichsam als Zauberer betrachtet, welcher die
Bande zwischen Vor- und Mitwelt versöhnend zusammenhalte. Jetzt lag der tiefe
Grund freilich verschüttet, aber er hoffte, die Zeit, die so Grosses verschuldet,
werde auch nach und nach seinen Wünschen begütigend entgegen kommen.
    Kaum hatte er sich indes an die neue Arbeit gewagt, Pläne entworfen,
Arbeiter angestellt, und selbst sein aufmerksames Auge darauf gerichtet, als er
an dem Fortgange des Ganzen das lebhafteste Interesse nahm. Er hatte nie etwas
Äußeres erschaffen, ihm ward die Ringmauer des neuen Gehöftes eine Art
magischer Kreis, in welchem er mit unglaublicher Schnelligkeit wirkte! Es war
noch so vieles zu tun, so vieles aus der widrigen Verwilderung herauszureissen!
Und zu dem behaglichen Gefühl, auf dem Boden seiner Väter zu schalten und
walten, gesellte sich bald die zuversichtliche Hoffnung, welche Mariens Briefe
ihm nunmehr mitteilten, da deren Zustand nicht länger zu verbergen war, und
sie, ihrer Entbindung nahe, eine grosse Sehnsucht nach dem Ort ihrer Bestimmung
hegte.
    Die Familie hatte einen Teil des kurzen Winters in Besançon verlebt, und
traf nun zu Anfang des Märzes bei dem Marquis ein, den sie in ganz fremder
Umgebung fanden. Vom alten Schloss sah man hier nichts. Das erneuete Gebäude lag
zwischen heitern Pflanzungen, welche, noch ziemlich jung, der Raubsucht zu
geringer Ausbeute dienend, unangetastet geblieben waren, und jetzt einen leicht
gewundenen Pfad beschatteten, der sich an dem flacher werdenden Ufern des
Stromes hinwand. Der Süden schickt seine Frühlingsblüten früh. Das Gras duftete
hier schon von tausend würzigen Kräutern, die Bäume sahen nach und nach aus
ihren Blütenaugen hervor, alles schien sich zu Empfang und Freude zu schmücken.
Der Köhler, welcher überall rüstig Hand anlegte, und sich, als alter
Waldbewohner, auf Bäume und Pflanzungen verstand, hatte manches zu Verschönung
der neuen Anlagen beigetragen. Man musste sich in der kleinen Schöpfung
behaglich, recht häuslich wohl fühlen.
    Die Baronin war wie im Himmel. Sie hörte, sah und empfand in allem ihr
Frankreich wieder. Sie störte weder das Neue, noch vermisste sie das Alte! Alles
war, wie es sein musste, sein konnte, sie hatte nichts daran auszusetzen. Sie
mochte alle Menschen glücklich denken! Marie trug sie auf den Händen. Um alles
hätte sie Adalbert herzaubern, ihr ihn wiedergeben, Antonien beruhigen, schadlos
halten mögen! Sie hoffte deshalb manches in dem zärtlichen Ungestüm ihres
Herzens, was sie sich selbst nicht anzugeben wusste, da auch wirklich kein
eigentlicher Ausweg zu finden, kein Trost bei dem gänzlichen Mangel an Nachricht
über Adalbert zu erteilen war. Marie behielt indes Mut, und die stille
Ergebung, welche es ihr allein möglich machte, Antoniens zerreissenden Schmerz zu
ertragen, der diese befiel, so oft sie Marien ansichtig ward. Die arme Marie zog
sich dann bescheiden und sanft zurück, und weinte oft im Stillen über den
unbegreiflichen Widerspruch der Natur, welcher der Einen das zur Pein werden
lasse, was das einzige und höchste Glück der Andern sei. Sie fragte auch wohl
ihre Freunde, wie sich die immer wachsende Verwirrung lösen, wie alles enden
solle, und diese wussten sie dann freilich einzig auf Gott zurückzuführen, der
einmal alles so zugelassen habe, und es nach seinem Willen fügen werde.
    Der Marquis aber war weder so gelassen, noch in dem Unvermeidlichen gefasst.
Ihn verliess zu Anfang der alte Glaube, als sei er zur Wiederauffindung der
magischen Kräfte seines Stammes ausersehen, auch keinesweges. Nur hatte er, wie
immer, durch seine Zeit getrieben, einen neuen Weg einschlagen, und indem er
sich in die Aussenwelt wagte, rührte diese auf eigene Weise an sein Inneres. Er
ward unruhig über das Vergangene, es irrte und störte ihn, besonders der Anblick
des alten Schlosses, das er auch mit einer Art von Scheu vermied. Er wandte sich
nun mit grosser Heftigkeit in die Zukunft, und strebte ängstlich, das langsame
Wenden des Zeitmomentes zu überfliegen. Alles sollte schon da, alles zum Empfang
des Kindes, das aus seinem Blute ausgegangen war, bereit, und er im Stande sein,
dieses in seinen Geheimnissen auferziehend, zur Blüte einer neuen
Welterrlichkeit zu bilden. Doch erschreckte ihn unter solchen Vorstellungen oft
plötzlich Antoniens gespenstisches Erscheinen. Sie schlich wie ein Spuk an dem
Schlossgemäuer hin, und sah verwirrend aus dem alten Leben herauf. Dem Marquis
war zuweilen, als sei mit ihrer Geburt der Natur Gewalt angetan, und das längst
Verschollene freventlich ans Licht gerissen worden. Er gedachte dabei der Stunde
ihrer Geburt, des damaligen Aufruhrs seiner Sinne, der Marquise, ihrer Leiden;
Mariens herannahende Niederkunft mischte sich beengend unter diese Bilder, er
fühlte sich plötzlich in Erinnerung und Erwarten zerrissen, in keinem Zeitpunkt
seines Lebens behaglich froh. Die verarbeiteten Kräfte erschöpften sich endlich
in dem steten Kampfe; er verfiel in eine Abspannung, welche, von einem
abzehrenden Fieber begleitet, Alle, und besonders den Arzt, für sein Leben bange
machte.
    Um diese Zeit ward Marie sehr leicht und glücklich von einem Knaben
entbunden. Am nemlichen Tage erhielt der Herzog die bestimmte Nachricht, dass
Adalbert bei der Armee in Savoyen fechte, und ihnen folglich nahe sei. Doch
wollte er, im Augenblick des eben eröffneten Feldzuges, sein Gemüt nicht durch
eine Nachricht erschüttern, von der es nicht wohl voraus zu sehen war, wie sie
ihn treffen werde. Er begnügte sich daher, ihm zu schreiben, dass sie alle nach
Frankreich zurückgekehrt seien, und er selbst vor der Hand noch auf den Gütern
des Marquis bei diesem lebe. Zugleich bat er ihn dringend, sobald als möglich
etwas Näheres von sich hören zu lassen, und sowohl ihm, als seiner Familie, über
seine gegenwärtige Lage Auskunft zu geben.
    Antonie geriet durch die Nähe des Geliebten, wie durch des Kindes Geburt,
in den allerentsetzlichsten Zustand. Ihr Abscheu gegen die neue Wohnung trieb
sie jetzt noch rastloser im Freien umher. Stundenlang lag sie wimmernd auf dem
alten Gestein, und breitete ihre Arme über die Rhone hinaus, dem armen
Vertriebenen entgegen. Wie ausgestossen von aller Welt brachen sich ihre Klagen
an den zusammengestürzten Mauern. Der Strom rauschte ernst dazwischen, und
schien ihr aus der Tiefe Antwort zu bringen. Oft lockte sie sein wogendes Bett,
doch fühlte sie sich starr und wie eisern in den Gliedern, sobald sie sich dem
Wasser zu sehr nahete. Sie hatte ähnliche Wirkungen schon früher, Zeitenweise,
verspürt, es ging ihr fast auf ähnliche Weise damit, wie mit dem Berühren der
Metalle, vorzüglich bei hellem Sonnenschein. Doch wie auch der Fluss selbst aus
der Ferne auf sie wirkte, sie konnte von ihrem Lieblingssitz auf der hohen
Terasse nicht lassen, ob sie es gleich zum öftern durch verstärkten Herzkrämpfe
und die peinlichste Angst büssen musste. Hier war sie allein, hier trat ihr
Adalbert nahe, hier war er ihr eigen, daheim war alles ungestaltet, das Leben,
ihr Herz, zerrissen! Vielleicht stockte das arme Herz einmal auf immer in dieser
seligen Abgeschiedenheit!
 
                             Siebenzehntes Kapitel
Es war Ende Mai, drei Wochen nach der Schlacht bei Lodi, dass Marie ihren Knaben
taufen, und ihn nach ihrem Vater nennen liess. Der Marquis war so schwach, dass er
das Bett nicht mehr verliess, und die heilige Handlung vor diesem verrichtet
werden musste.
    Antonie hatte sich nur mit Mühe während derselben im Zimmer erhalten, sie
stürzte verstört hinaus, und warf sich atemlos auf die Schlossterrasse nieder.
Gott hatte das Kind in seine Liebesarme aufgenommen! Die Versöhnungsworte waren
über dasselbe ausgesprochen, es war geheiliget, ihr Recht auf Adalbert
vernichtet, der Natur geheimnisvolles Walten blieb ein unentworrenes Rätsel.
Sie starrte finster in sich hinein, sie konnte nicht beten, nicht weinen!
    Die Sonne neigte sich bereits, und warf ihre Strahlen scheidend über den
Strom, als mehrere flache Fahrzeuge, von jungen Weibern geführt, mit Wäsche
beladen, an das Ufer stiessen. Die Schifferinnen befestigten ihre Kähne, traten
mit den weissen, nackten Füssen, auf einzelne freiliegende Steine des Walles, und
flink und munter spülten sie das Linnen in dem klaren Wasser. Das Klatschen der
Wäsche schien den Takt zu ihren Liedchen zu schlagen, die sie frohen Mutes, mit
schönen, hellen Stimmen sangen. Diese Töne, welche aus dem Wasser
heraufzusteigen schienen, lockten zuerst Tränen aus Antoniens Augen. Ihr
gränzenloses Elend, wie das ganze, verfehlte Streben ihres krankhaften Daseins,
fiel mit solcher Gewalt auf sie nieder, dass sich ihre Sinne verwirrten, und sie
kaum noch wusste, wo sie sei, und was in ihr vorgehe. Fast war die Sonne
hinunter, weisse Nebelkreise stiegen über die Wiesen, jenseit des Stromes herauf;
bald dampfte das Wasser in dichten Wolkenwirbeln, der Abendvogel zog schwirrend
vorüber, die Stimmen dort unten klangen noch. Jetzt sangen sie das Lied von
einer Zauberkönigin, die einem armen, schönen Kinde den Buhlen entführt, ihn in
Liebesnetze verstrickt, durch böse Kunst an sich gekettet hält, bis diese sich
verzweifelnd in die Wellen stürzt, und jeden Abend den Treulosen aus flüsterndem
Rohrgesäusel an sich ruft. Die Stimmen schweigen plötzlich, denn eben jetzt
rauscht es zitternd durch die schwankenden Rohrhalme. Antonie fährt schreiend in
die Höhe, die Weiber, vom Lande stossend, sahen sie, wie sie mit drohender
Geberde aus dem wüsten Gemäuer heraufblickte, und verhüllten Gesichtes gleiten
sie pfeilschnell die Rhone hinunter. Antonie bleibt regungslos, wie verzückt,
stehn, das Herz stockt ihr in der Brust, sie kann kaum noch atmen, das Blut
scheint in den Adern zu kochen, sie greift krampfhaft umher, in der Angst fasst
sie den Dolch, und stösst ihn langsam, langsam, sich an dem Stahle kühlend, in
die kranke Brust hinein.
    Ihre Augen waren noch nicht geschlossen, als, nicht weit von ihr, zwei
Männer in der abendlichen Dämmerung auf dem Gestein niedersassen. Antonie
richtete sich in die Höhe: Adalbert! rief sie schwach, er schwankte, von dem
Andern geführt, zu ihren Füssen. Das Wasser rauschte, wie an jenem Abend, neben
ihnen, der Mond warf, wie damals, seinen verklärenden Schein auf Antonien, sie
sagte stark, mit aufwärts gewandtem Auge: ich gebe Dich frei, Adalbert! dann
sank sie, auf immer verstummend, an die Trümmer ihres Stammhauses nieder.
 
                              Achtzehntes Kapitel
Der Marquis hatte sich indes ungewöhnlich gegen Abend erholt, er sass
aufgerichtet im Bett, Marie auf einem Fussbänkchen neben ihm, das Kind lag in
blendend weissen Tüchern auf ihrem Schoss, seine grossen Augen schon hell nach dem
Lichte wendend, durch das offne Fenster strichen angenehme Luftzüge, die nahen
Pappeln und Linden schütteten ihren Blütenduft in das Zimmer, Marie tändelte
leise mit dem Knaben, der Marquis sah lächelnd auf beide, und redete viel und
heiter mit der Baronin und dem Herzoge, welche ihren Platz zu den Füssen des
Bettes genommen hatten, der Arzt reichte ihm von Zeit zu Zeit einige Tropfen mit
Wein vermischt, und bezeigte sich überall sehr aufmerksam. Nicht lange, so
schlief der Kranke erschöpft ein. Da klopfte es an der Tür, sie ging auf, und
es traten zwei Männer in Uniform herein. Auf das Geräusch schreckte der Marquis
in die Höhe. Das Erste was ihm in die Augen fiel, war jene Gestalt, welche ihm
bei Schloss Clairval in den Weg trat, er fuhr heftig auf, lass mich! schrie er,
rühr mich nicht an! der kranke Bürger Villeroi geht zu den Barmherzigen im
Himmel! Ich transportire Verwundete, erwiederte jener ruhig, wie zum Rapport,
der brave Camerad hat bei Lodi was weggekriegt, er kann den Säbel leider Gottes
nicht mehr führen, die rechte Hand ist ihm entzwei geschossen, er soll sich bei
den Seinigen ausheilen. Ich will mich ausheilen, sagte Adalbert leise mit
abgewandtem Gesicht. Seine Stimme rief dem Marquis den jungen, schlanken
Chasseur-Offizier in diesem Augenblick zuerst wieder zurück. Mein guter Engel!
rief er betroffen, Du, Adalbert! Marie lag schon längst auf ihren Knieen, das
Kind mit aufgehobenen Händen Adalbert entgegen haltend, dieser schwankte zu ihr
hin, er kniete ebenfalls vor dem Kinde, beide Eltern spiegelten sich in dessen
hellen Augen, ihre Tränen mischten sich auf den zarten Händchen, die damit zu
spielen schienen. Dieser Tau wusch alle fremde Bilder aus Adalberts Seele, rein
und heilig, drückte er Frau und Kind an sein Herz, das er Marien auf immer
wiedergegeben fühlte. Alle waren wie neu geboren, der Herzog segnete erst jetzt
mit freier Brust die Verbindung seines Sohnes ein, Marie schwamm in
Freudentränen, sie war wieder ein seliges Kind geworden, sie schmiegte sich
zärtlich und liebkosend an Vater und Freunde, als der finstere Kriegsmann einige
Schritte vortrat, und mit seiner barschen Stimme sagte, ich wollte nur melden,
dass draussen bei dem alten Mauerwerk ein Frauenzimmer in ihrem Blute liegt, die
hineingeschaft werden muss. Todesbote! rief der Marquis entsetzt, der Herzog und
der Arzt stürtzten zum Zimmer hinaus, Adalbert sah bleich zur Erde. Ist sonst
noch etwas hier zu tun? fragte dessen wilder Camerad, Adalbert winkte
verneinend mit der Hand, und jener verliess sie ungesäumt. Todesbote! wiederholte
der Marquis, sich in seine Decken verhüllend.
    Adalbert, sagte die Baronin, trinke jetzt beherzt die letzten Tropfen aus
Deinem Leidensbecher. Es ist Torheit, wenn man denkt, das Gewaltsame könne mild
enden! Ein Ausrenken oder Verzerren der schönen Naturverhältnisse kann nur durch
einen Stoss oder Schlag in seine Ordnung zurückspringen. Der Schlag ist erfolgt.
Sieh nun auf die heitere Ordnung des Lebens! Adalbert drückte bejahend ihre
Hand.
    Jetzt kam der Arzt zurück. Wie ist sie gestorben? fragte der Marquis. Nach
dem starken Anschwellen der Blutadern zu urteilen, entgegnete jener, hat sie in
der Angst des gewaltsamen Krampfes, wie schon öfter, Kühlung vom Stahle
erwartet, und sich den Dolch bewusstlos in die Brust gestossen. Der Marquis
faltete schweigend die Hände. Alle blieben lange stumm. Darauf foderte er, fast
bittend, man solle ihm sein unglücklich Kind noch einmal zeigen.
    Antonie lag sauber, in jenem weissem Gewande mit hohem abwärtsstehendem
Kragen, auf einem Ruhebett im Nebenzimmer, der Arzt öffnete die Tür dahin in
dem Augenblick, als Giannina und Alexis ihr eine Krone von dunklen Malven auf
das Haupt setzten. Ihr Gesicht, weiss wie Marmor, schien ruhig, der Körper lag
grade, die Hände gefaltet auf der Brust. Der Marquis liess sich in die Höhe
richten und sah freundlich zu ihr hin. Er verbot, die Tür wieder zu schliessen,
bat Alle, die Nacht bei ihm zu bleiben, und verlangte selbst den Korb des
kleinen Renaud dicht an sein Bett gerückt zu sehen.
    So blieben alle versammelt; zwischen dem Tode, dem aufblühenden und
hinscheidenden Leben, her und hin gehend. Gegen Mitternacht sagte der Marquis:
es ist alles Gegenwart in der Liebe! ich lebe jetzt alle schöne Augenblicke aufs
neue mit der Marquise! es ist alles wieder da, ganz da! Es ist schön mit dem
zugleich! aber der Mensch erträgt es nicht, er ist zu schwach! deshalb kann er
auch die Vergangenheit niemals durch die Tat zur Gegenwart machen! es geht
niemals, niemals! Er seufzte tief; ward unruhig, und schien etwas zu verlangen.
Marie legte ihm schweigend ein Cruzifix auf die Brust. Er griff mit beiden
Händen danach, befühlte es lange, und rief dann freudig, das ist die Figur der
Welt! Der Erlöser - der Schlüssel des grossen Buches - mein Gott! stammelte er
gebrochen, Du bist die Liebe, - in Dir - ist ewige - Gegenwart. Sein Kopf sank
auf die Brust, die Lippen berührten das Kreuz, der Atem flog leicht zum
letztenmale darüber hin. Der Arzt drückte ihm schweigend die schönen, starren
Augen zu. Dann sagte er bewegt: so hat er denn ein Wunder erlebt, das einzige
und ewige, die Fortentwickelung der Zeit! -
    Nach wenigen Tagen wurden Vater und Tochter neben dem alten Schloss an den
Ufern der Rhone beigesetzt. Marie schuf hier einen neuen Blumensitz, und Antonie
lebte ohne Zauberei still und friedlich in Adalberts Seele, dem ein
freundlich-heiteres Dasein an Mariens Liebe und seines Kindes Leben aufging. Die
alten Wunder waren von der Erde verschwunden, aber die Liebe schuf täglich neue.
Die Magie ihres Familienstammes blühete in Marien auf so eigene reizende Weise
wieder auf, dass sie ihres Gatten Herz in stets unauflöslichern Banden an sich
zog.
    Die Baronin und Giannina verliessen sie niemals, doch den Herzog trieb die
erwachte Liebe zum Vaterlande noch in mach neues Kriegsunternehmen. Auch Alexis
ward in der Folge Soldat, während sein Vater das Grab seines alten Freundes
hütete.
 
    