
        
                            Caroline Auguste Fischer
                                   Margarete
                                   Ein Roman
                                        
                            Von der Verfasserin von
                              Gustavs Verirrungen
                          Stephani an seine Verwandten.
Scheltet nur! es ist nichts angefangen, noch weniger vollendet. Eure
Empfehlungsschreiben sind nicht abgegeben und euere Aufträge nicht besorgt. Der
Alte! - werdet ihr rufen. O nein! nicht ganz der Alte. Seit acht Tagen, die ich
hier bin, noch kein Schauspiel besucht, alle Kunstschätze unbesehen, alle
mondhellen Nächte durchschlafen.
    Ihr werdet das Alles begreifen, wenn ich euch sage, dass Bernhard plötzlich
in Dienstesangelegenheiten verreist war, von meiner Ankunft nichts wusste und nun
gerade am Abende vor seinem Geburtstage zurückkehren wollte. Da nahmen mich dann
sogleich die Kinder in Beschlag und forderten Altäre, verschlungene Namen und
Illuminationen. Das herrliche Weib, die Mutter, schämte sich beinahe ihres
Ungestümms; doch ging ihr der Tadel auch nicht von Herzen, und so machten die
kleinen Quälgeister mit mir, was sie wollten.
    Bernhards Ueberraschung war unbeschreiblich. Er vergass im ersten Augenblicke
Weib und Kind. O die glückseligen Menschen! Ich sage euch, mein sehnsüchtiger
Geist ist befriedigt, oder wenn ihr wollt, eingewiegt, seitdem ich das Alles so
dicht um mich her sehe.
    Die Kinder nennen mich den grossen Bruder und Abends mag ich mich flüchten,
wohin ich will, sie wissen mich aufzufinden und an das Rasenplätzchen zu
bringen, wo des Erzählens kein Ende wird; es sei denn, dass uns die Mutter zum
Abendessen herein treibt.
    Gelingt es ihnen aber nicht, mich von der Gegend zu entfernen, komme ich
früher als sie, so bin ich unbeweglich und sie müssen mich allein lassen. Auch
des Morgens dürfen sie mich nicht stören. So hoffe ich doch noch etwas zu Stande
zu bringen und, seid nur ruhig, euere Aufträge sollen auch besorgt werden.
Es ist eine liebliche Gegend und schon vom südlichen Hauche belebt. Landschaft
möchte ich aber doch nicht hier studiren: denn, wie gesagt, es bleibt Alles beim
Lieblichen, und Scenen wie bei uns, fehlen ganz und gar. Um so treuer widme ich
mich dem historischen Fache, für welches ich, wie ihr wisst, unschätzbare
Kleinode hier finde.
    Ob das nun der Zweck meines Lebens werden soll? - Ich bitte euch, lasst mich!
lasst mich doch! Ich gebe euch nichts zu bereuen, darauf könnt ihr bauen.
    Wenn nun der Anblick himmlischer Schönheit mich erquickt, wenn mein
umdüsterter Geist heller, mein hochpochendes Herz ruhiger wird, handle ich dann
wider euch? wider mich? Denkt an euere Angst, ich würde mich der Bühne widmen -
war sie gegründet? Vertraut nur der Mutter, wenn ihr mir wieder nicht glaubt.
Sie wusste immer früher als ich selbst, was ich wollte.
Ich bin im Schauspiele gewesen, und es hat mich wunderbarer als jemals
angezogen. Besonders tief hat mich das Ballet erschüttert. Sie haben Tänzer!
eine Tänzerin! bei dem allwissenden Gott, das ist ein Geschöpf sonder Gleichen!
Tränen des Entzückens füllen mein Auge, wenn ich daran zurückdenke.
    Ich weiss nicht, warum man bei uns so viel Komisches in das Ballet verflicht.
Hier ist Ernst, hoher, heiliger Ernst. Ich kann, ich mag euch noch nicht sagen,
welche Ahnungen das Alles in mir erweckt hat. Ich wollte, ihr kämet und sähet
selbst.
Seht, ich prüfe, vergleiche, finde nichts ihr Gleiches, Aehnliches; nicht einmal
unter den Werken der Kunst. Das ist Alles todt neben ihr.
    Nur in dieser Lebendigkeit, sagen ihre Feinde, liege der ganze Reiz ihrer
unvergleichlichen Schönheit. Die Toren bilden sich ein, das sei Tadel. O dass
sie den Blicken dieser Menschen Preis gegeben ist! die ihren Wert kaum ahnen.
Ob sie das weiss? Ob sie weiss, wie sie verkannt wird? Sonderbar genug hat mich
bis jetzt eine gewisse Scheu abgehalten. Aber soll sie das ferner? Sie ist nicht
männlich diese Scheu - und was fürcht' ich? - Wahrlich es fehlt mir die Antwort!
Wohin ich sehe, wohin ich gehe, da schwebt sie. Diese Scheu war Ahnung, Ahnung,
dass sie mein ganzes Wesen umfangen würde. Ich denke nichts mehr, als sie.
    Bernhard scheint mich zurückhalten zu wollen. Wovon? Von Anbetung der
höchsten, seelenvollsten Schönheit, die ich je sah? Und ihr Auge ruht mit
Wohlgefallen auf mir. Sie ahnet, dass ich sie kenne; verstehen wir keiner den
Andern. Doch hat sie noch kein Wort von mir gehört. Wie könnt' ich auch
sprechen, wenn diese Rosenlippen sich öffnen! O nur diesen Mund möcht' ich euch
zeichnen!
    Ein erbärmlicher Mensch, ein Graf, bat mich letzt um ihr Bild; aber ich
schlugs ab und gab vor, Porträt sei nicht mein Fach. Doch stellt er sich, als
gäbe er die Hoffnung nicht auf, und meinte, wenn sie mir nur sitzen wolle, würde
ich mich schon erbitten lassen. Erbitten!
Morgen! Morgen! Aber dass dieser Mensch mich bei ihr einführt, soll ich es
dulden? Nein, wie sie es auch nimmt, ich gehe früher.
    Matilde erblasste, da sie es hörte, und Bernhard ward rot, wie vor Zorn.
Bald hätte mich das erbittert; doch Matildens Blick machte, dass ich mich
schnell wieder fasste. Die Kinder drängten sich dicht um mich her, als geschähe
ein Unglück, und Bernhard verliess plötzlich das Zimmer.
    Die guten besorglichen Menschen nehmen das Alles ganz anders, befürchten
eine gemeine Verbindung: von mir! von ihr! - Matilden spräch' ich, beruhigte
ich gern; aber Bernhard ist bei ihr.
Ich war bei ihr. Ein ganzes Zimmer voll Rosen duftete mir entgegen; Stühle,
Tische, der Fussboden, Alles mit Rosen bedeckt. Sie selbst schwebte aus einem
andern Rosenzimmer herein, gestand mir diese Rosenleidenschaft, die sich jeden
Frühling erneuere, und ihr den Winter ertragen helfe. »Uebrigens,« fügte sie
hinzu, »scheinen mir die Männer am liebenswürdigsten, welche die wenigsten Rosen
zertreten.«
    Auf diese Worte setzte ich mich schnell ihr zur Seite. Sie war wunderbar
schön, fühlte es, lächelte, und wurde noch schöner. Ich starrte sie eine Weile
sprachlos an, aber da ihr Auge fragend auf mir ruhete, fasste ich mich endlich
und wagte meine Bitte.
    »Ach ja!« - antwortete sie - »der Graf hat mir schon lange davon gesagt,
aber ich habe immer gezweifelt, dass irgend Jemand die nötige Geduld mit mir
haben würde, denn lange auf einer Stelle zu bleiben, ist mir unmöglich.«
    Ich versicherte ihr, dies sei gar nicht nötig, und ich hoffe um so mehr für
meine Arbeit, je weniger Zwang sie sich antun werde.
    »O wenn das ist!« - rief sie mit einer unaussprechlich reizenden Bewegung -
»so können wir anfangen, wann Sie wollen.«
    Wir sprachen nun noch einiges über den Anzug, und sie gestand mir, dass sie
sich für die Bühne in ganze Stücke Zeug kleide, welche, ohne Hülfe des
Schneiders, sich nach ihrer Laune fügen müssten, dann reichte sie mir noch ein
Paar Rosen, und verschwand in das andere Rosenzimmer.
    Den Abend sah ich sie noch als Psyche und so will ich sie bitten, sich malen
zu lassen.
Bernhard war nicht bei Tisch und doch nicht verreist; Matildens Augen waren
rot, die Kinder fragten nach dem Vater, der Aelteste wollte ihn holen und sie
verbot es. Länger nun zu schweigen war mir unmöglich. Matilde - sagt' ich -
warum sind wir getrennt? -
    Warum? O Gott! Bernhard sagt, ich sei Schuld.
    Sie?
    Ja, ich hätte Sie früher warnen sollen.
    Was fürchten Sie?
    Ach Gott! dass die ganze Ruhe Ihres Lebens verloren gehe.
    Wenn ich das bewundere, was Jeder, der ein fühlendes Herz hat, bewundert?
    Bewunderten Sie es so, was hätt' es dann für Not? Sie lieben! lieben! und
wen! -
    Matilde! wen! - rief ich ausser mir.
    Sie verbarg das Gesicht in den Händen und eilte weinend davon.
Ich war heftig erschüttert, und schloss die ganze Nacht kein Auge. Mein Gott, wie
werde ich diese besorglichen Menschen zurückbringen! Unbegreiflich ist es mir,
wie sie, bei ihrer Bildung, sich von so ganz rohen Urteilen hinreissen lassen.
Sie, die mich liebten, die noch vor Kurzem, da sie mich in euerer Mitte sahen,
Schätze für etwas, das meinen gedrückten Geist hätte erheben können, geboten
haben würden, sie verbittern jetzt meine Freude.
    Heute wollte sie mir sitzen; glücklicher Weise wurde sie abgehalten. Wer
wüsste, was sonst aus mir, aus dem Bilde geworden wäre.
Ich sah sie gestern auf der Bühne. O du! Inbegriff von tausendfältigem Leben!
von Seligkeit! bist du es; die sie lästern? - Morgen, Morgen! Wird meine Hand
nicht zittern?
Mag Alles wahr sein, was ihr vermutet und fürchtet; mich kümmert das nicht
mehr. Diese göttlichste Form, die mein Auge je sah, war bestimmt, einen
göttlichen Geist zu umschliessen. Kann dieser Geist nun irren, geirrt haben, war
es möglich, dass er sich selbst verkannte, eben weil andere ihn verkannten? - Das
nun ist gerade euere Sache zu beweisen. Und, wie gesagt, mich kümmert das nicht
mehr.
    Kommt und seht. Meint ihr, ihr hättet schon gesehen? - Ich sage euch, ihr
irrt. Und stört mich nur nicht in meiner Seligkeit! Was hattet ihr? Was botet
ihr, mich zu retten, da ich trostlos meine Bücher anstarrte? sie die mein Herz
mit immer giftigern Zweifeln erfüllten. Ihr betrachtet mich, wie einen Kranken,
träumt von Gefahr und von Tod. Seid ruhig! Jetzt, gerade jetzt fühle ich die
ganze Kraft, die volle Lebendigkeit meines Geistes. Naht mir der Tod, den ihr
fürchtet, ich erkenne ihn, rette mich, bin genesen schneller, als ihr glaubt.
Nicht als Psyche, als Hebe will ich sie malen. Sie ist die ewige Jugend. In
dieses Auge voll Leben und Seligkeit darf nichts Schmachtendes kommen. Ich
vertraute das einem lieben, herzlichen Jungen, der mich versteht, und wie ich
der Kunst leidenschaftlich ergeben ist. Er wandte mir ein, ihr Körper sei, wenn
gleich entfernt von üppiger Fülle, dennoch zu vollendet und es fehle ihrem
Gesichte Hebens characteristischer Zug. Fehlen! Haben kann sie etwas, was Hebe
nicht hat; fehlen kann ihr nichts.
    Wir stritten lange darüber. Endlich meinte er, wenn das Gemälde fertig sei,
werden wir sehen.
    Die Menschen haben alle etwas gegen sie, können es nicht leiden, dass ich so
mit ganzer Seele an ihr hänge. Am Ende ist es der blosse Neid - freilich bei
diesem herrlichen Jungen wohl nicht - denn ihr Auge ruht mit Wohlgefallen auf
mir.
Es quält mich, dass irgend etwas Wahres an seiner Bemerkung sein möchte. - Aber
bin ich nicht ein Tor? Warum will ich sie so oder so? warum nicht ganz als sie
selbst malen? - Die Tänzerin! - da liegt es! die Menschen haben mich schon mit
ihren kleinlichen Vorurteilen angesteckt. Glücklicherweise ist von dem Allen
noch nichts laut geworden, und ich behalte freies Feld.
Die Zeichnung ist fertig und das Bild untermalt. Sie, sie selbst ist es. Nicht
ruhend, nicht stehend, schwebend, wie ich sie immer sehe, auch dann, wenn ich
fern von ihr bin.
    Die armen Menschen! sie erzählen mir allerhand, fragen mich um dieses und
jenes, und geben nachher nicht undeutlich zu verstehen: dass ich wohl so gewissen
Abwesenheiten unterworfen sein müsse. - Ganz recht! ich bin abwesend. O Gott,
möchte ich es ewig so sein! Eine Fülle von Seligkeit durchströmt mein ganzes
Wesen. Ich schliesse Matilde, Bernhard, dessen Zorn mich schon lange nicht mehr
beleidigt, in die Arme, und sie fühlen es, wiewohl, sonderbar genug, trauernd,
dass ich selig bin.
    Wunderbar verstehen mich die Kinder. Sie wissen, dass ich Alles tue, was sie
wollen; dass sie dafür aber auch schweigen und mein Rasenplätzchen heilig halten
müssen. Sie nahen sich mir immer nur mit bedeutendem Lächeln, in das sich bei
den älteren, eben so sonderbar, wie bei Bernhard und Matilden, etwas
Wehmütiges mischt.
Alle Künste sind verschwistert, deuten alle die Sehnsucht nach der
verschleierten Mutter, lindern, trösten, geben Antwort auf tausend weinende
Fragen; aber keine erheitert so schnell als Malerei. Seht, ich habe sie nicht,
male nur ihr Gewand und mein Geist schwebt in Sonnenschein.
    Wunderbare Gewalt der Farben! noch wunderbarere Gewalt der
göttlich-menschlichen, der menschlich-göttlichen Form! O es ist mein
gelungenstes Bild! das sagen Alle. Aber idealisirt - setzen sie hinzu. Und ich
sage nein. Sie selbst, nichts als sie selbst ist es; aber in ihrem glücklichsten
Momente. So sehen sie sie nicht, so können sie sie nicht sehen; denn dazu gehört
nicht allein das Auge des Künstlers, sondern das Auge der Liebe, das
allentalben das Wahrste, das heisst: das Schönste entdeckt.
    Nun quälen sie mich um Copien. Jetzt, da sie festgehalten ist auf der
Leinwand, ahnen sie doch ihren Wert. Die sind mir nun gerade die
Unerträglichsten, die das läugnen, Alles auf die Kunst schieben, und sich in ein
ewiges Geschwätz über Bescheidenheit und dergleichen vertiefen wollen. Ich weiss
am besten, was an dieser Bescheidenheit ist. War ich begeistert, durch dieses
göttliche Auge bin ich es geworden. Morgen bringe ich ihr das Bild.
Eben war sie aufgestanden und sass im Garten unter blühenden Gesträuchen. O sie
war schöner als das Bild. Ich kniete nieder und überreicht' es ihr. Sie sprach
von Lohn. Das schmerzte tief. Aber die Nachtigall schlug. Sie beugte sich nieder
und ihr Rosenmund berührte meine Stirne. Ich bin belohnt.
Gestern, da ich zu ihr ging, begegnete mir der Graf. Er kehrte plötzlich um und
klagte in ihrer Gegenwart: sie habe ihm das Bild nicht ohne meine Zustimmung
lassen wollen, und es sei doch für ihn gemalt. Da sei Gott vor! - rief ich
erzürnt. - Wie so? - sagt' er verwundert - ich verstehe mich zu jedem Preis.
Kann sein! - erwiedert' ich gefasster und mit scheinbarer Kälte - das Bild ist
für mich und für Niemand anders. Doch haben sie es mir zugesagt - fiel er ein.
Da rief ich, plötzlich wieder ausser aller Fassung: ist erlogen! Wie! - sagte er
mit einem widerlich affectirten Zorn - Sie unterstehen sich? Das verdient eine
Züchtigung! Die Ihnen werden soll! - entgegnete ich schnell, und so verliessen
wir beide das Zimmer.
    Wir schlugen uns. Ich bekam eine leichte Schmarre über die linke Wange und
er einen ernstafteren Hieb, als ich wollte, über den einen Arm. Seitdem ist er
artiger und bettelt nur um die Copie. Ich sage weder nein, noch ja; glaube aber
nicht, dass ich sie mache. Warum? - Es widersteht mir; weiter kann ich nichts
sagen.
Der Fürst hatte von dem Bilde gehört und liess mich rufen. Welch ein
liebenswürdiger Mensch! welch ein wahrhafter Adel in allen Bewegungen! welch ein
schönes, tiefes Zartgefühl für die Kunst!
    Er fragte mich: wem das Bild eigentlich gehöre; ich gestand ihm, dass es
Anfangs für mich bestimmt gewesen, dass Rosamunde aber von Lohn gesprochen, mich
wirklich belohnt, und es sich demnach zum Eigentum erkauft, ich aber bis jetzt
gezittert habe, es ihr ganz zu überlassen, aus Furcht, es möge in unrechte Hände
kommen, es wieder mitgenommen und seitdem allerhand Kleinigkeiten daran
verbessert habe.
    Er fasste mit sonderbarer Heftigkeit meine Hand, und fragte, welche Summe ich
bekommen habe. Ich sah beschämt vor mir nieder, und konnte die Worte nicht
finden. Er aber drang immer heftiger in mich, und ich gestand die Wahrheit.
    »O du lieblicher Schwärmer!« - rief er - »kann man dich so gewinnen? dann
bist du mehr mein, als irgend eines Anderen! Ich habe Küsse zu verkaufen, die du
mir mit noch köstlicheren Gemälden einhandeln sollst. Das heisst viel gesagt,
wenn man dieses sieht - denn du musst nur wissen, dass ich es und zwar in deiner
eigenen Wohnung gesehen habe - doch soll es nicht zu viel gesagt sein. Hier seh'
ich sie all!« - rief er begeistert, indem er die Hand auf meine Stirne legte -
»die schönen Gebilde! sie sollen mir hervor und ich will der Zauberer sein, der
sie ruft!«
    Seitdem muss ich täglich zu ihm kommen, und wie ihr seht, wäre es nun wohl
Torheit, eine andere Laufbahn zu wählen.
Auch der Fürst ist gegen sie. Das schmerzt tief. Wer ist der Blinde? ich oder
sie Alle? -
    Gestern sass ich zu ihren Füssen, sie streichelte meine Wange, und mein Auge
blickte tränenvoll zu ihr auf. Warum weinest du? - fragte sie.
    Ach! - sagte ich - sie wissen nicht, wer du bist! lästern, verkennen dich
ganz. -
    Was glaubst du? - fragte sie weiter mit ihrem Zauberlächeln.
    O! - rief ich - ich fühle Schmerz! Könnt' ich dich retten vor ihren Blicken!
-
    Sie schwieg.
    Giebt es kein Mittel? - rief ich angstvoll und lauter - O sag'! gibt es
kein Mittel? -
    Fasse dich! - sprach sie - und sag was du meinst.
    Was ich meine? - rief ich unwillig aufspringend - Fühlst du nicht, was ich
meine? -
    Der verhasste Mensch, der Graf, trat herein, und ich ging.
Meine hohe Freude hat sich in Schmerz verwandelt. Ich kann sie nicht mehr auf
der Bühne sehen. O wer versteht mich, wem soll ich es klagen?
    Schade, dass sie nicht Schauspielerin ist - rief letzt ein unerträglicher
Mensch. Gott sei gelobt, dass sie nicht Schauspielerin ist! - rief ich mit
glühenden Wangen. Der dumme hässliche Mensch schien auf eine spitzige Antwort zu
sinnen. Aber der Fürst schob mich in sein Kabinet und sagte: fangen Sie mir nur
nicht von dergleichen mit meinem Tollkopf an! da hat er seine eigenen Grillen.
    Ach er glaubt mich zu schonen! und ein einziger spöttischer Blick von ihm
ist mehr, als Alles, was sie schwatzen.
 
                            Gretchen an ihre Mutter.
Herzliebste Mutter! ich bin recht glücklich und wohl angekommen, und von all dem
Unglücke, wovor uns so bange war, ist mir gar nichts begegnet. Der Herr Vetter
sagt, das komme daher, weil ich fleissig gebetet und gar keine bösen Gedanken
gehabt habe; das könne einem gleich jedermann ansehen, und nehme sich in Acht,
einen zu beleidigen.
    Nun, herzliebste Mutter! so braucht sie sich denn gar nicht mehr zu
fürchten, dass mir ein Leides geschehe.
    Was das aber für eine schöne Stadt ist und wie viel prächtige Sachen man da
zu sehen bekommt, das kann sie sich gar nicht vorstellen. Die Frauen sind fast
alle sehr freundlich und haben fast alle recht gute Augen; die Männer aber haben
fast alle sehr hässliche Augen, und gefallen mir nicht. Sie sieht wohl, dass ich
ihre Lehre noch nicht vergessen habe: ich solle den Leuten nur gleich nach den
Augen sehen.
    Einen jungen Herrn habe ich aber gesehen, der kommt mir gerade wie ein Engel
vor, und ich weiss gewiss, herzliebste Mutter, dass er ihr eben so vorkommen würde.
Er wohnt bei dem Herrn Präsidenten, und malt so schöne Bilder, dass einem die
Tränen in die Augen kommen, wenn man sie ansieht, und dass man des Nachts davon
träumt.
    Der Herr Vetter konnte uns nicht genug davon erzählen, als er die vielen
Bilderrahmen hingebracht hatte, und sagte auch, die Frau Präsidentin wolle dem
jungen Herrn gar zu gern ein Dutzend recht feine schöne Hemden schenken, und
ob's denn gar nicht möglich wäre, dass die Frau Base sie nähen könne; denn die
Frau Präsidentin werde wohl vor den vielen Kindern und vor der grossen
Haushaltung nicht dazu kommen.
    Als nun die Frau Base hinging, die Leinwand abzuholen, bat ich gar zu sehr,
ob ich nicht mitgehen dürfe? Die Frau Base sagte aber: das schicke sich nicht.
Der Herr Vetter wurde aber fast böse, und sagte: das schicke sich recht wohl;
ich sei ehrlicher Leute Kind und könne allentalben hinkommen, und wenn ich so
sittsam und gottesfürchtig bleibe, müssen alle Menschen Freude an mir haben, und
die Mutter habe mich gerade in die Stadt geschickt, dass ich mich ein wenig
umtun und nicht leutescheu werden solle, und die Frau Präsidentin sei eine
Frau, die ihres Gleichen nicht habe, und sei ein grosses Glück für mich, wenn
ich manchmal hinkommen dürfe.
    So nahm mich die Frau Base dann mit, und während sie von der Frau
Präsidentin die Leinwand empfing, sah ich in den Garten, und da sass der junge
Herr in tiefen Gedanken und sah aus, wie ein trauernder Engel.
    Die Frau Präsidentin erzählte auch, dass er eine Gemütskrankheit habe, und
dass sie recht in Verlegenheit wegen seines Zimmers sei, denn es könne ihm
Niemand vorsichtig genug mit den Gemälden umgehen, und seitdem eine alte
Aufwärterin, an die er einmal gewöhnt gewesen, todt sei, wisse sie gar nicht
mehr, was sie anfangen solle.
    Die Frau Base sagte: dass ich die Aufwartung nicht wohl übernehmen könne, es
der Herr Vetter auch nicht leiden werde, denn er sei ein wenig eigen; dass ich
aber jeden Tag, wenn der junge Herr ausgegangen sei, kommen solle, das Zimmer zu
reinigen; denn sie habe mich schon zugelehrt, und ich wisse mit feinen kostbaren
Möbeln recht gut umzugehen; dass die Frau Präsidentin aber mit dem Herrn Vetter
ja nicht von Geld und dergleichen sprechen solle; sonst werde er es nicht
leiden. Auch der junge Herr dürfe nichts davon wissen; sonst könne es gleich ein
böses Gerede geben.
    Die Frau Präsidentin freute sich gar sehr darüber und streichelte mich, und
nannte mich ihr liebes Kind. Der Herr Vetter hatte auch nichts dagegen; sagte
aber: ich müsse ihr erst schreiben, habe nicht nötig, den Leuten dienstbar zu
werden; da es aber die Frau Präsidentin sei, möchte ich ihr nicht verhehlen, dass
er es gern sähe; doch wolle er nichts gesagt haben, sobald sie nicht ihren
vollen Willen darein gäbe.
    Und so bitte ich sie denn, herzliebste Mutter, leide sie es doch! und gebe
sie dem Boten nur mündliche Antwort, damit sie durch das Schreiben nicht zu
lange aufgehalten werde. Nun, ich befehle sie dem lieben Gott, herzliebste
Mutter.
 
                            Gretchen an ihre Mutter.
Ich danke ihr tausendmal, herzliebste Mutter! und ich habe auch dem Boten das
schöne Silberstück von der Frau Pate geschenkt. Ich weiss gewiss, dass sie nicht
bös werden wird; denn ich habe ja oft gesehen, dass sie auch in der Freude so
etwas weggeschenkt hat.
    Sei sie nur ruhig, herzliebste Mutter! Sie soll gewiss Freude an mir erleben.
Alle Leute, die mich kennen lernen, haben mich gleich über die Maassen lieb, und
da gebe ich mir immer mehr Mühe, dass ich Alles recht schön und ordentlich mache.
Ich habe auch der Frau Base an den Hemden geholfen, und zuletzt hat sie gesagt,
ich könne sie nur ganz allein machen, denn so gute Augen habe sie doch nicht
mehr.
    Nun muss ich ihr aber etwas gestehen, herzliebste Mutter, wovon ich nicht
weiss, ob es Recht ist.
    Sie kennt ja das schöne Liederbuch, was mir der Herr Pfarrer geschenkt hat.
Da hab' ich nun, als die Hemden ganz fertig waren, und sie die Frau Base nicht
mehr in die Hände bekam, des Nachts allerhand schöne Verse aus dem Buche
hineingenäht. Immer einen ganzen Vers um den Hals, und einen um die beiden
Aermel, auf jedem die Hälfte; und vorn auf der Brust, weiss sie ja, macht man
immer so ein doppeltes Herzchen von Leinwand, dass es nicht einreissen soll; das
hab' ich aber viel grösser gemacht, denn es hält besser, und ich hätte auch
sonst nicht die grosse Krone aus meinem Zeichentuche darüber nähen können, denn
es sind gar zu viel Zierraten daran; so aber sieht es sehr schön aus, und da
der junge Herr eine Gemütskrankheit hat, so kann der liebe Gott es wohl einmal
fügen, dass er die schönen Verse bemerkt, und dass sie ihn trösten, wenn er am
allerbetrübtesten ist.
    Ach liebste Mutter, ich glaube gewiss nicht, dass sie bös darüber wird. Es
betrübt mich nur, dass ich es der Frau Base noch nicht gesagt habe, denn ich
schäme mich jetzt, dass ich es heimlich gemacht. Meint sie aber, dass es Unrecht
ist, wenn ich es länger verschweige, so will ich es sagen.
    Nun, ich befehle sie dem lieben Gott, herzliebste Mutter, und lasse sie mich
doch bald ihre Meinung wissen.
 
                         Stephani an seine Verwandten.
Sie vermeidet mich. O mein Gott! bin ich ihr Feind? - Wenn es möglich wäre, dass
sie mich verkenne, meine wahrhafte Liebe nicht begriffe, wäre sie dann noch
meiner würdig? -
    Fort! der Gedanke vergiftet mich! Sie, die Grausamen, die sich weiden an
meiner Marter, haben ihn mir gegeben.
    Liebe verschloss mir den Mund, Liebe soll mir ihn öffnen. Schmerz werd' ich
hervorbringen. O mein Innerstes selbst wird er durchdringen. Am Ende ist es wohl
Feigheit und Eigensucht, dass ich noch zaudere. - Dieser Vorstellung bedurft' es,
um mich unwiderruflich zu bestimmen.
Es war des Fürsten Geburtstag, und sie feierte ihren glänzendsten Sieg. Der
Beifall wurde ein anhaltendes Jauchzen. Aber sie war tödtlich ermüdet und klagte
über Schmerzen in der Brust.
    Ich trug sie in ihr Zimmer. Meine Hände zitterten, und das laute Schlagen
meines Herzens versetzte mir den Atem.
    Wie dein Herz schlägt - sagte sie.
    O! - rief ich, mit halb erstickter Stimme - so trage ich dich bald, wenn das
deine aufhört zu schlagen.
    So bald noch wohl nicht - antwortete sie mit erzwungenem Lächeln - doch was
sein muss, muss sein.
    Meiner gedenkst du nicht dabei!
    Hältst du mich für unsterblich?
    Ist das eine Antwort auf meine Klage?
    Du klagst das allgemeine Loos der Menschheit.
    O nein! - rief ich ausser mir - Ich klage, dass du der Ruhe deines Herzens,
deiner Jugend und Schönheit das Grab gräbst.
    Schön und jung zu sterben, wahrlich ein neidenswertes Loos!
    Meiner gedenkst du nicht? - rief ich abermals - Erwiedere mir nichts! Ruhe
und schweige! Was du hörtest, erpresste mir der Schmerz. Bald, ein andermal,
wollen wir uns gegenseitig vertrauen, was uns drückt.
    Mich drückt nichts! - sagte sie dennoch mit Lächeln.
    Ich rief ihre Frauen und entfloh, den giftigen Stachel im Herzen.
Am andern Tage kam sie mir wieder blühend, wie ihre Rosen, entgegen. Ich setzte
mich traurig und schwieg.
    Nun? - sagte sie - siehst du nun, dass du irrst?
    Ich sehe - antwortete ich - dass dich nichts drückt, nicht einmal der Kummer,
mir welchen zu bereiten.
    Und wenn dein Kummer ohne Grund wäre?
    So wär' er dennoch Kummer. Aber deinen Worten fehlt der Sinn. Kein Kummer
ist ohne Grund, denn er gründet sich immerdar auf die Vorstellungsart
desjenigen, der ihn empfindet.
    Was müsst ich nun tun, dich zu beruhigen?
    Was du tun müsstest? - rief ich mit glühenden Wangen - du müsstest mich
lieben und dich selbst!
    Es gibt der Arten zu lieben so mancherlei. Soll ich dir sagen, welche du
von mir forderst? - Wohlan ich will es versuchen! und du wirst hoffentlich
gestehen, dass ich dich sehr wohl begreife. Aufgeben soll ich mein wahres,
lebendiges Leben, um ein Scheinleben, einen verkappten Tod mit dir zu versuchen.
Unterbrich mich nicht! Gestern gebotest du mir Schweigen. Darf ich dich bitten,
dir heute dasselbe zu gebieten.
    Angenommen, du wolltest läugnen, was ich jetzt sagte, wie würdest du es
anfangen, das Gegenteil zu beweisen? - Wer von euch, die ihr uns da von unten
herauf bekrittelt, lebt wirklich? Ihr? Dichter und Künstler? - O ja! wenn eine
nie befriedigte Sehnsucht nach einem unerreichbaren Ideale Leben heisst. Ist nun
aber Sehnsucht Schmerz, wiewohl gemilderter Schmerz, also das Gegenteil von
Wohlsein, welches allein den Namen Leben verdient; wer kann behaupten: dass ihr
lebt? Müsst ihr nun aber dem wahren Leben entsagen; wem von den Andern wollt ihr
es zusprechen? - Euern Fürsten, Staatsbeamten, Rechtsbeflissenen, Kaufleuten,
Handwerkern? wohl schwerlich.
    Nur Genuss ist dir Leben!
    Und dir? was ist es dir? Nichts, oder das Streben nach einem künftigen
(Gegenwärtiges verachtest du) in allen Perioden deines Daseins immer künftigen
Genusse. Aber du wolltest mich nicht unterbrechen, und so erlaube, dass ich die
Zeit benutze, und dir schnell das Gemälde unseres künftigen Lebens, wofern deine
Vorstellungen mich bestimmten, vorhalte.
    Angenommen demnach, ich stiege hinauf, oder hinunter zu den Frauen, welche
du mir ohne Zweifel als Muster vorhalten wirst, und die es euch allen, Weisen
und Unweisen, nur in so fern sind, als sie zu den Männern, denen sie das
Schicksal unterworfen hat, passen. Wie müsst' ich nun sein, um zu dir zu passen,
deine Forderungen zu befriedigen? -
    Dass ewige Schönheit und Jugend eine der unerlässlichsten ist, wirst du, wo
nicht laut, doch im Herzen sicherlich bekennen. Von euch zugegeben oder
geläugnet, bleibt es nicht minder wahr, dass Alter und Hässlichkeit in euern Augen
Verbrechen sind, die ihr bestraft, wie und wodurch ihr nur könnt.
    Eine sogenannte glückliche Ehe kann demnach nur statt finden, wo die Frau
jene euch allen sehr natürlich vorkommende Strafe in Demut erduldet, und mit
weiser List, die ihr der grossen Nutzbarkeit wegen auch der heiligen Jungfrau im
Notfalle erlaubet, es gar nicht zu bemerken scheint, wenn ihr gestrenger Herr
und Meister, des ewigen Strafens müde, sich heimlich oder öffentlich nach einem
Gegenstande umsieht, wo er fürs erste nicht verpflichtet ist, dieses unangenehme
Amt zu verwalten. - Du wolltest mich nicht unterbrechen! - Das Unerlässlichste
habe ich genannt. Doch, warum will ich unterscheiden? Das Folgende ist nicht
minder notwendig, und eben deswegen gleich unerlässlich.
    Was ist es? Nichts weniger als die Unendlichkeit, die du in mir umfassen
willst. Wehe mir in dem Augenblicke, wo du die Täuschung gewahrst! Du rächst
dich, rächst dich um so sicherer, je weniger du eine nahe Aussicht hast, dich
auf ähnliche Weise zu täuschen. Für alle deine zerstörten Hoffnungen werde ich
büssen.
    Halt' ein! - rief ich aufspringend - halte ein, Grausame! Willst du mich
langsam tödten, so ists auch morgen noch Zeit!
    Ich stürzte fort, und meine armen Freunde brachten die Nacht an meinem Lager
zu. Ich lag im Fieber ohne Besinnung.
Ein göttliches Kind stand ihnen zur Seite. Es reichte mir Trank. Ein Paar grosse
Tropfen aus seinen Himmelaugen fielen hinein. Doch lächelte es. Begierig
verschlang ich den Trank, und das Feuer, was mein Inneres zu verzehren drohete,
wurde gelöscht. Ich fiel in Schlummer und träumte fort von dem Kinde. Ach ich
erwachte! und Niemand wollt' es gesehen haben.1
Zwei Tage irrt' ich herum auf Felsen und Höhen. Meine Kunst lag darnieder; doch
zeichnete ich ein Mädchen von untadelichem Wuchse, das einen Korb mit Früchten
auf dem Kopfe trug.2
    Oft sah sie sich um, vielleicht nach dem Geliebten - doch nein! ihr Gang,
ihre Haltung hatten so viel wunderbar Jungfräuliches, Schwebendes - nein, auf
der Erde hatte sie noch keinen Geliebten. - Ja, oft sah sie sich um; aber ihr
Profil konnte ich dennoch nicht fassen. Ich ersetzt' es aus der Phantasie, ach
und da ich zu Hause kam, hatte die Gestalt alle Züge der Schrecklichen, die mein
Herz zerreisst.
    Der Fürst, der mich oft überrascht, fand mich darin vertieft und versunken.
Immer Sie und nichts als Sie - rief er drohend und lächelnd. - Ich sprach
schnell von etwas Anderem. So kamen wir auf die hohe Grazie der Stellung. Sie
gefiel ihm so überaus wohl, dass er in mich drang, ein Gemälde nach der Zeichnung
in Lebensgrösse zu entwerfen.
    So wuchere ich dennoch mit meinem Schmerze, ohne es zu wissen und zu wollen.
Wer ist mein Feind und verrät mein Innerstes? Ach ich bin es selbst! Sie wissen
es, dass ich durch sie leide, und wollen mich rächen. So muss ich sie wieder
sehen, wo ich am meisten sie fürchte; denn ich dulde es nicht, dass man sie
kränkt. Ist es Geschwätz, oder Wahrheit, was sie von meinem Werte faseln?
Wohlan! in ihr mögen sie mich ehren.
Sie bedurfte meines Schutzes nicht, und meine Härte gegen den Fürsten, die mich
schmerzt, war überflüssig. Ich hatte gedroht, ihn zu verlassen, wofern nicht die
ernstaftesten Vorkehrungen gegen Alles, was sie beleidigen könnte, getroffen
würden. Ich konnte nicht anders.
    Sie schwebte herein, und Alles verstummte. Göttlich reizender ist sie wohl
niemals gewesen. Ihre bittersten Feinde wurden an diesem Abende gewonnen. Der
Fürst kam in die kleine Loge, die er sonst immer für sich allein behielt, und
mir nun eingegeben hat. Als sie verschwand, fasste er plötzlich meine Hand, und
zog mich fort. Sein Wagen fuhr leer davon, und wir durchschweiften die Gassen.
    Wie wäre es, - sagt' er mich aufhaltend - wenn ich versuchte, ob sie würdig
ist, zu dir erhoben zu werden? Wie wäre es, wenn ich mich melden liesse? -
    Sie würden nicht angenommen werden - antwortete ich mit Empfindlichkeit.
    Warum nicht?
    Weil sie Niemand so spät noch sieht.
    Auch den Fürsten nicht?
    Ich glaube nicht.
    Wollen es versuchen! - sagte er forteilend, und ohne weiter auf mich zu
achten. Nur da wir vor dem Hause standen, drückte er mir die Hand, und hiess mich
einen Augenblick warten.
    So gewiss ich auch war, sie werde ihn abweisen, so wenig möchte ich diesen
Augenblick noch einmal leben. Doch war er kurz, denn der Fürst kehrte schnell
wieder zurück.
    Du hattest Recht! - rief er - und ich bekenne, dass es mich wundert, dass du
Recht hattest. Wahrlich! das Mädchen ist eine Ausnahme und der Mühe wert, es
kennen zu lernen. Die Zofen empfingen mich recht artig und ergeben; aber von dem
Willen ihrer Gebieterin abzuweichen, schien ihnen unmöglich. Das deutet auf
vollkommene Herrschaft auch über diese Leute, die doch sonst leicht zu bestechen
sind, und wer die Herrschaft vollkommen ausübt, der ist der Herrschaft würdig
und stets ein erhabenes Gemüt.
    Ich zog seine Hand schnell an mein Herz, denn das waren mir Worte des
Lebens. Er drückte mich fest gegen das seinige, nahm mich mit in den Pallast und
befahl das Nachtessen in seinem Kabinete aufzutragen.
    So blieben wir zusammen bis weit in die Nacht, und ich vertraute ihm das
ganze, tiefe Klagelied meiner Liebe.
Nimm mich einmal mit - sagte er, als wir uns trennten - Ich könnte sie zu mir
kommen lassen; aber das ist doch immer unartig von unser einem, und mich nun
noch feierlich melden, würde auch ein dummes Aufsehen machen. An dem Fürsten ist
ihr, wie es scheint, nicht viel gelegen, lass sehen, wie sie deinen Freund
aufnimmt.
    Wir gingen. Ich hatte sie in zwei Tagen nicht allein gesehen, und es war mir
lieb, dass er mitging, denn ich fürchtete mein Herz.
    Wie unaussprechlich schön war sie! Zum erstenmale sah ich den Fürsten
verlegen um die Worte, und seinen freien, herrlichen Anstand in Schüchternheit
verwandelt.
    Er fasste sich endlich, sprach von dem letzten Abende, und vertiefte sich in
das Lob ihrer Kunst, was eigentlich ihrer Schönheit gehörte. O ich fühle es wohl
- sagte er - welch ein Opfer mein Freund von Ihnen fordert, aber was ist der
Liebe zu schwer und zu gross? -
    Nichts! - antwortete sie - Es kommt nur darauf an, ob das Opfer ihm frommt.
    Auch danach frägt die Liebe nicht.
    Das sollte sie doch. Eine Blume, die auf mütterlichem Boden erhalten, uns
lange ergötzt, verwelkt schnell in unsern Händen und wird bald weggeworfen.
Könnte sie lieben, durch Worte, oder Blicke uns warnen, sie würde uns bewegen,
um unserer selbst willen sie nicht zu pflücken.
    Recht gut, dass sie das nicht kann! denn sonst würde sie nie das Eigentum
eines Einzigen, würde nie von ihm als Eigentum geliebt, genossen und bedauert
werden.
    Das möchte für den Einzigen schlimmer, als für sie selbst sein.
    Das ist die Frage! - rief der Fürst aufspringend und mit grossen Schritten
das Zimmer messend - das ist die Frage. Und - setzte er nach einer Weile hinzu -
gibt es kein Alter? Verzeihen Sie! es ist vielleicht grausam, Sie in der
höchsten Blüte daran zu erinnern - aber gibt es kein Alter? und ist es nicht
furchtbarer für die Weiber als für uns?
    O ja! für die Freien, so wie für die, welche Einer sich als Eigentum
unterworfen hat. Nur mit dem Unterschiede, dass die Letzten, früh oder spät, den
Misshandlungen ausgesetzt sind, vor denen sich die Ersten schützen können.
    Welchen Misshandlungen? Wer wird ein liebendes Weib misshandeln, das uns
Jugend und Schönheit geopfert, vor mehreren Verirrungen still gewarnt, und die
unvermeidlichen grossmütig verziehen hat? Wer wird, wer kann das misshandeln?
    Der, der den reizbarsten Sinn für Jugend und Schönheit hat, und der eben
deswegen, wenn beide entfliehen, unaussprechlich elend die schreckliche Leere
seines Herzens mit irgend etwas, sollte es auch mit dem Hasse sein, auszufüllen
gezwungen ist. Der kann es und wird es.
    Nimmermehr! Er wird Mitleiden haben mit ihrem Schicksale und mit dem
seinigen, er wird sie jetzt grossmütig lieben, so wie er sie vormals geniessend
und vielleicht eigensüchtig geliebt hat.
    Kann sein! - fiel sie schnell ein - ich aber denke niemals von Allmosen zu
leben.
    Schweigend sah er sie eine Weile an: Bewundern kann ich sie - sagte er dann
- aber vor der Liebe haben Sie mich geschützt. Bleibst du? - fuhr er dann sich
zu mir wendend fort - ich gehe.
Du bleibst? - sagte sie, als er uns verlassen hatte - Das ist nach solcher
Aufforderung sehr grossmütig.
    Rosamunde! - antwortete ich - vermeide solche Worte! Sie klingen wie Spott
und über wen möchtest du hier spotten?
    Ich meinte im vollen Ernste, was ich jetzt sagte, und war von Spott sehr
weit entfernt. Es ist in der Tat sehr grossmütig, dass du, nachdem ich mich
gegen alle deine Wünsche erklärte, hier bleibst.
    Es ist liebevoll, und so würdest du es nennen, wenn du die Liebe kenntest.
    Ich kenne sie, und werde dich davon überzeugen, wenn du Geduld hast, die
Geschichte meines Lebens zu hören. Nur erwarte das Ende des Karnevals, dann habe
ich mehr Ruhe.
    Sie entfernte sich schnell, und ihre Augen waren voll Tränen.
 
                            Gretchen an ihre Mutter.
Wie geht es ihr, herzliebste Mutter? und was denkt sie wohl, dass ich so lange
nicht geschrieben? Es gibt gar zu viel zu tun, und in des Herrn Präsidenten
Hause ist auch viel Leiden gewesen. Der junge Herr kam zu einer ganz
ungewöhnlichen Zeit zu Hause, und wurde von Stunde an so krank, dass er uns Alle
in grossen Schrecken versetzte.
    Wir durften ihn gar nicht allein lassen, und wenn die Frau Präsidentin nicht
konnte, musste ich bei ihm bleiben. Der Herr Vetter hatte zwar ausdrücklich
verlangt, er solle nicht wissen, dass ich im Hause sei: aber im ersten Schrecken
dachte Niemand daran, und nachher sahen wir wohl, dass er keinen von uns kannte.
    Wie mir aber war, herzliebste Mutter! wenn ich so an seinem Bette stand,
kann ich ihr gar nicht sagen. Ich glaube gewiss, dass er mit uns verwandt ist, nur
dass wir es noch nicht wissen. Doch hat er etwas ganz Wunderbares an sich, was
wir nicht haben. Alles, was er anrührt, kommt mir vor, als hätte es einmal auf
dem Altare gelegen, das Glas, aus welchem er trinkt, kommt mir wie ein Kelch,
und das Zimmer, was er bewohnt, wie eine Kirche vor.
    Und so ists auch mit seinen Bildern. Sie stellen wohl ordentliche Menschen
vor, ja, so natürlich und traulich, dass einem ist, als hätte man sie lange
gekannt und geliebt; aber dann doch wieder so hoch und wunderbar, dass einem
wird, wie zu Weihnacht oder Ostern, wenn alle Glocken unter Kanonendonner läuten
und alle Menschen festlich gekleidet in stillen Schaaren zur Kirche ziehen.
    Ich habe schon oft gedacht, herzliebste Mutter! und hoffe doch, ich werde
mich nicht damit versündigen, dass in Herrn Stephani ein ganz eigentlich
göttlicher Geist wohnen müsse. Er soll zwar eine Gemütskrankheit haben, und das
ist freilich bei einem göttlichen Geiste nicht möglich; man sagt aber auch, dass
die Person, welche er liebt, seiner nicht würdig, und er eben deswegen so
betrübt sei. Das ist ja aber dann eine wahrhaft göttliche Betrübnis. Weinte
nicht unser Heiland über Jerusalem, und war das eine Gemütskrankheit?
Herzliebste Mutter! mir ist etwas sehr Sonderbares begegnet. Als Herr Stephani
krank war, trat plötzlich ein sehr schöner Mann herein, gegen den der Herr
Präsident und die Frau Präsidentin und der Herr Doctor sehr ehrerbietig waren.
Das bemerkte ich wohl, gab aber, vor Angst und Schrecken, nicht weiter Acht auf
ihn. Dieser Mann war aber der Fürst, was ich freilich nach seinem dunkeln, ganz
einfachen Kleide nicht glaubte.
    Er hatte nachher gefragt: wer ich wäre; und die Frau Präsidentin hatte ihm
allerhand von mir erzählen müssen. Auch von den Hemden hatte sie ihm gesagt, und
dass ich wegen der Sprüche, die darauf genäht wären, so bange vor der Frau Base
gewesen. Er hatte hierauf gesagt, er möge auch wohl solche Hemden haben, aber,
da er nicht krank am Gemüte sei, mit Sprüchen, die sich für Fürsten schicken.
    Das hat mich sehr erschreckt, herzliebste Mutter! denn ich weiss keine
Sprüche, die sich für Fürsten schicken, und wenn ich mir auch einbildete, ich
wüsste welche, könnte ich mir doch kein Herz fassen, sie hinein zu nähen. Was
helfen auch Sprüche, die man sich bestellt und bezahlt?
    Ach alle meine heimliche Freude an den Hemden ist dahin, und wenn ich über
die Strasse gehe, denk' ich immer, die Leute werden sagen: da geht das Mädchen,
das den Leuten Sprüche in die Hemden näht! und ich habe es doch nur ein
einzigesmal getan, und ist mir gar nicht eingefallen, es mehreren Leuten zu
tun.
    Ich sagte das auch der Frau Präsidentin, und bat sie, es dem Fürsten
vorzustellen. Er hat aber geantwortet: ich soll nicht bange sein, es werde es
Niemand erfahren, und ich solle nur zu ihm kommen, er wolle selbst mit mir
darüber sprechen. Das tue ich aber gewiss nicht, herzliebste Mutter! ehe sie
nicht die Sache mit dem Herrn Pfarrer überlegt und er die Sprüche gewählt hat.
Eile sie, herzliebste Mutter! denn der Herr Vetter sagt: solche Leute seien
nicht an das Warten gewöhnt.
 
                            Gretchen an ihre Mutter.
                              Herzliebste Mutter!
Ich bin recht inniglich betrübt, wegen Alles dessen, was ich ihr geschrieben
habe, und in grosser Angst, der Herr Pfarrer möge sagen, ich solle die Sprüche
für den Fürsten nähen. O hätt' ich mich doch nur keinem Menschen vertraut!
    Nun soll ich doch nicht auf ihre Antwort warten, schon morgen zu dem Fürsten
gehen, und ihm selbst sagen, was ich geschrieben habe. Die Frau Präsidentin will
mich begleiten. Ich glaube aber gewiss, dass ich krank werde.
    Doch ich will auf Gott vertrauen. Vielleicht kommt morgen der Brief von dem
Herrn Pfarrer. Da weiss ich ja gleich, was ich tun soll, und brauche nicht zu
sagen, was ich geschrieben habe.
                              Herzliebste Mutter!
Ich bin nicht krank geworden und wirklich bei dem Fürsten gewesen. Die Frau
Präsidentin sagte, ich solle nur mein weisses Kleid anziehen, und meine Haare
hübsch flechten, so wäre es recht gut. Die Frau Base wollte mir aber noch ihren
Brautschmuck angeben, und mir den einen Ohrring über der Stirn auf einem Bande
fest machen. Das kam mir aber gar zu hässlich vor, und ich bat sie mit Tränen,
sie möge es doch nicht von mir verlangen, ich wolle ja lieber den ganzen Schmuck
in einem Schächtelchen mitnehmen und ihn der Frau Präsidentin zeigen; die werde
gewiss meiner Meinung sein. Sie war es auch und sagte, ich habe ganz Recht
gehabt.
    So gingen wir dann zum Fürsten. Er war sehr freundlich und sah mich eine
Weile an, ohne was zu sagen. Endlich fragt' er mich, warum ich so betrübt wäre.
Ich erschrack anfangs, denn ich wusste nicht, ob ich die Wahrheit sagen dürfe.
Aber der liebe Gott gab es mir plötzlich in's Herz, dass ich sie doch nur sagen,
und mich nicht fürchten solle.
    Gnädigster Herr! - fing ich darauf an und sah ihm auch recht gerade ins
Gesicht - ich bitte Sie, dass Sie nicht unwillig auf mich werden! aber ich muss es
nur rein heraus sagen, dass ich über die Hemden so betrübt bin, und besonders
darüber, dass sie wissen wollen, was ich geschrieben habe. Ich kann Sie
versichern, dass ich so etwas, wenn ich ein Fürst wäre, niemals von den Leuten
verlangen würde. Bedenken Sie auch selbst, wie würde Ihnen sein, wenn Sie das,
was Sie einem Freunde schrieben, Andern vertrauen sollten?
    Gutes Kind! - antwortete er - wir haben eigentlich keinen Freund. Wir
gehören dem Ganzen, sollen und dürfen keinem Einzelnen gehören, dafür gehört
aber auch uns kein Einziger.
    Das jammerte mich nun unbeschreiblich, das Weinen war mir nahe, und es
gereuete mich recht schmerzlich, was ich wegen der Hemden gesagt hatte.
    Ach gnädigster Herr! - fing ich endlich wieder an - Gott ist mein Zeuge, dass
ich Ihnen gern die Hemden nähen wollte, wenn ich nur Sprüche wüsste, die sich für
Fürsten schicken, und ich will es Ihnen auch gestehen, dass ich meine Mutter
gebeten habe, mit dem Herrn Pfarrer deswegen zu sprechen. Weiss der nun Sprüche,
die sich für Fürsten schicken, so will ich sie Ihnen ja herzlich gerne nähen.
    Du hast nicht wohl getan! - sagte er vedriesslich - Es war mir nicht um die
Sprüche eines Pfarrers zu tun.
    Das verdross mich nun aber auch; denn ich kann es nicht leiden, wenn man
etwas über den Herrn Pfarrer sagt, und antwortete darum ganz hastig: Ja gnädiger
Herr! Sie haben aber auch nicht wohl getan, so etwas von einem armen,
einfältigen Mädchen zu verlangen, und so kommt immer Eins aus dem Andern.
    Die Frau Präsidentin sah mich erschrocken an, ich erschrack nun auch, und
wusste nicht mehr, was ich anfangen sollte. Aber der Fürst fasste mich sehr gütig
bei der Hand und sagte: Du hast Recht, und es soll nicht wieder geschehen. Eins
musst du mir aber doch versprechen: sieh ich habe viel Arbeit und Sorge, und
erblicke selten was Erfreuliches. Am wenigsten gefallen mir die Menschen, von
denen ich umgeben bin; aber ein solches Gesicht, wie das deinige, kann mir den
ganzen Tag erheitern. Wenn du nun des Morgens auf einige Augenblicke zu mir
kämest und brächtest mir etwas - du magst es mir schenken - Blumen, ein Paar
Früchte, oder was du sonst willst; so wär' ich auf den ganzen Tag gestärkt, und
hätten viel tausend Menschen gut davon. Sei nicht bange und sieh mich nur an,
ich bin kein böser Mensch, und ist mir unmöglich, dich zu beleidigen. Nein, ich
will väterlich für dich sorgen, und wenn du dieses oder jenes lernen willst, so
vertrau' es mir nur; aber es muss Alles dein freier Wille sein.
    Das ist schön! gnädigster Herr - antwortete ich - denn sonst wäre ich gewiss
wieder sehr betrübt gewesen, und mein Kommen hätte Ihnen nichts geholfen. Nun
will ich aber meiner Mutter schreiben, und wenn die nichts dawider hat, so komme
ich gewiss. Er war sehr erfreut, und begleitete uns bis in das äusserste Zimmer.
    Schreibe sie mir bald, herzliebste Mutter.
 
                         Stephani an seine Verwandten.
Alles will mich trösten. So muss ich denn wohl des Trostes sehr bedürfen. Sie ist
abermals krank, und ihr Zustand bedenklich. Einige wollen mich vorbereiten auf
das, was vielleicht geschehen könnte, würde; aber dann ist mein Schmerz ohne
Gränzen. O wer von ihnen, die sich erfrechten, sie zu lästern, der lauten Stimme
meines Herzens zu widersprechen, kannte sie wirklich? Höret die Geschichte ihres
Lebens! Höret sie selbst.
                            Rosamundens Geschichte.
Ich war von eilf Kindern das jüngste. Alle wurden von meiner Mutter getränkt,
ich allein musste einer Fremden anvertraut werden, und blieb immerdar fremd unter
meinen Geschwistern. Auch meine Eltern kannten mich nicht, und vereinigten sich
bald in dem Urteile: dass von meiner Fassungskraft nicht viel zu erwarten sei.
    Von dem Augenblicke, wo ich dieses entdeckte, war es mir unmöglich, ihnen
anders, als sie mich dachten, zu erscheinen. Diese Eigenheit ist mir mein ganzes
Leben hindurch geblieben und es braucht nur Jemand eine unvorteilhafte Meinung
von mir zu äussern, um sie durch tausend kleinen Zufälligkeiten bestätigt zu
sehen.
    Es wäre mir wohl möglich, sie alle zu meinem Vorteile zu benutzen, und die
gegen mich eingenommenen Menschen vielleicht für immer zu gewinnen, aber eine
unüberwindliche Scheu hält mich davon ab, auch ist mir eine überlegte
Freundschaft und Anhänglichkeit unerträglich.
    So kam es denn, dass ich, mitten unter Eltern und Geschwistern in immer
tiefere Einsamkeit geriet, und zuletzt beinahe gänzlich verstummte. Dafür aber
war ich allein immerdar begeistert. Unaufhörlich schwebten tragische Situationen
vor meinem Sinne, denen ich durch Stimm' und Geberde Leben zu geben bemüht war.
    Aber wie oft musste ich vor meinen Geschwistern aus einem düstern Winkel in
den andern fliehen und das, was ich mit Tränenströmen, mit Triumph und
Klagegesang luftdurchtönend hätte verkünden mögen, in mein Inneres
verschliessen. Ganz konnte ich es gleichwohl nicht ohne mein Leben durch die
gewaltige Empfindung zerstört zu sehen. Was blieb mir übrig, als Tanz und
Geberde?
    Ich trauerte Anfangs darüber; entdeckte aber bald, dass eben dieses gänzliche
Verstummen mir eine eigene, heilige Welt bildete, wo ich das den übrigen
Künsten, trotz allem Bemühen, dennoch Unaussprechliche seelenerhebend andeuten
konnte. Aber wen erhob ich? - Mich selbst und Tausende, die um mich versammelt
waren. Wer waren diese Tausende? Geister, die vor meinem inneren Sinne so
lebendig schwebten, als hätten sie geatmet.
    Von Niemanden gekannt, erreichte ich so das fünfzehnte Jahr. Meine Schwester
hatte das siebenzehnte zurückgelegt, und wurde allgemein für ein sehr reizendes
und geistvolles Mädchen gehalten. Nur das erste war sie wirklich, doch schien
sie mir damals, so wie Andern, das letzte in eben dem Grade, und ich war fest
überzeugt, in ihrer Gegenwart nicht besser als durch Schweigen für mich sorgen
zu können.
    Eben deswegen blieb ich aber auch ganz unbemerkt neben ihr, und von allen
Männern, die sie umflatterten, war gewiss kein einziger, der mein Herz geahnet
hätte. Ich fand dieses, durch meine Kindheit vorbereitet, sehr natürlich, und
sogar dann, als meine ganze Lebenskraft für einen der eifrigsten Anbeter meiner
Schwester erwachte, kam es mir nicht in den Sinn, von ihm geliebt werden zu
können.
    Diese Ueberzeugung von Unliebenswürdigkeit äusserte sich immerdar minder
oder mehr bei mir; gleichwohl half ich meine Schwester, die sich gern putzte,
verschönern, und wenn auch oft ein stechender Schmerz meine Brust durchfuhr,
tat ich doch, in stiller Trauer, Alles, was sie wollte.
    Dieses gefiel ihr, sie machte mich zu ihrer Vertrauten, und bereitete mir
dadurch einen neuen schmerzlichen Genuss: sie sprach von dem Geliebten.
    Er war sehr schön, ein mir oft schreckliches Lächeln ausgenommen, was meine
Liebe, wäre ich auch minder von der Unmöglichkeit, geliebt zu werden, überzeugt
gewesen, immerdar in meine Brust zurückgeschreckt haben würde.
    Meine Schwester übersah dieses Lächeln, vertraute ihm ihr Herz und ihr
Schicksal, wurde seine Gattin. Mit heimlichem Schaudern begleitete ich sie zum
Altare, ergriff, als sie in die Kirche trat, plötzlich ihr Kleid und wollte sie
nicht lassen. Aber er fühlte ihr Zögern und riss sie mit fort, so, dass ein Stück
ihres Kleides in meinen Händen blieb.
    Tiefsinnig betrachtete ich das Stück, und folgte langsam zum Altare. In dem
Augenblicke, wo sie das Ja sagen sollte, versagte ihr die Stimme. Sie sah mich
an und erbleichte. Aber der Geistliche fragte sie zum zweitenmale, und sie sagte
das schreckliche Ja.
    Die Hochzeit war lärmend, aber die Braut traurig, und der Bräutigam witzig.
Es überfiel mich ein Grauen bei diesem Witze, und bei dem mir so furchtbaren
Lächeln traten mir brennende Tränen in die Augen.
    Noch acht Tage sollte meine Schwester im väterlichen Hause verweilen, dann
wollte er sie nach Italien auf seine Güter führen.
    Erst jetzt, da meiner Mutter die eine Tochter entrissen werden sollte,
schien ihr die andere etwas wert, und sie widerstand fortwährend Charlottens
Bitte um meine Begleitung.
    Der achte Trauertag brach an, Alles war zur Abreise bereit; aber meine
Mutter unbeweglich. Schon sass meine Schwester im Wagen; aber noch einmal
streckte sie die Hände nach mir aus. Sprachlos starrte ich sie an, sprang dann
plötzlich in den Wagen, winkte dem Kutscher, und schlug die Türe hinter mir zu.
    Ungeduldig hatten die Pferde lange gewartet, nun aber rissen sie uns fort im
heftigsten Gallop. Meine Mutter, mein väterliches Haus, meine Vaterstadt
verschwand, der heimische Boden entfloh, Feuerfunken sprühten umher, hinaus in
die fremde Welt rissen uns die schnaubenden Pferde.
    Meine Schwester umklammerte mich mit Tränen. Ich aber konnte nicht weinen.
Ich wusste ja schon, dass es keine Tränen und keine Worte für meine Empfindungen
gab, und betrachtete die Menschen, welche die ihrigen dadurch auszudrücken
suchten, mit fortwährendem Erstaunen. Ich hielt meine Schwester, und sah
schweigend in die Ferne.
    Als wir die Gränze erreichten, schien sie des Trostes nicht mehr fähig, ihre
Tränen flossen unaufhaltsam, und sie bestürmte uns mit Bitten, sie in ihrem
Vaterlande zu lassen. Antonio züchtigte sie mit dem beissendsten Spotte. Nun
schwieg sie wie ich, und in Kurzem waren wir auf italienischem Boden.
    Der reine Himmel, die balsamische Luft, der lachende Frühling, zu einer
Zeit, wo sie ihr väterliches Haus mit Schnee bedeckt verlassen hatte, das Alles
schien meine arme Schwester wohltätig zu zerstreuen. Um so tiefer verwundete es
mich, als ihr Mann fortfuhr, sie mit boshaften Witzeleien an ihren vorigen
Schmerz zu erinnern. Als er ihr aber mit hämischem Lächeln vorschlug, wofern sie
ihn nicht begleiten wolle, stehe es ihr nun frei, wieder zurückzukehren, war es,
als werde mir das künftige Schicksal der Unglücklichen durch einen Blitzstrahl
erleuchtet.
    Zum erstenmale brach ich das Schweigen, und stellte ihn, sobald ich es vor
meiner Schwester unbemerkt tun konnte, dieser Äusserung wegen zur Rede. Er
versicherte, sie sei völliger Ernst; im Fall ich aber nicht Lust habe, meine
Schwester zu begleiten, könne ich bei ihm bleiben, und solle es recht gut haben.
    Ich fühlte meine Wangen plötzlich erkalten, dann all mein Blut gewaltsam
hineinströmen; aber meine Schwester trat zu uns, und ich schwieg.
    Mit Einbruch der Nacht erreichten wir Florenz; hörten aber zu unserm
Erstaunen, dass Antonio alle nötigen Vorkehrungen traf, diese schöne Stadt schon
am dritten Tage zu verlassen.
    Sogleich fragte ich meine Schwester, wo sich die beiden Wechsel, welche hier
umgesetzt werden sollten, befänden. Sie sagte mir, dass Antonio sie schon zweimal
gefordert, aber mit andern wichtigen Papieren, welche ganz unten in ihrem Koffer
lägen, noch nicht habe erhalten können.
    Mit Heftigkeit entriss ich ihr die Schlüssel, liess augenblicklich den Koffer
in mein Zimmer bringen, fand die Wechsel, und verbarg sie mit einem Ringe von
grossem Werte in meinem Bette. Die Juwelen meiner Schwester waren leider in
Antonio's Koffer.
    Ich schloss kein Auge, und diese Nacht schien mir die längste meines Lebens.
Kaum war es Tag, als ich zu dem Kaufmann eilte, und ihm Alles entdeckte. Er
sagte mir, dass er zwar noch keine Nachricht erhalten, mir aber, wenn ich es
verlange, die Summe auszahlen wolle. Ich beschwor ihn, es nicht zu tun, und die
Sache ihren gewöhnlichen Gang gehen zu lassen.
    Schon war ich von meiner Schwester vermisst worden, und Antonio fragte mich,
wo ich gewesen? Ich sagte es, und versicherte, ohne auf seine wütenden Blicke
zu achten, dass es nun wohl unmöglich sein werde, am dritten Tage weiter zu
reisen. Ich aber - rief er - werde es möglich machen! - und stürzte fort, ohne
weiter auf uns zu achten.
    Meine unglückliche Schwester, äusserst befremdet und erschüttert, tadelte
meinen Vorwitz, wie sie es nannte, und beschwor mich, ihren Mann doch ja nicht
wieder auf solche Weise zu reizen. Ich antwortete, wie gewöhnlich durch
Schweigen; kämpfte aber doch mit mir selbst, ob ich ihr nicht Alles entdecken
solle.
    Noch war ich nicht mit mir einig, als Antonio zurückkehrte. Er kommt! -
sagte ich nun schnell - fürchte nichts und verlass dich auf mich! Alles, was ich
tat, war notwendig. Mit diesen Worten verliess ich das Zimmer, und verschloss
mich in das meinige.
    Zu meinem Erstaunen blieb Alles ganz ruhig. Ich wurde zum Essen gerufen, und
hätte mich nicht Antonio's giftiges Lächeln gewarnt, ich würde ihn für
unbefangen gehalten haben. Aber eben dieses schreckliche Lächeln erregte mir
Zweifel, und ich eilte noch spät zu dem Kaufmanne, mich zu überzeugen.
    Er hatte nichts ausgezahlt, und Antonio mit der Weisung zurückgeschickt: er
werde sich an die Person halten, welche den Wechsel vorgezeigt habe. So ging ich
dann einigermassen beruhigt zu Haus, und fiel endlich in Schlaf.
    Ich erwachte sehr spät, und fand meine Schwester in grosser Unruhe. Antonio
hatte sich Nachts von ihrer Seite geschlichen und war abgereist, ohne dass Jemand
im Hause Auskunft geben konnte, wohin. Was glaubst du davon? - rief meine
unglückliche Schwester - Ich brauche nichts zu glauben - antwortete ich - Ich
weiss Alles! Was zu retten war, ist gerettet! dein Herz ist leider verloren! doch
hoffentlich nicht auf immer. Fasse dich! Was ich dir gestern sagte, wiederhol'
ich dir heute: du kannst dich auf mich verlassen. Willst du zurückkehren ins
väterliche Haus?
    Sie schrie laut auf bei diesen Worten und verbarg ihr Gesicht in den Händen.
    Willst du nicht - wohlan! so machen wir uns selbst ein Schicksal.
    Das Schicksal macht sich nicht! - rief sie laut schluchzend. -
    Wir wollen sehen! - erwiederte ich - Wäre dein Herz nur geheilt!
    Nimmer! - fiel sie ein.
    Wie bald! - fuhr ich fort - könnt' ich dir nur einen Teil meiner tiefen
Verachtung gegen den Elenden mitteilen! Doch, traure aus du Unglückliche, und
lass mich sorgen!
    Mit diesen Worten bracht' ich sie wieder auf ihr Lager, und eilte, den Arzt
zu benachrichtigen. Aber er versicherte mir, seine Hülfe sei hier überflüssig,
und Alles von der Zeit zu erwarten.
    So war ich denn für den Augenblick beruhigt, und konnte meine ganze
Aufmerksamkeit unserer Lage widmen.
    Ich sah bald, dass die Wechsel samt dem Ringe uns kaum ein Paar Jahre vor
Mangel schützen könnten, und dass meine Schwester, nach dem, was sie geäussert,
sich nicht entschliessen werde, in das väterliche Haus zurückzukehren. Ich
selbst musste es mir nach ihrer Zurückkunft mit Jammer erfüllt denken; doch nahm
ich mir vor, sie noch einmal auf das Äusserste zu prüfen, und nur dann, wenn
ich ihren Widerwillen unüberwindlich gefunden, einen festen Entschluss zu fassen.
    Jemals zu heiraten schien mir, bei der Ueberzeugung, ich werde nie geliebt
werden, unmöglich. Auch hatte ich sogenannte glücklichen Ehen genug beobachtet,
um zu wissen, dass Ein Teil durchaus der Leidende sein müsse, um dieses
scheinbare Glück hervorzubringen und zu erhalten. Leiden erregte mir aber nicht
Furcht, sondern Eckel. Es schien mir eine Krankheit, die, besonders wo sie
anhaltend wäre, den Tod des Geistes notwendig zur Folge haben müsse. So war ich
dann fest entschlossen, es zu fliehen, wie und wo es mir drohen möge, und seine
beiden furchtbarsten Feinde, Freiheit und Tätigkeit, zu erhalten.
    Aber worauf sollte sich diese Tätigkeit wenden? Auf die Geschäfte des
gemeinen Lebens? - Das schien mir gleichfalls unmöglich. War es gedenkbar, dass
sie mich vor Geistesleiden, vor Geistestod schützten? Wurden sie nach einem
gewissen Zeitmaasse, wurden sie harmonisch verrichtet? Drückten sie die grosse
Angelegenheit der Menschheit: den Kampf des Unordentlichen mit dem Ordentlichen,
des Hässlichen mit dem Schönen, oder, was dasselbe ist: des Guten mit dem Bösen
aus?
    Tief lag es als Ahnung in meiner Seele, dass dieses der geheime Sinn aller
Künste, und der Grund aller Gewalt sei, welche sie an den Menschen üben. Ich
hatte beweisen gesehen, dass Töne Gestalten hervorbringen, und diese hohe
Bedeutung würde mich zur Musik hingezogen haben, hätte sie mich nicht zu
gewaltsam ergriffen; so dass ich meine Empfindung durch Tanz ausdrücken, oder
untergehen musste. So war mir dann das Rätsel meiner Jugend gelöst, und der
Entschluss, als tragische Tänzerin aufzutreten, befestigt.
    Ich teilte ihn meiner Schwester mit; aber es währte lange, ehe sie sich von
der Wahrhaftigkeit meines Berufes überzeugen, und über die gemeine Ansicht
erheben konnte. Gleichwohl begriff sie, dass irgend etwas Ausserordentliches
geschehen müsse, und liess mich, ohne mir gerade beizupflichten, wenigstens
gewähren.
    Ich benutzte diese Stimmung, und eilte, meinen Entschluss auszuführen. Nur
kurze Zeit liess man mich als Nebentänzerin auftreten, und schon an meinem
sechszehnten Geburtstage wurde mir eine der Hauptrollen übergeben. Man schien
viel von mir zu erwarten, und das Haus konnte die Zuschauer nicht fassen.
    Mein Auge überflog die Menge, die Geister meiner Kindheit umschwebten mich,
und göttliche Kraft belebte meine Glieder. Ich tanzte, tanzte die Geschichte
meiner Kindheit, tanzte meine gestorbene Liebe, meine Sehnsucht nach der
unvergänglichen Schönheit. Der Beifall wurde rauschend, wie ein seliger Geist
schwebte ich über der Menge, die Ungeliebte plötzlich von Tausenden geliebt. Ich
fühlte es, fühlte mit unaussprechlicher Wonne, dass ich das Rechte gewählt habe,
der kleinlichen Erdennot entrückt, ein freier Geist durch die Kunst sei.
    Mein Heimgang wurde ein Triumphzug. Ich war mit Rosen geschmückt, von beiden
Seiten flogen Rosen in meinen Wagen, und ich blieb seit diesem Abende, unter dem
Namen Rosamunde, ein Liebling der Florentiner.
    Seitdem gehört der geheimnisvolle Duft der Rosen zu meinem Wohlbefinden, und
ich suche ihr schönes Leben mit der äussersten Sorgfalt zu bewahren.
    Oft haben mich Künstler versichert, wie tief sie auch Anfangs durch den
Beifall der Menge erschüttert seien, habe derselbe doch bald allen Reiz für sie
verloren, und sei ihnen am Ende beinahe eckelhaft geworden.
    Mir nicht also. Ich feierte mein eigentliches Leben nur mit dieser von ihnen
verachteten Menge, und fühlte geisterhebend, dass alles andere Leben kaum den
Namen Leben verdiene. Ihr Beifall schien mir der Chor zu meinem Tanze, durch den
ich die Schwere beinahe überwunden, und mich dem Himmel genähert hatte. Wir alle
feierten einen seligen Triumph.
    Meine unglückliche Schwester allein trauerte bei meinem Glücke. Ihre Liebe
wurde Krankheit. Mir ganz unähnlich nährte und pflegte sie ihren Kummer und wiess
jede Linderung zurück.
    Die Bedauernswürdige litt auch noch durch meine Forderungen. Ihren Zustand
gänzlich verkennend wähnte ich noch immer, sie werde sich über ihr Schicksal
erheben. Vergebens! Ihre Kraft war dahin, und ich sah endlich mit tiefem Jammer,
dass ich mich schrecklich geirrt hatte. Es zeigten sich Spuren eines langsamen
Giftes, und ein anderer Arzt, den ich nun schnell berief, verhelte mir nicht,
dass ich mich auf ihren Verlust vorbereiten müsse.
    Nach dringenden Bitten erhielt ich die Erlaubnis, mich ganz ihrer Pflege
widmen zu können, bis sie entweder genesen, oder ihr Leiden für immer geendigt
sein werde.
    Ach nicht lange verwaltete ich mein trauriges Amt! In wenigen Tagen lag sie
ohne Hoffnung darnieder, und entschlummerte noch früher, als der Arzt und wir
alle geglaubt hatten.
    Florenz sah mich trauern und trauerte mit mir. Zart schonend entielt man
sich lange, mich an mein Versprechen zu erinnern, und schon blühten Rosen auf
meiner Schwester Grabe, als man mich endlich darum mahnte. Zum erstenmale
erschien ich nun wieder öffentlich, und die Begeisterung dieses Abends war eine
der höchsten meines Lebens.
    Viele Männer warben jetzt um mein Herz. Ein russischer Graf unter allen am
eifrigsten. Er sah mich Reichtum und Wohlleben zurückweisen, und glaubte mit
seiner Hand Alles zu überbieten. Um so grösser war sein Erstaunen, als ich auch
diese, wiewohl dankbar, aber gleichfalls mit Lächeln zurückwiess.
    Musst ich nicht lächeln, dass Menschen, die ich ihrer Armut wegen bedauerte,
mich bereichern wollten? dass der gute Graf, der mich so frei sah, wie ein
menschlicher Geist es werden konnte, mich durch vornehme Sklaverei zu beglücken
dachte? Begeistert und selig über Tausende schwebend, sollte ich mich da unten,
wo es mir vielleicht schon nach Jahresfrist nicht mehr gelang, die Falten seiner
flachen Stirne zu verwischen, erhoben glauben! -
    Diese unbegreifliche Eitelkeit, welcher ich mehrere seines Standes und
Geschlechtes ergeben sah, war eben so wenig, als das Schicksal der unglücklichen
Weiber, welche ihrer sogenannten Liebe vertraueten, geschickt, mir eine höhere
Meinung von den Männern beizubringen. Beantwortete ich ihre Anträge immer noch
mit Lächeln! so war dies vielleicht ein gutmütigerer Ausdruck meiner
Empfindung, als sie rechtmässigerweise erwarten konnten.
    Gleichwohl war es eben dieses Lächeln, was mir eine Menge der bittersten
Feinde erweckte. Jeder, dessen Wünsche nicht erfüllt wurden, schloss auf einen
glücklichern Nebenbuhler, und schrieb es nur der Tiefe meiner Heuchelei zu, wenn
er ihn nicht entdeckte.
    Oft wurde die Erbitterung allgemein, und mein Untergang beschlossen. Ich
wusste es; aber vertraute der Kunst. Mit Recht; denn sie verwandelte mehrmals an
Einem Abende das ganze Heer meiner Feinde in eben so viele Lobpreiser und
Beschützer.
    Immer durch die Kunst überwunden, gaben sie es endlich auf, mich zu
verfolgen, und nur dann, als sie dich tiefer als sie Alle erregt sahen,
beschlossen sie, dich und Alles, was sie längst verziehen hatten, noch einmal
auf das empfindlichste zu rächen.
    Ob es ihnen gelungen ist, hast du gesehen. Willst du mich nun in Frieden
scheiden lassen; sie werden meine Ruhe nicht mehr stören.
 
                            Gretchen an ihre Mutter.
                              Herzliebste Mutter!
Was sie mir geschrieben, habe ich nicht recht verstanden. Der Herr Vetter und
die Frau Präsidentin sagen aber, das tue nichts, sie habe es nur so in der
Angst hingeschrieben, und werde jetzt wohl begreifen, dass ich es nicht verstehen
könne. Auch bedeute es Alles nichts anderes, als dass ihr bange sei, ich werde
nicht so fromm und gottesfürchtig bleiben, als sie mich hergeschickt habe.
    Da sei sie aber nur ganz ausser Sorge, herzliebste Mutter! Es ist ja nicht
mit mir, wie mit einigen andern unglücklichen Leuten, die nur fromm und
gottesfürchtig aus Zwang sind. Ich bin es ja, weil ich meine Freude daran habe,
und ist mir ja Alles zuwider, was mich daran hindern kann. Es betrübt mich aber
recht inniglich, dass sie nur daran zweifeln und sogar glauben kann, ich würde
ganz anders werden. Ach bilde sie sich so was nicht ein, herzliebste Mutter! Ich
hab's ihr ja schon gesagt, sie soll gewiss Freude an mir erleben, und ich wäre
auch nicht zum Fürsten gegangen, wenn sie es mir verboten hätte. Aber der Herr
Vetter und die Frau Präsidentin sagen: sie habe es mir nicht verboten, und die
verstehen ja doch ihren Brief besser als ich, wenn ich ihn auch noch so oft
lese.
    Der Fürst ist zwar wohl manchmal ein wenig hastig und sonderbar; aber doch
sonst ein sehr braver Herr. Ich fürchte mich darum auch gar nicht mehr, und sage
Alles, wie ich es denke. Es freuet ihn gar herzlich, das kann ich sehen, und
wenn er manchmal noch so verdriesslich ist - er mag auch wohl seine Not haben -
wird er doch immer heiter, wenn ich komme.
    Sehr gut ist's, dass der Herr Vetter einen Garten hat; sonst wüsste ich nicht,
was ich dem Fürsten bringen sollte. So aber gibts immer Blumen und Früchte, und
der Fürst versichert, es seien die schönsten und wohlschmeckendsten, die er in
seinem Leben gesehen und gegessen habe, und die auf seiner Tafel werden ihm ganz
zum Eckel.
    Wie das nun zugeht, kann ich nicht begreifen. Wenn andere Leute Gastereien
geben, suchen sie doch immer Blumen und Früchte vom Hofgärtner zu bekommen, und
müssen also wohl wissen, dass es die schönsten sind. Doch was soll man mit
solchen grossen Herren anfangen? Man muss nur schweigen, und es so hingehen
lassen.
    Liebstes Gretchen! - sagte er letzt, als ich eben den Korb vor ihn
hinstellte - du bringst mir nun alle Tage so viel Schönes, ja das Schönste, was
ich sehe; denkst du dann aber niemals daran, dass ich dir auch etwas dafür geben
muss?
    Ach, gnädigster Herr! - antwortete ich - ich bin nur froh, dass ich immer
etwas zu bringen habe, und der Tag geht so schnell hin, und ich habe an so viel
andere Sachen zu denken, dass mir das noch gar nicht eingefallen ist.
    So! - antwortete er sehr ernstaft, stand schnell auf, und ging mit grossen
Schritten vor mir hin und her. Mit einemmale blieb er aber stehen, fasste meine
beiden Hände, und sagte sehr freundlich: Höre liebstes Gretchen! ich weiss, du
hältst mich für deinen Freund und sagst mir Alles ganz aufrichtig. -
    Ja, das weiss Gott! - fiel ich ein - und ich würde mich auch versündigen,
wenn ich es nicht täte.
    Nun so sage mir doch einmal - fuhr er fort - woran denkst du nun wohl den
ganzen Tag am meisten?
    Das kann ich Ihnen wohl sagen, gnädigster Herr! - antwortete ich - Sie
kennen ja den jungen Herrn in des Herrn Präsidenten Hause? der, der letztin
krank war, der die schönen Bilder malt?
    Ja, ja, ich weiss! ich weiss! - rief er ungeduldig, liess plötzlich meine Hände
los, und ging von mir weg.
    Mir war, als wär' er böse, und doch konnte ich nicht begreifen worüber.
Indem ich noch darüber nachdachte, und nicht gleich wusste, was ich anfangen
sollte, kam er wieder auf mich zu. Warum schweigst du Gretchen? - fragt' er, und
nun kam es mir vor, als wär' er betrübt - Gereuet es dich, was du gesagt hast?
    Lieber Gott! - sagt' ich - wie könnte mich das gereuen? Es kam mir nur vor,
als wären Sie erzürnt; ich wusste freilich nicht worüber.
    Kehre dich nicht daran! - antwortete er - Uns geht mancherlei durch den
Kopf. Fahre fort, Gretchen! fahre fort! - und indem er dieses sagte, presste er
meine Hände so stark, dass sie mich schmerzten.
    Gnädigster Herr! - sagt' ich - ich merke nun wohl, dass Sie über den armen
jungen Herrn, und besonders darüber erzürnt sind, dass er nicht von der Person,
die ihn so unglücklich macht, lassen kann. Aber bedenken Sie nur, es hängt ja
nicht von einem Menschen ab, wen und wie sehr er lieben will.
    Weisst du das? - rief er hastig - Das weisst du!
    Wie sollt' ichs denn nicht wissen! - sagt' ich lächelnd - man hört ja davon
so mancherlei Geschichten, die noch viel wunderbarer sind, als die mit dem
jungen Herrn.
    Aber Gretchen - sagte er - sollte denn die Vernunft gar nichts über einen
Menschen vermögen? -
    Da konnt' ich aber das Lachen nicht lassen, und antwortete: nehmen Sie es
mir nicht übel, gnädiger Herr! aber das kommt mir gar zu possirlich vor, wenn
man die Liebe durch die Vernunft austreiben will. Grosser Gott! die Liebe ist ja
das Allervernünftigste auf der Erde. Vor dem lieben Gott wird der, der da liebt,
immer und ewig Recht behalten, und nur der da hasset, wird verdammt werden, und
zwar durch seinen eigenen Hass. Man sieht's ja auch alle Tage, die Liebe erhält,
und der Hass zerstört. Nun wäre es ja aber unvernünftig, wenn ich mir einbildete:
der liebe Gott wolle seine eigenen Werke zerstört haben. O nein! er hat den
Menschen die Liebe gegeben, damit sie erhalten werden, und hat den Heiland
gesandt, damit er die Menschen durch sein heiliges Leben an die Liebe - an das
Eine, was Not tut, - erinnere.
    Liebstes Gretchen - sagte der Fürst - du sprichst da von einer ganz andern
Liebe.
    Nun konnt' ich wieder das Lachen nicht lassen, denn es war mir einmal so
lächerrlich zu Mute. Gnädigster Herr! - sagt' ich - nehmen Sie es mir nicht
übel, dass ich heute so viel lache; aber das ist nun wieder ganz was Sonderbares,
dass die Leute einen Unterschied unter der Liebe machen. Liebe ist Liebe, sie mag
vermischt sein, womit sie will. So wie Gold Gold bleibt, mag auch noch so viel
anderes Metall dazu kommen. Wie unvollkommen die Leute auch anfangen zu lieben,
das tut Alles nichts, wenn sie nur immer fortfahren, werden sie es schon einmal
lernen. Wenn sie aber hassen, sich im Hassen üben, kann in Ewigkeit nichts Gutes
herauskommen.
    Du wirst aber doch nicht läugnen - sagte der Fürst nun wieder - dass die
Liebe viel Unheil anrichten kann.
    Ach lassen Sie sich so was nicht weiss machen, gnädiger Herr! - fiel ich
schnell ein - die Liebe hat, so lange sie da ist, noch kein Unheil angerichtet.
Alles, was die Leute von dieser sogenannten Liebe erzählten, war nichts, als ein
herausgeputzter Hass, und der mag freilich viel Unheil angerichtet haben.
    Aber es kann doch Verhältnisse geben, - fuhr er fort - in welchen die Liebe
unerlaubt ist.
    Das mögen mir schöne Verhältnisse sein! - rief ich nun wieder lachend - wo
die Liebe unerlaubt ist! Solch ein Verhältnis möcht' ich wohl einmal sehen, in
welchem mir das Lieben verboten werden könnte!
    Gretchen - sagt' er nun sehr ernstaft - du lachst; aber denke nur einmal
darüber nach: ob es nicht solche Verhältnisse gibt. -
    O ja! - rief ich noch lauter lachend, indem ich meinen Korb nahm - ich will
darüber nachdenken! unterdessen, gnädiger Herr! denken Sie auch einmal darüber
nach: ob es nicht Verhältnisse gibt, in welchen einem das Atemholen verboten
werden könne.
    O Mädchen! - rief er nun, indem er mich fest um den Leib fasste - gieb mir
einen einzigen - Apfel wollt' er gewiss sagen. Aber ich zeigte auf seinen Tisch,
wo schon zwölf der allerschönsten lagen. Da schämte er sich, und liess mich
plötzlich wieder los.
Den andern Tag kam ich wieder und brachte ihm Erdbeeren und Blumen. Er nahm sie,
setzte sie schweigend vor sich hin, und reichte mir die Hand. Wer pflückt die
Erdbeeren? - fragt' er dann.
    Ich, gnädigster Herr!
    Aber du hast ja so viel zu tun.
    Dazu muss immer Zeit werden.
    Aber die Erdbeeren sind jetzt selten. Du musst wohl lange suchen?
    Das schadt nichts! Ich tue es ja gern.
    Aber gestern sagtest du mir, du dächtest an den jungen Maler in des
Präsidenten Hause am meisten. Das Suchen stöhrt dich aber.
    O ganz und gar nicht! indem ich suche, kann ich ja denken, was ich will.
    Du hast Recht! Du kannst denken, was du willst - sagte er, liess meine Hand
los, stand plötzlich auf, und ging wieder, was er immer tut, wenn ihm etwas
nicht Recht ist, mit grossen Schritten auf und ab.
    Gnädiger Herr! - sagt' ich darum gleich - es wird noch wohl so herauskommen,
dass Sie nicht allein böse auf den armen jungen Herrn, sondern auch auf mich
sind.
    Wer sagt dir, dass ich böse auf euch bin?
    Ach gnädigster Herr! ich bin nur ein einfältiges Mädchen; aber wenn Jemand
bös auf mich ist, das kann ich gleich merken, und wenn Sie so mit grossen
Schritten auf und ab gehen, da weiss ich immer schon, wie viel es an der Zeit
ist.
    Gretchen! - sagt' er nun mit einemmale wieder lächelnd - ich gebe dir mein
Ehrenwort, dass du nicht weisst, wie viel es an der Zeit ist. Sei ruhig! Ich bin
weder bös auf ihn, noch auf dich; würde es nur dann sein, wenn du anders
sprächest, als du dächtest.
    Das wär' schön! - rief ich.
    Nein! nein! - fuhr er fort - ich weiss, dass du das nicht kannst und nicht
willst. So sag' mir aber denn einmal, was denkst du nun so immer über den Maler
und sein Verhältnis mit der Tänzerin?
    Ach, gnädigster Herr! wie soll ich Ihnen das beschreiben! Sagte mir Einer:
hundert Meilen von hier wächst ein Kraut, was ihm helfen kann, ich ginge und
holte es herbei. Oder sagte Einer: ich will ihm helfen; aber du sollst mir dein
ganzes Leben dafür dienen; ich riefe geschwind: hilf ihm, und ich will dir mein
ganzes Leben dafür dienen und arbeiten, dass mir das Blut aus den Händen spritzt.
    Aber Gretchen, wenn du nun das Alles tätest, und es würde ihm wirklich
dadurch geholfen, weisst du dann aber auch, dass er es erkennen würde?
    Gnädigster Herr! - antwortete ich - dergleichen tut man nicht, dass es
erkannt werde. Wollte Gott, ich könnt' ihm nur helfen! möcht' er es meinetwegen
nimmermehr erfahren.
    Jetzt ging er wieder eine ganze Weile mit grossen Schritten tiefsinnig auf
und ab. Hat er dich niemals gesehen? - fragt' er endlich.
    Niemals! ausser da er krank war; aber da wusst' er ja nichts von sich selbst.
    Hast du auch niemals gewünscht, er möge dich sehen?
    Ach Gott, nein! ich habe es immer gefürchtet.
    Gefürchtet? -
    Ja! denn ich weiss schon vorher, dass ich in grosse Verlegenheit kommen und
mich sehr einfältig benehmen werde. Im Stillen ihm dienen, seine Schmerzen
lindern, ist meine innigste Freude. Dass schon einiges davon bekannt wurde, hat
mich eine Weile ganz betrübt gemacht. Mir war, als würde mir was genommen. Jetzt
hab' ichs verschmerzt, und ist mir wieder so still und heilig in seinem Zimmer,
wie in einer Kirche.
    Was malt er jetzt?
    Ich habe nicht gesehen, dass er etwas Neues angefangen; aber man hat genug an
dem, was fertig ist, zu sehen.
    Weisst du auch, warum er nicht malt?
    Sie ist krank.
    Ja! und ihr Zustand bedenklich. Die Aerzte sprechen sehr zweifelhaft davon.
Wenn sie stürbe -
    Dann wäre der gute Herr für uns Alle verloren.
    Vielleicht auch für immer gerettet.
    Das glaub' ich nicht! Was sie ihm war, wird keine ihm werden.
    Sie liebt ihn nicht.
    Das ists eben.
    Warum ists das eben?
    Ich kann es auch nicht begreifen; aber die Frau Präsidentin sagt es.
    Die Präsidentin. Aber du, was sagst du?
    Ach, gnädiger Herr! ich hab' es ja schon gesagt, dass ich es nicht begreife.
Aber wie vieles gibt es nicht, was man nicht begreift. So erzählte letzt eine
Dame bei der Frau Präsidentin, ein junges Mädchen habe sich in einen ganz
wilden, ausschweifenden jungen Menschen verliebt, so dass die Eltern gar nicht
mehr gewusst hätten, was sie mit ihr anfangen sollten. Da habe ihnen eine
Freundin geraten, sie sollen einen jungen Mann, der aber über 18 Jahre alt sein
müsse - ein Mädchen brauche nur 14 zu sein - aufsuchen. Habe dieser junge Mann
noch niemals aus Eitelkeit einem jungen Mädchen gefallen wollen - aus Liebe
schade es nichts - und überhaupt noch keine bösen Gedanken gehabt; so dürfe er
nur ein Stückchen von dem feinsten Scharlache Nachts und Tags, drei Monate lang,
auf dem Herzen tragen, und er könne damit das Mädchen retten.
    Wie so?
    Ja, das Stückchen Tuch müsse ihr dann auch aufs Herz gebunden werden. Habe
der junge Mensch aber, in der Zeit, wo er es getragen, etwas Böses gedacht oder
getan; so helfe es nichts.
    Nun wie ging es? Half es wirklich?
    Ach sie haben keinen solchen jungen Menschen gefunden.
    Ich glaube es! Aber du, Gretchen, könntest das einmal mit dem Maler
versuchen.
    Ich hab' es schon versucht.
    Du hast es versucht?
    Ja! aber auf eine andere Art. Die Dame setzte noch hinzu: wenn auch die
Leute einen solchen jungen Mann gefunden hätten, wär' es noch immer die Frage
gewesen, ob er die Liebe des Mädchens gewünscht hätte. Dafür sei aber auch Rat.
Man brauche nur nicht das Stückchen Tuch dem Mädchen gerade aufs Herz zu binden,
sondern nur Alles, was sie an sich trage, und berühre, damit zu bestreichen, so
werde sie doch gleich ruhig und alle ihre Leidenschaften gemässigter.
    Und du?
    Ja, mein seliger Vater sagte immer, all dergleichen sei Aberglauben. Man
sieht aber doch heut zu Tage, dass manches für Aberglauben gehalten worden, was
es nicht ist, sondern wirklich tief in der Natur liegt. So dacht' ich dann:
hilft es nicht, so schadet es doch auch keinem Menschen, du kannst es immerhin
versuchen.
    
    Du trägst ein solches Stückchen Tuch?
    Ja, ich trage es.
    Und nach drei Monaten wirst du es ihm aufs Herz binden lassen?
    Gott bewahre!
    Warum Gott bewahre? Es wäre ihm ja dann für immer geholfen.
    Ach Gott, nein! ich mag es nicht!
    Das ist sonderbar! Du willst ihm helfen, und dann willst du es wieder nicht.
    Ach, gnädiger Herr! - rief ich - Verstehen sie mich doch nur recht! Ich will
ja wohl, dass ihm geholfen; aber nicht, dass er gezwungen werde, mich zu lieben.
    Ich sehe nicht ein - sagte er nun ganz heftig - warum du dich so sehr
dagegen wehrst! Liebe ist ja Liebe, sagst du, sie mag kommen, woher, und mag
vermischt sein, womit sie will. Wie schlecht er dich Anfangs auch liebt, er wird
es schon einmal lernen.
    Ach, gnädiger Herr! - rief ich nun, und konnte das Weinen nicht mehr
zurückhalten - das hätte ich nicht geglaubt, dass Sie meine einfältigen Worte so
gegen mich kehren, und so durch und durch bös auf mich werden würden! Was ich
Ihnen jetzt vertrauete, hat noch kein Mensch, ja meine Mutter nicht einmal
erfahren.
    Nicht wahr? - sagte er nun recht bitter lächelnd - es gereuet dich, dass du
so aufrichtig warest? Doch nein! es darf dich nicht gereuen, und du musst nun
aufrichtig bleiben, sonst verliert ja der Scharlach seine Kraft.
    Das war mir nun ein rechter Stich durchs Herz. Ich riss das Stückchen Tuch
hervor, hielt es ihm hin und rief: nehmen Sie es, gnädiger Herr! wenn Sie das
glauben. Sie haben keinen Freund, sagen Sie, und trauen keinem Menschen recht
mehr, als mir. Aber nun trauen Sie ja auch mir nicht mehr, und da sind Sie noch
viel unglücklicher als der arme junge Herr.
    Er sah mich mit grossen Augen an, nahm das Stückchen Tuch und betrachtete es
von allen Seiten. Dann ging er schnell damit zum Fenster - ich erschrack und
dachte; er wolle es hinaus werfen; denn er glaubt doch nicht daran, das konnt'
ich an seinen Mienen sehen - verbarg es in seinen Busen und kam dann wieder ganz
freundlich auf mich zu.
    Gretchen! - sagte er - ich sehe nun wohl, dass wir beiden, der arme Maler, so
wie ich, uns nur deines Mitleids zu erfreuen haben. Viel können wir uns freilich
nicht darauf einbilden.
    Grosser Gott! - rief ich - was könnten Sie sich denn auch darauf einbilden?
-
    Lass das! - sagte er - untersuche das nicht! Was wir auch könnten; du hast
uns davor geschützt. Geh lieber Engel! (es war närrisch, dass er mich nun mit
einemmale einen Engel nannte, nachdem er kurz zuvor geglaubt hatte, meine ganze
Aufrichtigkeit komme von dem Stückchen Tuche her). Ich habe mancherlei zu
überlegen, besonders aber, wie ich dir meine grossen und manchfaltigen Schulden
abtragen will.
    So nahm ich dann mein Körbchen, und ging voller Gedanken über all das
Sonderbare, was ich von dem Fürsten gesehen und gehört hatte.
    Er ist wohl, wie sie immer gesagt hat, dass die Männer sind, aufbrausend und
launisch, aber doch gleich wieder gut und herzlich, und gar nicht so, wie der
Herr Vetter sagt, dass die Fürsten sind. Sie sieht auch, herzliebste Mutter! dass
ich ihr Alles, wie sie es verlangt hat, schreibe. Das werde ich auch immer tun,
damit sie weiss, dass sie nicht nötig hat, angst meinetwegen zu sein.
    Nun lebe sie wohl, herzliebste Mutter! Ich arbeite viel auf die Weihnacht
für die Frau Präsidentin; denn die Reihe der lieben Kinder ist gar zu lang, und
sie kann es nicht allein bestreiten. Wenn der Bote aber zurückkömmt, habe ich
doch einen ganzen Pack Geschriebenes wieder fertig. Man braucht nur ein bisschen
früh aufzustehen, so muss sich Alles schicken.
 
                         Stephani an seine Verwandten.
Sie wurde an einen der benachbarten Höfe mit verdoppeltem Gehalte berufen. Der
Brief kam gerade an dem Tage, als sie zum erstenmale das Bett verlassen hatte.
Sie gab ihn mir lächelnd und sagte: die guten Leute glauben, mit Geld sei Alles
getan. Aber ich will bei meiner Schwester ruhen, und gehe nicht weiter; es sei
denn, dass man mich gehen heisst.
    Ich hinterbrachte diese Worte dem Fürsten, und er kam am folgenden Tage, ihr
das, was sie aufgeopfert hatte, zu ersetzen.
    Von jeder Krankheit ersteht sie schöner, und ich sah, dass ihr Anblick ihn
abermals überraschte. Er gestand es mir, und versicherte, er werde sie um keinen
Preis gehen lassen. Ihre Kunst sei unersetzlich.
    Und ihre Gestalt! - rief ich.
    Das möcht' ich nicht so geradezu behaupten - antwortete er.
    Kennen Sie etwas Schöneres? - rief ich abermals.
    Ja! - rief er eben so lebhaft; aber es war sichtbar, dass er seine
Lebhaftigkeit bereuete.
    Schon lange verbarg er mir etwas; aber ich war zu sehr mit meinem Schmerze
beschäftigt, auch mocht' ich mich nicht aufdringen. So schwieg ich denn auch
jetzt, und zeichnete, wie ich oft während des Sprechens zu tun pflege.
    Es war eine Gruppe spielender Knaben, welche ich auf dem Wege zu ihm mit
Entzücken betrachtet hatte. Er ging kämpfend mit sich selbst auf und ab, blieb
dann wieder eine Weile bei mir stehen, und betrachtete die Zeichnung.
    Himmlische Unschuld! - rief er - Für wen die Knaben?
    O ich weiss nicht! Für mich selbst! Lebende habe ich doch nicht zu hoffen.
    Unselige Leidenschaft! Wenn ich so sehe, wie sie deine Jugendkraft verzehrt!
dich mir der Kunst raubt - dann möcht' ich bereuen, was ich getan habe, möchte
sie ziehen lassen, möchte dich retten, um welchen Preis es auch sei!
    Von ihr getrennt, wär' ich gerettet? - Ewig - verlöre die Kunst etwas an mir
- ewig für sie verloren! Mein Leben ruht tief in Rosamunden, nur von ihren
Lippen empfang ich es wieder. Trennung? - Wahnsinn! Selbstmord! Wohin sie auch
geht, ich folge, so gewiss mein Schatten mir selbst.
    Unbegreiflich!
    Warum? Sie ist das Vollkommenste, was ich kenne. In ihr ruht eine Welt
herrlicher Gebilde. Nur sie durchschaut mein Innerstes, kennt den leisesten
Wunsch meiner Seele .....
    Wie? Und das Weib lässt dich verschmachten? O wenn ich sie nicht gerade sehe,
und durch ihre Schönheit bestochen werde; ergreift mich oft eine ordentliche
Wut, und ich könnte das kalte, selbstsüchtige Geschöpf ermorden.
    Sie blüht schon dem Tode entgegen.
    Und zieht dich mit in die Gruft. Bei Gott ich fordre Rechenschaft von ihr!
Ich kann und darf es nicht länger mit ansehen. Du gehörst nicht allein dir! du
gehörst uns, der Kunst, der Welt! Melde ihr, dass ich komme, dass sie sich bereit
halte, entscheidende Antwort zu geben.
    Wann?
    Morgen! wenn es irgend meine Geschäfte erlauben.
    So wird es dann gut sein - erwiederte ich, indem ich ihm die Geschichte
ihres Lebens, die ich, seit ich sie empfing, beständig mit mir herumtrage,
überreichte - dieses vorher zu lesen. Und hierauf entfernt' ich mich schnell,
ohne seine Antwort abzuwarten.
    Am folgenden Tage liess er mich plötzlich, als ich gerade vor der Staffelei
sass, rufen. Aber ich liess ihm zurück melden, dass es mir, ohne Gefahr für mein
Bild, welches mir teilweise eintrocknen würde, unmöglich sei zu erscheinen. Es
seien die spielenden Knaben. Wenn sie ganz untermalt waren, würde ich aufwarten.
Er soll lernen - dacht' ich - wofern er es noch nicht weiss, dass die Kunst, wie
das Gemüt, frei ist.
    Aber er liess mir sogleich zurück sagen: ich solle mich nicht stören. Er
wolle sich gedulden, bis das Bild vollendet sei, und, wäre es ihm möglich,
selbst lieber kommen.
    Diese plötzliche Nachgiebigkeit, diese tiefe Verehrung vor der Kunst, rührte
mich dann wieder bis in das Innerste der Seele, und ich hätte ihm zu Füssen
fallen, und Vergebung meiner Härte von ihm erflehen mögen.
    Er kam wirklich, war so liebe-, freudevoll, so entzückt von dem Bilde, so
ganz entfernt zu ahnen, ich habe mich gegen ihn vergangen, dass ich wie
vernichtet vor ihm stand, und nichts, als hässliche, falsche Scham mich abhielt,
ihm meine tiefe Reue zu bekennen.
    Er gab mir die Handschrift zurück, gestand, dass sie ihm vieles erläutere, er
aber dennoch auf Entscheidung dringen werde.
    Am folgenden Tage gingen wir zu ihr. Ich sah, dass er eine harte Anrede im
Sinne hatte, aber im Augenblicke, da wir eintraten, verändert und im höchsten
Grade verwirrt wurde. Sein Unmut darüber war unverkennbar. Sich selbst und dem
mächtigen Eindrucke zum Trotze, schien er nun seinen Vorsatz ausführen zu
wollen. Wie gewöhnlich ging er mit grossen Schritten auf und ab, während ich mit
Rosamunden die spielenden Knaben, die ich auf ihr Bitten hatte zu ihr bringen
lassen, betrachtete.
    Endlich trat er auch zu dem Bilde, und rief, nachdem er es gleichfalls eine
Weile betrachtet hatte: glückselige Mutter, die solche Kinder der Welt
hinterlässt! Wie arm ist das gepriesenste Weib neben ihr! Nach wenigen Jahren
ihre Spur nicht mehr zu finden! Nutzlos verwelkt ihre Schönheit, verloschen in
dem Andenken der Menschen!
    Rosamunde sah schweigend vor sich nieder.
    Wozu seid ihr da? - fuhr er fort - als gleich Blumen das Auge zu ergötzen,
das innerste Leben zu erquicken, und Früchte zu tragen? Euer schnelles Verblühen
predigt euch jeden Augenblick die treffende Aehnlichkeit dieses Bildes. Was seid
ihr? was bleibt ihr, wenn Früchte nicht an euer kurzes Dasein erinnern?
    Blumen - antwortete sie lächelnd. -
    Blumen! - wiederholte er spöttisch. -
    Die durch ihre Schönheit - fuhr sie sanft und heiter fort - das Auge
ergötzen, das innerste Leben erquicken, nur keine Früchte tragen.
    Und wenn es bei dem Ersten nur bleibt?
    Das Erste schliesst das Zweite schon in sich. Alle Schönheit erquickt das
innigste Leben.
    Sie kann auch zur Marter werden - rief er heftig - Darüber haben Sie als
Weib keine Stimme. Sehen Sie ihn an! - fuhr er fort, und sein Zorn stieg höher -
Er stirbt! und Sie haben ihn mir, der Kunst und der Welt ermordet! Glauben Sie,
dass ich das so dulden werde? Ich sage Ihnen nein! ich werde es nicht dulden. Von
mir fordert ihn die Kunst, die Welt, und wüssten Sie, was das gesagt heisst, so
würd' ich sagen: von Ihnen. Aber Sie haben nur Gefühl für Ihren eigenen Wert.
Doch stirbt Ihre Kunst mit Ihnen. Nicht so bei ihm! er wird von ihr überlebt.
Nach Jahrhunderten werden seine Bilder ergötzen, und Menschen über Erdennot
erheben. Ein unvergängliches Denkmal könnten Sie sich stiften, wenn Sie sein
Leben verlängerten. Aber Sie verkürzen es, und so seien Sie meines Hasses gewiss;
es sei denn, dass Sie plötzlich bereuen. Gern will ich auch Ihre Kunst meinem
Volke erhalten, denn ich bin ihm dafür, wie für alles Schöne, was ihm als das
höchste Bildungsmittel geraubt werden kann, verantwortlich. Aber dann eilen Sie,
sich zu entschliessen! Seien Sie ein Weib, ein wahrhaft schönes, ein liebendes
Weib! Opfern Sie sich auf, und werden Sie - gelüstet Sie nach Ruhm - durch
dieses Opfer grösser, als der, dem Sie sich opfern.
    Ich zweifele - erwiederte sie - dass er das Opfer annähme, und nähme er es
an, so wäre er dessen nicht würdig.
    O ja! - rief er, glühend vor Zorn - Er wär' es! er wär' es! Wem anders, als
dem Manne, gehört die Schönheit der Frau?
    Ich glaube - fuhr sie sehr sanft und lächelnd fort - sie gehöret ihr selbst;
so wie ihr Herz und ihr Leben. Wem sie es auch gibt, es ist ein freies
Geschenk; oder es gibt keine Freiheit mehr auf Erden.
    Er mass nun wieder mit grossen Schritten das Zimmer, blieb dann plötzlich vor
ihr stehen, und fragte, wie er glaubte, sehr gefasst; aber mit blitzenden Augen -
Wo aber soll das enden? das frag' ich Sie, und darauf will ich Antwort.
    Es endet mit meinem Leben - antwortete sie ruhig - und davon ist nicht viel
mehr übrig.
    Täuschung! Schwärmerei! Wer, der Sie sieht, kann das glauben? Wohlan Sie
wollen nicht endigen! so endige dann ich, auf eine Art, die Sie nimmermehr
erwarten. Verstehen Sie mich? auf eine Art, die Sie nimmermehr ahnen.
    Ich habe verstanden - antwortete sie. -
    Nein, Sie haben mich nicht verstanden! - rief er - Ich kenne ein Mädchen,
das schöner ist, als Sie..... Ha sehen Sie! erbleichen Sie nur! Ja schöner! Ein
Mädchen, das nichts kennt, nichts weiss, als lieben. Ein Engel stralend von
Unschuld. Sein Ideal, dafür bürg' ich mit meinem Leben! sein Ideal, das er
aufgab, da er Sie kennen lernte, wähnend es sei auf Erden nicht zu finden. Es
ist gefunden! Jubelnd als Mann und als Künstler wird er bekennen, dass es
gefunden ist. Mit unendlichem Preise gegen den Allgütigen, der ihn schon lebend
in seinen Himmel erhob. Ja, ein himmlisches, tausendfältiges Leben wird er
beginnen! Unsterbliche Werke wird er hervorbringen. Dieser Engel, voll ewiger
Unschuld und Liebe, das Urbild aller Schönheit wird er ihm werden, und sein Bild
wird der Nachwelt den ewigen Frieden aus jedem seiner Werke zulächeln. Sie, o
Sie sind verschwunden, vertilgt aus seinem Gedächtnisse! Gedenkt er Ihrer, so
ist es, wie einer schweren Krankheit, wo sein Geist verfinstert, seine Kraft
gelähmt war, wo sein Schatten nur lebte. Wollen Sie das? Wollen Sie, dass ich so
endige?
    Wofern nicht auch mein Geist gänzlich verfinstert ist, so muss ich das
wollen.
    Wie!
    Ist dieses Mädchen sein Ideal, kann es mich aus seinem Herzen vertilgen: so
wäre ja das Opfer, was Sie fordern, zwecklos, widersinnig, ja schändlich; denn
ich verkennete durch dieses Verschleudern meines Herzens, meines Lebens, den
Wert, welchen sogar Sie mir noch beilegen. Ist seine Liebe zu mir Krankheit,
und geneset sein Geist nur durch Verbindung mit diesem Mädchen, wie eigensüchtig
und hassenswürdig, ihn nicht genesen zu lassen. Nur dann, sagen Sie, wird sein
wahres, sein himmlisches Künstlerleben beginnen, nur dann wird er die
unsterblichen Werke hervorbringen, die nun mit ihm untergehen. Was fordert die
Welt nun von mir? was kann und muss sie nun fordern? Dass er erhalten werde, um
welchen Preis es auch sei, ja, dass, liebt' ich ihn, sogar dieser Liebe nicht
geachtet werde.
    Mit diesen Worten schien ein Lichtstral in seine Seele zu fallen. Er
betrachtete sie mit schweigender Rührung, und sagte dann sanft: Warum aber, wenn
sie ihn lieben, zwingen Sie mich zu dieser Härte? warum wollen Sie ihn nicht
sich selbst und uns Allen erhalten?
    Es ist ja eben die Frage, ob ich dieses vermag?
    Ja Sie vermögen es! Das Herz hat seine Launen. Wie himmlisch auch mir und
Vielen das Mädchen erscheint, Ihnen gehört nun einmal sein Herz, und über
Verwandschaft der Geister lässt sich nicht rechten.
    Aber das Alles ist Täuschung. Sieht er das Mädchen, muss sie verschwinden.
Doch was tut's? hat doch seine Laune ihr freies Spiel gehabt. Mir
Weggeworfenen, Nichtgeachteten mag das Herz nur brechen. Hat er doch Alles
gekonnt, was er gewollt hat.
    Nun ging er wieder schweigend und heftig auf und ab. Sie strafen mich hart
sagte er dann - für meine unbesonnenen Worte.
    Oft - erwiederte sie - scheint uns unbesonnen, was das Besonnenste ist.
Indem Sie mir die Zukunft so wahr und treu vorhielten, wurden Sie mein
Wohltäter, und Ihre Härte wurde die höchste Güte. Sie haben mich mir selbst
erhalten, mich vor dem grausamsten Spiele geschützt. Ein Spiel, was die Männer
mit unserm ganzen herabgewürdigten Geschlechte treiben, und dessen Anblick mir
das Herz schon lange empört und zerrissen hat. Ich will die Schmach dieses
schändlich misshandelten Geschlechts nicht länger mit ansehen. Ich bin dem Tode
geweiht, will es sein, wer darf es mir wehren?
    Er trat jetzt schnell auf sie zu, wollte etwas sagen; aber musste sich
abwenden, denn seine Augen füllten sich mit Tränen.
    Wie aber - hub er endlich an - wenn das Herz, was so oft Recht hatte, auch
hier Recht gehabt hätte? Wenn er, den wir für den Unvernünftigsten hielten, der
Vernünftigste gewesen wäre? allein Ihren ganzen tiefen Wert, gegen den auch ich
leider verblendet war, empfunden und für alle Zeiten gewürdigt hätte? Wenn seine
Ahnung, dass Nichts sie ersetzen kann, Wahrheit würde? er sich Ihnen nach ins
Grab stürzte, und Sie jenseits erränge? O wenn er für uns dennoch verloren wäre!
    Wer wäre Schuld daran? - rief ich durch dieses Aufzählen meiner Schmerzen
aus trostloser Betäubung erwachend - wer wäre Schuld daran, als die, welche
dieses hohe, und wahrhaft liebende Wesen irre machten über seinen tiefen und
ewigen Wert. Wer wäre Schuld daran, als die, welche mein Herz besser verstehen
wollten, als ich selbst. Längst wäre sie mein, hätten grausame Vernünftler mich
nicht für Augenblicke geblendet, und mir ihre verwirrten Ansichten aufgedrungen.
Ach sie trauet nicht mehr der Kraft meines Herzens! Jetzt ist sie verloren, und
ich bin es mit ihr!
    Nein! - rief er - du bist es nicht und sollst es nicht sein! Nicht wir
allein haben geirrt; auch sie. Hatte sie nicht in ihrem eigenen Herzen den
Massstab ihres Wertes? musste sie sich von uns Kurzsichtigen betören lassen?
Hätte sie deine Wünsche erfüllt, längst wären wir beschämt. Sie wird sie
erfüllen, denn sie hat ein liebendes Herz, und unser aller Trauer wird sich in
Freude verwandeln.
    Sie lächelte; aber ihr Lächeln war ein Stral der untergehenden Sonne, und in
meinem Herzen blieb die Trauer.
 
                            Gretchen an ihre Mutter.
Endlich, herzliebste Mutter! kann ich einmal wieder schreiben. Wir haben Nacht
und Tag auf die Weihnacht gearbeitet. Dafür ists aber auch eine Freude geworden,
wie ich in meinem Leben nicht gesehen habe.
    Die Frau Präsidentin macht es recht klug. Alles, was die Kinder das ganze
Jahr durch nötig haben, spart sie auf die Weihnacht. Sie hätten - sagt sie -
tausendmal mehr Freude daran, und hielten es viel werter.
    Der Herr Präsident ist ein vortrefflicher Herr; aber doch ein bisschen sehr
ernstaft, und meint, die Frau Präsidentin mache gar zu viel aus dem Feste, und
für die ältesten Kinder sei das ganze Wesen nicht mehr passend. Die Frau
Präsidentin aber meint, man könne gar nicht genug aus dem Feste machen. Es sei
die traurigste Zeit im ganzen Jahre, und ein wahres Glück für Gross und Klein,
dass das Fest gerade in diese Zeit falle. Was den Kindern an Spielen in freier
Luft abgehe, ersetze die Freude vor und nach Weihnacht. Sie halte ihren Geist
munter, und stärke sie gegen vielerlei Unarten, und mit dem wildesten Buben sei
im ganzen Jahre nicht so gut auszukommen.
    Das gibt dann der Herr Präsident für die Kleinen wohl zu; spricht aber doch
immer von der Unschicklichkeit für die Grossen. Die Grossen, sagt aber die Frau
Präsidentin, seien eben die Hauptsache. Sie wissen Alles, was die Kleinen
bekommen, helfen es mit herbeischaffen und zubereiten, und freuen sich
tausendmal vorher über die Freude der Kleinen. Sie geben sich auch um diese Zeit
ein viel weniger gelehrtes Ansehen gegen sie, schlichten mancherlei
Streitigkeiten, eben weil sie Freude im Sinne hätten, mit Güte, und gestern
haben sie ihnen noch zugerufen - sie habe es im Nebenzimmer gehört - ach wer
will sich denn streiten! hört ihr denn nicht die Glocken? es geht ja auf
Weihnacht!
    Nun immerhin! - sagte der Herr Präsident, und lachte doch wieder recht
freundlich - aber das sag' ich dir! in meiner Nähe kann ich den Spectakel nicht
mehr dulden. Meine Geschäfte leiden darunter.
    Der Saal - meinte die Frau Präsidentin - sei ja noch zwei Zimmer von dem
seinigen entfernt.
    Nichts! nichts! - rief aber der Herr Präsident - der ganze Tross läuft dann
von Morgen bis Abend auf und ab, und des Türzuschlagens wird kein Ende.
    So blieb uns dann nichts übrig, als Herrn Stephani's Vorzimmer; denn im
Wohn- und Esszimmer ist man keinen Augenblick sicher vor den Kleinen. Seit
Rosamundens Krankheit war auch Herr Stephani noch keinen Abend zu Hause; sondern
entweder bei ihr, oder bei dem Fürsten.
    So schafften wir dann in der Dämmerung den grossen Tisch mit allem Zubehör
herein, und putzten so prächtig auf, dass die ältesten Kinder vor Freude auf den
Stühlen herumsprangen, und die Frau Präsidentin genug zu wehren hatte.
    Da nun aber Alles fertig war, umringten sie sie mit einemmale und riefen:
ach du allerweltssüsseste Mutter! - so nennen sie sie immer, wenn sie recht
bitten wollen - nun tue uns aber noch einen einzigen Gefallen! mach' es nun
einmal ganz so, wie die andern Leute, und lass auch ein Christkind dabei kommen!
Sieh! Gretchen kann das Christkind sein. Gieb ihr dein silberflornes Kleid! Wir
haben schon eine Krone von dem Stück Goldstoff, was du uns schenktest, gemacht,
und vom Hofgärtner einen Palmzweig dazu bekommen. Wir haben die Krone schon vor
acht Tagen gemacht, mochten sie dir aber nicht zeigen. Sonst hättest du es dem
Vater gesagt, und der hätt' es nicht gelitten. Nun aber, wenn es so mit
einemmale kommt, wird er sich prächtig darüber freuen. Du weisst es ja! wenn er
auch manchmal etwas nicht leiden will, freuet er sich doch nachher darüber, und
sagt dann: so, ja so wäre es ganz anders, als er gedacht hätte. Und es macht ja
auch gar keine Unruhe, und Gretchen zerreisst dir auch nichts an dem Kleide. O
allerweltssüsseste Mutter! tue es nur! Und so liessen sie nicht nach, bis sie
endlich Ja nickte.
    Nun wurde ich geschwind in der Frau Präsidentin Kammer gezogen, bekam das
silberflorne Kleid an, den Palmzweig in die Hand, und die goldene Krone dazu
auf. Meine Haare wurden ganz lang herunter gekämmt, und da sie sich ein wenig
locken, passte es recht gut dazu.
    Aber es war spät über dem Allen geworden, beinahe wären die Kleinen
eingeschlafen; da sie aber das gewöhnliche Zeichen mit der Glocke hörten, wurden
sie Alle wieder munter, und stürmten nun mit einemmale herein.
    Aber, mein Gott! wie wurde mir! als Herr Stephani, der Fürst und der Herr
Präsident hinter ihnen her kamen. Ich stand oben am Tische, und sollte mich gar
nicht rühren; hätte aber vor Zittern bald den Palmzweig fallen lassen. Nun
wurden mich auch erst die Kinder recht gewahr, und riefen mit einemmale: ach
Gretchen! Gretchen ist das Christkind!
    Ich hätte in die Erde sinken mögen, so schämte ich mich. Nun trat aber noch
Herr Stephani hinzu, und betrachtete mich so erstaunt, als hielte er mich für
ein wirkliches Christkind. Darüber kamen mir dann vor Verlegenheit die Tränen
in die Augen, und ich wurde so bestürzt und betäubt, dass ich gar nicht mehr
wusste, was ich anfangen sollte.
    Die Kinder hatten sich indessen an die Spielsachen gemacht; aber Herr
Stephani stand noch immer unbeweglich und staunte mich an. Ach Gott! hätte mir
ein Mensch von meinem Putze geholfen, ich hätte ihm Alles zu Gefallen getan.
Vor Angst bekam ich entsetzliche Kopfschmerzen, die vielen Lichter blendeten
mich auch, und ohne mehr recht zu wissen, was ich tat, nahm ich die Krone ab,
und gab sie mit dem Palmzweige Herrn Stephani.
    Ich wollte nun geschwind hinauslaufen; aber die Knie zitterten mir so
schrecklich, dass ich kaum die paar Schritte zur Türe machen konnte. Das war
aber gewiss ein grosses Glück; denn sonst hätt' ich vor Angst das ganze Kleid
zerrissen.
    Die Frau Präsidentin kam gleich hinter mir her, und sagte, der Herr
Präsident habe befohlen, ich solle den Abend mit an ihrem Tische essen. Das war
nun gewiss eine grosse Ehre; konnte sie aber doch nicht annehmen; sondern musste
zu Hause gehen, und mich geschwind zu Bette legen. Mir war, als hätt' ich ein
Fieber; fiel aber doch bald in Schlaf, und wachte den andern Morgen, beim
herrlichen Glockengeläute, frisch und munter wieder auf.###
    Ich war wohl eigentlich nicht krank; sondern nur von dem vielen Nähen bis
tief in die Nacht, und von dem Schrecken, sehr angegriffen. Nach der Kirche ging
ich aber doch gleich wieder zu der Frau Präsidentin. Lieber Gott! was hatt' ich
aber da wieder für ein freudiges Schrecken! In der Frau Präsidentin Stube war
für mich beschert. Ich wollt' es Anfangs gar nicht glauben, dass das Alles für
mich sein sollte. Aber die Kinder riefen immer: ja, Gretchen, es ist Alles für
dich! Nimm's nur! nimm's nur! es ist Alles für dich! Sieh, das prächtige Clavier
und die Harfe, und die Kiste mit lauter feinen weissen Kleidern hat dir der
Fürst, das schöne Stück Leinwand und die hübsche Nählade die Mutter, und das
Gesangbuch mit Silber beschlagen der Vater, und wir haben dir Alle von unserm
Honigkuchen, Zuckergebackenen, Aepfeln und Nüssen dazu beschert. Nimm! nimm! -
riefen die Kleinen darein - schmeckt gut, und sollst doch, wenn wir auch unsers
aufgegessen haben, Alles behalten, und wollen nichts wieder von dir fordern!
    Nun entstand mit einemmale im Nebenzimmer ein Gelächter. Es ist der Fürst
und Herr Stephani und der Vater! - flüsterten die Aeltesten - sie haben sich
versteckt und zugesehen, wie du erschrocken bist, und dich gefreut hast, und du
wirst jetzt eine ordentliche vornehme Dame, und sollst Clavier und Harfe
spielen, und Singen und Zeichnen lernen, und gar nicht mehr für die Leute nähen.
    Was schwatzt ihr denn da? - sagte endlich die Frau Präsidentin - Lasst doch
das arme Mädchen zu sich selbst kommen! Und nun zeigte sie mir Alles und sagte:
es sei wirklich für mich, und der Fürst wolle mich Alles lernen lassen, und wenn
es die Mutter und der Herr Vetter zufrieden wären, wolle sie mich ganz zu sich
ins Haus nehmen. Ich solle es ihr heute gleich schreiben und bitten, dass sie es
überlege, und mir bald Antwort gäbe. Es sei ja Alles zu meinem wahren Glücke;
denn zu etwas Anderem werde sie nimmermehr raten.
    Das sagte sie auch zu dem Herrn Vetter. Der wurde aber ganz betrübt, und
sagte: er werde es nicht verschmerzen, und werde ihm kein Essen mehr schmecken.
    Da hiess mich aber die Frau Präsidentin hinausgehen, und sagte, sie wolle mit
dem Herrn Vetter allein sprechen. Sie muss ihm gewiss recht zugeredet haben, denn
als er zu Hause kam, sagte er: packe zusammen Gretchen, und mache, dass du aus
dem Hause kommst. Aber tue's heimlich, sprich mir nichts von Abschied, und wenn
du mich alten Mann nicht kränken willst, so sieh des Tages wenigstens einmal
nach mir. Hoffärtig wirst du nicht werden, das weiss ich schon, und so gehe mit
Gott! Ich will in die Werkstätte und will's verarbeiten.
    Ich hielt' ihn aber fest bei der Hand, und sagte: liebster Herr Vetter! sei
er doch nicht gar zu betrübt! sonst kann ich nicht aus dem Hause, und was hilft
mir all mein Glück, wenn er es nicht ertragen kann?
    Ich will's ertragen - sagte er wischte sich aber die Tränen ab - und jetzt
lass mich gehen! Ich will dir ein Andenken machen, das sollen mir die jungen,
neumodischen Bursche ungehudelt lassen, und soll Jedermann Respect dafür haben.
    Ich aber konnte nun auch das Weinen nicht mehr lassen, und hätte beinahe
gewünscht, es möchte ganz anders gekommen sein. Als ich mich aber recht
ausgeweint hatte, wurde ich mit einemmale wieder heiter, und dachte: wie, wenn
du nun aber dem Vetter in der einen Stunde, wo du etwa kommen kannst, mehr
Freude machtest, als sonst am ganzen Tage? - Kannst ja immer vorher daran
denken, kannst ihm ein Gericht, was er gern isst, oder sonst etwas Angenehmes
bereiten, kannst dir die Zeitungen anschaffen, und ihm gleich, ehe er es noch
sonst wo erfährt, das Neueste daraus erzählen. Den Mägden kannst du auch immer
etwas mitbringen, dass sie besser arbeiten und mit der Frau Base nicht uneinig
werden, und wenn sie's geworden sind, lässt sich auch in einer Stunde viel wieder
gut machen.
    So dacht' ich, und packte meine Sachen zusammen. Als ich nun aber Alles
ausgeleert hatte, wurde mir doch wieder ganz wehmütig, und als ich mich endlich
in der Dämmerung fortschlich, kam ich doch mit ganz rotgeweinten Augen zu der
Frau Präsidentin.
    Nun lebe sie wohl, herzliebste Mutter! Ich hoffe doch, dass sie nicht böse
darüber wird, dass ich ihre Erlaubnis nicht abgewartet habe. Der Herr Vetter
hatte aber keine Ruhe mehr, und sagte: was geschehen müsse, solle gleich
geschehen, denn das Aufschieben könne er vollends nicht aushalten, und er wolle
es schon bei ihr verantworten.
    Nun lebe sie nochmals wohl, herzliebste Mutter! Ich wünsche ihr ein
fröliches neues Jahr, und bitte Gott, dass er sie auf all ihren Wegen begleite.
 
                         Stephani an seine Verwandten.
Ich habe eine himmlische Erscheinung gehabt, und in meine ganz umdüsterte Seele
ist ein belebender Lichtstral gefallen. Alles schien mir dem Grabe geweiht; aber
das Glockengeläute zum heiligen Feste scheint mir jetzt nur Auferstehung zu
verkündigen. Ein unverwelklicher Frühling ist mir aufgegangen, alle Blumen
öffnen mir Seligen den Kelch, und ich kann nichts denken, als Leben.
    O es war kein Traum! Das göttliche Mädchen, was mir einst Trank im
brennenden Fieber reichte, was Niemand gesehen haben wollte, ich hab' es
gesehen.
    O ihr versteht mich nicht, und so muss ich erzählen.
    Die spielenden Knaben waren ganz fertig, der Fürst trug grosses Verlangen,
sie zu sehen, und wollte mich mit Bernhard, der gerade bei ihm war, in meine
Werkstätte begleiten. Als wir aber vor das Haus kamen, schien mein ganzes
Vorzimmer in Flammen zu stehen. Bernhard erschrack so wie wir, fasste sich aber
bald, und rief zu unserm Erstaunen mit Lächeln: ich wette, das haben die Weiber
angestellt!
    Schnell drangen wir nun durch den Haufen des gaffenden Volks, und Bernhard,
vielleicht seiner Sache doch nicht gewiss, eilte voraus. Als er aber das Zimmer
öffnete, leuchtete uns mit einemmale eine ganze Christbescherung mit allen neun
Kindern entgegen. Anfangs sah ich nichts als die Kinder; plötzlich aber stralte
mir vom andern Ende des Tisches ein Mädchen im Gewande der Himmelskönigin
entgegen.
    Ich trete näher, sehe ein Wunder unvergleichlicher Schönheit, eine Jungfrau
im höchsten Sinne des Worts. Meine Knie wollen sich beugen. Da nimmt sie die
Krone vom Haupt, und reicht sie mir mit einem Palmzweige. In dem Augenblicke
fällt ein Lichtstral in meine Seele. Ich erkenne das himmlische Kind, was mir im
Fieber einst Trank reichte. Aber die göttliche Erscheinung wendet sich von mir
und verschwindet.
    Betäubt staun' ich ihr nach, da tritt der Fürst zu mir, betrachtet
schweigend, was sie mir gegeben, wendet sich dann ebenfalls schnell, beinahe
unwillig von mir weg, und verlässt uns.
    Noch erstaunter betracht' ich nun die Gabe, als eins der Kinder ruft: sieh
Mutter! Gretchen hat die Kron' und den Palmzweig Herrn Stephani gegeben!
    Wer ist Gretchen? - frag' ich nun schnell. -
    Sie ist die Tochter eines Landschulmeisters - antwortet Matilde - nach
unserer Stadtsprache, ein ganz ungebildetes Mädchen; aber gewiss die engelreinste
Seele, die man finden kann.
    Ja wohl! - fiel Bernhard ein - und nie habe ich sie in einem passendern
Kleide gesehen. Sie hat mich auf das herrlichste überrascht; doch schien sie es
noch mehr, als wir Alle. Sieh doch nach ihr und bitte sie, diesen Abend bei uns
zu bleiben.
    Matilde aber kam mit der Antwort zurück: ihr sei nicht wohl, und sie habe
gebeten, sich schnell nach Hause begeben zu dürfen. Es ist wahrscheinlich nichts
als Schrecken und Ermüdung - fuhr sie fort - morgen wird sie wieder hergestellt
sein, und wir werden ihr hier im Hause Alles bescheren können. Auf diese Worte
fingen die Kinder an zu jubeln, und ich trat gedankenvoll in mein Zimmer.
    Den andern Morgen holten sie mich mit der Nachricht: es solle Gretchen
beschert werden, der Fürst sei da; wolle sich aber mit uns im Nebenzimmer
verbergen, um recht zu sehen, wie Gretchen erstaunen und sich freuen werde.
    Ich sah sie wieder. O du himmlische, himmlische Unschuld! Du
liebenswürdigstes aller Geschöpfe, die auf Erden geboren wurden! wofern du nicht
gerade vom Himmel stiegest. Du meine innigste, heiligste Erscheinung! die ich
oft auf der Leinwand darstellen wollte, damit ich sie auch mit körperlichem Auge
schauen möchte; die dann aber zerfloss, nicht sichtbar werden wollte. Die ich
dann schnell wieder, wie ein heiliges Geheimnis, in mein Innerstes verschloss,
trauernd, dass es mir nicht vergönnt sei, dich als sichtbare Gotteit den
Menschen zu hinterlassen.
    O du atmest wie ich! Körper bist du dennoch geworden. Sei, werde
unsterblich! oder verschwinde nur nicht von der Erde, bevor meine Augen sich
schliessen! Was soll ich sehen, wenn ich dich nicht mehr sehe? -
    So weit hatt' ich geschrieben, als ein Geräusch mich aus meiner Entzückung
weckte. Es war der Fürst.
    Was treibst du? - fragte er - Alle deine äusseren Sinne waren verschlossen.
Man meldete mich dir, ich trat mit Geräusch zu dir ein, und du bliebst
unbeweglich.
    Ich beteuerte, dass kein Mensch bei mir gewesen, dass ich ihn gesehen habe,
ohne zu begreifen, woher er so plötzlich gekommen. Gleichwohl - antwortete er -
ist mir mein Laufer auf deiner Schwelle begegnet. Aber, wie gesagt, du warest
der Erde völlig entrückt. Hätt' ich dich malend gefunden, wär' es begreiflich
gewesen; aber mich dünkt, du schriebst, oder hattest geschrieben.
    An meinen liebsten Verwandten - sagt' ich - dessen Briefe an Alle und für
Alle gelten. Man sieht mir viel nach, und so schreibe ich ohn' alle Rücksicht.
Auch wird ein Brief in unserer Familie wie ein Heiligtum gehalten, und ein
Jeder, der daraus das Geringste verriete, würde ein Verbrechen zu begehen
glauben.
    Eine Lehre für mich! - rief er - denn wie dürft' ich nun, wie sehr mich mein
Herz dazu drängt, nach dem Inhalte fragen? -
    Er hielt inne und schien auf Antwort zu warten. Ich aber sah schweigend vor
mich nieder. - Eins aber - fuhr er fort - ist mir dennoch vergönnt, raten ist
mir nicht untersagt. Du schriebst, so rat' ich nun, von der, von welcher du
immer schreibst. Er sah mich forschend an, ich wollte seinen Blick vermeiden;
aber eine brennende Röte überzog meine Wangen.
    Nicht? nicht? - rief er, und ging, als er keine Antwort bekam, in heftiger
Bewegung auf und ab, blieb dann plötzlich wieder vor mir stehen, ergriff meine
Hande, und sagte mit der höchsten Wehmut: Stephani! du schriebst nicht von ihr?
nicht von Rosamunden? -
    Nein! - sagt' ich halblaut, und wandte mein Gesicht von ihm weg.
    Du wendest dich weg? - rief er - du schreibst nicht von ihr? So weiss ich....
und plötzlich hielt er wieder inne, und ging, kämpfend mit sich selbst, auf und
ab. Stephani - fing er dann wieder an - das Einzige sage mir! von wem schriebst
du?
    Von dem wunderbaren Mädchen - antwortete ich nun - welches mir in Gestalt
der Himmelskönigin erschien, mir im Fieber einst Trank reichte, Niemand wollte
gesehen haben, und ich am Ende für ein Gebilde meiner Phantasie hielt.
    Jetzt nicht mehr! - rief er. -
    Wie kann ich? - fuhr ich fort - Da liegt die Krone und die Palme und gestern
sah ich sie ja zum zweitenmale mit Ihnen. -
    O ich bin ein armer Mann! - rief er abermals, und warf sich in einen Sessel.
    Sein Zustand drang mir tief durch die Seele. Dankbarkeit begeisterte mich.
Mein Fürst und mein Wohltäter - hub ich an - geben Sie dem Schmerze nicht Raum!
Kann es Sie beruhigen, wenn mein ganzes Herz offen vor Ihnen liegt, wohlan
blicken Sie hinein! und so möge mich Gott in der letzten Stunde verlassen,
wofern Ihnen eine Empfindung, deren ich mir bewusst bin, verborgen bleibt!
    Er sah mich gerührt und zweifelhaft an.
    Lesen Sie dann! - fuhr ich fort - und wenn Ihnen dieses Blatt entdeckt, dass
Ihre Weissagung erfüllt ist; so erfahren Sie auch zu gleicher Zeit, dass dieses
wunderbare Mädchen ein überirdisches Wesen für mich ist. Das kann es bleiben.
Nur seinen Anblick entziehen Sie mir nicht! sonst möchte meine schon umdüsterte
Seele gänzlich verfinstert werden.
    O! - rief er - es ist geschehen! Ich wollte mein Unglück und musste es
wollen. Wer konnte mich schützen vor meinem eigenen Willen?
    Ich mein Fürst kann es vielleicht! Ich kann, ich darf vielleicht ihrem edeln
Willen Einhalt tun. O wie tief fühl' ich mich beschämt, gezüchtigt, für so
manche Künstlerlaune, die ich dem feinfühlendsten, edelsten Menschen und Fürsten
entgegensetzte! Möchte mein Blut fliessen, diesen Fleck in meinem Leben zu
vertilgen! oder möcht' ich würdig sein, ihm, der es zu einem himmlischen erheben
wollte, einen himmlischen Lohn durch ewige Entsagung zu bereiten!
    Zu spät! - rief er - das Schicksal hat längst schon bereitet! Wen sie liebt,
dem wird sie gehören! verwahrte sie der Andere hinter dreifachen Riegeln.
    Wen wird sie lieben? - fiel ich ein - als den grössesten Menschenfreund,
ihren grössesten Wohltäter? der mit dem Strale seiner hohen Vernunft ihre
schöne Seele erleuchtet.
    O! - rief er lächelnd - sie kann unserer Vernunft, wie unseres Lichtes
entbehren! Ihre Vernunft ist die höchste Liebe! Liebe ihre höchste Vernunft! Ihr
Herz hell und tief, wie der blaue Himmel! Ihr ganzes Leben und Weben nichts als
Wahrheit und Licht!
    Ich hab' es gesehen! - fiel ich ein - denn meine Knie wollten sich beugen.
Sie ist meine innigste, heiligste Erscheinung. Ich habe sie gesehen, lange, eh'
ich sie sah!
    Diese unbesonnenen Worte verwundeten abermals sein edles Herz. Er sprang auf
und verliess mich.
 
                            Gretchen an ihre Mutter.
                              Herzliebste Mutter!
Mir ist, als wäre ich in den Himmel gekommen. Des Nachts träum' ich auch immer
von Engeln, träume, dass ich schon die Harfe und das Clavier spielen könnte, und
dass sie mir zuhörten. Die Harfe, die mir immer etwas schwer vorkommt, und mich
manchmal, weil ich sie noch nicht recht zu halten verstehe, ein wenig drückt,
ist mir im Traume ganz leicht. Ja, ich schwebe mit ihr frei in der Luft, singe
aus voller Brust Lieder, die ich in meinem Leben nicht hörte, greife voll
Zuversicht in die Saiten, und bebe von unaussprechlicher Wonne, wenn sie
ertönen.
    O meine herzallerliebste Mutter! was bin ich so selig! Sehe sie! ich kann
gar nicht mehr beten, wie sonst, und Gebete aus den Gebetbüchern kann ich auch
nicht mehr beten. Ich kann nur die Hände falten, und manchmal auf das Clavier,
und manchmal auf die Harfe blicken. Und dann kann ich das Weinen nicht mehr
lassen, denn ich bin gar zu selig, und der ganze herrliche Tag, wo ich so viel
lernen werde, steht mir vor Augen.
    Wenn ich nun so gar nicht mehr weiss, was ich sagen und wie ich beten soll,
dann tröste ich mich mit der Nacht, wo ich in den herrlichen Liedern, die ich
nie gelernt habe, Alles sagen kann, was ich jetzt muss verschweigen.
    Der vortreffliche Mann, der Fürst, wusste wohl, was mir gut war. Er sah, dass
ich Manches dachte, was ich nicht ausdrücken konnte. Er hat mir eine Sprache
gegeben, und in dieser Sprache will ich ihm danken.
    Seit mehreren Tagen hab' ich ihn nicht gesehen; denn er hat der Frau
Präsidentin gesagt: ich solle nicht kommen. Anfangs erschrack ich darüber. Aber
die Frau Präsidentin sagte: er habe gar zu viel Geschäfte, und dürfe nicht
gestört werden.
    Herrn Stephani seh' ich nun alle Tage; aber es ist sonderbar, wir sprechen
kein Wort miteinander. Das tut auch nichts; denn wenn ich nur seine Stimme
höre, ist's einerlei, mit wem er spricht.
    Herzliebste Mutter! ich sagte ihr einmal, er gliche einem trauernden Engel.
Sehe Sie nur in die grosse Bilderbibel. Da wo der junge Tobias zu seinem Vater
kommt. Gerade so, wie der Engel, der dabei steht, sieht er. Aber traurig ist er
nicht mehr. Besonders nicht, wenn er einem unvermutet entgegen kommt.
    Gestern trug ich gerade einen Veilchenbusch, den ich heimlich für die Frau
Präsidentin gezogen hatte, in ihr Schlafzimmer, und gerade, wie ich in die Türe
trat, kam er mir entgegen.
    Es waren Fremde bei der Frau Präsidentin; und da hatte er sich geflüchtet.
Sie quälen ihn gewöhnlich mit Lobsprüchen, und wollen mit Gewalt in sein Zimmer,
und seine Bilder sehen. Das kann er aber nicht leiden.
    So standen wir dann wieder dicht voreinander, wie am Weihnachtsabend. Aber
ich weiss nicht, wie es kam - diesesmal war ich gar nicht verlegen; sondern sah
ihm so freudig ins Gesicht, als ob ich im Traume die Harfe spielte, und dazu
sänge.
    Auch er sah vor Freude ganz verklärt aus, und es war wirklich, als hätten
wir uns lange verloren, und jetzt erst gefunden.
    Der Blumentopf glitt leise an mir nieder auf den Teppich. Er hob ihn auf,
gab ihn mir wieder, und wartete schweigend, bis ich das Zimmer verlassen hatte.
    Herzliebste Mutter! ich habe seitdem erst begriffen, was in der Bibel vom
Anschauen Gottes steht, und dass die Geister schon dadurch selig würden.
 
                         Stephani an seine Verwandten.
Wie viel widersprechende Gefühle vermag des Menschen Brust zu umfassen! Reue,
Dankbarkeit, Entzücken. Welches ist das Herrschende? welches wird es bleiben?
Ach ich weiss es nicht! - Was wollt ich vor wenigen Wochen? Was will ich jetzt?
Warum tödtet mich diese Frage nicht? - Mich! Kann auch ein Seliger getödtet
werden?
    Soll ich hin zu ihr? soll ihr gestehen, dass sie mich besser kannte, als ich
mich selbst? - Aber was liegt dann in diesem Bekenntnisse? liegt nicht darin,
sie sei mir weniger geworden? und ist das wahr? Nein, bei dem allwissenden Gott!
das ist nicht wahr! Möcht' ich sie lassen? sie verlieren? O ich kann es nicht
denken! eben so wenig, als von der Himmlischen, die mich umschwebt, verbannt
werden. Was will ich dann? -
    Ach! ich liess die Feder fallen, breitete meine Arme weit aus, und rief: sie
beide! - Sie beide! - Ich? - Wer bin ich, dass ich diesen Wunsch dachte? laut
rief? Was tat ich, ihn denken zu dürfen? - Nichts! Aber tief in meinem Innern
fühl' ich den Wert dieser Unvergleichlichen; tief in meinem Inneren fühl' ich,
dass kein Mann ihn so würdigen kann und wird. Woher ich das weiss? O ich sehe es!
Wird irgend Einer von Allen, die mich umgeben und der Kunst huldigen, von
Schönheit so ergriffen, durchdrungen, wie ich? Wäre das, so müssten sie sie
darstellen, wie ich; denn alle Darstellungsgabe ist nichts, als Übermass des
Gefühls, des inneren Lebens, das gewaltsam hervorbricht, um getrennt von dem,
welchem es zu mächtig ward, ein eigenes, selbstständiges Leben zu beginnen.
    Ist es nicht längst bekannt, dass nur der sich ein Gut am meisten zueignet,
der es am meisten zu würdigen und zu geniessen versteht? - Wenn das ist; darf
ich dann nicht rufen: sie sind mehr mein, als irgend eines Andern! - Wenn das
ist; darf ich mich dann nicht niederwerfen vor Gott, und bitten: gieb, erhalt'
sie mir Beide! und liegt in dieser Bitte mehr, als ich mit meinem innigsten
Gefühle, mit meinem mächtigsten Bedürfnisse rechtfertigen kann und will? -
    Ach, wohin bin ich geraten! Ist mein Wille das Schicksal? - Unglücklicher!
bin ich es, der Verzicht tun wollte?
Was klag' ich? Wem lächelt das Schicksal dennoch so wie mir? Während ich den
Blick zur Erde heftete, wurde himmlischer Trost mir bereitet.
    Die Stadt Pisa fordert eine Madonna, als Altarblatt, von mir. Ja, ihr sollt
sie haben! Gerade ich kann sie euch geben!
    Ach die nötigen Vorbereitungen halten mich noch auf! Aber warum soll ich
warten? Kann ich nicht selbst Handwerker, Handlanger werden? Ja, das will ich!
und reinigen will ich die Farben, dass alles Irrdische daraus verschwindet.
Gefärbtes Licht sollen sie bleiben; auch da, wo sie Schatten werden müssen.
    Rosamunde, du schwebtest! Margarete, du sollst schweben, wie sie! Aus
eigener Kraft erhob sich jene von der Erde; du warst vom Anfange erhoben. Genien
meines Lebens! Kunst und Liebe hält euch in meiner Nähe! Halleluja, ihr könnt
nicht mehr von mir weichen!
 
                            Gretchen an ihre Mutter.
                              Herzliebste Mutter!
Es war gestern des Fürsten Namenstag. Ich wusste es schon lange, und hatte meinen
Lehrer gebeten, mich ein recht schönes Lied zu lehren, was ich meinem teuren
Wohltäter singen könnte. Es war ein prächtiges Lied, und mein Lehrer sagte, ich
sänge es recht gut.
    Ach, wie freuete ich mich! Ich zog das schönste von den weissen Kleidern an,
mit dem feinen goldenen Gürtel, den mir der Fürst dazu geschenkt hat, und dem
Perlenhalsbande mit dem goldenen Schloss. Ich war gewiss recht schön geputzt,
und als ich fertig war, dacht' ich einmal über das andere: ach, wenn doch meine
herzliebste Mutter hier wäre, und mich sähe! denn ich bin ja doch ihre einzige
Freude auf der Erde.
    Der Herr Präsident liess mich auf das Schloss fahren, und meine Harfe wurde
mir bis in das Vorzimmer gebracht. Als ich aber in des Fürsten Zimmer treten
sollte, wurde mir bange, und ich dachte: ach, die Harfe ist so schwer! wie
ungeschickt wirst du damit hineinkommen! Aber es ging besser, als ich dachte.
    Dicht neben der Türe ist eine Erhöhung, auf diese kniete ich, und setzte
die Harfe etwas tiefer vor mir nieder. Ich sagte nichts, sondern fing gleich an
zu spielen und zu singen. Es überraschte den Fürsten ausserordentlich, und
gefiel ihm über die Maassen; denn er kam in grosser Bewegung auf mich zu, und
sagte: was kniest du Engel? Steh' auf!
    Ich aber blieb immer noch liegen, und spielte das Lied erst ganz aus, und
sang die letzten Verse, welche die schönsten sind, viel besser als die ersten.
Die grosse Freude, dass ich ihm mit so schönen Worten danken konnte, trieb alle
Angst von mir weg, und die Harfe klang, wie im Traume.
    Er aber nahm sie mir aus dem Arme, und sagte wiederum: O, steh' auf! Wer
kann dich so sehen! -
    Nein! - rief ich - gnädiger Herr! lassen Sie mich Ihnen so danken für das
Leben, was Sie mir gegeben haben! Ach ich war todt vorher! Nur jetzt leb' ich
wirklich! fühle jeden Tag ein erhöhteres Leben! Was soll ich, was kann ich tun,
Ihnen zu danken? O, möchten Sie etwas recht Schweres von mir fordern! Etwas, das
kein Mensch tun könnte, als ich.
    Steh' auf! - rief er wieder - Du lieber Engel! was dir schwer wird, kann mir
nicht frommen! nur was dir leicht würde, könnte mich beglücken.
    O! - rief ich wieder - gnädiger Herr! ich will es lernen! ich will es
lernen! bis es mir leicht wird.
    Er lächelte schmerzhaft, hob mich auf, und führte mich hinunter ins Zimmer.
Nun sah er mich eine ganze Weile schweigend und gerührt an, und sagte dann: mich
dünkt, du bist grösser geworden Gretchen!
    Das glaub' ich wohl, gnädiger Herr! - antwortete ich - Es ist so lange, dass
ich nicht zu Ihnen kommen durfte.
    Du wolltest also doch zu mir kommen? Ich glaubte, du hättest nicht einmal an
mich gedacht.
    Da wär' ich wohl ein verabscheuungswürdiges Geschöpf, wenn ich an den nicht
dächte, der mein grössester Wohltäter ist. O, Nacht und Tag hab' ich an Sie
gedacht und Gottes Segen für Sie erfleht.
    Doch weiss ich Jemand, an den du noch viel mehr dachtest.
    Nun den möcht' ich wohl sehen!
    Wie! - rief er erstaunt und sah mich wieder eine Weile forschend und
schweigend an.
    Ich kann mir nun wohl einbilden, gnädiger Herr! - sagte ich - dass Sie Herrn
Stephani meinen. Aber von dem kann ich eben so wenig sagen, dass ich an ihn
denke, als ich sagen kann, dass ich an mein Auge, oder an mein Herz denke. Er
steht mir immerdar vor Augen, ich mag ihn sehen oder nicht. Ich habe auch meiner
Mutter schon längst geschrieben: ich glaube er sei unser Verwandter, und habe
immer zu uns gehört.
    Ich also - rief er ganz empfindlich - gehöre nicht zu euch?
    Ach, gnädigster Herr! - sagte ich - Sie sind ja ein Fürst! wie können Sie
denn zu uns gehören? Freilich - setzt' ich schnell hinzu: denn es fiel mir wie
ein Stein auf's Herz, was er vormals von den Fürsten, und dass sie keine Freunde
hätten, gesagt hatte - freilich! wenn der Vater zu den Kindern, wenn Gott zu den
Menschen gehört, wenn unsere innigste Liebe Sie uns zu eigen machen kann, so
gehören Sie zu uns, und werden immer zu uns gehören.
    O, schweig! - rief er - das klingt, als hättest du es von meinen Hofleuten
gelernt. Es war mein Trost, dass du diese Sprache nie lernen würdest. Den
wenigstens hättest du mir lassen können.
    Gnädiger Herr! - sagte ich - Gott gebe, dass es Ihre Hofleute so gut mit
Ihnen meinen, wie ich! Dann wird Ihr Widerwille gegen sie sehr ungerecht sein.
Dass ich mich aber ungeschickt und unbesonnen ausdrücke, habe ich immer geglaubt,
würden Sie mir zu gute halten.
    Davon ist nicht die Rede! - sagte er vedriesslich - Wenn ich dir etwas nicht
zu gute halte, so ist es eben das Geschickte und Besonnene.
    Ach, gnädiger Herr! - rief ich nun, und konnte das Weinen nicht mehr
zurückhalten - ich habe es schon lange gemerkt, dass, so gütig und gnädig Sie
auch gegen mich sind, doch etwas in mir sein muss, was Ihnen zuwider ist. Ich
bitte Sie flehentlich! sagen Sie mir, was es ist? Was ist das Geschickte und
Besonnene? Ich will es ablegen. Was man ernstlich will, sagte mein seliger
Vater, das kann man auch, und der allwissende Gott ist mein Zeuge! dass ich es
ernstlich will. Aber gerade jetzt, da Sie mich geschickt und besonnen nannten,
ging mir Ihr Zustand tief durch die Seele. Muss ich und kann ich das nun auch
ablegen?
    Nun kam er mit einemmale wieder ganz freundlich und gerührt auf mich zu und
sagte: weine nicht, du heiliges Herz! Ich will es überlegen, ja ich will es
überlegen, ob es gut ist, dass ich dir sage, was du nicht weisst. Geh in Frieden!
meine Geschäfte rufen mich jetzt. Aber deine Harfe lass mir hier. Ich schicke dir
zur Stund eine andere.
    Ich wollte mir nun ein Herz fassen und seine Hand küssen; aber er zog sie
schnell weg und sagte: O Gretchen! Gretchen! geh geschwind!
    Aber ich hatte mich schon zu sehr verspätet, und musste in meinem ganzen
Putze zu Tische gehen; so dass Herr Stephani einmal über das andere lächelte,
wenn er mich ansah. Doch war es gewiss kein spöttisches Lächeln. Als aber die
Kinder fragten: ei Gretchen! wo bist du denn so schön geputzt hingewesen? und
die Frau Präsidentin antwortete: beim Fürsten, da lächelte Herr Stephani nicht
mehr, sondern blickte traurig vor sich nieder.
    Ach, herzliebste Mutter! warum wirft sich doch immer etwas zwischen die
Menschen, dass sie sich nicht so lieben, wie sie sich lieben könnten? Es ist
gewiss etwas zwischen dem Fürsten und Herrn Stephani. Und das wird es auch wohl
sein, wovon der Fürst sagt: er wolle überlegen, ob es mir gut sei, dass ich es
wisse. -
    O nein! es wird mir nicht gut sein. Aber ihnen wird es noch weniger gut
sein; und darum werde ich auch nicht ruhen, bis ich es weggeräumt habe.
    Der Hass ist gewiss das grösseste wahre Leiden auf der Erde. Ja, ich muss ihr
gestehen, herzliebste Mutter! dass er mir wie eine ordentliche Verrückteit
vorkommt, die mein tiefstes Mitleiden erweckt, und dass ich es darum so recht
inniglich mit meinem ganzen Wesen begreife, wie der Heiland sein Leben opfern
konnte, damit sich die Menschen nur lieben lernten.
    Ach, herzliebste Mutter! ich erschrecke davor, wenn ich denke, dass es
Hochmut oder Gotteslästerung sein könnte; aber ihr darf ich es doch nicht
verhelen, dass mir immer wunderbarer zu Mute wird, je älter ich werde, ja, dass
mir ganz anders wird, als den jungen Mädchen, die ich kenne. Sie bekommen immer
mehr Gefühl für die Freude, und ich immer mehr für den Schmerz, nicht für den
eigenen, sondern für den fremden. Wenn ich so Mütter ihre Kinder, Kinder ihre
Mütter beweinen sehe, ach noch gestern sah ich es, dann ergreift es mich mit
unbeschreiblicher Gewalt, und ich werfe mich nieder, und flehe zu Gott, er möge
doch die Menschen vom Tode erlösen. O, wenn sie von der Sünde, von der Strafe
der Sünden, durch einen Gerechten erlöst werden konnten, warum nicht auch vom
Hasse und vom Tode?
    O, meine herzliebste Mutter! wenn man sich durch ein ganz reines Leben
würdig machen könnte, als ein Opfer für die Menschheit angenommen zu werden; -
wenn es genug wäre, dass Einer über Alles liebte, Einer eines vieltausendfachen
Todes stürbe; damit kein Hass, kein Todeskampf mehr auf Erde gefunden würde. O
meine Herzensmutter! wäre ein solcher Tod nicht der tiefsten Sehnsucht würdig? -
 
                         Stephani an seine Verwandten.
Noch weiss Niemand, was ich vorhabe, und Alles erstaunt über die ungewöhnlichen
Vorbereitungen. Da mein Zimmer ein viel zu beschränkter Raum für das Bild ist,
hat man mir auf mein Bitten den Saal eingeräumt. Er ist durch eine grosse
Glastüre mit dem Wohnzimmer verbunden, und so kann ich die Himmlische
beobachten, wann ich will. Glückseliger! kein Kummer darf mir nahen.
Auge! du göttliches! ich habe dich! und dich geschlossener heiliger Mund! O, mir
sagt's mein Geist! dich wird wohl kein Mann jemals berühren. Geschähe es, dann
wäre sein irrdisches Dasein beschlossen, und er schwebte entsündigt zu den
Seraphinen, die dich bildeten.
 
                            Gretchen an ihre Mutter.
                              Herzliebste Mutter!
Unser Wohnzimmer ist ganz verändert, und doch ist keine Veränderung darin
vorgegangen. Aber Herr Stephani malt in dem grossen Saale, der daran stösst, und
seitdem ist Alles ganz anders. Die Gemälde scheinen lebendig zu werden, und
scheinen freudig zu lächeln, die Menschen scheinen Gemälde zu werden, und alles
Hässliche zu vermeiden. Der Saal ist geheimnisvoll und prächtig, wie eine Kirche.
Mehrere Fenster sind verhangen; aber in die offenen blickt die Sonne, wie ein
göttlicher Geist.
    Das Bild, was Herr Stephani malt, steht mit der Rückseite gegen die
Glastüre unseres Zimmers. Alles ist verschlossen, Niemand darf hinein. Es muss
etwas ganz Auserordentliches vorstellen; denn Herr Stephani sieht aus, wie ein
Entzückter, wenn er zurücktritt, um es zu betrachten. Da er dieses sehr oft
tut, und das Bild von ganz ungewöhnlicher Grösse ist; so sagt die Frau
Präsidentin: es müsse wahrscheinlich bestimmt sein, aus einer grossen Entfernung
gesehen zu werden.
    Gestern hab' ich auch gesehen, dass es wirklich so sein muss. Herr Stephani
ging ganz bis an das Ende des Saals, der sehr lang ist, um das Bild zu
betrachten.
    O, wenn nur auch gleich ein Maler da gewesen wäre, der ihn hätte malen
können! Es würde ein eben so wunderbares Gemälde, ja, vielleicht ein noch
wunderbareres, als das, woran er arbeitet, geworden sein.
    So habe ich noch keinen Menschen gesehen. Sein Haar schien sich zu heben,
sein Auge stralte, wie eine Sonne, sein Arm streckte sich aus; er wollte malen
und hatte die Entfernung vergessen. Plötzlich wurde er sie gewahr, und kam
wieder auf das Bild zugeflogen.
    O wie wurde mir, herzliebste Mutter! - Ich ging schnell in mein Zimmer, und
spielte kniend ein Danklied.
 
                         Stephani an seine Verwandten.
Der Fürst war da, sah mich malen, und wollte wissen, was ich vorhabe. Niemand
konnte es ihm sagen, und so liess er mich gestern zu sich rufen. Ich sah den
Laufer durch die Glastüre, konnte wohl denken, dass es mir gälte, und trat
heraus zu bitten: der Fürst möge mir erlauben, ihm Abends aufwarten zu dürfen.
Ich war auf den Morgen bestellt. Die seltene Güte dieses grossen Menschen macht
einen dreist, und er ahnet nicht einmal, dass diese Dreistigkeit etwas
Ungeziemendes entalte.
    Während ich aber mit dem Laufer sprach, war Fränzchen, ein Kind von zwei
Jahren, mit seinem Steckenpferde durch die offene Türe getrabt, und stand nun,
wie versteinert, vor dem Bilde. Sobald er zu sich selbst kam, rief er überlaut:
Gretchen! Gretchen! und wollte im vollen Gallop wieder davon.
    Aber ich nahm ihn gefangen, bedeutete ihm, dass es eine grosse Freude, wie am
Christabend werden solle, aber Niemand etwas davon wissen dürfe. Wolle er artig
und verschwiegen sein, so solle er Farben und Pinsel bekommen, und mir unten an
dem Bilde malen helfen.
    Er versprach Alles; verlangte aber sogleich Pinsel und Farben, legte sein
Steckenpferd zur Seite, und machte sich an das Geschäft. Jetzt wurden ihn die
andern draussen gewahr, und verlangten nun auch eingelassen zu werden. Er aber
versicherte ihnen sehr ernstaft: das könne nicht geschehen. Sie seien viel zu
laut und unartig; er aber sei artig und verschwiegen, habe auch Farben und
Pinsel, und sie mögen nur gleich weiter ziehen, und uns nicht stören. Wollen sie
nun etwa böse darüber werden, und sein Steckenpferd zerschlagen, so gehe das
auch nicht; denn er habe es bei sich behalten.
    Es ist ein herrliches Kind, mit einem grossen, brennenden Dichterauge. Ich
will ihn unter die himmlischen Heerscharen, von denen die Heilige angebetet
wird, versetzen, und mich soll wundern, ob er sich findet.
Wenn sie aufsteht, sich setzt, sich zu den Kindern beugt - wie ganz anders, als
die übrigen weiblichen Körper! - keine Begierde, Leidenschaft in irgend einer
Bewegung. O, wie soll ich es ausdrücken! - Nichts, nichts Irrdisches! Heilig!
heilig vom himmlischen Haupte bis zur Ferse! und nie wird das sichtbarer, als
wenn sie steht.
    Will ich dann mit einem Worte meine ganze Seligkeit ausdrücken, so sage ich
leise: die Jungfrau! - Ich weiss nicht, ob ihr den erhabenen Reiz dieses Wortes
nachempfindet? - Mir ist es die höchste Musik. Auch sage man von der
Göttlichkeit der männlichen Gestalt, was man wolle, zu dieser Heiligkeit erhebt
sie sich nicht. Ich weiss wohl, was man mir einwenden kann. Aber versteht mich!
    Die höchste männliche Schönheit, welche jemals dargestellt ist, wurde
entweder zum Kampfe gerüstet, oder nach siegreich gekämpftem Kampfe dargestellt
(Jupiter, Apoll). Tief in der Seele jener Künstler, welche das Ideal männlicher
Schönheit darstellten, lag also die Ahnung: dass Kraft; keinesweges Sittlichkeit
das Erste sei, wonach sie zu streben haben.
    Ihr zweifelt? - Wohlan! macht die Probe! Werft die Kraft weg! lasst Schönheit
und Sittlichkeit. Habt ihr einen Mann? - Das behaupten wir nicht! - ruft ihr -
Haben wir die Kraft als notwendiges Erfordernis geläugnet? Aber schön, zum
edeln Zwecke geleitet, harmonisch, mit einem Worte: sittlich soll sie sein. Das
aber läugne ich euch geradezu. War Jupiters, Apolls Kraft eine sittliche? - Aber
läugnet einmal, dass es eine männliche war!
    Was folgt hieraus? - dass das Ideal der männlichen Schönheit nie ohne Kraft,
wohl aber ohne Sittlichkeit, um wie viel mehr ohne Heiligkeit bestehen könne.
    Führt nur keine Venus an! denn wofern sie euch mehr, als idealisirter
Liebreiz ist, tut ihr ihr zu viel Ehre. Ich aber spreche von einer Jungfrau im
höchsten Sinne des Worts, und vor der fällt eure Venus nieder; sei es auch, dass
sie in dieser Stellung jene an Reiz tausendmal übertreffe. Was beweisst das für
euch? - Aber denkt euch einmal den knienden Jupiter, den knienden Apoll -
Wahnsinn! - Nicht wahr? Ihr gesteht es?
    Oder seid ihr noch nicht zufrieden? Wollt ihr der Proben noch mehrere? Gut!
so fragt euch dann: wer ist der unmännlichste Mann? der Hässlichste? der
Unsittlichste? - Keinesweges! es ist der Schwächste. Nun fragt weiter: welches
ist das unweiblichste Weib? - das stärkste? das hässlichste? - keinesweges! es
ist das unreinste, das unsittlichste.
    Und so müsst ihr dann zugeben: dass, wollt ihr Männlichkeit mit einem Worte
ausdrücken, ihr Kraft, Weiblichkeit, ihr Reinheit, oder, was dasselbe ist,
sittliche Schönheit sagen müsst.
    Gesteht, ihr seid überwunden! und wenn ihr es nicht gesteht; so kommt und
seht mein Bild.
Ich bin weit von der Furcht entfernt, ihr möchtet das Alles für kindischen
Dünkel nehmen. Ihr kennt mich ja. - O nein! nein! ich will mich nicht halten!
will laut triumphiren, dass es mir gelang, dass ich gewürdigt wurde, die
Himmlische darzustellen. O, ich bin zu selig, als dass ich irrdische Rücksichten
nehmen könnte.
    Verzeiht dem Künstler! ich halte das Bild für eine Angelegenheit der
Menschheit. Schlösse der Tod einst das Auge des heiligen Mädchens, ihr und
andere könnten sagen: es habe niemals gelebt. Eure Venus müsste dann das Höchste
bedeuten, und ein ganzes herabgewürdigte Geschlecht würde vielleicht seine hohe
Bestimmung verkennen, und glauben, es sei nicht mehr wert, als wir es gelten
lassen wollen.
 
                            Gretchen an ihre Mutter.
                              Herzliebste Mutter!
Vor einigen Tagen war der Fürst da, kam gerade in das Wohnzimmer, und sah Herrn
Stephani malen. Er wollte wissen, welch ein Gemälde es sei; aber Niemand konnte
ihm Auskunft geben. Da liess er mich rufen und sagte: nicht wahr, Gretchen! du
weisst, was er malt? Nein! gnädigster Herr! - antwortete ich - Es weiss es kein
Mensch, ausser Fränzchen. Sehen Sie! da steht er schon wieder bei Herrn
Stephani. Aber wir können nichts aus ihm bringen: als dass es ein Weihnachtsbild
sei, er auch mit darauf stehe, und daran helfe, weil er artig und verschwiegen
sei, und dass ich am meisten darüber erschrecken und mich freuen werde.
    Und Stephani?
    Ja, der spricht mit Niemand mehr, scheint auch nichts von Allem, was um ihn
vorgeht, zu bemerken. Selten kommt er zum Essen, und dann haben wir an den
Kindern genug zu wehren; denn er gibt ihnen Antworten, die gar nicht auf ihre
Fragen passen. Dann lachen die kleinen Schelme, wir mögen winken, wie wir
wollen. Die Aeltesten aber reden ihn gar nicht mehr an, sondern betrachten ihn
mit einer zärtlichen Furcht, und machen gleich Platz, wenn er irgendwo
durchgeht.
    Aber mit dir Gretchen spricht er doch?
    Ich wüsste die Zeit nicht, dass er ein Wort mit mir gewechselt hätte!
    Er wollte vor einigen Tagen zu mir kommen.
    Ach, gnädigster Herr! zürnen Sie ja nicht deswegen auf ihn! Er liebt und
verehrt Sie vor allen andern Menschen; aber er vergisst Alles, was nicht das Bild
ist.
    Unmöglich! - rief er - oder das Bild ..... Dann hielt er plötzlich inne, und
sah mich an, als ob er mir bis auf den Grund des Herzens sehen wollte.
    Was sehen Sie mich nun so an, gnädigster Herr? - sagte ich - Trauen Sie mir
nun schon wieder nicht, und glauben, dass ich mehr weiss, als ich sage?
    Nein, Gretchen! - rief er wieder - ehe glaube ich, dass ich mehr weiss, als du
sagst.
    Da er aber so laut rief, hatte Herr Stephani ihn gehört, und kam zu uns
herein. Er entschuldigte sich sehr, dass er nicht gekommen. Aber der Fürst sagte:
lassen Sie das! lassen Sie das! Doch warum sind Sie so grausam gegen uns? -
Keiner Ihrer Freunde weiss, was Sie arbeiten.
    Es ist ein Altarblatt - antwortete Herr Stephani - was die Stadt Pisa bei
mir bestellt hat.
    Der Fürst wollte nun eben fragen: was es denn vorstelle, da erschrack Herr
Stephani so, dass er ganz rot wurde, öffnete plötzlich die Türe, und liess den
Fürsten hineingehen. Er muss gewiss befürchtet haben, ich würde das Bild auch
sehen wollen; denn er sah mich so bittend und so angstvoll an, dass es mir im
Herzen wehe tat, und ich geschwind sagte: lieber Herr Stephani! ich will nicht
mit hinein.
    Da sah er mich noch einmal an, und es war, als wolle er mir mit diesem
Blicke seine ganze Seele geben.
    Herzliebste Mutter! diesen Blick werde ich in meinem ganzen Leben nicht
vergessen. Denn es ist mir, als hätte ich wirklich mit diesem Blicke etwas
bekommen, und als sei es mir hier mitten in der Brust geblieben.
 
                         Stephani an seine Verwandten.
Der Fürst hat das Bild gesehen, und ist heftig dadurch erschüttert worden. Lange
staunte er es sprachlos an. Dann fiel er mir plötzlich um den Hals und sagte:
versprich mir, dass du erfüllen willst, warum ich dich bitte! - Ich erschrack;
denn ich ahnete, was er wollte.
    Du tust es nicht! - rief er - Mir nicht? deinem Freunde nicht, der Alles
für dich tun würde? Ich bitte dich, sage nicht nein! Mache den Pisanern eine
Copie. Lass mir dieses Bild. - Die Hände sanken mir nieder.
    O, mein Gott! - rief er abermals - du kannst es nicht? -
    Ich muss es können - antwortete ich - sobald Sie es wollen.
    Er schwieg, und betrachtete das Bild von neuem. Sage mir aufrichtig - hub er
dann wieder an - warst du wirklich entschlossen, dieses Bild wegzugeben? -
    Nein - sagte ich - aber ich habe mich oft deswegen getadelt.
    Wie so?
    Die Pisaner haben keine Copie von mir gefordert.
    Glaubst du, dass sie den Unterschied fühlen?
    Ich fühle ihn.
    Aber was würdest du am Ende getan haben?
    Ich weiss es nicht.
    Die Idee bleibt dieselbe.
    Die Idee - aber die Ausführung! -
    Wie? du getraust dich nicht?
    Wie viel ich mir trauen, mit Recht trauen konnte, musste die Folge erst
lehren.
    Wie viel Zeit hat man dir gelassen?
    Das ist die Hauptschwierigkeit. Man wünscht sehnlich, die Kirche möge zu
Ostern eingeweiht, und das Bild zugleich aufgestellt werden.
    Sie können dir nichts vorschreiben.
    Nein. Aber sie haben mich dringend gebeten.
    Es ist himmelschreiend, dieses Bild von dem Volke verräuchern zu lassen.
    Doch wird es schwerlich mehr, als gerade an diesem Orte wirken.
    Wohlan, so trete ich mit ihnen in Unterhandlung. Wir haben auch Kirchen. Mag
es dem Volke dann bleiben; aber mir soll es auch nicht ganz entrissen werden. In
meiner Nähe will ich es behalten. Wenn sie es zufrieden sind - fuhr er, meine
Hand mit Heftigkeit ergreifend, fort - wenn ich ihnen verspreche, versprechen
darf: du wollest das Bild zum zweitenmale, diesem vollkommen gleich darstellen?
- Sie sollen es von mir geschenkt, und nach meinem Tode auch das erste als
Vermächtnis erhalten? Wie dann? Wie dann? -
    O! - rief ich - dann ist uns Allen geholfen, und wir bleiben ewig Ihre
Schuldner!
    Oder wir die deinigen! - fiel er ein, und schloss mich fest in die Arme.
    In diesem Augenblicke waren wir seitwärts von dem Bilde gekommen, und das
heilige Mädchen erblickte uns. Der Fürst bemerkte es, und sagte: Du Glückseliger
besitzest sie zweimal! während ich Armer von elenden verzerrten Halbmenschen
umgeben bin.
    Sie hat geklagt - antwortete ich - dass sie nicht zu Ihnen kommen dürfe.
    Ach ich fürchtete mich selbst! fürchtete ein Geständnis nicht mehr
zurücknehmen zu können, was ihren hohen Kindersinn für immer zerstört hätte.
Denn ich weiss es! bleibe ich in den Schranken, so ist es diese himmlische
Unbefangenheit allein, die mich hält. Meine lauernden Höflinge haben mich
erraten und mir eine Reihe Schönheiten vorgeführt, von denen du manche deines
Pinsels würdig gefunden haben würdest. Vergebens! Berauscht haben sie mich; aber
das Nüchternwerden konnten sie nicht hindern.
    Ich gestehe, dass dieses Bekenntnis eine Art Freude bei mir erweckte. Ich
fühlte mich der Himmlischen näher, und fühlte mich ihrer würdiger. Er erriet
mich augenblicklich, und eine finstre Wolke verbreitete sich über sein schönes
Gesicht. Dann verliess er mich plötzlich, und ging, wie gewöhnlich, wenn er
uneins mit sich selbst ist, heftig auf und ab.
    Ein Paar heimliche Blitze aus seinen Augen schossen an mir vorüber. Ach, ich
begriff und beklagte ihn. Eben so plötzlich als er mich verlassen hatte, blieb
er jetzt vor mir stehen, und als ob er seine Empfindung in einem Worte
zusammenpressen wollte, sagte er im Tone des Vorwurfs: Rosamunde! - Ich sah vor
mir nieder. Rosamunde! - wiederholte er, meinen Arm ergreifend, als ob er mich
aus einem Traume wecken wollte - Rosamunde! was macht sie, die Unglückliche? -
    Ich habe sie - antwortete ich - seit ich das Bild anfing, nicht gesehen.
    Sie liebt dich.
    Doch nicht so, wie sich selbst.
    Wenn sie dir aus Liebe entsagte, liebte sie dich nicht, wie sich selbst?
    Sie hat niemals gestanden, dass sie mir aus Liebe entsagte.
    Wenn die Tat redet, was bedarf es der Worte?
    Sie fürchtete unglücklich mit mir zu werden.
    Sie fürchtete dich unglücklich zu machen.
    Sie übt eine schöne Kunst, und so muss ihr Herz ewig geteilt bleiben.
    Und das deine?
    Ich bedarf zur Ausübung der meinigen der Schönheit ausser mir. Sie aber
stellt sie durch sich selbst dar, und ist demnach unabhängiger von der Liebe,
wie von der Schönheit.
    Du aber scheinst jetzt eben so unabhängig von ihr, wie von ihrer Liebe zu
sein.
    Wenn das ist, mein Fürst! muss ich glauben, es sei ein Verbrechen? - Sie
sagten mir einst, ich werde ein höheres Ideal kennen lernen. Wenn ich es kennen
lernte, führte ich, oder das Schicksal es herbei? - Wenn ich, wie Sie und andere
behaupten, die Schönheit reiner und erhabener, als bisher geschah, darstellte,
so musste ich sie auch tiefer empfinden. Strafen Sie mich dann, dass ich das bin,
wozu die Natur mich bildete.
    Warlich! sie hat dich und uns Alle tiefer durchschaut, als wir glaubten.
Meine Härte gegen sie gereuet mich bitter. Aber sie so gänzlich zu verlassen -
dazu wär' ich nicht fähig.
    Gott ist mein Zeuge! dass ich sie weder verlassen habe, noch verlassen
wollte. Sie ist und bleibt mir unaussprechlich teuer, und so gewiss ich lebe,
hat Niemand ihren hohen Wert inniger, als ich, gewürdigt. Aber das, was mich in
diesen Tagen beschäftigte, musste meine ganze Seele einnehmen. Und Sie selbst,
mein Fürst! frage ich: konnt' es auf andere Weise werden, was es ist?
    Die Unglückliche!
    Wahrlich! nicht unglücklicher als ich selbst.
    Du! du? unglücklich?
    Bin ich es nicht, so ist es die Kunst allein, die mich schützt. Was kann ich
ausser ihr hoffen! -
    Wie, wenn ich nicht wäre?
    Ich bin mir bewusst, diesen Gedanken niemals gedacht zu haben, und es
schmerzt mich, dass ihn irgend Jemand denkt. Aus mir wird er nie kommen.
    Natürlich wär' er gleichwohl.
    Es ist manches natürlich, was mir verächtlich und meiner durchaus unwürdig
scheinen würde. Ich gelobte Ihnen einst ewige Entsagung. Kann ich mehr tun, als
dieses Gelübde erneuern?
    O, ich weiss! ich weiss - rief er mit flammendem Auge - woher sie dir kommt,
diese gewaltige Kraft! Du bietest aus, wovon du gewiss bist, dass es dir nie
genommen werden könne. Aber wie? wenn du irrtest? - Wenn ich sie dahin setzte,
wohin sie gehört? Wenn ich mich über elende Vorurteile erhöbe? - Denk' einmal
diesen Gedanken ganz aus, und dann sag' mir, was du empfindest.
    Mit diesen Worten verliess er mich, und der übrige Teil des Tages war für
mich und die Kunst verloren.
 
                            Gretchen an ihre Mutter.
                              Herzliebste Mutter!
Ich konnte das vorigemal nicht weiter schreiben; denn ich war gar zu heftig
erschüttert. Ach der Fürst ist ein guter Herr; aber er verändert sich gar zu
plötzlich, und kann oft böse werden, wenn man es am wenigsten denkt.
    Ich schrieb ihr, dass Herr Stephani ihn mit in das Zimmer genommen; was er
gewiss keinem andern Menschen getan haben würde. Anfangs schien der Fürst auch
höchlich darüber erfreut. Er umarmte Herrn Stephani, und sah sehr gütig dabei
aus. Mit einemmale aber wurde er heftig, und sein Gesicht gänzlich verändert. Es
entstand ein Wortwechsel, ich hörte den Namen Rosamunde, und ehe ich es mich
versah, stürzte der Fürst ganz entrüstet durch das Zimmer; so, dass seine Leute
kaum herbeifliegen und ihm folgen konnten.
    Herr Stephani kam nicht zu Tische; malte aber auch nicht; sondern ging
gleich auf sein Zimmer. Mir war es unmöglich, einen Bissen zu essen, und das
Herz schlug mir so gewaltig, dass ich kaum Atem holen konnte.
    Die Frau Präsidentin wollte wissen, was vorgegangen sei; aber ich konnte ihr
nichts sagen, als: dass ich den Namen Rosamunde gehört, und dass der Fürst ganz
aufgebracht davon gegangen sei. Sie sah vor sich nieder und sagte: das ist
sonderbar! Mir aber wurde so angst, dass ich geschwind hinausgehen, und
bitterlich weinen musste.
    Ach, es ist mir so, wie ich ihr schon einmal geschrieben habe: dass mir der
Hass wie eine ordentliche Verrückteit vorkommt. Sage sie mir auch um
Gotteswillen! was sollen die Menschen auf der Erde, wenn sie sich nicht lieben
wollen? - Sie weiss es, vielleicht noch nicht - denke sie einmal, herzliebste
Mutter! die Erde schwebt so in der Luft, wie die Sonne und die Sterne. Nun ist
es mir manchmal (sage Sie es aber keinem Menschen) als schwebte ich über der
Erde. Die grossen Länder, die gewaltigen Ströme, kommen mir dann sehr klein vor,
die Menschen noch kleiner, und ihr Zank und Streit erscheint mir nicht bloss wie
Verrückteit; sondern wie völlige Raserei.
    Ach, wie unnatürlich ist es, dass sie nicht in fester Liebe zusammenhalten,
um dem gewaltigen Schicksale, was sie, bedräuet, zu widerstehen. Denn,
herzliebste Mutter! ich muss es ihr nur frei heraus sagen, dass ich von der
Allmacht Gottes nicht so denken kann, wie uns geboten wird, von ihr zu denken.
Seine Güte aber stelle ich mir noch viel grösser vor, als man sie uns schildert,
und das ist auch mein einziger Trost, jetzt, da mich der Fürst in der Geschichte
unterrichten lässt.
    Ach, herzliebste Mutter! hätte ich nicht schon einmal angefangen, und wäre
ich nicht jetzt begierig, an das Ende zu kommen, nimmermehr hätt' ich mich damit
abgegeben. Etwas Schrecklicheres und Empörenderes, als schon auf dieser Erde
vorgefallen ist, kann sie sich gar nicht denken. Aerger, als reissende Tiere
haben Menschen gegen einander gewütet, und unter tausendmalen hat die Unschuld
neunhundertmal der Bosheit unterliegen müssen.
    Das Alles, sagen die gelehrten Leute, konnte, sobald der Mensch frei bleiben
sollte, nicht anders sein. Aber, herzliebste Mutter! sie sagen das nur so, um
sich etwas vorzumachen; bluten sie aber unter den Klauen eines Wütrichs, so
langen sie nicht mehr damit aus.
    Nein! nein! Gott ist gewiss nicht allmächtig! sonst hätt' er das Böse
gehindert. Es war, das sieht man tausendfältig bestätigt, eine Kraft, welche
sich ihm von Ewigkeit her widersetzte, und die er von Ewigkeit her bekämpfte.
Wie dieser Kampf endigen wird, ist, glaube sie mir, liebste Mutter! noch lange
nicht entschieden.
    Ach, wir blödsichtigen, in Leidenschaft und Irrtum taumelnden Kinder!
kennen vielleicht noch lange nicht die Sorgen unseres grossen, liebevollen
Vaters. - Schaudern und Entsetzen würde uns vielleicht ergreifen, wenn sie uns
offenbar würden. Wohl mögen wir beten: dein Reich komme! erlöse uns von dem
Bösen! - Glaube sie mir, herzliebste Mutter! in diesen Worten unseres göttlichen
Lehrers liegt weit mehr, als wir denken; so wie in seiner Versicherung: ich
hätte euch noch vieles zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht tragen.
    Unzähligemale aber wiederholte er, dass Liebe und Reinigkeit des Herzens das
Einzige sei, was Not tue. Ach er wusste, dass das Eine zu dem Andern führe, und
dass das Reich des Bösen am sichersten dadurch zerstört werde.
    So glaube auch ich, liebste Mutter! dass die Macht Gottes durch jeden schönen
Gedanken, durch jede liebevolle Handlung der Menschen vermehrt werde, und dass,
wenn sie sich in Liebe und Tugend vereinigten, sein Reich kommen würde und
müsste.
    Aber, o Gott! wenn die Erde ganz dem Bösen hingegeben würde - sänke! sänke
mit allen denkenden und empfindenden Wesen, welche keinen geheiligten Willen,
keine Kraft hätten, sich über sie zu erheben! - sänke in die bodenlose Tiefe!
zerschellte, zerschmetterte, zerstiebe! - Oder wenn sie ganz zur Hölle würde!
Wahrheit und Gerechtigkeit verhöhnete Schatten - die göttliche Gestalt des
Menschen durch Laster bis zum Unkenntlichen verzerrt - das Siegel der ewigen
Verworfenheit ihm aufgedrückt - gebeugt zur Erde - kriechend wie ein Wurm - die
Ahnung der Unsterblichkeit, mit ihr sie selbst auf ewig verloren!!
    Bei diesem entsetzlichen Gedanken hörte ich ein durchdringendes Geschrei.
Ach ich hatte es selbst ausgestossen, und ein unaussprechlicher Schmerz meine
ganze Brust eingenommen.
    Ich kann das Alles nicht mehr so mit ansehen. Herzliebste Mutter! ich führe
aus, was ich jetzt denke. Ja, ich führe es aus, und Niemand soll es mir wehren.
 
                         Stephani an seine Verwandten.
Mehrere Tage verflossen, und ich vermochte nicht, mich über die kleinmütige
Trauer, welche meine ganze Seele umfangen hatte, zu erheben. Endlich sah ich sie
wieder, und, was ich für unmöglich hielt, ihr Gesicht war in einem noch höheren
Grade veredelt.
    Oft hatte ich bei rohen Menschen bemerkt, dass der Schmerz ihre Züge veredle.
Allerdings musste es kein leidenschaftlich hervorbrechender, sondern ein
gehaltener Schmerz sein. Nur bei der Unübertrefflichen schien es mir
ungedenkbar. Aber so wie ihre Gestalt über Andere erhaben ist, so ist es ihr
Schmerz. Es ist kein menschlicher, der Erde zugewandter.
    Was ich dem Fürsten sagte: dass ich keinen andern Trost, als in der Kunst zu
erwarten habe, ist mir jetzt noch wahrer, als damals. Ich werde immer
überzeugter, dass kein Mann sich der ausschliessenden, noch weniger der
leidenschaftlichen Liebe dieses wunderbaren Mädchens zu erfreuen haben werde.
Aber ein viel innigeres, tätigeres Mitleid, als Menschen sonst gegen einander
empfinden, scheint ihr Herz zu beleben und gänzlich zu erfüllen. Der Leidendste
ist immer derjenige, welcher sie am meisten beschäftigt, und es scheint mir
jetzt, da ich sie näher kenne, nur ein lächerlicher Dünkel, wenn ich mir je mit
etwas Mehrerem schmeichelte.
    Mein Wortwechsel mit dem Fürsten, der ihr, da sie im nächsten Zimmer war,
nicht verborgen bleiben konnte, schien sie tief zu bewegen. Um meinetwillen,
glaubte ich Tor! - Aber gestern wurde von zwei Familien gesprochen, die ihre
Kinder, den einzigen Sohn und die einzige Tochter, für einander bestimmten; nun
aber plötzlich zerfielen, und ihr Versprechen zurücknahmen.
    Der Vater des jungen Mannes war der Beleidiger, und der Erste, welcher sein
gegebenes Wort brach. Um so tiefer fühlte sich der Andere gekränkt. Und damit
sich kein Zweifel erhebe, ob er, als der Aermere, die Beleidigung vielleicht
verschmerze, und die Tochter dennoch für eine mögliche Versorgung aufspare,
schickte er sie augenblicklich ins Kloster.
    Bei dieser Nachricht gab sich der junge Mann zwei gefährliche, doch nicht
tödliche Messerstiche in die Brust, und wehrte sich gegen das Verbinden mit
allen noch übrigen Kräften, bis der Vater ihm versprach, den Beleidigten um
Verzeihung zu bitten, und noch einmal förmlich um das Mädchen anzuhalten.
    Der Sohn nahm jetzt die Hülfe des Arztes an; wurde aber nach seiner völligen
Genesung von dem Vater wegen seiner Leichtgläubigkeit verlacht, und dadurch bis
zum Wahnsinn erbittert. Er verschwand, und Niemand wusste, oder weiss, wohin.
    Diese allerdings schreckliche Begebenheit, im Tone der Stadtneuigkeiten von
einem Bekannten mitgeteilt, hat mich, ich sehe es, ganz aus Margaretens Herze
verdrängt.
    Mit unbeschreiblicher Angst forscht sie täglich nach dem Aufentalte des
jungen Mannes, nach dem Namen des Klosters, wo das Mädchen eingesperrt ist, und
da all ihr Forschen vergebens bleibt, hat sie sich endlich an den Fürsten
gewandt.
    Matilde versichert: dass Margarete weder den jungen Mann, noch sonst Jemand
aus der Familie kenne, dass ihr aber dieses lebhafte und ungewöhnlich tätige
Mitleid schon oft bemerkbar, und bei einer in sanfter Fröhlichkeit durchlebten,
und von keinem Schmerze irgend einer Art getrübten Jugend, fast unbegreiflich
sei.
    Sie ist eine höhere Natur - sagte Bernhard - und nur dadurch wird Manches
begreiflich, das weder in ihrer Erziehung, noch in den auf sie wirkenden
Umständen gegründet ist. Ich bin begierig - setzte er, mit einem Seitenblicke
auf mich, hinzu - ob es einem Manne gelingen wird, ihr Herz ganz für sich zu
gewinnen. - Oft bin ich geneigt, es zu glauben; dann aber scheint es mir wieder
zweifelhafter, als jemals.
    Ich erwiederte keine Sylbe, sondern ging mit zerrissenem Herzen in meine
Werkstätte. Ergriff dann aber, beim Anblicke des Bildes, den Pinsel zum
erstenmale wieder, mit nie gefühlter Begeisterung, und vollendete in einem Tage,
was ich für die Arbeit mehrerer Wochen gehalten hatte.
 
                         Rosamunde an Ludovika Arnoldi.
Warum bliebst du nicht bei uns Geliebte? Dein Scherz: du reisest bloss, um Briefe
von uns zu bekommen, hat uns wenig getröstet; und Jedermann behauptet: du habest
dich wenigstens zehn Jahre zu früh dem allgemeinen Beifalle entrissen.
    Von Stephani kann ich dir wenig melden; denn ich habe ihn in mehreren Wochen
nicht gesehen. Er soll mit einem grossen Gemälde, wahrscheinlich noch mehr mit
dem Originale, dem Mädchen, mit welchem der Fürst mir einst drohete, beschäftigt
sein.
    Wie unaussprechlich elend hätte ich werden können; wäre ich länger über den
Charakter dieses Mannes im Zweifel geblieben. Wehe auch ihr, der unglücklichen!
wofern sie ihr Herz an ihn hängt, und sich die Möglichkeit, ihn fest zu halten,
erträumt. Er liebt das ganze Geschlecht, und zwar tiefer und leidenschaftlicher,
als irgend ein Mann. Wird er auch jetzt von ihrer hohen Einfalt angezogen, so
kann er doch als Künstler den Sinn für Mannigfaltigkeit nicht verlieren. Ja,
dieser Sinn muss sich bei hellerem Blick und höherer Vollendung nur immer mehr
entwickeln. Gerade als Künstler wird er sich zu vielem berechtigt glauben, was
mit der Treue schwerlich bestehen kann.
    Gott sei gelobt! ich bin aus seinem Zauberkreise gerettet, und habe das, was
mir in hellen Augenblicken das Wünschenswürdigste war, seine Achtung behalten.
Da ich ihm weder mein Herz noch mein Schicksal Preis gegeben, hat mich auch
seine Aenderung nicht erbittert, und ich kann gegen ihn und seinen Ruhm immer
gerecht bleiben.
    Diejenige, welcher er jetzt huldigt, wird nun auch eine gewisse Celebrität
erhalten. Ihr Bild ist zu einem Altarblatte bestimmt. Nur auf diese, oder auf
eine ähnliche Weise, ist es möglich, dass eben diese Berühmteit, zu welcher sie
durch ihn gelangt, ihr nichts bei ihm schade. Denn so weit ich die Männer kenne,
ist die Berühmteit nächst dem Alter, der Hässlichkeit und der Kränklichkeit,
derjenige Fehler, welchen sie am empfindlichsten rächen, und vielleicht hat es,
seit Männer leben, kaum zehn gegeben, welche wahrhaft gross genug waren, eine
grosse Frau zu ertragen.
    Allerdings ist Berühmteit und Grösse keinesweges gleichbedeutend, und
manche göttlich grosse Frau hat kaum ihren nächsten Verwandten für das, was sie
war, gegolten. Diese Grösse können die Männer gar wohl ertragen; um so mehr, da
man sie benutzen kann, ohne sie anzuerkennen.
    Wie dem auch sei! ich habe nur kurze Zeit gelitten, und meine Ruhe ist von
neuem gesichert. Ich habe das Grab meiner Schwester besucht, und mir von neuem
die Ursache ihres Todes vergegenwärtigt. Die Klagen über meine Freundlichkeit,
Höflichkeit und - Kälte sind darauf nur bitterer geworden.
    Warum aber klag' ich nicht? Hab' ich kein Herz? und ist es nicht
schmerzhafter, ewig von einer Liebe schwatzen zu hören, die keine ist, als ohne
Aufmunterung um eine zu werben, welche man im Kurzen nicht mehr die Kraft hat zu
erwiedern?
    In der Zeit, wo er wirbt - sagst du vielleicht - weiss das kein Mann. Glaube
mir! er weiss es; oder kann es mit einiger Aufmerksamkeit auf sich selbst wissen,
und ist er dieser Aufmerksamkeit nicht fähig; so bringt er schuldlos dasselbe
Leiden hervor, als hätte er absichtlich betrogen. Und so ist dann nicht besser
für die Männer gesorgt, als wenn sie sich mit ihrer Liebe dahin wenden, wo sie
auf gleiche Weise erwiedert, und Niemand beim Tausche vervorteilt wird.
    Genug! und mehr, als genug, von einer Sache, die längst unter uns abgemacht
ist.
    Meine Rosen blühen wieder in schöner Stille um mich her, die Kunst reicht
mir wieder die schwesterliche Hand, und wenn du kommst, findest du mich wieder
in meinem Paradiese.
 
                            Gretchen an ihre Mutter.
                              Herzliebste Mutter!
Wo soll ich anfangen, ihr Alles, was mir begegnet ist, zu schreiben?
    Wegen einer sehr traurigen Begebenheit, welche sich in diesen Tagen zutrug,
ging ich zum Fürsten.
    Ein abscheulicher Vater hatte die einzige Tochter ins Kloster gesperrt,
damit ein anderer nur nicht glauben sollte, er werde eine von ihm empfangene
Beleidigung vergessen, und das unglückliche Mädchen dem Sohne des Feindes
dennoch geben. Der Andere, noch abscheulicher, brach hohnlachend sein dem Sohne
feierlich gegebenes Versprechen, dem Beleidigten Friede und Freundschaft
anzubieten, und das Mädchen noch einmal zu erbitten. Nur unter dieser Bedingung
hatte sich der Sohn zwei gefährliche Wunden, die er sich in der Verzweiflung mit
dem Messer gemacht hatte, verbinden lassen, und verliess nun, nach entdecktem
Betruge, wahnsinnig das väterliche Haus.
    Ach, man erzählte dieses, wie man alles Andere erzählt, und das Herz wollte
mir brechen vor Angst und Entsetzen. Ich lief zu der trostlosen Mutter, die so,
wie der Sohn, von dem Vater verlacht wurde, und auf ihr Flehen, ihn aufsuchen zu
lassen, keine Antwort erhielt, als: dass der Narr, wenn er ausgerast habe, schon
wiederkehren werde.
    Eben so unerbittlich war der Vater des Mädchens; dessen Aufentalt vor der
Mutter, wie vor dem Gesinde, ein unerforschliches Geheimnis blieb.
    Ich schloss die Nacht kein Auge, und ging den folgenden Morgen zum Fürsten.
    Er schien erstaunt, mich zu sehen; hörte mir aber aufmerksam zu; und befahl
in meiner Gegenwart: die beiden Väter unverzüglich zu ihrer Pflicht anzuhalten.
Auch wurden von seinen Leuten sogleich Boten nach dem jungen Manne, wie nach dem
Mädchen geschickt. Mit unbeschreiblich gütigem Gesichte wandte er sich dann zu
mir, und sagte: ists nun so recht, Gretchen? -
    Gott lohn' es Ihnen tausendfältig, gnädigster Herr! - antwortete ich - Die
armen geretteten jungen Leute werden es Ihnen ewig danken.
    Siehst du Gretchen - sagte er - ohne dich könnte mir das Gott nun nicht
lohnen; denn ich würde es nicht haben tun können, und auf die Weise bin ich dir
mehr Dank schuldig, als du mir.
    Gnädigster Herr! das denken Sie nur so aus lauter Güte; Hätt' ich es Ihnen
nicht gesagt, so hätt' es ein Anderer getan, und Alles würde geschehen sein,
wie es nun geschah.
    Du irrst! meine Hofleute haben andere Dinge zu treiben. Und hätten sie davon
gesprochen; so würde es, wo nicht mit höfischem Lächeln, doch mit höfischem
Bedauern gewesen sein.
    Sie aber, gnädigster Herr! hätten doch Alles gesehen, wie es ist.
    Du gutes Herz! Säh' ich Alles, wie es ist, so wäre ich da, wohin ich strebe,
aber lange nicht bin. Laune, Arbeit, und Etwas, das mich vielleicht zu sehr
beschäftigt, trübt nur gar zu oft meinen Blick. Um so mehr bedürft' ich eines
Auges, wie das deinige.
    Ach, gnädigster Herr! - rief ich - Sie haben in meinem Herzen gelesen!
    Wie meinst du das, Gretchen?-fragte er, mit einer sonderbaren Heftigkeit.
    Gnädigster Herr - sagte ich - ich bin mit lauter guten Menschen umringt:
aber noch hab' ich es nicht gewagt, Jemanden zu vertrauen, was ich Ihnen jetzt
sagen werde.
    O, Gretchen! was ist es? verschweige mir nichts!
    Nein, gnädigster Herr! denn ich weiss, dass Sie Alles gütig aufnehmen, und
wenn es auch sonderbar ist, doch entschuldigen; dass Sie - ach, wie soll ich es
sagen? Ja! dass Sie weiter und besser sehen, als Andere, und dass sie, wenn auch
nicht Diesen und Jenen, doch überhaupt die Menschen mehr lieben, als Andere, und
sie gern alle glücklich machen möchten.
    Gretchen! Gretchen! wie klingt das aus deinem Munde! Willst du mich stolz
machen?
    Ach, glauben Sie nur so was nicht, gnädigster Herr! Aber, wessen das Herz
voll ist, des geht der Mund über.
    O, Gretchen! - rief er, und drückte meine Hand fest an sein Herz - Wie
sagtest du? Sage, ich bitte dich! sage das noch einmal.
    Ich will es noch hundertmal sagen - rief ich eben so laut - Wessen das Herz
voll ist, des geht der Mund über! Ja gnädigster Herr! mein Herz ist voll von
Ihrer grossen Güte und Menschlichkeit, und ich kann Gott nicht genug danken, dass
ich zu Ihnen gekommen bin; denn sonst wüsste ich nun nicht, ob mich Jemand
verstände.
    Und das weisst du von mir! Ich also verstehe dich besser, als andere? O
Gretchen! - fuhr er fort, ergriff abermals meine Hand, und seine Augen standen
voll Tränen - dies wird ein wichtiger Tag!
    Vielleicht der wichtigste meines Lebens, gnädigster Herr!
    Vollende Gretchen! Sage Alles! wenn es dann wahr ist, dass ich dich besser
verstehe.
    Ja, gnädigster Herr! Sie verstehen mich besser, weil Sie höher stehen, als
Alle, und die allgemeine Not besser überschauen können. Worüber erstaunen Sie,
gnädigster Herr? Ich habe es schon lange eingesehen, dass das so ist, und nicht
anders sein kann. Wie gut die Menschen, welche mich umgeben, auch sind, ist es
ihnen doch nicht möglich, Jedermann zu helfen. So sind sie dann gezwungen, sich
gegen Leiden zu verhärten, und denken gar bald: was hilft's? durch uns wird's
nicht besser. Auch dann denken sie so, wenn's gar oft besser würde. Sie aber,
gnädigster Herr! haben die Macht in Händen, und darum denken Sie das nicht, und
können es nicht denken.
    Er sah ganz bedenklich und betroffen vor sich nieder. Das machte mich irre,
und ich schwieg eine Weile. Dann aber fuhr ich herzhaft fort: Gnädigster Herr!
ich bin so glücklich, habe Alles, was mein Herz wünscht; aber ich kann dieses
Glück nicht länger mehr tragen.
    Wie! - rief er, und es kam mir vor, als ob sich sein Gesicht gänzlich
verfinsterte. Da fürchtete ich, er möchte, wie gewöhnlich, plötzlich böse
werden, und fiel schnell vor ihm nieder. Nein! gnädigster Herr! - sagt' ich noch
einmal - ich kann nicht mehr so still dem Leiden der Menschen zusehen. Ich muss
hinaus und ihnen helfen. Vor allen Andern habe ich mich geschämt das zu sagen;
vor Ihnen brauche ich mich nicht zu schämen. Sie begreifen was ich meine, und
gingen, so wie ich, wären Sie durch Stand und Pflicht nicht gebunden.
    Stehe auf! - rief er - stehe auf! ich bin nicht, wofür du mich hältst.
    O ja, Sie sind es! und darum werden Sie mir auch meine Bitte gewähren.
    Welche?
    Es gibt Klöster, gnädigster Herr! ... O glauben Sie nur nicht, dass ich mich
in Mauern einsperren will! Aber es gibt Klöster, in welchen man das nicht
nötig hat.
    Meines Wissens nicht.
    Wohlan, so stiften Sie eins! nur mit dem Unterschiede, dass die Nonnen
ausgehen und helfen können, wo sie wollen.
    Und du?
    Ich komme in dieses Kloster, kann helfen, wo ich will, kann die Menschen
bitten; in Liebe und Einigkeit zusammen zu halten, ohne mich zu schämen, oder
von den Leuten verlacht zu werden.
    Das war deine Bitte?
    Ja, gnädigster Herr! das war meine Bitte.
    Du willst nicht bei mir bleiben?
    Ich komme täglich zu Ihnen, berichte Ihnen Alles, was ich gesehen, gehört,
fordre sie auf zur Hülfe. Kein Tag, keiner wird vergehen, ohne eine schöne,
menschliche Handlung, ohne getrocknete Tränen, ohne gestillete Seufzer. Ein
himmlisches, ein göttliches Leben werden wir führen.
    Wir?
    Ja wir! wer sonst, wenn wir es nicht führen.
    Wir! weisst du auch, wer du bist?
    O, ich weiss es! aber bei Ihnen darf man vergessen, wer man ist.
    Vergessen! O du! o knie nicht mehr!
    Was denken Sie nun gnädigster Herr? Warum soll ich nicht knien? Ach Gott!
geben Sie nur solchen Vorstellungen nicht nach, sonst schäme ich mich vor Ihnen,
wie vor den Andern, und aus der ganzen Sache wird nichts.
    Nun ging er mit grossen Schritten auf und ab, und sagte kein Wort mehr. Da
schlug die Glocke aber zwölf, und ich durfte nicht länger mehr warten. Leben Sie
wohl, gnädigster Herr! - sagt' ich nun - Ich muss fort; denn die Kinder kommen
jetzt zu Hause, und stürmen sonst gleich zu der Frau Präsidentin, und plagen sie
gar zu sehr. Morgen aber, wenn Sie es erlauben, komme ich wieder, und höre, ob
Sie mir meine Bitte gewähren.
Den andern Tag kam ich wieder, und da ich unangemeldet hineintreten darf, hatte
er mich nicht bemerkt, und sass in tiefen Gedanken. Mir wurde bange; denn er sah
finster aus, und ich hatte nicht das Herz, ihn anzureden. Endlich bemerkte er
mich, und kam sehr freundlich auf mich zu.
    Du da, Gretchen? - sagte er - plötzlich, wie eine Erscheinung! Eben so
plötzlich sah ich dich diese Nacht; aber mit einem glänzenden Flügelpaare. Du
erhobst dich in die Lüfte, ich wollte dir folgen, sank aber bald ermattet auf
die Erde zurück. Ich erwachte in einer trüben Stimmung, die mir bis zu dem
Augenblicke, wo ich dich sah, geblieben ist.
    Glauben Sie denn auch an Träume, gnädiger Herr?
    Wie du willst! Ich glaube daran und glaube nicht daran. Äusserlich weiss ich
gewaltig viel dagegen vorzubringen; innerlich bin ich vielleicht
abergläubischer, als irgend ein Anderer.
    Das ist sonderbar!
    Sonderbar und natürlich, wie so vieles in der Welt, wie du selbst, Gretchen.
    Wie ich?
    Ja gewiss! du bist die sonderbarste und dann doch die natürlichste
Erscheinung meines ganzen Lebens!
    Ei mein Gott, gnädiger Herr! wie sollte das zugehen?
    Sage selbst, Gretchen! bist du wohl so, wie andere Mädchen? denkst du wohl
an Männer, ihnen zu gefallen? Auch nur an einen Einzigen, ihn zu besitzen? so zu
besitzen, wie die Frau den Mann?
    Ei, mein Gott! das ist wirklich sonderbar! Woher wissen Sie denn das?
    Ich weiss es, weil ich dich beobachte. Lange habe ich geglaubt, du machest
mit Stephani eine Ausnahme; jetzt glaub' ich es nicht mehr; denn ich sehe dich
von Anderer Leiden noch tiefer, als von den seinigen erschüttert. Ja, du willst
das Haus, wo er ist, verlassen, und dein Leben fremden Unglücklichen widmen.
Oder irrte ich? war es nicht so?
    O nein, gnädigster Herr! Sie irrten nicht. So war es. Ich sag' es ja! es
begreift und versteht mich kein Mensch so, wie Sie.
    Auch nicht Stephani?
    Das weiss ich nicht; denn wir haben, so lange wir uns kennen, gar wenig mit
einander gesprochen. Aber wenn es auch wäre, so hat er doch nicht die Macht, mir
ausführen zu helfen, was Not tut.
    Also nur wegen der Macht ziehst du mich vor?
    Ach, gnädigster Herr! ist denn hier von einem Vorzuge die Rede? - Ich liebe
ihn unbeschreiblich, ich liebe und achte Sie eben so unbeschreiblich. Kann das
nicht mit einander bestehen?
    Aber du sagtest mir einst, es komme dir vor, als sei Stephani dein
Verwandter, du denkest unaufhörlich an ihn, und wenn hundert Meilen weit ein
Kraut wüchse, was ihm helfen könnte, du würdest es holen.
    Ja gewiss, gnädigster Herr! und das tät' ich auch jetzt, wenn er es
bedürfte.
    Bedarf er es nicht mehr?
    Ich glaube nicht. Er scheint durch Rosamunde nicht mehr zu leiden, scheint
in seiner Kunst ganz glücklich zu sein. Betrübt ihn noch etwas, so ist es,
glaube ich, wenn er, ohne es zu wollen, Sie, gnädiger Herr! erzürnt.
    Weswegen aber glaubst du wohl, dass ich mit ihm zürnen könne?
    Ach; ich begreif' es nicht!
    Wohlan! so erfahre es dann! Deinetwegen zürne ich mit ihm.
    Grosser Gott! meinetwegen? -
    Ja, deinetwegen. Er glaubte Rosamunden zu lieben, und sieht, dass er irrte.
Er glaubt jetzt dich zu lieben - wie, wenn er nach einiger Zeit auch sähe, dass
er irrte? -
    Was könnte das schaden, gnädiger Herr?
    Was es schaden könnte! - Es würde dich unglücklich machen.
    O glauben Sie das nicht, gnädigster Herr! Es wäre ja nur ein Irrtum, und
wenn ich das weiss, wie kann es mich unglücklich machen?
    Was wäre ein Irrtum?
    Dass er mich nicht mehr zu lieben glaubte. Denn sollte es wahr werden, so
müsste ich schlecht und böse werden. Aber würde es auch ohnedem wahr, so kommt es
ja, so lange man auf Erden ist, nicht darauf an, wie sehr man geliebt wird;
sondern, wie sehr man liebt, und geliebt hat.
    Bei dem allwissenden Gott, das Erhabenste und Göttlichste, was ein Mensch
sagen kann! Wer lehrte dich das?
    O, gnädigster Herr! - rief ich lachend - so Etwas weiss man aus sich selbst;
das braucht man nicht zu lernen.
    Du weisst es aus dir selbst. Wer sonst noch? -
    Viele! aber sie vergessen es, und denken an tausend andere Dinge, die sie
für wichtiger halten. Gäben sie aber nur Acht, wie unglücklich es sie macht, dass
sie immer dieses und jenes wünschen, was sie entweder gar nicht, oder nur
dadurch, dass sie schlechter werden, erhalten können; wie bald würden sie inne
werden: dass Lieben die Hauptsache auf Erden, und alles Uebrige ohnedem nur Tand
ist.
    O, Gretchen! warum bist du nicht für einen Tron geboren?
    Ei, gnädiger Herr! weil ich mich nicht auf ihn schicke.
    Soll ich dir beweisen, dass du dich auf ihn schickst?
    Das müssten Sie - rief ich wieder lachend - wunderlich anfangen!
    Ganz natürlich fang' ich es an. Ich setze dich darauf.
    Da würden die Leute was zu lachen bekommen.
    Das Lachen würde sich geben; denn die Lacher würden es mit mir zu tun
haben.
    Dann hätten sie aber schon gelacht.
    Würde dich das abhalten?
    Lieber Gott, gnädiger Herr! warum sollen wir von Sachen sprechen, die ja gar
nicht möglich sind?
    Ja, sie sind möglich! - rief er - ich werde sie möglich machen! aber du
selbst musst es wollen.
    Ich verstand ihn immer noch nicht, und sagte ganz verwirrt und betäubt: mein
Gott! was muss ich denn wollen?
    Du musst mein, ganz mein werden wollen. Dann setz' ich dich dahin, wo du
Tausende beglücken kannst. Doch schmerzen würd' es mich, wenn nur das dich
bestimmte.
    Wie mir nun wurde, herzliebste Mutter! kann ich gar nicht sagen. Ich sah
nichts mehr, das Herz stand mir ganz still, und ich würde gefallen sein, hätte
mich der Fürst nicht auf einen Sessel gebracht. Er sagte mir nun noch vielerlei;
aber ich verstand nichts mehr, und man musste mich zu Hause und ins Bette
bringen.
    Als ich mich wieder erholte, sass die Frau Präsidentin vor meinem Bette, und
schien sehr bekümmert zu sein. Ich sah es ihr an, dass sie mich gern fragen
wollte, und dann doch wieder Bedenken trug zu fragen. Darum sagt' ich ihr nun
gleich Alles, und wie Angst und Schrecken mich so betäubt haben, dass ich nichts
mehr von mir selbst gewusst.
    Dass du über diesen Antrag erstaunen konntest - sagte sie - begreife ich
wohl; aber woher dieses gewaltige Schrecken? -
    Ach, liebste Frau Präsidentin! - antwortete ich - Sie kennen ja den Fürsten!
wie leicht er aufgebracht wird. - Wenn ich nun seinen Antrag nicht annehme, wird
der arme Herr Stephani Alles büssen müssen.
    Ah, jetzt begreif' ich! Für Stephani ist dir bange. Sei unbesorgt. Der Fürst
ist ein sehr edler Mensch. Sei ganz offen gegen ihn. Er wird deinem Herzen keine
Gewalt antun. Hast du einen andern Mann gewählt, er wird, wie viel Ueberwindung
es ihm auch kostet, er wird die Wahl billigen.
    Liebste Frau Präsidentin! - rief ich - ich habe ja gar keinen Mann gewählt,
und werde auch keinen wählen!
    Sie sah mich nun ganz erstaunt und betroffen an, und sagte weiter kein Wort.
Ich aber konnte vor Unruhe nicht mehr im Bette bleiben, und bat sie, da ich ja
gar nicht krank sei, wieder aufstehen zu dürfen. Nur mit Mühe willigte sie
darein; kaum aber war ich wieder ordentlich angekleidet, als man den Fürsten
meldete.
    Liebste Mutter! es ist Nacht, der Bote kommt morgen früh 6 Uhr, und ich muss
schliessen. Sei sie aber nur ganz unbesorgt. Gott schützt mich auf allen Wegen,
und seine heiligen Engel werden über sie wachen, und vor aller Kümmerniss
bewahren. Mir, herzliebste Mutter! wird es immer gut gehen: das glaube sie nur
festiglich.
 
                         Stephani an seine Verwandten.
Franz kam ausser Atem zu mir herein mit der Nachricht: Gretchen sei vom Fürsten
krank zu Hause gebracht, und liege im Bette. Es schien mir unglaublich; denn ich
hatte sie noch niemals krank gedacht. Doch eilt' ich voll Zweifel und Schrecken
zu Matilden; aber in dem Augenblicke wurde der Fürst gemeldet und trat fast zu
gleicher Zeit mit mir ins Zimmer.
    Er schien äusserst bewegt, auch da noch, als Matilde ihm versicherte:
Gretchen sei wieder auf und vollkommen hergestellt.
    Ich hatte nicht den Mut, ihn anzureden, und auch er blickte nur seitwärts
und verstohlen nach mir hin. Bis endlich Fränzchen Farben und Pinsel ebenfalls
mit der Nachricht brachte: Gretchen sei schon wieder auf, habe wieder ganz rote
Wangen, und wir können wieder malen.
    Alle Einwendungen halfen nichts, er zog mich fort, und der Fürst folgte
nach.
    Nach langem Stillschweigen fragte dieser endlich: Weiss sie noch nichts von
dem Bilde?
    Ich glaube nicht.
    Und das Kind schweigt wirklich?
    Franz nickte schalkhaft mit dem Kopfe und zeigte nach der Gegend, wo auch er
abgebildet ist.
    Das Gemälde ist fertig.
    Nicht ganz.
    Wann denkst du es zu vollenden?
    Gewiss zum heiligen Feste,
    Hast du Antwort von Pisa?
    Nein. Aber ich zweifle nicht, dass man die Bedingungen annehmen werde.
    Man soll mich augenblicklich benachrichtigen.
    Ich werde nicht ermangeln.
    Ich wünsche, dass sie das Bild zuerst in der Kirche an dem ihm bestimmten
Orte sehe.
    Ich schwieg.
    Oder hast du es anders beschlossen?
    Ich beschliesse nichts mehr über dieses Bild.
    Doch scheinst du etwas zu fürchten.
    Vielleicht eine zu starke Erschütterung bei Margareten.
    Ich will sie vorbereiten.
    Ich schwieg abermals, kurz darauf trat sie in das Wohnzimmer und er verliess
mich.
    Was war die Ursache ihres plötzlichen Uebelbefindens? - Er wusste es, das war
sichtbar. Ja, er schien es veranlasst zu haben. Wodurch? - O trügt mich nicht die
Stimme meines Herzens! - - Geduld! das kann nicht verborgen bleiben.
 
                            Gretchen an ihre Mutter.
                              Herzliebste Mutter!
Wie danke ich es meinem geliebten Vater in der Erde, wie dank' ich es ihr,
herzliebste Mutter! dass sie mich früh vor Hochmut und vor allem Tand, der vom
ewigen Frieden abziehen kann, gewarnt haben. Wie leicht könnt' ich sonst nun
eine dumme Törin werden, und glauben, das, was das Glück mir gäbe, oder was
andere in übertriebener Einbildung mir zuschrieben, wäre ich selbst. Nein! nein!
herzliebste Mutter! vertraue sie nur auf Gott! Er hat mich bisher vor solchem
dummen Übermut bewahrt, und wird es auch ferner.
    Es kam mir einmal der schlechte Gedanke, ich wolle ihr, herzliebste Mutter!
etwas verheimlichen, damit sie sich nur keine unnötige Sorge machen möge. Aber
das war Abends, und als ich am andern Morgen meine Haare flocht, und sie vor dem
Spiegel aufstecken wollte, konnte ich mich schon nicht mehr ausstehen. Vor
Unmut fing ich bitterlich an zu weinen, dann aber fasste ich mich und dachte: es
gehe, wie es wolle! deiner herzliebsten Mutter sagst du mal Alles.
    Was meint sie nun wohl, herzliebste Mutter! sei auf dem Bilde, was Herr
Stephani malt, vorgestellt? - Ich selbst, sagt der Fürst. Nicht wahr, sie
erstaunt? Ich aber bin noch weit mehr erstaunt, und habe nichts davon glauben
wollen. Ich solle nur Fränzchen fragen, und ob ich mich nicht erinnere, wie das
Kind gesagt habe? ich werde am meisten darüber erschrecken und mich freuen.
    Nun erschrack ich wirklich, und zwar so, dass ich kein Wort mehr vorbringen
konnte. Glaubst du nun noch nicht - fuhr der Fürst fort - dass du eines Trones
würdig bist?
    Gnädigster Herr! - antwortete ich, und fing heftig an zu weinen - wessen ich
würdig bin, das weiss ich wohl! nämlich, dass sich Gott meiner erbarme, und mich
vor Hochmut bewahre.
    Mein Gott! - rief er - was bewegt dich so tief?
    Gnädigster Herr! - sagt' ich - ich weiss es selbst nicht recht; aber mir ist
schon seit einigen Tagen so zu Mut; denn ich sehe wohl, dass mein Leben ganz
anders wird, als ich es mir gedacht habe.
    Wie hast du es dir gedacht? - So soll es werden! das beteuere ich dir bei
meiner fürstlichen Ehre!
    Gnädiger Herr! - rief ich, weinte noch viel stärker, und fiel ihm zu Füssen
- Sie werden Ihr Wort erfüllen! denn Sie haben es immer getan.
    So werde ich es ferner tun. Und darum steh' auf, und sage mir Alles.
    Nun stand ich auf, und sagte: wie gern wollt' ich es, wenn ich es nur recht
könnte.
    Du wirst es können. Sammle dich, und verbanne alle Gedanken der Furcht.
    Gnädigster Herr! - hub ich nun an - Sie verstehen mich am besten, wenn ich
von dem Leiden der Menschen, und von dem Wunsche, ihnen zu helfen spreche.
Werden Sie mich aber auch verstehen, werden Sie mir glauben, wenn ich Ihnen
sage, dass ich ein Wohlgefallen an der Niedrigkeit, ja, dass ich eine ordentliche
Sehnsucht nach ihr habe? - Gnädigster Herr! Ihre Zimmer sind schön; Ihre Gemälde
sind unaussprechlich schön; aber wie viel Niederschlagendes ist in ihrer Nähe. -
Man braucht nur einen der Menschen, die hier aus- und eingehen, zu sehen, fort
ist alle Freude. Eine Angst, eine Beklommenheit überfällt einen. - Man muss fort,
und oft dünkt einem, irgend ein Unglück folge dicht auf der Ferse - dünkt einem,
fliehe man nicht schnell, werde man sich selbst verlieren.
    Mir das, Gretchen!
    Ach! ach! - rief ich nun schluchzend - ich weiss es wohl, dass ich Ihnen weh
tue! und Gott ist mein Zeuge! wie Sie mir letztin erzählten: Sie haben mich im
Traume mit ein Paar Flügeln gesehen, dacht' ich gleich: ach, hättest du nur ein
Paar solche Flügel! wärst du nur ein recht starkes übermenschliches Wesen! du
rissest ihn gleich heraus, und brächtest ihn dahin, wo Fried' und Seligkeit ist.
    Wo ist Friede? Wo ist Seligkeit? - auf Erden nicht mehr!
    Da sei Gott vor! Ach gnädiger Herr! wüssten Sie nur, wie einem so in einem
kleinen, reinlichen Stübchen zu Mute ist! Ein weisser hölzerner Tisch, ein
Strohstuhl, ein reinliches Bettchen. Ach, so wie in meines Vaters Hause! Und des
Sonntags noch Alles ganz anders! und an den Festtagen himmlisch schön! und keine
Lüge, kein Betrug! Alles ein Herz und eine Seele! Und das man weiss, was man hat,
haben Tausende, und ist deswegen Niemanden etwas genommen worden, und wenn man
es verliert, kann es durch Arbeit alle Tage wieder erworben werden.
    Wie? dieses ruhige Glück wäre das, was du suchst? du? die hinaus will in die
Welt unter Not und Jammer!
    Ich sprach nicht von mir, gnädiger Herr! Ich wollte nur sagen, dass es gewiss
noch Fried' und Seligkeit auf Erden gibt.
    Welches beides dennoch von dir verschmäht wird.
    O glauben Sie das nicht, gnädiger Herr! Wer weiss aber besser, als Sie, dass
der eine Mensch so, der andere so empfindet? Mir lässt es nun einmal keine Ruhe,
und wenn ich auch wenig hätte, würde ich doch denken: es gibt Tausende, die
noch weniger haben. Darum, gnädigster Herr! fleh' ich Sie an, lassen Sie mich
ziehen und tun, was mein Herz mir gebeut!
    Sonderbar, dass die ganze Welt sich deines Mitleids erfreut! wir allein,
meinst du, bedürfen dessen nicht.
    Ach, gnädigster Herr! wäre Ihnen denn mit meinem Mitleiden gedient? -
    Nun wandte er sich schnell von mir ab, und ich fürchtete schon, er würde
sich wieder erzürnen; als er mit einemmale wieder auf mich zukam und sagte: Aber
wie, wenn mir nun damit gedient wäre? - Wie, wenn ich es darauf wagte?
    Ach, Sie würden sich irren, gnädiger Herr! Sie verlangen weit mehr.
    Und was wäre dieses Mehrere.
    Sie verlangen, dass ich glücklich sein soll.
    Und, nicht wahr? das ist mit mir, an meiner Seite unmöglich?
    O, nicht unmöglich mit Ihnen, an Ihrer Seite! aber an Ihrem Hofe.
    Wie, wenn ich ihn abschafte?
    Gnädigster Herr! Sie spotten meiner nicht; wenn aber Jemand dieses hörte,
würd' er es glauben.
    Was er glauben würde, weiss ich nicht; aber sehen würde er, und
wahrscheinlich zum erstenmale: dass es in den Augen eines Mädchens ein Fehler
ist, Fürst zu sein.
    Ach ja, gnädigster Herr! und er würde mich auslachen, und darum sehen Sie
wohl, dass ich mich an einen Hof niemals schicken werde.
    Und darum?
    O, darum lassen Sie mich ziehen!
    Und wie es mir dann geht? - Wie kommt es, dass diese Frage dir gar nicht
einfällt?
    O, sie fällt mir ein! Es wird Ihnen gut gehen, und Sie werden bald wieder
einsehen, was Sie schon lange gewusst und eingesehen haben: dass Sie zum Fürsten
geboren sind, und ich zur Niedrigkeit und Verborgenheit.
    Verborgen! wenn du dein Leben Hunderten widmest?
    O ja, gnädigster Herr! Stiften Sie nur das Kloster! Dann trag' ich ein
Kleid, wie Alle, die darin sind, und wer kann dann gerade wissen: ob es Diese
oder Jene ist, die Diesem oder Jenem geholfen habe? -
    Er sah mich nun wieder unbeschreiblich gütig an, und sagte: Wohlan, ich
stifte das Kloster! Die Schwärmerei hat ihre Periode, wie die Ruhmsucht, und
beides sind Krankheiten, die geheilt werden können. Worüber lachst du?
    Dass Sie mich für krank halten.
    Jetzt sah er wieder etwas vedriesslich von mir weg, fragte dann aber mit
einemmale: Wer soll die Gesetze für das Kloster erfinden? - Du?
    Jetzt, gnädiger Herr! spotten Sie meiner ganz gewiss.
    Nichts weniger! Der Gedanke kommt von dir, und die Gesetze eines Andern
könnten dir vielleicht nicht gefallen.
    Wenn sie von Ihnen kommen, werden sie mir schon gefallen.
    Auch das, dass die Nonnen niemals ein Gelübde ablegen, und das Kloster
verlassen können, wann sie wollen? -
    Das vor allem Andern.
    Wohlan! Deine Bitte ist dir gewährt. Ich stifte das Kloster.
    Nun fiel ich ihm wieder zu Füssen, und dankte ihm mit tausend Tränen. Er
aber hob mich ganz gerührt wieder auf, und sagte: Tue nur so etwas nicht mehr!
denn ich kann es nicht tragen. Gehe, du heiliger Engel! meine Geschäfte rufen
mich jetzt. Und wenn du dann ausziehst, den Verlassenen zu helfen; so denke, dass
ich der Verlassenste von Allen bin.
    Diese Worte drangen mir, wie ein zweischneidiges Schwerdt durch die Seele;
ich konnte meine Tränen nicht mehr stillen, und als ich durch die hässlichen
Menschen in den Vorzimmern ging, dacht' ich recht mit Unwillen: o möcht' euch
Gott bessern, oder Alle vertilgen! Da ihr den vortrefflichen Mann so unglücklich
macht, dass er sich für den Verlassensten von uns Allen hält.
 
                         Stephani an seine Verwandten.
Franz behauptete schon seit mehreren Tagen: Gretchen wisse von dem Bilde. Auch
war sie sichtbar verändert, und ihr unschuldvolles Himmelauge begegnete dem
meinigen nicht mehr. Gestern kam dann auch die Antwort von Pisa, und ich musste
zum Fürsten.
    Er empfing mich sehr ernst; aber doch gütig, und auf die Nachricht mit
sichtbarer Freude. Dann aber brach er schnell ab, und liess einige Gemälde, die
er gekauft hatte, und über welche er meine Meinung wissen wollte, herein
bringen. Es waren zwei vortreffliche darunter, eine Madonna, und ein Johannes in
der Wüste.
    Wir sprachen viel über die Stellung der Ersten, und von der gefährlichen
Klippe, bei Darstellung heiliger Gegenstände an der Grazie zu scheitern. Er
behauptete: sie solle ganz bei denselben verbannt werden; ich aber sucht' ihm
das Gegenteil zu beweisen.
    Er brauste auf, wie gewöhnlich, und liess mich nicht zu Worte kommen. Endlich
wurd' er aber doch aufmerksam, als ich sagte: es kommt Alles darauf an, über die
Bedeutung des Wortes Grazie einverstanden zu sein. In dem Sinne, in welchem ich
es nehme, muss ich darauf bestehen, dass kein heiliger Gegenstand richtig ohne
dieselbe dargestellt werden könne.
    Und ich sage dir: dass mich gerade diese verwünschte Grazie bei der Madonna
ärgert, und dass ich sechsmal so viel, wenn sie das Bild nicht hätte, dafür
bezahlt haben würde.
    Mit Recht! denn sie ist ihr einziger Fehler.
    Heute verstehst du dich wohl selbst nicht.
    Ich glaube doch. Nehmen Sie ein gesundes Kind, in den ersten Monaten seines
Lebens, befreien sie es von seinen Windeln; oder noch besser, sorgen Sie, dass es
nie welche gehabt habe, legen Sie es auf den Rasen, schützen Sie es vor Hitze
und Kälte, und vor einem unbefriedigten Bedürfnisse. Geben Sie nun Acht auf die
Bewegungen dieses Kindes, und Sie werden erstaunen, keine einzige unmalerisch,
im Gegenteile alle höchst graziös, höchst malerisch zu finden.
    Woher kommt das?
    Daher: dass die Grazie tief in der heiligen Natur liegt, und eben deswegen
allen heiligen Gegenständen vorzugsweise zukommt. Daher: dass sie nur der
höchsten Unschuld eigen ist, und eben deswegen nur bei ganz unverdorbenen
Kindern, oder bei Menschen, welche diese göttliche Reinheit nie verloren,
gefunden werden kann; nicht sowohl dem Plumpen und Rohen, als dem Erlernten und
Conventionellen entgegengesetzt ist. Wer dieses bezweifelt, kann augenblicklich
durch die französische Grazie überzeugt werden.
    Und die griechische?
    Wird ewig das Wunderbarste dieser wunderbaren Nation bleiben. Sie wurde
dargestellt, ohne begriffen zu werden. Ein Produkt reiner Naivität. Denn
offenbar sagten die Griechen mit ihren Werken mehr, als sie sagen wollten, oder
sich bewusst waren, gesagt zu haben. Inspirirte, die ihre selbstverkündigten
Orakel nicht verstanden. Gleichwohl können nicht alle ihre Werke von dem
Conventionellen freigesprochen werden, und ermangeln eben deswegen der
wahrhaften Grazie. Eine Behauptung, der man noch so lange widersprechen, als man
fortfahren wird, Reiz mit Grazie zu verwechseln.
    Wie aber, wenn man dir sagt: deine Grazie solle Unschuld und nicht Anmut
heissen?
    So würde ich das nicht zugeben, sondern nur eingestehen, dass sie nicht ohne
Unschuld bestehen könne, ohne darum die Unschuld selbst zu sein. Wer das Erste
wiederum bezweifelt, betrachte nur einen, in allen sogenannten Künsten der
Grazien vollkommen geübten Wüstling, und sehe zu, ob er sich das heimlich
Verrenkte, Widrige und Unharmonische seiner Bewegungen läugnen kann.
    Gewiss und wahrhaftig gibt es aber doch Menschen, welche, obwohl durchaus
unschuldig, der Grazie gänzlich entbehren.
    Allerdings! und dieses beweisst abermals, dass sie nicht die Unschuld selbst
ist.
    Nun! was ist sie denn?
    Die zarteste Blüte vollkommen menschlicher Organisation! Welche leider durch
Erziehung oft im Keime erstickt, oft, wenn dieses auch nicht geschehen, durch
widriges Schicksal am Entfalten gehindert, durch Laster völlig zerstört wird;
deren Anblick aber, wo sie sich noch findet, das Auge des Kenners mit hohem
Entzücken erfüllt.
    Rosamunde!
    Rosamunde hat sie im hohen, Margarete im höchsten von mir erblickten Grade.
Und man kann mit Wahrheit sagen: die ganze Fülle der menschlichen Gotteit, der
göttlichen Menschheit ruhe in ihr.
    Bei diesen Worten wandt er sich von mir weg, und ging mit heftigen Schritten
auf und ab, ergriff dann aber sichtbar gerührt meine Hand, und sagte: O du
fühlst ganz ihren Wert! aber dir wird sie nicht werden, und mir auch nicht.
    Nach langem Stillschweigen setzt' er hinzu: weisst du, dass sie uns verlässt? -
    Nein! - sagt' ich - auch ist es mir unglaublich.
    Unglaublich? - Warum?
    Ach ich kann es nicht sagen! aber es widersteht Allem, was ich denken kann.
Warum sollte sie uns verlassen?
    Weil sie das Glück, welches sie hier geniesst, nicht mehr tragen kann.
    Ich sah ihn an, ohne zu antworten.
    Ja! ja! - fuhr er mit bitterm Lächeln fort - bei einem hölzernen Tische,
einem Strohstuhle, einem reinlichen, aber ärmlichem Bettchen, in einem niedrigen
Zimmerchen, da kann man viel glücklicher sein, als bei uns. Und wenn nun
Sonntags, oder wohl gar Festtags die Glocken läuten, dann steigt die
Glückseligkeit bis zu einem überirdischen Grade! - Es ist zwar ganz hübsch bei
uns, meine Gemälde, unter anderm, ganz erträglich; aber was sie umgibt, gar zu
hässlich. Ich ein armer, mitleidswerter Mann, den man gern, wär' es nur möglich,
aus dieser höllischen Pracht reissen möchte, und da dieses nun nicht möglich
ist, rate was geschieht!
    Ich sah ihn abermals, von der Bitterkeit seines Tones erschreckt, fragend
und stillschweigend an.
    Du errätst es nicht? - Nun wohl, so erfahre es dann! Ein Kloster wird
gestiftet; ich selbst muss es stiften. Nicht etwa, damit sie die Oberste und
Alles darin nach ihrem Willen eingerichtet werde. O nein! das ist ihr Alles ganz
gleichgültig, lästig sogar. Die Hauptsache ist und bleibt, dass sie ein Kleid,
wie die Andern bekomme, damit sie nicht erkannt, nicht verlacht werde, wenn sie
nach Osten und Westen zieht, die Kranken, Notleidenden, Verwundeten
aufzusuchen. Ja! ja! staune, wie du willst! Das bleibt die Hauptsache. Und wenn
du ihr auch die unbeschreibliche Glückseligkeit des hölzernen Tisches, des
Strohstuhles und des niedrigen Zimmerchens verschaffst; so wähne darum nicht,
sie zu halten: denn so lang' es noch Tausende gibt, die auch das nicht haben,
bleibt sie dir nicht. Bedürfte sie der Gesundheit nicht unumgänglich, würde sie
es unfehlbar unerträglich finden, nicht krank zu sein, weil Tausende es sind.
Wie es aber dir, wie es mir geht; ob wir von Sehnsucht verzehrt werden - das
kümmert sie nicht. Der himmlische Vater, auf welchen sie sich freilich in
Ansehung der Andern nicht verlässt, wird schon für uns sorgen. Du hast deine
Kunst, ich mein Reich, und damit Gott befohlen.
    Und Sie haben wirklich Ihre Einwilligung gegeben?
    Konnt' ich sie verweigern? - Sie beweist mir, dass mir mit ihrem Mitleid
nicht gedient sei. Dass ich weit mehr, dass ich ihr Glück, ihre Zufriedenheit
verlange. Dass aber daran bei uns nicht zu denken sei, war nach ihrer Meinung
längst erwiesen,
    Sie wird uns auf ewig verlassen?
    Nein! Das ist das Einzige, was ich mir bei dieser unerhörten Schwärmerei
vorbehalten habe. Die Nonnen können das Kloster verlassen, wann sie wollen, und
es wird in meiner Nähe gestiftet.
    Gott sei gelobt!
    Was hilft es dir? was mir? - Wofern wir nicht dafür sorgen, krank, oder
verwundet zu werden, wird sie uns schwerlich erscheinen. Und darum mache nur
schnell Anstalt zu einem Bilde für mich. Ganz eigentlich für mich! Aber in
keiner himmlischen Glorie will ich sie haben! So, wie ich sie zum erstenmale an
deinem Bette sah, im ländlichen Gewande der Unschuld; so will ich sie! Zweimal
will ich sie so! Im Grossen und im Kleinen, damit ich sie mit mir führen, sie
zwingen kann, mich nicht zu verlassen.
    Wann wird das Kloster gestiftet?
    So bald, als möglich! ja! so bald, als möglich! denn je früher die
Schwärmerei ans Ziel kommt, je früher wird sie geheilt.
    Sollte sie ihre Freunde vergessen?
    O nein. Führt die Strasse gerade dahin, wird sie ihrer schon gedenken. Liegt
aber irgend ein Vagabund am Wege, mögen sie sich nur gedulden: denn fürs erste
ist ihr dieser der Nächste.
    Seine Bitterkeit stieg bei diesen Worten, und er warf ein kleines Gemälde,
was er die ganze Zeit scheinbar betrachtet hatte, mit Unwillen zur Seite. Nach
langem Stillschweigen machte er endlich eine Bewegung mit der Hand, und ich
deutete dies sogleich als Zeichen meiner Entlassung. Er aber schien erst jetzt
aus seiner Träumerei zu erwachen, und rief hinter mir her: dass du dich nur
meines Auftrages erinnerst! - Ich neigte mich noch einmal schweigend und
bejahend, und eilte, in freier Lust Atem zu holen.
 
                            Gretchen an ihre Mutter.
                              Herzliebste Mutter!
Ich danke dem allgütigen Gotte, dass sie es eingesehen, wie das, was ich
erwählet, das sicherste Mittel ist, mich vor Hochmut, Eigendünkel und
Weichlichkeit zu verwahren. Die guten Menschen, welche mich umgeben, bedauern
mich, und meinen, ich sei von einer Krankheit befallen.
    Ach, - denk' ich dann - möge euch Gott nur immer so gesund erhalten, als ich
mich fühle, und möget ihr nie mehr zu bereuen haben, als ich zu bereuen haben
werde! Alles, was ihr mir von Genuss des Lebens vorsagt, ist ja keiner für mich.
Könnt ihr in Ruhe geniessen, während Andere im Elende verschmachten - O ich
tadle euch ja nicht! Nur lasst mich gehen und tun, was mein Herz mir gebeut.
    Alle Tage, herzliebste Mutter! wird so in mich hinein geredet. Herr Stephani
schweigt zwar ganz still; aber sein Gesicht verrät die äusserste Wehmut.
    Ach, denk' ich dann, wenn du nur wüsstest, dass du der erste Leidende bist,
dem ich helfen will, und dem ich gerade durch meine Entfernung die grösseste
Wohltat erzeige.
    Denn, sage sie selbst, herzliebste Mutter! gibt es wohl einen andern Rat,
oder eine andere Hülfe? Würden sich die beiden vortrefflichen Menschen, er und
der Fürst, nicht hassen, wenn ich Einen von Beiden erwählte? - Und das müsst' ich
mit ansehen und ertragen! -
    Nein! nein! so ist's am besten! Sehen sie mich nicht mehr, werden sie meiner
auch nicht so vielfältig gedenken. Wer hätte glauben sollen, Herr Stephani werde
Rosamunde vergessen? und doch ist es geschehen. So werden sie auch mich
vergessen, und sehen sie mich hin und wieder, sich doch an meine Abwesenheit
gewöhnen.
    Sie werden Freunde bleiben, und wenn sie ja unwillig werden wollen, ihren
Unwillen auf mich werfen. Das hat aber auch nichts zu sagen; denn wenn sie mich
wiedersehen, werden sie mir doch nicht böse sein können, und begreifen, dass das
was ich tat, das beste war, was ich tun konnte.
    Eine Viertelstunde von der Stadt, mitten in einem unabsehbaren Garten, wird
das Kloster erbaut. Die Nonnen können aus- und eingehen, wie sie wollen, die
Kranken und Verwundeten in ihren Häusern oder im Kloster pflegen.
    Gestern zeigte mir der Fürst den Riss, nach welchem das Gebäude von
ausserordentlicher Grösse, und mit allen für die Unglücklichen erforderlichen
Bequemlichkeiten versehen wird.
    Nun! was sagst du dazu - fragte er.
    Ich sage - rief ich ihm zu Füssen fallend, und indem mir die Freudentränen
aus den Augen stürzten - dass ich schon selig werde hier auf Erde!
                               Am andern Morgen.
Ich dachte noch mehr zu schreiben, herzliebste Mutter! aber ich musste
schliessen, denn es gibt auf das Fest noch gar viel zu nähen. Die Kinder sollen
alle neu gekleidet werden, weil am ersten Ostertage ein sehr prächtiger
Gottesdienst mit herrlicher Musik wird gehalten werden.
    Die Frau Präsidentin sagt: ich müsse diesesmal auch mit in die katolische
Kirche gehen, sie wolle mich mit in ihren Stuhl nehmen, welcher dicht neben dem
Fürstenstuhle ist; und ich möge nur Alles so machen, wie sie, dann werde es
nicht auffallen.
    Herzliebste Mutter! frage sie doch den Herrn Pfarrer: ob ich das tun soll,
und ob es auch Recht ist3?
 
                         Stephani an seine Verwandten.
Das Bild ist vollendet, in Gretchens Abwesenheit fortgetragen, und über dem
Hochaltare aufgestellt. Ich sehe zu meiner Freude, dass ich die Höhe und die
Entfernung richtig berechnet, und die wahre Proportion zu den Umgebungen
gefunden habe.
    Gretchens Vetter, ein Handwerker, der sich zum Künstler erhebt, hat beim
Aufstellen geholfen, und sein Entzücken kaum mässigen können. Ich habe mir
seinen wahrhaft patriarchalischen Kopf, im Augenblicke der überirdischen Freude,
sogleich abgezeichnet, und finde, dass er einer der schönsten Menschen gewesen
sein muss. Er ist Margaretens Mutter Bruder, und die Schönheit ohne Zweifel
schon lange erblich in dieser Familie.
    Ich denke den Fürsten mit diesem Kopfe auf das herrlichste zu überraschen.
Noch herrlicher aber wird er sich mit einer Figur im weitfaltigen Gewande, auf
dem nach Pisa bestimmten Bilde, ausnehmen.
    Der Alte wusste noch nichts von Gretchens Entschlusse, und geriet in das
höchste Erstaunen. Als ich ihm aber sagte, dass sie ihrer Freiheit durchaus nicht
beraubt werde, fasste er sich, blickte noch einmal mit gefaltenen Händen und
Tränen im Auge nach dem Bilde und sagte: Ach, ich habe es lange gedacht, dass
sie auf dem gewöhnlichen Wege nicht bleiben werde! Ihr Sinn war niemals auf
Irdisches gerichtet. Aber, teuerster Herr! sagen Sie doch unserm gnädigsten
Fürsten im Namen eines armen Mannes den demütigsten Dank, dass er sie vor dem
Einsperren bewahrt hat. Es wäre ein Nagel zu meinem Sarge gewesen.
    Auch zu dem meinigen, liebster Alter! erwiederte ich, drückt' ihm die Hand,
und entfernte mich schnell.
    Als ich zu Hause kam, fühlte ich erst meinen Verlust. Ach, der Platz, auf
welchem das Bild gestanden hatte, war leer, und das ganze Zimmer eine Wüste.
Aber Gretchen war vom Fürsten noch nicht zurück, und so eilte ich, die schon
angefangene Zeichnung zu dem Bilde nach Pisa sogleich an die Stelle des vorigen
setzen zu lassen.
    Alles im Hause ist in ungewöhnlicher Bewegung. Die Kinder springen lächelnd
hin und her, machen allerhand bedeutende Zeichen, und als das Bild weggetragen
wurde, war des Flüsterns kein Ende.
    Auch mir kommt dieses Fest ganz anders vor, als alle, die ich jemals
erlebte. Ein unüberwindlicher Trübsinn, den selbst die Kunst nicht zerstreut,
hält meine ganze Seele umfangen, und es dünkt mich, als fürchte ich nicht bloss
den bekannten, sondern einen noch fremden Schmerz, welchen das Schicksal mir
bereitet. Ich kann mich zu keiner neuen Arbeit entschliessen und tue nichts,
als die vorigen mustern.
    Es ist auffallend, wie ich in meinen ersten Entwürfen nur nach dem
Leidenschaftlichen gestrebt, und erst später Sinn für das Harmonische bekommen
habe.
    Bisher fehlte mir die Zeit zu dieser Uebersicht; jetzt ist sie die einzige
Beschäftigung, zu welcher ich fähig bin, und wird mir in der Tat sehr anziehend
und lehrreich.
 
                            Gretchen an ihre Mutter.
                              Herzliebste Mutter!
Da es der Herr Pfarrer erlaubt, werde ich mit in die Kirche gehen, und habe es
auch der Frau Präsidentin gesagt. Wir sind mit Allem fertig, und die Kinder
freuen sich über die Maassen.
    Herzliebste Mutter! wie schön ist es doch, wenn es auf Ostern geht! Man
freut sich nicht bloss wegen der Auferstehung des Heilandes, sondern auch wegen
der Auferstehung der ganzen Natur.
    Unsere Winter sind freilich nicht mit den nördlichen, von welchen sie und
der selige Vater erzählten, zu vergleichen. Die mögen wohl schrecklich sein;
aber hier sind sie eine wahre Wohltat des Himmels.
    Und, herzliebste Mutter! - Ach, wie soll ich's nur recht sagen? - dünkt ihr
nicht, als läge etwas ganz Wunderbares in der Frühlingsluft? - Ach, es ist nicht
bloss die Stimme der Vögel, das Sumsen der tausend und tausend Würmchen, die zum
neuen Leben erwachen, ach es ist noch ganz etwas Anderes. Mutter! herzliebste
Mutter! wenn ich so des Morgens, gleich nach Sonnenaufgang unter die Blumen
gehe, rauscht es an mir vorbei in einem Getön, dass mein Innerstes von hoher
Wonne erbebt. Es spricht zu mir, aber nicht menschliche Worte; doch fühl' ich,
was sie bedeuten; aber mit Worten ausdrücken kann ich es auch nicht. Singen
konnt' ich es, und sing' es auch, wenn ich allein bin. O Mutter, es antwortet
mir! - Ist das Gott? - O geliebte Mutter! ich glaube, das ist Gott.
 
                            Gretchen an ihre Mutter.
                              Herzliebste Mutter!
Wo soll ich anfangen, ihr das viele Wunderbare, was mir in diesen Tagen begegnet
ist, zu erzählen?
    Wir gingen unter herrlichem Glockengeläute in die Kirche, und fanden eine
unzählbare Menge Leute in derselben versammelt. Auch der Fürst war schon da, und
sass dicht neben unserm Stuhle. Ich war verschleiert, wie fast alle Frauenzimmer
in der Kirche, und sehr froh, es zu sein. Ich hätte mich des vielen Herumsehens
geschämt, und hätte es doch wohl nicht lassen können.
    Ich glaube, man muss an die Pracht des katolischen Gottesdienstes gewöhnt
sein, um nicht durch dieselbe zerstreut zu werden. Mir wenigstens war es Anfangs
unmöglich, mich zu sammeln. Nun aber ging die prächtige Musik an, und alles
verschwand vor meinen Augen.
    Ach, herzliebste Mutter! von einer solchen Musik hat sie gar keine
Vorstellung! Kann auch kein Mensch, der sie nicht gehört, eine davon bekommen.
Mir war als sei mein Geist schon vom Körper befreit, und schwebe gerade hinauf
zu dem Allgütigen.
    Nur manchmal wurde ich in meinem himmlischen Traume durch die Kommenden und
Gehenden gestört. In einem solchen Augenblicke sah ich ein ganz schwarz
gekleidetes, und ebenfalls verschleiertes Frauenzimmer hereintreten. Ihr Gang
war ganz ungewöhnlich, mehr ein Schweben zu nennen, und schien von dem
Augenblicke, da sie eintrat, mit der Musik im Einklange.
    Nicht weit unter unserm Stuhle kniete sie nieder, und war in dieser Stellung
unaussprechlich schön; so, dass ich mein Auge nicht mehr von ihr wenden konnte.
Immer hoffte ich, sie werde, wie mehrere Frauenzimmer, den Schleier
zurückschlagen, aber vergebens.
    Jetzt hatte sie ihr Gebet verrichtet, setzte sich; und heftete, nach der
Wendung ihres Kopfes zu urteilen, ihren Blick unbeweglich auf den Hochaltar,
der uns zur Linken war, und den ich bis dahin noch nicht beachtet hatte.
    Nun aber folgte mein Auge dem ihrigen, und - denke sie sich, herzliebste
Mutter, um Gotteswillen mein Erstaunen! erblickte mein eigenes Bild im Gewande
der heiligen Jungfrau. Ich sah schnell wieder weg, und hätte vor Scham und
Schrecken in die Erde sinken mögen. Aber jetzt sah ich auch die Fremde sinken,
und bei diesem Anblicke kehrten alle meine Lebensgeister zurück. Ich wandte mich
plötzlich um, machte mir Platz durch die Kinder, und eilte hinunter in die
Kirche, der Fremden zu Hülfe.
    Sie schien völlig erstarrt, und ihre Augen waren geschlossen. In dem
Augenblicke, wo wir sie in den ersten Wagen bringen wollten, lief ein Bedienter
herbei, und liess schnell einen andern vorfahren. Ohne ihn weiter deswegen zu
befragen, brachten wir sie hinein, und ich setzte mich ihr zur Seite.
    Wir hielten vor einem prächtigen Hause, der Bediente eilte hinein, und
gleich darauf liefen zwei junge Mädchen herbei, und schrien laut auf, als sie
den Wagen öffneten, und das Frauenzimmer leblos in meinen Armen erblickten.
    Aber gerade dieses Geschrei schien sie zu erwecken. Sie schlug die Augen auf
voll unaussprechlichen Schmerzens, blickte mich lange mit sprachlosem Erstaunen
an, und schloss sie dann wieder, wie für immer. Wir eilten nun, sie in ihre
Zimmer zu bringen.
    Sonderbar fiel es mir, ungeachtet meines Schreckens auf, dass sie alle
Rosenwäldern glichen, und ich sah gleich darauf bestätigt, was ich oft unsern
Vater behaupten hörte, dass der Rosenduft äusserst heilsam und der einzige, sogar
im Uebermaasse, nicht schädliche sei.
    Die Fremde erholte sich augenblicklich, und winkte verneinend, als sie von
einem Arzte sprechen hörte. Ich bat sie, etwas Stärkendes zu sich zu nehmen, und
sie nickte bejahend. Hierauf entfernten sich die Mädchen, um es herbei zu holen,
und wir blieben allein.
    Kennen Sie mich? - fragte sie nach einigem Stillschweigen.
    O nein! - sagte ich.
    Sind sie niemals im Schauspiele gewesen? -
    Nein! - sagt' ich wieder; aber in dem Augenblicke wurde mir Alles klar, und
ich rief, mit Heftigkeit ihre Hand ergreifend: Rosamunde!
    Ja, ich bin Rosamunde - antwortete sie - aber warum - setzte sie mit einem
forschenden Blicke hinzu - waren Sie niemals im Schauspiele?
    Ich kann es wirklich nicht recht sagen ... es hat sich nicht so gefügt.
    Und Sie haben auch niemals einiges Verlangen darnach bezeigt?
    Nein, niemals.
    Das muss doch irgend einen Grund haben - wiederholte sie. -
    Ach ja! - antwortete ich - den hatte es auch. Ich hörte, dass Frauenzimmer
mit auf das Teater kommen, und das tat mir gar zu leid; denn sie müssen ja
dort ganz anders scheinen, als sie sind.
    Und die Männer?
    Ja, die sind ohnehin bei so vielen Gelegenheiten gezwungen, sich öffentlich
zu zeigen, und sagen selbst, dass es ihnen ganz unmöglich sei, immer zu scheinen,
was sie sind.
    Und das wäre der wahre und einzige Grund, der Sie abhielt?
    Nein! - sagt ich, und fühlte, dass ich sehr rot ward - es hatte auch noch
einen anderen.
    Und der war?
    Ich wusste, dass ich auch Sie dort sehen würde, und liebte Sie damals nicht,
weil ich glaubte, dass Sie Herrn Stephani mutwillig unglücklich machten.
    Die Mägde kamen nun wieder herein, und ich konnte nicht fortfahren. Sie aber
nahm ihnen das, was sie brachten, schnell ab, und winkte ihnen, uns zu
verlassen.
    Sie liebten mich damals nicht - sagte sie nun - und jetzt?
    Sehe ich wohl, dass Sie Recht hatten, und Herrn Stephani besser kannten, als
wir Alle.
    Sie antwortete nichts, aber ihr Gesicht wurde noch bleicher. Nach einiger
Zeit richtete sie sich auf, und sagte: meine Brust schmerzt mich. Man soll doch
zum Arzte schicken.
    Ich eilte hinaus. Aber, denke Sie sich, herzliebste Mutter! mein Entsetzen,
als ich sie schwimmend im Blute, und einer Todten ähnlich wieder fand.
    Auf mein Geschrei stürzten die Mädchen herein, und gleich darauf kam auch
der Arzt. Sie hatte einen Blutsturz bekommen, und war nur auf kurze Zeit noch zu
retten.
    Die Mädchen wehklagten, und mir wollte die Angst den Atem benehmen. Doch
war ich fest entschlossen, sie nicht mehr zu verlassen, und liess dies auch der
Frau Präsidentin mit allen Umständen wissen.
    Rosamunde lag den übrigen Teil des Tages, und die ganze darauf folgende
Nacht in einem betäubenden Schlummer. Als die Sonne aufging, waren auch die
Mädchen eingeschlafen; aber Rosamunde wurde von ihr erweckt.
    Sie blickte um sich, sah mich allein an ihrem Bette, und zog meine Hand mit
einem unbeschreiblich liebevollen Blick an ihr Herz.
    Ein Engel - sagte sie - steht mir im Tode bei! so muss ich wohl schuldlos
gelebt haben.
    O mein Gott! - rief ich voll Angst; denn ich fand jetzt, beim Tageslichte,
alle ihre Züge bis zum Unkenntlichen verändert - wären Sie nur nicht in der
Kirche gewesen!
    Du hast Recht - antwortete sie - Ich sah dort, was ich nicht bin, und das
schliesst meine Augen auf ewig.
    Ich konnte nichts mehr antworten, und fing heftig an zu weinen.
    O weine nicht! - sagte sie - Du musst ewiglich lächeln. Worüber kannst du
weinen? - Sieh ich werde vom Leben genesen. Stelle mir die Rosen um mein Bett.
Wecke Niemanden. Ich will leise entschlummern.
    Ich tat, was sie sagte, und nahm sie, da sie sich aufgerichtet hatte, aber
zu schwach war, sich zu erhalten, in meine Arme. So hielt ich sie wohl eine
Stunde. Aber bei der tiefen Stille und der immer gleichen Stellung wurde auch
ich vom Schlummer überfallen. Als ich erwachte, fand ich sie noch an meiner
Brust gelehnt, und fest von meinen Armen umschlungen. Aber, ach Gott! ich war
allein erwacht, und ihr Auge nicht wieder zu öffnen. Herzliebste Mutter! ich
kann nicht weiter schreiben.
 
                         Stephani an seine Verwandten.
Rosamunde hat die Erde verlassen, und meine düstere Ahnung ist mir völlig
enträtselt. Alle gingen in die Kirche, und ich versprach augenblicklich zu
folgen. Zweimal war ich schon an der Türe, und wurde jedesmal von einem
unwiderstehlichen Gefühle zurückgehalten. Endlich ging ich dennoch; gerade
dieser Empfindung zum Trotze.
    Als ich in die Kirche trat, suchte mein Auge Gretchen vergebens. Es hiess:
sie sei einer Unbekannten zu Hülfe geeilt und mit ihr aus der Kirche
verschwunden. Ich wollte sogleich wieder davon; aber in dem Augenblicke hört'
ich den Fürsten Befehl geben: dass man ihr folgen solle, und blieb nun, da er mir
winkte, unbeweglich auf meiner Stelle.
    Bernhard und Matilde brachen auf und erst jetzt erwacht' ich aus meiner
Betäubung. Als wir zu Hause kamen, fanden wir schon Nachricht von Margareten.
Es war Rosamunde, der sie zu Hülfe geeilt, und welche, nach der Aussage des
Arztes, nur kurze Zeit noch zu leben hatte.
    Ich stürzte fort. Aber am Eingange kam mir der Arzt entgegen, beteuerte:
die geringste Erschütterung müsse ihren Tod augenblicklich zur Folge haben, und
mit seinem Willen solle, ausser denjenigen, welche schon bei ihr seien, Niemand
zugelassen werden. Sie selbst sind krank - sagte er - und ich beschwöre Sie, mir
zu folgen!
    Bei diesen Worten zog er mich fort, und übergab mich Bernharden und
Matilden. Nun überwältigte mich der Schmerz, und ich sank bewusstlos auf mein
Lager.
    Die Stimme des Friedensengels weckte mich wieder. Margarete stand, wie
vormals, an meiner Seite, und reichte mir Trank. Plötzlich belebte mich die
Kraft der Verzweiflung. Ich sprang auf, und stürzte ihr zu Füssen. Sag'
Himmlische! - rief ich - dass sie mir verzieh, und mich nicht hassend verliess! -
    O Gott! - antwortete sie, und grosse Tränen rollten über das heilige
Sonnengesicht - sie hat ja niemals aufgehört, Sie zu lieben!
    Ein stechender Schmerz fuhr bei diesen Worten durch meine Brust; aber mein
Auge wurde heller. Ich sah Bernhard, Matilde und den Fürsten. Man zwang mich,
aufzustehen; aber zur Ruhe war ich nicht wieder zu bringen.
    Rosamunde - glauben sie - werde morgen begraben.
 
                            Gretchen an ihre Mutter.
                              Herzliebste Mutter!
Rosamunde ist an ihre Ruhestätte gebracht. Wir hatten sie sehr schön mit weissen
Rosen geschmückt, und sie selbst glich einer Rose ohne Farbe.
    Herr Stephani sah uns stillschweigend zu. Als aber die Träger erschienen,
und den Sarg aufheben wollten, wurde er plötzlich von einem schrecklichen Zorne
ergriffen. Er warf sich über den Sarg her, und drohete Jedermann, der es wagen
würde, sich zu nahen.
    Geht nur Alle wieder davon! - rief er - Erst will ich wissen, ob sie todt
ist!
    Die Leute sahen sich bestürzt an; und in der Tat wagte es Niemand, sich zu
widersetzen.
    Während dieser Bestürzung hatte der Diener den Arzt herbei geholt; welcher
nun versuchte, Herrn Stephani zuzureden.
    Ich werde nachgeben - sagte er - sobald ich überzeugt bin; aber das kann ich
heute und morgen nicht werden. Sie ist an keiner ansteckenden Krankheit
gestorben, und Niemand braucht dieses Haus zu bewachen. Ich werde allein bei ihr
bleiben, und ist sie wirklich todt, sie dem Grabe überlassen. Aber überzeugt muss
ich werden, wofern meine Sinne zusammen halten sollen.
    Der Arzt bemerkte nur noch, dass es einer ausdrücklichen Erlaubnis der
Regierung bedürfe
    Die werde ich erhalten! - antwortete Herr Stephani, und eilte, einige Zeilen
aufzusetzen, während er bald ängstlich bald drohend nach dem Sarge hinblickte.
Lassen Sie dieses - sagt' er darauf - dem Fürsten übergeben, und man wird mir
meine Bitte nicht abschlagen. Der Arzt gab nun den Leuten ein Zeichen, sich zu
entfernen, und eilte, den Fürsten zu benachrichtigen.
    Jetzt befragte uns Herr Stephani auf das genaueste: was man nach Rosamundens
Tode mit ihr vorgenommen habe, und wir mussten ihm alle Versuche, sie ins Leben
zurückzurufen, auf das Umständlichste beschreiben.
    Er gestand, dass alles Mögliche geschehen sei. Doch - setzte er hinzu - es
glückte damals nicht; wer steht euch dafür, dass es auch jetzt nicht glückt? -
Fort mit den Rosen! - rief er, und warf sie heftig zur Seite - Weg mit dem
Sarge! Was soll sie darin? Niemand weiss, ob sie todt ist!
    Bei diesen Worten hatte er die Schnüre zerrissen, und den Körper
herausgehoben. Er trug ihn ohne unsere Hülfe ins Bett, und wiederholte alle
schon gemachten Versuche. Es war Nacht darüber geworden, und er hiess uns zur
Ruhe gehen.
    Morgen - sagte er - wiederholen wir, was wir heute getan, und ich nehme
noch einen Arzt mit zu Hülfe.
    Der Diener und die Mädchen wollten ihn bereden, auch einige Ruhe zu
geniessen; aber er versicherte, dass das verlorne Mühe, und er fest entschlossen
sei, nicht von der Stelle zu weichen.
    So mussten wir dann gehen; beredeten uns aber im Nebenzimmer, abwechselnd zu
wachen, und sahen ihn noch, die ganze Nacht, jene fruchtlosen Versuche
wiederholen.
    Am Morgen fanden wir ihn endlich zu den Füssen des Leichnams liegen, und
glaubten er schliefe. Als wir aber näher hinzu traten, sprang er plötzlich auf,
und blickte wild und misstrauisch um sich her.
    Gleich darauf befahl er den Leuten, einen andern Arzt, den er ihnen nannte,
herbei zu holen. Sie wagten es nicht, ihm zu widersprechen; konnten aber ihre
Hoffnungslosigkeit nicht bergen.
    Der Arzt kam, und der ganze Tag wurde nun mit Wiederholung der schon
gemachten Versuche, und mehrerer andern hingebracht.
    Sie waren abermals fruchtlos, und Herr Stephani erklärte endlich: dass er
sich dem Begräbnisse nicht mehr widersetzen, sobald nämlich Rosamunde am
folgenden Tage geöffnet, und ihr Herz ihm übergeben sein werde. Dieses geschah
wirklich, und nun sah er wieder stillschweigend alle nötigen Vorkehrungen
machen.
    Wir zitterten dennoch vor dem Begräbnisse; aber zu unserm Erstaunen sahen
wir ihn schweigend dem Zuge folgen, und eine Fassung behaupten, welche uns Allen
unmöglich wurde.
    Alle Rosenbüsche Rosamundens sind auf ihr Grab gepflanzt, und statt eines
Leichensteins ist sie mit einem Rosenwalde bedeckt. Sie liegt dicht neben ihrer
Schwester, wie sie es ausdrücklich verlangt hat.
    Herzliebste Mutter! wie mag einem wohl sein, wenn man so eben gestorben ist?
- Steigt der Geist dann gleich in die reinen hohen Lüfte, oder verweilt man noch
an der Erde, wo man so viele geliebten Menschen im Kummer und schweren Sorgen
zurücklässt? - Schwebt Rosamunde noch um ihre Rosen? -
    Ich sah diese Frage in Herrn Stephani's Auge; aber er folgte still, da wir
vom Grabe zurückkehrten. Nur als von Rosamundens Bilde gesprochen wurde,
erklärte er mit Heftigkeit: dass er es als sein Eigentum zurücknehme, und bei
der geringsten Schwierigkeit jede dafür verlangte Summe bezahlen werde.
    Es ist ihm aber auf Befehl des Fürsten unentgeldlich ausgeliefert, und die
übrige sehr ansehnliche Verlassenschaft teils unter Rosamundens Leute geteilt,
teils ihren in Deutschland noch lebenden Eltern übermacht worden.
    Ungeachtet Herrn Stephani's äusserlicher Ruhe fürchten wir dennoch, ihn
allein zu lassen. Aber ausser mir und Fränzchen will er Niemanden um sich
dulden. Er spricht selten; aber dann immer mit einer sonderbaren Heftigkeit,
welche man, während er schweigt, gar nicht erwarten sollte.
    Der Arzt sagt: er müsse reisen; aber ist nicht im Stande, ihn zu bereden.
Nur wenn er Rosamundens Gemälde betrachtet, wird er heiterer, und gestern hat er
angefangen, es in einen grossen Blumenkranz zu fassen.
    Fränzchen und ich trugen herbei, was wir nur konnten. Da lächelte er und
ordnete die Blumen so schön, dass sie dadurch noch tausendmal schöner wurden.
    Sie sind nun schon untermalt, und nimmermehr hätt' ich geglaubt, dass sich
Blumen so täuschend darstellen liessen.
    Herzliebste Mutter! Sie weiss, dass ich ihr Alles sage, und so will ich ihr
auch Etwas nicht verhelen, was mich in diesen Tagen beunruhigt hat.
    Wenn ich es mir selbst läugnen wollte, so würd' ich es doch wissen, dass, als
ich Rosamunde so todt in meinen Armen hielt, das Herz mir vor Schmerz fast
brechen wollte, und ich willig mein Leben für das ihrige hingegeben hätte. Aber
jetzt nun, da ich sehe, dass Alles von diesem Tode spricht, und Niemand mehr an
das Bild in der Kirche denkt, herzliebste Mutter! ach Gott! ich kann es mir auch
nicht läugnen, dass mich das freut.
    Wo hätt' ich bleiben, wohin mich verbergen sollen? wäre nicht alle
Aufmerksamkeit auf Rosamunde gerichtet worden.
    So freuest du dich also doch wohl über ihren Tod - dacht' ich dann, und
wurde von einer unbeschreiblichen Angst überfallen.
    Aber, herzliebste Mutter! ich beteuere es ihr vor dem allwissenden Gott! dass
ich mich nicht über Rosamundens Tod freue. Frage sie doch den Herrn Pfarrer:
woher es kommt, dass ich das weiss, und doch unruhig bin?
 
                            Gretchen an ihre Mutter.
                              Herzliebste Mutter!
Ich danke ihr tausendmal für ihre schleunige Antwort. Der Herr Pfarrer hat mir
ins Herz gesehen. Ach, es ist so, wie er sagt! Schon oft bin ich errötet, nicht
weil ich etwas Böses getan hatte, oder tun wollte; sondern weil ich mir
lebhaft vorstellte, dass ich es getan haben könnte.
    O wie schön, wie unaussprechlich schön sind die Worte: nur fleckenlos
geniesst sich ganz das Herz! Mit Freudentränen und mit gefalteten Händen hab'
ich sie mir unzähligemale wiederholt. Mir war, als sei diese himmlische Wahrheit
erst jetzt gefunden, die Menschen auf ewig durch sie geadelt, und ihres
göttlichen Ursprunges vergewissert. Sie klingen mir, wie Triumphgesang. So ruf'
ich sie Morgens der Sonne entgegen, so wiederhol' ich sie, wenn die Sterne mir
leuchten. Mein ganzes Dasein enträtseln sie mir, und ich brauche nichts mehr,
als sie, um Alles zu begreifen, was mir dunkel war.
    Es sind Zauberworte. Versuch' sie es nur, herzliebste Mutter! Sprech' sie
sie laut aus, und, was sie auch ängstigt, plötzlich wird ein himmlischer Friede
über sie kommen, im tiefen Blau des Himmels wird sie Engel lächeln sehen, und
ein nie gehörter Wohllaut wird in ihr Ohr dringen.
    Herzliebste Mutter; an diesen himmlischen Worten müssen einst die Geister
sich selbst und den Grad ihrer Seligkeit erkennen. Ruft einer dem andern zu: nur
fleckenlos geniesst sich ganz das Herz! und er ist auf derselben Stufe der
Bildung, der Seligkeit, so wird jener ihm dasselbe antworten. Sie fliegen dann
auf einander zu, und dringen, mit vereinten Kräften und gestärkten Augen, in
Räume des Lichts, welche sie vorher nicht erblickten. O, geliebte Mutter! ich
verliere mich in dieser seligen Vorstellung, und was ich empfinde, ist nicht
mehr zu beschreiben.
 
                         Stephani an seine Verwandten.
Sie war nicht mehr zu erwecken. Auf ihrem Grabe blühen jetzt Rosen. Sie liebte
mich! Unglückseliger! und ich konnte es in ihrem Auge nicht mehr lesen! - Der
Anblick der Himmlischen tödtete sie, und da ich scheinbar ihres Wertes nicht
achtete, verachtete sie ihn, und wollte nicht mehr sein, da sie das Höchste
nicht war.
    Aber, ach! hat sie nun aufgehört zu empfinden? - Kann sie das Ewige, wie das
Irdische verwerfen? - und ist es gewiss, dass ein Quell der Vergessenheit dort
rinnt? -
    Rosamunde! Rosamunde! warum eiltest du hinweg und verschmähtest, was dir
ewig gehörte? - Wenn es Verwandschaft der Geister gibt, warum glaubtest du
nicht an Verwandschaft der Körper? -
 
                            Gretchen an ihre Mutter.
                              Herzliebste Mutter!
Der Fürst war gestern bei uns und fragte mich bitter: ob ich schon herumwandere,
den Unglücklichen zu helfen. - Ich erschrak vor seinem Ton, und wusste nicht, was
ich antworten sollte. Aber die Frau Präsidentin antwortete für mich, schilderte
ihm Herrn Stephani's Zustand, und setzte hinzu: dass dieser wohl unglücklicher,
als Viele jetzt wäre, und Niemanden, als Fränzchen und mich um sich dulde.
    Ein sonderbarer Unglücklicher! - fuhr er mit noch grösserer Bitterkeit fort
- da ihm das Beste immer zu Gebote steht, und was nicht für ihn sterben kann,
für ihn lebt.
    Wir sahen, dass ihn jedes Wort mehr aufbringen würde, und schwiegen. Er trat
ans Fenster und erblickte ein Paar Hyazinten, welche die schönsten sind, die
ich in meinem Leben gezogen habe, und eben deswegen für ihn bestimmt waren.
    Wem gehören die Blumen? - fragte er. -
    Ihnen gnädigster Herr! - sagt' ich nun schnell - Schon gestern wollt' ich
sie bringen .....
    Und brachtest sie nicht - fiel er ein - Natürlich! wie hättest du gekonnt! -
    Die Tränen traten mir vor Schmerz und Verlegenheit in die Augen. Ich
glaubte aber doch nicht, dass man es meiner Stimme anhören würde, und fragte ihn:
darf ich sie' heute nicht bringen? - Aber die Worte klangen doch schon wie
Weinen, und er sah nun auch die Tränen auf meinem Gesichte. -
    Bringe sie, wann du willst! - antwortete er finster - Blumen mit Tränen
werden mich nicht glücklicher machen. - Hierauf wandte er sich schnell von mir,
und verliess uns.
    Nun konnt' ich aber das Weinen nicht mehr zurückhalten, fiel der Frau
Präsidentin um den Hals und rief: Ach, was muss ich nun tun? -
    Ziehe dich schnell an - sagte sie - und bring' ihm die Blumen. Aber weine
nicht mehr! sonst wird man es sehen.
    Ja! man sah es schon. Und wievielmale ich mich auch wusch, sah man es doch.
Endlich kleidete ich mich recht schön an, dachte, es wird schon von der Luft
vergehen, und steckte auch meine Haare mit der goldenen Nadel, die ich vom
Fürsten bekommen hatte, zusammen.
    Als ich aber die Blumen Herrn Stephani's Zimmer vorbei trug, jammerte es
mich, dass er sie nicht einmal gesehen; da er doch - dacht' ich - besser als wir
Alle weiss, wie schön sie sind. Ich stand wohl still, ging aber nicht hinein;
denn ich hätt' es dem Fürsten sagen müssen. Auch fiel mir nun bei, dass Herr
Stephani einmal sagte: die Hyacinten seien zu gradlinicht, und darum nicht
malerisch schön. Jetzt eilt' ich, was ich konnte.
    Aber beim Eingange überfiel mich ein Zittern, und ich wusste nicht, was ich
sagen sollte. Indem wurde die Türe geöffnet, und ich musste hineintreten.
    Der Fürst sass an einem grossen Tische mit Papieren, in tiefen Gedanken. Er
sah gar nicht nach mir her, und nun konnt' ich vor Zittern die Blumen nicht mehr
halten. Ich setzte sie ihm schnell zu Füssen; denn sonst wären sie gefallen. Nun
sah er die Blumen und auch mich.
    Du zitterst - sagte er - Wovor zitterst du? -
    Gnädigster Herr - antwortete ich - Ihr Unwille schmerzt mich tief in der
Seele, und ich zittre, ihn durch etwas zu vermehren. Er stand schnell auf, und
wandte sich finster zur Seite. Dann sagte er plötzlich: was macht Stephani?
    Er malt.
    Dein Bild?
    O nein! an Rosamundens Bilde.
    Was kann er daran malen? - Es ist ja vollendet.
    Einen grossen Blumenkranz rund um das Bild.
    Und dem siehst du so zu?
    O ja! es ist das Einzige, was ihn erheitert. Fränzchen und ich haben aus
zwei Gärten die schönsten Blumen zusammengetragen, und - was ich Anfangs nicht
glaubte - das Bild ist schöner dadurch geworden.
    Und dabei erheitert sich dein Auge, und man sieht, dass es dich freuet.
    Grosser Gott! warum sollt' es mich denn nicht freuen?
    O Mädchen! - rief er nun, und schloss meine Hand fest in die seinige - deine
Stunde ist noch nicht gekommen! Wer wird der Mann sein, durch welchen du die
Liebe begreifst?
    Da er jetzt wieder gütig aussah, bekam ich auch wieder Mut, und sagte: da
sei Gott vor, gnädiger Herr! dass ich die Liebe jemals durch den Hass begreife. O,
glauben Sie es mir! diese ausschliessende Liebe, welche mit dem Hasse so genau
verbunden ist, den geliebten Gegenstand so absondern, ja, ohne es zu wissen,
verzehren, vernichten will, ist nichts, als eine Ausgeburt der Verderbteit der
Menschen. Liebt Gott so? - Liebten göttliche Menschen so? Kann der Mensch durch
diese dürftige, eingeschränkte, und eben deswegen sich selbst zerstörende Liebe,
das werden, was er werden soll? - So gewiss nicht, gnädigster Herr! als ein
Mensch nicht das ganze lebendige Weltall in sich schliesst. Ach diese Liebe ist
eine Krankheit, welche tausend und tausend Menschen elend macht, eben weil sie
sie für die höchste Gesundheit halten.
    Sag', was du willst - antwortete er - das Aehnliche wird sich ewig suchen,
verbinden und eben dadurch von dem Uebrigen absondern.
    Und durch diese Absonderung - fiel ich schnell ein - so lange in Dürftigkeit
schmachten, bis es wieder mit dem Ganzen verbunden wird.
    Der ewige Kreislauf der Dinge! dem auch du unterworfen bist. Und darum sag'
ich: deine Stunde ist noch nicht gekommen.
    Käme sie jemals auf diese Weise, so würde ich elender, als Andere sein; da
ich jetzt schon weiss: dass ich elender machen würde.
    Vielleicht - sagte er, und sah mich durchdringend dabei an - ist es nur
diese Furcht, welche sie verzögert.
    Nein! - antwortete ich - aber sagen Sie selbst, gnädiger Herr! wenn ich
jemals einen Mann wählte, würden Sie diese Wahl billigen? -
    Kaum hatte ich die Worte gesagt, als es mich schmerzlich gereuete; denn sein
ganzes Gesicht wurde mit einer düstern Wolke umzogen, und er antwortete mit
dumpfer Stimme: ich könnte sie billigen, und das Leben fortschleppen, weil ich
müsste.
    Ach, ich hatte sein edles Herz verwundet! darum rief ich nun schnell: O,
mein teuerster Wohltäter! so sagen Sie dann nicht, dass jene Stunde einst
kommen werde! Sie wird nicht kommen! Denn - mag es ein Fehler an mir sein - der
Leidendste beschäftigt mich immer am meisten, und ich bin vielleicht eben
deswegen nicht würdig, dass ein Mann sich mir ganz hingebe. Das werden auch Sie
endlich begreifen und empfinden, und ein zärtlicheres Herz mit Ihrem grossen
Herzen beglücken.
    Du versüssest den Wermut, so gut du kannst. Aber wie, wenn ich dich auf
eine Probe stellte, der du unterlägest? -
    Stellen Sie mich, auf welche Sie wollen! gnädigster Herr! Kenn' ich mich
nicht, so ist es gut, dass ich mich kennen lerne.
    Wie, wenn Stephani dich vergässe, wie er Rosamunde vergass? - ein Mädchen
fände, welches an Schönheit dir gleich käme, seine Liebe endlich erwidert sähe,
sich auf immer verbände, glücklich wäre, glücklich ohne dich? -
    O! - rief ich, fiel vor ihm nieder, und die Tränen stürzten mir stromweise
von den Wangen - Wo ist das Mädchen? Führen Sie es her, und ich schmücke es als
Braut mit dem Besten, was ich habe!
    Stehe auf! - sagte er nun mit ganz verändertem Gesichte - ziehe hin! Du
gehörst nicht mehr zu uns, und wenn wir es glaubten, so waren wir Toren!
    Ach, so konnt' ich ihn nicht verlassen! Ich ging furchtsam zu den Blumen,
hob sie von der Erde, und stellte sie vor ihn hin. Gnädigster Herr! - sagt' ich
dann leise - mit diesen Worten werden Sie mich nicht entlassen! - Was hab' ich
getan, dass ich nicht mehr zu Ihnen gehöre? - Darf ich Ihnen nicht mehr
Rechenschaft geben von meinem Leben, und werden Sie keinen Teil mehr daran
nehmen? - Ach dieser Ort dünkte mich mein väterliches Haus! und ich glaubte
wiederkehren zu dürfen, wann ich wollte!
    Hör' auf Margarete! - rief er nun schnell - Was du darfst, kann Niemand
besser wissen, als du selbst. - Stephani hat den Auftrag, dein Bildnis zu
machen. Geh', und melde ihm, dass er eile.
    Mit diesen Worten wandt' er sich wieder zu dem grossen Tische mit Schriften,
und ich musste nun gehen; ergriff aber doch noch schnell genug, ehe er es hindern
konnte, seine Hand, und drückte sie fest an meine Lippen. Dann aber eilt' ich
fort, ohne mich umzusehen.
 
                            Gretchen an ihre Mutter.
                              Herzliebste Mutter!
Alles, was ich denke und empfinde, ist ein Lobgesang; denn Herr Stephani ist
ganz wieder hergestellt.
    Als Rosamundens Bild fertig war, verfiel er wieder in eine so tiefe
Schwermut, dass wir Alle in die grösseste Angst gerieten. Unglücklicherweise
vergass ich auch ganz darüber, was mir der Fürst wegen meines Bildes aufgetragen
hatte, und nur zufällig erinnerte ich mich einmal gegen die Frau Präsidentin
daran.
    Sie verlangte, ich solle es Herrn Stephani augenblicklich sagen. Aber,
herzliebste Mutter! das war mir unmöglich, und so sprach die Frau Präsidentin
selbst mit ihm darüber.
    Herr Stephani fragte: ob ich noch wohl den Anzug besitze, in welchem ich
zuerst ins Haus gekommen sei? denn der Fürst wolle mich in einem ländlichen
Kleide dargestellt haben. Aber der Anzug war verschenkt. Hierauf zog er eine
farbige Zeichnung unter seinen Papieren hervor, und sagte: dies sei ein
unbekanntes Mädchen, welches er einmal auf einem Spaziergange gezeichnet, dessen
Gesicht er aber nicht gesehen, und ihm deswegen Rosamundens Züge gegeben habe.
    Mein Gott, das ist ja Gretchen! - rief nun die Frau Präsidentin - dieses
Mieder trug sie gewöhnlich, wenn sie in ihres Oheims Garten arbeitete. Es ist
ihr Wuchs! ihre Stellung! Gerade so trägt sie den Korb. O es ist Gretchen!
    Herrn Stephani's Freude darüber war ausserordentlich, und er versicherte,
dass er das Bild ganz so entwerfen werde. Keine Spur von Krankheit mehr an ihm zu
erblicken.
    Der Fürst hat die Zeichnung auch gesehen, ist aber nicht so dadurch
erheitert worden.
    Herzliebste Mutter! es ist doch eine grosse Wohltat Gottes um eine schöne
Kunst, und der Mensch, welcher sie übt, scheint eine allmächtige und immer
wieder sich erneuernde Kraft gegen alle Erdennot zu bekommen.
    Wer sollte nicht glauben der Fürst müsse in seiner grossen Bestimmung mehr
Seelenerhebendes, als Herr Stephani in seiner Kunst finden? - Aber dem ist nicht
so, das seh' ich tagtäglich, und kann keine andere Ursache finden, als: dass die
schwere Regierungskunst auf der Erde festält; statt, dass die schöne Kunst über
die Erde erhebt.
    Ach, möchte das Gemälde lange nicht fertig, und dann gleich wieder etwas
Erheiterndes für Herrn Stephani gefunden werden!
    Ich sagte das der Frau Präsidentin, und sie erzählte mir: der Fürst werde
einen Sommerpallast in der Nähe des Klosters erbauen lassen, und Herr Stephani
verschiedene grosse Deckengemälde in demselben auftragen.
    Gott sei gelobt! O herzliebste Mutter! ein heiteres Leben wird wieder
beginnen, und es wird sich noch Alles zu einem schönen Wohlklange vereinigen.
 
                            Gretchen an ihre Mutter.
                              Herzliebste Mutter!
Der Bau des Klosters4 wird eifrig betrieben, der Fürst hat es reichlich
beschenkt, und die Aebtissin aus seiner eigenen Familie ernannt. Drei Frauen und
ein Mädchen haben sich schon gemeldet; Alle durch Leiden unerhörter Art vom
Schicksale bezeichnet. Ich, herzliebste Mutter! bin die einzige Glückliche, und
darum erscheint mir auch wohl Alles ganz anders.
    Wo die Andern nur beifällig lächeln, da juble ich. Die Vögel, die Blumen,
die Täler und die Höhen scheinen mir zu antworten, und mein Gang dünkt mich nur
ein seliges Schweben durch diese paradiesischen Gefilde.
    Ich habe schon mein Kleid, herzliebste Mutter! ich trage es schon! Darf
schon helfen, wo ich will!
    O, wie matt war die Vorstellung dieses glückseligen Lebens! Wie ganz anders
ist die Wirklichkeit! Wie viele Herzen, die sich trennen wollten, in Liebe
vereinigt! Wie viele Tränen getrocknet!
    Wird sie nicht zu uns kommen, herzliebste Mutter? Arbeiten sollen nicht auf
sie warten; aber pflegen wollen wir ihr Alter, zu einem Himmel wollen wir es
machen.
    Der eine Flügel des Gebäudes ist schon ganz vollendet. Komme sie, meine
teure, geliebte Mutter! O, komme sie doch!
 Diese Zeilen waren das Letzte, welches von Margaretens Briefwechsel aufbewahrt
wurde. Ihre Mutter langte wirklich kurz darauf an, sah ihre geliebte Tochter
einen Engel der Rettung für Tausende werden, und das, was man für Schwärmerei
gehalten hatte, sich in die erhabenste Wirklichkeit verklären.
    Margarete wurde durch die beseligende Tätigkeit, der sie sich widmete,
noch schöner, und verwandelte, ohne es zu ahnen, Stephani's, wie des Fürsten
leidenschaftliche Liebe, in tiefe Verehrung.
    Dieser wurde nach einiger Zeit durch mächtige Umstände zu einer Vermälung
bewogen. Stephani aber, welcher in der Tat, wie Rosamunde einst schrieb, das
ganze Geschlecht tiefer und leidenschaftlicher, als irgend ein Mann liebte,
vermälte sich nie. Er hatte viele Geliebten, oft mehrere zu gleicher Zeit, und
versetzte sie, noch kurz vor seinem Tode, in einem grossen Deckengemälde, unter
die Götter. Margarete aber, vom höchsten Lichtglanze umflossen, als Venus
Urania über sie Alle.
    Von ihr gepflegt, starb er, auf einem schmerzhaften Krankenlager, in ihren
Armen, und in der Blüte seines Lebens. Leidenschaftliche Liebe für die Kunst,
wie für die Weiber, grub sein frühzeitiges Grab.
    Mehrere Jahre darauf starb auch der Fürst, ebenfalls in Margaretens Armen,
und von ihr bis zum letzten Augenblicke verpflegt.
    Sie weinte lange. Aber Franz5, Stephani's geliebtester Schüler, behauptete:
sie habe bei des Fürsten Tode nur Stephani's Tod zum zweitenmale gefühlt; auch
sei damals eine gänzliche Veränderung in ihrem Wesen sichtbar geworden.
    Doch blieb sie länger schön, als Sterbliche es bleiben, und brachte ihr
himmlisches Leben, mit dem Gebrauche aller Sinne, bis zum höchsten menschlichen
Alter.
    Nur von Einer Schwäche wurde dieses ausserordentliche Alter begleitet. Sie
vermochte nicht mehr den Anblick verzerrter, noch weniger durch das Laster
entstellter Menschen zu ertragen, und verfiel, wiewohl eine Feindin aller
Pracht, beim Anblick des Schmutzes und der Unordnung in Schwermut.
    Man war daher gegen das Ende ihres Lebens bemüht, nur schöne Gegenstände um
sie zu versammeln, und die höchste Sauberkeit in ihrer Nähe zu erhalten. Sie
wurde sichtbar dadurch erheitert, und ihren Freunden, ohne Zweifel, mehrere
Jahre erhalten.
    Endlich fiel sie in einen anhaltenden, nur durch kurzes Erwachen
unterbrochenen Schlummer, und die Aerzte verkündigten ihr Ende.
    Nun wurde ihr Bett mit Kindern jedes Alters umringt, die sie entweder
selbst, oder deren Aeltern sie dem Tode, dem Hasse, oder dem Elende entrissen
hatte.
    Sie erwachte noch einmal, erblickte die Kinder, und verschied mit einem
Lächeln, welches ihren himmlischen Zügen eingedrückt blieb.
    Ihr Grab liegt auf einem Hügel, und die Sage geht, dass Gemütskranke dort
geheilet werden. Ob die reine Bergluft hierzu beitrage - wag' ich nicht zu
entscheiden.
 
                                    Fussnoten
1 Es war Gretchen.
2 Gretchen.
3 Gretchen war eine Protestantin und in Deutschland geboren.
4 Es war nie ein eigentliches Kloster, sondern bestand, bis zu Ende der
Regierung Gustavs von Medizis, unter dem Namen einer wohltätigen Anstalt.
5 Er war es, der diese Papiere sammelte.
 
    