
        
                             Ludwig Achim von Arnim
              Armut, Reichtum, Schuld und Busse der Gräfin Dolores
       Eine wahre Geschichte zur lehrreichen Unterhaltung armer Fräulein
                                    Zueignung
                                 an des Fürsten
                                    Radzivil
                                  Durchlaucht
Dem Schutzgeist bleibt ein treuer Sinn ergeben,
Der ihn erhob aus einer dunklen Zeit,
Auf lichten Flügeln singend hinzuschweben
In hohem Frieden über leeren Streit;
So ward auch mir ein hochgesellig Leben,
Wo sich die Worte leicht zum Lied gereiht,
Mein Lied und ich, wir bleiben treu ergeben
Dem, der uns hat durch Melodie geweiht,
Die aus dem vollen Herzen einsam weinet
Und wie ein Nordlicht tief bedeutend scheinet.
 
                                Erste Abteilung
                                     Armut
                                  Erstes Kapitel
             Das fürstliche Schloss und der Palast des Grafen P ...
Vor einer kleineren Residenzstadt des südlichen Deutschlands erscheinen dem
Reisenden, der die grosse Heerstrasse vom Gebürge herabfährt, zwei grosse
hervorragende Gebäude von ganz verschiedener Bauart und Umgebung. Einem
altertümlich getürmten und geschwärzten, von Wassergräben umzogenen Schloss
gegenüber, schimmert ein freier, leichter, heiterer, flachgedeckter
italienischer Palast im schönsten Grün eines weiten Gartens, so auffallend
vorleuchtend mit hellen Marmorfarben und grossen glänzenden Fenstern als
glücklicher Nebenbuhler, als eine neue fröhliche Zeit neben einer verschlossenen
ängstlichen alten, dass diese Bemerkung sehr wahrscheinlich jedem beim ersten
Anblicke eingefallen sein mag. Der gleich nahe Wunsch mit den Bewohnern der
fröhlichen Zeit näher bekannt zu werden, um mit ihnen in allem Überflusse der
schönen Bergwildnis und des reichen mannigfaltig bebauten Tales sich zu
erfreuen, verschwindet eben so schnell, wie die Furcht vor dem düster
vergitterten Schloss, sobald sich die Reisenden beiden Gebäuden hinlänglich
genähert haben, um alles einzelne daran zu unterscheiden. Das schwarze Schloss,
wohlunterhalten und dauerhaft, mit seinen vorspringenden spitzen Türmen, mit
seinen kleinen spitzigen Doppelfenstern, mit dem grossen steinernen Wappen über
dem Tore, vor allem mit seinen kleinen bunten Gärtchen in den Turmecken, wo
vielleicht schöne Fürstentöchter unter selbst gezognen Blumenlauben die vorüber
wandernden Ritter belauschen, dies Ganze macht einem das wunderliche Gefühl, das
die Leute romantisch zu nennen pflegen, es versetzt uns aus der sonnenklaren
Deutlichkeit des guten täglichen Lebens in eine dämmernde Frühzeit, die auch uns
erweckt hat und der wir heimlich noch immer mit erster Liebe anhangen und
gedenken, ungeachtet es schon lange Mittag geworden und vielleicht bald wieder
Nacht werden kann. Sind wir von diesem Gefühle durchdrungen, so scheint der
kunstreiche Palast auf seinen schlanken Marmorsäulen, mit seinen nackten
Götterbildern, die bis zum Dache hinaufgestiegen in einem Reihentanze erstarrt
zu sein scheinen, wie eine leere fremdartige Zauberei, die der Zauberer
aufgegeben, nachdem sie Götter und Menschen betört hatte. Auch scheint bei
näherer Besichtigung alles an diesem Palaste den zerstörenden Elementen
überlassen; der Wohlstand, der darin lange einheimisch gewesen sein mag, hat
sich durch viele gewaltsame Auswege Luft gemacht, um zu verschwinden; die
Fenster des untern Geschosses sind meist eingeschlagen, oder mit innern
Fensterladen notdürftig geschlossen; das lückenvolle Dach hat grosse Stücken der
Gesimse losweichen lassen; die Laden der Dachfenster schlagen im Winde
nachlässig auf und zu; das zierliche eiserne Geländer, das den Vorhof schliesst,
ist des grössten Teils seiner vergoldeten Blätter von mutwilliger Hand beraubt;
die eisernen Türen liegen ausgehoben daneben, vom hohen Grase überwachsen; die
Wände sind von Kindern mit Soldaten und von Soldaten mit den Namen ihres
Regiments bezeichnet. Der Reisende sieht ärgerlich davon weg und nach dem
Lustgarten, der den Palast umschliesst und hinter demselben zu einer prachtvollen
Anhöhe sich erhebt. Alles grünt da, alles singt, alles ist wild verwachsen, das
Auge unterscheidet nicht, ob das halb eingestürzte Haus auf dem Gipfel des
Berges eine absichtliche oder zufällige Ruine; neben den amerikanischen
Sträuchern stehen wenige amerikanische Kartoffeln, wahrscheinlich in kindischer
Nachahmung des Feldbaus; in den öden grossen Baumgängen springen wilde Kaninchen
schnell verschwindend umher, sie treiben da ungestört ihren kleinen Bergbau, wie
die Vögel ihren Luftbau der Nester auf allen dichteren Baumwipfeln. Arme
halbnackte Kinder, wahrscheinlich aus den Nachbarhütten jagen sich in dem
ausgetrockneten Bette des Springbrunnens, nachdem sie ihre Ziegen an Pfählen
zwischen den einzelnen Schnörkeln des Buxbaums angebunden haben, der auf dem
grossen Platze hinter dem Palaste, wie eine von der Hand des Schicksals
halbausgewischte bedeutende Schrift, den Reisenden lange vergeblich raten lässt,
bis eins der Kinder alles mit ein paar Worten erklärt, es heisse Hektor und
Sophie, die Vornamen des Grafen und der Gräfin von P ..., die dieses Schloss
erbaut. Diese Kinder, diese Ziegen und ein paar Lämmer, die sich
menschenfreundlicher zu jenen halten, reinigen den Garten von Kraut und Unkraut,
von Blumen und Dornen.
    Uns beängstigen schon fürstliche Schlösser, die bloss zum Sommeraufentalte
bestimmt, den grösseren Teil des Jahres mit hellpolierten, aber verschlossenen
Fenstern stille ohne Bewohner mit offenen Augen im Schlafe zu liegen scheinen,
da alles Grün umher wacht und rauscht, alle Quellen rieseln, alle Gänge offen
stehen; schon diese ungeheueren Anstalten zum Leben ohne Leben erfüllen uns mit
der wehmütigen Ahndung einer unbewusst um uns her geschehenen Völkerwanderung,
die uns allein unter Fremden zurückgelassen hat, - und was ist diese Wehmut
gegen den Schmerz, diese Völkerwanderung wirklich beendigt zu finden, was hoch
gestanden tief gestürzt zu finden und die Kleinen wild und höhnend darüber
herfallen zu sehen, ohne zu wagen, sich gleicher Höhe zu nahen; wenn sich
gemeine rohe Armut über die Trümmer fremder Pracht und Bildung triumphierend
lustig macht, unwissend an den Kunstdenkmalen zerstört, weil die Besitzer nicht
mehr die Kraft haben zu schützen und zu erhalten, was sie vom Überflusse
geschaffen hatten - und darum wendete ich mich schmerzlich von einem Kreise
lumpiger Barbarenkinder fort, die dort im Lustgarten des gräflichen Palastes an
einem schönen Amor in Marmor, der schlafend unter einer Rosenlaube ruhte, die
schändliche Art von Geisselung wiederholten, die ihnen in roher Erziehung zu
einer scherzhaften Strafe geworden. Vergebens war mein Pochen an allen Türen, ob
denn keine einzige Seele in dem grossen Hause, die diesen Frevel, den ich
gestört, auch bestrafte; einsam und immer schneller und ungeduldiger hallte mein
Schritt, wie von einer Schildwache, die abzulösen vergessen, unter den Säulen
des Eingangs, dass die Schwalben aus ihren Nestern im Laube der korintischen
Säulen ausflogen, vielleicht um zu schauen, ob es gewittere. Mir war so schwül
zu mute, und ich dachte nicht, dass in den oberen Zimmern zwei junge Gräfinnen
versteckt wären, bei denen mir alles üble Wetter so leicht übergegangen wäre;
ich stieg wieder in meinen Wagen und dachte, besser dass ein Wetterstrahl alle
Kunstwerke in einem Augenblicke vernichte, ein Feind sie entrisse, als dass sie
in vielen Jahren vor den Augen der Völker, die sie nicht verstehen, nicht in
heiliger Sitte bewahren, verderben und geschändet werden; denn wer das Schöne
zerstört, oder dessen Zerstörung duldet, kann es nie heiligen und erzeugen, wohl
aber selbst der, welcher es gar nicht anders, als aus sich und der freien Welt
gekannt hat.
 
                                Zweites Kapitel
                           Graf P ... und die Seinen
Dieser Palast, dieser Garten mit Kunstwerken geschmückt, die jetzt niemand wert
zu sein schienen und niemand nützten, das Werk vieljähriger Anstrengungen eines
leidenschaftlichen Bauverständigen, des Grafen P ..., begründeten den Ruhm
seiner Einsicht und seines Geschmackes; sie galten für Weltwunder in der ganzen
Gegend und wären auch in Italien ausgezeichnet worden. Der Graf hatte sich mit
vielem Kunstsinne einen der schönsten Pläne Palladios angeeignet und
zugerichtet, der Garten ging aus dem französischen zu dem Naturgeschmacke über.
Nicht die Schönheit dieses Baues, aber seine Grösse kränkte den Stolz der
Fürstin, deren Neigung zum Grafen in eine Art Eifersucht übergegangen war auf
seine Frau, der sie es schon allzu hoch anrechnete, dass sie den Grafen in Besitz
genommen. Sie fand sich in ihrem alten Schloss zum erstenmal wie im
Gefängnisse, seit sie in die hellen Zimmer ihr gegenüber blicken konnte; der
Fürst, ihr sonst so ganz ergeben, war nicht zu einem ähnlichen Schlossbaue zu
bewegen; der Graf hatte zu viel Stolz auf sein Werk, um sich mässigen zu können,
als die Fürstin es ihm aus Verdruss tadeln wollte; er wurde beleidigend und der
Hof wurde ihm verboten, nachdem er dreissig Jahre mit dem Fürsten ganz
vertraulich von der Jugendzeit an zusammen gelebt, mit ihm auf Reisen manches
Abenteuer bestanden, die Fürstin ihm zugeführt hatte. Er sagte kein Wort zu
seiner Verteidigung; doch liess er über seine Gartentüre die Worte eines Liedes
eingraben:
Freund, hüte dich vor Fürsten,
Denn Freunde werden sie nie,
Magst du auch hungern und dürsten
Für sie.
Wollen wir aber ruhiger sein Verhältnis überschauen, so entdecken wir, dass es
nicht immer reine Freundschaft war, die ihn dem Fürsten verbunden; die
Freundschaft war ihm nur ein Mittel den Unterschied auszugleichen, den die
Geburt zwischen ihnen beiden unabänderlich festgesetzt hatte. Doch war sein
Geist unabhängig genug, um sich über diese Ungunst leicht hinwegzusetzen, welche
gleich die meisten Einwohner der Stadt und der Gegend von ihm entfernte. Sein
Einzugsfest in das vollendete Haus war wenig glänzend, auch von unangenehmen
Zeichen begleitet. Der Erbprinz, der mit kindischer Neigung an der jüngeren
Tochter des Grafen, Dolores, hing, war heimlich hinübergeschlichen; Dolores
sprang mit ihm die glatten Treppen hinunter, der Prinz fiel herab und wurde
blutig halbtot in das Haus seiner fürstlichen Eltern zurück gebracht, die den
Bann ihrer Kinder, nicht zum Grafen zu gehen, darum noch schärften. Dieser Bann
kränkte den Grafen sehr tief, insbesondre da eben dieser Älteste der fürstlichen
Kinder, gegen die Familienart, schwarzes Haar, wie der Graf zeigte; er hatte ihn
immer allen andern vorgezogen. Klelia, die ältere Tochter des Grafen wollte sich
über diese Trennung tot grämen, sie erdachte die abenteuerlichsten Mittel ihre
Verbindung zu erhalten, doch die Zeit und andre Gesellschaften ersetzten ihr
allmählich, was Dolores in den ersten Tagen schon vergessen hatte.
    Der grosse Bau, und noch mehr das Bemühen seinen Palast mit Gesellschaften zu
beleben, hatten das Vermögen des Grafen in einer Reihe von Jahren aufgezehrt,
während denen Klelia ihr achtzehntes und Dolores ihr sechzehntes Jahr erreichte;
weder die Seinen noch die Fremden merkten etwas davon in dem steten Wechsel der
verschiedensten Zerstreuungen. Mit heimlichem Neide sahen die Prinzessinnen, als
sie eines Abends mit ihrer Fürstinmutter in goldverschnörkeltem Wagen langsam
daher fuhren, die Gräfin Dolores auf einem zierlichen englischen Pferde in rotem
Reitkleide, von den artigsten Reisenden in mancherlei Uniform umgeben, zu einem
Feste im Walde vorüberjagen, das sie aus der reichen Jagdmusik erraten hatten.
Dolores machte dann wohl spielend die Herren auf den Kutscher mit dem grossen
Barte, auf die uralten schön geputzten Geschirre der sechs alten glänzenden
dicken Rappen aufmerksam. So etwas erzählte sich leicht wieder und erbitterte;
aber was bedurften sie der Herrscher, die froh sein mussten, dass so viel Geld in
ihrer Stadt verzehrt werde. Klelia war mildtätig gegen Arme, Dolores kannte die
Armut gar nicht, sie war ihr eine poetische Person, die sie einmal als Maske
darstellte; sie erzählte den jungen Herren ganz ernstaft, sie sehne sich nach
einem einfacheren Leben und die jungen Herren bewunderten sie. Der Graf,
ungeachtet er seine Umstände genau übersah, lebte in gleicher Sorglosigkeit und
guter Gesundheit, den fröhlichen Tagen, die jede Altersschwäche noch lange von
ihm ab zu halten schienen; mit verkehrter Zuversicht rechnete er auf Umstände,
die nicht zu berechnen waren, auf den Tod einiger Lehnsverwandten, die statt zu
sterben, sich verheirateten und Söhne zeugten, zuletzt auf die Lotterie. Als ihm
zuerst deutlich wurde, dass er nicht gut noch einen Monat seinen gewohnten
Aufwand bestreiten könne, träumte ihm, nachdem er spät zu Bette gekommen, seiner
Frau und Kinder Alter, als die Zahlen, in denen sein Glück begründet. Statt
diesen Traum moralisch zu deuten, meinte er ihn unmittelbar zu bewähren und
besetzte die drei Zahlen mit einer bedeutenden Summe in allen Lotterien; er war
seiner Sache so gewiss, meinte es eine so bestimmte, himmlische Offenbarung,
damit er sein angenehmes Leben fortsetzen könne, dass er mehrere Schuldner auf
den Tag bestimmte, wo er alle Nachrichten von den Ziehungen erhalten. Der Tag
kam schnell heran, er öffnete mit Zuversicht die Briefe, keine seiner Zahlen war
heraus gekommen. Er war leichtsinnig genug über sich selbst zu lachen, und ohne
den Seinen etwas von seinen Absichten zu vertrauen, nahm er Abschied, als wollte
er eine kleine Reise machen, um neue Gäste zu holen, da die letzten eben
abgereist; und so fuhr er ohne Unterbrechung mit dem Reste seines baren Geldes
bis zu einem deutschen Seehafen, und schrieb erst in dem Augenblick den Seinen
eine kurze Nachricht von seiner Lage und seinem Entschlusse in die weite Welt zu
gehen, als eben ein günstiger Wind einen Ostindienfahrer, auf dem er sich
eingeschifft, zum Absegeln anblies.
 
                                Drittes Kapitel
            Tod der Gräfin P ... Armut ihrer Töchter. Kriegsvorfälle
Ehe dieser Brief anlangte, waren in seinem Schloss manche ängstliche
herzzerreissende Ereignisse Schlag auf Schlag über die armen Unschuldigen
eingebrochen. Einige Kaufleute, die seinem Vermögen schon lange heimlich
nachgespürt hatten, waren mit ihrer verzögerten Zahlung dringend geworden, die
Gräfin hatte sie mit Lächeln erst abweisen lassen, aber die Leute kamen den
andern Tag gleich wieder und wollten etwas Bestimmtes über die Rückkehr des
Grafen wissen. Die Gräfin wurde dabei von einer sonderbaren Angst ergriffen,
insbesondre da ihr die längere Abwesenheit ihres Mannes befremdend schien; sie
sandte ihm Stafetten nach an mehrere Orte, wo sie ihn vermutete; die jungen
Gräfinnen befürchteten, ihm sei ein Unglück begegnet, Klelia betete und Dolores
blieb beinahe einen ganzen Tag im Bette liegen. Ein alter Bediente, der sie
einst auf den Armen getragen und dem Hauswesen mit grosser Treue vorstand,
drückte ihnen die Hände und sagte bedeutend: sie möchten sich nur fassen, es sei
nicht alles, wie es sein sollte, er habe schon seit einiger Zeit so was bemerkt,
wenn er den Herrn rasiert; er habe zwar wohl ausgesehen, aber das Fleisch sei
doch nicht fest gewesen, auch habe er wie im Traume gesessen; sicher sei er
krank geworden. Der Brief des Grafen löste endlich alle bangen Zweifel und
erhellte wie ein Wetterstrahl den Abgrund, vor dem sie standen. Die Gräfin hatte
sich bis zu der Zeit bei dem fröhlichen Leben im Wetteifer mit ihren beiden
schönen Töchtern, jugendlich frisch erhalten; der Graf hatte sie aus mehr als
blosser Gewohnheit unverändert wie in den ersten Jahren ihrer Ehe geliebt; seine
Abwesenheit allein, die Sorge für ihn hätte sie unabhängig von den übrigen
Sorgen elend gemacht; sie alterte schnell und starb zu ihrem Glücke sehr bald;
die Demütigung, bei der Fürstin, der sie es sonst in allem zuvortun wollte, um
einen Indult vergebens nachzusuchen, gab ihr den Todesstoss. Die liebenswürdigen
beiden Töchter blieben mit ihrer Trauer, die sie äusserlich aus Armut nicht
einmal anlegen konnten, einsam in dem weiten Schloss zurück; ein Leid bekämpfte
das andre und so viel sie geweint hatten, als sie ihre erste Kammerjungfern
entlassen und die gewohnten Besuche abweisen mussten, so gleichgültig sahen sie
die kostbaren Hausgeräte, Betten, Silberzeug in öffentlicher Versteigerung den
Meistbietenden zuschlagen. Ihr alter Bedienter wütete gegen die harterzige
Schändlichkeit der Kaufleute, die durch des Grafen Unterstützung ihren Handel
angefangen, durch unverschämten Betrug sich an ihm bereichert, und nun wegen
einiger unbedeutender Schulden den Seinen das Letzte entrissen; er schwor, es
könne ihnen nie wohlgehen, aber was half das den Gräfinnen, denen es nun recht
ernstlich übel ging. Die männlichen Lehen fielen in Administration, auch aus dem
Hause wären die armen schönen Kinder vertrieben, trotz allen Schmeichelungen,
die sie an die harten Schuldner verschwendeten, denen es zugesprochen, hätte
nicht der Krieg das Städtlein durchzogen, der den fürstlichen Hof für immer aus
dem Schloss seiner Vorfahren entfernte und die Grundstücke im Werte so rasch
herabsetzte, dass ein Haus von dieser Grösse viel mehr Last als Einkommen brachte;
darum zögerten die Leute weislich mit der Besitznahme. Die Gräfinnen hatten zu
dem Schloss eine so natürliche Neigung, sie kannten jedes Winkelchen darin;
statt dem Rate des alten Bedienten zu folgen, in seinem Häuschen ein Zimmer
anzunehmen, zogen sie sich auf ein kleines Stüblein ihrer Kammerjungfern zurück
und kamen nun fremde Soldaten zur Einquartierung, so schlossen sie drei- und
vierfach alle Türen rings. Mehrmals drangen die müden Soldaten mit Gewalt in das
Haus, und liessen sich, da sie niemand fanden, ihr Essen von der Stadt dahin
bringen, tranken die Nächte durch, lärmten im Hause und die armen geängsteten
Mädchen horchten bange, wie sich der wilde Zug ihnen nahe. Einmal drang sogar
ein raubgieriger Haufen durch alle Türen bis zu ihnen ein, immer glaubt das Volk
versteckte Kostbarkeiten zu entdecken, wo es verschlossene Türen findet; endlich
traten sie nach aufgehauenen Türen in das Zimmer und fanden die Mädchen knieend
vor einer Mutter Gottes, sie hatten einen ganzen Tag nichts gegessen; von Furcht
gebleicht, sahen sie rührenden Steinbildern gleich; der Anblick erschütterte
selbst das rohe Volk. Die Soldaten fragten, warum sie denn nicht zu ihnen
gekommen wären, sie hätten ihnen schon etwas geben wollen, und somit warf ihnen
jeder ein paar Geldstücke hin, die leichtsinnig erworben, und nahmen dafür ein
paar Handküsse; auch sagte einer zu der Gräfin Dolores, sie sei das schönste
Mädchen, das er je erblickt, er wolle sie heiraten, sie möchte mitkommen. Er
gefiel ihr auch recht wohl, doch wie er so in sie drang, musste er schnell
aufsitzen und auf und davon; sie sah ihn nie wieder. - Der Krieg entfernte sich,
der Mangel wurde um so fühlbarer aller Orten, je weniger er sich durch
unbestimmte Hoffnung und gewaltsame Zerstreuungen vergessen machte. Manche der
harten Schuldner waren eben so arm wie die Gräfinnen, die sich jetzt ohne Scheu
durch Bearbeitung ihres Gartens zu nähren suchten. Leider waren nur wenige
Fruchtbäume, meist wilde Waldbäume und amerikanische Gesträuche darin gepflanzt;
diese Bäume, zum Schatten in der Hitze bestimmt, mussten ihnen Feuerung geben, in
den Gängen zogen sie Kartoffeln; ein paar Ziegen, die sie sich für Handarbeiten
der Klelia kauften, gaben ihnen Milch, einige wilde Kaninchen, die sie in Fallen
fingen, eine geringe Fleischspeise. Der alte Bediente, der sie verlassen musste,
um ihnen nicht lästig zu fallen, brachte ihnen allerlei Mundvorrat; sie schämten
sich nicht von ihm etwas anzunehmen, er hatte ihnen von Jugend auf manches
Leckere, das ihnen der Gesundheit wegen vorentalten wurde, heimlich zugesteckt;
er brachte auch die artigen Handarbeiten der Klelia ganz heimlich zum Verkauf.
Dolores stand meist zu spät auf, um in diesen Arbeiten etwas zu leisten, auch
hatte sie am Zeichnen und an der Musik so überwiegende Freude, dass sie ausser den
notwendigen häuslichen Verrichtungen, selten etwas anderes vornahm. Ihr
Zeichenbuch waren aber die grossen weissen Wände im obersten Stockwerke des
Schlosses, die sie sehr wunderlich mit allen ihren bekannten Historien in Kohle
und Russ bemalte. Zu ihrer Belehrung und Unterhaltung blieb ihnen an Büchern
nichts, als was die Schuldner wegen der Altertümlichkeit verschmäht hatten. Doch
die Einsamkeit führte sie durch einen Quartanten nach dem andern; meist waren es
alte historische Bücher, deren altadelige Gesinnung sie immer mehr gegen die
damals allgemein sich regende Ausgleichung aller Stände einnahm; und so
entgingen sie der Art neuer frecher Geselligkeit, die mit kriegerischer
Sittenlosigkeit gepaart das Leben ärmerer Mädchen des Städtchens erheiterte und
verderbte. Der Adel der Gegend war teils entflohen, immer im Wahne dem
unvermeidlichen Schicksale zu entgehen, teils zu sehr verarmt und in eigenen
Angelegenheiten zu weit verloren, um auf ein paar junge Mädchen zu achten, die
in Tagen des Glücks jeden Fremden ihnen vorgezogen; denn ein Vorzug scheint es
oft selbst da, wo nur die Artigkeit obwaltet, einem ganz Fremden Gelegenheit zu
geben, sich bekannt zu machen. Dolores, wenn sie Morgens spät aufgestanden war
und zum Stickrahmen ihrer Schwester trat, hatte immer einen wunderbaren Traum im
Kopfe, der ihr grosses Glück versprochen und sie beide belustigte; bald war ein
ritterlicher Fürst verwundet in ihr Haus gebracht worden und hatte sich ihr
ehelich verbunden, zum Danke, wie sorgfältig sie seine Wunden verbunden; bald
hatte ihr von einem Baume geträumt im Garten, unter welchem ein Schatz liege -
und dann ging sie wohl hin, grub eifrig und liess auch der Schwester keine Ruhe,
bis sie ihr geholfen, und dann gruben sie, bis die Quellen, die durchdringend
den Sand nässten, auch ihre Hoffnung zu Wasser machten. So lebten die beiden
Mädchen, jede in ihrer Art, in den Tag hinein; Klelia betete und arbeitete,
Dolores träumte und erlustigte sich, ein Tag kam zum andern und endlich
behauptete einer, er fange ein neues Jahr an, und so wieder und wieder, dass sie
schon dreimal seit dem grossen Unglücke die Nester aus ihren Gartenhecken
ausgenommen, die Vögel gross gezogen und heimlich verkauft hatten, aber kein
Fürst kam sich im öden Hause ein Lager zu erflehen; selbst die Bettler scheuten
sich vor einem Hause zu singen, vor dem das Gras aus allen Steinritzen hoch
aufgewachsen war. Dolores sah einmal mit einem wunderlichen Aufwallen die
geputzten Stadtleute Sonntags vorüber ziehen und sagte zu ihrer Schwester: »Sieh
einmal das Mädchen, welches dort geht, ich glaube, wenn man ihr ordentliche
Kleider anzöge, sie sähe wie unser eins aus.« - »Wie unser einer ordentlich«,
seufzte die Schwester, »ich glaube, wir könnten beide in den Röcken allein
ordentlich gekleidet werden, die das Mädchen zum Überfluss trägt, ihre blanke
Mütze schon gäbe ein paar Kleider.« - »Sonderbar«, meinte Dolores, »die Leute
wissen nichts Rechts zu ihrem Vergnügen mit dem Gelde anzufangen, da fallen sie
auf so abenteuerlichen Putz; hör, ich wollte, wir hätten Verwandte unter den
Leuten, ich glaube doch, sie täten mehr für uns als unsre Lehnsverwandten.« -
»Hör Dolores«, erwiderte Klelia, »da habe ich neulich eine Geschichte in dem
alten Buche von Hugh Schapler gefunden, das du immer wegen der alten Sprache
nicht leiden mochtest; ich habe mich ganz hinein gelesen und verstehe jetzt fast
alles in den alten Büchern, die muss ich dir doch wieder erzählen; es ist doch
immer auf eigene Art gewesen, wie adlige Menschen der Not begegnet sind, und wir
beweisen's auch wieder.« - »Aber sieh einmal den hübschen Bauerburschen mit der
roten Weste«, unterbrach sie Dolores, »sieht der nicht unserm Erbprinzen
ähnlich; hör Klelia, das sage ich dir, wenn ich denke, dass ich immerdar in so
bäurischer, gemeiner Beschäftigung mein Leben zubringen sollte, wahrhaftig ich
möchte lieber solch einen Burschen zum Manne haben, als gar keinen.« - »Schäme
dich«, sagte Klelia, »auch im Scherze muss man nicht so reden; ich hätte nichts
dagegen, wenn du dich in einen armen Jüngling, den du zufällig kennen lerntest,
verliebt hättest; ich würde dich bedauern, aber nicht verdammen, wenn du dieser
Leidenschaft die alte Sitte und Ehre unsres Hauses durch eine Missheirat
aufopfertest, aber so im allgemeinen von den Männern, vom Heiraten reden, das
geziemt keinem ehrlichen Mädchen.« - »Ei«, sagte Dolores, und sang lustig:
»Will ich mit schönen Knaben reden,
Die neigen sich in Demut gleich,
Und merken nicht, wie gern ich jedem
Den roten Mund zum Kusse reich;
Ach dacht ich oft bei mir so schwer,
Ach wenn ich nur nicht Gräfin wär!
Wo hast du denn wieder diese Weisheit gelesen, du wirst dich noch überstudieren;
erzähle nur die alte Geschichte, ich hoffe, sie wird unterhaltender sein.« - Wir
müssen ihr kürzlich nacherzählen, teils weil die Geschichte uns erlustigt, teils
weil sie zu den beiden Pflegetöchtern in naher Beziehung steht.
 
                                Viertes Kapitel
                      Hugh Schapler und sein Vetter Simon
Herr Gernier Schapler (Capet), von Geblüt und Stamm ein edler rittermässiger
Mann, hatte sich nicht geschämt die Tochter eines reichen Metzgers zu Paris,
eine fromme, tugendsame und überschöne Jungfrau zu einer ehelichen Gemahlin zu
nehmen. Gott, der ihn reichlich mit Geld und Gut versehen, hat ihm auch einen
jungen Sohn mit dieser seiner Gemahlin beschert, an den er beider Kräfte so
wunderbar gewendet, ein Kind von ausserordentlicher Stärke und adliger Gesinnung
hervor zu bringen. Der Vater starb, noch ehe dieser Sohn geboren, die Mutter
aber in der Geburt. Die Verwandten liessen ihn Hugh (Hugo) taufen, er wuchs in
allen ritterlichen Tugenden auf, es war kein Turnier im Lande, wo er nicht Ehre
eingelegt hätte, doch weil er ohne elterliche Zucht geblieben war, so schöpfte
er mit dem grossen Löffel auf, und weil er viel vertragen konnte, so verschlemmte
er viel. Seine Wirte, Schuster, Schneider, Harnischer, Sporer versahn es sich
am wenigsten, als Hugh gar nichts mehr im Vermögen hatte, sie schlossen immer
noch falsch, wer so viel vertäte, müsse so viel übrig haben, wie noch jetzt
häufig der Fall ist. DOLORES: »Auch bei unserm Vater, - es ist doch unrecht, dass
er gar nicht für uns gesorgt hat, warum hat er uns in die Welt gesetzt.« ... Als
nun diese Schuldleute kamen, sass Hugo in grossem Unmute einige Tage bei sich
verschlossen und ass Arme Ritter statt der reichen Braten, bis ihm endlich
einfiel zu seinem Vetter Simon nach Paris zu reiten, der ein reicher Metzger
daselbst und seiner Mutter nächster Blutsverwandter war. Also machte sich Hugh
eines Morgens heimlich auf, ritt nach Paris und da er vor seines Vetters Haus
kam, das mit roten ausgeschnjetzten und aufgeblasenen Braten, wie mit einer
köstlichen Tapete behangen war, da wurde er bald erkannt und ihm die Türe
geöffnet. Hugh aber wollte nicht also hineinreiten, sondern stieg ab von seinem
Pferde, zog seinen Hut ab und grüsste seinen Vetter ganz demütiglich, welcher ihn
mit gleicher Demut bewillkommte und sprach: »Lieber Herr und Vetter, wie soll
ich das verstehen, dass Ihr Euch gegen mich so demütig erzeiget, hab ich Euch
doch all mein Tage nie so schlecht gerüstet gesehen; so hat auch Euer Vater Herr
Gernier Euch solchem geringen Stande nie zugeführt; Ihr wisst wohl, wie er oft
mit zwölf gerüsteten Pferden in meinem Hause zu Herberge gelegen, er hatte auch
stets die auserlesensten Knechte aus ganz Frankreich, deshalb ich mich über Euch
entsetze und besorge, es gehe Euch nicht nach Eurem Sinne. Darum so kommt in
mein Haus, Euer Pferd soll wohl versorgt werden, habt Ihr dann ein heimlich
Anliegen, dadurch Ihr so betrübt seid, wollet mir solches nicht verhalten; kann
ich Euch dann mit Leib und Gut behülflich sein, so sollt Ihr an mir keinen
Zweifel haben, ich will mich hierin nicht sparen, noch verdrossen sein.« -
    DOLORES: »Ja wenn unsre Vettern so gedacht hätten, und das war doch nur ein
gemeiner Mann; ach Schwester, wenn wir doch den Stadtschlächter zu unserm
Blutsverwandten hätten.«
    ... Auf dieses freundliche Erbieten ging Hugh mit seinem Vetter Simon in
sein Haus; sein Pferd wurde abgezäumt, er zog seinen Harnisch und Rüstung ab.
Indem liess sein Vetter Simon ein herrlich Nachtmahl auftragen, frische Würste in
der Suppe, Rindermark auf geröstetem Brot, Rippenstücke mit Rosinen gefüttert,
Brustkern mit Mandeln gefilzt, und seine Hausfrau trat dabei vor, ganz rot, wie
sie eben aus der Küche getreten vom grossen Feuer, und sagte auch ihre
Verwunderung, Herrn Hugh in so schlechter Rüstung zu finden, wie sie an seinem
Vater nie gewöhnt gewesen. Aber Hugh schwieg darauf still und war fröhlich, bis
das Nachtmahl geendet und der Tisch aufgehoben worden; da fing Hugh an und
erzählte seinem Vetter alle seine Handlungen, wie er in den zwei Jahren, seit er
sein Vermögen ohne Vormund verwaltet, Haus gehalten und all sein Hab und Gut
vertan, auch mehr denn zweitausend Kronen schuldig geworden, und weil er von
diesen Schuldnern Tag und Nacht keine Ruhe behalten, sei er ausser Landes
gereist, von ihm einen guten Rat zu holen.
    DOLORES: »Wo mag jetzt wohl unser Vater sein?«
    ... Da nun sein Vetter Simon dies alles mit grosser Verwunderung und
Mitleiden vernommen hatte, fing er an mit guten und lieblichen Worten den guten
Hugh zu trösten, sprechend: »Lieber Herr und Vetter, dieser Euer Unfall ist mir
von Herzen leid; Ihr solltet Euch aber anders in den Handel geschickt haben und
das Eure nicht also unnütz verprasst haben; denn gewonnenes Gut, wenn es verloren
geht, ist gar schwerlich wieder zu überkommen; Ihr solltet auch nicht so milde
im Ausgeben gewesen sein, nach den schönen Weibern und böser Gesellschaft müssig
gestanden haben, denn jetzund werdet Ihr gewahr, dass deren keiner in Eurer Nöten
Euch behülflich sei, und könnte er Euer Leben, da Gott vor sei, mit einem Heller
erretten.«
    DOLORES: »Gibt uns wohl einer der reichen Engländer, oder der fremden
Prinzen, die sich in unserm Hause belustigt, einen Heller?«
    » ... Zwar hat Euer lieber Vater auch einen grossen Stand geführt, er hatte
aber dennoch gross Gut und Geld dabei erspart, welches Ihr nun so unnütz vertan
habt.« - Ob dieser Strafrede Simons begann Hugh einen Verdruss zu schöpfen, hub
an und sprach: »Lieber Vetter Simon, die Predigt will mir zu lange werden, denn
ich bin daran nicht gewohnt, sie tut mir weh im Bauche; wenn ich den Ostertag
eine hör, so hab ich das ganze Jahr daran genug zu verdauen; es bedarf auch
nicht viel Strafens, denn es ist geschehen, so bin ich auch der Predigt wegen
nicht zu Euch gekommen, denn vergebens ist es den Stall erst zu beschliessen,
wenn die Rosse schon heraus sind. Aber das ist meine Bitte an Euch, dass ich
durch Euren Rat aus dieser Schande käme.« - Der fromme Simon, wiewohl ihn diese
Rede ein wenig verdross, liess sich doch als ein guter Freund merken und sprach
ganz einfältig: »Mein herzlieber Vetter Hugh, was ich jetzt in strafweis geredet
habe, meine ich von Herzen gut mit Euch; dieweil Ihr aber meines getreuen guten
Rates, wie Ihr sagt, leben wollt, so sage ich das bei meiner Treue, wenn Ihr mir
folgen wollt, will ich Euch aus aller Gefahr und Nöten erretten, auf dass noch
ein reicher Mann aus Euch werde.« - Auf diese Rede Simons antwortete Hugh:
»Lieber Vetter Simon, diesen Rat begehr ich von Grund meines Herzens von Euch zu
hören und weiss Euch dafür grossen Dank.« - »Das will ich Euch meiner Treu nicht
verhalten«, sprach Simon, »denn ich gönne Euch von Herzen alles Gute, mein
lieber Vetter Hugh; darum so wäre mein treuer Rat, Ihr bliebet diesen Winter bei
mir, so wollte ich Euch mein Handwerk lehren und Euch Unterweisung geben, wie
Ihr nachmals Eure Hantierung mit Kaufen und Verkaufen anschicken sollet, als mit
Ochsen, Kälbern, Schafen und Schweinen, sowohl beim Einkauf, wie beim Mästen und
Schlachten; inzwischen möget Ihr eine hübsche reiche Jungfrau, so man sehen
würde, dass Ihr Euch fein in den Handel schicken tätet, zu einem ehelichen Weibe
erwerben, die Euch bei Euren gesunden Gliedmassen wohl lieb gewinnen müsste. Dann
möget Ihr zuletzt Hantierung mit allerlei Kaufmannschaft anstellen und treiben;
so ich dann sehen würde, dass Ihr Euch recht und wohl zu solchen Dingen schicket,
wollt ich Euch nach meinem Tode zu einem Erben machen aller meiner Hab und
Güter, da ich keine Kinder oder nähere Anverwandten habe. Ihr dürft Euch des
Handwerks nicht schämen, da Eure leibliche Mutter dabei gezogen und geboren
worden.« - Hierauf zu antworten, besann sich Hugh nicht lange, sondern sprach
mit lachendem Munde: »Freundlicher lieber Vetter Simon, ich bedank mich höchlich
gegen Euch, wegen Eures guten und getreuen Rats, bin aber nicht ganz willens,
demselben nach zu kommen, denn zum Metzigen und Schlachten oder zur
Kaufmannschaft habe ich keine Lust, weil ich gedenke, meines Vaters ritterlicher
Tugend nicht zu vergessen, dieweil ich mich von Jugend auf darin geübt habe, und
will meinen jungen Leib daran setzen. Wie sollt ich allererst jetzt Ochsen und
Schaf schlachten lernen, da ich schon Menschen ritterlich darnieder gestreckt
habe, womit ich manchem Fürsten dienen kann. Ja mir wäre lieber, ich hätte vier
gute Hengste im Stalle, Sperber, Habicht, Falken oder Spürhunde, als tausend
Ochsen; so wäre mir auch lieber, ich hörte Trommeln und Pfeifen, Lauten und
Geigen, Tanzen und Singen, denn dass ich sollte die Ochsen, Schafe, Schweine,
Kälber hören brüllen und grunzen.« - Auf solche Rede der gute Simon dem Hugh
traurig antwortete: »Lieber Vetter Hugh, ich meine es gut mit Euch, wollet Ihr
meinen Rat annehmen, es wird Euch nicht gereuen. Jedoch so wollen wir jetzund
solches bis morgen beruhen lassen, vielleicht so möchtet Ihr Euch dann eines
andern bedenken, wollet jetzund gutes Muts und fröhlich sein.«
    Also vertrieben sie ihre Zeit, bis man schlafen ging; da ward Hugh herrlich
und wohl gelegt, den seine jetzige Armut im Schlafe nicht störte, vielmehr
schlief er in den halben Tag hinein bis zur Mahlzeit. Simon, sein Vetter aber
lag die ganze Nacht ungeschlafen, denn er ward von seiner Hausfrau recht übel
behandelt, die nichts andres besorgte, denn dass Hugh seines Vetters Rat folgen
und bei ihr bleiben würde; darum sprach sie: »Ach lieber Mann, was gedenkst du,
du willst den Jüngling zu einem Handwerk verordnen, der alle seine Tage mit
Fressen und Saufen, mit schönen Frauen zu kurzweilen hingebracht; in solchen
Dingen sollte er uns bald um alles bringen, was wir ererbt und erspart haben,
wie er mit seines Vaters Erbe getan hat. Darum ist mein Rat, du gebest ihm
morgen eine ziemliche Zehrung und lassest ihn fahren, auf dass du sein ledig
werdest, denn es ist leidlicher, einen kleinen Schaden, als einen grossen
verschmerzen.« - Darauf antwortete Simon: »Liebe Hausfrau sei zufrieden, denn
wahrlich, dieses habe ich bei mir selbst vorhin schon überschlagen, ich besorg,
er folgt meinem Rate und bleibt bei uns, was mir sehr leid wäre, ich besorge,
unser beider Gut würde kein Jahr ausdauern, wenn er in seiner Gewohnheit
fortführe.« - Darüber ängstete er sich so sehr, auch kamen allerlei Fliegen, die
sich abwechselnd auf seine Nase setzten und vor seinen Ohren brummten, dass es
ihm sehr früh zu tagen schien. Es wurde ihm im Bette so unruhig, er stieg vor
Tage heraus, ging dann nach dem Stalle und fütterte Hughs Pferd, so gut er
konnte, und wartete mit grossem Verlangen, wann Hugh aufstehen und ihm Bescheid
geben würde. Da es nun schier um Mittag war und man den Imbiss nehmen wollte,
erwachte Hugh, stand auf, pfiff sich ein lustig Liedchen, sah nach seinem
Pferde, fand auch, dass es nach aller Notdurft wohl versehen war, da trat er zu
seinem Vetter Simon in Meinung, ihm dafür zu danken. Da erschrak der gute Simon
so sehr, dass er fast in Ohnmacht gefallen wäre; denn seine Sorge war immer, Hugh
würde bei ihm bleiben, woran doch Hugh keinesweges dachte. Aber ehe dieser noch
etwas gesagt, fiel ihm Simon ins Wort und sprach: »Lieber Vetter Hugh, da Ihr
mir gestern Abends auf meinen Rat wegen des Handwerks geantwortet, Euer Gemüt
stände zu keinem andern Handwerk, als Fürsten zu dienen, so habe ich diese ganze
Nacht nachgedacht; dieweil Ihr dasselbe so lange getrieben, so folget dem nach,
kommt in meine Kammer, ich will Euch eine gute Zehrung mitteilen von wegen Eurer
Mutter, die mir sehr lieb gewesen, und die sich noch im Grabe umdrehen würde,
wenn sie Eure jetzige Not wüsste.« - Da Hugh das hörte, wehrte er sich nicht
lange, ging behend mit seinem Vetter in die Kammer; da zog Simon einen seidenen
Beutel aus dem Tischkasten und sprach: »Nehmet hin, mein lieber Vetter, diese
dreihundert Kronen, verzehret sie von meinetwegen.« - Wer aber war fröhlicher
als der gute Hugh, der seinem Vetter grossen Dank sagte; desgleichen war auch
Simon mit seiner Hausfrau sehr froh, es reute ihnen das Geld nicht, das sie ans
Bein gebunden, da sie des Gastes los wurden. Also säumte sich Hugh nicht lange,
wollte der Mahlzeit nicht warten, wie sehr ihn sein Vetter anflehete, weil er
für ihn einen grossen Rinderbraten an den Spiess stecken lassen. Hugh sattelte
sein Pferd, zog Harnisch, Stiefel und Sporen an, dankte Vetter und Hausfrau für
Geschenk und Herberge, setzte sich auf sein Pferd und ritt auf und davon. Der
Vetter Simon stand noch lange mit der Mütze in der Hand in der Türe, und sah ihm
nach und schüttelte mit dem Kopfe, die Frau aber, mit beiden Händen unter ihren
Röcken, gähnte und fror, und dachte wie ruhig sie die nächste Nacht schlafen
wollte.
    DOLORES: »Hör, wenn du so ausführlich die Begebenheiten des Ritters vorlesen
willst, da werden wir heute nicht fertig.«
    ... Hugh ritt nach Hennegau, weil dort ein grosses Turnier gehalten werden
sollte, - nun kommt es gar zu garstig.
    DOLORES: »Wir sind ja unter uns und wenn du es weisst, so kann ich's auch
wohl wissen, ich bin so gross wie du, ob du gleich zwei Jahre älter bist.«
    ... Aller Orten, wo Hugh in den Niederlanden turnierte, gewann er Preise und
- gab sich mit den Mädchen ab - und dann musste er flüchten, sich durchschlagen -
zehn Söhne sind da von verschiedenen Frauen ihm geboren; er bekümmerte sich um
keine, sondern zog immer weiter auf Abenteuer; das mag noch so adlig sein, recht
ist es nicht.
    DOLORES: »Da hast du wohl recht, aber die Kinder werden doch gesagt haben,
es sei besser auf schlechte Art zur Welt kommen als gar nicht.«
    ... Nein, gewiss nicht. Hugh kam nun mit grossen Ehren und vieler Beute nach
Paris zu seinem Vetter zurück, der sich nicht wenig über seine schönen Pferde
und prächtigen vergoldeten Harnische freute. Hugh stieg ab, erzählte ihm alle
seine Geschichten, worüber sich dessen Hausfrau recht erstaunte und ihn gar sehr
lieb gewann. Als das Herr Simon merkte, rief er aus: »Sankt Dionys, Ihr sollt
fürder bei mir wohnen, ich will Euch zu lieb einen ehrlich adligen Staat führen
und halten, denn ich hab mein Vermögen, seit Ihr weg gewesen, ziemlich vermehrt,
so dass ich Eure Güter einlösen kann. So habt Ihr auch viel gute Freunde in dem
Lande, die Euch wohl helfen mögen um Eures Vaters willen, dass Ihr zu guter
Heirat kommt.«
    DOLORES: »Den nähme ich schon zum Mann.«
    » ... Lieber Vetter«, sprach Hugh, »ich habe Eure Rede wohl vernommen und
danke Euch fast sehr, dass Ihr meines Nutzens wegen so getreue Nachgedanken habt,
bin aber noch keinesweges gesinnt zu der Ehe zu greifen, bedünkt mir noch immer
viel besser, einander heimlich lieb zu haben, will mein Glück noch erwarten.« -
Dem guten Simon war das nicht recht, auch nicht seiner Hausfrau, die gern Hughs
Hochzeit mit einer reichen Base ausgerichtet hätte.
    DOLORES: »Jetzt erzähle nur recht schnell, mir fällt ein, dass ich den Vögeln
kein Futter gegeben.«
    ...Ja sieh, der Hugh kam gerade zur rechten Zeit nach Paris, wo die Königin
von Frankreich von dem Herzoge von Burgund gar sehr mit Kriegesvolk bedrängt
wurde, der sie durchaus heiraten wollte, aber sie mochte ihn nicht leiden. So
tapfer sich nun Hugh auch hielte und die Stadt verteidigte, so wäre er doch bald
verloren gewesen, wenn sich nicht die zehn Söhne in Brabant, die schon
herangewachsen waren, alle aufgemacht hätten nach Paris, als sie von ihres
Vaters Bedrängnissen gehört hatten. Keiner der Söhne wusste aber vom andern, und
so lief jeder seine Strasse, bis sie endlich nicht weit von Paris alle zusammen
kamen und sich erkannten; da verschworen sie sich mit einander und fielen wie
eine Wetterwolke in das ruhige Lager des Herzogs, das noch im besten Schlafe
lag. Als Hugh diese unerwartete Hülfe wahrgenommen, fiel er mit allen Seinen aus
und sie machten eine grosse Niederlage unter den Burgunden und nahmen den Herzog
gefangen. Da erkannte Hugh seine Söhne und küsste sie als Vater und die Königin
gab dem Hugh ihre Hand; er war es (Hugo Capet), der das grösste aller regierenden
Häuser Frankreichs auf den Tron setzte. Sein Vetter Simon verwunderte sich über
Hughs besonderes Glück nicht wenig, der war auf einmal reicher, als er sein
lebelang mit allem Sparen werden konnte. Vetter Simon liess es sich auch
gefallen, von ihm zu einem Herzoge gemacht zu werden, doch mehr auf Anstiften
seiner Frau, denn nach eigenem Begehren.
    DOLORES: »Eine recht schöne Geschichte. Höre, Klelie, wenn es unser Vater
heimlich auch so machte, hör, wenn er der Paswan Oglu wäre, von dem alle
Zeitungen schreiben und von dem keiner weiss, ach, wenn das wahr wäre!«
    Und bei diesen Worten fielen sie einander mit süsser Freundlichkeit in die
Arme und lachten und weinten zugleich und dachten ihres Vaters, und dachten ganz
gewiss, der ihnen als Vorbild aller adligen Schönheit und Anständigkeit
vorschwebte, müsse irgendwo ein gleiches Glück sich verdienen, und da verloren
sie sich in mancherlei Träumen, die wir mit einigen Betrachtungen ersetzen
wollen. Wir haben den festen Glauben, dass die periodische Not ganzer Völker, die
unter mancherlei Namen meist unerwartet über sie einbricht, ganz notwendig sei,
alle eigentümlichen Gesinnungen, Bildungen und Richtungen zu prüfen, die sich im
Übermute des Glückes entwickelt hatten, die zufälligen, leeren und störenden
Sonderbarkeiten gehen unter, die echte, reine, aus sich selbst lebende
Eigentümlichkeit wird bewährt, gestärkt und ihrer selbst gewiss. Die
Auswanderungen aus Frankreich in den ersten Jahren der Staatsumwälzung zeigten
uns einen grossen Teil der gebildetsten Bewohner jenes reichen Landes in diesem
Kampfe mit dem täglichen Bedürfnisse; die mannigfaltige Art, wie sie ihn
bestanden, erregte allgemeine Teilnahme; viele ahndeten auch lange voraus, dass
die Zeit in ihrem festen Schritte auch über Deutschland hingehen und die alten
Verhältnisse, zu Glück und Beruhigung mühsam auferbaut, niedertreten könnte. Wir
sehen hier dieses Bild schon in einer Familie von dem schuldigen auf den
unschuldigen Teil einbrechen; die Schuld des Grafen konnte die Seinen des
Überflusses berauben, aber das Notwendige hätte ihnen doch nie gefehlt, hätte
der Krieg nicht so zerstörend auf der Gegend gelagert. In solcher Zeit der Not
ist wenig davon die Rede, was das Beste für jeden zu tun sei, ihr entgegen zu
wirken, sondern hier zeigt sich, was jeder nicht lassen kann, und erklärt sich
bei jeder Veranlassung. Mit Sehnsucht brach Dolores auf Veranlassung jener
Geschichte in Klagen aus, dass dem Adel die Heiratslust so ganz vergangen
schiene; eine glänzende Heirat sei der höchste Preis einer Frau, alle turnierten
darauf. »Nicht alle«, sagte Klelia beleidigt, »lieber wollte ich bis zu meinem
Lebensende von meiner Hände Arbeit leben, als eine Heirat suchen.« - »Die Arbeit
macht dir gemeine Gesinnungen«, fuhr Dolores heraus.
 
                                Fünftes Kapitel
                                   Graf Karl
Da trat der alte Bediente wie gewöhnlich in seinem Sonntagsrocke mit derselben
Art zu ihnen ein, wie er in Zeiten des Glücks gekommen war, sie schmeichelten
und ärgerten ihn nach alter Art. Aber statt wie gewöhnlich von ihrem Vater zu
erzählen und von dem vielen Weine, den er bei Tische umhergesetzt und
eingeschenkt, wie er dem Herrn den Schlossbau einst abgeraten, aber dafür beinahe
aus dem Dienste gejagt worden wäre, begann er heute seine Reden ganz anders,
wohlgefällig geheimnisvoll. Erst nach langen Umschweifen von dem Glücke, das oft
unverhofft käme, brachte er vor, dass ein junger Graf, wunderlich, halb
soldatisch, halb abenteuerlich wie alle Studenten gekleidet, nicht gross, aber
von recht feinen Zügen, von dunklen Augen und krausem Haar, auf einem Wege, den
sonst jedermann, dem er nicht notwendig, zu vermeiden pflegte, über alte Felsen
und Schluchten sich dem gräflichen Lustgarten angeschlichen und über der Mauer,
von der die Deckplatten und mancher Stein gestohlen, zu seiner grossen
Verwunderung vor dem Palaste zwei schöne Mädchen gesehen, die er für Königinnen
wegen des edlen Anstandes aller ihrer Bewegungen gehalten, hätte nicht ihre
Beschäftigung, die Wäsche an der Sonne auszubreiten und zum Bleichen zu
begiessen, ihn an seiner Meinung und an seiner Anrede gehindert. Der junge Herr
hätte sich ihnen möglichst genähert, und hinter einem Haselstrauche versteckt,
so lange zugesehen, als sie damit beschäftigt gewesen, und nachher noch bemerkt,
wie sie ihre zahme Dompfaffen aus dem Munde mit etwas Grünem gefüttert. Dann
wären sie, mit den Vögeln auf der Hand, ins Haus getreten, und der Herr hätte
sich gewünscht nur eine Stunde so ein Vogel zu sein. - »Ei, der ist doch nicht
töricht«, sagte Dolores ganz trocken. - »Nein«, sagte der alte Bediente, »das
ist so ein alter ehrlicher Wunsch von jedem Liebhaber, er möchte immer etwas
andres sein, als er wirklich ist, um mehr zu gefallen, ich war in meiner Jugend
eben so!« - Die Mädchen lachten und der Alte erzählte weiter, der Graf sei zum
Wirte der drei Weltkugeln gegangen, bei dem er eingekehrt, habe ihm mit grosser
Heimlichkeit sein Geschichtchen erzählt und besonders viel von einer gesprochen,
die ihm so besonders in die Augen gefallen, und die er gern kennen möchte. Die
Mädchen sahen einander an, und Klelia sagte ganz ruhig: »Das bist du gewiss!« -
»Nein, Schwester«, antwortete Dolores, »dich hat er gemeint, du hattest heute
das schöne rote Halstuch umgebunden«; heimlich aber dachte sie: Gewiss bin ich's,
die er aufsucht; ich hielt die Vögel viel öfter an meinen Mund, ich bin voller,
meine Züge grösser und meine Wangen röter, und meine Augen so viel beredter, als
meine Locken krauser sind, obgleich unsre Haare von gleicher Farbe; auch nennen
mich alle Leute schöner. Ihr wurde doch dabei so eifersüchtig, als stände der
junge Mann zweifelnd zwischen ihnen, wie zwischen Tugend und Laster. Der alte
Bediente fuhr darauf fort, wie der schlaue Wirt, der auch noch einige
Anforderungen an das Haus hätte, gleich zu ihm geschickt, er möchte doch dem
jungen Herrn, der sich Graf Karl nannte, unter dem Vorwande das schöne Haus zu
besehen, zu den schönen Gräfinnen bringen, es könne immer was daraus werden, der
Mensch denke, Gott lenke, und dann sei ihnen allen geholfen. - Klelia setzte
diesem Vorschlag viele ernste Bedenklichkeiten entgegen; es sei ihren
Gewohnheiten ganz unangemessen, einem jungen Manne, der allen unbekannt,
mitwissend seiner Absicht also entgegen zu kommen, sie wolle ihn nicht sehen.
Dolores erklärte sich heftig gegen diese Hindernisse ihrer angeregten Eitelkeit,
sie hätten so viele Männer gesehen, was ihnen die Bekanntschaft dieses einen
schaden könnte; wenn er ihnen auch nur etwas Neues erzählte, so wäre das schon
genug; dann fuhr sie auf: »Hör, Klelia, wenn du nicht heiraten wolltest, warum
zeigtest du mir wohl neulich den Rand deiner Hand am kleinen Finger, dass du eine
Falte dort trägest, wenn die Hand gebogen, also einen Mann bekämest, und sahest
nach meiner Hand, und ich hatte andertalb Falten; sieh, du hast gerade recht
viele Lust zum Heiraten, darum willst du es nicht eingestehen.« - Klelia stand,
erzürnt über diese Missdeutung eines kleinen spielenden Aberglaubens, von ihrem
Stuhle auf und verliess das Zimmer; nichts kränkt tiefer als absichtliche
Missdeutung mit dummer Listigkeit vermischt. Der alte Bediente stand dabei wie
ein einfältiger Beichtvater neben einem höher gebildeten Beichtkinde, das sich
Sünden anrechnet, die ihm ganz gleichgültig sind; doch gab er der Klelia, weil
sie so trotzig weggegangen, unrecht und eilte dann den Bitten der Dolores zu
folgen, den Besuch nach einer Stunde herbei zu führen. Während sich nun Klelia
auf ihre Kammer zum Gebetbuche gesetzt hatte, des Streites ganz zu vergessen,
ging Dolores rechts und links in grosser Eile, aus ihren beiderseitigen Kleidern
einen guten Anzug sich zusammen zu stoppeln, der glänzend weiss und reinlich,
aber freilich von mancher überflüssigen Naht durchkreuzt war, als diene er gegen
Behexung. Als sie damit fertig war, lauerte sie ungeduldig durch die angelegten
Laden auf jeden, der die Strasse herunter schritt, zwischen durch sah sie sich im
Spiegel und sann auf guten Ausdruck des Gesichts und der Rede, und dann gedachte
sie lachend, wie sie oft Fürsten und Herzöge, die ihr als Kind geschmeichelt,
kaum eines Blicks gewürdigt. Endlich erblickte sie die grüne polnische Mütze auf
den dunklen Haaren, die grüne leichte Husarenkleidung mit Gamaschen und
Reiseschuhen, die nach dem Vorberichte des Bedienten, den bedeutenden Mann
bezeichnen sollte, der Bediente begleitete ihn; sie wollte ihm wie durch Zufall
auf der Treppe begegnen, damit er ihr elendes Stübchen nicht bemerke.
 
                                Sechstes Kapitel
                                 Die Studenten
Wir wollen dieses junge Blut, das da so fröhlich die Strasse herunterschreitet,
ungeachtet vorbedeutend eine schwere dunkle Wolke in den zusammengewachsenen
Augenbraunen seiner stark gehügelten Stirne lastet, uns im allgemeinen bekannt
machen, ehe wir es näher kennen lernen. Dass Graf Karl Student sei, haben wir
schon von dem Bedienten erfahren; aber woran erkennen solche Leute gleich den
Musensohn, die nichts von den Musen wissen? Das lässt sich schwer erklären. Die
Tracht ist es nicht immer; viele andre Leute machen sie nach, auch ist sie
verschieden in verschiedenen Zeiten; es ist mehr die Art, wie ihnen die Tracht
steht, wie sie um sich schauen und singend ihre Strasse wandern. Wer nicht selbst
die fröhlichen Züge der Studenten aus dem nördlichen nach dem südlichen
Deutschland bis in die Schweiz und weiter zu den schönen Inseln der
italienischen Seen mitgemacht hat, wird doch sicher einmal einer solchen Schar
begegnet sein, die mit der frischen Röte ihrer Wangen und der vollen Hoffnung
ihres Herzens schon da ein seliges Land zu entdecken glauben, wo die Einwohner
sich gleich gut oder gleich schlecht, wie auf der übrigen deutschen Erdfläche
befinden. Es tut einem so wohl, von andern glücklich gepriesen zu werden um
Güter, die im täglichen Gebrauche ihre Beachtung verloren haben, jeder macht
gern seine beste Laune zum Gegengeschenke, dass der unschuldige Bewunderer selten
ahndet, dass jedermann überall der Schuh irgendwo drückt, die Grillen irgendwann
ansingen, ja dass die luftigste Aussicht von den Bergen den Rauch nicht wegführen
kann, der immerdar aus der engen Behausung der Menschen sich mühsam zu erheben
sucht und oft ganz auf sie hinuntergedrückt wird. Wie lieb ist die vielwissende
Unwissenheit der lernenden Jahre; auch diese Betrachtung könnte ein Student über
die Dinge machen, aber im nächsten Augenblicke hätte er sie wieder vergessen,
und der Staub auf seinen Schuhen und der Staub der Früchte in ihrer Frische, sie
sind einer Art und bezeichnen, wie neu sie noch in der Welt sind - sie werden
schon lernen in Kutschen zu fahren, viele Meilen an einem Tage, aber die Freude,
wenige Meilen ganz durch eigene Kraft fusswandernd zurückgelegt zu haben, die
kommt ihnen nicht wieder. Wegen dieser Fröhlichkeit haben auch die Gastwirte sie
gern, warten auf sie wie auf die Schwalben. Die Studenten finden ihren
schlechtesten Wein noch immer köstlich genug, um bei der Gelegenheit ihrer
Begeisterung, ihren Liedchen, ihren Spässen freien Lauf zu gönnen, während sie
ihre von allen beschauten Naturschönheiten wunden Füsse an dem Tische ermüssigen.
Selbst die alten Herren, die alle andern Tage mit ihrem bestimmten Schoppen sich
stillschweigend begnügten, werden diesmal begehrlicher und fahren mit dem
glatten Weine einmal wieder in das mondbeschienene Unterland, wo auch sie sich
sehnten nach Unerreichtem, jubelten über ein Nichts und ihre Hüte
durchlöcherten, als hätten sie den Erbfeind vor sich. Wahrlich, soll Deutschland
Soldaten bekommen, so müssen sie unter einander leben wie die Studenten, wenn
sie auch nicht lernen wie sie; frei von allem Zwange, nur der Ehre untertan,
gleich unter einander; sicher wird dann der Geschickteste und Mutigste, wie zum
Senior, so zum Feldherrn sich durchdrängen. - Eine der ersten Welterfahrungen,
die solche wandernden Scharen zu machen Gelegenheit haben, betrifft das
allgemeine Missverhältnis des Geldes zu dem Bedürfnisse; so bleibt mancher
lustige Bruder seine Zeche schuldig, verspricht zu senden, was er doch nicht
hat, die kleine Not ist recht gut, er lernt entbehren; welcher Wirt könnte aber
so hart sein, die Jagdtasche, worin nichts als etwas Wäsche, ein Lieblingsbuch
und einige Tagebücher zur angehenden Schriftstellerei, im Ernste
zurückzubehalten; ein kleiner Schreck kann nicht schaden. Gar mancher macht aber
auch andere Erfahrungen auf solchen Zügen und kehrt nicht so fröhlich heim, wie
er ausgegangen, er sieht heimschleichend nicht mehr weit vor sich hin, die
Wälder rauschen ihm nicht mehr fröhlich, die Singvögel scheinen verschwunden und
die Spitzen der Bäume hängen voll Krähen, die sich durch die Nebelwolken
aufschwingen; alles tropft, Bäume und Kleider und seine Augen, die immerdar
suchen, wovon er sich immer weiter entfernt. Sein Leid vergrössert sich mit jeder
Meile, wie der Strom, an dessen Ufer er herunter schreitet; jetzt trägt er schon
manches schwarze Schiff, manchen Gedanken, den er schwarz auf weiss der verlassenen
Liebe mitteilen muss. Und dann geht's an die Arbeit für Amt und Brot, die sonst
nur leichte Gewohnheit gewesen, er mag nicht warten und sie will auch gern unter
die Haube, die er auf der Reise kennen lernte, wie die Leute sich ausdrücken.
Mit Lust erzählen wir diesen möglichen Fall, wie es mit unserm Grafen Karl
einmal gehen könnte, der auch mit einer Schar Studenten fussreisend ausgezogen
war; aber ganz passt es schon darum nicht, weil dem Grafen nicht notwendig war,
wenn er heiraten wollte, sich dem Joche fremder Dienste zu unterziehen. Er besass
ein artiges Vermögen, ungeachtet ihm die vormundschaftliche Verwaltung aus
Klugheit nur sehr wenig für seine Studienzeit auswarf, die ihn nach ihren
Absichten allein zum wissenschaftlichen Landwirte vorbilden sollte, da die
Verwaltung seiner Landgüter seinem Vermögen und seiner Natur angemessener
schien, als Dienste eines Fürsten. Er war mit einem Dutzend seiner Landsleute
von der Universität ausgewandert, aber die Liebhaberei jedes einzelnen hatte sie
zerstreut; einer sammelte Kräuter, der andre Steine; sein Vergnügen Anhöhen zu
besteigen, führte ihn durch den beschwerlichen Bergweg an die Höhe des Gartens,
wo er mit der seligen Empfindung des Balboa, wie er zuerst das stille Meer
entdeckte, die beiden schönen Kinder unter sich erblickte: zwei glückliche
Inseln in dem stillen grünen Meere vor ihm. Eigentlich wurde er ihnen beiden im
Augenblick so zugezogen, wie es nur in diesem Alter und in der waglichen
Stimmung eines begeisterten Fussreisenden möglich, der, nach einem halben Jahre
in engen Zimmern und dumpfen Hörsälen, einmal wieder von Morgen bis Abend unter
dem durchsichtigen blauen Himmelsgewölbe wandelt; doch hielt ihn ein Dornstrauch
an seinem Kleide fest, als er eben über die Mauer springen wollte. Ahndung und
Liebe erscheinen selten getrennt, und so nahm er es als eine warnende Ermahnung
der Liebe, nicht auf unrechten Wegen in diesen geheiligten Kreis zu dringen, und
begnügte sich sie möglich lange und möglich nahe zu beschauen. Der Wirt hatte
seine Begierde die Mädchen kennen zu lernen, durch seinen Bericht von ihrem
Stande, von ihren Schicksalen und ihrer stillen Lebensweise noch vermehrt; er
war kein Adelstor, wie die meisten seines Standes zu jener Zeit, bei denen er
für einen Revolutionär galt, aber er kannte das Achtbare der Familiengesinnungen
und Familienehre, die sich noch immer in denen Häusern fortpflanzen, welche sich
einst den Herrschern gleich geachtet; das Gleiche mit seinen eigenen
Verhältnissen war ihm von guter Vorbedeutung. Es schwebte ein Wunderbild von
weiblicher Sanfteit, Zurückgezogenheit und Freundlichkeit in seinem Kopfe, das
ihm in den beiden Gräfinnen zum erstenmal gegenwärtig geworden. -
 
                               Siebentes Kapitel
               Graf Karls erster Besuch bei den beiden Gräfinnen
Erst in der Türe ihres Schlosses fiel es ihm heiss ein, dass es doch ganz unwürdig
sei, mit der erlogenen Kauflust die Begierde nach der Bekanntschaft der Mädchen
zu bemänteln; aber es liess sich nicht ändern, die Türe war schon hinter ihm
geschlossen, durch die Säulen der Treppe schimmerte schon das rotgestreifte
weisse Kleid der Gräfin Dolores, ihre Tritte schallten im Gewölbe. Sie trat ihm,
beschämt, dass er die Mängel ihres Anzuges entdecken möchte, mit einigen
unverständlichen Worten entgegen, aber ihr reizender Blick machte seine Worte
noch undeutlicher, es war ein Schimmer in den hellbraunen Augen, der sich nicht
malen lässt; und doch kommt viel darauf an, jedes zur rechten Zeit zu sehen, zu
tun; wäre ihm Klelia so begegnet, wahrscheinlich hätte er sich ihr eben so
bestimmt ergeben, wie er sich jetzt der schöneren prächtigen Schwester eigen
fühlte. Der Bediente half beiden, indem er weitläuftig von allen
Bequemlichkeiten redete, die der untere Speisesaal verberge; von der
Wasserleitung, worin sonst das Getränk gekühlt worden, die aber jetzt verstopft
sei. - Die innern Wandverzierungen des Schlosses waren meist architektonisch,
entweder in Stein, oder in Gips. Da der alte Graf viel gute Gemälde besass, so
scheute er sich, sie irgendwo mit Fabrikmalerei gewöhnlicher Tapeten zusammen zu
bringen, denn beide verlieren dadurch; das Mechanische jener verwöhnt das Auge,
auch in dem Lebendigen der andern etwas der Art zu sehen, und jene wiederum
büssen die Art von Gefälligkeit ein, die sie in Abwesenheit eigentlicher
Kunstwerke bewahren. Diese Gemälde waren verkauft, eben so Sessel und Tische und
alles, was zu dem eigentlichen Gebrauche der Menschen gehört, auch hatte wohl
die Kriegsfurie hin und wieder ihre Fackel an den Wänden geputzt, aber grösser
und würdiger sahen offenbar diese edlen architektonischen Verzierungen in dieser
ungehinderten Übersicht aus. Der Graf hatte nie etwas so Prächtiges gesehen;
ohne alle Kauflust war er eingetreten, jetzt aber dachte er sich's als das
höchste Glück in den schönen Verhältnissen dieser Zimmer sein Leben zu führen;
unbemerkt, hoffte er, müsse dies alles Widersprechende, Ungleiche in ihm ordnen;
noch gestand er sich nicht, dass ihm zur Seite auch solche frische Lebensgöttin,
von so schönem Verhältnisse wie Dolores gehen müsse, ihm war es, als sei ihre
Schönheit, die Wölbung ihrer Augenbraunen, das schöne Verhältnis ihrer Zähne,
woran die edelste Säulenordnung zu erläutern, nur eine Wirkung von der
Herrlichkeit dieses Baues, oder sie selbst sei die Baugöttin, so ganz erbaut war
er von ihr, von ihrer Rede, von jeder ihrer Bewegungen. So gingen sie durch die
schönen Geschosse und der Graf mit dem Wunsche, die Aussicht ganz zu kennen,
stieg noch eine Treppe höher in das oberste Geschoss, das sonst den Bedienten
bestimmt gewesen, wo aber jetzt die Gräfinnen wohnten, und das Dolores mit ihren
Malereien verziert hatte. Sehr ungern folgte sie ihm dahin, sie wusste sich aber
durchaus auf keinen Entschuldigungsgrund zu besinnen. Der Graf bewunderte die
ausnehmende Fertigkeit, die schönen sichern Umrisse dieser Bilder, Dolores
gestand, dass es ein müssiges Spiel von ihr sei. Er glaubte nicht, dass dies das
Beste sei, was sie in der Art machen könnte, und so ehrte er sie plötzlich als
das höchste Malergenie, das ihm je begegnet, er bewunderte von einer Vorstellung
zur andern und so kam er unbemerkt an das Zimmer der Klelia; er meinte es auch
leer, als er aber jemand darin erblickte, so machte er die Türe mit einer
Entschuldigung schnell zu, ohne sie zu unterscheiden. Gleich wendete er sich zur
Gräfin Dolores, die verlegen hinter ihm gestanden, weil ihre Schwester sich
nicht ordentlich angezogen, nachdem sie ihr das Beste vorweg genommen: »Wer war
die Dame?« - »Meine Kammerjungfer«, sagte die Gräfin und der Bediente brummte
heimlich vor sich, dass sie nun sogar ihre Schwester verleugne, nachdem sie
selbige um einen Liebhaber betrogen; er hatte nämlich die Klelia von Jugend auf
viel lieber, auch blieb er hier zurück, um Klelien dahin zu bewegen sich
anzuziehen, so gut es gehe, und in den Garten zu kommen, wohin jetzt die Gräfin
am Arme des Grafen eilte. Diese beiden gingen nun vor dem grünen Platze vorbei,
wo der Graf mit einem Seufzer das Leinenzeug vermisste, das ihn morgens in der
Sonne geblendet hatte; all der Glanz war zu seiner schönen Führerin
übergegangen. Mit manchem Umschweife, ungewiss, ob er auch nicht beleidige,
erzählte er, wie er sie schon am Morgen beobachtet; sie wurde beschämt, dass sie
bei so niedrer Arbeit überrascht worden, sie wollte ihm einen Wink geben, dass er
schweigen möchte, aber er drückte die Hände an seinen Mund. So waren sie bis zur
Höhe angestiegen, wo eine Laube von Geissblatt, die sich über einem Steine
wölbte, der einer Bank ganz ähnlich sah, die schönste Stelle schien, die
scheidende Pracht der Sonne und die tausend Liebesblicke zu begrüssen, die sie
dem schönen Tale noch schenkte. Der Graf setzte sich auf den Stein. »Nicht
doch«, rief die Gräfin, »wissen Sie denn, worauf Sie sitzen?« Der Graf sprang
auf und sah in den Stein Noten und ein Lied eingehauen; vor der Sonne, die er
angeschauet, erschien ihm die Schrift grün wie die Schrift des Frühlings, die
über der ganzen erstorbnen Erde läuft. Mit einiger Beschämung las er laut ab:
Mädchen, führet dich dein Knabe
In dem letzten Abendscheine
Hier zu meinem stillen Grabe
Und er wagt es nicht alleine,
Küss ihn einmal mir zu Ehren,
Das sind meine Seelenmessen;
Kann ich euch das Küssen lehren,
Werd ich nimmermehr vergessen.
Neue Melodien kommen
Und verdrängen meine Lieder,
Doch so viel ich hab vernommen,
Kommt das Küssen immer wieder,
Und von diesen Liebesnoten,
Die ich liebend hab erfunden,
Schallen mir noch bei den Toten
Alle Wiederholungsstunden.
Dolores erzählte nun dem Grafen, dass ihr Vater hier einen lustigen tiefsinnigen
Musiker begraben, der lange Zeit sein Freund und Vertrauter gewesen, und den Weg
zu diesem schönen Platze zuerst gefunden und geebnet habe. Der Graf sang mit
seiner angenehmen Stimme die einfache wohlige Melodie dieses Liedes, der letzte
Abendschein schwankte vor seinen trunknen Augen über der Ebene und sah in die
Tiefen der Berge; er sah ihr so sicher in die Augen und sie konnte sie nicht von
ihm wenden: es war der gefälligste Mann, der ihr seit langer Zeit erschienen;
sie sah in ihm den Glanz ihrer Geburt wieder hervorgehen, sie hörte wieder die
rollenden Kutschen vor ihrer Türe, sah in den Fenstern des Schlosses, die vom
Abendhimmel widerschienen, alles wie ehemals von Wachskerzen erleuchtet, in den
Büschen schienen ihr Musikchöre versteckt und sie verweigerte ihm nicht den
keuschen Kuss, den er auf ihre Lippen drückte. Wir eilen, denn unter einfachen
Verhältnissen gleicht sich alles in der Welt und jeglicher hat hinlänglich
Gefühl in seiner Brust, und wär er noch so arm, um sich lebendiger in solche
Stunde hinein zu denken, als es die Worte ihm vorsagen können. Nach diesem Kusse
schien dem Grafen alles, was er noch sagen könnte, so leer und nüchtern, dass er
mit einem zweiten Kusse von der Errötenden Abschied nahm, und auf und davon über
Hecken und Mauer ins Gebürge eilte, seines frohen Herzens selbst bewusst zu
werden, das ihn so mächtig anregte. Aber statt ganz fröhlich zu werden, wurde er
immer wehmütiger und es rief in ihm, bis er es auswendig wusste:
Sie gab, was mich verarmet,
Mir scheidend ihren Mund,
Sie hat sich mein erbarmet,
Ach Gott, wem tu ich's kund!
Ich kann's nicht in mir lassen,
Es sprenget meine Brust,
Es kann's die Welt nicht fassen,
Was mir allein bewusst.
Wie mir der Abend rötet,
Noch niemand wissen muss;
Ach hätt' sie mich getötet
Im ersten, ersten Kuss!
Von Schmerzen könnt ich ruhen,
Im Jubel vieles tun,
In schweren Reiseschuhen
Tanz ich so töricht nun!
Wirklich hatte er in sich jubelnd eine glatte Buche umfasst, und tanzte um sie
her, weil er niemand fand, mit dem er tanzen konnte, und lachte dann. Allmählich
sammelte sich der Taumel aller einzelnen Gefühle, die in ihm aufgeregt; endlich
wurde er so gewiss in sich, dass Liebe und Gegenliebe, zwei Gotteiten, die so
lange getrennt über den Erdboden einander suchend umherirrten, sich in ihnen
beiden so vollkommen begegnet und begrüsst hätten, dass sie wohl nie wieder von
einander lassen würden in Zeit und Ewigkeit. Als er nach Hause kam, wollte er
noch spät sein Tagebuch schreiben, aber er wusste nicht auszudrücken, was ihm
begegnet, schlafen konnte er auch nicht, ob er sich gleich endlich niederlegte,
und so sang er der Nachtigall zu und dem rauschenden Strome, die mit einander
wetteiferten:
Mir ist zu licht zum Schlafen,
Der Tag bricht in die Nacht,
Die Seele ruht im Hafen,
Ich bin so froh verwacht.
Ich hauchte meine Seele
Im ersten Kusse aus,
Was ist's, dass ich mich quäle,
Ob sie auch fand ein Haus.
Sie hat es wohl gefunden,
Auf ihren Lippen schön,
O welche sel'ge Stunden,
Wie ist mir so geschehn.
Was soll ich nun noch sehen,
Ach alles ist in ihr,
Was fühlen, was erflehen,
Es ward ja alles mir.
Ich habe was zu sinnen,
Ich hab, was mich beglückt,
In allen meinen Sinnen
Bin ich von ihr entzückt.
 
                                 Achtes Kapitel
                 Graf Karl verlobt sich mit der Gräfin Dolores
Am andern Morgen wurde alles fest unter ihnen besprochen, sie verstanden
einander, dass sie verlobt wären, und wussten nicht wie; er hatte keinen Ring bei
sich, sonst wäre auch diese Förmlichkeit beobachtet worden; von der Universität
wollte er einen zierlichen Goldring senden, er nahm das Mass an ihrem schönen
Finger mit einem seiner Haare. Klelia trat darauf ein; der Graf fasste eine
ungemeine Achtung gegen sie bei ihrem ersten Anblicke: die Höhe ihrer Gestalt
und Stirne, ihr feiner Mund, ihr klares Auge geboten jedem Achtung; sie nahte
sich ihm vertraulich, tadelte zwar die grosse Eile in der Verbindung mit ihrer
Schwester, aber so wohlwollend, dass beide sie dafür küssen mussten. Der Graf, dem
noch von Jugend an eine gewisse allegorische Mytologie anhing, glaubte in ihr
die Freundschaft zu entdecken, wie er in der Schwester die Liebe gefunden; gewiss
war es, so wenig sie sich vordrängte, so milde schützte ihr reicher ernster
Geist die beiden Liebenden gegen den langweiligen Überdruss, der den
zurückhaltenden Brautstand bei allen Äusserungen von Glück in manchen Stunden
doch ganz fatal macht. Wir wollen uns nun einige Wochen denken, wie wir sie
entweder selbst erlebt, oder aus dem Berichte glücklicher Seelen, oder aus
Büchern kennen gelernt, von Liebe umwunden, von der wohlwollenden Freundschaft
der guten Klelia belebt, die mit Muttersorgfalt sie beide bewachte und sich an
ihnen erfreute und den Grafen vor allen Männern ehrte und bewunderte. Dolores
glaubte, dass sie den Grafen liebe, alle ihre Hoffnungen waren ja auf ihn
gesetzt, auch war es unvermeidlich, dass er nicht bei näherer Bekanntschaft
gewonnen hätte; seine Liebe zu ihr konnte sich nicht mehren und nicht mindern,
es war Liebe, und so brachte er unbemerkt die ganzen Ferien in dem geliebten
Kreise der guten Stadt zu, die ihm sein eigentliches Vaterland zu sein schien;
die ferne Schweiz mit ihren Wasserfällen, Eismeeren, heiligen Freiheitstempeln
und unsterblichen Schlachtfeldern lag ihm ausser seiner Welt. Zuweilen warf er es
sich vor, dass er die ganzen Tage bei den Mädchen mit Nichtstun zubringe, auch
fürchtete er ihnen überflüssig zu werden, aber dann baten sie ihn jeden Abend,
dass er am Morgen doch ja recht früh wiederkommen möchte; bald wollten sie eine
Stunde auf der Gitarre, bald im Spanischen bei ihm nehmen. Die sorgfältige
Erziehung seiner Mutter hatte alle Fertigkeiten und Kenntnisse der gebildetsten
Stände in ihm gesammelt; durch das Vergnügen dies Erlernte so schönen Wesen
mitzuteilen, erhielt es in ihm selbst eine schönere Gestalt und Anordnung, er
lernte seinen Vorrat kennen und brauchen, er gewann vielleicht eben so viel
durch seine Liebschaft, als andre Studenten durch ihre Liebeleien verlieren.
Klelia gab ihm den Mut ohne Scheu religiös zu sein, den er unter bornierten
Bigotten und bei frechen Spöttern verloren, er wagte es ohne Scheu seinen
Glauben an Geheimnisse des höheren Lebens und an deren sinnliche Offenbarung zu
bekennen; er wusste, dass sie ihn verstand und würdigte, das merkte er aber auch,
dass diese Gesinnungen seiner Dolores abschreckend waren. Seine Betrachtung
darüber glich diesen Unterschied bald aus, er meinte es die höchste Unschuld,
Gott und die Welt, alles in sich zu fühlen und zu ehren, ohne es von sich zu
trennen - so leicht weiss sich ein Liebender von dem zu überreden, was er nicht
anders wissen will. Die Beendigung ihres Bildes, das er immer neu anfing und nie
zu seiner völligen Befriedigung enden konnte, da sie ihr Gesicht, um noch
schöner, noch lebhafter zu erscheinen, ganz unnütz bewegte und veränderte, hielt
ihn noch über seine Ferienzeit in der Stadt zurück; es waren so schöne Stunden,
wo er ihr so oft in die Augen sah. Auch sie unternahm es ihn zu zeichnen, aber
die Geduld fehlte ihr, es wurde eine Karikatur. Um ihren Fehler zu verstecken,
hatte sie nämlich allmählich alles übertrieben; er wunderte sich über sich
selbst, dass er so aussehe in ihren Augen, wir aber müssen bekennen, dass wir
jungen Mädchen, die Karikaturen zu zeichnen geneigt sind, einen Hexenprozess
machen würden, es geht nicht mit rechten Dingen zu und ist uns in der innersten
Seele verhasst; was kann denn ein Mädchen noch menschlich erhalten, wenn ihr die
menschliche Schönheit nicht einmal heilig ist, die überall selten, nun noch
durch den unauslöschlichen Eindruck echter Zerrbilder, bei jeder Wiederbegegnung
des misshandelten Unglücklichen, aus den letzten Schlupfwinkeln immer mehr
verschwindet. Bald trägt er vor unsrer Einbildungskraft wirklich alle die
erschrecklichen Ecken und Verdrehungen - bei Gott, nur ein verzweifelnder
Politiker, der das Wohl des ganzen Staats in Gefahr sieht, darf so frech das
Ebenbild Gottes im einzelnen Menschen verhunzen, als wir solches in England
sehen. Klelia sagte der Dolores das oft, wenn sie ihr so allerlei unschuldige
Leute, die ihr irgendwo begegnet, vorlegte; diese aber meinte, man dürfe das
nicht so ernstaft nehmen und es erkenne doch jeder den Scherz.
    Inzwischen war in der innern Haushaltung des Schlosses einige Veränderung
durch die Freigebigkeit des Grafen hervorgebracht. Er hatte sich, nicht ohne
weitläuftige Überlegung und Abwägung verschiedener anderer Gelegenheiten die
beiden armen schönen Kinder zu unterstützen, endlich eines Abends mit
niedergeschlagenen Augen an seinen Wirt gewendet - der ihm die erste
Bekanntschaft im Schloss erworben, ihm auch die drückende Armut dort
beschrieben hatte - und ihm bei unverbrüchlicher Verschwiegenheit zwei Dritteile
seines Reisegeldes eingehändigt, sie den Gräfinnen als eine heimliche alte
Schuld, die ihr Vater in seinen Büchern einzutragen vergessen, ohne Nennung des
Schuldners zu übermachen. Der Wirt übernahm den Auftrag sehr gern, aber er
schenkte nach seiner Art reinen Wein ein; auch hätte es allzu unnatürlich ihm
gelassen, wenn er, der dringendste aller Schuldner, dieses Geld, das offenbar
der Masse anheim fiel, den Kindern überliefert hätte. Klelia entschied durchaus,
dass sie dies Geld nicht annehmen könnten; es sei erniedrigend, von einem jungen
Manne, der wahrscheinlich selbst keinen Überfluss grosser Reichtümer besitze, eine
so bedeutende Summe anzunehmen, es könne ihn zum Schuldenmachen verleiten;
überhaupt verstimme es das gute Verhältnis, in welchem sie bisher mit ihm
gestanden. Dolores warf ihr einen falschen Hochmut vor, sie möchte denken, wie
sie noch am Morgen in ihrem Bette um eine Unterstützung gebetet, dass sie ohne
Schande vor der Welt und vor den Augen ihres Freundes bestehen könnten; das
Fasten müsse auch endlich ihrer Gesundheit schaden, das beweise schon die
krampfhafte Ohnmacht, in die sie neulich verfallen; genug, sie nehme das Geld zu
ihrem Besten an, sie wolle als Schwester für sie sorgen, - und somit nahm sie
den Geldbeutel und der Wirt, der sich eine Freude gedacht hatte, um an die Decke
zu springen, schüttelte den Kopf und ging und dachte in sich: mit armer Leute
Hochmut wischt sich der Teufel den Mund.
    Klelia ehrte die gute Absicht in ihrer Schwester, ob ihr gleich die ganze
Sache nicht recht schien; wie sehr verwunderte sie sich aber, als sie bald den
grössten Teil der Summe von ihrer Schwester für allerlei Putz ausgegeben sah. Sie
erinnerte, aber Dolores wurde böse, sie möchte bedenken, dass des Grafen Liebe zu
ihr diese Summe ins Haus geführt, darum wolle sie auch ihm zur Liebe sie
verwenden; Klelia erinnerte umsonst, so wäre es doch besser ihn zu bewirten, ihm
selbst den Aufentalt in der Stadt weniger kostspielig zu machen, wenn sie es
für ihn verwenden wolle. Aber Dolores meinte, sie könnten es doch nicht
standesgemäss einrichten, dazu fehle ihnen Gerät und Dienerschaft, und sie liess
sich überhaupt nicht viel einreden, wo sie etwas beschlossen hatte. Sie
schmückte sich und die Zimmer, dann auch die Schwester, schaffte auch mancherlei
Leckereien, denen sie lange hatte entsagen müssen; ihr gewöhnliches Leben aber
ging in voriger Kärglichkeit fort. Der Graf glaubte seine List glücklich
ausgeführt, Dolores begrüsste ihn wie sonst ganz unbefangen, nur Klelie war etwas
verlegen; er dachte in sich: sollte das wohl Stolz sein, nun sie für einige Zeit
in bessere Umstände gekommen; wohl hat mich die Mutter oft vor dem Stolze
frommer Menschen gewarnt, ich muss sie selbst bei Gelegenheit davor warnen. Es
sei uns hier vergönnt die Jugend ernstlich gegen Menschen voll böser Erfahrung
zu verwarnen, damit sie selbst Erfahrungen macht, statt sich jede Lebensaussicht
durch gefärbte Gläser zu entstellen; fürchte jeden, der sich so zum Mittelpunkte
der ganzen Welt macht, dass er zu sagen wagt: »so sind die Weiber, so sind die
Männer in Tugenden, in Lastern«, weil der kleine Kreis seines Lebens sie ihm
öfter so dargestellt hat; die Beobachtung, die in ihm erloschen und
ausgestorben, sieht durch die Fügung seiner Kristallinse, die das Unglück
verknöchert hat, die ewig fortstrebende, durch alle Geschlechter sich
fortbildende Welt in Winkel und Abschnitte geteilt; ehre und höre ihn, es wird
dich weiser machen und aufmerksamer, aber beobachte überall erst selbst; denn
dasselbe kommt nie wieder in der Welt, nicht in Tugenden, nicht in Lastern;
jener steht im Traume über der Welt und ist tief unter ihr und baut sich sein
Grab; du aber, liebe Jugend, sollst wachen und schaffen und dir ein Haus bauen
aus Rosen und es mit Lilien decken, solange dir Rosen und Lilien blühen.
 
                                Neuntes Kapitel
               Graf Karl in Armut. Rückreise nach der Universität
Als der Graf bemerkte, dass der Putz seiner geliebten Dolores Freude mache, so
fand er diese Liebhaberei am Unbedeutenden so artig mädchenhaft, dass er sich
allerhand gute Gelegenheiten ersann, ihr Geschenke der Art zu übermachen; bald
kam eine arme Krämerin, die so etwas zum Verkauf bringen musste zu geringem
Preise, bald hatte er, um sie zu erschrecken, eine Puppe schön ausgeputzt, dann
war es Jahrmarkt. Klelien schenkte er einige Dichterwerke, auch manches Gedicht
von ihm selber, die freilich wie ein allzu heftig schäumendes Getränk den Becher
mehr mit feinem glänzenden Schaume als mit erquickender Flüssigkeit füllten,
aber von ihr doch sinniger aufgefasst wurden, als von der Schwester, der er sie
viel zu schlecht glaubte. Mit solchen Ausgaben ging das zurückbehaltene Dritteil
seines Reisegeldes unbemerkt ganz auf, so fand er sich eines Tages, als er einen
kleinen Ring für Dolores erkaufen wollte, ohne Geld; das fiel ihm so schwer aufs
Herz mitten in seinem leichten Taumel, er war so fremd in solchen
Angelegenheiten, dass er sich oft in der ersten Verwirrung wünschte, von irgend
einem fallenden Dachziegel erschlagen zu werden. Ohne diese Geldnot wäre er
schwerlich aus dem Zauberschlosse gewichen, aber einige reiche Landsleute, die
durchreisend zu seiner Universität von seinem Umgange mit ein paar armen Mädchen
hörten, verpflichteten ihn, indem sie ihm Geld vorstreckten, einen Sitz in ihrem
Wagen anzunehmen. Wir wollen uns nicht mit der Erzählung seines Abschiedes den
eignen Schmerz aufrühren, der immer noch unter der Asche von tausend genommenen
Abschieden glimmt; ich schweige von der sinnreichen Art, wie er sein Angedenken
und das Angedenken jeder Stunde mit kleinen Denkmalen im Hause und im Garten zu
befestigen suchte; seiner Dolores war er so gewiss, aber der Boden, auf dem er
mit ihr so froh gewandelt, hatte sich belebt, war sein Vertrauter geworden, da
nur wollte er leben, der sollte einst auch seine Asche empfangen. Sonderbar,
sonderbar, wie der Gedanken von Tod sich in ihm, dem frischen blühenden Jüngling
so oft den Liebesgedanken beimischte; aber der Gedanke liegt sehr nahe bei dem
höchsten Glücke, das wir zu erschwingen vermögen. Klelia hatte noch so manche
freundschaftliche Aufmerksamkeit und Dolores war liebreicher als je, oft glaubte
er, der Abschied sei unmöglich, und da war er schon geschehen und es regnete vor
seinen Augen, er konnte das Haus kaum sehen, vor dem er stand, und nun ist's
vorbei; seh dich noch einmal um, fasse alles recht ins Auge und nun fort. Was
soll ich von seiner Sehnsucht, von der Öde sagen, die ihn in der rauschenden
jungen Gesellschaft umgab, jeder wollte etwas von der Universität wissen und er
hatte sie ganz bei den Gräfinnen vergessen. Überall sah er Beziehungen auf sie,
an jedem Mauerwerk war eine Ähnlichkeit mit etwas im Schloss, aber laut musste
er weinen bei einem kleinen Mädchen, das verkleinert ihm ihre Ähnlichkeit
darstellte, ohne dass er eigentlich im ersten Augenblicke erraten konnte, was ihm
bei dem Kinde einfiele; er beschenkte es reichlich nach seines Alters Wünschen.
Überall schlugen die Uhren erinnernd, was jetzt in dem gleichförmigen Gange des
kleinen Haushalts der beiden Mädchen geschehe; überall hingen
Haushaltungskalender, die ihm vorrechneten, dass wieder ein Tag ihm verloren;
überall sah er Menschen, die sie nicht kannten, Gegenden, die sie nicht gesehen.
- Zu seiner Zerstreuung liess er sich überall mit den Menschen in Gespräch ein,
einmal mit dem Gärtnerburschen eines grossen fürstlichen Gartens. Der Bursche
lachte über seinen Obergärtner, der fluchend vorbei lief, und sagte: »Der macht
sich jetzt in der heissen Sonne ein Geschäft, um nicht zu Hause einzutreffen, da
würde ihm die Frau ein Gesicht machen.« - »Warum denn, ist sie so böse?« fragte
der Graf. - »Wie es kommt«, meinte der Bursche, »jetzt ist der Fürst bei ihr;
nicht wahr, Sie merken wohl, was die Glocke geschlagen, unser einer vom Hofe
darf davon nicht viel reden.« - Der Graf schimpfte über die Nichtswürdigkeit des
Obergärtners. »Es ist sonst ein braver Mann«, sagte der Bursche, »aber die Frau
taugt nichts und er liebt sie allzu sehr; schon zweimal ist er in alle Welt
gelaufen, um den Jammer nicht mit anzusehen, er findet überall Brot; aber dann
kommt er immer wieder, und bittet es ihr ab, und kann nicht von ihr lassen; es
ist, als wenn sie ihm was angetan hätte.« - Die Geschichte durchschauerte den
Grafen so eigen, als liefe der Tod über sein künftiges Grab: In der nächsten
Station blieb er zurück von seiner jugendlichen Gesellschaft, schrieb an seine
Dolores alles Zärtliche, alles Besorgliche, was er unterwegs gedacht, nur diese
Geschichte verschwieg er, dagegen setzte er einen ernsten Brief mit seines
Namens Unterschrift an den Fürsten auf, worin er ihm sein Unrecht grell vormalte
und mit den Worten schloss: »Ich habe es gesagt und meine Seele gerettet.« - Eine
Stunde, nachdem er beide Briefe auf die Post gegeben und kühler nachdachte,
schämte er sich des letzteren an den Fürsten gar sehr; er drückte die Augen zu,
wurde rot, musste vor sich lächeln, so oft er an die Verwunderung, an das Spotten
dachte, was vielleicht aus diesem Briefe folge; lange Zeit konnte ihn sogar der
Name des Fürsten rot machen, insbesondre wenn er dachte, wie sonderbar sich ein
andrer Mensch dieses Rotwerden deuten könnte. Diese Beschämung, etwas dem
Weltlaufe so Ungefüges und wahrscheinlich ganz Unnützes vollbracht zu haben,
zerstreute ihn etwas auf der Fortsetzung seiner Reise; seine Schritte
beschleunigten sich, um der Beschämung zu entgehen, während ihn die Liebe bei
jedem zurück hielt. Spät Abends, sehr ermüdet kam er nach der Universität auf
sein kaltes Zimmer zurück; die Aufwärterin war nicht zu Hause, er bekam von
einem neu angekommenen Studenten Licht und fand alles bei sich, wie er es
verlassen, sogar sein Kaffeegerät stand noch, wie er davon zur Reisegesellschaft
abgerufen worden; aber in seinem Herzen war es jetzt so warm und draussen so
kalt. Hastig schritt er im Zimmer auf und ab, nahm alles in die Hände, legte
alles wieder hin; bald wollte er ausgehen, um alte Freunde zu besuchen, um sich
den Lectionscatalogus zu holen, bald wollte er noch einen Brief schreiben; aber
es wurde aus allem nichts, denn aus der Ferne, aus dem nächsten Gastause,
schallte ihm die reizende Einförmigkeit einer Tanzmusik; bald glaubte er darin
verständige Worte zu hören und musste gegen seinen Willen immerfort mit singen:
»Ich hab sie, ich halt sie, ich lasse sie nicht.« Endlich kam die Magd, freute
sich weitläuftig seiner Ankunft, sprach von angekommenen Briefen und brachte aus
ihrem Busen einen hervor, der eben abgegeben worden; der Graf fuhr darauf los,
es war der erste Brief seiner Dolores, auch einer von Klelien; er konnte ihn
nicht gleich lesen. Er fing mit dem letzteren an, dann folgte unter Herzpochen
der erste, der liebste; er konnte bis zum Morgen nicht einschlafen. Alle ihre
gegenseitigen Briefe sind durch einen Zufall, den wir später erzählen, verbrannt
worden; sie beschäftigten ihn so ernstlich wie Staatsangelegenheiten, und kam
irgendwo Feuer aus, so war immer sein erster Gedanke, wo er die geliebten Briefe
ganz sicher wissen möchte. Diese viel geküssten Briefe seiner Dolores stellten
recht lebendig manche kleine Begebenheiten dar, die sich in der Stadt
ereigneten; sie selbst aber hatte immer ein gewisses stolzes Vergnügen sich kalt
wie eine Götterstatue über der jauchzenden Volksmenge zu denken. Klelia hatte
einige Ängstlichkeit in ihren Briefen, sie entielten manche quälende
Betrachtung über den eignen Seelenzustand, ihre Strenge vergrösserte ihre Fehler;
ihre Freundschaft, da sie der Liebe noch ermangelte, nahm ohne ihr Wissen alle
Ausdrücke feuriger Leidenschaft an. - Der Graf fühlte zuweilen, dass sie ihm
beide nicht schrieben, was ihm das Wichtigste, die kleinen Verhältnisse ihres
täglichen Lebens, wohin sie gebeten worden, was sie da gesprochen; lauter Dinge,
die ihm dringend notwendig waren, um jeden Augenblick ihrer mit
Wahrscheinlichkeit bewusst zu werden, und so blieb er immer bei den nächsten
Tagen nach seiner Abreise stehen, wo sie zum Prediger der Stadt gehen wollten.
Er selbst merkte nicht, dass er eben so wenig treffe, was sie von ihm wissen
wollten; was ihm begegnete, schien ihm ganz unwert so herrlichen Wesen erzählt
zu werden, auch waren seine sterndrehenden Phantasien, halb in Versen, meist mit
flüchtiger Feder so eng geschrieben, dass oft keine der Schwestern sie heraus zu
buchstabieren vermochte. Aber jeder seiner Briefe war doch beiden eine Freude;
er aber lebte in beider Briefen, lebte darin so schöne selige Stunden, sie waren
ihm die höchste Belohnung für jede Arbeit, es schien ihm verdienstlich, wie bei
manchen älteren Religionsbüchern ausdrücklich gesagt wird, sie oft durchzulesen,
der Briefbote war sein bester Freund, er ahndete sein Kommen. Der Winter verging
ihm langsam und schnell, langsam in der Erwartung, schnell wenn er überlegte,
dass schon wieder ein Monat überwunden; lange vorher, ehe der Frühling die Vögel
um die Erde führt, sang ihm der Dompfaffe, den ihm Dolores in schöner Stunde
geschenkt hatte und den er in seiner polnischen Mütze fortgetragen hatte, die
wunderbare Melodie des Liedes:
Liebend, um geliebt zu werden,
Reis ich um die grüne Erde;
Ach wo wird der Blick mich finden,
Der mich bindet,
Und an welchem frommen Herde
Bleib ich, um geliebt zu werden.
 
                                Zweite Abteilung
                                    Reichtum
                                  Erstes Kapitel
       Geschichte der beiden Gräfinnen in der Abwesenheit des Grafen Karl
                           Klelia reist nach Sizilien
Das Schloss und die übrigen Lebensverhältnisse unsrer beiden armen Gräfinnen
hatten sich während dieses Winters durch die Freigebigkeit des Grafen, der ihnen
auf dem bekannten Wege durch den Gastwirt beinahe seinen ganzen Wechsel sendete,
und nur das Notdürftigste für sich behielt, bedeutend bequemt und verschönert.
Gegen die Bitten der eingezogenen Klelia hatte Dolores ein paar Zimmer des
besten Stockwerkes in Ordnung gebracht, zwar möglichst sparsam mit
altertümlichem Zimmergeräte aus dem fürstlichen Schloss, das eben versteigert
wurde, aber doch anständig genug, um wieder Gäste zu empfangen. Sie fühlte seit
den sechs Wochen, deren sie in des Grafen Gesellschaft froh geworden, ein
Bedürfnis der Geselligkeit; sie erneute die alten Bekanntschaften mit den
vornehmen Stadtbewohnern, da fand sie manchen jungen Mann recht schön
angewachsen, dem sie schon als Kind geneigt gewesen; diese mochte sie nicht
vermeiden und ihre Gläubiger liessen sich nicht abweisen, und so fanden sich oft
unerwartet die Zimmer ganz voll, sie aber war der schöne Mittelpunkt aller
dieser Bemühungen. Klelia war wohl auch schön zu nennen, aber der ganze Ernst
ihrer Erscheinung rückte sie über die Ansprüche des grösseren Haufens hinaus;
keiner wagte sich ihr mit einer leeren Schmeichelei, oder mit einem blossen
Flickworte der Unterhaltung zu nähern, darum fand sie mancher zu kalt, zu
gescheit und wenig unterhaltend. Dolores stellte gern jede Sonderbarkeit recht
grell aus, sie fühlte sich erleichtert, wo sie dem allgemeinen Sinne für das
Passende und Gefällige auf eine ungemeine Art getrotzt hatte; die Männer kannten
ihren Vorteil über jedes Mädchen der Art, sie musste ihnen viel ärgere
Sonderbarkeiten durchgehen lassen; beides war der frommen Klelia verhasst, ja sie
würde die Gesellschaften vielleicht ganz gemieden haben, wenn ihre Gegenwart der
Schwester nicht wohltätig gewesen wäre, um die verschiedenartigen Menschen in
Zaum zu halten. Diese verschiedenartigen neuen Eindrücke, welche die
Gesellschaft auf die Gräfin Dolores machte, verdrängten den Grafen immer mehr
aus ihren herrschenden Gedanken; ihre Briefe zeigten davon keine Spur, die Feder
führte sie unbewusst immer wieder in die alte Gegend zurück und dem Grafen war
alles herrlich, was ihn daran erinnerte. Ihr Gefühl schlug überhaupt hell und
laut an nach der Art wie es berührt wurde, aber der Nachklang dieser Glocke ging
in den nächsten Schlag des Hammers über und vermischte sich damit; die
Zärtlichkeit, die der Graf in ihr erweckt hatte, überraschte sie jetzt in der
Nähe jedes liebenswürdigen Mannes; nun fühlte sie sich freilich so an ihn
gebunden, dass sie dies zu keiner eigentlichen Äusserung kommen liess; aber junge
Leute in unseren Tagen verstehen sich schon auf Blicke, und also machte sie
ihnen wenigstens falsche Hoffnungen, und des Grafen Bild verschwand allmählich
so weit, dass sie ihre Karikatur aufsuchen musste, um sich seiner zu erinnern.
Eine schöne fromme Seele ist wie das Tüchlein der heiligen Veronika, auf welchem
das Bild des Geliebten ohne Malerkunst in ewiger Treue abgedrückt bleibt, alles
ist ihr reine Erinnerung von ihm, unverschönert, denn das bedarf er nicht,
unverhässlicht, denn das leidet sie nicht; dagegen erscheint eine leichte
Weltseele als ein Spiegel, der freilich alles Nahe, das Schöne und Hässliche mit
einer Lebendigkeit fasst, dass es ganz davon aufgenommen scheint, aber nur das
Sichtbare berührt sie; jenseit eines schmalen Gebürges liegt ihr schon eine
Ferne, die sie nicht verbinden kann, und über alles Vergangene fährt auslöschend
eine Sündflut her. Wie treu bewahrte Klelia ihre Freundschaft zu dem Grafen,
während ihn Dolores tagelang in ihren Umgebungen vergass, und wie töricht legte
sich der Graf, der Meinung seiner Mutter eingedenk, dass nie blosse Freundschaft
zwischen verschiedenen Geschlechtern gefunden werde, jene Äusserungen warmer
Freundschaft als eine unselige Liebe aus, die sich selbst nicht verstände und
die er bekämpfen müsse. Diese kalten Briefe wirkten vielleicht mehr als die
äusserlichen Vorteile und die Rücksichten auf ihre Gesundheit, sie zur Annahme
eines Vorschlags zu bestimmen, der sie ihrer Schwester und dem Grafen auf
längere Zeit entriss. Eine ihrer Basen, die würdige Frau eines Schweizer-Obersten
in Sizilien, war von ihrem Manne zu einer schnellen Abreise dahin bestimmt; da
ihre Kinder gestorben, so wünschte er ein paar seiner ärmeren Anverwandten sich
zu gewöhnen, und in sein Haus zu nehmen, um ihnen den Mitgenuss seiner
reichlichen Einnahmen und seines angenehmen Hauses zu schenken, wenn er ihnen
gleich kein bedeutendes Vermögen hinterlassen könne. Sie machte den beiden
Gräfinnen den Vorschlag, ihr Glück in jenen entfernten schöneren Klimaten zu
versuchen. Wir wissen, was Klelia zu der Annahme dieses Vorschlages bestimmte;
auch die schmerzliche Erinnerung an ihre Eltern und das Unerträgliche von
fremden Wohltaten zu leben, hatten Anteil an dem Entschlusse; wie sehr erstaunte
sie aber, als Dolores ganz rücksichtslos sich auch für die Mitreise erklärte.
Das Fremdartige des Unternehmens reizte sie, dass sie viele, und viele von ihr
sprechen würden; der blaue Himmel, die Musik, der Karneval, endlich die
Kunstdenkmale, an denen sie ihr Malertalent ausbilden wollte, der ganze
Feststaat, den tausend Beschreibungen um den Namen Italia gelegt haben, das
alles rauschte vor ihr über, und die vernünftigen Vorstellungen der Schwester,
eine nahe vorteilhafte Heirat mit einem geliebten Manne der blossen Neugierde
nicht aufzuopfern, genügten ihr nicht davon abzustehen; die Obristin musste ihr,
nachdem sie die Umstände erfahren, den Platz in ihrem Wagen ausdrücklich
versagen. Wir, die wir den Ausgang kennen, wünschen, sie wäre dem Winke ihrer
Natur gefolgt, der Natur, die sich in ihrer Sehnsucht und Laune selten
ungestraft widersprechen lässt, denn sie allein weiss, was sie will, wir aber
wollen, was wir nicht wissen.
    Klelia reiste mit schwerem Herzen aus dem väterlichen Hause, Dolores hatte
ihre Ermahnungen nicht anhören wollen; sie liess ihr ein schriftliches
Vermächtnis, das diese zerstreut und weinend über ihr Schicksal wohl durchlas,
aber in keiner Hinsicht beachtete. Statt der Erinnerung zu folgen, allen den
Gesellschaften zu entsagen, die ihrem künftigen Leben meist ganz unangemessen,
suchte sie sich vielmehr für alle entbehrte italienische Luft zu entschädigen.
Die Stadtbälle, die sie sonst aus gemeinsamem Stolze wie ihre Schwester
verschmäht hatte, wurden ihr ganz notwendig; sie wollte sich eben so in Kleidern
auszeichnen, wie sie durch Schönheit hervor leuchtete, und so verschwendete sie
sehr schnell, was der Graf sich abgespart, und was die Obristin ihr verehrt
hatte. Auch ihre Lust am Reiten kam ihr wieder; sie wusste, wie verhasst dies dem
Grafen an Frauen war, der darin einen besondern Trotz gegen die öffentliche
Meinung ahndete, die an kleineren Orten Deutschlands gewöhnlich hinter den
Reiterinnen herlacht und jeden kleinen Unglücksfall mit Spott wiederholt und
vergrössert. Natürlich schrieb sie ihm nichts von dem allen, sie suchte die
einsamen Stunden eines allgemeinen Überdrusses auf, wo die Sehnsucht nach seinem
vetraulichern Umgang ihr wiederkehrte, um ihm so schmachtend, so süsstraurend zu
schreiben, wie eine Braut des Himmels; es war das gar keine absichtliche
Verstellung, sie hätte aber wahrlich keine andre Zeit dazu finden können und in
den Stunden war es ihr Ernst. Eins unterscheidet das reine Gemüt und das grosse
Talent, die Einheit seines ganzen Daseins, mannigfaltig wie Gottes Welt. Das
kleinliche Gemüt ist gleich dem besten Menschenwerke aus widersprechenden
Stücken zusammengesetzt, unter denen manches herrlich sein kann, aber es muss aus
dem Zusammenhange herausgerissen sein, um ganz gewürdigt zu werden.
 
                                Zweites Kapitel
        Graf Karls Rückkehr zur Gräfin Dolores. Missvergnügen und Streit
Unserm befreundeten Grafen gaben endlich die Osterferien volle Freiheit zu
seiner Braut hinzuwandern, jeden Tag hatte er bis dahin an seiner Türe
ausgestrichen, alles war voraus eingepackt, geordnet, der Abschied war genommen,
und einsam wie ein Pilger nach heiligen Orten, voll Gedanken fromm und rein, in
denselben alten, an der Sonne verschossenen grünen Husarenkleidern, schritt er
eifrig über Berg und Tal, ohne Umsehens, schweigend in sich, dem hohen Ziele
seiner Wallfahrt zu. Und wie er sich dem näherte, immer höher schlug ihm sein
Herz, und als er wieder auf dem Felsen sass, wo er sie zuerst belauscht, wie sie
Linnen begossen: weicher kann kein König sitzen, der lange vertrieben seinen
Tron fest und unbesetzt wiederfindet. Die Sonne stand ihm im Abendscheine
gerade gegenüber, sie blendete ihn und erweckte vor seinen Augen eine Welt von
Blumen, wie es kaum die Morgensonne vermag; endlich konnte er hinuntersehen, wo
ihn das Linnen sonst geblendet; er wischte sich die Augen, so viele springende
Funken erschienen vor ihm. Endlich unterschied er Dolores, wie sie mit
verbundenen Augen zwischen einer Zahl junger Herren und Mädchen ein Haschen
spielte. Was war unschuldiger als dieses Kinderspiel und doch gehörte es nicht
zu ihr, wie er sie gekannt, wie sie sich und ihre Stimmung und ihre Lebensweise
in ihren Briefen dargestellt hatte; sie hatte sich in einen Edelmut und
Heiligkeit verwegen hinein geschrieben, die sie nun jeden Augenblick ableugnen
musste; die Briefe waren kein Schattenriss von ihr, sondern eine abgestreifte
glänzende Haut, von der sie sich gern zu gewissen Zeiten befreite, um dann um so
gelenkiger in ihrer eigentlichen Natur sich zu bewegen. Das alles bemerkte der
Graf mit einem tiefen Ingrimm, den er noch nie in sich gespürt; fluchte, als sie
einen jungen Mann erhaschte, der sich lange wehrte, bis sie die Binde sich von
den Augen gerissen und ihn erkannt hatte. Nun kniete der junge Mann vor ihr
nieder und sie verband ihm die Augen und spielte dann so artig mit den Händen
vor ihm herum, ihn zu prüfen, ob er sehen könne, bis er die eine Hand ergriff
und einen Kuss darauf drückte; nun sprang der Malm gleichgültig auf und das Spiel
begann in der bekannten Art. Der Graf dachte, wie dankbar er für solche Gunst
würde gewesen sein, und da träumte er sich so hinein, dass seine Neigung die
Eifersucht bald niedergekämpft hatte. Jetzt wurde sie wieder gefangen und
augenverbunden; er freute sich an ihren zierlichen Bewegungen, und als er sich
an der Mauer möglichst genähert hatte, lief sie einmal wild suchend so schnell
nach der Gegend, dass der Luftstrom das feine weisse Kleid so dicht anwehete, dass
der ganze Umriss ihres schönen Wuchses deutlicher, als er ihn je gesehen, ihm
entgegentrat: welche Fülle im schönsten Ebenmasse! Jetzt hielt er sich nicht
mehr, er sprang über die Mauer und mischte sich unter die laufende Menge, der es
nicht befremdlich war, noch durch einen Gast vermehrt zu werden.
    Der Graf nahm sich absichtlich so ungeschickt, dass Dolores ihn fing; wie war
sie überrascht, als sie heissatmend ihre Binde lüftete, ihren Geliebten zu sehen,
aber leider wie verändert. Das ärmliche eingezogene strengfleissige Leben hatte
ihm wohl etwas von der Frische genommen, in der er das erstemal erschien, und
die Liebe, die in ihm verschlossen, und die Sonne, in der er selig träumend,
ihrer gedenkend, oft stundenlang gelegen, hatten ihn gebräunt; mehr aber
entstellten ihn in ihren Augen die verschossenen Kleider, die schmutzige Wäsche
und vor allem die Vergleichung mit gar vielen schöneren, grösseren Männern, die
sie unterdessen kennen gelernt und die ihn zum Teil in der Gesellschaft
neugierig umstanden. Damals in ihrer Einsamkeit war er ihr als der Schönste
erschienen, so hatte sie ihn allen ihren neuen Bekannten beschrieben, damals
hatte sie ihm rücksichtslos, weil niemand sie störte, jede Liebkosung gewährt,
jetzt wäre ihre grosse Vertraulichkeit leicht ein Gegenstand übler Nachrede für
die Mädchen der Gesellschaft geworden; das alles wirkte auf sie, ohne dass sie es
einzeln deutlich dachte; so froh sie erst aufjauchzte bei seinem Anblicke, so
folgte gleich eine verwundernde Stille. Der Graf wollte sie küssen, sie kam ihm
etwas mit dem Munde entgegen, dann zog sie ihn wieder zurück; der Kuss kam
zustande, aber wie ein Wappenabdruck, wenn das Siegellack schon kalt geworden;
genug, die Wonne, die er in ihrem ersten Grusse erwartete, die fand er nicht. Das
machte ihn nachdenkend; statt der tausend Dinge, die sich ihr vorher mitteilen
wollten, fiel ihm jetzt kaum ein unbedeutendes Wort ein zum herzlichen Grusse.
Die Lebhaftigkeit der Dolores suchte das auszugleichen, und zu vergüten; sie
neckte alle, sie neckte ihn und suchte sich vor ihrem Geliebten in der ganzen
Pracht ihrer neuen geselligen Ausbildung zu entfalten, die bei Mädchen des
Alters häufiger als bei Männern in eine Art unbändigen Geschwätzes übergeht. Es
war ein böser Streich, den ihr die Eitelkeit spielte; dem Grafen schien es ein
entsetzliches Geschrei ohne allen Sinn und Geschick, ein dummdreistes Zudecken
der Verlegenheit mit Verlegenheit, unzierlich, leer und absprechend; es schien
ihm, all und jeder fände darin seine Stelle, nur er nicht mit seiner Gesinnung,
mit seinem Ernst, mit seiner Laune - und nun schmerzte ihn die Abwesenheit der
guten Klelia doppelt, die sicher alle schreiende Farben dieses Bildes in einen
milden Schatten gestellt hätte. Gern wäre er mit Dolores einige Augenblicke
allein gewesen, aber sie gab keine Gelegenheit dazu; und da die Gäste keine Lust
bezeigten, sich seinetwegen zu beurlauben, so entfernte er sich ihretwegen,
indem er eine Ermüdung nach langer Reise vorschützte. Dolores glaubte daran und
merkte nichts von seinem Unmute; sie horchte, was jeder von ihm sagen würde, und
lobte ihn allen mit vieler Beredsamkeit, bis einer ihr so heimlich schmeichelnd
sagte: »Ich weiss nicht, ob Sie schöner oder gütiger sind, aber das weiss ich, Ihr
Geist setzt alles durch, macht die Stummen geistreich; gestehen Sie's nur, Sie
selbst können nicht blind sein?« - Sie lächelte und die Unterredung war aus, die
Gesellschaft ging aus einander und einer sprach heimgehend zum andern: »Schade,
hätte das hübsche Mädchen Geld, so brauchte sie den ungeschliffenen Grafen nicht
zu heiraten; lieben kann sie ihn unmöglich, ich hab's ihr wohl angemerkt.« -
»Nun da gibt's gute Zeit für uns junge Leute«, meinte scherzend ein alter
Hagestolz.
    Graf Karl sah die Gesellschaft die Strasse herunter bei sich vorüber gehen,
er hatte sich eine Wohnung in der Nähe der Gräfin gemietet; er würfelte mit
seinen Gedanken in Gedanken, ihm war es einerlei, ob er etwas oder nichts
geworfen; in dieser Gesinnung sind die folgenden Verse damals von ihm ins
Tagebuch geschrieben:
Da steh ich an meinem Fenster,
Und sehe doch nicht heraus,
Da gehen so viel Gespenster,
Die tauschten mein Liebchen mir aus.
Das sind so geistreiche Männer,
Die sprachen mit Liebchen so tief,
Bis sie von allem die Kenner,
Was in der Seele noch schlief;
Das haben sie aufgewecket,
Noch eh' es recht wachen konnt,
Und haben sich mit genecket,
Als wenn der Mondschein sich sonnt,
Die Seel ist ihr ausgetauschet,
Sie war mir ja sonst so lieb,
Wo nun ihr Geschrei mir rauschet,
Da mein ich, es werde so trüb.
Ich hatte so fromm sie verlassen,
Als trostlos ins Städtlein ich ging,
Sie tät noch so heimlich da spassen,
Ich musste ihr messen den Ring;
Zwar lang musst im Städtlein ich warten,
Bis ich ein Ringlein ihr fand,
Der Feinen und der Vielzarten,
Das passte an ihre Hand.
Da bin ich auf Freunde gestossen
Und sagt es doch keinem nicht,
Warum die Tränen mir flossen
Froh über mein Angesicht,
Und will es auch keinem hier sagen,
Warum ich nun traurig und stumm,
Denn alle Worte versagen,
Wo alles geht so dumm.
Denn wie ich zurückgekommen,
Da sassen so viele beim Schmaus,
Die hatte sie aufgenommen,
Mir blieb da kein Plätzchen im Haus.
Da fehlt es an Schüssel und Teller,
Zwar gab sie das Beste mir gern,
Doch waren die andern viel schneller,
Es sorgten für sich nur die Herrn.
Sie hatten sich selber geladen,
Und rühmten sie alle so sehr,
Das muss ihr wahrlich noch schaden,
Dass sie so vorlaut wär;
Sie hat den einen geschlagen,
Er wusste gar nicht warum,
Den andern auf Händen getragen,
Ich sass da betreten und stumm.
Da hat mich der eine betrogen,
Gar heimlich um meinen Ring,
Ihn auf ein Bändlein gezogen,
Im Kreise er da ging;
Ich kann wohl beten und singen,
Doch weiss ich nicht für was,
Vor Ärger möchte ich springen,
Wenn das noch heisst ein Spass!
Was steh ich und sinn über andre,
Und bin nicht recht bei mir,
Viel lieber geh ich und wandre,
Viel tausend Meilen von hier;
Viel tausend Meilen und weiter,
Geh über und unter im Meer,
Drin steht eine Himmelsleiter,
Ach wer nur im Himmel erst wär.
Kaum hatte er diese Worte geschrieben, so übte die Ermüdung ihr Recht; er warf
sich unausgezogen auf den Sessel am offenen Fenster und betrat die ersten Stufen
der Himmelsleiter, auf denen sich der Mensch ohne zu schwindeln erhalten kann.
Frische Jugend, reich an Hoffen, wie der Frühling an blauen Blumen, jeder Morgen
weckt neue für die abgeblühten am Abend, deren Stelle kaum mehr zu finden,
unzählige Knospen warten noch ungeduldig auf ihre Entfaltung! Am Morgen, der ihn
aus schönem Traume zum schöneren Leben erweckte, war des jungen Mannes Gram von
der Brust, die am offenen Fenster voll Tau hing, bald mit diesem hinweggesonnt;
der Wind trieb das Zimmer voll Blüten aus dem Schlossgarten her; die Ebene von
den einzelnen Baumreihen der abgeteilten Gärten durchschnitten, wo jeder Zweig
ihm altbekannt, hallte vom alten Jubel; er schalt seinen Argwohn, der ihm den
Genuss der ersten Freude getrübt hatte, eine Torheit, eine Krankheit, eilte
hinunter, im vorbei rauschenden Flusse sich rein zu baden und aus zu frieren.
Als er so im Flusse gegen den Strom sich zu erhalten strebte, sah er ferne in
dem gräflichen Schloss ein Fenster sich öffnen; es war Dolores, die er wohl
zwischen den Gesträuchen durch, aber sie nicht ihn erkennen konnte; wie Tantalus
spannte er die Arme nach ihr aus, und dachte mit seliger Zuversicht: Du siehst
mich nicht, du schönster Apfel der ganzen Flur und meine Hände können dich nicht
erreichen und doch bist du mein, bald mein, und ich bin bei dir; wohl mir, dass
ich nicht bin wie die Erle und wie die wilde Rose neben mir, die auch ihre Ärme
zu dir ausstrecken; ich kann wandeln über Berg und Tal, durch Luft und Wasser
und bald bin ich bei dir, und du reichst mir die Hand! - Wir wollen nicht
lächeln, dass ein Mensch sich einmal freut ein Mensch zu sein, verfluchen es doch
so viele und verleugnen es. - Er zog sich zierlich an, Weste und Pantalons von
rot und weiss gestreiftem Sommerzeuge, eine rund geschnitten Jacke von leichtem
grünen Tuche; so trat er in das Zimmer der Gräfin, die ihn in einem gegen die
gestrige Pracht allzu sehr vernachlässigten, durchgestossenen Morgenanzuge von
dem fatalen Zeuge, das Sanspeine genannt wird, empfing, doch ganz die alte in
Liebenswürdigkeit und Zutraulichkeit. Mit vieler Laune spottete sie über einen
grossen Teil der Gesellschaft, die ihr nur zur Zerstreuung wegen der Abwesenheit
ihrer Schwester dienen sollte. Der Graf deckte nun ein Paket auf, wonach sie
neugierig geblickt hatte; oben auf lag der Verlobungsring, den er ihr aus der
Nachlassenschaft seiner Mutter verehrte: die zwölf Apostel, jeder mit seinem
Zeichen, bildeten in halberhabener Silberarbeit den Reifen; in ihrem Kreise
glänzte in Golde Christus in einem Strahlenscheine hoch erhaben, in seinen
Händen Kelch und Brot: alles von sehr schöner Arbeit, aber freilich nicht im
neuesten Stile; er übergab ihn ihr als das liebste Geschenk unter allem, was er
je besessen; sie tat zwar ihm zur Liebe, als wenn er ihr lieb sei, doch dachte
sie mit Ärger daran, dass sie ihn in Gesellschaft nicht würde tragen können;
steckte ihn aber an und bewahrte ihn. Dann übergab er ihr eine ganze Reihe der
zierlichsten Nonnenarbeiten, die er in einem Kloster am Wege mit grosser Freude
erkauft hatte; es waren teils fein gemalte Heilige auf zerstochenem Papiere, ein
kleines elfenbeinernes Tabernakel, Marienbilder, aus seidenen Läppchen
zusammengesetzt, geweihte Rosenkränze, eine Menge kindlich zierlicher
kirchlicher Pracht. Auch hierüber musste sie sich aus Anstand freuen, sie hatte
aber etwas viel Angenehmeres, allerlei neuen Putz erwartet, auch wusste sie
nichts mit diesen artigen Kleinigkeiten anzufangen, zu denen sie weder Andacht
noch Spiellust fühlte; sie konnte sich nicht zufrieden geben über den gewaltigen
Fleiss, der auf so was Unnützes verwendet, und schon diese Äusserung war ihm
unangenehm, der ganz gerecht den Fleiss hochachtete, der so unbedeutende Stoffe
zu beleben vermocht hatte. Dolores hatte aber während des einen Winters
regelmässiger Stadtvergnügungen sehr viel von der innern Freudigkeit vergessen,
die aus sich selbst und geringen Anlässen schöpft; zu einer Klaviermusik hätte
sie nicht mehr tanzen können; um sie anzuregen, gehörte wenigstens eine
Gesellschaft von zehnen, die alle auf sie achteten, und wenigstens die Gegenwart
eines Menschen, der ihr ganz unbekannt und dessen Aufmerksamkeit sie an sich
ziehen wollte. Wie unglaublich nutzt die tägliche Mittelstufe der Gesellschaft,
die stets sich beachtet, um nicht in Lust oder Schmerz abzuirren, die selbst
überlassene Freude auf; mit Hamlet möchten wir jungen Mädchen, die wir darin
erblicken, zurufen: »Geht in ein Nonnenkloster - statt an den Spieltisch zu
gehen.« Schon darum reizen uns die Landfräulein, die nur auf wenige Wochen in
die Stadt kommen, weil sie wie die Beurlaubten unter den Soldaten vor den steten
Diensttuern eine grosse Munterkeit bewahren, auch gewinnen die meisten Menschen
durch Reisen in sehr verschieden gebildete Länder bloss darum ein gewisses
poetisches Wesen, weil ihnen der Unwert vieler Verhältnisse unwiderlegbar
einleuchtend geworden; ihr eignes Vaterland überrascht sie mit manchem, was sie
sonst übersehen und verachtet. Diese Betrachtungen geben wir als Leichenrede
jener artigen Sächelchen, die der Graf zum Geschenke brachte und ein paar Tage
darauf die Heiligen mit Schnurrbärten und Schönpflästerchen schrecklich bemalt
bei Dolores antraf, die von dieser Arbeit ausruhend, sich vor Lachen nicht zu
lassen wusste. Ihre Gleichgültigkeit dagegen hatte ihn gekränkt, aber dieser
Missbrauch war nicht zu ertragen; er zerriss alles mit grosser Wut und warf es zum
Fenster hinaus, sie lachte immer mehr und schlug scherzend mit dem Rosenkranze
auf ihn. »Ich glaube, der Teufel lacht aus dir«, sagte er zuletzt, das Schweigen
hätte ihm das Herz abgestossen; er flog aus dem Zimmer fort nach Hause, da setzte
er sich nieder und überdachte, was er getan, wie ein Missetäter, der bald seine
Strafe erwartet und sich selbst dafür überliefert. Aber die Heiligkeit der
Wahrheit durchzuckte ihn auf einmal, auch sein höchstes Glück wollte er keiner
Lüge danken, nicht auf Schmeicheleien sich erborgen; er fühlte sein Recht und
wollte es ihr in einer leichten Allegorie deutlicher machen, und dazu schrieb
und übersandte er ihr die beigefügte kleine Erzählung:
                               Das Heidenmädchen
Der Sohn des Himmels und der Erde
Sah, aus der Weihnacht Abendrot,
Ein schönes Kind bei einer Herde,
Und keiner da Geschenke bot.
Der Glaube war noch nicht gedrungen
Zu diesen spät erschaffnen Aun,
Denn von den Felsen ganz umschlungen,
Konnt wenig Sonne überschaun.
Doch freut die Kleine sich am Lichte,
Das neu durch Felsenschatten strahlt,
Sie hat so gar ein lieb Gesichte,
Ein edles Blut die Wangen malt.
Sie muss im Lichte zierlich springen,
So glatt und weich schien ihr das Grün,
Und zu dem holden Echo singen;
Der Herr will sie zum Glauben ziehn.
Es sprengt der Herr mit Strahlenzügen
Die Ziegen ihr weit auf den Fels,
Sie klettert sorgsam nach den Ziegen,
Er zeigt den Weg im Blick des Hells.
Hin über die bemoosten Platten
Sie wagt sich, schaut ein andres Land,
Da will ihr Herz vor Schreck ermatten,
Denn alles scheint vor ihr in Brand.
Da stehen tausend kleine Tische
Mit bunten Lichtern rings besteckt,
Und Brot und Wein steht im Gemische,
Schön Messgewand die Tische deckt.
Und statt der Puppen heil'ge Bilder,
Bewohnen dieses Paradies,
Und Kinder ziehen sanft und milder
Und sehn wie dies so herrlich liess.
Das Mädchen sieht's und meint ihr eigen,
Was ihr kein andrer wehren will,
Doch bald sich viele Knaben zeigen,
Die bitten drum in Demut still.
Der eine will ihr Händchen küssen,
Dem wirft sie Äpfel ins Gesicht;
Der will sie schön mit Reden grüssen,
Dem hält sie in den Mund das Licht.
Doch einer kommt mit Witz zu streiten,
Da nimmt sie alle heil'gen Bild,
Beginnt sie närrisch umzukleiden,
Verliert sie dann im Spiele wild.
Was so viel tausend Engel säten,
Zerstört das Kind aus Unverstand,
Worum viel fromme Kinder beten,
Geschenk des Herren ist ihr Tand.
Da kam der Herr zu ihr gegangen,
Als armes Kindlein angetan,
Und tät nach etwas nur verlangen,
Was sie verworfen und vertan.
Da fand sie leer die reichen Tische,
Die Lichter waren fast verbrannt,
Es dampften schon die Buxbaumbüsche, -
Noch fand sie was, was sie nicht kannt.
Es war die Rute, die verguldet
Mit leeren Nüssen ausgeziert,
Die gibt sie ihm so unverschuldet,
Dem Herren, dem sie nicht gebührt.
Es nimmt der Herr die goldne Rute
Und zeigt sich, wie er einst erschien,
Gegeisselt, dass vom roten Blute
Auf Erden rote Rosen blühn.
Sein Haupt hängt schwach, er kann's nicht tragen,
Sein Blick ist jammervoll gesenkt,
Er spricht: »So willst auch du mich schlagen,
Die ich so reichlich hab beschenkt!«
Was sie verworfen und zertreten,
Sieht sie mit andern Augen an,
Des Herrn Geschenk in den Geräten
Zeigt sich im einfach tiefen Plan.
Im Wein, im Brot sein Angedenken
Und seiner Mutter heilig Bild,
Sie muss den Blick zur Erde senken,
Manch heilig Bild dort auf sie schilt.
Sie schauet rings zu ihren Füssen
Sein kunstreich Werk, das sie zertrat,
Zusammen hätte bleiben müssen,
Des Spieles Lust, der ernste Rat.
Des Buxbaums Flechtwerk war die Kirche,
Der glatte Fels war der Altar,
Doch öde steht nun das Gebürge,
Die Kirche ist verbrannt sogar.
Das Kind will nach den Gaben langen
Und sammeln, was es erst verwarf; -
Da wacht es auf und sieht mit Bangen
Sich ganz verschneiet, kalt und scharf.
Es kommt ein Tag, doch ohne Klarheit,
Die Kälte mit Entsetzen spricht:
Was du versäumet, ist die Wahrheit,
Was du verspielet, ist das Licht.
Diese allegorische Dichtung wurde der Gräfin treulich überliefert, aber sie
verstand kein Wort davon; sie las es von hinten rückwärts, es war ihr
unbegreiflich, denn beinahe hatte sie den Vorfall mit den kleinen
Heiligenbildern über eine Komödie ganz vergessen, die sie aufführen wollte. Es
ist mit den Dichtungen überhaupt das Eigene, dass viele Mädchen wie mit einem
scharfen Striche von dem Verständnisse gewisser Arten ganz abgesondert sind,
ganz insbesondre von allen, die ihrem Wesen und ihrer Natur zu nahe rücken, um
in ihrer Bedeutung ihnen erfreulich zu werden; Schmeicheleien verstehen sie
dagegen in dem allerbarockesten, unverständigsten Wortgepolter, und Bosheiten
gegen Bekannte ebenfalls; am meisten scheuen sie sich vor wirklich ernstaftem
Ernst und scherzhaftem Spass, weil beide durch die oberflächliche Schminke ihres
gewohnten Lebens hindurch brechen. Nach langem Lesen brachte sie endlich heraus,
der Graf halte sich für unsern Herrn Jesus, weil sie mit dem Kinde bezeichnet
sei; dass jede Dichtung etwas für sich Bestehendes sei, wenn sie auch Beziehungen
auf ein gewisses Ereignis habe, das war ihr nie in den Sinn gekommen. Sie lachte
der ganzen Sache und liess sie auf sich beruhen; sie wartete auf den Grafen, um
sich über ihn aufzuhalten, er kam nicht, da er keine Antwort erhalten. Sie
wartete mit Ungeduld, zuletzt ärgerte sie sich über ihn; er machte, dass sie eine
Gesellschaft versäumte, wohin sie mit ihm gehen sollte; zuletzt fielen ihr
allerlei Reden einer sehr fatalen Stadtmamsell ein, die ihr von dem alten Knecht
Ruprecht, der sich nirgend mehr sehen lässt, nämlich von der Tyrannei der Männer
viel erzählt hatte und wie man sie erziehen müsse. Sie empfand bald Mitleiden
mit ihrem eigenen Unglücke, weinte über ihr Schicksal, das sie einem so harten
Manne verbunden; endlich erschien sie sich selbst als Heldin, sie wolle sich
zeigen in ihrer Stärke, sie wolle ihre Nachgiebigkeit unterdrücken, was solle in
der Ehe erst daraus werden, wenn es schon so schwer im Brautstande begonnen.
Also entwickelte sich der hochmütige Eigensinn, das törichte Vertrauen zu sich,
an welchen sie endlich zu Grunde gehen musste. Der Graf war indessen viel
unglücklicher als seine Beleidigerin; oft glaubte er ihr zu viel getan zu haben,
immer wartete er auf eine Nachricht von ihr; langsam schlich ihm der erste Tag
dahin und hätte ihn sein Wirt, der ihn für krank hielt, nicht ungefragt mit
Essen versorgt, er hätte gehungert. Den zweiten Tag reifte sein Entschluss, auf
und davon zu ziehen; aber wohin sollte er, es schien ihm die Sonne nur hier,
hier nur konnte er atmen. Der Krieg fiel ihm wohl als Zerstreuung ein, wie so
manchem Unglücklichen, aber er kannte ihn aus der Nähe, was er eigentlich sei,
keine immerwährende Folge kühner Unternehmungen, grosser Begebenheiten, mächtiger
Taten, ungeheurer Kräfte; das ist ein Traum aus Dichtern, er ist reizend. In
Wahrheit ist aber der Krieg, wie er jetzt geführt wird, ein langweiliges Warten
auf etwas, das nie erscheint; denn am Ende ist die Schlacht selbst nur ein
Abwarten, dass der andre davon laufen mag, und dieses traurige Warten in der
nüchternsten Gesellschaft, in der kleinlichsten Schererei, bei den rohesten
Schandtaten, unter den grössten Ekelhaftigkeiten und Krankheiten, würde es nicht
eine unermessliche Zeit in ihm gelassen haben, seinem Kummer nachzuhängen? Das
ganze Kriegswesen kann nur durch einen unwiderstehlichen Trieb nach Auszeichnung
belebt und geheiligt werden; darum haben wir auch immer bemerkt, dass alle, die
ohne Zwang aus einem bloss wohlwollenden Triebe sich darin einliessen, unglücklich
und ungeschickt waren; nicht das Schwert soll die Welt belehren, denn wer das
Schwert zieht, der soll durch das Schwert umkommen. Am dritten Tage kam ihm der
Gedanke, wenn er mit Dolores auch nicht glücklich leben könne, so wolle er doch
für ihr Glück leben; ihre Sehnsucht nach dem Vater entlockte ihr wahrhaft
Tränen; sie hatte ihm erzählt, dass ein Gerücht erschollen, er sei in Ostindien;
er beschloss ihn aufzusuchen und zurück zu bringen. Gleich schrieb er die nötigen
Briefe an die Vormünder, deren Verwaltung bald zu Ende lief. Die Briefe waren
noch nicht gesiegelt, als der alte ehemalige Bediente der Gräfin mit einem
besorgten Gesichte zu ihm ins Zimmer trat; er grüsste ihn in ihrem Namen, wozu er
keinen Auftrag hatte, und fragte ihn, ob er krank sei; er sehe wirklich blass
aus, seine Gräfin sei seinetwegen in grossen Sorgen gewesen; es habe ihr nichts
geschmeckt, sie habe immer geweint. Der Schmerz rollte dem Grafen wie ein
Mühlstein vom Herzen, Tränen der Freude fielen neben Tränen der Verzweiflung auf
seine Hand und sein eigenes Auge, das sie geweint, konnte sie nicht
unterscheiden; ihm war alles vergessen, er gab sich von allem die Schuld, seinem
törichten Ausdeuten einer unbedeutenden Ungeschicklichkeit, - wie konnte er
Vorsicht bewahren, der noch nie eine Erfahrung gemacht, sondern seine Klugheit
meist auf den Erfahrungen anderer gestützt hatte.
 
                                Drittes Kapitel
                         Versöhnung beider und Hochzeit
Die Briefe waren schnell zerrissen, er eilte die geliebte Dolores wieder zu
begrüssen; er glaubte, sie werde ihm einige Worte der Entschuldigung sagen, aber
sie lächelte, als er eintrat, und sie lächelte so schön, dass er über die schöne
Bosheit entzückend hätte verzweifeln mögen. Er wollte sich ihr erklären, aber
sie mied die Gelegenheit, sie zog ihn auf über seine Lust, ein Jesus zu werden,
wie sie es nannte, aber so artig, dass er nicht böse werden konnte; ernstaft
warf sie ihm seinen plötzlichen Unwillen vor, scherzend verzieh sie ihm; er
umfasste sie und seufzte, und doch ward ihm dabei so wohl, dass er sein Schicksal
dem ihren ergab, und dieser Tag entschied ihre künftige Herrschaft über sein
besseres Selbst. Ihre eigene Unruhe lähmte seine eigene Tätigkeit, seine eignen
Beschäftigungen; sie beschäftigte ihn mit ihrem Nichts und seine höhere
Bestimmung, sein Streben nach Reinheit und Vollendung in allem, was er trieb,
ward ihr ein Scherz müssiger Stunden, und wurde er einmal ernstlich böse, so
brauchte sie nur an eine Reise nach Sizilien vor ihrer Verheiratung zu denken,
um ihn zu besänftigen. Ihr frischer Reiz, ihre unendliche Anmut, selbst in allem
dem, was sie gegen seine Gesinnung tat, vermochten noch jedes aufsteigende
Missverhältnis wie junge Zweige zur Laube zusammen zu beugen, die Versöhnung war
immer noch reicher als der Streit, und jede neue Vertraulichkeit weckte noch
immer heftigere Neugierde; aber je stärker diese äussere Gewalt sie jetzt noch
zusammenhält, desto mächtiger wird alles aus einander sprengen, wenn sich diese
innere Verschiedenheit erst ganz kennen gelernt. Dolores liebte wirklich manches
in dem Grafen, aber sie konnte keinen Menschen im ganzen lieben mit allen
Eigentümlichkeiten, sich selbst etwa ausgenommen. Er verehrte und pflegte ihre
Besonderkeiten mit solcher Liebe, dass er sich häufig überredete, ihre Fehler und
Unarten seien auch verkappte, ihr eigentümliche Trefflichkeiten, er schätzte
Fehler, die sie bei einer freundlichen Vorstellung gern abgelegt hätte und die
eigentlich nur von irgendeiner Gesellschafterin angenommen, seit ihr guter Engel
Klelia sie nicht mehr bewachte. So schien sie zuweilen leidenschaftlich zu
spielen, eigentlich nur, um eine leere Stunde zu töten, der Graf aber überredete
sich, nachdem er sie ganz ohne Eitelkeit gegen alle Arme freigebig gefunden,
darin eben zeige sich ihr höherer Charakter, dass sie gern ihr Glück versuche;
sie fühle sich dem Schutze der höheren Mächte näher. Oft übte sie böse Nachrede,
bloss weil andern das gefiel; er achtete es als eine besondere Stärke der
Beobachtung, als eine besondere Reinheit in ihr, die nichts Böses in ihrer Nähe
litte. War er einmal streitig mit ihr, so gedachte er des alten Sprichworts: Was
sich liebt, das neckt sich; kurz, es gibt ein Labyrint von Gedanken, wie er in
sich alles an ihr als gut und weislich auszulegen bemüht war. Mitten in diesen
Kometenbahnen der Liebe rückte das planetarische Jahr zu seinem Ende, das seine
Minderjährigkeit beschlossen hatte; er verzieh den Vormündern wegen ihres guten
Willens, wo sie ihm geschadet hatten, und übernahm selbst die Verwaltung seiner
Güter. Lange genug von eigennützigen Verwaltern nach der Strenge des Gesetzes
bewirtschaftet, fanden seine Leute in ihm eine väterliche Unterstützung zu allem
Guten; der Schulen nahm er sich selbst an; von der künftigen Zeit hoffte er
alles, darum wollte er sie selbst unterrichten, wenigstens zuweilen zur Aufsicht
seiner Schullehrer; da ward nicht soviel darauf gesehen, ob die Bursche
schreiben konnten, aber das Andenken deutscher Ehre, heiliger und grosser
Menschen, das ward in ihr Herz geschrieben. Nach diesen ersten Einrichtungen, zu
denen auch die Verzierung seines Landschlosses gehörte, kehrte er zu Dolores
zurück, beladen mit einer prachtvollen Aussteuer. Erst war es sein Plan, sie auf
sein altes Stammschloss zu führen, um dort die Hochzeit zu feiern, aber sie wusste
ihn so rührend an ihr erstes Erkennen zu erinnern, dass er von den Summen, die
während der Vormundschaft gesammelt worden, ihren väterlichen Palast sich zum
Eigentum kaufte; er bekam ihn wohlfeil von den Schuldnern, obgleich teurer, als
sie ihn jedem andern würden gelassen haben. Der unerwartete Todesfall eines
reichen Lehnsvetters setzte den Grafen in den Besitz eines grossen Vermögens,
indem er seine Güter in angenehmer Nähe, um das Dreifache vermehrte. Schnell
richtete er sich reche artig ein; eine grosse Hochzeit weihete das herrliche Haus
zu beider Glücke ein, wie sie hofften, wie ihnen von allen Gästen vorausgesagt
wurde, die in einem artigen Schäferspiele die Geschichte des Grafen und der
Gräfin, wie er sie oft erzählt hatte, darstellten. Was sie beide dabei fühlten,
was sie in ihrem Herzen gelobten, was ihnen blieb für ein Glück, nachdem die
Gesellschaft auseinander gegangen, können wir weder ermessen noch beschreiben;
sie waren beide sorgenlos und jung und hatten lange des Tages und der Nacht
geharret.
 
                                Viertes Kapitel
                    Der Graf und die Gräfin reisen aufs Land
                     Der hässliche Baron und die tolle Ilse
Der Drang des Grafen zu seiner eigentlichen Tätigkeit, und einige arkadische
Träume der Gräfin, auch ihr Wunsch sich den zahlreichen Untertanen recht
prachtvoll und wohltätig zu zeigen, beschleunigten die Abreise der Neuvermählten
aufs Land nach dem Stammschlosse des Grafen. Ihr Empfang war herzlich froh;
Ehrenpforten und Blumen waren nicht gespart und das Schloss und die Gärten, alles
gefiel der Gräfin ungemein, weil es ihr alles noch so neu war. Dieses Anknüpfen
mit tausend neuen Bekannten schützte sie wohl einen Monat gegen die Langeweile,
die sie später doch empfand, nachdem sie in der Art der meisten jungen Frauen
und adligen Mädchen Beschäftigungen mit Künsten, wie Malerei, Musik unter grossen
Anstalten dazu aufgegeben hatte. Sie nahm an allen Beschäftigungen und Freuden
des Landlebens einen spielenden, aber eben darum unerquicklichen Anteil, der ihr
den Drang, das Beschwerliche darin, das Wachen, die Mühe, die böse Witterung
ganz unerträglich machte. Mit den Nachbaren hatte sie sich durch ihre städtische
Art bald entzweit; sie wollte durchaus spät essen und keinen Tabaksrauch
erdulden; sie sprach über Dinge scherzend ab, die den Leuten sehr ernstaft
waren, verachtete anderes, was jenen feierlich verehrungswürdig; sie hatte die
rechte Art nicht, mit diesen starren, eigentümlich im eignen Hause und kleinen
Leben gebildeten Seelen zu sprechen; sie hatte in diesem neuen Kreise kein
Gefühl, wo sie anstiess, und wo sie gefiel, und so verschloss sie sich mit
verkehrter Freimütigkeit sehr bald die schwache Quelle der Unterhaltung, welche
sie mit Familien des Landadels, der Pächter und Prediger verbinden konnte. Nur
ein furchtbar von den Pocken zerrissener Nachbar, ein Baron, der früher in
fremden Kriegsdiensten gestanden, hielt es mit seiner allgemeinen Grobheit
vollkommen gegen sie aus; ihre Unterhaltung war ein Austausch von Beleidigungen,
besonders war sein vergebliches Freien ein Lieblingsgegenstand ihres Spottes.
Der Baron schoss schon seit vielen Jahren Reiher, um seiner Braut einen recht
vollen Busch zum Kopfschmucke zu überreichen, und liess alle Jahr eine gewisse
Zahl Gänse zur besseren Füllung des Brautbettes einschlachten. Aber der Busch
hätte fast schon einen schwachen Kopf niedergedrückt und das Bette erreichte
beinahe den Balken und noch immer hatte er keine willige Schöne finden können,
so verschrieen war er wie ein Blaubart wegen der Grausamkeit, mit der er seine
erste Frau ohne geistlichen Trost hatte sterben lassen, indem er ihr immer
zugeschworen, sie sei gar nicht krank. Mit gleicher Grausamkeit verfuhr er gegen
seine Bauern, hetzte sie mit Hunden, liess den trägen Mägden Flachs um die Finger
binden und anzünden, und schon dadurch war er dem Grafen verhasst. Wie nun jede
Unterhaltung, die in ihrem Scherze über die wohlgezogenen würdigen Grenzen,
welche die Schicklichkeit der geselligen Freude gesteckt hat, hinaus springt,
leicht überschlagen kann, so erging's auch eines Morgens zwischen dem Baron und
der Gräfin; er sagte ihr so harte Worte, nahm so bösen Abschied von ihr, dass der
Graf bei seiner Heimkunft sie einsam weinend auf ihrem Ruhebette ausgestreckt
fand. Sie klagte ihm ihr Ärgernis, und ehe sie ihn noch aufforderte, sie an dem
Baron zu rächen, war ihr Ingrimm schon so gedoppelt zu ihm übergegangen, dass er
es kaum über sich gewinnen konnte, sie auszuhören. Vielhundertmal hatte er
demonstriert, dass der Zweikampf, so wie er in Deutschland nur zwischen gewissen
Ständen eingeführt, eine elende Taschenspielerei mit der Ehre sei, während ihn
die zahlreichen Klassen des Volkes für etwas Schändliches halten; da sei kein
Gottesgericht wie in der ältesten Zeit, keine allgemein geglaubte Ehrenreinigung
dabei und in seinem unbestimmten Verhältnisse zu den Landesgesetzen und Sitten,
die ihn bald geböten, bald verböten, stelle er ein trauriges Zeichen jener
Unbestimmteit aller Einrichtungen dar, die gerade so wesentliche edelste
höchste Beziehungen im Volk, wie die Ehre, ohne allgemeine durchgeführte
Gesinnungen willkürlich misshandelten, brauchten und unterdrückten. Das war seine
Betrachtung, aber mit dem Augenblicke der Leidenschaft fasste ihn die gewohnte
Gesinnung seines Standes; an dem Baron ist nichts verloren, dachte er noch
obenein; die Bauern werden von einem schlechten Herren befreit, niemand mag ihn
leiden: das waren die jetzigen Betrachtungen, mit denen er seine
Kuchenreiterschen Pistolen in die Halftern steckte, sich auf seinen schwarzen
Hengst schwang und kaum mehr hörte, dass ihm die Gräfin zurief, er möchte ihrer
gedenken, so werde er ihn nicht verfehlen. Er ritt keine halbe Stunde, da stand
er vor dem Baron und machte ihm mit der Art angenommener Kaltblütigkeit, die in
solchen Verhältnissen geachtet wird, seinen gefährlichen Antrag. Der Baron war
aber längst über dergleichen Verhältnisse hinaus; er lachte den Grafen an: ob er
ihn denn für wahnsinnig halte, sich auf so etwas einzulassen, da er noch tausend
andern Spass haben könne, und ihm selbst die schimpflichste Abbitte nichts koste.
Wirklich rief er in grosser Ruhe seine Schreiber hinein und diktierte einem eine
so beschämende demütige Abbitte, unterschrieb und besiegelte sie, war nachher so
lustig wie vorher, dass der Graf, der von dem Mute des Barons manche Proben
wusste, die er in fremden Diensten abgelegt hatte, über eine Natur staunte, die
aus dem ganzen Ehrenkreise seiner Zeit, seines Volkes, ohne grosse Begebenheiten,
bloss durch sich selbst heraus gerissen worden; mit Schrecken dachte er, dass eine
Revolution gerade notwendig solche Menschen an ihrer Spitze tragen müsse, und
mancher jugendliche Umwälzungsplan, den er mit dem gärenden Moste der Zeit
getränkt hatte, verschwand vor seinen Augen in dem einen bedeutenden
Augenblicke; nur der Ruchlose fängt eine neue Welt an in sich, das Gute war
ewig; das Bestehende soll gut gedeutet werden, sagt ein tiefer Denker1, dem
folgt Deutschland in seiner Entwickelung. Es wurde ihm so wohl, indem er rasch
fortreitend dieser ruhig fortschreitenden Bildung des geliebten Vaterlandes
gedachte; er sah schon bis zur Hütte herunter alles in behaglicher,
selbständiger Freiheit, dass schon das schöne Verhältnis im unbedeutendsten Baue,
das Wohlgefällige im ärmlichsten Anzuge es dartaten, ein höheres Leben habe sich
bis zu allen äussersten Punkten verbreitet; es dringe die Blütezeit hervor, auf
welche die Dichter schon lange vergebens hoffen. Wurde ihm aber recht wohl und
freudig, so schwebte ihm jedesmal unwillkürlich seine Frau vor, die jetzt in
höchster Blüte ihrer Schönheit alles erstaunte und bezwang; er pflegte sich dann
ein lautes Glückauf zu rufen. Diesmal spornte er mit lustigem Eifer sein Pferd,
sah mehr nach den Wipfeln der Bäume, die über ihm rauschten und taumelten, als
nach dem Wege, der unter ihm hallte. Er glaubte noch auf dem rechten Fusspfade zu
sein, und an der Furt, die er gut kannte, als er seinen Hengst heftig in den
Fluss spornte, vor dem er scheute. Kaum war er drin, so merkte er, dass dies eine
andre sehr tiefe heftig strudelnde Stelle sei, sein Pferd wollte er nicht
verlassen und konnte es auch nicht, das Wasser hatte ihm die Bügel angedrückt;
es schwamm schlecht und versank immer tiefer. Endlich zeigte sich am Ufer ein
neugieriges schwach wieherndes Pferd; gleich war sein Hengst von neuer Kraft
durchdrungen, arbeitete sich empor und ohne Unterlass ans Land, von wo sich das
grasende Pferd im plumpen Umschwenken ungeschickt in des Waldes Dickicht
flüchtete. Diese Lebensrettung durch die Zuneigung der beiden Pferde, so
zufällig sie sein mochte, hatte einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht; es tat
ihm so leid dieses Ungeschick des grasenden Pferdes, dessen dumme Flucht es
eines guten Futters beraubte, das er ihm im Schloss zudachte; er wollte es
dahin treiben, aber es war ihm nicht beizukommen, also drehte er sein Pferd
nicht ohne Widerstand nach seinem Schloss um, jagte immer schneller je näher,
und als er endlich die Waldhörner seines Jägers hörte und das Tüchlein seiner
Frau ihm winkte, da ging es in vollem Laufe in den Torweg und im Schwunge vom
Pferde, mit klirrendem Sporne die Treppen hinauf zu Dolores. - »Du lebst und er
ist tot?« rief sie ihm entgegen, »sehnlich habe ich dich erwartet!« - »Wir leben
beide«, antwortete der Graf lächelnd; »wie du vom Tode eines Menschen redest,
und weinst doch über einen Nietnagel. Er ist tot und nicht tot, wie du es nennen
willst, im bessern Sinne ist er es schon lange; - deine Ehre habe ich in der
Tasche, sieh da, sie ist ganz nass geworden, aber nicht verlöscht und nicht
zerrieben.« - Der Gräfin war es eigentlich nicht ganz recht, dass ihr Beleidiger
nicht umgekommen: wir werden die Gründe nachher erfahren; doch verbarg sie das
unter Liebkosungen; sie erzählte dem Grafen so viel Schönes, wie sie den Tag bei
einer Einsiedlerin zugebracht habe. »Wo wohnt die?« fragte der Graf neugierig.
Die Gräfin zeigte weitin nach einer Ecke des Waldes, und erzählte dann, wie
ihre Kammerjungfer Rosalie sie dahin geführt; sie habe ein artig Hüttchen
gefunden mit Rasen ganz bedeckt, mit zwei kleinen Fenstern und einer Türe
versehen, vor welchem ein verbranntes Mädchen von auffallend nach einer Seite
zusammengezogenen Zügen und listigen Blicken einige Töpfe ausgewaschen, die ihr
zugerufen: »Woher du glänzende Schönheit im weissen Kleide mit dem schmutzigen
Saume?« - »Das Mädchen ist wohl toll?« fragte der Graf. - »Keinesweges«,
antwortete Dolores, »sie ist ungemein gescheit, aber sie ist zu gescheit, zu
witzig für Bauersleute; sie hat über Vater und Mutter und Bruder und Bräutigam
so viel Spott ergossen, der aber wahr ist, bis sie endlich von ihren Eltern nach
dem Stadttollhause gebracht worden. Dort kam sie unter städtische Leute und
redete allen so zu Dank, dass sie mit dem Zeugnisse eines völlig gesunden
Verstandes zurückging; aber gleich wie sie wieder zu ihrem Vater kam, redete sie
so böse Worte darüber, dass er seinen einen Strumpf verkehrt angezogen, dass weder
er noch irgend einer im Dorfe sie aufnehmen wollte. Sie ging trotzig aus dem
Dorfe, wie sie sagte, weil die Dummheit sich immer so breit setze, dass für die
Klugheit kein Platz übrig sei. Ihr Bräutigam, der vergebens getrachtet hatte,
sie bei seinen Verwandten unterzubringen, ward traurig über dieses Ereignis und
bot ihr sein Haus an, sie sollte drin schon jetzt als seine Frau schalten und
walten. Sie aber fragte ihn kalt: Da soll ich wohl kochen und backen und brauen
für alle; Sommers auf dem Felde arbeiten, Winters spinnen, mit Schmerzen Kinder
gebären und die kleinen schmutzigen Tiere säugen und waschen und wickeln? Ich
bin Euch recht gut, aber daraus wird nichts; ich will eine Jungfer bleiben und
mir mit Botenlaufen meinen Unterhalt verdienen, da hör ich alle Tage was Neues
und brauch keinem Rechenschaft abzulegen. Da hat ihr der Bräutigam mit Tränen
die Hütte gebaut und ist mit Tränen von ihr geschieden.« - »Abscheulich«, rief
der Graf, »die muss eine Hexe werden, die ist es schon.« - »Ei nicht doch«, sagte
die Gräfin, »du sollst sie gleich sehen, sie sieht nicht hässlich aus, hat klare
Augen und, lieber Mann, ich habe sie zu meiner zweiten Kammerjungfer gemacht; du
musst sie schon ertragen lernen.« - »Liebes Kind«, antwortete der Graf, »du
weisst, dein Wille ist der meine; aber gedenk daran, dass es eine schlechte
Aufmunterung für brave Mädchen ist, wenn so ein freches verwogenes Weibsbild ihr
Glück macht; nirgend muss das Geld mit mehrerer Schonung und Billigkeit wieder
verteilt werden, als da, wo es im mühsamen Gewerbe gewonnen wird; manche
Verschwendung ist uns in der Stadt erlaubt, wo keiner weiss, mit welcher
Anstrengung es zu kleinen Hauszinsen gesammelt worden, und es fällt doch den
armen Leuten auf, zwei Mädchen bei dir müssig zu sehen, die nur eines bei meiner
Mutter gewohnt waren, aber wie viel mehr, so ein nichtsnutziges Mädchen in dem
Staate zu sehen, nach welchem die Besten umsonst trachten.« - Die Frau
schmeichelte und der Mann schwieg. »Wie du nun bist«, sagte sie, »da habe ich
den ganzen Tag allein gesessen, du lässt mich ganz allein, und habe in Angst
geschauet aus dem Fenster, ob du kämest; habe dazwischen vor dem Spiegel mit mir
getanzt, bis es dunkel wurde, und du gönnst mir nicht die kleine Unterhaltung
mit dem wunderlichen Mädchen, mit der Ilse.« - »Ach ist das die Ilse«, sagte der
Graf, »mit der habe ich oft auch Spass gehabt, sie hatte schon als Kind eine
unverschämte Art zu antworten. Wenn sie dir gefällt, behalt sie; mir muss sie
aber aus dem Wege gehen, das sage ihr.« - So endete sich das Gespräch, in
welchem der Graf tausend neue Beweise von der Liebe und Ergebenheit seiner Frau
zu entdecken meinte; die Wahrheit ist, dass dieses verschmitzte Mädchen, die
tolle Ilse, die Gräfin mit ihrem Geschwätze ganz umstrickt hatte; sie
schmeichelte ihr so geschickt, kniete vor ihr, betete sie an, er zählte so viele
fatale Geschichten aus der Gegend von heimlichen Liebeshändeln und Abenteuern,
dass dieser Tag der vergnügteste gewesen, den die Gräfin auf dem Lande zugebracht
hatte; der Graf und sein Zweikampf war ihr dabei fast entfallen, als ihr Ilse
sagte, dass er über das Feld jage, und sie ihm entgegen winkte. Der Graf stand am
nächsten Morgen früh auf, und noch voll von den Gefühlen des vorigen Tages,
dachte er sich ganz in die Stimmung seiner Frau; da sass er still lächelnd und
redete vor sich, wie sie gestern in seiner Abwesenheit wohl hätte träumen
können. Es ist so süss sich etwas Liebes und Freundliches aus der Seele eines
andern zu denken, dem wir ergeben; wir versichern uns seiner in uns, und so
dachte er, wie sie in allen schönen Nachgedanken über Augenblicke, die ihm wert,
nach seiner Art in träumender Unterhaltung sich befunden; wie sie plötzlich
erfreut, in der Meinung er komme, den Zusammenhang des Gedankens vergesse und
nicht wieder auf die Vorstellung kommen könne, die sie so innerlich erfüllt
hatte, und wie sie da so sehnlich ausrufe:
                                  Sie zu Hause
Was füllte mein träumendes Herze?
Vergessener Schein!
Schwer trifft sich ein liebendes Herze
So ledig allein.
Die Schatten sind niedergezogen,
Ich ahndet es nicht,
Die schönen Geschichten verflogen,
Mein Wundergesicht.
Wie Abend die Seen erreget
Mit fröhlichem Hauch,
So nur ein Gedanke beweget,
Bewegte mich auch.
Ich sinne und suche und springe
So hin und zurück,
Und locke zum Käfig ihn, singe,
Blick einmal zurück.
Nicht mehr in dem Spiegel ich sehe
Mein lieblich Gestalt
Und wende mich abwärts und flöhe
Gern tief in den Wald.
Wie wird's ach im Walde so helle,
Am Himmel, am Himmel so klar,
Es kehret zurück der Geselle,
Und alles und alles wird wahr.
Er nach Hause eilend sang darauf, als spornte er in die Gitarre mit raschen
Griffen:
Mein Auge treu,
Mein Ohr so wach,
Die Liebe neu
Vieltausendfach.
Was siehst du fern,
Was siehst du gern?
Auf Wäldern hoch
Das weisse Schloss,
Und rascher flog
Mein schwarzes Ross,
Die Brust, so heiss,
Beschäumt sich weiss.
Mein Auge treu,
Mein Ohr so wach,
Die Liebe neu
Vieltausendfach.
Was hörst du fern,
Was ist dein Stern?
Das Tüchlein winkt,
Das Waldhorn schallt.
Die Sonne sinkt,
Mein Herz hoch wallt;
Das Tor weit auf
Durchhallt im Lauf.
 
                                Fünftes Kapitel
            Kommerzienrat Nudelhuber und der Prinzenhofmeister Kirre
Der Graf musizierte die Lieder, und als er sie ganz in der Kehle und Hand hatte,
ging er nach dem Schlafzimmer, seine Frau damit zu erwecken. Verwundert hörte er
da eine Unterredung mit einem Manne; an der Stimme, die schnarrend und laut,
erkannte er den Baron. Er trat hinein und sah, dass seine Frau am Fenster stand,
ganz wie sie aus dem Bette gesprungen; der Wind spielte mit ihrem Hemdlein und
zitterte in ihrem leichten Nachtäubchen; als sie den Grafen bemerkte, winkte
sie ihm näher zu treten; er sah aus dem Fenster den hässlichen Baron in einem
Armensünderhemde mit unbedecktem Haupte, wie Kaiser Heinrich vor dem Papste und
dessen Geliebten, doch fehlte hier der Schnee. »Wie können Sie sich
unterstehen«, rief der Graf, »wieder mein Haus zu betreten?« - »Darum bin ich
auch auf dem Hofe geblieben«, antwortete der Baron. - Ein ganz unerwarteter
Einfall, der einem Zorne begegnet, setzt oft in Verlegenheit, nimmt die
Besonnenheit, gut darauf zu antworten, aber der Zorn gestattet nicht das
Schweigen, und so antwortet man leicht das Dummste. »Ich habe keinen Hof«,
antwortete der Graf, »und hätte ich einen, so wären Sie der letzte, den ich
darauf anstellte.« - Kaltblütig erwiderte der Baron: »Wenn Sie keinen Hof haben,
so ist dies auch nicht Ihr Hof, worauf ich stehe, und Sie können mich also nicht
verweisen.« - Die Gräfin legte sich ins Mittel, küsste ihren Mann und sagte, der
Baron hätte ihr demütige Abbitte getan, er wolle sich ganz bessern, nur möchten
sie ihn nicht aus ihrer Gesellschaft verstossen. - »Wenn es meine Frau wünscht«,
sagte der Graf, »so kommen Sie herauf, mir sind Sie nicht hinderlicher, als
viele andre Menschen, erst aber ziehen Sie sich anständig an.« - Der Baron liess
sein Hemde fallen und stand da in gewöhnlicher Kleidung und sagte: »Ich komme
gleich, zieht Euch nur erst ruhig an; ich habe noch ein paar Bekannte zu Euch
geladen, die werden Euch sehr wohl gefallen; es sind gerade Menschen wie ich,
etwas geradezu, aber ehrlich und können lustige Historien erzählen; ich will
heut alles wieder gut machen.« - »Das schwör ich Euch«, rief noch der Graf,
»führt Ihr Euch heute nicht ganz gut auf, so endet es nicht gut.« - Die Gräfin
freute sich auf die neue Unterhaltung.
    Nach zwei Stunden kam der hässliche Baron mit seinen beiden Freunden, so
beliebte er sie wenigstens zu nennen; der eine, ein knochiger alter Mann mit
dickem, zwischen den Schultern eingezogenen Kopfe, hatte die dauerhafteste
Kleidung an seinem Körper hängen: streifig geschnittenen grünen Plüsch zu Rock
und Weste, schwarzen Plüsch zu Hosen, Stiefelmanschetten und Schmierstiefel;
sein Gesicht war ein Ausdruck plumper Spasshaftigkeit. Der andre sah durchaus
bedenklich über seine lange schmale Nase; ein altes hofmässiges Kleid, ein
schlechter stählerner Degen, Schuhe mit grossen Schnallen, ein Haarbeutel,
zeigten den früheren Bewohner einer grossen Stadt. Der Baron stellte jenen als
den Kommerzienrat Nudelhuber, berühmten Maler und Bilderhändler aus der Schweiz,
diesen als den Prinzenhofmeister Kirre vor; jener war gleich vertraut, griff
nach den Händen zum Küssen, machte es sich bequem; dieser belächelte sehr fein
seine Ungeschicklichkeit, wollte ihn auch verspotten, wovon aber jener so wenig
merkte als ein grosser Metzgerhund, wenn ein kleiner Bologneser mit ihm spielen
will; ganz zufällig kniff er dagegen den Prinzenhofmeister ganz jämmerlich mit
plumpen Einfällen über seinen leichten Anzug. - Der Baron fragte die Gräfin, als
die Unterhaltung beim Frühstücke etwas stockte: »Nun, wie gefallen Ihnen meine
Freunde, sind es nicht gerade solche Lumpenkerls wie ich? Gleich müssen sie aber
auch ihre Kunststücke machen; hört«, sprach er zu den beiden, »damit sie hier
wissen, was an euch, erzählt einmal die Geschichten, wo ich so lachen musste - ja
nicht Eure ganze Lebensgeschichte, da könnt ihr nie ein Ende finden. Fang du an,
Prinzenhofmeister, lass alle deine feinen Hofgeschichten weg, wie du jedem
scharfe Antworten gegeben; wir wollen nichts wissen, als die unglückliche
Affäre, wie der Erbprinz dir abhanden gekommen.« - »Welcher Erbprinz?« fragte
die Gräfin. - »Euer ehemaliger gnädiger Herr«, antwortete der Baron. - Die
Gräfin sagte: »Daran nehme ich Anteil, er ist mir aus früheren Jahren noch sehr
wert; fast möchte ich sagen, wir waren in einander verliebt, so wie Kinder es
sind.«
 
                                Sechstes Kapitel
                             Der verlorene Erbprinz
Hierauf begann der Prinzenhofmeister mit verschränkten Beinen ruhig sitzend
seine wohlüberlegte Erzählung.
    »Da ich nach dem freundschaftlichen Wunsche des lieben Barons von allen
frühern Ereignissen schweigen soll, die meiner Führung des mir anvertrauten
jungen hoffnungsvollen Erbprinzen alle Ehre machten, und bloss von dem
schmerzlichen Tage reden muss, der alle meine guten Lehren vernichtete, so kann
ich es mir zur Genugtuung wenigstens nicht versagen, die Grundsätze zu
entwickeln, denen ich in der Erziehung gefolgt bin, und denen ich auch auf der
Reise treu geblieben, welche die Erziehung des Prinzen beendigen sollte.«
    »Nicht so breit und steif«, sagte der Baron, »reden Sie wie gewöhnlich,
sonst werden Sie nimmermehr fertig; kurz will ich erzählen, Sie reisten mit dem
Erbprinzen nach Hause und auf einem Seitenwege kamen Sie an einen See ...«
    DER PRINZENHOFMEISTER: »Sehr gut gesagt. Ich ritt mit meinem Erbprinzen ganz
allein durch einen tiefen Hohlweg; die Baumwurzeln hingen über uns in der Luft,
der Weg war frisch aufgerissen, der Boden noch nass, aber der Regensturz hatte
sich in einem Bache verlaufen, der uns an das Ufer eines grossen Sees brachte,
das so weit man sehen konnte nichts als Wacholderbeersträuche hervorbrachte. Wir
fanden ein kleines Haus und dabei eine Fähre; der Fährmann, der aus dem Hause
trat, fragte uns, ob wir nach der Festung übersetzen wollten, die wir jetzt wie
eine Perle auf einem grossen blauen Türkis in der Mitte des Sees liegen sahen.
Wir nahmen das Erbieten mit Vergnügen an; wir bemerkten wohl, dass wir auf unserm
Ritt durch die vielen kleinen Fürstentümer, in das Gebiet eines gewissen Grafen
geraten, dessen Sonderbarkeiten damals allgemein beredet wurden. So war auch
diese Festung lange der allgemeinen Unterhaltung preis gegeben; sie ist ein
kostbares Werk, auf einer, durch eingesenkte Steinmassen an einer flachen Stelle
in der Mitte des Sees regelmässig erbaueten, eckigen Insel, von gehauenen Steinen
nach den strengsten Regeln der Kunst befestigt; Bomben vom Ufer konnten fast
nicht bis zu ihr hin und selbst dagegen war sie sehr ordentlich kasemattiert.
Der Fährmann erzählte uns auf dem Wege, dass die Besatzung aus einer Kompanie der
ältesten Invaliden bestehe, da aber diesen bejahrten alten Männern das Wachen
unmöglich geworden, seien die verrufensten Lustdirnen der Stadt aufgegriffen, in
rote Husarenmontur gesteckt und nach der Festung zur Besserung geschickt worden,
wo sie exerziert mit den Invaliden abwechselnd den Dienst täten. Um ihr
Entlaufen zu hindern, seien alle Fahrzeuge, diese eine Fähre ausgenommen,
versenkt; aus Mangel an Liebhabern wären die meisten zu guten Töchtern geworden
und liebkosten die alten Männer, wie Lot von seinen Töchtern geliebkost worden.
Wir waren auf diese Garnison ungemein neugierig. Bei unsrer Ankunft, nach
mehreren Signalen des Fährmanns, wurde das Tor geöffnet, wo uns die Kuriosa, die
Rittmeisterin dieser unberittenen Husarinnen, mit dem schönsten militärischen
Anstande nach Namen und Charakter fragte; ihres Feuers Fülle glühte in ihren
vorstechenden schwarzen Augen. Herr Kamerad, sagte sie zum Erbprinzen, der
Uniform trug, nichts Neues vom Kriege; wenn uns der Teufel nur einmal von dem
verfluchten Gamaschendienste frei machen wollte, meinetwegen möchte er mich
holen. - Ich war allzusehr in Erstaunen, auch etwas ermüdet, um den Eindruck zu
bemerken, den die Rittmeisterin auf den Erbprinzen gemacht hatte; leider lernte
ich diesen erst aus der Wirkung kennen, als es zu spät war. Wie erstaunte ich,
als am Morgen der Erbprinz, die Rittmeisterin und die Fähre vermisst wurden und
der Kommandant der Festung mit sehr groben Schimpfreden mir erzählte, der
Erbprinz müsse den Fährmann mit Gelde gewonnen haben, ihn und die Rittmeisterin
ohne seine Erlaubnis überzusetzen; sie hatte in der Nacht die Torwache und so
wurde ihr diese Kühnheit erleichtert. Erst später habe ich erfahren, dass der
Fährmann, nachdem er die Fähre versenkt, mit beiden nach Frankreich geflüchtet
ist, wo mein lieber Prinz noch jetzt mit tausend anderm liederlichen Gesindel
ganz unbemerkt hauset. Ich weine eine Träne seinem Schicksale; ich bin dadurch
um meine Versorgung gekommen, bin landesflüchtig geworden, doch in den nächsten
Tagen drängte mich damals noch nähere Not. Erst wurden dem Fährmann alle Signale
gemacht, bis man sich überzeugte, seine Hütte sei ganz leer; da verwandelten
sich diese Signale in Notschüsse, welche die Hirten in der öden Gegend für
Freudenschüsse hielten wegen irgend einer Feierlichkeit. Nun lernten wir erst
unsre Not kennen, daran der Prinz bei seiner unbesonnenen Flucht wahrscheinlich
ganz und gar nicht gedacht hatte; die Festung hatte sonst monatlich nach der
nächsten Stadt gesendet, um ihre Vorräte zu empfangen; der Monat war im
Ablaufen. Wir hatten, trotz der kleinen Portionen, auf die wir zurück gesetzt
wurden, bald nichts mehr zu leben; die Festung war von dem Wasser im strengsten
Sinne blockiert und wir weinten oft, dass wir keinen Feind hatten, dem wir uns
ergeben konnten. Ich wollte angeln und richtete mir dazu eine Haarnadel als
Angelhaken ein, die ich spitz angeschliffen; die Schnur nahm ich von dem Besatze
eines Kleides. Da aber die Festung ganz aus Stein gebaut war und aus
Reinlichkeit keine Erde darauf geduldet wurde, so war kein Regenwurm zu finden.
An Saat und Ernte war also durchaus dort nicht zu denken; etwas Kressensamen
wurde über das Bild des Landesherrn gesäet, das aus schlechtem Gips geformt war;
aber der Kommandant ass sie alle in einer Nacht auf. Mäuse und Ratten waren nie
auf die Insel gekommen und die Vögel hatten längst eine Scheu vor den roten
Husaren, die wie Vogelscheuchen an allen Ecken der Festung auf der Wache
standen. Ich hatte in meinem Reisesacke Gessners Ersten Schiffer; ich ergötzte
mich an der Erfindung und suchte nach Holz sie nachzumachen; aber da es Sommer
war, so hatte die Garnison nichts als Wacholderreiser zum Kochen; die Gebäude
waren alle ohne Dach über der Wölbung mit flachen Steinen gedeckt; ein paar
Tische, ein paar Tonnen, zehn Invalidenbeine, waren alles Holzgeschirr; daraus
wäre es auch dem feurigsten Liebhaber unmöglich gewesen, ein Schiff zu bauen;
zum Überschwimmen war aber die Entfernung zu gross. Unter solchen vergeblichen
Rettungsversuchen nahte der Schreckenstag, wo nach der sparsamen Aufzehrung
aller Lebensmittel, durch das Los entschieden werden sollte, wer sein Leben zum
Unterhalt der andern hergeben müsse. Die Invaliden behaupteten kühn, sie hätten
ihr Leben so oft gewagt, sie wären alt, ein ehrenvoller Tod für alle käme ihnen
zu. Die Husarinnen im Gegenteil behaupteten, sie könnten keinen Invaliden
verzehren, teils aus Zartgefühl, teils auch darum, weil so einer allzu zähe und
knöcherig, meist auch kraftlos sei. Der Kommandant wies endlich auf mich, weil
meine Nachlässigkeit der Grund des ganzen Unglücks gewesen; alle stimmten ein;
ich sagte aber, dass so bereit ich zu der Aufopferung wäre, so notwendig fände
ich es nach meinem Gewissen, meinem Landesfürsten einen untertänigen Bericht
über meine Erziehungsmetode und über die Fortschritte des Erbprinzen zu machen.
- Fort ist er, riefen die Leute, fort mit dir! - Wahrscheinlich wäre es mir
schlimm ergangen, wenn ich mir nicht in der Angst noch Erlaubnis erbeten hätte,
noch einmal nach allen Seiten zu sehen, ob nirgends Hülfe; der Kommandant könne
inzwischen sein Messer wetzen. Wie ich noch kaum die vierte Weltgegend
überschaut hatte, verkündigte ein Schuss vom Ufer die Anwesenheit von Menschen.
Gleich signalierten wir uns. Bald sahen wir viele Menschen am andern Ufer mit
der Verfertigung eines grossen Flosses beschäftigt. - Wie kann ich die Freude
unsrer armen Hungerleider schildern und meine eigne, dass ich noch nicht verzehrt
worden! Nach den Monturen schienen es keine Freunde, sie waren pomeranzenfarbig
gekleidet, auch machten sie viele Vorsichtsanstalten, warfen Batterien auf und
fingen an uns zu bombardieren. Da sie aber mit der Pulverladung knauserten und
es überhaupt zu breit war, so fielen die Bomben in grosser Entfernung vor uns
schon ins Wasser, weshalb unsre Husarinnen sie Plumphechte nannten. Wir steckten
an allen Ecken weisse Fahnen aus, die aus den Schnupftüchern der Garnison
zusammengeschneidert waren: in die Mitte hatten wir, um unsern Hunger
anzuzeigen, ein Brot gemalt. Diesen Flecken in den Fahnen sahen unsere Belagerer
für Löcher an, wo ihre Kugeln durchgeschlagen; in der guten Absicht, uns recht
demütig zur Unterhandlung zu machen und überhaupt einen bestimmten Effekt hervor
zu bringen, dass es doch hiesse, wir hätten uns hitzig gewehrt, aber ihr Heldenmut
habe uns doch endlich bezwungen, fuhren sie noch ein paar Stunden im
regelmässigen Schiessen fort und verloren wohl funfzig Mann durch das Springen
ihres erhitzen Geschützes. Die rotgeschwänzten Bomben durchzogen die Luft, die
Kugeln sausten, ohne unsern Schaden, und es wäre ein prächtiges Schauspiel
gewesen, hätten wir nicht so arg dabei hungern müssen; doch wurden einige
erschossene Fische an die Festung getrieben, die wenigstens für den Moment uns
erfrischten. Abends endlich begab sich die ganze feindliche Macht, die stärker
an Geschütz als an Menschen war, aufs Floss. Es waren nämlich
Reichsexekutionstruppen, und der Fürst, dem die Exekution gegen den sonderbaren
Grafen aufgetragen war, hielt sich nichts als Artillerie, weil er diese für die
furchtbarste Waffe hielt; vor jedem seiner Zimmer standen zwei Achtpfünder, und
eine halbe Batterie reitender Artillerie hatte alle Nacht die Wache vor seinem
Schlafzimmer. Was er nicht hatte, konnte er nicht senden; er sendete seinen
Artilleriepark in das Wacholderbeerland und dies war der schnelle glorreiche
Effekt des ersten Unternehmens: sie hatten mit Zwischenräumen nur achtundvierzig
Stunden geschossen und wir waren schon zur Übergabe der Hauptfestung des Landes
genötigt; aber freilich hatte die Wasserblockade schon drei Wochen an uns
gezehrt. Das bewaffnete Floss näherte sich mit aller Vorsicht und brennenden
Lunten, ob sie gleich wegen der Schwere kein Geschütz hatten darauf setzen
dürfen. Mit welcher Sehnsucht schlug unser Herz jedem Ruderschlage entgegen; der
schönste Tanz war uns der ernste Marsch, den die Hautboisten auf dem Flosse
spielten, und die Musik war stark besetzt, denn jeder Soldat war auch Hautboist.
Das Schiff war nahe, die Nacht dunkel, da öffneten unsre Husarinnen mit solchem
Heisshunger das Tor und liessen die Brücke nieder, dass die Feinde auf den Argwohn
verfielen, wir wollten einen Ausfall machen; sie hielten ihr Schiff an und
wollten umkehren. Da fühlte ich noch so viel Kraft in mir, ihnen durch ein
Sprachrohr entgegen zu rufen, sie möchten um Gottes Barmherzigkeit willen die
Festung einnehmen, oder wir schössen sie alle nieder. Die kanonierenden
Reichsexekutionstruppen nahmen als Generalsalve einen Schnaps, dessen Geruch uns
Tränen der Sehnsucht ins Auge lockte; dann entschlossen sie sich zu dem
Wagestücke, die Festung einzunehmen; doch machten sie es sprachröhrlich sich zur
Bedingung, so viele von ihnen in die Festung stiegen, doppelt so viele sollten
von der Besatzung ins Schiff hinausspringen. Ich war keiner der letzten; jede
Husarin nahm einen Invaliden auf den Arm, und so waren wir bald alle in dem
Schiffe, als noch nicht die Hälfte der Feinde in der Festung waren; wiederum
fürchteten sie Betrug, und als die Frösche jenseit der Festung anfingen zu
quaken, meinten sie, dass ihre eingelassenen Brüder ermordet würden. Endlich war
das schwierige Geschäft beendigt, sie lachten uns aus, als sie oben waren, und
schworen, eine so vollendete Festung hätten sie eine Ewigkeit verteidigen
wollen; da machten wir uns über ihren im Flosse zurückgelassenen Proviant her und
sprachen auch wieder kein Wort; die Kinnbacken knarrten aber, als wenn Knaster
geschnitten würde; endlich bekamen sie Argwohn über dieses Wesen bei uns, auch
weil wir nicht fortruderten, und droheten, uns in den Grund zu bohren; wir
wussten am besten, dass wir das bisschen Pulver der Festung zu Signalschüssen und
als Salz an den Speisen verbraucht hatten; also fuhren wir nach unsrer
Bequemlichkeit ans Ufer, wo wir uns aller zurückgelassenen Kanonen, Munitionen
und Pferde des Feindes bemächtigten, dessen hungerndes Angstgeschrei wir jetzt
schon vernahmen. In einem kleinen Tagemarsche kam unser kleines Korps in die
Hauptstadt des Grafen, der von allen den Ereignissen noch gar nichts erfahren
hatte, da er eben mit der Ausführung eines seiner Lieblingsgedanken beschäftigt
war, sein Reich mit gemalten Soldaten, die zwischen Fuchsfallen verteilt, die
Schlachtlinien bilden, zu verteidigen. Gleich eilte er mit seinen gemalten
Soldaten und dem dazu gehörigen adligen Offizierkorps dahin, seine Festung
wieder zu erobern; unserm Korps wurden aber wegen der Übergabe alle Feldzeichen
abgeschnitten. Nachdem aber das Kriegegericht die Schnupftücher untersucht
hatte, ob sie in der Tasche gebrannt und die Stücken des darauf gemalten Brotes
fand, das die Notfahne bezeichnet hatte, die aus Schnupftüchern zusammengenäht
worden, und sie für Brandflecken erklärte, da wurden wir alle mit einer
Ehrenerklärung dem Gerichte entlassen. Der Fürst traf die besten Anstalten zur
Belagerung der Festung; das Land wurde rings vermessen, eine Parallele nach der
andern eröffnet, und so laut die Belagerten die ersten Tage geschrien, so still
wurden sie nachher. Der Fürst schickte Nachts einen sichern Spion herüber und
der erzählte, die Festung sei ganz leer; wirklich hatten die Exekutionstruppen
in der Hungersnot ein Unternehmen exekutiert, das selbst in der alten Welt, wo
Troja so lange belagert wurde, Erstaunen erregt hätte. Nach dem Geschrei der
Frösche entdeckten sie einen seichten Strich des Sees, wo sie ohne weiter als
bis an die Kniee nass zu werden, glücklich ans Land und bald in ihre Heimat
kamen. Da ihr Fürst den Verlust der metallenen Kanonen nicht so schnell ersetzen
konnte, so liess er hölzerne machen, woraus statt der Kartätschen mit Erbsen
geschossen wurde; man merkte im Effekte auf der Parade keinen Unterschied, und
so ist die wesentlichste militärische Verbesserung im Lande einem blossen Zufalle
zuzuschreiben. Fast hätte ich vergessen, dass ich mich nach meinem Erbprinzen
ganz ergebenst erkundigt; vergebens liess ich ihn in allen Zeitungen zitieren,
ihm solle sein Fehler verziehen sein und er solle ungestört regieren; er blieb
fort und ich musste, ohne Versorgung, mit einer grossen Nase abziehen.«
    »Ja die Nase sehen wir«, sagte der Baron, »nun wie gefällt Ihnen der
Wetterkerl?«
    Die Gräfin rühmte ihn und dankte dem Baron, ihr die Bekanntschaft eines so
ausgezeichneten Prinzenhofmeisters verschafft zu haben; sie machte noch allerlei
neugierige Fragen über die Montur der Husarinnen, die dem Grafen missfielen.
Solches Missfallen über seine Frau drückte sich aber nie geradezu aus, sondern es
warf sich auf eine Nebensache; er fand es sehr unrecht, in einer Zeit, wie die
jetzige, die vom Soldatenwesen ganz zerfleischt, so leichtsinnig darüber zu
reden, aber ganz verrucht sei es von einem Hofmeister, über den Verlust eines so
hoffnungsvollen Prinzen, den er doch mit veranlasst, in so spasshaften
Übertreibungen reden zu wollen.
    »Lieber Karl«, rief die Gräfin, »kannst du dich denn nie in die höhere
Ansicht des Lebens versetzen, wo alles Scherz wird?« Der Graf antwortete sehr
ernst: »Nein, nimmermehr, selbst dir zu Gefallen nicht.« - »Vergessen wir das«,
meinte der Baron zwischentretend, »Spass muss sein, sagt Eulenspiegel; gefällt
Euch jener nicht ganz, so denkt, dass er mir gar langweilig ist, da ich ihn zum
hundertstenmal höre; aber hier ist noch ein andrer viel knolligerer Spassmacher;
Herr Kommerzienrat, Er hat lange genug die Butterbrote mit Fleisch aufgetürmt,
nun ist Er dran; erzähl Er einmal Seine Geschichte von der Prinzessin Wenda.«
 
                               Siebentes Kapitel
                  Geschichte der verlornen Erbprinzessin Wenda
Nudelhuber begann im Biedermannstone: »Ich bin ein guter, ehrlicher Schweizer,
und Sie sind lauter liebe, liebe Leute, ich kann lange denken und weiss viel zu
erzählen, aber ein Glas Wein muss ich mir ausbitten; wir ehrlichen Schweizer
müssen unsern Wein haben, sonst wird uns das Maul trocken. Nun ja, ich soll
Ihnen von der Prinzessin Wenda erzählen. Als ich mit meinem kleinen Bilderkram
nach Warschau zur Messe gekommen, so warteten alle auf den Einzug der
siegreichen Polacken. Es war ein heisser Sommer, das Bier war alles sauer
geworden, weil die Polen keine Korkpfropfen, sondern ein Stücklein Lehm auf die
Flasche stecken. Lauter liebe Leute, ausgenommen, was das Bier, das Ungeziefer
und die Höflichkeit angeht. Um Gottes willen durfte ich mich bei der Prinzess
Casimire und bei der Prinzess Torixene nicht sehen lassen, sie hätten mich sonst
nicht wieder losgelassen; ich kenne das schon an Höfen, da kommt man des Morgens
zum Frühstück und muss zum Mittag bleiben, und nach Tische spricht man so lange
mit den kleinen Prinzen, dass sie einen doch auf den Abend nicht ungespeist nach
Hause schicken können, und so schlägt man den ganzen Tag um nichts und wieder
nichts um die Ohren. Ich musste mich aber alle die Tage recht an die Arbeit
halten, meine Bilder noch einmal zu firnissen; die Polen lieben das und schlagen
alle Tage ein Weisses vom Ei über jedes Gemälde, was sie haben, dass es nach ein
paar Jahren wie durch eine dicke Glasscheibe durchsieht. Auch musste ich meinen
Kirschgeist auspacken; mit Polacken kommt ein Handelchen immer am ersten bei
einem Glase zu Stande; das Volk schreit dabei und kann nichts vertragen; ich
aber werde niemals besoffen, ich habe einen ausgepichten Magen.
    Es war gut Wetter zum Einzuge, viele Kaufleute hatten ihre Buden
geschlossen, um selbst zu sehen; ich dachte, vom Sehen wird einem der Magen
nicht voll, packte meinen lustigsten Kupferstichkram vor der Bude aus; aber die
verfluchten Stadtnonnen teilten den Tag von ihren verfluchten getippelten,
scheckigen, glänzenden Papierheiligen umsonst aus, dass ich wenig verkaufte.«
    Die Gräfin sah bei diesen Worten den Grafen an und sagte: »Hör nur, der Herr
Kommerzienrat hält auch nicht viel auf das Bilderzeug der Nonnen; weisst du noch,
wie du so böse warst, als ich den Heiligen Schnurrbärte gemacht; nicht wahr,
jetzt siehst du doch ein, dass du unrecht hattest?« - Es gibt ein ganz fatales
Gedächtnis, das zur unrechten Zeit meine ich; es gibt eine dumme Listigkeit, die
zur unrechten Zeit verstehe ich. Der Graf erschrak in sich, wie sie so
leichtsinnig an eine Zeit denken und erinnern könne, die ihm so schwer zu
erleben geworden; der bittre Ärger trat ihm auf die Zunge; er nahm sich zusammen
und sagte, eilig zur Türe hinauslaufend: »Lassen Sie sich nicht stören, ich
komme nicht sobald wieder.« - Die Gräfin bemerkte gar nichts und bat den
Kommerzienrat fortzufahren.
    » ... Ja, es sind verfluchte bunte Bilder, die von den Nonnen, bei mir auf
der Fabrik können sie nicht gut nachgemacht werden, und das gemeine Volk mag sie
gerne; wenn nur ein Nonnenkloster wieder aufgehoben wird, ich kaufe mir zu der
Arbeit ein Dutzend Nonnen. Als ich so müssig meine Bilder abstaubte, wurde auf
der Brücke von dem dicken Opferpriester ein Hammel abgeschlachtet, wovon er das
Herz in die Weichsel unter allerlei Singsang weit wegschmiss. Darauf trat die
schöne Prinzessin Wenda zu ihm hin und rief: Die Götter haben den Polacken zu
viel Gnade erwiesen, um ihnen bloss mit Schlachtvieh und Räucherkerzen zu danken,
ich will mich selber ihnen opfern, um alle Landesnot zu endigen. Bei diesen
Worten sprang sie an die Spitze der Planke - denn in Polen haben die Brücken
keine Geländer, es sind schwimmende Planken, die an einander gebunden - und dann
stürzte sie sich mit den Worten in die Weichsel: Empfange mich das Meer als ein
reines Opfer. - Alles war wie erstarrt und vernarrt, ich hielt es für eine blosse
Komödie, so sah es aus; aber viele sprangen nach, sie zu retten, konnten sie
aber nicht mehr erreichen. Ich dachte, das sind Narren, und sah recht genau
nach, was aus der Prinzess werden möchte, die immer noch an ihrem weissen Kleide
zu erkennen war, das auf dem Wasser herumwirbelte; es war ein schönes Weibsbild,
sie hat mir aber nie für einen Groschen abgekauft, darum dachte ich, hol sie der
Teufel. Da sah ich, wie sie vom Strome in einen Aalfang getrieben wurde, da
verschwand sie; ich dachte, nun ist die auch - aber ich hatte mich geirrt, wie
alle andern. Der Aalfang gehörte den Priestern, und endigte sich in einen
meilenlangen Sack von schlesischer Leinwand, der im Tempel des Obergottes alle
gefangenen Aale und auch die tote Prinzessin absetzte, allwo der Oberpriester
sie wieder in seinem Bürgerrettungsapparate zum Leben brachte. Das sah ich nicht
voraus; denn damals hielten wir sie alle für tot. Viele, die ihr
nachgeschwommen, waren entweder ersoffen, oder wurden doch für tot ans Land
gebracht, und da hielt ich ihnen vor, ob sie denn ganz unvernünftig gewesen
wären, sich in solchen reissenden Strom zu werfen, da doch das Wasser überall
keine Balken hat. Was gibt es doch für Narren in der Welt; will sie ersaufen,
was geht es euch an, was habt ihr davon? - Aber das Volk wurde böse auf mich,
denn ein Narr macht viele Narren, und da Prügel nicht gut schmecken, so nahm ich
meine Beine untern Arm und kam zu meiner Bude. Nun denken Sie sich meinen
Schreck, da finde ich, dass mir die Leute wohl die Hälfte von meinem kleinen Kram
weggestohlen hatten, was so vorne ausgelegen. - Spitzbubenvolk, rief ich, und
raufte mir meine paar Haare aus, das läuft, das schwimmt, ein Weibsbild zu
retten, das sein Leben los sein will, und mir nimmt's die Bilder, die ich nicht
umsonst weggeben mag. Wie ich meine salzigen Tränen so weine, da kommt die
Prinzess Casimire leichenblass vorbei gefahren; sie sieht mich und ruft mir zu:
ich wäre ein guter alter Mann, ich sollte nicht verzweifeln wegen der
Prinzessin, ich möchte bedenken, dass ich zu Hause Kinder hätte, sie würde meine
herzliche Teilnahme an ihrer Familie nun und nimmermehr vergessen. - Ja, hat
sich was, Teilnahme um die ersoffene Prinzessin; hätte mir einer meine Bilder
wiedergebracht, so hätte meinetwegen die Prinzessin Casimire mit Kutsch und
Pferden in die Weichsel ihr nachfahren können: das dachte ich wohl bei mir, aber
ich sagte es nicht; Sie müssen es mir auch nicht übel nehmen, es weiss kein
Mensch, wie sauer es einem armen ehrlichen Schweizer in den grausamen
Gebirgnissen wird, sich einen Groschen Geld zu verdienen. Als ich so in
Verzweifelung meine Hände rang, gab mir Gott einen herrlichen Einfall: ich
sollte nun alles übrige doppelt so teuer verkaufen, so wäre mein Schaden gut
gemacht. Das tröstete mich, und es mussten auch gleich ein paar Leute so viel
bezahlen, warum waren sie solche Narren; wenn man Narren zu Markte schickt, so
lösen die Krämer Geld; nun mein Gott, jeder Mensch will doch leben und kein
Mensch lebt von der Luft. Es war unterdessen spät geworden, ich packte ein. Mein
Magen hing mir so schief; ich ging Abends zur Tafelzeit hin nach dem Schloss
der Prinzess Casimire, um mich für ihren Trost zu bedanken. Das ganze Schloss war
in Bestürzung, ich fand nur einen Lakaien im Vorzimmer der Prinzessin, der mir
dreist versicherte, die Prinzessin wolle mit der Prinzess Torixene allein sein,
er dürfe niemand einlassen. - Hat nichts auf sich, erwiderte ich, und schob ihn
unversehens bei Seite, mich wird sie schon sprechen, ich muss sie sprechen. -
Freilich musste ich sie auch noch sprechen, ich hatte ihr eine betrübte Madonna
mit dem Dolche im Herzen und einen St. Sebastian, der wie ein Stachelschwein
voll Pfeile steckte, mitgebracht; sie liebt solch Zeug und sollte es mir gut
bezahlen. Nun müssen Sie sich nicht wundern, dass die Polacken Christum und dabei
alle die heidnischen Satans, Jupiter, Apollo und wie sie alle heissen, anbeten;
das ist bei den Polacken nicht anders; das Volk frisst Ihnen alles unter
einander; die beste Schüssel bei dem Landvolke ist immer Sauerkohl mit
brennenden Talglichtern darin: ein verfluchtes Fressen. Ja, wo blieb ich doch
stehen - also trat ich zur Prinzessin herein, und wie ich herein trat, fragte
mich die Prinzessin verwundert: Mein lieber Kommerzienrat, war niemand im
Vorzimmer, der Ihnen gesagt hat, wir wollten allein sein? - Hat nichts zu sagen,
antwortete ich, inkommodieren Sie sich gar nicht um mich alten Mann, genieren
Sie sich gar nicht in Redensarten; ich habe denn doch mehr gesehen in der Welt,
ich habe zwar heute viel verloren - und dabei dachte ich an meine Bilder und
weinte bitterlich, dass mir die Tränen piperlings die Backen herunterliefen. -
Die Prinzessin weinte mit und wollte mich trösten; sie sagte, dass sie eben der
Prinzess Torixene die geheime Geschichte der unglücklichen Wenda habe erzählen
wollen. - Ich bat, sie möchte immer erzählen, wenn es auch mich nicht
unterhielte, so hätte ich alter ehrlicher Schweizer genug in meinem alten Kopfe
zu denken, was wohl bedacht sein müsse; auch könnte ich mir die Zeit wohl
vertreiben, wenn sie mir etwas zu essen vorsetzen wollte; ich hätte im
Vorbeigehen in der Küche noch eine gute gespickte angeschnittene Kälberkeule
liegen sehen; von dem Tee knurre es mir im Leibe, ich wäre ihn nicht gewohnt und
dabei die Rührung, mir würde ganz miserabel; wenigstens möchten sie mir ein paar
Eidotter hineinrühren. Sie wusste schon alles, was mir gut schmeckte, stand auch
wirklich von ihrem Teezeuge auf, und musste mitten in ihrer Betrübnis einen
gnädig lächelnden Blick auf mich werfen; ich aber fuhr fort und sagte: Ich kann
nicht begreifen, was die vornehmen Leute von dem Tee haben; es ist schlabbrig
Zeug, macht keinen satt und froh und kostet doch auch viel bei jetziger Zeit.
Wie sie nun aufgestanden war, setzte ich mich auf das atlassene kleine Sopha, wo
sie gesessen hatte, und die Prinzessin Torixene meinte, sie würden dann nicht
Platz behalten. Sein Sie ohne Sorge, antwortete ich, wir rücken hübsch zusammen;
ich alter Schweizer mag gerne Abends ein bisschen einnicken und da ist es mir
hier schon begegnet, dass ich mit dem Stuhle umgeschlagen bin, und das macht
Ihnen nur Schreck, wenn erzählt wird. - Die Prinzessin brachte ihre Hunde mit;
was die Köter mich anbellten und beschnüffelten, weil ich den Morgen einen
Hering in der Tasche gehabt hatte; die führten sich recht schlecht auf. Ich
fragte die Prinzessin, wie sie das leiden könne, ich wäre doch ein Mensch und
wollte mir so was nicht unterstehen. - Nun, Gott sei gelobt, da wird die Suppe
hereingetragen; es sind doch liebe, liebe Leute, die Herren Bediente, dass sie so
was nicht auf dem Wege halb auffressen, ich würde es sicher so machen.«
 
                                 Achtes Kapitel
                                 Prediger Frank
      Gespräch über die bürgerlichen und religiösen Verhältnisse der Liebe
Wirklich war der Tisch gedeckt worden und die Suppe aufgetragen; die Gräfin
bezeugte dem Baron ihre ausgezeichnete Zufriedenheit und der Graf trat mit einem
fremden Geistlichen herein, als er ihr eben die Hand küsste. Der Graf war nicht
eifersüchtig, aber diese Vertraulichkeit mit dem nichtswürdigen Menschen war ihm
verhasst; er stellte ihr sehr ernstaft den Fremden, als den Prediger Frank aus
der Nachbarschaft vor: ein evangelischer Geistlicher, der um die Landwirtschaft
der Gegend grosse Verdienste hatte, der als ein guter Erzähler in der Gegend
bekannt war und den der Graf diesmal als Gegengift gegen die beiden lächerlichen
Personen der Gräfin geholt hatte. Die Gräfin begrüsste ihn kalt und wendete sich
gleich wieder zu dem Baron, und zu seinen Gesellen, und sagte ihnen Artigkeiten.
Der Graf nahm den Baron beiseite und sagte ihm ergrimmend: er möchte sich doch
gefälligst im Augenblicke gleich und ohne Säumnis mit seinen beiden Gesellen
fortscheren. Der Baron wiederholte das ganz laut zur Gräfin und sagte: »Nun
sehen Sie wie er ist, ich glaube, wenn ich nicht gleich ginge, schmiss er mich
die Treppe hinunter; kann ich mich wohl bei gesunder Vernunft dem
Herunterschmeissen aussetzen; das kostete mir wenigstens ein paar Taler an Salben
und Pflastern; viel lieber bezahle ich mein Mittagsessen in der Dorfschenke;
nach Tische kommen wir wieder. Um euer Essen ist es mir gar nicht zu tun, aber
ihr seid Leute, mit denen sich ein vernünftig Wort reden lässt, ihr seid gerade
wie ich; hab ich nicht recht, wir passen allein zu einander in der ganzen
Gegend.« - Ohne eine Antwort abzuwarten, lief er zwischen seinen beiden Stelzen,
so ragte er über beide hinaus, ohne einen Gruss aus dem Zimmer.
    Die Gräfin machte dem Grafen, ohne sich vor dem Fremden zurück zu halten,
eine Menge Vorwürfe, wie er ihr aus Grillen den einzigen Umgang auf dem Lande
verdränge, der ihr erträglich sei; er sollte doch einmal die hochgepriesenen
adligen Wirtinnen der Nachbarschaft betrachten, wie feist dumm oder mager
zänkisch sie alle in dem elendesten Lebenskreise sich herumtummelten. Der Graf
antwortete nicht, aber ihn kränkte es tief, dass sie mit solchem Hochmute sich
über einen würdigen häuslichen Kreis hinaussetze, dessen ernste Pflichten zu
erfüllen sie weder Mut noch Geschick habe, dessen Unterhaltung zu verstehen ihr
Kenntnis alles einzelnen ländlicher Haushaltung abgehe. Der Fremde war ernst und
wenig beredt; er sprach einiges mit dem Grafen von der Universitätszeit, die ihm
noch mit jugendlichem Reize vorschwebte, und fragte nach einem Studenten Hollin,
der nach seiner Zeit eines gewaltsamen Todes gestorben. - Der Graf sagte ihm,
dass er selbst dabei gegenwärtig gewesen und gar lange in tiefe Betrübnis dadurch
versetzt worden sei, ob er ihm gleich nicht näher bekannt gewesen; von einem
seiner Freunde, der wahnsinnig im Kloster gestorben, habe er dessen Papiere
erhalten, die er noch wie ein Heiligtum bewahre. - Der Prediger bat um die
Mitteilung; denn er nehme recht herzlichen Anteil an dem jungen Manne. - Die
Gräfin fragte neugierig nach der Geschichte. - DER GRAF: »Sie ist sehr lang,
nach Tische will ich sie ausführlich aus den Papieren erzählen, die in meinem
Zimmer liegen; kurz gesagt, sein Unglück war Folge der Eifersucht und ich habe
mir seit der Zeit zugeschworen nie eifersüchtig zu sein.« - DIE GRÄFIN: »Das ist
nicht artig, keine Leidenschaft ist uns Frauen so schmeichelhaft wie die
Eifersucht.« - DER PREDIGER: »Bei einem Liebhaber geb ich es zu, bei einem Manne
ist es aber sehr schmerzlich.« - DER GRAF: » ... Mehr aber war Hollins Schicksal
durch ein Hinaussetzen über bürgerliche und religiöse Verhältnisse in der Liebe
zerrüttet.« - DIE GRÄFIN: »Bürgerliche Verhältnisse in der Liebe?« - DER
PREDIGER: »Steht nicht in der Bibel: Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe
lebt, der lebt in Gott?« - DER GRAF: »Ich kenne und ehre den Sinn, in welchem
dir, liebe Dolores, die Allgewalt und Oberherrschaft der Liebe deutlich geworden
ist, sie hat ohne Anstoss unser Glück begründet; aber, lieber Herr Prediger,
Gottes Liebe ist nicht des Menschen Liebe zum Menschen.« - DER PREDIGER: »Sie
bestreiten eine Hauptstütze meines Systems, das Durchdringen der göttlichen
Liebe in der menschlichen.« - DER GRAF: »Nicht gegen die Möglichkeit dieses
Durchdringens streite ich, aber nur das eine weiss ich gewiss, dass dieses
Göttliche darin selten rein von menschlich irdischer Beimischung ist, die
täuschend das himmlische Feuer nachzuahmen weiss, besonders in unsrer Zeit.« -
DIE GRÄFIN: »Hast du an mir diese Erfahrungen gemacht, so beleidigst du mich,
hast du das an andern gefunden, so kann ich eifersüchtig werden und warum bist
du böse auf unsere Zeit, leben wir nicht alle darin?« - DER GRAF: »Sei nicht
eifersüchtig auf die Toten, sie sind nicht zu beneiden, so lange uns das Leben
grünt; ich habe dir so oft gesagt, dass ich wenig selbst erfahren und das meiste
der Offenherzigkeit andrer danke. Auch bin ich nicht frech, unsre Zeit schlimmer
zu nennen als jede andre; aber das weiss ich, sie trägt der Vorzeit schwere
Sünde, und diese abzubüssen ist ihr hohes Verdienst.« - - DER PREDIGER: »Und eben
darum ist ihr die Liebe zum Troste gegeben, aber leider vertraut sie ihr nicht.«
- DIE GRÄFIN: »Wie kann sie ihr auch vertrauen, da gleich drei Leute, die hier
beisammen, so verschieden von ihr denken.« - Aus den Betrachtungen, die nun von
allen Seiten eintrafen, setzen wir hier eine Übersicht zusammen:
                         Von der Liebe in unserer Zeit
Wie arm ist unsere Zeit in der Liebe, denn sie ist ihrer selbst ungewiss.
    Der einzelne achtet sich reicher an Vertrauen, als seine Zeit und achtet
sich gross, sich ihr zu entziehen.
    Aber keiner vermag es, seiner Zeit zu entfliehen, wie noch keiner seine
Mutter verleugnen konnte, ehe er geboren.
    Was bleibt dem stolzen einsamen Flüchtling zwischen Himmel und Erde; bleibt
er sich selbst?
    Die Jugend eilt und bald folgen ihr die stolzen Erinnerungen. Mit den
Gesängen seines Übermutes erhält der Jüngling die Blumen eines empfundenen
Frühlings; aber das Lied verhallt und die Zeugen seines Glückes verwelken.
    Was ist fest in dir, dauernd, ruhig?
    Der Freude Schmerz, der Hoffnung Sehnen ermüden endlich doch in dem
abwechselnden Tanze deiner Träume, wenn die Musik noch lange nachklingt.
    Was bleibt dir, müde Seele? wo ist der Glanz der Augen, die Fülle der
Gedanken, die nahe Freude, die Hoffnung der Ferne?
    Dir bleibt Entsagung, Erinnerung, aber du selbst bleibst dir nicht.
    Darum sind alle Gebüsche, die mit uns gross wurden, ihr vertrauter Schatten
von girrenden Tauben durchflattert, dem verständigen Manne nicht deswegen allein
heilig, weil sie Erinnerung der unbemerkt verschwebenden Jugend sind; der holde
Traum will ihm wieder kehren und er möchte den Glanz des Frühlings in der
drückenden Glut des Sommers wieder erkennen. Er fühlt wohl: So ist der Frühling
und so ist er auch nicht. - Und erwacht ihm im schönen Herbste der Fruchtbaum,
dessen Frucht er schon genossen, zu neuer Blüte, und spinnt der blinkende Reif
ihn noch blütenreicher ein, dann fühlt er wohl in Augenblicken, der Tod sei die
reichste Blüte, denn er sei gewiss: sei Frühling, Sommer, Herbst; aus ihm komme
alles.
    Wenn dich der eingewurzelte Baum so trösten konnte, du einsamer Mensch,
warum sind die freien Menschen dir nur zur Qual, zum Vorwurf; fürchte dich
selber, sonst hast du nichts zu fürchten; denn es ist nicht gut, dass der Mensch
allein sei. Die Lilie erhebt ihr hohes weisses Haupt, aber des Menschen Haupt,
das unter ihr ruhet, erhebt sich nicht wieder; jede Lilie scheint aber der
andern gleich, die im vorigen Jahre abblühte, ist es gleich eine andere; denn
sie deuten auf einander und leben durch einander fort: so der fromme Mensch, der
in der Gesinnung seines Volkes und mit ihm fort lebt, treu seinen Vätern in Tat
und Glauben; er kennt den Tod nicht und braucht ihn nicht unter Blüten zu
verstecken.
    Vertraue deinem Volke in der Liebe und im Tode: das ist der Glaube, das wird
zur Tat.
    Wer seines Volkes Glauben im Glücke leichtsinnig vergisst, in der Not
verlässt, den wird Gott in seiner letzten Not vergessen und in seinem Glücke
verloren gehen lassen.
    Hat unsre Zeit, hat unser Volk einen Glauben? wehe ihnen! wenn sie keinen
haben; aber sie erkennen noch heilige Schriften und heilige Gebräuche. Da stehet
geschrieben, die Ehe soll ehrlich gehalten werden, die Übertreter richtet Gott
und schlägt sie in ihrer Blüte darnieder, dass sie nicht Frucht bringen des
Verderbens. Sage keiner, dass ihn Gott versuche, dass er allein sei; wo zweie in
seinem Namen versammelt sind, da ist er mitten unter ihnen. Ein jeglicher wird
versucht, wenn er von seiner eignen Lust gelocket wird; darnach, wenn die Lust
empfangen hat, gebieret sie die Sünde, die Sünde aber, wenn sie vollendet ist,
gebieret sie den Tod.
    Irret nicht, lieben Brüder.
Frank, der am meisten dabei geredet und am wenigsten gesagt hatte, fuhr fort:
»Sie werden meine lange Rede mit meinem Alter und meinem Stande entschuldigen;
ich lehrte schon an der Schule, als Sie, Herr Graf auf die Universität kamen,
wenigstens zwölf Jahre sind wir unterschieden.« -»Doch sind Sie noch unverändert
jugendlich in Farbe und Bewegung; ich würde Sie für jünger halten«, meinte der
Graf. - »Bei uns regelmässig Beschäftigten greifen die Lebensalter nicht voraus
in einander«, meinte der Prediger, »meist nach bestimmten Perioden, die auch
wohl durch eine Krankheit bezeichnet sind, treten wir die grossen Stufen
hinunter; durch gleiche Ordnung hört manches Mühsame auf, beschwerlich zu sein;
wir kennen auf dem Lande wenig Anstrengungen, die alle unsre Kräfte forderten,
und darum werden Sie auch bei Kriegen und andern Ereignissen, die den gewohnten
Verkehr stören, dort eine Menge unerklärlicher Krankheiten und Sterbefälle
finden; ja ich muss gestehen, dass selbst die Einführung der Wechselwirtschaft in
unserer Gegend, an der ich eifrig arbeite, manchen alten Landwirt dahingerafft
hat; mich beruhigt dabei, dass er in seinem Berufe gestorben.« - Die Gräfin
machte ihm Vorwürfe darüber, ob es wohl eines Menschenlebens wert sei, dass etwas
gehackte Früchte mehr gebaut worden; er lehnte dies ab, indem er bewies, dass
eben dadurch viel mehr Menschen künftig gut leben könnten. Der Tisch wurde
inzwischen aufgehoben, der Graf führte seine Frau und seinen Freund in eine
angenehme Weinlaube hinter dem Schloss, die als ein grosses grünes Dach von
wenigen Säulen unterstützt, an welchen der Weinstock aufrankte, ein eigenes
Sommerhaus bildete, in welches die Sonne durch die zackigen Blätter gar angenehm
auf die kleinen Trauben blickte. Bequeme Sitze, Birkwasser, Rheinwein und Zucker
wurde von den Bedienten gebracht; der Graf zeigte dem Prediger in der Gegend
umher einzelne Denkmale und erzählte deren Geschichte. Die Gräfin trat mit
Berichtigungen dazwischen; sie hatte alles durch die Ilse schon genauer kennen
gelernt, als der Graf, ungeachtet er dort aufgezogen war und vieles geschaffen
hatte. Der Graf schwieg und der Prediger bat ihn, nicht länger die Erzählung
vorzuentalten, die er bei Tische versprochen. Der Graf entfernte sich einige
Augenblicke, dann kam er mit einem grossen Paket von mancherlei Papieren zurück;
ehe er diese geordnet, füllte der Prediger die Stille mit einer patetischen
Anrede, die er irgend einmal auswendig gelernt zu haben schien.
    PREDIGER: »Ihr geliebten hochgefeierten Musensitze, wie goldene
Luftschlösser scheint ihr zuweilen in mein dunkles einsames Pfarrzimmer, und
meine Augen gehen unter in dem Glanze. Aber hier von der Höhe eines freien
reichen altritterlichen Schlosses, darf ich schon zu euch hinblicken, ihr
goldenen Berge, auf denen die Musen rings auf Apollos Leier horchen, jede ihr
Eigenes dabei denkend in sich; alles scheint mir hier so nahe an der Seite des
Musenfreundes, an der Seite der Schönheit. Wie glänzet der Rossquell in den
Abendstrahlen, es wiehert das Flügelross ...« (Wirklich wieherte in diesem
Augenblicke des Grafen Rappe, der in der grünen Koppel alle Anstrengungen des
vorigen Tages vergessen hatte.) »Nur ein Trunk alter Lust, nur ein Jubelgesang
alter Stimmung, und ich bin wieder derselbe, dem die Zeit, wie ein Vogel in
höchster heller Luftöhe mit gleichen Flügeln schwebend, stille zu stehen
schien. Dieses Glas trinke ich dir zu, Mutter aller Musen, Erinnerung, du
wunderbare Schicksalsgöttin alles inneren Lebens, aller Gedanken; denn wer die
Töchter gewinnen will, der muss es mit der Mutter halten. Wie so ganz gegenwärtig
wird mir die erste Bekanntschaft mit Hollin in H.; wie zeichnete er sich als
Redner der Studenten bei dem glänzenden Morgenfeste aus, das von der Universität
in dem Botanischen Garten zur Feier des ersten Besuches unsres Königs und der
schönen Königin gegeben wurde; sein Anstand, seine tiefe Stimme, das männlich
Vollendete seines Wesens nahmen alle Zuschauer für ihn ein; auch die hohen
Herrschaften dankten ihm gnädig. Jedermann musste ihm gut sein, so gar kein böser
Hinterhalt war hinter seinen Augen möglich, die so lebendig mitsprachen, dass
seine Seele wie in einem Glashause dachte, wo jedermann zuschauen konnte, ohne
dass er etwas davon ahndete. Darum sahen die Mädchen meist nieder, wenn er sie
anblickte, und die älteren Frauen in ungefährlichen Jahren lachten ihm alle
freundlich entgegen; er hatte sein Teil erwählt, er gab wenig auf sie acht und
mich zerstreute bald die mannigfaltige Pracht des Hofes und der Frauen, die
farbig unter den farbigen Zelten wie unter hohen Blumen sassen, die sie geboren,
und mit ihnen an den hohen Bäumen noch zu schweben schienen. Auch mich ergriff
der allgemeine Verkehr, auch ich sah ihn nicht wieder in dem allgemeinen Jubel,
der sich immer nach dem Hofe drängte und von ihm zurück strömte. Der König
fragte mit Weisheit nach den Bedürfnissen der Stadt und der Universität, rühmte
das zarte Ehrgefühl, die gute freie Lebensart der Studenten, ihre Begeisterung
für Kunst, Wissenschaft und Vaterland. Die Früchte des Landes und die fremden
Früchte des Gartens, Ananas, Melonen und Feigen wetteiferten in Fülle, Süsse und
Saftigkeit; der Wein wurde reichlich geschenkt, dass selbst der Boden von seinem
Opfer duftete; doch vor allem war herrlich der Gesang wackerer Jünglinge und
Mädchen, deren Chöre abwechselnd, die Luft einander zuschmeichelnd, sie mit
Wollust erfüllten. In diesem Jubel sah ich Hollin zum letztenmal; der Hof zog
fort und die Stadt schien mir ausgestorben; alle junge Leute hatten sich in die
zwei Hofdamen verliebt und das Unbedeutendste, was sie gesagt, wie sie sich
getragen, wiederholten wir einander.«
    Unterdessen hatte der Graf alle Papiere in Ordnung gebracht, und er begann
die Geschichte ohne alle Umständlichkeit, indem er ihr gleich einen Titel gab.
 
                                Neuntes Kapitel
                               Hollins Liebeleben
2
»Hollin und Odoardo kamen denselben Tag auf eine Schule, gewannen einander
sogleich lieb und veranlassten dadurch, dass ihnen der Rektor ein
gemeinschaftliches Zimmer anwies, das sie auch bis zu ihrem Abgange nach der
Universität mit einander bewohnten. Jener war dem letzteren an Alter, Vermögen
und Talent überlegen; diese Überlegenheit war alte Gewohnheit und machte keinen
Riss durch ihre Freundschaft. Sie versuchten sich mit einander in allem, was das
Schulleben mit sich führt; sie präparierten sich miteinander, brateten heimlich
einander Kartoffeln, schlugen gemeinschaftlich ihre Feinde auf andern Schulen,
hielten sich zusammen heimlich einen Renommistenanzug, in welchem sie
abwechselnd Kömodie und Kaffeehaus besuchten; sie waren auf der ganzen Schule
unter dem Namen Kastor und Pollux bekannt; Odoardo, der früher schlimme Jahre
bei seinem armen Vater zugebracht hatte, welcher Doktor in G. war, hatte mehr
Bewusstsein dadurch, mehr Vorsicht und Klugheit gewonnen, war dadurch eine Art
wohltätiger Hofmeister Hollins, der ihn von tausend Unbesonnenheiten
zurückhielt; in allem übrigen lebten sie so in einander über, dass die Lehrer
Mühe hatten ihre Handschriften zu unterscheiden. Die Vormünder schickten Hollin
nach H., der Vater berief Odoardo nach G.; beides war ihren vereinigten
Bemühungen unabänderlich, weil jeder vom andern die Abänderung erwartet hatte;
sie trennten sich mit tausend Schmerzen und fühlten doch erst nachher, was sie
an einander verloren hatten. Als sie von einander Abschied nahmen, sagte
Odoardo: Dies ist ein Augenblick, wo wir uns trennen, vielleicht kommt ein
Augenblick, wo wir uns wiedersehen, gewiss aber einer, wo wir uns hinlegen und
nicht wieder aufstehen; und erinnerte seinen Freund daran in seinem ersten
Briefe und an manches andre Traurige: wie ihre kleine Schulwelt hinter ihnen bis
auf die Namen, die sie in ihre Bänke eingeschnitten, bald vernichtet sein werde;
dabei erinnerte er sich, wie er als Kind fest geglaubt, er werde ewig leben, bis
sein liebster Spielkamerad, ein Hund, sich in der Morgensonne aufgestreckt,
still geworden und gestorben sei; - von der Universität schrieb er nichts. Ganz
anders beschrieb Hollin seine Gedanken bei dem Anblicke der Universität: Himmel,
welch ein Gefühl, als ich die ersten Spitzen der Türme und immer mehr, endlich
die ganze herrliche Freistatt der Jugend aus der Ebene hervortreten sah. Noch
ist er nicht verhallt in mir, der innere Ruf nach Freiheit, der mich als Kind
schon zum kühnen Spiele auftrieb. Ringt nicht jedes Wesen nach Licht und
Freiheit, Keime, Blüten, Vogelbrut, selbst die stummen Fische verlassen im
Sonnenscheine ihr Element und schlagen sich empor und rauschen über seine Fläche
hin. Und wir, frei aufgerichtet zur Mittagssonne, die wir unsre Erde in Luft und
Wasser umkreisen und durchstreifen dürfen, sollten die Fülle der schwellenden
Kraft und Freude im trägen Kleinmute des Bürgerlebens eindämmen. Der Wagen
schien mir unerträglich langsam fortzuschleichen, wie die Zeit auf unsern
Schulbänken. Bald kam eine Schar in ritterlicher Kleidung mit Helm und Schwert,
bewillkommte uns zutraulich, ohne uns zu kennen, lud uns gastfrei zum Mahle ein
und verbrüderte sich mit uns: verbrüdert uns nicht alle menschliche Gestalt, ist
nicht die Liebe frei und ist es nicht der innerste Drang des Menschen, alles
liebevoll zu umfassen und in sich aufzunehmen. - Im nächsten Briefe erzählte er
seinem Freunde, dass er in eine Landsmannschaft aufgenommen, einer der besten
Fechter geworden sei; dass er sich bemühe ihnen dagegen seinen Sinn für alles
Tiefe in der Philosophie mitzuteilen. Warnend schreibt Odoardo von seiner
Universität: Mir ist alles hier unerträglich einförmig bis auf die
untergeschobenen, auswendig gelernten Einfälle. Ein paar lächerliche Namen, ein
Dutzend Scherze über Dinge des täglichen Gebrauchs, dieselbe Manier arme Leute
zu beleidigen, die sie nicht fürchten, viel Erzählungen ehemaliger Tapferkeit
und nachahmenden Mut aus Furcht vor der Schande; das hab ich schon entdeckt. Wer
nicht platt ist, wird aberwitzig genannt, wer Poesie liebt, ein Kraftgenie, wer
einen andern als den hergebrachten Spass treibt, von dem heisst es, er wolle etwas
vorstellen. In den Gesellschaften ist stummes eitles Hofmachen, alles in
ernstafter Wichtigkeit; haben sie dann etwas Wein genossen, so werden sie grob,
nach ihrer Art genialisch, und sagen den Frauen Unanständigkeiten; diese fliegen
verstört auf und werden von ihren Beleidigern nach Hause geführt. Dann gibt's
Schlägereien, selbst zwischen Freunden, die einander alles verziehen haben; zum
Glück kommt selten was dabei heraus. Von dem unsinnigen Lernen sage ich kein
Wort, die meisten tun nichts als Heftschreiben.
    Hollin hatte sich mit solcher Lust in die Studentenwirtschaft geworfen, dass
ihm sehr bald ein Vorsteheramt seiner Landsmannschaft übergeben wurde. Eine
grosse Streitigkeit zwischen Landsmannschaften und Orden entzweite damals die
Universität; er nahm heftig die Partei der erstern, weil er darin wenigstens
keinen solchen Trennungsgrund wie in den Orden fand, die notwendig, weil alle
daran teilnehmen konnten, im ewigen Kampfe unter einander bleiben mussten. Alles
sollte durch einen Zweikampf zwischen beiden Parteien ausgeglichen werden; er
wollte für alle fechten, das erfüllte ihn mit Freude; nur das Unbestimmte des
Kampfes bewegte ihn; hätte er sich bestimmt einen Arm, einen Fuss abhauen lassen
dürfen, es wäre ihm lieber gewesen. Er kam früh auf das Dorf, wo gekämpft werden
sollte. Freunde und Feinde unterhielten sich wie gewöhnlich von Nebensachen ganz
frei. Vor allen gewann er einen gewissen Lenardo aus G. ganz ungemein lieb, der
aus Hang zur Unabhängigkeit von seinem Vater, der ihn dort einschränken wollte,
ohne Abschied nach H. abgereist war. Offen ohne Zweck, lustig aus Bedürfnis und
darum dem Weine, dem Spiele, den Mädchen ergeben; fleissig zum Scherz, mutig ohne
es zu wissen, nie Beleidiger, fast immer Versöhner beim Weine; mit allen
Gutfreund, mit keinem insbesondere, hatte er so viel Bekanntschaften gestiftet,
so viel Brüderschaften getrunken, so viel Trennungen erfahren, dass er in jedem
neuen Bekannten zehn alte wieder begrüsste und wiederfand, ohne es zu wissen. Er
war immer der einzige ohne Stammbuch, der sich in allen Stammbüchern fand; immer
von Memorabilien umgeben, der aber keine einzige behielt, dem die vergangene
Zeit ganz vergangen. Witz hörte er gern von andern, um Gelegenheit zum Lachen zu
haben, er selbst hatte den Witz nur im Trunke; rasch im Wetten, aber selten
glücklich, weil er wenig genau hörte; glücklich im Spiele, gewann er doch
selten, weil er nur im Unglücke wagte; leichten Weibern sehr willkommen, war er
doch selten geneigt, den Umständen einer etwas vornehmeren Verbindung sich zu
unterziehen; die schnellere Entscheidung bei den unteren Klassen machte ihm mehr
Genuss; in den Künsten zeigte er stets ein vorwiegendes dramatisches Talent. So
ist er noch jetzt, und so war er; denn er gehört zu den unveränderlichsten
Menschen, unversehrt, ob er gleich zehn verschiedene Weine an einem Abende
aufeinander setzt. Dies wurde sein Gegner; sie umarmten sich erst, dann schlugen
sie sich; Lenardo wurde sehr bald schwer in den Leib verwundet. Hollin hätte
sich in seinen Hieber stürzen mögen; doch der Wunsch seinem Freunde zu helfen,
trieb ihn zu Pferde nach der Stadt einen Wundarzt zu holen; dem Mediziner, der
gegenwärtig, fehlte es an Geschick, er hatte mit seinem Bindezeuge bloss
figuriert. Als dieser ankam und den Verwundeten, der an einem Ofen halb gebraten
und halb erstarrt lag, von dem drückenden Verbande der Schnupftücher befreit
hatte, und mit der Sonde auf und nieder fuhr in der Wunde, da hing Hollin wie
ein loser Stein über dem Abgrunde; endlich hielt ihn die Hoffnung fest, und die
Hoffnung liess ihn nicht zu Schanden werden; die edlen Teile im Innern waren
unverletzt. Ohne Ermüdung wachte er in den kalten Nächten bei dem Freunde, und
der Zufall machte ihn bald mit allen Lebensverhältnissen Lenardos bekannt. Er
musste an dessen Schwester Marie schreiben, sie möchte sein böses Verhältnis mit
dem Vater ausgleichen; dabei rühmte er ihm die Schwester als unendlich liebevoll
und gut. Hollin hatte einen jugendlichen Hochmut gegen die Weiber; aus Mangel an
Umgang mit ihnen hielt er sie kaum für Menschen; insbesondre hatte er gegen alle
moderne Sitten derselben aus einigen Darstellungen in Komödien neuerer Zeit
einen bestimmten Abscheu; was er von Liebe wusste, war nur im allgemeinen
empfunden, nie bei einer einzelnen entdeckt. Lenardo sprach mit ihm, ob er ein
Mädchen heiraten sollte, die ihm recht gut sei, und viel Geld habe, er wäre dann
auf einmal aus seiner Schuldenlast. Hollin fand das frevelhaft, behauptete, wenn
es überhaupt eine Ehe geben dürfe, so müsse sie das Band zweier Liebenden sein;
der Liebe gehöre jede Hingebung, und alle äusseren Verhältnisse müssten vor ihr
verschwinden: ein Hingeben ohne Liebe sei Unzucht; wer mit dem Feuer der
Haushaltung die Liebesfackel anzünden wolle, der werde darin wie im höllischen
Feuer verbrennen und nur aus dieser Unnatur, die häufig sogar aus Pflicht
getrieben würde, entstehe alle sinnlose Ausschweifung der Männer und die feile
Liebe.« -
»Da hat er einmal nicht ganz recht!« rief die Gräfin eifrig. - »Sie haben
recht«, entgegnete der Prediger; »ich leugne, was er von dem Hinaussetzen der
Liebe über äussere Verhältnisse sagt, insofern sie doch nicht aus der Welt hinaus
versetzen kann.« - »Das meinte ich nicht«, antwortete die Gräfin, »aber mir sind
viele Beispiele bekannt, dass Ehen bloss der Ausstattung wegen gestiftet wurden,
die sehr glücklich ausschlugen; das Entgegengesetzte sah ich oft bei Liebenden.«
-»So etwas muss man nicht sehen!« brummte der Graf vor sich.
    » ... Lenardo genas, und Hollin zog sich von dem grossen Studentenhaufen zu
seinen Büchern zurück; der Wunsch andre zu bilden, misslang ihm fast gänzlich,
denn er wollte alles in der Natur übereilen. Einsam durchstrich er zum erstenmal
die schnell aufgrünende Frühlingsbühne, schwelgte an jedem neu grünen Blatte und
im Laufe der krummen Fusswege kam er über eine Brücke auf eine Insel; im Gefühle
der Einsamkeit liess er sich einen kleinen Geiger kommen, setzte sich in eine
Laube und knackte Nüsse, die meist hohl waren; sein Herz war voll. Lenardo
schreckte ihn heranspringend mit den Worten auf, er werde gleich seine Schwester
zu ihm führen, die heute angekommen; sein Vater sei versöhnt, Hollins Brief habe
das ganze Haus entzückt, alle wären begierig ihn kennen zu lernen. Er sprang
fort, ohne Hollins Antwort zu hören, der ihm versicherte, er könne in dem
Augenblicke mit keinem Weibe reden. Hollin warf aus Verdruss Tisch und Bank um,
liess den Kleinen ein Schandlied musizieren und lief in das Dickicht. Bald kam
Lenardo mit seiner Schwester und noch einem Mädchen. Lenardo erklärte ihnen
lachend den wunderlichen Hass seines Freundes gegen alle Weiber; beide schienen
dadurch etwas beleidigt. Alles das sah Hollin aus dem Dickicht und für seinen
Hass und für seine Ruhe sah er zu viel; beide verschwanden im Augenblicke. Was
hätte er jetzt dafür gegeben mit Marien sprechen zu dürfen; aber er hatte sie
beleidigt, was hätte er ihr sagen können; ihr Bild schwebte ihm noch deutlich
vor, als sie lange fort war, und am Abend trieb er sich vor ihrem Fenster herum
und meinte, wo ein Schatten durch die Gardinen der erleuchteten Fenster
dunkelte, da stehe sie, und da meinte er etwas zu sehen. - Lenardo reiste den
nächsten Tag mit seiner Schwester und seinem Vater fort; nach seiner Weise hatte
er vergessen, irgend jemand davon zu sprechen; niemand wusste wohin. Hollin
ärgerte diese Nachlässigkeit, denn er konnte nicht Ruhe finden, bis er die
Beleidigung gut gemacht, der er selbst diese stille Abreise fälschlich
zuschrieb; er entschloss sich zur Zerstreuung den Harz zu Fusse zu durchstreichen
und es gelang ihm wenigstens auf den wilden Höhen, in den grossen Ansichten der
Natur sich selbst mehr zu vergessen. Eines Tages kehrte er in Goslar spät abends
ein; die Altertümlichkeit der Stadt machte ihn selbst alt; er ging durch die
engen Gassen, von fliessendem Wasser durchschnitten, vor dem Ratause voll bunter
Schnitzwerke, vor der alten Kirche, mit wunderbaren Bildern geziert, vorbei; ihm
ward ein so wohltuendes Gefühl durch alle Adern gegossen, als kehre er nach
abgebüssten Sünden von einem Kreuzzuge heim, als werde ihm morgen des Glückes
Sonne einmal wieder scheinen. Im Gastofe fand er einen trüben Brief von
Odoardo; Werters Leiden waren dem in die Hände gefallen, und fühlte er auch
nicht das zerstörende, sich selbst wiederkäuende Ungeheuer in der Welt, so
fühlte er doch, bedrängt von lästiger ärztlicher Praxis, die er für seinen Vater
übernommen hatte, eine ewig leere lieblose freudelose Bewegung, ein törichtes
ermüdendes Spiel aller Naturerscheinungen, eine ewige Wiederkehr der Jahre,
derselben Blüten, derselben Menschen, ihrer Verhältnisse, weswegen man in alle
Ewigkeit hin in demselben Sinne, aus derselben Apokalypse prophezeien könne. Wir
müssen so laufen, schrieb er, damit die Schuhe ausgetreten werden, und sind sie
ausgetreten, so sind sie zerrissen, und die neuen drücken wieder; die
Unendlichkeit steht, lacht dazu verzweiflungsvoll aus der Ferne und wir können
ihr Angesicht nicht erblicken. Und denke ich Deiner Freundschaft, sieh, da füllt
sich meine Seele mit Herrlichkeit wie der gehemmte Strom vor mir, in welchem
noch eben ein armer Junge nach Lumpen suchte, mit klarem Wasser, nachdem die
Schleusen erschlossen sind. Wie ist alles so voll und so leer, so freundlich und
traurig zugleich: alles Tag in Nacht. Im Lichte der Freundschaft glänzt die
Spitze unsres Hauptes in Klarheit, aber die Augen trauren schon in der dunkelen
Nacht. Tausend Menschen leben in Feindschaft eng beisammen; die wenigen, welche
ihr Inneres austauschen und Freude zeugen, sie treibt der starke Bogen des
Schicksals in alle vier Weltteile. Und wie wenige dieser verschossenen Pfeile
erreichen ein Ziel! Gibt es ein Ziel? Könnte ich diese Welt der Bewegung nur aus
mir los werden - alle Abend denke ich mit Freude und Sehnsucht an den Tod einer
Gräfin, von der erzählt worden, wie sie ruhig zu Bette gegangen, und in
Selbstverbrennung vernichtet, ohne Verletzung ihres Bettes und ihrer Umgebung,
in ein Aschenhäufchen verwandelt wiedergefunden sei. - Hollin antwortete gleich
seinem alten Schulfreunde zur Aufmunterung und Warnung: Dein Brief war
Selbstmord. Glaub mir nur dies, die meisten Menschen sind Selbstmörder, und Du
gehörst zu den vielen, die es verachten ihr Leben durch einen mächtigen
Giftbecher zu enden, aber das Gift gierig in tausend schönen Lebensblumen
aufsuchen und einsaugen. Und ist nicht das letzte unwillkürliche Ringen nach
Leben, der Todeskampf, das letzte Aufatmen, der Todesseufzer ein eigentlicher
Abscheu der Natur, das Verdammungsurteil des Selbstmörders. Uns leitet das
elende Zeitalter zum Selbstmorde; die meisten folgen und fallen darin, wenn sie
auch nicht Hand an sich legen; lass uns mutig und kräftig dem Strome der Zeit
entgegen schwimmen; wer in dem Kampfe zur Rettung jedes guten Lebens erliegt,
der stirbt für die Freiheit und lebt in ihr. Bist Du aber wahnsinnig in trüben
Stunden und kannst nicht anders, und musst so denken wie Werter, so lass Dich
anketten in guten Stunden durch eine andre gleiche, weniger anstrengende, Dir
mehr angemessene Tätigkeit, als jene ist, zu welcher Dich Dein Vater bestimmt,
auf dass Dir die müssige leere Zeit zum Nachdenken verschwinde, die Dir nicht
taugt und nie getaugt hat.
    Mitten in dem Schreiben wurde er durch einen Seufzer im Nebenzimmer gestört;
das regte ihn an, allerlei sanfte Nachtlieder anzustimmen; es klingelte im
Nebenzimmer, er hörte eine weibliche Stimme; seine Lust an Abenteuern erwachte;
er trat an die Türe und fragte mit einer nachgemachten Kellnerstimme: Was
beliebt? - Eine alte Weiberstimme antwortete ihm: Bitt' Er doch den Herrn im
Nebenzimmer, dass er seine Nachtmusik bis morgen verspart, wenn wir fort sind. -
Dies Abenteuer machte ihm ungemein viel Spass; aber wie wurde er erschreckt, als
er am Morgen vom echten Kellner die Namen seiner Nachbarn hörte; es war Maria
Lenardo mit ihrer Mutter gewesen. Beide waren ganz früh mit dem Vater dem
Brocken zugewandert. Kaum war der Kellner fort, so sprang er in sich wütend und
tief gekränkt in das Nebenzimmer, alle verlassenen Reste ihres kurzen Daseins zu
sammeln; sie musste ganz ihm zunächst geschlafen haben, durch ein dünnes Brett
geschieden; denn das andere Bett war nach der Gewohnheit älterer Leute hoch
aufgestapelt mit Kissen. Er konnte es nicht lassen, er stürzte sich in das
glückliche Bett, das sie umschlossen; es war noch erwärmt, und der Duft der
Gesundheit erfüllte es ganz und immer tiefer drängte er sich in das Federbett,
es schlägt über ihm zusammen, er sinkt in Wohlsein unter. Als er sich
zusammengerafft, sich angezogen hatte, eilte er der Gesellschaft mit solcher
Eile nach, dass er sie in drei Stunden schweisstriefend erreichte; er wollte sich
erst als Fremdling ihnen vorstellen, um kein Vorurteil für sich und gegen sich
zu erregen. In der schönen Gegend liess er sich aber so frei aus, dass sein
Geheimnis bald seinen Lippen entfiel, von Marien recht zart aufgenommen und mit
einem Kranze für alles Verdienst zurückgegeben wurde, was er sich um ihren
Bruder erworben. Die Mutter sorgte an einem Ruhepunkte für die Haushaltung
aller, und Marie schenkte mit sorgsamen, freundlichen, fragenden Blicken den Tee
ein; der Vater botanisierte nachher mit seiner Frau, die nichts davon verstand;
Hollin ging mit Marien über Tal und Höhe so selig, dass er über die schöne Gegend
kein Wort sagen konnte. Sie kamen bei sternklarem Himmel im neuen Brockenhause
an, das wie der Mond am Berge zu ruhen geschienen, woraus ihnen aber Lenardo mit
vollem Glase entgegentrat. Er neckte Schwester und Freund; der Vater stellte
sich auch jung mit ihm, um sich vor seiner Frau auszuzeichnen. Lenardo brachte
eine Zahl steifer Gesellen herein, die in ihren hohen Stiefeln beinahe Arm und
Bein auf den Felsen gebrochen hatten; alle wusste er in Tätigkeit zu bringen, sie
mussten mit seiner Schwester tanzen; auch Hollin legte seine Hand zum Walzer auf
ihren schönen Rücken. Dann forderte Lenardo Hollin auf, seine Schwester zur Ruhe
zu magnetisieren; das war dem Vater ein sehr willkommenes Experiment, und Hollin
musste sich anschicken, mit dem wundervollen Treiben des Bluts in der Nähe der
Geliebten, in der ganzen Anspannung des geheimnisvollen Schwungs der
magnetischen Bewegung über alle Schönheit zwischen Berührung und Nichtberührung
hinzuschweben: der qualvollste Genuss in der ganzen Welt, fast wie aller Umgang
zwischen Braut und Bräutigam, die zu vertraut sind, um sich Gewöhnliches zu
sagen und sich nicht mehr erlauben dürfen. Einer meiner Freunde klagte mir einst
in solchem Zustande, dass ihm von dem ewigen Lächeln dabei die Lippen wehe täten.
Hollin lief gleich darauf ins Freie, während der Rat das Einschlafen der Tochter
wissenschaftlich erklärte; er ging und stolperte über die Hexenaltäre und als er
zurückkam, stand Maria in Nachtkleidern mit ihrem Munde gegen die Scheiben des
Fensters gelehnt, zu tief in sich versenkt, um zu bemerken wie er still einen
Kuss auf dieselbe Scheibe von aussen drückte. Nachher stieg er zu den Studenten
auf den Turm, und trank der deutschen Freiheit ein Lebehoch! - Am Morgen früh
auf, sah er Städte, Hügel, Ströme im Frühscheine durch das Wolkenmeer leise
vordringen, sah die Grundsteine vieler Häuser rings, wo jetzt alles unbewohnt
nur ein Schauplatz der Neugierde geworden ist, und er dachte sich ein Volk, das
diese grosse Natur und ihre Beschwerden in täglicher Gewohnheit gebraucht, und
fragte sich, ob wohl alle Künste zu dieser Herrschaft über die Natur wieder
hinführen könnten. Ein scharfes Wehen am Himmel verkündete ihm die Nähe der
Sonne, er nahte sich dem Hause und Maria trat mit einem Brockenstrausse hinaus.
Er glaubte, das alles gerade so und alles umher aus einem anderen Leben
vorausgesehen zu haben; er sank in stiller Andacht vor ihr nieder und betete
unbewusst. Sie berührte seine Stirne mit ihrer Hand, er sprang freudig auf; die
Sonne jagte durchbrechend das Wolkenmeer vor sich fort, dass eine Welt in der
Reinheit erster Schöpfung vor ihnen lag, und als sie sich vom Glanze abwandten
und hinter sich blickten, da sahen sie sich selbst in ungeheurer Grösse auf den
Wolken, dass sie in sich tief erschauderten. Der Rat und die Studenten, die beim
Kaffee den Sonnenaufgang versäumt hatten, kamen dazu und freuten sich über die
Lufterscheinung des sogenannten Brockengespenstes, wovon sie alle gehört hatten.
Lenardo spielte eine lächerliche Tragödienszene als Schattenspiel in den Wolken.
- Da Hollin bald enger mit Marien verbunden wird, so scheint es nötig, ihre
frühere Geschichte zu charakterisieren. Nie gab es ein ergebneres Mädchen: der
Ausdruck lässt sich durch keinen andern erklären; sie setzte sich allen nach und
wo sie liebte, wusste sie nichts Höheres, als ganz demütig zu dienen, den
leisesten Wünschen des Geliebten ohne Überlegung und Rücksicht entgegen zu
kommen. Schon ihre Kinderfrau sagte ihr deswegen, sie werde noch viel Not
erleben; mit gleicher Ergebenheit liebte sie Mutter, Bruder, und Vater, so
streitig jene drei unter einander waren; jedem tat sie einzeln wohl,
schmeichelte und half jedem; waren sie beisammen, dann ging ihre Verlegenheit
an, die ein sehr verschlossenes Leben in ihr hervorgebracht hatte. Unserm Hollin
fühlte sie sich eigen, noch ehe sie ihn gesehen, und seit der Zeit war ihr
stetes Bemühen, ihm das zu beweisen, doch lange vergeblich, da seine
Bescheidenheit sich solch eine Eroberung nicht beizumessen wagte. Aber sie
reisten jetzt weiter mit einander, waren oft allein, durchkrochen die Bielshöhle
zusammen, und verstanden sich ohne einander etwas Bestimmtes gesagt zu haben;
alles war abgemacht, doch musste alles geheim gehalten werden, weil Hollin ohne
Amt in den Augen des Vaters für keinen Freier gelten konnte. Bald sollte auch
der ganz offenen Freundschaft gegen Odoardo ein Geheimnis aus dieser Liebe
werden, denn die Liebe hat höhere Geheimnisse. Maria verweilte einige Zeit mit
ihren Eltern bei Freunden in der Nähe von Blankenburg; um Marien desto
ungestörter allein zu sehen, nahm er von den Eltern Abschied und versteckte sich
in der Nähe in einer öden Försterhütte unter dem angenommenen Namen eines
bekannten Malers, und als er die erste Nacht weit entfernt von ihr schlief,
träumte er die ganze Nacht, er liege verkehrt in seinem Bette. Maria ging oft
allein aus, dies fiel niemand auf; an einem der schönsten Morgen traf sie mit
dem Geliebten zusammen auf dem Wege nach der Rosstrappe: sie gestützt auf ihn, er
umschlungen von ihr, so strichen sie in leisem Geflüster durch das dichte
Buchengebüsch; es war Sonntag und niemand begegnete ihnen. Auf einmal wurde es
hell über ihnen, sie taten aufjauchzend noch einige Schritte und standen dann
auf der Spitze der Granitwand, die schroff aufgerichtet steht zwischen dem Toben
und Blühen freier Natur im eingeschlossenen grünen Tale, von Wasserfällen
durchschnitten, und zwischen dem gesetzten Wirken der Menschen, von welchem das
dumpfe gleiche Stossen des Eisenhammers an der andern Seite entgegenschallte. Und
sie gedachten mit Rührung der schönen Königstochter, die von einem verhassten
Freier verfolgt ihr Ross mutig über den Abgrund spornte und ihm entkam. Noch war
der Tritt des Rosses im Felsen zu sehen; der Regen hatte den Eindruck erfüllt
und Maria liess eine Träne dabei fallen; auch sie erwartete bei ihrer Rückkehr
ein verhasster reicher Freier und sie fühlte nicht Kraft in sich, den Bitten von
Vater und Mutter zu widerstehen. Erst hier erfuhr Hollin diesen geheimen Kummer,
der in den festen Schranken bürgerlicher Ordnung und Weltsitte ihr schönes Leben
aufzehren wollte. Zu uns! deutete ihnen das Rauschen des Baches unter ihnen die
tiefe Klarheit des Tals, das dichte Grün, die Stimmen der Vögel in ihrer
Sicherheit: ergebt euch der Natur mit aller ihrer Schönheit in allen ihren
Schrecken; hier unten lieget die goldne Krone der schönen Königstochter, die ihr
im raschen Sprunge vom Haupte fiel, euch ist's bestimmt sie zu finden, die lange
aufgegeben ist. Ich steige hinab, sagte Hollin, und will da einsam mein Leben
beschliessen, wenn du mir nicht folgst, Maria. - Und so stieg er rasch voran, und
bezeichnete ihr die Stufen und sie folgte ihm wie eine junge Gemse der alten, so
kindlich ergeben und treu in der Gefahr nach. Und wie sie unten ins Tal kamen,
da schien ihnen alle Welt anders, sie glaubten sich im Paradiese und die
einzigen Menschen auf Erden; sie lagerten sich unter einer Laube, wo ein Reh
aufgesprungen war; die Schranken des Lebens öffneten sich, er fand und raubte
die Myrtenkrone, der ewige Bund wurde geschlossen. Sie waren eins, aber dieses
Einssein war ihr alles; sie hatten die Welt vergessen, auf der sie so sanft
ruhten, den Himmel, der sie so mild gedeckt hatte und der nun furchtbar schwarz
über ihnen gewitterte und seine Regenschauer sandte. Mit Anstrengung aller Kraft
brachte Hollin die Halbohnmächtige nach Hause. Der Liebe Leben währt ewig! rief
er ihr scheidend; sie konnte in diesem Ungewitter leicht einen Grund ihrer
verzögerten Rückkehr angeben. Sie kehrte noch mehrmals zu ihm zurück, so lange
die guten Tage dauern wollten, und doch kam endlich der schwere letzte Tag, wo
Hollin ihr nochmals unwandelbare Treue gelobte und ernstes Bestreben nach einem
bürgerlichen Unterkommen. Als Hollin nun nach der Universität zurückkehrte, war
es Nacht; einzelne Lichtfenster blickten im Tale, die Türme sahen finster über
die dunkle Häusermasse hinaus, das Wasser unter ihm glänzte und rauschte über
das Wehr, Gesang schallte an einer Seite; im ganzen herrschte tiefe Ruhe und
keiner dachte seiner. Und da grauete ihm, wie er dachte, dass andre noch Lust am
Leben bewahren könnten, die nicht lebten wie er; er fragte sich, womit er dies
Glück vor allen andern verdiene. Alles schwieg umher, auch zwei Nachtigallen,
die bis dahin wetteifernd geschlagen; ihm war, als hätten sie sich tot gesungen,
weil nichts ihr Glück ganz sagen und verkünden könne. - Bald eilte er von der
Universität nach der Hauptstadt; die bürgerliche Ordnung, die er erst kühn
gebrochen, suchte er jetzt auf, um darin Schutz, Unterhalt und Ruhe für sein
Glück zu finden. Er gefiel allgemein; seine Kenntnisse waren eben so gründlich
als mitteilbar; der Strom der Gesellschaft erfasste ihn von allen Seiten und er
spielte mit jeder Welle, denn alles war ihm neu, und er trauete jeder.
    Sie erinnern sich, dass eine Bekannte von Marien sie damals auf der Insel
begleitete, wo Hollin sie so unhöflich abgewiesen hatte; dieses Mädchen, deren
Namen ich verschweige, die hässlich und boshaft, dennoch das Vertrauen von Marien
gewonnen hatte, hielt sich in der Hauptstadt auf, und wurde von Marien erwählt,
den geheimen Briefwechsel zu bestellen. Sie hasste Hollin seit jenem Tage, und
nun hörte sie in dem gemeinen Stadtgeschwätze, wie er verschiedene sehr
verdächtige Frauen besuche, wie er mit verschiedenen Mädchen versprochen sei;
darum hielt sie die ersten Briefe Mariens zurück, und berichtete ihr alles so
bedenklich, dass Maria sich nicht trauete, wieder zu schreiben. Hollin, ohne
allen bösen Willen und Absicht, in aller schlechten Gesellschaft rein und einzig
mit seiner Marie beschäftigt, konnte dieses Stillschweigen nicht begreifen.
Mariens Freundin leugnete ihm alle Aufträge ab, Briefe an sie zu bestellen.
Endlich schrieb er an Odoardo, er möchte ihm doch von Marien Nachricht geben.
Odoardo suchte mit grosser Feinheit Bekanntschaft, fand nie eine gute
Gelegenheit, mit Vorsicht sich zu erklären, und konnte ihm weiter nichts
schreiben, als was die Stadt wusste, dass die Heirat Mariens mit dem reichen
Kaufmanne rückgängig geworden; dabei warnte er seinen Freund, keiner flüchtig
feurigen Gewalt eines Frühlingsaugenblickes über seine ganze Zukunft die Zügel
zu geben. Maria sei kein Weib für ihn; sein umfassender Geist würde ihres
kleinen häuslichen Kreises bald überdrüssig sein; die Schönheit werde bei einer
gewissen Geistesbeschränkung undenklich verhasst. - Hollin lachte des Briefes; er
kannte seine Marie besser; aber der Brief verschloss ihn gegen den Freund, sein
Urteil schien ihm hochmütig; liess er aber seine Empfindlichkeit aus, so konnte
jener das Geheimnis erraten, das er ihm mit Mühe verbarg. Er schob seinen Brief
auf, bis eine Krankheit, die er rettend bei einer grossen Feuersbrunst sich
zugezogen, ihn längere Zeit dazu unfähig machte. Kaum war er so weit genesen, so
schrieb er in erster Freude dem Freunde; die Versündigung an Marien verwies er
ihm mit wenigen Worten; dann erzählte er ihm seine Krankheit ausführlich,
insbesondre einen schweren Traum, der ihn sehr gequält. Bald sah ich viele
Erscheinungen umher, schreibt er, Maria in einem schwarzen Kleide, eine
Königskrone auf dem Haupte, trat weinend zu mir und legte eine warme Hand auf
meine Stirn; Du warfest Dich schmerzlich bei mir nieder, es standen viele alte
Krieger umher, man trug mich fort; die Leichenfrau war mit mir beschäftigt; ich
sah mich selbst, wie ich in dem schwarzen Sarge mit zinnernen Griffen lag. Da
schoss es mir urplötzlich in den Sinn; aber ich sähe ja das alles, wie könne ich
tot sein; ich schauderte vor dem Gedanken, lebend begraben zu werden; ich wollte
den Trauernden umher mein Leben kund tun. Aber keinen Arm konnte ich heben, mein
Mund war geschlossen, nur mit den starren Augen blickte ich, um Schonung von
Euch zu fordern. Da kam Marie und drückte auch diese Augen mir zu und liess eine
Träne darauf fallen. Ich fühlte ihren Schmerz und den meinen, sie zu verlassen;
ich konnte Euch und mich nicht mehr retten; der Sargdeckel wurde zugeschlagen,
die Träger hoben mich, die Schüler sangen: Ach wie herrlich, ach wie labend ist
nach einem heissen Tage, solch ein schöner kühler Abend; das Geläut der Glocken
klang durch und das Weinen der Lieben, die mich begleiteten. Da sammelte ich
meine letzte Kraft, Euch ein Zeichen meines Lebens zu geben, und erwachte zum
Genesen. - Mariens Freundin war unterdessen beschäftigt gewesen, ihr jede Stunde
zu verkümmern; von ihr erfuhr sie, er sei durch Ausschweifungen gefährlich
krank; eine sehr verrufene Frau pflege sein. Dieser Pflege, es ist wahr, dankte
er sein Leben; aber diese Pflege war bloss Folge jener Güte, die fast das einzige
Löbliche ist, wozu der Sinn durch ein leichtsinniges Hingeben geweckt wird; der
herrliche Mann tat ihr leid, ob sie ihn gleich nie näher gekannt hatte. Sie
wissen noch nicht, in welchem Grade Marie aus dem Himmel ihrer Liebe gestossen,
auch in allen andern Verhältnissen durch die falschen Nachrichten der Freundin
unglücklich wurde; Sie wissen nicht, was Marie sich und der ganzen Welt gern
verheimlicht hätte, dass sie in wenig Monaten von den Folgen jener schönen
Besuche im einsamen Gebürge entbunden werden sollte, die jetzt ihr Inneres
doppelt zerrissen. Lenardo quälte sie dabei mit einem besonderen Ansinnen; er
hatte die eben erschienene Maria Stuart Schillers so lieb gewonnen und den Vater
ganz auf seine Seite gebracht, dass dieses Trauerspiel zu einem Geburtstage der
Mutter in ihrem Hause aufgeführt werden solle, und dass Maria die Hauptrolle
übernehmen müsse. Er schrieb an Hollin, dass er ihm auf dem Krankenlager nach der
Verwundung versprochen, ihm einmal einen Dienst zu leisten, insofern er seinen
Kräften angemessen; nun sei niemand in G., der den Mortimer machen könne, und
niemand in der Welt, der ihn besser machen könne als Hollin, er möchte sich also
dazu einfinden. Hollin kam die Einladung sehr gelegen; er war denselben Morgen
als Bergrat angestellt worden; er konnte jetzt, bei dem Besitze von dem eignen
Vermögen, eine Frau ernähren; gleich schrieb er an Lenardo, er komme gewiss, aber
erst am Tage der Aufführung; er müsse ganz geheim halten, wer die Rolle
übernommen; er selbst könne sie leicht in den Proben spielen und für die Kleider
wolle er selbst sorgen. - Seinem Odoardo meldete er seine Versorgung und seine
Ankunft und bat ihn Marien davon zu benachrichtigen; den letzteren Brief legte
er in jenen. - Lenardo war zu erfreut über das Gelingen seines Planes, um den
Brief an seinen Freund richtig zu bestellen; erst am Morgen der Aufführung fand
er ihn in einer Tasche und gab ihn dem Odoardo, der den Leicester im Stücke
recht brav probierte. Odoardo fand in seinem Briefe einen andern an Maria
eingeschlossen; er fand keine Gelegenheit ihn während der Probe abzugeben und
wollte ihr nachher einen Besuch machen.
    Hollin hatte unterdessen die Reise mit unglaublicher Ungeduld zurückgelegt;
er kam in der Nacht in einem Wirtshause zu G. an. Hier am Ziele seiner Wünsche
scheint ihn die erste Unentschlossenheit angewandelt zu haben, die erste
Besorgnis über Mariens Schweigen, das er bis dahin der strengen Bewachung der
Ihren zugeschrieben hatte, man fand in seinem Taschenbuche aufgeschrieben:
Maria, als mein Arm zuerst Dich umfing, spielte die Natur zu unserm Tanz eine
fröhliche Weise; Blumen sprossten unter Deinem Tritte, die Vögel liebkosten Dich
mit süssen Klängen. Die Blumen sind verblüht, die Vögel hinweggezogen, der kalte
Herbstwind kräuselt mit dürrem Laube den Staub des Bodens. Noch in eben dem
Tanze bebt, pocht mein Herz bei dem leisesten Anhauche Deiner Erinnerung, sein
Frühling ist nicht entschwunden, nicht seine Blüten. Bist Du es noch,
Hochgeliebte, die wie ehemals meiner wartet; süsse Liebe, hättest Du nur ein Wort
zur Antwort mir geschrieben, nur ein Angedenken jener Zeit, ein Tannensträusschen
mir gesandt, ich wäre nicht einsam allein so nahe Dir; doch ich war ja immer Dir
nahe und selbst Dein Schweigen war mir lieb.
    Nach Endigung der Probe ging Marie auf ihr Zimmer und fand einen Brief von
der boshaften Freundin, die ihr Hollins Anstellung und seine nahe Abreise
anzeigte; man glaube, er hole sich eine Frau aus der Gegend, wer aber diese
Glückliche sei bei den vielen, denen er Hof gemacht, sei schwer zu bestimmen. -
Mariens erste Empfindung war, das sei gelogen; aber dann ergriff sie eine Angst,
Rache härtete sie; mit aller Heftigkeit der gemisshandelten Liebe wollte sie ihm
schreiben, sie wollte aller Welt ihre Liebe und ihre Schande bekennen. In dem
Augenblicke trat Hollin herein, der sich bei einem Untermieter im Hause ein
Zimmer schon frühmorgens zu verschaffen gewusst hatte - er sieht sie und stürzt
sprachlos in ihre Arme. Sie dreht sich in einem Gemische aus Zorn und Liebe von
ihm weg; sie drückt ihn sanft von sich. In diesem Wegwenden fühlt er unschuldig
die Qual der Verdammten, von denen Gott sein Angesicht gekehrt; halb erstickt
ruft er: Maria, du wendest dich von mir, bist nicht mehr ganz mein? Nur ein
Wort, ein Blick bei aller Liebe, die uns einte, bei aller heil'gen Treue, du
bist mein! - Treue, Liebe! rief sie, das ist vorbei, ganz vorbei; wie hast du
mich so berauben können um beide, und sie nachher der Welt Preis gegeben; fort,
deine Nähe quält mich mehr als ewige Entfernung von dir; wie warst du anders
sonst, wie war alles anders! - Was sollte er sagen; es gibt Augenblicke, wo man
glaubt, die Welt habe eine andre Sprache gelernt, oder man habe die eigne
vergessen; er stammelte unzusammenhängende Worte von Angedenken und Seligkeit;
sie sagte mit den ersten Tränen, die sich in ihren Augen gesammelt hatten: Wohl
bleibt mir ein Angedenken unsrer Liebe, der Schmerz! - Jetzt hörte sie im Gange
vor der Türe einige laute Fusstritte; sie rief: Um meiner Ruhe willen fort, fort,
mein Vater kommt! Sie drängte Hollin mit Angst, mehr aus einer unwillkürlichen
Scheu, als aus Überlegung nach der Türe. - Elende! sagte er leise im Abgehen und
ging nach dem Zimmer im Unterstocke in einem wunderbar schmerzlich träumenden
Zustande, wie ein Opfertier, das der Schlag, der es niederstrecken sollte, nur
betäubt hatte. So sass er auf einem Stuhle betäubt und einsam, während Odoardo,
denn der war es, sich vorsichtig dem Zimmer Mariens genähert und im dunklen
Gange den nach der andern Seite eilenden Freund nicht erkannt hatte. Die
mitgebrachten Briefe und Nachrichten erweckten in ihr eine Freude, an die sie
nicht glauben wollte. Sie musste ihm ganz laut den Schluss von Hollins Briefe
lesen: Dir bringe ich dasselbe liebende Herz zurück, welches in den herrlichsten
Tagen meines Lebens mein ganzes Wesen erfüllte, das Deine Liebe mir gewonnen.
Maria, die Erinnerung der blitzschnellen Stunde im Harze erfüllt mich ganz; bald
liebes Lebenswunder, werde ich Dich umfangen, Dich küssen im fremden Namen, aber
Dich nicht mein nennen. Du wirst mich zurückstossen. Sei nur recht hart
zurückstossend, weiches Herz, verbirg Dich im Königsschmucke, Du Schönste ohne
Schmuck und Kleid, damit ich nicht taumle und des ganzen Lebens Wonne in der
gedoppelten Liebe der Kunst und der Natur, allen zur Schau an mich reisse. Du
verstehst mich noch nicht, Herzenskündige; Odoardo wird Dir alles, alles
erklären; ich kann jetzt nicht, die Hand bebt mir von Lust. In neun Tagen bin
ich bei Dir; eine Ringmauer umfasst uns, aber nicht ein Bett; Fräulein Lenardo
bist Du und ich Herr Hollin; die Lichter sind angezündet, der Vorhang rauscht
auf; warum trauerst Du Maria Stuart, hat Dir die Liebe nichts verraten, kein
Traum, keine Ahndung Dich umstrahlet; der Retter ist Dir nah, wie freudig will
er für Dich sterben, wie selig mit Dir leben! Wie soll ich meinen Augen trauen?
der harte böse Neffe Paulets, der Mortimer ist mein Hollin! Eilende Wolken!
Segler der Lüfte, wer mit euch wanderte, mit euch schiffte!
    Dieses laute Vorlesen hatte Odoardo ein Vertrauen geschenkt, wozu er sonst
nach seiner rückhaltenden Art schwerlich gelangt wäre. Maria erzählte ihm jetzt,
welche Nachrichten sie von Hollin durch eine Freundin empfangen; erzählte ihm
von des Freundes Ankunft. Odoardo, freudig dieser Ankunft, schwor ihr bei allen
Heiligen, die bösen Gerüchte seien falsche Verleumdung, alles sei Missverständnis
und lasse sich leicht heben; er eile Hollin aufzusuchen, um ihn zu versöhnen.
Der ungeheure Wechsel von Schmerz in Freude nahm ihr wie den lange
Eingekerkerten bei der Rückkehr an die freie Luft Atem und Besinnung; sie fiel
sprachlos und bewusstlos in Odoardos Arme. In diesem Augenblicke eröffnete
Hollin, der sich noch zu einem Versuche entschlossen, alles Rätselhafte in der
Geschichte aufzuklären, ganz leise die Türe; Odoardo war ängstlich beschäftigt,
seine schöne Bürde zu ermuntern, er achtete nicht des Geräusches. Hollin
starrte, wandte sich um, eilte fort und liess die Türe offen, deren frischer
Luftstrom die Ohnmächtige erweckte. Odoardo eilte jetzt Marien alle Briefe
Hollins zu bringen, wo er von seinem Umgange mit allen den Weibern so offen, so
wahr, so unschuldig schrieb, dass sie innig von seiner Treue überzeugt wurde;
ihre Freude war das letzte Aufleben, die Esslust eines Todkranken. Dann eilte
Odoardo in alle Wirtshäuser, seinen Freund aufzusuchen; wo er wohnte, war er
unter fremden Namen aufgeschrieben, und wie wir wissen, hatte er schon seit dem
Morgen das Wirtshaus verlassen. Odoardo ahndete ein Unglück, aber er durchstrich
die Stadt vergebens; er begegnete Hollin nirgends.
    Hollin scheint indessen weit umher gewesen zu sein, sich an den
verschiedensten Orten einen Ruheplatz zu suchen, wo er sich schreibend zu
sammeln bemüht war; was sollte er tun? Die überall abgerissene Schrift in seinem
Taschenbuch zeigte, dass er nirgends mit sich abschliessen konnte. Wahrscheinlich
nachdem er die Litanei in einer Kirche gehört, schrieb er hinein: Kyrie eleison,
Christe eleison, ich habe euch vergeben, Halleluja dem Allerbarmer, er hat die
fressende Wut eingedämmt. - Buhlerin, wie Du so leichtsinnig mit mir fromme alte
Sitte gebrochen, so leicht wurde es Dir auch mit andern; wie Du Deine Eltern
betrogst, so betrogst Du mich. - Musste ich Dich so wiederfinden, Odoardo,
liebster Freund, ärgster Feind, in den schändlichen Armen. Odoardo, Du bist
unschuldig; eine Umarmung von ihr ist reicher wie der Himmel. Noch einmal will
ich sie sehen, sie umarmen, dann fort, fort, über Land und Meer.
Die Zeit der Aufführung kam heran, die Zuhörer sammelten sich. Maria ohne
Argwohn kleidete sich fröhlich an; Odoardo vermied es, ihr seine Besorgnisse
mitzuteilen. Es begann eine rührende Symphonie, als Hollin unbemerkt im Dunkel
in sein gemietetes Zimmer zurückkam und ohne Beihülfe andrer seine
Teaterkleider anlegte. Wahrscheinlich während dieser Musik schrieb er zu seiner
Beruhigung in die Schreibtafel:  ... Was es für Töne sein mögen, die aus dem
Innern hervordringend den Schmerz des unruhigen Lebens übertönen? Nicht von
aussen kommen sie mir, es ist die Trauermusik vor einem Toten. Zuerst der
Posaunenklang, in welchem die grossen Orgelgeister erwachen, wie sie allmächtig
die Kirchenwände erschüttern, dass die Betglocke leise anschlägt. In diesen
lustwandeln Oboen und Klarinetten; es schallen munter Geigen und Zimbeln
dazwischen. Da erschallt die erste geweckte Menschenbrust und schwebt im
Gesange, empor getragen, aber der Atem geht ihr aus. Wie du so einsam trauerst,
Maria, Mutter Gottes, um den verratenen Sohn; kann denn dein Sohn nicht mehr
trauern, dass du ihn geboren! Warum durchbricht so selten der Strahl des
Auferstandenen diese dunklen Fenster? - Es ist tiefe Nacht übers ganze Land
ausgegossen. - Da muss ich in der Finsternis an die blöden Augen schlagen; ich
sehe dann funkelndes Morgenlicht. - Sieh, wie die Mauern erbeben, Strahlen auf
und nieder schweben, Kindlein mit goldnen Flüglein auf der Leiter
herniedersteigen, die Himmelsscharen sich freundlich beugen, Luft, Luft, es
öffnet sich jede Gruft, Mariens Auge die Himmelsbläue durchbricht; freudig
Erbeben, seliges Leben, ewiges Licht.
    Lenardo hatte indessen mit unglaublicher Ungeduld nach allen Seiten
umgeblickt, ob Hollin nicht komme, und als der Vorhang aufging, selbst ein Kleid
angelegt, das der Rolle bestimmt war.
    Maria rührte durch ihr Elend als Stuart ungemein; sie war so ruhig, war so
gewiss, dass Hollin seine Rolle spielen werde, und wirklich trat er unerwartet zu
dem Auftritte heraus, wo er sich ihr als treuester Freund offenbaren sollte.
Unser Freund, durch die Schönheit seines kräftigen Baues, durch den
vorteilhaften alten Anzug gehoben, erregte allgemeines Aufsehen; das Rollen
seiner Augen wurde als erste Teaterverwirrung aufgenommen, man machte ihm mit
Händeklatschen Mut, und Lenardo sprang triumphierend ins Parterre, um den Dank
für seinen Scherz in Empfang zu nehmen. Auch Maria war bei seinem Anblicken
selig erstaunt, doch gewannen beide bald genug Geistesfreiheit, um ihre Rolle
auszuspielen. Mit überirdischer Heiligkeit sprach er die Rede, von der hohen
Wirkung des grossen Kirchenfestes. Hollin schien nur gekommen, Marien noch
einmal, zum letztenmal zu sehen, und nun sah er sie in aller Schönheit, in allem
Glanze, mit dem ganzen Zauber der Kunst; er fühlte erst jetzt alles Treffende
seiner Rolle auf sich; er glaubte eine höhere Macht in diesem wunderbaren
Zufalle und überliess sich ihrer bösen Gewalt. - Am Schlusse seines Auftrittes
verschwand er; Odoardo wollte ihm nach, aber Lenardo stellte sich vor ihn und
hinderte es, weil Hollin ihm geschrieben, er bäte sich aus, ihn während der
Vorstellung gegen alle Anreden zu schützen; er habe die Rolle so schnell
gelernt, dass er jede Pause zum Wiederholen strenge benutzen müsse. - In dieser
Zwischenpause scheint er das Folgende in sein Taschenbuch geschrieben zu haben:
So ruhig heilig traurig konntest Du vor mir erscheinen, Maria, meinen Blick
ertragen? - Du spielst im Leben auch zur Schau! - Mir ward in Deinem Blick so
weh und bang; die Engel und die Teufel alle, sie schienen von Dir loszulassen,
mich zu umdrängen, mich zu fassen, die Liebe und die Rache rangen auf, die
Allmacht riss mich fort: Soll durch den Tod sich Liebe lohnen, muss Liebe in dem
Tode wohnen! - Die Sterne gehn in ew'ger Nacht, sie drängen unaufhaltsam fort,
sie schweben in einem engen Raume; das Leben kämpft und erlöscht im Leben; bald
ist die Bühne voll, es freuen alle sich des vielen Glänzens; die eine Bahn von
Ost nach West strebt jeder zu durchlaufen; sie wollen alle sich ersticken -
verzweifelnd bricht dem Helden nun das Herz, der seine Bahn an ihre Bahn
geknüpft. Wohl dann, bin ich kein Held, ich sterbe doch als Held! ich opfre
mich, weil ich nichts anderes zu opfern hier vermag. Auf ewig soll ich von euch
scheiden. Noch einmal will ich ihn, den Saum des strahlenden Gewandes, küssen,
das Deinen Mond, Maria, blau umflattert; noch einmal streb ich, mich dem Ring
der Kette anzuschliessen, die mich so lange hat umschlossen. Der Ring zerspringt;
es klingt der laute Beifallsjubel der künstlerischen Freunde; Verzweiflung packt
mich, Wut reisst geisselnd mich durch Meeresflut. Ha Kunst, du hast gesiegt! Jetzt
wirft mich Nordwind auf die öde Felsenspitze; gefesselt lieg ich und kann nichts
erfassen; es schimmern über mir die kalten Morgennebel und die Gestaltung all
ist fern. Noch liebevoll geb ich den wolkigen Gestalten Namen; schliess
Freundschaftsbündnis mit den dunklen Armen, deren schwarzer Ring durch alle
Winde standhaft kämpft; da mein ich schon, ich find ihn wieder, den verlornen
Ring; ich fass nach ihm mit beiden Armen, da schleudert er des Blitzstrahls
zackig rollende Schlangen auf mich herab. Ich leb nicht mehr, da hallt's im
Widerhall der Felsen: Soll durch den Tod die Liebe lohnen, wird Liebe in dem
Tode wohnen ...«
»Das verstehe ich nicht«, unterbrach die Gräfin den Erzähler. Den Grafen musste
heut alles ärgern, auch das fühllose Unterbrechen der Erzählung. »Es ist ja so
klar: er zeigt durch den verhängnisvollen schwarzen Gewitterring die neue
unechte Verbindung an, die zwischen ihm und Maria im Schauspiele dargestellt
wird.
... Sie erinnern sich wohl, dass Mortimer in seiner Liebe zu Maria Stuart einen
glücklichen, aber elenden Nebenbuhler an Leicester hat, den Odoardo spielte;
Leicester wünscht Maria zu retten, doch ohne eigne Aufopferung; er hat den
Mortimer in Verdacht, dass er gegen Marien kundschafte, Mortimer gegen ihn; eine
Unterredung voll gegenseitigen Misstrauens konnte Hollin nicht ohne Bitterkeit
ausführen. Odoardo wurde beklommen und wusste nicht warum; wäre er festeren
Entschlusses gewesen, er hätte Hollin aufgesucht, als er eben in seinem Zimmer
geschrieben: Gott segne euch mit allem, was ihr liebt! erleuchte euch nimmer,
dass ihr eure Fehler nicht seht, behüte euch vor jeder Erinnerung an mich in alle
Ewigkeit!
    Nun begann der dritte Akt des erregenden Spiels mit aller seiner Schönheit.
Maria übertraf alle Erwartung. Nach der unseligen Unterredung mit Elisabet,
trat unser Mortimer mit Heftigkeit auf; er schien mit dem Leben zu ringen, als
er ausrief:
Was ist mir alles Leben gegen dich
Und meine Liebe! Eh' ich dir entsage,
Eh' nahe sich das Ende aller Tage.
Maria rief wie aus eigner Seele: Gott, welche Sprache Herr, und welche Blicke! -
Und wie er sie umarmte und wie sie ihn zurück stiess: es ist unwiderstehlich wahr
und reizend gewesen. Mit welcher Gewalt warf er einen Sessel, der sie beide
trennte, in die Kulissen. Was ist alle andre Schauspielkunst gegen die
schreckliche Wahrheit solcher Darstellung. Alle waren beklommen, es schien etwas
Grausenvolles sich zu entwickeln; keiner wagte es, zum Nachbar zu sprechen;
allen klopfte das Herz. Maria fühlte sich so heiter in ihrer Rolle, weil sie
dadurch vom ersten liebevollen Kusse wieder beschenkt worden. In der
Zwischenzeit bis zum letzten Auftritte blieb Hollin so weit in der Kulisse
vorstehen, dass niemand mit ihm reden konnte. Nun kam die Unterredung zwischen
ihm und Leicester: der schreckliche Verrat des letzteren; sein Edelmut zog
unwiderstehlich aller Menschen Neigung zu ihm hin. Mit welcher Verachtung
wendete sich Hollin zu der Wache, die ihn fesseln will: Was willst du, feiler
Sklav der Tyrannei, ich spotte deiner, ich bin frei! Wie geschickt erwehrte er
sich der Eindringenden und rief dann: Geliebte, nicht erretten kann ich dich, so
will ich dir ein männlich Beispiel geben. Maria, Heil'ge bitt für mich und nimm
mich zu dir in dein himmlisch Leben. - Bei diesen Worten durchsticht sich
Mortimer mit dem Dolche. - Laut riefen alle Beifall, riefen Bravo; da ruft einer
aus der Wache, der ihn aufheben will: Jesus, er zuckt fürchterlich und ist voll
Blut. Entsetzen überfällt alle, lähmt alle; nur Maria, in dem glücklichen Wahne,
alles sei nur Täuschung, wagt es hinzublicken. Hollin winkte ihr sich zu nähern
und sagte fest: Meine Augenblicke sind wenige, täuschende Kunst hat mich
hingerafft; Odoardo wird für dich sorgen, bleibe ihm treu! - Odoardo hielt den
Dolch fest, den Hollin bei diesen Worten aus der Wunde reissen wollte, er sah als
geschickter Chirurge, dass er dann im Augenblicke sterbe; wer will seinen Schmerz
als Freund dabei fühlen; fast fürchten wir uns vor der Stärke des eignen
Mitgefühles; Maria erwachte aus der ersten Betäubung, die sie neben ihm
hingestreckt; sie beschwor ihn, für sie, für sein Kind unter ihrem Herzen zu
leben; die Wunde schien nicht gefährlich; es entwickelte sich der ganze
schreckliche Irrtum, der ihn verwirrt hatte; seine Liebe und Freundschaft
kehrten aus der Ewigkeit zurück, wohin er sie schon verbannt hatte. Er liess den
Vorhang niederziehen, liess alle Fremden entfernen, flehete bei Mariens Vater um
Verzeihung, dass er die heiligen Rechte bürgerlicher Ordnung und göttlicher
Einsetzung leichtsinnig gebrochen; er wollte sich ihrer guten Folgen für Marie
und ihr Kind nach seinem Tode noch erfreuen, ihnen sein Vermögen sichern. Ein
Geistlicher, mit Hintansetzung einiger Bedenklichkeit, trauete ihn mit der
bewusstlosen Maria durch die einfachen Worte: Was Gott zusammenfügt, soll der
Mensch nicht trennen. - Amen! sagten alle. Hollin rief aber: Ich habe es doch
getan, Odoardo, edler Freund, sorge für sie - der Liebe Leben - ewig! Bei diesen
Worten zog er den Dolch aus seiner Wunde; das Blut strömte heftig, sein Kopf
sank nieder, er war tot.
    Marie drückte ihm in der schrecklichen Fühllosigkeit des unsäglichen
Schmerzes die Augen zu. Odoardo musste sie gewaltsam von der Leiche wegreissen. Er
grub seinem Freunde ein Grab ausserhalb der Kirchhofsmauer im Flugsande. Maria
starb eine Woche später in der frühzeitigen Geburt mit dem Kinde zugleich. Auch
sie begrub er ausser der Kirchhofsmauer neben ihm, und das Kind zwischen ihnen
und alle Rosen und andre Erinnerungen ihrer Liebe. Nachdem er alles, was er
liebte, begraben, ging er in ein Kloster. Sein böses Schicksal ging nicht mit
ihm ein; er verlor Gedächtnis und Erinnerung, wurde froh wie ein Kind und las
oft lächelnd die Briefe seines Freundes, als sei es ihm eine fremde Geschichte.«
    Bei den letzten Worten dieser Erzählung des Grafen stand der Prediger auf,
entfernte sich langsam, indem er einen offenen Gang hinunterschritt. Die Gräfin
sah ihm nach, lachte und fragte: »Er ist es doch wohl nicht gar selber, dieser
Odoardo?« - »Ehre den Schmerz«, antwortete der Graf. - »Ich weiss nicht, wie du
mir heute vorkommst«, meinte die Gräfin, »ganz anders wie sonst; ich bin meiner
Natur gemäss lustig, hasse alle elende Sentimentalität; es tut mir leid, dass Herr
Hollin gestorben; könnte ich ihn retten, so tät ich's, aber den schönen
Nachmittag soll er mir nicht verleiden.« - Der Graf ging dem Prediger nach und
brachte ihn sehr bald ganz ruhig und gefasst zurück. Die Gräfin fragte ihn: da er
den Ehestand so lebhaft verteidige, so müsse er wahrscheinlich recht glücklich
verheiratet sein. - »Ich bin nicht verheiratet«, antwortete er, »aber ich bin
versprochen, muss aber noch sechs Jahre auf meine Vermählung warten, und wer
weiss, ob dann noch etwas daraus wird. Mein Leben ist sonderbar, aber
vorwurfsfrei; ein Kind von zehn Jahren, das Kind eines armen Handwerkers,
gewann, als ich noch Hofmeister war, meine ganze Zuneigung: noch weiss sie nichts
davon; sie ehrt mich als Wohltäter und ihr liebes bedeutendes Gesicht senkt sich
oft demütig zum Handkusse, während es mein ganzes Wesen beherrscht. Ich bin
meiner selbst gewaltig; ich bin gewiss, dass ich dem lieben Mädchen nichts von
meinem Wohlwollen entziehe; sie mag mich oder einen andern in rechter Zeit
erwählen, ihre Neigung mag sie frei erklären, nie soll ein Vorwurf von mir sie
bestimmen; in dieser Überzeugung trage ich keine Scheu, meine Leidenschaft zu
bekennen; nur ihre Verheimlichung gegen andre würde sie zum Verbrechen machen.«
- »Aber lieber Herr Prediger, ist es Ihnen nicht drückend, so lange ganz allein
zu wirtschaften, die Hoffnung auf Kinder so weit hinaus zu setzen?« fragte der
Graf. - »Mein werter Graf, von meinem Pfarrhause seh ich die Wohnung eines
katolischen Pfarrers, Ihres Predigers; der Mann hat für sein ganzes Leben all
den Freuden entsagen können, um seinem heiligen Willen zu folgen, und ich könnte
nicht einmal sechs Jahre aufopfern; der Mensch kann sehr viel, was unsrem
weichlichen Zeitalter unmöglich scheint; der Krieg hat gar manchem diese
Wahrheit bewiesen und die Bekanntschaft mit Indien, die sich jetzt so allgemein
verbreitet, führt denselben Beweis für die mögliche Aufopferung aller Kräfte zu
einem heilig verpflichteten Dienste. Kinder fehlen mir nicht, ich habe deren
viele, ohne die gute Sitte zu verletzen; mir ist eine wunderbare Kraft
verliehen, die mir ganz bewusst ist; wo ich glückliche Ehen sehe, die der Kinder
ermangeln, da blicke ich die Frauen an und erfülle sie mit guter Hoffnung; diese
Wirkung ist in mir ohne alle sündliche Neigung; ja meist mir ganz unbewusst
geschieht diese geistige Durchdringung. Lachen Sie nicht gnädige Gräfin, wer
weiss, ob Sie selbst mir nicht Zeugnis ablegen müssen.« - Der Graf fand den
Scherz nicht ganz angenehm; die Gräfin dagegen liess sich in lustige
Betrachtungen über die wunderlichen Verwandtschaften ein, die aus solchen
geistigen Blicken entständen; sie erklärte Leidenschaften und Freundschaften,
die oft eben so plötzlich als überraschend sind, aus solcher geistigen
Verwandtschaft. Der Prediger gab ihr recht und fügte noch hinzu, dass gerade
darin das tief Ergreifende dieser gleichen Liebe in Unschuld und Jahren, und
dieses Wunsches liege, der sicher jedem bei Hollins Schicksale erwacht, ihn
retten zu können, wenn wir auch seine Unbesonnenheit tadeln, dass in so seltenen
Fällen diese gleiche Unschuld sich begegnet und ganz froh macht; in den meisten
Liebschaften ist die geistige Verwandtschaft von dem Verlangen der Natur ganz
geschieden, und sucht sich nur in Täuschungen zu verbinden. - »Sie scheinen
viele sonderbare Erfahrungen gemacht zu haben, erzählen Sie uns noch etwas
davon; wenn ich so ins lässige Zuhören gekommen, da mag ich den ganzen Abend
nicht mehr reden; auch schloss Karls letzte Liebeshistorie gar zu ernstaft; Sie
müssen es durch etwas Lustiges aus Ihrem eignen Leben wieder gut machen.«
 
                                Zehntes Kapitel
                  Geschichten aus dem Leben des Prediger Frank
»Der Wunsch einer schönen Gräfin ist einem armen Landprediger Befehl«, sagte
Frank, setzte sich, und erzählte recht lebhaft nach einer Pause. - »Ganz
flüchtig muss ich Ihnen den Umriss meines früheren Lebens zeichnen; Sie werden
sich meine Eigentümlichkeit in ein paar Vorfällen daraus besser erklären. Mein
Vater war Landprediger, meine Mutter eine Adlige und im strengsten Sinne
Beherrscherin des Hauses, welches sie an mir, ihrem einzigen Kinde, bis an ihr
Lebensende bewährte. Mein Vater starb, nachdem er mich durch guten Unterricht
zur Universität wohl vorbereitet hatte; diesen einzigen Einfluss auf mich
gestattete ihm meine Mutter, sonst durfte ich ihn nie im Dorfe oder in der
Gegend umher begleiten; immer fürchtete sie, ich möchte verführt werden. Noch
ist es mir unerklärlich, was ich unter dem Worte verführen mir gedacht habe; es
schauderte mir aber dabei und davor, als wäre es ein Spiessen und Brandmarken zu
gleicher Zeit. Mein Vater starb, als ich zur Universität abgehen wollte, und
meine Mutter, die bis dahin nicht über ihren Garten hinausgekommen und immer mit
verbundenem Kopfe umher geschlichen war, entschloss sich aus Sorge vor meiner
Verführung, sich reisefertig zu machen und mich dahin zu begleiten; ich hatte
keine Vermutung, welches Aufsehen das auf der Universität machen könnte; ich
meinte, das sei der regelmässige Gebrauch, und war daher nicht wenig überrascht,
als ich das unglaubliche Schreien hinter mir her hörte, da meine Mutter mich bis
an die Türe des Kollegiums brachte und mich wieder von da abholte. Nichts konnte
sie von dieser Lieblingsidee, mich zu begleiten, abbringen, als die Furcht, dass
ich mich deswegen mit einigen der alten Spottvögel schlagen müsse; deswegen
allein blieb sie zu Hause, doch ihre Leidenschaft zu mir verwandelte sich in dem
einsamen Warten, in der Besorgnis um mich in Wahnsinn, oft warf sie sich Nachts
über mein Bette, ob ich auch nicht heimlich ausgegangen sei. In solchem Kummer
verging sie wie ein Schatten und liess mich nach einem halben Jahre ganz selbst
überlassen auf einer der lustigsten Universitäten. Doch konnte erst allmählich
meinem Wesen jene Rückhaltung genommen werden; ich tat alles dazu, besuchte
Fechtboden und Gesellschaften, nur vor dem Verführen blieb mir der eingeprägte
Schauder, der mich jedesmal ergriff, so oft ich aus einer gewöhnlichen
jugendlichen Eitelkeit mir vornahm, mit meinen Kameraden gleiche Schuld zu
übernehmen. Ich bin fest überzeugt, wenn ein Mensch unter drei Augenblicken nur
zweie tugendhaft ist, so kann er ein Heiliger werden, denn alles Laster hat eine
eigene Umständlichkeit, dass die beiden tugendhaften Augenblicke notwendig
zwischentreten müssen. Sie haben mich gekannt, Herr Graf; ich war in allen
übrigen Verhältnissen ein ganz fertiger Student.« ... »Viel mehr als ich«, sagte
der Graf . ... »Eine Verbindung mit einem Frauenzimmer schien mir indessen ganz
notwendig zu meiner Ausbildung; ich wollte also gleich mein Glück bei der Frau
eines Professors versuchen, weil es die einzige angesehene Frau in der Stadt,
mit der ich bekannt geworden, und die für leichtsinnig ausgeschrien war. Es
schwärmte damals ein wunderlicher Glücksritter umher, der für Männer und Frauen
eine sehr lächerliche Verbindung stiftete, weil keiner recht wusste warum, oder
wozu sie dienen sollte; ein paar symbolische Zeichen machten das ganze
Geheimnis; an unserm Orte förderte er physikalische Versuche aller Art,
insbesondre die sogenannte Phantasmagorie, wodurch in einem dunklen Zimmer
allerlei Gegenstände, vermöge einer sehr vollkommnen Zauberlaterne, in
überraschender Abwechselung dargestellt wurden. Ich benutzte schüchtern diese
Gelegenheit vollkommener Dunkelheit, wo meine Verlegenheit nicht sichtbar wurde,
ihr Zärtlichkeiten zu sagen; liess meine Hand leise in die ihre gleiten und sie
hielt sie fest; ich war ganz sicher, dass mir hier ein leichter Sieg bereitet
sei. Überlegen Sie auch, ob ich so ganz falsch schloss; denn unter den acht
Kindern, die diese Niobe in einer durchdachten physischen Erziehung schön und
kräftig aufzog, wurden dreie fremden Vätern zugeschrieben; der Mann selbst war
dessen nicht in Abrede; er sagte, ehe seine Praxis so ausgebreitet worden, habe
er seiner Frau leben können; jetzt müsse er sein Glück dem grösseren
Wirkungskreise aufopfern und seiner Frau die Freiheit lassen. Ich besuchte sie
den andern Tag; sie drückte mir wieder freundlich die Hand, und ich begann ihr
einige Zärtlichkeiten zu sagen. Sie wusste auf halbem Wege, was ich wollte, sagte
es mir und versicherte dabei, so gut ich ihr gefiele, denn sie hätte mich lieb
wie ihren eigenen Sohn, das könne sie mir nicht zu Gefallen tun. Sie erklärte
mir, dass ihre Liebe nur dem ausgezeichneten, ausgebildetsten Geiste gehöre; denn
wie sie ihren Kindern Fülle der Gesundheit geben könne, so sollten sie vom Malme
den vollkommensten Geist erhalten; darauf nannte sie die Väter ihrer drei
jüngsten Kinder, ich erstaunte die Namen dreier ausgezeichneter Männer zu hören,
denen sie zum Teil weit nachgereist war, um zu ihrer Bekanntschaft zu gelangen.
Sie schwor mir, dass keiner darunter so schön, so reizend ihr gewesen wäre als
ich, aber ihre ganze Seele hätte an ihnen gehangen; ich sollte mich erst in
irgend einem herrlichen Talente ausgezeichnet bewähren, dann möchte ich zu ihr
heimkehren und sie werde mir zu Füssen fallen. Dieses ganz offene Geständnis
löste alle Verlegenheit, die mich drückte, und indem es eine Neugierde bezwang,
erweckte es die andre, von einer so besonderen Frau mehr zu vernehmen, die eine
ganz ausgearbeitete Metaphysik ohne alles literarische Geschrei mit sich
herumtrug. Jedes Chor, fuhr sie fort, das sich selbst überlassen bleibt, lässt
unmerklich den Ton sinken; der blosse Antrieb, die physische Neigung im Menschen
wirkt eben so zum Schlechteren; ohne eine höhere Gesinnung können ganze Nationen
darin verdummen, und Kriege sind eben darum den Völkern notwendig, weil erst in
der Not den meisten Menschen die Talente gross und liebenswert erscheinen. Mir
ist die Ehrfurcht gegen Geistesherrlichkeit gegeben, dass ich ohne Zwang ganz
frei von je mich den Talenten ergeben; seinem umfassenden Geiste dankt es mein
Mann, dass ich ihn erwählte: ich schwöre Ihnen, es ist einzig die Schuld der
Mutter, die von der gewöhnlichen Rasse gesunde Dümmlinge in die Welt setzet,
welche ohne Idee des Höheren geboren, auch in den gewöhnlichsten Verhältnissen
des Lebens vor jeder Götternatur verschwinden; sicher hat sie sich durch einen
unwürdigen Mann täuschen lassen, und Liebe genannt, was blosse Tierheit in ihr
war. Liebe ist ein höchst gemissbrauchter Ausdruck, die Liebe ist ganz geistig
und die tiefste Demut vor einer andern Natur; ihr Organ ist die Sinnlichkeit,
mehr nichts, und nun fragen Sie sich selbst, ob Sie, der Sie noch zu gar keiner
Eigentümlichkeit in sich gelangt, noch prunken mit Scheinwissen und Kleidern,
noch nicht wissen, was Sie wollen, und von keiner Begeisterung getrieben sind,
ob Sie es wohl eigentlich wagen durften, einer Frau wie mir Liebesanträge zu
machen. Acht Wochenbetten habe ich als Heldin bestanden, und das ist wahrlich so
viel, als acht Hauptschlachten; wenigstens nähere ich mich demselben mit den
Empfindungen eines Helden: ich höre die Trompeten, der Kampf ist schwer und
schmerzlich, aber das Höchste, was ich tun kann. Wie aber der Krieg nicht des
Kriegers wegen, so ist auch die Geburt nicht der Geburt wegen; nicht dass sich
das Gleiche vom Gleichen entwickele, da wäre unser Leben unwürdig, aber das
Höhere soll erreicht werden; - junger Mann, fühlen Sie davon etwas in sich, das
Verachten Ihrer Zeit hilft Ihnen nicht durch, erst müssen Sie diese Zeit
verstehen: Wahrlich, meine Kinder werden mich weit übertreffen. - Bei diesen
Worten stand sie auf, küsste mich, als wollte sie mich an ihre Brust legen, und
sagte: Ich muss in meine Holländerei, ich muss mein Kind stillen. Kommen Sie bald
wieder; ich möchte Sie einer Freundin empfehlen, da Sie bald von der Universität
abgehen, wo Sie als Lehrer ihrer Nichten wahre Weltweisheit und
Lebensphilosophie in dem Umgange der gebildetsten Menschen lernen könnten. - Ich
kam sehr nachdenklich nach Hause. In der ganzen Stadt ging bald das
leichtsinnige Gerede, ich sei der glückliche Liebhaber der Frau: so wenig ist an
den meisten ähnlichen Gerüchten unter Studenten, und alle gingen dem Fusssteige,
den ich gemacht hatte, nach, wie es auch den Studenten eigen, und hatten so
wenig davon als ich, den sie beneideten. Nach einem Jahre ihres entfernten
freundschaftlichen Umganges, sehnte ich mich von ihr und von meinen griechischen
Philosophen fort; ich war zwei Jahre beschäftigt gewesen, alle Knoten zu lösen,
welche die Faulpelze den griechischen Knaben bei griechischer Sonne geschürzt
haben, und fand am Ende, dass ihr ganzes künstliches Netz, worin sie so manchen
Fisch gefangen, nichts als ein ganz ordinärer Bindfaden sei.«
    »Nun, nun«, sagte der Graf, »das beste Gemälde ist ja, in allzu grosser Nähe
betrachtet, nichts als eine Sammlung von bunten Flecken.«
    »Durch die Mitteilungen der Professorin lernte ich jene Freundin, die Gräfin
Limonie näher kennen; sie hatten mit einander eine phantastische Freundschaft
gestiftet, einander alles, was sie berührte, frei zu bekennen. Doch schien es,
als wenn die Gräfin Limonie nur in der Traurigkeit ein Bedürfnis sich
mitzuteilen fühlte; immer entielten die Briefe trübe Klagen über unerreichte
unmögliche Wünsche, immer Dank für den mächtigen Trost, den ihr die Freundin
verliehen. Es soll gewisse Menschen geben, bei deren Anblick die Wahnsinnigen,
wenn auch nicht vernünftig, doch stille werden; es gibt andre, die über jede
andre Art Schmerz gleiche Gewalt haben; es gehört dazu eine gewisse
Verschiedenheit zwischen dem Kranken und dem Arzte, die sich auch reichlich
zwischen den beiden Frauen fand. Mit dem schönsten Empfehlungsbriefe meiner
Liebesprofessorin in der Tasche trat ich in den Ferien, als ich von der
Universität abging, meine Reise zu der Gräfin Limonie an, die sich auf ihrem
Gute, welches vorteilhaft zwischen den angenehmsten Städten gelegen, während des
Sommers aufhielt. Ich war zu Pferde und allein, als ich mich dem Gute näherte,
ich fragte einen Mann in ordentlichen Kleidern, der Dünger am Wege abladete, wo
der Weg zur Gräfin ginge. Der Mann sah mich an und sagte: Wollen Sie selbst zu
meiner Schwester? - Ich freute mich seiner Bekanntschaft und bejahte seine
Frage. - Hören Sie, fuhr er fort, da gebe ich Ihnen den wohlgemeinten Rat,
ziehen Sie sich ganz um, oder sie spricht nicht mit Ihnen; der Geruch von
Pferden macht ihr Krämpfe; ich habe sie seit Jahren nicht im Zimmer gesprochen;
es ist eine Närrin, aber sie ist nun einmal so. - Ich dankte ihm befremdet für
die Warnung; er zeigte mir den Weg und ehe ich auf den Schlosshof ging, zog ich
mich, seinem Rate gemäss, im Wirtshause ganz um. Dort erfuhr ich, dass der Bruder
alle Güter der Gräfin verwalte, und von ihr wie ein Lasttier gebraucht und
verspottet werde. Ich begab mich zu ihr. Der Türsteher nahm bei aller
Höflichkeit doch eine sehr umständliche Untersuchung mit mir vor; ich gab ihm
das Empfehlungsschreiben der Professorin ab, worauf mich der Mann in ein recht
artiges Zimmer führte bis das Schreiben gelesen. Dies schien kaum vollendet, so
führte mich ein Kammerdiener mit sehr vielen Verbeugungen in ein prachtvolles
Zimmer und erbat sich meine Befehle, was ich zu meiner Erfrischung bedürfe. Ich
verbat mir alles; es dauerte aber nicht lange, so wurden mancherlei
Erfrischungen, Schokolade, Kuchen, Wein gebracht, die Türen blieben halb
geöffnet und es schien mir deutlich, dass ich aus der Ferne von allerlei Leuten
beobachtet werde. Nach einer Stunde kam eine Gesellschafterin der Gräfin mit
vielen verbindlichen Grüssen von ihr; ich wurde eingeladen, wenn ich nicht mehr
ermüdet von der Reise, oder sonst durch keine Kränklichkeit verstimmt wäre, nach
dem Gesellschaftssaale zu kommen, wo ich mehrere Verwandte der Gräfin versammelt
finden würde; sie selbst könne erst am Abend sichtbar werden, weil sie gestern
ihre Andacht gehalten und heute sehr erschreckt worden wäre. Ich erkundigte mich
mit Teilnahme nach der Ursache dieses Schreckens, ich konnte aber nichts
erfahren. Die Gesellschaft fand ich recht lustig, sobald sie die Gräfin vergass,
kaum wurde ihrer aber erwähnt, so nahm jedes eine ernstafte Miene an, wie
einer, der in der Kirche sich vergessen und leise vor sich ein Liedchen
gepfiffen; es wurde von ihr, von ihrem Schrecken, von ihrer Güte gegen den
Unglücklichen gesprochen; ich verstand nichts davon, und man wollte es mir auch
nicht aufklären. Abends wurde jeder einzeln in das Zimmer der Gräfin gebracht,
ich zuletzt. Das Zimmer war durch eine dünne Florwand in zwei Hälften geteilt;
ich trat diesseits ein, sie lag jenseits geschmückt mit kunstreichem Kopfaufsatz
auf einem langen Schäferstuhle, ihre Füsse waren mit einer Spitzendecke
zugedeckt. Erst brannte nur ein kleines Licht auf dem Tische ihr zur Seite, doch
brachte der Druck ihrer Hand einen hohen Feuerstrahl hervor, der sich in einem
brennenden Bogen niedersenkte: es war Spiekwasser, das künstlich durch die
Flamme gedrückt also brannte und duftete. Sie sagte mir, dass ihre Scham es den
Tag notwendig gemacht hätte, sich von der Gesellschaft zu trennen; ich möchte
die Scheidewand von Flor verzeihen, ich wäre ihr sonst so ganz willkommen wie
der kühlende Hauch des Abends; sie glaubte in mir die Seufzer ihrer Freundin zu
hören, die so viel, so unendlich viel bei ihrem kranken Kinde gelitten. - Ich
Unglücklicher, der den rechten Ton noch nicht treffen konnte, sagte ihr zur
Berichtigung, die Krankheit sei ein unbedeutender Husten gewesen und die
Professorin habe keinen Augenblick darum besorgt geschienen. - Gräfin: Ja, daran
erkenne ich meine Freundin, an dieser Selbstverleugnung und edlen Verstellung,
um ihren Freunden allen Schmerz zu verbergen; es ist eine starke Frau, aber
dieser Kampf mit ihren Gefühlen muss sie doch endlich erschöpfen. - Ich merkte
jetzt, dass sie durchaus bedauert sein müsse, und sagte: Es ist ein Kampf mit dem
Schicksale, und wie Jakob nach dem Ringen mit Gott sich erlahmt fand, freilich,
so vernichtet sich endlich jeder in so edlem Streite. Ich weiss nicht, wo ich die
Phrase gelesen, sie kam mir nicht aus dem Herzen, zog aber die ganze
Aufmerksamkeit der Gräfin auf sich. - Gräfin: Wahr, sehr wahr und besonders bei
dem Kampfe der Jugend mit dem Tode, die welkende Kinderblüte: es ist ein so
rührender Anblick, wie das Veilchen am Wege, das der müde Wanderer niedertritt;
ihre Klage, wie die letzten Töne einer ablaufenden Flötenuhr, der langsam der
Atem ausgeht; wer möchte so eine kleine Leidende nicht wie eine Äterwolke zum
Himmel heben, zu Gott blicken, seufzen und fragen: muss die Schönheit, die
Unschuld, die Frömmigkeit schon so früh leiden? - Ich konnte mich nicht
entalten, in diesem Augenblicke an die dicken schmierigen Pausbacken der
Professorskinder, an ihr bestialisches Schreien, an die Birkenruten, die hinter
jedem Spiegel steckten, zu denken, sagte aber mit niedergeschlagenen Augen: In
den irdischen Leiden der Unschuld zeigt sich ihr himmlischer Friede. Sei es nun,
dass es Täuschung, oder hatte ich mich unwillkürlich selbst gerührt, oder war es
ein Nervenzusammenhang, etwas Feuchtigkeit in der unrechten Kehle, oder ein
naher Schnupfen, genug es lief mir eine Träne die Backen herunter. - Gräfin: Ich
sehe in Ihrem Auge etwas Schöneres glänzen, als Diamant; bei diesen Worten
drückte sie und der Florvorhang rollte auf. Sehn Sie in meinen Augen den
Widerschein; vergessen Sie dieses Augenblicks nicht, eine reine Träne badet uns
von allem Staube der Welt rein. - Ich: Tränen sind ein Himmelstau, den Psyche
mit ihren Flügeln aus dem Kelche der Blumen schüttelt. - Gräfin: Das sind schöne
Tränen, aber es gibt auch trostlose, wie die Tropfen der Aloe bitter, Tränen,
wie ich sie heut vergossen, es verschwimmt die Welt darein. - Ich: Und sind die
Tränen umsonst, ist keine Rettung möglich? - Gräfin: Ich weiss, ich werde es mit
der Zeit verwinden, aber warum bin ich Schwächste ausersehen, alles Unglück der
Welt zu tragen! Mein werter Freund, es sind nicht die Hammerschläge des
Schicksals, nein die Nadelstiche, die immer wiederkehren, woran ich verzweifeln
möchte. - Ich: Blicken Sie empor, der Himmel tröstet alle Tiefbetrübten. -
Gräfin: Weh meine Nerven! Lydia, lass den Farbenbogen drehen, der Schwindel kommt
mir sonst. - Es drehten sich bei diesem Ausrufe eine Art chemischer Feuerwerke,
dem Regenbogen sehr ähnlich; die Gräfin stützte sich matt auf, und ich wollte
gehen. - Gräfin: Ach Sie wollen mich verlassen, Sie können das Leiden nicht
sehen? - Ich: Ich fürchtete nur zu belästigen. - Gräfin: Aber dass Sie dieses
fürchten, wie kam das; darüber müssen wir uns noch explizieren; morgen werden
wir uns sicher besser verstehen; gute Nacht mein neuer Freund, ich fühle mich
noch sehr schwach von dem Schrecken. - Ich wollte mich entfernen, die Gräfin
rief mich zurück: Vielleicht erleichtert mich die Musik; Sie spielen Fortepiano,
schreibt meine Freundin, ich will Ihnen etwas vorspielen; es ist nichts, aber
die Art, wie ich's vortrage, ist mir eigen. - Die Gräfin setzte sich zum
Fortepiano, präludierte mühsam langsam, bald aber gleiteten ihre schönen Hände
mit grosser Schnelligkeit, und unermüdlich über das Elfenbein; ich stand in
tiefer Bewunderung und küsste am Schlusse, nachdem sie wohl zwei Stunden mit
ausserordentlicher Kraft gespielt hatte, die Hände, das einzige, was mir an der
Frau ganz verständlich war. Beim Nachtessen, wo ich zuletzt mit der
Gesellschafterin allein blieb, nachdem die Verwandten einzeln hinausgegangen
waren, um die Gräfin in den Schlaf zu lesen, fand ich, dass der ernste Ton in
dieser ältlichen Mamsell nur angenommen; sie trank gern ihr Glas und lachte dann
über die Gräfin. Hier wagte ich es, über den Schrecken mich zu erkundigen, der
die Gräfin heute so zerrüttet hätte. Die Mamsell lachte; sie sagte, es wäre kein
weiteres Unglück, als dass der eine Kammerdiener sich ein feines Loch durch die
Wand gebohrt hätte, um die Gräfin im Badezimmer zu sehen; heute habe sie
plötzlich ein glänzendes Auge an einer Stelle der Mauer bemerkt, wo gerade ein
heller Sonnenstrahl hingeschienen; sie sei in dem Quergang aus dem Bade
gestiegen und habe selbst, beschämt wegen ihrer Blösse, den verzückt
hinstarrenden Kammerdiener gefunden, der sich ihr zu Füssen geworfen und eine
unwiderstehliche Leidenschaft vorgeschützt habe, die ihn schon seit Jahren
verzehre; sie habe gegen Leidenschaften viel Mitleid und sei so gezwungen
worden, den Menschen, den sie für immer verbannen möchte, dessen Auge ihr ein
steter Verräter seiner unverschämten Neugierde sei, um sich zu dulden. Ich musste
über die Mordgeschichte herzlich lachen, und trank ein Glas übers andre; die
Mamsell schenkte auch nichts der Flasche; die Ermüdung der Reise wirkte nach:
kurz, ich erwachte den andern Morgen auf dem Stuhle mit bedeutendem Kopfweh, die
Lichter waren abgebrannt, die Mamsell lag mit der Nase in ihrer grossen
Tabaksdose auf dem Tische und hatte mit ihrem Atem allen Tabak über die Reste
des Desserts geblasen. Ich schlich mich leise auf mein Zimmer, später hörte ich,
dass Mamsell wegen ihrer Ohnmacht, von der Gräfin herzlich bedauert wurde. Ich
hatte von dem halben schlafe wirklich eine leidende Miene und konnte mich nicht
gleich wieder in die Sprache der Gräfin versetzen, die mir gewaltige
Beschreibungen von einem Sturmwinde machte, der Nachts vor dem Fenster wie ein
Riese vorüber gerannt und die Nacht verfolgt habe, bis sie ihre Sternenkrone
fallen lassen; da sei die Sonne aufgegangen und die Beschämte habe sich mit ihm
in eine Höhle unbewusst geflüchtet. Dergleichen poetische Prosa war mir noch
nicht ganz geläufig und ich meinte in mir, das möchte wohl jenes schreckliche
Schnarchen der Mamsell gewesen sein, das allen Tabak über den Tisch geblasen. Da
die Gräfin sah, dass ich nicht antwortete, so beschloss sie sich mit mir zu
explizieren; sie explizierte zwei Stunden, ich wusste nicht was; zu meiner grossen
Qual diente es gewiss, denn es war schönes Wetter; aus Ärgernis küsste ich sie,
das sollte wieder expliziert werden. Ich armer Unglücklicher war nahe daran,
mich aus dem Fenster zu stürzen. Sie erzählte mir nun so vieles, was ihr eigen
sei, dass mir die ganze Welt uneigentlich vorkam; das Eigenste war aber, dass sie
eine unwiderstehliche Schwachheit für mich seit dem ersten Abende gefühlt hätte,
die mir aber ganz unbekannt blieb, weil ich in ihrer Nähe immer in meine
lächerliche Rolle verfallen musste. Um nicht zu weitläuftig zu werden, will ich
statt einer ausführlichen Erzählung der einzelnen Angriffe und Ausfälle, nur die
Hauptstellen aus dem Belagerungsjournale entlehnen, das sie mit grosser
Aufrichtigkeit ihrer Freundin, der Professorin, jede Woche überschickte und das
ich nachher zu lesen bekam, als ich aus Überdruss über das langweilige Leben zur
Universität zurück kehrte. Eines Tages schrieb sie: Meine Schwachheit für ihn
ist leider nur zu gewiss, ein Zittern wirft mich nieder in seiner Nähe; gestern
las ich ihm eine Beschreibung des Schlafes vor nach dem Englischen, und er
schlief ein; wie ist er so ganz in meiner Gewalt. Bald darauf: Wehe mir, die
Jahreszeit, die Einsamkeit, alles erleichtert ihm seine Kühnheit, ich wollte
einen stolzen Ernst gegen ihn annehmen, aber meine Blicke verraten ihm meine
Schwäche; was sind wir Menschen mit einem weichen Herzen, und doch ohne dieses
Herz, was wären wir! Einige Tage später: Seltene Tugend eines Jünglings seines
Alters, seiner Schönheit, in unsrer Zeit; er vertraute mir heute, dass er noch
nichts vom Glücke der Liebe wisse; ich gab ihm einen Kuss, dass er ihm ein Siegel
der Tugend werde; wehe mir, wenn ich ihm die Ruhe raube, dem Armen, der so früh
schon seine Eltern verloren hat. Zuletzt schrieb sie: Noch ein Tag wie dieser in
der Sommerlaube und ich bin verloren; morgen schreibe ich Dir vielleicht: Es ist
geschehen, ich atme kaum, - ich denke nicht, voll Schlaf und Traum ist mein
Gesicht. Nun gute Nacht, nun guten Tag, ich bin verwacht, nichts mehr vermag. -
    Ist das Journal über ihren Seelenzustand nicht wie der Bericht des
englischen Kapitäns über sein brennendes Schiff, den er von Stunde zu Stunde ans
Land schickt, bis er mit dem letzten aufgeflogen? Doch dazu liess es meine
qualvolle Langeweile nicht kommen; von ihrer Neigung zu mir hatte ich gar nichts
vernommen, denn ihre Liebe bestand gegen alle eigentlich nur darin, sie recht
strenge in ihre verrückte Art und Weise zu zwingen. Ganz zermartert von allen
Explikationen des vorigen Tages zog ich frühmorgens an jenem bedenklichen Tage
meine Stiefel an und ritt davon, nachdem ich einen Brief zurückgelassen, worin
ich allerlei verblümte Worte von der Macht des Frühlings gesagt hatte, der mich
zu ihr und von ihr zöge; ohne die Seelengrösse zu haben, die ihren Flug erhebe,
hätte ich doch den Wunsch, ihr zu folgen, und so sei ich in ihrer Nähe wie ein
sterblicher Mensch an einer Göttertafel. - Sie nahm das alles in ihrer Manier
auf, als fliehe ich sie, um nicht ihre Keuschheit durch sinnliche Anmutungen in
Gefahr zu setzen; sie hielt mich für einen der grössten Tugendhelden. So schrieb
sie an meine Professorin und ich kühlte meine Eigenliebe, als ich bei ihr über
die grosse Freundin spotten konnte. Das sei für heute genug.«
    Wirklich war es auch dem Grafen überflüssig genug. Er hatte während der
letzten Erzählung einen solchen Widerwillen gegen den Prediger bekommen, dass er
ihm beim Abschiede wie ein kalter Satanas erschien, der nach seiner Frauen
Unschuld strebte, als er ihr noch einmal seine Prophezeiung wegen des Kindes
vorschwatzte. Als er allein war mit seiner Frau, drückte er diesen Widerwillen
ohne Rückhalt aus; sie begriff ihn gar nicht; sie hatte die Erzählung ganz
unterhaltend gefunden. »Nun«, sagte der Graf, »das muss wohl von seinem
verruchten Anblicken gekommen sein; allerwärts sah ja seine böse Lust und seine
Eitelkeit hervor, und dabei wette ich, die Hälfte ist nicht so wahr; das hat er
sich alles weis gemacht, um in sein armseliges Leben doch irgend eine
Begebenheit einzuflicken; um doch auch sich ein Gefühl zu machen, lügt er sich
die Haut voll. So lange er von andern erzählte, war er erträglich, kaum sprach
er von sich, da war mir's, als wenn man einen berühmten Poeten von Angesicht
sieht; man glaubt nicht, dass er so gemein aussehen könne. Und der verruchte
Blick: die Idee ist mir ganz verhasst, ich habe ihn erst allmählich deswegen
angesehen; ich dachte erst später darüber nach. Wenn du niederkommst in neun
Monaten, so erkenne ich das Kind nicht an, und den verruchten Pfaffen lass ich
als einen Zauberer verbrennen.«
                                Eilftes Kapitel
                Grosser Streit zwischen dem Grafen und der Gräfin
Es war allerdings etwas Scherz in dem Eifer; aber der Graf fühlte doch wirklich
so eine Art wunderlicher Eifersucht gegen diesen geistigen Verführer, ungefähr
so wie mancher einfache Mann gegen die gelehrten Bekannten seiner gelehrten
Frau. Die Gräfin versicherte ihm, sie halte ihn für hypochondrisch krank; den
ganzen Tag habe er nichts getrieben, als ihr jedes Vergnügen abzudisputieren,
und jetzt wäre er sogar eifersüchtig auf einen Mann, dessen breites glänzendes
Gesicht sie gar nicht ansehen möchte; ob denn nicht jeden Tag schönere Männer in
zierlicher Uniform bei ihnen durchmarschierten? - Der Vorwurf krank zu sein,
brachte den Grafen ganz auf, der sich von Kopf bis zu Fuss kerngesund fühlte; der
Ärger wollte sich Luft machen: »Siehst du«, fiel er ein, »ob ich nicht recht
habe, eifersüchtig zu sein, also siehst du doch nach schönen Männern und eine
züchtige Frau muss eigentlich gar nicht wissen, ob ein andrer Mann als der ihre
schön ist; auch nach Uniformen siehst du; es ist merkwürdig, wie ein paar bunte
Farben, ein paar Tressen, alle Weiber bestechen, derselbe Mensch in Uniform ist
ihnen nicht mehr derselbe.« - »Du bist unerträglich«, sagte die Gräfin, »wenn
Leute von so schlechten Sitten, von so törichtem Argwohn, wie du, in der Uniform
wären, wir Frauen würden sie schon zu unterscheiden und zu meiden wissen.« -
»Ich will dir zuvorkommen«, sagte der Graf, sprang fort in sein Zimmer, und die
Gräfin weinte stille vor sich; ihr beleidigendes Wort war ihr leid, denn es war
ihr erster grosser Streit; aber sie war zu stolz, um ein besserndes Wort
nachzurufen. Der Graf war aufs Feld gelaufen und die Gräfin ass allein zu Nacht,
und liess die tolle Ilse dann zu sich kommen, die ihr lächerliche Geschichten
erzählte, wie sie einmal einen Schäfer, der mit seinem Mädchen in einem
Schäferwägelchen geschlafen, vom Berge herab in einen kleinen Teich habe rollen
lassen, dass die beiden notgedrungen in ein kühles Bad hätten gehen müssen, und
Tausende dieses Schlages, die sie an der Schnur hatte; sie musste die Gräfin ins
Schlafzimmer begleiten, als es spät wurde, und der Graf noch immer nicht
heimkehrte.
    Der Graf hatte in seinem Ärger allerlei Geschäfte gemacht, auch manchen
Arbeiter sehr unverdient gescholten. Er wollte es nicht sich selbst gestehen:
die vielversprechende Ehestandsglückseligkeit, die nach seiner Überzeugung alle
Unruhe aus seinem Herzen tilgen sollte, fand sich doch in gewissen Stunden
unwirksam; auch sie war kein fest bestehender Zustand, sondern musste immer neu
wiedergewonnen werden; er sah ein, dass wohl manches in seiner Frau zu
berichtigen sei, was er längst für ausgemacht in ihr gehalten; dagegen fand er
aber auch für manche ihrer Äusserungen eine bessere Deutung. Ganz verzeihen
konnte er doch ihre letzte Beleidigung nicht; als er spät nach Hause kam, wollte
er sich deswegen nicht gleich zu ihr begeben; sicher meinte er, sie würde ihn
aufsuchen, nachdem sie ihm vom Meiden gesprochen. Er wartete, aber sie kam
nicht, ungeachtet er noch Licht im Schlafzimmer sah; wäre er dahin gegangen, so
wäre er vielleicht heftig gegen sie geworden. Er blieb also zum ersten Male von
ihr weg, streckte sich auf sein Sopha, deckte den Mantel über sich hin, und
schlief erst spät ein.
 
                                Zwölftes Kapitel
        Versöhnung. Lorenz, der Edelknabe und Rosalie, die Kammerjungfer
Der Graf erwachte beim ersten Morgenschimmer. Alles ruhte noch im Schloss, doch
hörte er allerlei Stimmen auf dem Hofe; leise schlich er sich ans Fenster und
horchte durch die sacht geöffnete Fensterspalte. Er sah Dolores im Fenster, so
reizend, so wunderbar reizend, wie sie im Morgenschein ganz eigentümlich rot
schimmerte: sie sprach mit einem armen Edelknaben, der seit einiger Zeit zur
feineren Aufwartung der Gräfin vom Grafen angenommen worden, und mit ihrem
ältern Kammerfräulein Rosalie; und bald erklärte es sich, dass die Gräfin beider
Liebschaft belauscht habe, während jene ihr Bad bereitet hatten; erst schalt sie
ein wenig ihre Sorglosigkeit und fragte sie, wovon sie leben wollten; dann, ohne
ihre Antwort abzuwarten, warf sie einen Geldbeutel ihnen zu, befahl ihnen,
gleich am Tage ihre Hochzeit zu machen, und seufzte zu ihnen mit einer schönen
Träne: »Seid glücklicher als ich!« Dieser Ausruf der schönen Frau durchschnitt
des Grafen Herz. Warum war sie nicht glücklich, sie vermisste ihn; einige Stunden
Trennung von ihm machten sie unglücklich. Nein, er hielt sich nicht, er eilte in
das Zimmer seiner Frau und statt ihr zu verzeihen, bat er sie tausendmal um
Verzeihung. Sie war nicht eigentlich böse, nicht hart, nicht grausam und ihre
Versöhnung war so leicht, so schön, dass beide den ganzen Tag nicht von einander
lassen wollten, wie an ihrem ersten Vermählungstage. Doch sie mussten sich
trennen, um Bestellungen zum Feste der beiden jungen Leute zu machen; der Graf
nahm alle Verantwortung wegen des versäumten dreimaligen Aufgebots auf sich; er
sendete drei seiner Kutschen in die nächste Landstadt, wo ein paar Dutzend
adliger Fräuleins in einem protestantischen Stifte versammelt waren; er war
gewiss, dass ein Dutzend kommen würde, und versprach sich im voraus vielen Scherz
von ihrem altjüngferlichen Wesen. Dann liess er den Hofdielen und mit
Blumengewinden behängen und ordnete ein kleines Spiel an, wozu er die Worte und
Musik mit der ihm eignen Leichtigkeit gab.
 
                              Dreizehntes Kapitel
                      Hochzeit des Lorenz und der Rosalie
Die Glocken läuteten schon, als alles kaum angeordnet war und die drei Wagen
voll Stiftsfräuleins und die Bauern im besten Sonntagsstaate anlangten. Jetzt
sah er erst, wie hübsch Rosalie von der Gräfin aufgeputzt war; hier neben den
alten steifen grossgenaseten, höckrigen Stiftsfräuleins schien das leichte Kind
im weissen Atlaskleide mit Rosabändern, mit ihrer schönen Myrtenkrone wie aus
einem überirdischen Geschlechte herabgestiegen, und als hätten jene ihr boshaft
die Flügel abgeschnitten, um sie unter sich zu bewahren; und doch verschwand sie
wieder so ganz neben Dolores, dass er ihr ohne allen bösen Willen auf ein
auszuübendes Herrenrecht einen Kuss geben konnte. Auch Lorenz, der arme
Edelknabe, nahm sich in seiner Jägertracht recht gut aus; so frisch, frei,
sicher, als hätte er diese Gunst lange vorausgesehen; das war ihm noch von dem
Glücke seines Standes geblieben, als ihm der Krieg Eltern und Vermögen
entrissen. Sein Zwillingsbruder Otto, der schon längere Zeit Jäger auf einem
entfernten Vorwerke des Grafen geworden, traf kurz vor dem Beginn der
Feierlichkeiten ein; er schien sehr verstört und sprach mit seinem Bruder ganz
heimlich; dann ging er zu dem Grafen und sagte ihm, dass er Soldat geworden und
daher seinen Dienst verlassen müsse; der Graf drang darauf, die Ursache zu
wissen, aber er beschwor, dass er sie nicht angeben könne, er sei unschuldig
daran. Wolf, der Schreiber, erklärte dem Grafen nachher, dass Rosalie erst diesem
älteren Bruder Hoffnung auf ihre Hand gemacht, so wie sie es ihm auch schon
getan habe; er wolle aber kein Narr sein, davon zu gehen, wer wüsste, was ihm
noch für Glück würde. Der Graf ermahnte ihn zum Bessern und benutzte beide
Charaktere für den Schluss eines Gesanges, den er zur Nacht eingerichtet hatte. -
Wir wollen uns nicht mit der Beschreibung des feierlichen Zuges nach der Kirche
aufhalten; die zwölf Fräulein gingen mit einer Andacht der Braut nach, als
könnte es hier wohl noch nach dem alten Gebrauche der Hochzeiten gehen, der
hundert künftige bei einer wirklichen verspricht. Die Rede des Geistlichen war
wohl gedacht, und ermahnte sie zur Treue gegen ihre Gutsherrschaft, der sie ihr
Glück dankten; dann fuhr er fort: »Belehret einander, denn ihr werdet künftig im
Walde (er war zum Förster ernannt) einsam leben. Du Mann, schlage nicht (hiebei
schob er dem Bräutigam die Faust in die Rocktasche) du Weib, schmähe nicht
(dabei legte er ihren Finger in ihren Mund) denk, dass ein Höherer dich sonst auf
den Mund schlägt. Betrachtet oft den Ehering an euerem Finger; er verklagt euch,
wenn ihr aufhöret einander zu lieben3.« Auf dem Rückwege schallte allen ein
frohes Lied, das der Graf zu Hochzeiten eingeführt; es wurden Blumen gestreut
und das ganze Fest wurde mit einem sehr kunstreichen Volkstanze der Gegend
eröffnet, der vom Walzer ausgehend und wieder dahin zurückkehrend die wachsende
Zärtlichkeit zwischen den Paaren auf tausend Arten durch Bewegung und Gesang
ausdrückte; dann traten zweie hervor, die wie Braut und Bräutigam gekleidet
waren; der Graf selbst aber erzählte vortretend, wo ihr mimisches Spiel nicht
ganz zu verstehen war.
Der Graf
Ei du lustiger Edelknecht!
Wie spricht die Welt von dir so schlecht,
Du machst dir gar nicht viel daraus;
Du trittst zu Liebchens Tür hinaus,
Von ihr noch alles düftet,
Dein Wämslein ist gelüftet.
O du seliger Edelknecht!
Nun ist dir alles eben recht;
Hier ist die Welt dir weit genug,
Hier ist dein Bett dir eng genug;
Vor ihrer Tür darnieder
Du streckst die müden Glieder.
O du schläfriger Edelknecht!
Du bettest dich nicht gerne schlecht,
Dein Himmelbett ist der Sternensaal,
Die Himmelsleiter im Erdental
Steht auf der Türe Stufen,
Hörst Liebchen im Traume rufen.
Ei du schnarchender Edelknecht!
Dein Schlaf ist heute gar nicht schlecht,
Du liegest kaum und schnarchest laut;
Dass alle Knöpfe dir springen auf;
Die flatternden Fledermäuse
Erzittern auf ihrer Reise.
Ei du lässiger Edelknecht!
Ei das ist wahrlich gar unrecht,
Dass dir der Schlaf noch immer gefällt,
Da früh sich die Gräfin ein Bad bestellt,
Heut musst du das Bad bezahlen,
Die Gräfin ist böse zumalen.
Und du listiges Jungfräulein!
Spät wachst du mit klaren Äugelein;
So rötlich dein lieb Angesicht,
Wie eine Rose, die eben aufbricht,
Du öffnest erst die Türe;
Als ich schon lange die Sonne auf Dächern
All überall auf glänzendem Wagen spüre.
Das Jungfräulein
Ich fühl mich umwinden
Von eilenden Winden,
Aus träumender Nacht
Mir alles erwacht!
O Lautenschlag,
Du Liebesschlag,
Schlag's nicht in den Wind.
Komm Amor, süss Kind,
Dir will ich's verkünden,
Du sollst uns verbinden.
Der Graf
Ei du heimliches Jungfräulein,
Was flog von deinem Hütelein?
Jetzt scheint es blass gleich wie der Mond,
Der Morgens noch am Himmel wohnt.
War's Amor? War's die Taube?
Schütz deinen Kranz vorm Raube.
Das Jungfräulein
O Sonnenschein helle,
Du trittst auf die Schwelle,
Aus träumender Nacht,
Aus Wolken erwacht.
O frommes Glück!
Der Liebe Blick;
Was zeigest du mir,
Er ruht an der Tür,
Die Hand unterm Haupte,
Im Tuch, das er raubte.
Ei du schelmischer Edelknecht!
Hier hast du wohl geschlafen schlecht?
Komm, fülle das Marmorbad,
Komm, trete das Wasserrad,
Wir wollen das Bad schnell füllen,
Am tiefen Brunnen im stillen.
Der Edelknecht
O ich seliger Edelknecht!
Den Liebchen und Sonne erwecken recht;
Kaum kann ich sehen, so lichterloh
Glänzt es in meine Augen froh;
Wie dien ich doch so willig,
Die Herrschaft ist so billig.
Der Graf
Ich höre die Bronnen
Mit spiegelnden Sonnen
Im ruhenden Hof;
Die Fenster im Schloss
Sind alle noch zu
In Liebesruh;
Am Giebel so fein
Manch Stimmelein klein;
Die beiden das Becken
Erfüllen mit Necken.
Mit Blumen sie's streuen,
Die Gräfin zu freuen;
Die Gräfin nicht schlief,
Sah's alles und rief:
»Die Morgenstund
Hat Gold im Mund.
Schau Knabe herauf,
Fang alles dir auf,
Bestelle dir Geigen,
Tanz hochzeitlich Reigen.
Nun Jüngferlein spröde,
So macht es doch jede,
Verstelle dich nicht,
Und zeig dein Gesicht.
Nun küsset euch
Nur beide gleich;
Denn, durft es geschehn,
Eh' ich es gesehn,
So küsst euch nur tüchtig,
Da ich euch ansichtig.«
Wie soll ich's beschreiben,
Es glänzen die Scheiben
Vom frohen Gesicht
Der Gräfin, die spricht.
Sie küssen sich oft,
Es hallet der Hof,
Sie drücken die Händ
Und finden kein End,
Und können nur danken
In sel'gen Gedanken.
O du seliger Edelknecht!
Nun geht nicht aus dein schön Geschlecht;
Vom Abend bis zum Morgen früh
Zur Hochzeit wird getanzet glüh.
Was hast du von dem Tanze?
Der Edelknecht
Die liebe Zeit vom Kranze!
 
                              Vierzehntes Kapitel
  Geschichte der Fräulein Lila, der Fräulein Mirrha und der Fräulein Walpurgis
Hier endete sich das Spiel mit einem zärtlichen Kusse, den die Gräfin ihrem
Manne gab, und er fühlte sich so reichlich für allen kleinen Kummer des vorigen
Tages entschädigt; auch die Stiftsfräulein sahen mit Rührung ein Glück, dessen
Hoffnung ihnen so ferne lag, und konnten nicht lassen, es zu rühmen. Kaum hatte
der Graf und seine Gesellschaft die ersten Ehrentänze gemacht, so hielt auch
seine Dienerschaft und sodann das ganze Dorf mit Braut und Bräutigam einen
schnell abwechselnden Umtanz, an dessen Schlusse nach alter ländlicher
Gewohnheit eine Verkleidung ausgeführt wurde. Die tolle Ilse kam in geistlicher
Kleidung, eine Perücke von ausgeblasenen Eiern auf dem Kopfe, eine lächerliche
Maske vor dem Gesichte, und versicherte, das neue Ehepaar sei noch nicht
ordentlich und vollständig getraut. Alle stellten sich erschrocken und die
Neuverheirateten mussten demütig um eine vollständige Trauung bitten; die Maske
erfüllte nach vielen Umständen, warum man sich nicht gleich an sie gewendet;
diese Bitte, das Trauungszeremoniell wurde lächerrlich parodiert, einigen
unanständigen Liedern folgte eine lange Rede voll Zoten, die von allen herzlich
belacht wurden, weil jeder sie seit Jahren kannte; des Grafen zierliches Spiel
war aus dem Gedächtnisse aller verwischt. Nach dem Ende des Spiels sagte der
katolische Geistliche, dass er nun schon zwanzig Jahre vergebens daran arbeite,
diesen anstössigen Spass abzubringen, aber jede Hochzeit vermehre ihn mit neuen
Einfällen; die ernstaftesten gesittetsten Leute des Dorfes beständen eben so
sehr auf die Beibehaltung, als das junge lustige Volk. Der Graf dachte darüber
nach, und sah, dass die Leute nicht unsittlicher nach dem Spasse, als vorher
aussahen, da fuhr es so aus ihm heraus, er wusste selbst nicht, ob er an das
glauben sollte, was er sprach: »Der rohe und meist der unschuldigste Mensch lässt
seinen Scherz gemeinhin über die Verhältnisse der Geschlechter aus, weil sie ihm
am deutlichsten und wichtigsten unter allen sind; uns sind andre Verhältnisse,
der Staat, die Gesetze, der Krieg wichtig geworden, wir reissen damit im
fröhlichen Augenblicke unsre Zoten und wer weiss, welche die besten sind; eine
gute Zote erfordert auch ihr Talent; ich wüsste keine zu machen, sie hält Leib
und Seele zusammen; - überhaupt, worüber man einmal mitgelacht hat, das sollte
man nicht mehr verdammen dürfen.« - Der Geistliche war sehr beschämt, denn er
hatte wirklich von ganzem Herzen gelacht; der Graf lenkte wieder ein: »Freilich,
das Ehrenwerte der Religion, der bessere Scherz, die feinere Unterhaltung muss
darüber nicht zu Grunde gehen, insbesondre muss man bedenken, dass die Zote ihrem
Grund und Boden leibeigen ist, und daher nicht in die Welt eingeführt werden
kann, ohne eine Ungerechtigkeit gegen die edle Unterhaltung zu begehen.« - Der
Geistliche bejahte das und der Graf führte seine Gesellschaft von Damen nach der
Weinlaube, wo ein Tisch mit Zuckerwerk, Erfrischungen, Weinen und Früchten jeder
Art für sie gedeckt stand; dort brachte er sie unbemerkt auf Erzählungen von
ihrem Stifte und dessen innern Verhältnissen; endlich eröffnete er ihnen
geradezu, sie wären seit einigen Tagen im Schloss in ein so allgemeines
Geschichterzählen gekommen, dass er sich durchaus wenigstens ein paar
Lebensgeschichten von ihnen erbitten müsse. Die armen Fräuleins zierten sich
gewaltig; eine wollte der andern die Last aufbürden; es wurde aber nichts
daraus, bis eine anfing, von der andern zu erzählen; da erschienen nun viel
alltägliche Historien, von Stiefeltern, die ihnen den Aufentalt im Hause
verleidet, von Vätern, die erschossen worden: nur ein paar finden wir des
Aufzeichnens wert. Fräulein Lila warf der Fräulein Mirrha vor, sie könnte
glücklich verheiratet sein, wenn sie nicht die Stunden des Verlöbnisses versäumt
hätte, wie sie noch jetzt alle Tage zum Essen zu spät käme und von der Äbtissin
in Strafe genommen würde, ja selbst zu dieser Fahrt, zu welcher sich alle
gefreut, sie eine halbe Stunde habe warten lassen. - Mirrha leugnete das nicht,
»aber«, fuhr sie fort, »ich kann es nicht lassen und glaubt ihr, dass ich nur mit
Aufopferung dieser Gewohnheit eine glückliche Ehe hätte erreichen können,
wahrhaftig sie wäre mir so unerreichlich geblieben, wie der Himmel auf Erden.
Von meiner ersten Kindheit hatte ich diese Gewohnheit; wenn es nicht gerade Zeit
war zum Aufstehen, so machte ich mir noch ein andres Geschäft: spielte, strickte
im Bette; erst, wenn die Glocke schlug, wo ich in der Lehrstunde sein sollte,
konnte ich zu dem Entschlusse kommen, aufzuspringen; dann eilte ich mit der
grössten Hast, verwarf darüber Kamm oder Fingerhut, und musste suchen; während des
Suchens geriet ich auf etwas, das mich unterhielt, ein Buch zum Beispiel, fing
halb angezogen an, darin zu lesen, bis mich heftige Verweise von meinem Zimmer
trieben, wohin ich sicher wieder ein paarmal umkehren musste, weil ich immer das
Notwendigste vergessen hatte. Als ich verliebt war, da nahm dieses Übel zehnfach
zu, in jedem Geschäfte fiel mir zehnerlei von meinem Bräutigam ein, was er mir
gerühmt hatte, ein Kleid, eine Arbeit, ich musste es besehen, oder eine Stelle
aus seinen Briefen, die musste ich nachlesen, von einem las ich zum andern bis
zum ersten, und dieses unglückselige Lesen war es, was mich eine Stunde lang in
meinem Zimmer zurückhielt, während alle zur Verlobung feierlich versammelt
waren. Niemand glaubte mich auf meinem Zimmer, weil ich schon unten gewesen war;
meine Mutter rief mit grosser Sorge im Garten umher, ich war aber in meinen
Briefen so vertieft, dass ich es nicht hörte. Mein Bräutigam war zu argwöhnisch,
um dieses Ausbleiben einem Zufalle zuzuschreiben, er ritt fort und reiste in der
Stunde noch in die weite Welt, um seinen Schmerz und die Lächerlichkeit für
andre zu vergessen, die durch dieses öffentliche Verschmähen auf ihm haftete. Er
hat mir viel Tränen gekostet und du Lila hättest mich nicht daran erinnern
sollen, während du selbst auf keine klügere Art um deine drei Freier gekommen
bist.« - Wir drangen in sie zu erzählen; Fräulein Lila mochte ihr zuwinken, so
viel sie wollte. - Mirrha fuhr auch ruhig fort: »Es ist ja gar kein Vorwurf für
dich, liebe Lila, du hattest dich bloss von unsern Modedichtern anführen lassen,
die alle Liebe über einen Kamm scheren, und weil sie wahrscheinlich nie selbst
eigentümliche, sondern nur eingebildete Liebe erfahren, alle ihre Kopien nach
einem Paar ganz einzelner Originale machen, die aller Welt durch den Zufall
besonders kund geworden. Da meinen sie, die erste Liebe müsse plötzlich beim
ersten Anblicke auflodern, keine Ruhe lassen, keinem Zweifel Raum geben; es soll
keinen Augenblick geben, wo man weniger verliebt sei, wo ein anderer einem in
die Augen fiele, wo man einem andern gefallen möchte. Sehen Sie, solch ein
strenges Liebessystem beherrschte Lila; sehr brav war sie entschlossen, niemand
zu heiraten, den sie nicht liebe, aber dass sie ihn nun gerade so lieben wollte,
das war zu viel; immer glaubte sie, wo ihr jemand wohlgefallen, ihr sei der
grosse Wurf gelungen, und traurig fühlte sie wieder im nächsten Monate, dass sie
immer noch nicht genug liebe; und so entliess sie einen Freier nach dem andern:
denn, unter uns gesagt, sie war wunderschön und eigentlich jedermann in sie
verliebt.« - Lila klatschte strafend den vollen Rücken der Erzählenden, und
sagte: »Neulich, als ich mich im Spiegel betrachtete, da fand ich, dass Augen,
Mund, Kinn und Backen noch nicht hässlich, aber die le nez, die le nez, ich weiss
nicht, wie mir die Nase so besonders hervorgewachsen, als sähe sie sich immer
weiter in der Welt um, doch habe ich das schon öfters bei alten Jungfern
bemerkt, die Nase wächst ihnen zu einer ungeheuren Grösse.« Wir lachten alle über
das gutmütige Mädchen, die so heiter über sich selbst spotten konnte, nur eine
blasse Fräulein Walpurgis blieb ungerührt. Der Graf bat sie um ihre Geschichte,
wenn es ihr nicht schmerzhaft sei. »Keinesweges«, antwortete sie; »allzu
bekannt, um sie in meinem Herzen zu verschliessen, teile ich sie gern meinen
Bekannten mit, dass sie mir um so leichter gewisse unangenehme Minuten verzeihen.
Ich war in früheren Jahren sehr heiter, leichtsinnig und mutwillig; in keinen
Menschen, selbst in die, welche ich liebte, ging ich tief genug ein, um ihre
heimlicheren, oft wesentlichsten Charakterzüge kennen zu lernen. So war ich auch
einem jungen Edelmann verlobt und herzlich in ihn verliebt, ohne dass ich
glaubte, was er mir sagte, könne ernstafter, bedeutender sein, als was ich ihm
zu sagen hätte; ich schwatzte froh in alles hinein und bemerkte nicht, wie er
verlegen wurde, wenn ich oft querfeldein über die wichtigsten Gegenstände, über
Politik, über Kunstwerke meine Worte auslaufen liess; es bedeutete mir gar
nichts, denn ich hatte damals ein solches Bedürfnis zu reden, dass ich oft allein
mit den Wänden konversierte. Worum er mich gebeten, vergass ich eben so
leichtsinnig, wie alles das, worin er mich belehrte, und das hatte ihn endlich
zu dem Entschlusse gebracht, mich auf die Probe zu stellen. Er sagte mir eines
Tages, als Abends ein kleiner Ball in der Stadt gehalten werden sollte, er müsse
den Tag verreisen, ich möchte ihm etwas versprechen, woran er sähe, dass ich ihn
liebte: ich möchte ihm versprechen, den Abend nicht auf dem Balle zu tanzen. Ich
lachte über das leichte Versprechen; der Tanz war gar nicht meine Leidenschaft
und der Bälle so viele, dass dieses Ausruhen gar keine Entsagung zu nennen; ich
versprach es bei meiner Liebe und gab ihm die Hand darauf. Abends auf dem Balle
dachte ich der ganzen Geschichte nicht mehr; zwar war es mir, als hielte mich
bei einer Aufforderung eine geheime Hand, dass ich abschlagen sollte, aber ich
hatte einmal zugesagt, und als mir nachher mein Versprechen einfiel, fürchtete
ich, lächerrlich und beleidigend zugleich bei meinem Tänzer zu werden, der in der
ganzen Stadt mit seinem Urteile galt. Ohne Sorge tanzte ich meinen schottischen
Tanz herunter; als ich unten ausser Atem anlange, steht mein Bräutigam mit ganz
verwirrtem Auge vor mir, frägt mich, ob ich ihn sehe, ob ich ihn kenne, ob ich
mich meines Versprechens erinnere, das ich eben gebrochen, ob mir je zu trauen
sei, nachdem ich in erster Liebe ihn getäuscht? Dann versicherte er mir, ich
sähe ihn zum letztenmal und in Gegenwart der ganzen Gesellschaft schwöre er mir,
er wolle seiner Ehre verlustig sein, wenn er sich mir je nähere, wenn er je die
Verbindung mit mir wieder anknüpfe, von der er sich so viel Seligkeit
versprochen. - Bei diesen Worten stürzte er zur Türe hinaus, und ich ohnmächtig
und in Krämpfen auf den Boden nieder. Noch jetzt, nach so vielen Jahren,
empfinde ich, ohne zu wissen, was die Glocke sei, gegen diese Zeit eine
Traurigkeit, dass ich mich von den Menschen wegwende.« - Sie stand bei diesen
Worten auf und ging den Gang hinunter. - Jeder äusserte nun seine Meinung über
das Verfahren des Bräutigams; die Gräfin nannte ihn einen grausamen Barbaren,
von dem sich jede Frau nachher hätte zurückziehen sollen. Der Graf schwor, er
hätte es sicher in gleichem Verhältnisse ganz eben so gemacht; wer ein solches
Versprechen vergessen könne, den müsse man wieder vergessen können; die Gräfin
widerstritt ihm das, nannte dies Vergessen eine Kleinigkeit, ja es hätte selbst
nichts zu bedeuten, wenn sie mit Absicht ein so törichtes Versprechen gebrochen
hätte, und so gerieten der Graf und die Gräfin in einen lebhaften Streit mit
einander. Eine kleine runde Stiftsdame, die eine Störung des ganzen Festes von
diesem Streite befürchtete, legte sich auf einmal mit ihrer metallenen Stimme so
laut dazwischen, und versprach eine so lustige Erzählung, dass niemand mehr der
traurigen Geschichte denken sollte. Alle baten eifrig um die Geschichte und sie
begann recht fröhlich zu improvisieren.
 
                              Funfzehntes Kapitel
                          Geschichte des Mohrenjungen
Pripert war ein mächt'ger Herzog
Von dem grossen Volk der Pirpen,
Sass auf einem hohen Schloss
Bei dem dunklen Karpfenteiche,
Wo die braunen Frösche hüpfen;
Seine Schwester hiess Fikette,
Fidibus sein schlankes Weibchen.
Als die Schwester in den Jahren,
Wo sie könnte sich vermählen,
Denn verliebt war sie schon lange,
Fordert er von seinen Ständen
Ihre Ausstattung ganz schleunig,
Samt und Seide wie gewöhnlich,
Und die Stände bringen beides.
Doch nachdem er es befühlet,
Scheint ihm beides also köstlich,
Dass er es gern selbst behielte,
Um sich einen neuen Schlafrock
Statt des alten, der zerrissen,
Zu der Cour daraus zu schneidern;
Und die schöne junge Schwester
Sendet er nun als Äbtissin
Nach dem grossen Fräuleinstifte,
Dass sie es nicht fordern könne.
»Samt und Seide sind jetzt teuer«,
Sagte ihr der gute Bruder;
»Kommen gar viel fremde Prinzen,
Wie es bei der Werbung möglich,
Geht mehr Hafer, Weissbrot, Kuchen
Auf an einem einz'gen Tage,
Als du isst im ganzen Jahre;
Auch die alten Livereien
Sind dann nötig umzuwenden,
Mancher Knopf geht da verloren,
Mancher Flecken kommt beim Essen:
Darum ist es mehr geraten,
Dass du bleibest unvermählet.«
Traurig fährt Prinzess Fikette
Nach dem alten Fräuleinstifte,
Doch gedenkt sie, da zu finden
Holde liebliche Freundinnen,
Denen sie sich kann vertrauen;
Ach was findet sie für alte
Ausgedürrte, ausgeschriene,
Gelbe Tabaksschnupferinnen,
Die im ewigen Gezänke
Ihr das Blau im Aug abstreiten;
Alle fluchten wie die Landsknecht,
Kommen stets zu spät zum Singen;
Keine wollte Brot anschneiden,
Keine das Gebet hersagen.
Wenn sie dann in ihren Nöten
Zu dem tapfern Stiftshauptmann
Hat gesendet ihre Diener,
Da begann erst recht die Fehde,
Und der Hauptmann war noch fröhlich,
Wenn er ohne Nägelmale
Zu der Tür hinaus geflüchtet;
Sicher fand er Reihen Zähne
In dem Rocke fest verbissen,
Ziegenhaarige Perücken,
Lappen Flor in seinen Händen;
Ach es sind zu alte Sünder,
Um sich jemals noch zu bessern!
Zählt zusammen ihre Jahre,
Steigen sie zu vielen Tausend,
Bis zu Medern und Assyrern,
Und Metusalem dagegen
Ist ein elend junges Bürschchen.
Also war der Stamm beschaffen,
Also war ihr reines Leben;
Denn unheil'ger ist wohl nimmer
Auf der Erd ein Stift gewesen,
Und geplagter war auch keines.
»Sagt, was spotten denn die Männer
Über uns, die alten Jungfern,
Also frech von allen Seiten,
Ist es nicht die Schuld der Männer,
Unser Wille war es nimmer!«
Also seufzte manches Fräulein,
Das recht tückisch war genecket,
Wenn die Knaben aus dem Städtchen
Mit den flinken Blaseröhren
Ihren Kater niederschossen,
Der zum Nachbarhaus geschlichen,
Auf den Dächern kühnlich irrte.
Gab es Schnee, so standen morgens
Weisse Männer vor dem Fenster;
Jeder Baum, der in der Nähe,
Ward bezeichnet mit Skandalen,
Und die Früchte weggestohlen;
Und für so viel stete Leiden
Was war die Entschädigung?
Keine reichen Nadelgelder,
Keine Leckerein beim Schmause,
Gleiche Kost an jedem Tage,
Täglich Ziegenfleisch und Erbsen,
Damit war das Stift dotieret: -
Schwere Kost für alte Magen!
Darum suchte jedes Fräulein
Ihre mächt'gen Portionen
Heimlich solchen zu verkaufen,
Die dafür was Leckres brachten;
Darum schlichen viele Leute
Abends durch des Stiftes Garten,
Um zu tauschen, um zu kaufen
Ziegenfleisch und gelbe Erbsen,
Heimlich, dass doch die Äbtissin
Nichts von dem Erwerbe wisse.
Arme, arme Fürstentochter!
Die in ihren frühen Jahren
Mit so manchem schönen Pagen
Ein Versteckens oft gespielet,
Und nach ihrem frohen Sinne
Sie genecket und geküsset.
Ach noch denkt sie an den einen,
Der so oft am gläsern Wagen
Neben ihrem Sitz gehangen
Und mit seiner heissen Liebe
Ihr das Spiegelglas behauchte,
Bis er ihr darin verschwunden!
Ach er ist nicht ganz verschwunden!
Seit er ist herangewachsen,
Reitet er nach der Parade
Täglich bei dem Stift vorüber,
Als ein prächtiger Dragoner
Mit dem Degen an der Seite,
Mit der Feder auf dem Hute,
Mit den schönen blanken Stiefeln,
Mit der weissen Kraus am Hemde,
Mit der hohen schwarzen Binde,
Mit dem Rock Vergissmeinnicht,
Mit den Wangen Milch und Blut,
Mit dem schwarzen Knebelbarte;
Kommt geritten, sie begrüssend,
Seinem Pferd hat er gelehret,
Sich zu bäumen und zu wiehern,
Dass der Puder weit aufflieget,
Hat er ab den Hut genommen -
Also weicht er von dem Stifte
Wie ein schönes Wolkenbild.
Alle Nächte denkt sie seiner,
Wenn das Dunkel Frieden stiftet,
Und kein Blick sie mehr belauschet,
Wenn sie wandelt in dem Garten,
Süsses Schmachten in dem Herzen,
Holde Töne auf den Lippen,
Denen sie sich gern vertrauet,
Weil sie nicht als Zeugen dienen,
Sondern alsogleich versinken
Wie der Traum, der sie geschaffen.
Leise singt sie ihre Lieder,
Wie die Quellen zu den Veilchen,
Und im Hauche dieser Veilchen
Scheint der Liebling ihr zu nahen,
Mit dem Degen, mit dem Hute,
Mit der Krause, mit den Spornen,
Mit dem Zopfe, mit dem Puder;
Und mit ausgespannten Armen,
Wie mit Segeln zu dem Hafen,
Stürzt sie in den Arm des Teuren:
Und da sind es leere Lüfte,
Eine Hand, die fasst die andre;
Traurig singt sie leise flüsternd:
                              Gesang der Äbtissin
Soll ich's mir wie Strahlen denken,
Wie die Veilchen ferne düften
Und den Lüften
Doch die nahe Wollust schenken?
Will der Wind sie zu mir lenken,
Muss ich denken
Meiner Lieb in allen Sinnen,
Träumend ihn in Liebe grüssen;
Ihn zu küssen
Mein' ich und mich einzuspinnen
In des Vielgeliebten Armen;
Süss Erwarmen!
Seine Lippen Hyazinten
In dem frischen runden Schnitte,
Und die Mitte
Ist ein Kelch, den zu ergründen
Tausend schöne Worte dienen!
Welch Erkühnen!
Alle möchte ich ergreifen,
Ihn zu finden unter allen;
Ich muss fallen
In ein wüstes leeres Schweifen!
Wiederum ein Jahr vergangen
Im Verlangen!
Etwas muss der Mensch doch lieben,
Süsser Duft, du musst vor allen
Mich umwallen,
Flieh die Blumen, die betrüben,
Weil von jenes Frühlings Scherzen
Zeugen schwärzen;
Süsser Duft, nimm mein Vertrauen,
Denn zu hart sind die Gespielen
Den Gefühlen,
Dass sie nie die Liebe schauen;
Lieblos sich dem Himmel geben,
Ist ihr Leben.
Alles hab ich dir gegeben,
Schönes fernes Bild im Herzen,
Lust und Schmerzen,
Nahe endlich, nimm mein Leben! -
Wie die Reben niederhängen
In den Gängen,
Die ich sonst um feste Bäume
Mit der eignen Hand geschlungen!
Ach umschlungen
Hab ich oft, o süsse Träume,
Diesen Baum, der dir geweihet,
Tief erfreuet! -
Also sang die Frau Äbtissin,
Glaubt den dunklen Stamm zu fassen,
Den sie dem Geliebten weihte,
Doch von ihrer Glut getäuschet
Hat sie einen Mann umfasset,
Der da heimlich sich gestellet,
Als ob er ein Baum gewesen,
Dass sie ihn nicht möchte sehen.
Und sie meint, sie täte Wunder
Und belebte liebend Bäume;
Das ist Schwärmerei, nicht Sünde,
Denn sie war sonst sehr moralisch;
Doch zu gross ist dieses Wunder
Für die liebekranke Seele!
Ist der Baum zum Menschen worden,
Kann sie ihm doch nicht entziehen,
Was ihm schon als Baum so eigen,
Ihrer Liebe schönen Glauben;
Und so sehen wir hier wieder,
Dass die Phantasie verbunden
Mit der Wahrheit falschem Bilde
Sei wie Pulver in der Bombe,
Die von Unschuld aufgelesen,
Wie alt Eisen in das Feuer
Wird geworfen und zersprenget
Schuld und Unschuld, falsche Wahrheit,
Wahre Phantasie und falsche.
Dass der Mann kein Baum gewesen,
Muss sie endlich doch wohl glauben,
Dass es aber der Geliebte,
Prächtig glänzende Offzierer,
Dem wie Milch und Blut die Wangen,
Glaubt sie mit demselben Glauben.
Traurig und verlangend schmachtet
Die Prinzessin nach zwei Monden,
Müde ärgerlich sie fühlet,
Sich in ihrem Stift verschlossen,
Und in ihrem Innern treibet,
Was wohl nicht verschlossen bleibet.
Kühnheit haben schwangre Frauen
Und Entschluss in den Gefahren;
Die Prinzessin setzt sich nieder
An den Schrank von bunten Masern,
Schneidet eine Pfauenfeder,
Schreibt dem Herzog, ihrem Bruder.
                           Die Äbtissin an den Herzog
Bruder, Du hast mich verschlossen
In dem alten Fräuleinstifte
Um die Ausstattung zu sparen,
Samt und Hafer, und das Weissbrot,
Von den Ständen mir geschenket.
Sieh, zur Strafe von dem Himmel
Bist Du ohne Kind geblieben,
Das er mir zur Straf bescheret;
Doch es stammt von einem Helden,
Also wird's ein Held auch werden,
Darum seid geneigt dem Rate,
Den ich Euch in Demut gebe.
Euer Reich fällt heim den Fremden,
Und mein armes Kind muss sterben,
Und ich geh in Schand verloren,
Wenn Ihr diesem Rat nicht folget,
Nicht mein Kind, in Schuld empfangen,
Mild zu Eurem Kind annehmet.
Eure Frau, die Herzoginne
Muss sich stellen guter Hoffnung,
Und ich komme dann im Schloss
Heimlich nieder: Gott wird helfen!
Und mein Kindlein wird getragen
Heimlich zu der Herzoginne,
Als ob sie es hätt' geboren.
Denkt darüber nach in Liebe,
Und dann seid Ihr überzeuget,
Fühlet recht den Willen Gottes,
Wie er Böses gut hier mache,
So verzeihet der Äbtissin.
Als der Herzog dies gelesen,
Schloss er sich in seinem Zimmer
Ein mit Ärzten und mit Räten
Und nach dreien schweren Tagen,
Wo sie ohne Schlaf verhandelt,
Ist der kühne Plan gebilligt
Und mit ihnen angeordnet,
Wie er leichtlich auszuführen.
In dem Schloss, wo er tronet,
Nach dem Astronomen-Turme
In der Mitt vom Karpfenteiche,
Tragen sie den Tron, den weichen,
Als Geburtsstuhl ihn zu richten;
Aus dem astronomischen Werkzeug
Wird die Zange bald geschmiedet,
Und im Spiegelteleskope
Sei die Wiege für das Kindlein.
Als dies alles angeordnet,
Setzt er sich zum Tisch von Pappe,
Der mit Goldpapier bezogen,
Schreibt mit einer Kasuarfeder:
                           Der Herzog an die Äbtissin
Pripert Magnus, Herzog aller
Gross und kleinen Karpfenteiche,
Euch entbietet Gruss und Gnade! -
Schwester, seid Ihr ganz des Teufels,
Doch es sei Euch dies verziehen,
Möchte Euch nicht gern erschrecken,
Könnte Eurer Frucht sonst schaden;
Euer Vorschlag ist genehmigt
Wegen Eurer klugen Listen,
Und Ihr sollt ins Kindbett kommen
Auf dem Astronomen-Turme;
Heimlich reiset Ihr zur Hauptstadt,
Als ob Ihr zum Bade reistet
Wegen eines innern Übels
Von der schlechten Kost im Stifte;
Schreiben ist nicht meine Sache,
Sprechen lässt sich alles besser,
Ich bin wohl affektionieret.
Also hat sie ungesäumet
Sich zur Reise angeschicket.
Und die Fräuleins alle möchten
Mit ihr ziehen nach dem Bade,
Doch sie lässt sie all zurücke.
Nächtlich kommt sie nach dem Schloss,
Wird vom Leibarzt hingeführet
Nach dem hohen Schmerzensturme.
Ach wie viele müss'ge Stunden
Sind ihr nun von tausend Uhren,
Die im ganzen Hause ticken,
Vorgerechnet, wo sie müssig
Legt im Schoss die schönen Hände,
Und sie will Kalender machen,
Schauet, kalkuliert und rechnet
Mit den Ärzten ganze Tage.
Während sie so eng verschlossen,
Trägt die Herzogin die Zeichen
Ihrer guten Hoffnung mühsam:
Wird begrüsst von allen Ständen,
Die nach dem Gelusten fragen,
Was sie wünsche, was sie fordre.
Äpfel, indian'sche Nester,
Marzipan und Pfeffernüsse,
Alles wird herbeigeschaffet,
Alle Edlen sind in Sorgen,
Alle Landeskirchen beten
Um die glückliche Befreiung.
Doch die Herzogin viel lieber
Wär befreit von dem Panzer,
Den die Ärzte ihr bereitet,
Ihr den schlanken Wuchs verstellend:
Denn sie war so zart gewachsen,
Wie ihr Name es bezeichnet;
Wie ein Fidibus für Pfeifen
Schien sie sonst im weissen Kleide,
Mit den kranken roten Wangen.
Stolz ging jetzt der dicke Herzog
Auf und nieder in dem Schloss,
Strich sich seine goldne Weste,
Meinte, dass ein jeder sehe
Nun auf ihn, weil bald ein Kindlein
Würde auch nach ihm genennet;
Denn nach allen Glückwünschungen
Meinte er sich wirklich Vater,
Sprach von nichts als von der Ehre,
Von der Würde eines Vaters,
Von der Mühe es zu werden;
Gnädig liess er sich die Hände
Küssen von der Herzoginne,
Tat, als wenn er Vater wäre
Aller Kinder in dem Reiche.
Endlich naht der Tag der Freude,
Alle Telegraphen spielen,
Kanonier mit brennenden Lunten,
Und der Herzog wie ein Putahn
Kullernd in dem ganzen Hause,
Und die Herzogin verlegen,
Und die Ärzte ängstlich laufend,
Dass man ihren Weg nicht sehe
Nach dem Astronomenturme;
Und die alten Fraun vom Hofe
Sehr erbittert, dass man ihnen
Allen Zutritt hat verschlossen;
Jede hat ein volles Dutzend
Lieblicher Historien
Aus dem Rauch dazu genommen,
Und nun müssen sie einander
In der Kürze alles sagen,
Weil es kalt ist auf den Treppen, -
Der Effekt ist ganz verloren.
Endlich seht das grosse Zeichen
In den tiefen nächt'gen Stunden,
Und der Marschall mit dem Schnupftuch
Winket zweimal aus dem Fenster,
Von den Fackeln wohlbeleuchtet.
Also ist ein Prinz geboren,
Und die Kanoniere schiessen,
Dass die Scheiben aus den Fenstern,
Menschen aus den Türen fliegen;
Und es gibt ein frohes Jauchzen,
Dass die Frösche in dem Teiche
Nicht alleine nächtlich singen.
Als das Wappen eingebrennet
Unserm Prinzen an den Hüften,
Dass man ihn nicht mög vertauschen,
Merkt man eine eigne Farbe
In der Haut, die schwer zu nennen;
Doch das ist gar oft an Kindern,
Die erst neu zur Welt gekommen,
Eins ist grün, das andre bläulich,
Das vergeht in wenig Wochen.
Als die Glückwünschung empfangen,
Und die Taufe ist verrichtet,
Und noch vierzehn Tage später
Dauert unsers Herzogs Freude.
Doch da wird der Prinz viel schwärzer
Als des Herzogs Tintenfinger,
Den er braucht zum Unterzeichnen,
Und der Herzog sieht mit Schrecken,
Dass es sei ein Mohrenjunge,
Was noch keiner von den Ärzten
Hat gewagt, ihm zu verkünden.
Und der Herzog will verzweifeln,
Beisset sich auf seinen Finger
Und der schmecket gar nach Tinte;
Und die Herzogin erbosset,
Dass ihr guter Ruf könnt leiden,
Wütet ein auf die Prinzessin, -
Doch es muss verheimlicht werden.
Traurend wird des Trones Erbe
Bei dem Volke tot gesaget,
Und ein Affe wird geschlachtet
Von den beiden flinken Ärzten,
Wohlrasiert und angezogen,
Mit dem Myrtenkranz und Degen,
In ein kleines Sarg geleget,
Schwach beleuchtet ausgestellet,
Und mit grossem Leichenzuge
Beigesetzt in der Kapelle.
Ach du Ärmste der Prinzessen,
Wie viel Schimpf musst du ertragen,
Heimlich wirst du ausgekiffen
Von der bösen Herzoginne,
Und du sehnst dich nach dem Stifte.
Kinderlos bleibt so der Herzog,
Doch genügte ihm am Ruhme,
Dass ein Kind von ihm entsprossen;
Nur zum Schein hat er gescholten
Die Äbtissin, dass sie frevelnd
Sich mit Heiden abgegeben.
Sie beschwört die eigne Unschuld,
Will doch nicht den Vater nennen,
Weil sie ihn nicht hat gesehen,
Weil sein Leben ihr noch teuer,
Hat er's Kind gleich angeschwärzet.
Sie erzählt nur, wie im Garten
Sich belebte jener Nussbaum,
Meint, dass sie sich hab versehen
An der Nacht, die gar zu dunkel,
Oder dass, wie grüne Schale
Von den Nüssen schwärzt die Finger,
So auch dieses Kind des Nussbaums
Sei in seiner Haut geschwärzet,
Und man hätt' es schwefeln sollen;
Doch das ist nun viel zu späte; -
Als sie ganz gesund zur Reise,
Kehrt sie heim zum Fräuleinstifte,
Alle Lieb ist ihr vergangen
Seit sie Sternenkunst getrieben;
Und sie hält sich zu den andern,
Schwätzend, spielend, zankend, putzend.
Bei dem Landvolk aufgezogen,
Unbewusst, woher er stamme,
Wächst der kleine Mohrenjunge
Und durch seine Wundergaben
Alle Nachbarn fast erschrecket.
Während noch die andern Kinder
Mit ihm spielen ihres Gleichen,
Wer gestohlen, konnt er wissen,
Wer zu Nachte umgegangen,
Wer vom Morgen abgepflüget,
Welcher Schneider in die Hölle
Hat gepeitschet grosse Lappen,
Welche Kühe würden kalben,
Welche Tauben sich verfliegen,
Alles wusst er zu erraten,
Und der Kuckuck war vor allen
Ihm gewogen mit dem Rufen.
Wie ein rechtes Meereswunder,
Wurde dieser schwarze Flecken
In der Ehre der Prinzessin
Rings im Lande vorgezeiget;
Also kam er auch zum Stifte,
Machte schamrot alle Fräuleins,
Dass sie ihn ermorden wollten.
Doch er bittet, eh' er sterbe,
Dass ihn höre die Äbtissin
Ganz allein in ihrem Zimmer,
Was sie endlich ihm gewähret,
Ahndend, dass es sei ihr Knabe;
Und da zeigt er ihr sein Wappen,
Das ihm eingebrannt so frühe
Und zu löschen ist vergessen,
Er begrüsset sie als Mutter.
Und sie frägt ihn freundlich küssend
Trotz der aufgeworfnen Lippen:
»Da du alles kannst erraten,
Sage mir, wer war dein Vater?
War es nicht der Herr Offzierer,
Der so oft vorbei geritten
Mit den Wangen rötlich weisslich;«
Und der Knabe spricht mit Lächeln:
»Nimmer nein, es war ein Pauker,
Cipripor, das war sein Name,
Bei dem Regiment Dragoner,
Wovon jener war der Oberst;
Sicher habt Ihr ihn gesehen,
War ein Mohr, ein schwarzer Teufel,
Und der Teufel war im Vater,
Als er Euch in schönem Dunkel
Überraschte und besiegte;
Also teuflisch sind die Kräfte,
Die er mir damit verliehen:
Doch weil Ihr in reiner Unschuld
Seid gefallen von dem Guten,
Nur von Einbildung befangen,
Wohl so sind mir alle Kräfte
Nun zum Guten hingewendet.« -
Nun erzählt er ihr ausführlich,
Wie der Vater, wenn es dunkel,
In des Stiftes Garten kommen,
Ziegenfleisch und gelbe Erbsen
Von den Fräuleins einzuhandeln,
Was zu reichlich war dotieret:
Und so hab ihn da Frau Mutter,
In dem Wahnsinn alter Liebe,
Schmachtend ihn im Kuss umfangen,
Hab geglaubt, es sei der Oberst.
Das sei gar nicht zu verwundern,
War doch seine Stimm nicht schwärzer,
Als von allen andern Männern,
Trug er doch so gut den Degen
Und die Feder auf dem Hute,
Schwere Stiefeln, Klapperspornen,
Und die Binde und die Krause,
Wie der schönste Stabsoffzierer.
Die Moral ist nun gewesen:
Dieser kleine Mohrenjunge,
Der mit recht beredter Zunge,
Jetzt geschützt von der Äbtissin,
Trat zu ihren alten Fräulein,
Und mit rechtem scharfen Besen
Aus den Winkeln der Gemüter
Hat gefeget weltlich Leben.
Die Äbtissin schickt ihn heimlich
Zu dem Herzog, der gealtert
Jetzt nun gar nichts denken konnte,
Sondern alles unterschriebe,
Seine besten Freund liess hängen,
Wenn nur zu der rechten Stunde
Ihm das Mittagsmahl bereitet.
Und der Herzog lässt ihn kommen,
Frägt ihn lächelnd, was er könne,
Ob er auf dem Seile tanze
Oder Kartenkünste mache,
Ob er unverbrennlich wäre?
Alles dreies macht der Knabe,
Und der Herzog wählt ihn gnädig
Sich zum ersten Staatsminister,
Und will gerne mit ihm reden
Von der wahren Staatsverfassung.
Wie ein Buch spricht da der Knabe,
Doch der Herzog hat noch nimmer
Acht gegeben, was gesprochen;
Und der Knabe kann auch singen
Nun verstehet ihn der Herzog,
Aber ich verschweig dies Liedchen,
Denn es riechet gar zu mystisch.
Es beweiset die Verwandlung
In dem Kopf des alten Herzogs,
Weil er sei der Stein der Weisen,
Der Metalle kann verwandeln,
Dass zum Chaos alles kehre.
Als der Herzog dies vernommen,
Wird ihm bange und beklommen,
Sieht, wie schon in den Gedanken,
Alles Runde sich verwandelt
Und die Krone ihm als Mühlrad
Und als Suppendeckel scheinet,
Während viele list'ge Feinde
Nach der einen Krone trachten,
Die auf seinem Haupte wackelt.
Klüglich nimmt er an den Jungen,
Sich zum Hof- und Staatspropheten,
Dass er ihm die Krone halte:
Der nun alles weiss, was künftig
Bringt die Welt gar bald zum Ende.
Und so endet mein Gedicht.
Die ungemeine, fast männliche Lebhaftigkeit und Freimütigkeit der kleinen runden
Dame hatte alle Zuhörer überrascht; fast schien sie der kleine Mulatte selbst zu
werden. Prediger Frank warf heimlich die Frage auf: Woher es komme, dass niemand
einen Anstoss an der Erzählung genommen habe, während sie eine andre Frau in
gemischter Gesellschaft schwerlich nacherzählen könne. - »Das kommt von der
lauten metallenen Stimme unsrer Freundin; was sich so laut sagen lässt, ist
sicher sehr unschuldig gemeint«, sagte der Graf eben so laut, »was in der Welt
geschehen, ist auch wieder zu erzählen, nur in der rechten Art, denn wenn sich
Gott nicht geschämt hat, es zu dulden, warum wir?« - Die kleine Runde, statt
sich darauf einzulassen, machte allerlei Tierstimmen so geschickt nach, dass
mehrere erschraken; überhaupt wusste sie ihr Wesen mehr durch
Unerschütterlichkeit als durch Witz zu behaupten, und die andern mussten sich
drein finden. Fräulein Walpurgis, die sich schon während der Geschichte des
Mohrenknaben wieder bei der Gesellschaft eingefunden hatte, suchte diese
luxurierende Lustigkeit, in der sich ihre Freundin leicht übernehmen konnte, wie
eine Parze abzuschneiden; sie zog aus einer weissatlassenen, mit Zypressen und
Urnen gestickten Brieftasche ein Paket Papiere heraus und sagte: Man sollte
nicht allein die Übel protestantischer Stifter rügen, wo die Ehelosigkeit
freilich kein Verdienst sei, auch die katolische Zeit ihres Klosters habe andre
Nachteile gehabt, das allzu hohe Anrechnen dieses Zustandes habe zu leerem Stolz
auf eine vorgebliche Heiligung geführt, wo sogar krankhafte Zustände für
Heiligung gegolten. - Der katolische Geistliche gab ihr darin recht und machte
die Nonnen aller Art lächerrlich. Frank verteidigte sie. - Der Graf sagte: »Ich
glaube, die Religionssysteme tauschen sich aus.« - Fräulein Walpurgis erzählte
nun, dass sie alte Briefe in ihrem Kloster gefunden, welche eine Mohrin angingen,
die von einem frommen Einsiedler bekehrt, eine Nonne geworden wäre, und einen
recht grellen Gegensatz zu jener Mohrengeschichte darstellten. Der Graf nahm die
Papiere und wollte sie vorlesen, aber der Prediger Frank fiel schon nach dem
ersten Briefe der Sammlung sehr laut ein, indem er seine ganze Aufmerksamkeit
auf die heilige Gewalt richtete, die ein Mann auf ein Mädchen ausüben könnte,
das selbst noch keine Anlage zur Heiligkeit habe, und erzählte darüber viele
Beispiele von Lavater, den er gekannt hatte; er führte diese Wirkung auf eine
allgemeine Regel zurück, möglichst viel und eigentümlich auf andre zu wirken, um
ihnen alle Zeit zur Gegenwirkung abzuschneiden, wenigstens die Besonnenheit
dazu; nun sei aber nichts eigentümlicher im Menschen als die heil'ge Äusserung,
also beschäftige und verwirre diese andre Leute am meisten; sie habe immer die
Wirkung eines Einfalls und lasse am wenigsten einen Plan im Betragen
durchscheinen, der jedem Mädchen besonders verhasst wäre. - Der katolische
Geistliche, der sich Xaver nannte, bewunderte den Scharfsinn Franks; er
versicherte ihm, dass er wohl einhundert Kunstgriffe aller Art wisse, um die
Leute der Religion zu unterwerfen, und während er ihren innern Glauben schärfe,
schaffe er allmählich, wenn auch nur alle fünf Jahre, etwas von den alten
törichten Glaubenslehren weg. - »Aber«, fragte der Graf ernstaft, »ist denn
unsre Religion, die so viel auf Erden gewirkt, grösstenteils nur eine Sammlung
alter Torheiten?« Die beiden Prediger entwickelten im Wettstreite ihrer
Menschlichkeiten so viele Mysterien, dass die kleine runde Stiftsdame das Zeichen
gab, zu einem allgemeinen Gelächter, das immer stärker anwuchs, trotz aller List
des einen, trotz aller Menschen- und Weiberkenntnis des andern.
 
                              Sechzehntes Kapitel
                   Schluss von Lorenzos und Rosaliens Hochzeit
Zum Glück für die beiden Priester begann der grosse Kranztanz, der die vornehmere
Gesellschaft wieder mit in die Schranken des Tanzbodens rief; der Graf behielt
mit Erlaubnis der Fräulein die Briefe: wir werden ihrer nicht vergessen. Der
Tanz begann mit aller seiner Fackelnpracht. Die Braut musste mit allen Männern,
der Bräutigam mit allen Frauen in der Runde tanzen, bis sie beide zusammentrafen
und mit einander verschwanden. Der Graf hatte für diesen Augenblick einen neuen
Gesang veranstaltet, in welchem die Gräfin die Braut spielte, die beiden andern
Stimmen aber von den eingeübten Dorfknaben gesungen wurden.
Die Braut
Viel schwächer ich mich fühle,
Da mir so nah die Freud,
Als da ich fern dem Ziele
In Leid und Bitterkeit;
Nacht der Nächte, süss und bittre Zeiten,
Bald wird seinen Arm der Liebste um mich breiten.
Die Jungfrau vergehet,
Die Frau dann erstehet.
Der Name des Herrn sei gelobt!
Der Myrtenkranz so lose
Mir schon im Haare spielt,
O Liebesbecher, Rose,
Wie mich dein Duft hier kühlt;
Lieb ist stärker, als der Tod erfunden,
Wie ein Lamm zum Opfer bin ich bunden.
Mein Hemdlein spielt im Winde,
Er ruft mir: Kind, geschwinde;
Der Name des Herrn sei gelobt!
Viel schwächer ich mich fühle,
Da mir so nah die Lust,
Als da ich fern dem Ziele
Ans Sterben denken musst:
Nackt bin ich in diese Welt gekommen,
Nackt werd ich auch wieder aufgenommen.
Der Herr hat's gegeben,
Der Herr hat's genommen,
Der Name des Herrn sei gelobt! Amen.
Alle Gäste
Ein Engel wird dir decken
Die blauen Äugelein,
Ein Engel überstrecken
Sich um die Ohren dein,
Niemand, keiner wird dich mehr erblicken,
Löscht die Lichter; Finden ist der Lieb Beglücken!
Der Geist ist gegeben,
Er mehret das Leben,
Der Wille des Herrn soll geschehn.
Chor der Schlechten, die links fortgehen
Ich kann sie nicht mehr stören,
So wird es dennoch wahr,
Dort gehn die Brunnenröhren
Im hellen Mondschein klar;
Ich muss gehen von der reichen Quelle
Trocknen Mundes, Wermut an der Stelle,
Wie ist mir so wüste
Vom wilden Gelüste,
Sie denket wohl nicht, was in mir tobt.
Enteilt ihr Flitterwochen,
Ist erste Lieb vorbei,
Will ich ans Türlein pochen,
Dann bin ich frech und frei;
Liebeszauber ist dann schon verschwunden,
Und sie fühlt vom Ehring sich gebunden;
Der Mann wird dann schelten,
Da werd ich was gelten
Im Namen des Teufels es geht.
Die Frommen, die rechts fortgehen
Ich liebte sie so stille,
Wie Gott die Welt geliebt,
Doch es war nicht sein Wille,
Dass sie mich wieder liebt;
Ewig bleib ich dennoch ihr so eigen;
Gott, dir soll's mein einsam Leben zeigen;
Er muss es wohl wissen,
Was besser wir missen,
Er wusste allein, wie sie mir lieb.
Wie Gold ins Meer versenket,
Wird in Verschwiegenheit
Die Liebe abgelenket
Von ihrem trüben Leid;
Meine Liebe muss sie nimmer wissen,
Dass sie nimmermehr mich kann vermissen,
Ihr Los ist geworfen,
Und ich bin verworfen.
Sie liebt ihn; mein Unglück trag ich fern.
Bald bet ich in der Klause
In der Waldeinsamkeit;
Herr schenke ihrem Hause,
Ach all die Seligkeit,
Die ich hoffend hatte mir ersonnen;
Sei mein Beten ganz für sie gewonnen.
Die Menschen, sie denken,
Und Gott wird sie lenken.
Der Name des Herrn sei gelobt!
Der Gesang war kaum geendigt, so begannen die beiden Geistlichen einige Spässe
über einzelne Verse des Gesanges, den sie für einen Scherz des Grafen hielten
und keinesweges für seinen besten Ernst, wie es doch wirklich war. Die Gräfin
nahm das etwas übel, da sie selbst dabei tätig gewesen, sie sagte dem Grafen
leise, so ungesittete Leute wären doch wert vom Hofe hinunter geworfen zu
werden, da sie überdies gar nicht eingeladen wären. Der Graf hatte einen
ähnlichen Entschluss in sich verbissen, und es bedurfte nur dieses Anstosses zum
Hervorbrechen seiner Hitze; ohne weitere Erklärung nahm er die beiden
Geistlichen beim Kragen, und schleppte sie mit grosser Heftigkeit durch die
Menschenmenge, die es für einen neuen Tanz hielt, in den Hof, und liess die
Verwunderten dort mit der Weisung stehen, nicht eher wieder seine Schwelle zu
betreten, bis Geschäfte ihre Gegenwart notwendig machten. Nach dieser Anwendung
seines Hausrechts war er plötzlich ganz abgekühlt; die beiden Menschen taten ihm
leid, sie hatten es nicht schlimm gemeint, und er war durch diesen unbesonnenen
Entschluss vielleicht für immer ihrer nachbarlichen Gesellschaft beraubt. Als die
Gesellschaft sich entfernt hatte, fand ihn Dolores, wie er in grossem Ärger das
Hochzeitgedicht zerriss und zertrat. »Um ein paar einfältige Verse«, rief er,
»habe ich einen Zusammenhang mit der Geistlichkeit gestört, der mir zur Bildung
meiner Leute so wesentlich; sieh, liebe Frau, es ist das schönste Geschäft der
Frauen, eine törichte Leidenschaft zu bändigen und zu beschränken, künftig giesse
kein Öl ins Feuer!« - Sie nahm diese Ermahnung mit einiger Empfindlichkeit auf,
weil sie zum Sprechen allzu ermüdet war; sie war schon eingeschlafen, als ihr
der Graf eine gute Nacht bot, und der Tag endete ihm weniger heiter, als dessen
Aufgang erwarten liess. - Ist es nicht eben so im grossen Leben der Natur, in der
Witterung; wie könnte unser kleineres Leben sich davon los opfern und frei
beten; doch wünschten wir, dass eine glückliche Ehe dies vermöchte, und wenn dies
unmöglich, dass sie wenigstens in ihrer Dauer und Festigkeit und übrigen
Glückseligkeit dadurch nicht gestört werden könnte. Wir sagen mit Waller, den
wir bald näher kennen lernen, zum Schlusse dieses Hochzeittages:
Eine glückliche Ehe vergleich ich dem Pendel der Uhren,
 Der aus verschiednem Metall schön im Verhältnis gefügt,
 Wenn es im Innern auch spannt im ewigen Wechsel der Wärme,
 Nimmer von aussen es zeigt, nimmer verwirret die Uhr;
 Blinkend erscheint er im Anfang und rostig gedunkelt im Alter,
 Doch sein Innres vereint gleiche Vertraulichkeit stets.
 
                              Siebzehntes Kapitel
       Geschichte des Einsiedlers und der Mohrin. Nachrichten von Klelia
Am anderen Morgen war die Gräfin recht betrübt, dass ihr Rosalie fehlte, die jede
ihrer kleinen Gewohnheiten und Bequemlichkeiten kannte, jeden Wink verstand;
erst jetzt lernte sie die ausgezeichnete Fügsamkeit und Beflissenheit des
Mädchens kennen, da ihr Ilse alle wesentlichsten Dienste ganz ungeschickt
leistete. Sie flüchtete sich aus ihren ungeschickten Händen ganz verdriesslich
zum Grafen, der bei der Durchsicht einer weitläuftigen Baurechnung der neuen
Dorfkirche, die nun bald beendigt war, alle seine Aufmerksamkeit gefesselt
hielt, legte sich auf seine Schulter, spielte in seinen Haaren, und erzählte ihm
mit einem weinerlichen Tone, wie es doch so böse um das Heiraten der Mädchen
wäre; kaum wäre ein Mädchen brauchbar, so würde es in eine ganz fremde
Beschäftigung dadurch gebracht; wenn doch alle Dienste so könnten eingerichtet
werden, dass die Leute sich dabei verheiraten könnten. - Der Graf sagte immer
kein Wort und rechnete fort. - Die Gräfin sah ins Buch und las: »Drei Schock
Lattnägel, Hohlsteine«, lachte und sagte: »Ich glaube, du wirst noch ein
Baumeister; hör, du tust dir noch Schaden in der glatten Stirne, die ich so gern
küsse, und das leide ich nicht!« - dabei küsste sie ihm einen Kranz um die Stirn
und dieses Entgegenkommen war bei ihr so selten, dass der Graf die ganze
verwickelte Rechnung zur Seite schob, ungeachtet er sich fest vorgenommen hatte,
sie noch denselben Tag zu beendigen, die Gräfin auf seinen Schoss setzte und sie
herzlich küsste. - Die Gräfin aber sprang auf und rief: »Ich glaube, es ist das
einzige Vergnügen, was du mir zu machen weisst, dass du mich küssest; sonst, ehe
wir verheiratet waren, brachtest du alle Tage etwas zum Vorlesen; ja das war
gute Zeit; jetzt bist du entweder in Geschäften, oder du denkst an Geschäfte;
ich glaube, dass ich künftig dein Schreiber werden muss, wenn ich etwas von dir
hören und sehen will.« - »Du hast recht, liebe Frau«, antwortete der Graf, »aber
wahrhaftig ich kann oft nicht anders; ich wollte, ich hätte mich nicht in so
vielerlei Arbeit eingelassen; was ich aber einmal unternommen, daran setze ich
Ehre und Leben.« - DOLORES: »Und ich setze alle meine Liebkosungen, alle meine
Bosheit heute daran, dass du nicht zum Schreiben kommst; lies mir etwas vor.« -
GRAF: »Ich habe nichts.« - DOLORES: »Da sind ja noch die Briefe, die dir
Fräulein Walpurgis gegeben.« - GRAF: »Die werden dich nicht unterhalten, sie
sind zu ernstaft.« - DOLORES: »Immer zu; ich bin heute auch sehr ernstaft.« -
Der Graf las ihr jene Briefe, wie folget, vor:
   Briefe eines wandernden Einsiedlers und einer Mohrin, welche Nonne wurde4
                        1. Der Einsiedler an die Mohrin
Das edle Saitenspiel des heiligen Geistes, der Prophet David, war einstmals
ertrunken in der Stille des göttlichen Schauens und sprach das edle Wörtlein:
»Mir ist gut, dass ich Gott anhange.« O wohl mir, gutes Kind, was mein Mund Dir
oft begreiflich gesagt hat, als ich bei Dir war, das rufet zu Dir mein Herz: Wer
Gott anhängt, wird ein Geist mit Gott und verschwimmet in das Einige ein; das
ist das Allerbeste und dies begehrte der Widerglanz des ewigen Lichtes an dem
letzten Nachtmahle, das er hielte mit den Jüngern: heiliger Vater, ich begehr,
dass sie eins mit uns sind, als ich und du eins sind. Und welche also mit der
Allheit in Einigkeit worden sind, alle ihre Sinne kommen dann in solche
Eingezogenheit und ihr Verständnis ist ein Schauen der reinen Wahrheit in der
Sonne des ewigen Geistes. Ach hebe auf Dein Auge, sehe, was freuet sich jetzund
Berg und Tal, Laub und Gras, wie lachet jetzt die schöne Heide! Alles wegen der
klaren Sonne, zu der Laub und Gras und jedes Kindes Auge blickt und trachtet.
Ach darum mein Kind, erschwinge Dich in die wilde, stille Wüste der Gotteit und
Dir wird wohl sein; wisse, dass ein starkes Gemüt mit Gott einen schwachen Leib
überwinden kann. Wer aber der schönen Rosen Auge haben will, der muss ihre
natürliche Art erwarten in Gemach und Ungemach, bis der fröhliche Tag kommen, da
er sie in spielender Wonne fröhlich geniessen wird nach aller Herzenslust. Darum
sei geduldig meine Tochter, wenn die Heiligung Deines neuen Lebens im Kloster
Dich noch nicht ganz erschliessen kann, wenn Deine Stunden des Gebets noch leer
an Freuden sind; jetzt ist noch Wintertag in Deiner Seele, aber Du ahndest doch
oft schon den Frühling.
                        2. Die Mohrin an den Einsiedler
Ich danke Euch für Euer Schreiben, so weit ich es verstehe, doch auch, was ich
nicht verstehe, tröstet mich, wie damals Euer Angesicht, als ich noch traurig es
anblicken durfte. Heiliger Vater! Ich bin erst vierzehn Tage von Euch entfernt
und meine, es wäre eine Ewigkeit. - Ich werde Euch wohl nie wiedersehen, denn
Ihr wandelt mit Trost über den ganzen Erdboden, ich aber bleibe einsam in meiner
Zelle. - Wie war ich so hülflos, ob Ihr gleich mit einem Segen von mir
geschieden; die Schwestern sahen mich alle so neugierig an, und befühlten meine
Hand, ob die schwarze Farbe darauf sässe oder darunter; meine Seele umzog dann
Nachts ein so trübes Licht, dass ich nicht schlafen konnte, sondern an das
Fenster ging und mich über den Mond verwunderte, wie er so helle durch die
Linden schimmerte; die Linden schienen ihm entgegen zu rauschen und ich fühlte
mich umfasst von der kranken Schwester Terese, die auch nicht schlafen konnte
und immer Nachts durch alle Zellen schlich, und wusste alles, wo die Nachtfalter
im Mondenlichte flatterten und wo die Nachtigall sänge. Sie ist so gut, beinahe
so gut wie Ihr, und klagt nur immer, dass sie mich nicht genug lieben kann. Die
andern Novizen denken alle noch weit hinaus in die Welt, und wissen alle, was da
geschieht; wir beide gedenken nur an Euch in unsern Gesprächen über das, was
ausser dem Kloster ist; Ihr scheint uns da auf der Erde umherzuwandern, wie unser
Herr Gott im Himmel. Oft denken wir, wie gerne wir mit Euch lehren möchten, und
könnten wir nicht lehren die Heiden, so könnten wir doch Eure Füsse salben, für
Euch sorgen; aber wofür braucht Ihr zu sorgen, da Ihr so wenig bedürft und Gott
mit Euch ist; Ihr sorgt für uns und alle Welt. Alle Heiligen denken wir uns wie
Euch, und die jungen Heiligen, wie der heilige Sebastian, gefallen uns nicht, da
Ihr alt seid. Euer weisser Bart ist das Ruhekissen aller Andacht; wie war mir die
Sandwüste so paradiesisch, als ich auf Eurem Barte ruhen durfte, als Ihr
besorgtet für mein Leben; kein Obdach wäre mir da etwas wert gewesen, so stark
auch das Unwetter; ich hörte Euer Herz schlagen, ich fühlte Euren Atem wie Tau
an meiner Brust; ich war Euch so nahe. Ach wie seid Ihr nun so gar entfernt; ich
denke mir rote und grüne Länder, wo Ihr durchgehet; ich liebe Euch wie meinen
Himmel und liebe den Himmel, wenn er so wie Ihr fortwandelt in aller Güte. O
möge Euch für die Treue an mir, Maria, die Mutter Gottes, ihr Kindlein eine
Stunde in die Arme geben, dass es Euch anlächle in der Wüste. Mich segnet Euer
Andenken.
                        3. Der Einsiedler an die Mohrin
Da der König David seine Jugend im Gottesdienste hatte verherrlicht, da begann
er zu alten, da begann er zu kalten, und das sahen seine getreuen Diener, und
die zogen durch alles Land und suchten ihm eine züchtige Jungfrau, und führten
sie zu ihm, dass sie ihn wärmete mit ihrer Andacht, und also ward er wieder jung
und ging wieder frisch zu dem Werke des Herrn. Siehe, so hast Du mir getan, und
ich bin gestärkt durch Dich in die Welt gezogen; siehe, so tue vielen und
andern, die noch mehr Deiner bedürfen, als ich. Es sind jetzund viele Menschen,
die tragen einen geistlichen Schein und haben Gott nie scheinbar erzürnet, aber
sie sind laulicht, lieblos und gnadenleer geworden; schliesse Dich an sie, zu
erwärmen die Kalten, und Reif wird herabfliessen in Tränen und die Flur wird
heller und grüner sein, denn jemals. Ein liebendes Herz spricht zu tausend
andern, es tut als wilder Adler einen freien Schwung zur Sonne, dass die kalten
Herzen inne werden der göttlichen Herrlichkeit. - Auch mir, Du geliebtes Kind,
fehlet viel, da ich Dich nicht bei mir sehe; der volle Mond ist gebrochen, die
frohe Sonne erloschen, der liebe Ostertag zum stillen Freitag geworden, ach und
die heisse Sommerwärme vom kalten Reife verdrängt; doch manche Rose, die sich dem
Himmelstau lange verschlossen, geht im kalten Reife auf, also diente ich jetzt
schon mancher andern frommen Seele. - Verzweifele nicht an Deiner Heiligung,
höre nur treu die Stimme des geliebten Jesus, denn seine Stimme ist süss und sein
Angesicht lieblich. Ich bitte die ewige Wahrheit, dass sie in Deinem Herzen
haushalte, und alles Unreine kräftiglich darausstosse, das je darinnen sich
gesetzet. Wie wäre es aber möglich, dass alles Getümmel, das zwanzig Jahre an
einem Orte sich gesammelt, in wenigen Tagen ausgestossen sei. Es muss noch manches
wandelbare Wetter in Dir aufstehen, ehe die bleibende Heiterkeit sich darin
setzet. Darum lässet Christus sein Antlitz leuchten über Dir, dass Du sehen
mögest, wo es noch dunkel und unrein in Deinem Herzen.
                        4. Die Mohrin an den Einsiedler
Heiliger Vater, Euer Brief hat mich gestärkt, dass ich zur grossen Verlobung bin
tüchtig geworden. Ich habe mein Gelübde getan; ich konnte kein Haar mir
abschneiden lassen wie die andern, denn mein Haar ist nie aufgegangen, das die
heisse Sonne frühzeitig versengt hatte, und mein Herz ist trocken geblieben. Ich
habe nicht getanzt wie die andern den Tag vorher, ich habe nicht geweinet wie
die andern den Tag nachher, als die Tür zuschlug und ich in die dunkle Zelle
eingeführt wurde. Ich fühlte mich nicht verändert, nicht heiliger, nicht
frommer, und schreibe das der Trockenheit meines fremden Himmels zu. Ihr seid
mein Führer, Ihr hörtet mich, als ich im Schandhaus ein frommes Lied sang, das
ich nicht verstand, das ich bloss so nachsingen lernte meiner Mutter, ehe ich
geraubt wurde. Da tratet Ihr herein und fürchtetet nicht das Gespötte, nicht die
Drohungen der wilden Seeräuber; Ihr riefet laut: »Hier ist noch eine arme Seele,
die gerettet werden kann, denn sie wendet sich zu Gott.« - Und Gott gab Euren
Worten die Kraft und erschreckte die Männer und ich folgte wie ein junges
Kindlein der Mutter; ich war einer grossen Sünde recht nahe und wusste es nicht;
nun ich es weiss, habe ich Euch erst danken lernen; Ihr habt mich an den Himmel
abgegeben, aber ich wage nicht hinaufzusehen. Sehet hinauf und betet für mich.
                        5. Der Einsiedler an die Mohrin
Die Weinstöcke haben Augen gewonnen und geben ihren Geruch; die Turteltaube lässt
sich hören in unserm Lande. Mit welchen Freuden meinst Du, dass sich der Herr in
den schönen Weingärten ergeht; ach ihr jungen schönen Weinstöcke des himmlischen
Vaters, ihr schönen holdseligen Turteltäubelein des göttlichen Gemahls, gedenket
wie lange Zeit ihr seid wüste gelegen, wie manchen schönen Tag müssig! - O wehe
des kalten Windes unnützer Worte! Mein frommes Kind, was soll ich mehr
schreiben. Es freuet sich mein Herz über Dein angefangenes heiliges Leben; ehe
Du aber erstarket bist, musst Du Dich umzäunen, als ein junges Bäumelein gegen
das grasende Vieh. So schaue in Dich, statt der andern Tun und Lassen zu
vergleichen, warte der himmlischen Harfen, die im Gemüte, wie die Vögel der
Luft, unsichtbar dem in sich Verlornen klingen. Auch sollst du gewarnet sein, so
die schönen Weingärten aufblühen, dass auch dann die Bremen und leidigen Käfer
beginnen zu stürmen, und wo der böse Geist mit sich selber nicht kann zukommen
gegen einen frommen Menschen, da lässet er ihn reizen von seinem Gesinde mit
bittern Worten und ihn selbst mit falschen Weissagungen in Lieb oder in Leide.
Und darum mein junges Kind, mein zartes auserwähltes Kind, stehe fest in Gott,
denn er lässet Dich nicht.
                        6. Die Mohrin an den Einsiedler
Heiliger Vater! Ich bin demütig und meine Freude ist, allen zu dienen, und doch
werde ich verschmähet. Wie können sie mich verachten, da Ihr mich gewürdigt habt
der Lehre. Bei der Pfingstprozession traf mich die Reihe ein Fähnlein zu tragen,
mit dem Bilde Mariens geschmücket, aber die weissen Schwestern rissen mir die
Fahne aus der Hand und ich - wie eine Aussätzige musste ich hinterher allein
gehen, denn auch Terese hatte sich da einer anderen gesellt. Und ich konnte vor
Scham nicht rot werden, dass sie ein sichtbar strafend Zeichen ihrer Bosheit
sähen; ich bin schwarz und von Gott zur Nacht verstossen. Heiliger Vater, wie
bedarf ich so sehr Eures Trostes, dass ich auch hier nicht tauge, wo ich meinte
selig zu werden; ich muss weinen um andrer Leute Stolz; ist das nicht Hochmut?
Ich habe an Euch und an den himmlischen Bräutigam zu denken, und denke immer
meiner Mitschwestern, und zwinge mich wohl, für sie zu beten, aber mein Herz
wird vom Zorne überwältigt; umsonst geissle ich mein Fleisch - ich hatte einen
schlimmen Herren auf der Insel - es ist zu gewohnt der Schläge und fühlt sie
nicht mehr. Hörte ich nur ein Wort von Euch, heiliger Vater, so würde ich ruhig
sein.
                        7. Der Einsiedler an die Mohrin
Die Töchter Jerusalems hatten ein Angaffen, dass König Salomos auserwählte Frau
schwarz war, und ihm doch wohl unter vierzig und hundert Frauen die liebste. Da
antwortete sie ihnen jugendlich: »Ich bin schwarz, aber gar schön wie die
Teppiche im Tempel.« - Liebe schwarze Tochter, mir ist lieber eine gnadenreiche
Schwarze, denn der Schein einer gnadenlosen Weissen; wer sich auf der himmlischen
Heide ermaiet hat, der achtet nicht viel auf das zeitliche Maiengewand. Mein
Kind, mein Kind, werden Dir auch meine Worte was helfen, da Dein Auge voll
Wasser, Dein Herz voll Zornes ist. Lieber Gott, es ist so leicht zu sprechen und
raten, es tut aber gar wehe, ein Gegenwärtiges zu empfinden. Ach mein Kind, ich
muss Dir eines erzählen, dass Du Deines Leides vergessest. Siehe, es geschahe
einmal, da war ich in grossen verschmäheten Leiden, da sass ich in meiner Zelle
und sah einen Hund, der lief mitten in den Kreuzgang und schleifte da ein
Gebetbuch, und warf es nieder und biss darein und spielte damit. Also, liebes
Kind, war ich in der Brüder Mund. Das Gebetbuch lässt sich behandeln, wie es der
Hund will, aber ich erkannte es und nahm es auf und legte es in mein Käppelein
neben meinen Stuhl und schicke es Dir nun zum Troste; höre an diese edle
Trutznachtigall meines Bruders Spee; das irdische Geschrei muss dieser
himmlischen Stimme schweigen, die Dich immerdar mahnt: Hast Du ein Herz wie das
meine, so schwinge Dich auf durch Nebel und check. - Mein Kind, wir sind
nicht allein die Verschmähten, die Verstossenen in der Welt, die Mehrzahl des
himmlischen Hofes war es einst viel mehr; gedenke der vielen Märtyrer. Sind wir
den Leuten unnütz? Das Weidenholz ist auch unnütz; man schnitzet aber nach
dessen Absterben heilige Bildnisse daraus, die man werter hält als Zedernholz.
                        8. Die Mohrin an den Einsiedler
Heiliger Vater! Ihr wandelt wie die seligen Engel unermüdet weiter und beglücket
wunderbar alle Menschen, bei denen Ihr zusprechet, sehet aber nicht zurück auf
die, welche beglückt sind durch Euch. Es ist auch christliche Milde den frommen
Dank anzuhören und den Lohn seiner Taten zu empfangen. - Mir ist der Friede
geworden; ja es scheinet Gottes Auge über mir zu weilen und mich mit einem Meere
lichter Wolken zu erfüllen; kein Unfall störet mich mehr, und die Schwelle, über
die ich erst gefallen, wird mir zu einer Altarstufe, der ich den Anstoss danke,
um mich darauf höher zu erheben. Ich bin ungeschickt, es Euch zu sagen, mag auch
meine Seligkeit nicht sträflich unterbrechen mit Nachsinnen; mir ist oft, als
wenn ich flöge, wie eine Biene und sammelte den seligen Honig ein, ja der Himmel
ist mir offen und das neue Jerusalem, wenn ich daran gedenke. Die ungläubigen
Schwestern spotten über meine Gesichte, weil mein Angesicht schwarz ist; aber
mich schmerzt das nicht mehr; ich weiss, dass ich Ihn habe; je mehr ich ruhe, je
mehr ich begreife; je länger ich schweige, je mehr Wunder ich wirke in Seiner
Macht; je mehr Seine Lust wächset, je grösser meine Hochzeit; je minniglicher wir
uns ansehen, je ungerner wir uns scheiden; je mehr Er mir gibt, je mehr ich
verzehre; je mehr ich leuchte, je mehr Lob wird Gott zubereitet.
    Ich war oft so entzückt in seliger Anschauung des Bräutigams, dass ich das
Geläute der Metten nicht hörte. Sie schickten mir den frommen Abt, um mich
ermahnen zu lassen, und ich sagete ihm, was ich sehe. Und ihm ward wie einer
schwebenden Taube und er kniete vor mir. Heiliger Vater, kommt zu mir, es
wandelt mich oft eine Furcht an vor meiner Seligkeit und Vollkommenheit, als
wenn ich damit nicht leben könnte auf Erden; als wäre ich schon im Himmel wie
eine rote Abendwolke, die alle Gesichter der Menschen rötet. Schon kommen
Bedrängte aus ferner Gegend, die von mir gehört haben, und wollen nur, dass ich
die Hand auf sie lege, und ich lebe so selig in meiner Klause, dass mir die Welt
rings ganz dunkel und öde erscheint. Ich werde von einer inneren Kraft getrieben
wie ein Samenkorn und wage nicht, umzuschauen, ob ich Raum habe, meine Blätter
zum Himmel zu treiben. Ich sehe die Säulen an unserer heiligen Kirche und
traure, dass ihre Knospen nicht blühen; wenn sich meine Blüte erhebt, da wird die
Kirche daran hängen wie ein Stein, der an den Baum gehangen worden, ihn nieder
zu drücken; aber der Baum hebt endlich mit Frühlingskräften den Stein und der
Stein drückt ihn nicht mehr nieder. Kommt zu mir heiliger Vater, und vereinigt
Euch mit mir; wie soll ich mich halten gegen die Wunder. Ich will Euch dafür mit
aller meiner Kraft und Seligkeit erfüllen.
                        9. Der Einsiedler an die Mohrin
Liebe Tochter. Sässe ein Mensch vor einem Keller an einem sommerlichen Tage,
schön bedeckt mit des gelaubten Waldes grünem Staate, mit der Blumen heller
Schönheit, trüge in seiner Hand einen Zyperwein in dem durchleuchtenden Glase
und tränkete sich damit nach des Herzens Begierde; und ein anderer Mensch sässe
auf der dürren Heide unter einer rauhen Wacholderstaude und läse Beeren ab, dass
er kranke Menschen gesund machte; entböte jener diesem, wie er sollte tanzen, er
spräche: »Der mag wohl trunken sein, mir ist ganz anders zumut«; wir sind
ungleich geführet mein Kind, das mag ich eigentlich zu Dir sprechen von der
Botschaft, die Du mir getan: wie eine Fackel entbrennet sei in Deinem Herzen und
die Liebe Wunder in Dir wirke. Mein Kind, es steht eine grosse Freude auf in
meinem Herzen, dass sich der Liebliche so lieblich erzeiget, und dass er Dir gibt
zu empfinden, was er nur wenigen verleiht; doch merke liebes Kind, ein Mensch,
der nie zu dem Weine kam, dem ist der Wein empfindlicher, als dem, der schon oft
getrunken, und gedenke, dass Dir also geschehen sei von der klaren süssen Liebe
der ewigen Weisheit, die Dich nun kräftig hat umfangen. Oder ich meine auch, dass
Gott Dich reize, weil er Dich bald von hinnen nehmen will in den grundlosen
Brunnen, woraus Du ein seliges Tröpflein versuchet. Nehme daher wahr Deiner
leiblichen Kräfte, dass Du nicht verzehret werdest vom allzu heftigen Streben
nach dieser Seligkeit. Es mag sich auch fügen, dass Du vielleicht bald auf ein
Geringes gesetzet wirst, denn nach langer Hitze und Dürre leuchten die Wetter
prächtig und tränken die Gefilde mit Himmelsduft, aber dann ist es oft lange
kalt. Fülle in Demut Deine Zisterne und versäume nie darüber Dein Gebet, so wird
es Dir nie an einem Labetrunk fehlen, den Du mit allen teilen musst, die da
dursten. Liebe Tochter, versäume keinen andern in Deiner Frömmigkeit, indem Du
Deine Frömmigkeit und Dein Glück mir anrühmest. Ich wohne hier in der Wüste an
einer sanften Quelle, die immerdar in Tropfen fliesset, und habe ich ein
Stündlein mit ausgestreckter Hand gesessen, so hat sich so viel des Trankes
darin gesammelt, als mir gut tut im Alter. Liebe Tochter, es dursten so viele in
der Welt unter schwerer Arbeit nach einer himmlischen Labung, danke es Gott
durch solchen segenreichen Zuspruch, dass Du nicht wie eine Ehefrau mit Not und
Sehnsucht wegen Mann und Kind geplagt bist, sondern dass Dein Sehnen schon
Seligkeit und ihre Erfüllung der Himmel sei.
Dolores meinte am Schlusse dieser Briefe, Klelia hätte auch solche Heilige
werden können, wenn sie in der alten Zeit gelebt hätte; sie sprachen von ihr,
wie es käme, dass sie seit der ersten Nachricht von ihrer glücklichen Ankunft in
Palermo noch gar keine Nachrichten erhalten hätten. Wie es sich aber oft so
sonderbar mit ersehnten Briefen trifft, so kam der Briefbote während dieser
Unterhaltung mit einem dicken Briefe zurück, den Dolores sogleich aus der
Aufschrift erkannte: »Sieh Karl, ein Brief von Klelien, den les ich zuerst,
nachher sollst du ihn lesen.« So setzte sie sich still hin und der Graf las
immer die umgeschlagenen Blätter laut ab: » ... Der Obrist, unser Onkel, hält
alle Abend von neun bis ein Uhr eine Pharaobank; da kommen alle Offiziere des
Regiments und die reichsten Leute der Stadt zusammen und ich muss sie
unterhalten, ich Unglückliche, der vom Schlafe oft die Augen zusinken, und dabei
muss ich sehen, dass sie ihn im Herzen verachten, wenn sie es gleich nicht kund
werden lassen. Zwar hege ich das feste Zutrauen zum Onkel, dass er ehrlich
spielt, aber ist es nicht schon ein Betrug Bank zu machen, wenn man voraus weiss,
dass nach den Vorteilen, die das Spiel erlaubt, und wegen der Unbesonnenheit der
meisten Spieler, die Bank immer gewinnen muss. Ich sagte das meinem Onkel, aber
er wurde sehr heftig und schwor, dass er doch unmöglich ohne Gewinn seine Pacht
an den Staat bezahlen, und sein Vermögen in die Bank stecken könne ...« Hier
schlug Dolores um, und der Graf las auf der andern Seite: » ... Die Nonnen sind
mein Trost, mit ihnen lerne ich viele schöne Handarbeiten; da sticken wir
zusammen ein herrliches Messgewand, das Rosaliens Kapelle auf dem Berge geschenkt
werden soll; es ist aus kleinen Blumen zusammen gestickt, und jede der
Schwestern kann sticken, welche Blume sie liebt, doch immer, dass es sich wohl
ordne. Ich sticke lauter deutsche Vergissmeinnicht, die sie hier nicht achten,
und bei jeder denk ich immer ganz allein an einen von euch, oder an unsern alten
Bedienten, und lasse manche Träne hineinfallen, und wo es einen Flecken macht,
da sticke ich eine Perle drauf, damit die Schwestern nicht böse werden ...«
Wiederum wendete Dolores das Blatt und der Graf las: » ... Neulich konnte ich es
doch nicht lassen, einen jungen Mann zu warnen, der in törichter Hitze seinen
Satz immer verdoppelte, aber was half's, jedermann lachte über mich; der junge
Mensch spielte nun aus Eitelkeit noch wilder und bildete sich ein, ich sei in
ihn verliebt. Jetzt lauert er mir aller Orten auf, so dass mich seine törichte
Leidenschaft oft zu Hause hält; denn er soll kühn sein und es gibt hier wenig
öffentliche Sicherheit. Mein Onkel gab mir einen derben Verweis, wofür mich
freilich die Tante so freundlich trösten wollte; lieben Freunde, sie ist gut,
sehr gut, ich verstehe mich aber nicht mit ihr; ich suche die Stille, sie
wünschte in ihrem Hause beständige Neckereien, Herumlaufen, Tanz ...« Dolores
drehte wieder das Blatt, der Graf las: » ... So prachtvoll hier alles sein mag,
unser liebes Deutschland vergesse ich darüber doch niemals; oft, wenn ich lange
nicht daran gedacht habe, da fällt es mir so schwer aufs Herz, oft weiss ich
nicht einmal, wobei es mir so einfällt. Neulich aber war ich ganz trostlos, da
komme ich in unsere Küche, wo ich doch schon oft gewesen, und sehe so zufällig
in dem knisternden Feuer der grünen Ölbaumäste eine schöne Figur in der eisernen
gegossenen Platte, die im Hintergrunde des Herdes aufgerichtet steht; zwar war
sie sehr verrostet, aber ich konnte doch noch deutlich sehen, wie sie aus einem
Füllhorne Blumen fallen lässt. Unter der Platte standen nun mehrere lateinische
Buchstaben, die ich zusammenbuchstabiere und immer nicht verstehen kann, weil
ich auf etwas Lateinisches oder Italienisches rate; endlich spreche ich es ganz
aus, seht, da heisst es Frühling; unser lieber deutscher Frühling, mit aller
seiner Wunderbarkeit, wie er aus dem Schnee hervortritt, kann mich nie so
verwundert, so gerührt haben als diese arme Frühlingsgöttin, die vielleicht seit
hundert Jahren hieher verbannt, von niemand verstanden worden; wer wird mich
hier finden, der mich versteht, da ich keine Blumen ausstreue wie jene! Ich habe
nicht geruht, bis ich die eiserne Platte in meinem Zimmer aufgestellt habe ...«
    »Die arme Klelia«, rief der Graf, »wir müssen ihr gleich schreiben, sie muss
zu uns ziehen; wer wird sie aber hieher begleiten? Ich begreife nicht, Dolores,
wie du sie damals hast können wegreisen lassen; sie gehört so notwendig zu
unserm Glücke; wir haben uns doch zuweilen gestritten und einander erzürnt,
sieh, das wäre gar nicht möglich geworden in ihrer Nähe; sie ist ein Engel, bei
dessen Anblicke einem alle Heftigkeit und Bosheit vergeht.« - »Es ist gut, dass
sie nicht hier ist«, sagte die Gräfin, »so wie du jetzt gesinnt bist, würdest du
sie sicher mir vorziehen; sie störte dich niemals, widerspräche dir nie; was du
tätest und sagtest, wäre ihr immer recht; ich bin dir zu aufrichtig, zu
freimütig.« - »Liebes Kind, wie du das wieder nimmst«, rief der Graf und fing
schon seinen Brief an Klelien an; »es ist mir gerade das Teuerste an dir, dass du
so fest begründet, so sicher in dir lebst, um alle fremde Gesinnung zu
verschmähen, um von niemand etwas anzunehmen, um ...« doch da war er schon so
vertieft in seinen Einladungsbrief an Klelien, dass Dolores, ohne dass er es
merkte, das Zimmer verlassen hatte, während er noch immer einzelne Worte zu ihr
redete. Er schrieb gewöhnlich emsig und schnell, und da er nach einiger Zeit
jemand neben sich atmen hörte, so glaubte er mit Wahrscheinlichkeit, es sei
Dolores, die ungeduldig über sein langes Schreiben ihm über die Schulter sehe.
Da der Brief gleich zu Ende ging, das heisst das Blatt, das so gebietend über die
Länge der Gedanken entscheidet, so wollte er sie festalten und sie zugleich
beschäftigen, indem er nach ihrer Hand griff. Wirklich fasste er auch eine Hand
und drückte sie, und seine Hand wurde zärtlich wieder gedrückt; zugleich fühlte
er einen heftigen Kuss, der auf der Oberfläche der Hand haftete. Das war gegen
die Art der Gräfin; er sah sich um, und fand die tolle Ilse, die ihm Hut und
Stock brachte, die er gestern im Zimmer der Gräfin vergessen hatte und ihn mit
dieser demütigen Gunst gar rührend anblickte. Der Graf war in Verlegenheit,
seine Gesinnung gegen das weibliche Geschlecht hob im wirklichen Leben alle
Standesverhältnisse auf; sie küsste ihm noch einmal die Hand und drückte sie an
ihre Brust, deren Pochen er fühlte; er konnte ihr noch kein Wort sagen, sondern
klopfte ihr mit den Händen die Backen, und murmelte so etwas: »Sie ist ein gutes
Kind!« Ilse richtete sich jetzt aus ihrer gebeugten Stellung auf, und fragte:
»Haben der liebe gnädige Herr was zu befehlen?« - »Nichts liebes Kind«, sagte
er, und doch brauchte er Licht, um seinen Brief zu siegeln. Sie verliess jetzt
das Zimmer mit einer tiefen Verbeugung, und er ging verwundert auf und ab, wie
eine neue Schmeichelei so wunderliche Macht über ihn habe ausüben können; er
konnte dem Mädchen nicht mehr Böses nachsagen, wie er bisher getan; jede
Zuneigung, auch die unerwiderte, hat in einem guten Gemüte etwas
Verpflichtendes, und jede Abneigung erscheint darin wie ein Unrecht. Die tolle
Ilse war wirklich in den Grafen verliebt, wie gemeiniglich alle Dorfmädchen in
einen schönen Gutsherrn; sein Einfluss ist ihnen deutlicher als in den Städten
die ganze Macht eines Fürsten, er ist ihnen auch in guter Art viel überlegener;
selbst die allgemeine Meinung gibt einer solchen Verbindung eher etwas
Ehrenvolles, und die Kinder, die daraus hervorgehen, werden mit einem Stolze wie
junge Halbgötter angesehen, mehr als eheliche Kinder geschmückt und begünstigt.
Es ist ihnen ein geheimer Stolz, wenn Sonntags Morgens die Knechte zu ihnen
kommen und an den Kasten treten, wo sie den Sonntagsstaat heraus nehmen, mit
manchem bunten Silberbande zu prunken, das sie noch wohl an die Mütze stecken
könnten; solch ein Band ist oft mit dem Teuersten bezahlt, und wüssten sich nur
die neidischen Mitmägde recht verständlich zu machen, sie bezahlten gern eben so
teuer; aber eben in dieser Unverständlichkeit liegt viel sogenannte Tugend auf
dem Lande. Es ist ein Vorteil unsrer Zeiten, dass sie die Verschiedenheit der
Stände, wenn auch nicht aufhebt, doch sittlich unabhängiger von einander macht;
so wird auch die sklavische Liebe der Volksehre weichen.
 
                              Achtzehntes Kapitel
                             Adel. Der Gerichtstag
Solche Reihen gleicher Tage, von aussen still, voll abwechselnder innerer
Bewegung, überspringen wir, denn das Glück lehrt nicht: es ist ein Geheimnis.
Selbst einen schönen guten Morgen, wo der Graf die Nachricht von seiner Frau
erhielt, dass sie sich von mehreren Nachbarinnen überzeugen lasse, sie sei in
gesegneten Umständen, wollen wir ungefeiert lassen. Doch waren sie beinahe über
den Namen des Kindes in Streitigkeiten verwickelt worden, da die Gräfin einige
Lieblingsnamen aus Wallers Gedichten, die sie besonders achtete, in ihre Familie
einführen wollte, und der Graf unabänderlich darauf bestand, dass man in einer
Zeit, die so wenig Bestehendes hervorbringe, das Angeerbte durchaus bewahren
müsse, wo es nicht dagegen anstiesse, denn es ruhe Segen darauf. In diesem
Gespräche entwickelte sich eine Verschiedenheit politischer Ansicht, die beiden
gleich unangenehm war, weil sie ihnen eine Quelle der Unterhaltungen aus den
Zeitungen verschloss. Die Gräfin, ohne irgend stolz aristokratisch zu sein, hatte
doch ihre früheren geistig bestimmenden Zeiten unter der eigensinnigen Klasse
von Leuten zugebracht, die sich damals in Deutschland bildete, welche blind an
eine notwendige Rückkehr derselben Verhältnisse glaubte, die lange ihnen bequem
gewesen. Der Graf, der erst auf Universitäten eine bestimmte politische Ansicht
gewonnen, hatte dagegen den Kopf voll rascher Weltverbesserungen, weil ihm
manches Bestehende in dem Unterrichte verhasst geworden, insbesondre war es aber
sein Lieblingsplan, alles Gute und Ehrenvolle, was sich in den adligen Häusern,
nach seiner Meinung entwickelt habe, allgemein zu machen, alle Welt zu adeln.
Beides stritt notwendig gegen einander; dem Grafen war es ein angenehmer Gedanke
auf Du und Du mit aller Welt zu sein, der Gräfin war jede Vertraulichkeit
niederer Klassen unerträglich, und die tolle Ilse wusste schon dadurch sich ihr
einzuschmeicheln, dass sie jeden Vorwitz durch tiefe Demütigungen, durch ein
schnelles Rockküssen oder Niederknieen gutmachte. Diese Gesinnung kam erst bei
dieser Veranlassung zur Sprache, weil der Graf seine Meinungen über die
allgemeineren Begebenheiten, in deren Kreis er nicht eingreifen konnte, nur bei
einem bedeutenden Anlasse aussagte. Als ihm die Gräfin heftig widerstritt,
glaubte er, sie verstehe ihn nicht ganz, wollte sich aber mündlich darüber nicht
weiter einlassen, sondern schrieb ihr in ein Gedenkbuch, das er im Hause
gestiftet und wo beide das Bedeutendste einschrieben, was dem ganzen Hause
begegnete, neben der frohen Hoffnung auf ein Kind:
Still bewahr es in Gedanken
Dieses tief geheime Wort,
Nur im Herzen ist der Ort,
Wo der Adel tritt in Schranken,
Wenn die Tugend in den Nöten
Hellaut rufet mit Drommeten.
In den Schranken stehn die Ahnen,
Wenn der Zweifel Kampf beginnt,
Wie aus Fels die Quelle rinnt,
Frischend ihre Geister mahnen,
Geister werden zu Gedanken,
Halten fest, wo alle wanken.
Geister sind in jedem Hause,
Wecken aus dem Schlaf den Mut.
Also rinnt das edle Blut,
Geistig wie der Wein beim Schmause,
Dass vereinet, die getrennet,
Eine Lieb in allen brennet.
Immer mit dem grössten Masse
Misst des Hauses Geist das Kind,
Und das Kind sich dehnt geschwind,
Will sich zeigen von der Rasse,
Was ihm Herrliches bescheret,
Zeigt sich höher, sicher währet.
Nicht die Geister zu vertreiben,
Steht des Volkes Geist jetzt auf,
Nein, dass jedem freier Lauf,
Jedem Haus ein Geist soll bleiben:
Nein, dass adlig all auf Erden,
Muss der Adel Bürger werden.
Sie wollte ihm diese Grundsätze, die sie für anstössig erklärte, widerlegen, aber
es war das erstemal, dass er mit Ernst an die Schranken erinnerte, die einer Frau
zugemessen. Sie war überrascht davon, aber nicht überzeugt, besah einige
Augenblicke ihre schönen Nägel, die so angenehm rötlich glänzten, und auf deren
jedem ein aufgehender Mond zu schauen war; dann sagte sie spottend: »Du bist
heute wohl so ernstaft, weil du Gerichtstag halten lässt. Hör Karl, einen
Gefallen musst du mir tun: siehst du wohl die alte Frau, die dort mit einem
zugebundnen Teller um das Schloss schleicht, es ist eine gute Alte, sie heisst die
Petschen und hat eine böse Schwiegertochter, die schlägt sie jetzt, nachdem sie
dem Sohne ihr Haus und ihren Garten abgetreten hat.« - »Woher weisst du das?«
fragte der Graf. - »Von meiner Ilse«, antwortete die Gräfin, »die arme Frau
bringt ihr für mich kleine Birnen zum Geschenk; sie hat mich so lieb.« - »Ich
will aufmerksam zuhören«, meinte der Graf, »aber in die Aussprüche mische ich
mich nicht; ich suche die Leute zu deutlicher Erklärung zu bringen und ihnen
Gerichtskosten zu ersparen, alles übrige ist dem Gerichtshalter überlassen, der
mit seinem Eide den Gesetzen strenge gebunden ist. Überhaupt hasse ich dies
Gerichtswesen des Adels sowohl wie der Fürsten, die Gerichte müssen im ganzen
Lande von den tätigen Gewalten unabhängig sein, ganz auf freier Wahl beruhen und
wo Richter nicht genügten, müssten Geschworene zu Hülfe kommen, nur dadurch würde
eine nationale Gesetzgebung entstehen, die alles Fremde, alle unnütze
Weitläuftigkeit und drückende Kosten aufhöbe. Ich schwöre dir, dass mich oft,
wenn ich für einige elende Zeilen, die eine ganz überflüssige Formalität
entielten, ein paar Taler zahlen musste, eine Wut packte, das Tintfass dem
Justizkommissar in die Zähne zu schlagen, oder dass ich jeden Augenblick wartete,
ob nicht ein Himmelsstrahl ihn und sein ganzes Aktengeschmiere aufbrennen würde.
Wenn ich das so fühle, wie viel schärfer schmerzt solche Ausgabe die Ärmeren,
die vielleicht eine ganze Woche vom Morgen bis in die Nacht für dieses Geld
arbeiten mussten. Dazu kommt noch, dass bei den vielen fremden Worten, bei der
Heimlichkeit der Verhandlung ihnen die Rechtspflege wie eine Art Magie vorkommt,
wie eine Art Zauberspiel, wo der Zufall entscheidet, wogegen sie sich listig
verkriechen.5 Die Heimlichkeit der Verhandlung habe ich aufheben können; der
grosse Saal gestattet jedermann den Zutritt, durch Schranken sind die Zuhörer von
den Klagenden getrennt; mein Gerichtsverwalter ist auch ein braver Mann, der
freundlich jedem den Grund des Rechtes deutlich macht; aber das eine fühl ich
sehr beschwerlich in jedem kleineren Kreise der Justizverwaltung, es ist sehr
schwer sich alles Rechtsentusiasmus zu erwehren; so wie du für die Alte
moralisch eingenommen bist, so bin ich's für andre. Heute kommt ein wunderlicher
Fall vor. Ein Schneider hat von einem Mädchen, das seine Hand ausgeschlagen,
schlecht gesprochen: das kommt bei einem Kindtaufsschmause zur Sprache; die
Eltern ärgern sich darüber, holen eine Stiefelbürste und gehen beide in das Haus
des Schneiders, stellen ihm recht ernstlich seine Bosheit vor, dass er mit seinem
Munde den guten Ruf des Mädchens befleckt; sie versichern ihm, er habe einen
unreinen Mund, sie müssten ihn erst putzen, und fahren mit den schmutzigen
Stiefelbürsten, nachdem er sich mit dem Bügeleisen vergebens gewehrt hatte, ihm
in den Mund, dass ihm die Nase blutet.« - »Nun da geschah ihm recht«, sagte die
Gräfin. - »Ich fühle das auch«, fuhr der Graf fort, »und doch müssen sie
bestraft werden; die Art, wie sie ihn straften, war widerrechtlich.« Der Graf
wurde jetzt abgerufen, der Hof stand schon gedrängt voller Leute, die sich hier
vor den letzten Stufen des Gerichtssaals noch ärger verhetzten; viele redeten
vor sich, manche waren bleich der Entscheidung harrend, der grosse Gerichtsdiener
schritt mit Wichtigkeit umher und erteilte bedeutsam seinen Rat, während er den
Gefängnisturm lüftete und die alten Gerichtswerkzeuge, spanischen Mantel,
hölzerne Fiedel und Halseisen, ungeachtet sie nie mehr gebraucht wurden, sonnte,
und zum Schauder aller ausstellte; jeder Bediente des Schlosses erschien den
Leuten als eine mächtige Protektion; er wurde beiseite genommen, von dem
streitigen Fall unterrichtet, die Hände gedrückt und ein Schnaps zugetrunken;
nun forderte der Ruf des Gerichtsdieners die Parteien vor und die ganze
Protektion war vernichtet. - Der Graf wartete ungeduldig auf die alte Frau, die
ihm von der Gräfin empfohlen; sie kam mit vielen Höflichkeitsbezeugungen; ihr
Sohn, ein kleiner magerer Leineweber, und eine sehr rüstige Schwiegertochter
traten ihr entgegen. Es sei uns hier vergönnt, die Leser mit einem sehr
traurigen Familienverhältnisse bekannt zu machen, das unter den ärmeren Klassen
auf dem Lande häufig hervortritt, wo ein kleines Eigentum, Haus und Garten,
selten geeignet ist, mehr als eine Familie zu erhalten. Die Eltern, welche zur
Arbeit zu schwach werden, nehmen dann gemeiniglich eins ihrer verheirateten
Kinder zu sich, sie bedingen sich ein Dritteil der Gartenfrüchte, einen Sitz auf
der Ofenbank und andre ähnliche Vorteile. So lange wenig Kinder in der
aufgenommenen Familie sind, geht alles in gutem Frieden; die Alten halten zwar
meist sehr strenge auf ihre Forderungen, aber sie dienen auch mit allem Fleisse
in der Wirtschaft; mehren sich aber die Kinder, dann überwiegt die Liebe zu
ihnen die Liebe zu den Eltern, und ihr Tod wird oft ganz laut gewünscht; dies
war auch das Verhältnis zwischen der Alten und ihren Kindern. Die Alte wollte
gern ihre Abtretung an den Sohn aufheben, sie glaubte sich durch ein Geschenk an
Frühbirnen, das sie der Gräfin durch die tolle Ilse einhändigen liess,
einzuschmeicheln, und durch dies Einschmeicheln ihren Zweck zu erreichen; auf
dem Lande erscheint eine Kammerjungfer, wie eine Oberhofmeisterin an grossen
Höfen. Ihr Dritteil an den Birnen wollte sie nicht gern allein zu diesem
Geschenke anstrengen; als daher das Birnenschütteln und Teilen nach manchem
Probieren auf einen Sonntag angeordnet war, schlich sie sich früh Morgens, als
sich die jungen Leute noch im Bette erfreuten, auf den Baum und schüttelte und
pflückte nach ihres Herzens Lust, die sich in der Arbeit mehrte. Die junge Frau
sagt endlich etwas, das die Alte einem schreienden Kinde tun soll, sie erhält
keine böse Antwort, verwundert sich und sieht, dass die Mutter schon aufgestanden
sei; gleich weiss sie, worauf das gehe: auch sie hatte gestern den Baum mit
Sehnsucht angesehen; sie springt heraus und findet die Alte, wie sie auf dem
Birnbaume wütet. Das gab Schimpfreden, aber die Alte war so erbittert auf die
Birnen, dass sie gar nicht vom Baume herunter zu bringen war, bis die
Schwiegertochter sie wie eine Katze, oder wie ein Eichhorn herunterschüttelte,
und sie unten am Boden wie ein näschiges Kind abstrafte. Da beide unrecht
hatten, die Alte als Diebin, die Tochter wegen der zugefügten Misshandlungen, so
wurden sie nach heftigem Gestreite beide auf ein paar Stunden ins Gefängnis
gebracht; der arme Leineweber wollte aus Achtung gegen Mutter und Frau dabei
verzweifeln, und liess sich zu ihrer Unterhaltung mit einsperren. - Als der Graf
seiner Frau diesen Schluss lachend meldete, fühlte sie sich doch gekränkt. »Ich
finde es gar nicht zum Lachen«, sagte sie, »wenn meine Vorsprache dir so gar
nichts gilt; die Leute werden mir künftig alle Achtung versagen.« - Der Graf sah
ärgerlich zum Fenster hinaus.
 
                              Neunzehntes Kapitel
             Der Dichter Waller und seine Frau, Traugott und Alonso
Er hatte kaum ein paar Minuten hinausgeblickt, als er seine Frau auf eine Gruppe
aufmerksam machte, die den hohen Weg vorüber unter den palmenartigen Weiden wie
ein Schattenspiel fortschritt. Ein wohlgekleideter Mann führte ein Pferd, auf
welchem eine Frau in Betten eingepackt sass; zwei Kinder ritten auf grossen
langgehörnten Ziegen nebenher. Unsre beiden Zuschauer eilten herunter die Leute
näher zu betrachten und sie wurden von dem Manne, der in einem sehr
ausgearbeiteten faltigen verbrannten haarichten Gesichte viel Geist verriet,
angeredet. Er klagte, dass seine Frau, der diese Lustreise zur Gesundheit
empfohlen, immer kränker würde; zugleich bat er um ein Unterkommen. Der Graf
erbot ihm alle seine Dienste, und führte selbst das Pferd nach einem
Gartenhause, wo die Kranke keine Stufen zu steigen brauchte und doch aller
Annehmlichkeit der Gegend genoss. Als sie sich auf dem Sopha eingerichtet, erhob
sie den Schleier und zeigte ein so reizend sterbendes Gesicht, etwa in der Art,
wie wir auf einigen altdeutschen Bildern von der sterbenden Maria sehen; sie
sprach wenig, aber dieses Wenige beschäftigte sich nach dem ersten Danke ganz
mit Sorge für Mann und Kinder, dass sie die Zeit nicht ihretwegen versäumen
möchten; sie möchten ihre gewöhnten Arbeiten vornehmen. Nachdem dieses
wenigstens von den Kindern geschehen und beide einige landschaftliche Skizzen
auszuzeichnen begonnen hatten, redete sie erst die Wirte an und versicherte
ihnen mit einer Art innerer Zufriedenheit, dass ihre Milde diesmal wohl
angewendet sei, da ihr Haus durch die Gegenwart des grossen Waller gesegnet
werde, den als ihren Mann zu nennen, ihr höchster Stolz sei. Jetzt begannen
allerlei Komplimente; der Graf mochte nicht sagen, dass er seine meisten Gedichte
für falsche Münze halte, welche die Eitelkeit mancherlei tönenden Worten
ausgeprägt hatte; die Gräfin mochte nicht eingestehen, wie hoch sie ihn verehre;
Waller entwickelte dabei in hoher Vollendung seine Manier, das Ernste spasshaft,
das Spasshafte ernst zu nehmen, durch Sonderbarkeit zu verwirren, seine
Vortrefflichkeiten als zu leicht auszuwerfen, und war bald so laut, als er
vorher einsilbig gewesen. Seine Frau durfte ihrer Brust wegen wenig reden, sie
legte zu ihrer Unterhaltung eine Rötelzeichnung von der Aussicht an, die alle
umgab, bald ging ein Knabe hinaus, eine der Ziegen zu melken, und brachte ihr
die Milch, die sie mit Lust austrank, dann gab sie beiden Kindern, dem Traugott
und dem Alonso, die Freiheit umherzulaufen. Ohne eines Menschen zu achten, immer
mit einander beschäftigt, holten die Knaben mancherlei Spielzeug aus den Taschen
und begannen im Schloss ein Durchsuchen, ein Umklettern, wie eine Diebesbande,
oder wie ein paar neu angekaufte Hofhunde; die Leute des Grafen wollten es ihnen
wehren, er aber gönnte ihnen dieses Vergnügen, was ihm sehr natürlich in jedem
Kinde vorkam, aber wunderbar, insofern sie sich ihm ganz unbesorgt überliessen,
als wäre die Welt ihre. Küche und Garten plünderten sie durch wie die Affen nur
in dem Bedürfnisse des Augenblicks, ohne der Zukunft zu achten. Etwas von allen
Tieren hatten sie auch wirklich in ihrer Bildung und in der Art ihrer Bewegung,
vielerlei Fertigkeit, wenig Überlegung. Ihr Vater sagte mit Recht: »Es sind
Menschen, wie die künftige Zeit sie brauchen kann, mit jeder Not vertraut, in
Arbeit und Mühe und jeder Witterung abgehärtet.« Da Frau Waller Ruhe bedurfte,
so liess sich Waller mit seinen neuen Bekannten in ein Gespräch ein, wusste so
schnell in alle Besonderheiten des Hauses einzudringen und sich darin zu fügen,
dass er in einer Stunde mehr Herr darin zu sein schien, als der Graf. Für die
Vertraulichkeiten, die er ihnen entlockt hatte, forderten sie gleiche
Vertraulichkeit von ihm und er sprach mit einer Art Überhebung von sich; seine
Frau sei früher an einen reichen Kaufmann verheiratet gewesen, er habe sich in
dem Geldmangel, worin er sich seit seiner Jugend befunden, auch an dieses Haus
gewendet und sei wegen seiner Spasshaftigkeit Tischgenosse geworden. Die Frau,
die älter als er, habe sich in ihn verliebt, und um sie nicht unglücklich zu
machen, ungeachtet sie ihm immer fatal gewesen, habe er drein willigen müssen,
dass sie sich scheiden lassen und ihn geheiratet. Wir wollen hier seine lange
Erzählung zusammen ziehen. Waller war des Herumstreifens müde, er beredete sein
Frau, ihr Haus in der Stadt zu verkaufen, um ganz der Kunst in einem abgelegenen
Landhause zu leben, das ihn einmal auf einer Reise in der Mitte eines
Tannenwaldes entzückt hatte. Sie willigte in alles; seit ihrer Scheidung lebte
sie ganz ihrem Manne und der Malerei; er reiste in die romantische Gegend,
kaufte das Haus sehr teuer, weil eine Familie, die dort geboren und gross
gezogen, nicht aus gleichem Sinn an der Natur, sondern aus Gewohnheit sich nur
grosser Vorteile wegen davon trennen mochte. In wenigen Tagen richtete er sich
alles nach seinem Geschmacke ein: sonnte die angekommenen Betten, stellte
Blumentöpfe in die Fenster, wand eine Ehrenpforte an der Türe aus Birken mit
Bärenklau und Feldblumen, setzte sich in den Garten und schrieb dieser
Ehrenpforte eine Inschrift:
Hier fielen Druck und Sorgen
Von eines Menschen Herz,
Er kann euch wieder borgen
Von seinem eignen Scherz.
Nur einmal Herr der Erde,
Nur einmal Herr der Luft,
Dann weichet die Beschwerde,
Dann füllet sich die Kluft.
Die offnen Augen tragen,
Wohin der Fuss mich trägt,
Bis zu dem Sonnenwagen,
Der hoch am Himmel wegt.
Nach einem andern Wagen
Horcht hier im Sand sein Ohr,
Der soll die Freundin tragen
Durchs hohe Gartentor.
Er sonnte still im Garten
Die Betten ganz allein,
Er musste lange warten,
Sie tritt ins Haus herein,
Und an der Ehrenpforte
Vielbuntem Bogenzug
Liest sie die frohen Worte:
Die Eine mir genug.
Er hatte es sich aber bloss eingebildet, dass sie gekommen, sie war durch ein
gebrochenes Rad auf dem Wege aufgehalten; er wurde immer ungeduldiger, hatte für
alles gesorgt, nur nicht fürs Essen: er musste sich mit Brot und Milch begnügen;
aus Ärger warf er endlich die Ehrenpforte zusammen, fegte die Blumen aus den
Zimmern und empfing die Frau, die dazu ankam, mit heftigen Vorwürfen, wie sie
ihm jedes Vergnügen verderbe. Sie suchte, ihn zu beschwichtigen und er ward
wieder vergnügt. Am anderen Morgen wollte er eine gewaltige Arbeit machen, zu
der er sich lange einen recht schönen Tag gewünscht; wirklich war das Wetter
hell, er ging auf sein Studierzimmer, aber es wollte ihm nichts gelingen: er war
zerstreut; ein paar welsche Hähne, die sich im Hofe bissen, zogen alle
Aufmerksamkeit an sich; dann sah er einer dicken Magd zu, die im Garten
arbeitete; dann wurde es ihm zu heiss. Es ward Mittag und er hatte nichts getan,
und fand darüber alle Lieblingsspeisen schlecht, die ihm seine Frau zubereitet
hatte. Jeder Tag hatte seine eigne wunderbare Geschichte, insbesondre seit er
sich darauf legte, die Natur recht zu geniessen; da zog er seine Frau halbe
Nächte durch nebelbelegte Wiesen und kühle Waldungen herum, den Sonnenaufgang zu
sehen, und gemeiniglich ehe es dazu kam, musste einer von ihnen aus irgend einer
Unbequemlichkeit nach Hause gehen und sie hatten nichts als Schnupfen und Fieber
davon gehabt. Wallern war es ganz erstaunungswürdig, dass er die Natur ganz
anders gefunden, als er sie beschrieben, aber die Landleute entsprachen noch
weniger seinen Erwartungen; seine ländlichen Gedichte verstand keiner, sie
hatten alle den »Eulenspiegel« viel lieber. Diese Erfahrungen machte er im
Sommer, aber im Winter hatte er noch viel mehr zu lernen; vergebens schrieb er
an alle Bekannte der ganzen Gegend, dass sie ihn besuchen möchten, keiner mochte
die gefährlichen Wege in Schneewetter machen; der Unmut darüber erzeugte manches
Lied, unter andern auch dieses:
                                  Winterunruhe
Ich räume auf für Gäste,
Sie hält mich auf dem Neste;
Die Wege sind beschneit
Und keiner kommt so weit:
»Wie Espenlaub mein Herz hat keine Ruh,
O wäre früher ich geboren, oder später du.«
Ich sitz bei ihr, sie spinnet,
Mein Herz in mir, es sinnet,
Es treibt mich durch den Wald,
Wie ist der Wald so kalt:
»Wie Espenlaub mein Herz hat keine Ruh,
O wäre früher ich geboren, oder später du.«
Die Tanne sagt vom Schmause,
Mich brausend jagt nach Hause;
Zu Hause bei dem Herd,
Da werd ich so beschwert:
»Wie Espenlaub mein Herz hat keine Ruh,
O wäre früher ich geboren, oder später du.«
In ihrem Haar ich spiele,
Der Träume Schar ich fühle
In ihrer Locken Nacht;
Doch bald bin ich erwacht:
»Wie Espenlaub mein Herz hat keine Ruh,
O wäre früher ich geboren, oder später du.«
»Lieben Leute«, rief hier Waller aus, »hätte meine Frau nicht ein Kind bekommen,
den Alonso, ich wäre aus Langeweile toll geworden; da bekam ich doch was zu
sprechen mit all dem närrischen Volke von Ärzten und Weisemüttern. Das hielt
doch auch nicht länger vor als bis zum Frühling, da sagte ich, dass ich auf die
Leipziger Messe gehen müsse, um ein Manuskript zu verkaufen, und lief über Berg
und Tal, als wenn ich gehetzt würde. Denkt euch, in Leipzig sitze ich in guter
Ruhe bei Mainoni und esse Stengelrosinen und Knackmandeln, da bringt mir der
Bursche aus der Buchhandlung einen poetischen Brief von meiner Frau:
Der Liebe Furcht ist Fackel meiner Liebe,
Die meinen Traum mit Strahlen Nachts erfreut,
Damit mich nicht die Einsamkeit betrübe,
Mir Sterne auf die dunkle Erde streut,
Und meiner Liebe Flamme höher treibt,
Dass Dir ein Zeichen bleibt.
In Liebesfurcht ich seh die Wolken jagen
Dort überm Mond, dass er zu wanken scheint.
Wohin, wohin will euch der Sturmwind tragen?
Zu meinem Lieben, der es treulich meint!
Der Blume Blätter werf ich in den Wind,
Er bringt sie Dir geschwind.
Der Liebe Furcht durchbebet mich so sachte,
Zu schauen, ob mein Kind noch atmen kann,
Es sah mich an, und drehte sich und lachte,
Ich sah es schon wie Dich, wenn es ein Mann;
So schauet aus der Liebe ödem Haus
Ein frommer Geist voraus.
Wird Liebe Furcht, so lass die Furcht mich lieben,
Und liebe mich, dieweil ich furchtsam bin,
So kann die Furcht die Liebe nie betrüben,
Und Furcht und Liebe haben gleichen Sinn,
Es wächst die Furcht der Liebe zum Gewinn
In Deiner Liebe Sinn.
Fragen Sie sich selbst, ob ich länger von ihr bleiben konnte nach solcher
Einladung; denken Sie sich, mir zu Liebe hatte die liebe Frau die ersten Verse
in ihrem Leben gemacht. Ich trat denselben Tag noch meinen Rückmarsch an; mein
Buch wurde nicht fertig gedruckt.
    Damals hab ich eine schöne Zeit mit ihr gelebt; leider, dass uns die
allergemeinste Ursache bald in Verlegenheit setzte. Ich hatte ein Landgut
gekauft und war kein Landwirt, und meine Frau verstand bei dem besten Willen
eben so wenig davon; ich hatte viel bezahlt, verzehrte noch mehr und nahm nichts
ein; die Summe gezogen, musste ich den Hof meinen Schuldnern überlassen und in
die Stadt ziehen. Da jubelte mein ganzes Herz; meine Frau war aber betrübt, sie
machte mir so rührende Vorstellungen, dass ich ihr zuschwor, recht fleissig zu
werden; sie selbst fing an Kupferstiche zu meinen Gedichten recht artig zu
radieren und die waren meist schon fertig, wenn das Gedicht erst zur Hälfte
gelangte. Dann weckte sie mich immer früh auf, hatte schon mein Zimmer geheizt,
mir Kaffee gekocht, und da sollte ich nun arbeiten, das war eine Sache zum
Einschlafen; in meinem Ärger über diese Behandlung und doch im Gefühle, wie es
nicht anders gehen könne, schrieb ich eine Elegie vom Weber, den ich vorstellte,
und von der Spinnerin, die meine Frau bezeichnet, welche ich Ihnen mit der
rechten Betonung vorlesen will; macht sie Ihnen Langeweile, so ist es meine
Schuld.«
 
                              Zwanzigstes Kapitel
                          Der Weber und die Spinnerin
Als ich Geselle noch war und webte geschäftig beim Meister,
Sprang ich für Augenblickslohn oft zu der Tochter hinein,
Immer fand ich die Braut beim schnurrenden spinnenden Rädchen,
Ungeduldig einmal schwieg ich tückisch in mir;
Doch sie fragte mich nicht, da brach ich das Schweigen erglühend:
»Wahrlich die Göttin tat recht, als sie Arachnen bestraft;
Denn nur Eitelkeit ist's, zu lieben und andres zu schaffen,
Als das zierliche Werk, dessen Rädchen das Herz.«
»Ungeschickter«, sie sagt, ganz ruhig beschaut sie den Faden,
»Stören die Hände dich je, die beschäftigt im Werk?
Höre den ruhigen Takt, das Ungeordnete gleichend,
Und das Auge, es weiss, was dir erlaubt sei dabei!« -
Wohl ich nützte auch gleich die zart mir gegebne Erlaubnis,
Und ich gab ihr den Kuss, doch nur den Backen er traf.
»Ach«, so seufzte ich dann, »kein duldendes Weibchen ich wollte,
Sondern das harrend gelauscht, mich im Kommen umschliesst!«
»Bläulich blühet der Flachs«, entgegnet sie, »Hoffnung der Liebe,
Dass ein bräutliches Bett wachse in Blumen darauf;
Doch die Blume, sie täuschet, es fallen die bläulichen Blätter,
Und der Faden erwächst unter der Blume versteckt,
Tief gebücket wir ziehen ihn aus zum Brechen und Spinnen,
Ehe die Blumen so hell stehen im Laken gewebt.
Nun verzweifelst du schon, noch ehe dir Arbeit geworden,
Und schon mürrisch du bist, eh' noch gesponnen der Flachs.« -
Und es brach ihr der Faden, da bat ich sie flehend um Gnade,
Spann nun selber da an, wo ihr gebrochen das Herz;
Grob ward der Faden, ich glaub es, doch hält er länger und länger,
Und sie zeigte mir ihn, streifig im Laken verwebt,
Als ich zum eigenen Herd mir holte mein liebliches Bräutlein,
Und das Bette so weiss stand in dem Zimmer bereit.
Seit nun die webende Zeit uns einte, priesterlich segnend,
Was die liebende Brust früher gesegnet in sich,
Da vergass ich so oft den Faden, vergass auch die Lehre,
Denn das Eigenste ist, was sich am leichtsten vergisst.
Heute vergass ich ihn ganz, als zürnend ich aufsprang vom Bette,
Und im flatternden Hemd schimpfte die rastlose Frau,
Die den Mund nur verschliesst beim ersten Krähen der Hähne,
Um zu sagen die Stund, die mich zum Webstuhl verbannt.
»War es schimpflich dem Gott«, so rief ich, »zu spinnen beim Weibe,
Ich ertrüg es so gern, denn ich säh dich dabei.
Doch so muss ich zum Webstuhl, zu schauen die seidenen Faden
Und du selber, du spinnst mich wie den Seidenwurm ein,
Förderst dies flüchtige Rädchen vom Morgen bis wieder zum Abend,
Wäre dies Rädchen entzwei: würde die Liebe mir neu;
Kurzweil wird dir zu lang, die lust'gen Gesellen mir werden
Alle jetzunder so fremd, fremd wird der kühlende Wein;
Früh muss ich weben und spät noch, was du gesponnen geschäftig;
Müssig ins Aug dir zu schaun, wär mir ein süsser Geschäft.
Wozu hilft mir das Geld, du sammelst sorgsam den Kindern,
Ich bin ein dienender Greif, der die Schätze bewacht.«
Wütend ergriff ich das Spinnrad und wollte durchs Fenster es schmettern,
Doch der Faden wie Gold glänzte im Morgenlicht hell,
Und die Kinder, sie beteten laut im Bettchen zusammen,
Was der Ältste gesagt, spricht ihm der Jüngere nach.
Und ich horchte, er sprach: »Du Kleiner falte die Hände:
Mutter, das tägliche Brot, Vater, gib es auch heut!«
Und sie reichte den beiden ein Brötchen mit Butter bestrichen,
Das sie am Abend sich selbst hatte vom Munde gespart.
»O du goldene Frau«, so rief ich, »dauernd in Elend,
Ja du spinnest in Gold Fäden zum Leben mir fest;
Zeit, die vergangen mir sonst in die Launen, die lässt mir Gewebe,
Und zur Zukunft ich werf ruhig mein webendes Schiff.
Jegliches mehrt sich bei dir, als ruhte ein göttlicher Segen,
Wo du helfend mir nahst, wo du tröstend mir hilfst.
Unsere Enkel dereinst, sie sollen erstaunen des Werkes,
Das in gemeinsamem Fleiss wir zusammen vollbracht.«
Mit Sorge erkundigte sich der Graf nach Wallers Umständen, ob er wirklichen
Mangel leide, und erbot ihm seine Hülfe. Waller versicherte ihm, er lebe recht
gut von Schriftstellerei und Schulden und werde auch seine Hülfe noch
ansprechen; nachher berichtete er, dass seine Frau nach dieser Elegie sich
entschlossen habe, ihn auf den Fussreisen zu begleiten, die er schon lange zur
Einsammlung poetischen Stoffes projektiert gehabt; doch diese Märsche hätten,
statt ihr vorteilhaft zu sein, wie er erst gehofft, ihre schwache Brust
vernichtet; endlich habe er ihr ein Pferdchen anschaffen müssen, und fürchte
sehr, dass sie bald auf Charons Nachen in das allerpoetischste Land der Welt, in
die Hölle fahren werde, denn selig könne sie aus Mangel an wahrer Religiösität
nimmermehr werden; aber das sei auch eben ihr Verdienst, dass sie für sich
bestehen könne ohne Gott, wenn sie nur einen Mann hätte. - Ehe sich noch irgend
jemand nach dem eigentlichen Sinne solcher Voraussetzung fragen konnte, hatte er
sich schon wieder durch einen geschickten Sprung zum Allerfremdartigsten
hingeworfen; er hatte ganz die Art trostlosen Verstandes der Etymologen, die mit
wenigen lächerlichen Übergangstönen die verschieden lautendsten Worte aus einer
Wurzel ableiten; der Zuhörer wusste nie, ob er einem mehr gab oder mehr nahm; er
suchte nämlich seinen eignen Verstand jedem aufzudringen, indem er jedem den
eignen nahm, oder verkümmerte. Unsern beiden Landleuten, denen niemand leicht
widersprach, war diese Metode ein wahres Fest; sie hetzten ihn immer mehr,
mussten über alles lachen; er schüttete ihnen den ganzen Vorrat seiner Einfälle
und Geschichten an einem Abende aus, die ihm sonst Monate vorgehalten. Es ist
eigentlich ein Überfluss davon unter den Deutschen, aber es fehlen ihnen die
Menschen, wie Waller, die unter Franzosen so häufig sind, die einen Einfall der
Mühe wert halten zu bewahren, oder das Geschick haben, ihn gut nachzuerzählen;
überhaupt wird in Deutschland aus einer gewissen Trägheit und Besorgnis zu wenig
gesprochen. Wurde er eitel mit Unrecht deswegen genannt, so sagte er: »Eitelkeit
ist die Tugend der Kindheit, viele bleiben ewige Kinder und ich bin es nicht,
aber ich mag es gern sein. Von Mädchen wird nie Wahrheit gefordert, darum werden
ihnen bedeutende Staatsämter versagt, doch findet sich von je unter ihnen viel
Wahrsagerei; ich halt's mit den Mädchen und gebe die Wahrheit gerne für die
Wahrsagerei; wär ich nicht eitel, um zu loben, wäre ich wahr, so fragte ich
euch: ihr bildet euch viel auf eure Liebe zu einander ein, aber die Liebe lässt
sich nicht einbilden, wie der Schwindel nicht mit der Vorstellung wegzubringen
ist, dass man die Stufen eines Turmes auf ebener Erde ohne Beschwerde ansteigen
könne; ihr schwindelt einander aber täglich von ewiger Treue vor, ihr werdet
euch auch, wie Schwindelnde, aus blosser Furcht zu fallen, sich übers Geländer
stürzen, über die Treue stürzen; Sie machen ein finster Gesicht, lieber Graf,
das ist noch recht, dass es Ihnen wenigstens ernst ist; die meisten würden über
meine Gotteslästerung lachen. Ob ich wirklich gotteslästerlich bin? Nein, das
ist unmöglich, ein gotteslästerlicher Mensch kann nichts Gutes denken; der
Gedanke ist ein Prüfstein der Menschen, das Tun ist selten zu durchschauen, es
wird wie ein Gedärme durchschlungen, das Herz schlägt drein und gehört doch
nicht dazu; auch kann niemand bei Taten sehen, was er hervorbringt, denn er wird
selbst erst darin, wie ein Vogel, der sich durchs Ei pickt, weil ihm das Fressen
fehlt, und statt des Fressens aufs Licht trifft, das ihm statt ins Maul in die
Augen fällt.« - In diesem Gange einer Springmaus, die bloss darum ungeheure Sätze
machen muss, weil ihr die Vorderfüsse zu kurz und die Hinterfüsse zu lang
geschaffen, kam der Abend, und er wurde erinnert seine Frau zu besuchen. Er ging
hin, aber bald wurden alle durch einen ungemein lauten Zank erschreckt; er
wütete und tobte, dass sie ein paar Äpfel, die ihm auf der Reise von einer Dame
verehrt worden, den Kindern übergeben; die Kinder versteckten sich hinter der
Mutter und was diese zu schwach war zu sagen, das schrieen sie mit der
unerzogensten Stimme. Die Gräfin wollte alles versöhnen, aber Waller sagte ihr
sachte in die Ohren, er sei weiter gar nicht aufgebracht, doch halte er es für
notwendig, seine Meinung durchzuführen; auch wäre dies eine gute Übung für die
Kinder. Und dann riss er sich wieder in den Haaren und rief: »Wer einmal das
Zutrauen gebrochen, ein teuer anbefohlenes Unterpfand entwendet, wo sind da
Grenzen; es ist so arg, als Simson im Schlafe die Haare abzuschneiden.« - Die
gute kranke Frau Waller weinte still vor sich, und Waller wendete sich sachte
zur Gräfin um: »Hat sie nicht etwas von einer weinenden Mutter Gottes? Sie ist
wunderschön!« - Bei diesen Worten flog er um ihren Hals und sprach ihr so
traulich, so herzlich, bat so schön um Verzeihung, dass sie gerne alles verzieh
und mehr. - Den Grafen verdross doch diese widrige Gefühlsfabrik; er schwor dem
Dichter, seine Gedichte würden nichts schlechter sein, wenn er statt mit
lebenden Menschen mit bloss gedachten dergleichen Geschichten aufführte. Dies
rührte Waller zu Tränen: »Freund, Sie treffen mein tiefstes Innere; ja ich fühle
es, keine Wahrheit ist darin und selbst indem ich Ihnen dies bekenne, ist es zum
Teil Lüge, denn ich will etwas anderes damit, mir ihr Mitleiden statt des
Zutrauens zusichern, das ich verloren.« - Der Graf versicherte umsonst, dass wenn
man sich so einer Betrachtung über die Wahrheit überlasse, immer notwendig ein
Stück fehlen müsse, nämlich das betrachtende; es würde dann immer nur zur
Wahrheit einer dritten Person, die uns nichts angeht, nimmer unsre eigne. Waller
schien durch diesen Scharfsinn überrascht, und weil er selten lobte, so war sein
Lob schmeichelhaft.
 
                           Einundzwanzigstes Kapitel
                     Die Heimkehr des Schäfers aus Spanien
So verging der erste Tag; spät in der Nacht brachte Waller sein grosses
idyllisches Gedicht in Hexametern »Die Heimkehr des Schäfers aus Spanien«. -
»Die Idyllendichter«, sagte er, »sind zum Spott geworden an der ökonomischen
Ausbildung des Menschengeschlechts; ich will ihnen durch ein genaues Anschliessen
an die höchste Ökonomie ein neues Interesse geben: hier durch die Berührung mit
der Verbesserung der Schafzucht durch spanische Merinos. Die Schäferwelt ist uns
so wenig untergegangen, als die Kreuzzüge; sie lebt nicht bloss in ein paar
Schriftlein, die uns ein grosses Schicksal übrig gelassen, es leben alle Zeiten
in unsrer ganzen Ausbildung, in dem Gedränge des Mannigfaltigen noch fort, das
unsre Zeit bezeichnet. Dies hat mich oft getröstet, wo ich mich einsam mit einem
paar tausend Sternen in der dunkeln stürmischen Nacht betrauerte, nachdem die
Kriegsfurie mir helle Augen vorgehalten hatte, die mehr blenden als erleuchten,
und ich fühle dies noch jetzt, umgeben von den Zerschmetterten, so lange ich
mich selbst stark und gesund fühle. Nur die Übeltat der Schwäche ist unheilbar,
die sich aufgibt, weil ein andrer ihr nie ganz helfen kann, den sie nun darum
hasst; alle anderen Versehen unserm Volke zu schulmeisterlich vorrechnen, ist
eben so anmassend als leer; viele haben sich geopfert und die übrigen werden
durch sie leben. Wenn einer im glühenden Abendrot das Volk versammelte, und
schritte auf Stelzen über dasselbe einher, und versicherte den Leuten, er sei
unser Herr Gott, und die Leute glaubten nicht daran und könnten nicht zum
Entschlusse kommen, ihren Kopf wegzuziehen, freilich da würde er ihn manchem
einschlagen, indem er über alle hinfiele; machen sie ihm aber Platz, so geht er
die wenigen Schritte, die er auf Stelzen zu gehen hat, ruhig fort, und muss dann
doch herunter, und ist dann ein Mensch wie alle; nur hafte keiner an der
Erdscholle, wo er geboren, lieber werfe er damit auf ihn. Völker müssen wandern,
müssen steigen und sinken. In der Tätigkeit schweigt der Jammer, und der Jammer
ist das ärgste Übel. Darum hasse ich alle politischen Laubfrösche, die sich
prophetisch schreiend verkriechen, wenn ein Ungewitter naht, und sich das als
Weisheit anrechnen: jene ewigen gleich falschen Drehorgeln, die auf allen Messen
klagen. Wer den Finger hebt zur wirklichen Hülfe, ist mehr wert. Jene aber sind
ganz des Teufels, die ihr Zeitalter in eine philosophische Abteilung schrauben,
und es nachher durch und durch verdammen. Achten wollen wir um so höher, was in
uns, was in der Zeit die Probe bestanden, denn die Probe war hart.«
    Bei diesen Worten fiel der Graf Wallern um den Hals und drückte ihm beide
Hände.
    Waller fuhr mit neuem Eifer fort: »Eine spanische Schafherde, die in vielen
Jahren aus einem Paare aufgebracht ist, das mühsam den weiten Weg geführt wurde,
hat einen grösseren Einfluss auf die Zukunft, als eine gewonnene Schlacht, die
doch nie in ihren Folgen ersetzen kann, was die Menge gemordeter Menschen hätte
schaffen können. Überhaupt ist alles Zerstören ganz leer und unbedeutend, aber
das Schaffen ist des Höchsten Werk; auch gibt es kein herrlicheres Gefühl, als
dieses Schaffen und Erfinden, sei es in Taten oder in Gedanken: es ist ein
heiliges Ehebett mit der ganzen Welt. In heiliger Ehe lebe ich mit jedem meiner
Werke, wir lernen von einander, und es ergreift mich, ehe ich zu einem die Feder
ansetze, oder ehe ich zum Vorlesen desselben übergehe, eine Furcht, ob es auch
die rechte Zeit, ob meine Wahl auch glücklich sei, und so versäume ich leicht
die Zeit ...«
    Wirklich erinnerte auch die Gräfin gähnend, dass es spät sei.
    » ... wirklich ist es auch heute zu spät, der schönen Gräfin noch meine
Schäfer-Odyssee vorzulesen. Der schöne gewogene Takt meiner Hexameter brächte
sie ganz zum Schlafe; es sind die besten, die je in deutscher Sprache verfasst
worden. Ich habe ein eigenes Ohr dafür, selbst Voss hat mir längst den Preis
zuerkannt; kraft sechzig destillierter Eierschnäpse bin ich hinter das Geheimnis
dieses Pfiffes gekommen. Sie glauben nicht, wie unterhaltend die Reise des
Schäfers durch Spanien, Frankreich und Deutschland, wie lächerrlich er alles in
seiner Einfalt fasst, wie wunderlich er sein Haus wiederfindet, wo unterdessen
der Feind gehaust.« - Mit diesen Worten ging er zur Türe, blickte aber noch
einmal mit seinen verdrehten Augen zurück, und sagte: »Ein Glas Punsch hätte ich
gerne getrunken.« - »Lieber Waller«, antwortete der Graf, »warum sagten Sie das
nicht zur gehörigen Zeit, jetzt schlafen alle meine Leute.« - »Nun, es schadet
auch nichts weiter«, rief er, und ging fort. Der Graf konnte sich doch nicht
entalten, auszurufen, als er bedachte, wie viel der Mensch so bedeutsam
geallerleit und doch so gar nichts gegeben: dieser sei eigentlich kein Phantast,
sondern ein Faselant, der mit einer ganzen Möbelkammer alter Phantasien herum
hausiere.
 
                           Zweiundzwanzigstes Kapitel
             Tod der Frau Waller und Wallers vergebliches Verlöbnis
Der Morgen des folgenden Tages wurde jammervoll erweckt; Waller hatte seine
Frau, als er sie zum Frühstücke erwecken wollte, tot gefunden, und lag seitdem
in einer wunderbaren Raserei an ihrer Seite auf dem Bette. Der Graf scheute sich
erst, seinem tiefen Schmerze zu begegnen, nur die Zeit vermag für jeden
wirklichen Verlust zu trösten; bald wurde er aber von den schönen Elegien
angezogen, die den Lippen des Unglücklichen entströmten; da fehlte keine Silbe
in den Versen, trotz der schreckenvollen Erscheinungen, die sie ausdrückten.
Leicht liess er sich überreden, was er vorher durchaus nicht zugeben wollte, dass
der entseelte Körper in ein andres Zimmer gebracht würde, nachdem der Graf ihm
versichert, dass die Ausdünstung der Toten die Lebenden nachzöge. Noch bestrich
er dreimal eine Warze über seinem Auge mit der kalten Hand der Toten, dass sie
ihm noch einen Liebesdienst erweise; dann überliess er sie den fremden Gewalten,
und erbat zu ihrer Einsetzung den Prediger Frank als den nächsten evangelischen
Geistlichen zu sich. Nun wurde er selbst in ein andres Zimmer des Schlosses
getragen, denn er glaubte sich zu schwach zum Gehen. Die Kinder blieben in
fürchterlichem Weinen bei dem Grafen, der in die angefangene Zeichnung der
Gegend schaute, die halb von der Verstorbenen ausgewischt war; die Semmelkrumen
lagen noch umher. Es war ihm heilig, dieses Bild, als der letzte Lichtfunken
eines schönen Malertalentes; er liess alles an derselben Stelle liegen, und
führte die beiden Kinder in seinen Garten. Nichts war im Stande, sie zu trösten,
der Strom der Tränen schien seine lindernde Kraft an ihnen nicht auszuüben, kein
Geschenk sie zu erfreuen; endlich fiel der Graf auf den guten Gedanken sie zu
einer Angelbank zu führen. Dies Geschäft war ihnen ganz neu; das Suchen der
Regenwürmer, das Aufstecken, das Warten auf die Bewegung des schwimmenden
Federkieles, zerstreute sie in wenigen Minuten so ganz und gar, dass sie
ausgelassen lustig wurden - wie leicht trösten sich Kinder um ihre Eltern. In
dieser Beschäftigung erhielt er sie den Vormittag, dann ging er mit ihnen
zurück, ohne dass sich ihre gute Laune gemindert hätte. Der Graf trat in das
Zimmer, wo Waller auf dem Bette lag; der Prediger Frank und drei schöne
Landmädchen, die Töchter eines sehr reichen Amtmanns in der Nähe, standen umher
und hörten mit Tränen seinen Schwärmereien zu. Waller begrüsste die drei Mädchen
in recht anmutigen Versen als die drei Grazien, die gekommen wären, ihn für den
Verlust der Geliebten zu trösten. Sehr lebendig malte er sein verlorenes Glück,
beschrieb seine künftige Einsamkeit, seine verlassenen Kinder; dann glaubte er
die Stimme seiner verstorbenen Frau zu hören, er wiederholte schauerlich ihre
einzelnen gebrochenen Worte, die ihm geboten, die Hand der Schönsten von den
drei Mädchen zu ergreifen und seinen Trauring daran zu stecken, sie könne, sie
würde ihn trösten; ihr zeichnete er ein reizendes Künstlerleben vor. Der Graf
glaubte, es sei schon etwas Entschiednes zwischen beiden vor dem Tode der Frau
gewesen, um so mehr staunte er, als die drei Mädchen ganz bleich das Zimmer
verliessen und die Erwählte den Grafen ängstlich bat, als er sie zum Hause hinaus
begleitete, er möchte ihm den Ring zustellen, und ihm sagen, dass sie ihn sehr
hochachte, dass sie ihn aber unmöglich heiraten könne, denn dazu gehöre doch
mehr; dass sie von je, seit er in diesem Hause gewohnt, seine unglückliche Frau
bedauert, die er mit seinem Unsinn zu Tode gequält, und dass sie jedem Mädchen
von einer Heirat mit ihm abraten würde. Mit diesen Worten verliessen die
entschlossenen Landmädchen das Haus und der Prediger Frank, der neben dem Grafen
stand, lachte aus vollem Halse. »Ich bin in Geschäften hier, Herr Graf«, sagte
er, »also nicht gegen Ihren Befehl, aber ich hätte nicht erwartet, mein Geschäft
so reichlich bezahlt zu sehen.« - Der Graf bat ihn um Entschuldigung jener
Beleidigungen am Hochzeitabend, die sein beleidigter Dichterstolz aus ihm
gesprochen. »Heute«, fuhr Frank fort, »sollen Sie noch ganz andre Erfahrungen
über den Dichtercharakter machen; bringen Sie nur in aller Ruhe Herrn Waller den
Gruss der Mädchen.« - Der Graf trat ein und berichtete mit möglicher Vorsorge in
vollkommener Treue. Waller schien wie aus einem Traume zu erwachen, er fragte
die anwesende Gräfin, was er getan; er verwunderte sich, als ihm die Verlobung
erzählt wurde, lächelte, sagte, es sei eine schöne milde Täuschung seiner Sinne
gewesen; sprang frisch und gesund vom Bette und schrieb laut lesend:
Willst du nicht den Ring bewahren,
Den die Freundin lange trug,
Der geschmückt mit ihren Haaren;
Nahmst du ihn aus blossem Trug?
Schickest ihn mit klaren Sinnen
Und mit ernstem Wort zurück!
Kann ich mich doch nicht besinnen,
Was ich dacht in deinem Blick,
Tröstend ist es mir gewesen,
Was ich damals zu dir sprach,
Denn ich bin davon genesen
Und ich war vorher so schwach.
Warum willst du nicht behalten,
Was ich gern im Traum verlor,
Kann ich doch nichts fester halten,
Denn ich bin und bleib ein Tor.
Nimm statt eines, beide Ringe,
Dass ich nicht mein Unglück seh,
Halt mich nicht so ganz geringe,
Dass ich dich mit List umgeh.
Alles Glück hab ich empfunden,
Mit der Liebsten schwand es hin.
Immer bluten meine Wunden,
Bis ich ganz verblutet bin.
Glück soll dir die Hände bieten,
Unglück brächte meine Hand,
Denn gefallen sind die Blüten,
Und ich bin vom Schmerz verbrannt.
Diesem Briefe legte er beide Trauringe bei, und bat den Grafen dringend sie
fortzusenden; dann legte er sich wieder aufs Bette und schnarchte so lächerrlich,
dass alle sich auf die Lippen beissen und das Zimmer verlassen mussten.
Im Vorzimmer fing sich eine lange Untersuchung über den wunderlichen Menschen
an. Den Grafen hatte diese Geschichte von ihm zurückgeschreckt; die Gräfin fand
darin viel Rührendes und Prediger Frank hatte sie schon zu seiner
Menschenkenntnis anatomiert und alles Fehlerhafte sauber eingeschlagen, um es in
dem ewigen Spiritus seines unverwüstlichen Gedächtnisses aufzubewahren. - FRANK:
»Ich glaube, wir lesen die ganze Geschichte bald gedruckt; ein Dichter von der
Art wie Waller erlebt selten etwas, wovon sein Buchhändler nicht auch Vorteil
oder Schaden hätte.« GRÄFIN: »Ich fürchte immer noch, er tut sich ein Leides an;
sein Zustand war nicht natürlich, er war heftig und schrecklich, mehr als ein
Mensch ertragen mag.« FRANK: »Haben Sie nicht sein Gesicht gesehen, wie viel
wunderliche Falten auf der Backe, über den Augen; ich kenne Wallern; in einer
Tragödie, die er liest, macht er zehnfach ärgere Gesichter noch, als er heute um
seine Frau angelegt, ob er gleich mit jedem, der ins Zimmer trat, noch eine
Falte aufzog, noch ein Stück Holz in sein Trauerfeuer legte.« GRAF: »Sie haben
recht, das ist mir ganz verhasst, dass er mit keinem ein dauerndes wahres
Verhältnis ungestört durch die Gegenwart anderer bewahrt; aber während er noch
vertraulich mitteilend mit einem im Augenblicke sprach, ward dieselbe Sache ihm
gleich zum Spotte, wenn z.B. meine Frau hereintrat.« FRANK: »Sehen Sie, Herr
Graf, das ist eine Eigentümlichkeit des Künstlercharakters, vieles Traurige und
Lustige, Ernst und Spass wie eine Schimäre zusammen zu denken. Die Frauen sind
zufrieden, wenn man ihnen nur etwas zu tun macht, sie mit Hülfe und Mitleid
anstrengt.« GRÄFIN: »Nicht zu allgemein.« FRANK: »Das Pflegen eines
ausgezeichneten Menschen, der sich leidend stellt, setzt die Frauen in eine
gewisse Autorität gegen ihn.« GRÄFIN: »Ich kann keinen Kranken pflegen und wär
er mein eigener Mann. Nicht wahr, Karl, das hast du erfahren, als du ein paar
Tage nicht wohl warst? Schon die eingeschlossene Zimmerluft ist mir verhasst.«
GRAF: »Du hast recht. Ich mag mich auch von keiner Frau pflegen lassen.« FRANK:
»Und doch waren Sie so allseitig um den grossen Dichter beschäftigt; es ist
unglaublich, wie ein grosser Name wirkt; denn aufrichtig gesprochen, haben Sie
etwas anders von ihm vernommen als Unsinn?« GRAF: »Nein, mein Herr Prediger,
viel Schönes hat er uns vorgetragen, aber freilich in einer Art, die sich unter
einander vernichtet, wie jene zwei Löwen, die sich so lange bissen, dass endlich
nichts als die beiden Schwänze übrig blieben.« FRANK: »Sehr wahr, und das ist
wieder Künstlercharakter; dieses Hetzen in sich, dieses ewige Kritisieren, das
in aller Berührung mit der Welt durchaus tötet und nie belebt, jedes Spiel
verdirbt, jeden frohen Gesang ängstiget, ob er auch an seiner Stelle. So wirkt
die frische Literatur, wie die frischen Zeitungen gar böse auf die Augen; ein
junger Dichter glaubt es seine Schuldigkeit, einer ganzen Gesellschaft alle
eigenen gewohnten Strassen der Fröhlichkeit mit seinen gezwungenen Verrenkungen
sogenannter Laune, Phantasie, Humors, Witzes und Genies zu verleiden, indem er
sich wie ein Fallsüchtiger quer drein legt.« GRAF: »Da müssen wir ja die
Künstler absondern von aller Gesellschaft, wie der ägyptische König die dreissig
Kinder in eine Wüste verpflanzte, damit sie die Ursprache erfänden.« FRANK: »Ja
wohl, lieber Graf, wie die Bildhauer von dem Staube leicht die Schwindsucht, die
Maler vom Farbendunste die Malerkolik bekommen, Tonkünstler leicht taub werden,
und mit diesen Krankheiten alle die anstecken, die in ihren Werkstätten hausen,
so teilen die Dichter ihren Dichtersparren gar leicht den Menschen mit, die sie
sich zu ihrer Werkstatt erlesen, und dazu ersehen sie in ihrer Torheit die ganze
Welt und denken nicht daran, dass ihnen nachher keine Leser übrig bleiben.«
GRÄFIN: »Sie wissen, ich sage meine Meinung. Sie sind ein Verstandesmensch, Sie
wissen nicht, was Begeisterung sei, wie ein Mensch darin im Augenblick über alle
erhaben die Welt überschaut, wo sie uns verschlossen mit Bergen und Wolken; muss
er da nicht hart sein gegen die, welche ihn nicht verstehen und seiner Gaben
sich nicht erfreuen?« FRANK: »Haben Sie nie Verse gemacht oder sonst in Worten
etwas dargestellt?« GRÄFIN: »Nein, ich wagte es nie, die Worte waren mir immer
entfernter als Musik und Zeichnung.« FRANK: »Nun kann ich es mir erklären, wie
Sie Dichter für so ganz besondre Menschen halten. Erst in eigner Übung lernt man
bei aller Kunst das Übereinstimmende augenblicklicher Eingebung mit jahrelangem
Streben erkennen; wie die Körper nur flüssig auf einander wirken, so bedarf das
Geisterreich einer vieljährigen lösenden Wärme, ehe es seine edlen Metalle in
einem Geiste niederschlägt und frisch kristallisiert in einem Augenblicke allen
zur Bewunderung herstellt. Ob einer unter Büchern, oder auf einsamer Heide, oder
in sich verschlossen unter einer Menschenmenge, dieser Sehnsucht seines ganzen
Herzens nachhängt, das kommt auf eins: dieses sind die wahren Dichter; jene
aber, die, wie Waller, auf halbem Wege stehen bleiben, möchten ohne eine
Sehnsucht nach dem Herrlichsten, diese heilige Gabe immerdar empfangen, und so
wird jede Torheit, die ihnen durch den Kopf geht, als eine heilige Gabe von
ihnen geachtet und ausgeschrieen. Die Welt tauscht diese Torheit mit andrer
Torheit ein, so ist es ein ewiges Rühren und Erquicken zwischen der
mittelmässigen Welt und den mittelmässigen Dichtern.« GRÄFIN: »Denken Sie auch,
was Sie mir darin sagen.« FRANK: »Ich darf es sagen, denn Sie denken eigentlich
höher und tiefer, aber Ihr guter Glaube, Ihr wohlwollen nimmt Ihnen das ruhige
Urteil über Waller.«
    Die Gräfin stellte sich ärgerlicher, als sie war; sie ging zu Waller, der
gewaltig nieste und etwas zu essen begehrte. Der Schlaf schien den Mann
verwandelt zu haben; während er mit grosser Begierde ass und trank, liess er schon
seiner ganzen Lustigkeit den Zügel. Die Kinder mussten ihm ein Puppenspiel
bringen, das er von einem Freunde, dem Puppenspieler Rubald, zum Geschenke
erhalten hatte, nachdem dieser wieder in den Krieg gezogen. »Ein grosser
wunderlicher Kerl«, so beschrieb ihn Waller, »in allen Weltteilen hatte er schon
gefochten und mit Puppen gespielt; er zeigte mir einmal seine Brust, da war jede
Schlacht und jedes neue Puppenspiel mit Pulver einpunktiert, die er mitgemacht;
keinen andern Orden hatte er bewahrt. Ein Hufeisen trug er wie einen Ringkragen
um den Hals, das hatte er dem Hinterfuss vom Pferde seines eignen fliehenden
Feldherren, um ihn aufzuhalten, abgerissen, und war dabei mehrere Schritte weit
halb tot fortgeschleift worden. Er hatte einen törichten Hass gegen die Juden;
vergebens stellte ich ihm oft vor, dass sich die Juden in unsrer Zeit in jeder
Tugend, in jedem Talente bewährt hätten; noch sein letztes Stück war zum Teil
gegen eine reiche Judenfamilie gerichtet, die sich in der Art, wie sonst reiche
adlige Häuser in einer Residenzstadt gegen den verarmten Fürsten aufgelehnt
hatte, nachdem sie durch Lieferungen schnell reich geworden.« - Alle baten, er
möchte das Stück geben, denn nach aller Beschreibung ginge es auf ihren
ehemaligen Fürsten, den in seiner Residenz gleiches Schicksal betroffen. Waller
hatte das ganze Stück und war bereit es aufzuführen. Sein Teater wurde hinter
einer Türe aufgeschlagen; jeder half dabei, was er konnte, und die meisten
standen dabei im Wege. Am Abend, als Licht angezündet wurde, war der
geheimnisvolle Vorhang schon vorgezogen und Waller in seinem Zimmer versteckt.
Nach einer kurzen Musik, die er mit Händen und Füssen und dem Mundwaldhorne
klapperte und brummte, erhob sich der Vorhang, und die Zuschauer sahen den
grossen Kopf des Waller, der das Teater fast füllte, durch Schminke und Schwärze
lächerrlich charakterisiert.
 
                           Dreiundzwanzigstes Kapitel
      Übersicht der Tragikomödie von dem Fürstenhause und der Judenfamilie
                            Prolog des Dichterkopfes
Was ist für Freude noch bei grossen Bühnen,
Da ist nichts Lust'ges mehr, kein wild Erkühnen,
Auch ich war einst dabei, hab mitgemacht,
Und hab in Jahren nicht dabei gelacht.
Die guten alten Spieler werden schwach,
Und ach das junge Volk wächst schwächlich nach,
Was kann die Welt für Lust an Kindern haben?
Es dankt das Publikum für künftige Gaben,
Will Fert'ges sehn; was sich erst bilden soll,
Das mache kein Geschrei, sonst heisst es toll.
Den Kindern springt die Quint, wie ich's gehört,
Das Publikum ward ganz von Hass betört,
Es pocht, es lärmt, und keiner schien mehr recht,
Es flohn die Schauspielleut aus dem Gefecht.
Da nahm ich nun mein Tuch, macht einen Knoten,
Und hab ein Kinderspiel dem Volk geboten,
Und wackelte damit und liess es tanzen,
Ich ward vergnügt und es gefiel im ganzen.
Ich nahm das Buch recht wie ein Kind in Lehre,
Als ob's das Publikum, das edle wäre,
Und fragt es aus, wie es uns möchte haben?
Da sprach's so viel von hohen Künstlergaben,
Doch wusst es nicht, wo die zu Kaufe waren;
Da musste ich es billig drin belehren:
»Die Kunst ist frei, sie brauchet viel Teater,
Das eine bild das Kind, dies zeig den Vater,
Wenn jenes reif, da tret es hier erst ein!
Doch weil für jetzt dies Schauspielhaus allein,
So müsst ihr auch den Schülern gnädig sein.«
Auf dieses Wort folgt Klatschen allgemein,
Ei dachte ich, und konnt es gar nicht fassen,
Dies Schnupftuch kann jetzt mehr, als Künstler spassen;
Die Künstler sind zum Spass zu vornehm worden,
Und doch nicht gross genug zum trag'schen Morden.
Ich ging davon und machte kleine Puppen;
Viel hatt ich nicht zu brocken in die Suppen,
Doch essen auch nicht viel die kleinen Leut,
Sie sind zu jeder Rolle stets bereit,
Um Kleider ist kein Streit, auch nicht um Tugend,
Auch nicht um Liebhaber, auch nicht um Jugend.
Sie sind so alt, wie ich sie eben brauch,
Die weissgenasten häng ich in den Rauch.
Mein Kopf füllt mein Teater ganz allein;
Sind meine Menschen gegen mich nur klein,
So bin ich darum wahrlich gross zu nennen,
Kann sie verbinden, und sie trennen,
Nach Eigensinn und nach Verstand,
Und bin ein rechter Gott in diesem Land;
Weiss ich nichts mehr aus meinem Kopf zu sagen,
So brauchen sie nur tüchtig sich zu schlagen,
Und weil mein Kasperl trefflich Tritte gibt,
So schweigt Kritik und ich bin stets beliebt,
Ein jeder lacht, ein jeder gibt sein Geld,
Jetzt ist mein Kasperl hier der grösste Held.
Kasperl kuckt bei diesen Worten neugierig in ein Fenster, wo eine ansehnliche
Judenfamilie unter versetzten Sachen bei einem Gewitter kauert. Sie glauben der
Messias komme, worüber die Tochter Rachel hochmütig lächelt; aber nun springt
Kasperl herein, alle erschrecken und die ohnmächtige Tochter bittet um ein
Zuckererbschen aus dem silbernen Büchschen; Kasperl gibt ihr einen Nasenstüber
und gibt sich für den Messias aus. Der Jude frägt, woran er ihn dafür erkennen
soll; Kasperl gibt ihm Tritte wegen seines Unglaubens, der alten Jüdin einen Kuss
und so glauben alle an ihn. Er wird ungemein mit Räucherungen geehrt, nimmt
ihnen aber das Opferfleisch vor der Nase weg, und sagt ihnen, das sei also die
neue Mode im Himmel. Nachdem er gut gegessen, will er zu Bette; der alten Jüdin
sagt er heimlich, er wolle sie heiraten, und dem jungen Mädchen gleichfalls. Sie
geben ihm ein grosses Bette, da erschrickt er über die Decke, worauf das
fürstliche Wappen gestickt; er ruft alle herein, wie sie dazu gekommen. Sie
sagen, das müsse er in seiner Allwissenheit auch wohl wissen, dass sie es im
Versatz hätten. Er sagt, dass er nur der Ordnung wegen gefragt, und schickt sie
wieder fort. Nun hebt er einen Judenschlafrock auf, dessen Saum mit Cymbeln
besetzt ist; er fängt die Cymbeln an zu bewegen, alle laufen zusammen und fragen
nach der Neuigkeit. Er sagt ihnen, es sei bloss der Wachsamkeit wegen; sie gehen
ärgerlich ab. Nun besieht er seine Leibwäsche, die er ausgezogen und die voll
Löcher, und zieht ein Judenhemde an, das voll Flicken, den Schlafrock mit den
Cymbeln drüber, und so geht er fort aus dem Fenster, um seinen Herrn, den
Prinzen von Mesopotamien, zu bedienen, dem er im Gastofe Quartier machen
sollte. Die beiden Jüdinnen, Mutter und Tochter, kommen jetzt herein und wollen
zum Messias, und eine hält die andre dafür; der alte Jude hat sie aber vermisst
und kommt mit Licht; da erkennen sie sich, und der alte Jude meint, der Messias
wäre wegen ihrer Unkeuschheit davon gegangen; sie aber sagen, er sei vor ihnen
gen Himmel gefahren; der Jude wird böse und will sie schlagen, wird aber
jämmerlich von ihnen am Barte gezaust. So schliesst der erste Akt, und der zweite
beginnt, indem eine Lerche nachgeahmt wird. Es ist Morgen, des Fürsten Schloss
auf dem Berge wird von der Oberhofmeisterin Gretel ausgefegt, sie will dabei
allerlei geistliche Lieder singen, doch fällt ihr immer der verlaufene liebe
Mann Kasperl ein; dann schimpft sie auf ihren schweren Dienst und erzählt von
ihren Erziehungsgrundsätzen, wie sie die beiden Prinzessinnen Spassine und
Ernestine klug gemacht. Spassine und Ernestine kommen gelaufen; jene bringt einen
Apfel, worin ein Gesicht geschnitten, und frägt sie, wem es gleiche? Gretel
fängt an zu weinen: so sehe ihr lieber verlaufener Mann Kasperl aus. Nun lassen
sie sich von ihr den Mann beschreiben; sie erzählt unter andern, dass er vom
Reiten auf Abenteuer schöne krumme Beine gehabt, seine Nase dabei als
Meilenzeiger, die Augenbraunen als Regenschirm gebraucht habe. Hierauf kommt der
Fürst mit Jagdzeuge beladen von der Jagd zurück, er hat einen Zaunkönig
geschossen und der soll zum Mittagessen gebraten werden; dann macht er sich
bequem und examiniert seine Kinder, was sie gelernt und getan: »Nun liebe
Ernestine«, sagt er, »du hast was auf deinem Gewissen, bekenn es nur, du bist so
still heute. Wie? Du fängst bitterlich an zu weinen, hab ich dich mit dem Kamm
gerissen? Sieh, ich muss mit weinen, und das kostet mir mehr als dir.« ERNESTINE:
»Weinen Sie nicht lieber Vater, ich will alles sagen, aber Sie müssen mich nicht
so anblicken.« FÜRST: »Sprich nur liebes Kind, ach Gott gib mir Kraft, was werde
ich hören müssen.« ERNESTINE: »Ich war in den Garten hinuntergesprungen, ganz
traurig bin ich zurückgeschlichen.« FÜRST: »Du armes Kind.« ERNESTINE: »Weil er
weggegangen.« FÜRST: »Je wer denn?« ERNESTINE: »Ei nun der Bettler, dem ich den
Kuss gegeben.« FÜRST: »Ein Bettler? Ist denn mein Bettlermandat nicht
angeschlagen?« ERNESTINE: »Lieber Vater, ich hatte gar nichts, ihm zu geben, Sie
wissen ja; und es war so ein schöner junger Mann, den ich ohne Trost nicht
weglassen durfte, da fragt ich, ob ihm ein Kuss nicht zu wenig wäre - und da
sagte der gute Mensch, er sei ihm nicht zu wenig, und da gab ich ihm doch zwei,
und den dritten nahm er sich, und den vierten gab ich ihm obenein, und den
fünften in den Handel, und den sechsten, weil ungerade Zahlen nicht gedeihen und
...« FÜRST: »Der Bettler muss dir was angetan haben.« ERNESTINE: »Er hat mir was
abgenommen, meine Ruhe; aller Orten suche ich ihn und singe: Wo suchen dich
Herzliebster meine Gedanken? Es findet dich nirgends mein Blick, dein Bild
bleibt vor mir im Schwanken, wie's Glück. O du mein einziges Glück, dir nach
meine Seufzer rufen! Dir nach die Seufzer grüssen, mein Mund folgt nach dem Kuss,
den deine Lippen küssen, und deine Küsse sind Luft; der Wind kann sie nicht
wegnehmen, er müsste sich ja schämen, dass er mir alles nähm, das wär ja
unverschämt.« FÜRST: »Ach, was ist das für ein Unglück; das Armut will ich doch
gar nicht mehr in meinem Lande dulden; es soll alles Armut freien Abzug zum
Nachbar haben.« SPASSINE: »Vater, da müssten wir und Sie ja auch zum Lande
heraus.« FÜRST: »Schweig, in Regierungssachen musst du dich nicht mischen; ihr
macht mir heute vielen Kummer. Ernestine, blase die Gedanken weg, heute kommt
dein Bräutigam, der Prinz von Mesopotamien; schlag Federball, das vertreibt dir
die bösen Gedanken.« ERNESTINE: »Ich kann nichts anders denken, als ihn, ich
kann niemand anders heiraten, als ihn; den Prinzen kann ich nicht lieben.«
FÜRST: »Ei was lieben, darauf kommt's beim Heiraten nicht an, das Heiraten ist
eine Sache für sich; deine Mutter selig war mir ganz abscheulich, ich habe sie
doch geheiratet.« ERNESTINE: »Lieber Vater, ich kann ihn nicht nehmen; ich würde
eine Lust bekommen, ihn umzubringen.« SPASSINE: »Lieber Vater, wenn die
Schwester den Prinzen nicht haben will, geben Sie ihn mir; ich möchte gar zu
gerne heiraten.« FÜRST: »Ei meine Tochter, so was müsst ihr gar nicht sagen, wenn
das unten bei den reichen Juden bekannt würde, die liessen es in ihre Zeitungen
und Journale einrücken; Frau Gretel, sag Sie mir doch, was hat Sie den Kindern
für Sachen in den Kopf gesetzt; merk ich so was von Ihr, so geb ich Ihr eine
Backpfeife, dass es Ihr noch lange vor den Ohren summen soll.« - Frau Gretel
setzt hierauf ihre Pestalozzische und Vakzinations-Erziehungsmetode
auseinander; der Fürst will die alte Metode verteidigen, sie zieht aber den
Pantoffel aus und weiset ihn zur Ruhe. - Während dieses pädagogischen Gefechtes
tritt Kasperl in den Kleidern seines Herren, der ausgeblieben, mit einigen
Reden, die seinen Spass erklären, herein und gibt sich für den Prinzen von
Mesopotamien aus. Gleich erkennt er seine Gretel; sie hat aber zu viel Respekt
gegen ihn und seufzt vor sich, dass es schade sei, ihr Kasperl habe doch nie so
was Vornehmes an sich gehabt. Der Fürst und die Töchter sind sehr verlegen; doch
fasst sich Spassine und gibt die Schlägerei für ein Pantoffelspiel aus; der Fürst
bezeugt auch sein Vergnügen an dem schönen Spiele, und sucht seine blutende Nase
zu verstecken. Kasperl dankt für dergleichen Spiel und schlägt ihm dafür das
grosse Essspiel vor. Als ihm dies nicht gewährt werden kann, weil der Zaunkönig
noch nicht gebraten, so soll er inzwischen raten, welches seine Braut; Spassine
macht ihm viele Artigkeiten und Ernestine weiset ihn sehr hart ab; er bestimmt
sich also aus Respekt gegen das Pantoffelspiel für Spassine, die ihm auch von dem
Fürsten für seine Braut angegeben wird. - Der Fürst will darauf seinem Eidam das
Reich vom hohen Turme zeigen und Kasperl frägt, ob auch kein starker Wind, dass
er etwa über die Grenze geweht werden könnte? - Ernestine bleibt allein zurück
und stellt sehr tiefsinnige Betrachtungen in ganz philosophischer Sprache über
die fürstlichen Heiraten an, die alle Fürstenhäuser verderben, indem sie aus
Naturen nie in Leidenschaft die falsche Richtung wegschaffen, die sie auch in
sich gefühlt habe, ehe sie geliebt; nur in der Liebe sei Wahrheit, Volkssinn,
der sich allem anschliesse, alles verstehe, selbst den Bettler. Sie setzt sich
nieder und weint. - Der wahre Prinz, der am Morgen als Bettler verkleidet ihr
die Küsse abgenommen, tritt in anständiger Tracht herein und bemerkt sie nicht.
Er erzählt von seinen Absichten, eine Heirat aus Liebe zu stiften, und wie er so
ganz seeleneigen dem armen Mädchen geworden, das in diesem Schloss diene und
ihm nichts, als ein paar Küsse, habe geben können; der Prinzessin wolle er
entsagen, die ihm bestimmt, dies arme Mädchen aber aufsuchen, - »so recht
vertraut, haarklein ihr aufzuzählen, was mir so taglang, so nächtelang tät
fehlen, Vertrauen, ewiges in Lieb gebunden, im armen Mädchen hab ich's nun
gefunden; die Krone will ich ihr zu Füssen legen, kommt Kuss dem Kuss, der Blick
dem Blick entgegen, und dass dies alles sei kein Augenblick, wie jener Kuss, der
noch mein ganzes Glück, nein die Gewohnheit aller meiner Stunden durch heil'ges
Band auf Leben und Tod gebunden.« - Indem er so deklamiert, ist er mit seiner
Hand der Prinzessin so nahe gekommen, dass er ihr ins Gesicht schlägt; sie
schreit auf: eine Szene des freudigen Wiedererkennens und der Verzweifelung, sie
beleidigt zu haben. Doch sie vergibt ihm mit vielen dicken Küssen. Die Szene
verwandelt sich in das Esszimmer des Fürsten, der sehr böse ist, dass seine
Tochter alle auf sich warten lässt. Kasperl frisst heimlich alle Schüsseln aus,
und sagt immer, das habe nichts auf sich, sie könnten immer noch warten. Endlich
wird Spassine nach der Schwester geschickt und kommt mit der Nachricht wieder,
dass sie in den Armen eines fremden Ritters liege. Der Fürst fordert Kasperl auf,
die Ehre seines Hauses, dem er nun bald verbunden, mit dem Schwerte zu
verteidigen. Kasperl will nicht, weil er kein Blut sehen könne, er verflucht die
törichten adeligen Sitten. Alle dringen in ihn mit Gabel und Messer, dass er ihre
Ehre verteidige; endlich zieht er sein hölzernes Schwert, als aber der Prinz mit
Ernestine hereintritt, wird er gleich rückgängig und fällt ihm zu Füssen. Der
Prinz reisst ihm seine Kleider ab und nun erscheint er in dem jüdischen
Schlafrock, dessen Saum mit Cymbeln besetzt ist. Gretel erkennt ihn und wird
unmässig böse und zärtlich gegen diesen ihren verlaufenen Mann. Sie machen
einander schöne Vertraulichkeit, ihre Kinder haben alle öffentliche Stellen am
Pranger bekommen; endlich fangen sie sich an zu schlagen und die Cymbeln
klingeln so laut, dass die ganze Judenfamilie erscheint, ihren Messias und ihren
Schlafrock aufzusuchen. Sie wollen ihn mit Gewalt der Gretel entreissen, und der
Fürst, der nun durch den fremden reichen Schwiegersohn Mut gewonnen, bestraft
sie für diesen frevelhaften Eingriff in eine glückliche Ehe mit dem Verluste der
Schuld für das verpfändete fürstliche Ehrenbette. Die Juden bringen mit
Lamentieren das grosse Bette aufs Teater, der Fürst segnet die liebenden
Verlobten; Kasperl schlägt an seinen Cymbelnrock und die ganze Judenschaft muss
tanzen.
Die Zuschauer hatten alle des Stücks herzlich gelacht, besonders die Kinder, nur
die beiden Söhne Wallers hatten oft während des Stücks bitterlich geweint, und
als sie um die Ursache befragt wurden, sagten sie, dass sie die Reden der
Ernestine so oft von der Mutter hersagen gehört. Der Graf gewann die beiden
Kinder sehr lieb; so auffallend ihm im Anfange ihr wildes, neugieriges,
aufspürendes und nachahmendes Wesen geschienen, so bedeutsam wurden ihm jetzt
manche ihrer Fragen. Die Gräfin teilte diese Neigung nicht; seit sie selbst an
den ersten Beschwerden der Schwangerschaft litt, und ihre sonst unzerstörbare
Gesundheit geschwächt fühlte, sogar fürchtete, einen ihrer schönen Zähne
einzubüssen, hasste sie alle Kinder, und schwor ihrem Manne im Übelbefinden ihres
Magens, womit sich dieser Tag schloss, nie wolle sie mehr als dies eine Kind
haben, das ihr schon so viel Not bereite.
 
                           Vierundzwanzigstes Kapitel
                           Traugotts erste Erinnerung
Gleich am andern Morgen, als Waller noch schlief, fand der Graf die beiden
Knaben schon mit Angeln beschäftigt, sie wiesen ihm mit Jubel einen kleinen
Fisch. Hier erfuhr der Graf, dass nur der jüngere Knabe Alonso Wallers Sohn sei;
der andere, Traugott, war ein Kind erster Ehe; die Mutter hatte sich aber durch
keine Gewalt von ihm trennen lassen. Alonso hatte die Nacht geträumt, die Mutter
sei vom Himmel herunter gestiegen und habe in ihre schwarz seidene Schürze, die
sie gewöhnlich zu tragen pflegte, den Traugott eingewickelt und mit sich
geführt. Der Traum setzte den Grafen in Verwunderung, da beide Kinder eben kein
träumerisches Ansehen hatten, doch schien Traugott den Tag viel stiller als
sonst; er musste ihm etwas aus seiner früheren Geschichte erzählen. Weil er nun
noch nie darnach gefragt war, so lag alles sehr bunt unter einander, wie die
Umgebung es ihm zurück rief. Viel sprach er von einem Wasser, worin er einmal
gelegen; der Bruder sagte aber, das sei nicht wahr, man habe ihnen bloss erzählt,
der Storch hätte sie aus dem Wasser geholt, davon käme die Geschichte. Traugott
liess es sich nicht abstreiten, er sagte, dass er ganz allein gewesen und dass ihn
ein unbekannter Mann herausgezogen. Dann erzählte er viel von einem kleinen
Fürchtegott, mit dem er als Kind gespielt; der sei älter gewesen und habe immer
alles im Spiele so schön einzurichten gewusst, dass er noch jetzt die Paläste
nicht beschreiben könne, die jener aus Bausteinen und ausgeschnjetztem Papiere
mit einem durchscheinenden Lichte hervorgebracht habe; er werde nie wieder die
künstliche Pracht sehen; er habe so viel Ehrfurcht vor ihm gehabt, dass er jeden
Schlag von ihm als eine Gnade angenommen, und sich Gott nicht anders, als wie
seinen Fürchtegott gedacht habe; ihm habe er alles geschenkt, was er bekommen an
Geld und Früchten, ungeachtet er bei dem Anblicke eines Apfels schon ein
begehrliches Zucken im Munde verspürt. Diesem Fürchtegott hätte er auch seine
Kleider gegeben, und als das der Vater wahrnahm, hätte jener nicht mehr zu ihm
gedurft, und da habe er sich tot hungern wollen. Nachdem er einen Tag gehungert,
sei er morgens früh aufgewacht, er hätte den Druck einer Hand gespürt, die ihn
erweckt, hätte aber nichts Lebendes um sich gesehen, als den hellen
Morgenschimmer, der in der leeren Luft mit unzähligem Staube Ball geschlagen.
Sein Blut habe gewallt, sein Herz gepocht, sein Auge sei geblendet gewesen, und
er hätte geglaubt sich zu sehen, ganz elend, wie die Leute ihm aus Mitleid
seinen Fürchtegott zugeführt hätten. Nachher habe er nichts vor seinen Augen
gesehen, als eine feste grüne Wolke im roten Felde, dann sei die Wolke rot und
das Feld grün geworden. Unwiderstehlich habe es ihn in den Schlossgarten gezogen,
der Vater habe noch geschlafen, das Schloss sei ganz still gewesen, und er habe
niemand auf den Treppen gesehen, als ein paar weisse Mäuse. Vor dem Schloss habe
er unter zwei himmelhohen Linden gestanden, die mit weissen Blüten und summenden
Bienenschwärmen bedeckt gewesen. Die Bienen hätten sich endlich davor gesammelt,
wie eine braune Wolke und langsam tief ihren Zug weiter in den Garten genommen,
er aber sei ihnen nachgefolgt, wo ihm sonst nie erlaubt, hinzugehen, weil er von
vielem freien Gewässer durchschnitten. Er sei ihnen erst zagend gefolgt, aber
der Schmerz der kleinen Steine an den Sohlen habe ihn endlich entschlossen
gemacht. So kam er zwischen eine Reihe weisser Menschen in weissen Kleidern ohne
Augen, die unbeweglich blieben, auf seinen Gruss nicht dankten, dann zwischen
Bäume, die schmal und breit wie eine Mauer auf eine weite Aussicht geführt
hätten; aber plötzlich habe er seinen Kopf gegen Bretter gestossen und statt der
Aussicht nichts als bunte Flecken vor sich gesehen. »Es muss eine sonderbare
Kunst sein«, sagte Traugott hier, »die etwas macht, das zugleich ist, und nicht
ist, oder ist etwa alle Kunst also?« - Die Bienen hatte er über diesen Anstoss
und über diese Aussicht ganz aus den Augen verloren; er sah aber seitwärts ein
schwarzes Schild, das von vielen Ärmen getragen wurde; da fand er in der Mitte
einen grossen Stein umgeworfen, und einen wunderlichen duftenden Haufen von
trockenen Kiennadeln, worauf viele Ameisen liefen, die er wohl kannte. Da huckte
er sich nieder, doch mit grosser Vorsicht, dass ihm keine ankrieche, sah dann zu,
wohin sie so eifrig liefen, konnte aber nichts finden, warum sie also beweglich;
da rührte er in den Haufen, um ihnen doch eine Ursache zur Unruhe zu geben. Weil
ihnen nun die Decke ihres Hauses fehlte, hatte er Mitleiden mit ihnen und warf
eine Menge trockner Nadeln, die in der Nähe unter einem Baume lagen, darauf. Die
Ameisen brachten sie schnell in Ordnung, und nun wurde er dem Völkchen so gut,
dass er einen Strohhalm in die Mitte hineinsteckte, auf dass sie sich in der
Gegend umsehen könnten. Gleich stiegen viele hinan und wie eine oben, trieb sie
wieder eine andre hinunter; er aber wollte, dass eine bleiben sollte, und warf
mit Erde drein, und da wurden alle böse und hatten ihn heimlich beschlichen und
kniffen ihn so unleidlich, dass er davon lief, immer blind zu, bis er in einem
kühlen Wasser stand mitten unter Wasserlilien, und aus jeder Wasserlilie sah
Fürchtegott heraus; aber so wie er dazu kam, war er wieder fort, und sass auf
einer weiter weg und lachte über ihn. Über ihm rief aber ein alter Mann mit
einem glühenden Gesichte aus einer grauen Wolke, in die er ein Loch gerissen,
und da verschwand Fürchtegott; der alte Mann rief immer fort: »Traue Gott,
fürchte Gott und scheue niemand!« - Bei diesen Worten hob ihn eine Hand aus dem
Wasser und er lief frierend von Nässe in die Sonne, damit die Mutter nicht sähe,
dass er im Wasser gewesen. Und da schien es ihm in der Sonne, als ob er selber
anfinge zu leuchten, und lebte draussen ausser sich auf allen Blumen, die er
ansehe, auf allen bunten Steinen, die vor ihm glänzten, und das alles sah
künstlicher aus als alles, was Fürchtegott ihm gebauet, und Fürchtegott war ihm
auf immer ganz gleichgültig; und als er in der Sonne trocken geworden, ging er
zurück ins Schloss, wo noch alles schlief, legte sich in sein Bett, frühstückte
mit den andern, und sagte lange niemand davon.
    Die Historie hatte den Grafen wunderlich ergriffen; er war an manche kleine
Begebenheit seiner eigenen Jugend dabei erinnert worden; er ging zu Waller und
fragte ihn, der noch im Bette lag: wozu er den Knaben bestimme? Waller sagte,
dass er ihn dem rechten Vater wieder zustellen wollte, so wie er seinen eignen
Sohn den Amtmannstöchtern überlasse, die den Tag vorher die wunderliche
Geschichte mit ihm gehabt. Der Graf bat ihn, den Knaben doch diesen Sommer bei
ihm zu lassen, er scheine sich bei der Landwirtschaft zu gefallen. - - »Es ist
ein Allerweltsjunge«, sagte Waller, »recht gerne, behalten Sie ihn, der gibt
sich mit allem ab; Sie sollten einmal sehen, ganze Pakete Gedichte, Tragödien
schmiert er zusammen, und ich kann Ihnen versichern, dass ich manches darunter zu
meinem Gebrauche bearbeitet habe; denn alles hat freilich etwas sehr Unreifes,
Abgerissenes.« - Die Annahme des Knaben war aber mit der Zustimmung Wallers noch
nicht ausgemacht; die Gräfin war sehr dagegen, sie scheute die kleine Mühe der
Oberaufsicht; doch nach mancher Zärtlichkeit des Grafen gab sie endlich zögernd
nach.
 
                           Fünfundzwanzigstes Kapitel
                Waller und die tolle Ilse. Abenteuer einer Nacht
Waller hatte unterdessen sich mit den sämtlichen Hausbewohnern bekannt gemacht,
und mit der tollen Ilse ein besondres Verständnis eröffnet. Ihr Wesen war ihm
neu und gehörte in die Reihe seiner inneren Abbildungen; er schien sie
unbegreiflich zu reizen durch die zierliche Art von Hofmachen, die ihr von
Knechten und Jägern und andern Hofleuten noch nicht geboten. Waller trieb so
etwas mit grosser Hitze, als müsste mit der untergehenden Sonne alles beendigt
sein, und wirklich brachte der sie auch in wenig Tagen so weit, dass sie ihm eine
nächtliche Zusammenkunft gestatten wollte, insofern er eine schwere Gartenleiter
an ihr Giebelfenster legen könnte. Jede Stunde hatte er aufgeschrieben, wie weit
seine Liebschaft gediehen; bei dieser Aufforderung stand ein Seufzer und die
Worte: »Das ist unmöglich, die Leiter rücke ich kaum von der Stelle, viel
weniger kann ich sie aufheben und anlegen.« Nach vielem Umhersinnen kam er auf
den Prediger Frank, der ihm ein weltlustiger Vogel geschienen, dass er ihm diesen
kleinen Dienst leisten sollte. Gleich ging er hinüber zu ihm, und Frank wusste
sich gleich zu fassen, ging in alles ein, und versprach sich davon recht vielen
Spass. Heimlich machte er den Grafen mit seinem Auftrage bekannt, und verabredete
sich mit ihm. Abends gegen zwölfe stellte er sich vor Wallers Zimmer ein, der
ungeduldig schreibend seiner wartete. Er war vom Kopfe bis zu den Zehen
bewaffnet, im Stiefel hatte er einen Dolch versteckt, in jeder Rocktasche eine
Doppelpistole; sein Testament legte er versiegelt auf den Tisch, küsste ein
Gemälde seiner Frau, ergriff seine Gitarre und ging in höchster Spannung
stillschweigend voraus, unserm Frank den Weg zu zeigen. Die Nacht war dunkel,
der dunkle Baumgarten nur durch sein Rauschen von dem stillen Himmel zu
unterscheiden. Bei dem unerwarteten Aufschrecken eines Vogels rief er einmal:
»Haben Sie was gesagt?« Und als ihm ein Käfer gegen die Backen flog: »Wie war
das gemeint?« - Alles ward still bis auf ein paar Frösche, die sich im Teiche
bei einer Serenade verspätet hatten, und selbst diese gaben ihm Argwohn, dass er
Lust bekam, seine Pistolen in das Wasser abzufeuern. Der Graf und die Gräfin
sassen in einer Laube versteckt, und lauerten auf Ilsens Fenster, das erleuchtet
war und durch zwei vorgesetzte kleine Pillenbäume anzeigte, dass sie ungestört
des Liebhabers warte. Der Graf sang leise vor sich:
Lustig ist die Ilse,
Wenn ich sag, ich willse,
Lustig ist meine Ilse nicht,
Wenn ich sag, ich will sie nicht.
Welche sonderbare Lust liegt darin, einen andern in seiner Liebschaft zu
belauern! - Waller zog die Leiter mit des riesenhaften Predigers Hülfe glücklich
heran, lehnte sie an die Mauer und sang ganz schwach ohne Begleitung der
Gitarre:
Es schlug die Uhr,
Die Nacht war tief
Und alles schlief,
Gott Amor nur
Erwacht
Und lacht,
Und keinen stört,
Denn die ihn kennt,
Von Liebe brennt
Und ihn schon hört
Beglückt
Entzückt.
Ilse gab ihr Zeichen: ein dreimaliges Klatschen der Hand. Waller stieg hinauf,
wobei seine Gitarre zuweilen gegen die Leiter klapperte, und Ilse bei dem ersten
Erscheinen die Äusserung entlockte, ob er etwa ein Kästchen mit Geschenken bei
sich trage. Doch hatte er wirklich ein artiges seidnes Halstuch seiner Frau in
der Tasche, das er ihr sehr zierlich überreichte. Frank und der Graf waren ihm
inzwischen nachgestiegen und sahen durch das Fenster, doch unbemerkt von den
beiden Liebenden, um bei jeder Unordnung zwischen zu treten. Diese Vorsicht war
unnötig. Ilse hatte eine eigene Art ihre Zärtlichkeit auszudrücken; sie lachte
die Leute an, spottete über sie und ärgerte sich dann, wenn sie nicht verstanden
wurde. Wallern dagegen, sobald er sich erhitzte, fielen eine Menge schöner
Lieder ein, die er auf allerlei Gedankenbilder verfertigt hatte; da brauchte er
oft nur blaue in braune Augen zu verwandeln, um alles passrecht zu finden. Das
Feuer dieser Lieder durchdrang Ilsen, die tiefe Stimme, das leidenschaftliche
Wesen Wallers, die Zaubereien der Nacht ringsum, ergriffen ihr wunderliches
Gemüt, sie kniete vor ihm, und drückte seine Beine an ihr Herz. Aber statt ihre
Umarmung zu erwidern, verschlang sich sein Lied immer künstlicher, immer neue
Reichtümer seines Innern erschlossen sich ihm, immer mehr Personen traten auf in
seinem Wechselgesange über ihre Schönheit; das nahm kein Ende, die kalte
Nachtluft wehte durch das halboffene Fenster herein und Ilse, kalt wie Eis in
ihrer leichten Bedeckung nahm einen Mantel um, und setzte sich ihm gegenüber, um
zu warten, bis das verfluchte Gesinge endlich ein Ende nähme. Nun schloss er sein
unendliches Lied, während dessen dem Grafen auf den schmalen Leitersprossen die
Füsse fast erlahmten, mit den Worten:
Die leichten Töne,
Sie werden mir schwer,
So macht das Schöne ...
Hier fiel sie ein:
Herzen so leer!
Ihre Finger brennen,
Mein Herz wird kalt,
Wir müssen uns trennen,
Sonst werd ich bald alt ...
Gleich fiel er ein:
Die Finger brennen,
Mein Herz so brennt,
Die Saiten zerklingen,
Mein Herz zerspringt.
Sie hielt den Mantel auf, um die Stücken seines Herzens aufzufangen, er aber war
entzückt über ihr Einfallen, er hatte gar nicht geglaubt, dass sie auch Verse
machen könne. Er vergass darüber seine ganze Liebesangelegenheit und erzählte
Ilsen von nichts, als von einigen Liebesliedern vor den Fenstern, die er in sehr
glücklichen Nächten gedichtet. Sie machte ihm den Vorschlag, ob er die nicht vor
dem Fenster singen wollte, sie würden sich dort viel besser als in der engen
Kammer ausnehmen. Er war gleich bereit und der Graf und Frank hatten kaum Zeit
von der Leiter zu kommen, als er schon hinunterkletterte, und gleich unten auf
seiner Gitarre vorspielte, und dann mit begeisterter Stimme einfiel:
Sieh, der Morgen scheidet laulich,
Was am Abend lieb und traulich,
Nur in meinem Herzen wallen
Noch der Liebe volle Gluten,
Meine Sehnsucht muss erschallen,
Wie ein Sturz der wilden Fluten,
Ob er jemals wird vernommen,
Ob ihn Liebchen je erhöre!
Rastlos ist er fort geschwommen,
Trostlos nach dem hoffnungsleeren Meere.
Ilse sang oben, dass es wohl der Graf, aber nicht der begeisterte Sänger hörte:
Ach was gibt es für Liebhaber,
Seht, bei jedem ist ein Aber,
Doch vor allem muss ich lachen
Meines ew'gen Musikanten,
Ewig will er Flammen fachen,
Die mich doch schon lange brannten,
Und wenn mir das Herz will springen
Von den zärtlichsten Gefühlen,
Tut er nichts als klingen, singen,
Und mit zärtlichen Gefühlen spielen.
Waller hatte unterdessen ruhig fortgesungen:
Nein die Liebe ist zu luftig,
Zwischen Erd und Himmel duftig,
Lohnt sie Schmetterling im Garten;
In den Zimmern, in den Betten
Lohnet sie wohl nie die Zarten,
Leget sie wohl nur in Ketten,
Aber in der Ziter Klängen,
Fühl des Herzens süsses Leben,
Fühl des Busens zartes Drängen,
Und des nahen Atems schwebend Leben.
Hierauf antwortete die tolle Ilse ganz laut:
Wär ich deine Zitersaite,
Fühlte ich wohl manche Freude,
Doch was kannst du mir gewähren,
Willst du immer dich nur hören?
Hör, ich würde mich verzehren,
Würde ich dich nimmer stören;
Hör, wer irgend eifersüchtig
Und vor jedem Mann erschrocken,
Dem wärst du zum Wächter tüchtig,
Hört an deinem Hals der Glocke Locken.
Bei diesen Worten schlug sie das Fenster zu; vergebens stieg Waller wieder die
Leiter hinauf und sang ihr vergebens, als sie ihn gegen die Scheiben gelehnt
auslachte:
Mein Liebchen hinterm Pillenbaum
Versteckt ihr liebreich Angesicht
Mit ihren beiden Händen,
So meinte sie, sie säh mich nicht,
Und sieht mich durch die Finger kaum,
Und trüg mich doch gern auf beiden Händen.
Aber er täuschte sich, sie sah ihn an, machte ihm ein Kompliment, putzte das
Licht aus, und er musste ganz missmütig die Leiter herabsteigen. Ohne an Frank zu
denken, ging er im Dunkel ärgerlich vor sich hin, und machte einzelne rasche
Griffe auf seiner Gitarre; er war mit sich beschäftigt, wie er dies verkehrte
Abenteuer sich selbst am vorteilhaftesten erzählen könne; so geriet er in die
Nähe einer Windmühle, die der Müller eben zur vorzeitigen Tagesarbeit in dem
frischen Winde losliess. Der erste Flügel, der sich ihm nahete, schlug ihm die
Gitarre aus der Hand in tausend Stücke; vielleicht hätte er wie Don Quichote
seine Pistolen gegen diesen unbekannten Feind gebraucht, wenn nicht das Klappern
im Innern ihm sogleich mit dessen Beschaffenheit und guter Position bekannt
gemacht hätte. Vielmehr sang er jetzt unter Begleitung der sausenden feindlichen
Flügel jammervoll kläglich, hinblickend nach Ilsens Fenster:
Wenn ich zurück im Fenster wäre!
Ja wäre!
Hier unten ziehet Wind und Regen,
Mach auf, mach auf und sprich den Segen,
Bin draussen bei der Windmühl,
Wo der Müller mahlt,
Wenn der Wind geht.
Ach wär ich heut nur klug gewesen,
Gewesen!
Ich hätte dich in Arm genommen,
So ständ ich nicht so ganz verklommen,
Hier draussen bei der Windmühl,
Wo der Müller mahlt,
Wenn der Wind geht.
Wenn ich in deinem Herzen stände,
Elende!
Du würdest nicht das Licht ausmachen,
Und durch die Fensterladen lachen,
Und mich hier stehen lassen,
Wo die Ziter springt,
Und die Zähne klappern.
Bei diesen Worten, die der volle aufgehende Mond hell beschien, nahten sich
Frank, der Graf und die Gräfin mit unwiderstehlichem Lachen dem frierenden
Dichter. Er wollte sich erst böse stellen, aber das Lachen war ansteckend, er
geriet in den Lachkrampf hinein, und so ganz hinein, dass er flehentlich um
Schonung bat; die Tränen liefen häufiger aus seinen Augen, wie bei dem grössten
Unglücke; er hielt sich den Leib, und der Müller kuckte neugierig mit weisser
Mütze zu seinem Fensterchen auf sie herab. »Jetzt hat der Müller das meiste in
der Mühle«, sagte Waller, und lachte wieder, »denn sein Kopf ist doch weniger
als sein übriger Körper!« Der Müller fing an, darüber zu lachen, die Hunde
schlugen an in der Gegend, die Bauern meinten, es wären vielleicht Diebe
irgendwo eingebrochen, und standen auf; da ward in vielen Häusern Licht
angeschlagen, die Kinder erwachten und schrien, aber unsre Gesellschaft lachte
noch immer fort. Unerwartet hörten sie ein Schreien mehrerer Stimmen vom
Schloss her: »Diebe, Diebe, haltet sie!« Gleich darauf fielen ein paar Schüsse;
verwundert sahen sich unsre lustigen Leute an. Frank sagte, dass Waller
Doppelpistolen in der Tasche trage, der Graf entriss ihm eine und eilte voran der
Gegend zu, woher das Geschrei gekommen. Er begegnete dreien Männern, grün
gekleidet, die zu entkommen suchten, sie hatten durch ihre gezogenen
Hirschfänger ein paar verfolgende Bediente in einige Entfernung gehalten. Der
Graf trat unter sie, und drohte sie zu erschiessen, wenn sie nicht gleich ihre
Hirschfänger und Pistolen wegwürfen. Der unerwartete sehr entschiedene Feind
stürzte ihren letzten Mut; sie warfen ihre Waffen von sich und der eine der drei
Männer machte sich als der hässliche Baron namenkundig, und ward dafür erkannt;
seine Begleiter waren der Prinzenhofmeister und der Schweizer. Der Baron gebot
seinen Begleitern Stillschweigen, und erflehete demütig vom Grafen eine geheime
Unterhaltung. Frank und Waller, die inzwischen mit Bedienten und Knechten des
Schlosses helfend herbei geeilt, widerrieten ihm sehr dieses Zutrauen; doch der
Graf entschied sich nach seiner Art, ihn anzuhören. - Der Baron ging funfzig
Schritte mit ihm fort, dort fiel er vor dem Grafen auf die Kniee, bat ihn um
Schonung wegen der beiden armen Leute, die er fast gewaltsam zu diesem
Unternehmen gebracht; eine wütende Leidenschaft zur Gräfin habe ihn seit ihrem
ersten Anblicke gefoltert, aber auch ihn habe er immer geliebt. Als er neulich
die Gräfin beleidigt, das sei Folge dieser Leidenschaft gewesen, die sie niemals
in ihm erkannt, niemals aufgemuntert, der Schmerz habe ihm die harten Worte
erpresst; er habe nicht von ihr lassen können, sei wiedergekehrt zu ihr, doch als
ihn der Graf neulich so hart fortgewiesen, da habe er beschlossen, die Gräfin
durch gewaltsame Entführung sich anzueignen. Die tolle Ilse habe ihn von allem
benachrichtiget, sie habe durch Behorchen gewusst, dass der Graf um ihren
Liebeshandel mit Waller wisse, dass er dabei gegenwärtig sein würde, dass dann in
jedem Falle, was sich auch ereigne, alle Aufmerksamkeit von dem anderen Flügel
des Schlosses, wo die Gräfin schliefe, abgeleitet sei. Unmöglich hätte sie und
er vermuten können, dass die Gräfin bei ihren Umständen, in so kalter Nacht, ein
solches Abenteuer mit anzuschauen Lust haben könne; er habe sie in ihrem
Schlafzimmer allein geglaubt, und sei von der andern Seite mit seinen beiden
Leuten durch ein von Ilsen offen gelassenes Fenster eingestiegen, habe aber
alles leer gefunden und sei auf dem Rückzuge von einem erwachten Bedienten
entdeckt, und verfolgt worden. Der Graf segnete während dieser Erzählung, die
der Baron viel gestörter und umständlicher ablegte, den Vorwitz und die
Unvorsichtigkeit seiner Frau, der ihn eigentlich gekränkt hatte, bei dem
wunderlichen Abenteuer selbst gegenwärtig sein zu wollen; sie hatte dadurch
ahndend viel Not erspart. - Nach kurzem, bald entschiednen Nachdenken antwortete
er dem Baron bestimmt, dass er nur in dem einen Falle ihm die gerichtliche Strafe
seines Bruchs der öffentlichen Sicherheit schenke, wenn er sein künftiges Leben
ganz dem öffentlichen Wohle widmete; er kenne ihn, dass er sich als Offizier in
fremden Diensten ausgezeichnet; er möchte daher jetzt beim Wiederausbrechen des
Krieges die deutsche Sache mit seinem Blut verteidigen. Der Baron schwor ihm,
diese Strafe sei so schön, dass sie fast eine Wohltat zu nennen; er führe doch in
der Einsamkeit des Landes ein unerträglich langweiliges Leben und eine tätige
Änderung sei ihm wegen seiner törichten Leidenschaft dringend notwendig. - »Nun
wohl«, sagte der Graf, »Sie sind zu Hause in meiner Gewalt, wie hier, denn mein
Begleiter, der Prediger Frank hat Sie erkannt; gehen Sie nach Hause mit den
Ihren, und kommen Sie zum Mittag zu mir, wo ich Ihnen einige Briefe an einen
General meiner Bekanntschaft mitgeben will.«
    Frank und Waller waren höchlich verwundert, als die beiden andern Gefangenen
vom Grafen losgemacht und ohne Strafe fortgesendet wurden; alle drei entfernten
sich stummeilig, als würden sie noch verfolgt. Der Graf sprach kein Wort
darüber, als dass er alles bloss für ein verletztes Jagdrecht ausgab; einem Jäger
gab er heimlich Befehl das Zimmer der tollen Ilse zu bewachen. Man drang nicht
weiter mit Fragen in ihn, selbst die Gräfin beruhigte sich, denn alle waren so
müde, so erschöpft von den verschiedenen Gemütsbewegungen, dass der Schlaf in
seine Rechte eintrat, die er bis zum Mittage behauptete. Merkwürdig war es dem
Grafen, als er sich angekleidet hatte, und nach der tollen Ilse fragte, sie
nirgend entdecken zu können, ungeachtet der Jäger sehr gute Wache gehalten. Das
listige Geschöpf hatte gleich in der Nacht an dem ganzen Verlaufe der Geschichte
bemerkt, dass sie wahrscheinlich verraten sei, und war noch während der Unruhe
entwichen, wahrscheinlich die Liebesleiter hinuntersteigend, dicht neben denen
Leuten vorbei, die alle mit den Gefangenen ganz beschäftigt waren. Nachher besah
er die Art, wie der Baron in das Schloss gekommen, wo Ilse ein Fenster, statt es
zu schliessen bloss angelegt hatte. Nun wollte er auch die Doppelpistole
versuchen, die ihm drohend so gute Dienste geleistet, aber wie verwunderte er
sich, als das Pulver ohne Schuss von beiden Pfannen brannte, ungeachtet sie sehr
stark geladen. Er zog den Schuss aus und fand, dass Waller in seiner gewohnten
Unordnung, die eigentlich verbunden mit Verhören, Übersehen und einer
grenzenlosen Unbescheidenheit das Fundament seines Witzes ausmachte, die
Papierpfropfen vor das Pulver eingeladen. Und mit dieser unbrauchbaren Ladung
hatte er drei wohlbewaffnete Männer gefangen! So geht es aber im kleinen, wie im
grossen Kriege, Zutrauen und Unternehmung besiegen meist überlegene Zahl und
Waffen.
    Als die Gräfin aufgestanden war, erzählte er ihr ausführlich das ganze
Bekenntnis des Barons, bewunderte ihre geheime Vorahndung, die sie mit in den
Garten getrieben, und machte sie fast stolz mit den reichen Artigkeiten, wozu
seine Liebe nur Gelegenheiten suchte, um sich ganz ungemessen über sie zu
ergiessen. »Glaub mir nur immer«, sagte sie, »wo ich auf etwas bestehe, habe ich
sicher meinen geheimen Grund; so wusste ich recht gut, dass mich der Baron liebte,
jede Frau weiss das einem Manne abzusehen; so kannte ich recht gut seinen
gefährlichen Charakter und drang damals so ernstaft in dich, seiner im
Zweikampfe nicht zu schonen. Noch immer fürchte ich, dass er zum Mittagessen
entweder nicht erscheint, oder eine geheime Bosheit ausführt!«
 
                          Sechsundzwanzigstes Kapitel
      Der hässliche Baron, Nudelhuber, Kirre und Waller ziehen in den Krieg
Es schlug und läutete zum Mittagsessen und es fuhr ein Reisewagen ins Schloss,
aus welchem der Baron in alter Uniform mit seinen beiden lächerlichen Begleitern
ausstieg; auch Waller wurde sichtbar, doch mit geborstenen Lippen, die ihm das
Lachen nicht erlaubten, und zu gleicher Zeit sprengte Frank auf seinem
Filialklepper herbei. Als die ganze sonderbare Gesellschaft beisammen, bat der
Baron noch einmal den Grafen und die Gräfin wegen seines Frevels um Verzeihung,
wobei die lächerlichen Begleiter schweigend die Gebärden nachahmten; er zeigte
ihnen in der bereits angetretenen Reise die Erfüllung seines Versprechens zu
einem tätigen Leben überzugehen. Alle verziehen, doch wurden ihm manche Fragen
noch über seine sonderbare Bildung vorgelegt. »Von meiner hässlichen Bildung«,
sagte er, »kommt alles; Liebe zu erwecken, schien mir von frühester Kindheit
unmöglich, weil mich die eigene Mutter mit Abscheu anlachte, mit meinem Grinsen
Possen trieb und mich dann im Ekel von sich warf. Ich suchte also den Leuten
bedeutend zu werden, indem ich mich in aller andern Art, nur nicht im Guten,
auszuzeichnen suchte; unzählige Schläge und Kränkungen machten mich noch härter
und trotziger, und was anfangs nur ein willkürlicher Versuch war, mich geltend
zu machen, das wurde bald meine andre Natur und meine einzige. Hätte ich ein
glattes Gesicht behalten, wie der Graf, ich glaube auch, dass ich zu allem
Grossmütigen aufgelegt gewesen und geblieben wäre; und punktierte, tatowierte,
bemalte und kerbte man sich hier wie bei den Wilden, so hätte ich ausgesehen wie
alle andern und wäre auch ein edler Mensch; die Schönheit macht aber alles
Unglück der Welt.« - Dieser widrige Mensch entzückte Wallern; vielleicht mochte
auch die Kränkung der vorigen Nacht, vom Grafen heimlich beobachtet zu sein,
nachwirken; genug, er beschloss den Baron zu begleiten, der mit rechtem Behagen
seine Sammlung noch um eine wunderliche Menschenspezies vermehrte. Waller
sendete gleich seinen Sohn Alonso mit einem freundlichen Briefe an die
Amtmannstöchter, beschwor sie bei der Liebe, die sie zu seiner Frau getragen,
bei der reinen Segnung, die ihnen aus dem Himmel dieses reinen Engels
herabstrahlen werde, der Erziehung dieses Kindes alle Sorgfalt zu weihen, es sei
gut geartet und werde ihnen im Gedeihen reichlich lohnen. Traugott überliess er
dem Grafen, doch wagte er ihm nicht mündlich Ermahnungen zu geben, sie hätten
sonst allesamt in den Lachkrampf, wie in der Nacht bei der Mühle zurückfallen
können. Nun suchte er sich im Hause zusammen, was er auf der Reise brauchen
könnte; statt des Weibersattels seiner Frau legte er dem Pferde einen Sattel des
Grafen auf, packte aber alle seine Sachen in Tücher gebunden nicht auf das
Pferd, sondern in den Wagen des Barons; die beiden Ziegen verkaufte er dem
Grafen, der sie ihm vielfach teurer bezahlte, als sie wert waren. Nachher setzte
er sich zuerst in den Wagen und liess sein Reitpferd anbinden, darüber vergass er
den Abschied; der Baron schied mit der ersten Rührung seines Lebens und setzte
sich still neben ihn; der Schweizer folgte ihm mit der Versicherung, es wären
doch liebe, liebe Leute, der Graf habe ihm ein paar Kupferstiche gut bezahlt.
Wie erschrak aber der gute Malm, als er seinen Sitz mit den Sachen Wallers
besetzt fand; ohne Anfrage warf er alles zum Wagen hinaus. Waller fiel über ihn
her, aber jener drückte ihn als der Stärkere zusammen; der Prinzenhofmeister
stieg ein mit einem feinen spottenden Blicke über dies Ereignis; der Baron rief:
»Fahr zu!« und in wenigen Augenblicken waren sie entrollt und der Staub senkte
sich stille hinter ihnen. Die sogenannten Sachen des Dichters bestanden aber
eigentlich nur in einer Masse einzelner Papiere in Tücher gebunden wie alte
Wäsche; die Tücher hatten sich gelöst und die Blätter flogen im Winde umher. Der
Graf schickte alle seine Leute auf diese Schmetterlingsjagd, sie zu erfassen,
aber dieser Ephemeren waren zu viele und eine so innere Flüchtigkeit in allen,
dass immer zehne wieder entflogen, während eines dieser Papiere eingefangen
wurde. Noch am andern Morgen fanden die Dorfkinder am Rande des Baches einzelne
Blätter, in denen der Geistliche die herrlichsten Sapphischen Oden und grosse
Stücke aus einem kleinen epischen Gedichte über das Weltmeer entdeckte, und
dieser brachte den Grafen, der gerade den Knopf der neuerbauten Kirche aufsetzen
wollte, auf den Gedanken, neben tausend besseren Denkmälern auch alle diese
Papiere in der grossen kupfernen Kugel, dicht verlötet, in die höheren Regionen
erheben zu lassen, dass sie als ein Zeugnis der kommenden Welt dienten, wie weit
es unsre Zeit gebracht habe.
 
                          Siebenundzwanzigstes Kapitel
                                   Kirchweihe
Eine feierliche Kirchweihe mit allen den geheimnisvollen Gebräuchen, die der
katolische Glaube gestattet, den Räucherungen, Weihungen und Austreibungen,
welche eine ganze Nacht bei verschlossenen Türen in ihr festgesetzt werden,
beschäftigte, sehr verschieden von der vorhergehenden, die nächste Nacht; da
dann der Morgen die Kirche mit Grün und Blumen herrlich geschmückt, von
Weihrauch duftend, von unzähligen Lampen erhellt, der Geistliche das
Allerheiligste in der Hand, der staunend niederstürzenden Menge eröffnete.
Nachher hallten die Chöre des Grafen einen abwechselnden Gesang, der bei jedem
Kirchweihfeste in alle Zeit, so weit des Menschen Wille reicht, wiederholt
werden sollte. Die Gräfin fand diese Gebräuche sehr abgeschmackt, ob sie gleich
davon ergriffen wurde; der Graf, der an der Anordnung mit wahrer Liebe
gearbeitet, konnte ihr nichts antworten, als dass alle Speisen nicht mehr
schmeckten, wenn man ihrer genugsam gegessen, wer sie aber genossen, solle
dankbar sein dem Geber aller Dinge, denn so stehe im Vaterunser.
 
                           Achtundzwanzigstes Kapitel
                                   Die Ernte
Die Ernte, die bei schönem trockenen Wetter glücklich angefangen wurde,
beschäftigte den Grafen mehrere Wochen ausschliesslich, er selbst war gern den
ersten Tag eine Stunde lang Vormäher, seine Kraft und seine Kenntnis und seine
Wertschätzung des Geschäftes öffentlich zu beweisen. »Wie überfällt mich so
liebe vieljährige Erinnerung«, sagte er, »denk ich der Ernte, wie ich als Kind
schon die schweren Garben zusammen zu tragen suchte, und sie doch hinter mir
herzog, wie ich dann, alles mit durchspielend, mich zu dem Bierfasse setzte und
einen Schluck des Getränkes jauchzend leerte, und mir ein kleines Mädchen
aufsuchte, dass sie mir einen Strauss mit Silberband schenkte, dass auch ich
geschmückt wie jeder Mäher einherziehen könnte; wie ich dann so früh aufwachte,
so gerne ich sonst schlief. Wahrlich, die Kindheit aller Menschen gehört aufs
Land, kein Mensch sollte seine früheren Jahre in der Stadtmauer zubringen!« So
rief der Graf einmal heimkehrend seiner Dolores zu, der die Anstrengung bei
diesen sogenannten Freuden, so verhasst war, dass sie nicht gern den Ernteleuten
begegnete, und sie spottend Feldscherer nannte; diesmal kam hinzu, dass der Graf
sehr beschmutzt heimkehrte, auch in der Ermüdung dies wenig bemerkte oder
verbesserte, dazu endlich die Hitze, welche Tage und Nächte mit Feuer und
schreckhaften Gewittern füllte; genug, diese hocherwünschte Zeit war ihr zum
Verzweifeln verhasst, und sie antwortete ihm statt der Beistimmung mit der Bitte,
sich zu waschen und umzukleiden, es wäre sonst in seiner Nähe nicht auszuhalten.
- Der Graf besah Hände und Stiefeln und fand, dass sie recht hatte; aber die
Erinnerung kam so wunderbar in seine Erinnerungen eingekeilt, dass er sich eines
kleinen Ausrufs: »Wie gehört das hierher?« nicht erwehren konnte. Überhaupt sei
jedermann vorsichtig in einem geliebten Umgange gegen irgend etwas einen Ekel
auszudrücken; ist es auch etwas Vorübergehendes, was weggeschafft werden kann,
es ist doch eine Störung im Vertrauen, einem geliebten Wesen auch nur für einen
Moment ekelhaft gewesen zu sein. Darum ehre ich auch die Gesinnung mancher
Mütter, die ihren Widerwillen gegen manche unvermeidliche Unreinlichkeiten der
Kinder mit einer freundlichen Ergebung, ja selbst mit einer Art Ehrgefühl,
dulden, als sei diese Duldung eine reizende Pflicht. Was aber den Grafen mehr
als jene eigne Kränkung beunruhigte, war der Widerwille seiner Dolores dem
kleinen Traugott, der nach dem Tode der Mutter immer kränkelte, beizustehen;
keine Viertelstunde konnte sie es in seinem Krankenzimmer aushalten, und doch
hatte das schöne Kind, wie dies häufig gefunden wird, durch diese krankhafte
eine ernste Beziehung auf sich, eine vorreife sehr überraschende Geistesbildung
erhalten, so dass man oft glaubte, es spreche nach, wo es tief aus sich gedacht
hatte. Der Kleine litt an einem unregelmässigen kalten Fieber; trat nun der Frost
ein, so suchte er die sonnigen Stellen sich auf, wo er ihn ungestört überstehen
konnte. Der Graf hatte vergebens seine Frau gebeten, sie möchte doch hindern,
dass der Knabe sich nicht auf feuchte Erde lege, sondern ihm eine Matratze oder
einen Stuhl nachtragen lassen; die Gräfin vergass es, sich darum zu bekümmern,
und der Kleine mochte niemand bemühen. Er schlich ganz heimlich fort und da ihn
niemand auf dem Kirchhofe suchte und der Rasen dort voll Blumen aller Art und
sehr weich war, so hatte er dort schon mehrmals sein Fieberlager gehalten, als
er auch einmal zufällig auf dem Grabe seiner Mutter einschlief. Nun träumte ihm
wunderbar während der Fieberhitze, dass er nach einer Blume greife, die er für
herrlich halte, weil sie in Gelb glühete, dass er sie nach kindischer Art essen
wolle: denn so versuchen die Kinder alles, was ihnen gefällt; dass aber die
Mutter, ganz wie er sie in den letzten Stunden gesehen, die Blume ihm entreisse,
und er darüber weine. Er wachte von diesem Weinen auf, und sah, dass er in seinen
Händen eine gelbliche Blume trug, die er in der Fieberschwärmerei abgepflückt.
Aus Verwunderung darüber brachte er sie nach Hause und zeigte sie dem Grafen,
der eben von der Aufsicht über die Ernte heimkehrte. Der Graf erkannte sie bei
den ersten Blicken für Belladonna, und riss sie ängstlich dem Kleinen weg mit der
Frage, ob er auch noch nicht davon genossen, sie sei sehr giftig, heisse Schöne
Frau, nur den tollen Hundsbiss heile sie zuweilen. Der Kleine wurde verwundert
und noch blässer, als er war, und der Graf meinte schon, dass seine Besorgnis
leider gegründet, als er ihm sehr feierlich seinen Fehler bekannte, gegen sein
Verbot auf dem feuchten Erdboden geschlafen zu haben, und dann erzählte er ihm
den wunderbaren Traum auf der Mutter Grabe und meinte ganz fest, die Mutter lebe
noch. Der Graf nahm den Kleinen mit Liebe in seine Arme und trug ihn
schmeichelnd auf sein Zimmer, es war ihm wie bei etwas Wunderbarem zu Mute, wo
niemand weiss, was zu tun, wo jeder staunt, unwissend wohin es deute; denn wo so
verschlossene Wege sich öffnen, warum soll der Mensch da die gewöhnlichen des
Lebens weiter gehen. Seit diesem Tage bemerkte er an dem Kleinen ein eignes
Vergnügen den Leuten im Hause das Zukünftige zu sagen; er liess sich die Hände
zeigen und wusste ihnen so ins Herz zu reden, dass sie vor ihm erbebten. Auch die
Gräfin hielt ihm die Hand einmal hin, aber der Kleine hatte mit dem Kopfe
geschüttelt und nichts sprechen wollen. Kleine Begebenheiten trafen wirklich ein
und der Glaube an ihn vermehrte sich im Dorfe so gewaltig, dass selbst des Grafen
Ansehen, wenn er auch den Willen dazu gehabt, den Zulauf nicht gehemmt hätte.
Unsre Bücher schweigen von dem geheimen Volksglauben, weil die lesenden Stände
ihn aufgegeben haben; die nichtlesenden wissen von Tomasius nichts und es
vergeht ihnen kaum eine merkwürdige Zeit ohne geglaubte ausserordentliche
Einwirkung der höheren Kräfte und Erscheinungen, die den Dichtern als eine
unterhaltende Täuschung verziehen werden, deren sich aber die Historiker,
ungetreu allen ihren Grundsätzen über die Benutzung der Quellen, immerdar noch
schämen. Ich erzähle, wie ich die Geschichte empfangen, einzig besorgt, sie
nicht zu entstellen. Alonso, der Bruder des kleinen Traugott, kam von Zeit zu
Zeit seinen Bruder zu besuchen, aber ihr sonstiges Spiel hatte sich in einen
Austausch von Zärtlichkeit und Ehrfurcht aufgelöst; Alonso wagte es nicht mehr
mit ihm zu spielen, und Traugott führte ihn mit Tränen an seiner Mutter Grab, wo
er ihm von einer Blume erzählte, die nicht giftig wäre und doch gelb, zu der die
Sonne wie ein Staub täglich neu fliege und falle, sie schwimme wie eine
Wasserlilie auf dem Meere. Wenn Alonso nun fragte, woher er das wisse, so sagte
Traugott, die Mutter habe es ihm gesagt. Und wenn er ihn fragte, ob er wohl ein
Verlangen nach der Blume habe? »Ei Gott nein«, antwortete er, »zu der bin ich
noch lange nicht reif, vor der müsste ich ganz und gar vergehen!«
    Der Prediger Frank interessierte sich lebhaft für Traugott; er wollte ihn
immer beobachten, aber der Kleine verschloss sich vor ihm wie das Nolimetangere
vor jeder unkeuschen Berührung; ja seine Nähe machte dem Kleinen physischen
Schmerz. Der Arzt des Fräuleinstifts, der berühmteste der Gegend, kam einen Tag
um den andern, ass bei dem Grafen, ging einen Augenblick zu Traugott, fühlte den
Puls, besah die Zunge, und versicherte, er sei sehr zufrieden, es werde bald
ganz gut werden. - Eines Tages sagte der Knabe, er werde seinen Vater bald
sehen, und wirklich kam Waller den Nachmittag aufs Schloss geritten und brachte
der Gräfin einen prächtigen, mit einem Helmgefässe in Bronze verzierten
Kürassierdegen, den der hässliche Baron in einem der ersten Gefechte erbeutet.
Seine Beschreibungen von der Armee waren sehr lächerrlich; er hielt sie für eine
grosse Fuchtelmaschine und erzählte, wie der Schweizer vor den Gefechten so herum
schleiche und heimlich seine heiligen Bilder mit Segenssprüchen zu hohen Preisen
absetze, und wie der Prinzenhofmeister nach der Schlacht unter dem Schutze des
Barons eine grosse Pharaobank aufgeschlagen, um den Rest des Geldes an sich zu
reissen. Alle Taschen hatte er mit lustigen Soldatenliedern gefüllt, und im Lager
hatte er ein grosses Puppenspiel gehalten, worin er sich über alle kommandierende
Feldherren unter veränderten Namen aufgehalten. »Keine Art von Menschen«, rief
er, »hat mehr Sinn für echt lebendige Kunst als gemeine Soldaten, keine so wenig
Sinn und Urteil als Offiziere; ihr bisschen Taktik und ihre steifstellige Ehre
und ihr schiefer Hut hindern sie einem Spass gerade in die Augen zu sehen; sie
möchten gern recht vornehm fühlen, und da schämen sie sich mit den Soldaten zu
lachen, wo sie es nicht kommandiert haben.« - Nach seinen Kindern hatte er
weiter kein Verlangen, aber wohl nach seinen Werken, die damals so schnöde aus
dem Wagen geworfen. Welcher Schrecken, als ihm der Graf den hohen Turmknopf als
ihren gegenwärtigen Ehrensitz zeigte, und ihn fragte, ob er Lust hätte sich da
hinaufziehen zu lassen, um die Kugel aufzumachen, und nachzusuchen. Er warf sich
schwindelnd an die Erde und glaubte schon oben zu stehen, so stark trieb ihn die
Versuchung dahin, er schwor, dass er hinauf müsse, und koste es ihm das Leben.
Vergebens stellte ihm der Graf die künftige Unsterblichkeit vor, wenn nach
mehreren Jahrhunderten der Kirchenknopf eröffnet würde, vielleicht bliebe er
dann allein noch übrig von allen Dichtern; er wollte den Ruhm in seiner Zeit und
es musste alles angeordnet werden, um die Kugel wieder zu eröffnen. Sehr
beschäftigt mit diesem Gedanken, bat er sich zu seiner Stärkung ein neues
Getränk aus, das allen im Schloss noch gänzlich unbekannt war, er nannte es
einen Brenner und bereitete es selbst. In eine grosse breite, nicht allzu tiefe
Porzellanschale goss er mehrere Flaschen Rum und drückte ein paar Zitronen
hinein, dann legte er zwei Degen quer über und auf die Degen grosse Stücken
Zucker; nun bat er die Gräfin die Flüssigkeit mit einem seiner Gedichte
anzuzünden. Als die Flamme blau aufloderte, löschte er die Lichter aus, und bald
erschienen die Menschen umher wie Geister, nämlich so wie Geister gewöhnlich
gedacht werden, farbelos und unbestimmt. Waller durchkreuzte die Luft mit
fürchterlichen Beschwörungen, und schrieb Charaktere auf den Boden; jetzt
flammte das rötlich gelbe Feuer des Zuckers auf und indem die Gräfin schauderte
- sagte Waller, dass alles beendigt, und die Loge geschlossen sei, zündete die
Lichter wieder an, blies das geistige Feuer aus, und schenkte rings die Gläser
voll. Alle schworen, dies Getränk sei die höchste Erfindung, keiner kannte
dessen mächtig berauschende Kraft; auch die Gräfin trank ihr Glas, eigentlich
mehr, als ihr gut war. Es ist ungemein reizend, eine schöne Frau sich selber
unbewusst von fremder irdischer Kraft höher belebt zu sehen; nur die reine
Begeisterung von oben kann noch lieblichere Bewegung und Deutung in ein Gesicht
bringen. Der Graf konnte sich nicht satt sehen an der Geliebten; kein Schauspiel
hatte ihn je so angezogen als diese schöne Beweglichkeit, der Glanz der Augen,
das Hingeben des ganzen Wesens. Da Waller bemerkte, dass niemand seiner achte,
stimmte er ein lautes Soldatenlied an, das er kürzlich auf den Brenner gesungen
hatte:
Der Mantel ist mein lustig Haus,
Drin ist gewölbt ein Keller,
Da gibt es manchen schönen Schmaus,
Da geht es stets herein, heraus,
Und kostet keinen Heller.
Ein Ofen ist in diesem Haus,
Das ist die Tabakspfeife,
Die macht mir Wölklein weiss und kraus,
Es scheint recht wie ein Blumenstrauss,
Weg ist's, wenn ich nach greife.
Der Brenner ist des Teufels Kost,
Mit Feuer ich ihn locke,
Und für den einzigen Höllentrost
Er alle Feinde niederstosst,
Zu Dutzend und im Schocke.
Mein Pferdchen, das mit Sprüngen trabt,
Hab ich durch ihn erbeutet,
Wie es mir nun das Herze labt,
Als hätt ich es zum Tron gehabt,
Wenn es die Mähne breitet.
Es ist ein grosser Federkrieg
In aller Welt entstanden,
Die hohe Feder wallt zum Sieg
So weit mein Schwert reicht, alles liegt,
Als wüchs es auf dem Sande.
Wir sitzen ab im Städtlein drin,
Die Bürgermädchen schauen,
Die erste fass ich an das Kinn,
Die zweite sieht, dass ich es bin,
Und tut mich lieblich hauen.
Ich lass mir ein klein Zettelein
Von ihrem Ratsherrn schmieren,
Dafür lässt mich ein jeder ein,
Und bringt mir gleich den Krug mit Wein,
Ich und mein Pferd regieren.
Das Mädchen führt uns in den Stall,
Im Stall, da ist es dunkel,
Da leuchtet dann ihr Aug zumal
Wie Sonne über Berg und Tal,
Mit lieblichem Gefunkel.
Das schöne Kind klatscht mir mein Pferd,
Möcht ihm zu fressen geben.
»Nur glühe Kohlen frisst mein Pferd,
Die Augen dein, die sind der Herd;
Dir ist es ganz ergeben.«
Wer das Kommissbrot hat erdacht,
Das war ein guter Reiter,
Das steht uns frei bei Tag und Nacht,
Mein Pferdchen es auch nicht veracht,
Es macht uns fest und heiter.
Während dieses wilden Liedes, das Waller mit allerlei Gebärden akkompagnierte,
war der Gräfin, deren Blut sehr bewegt war, so angst geworden vor ihm, dass sie
sich furchtsam an den Grafen drückte und endlich fort lief, der Graf ihr
nachging, und so blieb Waller ganz allein und trank ruhig bis zum letzten
Tropfen alles rein aus. Dann seufzte er und ging zu dem Bette des kranken
Traugott, aber statt dessen Leiden mit Liebe und Trost zu mildern, klagte er ihm
sein Unglück mit den Papieren. Der Kleine fasste ihn an und sagte, dass er alles
lesen könne, was im Kirchenknopfe liege; Waller schimpfte ihn aus, aber er fing
an herzusagen, und sagte dem Vater ganze Stücke, die er niemals vorgelesen
hatte. Waller nahm diese geheimnisvolle Verbindung ganz ohne Nachdenken auf,
holte Papier und Feder, und liess sich alles wieder diktieren, wovon er keine
Abschrift genommen hatte, bildete am Morgen, als alles fertig war, der Gräfin
ein, er sei in der Nacht als Nachtwandler hinaufgestiegen und habe die Papiere,
die ihm wert, abgeschrieben, und so ritt er ohne Abschied oder Dank von dem
Kleinen fort in die weite Welt. Die Gräfin, die nachher von Traugott den
Zusammenhang erfuhr, erklärte sich alles aus einem glücklichen Gedächtnisse des
Kindes, das dem Vater sonst zugehört, wenn er seine Verse laut nachskandierte,
wie das immer seine Gewohnheit war.
    Eine Stunde hatte Waller in dem Zimmer seiner verstorbenen Frau zugebracht,
das der Graf, wie wir wissen, unverändert gelassen; wie sie an einer kleinen
Staffelei in Rötel die Gegend halb aufgezeichnet hatte, so lag noch die
Zeichnung, der Rötel, selbst die Semmelkrumen, mit denen sie einiges
ausgerieben. Wir erinnern dies, weil es zum Verständnisse eines Liedes
notwendig, das der Graf und die Gräfin, einige Tage nach dieser letzten Abreise
Wallers, von ihm in eine Glasscheibe mit einem Demanten eingekratzt fanden:
Lichte Streifen von dem Himmel
Leicht zur Erde niederwallen;
Will das Licht die Saiten stimmen?
Will ein Regen niederfallen?
Eilend ist meine Streiferei,
Wo das Paradies wohl sei.
Viele dichte Dornenhecken
Sollen es der Welt verschliessen,
Tausend Vögel drinnen stecken,
Tausend Bäche rauschend fliessen;
Eilend ist meine Streiferei,
Wo das Paradies wohl sei.
Wie viel tausend rote Blicke
In dem grünen Klee hier winken,
Winkt ihr mir zu meinem Glücke,
Blumen, die im Grün ertrinken?
Endet hier meine Streiferei,
Wo das Paradies wohl sei?
Zwei Kaninchen auf zwei Beinen
Sitzen da an einem Blatte,
Während sie's zu fressen scheinen,
Sie sich recht geküsset hatten;
Liebet ihr euch im Ehestand,
Nehmet mich auf in dem sel'gen Land.
»Mit den Kaninchen sind wir gemeint«, sagte die Gräfin.
Freundlich mich die beiden laden,
Doch sie beide mein vergessen,
Und was könnt ich ihnen schaden,
Wäre ich auch zu vermessen;
Gnädig sind wohl die Grafen hier,
Aber die Liebe ward nicht mir.
Seht, der Wind kommt wie verschlafen,
Der der Erde Teppich kehrt,
Will den Staub zusammen raffen
Und sich gar an mich nicht kehrt;
Höflich ist nicht die Dienerei,
Wenn's das Paradies auch sei.
»Da bekommen deine Mägde auch ihr Teil«, sagte der Graf.
Von dem höchsten Apfelbaume
Schüttelt Wind die Früchte alle,
Weckt ein Kindlein aus dem Traume
Mit der harten Früchte Falle;
Wärest du mein, die Streiferei,
Wäre voll Geschrei dabei.
»Da hat Traugott wieder im Grase gelegen«, sagte der Graf.
Dieses Kind, das sollt ich kennen,
Auch der Bäume Schattenrisse,
Doch die Regenstreifen rennen,
Herz und Himmel sind zerrissen,
Traurig wird meine Streiferei,
Wo das Paradies wohl sei.
Kindlein, bist du hier alleine?
»Ganz alleine mutterselig!«
Und was willst du damit meinen;
Ist die schöne Mutter selig?
Seit die Menschen sind verstört,
Ist das Paradies betört.
Eine Ziege kommt gesprungen,
Aus dem Euter Milch verlieret,
Ist vom Blumenkranz umschlungen
Und sie frisst ihn, der sie zieret:
Traurig ist meine Streiferei,
Wo das Paradies wohl sei.
»Die Ziege hast du ihm teuer genug bezahlt«, sagte die Gräfin.
Diese Wiesen, diese Gänge
Wandelt ich in Liebchens Schatten,
Durch des Morgens schöne Klänge
In dem zärtlichen Ermatten,
Und wie ist es mir bewährt,
Auch das war der Müh nicht wert.
Langeweile gähnt in Blumen,
Nichts zum Trinken, nichts zum Schmause,
Von dem Zeichnen Semmelkrumen
In dem bunten Frühlingshause;
Ach und ich weiss es nun aufs Haar,
Wo das Paradies einst war.
Offen stehn die Paradiese,
Und ich stehe drin verlassen,
Ewigkeit, die sie verhiessen,
Würd ich ohne Kunst doch hassen,
Ach und ich fühl es nun bewährt,
Dieses war der Müh nicht wert.
Wie mit geflügelten Heuschrecken ziehend
Über die dürr zerfressenen Halme,
Zieh ich mit dem Heere glühend,
Dass ich die Wurzeln des Grüns zermalme,
Such ich in ew'ger Streiferei,
Wo das Ende der Welt wohl sei.
»Sollte man nicht glauben, er wär in der grössten Verzweifelung über den Verlust
seiner Frau, und hätte sich deswegen zur Armee begeben; wenn wir nicht alles
ganz anders wüssten, wir müssten dran glauben«, sagte der Graf. - »Aber was will
er mit der unhöflichen Aufnahme sagen?« fragte die Gräfin. »Liebe Dolores«,
antwortete der Graf, »das kann wahr sein, wo die Frau sich um nichts bekümmert,
werden Bediente leicht unhöflich; mir ist es wie jedem Manne unerträglich, mich
um so etwas zu kümmern.« - »Ich will schon Ordnung stiften«, meinte die Gräfin.
 
                           Neunundzwanzigstes Kapitel
                            Erntefest. Traugotts Tod
Das Erntefest, das auf Veranstaltung des Grafen recht feierlich und lustig
begangen wurde, lenkte die allgemeine Aufmerksamkeit etwas von dem Kleinen ab,
der sich den Tag besonders wohl fühlte; man ging in die Kirche, von da auf den
Tanzplatz, und er wurde erst nachmittags von den Bedienten vermisst; sie suchten
ihn überall immer ängstlicher, je später es wurde, und ihr Rufen zog auch den
Grafen in diese Nachforschungen. Eine geheime Ahndung trieb ihn auf den
Gottesacker, und er fand den kleinen Traugott auf dem Grabe der Mutter fröhlich
lächelnd eingeschlafen, - er fand ihn tot. Die fröhliche Ernte schloss mit der
Todessichel, welche die schönste Blüte niedergemähet hatte; sie schloss wie das
Jahr, das schon seinen kalten Totenwagen über die Stoppeln hinüberstürmen liess,
- das Erntefest ist das wehmütigste des ganzen Jahres, ein Scheideruf an alles,
was uns am Jahre freut, und würde es nicht vertanzt, es müsste verweint werden.
Der Graf konnte bei dem feierlich grossen Leichenzuge kaum ausdauern; erst lange
nachher vermochte er die Beängstigung zu überwinden, mit der ihn ein Lied
verfolgte, das ihm bei dem letzten Anblicke Traugotts eingefallen; wir warnen
fröhliche Herzen dagegen.
Es sonnte sich ein kranker Knabe
Auf seiner armen Mutter Gruft,
Da fasset ihn der Ahndung Gabe,
Er wittert einer Blume Duft,
Die ferne schwebet in dem Meere,
Weit an dem Ende aller Welt,
In die aus hoher luft'ger Leere
Die Sonne wie ein Same fällt.
Es glüht auf seiner blassen Wange
Nun eine Röte wunderbar,
Es schwebt sein Ohr in tiefem Klange,
Es wird sein Auge ihm so klar,
Es glänzt auf seinem stillen Herzen
Ein Regenbogen wie ein Strauss,
Der hat verkündet seine Schmerzen
Hoch in des Himmels sel'gem Haus.
Dem Himmel hat er ihn verbunden,
Zeigt ihm das offne Himmelstor,
Er schauet nun in Schmerzensstunden,
Was Lust ihm nie gezeigt zuvor,
Wie kann er nun die Welt verschmerzen,
Ihm ist verschwunden aller Graus,
Sein Herz, gebrochen einst in Schmerzen,
Sieht froh die Witterung voraus.
Er sieht voraus die Liebestage,
Wo Hand in Hand sich gern ergeht,
Manch Mädchen zeigt die Hand zur Frage,
Weil er die Linien jetzt versteht;
Des Knaben Ruf ist weit erschollen,
Denn jeder frägt nach Witterung,
Die Alten, weil sie ernten wollen,
Und weil sich lieben, die noch jung.
Jetzt hat der Schlaf ihn fest umfangen,
Da nimmt die Mutter seine Hand,
Da sieht er all, was ihm vergangen,
Und keine Zukunft er drin fand:
O Liebe, wo du gegenwärtig,
Da ist das eigne Leben aus,
Die Seele ist dann reisefertig,
Du trägst sie in ein andres Haus.
»O Muttererde lass dich grüssen,
Du trugst mich treu in stiller Qual,
Lass deine kühlen Lippen küssen,
Hast andre Kinder ohne Zahl,
Doch ich gehör dem Vaterlande,
Dem Vater in dem Himmelreich,
Es lösen sich die alten Bande,
Zum letztenmal die Hand mir reich.«
Er kann sich selber nicht begreifen,
Es wird ihm wohl, so auf einmal,
Da sieht er dann die Engel schweifen
Auf seines Tränenbogens Strahl,
Wie sie die bunten Flügel schlagen,
Dass jede Farbe klingt im Glanz,
Er fühlt von ihnen sich getragen,
Den Fuss bewegt in ihrem Tanz.
Was ihm das Herz sonst abgestossen,
Das singt er jetzt mit kaltem Blut,
Sein Blut hat sich in Lieb ergossen,
Und keine Furcht beschränkt den Mut,
Wo sich das Auge sonst geschlossen,
Da hebt es nun den Blick von hier,
Er ruft: »Der Himmel ist erschlossen,
Ich fürchte mich nicht mehr vor mir.«
Da ruft er wonnig allen Lieben:
»Es kommt ein Tag, wie's keinen gab,
Die Ernte dürft ihr nicht verschieben,
Die Liebe greift zum Wanderstab!«
Er ruft: »Brich an du Tag der Sage,
Der ew'ges Wetter mir verspricht!«
Sein Herz schläft ein - am jüngsten Tage
Erwacht es rein zum Weltgericht.
 
                              Dreissigstes Kapitel
                    Überdruss der Gräfin gegen das Landleben
Wir wollen uns nicht wehmütiger machen mit dem Wiedererzählen der Totenfeier des
Kleinen, der die vereinte Teilnahme des Grafen und der Gemeine eine
Feierlichkeit schenkte: das letzte Geschenk; mir wird bei diesem traurigen
Einhalte des frohen Laufes ländlicher Freuden, als erblinde ich plötzlich;
manches nahe fröhlich Sichtbare verschwindet mir, und selbst der Anblick der
schönen Gräfin, der mich so oft erquickt, lässt eine leere Sehnsucht in mir
zurück. Sie selbst fühlte diese Öde wohl am schwersten, und viel länger schon,
denn eigentlich nahm sie keinen eigenen Anteil an den Erzählungen anderer, die
uns unterhalten haben; sie kam meist dabei auf fremde Gedanken an die Stadt und
ihre Bekannte dort. An den Beschäftigungen des Grafen fand sie noch weniger
Geschmack; ihre Umstände widerrieten ihr das Reiten und die Jagd, an denen sie
Gefallen fand, und die einzige Gesellschaft, die ihr behaglich, die des Barons
und der tollen Ilse, war ihr verloren. Doch lässt sich alles bei schönem Wetter
und im frischen Grün ertragen, wenn aber die Blätter gelben, abfallen und am
Boden rauschen, die starren Herbstblumen mit ihren geruchlosen Blättern
vorscheinen, der Sämann im Nebel ernst über den schwarzen Acker schreitet: Ach!
warum haben wir den ziehenden Vögeln so oft nachzurufen, und sie bleiben doch
nicht; statt ihres freundlichen Morgengrusses aus heitrer Höhe, statt ihres
Abendrauschens in den dichten Kastanien vor dem Schloss, tönt Morgens und
Abends ein rastloses Sausen der Luft, die vergebens ein Winterlager sucht und
Fenster und Türen dicht gegen sich verschlossen findet. Hat eine junge lebendige
Frau dieses Sausen einen Tag angehört auf hochgelegenen Schlössern, den Schlag
der Axt in den Wäldern vernommen, und die hochbelaubten Häupter niederstürzen
sehen, - in die Nebel zwischen den Bergen dann stundenlang hingeblickt, ohne
eigene Beschäftigung, einsam, körperlich leidend, und kommt dann der lange Abend
bei einem rauchenden Kamine und kommt der langersehnte Briefbote, und sie liest
da Briefe aus der Stadt, die von unzähligen Lustbarkeiten unterbrochen sind,
aber immer das Verlangen aller Jugendfreundinnen wiederholen, dass sie
zurückkehren möchte: es kann doch eine trübe Stunde ihr machen, wo sie ihres
jungfräulichen Standes mit Sehnsucht denkt, ihrer goldnen Freiheit, des leichten
Tanzes, der unbestimmten Hoffnung, die weit über alles bestehende Glück hinaus
ihre nährenden luftsaugenden Zweige treibt.
    Und so sass einst die Gräfin in Tränen beim Kamine und die Lichter waren
ungeputzt heruntergebrannt, als der Graf voll Ärger über einen Wassersturz, der
eine seiner schönsten Gartenanlagen zerstört hatte, ins Zimmer trat, um bei ihr
Trost zu suchen. Auch er hatte noch nicht die dem Landwirte vor allen andern
Menschenklassen notwendige Gelassenheit gewonnen, die auf jeden Verlust gefasst,
an tausend Anker ihre Wünsche legt; ein Verlust in Nebensachen konnte ihm ein
ganzes Unternehmen verhasst machen und für diesen Herbst gab er diesmal, wegen
des einen Unfalls, alle Pflanzungen im Garten auf, zu denen schon alle Gruben
ausgegraben waren. So im Aufgeben lang gehegter Wünsche trat er zu seiner Frau;
sie wollte ihm erst die Ursache ihrer Tränen nicht entdecken, aber das war nur
scheinbar, sie war entschlossen noch den Abend alle ihre Anklagen gegen das Land
ausströmen zu lassen, und so entwickelte sich eine Fülle von Missvergnügen und
Übelbefinden über den Grafen, dass er mit den nächsten Tagen aus sorglicher Liebe
für Frau und Kind heim zu kehren beschloss. Nie wurde ihm eine Äusserung
zärtlicher belohnt.
 
                           Einunddreissigstes Kapitel
                             Abschied vom Landleben
Die nächsten Tage gehörten dem Abschiednehmen in der Gegend. Die Gräfin, heitrer
gestimmt und gewiss, dass sie die Leute so bald nicht wiedersehe, war ihnen so
verbindlich, dass keiner begreifen konnte, wie er ihr je etwas übel genommen.
»Ich habe es immer gesagt«, sprach einer zum andern, »sie ist so übel nicht,
aber noch jung, es fehlt ihr nur noch an guter Lebensart.« - Sie selbst fand
sich von der Behaglichkeit in dem Innern mancher dieser verachteten Familien
sehr überrascht, sie bewährten hier ein Leben und eine Erfindsamkeit, es
auszuschmücken, die sie ihnen nie zugetraut; jede Arbeit war ein Familienfest.
Merkwürdig war ihr vor allen die Frau eines entfernten Anverwandten des Grafen,
die mit allen Kenntnissen der besten Erziehung, mit bedeutendem Vermögen und
ausgezeichneter Schönheit, bloss aus Gewohnheit, weil sie mit ihm auferzogen
worden, sich dem sehr beschränkten, aber gutmütigen Manne hingegeben hatte und
durchaus nichts in der Welt versäumt zu haben meinte; sah jemand beide einzeln,
so schien es unbegreiflich, waren sie beisammen, so konnte es nicht anders sein.
Eine gutmütige Natur ist immer sehr reich in allen Verhältnissen zu andern, je
vertraulicher sie werden; während die höchsten Talente mit der Härte, die ihnen
beigesellt zu sein pflegt, in dieser Vertraulichkeit, in dieser Gewöhnlichkeit
ermüden, langeweilen und durch das Widerspiel des Streits sich zu erhalten und
zu bewähren streben. Nichts ist törichter, als eine Heirat um eines
ausgezeichneten Talentes willen: eigentlich der schändlichste Eigennutz; was der
Welt gehört, möchte man sich zueignen; dabei der furchtbarste Aberwitz, den
Geist im Körper sich anzueignen, und doch ist dies eine der gewöhnlichsten
Verirrungen unsrer Gedanken und keine bestraft sich so schnell. Selbst das
Beste, was der Mund spricht, der uns singend entzückt und an sich gerissen hat,
scheint uns gegen die Glut jener Kunstübung, die von der Natur zur Freude vieler
geschaffen, in vielen Jahren sich ausgebildet hat, etwas sehr Ungenügendes. Aber
wer den Umgang einer Schauspielerin aus Bewunderung einer ihrer Darstellungen
sucht, findet sich immer schmerzlich getäuscht, wenn auch die Frau viel besser
als ihre Rolle sein sollte. Die Lehre ist alt, aber die Welt wird ewig wieder
jung, dieselben Empfindungen, Schauspiele, über die wir hinaus sind, gefallen
der Jugend immer wieder, wie sie uns einst gefielen; so wollen wir sie denn auch
gegen dieselben Fehler gewarnt haben, denen auch wir uns unterworfen fühlten.
Welche Qual in einem geliebten Wesen ewig etwas Hohes zu ahnden, was sich in
jedem Augenblicke verleugnet. - Die Gräfin verliess das Haus dieses Anverwandten
mit einem Vorwurfe gegen ihren Mann, den er eigentlich nicht verdiente; sie
sagte ihm, dass er sie doch nicht so liebe, wie dieser Mann seine Frau, der ihr
die Kinder nachtrug, und die Küche bestellte; aber der Vorwurf war nicht
ernstlich gemeint. Besonderen Spass machte beiden die Haushaltung eines wohl
genährten Vetters, der sein ganzes Dorf zum Range seiner Familie erhoben und von
jedem Kinde Vaterchen genannt wurde; diese Art patriarchalischer Verhältnisse
machte ihnen einige Stellen des Alten Testamentes deutlich, die unsren Sitten
sonst ganz unverständlich scheinen. »Lieber Karl«, sagte die Gräfin zu ihrem
Manne, »wärst du wie dieser, auf ein paar Gedanken und viel Essen und viele
Weiber gerichtet, und von Jugend an im Stalle und bei den Knechten erzogen,
könntest du jeder Magd Unarten sagen, jeden Schmutz ertragen und belachen, da
könntest du auf dem Lande auch glücklich sein, aber deine Ausbildung, dein
Lebensmut werden dich dort stets unbefriedigt lassen.« - Dolores zeigte hierin,
so wenig es sonst ihre Sache, dass sie da, wo ihr etwas am Herzen lag, wirklich
recht tief beobachten konnte; es lag viel Wahres in ihrer Bemerkung und der Graf
musste es fühlen, dass der Übergang vom Lande zur Stadt sehr leicht, das
Entgegengesetzte aber sehr schwer sei; zeigt dies doch die Geschichte aller
Nationen. - Auch das Fräuleinstift besuchten sie noch aus Neugierde; das alte
Hausgeräte, die vielen Sonderbarkeiten der einzelnen ledigen Leute, gaben so
viel zu lachen, dass sie beinahe die dienstfertige Gunst aller verscherzt hätten,
doch das Angedenken des schönen Hochzeitfestes hielt sie zurück, sich darüber zu
äussern; alte Jungfern rechnen sehr weit in die Zukunft und es dachten jene, die
dort gewesen, sie hätten sich angenehm beredt gezeigt, um wieder eingeladen zu
werden im künftigen Jahre, und die andern, von den Beschreibungen entzückt,
hofften, dass auch sie im nächsten Jahre die Reihe treffen könnte.
    Die Neuvermählten in dem entfernten Forst wurden ebenfalls nicht vergessen;
aber wie erstaunten sie, die Hochzeitschuhe so schnell vertragen zu finden. Die
Frau hatte nachlässig ihre Haare um den Kopf hängen, ihr Mann war auf der Jagd;
sie schüttete mancherlei Klagen der Eifersucht aus, wegen der vielen Weiber, die
sich Holz in dem Forst lasen; sie küsste der Gräfin mit Tränen den Rock, dass sie
nicht mehr bei ihr sei, klagte, dass ihr Mann so oft schelte. Der Graf fand aber,
dass der Förster dabei nicht ganz unrecht haben mochte; das Mädchen, ungewohnt
der ländlichen Arbeiten, immer nur mit Putzmachen und Ankleiden der Gräfin
beschäftigt, hatte in dem artigen neuen Hause eine fürchterliche Unordnung
einreissen lassen. Die Gräfin bedauerte sie, der Graf aber ermahnte sie ernstlich
mit demselben Augenblicke gleich Hand daran zulegen, in ihrem Hause Ordnung und
Reinlichkeit zu stiften. Wirklich entschloss sie sich mit Mühe dazu und der Graf
verliess sie mitten in der Reinigung ihrer Milchkammer, in der alle Milch schon
verdorben war.
    Den Prediger Frank fanden sie in einem sehr angenehmen kleinen Hause. Als
ein wahrscheinlich noch lange Unverheirateter hatte er sich ausser seiner
Landwirtschaft und Baumzucht, die er im grossen übte, auch alle Künste einer
guten Hausmutter angeeignet. Er kochte sehr gut und trat seinen Gästen mit einer
Küchenschürze entgegen; da sie über sein Kochen gelacht hatten, so mussten sie
auch Proben davon prüfen und sie gestanden ein, dass sie nie so gute
Krammetsvögel gegessen. Nachher führte er die Gräfin auf Verlangen in seinen
Dohnenstrich im Garten und sie war überrascht, einen gefangenen Vogel nach dem
andern aus der Haarschlinge zu ziehen und ihn triumphierend in die Jagdtasche
des Predigers zu werfen. Als sie nachher ihren guten Fang dem Grafen zeigen
wollte, da fand sich leider nur ein Vogel, denn der gewandte Mann hatte immer
vorauslaufend und den Weg weisend denselben Vogel in alle Schlingen gehängt. Der
Graf behauptete, man könne auf diesen Vogel den Ausdruck einer Zeitung über
gewisse Kriegsberichte, nach denen nur immer ein Mann gefangen, von neuem
anwenden: der bewusste Mann, hier der bewusste Vogel sei wieder gefangen. Beim
Abschiede schien der Prediger recht ernstlich betrübt, schwor ihnen, dass er die
schönsten Stunden des ganzen Sommers bei ihnen zugebracht habe, nun sei er ganz
einsam; rings um ihn wären lauter Leute, zu deren Fassung er sich herabspannen
müsste, niemand der seine Geistestätigkeit anspannte als Gott, mit dem er im
beständigen Glaubensstreit lebe, weil er so ganz anders denke, als er lehre und
lehren müsse. Er brachte zum Abschiede eine Flasche alten Stachelbeerweins, denn
seine Gegend war dem Weinstocke nicht geeignet; dabei erzählte er, dass die
Akzise, die alle Industrie des Landes störe, ihn zwingen wolle, ausländische
Weine zu trinken, weil sie über das Einziehen ihrer Steuern dabei in
Verlegenheit komme. Nachdem sein Wein Beifall erhalten, fing er an, von seiner
kleinen Geliebten behaglich zu erzählen: das Kind habe ihn neulich gefragt, wer
denn Amor sei, von dem sie in einem Gedichte gelesen? Er habe geantwortet, ein
kleiner Mann mit Flügeln, der sehr gefährlich. Darauf habe sie ihm versichert,
wenn er nur klein wäre, da wollte sie ihn wohl zwingen, wäre er aber gross, so
gross wie er, da könnte sie sich nicht wehren. Er fand in dem Scherze etwas
Vielbedeutendes, wer konnte ihm diesen hoffenden Sinn stören; alle schieden von
einander in gegenseitiger Zufriedenheit.
    Ganz verschieden davon war der Abschied von dem Geistlichen des Dorfes; der
Streit mit dem Grafen, noch mehr die mancherlei eigenen vom Grafen ersonnenen
Verschönerungen des heiligen Dienstes hatten seine ganze Eifersucht erregt;
mancherlei Einkommen, das er durch die Gunst des Grafen bezog, hinderte ihn
diese Empfindlichkeit offen zu zeigen, es waren aber so einzelne Ausrufungen, in
denen sie sich Luft machte. So sagte er wohl: »Der Herr Graf werden uns so viel
Neues mitbringen, dass wir die alte Religion ganz darüber vergessen; zwar bin ich
der Meinung, dass wenigstens alle zehn Jahre etwas von dem alten Sauerteige
weggeschafft werden müsse, jedes Übereilen ist aber gefährlich.« - Der Graf
fragte ihn erstaunt, wie er auch nur einen Tag etwas dulden könne, das er in
heiliger Überzeugung für alten Sauerteig halte, ob das der Sinn der Märtyrer
sei, die in der Bekennung ihres Glaubens selbst gestorben. Der Mann kam in
Verlegenheit, rühmte den Herren Grafen, wie er so hübsch spreche, und weiter
hatte es keine Folge, als sie beide gegen einander zu erbittern.
    Am Abende vor der Abreise, als der Graf im Hause hin und her lief, um
mancherlei Anordnungen selbst zu machen, die seiner Dolores zu lästig waren, und
die doch den Bedienten nicht überlassen werden konnten, klappte er auch alle
einzelne Schränke auf, um nach vergessenen Sachen zu forschen. In dieser
Vorsicht kam er auch an den Schrank des kleinen Traugott, den er noch voll von
seinem Spielzeuge fand; er beschaute mit einem eignen Gefühle diese Lust eines
Toten. Einem Kinde sollte man alles Spielzeug in den Sarg legen, es macht die
Lebenden sehr traurig. Alles trug den eigentümlichen Geist des Knaben: seine
frühere Geschicklichkeit alles zu durchsuchen und sich zuzueignen und die
spätere Sinnigkeit seines ganzen Wesens; auf dem kleinen Wagen lagen in strenger
Ordnung alle Art Sonderbarkeiten, Steine, die wie Brot oder wie Pflaumen
aussahen, viele wunderliche Puppen, die er zu seinen Stücken sich ausgeschnitten
und bekleidet hatte, und tausend andre Dinge, die der Graf nie bei ihm bemerkt
hatte. Einen kleinen Schrank von Nussbaumholz mit Schlössern und vielen Kästchen,
die der Graf in seiner eignen Jugend sehr wert gehalten hatte, fand er dort mit
Verwunderung; der Knabe musste ihn auf dem Boden irgendwo entdeckt haben.
Eingedenk der eignen Art, wie er jedes Kästchen zu einem besonderen festen
Gebrauche eingeweiht hatte, zog er jedes heraus und sah mit Erstaunen eine
Sammlung von Angedenken, jedes mit kurzer Inschrift bezeichnet, und alle diese
Angedenken waren kleine Geschenke des Grafen: manches Weggeworfene, woran er
sich kaum erinnern konnte, das aber Traugott in seiner Zuneigung sorgsam bewahrt
hatte. Mit dem Angelhaken, den er ihm damals zum Troste nach dem Tode der Mutter
geschenkt, begann die Sammlung; in kindischen Reimen stand dabei beschrieben,
wie er seine Liebe damit gefangen. Dann fand er Haare, die er ihm einmal im
Scherz aus seinem Kamme zum Angedenken verehrt, in ein Netz zusammengeknotet; in
ähnlichen Versen stand dabei: »In diesem Netze von Haaren tu ich seine Liebe
bewahren«; dann fand er Kirschkerne, die er ihm einmal gegeben, sie aus dem
Zimmer zu werfen, dabei stand geschrieben: »Die Kerne küsste sein schöner Mund,
davon sind sie so glatt und rund«; ferner eine trockene Kornblume, dabei stand
geschrieben: »Diese Blume der Graf heut niedertrat, mit mir er nicht gesprochen
hat, ich stürzt mich in das Wasser hinein, sollt so ein Tag noch wieder sein«;
ferner ein Blatt aus dem Haushaltungskalender, auf welchem ein Tag unterstrichen
war, daneben stand mit Bleistift: »Dieser Tag sei mir dreimal gesegnet, weil ich
dem Grafen dreimal begegnet«; endlich ein Kranz mit der Inschrift: »Den gab mir
der Graf am frühen Morgen, ich sollt ihn an die Gräfin besorgen, und gestern hat
er mich fortgeschickt, als sie ihn so zärtlich angeblickt, es tät mir so weh,
als ich ihn gebracht, die Gräfin hat den Kranz nicht geacht, sie hat ihn im
Vorsaal liegen lassen, da tät ich armer Junge ihn fassen, und heb ihn auf in
Ewigkeit, da bin ich von meinem Grafen nicht weit.« - Hier konnte der Graf nicht
weiter lesen, Tränen überliefen seine Wangen; er hatte dem Kleinen alles Gute
getan, hätte er aber diese heimliche Zuneigung, diese phantastische Leidenschaft
gewusst, wie hätte er ihn oft mit Zuspruch, mit kleiner Gabe erfreuen können, und
nun war es zu spät. - Er packte den kleinen Schrank als seinen kostbarsten
Schatz selbst ein, und besuchte noch in der Nacht das Grab des Kleinen; mancher
Gedanke zu einem recht bedeutenden Denkmale ging vor ihm über, aber seine Wehmut
erstickte sie alle und diese ist das schönste Denkmal der tatenlos
verschwundenen Jugend.
    Der Morgen der Abreise war unruhig angebrochen, mancherlei kleine Geschäfte
nahmen dem Abschiede einen Teil des Schmerzlichen, doch bleibt es immer
Gewohnheit in solcher Trennung von einer, wenn gleich nicht ausgezeichneten,
doch unter besonderen Verhältnissen verlebten Zeit, mehr zu fürchten, als zu
erwarten, »Ob ich je diese Seen, diese Wälder wieder sehe?« fragte Dolores ganz
wehmütig den Grafen, »die Glocken läuten zur Frühmesse, jetzt beten alle
Menschen und wir reisen; was bedeutet mir das? Gewiss sterbe ich im Kindbette und
werde hier beigesetzt zu allen deinen Voreltern und du führst eine andre in
diese Zimmer ein, als deine Frau!« - »Nimmermehr du Einziggeliebte!« rief der
Graf, »mit dir lebt ewig mein ganzes Leben, ob du sichtbar bei mir bist, wie bei
unsrer Ankunft der Frühling in jenem Walde, den er mit grünem Kranze bedeckt
hatte, oder ob ich entlaubt stehe wie er, einsam in Regen und Wind: ruhig
traurend, werde ich an deinem Grabe dann eines höheren Frühlings warten - da
wird dich Traugott mir entgegenführen - in Zeit und Ewigkeit bleibst du mir
unverloren! Doch wozu so traurige Gedanken?« - Der Gräfin schauderte jetzt vor
dem Gedanken des Todes, den sie so leichtsinnig ausgesprochen hatte; ihr war zu
Mute wie der leichtsinnigen Furcht, welche Mittags unter vielen Menschen andre
mit Gespenstergeschichten erschreckt, die sie einsam in der Mitternacht gern
vergessen möchte.
 
                                Dritte Abteilung
                                     Schuld
                                  Erstes Kapitel
Rückkehr des Grafen Karl und der Gräfin Dolores nach der Stadt Wochenbett. Taufe
Als ich einmal an einem grauen Tage einsam und gleichgültig meinen Weg wanderte,
um mein verhageltes Feld zu besehen, und von einem Hügel zum andern blickte, und
so bedachte, wie bald ich auf dem andern, und dann auf dem dritten, und dann -
und dann vor dir stehen könnte, du treue Seele, zu der ich am liebsten spreche
unter allen in der ganzen Welt, und der ich am wenigsten zu sagen habe, weil du
mich gleich verstehst und alle meine Worte in Liebe mehrest und deutest; da
wurde mir allmählich so freudig, dass ich rings umher alles mit anderem Auge
ansah, als lernte ich jetzt erst sehen und müsste jetzt nachgeniessen, was ich den
Tag über in Gleichgültigkeit, Ärger und ferner Träumerei versäumt und übersehen
hatte. Ich griff nach dem Steine, den ich neben mir zur Wegebesserung mit
frischem schwarzglänzendem Bruche zerschlagen fand, und erkannte ihn als einen
gültigen Zeugen grösserer Weltbegebenheiten, als die ich erlebt hatte; ich nahm
einen Grashalm auf, der zum Futter abgemäht, am Wege verloren gegangen, zu
meinen Füssen lag, und fand in ihm einen Zeugen des Frühlings, der uns beide
beglückte, und in mir schlug das Herz als ein Zeuge der Liebe, die ich
untergegangen wähnte. O wie selten wird uns die Gegenwart! Mitten in meiner
Freude tönte meine Klage über verlorene Zeit:
Für die Liebe zu zart,
Für die Gedanken zu schnelle,
Eilest du Gegenwart,
Nahende, fliehende Welle;
Alles sich spiegelt in dir,
Dir nach sehen wir sehnend von hier,
Stürzten uns gerne dir nach;
Dich erreichet kein Ach!
Dich erreicht nur die Lust,
Strebend dir nach in der schwimmenden Brust,
Dich erreicht sie im Meer;
Ach wer dort nur erst wär,
Wo viel tausend der Wellen
Sich in der Sonne gesellig erhellen.
Das Leben ist uns ewig offen, dass wir uns schauend mit seiner Allgegenwart
erfüllen, aber wir selbst stehen uns im Lichte mit toter Vorsicht, wie mancher
grosse Mann gähnend einem Kinde im Lichte steht, bei dem Festaufzuge, der das
Kind entzückt hätte; könnten wir uns nur überzeugen, dass nichts alt und nichts
neu in der Welt, nichts abgetan sei, und nichts erschöpft. - In diesen Gedanken
sah ich umher und es fuhren mehrere Wagen an mir vorüber; aus dem einen lachten
und winkten mir neckend viel fröhliche Mädchen, und trieben den Kutscher, dass er
schnell fahre; im anderen, der sehr bestäubt war, sass ein ernstaftes und doch
jugendliches Paar: ein junger Mann und eine wunderschöne Frau; ohne Betrübnis
schienen sie doch beide ganz in sich versunken, und sprachen nicht mit einander,
und dankten auch nicht meinem Grusse. O Bilder der Ausreise und der Rückreise,
dachte ich bei diesen beiden Wagen; jene, wie von einem Luftballe am hellsten
Tage zu Regionen ewiger Sehnsucht getragen, sehen unter sich die ganze Welt
offen liegen; diese wie verwundete Gefangene mögen die bekannte Gegend nicht
wiedersehen, die sie kürzlich in Siegeshoffnung fröhlich durchzogen.
Den Grafen und die Gräfin verliessen wir auf ihrer Rückreise nach der Stadt; das
gleichmässige Stossen des Wagens erweckte in der bekannten Gegend, in dem erregten
Zustande, wie sich beide neben einander fanden, sehr verschiedene Nachgedanken
und schläferte ihre Unterredung mit einander ein. Die Gräfin erfasste am Schlusse
dieser Nachgedanken eine innige Überzeugung, dass kein Landleben ihr Beruf sei,
dass es allen ihren geselligen Talenten und Neigungen entgegengesetzt, im
folgenden Jahre auch wegen der Erziehung des erwarteten Kindes notwendig
abgekürzt werden müsse. Der Graf in seinem Nachdenken erschrak fast, dass er von
den Arbeiten, die er sich auf der Hinfahrt zu beendigen vorgenommen hatte, nur
den kleinsten Teil angefangen, und dagegen von tausend Nebensachen zerstreut
worden sei. Er bemerkte mit einiger Kränkung, dass die fehlende Mitwürkung seiner
Frau ihm einen wirklichen Mangel in aller Ausführung gelassen, den er durch
keinen Besoldeten zu ersetzen vermocht; er nahm sich vor, sie ernstlich zur
Landwirtschaft zu ermahnen, und sie heimlich zu derselben zu führen. Hier
verwunderte er sich, als er sich selbst auf einem klugen krummen Wege
überraschte und fand, dass er in dem Laufe seiner Beschäftigungen von der geraden
treuherzigen Überredung zum Gebrauche mancher Vorteile, Listen und Klugheiten
übergegangen sei, doch mehr im Verhältnisse zu seinen Leuten, als zu seiner
Frau. So wusste er schon recht gut, dass Leuten von geringer Bildung nichts so
stark, als das Gedächtnis imponiert und in Betrügereien schüchtert; so fasste er
deswegen oft unbedeutende Kleinigkeiten auf, um den Leuten bei Gelegenheit als
ein allwissendes Gewissen zu erscheinen; so wusste er sein Vertrauen oft
scheinbar einem Menschen zu schenken, um ihn kennen zu lernen; so wusste er die
Feindschaften der Leute nach seinem Willen zu benutzen; kurz, er fand mit grossem
Erstaunen, dass seiner Einbildung ganz entgegen, die Bauern in die eignen edlen
Gesinnungen hinüber zu überzeugen und zu erziehen, sie ihn in ihrer Klugheit und
Umschauung erzogen hatten. Diese Klugheit und Umschauung sind auch Himmelsgaben,
wenn gleich unter allen die geringsten, die sich am rohen Menschen zuerst
entwickeln und darum von höher Gebildeten wie das Gedächtnis leicht zu sehr
verachtet werden. - Der Graf sollte sie künftig nur mehr brauchen. Nachdem sich
beide so wüste und müde in sich gedacht hatten, fielen sie einander in die Arme,
und küssten sich, um ihr Gähnen zu verstecken; niemand sollte sich einen solchen
Kuss der Gewohnheit und der Langenweile erlauben, er nimmt allen lebendigen
Küssen, die folgen, ihre überzeugende Kraft. Darüber dachten beide nicht nach,
beide lebten, so wie sie sich der Stadt näherten, allmählich ganz hinüber, und
kaum waren sie angekommen, so erfüllte die Freude des alten Bedienten, der die
Aufsicht über Haus und Garten geführt hatte, seine gesammelten Schätze an
Früchten des Gartens, die er alle in die Zimmer trug, der Andrang aller
Bekannten, die Licht darin gesehen hatten, das ganze Haus. Jeder bemühte sich in
der kürzesten Zeit alles Geschehene zu erzählen; das liebe Geheimnis der Gräfin
war gleich entdeckt, und es drängten sich viele Frauen mit klugen Mienen an sie,
ihr Belehrung zu geben in diesen neuen Umständen. Den Grafen ärgerte etwas dies
Geschwätz, dies Heimlichtun, das alle folgende Tage fortdauerte, er überraschte
seine Frau sehr bald auf manchem Satze, der ihm in ihrem Munde ganz fremd klang;
er konnte nicht begreifen, wie sie daran Vergnügen finden könnte, zu hören, wie
jene gesäugt, wie diese voraus wisse, ob es ein Knabe oder ein Mädchen sei; doch
sein Mitleid mit den Beschwerlichkeiten ihres Zustandes unterdrückte jeden
Tadel. Lächelnd dachte er seines Ärgers über den Prediger Frank und dessen
zeugende Blicke, weil wirklich übereinstimmend mit dessen erstem Besuche, der
Ursprung des geliebten Kindes gesetzt werden konnte, das ihm unsichtbar entgegen
pochte, wie ein neues Herz, und dem er mit Ungeduld entgegensah. Dem Prediger
schrieb der Graf wirklich einen scherzhaften eifersüchtigen Brief deswegen, den
Frank in gleicher Gesinnung recht artig beantwortete, und mit Leidwesen die Öde
in dem Schloss des Grafen beschrieb.
    Die Zeit der befürchteten und gehofften Niederkunft nahete mit dem Eintritt
der stärksten Kälte; mit Geschmack hatte er das Wochenzimmer verziert; ein
schönes altes Bild, das Christuskind auf dem Stroh in der Krippe, das mit beiden
Händen lächelnd nach den Engeln greift, die in der Luft schweben, verzierte die
Hauptwand. Die Freundinnen waren arbeitsam, eine grosse Zahl zierlich gestrickter
Mützen, gestickter Kleiderchen und gestickten Wiegenzeuges zusammen zu bringen.
Mitten in diesen Anordnungen überkam eine schnelle und leichte Geburt die
Gräfin. Der Graf war ein paar Stunden in notwendigen Geschäften abwesend
gewesen, doch behauptete er, einen durchdringenden Schrei in seinen Ohren gehört
zu haben, weswegen er mit Besorgnis nach Hause geeilt sei, die aber von dem
Anblicke des wohlgebildeten kleinen schreienden Buben, der reinlich auf einer
Decke liegend, von allen Hausgenossen angestaunt wurde, zum höchsten Jubel
überging. Die Gräfin sagte ihm leise, sie würde um keinen Preis der Welt je
wieder in die Wochen kommen; doch die andern Frauen erklärten gleich, dass diese
Redensart eben nicht im strengen Sinne zu nehmen, vielmehr als ein Eid anzusehen
sei, den die Gefahr erpresste, der also gerichtlich ungültig werde. So rot und
blau sein Kind angelaufen war, so vermischt alle Züge, doch schien es ihm
wunderschön; er konnte es nicht begreifen, wie es seine Frau zur Erhaltung ihrer
Schönheit einer Amme übergeben mochte; doch jetzt konnte er ihr in nichts mehr
widerstreiten, nachdem sie seinetwegen so viel Schmerzen ertragen. Da sich
Dolores bald ganz wohl befand, so wurde die Taufe beschleunigt; dies war immer
des Grafen heiligstes Sakrament: es hing mit seiner ganzen Ansicht von der
Weltentstehung zusammen. Er wendete die höchste Vorsicht in der Wahl der
Gevattern an, und liess im Namen Kleliens ein eben eingesegnetes sehr schönes
Mädchen dem Kleinen die hülfegelobende Hand auflegen. Doch verdarb ihm der
Geistliche, der seine Aufklärung in einer langweiligen Vorrede beweisen wollte,
die ganze Herrlichkeit der heiligen Handlung. (Der Kleine wurde Karl genannt.)
Seine Frau konnte sich in das übrige Zeremoniell der Wöchnerinnen noch weniger
finden, sie war zu gesund, um sich auf ihr Bette zu setzen.
 
                                Zweites Kapitel
                 Kleliens Verheiratung an den Herzog von A ...
Vierzehn Tage nachher traf Kleliens Danksagungsbrief für die angewiesene
Ehrenstelle ein, sie wollte sich nach allen Kräften des Kindes annehmen;
zugleich entielt der Brief die unerwartete Nachricht, wie sie einem spanischen
Herzoge von A ..., der auch in Sizilien grosse Güter besitze, in Palermo vermählt
worden. Sie erzählte, wie sie einander bei einer Wasserfahrt begegnet, wie er in
der Katedralkirche an ihrer Seite geknieet, so fromm und bescheiden seine Liebe
ihr kund getan; sie rühmte gleich hoch seine Frömmigkeit und seine Talente, die
in seiner Schönheit einen herrlichen Tempel gefunden; sie erzählte, wie er ganz
Europa durchreist, um den sittlichen Zustand aller Nationen kennen zu lernen;
wie er auch ihren Vater gekannt und lieb gewonnen habe, und ihre Muttersprache
geläufig rede. - Dolores seufzte in sich bei diesem Briefe; gewiss, dachte sie,
wäre ich meinem Wunsch mitzureisen gefolgt, er hätte mich vorgezogen; die weite
grosse Welt stände mir dann offen; schon das Spanische in der Geschichte wäre ihr
willkommen gewesen; aber dieser Glanz eines unermesslich reichen herzoglichen
Hauses, in alter und neuer Welt gleich begütert, gleich berühmt, eines Mannes,
der in den ersten Stellen seines Hofes Zutrauen genossen, neben dem anständigen,
aber mittelmässigen Geschicke eines wohlhabenden Grafen, dessen höchster Ehrgeiz
es war, seinen Bauerknaben auf die kürzeste Art etwas Geschichte und Lesen zu
lehren, den Mädchen Kochen und allen eine gesundere und frohere Art zu leben,
der das Hofgehen für einen harten Frondienst hielt: dieser Untergang von Licht
zu Schatten blendete ihre Augen, dass sie übergingen. Sie blieb den Abend ganz
ärgerlich; der Graf aber, der so kleine Empfindlichkeiten schon in ihr als
Vorboten grosser Zärtlichkeit kennen gelernt hatte, nahm es wieder lachend auf,
und belohnte es mit der Zärtlichkeit, die sein ganzes Wesen noch immer wie am
ersten Tage ihrer Bekanntschaft bei jeder Berührung ihrer weichen durchsichtigen
Hand belebte. Den andern Tag entschädigte sich die Gräfin wenigstens damit bei
ihren Bekannten, dass sie erzählte von ihrem Schwager, von seinem Reichtume,
seiner Pracht, dass er ihr eigentlich bestimmt gewesen, dass sie sich aber
glücklich schätze, nicht in so fremde Gegenden wandern zu müssen.
    Ein anderer Brief von Klelien, voll treuer lebendiger Beschreibungen ihrer
Güter, der Sizilianer, ihrer Feste, ihrer Lebensweise, entielt auch die
Nachricht, wie der Herzog sie in Angelegenheiten seines Hofes verlassen; die
Trennung hatte sie krank gemacht; seitdem sie genesen, ging sie täglich nach dem
Garten eines hochliegenden Nonnenklosters, um über das Meer zu sehen, wo ihr
Mann gefahren, und eine Schar Mädchen zu unterrichten, die sie auf den Gütern
auserwählt, um sie am Tage der Rückkehr ihres Mannes auszustatten; »das alles«,
schrieb sie, »kommt nicht aus mir, sondern ist Nachahmung meines lieben
Schwagers, dessen Freundschaft mich noch hier zu manchem Guten aufmuntert,
worauf ich sonst nicht verfallen wäre.« Der Brief beschämte etwas die Gräfin,
die immer auf des Grafen Beschäftigungen mit einem eignen geistreichen Hochmute
hingeblickt; sie war ihm den Tag ausserordentlich gewogen und wie liebreich sie
sein konnte, wenn sie es wollte, das wissen alle Engel, die ihr dann aus den
Augen blickten.
 
                                Drittes Kapitel
                               Der Marchese D ...
So abwechselnd wirkte die Schwester mit ihren Briefen, mit ihrem Schicksale auf
unser Haus; ein paar Monate darauf wurde der Marchese D ..., ein Vetter des
Herzogs von A ... bei der Gräfin angemeldet, der ihr neue Nachrichten von ihrer
Schwester zu bringen versprach. Sie fand in ihm den gewandtesten
liebenswürdigsten Mann; sie konnte ihn mit niemand vergleichen; alles an ihm
schien eigentümlich; er hätte auch ohne Reise so werden müssen; aber er war
gereist und redete die meisten Sprachen Europens. Er brachte ihr die Nachricht,
dass ihr Schwager eilig an einen nordischen Hof gesendet worden, um ganz
inkognito Angelegenheiten von grösster Wichtigkeit abzumachen; erlaube es seine
Zeit, so würde er auf seiner Rückkehr sie besuchen; ihre Schwester sei
inzwischen aufs Land gezogen, um eine grosse öde, doch sehr fruchtbare Strecke
Landes mit einem neuen Dorfe zu bevölkern; sie habe sich aus England viel
Ackergerät kommen lassen, und gelte in der ganzen Gegend für eine milde Heilige,
von der niemand ohne Unterstützung und Trost gegangen. Der Marchese erbot sich
alle Briefe, die sie ihr übermachen wollte, durch eine Adresse, die in Italien
ihm eröffnet, viel schneller als bisher dahin zu fördern; sie nahm das
Anerbieten mit Vergnügen an, und beschrieb mit grossem Anteile in einem
versiegelten Briefe, den sie ihm für die Schwester übergab, die Freude an dem
liebenswürdigen Verwandten: sie schätze sie glücklich, wenn der Herzog diesem
Vetter auch nur nach gewöhnlicher Familienähnlichkeit sich nähere. Mit vielem
Stolz zeigte ihn die Gräfin ihren Bekannten; dem Grafen wusste er sich durch ein
gefälliges Anschmiegen an seine Ideen eben so wert zu machen; der Graf meinte
sie schon in ganz Spanien realisiert und arbeitete Tage lang, ihm alles recht
klar und deutlich aufzuschreiben, was er von allem in jenem Himmelsstriche für
anwendbar halte. Schon darum war er es sehr zufrieden, als die Gräfin den
widersträubenden Marchese fast zwang in ihr Haus zu ziehen: so konnte er mit ihm
kürzlich diese Vorschläge durchgehen und sich über Lokalverhältnisse
unterrichten. Der Marchese kannte alles, ja er vertraute dem Grafen unter dem
Siegel der Verschwiegenheit, dass er von einer Gesellschaft, an deren Spitze der
Friedensfürst stehe, abgesendet worden, alle Kultur der andern europäischen
Staaten unbemerkt in das Land zu bringen, so dass die schweren Ketten des
Vorurteils und der Gewohnheit unbemerkt nicht gebrochen, sondern verrostet, von
sich selbst zerfallen würden. Bald kam die Zeit, wo Graf Karl mit den Seinen
wieder aufs Land ziehen wollte; der Marchese konnte sich wegen seiner geheimen
diplomatischen Verrichtungen nicht von der Stadt entfernen, und die Gräfin, des
Landlebens schon im voraus überdrüssig, täglich geschmeichelt durch neue Feste
des Marchese, der sinnreich auch das Unbedeutendste geltend machen konnte, das
Geld nie sparte, das Ausländische erhob, ohne das Inländische herabzusetzen,
einen Fandango mit einem Walzer schloss, spanische Trachten den Frauen
schneiderte und anpasste und Deutsch von ihnen lernte: die Gräfin konnte sich
nicht losreissen von ihm und eine kleine Kränklichkeit ihres Kindes gab den
Grund, die Entfernung von einem geschickten Stadtarzte zu bedauern. Der Graf
kannte zu genau den melancholischen Zug, den die meisten Schlösser des Landadels
tragen, eingeprägt durch die Einsamkeit, welche notwendig aus der verschiedenen
Bildung des Landvolkes hervorgeht, ja es war der eigentliche Geist seines
Strebens, durch eine bessere Erziehung der Landjugend und selbst durch deren
Rückwürkung auf die Eltern den echten Fortschritt der Zeit allgemein zu machen,
und also die verschiedenen Stände in einen natürlichen Austausch ihrer Gedanken
in gleicher Sprache wieder gesellig einander zu nähern, wie noch vor funfzig
Jahren in vielen Gegenden Deutschlands Herren, und Diener an einem Tische mit
einander assen und ausser der Beschäftigung keinen Unterschied an einander
kannten. Die Freude und die Gesundheit von Frau und Kind lagen ihm näher als
seine eigenen Wünsche; er sah sie in der Stadt so heiter, wie er sie noch nie
gekannt. Er selbst bat sie, in der belebten Stadt, wo sich alles nach
geschlossenem Frieden neu begrüsste, noch einige Wochen zurückzubleiben, auch
wollte er sie dann durch einen neuen Garten, den er in einem Walde entworfen,
überraschen; sie nahm diesen Vorschlag mit Weigerung an, sprach von ihrer
Pflicht bei ihm zu bleiben, aber er drang aus Liebe darauf und so entfernte er
sich von ihr seit ihrer Verheiratung zum ersten Male auf längere Zeit. Auch
Liebe tut oft zu viel, auch sie kann irren.
 
                                Viertes Kapitel
                        Der Graf reist allein aufs Land
Welche schöne Ewigkeit lebt in einer treuen Seele, als er allein auf seinem Gute
seine Arbeit beschleunigte, nach wilden Vögeln jagte, nach Adlern, Falken und
Geiern, die seine Singvögel störten; ihm war so alles noch gegenwärtig, wie er
als Knabe bei solcher Jagd sich erfreut, wie es ihn so unwiderstehlich über die
Berge getrieben, wie er die Falken an die Türe seines Gärtchens angenagelt
hatte, und sich als einen Beschützer der Unschuld und des Rechts geträumt. Wie
er dann befriedigt die Schätze der dunkelen Erde aufgewühlt, sie ruhig besät und
bepflanzt habe, feurig in der Lust seiner Kraft, welche den Spaten Stoss auf Stoss
durch den tückischen Bau der Regenwürmer trieb, dass er wie ein Schlangentöter
unter dem ringelnden Gewürme stand. Und neben diesem ersten Heldentume stand
noch so fest in tiefer Seele die ganze Gegenwärtigkeit erster hoffender Liebe:
wie ihm Dolores als Student bei jedem Glockenklange vorgeschwebt; der Genuss
hatte ihm nichts geraubt, er hatte nur dadurch an Erinnerungen gewonnen; kein
Augenblick war ihm leer und was ihn quälte, war allein, dass nicht gleich alles
fertig war: Wege, Baumgänge, Denkmale, die er im Geiste schon deutlich sah; dass
er mit Händen nicht greifen konnte die Geliebte, die so deutlich ihm
vorschwebte. In solcher Stimmung, wo die Idee sich nicht mit der Idee begnügen
will, sondern ungeduldig die Wirklichkeit sucht, schweifte er jagend über den
Bergwald und verweilte am liebsten bei den Riesensteinen, die ein
untergegangener heiliger Dienst errichtet hatte. Dort grub er in einem
Hünengrabe nach dem Nachlasse eines Helden, von dem er endlich nichts mehr fand
und kennen lernte, als die Asche in einem zerbrochenen Kruge, dabei eine
Streitaxt, silberne Armringe und wenige erbeutete Münzen; neben ihm einen
Aschenkrug, dessen Spindelstein und Ohrenspangen seines Weibes Schönstes und
Liebstes, was sie in ihrem Leben gebraucht und getragen, bezeichnete; rings die
Tränensammler leer und ausgetrocknet, - sehr rührend, noch ein Zeichen der Liebe
und guten Zusammenlebens aus Zeiten und Völkern, von denen wir, wie von
untergegangenen Tiergeschlechtern, nur riesenhafte Knochen haben, und die doch
vielleicht unsre Voreltern waren. Mit heiliger Scheu nahete er sich diesen
vergessenen Denkmälern; statt mit voreiliger Neugierde alles herauszureissen, und
in irgend einer Sammlung mit andern Kuriositäten zu verschütten, zeichnete er
alles treulich ab, stellte es dann wieder in die alte Ordnung, ummauerte es mit
einer anständigen einfachen Architektur, dass der Schatz jedem, der sich dem
eisernen Gitter näherte, sichtbar werden und jeden erinnern konnte an die
Hinfälligkeit des grössten Einzelnen, ohne ein dauerndes Bestehen seines Volkes:
Darum sei es der Helden grösste Sorge, Heldenkinder zu erziehen. Väterlich
voreilend dachte er dann, wie er seinen Sohn Karl unter grossen unternehmenden
Menschen wolle aufwachsen lassen, mehr dem Beispiele als der Lehre trauend; wie
er sich in allem versuchen solle, um sein Eigenes zu finden; wie er des Jahres
und der Tage Abwechselung in steter Abhärtung vergessen lernen sollte. Und von
solchen Erziehungsplanen ging er in der arabeskenartigen Verwandlung des Gemüts,
das leicht halb von einem, halb von dem andern erfüllt sein kann, wieder zur
Mutter über, zu seiner Frau, von der er nun schon ein paar Wochen fern war; und
das ganze Heldentum, das sich vor seinen Augen aus den Knöcheln Funken schlug,
schmolz in ein weiches Sehnen nach Genuss zusammen; die Helden hatten ihm kein
Ehrenlied abstreiten können, aber die wirkliche Sehnsucht entlockte ihm ein
Liebesliedchen, das er gleich als einen Brief an seine Frau absendete:
»Was jagt mich,
So matt und müde?
Ich such Dich
In meinem Liede,
Ich such Dich
In meinem Jagen;
Hier muss ich
Die Buchen fragen.
Die Frage
Im Widerhalle
Wird Klage,
Dass Laub schon falle;
Es falle,
Weil es ermattet,
Es walle,
Wenn es Dir schattet.
Das Windspiel
Mit Deinem Bande,
Vergisst Spiel
Und spürt im Sande;
Es legt sich
Mit seinem Munde,
Es hört Dich,
Verliert die Kunde.
Es weint dann,
Wie Kinder weinen,
Und gräbt dann
Mit seinen Beinen;
Begräbt sich
Im tiefen Sande,
Begrabt mich
Im Heldenlande,
In weichen Armen,
In stillem Kuss,
Zu lang mir Armen
Fehlt der Genuss.
Begrab mich
Und meine Lieder,
Bald komm ich
Und hol Dich wieder.
An dieser Stelle habe ich den Brief dreimal geküsst; in vierzehn Tagen bin ich
sicher bei Dir. Könnte ich nur einen Augenblick dieses Wort sein; sicher siehst
Du es recht freundlich an, Du strahlender Augapfel im dunklen Laube.« - Also
schloss sich dieser Brief.
 
                                Fünftes Kapitel
    Die Gräfin Dolores mit dem Marchese D ... Politik. Alchemie. Verführung
Die Gräfin verlor den Grafen, in der immer veränderten Gesellschaft des
Marchese, bald aus den Gedanken; mechanisch setzte sie sich Morgens eine Stunde
zum Schreibtische, klagte über seine Abwesenheit, erzählte von ihrem Kinde;
solch ein Wisch von einem Briefe, krumm und schief geschrieben, mit Kaffee und
Tinte befleckt, konnte doch den Grafen selig machen; es schien ihm so
vertraulich zu einem Briefe nicht einmal die Gedanken zusammen zu nehmen,
sondern so wie im gewohnten Morgengrüssen auch wohl dazwischen einmal zu gähnen.
Inzwischen nahm die Gräfin ihre Gedanken, oder vielmehr sie fand sie und mehr,
als sie sonst hatte, zusammen, sobald der Marchese zu ihr eintrat, ihr Zimmer
aufräumte und wieder mit allerhand neuen Kleinigkeiten verzierte. Da wir nicht
Lust haben die Geschichte jedes Tages ausführlich vorzutragen, weil die gemeine
Bosheit manches daraus erlernen könnte, so wollen wir das Betragen des Marchese
durch einige frühere Beobachtungen über ihn deutlicher zu machen suchen; bald
möchte er sonst gar zu befremdend erscheinen. Aufgewachsen in der verderbten
grossen Welt von Madrid, mit einer Klugheit, die ihn selbständig machte, wo andre
noch angeführt werden, suchte er ihren Genuss nicht in der rohen Art, die blind
zugreifend die Sinnlichkeit mehr erschöpft als befriedigt, nein, er wollte das
Herrlichste alles mit ganzer Kraft geniessen: dies meinte er das herrlichste
Leben, die Mittel waren ihm Nebensachen; sein Talent hatte ihm die meisten
entweder eigen gemacht, oder unterworfen. Ohne lange Beratung mit sich, fast
unbewusst traf er stets, ob er sich einem Manne von Bedeutung, oder einer schönen
Frau mehr durch Lob oder Tadel nähere, mehr durch allgemeine praktische
Gesinnung oder durch Sonderbarkeit, ob er besser imponierte oder sich belehren
lassen müsse, ob Bewunderung oder Mitleid ihm wesentlicher diene; gewiss war er,
besonders Frauen, bald so nahe bekannt, als irgend ein anderer, und gemeinhin
viel vertrauter; sie sagten ihm, was sie guten Bekannten lange verschwiegen,
hatten sie gefehlt, so zeigte er sich noch fehlerhafter; er zeigte ihnen so
viele Häkchen, so viele Berührungen seiner reichen Natur, dass eines sicher
fassen musste; hatte er aber nur einen Ton erkämpft, so liess er ihn nicht mehr
verstummen; bis die letzte Luft aus dieser Pfeife ausgeblasen, nicht eher liess
er nach. Und bei dieser steten Bewegung seiner neugierigen Bestrebungen wurde er
sich selbst ganz leicht; die quälende Tätigkeit seines Daseins fand ihr Ziel; es
tat ihm leid, wo es endlich öde und traurig ausging, aber er konnte nicht anders
und er fühlte, dass er auch in seiner Natur genug gelitten und erduldet; er
gönnte auch andern ihre Prüfung. Von einem Don Juan war er schon dadurch
unterschieden, dass er keinesweges bloss sinnlich war mit all und jedem Weibe: nur
mit den sinnlichen war er sinnlich; noch eifriger konnte er mit
streng-moralischen sein Leben durchgehen und bessern, mit einer Religiösen
beten. Hätte Don Juan seine Vielseitigkeit gehabt, er hätte sich durch des
Teufels Grossmutter vom Teufel los geschwatzt. Dass ihn Dolores sinnlich reizte,
brauchen wir nicht zu erinnern; beten und träumen war ihre Sache nicht, aber sie
war die stolzeste, prächtigste Sinnlichkeit, die je über die Erde geblickt, als
wäre sie ganz zu ihrem Genusse geschaffen. Er sah bald, dass Glanz, Artigkeit,
Schönheit sie nicht bezwinge; sie war zu stolz, sie musste gedemütigt werden, das
war aber bei ihr nicht leicht. Er liess einige Tücken gegen ein paar lockere
Weiber ausgehen und zwar in einem anscheinend gleichgültigen
Gesellschaftsspiele, die sie für immer aus der Gesellschaft entfernten; das
brachte manche gegen ihn auf: auch Dolores, die an ihrem Umgange Geschmack
gefunden; sie machte ihm Vorwürfe, er stellte sich so wütend, dass ihr vor ihm
angst wurde; das war kein Schauspiel, nein er fühlte es ganz so, als würde die
Gräfin durch solchen Umgang entweiht; etwas, das der Graf auch gefühlt, aber
immer nur leise angedeutet hatte; doch dachte sie heimlich dabei, dass ihrem
Manne es eigentlich gebührt hätte, so zu handeln.
    Mit seinem Scharfsinne fasste er auch bald die schwache Seite der Gräfin, von
der er sich ihr schnell, unabhängig von dem Reize seines Umganges, wichtig und
unentbehrlich machen könne. Wir sahen schon einmal auf dem Lande eine politische
Verschiedenheit zwischen dem Grafen und der Gräfin aufblitzen, und seine Härte,
sie darin als ein Weib von aller Verhandlung auszuschliessen; ein Unrecht in
einer Zeit, die alle Ausbildung beider Geschlechter so nahe gebracht hat, dass
sicher kein Gedanke in dem wechselseitigen Verkehre durch die Verschiedenheit
mehr herabgewürdigt wird. Im elterlichen Hause war die Gräfin schon als Kind
ganz an das Gegenteil gewöhnt worden; Frauen wurden zu mancher geheimen
Verhandlung gebraucht, öfter als Schiedsrichter über streitige Fälle; sie
erfreute sich noch immer einzig lebhaft an jeder politischen Schrift, und der
Marchese überbrachte ihr deren bald viele, sehr verbotene, schwer zu erlangende,
mit unter sogar Manuskripte, die er auf seinen Reisen eingehandelt hatte. Jede
Heimlichkeit führt zu einer andern und verpflichtet zu manchem, was nicht voraus
zu sehen. Der Marchese machte sich zur Aufbewahrung, Überbringung und
Versteckung dieser politischen Gefährlichkeiten einen geheimen Gang aus, der
sonst nur dem Grafen nach den Zimmern der Gräfin offen stand, wenn er, ohne die
Vorzimmer zu durchlaufen, sie aus seiner Arbeitsstube besuchen wollte. Sie gab
ihm den Schlüssel ohne alle Nachgedanken, welches bedeutende Zeichen sie ihm
damit schenke. - Wenige Tage darauf nach mancherlei Ansätzen, Zweifeln an
Verschwiegenheit, rätselhaften Andeutungen, welche alle Neugierde der Gräfin
spannten, erklärte er ihr, dass er sie fähig glaube, einen ausgezeichneten
politischen Einfluss zu gewinnen. Sie verbarg ihre ungemeine Freude über diese
Äusserung hinter nachgesprochenen Zweifeln ihres Mannes, ob eine Frau nach ihren
Verhältnissen dazu tauge. - »Das ist Torheit«, rief der Marchese heftig, »wären
Frauen nur zu der kleinen Anstrengung des nötigen Schreibens zu bringen; ich
halte sie wegen der Feinheit ihrer Beobachtung für viel geschickter zu solchen
Verhandlungen.« Und nach diesen Worten überströmte er sie mit Erzählungen von
französischen Frauen, die ihre Zeit geleitet. Er schloss mit den Worten: »Diese
Frauen leben unsterblich durch alle Jahrhunderte, während alle die guten Mütter,
wozu in Deutschland das weibliche Geschlecht einzig bestimmt wird, von ihren
eignen Kindern schon vergessen werden; Sie sehen, es gibt eine höhere und eine
gemeine Tugend; die letztere kann jene nicht erkennen, sie ist über ihre
Fassung, wohl aber jene diese, und darum glauben Sie wegen jener Äusserung nicht,
dass ich mütterliche Tugenden verachte, die Sie Gräfin so schön und liebreich
ausüben; aber es gibt freilich etwas Höheres!« - Die Gräfin drängte sich
ungeduldig, dieses Höhere kennen zu lernen; sie wünschte, die Geschichten jener
Frauen zu lesen, und der Marchese brachte ihr einen Haufen der merkwürdigen
Memoiren, die den Intrigengeist in Frankreich und die ungemeine Sittenlosigkeit,
die den Hof in den beiden letzten Jahrhunderten umlagerten, so lebendig
entwickeln, dass eine gewöhnliche Untreue in der Ehe, aus Zuneigung, fast wie
eine himmlische Tugend erscheint. Während die Gräfin Nacht und Tag ganz heimlich
in diesen Büchern las, die er ihr ebenfalls als Geheimnis anvertrauet hatte,
rückte er mit seinen politischen Absichten näher; er erbat sich von ihr
Kundschaft über einige fürstliche Häuser, die sie kannte; was sie ihm flüchtig
gesagt, stellte er mit grosser Lebendigkeit zu einer herrlichen feinen
Darstellung zusammen, und er las es ihr spät Abends vor, so dass sie über sich
selbst erstaunte, was er aus ihr bilde, chiffrierte das in ihrer Gegenwart mit
grosser Sorgfalt, bestellte einen Kurier und sendete es nach Spanien. Unglaublich
hatte sie dies Vertrauen geschmeichelt; sie zitterte, es zu verlieren und hätte
es doch auch gerne einigen ihrer Bekannten zu verstehen gegeben. Auch dazu gab
der Marchese mit einigen bedeutenden Winken in einer Gesellschaft die
Gelegenheit; er sprach von ihrem Talente, das Geheimste zu beobachten, von ihrer
Darstellung mit einer Zuversicht, als wären diese Gaben allgemein anerkannt. Der
Gräfin Zimmer schmückte sich jetzt mit französischer Gelehrsamkeit; sie lebte
sich ganz hinein in den Charakter der politischen Frauen in Frankreich und
suchte eine Menge andrer in dieser Art mit sich bekannt zu machen, und für den
Marchese zu benutzen, so dass es bald in der Stadt hiess, sie sei die rechte Hand
des spanischen Gesandten. Dieser hatte noch immer politische Geheimnisse, die er
ihr verbarg und nach denen sie strebte; auch hielt er sich noch immer zurück,
eine Art Herzensverständnis mit ihr zu eröffnen; sie aber hatte den geheimen
Wunsch, dass er ihr seine Liebe erklären möchte, die sie recht wohl in ihm
erkannte; dass sie ihm dann zwar alles Unerlaubte versagen würde, dessen war sie
gewiss, aber wenigstens konnte er ihr nachher nichts mehr versagen, oder durch
Äusserungen ihren politischen Gesellschaftsruhm stürzen. Er durchschaute sie, und
tat noch immer voller Rücksichten, da er ihr Streben bemerkte, vor ihm als ganz
rein zu erscheinen; er glaubte immer noch, dass selbst die Furcht vor ihrem
politischen Sturze sie nicht genug in seine Gewalt bringe; als eine wunderschöne
Frau könnte sie nach einigen Tränen darüber lachen; er musste sie ganz demütigen,
dass sie sich sogar als lasterhaft erscheine und dass es ihm ganz überlassen sei,
sie gesellschaftlich zu vernichten. Sie ganz zu demütigen, bot ihm der Zufall,
den er oft schon belauert, die dienstfertige Hand. - Die Gräfin wollte einen
Ball besuchen; sie trat in ein Zimmer voll grosser Spiegel, in dessen Ecke er
sich hinter einem Schirme auf ein Sopha ausgestreckt hatte; sie bemerkte ihn
nicht, machte gegen den einen Spiegel einige recht hochmütige, einige recht
freundliche Gesichter; dann sagte sie behaglich zufrieden mit sich selbst:
»Heute bin ich unwiderstehlich, heute wird sich der Marchese doch vor mir
demütigen müssen; heute will ich ihn warten lassen, ehe ich ihm die Hand biete.
Halt«, sagte sie weiter, »hier auf der rechten Backe noch etwas Schminke - nun
soll es heute einmal rot wie ein Wagenrad werden? - Wenn der Marchese wüsste, dass
ich mich schminkte, ich wäre verloren, dann wüsste es alle Welt. - Und mein Mann,
was würde der sagen, dem ich so heilig versprochen, keine Schminke aufzulegen:
solch Versprechen kann aber nicht gelten.« -
    Bei diesen Worten sprang der Marchese lachend auf und warf sich der
Erschreckten leicht und liebenswürdig geschickt zu Füssen, und sagte spottend:
»Ja wohl muss es der hochmütige Marchese der ganzen Gesellschaft sagen, damit
alle sich wie er vor Ihnen niederwerfen, Sie verderben sich sonst wahrhaftig die
schöne Haut mit der fatalen Schminke und des artigen Liedes von dem Grafen
denken Sie gar nicht.« Und dabei stand er auf und sang ihr dieses Lied, das der
Graf ihr einmal zärtlich warnend verfertigt hatte, als er das erste
Schminktöpfchen zu einem Balle bei ihr versteckt gefunden; der Graf hatte es ihm
gegeben, indem er ihm versichert, dass sich die Gräfin seit der Zeit gar nicht
mehr schminke, weil sie es ihm damals heilig versprochen. Hier dies Lied:
Siehst du in den hohen Spiegel,
Deine Locken gleich zu ringeln,
Scheint ein Bübchen, das hat Flügel,
Dich mit Blumen zu umzingeln:
Dann erscheinen in dem Spiegel
Noch der holden Mädchen drei,
Binden dieses Knaben Flügel,
Anmut bindet Lieb und Treu.
Willst du freundlich gern sie sehen,
Bleiben freundlich sie ergeben,
Willst du dich nur spiegelnd sehen,
Mögen sie wohl frei verschweben!
Klage nicht, dass Schönheit fliehet,
Schneller flieht das Irrlicht dann;
Bind es nicht durch Kunst, es glühet,
Was uns wärmt, auch brennen kann.
Sonnenstrahl, wie warm und helle,
Kannst die Wange bald versengen! -
Ei wer sieht's im Tanz so schnelle,
Alle Farben da sich drängen:
Amor schwingt die Fackel helle,
Sieht so listig auf den Grund,
Sieht so leicht die falsche Stelle,
Schminke küsset nicht sein Mund.
Wer sich Amor kann verstecken,
Kann auch nimmer selig lieben,
Wer ihn aus dem Schlaf kann wecken,
Kann das Kindlein hart betrüben:
Sei auch Lieb durch Schönheit flüchtig,
Wir entfliehen ja mit ihr,
Blühe Wein, und trage tüchtig,
Schönre Kinder bleiben hier.
Statt des einen Amor viele,
Viele Amors ohne Flügel
Kränzen Grazien im Spiele,
Und du siehst doch ohne Spiegel:
Siehst du deine Schönheit wieder
In den Kindern, die einst dein,
Schlage nicht die Augen nieder:
Ach wie schön, so schön zu sein.
Tausendmal verfluchte die Gräfin in sich dieses Lied; aber der Marchese schenkte
ihr keinen Vers; immer tiefer sank ihr dabei Stolz und Mut; sie kannte seine
Tücke, seine Kunst in lächerlicher Übertreibung. Zum erstenmal glaubte sie etwas
ganz Unverbesserliches getan zu haben, und in dem Nachsinnen auf einen Ausweg
wurde ihr eiskalt, und die Gedanken vergingen ihr. Noch ein Vers und sie hätte
in Ohnmacht vor ihm gelegen; jetzt brach ein Tränenstrom aus ihren Augen; sie
war artig und schwach wie ein Kind, dem man über eine Kleinigkeit zum Spass harte
Vorwürfe gemacht hat, und das sich nun gar nicht will zur Ruhe begeben. Das war
so ihre Art; sie fühlte sich so ganz herunter von ihrer eingebildeten Höhe, dass
sie nichts dawider hatte, als ihr der Marchese die Tränen von den Wangen küsste;
sie wollte ihn gar nicht loslassen; »schweigen, schweigen!« rief sie
schluchzend; er versprach es ihr mehrmals und ohne dass weiter zwischen ihnen
etwas gesprochen wurde, hauchte sie sich in die Hände, um die Tränen zu
verwischen und die Augen zu erfrischen; der Marchese führte sie an den Wagen. So
viel Gewalt sie sich antat, sie konnte nicht ihre gewöhnliche Lustigkeit auf dem
Balle erreichen, und ihr, die sonst Nächte durchtanzte und am Morgen so klar wie
ein Falke aus den Augen sah, fielen sie diesen Abend bald zu, und sie eilte nach
Hause, in einem tiefen Schlafe das Ende ihrer hoffnungslosen Nachgedanken zu
finden, wie der unverbesserliche Fehler gut zu machen, der ihr noch jeden
Augenblick von neuem alles Blut ins Gesicht trieb. Noch am Morgen war sie ganz
zerknirscht; nie hatte ein Mann ihr ganzes Gemüt so in seiner Gewalt gehabt,
weil sie nie eigentlich geliebt hatte; sie fühlte etwas Neues zwischen sich und
dem Marchese entstehen, das sie nach allen Beschreibungen der Bücher für die
wahre Liebe halten musste; sie fühlte in ihm ein Hinaussetzen über alle
Verhältnisse, vor dem ihr grauete und das sie reizte, weil es den Keim zur
Verderbnis in ihr plötzlich zum Aufwachsen regte. Ihr Mann war ihr durch das
Lied ganz verhasst; durch eine häufige Missdeutung des Gefühls glaubte sie in ihm
die wahre Ursache ihrer Beschämung; bald kam es ihr vor, als habe er sie boshaft
dem Marchese ganz überlassen wollen; sie fand es plötzlich ein himmelschreiendes
Unrecht von ihm, eine junge freudige Frau so allein ohne einigen Genuss zurück zu
lassen. - Missverständnisse sind die Blüten des Bösen, nur die Guten verstehen
sich mit Guten zum Guten ganz und immer. Dem Marchese war nichts entgangen:
seine gewonnene Überlegenheit, ihr Zutrauen breitete er mit rastlosem Eifer aus.
Da sie ihrem Manne sonst meist nur aus Eigensinn, nicht aus verschiedener
Ansicht widersprochen, denn sie nahm eigentlich nur von wenigem eine begründete
Kenntnis an, so musste ihr Urteil an diesem klugen kalten Sprecher leicht
brechen, die Folge davon war, dass sie von ihm lernen wollte. Nun umspann er sie
leise mit mancherlei geheimnisvollen Wissenschaften, höherer Philosophie,
Astrologie und Geisterbeschwörung; er kannte von allem nur das, was auf das
Gemüt wirkt und das Urteil beschränkt, und so führte er sie bald in eine neue
Welt, unter der ihre gewohnte tief unten in niedriger Entfernung lag; so
verschwand ihr auch der Graf mit dem notwendigen schönen Eindrucke, den seine
Lebensweise auf jeden ihn Umgebenden machte.
    Jede Zeit hat ihre eigne Art Geister, ihre Art sie zu denken und zu
zitieren; einstmals rasselten sie alle wie Festungsgefangene mit Ketten,
sprachen vom Fegefeuer, und forderten Gebete von den Ihren; späterhin wurden sie
wissenschaftlicher, und forderten zu ihrer Beschwörung grosse Kenntnisse,
Anschaffung seltener chemischer Bereitungen, und in diesem Sinne wirken noch
immer die Rosenkreuzer. Der Marchese hatte sich alle Geheimnisse der
Rosenkreuzer angeeignet, um sie, vermischt mit dem Mesmerschen Magnetismus als
eine furchtbare Geisterhand in das Innerste der Gemüter auszustrecken. Er zeigte
der Gräfin unter dem Siegel tiefster Verschwiegenheit manche Briefe
ausgezeichneter Männer der Zeit, die ihn als ein unbekanntes Oberhaupt der
Geister und der höheren geistigen Weltregierung ansahen; sie staunte über die
Gewalt, die er über alle ausübte, und in diesem Sinne wurden ihr selbst
unbedeutende Äusserungen von ihm bedeutend; manches Zeichen, das er willkürlich
machte, hatte ihr einen tieferen Sinn. Oft brachte er ihr, ohne ihr Wissen,
magnetisierte Blumensträusse, die sie mit einander in eine Berührung setzten, dass
sie in ihrem Innern, was er wollte, anschauen musste. Eines Abends las er ihr aus
einem geschriebenen Buche von der chymischen Hochzeit6 vor, das er sich selbst
zuschrieb und von dessen Wunderbarkeit wir einen kleinen Vorschmack geben
wollen:
    »An einem Abend vor dem Ostertage sass ich an einem Tische, wo ich der vielen
grossen Geheimnisse dachte, deren mir der Vater des Lichts nicht wenig sehen
lassen. Als ich nun mir mit meinem lieben Osterlämmlein, ein ungesäuert
unbeflecktes Küchlein in meinem Herzen zubereiten wollen, kommt ein grausamer
Sturm daher, dass ich nicht anders meinte, denn es werde der Berg, darin mein
Häuslein gegraben, von grosser Gewalt zerspringen müssen. Da mir aber solches an
dem Teufel nicht fremd war, fasste ich einen Mut, und blieb in meiner
Betrachtung, bis mich jemand an den Rücken anrührte, davon ich so erschrocken
blieb, dass ich nicht umzusehen wagte. Doch wie ich mehrmals an dem Rocke gezogen
wurde, so sah ich mich um, da stand ein schönes herrliches Weib, deren Kleid
ganz blau und mit goldenen Sternen wie der Himmel zierlich versetzt war. In der
rechten Hand trug sie eine ganz goldene Posaune, auf welcher ein Name gestochen,
den ich wohl lesen konnte, der aber zu verstehen unmöglich; in der linken Hand
hatte sie eine grosse Menge von Briefen, die sie in alle Länder trug. Einen
dieser Briefe legte sie auf meinen Tisch, breitete dann ihre rauschenden blauen
Flügel aus und verschwand durch das verschlossene Fenster. Als ich dies
Brieflein in Demut öffnete, da las ich mit goldenen Buchstaben im blauen Felde
geschrieben:
Heut, heut, heut
Ist des Königs Hochzeit ...«
Bei diesen Worten waren die Lichter so weit abgebrannt, dass der Marchese nicht
weiter lesen konnte; die Gräfin hatte sich ängstlich mit ihrem Stuhle zu ihm
gerückt; die Luft schien ihr belebt in tausend bedeutsamen Gestalten
umherzugehen; der Marchese schaute mit einem grossen Blicke empor, erhob die
Hände und schien eine Erscheinung demütig zu begrüssen; er sprach, aber sie hörte
nichts, er deutete auf sie, als wenn jetzt etwas über ihr schwebe, und ängstlich
fragte ihn die Gräfin, was er sehe. Er sagte, dass er die Mutter Gottes sehe, die
sie an ihn drücke und einen Kranz von Rosen mit den Worten über sie halte: Folge
mir nach! Dolores drückte sich erschrocken an ihn und meinte, sie werde an ihn
gedrückt; sie fühlte seinen Atem, und meinte, es sei der göttliche Atem, und
rief: »Ich fühle sie, ich fühle ihren Atem, er ist heiss, wie der Orient und wie
die Liebe einer Mutter!« - Bei diesen Worten rief er: »Und ich bin ihr Sohn!«
und stürzte in einem krampfhaften Zucken über die Gräfin hin. Schon oft hatte er
ihr von einer wunderbaren Erneuerung des heiligen Mytus gesprochen; sie schien
bewusstlos bei diesen Worten: »Ja du bist, du Gewaltigster, du Heiligster in der
Schwäche menschlicher Natur mir in die Hand gegeben!« - »Und du bist meine ewige
Braut!« seufzte er. - Dann versank er scheinbar in einen Todesschlaf, sein Atem
ward stille; der hülflose menschliche Zustand des hohen geliebten gefürchteten
Gottmenschen erweckte das tiefste Mitleiden der Gräfin; sie rieb ihn mit
wohlriechendem Öl, das in einem kleinen Fläschchen um ihren Hals hing, sie
lüftete seine Binde, seine Weste; seine schöne männliche südliche Bildung trat
hervor wie eine ausgegrabene Antike, wo jede Schaufel weggenommener Erde neuen
Reiz entüllt; sie konnte ihn nicht erwecken und musste ihn so lange anstaunen.
Zu schellen wagte sie nicht; es war sehr spät, und er war durch den geheimen
Gang zu ihr gelangt. In diesen Augenblicken schwebte eine Fledermaus schauerlich
in der Höhe des Zimmers umher, wie ein fortziehender Schatten; auch der Marchese
hatte sie durch die halbgeschlossenen Augen wahrgenommen und kam aus Furcht vor
dem Tiere, das er nicht leiden konnte, wieder zur Besinnung. Die Gräfin war so
freudig über sein Erwachen, sie hätte sich dem Himmel aus Dankbarkeit geopfert;
aber das wollte er nicht; er wollte nicht überraschen, keine Vorwürfe hören;
statt die Stimmung, den Ort, die neue Vertraulichkeit zu benutzen, liess er die
erweckten Begierden in ihr fortwuchern, hieb mit seinem Degen die Fledermaus
nieder und verliess das Zimmer mit einem ernsten Kusse.
    Ich möchte, statt zu erzählen, hier mit einem gewaltigen Trauermarsche die
Unglückliche zu erwecken suchen: aber es ist doch zu spät.
    Den Sieg über ihre Treue und über ihr Glück setzte der Marchese nur bis zum
nächsten Abende hinaus, wo er ihr Zimmer mit unzähligen Blumen geschmückt und
gegen alle Fledermäuse geschlossen hatte. Die Wurzeln waren alle untergraben, er
wusste, wohin der Baum fallen musste, und so schwelgte er alle seine jetzigen und
künftigen Früchte an einem Abende auf; es war so schön, dass er sich heilig
schwor, zu keiner Zeit ihr wieder so vertraulich zu werden, um diesen Eindruck
sich nicht zu verderben. - O du angebetete Schönheit, wie bist du gefallen von
deiner Höhe, wie bist du gemein worden und ich trage keine heilige Scheu mehr
vor dir.
 
                                Sechstes Kapitel
                       Rückkehr des Grafen nach der Stadt
Der Graf kam einige Tage darauf nach der Stadt zurück, um sie aufs Land
mitzunehmen, um ihr im Jubel alle seine neue Anlagen zu zeigen. Sei es, dass er
durch das stete Anordnen und Bewachen der Arbeiter etwas strenger
Durchschauendes in seinen gewöhnlichen Blick aufgenommen, oder war sie von der
Furcht getäuscht, er möchte ihr Verbrechen auf ihrer Stirne lesen, genug, sie
suchte ihre Verlegenheit hinter einer stürmischen Zärtlichkeit zu bergen, welche
sonst ihre Art nicht war, die immer mehr erwartete als entgegenkam. Es war ihm
etwas Störendes, etwas Frevelndes in ihr; er gedachte mit einem ruhigern
Urteile, das er jetzt in dem Verhältnis zu ihr gewonnen, an die gleiche
Empfindung, die ihn damals bei seiner ersten Rückkehr von der Universität
befangen; es muss doch etwas andres in ihr sein, dachte er, was ich nicht
geliebt, nicht gekannt habe; doch schwieg er davon, er fühlte noch zuviel
Zärtlichkeit gegen sie, als dass der Gedanke ihm lange Stand gehalten. Er
forderte sie zur Abreise aufs Land auf, aber mit tausend schönen Worten wusste
sie ihm zu erklären, dass es ihre Gesundheit noch nicht zulasse; auch schienen
ihre Wangen jetzt wirklich blässer, seit sie die Schminke, der Beschämung jenes
Abends eingedenk, aufgegeben hatte. Der Graf verschwieg seine Empfindlichkeit,
seine verdorbene Freude; die Gräfin gedachte ihre gewohnte Lebensweise in der
Gesellschaft des Marchese fortzusetzen; aber zu ihrer tiefen Kränkung zog es
dieser vor, einige Tage den Grafen aufs Land zu begleiten.
 
                               Siebentes Kapitel
  Der Graf geht mit dem Marchese auf sein Landgut. Unterhaltung von unseliger
                           Liebe zu verlornen Mädchen
Der Graf nahm zärtlichen Abschied von seiner Frau. Der Marchese drückte der
Gräfin zum Abschiede spottend das Schminkdöschen in die Hand, das ihm zum
Andenken jenes Balles geblieben. Kaum konnte sie ihren Unwillen unterdrücken;
sie ging auf ihr Zimmer und warf sich unmutig auf ihr Sopha. Es kamen ein paar
ältere Frauen zum Besuche; die Unterredung schlich gähnend durch die
Neuigkeiten; endlich fing die eine an: »Ich merke doch immer mehr, dass uns etwas
fehlt.« - »Aber was ist es?« fragte die andere. - »Verstellen Sie sich nicht«,
antwortete jene, »Liebhaber fehlen uns; es war doch eine schöne Zeit, wo stete
Aufmerksamkeiten uns jede Stunde begleiteten, und ich finde in nichts dafür
einen Ersatz.« - Dolores wurde glühend rot bei diesen Worten; zum Glücke war es
Zwielicht und keine der beiden Frauen konnte es bemerken.
    Den Grafen unterhielt der Marchese sehr angenehm mit Abenteuern, die er ihm
von Frauen aller Art erzählte; selbst die Geschichte seiner eigenen Frau trug er
ihm mit geringen Veränderungen so ruhig vor, als hätte er sie unfern den Säulen
des Herkules erzählen hören. Der Graf schwor darauf, dass ein so ehrvergessenes
Weib nie einen ehrlichen Mann betrügen könne. - »Es ist eine wunderliche Sache
um die Abirrungen ehelicher Liebe«, meinte der Marchese; »ich weiss wirklich
nicht, wenn ich der Mann gewesen wäre und den Handel entdeckt hätte - wer kann
einen schwachen Augenblick hart bestrafen.« - »Beim Himmel«, rief der Graf,
»hart nennen Sie das, das nennen Sie einen schwachen Augenblick, der die starken
Bande langer Gewohnheit, geschworner Treue, alter Liebe vernichtet; das ist eine
fürchterliche Stärke im Menschen, die das nur vermag, die muss vernichtet werden,
oder die Welt bestände nicht mehr. Gott bewahre mich vor dem Falle, aber ich
hätte es nicht lassen können, die beiden umzubringen.« - »Sie können recht
haben«, sagte der Marchese ruhig, »die Gewohnheit, über dergleichen unselige
Vorgänge in der Welt gleichgültig reden zu hören, gibt auch der Beurteilung
dieselbe Gleichgültigkeit, die sich vielleicht auch in mir bei einem solchen
Ereignisse, wo es mich beträfe, verleugnen möchte. Wenn Sie aber, lieber Graf,
bestimmt so denken, so verwundert es mich, wie Sie Ihre Frau so in der Fülle
aller Reizungen allein zurücklassen können; sie mag eine sehr vollkommene
sittsame Frau sein, lieber Graf, sie ist doch auch nur eine Frau; in Spanien
dürfte das kein Ehemann wagen.« - »Wir Deutsche«, meinte der Graf ungestört,
»wir sind entweder anders, oder denken darüber anders; wir schenken einer Frau
mit unsrer Liebe unser ganzes Zutrauen; meine Frau betrachte ich wie mich
selbst, nicht als aus einer besondern Rasse schwächerer Wesen; ich bin gewiss, so
wenig ich ihr eine fremdartige böse Neigung verschweigen würde, so wenig würde
sie ungewarnt meine Ehre, mein ganzes Glück, verraten.« - So endigte sich diese
merkwürdige Unterredung, in welcher die übermächtige Klugheit so arm neben dem
reichen zutraulichen Glauben erscheint, und der Glauben in so schwerer Prüfung
neben der Bosheit; doch liess sie in dem Gefühle des Grafen, verbunden mit dem
Fremdartigen in dem Wesen seiner Gemahlin, eine gewisse Besorglichkeit zurück,
die er gern einem eignen Übelbefinden zuschreiben wollte. Man irrt aber eben so
oft, wenn man jeden ungewöhnlichen geistigen Zustand einem körperlichen Leiden
zuschreibt, als wenn man umgekehrt jede Krankheit aus einem Leiden der Seele,
einer Sehnsucht, herleiten möchte, wie es den Frauen häufig eigen. - Die beiden
Reisenden wendeten bald ihr Gespräch auf die Liebe; der Graf in dem schönen
frommen Sinne, der dem glücklichen Neulinge eigen; er war als Vater noch
unschuldiger als manches Kind. Der Marchese überschüttete ihn mit einem kalten
Stürzbade der wunderbarsten Geschichten, welche Lust und Not einem gebildeten
barbarischen Zeitalter aufgezwungen haben; dabei flossen ihm die Geschichten zum
Munde hinaus, als spülte er ihn sich aus, und würde er reiner. Auch die
Liederlichkeit fordert eine gewisse Bestimmung, und so ein geriebener
Himmelsstürmer lässt sich in seiner pestilenzialischen Wirkung den Soldaten
vergleichen, die nach langem Biwakieren in ein ordentliches Haus kommen; ihr
Geruch vergiftet alle, während sie sich wohlbefinden. Der Graf fühlte dabei eine
wunderliche Neigung in sich, auch die Welt so kennen gelernt zu haben, in allen
ihren Tiefen und Höhen; sein Leben kam ihm so arm vor; er hätte ihm auch gerne
etwas erzählt, aber mit Staunen bemerkte er, dass er diese Seite geselliger
Bildung eigentlich ungekannt immer verachtet habe. Der Graf, immer aufrichtig
und wahr, sagte dem Marchese: »Sie haben nicht umsonst gelebt, Sie haben einen
reichen Schatz von Weisheit aus dem Abschaume der Menschheit entwickelt, den ich
mit leerem Bedauern angesehen habe, dass er zu keinem ruhigen hellen Tropfen mehr
zusammenfliessen könne. Ich versichere Ihnen, es gab eine Zeit, wo ich
öffentliche Mädchen gar nicht für Menschen gehalten habe, sondern für eine Art
Wundertiere mit ihren geschminkten Wangen, für eine Art schändlicher Götzen aus
dem alten Heidentume, denen Menschen geopfert würden. Erst auf der Universität
lernte ich an einem Mädchen, das mir gegenüber wohnte, wie alles so gewöhnlich
menschlich, mehr nachlässig als böse, zugehe. Sie war erst sehr ordentlich
sparsam und fleissig, half fleissig den Eltern, die einen kleinen Handel trieben.
Die Mutter starb, der Vater war alt; er hatte kein Ansehen über sie und sie
musste ihn zum Teil ernähren; darum schwieg er zu allem, was sie tat. Bald
bemerkte ich, dass sie ein schönes Tuch, bald auch ein besseres Kleid trüge; bald
sass sie am Fenster und beschäftigte sich nur mit Putzmachen und Stickerei; ich
dachte, die Leute hätten eine Erbschaft getan. Endlich sass sie aber ganz müssig
an ihrem Fenster, das halb mit Blumentöpfen verbaut war; ihre Backen sahen mir
so unnatürlich rot aus; sie winkte mir; aber das Mädchen, mit dem ich eine
kleine Liebesgeschichte ganz in mir nach meiner Art gespielt hatte, dass sie in
hundert Jahren nichts davon erraten hätte, war mir im Augenblicke so verhasst,
dass ich ihr den Rücken zukehrte. Bei einer Gelegenheit warf ich ihr ein Gedicht
ins Fenster, womit ich sie zu bekehren meinte.« - DER MARCHESE: »Sagen Sie es
doch her, wenn Sie es noch wissen, die Geschichte hat etwas so Unschuldiges, das
mich ungemein reizt.« - DER GRAF: »Aus der Zeit vergisst man nichts.«
                               Die arme Schönheit
Mir gegenüber das schöne Kind,
Strickte sonst fleissig ums liebe Brot,
Barfuss doch lief sie bei Regen und Wind,
Schwarz war ihr Kopftuch, ihr Röckchen war rot;
Wenn ich sie grüsste, dankte sie schön,
Und ich mocht gern ins Auge ihr sehn.
Mir gegenüber sitzt nun das Kind
Müssig am Fenster, dass jeder sie schaut,
Hat sich gelocket die Haare geschwind,
Putzt sich in Seide wie eine Braut;
Wenn ich sie sehe, winket sie mir,
Wenn du sie grüssest, winket sie dir.
Hör, gegenüber du armes Kind,
Schande macht reich und die Schönheit ist arm,
Schande, die tauscht mit der Schönheit geschwind,
Dass sich doch Gott nur der Schönheit erbarm.
Siehst du zum Himmel, Gott sieht dich nicht,
Sieht kein geschminketes Angesicht.
DER MARCHESE: »Schön, und was für Erfolg hatte das Lied?« - DER GRAF: »Sie
erriet mich, sie kam zu mir; sie klagte mir ihre Not so rührend, dass blosser
Geldmangel sie erst bezwungen, dass ihr erster Liebhaber sie verlassen; ich griff
in meinen Geldbeutel und gab ihr gerührt alles, was ich hatte; darüber wurde sie
wieder so gerührt, ich konnte ihrem Danke einige Liebkosungen nicht versagen und
ich gestehe Ihnen, dass ich sehr nahe war, meine erste Erfahrung zu machen, als
ein Freund anpochte und ich erst jetzt merkte, dass sie gleich eintretend mein
Zimmer verschlossen hatte. Diese Absicht brachte mich auf, ich verwies es ihr
hart. Sie aber trieb ihr Wesen fort und immer weiter bis ins Elend.«
    DER MARCHESE: »Da sind Sie wohlfeil weggekommen; in der Geschichte ist so
viel Gutmütigkeit, dass Sie ein paar Dutzend Weiber damit verführen könnten. Es
fiel mir dabei eine Geschichte ein, die ich beinahe wörtlich auswendig weiss.
Haben Sie nie die Geschichte von Manon Lescaut gelesen? Dem armen Chevalier
Grieux ging es schlimmer mit einer ähnlichen Bekanntschaft. Es ist vortrefflich
dort erzählt, wie der Verfasser nach Passy kommt und alle Einwohner in unruhiger
Neugierde um ein paar bedeckte Wagen versammelt sieht; keiner hat Zeit, ihm
Bescheid zu sagen. Ein Häscher, den er an dem Bandelier und an der Muskete dafür
erkennt, sagt ihm kalt: Es sei gar nichts, er transportiere ein Dutzend
Freudenmädchen nach Havre, von wo sie nach Amerika deportiert werden sollten.
Eine ist sehr hübsch und das macht die Leute neugierig. In dem Augenblicke kommt
ein altes Weib aus dem Hause und weint und schreit mit aufgehobenen gerungenen
Armen: Das sei nicht auszuhalten, das arme Kind zu sehen! - Neugierig steigt der
Verfasser vom Pferde, geht in das Haus und erblickt ein Dutzend Mädchen, von
denen sechs und sechs an eine Kette geschlossen, wie sie ein Frühstück
einnehmen. Eine aber ass nicht und hatte sich halb abgewendet; doch leuchtete
ihre Schönheit durch das schmutzige Zeug, das sie bedeckte. Er frägt einen
Häscher nach dem Mädchen. Ich hab sie aus dem Zuchtause abgeholt, antwortete
der, wo sie wohl schwerlich um eine edle Tat eingesperrt worden; sie ist aber
eigensinnig stumm; ich habe einige Schonung gegen sie, da sie doch von besserer
Art scheint, als die andern. Der junge Mensch dort wird Ihnen mehr von ihr sagen
können; er hat seit unsrer Abfahrt von Paris fast nicht aufgehört zu weinen, es
muss ihr Bruder, oder ihr Liebhaber sein. Der Reisende sah nach dem Winkel, wo
der junge Mensch sass: ein Bild der Trauer; einfach gekleidet, aber voll Anstand
in Haltung und Bewegung. Entschuldigen Sie meine Neugierde, sagte der Reisende,
ich höre, dass Sie jenes schöne Mädchen kennen, das so wenig ihr Schicksal
verdient zu haben scheint. - Er sagte ehrlich, dass er darüber keine Auskunft
geben könne, ohne sich selbst zu erkennen zu geben; dies aber erlaube ihm die
Ehre seiner Familie nicht. Nur das eine könne er nicht leugnen, was auch die
boshaften Häscher recht gut wüssten, dass er sie liebe, alles versucht habe, sie
zu retten: Bitten, List und Gewalt, alles vergebens; und so sei er entschlossen,
ihr in die neue Welt zu folgen. Das Abscheulichste aber ist, fuhr er fort, dass
diese schändlichen Buben mich nicht mehr zu ihr lassen, seit ich all mein Geld
ihnen gegeben, um nur einige Augenblicke in der Nähe der Geliebten zu sitzen;
nähere ich mich jetzt, so stossen sie mich mit den Kolben zurück; sehen Sie diese
Beulen.
    So ruhig er diesen Bericht abstattete, so fielen ihm doch dabei einige
Tränen aus den Augen. Der Reisende drückte ihm in stiller Teilnahme vier
Louisdor in die Hand, wendete sich dann zu dem Oberhäscher, nahm ihn bei Seite
und machte ihm Vorwürfe über seine Fühllosigkeit. Er schien beschämt und sagte
verlegen: Es ist ja gar nicht darum, dass er nicht mit dem Mädchen sprechen soll,
dass wir ihn zurückgestossen, aber er will immer bei ihr sitzen und das ist uns zu
lästig; er muss unsre Unbequemlichkeit bezahlen, das ist natürlich. - Wie hoch
rechnet Ihr diese? fragte der Reisende. - Zwei Louisdor für die ganze Reise,
sagte der Häscher unverschämt. - Gut, sagte der Reisende, da sind sie; stört Ihr
aber die beiden, ich werde es erfahren und werde Euch zu strafen wissen. - So
verliess der Reisende das Zimmer und behielt ein schmerzliches Bild unglücklicher
verirrter Liebe; denn, um alles kurz zu überschauen, dieses öffentliche Mädchen,
so schön als leichtsinnig, hatte den jungen Mann bei seinem ersten Eintritte in
die Welt so ganz gefesselt, ihn zehnfach mit seinem Wissen, doch ohne seinen
Willen für Lust und Gewinn verraten, ihn aus einem reichen Wohlstande,
herzlicher Frömmigkeit, in Elend, und Laster, und Schande gestürzt; er konnte
doch nicht von ihr lassen.« - DER GRAF: »Die Geschichte ist furchtbar und so
wahr, dass mir in tiefster Seele schaudert; welchen Gefahren haben Sie sich in
der Welt ausgesetzt; es gehört auch dazu eigne Heldentugend, das alles mit Ihrer
Überlegenheit zu bestehen; bei Gott, ich bewundre Sie; ich fühle in mir nicht
die Stärke dieses Ungeheuer von Welt zu betrachten; lassen Sie sich nun mit
meiner Welt genügen. Hier lieber Marchese, hier, wo alle Wege und Felder ein
fröhlicher Ansehen gewinnen, hier wird mir fröhlich ums Herz; werden Sie es
auch, geben Sie mir die Hand, Sie sind mein Freund; hier ist die Grenze meiner
Besitzung, sei Ihr Eingang ein Glückszeichen.« - Der Marchese bewunderte als
Kenner die Gartenkunst des Grafen, dieses geniale Benutzen des zufälligen
Gegebenen, um grosse landschaftliche Wirkungen mit den leichtesten Kunstmitteln
daraus hervorgehen zu lassen; nichts war leerer Zierat in den Gärten, keine
Tempel mit Altären, auf denen niemals geopfert wird; das Vergnügen der ganzen
Gegend fand in dem Garten seinen Mittelpunkt; jede Laune fand ihren willkommenen
Gang und Ruheplatz. Zuletzt durchstrichen sie Feld und Wald; der Graf machte den
Marchese aufmerksam, welche Menge von Bäumen, Gesträuchen und Blumen fremder
Gegend, die sich aber uns klimatisieren, bis in die entferntesten Punkte von ihm
gepflanzt und gesäet wären, die nun notwendig ihre Art, wie die Perle, ins Meer
fallend, in immer weiteren Kreisen dessen Wellen bewege, bis an die fernsten
Küsten fortpflanzen müssten. »Alles andre«, sagte er, »kann bei einiger
Nachlässigkeit künftiger Besitzer schnell untergehn; dies allein ist nur durch
ungeheure Naturrevolutionen zu vernichten, die unser Klima ganz abändern.« Voll
Bewunderung und wirklicher Teilnahme an diesem schönen Bestreben kehrte der
Marchese nach der Stadt; noch von niemand fühlte sich der Graf so ganz
verstanden; mit seinem freundschaftlichsten Feuer verschwor er sich ihm zum
Abschiede. Er gab ihm einen zärtlichen Brief zur Bestellung an seine Frau, worin
er ihr den Marchese als seinen liebsten Freund nochmals empfahl; der ganze
übrige Tag blieb ihm trübe.
 
                                 Achtes Kapitel
 Des Grafen schwerer Traum. Warnungsbrief. Verzweiflung an der Liebe und Flucht
In derselben Nacht träumte dem Grafen ein wunderbarer Traum, der ihm die Gräfin
in fürchterlicher Untreue darstellte, dass er beim Erwachen auf sie schimpfte,
und sich erst allmählich zu erinnern vermochte, was ihn so gewaltig aufgebracht.
Als er zum Fenster hinaussah, am Sonnenscheine die trüben Gedanken aus den Augen
zu wischen, da hörte er unten einen kleinen Buben, der ein bekanntes
Abschiedslied so hinsang ohne zu wissen, was er gesungen; er sang es so aus
Nichtstuerei:
Jetzunder geht mir mein Trauern an,
Die Zeit ist leider kommen;
Die mir vorm Jahr die Liebste war,
Die ist mir jetzt genommen.
Mein Herz ist von lauter Eisen und Stahl,
Dazu von Edelsteinen,
Ach wenn doch das mein Schatzliebchen erführ,
Es würde trauern und weinen.
Es trauert mit mir die Sonne, der Mond,
Dazu die hellen Sterne,
Die haben den lebenden, schwebenden
Garten an dem Himmel.
Wollte Gott, dass ich gestorben wär
In meinen jungen Jahren,
So wär mir all mein Lebetag
Keine grössere Freude widerfahren.
Es ist nicht hier ein kühler Brunn,
Der mir mein Herz tät laben,
Ein kühler Brunn zu aller Stund,
Der fliesst aus meinem Herzen.
Der Graf musste heftig weinen; zum Weinen war er überhaupt leicht gebracht, wenn
er allein oder mit Vertrauten war; vor fremden Menschen fand er sich nie zu
Tränen gerührt. Nachher fielen ihm einzelne Stücke seines Traumes ein, der ihm
bald mit dem Liede wunderlich genug zusammenschmolz; er schrieb es zu seiner
Zerstreuung auf und diese undeutliche Erzählung wird seinen Zustand deutlicher
darstellen, als wir es in unsrer Art zu tun vermöchten.
                                 Der böse Traum
SIE:
Mein Karl, was soll ich heut anziehn,
Dass ich ins Auge dir falle,
Soll ich in schimmerndem Rosa blühn,
Ich ging so gern zum Balle.
ICH:
Es kleidet sich schwarz ein ganzes Jahr,
Die Zeit ist schwarz gekommen,
Die mir die Liebste noch gestern war,
Ist schlecht mir vorgekommen.
SIE:
Du schauest mich an und sprichst mit dir,
Als wär ich nicht zugegen,
Nun sieh, der Zimmermann liess die Tür
Der lauten Grillen wegen.
ICH:
Die Grillen versingen sich die Nacht,
Doch ich muss immer träumen,
Es ist nun Morgen, ich bin verwacht,
Was soll mich nun aufräumen.
Mein Herz ist so voll von Höllenqual,
Wie von dem Bild, dem deinen,
Ach könnt ich doch alles nur einmal,
Die Augen mir ausweinen.
Es trauern mit mir die Blumen all,
Die dir zum Kranze gebrochen,
Die rissest du mit in den Sündenfall,
Die hatten mich zerstochen.
Es trauert mit mir die Sonne, der Mond,
Dazu die hellen Sterne,
Was hoch da lebend und schwebend wohnt,
Das ziehet fort zur Ferne.
Sie blühen im himmlischen Gartenland,
Das steht auf Feuersäulen,
Der Regen, der spület hinweg mein Land,
Ach könnt er mich so zerteilen.
Mein Garten aus blinder Lieb war erbaut
Auf einem schwarzen Sumpfe,
Und der ich lebend und schwebend vertraut,
Die ist als Irrlicht versunken.
Vergiftet ist der Spiegelbrunn,
Der labte meine Schmerzen,
Ein kühler Brunn zu aller Stund,
Der fliesst aus meinem Herzen.
SIE:
So sag doch an, so sprich doch aus,
Was hat dich so betrübet,
Es stehet noch alles wie gestern im Haus;
Wie hast du mich gestern geliebt!
ICH:
Verliebet und fröhlich schlief ich hier ein,
Und traurig bin ich erwachet,
Die Liebe scheinet mir nun ein Schein,
Sie hat mich im Traume verlachet;
Im Traume da sahest du mich recht an
Mit allen Liebesgewalten,
Ich stürzte nieder, ich freute mich dran,
Doch du schienst dich zu halten.
Du gabst mir die Hand und sahest mich an,
Dann musstest du dich drehen,
Du sagtest: »Da steht der Jedermann,
Den muss ich auch noch sehen.«
Den Jedermann sahest du so freundlich an,
Wie du mir nie erschienen,
O fände ich nur den glücklichen Mann,
Ich legte ihn nieder im Grünen.
Wollt Gott, dass früh ich gestorben wär
In meinen jungen Jahren,
So hätt ich an Liebe, so hätt ich an Ehr,
Nie solchen Schmerz erfahren.
Hier musste er vor Schmerz abbrechen; was sie ihm geantwortet hatte, war ihm zu
unerhört; er ritt aus und malte sich tausend Arten ihrer Untreue vor. Als er
nach Hause kam, fand er einen Brief des alten Bedienten, der ungeachtet seiner
Schwäche sich die Oberaufsicht im Hause und das Berichten an den Herrn nicht
nehmen liess. Nach mehreren Nachrichten, ermahnte ihn der alte Mann aus einem
gewissen innern Antriebe, es sei nicht recht, dass er seine Frau so lange habe
allein gelassen; er kenne ihre Art von Kindheit, sie wolle immer geführt sein
und weil sie das fühle, tue sie stolz und herrisch, wer wisse, was daraus
entstehen könne. Diese Worte, so wie die Warnung des Marchese auf dem Wege, die
ihm erst jetzt auffiel, schienen dem Grafen in seiner Stimmung ganz überzeugend,
dass ein Unrecht geschehen sei; er aber wagte es nicht zu wissen. Jetzt erinnerte
er sich auch, dass ihm im Traume ein gewaltiger wilder Mann erschienen, der jene
Waffen und Armringe getragen, die er in dem Denkmale des Riesensteines gefunden
und aufgestellt hatte; der habe ihm mit dem Schwerte gewinkt, in alle Welt zu
gehen. Sein Entschluss war bald gefasst; an seiner Liebe verzweifelnd wollte er
nichts, als weit von dem Orte fort. Er ordnete flüchtig das Notwendigste im
Hause, sagte niemand, wohin er reise, und fuhr ohne Bedienten in einem leichten
Wagen mit Postpferden nach der nächsten Station. Auf dem Wege nahm er manchmal
in seinen Gedanken zärtlichen Abschied von ihr; es war ihm, als ob eine fremde
Gewalt sie von einander risse, und wie an einer Wetterscheide, sein Schiff nach
Westen und das ihre nach Osten getrieben würde. Wir hassen alle schauderhaften
Bilder, die das Gemüt trostlos verwirren; wir halten es gefährlich sogar, den
Menschen unnötig mit zerrissenem Herzen auszustellen, um die Mitmenschen zu
rühren, oder ihn neugierig zu beobachten; wir unterdrücken gern das meiste, was
uns aus jener Zeit von ihm übrig geblieben; nur einige Stationen seiner Reise
heben wir aus, um seinen Ideengang zur Verbindung der Geschichte uns zu
versinnlichen; sie rühren uns bei aller Nachlässigkeit ungemein, denn es ist
Sprache eines tiefgekränkten Herzens.
                                       1.
Über Stock, über Stein, drein, drein, ohne Bewusstsein; knackt's, bricht's,
wirft's um, ich sitze stumm; meiner Blicke einzige Sprache ist ewiges Wachen,
ein nordischer Tag ohne Nacht in hallender rastloser Jagd.
    Der Schweissfuchs trabt, der Braune hinkt, das Sattelpferd springt - ein
Heimchen noch singt: Halt still, wie mir's das Herz erlabt.
    Der Schwager sagt: »Wir sind gleich da, wir sind gleich da!« - Das Postorn
klagt: »Die Hände riss ich auseinander, die Herzen zerreiss ich elende, und wandre
hin und zurück; dies ist Geschick.« Berge, ihr hemmenden, neblig beklemmenden,
Berge, ihr trennenden, abendlich brennenden, seid mir nun nah, und wir sind nah,
und wir sind da.
                                       2.
Die müden Pferde ausgespannt werden, matt und dürr zum Einbrechen bleiben sie
stehen; lassen die Fliegen stechen, in den Brunnen sie sehen. Verlassen stehet
der Wagen, es wehet!
    Und von den spielenden Lüften bleibt kühlender Schauer der Trauer des
harrenden starrenden greisenden Reisenden.
    Und sinken die Winde, so ruhet geschwinde alles umher, öde und schwer, wenig
Bewegliches, lauter Alltägliches, alles ist gleich; hier ein paar Blasen im
Teich heften den Blick an ihr Geschick; Luftbälle der Unterwelt an der Sonne
zerschellt, dort trockener Blätter Geflügel, hier schmilzt der Schnee vom Hügel,
und rieselt zu nähren die Zähren. Brand! Brand! Ich trink ihn aus meiner Hand.
Er fliesset zum Munde, da schreiet die Wunde des Herzens zum Himmel - sie
schliesset sich nimmer! - Das Herz, das bewegliche, urleidend klägliche,
nimmermehr rastende, ewig nun fastende still sich verzehrende, nimmer sich
leerende, lässt sich der heiligen Stille entüllen.
                                       3.
Wie bin ich zur Küste des Meeres gekommen allhier, oder kam das Meer zu mir? -
Ich seh mich im Spiegel des Meeres an, ein jeder über sich selbst wohl lachen
kann; ich meinte, das Glück mir lächle zurück. Wie Stossvögel drüber die Sorgen
viel trüber, sie dringen hernieder und weichen nicht wieder. Die Narben und
Falten sich zeigen und halten, selbst von den Toten nicht scheiden; doch spurlos
sind Freuden, ein gleitender Strahl hin übers zerrissene Felsental.
                                       4.
Licht, von Orient wiederkehrend, ach wie bist du so betörend, es verlöscht dein
erster Strahl einen Augenblick die Qual; Blut, so röter kehrst du wieder, und je
feuriger, je trüber.
    O du heller Orient, den keiner so kennt wie ich, hast du schon vergessen
mich? Wer sitzt an meiner Stelle auf der Schwelle, erwartend das Frühgetön, das
scharfe Wehn umflattert von Fledermäusen, umkrochen von Ameisen und doch schien
mir's schön, wie dies Land von den Höhen. - Wer lang genug darinnen haust, der
weiss, wo es graust.
                                       5.
Warum muss ich fliehen, woher sie alle ziehen, die strahlenden, die malenden, die
luftig zerstreuten, im Leuchten erfreuten Blicke der Liebe! - Des Unbedeutenden
Macht hat keiner gedacht und des Bedeutenden Blick ist voller Tück. Was riss mich
fort? Was hielt mich dort? Mich hielt ein Blick, sie hat ihn abgewendet vom
Glück. Nun reissen vier Stricke am Wagen gespannet, mich weg von dem Glücke, ich
hab mich ermannet. Den Wagen sie ziehen, die Steine erglühen, wär einer
gerissen, ich hätte halten müssen. Warum reisst mein Schmerz doch nie und
schreiet nur immer: »Flieh!« Mit wem red ich, wer kennt mich, wer sind wir? -
Ich und die Luft hier.
    Der Lüfte lieb Wort, der Vogel zieht fort, wer war der erste im Flug, ihn
treffe mein Fluch. Die Luft zieht ihm nach, und ich seufze mein einsam Ach!
Niemand hört mich, Keiner stört mich, und die sind mir jetzt Gesellschaft, meine
ganze irdische Freundschaft.
    Sie liebt einen andern und ich muss wandern.
    »Herr, da liegt eine Leiche am Weg.«
    Schwager, fahr stille weg, er musste auch wandern mit den andern, auch du
geliebter Feind musst wandern mit den andern, wenn gleich dein Leib geheiligt
ist, seit sie dich hat geküsst.
                                       6.
Der hat das Ende der Welt erreicht, der von der Liebsten weicht! Dem ihre Stimme
fehlet in Freud und Grimme. O Erde nenne sie mir! Du schweigest vor dir, bist
frostig verschlossen und ich bin verdrossen. Ach meine Lieb war mehr als ich,
denn sie bezwang mich. Ach meine Liebe ist nun für immer aus, sie fand kein
Haus!
    Wie ein verspätet Kind ausgeschlossen in Regen und Wind; der Regen läuft ihm
übers Angesicht, es stehet vor dem Hause dicht, es möchte noch klopfen an und es
nicht wagen kann. Wenn vieles ich nicht sagen will, so sag ich nichts und
schweige still. - Ich bin kein Kind, mir übers Gesicht wehte scharf der Wind,
dass mir der Bart aufging; die Jugend verging, ich hab sie nicht genossen, die
süssen Gedanken sind alle zu nichts zerflossen.
                                       7.
Ich wandle weiter voraus vor des Wagens dunkles Haus; ich seh ihn nicht, ich hör
ihn klirren mit den Geschirren, und wie das Schicksal folgt er mir nach. Hier
steh ich am Bach, im kleinen Haus geht die Mühle mit Braus. Der Bach verrinnt,
der Stein zerreibt, und keiner gewinnt und keiner bleibt.
    Ich schwanke zwischen Bäumen, da will mir träumen, als führ ich in dem
schwarzen Meer in dunkler Nacht daher; im schwarzen Meer die Masten, sie ziehen
ohne Rasten, kein Schiffer will mehr grüssen, die tiefe Still wird büssen, den
Leuchtturm versenkt schon der Sturm. Die Segel herunter, es geht bald bunter.
Ich bin auch einer der Euern, ihr müsst nicht feiern. Die Segel hernieder, ihr
Brüder. Nun tragt mich ihr Füsse durch Regengüsse. Die bestimmten erklimmten
Wolken am Waldhang sich senken, es tropft mir das Haar so klar. Wer kann
nachdenken! - Wir machen im Dunkel grosse Augen und keiner kann sie brauchen. Ihr
Wirbel im Meere, ihr füllet die Leere; ihr Augen, Leuchttürme, Eingänge der
andern Welt, neulebend möchte hinaus der Held; ihr seligen Erinnerungen, ich leb
in euch und bin von euch durchdrungen; ihr lieben Augen der Geliebten, wie kann
das taugen dem Betrübten, ihr habt mir Meer und Sturm und Himmel verschlungen
und durchdrungen.
                                       8.
Müde sink ich in die Kniee, soll ich beten, weil ich glühe, viele Tropfen fallen
kühl, keine Tränen, kein Gefühl! Dieser Schritt ist nun der letzte und ich sink,
der Selbstgehetzte, der sich selber hat gejaget, selbst zerrissen, nicht
geklaget, und die keusche Jagdgöttin sinkt in Strahlen auf mich hin.
                                       9.
Meine Mütze voll von Trauben, Nüsse, die am Boden rollen, Pfirsichen rötlich,
weich in Wolle, frischen meinen schwachen Glauben und ich denk an andre Zonen,
wo die dunklen Menschen wohnen, wo ein Goldlack Mädchenblicke, schwarze Locken
ohne Tücke. Stille wird's in meinem Herzen und im Hirne wird es wach, Liebe,
süsse Liebesschmerzen, lasset ihr doch endlich nach. Und die Fluten, die
zerstörten, lassen mich, den Tiefbetörten hier im Grünen einsam stehn. Ach wie
ist mir doch geschehn. Ach wo war ich doch so lange; kühlend wehet ein Vergessen
und mir wird nun endlich bange, dass ich gar nichts hab besessen. Hab ich
einstmals doch gesessen meinem Glücke in dem Schoss und hier sitz ich nackt und
bloss. Neun Monat lag ich im Mutterschoss und hab ihn mit Weinen verlassen, so
liess mich die Liebe nackt und bloss am Berge in Nebelmassen; die Schwalben
streifen nur daran, wie um das Grab des Geliebten; sie hören mich singen und
wissen nicht wo, und kreuzen durch die Lüfte und verlieren sich im Klaren.
                                      10.
Mögen alle Gläser springen, alle Lippen davor erblassen, ja ich will die
Wahrheit singen, muss ich auch die Wahrheit hassen. Warum die Schönheit so
flüchtig ist, das will ich euch verkünden, sie ist ein Gift, das um sich frisst,
die Augen davon erblinden. Warum die Liebe so töricht ist, das will ich euch
verkünden, weil sie mit aller ihrer List, sich selbst nicht kann ergründen; o
wohl uns, dass so viel Schönheit tot, dass wir sie nicht brauchen zu lieben, o weh
uns, dass in der Tränennot mehr Glück als in der Überlegung. Könnt ich von meinen
Augen noch eine Träne erpressen, könnt ich von ihrem Hauche die Seligkeit
vergessen!
In diesem abwechselnden Kampfe der Liebe mit der Verzweifelung an der Liebe
scheint er nach den letzteren Bruchstücken einige fröhlichere Gegenden südlicher
durchstrichen, vielleicht auch im unvermeidlichen Umgange mit einigen Menschen
neue Überlegung gewonnen zu haben. Gewiss ist es, er erhielt es endlich über
sich, mit Klugheit Überzeugung zu suchen; erst jetzt gestand er sich, dass er
eigentlich doch nur Verdacht, nicht Gewissheit habe, dass Dolores in irgend einer
neuen Neigung von dem Marchese und dem Bedienten belauscht worden sei, und nicht
ohne Widerwillen wendete er sich rückwärts.
 
                                Neuntes Kapitel
 Der wunderbare Doktor, das unsichtbare Mädchen und der Flötenspieler. Lenardo
                                   und Divina
So zweifelnd in sich, obgleich entschlossen zurückzureisen, kam er an dem Abende
eines heissen Tages nach H ... Kaum war er ausgestiegen im Wirtshause, so fragte
ihn schon ein geschäftiger Lohnbedienter, ob er nicht den berühmten Doktor zu
besuchen käme. Erst jetzt erinnerte sich der Graf, dass er unbemerkt in die
Atmosphäre eines Wundermannes geraten, der allen Menschen genug auf zu raten
gegeben seit beinahe funfzig Jahren, ungeachtet dieses halbe Jahrhundert alle
Rätsel und Wunder gänzlich verwirft. - Kann er mir auch nicht helfen, dachte er
in sich, so bin ich doch dort ein Rätsel unter Rätseln; er liess sich nach seinem
Hause führen. Er musste durch viele Gassen gehen; endlich traf er am
Zusammenstossen von dreien auf ein schiefwinklig gebautes Haus, worin jedes
Fenster aus einer einzigen Scheibe bestand, die aber alle von innen durch
Malerei undurchsichtig gemacht waren. Der Bediente klopfte an die Türe dreimal,
ein Mann in schwarzen feinen Kleidern, in einer wunderlich festen weissen Perücke
aus Glas gesponnen, mit breiter Stirn, mit tiefen grauen freundlichen Augen,
alle Finger voll prächtiger Ringe, fragte nach dem Anliegen; der Lohnbediente
antwortete: »Untertäniger Diener, Herr Doktor, ein fremder vornehmer Herr
wünschen Ihnen die Aufwartung zu machen.« Bei den Worten zog sich der Bediente
mit einer tiefen Verbeugung zurück, der Doktor winkte dem Grafen sehr freundlich
hineinzutreten; nachdem dies geschehen, schloss er die Türe hinter ihm mit sieben
Schlössern. Der Graf war in Verlegenheit, ihm recht eigentlich zu sagen, warum
er gekommen; er hatte es aber auch weiter nicht nötig; der Doktor entschuldigte
sich, dass er noch einen Augenblick zu einem Kranken gehen müsse, den er wegen
eines dringenden Geschäfts, er sei Stadtausrufer, in acht Tagen von der
Lungensucht kurieren müsse; er möchte inzwischen wohl genug zu sehen haben an
den Merkwürdigkeiten, die im Hause ständen, nachher wolle er ihm noch einiges in
den verschlossenen Zimmern zeigen, das der Mühe wohl wert sei. Der Doktor wandte
sich freundlich von ihm, ging zum Hause hinaus und verschloss die Haustüre hinter
sich. Der Graf sah um sich in dem farbig erhellten Zimmer; über ihm hingen an
der Decke statt der Kronleuchter sehr kunstreiche Planetenuhren, in denen die
Sonne mit einem wunderbaren Glanze leuchtete; der ganze Spiegel steckte voll
lobpreisender Gedichte und Briefe von Menschen, denen der Doktor geholfen, auf
der Seite stand eine Uhr als Urne auf einem Grabmale, und die Stunden drehten
sich schön gebildet als Mädchen daran umher. Die Uhr rückte zum Schlagen in
sich, da trat ein Knochengerippe aus der Wand hervor und schlug mit seiner
harten Hand die siebente Stunde an der klingenden Urne; ein metallener Vogel,
der auf der Urne zu schlafen schien, regte seine Flügel und sang ein Abendlied;
durch alle Zimmer zuckten Drähte, die von dieser Uhr ausgingen und eine Menge
Geklingel, Rauschen und Singen in Bewegung setzten. Nun war es ganz still, aber
das Knochengerippe war noch nicht verschwunden; es rückte an einer
Rechenmaschine, die neben ihm auf einem Tische stand; die Räder schnarrten
ängstlich in dem runden Kasten, endlich wurde es still und das Gerippe
verschwand. Der Graf sah jetzt nach der Rechenmaschine und fand darauf die Zahl
sechsundzwanzig: es war sein Alter, und er lachte über den Zufall; doch wurde es
ihm ängstlich in dem schwarzen Zimmer; es war die Zeit des Zwielichtes, wo die
Undeutlichkeit des Sehens sich leicht auch der innern Empfindung mitteilen kann.
Er trat in das nächste Zimmer, da trat er sich selbst tief erschreckend
entgegen; doch er hatte zuviel gelitten, um durch so etwas seine Fassung zu
verlieren; er sah bald, dass ein elender Hohlspiegel die ganze Überraschung
gemacht hatte. Er fand sich in dem Wohnzimmer des Doktors, voll wunderbaren,
aber ganz elenden Gerätes; Kaffee und Zucker stand da unter Töpfen voll
brennender Farben, blauen und roten Karmins; statt eines Bettes lag da eine
Strohmatte mit einem Bündel wohlriechender Kräuter zum Kopfkissen. Er schritt
weiter und kam in die Küche, da stand ein kleines Töpfchen mit einer Milchsuppe,
das war übergekocht und halbverbrannt; sonst war der Herd voll Retorten der
abenteuerlichsten alten Gestaltung, in denen allerlei Dämpfe, wie Schatten von
kleinen Menschen überdampften. Hier wurde ihm sehr öde und einsam, und was alle
die künstlichen Maschinen nicht vermocht hatten: er schauderte und eine
namenlose Angst ergriff ihn vor dem Leben eines ganz einsamen Menschen, der wie
der letzte auf der Erde sich in seinen Träumen verliert und verwildert, an Hölle
und Himmel zugleich anstösst und nicht hinein dringen kann. Er wollte ins Freie
und trat in den Garten; da sass an der Haustüre ein magerer nackter afrikanischer
Hund auf seinen Hinterfüssen und wie er ihn niedersenkte, gleich setzte er sich
wieder in die beschwerliche Stellung; zwei ekelhafte Katzen schlichen unter
kleinen alten, halbverdorrten halbbeschnittenen Bäumen umher, als gingen sie
spazieren; liessen sich auch durch die Ankunft des Grafen nicht irre machen, bis
eine riesenhafte Kröte aus einer gemauerten Höhle kam; da setzten sie sich
stille um sie her und fingen an zu spinnen. Mit Abscheu sah der Graf dies
widrige Abrichten; unglaublich, wozu ein Mensch kommen kann, auch der
gelehrteste, in wunderlich eigensinniger Abgeschiedenheit; ihm war es, als sähe
er sich schon so getrennt von allem Schönen, wenn er von seiner Dolores
getrennt, dem Sonderbaren ganz hingegeben. Er trat aus dem schmalen Garten in
ein grosses Gartenhaus, das gegen den Sinn des übrigen Hauses, wo alles über und
auf einander gehäuft und gelegt war, mit seinen reinen grüngemalten Wänden
abstach; in der Mitte hing über einem eisernen Gitter ein kleiner Glaskasten,
aus welchem vier Trompeten von Silber ausliefen. Der Kasten hing an einem dünnen
Drahte; auf der einen Seite stand eine lebensgrosse Figur, die eine Flöte in
Händen trug, auf der andern Seite schwamm auf einem Quecksilberbecken eine
metallene Ente. Noch peinigte ihn das Gefühl, ganz fremde und einsam in der
Gewalt fühlloser Maschinen zu sein, die von dem Menschen geschaffen, leicht die
Obergewalt über ihn bekommen könnten; er sagte trotzig laut: »Spiel
Flötenspieler, wenn du was kannst!« - Der Flötenspieler setzte die Flöte
sogleich an und spielte zwar etwas steif und unbequem, aber sehr künstliche
Konzerte, wobei die Ente im Wasser fröhlich rauschte und von den Körnern, die an
der Seite lagen, mit grosser Begierde frass. Der Graf schloss beide Augen mit
seinen Händen und rief verwundert: »Wer hört hier, wer lässt sich hören, bin ich
närrisch, oder ist alles nicht wahr?« Eine zarte weibliche Stimme antwortete
ihm: »Närrisch sind wir alle, ich kann dich hören, du kannst mich hören.« - Der
Graf sah auf: »Wer bist du?« - »Das unsichtbare Mädchen«, antwortete jetzt die
Stimme aus der kleinen Trompete des Glaskastens. - GRAF: »Wie kommst du hierher,
die Zeitungen erzählen ja, dass du in London eben viel Aufsehen machst.« - SIE:
»Es gibt der unsichtbaren Mädchen viele, mich hält hier die Liebe fest.« - GRAF:
»Liebe zu einem Unsichtbaren, oder kannst du sehen?« - SIE: »Ich sehe mehr als
ihr alle, und liebe mehr als ihr alle; ich liebe den Flötenspieler.« - GRAF:
»Liebt er dich wieder?« - SIE: »Ach nein, er liebt mich nicht, seitdem ich
verlangte, er solle mich ganz lieben; doch was geht dich das an?« - GRAF:
»Liebes Kind, es geht mich sehr nahe an, denn ich wollte auch einmal in meinem
Leben ganz geliebt sein.« - SIE: »Unglücklicher, und der Mond hat doch zwei
Seiten und eine, die du nie sehen kannst.« - GRAF: »Warum hast du das nicht
früher eingesehen?« - SIE: »Weil ich früher nicht unglücklich war.« - GRAF:
»Seit wann bist du unglücklich?« - SIE: »Seit ich in diese Stadt gekommen und
der Flötenspieler in den Büchern des Alten gelesen hat; da hat er tagelang,
nächtelang gelesen, und beschworen, und hat mein vergessen, da er mir doch
geschworen hatte, mich nie zu vergessen; endlich schlief er ein und ich sah, dass
er schwer träumte; der Schweiss lief ihm über die Stirne, da nahm ich seine
Bücher, und warf sie alle ins Feuer; da wachte er zornig auf und schalt sehr und
will nicht eher wieder mit mir reden, bis ich die Bücher ihm wiedergeschaft
habe.« - GRAF: »Wie kommt's, dass du mir dies alles vertraut, ich hab es nicht zu
wissen verlangt; werd ich es auch verdienen, sagst du es jedem?« - SIE: »Du bist
der erste, dem ich es gesagt, denn du siehst wahrhaft unglücklich aus, als wäre
dir die Saat deiner Liebe ganz verhagelt, und du hättest keine mehr.« - GRAF:
»Sag an Flötenspieler, ist alles so wahr, wie mir das liebe Mädchen gesagt?« -
SIE: »Er spricht niemals, zuweilen singt er aber, wenn er recht betrübt; er
setzt an: hör zu, er wird singen, und er singt so schön, so schön!« - Der
Flötenspieler setzte wirklich die Flöte an, blies und sang abwechselnd folgendes
Lied:
Flammenruh nach Weisheit streben
Senkt den Jünger tief in Schlaf,
Und es glüht sein innres Leben,
Als wenn Blitz die Tanne traf.
Festlich statt der schwarzen Krone
Trägt sie einen Flammenkranz,
Weihrauch träufelt von dem Trone,
Halme wirbeln rings im Tanz.
Sonst da dräuten ihm die Bilder,
Schrecklich rot und blau gemalt,
Und die Zeichen noch viel wilder
Und das Tier in Flaschen schalt;
An den tausend Messingscheiben,
Wo das Blei am Faden hängt,
Musst er sich erst müde treiben,
Eh der Schlaf ihn süss umfängt.
Liebchen kommt nun ihn zu küssen,
Aber er vernimmt sie nicht,
Himmlisch mild die Sterne grüssen
Und er steht in vollem Licht,
Und sie setzt sich ihm zu Füssen
Und umfasset seine Knie,
Sollt sie ihn nicht wecken müssen,
Er erwachet sonst wohl nie.
Leise kam sie erst geschlichen,
Doch nun schreit sie ihm ins Ohr,
Und der Schlaf ist nicht gewichen,
Es ist ein verschlossnes Tor,
Und sie nimmt die Bücher alle,
Die ihn magisch tief versenkt,
Hat die mächt'gen Geister alle
In des Ofens Glut gesenkt.
Und der Ofen wollt sich wundern,
Schüttelt mit dem alten Kopf,
Und aus allen alten Plundern
Stieg so mancher grüne Knopf;
Wüst im Kopfe, wild zum Schelten,
Wacht er auf und schaut sie an,
Die gern alles will entgelten,
Wenn sie ihn nur retten kann.
Aber er mit wilden Tritten
Stösset Liebchen an die Erd,
Höret nicht auf ihre Bitten,
Sieht die Glut nur auf dem Herd:
»O ihr Zeichen, ihr verbrennet,
Nun ihr sie mir zugeführt,
Ach woran wird nun erkennet,
Ob die rechte ich erspürt!
Wärst du Mädchen mir ganz eigen,
Wie ein Mädchen lieben muss,
Ganz geduldig dich zu zeigen,
Wär gewesen dein Genuss;
Wär ich Mädchen dir ganz eigen,
Nimmer zweifelte ich mehr,
Sondern müsst die Kniee beugen,
Und mein Herz wär mir nicht schwer.
Herrschen nicht und auch nicht dienen,
Zweifel war mein Weltgeschick,
Nur beschwören, nicht verdienen
Lässt sich jedes Götterglück:
Weibervorwitz, wer beschwört dich,
Da es selbst nicht lieben kann,
Denn die Liebste selbst, sie stört mich,
Da ich war in ihrem Bann.«
Ehe noch der Flötenspieler sein wunderliches Lied ausgesungen hatte, war der
Doktor schon herein getreten und hatte seine grosse Laute, zusammengesetzt aus
Ebenholz und Elfenbeinstreifen, hervorgeholt und mit eingestimmt; am Schlusse
sagte er: »Diesen elenden Gassenhauer habe ich noch auf der Walze gefunden,
vorige Nacht habe ich aber eine grosse Sonate ausgearbeitet und auf eine neue
Walze gesetzt, Sie sollen hören, dass die Maschine noch mehr kann.« - Bei diesen
Worten eröffnete er die Figur, und wo der Graf einen Menschen versteckt gemeint
hatte, waren nichts als sehr verwickelte Messingräder; im Fussgestelle war die
Walze eingesteckt, die alles trieb. Der Doktor schob eine andre ein, und ein
sehr künstliches Spiel überraschte den Grafen. Der Doktor, mit grosser Kraft,
sprang über einen Stuhl hinaus und rief: »Kommen Sie, das sind Kleinigkeiten,
Sie sollen mehr sehen.« - »Ich komme wieder«, sagte der Graf zu dem unsichtbaren
Mädchen, »wie soll ich dich nennen in meinen Gedanken.« - »Arnika Montana«,
sagte sie leise. - Nun führte der Alte den Grafen in seine verschlossenen
Zimmer, und zeigte Wunder an Wunder, aber nichts wirkte mehr auf ihn; er fühlte
eine Art Schrecken, wie der Alte da unter verzauberten Menschen mit seinen
Spässen lebe, die er über alles ergoss; so sagte er, als ihm der Graf den Hund
zeigte, der noch immer auf den Hinterfüssen sass: »Abgelöst, mein Tierchen, wärst
du gemalt, hätte es dir keine Mühe gemacht.« - Die Rechenmaschine erklärte er
ihm umständlich, auch die Bewegung des Totengerippes; als aber der Graf so als
müssigen Einfall sagte: »Gut, dass die Rechenmaschine im Kopfe nicht so schnurrt
und rasselt, das wäre in einem Handelskomtore nicht auszuhalten!« - da ward der
Alte auf einmal ernst, faltete die Hände und beschwor ihn bei allem Heiligen,
solche schreckliche Gedanken der Philosophen über die Seele nicht zu glauben,
das wären die Vergifter der Jugend. - »Und«, fuhr er fort, »was haben sie davon,
ist wohl einer reich geworden bei solcher Philosophie; ich kaufe sie noch heute
alle zusammen mit dem wenigen baren Gelde aus, was bei mir liegt.« - Bei diesen
Worten schlug er die Türe eines Schrankes auf, hob einen gestrichenen Scheffel
voll Gold heraus und liess es daraus in die übrige Menge niederfallen. - Der Graf
kam verwundert nach seinem Wirtshause zurück; erst hier entdeckte er, was ihn
bei der Arnika Montana so verweilt hatte, es war eine Ähnlichkeit in der Stimme
mit seiner Dolores, die ihn liebenswürdiger, als je, in der Nacht umschwebte:
doch immer in der Gewalt eines schrecklichen Zauberers, der ihm wie der Doktor
erschien.
    Am andern Morgen hörte er im Wirtszimmer über den Doktor reden, der eine
erklärte ihn für einen Narren, für einen Prahlhans, den er auf einem fahlen
Pferde attrappiert habe. Er habe ihm nämlich einen Umschlag von einer
chinesischen Tusche sauber geplättet, so dass es wie ein Blatt aus einem Buche
ausgesehen, vorgezeigt, da er nun behaupte alle Sprachen zu verstehen, habe er
ihm dies Blatt gezeigt und gefragt, was es besage. Mit grosser Dreistigkeit habe
jener ihm versichert, es sei ein Stück aus einem chinesischen Romane und es
sogleich übersetzt. Lachend habe er ihm darauf gesagt, es sei aber ein blosser
Umschlag vom Tusch. Ohne in Verwirrung zu geraten, versicherte hierauf der
Doktor, die Chineser pflegten, um Stellen ihrer guten Schriftsteller zu
verbreiten, die gewöhnlichsten Bedürfnisse darin einzuwickeln. - Der andre
gestand vieles zu, versicherte aber, dass er dessen ungeachtet einer der
wohltätigsten Ärzte sei, ohne Eigennutz, und fast immer glücklich, besonders bei
gemeinen Leuten, die alle an ihn glaubten; wahr sei es, dass er zwar mit seinen
Kenntnissen seit zwanzig Jahren eben nicht fortgeschritten sei, dass er aber
alles bis dahin um so genauer kenne. Der Graf fragte hierauf nach dem
unsichtbaren Mädchen, das sich bei ihm hören lasse. - »Ja«, sagte einer, »damit
hat er unsrer Stadt grosse Freude gemacht; die wurde hier stark besucht und
keiner konnte das Wunder begreifen; da kaufte er die ganze Geschichte von dem
Herzoge, der sie herumführte, niemand weiss für wieviel, und zeigte uns nachher,
wie alles durch eine Röhre im Fussboden veranstaltet werde, die aus dem
Nebenzimmer, wo das Mädchen verborgen, durch das Gitter in die Trompete blase,
dass der Hauch und der Ton aus der letzteren zu kommen scheine. Nun sitzt ihm das
Mädchen und ihr Bruder auf dem Halse; vielleicht beerben sie ihn.« - »Wird man
leicht bei den eingehandelten Geschwistern vorgelassen? Ich wär doch neugierig
sie kennen zu lernen«, fragte der Graf. - »Sehr leicht«, rief einer, »man muss
sich nur notleidend anstellen, das Mädchen tut gerne Gutes; schön ist sie aber
nicht, wie ich erst dachte. Sie wohnen in einem Hinterhause des Doktors; es ist
das einzige Haus in der Gasse mit einer Einfahrt.« - Der Graf wollte eben
aufstehen und zu der Unbekannten eilen, als ein Fremder ziemlich erhitzt ins
Zimmer trat, der einem verwilderten Prediger nach seinem Anzuge glich, und im
Hereintreten Hut und Perücke in den Winkel warf. - »Lenardo«, riefen ihm alle
entgegen, auch der Graf ihn gleich erkannte, »hast du nichts mehr zu trinken auf
deiner Pfarre, kommst du wieder Brüderchen?« - Wir erinnern uns seiner aus
Hollins Geschichte, dessen Untergang er ohne Absicht veranlasst, oder der ihn
vielmehr in scherzendem Leichtsinne fand.
    »Prost ihr Herren!« sagte Lenardo, »guten Tag lieber Graf, ein andermal
umarm ich euch, jetzt bin ich zu heiss; ja mit meiner Pfarre ist es aus; bestellt
mir doch meinen Schneider, Herr Wirt, er soll mir einen Burschenrock machen.« -
»Was heisst denn das«, fragte einer, »bringst du deine Frau auch mit auf
Universitäten; da werd ich dein Stubenkamerad.« - »Sprecht mir nicht von der«,
sagte Lenardo, »mit der war's nichts, zum Glück waren wir noch nicht
verheiratet.« - »Erzählt doch Alter«, riefen viele. - LENARDO: »Was soll ich
erzählen, es ist vorbei; die Divina habt ihr doch noch hier gesehen, ein schönes
Weibsbild, das war meine Braut. Ich lernte sie im Städtchen kennen, als ich
meinen Hafer verkaufte; der Hafer stach mich, ich verliebte mich, ich überredete
sie und entführte sie dem prächtigen Herzoge. Das ging alles gut, ich brachte
sie in mein Pfarrhaus, gab sie für eine Verwandte aus, die ich heiraten würde
und die ich vorläufig zur Führung meiner Wirtschaft in mein Haus genommen. Ihr
habt mich nie verliebt gesehen?« - »O ja alle Tage«, sagte einer. - »Diesmal«,
fuhr er fort, »war ich ganz anders verliebt, ich wagte meine Schöne nicht anders
als mit Handschuhen anzufassen; denkt euch, ich machte Verse; es bekam mir nicht
sonderlich, sie wurde aber ganz krank dabei. Ihr wisst vielleicht nicht, dass sie
ochsendumm war?« - »Wer sollte das nicht wissen«, sagte einer, »mich hat sie
gefragt, ob die Brotkrümeln nicht ausgesät würden, um wieder Brot zu bekommen.«
- LENARDO: »Das sieht ihr ganz ähnlich. Nun wurde sie krank; ich verzweifle,
hole unsern Kreisdoktor Traupel; der Mann fühlt den Puls, berührt die Haut,
verhält den Atem, dass ihm die Backen blau werden und die Augen heraustreten und
dann bläst er langsam, als bliese er am Lotrohre, mir entgegen; meine Braut habe
die Wassersucht, doch hoffe er sie zu kurieren. Denkt euch meine Wut, ich spare
kein Geld, alle zwei Tage lasse ich ihn holen; aber das hilft nicht, die Jungfer
Braut wird immer stärker; ich hole ihr alle Tage Gesellschaft, die Prediger in
der Nähe, die mir so viel Kaffee und Bier austrinken, dass mir die Haare ausgehen
möchten.« - Der Graf wollte sich hier fort schleichen, aber Lenardo rief ihm
nach: »Wart doch Graf, jetzt kommt das Beste. Wir sitzen einmal, ich, zwei
Prediger, ihre Frauen und Traupel in tiefer Meeresstille beisammen; meine Braut
schien so beängstiget, als wenn sie jeden Augenblick ersticken müsste. Sollte ihr
das Punktieren nicht helfen? fragte ich wieder den verfluchten Traupel; er
antwortete mir sehr bedeutsam: Sie sprechen vom Helfen, der Arzt ist nur zum
Erkennen und Erleichtern des Übels gesetzt; erleichtern kann ich sie wohl durch
Punktieren, aber nur durch Mazeration der Leber und Desoxidation der Haut kann
ihr geholfen werden. Hört nur, die beiden Ausdrücke brachten mich ganz von
Sinnen; ich dachte mir, er würde sie wie einen Handschuh umkehren, um sie in
Ordnung zu bringen; vielleicht machten's auch die auf dem Ofen langsam
schmorenden Krankensuppen, genug es ging alles mit mir um, und die Tränen
stürzten mir aus den Augen.« - »Das hätte ich sehen mögen, wie du geweint hast«,
riefen viele. - LENARDO: »Wahrhaftig, ich weinte, drei Bauerweiber haben's auch
noch gesehen, die mit ihren zehnfachen Röcken in die Stube wackelten, mir vom
Kindtaufschmause etwas zu verehren. Die gaben auch ihren guten Rat, sprachen von
einem Scharfrichter, der eine Messerspitze voll Pulver gegen die Wassersucht
gebe. Traupel ergrimmte über den Quacksalber, der seine wenigen Mittel ohne
richtige Erkenntnis der Krankheit austeile. - Wie er so demonstrierte, wurden
wir durch ein ängstliches Geschrei der Kranken erschreckt; ich glaubte, sie
ersticke, hielt mir beide Ohren zu, laufe wie ein Unsinniger im Zimmer herum und
drücke den Kopf endlich gegen die Wand. Die Zeit wird mir lang in dieser
Stellung; ich sehe mich um, denkt euch, da hat sich alles verändert; die
Prediger lachen, der Arzt ist ganz still; die Frauen sind alle am Bette
beschäftigt: Was ist? fragte ich. In dem Augenblicke hör ich vom Bette her ein
kleines Kind schreien; ich springe hin, da liegt das kleine Unwesen, meine Braut
war sehr glücklich entbunden.« - Alle lachten laut auf. - LENARDO: »Ja ihr habt
wohlfeil lachen, mir kostete der Spass meine Pfarre, alle Leute wiesen mit
Fingern auf mich, der Skandal war zu gross, auch war ich schon vorher durch mein
Trinken und Fluchen in der Gegend verrufen; was half's, dass ich mich für
unschuldig erklärte; denkt euch, das Mädchen war so ochsendumm, sie hatte von
ihrem Zustande gar keinen Gedanken gehabt, sonst wär es ja leicht zu
verheimlichen gewesen, das Kind war vom Herzoge.
    In meiner Gutmütigkeit verzeih ich ihr alles; aber nun denkt euch noch den
Spektakel in meinem Hause. Ich sollte alles tun, das Kind wiegen, die Mutter
aufwarten; das war auf Ehre ein Leben, ich wette darauf, ein andrer hätte sich
nicht so genommen. An einem schönen Tage, schickte der verteufelte Herzog, an
den ich wegen dieses sonderbaren Ereignisses geschrieben, seinen Kammerdiener in
einer Kutsche; da wurde Mutter und Kind sauber eingepackt. Nach ihrer Abreise
war mir meine Kabache ganz verhasst; ich vermöbelte alles, was ich noch hatte,
schrieb ans Konsistorium, dass ich noch studieren müsse, da ich jetzt fühle meine
Unwissenheit. Nun bin ich so fidel wie vorher, habe meinen halbjährigen Wechsel,
will noch einmal Exegese hören, der Herr Vater wird weiter sorgen, bin ja sein
einzig Kind seit meiner lieben Schwester Tode.« - Der Graf wollte wieder
fortgehen. - LENARDO: »Wohin Graf?« - GRAF: »Zum unsichtbaren Mädchen.« -
LENARDO: »Gut, sag ihr doch, wie es ihrer Schwester ergangen; meine Braut war
ihre Schwester, oder sonst so was, ich habe nie recht nachgefragt, sie waren
lange zusammen bei den spanischen Reitern.« - GRAF: »Ich werde alles bestellen.«
Er wollte »Prost« sagen, aber der alte Studentenruf blieb ihm auf der Zunge
kleben.
    Der Graf eilte zu dem unsichtbaren Mädchen und wurde leicht eingelassen; ein
schlankes, aber kränklich blasses Mädchen empfing ihn, so dass er erst bei ihrer
schönen Stimme sie für dieselbe erkannte, die ihn unsichtbar gerührt hatte. Sie
war sittsam gekleidet und hatte viele schwarzgebundene Bücher um sich liegen.
Der Graf erklärte ihr, sein Besuch sei einzig dem Interesse zuzuschreiben, das
ihr wunderbares Schicksal ihm eingeflösst habe; er würde es sich für ein Glück
achten, es zu erleichtern. Arnika antwortete, dass er ihr in nichts, in gar
nichts helfen könne; sie wolle ihm ihr Schicksal, da sie allein wären, ganz
erzählen, um ihn davon zu überzeugen. Wir wollen es in möglicher Kürze
zusammenziehen.
    Arnika Montana ist die Tochter eines italienischen Kunstreiters, der seine
meiste Zeit in Deutschland zugebracht hat; sie selbst ist unter dem Namen
Angelique allgemein bewundert worden, doch mehr wegen ihrer Geschicklichkeit,
als wegen ihrer Schönheit, welche Divina, einer andern Reiterin viel reichlicher
geschenkt war. Ihr Vater kaufte das Geheimnis des unsichtbaren Mädchens; der
Zulauf dieser neuen Kunst und die geringen Unkosten und Mühe dabei veranlassten
ihn, seine Pferde und Gesellschaft abzudanken; Arnika musste bei ihrem Witze und
ihrer schönen Stimme mit den Zuschauern reden; Divina, die sehr dumm war, und
eine rauhe männliche Stimme in ihrem weichen Munde verschloss, spielte die schöne
Stumme und zog durch ihre Schönheit vielleicht so viele Zuschauer herbei, als
jene durch ihr Wunder der Unsichtbarkeit. Ein Sizilianer, der Herzog von D ...,
kaufte durchreisend die beiden Mädchen und den Apparat vom Vater und trieb damit
seine Spässe, einen grossen Hof auf allerlei Art zu necken. In einigen Tagen des
Müssiggangs machte er Divina sich ganz ergeben; er wusste, dass er sie verführen
konnte, zur Verführung war sie ihm noch zu einfältig. - Bei dieser Stelle
unterbrach Arnika ihre Rede und fragte den Grafen, woher er den Karneol an
seinem Finger habe; der Herzog habe ihn damals getragen; dies habe ihre grosse
Offenherzigkeit veranlasst, und ihren Wunsch, sich ganz zu erklären.
    Der Graf sagte, dass der Herzog sein Schwager sei, den er aber nach den
Briefen von dessen Frau für einen sehr rechtschaffenen strenggesitteten Mann
halte; der Ring sei ein Geschenk von dessen Vetter, dem Marchese P ... - Sie
erzählte darauf mit Achselzucken, dass sie an seiner Rechtlichkeit zweifeln
müsse. - Sie gestand, dass der Herzog sie ihrem Falle sehr nahe gebracht, wenn
nicht der Eintritt Florios, des Flötenspielers auf einmal ihre ganze
Leidenschaft ergriffen und bestimmt hätte. Er ist der Sohn eines reichen
Kaufmanns und kam aus Neugierde mit andern Handlungsdienern, die Maschine zu
sehen; Arnika erblickte ihn aus dem Nebenzimmer und konnte sich nicht entalten,
zu ihm so artig, so witzig zu reden, wie sie seit der Zeit in ernsten Leiden
ganz verlernt. Florio wurde ganz von ihrer Stimme ergriffen; gleich darauf trat
Divina herein und ihre Schönheit ergriff ihn mit gleicher Stärke; er konnte
nicht los und seine Liebe schmeichelte ihm, beide wären eins, ein und dieselbe,
weil die stumme Schönheit immer erst dann in das Fremdenzimmer kam, wenn der
unsichtbare Verstand zu reden aufgehört hatte. - »Mein werter Freund«,
unterbrach sich hier Arnika, »warum müssen sich doch oft Geist und Körper, deren
Zusammenhang mit einander den Weisesten selbst unbegreiflich, im Leben so oft
getrennt sehen und nach einander schmachten; mit welcher Sehnsucht betrachtete
ich oft die schönen Züge unsrer Divina und soll ich aufrichtig sein, ich hätte
gern aufgehört, geistreich zu sein, hätte ich recht schön dadurch werden
können.« - Der Graf sagte ihr ernstaft, dass er es für frevelhaft halte, bei
einer angenehmen Bildung nach Schönheit zu verlangen; denn mit gleichem Rechte
würde dann die Schönheit nach Dauer streben und überhaupt der einzelne nach
allem. - »Sie haben recht«, antwortete Arnika, »aber ich habe wohl ein Recht, zu
vermissen, wodurch ich so viel verloren; und dann musste ich es sagen, wenn ich
Ihnen ein Lied Florios mitteilen wollte, das er mir leise in die silberne
Trompete des Glaskästchens an einem schönen Frühlingsabende sang, und das so
laut mit tausend Lebenswellen an meinem Herzen widerschlug, als schiffte es
darauf in die goldene Abendruhe. Das Lied entrollte seinem Selbstgespräche, er
wusste nichts davon, nachdem er wohl zwei Stunden neben der stummen Divina
gesessen, ohne es zu wagen, Liebe zu gestehen, ungeachtet er mit dem festen
Entschlusse dazu angekommen.
                               Die Uhr der Liebe
Wie die Stunden rennen
Mir an Liebchens Seit,
Auf der Zunge brennen
Lieb und Heimlichkeit;
Soll ich ihr bekennen,
Was im Herzen brennt,
Und wie soll ich nennen,
Was sie noch nicht kennt?
Herz sei doch zufrieden,
Sie still anzusehn,
Würden wir geschieden,
Müsstest du vergehn;
Schweige, noch hienieden
Ward es nicht so schön,
Dass in sel'gem Frieden
Zweie sich ansehn.
Die Wonne meines Gefühls, überschwenglich wie nimmer wieder, musste sich Luft
machen; ich sang ihm leise durch die Trompete zu, immer in dem Wahne, mir allein
sei seiner Liebe Feuer gewonnen:
Wie die Stunden schleichen
Fern von ihm verbracht,
Gib ein einzig Zeichen,
Sternenhelle Nacht,
Gib ein einzig Zeichen,
Ob er wieder liebt,
Frühling will verstreichen
Und kein Zeichen gibt.
Und die Sterne lachen
Mich zum Hohne an,
Und der Mondennachen
Mir nicht helfen kann;
Ruhlos treibt der Nachen
Durch die Sterne hin,
Herz, auch du musst wachen,
Schlafen wär Gewinn.
Herz, du könntest träumen
Eine Fahrt so schön,
Sähst zu sel'gen Räumen
In der Nacht Getön;
Nachtigall auf Bäumen,
Dich versteh ich nun,
Willst das Feld nicht räumen,
Kannst darin nicht ruhn.«
Kaum hörte Florio diese leisen Verse der Arnika zu Ende, rief er seine Liebe so
laut aus, dass sie schaudernd davor erschreckte und ohne sich halten zu können,
aus dem Nebenzimmer, wo sie immer verborgen gewesen, in die Versammlung und um
den Hals Florios stürzte, wo sie halbohnmächtig liegen blieb. Florio taumelte;
es war die Stimme, die er liebte, aber nicht die Gestalt, nicht Divina, und wäre
sie schöner gewesen, es war nicht Divina; aber nur einmal kann dem Menschen
diese Fülle der Liebe werden, er konnte sich ihr nicht offenbaren in diesen
heiligen Augenblicken gänzlicher Hingebung, er hätte sie getötet. Aber nur
diesen Abend konnte sich ihr scharfer Blick täuschen, sich ganz geliebt zu
glauben; er wollte sie ganz lieben, der stille Zwang in ihm wurde zu einem
festen Eigensinne, ja zum Wahnsinne, ihr nie einzustehen, was sie bald lebendig
fühlte. Der Schmerz über diese harte Scheidung des Schicksals, vielleicht auch
schon früher die Veränderung ihrer anstrengenden Lebensweise als Kunstreiterin
mit dem eingezognen Stubensitzen als unsichtbares Mädchen, nagten an der Rose
ihrer Wangen. Der Herzog, besorgt um sie, wollte sie in andre Luft führen;
Florio reiste ihnen nach und flehte so lange, bis der Herzog ihm erlaubte mit
zwei Maschinen, die er erfunden, einer fressenden Ente und einem scheinbaren
Flötenspieler, der den Grafen den Abend getäuscht hatte, während Florio selbst
im Nebenzimmer die Flöte blies, den wunderlichen Zug zu vermehren. Der Herzog
aber, der sich von diesen sonderbaren Verhältnissen ein eignes Vergnügen
erwartet hatte, fand jetzt nur langweiliges Sehnen in der Gesellschaft. Die
dumme Divina fing an, den Florio ebenfalls lieb zu gewinnen: so kam ihr die
Sprache, aber welche Sprache, welche Gesinnungen! Florio rieb sich die Ohren, ob
es ihm drinnen nur brause, als sie ihm zärtlich zusprach, und so verschwand das,
was ihn zweifelnd zwischen beide gestellt; die Schönheit schien ihm eine falsche
Schminke, doch liess sich ihre Lust nicht übertragen. Er selbst klagte seiner
Arnika dieses Vergehen der Schönheit vor ihm in einigen rührenden Worten:
Ich liebte sie,
Verschlossen war sie, stille;
Und ihrer Schönheit Fülle
Versiegte nie.
Der Blume gleich,
Glaubt ich die Welt verstecket,
Wo nie ein Ton erwecket,
Ihr Herz wie reich.
Du liebe Zeit,
Da fängt sie an zu sprechen,
Will mir das Herze brechen,
Ach, wie sie schreit;
Ich fühl mich arm,
Nun sie sich reicher fühlet,
Wie ist mein Herz erkühlet,
Was einst so warm.
So sang Florio oft, und schwor seiner Arnika eine ungeteilte Liebe. Den Grafen
ärgerte das Lied; er wusste erst nicht warum; ihm fiel glühend heiss in den Sinn,
dass er bei ähnlicher Veranlassung, als er Dolores wiedergesehen, von einem
gleichen Eindrucke ergriffen worden sei, und dann fiel ihm ein, was ihm selbst
alles fehle, und er seufzte: »Die Menschen sind nur schön und herrlich und
vollkommen in den Gedanken andrer, darum sei unser Streben, in andern gut zu
leben.« Mit hastigen Schritten ging er auf und nieder, setzte sich an ein
kleines Klavier und sang mit beengter Stimme:
Wenig Töne sind verliehen
Meinem Herzen,
Viele Schmerzen
Drin verglühen!
O Vogelsang
Der wildentbrannten Weisen,
Ich muss dich höher preisen,
Nun ich so bang.
Was da bleibet unverleidet,
Find ich immer;
Immer, nimmer,
Was verliebet und verscheidet,
Schöne Töne!
»Sie sind unglücklich, mein werter Herr«, sagte Arnika, und er beugte sich
nieder, weinte, und ihre Hände deckten ihn, und ihm ward wieder einmal ganz wohl
und leicht. »Können Sie mir Ihren Schmerz vertrauen«, fragte sie, »ich weiss mit
Schmerzen umzugehen.« - »Nein«, antwortete der Graf sehr milde, und sie erzählte
weiter.
    Die Hoffnungen der guten Arnika ihren Florio nun ganz und ungeteilt zu
besitzen, erfüllten sich nicht; die eine Hälfte seiner Liebe war untergegangen
an ihrem Gegenstande, aber nicht in sich, und er füllte diese Neigung zu
wunderbarer Schönheit mit wunderbaren Spekulationen über die fremdartigsten,
entlegensten, göttlich-menschlichen Verhältnisse. Der Herzog, der mit Mystik,
Geisterbeschwörung und Alchemie nur spielte, führte sein ernstes Nachdenken
hinein; er brachte ihn auf der Reise zu dem wunderbaren Doktor, dessen
Hausgenossen sie beide geblieben, nachdem es ihm unmöglich geworden, sich von
dessen Sammlungen und magischen Büchern zu trennen. Der Herzog hatte sie beide
dem Doktor übergeben, weil seine Langeweile in ihrer Gesellschaft erwachte:
diese Höllenpein, die ihn wie einen Verfluchten durch die Welt trieb. Divina
hatte er mit sich genommen, die von Florios Verschmähung tief gekränkt worden.
Hier ereignete es sich, dass Arnika in der Furcht, Florio möchte über die Bücher
seinen Verstand verlieren, während seines Schlafes sie alle verbrannt hatte;
seitdem sprach er nie mehr, sondern sang, und war der festen Überzeugung, dass er
bei dem Alten so lange zur Maschine geworden sei, bis er die Bücher
wiedergeschaft; gewiss war es, der Alte machte grosse Forderungen dafür an beide,
um sich dadurch länger ihre Merkwürdigkeit zu erhalten.
    Der Graf erbot sich vergebens mit anständigem Wohlwollen diese Schuld zu
übernehmen; Arnika antwortete ihm immer verbindlich: »Sie können uns nicht
helfen, Gott allein kann uns helfen; ich bin meinem Schicksale unterworfen, und
Florio hat auch recht in sich; wo wir wären, würde uns das Unabänderliche in
unserm Verhältnisse drücken; ihn zerstreuen hier Studien, mich die Einsamkeit;
ich sammle die schönen Blitze seiner Empfindung, die ihm das Jugendland
erhellen; mich sammeln einige fromme Bücher, die mir ganz genügen. Der Alte
flüchtet sich zu uns, wenn er in den wunderlichen Kreisen seiner Maschinen und
Versuche sich verwirrt und sie ihm übermächtig werden; ich kenne hier viele
Unglückliche, die meines Trostes bedürfen, denen ich in ihrer Sprache zu reden
weiss; die Welt ist so reich und prächtig für jeden, der sie fassen kann.« - Der
Graf erzählte ihr jetzt das Schicksal der Divina mit Lenardo; sie weinte
darüber, und sagte: »Gott wird ihr verzeihen, sie ist so sehr dumm.«
    Der Graf fragte sie: »Warum wollen Sie mich nicht trösten, warum kommen Sie
nicht mit mir?« - Sie antwortete: »Sie werden noch viel überstehen, vieles,
wobei ich Ihnen nicht helfen kann, und wo mein Trost von Ihnen nicht gehört
werden würde; Sie haben einen schönen Grund in Ihrem Herzen, dort sind auch Ihre
Fehler: denken Sie immer daran, dass eines Augenblicks Fehler Jahre voll guter
Taten zertrümmern kann; je höher eine Tanne, je mehr Samen unter ihr
aufgegangen, je mehr junge Bäume kann sie niederstürzen, zerschmettern. Hüte
dich, du grünes Holz.« - Der Graf fand sich von Ahndungen umlagert; wieder
drückte er seinen Kopf in ihre Hände, sie segnete ihn ein, und seine Tränen
flossen; sie hingen ihm so lose in den Augen wie die Wolken am Frühlingshimmel,
wenn es einmal ins Regnen kommt, und wieder fand er einen Trost, als wenn er
gleich nach Hause wandern und alles ertragen könnte, was ihm begegnen möchte.
    Der Alte trat jetzt herein und machte mit altfränkischen Redensarten und
Spässen der Arnika seinen Hof; er hatte alle Taschen voller Kunststücke, Karten,
Würfel, Becher, kleine Puppen, Trichter und Beutel, der ganze wunderliche
Apparat, mit dem gute Taschenspieler aus so wenigem so viel machen, dass der
höchste Verstand, selbst bei der besten Einsicht davon, doch über ein
erfindsames Gewerbe staunet, das ohne Ehre, literarische Verbindung, Akademien
und Prämien doch zu einem so hohen Grade von Vollendung, zu einer Masse
sinnreicher Erfindungen, und zu so reicher geselliger Belustigung gediehen, dass
ich es für einen Hauptteil der Erziehung halten möchte. Unserm Grafen war es
aber in diesem Augenblicke gründlich verhasst; der furchtbare Zauberer schien ihm
heute einer der elendesten Narren, die es nicht einmal auf eigne Rechnung,
sondern für andere sind. Der Alte erzählte, dass er den Tag schon acht Collegia
gelesen; der Graf fragte ihn, erstaunt über die Menge, wie viele er denn den
ganzen Tag lese, und wie viel Stunden er schlafe. Der Alte wurde rot vor
Beschämung, und sagte: er müsse gestehen, dass er seit einiger Zeit träge
geworden, er schlafe drei Stunden und lese zwölf Stunden Collegia, sonst habe er
achtzehn Stunden gelesen.
    DER GRAF: »Mein Himmel! empfanden Sie denn gar keine üble Folgen davon; ein
solcher Tag würde mich töten.«
    DER ALTE: »Freilich ohne Verjüngungsbalsam geht das nicht, mein
allerschönster Herr, auch muss ich Ihnen sagen, etwas schadete es mir auch; die
Zunge wurde mir dünner, und hätte leicht zu dünn werden können.«
    DER GRAF: »Wie ist aber der Verjüngungsbalsam?«
    DER ALTE: »Von dem muss ich Ihnen eine schnakische Geschichte erzählen; von
dem hat einer meiner Kranken neulich gegen meine Vorschrift zu viel genommen, da
wurde er zum Schrecken aller ein ganz junges Kind in einer Nacht, hatte aber
seinen ganzen Verstand behalten; da nun kluge Kinder nicht lange leben, musste
ich ihn wieder mit grosser Anstrengung zu einem mittleren Alter zurückbringen.« -
Der Graf wollte eben ganz böse losbrechen, als Arnika zwischen trat und dem
Doktor im Namen der Alten dankte, die, von allen Ärzten aufgegeben, durch ihn
ihr vollkommenes Gesicht wieder erhalten; es sei sehr rührend gewesen, wie sie
ihre Kinder und all ihr Eigentum wieder befühlt, ob es auch das rechte sei, und
sich über alles Neuangeschafte verwundert habe. Gut, gut, dachte der Graf, gibt
er nur einem Menschen das Gesicht wirklich wieder, so mag er den übrigen
immerhin ein wenig Staub in die Augen streuen. Bald führte ihn der Alte in die
verschlossenen Zimmer, wiederum fand er das Elendeste neben dem Herrlichsten
ausgestellt; jenes, sagte er dann, sei das Beste; er hätte gar nicht
aufzuschneiden gebraucht, um zu verwundern, er hielt es aber doch noch für
nötig. Er zeigte die herrlichsten anatomischen Präparate; das war ihm aber nicht
genug, er zog auch den Strumpf von seiner Wade, und zeigte eine Lücke im
Fleische; nun holte er ein kostbares Glas mit angeschliffenen
Vergrösserungsgläsern sehr patetisch aus dem Schranke, und versicherte: von
diesem Ausgeschnittenen habe er diese einfache, schlechtin nicht weiter zu
zerteilende Urmuskelfaser geschnitten. Der Graf sah in das Glas, konnte aber
nichts davon bemerken.
    DER ALTE: »Es gehört dazu ein gewisser Stand der Sonne, man sieht es im
ganzen Jahre nur einmal; als ich die Faser präpariert hatte, konnte ich in
finstrer Nacht die Hamburger Zeitung lesen, so ausnehmend waren meine Augen
geschärft; die Jupiterstrabanten sah ich ohne Teleskop.« - In bunter
Mannigfaltigkeit ging er von da zu den Gemälden über; hier verriet sich der Graf
allzubald als Kenner; statt zu prahlen, suchte ihn der Doktor über manches
auszuforschen, und fragte nach dem Meister. Hier in schöner Kunst schien ihm
aller Sinn abzugehen; was er sagte, waren gelernte Formeln; in den lateinischen
Distichen, die er an jedes geschrieben, ehrte er oft das Schlechteste über das
Beste. Von diesen lateinischen Distichen machte er dem Grafen auf jeden
beliebigen Gegenstand in fünf Minuten drei, sie waren in der Silbenmessung
tadellos, aber meist ganz leer. Nun ging's in die Gewehrkammer; da zeigte er im
Winkel ein angefangenes Instrument, das nach seiner Aussage von einem Schüler in
der letzten Stunde seiner Logik erfunden worden wo jeder in gesetzter Zeit alles
erfinden könne, was er wolle; da habe dieser darauf spekuliert: dreimal dreissig
Türken mit einem Schusse zu erlegen. Das Gewehr dazu sei auch wohl erfunden,
aber die Mechaniker hätten es nicht ausführen können. - »Mein Gott, denken Sie
noch an den Türken, den Erbfeind«, fragte der Graf erstaunt; »gegen die ist mein
Vater erschossen worden.« - Das freute den Alten zu hören, er wusste von neuerer
Zeit gar nichts; des Vaters wegen verehrte er dem Sohne zwei altdeutsche Büchsen
mit Radschlössern, sehr schön gearbeitet und ausgelegt; vergebens weigerte sich
der Graf, sie anzunehmen, er liess sie ihm heimlich ins Wirtshaus senden.
    Wir verweilen mit Absicht bei dem Bilde des alten Doktors, denn es ist uns
so tiefbedeutend als Sinnbild des meisten Lebens; der Graf unter wirklichen
Umständen, die sein ganzes Glück vernichten, kaum erwacht aus Träumen, die ihn
dem gramvollsten Wahnsinne nahe brachten, und leider nur zu wahr sind, vergisst
hier seine Lage bei dem abenteuerlichsten Spielzeuge, ohne eigentliche
Teilnahme, bloss aus Artigkeit zuhorchend; greife jeder in seine Erinnerung
hinein, wie viel Tage er auf gleiche Art versäumt habe, ob nicht das Lesen
dieses Buches selbst, so gut es gemeint ist, für viele, welche ernste Tat ruft,
ein müssiges unvergnügliches Spiel sei; darum seid gewarnt, ihr Leser, die Tage
vergehen schneller als die Nächte, endlich kommt eine Nacht, die keinen andern
Tag kennt, als die Erinnerungen; vergesst auch nicht über das abenteuerliche
Spielzeug dieses Lebens das ernste Werk des Zukünftigen. Dem Grafen mochte auch
so etwas einfallen, er brach plötzlich die Unterhaltung ab und wollte sich
beurlauben; da sagte ihm der Alte freundlich: »Sie haben sicher viel von meinem
Diamanten gehört, dem grössten in der ganzen Welt, den alle Welt sehen will, den
ich aber nur selten zeigen kann, weil er abwechselnd in den drei Hauptbanken der
Welt ist, die jede eine eigne Schildwache darauf hält.« - Der Graf versicherte,
er sei gar kein Kenner von Diamanten; der Doktor aber, ohne sich abhalten zu
lassen, sprang rasch wie ein Kind ins Nebenzimmer, und kam nach einigen Minuten
zurück. Erst holte er ernstaft ein paar kleine Papierchen heraus, und zerriss
sie noch feiner; dann zeigte er einen kleinen unförmlichen Quarz, strich damit
einmal über seinen Rock, doch die elektrische Anziehung wollte sich an den
Papierchen nicht zeigen; dann griff er in die Hosentasche, holte einen Stein
heraus, der allerdings in seiner eingedrückten kuglichten Form und in der Farbe
gar viel von einem rohen Diamanten hatte, der aber auch ein Quarz sein konnte,
strich mit seiner schönsten Seite über den Rock, und sogleich zeigte sich eine
Anziehung, ein Anhängen aller kleinen Papiere. Ohne ein Wort zu sprechen, nahm
er eine Feile, mit der er über den letzteren Stein mehrmal hinfuhr, er zeigte
die Seite derselben, die an allen Feilen von Anfang an platt ist, und sagte:
»Sehn Sie, die Zähne sind alle abgebrochen«; wirklich lag auf dem Steine etwas
gländender metallischer Staub, der noch zum Teil in der Feile steckte, und der
von der Bewegung nicht losgerieben, sondern abgefallen war. - Dieser
absichtliche Betrug war dem Grafen zu arg; aber der Doktor fuhr gleich fort, dass
der Neid der Fürsten seinen Diamanten als falsch verschrieen; ihm wäre dies
einerlei, ihm genügte, dass er von seiner Echteit überzeugt sei; er zeige ihn
oft im ganzen Jahre niemand; neulich habe er seinem Fürsten die Türe gewiesen,
weil er ihn nicht anerkennen wollen. »Mein wertgeschätzter Herr«, fuhr er fort,
»alles andre, was ich besitze, das können Sie mir immerhin verachten, nehmen,
ich kann es ersetzen, dieser Stein ist aber meine Geliebte, meine Einzige, meine
Freude, der ich durch unauflösliche Bande verbunden bin; wie sie aus Liebe zu
mir aus Ostindien auf dem Landwege hierher gewandert, weil ich allein sie
bezahlen konnte, der Könige und Kaiser zu arm waren; diese Liebe, diese
unwandelbare Treue, haben mich ihr ewig zu eigen gemacht, in ihren Blicken lebe
ich; drücke ich sie in meiner Hand, ist mir alles so sicher, so gewiss, woran ich
zweifle, ewiges Leben und Glaube; dies ist der Stein worauf ich meine Kirche
erbaut habe, und wenn ich dem leichtsinnigen Schauer wirklich ein falsches
Wunder damit zeigte, wäre es mir mehr zu verdenken, als den Priestern aller
Nationen, als den Liebabern unter allen! Ich weiss, dass sie echte, wahre
Liebeswunder an mir tut, alle irdische Begierde an mir befriedigt, damit ich den
höhern Geistern ruhig leben kann; und wäre sie aller Welt falsch, wäre sie mir
ungetreu, in meinem Glauben wäre sie ewig rein. Sehen Sie diese Höhlung im
Steine; hier habe ich sie mit dem Brennspiegel einmal versucht, und sie
entzündete sich hellicht7; meinem Fürsten hätte ich sie überlassen nach meinem
Tode, und seine Krone hätte ewig über der Erde wie ein Sternbild gestanden, er
hat sie aber verachtet, und seine Krone wird fallen, und keiner wird sie
aufheben. Ich werde alt, ich will sterben, und weiss meines Lebens Ende; ganz
einsam will ich dann die Nacht noch bei meiner Geliebten schlafen, und kommt die
erste Morgensonne, so wirft der Brennspiegel, der meinem Bette gegenübersteht,
seinen Brennpunkt mir ans Herz und auf die Geliebte, die an ihm ruhet, und wir
verbrennen beide zusammen, beide zugleich, und mischen uns verbunden mit der
grossen Gedankenwelt.«
    Der Alte war bei diesen Worten sehr feierlich geworden; er redete in halben
Worten mit sich, und gab dem Grafen mit der Hand ein Zeichen sich zu entfernen,
dem der Graf sehr gern gehorchte; ihm war seine ganze Seele voll innern Vorwurfs
über die treulose Zweifelsucht seiner Liebe zum schönsten Wesen, das je atmend
zwei liebliche, weisse Hügel bewegt, an die je anspielend der Wind, je näher, je
schöneren Leib, Hüften und Schenkel gezeichnet. In dem Augenblicke und ohne Rast
beschloss er mit Kurierpferden fortzueilen. Ehe die Pferde kamen, und angespannt
wurde, schrieb er ein paar Zeilen an seine neue Freundin, an das unsichtbare
Mädchen Arnika Montana, die wir der Vollständigkeit wegen hier beifügen.
                              Herzenserleichterung
Schwere, harte, scharfe Stunden
Sich wie Kiesel an mir runden,
In des Lebens Wellenschlag,
Und ich fühl, was ich vermag;
Fromme Freundin, ich durft weinen,
Durft auf deinen Händen weinen,
Und gedeckt von deinen Händen
Konnte Schwachheit mich nicht schänden.
Regentropfen höhlen Steine,
Was ich tief verschlossen meine,
Höhlet meines Unglücks Stein,
Füllt ihn bald mit Freudenwein;
Freundin, nimm vom Freudenweine,
Komm zu mir, du heil'ge, reine,
Und beselige mein Mahl,
Bin ich frei von aller Qual.
Fühlend kannst du an mich glauben,
Was mir lieb, nicht spottend rauben,
Was ich aus der Seele sprach,
Klingt dir aus der Seele nach.
Fromme Freundin aller Reinen,
Du kannst trösten, du kannst weinen,
Wenn du mich auch nicht verstehst,
Alles dir im Geist erhöhst.
Florio war gerade aus seinem chemischen Arbeitszimmer zu Arnika gekommen, und
hatte ihr dunkel vorgesungen: es sei ein Mann bei ihm gewesen, der dem Herzoge
nach dem Leben trachte, und das sei ihm lieb, weil er ihn hasse; da trat der
Diener des Grafen herein, und brachte ihr seinen Abschiedsbrief.
 
                                Zehntes Kapitel
                     Der Marchese D ... verlässt die Gräfin
Zu lange für meine Zuneigung zur Gräfin Dolores, habe ich den Grafen durch eine
fremde Welt begleiten müssen, mir wird gleich so wohl, da ich wieder zu ihr
umkehren darf, ungeachtet sich wieder manches Betrübte ereignet hat. - Der
Marchese war von dem Gute des Grafen mit einem so auffallenden Lärmen und
Lobpreisen desselben zurückgekommen, dass die Gräfin darüber erstaunte, was sie
meist kaum angesehen, öfter verspottet, hier in dem Leben der Worte, das sie
besser als die eigentliche Anschauung von vielen Dingen kannte, zu solcher
Wichtigkeit ansteigen zu sehen. Dieser neue Reiz übertrug sich in ihrer Art
Unmittelbarkeit an den Marchese; es war ihr zu Mute, als wenn der alles das ihr
zu Ehren angelegt habe; sie sah ihn mit so wunderlich angenehmen Blicken an, die
nur ihr eigen, worüber nur der Marchese lächeln konnte, der unterdessen eine
andre Bekanntschaft in der Gegend gemacht hatte, und mit ihr brechen wollte. Je
mehr er sich von ihr wandte, je weniger Politik er ihr vertraute, doch immer mit
dem Anscheine eines Mannes, der sich viel versagt, desto unwiderstehlicher war
es ihrem Eigensinne, ihn nicht mit Zärtlichkeit zu verfolgen; unter allerlei
leichtem Vorwand drängte sie sich an ihn, schlug mit ihren Stricknadeln auf
seine Hand, liess eine Schleife an ihrem Ärmel zubinden; der Marchese erzählte
ihr, als wär es von einem Dritten, sie hätte ungemein zärtliche Augen und
schmachtende Blicke, eigentlich mehr als einer verheirateten Frau gezieme. Sie
versicherte ihm noch immer scherzend, das habe ihre Mutter schon früh an ihr
getadelt, sie wisse aber nichts davon, und dabei erzählte sie so artig ein
Duett, halb singend, halb sprechend, das damals, als sie dies zum erstenmal
ihrem Manne erzählt, von ihm darauf gedichtet worden sei.
MUTTER:
Mädchen lass die schmachtend süssen Blicke,
Mach die Augen nicht so klein,
Denn zu ihrem schmerzlichsten Geschicke
Alle Männer sehn hinein,
Jeder meint, dass er gemeinet wäre.
TOCHTER:
Lass sie doch so eitel sein.
MUTTER:
Nein, es schadet endlich deiner Ehre,
Meide wenigstens den Schein.
TOCHTER:
Mutter sprich, wie soll ich denn nun lassen,
Was mir angeboren ist,
Wenn ich auch mit niemand möchte spassen,
Bebt mir doch die Wang von List.
MUTTER:
Nein, das ist kein Blick, der bloss zum Lachen,
Du verwirrest jedermann,
Willst du einen wirklich glücklich machen,
Sieh allein auf einen Mann.
Mädchen, nicht bei stillen, edlen Frauen
Kannst du solches Auge sehn,
Einige so ruhig vor sich schauen,
Andre gar verschämet gehn.
TOCHTER:
Meine Augen flüchtig sich bewegen,
Müde von dem Stillestehn,
Keinen Ausdruck mag ich drinnen hegen,
Gleich hinaus muss er da gehn.
Mutter sprich, von wem die Deutungsaugen,
Gern geb ich sie dem zurück,
Denn zum Glücke sie wohl nimmer taugen,
Und ich fürchte meinen Blick.
MUTTER:
Tochter, könntest du den Vater finden,
Diesen Flüchtling ohne Ruh,
Gern vergäb ich alle seine Sünden
Und vergäb dir auch dazu.
TOCHTER:
Lass mich einsam, dass ich keinem schade,
Denke still bei mir an ihn,
Und erfleh für ihn des Himmels Gnade,
Und so will ich fromm verblühn.
Alte Jungfer will ich bei dir werden,
Blühen unter Schnee und Eis,
Denn kein Jüngling, den ich sah auf Erden,
Hat verstanden meine Weis.
MUTTER:
Wie ein Vogel, der im Fluge träumte,
Sinket auf des Sees Flut,
Siehst du bald im Spiegel die versäumte
Aufgeschreckte Liebesglut,
Dass der Jugend goldne Zeit verrinne,
Lieblos über Lieb hinaus;
Sieh hinaus, was dir dein Aug gewinne,
Ob's ein Hüttchen, ob's ein Haus.
»Und darüber können Sie lachen?« fragte der Marchese, »jeder andre dürfte dabei
lachen, nur Sie nicht, die von dem Manne so zärtlich gewarnt worden, den Sie
nicht verdienen.« - Die Gräfin rief ihm erbleichend in einem Übergang vom
Staunen zur Wut: »Und Sie können mir das sagen?« - Der Marchese wollte sanft
einlenken; aber wer die tiefe Kränkung einer Frau kennt, die sich hart behandelt
fühlt von einem, dem sie sich liebevoll hingegeben, und die Angst eines Gemüts,
das sich der Wahrheit noch nicht lange verschlossen, und wo hinein sie
sonnenhell plötzlich aus einer Gegend scheint, woher sie nie etwas davon
geahndet, der kann sich die fieberhafte Hitze erklären, die abwechselnd das
Leben des Marchese in Gefahr setzte, und ihm dann wieder demütig schmeichelte;
denn selbst seine spielende Verachtung gegen sie imponierte noch ihrer bewussten
Schuld. Kaum konnte sie sich vor dem Auge der Dienerschaft mässigen. Der Marchese
ging von ihr mit dem Entschlusse, den andern Morgen abzureisen, sie wünschte ihm
alles Unglück auf den Weg, das er über ihr Haus gebracht, dass er vom höchsten
Felsen stürze, wie die Verräter in Rom. Wir ziehen einen Schleier über sie, denn
es gibt Grenzen, wo der Zorn auch des schönsten Weibes aufhört, schön zu sein.
Der Marchese war solcher Szenen gewohnt; er machte alle Anstalten zur Reise und
hatte sich auf sein Lager gestreckt, und schlief schon; aber die Gräfin liessen
tausend Leidenschaften nicht ruhen, sie musste auf, sie musste dem verhassten
Geliebten noch einmal alles sagen, was ihr Zorn ihm schon so oft zugerufen. Sie
schlich in sein Zimmer mit einem Wachsstocke, der ihr unbemerkt über die Hand
geflossen; der Marchese erschrak, er fürchtete die Gewalt ihrer Rache nicht,
aber ihre Liebe war ihm in diesen Stunden unwillkommen; doch er irrte sich
zweifach; ohne eine Begierde, ohne eine Rache setzte sie sich zu ihm aufs Bette,
ihm alles das noch einmal vorzuhalten, was er schon so oft gehört, wie er jede
Treue ihr und ihrem Manne gebrochen, jede Liebe unnatürlich betrogen und
verletzt, jede Rache, jeden Hass teuflisch in ihr geweckt. So sprach sie im
ew'gen Einerlei, dass ihm, wie ihm noch nie geschehen, fast alle Gedanken
wahnsinnig vergingen; er hätte sie umgebracht, wenn nicht der wiederkehrende Tag
sie in ihr Zimmer zurückgeführt hätte. Der Marchese stand gleich auf und reiste
ab; um alles Aufsehen zu vermeiden, schrieb er Briefe an mehrere Bekannte der
Stadt, die sein Bedauern ausdrückten, dem Befehl seines Hofes, der ihn so
plötzlich entfernte, folgen zu müssen. Die Gräfin war zu heftig bewegt, um sich
krank zu stellen, sie veranstaltete einen Ball, und überliess sich dem Tanze so
ganz, dass wenn sie einen Tänzer gefunden, der sich mit ihr tot zu tanzen geneigt
gewesen, sie wahrscheinlich nicht den nächsten Morgen erlebt hätte, wo sie nun
wie zerschlagen, matt und erschöpft, die Ärzte kommen liess, welche die ganze
Krankheit dem unseligen Tanze zuschrieben, wogegen sie schon so oft vergebens
gewarnt worden. »In jedem Ballsaal«, meinte der eine, »sollte auf Befehl der
Regierung ein Dutzend Bildnisse von Menschen sein, die an Auszehrung und
Lungensucht krank liegen, ferner Abbildungen in Wachs von der Zarteit der
Lungen.« Wie roh dieses Völkchen meist den Menschen nimmt; ist nicht alles Leben
ohne Freude die drückendste Krankheit, und darum ist die arme Gräfin schwer
krank, ungeachtet die Ärzte ihre völlige Besserung versichern; sie kann nicht
aus den Augen sehen und ist doch nicht blind, sie hört niemand und ist doch
nicht taub, sie kann kein Wort vorbringen und ist doch nicht stumm. In diesem
Zustande erhielt sie die Nachricht von der unerklärlichen Abreise des Grafen vom
Landschlosse; zwar war dies nichts Ungewöhnliches, selten erklärte er sich über
kleine Geschäfte, die ihn irgend wohin beriefen; diesmal wurde sie doch dadurch
erschreckt, sie wusste nicht warum, es war ihr aber, als könnte er ihre Schuld
wissen; ja gegen Bekannte, gegen Diener selbst war sie ungewöhnlich nachsichtig,
immer in dieser einen Furcht; bei allem, was rasch durch die Zimmer ging,
erschrak sie; sich selbst konnte sie nicht begreifen, weder wie sie jetzt sei,
noch wie sie dazu gekommen. Der Mangel an Nachrichten von ihrem Manne machte sie
seinetwegen bange; sie träumte von Zweikämpfen und sah ihn oft blutend vor sich
stehen, wie er sein Blut ihr mit Vorwürfen ins Gesicht sprützte; langsam
vergingen ihr die Tage und schwer die Nächte.
 
                                Eilftes Kapitel
                         Heimkehr des Grafen zur Gräfin
Etwas über vier Wochen waren vergangen, als der Graf fast erschöpft mit einem
Mute, den er sich in einer Flasche Wein angetrunken, spät Abends in das Zimmer
seiner Frau trat; er fand sie drei Zimmer davon bei ihrem Kinde, wie sie neben
der Wiege stand, und sich über den Schlaf freute, dem es so ganz überlassen. Ihr
freudiges Aufrufen bei seinem Anblicke war ungeheuchelt. Bald sass der Graf neben
ihr, alle Sorge war plötzlich ihm benommen, auch sie wurde fröhlich; sein
Gesicht schien nur zuweilen von dem wunderlichen innern Kampfe noch nachbewegt,
wie ein grosses Meer nach dem Ungewitter, wenn schon lange heller Himmel darüber
ruht. Ihr blickte die Hoffnung, dass alles Unglück vergessen werde, aus den
Augen, doch so sparsam wie das Grün auf einer Wiese, die ein Strom in einem
unseligen Durchbruche versandet hat; die schöne alte Liebe ist nicht
untergegangen, aber sie liegt tief unten ganz verdeckt von der Schuld, und nur
wenig Leben kann daraus hervorschiessen. In ihrem Anblicke ward ihm immer wohler;
kaum hielt er sich, ihr nicht spottend seinen, wie er jetzt sicher meinte,
törichten Argwohn aufzudecken; ziemlich unverständlich brachte er wenigstens das
auf dem Wege ausgesonnene Märchen vor: wie ihn ein alter Familienprozess zu einem
ganz geheimen Nachsuchen in einem grossen Archive gezwungen. Sie gab nicht
Achtung darauf, und glaubte alles; sie war so zärtlich gegen ihn, um ihm
reichlich zu vergüten, was sie ihm von dieser Zärtlichkeit entwendet, und der
Graf ergab sich ihr so von ganzem Herzen.
    Am andern Morgen fragte er den alten Bedienten mit einer scheinbar
gleichgültigen Miene, was er denn mit seiner Warnung damals hätte sagen wollen.
Der Alte sagte ganz offen: der Marchese habe ihm etwas Verdächtiges gehabt, und
die Gräfin, er kenne sie von Jugend auf, sei leichtsinnig; es tue nicht gut, wo
zwei solche Leute mit einander in einem Hause wohnten. Der Graf musste ihn
belächeln. Mit dem Marchese bin ich ganz sicher, der hat mich selbst gewarnt, so
dachte er in sich, es ist ein edler Mann, der Sinn für alles Edle hat. - Als
seine Frau aufgestanden, ging er zu ihr und erzählte ihr offenherzig die ganze
Geschichte, das Befremdende in ihr, das er jetzt gar nicht mehr finde, den
wunderlichen Traum mit dem Jedermann und die Warnung; doch sagte er nicht, von
wem sie ihm gekommen. Die Gräfin verzieh ihm seinen Argwohn mit einem heimlichen
Erröten vor sich selbst, und wie tief sie jetzt unter ihm stehe; sie erkannte
seinen Genius mit Schaudern, der ihn so gründlich gewarnt hatte. Ist es ein
Glück, dass die lichte Stirne des Menschen so vieles verschliessen kann, und der
Mund so viel sagen, wovon nichts darinnen? Des Grafen Glück war es; die
Bestürzung ihrer Schuld wurde, wie es ihr Mund aussagte, zur Empörung über so
unwürdigen Argwohn; der Graf fiel auf seine Kniee nieder, der Kopf glühete ihr;
sie glaubte den Marchese vor dem Fenster zu sehen, wie er spottend zwei Finger
gleich einem Geweihe über ihn erhob und ihr ein buntes Tuch zeige, das er an
jenem Abende ihr entrissen; sie weinte in Zorn und Verlegenheit, der Marchese
verschwand, sie drückte ihren Mann herzlich an sich.
    Als der Graf wieder auf sein Zimmer gekommen, fiel ihm die bestaubte Gitarre
in die Hand, er fand sie wenig verstimmt; nachlässig ging er im Zimmer auf und
nieder, dachte wie er in die Welt so verloren hineingeirrt, und sie war doch
sein, ganz sein; seine ganze Seele schwebte in den Worten »so warst du nicht
verloren, so warst du dennoch mein«, die von Tausenden vielleicht ausgesprochen,
doch nie so wie in ihm zu Musik wurden, und diesen wiederkehrenden Tönen gab er
immer neue Worte; so erfand er ein Lied, das er den ganzen Tag halblaut sich
vorsingen musste:
So bist du nicht verloren,
So warst du dennoch mein!
So bin ich nicht verloren,
So bin ich wieder dein!
Ich ging in mir verloren
Weit in die Welt hinein,
Ich ging mit tausend Toren
Und fand mich ganz allein.
Ich hatt den Weg verloren
In tiefer Nacht allein,
Da klang's mir vor den Ohren,
Im Aug ward Dämmerschein.
Es klang: Was du verloren,
Das ist der Glaub allein,
Die Liebe, treu beschworen,
Die wird auch ewig sein.
So stand ich vor den Toren
Und ging zu Liebchen ein,
Da hat sie neu beschworen,
Dass sie doch einzig mein.
Ich bin zum Glück geboren,
Und war in schwerer Pein,
Die Lieb hat mich erkoren
Aus einer Welt allein.
Ich bin wie neugeboren,
Von allem Leben rein,
Und was mir angeboren
Ist alles, alles dein!
Also hatte die Liebe in ihm allerlei ausgegoren, um ganz zur Weinklarheit zu
gelangen; aber auch in der Gräfin ruhte sie nicht, zum Bessern zu wirken, wenn
sie auch nicht das Beste erreichen konnte. Die Gräfin nahm sich ernstlich vor,
ganz gut zu werden, und die erste Äusserung dieses Entschlusses zeigte sich in
der Entfernung alles des Halbguts, woraus bis dahin ihre Gesellschaften
bestanden; eigentlich schämte sie sich, das Volk in der entstandenen
Vertraulichkeit zu ihr, dem Grafen vorzustellen, auch ihre politischen
Schreibereien verbrannte sie. Die alten Freunde des Hauses traten darauf wieder
in ihre Rechte und es war ein Nachsommer des Glücks in dieser Erhellung ihrer
Schönheit durch die Güte, - dem nichts fehlte als die Dauer.
 
                                Zwölftes Kapitel
                             Bekenntnis der Gräfin
Es ist ein Schreckliches in der Natur, dass sie, unbekümmert um die Gesinnungen
der Menschen, ihre Rechte übt und aus der Schande, wie aus der Tugend ihr ewiges
Fortleben zieht; Kinder in Blutschuld und Untreue empfangen, leben ein gleiches
Leben wie die Kinder der treuen Unschuld; wehe aber der armen Unschuld, die aus
solcher Schuld hervorgehend, wie ein rächender Engel zwischen die Eltern tritt.
Die Gräfin musste sich nach drei Monaten eingestehen, dass sie wiederum Mutter
werden würde, ihr Bewusstsein sagte strafend, dass es eine Frucht ihrer Sünde sei;
der Graf, ohne Verdacht des Bösen, freute sich herzlich des neuen Segens;
Sorgfalt für das Wohlsein seiner Frau beschäftigte ihn ganz, und wenn sie
zuweilen bei einer heimlichen Warnung in Gegenwart andrer sich einer Speise,
eines gefährlichen Sprunges zu entalten errötete, so schrieb er es immer auf
die Art von Scheu, die jungen Frauen gegen ihre Männer so wohl lässt, als wenn
sie gleichsam fürchteten, ihre Vertraulichkeiten möchten an den Tag kommen.
Mancher innere Vorwurf beängstigte sie und ihr Zustand selbst, indem er sie
beängstete und beschränkte, zwang sie zur Betrachtung; oft schwebte das
Geheimnis auf ihrer Zunge, vielleicht wäre alles durch ein offenes Geständnis
gebessert worden, aber das war der angebeteten Herrscherin des ganzen Hauses
unmöglich, der jeder Tag neue Angedenken unumschränkter Verehrung brachte; es
schien ihr sogar eine sträfliche Grausamkeit ihrem glücklichen Manne den geheim
ernstvollen, von der Natur versiegelten zweifelhaften Eingang des Menschen in
die Welt, nach ihrem bösen Glauben zu entüllen, und das Kind nicht auf Rosen,
sondern von Schlangen umwunden zu zeigen. Dieses war eines Abends das letzte
Resultat ihrer Betrachtung: sie wolle schweigen; da kam ihr Mann und sprach mit
ihr scherzend, ob es ein Knabe oder ein Mädchen würde, und sie legte ihm die
Karten, es wurde ein Knabe. Nun dachte sie, wie er heissen solle, der Graf
meinte, Johannes, dem Marchese zu Ehren; »wie mag es wohl kommen«, sagte der
Graf, »dass keine Nachricht von ihm kommt, er ist wie verschollen, ich fürchte
fast für ihn.« - Die Gräfin beruhigte ihn und sie gingen zu Bette; sie schlief
unbesorgt ein und dachte nicht daran, dass ihre eigne Zunge, ihr ungetreu,
verraten könnte, was auf ihrem Herzen lastete und was unter ihrem Herzen ruhte!
So ist's aber mit der eignen Verkehrteit des Traumwesens, und sie hatte, ohne
es zu wissen, denn ihr Mann mochte nicht darüber klagen, wie oft sie ihn damit
aus dem Schlafe gestört, die Schwäche, in fieberhafter Wallung des Blutes, woran
sie jetzt oft litt, laut und vernehmlich im Schlafe zu reden, nachdem sie mit
den Zähnen einigemal geknirscht hatte. Aufmerksam auf jeden ihrer Wünsche,
meinte der Graf erst, seine Frau verlange etwas, und horchte ihr zu; bald merkte
er, dass sie wieder im Schlaf rede und wollte sich auf das andre Ohr legen, als
ihn einige Worte aufmerksam machten, und immer aufmerksamer. Wohl der Welt, dass
es finster war und dass keiner die steigende Verzweiflung seines Angesichts
gesehen hat, als sie in einem ausführlichen schmerzlichen, oft von Schluchzen
unterbrochenen Gespräche ihrem Manne die schwere Schuld, die Schuld seines
Freundes, des Marchese bekannte, und alles wahr machte, was ihm in der letzten
Zeit wie leere Traumbilder voller Verstandesverwirrung erschienen. Gern hätte er
sich für wahnsinnig in dieser Stunde gehalten; aber er fühlte den Bettpfosten,
worauf er sich hielt, sah die bekannten Fensterritzen, durch welche das Licht
sanft einschlich, und mehr als alles, er hörte sich selber aus ihrem Munde in
dem wahrhaften Dialoge, der nur dem Traume und halbverrückten Dichtern eigen,
seine eigne Art zu antworten, in Stimme und Gefühl, das sie nicht nachsprach,
sondern was er in sich verschloss, aus ihrem Munde heraus schreien; er hörte, wie
er mitleidig zweifelnd sie zu überreden suche, das sei alles nur Täuschung im
Traume von ihr, sie aber erinnerte ihn an ein goldnes Halshand aus einer goldnen
elastischen Schlange, das sie noch bei seiner Rückkehr getragen, ein Geschenk
des Marchese, worauf der Unglückstag eingestochen. Nun hörte er aus ihrem Munde,
wie er raste, wie der Tod so schön sicher vor ihm stehe, es wurde ihm dabei als
lebte er wirklich ganz in ihr, wie er in seinen ersten Worten von ihr, in erster
Liebe von ihr gesagt hatte: »Ich hauchte meine Seele im ersten Kusse aus!« Da
sprach sie aus seinem Munde mitleidiger zu sich, er wolle ihr alles vergeben;
aber warnend sang sie ihm ein Lied, das damals viel gesungen wurde:
Mich reut die Schmink, der falsche Fleiss,
Der mich vom Mann gewendet,
Die Sonne schien, ich baut aufs Eis,
So war ich ganz verblendet.
Nun wird es heiss, fort zieht das Eis
Und meine goldnen Schlösser;
Wie ruft es doch im Flusse leis,
Da drunten wär es besser.
Und wie sie in das Wasser fällt,
So wird sie festgehalten,
Der Mann, dem sie noch wohlgefällt,
Fasst ihres Schleiers Falten.
»Lass mir den Schleier, halt mich nicht,
Lass still mich 'nunter ziehen,
Denn mein verstörtes Angesicht,
Das kann von Scham nur blühen.«
Der Strom ist stark, sein Arm zu schwach,
Er will sie doch erfassen,
Ihn zieht verlorne Liebe nach,
Er wollte sie nicht verlassen.
Kaum hörte er das noch, und schon stürzte er hinaus auf sein Zimmer, legte die
Stirn gegen die Mauer, druckte die Augen ein; er fühlte sich in einem Gewebe von
Ahndungen, die alle wahr geworden, dass ihm sein Leben und die Welt zu einem
Chaos verschwamm; Geister gingen bei ihm aus und ein, sein Hirn war wie der
Blocksberg in der Mainacht. Er sah die Sterne am Himmel und sie schienen mit ihm
zu weinen; ihr Mitleid schmerzte ihn und er schloss die Laden der Fenster. Bald
setzte er sich und sass im Finstern sinnend die ganze Nacht; der Unglücklichen
wollte er schonen, aber die Rache an dem Marchese schien ihm Pflicht; er hätte
sie auch in diesen Augenblicken nicht aufgeben können, und wäre es gleich ein
Gesalbter des Herrn gewesen, der so nichtswürdig mit dem Glücke seines Lebens
sich einen schönen Abend gemacht. Seine Vorstellungen verwirrten sich allmählich
und verwandelten sich; er verschloss sich als die ersten Bewegungen im Hause des
Tages gleiche Geschäfte ankündigten, die Mägde lachend die Treppe
hinunterstiegen, um Feuer zu machen, die Bedienten anfingen Kleider
auszuklopfen; er hörte das alles wie ehemals, in ihm nur war alles aus. Häufig
schloss er sich früh ein, um zu arbeiten; durch eine Klappe, die er zu diesem
Behufe eingerichtet, wurden ihm Frühstück und angekommene Briefe
hineingeschoben. Lässig sah er darüber hin, was sich heute durch die Klappe zu
ihm rückte; doch reizte ihn Kleliens Handschrift und Siegel, einen Brief zu
eröffnen, der an ihn, wie alle ihre Briefe, gerichtet war. Sie erzählte mit
einer heiligen Freude ihr Glück, den geliebten Herzog wieder zu besitzen; zwar
sei er durch die Anstrengung der Reise noch etwas leidend, aber sie hoffe bei
dem ruhigen ländlichen Aufentalte an ihrer Seite, der jetzt das einzige Ziel
seiner Wünsche geworden, ihn bald genesen zu sehen. Weiter erzählte sie
umständlich, dass er von einer Wahrsagerin, Arnika Montana gewarnt worden,
Sizilien nicht zu verlassen, weil ein Unüberwindlicher nach seinem Leben
trachte, worauf er alle seine weltlichen Stellen niedergelegt habe, um sich eine
himmlische zu erflehen. Nun da sie ihres Aufentalts gewiss und von Geschäften
fast über ihre Kräfte angestrengt werde, ladete sie zum Schluss ihn und seine
Frau als ihre nächsten Blutsfreunde recht dringend ein, sie auf den Trümmern
einer grossen alten Welt in einer blühenden neuen zu besuchen, insbesondere da
ihr Mann, der Herzog, unter dem Namen eines Marchese D ... ihrer beider Beifall
gehabt, wie er ihr erzählt habe, auch viele Verbindlichkeiten für die genossene
Gastfreundschaft ihnen in seinem Herzen bewahre.
    Vielleicht erstaunen wir nicht minder als der Graf über diese wunderbaren
Nachrichten, über die Tiefe der Bosheit, über die List, durch Übernahme der
Korrespondenz mit der Schwester alle Nachrichten dahin und alle möglichen
Entdeckungen zu hemmen; aber wunderbarer wirkte noch dieses Schreiben durch das
heitre Glück, das aus jedem Ausdrucke der hochverehrten alten Freundin, aus
besseren Tagen über ihn, den Verzweifelten selbst noch ausstrahlte, und sich so
warm mit der Kälte mischte, in der er erstarrt war, dass ihm beide Pistolen aus
der Hand fielen, die eine, die er gegen seinen Beleidiger, die andre, die er
nachher zu seiner eignen Beruhigung geladen hatte. Es schrie in ihm laut auf, um
dieser einen Frommen sei aller Welt verziehen; wer vermag ihr den Mann zu
rauben, an dem ihr bescheidnes heiliges Glück wie ihre Seele am Glauben Christi
hängt. Diese Erhebung über sich selbst gab ihm einen Plan, eine Überlegung, eine
Sicherheit, die ihm sonst nicht eigen; es war ihm, als stände er sich selbst wie
ein Berg in seinen Gartenanlagen im Wege, den er entweder sprengen, oder
abtragen müsse um Aussicht zu gewinnen. Wir wissen alles und können als
Vertraute seinen Entschluss in Wahrheit berichten; den meisten schien Zufall, was
Absicht in ihm gewesen.
 
                              Dreizehntes Kapitel
                               Das Königsschiessen
Als er noch so nachsinnend auf und nieder das Zimmer mit heftigen Schritten
durchmass, und die Briefe seiner ersten Liebeszeit, die er sorgfältig bewahrt
hatte, verbrannte, da verkündigten draussen drei Kanonenschüsse den Anfang des
grossen Königsschiessens. Der Graf, der ein Freund dieser Belustigung und einer
der sichersten Schützen war, erinnerte sich, dass alle auf seine Ankunft warten
würden; auch die Gräfin, die eine Vorliebe für alle männliche Ergötzlichkeiten
hegte, hatte versprochen sich späterhin einzufinden. Er brachte die beiden
altdeutschen Büchsen, die ihm vom Doktor aufgezwungen waren, und die übrigen
Schiessgerätschaften nach seiner Gewohnheit selbst zusammen und in Ordnung,
klingelte und liess sich das grüne Schützenkleid geben, worin er das grüne
Husarenkleid verwandelt hatte, in welchem er seine Frau zuerst erblickt, und das
er trotz seiner verschossenen Farbe noch immer sorgsam bewahren liess. Ehe er
noch das Haus verlassen, liess ihm die Gräfin sagen, sie würde bald nachkommen,
sie habe schlecht geschlafen und sich dadurch in ihrem Anzuge verspätet. Sie sah
ihn erst im bunten Gewühle des Schützenplatzes wieder, wo an diesem Tage nach
einer Scheibe geschossen wurde, deren Mitte ein brennendes Herz bezeichnete.
Witzige Köpfe wollen bemerkt haben, dass der alte Schütze Amor bei solchen
Königsschiessen häufiger und sicherer treffe, als die jungen Schützen in ihren
neuen steifen Uniformen, in denen noch die Tuchlagen nicht ausgetragen; fast
sollte man jenes wenigstens aus dem Drängen der Menge, aus dem Gekreisch der
Mägde schliessen, aus den einzelnen Paaren, die weit in das Getreide abirren, aus
dem steten Durste, der an tausend Krügen klappt, denn die Liebe macht durstig
und tapfer und daher schliesst sich auch gewöhnlich das Fest mit einigen
Raufereien. Gewiss ist's, der uralte Trommelschläger in der uralten Bortenmontur,
hatte an dem Tage wenig zu trommeln; einige Ehrenschüsse von gelehrten
Magistratspersonen fielen sogar in das Hausdach des Bezeichners; wahrscheinlich
weil sie aus einem Versehen, das den Gelehrten und Regierungen eigen, ihm die
Schuld des Nichttreffens aller ihrer wohltätigen Gedanken zuschrieben, und ihn
warnend an seine Schuldigkeit erinnern wollten. Ein alter Invalide im roten
Rocke, der, wie ein dünner Kometenschweif, drohend an dem hellen Sterne der
blanken Zinnbude hing, schüttelte mit dem Kopfe dabei, drehte sein Glücksrad und
rief: »Auf gut Glück«. Die Würfel klapperten und die am längsten sich
zurückgehalten, waren nun am hitzigsten darauf. Seht da, ein Knabe gewann einen
grossen Grenadier von Pfefferkuchen, der auch in einem Augenblicke von drei
andern zerrissen war. Mitten durch den Zank drangen andre mit bunten Fahnen, wie
frische Truppen, und die Waldteufel brummten wie das schwere Geschütz. Den
ganzen streitigen Haufen trieb ein Polizeidiener als Schlachtengott mit wenigen
Ohrfeigen aus einander; es endete heute doch gar nichts lustig. - Es wurde
später und die Musik und die Tabakswolken zogen in die oberen Säle des
Schiesshauses; die Leute waren es müde, den schlechten Schützen zuzusehen. - Der
Graf hatte sich den letzten Schuss ausgemacht; er tat den besten, das Herz war in
der innersten Mitte durchgebohrt, der Bezeichner warf seinen Hut in die Luft und
sich auf die Kniee; der Trommelschläger wirbelte, die Scheibe wurde von den
Kronbedienten beschaut, sie gaben den Kanonieren das Zeichen; alles Volk drängte
sich herbei und jubelte; der Graf wurde gekrönt und für den Augenblick war er
wirklich der anerkannteste König der ganzen Welt. Nachdem er die Krone abgelegt
und den Ehrentrunk getan hatte, trat er zu seiner Frau, die ihren Beifall in
ihrer Art zu erkennen gab, indem sie ihm trotzig versicherte: »Hätte ich
mitschiessen dürfen, du wärst sicher nicht König geworden, aber so lasst ihr
Herren uns nicht dazu.« - Der Graf antwortete neckend: »Ich glaube, du hast
nicht den Mut ein Gewehr loszudrücken, wenn es auch nicht geladen.« - »Das
möchte ich versuchen«, sagte sie ganz keck. - »Du hast noch keine altdeutsche
Büchse abgedrückt«, sagte er. - Er nahm seine zweite Büchse, die dort liegen
geblieben ungebraucht, spannte den Hahn, stach sie und gab sie seiner Frau zum
Losdrücken in die Hände, während er vorne die Schwere der Büchse mit Hand und
Brust unterstützte. Lachend hielt er die Büchse, lachend drückte sie ab;
krachend blitzte der Schuss auf, dass ihr das Gewehr zur Erde entsank, der Graf
stürzte zu Boden. Im ersten Augenblick war es nur der Schreck des Knalles, der
sie und die Umstehenden betäubt hatte; als sie aber den Grafen in seinem Blute
erblickte, stürzte sie nieder und wurde sinnlos nach Hause getragen.
 
                                Vierte Abteilung
                                      Busse
                                  Erstes Kapitel
                         Des Grafen Genesung. Wallfahrt
Wenn ein heiterer Erzähler zur Unterhaltung seiner Zuhörer schauerliche
Geschichten leichtsinnig noch schauerlicher auszubilden sucht, indem er alle dem
Tode opfert, mit deren Fortleben er nichts anzufangen weiss, so übt er zwar darin
das Recht der Zeit, die ihre Welt, welche sie geboren, zu höherer Umwandlung
wieder vernichtet, aber nicht ihre mütterliche Liebe, und nie erreicht er ihren
hohen Sinn, mit welchem die wahren Begebenheiten die meisten Dichtungen
überragen. Der kühne Mensch, in welchem sich die Ruhe noch nicht entwickelt hat,
ist oft jenem leichtsinnigen Erzähler im eigenen Leben gleich, er entzückt sich
mit einem Gedanken und verliert sich daran; vergebens warnt ihn seine gute
Mutter, die Zeit, dass er sich selbst nicht gehöre, sondern ihr, so lange er noch
unmündig sei. Der Kühne möchte sich und ihr voreilen und sie muss ihn gehen
lassen mit abgewendetem Gesichte auf dem eigenen Wege; leider fällt er bald und
kann sich nicht helfen und jammert; noch gibt sie ihn nicht auf, sie steht ihm
bei und betrachtet ernst, ob ihn die Reue noch bessern könne, da es die Liebe
nicht vermochte. Gewiss, die reuige Busse kann viel, sie ist die wirksamste Kraft
in den grossen Begebenheiten wie in den kleineren des häuslichen Kreises; ihre
Wiedererzeugung, bald unbewusst, hat seit dem Gedenken der Welt alle Krankheiten
der Zeitalter geheilt, so verschieden sie immer erscheinen mochte. Bald war die
Busse ein zerknirschendes Betrachten, ein Selbstquälen, bald ein tätiges
Vernichten des eignen falschen Strebens, in einem Handeln nach entgegengesetzter
Richtung; keine Busse darf die andre verachten, jene scheint mehr der geistigen
Sünde geeignet, diese geziemt der tätigen ausgeführten Lastertat. Die eine Busse
ist die höchste Kraft und Auszeichnung des Menschen. Die Natur hat es ihm
versagt wie ein Baum seine abgehauenen Glieder wieder zu ergänzen, aber sie gab
ihm dafür diese Kraft geistiger Wiederergänzung, und selbst die Tiere, wie sie
sich ihm nähern, verlieren jene Eigenschaft ihres Körpers, um dieser geistigen
sich zu nähern; die vom Menschen gezähmten mächtigsten Tiere wünschen und
erfreuen sich der Busse, wo sie ein Unrecht getan, sie wissen es weder schön noch
gut, noch heilig zu machen, sie wollen Strafe. Auch der Mensch unterziehe sich
willig der Strafe, wo die Busse ihn nicht ganz erneuen kann: die Strafe ist die
Ergänzung der Busse.
    Nicht alle Zuschauer waren von dem schreckenvollen Ereignisse so gewaltsam
ergriffen als die Gräfin; doch waren die meisten allzusehr in ihren trägen
Betrachtungen gestört, um dem niedergesunkenen Grafen wesentlich Hülfe zu
leisten; vielmehr verdarb die Menge der durch Türen und Fenster eindringenden
Menschen die Luft so schnell, dass der alte Invalide sich mit Gewalt Luft machte,
mit seinem Sohne den blutigen Körper des Grafen ergriff und nicht ohne heftigen
Widerstand in ein nahes verschlossenes Zimmer trug, ihn dem leeren Mitleid und
der widrigen Neugierde zu entziehen. Hier konnte ihm der Stadtwundarzt, der auch
Mitglied der Schützengilde war, ungestört die Kleider öffnen und die Wunde
untersuchen. Gegen seine Erwartung fand er, dass die Kugel an einer Ribbe, die
sie streifend zerschlagen, abgegleitet sei und nicht das Herz durchdrungen habe,
auch fanden jetzt die Schützen die Kugel in der Wand des Schiesssaales
eingeschlagen, welches im ersten Schrecken übersehen worden; die weibliche
Furchtsamkeit der Gräfin hatte wahrscheinlich vor dem Losdrücken den Lauf von
der geraden Richtung gegen das Herz des Grafen abgewendet. Sobald diese
gebrochene Ribbe ausgebogen und einige Stärkungsmittel ihm eingeflösst waren,
atmete der Graf wieder auf, er dachte in einem anderen Leben, und sah sich
wieder in dem verhassten bekannten Kreise, in demselben Leben, das ihm schon
unerträglich gewesen, noch mit der Last einer schweren Wunde auf das
Krankenlager gestreckt. Der Wundarzt wollte es nicht wagen, ihn noch den Abend
nach dem Schloss bringen zu lassen, und so musste er über sich den
ununterbrochenem Jubel der tanzenden Menge hören, die gleich befriedigt, als er
am Leben gefunden, seiner Leiden uneingedenk die Nacht durchschwärmte. Die
Nachricht von seinem Leben, von der wahrscheinlichen Gefahrenlosigkeit seiner
Wunde gab der Gräfin das Leben wieder; erschöpft wie sie war, liess sie es doch
nicht, zu ihm zu eilen, und ihn mit einer Vorsorge zu pflegen, die nur Liebe
gewähren kann. Wirklich schien ihr der ganze Wert des Mannes nur in dem
bedrohten nahen Verluste ganz deutlich geworden zu sein. Dieser letzten
Gemütserschütterung schien es zu bedürfen, die eitle Hülle, die sie lange gegen
ihn verschlossen, ganz zu durchbrechen; hörte sie doch die ungeheuchelte
Anhänglichkeit aller Diener an ihn, so wahr, so unverstellt. Nicht seine
dringendsten Bitten konnten sie von seinem Lager entfernen, wenige
Viertelstunden Schlafs schienen ihr zu genügen. Sie scheute keinen
beschwerlichen Dienst, selbst den Anblick der weit und blutig aufgerissenen
Seite lernte sie ertragen; - noch wusste sie nicht, dass ihre Schuld ihm diese
Wunde geschlagen, aber schon die blosse zufällige Ursache derselben gewesen zu
sein, war ihr unerträglich. Die dauerhafte Gesundheit des Grafen füllte den
wilden Riss in seinem schön vollendeten Bau schneller, als der Wundarzt
erwartete; wenige Tage nach Abnahme des ersten Verbandes konnte er schon auf
sein Schloss getragen werden; hier gab der Graf den Brief Kleliens seiner Frau.
Mühsam versteckte sie ihm den fürchterlichen Eindruck, den Abscheu gegen den
Herzog, der mit so überlegter Bosheit sich zu einem doppelten Laster angeschickt
und es durch ihre eitle Torheit so ganz vollendet hatte; wäre der Graf nicht
krank gewesen, sie hätte ihm alles bekannt und sich einen stillen Aufentalt in
abgeschiedner Gegend von ihm erfleht.
    Dem Grafen war aber diese Zeit seines Siechtums nicht ohne Wirkung vorüber
gegangen; die Pflege seines Körpers machte ihn aufmerksam auf dessen wunderbaren
Bau, dessen wunderbares Mitleben mit aller Welt, wie die Schmerzen mit den
Stunden kamen, und dem Einflusse ferner Kräuter wichen. Es war ihm, als hätte er
eine ungeheure Schandtat getan, und frevelnd, um eine Schickung Gottes
abzulenken, statt sie in Tugend und Kraft zu bestehen, dieses heilige Werk
Gottes, sein Ebenbild zerstört. In der Fieberhitze glaubte er sich der
schändliche Judas, der sich selbst umgebracht, nachdem er den Herren verraten,
und der Wundarzt konnte nicht begreifen, wie sein Zustand sich wieder so
plötzlich verschlimmerte, besonders was er mit dem roten Barte sagen wolle, von
dem er immer spreche. Auch diesen Kampf überstand er; er trug zwar noch einen
Verband und durfte nicht von seinem Lager, aber er war schon so gut wie
hergestellt: da sass seine Frau am Bette, als er einen Brief erhielt, den er
rasch öffnete und nachdenklich las; er schwieg den ganzen übrigen Tag. Die
Gräfin, vor sich selbst neben ihm sinnend, befestigte sich immer mehr in dem
Entschlusse, ihm ihre Schuld ganz zu bekennen; sie glaubte ihn jetzt stark
genug, diesen Schmerz zu ertragen. Nach einigen Schaudern warf sie sich
plötzlich neben seinem Sopha auf die Kniee nieder, verhüllte ihr Gesicht und
schluchzte: »Ach weh mir armen Sünderin, es schnürt mir den Hals zu, ich kann
nicht sprechen.« - »Was ist dir?« fragte der Graf erschrocken. - »Tue mit mir,
wie du willst«, schluchzte sie, »ich habe mich schwer an dir versündigt«; weiter
konnte sie nichts vorbringen. Der Graf fuhr mit einer Hand über ihre Wangen, und
bemühte sich an einem Arme sie aufzurichten, aber vergebens; endlich sagte er
ihr gefasst: »Hör mich wenigstens jetzt an, bemühe dich, mich zu hören. Auch ich
habe dir zu beichten; was du gesündigt, weiss ich, was ich getan, sollst du
hören. Du hast die Treue gegen mich gebrochen; ich wollte dich zu meiner
Mörderin machen; es war kein Zufall, dass meine Büchse geladen war, Gott weiss es
allein und ich, es sollte meine Rache sein, dass ich durch dich so wie für meine
Ehre gestorben; ich dachte verblendet mir etwas Grosses darin und der Frevel
verbarg sich meinem Verstande. Des Himmels Gnade hat die Kugel von meinem Herzen
abgeleitet, aber stark angeklopft, dass es sich bessere; der Herr vergibt mir
meine Schuld, wie ich vergebe meinen Schuldnern, tue desgleichen. Nicht unsre
Rache, aber die Strafe des Verbrechers ist dem Himmel heimgefallen, der den
Verbrecher uns durch die engsten Bande des Bluts und der Freundschaft verbunden.
Lies diesen Brief deiner Schwester, welch ein frommes Glück ihr der Verruchte
gestattet, in ihrer Nähe wird alles gut, - wir dürfen diese Ruhe nicht stören.
Nur eins fehlt ihrem Glücke, Kinder; sieh, du bekommst ein Kind, das uns zum
Fluch geworden wäre, lass es ihr Segen sein; sie fleht mich an, ich hatte ihr
deine neue gute Hoffnung in der Freude meines Herzens verkündet, sie fleht um
eins meiner Kinder, dass sie ihm ihren Reichtum und ihre Liebe in guter Erziehung
schenke, - lass dieses Kind, das noch unter deinem Herzen sich regt, zu seinem
rechten Vater kehren, deine Schwester wird es schützen gegen ihn. Wir aber
wollen vor den Augen der Welt ruhig beisammen leben, das fordert dein guter
Name, - wir wollen zusammen leben, als trennten verschiedne Zeitalter unsre
Liebe, oder Verwandtschaft allzunahe des Blutes, in Freundschaft, in
gegenseitigen Wohltaten und Diensten - ohne Reue, so vergnügt es sein kann. Uns
ist viel Gnade geschehen, wachen wir über uns.«
    Nach diesen Worten, die er langsam ausgesprochen, hatte sich die Gräfin
ihrer niederdrückenden Beschämung ermeistert, dass sie seine Hand küssen und
vernehmlich sagen konnte: »Du bist allzu grossmütig, du edles Herz, das ich
leichtsinnig verspielet, selbst deine Grossmut rechnest du dir als Schuld an; wie
soll ich vor Gott bestehen; lass mich einsam in einem Kloster meine Schuld büssen,
vielleicht können die Jahre uns wieder ausgleichen; Gott vergebe dem Herzoge,
ich kann ihm nicht vergeben, vor dir aber vergehe ich in Scham und verzweifle in
Reue.« - Bei diesen Worten schwankte sie aus dem Zimmer; der Graf stand gegen
das Verbot seines Wundarztes vom Lager auf, aber er fühlte einen grossen Schmerz,
er klingelte und der alte Bediente kam. - »Hör«, sagte er, »geh zu meiner Frau,
sei nicht neugierig, sei verschwiegen, vielleicht erfährst du einmal alles;
jetzt hüte sie vor Unglück, ermahne sie zu allem Guten, du hast ihr Zutrauen.«
    Der Alte wusste nicht, was er sagen sollte, doch meinte er, dass schon lange
nicht alles gewesen, wie es sein sollte. Er ging zu seiner gnädigen Frau, musste
aber vor der Türe warten; sie hatte sich eingeschlossen. Nach einigen Minuten
gab sie ihm einen Brief heraus, an ihren Mann, und so mehrere bis zum Abend -
Briefe so zerreissend jammervoll, wie kein Schuldloser sie schreiben kann; der
Graf antwortete ihr ernst, aber trostreich. Den folgenden Tag war sie so
ermattet, dass sie im Bette blieb, aber den Alten zu sich hereinrief; sie war
sonst doch gegen ihn etwas herrschend gewesen, er war es von Jugend an gewohnt;
jetzt kränkte es ihn tief, seine Gräfin so in sich zerknirscht zu finden, dass
sie ihm wie einem Gerechten, dessen Urteil sie fürchtete, lange Entschuldigungen
vorausmachte. Sie konnte es nicht lassen, ihm ihre Geschichte unter vielen
Tränen zu erzählen; sie musste einen Vertrauten haben und seiner Verschwiegenheit
war sie völlig gewiss. Der Alte ärgerte sich innerlich, dass er alles das mit
seinem guten Eifer weder bemerket noch gehindert; er tröstete sie nach seiner
Art recht gut. Am Schlusse ihrer Beichte sagte sie: »Ist Gott gerecht, dass er
dem frommen Manne, meinem Grafen, ein so lasterhaftes Weib gegeben und meiner
frommen Schwester einen so lasterhaften Mann?« - »Liebe gnädige Frau, wer so
gefehlt hat, soll Gott nicht verurteilen; mir fällt eine alte Erzählung bei
diesem Vorfalle ein, die Gottes geheime Absichten recht eindringlich darstellt;
wenigstens vertreibt sie Ihnen die böse Zeit. - Als unser Herr Christus mit
Petrus noch auf Erden wandelte, kam er einst an eine Wegscheide: da wussten alle
beide nicht, welches ihre Strasse; denn unser Herr bei aller seiner Erkenntnis
Gottes wollte doch in allen menschlichen Dingen wie ein anderer Mensch sein,
damit ihn die Menschen verstehen könnten. Nun stand aber ein Baum allda, unter
dessen Schatten ein Bauernknecht seine Mahlzeit hielt. Der Herr fragte ihn
freundlich nach dem Wege gen Jericho; der träge Bauer antwortete ihm aber kein
Wort, sondern stopfte sich das Maul immer voller und ass fort, als stände niemand
vor ihm. Wie sie da in Zweifel also lange genug gestanden und nach allen
Weltgegenden hinausgesehen hatten, da kam eine Magd gelaufen von weiter, die
Sichel in der Hand, die Schürze halb voll von Gras, die hatte ihre
Zweifelhaftigkeit wohl bemerkt, und fragte, wohin sie gedächten, und geleitete
sie weit hinaus auf den rechten Weg, von dem sie abgeirret waren; dann lief sie
eilig zurück nach ihrem Acker zur Arbeit und nahm nicht ihr Trinkgeld, und hörte
nicht einmal auf ihren Dank. Da sprach Petrus: Meister, die Guttat zu belohnen,
musst du ihr einen wackern Mann bescheren. Da sprach der Herr: Der faule Knecht,
der dort im Schatten sass und zu träge zum Sprechen war, der wird ihr Mann. Und
als sich Petrus darüber verwunderte, sprach unser Herr weiter: Der Mann würde
gänzlich verderben ohne eine fromme gute Frau; die Frau aber würde sich zu viel
einbilden auf ihren Fleiss, auf ihr Geschick, denn Eitelkeit tritt der Tugend in
die Fussstapfen; also schliesst Gott ungleiche Ehen, auf dass eines helfe des
andern Bürde tragen, und also sie beide bleiben in Ehren.«
    Diese Erzählung, die der Alte aus unserm braven alten Hans Sachs gelernt
hatte, schien die Gräfin ernstlich zu beruhigen. Als ihr Mann nach ein paar
Stunden sich zu ihr hatte führen lassen, erklärte sie ihm mit festerer Stimme,
sie habe keinen eignen Willen mehr, sie unterwerfe sich seiner Einsicht ganz, er
möge ihr gebieten. Vergebens suchte er sie zu stärken, sie war innerlich in sich
wie gebrochen, und ihre Reue war ihm ein steter Vorwurf. Oft wünschte er sich
tot, um diesem zwangvollen Verhältnisse entnommen zu sein, denn selbst seinen
Ernst und seine Trauer suchte er ihr schonend zu verbergen; aber das Leben hört
selten auf unsre Bitten, nur gewaltsam lässt es sich regieren, hemmen und
erwecken, und wem ist dazu ein Recht gegeben? Bald genas er völlig und
durchstrich wieder dieses Schloss, diesen Garten, wo jede Stelle mit seinem
Glücke, mit seinem Unglücke bezeichnet war, und alles das musste er verschweigen.
Wem solch ein Verhältnis nie begegnet, der hat es doch sicher in unsrer Zeit
allgemeiner Teilnahme an politischen Ereignissen erlebt, dass Leute aus
Rücksichten gerade von allem dem, womit ihre Seele einzig beschäftiget, kein
Wort sprechen durften; so ungefähr sassen der Graf und die Gräfin häufig einander
gegenüber und blickten seitwärts, um einander nicht abzusehen, was sie einander
nicht sagen mochten. Sein Wunsch wäre eine Reise gewesen, weit in die Fremde,
aber seine Frau liess sich nicht gerne sehen; jeder Besuch war ihr eine Qual; sie
vermied die meisten und das ward ihrem Zustande zugeschrieben. Wunderbar, wie
viele lang ersehnte Hoffnungen auf Kinder, die mit Jubel in der Welt aufgenommen
sein würden, gehen in einem geringen zufälligen Schrecken unter, und dieses
fluchbelastete Kind, das auf einem Tränenstrome in die Welt schwimmen sollte,
hatte von allen diesen schrecklichen Ereignissen nicht gelitten. Ein neuer Brief
von Klelien drückte ihren Wunsch nach Kindern so schmerzlich aus, sie schrieb so
rührend von ihrem Glücke, von ihrem Manne, der ihr der Brennpunkt aller
Tugenden, aller Frömmigkeiten war, und nun sah sie mit grossem Bedauern rings um
sich, wie so alles, was der Herzog und sie auf den Gütern schaffe, einst in
fremder Hand wieder untergehen werde, da der Lieblingswunsch ihres Mannes
unerfüllt bleibe, dass sie ihm Kinder schenke. Sie fragte sich, um welcher Sünde
willen Gott ihren Leib verschlossen; ja sie wünschte sich den Tod, um ihrem
Manne diese Freude durch eine andre Gattin gewähren zu lassen. - Diese
Frömmigkeit des Herzogs, die in den Augen seiner frommen Frau so rein erscheint,
täten wir unrecht, ganz zu bezweifeln; auch die Anlage zur Frömmigkeit war in
ihm und hatte ihn gleich anfangs in Klelien gereizt, aber freilich nicht lange;
die heiteren Briefe ihrer Schwester Dolores, die er bei ihr las, hatten ihn
damals zu ihr hingezogen; seitdem bemächtigte sich seiner eine abergläubische
Furcht, er hatte die Laster überlebt; jetzt war es nicht bloss Sinn für
Frömmigkeit, die ihn an die Wallfahrtsörter Siziliens, zu allen Geistlichen
trieb, er schwindelte in die Frömmigkeit hinein, die seiner Frau eigen; es war
ihm ein neuer Reiz, den er aber immer neu steigern musste; die Religion ward ihm
eine neue Art Opium, seine Natur forderte immer mehr bis sie nichts mehr fordern
konnte. So lebte der Sünder wahrlich nicht unglücklicher als der Graf, den wir
doch zu den Bessern rechnen müssen; die Welt ist aber in ewiger Fortschreitung
und das Laster endigt früher und geht unter, während die dauernde Tugend mit
allen Hindernissen ihrer Entwickelung kämpft. Das unnatürliche Verhältnis des
Grafen zu seiner Frau, das nur der umgebenden Welt wegen angenommen war, musste
sein Inneres ausleeren; es gab ihm nichts und gestattete ihm auch nicht einmal
die Freiheit, sich nach anderen Richtungen auszubreiten, seine Geschäfte, die er
sonst mit Lust getrieben, kosteten ihm unsäglich viel Mühe und Überwindung; er
suchte sich Liebhabereien anzugewöhnen, um dadurch beschäftigt zu sein, schaffte
kostbare Pferde an und lernte das Schachspiel, wollte ein Buch über Staatskunst
schreiben, das er lange entworfen, und wusste nicht, was er schreiben sollte; mit
dem Glücke waren ihm alle Gedanken verschwunden. Als er einmal so in seinem
Zimmer umhergeschwankt, sich hundert Federn geschnitten und mit keiner
geschrieben, hundert Bücher aufgeschlagen und in keinem gelesen hatte, da fand
er sich so verwirrt, so öde, so matt und krank, dass er beten wollte und nicht
zusammenhängend sprechen konnte; keine Träne wollte ihn erquicken. Draussen tobte
ein Marktgewühl auf der Strasse, in ihm war alles so stille, er setzte sich
nieder und schrieb. »Erkenne Herr, der du die Welt gefüllt hast, diese Leere
meines Herzens, diese Leere meiner Gedanken, befreie mich von Qual und Angst,
nirgends halte ich mich, nichts hält mich, ich schwanke und muss vergehen, stärke
mich Herr; wo ich mich suche, da finde ich mich nicht, wo ich dich suche Herr,
da fühle ich nichts, mein Dasein ist mir ein Gram und ich kann mich nicht
vergessen; mein Leben ist mir eine Krankheit und doch sind die Krankheiten mir
ein Schrecken. Ich fühle mich, dass ich nie so traurig war, wie in diesem
Augenblicke; was mich betrübt, ist keine Tat, kein Gedanke, kein Wort, vergebens
bemühe ich mich, es zu sagen; was ich gedacht, versteckt sich mir, was ich
gefühlt, ist mir verloren; ich muss alles ewig von vorne beginnen; ich kann nicht
schwärmen mit den Fröhlichen, nicht tätig sein mit den Tätigen, nicht ruhen mit
den Trägen; das Überflüssige zu tun, verachte ich und zum Notwendigen fehlt mir
der Mut; was mich anregt, ist eine schmerzliche Spannung, meist lähmt mich eine
klägliche Erschlaffung; noch denke ich, dass ich ein Zutrauen zu dir habe Herr,
aber ich fühle nicht deine belebende Kraft!« - In diesem Augenblicke erweckten
ihn die Glocken der Kirche; er gedachte, wie viel er seit früh an Gott gehangen
und wie ihm doch alles Glück verloren; es wurde ihm in tiefster Seele, als gebe
es gar keinen heiligen Zusammenhang in der Welt, als sei alles vergebens. »Da
läuft«, sagte er vor sich, »das schwachsinnige Volk in die Kirchen in alle
Ewigkeit und meint, darin etwas Gutes zu tun, es ist doch alles vergebens und
umsonst; auch ich will einmal mitlaufen, will auch einmal beichten, will doch
sehen, was mir die Dummheit raten wird, die dort an Gottes Stelle sitzt.«
    Wir werden es häufig bemerken in unsrer Zeit, dass Menschen der gebildeten
Stände, die sich lange sehr religiös glauben, doch eigentlich die Religion nur
als ein Gedachtes, als ein Nachdenken über die Welt bewahren, nicht als ein
Notwendiges, Eingebornes, Anerzognes, nicht als einen Glauben; es gab für die
meisten eine Zeit, wo sie viel dachten und der Religion vergassen; ihr
Spekulieren über Religion hält selten gegen die Not und gegen das Glück aus;
beide geben ihnen meist erst ihre feste Richtung, ihren eigentlichen Glauben. In
einem verzweifelnden Seelenzustande trat der Graf in die Kirche; er sah mit
Verachtung, wie die Menschen so demütig aus den Beichtstühlen heraustraten, doch
setzte er sich selbst müde in einen derselben, der im trüben Dunkel einer
Kapelle stand, und wartete bis der Geistliche, der nach der andern Seite eine
Beichte hörte, das Ohr nach seiner Seite legen würde. Er hatte sich erst
vorgenommen seine Sünde, den Versuch sich selbst zu ermorden, oder vielmehr sich
ermorden zu lassen, nur ganz allgemein anzudeuten, so dass der Geistliche doch
keinesweges ihn gleich erraten könnte. Wie sich dieser zu ihm wendete, sah er
auf der andern Seite des Beichtstuhles eine Gestalt heraustreten, aus deren
betränten Augen auch sein Schmerz floss; erst schien es ihm Dolores, dann glaubte
er sicher, sie wäre es nicht gewesen. Bei diesem Anblicke wurde ihm der
Beichtstuhl ganz vertraulich; er sprach von seinen Fehlern so aufrichtig, wie
ein Verstorbener, und der Beichtvater, der beider Verhältnis zu durchschauen
schien, gab ihm eine Reise nach einem nahen Wallfahrtsorte auf. Nichts auf der
Welt war seiner Stimmung so angemessen; gleich tat er dem Geistlichen, der Pater
Martin hiess, den Vorschlag, mit ihm noch denselben Abend dahin zu wandern, er
verspreche ihm reichliche Belohnung. Pater Martin willigte fröhlich ein; er
sagte, dass er schon lange seinem Bruder, der dort mit wenigen im Kloster
zurückgeblieben, einen Wein zu kosten versprochen habe. Der Graf schickte nach
Hause und liess melden, dass er ein paar Tage ausbleibe, und so machte er sich mit
dem Geistlichen auf den Weg, den er eben so furchtsam und verlegen betrat, wie
er sonst keck darauf einher geschritten. Die Unterhaltung mit dem einfältigen
Pater Martin war ihm bald quälend; er bat sich dessen Rosenkranz aus und betete
so vor sich hin; aber allmählich ward ihm wohl in der einförmigen Wortfolge, bei
der er bald an nichts dachte, als was Anfang und Ende sei; ganze Züge von
Pilgern traten zu ihnen und stimmten in die Gebete ein, das Gleichmässige trug
ihn. Bald fühlte er, wie einfach das Menschenherz, bei jeder Wiederkehr des
Gebetes ward es ihm immer heiliger, rührender; sein Auge blickte umher nach der
untergehenden Sonne, und so kam er heiter in einem Wirtshause an, das einsam
zwischen grossen Seen gelegen die Mitte ihrer Wallfahrt bezeichnete. Die grössere
Zahl der Pilger trat eilig ins Wirtshaus, um für Speise und Trank nach Lust und
Geld zu sorgen. Wallfahrten sind die Badereisen der Ärmeren; sie arbeiten halbe
Jahre, um durch diese wenigen Tage in sinnlichem und übersinnlichem Genusse sich
zu erfrischen. Der Graf war wenig geneigt zu beidem, er blieb vor der Türe
sitzen; Bruder Martin musste zwar aus Höflichkeit bei ihm bleiben, aber er
bestellte sich doch durchdringend laut durch die offene Haustüre einen Becher
Wein. Nicht lange, so erschien mit einem zinnernen Becher, der voll Wein, ein
grosses schlankes, aber sehr ernstes Mädchen, ob es der Sternenschein war, der
ihre Backen bleichte, dem Grafen schien sie ungemein blass. Bruder Martin mochte
auch diese Blässe bemerken und sie schminken wollen; er umfasste sie und hätte
sie in allen Ehren geküsst, wenn ihr nicht sträubend der Becher mit dem Weine
entfallen wäre. Das war kein Spass; er liess sie los und sah traurig in den leeren
Becher, in dessen Neige sich die Sterne spiegelten. Der Graf hatte sich in der
Stille ganz in ihn hinein gelebt, und fand darin einen besonderen Trost der
eigenen Leiden; dieser Anblick setzte ihn so ganz in alte gute Laune zurück, dass
er in der Seele seines Begleiters dichtete:
                        Ein Trinklied beim Sternenklang
Liebe Hand, dich darf ich drücken,
Bringst mir einen Becher Wein,
Und die holden Sterne blicken
In den Becher froh hinein;
Zweifelnd bin ich im Entzücken,
Trink ich erst den duft'gen Wein?
Soll ein Kuss mich erst beglücken?
Beides, beides ist nun mein!
Ratet mir treulich, liebliche Sterne,
Grüsse euch alle, nahe und ferne!
Fliehst du schon vor meinem Blicke,
Und verschüttest meinen Wein,
Führt mein Ruf dich nicht zurücke,
Ach, so bist du doch nicht mein!
Heisse Liebe, deine Tücke
Lässt mich schmerzlich hier allein,
Als ich meinem stillen Glücke
Wollte froh entgegen schrein;
Feurige Zungen sind da erklungen,
Aber mein Liebchen ist mir entsprungen.
Wandelt weiter, kalte Sterne,
Spiegelnd im vergossnen Wein,
Suchet ihr doch stets die Ferne,
Nah und ferne, nichts ist mein.
Nur der Tropfen, den ich hege,
Löset meines Herzens Klang,
Schweigend geht ihr eure Wege,
Euren stillen, gleichen Gang;
Als ich noch hoffte, seid ihr erklungen,
Jetzt wie so stille, feurige Zungen.
Allmählich war er in der Gesinnung des Liedes zu sich selbst übergegangen; er
wurde sehr traurig, und blieb noch lange so ernst vor sich sitzen, als der
Geistliche schon ins Zimmer gegangen und der alte Wirt, ein ehrwürdiger Greis
mit weissen Haaren, sich unbemerkt zu ihm gesetzt hatte. - »Herr, Ihr seid nicht
recht vergnügt wie die andern«, sagte der Alte, »Ihr habt aber noch lange zeit
vergnügt zu werden, ich aber bin traurig und alt, und werde wohl nie wieder
lustig.« - »Habt Ihr Schaden gelitten in Eurer Wirtschaft?« fragte der Graf -
»Nicht so eigentlich«, antwortete jener, »mein Vermögen ist nicht gross, aber ich
habe mehr, als ich brauche, und doch bin ich ganz arm - seit ich meine Tochter
verloren.« - Graf: »Ist sie schon lange tot?« - Wirt: »Sie lebt noch; Ihr habt
sie auch wohl vorher gesehen, aber sie scheidet so ab, sie ist schändlich
betrogen worden; es ist eine traurige Geschichte, und Ihr werdet sie schon noch
erfahren. Seht nur da drüben den Nachbar Walter, der da seine Schafe in die
Hürde treibt, dem war sie bestimmt; ich hatte so lange ich lebe meine Schafe mit
den Schafen seines Vaters zusammen getrieben, und dachte gewiss, unsre Kinder
würden sich heiraten. Es hat nicht sein sollen!« - Bei diesen Worten führte er
den Grafen in ein Oberzimmer, das er für ihn und für den Geistlichen abgesondert
eingerichtet hatte, und schickte ihnen die Tochter zur Bedienung. Die schöne,
blasse Hippolita trat sehr beschämt ein, aber der Graf machte ihr Mut; er fragte
nicht nach ihren Begebenheiten, und sprach ihr doch trostreich zu; sie eilte, so
viel das übrige Geschäft im Hause erlaubte, in das Zimmer zurück. Der Geistliche
hatte bald durch Nachfrage bei den Gästen ausgemittelt, was es eigentlich mit
diesem Mädchen für eine Bewandtnis habe. Ein Oberst, der dort im Quartier
gelegen, hatte während der Kriegsunordnungen sich in der nahegelegenen Kirche
mit ihr trauen lassen, war den Morgen nach der Hochzeit, ohne ihr davon zu
sagen, abgereist, und hatte die Nachricht zurückgelassen, dass er in seinem Lande
schon verheiratet sei, diese zweite Ehe also ungültig werde. Ihr Kind war in der
Geburt gestorben. In der ganzen Gegend, der sie sonst als ein stolzes Muster
bekannt gewesen, wurde sie seitdem verachtet und verspottet. Dem Grafen tat
diese Erzählung um so weher, je weniger er irgend einen guten Ausweg für das
arme Kind entdecken konnte, doch war ihm zu Mute, als gehöre sie durch ihr
Unglück zu seiner eigenen Familie. Sehr früh machte er sich den folgenden Morgen
auf, doch war das Mädchen schon auf und brachte das Frühstück; der Graf bot ihr
ein ansehnliches Geschenk, aber sie schlug es aus. Nach einem herzlichen
Abschiede von Vater und Tochter, eilte er rasch fort durch die kalte Morgenluft,
und bemerkte erst nach einer Viertelstunde, dass er den ihm vom Pater übergebenen
Rosenkranz vergessen hatte. Der Rosenkranz war aus Loreto, und der Pater
untröstlich; gleich eilte der Graf zurück, sprang ins Haus nach seiner Kammer,
und war sehr verwundert darin singen zu hören. Es war die Tochter, er horchte:
sie sang ihr Unglück; er trat ein, fand seinen Rosenkranz in ihrer Hand, und
beredete sie, mit ihm nach der wundertätigen Mutter Gottes zu wandern, was auch
ihrem Vater sehr lieb war. Der Pater war hoch erfreut, als er den Grafen mit der
schönen Tochter und mit dem Rosenkranze zurückkehren sah; er betete eifrig auf
dem Wege, die Pilgerin stimmte ein, und der Graf folgte. Der lange Weg war ihnen
unbemerkt geschwunden, als die heiligen Bilder die Nähe des Wallfahrtortes
bezeichneten; bald waren sie mitten in dem marktlichen Gewimmel, das rings um
der alten Kirche wogte, wo man Kerzen einkaufte, und in die weihrauchduftende,
hellerleuchtete Kirche trug. Hippolitens Schönheit wirkte da so mächtig, dass ihr
jeder Platz machte, als sie nach dem Chore aufstieg, wo sie als Sängerin ihre
Stelle verdiente. Sie sang wunderschön, alle sahen auf sie; ein paar schöne
Knaben hielten ihr die Noten, ein paar andere bekränzten sie mit Rosen und
blauen Trauben, ein anderer brachte ihr ein Lamm an einem seidnen Bande: es war
ein sehr schöner Anblick, wenn gleich diese Zeichen der Verehrung in jenen
Gegenden ganz gewöhnlich sind. Der Graf selbst beschrieb diese Verehrung und
öffentliche Beruhigung, die sie nach so mancher unverdienten Beschimpfung hier
erhielt, in den folgenden leichten Versen:
                                   Hippolita
SIE singt in der Kammer
Nur einen Tag mir dauert
Der Ehrenblume Pracht,
Das hab ich lang betrauert,
Sie haben mich verlacht.
Warum so kurz die Freude,
Warum so lang das Leid?
Bei meinem Hochzeitkleide
Liegt jetzt mein Trauerkleid.
Hier war ein herrlich Wesen
Von Reitern schön und kühn,
Und der mich hat erlesen
Vor allen täte ziehn;
Sie folgten ihm doch alle,
Wenn er vor ihnen ritt,
Bei dem Trompetenschalle
Lief auch mein Blut so mit.
Ich fuhr in hohem Wagen,
Mein Herr, der führte ihn,
Die Rappen wiehernd jagten,
So hell die Sonne schien,
Ich sah noch fern die Hütte,
Zum Himmel stieg ihr Rauch;
Aus ihrer stillen Mitte
Ich zog, verflog nun auch.
Die Kirche, frisch gestreuet
Mit buntem, krausen Sand,
Vom leisen Tritte schreiet,
Ich reiche ihm die Hand.
»Nicht, Mutter, weint gebeuget,
Der Ring ist golden ganz.«
Doch sie den Goldschaum zeigt,
Auf manchem Sterbekranz.
Der Priester trat zurücke,
Mein Mann mich hielt so lieb,
Mich grüssten alle Blicke,
Das Blut zur Wange trieb;
Mein Glück, wer kann es fassen,
Es fasste mich so fest,
Und hat mich doch verlassen,
Mich so verlassen lässt.
Ich träumte keine Sorgen,
Mein Aug der Sonne lacht;
Wo bliebst du Lieber im Morgen,
Eh' ich noch war erwacht?
Wo bliebst du Lieber im Morgen,
Es hat dich keiner gesehn;
Mein Kind blieb mir verborgen,
Ich sah es nicht in den Wehn.
Ich sitze zwischen Seen
In meiner Eltern Haus,
Muss dienen und muss gehen
Mit Pilgern ein und aus;
Viel Knaben Mitleid haben
Mit meiner Traurigkeit,
Ihr Trost könnt mich wohl laben,
Ach, blieben sie nur heut!
Muss selber ihnen reichen
Den Pilgerstab und Hut,
Die Hand ich möchte reichen,
Dem, der so traurig tut.
Doch könnte er wohl meinen
Ich liebte ihn wohl gar,
So aber muss ich weinen
Das ganze, ganze Jahr.
                                   Ein Pilger
Die Pilgersleut vergassen
Den Rosenkranz im Haus.
Sie kamen wieder, sassen,
Bei diesem Ohrenschmaus;
So schön sie hörten singen
Der Wirtin Töchterlein,
Ganz heimlich zu ihr gingen
Wohl in das Kämmerlein.
Sie gaben ihr die Hände,
Und nahmen sie auch mit,
Dass sie zur Wallfahrt wende
Den hohen, edeln Schritt,
Zu jenen heil'gen Gipfeln,
Die Gottes Lieb erbaut,
Wo in der Bäume Wipfeln
Ihr Schmerzensbilder schaut.
Da fand sie leer ihr Leiden,
Sie fand ihr Herz so voll,
Sang da zu aller Freuden,
Dass hoch die Kirch erscholl;
Viel Knaben knieten nieder,
Die Noten halten ihr,
Sie dienen ihr wie Brüder,
Und wie die Engel schier.
Darum viel Pilger glauben,
Cäcilien zu sehn,
Mit Ros und blauen Trauben
Sie da umwinden schön;
Ein Lämmlein zu ihr führen
An einem roten Band,
Mit hohen Kerzen zieren
Der Kirche dunkle Wand.
Da fühlet sie ein Wehen,
Die Taube fliegt zu ihr,
Mit tiefster Ehrfurcht sehen
Die Lästrer auf zu ihr;
Mit hellen Blicken schauet
Der Mutter Gottes Bild,
Wer sich ihr ganz vertrauet,
Dem zeigt sie sich mild.
Der Graf konnte wohl den milden Blick dieses Gnadenbildes rühmen, auch er hatte
ihn erfahren: eine grüne Insel stieg ihm empor aus dem schwarzen Meere, das ihn
umwogte; er glaubte ein ganz vertrautes Herz gefunden zu haben, die Gedanken
schwanden ihm. Sein Begleiter war längst zu seinem Bruder gegangen, hatte sich
der guten Klosterkost erfreut, die Zeit beseufzt, und die heiligen Bilder
austeilen helfen; der Graf aber ging aus einer Kapelle in die andere, jede
schien ihm so wohnlich für den jetzigen Zustand seines Herzens. Es wurde dunkler
und die bunten Glasfenster brannten nur noch in wenigen Strahlen, die auf ein
Bild der heiligen Maria Magdalena fielen, wie sie die Perlenschnüre zerreisst,
und ihre Tränen immer neue Perlen um sie säen. Er trat hinzu und berührte mit
seinem Fusse einen Menschen, den er nicht bemerkt hatte; er bat sanft um
Entschuldigung. Es war eine Frau, die ausgestreckt vor dem Bilde lag; aber da
sie unbeweglich liegen blieb, auch kein Atemzug zu hören war, die ungewöhnliche
Lage ihn auch etwas besorgt machte, so beschaute er sie näher, sie schien tot
oder ohnmächtig; er hob sie mit Mühe empor in einen Betstuhl, und derselbe
Strahl, der ihm vorher die büssende Magdalena beschienen, zeigte ihm jetzt die
geliebte Dolores tot oder ohnmächtig. - Bleibt der Atem lange, ewig aus? - Ihre
Schuld war ihm bei diesem schmerzlichen Zweifel so ganz verschwunden,
verschwunden die traurige Zeit; so still lag sie in seinen Armen, wie in seinem
ersten Glücke. Taumelnd in Überraschung und Verzweiflung, trug er sie nach dem
Weihkessel, und besprengte sie mit dem geheiligten Wasser, und wie die ersten
tropfen ihre Schläfe benetzten, da regte sich ihr Haupt, sie schlug die Augen
auf, aber sie erkannte ihn nicht. Wiederum fielen ihr die Augen zu, aber ein
neuer segnender Regen erschloss sie wieder, sie blickte um sich, und erkannte den
Grafen, der sie jetzt mit Küssen bedeckte - die ersten seit jener furchtbaren
Nacht. Kaum konnte sie begreifen, wo sie sei, was ihr geschehen, aber in seinen
Liebkosungen, in seinen Tränen überkam ihr wieder Besinnung und Erinnerung.
»Ach, wir Unglücklichen!« seufzte sie aus tiefem Herzen. Allmählich entlockte
ihr der Graf wie sie nach dem Wallfahrtorte gekommen; auch sie hatte bei dem
Pater Martin gebeichtet, auch ihr hatte er zur Busse eine Wallfahrt anbefohlen,
und sie, des Gehens ungewohnt, beschwert von ihrem Zustande, hatte sich in der
Qual ihres Herzens einsam auf den Weg gemacht; ihre Kräfte waren ganz erschöpft,
als sie die Kirche erreicht, in deren kühlem Schosse sie das Bewusstsein ihrer
Leiden verloren hatte. Sie bedurfte seiner liebevollen Sorgfalt, und er dachte
nur an ihre strenge Busse, an ihre schmerzliche Reue; die tiefe Berührung mit
einer höheren Welt, die Tausende an sich zieht, die hier alle von einander
getrennt sind, hob die harte Eisrinde, unter welcher der Strom ihrer Gefühle
noch schmachtete; nie redete sie dem Grafen so rein ansprechend, selbst nicht in
der glücklichen Zeit, wie an diesem Abende; er fühlte ein herrliches Ziel seiner
Aufopferung, dies geliebte Wesen, das sich ihm jetzt so ganz ergab, zu der
Vollendung hinzubilden, wie er in erster Liebe sie sich geträumt hatte. Traulich
wanderte er mit ihr zurück, und als sich der Bruder Martin zu ihnen gesellte,
und sie mit seinen törichten Reden störte, da fühlte er tief, dass aus dem
Menschen, wo er an Gottes Stelle mit treuem Herzen sitzt, eine höhere Zunge
spricht; keine Vorstellung hatte der gute Mensch, wie sein Rat zu einer
Wallfahrt sie beide so gnädig einander zugeführt hatte. Nicht jeder Tag konnte
so erfreulich enden wie dieser; aber der Zustand beider ward doch erträglich.
Wunderbar schien es inzwischen der Gräfin, als sie in der heiligen Zeit von neun
Monden, die nach den Berechnungen der Mütter die glückliche Lebensverborgenheit
des Menschen begrenzen, als sie über diese neun Monate hinaus, seit jenem
unseligen Abende, die Last ihrer Sünde tragen musste.
 
                                Zweites Kapitel
               Niederkunft der Gräfin. Tod des Herzogs von A ...
Noch drei Monate vergingen, als sie in der Nacht von einem schönen blonden
Knaben entbunden wurde, der zu ihrer Verwunderung des Grafen Züge und ein
dunkeles Mal auf seinem Herzen trug, das der Familie des Grafen eigen, von allen
als das sichere Zeichen einer reinen Geburt angesehen wurde. Kaum wollte sie es
sich, ungeachtet aller dieser Zeichen, eingestehen, dass ihre Schuld wenigstens
ohne einen lebendigen wachsenden Vorwurf geblieben; freudig bewies es ihr der
Graf mit zärtlicher Beredsamkeit, dass sie endlich nachgeben musste, aber sich
noch immer wie aus einem schweren Traum erwacht fühlte, und immer noch nicht
glauben konnte, dass es ein blosser Traum gewesen. Jetzt war ihr verziehen vom
Grafen, innig und vollkommen, seit dies sein Kind, das entweihte Heiligtum
keuscher Liebe wieder geweiht hatte. - Kaum waren die bedenklichen Zeiten des
Wochenbettes vorüber, so gestand ihr der Graf, dass seine Liebe durch dieses Kind
ihr von neuem auf ewig zugeeignet, nur dieses Schloss und sein Landgut, wo er mit
ihr die ersten Zeiten reiner Zärtlichkeit gefeiert, und ihre Schuld betrauert,
würde ihrer beider Gefühlen ein ewiger Vorwurf bleiben; mit Christus wolle er
freilich zu jedem sagen, der sie verdammen wolle: wer sich unschuldig fühlt, der
werfe den ersten Stein auf sie; aber diese Steine, die sie in seligen
Augenblicken mit mancher sinnvollen Inschrift bezeichnet, sie waren schon
drohend gegen das neue Glück gerichtet, das sich endlich nach treu überstandner
Prüfung in wiedergewonnener Reinheit entwickeln müsse. Sie fühlte ganz wie er,
und hätte auch in jedes andre gewilligt, was seine Ruhe gefördert hätte; sie sah
ein, wie viel mehr er aufgebe in dieser Trennung, wovon er nichts erwähne: lange
Arbeiten und alle schönen Lebensplane, in der Jugend empfangen, vom Manne
ausgeboren in schönen, wohltätigen Einrichtungen, eigentlich alles, was ausser
ihr ihm je wert gewesen - und hätte sie nicht schon so lange Reue ertragen
gelernt, der Augenblick hätte sie vernichtet. »Aber wohin gedenkst du?« fragte
sie in Verwirrung. - »Zu deiner Schwester«, antwortete der Graf; »lies diesen
trostlosen, schwarz gesiegelten Brief, worin sie den schnellen Tod des Herzogs
uns anzeigt, der wahrscheinlich von der Verwandlung seiner ganzen Lebensweise
dahin gerafft worden; sie schreibt es seiner Heiligung zu. Er lässt sie im
Besitze eines unermesslichen Vermögens kinderlos zurück. - Ernstlich fleht sie
uns an zu ihr hinzureisen; gern möchte sie unsere Kinder zu Erben einsetzen und
erziehen; sie müssen unter ihren Händen, mit ihrem Segen gedeihen.« - Der Stolz
der Gräfin erwachte hier zum letztenmal. »Lieber Karl«, sagte sie, »aber wie
soll ich Schuldige vor der Frommen erscheinen?« - »Wie vor Gott«, antwortete der
Graf, »gestehe ihr deine Schuld, und ihre Liebe versöhnt dich mit dir selbst!« -
 
                                Drittes Kapitel
       Abreise des Grafen und der Gräfin mit ihren Kindern nach Sizilien
Nach dieser Unterredung wurde rüstig zur Ausführung des Unternehmens
geschritten.
    Es ist der Vorzug eigener sinnvoller Tätigkeit, die rechtschaffenen Männer
leicht zu unterscheiden und sich anzueignen, auch der Graf hatte zweie der Art
zur Verwaltung seiner Güter bald auserwählt, die seinen Kindern sie einst
überliefern sollten; er nahm für immer von ihnen Abschied. Das Schloss in der
Stadt sollte unverändert, aber unbewohnt bleiben, nur die Zeit, sonst niemand
sollte daran ein Recht ausüben. Von seiner Dienerschaft sollte ihn allein der
alte Bediente begleiten; doch sorgte er für alle. - O des ewigen Abschieds von
einer stark durchlebten Gegend in Glück und Unglück, Unschuld und Schuld;
tausendmal sterben wir in uns, ausser uns: das sei uns Zuversicht, wenn wir
wirklich die Augen zudrücken oder zum letztenmal in das Licht starren, das hier
unten das höchste, droben das tiefste ist. So scheiden unsre beiden geliebten
Pflegekinder auch hier von einem alten Leben; nur wissen sie nicht, ob die neue
Welt, zu der sie eilen, ihnen die kleinste Freude gewährt, die sie hier
genossen. Ihrem Sinne war das Neue schon darum lieb, weil es das Alte
verlöschte, und wohl ist Italien noch eine neue Welt für jeden Reisenden, der
schon das übrige Europa durchschritten, wieviel mehr für sie, die nur einen so
kleinen Teil erst gesehen, doppelt für sie bei so gereiztem Gemüte. Sie sah nun
das Land, zu dem sie einst von mächtiger Eitelkeit hingetrieben, mit dem reinen
Blicke einer grösseren Erfahrung, die alle Eitelkeit in ihr vernichtet; er zog
nun in das Land, wohin er als Student mit pochendem Herzen schon getrachtet,
aber das er von Liebe zurückgehalten in Freude und Leid ganz vergessen hatte,
als ein Student höherer Art, denn das sind alle wahren Reisenden. Von vielem
hatte er Kenntnis gewonnen, für alles Sinn; wie mannigfaltig war da ihre
Mitteilung. Nach einem Monate glaubten sie schon, durch Jahre von den verhassten
Begebenheiten geschieden zu sein.
 
                                Viertes Kapitel
 Ankunft bei der Herzogin von A ... Neue Lebensweise. Dolores, die gute Mutter
Ungeduldig wandle ich mit ihnen über Berg und Tal, selbst Rom, bei dessen blossem
Namen sonst schon meine Gedanken weilen, genügt mir nicht; ich möchte sie sicher
in den Armen der herrlichen Schwester wissen, sie einführen in den neuen Kreis
ihres neuen Lebens. Wie ein Feenschloss von Demanten winkte Palermo entgegen, das
von dem Feste der heiligen Rosalie jauchzte. Es war später Abend als sie
landeten, aber die himmelhohe Statue der Heiligen, die ihnen schon im Meer
entgegen spiegelte, empfing noch ihr Gebet um Glück und beruhigte sie. Jetzt
fahren sie vor den Palast der Herzogin, auf dem grössten ihrer Landgüter, drei
Meilen von Palermo, die Herzogin weiss nichts von ihrer Ankunft; sie sind ihren
eignen Briefen vorgeeilt; sie eilen die prachtvollen marmornen Säulentreppen
hinauf, durch reich bekleidete Bedienten hindurch, die sie anstaunen und fragen;
aber sie eilen ungeduldig weiter in ein Zimmer, wo die Herzogin sie empfängt.
Welche Überraschung! einfach traurend steht die Herzogin da unter einer Zahl
schöner Kinder, die ihre Schreibebücher vorzeigen; aber wie hat sich Klelia
entwickelt, sie, die sonst von niemand bemerkt wurde, steht in ihrer Mitte mit
einer sanften Würde, die im ersten Augenblick selbst ihren alten Freund, selbst
ihre Schwester zurückschreckt. Aber wie selig überrascht umfasst sie beide, und
die Kinder lächeln froh bei ihrem Anblick, als wenn ein Engel im Schlafe mit
ihnen spielte. Wir sind alle gerührt, es geht nun alles recht gut; wie leicht
wird es der Gräfin, ihr alles zu beichten; schmerzlich ist es der Herzogin, das
Andenken des Herzogs, das ihr so teuer war, so ganz in sich auslöschen zu
müssen; aber die Wahrheit ist ihr Leben und die Kinder füllen ihre Gedanken nun
wahrhafter und schöner. Alle gewinnen bald einen festen Lebenskreis und
Bestimmung; vor allen findet der Graf in der ökonomischen Verwaltung, die der
Herzogin bisher am lästigsten gewesen, ein schönes Feld, seinen wohltätigen
Geist über Tausende auszubreiten, der sich bis dahin in der Anordnung weniger
Menschen begnügen musste; er findet ein dankbares Volk, unter dem ein
verständiges Wohlwollen von oben her noch so selten gewirkt, dass beinahe noch
alles zu tun übrig war. In dem Rausche des Wiedersehens ist der alte Bediente
nicht übersehen worden; die Herzogin hat ihn wie einen Vater geküsst; er hatte
auch wahrlich mehr für sie getan, als ihr leiblicher Vater. Ohne in seinem
Wirkungskreise steigen zu wollen, blieb er wie immer der Oberaufseher des
Hauses; nur die Kinder muss ihm die Gräfin Dolores von Zeit zu Zeit anvertrauen,
sonst ist er böse; sorglich führt er sie in den Gärten umher, sucht ihnen die
reifsten Früchte und neckt sich mit ihnen, und wird mit ihnen zum Kinde; auch
wissen sie mit keinem so gut zu spielen, wie mit ihm; keiner weiss sie so leicht
zu beschwichtigen, wenn sie weinen, schreien; sie treten oft auf ihm herum und
tun ihm wehe, aber er beklagt sich nicht; er sieht auf ihre blonde Locken, wie
in einen glodnen Kelch, in ihre blauen Augen, wie in den Himmel.
    So hätten wir es denn mit den übrigen abgetan und wir könnten nun ruhig über
einige Jahre hinblicken, um Dolores, die uns so viel Schmerzen, und Klelien, die
uns so viel Freude gemacht, in der Dauer ihrer Verhältnisse zu prüfen. Klelie
hatte anfangs alle Mühe, einzelne störende Rückfälle ihrer Schwester in eine
zerknirschende Reue zum Guten zu lenken; doch gelang es ihrem klugen Bemühen,
indem sie ihr eine Beschäftigung gab, die ihrer Sinnesart angenehm, aber aus
Gewohnheit zu lange von ihr vernachlässigt worden war. Sonst sah sie ihre Kinder
nur, wenn sie wachten, reinlich angezogen waren und der Kinderstube entlassen
wurden; höchstens trat sie zuweilen herein, sich an ihrem Schlaf zu ergötzen.
Klelie machte es ihr so eindringlich, dass eine Frau nie etwas Grösseres tun
könne, als wenn sie mit liebevoller geduldiger Sorge die ersten hülflosen Zeiten
ihrer Kinder bewache, wenigstens nichts Erfreulicheres, Segenvolleres. »Wie
gern«, rief sie, »gäbe ich alle meine Beschäftigungen, so lieb sie mir sein
mögen, darum hin, eigne Kinder versorgen zu können; denn das ist von der Natur
eingeboren, nur eigne Kinder verstehen wir ganz, was ihnen fehlt, was sie
wollen, und dieses Verständnis kann kein guter Wille, keine reichliche Bezahlung
in der Dienerschaft erzeugen. Darum ist jeder Mensch zu beklagen, den seine
Mutter nicht grossgezogen, denn ihm fehlte sehr viel Liebe«. - Kaum hatte Dolores
den ersten Widerwillen überwunden, den die Unreinlichkeit und das Geschwätz der
Kinderstuben häufig gibt, so fand sie erst wie vielem sie ihre Kinder unbesorgt
ausgesetzt, was sie selbst für widrig hielt; sie besserte alles mit Ernst und
Einsicht, schaffte sich bessere Mägde an, die sie jetzt erst kennen lernte, so
wie die Kinder, die schon früh manche Eigentümlichkeit zeigten. Die Kinder
lohnten ihr durch Gedeihen und jeder Kreis des heiligen Jahres mehrte ihre Zahl;
was Kindisches in ihr uns töricht gewesen, das wurde in den Kindern ausgeboren,
deren Sinnesart sie aus der Tiefe ihrer eignen Brust verstand, und besser zu
lenken wusste, als ihr von der eignen nachsichtigen Mutter geschehen. Es war eine
schöne Busse, diese Mutterliebe.
 
                                Fünftes Kapitel
 Der Herzogin Weisheit, Mut und Güte. Tod des alten Bedienten. Nachrichten von
  Waller. Geschichte des Prediger Frank und des Fräulein Leona. Schicksal des
                             Lorenz und der Rosalie
Klelia tat nur einzelne Blicke in dies Frühlingsreich ihrer Schwester, erst wenn
die Kinder älter wurden, beschäftigte sie sich mit ihrem Unterrichte. Salicetti,
ein grosser sizilianischer Bildhauer verfertigte eine artige Gruppe zum
Geburtstage des Grafen in Marmor: Klelia und Dolores standen neben einander,
Dolores niedersehend auf ein Kind, das an ihrer Brust sog, und das sie mit
beiden Armen hielt, Klelia blickte zum Himmel und erhob deutend die eine Hand
dahin, in der andern Hand hielt sie ein Buch, worin die beiden älteren Kinder
der Dolores mit gefalteten Händen lasen. Klelia war nicht untätig geworden,
ungeachtet sie viel betete und der Graf einen grossen Teil ihrer Geschäfte
übernommen hatte; sie war nicht bloss Quelle der Reichtümer, was jeder
wohlwollenden Seele so leicht wird, sondern sie wusste mit Anstrengung diese
reiche Quelle zum Besten aller selbst zu lenken. Nicht bloss der
Mädchenunterricht, den sie erst nur in frommer Nachbildung des Grafen
unternommen hatte, beschäftigte ihre Gedanken, sie wollte auch Erwachsene
erziehen, durch streng ausgeübtes Recht, welches damals in Sizilien fast
durchaus der List, der Gewalt und Bestechung gewichen war. Schon vor des Grafen
Ankunft und in der Abwesenheit ihres Gemahls hatte sie mit männlichem Mute eine
Schar tapferer Männer um sich versammelt, die nicht bloss Söldlinge sondern die
mit heiligem Eifer für die Aufrechtaltung des Rechts und des heiligen
angebornen Gütereigentumes begeistert waren; diese sendete sie gegen die Räuber,
die trotzig gegen die schwache Regierung des Landes alle Strassen und die
friedliche Nacht der Hütten unsicher machten, während die Paläste sich durch
Geld von ihren Einfällen loskauften. Sie selbst führte einst zu Pferde mit dem
Kreuze in der Hand, das auch auf ihren weissen Mantel genäht war, ihre brave
Schar gegen eine öde Gebürgsgegend, wo sich die räuberische Menge gegen sie
versammelt hatte. Das Gefecht war lange zweifelhaft, der Widerhall des Schiessens
im Felsentale, das Gebell der grossen Räuberhunde, nichts schreckte sie zurück,
von beiden Seiten war gleicher Mut, dort der Teufel, bei ihr Gott. Da ritt sie
kühnlich, als ihr Hauptmann gefallen, in die Mitte des Getümmels und winkte mit
dem Kreuze Ruhe; von dem wunderbaren Anblicke wie versteinert, sanken die Räuber
nieder auf ihre Kniee, nieder vor dem Gnadenbilde, gegen das sie lange
gestritten; die fromme Frau, ruhig in ihrem Gott, erschien ihnen wie eine
Heilige, wie die Mutter Gottes, die jammernd neben dem gekreuzigten Sohne steht,
und sie wollten nicht die Kriegsknechte sein, die den Gekreuzigten verspottet.
Es ist ein grosses Werk in einem Volke, die sinnliche allgemeine
Vergegenwärtigung einer hohen Begebenheit; oft in der höchsten Abirrung des
Lasters tritt sie bei einem geringen Zeichen richtend und belehrend mitten aus
den brausenden Leidenschaften hervor. Die Herzogin segnete die Räuber für diese
Zeichen der Reue und vergab ihnen ihre Lastertaten, wenn sie sich wahrhaft
bekehrten und aus Verrätern in Schützer des Rechts verwandelt, ihr verfallenes
Leben in würdigem Dienste beschliessen wollten. Balsamo, der Anführer, schwor ihr
dies am Kreuze im Namen aller; er blieb ihr mit den meisten treu, und seiner
Bekanntschaft mit den Räuberschlichen dankte bald der grösste Teil von Sizilien
vollständige Ruhe und Sicherheit. Dieses Ereignis hatte Klelia nie dem Grafen
geschrieben, das litt ihre Bescheidenheit nicht; kaum konnte er diesen hohen Mut
begreifen, wenn er die stille sanfte Frau anblickte. Doch lernte er sie bald in
der kühnen Grösse ihrer Seele und in der Schärfe ihres Verstandes noch auf viel
andere Art kennen.
    Sie hatte sich zur Aufrechtaltung des Rechts mit dessen Studien selbst
ernstlich beschäftigt, was ihr durch frühere Liebhaberei an lateinischer Sprache
erleichtert worden; Rechtsgelehrte verliehen ihr bald den Ehrentitel als Doktor,
die Regierung das Amt eines Königlichen Oberrichters. In diesem Amte sass sie bei
den Gerichtstagen und störte mit gewandtem Verstande, wo überwiegende List und
Parteilichkeit das Unrecht begünstigten; ihr Ansehen wirkte bald so mächtig, dass
Entfernte selbst ihre Angelegenheiten vor dieses Gericht brachten. Es verdient
bemerkt zu werden, dass sie häufig einen Ausspruch tat, dessen Gründe sie nicht
selbst gleich in Worten entwickeln konnte, der aber für alle so überzeugend war,
dass die Gründe von den Gelehrten bald entdeckt wurden. - Strenge Ordnung in
ihrer Lebensweise machten es ihr möglich, ausser diesen Geschäften noch
hinlänglich den Ihren zu leben, um ihre Gesinnung in allen fortzupflanzen. Ein
Tagebuch, das sie an jedem Morgen von vorhergehendem Tage in aller Kürze
verfasste, diente ihr zur Aufmunterung und Warnung; selten bemerkte sie darin
etwas über sich und was ihr besonders und eigen, was die meisten Tagebücher
gewöhnlich füllt; oft ist es nur ein kurzes Gebet um Gnade und Erleuchtung oder
um Kraft, wo ihr etwas zu schwer erschien; zuweilen bedauerte sie etwas
Versäumtes, meist sind es kurze Nachrichten von bedeutenden Ereignissen in ihrem
Ländchen. Wir heben einige Tage aus als Belege:
    Den 1sten Mai. Algierische Seeräuber landeten bei Lido während der Hochzeit
des Bauers Zampiero, sie drangen in die Häuser und raubten Gut und Kinder. Das
Geschrei kam in die Kirche, wo alle Bauern versammelt, alle waren zweifelhaft
was zu tun, da ergriff der geistliche Herr Anatonio den Kelch, der von starkem
Silber als Geschenk von mir der Kirche verehrt worden, und jeder Bauer nahm, was
er von Stühlen und Bänken in der Kirche abreissen konnte, und so gingen sie auf
die Räuber los, die sorglos plündernd im Dorfe zerstreuet waren. Der geistliche
Herr traf zuerst mit einem vornehmen Türken zusammen, den er mit dem Kelche so
gewaltsam in die Schläfe schmetterte, dass er nicht wieder aufgestanden; so sind
noch acht andre auf dem Platze geblieben, fünfe tot und dreie schwer verwundet,
von den Unsern aber ist nur der Geistliche getötet und sechse verwundet, bis der
Graf mit der Schlosswache war herbeigeeilt, und die Räuber zurücktrieb, dass sich
nur wenige einschiffen konnten, sie auch die weggetriebenen Kinder und alles
Geraubte zurücklassen mussten. Gott erhalte uns den edlen Grafen! - Gnädiger
Gott, der du diesmal ein so grosses Wunder getan um deines heiligen Dienstes
willen und einen deiner Diener zum Zeichen als Märtyrer angenommen, gib mir
Kraft, unsere christliche Küste ohne Blutvergiessen durch Wachsamkeit zu
schützen, gib mir Kraft, dass ich diese schwere Angelegenheit dir ordentlich
ausdenken und ins Werk stellen möge, und verzeihe mir gnädiglich um deines
lieben Sohnes und seiner geliebten Mutter willen, wenn ich zu lange saumselig
war im Nachdenken, wie deine heilige Gemeinde zu schützen.
    Den 2ten Juli. Habe Dank gnädiger Gott, der neue Wachtturm bei Lido hat drei
Raubschiffe vom Landen abgeschreckt.
    Den 28sten August. Mein kleiner Neffe Johannes hat den ersten Backzahn
bekommen, möge er seine Zähne nie missbrauchen, dass ihm Gott seine Zähne erhalte,
wie er sie ihm gnädiglich verliehen.
    Den 8ten Sept. Rico und seine junge Frau, die ich ausgestattet habe,
vertragen sich nicht und sie schienen sich doch zu lieben; wohl ist es mit meine
Schuld, dass ich sie so schnell zusammengeführt; wie oft verderben wir Gottes
Wege durch unsre Ungeduld, schnell darauf zu fahren, und ich gedenke oft dabei
unsers edlen Grafen, der neulich sagte, dass er die meisten Fehler in seinem
Leben begangen, weil er einen kleinen Plan, den er in einer Begebenheit
entdeckt, für den Plan Gottes gehalten und ihn darum ohne Klugheit zu fördern
gesucht hätte, wo es dann oft ganz anders ergangen, was er auch für recht und
besser und würdiger dem Plane Gottes erkannt hätte; so sei ihm auch damals das
Zusammentreffen des Scheibenschiessens mit seiner Verzweifelung als ein Plan
Gottes erschienen, da doch Gott alles nachher viel gnädiger und ganz anders
gelenkt. Wohl mag er recht haben, wenn er sagt: »Nur in der Vergangenheit
erkennt der Verstand den Weltplan, was aber die Gegenwart fordert, was zur
Zukunft emporstrebt, das entbehrt noch des Sonnenlichts oder es ist davon
geblendet; jeder aber mag recht und klug handeln nach allen seinen Kräften und
Gott wird ihm gewiss seine Gedanken leihen.«
    Den 2ten Januar. Ich bin sehr traurig; unser alter Bedienter, unser zweiter
Vater ist gestorben, ohne Schmerz, wie er eben mit den Kindern spielte, die ihn
anstiessen und meinten, er stelle sich tot, wie er oft mit ihnen gespielt. Gewiss
wird er selig, denn wer verdiente es mehr; doch das ist Menschenweisheit, ich
will für ihn beten.
    Den 2ten Februar. Heute vertraute mir meine Schwester Dolores, die wieder,
Gott sei gelobt, in gesegneten Leibesumständen sich befindet, ihr lieber Mann,
der Graf Karl sei ihr Erlöser und Welteiland, denn er habe sie von schwerer
Schuld befreit, indem er sein Blut für sie vergossen. Gnädiger Gott, das ist
wohl noch eine Folge ihrer Sündenschuld, dass sie in solchen sträflichen Wahnsinn
verfallen, da sie sonst so vernünftig und gut in allem ist. Ich habe ihr alles
vorgestellt, wie kein einzelner Mensch seinen Erlöser besonders habe, sondern
dass einer für alle gestorben, der in jedem Frommen seine Gnadenwirkung übt. Sie
schien sich zu bekehren und weinte zuletzt, dass sie nicht ganz lassen könne von
ihrem Glauben; heiliger Gott, nimm ihr doch noch diesen Irrwahn, ehe sie zu dem
gefährlichen Werke der Geburt gezeitiget, an welchem schon manche Frau
hingestorben; oder denke, dass sie nichts dafür kann aus Schwäche ihrer Gedanken,
vielleicht ist sie von dem langen Wachen bei dem kranken kleinen Karl etwas
tiefsinnig geworden.
    Den 3ten Juni. Ich war krank und habe grosse Schmerzen erlitten und keiner
hat es erfahren. Gottlob, nun bin ich hergestellt und tue wieder meine Geschäfte
ohne Zwang mit Freuden, und schnellem Erfolg.
Diese Bruchstücke, indem sie uns das schöne innere Bild Kleliens in Umrissen
geben, entüllen uns auch in beiläufiger Übersicht die ruhigen dauernden
Verhältnisse der drei Menschen, die wir mit Zuneigung durch manche
Lebensverwandlung begleitet haben. Ereignisse, bei denen wir den Untergang aller
voraussahn, haben sich zu aller Frommen und Besserung geschlossen; dies ist
aber ein wahrer christlicher Sinn, der den Menschen um einer Schuld willen noch
nicht aufgibt, der den Menschen nicht sterben lässt in der Sünde. Wir sehen
Dolores, deren Frevel alle zu vernichten drohete, mit dem Grafen und Klelien
ausgesöhnt, alle dreie in einem angemessenen tätigen Leben; Klelien in
vielfacher Anwendung ihres frommen Verstandes, den Grafen in der Ausführung
seiner wohltätigen Absichten, und Dolores durch ihre mütterliche Liebe aller
Welteitelkeit entzogen, durch der Kinder schuldlose Liebe aller schuldigen Lust
entsühnt, und liebevoller selbst gebildet in der mütterlichen Pflege ihrer
schönen Kinder, deren reicher Segen sich bis zu der Ankunft der Fürstin bis zu
der heiligen Zahl Zwölfe, ohne ein bedeutendes Missgeschick vermehrte. Doch
preise sich keiner glücklich vor dem Ende seiner Tage; - eingedenk dieser Regel
wollen wir uns nach denen umschauen, die in der Berührung mit dem gräflichen
Hause uns merkwürdig waren, von denen dem Grafen durch seine Verbindungen mit
Deutschland allmählich mancherlei Berichte kamen.
    Seiner frommen Arnika Montana schrieb er oft; ihre Antworten lauteten immer
gleich: der wunderliche Doktor, Florio und sie selbst lebten wie Maschinen
unabänderlich in demselben Gange, Takte und Wirksamkeit. - Der hässliche Baron
hatte sich im Kriege ausgezeichnet; das Erheben zu einer bedeutenden Stelle
hatte seinen Stolz erweckt, und dieser seinen bösen Willen unterdrückt; seine
beiden komischen Begleiter waren in angemessenen Stellen untergebracht. - Waller
hatte sich schon wieder ein paarmal verlobt und einmal verheiratet; sein Talent
erlosch fast ganz in literarischen Streitigkeiten; da er lange Zeit nur sich
gekannt, nur seine Arbeiten gelesen hatte, so konnte er es nicht ertragen, als
er bei andern auch andre Gedichte fand; alle diese Gedichte, meinte er, wären
gegen ihn gerichtet, er schimpfte dagegen, aber leider blieben seine
Streitschriften ungelesen und so versank er in eine lächerliche literarische
Melancholie, drückte seinen Bekannten die Hände, und seufzte: »Was soll aus
unsrer Literatur noch werden?« Wollte sich einer einen Spass machen, so trug er
ihm einen literarischen Zwist vor, der entweder gar nicht vorhanden war oder aus
Gottscheds Zeit; gleich verfasste Waller eine plumpe schmutzige Schrift dagegen,
liess sie drucken und dann war er in grosser Verlegenheit, den Leuten zu erklären,
was er eigentlich damit gewollt habe.
    Mannigfaltig entwickelte sich das Schicksal des Prediger Frank; wir wollen
es teils nach seinen eignen Briefen, die er aus alter Anhänglichkeit dem Grafen
geschrieben, teils aus eigner Bekanntschaft mit ihm und mit den Seinen
wiedererzählen. Wir erinnern uns, dass er über viele Glaubensmeinungen und
Auslegungen von dem Hergebrachten in seiner Kirche abwich; lange Zeit machte er
daraus ein Geheimnis, endlich aber war er durch das Studium der Kantischen
Moralphilosophie zu einem Abscheu gegen jede Art der Lüge gebracht worden. Aus
dieser Wahrheitsliebe suchte er seine Meinung von Jesus, den er bloss als
Menschen ausgezeichnet wissen wollte, eben so auffallend durchzusetzen, als
seine Meinung von der Predigerkleidung, die ganz zufällig und sogar gegen den
Willen Luters sich von einem gewöhnlichen bescheidnen Bürgerkleide auszeichne;
weswegen er seine nächste Predigt über Jesus als Menschen in einem blauen
Bauerrocke, wie ihn die Reicheren tragen, und mit abgeschnittenen Haaren hielt.
Diese Geschichte machte Aufsehen, aber die Milde der Regierung und der langsame
Gang aller ihrer Verhandlungen zögerten mit der Untersuchung. Unterdessen trat
seine kleine geliebte Amalie in die Jahre, wo das Heiraten erlaubt ist; ihre
Erzieherin schrieb ihm, er möchte jetzt kommen, um dies Mädchen näher zu kennen
und zu prüfen, die ganz nach seinen Grundsätzen gebildet worden. Er blieb einen
Monat in der Stadt; Amalie hatte viel kindliche Anhänglichkeit für ihren
Wohltäter; sie hatte ihm so oft dankbar die Hand geküsst, sie war noch immer in
dem schönen Traume, der noch keinen Unterschied zwischen Neigungen zu machen
weiss, keinen eignen Willen zulässt, und schlug mit Freuden ein, als er ihr seine
Hand antrug. Nachdem er diese Zusage empfangen, eilte er aufs Land, seine Zimmer
selbst recht angenehm zu malen, und die nötigen Einrichtungen, wie sie seinem
künftigen Haushalte angemessen, zu treffen, in drei Monaten sollte die Hochzeit
gefeiert werden. In dieser Zeit traf der Gutsherr seines Dorfs, ein alter
General, der seinen Abschied genommen, mit seiner Tochter Leona dort ein, um in
Ruhe die letzten Tage seines Lebens durch Landluft zu erfrischen: ein herrlicher
Mann, dessen ganzes Leben fast Entsagen und Selbstüberwinden bezeichnete; in
gleichem Sinne hatte er die Tochter erzogen; was ihr lieb, das entriss er ihr,
und so war sie nur in allem dem, was sie mit Überlegung wollte, entschieden,
aber unwandelbar in solchem Entschlusse. Frank musste ihr einigen
Sprachunterricht geben, sie und ihr Vater fassten eine unbegrenzte Achtung gegen
ihn; sie wünschten ihm von ganzem Herzen Glück, als er zum Brautolen in die
Stadt abreiste. Er kam spät Abends unerwartet zu Amalien, sie trat mit einem
Lichte herein, in dem Vierteljahre sehr verschönert, gewandter durch den
geselligen Umgang, zu dem er sie aufgemuntert hatte. Sie erschrak, als sie ihn
erblickte; es erkältete sie der Gedanke, dass sie diesem Manne in wenig Tagen
sich ganz aufopfern sollte, der ihr immer als Vater erschienen; sie konnte sich
kaum den nötigsten Ausdruck von Anhänglichkeit geben; dankbar vor ihm zu knieen,
war ihr einziger Wunsch, und das litt er nicht. Frank nahm dieses Erschrecken
erst für Freude, bald aber musste er sich gestehen, es habe etwas Fremdartiges,
fast wie ein Zurückschaudern, das er als ein Liebling aller Weiber, sich lange
nicht eingestehen wollte. Er bat sich darüber schriftlich eine Erklärung von ihr
aus, wenn eine andre Zuneigung sie gefesselt, sie möchte es nicht verhehlen, er
bliebe ihr stets ein treuer Vater. Die Antwort, halb mit Tränen vermischt,
erklärte ihm mit Umschweifen, wie sie ihm tausendfache kindliche Verehrung
weihe, aber vor dem Heiraten erschrecke sie, doch ohne eine andre Liebe zu
hegen. - Frank war zu fest, um zu verzweifeln, er versicherte ihr noch einmal
schriftlich seine dauernde väterliche Liebe, und setzte sich auf den ersten
Postwagen, der eben angespannt war, und in der Nähe seines Dorfs vorbei fuhr;
dort stieg er aus und ging dahin zu Fuss. Als sein Dorf vor ihm lag, setzte er
sich hinter einen Steinhaufen und schämte sich seines Unglücks; er hätte ewige
Zeiten da sitzen können, wäre nicht Leona, die mit ihrer Flinte über das Feld
kam, zu ihm getreten. Ihr Blick erkannte, dass ihm ein Unglück geschehen; er
berichtete ihr alles so kalt, als beträfe es einen andern; zuletzt sagte er, wie
er sich krank fühle. Gesundheit ist wie das Geld, wir fühlen erst ihren Wert,
wann wir sie missen, und das Geld ist wie die Gesundheit, die im ruhigen Verkehr
der ganzen Organisation, in dem beschwerdelosen Empfangen und Zurückgeben sich
zeigt. Aber beides sollte ihm fehlen, denn Leona wusste, was er erst erfahren
sollte, dass er wegen seiner abirrenden Meinungen und Tracht seines Amtes
entsetzt, und zu einer ansehnlichen Geldstrafe verdammt worden. Leona fühlte
tief das schwere Unrecht, das ihm von so verschiedenen Seiten geschehen, sie
wusste, dass er einer der nützlichsten moralischen Lehrer, einer der besten
Ökonomen der ganzen Gegend war, ob er gleich wie so wenige mehr Prediger zu
nennen sei; sein Fehler war die Offenherzigkeit, mit der er bekannt hatte, was
die andern vorsichtig stolz für sich bewahrten; sie wünschte, ihn entschädigen
zu können, sie glaubte sich dazu bestimmt. Sie sagte ihm jene Nachricht seiner
Absetzung, ihren Entschluss, ihm alles zu vergüten, verschwieg sie ihm. Es
erschütterte ihn gewaltsam; sie geleitete ihn nach dem Pfarrhause. Mit tiefer
Trauer hörte er ein Paar kleine Goldgänschen pfeifen, als einzigen lebenden
Rückstand von der Fülle des Sommers in den lombardischen Pappeln vor seinem
Hause, die jetzt eher für Besen anzusehen, welche die Flur abgefegt hatten, so
glatt lag der Schnee und blinkte. Vielleicht pfeifen nur die Vögel, um sich den
Todesschlaf abzuwehren, dachte Frank, und richtete sein Haupt zum Himmel; da
erinnerten ihn die rosichten Wolkenberge an seine fröhlichen Reisen in der
Schweiz, er glaubte springende Gemsen auf den Spitzen zu sehen und weidende
Herden im Tale und den glücklichen Hirten, der seiner alten Freiheit ein Lied
sang. »Freiheit«, sagte er der stützenden Leona, »Freiheit will ich suchen und
Recht und Wahrheit, das alles finde ich in Paris und auch meinen Lebensunterhalt
durch Sprachunterricht; dort werden wir bald keine Prediger mehr brauchen, die
Religion der Vernunft findet ihre Priester in jedem Hausvater, aber bei uns in
Deutschland wird der Streit zwischen Licht und Finsternis am langwierigsten
sein; ich gehe hin, wo er geendet. Die Revolution wird wie die Pocken Europa
durchlaufen, wer keine Impfung leiden will, geht drauf.« - Leona war ergriffen
von diesen Aussichten der Zukunft; ihr Verstand verlangte nach dem Mittelpunkte
der Politik Europens, ihr fester Wille, dem edlen Freunde alles zu vergüten, was
er ungerecht verloren, sprach sich laut aus. Frank hatte schon früher eine
unbegrenzte Achtung gegen das Fräulein, aber er sah auch alle Hindernisse, die
ihrem Plane, ihn zu begleiten, sich entgegenstellten, und er zeigte sie ihr
ausführlich. Der Gedanke an den Widerspruch der Ihren befestigte sie noch mehr
in ihrem Entschlusse; sie schwor, wenn er es auch nicht erlaube, sie würde ihn
doch begleiten. - Leona eilte zu ihrem Vater, ihm alles zu erklären; bei dem
hatte es keine Schwierigkeit, er hatte sich lange geärgert, dass in keinem seiner
Kinder ein ausserordentliches Unternehmen stecke. Frank hatte unterdessen mit
tiefem Gram alle Fackeln und Doppelflöten beschaut, mit denen er mühsam sein
Hochzeitzimmer bemalt hatte; sein Gram ging in der fernen Aussicht auf. Bald
hatte er abgeschlossen mit allen seinen Verhältnissen, sich einen Reisewagen und
ein paar Pferde angeschafft. Leona setzte sich fröhlich auf; der alte General
und die ganze Gemeine begleiteten ihn mit vieler Herzlichkeit an die Grenze, und
versicherten, ob er es ihnen gleich auszureden suchte, sie wollten seinem
Nachfolger das Leben schon sauer genug machen. Frank erwartete, wie er mit Leona
in Frankreich angekommen, dass sie ihn veranlassen werde, ihre eheliche
Verbindung bei den Gerichten nach dortiger Sitte zu stiften, aber sie schien
nichts zu verlangen, als seine Magd zu sein. Sie waren schon einige Zeit mit
einander in Paris und die Schrecknisse der Revolution wüteten um sie her, als er
ihr den Vorschlag machte, was ihre Liebe zu ihm so lange gewünscht, doch endlich
zu erfüllen. Sie versicherte ihn ihrer völligen Ergebenheit, sein Wille sei der
ihre, und er beschloss die Heirat. Die gewaltsamen Begebenheiten, die rings
stürmten, nahmen ihnen die Aufmerksamkeit auf das Nahe, was sie selbst betraf;
alle ihre Leidenschaften strebten nach aussen und sie vermissten nichts in sich.
Frank stand unerschütterlich da, wie ein Denkstein, auf dem alles notiert wurde;
viele sammelten sich um ihn her, alle die reisenden guten Seelen, die an
Frankreich ganz und gar nicht, aber unablässig an die Menschheit und die Welt
dachten; auch er gehörte zu dieser Zahl, die sich Europa in ihrem Kopfe zu einem
schönen humanen Ganzen zusammengefabelt hatten, wie die Geographen sonst eine
spinnende Jungfrau darin erblickten, die kein anderer unbefangener Mensch
wahrnehmen kann. Sein Lieblingsgedanke war die allgemeine Aufhebung aller
öffentlichen Anstalten für den Gottesdienst, der künftig ganz und gar dem
Gewissen des einzelnen Bürgers überlassen bleiben sollte, und nichts kränkte ihn
so tief, als da das Entgegengesetzte, die feierliche Wiedereinsetzung aller
Religionsparteien und ihrer öffentlichen Gebräuche der kurzen Aufhebung folgte.
Leona war indessen ihren eignen Weg gegangen; zwei Kinder, die sie ihm geboren,
hatten das Gefühl, den Sinn für jedes Grosse und Tiefe in der Welt geweckt; ihr
Ernst milderte sich im Kinderspiele, und sie sah mit tiefer Rührung die
Feierlichkeiten des erneuten Gottesdienstes. Sie war wie eine Neubekehrte, so
eifrig, so strenge; sie glaubte es ihre Pflicht, ihren Mann zu bekehren, als sie
die entgegengesetzte Wirkung auf ihn bemerkte. Frank ergrimmte; was erst nur
ruhiger Widerspruch gewesen, war allmählich zur Leidenschaft geworden, er konnte
ohne Zorn von diesen Einrichtungen nicht reden hören; er beschwor sie bei ihrer
Liebe zu ihm, alle dem Zeuge zu entsagen, bei dieser Liebe, der sie so viel
geopfert, denn bei dieser Gesinnung könne er nicht mit ihr leben, und seine
Kinder wären in Gefahr von ihr verderbt zu werden. Sie schwor ihm, dass sie ihm
alles aufzuopfern bereit sei, nur nicht die Seligkeit; sie schwor ihm zu, dass
sie nie aus Liebe zu ihm alle Opfer gebracht, sondern aus Eifer für das Rechte,
für die Wahrheit; verleugnete er aber die Wahrheit, das Recht, indem er die
Religion lästre, so fühle sie sich frei von jedem Opfer. - Frank war dabei
zumute, als ginge er zwischen Himmel und Tod, zwischen ihrer Kälte und ihrer
edlen Geistigkeit; sein Entschluss war gefasst, er hatte sich so viele Jahre in
ihr getäuscht, eine grenzenlose Liebe zu ihm in ihr geliebt; er wollte keinen
Augenblick länger mit ihr zusammenleben. Er liess ihr alles, nur die Kinder nahm
er ihr fort; er kränkte sie tief, denn an den beiden Söhnen hing ihr Herz; aber
um so eifriger wandte sie ihren ganzen Eifer hin zu dem Glauben, der den Lohn
aller Schmerzen dieses Lebens in einem zukünftigen verspricht. Sie glich sich
allmählich mit Bekannten aus, die sie in Franks Gesellschaft vermieden hatte;
sie suchte sich in alles Neue zu fügen, aber man merkte sehr bald die früher
gewöhnte Form; sie erschien dann wie eine Gartenhecke, der eine veränderte
Gartenkunst die Freiheit gegeben hat, nach allen Seiten zu wachsen, die aber
leicht an der Dichtigkeit des Gezweiges unterscheiden lässt, wo der Gärtner sie
viele Jahre beschnitten: eine frei erwachsene Baumreihe wird es nie. Frank,
ungeachtet er ärmlich von Sprachstunden lebte, verschmähte doch strenge jede
ihrer Unterstützungen; sahen ihn die Leute auf den Strassen, so flüsterten sie
einander zu, »das ist auch noch einer von den Jakobinern«, so struppig erschien
sein Haar, sein Rock schmutzig und zerstossen. Machten ihm Bekannte darüber
Vorwürfe, so lachte er gleichgültig, und antwortete: »Wer so etwas erlebt hat,
der sollte es nie aus seinem Gedächtnisse verwischen lassen, sonst wäre er ein
Spiel jeder fremden Laune. Die Menschheit wird immer neu in ihren Bestrebungen,
wer aber nach etwas gestrebt, der soll sich der Zeichen seiner Mühe, der
Schwielen und Narben nicht schämen; der Mensch kann nichts Besseres tun, als alt
werden, und der Jugend seine Bekenntnisse auf den Weg geben.« - Fragte man ihn
nach seiner Frau, so fuhr er fort: »Nur eins lässt sich nicht lehren und nicht
lernen: die Liebe; wer um das Glück ihrer ersten reinen unschuldigen Wahrheit
betrogen, der sucht überall vergebens; sein Geschmack ist nicht rein, seine
Galle mischt Bitterkeit in das Süsseste. In der Liebe ist jeder Anfänger Meister;
sie hört auf wie die Kunst mit der Schule. Die Natur will viel mit dem Menschen,
der Mensch, auch der umfassendste, will wenig mit sich, und was er will, kann er
selten.« - Fragten sie ihn, womit er sich innerlich beschäftige, so antwortete
er: »Mit der Philosophie, ich habe sie völlig ausgedacht, ich kann es mit meinen
Papieren beweisen, dass alles, was darüber erscheint, nur ein Glied meines
Systems ist.« - Baten sie ihn um sein System, so klopfte er den Leuten auf die
Schulter und sprach: »Versucht's einmal, eure Freude, eure Schmerzen, alles euch
so zu durchdenken, dass euch nichts mehr störe, dann will ich euch in die Lehre
nehmen.« - Manche Deutsche besuchten ihn, erzählten von grossen politischen
Unternehmungen; da rief er einmal: »Ihr seid mir ein wunderliches kleines
Geschlecht, ihr möchtet gern etwas Gutes getan haben, aber nichts tun; wahrlich,
wenn es so leicht wäre, etwas Grosses zu vollbringen, ich wäre auch ein grosser
Mann geworden, und könnte es noch jetzt sein.« - Seine Leona betete oft mit
Inbrunst, wenn sie ihn wiedergesehen: »Herr Gott nimm ihn zu dir, denn er lebt
ja nicht mehr!« Sie konnte endlich den Gedanken nicht ertragen, ihre beiden
Söhne im Unglauben bei ihm aufwachsen zu sehen; sie raubte sie ihm heimlich, und
brachte sie in einer entfernten Schule unter. Gleich erriet er, wer ihm dies
getan, bezeigete aber keinen Unwillen, da sie nicht bei ihr geblieben; »bleiben
sie nur mit vielen zusammen«, meinte er, »so ist es ihre Schuld, wenn sie
verkehrt werden.« Bald nachher begegnete sie ihm Sonntags; seine Stirne war
gerunzelt, er schien seit langer Zeit zum erstenmal etwas empfunden zu haben.
Sie glaubte, er käme aus der in der Nähe liegenden Kirche. - Er bekräftigte ihr
das. - LEONA: »Haben Sie sich endlich dem Glauben ergeben?« - FRANK: »Der
Glauben hat mir meine halbe Vernunft genommen, indem er mir meine Uhr
ausgezogen; sie war meine halbe Vernunft, mein Prediger, sie hielt mich in
Ordnung.« - LEONA: »Aber was machten Sie in der Kirche, wenn die Uhr Sie
beherrscht?« - FRANK: »Ich sah mir die lächerlichen Gesichter der Leute an,
deren ich mich noch aus den Vernunfttempeln erinnerte, sie haben aber seitdem
das Stehlen gelernt; als sich alle niederwarfen, um das Allerheiligste zu
schauen, hatte einer der Gläubigen meine unheilige Uhr zum Glauben gezogen. Ich
rief, es ist gestohlen! und wäre dafür von meinen Dieben beinahe noch arretiert
worden.« - LEONA: »Beten Sie künftig, statt sich umzusehen nach schlechten
Menschen, und niemand wird so frech sein Sie zu bestehlen.« - FRANK: »Ich will
beten, dass Sie nicht zu klug und ich nicht zu dumm werde.« - LEONA: »Kommen Sie
zurück in die Kirche, demütigen Sie sich vor dem Bilde des Gekreuzigten.« -
FRANK: »Kommen Sie ins Museum, erheben Sie sich vor Apollos Bilde, es haben
wahrlich schönere Hymnen davor geklungen, als Ihre Gemeine singt; sagen Sie den
Gläubigen, dass in der Oper viel besser gesungen wird.« - LEONA: »Sind Sie jetzt
ein Heide, das ist mir neu.« - FRANK: »Sie sind jetzt eine Katolikin, das hätte
Sie selbst sonst verwundert.« - LEONA: »Ich habe Gnade gefunden; suchen Sie
Gnade.« - FRANK: »Es kann kein Mensch aus seiner Haut heraus, meine Ungnädige,
und jeder ist der Schönste in seiner Haut; des Menschen Wille ist sein
Himmelreich, aber der ist unabhängig vom Zufalle. Mein Streben ein Loyola zu
werden, wenn ich mich auf Ihre Ermahnung dazu entschlösse, und wenn ich auch
zwanzig Nachtwachen vor dem Bilde der Maria aushielte, würde eben so leer sein
und zu nichts führen, als wenn ich witzig wie Voltaire eine neue Pucelle über
die Neureligiösen Frankreichs schreiben wollte, oder einen Tyrsus vor der
Statue des Bacchus schwänge.« - LEONA: »Es muss aber Ihre Schuld sein, wenn Sie
bei aller Wahrheitsliebe, die Sie mir immerdar zu einem ehrwürdigen Freunde
macht, von Gott so verlassen bleiben.« - FRANK: »Nein, es ist nicht meine
Schuld, es ist die Schuld meiner Mutter, wie mir noch gestern ein Schüler Galls
erklärt hat; sehn Sie, da hat sie mir mit einem segnenden Kusse eine Vertiefung
oben ins Haupt gedrückt, wo das teosophische Organ als ein Hügel sass; sehen Sie
wohl die Stelle, denn mein Scheitel ist kahl. Und noch eins wollte ich Ihnen
berichten: ich habe keine von allen in Kirchen, oder Tempeln verehrte Religion,
aber ich habe doch eine, und wir wollen einmal uns wieder fragen, ob es nicht
die allgemeine wird. Merken Sie wohl auf, ich habe politische Gesinnung,
Entusiasmus, Glauben: diese Religion zählt schon viele Märtyrer; Sie kennen
mich, ich lüge nie, auch ich werde als Republikaner fallen.« - LEONA: »Gott
bewahre Sie davor, was wollen Sie in der Welt wirken, der Sie nicht mehr zu der
Welt gehören, gehen Sie in eine Wüste, vielleicht wird Ihnen da die Gnade.« -
Frank und Leona blieben getrennt.
    So wunderbaren Missverständnissen sind oft die besonnensten, verständigsten
Menschen unterworfen. Wir dürfen sie nicht immer den mannigfaltigen
Lebensverhältnissen der gebildeten Klassen zuschreiben; gleich werden wir ein
Beispiel in der unteren Klasse finden, das uns schon aus der gewohnten
Neugierde, gern von einem Menschen zu hören, den wir in einer Glückszeit gesehen
haben, willkommen ist. Lorenz und Rosalie, deren Hochzeit wir beiwohnten, die
wir nachher in einigem Missvergnügen mit einander verliessen, hatten sich wieder
ganz ausgesöhnt, nachdem Rosalie, dem Rate des Grafen folgsam, ihrem Hauswesen
ordentlich vorstand; was aber beiden sehr leid tat, sie hatten nach mehreren
Jahren ihrer Ehe keine Kinder. Rosalie betete zu allen Heiligen, machte Gelübde
und brauchte alterkömmliche Mittel des Wolff; endlich ward sie von einem Kinde
entbunden. Lorenz jubelte, aber nach wenigen Tagen wurde er finster; die Leute
sagten: er hätte allerlei Zauberwesen in dem Kasten seiner Frau gefunden; genug,
er behandelte sie seit der Zeit grausam und hart, er schimpfte und schlug sie
öffentlich, und sie litt das ohne darauf zu antworten. Ein Kantor der Gegend,
der die Geschichte zu wissen behauptete, verfasste ein Lied, worin die beiden
Zwillingsbrüder Otto und Lorenz als Ost und West bezeichnet sind; wir überlassen
es dem guten Glauben die Wahrheit davon durch Feuerprobe zu beweisen.
                       Die Hexe Luft und die beiden Jäger
Ost und West, die Zwillingssöhne
Buhlten um ein Jungfräulein,
Ähnlich klangen ihre Töne
Vor der Schönen Fensterlein.
Luft hiess ihre leichte Schöne,
Federn trug sie auf dem Haupt,
Dass sie ew'ge Myrte kröne,
Ist ihr Fenster myrtumlaubt.
Lange steht sie so im Glanze
Ihr sind beide einerlei,
Sie verwechselt beid im Tanze,
Also ähnlich sind die zwei.
Und so weit wird es noch kommen,
Dass sie stiftet Bruderzwist;
Ihren Zweifeln zu entkommen,
Denket sie auf eine List.
Einen Mann, den muss ich haben,
Denkt das arme Jungferlein,
Der mir kann das Herz erlaben,
Denn ich bin nicht gern allein.
Zweifelnd denkt sie an die Künste,
Die ihr Mutter Feuer lehrt,
Macht am Freitag Weihrauchdünste,
Kocht den Zaubertrank am Herd.
Deckt dann vor dem Bett ein Tischlein,
Setzt zwei blanke Teller drauf,
Und zwei Gläser und zwei Fischlein,
Gleich als käm ein Gast ins Haus.
»Wer dann zu dir kömmt von allen«,
Hat die Mutter ihr gesagt,
»Ist der Stärkste im Gefallen,
Und der sei dir zugesagt.
Der sei deiner Liebe Meister,
Mächtig deiner Schönheit Kraft,
Denn es wollen stets die Geister,
Dass das Mächtigste sich schafft.«
Es ist Nacht, die beiden Lauten
Klingen vor dem Fensterlein,
Und dann schaut sie ihren Trauten;
Schweigend tritt er zu ihr ein.
Ob es Ost, ob's West gewesen,
Denket sie vergebens nun,
Gleicher waren nie zwei Wesen,
Dieser Zweifel will nicht ruhn!
Spricht er nicht, er kann doch sehen,
Wie sie ihn zum Tische winkt,
Und sie fühlt des Atems Wehen,
Wie er aus dem Becher trinkt.
Wie er's Tüchlein wohlgefalten
Nimmt vom blanken Teller ab,
Lässt die Speisen doch erkalten,
Und verschmähet ihre Gab.
Dennoch muss sie nun empfangen
Eh' er sie ins Bette führt,
Eine Gabe ohn Verlangen,
Die als Zeichen ihr gebührt.
Abgebrannt sind beide Lichter,
Und der Freund sitzt noch bei ihr,
Macht so drohende Gesichter,
Dass sie flieht zur Kammertür.
Er das Messer aus dem Gürtel
Ziehet, und ganz stille sitzt,
Und der Mond aus seinem Viertel
Schauet, wie es herrlich blitzt.
Nein, sie wagt es nicht zu nehmen,
Wie ihr vorgeschrieben ist,
Sei es Schrecken, sei es Schämen,
Sie verwünschet jetzt die List.
Sie entschlüpfet in die Kammer,
Er, das Messer wirft nach ihr;
Als er flieht mit schwerem Jammer,
Steckt das Messer in der Tür.
Morgens kommen beide Brüder,
Sie zu grüssen, doch dem West
Fehlt das Messer, seine Lieder
Klagen ein gestörtes Fest,
Das im Traume ihn gequälet
Und vergangen ist zu nichts,
Weil sich alles hat verfehlet
In dem Schrecken des Gesichts.
Tröstend gibt sie ihm die Hände,
Küsset ihm die müde Brust,
Und es drehen sich die Wände
Bald in hoher Hochzeitlust.
Doch kein Kind will ihn erfreuen
Und er wünschet es so sehr,
Bis sie sich mit Zaubereien
Setzt in schrecklichen Verkehr.
Könnte sie's voraus nur wissen,
Irrwisch, heisst des Zaubers Kind,
In dem Kindbett muss sie büssen
Ihres Zaubers schwere Sünd.
In ein Tuch das Kind zu schlagen,
Tritt der Mann zum Schrank der Frau,
Hat ihn eilig eingeschlagen,
Und es liegt da viel zur Schau.
Alles, was sie ihm verborgen,
Doch er schauet nicht danach,
Reisset nur in grossen Sorgen
Weiche Tücher aus dem Fach;
Sieht das Messer draus entfallen,
Das sie heimlich drin bewahrt,
Das in jener Nacht voll Qualen
Er verlor durch Zaubers Art.
Jener Traum, der ihm vergessen,
Denn der Zauber ist vorbei,
Tritt ins Leben; wie besessen
Fühlt er sich durch Zauberei;
Alles glaubt er schon erlebet,
Was ihm jetzo erst geschieht,
Und die Qual ihn neu umschwebet,
Die ihn jene Nacht durchglüht.
»Also du bist es gewesen,
Die mich jene Nacht geplagt,
Dass ich nie vom Schreck genesen,
O, das sei hier Gott geklagt.
Hast du mich voraus gequälet,
Lang im schweren Liebesdienst,
Straf ich dich, nun wir vermählet,
Und ich zahl, wie du's verdienst;
Hab ich auch nicht wollen speisen
Von der Fische Zauberei,
Ist gehärtet doch dies Eisen
In dem Trank und macht mich frei.«
Ihre Brust will er durchstechen,
Doch das Kindlein schreit hellaut,
Und die kleinen Augen sprechen,
Haben sich rings umgeschaut.
Blinde Wut ist ihm verschwunden,
Aber nicht der harte Zorn,
Als des Herzens Riss verwunden,
Schmerzt im Fleische ihm der Dorn.
Wenn sie weint bei seinen Schlägen,
Zeigt er ihr das Messer nur,
Spricht dann: »Ohne Lieb kein Segen,
Und du bist die ärgste ...«
Kamen so fremdartige Erzählungen in das ruhige Schloss und die älteren Kinder des
Grafen verwunderten sich darüber und fragten den alten Bedienten, als er noch
lebte: da pflegte er ihnen eine schöne alte Fabel zu erzählen, die wir hier, wo
wir mit allen früheren Verhältnissen abschliessen, als den Sinn unseres Buches
nacherzählen.
                            Die Schule der Erfahrung
Ein Sperling hatte vier Jungen in einem Schwalbenneste. Wie sie nun flügge
waren, stiessen böse Buben das Nest ein, sie kamen aber alle im Windsbraus davon.
Nun war dem Alten leid, weil seine Söhne in die Welt kommen, dass er sie nicht
zuvor gegen allerlei Gefahr verwarnet, und ihnen gute Lehren dafür gesagt habe.
- Auf dem Herbste kamen in einem Weizenacker viel Sperlinge zusammen; allda traf
der Alte seine vier Jungen, die führet er mit Freuden zu sich heim und sprach:
»Ach, meine lieben Söhne, was habt ihr mir den Sommer über für Sorge gemacht,
dieweil ihr ohne meine Lehre von mir weg in den Wind gekommen; höret meine Worte
und folget eurem Vater, und sehet euch wohl vor; kleine Vögel haben grosse
Gefährlichkeiten auszustehen.« - Darauf fragte er den Ältesten, wo er sich den
Sommer über aufgehalten, und wie er sich ernährt habe.
    »Ich habe mich in den Gärten gehalten«, antwortete der Älteste, »Raupen und
Würmer gesucht, bis die Kirschen reif wurden.«
    »Ach, mein Sohn«, sagte der Vater, »die Schnabelweide ist nicht bös, aber es
ist grosse Gefahr dabei; darum habe fortin deiner wohl acht, und sonderlich wenn
Leute in den Gärten umhergehen, die lange grüne Stangen tragen, so inwendig hohl
sind und oben ein Löchlein haben.« - »Ja, mein Vater, besonders wenn dann ein
grünes Blatt vors Löchlein mit Wachs geklebt wäre, da sieht man es kaum, und es
trifft doch.« - »Wo hast du das gesehen?« - »In eines Kaufmanns Garten«, sagte
der Junge.
    »O, mein Sohn«, sprach der Vater, »Kaufleute, geschwinde Leute; bist du bei
diesen Weltkindern gewesen, so hast du Weltgescheitigkeit genug gelernet; siehe
und brauch's nur recht und wohl, und traue dir nicht zu viel.«
    Darauf befragte er den andern: »Wo hast du dein Wesen gehabt?«
    »Zu Hofe«, sprach der Sohn.
    »Sperlinge dienen nicht an Höfen«, sprach der Vater, »wo viel Geld, Sammet,
Seiden, Wehr und Harnisch, aber wenig zu essen, viel Sperber, Kauzen und Falken
sind, die dich fressen; halt du dich zum Rossstall, da man den Hafer schwingt,
oder da man drischet, da kann dir's Glück mit gutem Frieden auch dein täglich
Körnlein bescheren.«
    »Ja, Vater«, sprach der Sohn, »wenn aber die Stallbuben ihre Schlingen und
Sprengsel im Stroh aufstellen, da bleibt auch mancher hängen.«
    »Wo hast du das gesehen?« fragte der Alte.
    »Zu Hof bei den Rossbuben.«
    »O, mein Sohn, Hofbuben, böse Buben; bist du zu Hof bei den Dienern gewesen
und hast da keine Federn gelassen, so hast du ziemlich gelernet; du wirst dich
in der Welt wohl wissen durchzufressen; doch siehe dich um, die Wölfe fressen
auch oft die gescheiten Hunde.«
    Der Vater nahm den dritten auch vor sich: »Wo hast du dein Heil versucht?«
    »Auf den Fahrwegen und Landstrassen hab ich bisweilen ein Körnlein oder
Brotkrümlein angetroffen.«
    »Dies ist ja«, sagte der Vater, »eine feine Nahrung; aber merk gleichwohl
auf, sonderlich wenn sich einer bücket und einen Stein aufheben will, da ist dir
nicht lange zu bleiben.« - »Wahr ist's«, sagte der Sohn, »wenn aber einer zuvor
einen Handstein im Busen oder Tasche trägt?«
    »Wo hast du dies gesehen?«
    »Bei den Bergleuten, lieber Vater; wenn sie ausfahren, dann führen sie
gemeiniglich Handsteine bei sich.«
    »Bergleute, Werkleute«, rief der Vater, »anschlägige Leute; bist du um
Bergburschen gewesen, so hast du was gesehen und erfahren, fahr hin und nimm
deiner Sache gleichwohl gut acht; Bergbuben haben manchen Sperling mit Kobalt
niedergeschmissen.«
    Endlich kam der Vater an den jüngsten Sohn: »Du mein lieber Geckennestle, du
warst allzeit der albernste und schwächste, bleib du bei mir auf dem wüsten
Bauerhofe, den die Feinde abgebrannt haben; die Welt hat viele grobe und böse
Vögel, die krumme Schnäbel und lange Krallen haben, und nur auf arme Vöglein
lauern, und sie verschlucken; halt dich zu mir und lies die Spinnen und Raupen
hier von Baum und Haus; hier ist kein Blaserohr, keine Schlinge, kein Steinwurf
und keine Fuhrmannspeitsche zu fürchten; hier haben wir beide so eben genug für
uns, und so bleibst du lange zufrieden.«
    »Du mein lieber Vater«, antwortete der jüngste Sohn, »wer sich nähret ohne
anderer Leute Schaden, der kommt lange hin, und kein Sperber, Habicht, Aar oder
Weihe wird ihm schaden, wenn er zumal sich und seinen ehrlichen Namen Gott alle
Abend und Morgen treulich befiehlt, welcher aller Wald- und Dorfvöglein Schöpfer
und Erhalter ist, der auch der jungen Raben Geschrei und Gebet hört; ohne seinen
Willen fällt auch kein Sperling auf die Erde.«
    »Wo hast du das gelernt?«
    Darauf antwortete der Sohn: »Als mich der grosse Windsbraus von dir weg riss,
kam ich in eine Kirche; da speist ich im Sommer die Fliegen und Mücken, die den
frommen Leuten um die Ohren summen, und las die Spinnen von den Fenstern, die
ihnen das Licht mit ihren staubigen Netzen verhalten, dann hörte ich diese
Sprüche predigen; da hat mich der Vater aller Wesen den Sommer über ernähret,
und vor allen grimmigen Vögeln behütet.«
    »Traun, mein lieber Sohn, fliegst du in die Kirchen und hilfst Spinnen und
Fliegen aufräumen, und singst in deiner Einsamkeit zu Gottes Ehre, so wirst du
wohl und unverletzt bleiben, und wenn die ganze Welt voll wilder und tückischer
Vögel wäre. Denn wer dem Herrn befiehlt seine Sache, schweigt, leidet, wartet,
braucht Glimpf und Klugheit, Mut und Ergebung, Ernst und Güte, bewahrt Glauben
und Gewissen rein, dem will Gott Schutz und Helfer sein.«
 
                                Sechstes Kapitel
           Ritter Brülar. Die Päpstin Johanna. Johannes. Deutschland
Der gute alte Bediente blieb, so lange er lebte, der Schutzgeist dieser Kinder,
die alle, wie es in kräftigen Familien gewöhnlich, in grosser Eigentümlichkeit,
in wechselnder Leidenschaft und Feindschaft zu einander, eine kleine Welt in
sich begründeten. Das fremdartigste Kind unter allen war der kleine Johannes,
der schon vor seiner Geburt so gewaltsame Verwirrung in seiner Welt gestiftet
hatte; er war durch jenes Ereignis beiden Eltern, was sie sich nicht eingestehen
wollten, eine unangenehme Erinnerung geworden; sie liessen es ihn nie fühlen,
aber Kinder fühlen die innere Gesinnung der Menschen gegen sie sehr leicht,
sobald sie nicht absichtlich hintergangen werden. Wenn die Gräfin von allen
andern Kindern sich umklettern liess, und ihnen die Freude machte zu sagen, jetzt
tue es ihr hier oder da weh, und die Kinder eifrig streichelten, gleich endete
sie das Spiel, wenn der kleine Johannes es den andern nachmachen wollte; ich
führe nur den einen Fall an, aber es gab unzählige dieser Art, während in allen
bedeutenderen ein völlig gerechtes, gleiches Verhältnis zwischen den Kindern
beobachtet wurde. Wir wissen, der alte Bediente starb; der Graf war nach allen
Seiten beschäftigt, und die älteren Kinder in einem Alter von acht und sieben
Jahren, bedurften nach dem Urteile Kleliens und des Grafen einer eignen
Aufsicht, eines männlichen ernsten Unterrichts. Der Krieg hatte die Wege nach
Deutschland gesperrt, es musste daher ein Fremder gewählt werden: man schwankte
zwischen verschiedenen Sizilianern; endlich machte auf dem Schloss ein
französischer Ausgewanderter, der Ritter Brülar, durch Empfehlung der Obristin
aus Palermo, seine Aufwartung, und erbot sich zum Hofmeister. Die Obristin wusste
nichts von den Leuten, als was sie ihr von sich erzählten, und wie sie sich ihr
gefällig zu machen wussten, durch Lustigkeit und gesellige Unterhaltung. Lustig
war der Ritter nur in seinem Äusseren, aber das unterschied sie nicht; sein
Inneres war von der Zeit fürchterlich zerrissen, die ihn mit Anlagen,
Kenntnissen und Geschicklichkeiten, welche zu den ersten Stellen führen konnten,
plötzlich arm gemacht und in Länder verbannt hatte, deren Sprache er nicht
einmal hören, vielweniger lernen mochte, von deren Treiben er gar keinen Begriff
hatte, und sie darum in sich verspottete, während er sich der Leute durch
Artigkeit zu bemächtigen wusste. Seiner politischen Meinung hing er mit ganzer
Seele an; man lobte sie, aber nirgend sah er sie mit Ernst durchgeführt,
obgleich manche den Schein davon annahmen; aus Überdruss und um davon zu leben,
überliess er sich der Bekanntschaft reicher Frauen, doch eben der Überdruss, und
endlich die Erschöpfung trieben ihn auch hievon zurück; er wollte ein Philosoph
sein und heissen, und dieses Spekulieren brachte ihn wieder ganz in die Gewalt
seines politischen Elements. Da er nirgend seine Gedanken in Ausübung bringen
konnte, was er den Fürsten und Regierungen sehr übel deutete, so machte er sich,
unabhängig von allen bestehenden Staaten, eine eigene politische Einwirkung und
Verbindung; Völker hatte er nie geachtet, nur Systeme und Grundsätze; er
vertraute sich so wenig wie möglich, er wollte die Menschen ohne ihr Mitwissen
zum Glücke hinbetrügen. Seine Pläne waren weit aussehend: zuerst musste er den
Menschen die Künste verleiden, damit sie sich der Verzweifelung ganz hingeben,
und dem blinden Wirken; zu diesem Zwecke stiftete er unter andern mit seinen
Gleichgesinnten kritische Blätter, die jedem aufstrebenden Talente dreist in die
Augen sagen mussten, es vermöge nichts; es sei überhaupt jetzt die Zeit nicht für
Kunst; insbesondere suchte er sich aber die Kinder anzueignen. Zu seinen
entscheidensten Unternehmungen suchte er die ausgezeichneten Kinder zu
entführen; auch war ihm das schon mit mehreren gelungen, die er in einem
sardinischen Kloster untergebracht hatte. Wir können nur aus Gerüchten über
diese seine Verhandlungen sprechen, seine Sache ist in der Untersuchung wegen
der vielen bedeutenden Menschen, die darin verwickelt waren, ganz unterdrückt
worden; wir wissen nur bestimmt von ihm seit seinem Eintritte in das befreundete
Haus des Grafen. Er wusste den Grafen durch seinen Ernst, durch seinen Anstand
und seine Geschicklichkeiten zu gewinnen; er focht herrlich, war der beste
Schwimmer, ritt wie ein Zentaur; durch seine Art des Absprechens, das meistens
aus tieferer Kenntnis zu kommen schien, imponierte er ihm sogar. Dem Grafen
waren die leeren Hülfsmittel des Streits ganz unbekannt; er konnte sich nicht
denken, dass ein Mensch über etwas reden könne, ohne das Streben zu haben es
recht eigentlich zu erfassen oder um darüber aus innerer Lustigkeit zu scherzen;
wo er daher den Brülar nicht begriff, da dachte er sich eine höhere Verbindung
in ihn hinein. Brülar wurde als Hofmeister der älteren Kinder angenommen; Vater
und Mutter geboten den beiden Knaben unbeschränkte Folgsamkeit gegen ihren
Führer. Diese Ermahnung war überflüssig; in jedem edlen Gemüte ist eine
Ergebenheit gegen ausgezeichnete Menschen, die leicht gefährlich werden kann;
wirklich war der Ritter in allem, was sie verstanden, ausgezeichnet: beide
überliessen sich ihm ganz; insbesondere schwebte aber Johannes an seinem Blicke,
auch er zeichnete den Kleinen durch Härte und Güte aus. Es wurde ihm zuweilen
ein leiser Vorwurf von den Eltern gemacht, dass sich dieses Kind gar nicht mehr
um sie bekümmere, aber eigentlich war es beiden lieb, denn sie waren durch diese
von ihm ausgehende Entfremdung des Scheins überhoben, als liebten sie ihn den
andern Kindern gleich. Klelia hatte ihr Bedenken dagegen; aber sie sah die
ausgezeichneten Fortschritte des Kindes, das mit liebevoller Anstrengung aller
Kräfte beinahe allen Kindern seines Alters und manchen ältern, auch seinem
Bruder überlegen war, und sie teilte mit allen im Schloss die Achtung gegen den
Ritter, der mit seinem ganzen Leben in einer fast schlaflosen Tätigkeit den
Kindern anzugehören schien. Er war ungefähr ein Jahr im Schloss, als die
Herzogin mit den Ihren zu einer grossen Tragödie eingeladen wurde, die in der
Fastnacht in einem Kloster des heiligen Laurentius durch Veranstaltung der
Mönche aufgeführt werden sollte. Brülar machte erst einige Einwendungen, ob man
Kinder in solche törichte ungeregelte Possen bringen könne; aber die Gräfin
verlangte es und er gab nach, wollte aber selbst wegen eines heftigen
Kopfschmerzes nicht mitgehen. Die Fahrt war fröhlich; die vornehmen Gäste wurden
von dem Prior und den ältesten Mönchen des Klosters mit grosser Behaglichkeit
empfangen; eine nahrhafte Bewirtung, ein reichliches Trinken war ihnen bereitet.
Niemand weiss so zu geniessen wie die Mönche, das Essen und Trinken treiben sie
wie eine heilige Pflicht. Bald nachher wurden sie in einen grossen Esssaal
gebracht, wo das Teater aufgeschlagen war: sie erhielten eigene abgesonderte
Sitze; die Volksmenge lärmte unter ihnen; die Kinder hatten noch nie etwas der
Art gesehen, und meinten, das sei schon die Komödie. Der Prior entschuldigte
sich, dass sein Vorschlag ein neueres gutes italienisches Stück des Metastasio zu
spielen nicht hätte durchgesetzt werden können, weil das Volk nach alter
Gewohnheit durchaus die »Päpstin Johanna« verlangt habe; der Graf versicherte,
das sei ihm auch viel lieber. Unterdessen begann die schlecht zusammengespielte
musikalische Vorbelustigung, das Volk sang mit; endlich ging der Vorhang auf.
Der Teufel in grimmigster Gestalt, schwarz, mit rotem Mantel, mit dem
Pferdefusse, der Hahnenfeder, erscheint in einer wüsten Gegend und beklagt sich
schmerzlich, was ihm durch den Papst für Abbruch geschehe; er wird dabei von
Oferus unterbrochen, der ihm seine Dienste anbietet weil er dem Mächtigsten zu
dienen entschlossen sei, und der Heidenkönig, dem er bis dahin gedient, sich vor
dem Teufel gefürchtet habe. Der Teufel nimmt ihn mit Freuden an; er will ihn
gleich gegen Rom und gegen den Papst führen, da müssen sie aber bei einem Kreuze
vorbei; das will der Teufel umgehen; Oferus merkt's aber, und der Teufel gesteht
seine Furcht, gleich sagt ihm Oferus seine Dienste auf, und will diesem
Mächtigeren dienen. Vergebens ruft der Teufel: »Den du da siehst, der ist von
Stein; da ist nicht Geist, da ist nicht Bein, den hat ein Steinmetz
ausgemeisselt, mit roter Farbe ist er gegeisselt.« Oferus antwortete ihm: »Wie
mächtig ist der Herre mild, dass er im schlechtesten Abbild dich wilden Teufel
kann erschrecken; das muss den Glauben mir erwecken.« - Nach diesen Worten
verlässt er ihn, und der Teufel beschliesst seinen Plan gegen des Kindes Mutter
Maria und gegen das Papsttum auf andere Art durchzuführen; er spricht: »Durch
eine andere Jungfrau, die ganz mein, will ich verdunkeln jenes Trones Schein.
Ich zieh durch meinen Diener Spiegelglanz, (er kennt mich nicht, darum ist er
mir treu) ein Mädchen auf, als wär's ein Knabe ganz, dass sich's am Wissen leer
und eitel freu. Durch eitles Wissen steigt sie auf den Tron, auf dem einst
Petrus auch gesessen schon, und spricht dem alten Christen Hohn, und achtet
nicht auf Gottes Straf und Lehr, und jenes Papsttum, das in Schimpf vergangen,
wird dann nach meinem Geist ganz neu anfangen; dies Kind soll sein der
Antichrist, der alles zwingt mit seiner List, und die ihn hassen, selbst
verführt, nach seiner Pfeif die Welt regiert, dass sie vergehet im Verderben, so
will ich für die Hölle werben.« - Hierauf erzählt er, dass er in Mainz ein
Mädchen als einen Knaben aufziehen lasse durch den gelehrten Spiegelglanz; es
sei dieses das Kind eines Mönchs und einer Nonne, die mit einander gesündigt
hätten, um ungeheuer büssen zu dürfen; er gehe jetzt hin unter der Gestalt eines
grossen italienischen Philologen Chrysoloras, dem Unterrichte eine feste Richtung
zum Bösen zu geben. Das Teater verändert sich in einen Garten mit einem
Lustause; er tritt leise in den Garten, wo Johanna, so hiess das Mädchen, mit
einer sehr schweren Arbeit beschäftigt war, die biblische Schöpfungsgeschichte
in richtigen Alexandrinern zur Preisbewerbung auf der Klosterschule, deren
erster Lehrer Spiegelglanz ist, zu erzählen und aufzuschmücken. Nun hatte sie
den Tag über in der Bibel mit grosser Freude gelesen und nicht davon kommen
können; jede Stunde hatte sie sich der Arbeit erinnert, aber weder die Feder
noch die Zeitmessung der deutschen Sprache angerührt, die ihr Spiegelglanz als
sein Lieblingsbuch zur Seite hingelegt hatte; noch konnte sie sich entschliessen,
in dem Reimwörterbuche und in der Poetik zu lesen, die Spiegelglanz ihr
besonders empfohlen hatte. Das gefiel dem Teufel gar nicht; er beschloss, durch
die Stimmen aller in der Sommerluft schwärmenden, singenden, rauschenden Wesen,
die kleine Johanna von der Arbeit zu rufen, die eben wieder aus dem Psalter nach
der Schöpfungsgeschichte zurück geblättert hatte, ihre Arbeit endlich ganz
ernstlich zu beginnen. - Wir wollen hier ihr ganzes Selbstgespräch mitteilen.
                          Gartenhaus mit offenen Türen
      Johanna an einem Tische mit Büchern und Schriften liest und schreibt
                        abwechselnd, dann liest sie vor:
Und Gott sprach: »Es werde Licht«, und es ward Licht ...
                             Die Blumen im Fenster
Wir welken im Licht
Begiesst du uns nicht,
Wir schliessen uns bald,
Es dunkelt im Wald.
Johanna liest weiter: Und Gott sprach: »Es sammle sich das Wasser unter dem
Himmel an abgesondertem Orte, dass man das Trockne sehe.« Und Gott sehe, dass es
gut war.
                          Der Röhrbrunnen vor der Türe
Ich laufe über,
Komm her, du Lieber
Und schöpf mich aus,
Sonst lauf ich ins Haus.
Johanna liest weiter: Und Gott machet die Tier auf Erden, ein jeglichs nach
seiner Art, und das Vieh nach seiner Art, und allerlei Gewürm auf Erden nach
seiner Art. Und Gott sah, dass es gut war.
                       Der Vogel auf dem Baume am Fenster
Hör wie die Raupen
Fressen im Laub;
Musst's nicht erlauben,
Strafe den Raub,
Liebliches Kind,
Hilf mir geschwind.
Johanna liest weiter: Und Gott sprach: »Lasset uns Menschen machen, ein Bild,
das uns gleich sei; die da herrschen über die Fische im Meer und über die ganze
Erde und über alles Gewürm, das auf Erden kreucht.«
                           Die Fliege auf dem Tische
Hör ich deinen Kopf so brummen,
Oder muss ich selbst so summen?
Trank vom allerbesten Wein,
Schlief beim letzten Tropfen ein,
Setz mich nun auf deine Nase,
Dass ich höre, wie sie blase.
Johanna schlägt ungeduldig nach der Fliege und liest weiter: Und Gott der Herr
machet den Menschen aus dem Erdenkloss und er blies ihm ein den lebendigen Odem
in seine Nase. Und also ward der Mensch eine lebendige Seele.
                   Die Mücken, die zum Fenster hinausfliegen
Hab dich umflogen,
Blutiges Feuer
Glänzt mir im Leibe,
Das ich beim Schreiben
Dir ausgesogen;
Tieferes Feuer
Glänzet im Abend,
Tanz ich im Glanze,
Vergeht es so labend.
Johanna kratzt sich an Händen und Füssen, dann lieset sie weiter: Und Gott der
Herr pflanzet einen Garten in Eden und setzet den Menschen drein. Und Gott der
Herr liess aufwachsen aus der Erde allerlei Bäume, lustig anzusehen und gut zu
essen, und den Baum des Lebens mitten im Garten und den Baum des Erkenntnisses
vom Guten und Bösen.
                            Der Baum vor dem Fenster
Über deinem Haupte
Schweben die Sorgen,
Über meinem belaubten
Haupte wie Morgen
Glänzet der Abend;
Kühlend und labend,
Schwebet der Vogel,
Rauschet der Wind.
Liebliches Kind
Steige geschwind
Mir auf die Äste,
Die ich im Weste
Neige und zeige,
Zeig dir ein Nest,
Halte dich fest,
Steige hinein,
Alles ist dein;
Zeige dir Früchte,
Glühend im Lichte,
Kühlend im Mund
Saftig und rund.
Aller der Tage
Arbeit und Plage
Himmlischer Lohn,
Gibt dir mein Tron;
Herrlich ist wohnen
Hier in den Kronen.
Johanna sieht ihn lange an und liest weiter: Und Gott der Herr gebot dem
Menschen und sprach: »Du sollst essen von allerlei Bäumen im Garten; aber von
dem Baume der Erkenntnis des Guten und Bösen sollst du nicht essen, denn welches
Tages du davon issest, wirst du des Todes sterben.«
         Ein Schmetterling, der durch die Fensterscheiben fliegen will
Was gähnst du wieder
Und streckst die Glieder?
Springe mir nach
Heiter und wach;
Noch nimmermehr
Kam ich hieher,
Kann nicht heraus
Hier aus dem Haus,
Habe kein Bangen,
Lasse mich fangen,
Lass mich am Kranz
Spielen im Glanz.
                                    Johanna
Das ist ein Totenvogel gar,
Den such ich schon ein ganzes Jahr,
Er soll mich doch nicht stören,
Ich will ihn gar nicht hören,
Ich bin zwar von der Arbeit müd,
Doch stören soll mich noch kein Lied.
                                 Marienwürmchen
Sieben Punkte trag ich schwer,
Mach doch einen Punkt daher,
Dass die Arbeit schliesse;
Bring dir viele Grüsse
Von den Nachbarskindern,
Die sind viel geschwinder,
Die sind alle fertig,
Deiner schon gewärtig;
Hast du viel geschrieben?
Kann ja gar nichts finden,
Sag, wo ist's geblieben,
Kann das so verschwinden?
                                    Johanna
Hört mir nur einmal zu, ihr Tierlein, lasst das Singen,
Ich fühl's, die Arbeit wird mir endlich doch gelingen,
Ich war so ganz in Lust und Sonnenglanz versunken;
Vor meinem frohen Blick gestalteten sich Funken,
In wunderbar Gespräch hört ich die Lichtgestalten.
O könnt ich euch nur fest zu meiner Arbeit halten,
Ein schönes Bild so schnell im schönern untergeht,
Kaum weiss ich, wo ich bin, wo mir der Kopf jetzt steht;
Könnt ich bei einer Arbeit nur beständig bleiben,
Doch andres wird mir lieb und andres soll ich treiben.
Nun jetzt bleib ich dabei, bis ich zum Schluss gelange,
Dass ich ein Prämium aus Meisters Hand empfange.
Der Titel ist gemalt und das Papier gefalten,
Mag nun der liebe Gott mit meinem Geiste walten,
Dass all sein Schöpfungswerk, in sieben Tag verrichtet,
An diesem Abend noch in Worten sei berichtet,
Ein jedes Kraut genannt, die Vögel all beschrieben,
Der ganze Frühling zeigt, wo Lücken sind geblieben,
Im Alten Testament, das will ich alles fassen,
Und eh' nicht alles drein, nicht von der Arbeit lassen.
Wie dumm nun geht das Licht, da ich es eben brauche,
Ich las mich schon ganz trüb, als ob's im Zimmer rauche,
So spielt der letzte Strahl und strahlt im Sonnenstaube
Und draussen weht's so kühl in meiner Bohnenlaube;
Die Vögel betten sich lautrauschend in den Hecken,
Wo mag mein Eichhörnlein wohl jetzo wieder stecken.
Heida ihr Tauben bunt, kommt ihr vom Feld zurücke?
Ich öffne euer Haus - nun fliegt ihr fort aus Tücke;
Ins Freie will ich auch, zu fleissig tut kein gut,
Ein kluges Kind stirbt jung, ich kühle meinen Mut.
Der Wiesenplan steht voll von schöner gelber Blume,
Die hau ich all herab zu meinem ew'gen Ruhme,
Als wär's die Heidenbrut im Turban farbig schön,
Sie sollen sich gestreckt vor Christi Kreuze sehn;
Das sei zuerst geschmückt mit frischem Blumenkranz,
Gewisslich macht es Freud dem guten Spiegelglanz,
Im frischen Abendwind verspring ich dann die Füsse
Und dann der stillen Nacht zur Arbeit ganz geniesse.
Als sie nun gefunden, dass es ihr mit den Alexandrinern ziemlich leicht ginge,
sprang sie noch leichter zur Türe hinaus, pflückte aus allen Blumenbeeten, die
schön geordnet da standen, vorsichtig heraus, dass keines leerer schien, vielmehr
seine neuen Knospen freier und wechselnder zum Licht ausstreckte. Der Kranz war
schnell geflochten und das Christusbild bekränzt; sie wollte ein kindisches Lied
auf ihn anfangen: »Christus meine Puppe, segne heut die Suppe«; als sie über
sich selbst lustig auf einen Baum kletterte und lachte und die Äste küsste, die
voll Kirschen hingen, und die ass sie langsam und knipste die Kerne zu dem
heiligen Bilde, wobei sie sagte: »Bist du von Stein, so kannst du auch Steine
essen.« Der Teufel freute sich darüber sehr und funkelte ihr alle versteckten
Kirschen entgegen. Sie hatte aber genug, und stieg herunter und machte aus allen
Kirschstengeln Knoten und aus den Knoten einen Kranz, den sie Christus aufsetzte
zum grossen Ärger des Teufels; denn er sah, dass alles in ihr ganz unschuldiges
Kinderspiel sei, weder gut noch böse, und dass er ihr also noch nichts anhaben
könne. Gleich darauf verglich sie alle Früchte im Garten nach ihren Farben, nach
ihren Kernen, nach ihrer Haut, Staub und Wolle, Geschmack und Geruch, und machte
sich daraus allerlei Kameraden von verschiednem Charakter, wobei sie einen
besondern Hass gegen die schwarzen Aalbeeren und eine Art heiliger Scheu gegen
die reine Frische der Erdbeeren empfand; das missfiel dem Teufel wieder, der die
Aalbeeren in seinem Wappen führt. Bald fand sie an einem Pflaumenbaume die
durchsichtige weissgelbe Kugel des ergossenen Harzes, sie hielt es für einen
grossen Schatz und gedachte des Paradiesbaumes, woraus nach der Lehre des
Spiegelglanz, das Bdellium, der Bernstein geflossen. Ein blaues und ein grünes
Seejüngferlein, die da auf einigen Stauden flatterten, entzogen sie allen andern
Gedanken; sie hatte nie so schlanke farbige Leiber, so zierliche schimmernde
Flügel gesehen; es erwachte in ihr eine Sehnsucht danach, als wenn es ihre Seele
wäre, die ihr entflattern wollte, und wirklich haben diese Tiere einen besondern
Anflug geistigen Daseins. Sie sah ihren Lehrer gar nicht, der inzwischen mit
seinem Buche in den Garten geschritten. Endlich fing sie beide, und brachte sie
ihm triumphierend.
SPIEGELGLANZ. Woher so schnell, du sahest mich kaum, liefst immer zu als wie im
    Traum.
    Johanna aber sprachlos vor Freude, zeigte ihm die beiden Tiere, die sie an
    den Flügeln hielt und mit den Beinen gegen einander spielen liess.
SPIEGELGLANZ. Zwei Seejüngferlein sind ein rechter Dreck, geh, mach sie tot, und
    wirf sie weg.
JOHANNA. Die können wohl so lieblich singen, dass alle Leut ins Wasser springen;
    hast du mir nicht davon erzählt, wie der Ulysses ward gequält?
SPIEGELGLANZ. Die waren wie Jungfern, du dumme Gans, und hatten nur hinten den
    Fischschwanz.
JOHANNA. Dir will ich sie alle beide schenken, es ist mir das Liebste ohne
    Bedenken, du musst sie nur zusammen bewahren, und ja ihr Futter nicht
    ersparen.
SPIEGELGLANZ. Ich lass sie frei, ich lass sie los, sie kommen wohl wieder, wenn
    sie gross.
JOHANNA. Nein, was mir lieb, das lass ich nicht, Ihr stosst sie fort, das Herz mir
    bricht, Ihr werdet mich wohl auch frei lassen, und in der weiten Welt
    verlassen, da weine ich mir die Augen aus, das ist nun heut mein
    Abendschmaus.
SPIEGELGLANZ. Du bist ein Kind, sieh, Heidelbeeren, die ich im Wald für dich
    gelesen, lass doch dein Weinen, sieh die Zähren, die fallen drauf, das ist
    ein Wesen um solche grosse Wasserfliege. Warst du denn fleissig, zeige her,
    ich seh ja nichts als krumme Züge, auf dem Papiere kreuz und quer.
JOHANNA. Ich wollte eben recht anfangen, da war die Sonne mir vergangen.
SPIEGELGLANZ. Du Schlingel, muss ich so was sehen, so wirst du nun mit Schand
    bestehen. Wozu nun meine Mühsamkeit, mit der ich dich gebracht so weit, dass
    du nun selber kannst was tun, statt dessen magst du lieber ruhn;
    Herumlottern, Faulenzen, Spielen, das ist so Wasser auf deiner Mühlen.
JOHANNA. Nein lieber Herr, ich war so fleissig, ich machte Pläne mir, wohl
    dreissig, für jeden Tag des Monats einen, doch heut allein vollführt ich
    keinen, weil hier ein ewiges Singen war, von einer Käfer- und Fliegenschar,
    von rauschenden Brunnen, knisternden Dielen, ei da verging mir Schreiben und
    Spielen.
SPIEGELGLANZ. Du wirst zuweilen ganz unvernünftig, ja sag, was soll aus dir
    werden nun künftig, denn kannst du zum Studieren nicht taugen, so muss ich
    dich zur Aufwartung brauchen.
JOHANNA. Dir wart ich auf so herzlich gerne, dir's an den Augen abseh von ferne,
    was dir bequem und was dir lieb, ach lieber Meister, dich nicht betrüb, ich
    will mich vor fremden Gedanken hüten, es geht nur nicht hier bei Früchten
    und Blüten, hier ist mir als lebt ich ganz da drinnen, und kann mich niemals
    in mir besinnen, dass ich die Feder wirklich führ, bin nirgends weniger als
    in mir.
SPIEGELGLANZ. Sollst künftig im Zimmer verschlossen bleiben, ich dachte dir
    fröhlich die Zeit zu vertreiben; doch seh ich, du bist nur für den Zwang.
JOHANNA. Ach lieber Herr, du machst mich bang, von meinen Balsaminen zu lassen,
    wahrhaftig da kann ich gar nicht spassen, von meinen Erbsen, die ich gesät,
    nun eben alles so wohl gerät, von meinen Bohnen, die um die Stangen mit
    leichtem Grün sich fröhlich schlingen, und erst so schwach aus der Erde
    drangen, dass ich sie aus der Hülse tät zwingen.
SPIEGELGLANZ. Fort mit den Kasten, die schütte ich aus. Ei das verdirbt mir ja
    das Haus, zieht Feuchtigkeit in die Fenstermauer.
JOHANNA. Ach Gott, nie hatte ich grössere Trauer. Dir hätt ich die Bohnen und die
    Schoten einst alle zum Geburtstag geboten.
SPIEGELGLANZ. Zum Teufel, mach mir den Kopf nicht heiss, dass ich dich heut nicht
    schlage und schmeiss, das ist ein Heulen, ein Lamentieren, mit jedem Quark
    ein Mitleid spüren; da ist kein Winkel dir zu klein, es muss dir zu was noch
    brauchbar sein, ich glaube, du hättest die ganze Welt mit lauter Spielzeug
    vollgestellt. Ich will doch endlich auch aufräumen, was klebt mir denn hier
    an beiden Däumen?
JOHANNA. Das hatte ich dir zum Geschenke bestimmt, nun wirfst du es in den
    Garten ergrimmt, es ist Bdellium vom Paradies, von einem Baum ich's heut
    abstiess.
SPIEGELGLANZ. So soll dich ja der Teufel holen, wenn du mich aufziehst mit
    solchen Sachen, ich muss mir die Finger schmutzig machen, dir muss ich einmal
    die Hände besohlen.
    Als diese Strafe eben vollstreckt werden sollte, trat der Teufel als ein
    berühmter griechischer Professor Chrysolor herein, verwundert steht er still
    und lächelt: »Zucht bringt Frucht.« Er grüsste den ergrimmten,
    selbsterhjetzten Lehrer mit spottender Sanftmut; es freute ihn, dass alles
    Böse in ihm so rasch wie Unkraut aufwachse, er hatte ihn unterweges in
    anderer Gestalt schon geärgert, indem er ihn, der doch alles zu wissen
    vermeinte, einer Unwissenheit gezeiht, was eigentlich die ganze Veranlassung
    seines Ärgers über die kindische Spielerei war, die er selbst oft
    unterstützt und mitgemacht hatte. Der Teufel begrüsste ihn feierlich, sprach
    von seinem grossen Rufe in der Metrik, der sich selbst bis Aten ausbreite,
    wo er jetzt das Richtmass aller Poeten abgebe, und das Vorbild aller
    Erzieher. Nun erzählte er ihm von seinem Knaben, wie er den im fünften Jahre
    schon so weit gebracht, dass er den ganzen Plato vorwärts und rückwärts
    auswendig gewusst, die Verszahl jedes Homerischen Verses angeben konnte, und
    wie dieses Wunderkind jetzt schon seit einem Jahre nicht mehr schliefe, von
    Zuckerwasser sich nährte und von der Unsterblichkeit der Seele rede.
    Spiegelglanz hörte ihm verwundert zu; mit heimlicher Tücke sah er auf die
    arme Johanna, sagte ihm aber dagegen, dass er den tiefsinnigen Erklärer des
    Aristoteles beim ersten Blicke in ihm erkannt.
DER TEUFEL. Doch diesem Kind, so muss ich meinen, wird alles dies ein Geringes
    nur scheinen, in eigner Erziehung, da zeigt sich der Meister, da löset und
    richtet er alle Geister; in wie viel Sprachen, darf ich fragen, kannst du
    mir das Vaterunser sagen?
SPIEGELGLANZ. Mein göttlicher Freund verschonen Sie heut, der Knabe ist heut gar
    sehr zerstreut.
JOHANNA. Nein lieber Herr, ich bete gern, es hilft mir dabei etwas von fern.
SPIEGELGLANZ. Wie werd ich beschämt, wie rett ich den Schein, in einer Sprache
    weiss sie es allein. -
Aber ein Engel kam über das Kind, und sagte, wie sie da andächtig betete, das
    Vaterunser in allen Sprachen her, dass Spiegelglanz sich über das
    heimtückische Kind ärgerte, wie es ihm das bisher verschwiegen, und der
    Teufel staunte, wohlwissend, eine höhere Kraft wirke darin.
DER TEUFEL. Du bist ein Wunderkind fürwahr, o sag mir, wie viel zählst du Jahr?
JOHANNA. Ich bin acht Jahr erst kürzlich gewesen, und seit dem vierten kann ich
    schreiben und lesen, kann deklinieren und konjugieren, und weiss, was alle
    Verba regieren.
DER TEUFEL. So sag mir von welchem Geschlecht du bist.
JOHANNA. Ich bin ja kein Wort, das ist Hinterlist.
DER TEUFEL. Die Frage wirst du gar bald verstehen.
SPIEGELGLANZ. O lassen Sie uns zum Dome gehen, viel Altertümer da drinnen
    stehen. (Ich möchte schier in Angst vergehen.)
    Doch der Teufel entschuldigte sich und eilte fort. Spiegelglanz begleitete
    ihn vors Tor; sie unterhielten sich von der Erziehung zum Gelehrten, und der
    Teufel brachte ihm alle Grundsätze bei, die Kinder durch erweckte Eitelkeit,
    Neid, Habsucht zu schnellem Fortschritte zu bringen. Spiegelglanz kehrte
    heim, küsste seine Schülerin mit wütender Zärtlichkeit; ihr heimliches Lernen
    hatte alle seine Erwartungen übertroffen. Er machte ihr kleine Geschenke,
    Kleider, Zeuge und versprach ihr, wenn sie in ihrem Fleisse fortfahren wolle,
    so machte er ihr die Preisaufgabe: jene Erzählung der Weltschöpfung in
    Alexandrinern, die er zum Wettstreite für den Platz in der Schule aufgegeben
    hatte. Johanna sprang fröhlich darüber in den Garten, da dachte sie aber,
    wie sie rot werden müsste, wenn sie nun den Preis und den ersten Platz
    erhielte, und sich schämen; sie sah, wie jede Pflanze ihr Blatt, ihre Frucht
    bewahrte, ohne mit der schöneren zu tauschen, und schämte sich vor allen.
    Unschlüssig ging sie im Garten umher. Sie wollte einmal zurückkehren und
    alles aufsagen und selbst arbeiten, da sang ihr aber der Teufel als Kuckuck
    vor:
Meine Eier
Leg ich in andrer Nest.
Bin nun freier,
Säss sonst wie andre fest;
Die sie brüten aus,
Sitzen still zu Haus.
Alle Kinder rufen mir,
Kuckuck, Kuckuck ich bin hier.
    Sie rief ihm nach, es war finster, die Zeit war vorbei. Spiegelglanz gab ihr
    seine Arbeit zum Abschreiben. Die Schüler kamen den andern Tag in höchster
    Erwartung zusammen; da war kein Pochen, kein Stossen, alles horchte, jeder
    hoffte der Erste zu werden, jeder hätte sein Leben darum gewagt. Johanna,
    die Johannes in der Schule hiess, von der keiner es erwartet, erhielt
    einmütig den Preis; keiner hatte das Silbenmass so vollkommen beobachtet. Mit
    Weinen nahm sie den Preis an, der von allen beneidet wurde - es war der
    Preis ihrer Seele.
Nach diesen Szenen bat der kleine Johannes seinen Vater, er möchte doch mit ihm
herausgehen, ihm sei nicht wohl: der Vater erfüllte seine Bitte, liess ihm etwas
Wein reichen, und kam mit ihm zurück. Das Stück ging seinen Gang fort, den wir
nur ganz kurz berühren wollen: Als Johanna in der Schule weit heraufgekommen,
entwickelt sich ihr Stolz und ihre Eitelkeit immer mehr; sie hat kraft dieser
Antriebe auch wirklich so viel gelernt, dass sie ohne ihren Lehrer allen
überlegen ist, und jetzt will sie sich auch von seiner lästigen Oberherrschaft
frei machen. Spiegelglanz, der das bemerkt, entdeckt ihr nun, was sie bisher in
der Absonderung ihres Lebens nicht gewusst hat: dass sie ein Weib sei; mache er
dies bekannt, so werde sie schimpflich aus der Schule verstossen; sie muss sich
ihm ganz ergeben, der sie jetzt nicht bloss zu seiner Ehre, sondern auch zum
künftigen Genusse aufzieht. Sie gehen zusammen nach Aten, wo mancherlei
Abenteuer sich ereignen, endlich auch nach Rom, wo sie alles mit ihren Lehren in
Staunen versetzt, und das Ziel ihrer Wünsche, den päpstlichen Stuhl besteigt.
Jetzt meint der Teufel alles gewonnen, aber er verspielt durch seinen eignen
Diener Spiegelglanz, der jetzt, wo Johanna in Ruhm und Glanz stolziert, sie zu
seinem wollüstigen Willen leicht beredet. Sie weiss nichts davon, dass sie ein
Kind trage, aber ein Besessener verkündet es ihr; in grosser Herzensangst betet
sie zur Mutter Maria und diese schickt ihr einen Engel: mit dem Troste, wenn sie
durch den Schimpf einer öffentlichen Geburt ihren Stolz abbüssen würde, so sollte
sie so wie ihr Kind gleich sterben, aber der ewigen Verdammnis entgehen. Sie
ergibt sich darein; vergebens warnt sie Spiegelglanz, sie könne es leicht
verbergen; sie will beschimpft sein; sie geht in feierlicher Prozession bei dem
Kolisseum vorüber, und wird von einem Kinde entbunden; der Teufel dreht ihr und
dem Kinde aus Ärger den Hals um. Ein wahrer Papst wird hierauf mit mehr Vorsicht
gewählt.
Jedermann wird eingestehen, dass es eine italienische und besondere sizilische
Naivität fordert, um solch ein Stück öffentlich in einem Kloster zu geben; die
Gräfin war nicht sehr zufrieden damit, es hatte eine schmerzliche Saite in ihr
berührt, den Grafen an seinen lieben Traugott wieder erinnert, und erregte eine
Menge neugieriger Fragen der Kinder. Während sich alle zur Abfahrt anschickten,
zog der kleine Johannes den Vater wieder beiseite, und dieser führte ihn in den
Garten, weil er glaubte, dass er irgend eine körperliche Beschwerde habe; hier
verfiel aber das Kind in ein fürchterliches Weinen und Schluchzen, das es nicht
zu Worte kommen liess. Endlich zog der Kleine ein paar Tüten heraus, und übergab
sie dem verwunderten Vater, der darin Kaffeebohnen und Zucker entdeckte. Als die
ersten gebrochenen Worte erlöst waren, da wurde der Zusammenhang dieser
Geschichte bald klar. Brülar hatte den Kleinen überredet, er sei zu einer grossen
Tat bestimmt, und von seinen Eltern nicht geliebt, ihm müsse er folgen; er liebe
ihn allein, er wisse allein seinen Mut; er wolle mit ihm aus Sizilien fliehen.
Während der Komödie solle er sich hinausschleichen, er werde seiner vor dem
Kloster warten. Wirklich hatte der Kleine sich mit dem Bedürfnisse, das ihm am
wohlschmeckendsten, versehen, und so glaubte er sich reisefertig; doch in dem
Spiegelglanz glaubte er plötzlich ein wahres Abbild von Brülar zu erkennen; er
fing ihn an zu fürchten und zu hassen, und hatte endlich in dem Bekenntnisse der
Päpstin eine himmlische Weisung geglaubt, alles dem Vater zu bekennen. - Der
Graf hatte Verstand genug, die Sache gegen das Kind nicht mit Härte zu
beurteilen; vielmehr drückte er ihn zärtlich an sich wie einen verlornen Sohn,
und gebot ihm nur den Abend sich zu beruhigen, morgen solle alles mit der Mutter
ausgeglichen werden, zu der er ihn, nachdem er ihm Augen und Nase gewischt,
zurückführte. Der Graf ging darauf mit einigen seiner Leute an den von Brülar
bestimmten Platz, sie fanden ihn; er merkte, dass er verraten sei, und wehrte
sich wie ein Verzweifelter. Der Graf wollte ihn schonen, aber im blinden Fechten
warf sich der Unglückliche in den Degen eines Bedienten. Er endete als ein
tapferer Mann, wie er sich immer gezeigt hatte; nach seinem Tode entwickelte
sich aus einlaufenden Briefen die allgemeine Verbreitung seines Unternehmens. Am
nächsten Morgen nach dieser Begebenheit führte der Graf den zitternden Johannes
zur Gräfin, erzählte ihr, wie sich der arme Kleine von ihnen für ungeliebt
gehalten, und empfahl ihn ihrer Liebe, indem er sein kindisches Unternehmen
erzählte und verzieh. Die Gräfin wurde sehr gerührt, der mögliche Verlust
erweckte ihre Zärtlichkeit zu dem Kleinen, dem sie und ihr Mann jetzt alle die
Liebe zuwandten, die seine zärtliche Natur forderte. Der Graf sagte bei dieser
Veranlassung sehr ernst zu seiner Frau: »Unsrer Kinder wegen müssen wir nach
Deutschland zurück; die beste Privaterziehung kann nicht ersetzen, was Kinder
durch den Mangel einer öffentlichen Schule verlieren.« -
    Dolores blickte ihn schmerzlich an, aber sie sagte nichts dagegen. Auch er
fühlte es, wie schmerzlich es ihm sein müsse, nach so vielen glücklichen Jahren,
von denen sich fast nichts sagen liess, als was er rings geschaffen zur Freude
anderer, und was er gelernt in eigner steigender Bildung, was ihm geboren und
durch Erziehung noch mehr angeeignet; alles ein Leben ohne Hemmung, unbekümmert
über kleine unvermeidliche Beschwerden, nach solchen Jahren zu den empörendsten
Erinnerungen zurückzukehren. Dennoch bot sich ihm wenige Tage darauf eine nähere
Veranlassung zur Rückreise, die ihn fast bestimmt hätte. Ein Prinz, mit dem er
studiert hatte, und der schon damals mit der Fülle seines ernsten zutraulichen
Charakters sich ihm angeschlossen, war zur Regierung gelangt, und forderte ihn
ganz unerwartet auf, ihm beizustehn mit seinem Rate; alle äussern Verhältnisse,
Titel und Gehalt, solle er sich selbst bestimmen. Seiner Dolores mochte er von
dem Briefe nichts sagen, der ihn sehr heftig bewegte, und in den heissesten
Nachmittagsstunden wach erhielt, wo er sonst mit allen Bewohnern Siziliens zu
ruhen pflegte. Er wollte an den Fürsten schreiben; aber trotz der verschlossenen
Fenster und der Zuglöcher war es ihm in der Hitze fast unmöglich einen Brief,
der so viel Rücksichten beobachten und ausfragen musste, zu beendigen; ganz
ungeduldig, einem Elemente weichen zu müssen, stand er auf und sah in den
Nebenzimmern umher; er wollte sich zerstreuen. Da lagen aber Frau und Kinder,
wie von einer Pest niedergestreckt; er ging in die Vorzimmer und fand die Diener
alle in tiefem Schlaf, wie Tote ausgestreckt. Da er seit Jahren nicht in dieser
Stunde aufgewacht war, und umhergegangen, so hatte ihm diese tyrannische
Herrschaft der Wärme über den Menschen etwas besonders Schreckliches. »Was ist
unsre Kälte«, seufzte er, »gegen diese unabwendbare Not? Wenn die Flüsse bei uns
starren, da fliesst der Geist fröhlicher durch Stirn und Auge und funkelt heller
wie die Sterne; unsre Wälder, der kühle Spielplatz des Sommers, erwärmen den
Winter; welch Leben regt sich in diesen Stunden auf allen Feldern Deutschlands;
der Erntewagen jagt, die Sicheln klingen, die Binderinnen umspannen die Garben,
alles singt. Hier sind selbst die Vögel wie ausgestorben, da ihre Laubdächer
fast verdorret sind; nirgends ist frischendes Grün des Bodens, niemand kann sein
Eigentum bewahren, die Herrschaft über die Tiere ist verloren, die arbeitsamsten
Tiere vermögen nichts mehr, kein Pferd wird aus dem Stalle gezogen, sie träumen
an der Krippe und mögen nicht fressen, kein Schornstein raucht gastlich; wie
eine schwere Busse ist diese Mittagsstunde des Südens, wo die kalten Schlangen
aus den Sümpfen hervorkriechen und sich züngelnd an die Sonne legen, giftige
Mücken in der Sonne spielen, die grässlichen Ungeheuer des Meers, den stinkenden
Leib an den Strand legen, und der Ätna seinen Aschenregen über die Insel atmet,
dass die Trauben aufspringen, und ihr Blut am Boden versprützen.« - Er stieg bei
dieser Erinnerung ganz allein in seinen Keller herunter, um sich dort zu kühlen;
aber selbst dahin war die Wärme gedrungen, er entsiegelte eine Flasche echten
Rüdesheimer, und nun ward ihm erst wieder leicht, dass er singen konnte:
Grüner Wald im deutschen Lande
Könnte ich dich wiedersehen,
Wiederfühlen dein kühles Wehen
Ohne Schande.
Rhein, du bringst das Gold im Sande,
Spiegelst Sonne an die Trauben,
Füll den Becher mit altem Glauben
Bis zum Rande.
Wein, du kühlest mich im Brande,
Wie die feuerroten Rosen,
Die mit kühlenden Lippen kosen
Meine Schande.
Rosen, die mit kühlem Bande
Hier die heisse Stirne kränzen,
Stächen mich bei den heitern Tänzen
Deutscher Lande.
Deutsches Blut, zerreiss die Bande,
Deutsche Berge stehen feste,
Und der Adler entsteigt dem Neste
Ohne Schande.
Er sprang auf, er wollte nach Deutschland reisen. - Es gibt wohl in allen
Menschen solche Augenblicke, wo sie sich weit über alles Erlebte, Gewohnte,
Geprüfte und Erkannte hinaussetzen möchten; wären sie Götter, deren Wille gleich
Tat würde, wie möchte da der Beste erscheinen; das aber unterscheidet den Guten
vom Bösen, dass jener seinen bösen Willen nicht zur Tat werden lässt. Der Graf
fühlte bald, dass er seine Dolores zu einer so weiten Reise nicht verlassen
könnte, ohne sie tief zu kränken; sie mitzunehmen, das schien wegen der
Empfindlichkeit, die sie bei jeder Erinnerung aus Deutschland traurig machte,
unmöglich; die Freundschaft zur Herzogin, ihre Liebe zu den Kindern hatte auch
ihre Rechte; durch alle diese Verhältnisse glaubte sich der Graf verpflichtet,
der Wirksamkeit in Deutschland für jetzt noch zu entsagen, und alles Wohltätige,
was er für sein Vaterland träumte, andern und der Zukunft überlassen zu müssen,
- so unendlich sind die Folgen des Guten, des Bösen.
    Jener Tag im Kloster, der den kleinen Johannes seines furchtbaren Lehrers
beraubt hatte, während er ihm die Liebe seiner Eltern schenkte, hatte sehr tief
auf ihn gewirkt; sein ganzes Wesen entwickelte sich vorzeitig schnell und
leidenschaftlich; er schloss sich an alle Menschen mit einer Innigkeit, die sich
in der Berührung mit gewöhnlicher Kälte leicht in Hass umsetzte. Keinem war er so
ganz und unveränderlich ergeben, wie der Mutter; er geizte nach ihren Blicken,
lauerte auf ihre Wünsche, und verstand ihre Gedanken; tagelang liess er kleine
Geschenke der Mutter nicht aus den Händen, und bedeckte sie mit unzähligen
Küssen. Den andern Kindern war dieses Wesen bloss lächerrlich, sie neckten ihn auf
alle Art damit; doch die Herzogin sah viele Leiden aus dieser
Leidenschaftlichkeit voraus, und suchte vergebens sie zu mässigen; ein böses Wort
der Mutter konnte ihn auf Tage zu allem Lernen unfähig machen; ein günstiger
Blick spannte ihn zu so grosser Anstrengung, dass er in wenigen Stunden alle
übertraf; für Tanz und Musik zeigte er besonders glückliche Anlage. Diese frühe
Heftigkeit, diese Anstrengungen bewegten ihn zu gewaltsam; eine ängstliche
Besorglichkeit bemächtigte sich seiner oft mitten in der grössten Kühnheit; auf
den höchsten Bäumen, die er zum Staunen aller erkletterte, beengte ihn dann eine
Angst, dass er mit Tränen bat, ihn herunterheben zu lassen; von seinen Büchern,
von seinen Schreibereien nahm er jeden Tag feierlichen Abschied, als sähe er sie
nicht wieder; während er die wunderlichsten Abhärtungen an seinem Körper
versuchte, bebte er vor einem Ohrenklingen, als sei es eine furchtbar nahende
Krankheit. Das alles war ein Gegenstand des Spottes der Geschwister, und dieser
Spott entfremdete sie von ihm; einsam baute er sich eine Art Festung, in die er
niemand einliess, eine Schwester ausgenommen, und von wo aus er allen
Vergnügungen der Geschwister zusah, zu denen er, wenn es ihm einfiel, mit
gewaltigem Eifer eintrat. Der Graf meinte ihn zum Soldaten bestimmt, und liess
ihm diese frühzeitige Beschäftigung mit Befestigungen und militärischen
Schriftstellern; aber der Himmel hatte ihn milder gelenkt. Eines Morgens wurde
er vergebens zum Frühstücke gerufen; der Graf ging endlich mit dem Vorsatze ihn
zu strafen nach der Festung, und fand ihn nicht, aber statt seiner einen Brief,
der durchnässt von Tränen, und sehr undeutlich geschrieben dem Erschrockenen die
Nachricht brachte, dass der Knabe in das Kloster des heiligen Laurentius
geflüchtet sei, wo jene Komödie ihn damals zu seinem Besten geführt; er habe
sich auf einer grossen Sünde überrascht, zu deren Busse er dort als Novizius ein
geistliches Leben anfangen wolle. Der Graf ritt zornig zu dem Abte des Klosters,
und fragte ihn, wie er es wagen könne, ein Kind ohne Wissen der Eltern
aufzunehmen? Hier unterrichtete ihn der Abt, dass er nach seiner Pflicht niemand
abweisen dürfe, der sich in den Schutz der Kirche flüchte, am wenigsten aber
einen reuigen Sünder, der sein Heil in ihrem Schosse suche. - »Aber welche Sünde
kann der Kleine getan haben, von dem wir nie andres als Liebe erfuhren?« -
»Diese Liebe«, sagte der Abt, »ist sein Verderben; durch ein heiliges Buch ist
sein Gewissen geschärft, er bekennt sich sträflicher Leidenschaft zur eignen
Mutter schuldig, er ehrt sie über Gott.« - Vergebens wandte der Graf ein, dass
diese kindische Grille eher ein Wahnsinn als eine Schuld zu nennen; er ging zu
dem Kleinen, der aber schon das Gelübde des Stillschweigens angenommen, im
Gebete versenkt vor dem heiligen Laurentius lag; er hörte ihn, aber er
antwortete nicht. Der Graf hoffte, dass die Zeit ihn am besten heilen würde, und
überliess ihn einige Zeit dem strengen Leben. Nach vierzehn Tagen kam er wieder,
und ermahnte ihn zur Rückkehr ins väterliche Haus; der Kleine hatte Erlaubnis zu
sprechen, und beantwortete diesen Zuspruch mit einer abschreckenden Darstellung
aller Sorgen der Welt. Als der Graf von den Sorgen seiner Mutter um ihn sprach,
da wendete er sich ab, und betete mit unzähligen Tränen. Der Graf war so tief
gerührt, dass er ihn gewaltsam dem Kloster entreissen wollte, aber der Abt
erinnerte ihn feierlich, warum er ihn seiner Bestimmung gewaltsam entreissen
wolle, um ihn vielleicht der Schuld hinzugeben; »jede Schuld«, sagte er, »ist
eine verfehlte Bestimmung.« Der Graf dachte hier unwillkürlich an Dolores, und
an den Wallfahrtort, und liess dem Kleinen noch längere Bedenkzeit. Aber die
Zuversicht zu dem neuen Leben wuchs immer mehr in ihm; er war ein Vorbild aller
im Kloster; sein Wesen erinnerte den Grafen an Traugott, er glaubte, seine
religiöse Gesinnung sei eine Vorahndung des Todes, und nahm schmerzlichern
Abschied bei jedem neuen Besuche. Die zurückgelassenen Papiere des Johannes
sammelte er sorgfältig, und schrieb traurig einige Worte der Erinnerung darauf:
Hatte nicht der frische Morgen
Dich in seinem Arm gewiegt,
Haben dich die müden Sorgen
Vor dem Abend schon besiegt.
Hatte nicht die Sonnenhelle
Dich mit ihrem Strahl umspielt,
Müde liegst du an der Schwelle
Einer Nacht, die alle kühlt.
Hatten nicht des Muts Gedanken
Dich zum heitern Tanz geführt,
Mussten deine Tritte wanken,
Als dein Herz da tief gerührt.
Hatten nicht die frohen Töne
Deine Stirne kühl umkränzt,
Ach wo ist nun alles Schöne,
Wo dein Blick, der uns umglänzt.
Hatte nicht die erste Liebe
Dich mit süssem Wort geweckt;
Ach bald ist's die letzte Liebe,
Die mit Erde dich bedeckt.
So heftig der Graf und die Gräfin von diesem Ereignisse erst zerrissen waren, so
mild wusste Klelia sie beide auf die Gnade aufmerksam zu machen, ein geliebtes
Kind in so heiliger Bestimmung zu verlieren. Johannes starb auch nicht, vielmehr
wuchs er kräftig auf in seinem strengen Leben, und viel Segen kommt von ihm in
künftigen Tagen der Leiden über das ganze Haus, nachdem er vorreif in
körperlicher und geistiger Entwickelung, vielleicht auch in Hinsicht seines
Standes, frühzeitig die Priesterwürde erhalten.
 
                               Siebentes Kapitel
Rückkehr des alten Grafen P ... mit seiner ostindischen Familie nach dem Palaste
                                 in Deutschland
Erinnern wir uns noch einmal, dass der Graf das Schloss seines Schwiegervaters,
des Grafen P ..., als ein verschlossenes Denkmal seiner früheren Zeit, seines
Glücks und Unglücks unbewohnt zurückgelassen hatte, aber für dessen Erhaltung
sorgen liess; jährlich erhielt er Nachricht, was unvermeidliche Zufälle im
Schloss oder Garten verändert; aber wie alles mit Einsichten gebaut, so schien
alles durch die Zeit zu gewinnen und kleine Beschädigungen waren ohne grosse
Kosten ergänzt. Ein seltsames Toben, das in gewissen Nächten das Schloss
erfüllte, die Erleuchtung, die dann in mehreren Zimmern bemerkt wurde, gaben zu
wunderlichen Gerüchten Anlass; man sprach von dem Geiste des alten Grafen, der da
umginge, und wie in alter Zeit in Festlichkeiten schwelge. Keiner wagte es ohne
Auftrag, die Sache zu untersuchen; auch dieses wurde dem Grafen berichtet, der
aber unter dem hellen sizilischen Himmel die Dunst- und Nebelgestalten des
Nordens wenig beachtete; seinen Schwiegervater hatte er wegen des Leichtsinns,
mit welchem er die Seinen verlassen, nie leiden können, sein Geist war ihm ganz
gleichgültig. Ungefähr zehn Jahre nach dem Auszuge des Grafen, in derselben
Nacht, die vor eilf Jahren den Treubruch der Gräfin verhüllte, kam ihr Vater,
der alte Graf P ... mit vier grossen sechsspännigen Kutschen über die Heerstrasse
die Anhöhe herunter gefahren, von welcher die beiden Schlösser und die alte
Stadt so herrlich zu übersehen. Er fuhr mit einer ostindischen Frau und zwei
Kindern, die sie ihm in Ostindien geboren, in einem Wagen; seine dort erworbenen
Schätze und seine Dienerschaft folgte in den drei andern. Er hatte seinen Namen
verändert, und galt für einen Engländer; von den Seinen hatte er nichts
erfahren, nicht einmal ob seine Frau und Kinder noch lebten; die Sehnsucht nach
seinem Schloss, von dem er seiner Moham (der neuen Frau) täglich vorerzählte,
trieb ihn einzig in diese Gegend zurück. Von der Anhöhe sah er viele Zimmer
seines Schlosses hellerleuchtet; erst jetzt gedachte er ernstlich in seinem
leichtsinnigen Gemüte, wie er seine neue Frau, seiner ersten vorstellen solle,
die beide nichts von einander wussten, wenn diese vielleicht noch am Leben sei.
Die Geschichte des Herrn von Gleichen, der seiner Frau aus den Kreuzzügen
heimkehrend eine Sarazenin zuführte, die ihn aus Liebe von der Sklaverei
befreit, und dafür aus Dankbarkeit von der ersten Frau als Mitgenossin ihres
Ehebettes anerkannt wurde: diese Geschichte, die seinem Leichtsinne bis dahin
als genugtuend für alle Fälle vorgeschwebt hatte, wollte ihn nicht ganz
beruhigen. Er liess langsam fahren, und stieg mit Herzklopfen vor dem Schloss
aus dem Wagen, und trat in das Schloss, das offen stand, und wo ihn eine
prachtvolle Dienerschaft empfing. Er fragte, ob die Gräfin P ... noch zu
sprechen wäre; die Diener sahen ihn verwundert an, und fragten ihn, ob er nicht
wisse, dass sie schon seit neun Jahren mit dem Herzoge von A ... verheiratet
wäre, sie würden ihn anmelden. Er nannte sich Moham und sagte, dass er
Bestellungen von einem alten Freunde des Hauses brächte. Sobald dieses
ausgerichtet, wurde er zu der Frau vom Hause geführt, er fand sie wenig
verändert, nur etwas blässer; sie kannte ihn nicht, was nicht zu verwundern, da
er sehr gealtert und vom heissen Klima fast dunkelbraun gebrannt worden; er sagte
ihr, dass ihr voriger Mann noch lebe, und dass er von ihm gesendet sei, das Schloss
nach dem Masse seiner jetzigen Reichtümer zu verschönern. Die Herzogin erwiderte
ihm, dass er kein Recht auf das Schloss behalten, dass sie es von seinen Schuldnern
erkauft und selbst, nachdem sie den Leichtsinnigen in allen öffentlichen
Blättern vorgefordert, einem andern Manne, dem spanischen Herzoge von A ...
vermählt sei. Der Graf verriet sich nicht; so unangenehm ihm der Verlust seines
Schlosses war, so lieb war ihm der Verlust seiner Frau, die ihm gar nicht mehr
liebenswürdig erschien; er sagte, dass er alles ihrem ersten Gemahl berichten
wolle, doch glaube er durch das unumschränkte Zutrauen desselben wohl berechtigt
zu sein, um ein Nachtlager für sich und die Seinen zu bitten. Die Frau vom Hause
bewilligte es ihm gern, und stellte ihm den Herzog, ihren Gemahl vor, der eben
mit grosser Pracht ins Zimmer getreten war. Der Herzog überhäufte ihn mit
Artigkeiten, und schimpfte doch dabei auf den alten Grafen, der darüber in einer
ängstlichen Verlegenheit war; die Ostindianerin Moham hatte sich und ihre Kinder
verschleiert; man setzte sich zu Tische, man ass und trank prachtvoll, und der
Herzog machte der fremden Frau mit solcher unwiderstehlichen Liebenswürdigkeit
den Hof, dass diese sich entschleierte und ihm sichtbare Zeichen ihrer Zuneigung
gab. Die Verlegenheit des Grafen hatte den Gipfel erreicht, als der Tisch
aufgehoben wurde, und sich einer nach dem andern unter verschiedenem Vorwande
beurlaubte; dem Herzoge sagte zuletzt ein Diener Botschaft von der Gräfin
Dolores, und er wurde so heftig bewegt, zitterte so gewaltsam, die Haare
sträubten sich ihm empor, er flog zur Türe hinaus ohne Abschied, und nahm das
letzte Licht mit sich fort. Der alte Graf fühlte bei seinem Anblicke eine Reue,
einen innern Vorwurf, den er nie möglich geglaubt; er wagte nicht an seine
Tochter Dolores zu denken, und wusste nicht warum; Frau und Kinder drängten sich
ebenfalls erschrocken in dem Dunkel an ihn, und sie warteten alle ängstlich,
aber vergebens, dass die Lichter von der Dienerschaft wieder gebracht würden, wie
es die Schicklichkeit forderte. Plötzlich erhellte sich indessen das Zimmer von
aussen; ihre eigenen Leute und viele Bürger der Stadt durchrannten mit
Feuergeschrei die Vorsäle, und kamen nun zu ihnen; mit halben Worten erfuhren
sie jetzt, dass das Schloss mit dem Glockenschlage zwölfe an vier Ecken habe
angefangen zu brennen; mit Mühe konnte der Graf sich und die Seinen und seine
reichen Wagen retten, von denen schon einer abgepackt worden; seine ostindischen
Leute erstarrten vor den unbegreiflichen Erscheinungen, und waren ihm mehr Last
als Hülfe. Nachdem er alles und alle im freien Felde geborgen, und die Bürger
hörte, wie sie so nachlässig zum Löschen gingen, weil sie meinten, das sei
Gottes Finger, der vor dem Einzuge ihres Fürsten, noch das hochmütige Schloss des
Grafen habe demütigen wollen, dass er eine reine Aussicht aus seinen Zimmern
bekomme, auch sei es schon lange darin umgegangen mit allerlei Erscheinungen; da
kam er auf den Glauben, das Feuer sei absichtlich angelegt gewesen. So bitter
ihm dieser Gedanke im ersten Augenblicke war, so herrlich sich die schönen
Verhältnisse des Gebäudes mit scheidender Sehnsucht in dem Feuer verklärten, so
hatte er, der alles aufgeben, alles vergessen konnte, auch darüber sich bald
gefasst; er zündete seinen Zigaro an einem heruntergestürzten brennenden Balken
an, und liess sich mit einigen müssigen Zuschauern in Unterredung ein. Er fragte
zuerst nach dem Herzoge von A ..., der ihm ganz unbekannt sei; sie verwunderten
sich alle, dass er den nicht kenne, der habe die junge Gräfin Klelia geheiratet,
sei aber nun schon lange tot, und der brave Graf Karl, der an Gräfin Dolores
vermählt, sei mit ihr zur Witwe hingezogen, keiner wisse recht warum; doch sage
man, der alte Graf P ... sei so oft im Schloss umgegangen und habe so viel
Tumult nach seiner Art gemacht, dass sie es nicht aushalten können, gewiss wäre
es, dass nach ihrem Abzuge kein Mensch vor seinem Spuken im Schloss hätte
aushalten können. - Der Graf war nicht wenig erstaunt, sich als ein Gespenst in
seinem alten Wohnsitze anerkannt zu wissen; er fragte mit einigem Herzklopfen,
ob man nicht wisse, wo der alte Graf geblieben. - »Der hochmütige üppige Narr«,
antwortete ein Bürger, »nachdem er unserm Fürsten mit Bauen und Fresserei alles
gebrannte Herzleid angetan, musste schuldenhalber davon laufen, liess Frau und
Kinder im Stich, und die Frau starb bald aus Gram.« - Jetzt wusste er genug von
dem Schicksale der Seinen; er drehte sich um, und das Gewissen zog eine tiefe
Furche über seine Erinnerungen, wie der Ackermann über eine verfluchte und
zerstörte Stadt. Er musste fort, er wollte dieselbe Strasse zurück, aber seine
Pferde, die er den vorigen Tag sehr angestrengt, bedurften der Ruhe; um nichts
Übles mehr von sich zu hören, gab er sich für einen alten Freund des Grafen P
... aus, der ihn hätte besuchen wollen. - »Den Schelm«, sagte der Wirt, wo er
abgetreten, »wollt Ihr besuchen Herr? Da müsstet Ihr weit fahren und hoch
steigen; der ist in Amsterdam an den höchsten Galgen gegangen.« - »Bewahre
Gott«, sagte der Graf. - »Ich schwöre es Euch bei Seel und Seligkeit«,
antwortete der Wirt; »ein holländischer Kaufmann, der ihn gar wohl kannte, hat
ihn hängen sehen, weil er in Holland falsche Wechsel gemacht, und darüber Streit
mit dem Erbstattalter bekommen.« - Der Graf beschleunigte ungeduldig seine
Abreise; der Wirt konnte es nicht begreifen, dass er um den alten Spitzbuben, den
Grafen so weit gefahren, und nicht einen Tag bleiben wolle, um den prächtigen
Einzug ihres Fürsten zu sehen, der nach so vielen Jahren des Elendes wieder
zurückkehre, den sie auf Händen in die Stadt tragen würden; »ja daran erkennt
man gleich den Herren Engländer«, versicherte der Wirt. - Der Graf sah tief
gekränkt zum Fenster hinaus nach der Brandstätte; viel Rauch, aber wenig Flamme
stieg mehr auf. Mehrere Mauern waren halb eingestürzt, sie waren nicht dauerhaft
gebaut, die übrigen besonders an den Zuglöchern der Fenster sehr geschwärzt. Das
altertümliche fürstliche Schloss trat glänzend hervor im Morgenrot; der Wächter
blies mit seinem Horn von der hohen Zinne den Tag an, es schien noch
Jahrhunderte zu überschauen und des Grafen luftiges Gebäude, das so lange darauf
zu spotten schien, lag da wie eine untergehende leichtsinnige Zeit reuig
abbittend vor einer alten dauerhaften, wiederkehrenden, bescheidenern. - Der
Graf konnte das alles nicht länger ertragen, ihm war zu Mute, als erginge über
ihn das Totengericht der ägyptischen Könige; er sah zu, ob sich seine Leute
etwas erholt hätten, und befragte sie, wie es ihnen im Schloss ergangen. Ihre
verwirrten Aussagen kamen alle darauf hinaus, dass sie von einer Dienerschaft,
die sehr prächtig gewesen, sehr gut aufgenommen worden; dass sich aber auf
wiederholtes Klingeln einer nach dem andern mit den Lichtern entfernt, und sie
gleich darauf das Feuer bemerkt, auch niemand von den Dienern wiedergesehen
hätten. Der Graf gebot ihnen zu schweigen, fragte noch, wann denn der Fürst
ankäme; der Wirt sagte, um Mittag, da liess er anspannen, um ihn zu vermeiden.
 
                                 Achtes Kapitel
     Der alte Graf P ... begegnet dem Fürsten, der in sein Land zurückkehrt
Als sie den Berg hinauffuhren und der Graf in tiefen Gedanken sich noch einmal
nach seiner ganz vergangnen, ganz untergegangenen Zeit umblickte, wurde er durch
einen heftigen Stoss erweckt, sein Kutscher war sehr ungeschickt mit einem
anderen Wagen zusammengefahren; der Postillon wollte mit Schlägen über ihn her
fallen, aber eine gebietende Stimme im Wagen gebot ihm Frieden, und er gehorchte
im Augenblicke; auch der Graf gebot seinem Kutscher, lieber zu helfen statt zu
zanken. Die beiden Stimmen erkannten sich; in der Stimme liegt die dauerndste
Eigentümlichkeit des Menschen; als sie sich ansahen, denn Wagen stand an Wagen,
waren sie einander wieder ganz fremd; es war aber in der Stimme etwas, das die
tiefste Vergangenheit, die fröhlichste Jugend in ihnen erweckte. Der alte Graf
stieg aus dem Wagen, der andre Reisende gleichfalls; »heiliger Gott«, schrie der
andre auf, »welch ein Unglück, kein Wort weiss ich davon, das schöne Schloss des
Grafen ist abgebrannt, gut dass er das nicht erlebt hat!« - Der Graf erkannte an
diesem kurz ausgesprochenen »gut« seinen alten Freund und späteren Feind, den
Fürsten; so mitleidig hatte er ihn nie gedacht, nie so alt; er war in seinen
Gedanken noch immer der rasche Jäger, der über Felsengeklüfte den Kühnsten
voraushetzte. - »Ach mein gnädiger Fürst, die Jahre haben mich unkenntlich
gemacht, die Sonne meine Haut und das Feuer meine Fehler verbrannt; es ist alles
anders geworden, alles durchs Feuer gegangen, mein gnädiger Fürst, mir ist alles
verloren und vergessen, nur die frühe Vertraulichkeit, in der wir der Welt Lust
und Freuden durchstrichen, fleht zu Ihnen um Nachsicht, um ein mildes Verzeihen
späterer Irrungen; erlauben Sie, dass ich Ihre Hand küsse.« - Der Fürst sah ihn
mit grossen Augen an, wie ein altes teures Bildnis, welches nach einander viele
ungeschickte Hände so wie die Zeit entstellend übergemalt; er konnte kein Wort
sagen und liess sich unbewusst die Hand küssen; nachher umarmte er ihn, dann
weinte er und die Zunge war ihm gelöset und strömte über in alter
Vertraulichkeit: »Sieh, ich wollte allen schmerzlichen Erinnerungen eines
festlichen Einzuges entgehen, wollte einsam nach dem Schloss zurückkehren, denn
wie stimmte der Jubel meines guten Völkchens zu meiner Trauer, Frau und Kinder
von mir entzweit zu wissen; sieh nur und da kommst du so lebhaft und rufst mir
dies und tausend andres mit lebendiger Stimme wieder auf; meine Frau war dir
sehr gut, sie spricht noch oft von dir; einmal war ich sogar eifersüchtig auf
dich.« - Und so wechselten beide mit Anklängen alter Zeiten, neuer Schmerzen;
die Wagen waren längst auseinander gehoben, aber ihre Hände liessen nicht von
einander; endlich zwang sich der Graf zum Abschiednehmen. »Torheit«, rief der
Fürst, »du bist jetzt in meiner Gewalt, in meines Herzens Bannmeile, dich lasse
ich jetzt und nimmer von mir, wir haben einander bis an unser Lebensende zu
erzählen; du hast Frau und Kinder, ich habe keine und verlange Ersatz vom
Schicksale. Ich könnte nicht ruhig sterben, wenn mich kein Freund begleitete;
hast du zum Bauen nicht mehr Lust und Zeit, so ziehe zu mir, mein Schloss ist
ganz leer.« - Der Graf gestand ihm, dass sich eine Geisterfurcht seit der Nacht
seiner bemächtigt habe, sonst triebe ihn nichts fort; er wäre ja bloss darum des
weiten Weges gekommen, um sich hier wieder anzusiedeln; dabei erzählte er ihm
seinen wunderbaren Empfang im Schloss. - Der Fürst sah tiefsinnig vor sich hin,
und schrieb mit dem Stocke einige Züge in den Boden: »Ich kann die Gespenster
bannen, denn sieh, ich bin auch ein Gespenst, ein Gespenst, das nur noch von dem
träumenden Genusse früherer Tage, von seinen Gewohnheiten lebt.« - »Wer ist dann
mehr Gespenst als ich«, rief der Graf, »einem fremden Weltteile klimatisiert,
machte ich aus Nacht Tag, aus Tag Nacht: nun wohlan, so wollen wir es mit unsern
unruhigen Brüdern der Mitternacht aufnehmen!« - - Er winkte seinem Wagen und sie
kehrten alle um; er selbst ging Hand in Hand mit dem Fürsten zum Schloss. Auf
dem Wege fragte den Fürsten eine ausgestellte Wache, ob er nichts von ihrem
Fürsten unterweges gehört, ob er noch eintreffe. Der Fürst zog seinen
Geldbeutel, gab ihm ein Goldstück und fragte ihn, wer darauf abgebildet. -
»Unser gnädiger Fürst«, antwortete die Schildwache. - »Nun so behalt's«, sagte
der Fürst, »damit du ihn wiederkennst, wenn er kommt.« - Die Schildwache dankte
verwundert und versicherte: seinen Landesherrn wollte er schon erkennen, der
hätte bei ihm Gevatter gestanden. Der Fürst und der Graf gingen nachdenklich an
das Schlosstor, es war verschlossen; sie klopften an, der Türsteher fragte: »Wer
da?« - »Dein Fürst, Alter!« rief der Fürst. - »Ach ja, der gnädige Fürst«,
weinte der Alte, öffnete die Türe und umfasste seine Kniee. - »Der kennt mich
noch, weil er blind ist«, sagte der Fürst weggewandt zu dem Grafen. - Sie
durchwanderten nun die alten Zimmer, die ihnen jetzt festlich dünkten, die ihnen
sonst mit ihrer alten Pracht lächerrlich gewesen; der Graf stellte dem Fürsten
seine Frau und Kinder vor, der sich in ihre fremde Art leicht zu finden wusste;
sie mussten alle auf dem Schloss wohnen. Unterdessen hatte sich die Nachricht
von des Fürsten Ankunft in der Stadt verbreitet; die festlichen Anstalten, die
bekannten weissgekleideten Mädchen, die zitternd eine Rede abquälen, die Blumen,
die Kanonenschüsse, die er vermeiden wollte, nichts wurde ihm geschenkt; doch
von dem überraschenden Jubel von allen Seiten angezündet, brannte das ganze
kunstreiche Feuerwerk in rascher Unordnung vor ihm ab, so dass er in der
Gesellschaft des alten Freundes alles mitzugeniessen vermochte.
    Festlicher füllte sich bald das Schloss nach des Grafen Anordnung mit
morgenländischen Teppichen und Tänzen; die weichlichen Belustigungen jener
lebensreichen Gegenden erfrischten das austrocknende Alter des Fürsten; der Graf
verwandte mit Freuden einen Teil der erworbenen Schätze zu seinem Dienste, und
diente ihm gern auch in allen ernsteren Verhältnissen mit seiner reichen
Welterfahrung. Seinen Töchtern in Sizilien sendete er prachtvolle
morgenländische Geschenke, doch wusste er nicht, was er ihnen dabei schreiben
sollte, noch weniger verstand er ihre Briefe. Vater und Töchter hatten sich ganz
von einander abgelebt, jedem war eine andre neue Zeit geworden; doch dankte er
dem Weltgeiste, den er in Indien verehren gelernt, dass er für seine Töchter im
ewig ruhigen Verstande gesorgt, nachdem Vater und Mutter sie verlassen, die Welt
sie aufgegeben, die Armut sie bekämpft, und die Schuld sie bestritten hatte. Die
Trümmer seines alten Schlosses liess er zu seiner Erinnerung unverändert stehen;
Reisende versichern, dass das Lebendige, Frische in dem Zerstörten: Marmorsäulen,
die halb zu Kalk verbrannt, bunte Wandmalerei, halb geschwärzt, einen
eigentümlichen Eindruck von Vergänglichkeit gewähre, der manchem schwermütigen,
der Gegenwart überdrüssigen Gemüte so willkommen ist.
    Mehrere Monate waren schon im verbundenen Hauswesen des Fürsten und des
alten Grafen fröhlich vollendet; während jener noch immer aus Rücksicht, der er
sich so oft in seinem Leben unterworfen hatte, den Freund zu fragen mied, wie er
zu der schönen Frau und zu den grossen Schätzen in Indien gelangt sei, ob Glück
oder Fleiss sie ihm zugewendet; lange glaubte er, dass irgendein Geheimnis darauf
ruhe. Der Graf gehörte aber zu der Art Leuten, die aus Bequemlichkeit gern
voraussetzen, was ihnen begegnet sei, müsse jeder wissen; ganz zufällig kam es
eines Nachmittags, wo er sich über die Frau, die von manchen indischen
Gewohnheiten, besonders von der Verschleierung, durchaus nicht ablassen wollte,
geärgert hatte, dass er zum Fürsten sprach, als sie hinausgegangen: »Ich kann
nicht strenge gegen sie sein, teils weil es mein Wohlleben stören würde, teils
weil ich dieser ihrer besonderen Natur zu viel verdanke.« - »Was dankst du ihr?«
fragte der Fürst aufhorchend. - GRAF P.: »Sie selbst und alle Reichtümer; habe
ich das nie erzählt?« - FÜRST: »Nimmermehr.« - GRAF P.: »So wollen wir uns dazu
ganz bequem setzen; ich will den Vorgang kurz erzählen, doch ist genug Stoff zu
einem langen Schauspiele darin. Auf der Reise nach Ostindien wurde ich mit einem
Deutschen, der sich Tomas nannte, mehr durch die Sprache als durch
Übereinstimmung in Art und Bildung genau bekannt; er war ganz roh und wollte
sich im Soldatenstande emporschwingen, er war eben so leicht zu befriedigen mit
seinem Schicksale, als ich damals noch ungenügsam war; ich beleidigte ihn oft
mit meinem Hochmute. In Ostindien verlor ich ihn aus den Augen. Ich lebte hoch,
so lange mein Geld dauerte; nachher bemühte ich mich vergebens nach guter
Anstellung; ich handelte, aber die Leute dort waren verschlagener als ich; bald
hatte ich nichts, weder Waren noch Geld. Den Europäern mochte ich nicht dienen,
ich lief zu den Völkerschaften des innern Landes, die zwar den Engländern
Steuern entrichten, doch ihrer näheren Aufsicht entzogen sind. Mir wurde manche
sonderbare Begebenheit, doch war mir das fremdartigste Ereignis, als ich meinen
Schiffskameraden Tomas auf dem Nabobstrone von Tipan fand; die schöne Moham
war seine Frau und die eigentliche Herrscherin des Landes; seine Prahlereien von
der Kenntnis europäischer Kriegskunst hatten ihn zu dieser Würde erhoben. Ich
trat in seine Dienste und hoffte wenigstens Minister zu werden, aber statt
dessen machte er mich zum Entenfänger; mit einem Schwimmgürtel angetan, den Kopf
in einem grossen ausgehöhlten Wasserkürbis versteckt, in welchem ein paar Löcher
für die Augen geschnitten, musste ich den Fluss hinunterschwimmen; bald setzten
sich wilde Enten auf den Kürbis, diese zog ich mit der Hand schnell
hervorlangend unters Wasser; so brachte ich manches Dutzend nach Hause. Alle
vier Wochen fiel es dem strengen Herrscher ein, mich zu sich kommen zu lassen,
um Deutsch zu reden, bei welcher Gelegenheit er mir meinen sonstigen Hochmut oft
vorrückte. Die Schönheit des Landes, der Überfluss an edlen Lebensmitteln macht
in jenen Gegenden manche Beschwerde erträglich; der Umgang mit einigen Büssern,
die am Ufer meines Flusses wie Biber sich angebaut hatten, machte mir diesen
Zustand sogar angenehm; ich lernte von ihnen die Sanskritsprache, während ich
vom Entenfange ausruhete.« - »Wunderbar«, unterbrach ihn hier der Fürst,
»wunderbar ist dieser Zug aller Deutschen in unserer Zeit nach dem Indischen;
wie die Kirchen alle mit ihren Altären nach Osten zu gerichtet sind, und daher
oft gegen die Dörfer, zu denen sie gehören, schief liegen, so denken alle an
Indien, und lassen ihr Vaterland liegen, wie es will.« - GRAF: »Wer kann wissen,
was uns daher noch kommt? Ich lebte wohl ein Jahr in jener Schule, ich fühle,
wie wenig ich noch begriffen und bin doch dankbar für die Aufklärungen des
höheren Lebens. Damals störte mich ein unerwartetes Ereignis in meinen
Forschungen. Tomas hatte allmählich alle Arten seiner Pracht vor mir
ausgebreitet, ich hatte alles kraft meiner sanskritanischen Weisheit verachtet;
endlich sagte er mir, er habe doch etwas, das über alle Weisheit erhaben, das
Höchste der Welt sei: seine schöne Frau; die müsse ich einmal ganz ohne Schleier
sehen. Vergebens stellte ich ihm vor, dass mir dies nach den Landesgesetzen bei
Lebensstrafe nicht erlaubt sei; ich erzählte vom Gyges, wie er den Candaulus
wegen einer ähnlichen Prahlerei, nachdem die Frau diese Beschauung bemerkt, auf
ihren Befehl habe umbringen müssen; er verstand aber Beispiele nur immer als
sonderbare Geschichten, unterhielt sich damit, wandte sie aber weiter gar nicht
auf sich an. Ich musste mich auf seinen Befehl in ein Nebenzimmer bei seinem Bade
verstecken, und sollte durch die geöffnete Türe hineinblicken, während er die
Augen seiner Moham mit einem neuen Bilde, das an der andern Seite des
Badezimmers befestigt, von mir abwenden wollte. In dem Zimmer, wo ich versteckt
war, legte er seine fürstlichen Kleider, Binde und Schwert ab. Ich ging
wahrhaftig ohne bösen Willen in das Zimmer, aber die Schönheit der Moham, die
sich vor meinen Augen allmählich entschleierte, aber aus Züchtigkeit selbst in
der Einsamkeit mit ihrem Manne, in einem feinen Badehemde verhüllet blieb, gab
mir solche Verachtung gegen Tomas, dass ich sein fürstliches Kleid, seine Binde
und Schwert, leise anlegte, während beide im Bade lustig plätscherten, plötzlich
in das Badezimmer trat und dem Tomas befahl, mein abgelegtes Fischerkleid
anzuziehen und sich augenblicklich auf meinen Fluss zu begeben, um mir für diesen
Abend noch ein Dutzend wilder Enten zu bringen. Tomas wollte Einwendungen
machen, aber er sah es meinem Schwerte an, dass ich zum Spasse zu ernstaft
gestimmt sei; er musste das Kleid anziehen. Draussen wollte er die Wachen zu
seinem Schutze befehlen; da sie ihn aber in der Tracht mit mir verwechselten und
strengen Befehl erhalten hatten, mich bei der geringsten Widersetzlichkeit hart
zu züchtigen, und aus dem Schloss zu werfen, so geschah dies auch ihm. Ich war
indessen mit der ohnmächtigen Moham beschäftigt; ich brachte sie zum Leben, und
durch meine Kenntnis heiliger Sprüche aus dem Sanskrit zum vollen Vertrauen zu
mir. Noch denselben Abend erklärte sie mich zum Nabob, und Tomas brachte zu
unserm Vermählungsfeste ein Dutzend gefangener Enten; der Einfaltspinsel war
bald mit seinem neuen Stande ganz zufrieden. Einige Jahre regierte ich nach
Herzenslust, da nahm uns die Ostindische Compagnie die Herrschaft. Mit unsern
Schätzen schifften wir nach Europa; das Glück versöhnte mich mit Ihnen, mein
Fürst.«
                                Neuntes Kapitel
   Der alte Graf P ... wird Minister. Tod des Fürsten. Regierung der Fürstin
Wir wollen den alten Grafen von jetzt, wo er bald mit dem Grafen Karl in eine
nähere Berührung kommt, durch seinen Dienst und Ehrentitel als Minister
unterscheiden; er hatte die Stelle eines ersten Ministers nach vielen dringenden
Bitten des Fürsten angenommen; Leichtsinn hinderte ihn nicht mehr in dem
ordentlichen Gebrauche seines hohen Talents für das Geschäftsleben; er widmete
sich ihm ganz. Nur ein Jahr dauerte dieses schöne Zusammenleben und
Zusammenwirken des Fürsten mit dem Grafen, da wurde jener durch einen
unerwarteten Schlagfluss hinweggerafft, und die Fürstin übernahm die Verwaltung
ihres Landes im Namen ihres blödsinnigen Sohnes, der in gemeiner Ausschweifung
Frankreich durchschwärmte. Der Minister beschloss erst sich ganz zurückzuziehen;
er bezog ein angenehmes Nebenhaus bei seinem verbrannten Palaste, und erwartete
nicht, dass ihn die Fürstin rufen würde. Aber kaum hatte sie die Feierlichkeiten
ihres Einzugs überstanden, und die Auseinandersetzung seiner Geschäftsführung
durchlesen, als sie mit dem ihr eigenen Scharfsinne sein grosses Talent so ganz
erkannte, dass sie sich zu der Aufopferung aller Empfindlichkeiten entschloss, und
so dringend ihn zu sich forderte, dass er ihrer Einladung nicht widerstehen
konnte. Er war sehr überrascht, sie so durchaus in ihrer ganzen Schönheit
erhalten zu finden, als wäre diese Zeit nur ein schlimmer Tag der vor vierzehn
Jahren verlebten; sie wusste ihre alte Vertraulichkeit so ganz herzustellen, dass
er alle Geschäfte gern übernahm, und mit Hülfe ihres Geistes zu noch grösserer
allgemeiner Zufriedenheit fortführen konnte. Er hätte sich von neuem in sie
verliebt, aber sie mied diese Berührung; auch genügte es ihm bald nach den
Geschäften dem Hofe ganz zu leben. Wirklich war auch ein liebenswürdigerer Hof
kaum denkbar. Die Fürstin hatte in der langen Entfernung von ihrem Lande, durch
ihren in Künsten gebildetern Sinn Leben und Freude kennen gelernt; sie
unterschied jetzt mit Sicherheit den Kreis ihres eigenen Lebens von dem
öffentlichen, den ihr ein grosses Schicksal anvertraut hatte, und so störten
beide einander niemals. Nie erschien eine Fürstin, wo sie in einem öffentlichen
Geschäfte begriffen, mit mehr Ansehen und Glanz; sie zog es vor, manches, was
sonst nur unter wenigen Augen verhandelt wird, der Menge darzustellen; die
Bestallung zu Ämtern, der letzte Vortrag und die Beratung über neue
Einrichtungen, die Belohnung öffentlicher Verdienste mit Ehrenzeichen waren neue
Feierlichkeiten, an denen sich die Erwachsenen freuten, und welche die Kinder
begeisterten; ihr Kunstsinn wusste durch Anordnung mit unendlich geringem
Kostenaufwande die grössten Wirkungen hervorzubringen. - Wer etwas Rechtes will,
kann mit wenigem unendlich viel leisten; die ausgezeichneten Männer dienten ihr
mehr für Ehre als für Lohn, und mehr für die Annehmlichkeit ihres täglichen
Umgangs als für die Ehre. In den Gedanken der entfernten Menge, schwebte ein
Bild von der Glückseligkeit des Hoflebens, das leider so selten in der Nähe
gefunden wird, das aber doch wohl verdiente einmal wieder dargestellt zu werden,
wie es in der Ritterzeit wirklich vorhanden war, und dem sich der Hof der
Fürstin wenigstens näherte. Allem Glanze, aller Etikette wurde in der
eigentlichen öffentlichen Angelegenheit genügt; das Vergnügen des Hofes und
seine Geselligkeit aber keinesweges dazu gerechnet; waren die Stände dort streng
nach hergebrachten erworbenen Rechten und Ehren unterschieden, hier galt nur das
gesellige Talent, und das Verhältnis zur Gesellschaft durch Freundschaft und
Wohlwollen; hier war die Fürstin ganz menschlich, ganz eigentümlich sich selbst
überlassen, ihrer individuellen Neigung und Gunst. Doch fiel es keinem bei ihr
ein, Begünstigungen des geselligen Umgangs auf öffentliche Verhältnisse zu
übertragen; wie wäre es möglich gewesen, die heitre schöne Fürstin, zu der jeder
in seinem täglichen Kleide, in Stiefeln, ohne Umstände, Abends den Eintritt
begehren durfte, mit jener ernsten glänzenden Fürstin zu verwechseln, wie sie in
Geschäften erschien, wo jedes Wort bedacht, jede Annäherung abgemessen, jede
Amtskleidung bestimmt war, wo jeder Eintretende von dem Oberhofmeister seine
Bestimmung erhielt. Fremd war diese Einrichtung allerdings in der Gegend; die
alten Frauen verwunderten sich ungemein, ihre Fürstin mit Unadligen tanzen zu
sehen. Auf ihre Vorstellungen, antwortete die Fürstin: »Wenn ich tanze, muss ich
doch Krone und Zepter ablegen, es würde sonst sehr lächerrlich lassen; ich tanze
mit dem am liebsten, der am besten tanzt; sollte es nach dem Range gehen, so
müsste ich meinen alten General ins Grab, oder den Minister auf eine Woche zu
allen Geschäften unbrauchbar tanzen.« - Die Annehmlichkeit des Hofes, die stete
Erneuerung, die wechselnde Bekanntschaft und Aufmunterung von manchem
Herrlichen, was in den geselligen Kreis eintrat, und dem öffentlichen Verkehr
verbunden nutzte, vernichtete bald den ersten Widerspruch. Eine Reise an diesen
Hof war für die umliegenden kleinen Höfe die höchste Belustigung; manche
mieteten in der kleinen Residenzstadt Häuser, und bauten sich an; ein
künstliches Bad, das dort angelegt war, musste zum Vorwande dieser Reisen dienen;
ein lebendiges Schauspiel, nicht bloss von Besoldeten, sondern auch von
Liebhabern getrieben, zog andere Fremde herbei; in kurzer Zeit waren die
Verheerungen des Krieges ganz vergessen, das ganze Städtchen wohlhabender als
je, Zweige der eignen Industrie schnell entwickelt, die sonst viele Jahre
vergeblich aufgemuntert worden; ja es zeigte sich bald ein eigentümlich heitrer
mitteilender Geist unter allen Bewohnern, eine reiche allgemeinere Sprache durch
alle Klassen, ein freies schöneres Ansehen, das sie von allen Nachbaren
unterschied. Die älteren Leute fanden sich von dem Drange zum Bessern ohne ihr
Wissen und Wollen selbst verwandelt, kamen dann wohl selbst zur Fürstin, und
fragten sie, wie es möglich gewesen, dass sie und der ganze Hof sich sonst an
langen Mittagsmahlzeiten an verschiedenen Tafeln gequält, sich mit dem Minister
über sein grosses Haus entzweit, mit der alten fürstlichen Tante wegen eines zu
späten Eintreffens bei der Cour erzürnt hätten. - Die Fürstin musste dann über
sich selbst lachen; sie konnte sich selbst nicht begreifen, und bat den Minister
scherzend, er möchte sich doch jetzt wieder ein recht schönes Haus bauen, es
würde ihr keinen Ärger mehr machen. - Wie glücklich könnten kleinere Staaten
sein, wenn es keine grösseren gäbe!
    Doch traten jetzt über Europa grössere Staatsbewegungen ein, die eben so die
vieljährigen Bemühungen kleinerer Fürsten durch eine bloss zufällige
Zwischenwendung verstörten, wie die Haushaltungen einzelner Menschen. Die
Fürstin fühlte sich in diesen Wirkungen und Gegenwirkungen der Zeit zu schwach,
ihrem Völkchen bei den eindringenden kolossalen Massen eine feste Richtung zu
geben, eben so unwürdig schien es aber ihrer festen Natur, sich und die Ihren
jeder neuen übermächtigen Willkür hinzugeben, sie meinte den Geschäften entsagen
zu müssen, die sie nicht mehr mit Lust und Überzeugung verwalten konnte. Der
Minister musste aus Freundschaft zu ihr, alle Geschäfte allein übernehmen, nur in
ganz bedeutenden Fällen wollte sie zugezogen sein. In dieser teilnehmenden Ruhe
gewann der Gram über manche vereitelte wohltätige Absicht solchen Einfluss auf
ihren unter Geschäften sonst unveränderlichen Geist, dass alle ihre Umgebungen in
der Sorge für ihr Leben, jede andre vergassen, und sich beeiferten durch allerlei
sinnreiche Erfindungen ihrer Laune Abwechselung zu verschaffen. Aber bald sind
diese Mittel erschöpft, wo der Leidende nicht selbst daran mitarbeitet; die
Fürstin suchte in allem Nahrung ihrer Trauer; die schauerlichsten Lieder waren
die einzigen, die sie anhören mochte, und sie selbst, die sonst nur Scherze zu
den Maskenspielen des Hofes auszudenken gewohnt war, vertiefte sich jetzt in
allerlei Dichtungen, denen die meisten, welche nicht ihre Art und die Beziehung
näher kannten, heimlich den Titel der Unsinnigkeit beilegten, die um so
gefährlicher sei, da sie ansteckend wäre, und schon in der Stadt eine Menge
junger Leute ergriffen habe. Wir wissen, was es mit dieser Verdammung der
meisten Leute zu sagen hat, die jedes Gedicht mit dem Verdrusse in die Hand
nehmen, dass es ihnen Zeit koste es auszulesen, und nun sogar zum Begreifen einer
nicht alltäglichen Idee aufgefordert werden. Eines Tages fiel auch dem Minister
eines ihrer Lieder in die Hände, das ihn sehr nachdenkend machte, und woraus wir
ein paar Strophen hier mitteilen wollen.
                                   Luftfahrt
Dein Haupt leg nach Morgen,
So fliehen die Sorgen
Und schimmernde Träume
Zu kommen nicht säumen,
Durchstrahlen die Locken
Von Luft umwallt,
Von Vöglein schallt
Ein himmlisches Locken.
                                       1.
»Es tragen dich Flügel
Vom schwellenden Hügel,
Und alles ist offen,
Du schauest betroffen
Unendliche Bläue,
Voll Freundlichkeit,
Voll Zärtlichkeit
Die Erde im Maie.
Hoch über dem Blauen,
Da hast du zu schauen,
Der Sterne Gestalten
In Kreisen da walten;
Erst wandelt mit Schrecken
Der Löwe wild,
Die Jungfrau mild
Will zärtlich dich necken.
Von Sternen strahlt nieder,
Was kräftig und bieder,
Es doppeln die Heere
Sich spiegelnd im Meere,
Sie schreiten, sie ziehen
Voll Göttlichkeit;
Zum höchsten Streit
Die Schwerter erglühen.
Nach Ruhme sie werben
Und können nicht sterben,
Im ew'gen Gesunden
Verschwinden die Wunden;
Sie wünschen sich wieder
Die Sterblichkeit,
Zur Menschlichkeit
Sie sinken hernieder.
In ganzen Geschlechtern
Von stattlichen Fechtern
Verbluten die Götter
Wie tosende Wetter;
Die Erde versinket,
In Blutes Flut,
Des Mutes Glut
In Jammer ertrinket.«
                                       2.
»Die Blumen dich wecken,
Die erst dich bedecken,
Mit fröhlichem Regen
Sich alle bewegen;
Gebadet im Taue
Gestählt die Brust,
Mit neuer Lust
Nun Mensch dich schaue.
Was trittst du auf Sklaven,
Gleich glühenden Laven,
Sie scheinen zu kriechen,
Verzehrend doch siegen;
Was willst du dich kränzen
Mit Bruderblut,
Nein, tue gut,
Die Sonne lass glänzen.
Wie willst du entscheiden,
Was dunkel bei beiden,
Steh dir nicht im Lichten,
Ein andrer wird richten;
Dir singet der Hirte:
O Lorbeerblatt,
Wie bist du platt,
Wie zierlich ist Myrte.
Ich grüss euch, ihr Myrten,
Ach Freunde, wir irrten,
Uns waren die Welten
Zu enge zum Schelten;
Die Ecke der Laube
Voll Düsterkeit
Ist überweit
Der girrenden Taube.
Ihr fröhlichen Seelen,
Euch will ich erwählen,
Die über das Leben
Mit Flügeln entschweben,
Ich möcht euch erdrücken
Mit süssem Kuss, -
Ich will, ich muss,
Ich kann euch beglücken.«
 
                                Zehntes Kapitel
      Der Kammerjunker, die Mamsell, der Primaner müssen Italien besingen
Der Minister schüttelte mit dem Kopfe, nachdem er das Lied gelesen. »Sonderbar«,
sagte er, »dass sich der Unsinn so leicht behält, während ich das Sinnvollste
gleich vergesse, ich weiss das ganze Wortgequäle beim ersten Lesen auswendig;
zwar verstehe ich wohl, was es sagen will: sie erhebt sich aus dem Drucke der
Zeit in die höheren Regionen, und gewinnt dort Kraft, um zu einem heiligen
Kriege zurückzukehren, das Kriegerische erscheint ihr dann leer, und die Liebe
beglückend; aber warum ist das nicht kurz vorgetragen, wie ich es eben getan
habe; und darin finde ich einen Hauptmoment der Schwermut, zu dem Nächsten erst
durch die entferntesten Umschweife gelangen zu können, da muss sich die Rede bald
zwischen mehreren Personen, bald durch wunderliche Reime zerspalten; ein
verständiger Mensch bleibt lieber sich selbst eins und ganz.« - Zufällig machte
ihm in dieser Stunde ein Kammerjunker die Aufwartung, der mit seinen Versen dem
ganzen Hof genug zu lesen gab; er sagte ihm, dass er fürchtete, die würdige
Fürstin möchte in unheilbare Schwermut versinken, weil sie sich ewig bemühe, in
dem unendlich tiefen Strudel der Zeit den Grund zu sehen; sie müsse ernstaft
beraten werden, Luft und Lebensweise zu verwandeln, von ihren Gewohnheiten,
freudigen und traurigen, gleich weit entrückt, und da wäre Italien ihr wohl
besonders anzuraten, dies Land vermöchte allein die Verwandlung und entschädige
für alles Mögliche, selbst für manches Unmögliche die poetischen Gemüter. -
Lächelnd sah er hier den Kammerjunker an, und fuhr nach einer Pause langsam
fort: »Mignons herrlicher Gesang wäre vielleicht das Wirksamste, sie dazu
anzumahnen, aber sie kennt ihn lange und zu einem neuen Entschlusse gehört eine
neue Einwirkung; schon habe ich mit meinem Rate vorgearbeitet, doch hat sie
nicht gern, wenn ihr ein andrer mit einer Erfindung über sich zuvor eilt; können
Sie vielleicht durch ein angemessenes Spiel diesen Reisegedanken in ihr
festsetzen?« - Der junge Mann fand sich durch den Auftrag geehrt; insbesondere
freute er sich, dass er seiner Sehnsucht nach Italien in der Art der meisten
jungen Leute schon heimlich in Worten Luft gemacht hatte, also keiner
pflichtmässigen Ausarbeitung dazu bedurfte; er versprach, am Abend ein Gedicht
seiner Erfindung ihm zu überbringen und es mit einer geschickten jungen Tänzerin
aufzuführen. - Er hielt Wort, war aber befremdet, bei dem Minister einen
Nebenbuhler in der Verskunst, einen Primaner der Stadtschule zu finden, dessen
Fischkopf sehr wunderlich zu seinen feurigen Gedichten aussah; leicht entlockte
er ihm durch Fragen, dass er in gleichen Aufträgen wie er selbst sich dort
eingefunden habe. »Der Minister kann es doch nicht lassen«, sagte er in sich,
»wo er die Kunst zu beschützen scheint, geschieht es doch nur, um die Künstler
zu verspotten; mich mit dem fischköpfigen Burschen in einen Wettstreit zu
bringen! Hätte ich das vorausgewusst, wenigstens hätte ich meine letzten Strophen
mehr auszufeilen gesucht.« - Mit angenehmer freier Beweglichkeit trat bald auch
eine Mamsell in etwas schmutziger hängender, weichfaltiger Kleidung herein,
wenig verwachsen, aber um so künstlicher bemüht dies wenige zu verstecken; ihr
Gesicht hätte angenehm sein können, wäre es nicht beim Sprechen in Gefahr
gewesen von dem grossen Munde verschluckt zu werden. Die ministerielle
Anerkennung ihres Dichtertalents hatte sie heute ausser Fassung gesetzt; sie
platzte gleich mit ihrem Auftrage heraus, ohne zu ahnden, dass sie zwei
Mitbewerber ihres Ruhmes dort vorgefunden. Sehr unbefangen bat sie der
Kammerjunker die liebliche Eingebung ihrer Muse vorzulesen; die Mamsell liess
sich auch nicht lange bitten:
Lieg ich in der Freundin Armen,
Weine und nicht weiss warum,
Sie ist traurig, ich bin stumm,
Bis die Lippen mir erwarmen,
Ach dann schwebt es auf der Zunge,
Wäre ich doch nur ein Junge!
Wäre ich doch nur ein Junge,
Gingen wir in weite Welt,
Treulich wären wir gesellt,
Hielten uns noch fest umschlungen,
Wenn sich an der Welten Ende,
Mein Italien einst fände.
Wenn ich mein Italien fände,
Höhlten wir ein kleines Haus
Uns in Herkulanum aus,
Wo die schön bemalten Wände;
Wie die Schwalben in dem Sande
Bauten wir uns an im Lande.
Bauten wir uns an im Lande,
Steckten manches Flügelkind
In das Körbchen schnell geschwind,
Und verkauften's ohne Schande;
Leutchen, wer kauft Liebesgötter,
Ach es ist so liebreich Wetter.
Ach es ist so liebreich Wetter,
Kauft, ihr Mädchen jung und schön!
Eine kommt sie anzusehen,
Spricht: »Das sind die Liebesgötter?«
Ei bewahre, das sind Tauben,
Eine nur gehört zum Glauben.
Eine, die gehört zum Glauben,
Doch die Liebe alle braucht,
Und zum Boten jede taugt,
Lässt sich nicht ihr Brieflein rauben,
Als wo sie den Liebsten wittert,
Der sie oft mit Zucker füttert.
»Sehr richtig«, sagte der Kammerjunker, »die orientalischen Liebestauben müssen
mit Zuckerkandis gefüttert werden.« - »Sie haben das Gedicht nach dem alten
Gemälde verfertigt, wo eine Frau Liebesgötter wie Tauben an den Flügeln zum
Verkauf aus dem Korbe hebt und vorzeigt«, meinte neidisch der Fischkopf. - »Es
ist ganz eigen mir«, sagte sie, »alles wird bei mir zum Bilde und jedes Bild zum
Gedichte.« - »Ei«, sagte der Minister mit seinem tiefen Basse zwischenredend,
nachdem er lange an der offenen Seitentüre gestanden, »dass Ihnen Ihr Gedicht nur
nicht zur Wahrheit wird und Sie, mein schönes Kind zum Jungen, oder Ihre
Nachtigallen, die ich heute noch bewundert habe, zu lauter kleinen Kindern.« -
»Immerhin«, antwortete sie, »ich habe mir stets Kinder gewünscht, wenn ich nur
nicht deswegen zu heiraten brauchte; ich bin bei meiner Schwester an
Kindergeschwätz so gewöhnt, dass ich es jetzt sehr vermisse; in jeder flüsternden
Welle glaub ich's zu hören.« - Der Primaner raunte hier dem Kammerjunker
ziemlich ungeschliffen ins Ohr: »Hat sie uns wohl je so was Schönes hören
lassen; sie setzt sich dem Minister zu Ehren auf ihr Paradepferd.« - »Es ist
etwas unsicher«, antwortete der Kammerjunker, »denn Wasser hat keine Balken.« -
Der Minister sagte unterdessen mit einer Miene, die wenigstens eine
Liebeserklärung andeutete: »Zur Kinderzucht gehört sehr viel lästige
Reinlichkeit, wie zur Liebe.« - Ohne alle Verlegenheit antwortete sie, die
Mutter hätte kein Herz, die nicht selbst den Schmutz ihrer Kinder lieb hätte. -
MINISTER: »Sie haben wohl viel Kinder?« - MAMSELL: »Ausser meinen poetischen nur
meine Tauben, deren Eier ich oft an meinem Busen ausbrüte.« - Bei diesen Worten
tat der Minister, als wenn er sie väterlich umarmen wollte, drückte sie aber so
fest an sich, dass die Eier, die sie an ihrem Busen gerade ausbrütete, krachend
zerplatzten. Lachend über den goldnen Strom, der ihrem Herzen entquoll, stand
rings die poetische Gesellschaft, und dachte über die Ursache nach; Mamsell
vergab dem Minister für den vollwichtigen Kuss den betlehemitischen Kindermord.
Sie reinigte sich sehr leicht, und das Gespräch wendete sich natürlich wieder zu
den verschiedenen Sehnsuchten nach Italien. Der Kammerjunker hatte zwar etwas
mehr Zutrauen gewonnen zu seinem Gedichte seit diesem Rührei, doch fürchtete er
noch den Fischköpfigen. Der Primaner musste voran lesen; er tat es mit zitternder
Heftigkeit, unterdrückt vorschreiend:
                                   Ausbildung
Das Kind
Sternlein des Abends am Leuchtturm der Höhen,
Willst du im Kreise ewig uns drehen,
Keiner erblickt, wo du gegangen,
Warum von Abend nach Morgen verlangen?
Lieber in Blitzen möcht ich erblinden,
Als in den tauenden Wolken verschwinden,
Hinter den Wolken harrend zu stehen,
Ist nur ein langsam verzweifelnd Vergehen.
Der Abendstern
Kindlein, ich leuchte dir nicht alleine,
Komm in des Südens himmlische reine
Immer verklärte, verklärende Lüfte,
Nimmer bestehn da umnebelnde Düfte.
Sonnendurchstrahlet müssen sie sinken,
Schöner in glühenden Früchten zu winken,
Bilden sie weichlich das Bette der Sonne,
Immer sich opfernd, sich ehrend in Wonne.
Ich nur bestehe den Menschen zum Zeichen,
Flügel den Armen unfühlbar zu reichen,
Wert ist das Glück nur der menschlichen Mühe,
Genius bin ich der ahndenden Frühe.
Will sich der Wärme feuriger Regen
Abends und Morgens auf Ferne hinlegen,
Warum verschmachten danach und erfrieren?
Lass dich zur goldenen Ferne hinführen.
Schuldlose Herzen trauen der Ferne,
Nimmer veralten ihnen die Sterne,
Warnen heut, lächeln dann morgen auch wieder,
Abend und Morgen sind himmlische Brüder.
Ja ich komm wieder! Schwankt dann der Boden,
Fangen die Netze des Dunkels den Oden;
Siehe nach mir, denn wisse, mein Flügel
Wecket dich auf an dem Römischen Hügel.
Das Kind
Ja das ist Roma, selber die Trümmer
Fügen sich wieder zum herrlichen Schimmer,
Lasset die Erde taumelnd nur schwanken,
Trägt sie mein Glück doch und meine Gedanken.
Schimmern die Tempel bei Kirchen so dichte,
Himmlische Wüste umschliesset sie lichte,
Langsam die Tiber, Sehnsucht im Blicke,
Fliesst sie zum Meere und wünscht sich zurücke.
Bin ich geworden, bin ich vollkommen,
Gestern ein Kindlein, bang und beklommen;
Heut in Italien findet mein Sehnen
Endlich des Busens hochherrliches Dehnen.
Ist dies die Heimat? Ist dies die Fremde?
Wie ist es kommen, dass ich mich grämte?
Schwimmen die Äpfel nicht golden im Bache,
Wenn ich erinnernd und hoffend erwache.
Wisst, wo die fröhlichen Mädchen noch hausen,
Nimmer die Stürme des Nordens einbrausen,
Merkt, dass Italien die schwimmende Insel,
Fliehend das stürmische Menschengewinsel.
Lachet ihr Mädchen, sehet, sie weilet,
Nicht mit dem Morgenrot wieder zerteilt,
Alle Erinn'rung im Schilfe da rauschet,
Alles Ersinnen im Atem sich tauschet.
Sehet, auf tausend hellströmenden Wellen
Herrliche Freunde zu uns sich gesellen
Und in dem blumigen Meere der Wiesen
Lasset die Stimmen tauchen und fliessen.
Saget, was sind das für heil'ge neun Schwestern,
Ferne auf Sternen erblickt ich sie gestern,
Kommen mit Masken und Flöten und Leiern,
Jeglichen Morgen Italiens zu feiern?
Der Morgenstern
Musensohn, kennest du noch nicht die Musen,
Fühlst du nicht Liebe zu ihnen im Busen,
Fühlst du nicht Pochen im innersten Herzen,
Und auf den Lippen ein zärtliches Scherzen?
Nur im Genusse kannst du dich bilden,
Und nur die Armut machet den Wilden,
Alles ist nahe, was zu erstreben,
Was unerreichbar, lass es verschweben.
Nach einigem pflichtmässigen Lobe sprach der Minister: »Nicht wahr mein junger
Freund, Sie suchen eine Gelegenheit nach Italien zu reisen; sie meinen, da soll
auf einmal das Dichten ganz anders gehen, da soll kein Reim fehlen, keine Silbe
zu lang sein. Ich glaube, Sie irren sich darin; der Dichter muss mit seiner
Nation, in seiner Sprache leben, denn wenn er auch vollendeter in sich würde, so
fehlte ihm doch das Organ der Mitteilung.« - DER PRIMANER: »Sollte der Dichter
wegen seines Geschicks von der übrigen Welt ausgeschlossen sein, er wäre sehr zu
bedauern und sein Volk könnte ihm nie etwas sein, wenn er über eine schönere
Natur dessen eigentümliche Herrlichkeit vergässe. Nimmermehr! als ich von meiner
ersten Fussreise aus dem Entzücken über die nie ersehenen Berge zurückkam, da
rief es doch tief in mir: die Natur ist doch überall nur schlecht gegen das
göttliche Menschengeschlecht - doch wenn Ihre Exzellenz befehlen.« - »Nun, nun«,
sagte der Minister, »ich will Ihre Anschauung nicht stören, ich habe darin
nichts zu befehlen; ich danke für Ihre Bemühung, das Gedicht soll besorgt
werden.« - Bei diesen Worten entliess er ihn; der arme Primaner, wie gerne wäre
er geblieben, um noch die Wirkung seines Gedichts zu sehen; die Mamsell blieb,
ungeachtet sie auch entlassen war, und der Minister nahm sie und den
Kammerjunker an dem Arm, mit beiden zur Fürstin zu fahren. »Ich bin kein Kenner
von Gedichten, werter Freund«, sagte der Minister, »ich achte nur auf eine
Stimme darüber, auf die allgemeine, wer die gewinnt, hat meine Achtung; ob er
darum gut zu nennen, liegt ausser meinem Kreise, mir ist alle Poesie zu nichts
gut; doch bei der Fürstin tragen Sie dort Ihr Gedicht nach bester
Geschicklichkeit vor.« - »Liebenswürdiger Barbar«, sagte die Mamsell. -
MINISTER: »Ich habe keinen Grund mich zu verstellen; nehme ich es doch auch
keinem andern übel, der sich nach einem glücklichern, einfachern bestimmtern
Ausdruck in Gesetzen und Anordnungen nicht mit gleichem Eifer wie ich bestrebt;
warum gäbe es wohl Dachshunde und Windhunde, wenn wir die Windhunde zum
Dachsgraben uns abzurichten bemühten.« - Unter solchen Gesprächen donnerten sie
in den Schlosshof hinein; die hohen Treppen, die weiten kühlen Säle wurden
gemächlich von dem Minister durchschritten; er hatte etwas Spöttisches, wenn er
die Lakaien so aufgeputzt an den Türen sah, gleichsam als wüsste er etwas mehr
von der Sache, und das unterschied ihn besonders von dem Kammerjunker, dem alles
noch immer den ersten Eindruck von feierlicher Beklommenheit machte. Die Mamsell
fing aus Verlegenheit ein unglaubliches Schwatzen zu treiben an; alles was sie
je gesagt, drängte sich zu dieser Hauptbegebenheit, und wollte auch mit am Hofe
erscheinen. Die Flügel öffneten sich, die Fürstin stand vorleuchtend in einem
sehr glänzenden Kreise zweier reisenden Fürstinnen; der Minister hatte nichts
von deren Ankunft gehört, er dachte die Fürstin bloss in Gesellschaft der Ihren
zu treffen. Doch ohne eine Miene zu verziehen, stellte er die Dichterin trotz
ihrer schwarzen Schleppe und losen Kleidung mit Eiergelb gestickt, der Fürstin
vor, und entschuldigte diese Uniform mit seiner Ungeschicklichkeit, indem er die
Geschichte erzählte; es wurde mit so guter Art gelacht, dass die Mamsell ihr
fürchterliches Schwatzen glücklich fortsetzen konnte. Man bewunderte ihren
Verstand, und lachte; man hörte das Gedicht, und lachte; kurz die ältesten
Hofleute wussten sich keines so lustigen Abends zu erinnern. Unterdessen hatte
der Kammerjunker auch seine Anstalten zur Darstellung seiner italienischen
Sehnsucht gemacht; ein junges, sehr schönes kleines Mädchen war italienisch
angezogen, er selbst wie ein Künstler alter Zeit; er hatte Meissel und ähnliches
Gerät in der Hand; sie schlief unter einem Tamburin auf einem bunten Beutel, der
die ganze Hauswirtschaft zu entalten schien; sein dabei abgesungenes Lied wird
alles, was sie aufführten, näher erklären.
                             Die Tamburinschlägerin
Wie Fliegen summt herum mein Sinn
Und wiegt sich leicht auf Halmen,
Als wollt er sie zermalmen
Und Lachen spielt mir übers Kinn.
Ich tat, als zög ich fort von ihr,
Den Hut beschatten Rosen,
So trat ich zu der Losen
Und sprach: »Ich ziehe fort von hier.
Mich zieht, mich treibt, ich weiss nicht was,
In allen meinen Adern;
Ich fühl ein stockend Hadern,
Ha, fühlt den Puls, die Wangen blass.
Nach Welschland schweift mein feiner Sinn,
Ich bin von Luft getragen,
Die Wolken ziehn den Wagen,
Es rollet laut mein Sinn darin.
Hinab, hinab im Tränenstrom
Zerfliessen meine Augen,
Was können sie mir taugen,
Wenn sie nicht sehn das hohe Rom.«
Sie sah mich an aus losem Schlaf
Misst mich mit grossen Augen,
Muss in die Händchen hauchen,
Um klar zu sehn, was mich betraf.
Dann springt sie von der Rasenbank
Gar leicht auf meinen Rücken,
Ich will mich boshaft bücken,
Doch sie mir nicht vom Rücken sank.
Sie singt mit hellem, hellem Ton:
»So wandern wir nun alle
Im hellen Morgenschalle
Zu unsres Papstes goldnem Tron.
Ich küsse sein Pantöffelein,
Er bittet mich um Küsse,
Damit er sicher wisse,
Ob ich auch eine Christin rein.
Wohlauf, wohlan mein Pegasus,
Ich will dich schön umfassen,
Sollst mich nicht fallen lassen,
Nach Rom ich heut noch reiten muss.
Es flieget neben uns die Welt,
Die Wälder untertauchen,
Von Flammen bunt sie rauchen,
Als wär es heut für uns bestellt.«
Sie singet wie das Morgenblau
Aus allen tausend Orten,
Sie weiss von keinen Worten,
Doch spricht zu ihr die bunte Au.
Uns hebt aus Süd ein süsser Duft
Verspielt in ihren Haaren,
Und aller Träume Scharen,
Sie kommen mit der neuen Luft.
Der Wald ist frei, der Abend mein,
Leg dich ins Gras ganz schnelle
Ein Brünnlein rieselt helle,
Der Mond sieht sich so froh darein.
Sie legt das Köpfchen in die Hand,
Den bunten Beutel unter,
Das Tamburin gar munter
Ist Helm dem Schelm mit Schellenrand.
Hoch aus der Schellen hellem Blitz
Sich drängt der Locken Fülle,
Der Blumen heil'ge Stille
Bewacht sie auf dem sel'gen Sitz.
Da ist, da ist Italia,
Ich fühl im Marmorbilde,
Die Wangen weich und milde,
Mein Liebchen ist Italia.
 
                                Eilftes Kapitel
       Abreise der Fürstin nach Italien. Der Primaner wird ihr Schreiber
Die kleine Tänzerin, die das Gedicht so artig mit schöner Bewegung und Stellung
begleitete, hatte auch dessen Wirkung bestimmt; vielleicht wäre es sonst wie
alle übrigen vorgelesen und vergessen worden. Der Minister bemerkte die
allgemeine Heiterkeit, die es verbreitet hatte, und sagte dem Kammerjunker einen
sehr wohlbestimmten Dank. Seine artige Erfindung wurde zur Veranlassung, dass die
beiden reisenden Fürstinnen ihr Herz über Italien ausschütteten; sie kannten es,
und hatten es in mehreren seiner Hauptorte und Gegenden, so weit es Frauen
vergönnt, genossen; sie beschrieben die Luft so ungemein hell, die Jahreszeiten
so sanft verschmolzen in einander, die Peterskirche so glänzend, den Vesuv so
sprühend; sie ermunterten die Fürstin so beredt zur Reise, der Minister fügte so
wohl gedachte Gründe hinzu, erzählte von seinen beiden Töchtern in der schönsten
Gegend Siziliens, die es sich zur Pflicht machen würden, die Fürstin zu
erheitern, dass der ganze Reiseplan noch denselben Abend entworfen und genehmigt
wurde. Den Regierenden ist es so leicht, über die gewöhnlichen
Beschwerlichkeiten solcher Unternehmungen hinwegzukommen, dass sie in solchen
Plänen gewöhnlich viel bestimmter auf die Ausführung rechnen können: so wurde
Tag und Stunde der Rückkehr ausgerechnet und die ganze Gesellschaft dazu
eingeladen. Mancherlei Hoffnungen und Kabalen der Hofleute, wer die Fürstin
begleiten sollte, zerschnitt sie, indem sie niemand zu ihrer Gesellschaft, nur
wenige zur Bedienung mit sich zu nehmen beschloss, um sich ganz in die fremde
Welt einlassen zu müssen. Den fischköpfigen Primaner nahm sie auf Empfehlung des
Ministers als Schreiber in ihre Dienste, dem Kammerjunker und der Mamsell
schenkte sie Ringe für ihre Bemühung, beide schienen nicht sehr zufrieden.
Einige Stunden der Nacht reichten hin dem Minister die nötigen Vollmachten,
Anordnungen und Pläne einzuhändigen; die Schreiber hatten eine angestrengte
Nacht. Als die Bürger ihre Laden öffneten, rollte die Fürstin in einem leichten
Reisewagen durch die Gassen, ihre Kammerfrau neben ihr, ein Jäger und der
Schreiber auf einem hinten angebrachten bequemen Sitze, der zugleich den Koffer
sicherte; sie selbst hatte ein paar Muskedonner zu ihrer Verteidigung im Wagen
anbringen lassen. Viele verdriessliche Gesichter sahen dem Wagen aus dem Schloss
nach, die armen Leute, die eben zur Arbeit gingen, beneideten das Glück jener,
ruhig vor der Tür stehen zu können; wer ist mit seinem Verhältnisse ganz
zufrieden? Niemand als ein Narr, denn einen Weisen, der das sagen könnte, hat
noch niemand gefunden.
    Wir wünschten, die Fürstin hätte vor dem Antritte ihrer Reise eine
Unterredung gehört, die ich einmal zwischen einem Ausreisenden und einem
Heimkehrenden belauscht habe.
 
                                   Reisefluch
Der Heimkehrende
Ach was treibt der Erde Söhne
Sich zu suchen ferne Leiden?
Grüssen uns die schönsten Töne,
Klagen sie ihr schnelles Scheiden,
Und es schliesset eine Stille
Unsrer Hoffnung reiche Fülle.
Der Ausreisende
In der Fremde stehen Tische,
Jungfrauen schwingen Rosenketten,
Lieblich wehet da die Frische,
Und wer möcht sich da nicht betten,
Und wer bliebe wohl zu Hause
Von dem festlich hohen Schmause?
Der Heimkehrende
All ihr Wandrer, bleibt zu Hause,
Denn ihr sucht, was nicht zu finden,
Denn die Rose welkt beim Schmause
Und die Dornen euch umwinden,
Und zerreisst ihr nicht die andern,
Müsst ihr selbst zerrissen wandern.
Der Ausreisende
Dennoch treibt's mich zu den Bergen,
Aus der gleichen breiten Fläche,
Mich der Sonne zu verbergen
Und zu sehn den Quell der Bäche,
Und den Demant aufzufinden,
Der so selten in den Gründen.
Der Heimkehrende
Dort erstarrt der Liebe Atem,
Demant wird die flüssige Quelle,
Meinst du dann, du hast's erraten,
Wo des Demantauses Schwelle,
Kommst vom Berge mit dem Eise,
Es zerschmilzt in Tränen leise.
Möge der Leser mit diesem Gefühle die Sinnbilder beschauen, welche beide Titel
dieses Buches bezeichnen.
    Die Reiseansichten der Fürstin würden vielleicht mehr Reiz haben, als diese
ernsten Betrachtungen, sie schrieb aber gegen die Gewohnheit ihrer Schwestern
auf Tronen sehr selten und immer nur das Notwendigste; sie sah mit Lust und
Aufmerksamkeit, aber sie gab nicht gerne davon Rechenschaft, nur ein Gespräch
konnte sie zur Ausführlichkeit bringen. Von ihrem ersten Eintritte in Italien
hatte sie den beiden Fürstinnen etwas Schriftliches versprochen; der Brief wurde
aber sehr kurz: sie erklärte darin, dass es eben das Herrlichste an ganz Italien
sei, dass sich nichts davon eigentlich mit Absicht beschreiben lasse; die
Reisebeschreiber jenes Landes, die man bis dahin als sehr lebendig bewundert,
selbst die Dichter scheinen dort ganz töricht, entweder zerfallen ihre Worte in
lauter Flittern, die aufeinander gehäuft sind und keinen Überblick gestatten,
oder sie werden so steif und ärmlich, als hätten sie statt des Landes eine
plastische Landkarte, wie sie in der Schweiz aus Kraftmehl und Moos verfertigt
werden, vor Augen gehabt. »Nur eure mündliche Erzählungen von schöner Wärme
belebt, fallen mir hier zuweilen ein.« So schloss ihr Brief. Je mehr sie der
göttlich verjüngenden Milde des Landes genoss, desto wunderlicher drängte sie das
Verlangen nach einer ganz vertrauten Seele, in der das Vorübergehende einen
Widerschein gebe, sie wünschte sich eine Freundin und hoffte sie in einer der
Töchter des Grafen zu finden; darum eilte sie nach Sizilien, ungeachtet der
Schreiber noch lange nicht alle alte Inschriften kopiert hatte; sein Tagebuch
forderte beinahe schon einen Beiwagen. Es ist unmöglich, ergebener zu sein, als
ihr dieser gute Junge anhing, jedes freundliche Wort, das sie ihm schenkte,
lebte eine Ewigkeit in seinem Gedächtnisse; ihr reicher Geist wirkte ohne
Absicht auf seine Ausbildung, doch müssen wir eingestehen, dass sie ihrem Alter
zum Trotz so wohlerhalten frisch war, dass auch ihre Schönheit einigen Einfluss
auf ihn haben mochte.
 
                                Zwölftes Kapitel
           Ankunft der Fürstin und ihres Schreibers bei der Herzogin
Die Fürstin überraschte die Herzogin in der Mitte ihrer Beschäftigungen, und
fand sich dadurch etwas beleidigt, dass sie in der regelmässigen Ordnung ihres
Lebens sich durch ihre Ankunft in nichts stören liess, vielmehr in ihrer
Gegenwart eine Menge harrender Leute abfertigte. »Nein«, sagte die Fürstin in
sich, »so kalt anteillos, bloss mit dem Allgemeinen beschäftigt, soll meine
Freundin nicht sein«, und liess sich zu der Gräfin führen. Die Gräfin empfing sie
sehr lebendig, freute sich ihrer dauernden Unveränderlichkeit; die Fürstin
meinte schon, ihre ideelle Freundschaft auf ewig geknüpft zu haben, aber die
Kinder schrien und tobten immer dazwischen, und die Gräfin verliess sie um keinen
Preis. Sie wollte mit ihr über Musik und Kunstwerke sprechen, aber das wenige,
was Dolores sonst davon gewusst, hatte sie über das Abc lernender Kinder ganz
vergessen. Die Fürstin langeweilte sich. Endlich trat der Graf herein,
heimkehrend von einer kleinen kriegerischen Unternehmung gegen Raubgesindel,
frisch und fröhlich, wenn gleich über zwölf Jahre älter, als zu der Zeit, wo er
Dolores gewonnen, aber durch die neuen lebendigen Tätigkeiten reichlich
ausgebildet, gewandter, beredter, mitteilender und unternehmender. Die Fürstin
fühlte eine besondre Angst bei seinem Anblicke, niemand war ihr je so herrlich
erschienen, und dabei fühlte sie den Wunsch, ihm recht zu gefallen; ihr
fürstlicher Stolz verliess sie ganz. Die Bilder von Freundinnen verwandelten sich
in einen Freund; sie fand das ihrer ganzen Natur angemessener, die sich nie mit
den Weibern zu längerem Umgange einlassen konnte; an Liebe dachte sie nicht
entfernt. Der Graf hatte eine Freude von ihr über politische Ereignisse das
wahre Gediegene zu hören; ihre Urteile über Kunstwerke stimmten mit seinem
Gefühle und er sagte es ihr offen, dass sie seinen häuslichen Kreis durch ihre
Gegenwart hoch beglücken werde. Die Gräfin freute sich über den Beifall, den ihr
Mann der Fürstin schenkte, sie kannte ihn, dass er nie schmeichle und dass er
gegen manche Frauen sehr strenge gewesen, die ihr recht wohl gefallen. Die
Fürstin schloss sich jetzt der Gräfin und den Kindern viel mehr an, sie wusste
selbst nicht warum; die Kinder hatten alle zu ihr ein mächtiges Zutrauen, und
erzählten ihr kleine Märchen, von denen Sizilien sehr voll ist. Der Graf brachte
sizilianische Sänger, von denen die Fürstin mit geübtem Ohre manches erlernte.
Der erste Vormittag verging so schnell - wie die nächsten Tage, wo die Fürstin
sich in einem Flügel des Schlosses vollkommen eingerichtet hatte.
    Der Schreiber ärgerte sich über dieses ruhige Leben im Schloss, mehr aber,
weil ihn die Fürstin über den Grafen ganz vergessen zu haben schien; sein
Tagebuch sah sie nicht weiter an, auch war hier weniger Eigentümliches zu
bemerken, weil der Graf und die Herzogin manches Deutsche hieher übertragen
hatten. Die Gräfin und die Herzogin genossen erst recht des Umgangs vom Grafen,
seit die Fürstin in ihrer Mitte wohnte; beide gaben ihm sonst nur im praktischen
Geschäfte Gelegenheit, seine Talente zu entwickeln; seine Freude an Künsten
aller Art verschloss er bisher unwillkürlich in sich, weil er seinen Geschmack
den Gesellschaften nie aufdrang, sondern fast immer die Unterhaltung nach der
Sinnesart der andern einzurichten bemüht war. Eifersüchtig konnte die Gräfin auf
die Fürstin nicht werden, denn sie ehrte sie wie eine Mutter, die sie auch sein
konnte, auch hatte sie ein unwandelbares Zutrauen zu der Liebe ihres Mannes.
Einem Manne, der so offen mit sich umging wie der Graf, war es keinen Augenblick
verborgen, dass er eine lebendige Freundschaft zur Fürstin fühle; gewohnt mit
sich zu rechten, fragte er sich, ob das Liebe sei und da dachte er an Dolores,
und fand sein Verhältnis zu ihr so ganz ungestört, seine Neigung ganz
ungeschwächt: er fand, dass ihm die Fürstin eine geistige Unterhaltung gewähre,
die er nie bei Dolores gefunden und nie bei ihr vermisst habe.
    Die arme Fürstin allein fühlte ihre weibliche Natur erwachen. Sie hatte wohl
eigentlich nie geliebt; der Zufall hatte ihre Hand verschenkt, und ihre
Schwachheit wurde nachher von gewandten Männern, wie der Minister, überlistet;
sie war noch so ganz unberührt in ihrem Wesen und es tat ihr so wohl, mit ihrem
ganzen Wesen zu lieben. Kaum konnte sie sich eines Tages halten, als sie den
Grafen auf einem Sofa in der Hitze eingeschlafen fand, ihm nicht um den Hals zu
fallen. Sie hielt sich, denn sie war immer in ihrer Gewalt, doch sie war auch
jetzt ganz entschlossen, ihrer Leidenschaft zu gewähren, doch also, dass der Graf
dadurch in keiner Art von seiner Frau getrennt würde; sie hielt sich und ihn für
hinlänglich ihr überlegen, um jede Verbindung ihr leicht zu verstecken. Alles
sehr wohl überlegt, nur war eins nicht berechnet, dass es einem Weibe sehr schwer
wird, ihre Absichten einem Manne kund zu tun, der keine ähnliche hat, und dass
die Liebe endlich über jede Überlegung hinaus steigen muss, weil eine hohe Natur
sich am wenigsten so künstlichen Verhältnissen unterwerfen kann. Oft war sie
ganz nahe, ihm alles zu bekennen, denn sie meinte, er verstehe sie schon; da
ergriff er plötzlich etwas so Fremdes, sprach so leidenschaftlich davon, dass sie
es ihm bestreiten musste. Nach solchen Streitigkeiten sagte er ihr einmal: »Es
ist doch ein wesentlicher Unterschied zwischen Freundschaft und Liebe, dass uns
in dieser alle kleinen Uneinigkeiten verhasst sind, während uns dort selbst der
Streit willkommen ist, weil er uns zu einem gemeinschaftlich Höheren zwingt; die
Liebe ist in sich zufrieden, die Freundschaft will immer mehr.«
    Der Fürstin kamen solche Betrachtungen sehr ungelegen, sie suchte auf
mancherlei Art dem Grafen ihren Sinn für vertraulichere Verhältnisse darzutun,
den er ihr einmal ganz abgesprochen hatte. Sie dichtete einen Morgengruss, den
sie ihm an einem schönen Morgen vorsang; er musste dabei eine Stimme übernehmen.
                                   Morgengruss
SIE:
Wonne, Wonne, still in Schauern
Dich umfangen, frische Luft,
Sinnend auf die Strahlen lauern
Spielend durch den Morgenduft.
ER:
Sonne, Sonne, dich belauern
Glühendrot im Morgenduft.
SIE:
Atmen, Atmen, nahend Leben,
Wellen in dem Ährenstrom,
Wie des Morgensterns Erheben
Sich verliert im blauen Dom.
ER:
Wie der Lerche laut Erheben
Sich verliert im blauen Dom.
SIE:
Flügel, Flügel der Gedanken
Heben mich zur Sonnenpracht;
Wie die Ströme silbern ranken,
Aus der Berge Mondennacht.
ER:
Enge sind des Mondes Schranken,
Weit, o weit die Sonne lacht.
SIE:
Blumen, Blumen, stille Wesen,
Fülle winkt im tiefen Grund,
Ihr zu Flammen auserlesen
Sinkt auf seinen roten Mund.
ER:
Nieder müde Blüten tauen,
Einen Strauss von ihrer Brust,
Durch die Gluten sie zu schauen,
Wirft der Liebe Sonnenlust.
SIE:
Atmen, Atmen, nahes Leben,
Bebend Herz im Blumenstaat,
Wie zwei Schmetterlinge schweben,
Mund auf Mund gelebet hat.
ER:
Wonne, Wonne, still in Schauern
Dich umfangen, hell Gesicht,
Sonne, Sonne, soll es dauern,
Wie mein Auge taucht in Licht.
Aber das Wort wurde in ihm nicht zu Fleisch; ganz mit der Dichtung und dem
Gesange beschäftigt, lernte er alles ganz eifrig, und kaum hatte er beide
Stimmen sich einstudiert, so beurlaubte er sich, um das Lied seiner Frau
vorzusingen, und die Fürstin stiess mit dem Fusse gegen den Boden. Dolores fand es
ungemein reizend, ihr Blick war verlangend und der Graf verstand ihn. Die
Fürstin sah ärgerlich nach dem Ätna, als der Graf so lange ausblieb. Ihre
Gedanken gönnten ihr alle die Zärtlichkeiten, die er ihr versagte, und sie fuhr
wie aus einem tiefen Schlafe schreckhaft auf, als der Schreiber ihr das Tagebuch
vorzulegen ins Zimmer trat. Sie fertigte ihn schnell ab, setzte sich an ihren
Tisch, und schrieb einen Nachtgruss so feurig, als hätte sie die schönste Nacht
verlebt, und doch in einer Melancholie getränkt, als wär es die letzte.
                                   Nachtgruss
ER:
O deinem Atemzuge
Horche ich feiernd leis,
Er hebet mich im Fluge
Über den Erdenkreis.
SIE:
Dein Atem sanft im Schlafe
Tönt in die Saiten ein,
Du sprichst aus mir im Schlafe
Worte, sie sind nicht mein.
O lieblich waches Schlafen
Einzige einige Ruh
In der Gedanken Hafen,
Singe, ich höre zu.
ER:
Der Alp, der mich gedrücket,
Fliehet vor deinem Klang,
Sein Ross mich fern anblicket,
Hörst du den Hufschlag bang;
Du hörst mein Herz nun schlagen,
Bebt nicht die Erd entzückt,
Sie soll dem Himmel sagen,
Wie sie so hoch beglückt.
SIE:
Du hauchest kühles Feuer
Nieder in meine Ruh,
Viel tönt mein Busen freier,
Schlafe und träume du.
Ich schweb in deinen Träumen
Schon in dem Morgenrot,
Und säusle in den Bäumen
Mitten im Feuertod.
ER:
Ja wie ein wilder Leue
Nächtlich im Walde brüllt,
Bewachet er die Treue,
Die ihm den Schmerz gestillt:
So ruf ich an die Erde,
Die mir mein Haus verschlang,
Dass sie am heil'gen Herde
Uns dann zugleich umfang.
SIE:
Nein stürz mich in den Becher,
Glühend noch raucht der Berg,
Und trink, du schöner Zecher
Alles, was ich verberg.
ER:
Ach all, was birgt dein Auge,
Alles, was birgt dein Herz;
Ich würde Himmel saugen
Mitten im schönsten Schmerz.
BEIDE:
Nein dieser Stunde Feuer,
Nimmer, o nimmer vergeht,
Nein dieser Töne Feier
Nimmer, o nimmer verweht.
Wir leben ohn Besinnen,
Sind wir wohl ausser uns?
Die Tropfen Tau schon rinnen,
Auf uns und über uns.
Wir ruhen auf Silbersaiten
Regend die Melodien;
Tanzend die Elfen schreiten
Übers erwachende Grün.
Nachmittags zeigte sie dem Grafen diesen Doppelgesang, aber ihm gefielen nur
einzelne Strophen; das Austrinken des Vulkans, in den sich die Geliebte
gestürzt, das, behauptete er, sei ganz ein nordisches Bild über Mass und
Möglichkeit; sie liess es sich nicht ausreden. Sonderbar war es, dass in diesen
Tagen eine Erderschütterung gespürt wurde, dass schon die Bewohner der Paläste zu
den Bewohnern der Hütten flohen, doch hatte sie in der Gegend keine andre
Einwirkung gehabt, als bei dem Gartenhause der Herzogin eine warme Quelle zum
Vordringen zu bringen. Durch diesen Umstand und durch die Lage des Gartenhauses,
welches die Aussicht über das Meer hatte, wurde die Fürstin veranlasst, es sich
zur Wohnung zu erbitten; gerne gewährten ihr alle diesen Wunsch und sie wusste
bald durch herrliche Verzierung des Hauses und des Gartens sich dafür dankbar zu
bezeigen. Sie beschäftigte alle Arten von Künstlern dabei und der Graf nahm so
eifrigen Anteil an allem dem, dass die Herzogin mit Sorge manche Vernachlässigung
ihrer eignen Angelegenheiten bemerkte. Sie konnte ihm darüber nichts sagen, denn
was er tat, war guter Wille und Aufopferung von seiner Seite; aber gewiss hätte
er sich einige Zeit von seinem Dekorieren des Landhauses abgemüssigt, wenn er in
dem Tagebuche der Herzogin gelesen hätte: » ... Über tausend Bäume sind durch
die Vergessenheit des Grafen, der die nötigen Arbeiter nicht herbeigeschaft,
vor dem Einpflanzen verdorrt. Lieber Gott, wenn er nur die Hälfte der
Sonnenstrahlen auf sich nehmen sollte, die darum ein ganzes Jahr länger auf die
armen Wanderer und Pilger fallen, er müsste ja verschmachten; darum verzeihe es
ihm, gnädiger Gott.« - Der Graf wiegte sich in einen schönen Traum steter
geistiger Mitteilung, Kunstübung, was ihm alles in dem Umgange der Fürstin
werden sollte; den Schreiber hatte er auch sehr lieb gewonnen, er fand hinter
mancher Schulverdrehteit viel Talent und Bemühung der schönsten Art; er führte
die Fürstin und ihn mit unermüdlichem Eifer in seine reichen Sammlungen von
Antiken und Abgüssen, von Musikalien und Naturprodukten, und bemerkte nicht
dessen Eifersucht gegen ihn wegen der Neigung der Fürstin, die ihm oft sehr
wunderbar mit spielte. So zerschmiss er einmal einen schönen Antinous im
Vorzimmer, als der Graf mit der Fürstin lange allein gesessen; und als sie von
dem Falle erschreckt heraustraten, entschuldigte er demütig seine
Ungeschicklichkeit, so dass niemand einen Argwohn hatte.
    Eines Morgens fand die Fürstin den Grafen in ihrem Vorzimmer, der ihr die
Gegend mit allen neuen Anlagen abzeichnete; er hatte ein eigentümliches Talent,
alles auf den ersten Blick richtig und treu zu fassen, und änderte daher selten
an der ersten Skizze. Die Fürstin zeichnete schöner, aber sie dichtete in die
meisten Gegenden eine Menge Verschönerungen hinein. Auch hier nahm sie spielend
einen Bleistift, lehnte sich auf ihn und zeichnete am Vordergrunde, auf den
Grafen gelehnt, eine Ulme; trieb den Stamm aus der Erde, und setzte leicht die
Umrisse, aber die Äste liess sie hervorgehen wie kühne Leidenschaften, die das
Geblüt zu Laub heraustreiben; da entstand das Dunkel, wo im Durchschauen des
ersten und zweiten Laubes kein Blatt mehr zu erkennen, das Dunkel, wo die Vögel
nisten. Sie arbeitete so eifrig, dass ihr der eigne Atem wie der hoffnungsreiche
Ostwind vorkam, der die leichten Zweige hebt und fallen lässt, dass die Schatten
lustig auf dem Boden spielen, und da war ihr, als harrte sie des Grafen unter
dem Baume und er sässe in dessen dunkler Krone und lasse ihr neckend allerlei
Blätter in den Busen fallen, und sie täte, als ob sie ihn nicht merke. Von dem
allen stand nichts da; der Baum war kaum angelegt und der Graf, der gerade an
dieser Stelle arbeiten wollte, wischte ihn eilfertig mit dem elastischen Harze
aus, und sie musste zusehen, wie er zerstört wurde, der alle ihre Zärtlichkeit
trug. Der unglücklichen Frau wurde fast ohnmächtig; der Baum war ihr lieb
gewesen wie ein Erstling der Liebe, hundert Bäume konnten an der Stelle wieder
gezeichnet werden, aber kein Baum wie dieser, der alle ihre Lust verbarg. »Was
weiss ich denn von ihm«, dachte die Fürstin, »wenn er so gar nichts von mir weiss,
dass er unbewusst das Liebste mir zerstören kann, bis auf die letzten
widerstrebenden tiefsten Züge, die sich noch jammernd an das Papier legten; es
ist mein Geblüt, was noch in dem Stamme treibt.« - In diesem Augenblicke, noch
ehe die Lücke wieder vollgezeichnet, rief Dolores den Grafen; er eilte fort, und
die Fürstin setzte sich eifrig an seine Stelle und malte ihren lieben kleinen
Baum wieder an die Stelle und viel schöner und reicher an umschlingendem
Weinlaube ausgestattet; dann setzte sie sich an ihren Flügel, phantasierte wild
umher und sang endlich mit entschlossener Stimme:
Nur was ich liebe, das ist mein,
Und kann nur immer meiner werden,
Du weisst von nichts, du lässt mich ganz allein,
Was ich in dir geliebt, das bleibt doch mein.
Gehört dem Flügel dieser Ton,
Den meine Finger traurig weckten?
Nein du bist mein, dir selber recht zum Hohn,
Was ich in dir erweckt, gehört mir schon.
Dein Haus ist mein, denn ach von dir
Umschliesst es so viel schöne Kinder;
Ist mein die Perle, so gehört auch mir
Die Schale, deines Leibes schöne Zier.
Ich geb die Seele, du bist mein,
Du schöner Teufel musst mir dienen,
Hast mich verführt mit schönem Augenschein,
Sei alles falsch und leer, du bist doch mein.
Vielleicht war es in derselben Stunde, während die Fürstin so heftig zu ihrem
Flügel sang, wo der Schreiber, (den der Graf ein paarmal, um ihn zu witzigen,
etwas scharf angesprochen, als er sich gar zu weise gemacht), nachdem er die
ersten Wallungen seines Zornes überwunden hatte, mit einem beruhigenden Blicke
seine Arbeiten betrachtete und sich mit stillen Bitten an seinen Genius wendete;
sicher ist es, er machte an jenem Tage das folgende
                                     Sonett
Mein Genius, du hast mir viel verliehen,
Du kannst, was nie geahndet, mir erschliessen,
Wenn deine Blicke flüchtig mich begrüssen,
Durch dich gedeiht mir jegliches Bemühen.
O könnt ich dich mit meinem Arm umschliessen,
Dass du dich nimmer könntest mir entziehen,
Dass meine Wangen nie von Scham erglühen,
Verlässt mich Witz, wo andrer Witze fliessen.
Schaff mich gewiss und fest in allen meinen Kräften,
Dass sie dem Augenblicke willig dienen
So bin ich tüchtig jeglichen Geschäften.
Gleich fern von Furcht und Frechheit in den Mienen,
Lass mich die Blicke frei auf andre heften,
Und aller Neid soll schwinden im Erkühnen.
Wir überlassen es dem Urteile der Leser, ob sie lieber so wüten möchten wie
jene, oder so ruhig überlegen wie dieser. Diese Überlegung, dieses ewige
Betrachten, in dem sich sein ganzes Wesen verlor, während es sich recht tief zu
erfassen meinte, war in seiner frühesten Zeit begründet. Er war einer der
geschicktesten Schüler seiner Stadt; zwar von armen Eltern, aber überall durch
Fleiss ausgezeichnet. Einem Lehrer seiner Schule war er besonders anvertraut und
strebte mit unaufhaltsamer Leidenschaft diesem seinem Muster in allem, sowohl in
Kenntnissen als im Äussern gleich zu werden; in diesem Streben hatte er dessen
ganze Bibliotek durchgelesen, einige Bücher ausgenommen, die jener in einem
besonderen Schranke aufbewahrte, und mit denen er sich zuweilen halbe Tage
verschloss. Viele Monate hatte er gesonnen, wie er zu diesem Schatze gelangen
könnte; in halbem Fieber durch die Furcht entdeckt zu werden, und von der Höhe
allgemeiner Liebe und Ehre zur Schadenfreude aller herabgestürzt zu werden,
versuchte er nacheinander alle Schlüssel, die er sich verschaffen konnte.
Endlich an einem heissen Nachmittage, wo er sich wegen einer Arbeit vom Ausgehen
losgebeten hatte, gelang es ihm mit einem Schlüssel, den ihm ein Dieb bei seiner
Arretierung zugeworfen hatte, den geheimnisvollen Schrank zu öffnen; mit
klopfendem Herzen durchblätterte er ein kleines Büchlein, das einzige, was darin
entalten war. Es war das dem Meursius untergeschobene Buch von der Eleganz der
lateinischen Sprache, und wie es erst der Verdruss kein Buch über geheimnisvolle
Wissenschaften zu finden, aus seiner Hand geworfen, so hob er es bald wieder aus
allgemeiner Neugierde auf, und der sinnliche Brand der Lust in dem Buche, der
sich im tiefsten Verderben der Zeiten zu kühlen suchte, erweckte eine Seite in
ihm, die bis dahin tief geschlummert hatte. Er las sich heiss an dem Buche, dass
ihm der Atem verging; ganz gegenwärtig umschwebten ihn alle schändlichen Lüste
verwilderter Naturen, fast mit Gewalt musste er sich losreissen, als der Lehrer
kam, der bald mit Verwunderung sein fremdes Wesen bemerkte. Mit Lügen wusste er
sich durchzuhelfen, Lüge wurde sein ganzes Leben zu andern. Da er weder reich
noch schön war, so konnte er seine erweckten Begierden schwer befriedigen; da er
den Ruhm des Fleisses und der Geschicklichkeit über alles liebte, konnte er auch
nicht so viel Zeit jenen Gedanken, die ihn innerlich ergötzten, hingeben; ja er
machte sich schmerzliche Vorwürfe darüber, kaufte jeden sündigen Augenblick mit
Stunden des Fleisses, strafte sich für jeden Gedanken: so kam er zu jenem ewigen
Bewusstsein, das ihn in jeder selbst überlassenen Minute schreckhaft aufquälte;
für sein innerliches Leben hatte er keinen Freund mehr, er schämte sich dessen.
Je tiefer wir in uns versinken,
Je näher dringen wir zur Hölle,
Bald fühlen wir des Glutstroms Welle,
Und müssen bald darin vertrinken;
Er zehrt das Fleisch von unserm Leibe,
Und öde wird's im Zeitvertreibe,
In uns ist Tod!
Die Welt ist Gott!
O Mensch, lass nicht vom Menschen los,
Ist deine Sünde noch so gross
Meid nur die Sehnsucht nach den Sünden,
So kannst du noch viel Gnade finden;
Wer hat die Gnade noch ermessen?
Es kann der Mensch so viel vergessen!
 
                              Dreizehntes Kapitel
     Der Besuch der Obristin. Die Fürstin besteigt mit dem Grafen den Ätna.
     Nächtliche Verwechselung. Die Meerfahrt. Der Prinz von Palagonien. Die
                    Mineraliensammlung. Johannes und Hyolda
In dieser Zeit wurde die Herzogin von der alten Obristin, die sie nach Sizilien
geführt hatte, sehr angenehm überrascht. Diese heitre alte Frau, die sich mit
einem gewissen Stolze als die Schöpferin alles Glücks dieses Hauses ehren liess,
trat auch gewissermassen herrschend darin auf, da selbst die Herzogin aus
Ehrfurcht gegen sie manche ihrer gewohnten Beschäftigungen aussetzte. Die
Obristin hasste das Schulehalten, das Bessern, ihr war alles so ganz recht, wie
es in der Welt gegangen und wie es geht; keine Lustbarkeit war ihr burlesk
genug, immer fügte sie noch etwas als höchste Spitze hinzu, und ihr kleidete
manches, was einer jüngeren Frau nicht verziehen worden wäre. »Was sind das für
junge Leute«, rief sie kurz nach ihrem Eintritte, »das lacht nicht, das springt
nicht, das tanzt nicht; als ich in eurem Alter war, ritt ich noch die
Treppengeländer herunter.« Besonders aber war ihr Dolores Gegenstand des
Spottes, weil die sonst am meisten von allen in ihre Lustbarkeiten eingegangen
und jetzt in manchen fremden Gedanken über ihren Mann vertieft, manches
überhörte, wenigstens zu keiner Ausführung brachte. Sie hetzte alle ihre Kinder
gegen sie auf, dass sie ihr keinen Augenblick Ruhe liessen, und wollte sich dann
über die Not der guten Mutter, allen helfen zu wollen, halb krank lachen. Die
Fürstin merkte bald ihre Laune, und obgleich viel betrübter in sich, hatte sie
doch in ihrem mannigfaltigen Leben genug Herrschaft über sich gewonnen so etwas
mit dem heissen Mantel der gezwungenen Lustbarkeit wohl zu bedecken; sie
entzückte die Obristin, die sie Mutter nannte, indem sie ihren Willen immer
vollständig ausführte. Da wurden alle die alten Pfänderspiele durchgespielt,
welche die Obristin in ihrer Jugend gelernt hatte; ihre Hauptfreude war ein
grosses Küssen zu veranlassen; bald musste einer in den Brunnen fallen, bald
unzählige Sterne zählen. Zu solchem Sternzählen brachte sie auch nicht ohne
Absicht, um sich an der Verlegenheit des regierenden Hauptes zu ergötzen, den
Grafen und die Fürstin zusammen; aber sie dachte nicht, welche Flammen und
welche Liebessterne sie in dem Herzen der armen Fürstin damit entzündete; noch
nicht zufrieden mit diesem Spasse, brachte sie auch den Schreiber mit der Fürstin
zusammen, indem er mehrere Ellen tief in einen Brunnen gefallen. Der arme Junge
wurde so rot von diesen Küssen, dass ihn die Obristin den ganzen Abend damit
neckte, er sei in seine Herrschaft verliebt; er hatte sich auf seiner Reise
wirklich sehr verschönert und sah in seiner Bescheidenheit recht wohl aus. Bis
in die Nacht musste gesungen werden und dann hatte sie sicher das Bettzeug von
einigen zusammennähen lassen, und frühmorgens war sie sicher schon zuerst auf
und erweckte alle die Schläfer mit irgend einem Schrecknisse. Sie hatte in sich
ganz unverändert die ganze Masse verwegener Lustigkeiten bewahrt, die sonst die
deutschen Schlösser durchtobte, die sich alles erlaubte und alles vergab, und
ein fröhliches Toben aller dem zierlichsten Witze der einzelnen vorzog, die
jetzt meist als Erzähler oder Vorleser die eigentümliche Tätigkeit der andern
einschlafen lassen. Sie hatte eine gewisse Härte in ihrer Art zu reden, war aber
gegen alle Leidende sehr hülfreich; wo sich andre aus Ekel wegwendeten, da stand
sie mit Klugheit und Ergebung bei; so sprach sie lachend von der Gebrechlichkeit
ihres alten Mannes, aber sie pflegte seiner als Frau und Magd zugleich; ihm
schrieb sie alle Tage in Knittelversen, was vorgegangen, und machte so eine Art
lächerliche Zeitung, wozu jeder sich beeiferte irgend einen wunderlichen Zug zu
liefern. Die Geschichte des Pfänderspiels schloss sie mit den Worten:
Die Frau Fürstin und der Herr Graf
Zählten die Sterne bis es zutraf,
Die Frau Fürstin fand's immer noch nicht richtig,
Sie wurde noch immer einen Stern ansichtig,
Es schien ihr das Zählen gar sehr zu gefallen,
Da liess ich ihren Schreiber in den Brunnen fallen,
Gar viele, viele Ellen tief,
Dass er gar erbärmlich rief;
Sie musste mühsam hinaus ihn ziehen,
Dass beiden von der Arbeit die Backen recht glühen.
Seit diesem Sternenzählen kränkelte die Fürstin; ihre wachsende Neigung zum
Grafen und seine Unverständigkeit, die nicht zu erraten, kränkten sie tief. Die
Obristin schrieb dies Übelbefinden dem sitzenden Leben zu, und ermahnte sie eine
Fussreise nach dem Ätna zu machen; der Graf könne sie begleiten, während sie noch
ein paar Tage recht vertraulich mit ihren beiden Pflegetöchtern zubringen wolle;
sie wisse nicht, ob sie je wieder bei ihnen sein werde, da ihr Alter ihre
Munterkeit mit überlegener Zahl endlich einmal schnell besiegen könne. Der Graf
ergriff diesen Vorschlag mit Lust, die Fürstin war bereit; und so zog er mit ihr
und dem Schreiber am nächsten Morgen aus. Wer kennt Siziliens Reize nicht, alle
Reisebeschreiber alter und neuer Zeit erschöpfen sich in Lob: es ist der
Lustgarten Europens, dessen vereinte Säfte darin zu den wunderbarsten Bäumen und
Blumen treiben, der von Szylla und Charybdis gegen äussere Feinde bewacht, nur in
seinem Innern einen jetzt fast beschwichtigten, einst aber furchtbar tobenden
und zerstörenden Feind, den Ätna trägt, der unzähligmal die friedlichen Ölbäume
mit seinen Feuerströmen bedeckt hat, während der Schnee in den Klüften seines
Wipfels die Bewohner gegen die heisse Sonne kühlt. Abwechselnd zeigt die Insel
die Spuren der ungeheueren Bevölkerung früherer Zeit: die grossen Stadtmauern
laufen durch öde Feldmarken, in den Überresten eines Teaters liegt zu weilen
der ganze Rest einer Stadt, der es ehemals zum vorübergehenden Vergnügen erbaut
war; dann trifft der Reisende auf so ungeheuere Zerstörung, dass er die Kühnheit
eines Volkes bewundert, das sich mitten darin anzubauen wagt, und während der
Arbeit, die so oft vergebens gewesen, wie bei einem Spiele alles absingt, was
andre Völker träge, langsam und verdrossen sprechen. Die Sitten, die
Gewohnheiten, die Beschränkungen der andern Welt erscheinen da, wo alles nach
schnellem Genusse strebt, fast lächerrlich, und so fühlte heimlich auch die
Fürstin den Zwang, der sie von dem Grafen trennte, als ein junger Pater ihr in
einem Kloster erzählte, wie leichtsinnig solche Übertretungen der Treue da
abgebeichtet und für das Abbeten eines Rosenkranzes vergeben würden. Der Graf
und der Schreiber waren inzwischen mit den tiefsten antiquarischen
Nachforschungen über einige alte Inschriften in dem Kloster beschäftigt, aus
denen die Fürstin, die sich wieder ins Freie sehnte, sie nur mit Mühe herausriss.
Sie machten diese Reise in kleinen Tagemärschen zu Fuss; ihre Diener blieben in
bestimmter Entfernung von ihnen, um nur im Notfalle ihnen nützlich zu werden; in
jedem Wirtshause, wo sie aber verweilen wollten, war alles Bequeme und
Erquickende im Überfluss voraus angeordnet; der Graf hatte sich in einen Zauberer
verwandelt, der auf jeden Wink der Fürstin einen gedeckten Tisch, ein Ruhebett
herbeischaffen konnte. Einige Tage solcher Reisen machen vertraulicher mit
einander bekannt, als jahrelanger Umgang, es ist deswegen die Gewohnheit der
Neuverheirateten in England sehr lobenswert aus der Kirche in die Welt ganz
einsam mit einander zu fahren, um in ein paar Wochen mit dem ersten Vergnügen
auch alle die störenden Gewohnheiten an einander kennen zu lernen, die sich
sonst wohl verbergen und späterhin zu ungelegener Zeit hervortreten. Wie oft
bedauerte die Fürstin, dass sie den Schreiber mitgenommen; es lag ihr in den
wenigen Tagen ein langes Leben, überall behinderte er ihre Äusserungen, dass sie
dadurch in einen wunderlich gereizten Zustand versetzt wurde. Sie schlief
ungeachtet der Ermüdung wenig und nie sehr fest; die Träume hielten immer noch
einen Laden auf, wo das Weltlicht störend in die alles vergessende Dunkelheit
einblickte; besonders früh war sie an dem Morgen auf, wo sie auf den ersten
Anhöhen des Ätna geschlafen hatten. Es schauderte ihr, als sie den fröhlich
bebauten Bergrücken verliessen, um durch ein Aschenmeer zu dringen, über welchem
die Raubvögel wild seufzten; sie glaubte sich selbst in der Leidenschaftlichkeit
bei ihrem Alter, das schon manches Haar ihr grau gefärbt hatte, darin zu
erkennen und hinter sich in dem fröhlichen Grafen das reichbebaute Land; sie
blieb lange stille. Einige Wolken lagerten sich um sie her; es wurde kalt, aber
ihre Neigung glühte mit dem Fieber, das in ihr begann; sie liess sich fast von
dem Grafen tragen, so lehnte sie sich an ihn. Zufällig und sehr natürlich
erzählte hier der Graf Petrarchs wunderbares Ereignis, als er mit grosser
Beschwerde einen hohen Berg bestiegen und in den »Bekenntnissen« des heiligen
Augustinus mit überraschender Rührung die Worte aufgeschlagen habe: »Die
Menschen gehen hin, die Höhen der Berge, die Wellen des Meeres, die gewaltigen
Ströme, den weiten Umfang des Ozeans und die Kraft der Sterne zu bewundern, und
verlassen sich selbst.« - Diese Geschichte machte einen tiefen Eindruck auf die
Fürstin; sie wollte sich nicht verlassen, so schwor sie in sich und doch konnte
sie nicht vom Grafen lassen, der Kopf ging ihr herum. Sie war so erschöpft, als
sie durch die Schneegegend in die Nähe des Kraters kamen, dass sie einige
Stärkungsmittel nehmen musste; nachher als der Schreiber umherging allerlei Laven
abzuschlagen, drängte sie sich mit vieler Kühnheit immer weiter vor, durch die
schwarzen Steinmassen und den lockeren beschneiten Boden, bei den rauchenden
Schornsteinen vorbei, nach dem Krater. Der Graf rief ihr zu, sie möchte sich
doch in acht nehmen, und sprang ihr nach, sie aber fragte ihn heftig
vorschreitend: »Sind Sie mein Freund, mein bester Freund?« - Der Graf begriff
sie nicht; er glaubte, das starke Getränk habe sie in der dünnen Luft berauscht,
sprang ganz zu ihr hin, hielt sie heftig und sagte bestürzt: »Und Sie glauben
nicht an mich?« - Die Fürstin suchte sich loszureissen und flehete: »Lassen Sie
mich, mit der Überzeugung, einziger Freund, will ich unten bei den erschlagenen
Himmelsstürmern Ruhe suchen.« - In dem Augenblicke machte sie einen Versuch sich
herabzustürzen, aber der Graf hielt sie kräftig und gefasst, trug sie fort und
sagte: »Gut, dass ich dabei war, das ist ganz die Art des Schwindels, wie ich
gehört habe, aus Furcht vor dem Fallen stürzen sich die Schwindelnden meist
hinab.« - Die Fürstin liess sich jetzt ruhig hinunterführen; es war nur eine
Anwandlung in ihr gewesen, diese Sterbelust, die sich wieder ganz in
Zärtlichkeiten gegen den Grafen auflöste, der sie davon errettet, ausströmend in
stillen Blicken zu ihm. Sie kamen spät und sehr ermüdet nach einem Wirtshause am
Fusse des Berges, wo alles auf sie wartete; der Schreiber war ganz verschlossen,
der Graf noch immer verwundert, die Fürstin fing an leichtsinnig beredter zu
werden, seit dem gefährlichen Ereignisse, über das sie spottete. So verging das
Abendessen, wobei sehr stark getrunken wurde, denn der Wein war vortrefflich und
allesamt sehr durstig geworden; alle glühten von der scharfen Luft, die sie
durchstrichen hatten. Der Schreiber verliess zuerst die Gesellschaft, um nicht
durch sein Einschlafen das Lachen immer wieder zu erwecken. Bald stand auch die
Fürstin auf; sie wankte von Müdigkeit und der Wirt und der Graf begleiteten sie
bis vor ihr Schlafzimmer. Im Vorbeigehen sagte der Wirt: »Hier Herr Graf ist Ihr
Zimmer.« - Die Fürstin drückte dem Grafen die Hand zum Nachtgrusse, er drückte
ihre Hand freundlich wieder, sie sang: »Nein dieses Tages Feuer nimmer, o nimmer
vergeht!« Der Graf fiel ein: »Nein, dieser Töne Feier nimmer, o nimmer verweht.«
So schieden sie. Der Graf ging in sein Zimmer, fand aber, dass sich der Schreiber
aus Versehen schon darin festgelegt habe und fest eingeschlafen sei; ohne
Verdruss machte er die Türe leise zu, und nahm dessen schlechteres Zimmer und
Bett ein; es gab auf der Welt keinen wohlwollendern Mann gegen die Jugend.
    Die Fürstin befand sich von der Anstrengung, von dem Wachen, von der
Gemütsbewegung in einem fieberhaften Zustande; sie legte sich mit dem Vorsatze
ins Bett, alles zu verschlafen, aber sie konnte es nicht aushalten, es quälte
sie ein Gedanke wie ein eingebrannter Buchstabe, was der Graf jetzt von dem
Vorfalle denken möchte. Sie musste dem Grafen alles erklären; sie schlich in sein
Zimmer, das ihr vom Wirte bezeichnet war. In der Dunkelheit konnte sie es nicht
bemerken, dass sie ihn verfehlt hatte; der, den sie traf, beschwichtigte so bald
ihren Mund, sie fühlte sich so ganz beglückt und sie liess ihr Bild in einer
goldnen Fassung dem Freunde zurück, dass er seines Traumes Gewissheit erkenne.
    Am andern Morgen war sie sehr heiter, sie empfing den Grafen so vertraulich,
dass dieser meinte, alles ängstlich Gezwungene, was ihn in den letzten Tagen an
ihr geängstet, sei in dem Krampfe des vorigen Tages untergegangen. Der
Schreiber, der sonst immer zuerst von allen wach war, und im Hause anordnete,
kam diesmal später zum Vorschein und entschuldigte sich damit, dass er vor den
Wanzen nicht ruhig habe schlafen können; der Graf vermied es ihm seine
Zimmerwechselung vorzuhalten, um ihn nicht noch mehr zu beschämen, da er schon
jetzt wegen der Verspätung sehr verlegen erschien. Die Rückreise wurde nach dem
Wunsche der Fürstin sehr eilfertig im Wagen gemacht; der ausgezeichnete Punkt
der Ätna, der sie immer zum ruhigen Ertragen aller Beschwerden angemahnt hatte,
war nun erstiegen, sie hatte ihr Ziel erreicht. Befremdend war es ihr, während
dieser Rückreise den Grafen ganz unverändert in jedem Blicke, in jedem Worte wie
den Tag vorher zu finden, während sich in ihr alles vorhergehende Leben so froh
erloschen zeigte; ununterbrochen war er beschäftigt, alles zu ordnen, was er
seiner Frau an mancherlei Merkwürdigkeiten zusammengesucht hatte.
    Der Graf und die Fürstin wurden auf dem Schloss mit vielen Küssen
empfangen; die Obristin war schon verreist, hatte aber noch ein Blatt
Knittelverse für die Reisenden zurückgelassen.
    Merkwürdig ist es, dass weder jetzt noch früher die Herzogin irgend etwas von
der Leidenschaft der Fürstin bemerkte; teils war sie zuviel beschäftigt, teils
zu unbekannt mit den verschiedenen Äusserungen der Liebe. Dem Blicke der Gräfin
war diese Leidenschaft der Fürstin für ihren Mann nicht entgangen, aber ihr
Zutrauen zu ihm blieb unwandelbar; sie glaubte es eine notwendige Busse für ihre
frühere Verwirrung von ihren Besorgnissen niemand sagen zu dürfen; was er auch
tun mochte, sie war nicht berechtigt ihm Vorwürfe zu machen. Mit hoher
Festigkeit verschwieg sie jedem ihre Qual, als sie beide der Versuchung einer
Reise sich so unbesorgt aussetzen sah; sie verschwieg es, als sie den Äusserungen
der Fürstin zu entahnden meinte, dass sie mit ihrem Manne in enger
Vertraulichkeit lebe. Gebet war ihr Trost; sie mochte nicht beichten, was ihrem
Manne nachteilig, und damit ihr Beten nicht auffallend sein könnte den alles
bemerkenden Kindern, so gewöhnte sie sich ein stilles Gebet an, das keinem
hörbar, keinem sichtbar, durch die gewöhnlichen Beschäftigungen nicht gestört
wurde, wobei sie sich nur zuweilen vertiefte, als habe sie geschlafen. Während
dieses Gebets glaubte sie eines Morgens die Stimme des verstorbenen Bedienten zu
hören, der sie ängstlich gerufen; sie ging verwundert nach dem Vorsaale, woher
der Ton zu kommen schien, und sah eins ihrer Kinder, die kleine Magdalena, die
sich über ein Treppengeländer übergelehnt hatte, und im Herabstürzen zu sein
schien. Sie ergriff das Kind am Kleide und erhielt es mit leichter Mühe, und von
diesem Augenblicke an durchdrang sie eine Zuversicht, dass Gott sie nicht
verlasse, dass ihr Mann ihr nimmermehr untreu werde.
    Doch erschütterte ein andrer Vorfall zwei Tage darauf ihr ganzes Gemüt. Bei
einer Meerfahrt, die der Graf zu Ehren der Fürstin auf purpurnen Böten, mit
Musik besetzt, von vergoldeten Rudern getrieben, an einem sonnigen stillen Tage
veranstaltet hatte, wo sich jedes in Erzählungen vergangener Geschichten
ausliess, zeigte der Graf der Fürstin den Ring der Apostel, in deren Mitte
Christus, den Dolores noch immer an ihrem Finger trug. Die Fürstin erbat ihn
sich; Dolores verwunderte sich, dass er diesmal von ihrem Finger liess, da er
sonst nur sehr schwer abzustreifen war. Die Fürstin glaubte in dem Ringe einen
besondern Talisman für die Treue des Grafen zu erkennen; sie wünschte ihn
vernichtet und gleich begünstigte ein Zufall ihren Wunsch: ein paar Kinder
traten lebhaft nach einer Seite, das Boot schwankte, die Fürstin schrie auf, und
der Ring schnellte aus ihrer Hand ins Meer. Die Gräfin war untröstlich, aber der
Graf, der den Unfall nicht minder tief empfand, hatte mehr Gewalt über sich; er
wollte nicht die verehrte Freundin durch Vorwürfe kränken; er bat seine Frau
sehr zärtlich, dies kleine Zeichen ihrer Liebe nicht so zu beweinen, da ihnen so
viel grössere übrig blieben. Diese scheinbare Gleichgültigkeit deutete Dolores
auf ein Erkalten seiner Liebe, so wie den Verlust des Ringes auf den Untergang
ihrer glücklichen Ehe; aber in stiller Busse sagte sie davon kein Wort, nur mit
heimlichen Gebeten suchte sie ihr Schicksal abzuwenden, das durch ein
zutrauliches Wort mit ihrem Manne zu lösen war. O der späten unausbleiblichen
Strafe aller Schuld!
    Diese Fahrt, welche ein paar Tage dauerte, war mitten in der höchsten Lust,
durch eine Verbindung aller Naturschönheit mit dem glücklichsten Himmel und
seinen günstigsten Winden und schönsten Festen, voll trauriger Zeichen für die
besorgte Dolores. - Sie fuhren in die tiefen Felsengrotten bei Favarotta; die
Fürstin, der Graf und der Schreiber hatten Flinten geladen, und erhoben
plötzlich ein verabredetes Getöse, welches die Tauben aus ihren Nestern
aufschreckte, die in einer dichten leichten Wolke über ihnen schwebten; jetzt
wurde Feuer unter sie gegeben, und es stürzten eine Menge tot und verwundet
herab; die Hunde holten die gefallenen aus dem Wasser, und die Jagd wiederholte
sich. Die Gräfin konnte kein Vergnügen stören; sie sah wie lebhaft die Jäger auf
jeden Schuss sich freuten, aber immer rief es in ihr, was wird aus den Jungen im
Neste; sie schwieg aber und sah ins klare Wasser, das durch die eigentümliche
Beleuchtung der Höhle bis zum tiefsten Grunde alles durchscheinen liess, als wäre
es zu einer hellen Luft geworden, in der die Barke schwebte; da sah sie die
wandernden Züge der geselligen kleinen Fische, ihr blitzschnelles Drehen, das
drehende Fortbewegen der Seesterne, der Medusen sternartiges, formloses Nichts;
wie Muscheln und Krabben gesellig bei einander lagen, halb in Moosen versteckt,
grössere Krabben trugen die kleineren mütterlich auf ihren Armen in Sicherheit,
wenn zuweilen Delphinen an die Oberfläche rauschten. Aus dieser fremden Welt,
die für das Schrecken der umgebenden entschädigen wollte, drangen plötzlich
Sirenen hervor, schöne schwimmende Mädchen, die gar anmutig eine Einladung
absangen:
Auf der Erde ist es schwül,
In den Wassern ist es kühl,
Sonne, Mond und alle Sterne
Stürzen sich hinein so gerne,
Denn im Wasser wird's so klar,
Wie's auf Erden traurig war.
Ruhig schlaft ihr bei uns ein
In der Wasser grünem Schein,
Höret keine Kinder schrein,
Fühlet keine Liebespein,
Liebet ohne Eifersucht,
Findet alles, was ihr sucht.
Was verloren in dem Meer,
Stehet da im Haus umher,
Alter Zeiten Schätz und Kunst
Brauchet ihr durch unsre Gunst,
Jeder Sturm bringt neue Gäst
Zu dem ew'gen Freudenfest.
Wenn wir tanzen in dem Kreis,
Wirbelt sich die Welle weiss,
Wenn wir unten lustig sind,
Stürmet über uns der Wind,
Stürmt in unsrer Haare Glanz,
Und das kühlet in dem Tanz.
Diese Fischermädchen, denn das waren diese Sirenen, hatte der wunderliche Prinz
von Palagonien abgerichtet, gleichwie er sein ganzes Ländchen zu den
abenteuerlichsten Effekten anordnete, die aber meist alle eine so gereizte
Stimmung forderten, wie sie Dolores in diesen Tagen hegte, um nicht ihre ganze
Wirkung zu verfehlen. - Oft sind diese Sirenen von den mutwilligen Sizilianern
beschimpft und bekriegt worden, dann erfolgte gemeiniglich zuletzt ihre Flucht
aufs Land, die mit den Schwimmgürteln und Federkleidern eben so lächerrlich als
beschwerlich ausfiel. Unsre Reisenden fügten sich aber ganz ernstaft in diese
Launen des wunderlichen Prinzen, sie hatten ihm ihre Ankunft gemeldet, sie
wollten sein abenteuerliches Schloss beschauen; und taten gegen die Sirenen, als
wenn sie sich aus Furcht vor ihnen ans Land zurück zögen. Dieser Landungsplatz
gehörte schon zum Garten des Prinzen, sie sahen niemand bereit sie zu führen,
aber aus einigen Bäumen, die zu ihrer Verwunderung umgedreht waren, so dass die
krause Wurzel fein belaubt aufgerichtet stand, befahl ihnen eine Göttin, den Weg
nach dem Schloss einzuschlagen. Das Schloss dieses Prinzen ist allzu bekannt, um
es weitläuftiger zu beschreiben, es hat unermessliche Summen gekostet, um alles
hervorzubringen, was gegen den Geschmack, gegen die Bequemlichkeit, gegen jede
Art Kunstsinn verstösst. Keine Mauer ist gerade oder in einer bestimmten
Krümmung, kein Fenster dem andern gleich; die schiefe Türe, die von der Mitte
des Hauses wenig absteht, ist von den ekelhaftesten, in Marmor gehauenen
Schimären umgeben; erst da bemerkt man, dass die ganze Mauer mit solchen Unwesen
ordnungslos überzogen ist. Beim Eintritte erschrickt der Kunstliebende vor den
schönen heiligen Bildern grosser Meister, womit der Fussboden belegt ist, wogegen
die Wände mit den Zerrbildern kleiner Kinder in kostbaren Rahmen prangen; alle
Fensterscheiben sind aus zerbrochenen Stücken sehr beschwerlich zusammengelötet,
und die Decke des Zimmers ist mit einem Gemische alter goldener Rahmen,
Muscheln, Ordensbänder und Dokumente mit grossen Wappen bedeckt; die prächtigen
Stühle haben alle nur zwei Beine, und die Tische liegen alle umgekehrt. Das
kostbare, aber in seiner Vermischung ganz ungeniessbare Frühstück, war in einem
künstlichen Pferdestalle unsern Reisenden bereitet, der freilich nie den Pferden
eingeräumt worden; die herrlichsten Majolikagefässe als Krippen, die künstlichen
Glasgitter als Heuraufen zeichneten ihn vor allen Zimmern im Schloss aus. Hier
liessen sich die Reisenden zum Ausruhen nieder, wenn sie gleich von den Speisen
nichts anrühren mochten; weder Herr noch Diener war irgend zu erblicken, alle
unterhielten sich über die Veranlassung, eine Grille, die einen andern Menschen
auch wohl einen Augenblick hätte beschäftigen können, mit solchem Aufwande über
sein ganzes Leben auszubreiten. Die Fürstin glaubte, er hätte sich durch diese
Wunderlichkeiten auszeichnen wollen; was ihm auf dem gewohnten Wege andrer
Menschen vielleicht nicht gelungen; es gehe ihm nicht ärger als gar manchem
Dichter, manchem Fürsten. Der Graf meinte eine eigne Gedankenunzucht darin zu
entdecken; er glaubte, dass ein Mensch allmählich in solcher heimlichen Lust
alles Ekelhafte sich zu denken, weil es niemand in seiner Äusserung leiden würde,
zu so einer fixierten Verdrehung alles Kunstsinns gelangen könne; »wunderten wir
uns doch oft«, sagte er, »über unerklärliche leidenschaftliche Liebe zwischen
ganz Ungleichartigen, die in ihrer Verbindung noch ärger wie dieser Palast
erschrecken, aber keiner lässt sich träumen, welche geistige Zwischenglieder sie
ganz natürlich verbinden; es ist nichts heiliger in der Welt als die Gedanken
und nichts muss heiliger gehalten werden; manche Sünder erscheinen da schuldlos
gegen die scheinbar guten und frommen Seelen, so entzieht ihnen auch der Heilige
Geist ihre Kunstgaben nicht, während jene in sich aussterben und verarmen.« -
Diese Äusserung des Grafen, ganz ohne Beziehung auf die Umgebenden, zog die
Gräfin sich zu Gemüte; sie glaubte die Fürstin, deren frühere Verbindung mit
ihrem Vater und anderen sie kannte, als jene öffentliche Sünderin zu erkennen,
und sich in der heimlichen wieder zu finden; wie sie durch ihre Kinder von aller
Äusserung ehemaliger Kunstanlage abgehalten, wie jene ihren ganzen Stolz in die
Ausbildung ihres Talents gesetzt, das vermischte sich in ihrer tiefen Demütigung
mit den Äusserungen des Grafen über die Austeilung des Heiligen Geistes; sie
wollte ihre Tränen zurückhalten, aber die gewaltsame Wirkung dieser Verzweiflung
an sich, in ihrem Innern zusammengepresst, störte den ruhigen Zusammenhang des
Äusseren mit dem Inneren; sie sank in einer Ohnmacht nieder. Der Graf schrieb es
der ungewohnten Fahrt zu, und trug sie in den Garten. Erst nach einer
Viertelstunde erwachte sie an der freien Luft in den Armen ihres Mannes, unter
seinen Küssen und Tränen, die kühlend auf ihre Schläfe gefallen; die
Kanarienvögel sangen über ihr in dem Rosengebüsche. Sie wusste nicht wie ihr
geschehen, es war ihr wie beim Erwachen nach dem Hochzeitfeste, noch einmal so
selig, denn der Graf war ihr so viel teurer; es schien ihr dasselbe und ein
andres Leben, alle Besorgnisse dieser Tage wurden für eine Stunde von dem
wunderlichen Schloss beschworen. Der Graf drang aus Besorgnis wegen der Gräfin
auf die Rückfahrt; den Kindern tat es sehr leid, sie erzählten ohne Aufhören von
dem Schloss; die Reise endete heitrer und traulicher, als das Ereignis mit dem
Ringe erwarten liess. Wer vermag es Ahndungen zu deuten?
    Am Abende nach ihrer Rückkehr, wo in Gegenwart eines Mönchs aus dem nahen
Franziskanerkloster, von dem Prinzen von Palagonien wieder gesprochen und
verschieden gemutmasst wurde, erregte er mit der Versicherung alle Rätsel lösen
zu wollen, die allgemeine Aufmerksamkeit. »Habt ihr nie«, sagte er, »von dem
alten Geschlechte der Stauffenberge in eurem Vaterlande gehört? Peter von
Stauffenberg war der letzte und schönste seines Geschlechts im deutschen Lande,
von ihm stammen die Prinzen von Palagonien.«
    Die Fürstin fiel hier ein und erinnerte, dass freilich der echte männliche
Stamm aus gültiger Ehe entsprossen, in Deutschland erloschen sei; dass aber eine
Tochter Sigelindens, die ihm nach einer alten Fabelgeschichte von einer Meerfeie
geboren sei, also wahrscheinlich ein Kind, das er von einer Meerfahrt
mitgebracht, die Stammutter ihres Hauses wäre. - Der Mönch meinte, sie würde in
Hinsicht dieser Verwandtschaft sehr begierig sein den Prinzen kennen zu lernen;
die Fürstin aber versicherte, dass sie genug blödsinnige Vettern in ihrem Hause
besässe, und der Mönch fuhr in seiner Geschichte fort: »Sie werden vielleicht
nicht wissen, hohe Fürstin, wenn Sie gleich nach heutigem Welttone daran
zweifeln, was die allgemeine Sage von diesem schönen Stauffenberge erzählt, der
in aller Welt herum reiste, seine Schönheit und sein Geschick und ritterliche
Tugend zu zeigen; ich will seine Geschichte ganz kurz erzählen. Kein Mann konnte
ihn weder im Ernste noch im Scherze bestehen, den Frauen war er eben so
gefährlich, aber allen ihren Blicken, Sendungen und Verführungen blieb er
verschlossen, als hätte die Natur alle seine Lust zum Schrecken, zur Gewalt
aufgezehrt, dass der Liebe nichts geblieben. Als sich aber einst die Tochter des
Kaisers Otto, Helena mit Namen, bei einem feierlichen Gestech in ihn verliebte,
der Kaiser sie ihm zur Gemahlin bot und er sie öffentlich ausschlug, da musste er
bei Ritterpflicht dem Kaiser bekennen, was ihn im ehelosen Stande halte. Der
Ritter von Stauffenberg bekannte, dass er mit einer schönen Meerfeie seit Jahren
verheiratet sei, deren Name Nixe, nachher allgemein für die Geister der Wasser
gebraucht worden; ihr sei er mit seinem ritterlichen Handschlage verpflichtet,
den er ihr einst bei seinem ersten Auszuge in die Fremde gegeben, als sie ihm
Liebe und Schutz gegen alle Fährlichkeit seines Lebens zugesagt hätte. Wann er
es wünsche und er allein sei, erscheine sie ihm in ewiger Jugend wie das
erstemal, herrlich gekleidet aber mit nassen Haaren; sie wäre dann gefällig
seinem Willen als einer ehelichen Frau gezieme und habe ihm ein Mädchen
Sigelinde geboren; in allem öffentlichen Verkehre und was er denke und dichte,
erscheine sie dagegen nie, aber sie flüstere ihm oft, wo er in Not sei, guten
Ratschlag ein, und habe ihm erst den Morgen zugerufen, sich stumm zu stellen,
was er aber aus Ritterpflicht unterlassen. Die Geistlichkeit erklärte die
Meerfeie für einen Teufel, dem der Ritter entsagen müsse nach seiner
ritterlichen Ehre, und der Kaiser schwor, dass er zum offenen Zeugnisse dieser
Entsagung seine schöne Tochter Helena, die aus Liebe zu ihm sterbe, sogleich
heiraten müsse. Der Ritter versicherte, dass die Meerfeie ihm heilig
zugeschworen, er müsse nach dreien Tagen hinsterben, nachdem er die Treue zu ihr
gebrochen; aber die Ritter riefen einmütig, dass solche Furcht vor dem Teufel
keinem Ritter gezieme, der Leib und Leben dem Werke Gottes geweihet. Der Ritter
fühlte sich überwiesen, die Verlobung mit Helena wurde gleich vollbracht; noch
eine Nacht erbat er sich vor der festlichen Verheiratung. Als er allein war, da
wünschte er zu sich die geliebte Frau; sie erschien, aber ihr fröhliches Auge
war in Tränen erloschen, nicht bloss ihr Haar, ihr ganzes Kleid war genässt; sie
konnte kein Wort sprechen, als sie den Ritter an sich drückte. Ach weh, dass ich
zu Ruhm gekommen, dass mich ein fürstlich Weib genommen, so rief der Ritter und
die Meerfeie schluchzte, dass er ihr nicht mehr gefolgt sei; in dreien Tagen, da
sei er tot und sie verfalle in der Liebe Bann. Die drei Tage solle er fröhlich
geniessen, am dritten Tage wolle sie ihm zeigen den Fuss, auf den er sie zuerst
geküsst, dass jedermann ihn sehen könne zum Zeichen, dass sie kein Hirngespinst
sei. Und da umfingen sie sich zum letzten Mal, und da sagte er: Ach Sterben ist
nun mein Gewinn, weil ich nimmermehr bei dir bin. Schon klang es im Schloss von
der verhassten Hochzeitfeier; sie verschwand, Lärmen und Pracht, Wein und
Liebkosungen machten ihn bald der Drohung wie eines Traums vergessen. Die
Vermählung geschah feierlich; der alte Kaiser begrüsste die Neuvermählten am
folgenden Morgen, wie sie Arm in Arm, von Freuden müde an einander eingeschlafen
waren, und brachte ihnen kostbare Mäntel und Rüstung, fand aber die ganze Decke
des Bettes mit so kostbaren Perlen gestickt, dass seine Geschenke davor ganz
ärmlich erschienen. Diese Perlen waren die Tränen der verlassenen Meerfeie und
der Ritter erkannte sie wohl beim Erwachen; wo aber kein Ausweg zu finden, da
schreitet der Mutige vorwärts, und so verging auch der zweite Hochzeittag in
Lust, und am andern Morgen fand er die Decke so reich mit Perlen besetzt, dass
sie ihn fast erdrückte. Am dritten Hochzeittage endlich, als eben die Gäste
scheiden wollten, da durchstiess etwas die Decke, über der das Brautbett
gestanden; dem Ritter entfiel der hohe Pokal, er und alle Anwesenden erblickten
einen wunderschönen Weiberfuss, wie ihn Helena wohl nicht zeigen konnte, so schön
sie übrigens war. Allmählich befiederte sich das schöne Bein, - bald drang eine
Seemöwe an der Stelle ins Zimmer, die es mit Jammergeschrei umkreiste, und sich
dann durch das offene Fenster in den Rheinstrom stürzte, der immerdar nach dem
Meere läuft. Der Ritter erkrankte während dieses Gesichts; alles floh, nur seine
Helena blieb bei ihm, und wartete seiner bis er den Geist aufgegeben. Sie bauete
ihm ein Denkmal: sein schönes Bild, wie er von den Fluten fortgerissen, mit
seinem Ritterschwerte, das da wurzelt und grünt, von der Erde festgehalten wird.
An diesem Denkmale wurde sie mit dem Beistande einer fremden Frau von einem
Knaben entbunden, den sie nach dem Vater nannte; die unbekannte schöne Frau
brachte ihr, statt einen Dank zu verlangen, mit vielen Tränen ein Töchterlein
von zwei Jahren, Sigelinde: und bekannte ihr, dass es des Ritters Tochter von ihr
sei, und da verschwand sie als ein Vogel und versank unten im Rhein. Helena
hatte also zwei Kinder ihres Ritters, die sie in frommer Liebe erzog, die aber
beide früh eine mächtige Lust zu einander zeigten, dass sie beide trennen musste.
Den Knaben nahm der Kaiser nach Sizilien und gab ihm dort den Titel eines
Prinzen von Palagonien, die Tochter wurde bald darauf Eurem edlen Ahnherren
vermählt.« - »War Euer Geschlecht mit Glück gesegnet?« fragte der Mönch die
Fürstin zum Schlusse. Die Fürstin errötete und sprach: »Vor allen war es
glücklich, bis ich bin eingetreten; mein entarteter Sohn, der sich einem wilden
Leben ergab, verleugnete den Segen seines Hauses.« - Der Mönch fuhr fort: »Ganz
anders erging es dem männlichen Stamme dieses Hauses in Sizilien; sein Unglück
ist ein Irrgarten, jede Ehe war mit Mord bezeichnet; es ist keiner in dem Hause,
der nicht entweder sich oder einen der Seinen umgebracht hat. Dem jetzigen
Prinzen, der durch frühes Unglück seine Eltern verloren, dem Letzten seines
Hauses, wurde in einer ängstlichen Erziehung eine so gewaltige Scheu vor den
Menschen, vor jedem Unternehmen beigebracht, dass er nie zu etwas kam, sobald er
etwas dabei tun sollte, und nie etwas annehmen mochte, was ein andrer für ihn
tat; so verzögerte er in gewaltsamer Anstrengung seines Geistes jedes
Unternehmen, bis es unmöglich auszuführen war. War eine Stelle eben besetzt, so
wünschte er sie sich, die er vorher ausgeschlagen. Er liebte, und wurde geliebt,
aber er konnte sich zu keinem Worte entschliessen, dieses auszudrücken; seine
Geliebte starb aus Gram darüber; ihre nachgelassenen Worte der Liebe zerrissen
sein Herz. Er beschloss in sich seinen unglücklichen Stamm zu vertilgen, der nur
Unglück erfahren und Unglück gebracht hatte! In stiller Verzweiflung zog er sich
von allen Menschen zurück; aber seine Schönheit, sein Verstand zogen manche zu
ihm, sein Reichtum brachte ihm vielen Zuspruch; so beschloss er mit seinem
Reichtume etwas zu begründen, das die Leute von seiner Schönheit abschreckte,
indem es ihm den Ruf des Wahnsinns gebe; so entstand der berufene Palast, der
wohl eine Menge Neugierige für ein paar Stunden herbeizieht, aber sie alle sehr
bald ermüdet und zurück weist. Als die Maurer diesen Palast bis zu der Höhe
aufgerichtet hatten, dass er vom Meere gesehen werden konnte, da haben sie eines
Morgens eine weibliche schöne Gestalt auf einer Klippe sitzen sehen, die mit
grünen Augen auf den Bau geblickt, während sie ihr nasses Haar mit den Fingern
durchzogen; ihr Haupt wurde dabei von Meervögeln mit klagendem Geschrei
umkreiset. Als sie verwundert zu ihr hingeblickt, ist sie untergetaucht. Ob der
Prinz dieses Meerweib gekannt, lässt sich nicht bestimmen; er habe sich nicht
verwundert und gleich gesagt, ob es nicht sechs Uhr Morgens gewesen, welches sie
alle bejaht. Nach einiger Zeit hat der Prinz ein paar Fischermädchen, die gut
schwimmen konnten, im Singen unterrichten lassen, dass sie nahe bei dem
Landungsplatze die Fremden als Sirenen begrüssen. Es ist ein Gerede unter den
Menschen, dass er einen nächtlichen Umgang mit dem Meerweibe habe, wenigstens
schifft er sich oft Nachts ganz allein, selbst wenn es stürmt, in einem Boote
ein, fährt auf die Höhe, und kommt erst nach Sonnenaufgang zurück; ich weiss
nichts davon, aber ein Schiffer, der ihm dies Boot in Ordnung hält, sagte in der
Beichte, dass er einst zwei schöne Perlen darin gefunden, die er sich zugeeignet
und für tausend Zechinen verkauft habe. Andre sagen, es sei die Sibylle von
Marsalla, mit der er zu tun habe, gewiss ist dort der einzige Ort, wo er sich am
Abende vor dem Johannisfeste in der bekannten Grotte einfindet, von dem
wunderbaren Wasser trinkt, und in die schallende Höhle wunderbare fremde Worte
ruft, die ihm eben so wunderbar beantwortet werden. Viele Menschen, die von
Wundern nichts halten, sagen, dass er in geheimer Verbindung stehe mit der
berufenen Tuneser Seeräuberkönigin Onanide, die alle Monat ihm einen Besuch
ablegen soll; gewiss ist, dass an einem Tage im Monat, welchen der Mondenlauf
bestimmt, sein Schloss nächtlich erleuchtet ist; aber keiner seiner Leute darf
bleiben; er lässt sie hinaus, und zieht selbst die Zugbrücken auf. Nach jeder
solchen Nacht schickt er in der ganzen Gegend Geschenke aus, meist fremde
Sachen, die hier nie gesehen, die niemand brauchen kann. So sendete er im
vorigen Monate grosse schöne Schränke in unser Kloster. Wir öffneten sie mit
grosser Neugierde; aber denken Sie sich, was wir in den Schiebekasten fanden:
Felsstücke, sauber eingepackt auf Baumwolle gelegt; kein einziger kostbarer
Stein war darunter.« - »Das wird eine Mineraliensammlung sein«, sagte der Graf,
»die wäre mir willkommen, ich habe gerade darin am meisten nachzuholen und
nachzulernen.« - Der Mönch versicherte, dass ihm diese Sammlung gegen irgend ein
Geschenk, das zum Kirchendienste taugte, gern überlassen werde; der Graf wurde
darüber sehr heiter und fast ungeduldig sie zu besitzen. Die Fürstin äusserte,
dass die wunderbare geahndete Verbindung des Prinzen vielleicht eine Muse sei:
ein gänzliches Ergeben an Studien, denn dies Geschenk sei gar zu
wissenschaftlich für eine Meerfeie, oder für eine Seeräuberin. - »Nein«, sagte
die Gräfin, die alles Allegorische hasste, was ihr eine geglaubte Wirklichkeit
entrückte, »es ist gewiss eine Meerfeie, welche ihrem Freunde von den
untergegangenen Schiffen alles Herrliche verehrt.« - Darüber verloren sich die
andern in Wünschen nach diesen untergegangenen Schätzen; einer wollte Michael
Angelos Zeichnungen zum Danke, ein andrer Hamiltons Vasen; die Fürstin aber
meinte, wenn ihr niemand wiederschaffen könne, was an Kunstwerken in Feuer
aufgegangen, von der Erde verschüttet sei, so möchte das Wasser immer seinen
Teil behalten, manches solle nun einmal der Welt verloren gehen. Gleich den
folgenden Tag fuhr der Graf mit einem schönen Altarbilde nach dem Kloster, das
ihm ein junger Maler Grimm aus Deutschland zurückgelassen hatte; es stellte die
Einsetzung des Abendmahles dar; die Köpfe der Apostel waren meist Gesichter
seiner Bekannten im Schloss. Die Mönche waren sehr erfreut über den Tausch, und
der Graf liess den Wagen voll Schränke, wie im Triumphe, mit Musik zu sich
einfahren. Die Fürstin, die alles ergriff, was ihm Vergnügen machte, bat es sich
aus, dass die Sammlung in ihrem Hause aufgestellt werde; der Schreiber, welcher
gute Kenntnisse von den neueren mineralogischen Systemen hatte, solle sie in
seinem Zimmer durchsehen und ordnen. Der Graf willfahrte ihr und lebte, in der
Sammlung vertieft, halbe Tage in ihrer Nähe. Lächeln musste er, als er auch in
dieser Sammlung die Besorglichkeit des Prinzen vorscheinen sah; die giftigen
Metallkalke waren alle schon im Äusseren des Schiebkastens mit dem Zeichen des
Totenkopfes und der Knochen aller leichtsinnigen Neugierde, die sie unvorsichtig
abreiben könnte, verwarnt.
    Nach einiger Zeit wurde von Anselmo, dem Mönche, der die fabelhafte
Geschichte des Prinzen nach sizilianischer abergläubischer Art vorgetragen
hatte, die Nachricht gebracht, der Prinz wünsche die Fürstin zu sprechen, er
hätte ihr etwas Geheimes zu eröffnen. Die Fürstin schlug es ihm aber für immer
ab; seit sie sich in so heimliche Verbindung verstrickt hatte, mied sie alle
heimliche, wahrsagende Menschen, Kartenleger, Zigeunerinnen, selbst die
Sibyllenhöhle bei Marsalla. Bald darauf glaubte man den Prinzen in der Nähe
verkleidet gesehen zu haben; der Graf wollte ihn deswegen besuchen, er verschob
es aber so lange, bis es zu spät war. - Der Prinz schickte ihm nach einiger Zeit
einen schön gemalten Stammbaum, der seine Verwandtschaft mit der Fürstin bewies.
- Der Graf hörte zuweilen bei der Fürstin ein wunderliches ängstliches Geräusch
- wohl dem, der im Bösen die geheime Warnung versteht, ihr schien es ein leerer
Schrecken. Einmal stand die Gräfin dicht hinter ihr; sie hatte nichts kommen
hören, weil sie über des Grafen Schulter lag, der vor den Mineralien sass und
ordnete, kleine Zettel anklebte, und im Anschauen verloren war. Die Fürstin
schrie auf; sie meinte, es wäre wieder jenes Geräusch, das sie umgebe, und der
Graf strafte zärtlich seine Frau, wie sie so erschrecken könne; wirklich ist das
Leisegehen eine Art Falschheit oder Bosheit, aber die Gräfin war laut
aufgetreten, der Graf war nur in den Mineralien, die Fürstin in ihm vertieft.
Aber ist es nicht bedeutend, wenn uns zufällig das Bekannte durch seine
unerwartete geliebte Nähe erschreckt? Die Gräfin hing diesem Gedanken nach; ihr
war, als hätte sie etwas sehr Ähnliches, was sie dort erblickt, in früherer Zeit
gelesen; sie suchte unter ihren längst vergessenen deutschen Büchern nach, und
fand im vierzigsten Teile von Wallers sämtlichen Schriften folgende
Versuchungsgeschichte bei seinen mineralogischen Wanderungen, die wir als eine
Darstellung Italiens hier auch wohl dulden mögen, wenn sie gleich unsre
Geschichte unterbricht. Was ist uns denn in einer Geschichte wichtig, doch wohl
nicht, wie sie auf einer wunderlichen Bahn Menschen aus der Wiege ins Grab
zieht, nein die ewige Berührung in allem, wodurch jede Begebenheit zu unserer
eigenen wird, in uns fortlebt, ein ewiges Zeugnis, dass alles Leben aus Einem
stamme und zu Einem wiederkehre. Warum sind doch die Leser meist so ungeduldig,
warum muss ich hier Ereignis auf Ereignis zusammendrängen und von der liebevollen
Erziehung der Kinder, wie Dolores und Klelia sie ihnen geben, muss ich ganz
schweigen, um mich nicht in unendlicher Betrachtung zu verlieren. Überschlagt
nicht diese lehrreichen Verse.
                 Elegie aus einem Reisetagebuche in Schottland
Genua seh ich im Geist, so oft die unendlichen Wellen
Halten den Himmel im Arm, halten die taumelnde Welt;
Seh ich die klingenden Höhlen des nordischen Mohrenbasaltes,
Glaub ich die Erde gestützt auf den Armen der Höll;
Dann, dann sehne ich mich in deine hellschimmernde Arme
Weisser carrarischer Stein, kühlend die schwülige Luft,
Denk ich der Treppen und Hallen von schreienden Menschen durchlaufen
Keiner staunet dich an, jedem bist du vertraut.
Sage Vertraulichkeit mir, du innere treu mir gehegte,
Was zum Norden mich trieb, ach und du schweigest beschämt.
Meine Begleiter, die rufen sich Geister des Fingal im Echo,
Und ich denke mich fern, hin nach südlichem Land,
Liege am Felsen gestreckt mit zierlich gebundenem Tagbuch,
Und verlange vom Geist, dass er was Gutes bescher!
Fingal, das klinget schon wieder so hell, mir wird doch so trübe,
Frierend wähn ich mich alt, Jugend verlorene Zeit!
Dreht sich die Achse der Welt? Wie führt mich Petrarka zu Fingal,
War es doch gestern, ich mein, dass ich nach Genua kam.
Ja dort sah ich zuerst das Meer, das nun mehr mir grauet,
Weil es vom Vaterland mich, von den Freunden mich trennt;
Damals von der Bocchetta herab in des Frührots Gewühle
Sah ich die Hoffnung darauf, weichlich im schwebenden Bett,
Nicht am Anker gelehnt, nein sorgenlos schlummernd, sie dreht sich,
Dass die Schifflein so weiss, flogen wie Federn davon;
Lässig band sich vor mir die Göttin das goldene Strumpfband,
Zweifelnd, dass frühe so hoch steige der lüsterne Mensch.
Und so stehend und ziehend am Strumpfe sie lebte und schwebte
Wie ein Flämmelein hin über die spiegelnde Welt.
»Fiametta!« ich rief, mir schaudert, sie fasste mich selber,
Ja ein Mädchen mich fasst, lächelnd ins Auge mir sieht;
»Ich bin's!« sagte sie peitschend den buntgepuschelten Esel,
Dass aus dem ledernen Sack schwitzte der rötliche Wein:
»Esel, du kennst schon den Weg zum Markte der glänzenden Hauptstadt,
Mit Laternen zur Nacht stiegest du gestern erst hier.
Lieber, was willst du?« sie fragt, »du riefest mich eben bei Namen?«
Wenn sie nicht Blicke verstand, Worte, die wusst ich noch nicht!
Der Beschämung sich freuend, sie strich mir die triefenden Haare,
Tau und Mühe zugleich hatten die Stirne genetzt,
Wie ein Bursche der Schweiz ich schien ihr nieder zu wandeln,
Um zu suchen mein Glück und sie wollte mir wohl.
Als sie den Stein erblickt, den sorglich in Wissenschaftsliebe
Auf den Händen ich trug, dass der Anbruch nicht leid',
Rötlicher Feldspat es war mit köstlich grossen Kristallen,
Wie er nirgends als dort schmücket den alten Granit;
Ei da lachte sie laut, und riss mir den Stein aus den Händen,
Warf ihn über den Weg, dass er zum Meere hinrollt,
Und dann spielte sie Ball, sich freuend meiner Verwirrung
Mit der Granate, die schnell kehrte zu ihr aus der Luft;
Nicht der schrecklichen eine, die rings viel Häuser zerschmettert,
Doch die feurige Frucht, mystisch als Apfel bekannt.
Und ich sprach ihr in Zeichen so zärtlich ich immer vermochte,
Küsste die innere Hand, warf dann mein Küsslein ihr zu.
Und sie verstand mich doch wohl? O Einverständnis der Völker,
Das aus Babylons Bau blieb der zerstreueten Welt,
Suchte doch jeder den Sack beim brennenden Turm und fragte,
Also blieb auch dies Wort »Sack« all den Sprachen gesamt. -
Ob der Esel auch eilte so schnell mit dem Sacke hernieder,
Doch die Liebe versteht jegliche Zeichen geschwind,
Die sie niemals gebraucht im Blick in guter Gebärde,
Sei es in südlicher Glut, sei es auf nordischem Eis.
Folgend dem trabenden Esel, sie blickte sich um so gelenkig,
Die Granate entfiel, und ich ergriff sie geschickt;
»Kühle vielliebliche Frucht, einst Göttern und Menschen verderblich,
Wohl du fielest auch mir, zauder ich, wo ich gehofft?«
Doch ich zögerte noch, gedenkend an Helena traurend,
An Proserpina dann, beide erscheinen mir eins
Mit der Eva, da wollt ich die Frucht verscharren der Zukunft,
Dass nur dies Heute, was mein, bleibe vom Frevel befreit,
Dass ich dem Zufall vermag zu treiben die Kerne in Äste,
Dass ich dem Zufall befehl, dass er die Blüte verweht.
Aber da mocht ich nicht wühlen im Boden voll zierlicher Kräuter,
Jegliches Moos noch so zart, drängte sich üppig zum Tag.
Zweiflend ging ich so hin, sie schwand mir, da stand ich am Meere,
Fern mich weckte ihr Ruf, dass ich nicht stürze hinein.
»Nein zu seicht ist die Küste, sie würde nicht bergen den Apfel,
Nur die Tiefe des Meers birgt ein unendlich Geschick.«
Also kam ich zum Meere und sah die Fischer am Fischzug,
Springend durch kommende Well, ziehend ein bräunliches Netz,
Rot die Mützen erschienen wie Kämme von tauchenden Hähnen,
Fischer in Mänteln ganz braun, schrieen als jagten sie die.
Andere stiessen halbnackt ins Meer die schwarze Felucke,
Trugen die Leute hinein, die nach Genua ziehn.
Ach da entschwand mir die Schöne hinter den grünenden Bergen,
Zweiflender stand ich nun da, alle dort gingen zu Schiff.
Auch mich trugen sie hin, ich dacht nur des Apfels des Bösen
Und des unendlichen Meers, das mich zum erstenmal trug.
Wie sie entoben das Schiff, begann bei dem Schwanken und Schweben
Dass mir das Herz in der Brust, recht wie vom Heimweh zerfloss;
Durch die fliessenden Felsen erscholl dann ein liebliches Singen
Ich verstopfte das Ohr, war vor Sirenen gewarnt.
Bald belehrte ich mich, es sang ein Weiblein im Schiffe,
Das im Mantel gehüllt deckte vier Knaben zugleich,
Wechselnd die Hände bewegt sie im Takt wie Flügel der Windmühl,
Und als Zigeunerin singt, wie sie Maria begrüsst;
Sagt die Geschick ihr voraus des heiligen Kinds, das sie anblickt,
Als es im Kripplein noch lag, Öchslein und Eslein es sahen;
Zeigt ihr den himmlischen Stern, dem Hirten und Könige folgen,
Alles das sah sie sogleich an den Augen des Herrn;
Auch das bittere Leiden, den Tod des Weltenerlösers,
Hebt er den Stein von der Gruft, von der Erde den Leib. -
Alles Verderben mir schwand, ich sah das Böse versöhnet,
Statt zur Tiefe des Meers, warf ich den Kindern die Frucht,
Die begierig zugleich all griffen und fingen sie doch nicht,
Denn sie fiel in den Schoss, der sie alle gebar.
»Engel, versöhnt ihr das Herz, das tief arbeitende böse,
O so versöhnt auch die Frucht und vernichtet sie so.«
Dankend die Mutter sie nahm, hellsingend sie öffnet die Schale,
Nahm mit der Nadel heraus jeglichen einzelnen Kern:
Wie im Neste die Vöglein, also im Mantel die Kinder
Sperren die Schnäbel schon auf, ehe ihr Futter noch nah,
Also sie warten der Kerne mit offenem Munde zur Mutter
Und die Mutter verteilt gleich die kühlende Frucht.
Doch da tobte herab ein Sturm aus schwarzem Gewölke,
Weil es den Teufel verdross, dass ich die Frucht ihm entwandt!
Wälze dich schäumendes Meer, ich habe die Frucht dir entzogen,
Nichts vermagst du allhier, schaue die Engel bei mir;
Stürze die Wellen auf Wellen, erhebe dich höher und höher,
Du erreichest uns nicht, höher treibst du uns nur.
Schon vorbei dem brandenden Leuchtturm schützt uns George,
Der in sicherem Port zähmet den Drachen sogleich! -
Liebliche Ruhe des Hafens nach wildem Gesause der Stürme,
Dann erst sieht man ein, wie es auf Erden so schön!
Wie von Neugier ergriffen, so heben sich übereinander
Grüssend der Strassen so viel, drüber erhebt sich Gebirg,
Höher noch Heldengetürm, da wachet der Festungen Reihe,
Schützet uns gegen den Nord und wir schweben im Süd.
Ei wie ist's? Ich glaubte zu schauen und werde beschauet,
Amphiteater erscheint hier die Erde gesamt:
Spiel ich ein Schauspiel euch vor, ihr bunten Türken und Mohren,
Dass ihr so laufet und schreit an dem Zirkus umher?
Kommen von Troja wir heim, am Ufer die Frauen und Kinder,
Kennen den Vater nicht mehr, freuen sich seiner denn doch?
Also befreundet ich wandle auf schwankendem Boden und zweifle,
Aber sie kennen mich bald, bald erkenne ich sie.
»Fingal« und »Fingal«, da rief's schon, muss ich erwachen in Schottland
Bin ich noch immer kein Held, bin ich noch immer im Traum?
Muss heimkehren zur Erdhütt, keinen der Menschen versteh ich,
Muss mir schlachten ein Lamm, rösten das lebende Stück,
Mehl von Hafer so rauch mir backen zum Brote im Pfännchen
Und des wilden Getränks nehmen viel tüchtige Schluck.
Wanderer Mond, ach du schreitest die stumpfen Berge hinunter,
Nimmer du brauchest ein Haus, dich zu stärken mit Wein;
Alle die Wolken, sie tränken dich froh mit schimmernden Säften,
Ja dein Überfluss fällt, tauend zur Erde herab,
Nimmer du achtest der gleichenden Berge und Gräser und Seen,
Denn im wechselnden Schein, du dich selber erfreust;
Siehe mein Leiden, o Mond, durch deine gerundete Scheibe,
Schmutzig ist Speise und Trank, was ich mir wünsche, das fehlt.
Die Gräfin las diese Verse mehrmals und gewann dadurch mehr Zutrauen zu dem
Grafen in seinem Verhältnisse zur Fürstin. Wieviel edler ist er als Waller,
dachte sie; zum erstenmal fühlte sie auch ein Bewusstsein, als sei ihr Fehler in
ihren Kindern abgebüsst. Heiliger Gott, was hast du den Dichtern für Kraft
verliehen in der Welt!
    Der folgende Tag war der dreizehnte Geburtstag des frommen Johannes. Dolores
wurde in der Erinnerung jener früheren Zeit wieder sehr gerührt, noch mehr aber
durch die Abwesenheit dieses Sohnes, der sein Kloster in dem letzten Jahre nicht
verlassen durfte; sie betete lange in der Schlosskapelle und es schien ihr, als
wenn ihre Bitte ihn zu sehen, gewährt werden müsste. Wirklich trat Johannes mit
zweien Ordensgeistlichen, kurz nach ihrer Zurückkunft ins Zimmer, in den Kreis
ihrer Kinder, die beschäftigt waren, ihm die gewohnten Geburtstagsgeschenke,
prächtige Blumensträusse mit schönen Bändern, Zeichnungen, Verse einzupacken, um
ihm alles nach dem Kloster zu senden. Alle liefen mit Jubel auf ihn zu,
besonders eine Schwester Hyolda, mit der er sonst eine besondere Vertraulichkeit
gehalten; aber den ersten Kuss schon verhinderte die Verwunderung, wie er sich
verändert habe. Er war nicht gewachsen, hatte aber in dem letzten Jahre seiner
Abwesenheit seine männliche Bildung ganz beendigt; der Kirchendienst und die
Frömmigkeit hatten die starre Heftigkeit in ihm vernichtet; er drückte niemand
mehr an sein Herz, dass er aufschrie, und stiess keinen von sich, dass er weinte;
mit einer anständigen Güte, die den Geschwistern als Kälte erschien, begrüsste er
alle. Hyolda war untröstlich, sie weinte, dass er sie nicht mehr liebe, und
verliess rasch das Zimmer. Johannes fragte nach dem Vater; der war aber schon
sehr früh in Geschäften ausgeritten. Die Ordensgeistlichen hatten unterdessen
der Mutter erzählt, dass Johannes durch seine frühe Reife in Kenntnissen, Sitte
und Heiligkeit heute die Priesterweihe sich erworben habe; sie war entzückt über
die Gnade des Himmels, die ihr ein so wunderbares Kind verliehen; sie
schlichtete den Streit der Geschwister über ihn, indem sie allen anbefahl, ihn
als ein geheiligtes Mitglied des Ordens mit ihren kindischen Grillen zu
verschonen. Keines von den Kindern wusste recht zu begreifen, wie der Johannes,
den sie alle so genau zu kennen glaubten, nun plötzlich etwas anderes geworden;
er suchte ihnen alles in Liebe und Güte deutlich zu machen, fand aber noch
weniger Berührungen wie sonst wenig Mitteilung mit ihnen, machte sich deswegen
von ihnen los und schlich in den Garten zu seinen ehemaligen Anlagen. Mit Wehmut
fühlte er da, dass sie alle wie ein fremdes Werk, wie eine ferne Zeit vor ihm
lagen, und kam in solchen Gedanken an den Fluss Skamander, der den herzoglichen
Garten durchschneidet, indem er sich über Felsen herabstürzt. Er setzte sich ans
Ufer, und hörte an dem entgegengesetzten eine schöne Stimme, die ein Duett
zwischen zwei Diskantstimmen, Mutter und Tochter, worin er sonst die eine der
Mutter häufig mit Hyolda gesungen, mit wunderbarem Ausdrucke einsam anstimmte.
DIE STIMME:
Wald'ge Hügel, grüne Auen,
Frühlingsheimat, heimlich Glück,
Freude, endlich euch zu schauen,
Freude strahlet ihr zurück.
Mit dem schönen Tenor, den er bekommen und im Kirchendienste ausgebildet hatte,
sang er seine Gegenstrophe:
Sieh wie dein befriedigt Lächeln
Ziehet übern grünen Wald
Und die Winde dich umfächeln,
Alles dir entgegen schallt.
Jetzt schrie die Sängerin auf, und trat am andern Ufer aus dem Gebüsche hervor:
es war Hyolda, sie erkannte ihn jetzt, grüsste und sang weiter:
Wie der Frühling wieder waltet,
Neugestaltet ist mein Glück.
ER antwortend.
Weisse Blüte sich entfaltet
Hell in deiner Unschuld Blick.
HYOLDA.
Unschuld findet hier den Frieden.
JOHANNES.
Frieden finden hier die Müden.
HYOLDA.
Alle Wasser sanken nieder
In der warmen stillen Flur,
Ew'ge Feinde wurden Brüder
In der himmlischen Natur.
JOHANNES.
Keiner kann sich mehr begreifen,
Was ihn hielt in Stahl so fest,
Nun sie leicht durch Wälder schweifen
Baut die Taub im Helm ihr Nest.
HYOLDA.
Als wenn gar nichts wär geschehen,
Sieht das neue Grün uns an.
JOHANNES.
Pfauen stolz die Farben drehen,
Sehn die bunten Nelken an.
HYOLDA.
Diesen Baum hab ich gepflanzet,
Diese Blumen rings gesät.
JOHANNES.
Die der Schmetterling umtanzet
Und den Duft zum Himmel weht.
HYOLDA.
Unvergänglich ist Vertrauen.
JOHANNES.
Sehnsucht kennen nur die Frauen.
HYOLDA.
Blätter dringen zu dem Himmel,
Worte dringen aus dem Mund,
Sel'ge Fülle, froh Gewimmel,
Grün ist Hoffnung, Freude bunt.
JOHANNES.
Wie die Farben nieder sinken
Von dem Himmel tagelang,
Alle Wesen froh sie trinken,
Hoffnung such ich oben bang.
HYOLDA.
Und ich muss hier niedersinken,
Hier an meiner Rasenbank,
Betend zu dem Himmel winken:
Bleibt der Vater denn noch lang?
JOHANNES.
Alte Priester, heil'ge Bäume,
Alte Freunde, bleibt ihr stumm?
HYOLDA.
Hörst du nicht der Vögel Träume,
Und der Bienen summ, summ, summ?
JOHANNES.
Nein, der Vater müsste kommen,
Dass mich freute der Gesang,
Bienenfleiss wär mir willkommen,
Dass der Tag mir nicht so lang.
HYOLDA.
Mach uns beide nicht beklommen,
Frühlingsluft macht schon so bang.
BEIDE.
Wie in den gewohnten Orten
Mir des Vaters Bild noch weilt,
Also mein ich, dass von dorten
Er schon grüssend zu uns eilt,
Süsse Täuschung, schnell verschwunden
Hast uns doch mit Lust umwunden.
HYOLDA.
Süsse Täuschung wie im Bache,
Ich dein Bild verdoppelt sah.
JOHANNES.
Schwimmend Auge, wache, wache,
Wenn der Vater mir bald nah.
HYOLDA.
Wenn es doch recht bald geschähe,
Sag es Kuckuck in dem Wald.
BEIDE.
Kuckuck rufend in der Nähe,
Wie von Vaters Stimme schallt!
Schmerzen wusst ich zu ertragen,
Aber diese Freude nicht,
Frühling hilf mir Freuden tragen,
Dass mein Herz davon nicht bricht.
Wirklich hatte sich der Graf an der Seite des Johannes leise herangeschlichen
und Kuckuck gerufen; er umarmte ihn bei diesen Worten und drückte ihn an sein
Herz. Alle Kinder liebten ihn wunderbar; er war zu gleicher Zeit ihres gleichen
und ihnen so überlegen, ging in alle ihre Freuden ein und wusste alle zu einer
Hauptwirkung zu führen; mit stummer Freude küsste er den lang entbehrten Sohn.
Wir müssen uns von einer leidenschaftlichen Bewegung der zärtlichen Hyolda jetzt
nicht erschrecken lassen, sie hielt sich nicht am andern Ufer, sie sank in den
Strom, um zu Vater und Bruder zu gelangen; sie konnte nicht schwimmen, aber ihre
Sehnsucht und der Strom trugen sie dienend an eine tiefere Stelle aufs Land, als
der Vater, der es zu spät bemerkte, sich eben ins Wasser stürzen wollte, sie
heraus zu heben. Es war in dem ganzen Ereignis zu viel Schönes, zu viel Glück;
er konnte ihr keinen Vorwurf machen. Nachdem sich alle dreie ihrer Vereinigung
herzlich gefreut hatten, so schickte er Hyolda fort, um die Kleider zu wechseln;
er selbst ging mit Johannes zu der Fürstin, die mit ihrer Würde, ihrer
Annehmlichkeit diesen Sohn so wie die andern Kinder für sich einnahm, ihn auch
durch das Geschenk einer herrlichen Madonna hoch beglückte. Er sprach gern mit
ihr, und doch sehnte er sich nach dem Kloster zurück; was ihn erfreute, schien
ihm ein vergänglicher Rausch gegen jene feste Ruhe seiner Seele, die ihn dort
erfüllte. Jetzt wurde er zur Herzogin gerufen, die von einer Fahrt
zurückgekommen, ihn mit Liebe empfing, mit Andacht hörte und aus innerster Seele
zu ihm sprach. Sie gab ihm in dieser einsamen Stunde seine Erhebung über die
Ereignisse der Welt zurück; sie sprachen mit einander viel Herrliches über die
Stufen der geistigen Erhebung und über geistige Führung; sie verstanden einander
ganz, und darum kann es einem anderen ohne Enteiligung nicht mitgeteilt werden.
Glücklich die Seele, die ihr Bestimmtes gefunden. Am Schlusse ihres einsamen
Gespräches wünschte Klelia, dass Johannes ihr eine Messe in ihrer Schlosskapelle
lesen möchte. Er tat nach ihrem Wunsche; sie selbst spielte die prächtige Orgel,
deren unerwarteter mächtiger Ton alle Bewohner des Schlosses, auch Dolores dahin
zog. Johannes las mit hohem Sinne und Anstande; nie war eine Mutter seliger, als
Dolores, kein Vater glücklicher als Karl; aber wie schmerzlich war der Abschied,
als Johannes nun wieder für ein Jahr scheiden musste. - »Wir sehen uns wieder,
wer weiss wie!« rief ihm die Gräfin nach. Johannes ging ernst und ohne Umschauen
aus der Türe. Der Schreiber begleitete ihn und seine beiden Ordensgeistlichen
weiter als alle andern. Johannes erzählte ihm unbefangen den ganzen Tag,
verweilte mit Rührung bei dem Vorfalle mit der Schwester, den dieser begierig
ergriff, um daraus eine Geschichte zu bilden, wie er sie in seinem weltlichen
Sinne lieber erlebt hätte. Wir wollen sie den Weltleuten zu Gefallen mitteilen.
                                Getrennte Liebe
Zwei schöne liebe Kinder,
Die hatten sich so lieb,
Dass eines dem andern im Winter
Mit Singen die Zeit vertrieb,
Diesseit und jenseit am Wasserfall
Höret ihr immer den Doppelschall.
Der Winter bauet Brücken,
Sie beide hat vereint,
Und jedes mit frohem Entzücken
Die Brücke nun ewig meint;
Diesseit und jenseit am Wasserfall
Wohnten die Eltern getrennt im Tal.
Der Frühling ist gekommen,
Das Eis will nun aufgehn,
Da werden sie beide beklommen,
Die laulichen Winde wehn;
Diesseit und jenseit am Wasserfall
Stürzen die Bäche mit wildem Schall.
Was hilft der helle Bogen,
Womit der Fall entzückt,
Von ihnen so liebreich erzogen,
Zum erstenmal bunt geschmückt;
Diesseit und jenseit am Wasserfall
Höret sie klagen getrennt im Tal.
Die Vögel über fliegen,
Die Kinder traurig stehn,
Und müssen sich einsam begnügen
Einander von fern zu sehn;
Diesseit und jenseit am Wasserfall
Kreuzen die Schwalben mit lautem Schall.
Sie möchten zusammen mit Singen,
So wie der Vögel Brut,
Den himmlischen Frühling verbringen,
Das Scheiden so wehe tut;
Diesseit und jenseit am Wasserfall
Sehn sie sich endlich zum letztenmal.
Der Knabe kriegt zur Freude
Ein Röckchen wie ein Mann,
Das Mädchen ein Kleidchen von Seide
Nun geht die Schule an;
Diesseit und jenseit am Wasserfall
Gehn sie zum Kloster bei Glockenschall.
Sie sahen sich lang nicht wieder,
Sie kannten sich nicht mehr,
Das Mädchen mit vollem Mieder,
Der Knabe ein Mönch schon wär;
Diesseit und jenseit am Wasserfall
Kamen und riefen sie sich im Tal.
Das Mädchen ruft so helle,
Der Knabe singt so tief;
Verstehen sich endlich doch schnelle,
Als alles im Hause schlief;
Diesseit und jenseit am Wasserfall
Springen im Mondschein die Fische all.
Froh in der nächt'gen Frische,
Sie kühlen sich im Fluss,
Sie können nicht schwimmen wie Fische,
Und suchen sich doch zum Kuss;
Diesseit und jenseit am Wasserfall
Reissen die Strudel sie fort mit Schall.
Die Eltern hören singen
Und schaun aus hohem Haus,
Zwei Schwäne im Sternenschein ringen
Zum Dampfe des Falls hinaus;
Diesseit und jenseit am Wasserfall
Hören sie Echo mit lautem Schall.
Die Schwäne herrlich sangen
Ihr letztes schönstes Lied,
Und leuchtende Wölkchen hangen,
Manch Engelein nieder sieht;
Diesseit und jenseit am Wasserfall
Schwebet wie Blüte ein süsser Schall.
Der Mond sieht aus dem Bette
Des glatten Falls empor,
Die Nacht mit der Blumenkette
Erhebet zu sich dies Chor;
Diesseit und jenseit am Wasserfall
Grünt es von Tränen nun überall.
                              Vierzehntes Kapitel
                       Der Minister reiset nach Sizilien
Der Schreiber, immer besorgter, das Geheimnis jener Nacht möchte verraten
werden, hatte inzwischen gleich nach der Rückkehr vom Ätna einen Brief an den
Minister über die Leidenschaft der Fürstin zu seinem Schwiegersohne geschrieben;
der Brief war durchaus wahr ohne Übertreibung. So wenig der Minister die Untreue
bei Männern für etwas Bedeutendes hielt, so war sie ihm doch unangenehm an
seinem Schwiegersohne; er wollte ihn nicht gerne an der Stelle sehen, wo er
selbst einst gestanden. Die bestimmte Zeit zur Rückkehr der Fürstin war längst
verstrichen, und mehrere politische Ereignisse machten diese doch notwendig;
schon mehrmals hatte er ihr deswegen geschrieben, aber sie antwortete
entschlossen, sie würde es vorziehen, die vormundschaftliche Verwaltung für den
ausschweifenden Erbprinzen ganz niederzulegen. Durch den Brief des Schreibers
überzeugte er sich, dass dieser Entschluss ernstlich begründet sei - so sollte er
mehrjährige Bemühung für des Landes Wohl in einer Zeit, die alle seine
Stetigkeit und alles Talent der Fürstin forderte, einer gleichgültigen fremden
Verwaltung überlassen? - Die Trennung von den Seinen, von seiner Moham und ihren
Kindern war ihm sehr unangenehm, aber ein Staatsmann unterzieht sich dem
Schwersten; er musste sich endlich selbst zu einer Reise nach Italien
entschliessen, nicht um nach eigner Lust sich von vieljähriger Arbeit dort
auszuruhen, sondern um wie ein hartes geistliches Gericht ein paar liebende
Seelen aus einem unbekannten Verwandtschaftsgrunde von einander zu reissen. Zu
seiner Aufheiterung nahm er den Kammerjunker und die Mamsell mit sich; beide
waren in höchster Freude, dass sie Italien sehen sollten, und er verdarb sie
ihnen nie. Rührend war es, wie der alte Geschäftsmann allmählich ohne sein
Wissen auftaute, je weiter er nach Süden vordrang; zwar handelten seine Briefe
meist von Geschäften, doch verlängerte sich die Nachschrift an seine Freunde bei
jedem Briefe. Hier zur Probe nur eine:
    »Lieben Freunde! Ich schreibe aus Como, dem Geburtsorte der neueren
elektrischen Physik; doch kann ich mich nicht entschliessen, zu dem berühmten
Volta zu gehen, so fest hält mich das Marktgewühl an meine Fenster gelehnt; die
verschleierten Frauen mit ihren Mägden erwecken meine ganze Neugierde. Ihr
werdet fragen, ob ich wohl und gesund bin; zu solchen Fragen bleibt aber hier
keine Zeit; jeden Augenblick gibt's etwas Neues, und selbst so alte Bekanntinnen
wie die Sonne und Sterne, glänzen hier wie in erster Jugend. Ich kann Euch meine
Verwunderung über den ersten hohen Feigenbaum im Freien nicht ausdrücken, als
ich gen Chiavenna auf meinem Maultiere vom Gebürge herabritt, hinter mir ein
Gewitter, um mich alles so schwül, Kammerjunker und Mamsell sehr schmachtend
gegen einander, und der Baum so frisch, grossblättrig; ich musste stille bei ihm
halten, und mir ein paar Blätter davon auf meinen Hut stecken. Die Bauart der
Stadt, die unter mir lag, die flachen Dächer, das gute Verhältnis zwischen Länge
und Breite der Häuser, zwischen Fenstern und Türen, ein Marienbild in der Mauer,
das sich durch seine guten Umrisse und Farben von der blossen mechanischen
Heiligenmalerei unsrer katolischen Länder unterschied, machten mir einen so
behaglichen Eindruck von einem reiferen gebildetern Lande, dass ich alle Ermüdung
vergass, die ich aus der alten Welt mitgebracht und recht frisch die spinnenden
feinen länglichten Weiber vor allen Haustüren beschaute, deren feurige
aufmerksame auszeichnende Blicke und laute Stimmen sie gleich von allen
Nachbarinnen jenseit der Alpen unterscheiden; Ähnlichkeit haben sie darin mit
den Ostindierinnen, nur ist in Italien alles frei, offen und erklärt, was sich
dort hinter tausend Schleiern verbirgt. Die Eifersucht der Italiener ist ein
altes Märchen: es gibt Eifersüchtige wie allentalben; die Männer sind meist
widrige, schmutzige Eseltreiber, Köche, Faulenzer, eine niedrige List entstellt
meist ihre schönen Züge. Das erste Wirtshaus war so durchsichtig, weil alle
Türen und Fenster offen standen, dass ich glaubte in einem Lager zu sein, wo die
Hütten nur für einen Monat erbaut; so war auch die Kost: gute Sachen schnell und
schlecht bereitet. Auf dem Comersee sorgte eine hübsche runde Frau, die ich aus
Gefälligkeit in mein Fahrzeug aufgenommen hatte, sehr artig für uns. Sie wollte
mein Alter nicht glauben, versicherte mir heimlich, dass ihr noch nie ein so
stattlicher Herr wie ich vorgekommen, ich möchte sie doch in Como besuchen. Sagt
meiner Frau, dass ich nicht untreu geworden bin. Ein paar Schifferbuben, Pietro
und Battista, sangen ununterbrochen beim Rudern, der alte Schiffer besserte
zuweilen, wo sie falsch gesungen; wie verschieden von uns, wo der Alte sicher
den Jungen das Singen bald gelegt hätte. Ja lieben Freunde, wir haben viel
Kritik, aber sonst nicht viel, was der Mühe des Lebens wert wäre, und unsre
meiste Erziehung besteht doch bloss in einem Entwöhnen von der Freude. Angesicht
dieses gebt dem Hofmeister meiner Kinder den Auftrag, alles, was noch volksmässig
gesungen wird, mit ihnen durchzusingen, so haben sie doch etwas, woran sie sich
in vergnügten einsamen Stunden halten können. Mir fehlt so etwas; meine beiden
Reisegefährten schmachten, schmollen oder schreiben.«
                              Funfzehntes Kapitel
             Unterhaltung der Reisenden in den Pontinischen Sümpfen
Die eine charakteristische Ansicht von Italien mag genügen; zu dem Schlusse des
Briefes müssen wir aber bemerken, dass er den beiden zum Schreiben gar mancherlei
Veranlassung gab. Er hatte die Metode, mit Fähigkeiten aller Art die
Klingenprobe zu machen, etwas von ihnen zu fordern, was gewöhnlich nicht
gefordert werden kann, um ihren Umfang und ihre Dauer ganz zu kennen. So sollten
sie ihm im Wagen fertige Tragödien schreiben, besonders gab er ihnen dazu einen
Stoff, der ganz sonderbar war, und den sie gleich ausführten. Er setzte eine
Fürstin nach Italien, die sich in einen schönen griechischen Schiffsknaben
verliebt hätte, und die von ihrem Minister in ihr Land zurückgerufen wurde. Der
Kammerjunker lachte erstaunlich, wenn er sich den fischköpfigen Primaner, dies
tölpelhafte Ungeheuer, als einen solchen Liebling dachte. »Beim Werke«, sagte
der Minister, »nehmen Sie darauf Rücksicht, dass in ihm erste, in ihr letzte
Liebe wirkt, dass sie in einer Masse von Verhältnissen höherer Art gelebt hat,
wovon der Grieche nichts versteht, so dass ein grosser Teil ihrer Bildung brach
liegen musste, der auch seinen Umgang sucht; diesen wollen viele unverschämte
geldgierige Künstler ausfüllen, dies letztere muss Ihnen lustige Szenen geben.« -
So entstand sehr schnell die folgende kleine Tragikomödie vom
                                     Hylas
 Ausgang eines bedeckten Säulenganges nach dem Meere, auf der andern Seite ein
               hoher Felsen mit Gängen, Blumen, Grotten verziert
                                       1.
DER MUSIKER. Das halt ich nicht aus, Sie laufen immerzu und sagen gar kein Wort.
DER MALER. Sie sehen sich nicht um, das ist viel schlimmer.
DER MUSIKER. Wer hat den Strachino zuerst gesehen? Wer fand den Bäckerladen?
DER MALER. Was wollen Sie aber mit dem Zeuge, mit Käse und Brot? Die Fürstin
    riecht's am Ende.
DER MUSIKER. Ich stelle mich immer unter den Wind; es soll Ihnen noch gut
    schmecken, nach allem dem süssen Zeuge, was man hier bekommt, der Magen wird
    einem ganz hohl davon; der Mensch muss aber einen Kern haben, um zu wachsen,
    wie kein Getreide vom blossen Regen wächst.
DER MALER. Ich bin noch nicht hier gewesen, geben Sie ein Stück her.
DER MUSIKER. Warten Sie doch, da bringt ein Kammerdiener Sorbetti, das zuerst,
    der Käse löst die Dissonanz auf.
DER MALER. Das wird schön lauten. Sagen Sie, greift man hier so gerade zu?
DER MUSIKER. Nun sehen Sie, wie ich's mache. Mein lieber Herr Kammerdiener, wie
    geht's mit Ihrer Flöte? Sie haben da Eis, geben Sie mir davon.
DER KAMMERDIENER. Mit meiner Flöte steht es schlecht, Herr Kapellmeister, ich
    habe zuviel darauf geblasen, die Klappe will nicht mehr halten, und da geht
    mir die Luft immer zu früh heraus.
DER MUSIKER. Noch ein Glas Eis, wenn ich bitten darf, auch eins für meinen
    Freund. Es ist jetzt heisse Zeit, ich rate Ihnen sehr, da kein
    Instrumentenmacher in der Nähe, lassen Sie die Flöte jetzt ruhig liegen, sie
    ist bloss ausgetrocknet, wie der Röhrbrunnen vor der Villa; ich wette darauf
    im Herbste akkompagnieren Sie wieder.
DER KAMMERDIENER. Nein, seit der Grieche bei uns ist, werde ich nicht mehr zum
    Konzerte verlangt; der bläst Ihnen wie ein Blasebalg und wird niemals müde
    und hat einen feineren Ansatz.
DER MUSIKER. Noch ein Glas Eis, wenn ich Sie nicht bemühe; Freund, essen Sie
    doch, ich fand es lange nicht so gut gerieben, ein wahres Meisterstück. Ein
    ausserordentlicher, ein verfluchter Herr, der Grieche! Er tut mir auch
    Schaden, die Fürstin nimmt zwei Singestunden weniger.
DER MALER. Ist er denn ein Freund von der Kunst?
DER KAMMERDIENER. Was ist denn das, die Kunst?
DER MALER. Die Kunst, ja, sehn Sie, die Kunst ist nun eben die Kunst. Ich bitte
    um ein Glas Eis, es tut doch gut in solcher warmen Zeit. - Ja, wo blieb ich
    stehn, die Kunst, müssen Sie wissen, die Kunst bei einer Fürstin, ich setze
    ein Beispiel an mir, ich bin ein Maler.
DER KAMMERDIENER. Wenn nun die Fürstin allerlei Schildereien kauft, so ist sie
    eine Kunstfreundin.
DER MALER. Sie wissen es schon, der eine muss es machen und der andere bezahlen.
    Ich habe nun eine ganze Reihe Landschaften von vier Zoll Breite und drei
    Zoll Höhe bis fünf Fuss Breite und vier Fuss Höhe; ist wohl im Schloss noch
    eine leere Wand, wo sie sich gut machen würden, es soll Ihr Schade nicht
    sein; hier ist meine Taxe, just wie mit den Spiegeln für jeden Quadratzoll
    mehr, ein Taler. Noch ein Glas Eis, damit mir nicht eine Seite schwerer
    wird, als die andere.
DER MUSIKER. Was kommentieren Sie denn jeden ihrer Bissen, sehen Sie, ich nehm
    ein Glas und schmeiss es in das Meer, dass auch die Fische mitgeniessen; nicht
    wahr Herr Kammerdiener, hier geht alles ganz ins Grosse.
DER KAMMERDIENER. Es ist doch schad ums Glas, denn schmiss man Sie zum Haus
    hinaus, so wär's doch schad um Ihren Rock. Es ist nur beispielweis.
DER MUSIKER. Ja wir verstehn uns, alter Freund. Seht noch ein neuer Gast, der
    Bildhauer mit dem Buckel. Wo seid Ihr denn so lang geblieben Packenträger,
    Ihr habt nicht mitgekonnt, wir gingen doch zu gleicher Zeit aus.
DER BILDHAUER. Das nennt ihr Kraft, den Weg mit schnellen Schritten so kurz zu
    treten, dass er gar nichts ist. Was ist denn jetzt das Beschwerliche? Die
    Sonne! Und ich bin so viel länger in der Sonne geblieben, also habe ich viel
    mehr Beschwerliches ertragen als ihr, die ihr vorzeitige Geburten, halbgare
    Erdenklösse seid; und seht mich an, ich spring euch noch übern Stock, als
    käme ich eben aus dem Bette; und vor dem Dorfe hab ich erst eben eine
    hübsche Grasschneiderin beim Kopf genommen, vorige Nacht war ich bei der
    Marquise und heute morgen hab ich einen Zentner Marmor zur Bewegung
    abgeschlagen.
DER MALER. Ein rechter Michelangelo; drück nur einmal, wenn du bei Kräften bist
    aufs Überbein an deinem Rücken, vielleicht vergeht es noch, du bist noch
    jung.
DER BILDHAUER. Ich weiss nicht, was du hast mit meinem Buckel; ich habe mich erst
    heute noch im Spiegel angesehn, ganz nackt, es ist bloss der Unterschied
    zwischen rechter und linker Seite, die ihr bei Stieren auch bemerkt. Du bist
    auch der einzige Mensch, der das findet, ich frage dich, du jämmerlicher
    Musikant, ich bin nicht gerade schön gewachsen, aber -
DER MUSIKER. Nicht gerade, ist so viel wie ungerade, und das muss wahr sein.
DER BILDHAUER. Herr, Ihr seid ein Esel.
DER MALER. Leid's nicht, steck ihn unter den Tisch, wir wollen ihm Tritte geben.
DER BILDHAUER. Ich schlag euer Hirn gegen die Mauer, wie ein faul Ei, wer
    wagt's.
DER KAMMERDIENER. Ihr Rekel, könnt ihr denn nicht Frieden halten, wenn ihr
    Geschäfte machen wollt, es ist ja euer eigener Vorteil.
DER BILDHAUER. Ich bin zu unmässig im Zorn, verzeiht ihr Freunde, meine
    Leidenschaften bringen mich ums Leben. Wie gefällt meine neue
    Alabasterlampe. Luna, wie sie den Endymion küsst.
DER DICHTER eintretend.
O dieses Meeres süsse Füsse,
Wie kühlen sie der Nymphen leichte Füsse,
Sie laufen nach
Um mit der Well zu spielen,
Doch ach
Sie müssen sich umwunden fühlen,
Demütig schmeichelnd scheint die Liebe erst,
Gebietend ist sie, wenn du sie erhörst.
DER MUSIKER.
Willkommen, werter Freund, ich will gleich musizieren,
Womit Sie eben jetzt die Ohren mir berühren.
Sie sind im schönsten Kreis von einem Kunstvereine,
Was fehlet uns noch jetzt, die Fürstin ganz alleine.
DER DICHTER.
O heil'ger Tag, der mich an diese Schwelle,
In seinem heitern Laufe bringt,
Und wie ein Bach, so irrt ich in der Helle,
Bis jede Welle an der Schwelle klingt,
Da endet mir des Himmels öde Leere,
Ich fühle
Mich wiederklingend endlos in dem Meere,
Und Einklang in dem ewigen Gewühle.
O welches Leben ist mir nun beschieden,
Seit ich mein neblig Vaterland gemieden.
DER MUSIKER.
Hier ist das Land der Kunst, doch ist es etwas heiss,
Beliebt es Ihnen auch, ich nehme ein Glas Eis.
DER DICHTER.
O welches fromme Haus,
Hier stösst mich keiner aus.
O welche milde Hand
Hat Labung mir gesandt;
Ich armer Knab ging aus
Mit einem Blütenstrauss,
Und wollt ein wenig sehn,
Woher die Lüfte wehn,
Die milde zu uns dringen,
Dass alle Kehlen singen.
O Haus voll sanfter Luft,
O Haus voll reichem Duft,
Auch Früchte find ich hier,
An deiner offnen Tür.
Hier streckt ihr Riesenhaupt
Melone aus der Erde,
O wär es mir erlaubt,
Zu folgen der Gebärde:
Sie will gegessen sein,
Doch nimmer ganz allein,
Gebt Zucker, hohe Götter,
Und lachet nicht ihr Spötter,
Zuviel ist dieses all,
Dass ich es einsam fühlte,
Geniesst mit mir einmal,
Was meinen Durst erkühlte;
Ach wären auch die Meinen hier,
Das wär viel lieber mir.
DER MUSIKER.
Sie haben recht mein Freund, wenn man's bei uns nur wüsste,
Sie kriegten all danach ein mächtiges Gelüste;
Versuchen wir einmal, es möchte uns wohl glücken,
Gebacknes Obst von hier nach Deutschland auszuschicken.
DER DICHTER.
Nichts von Gebackenem,
Schnöder Gedanke!
Schaue der Ründung
Himmlischen Bogen,
Schaue die sanft verwachsene Spalte,
Schaue dies wollige
Schützende Kleid,
Schaue den duftenden
Farbigen Staub,
Fühle die Kühle.
O Aprikose
Sage, wer wagte
Je dich zu backen,
Der dich gesehen
Schwellend im Glanze
Irdischer Jugend!
DER MUSIKER.
Sie haben vielen Sinn, doch ist er viel zu weich,
Es wird kein Hebebaum aus einem schlanken Zweig,
Der Künstler sei was hart, will er die Welt besingen,
Denn da muss vielerlei ...
DER BILDHAUER.
... über die Klinge springen.
    Herr, Sie haben keinen Mannesmuskel, Sie haben Froschschenkel, Ihre Lieder
    passen fürs Wasser, ein ew'ges Einerlei von Weinerlichkeit.
DER DICHTER.
Du von der Natur
Schändlich Gezeichneter,
Sage mir nur,
Mich, den bezeichneten
Himmlischen Adler,
Wagst du zu höhnen;
Heute ich prange
Irdischem Schönen,
Morgen entreissen mich
Götter zu sich.
DER KAMMERDIENER. Durchlaucht die Fürstin bedauert sehr, dass sie die Herren
    heute nicht sprechen kann, sie wäre dringend beschäftigt.
DER MUSIKER. Gelt, mit dem schönen Griechen, lieber Herzensfreund; den Menschen
    müssen wir los sein, - legen Sie ihr doch morgen meine Sonate wieder auf das
    Klavierpult, die ich ihr dediziert habe, und geben Sie ihr doch so vor sich
    zu verstehen, eine goldne Dose wäre das wenigste, was sie mir geben könnte,
    es soll Ihr Schade nicht sein.
DER MALER. Nun vergessen Sie nicht Herzensfreund, sehen Sie doch an den Wänden
    herum, wo noch Platz ist; ich male für alle Arten Lichter, auch da wo keins
    ist.
DER BILDHAUER. Da die Fürstin nichts gegen die Lampe sagen lässt, so nehme ich
    an, dass sie dieselbe nehme, und das Geld schaffen Sie mir bald, lieber
    Bester.
DER MALER. Hört Kapellmeisterchen, holt doch einmal Euern Käse und Brot heraus,
    ich hab zu viel von dem süssen Zeuge in den Hals laufen lassen.
DER DICHTER.
Geniesst der holden Gunst
In milder Luft zu schweben,
So wird die reine Kunst
Auf euren Lippen leben.
DER KAMMERDIENER.
Das Volk wird nie satt.
DER MUSIKER.
Die Kunst geht nach Brot.
                                    Alle ab
                                       2.
HYLAS tritt mit einer Mandoline auf und singt.
Wie so schwer vom Herzensgrunde
Reissen sich die Worte los,
Hängen dann noch fest am Munde,
Küssen mich fast atemlos,
Und die Augen gehn mir über
Von der hohen Töne Fieber;
Ausgestossen von dem Munde
Flüchten sie in fremde Welt,
Ist es auch die rechte Stunde,
Wo ein jeder Ton gefällt?
Vor der bang geschlossnen Pforte
Schweigen scheu der Liebe Worte!
DER DICHTER an der Gartenmauer singt.
Worte rufen nach Gedanken,
Die Gespielen blieben heim,
Die spielordnend loben, zanken,
Da begegnen sie dem Reim,
Dass er sie in Reih und Glieder
Ordne zu dem Spiel der Lieder.
Und dem Reim folgt der Gedanken,
Beide sind ein liebend Paar,
Beid auf schmalem Stege schwanken,
Sich umschlingen in Gefahr,
Weinlaub so umschlingt die Bäume,
Dass es sie mit Glanz besäume.
HYLAS.
Hoffend tauch ich in das Grüne,
Singend in das Himmelblau,
Und die ganze Frühlingsbühne
Sagt von dir, du schöne Frau,
Könnt ich's so geläufig sagen,
Würd ich nicht nach Liedern fragen:
Muss ich nicht bedenklich werden
Folg ich dir mit dem Getön,
Ziehet kalter Wind auf Erden
Und ich hör nur sein Gestöhn,
Rings die Wärme seh ich zittern
Und die Ferne hell gewittern.
DIE FÜRSTIN in der Ferne.
Wär am Himmel sichre Helle,
Himmelglatt der Erde Rand,
Aber an des Himmels Schwelle
Ist gezähntes Felsenland.
Und der Regen tritt entgegen,
Will sich zwischen uns noch legen:
Himmels Fensterscheiben brechen,
Und die Laden donnern an,
Da ich wollt vertraulich sprechen,
Uns die Sonne ganz zerrann:
Ach ich meine im Zerstören
Warnend einen Geist zu hören.
HYLAS.
Klimm mit mir zu jenen Höhen,
Und ich sag von Liebe dir!
Ach wie ist mir nun geschehen,
Nun das Meer tief unter mir,
Hör die Steinlein drinnen schallen,
Die von meinen Tritten fallen.
O so fallen leicht vom Herzen
Meine Wort ins Freudenmeer,
Und es scheinen meine Schmerzen,
Wie die Worte mir so leer:
Halt mich fest und lieb mich wieder,
Sieh, ich stürze sonst hernieder.
DIE FÜRSTIN.
Hier lass uns weilen auf dem Rasensitze,
Denn schönern Blick gewährt wohl nie die Welt;
Wie schwingt sich alles auf in Lust und Klang,
Nur du bist stumm, mein süsser, süsser Freund.
HYLAS.
Ich sehe in ein tiefes grünes Wasser,
In tiefe blaue Luft, in blendend Feuer
Und bin ich nicht ein Stein, muss ich vergehn.
Sieh doch, jetzt ist die Luft schon wieder blau,
Ich bin noch finster wie sie eben schien,
Auch bricht die Nacht bald über uns herein.
FÜRSTIN.
So sprichst du immer anders, als erwartet
Warum kannst du nicht artig schwatzen, so wie ich;
Was in die Hand mir fällt, wird mir zum Spiel,
In jedem Blatt schenk ich dir neu ein Herz,
In jeden Stengel schling ich Liebesknoten,
Ich bring ihn dir, du schweigst und lässt ihn fallen.
HYLAS.
Du gibst zu viel, und sollt ich's all bewahren,
Ach ich erläge unter Dankes Last;
Hab ich's dir nicht gesagt, als wir zum ersten Male
Vertraulichkeit mit unsern Lippen tauschten:
Sind meine Augen dir nicht klar wie Glas,
Ins Innere des Herzens mir zu lesen,
Durch meine Zunge lässt es sich nicht aus,
Und nur wie Funken aus dem Stein geschlagen
Entwickelt sich ein kurzer Schein, wer den
Nicht fängt, in Flammen höher auf zu lodern,
Der kennt ihn nicht, dem bin ich tot,
Und wie in einem Sarg in mir verschlossen.
FÜRSTIN.
Verkenne nicht mein sorgliches Nachfragen,
Die Lieb spricht gern ein überflüssig Wort,
Damit sie nicht, was irgend not, versäume, -
Nicht ich bedarf der steten Rede Spiel,
Es saget mir dein lieber Blick so viel,
Wenn meine Hand dir Stirn und Wang berühret,
Es sagt mir mehr, als je ein Mund gesagt,
Wenn ich dein Herz lebend'ger schlagend spüre,
O welches Lied kann hüpfen also leicht.
Nein nicht um mich brich dieses lange Schweigen,
Mit dem du oft an meinen Blicken haftest,
Nur ich, ich fürchte, du bemerkst an mir,
Was dir missfällt, was du mir gern verschwiegest.
HYLAS.
So kommt ihr her, aus eures Nordens Wüste,
Den lieblichsten Genuss missgönnt die Furcht,
Die sonst um euch in der Natur gelauschet,
Bis sie den Weg zu eurer Seele fand;
Wie ihr sonst schwindelnd auf den Bergen standet,
So steht ihr fürchtend auf der Liebe Wipfel!
Es mögen Flammen aus dem Wipfel steigen,
Die Länder beben in dem innern Grund,
Hier lasse schwinden alles eigne Leben
Von einem Leben, das uns all durchdringt,
Das heftig unsern Atem hier bewegt
Und mit dem Mond, der dort dem Meer entsteigt,
In einer Nacht für Millionen lebt.
Bewahren lässt sich nichts und viel geniessen,
Mir lasse ganz des Busens Freude scheinen;
Und was dir noch von alter Sorge bleibt,
Das schreibe all an alte Freund nach Haus,
In jene Gegend, wo sie immer sorgen.
FÜRSTIN.
Ach wohl bekenn ich mich der Sünde schuldig,
Mit Wahn den keimenden Genuss zu stören,
Doch ist er nicht so leer, mein schöner Knabe;
Auf meinen Wangen prangt nicht mehr die Frische,
Mit der du gern in jeder Frucht dich siehst,
Mit allen Lüften fühlst und dich bewegst,
Und was in mir geschieht, ist fast geendet.
Sieh morgens nur dein Angesicht im Wasser,
Es wird bewegt von wechselndem Verlangen,
Es wird bewegt wie von der Luft das Feld
Und es vergeht kein Tag, wo du nicht lernest,
Wo du nicht wächst zum grössern Manne auf.
O sag, in diesem Blick, was sagtest du,
O sag, was dachtest du im Augenblicke.
HYLAS.
Beim Zeus, ich dachte nicht, ich sah dich an,
Wie von der Lampen Schimmer du erhellt,
Die einen neuen Tag in Nächten schaffen,
Und hab ich mehr gedacht, ich weiss nichts mehr;
Beim Zeus, du denkst dir gar zu viel in mir,
An deiner Seite denk ich nur an dich.
FÜRSTIN.
O schweig, es war der lieblichste Gedanke,
Du willst mit neuer Lust mich überraschen,
O dass du mir so was verbergen kannst,
Dass ich nicht ganz in dir mich kann verlieren,
Nicht kann mit deinen dunklen Augen sehen,
Mit deinen Pulsen nicht die Zeit mir messen!
Bewache mich, dass ich die Brust dir nicht
Zerreiss, mein Schicksal dir im Herzen lesend;
Wie jene Deuter in der alten Zeit
Die schönsten Menschen opferten, um dann
Aus ihrem Innern Künft'ges zu vernehmen;
Dann wär ich ja mit meinem Schicksal fertig.
HYLAS.
Du lässt mir gar nichts übrig, dir zu sagen,
Denn wie das Meer Italien umspannt,
So sanft, so wild, so schrecklich und so lieblich,
So regst du jeden Sinn in dem Gemüte,
Und gibst ihm gleich ein ewig deutlich Wort.
Was kann ich mehr noch, als dein Nachklang sein,
Und Bessres immer, als dein Widerhall.
FÜRSTIN.
Was ich dir gebe, bring ich dir zurück,
Ich hab's von dir, du nichts von mir empfangen,
Denn wie die Biene alle Blüten regt,
Die an der Erde träge duftend liegen,
Mit ihrem Atem nicht, mit ihren Flügeln,
So regen auch, wenn du die Arme um mich legest,
Sich alle frohen Blüten wieder auf.
HYLAS.
Und wie ich jetzt so an mein Herz dich drücke,
Da fühl ich in dem Augenblicke wieder,
Was ich oft überhört, wenn du gesprochen;
Du weisst, ich habe manchen alten Traum,
Der mich nicht lässt, hab ich ihn gleich verlassen.
FÜRSTIN.
Ich sitz dir stets zur Beichte, leg den Mund
Dir immer an das Ohr, dir zu bekennen,
Was in mir vorgeht; nun bekenn mir auch,
Was ist es für ein Traum, der dich bewegt,
Der dich aus meinen Liebesnetzen zieht
Und an den wesenlosen Himmel mahnt,
Dem ich dich schöner Vogel hab geraubet;
Ein nutzlos Mühen hast du so verloren,
Sieh wie die Vögel steigen, um zu fallen,
In meiner Liebe steigst du immerdar.
HYLAS.
Du bist mir Vaterland und Freiheit, alles
Was ich verloren und - was ich gehofft.
Und füttre ich die Tauben und die Schwäne,
Mir sind sie lieb, weil du zu ihnen lächelst,
Nach keinem Ausflug mehr verlangt mein Herz;
Denn gar ein wunderbares geist'ges Leben
Seh ich in deinen Künsten überschweben.
Ach wär ich doch ein Bild von deiner Hand;
Verachte meine kleinen Künste nicht,
Der Himmel treibt die Gärtnerei mit mir.
FÜRSTIN.
Der Himmel will dir wohl, er denkt wie ich,
Du weisst es ja, ich freu mich jeder Blume,
Die du mir sorglich aufgezogen hast;
Und ihre Kränze sind lebend'ger doch,
Als alles, was mein Pinsel dir kann zaubern.
Erfreu dich deines Werks, weil ich's bewundre,
Und rühmen keine andre deinen Garten,
Gedenk, ich leb darin die schönsten Stunden.
O sieh die Malven, die du einst geflochten,
Zum Zelte mir, wo wir so traulich schliefen,
Sieh, wie die Sonne heut daran gewelkt;
Gewiss, sie schmachten heut nach frischem Regen;
Ich muss vergelten, wie sie mir getan,
So will ich sie auch heute noch erquicken.
HYLAS.
Sie sind so schöner Mühe doch nicht wert.
FÜRSTIN.
Ich bitte dich, o lass mir diese Sorgen,
Denn eine Sorge muss ich immer haben,
Wie du mir oftmals liebend vorgeworfen.
HYLAS.
So seh ich dir hier unterm Kirschbaum zu,
Und jeder deiner Schritte scheint mir Tanz,
Und Anmut schwebt in jeglicher Bewegung;
Ein schöner Demantstrom entrinnt der Hand,
Im Lampenschimmer düftet's rings so frisch.
FÜRSTIN singt während des Begiessens der Blumen.
Der Himmel ist oft hell, kann dann bald weinen,
Deckt seine klaren Augen zu,
Die auch verhüllet noch zu trauren scheinen,
So glänzest du, so scheinest du.
So traure du, so sei verlassen trübe,
Ja regne Tränen ohne Zahl,
Wenn wandelbar einst unsre Liebe,
Denn solches Glück besorgt den Fall.
In wunderbar geflochtner stummer Liebe
Ist so besorglich schon die Qual,
Dass sie so gern zur Totenfeier hübe
Den frohsten Blick zum Sternensaal.
Du stiller Winter wehest schon vom Himmel,
Ihr weissen Wolken, ew'ger Schnee,
Ihr zieht schon vor die Sterne mit Getümmel,
Der Mond stürzt weinend in die See.
Hier blüht der Garten, Lilien, deine Wangen
Mit Tausendschönen mischen sich,
Wo keusche Rosen schwankend überhangen,
Schwül ist die Luft für mich und dich.
HYLAS singt halb träumend.
Der Kirschbaum blüht, ich sitze da im stillen,
Die Blüte sinkt und mag die Lippen füllen,
Auch sinkt der Mond schon in der Erde Schoss
Und schien so munter, schien so rot und gross;
Die Sterne blinken zweifelhaft im Blauen
Und leiden's nicht, sie weiter anzuschauen.
           Die Fürstin verliert sich unter Blumen; Hylas schläft ein.
 
                                       3.
DER KANZLER tritt durch die Gartentüre ein.
Dies ist der Fürstin Schloss, ich hab's erkannt
Nach dem Gemälde, das sie uns gesendet,
Doch kaum erreicht hat ihrer Maler Kunst
Den Reichtum dieser wunderbaren Gegend,
Die weit umher in nächtlicher Beleuchtung glänzet,
Als sei ein ew'ger Tag rings um sie her.
Wie fühl ich mich so weich in diesem Land,
Als würd ich erst in meinem Alter reif,
Und grausam soll ich sie dem Land entreissen?
Ich werde alt, ich wünsche auch Genuss,
Wie lange soll mich noch die öde Arbeit halten,
Die in sich selber ungeheuer wächst,
Da meiner Kräfte Schnellkraft sich verlieret,
Dass ich sie nur im steten Kampf mag zähmen;
Wo find ich Ruhe bei geliebten Wesen?
Und meine Fürstin hat sie hier gefunden!
Ich hab nicht Weib, nicht Kinder, weh mir Armen,
Und für die Liebe bin ich nun zu alt.
Ja Mond, so geht es in der Welt: dem Jüngling
Versprachst du viel, und so läuft alles ab.
                                Er sieht Hylas.
Welch schöner Jüngling ruht hier unterm Kirschbaum!
An diesem Bild der Fürstin, das ihn ziert,
Erkenn ich ihn, es ist der schöne Grieche,
Der ihre Neigung so allmächtig fesselt.
Nie sah ich Schönheit in so wilder Stärke,
Dir soll's nicht fehlen, schlafe ruhig fort,
Ich reisse dich aus der Geliebten Armen,
Die eher deine Mutter könnte sein.
Ich führ als Vater dich ins junge Leben,
Du bist geschickt zum Kriege, wie zur Liebe;
Ich fühl an dir ein väterlich Gefallen,
Und muss ich dir auch heute wehe tun,
Ich kann es bald als Vater dir vergüten.
Wer weiss, ob du dich viel darum bekümmerst,
Denn aufwärts klimmt die Neigung gar zu selten.
Dass sie dich liebt, ich kann es wohl begreifen,
Doch deine Neigung kann nicht dauernd sein.
Ich löse schnell, was sich bald selbst vernichtet. -
Die Fürstin kommt; jetzt träge Überlegung,
Jetzt weiche, mach der Überredung Platz;
Sie ist verändert unsre Fürstin hier,
Hat gar nichts mehr vom alten Herrschertritte,
Der schnell und fest uns oftmals glauben machte,
Es käm ein fremder Held durchs Nebenzimmer.
 
                                       4.
                            Der Kanzler, die Fürstin
FÜRSTIN.
Wie? Täuscht mich nicht der Lampen farb'ger Schimmer,
Sie sind es Freund, mein treuer, vielbewährter,
Die Stütze unsres Landes; bester Kanzler,
Woher so unerwartet? Um so freud'ger
Begrüss ich Sie! Sie reicht ihm die Hand zum Küssen.
KANZLER.
Wohl mir, die schöne Hand
Errat ich nun nicht mehr aus blossen Zeichen,
Die der Gedanken hohen Lauf mir sagen,
Ich fasse sie und möchte nie sie lassen,
Bis ich des Staates Zügel drein gelegt,
Denn ihr allein ist folgsam jene Menge,
Die mit mir durchgeht, trotzig widerstrebend
Vom Diener dulden Diener selten Strenge.
FÜRSTIN.
O legen Sie die weisen Sprüche ab,
Es steckt noch kalte Luft in allen Falten,
Hier lüften Sie sich bei dem Meeresrauschen,
Worin die Sterne spielend niederwallen,
Hier wird die Nacht zum allerfrohsten Tage.
KANZLER.
Ach könnten wir das ganze Land herschwemmen,
Wie eine neue Insel, und ein Volk
Von Glücklichen in leichter Lust regieren!
FÜRSTIN.
Regieren Sie, ich bin ein schwaches Weib,
Hab nicht der Männer Sinn, nicht ihre Kraft;
Sie Freund, Sie machen's besser jetzt als ich,
Als ich es je vermocht, ein jeder rühmt Sie.
KANZLER.
Gedenken Sie der letzten Briefe nicht?
FÜRSTIN.
Wohl, ja, doch las ich nur den Schluss davon,
Dass alle noch gesund sind, die mir lieb.
KANZLER.
Sie lasen nicht den Anfang dieser Briefe?
FÜRSTIN.
Ich weiss seit lang, Sie machen alles recht.
KANZLER.
Wohl mir, dass ich zur rechten Zeit noch bringe
So wichtige, bedeutungsschwere Nachricht:
Ihr Bruder, gnäd'ge Fürstin, hat ganz trotzig
Sich einen Kreis von Abenteurern kühn
Gesammelt; die guten Bürger hängen noch
An ihrer Fürstin, doch sie fordern schnell
Die Gegenwart, die alles kann vereinen,
Die Frevler ohne Blutvergiessen schreckt,
Die allen Guten gibt das Zutraun wieder.
FÜRSTIN.
Sie wähnen nun, ich würd ganz eilig kommen,
Mich selbst dem allgemeinen Wohl zu opfern,
Wo keiner hat den Mut, für mich zu streiten.
KANZLER.
Ich hab's gewagt, ich bin verhöhnt, verwundet.
FÜRSTIN.
Ich nehme Sie von allen immer aus,
Doch eben weil Sie da so einzeln stehn,
So ist des Volkes Rest wohl nicht viel wert,
Und ist's was wert, ich bin zu schwach zum Schützen.
Ich kenne Sie, fest wie ein Eichenbaum,
Ich bin aus leichtem Holz und wie ein Rohr,
So schwank ich in den Lüften hin und her;
Ich mag nichts machen in der Welt, denn was
Geschieht, das macht sich selbst und wird nicht schwer.
KANZLER.
Nein, ich versteh Sie nicht, Sie sind verwandelt,
Bei Gott, es gibt auf Erden Ihrer zweie,
Die eine war des Vaters Ebenbild,
Es sprach sein Geist durch ihren heil'gen Mund,
Die Klugheit, früh entwickelt an der Grösse,
Die Weisheit, an der Tätigkeit gekeimt,
Die Güte, in Erfahrung schön gereift;
Das sind Sie nun nicht mehr; wer kann's erklären?
FÜRSTIN führt ihn zu dem schlafenden Hylas.
Hier sehen Sie die Weisheit, die mich blendet,
Die Güte, die mich hat so schön gereift,
Und meine Klugheit ist, ihn zu bewahren,
Vor dessen Schönheit tausend Trone sinken;
Wenn die geschlossnen Augen mich beherrschen,
Wo nähm ich Macht, wenn sie sich öffneten,
Um scheidend mich zum letztenmal zu grüssen.
KANZLER.
Ja ich bekenn es, dieser Tausch ist hart
Und dieser Jüngling wert des schönsten Trons.
FÜRSTIN.
Des Herzens wert, zu gut für jeden Tron;
Für ihn ist das Entsagen jedes Trons
Nicht schwerer zu vollbringen, als zu sprechen.
Ich kenne, was ich meinen Reichsgesetzen,
Was ich als erstes Beispiel schuldig bin;
Nicht andre will ich selbst zur Torheit mahnen,
Sie führte mich so schnell von alter Weisheit:
Es waltet über jedes Volk ein Schicksal,
Ich überlass mein trostlos Volk dem seinen,
Mein Schicksal ist die Liebe nun allein.
KANZLER.
Ich war nicht vorbereitet, gnäd'ge Fürstin,
Dass Ihr Entschluss so überlegt und fest.
FÜRSTIN.
Er ist gefasst nach langer Überlegung,
In meinem Zimmer lieget die Entsagung.
Nur wenig wünsch ich aus des Vaters Schätzen,
Ein mässig Jahrgehalt, und wird mir dies
Verweigert - arm in diesen Armen ist
Auch Reichtum - viele möchten mit mir tauschen.
KANZLER.
Was meine Rede mir im Mund erstarrt,
Beweget tiefer noch mein ganz Gemüte;
Ich war bereitet auf ein schwer Geschäft,
Doch abgeschlossen alles hier zu finden,
Vorüber alles, alles wohl bedacht,
Wie ich es nimmermehr erleben möchte,
Vieljähr'ge Arbeit in den Wind zu streuen!
O Fürstin, schweigen denn Millionen Stimmen
In Ihrem Herzen, die in diesem Drucke
Der unnatürlich gegen sich ergrimmten Zeit
Viel Tausend Seufzer täglich, nächtlich senden?
Ach dieser Strom der Luft, der uns umhaucht,
Und aus dem Norden strömt, ist schwer beladen
Mit tausendfacher Not, die jene drängt.
Er klagt es leise seiner Hoffnung Fürstin,
Der Schöpferin von allem unserm Glücke.
Soll dieses ganze Glück in Torheit sinken,
Denn also will's des Bruders wahner Sinn.
FÜRSTIN.
Sie quälen mich; ich überzeug mich nicht.
Mein Volk vergess ich nie im treuen Herzen,
Doch weil ich schwach, darum vermag ich nichts,
Es liegt mir nah, der holde Schläfer näher:
Ich bin ein schwaches Weib, ich bin nicht mehr,
Wie ich wohl einstmals war, eh' ich ihn sah.
Was ich geschaffen, würd ich jetzo stören,
Was mir im Glück geriet, verdürbe Unglück.
Ich bin viel törichter als je mein Bruder,
Und dieser Knabe ist mir Gott und Welt,
Ihm opfere ich mich und auch mein Volk.
KANZLER.
Der tät'ge Mensch vergisst so viel,
Und jeder Tag macht neu die tät'ge Seele.
FÜRSTIN.
Das Weib vergisst so viel, und doch nicht alles;
Das Vaterland, die Eltern und die Freunde,
Vergisst das Weib und folget ihrem Mann.
Doch fort von hier - es regt sich der Geliebte;
Nie darf er wissen, was wir hier gesprochen.
                          Sie gehen mit einander fort.
                                       5.
HYLAS richtet sich auf.
»Nie darf er wissen, was wir hier gesprochen«,
Und welcher Gott gab es im Schlaf mir ein;
Der Gott, der gibt's den Seinen in dem Schlaf,
Ich stamme auch aus dem Geschlecht der Götter,
Träum aus du arme Seele, träume aus,
Damit du klar erwachst vom trüben Denken!
Hier stand der ernste Mann mit finstrer Stirn,
Er sprach mit tiefer Stimm ein ernstes Wort:
»Dem Knaben opferst du dein ganzes Volk?«
Und ruhig sprach da meine Fürstin drauf:
»Ihm opfere ich mich und auch mein Volk.«
Was dringt in meine Adern, welche Scham,
In meine Sehnen, welche Heldenstärke,
In alle Sinne, welche ew'ge Klarheit,
Mein ganzer Wille wird nun zum Entschluss;
Schon steh ich jenseit dieses wüsten Lebens,
Weit über euch, ihr niedern Erdengötter,
Da ruh ich in der Schicksalsgöttin Armen.
Ich sollt mir opfern sehn so reine Grösse,
Und nichts gewinnen als ein schwelgend Leben!
Ich hasse euch, ihr unglücksel'gen Götter,
Die ihr das rote Blut in tausend Bächen
An den Altären müsst fliessen sehen;
Des Mitleids Qualen könnt ihr nimmer stillen,
Euch opfern nie dem Schicksal ew'ger Liebe!
Ich fühl's, jetzt wird im Kopfe mir so licht,
Dem neuen Tage strahle ich entgegen,
Der aus den Fluten sich so kräftig dränget.
Nein ich gehör nicht mehr dem neuen Tage,
Er zwingt mich nicht zu glauben an sein Licht,
Das nur ein Gegenschein von meiner Liebe.
Bald werf ich mich der Sonne froh entgegen,
Damit ich selbst der weiten Welt erscheine. -
Noch einmal denk ich alles Glücks allhier!
Seit mich die Fürstin in die Arme nahm,
Da fiel des Glückes Tau so reichlich mir;
So unersättlich ich darin auch schwelgte,
Ich frage nicht, ob es auch dauern könne,
Wär es das Glück, wenn Zeit zum Umschaun bliebe;
Es reisst uns an den Haaren in die Höh
Und lässt uns dann in öde Tiefen fallen,
Wie Steine unter meinen Tritten fallen,
Und schallen in dem bodenlosen Meer.
Lebt wohl ihr Blumen, die ich lieben lehrte,
Hier unter euch, da sah ich sie verschwinden
In meines Abschieds trüber Dunkelheit;
Bald wird es Tag von einem neuen Lichte
Und werd ich Licht, wenn ich dem Meer entsteige,
So fall ich hier in ihre holden Augen!
Ihr Tauben, meiner Liebe sanfte Boten,
Ich glaub mit euch zu fliegen übers Meer,
Ich seh ins ewig Ruhelose freudig,
Das steigend fällt und fallend steigt,
O nimm mich auf, ich bin wie du!
   Er stürzt sich mit ausgebreiteten Armen ins Meer, dem die Sonne entsteigt.
                                       6.
                          Die Fürstin und der Kanzler
FÜRSTIN.
Sie kennen mich, dass ich nie mehr gesagt,
Als ich vollführen kann; ich kenne Sie,
Dass Sie nicht wiederholen mögen, was
Vergebens bleibt. Mein Schluss bleibt immer fest.
Dem Trone zu entsagen ist mir leicht;
Von Ihnen wird der Abschied schwer, mein Freund.
KANZLER.
Mich hält, ich weiss nicht welche Hoffnung fest,
Dass sich Ihr harter Sinn noch lässt erweichen;
Umsonst gewirkt zu haben ist so schwer,
Uns beide trifft das, wenn es dabei bleibt.
FÜRSTIN.
Ich hab gelebt, seit ich nicht mehr gewirkt,
Versuchen Sie in gleichem Sinn zu leben;
Dann frag ich Sie, ob Sie nicht gern entsagen.
KANZLER.
Ich bin zu alt zu einem neuen Leben.
Es lässt sich Liebe nicht so leicht erwerben,
Was nicht erworben, lässt sich nicht bewahren.
FÜRSTIN.
Ich bin auch älter als mein schöner Hylas;
Ich sterbe früher, weil ich älter bin:
So überlebt mich herrlich meine Liebe.
O Hylas komm, nach solchen ernsten Worten
Bedarf ich deiner Töne leichtes Spiel,
Und deiner Züge viel bedeutend Bild.
KANZLER.
Ich höre an dem Meere Klagetöne.
FÜRSTIN.
Es ist so mancher Unglücksfall am Meer.
Mein Hylas komm! Er hat ein zart Gemüt,
Und vor der Trauer muss ich ihn bewahren;
Er ist so klar, so froh wie jene Sonne,
Die aus den Wellen hellgebadet steigt.
                                       7.
            Die Künstler tragen die Leiche des Hylas nach dem Hause.
DER DICHTER.
Setzet nieder eure Bürde,
Schweigt im ernsten Trauerhaus,
Wohl geziemt sich Ernst und Würde,
Wo die Schönheit lischt in Graus.
Wo die Wärme ist verschwunden,
Kommt der öde Winterschlaf,
Alle Stärke ist geschwunden
Alle Glieder sinken schlaff.
FÜRSTIN.
Keinen Toten kann ich sehen,
Helfen kann ich ihm doch nicht,
Kann zur Hülfe was geschehen,
Sorgt, dass ja nichts hier gebricht.
Gern will ich ihm Obdach schenken,
Bis die Erde ihn verschliesst,
Doch mit anderen Geschenken
Wär ich lieber heut begrüsst.
DICHTER.
Sehnlich wirst du nach ihm sehen,
Und in den erblassten Zügen
Les auf einmal alles Wehe,
Kenne wieder dein Vergnügen.
FÜRSTIN.
Sagt, wer ist es denn gewesen,
Dass ihr mich wollt zu ihm ziehen.
DICHTER.
Ach das schönste aller Wesen,
Selbst der Tod ist in ihm Blühen.
FÜRSTIN.
Wehe, wehe, Hylas, Hylas!
Ach das ist mein Hylas nicht,
Denn er hört nicht, Hylas, Hylas!
Blass ist auch sein Angesicht.
Kalt die Lippen, und gebrochen
Ist der Augen Feuerschein,
Tausend Tränen in den Locken,
Ach er ist nun nicht mehr mein!
KANZLER.
Ist kein Mittel ihn zu retten?
DICHTER.
Alles ist umsonst versucht!
Ach wer kann das Leben retten,
Das vor sich in eigner Flucht;
Denn die Arme ausgebreitet,
Stürzte er sich selbst ins Meer.
FÜRSTIN.
Welcher Gott hat ihn geleitet,
Und verwundet mich so schwer.
KANZLER.
Fürstin, seht des Schicksals Willen,
Dem der schöne Knabe fiel.
FÜRSTIN.
Sterbend muss ich so erfüllen,
Was für meine Kraft zu viel.
KANZLER.
Traurend konntest du beglücken
Schöner Gott, der hier verbannt,
Mochtest oft zum Himmel blicken,
Heimwärts hast du dich gewandt.
Fallet alle vor ihm nieder,
Seine Seele strahlt im Meer,
Gebt den Staub dem Staube wieder,
Dieser Leib war ihm zu schwer.
Ihm zum Tempel sei geweihet
Dieses Schlosses weiter Raum,
Dass die schöne Kunst erneuet,
Was im Leben flücht'ger Traum.
FÜRSTIN.
Führe mich, du weise Stärke,
Ich gehorche deinem Rat,
Tränen sind nun meine Werke,
Jammer meine einz'ge Tat.
DIE SCHWALBEN.
Wir versuchen die jungen Flügel
An dem grünenden Grabeshügel,
Schlagen mit schwarzem Flügel die Luft,
Streifen vorüber im Morgenduft;
Singen einander mit fröhlichem Munde,
Unser Leben, das misst nicht die Stunde,
Einmal erscheinet ein Morgenrot
Weht in der Asche, leuchtet im Tod,
Netzet die Flügel im Meeresschaume
Und wir erwecken euch alle vom Traume.
                                       8.
              Fürstin, Kanzler ziehen fort. Die Künstler bleiben.
DICHTER.
Wie die Fürstin es befohlen
Sorget für ein Trauerfest.
MUSIKER.
Meine Zeit ist nicht gestohlen,
Sorgen Sie erst für das Best.
BILDHAUER. Wie konnten Sie so dumm sein und die Fürstin so fortgehen lassen,
    ohne ihr einen Überschlag der Kosten zu machen, wenn wir dem neuen Gotte
    einen Tempel wirklich erbauen sollen.
DICHTER.
Meine Tränen, wer kann sie bezahlen,
Meine Worte ach, wer kann sie hemmen?
MUSIKER.
Meine Noten lass ich mir bezahlen,
Also werden Sie sich auch bequemen.
KAMMERDIENER. Die Fürstin hat mir die Vollmacht gegeben, alles Notwendige zu dem
    Denkmale zu berichtigen.
BILDHAUER. Was ist nun für Not! Viktoria, es lebe, ich wollte sagen, es sterbe
    der Herr Hylas.
MUSIKER. Pereat.
MALER. Dreimal tief.
DICHTER.
Alle andern ziehen lachend,
Von dir fort, du schöner Gott,
Böse Zeit, wo Schönheit Spott;
Mich begeistre bei dir wachend,
Dass ich wieder neubelebe
Dieses Herz, das ganz gestillt,
Oder dass ich toderfüllt
Mit dir zu dem Äter schwebe.
Während der Vorlesung waren die Reisenden in den schlimmsten Teil der
Pontinischen Sümpfe gefahren; ferne brauste das Seewasser durch den Felsenrachen
ins Meer zurück, aber es stand noch überall in kleinen Lachen von farbiger
Schlangenhaut überzogen; bleiche Menschen beschäftigten sich mit der
Strassenbesserung, und erinnerten die Reisenden sich nicht dem Schlafe zu
überlassen, weil er tödlich, und doch umflog der Schlaf hier so unablässig mit
seinen Nachtfaltern das Haupt, dass jeder mit stetem Bewegen sich dagegen zu
verteidigen bemüht war. Der Minister aber versicherte, wenn die Poesie sie nicht
einmal gegen den Schlaf sichern könne, so wäre sie zu gar nichts wert, und damit
wurde dem Kammerjunker aufgetragen, noch etwas mitzuteilen, etwa eine
Geschichte, worin die Verschiedenheit des Alters in Freundschaft, Hass, Liebe
recht wunderlich zwischenträte. - Der Kammerjunker versicherte, dass er nach
einer sonderbaren Bergwerksgeschichte eine eben so sonderbare Ballade
geschrieben, die er hersagen könne.
                       Des ersten Bergmanns ewige Jugend
Ein Knabe lacht sich an im Bronnen,
Hält Festtagskuchen in der Hand,
Er hatte lange nachgesonnen,
Was drunten für ein neues Land.
Gar lange hatte er gesonnen
Wie drunten sei der Quelle Lauf;
So grub er endlich einen Bronnen,
Und rufet still in sich: »Glück auf!«
Ihm ist sein Kopf voll Fröhlichkeiten,
Von selber lacht der schöne Mund,
Er weiss nicht, was es kann bedeuten,
Doch tut sich ihm so vieles kund.
Er höret fern den Tanz erschallen,
Er ist zum Tanzen noch zu jung,
Der Wasserbilder spiegelnd Wallen
Umzieht ihn mit Verwandelung,
Es wandelte wie Wetterleuchten
Der hellen Wolken Wunderschar,
Doch anders will es ihm noch deuchten,
Als eine Frau sich stellet dar:
Da weichen alle bunten Wellen,
Sie schauet, küsst sein spiegelnd Bild,
Er sieht sie, wo er sich mag stellen,
Auch ist sie gar kein Spiegelbild.
»Ich hab nicht Fest, nicht Festes Kuchen,
Bin in den Tiefen lang verbannt!«
So spricht sie, möchte ihn versuchen,
Er reicht ein Stück ihr mit der Hand;
Er kann es gar kein Wunder nennen,
Viel wunderbarer ist ihm heut,
In seinem Kopf viel Lichter brennen
Und ihn umfängt ganz neue Freud;
Von seiner Schule dumpfem Zimmer,
Von seiner Eltern Scheltwort frei,
Umfliesset ihn ein sel'ger Schimmer,
Und alles ist ihm einerlei.
Sie fasst die Hand, dem Knaben schaudert,
Sie ziehet stark, der Knabe lacht,
Kein Augenblick sein Mut verzaudert,
Er zieht mit seiner ganzen Macht,
Und hat sie kräftig überrungen
Die Königin der dunklen Welt,
Sie fürchtet harte Misshandlungen
Und bietet ihm ihr blankes Geld.
»Mag nicht Rubin, nicht Goldgeflimmer«,
Der starke Knabe schmeichelnd spricht,
»Ich mag den dunklen Feuerschimmer
Von deinem wilden Angesicht.«
»So komm zur Kühlung mit hinunter!«
Die Königin, ihm schmeichelnd, sagt,
»Da unten blüht die Hoffnung bunter,
Wo bleichend sich das Grün versagt.
Dort zeige ich dir grosse Schätze,
Die reich den lieben Eltern hin,
Die streichen da nach dem Gesetze,
Wie ich dir streiche übers Kinn.«
So rührt sie seiner Sehnsucht Saiten,
Die Sehnsucht nach der Unterwelt,
Gar schöne Melodien leiten
Ihn in ihr starres Lagerzelt.
Gar freudig klettert er hinunter,
Sie zeigt ihm ihrer Adern Gold,
In Flammen spielt Kristall da munter,
Der Knabe spielt in Minnesold.
Er ist so gar ein wackrer Hauer
Mit wilder Kühnheit angetan,
Hat um sein Leben keine Trauer,
Macht in den Tiefen neue Bahn,
Und bringt dann die goldnen Stufen
Von seiner Kön'gin Kammertür,
Als ihn die Eltern lange rufen
Zu seinen Eltern kühn herfür.
Die Eltern freuen sich der Gaben
Und sie erzwingen von ihm mehr,
Viel Schlösser sie erbauet haben
Und sie besolden bald ein Heer:
Er muss in strenger Arbeit geben,
Worin sie prunken ohne Not.
Einst hört er oben festlich Leben,
Den trocknen Kuchen man ihm bot.
Da kann die Kön'gin ihn nicht halten,
Mit irdisch kaltem Todesarm,
Denn in dem Knaben aufwärts wallten,
So Licht als Liebe herzlich warm.
Er tritt zum Schloss zum frohen Feste,
Die Eltern staunen ihn da an,
Es blickt zu ihm der Jungfraun Beste,
Es fasst ihr Blick den schönen Mann,
Im Bergkleid tritt er mit zum Tanze
Und hat die Jungfrau sich erwählt,
Und sie beschenkt ihn mit dem Kranze,
Er hat die Küsse nicht gezählt.
Da sind die Brüder zugetreten
Und seine Eltern allzugleich,
Die alle haben ihn gebeten,
Dass er doch von dem Feste weich.
Da hat er trotzig ausgerufen:
»Ich will auch einmal lustig sein,
Und morgen bring ich wieder Stufen
Und heute geh ich auf das Frein!«
Da hat er einen Ring genommen,
Vom Gold, wie es noch keiner fand,
Den hat die Jungfrau angenommen,
Als er ihn steckt an ihre Hand,
Dann sitzt er froh mit ihr zum Weine,
Hat manches Glas hinein gestürzt;
Spät schwankt er fort und ganz alleine,
Manch liebreich Bild die Zeit verkürzt.
Die Lieb ist aus, das Haus geschlossen
Im Schacht der reichen Königin;
Er hat die Türe eingestossen
Und steigt so nach Gewohnheit hin.
Die Eifersücht'ge hört ihn rufen,
Sie leuchtet nicht, er stürzt herab,
Er fand zur Kammer nicht die Stufen,
So findet er nun dort sein Grab.
Nun seufzt sie, wie er schön gewesen,
Und legt ihn in ein Grab von Gold,
Das ihn bewahrt vor dem Verwesen,
Das ist ihr letzter Minnesold.
Die Eltern haben ihn vergessen,
Da er nicht kommt zum Licht zurück,
Und andre Kinder unterdessen
Erwühlen neu der Erde Glück,
Und bringen andre schöne Gaben,
An Silber, Kupfer, Eisen, Blei,
Doch mit dem Gold, was er gegraben,
Damit scheint es nun ganz vorbei.
Die Jungfrau lebet nur in Tränen,
Die Liebe nimmt der Hoffnung Lauf
Und meint in ihrer Hoffnung Wähnen,
Ihr steh das Glück noch einmal auf.
Glück auf! nach funfzig sauren Jahren
Ein kühner Durchschlag wird gemacht,
Die Kön'gin kämpfet mit den Scharen
Und hat gar viele umgebracht.
Sie hat gestellt viel böse Wetter,
Die um des Lieblings Grabmal stehn,
Doch Klugheit wird der Kühnen Retter,
Sie lassen die Maschinen gehn;
Da haben sie den Knaben funden
In kalten Händen kaltes Gold,
So hat er sterbend noch umwunden
Die Königin, die ihm einst hold.
Zur Luft ihn tragend alle fragen,
»Weiss keiner, wer der Knabe war,
Ein schöner Bursche, zum Beklagen,
Gar viele rafft hinweg das Jahr,
Doch keiner je so wohl erhalten
Kam aus der Erde Schoss zurück,
Denn selbst die flüchtigen Farben walten
Noch auf der Wangen frohem Glück;
Es sind noch weich die starken Sehnen,
Es zeigt die Tracht auf alte Zeit,
Er kostete wohl viele Tränen,
Jetzt kennt ihn keiner weit und breit.«
Die Jungfrau war tief alt geworden,
Seit jenem Fest, wo sie ihn sah,
Spät trat sie in den Nonnenorden
Und geht vorbei und ist ihm nah;
Sie kommt gar mühsam hergegangen,
Gestützt auf einem Krückenstab,
Ein Traum hielt sie die Nacht umfangen,
Dass sie den Bräut'gam wieder hab.
Sie sieht ihn da mit frischen Wangen,
Als schliefe er nach schöner Lust,
Gern weckte sie ihn mit Verlangen,
Hier stürzt sie auf die stille Brust.
Da fühlt sie nicht das Herz mehr schlagen,
Die Männer sehn verwundert zu:
»Was will die Hexe mit dem Knaben,
Sie sollt ihm gönnen seine Ruh.
Das wär doch gar ein schlimm Erwachen,
Wenn er erwachte, frisch gesund,
Und sie ihn wollte froh anlachen
Und hätte keinen Zahn im Mund.«
Jetzt schauet sie sein hart Erstarren,
An dieser neuen Himmelsluft,
Die Farbe will nicht länger harren,
Die treu bewahrt der Kön'gin Gruft.
Hier ist die Jugend, dort die Liebe,
Doch sind sie beide nicht vereint,
Die schöne Jugend scheint so müde,
Die alte Liebe trostlos weint.
Was hülf es ihr, wenn er nun lebte,
Und wäre nun ein alter Greis,
Ihr Herz wohl nicht mehr zu ihm strebte,
Wie jetzt zu dieses Toten Preis.
Wie eine Statue er da scheinet
Von einem lang vergessenen Gott,
Die Alte treu im Dienst erscheinet
Und ist der jungen Welt zum Spott.
Es mag der Fürst sie nimmer scheiden,
Er schenket ihr den Leichnam mild,
Verlassne möchten ihr wohl neiden
Ein also gleich und ähnlich Bild.
Da sitzet sie nun vor dem Bilde,
Die Hände sanft gefalten sind,
Und sieht es an und lächelt milde,
Und spricht: »Du liebes, liebes Kind,
Kaum haben solche alte Frauen,
Wie ich noch solche Kinder schön,
Als meinen Enkel muss ich schauen,
Den ich als Bräut'gam einst gesehn.«
Der Minister bezeigte bei dieser Erzählung eine ihm ungewöhnliche Rührung; seine
Gesellschafter befragten ihn um den Grund, er gab ihnen ganz unbestimmte
Antworten. Endlich redete der Kammerjunker zu der Dichterin ganz leise; sie aber
schüttelte mit dem Kopfe und sagte: »Es geht nicht.« - »Frei heraus«, rief der
Minister, »ich denke, wir sind auf der Reise genugsam mit einander bekannt
geworden, um die Scheu alter Verhältnisse aufzugeben; ein Reisewagen muss
allmählich zu einem Körper alle Reisenden verbinden, so dass jeder seine gemässen
Funktionen verrichtet; ich will wetten, Ihr habt einmal irgend einen Scherz auf
mich gemacht.« - »Da Sie es erraten«, antwortete die Dichterin, »so kann ich es
Ihnen nicht verschweigen, liebwerter Landesvater: es ist ein kleines
Gedankenspiel, was ich nach allerlei Gerüchten über Ihr Verhältnis zur Fürstin
freilich unter veränderten Nebenumständen, und selbst mit mancher Verwandlung,
die mir in der Arbeit gut dünkte, damals darstellte, als Sie sich mit ihr nach
dem Tode des Fürsten versöhnten.« - »Nun seht Kinder, wie unglücklich ein
Minister ist«, sagte der Minister, »selbst das Nächste, was um ihn her
geschieht, erfährt er nicht, und soll das Entfernteste im Lande kennen und
beurteilen; wahrhaftig, ich glaube, die einzige Art brauchbare Minister einem
Lande zu verschaffen, ist die jährliche Ernennung derselben; wenn auch nicht
immer die Geschicktesten oben an kommen, so sind sie doch stets wohl bekannt,
und eingewohnt in den Verhältnissen des Landes; das mag auch wohl das
eigentliche Förderungsmittel der Freistaaten gewesen sein, und in unsern
Reichsstädten kam noch hinzu, dass keiner dieser Angestellten so mit Geschäften
überhäuft war, um andrem Lebensverkehr und bürgerlicher Nahrung zu entsagen;
seht, jetzt kann ich mitten unter Poeten nicht einmal aus meinen Amtsberichten
herauskommen; schämt Euch nicht und tragt schnell Eure Sachen vor.« - Nach
einigen Umschweifen, nach mehreren Küssen, welche die Dichterin auf die rauhen
Backen des Ministers in ihrer kindischen Art gedrückt hatte, holte sie aus ihrer
dick angeschwollenen schwarzen Brieftasche, vor der ein geheimes Zahlenschloss
lag, ein kleines Spiel heraus, das wir als Darstellung eines wunderlichen
ehelichen Verhältnisses hier am rechten Orte finden.
 
                                    Der Ring
                               Ein Gedankenspiel
                    Gartenplatz vor einem Landhause. Morgen
                                       1.
MUTTER.
Hab Dank für deinen guten Morgengruss
Geliebte Sonne in den schwülen Lüften,
Von dir allein kommt mir noch Liebesgruss,
Von dir allein mag ich ihn gern verstehen;
Dich klares Licht, versteht die ganze Welt,
Die rätselhafte Welt, die trübe, dunkle,
Es ahndet schon der Schlaf dein froh Erhellen,
Und atmet deine ersten Strahlen ein,
Und säumet sein Gewand mit hellen Träumen,
Und zieht dann schnell die dunkle Hand hinweg,
Die er noch über die Geschenke breitet
Der neuen Welt, die aus dem Osten strahlet!
Zum heitern Morgen dringt ein schnell Erwachen.
                      Sie beschaut die Blumenbeete umher.
Die Blumen stehen frisch, die Luft ist schwül,
Der Luft verzeih ich's, dass sie sich so drängt,
Den neuen Segen taumelnd zu empfangen
Und zittert doch davor in süsser Lust,
Das ist das Fürchterlichste, was wir lieben.
Ach warum lieben wir, was furchtbar ist!
         Sie setzt sich auf eine Bank und lehnt das Haupt auf die Hand.
So bin ich, kaum erwacht, schon wieder müde!
Wo endet Schlaf? Wann geht auf das Sehen?
Wie wird es Tag? Wann löschen aus die Sterne?
Was grünt zuerst, wo steigt der erste Klang?
Unendlich tief ist Schlaf, unendlich weit der Morgen!
Ich schlaf im Wachen und ich wach im Schlafe,
So ist das Gestern auch zum Heut geworden,
Dem Auge fern, dem Geiste gegenwärtig;
Hier sass ich gestern abend, schrieb im Sande
Und fuhr erschrocken auf, was ich geschrieben,
Das, weiss ich, hatt ich nimmermehr gewollt.
Was da mein Stäbchen spielend hingezeichnet,
Der Morgenwind hat's sorglich ausgewehet,
Weil's unvereinbar ist mit meiner Ruhe.
                             Sie sieht zum Himmel.
Die graue Wolke steigt im Sonnenschein
So hellbesegelt wie ein Schiff im Blau,
Der trübe Dunst wird Licht im Sonnenauge:
Der Sonne Malerblick weiss alles zu verschmelzen,
Aus Meer und Wolken zieht sie helle Strahlen,
In träger Nacht die Geisterwelt zu malen;
Ganz unbemerkt entfaltet sich das Schöne,
Unendlich ward ein Frühling allen Sinnen.
Die Tage sind jetzt liebliche Geschwister,
Die jüngern stets dem Mutterherzen lieber,
Sie sprechen nach, was jene ältern fragen,
Sie haben noch was Süsseres zu sagen,
Ein schöner Morgen ist des Frühlings Frühling,
Es wacht da alles auf, was je gelebt,
Und wär's im tiefsten Herzen fest verschlossen.
                            Sie geht unruhig umher.
O Sonne, Mutter zahllos lieber Kinder,
Warum bin Mutter ich und ohne Kind?
O Sonne, einen Augenblick zum Beten!
Du willst es nicht, die Augen gehn mir über.
      Sie hat in Gedanken Blumen gebrochen, und sie ins Gesicht gedrückt.
Wie verlieren sich die Blätter
Wunderbar in Flammenlicht,
Drinnen haucht ein kühlend Wetter,
Drück ich sie ins Angesicht;
Alle die Blumen sind ohne Harm
Nur die rote Rose nicht,
Sie sticht!
Sticht, wie die liebe Sonne so warm,
Mai ist ohne die Rose nur arm,
Mai ist ohne die Rose nur Qual -
Ihr stillen Gründe, du einsam Tal.
      Sie vertieft sich allmählich abgehend mit dem Gesange in den Garten.
                                       2.
                                 Vater und Kind
 beide in Kriegskleidern, das Kind sieht sich um und lässt den Vater oft allein,
          dass er vor sich sprechen kann, ohne von ihm gehört zu werden
VATER.
So ist des Unglücks und der Klugheit Fluch,
Dass sie uns unterwerfen leerer Furcht!
Wie schaudernd hemmt der Boden meine Eile,
Ein Schritt, ein Druck der Hand, ein Wort, wie leicht,
Wie schwer, wenn unser Schicksal daran hänget;
Der Überraschung Wunder sind die grössten.
KIND.
Es wird so schwül, wir gehen doch nicht weiter?
VATER.
Nein, lieber Sohn! - Wir sind schon allzu weit -
Vielleicht zu weit, um leicht zurück zu kehren.
Zum Ufer wallt, vom Ufer sinkt die Woge,
Was zog mich her, was weist mich nun zurück?
Mich stösst zurück, was lange mich gezogen.
O sie war schön, ich find für sie kein Bild,
Nach ihr möcht ich die ganze Welt mir bilden,
Die ohne sie ein wüstes Chaos blieb.
Ich soll sie wiedersehn, wie meine Jugend!
Wie rätselhaft, was unsre Jugend füllt
Und wie so deutlich, was das Alter schwächt,
Es will vergüten, was die Jugend fehlte.
Ach Jugend macht die Jugend einzig gut!
O meine Jugend, wie bist du entschwunden
In steter Arbeit, wie ein trüber Nebel,
Der unter sich das frohe Grün ertötet,
Er will es nicht, doch so ist seine Liebe.
                               Nach einer Pause.
Es ist zu viel! Die tiefe Not ich trug,
Und schwindle, da mich trägt ein neues Glück,
Ein bessrer Lebensmut und reiner Wille!
Ich steh im Vaterland, vor meiner Schwelle,
Hier eingewiegt, als Knabe eingespielet,
Mit Todesmut als Jüngling eingeschworen,
Mit Liebesglut auf ewig eingebrannt,
Wo Liebe noch mich eingewurzelt hält,
Der ersten Liebe gleich durchwachsne Rosen,
Dies ew'ge Band aus Lust und Schmerz gewoben,
Wie wird mir hier so wohl und auch so weh.
Ha, wo das Herz der Liebe Haus erbaut,
Da haust es ewig, lässt sich nimmer bannen;
Hier lebte ich und war ich fern und ferner,
Hier wachte ich an dieser heil'gen Schwelle,
Wie Traum bewacht der heil'gen Unschuld Schlaf,
Und träumend kehr ich heim zu Jugendfreuden.
Sag's frei heraus mein Mund, was lang gedacht,
Sich doch in des Gehirnes Falten decket,
Was meine Jugend füllt, war unerschöpflich,
Doch nun ich alt, da seh ich bald den Grund
Und halt zusammen, was ich sonst verschwendet.
Gesteh dir alles ein, mein fester Sinn:
Dort stehet noch das alte Storchennest
Hoch übern Schornstein künstlich frei erhöht,
Das unserm Hause ehlich Glück sollt bringen,
Jetzt bringt es mir so manche Nachgedanken.
Es ist dasselbe Nest, ist's auch der Storch?
Ist nicht der alte Storch noch müd und ferne,
Ein jüngerer hat ihm das Nest geraubet?
Was hülf's dem Storch, wenn er das Nest nun findet,
Und findet es erwärmt von andrer Lust,
Und fänd er's kalt und könnt es nicht erwärmen?
O welche Glut ist noch in meinem Mute,
Und doch, ich fühl mich kalt, indem ich glühe,
Denn zu viel Möglichkeiten sind in mir.
KIND.
Du sprichst vor dir und schauest dich nicht um,
Es ist mir hier, als wär ich hier zu Hause;
Hier find ich Milch und Frucht, darf ich wohl essen?
VATER.
Geniess mit Freuden, Milch und Frucht sind dein,
Und wunderlich erschöpft ein nächtlich Wandern. -
Wo hat mich Frucht von müheschweren Jahren,
Wo hat die Milch der Hoffnung mich erquickt,
Wo hat die Freude mich zum Tanz beflügelt,
Was ist Gesundheit eines öden Sinnes?
Nur in dem Kind allein, wie es sich nährt,
Bewusstlos in die Welt so herzhaft fühlt,
Da hol ich nach, was ich versäumte trotzend.
Ich seh ihm gerne zu, wie er sich macht,
Und wie er reift, sich selber zu erkennen;
Ich hatte viel in diesem edlen Kinde,
Ein lebend Bild von der verlassenen Frau,
Ich bin ihr nah, es will mir ganz genügen;
Mich fühlen ganz und froh, ich kann's nicht fassen.
Mir ist's, als wär ich für mein Glück zu schwach,
Was hilft ein volles Mahl im Hungertode,
Der Eltern Segen Liebesterbenden!
KIND.
Du klagst ja Vater, kann ich dir nicht helfen?
VATER.
Ich klage nicht, ich freue mich nur anders;
Wer sich nicht arm stellt, kriegt vom Glücke nichts,
Ganz heimlich sammle ich den Schatz der Not.
Doch helfen kannst du mir. Bist du noch müde?
KIND.
Ich bin bereit, ich springe ja schon weiter.
VATER.
Wo willst du hin? Hast du es schon vernommen.
KIND.
Ich dacht, wir müssten eilend weiter ziehen.
VATER.
Noch nicht; was willst du denn schon fort von hier,
Wie, sollte das mir gar ein Zeichen sein?
Hör zu, du sollst mir etwas Wertes holen:
Du siehst den duftbelegten Wiesenplan,
Die Sonne atmet in die Welt so warm,
Das helle Meer läuft zitternd himmelan,
Und scheinet mit dem Himmel schon zu leben,
Und ferne heben sich die Wolkenfelsen,
Als wollten sie sogleich darauf gewittern;
Bist du nicht bang allein dahin zu gehen?
KIND.
In freier Luft hab ich mich nie gefürchtet.
VATER.
Kömmst du hinaus nun über jene Wiesen,
So geh zum vögelklingenden Gehölze,
Dann findest du dich bald am weissen Felsen,
Der jähe wie vom Meer zurückgeschreckt,
Halb zweifelnd, ob er sich hinein soll stürzen,
Das Ende einer Welt bezeichnen mag;
Zerstörung nagt darin in Wind und Wettern.
KIND.
Du warst wohl lange hier, dass du den Ort
Mir also deutlich stellest vor die Augen,
Als hätt ich ihn in alter Zeit gesehen.
VATER.
Wohl war ich hier! Jetzt höre mit Bedacht.
Auf diesem Abhang steht ein Myrtenstrauch;
Erst war er klein, nun ist er sicher gross,
Den reisse aus mit allen seinen Wurzeln,
Denn unten liegt ein Schatz, den bringe mir.
KIND.
Kaum halt ich mich! Ich hob schon manchen Schatz,
Der in der Erde neidisch war versteckt.
VATER.
Viel alte Scherben, die du heilig ehrtest.
KIND.
Du weisst es nicht, wie ich sie angesehen.
VATER.
So halte heilig, was du dort gefunden;
Du Leichtsinn weisst doch noch den Ort zu finden?
KIND.
Wohl weiss ich Wiese, Busch, den Fels, die Myrte.
VATER.
Du kannst nicht fehlen, ferne wirst du hören
Ein schwärmerisch entsetzlich Klagen von den Vögeln,
Die schwarzen baden sich im Meer, um weiss zu werden,
Die weissen baden sich darin, um sich zu schwärzen,
Vergebens, schwarz wird schwärzer, weiss wird weisser,
Die höre ja nicht an, sieh auch nicht nieder.
Der Boden wölbt sich, dass du überm Meere
Ganz ohne Rettung hoch zu schweben scheinest,
Und von dem Luftstrom eingesogen wirst,
Da siehe ja nicht hin, verricht dein Wesen,
Denn mit geheimer Sehnsucht füllet sich das Herz
Der Jugend nach des Meeres blauen Hügeln,
Und jede Welle glänzt im Waffenschmuck besonnet,
Den jungen Führer huld'gend zu begrüssen.
KIND.
O Vater, wo du bist, da ist mein Hoffen.
VATER.
Recht gut, mein Kind, doch hör mich jetzt auch aus.
KIND.
Ich weiss schon alles, alles bring ich dir. Ab.
VATER.
Fort ist er. Wie er leicht den Boden rührt,
Es ist, als wär er nicht von dieser Welt,
Und noch so kindisch ist sein ganzes Wesen,
Doch immer wie in einem andern Sinn.
Der Blumenstrauss von seiner Hand gebrochen,
Er ordnet sich geheimnisvoll in Farben,
Recht wie ein Regenbogen andrer Art,
Darob die Leute staunend sich erfreuen
Und wissen nicht, was sie so tief entzückt.
Ich will es nicht und muss ihn oftmals kränken,
Er sagt es nicht und darum muss er leiden;
Mich treibt's zu oft, das Schmerzliche zu fühlen,
Das Bittere zu sagen, weil das Stumme,
Das Stumpfe mich viel bittrer quälen kann;
So fühl ich mich ganz hingerissen jetzt,
Ganz lebhaft jener Vögel Ton zu denken,
Viel widriger als irgend Scharren, Reissen;
Es ist der Misslaut, der zum Leben worden,
Verruchte Wollust, Lachen nicht, kein Klagen,
Jetzt musst du weichen, du verruchter Misslaut.
                        Er geht unruhig auf und nieder.
Wie alle Lebensalter in mir schwanken,
Und keines kann sich meiner ganz bemeistern,
Ein Kindskopf bin ich oft mit weissen Haaren.
Als ich mein Schwert am Hochzeittag begraben,
Dort unterm Myrtenbaum beim Vogelschreien,
Da freute meine Jugend dieses Schrecken,
Denn das vollendete zum Mann mein Wesen.
Was mich zur sicheren Gestalt umflossen,
Der Lebensquell, den rings die Welt ergossen,
Hat mich umsteinet, dass ich so viel Fremdes
Bewusstlos wie mein Eignes brauchen muss.
Es ist der harte Stein, der mich umschlossen,
Wenn ich bewusstlos einem wehe tue,
Denn wo ich's weiss, da mag ich's gern vergüten.
Hier muss ich viel vergüten und entschuld'gen,
Und wenig kann ich ihr zum Troste sagen,
Wird sie dies wenige auch wohl beachten?
Sie wird's. Sie wird entschuld'gen mich und deuten,
In ihrer Sehnsucht werd ich schuldlos sein;
O wie sie mich geliebt, so liebt doch keine.
Wer kommt da? Pochst du nicht, mein ahndend Herz,
Du fühlst wohl nicht genug, bist du so tot!
Was hast du dich denn taglang so gestellet,
Als wenn nichts Schönres dir begegnen könne.
Sind's dreizehn Jahre, dass ich sie nicht sah?
Mir ist wie gestern! Langsam gehn die Stunden,
Wenn unser Leben fiebernd stille steht,
Und doch vergesslich wie der Glocken Töne,
Wenn Lust sie nicht zu Melodieen band:
Ein Augenblick umschloss die Ewigkeit,
Und dreizehn Jahre werden Augenblicke!
Wer sieht der Flur wohl an vergangne Jahre,
Wenn sie den Frühling noch am Busen trägt,
Entgegen, entgegen mit offener Brust,
Mit klopfendem Herzen der nahenden Lust. Hält inne.
Nein, so bezwingen soll mich selbst die Freude nicht,
Erst hör ich, was sie mit sich selber spricht.
                                       3.
MUTTER kommt langsam ohne den Vater zu merken.
Woher der wunderbare Knabe war?
Er grüsste mich und eilte dann vorbei.
Ach Mutterherz, ach wär doch so dein Sohn!
Und ich war so betäubt vom Angedenken,
Dass ich mit keinem Wort ihn hergeladen.
Was trieb mich heute auch zum Myrtenstrauche;
Da war es geistig und erinnernd voll
Von schmerzlich wandernden Gedankenreihen,
Als zög vor mir ein Trauerchor vorüber.
Da war es, wo ich mit dem Manne stand,
Wo er in töricht leerer Eifersucht,
Dass ich vor ihm, eh' ich ihn jemals kannte,
Schon einen Jüngling herzlich angeblicket,
Sein Schwert ergriff, und mir den Arm verletzte,
Den ich zum Schutze ängstlich vorgehalten,
Wohl seh ich noch die fast verwachsne Narbe.
Als da mein Blut fiel rot auf weissen Stein,
Ergriff ich einen Myrtenstrauch zur Stütze
Und flehete vom Himmel, mein vergessend,
Ein Kind so rot wie Blut, so weiss wie Schnee,
Dass meines Mannes Liebe wieder mein! -
Mir ward Gewährung, doch die Eifersucht
Des harten Mannes raubte es sogleich,
Es ist gestorben, lieget dort begraben;
Ob er es umgebracht, ich glaub's gewiss
Aus mancher Rede zweifelhaftem Sinne,
Auch mit dem Kind wollt er die Lieb nicht teilen:
Ach auch die Liebe wird im Schlechten schlecht,
Und mit Entsetzen schied ich mich vom Manne,
Verzweifelnd ging er in die Welt hinein.
                           Sie geht zu ihrem Tische.
Ein Wandrer hat das Frühstück mir verzehrt,
Er ahndete, dass mir heut weh ums Herz.
Da steht ein Fremdling, ist's der wohl gewesen,
Es ist nicht recht, doch litt er sicher Not.
Hör Wanderer, du scheinest zu erwarten,
Dass ohne Bitten ich dir geben soll,
Weil du schon nahmst, auch ohne anzufragen?
VATER vor sich.
Sie kennt mich nicht, ihr himmlischen Naturen,
So hat auch Gott die eigne Welt vergessen,
Und dieser Gruss war sicher nicht der rechte:
Dem Elend steht das Unglückshaus sonst offen,
Ha ich will zeigen, dass ich Herr im Hause.
Laut: Ja wohl wir sind nur Wanderer auf Erden.
MUTTER.
Wie, sprachest du im Augenblick mit mir?
Wie muss ich doch dabei so weitin denken.
Du kommst zur guten Stunde; willst du bitten,
So bitte, was dir gründlich könnte helfen;
Bedarfst du eines Kleides, bitte frei,
Ein gutes Mahl ist obenein bereit.
VATER.
Ich bitte viel, ich bitte dich zurück;
Die Stimme kanntest du, verkenn mich nicht.
MUTTER.
Wie ist mir, nehmt ihr Büsche hier Gestalt,
Ist dies ein Seegesicht aus leerem Dunst?
O Gott! kann ich die Stunde überleben,
Bist du der Geist des zornig wilden Mannes?
VATER.
Begegne auch dem Geiste liebevoll.
MUTTER.
O nein, du bist es nicht, dein Zorn schlägt Falten
In deiner Stirn, du dürftest ja nicht zürnen.
VATER.
Die Falten, die der Zorn sonst stürmte
Vorübereilend auf der glatten Stirn,
Die pflügte später ein des Irrtums Gram,
Dass Weisheit legt darin den reichen Samen.
MUTTER.
O Weisheit sprich, wer soll dich denn nun ernten,
Da du so viele Jahr zum Säen brauchst.
VATER.
So nimm mich hin, du reiche Erntegöttin,
Und heb die Garbe auf zur vollen Brust.
MUTTER.
Du rührest mich, wie bist du alt geworden,
Und suchest nun, was du so lang verschmähet.
VATER.
Nun bring ich dir die Liebe ungeteilt,
Die einst so reich auch mehreren genügte;
O fänd ich deine Lieb auch ungeteilt.
MUTTER.
Du sprachst von Weisheit erst und nun von Liebe.
VATER.
Ich glaub an beide, möchte sie vereinen,
So wird mir die vergessne Freude wieder.
MUTTER.
Nicht unsrer frohen Tage kann ich denken.
VATER.
Ach ohne sie wär mein Gedächtnis Nacht.
MUTTER.
Und doch bist du im Überdruss geschieden,
Kein lebend Band ist zwischen uns geblieben.
VATER.
Vielleicht war dies des Himmels klügster Segen,
Der uns das Kind in der Geburt entriss,
Denn damals waren wir noch unvereinbar,
Und Feuer würd in ihm mit Wasser zischen
Und was das Schlimmre sei, das würd sich zeigen.
MUTTER.
Lass uns, wie du's gewollt, geschieden bleiben.
VATER.
Ich kann nicht, was ich will, ich will nur, was
Ich kann - wir sind gesetzlich nie geschieden.
MUTTER.
Bereitet bin ich nicht so ernst zu reden,
In weicher Lässigkeit lebt ich die Zeit,
Mein Anwalt wird dir leichtre Auskunft geben,
Ich sage dir, ich lass mir nicht gebieten,
Wie ich es einst als kind'sches Mädchen litt.
VATER.
Sei unbesorgt, ich lernte mich nun beugen,
Und beugen oder brechen muss das Herz.
MUTTER.
Ich sage dir, ich hab mich sehr verändert,
Mein ganzes Innre hat sich selbst befestigt,
Seit ich mich keinem Menschen hingegeben.
VATER.
Ich bin so sanft, dass ich dich fast bewundre.
MUTTER.
Doch ist der Trotz dir ins Gesicht geschrieben
Mit deiner Augen ungelöschtem Feuer;
Wer Schiffbruch litt, der trauet nicht dem Meere.
VATER.
Der Kluge fährt am liebsten mit dem Strome.
MUTTER.
Wie lebtest du, sei dies für mich ein Zeichen.
VATER.
Ein traurig Zeichen, denn ich lebte traurig.
MUTTER.
Dich zu verstehn, von dir verstanden werden,
Es wär mir wert, du würdest dann mich ehren.
VATER.
Es ist zu hart, dass du die Ehre forderst,
Du hättest sonst den Stolz wohl nicht gehabt,
Ich hätte dir den Stolz sonst nicht verziehen,
Und du erhöhst den Preis des Buchs Sibylle,
In welchem meine Liebe eingetragen,
Nachdem du immer mehr davon verbrannt.
MUTTER.
Nach alter Art wirst du unheimlich, Freund.
VATER.
Erst mache heimisch mich in diesen Wänden,
Ich sehe dieses Haus so wohl erhalten,
Kein Stein ist unersetzt vom Dach gefallen,
Das ist doch sonst der Frauen Sache nicht.
MUTTER.
Wie schweifet deine Rede also fern.
VATER.
Weil mich die Nähe lässt so unbequem;
Ist hier ein Hausfreund, dem ich Gruss muss bringen,
Der meine Stelle hat bisher verwaltet?
MUTTER.
Ich wünschte, jede Sorg wär so zu lösen;
Du hast von aller Lieb mich abgeschreckt,
Auch litt dies nicht die Unabhängigkeit,
Du warst der einzige, dem ich einst traute.
VATER.
Vertraue noch, lass uns das Glück versuchen,
Ob es in diesem Haus sich wieder finde.
MUTTER.
Vertrauen lässt sich tauschen, nicht versuchen.
VATER.
So tausch erst aus den Argwohn mit der Hoffnung,
Lass uns wie Fremde erst hier wieder hausen,
Die nur Geselligkeit zusammenknüpft.
MUTTER.
Die je sich nah, die werden sich nicht fremd.
VATER.
O erstes Wort, das schön wie deine Lippen;
Bald wird es heiter um uns sein,
Wo deine Augen hellend hingewendet.
MUTTER.
Mein lieber Freund, versprich dir nicht zu viel.
VATER.
Dem Schönsten sammelt sich das Schöne gern,
Vor deinem Tempel sinkt der Unruh Fluch,
Die mich wie Furien umhergetrieben,
Und diese Bäume scheinen mir die Schlangen,
Die sich schon schlummernd an die Tür gelegt.
MUTTER.
Du fabelst ja wie in der alten Zeit.
VATER.
Die Tauben schweben girrend noch zum Giebel,
Dann auf die Linde, die uns auch gewiegt,
Das Meer rauscht noch mit seinem blauen Wasser;
Doch eine nur ist aus dem Meer gestiegen,
Ihr hab ich in der Luft ein Schloss gebaut,
Und find sie nun im eignen Hause wieder;
O dieser schönen Menschlichkeit in Göttern.
Du lächelst meiner künstlich feinen Rede,
Ach wie so modisch neu ist mir die Freude!
MUTTER.
Du hast kein freundliches Geschick erfahren,
Doch ist dein Ruhm so gross, dein Einfluss würdig,
Dass viele Frauen mir den Glanz beneiden,
Den mir dein Name aller Orten leiht;
Doch seh ich dich, ich kann es nicht begreifen,
Wie du Millionen Menschen führen magst.
VATER.
Ich wirkte auswärts, um mir zu entfliehen,
Regieren war das Schwerste nicht im Leben,
Die eigene Befried'gung fehlte mir:
Ach wem das Beste fehlt, dem fehlt's an allem.
MUTTER.
Du sprichst wohl herzlich - doch du bist ein Staatsmann.
VATER.
Ein guter Staatsmann sei das Herz vom Staate,
Das gleich verteilt das Leben allen Gliedern,
Und selber in der sichern Mitte tronet.
MUTTER.
So warst du in Geschäften gut zu Hause,
Was willst du nun in dieser stillen Hütte?
VATER.
Nein, ich war nirgends, nirgends mehr zu Hause,
Selbst der Geschäfte Reiz schwand meinem Sehnen,
Das Neue konnte mir nur reizend scheinen,
Die goldene Alltäglichkeit war nichts;
An mich wollt sich Gewohnheit nicht gewöhnen,
Was mir gewöhnlich ward, schien mir zuwider.
MUTTER.
Bald würde dich bei mir dasselbe quälen,
Der Überdruss, wie einst in ferner Zeit.
VATER.
Warum ist mir denn jenes blaue Zimmer,
In dem wir schliefen, stets noch in Gedanken,
Das wir mit manchem Spielzeug angeordnet,
Mit mancher Inschrift, manchem kleinen Bild,
Das rätselhaft den Fremden, uns verständlich,
So dass wir stets geheime Sprache führten;
Oft wähnte ich im fernen Land erwachend,
Vom Traum getäuscht, ich läg in deinem Zimmer,
Ich läg an deiner Seite, holde Frau.
MUTTER.
O sieh an dieser Glut in meinen Wangen,
Ob ich die gute Zeit nicht ganz gefühlt.
VATER.
Was ich seitdem bewohnt, sind wilde Höhlen,
So ganz verhasst durch einsam wache Nächte.
Ich mochte sie nicht schmücken und nicht ordnen,
Dass ich nicht aussen fänd, was in mir fehlte;
Erinnerung lag fern und unerreichlich,
Und Reue folgte mir, dass ich's verscherzt,
Was meines wahren Lebens Ernst und Sinn;
Für wen ich sorgte, wusst ich nicht zu sagen,
Und was ich tat, das war voraus mir Sorge.
Ich hatte Furcht und sollte Zutraun wecken,
Verantwortung ruht schwer auf dem Gesandten,
Doch schwerer auf dem waltenden Minister,
Vertrauen darf ihn nimmer unterstützen,
Er muss es brauchen, aber nimmer teilen.
MUTTER.
Er muss es brauchen, aber nimmer teilen,
Und die Gewohnheit sollte dir nicht bleiben?
VATER.
O lehr mich nicht, noch an mir selber zweifeln;
Ich musste vieles tun, was ich nicht glaubte.
Ja kommt man heim mit Orden, goldnen Dosen,
Da scheint es leicht, das schelmische Geschäft,
Im ruh'gen Land ein innrer Feind zu sein.
Als Schlange musst Geliebte ich belauschen
Der Liebe Schein auch zwischen drängend nehmen;
Der Freundschaft hingegebne Worte nutzen,
Was ich für mich, beim Himmel, nie getan.
Gesellschaft, die ich hasste, musst ich wählen,
Und die gemütlich mir, kaum heimlich sehen,
Ein Kartenspiel aus blosser Ehre suchen,
Die Nacht vergähnen, Morgen zu verlieren,
Und reden, wo ich lieber schweigen mochte.
So wurden bessere Menschen selbst zu Schatten,
Die der Erscheinung regelrechte Stunden halten,
Sonst liess sich nichts von ihnen weiter fordern,
Und bin ich nicht im Innern ausgestorben,
So war's die Lieb zu dir, die mich erhielt.
MUTTER.
O leugne nicht, da ich's dir leicht verzeihe,
Ich kenne dich und deiner Treue Sinn.
VATER.
Du weisst es, liebes Weib, dir log ich nie,
Bedürfnis, Lust, die habe ich befriedigt,
Doch dir blieb stets getreu mein liebend Herz;
Es schweigt das Herz in jenen höhern Kreisen,
Und bleibt sich selber einzige Gesellschaft;
Der Staat allein schliesst da des Umgangs Band,
Für ihn ertrug ich selbst Beleidigung,
Damit nicht Streit zur Unzeit ihn verflechte,
Und dieser Staat, oft konnt er mich nicht schützen,
Und was das Liebste, musste ich ihm opfern.
MUTTER.
O Gott, wie elend müssen sein die Völker,
Dass solche Schande nur ihr Leben fristet.
VATER.
Verwirf nicht rasch, was du so wenig kennst,
Denn du verwirfst auch mich, noch wirk ich drin,
Wenn gleich mit traurig plagenden Gedanken.
Was gibt dir Sicherheit und Wohlstand hier,
Da rings Verheerung, Mord und Brand bei andern Völker,
Aufopfrung ist was wert! Würd mir wie Menschen,
Wie andern Menschen wohl, nur einmal wohl,
Ich hätte nicht die Kraft mich los zu reissen,
Ich bliebe ruhig, liess der Welt den Lauf;
Auch meine Unruh muss dem Staate dienen.
MUTTER.
Hat nicht die Welt den Lauf nach Gottes Willen,
Ich kann's nicht sagen, was ich innen fühle,
Und weiss doch auch gewiss, ich habe recht;
Nicht Menschenklugheit gibt der Welt den Frieden,
Ihr müsst begeistert sein, es kommt von oben,
Von aussen kommt doch nur Vergänglichkeit.
VATER.
Ha du gehörest auch zu jener myst'schen Welt,
Die ich in Musenalmanachen merkte.
Mein Kind, was Völker bildet und beherrscht,
Ist nicht, was unbestimmt der Mund kaum lallet,
Und wär's das Herrlichste, es ist nicht unser,
Es spricht zur Zukunft erst und bildet sie;
Die gegenwärt'ge Not will gegenwärt'ge Kraft,
Die ganz gemeine, die in jedem wohnet,
Sie zu ergreifen, ist des Herrschers Geist,
Und sie zu lenken, dient des Staatsmanns Klugheit.
Ist Menschenklugheit denn nicht Gottes Gabe?
Wie sind Sie doch so altklug hier geworden?
Weil Sie allein, drum widersprach auch niemand;
Wo blieb das Schweigen, hört ich doch so gern
Die lieben Worte: Ich versteh es nicht.
MUTTER.
Und wie so kalt, wie steinern werden Sie!
Wie hatt ich sonst von Ihrem Geiste Meinung,
Und sprach schon nach, was ich noch kaum vernommen,
Und jetzt verstehen Sie mich gar kein Wort.
VATER.
Ach die sich lieben, müssen sich verstehen,
Ist dieses nicht mein Arm, die Stimme mein,
Ich bin derselbe, aber Sie sind anders.
Bei Gott, ich übte doch die höchste Sanftmut,
Was half es mir, ich fand nur Widerspruch,
Kann Mund zum Mund sich finden, wo die Worte,
Wie Pfeile sich in dunkler Nacht durchkreuzen:
Nicht lieben, streiten lässt sich nur darin.
MUTTER.
So wollen wir mit Vorsicht weiter reden
Und klug vermeiden, wo uns Meinung scheidet.
VATER.
Soll Mann und Frau nicht eine Seele sein,
Die schlimmste Scheidung ist die Scheidung der Gedanken;
Im Staatsamt bin ich klug, da brauch ich Vorsicht,
Hier such ich offne Arme, offnen Sinn.
MUTTER.
Jetzt suchen Sie, was Sie verschmähet haben.
VATER.
Lass dir erklären, wie es damals kam,
Dass ich so leicht von dir mich trennen konnte:
Ha deine Liebe trieb mich aus zur Tat,
Wie köstliche Musik zu einem Tanze,
Worin Musik und Takt dem Ohr verschwindet;
Ich hab gewirkt mit allen meinen Kräften,
Doch Sie, Sie haben sich in der Musik
Vertieft, die stets aus Ihnen strömt mit Lust,
Sie waren, ach zu lang, mit sich allein,
Vernehmen auch kein Wort, was ich hier sage,
Sie sind in eines schweren Zaubers Bann,
Der Eigensinn hat Sie so fest umschlungen,
Sie sind die Meine nicht, Sie sind nun seine Frau.
MUTTER.
Es ist vorbei, ja ganz vorbei auf immer,
Es war doch alles nichts, ich merkt es gleich.
Ich bin aus Ihrer Sklaverei, ich lieb Sie nicht,
Aus meinen Augen fort, Sie tun mir weh:
Es ist der letzte Kummer, den ich leide.
VATER.
Ja wohl vorbei, ja ganz vorbei auf immer,
Ich war getäuscht von dieser lieben Hülle,
Bewahrte lang die falsche Münze auf.
Nun ich sie brauchen will, da seh ich erst
Der goldne Überzug zerrieb sich schon,
Ich sehe klar, dass ich damit betrogen,
Und den geliebten Schatz muss ich verwerfen.
Soll ich vernichten, was mich so getäuschet?
Und werf ich ihn mit rascher Hand ins Meer,
Ich könnte später an der Falschheit zweifeln;
Nein ich bewahr Sie, mich zu überzeugen,
Wie hoch mein Glauben überm Leben stand.
MUTTER.
Wie stimmen Ihre Reden schlecht zusammen,
Ei wie geziemt sich das bei ihrer Klugheit,
Die mir vorher so ganz ergeben sprach.
VATER.
Das war mein Spott, ich wollte Sie versuchen,
In unserm Alter ist die Liebe Spott.
MUTTER.
Das wollte ich; so überwiesen ganz,
So ganz beschämt sollt einst ein Staatsmann,
Vor mir, vor einem Weib in Torheit stehen;
Sie glaubten einen Augenblick mich zärtlich,
Ihr Angedenken ist in mir verflucht.
Getäuscht zu sein, ist Ihre höchste Strafe,
So hören Sie mich jetzt, Sie sind getäuscht. -
Ihr holden Blumen, ach verzeiht den Zorn,
Ich fühl mich schlecht in diesem Augenblicke,
Doch ist's der letzte, den ich so verbringe,
Und wie der Schall der Worte schnell verrauscht.
Verzeih es Luft, du bist schon allzu schwül,
Gewittervoll, dass ich kaum atmen kann,
Und bin ich schuldig, treffe mich der Blitz.
Jetzt hören Sie die letzten Worte an.
Was Ihre Absicht war an diesem Tage,
Die Sie so weit zu mir hieher geführt,
Ich weiss es nicht, ich kann es nicht erraten.
Es ist vergebens jegliches Bemühen,
Und mit dem Ring, den ich vom Finger nehme
Und werf ihn in die freie weite Welt,
Ist jedes Band gelöst, was noch Erinnerung hielt:
Wir sind geschieden und es sei für immer.
VATER.
Wir sind geschieden und es sei für immer.
Vertrauend baut sich an der Mensch in Jahren
Ein kleines Haus zu seines Alters Schutze,
Die Erde bebt, zerstört's im Augenblick,
Auf seinen kahlen Scheitel fällt der Regen,
Doch auch die Sonnenstrahlen, die ihn wärmen.
Ich fühl mich ruhig, ich verliere nichts,
Nur der ist frei, den nichts auf Erden hält.
                                       4.
KIND kommt mit einem Schwerte und einem Myrtenzweige und findet den
weggeworfenen Ring.
O Vater, sieh den schönen Ring recht an,
Ich fand ihn in dem Lilienkelche schweben,
Es ist ein Schlänglein, das in Schwanz sich beisst,
Ein roter Stein blitzt herrlich aus den Augen.
Ach dass am Ring kein Anfang und kein Ende,
Sonst würd das schöne Tier wohl auch noch gehen,
So kunstreich ist es durch und durch gebildet,
Und scheint aus ganz lebend'gem Gold gedreht.
Du siehst so heftig, Vater, und du sprichst kein Wort,
Du schiltst doch nicht, dass ich so lang geblieben,
Es war kein Schatz am Myrtenstrauch zu finden,
Ich fand dies Schwert dort, darf ich's tragen?
Ich will das Feindliche der Welt bestreiten.
Ach Vater sag, wer ist denn diese Frau,
Die schöne Frau, wenn sie nur liebreich wäre.
MUTTER.
Ist dies Ihr Kind, so sind Sie zu beneiden.
Es ist zu liebreich, nein, Sie sind nur Pfleger.
VATER leise zur Mutter.
Gedenken Sie der Schicklichkeit vor Kindern!
Wär dies nun unser Kind, das früh verstorbene.
MUTTER.
Sie wagen es, an jenen Mord zu denken!
VATER.
Gedenken Sie der Schicklichkeit vor Kindern!
Ich meine fast, der Knab hat Ihre Augen.
MUTTER.
Wer denkt an alle Schicklichkeit der Welt,
Wenn hier ein Abgrund, dort ein offner Arm.
Ich rufe dich Natur, gib Helferarme,
Bewahre mir, was du mir hast verliehen;
Ist dies mein Kind, was ich gestorben glaubte,
Das Sie aus Eifersucht mir früh entrissen
Und mir so bald als tot verweigerten?
KIND.
Ach ja, ich bin's, ich bin gewiss dein Kind,
Ach wüsst ich eine Mutter nur zu lieben.
VATER.
Sie leben hier so unabhängig jetzt,
Was brauchen Sie noch andrer Menschen Liebe.
MUTTER.
O gib Gewissheit mir, ob es mein Kind,
Ich bin dir dann auf ewig untertänig.
VATER vor sich.
Wo soll das hin, wer kann die Folgen sehen,
Der Ärger hob die Überlegung auf.
MUTTER.
Gewissheit, sieh ich knie vor dir schon lange,
Du schweigest still den Blick von mir gewandt.
O sprich, sonst stürz ich mich in dieses Schwert,
Das mich schon früh in deinem Hass verwundet.
VATER.
Es ist dein Sohn; ich wollte ihn dir bringen
Und mit euch leben in Vertraulichkeit;
Jetzt ist das aus, erfreu dich dieses Knaben,
Doch wandern wir noch heute fort von hier.
KIND.
O liebe Mutter, liebe süsse Mutter,
Dich hab ich gleich erkannt, wie ich dich sah!
MUTTER.
O lieber Knabe, meiner Liebe Lust,
Ich ahndete sogleich, du seist mein Sohn.
KIND.
Ach Mutter, wie wird dich der Vater lieben,
Er hat so oft die Arme ausgebreitet,
Bang über mir nach dir o Mutter seufzend.
VATER.
Das ist vorbei, das ist nun ganz vorbei,
Jetzt macht euch fertig, nehmt den schweren Abschied.
KIND.
Ach lieber Vater, bleib doch immer hier,
Ich kann nicht fort von meiner lieben Mutter.
MUTTER.
O lasse mir mein Kind nur wenig Stunden,
Ich lieb dich ja in ihm, ich kann nicht mehr.
VATER vor sich.
Es rühret mich ihr Flehen tief im Innern,
So muss mir denn das Schmerzlichste geschehen,
Muss ohne Liebe sehn die Vielgeliebte,
Und alter Lieb Erinnerung stets in ihr
Wie des Gewissens ewig wacher Zuruf.
MUTTER.
Kannst du nicht bleiben, so verlässt mich Gott,
Und wie ein Unrecht scheinet mir mein Unglück.
KIND.
Ach Mutter, ist denn Gott nicht unter uns,
Wir sind ja drei, so sind wir die Gemeine,
Wie sprichst du so, nein, Gott verlässt uns nie,
Wenn wir uns lieben in der ew'gen Liebe.
MUTTER.
O hör dein Kind, wie es so herrlich spricht;
Der Kinder Stimme ist oft Gottes Wille.
VATER.
Ich folg der Stimm, es ist bedacht, es sei,
Es muss das Schmerzlichste von mir geschehen,
Ich opfere mein eignes Leben auf,
Wir leben nun für dieses Kind zusammen;
Nimm du die linke Hand, ich nehm die rechte,
Auf dass er lerne lieben und auch fechten.
KIND.
O Vater, wenn ich nur genug dich liebe;
O Mutter, wenn ich nur für dich kann fechten!
VATER.
Es trägt mich des Entschlusses eigne Kraft,
Mit Übermacht hat Gott den Stolz bezwungen.
MUTTER.
Vergebens ist das Scheuen vor dem Leben,
Was menschlich ist, dem sei der Mensch ergeben;
O teurer Freund, ich tat dir heute Unrecht,
Du wolltest mir heut wohltun mit dem Kinde.
Ich folg dir ganz, es kommen andre Zeiten,
Im Herzen dieses Kindes schlägt das meine,
Und deine Klugheit wache über beide.
VATER.
Sei dieses liebe Kind uns selbst ein Lehrer,
Wo uns die alte Zeit mit Zorn ergreift,
Gefühl und Klugheit muss sich immer beugen
Vor einer Zukunft, die sie selbst erst zeugen.
KIND.
Ihr sagt euch da so ernste, ernste Worte,
Und mich vergesst ihr hier wohl zwischen euch.
Ich geb euch alles, was ich hier besitze:
Da hast du, Mutter, diese Myrtenkrone,
Da hast du, Vater, das verlorne Schwert,
O lass mir nur den Ring, den vielgeliebten!
VATER und MUTTER.
Du bist der Ring von zweien Vielbetrübten,
Die neu verbunden, die sich einstmals liebten.
VATER.
Wir sind auf ewig wiederum verbunden.
MUTTER.
Dein Wille ist der meine nun auch immer.
VATER.
Wohl dem, der einmal nur geliebt im Leben,
Das Schicksal will ihm goldne Hochzeit geben,
Mich drückt das Gold, es zittern meine Hände,
Doch fühle ich, dass nie das Leben ende.
KIND.
So küsse doch den lieben Vater, Mutter.
VATER.
Ich küsse dich, das Kind befiehlt es mir.
MUTTER.
Ach was der Ernst und die Vernunft geschieden,
Ein Kinderspiel auf dieser Welt hienieden.
KIND.
Hörst du fern im Dorfe singen,
Luft und Düfte zu uns dringen
Aus der tiefen Himmelsstimme.
MUTTER.
Ach zu uns im ernsten Grimme.
VATER.
Wie so oft war uns zum Spotte
Unsrer Diener Sonntags-Schmücken.
KIND.
Ach so hört doch zu, dem Gotte,
Der in seligem Entzücken.
VATER.
Wehe, nun ist eine Stille!
MUTTER.
Aber dem versöhnten Freunde
Tönt nun höher Gottes Wille
Aus der himmlischen Gemeinde.
KIND.
Führt mich, wo die Glocken schlagen.
VATER.
Das Gewissen anzusagen.
KIND.
Wo die Freuden alle klingen,
Musst du hin mich heute bringen.
VATER.
Ach wie kühlend in der Hitze!
Haben wir denn dort auch Sitze?
MUTTER.
Gittersitze wir da haben,
Wo die Eltern sind begraben.
VATER.
Denk, wie Sonntags sie versöhnten,
Wann sie sich entzweiet hatten,
Und wir beide, wir verhöhnten
Oft die Lieb der alten Gatten.
MUTTER.
Und sie blieben so in Frieden,
Und wir waren lang geschieden;
Eilen wir zur Kirche wieder.
KIND.
Gott, der spricht zu uns durch Lieder,
Alle Stimmen er vereinet.
MUTTER.
Einsam hab ich lang geweinet.
VATER.
In der Kirche klingt die Freude,
Eilen wir aus allem Leide,
Und die leidend Gott gefunden,
Zeigen sich da Gott verbunden.
VATER und MUTTER.
Seit wir in dem Sohn verbunden,
Haben wir auch Gott gefunden,
Und kein Mensch darf uns mehr scheiden,
Uns, die Gott geprüft in Leiden!
Der Minister war während der Vorlesung sehr nachdenklich geworden, beim Schlusse
fuhr er heraus: »Sagt, wie könnt ihr so manches wissen, was gerade so in meinem
Innern gesprochen, bei einer allgemeinen Verfälschung der Geschichte, die mir
deutlich beweist, dass ihr nichts davon gewusst, sondern nur herum geraten habt.«
- »Das Menschliche«, antwortete der Kammerjunker, »woran wir einander kennen und
verstehen, ist in jeder Brust, das Historische wissen nur wenige.« -
»Wahrhaftig«, meinte der Minister, »ich fange an, noch ehe wir aus den Sümpfen
kommen, eure Poesie zu glauben; wir sind durch Lebensalter geschieden, wir
verstehen uns erst allmählich.«
    Meinen Lesern, mit denen ich mich auf der gemeinschaftlichen Reise durch
diese Geschichte allmählich auch verständigt habe, wird es nicht entgangen sein,
wie das Dichten, insbesondre aber das dramatische in das Leben der einzelnen
Menschen eingreife. Wir sahen dies in der Geschichte Hollins, des kleinen
Johannes, und in den beiden eben mitgeteilten Schauspielen; möge uns dies ein
Bild werden, wie ein echtes Volksspiel auf das ganze Leben eines ganzen Volkes
einwirken könnte; nur darum, weil unser Schauspiel unserm Volke, seinem Streben
und Glauben meist so entfernt ist, geht es der Menge so gleichgültig vorüber,
und wird mit dem Augenblicke vergessen; wer sich dem Volke anschliesst, empfängt
dessen Geist und Erfindung.
    Ein kleines Abenteuer störte bald unsre Gesellschaft in ihrer gewöhnlichen
Unterhaltung. Sie erhielten einige Stationen von Rom, wegen mehrerer an
Reisenden verübten Räubereien, einen Husaren zur Bedeckung, der dem Minister und
seinen Begleitern sehr auffiel; dem Minister rief er seine eigne Jugend
vollständig zurück, die anderen bemerkten wenigstens eine auffallende
Ähnlichkeit zwischen beiden. Sie liessen sich mit ihm in ein Gespräch ein: es war
ein Deutscher, der schon lange in französischen Diensten, aber weder sein
angeblicher Name Frohreich, noch der angegebene Geburtsort Camin waren der
Gesellschaft bekannt. Er sprach viel über seinen Dienst, und versicherte, dass
wenn er gleich nur Gemeiner wäre, so könne er doch wohl bei guter Gelegenheit
Marschall werden, und die ganze Armee, wie er Lust hätte, rechts und links vor
sich vorbei marschieren lassen, auch könnte er sich nicht über Langeweile
beklagen; hätten sie nichts mit dem Feinde zu tun, so gäb es desto mehr Streit
mit den Kameraden, erst gestern habe er eine zusammen gehauen - dabei rieb er
sich ganz vergnügt die Hände. »Heute«, fuhr er fort, »gibt's gewiss noch was mit
den Räubern, ich sah schon vorher so etwas schleichen; an dieser Stelle wurde
vor acht Tagen der Schirrmeister einer Post erschossen.« - Diese Betrachtung
machte die Gesellschaft aufmerksamer. Nach einiger Zeit rief der Postillion
einige unverständliche Worte; es war sehr finster, er jagte schnell, die Mamsell
drückte sich mit klopfendem Herzen an den Minister. - In dem Augenblicke hielt
der Wagen; der Kammerjunker griff nach den Pistolen, der Minister fragte: »Wer
da?« - »Wir sind auf der Station«, antwortete der Husar, der zugleich mit
mächtigen Stössen gegen die Tür eines Hauses die Ankunft der Reisenden
verkündigte. Der Wirt machte fluchend auf; die Reisenden traten in ein
Küchenzimmer voll Husaren; sie wünschten zu essen, und der Wirt versprach gleich
ein vollständiges Nachtessen. Er nahm zu diesem Behuf ein paar Lebern von einem
Haken herunter, hackte, kochte, briet in ihrer Gegenwart; seine Frau sah ganz
bequem zu, und befahl nur zuweilen, was er dabei nicht vergessen sollte. In
einer Stunde hatte er ein vollständiges Mahl bereitet: Lebersuppe, gekochte
Leber, Leberbraten, es schmeckte den Hungrigen recht gut. Der Husar wurde mit
zum Essen genötigt; seine Kameraden fingen an, darüber zu reden, dass er nicht
bei ihnen geblieben; der Husar antwortete beleidigend und einer von jenen, die
viel getrunken hatten, forderte ihn. Alles das verhandelte sich so heftig, wie
es bei Soldaten geschieht; unsre Gesellschaft, die einmal Partei für den jungen
Mann genommen, war so besorgt um ihn, dass sie das Essen stehen liess. Endlich
sprach der Minister, bloss um den Streit abzulenken, indem er unter die
Streitenden trat: »Nehmt Vernunft an, warum sollte er nicht mit mir essen, es
ist mein Sohn.« - »Wenn das ist«, sagte der Heftigste, »so nehmt nicht übel, was
ich gesprochen; Ihr hättet das früher sagen sollen, ein Vater, der muss geehrt
werden, sonst aber muss einem Husaren die Kameradschaft über alles gehen.« - Es
wurde augenblicklich Ruhe; alle tranken die Gesundheit des Vaters und der Husar
setzte sich zum Minister, sah ihn ernstaft an, und sprach deutsch: »Wenn ich
nun wirklich Ihr Sohn wäre?« - »Fast meine ich es selbst«, antwortete der
Minister. - DER HUSAR: »Ich war nicht immer, was ich jetzt bin, und habe viel
vergessen, aber Ihren Namen, den ich vorher hörte, habe ich doch behalten; warum
sind Sie nach Italien gekommen, Sie hatten sich in Deutschland ein kleines
Italien erbaut.« - Der Husar erzählte einen Umstand nach dem andern, endlich die
Geschichte, wie er wäre bei der Einweihung des Palastes die Treppe
heruntergefallen, so dass der Minister mit den Worten, »bei Gott, der Erbprinz«,
ihm um den Hals fiel. - »Still«, sagte der Husar, »ich bin's, hier aber kein
Wort davon; wüssten es meine Kameraden, da wäre ich von allen geschoren, wie ich
schon jetzt als Ausländer viel auszustehen habe; sprechen wir nicht zu viel in
unsrer Sprache, sie möchten Argwohn gegen mich bekommen.« - Der Minister suchte
ihn zu bereden, ihn zur Mutter nach Sizilien zu begleiten. Der Erbprinz
versicherte aber, er könne nicht von diesem Leben lassen, endlich wüsste doch
keiner, wozu es ihn führen könne, in einer Zeit, wo jeder von unten auf gedient
haben müsse, um oben fest zu stehen. - Hier unterbrach der Eintritt einer braun
gebrannten Marketenderin, die ein Fässchen auf dem Rücken trug, die Unterredung;
alle schrieen ihr entgegen, sie wies alle mit derben Worten von sich, dem
Husaren warf sie sich um den Hals und biss ihm in die Backe, dass er hellaut
aufschrie; sie sprach mit ihm abwechselnd deutsch, französisch und italienisch,
rühmte ihn in sehr freien Worten, dabei ass sie stark von dem stehen gebliebenen
Abendessen. »Hör Furiosa«, sagte der Erbprinz, »soll ich dir das Genick brechen,
du isst den Herren alles vor der Nase weg.« Sie fluchte und ging hinaus. Der
Husar sagte: »Ich fürchte mich vor keinem Menschen in der Welt, aber die fürchte
ich, sie ist seelengut, was sie verdient, das gibt sie mir, Schläge sind ihr
ganz recht, machte ich aber Miene von ihr zu ziehen, ich wäre meines Lebens
nicht sicher.« Jetzt kam sie wieder ins Zimmer, und die Husaren sangen ihr ein
Lied von Mademoiselle Pumpernelle, worüber sie alle ausschimpfte, und von guten
Sitten und Leuten von Stande sprach; der Minister hatte unterdessen nach seiner
Zeche gefragt, und da ihn der Wirt für seine Lebermahlzeit mehr als für das
köstlichste Mittagsmahl bezahlen lassen wollte, so schimpfte sich der Erbprinz
mit ihm herum. Es war ein gewaltiges Lärmen; der Minister zahlte aus Überdruss,
der Erbprinz und Furiosa begleiteten ihn an den Wagen, wo der Minister noch
einmal jenem den Vorschlag wiederholte, den Abschied zu nehmen und ihm nach
Sizilien zu folgen, und ihm eine volle Börse einhändigte. Furiosa fing darüber
an zu schimpfen, der Erbprinz wurde böse, und schlug wild auf sie ein - mitten
in dieser wunderlichen Liebesverwirrung entrollte der Wagen mit unsern
Reisenden. Sie kamen glücklich nach Rom, und wollten sich eben recht umsehen,
als ein neuer Brief des Schreibers den Minister die Reise zu beschleunigen
nötigte. Schon früher hatte er dem Grafen seine Ankunft angezeigt, mit der
Bitte, weder den Seinen noch der Fürstin etwas davon bekannt zu machen, bis er
einen zweiten Brief von ihm erhalten.
 
                              Sechzehntes Kapitel
                             Schluss der Geschichte
Wunderbares Nachdenken, ew'ges Schaffen, du unsichtbare Sonne, in der die Taten
reifen, die Begebenheiten in ewigem Wechsel von Frühling zu Frühling
fortschreiten; allgegenwärtiger Strahl, der übers Meer und in die Tiefen
leuchtet, während er die Höhen zugleich vergoldet, wo ist dein Sitz und deine
Quelle? Dieser sterbliche Körper ist dein Zeichen und ein göttliches Zeichen,
aber was herrlich im allgemeinen Leben, das denket alles in Gott, alle
herrlichen Gedanken sind Strahlen seiner Liebe, Gottsöhne vom Heiligen Geiste
empfangen, so mannigfaltig hat sich verkündet der Herr allen Zeiten, allen
Völkern; wie die Wärme durchdringt er die kalte Welt und regt sie an zu neuer
Verbindung. Wehe dem, der sich diesem göttlichen Strahle verschliesst, und in
eigener Lust sich der allgemeinen Liebe verschliesst; immer enger ziehen sich die
Schranken seiner Gedanken, er glaubt die Welt zu gewinnen und verliert sich
selbst, alles entfremdet sich ihm, er versteht keine gute Seele und keine gute
Seele versteht ihn mehr, und seine Liebe und sein Hass und seine Taten und sein
Leben, alles ist scheinbar und nichtig. Ein Tag innerer Versündigung kann den
Menschen um ein halbes Jahrhundert an Geist, Erkenntnis und Durchdringung alles
Lebendigen schwächen und veralten - wie der Schäfer in alter Erzählung, von
bösen Geistern in einer Zauberhöhle festgehalten, heimkehrt und nur einen Tag
versäumt zu haben meint, aber die Welt, die Jahrhunderte fortgerückt ist, weder
kennt noch versteht, auch sein Haus nicht wiederfinden kann, so geschieht auch
dem Sünder; darum hütet euch vor dem ersten Falle, die ihr das Licht und die
Anschauung der Welt liebt.
Seit jener unseligen Nacht am Ätna, in der die Fürstin sich ihrer Leidenschaft,
die sie vorher noch zu bekämpfen strebte, ganz hingegeben, war ihr der Geist in
allen seinen Kreisen verwirrt und verfälscht; mit keiner Seele konnte sie sich
eigentlich verständigen, in allen Wesen irrte sie sich. In Kleliens Gesellschaft
ergriff sie eine wunderliche Beklemmung, sie hasste sie deswegen heimlich und
wusste sich den Grund nicht anzugeben. Gegen Dolores empfand sie ein eigenes
Mitleiden, das sie sich nicht gestehen wollte, deswegen machte sie sich oft
unter mancherlei Vorwand von der Gesellschaft los. Der Graf hatte allmählich
durch ein tieferes Eindringen in die Künste ein gewisses sinnendes Wesen
bekommen, das ihn der Fürstin noch reizender darstellte, ihn aber noch viel mehr
verhinderte, die Leidenschaft, die sie für ihn gefasst und der sie nachhing, zu
bemerken; er meinte in der Achtung, die er gegen sie hegte, dies sei die höchste
ideale Freundschaft, die je ein Weib erfasst. Sie glaubte in jener Sinnigkeit
seines Wesens, die bei dem ernsten Ausdrucke seines Gesichtes, bei dem
Schwärmerischen seiner Augen einen eigentümlichen Ausdruck hatte, eine Trauer
über seine gegenwärtigen Verhältnisse zu entdecken, ja sie deutete diese und die
schöne Aufmerksamkeit, mit der er jeden ihrer Wünsche zu befriedigen suchte, als
eine liebevolle Erinnerung jener Nacht, von der er nur aus Rücksicht für ihr
Zartgefühl nicht zu sprechen wagte. Der Graf war nie so heiter in sich gewesen,
als in dieser Zeit, nie so voll in Gedanken, nie so fertig und reich in allen
seinen Tätigkeiten; was er unternahm, gelang und Klelie hatte sich nicht mehr zu
beklagen, dass er seine gemeinnützigen Arbeiten über eigne Ausbildung versäume.
Die Fürstin gab ihm mit ihrer Empfänglichkeit für jede Kunst, mit ihrem freien
Urteile alles das, was er je in seiner Nähe vermisst hatte; sein Leben hatte
etwas himmlisch Vollendetes, wie es auf Erden nur kurze Zeit dauert und meist in
seiner höchsten Erwartung gestört wird. Vielleicht mochte sich auch die Fürstin
in ihrer Wahrnehmung über eine gewisse Traurigkeit in ihm nicht ganz irren, sie
irrte sich nur in der Ursache. Es ist die Natur vieler Menschen, wenn sie sich
recht wohl fühlen, blass zu erscheinen, während sich eine Kränklichkeit durch
eine scheinbar blühende Farbe verkündet: so zeigte auch wohl der Graf in den
Stunden seines höchsten geistigen Wohlseins und schöner Erfindsamkeit eine
sanfte sinnige Trauer, die in dem Sonnenglanze des Glücks den Augen so wohltuend
erscheint wie die dunklere Farbe alles Grüns in den heissen Sommermonaten; diese
träumerische Fülle einer Brust, in der nichts widersprechend, weil alle
abwechselnden Schwingungen der Freude zu einem gleichen neuen Tone verschwingen,
erschloss eine wunderbare Landschaft, die freilich auf unserm Erdboden unmöglich,
wo die Lage der Felsen gegen einander einem gewissen Gesetze gehorchet, die aber
auf einem anderen Planeten wohl denkbar wäre, und gönnt die Zeit Dauer, so
erscheint sie bald in den wunderbaren Taten, bald in den wunderbaren
Kunstdarstellungen sichtbar und erfreulich für viele. - Unserm Grafen sollte
diese Dauer nicht werden! - Die Besorgnisse der Gräfin Dolores waren durch
manche Zufälligkeiten, die einem besorgten Gemüte niemals fehlen, sehr
gesteigert worden; der Graf, der allerlei Arbeiten mit frischer Liebe umarmte,
hatte sie in der letzten Zeit seltener und flüchtiger besucht, bei der Fürstin
dagegen hatte er sich oft lange verweilt, weil diese an allen den Arbeiten den
lebendigsten und gebildetsten Anteil nahm, mit ihrem Urteile aufmerksamer
machte, mit ihrem verständigen Beifalle ermunterte. Dolores hatte in dieser Zeit
oft an ihren Johannes denken müssen, es tat ihr weh, dass er alle Belustigungen
der andern Kinder, ihre kleinen Reisen, nicht mitgeniessen durfte; sie glaubte
sich verpflichtet und tat es so gern, ihm recht oft schriftliche Nachricht von
den Seinen nach dem Kloster zu schicken; die Gesinnung des Sohnes hatte diesem
Briefwechsel bald eine sehr ernste religiöse Gesinnung mitgeteilt. Heimlich trug
sie sich schon lange mit einem Plane, den ihr Klelie vergebens auszureden
suchte, ihrem Johannes in Rom die Erlaubnis zu schaffen, aus dem Kloster in den
ritterlichen heiligen Johanniterorden überzugehen; dem Grafen war dieser Plan
sehr angenehm; aber sie wusste nicht, wie sie es dem Sohne auf eine recht
reizende Art darstellen könnte. Ihr letzter Brief an ihn trug es ihm endlich
ausführlich vor, wie viel Glück noch in der Welttätigkeit warte, wie leicht er
noch dazu gelangen könne, er schloss sich mit den Worten: »Lieber Sohn, wenn ich
Deines Vaters tiefe unerschöpfliche Heiterkeit betrachte, diese Unendlichkeit,
die sich seinem Gemüte in jedem Kreise erschliesst und wohltuend zu allen
spricht, und soll dies alles nicht achten und nur für das Glück, für die
Heiligung jenseit des Grabes ihm einen Aufentalt wünschen und erflehen, sieh,
da stehen meine Gedanken stille, ich kann nicht glauben, dass diese Erde einer
edlen Seele je ein blosses Jammertal werden könne, ich kann dieses Leben nicht
jenem aufopfern. Denk ich aller Tätigkeit, die Dein Vater auf dieses Leben
verwendet, so vieler Erfolge, die ihm geworden, so vieler, die ich mit Zutrauen
erwarte, denk ich meines eignen Herzens und meiner ganzen Sinnesart, die er in
zärtlicher Liebe ohne Härte, ohne Zwang gebessert hat, es ist mir unmöglich zu
sagen, dies alles sei eitel und nichtig, und ich hätte eigentlich alle meine
Gedanken auf Gott zu richten und seiner zu vergessen. Dieser Tätigkeit für andre
bist Du durch das Klosterleben für immer entzogen, Du siehst die Menschen selten
und nur in ihrem tiefsten Kummer, im Aufhören ihres Lebens usw.« Erst am
vierzehnten Juli, es war der Tag ihrer alten Schuld, an welchem sie immer früh
aufstand, um lange beten zu können, erhielt sie die Antwort ihres Johannes, er
lehnte das Anerbieten ab, nicht weil er sein jetziges Leben für löblicher halte,
sondern weil es ihm notwendig, ihm Bestimmung sei; übrigens erklärte er sich
ganz frei, dass er ihre Gesinnung über das Glück und die Tätigkeit dieses Lebens
teile, dass diese Meinungen von der Eitelkeit und Nichtigkeit dieser Welt
Missverständnisse wären, dass unser Glaube eine Religion des Lebens, weder der
Freude noch des Jammers einzeln und abgesondert sei, dass ihn dies vor allen
auszeichne, die entweder die Not der Welt hinter Lügen zu verstecken suchten,
oder den armen Menschen in seinem Jammer und Not und Schwachheit mit hämischer
List anfielen, um ihn sich zuzueignen; dass aber die letzte Art leider auch
manchen so genannten christlichen Lehrer verführe. Er schloss mit den Worten: »Du
siehst liebe Mutter, dass ich mit dem reinsten Ausdrucke meines Glaubens mich nur
wenigen in meinem Kloster verständigen kann, nie werde ich darum streiten, denn
Christus, der aller Welt und allen Völkern in so verschiedener Gestalt
erschienen, allen als Hingebung und Aufopferung aus Liebe, warum sollte der uns
im Kloster, die wir aus verschiedenen Völkern, Ständen und Bildungen
zusammengekommen, in der Betrachtung gleich sein; in unsern Herzen fühlt er sich
gleich.«
    Dieser Brief hatte die Mutter ungemein getröstet; welche Freude ist es einer
Mutter, von ihrem Sohne belehrt zu werden, sie dankte dem Himmel in ihrer Kammer
für die gnädige Führung ihres Lebens und segnete ihre Kinder, die vor dem
Fenster sich auf einem Platze herumtummelten. Mitten in dieser Freude
überraschte sie der quälende Gedanke, warum der Graf sie den Morgen nicht
besucht habe, und während sie noch darüber nachsann, sah sie ihn, mit der
Gitarre eilig nach dem Gartenhause der Fürstin gehen, sie erschrak und wollte es
sich nicht gestehen warum; auch ihrer Schwester gestand sie es nicht, die zu ihr
ins Zimmer trat und sie in Tränen fand; doch hatte diese geliebte Schwester bald
die Freude, sie mit mancher Erzählung von glücklichen Einfällen der Kinder zu
einer heitern Laune über zu führen. So wenig Klelia sonst sprach, so
unerschöpflich war sie, jedem Traurenden etwas mitzuteilen, was ihn beruhigen
oder zerstreuen konnte. Als die Herzogin sie verlassen, blickte Dolores noch
einmal ein schönes Christusbild an, das den kleinen Altar erfüllte, sie schlug
die Bibel auf und wurde mit ihren Augen zufällig auf den Spruch geführt, den
Christus zu dem armen Sünder sagte: »Wahrlich ich sage dir, heute wirst du mit
mir im Paradiese sein.« - Sie ging zu ihren Kindern und zu ihren
Beschäftigungen; aber sie konnte den Spruch nicht vergessen, immer stand das
Bild vor ihr, milde, doch schmerzlich zu ihr sprechend: »Wahrlich ich sage dir,
heute wirst du mit mir im Paradiese sein.«
    Der Graf hatte diesen Morgen seine Frau nicht vergessen, er wollte sie mit
einem angenehmen Geschenke überraschen und der Goldarbeiter in Palermo hatte es
nicht beendigt, es war ein breiter Goldring, auf welchem die zwölf
Planetenzeichen mit Perlen eingelegt waren; er sollte zum Ersatz des verlorenen
Verlobungsringes dienen und in dem Bilde des ewig sich verjüngenden Jahrs, die
ewig sich verjüngende Liebe darstellen. Ungeduldig hatte er am Morgen darauf
gewartet, endlich ging er, um mit seiner Ungeduld nicht allein zu sein, zur
Fürstin, auch wollte er dort musizieren. Er wusste überdies, dass er seine Frau an
diesem Tage noch angenehmer überraschen würde, und fürchtete sich, in dieser
Stimmung ihr das ganze Geheimnis, die nahe Ankunft ihres Vaters zu verraten, von
dessen Reise er den Tag vorher die erste Nachricht bekommen und von dem er mit
Bestimmteit Briefe in Palermo erwartete. Diese Gedanken machten seine
Unterhaltung mit der Fürstin sehr einsilbig, sie setzte ihm nach ihrer
Gewohnheit feine Früchte und edlen Wein vor, diesmal Christitränenwein in einem
sehr alten Familienbecher, der aus einem Jaspis geschnitten das Haupt der Medusa
darstellte, an der die Schlangen als Handhabe geringelt waren; sie hatte immer
eine Freude daran, ihn essen zu sehen, weil er alles mit voller Empfindung
genoss. Er liess diesmal den Becher stehen, versuchte eine Melodie auf der
Gitarre, die in seinem Kopfe wogte und immer rührender und anziehender unter
seinen Fingern sich gestaltete. Die Fürstin sass auf einem breiten Sessel im
Fenster, bald sah sie ihn an, bald stützte sie sich auf ihren Arm, und hörte ihn
wie aus weiter Ferne. Wiederum missdeutete sie das Trauernde seiner Melodie, sie
glaubte darin eine verhaltene Sehnsucht ausgedrückt; er soll nicht mehr leiden,
dachte sie, zu lange dauert seine Qual, er ist zu bescheiden, zu fordern, was er
meiner Geburt und Bestimmung unangemessen glauben könnte, ich selbst will den
Hauptschritt tun und herrscht er dann über mein Land, wie er über mich herrscht,
was kümmert's ihn, ob er den Titel eines Fürsten tragen darf, er ist ein
Zauberspruch, der mächtiger wirkt, je heimlicher er ist gehalten. O Stolz meiner
Ahnen, o Stolz meiner Liebe, jener möchte ihn beherrschen und dieser sich ewig
ihm unterwerfen! - Während dieses Selbstgespräch die Fürstin tief in sich
beschäftigte, war der Graf mit seiner Melodie fertig geworden, er sang den
rührenden Schluss einer Reihe von Romanzen, die das Leben eines unglücklichen
Kaisers besingen. Die Fürstin blickte jetzt wieder auf ihn und der Gesang
rauschte an ihrem Ohre, wie die Wellen an der Wand eines Schiffes neben einem
Schlafenden, der von seiner Heimat träumend die Sichel durchs Korn, die Bäche
durch Blumen, die Hirsche durchs Laub, die Jugend im Tanz rauschen hört, bis der
Sturm ihn erweckt. Es wird uns schwer auszudrücken, wie es ihr so einzeln ins
Herz tönte, als der Graf sang:
Der Kaiser flieht vertrieben,
Flieht das eigne Land;
Das Heer ist aufgerieben
Fliehend seine Schand.
Nur die sind ihm geblieben,
Die er oft verkannt,
Denn streng sind, die uns lieben,
Not hat Lieb erkannt.
Er grüsst die alten Tage
Seiner Jugendzeit,
Vergisst der Zeiten Plage
In Vertraulichkeit.
Die Fürstin hatte von dieser Strophe nichts vernommen, als das liebe Wort
Vertraulichkeit. Der Graf sang weiter:
Zum Fluss ist er gekommen,
Findet keine Brück,
Da wird sein Herz beklommen,
Er kann nicht zurück.
Da kommt ein Schiff mit Netzen:
»Schiffer nimm zum Lohn,
Willst du uns übersetzen,
Meine goldne Kron.«
Der Schiffer hat genommen
Seine goldne Kron,
Doch eh' er über kommen,
War der Feind dort schon.
Die Fürstin dachte in sich: Könnte ich ihm nur meine goldne Krone aufsetzen, wie
leicht würde mir!
                                    Der Graf
»So lieb dir ist dein Leben,
Fahr zurück ans Land,
Den Schifflohn will ich geben
Mit der eignen Hand.«
Der Kaiser droht zu schlagen
Mit dem goldnen Stab,
Doch schnell zurückgetragen,
Ihn dem Schiffer gab.
Jetzt sah er wie die Feinde
Ihn am Ufer sehn,
An Freundes Busen weinte,
Wollte schier vergehn.
Die Fürstin seufzte: »An seinem Busen zu weinen, an seinem Herzen zu vergehen,
wie selig!«
                                    Der Graf
»Ich hab nichts mehr zu geben,
Als den Mantel mein,
Der gibt mir Not im Leben,
Bald auch Todespein:
War meiner Not Beglücken
Eurer Tage Preis,
Den Purpur reisst in Stücken,
Geb ihn allen preis!«
Er fasst, soviel er konnte,
Jeder riss sein Stück,
Es auf dem Herzen sonnte,
Wie ein Stern im Glück.
Die Fürstin dachte: Nein, nicht mit einem Zeichen soll er sich begnügen, ganz
will ich ihn einhüllen in meinem Purpur, er hat für uns beide Platz, dass ich den
Liebling ganz allein mit mir verbinde, ihn aller Welt verstecke.
                                    Der Graf
Die Stücke heften alle
Auf die Kleider fest
Und vor dem Feind mit Schalle
Halten Ordensfest.
Dann stellen sie sich alle
Rings zum Kaiser treu,
Dass er von einem Walle
Rings geschützet sei.
Der Purpurstern kann blitzen,
Wärmt auch wohl das Herz,
Kann nicht als Harnisch schützen
Vor der Pfeile Erz.
»Ja er muss Sie schützen!« rief die Fürstin unerwartet laut. Der Graf sagte
lächelnd, »ich zweifle«, und sang weiter:
»Jetzt flieht!« befiehlt der Kaiser,
»Flieht, ich sterb allein!«
Sie rufen all zum Kaiser:
»Das soll nimmer sein,
Der Purpur ist zerrissen,
Aus ist nun dein Reich,
Vor Gott wir stehen müssen
Bald mit dir zugleich.
Wir wollen hier vergehen,
Froh des ew'gen Muts;
Aus unserm Blut erstehen
Rächer deines Bluts.«
Die Fürstin hörte jetzt auf die Geschichte und der Graf sang den Schluss:
Die Feinde sehn sie blicken,
Sehn die Sterne hell,
Und ihre Pfeile drücken
In die Herzen schnell.
Nach aller Edlen Falle,
Fällt der Kaiser auch,
Sein Segen über alle
Ist sein letzter Hauch.
Die blut'gen Purpurstücke
Halten frisch die Farb,
Der Feind ist gross im Glücke,
Nicht den Schmuck verdarb.
Der Graf wollte weitersingen, als die Schlossglocke eilfe schlug, nun war die
Zeit vorbei, wo er den Ring noch erwarten konnte, er warf die Gitarre fort und
sagte der Fürstin, dass er nach Palermo reiten müsse, wo er mit dem Paketboote
Briefe von grosser Wichtigkeit erwarte, die der Fürstin Freude machen würden,
doch bät er sie, seiner Frau nichts davon zu sagen. - Die Fürstin war überrascht
von diesem Geheimnisse, das sie der Frau verbergen sollte, ihr war es in dem
Augenblicke ganz gewiss, dass ihn dieselben Scheidungspläne von seiner Frau
beschäftigten, worüber sie den ganzen Morgen nachgedacht, sie wurde rot, sie
fragte nach dem Geheimnisse; er versagte es ihr aber mit wenigen Worten, bei
denen er so bedeutend aussah, dass sie ihre Deutung als unfehlbar betrachtete.
Wir wissen die beiden Ursachen seiner kleinen Reise, der Ring und die erwarteten
näheren Nachrichten von der Ankunft seines Schwiegervaters, die er allen geheim
halten sollte. Der Graf eilte mit einem leichten Handkusse fort, und die Fürstin
sah ihm mit dem wunderlichsten Gefühle nach, als er nach flüchtiger Begrüssung
seiner Frau den blendend hellen Weg hinunterritt. Sie zählte an den
Blumenblättern ab, ob sie sich der Herzogin oder der Gräfin erklären sollte,
ihrer Tätigkeit war dieser unerklärte Zustand der drückendste; Bestimmteit in
allem war nicht bloss ihr Grundsatz, sondern auch ihre Art. Die Herzogin war ihr
zu ernst, zu ehrwürdig; sie überlegte mit pochendem Herzen noch einmal alles und
ging dann zur Gräfin. Die Gräfin war nicht allein, die Kinder hatten allerlei
heftige Streitigkeiten, die sie zu schlichten suchte, es waren der liebreichen
Hyolda allerlei Papiere entrissen, die sie heimlich bewahrt hatte, erst war sie
darüber sehr böse gewesen, endlich musste sie selbst lachen. Die Fürstin wartete
mit Ungeduld auf den Augenblick, wo die Kinder entlassen würden; aber die
Herzogin kam früher, es begann ein Gespräch über neue Zeitungen, die sie
mitbrachte, inzwischen wurde der Mittagstisch angezeigt, wo einige reisende
Fremde die Gesellschaft mit den besten Anekdoten aus ihrem Vaterlande erfreuten,
die Fürstin konnte aus Ungeduld nichts essen. Als alle entlassen waren, fand
sich die Fürstin endlich mit der Gräfin allein, um die Nachmittagsruhe zu
halten, sie brachte zitternd die ersten Worte heraus und bat die Gräfin, die
Türen verriegeln zu lassen, weil sie ihr eine merkwürdige Geschichte aus ihrer
Familie vertrauen wolle. Die Gräfin erfüllte ihre Bitte. Die Fürstin entwarf nun
mit der ganzen Gewalt ihrer Rede ein Gemälde ihres Zustandes und wie sie in des
Grafen Seele zu lesen glaubte, wie er zu ihr gezogen werde und seiner Frau doch
nicht entsagen könne. Sie wollte eigentlich die wahren Menschen noch nicht
erkennbar machen; aber ihre Heftigkeit hatte alles so deutlich gemacht, dass die
Gräfin, die sich in ihrer Seele schämte, mit niedergeschlagenen Augen ihr
versicherte; sie erkenne alle, die sie ihr beschrieben, leider möchte alles wahr
sein, es wäre ein schmerzliches Geschick, denn sie wäre innig überzeugt, wenn
ein Mann auf Erden ganz schuldlos sei, so wäre es der Graf, auch vertraue sie
ihm ganz, er werde das heilige Sakrament der Ehe gegen eine wilde Leidenschaft
verteidigen, - aber Trennung sei notwendig und so lieb ihr die Fürstin - sie
flehe in ihr die Freundin, die Mutter an, Sizilien bald zu verlassen.
    Eine so freie Hingebung und Offenherzigkeit hatte die Fürstin nicht
erwartet, sie fuhr verlegen in ihrer Erzählung fort, und gestand ihr stammelnd,
dass diese Rettung, diese Warnung zu spät; sie ging in heftiger Bewegung im
Zimmer auf und nieder und bekannte in gebrochenen Worten, wie nahe sie sich seit
jener Nacht am Ätna dem Grafen verbunden glaube, sie sei mit ihm eins und
unzertrennlich, er selbst sei bedacht, heute diese Verbindung zwischen ihnen
öffentlich zu begründen, das sei die Ursache seiner Abreise nach Palermo, deren
Geheimhaltung er ihr anbefohlen. »Warum wäre er auch nicht mein«, rief die
Fürstin mit Begeisterung, »bin ich doch ganz sein!« - Die Gräfin erblasste bei
diesen Worten, sie litt schon seit einiger Zeit an Ohnmachten; in süsser
Vergessenheit ihres Schmerzes sank sie in die Arme der Fürstin. Jetzt stieg das
Mitleid wieder heiss in die Gedanken der Fürstin, es kam ihr der Gedanke, wie
dieselbe Frau, die Mittags so fröhlich im Kreise der Ihren gesessen, jetzt
bleich und tot in ihren Armen liege, sie fürchtete sich davor, dass der Graf
eintreten möchte, alle Aufmerksamkeiten und Liebkosungen, mit denen er so oft in
ihrer Gegenwart seine Frau erfreut hatte, fielen ihr ein, und sie wurde auf
einmal an der Leidenschaft irre, die sie in ihm vorausgesetzt hatte; - die
menschliche Betrachtung drängt auch in ihrer höchsten Verirrung noch in
Augenblicken und gegen den bösen Willen zur Wahrheit und Gerechtigkeit.
Angstvoll drückte sie die Ohnmächtige an ihre Brust, die mit Schauder an ihrem
Busen erwachte, sich matt erhob, ihre Hände faltete und rief »Gott, du bist
gerecht!« - Der Fürstin klang dieser Ausruf in der Seele wie ein Freudengeschrei
wider, es ist doch alles wahr, und noch viel mehr, es wird mir alles noch
werden, Glück und Freude, so sagte sie in sich, hier ist ein Geheimnis, das mich
beglückt; sie drang in die schwache Gräfin, ihr alles zu entüllen, sie wisse
alles, sagte sie, Gott sei gerecht, so müsse es kommen, wenn es gleich
schmerzlich. - Die Gräfin meinte, der Graf habe der Fürstin jenes Geheimnis,
ihre alte Schuld mit dem Herzoge verraten, es tat ihr wehe, aber sie verzieh es
ihm, sie musste sprechen, die Welt lag auf ihrer Brust und so erzählte sie mit
vielen Tränen, wie sich damals alles zu ihrem Verderben gefügt habe, sie
berichtete ihr alles, was sie bis dahin niemand als ihrem Manne, ihrer
Schwester, dem alten Diener und ihrem Beichtvater bekannt hatte. - Die Fürstin
war so verwundert von diesem Bekenntnisse, wie ein Räuber, der vor Gericht sich
überzeugt, es sei sein Eigentum gewesen, was er entwendet; die wilde Heftigkeit
verschwand ihr, sie konnte sich in Ruhe erklären; mit klarem Blicke schien sie
noch zu schützen, was sie zerstören konnte, sie rührte sich selbst mit ihrer
Milde, indem sie der Gräfin versicherte: des Himmels Wille sei deutlich, er
strafe Gleiches mit Gleichem, sie solle sich geduldig fügen, den Mann
abzutreten, den sie doch nie ganz glücklich machen könne, der hinter
Liebkosungen bisher den inneren Vorwurf versteckt habe, der unvermeidlich bei
jeder Erinnerung früherer Zeit ihn belasten müsse. »Ich allein«, rief die
Fürstin, »verstehe ihn ganz, ich allein kann ihm ein neues Leben und einen
angemessenen Wirkungskreis geben in seinem Lande, unter seinem Volke, wohin er
sich so oft zurückgewünscht.« - »Freilich«, sagte Dolores, »mag er sich oft nach
Deutschland zurücksehnen, er verschwieg es mir aus Schonung, weil er es
meinetwegen meidet; doch hat er auch mir diesen Wunsch zur Rückkehr entdeckt,
als ihm ein guter Fürst einen grossen Wirkungskreis versprach; ich konnte den
Gedanken nicht ertragen.« - Die Fürstin ergriff dieses Wort: »Ich gebe ihm einen
Wirkungskreis im Vaterlande, worin ihm alles Vergangene schwindet, und meine
Liebe schenk ich ihm obenein, mein Land wird alle seine Tätigkeit fordern, und
dankbar anerkennen, er soll ein Vorbild werden deutscher Fürsten und wie ein
Gott in der entarteten Zeit auftreten; sein ganzes Leben, seine ganze Ausbildung
führen ihn dahin, mit mir erfüllt er seine unbewusste höhere Bestimmung.« -
Gedenken wir der hohen, fast abergläubisch vergötternden Verehrung der Gräfin
gegen ihren Mann, des herrschenden Ansehens der Fürstin, ihrer überzeugenden
Stimme; diese Worte erweckten den ganzen Edelmut der Gräfin, der jetzt als ein
neuer Feind gegen ihre Liebe und gegen das Zutrauen zu ihrer Liebe auftrat;
schmerzlich sah sie das Bild des Grafen an, das an der einen Wand des Zimmers
hing. »Gib mir ein Zeichen«, betete sie zu dem Bilde, »was dein Wille ist, zu
wem wendest du deine lieben Blicke?« - »Zu mir, zu mir«, rief die Fürstin, »mich
sieht er an mit der ganzen Freundlichkeit und Hingebung wie am Ätna.« - Die
Gräfin wandte sich von dem Bilde, denn zum erstenmal kam ihr eine Bitterkeit
gegen den Geliebten in die Seele, sie erklärte mit gebrochener Stimme: Sie wolle
dem Grafen entsagen, wenn es sein Wille sei! - Jetzt glaubte die Fürstin alles
gewonnen, sie hätte mit ihrem halben Leben der Gräfin den Schmerz dieses
Entschlusses lindern mögen, sie selbst wollte alles schriftlich aufsetzen, um
nichts zu übereilen, und um ihr schmerzliche Mühe zu ersparen; die Gräfin liess
alles geschehen, es drehte sich um sie die Welt in schrecklicher Verwirrung und
sie stürzte in fürchterlichen Krämpfen nieder, als eben die Fürstin das Zimmer
verlassen wollte. Die Fürstin war erschrocken und wagte sich nicht zu ihr, sie
glaubte sie sterbend und dachte: Wenn sie stirbt, ist alle Not und Verwirrung
aus! - Und dann war ihr der Gedanke ein Vorwurf, sie betete zum erstenmal seit
vielen Jahren, aber sie wusste nicht zu wem: »Lass mich nicht grausam werden in
meinem Herzen, lass sie leben!« - So schwebend zwischen der Gräfin und der Türe,
stand sie wohl ein paar Minuten, ehe sie die Türe entriegelte, und die
Kammerfrau zum Beistande für die Gräfin herbei rief. Alles eilte der Gräfin zu
Hülfe, niemand dachte die Fürstin als Ursache dieser Zufälle, die sie in der
letzten Zeit mehrmals, aber freilich unendlich schwächer gehabt hatte. Die
Fürstin fand ihre Hülfe überflüssig, es schien ihr notwendig, die Entsagung,
schriftlich unterzeichnet dem Grafen bei seiner Rückkehr vorzulegen; sie eilte
nach ihrem Gartenhause alles aufzuschreiben, um das wiederkehrende Bewusstsein
der Gräfin zur Unterzeichnung dieser Entsagung schnell benutzen zu können. Die
Fürstin erscheint uns vielleicht in diesem Augenblicke unnatürlich hart, doch
hing diese Härte in ihr mit ihren schönsten Kräften zusammen, die sie sonst zur
Beglückung ihres Landes so wohltätig entwickelt hatte; wo sie handelte, war sie
mit festem Entschlusse auf alle Fälle gefasst, mit ihrem Gemüte, mit allen
äusseren Eindrücken hatte sie dann abgerechnet; ihr Wille war ihr der Mittelpunkt
der Welt, und sie glich in solchem Falle einem tüchtigen Wundarzte, der gar
nicht das Geschrei des Unglücklichen hört, wo es des schmerzhaften Schnittes
bedarf, sondern mit allen Kräften zum schnellen Ende der Qual arbeitet. Indem
sie hastig nach ihrem Gartenhause schritt, trat ein wunderschöner Mann,
anständig gekleidet, hinter einem Pinienbaume hervor, und erkundigte sich, ob
wohl die Fürstin zu sprechen. Ungeachtet der Mann ihr auffiel, wollte sie dem
Geschäfte doch keine Zeit versäumen, und sagte flüchtig, dass sie erst spät
Abends von einer Reise zurück erwartet werde; der Mann zog sich ängstlich mit
vielen Entschuldigungen seiner dreisten Anrede in den Garten zurück. Die Fürstin
eilte nach ihrem Zimmer, und suchte ihr Schreibzeug, konnte es aber nicht
finden, da der Graf es den Abend vorher zum Skizzieren einer Aussicht
mitgenommen, und im Garten hatte stehen lassen. Sie rief dem Schreiber, der auf
die Jagd gegangen, vergebens, sie brauchte ihn nie zu dieser Zeit, und doch ward
sie jetzt sehr böse, dass er ausgegangen, sie musste sich selbst Schreibegeräte in
dessen Zimmer suchen, welches er wegen der Mineraliensammlung, die darin
aufgestellt, immer offen lassen musste. In Gedanken suchte sie schon die besten
Ausdrücke für die Entsagung der Gräfin, dass ihre Grossmut nicht neue Liebe in dem
Grafen erweckte, als sie sich nach Tinte und Feder umsah; sie ward sehr
ungeduldig, als sie nichts fand, denn der junge Mann verschloss alles das Seine
mit einer Ordnung, als sollte er sterben. In ihrer heftigen Art versuchte sie an
dem verschlossenen Schreibepulte, ob es nicht zu eröffnen sei. Sie setzte die
Spitze des Mineralienhammers in die Klappe, und da das Holz in der gewaltigen
Hitze eingetrocknet war, so mochte die Klappe leicht aufspringen. Ungeduldig
griff sie nach Papier, Feder und Tintefass, sie fand alles und wollte die Klappe
eben zulehnen, als eine Masse aufgeschichteter Papiere, denen sie die Unterlage
genommen, herausfiel. Aufgebracht über die Nachlässigkeit des jungen Menschen,
der ihr so viele unnütze Mühe gemacht, griff sie in die Masse und drückte sie
hinein, als ihr etwas unnatürlich Kaltes die Finger berührte, sie sah hin und
fand, dass jenes Bildnis in Gold gefasst, das sie in jener Nacht dem beglückten
Freunde zurückgelassen, wieder in ihre Hände gefallen sei. Erst glaubte sie
einen Diebstahl zu entdecken, aber wie sie die Papiere in wilder Hast durchlas,
deren jedes eine Feier jener Nacht, ein Lobpreisen des beglückenden Zufalls und
der täuschenden Dunkelheit war, da stand in einem Augenblicke die ganze Wahrheit
vor ihr, sie durchdrang das Unselige der Begebenheit und der wilde Geist, der
ihre Seele lange von fern umlagert, und immer enger bedrängt hatte, zog als
Herrscher ein und stellte sich triumphierend auf die höchste Zinne. Mitten in
dem Ekel gegen den Missbrauch ihres Leibes und ihrer zutraulichen Seele, der ihr
Inneres empörte, fühlte sie deutlich, wie sie jede Äusserung des Grafen so falsch
gedeutet, wie nun alles seine Reden, sein Betragen, einen verständigen
Zusammenhang gewinne, was ihr bisher rätselhaft geschienen; nur der Abschied am
Morgen blieb ihr fremd, aber sie fühlte wohl, dass auch etwas Unbedeutendes
hinter dem kleinen Geheimnisse für seine Frau verborgen sein könnte, sie fühlte
den Grafen seiner Frau unauflöslich verbunden, auf ewig von sich getrennt. Ihre
letzte Liebe erlosch ohne Tränen in der Wut, in der Rache, die jetzt ihre ganze
Seele geisselte. Ruhig glaubte sie zu überlegen und sie war ausser sich, ihre
Augen rollten umher, und suchten nach Waffen, aber alles war da so friedlich von
wissenschaftlichen Sammlungen umstellt. Die Sonne strahlte ihre grimmigen
Glutpfeile ins Zimmer und machte sie immer geduldloser. So blickte sie umher,
und bemerkte mit starrer Freude auf einer der Schubladen voll Mineralien den
Totenkopf gemalt, der, wie wir uns erinnern, den Leichtsinnigen gegen eine Menge
giftiger Metallkalke warnen sollte. Begierig griff sie danach, und fand sich so
reich, als dieser Schatz in ihren Händen, sie eilte damit auf ihr Zimmer. Da
stand noch der edle Tränenwein in dem Becher eingeschenkt, wie ihn der Graf am
Morgen ungeleert hatte stehen lassen, und sie mischte den edlen Sonnenwein, der
zu dem Dienste des Herrn bestimmt war, mit den Schrecken der Unterwelt, welche
Habsucht und Neugierde der Menschen töricht ans Licht fördert. An den strengen
Vater, der ihr den Becher geschenkt, dachte sie jetzt bis an ihr Ende, seine
Natur trat jetzt in ihr ganz hervor, ihr Entschluss war gefasst, er hätte eben so
gehandelt, denn so war der Sinn seiner Gerechtigkeit, in der sie ihre Rache
erdachte.
Der Schreiber war mit seiner Jagdflinte weit umher geirrt, er war kein
eigentlicher Jäger, er hatte erst unter der Anleitung des Grafen seine Flinte
laden und abschiessen gelernt und begnügte sich damit, kleine Vögel, die zum
Auffliegen nicht Lust hatten, zu beschleichen und meist zu verfehlen. An dem
Tage geschah es ihm, dass er einer Nachtigall von Baum zu Baum nachfolgte, bis er
sie zum Schuss gebracht hatte, da ergriff ihn ein wunderliches Mitleid, er setzte
das Gewehr ab, die Nachtigall schlug freudig und er sang:
Sing Vöglein, das den Zweig bewacht,
Ich leg nicht an zum Schiessen,
Du singest mir von guter Nacht,
Du musst mein Liebchen grüssen:
O könnt ich mich so singen aus,
Sie müsst es einmal hören,
Sing Nachtigall hier ohne Graus,
Ich will dich nicht mehr stören.
So weich wie deine Federlein
Bin ich von süssen Wehen,
Ich gehe in den Wald hinein,
Mag doch kein Blut mehr sehen.
Ein Tränlein auf das Pulver fällt,
Und löschet alles Feuer;
Dir Nachtigall, bin ich gesellt,
Und traure in der Feier.
Nun dachte er, wie es ihm noch so wunderbar gehen könnte; die Gegend war so
fremd, wohin er sich verirrt hatte, dass ihm viele Märchen seiner Jugend
einfielen, von Elfenköniginnen, die sich bei schönen Mondscheinnächten in
Jünglinge verliebten und sie zu sich hinaufzogen, das waren aber alles Ritter,
kein Schreiber war darunter. Hier fiel ihm Eginhard, Karls des Grossen Schreiber
ein, wie den des Kaisers Tochter auf den eignen Schultern durch den Schnee
getragen. In angenehmen Träumen verlor er sich über den Kreis der
Wahrscheinlichkeit, er sah sich an der Seite der Fürstin als Herrscher des
Landes, liess alle seine Liebhabereien mitregieren, sammelte Säle voll alter
Marmorinschriften, voll alter Handschriften; ein kleiner schwarzer Hirtenknabe
erweckte ihn, indem er sich zu ihm setzte, mit seinen Ziegen viel zu reden
hatte, und zuletzt ein heitres Lied sehr spöttisch sang:
Es war ein alter König,
Der hat 'ne schöne Magd,
Da freut er sich nicht wenig,
Weil sie ihm wohl behagt.
Er lässt die Ritter laden,
Zu seinem Hochzeitfest.
»Es wird dir wahrlich schaden!«
Spricht einer seiner Gäst.
Da sprechen sie gleich alle:
»Wir bleiben dir nicht treu,
Wenn du uns aus dem Stalle
Die Kön'gin holst herbei.«
Er nimmt vom Haupt die Krone,
Er sieht sie schweigend noch an,
Und wirft sie von dem Trone
Auf 'n ersten besten Mann.
Und ruft: »Wer sie gefangen,
Der soll mein König sein,
Ich hab nicht mehr Verlangen,
Zu herrschen ledig allein.
Es mag ein jeder werden,
Was ich gewesen bin,
Dieweil ich nun auf Erden,
Erst lustig worden bin.«
Auf den die Kron gefallen,
Dem schlug sie ein das Hirn,
Das war der eine von allen,
Der mit der frechen Stirn.
Ja wem die Kronen fallen,
Dem fällt ein schweres Los,
Doch vielen sie gefallen,
So wird er sie bald los.
Der Schreiber wusste nicht, warum ihn das einfache Lied so ängstigte, es war ihm
so ein eigner Doppelsinn darin, der ihn in seiner Träumerei störte, er konnte
sich selbst als einen Herrscher nicht mehr denken, er hörte es nicht ganz aus,
sondern stand auf, der kleine Hirtenbube rief ihm ein sizilianisches Sprichwort
nach: »Zum Hängen kommst du immer noch früh genug.« Es dunkelte schon etwas, und
da er den Weg nicht genau wusste, so ängstigte er sich sehr ab, ehe er in die
Nähe des Schlosses kam, und trat ausser Atem und mit klopfendem Herzen in das
Zimmer der Fürstin, die ihn gleich bei seinem Eintritte in das Gartenhaus zu
sich geklingelt hatte. Wie er so eintrat, fielen die Sonnenstrahlen hell auf
sie, sie sah sehr ernst aus und zeigte ihm schweigend jenes Bild, das ihn
verraten. Erschrocken stürzt er ihr zu Füssen, und umfasst ihre Kniee, sie hebt
ihn auf, und spricht: »Ich hatte dir viel Gutes getan, dir und den Deinen, du
hast mich betrogen, du hast meine Gunst nicht ritterlich gewonnen, sondern wie
ein Dieb, aber die Liebe verzeiht der Liebe alles, du hast mich dir unterworfen,
der du mein Untertan warst; schwöre mir neue Treue, denn jene alte hast du
gebrochen, schwöre mir bei diesem Becher, den ich mit dir treulich teilen will,
ewige Treue im Tode.« - Er schwört ihr ohne Besinnung bei Seele und Seligkeit,
sie leert die Hälfte des Bechers und gibt ihm den Rest, er leert ihn, ohne zu
ahnden, ohne zu schmecken, welches Verderben er entalte. Als er ihn geleert
hat, glaubt er mit einer Umarmung seines Glückes sich versichern zu dürfen, die
Fürstin stösst ihn zurück; ehe er noch seine Verwunderung zu äussern vermag,
bedrängen ihn innerlich heftige Schmerzen, und werfen ihn nieder. »Jetzt komme
in meine Arme Verräter«, ruft die Fürstin, die ihren Zorn nicht länger
zurückhalten kann; »wendest du dich von mir, willst mich kriechend im Staube
verehren, wie die Schlange; hast du wieder genossen, was dich verdirbt, wie du
meiner Schönheit Freude genossen hast in jener Nacht, die dich am Tage verdirbt;
keinen Tag siehst du mehr, dies sind die letzten Strahlen, die mir deine
hässliche Gestalt zeigen, und mein Abscheu gegen dich hat keine Grenzen.« Der
Schreiber ruft bange um Hülfe, aber erst als er mit raschem Schmerze dem
Ausgange des Lebens nahet, tritt jemand zu ihnen ein, eben der schöne Fremde,
den die Fürstin von sich gewiesen hatte, alle Leute des Schlosses waren mit der
kranken Gräfin beschäftigt. »Wer Sie auch sind«, sagte die Fürstin zu ihm,
»dieses Unglück ist nicht abzuwenden, hören Sie aufmerksam zu, damit Sie den
Nachbleibenden, die uns verlassen haben, alles berichten können.« Ängstlich
steht der Fremde bei den Leidenden, und kann zu keinem Entschlusse kommen, ob er
sie verlassen solle, um Hülfe zu suchen, er hört die Erzählung der Fürstin und
seufzt: »Ach so ist mein Traum doch eingetroffen, so war zu spät die Warnung!«
Wir werden diesen Fremden später näher kennen lernen, ihm verdanken wir die
meisten Nachrichten von dieser Geschichte.
    Die Gräfin hatte inzwischen unglaublich gelitten, der Leibarzt der Herzogin
gab wenig Hoffnung bei diesem unerklärlichen Zustande, jedermann wünschte und
fürchtete die Ankunft des Grafen, die Herzogin sah von Zeit zu Zeit nach der
Landstrasse, und betete mit Ungeduld, dass er doch endlich zurückkäme, endlich
sieht sie Staub, es kommt ein Reiter, aber auch eine Kutsche, und sie bedauert
die Fremden, die zu solchem Jammer ankommen. Fröhlich jagt der Graf neben dem
Wagen her, der den Minister mit seinen Begleitern in ungeduldiger heitrer
Erwartung zum Schloss führt; der Minister hatte seine Reise so beschleunigt,
dass er selbst seinem Briefe zuvorgeeilt war. Auf dem Wege, der in der Nähe des
Gartenhauses vorbei führt, hört der Graf das Jammergeschrei der beiden
Sterbenden, er springt vom Pferde, der Minister aus dem Wagen, der Fremde ruft
aus dem Fenster ihm entgegen, er möchte eilen, ein grosses Unglück sei geschehen.
Ehe er ins Haus getreten, flehet ihn einer seiner herbeigeeilten Bedienten an,
er möchte zu seiner sterbenden Frau eilen; das Blut läuft ihm in schrecklicher
Verwirrung durcheinander, aber der Gedanke an seine Frau führt ihn unbewusst nach
dem Schloss, während er dem Minister winkt, nach dem Gartenhause zu gehen. Der
Minister eilt die Treppe hinauf, von dem Fremden geführt, er weiss nicht, was
seiner wartet; als er ins Zimmer tritt, findet er die Fürstin, seine verehrte
Freundin und Beherrscherin, sehr entstellt auf dem Sopha liegen, ihr zu Füssen
den Schreiber, der sich in letzter Todesverzweiflung noch an sie angeschlossen.
Der Minister wirft sich bei der Fürstin nieder, und frägt abgewandt: »Was ist
geschehn, wie ist zu helfen?« - Die Fürstin erkennt ihn gleich und sagt: »Sie
hier, mein alter Freund, mir ist nicht zu helfen, war der Graf nicht vor der
Türe, ich glaubte, seine Stimme zu hören.« - Der Minister antwortete ihr, dass
der Graf eben hätte eintreten wollen, als er zu seiner sterbenden Gattin gerufen
worden. - Das Gesicht der Fürstin verzieht sich schmerzlich, sie seufzt: »Der
Graf will mich nicht sehen, ich soll ihn nicht mehr sehen und die Gräfin stirbt!
Armer Vater, das ist mein Werk, aber nicht mein Wille. Ich kann nicht mehr
aufstehen, der Mensch unten hält mich, gern möchte ich die Gräfin um Verzeihung
anflehen.« - Der Minister versucht, den Schreiber fort zu schieben, aber
vergebens, ihn hatte die zerstörende Neige des Giftes, die er begierig
eingeschluckt, schnell erstarrt. Die Fürstin blickt hin und sagt »Ist er tot?
Wie konnte er so wenig Gift vertragen, und so grosse Schuld übernehmen - ihr
letzten Zeugen meiner Leiden, ich bitt euch, sagt's aller Welt, ich habe ihn
vergiftet, eingedenk des Vaters strenger Gerechtigkeit und seines hohen Stolzes;
ihm schwor ich auf dem Totenbette, des Hauses Ehre heilig zu bewahren, ich hab's
getan. Der schnöde Sklave hatte trüglich meinen Leib zu seiner Lust missbraucht.«
- Zuckungen unterbrechen ihre Rede, sie stammelt mit Abscheu, wie sich alles
ereignet, ihre Zuhörer sind von dem Schrecknisse festgehalten und gelähmt, nur
der Kammerjunker eilt nach dem Schloss, den Arzt zu rufen. Endlich unterbricht
der Minister ihre Erzählung und bittet sie daran zu denken, wie bald sie werde
stehen vor Gottes Angesicht, wo der arme Schreiber da mit ihr erscheine, wo alle
Menschen gleich; dem Minister war der Glaube seiner Kindheit in diesem
Schrecknisse wieder erschienen. - »Gottes Angesicht«, ruft sie mit letzter
Kraft, »wird er nie sehen, er hat geschändet den Leib Gottes, dessen Ebenbild
auch ich war!« -
    Dieses waren ihre letzten Worte, fast ohne Reue, hart und wild
ausgesprochen, wie zu einem hoffnungslosen Kampfe, in welchem sie doch die gute
Sache auf ihrer Seite glaubte, so starrte sie dem Tode entgegen, der Arzt kam zu
spät. Ihre letzten jammernden Ausrufungen wollen wir nicht aufzeichnen; sie
gehörten ihr wohl nicht mehr, sie sind der blosse Schrei der allgemeinen
menschlichen Natur, die sich von dem gewohnten Lebenskreise mit Mühe trennt. Der
Minister überliess sich nicht gern seinem Gefühle, er vermied es aus einem
gewissen Grundsatze der Selbsterhaltung; jetzt, wo es ihn überraschte, konnte er
es nicht ertragen; die vordrängenden Tränen durchzuckten ihn schmerzlich, er
wendete sich von der Sterbenden, die der Fremde in seinen Arm genommen, der sich
ihr als ein ferner Anverwandter aus unglücklichem Stamme, als der Prinz von
Palagonien angab; ihm danken wir die meisten Nachrichten von dieser Geschichte,
er ist der unglücklichste und edelste Mensch, den die Erde getragen.
Der Minister trat ins Schloss, wo alle in dumpfer Betäubung umherschlichen,
horchten, keiner ihn fragte, zu wem er wolle, wo keiner seine Fragen
beantwortete; er irrte umher und traf endlich auf die Herzogin, die er fragte,
wo seine Töchter zu finden wären. Die Herzogin küsste ihm die Hand und sagte:
»Mein teurer Vater, wie müssen wir uns wiedersehen! Gehen Sie nicht weiter, im
nächsten Zimmer liegt Ihre sterbende Tochter Dolores, die ich vor wenigen
Stunden gesund verlassen; sie ringt mit fürchterlichen unerklärlichen Träumen,
die in einander sich vermehren und keiner mehr beschwichtigen kann. Ich habe
mich einen Augenblick entfernt, denn meine ganze Seele ist zerrissen, und selbst
dem himmlischen Troste ist mein erschüttertes Herz geschlossen.« - Bei diesen
Worten sank sie schluchzend in des Vaters Arme.
Die Sonne sank unter und das Geheimnis umschloss noch alle, da kam der geistliche
Sohn Johannes, den eine Botschaft aus dem Schloss hinberufen, und trat an
seiner Mutter Bett. Bei seinem Anblicke kam ihr die Klarheit des Geistes wieder.
O dieser schönen letzten Klarheit; sie war so ganz bei sich, als sollte sie noch
eine Ewigkeit unter den teuren Seelen leben, die sie so bald verlassen sollte,
die sie aber wohl noch als ein allgegenwärtiger liebevoller Schutzgeist umwohnen
mag. Die ersten Äusserungen ihres erwachten Bewusstseins waren Grossmut und
Aufopferung, sie sagte dem Grafen, dass sie nach ihrem Tode keine Frau wüsste, die
ihm tröstlicher sein könnte, die ihm und ihren Kindern mehr zugetan wäre, als
die Fürstin; Deutschland würde ihn freudig empfangen. Der Graf hielt diese
Äusserung noch für bewusstlose Schwärmerei und bat alle umher, von dem Tode der
unseligen Fürstin zu schweigen; die Gräfin aber hatte dies vernommen und
erfragte allmählich die traurige Begebenheit, sie betrauerte der Fürstin Leiden
und erfreute sich der unwandelbaren Liebe ihres Karls. Das Geheimnis seiner
Reise, der Planetenring, den er ihr zum Ersatz des verlornen Verlobungsringes an
den Finger steckte, durchdrang sie mit dem Vergnügen ihres ganzen Lebens, es war
ein neuer Bund mit dem Geliebten und die Scheidende schien ihm noch so schön,
wie in den ersten Stunden seiner Liebe. Nie fühlte sie sich ihm so nahe, ihre
Fehler waren ihr ein fremdes abgelegtes Kleid, wie ihr Körper, sie fühlte sich
durch ihre Busse ihrem Manne und der Welt versöhnt, sie scheute sich nicht eine
Ewigkeit zu bleiben, wie sie in den Augenblicken geworden und ein Rückblick in
das veränderliche sterbliche Leben machte ihr Schmerz. Noch gedachte sie ihres
Vaters mit Sehnsucht und auch dieser Wunsch war ihr durch seine Nähe schnell
gewährt. Sie fühlte sich sehr schwach und begehrte die letzte Ölung aus den
Händen ihres Sohnes Johannes, der sie ihr mit Würde und Heiligung erteilte; die
Fackeln erhellten das stille Zimmer, in welchem nur das Schluchzen ihrer Lieben
zuweilen die fromme Segnung unterbrach, draussen hatte Sturm die Himmelsfackeln
ausgelöscht und die Schiffe wurden entmastet vorübergetrieben. Dolores betete
mit Erhebung und segnete die Ihren, sie gedachte der am Morgen aufgefundenen
Worte Christi: »Wahrlich ich sage dir, heute wirst du mit mir im Paradiese
sein«; da füllte ein Blutstrom den betenden Mund, ihr Tod war kein Kampf mehr
wie ihr Leben, sondern der Anfang des Friedens. Sie starb den vierzehnten Juli,
an demselben Tage, in derselben Mitternachtstunde, in welcher sie vor vierzehn
Jahren die heilige Treue gegen Gott und ihren Mann gebrochen.
    Ewige Gerechtigkeit, warum musste sie sterben? Dass dir schaudre Mensch, vor
der Gewalt der göttlichen Leidenschaft, der allmächtigen Liebe, welche von der
Jugend so oft in törichtem Leichtsinne aufgesucht und ausgefordert wird; - dass
dir nicht graue vor dem Tode, sterblicher Mensch, denn er ist dir gewiss; dass du
gedenkest in ihm deines Lebens und dessen unerschöpflich reicher Erfahrung. Der
Zukunft gehört alle Welterfahrung, möge keinem ihre gute Lehre zu spät kommen;
wer sich nicht verschliesst, dem ist sie nicht verschlossen, in ihr lebt alles
Vergangene ein vollkommenes Leben. Der Mensch steht aufgerichtet in der Welt,
dass er sich umschaue mit offenen Augen; oft will er sich begnügen mit seinem
Kreise, aber die Not treibt ihn gewaltsam auf die Höhen, die seinen Blick erst
beschränkten; da strahlt ihm das Licht der Welt, sie liegt unter ihm, die dunkle
Erde scheint leuchtend, oben umschliesst ihn das ewige Blau. Zu dem Lichte möchte
der Mensch dann aufsteigen, da beweist ihm die irdische Schwere schwindelnd in
ihm ihre letzte Macht: Er fühlt, dass sie ihn stürzen kann, und er betet zu
allem, was ihn erhoben, dass es ihn nicht zuschanden werden lasse. Da scheidet
sich sein Wesen, das Blut aus tiefem irdischen Triebe aufwallend zur höheren
reinen Luft füllt den betenden dürstenden Mund, der Mensch stürzt nieder, sein
Göttliches steigt empor - dies ist der Tod auf den Höhen der Welt, so
beschreiben ihn die Reisenden, die hohe Berge besteigen.
Der Graf, die Herzogin, die Kinder, niemand wollte von der Sterbenden weichen;
Johannes stand allen bei mit heiliger Kraft, als die Verzweiflung über den
unglücklichen Verlust sie beim Leichenbegängnisse ergriff. Die Nachricht ihres
Todes verbreitete sich durch die Sterbeglocke der Schlosskapelle durch die ganze
Insel, die Glocken läuteten, wie bei einem Erdbeben, alle fromme Seelen beteten
für sie, viele dankbar für empfangene Wohltaten.
Dem Grafen blieb nach dem unendlichen Verluste viel, seine Trauer und zwölf
schöne Kinder, seiner Dolores Abbilder im Spiegel Gottes und eine liebende
Mutter für alle, die Herzogin. Die Welt wünschte bald wegen der Kinder die
Vermählung des Grafen mit der Herzogin; aber es ziemte nicht dem Schmerze
beider, nicht der Gewohnheit ihres Lebens, auch bedurften sie keiner anderen
Vertraulichkeit miteinander, ihr Sinn und ihr Herz waren im Denken wie im
Handeln eins. Nachdem Johannes die erste trübe Zeit dem Grafen mit Andacht
geheiligt hatte, trat der Fremde, den wir als Prinzen von Palagonien kennen
lernten, zu ihm; es war das erste Unternehmen des unentschlossenen Prinzen, als
er ihm seine Freundschaft so offen, so gutmütig antrug, dass der Graf sich ihm
ganz erschlossen fühlte. Die beiden unglücklichen Freunde erheiterten einander
mit der Erzählung ihrer Schicksale; der ruhigere Prinz mässigte die heftigen
Ausbrüche des Schmerzes im Grafen, die rastlose Tätigkeit des Grafen zerstreute
den von aller Welt zurückgezognen Prinzen durch wiederkehrende Berührung mit
derselben. Oft glaubte der Graf, seine Dolores habe ihm aus dem Himmel diesen
edlen Freund zugesendet, er schien ihm eine einsame Insel, die aus einem wilden
Meere, das ihm alles entrissen, hervorgegangen, ihn freundlich aufgenommen und
erhalten hatte. Lange verweilte der Minister bei der frommen Herzogin. Der
Anblick seiner sterbenden Dolores hatte ihn tief gerührt, aber die Erinnerung
war ihm nicht fürchterlich; dagegen liess ihm das Andenken an die Fürstin in
Träumen keine Ruhe, oft erschien sie ihm auf einem glühenden Trone und flehte
ihn an, dass er für sie beten möge. Er lebte vom Troste der Herzogin und konnte
sich lange nicht zur Abreise entschliessen. Der Kammerjunker musste in Aufträgen
von ihm den Erbprinzen aufsuchen; die Erzählung des furchtbaren Ereignisses
wirkte auf den leichtsinnigen jungen Mann, er entschloss sich von dem gewohnten
Leben abzugehen. Seine Kameraden staunten und frohlockten über seine Verwandlung
in einen Fürsten, jeder hoffte durch ihn seinen Vorteil, nur Furiosa, die sich
durchaus in seine neuen Gesellschaften nicht finden konnte verliess ihn.
Der Leichnam seiner Mutter, der Fürstin, wurde in einem halben Jahre von den
morgenländischen Balsamen, womit ihn die Ärzte gegen Verwesung schützten,
hinlänglich durchdrungen, um die warme Luft ertragen zu können. Die Sorge für
diese geehrten Überbleibsel verpflichtete den Minister endlich zur Abreise nach
Deutschland, der Abschied von seiner Tochter, von seinen Enkeln wurde ihm sehr
schwer. Er selbst setzte sich in den Wagen, der den Sarg verschloss, und von
allen Kirchen traurig bewillkommt wurde. Die Dichterin folgte ihm in einem
anderen Wagen, sorgsam beschäftigt mit seiner Pflege; er erkannte es, denn er
war weich und milde geworden durch die harten Stösse des Geschicks. Als sie so
durch die Pontinischen Sümpfe zogen, gedachte sie mit Leidwesen, wie die
Wahrheit alles Schauerliche ihrer Dichtung vom Hylas übertroffen. Nachdem die
Fürstin in der Gruft ihrer Väter beigesetzt worden, traf der Erbprinz in der
Hauptstadt ein, er wusste von dem Lande nichts, hatte aber Kenntnis der Zeit, er
überliess die meisten Geschäfte dem Minister, der aus Liebe zu ihm und zum Lande
alles wieder übernommen hatte.
Tage und Nächte voll Sehnsucht nach dem stillen Lande, das alles Verlorne
wiederzugeben verspricht, vergingen dem Grafen leichter, seit ihm sein Freund,
der Prinz, den Gedanken eines Denkmales auf die geliebte Dolores mitgeteilt
hatte. Unablässig betrieb er die Arbeit, sie beschäftigte die geschicktesten
Bildhauer, und ehe ein Jahr vergangen, erblickten die Seefahrer mit frommem
Danke die übergrosse Bildsäule der Gräfin, wie sie mit der einen aufgehobenen
Hand warnend, mit der andern ausgestreckten segnend, von ihren zwölf Kindern
umringt, auf der Spitze einer gefährlichen Klippenreihe, die bis dahin der
Untergang mancher Hoffnung und manches Lebens geworden, milde aus dem Himmel
herableuchtend ihnen erscheint. Ihre Augen und ihre gräfliche Krone, und die
Augen und Kronen ihrer Kinder werden jede Nacht durch eine kunstreiche
Einrichtung wie ein neues wunderbares Sternbild erleuchtet, das noch hell
glänzt, während alle am Himmel hinter Wolken erloschen; die Seeleute nennen
diesen Leuchtturm »Das heilige Feuer der Gräfin« oder auch »Das heilige Feuer
der Mutter«.
So oft der Graf dieses Denkmal beschaute, musste er des Verlobungsringes
gedenken, welcher in der Meerfahrt verloren gegangen; mit wunderbarer Sehnsucht
wünschte er ihn zurück, der Ring hatte ihn an das Meer gebannt; tagelang stand
er traurend am Ufer, und suchte nach ihm im Sande. Vergebens waren alle
versprochenen Belohnungen, den Ring aus der Tiefe zu hohen, die Stelle, wo er
hinein gefallen, war unergründlich. Was keinem anderen möglich, gelang dem
Freunde, der Prinz brachte ihn an einem heiteren Morgen freudig unserem Grafen
zurück; wie er ihn erhalten, bleibt ein Geheimnis.
    Alle Liebe, die der Graf mit diesem Ringe der Verstorbenen geschenkt hatte,
wandte er nun zu dem ewigen göttlichen Vorbilde aller Leidenden, den dieser Ring
in dem Kreise der Apostel darstellte, auch fühlte er sich durch den Anblick
desselben wieder erfrischt, das Leben zu ertragen und es in allen seinen übrigen
Wirkungskreisen zu vollenden, er fühlte sich gestärkt, bei dem Rufe seines
bedrängten Vaterlandes, sich von dem Grabe seiner Dolores loszureissen, den
Deutschen mit Rat und Tat, in Treue und Wahrheit bis an sein Lebensende zu
dienen; ihm folgten seine Söhne mit jugendlicher Kraft.
 
                                    Fussnoten
1 Hölderlin siehe Tröst-Einsamkeit S. 73.
2 Dieselbe Geschichte in Briefen ist erschienen Göttingen 1802; in diesem
erzählenden Auszuge habe ich erhalten, was noch belehrend schien.
3 Die ganze Trauungsrede ist zu finden in dem braven Buche von Sailer: An
Heggelins Freunde, München, Lentner, 1803.
4 Viele einzelne Äusserungen dieser Briefe finden sich in einer schönen alten
Sammlung christlicher Ermahnungen, die ich in einem Pergamentkodex besitze.
5 Vgl. Anhang zum ersten Bande des »Wunderhorns«, S. 438.
6 Chymische Hochzeit Christiani Rosenkranz, Strassburg 1616.
7 Für Unkundige wird bemerkt, dass echte Diamanten vor dem Brennspiegel
verbrennen, Quarze dagegen bestehen.
 
    