
        
                          Caroline de la Motte Fouqué
                           Die Frau des Falkensteins
           Ein Roman in zwei Bändchen von der Verfasserin des Rodrich
                                 Erstes Bändchen
                                    Zueignung
Mit der Bescheidenheit gesenkter Wimper
Tritt vor die hohe, königliche Herrin
Die Frau des Falkensteins verlegen hin.
Sie fühlt sich ihr genaht durch das Geschlecht,
Das zarte, weibliche, dem sie gehört;
Genaht ihr, weil auch sie den Namen trägt,
Den unsre Königin ihn führend ehrt.
Doch ach, wie fern, wie fern in Allem sonst!
Mich Frau des Falkensteines traf der Himmel
Barmherzig, aber strafend, mit Gewittern,
Abbrennend mir des schwachen Herzens Schuld.
Und wenn auch um die schöne Königin
Gewitter einst sich hoben, Blitze zuckten,
So war es nur glorreiches Prüfungsfeuer,
Aus dem das Gold, vorher schon rein und klar,
Gleich rein und klar hervorgeht, unverwandelt.
Daher auch scheidet streng' sich meine Bahn
Von jenen seegensreichen, freud'gen Wegen,
Zu denen trüb' mein Blick hinüberstreift.
Ich, aus des Unheils Gluten kaum gerettet,
Trat still ergeben in die Klosterwelt
Der Abgeschiedenheit und der Entsagung;
Kein zartes Kind hat Mutter mich gegrüsst.
Der Herrin blüht nach finstrer Wetternacht
Ein Frühlingsmorgen wundersam hervor,
Als holde Kinder leuchten um sie her
Viel künft'ge Helden, rühmliche Regenten,
Und künft'ger edler Frau'n ein schöner Kreis.
O, reicher Seegen zeigt sich meinem Blick
In ferner Jahre labendem Gefild!
Was Deine Völker beten, hohe Kön'gin,
Dein Heil und Deines Stamm's, es wird erhört,
Denn Reinheit, frommer Mut und edle Huld,
Die in der Prüfungszeit Dich treu umwallten,
Sie bringen nun des gottgesandten Lohnes
Frischlaub'ge Kränz' aus Paradiesesland.
 
                                  Erstes Buch
Komm, ich bitte Dich, rief Matilde, indem sie ein verhülltes Körbchen in die
Höhe hielt. Wüsstest Du - Luise flog den Lindengang hinunter, in dessen Schatten
die geliebte Mutter, durch kränkelndes Unvermögen gehalten, sie unruhig
erwartete. Der Wind strich spielend durch die Zweige und hob das Tuch, ehe noch
Luise jenes geheimnissreiche Körbchen ergreifen konnte. Ein reiches Stirnband
blitzte ihr wie tausend Liebesblicke daraus entgegen. Geschenke von Julius, rief
sie, und sank überrascht zu den Füssen der Mutter, die behaglich die hellen
Steine zwischen den braunen Locken der Tochter spielen liess. Luise küsste gerührt
die schönen Hände, die so oft in lieber Ungeduld ihre Lippen streiften. Das
schwindende Leben in Matildens Zügen, ihr naher Tod und der bräutliche Schmuck,
der so sichtlich auf die kommende Feier hindeutete, alle Freuden ihres jungen
Lebens und der ernste Wechsel desselben, das ganze wunderbare Gewebe der Zukunft
schien sich in den Steinen zu spiegeln, die sie schnell wieder verbarg, indem
sie bittend sagte: noch nicht, beste Mutter, noch nicht! und als habe sie das
goldne Band gedrückt, so strich sie die Locken aus der Stirn und liess sich
anmutig von den streifenden Lüften kühlen. Wie seltsam! sagte die Mutter, sie
unruhig betrachtend, Du fragst nicht einmal, wie Dir die reichen Gaben kommen,
und ob sie nicht irgend ein geliebtes Wort begleitet? So, - fiel Luise zerstreut
ein: hat er geschrieben? Ja lies nur, du unstätes Kind, erwiederte Matilde,
indem sie ihr ein offnes Blatt hinreichte. Luise ward bei dem Anblick der
festen, sichren Schriftzüge, die ihr den gehaltnen Sinn des ernsten Mannes so
klar aussprachen, plötzlich gesammelt, und eine innre Aengstlichkeit kaum
beachtend, gab sie sich gern dem Dank und der Rührung hin, die folgende Worte in
ihr erregten.
    »Ihre Hand, geliebte Mutter, möge meine Luise mit dem Schönsten zieren, was
ich für sie auffinden konnte. Sah ich doch immer mit Entzücken, wie sich das
mütterliche Auge in dem Glanz des aufblühenden Kindes belebte, und wie jedes
Gefühl durch diese heilige Liebe erhöht wird. Darum lege ich auch heute all mein
Wünschen und Hoffen einzig an Ihr Herz, und bitte Sie, es so erfreulicher vor
Luise hintreten zu lassen.
    Liebe Mutter, mich quält so oft der Gedanke, dass ich überall nicht fähig
sei, ein weibliches Gemüt zu beglücken, am wenigsten ein solches, das sich im
zartesten Liebeshauch erschloss.
    Der schwerfällige Ernst unsrer Altväter, der auf mir und meinen düstren
Umgebungen ruht, und den die Glut meiner italienischen Mutter nur im Innern,
wie eine zuckende Flamme, durchbricht, lässt mich so wortarm, so schroff, wo ich
voll Liebe die Menschen an meine Brust drücken und das tiefste innerste Leben
ausweinen möchte! Oft ist es grade das Gefühl dieser äussren Starrheit, was meine
Zunge lähmt und mich in wildem Unmut über die Welt und mich selbst
hinaustreibt. Und wie ich dann so einsam hier im dunklen Harzwalde auf mich und
den uralten Sitz meiner Ahnen blicke, und es inne werde, dass so wenig modische
Macht dem alten Falkenstein ein heitres Ansehn geben konnten, auch mich Jahre
langes Reisen und ein bewegliches Leben unter fremdem Himmel unverändert liessen,
so denke ich zagend an die lachende Luise und den seltsamen Willen des
Schicksals, das uns beide verband.
    Sie sehen, der wunderliche Knabe blickt noch überall hindurch, der einst
Musik und Kerzenschein verschmähend, ruhig in der nahen Klosterkirche, unter dem
steinernen Bilde seiner Ahnfrau schlief, bis Sie und die bunte Schaar der Gäste
ihn dort erweckten. Aber es soll nun alles anders werden. Ich eile zu Ihnen und
führe Sie und Luisen hieher. Gewiss, Sie dürfen mir keinen Augenblick länger
fehlen. Sie allein verstanden mich immer. Ihre milde Güte söhnte mich zuerst mit
mir selbst aus und öffnete mir die seligste Zukunft. - Ach ich erschrecke, wie
ich das Wort schreibe! - Wer kennt ihre verborgne Tiefen! und wem hat sie nicht
mit neckenden Zauberkünsten gelogen! Schelten Sie nicht über den ewig
wiederkehrenden Trübsinn. Mir wird so wehmütig wie ich von Ihnen scheide. Schon
gestern liess ich das Blatt unvollendet, und lief hinaus in den Wald, mich selbst
und meine Träumereien zu vergessen. Ich traf hier zufällig den Mönch, dem ich
schon mehreremale begegnete, ohne gleichwohl je ein Wort mit ihm zu wechseln.
Diesmal begrüsste er mich auf eine feine, sittige Weise. Seine Stimme hat eine
Weichheit, die die schärfsten Töne verschmilzt und unsrer Sprache etwas Fremdes,
unendlich Anmutiges leiht. Ich gesellte mich gern zu ihm. Wir sprachen bald
vertraulicher, und mein Herz, das sich selten verschliesst, lag in der
heimlichen, stillen Sommernacht offen vor ihm da. Er sprach mit leutseligem
Ernst über das trübe Versinken jugendlicher Gemüter, und warnte mich vor jener
zagenden Untätigkeit, die so oft die besten Kräfte untergrabe. Zwar, setzte er
lächelnd hinzu, sei dies eine Klippe, an welcher nur Wenige scheitern, da die
meisten Menschen durch freches Eingreifen ihr Leben verwirrten. Ueberall sprach
eine grosse Kenntnis der Welt aus seinen Worten, deren Andenken ihn wohl oft
wehmütig bewegen mag. Wir schieden endlich mit dem Versprechen, uns öfter zu
begegnen, was mir einen neuen Zuwachs von Freuden verheisst.
    Mein alter Georg drängt mich, zu schliessen, er will Ihnen selbst diese
Zeilen und das Geschmeide überbringen. Leben Sie denn wohl, meine gütige, liebe
Mutter! In wenig Tagen bin ich bei Ihnen, um endlich an Luisens Seite ein
freudigeres Dasein kennen zu lernen. Mit tiefer Rührung schliesse ich Sie Beide
an mein Herz.
                                                                     Der Ihrige,
                                                        Julius von Falkenstein.«
Der arme, gute Mensch, sagte Luise, indem sie den Brief gedankenvoll
zusammenfaltete. Ist denn, fuhr sie nach einer Weile fort, das alte Schloss
wirklich so öde und düster, wie es ihm erscheint? Es sieht fremd und sehr
erhaben aus einer verschollnen Zeit hervor, sagte Matilde, und scheint mit
seinen gewaltigen Mauern und Gewölben des kindischen Flitters zu spotten, den
Julius Mutter ersindrisch verbreitete, um die Riesengestaltung der Vorzeit zu
vergessen. Sie konnte sich nie recht mit der freundlichen Stille dieser Gegend
vertragen, am wenigsten aber mit ihrem Wohnsitz und dessen Umgebungen. Was war
es doch eigentlich mit ihr? fragte Luise, ich entsinne mich, sie in einem hellen
Kleide und vielen Blumen gesehen zu haben. Sie erzählte Julius und mir
wunderliche Mährchen, worin etwas von einem Salamander vorkam, und dabei
leuchteten ihre grossen, dunklen Augen so hell, dass ich die Meinigen gar nicht
wieder abwenden konnte. Seitdem sah ich sie niemals wieder, aber das Bild ist
mir für mein ganzes Leben geblieben. Sie starb bald darauf, sagte Matilde,
durch eine eigne Vorstellung geängstet, die sie ins Grab zog. Ich habe mir
niemals einen rechten Begriff von einer so ungleichen Gemütsart, als die
ihrige, machen können, da mein Leben stets sehr einfach blieb und nur durch
fremde Stürme getrübt ward; noch weniger konnte ich die phantastische fast wilde
Fröhlichkeit mit dem Trübsinn vereinen, der ihr zu Zeiten wie ein fremder Geist
inwohnte und ihrem Wesen eine Einförmigkeit lieh, die jeden ermüdete. Und
dennoch so durch Sitte und Gemüt als Vaterland und Sprache von einander
geschieden, verband uns in der Ferne ein unglückseliges Verhältnis, das meinem
Herzen die erste Wunde schlug. Hier schwieg Matilde und liess in Luisen das
lebendigste Verlangen, mehr von einer Begebenheit zu erfahren, die ganz dunkel
aus den frühesten Erinnerungen hervorsah. Das Andenken der schönen Viola, wie
sie ihre Mutter sonst wohl mit Rührung nannte, hatte immer einen eignen Zauber
über sie ausgeübt, und ohnerachtet sie nur in flüchtigen Hindeutungen von ihr
hörte, so setzte sich dennoch der kindische Sinn ein Bild zusammen, das noch
jetzt sehr reizend in ihrer Phantasie fortlebte. Ich weiss, sagte sie, in der
Hoffnung mehr zu erfahren, die Gräfin Falkenstein trug früher den Schleier, den
sie bald darauf willig zerriss, um dem Grafen nach Deutschland zu folgen, allein
der eigentliche Zusammenhang des Ganzen ist mir fremd geblieben. Liebes Kind,
hub die Mutter nach einer Weile an, man soll die Vergangenheit nie absichtlich
aufdecken. Was ihr Schoos verbirgt, das ruhe, bis im Laufe der Zeiten die junge
Tat unwillkührlich auf ihren frühern Ursprung zurückweist. Das Verborgene tritt
so ungerufen allmählig ans Licht, und verliert im Zusammenhang des Ganzen das
Fremde, was den gewagten Rückblick in die Tiefe oft schwindelnd zurückstosst.
Allein wie Julius Brief längst verklungene Saiten in mir anschlägt, so geht auch
der Ton in Deine Seele über und könnte Dich verwirren, wenn ich nicht dreist
fortgriffe, um den reinen Akkord wieder aufzusuchen. Aber lass uns hinunter an
den See gehn, die Sonne neigt sich so gross und herrlich in die Flut! Sieh wie
der Harz in seiner bläulichen Hülle feierlich dasteht, als wolle er ihr ein
langes Lebewohl sagen. Es ist wohl schön, dass sich so oft am Abend die
aufgeregte Natur sänftigt! alles wird stiller, die Luftzüge wehen wie lange,
heilige Seufzer, und ganz zuletzt reissen die Nebel und glänzen in tausend
wehmütigen Tränen auf der Erde! Sie setzten sich an das Ufer; den Blick nach
dem Harz gewandt, fuhr Matilde fort: das dunkle Gebürge, das dort wie eine
Wolke vor uns aufsteigt, scheint mir in diesem Augenblick die ganze Welt zu
umfassen, wie es denn auch wirklich alle Bilder meines Lebens umfängt, die
allesammt wie ein Punkt in der hereinbrechenden Nacht verschwinden. Es fliesst
schon so manches ineinander, was ich nicht mehr deutlich erkenne; nur der
frische Duft einer ungetrübten Jugend durchdringt mich jetzt wie ehemals und
lässt mich mit Wehmut auf die spätere Störungen blicken.
    Ich erzählte Dir wohl früher von einem geliebten Bruder, den die Lust an den
Waffen in fremde Dienste, fernhin nach Italien zog. Es war wenige Tage nachdem
ich mich Deinem Vater verlobte, als das Schicksal so über ihn entschied. Meine
junge Seele kämpfte zum erstenmal gegen die eigenen Wünsche und das Verlangen
meines Bruders, der von je mein ganzes Herz besass und mir den Verlust einer früh
beweinten Mutter allein ersetzte, da mein Vater, in Geschäften versunken, wenig
auf mich achtete. Ich hatte indes nicht den Mut, meinen Schmerz zu äussern, da
Eduards laute Freude jedes andre Gefühl überhörte. Ich ging daher bang und
verschlossen neben ihm hin, bis endlich am Abend vor unsrer Trennung, als wir
allein in seinem aufgeräumten Zimmer standen, und die öden Wände seinen Namen,
den er lachend ausrief, dumpf erschallen liessen, sein Herz brach, und er weinend
in meine Arme sank. Es war, als rühre ihn die Zukunft warnend an, er blickte
zagend um sich her, und wiederholte mehremale: liebe, liebe Matilde, ich
verliere Dich nicht, Du bleibst mir gewiss, Deine treue Liebe begleitet mich
unter fremden Himmel und findet unverändert ein deutsches Herz in meiner Brust!
Ich konnte nicht sprechen. Seine Tränen lösten den lang verhaltnen Schmerz
unwiderstehlich auf, ich glaubte in seinen Armen zu vergehen. Bald darauf riss er
sich von mir los und eilte seiner Bestimmung entgegen. Dein Vater führte mich
mit schonender Güte hieher. Allein ich konnte mich an nichts erfreuen, bis ich
endlich nach mehrern Monaten einen Brief aus Neapel erhielt. Ich glaubte
Anfangs, Worte einer fremden Welt zu lesen. Eduard wogte in dem frischen Strom
eines neuen Lebens. Die reiche Natur rauschte wirbelnd durch sein Innres. Alle
Worte klangen wie abgerissne Töne, die in innrer Glut erzitternd, Violas Nahmen
heraufbeschworen. Er hatte sie gesehn und ihre Gunst ohne Wissen der Eltern
gewonnen. Der lockende Zauber verborgner Seligkeit riss ihn fort, er verlor sich
im üppigsten Taumel. Ich konnte lange den Eindruck jener Worte nicht los werden,
die unwillkührlich mein Gemüt erschütterten und einen trüben Schein auf die
einfache Gestaltung meiner Umgebungen warfen. Traurig blickte ich hinauf zu dem
wolkigen Himmel unsers Vaterlandes und maass beklommen den langen, einförmigen
Gang einer farblosen Zukunft. Nach und nach versöhnte ich mich indes mit meinem
Loose, das sich mir in der stillen Wirksamkeit eines tätigen Lebens allmählig
freundlicher erschloss. Eduard schrieb jetzt seltner. Sein Glück ward häufig
durch äussre Stöhrungen getrübt. Viola sollte die Hand eines reichen Deutschen,
den er gleichwohl nicht nannte, nach dem Willen ihrer Eltern annehmen. Ihr
standhaftes Weigern erregte Argwohn und setzte sie harten Verfolgungen aus. Nach
langem, ängstigendem Schweigen meldete er mir endlich aus Venedig, alles sei
entdeckt, Viola habe den Schleier genommen, und er irre, verfolgt, halb sinnlos
vor Schmerz, umher, ohne zu wissen, wohin er seine Schritte lenken sollte. Ich
bat ihn dringend, zu mir zurückzukehren; allein meine Briefe blieben
unbeantwortet, wie späterhin alle Nachforschungen fruchtlos. Ich sah mit
wachsender Angst, bei jedem wiederholten Versuche, Nachricht von ihm
einzuziehen, der Gewissheit seines Todes entgegen, und ich versank zuletzt in
jene dumpfe Mutlosigkeit, an welcher alle Freuden des Lebens unbemerkt
vorübergehn. Eines Abends sass ich einsam in meinem Zimmer und überschaute mein
freudloses Dasein, als sich die Tür öffnete, und Dein Vater mit einer
verschleiereen Dame hereintrat, welcher ein Mann von hohem Ansehn und
ausgezeichneter Kleidung folgte. Der Graf und die Gräfin Falkenstein, sagte er,
mit sichtlicher Freude, die kürzlich aus Italien zurückkehrten. Aus Italien!
rief ich, von tausend Ahndungen durchbebt, und eilte der Gräfin entgegen. Sie
warf den Schleier zurück, und indem sie sich mit vieler Anmut zu mir neigte,
überzog eine flüchtige Röte ihr etwas bleiches Gesicht, dessen bewegliche Züge
keinen bleibenden Eindruck gestatteten. Aus Italien! wiederholte ich mit bangem
Zagen, haben Sie - - Der Graf trat hier zu mir, und entschuldigte auf eine feine
Weise sein unerwartetes Erscheinen mit der unveränderten Anhänglichkeit an
meinem Gemahl, für dessen Jugendfreund er sich erklärte, und von welchem, wie er
verbindlich hinzusetzte, ihn nur widerstrebend ein vieljähriger
Gesandschaftsposten habe entfernen können. Ich sah mich in ein gleichgültiges
Gespräch verwickelt, während die dringendste Frage auf meinen Lippen schwebte.
Die Gräfin mass mich mit ihren grossen vielsagenden Augen, und sagte hinterher, in
gebrochnem Deutsch, mit der lieblichsten Stimme, ein schmeichelndes Wort. So
hielten mich beide gefangen, und ich verzweifelte fast, irgend etwas Näheres zu
erfahren, da des Grafen wortreiche Höflichkeit mich immer mehr in mich selbst
zurückdrängte, als dieser hinzusetzte, er habe nicht gehofft, seiner Viola so
bald eine Freundinn zuzuführen, da er erst seit wenigen Stunden von der Heirat
seines Freundes unterrichtet sei. Dieser Nahme überflog jede anderweitige
Rücksicht. Ich bitte Sie, rief ich, ihn unterbrechend, kannten Sie in Neapel
eine Viola, welche den Schleier nahm, die mein Bruder Eduard von Mansfeld -
Viola lag schon längst zu meinen Füssen, drückte meine Knie an ihre Brust und
rief unter lautem Weinen: ich - ich - die arme Viola. - Mit stummer Verwunderung
blickte ich auf sie und den Grafen, der, eine kleine Verlegenheit verbergend,
sich von mir abwandte; indes bald darauf mit beispielloser Ruhe sagte: hätte ich
ahnden können, wie nahe jene Begebenheit Sie angeht, ich würde Sie ohnfehlbar
vorbereitet haben, denn ich hasse sicher nichts so sehr als Erschütterungen, die
den gebildeten Menschen aus dem schicklichen Gleichgewicht reissen. Jetzt ist
indes die Entdeckung gemacht, und ich zweifle nicht, wir Alle gewinnen bald die
Fassung wieder, die wir dem äussren Anstand schuldig sind. Die Gräfin lag wie
zerschmettert am Boden, und schien auf nichts zu achten. Ich fuhr aufs neue wie
ein Blitz durch den ruhigen Gang seiner Rede, indem ich dringend nach meinem
Bruder fragte. Verzeihen Sie, erwiederte er gütig, wenn ich dieser Frage nicht
früher zuvorkam, ich glaubte Sie besser unterrichtet. Herr von Mansfeld ist
wohl, und in diesem Augenblick auf einem Schiff, das nach Constantinopel unter
Segel ging. Um jede verletzende Erklärung, fuhr er fort, schnell zu beendigen,
sage ich Ihnen noch, dass Viola zwischen mir und dem Schleier zu wählen hatte,
dass ein kurzer Aufentalt im Kloster, der Anfang des Probejahrs, sie auf immer
mit einer so düstern, ihrem Gemüt wenig angemessenen, Zukunft entzweite, und
sie es vorzog, eine fremde Blume, in deutschen Wäldern zu glänzen, als zwischen
hohen Mauern zu verschmachten. - Lassen wir jetzt, setzte er lächelnd hinzu, die
kleine Wolke vorüberziehn, glauben Sie mir, der heitre italienische Himmel
durchbricht diese Nebelstreifen leicht! Ich blickte auf die schone Frau, der ich
um so weniger feind sein konnte, da sie durch ihr unstätes Betragen jeden
Einfluss auf das künftige Schicksal meines Bruders verloren hatte. Diese
Sicherheit und die Freude, ihn wohl und kräftig neuen Unternehmungen entgegen
eilen zu sehen, setzte mich schnell über die augenblickliche Störung hinaus. Ich
wandte mich versöhnt zu Viola, die sich willig an mir aufrichtete und in ein
andres Zimmer führen liess. Es gelang mir bald (indem ich sie französisch
anredete) ihr Vertrauen ohne Rückhalt zu gewinnen. Sie klagte sich selbst mit
vernichtender Reue an, und beweinte in ihrer dunklen Zukunft alle verlorne
Freuden der Liebe. Allein während die glühendste Phantasie sie immer weiter und
weiter fortriss, schuf sie sich selbst die besten Trostgründe, und endete damit,
ein behagliches Licht auf ein Leben zu werfen, in welchem, wie in ihrem
Ideengange, Eines ganz natürlich aus dem Andren zu entspringen schien. Ich
kannte die Fertigkeit wenig, Ursach und Wirkung so geschickt zu folgern, dass
alles gerade und eben dasteht, während der eigentliche Grund der Handlung in den
innren Tiefen des Gemüts verschüttet wird. Daher blieb ich in dem künstlichen
Netze gefangen, und schwieg, wie es mir nachher oft geschah, ohne gleichwohl
eine innre Unbehaglichkeit los werden zu können. Mit unwiderstehlicher Anmut
schmiegte sie sich darauf an meine Brust, und bat mich, sie nicht auf dem
einsamen Wege zu verlassen, den ihr jetzt des Grafen kaltes Herz vorzeichne. Ich
habe niemals dem Zauber ihrer Worte und Mienen widerstehen können, und wie bei
ihr bestechende Erinnrungen die Ungleichheit unsrer Gemüter ausglichen, so
hielt mich der glänzendste Farbenschmuck einer glühend weiblichen Natur an sie
gefesselt. Ich sicherte ihr eine Freundschaft zu, die durch lange Jahre
unerschüttert blieb. Als wir bald nachher zu den Herren zurückkehrten, fanden
wir sie im Gespräch vertieft über italienische Weine, und die Möglichkeit,
ähnliche Sorten auf unsern kalten Boden fortzupflanzen. Ich musste aufs neue über
die gemessne Haltung des Grafen staunen, die Violas Leichtigkeit, in jeden
Gegenstand der Unterhaltung einzugehn, nichts nachgab. Ich geriet in
Verlegenheit, die ganze Begebenheit für einen Traum zu halten, da auch die
leiseste Erinnrung daran verwischt schien, und wirklich ist nie wieder
öffentlich die Rede davon gewesen, ob wir gleich von da an fast unzertrennlich
verbunden blieben. Ich brachte nach diesem Tage die meiste Zeit auf dem
Falkenstein zu, wo die Gräfin bald ein neues Leben verbreitete, das fast
spottend an dem alten Geist dieser Mauern vorüberzog. Der Graf sonnte sich im
Glanz seines Hauses, und sah es gern, dass Viola den rauhen Einflüssen des Klimas
wie dem farblosen Einerlei geselliger Unterhaltung zu Hülfe kam, wobei Kunst und
Sitte sie immer auf der Bahn des Schicklichen erhielten. Allein ohnerachtet
dieser stets erneueten Anregungen, versank sie dennoch augenblicklich in eine
Abspannung und ein Missbehagen, das sich nicht selten mit zerreissender Heftigkeit
in bittern Tränen auflöste. Mir schien es oft, als ruhe irgend etwas in ihrer
Brust, das sie drücke, ohne es gleichwohl kund geben zu wollen: weshalb ich auch
niemals in sie drang. Zu diesen innren Störungen kam noch die gänzliche
Unwissenheit, in der wir über Eduards Schicksal lebten. Ich hatte mich vergebens
an den Gesandten in Constantinopel gewandt, und der Graf, der uns vielleicht
allein behülflich sein konnte, verscheuchte jedes Vertrauen dieser Art. Unter so
streitenden Einflüssen ward Julius geboren. Viola hatte sich eine Tochter
gewünscht, und war mehr über das Dasein des Kindes gerührt, als erfreut. Oft sah
ich ihre Blicke schmerzlich auf den seinen ruhen und Erinnrungen einer Zeit
erwachen, wo Glück und Liebe Hand in Hand gingen. Als Du mir einige Jahre
darauf, nachdem ich lange kinderlos blieb, vom Himmel geschenkt wardst, beschloss
die Gräfin sogleich eure Verbindung. Dieser Gedanke beschäftigte sie angenehm
und liess sie den Verlust eigner Glückseligkeit weniger empfinden. Wie sie alles
an sich zog, was sie gewinnen wollte, so hingst auch Du mit solcher Liebe an
ihr, dass Du nie von ihrem Arm fortzulocken warst, und jener Augenblick, der noch
in Deiner Erinnrung lebt, war einer von den vielen, wo sie Deine Aufmerksamkeit
durch Gesang und Erzählung fesselte, ohnerachtet noch kein festes Bild in dir
haften konnte. So verfloss uns die Zeit in Hoffnung und Glauben an eine heitre
Zukunft unsrer Kinder, als ich bei der Gräfin ein trübes Nachdenken wahrnahm,
das sie häufig von allem Äußern abzog. Sie verschloss sich Stundenlang in ihr
Kabinet und ging öfter als gewöhnlich zur Messe ins benachbarte Kloster. Einst
begleiteten ihr Gemahl und ich sie dortin. Auf dem Wege sprachen wir über die
seltsame Lage des Gebäudes, das in sumpfigem Grunde, von Klippen umgeben, recht
wider Gewohnheit der Klöster, öde dasteht. Darüber, sagte der Graf, gibt die
Geschichte meines Hauses völligen Aufschluss, und wenn auch der dumpfe Glaube
meines Ahnherrn manches Wunderbare hinzusetzte, so liegt doch eine zuverlässige
Wahrheit zum Grunde. Wir drangen in ihn, uns das Nähere mitzuteilen. Frauen,
erwiederte er lächelnd, lieben alles, was sie aus dem eintönigen Gange ihrer
Bestimmung hinauszieht, und staunen mit offnen Sinnen an, was diese beweglichen
Sinne ungewohnt anregt, vorzüglich hat Sie, liebe Matilde, ihr abgeschlossnes
Leben noch begieriger auf dergleichen gemacht, und darum hören Sie nur.
    Vor mehrern hundert Jahren herrschte eine Frau von Falkenstein über diese
Gegend, die, wie die Sage erzählt, in geheimer Verbindung mit den Geistern des
Waldes stand. Durch diese wusste sie, dass ihre Söhne einander nach dem Leben
trachten und Unheil über ihr Geschlecht bringen würden. Sie beschloss daher, zu
Gunsten des Einen den Andern bald nach seiner Geburt aufzuopfern, und liess ihn
zwischen diesen Klippen, die damals ein reissender Bach durchzog, aussetzen. Der
Aeltere wuchs nun ungestört heran, ward tapfer und fromm, weshalb er auch eine
Reise nach dem heiligen Lande unternahm. Die Mutter verwaltete während dem die
Geschäfte, und erwartete ungeduldig seine Rückkehr; allein nach zwei langen
Jahren kamen seine Begleiter ohne ihn zurück und meldeten seinen Tod. Die Frau
vom Falkenstein sah nun alle ihre Erwartungen vereitelt, entzweite sich mit der
Welt und ihren verbündeten Geistern und beschloss keinen Fuss aus ihrer Burg zu
setzen, weshalb auch nach und nach Sand und Steine die Zugänge bedeckten. Da
trat einst ein Bettler in ihren Hof, und bat sie dringend um die Erlaubnis, den
Schutt von ihrer Schwelle wegräumen zu dürfen. Sie gestattete das, ohne sich um
die Ursach einer so seltsamen Bitte zu bekümmern. Nicht lange darauf kam der
Bettler voller Freuden zu ihr hin, zeigte ein breites, schönes Schwerdt, das er
unter dem Schutte gefunden hatte und welches er für das seine erklärte, wobei er
eilend hinzusetzte, dass er, in der Wildnis aufgewachsen, endlich in eine
Schmiede geraten sei und dies Gewerbe mit Lust gelernt und getrieben habe. Nun
sei vor kurzem ein kleiner, grauer Mann auf einem weisslichen Pferde gekommen,
welches er habe beschlagen lassen. Während der Arbeit habe er ihm einen goldnen
Siegelring gegeben und gesagt: er solle das dazu gehörige Schwerdt, welches am
Knopf ein ähnliches Zeichen führe, sorgfältig unter Trümmern und Steinen alter
Vesten suchen, und müsse er auch Jahrelang als Bettler umherwandern; beides
gehöre seinem Vater, und werde ihm zu hohen Ehren bringen. Die beglückte Mutter
erkannte sogleich die Waffen ihres Gemahls, und den Bettler für den einst
freventlich geopferten Sohn, den sie unter besonderm Schutz der Geister wähnte
und ihn mit erhöhtem Glauben in seine Würden einsetzte. Sie beschloss sogleich,
hier am Rande des Baches eine Kapelle zu erbauen, und ging oft mit ihrem Sohn
dahin, der Arbeit zuzusehen. Da kam eines Tages derselbe kleine Mann im Gefolge
eines schwarzen Ritters auf sie zu, indem er neckend sagte, jetzt sei es Zeit,
das gefundne Schwerdt zu brauchen, worauf er sich schnell wieder zwischen den
Klippen verlor. Der schwarze Ritter aber rief der erschrocknen Frau zu, warum
sie es dulde, dass ein Fremdling in seinem Eigentum herrsche, und ob sie so
seine Rückkehr zu feiern gedächte? Ohne eine Erklärung zu erwarten, fielen sich
nun die Brüder in wildem Grimm an und stürzten bald darauf sterbend nieder. Der
Bach stockte den Augenblick, nur die Erde blieb feucht von dem Blute der
Erschlagnen.
    Der Graf lachte hier laut über mein ängstliches Aussehen, da ich wirklich
unwillkührlich zusammen fuhr, wie wir über den nassen schlüpfrigen Boden
hingingen. Das Abenteuerliche der Geschichte abgerechnet, fuhr er fort, ist es
wahr, dass sich hier zwei Brüder erschlugen, und dass die Mutter auf derselben
Stelle das Kloster errichten liess, weshalb ihr steinernes Bild noch darin
aufbewahrt ist. Jesus! rief Viola, und ich sah sie bleich und zitternd an des
Grafen Brust sinken. - Mein Gemüt war so ergriffen von den eben empfangenen
Eindrücken, dass ich überall ähnliche Schrecken sah und ganz trostlos rief: sie
stirbt, sie stirbt! Der Graf, durch nichts erschüttert, trug Viola zu einer
Anhöhe, die eine freie Aussicht in das Feld eröffnete, aus welchem uns die Luft
rein und erfrischend entgegen wehete. Hier erholte sich die Gräfin bald genug,
um über einen Zufall zu lächeln, der, wie sie sagte, leicht hätte glauben
lassen, jene mährchenhafte Sage könne solche Gewalt über sie ausüben. Ich war
nicht einen Augenblick im Irrtum hierüber, erwiederte der Graf; allein unsre
Freundin, die alles zu ernst und wichtig für das wirkliche Leben nimmt, sah Dich
schon von den feindlichen Geistern der Falkensteine gefangen. Wir scherzten bald
alle über die Begebenheit, und als wir bei unsrer Rückkehr Besuch aus der
Nachbarschaft antrafen, überliess sich Viola der allerheitersten Laune, die sich
immer mehr steigernd, zuletzt alles wie im Rausche fortriss. Ich war daher sehr
überrascht, als sie in der Nacht ernst und mit sichtlicher Anstrengung vor mein
Bett trat. Erschrick nicht, liebe Matilde, sagte sie leise, ich habe mit Dir zu
reden, und Du musst besonnen sein, um mich anhören zu können. Sie zündete darauf
mehrere Lichte an, und verteilte sie so, dass das ganze Zimmer hell erleuchtet
war, dann setzte sie sich zu mir, und, indem sie den Kopf fest in meine Kissen
verbarg, sagte sie: ich bin töricht genug gewesen, eine Unruhe übertäuben zu
wollen, die schon längst an mir nagt und gestern stechend hervorgerufen ward. Es
ist vergebens, ich bin erschöpft und kann den peinlichsten Vorstellungen nicht
länger widerstehn, die nun mit doppelter Gewalt über mich herfallen. Sie schwieg
einen Augenblick und überliess mich einer unbestimmten, fast scheuen Begier, mehr
zu erfahren. Schon vor mehrern Monaten, hub sie nach einer Weile an, während
ich, über sie gebeugt, mit gespannten Mienen meine Blicke auf sie heftete, schon
vor mehrern Monaten träumte mir, ich höre in der Klosterkirche die Messe, und
wolle nun den Rückweg antreten. Es war, als sei der Graf mit mir, denn ich sah
mich wiederholt nach jemand um, der zu mir gehörte und in der Kirche
zurückblieb, weshalb ich auch den rechten Ausgang verfehlte. Ich stieg mehrere
Stufen hinunter und lief lange in den dunklen Gängen umher, wobei ich eine
entsetzliche Angst vor dem Fallen hatte. Endlich kam ich wieder in die Kirche
zurück. Es war Niemand mehr darin, die Kerzen waren ausgelöscht und alle Zugänge
verschlossen. In der bittren Not schrie ich laut um Hülfe; da bewegte sich das
grosse steinerne Bild der Ahnfrau und schritt auf mich zu. Ich wollte fliehen;
allein sie fasste mich, und als ich recht hinsehen musste, erblickte ich zwei
wunderschöne Knaben an ihrer Hand, wovon der eine, wie eben geschossnes Wild,
stark an der rechten Seite blutete. In dem Augenblick öffnete sich die Pforte,
mir war, als hörte ich eine bekannte Stimme, und ich stürzte mit dem blutenden
Knaben heraus. Der Traum liess einen Eindruck zurück, den die Gewissheit, aufs
neue Mutter zu werden, mit jedem Tage schärfte. Du kannst nun begreifen, wie
mich die Erzählung des Grafen, die mir erst den rechten Aufschluss gab,
erschüttern musste. Liebe Viola, sagte ich fast so bewegt als sie, Dein Zustand
führt ganz naturlich schwere Träume und düstre Vorstellungen mit sich. Das darf
Dich weiter nicht befremden, lass sie nur nicht so unbeschränkt über Dich
herrschen, Du wirst das alles sicher in Kurzem leichter ansehn, und die Erste
sein, die darüber lacht. Viola blieb indes still und sinnend. Von da an konnte
sie nichts zerstreuen, und ich weiss nicht, ob es ein Glück zu nennen ist, dass
sie, durch innre Qualen zerstört und aufgerieben, vor ihrer Niederkunft an einem
Nervenfieber starb.
    O gewiss, gewiss, fiel Luise schnell ein, denn so etwas, das unaufhörlich im
Innern drückt und nagt, ist zehnfacher Tod. Das kennst Du doch wohl schwerlich
aus Erfahrung, sagte die Mutter. Nein, erwiederte Luise; allein schon der blosse
Gedanke daran hat so etwas Peinliches für mich, dass ich ihn nicht lange
festalten mag.
    Matilde bemerkte, dass es kühl werde, und liess sich nach Hause führen. Hier
begrüsste sie der alte Georg mit der herzlichen Teilnahme, die er für alles
empfand, was seinem Herrn teuer war. Luise freuete sich, jemand zu sehen, der
Viola gekannt und lange Zeit auf dem Falkenstein gelebt hatte, da ihre Phantasie
kein andres Bild festalten konnte und unaufhörlich in jenen Kreisen
umherschweifte. Allein Georg blieb hierüber sehr einsilbig. Die Gräfin hatte nie
in seine einfache Art und Weise gepasst und er fand an manchem Ärgernis, was den
Sitten seines Landes fremd war. Luise schalt den guten Alten herzlos, und rief
sich selbst jeden interessanten Moment aus Matildens Erzählung herauf.
    Sie starb also, sagte sie am Abend zu ihrer Mutter, ohne Eduard
wiederzusehn? Erfüllte er denn nicht noch in den letzten Augenblicken ihre ganze
Seele? Ich habe Dir gesagt, erwiederte Matilde, dass die Gräfin zuletzt nur
einen Gedanken festielt, der alle Erinnerungen erstickte. Mein Bruder war
längst für sie, wie für mich, verloren, da wir wohl Beide nicht länger an seinen
Tod zweifeln konnten, seit der Graf einst unaufgefordert von ihm sprach, und
versicherte, keine Nachforschungen gespart zu haben, ohne gleichwohl etwas
Beruhigendes zu erfahren. Ihn hatten wohl früher die Wellen begraben und alle
Glut seines kranken Herzens gestillt!
    Matilde öffnete, während sie sprach, ein elfenbeinernes Kästchen, das sonst
immer verschlossen auf ihrem Schreibtisch stand und von jeher Luisens
Aufmerksamkeit erregte. Wohl tausendmal hatte diese mit einer Nadel an dem
feinen Schlösschen gedreht, und erwartet, es solle aufspringen und ihr die
verdeckte Herrlichkeit zeigen. Heute geschah nun ganz von selbst, was sie so
lange wünschte: der Deckel sprang auf und Matilde zog unter einem Packet
Papieren eine goldne Kapsel hervor, die Eduards und Violas Bildnis entielt.
Luise betrachtete wehmütig die edlen Züge, die in Glück und Freude erblüht, in
eine Zukunft voll Schmerz und unerfüllten Hoffnungen hinaussahn. Viola war
einfach, dennoch der herrschenden Mode zuwider, phantastisch gekleidet; farbiger
Stoff wand sich vielfach, wie ein Turban, um ihr dunkles Haar und ein hellblauer
Mantel hing nachlässig über der rechten Schulter. Beides gab ihr ein fremdes
Ansehn, das Luisen besonders wohlgefiel. Die grossen, wunderbaren Augen und das
feine Lächeln um den schön geschweiften Mund, wurden ohnehin durch den
orientalischen Kopfputz noch mehr herausgehoben. Eduard trug eine rote Uniform,
die unmittelbar in die heutige Zeit versetzte. Schöne Züge im reinsten
Verhältnis, ein frisches, festes Ansehen und blondes Haar zeigten den
Norddeutschen unverkennbar an.
    Als Luise die Kapsel wieder zu den Papieren legte, bemerkte sie, dass diese
von einer breiten Flechte der schönsten schwarzen Haare zusammengehalten wurden,
während ein kleines Siegel, gleichsam zum Wahrzeichen, darüber hing. Dies
Packet, sagte Matilde, ihren Blicken folgend, fand ich nach dem Tode der Gräfin
in einem verborgenen Fach ihres Schreibetisches. Da es versiegelt war, durfte
ich es nicht eröffnen, und aus andren Rücksichten mochte ich es nicht
verbrennen. Viola hatte eine Freundin in Neapel zurückgelassen, die früher ihre
Vertraute war und von der sie öfters Briefe empfing, die sie jedesmal sehr
bewegten. Wahrscheinlich sind dies jene Briefe, deren sorgfältiges Aufbewahren
von einer innren Wichtigkeit zeugt. Ich erwartete lange, dass man sie
zurückfodern würde, da ich ohne hinlängliche Gewissheit sie unmöglich fremden
Händen zuschicken konnte. So sind sie denn bis hieher unversehrt in dem Kästchen
geblieben; jetzt möge Julius darüber entscheiden, dem ich sie nächstens zu
übergeben gedenke. Könnten es nicht Briefe von Eduard sein? fragte Luise. Nein,
erwiederte Matilde, das Kästchen verschliessend; ein flüchtiger Blick auf die
Handschrift hat mich vom Gegenteil überzeugt.
    Beide schwiegen eine Zeitlang, in eignen Gedanken verloren. Liebes Kind, hub
Matilde nach einer Weile an, ich sah noch einmal in die Vergangenheit zurück
und liess jene Begebenheiten an Dir vorübergehn, um Dich von dem Glück zu
überzeugen, das Deiner in einer Verbindung erwartet, die stille Anhänglichkeit
in ungestörtem Fortschreiten gründete. Glaube mir, jene leidenschaftliche
Wallungen, die den Sinn aus der Ferne durch ein scheinbar regsames Leben
bestechen, welken die eigentliche Frische des Gemüts und geben ihm eine bloss
kränkliche Heftigkeit, die aus Mangel an Kraft entspringt. So verwirrt sich der
Mensch im Innren und findet niemals wieder das rechte Gleichgewicht. Deine Liebe
zu Julius ist mit Dir aufgewachsen und hat sich mit allen andren Kräften Deiner
Seele zugleich entwickelt. Ich liess Dich den Weg ungehindert fortgehn, der Dich
einer ruhigen Bestimmung zuführt. Nichts widersprach Deiner Neigung, und reizte
sie, ihre Schranken zu überfliegen. Kein ungewöhnliches Ereignis unterbrach den
einfachen Gang Deines Lebens. Die Welt, mit allem was sie Täuschendes entält,
blieb Dir fremd. Du trittst jetzt an der Hand des edelsten Mannes in einem
Augenblick hinein, wo sehr ernste Pflichten Deine Aufmerksamkeit fodern. Wie
sollte ich an Deinem Glück zweifeln, wie solltest Du je etwas Wünschenswerteres
begehren können? Ich weiss nicht, warum mich dennoch Deine regsame Phantasie, die
jedes neue Bild begierig auffasst, warum mich Dein heftiges Gemüt, selbst in
seinen edelsten Aufwallungen, ängstet. Du bist jetzt so oft gedankenvoll; ich
sah Dich wohl früher die Hand nach Kleinigkeiten ausstrecken, um sie bald darauf
gleichgültig zurückzuziehen. Dein Sinn schweift umher, auch jetzt - Du hörst
mich nicht - Luise! - Liebe Mutter, erwiederte jene, ich denke an Julius, und
wie es möglich ist, dass er seinen beiden Eltern so unähnlich ward. Möchtest Du
ihn anders? fragte Matilde ernst. Auch ist er ihnen, fuhr sie fort, nicht so
unähnlich als Du denkst; ihre gänzlich widersprechende Naturen haben sich sehr
glücklich in ihm verschmolzen, und was äusserlich schwer und trübe an ihm haftet,
das hat ihm des Grafen absichtsvolle Erziehung gegeben, der, allen natürlichen
Anlagen zuwider, einen schlauen Weltmann aus ihm bilden wollte, und eben dadurch
den freimütigen Knaben missmütig und unsicher machte. Wie es wohl auf dem
Falkenstein aussehen mag? fragte Luise, durch neue Vorstellungen abgezogen: hat
die Zeit nicht allmählig alle Spuren von Violas Glanz verwischt? Ich weiss es
nicht, erwiederte Matilde, seit dem Tode Deines Vaters, der der Gräfin bald
folgte, bin ich nicht dort gewesen. Allein sowohl der Graf, als neuerlich der
Baron Velteim, Julius Vormund, sollen alles wohl erhalten haben. Sie schwieg
hier, durch Luisens stetes Abspringen verletzt, und beide trennten sich bald
darauf, beklommen, und im Gefühl eines innern Missverstehens, geängstet.
    Als Luise am folgenden Morgen die Augen aufschlug, stand Mariane, die
Kammerfrau ihrer Mutter, mit bekümmerten Mienen vor ihrem Bette, und schien den
Augenblick ihres Erwachens erwartet zu haben. Ach, liebes Fräulein, hub sie
sogleich an, die gnädige Frau hat die ganze Nacht hindurch gelitten und ist
jetzt kränker als zuvor; Sie werden am besten bestimmen können, ob man den Arzt
holen soll? Luise war an das stete Uebelbefinden ihrer Mutter gewöhnt, und
wusste, dass es nie gefährlich ward; allein jetzt traf diese Nachricht ihre vom
Schlaf befangnen Sinne so unerwartet, dass sie lange wie betäubt vor sich hinsah,
und nicht den Mut hatte, ihr dumpfes Gefühl zu befragen. Gleich, gleich, rief
sie, halb träumend, Marianen zu, und schlich sich, von innrer Angst gelähmt, an
Matildens Tür. Hier war alles still; sie trat leise hinein an das Bett der
Kranken, die grünseidnen Vorhänge waren zugezogen, sie konnte nichts sehen,
hörte indes schnell und hohl atmen. Mit zitternder Hand teilte sie ein wenig
die Gardine, und sah die geliebte Mutter mit zurückgebognem Kopf und halboffnen
Augen im ängstigendsten Fieberschlaf daliegen. Luise beugte sich über sie hin
und bemerkte mit Entsetzen ein innres Zucken der Nerven, das wie ein Blitz über
das Gesicht hinfuhr. Zum erstenmal in ihrem Leben traten die Schrecken des Todes
vor sie hin, zum erstenmal fühlte sie deutlich, dass das treueste, liebevollste
Herz sich von dem ihren losreissen werde. Sie stürzte, halb bewusstlos, aus dem
Zimmer und rief wiederholt: den Arzt, um Gotteswillen den Arzt. Man traf alle
Anstalten; allein die nächste Stadt war über zwei Meilen. Der Doktor, oft
verreist, kam erst am andern Morgen, nachdem Luise die Nacht unter den
heftigsten Qualen an Matildens Bett zugebracht hatte. Es war ein kleiner,
wohlbeleibter Mann; voller Kenntnis, allein unaufhörlich mit sich selbst
beschäftigt, so lange die dringendste Not nicht seine ungeteilte
Aufmerksamkeit forderte. Daher unterhielt er Luisen zuerst mit vielen Worten von
seinem eignen Uebelbefinden in den letztern Tagen, und trat ganz sorglos zu der
Kranken, die, sich etwas ermunternd, voll Teilnahme auf seine Klagen hörte.
Luise hatte indes die Vorhänge aufgezogen und bemühte sich, in des Doktors Zügen
irgend ein entscheidendes Urteil zu lesen. Dieser hielt Matildens brennende
Hand in der seinen, ward immer ernster, und sagte endlich, durch die ungeahndete
Gefahr hingerissen: Mein Gott, der Puls intermittirt! Was heisst das? fragte die
Kranke ruhig. Unregelmässigkeit in der Cirkulation des Blutes, erwiederte er,
sich fassend; ich hoffe, es hat nichts zu bedeuten. Er trat in ein Nebenzimmer,
wohin ihm Luise sogleich folgte. Was heisst es, lieber Doktor, rief sie mit
bebender Stimme, um Gottes willen, was heisst es? Gefahr, liebes Kind, erwiederte
er bewegt, grosse Gefahr. Ach retten Sie! schluchzte sie, ihn mit beiden Armen
umschlingend. Das vermag Gott allein, erwiederte er; tun will ich, was ich
kann, das Uebrige muss man erwarten. Erwarten - dachte Luise; wer hat hier Mut
und Besonnenheit, auf eine langsame Wirkung der angewandten Mittel zu hoffen!
Das Schrecklichste sieht mir ganz nahe, ich muss es weggeräumt wissen, oder
erliegen!
    Sie konnte von da an nur Augenblicke an Matildens Bett zubringen. Ihr
ganzes Innre war zu gewaltig aufgereizt, um irgend eine Fassung zu gewinnen.
Still weinend kniete sie hinter einem Schirm, der ihr indes nicht die leiseste
Bewegung im Zimmer entzog. Oft konnte sie es auch da nicht aushalten; sie
schlich leise zu der Kranken und harrte mit zurückgehaltnem Atem auf jede ihrer
Bewegungen. Matilde reichte ihr dann, wehmütig lächelnd, die Hand, und Beide
wandten das Gesicht ab, um die hervorbrechende Tränen zu verbergen.
    So schlichen die Stunden langsam hin; niemand wagte seine innre Angst
auszusprechen. Jeder ahndete und schob dennoch die Gewissheit des nahen Unglücks
schaudernd zurück.
    Gegen Abend bemerkte Luise, dass ihre Mutter ganz still werde. Mariane
glaubte, sie schlafe, und sass ruhig zu ihren Füssen. Nach einer Weile öffnete sie
dennoch die Gardinen, und da sie Matilden wachend fand, fragte sie, ob sie
leide und ob nichts zu ihrer Erleichterung geschehen könne? Nein, gutes Kind,
antwortete diese mit ihrer gewohnten Milde, mir fehlt nichts, ich wünsche auch
nichts mehr - aber die lange, lange Trennung! - Hier schlug eine Uhr, die Viola
einst, ihres künstlichen Glockenspiels wegen, Luisen schenkte, sieben. Sieben,
wiederholte die Kranke langsam zählend, ach nun muss ich noch siebenmal sterben.
- Hier hielt sich Luise nicht länger; sie eilte hinaus in den Garten und warf
sich laut weinend auf den Boden. Ihre Arme streckten sich betend empor; aber
Worte und Gedanken verwirrten sich in abgerissnen Tönen, die schreiend aus ihrer
Brust heraufdrangen. Der Himmel blickte im stillen Abendglanz auf sie nieder,
Blumen und Sterne begrüssten sich wie lang getrennte Freunde, und zwischen ihnen
hin glänzte der klare Strom in leichten, kreisenden Wellen. Da hörte Luise
jemand schnell den Lindengang heraufgehen, sie wandte sich und erkannte Julius,
der auf sie zu eilte. Meine arme, arme Luise! rief er, sie an seine Brust
drückend. Du weisst? fragte sie. Alles, alles, erwiederte er; Georg hat nicht
gesäumt - O Julius, sagte sie, die schönen Hände dankbar faltend, Dich hat Gott
gesandt. Komm nur - komm. Sie gingen stumm neben einander hin. In Julius Zügen
malte sich der tiefe Schmerz einer starken Seele, die, Klagen verschmähend,
still im Innern ringt. Luise wagte nicht, an ihm hinauf zu sehen. Seine Blicke,
die zwischen eigner Verzweiflung und anscheinender Ruhe kämpften, drückten sie
doppelt nieder. Langsam, den Augenblick der Entscheidung vor sich hindrängend,
kamen sie zu Matilden zurück. Sie sass, von Marianen unterstützt, aufgerichtet
im Bett, und schien ihre Blicke auf die Uhr zu heften. Bei ihrem Eintreten
bellte der kleine Hund, der während diesen Tagen nicht von der Kranken wich, und
als diese Julius erkannte, rief sie neu belebt: Gott Lob, mein Sohn, mein lieber
Sohn! Julius Festigkeit erlag bei dem ernsten Ton dieser gebrochnen Stimme.
Seine Tränen rannen unaufhaltsam, er konnte kein Wort hervorbringen, und als er
beim unsichren Schein der Lampe nach und nach die verfallnen Züge des geliebten
Gesichtes wahrnahm, barg er seinen Kopf in die Kissen und gab sich ohne
Widerstand dem heftigsten Schmerze hin. In diesem Augenblick war Matilde für
ihn todt, und was nachher wirklich erfolgte, erregte nur den Wiederschein jenes
ersten heftigen Gefühls in ihm. Der Doktor näherte sich jetzt und wünschte, man
möge jede Erschütterung vermeiden. Wozu das? fragte Matilde. Lassen Sie doch
die letzten, freien Ergiessungen durch keine Rücksicht hemmen. Man erwägt ja das
Leben hindurch Vorteil und Schaden; in dieser Stunde darf uns dergleichen wohl
nicht stören.
    Ihre Augen belebten sich, während sie sprach und fachten in Luisen neue
Hoffnung an. Allein sie selbst fühlte wohl, dass dieser rückkehrende Lebensblitz
nur ein Wiederschein des schwindenden Geistes sei, der noch einmal der lieben,
befreundeten Welt Lebewohl sagte; daher eilte sie, die gegönnte Frist zu
benutzen und wandte sich zu ihren Kindern, die, von tausend Gefühlen zerrissen,
sich fest umschlungen hielten. Lieber Julius, sagte sie, Deine unerwartete
Ankunft ist mir ein erfreuliches Zeichen. Luise wird nie allein siehn, im
Augenblick der Gefahr bist Du ihr zur Seite; schütze sie, mein lieber Sohn,
vergiss nicht, dass sie nun niemand mehr auf der Welt hat als Dich. - Lass jetzt -
fuhr sie nach einer Weile fort, den Prediger rufen, ich will zu des Himmels
Segen noch den meinigen fügen.
    Julius schwankte betäubt zur Tür hinaus. Jetzt, dachte er, jetzt! mit
diesem blutenden Herzen! Luise fühlte nichts als die unbeschreiblichste Angst,
mit der sie unaufhörlich ihrer Mutter Hand küsste und drückte und durch tausend
Liebkosungen den nahenden Tod zu besänftigen meinte. Mariane allein dachte an
die Trauung: sie pflückte einige Zweige von einem schönen Myrtenbaum und wand
sie zwischen Luisens Haar. - Der Geistliche trat bald mit Julius herein. Herr
Prediger, sagte Matilde, sie sollen drei Menschen mit Gott vereinen, durch
Liebe und Tod. - Niemand konnte in dem Augenblick sprechen. Julius sah umher in
der düstren Krankenstube, auf Luisen, die der bräutliche Kranz wie ein
Todtenopfer schmückte. Das also, sagte er in sich selbst, ist die lang
gewünschte, von Kindheit an ersehnte, Feier! Er reichte dem bleichen Mädchen die
Hand, die sich nicht von der Mutter losmachen wollte, und, indem sie Beide an
ihrem Bett knieten, ihre drei Hände ineinander verschlang. Der Prediger stand
gegenüber, sprach mit bebender Stimme den Seegen, und endete in folgenden
Worten: Der Tod ist verschlungen in den Sieg, und der Sieg leuchtet uns in der
Liebe, die das Band ist aller Vollkommenheit. - Hier schlug die Uhr Eins. -
Matilde dehnte sich mit leisem Wimmern, und ihre kalte Hand hielt die ihrer
Kinder krampfhaft zusammen. Eilen Sie, rief der Doktor, wenn der Schreck ihre
Braut nicht tödten soll! Matilde schloss die Augen, und Julius trug die
ohnmächtige Luise aus dem Zimmer.
 
                                  Zweites Buch
Der Wagen hielt vor der Tür, alles war bereit, Luise warf noch einen
wehmütigen Blick hinter sich und stieg an Julius Hand hinein. Als Georg den
Schlag zumachte, war ihr, als sei sie nun auf ewig von allen lieben Erinnerungen
der Vergangenheit geschieden. Der enge Raum, der sie umfing, ängstete sie. Sie
lehnte sich weit heraus, und grüsste im Vorübereilen, mit doppelter Herzlichkeit,
alle Bekannte des Dorfes, die vor den Türen standen und ihr laut Heil und Glück
wünschten. Auch der Geistliche bog sein weisses Haupt zwischen grünen Weinranken
hervor und blickte segnend auf das junge Paar, das bis jetzt nur Dornen auf dem
neuen Lebenswege fand.
    Bei einer Beugung der Strasse wurden Matildens Fenster noch einmal sichtbar.
Sie glänzten hell in der aufgehenden Sonne und liessen die herabgelassenen
Vorhänge sehen, die sich dicht an das Glas anschmiegten. O Gott! O Gott! rief
Luise, seit vier Wochen sind sie geschlossen und ihre Hand wird sie nie mehr
öffnen! Sie drückte sich fest in die Ecke des Wagens und weinte, von erwachenden
Schmerzen ergriffen. Julius bemühete sich, ihr etwas Tröstliches zu sagen;
allein er fürchtete jetzt, wie so oft, das Rechte zu verfehlen und ihr Gefühl
durch irgend ein gewagtes Wort zu verletzen, daher schwieg er ganz und überliess
sie ihren eignen Vorstellungen.
    Sie fuhren lange Zeit über weiten Ebnen zwischen vollen Kornfeldern hin,
die, ausser dem behaglichen Gefuhl des reichen Gewinnes, die Sinne unbeschäftigt
lassen. Da trabte ein junger, blonder Mann auf einem schönen Pferde vorbei; ihm
folgte in einiger Entfernung ein Knabe in grüner Livree, der einen kleinen
türkischen Schimmel ritt. Luise blickte unwillkürlich auf; das feine kindliche
Figürchen auf dem weissen Pferde sah fast weiblich aus und erweckte in ihr die
Lust zu reiten, die sie schon längst hegte, ohne sie in ihrer abgeschlossnen Lage
befriedigen zu können. Julius bemerkte nicht so bald das flüchtige Wohlgefallen
auf ihrem Gesicht, als er, die Veranlassung erratend, sogleich ein erheiterndes
Gespräch anstimmte, und ihr selbst Gelegenheit gab, ihre kleinen Wünsche laut
werden zu lassen. Der Knabe, sagte er, erinnert mich, im Vorübereilen, an eine
junge Italienerin, die ihren Geliebten, in ähnlicher Tracht, auf seinen
Streifereien begleitete, und mit vieler Gewandheit ein kleines Pferdchen nach
den wilden Launen ihres Freundes lenkte. Luise fand das sehr reizend, es passte
in ihre phantastische Welt und schmeichelte dem ihr eignen Wohlgefallen an jeder
ungewöhnlichen Erscheinung. Sie hörte daher aufmerksam zu, als Julius fortfuhr.
Ich lernte Beide in Rom kennen, wo wir in einem Hause wohnten, ohne einander zu
Anfang eine grosse Aufmerksamkeit zu schenken. Der junge Mann schloss sich indes
aus angebornem Widerspruch des Gemütes an mich an und sagte oft lachend, er
liebe mich der Natur zum Trotz, die uns in allen Richtungen unsres Innern von
einander geschieden habe. Wirklich war nichts Unähnlicheres zu finden und
dennoch widerstand ich seiner Liebenswürdigkeit nicht, die im steten Wechsel
immer einen originellen Charakter behielt. Ich habe es oft versucht, ein festes
Bild in der Erinnerung von ihm aufzufassen; allein das ist durchaus unmöglich,
da in diesem Augenblick die sittigste Gewandheit, schmeichelnde Worte und
Mienen, ja inniges Gefühl, von den allerwildesten Ausbrüchen toller Laune
verdrängt werden und, mitten aus diesem Tumult, der Verstand wieder klar und
besonnen hervortritt und über die wechselnden Eindrücke lächelt, die solch
täuschendes Spiel erzeugt. Ich weiss nicht, ob ihn diese Besonnenheit immer
leitet, ob er stets absichtlich handelt, oder ob seine brennende Phantasie ihn
fortreisst, die er aus eigner Kraft dann selbst wieder zügelt und vielleicht sich
wie die Welt glauben lässt, ruhige Ueberlegung leite seine Schritte. Ich mag bei
dem Letztern gern stehen bleiben, weil ich einmal ein bestechliches Wohlwollen
für ihn empfinde, und auch nicht denken kann, dass der Mensch, bei so grossen
Anlagen, ein bloss mechanisches Kunststück aus sich machen werde. Allein, er hat
mir öfter gesagt: es sei die Schuld aller nicht Blindgebornen, wenn sie schwarz
für weiss ansehen. Die Phantasie der Meisten sei so arm, ihr Gefühl so nüchtern,
dass sie es immer dankbar annehmen, wenn man ihnen von aussen etwas aufdringe, was
sie beschäftigen könne. Es sei eine Lust, wie sie sich hin und her werfen
liessen, ohne nur einmal den Wunsch in sich aufkommen zu lassen, durch innre
Haltung solchem Spiel zu widerstehen. Dieser Zustand halben Denkens, diese
augenblickliche Anregung des Verstandes, der sich sogleich voll Eitelkeit über
sich selbst erhebe und der Sache auf den Grund zu schauen meine, dies vornehme
Verachten jeder ungewöhnlichen Handlung, alles dies tue den Menschen so wohl,
dass sie zu Dutzenden in sein Netz liefen und, selbst nach erkannter Täuschung,
willig bei ihm aushielten.
    Luise fasste einen lebhaften Widerwillen gegen solch Gemüt und erklärte es
geradezu für boshaft. Julius bestritt das und versicherte, dass es ihm mit der
Verachtung der Menschen sicher nicht Ernst sei, da er ihn nicht selten mit
gänzlicher Selbstverläugnung für Andre tätig gesehen und, ohnerachtet eigner
Zügellosigkeit, dennoch eine richtige Würdigung des Guten in ihm gefunden habe.
Die Frauen, setzte er lächelnd hinzu, haben freilich Fernando nicht zu loben,
denn ob er gleich ihren Reizen huldigt, so sieht er dennoch in ihnen nur ein
liebliches Spielwerk, das man ohne sonderliche Reue zerbrechen und nach Gefallen
wegwerfen kann. Die kleine Francesca musste das erfahren; - ob sie ihn gleich mit
einer Ergebenheit liebte, die sie oft zur Vertrauten, ja Helferin, neuer
Abenteuer machte, so verliess er sie dennoch, um mich nach Paris zu begleiten,
wo er einen Teil seines Lebens zubrachte und alte Verbindungen wieder anknüpfen
wollte. Sie geriet ganz ausser sich, als er sie am Abend vor unsrer Abreise auf
die ruhigsie Weise mit seinen Plänen bekannt machte. Sie überhäufte ihn mit
Schmähungen und zerschlug sich mit den kleinen Händen die Brust, um sein
trügerisches Bild darin zu vernichten. Er begegnete allen ihren Ausfällen sehr
sanft, lachte aber überlaut, als sie ihm auch Vorstellungen über seinen
Wankelmut machte. Du Neuling in der Welt! rief er, solche Tränen sind morgen
getrocknet. Du bist unwiederbringlich verloren, wenn Du Dich von Ihnen berücken
lässst. Sage mir, was sollte aus uns werden, wenn dies verführerische Geschlecht
alle Macht über uns ausübte, die es gern über den ganzen Erdkreis verbreiten
möchte! Sei kein Kind, Francesca, sagte er, die Kleine küssend, Du weisst wohl,
wie kalt mich Auftritte dieser Art lassen und wie sie immer ihren Zweck
verfehlen. Verweine Deine schönen Augen nicht, Du kannst sie besser gebrauchen.
Ich war ganz empört über diesen Nachsatz; allein Francesca lachte mitten unter
ihren Tränen, und sagte: geh nur! Du kommst doch wieder zu mir zurück, denn
Dich versteht Niemand so gut als ich, und Du bist nirgend so recht eigentlich zu
Hause, als in dem Umgang mit mir. Fernando gab ihr gern Recht, und wir brachten
den Abend sehr vergnügt zu.
    Sie waren während dieser Unterredung, die Luisen einigermassen von sich
selbst abzog, nach Quedlinburg gekommen, wo sie die Mittagstunden zubringen
wollten. Die kleine schmutzige Stadt, das ungleiche Steinpflaster, das den Wagen
hin und her warf und sie zwang, langsam an den niedren Fenstern der Einwohner
vorüber zu fahren, wobei sie unwillkürlich einen Blick in das Innre bedürftiger
Haushaltungen warfen, alle diese unerfreulichen Eindrücke wurden bei dem Anblick
des kleinen, grünen Jokeis, den Luise aus der Ferne vor der Tür des Gastofes
wahrnahm, vergessen. Allein bei näherer Betrachtung zeigte sich's, dass das
türkische Pferdchen und das zierliche Kasket, welches jetzt auf einem Pfeiler
der Treppe hing, dem armen Knaben allen Zauber und jede Aehnlichkeit mit
Francesca nahmen. Ein frisches, halberstädtisches Gesicht sah ihnen aus dünn
verschnittnem Haar entgegen, und verwischte alle Erinnerungen aus der
italienischen Welt. Julius lächelte im Vorbeigehn über sich und die
Bestechlichkeit der Sinne, als ihnen der Wirt entgegentrat und sie höflichst
befragte, ob sie nichts dawider hätten, mit einem anständigen Herrn hier im
nächsten Zimmer zu speisen. Sie nahmen es an und traten hinein. In's Fenster
gelehnt stand ihr blonder Reisegefährte, der sie, aus einem flüchtigen Blick im
Vorbeireiten, erkannte und höflichst begrüsste. Das Gespräch ward bald, wie
gewöhnlich im Leben, an unbedeutende Gemeinplätze angeknüpft, die es denn
endlich ganz natürlich herbeiführten, dass der junge Mann, Jagdjunker eines
benachbarten Fürsten, auf dem Wege zu dessen Residenz begriffen sei. Er hatte
eine etwas raube Stimme; sonst viel gutmütige Herzlichkeit, die leicht Eingang
fand; vorzüglich war er aufmerksam um Luisen bemüht und liebkoste tändelnd
Matildens Hund, der sie nach dem Falkenstein begleitete. Julius sagte ihm: dass
ihnen dies kleine Tier als ein liebes Andenken einer kürzlich verstorbnen
Mutter sehr wert sei, wobei Luise ihre feuchten Augen senkte und die Rührung
des Fremden nicht wahrnahm, der fast kindlich ausrief: ach Gott! ich habe meine
Mutter niemals gesehn und habe auch kein Andenken von ihr! Sein Gesicht drückte
dabei so wahr die Sehnsucht nach dem ungekannten Glücke aus, dass Julius voll
Teilnahme seine Hand fasste und alle Drei recht von Herzen zu reden begonnen. Es
zeigte sich nun bald, im Laufe der Unterhaltung, dass der junge Mann ein Neffe
des Baron Velteim und Julius, aus seiner Kindheit, unter dem Nahmen Carl
bekannt war. Sie hatten nicht sobald diesen gemeinschaftlichen Berührungspunkt
gefunden, als die Familie des Barons Luisen aus manchen treffenden Zügen bekannt
gemacht, und der Wunsch, sie kennen zu lernen, in ihr erregt wurde, wobei Carl
lustig hinzusetzte, er käme sich dort wie ein Ostrogote vor, da ihn die Tante
jeden Augenblick versichre: er habe nicht die geringste Leichtigkeit im Umgang
mit Frauen, keine Gewandheit in der Unterhaltung; eine Reise nach Paris könne
ihm beides allein geben, und, statt einen so untergeordneten Posten an einem
kleinen Hofe anzunehmen, hätte er suchen sollen, in Verbindung mit einem
weltklugen Freunde, die Reise zu unternehmen. Der Onkel hingegen lebe in der
alten und neuen Literatur, rufe einen Kreis von Gelehrten um sich her, in
welchem er ihn gänzlich übersehe. Selbst in der Gefälligkeit der kleinen Cousine
liege eine Art von Spott, denn sie rede von nichts als Hunden, Jagd und Pferden
mit ihm, und zeige wohl, dass sie sich gütig bemühe, zu ihm herunter zu steigen.
Julius entschuldigte das mit der Unkunde der meisten Menschen, eine allgemeine
Unterhaltung herbei führen zu können, wodurch allein die gesellige Mitteilung
frei bleibe und jeder in den Stand gesetzt werde, das Seinige dazu beizutragen,
ohne ihn auf eine angreifende Weise in den abgeschlossenen Kreis seines
täglichen Tuns und Treibens zurückzudrängen. Ja, sagte Carl, und das
Zurückdrängen hat denn noch den Fehler, dass man es dem Andren gleich ansieht, er
ritte lieber seinen eignen Gaul, da er auf dem fremden mein Leben nicht recht im
Sattel ist. Die Leichtigkeit, fuhr Julius fort, in die abgeschlossnen
Verhältnisse jedes Menschen einzugehen, wird grösstenteils als der Gipfel der
feinern Bildung angesehen, aber es muss wie von selbst aus dem Vorhergehenden
entspringen und sich leicht und gefällig der allgemeinen Unterhaltung
anschliessen, sonst hat es etwas Demütigendes für den, der einmal aus dem alten
Geleise heraustreten wollte und dem man dadurch freundschaftlichst winkt, stehen
zu bleiben. Das ist wahr! rief Carl ganz entzückt, das ist wahrhaftig wahr. Das
werde ich Emilien nächstens sagen, wenn sie mich wieder in meine Wälder schickt,
aus denen ich eben komme, um mit ihr ganz andre Dinge zu reden.
    Der Wagen war indes vorgefahren. Julius wünschte Luisen bald in ihr neues
Reich einzuführen und eilte daher, den Rest der kleinen Reise bald
zurückzulegen. Carl trennte sich wie ein alter Freund von ihnen, der sich in
ihrer Nähe leicht und wohl fühlend, ehestens zu ihnen zurückzukehren versprach.
-
    Ich erinnere mich, sagte Julius, als sie allein waren, dass mein Vater fast
auf ähnliche Weise wie die Baronin über Carl urteilte, und es hat sich dennoch
ein recht frischer, gesunder Sinn und zuverlässig ein treues Herz in ihm
entwickelt. Luise hatte in der Einsamkeit eine sehr gebildete Erziehung
genossen; sie besass viel Kenntnisse und war durch Matilden an eine
unterrichtende, fast gewählte, Unterhaltung gewöhnt. Sie hegte daher eine Art
von Verachtung gegen alle Unwissenheit und übersah Menschen ohne hervorstechende
Gaben fast gänzlich. Carls Gutmütigkeit hatte sie bewegt, indes glaubte sie,
mitleidiges Wohlwollen sei nicht das Rechte, was Einer für den Andern empfinden
solle. Julius versicherte sie, oft bei dem reichsten Schatz von Kenntnissen,
mehr Einseitigkeit und ermüdendes Einerlei, als bei diesem offnen, freien
Gemüte gefunden zu haben. Frei? - wiederholte Luise, das bestreite ich, er
fühlt sich alle Augenblicke einmal beschränkt und hat weder die Mittel, noch
sucht er die Wege, sich los zu machen. Liebe Luise, erwiederte Julius, verdamme
die Unbeholfnen nicht so gradehin, ein jeder hat seinen Kreis, in welchem er
sich frei bewegt; führe ihn da heraus, so steht er wie Carl da, der wenigstens
gescheut einlenkt und seine Freiheit dadurch behauptet, dass er nicht mehr will
als er kann. Ich weiss wohl, fuhr er fort, dass der Kreis des Einen grösser ist als
des Andern; allein ein jeder zieht ihn sich am Ende selbst und kann nicht über
seine Kräfte hinaus. Manche, die weit ausholten, wurden am Ende auf den
Ausgangspunkt zurückgedrängt. Luise hätte dagegen noch Manches einzuwenden
gehabt und meinte im Innern, dies sei aller Dumpfheit das Wort geredet; allein
sie war wenig zum Streiten aufgelegt, und kämpfte genugsam gegen manche
peinliche Vorstellungen, die sie bei der Annäherung an den Falkenstein befielen.
Der Weg dahin ward immer verschlungener, das Gebüsch dichter, und ein schwerer,
glühender Himmel machte die eingeschlossne Gebirgsluft unerträglich; dazu kam,
dass ein starker Gewitterregen Quellen und Bäche angeschwellt und die Wege
überschwemmt hatte; sie konnten daher nur langsam auf dem schlüpfrigen Boden
fahren. Luise war bemüht, die trüben Bilder, die auf sie zu traten, durch eine
Menge unzusammenhängender Fragen zu verdrängen; allein ihre Unruhe wuchs so
sehr, dass sie endlich Julius bat, mit ihr den Berg hinan auf einem festen ebnen
Fusspfad zu steigen. Er willigte gern ein, und Beide hatten Ursach, sich über
diesen Entschluss Glück zu wünschen; denn nicht lange darauf schlug der Wagen mit
solcher Gewalt gegen einen Stein, den das übergetretne Wasser verbarg, dass das
Rad absprang und der Wagen auf die Seite fiel. Luise tat einen lauten Schrei,
da sie dies von fern sah, und Julius geriet in solche Wut auf seine Leute,
als sei Luise wirklich beschädigt. Sie sah ihn zum erstenmal, durch die
losbrechende Heftigkeit seines Gemütes hingerissen, ohne Besonnenheit handeln.
Die Verlegenheit, in der sie sich befanden, zwang ihn indes, in sich selbst
zurückzugehn. Sie waren schon zu weit von der Stadt, um dort Hülfe zu suchen,
und eben so wenig wollten sie um solche Veranlassung jetzt nach dem Falkenstein
schicken, wo man sie in Lust und Freude erwartete. Julius erinnerte sich, dass
hier in der Nähe die Wohnung eines Heideläufers sein müsse, zu der jener
Fusssteig, in gleicher Richtung der grossen Strasse, vorbei führe. Er entschloss
sich, Luisen hinzuführen, und dort ein Mittel, wie ihnen schnell geholfen werden
könne, zu erfahren. Sie waren bald bei dem kleinen Häuschen, das, wenige
Schritte davon, im Gebüsch versteckt lag. Lieber Gott, sagte eine Stimme von
innen, schlage doch nur noch einmal, nur ein einzigesmal, die Augen auf! Julius
zog die Hand zurück, die schon die Tür gefasst hatte; er besann sich einen
Augenblick und pochte dann leise an. Sogleich trat eine junge Frau heraus,
wischte die hellen Tränen aus den Augen und erwiederte auf die Frage nach ihrem
Manne, mit angenehmer Stimme, dass er dort im Hofe arbeite. Dieser trat jetzt zur
Hintertür herein und stellte, die Fremden im Vorbeigehn grüssend, einige glatt
gehobelte Bretter in die Luft. Es wird wohl Not haben, sagte die Frau, auf die
Bretter sehend, es ist bald vorbei! - Ein Sarg! dachte Luise, und schauderte
zusammen. Danke Gott, erwiederte der Mann, das Wurm hat viel gelitten! Julius
hatte nicht das Herz, sein Gesuch vorzutragen; allein der Mann fragte ihn gleich
darauf ganz ruhig, was zu seinem Befehle stände, und meinte nach erhaltner
Auskunft, wenn es nichts als ein abgesprungenes und etwas beschädigtes Rad sei,
so könne er wohl allein helfen, ohne deshalb noch weiter zu gehn. Er versah sich
mit dem Nötigsten und machte sich sogleich mit Julius auf den Weg.
    Wollen Sie nicht hinein treten? sagte die Frau zu Luisen, ansteckend ist die
Krankheit nicht. Luise zögerte noch einen Augenblick und fragte, was es für ein
Uebel sei. Das weiss der Himmel, antwortete die Frau; seit dreizehn Wochen leidet
das Kind. Wir haben wohl einen Chirurgus befragt, aber das hat bei armen Leuten
keine Art. Man kann auch nicht alles so haben, - (sie waren während dem in ein
niedriges, enges Stübchen an das Bett der Kleinen getreten) und heute, fuhr die
Frau fort - sie konnte nichts weiter sagen, bückte sich zu dem Kinde und drückte
seine welke Händchen an ihre Lippen. - Luise sah überall Spuren der
allerhöchsten Dürftigkeit; sie glaubte fast, dass Mangel an kräftiger Nahrung das
Kind, nach früher überstandner Krankheit, allein tödte, und dachte mit Wehmut,
dass so mancher unbeachtet hinstirbt, den oft eine Kleinigkeit retten könne. Ein
kristallnes Büchschen öffnend, liess sie einen Tropfen starken Balsams unter die
Zunge der Kranken fallen, die sogleich stark nieste und die grossen Augen
verwundert aufschlug. Mariechen, liebes Mariechen! rief die Mutter, kennst Du
mich? Das Kind schloss aufs neue die Augen und wandte sich auf die Seite. - Luise
schickte die Frau nach dem Wagen, indem sie ihr auftrug, sich dort den
mitgebrachten Wein und Zwieback geben zu lassen, und fuhr fort, der Kleinen die
Schläfe mit dem Balsam zu reiben. In Kurzem kam die Mutter zurück. Luise nahm
das Kind in den Arm und flösste etwas Wein in den halbgeöffneten Mund. - Nach
einer Viertelstunde ermunterte sich Marie, sah umher, und spielte mit Luisens
Fingern, an welchen mehrere Ringe glänzten. Liebe Frau, sagte diese, unter den
freudigsten Tränen die sie jemals vergoss, das Kind wird gewiss besser, wenn es
alle Stunden, von jetzt an bis morgen Mittag, einen Löffel von dem Weine
bekömmt. Dann werde ich wieder herschicken und für weitre Hülfe sorgen. Die Frau
fasste Luisens Hände, streichelte ihr die schönen frischen Wangen, bog sich dann
wieder zu der Kleinen, küsste und drückte sie, ohne ein Wort hervorbringen zu
können. Nachdem ihr Luise noch manches über die Behandlung der Kranken gesagt
hatte, fragte sie nach den nähern Umständen der kleinen Haushaltung. Ach Gott,
sagte die Frau, ich bin von je her an Kummer und Trübsal gewöhnt, und habe auf
Erden nichts, als den festen Glauben an die grosse Güte des Himmels, die niemand
verderben lässt. Mein Vater, der ein armer Nadler in Goslar war, lebte und starb
in dieser Ueberzeugung, und liess mich, voll Vertrauen, im vierzehnten Jahre,
ohne Beistand auf der Welt zurück. Unsre Nachbarn nahmen sich meiner an, trugen
mir allerhand kleine häusliche Verrichtungen auf und gebrauchten mich zu
Aufträgen in der Stadt, wobei ich indes nur kärglich mein Brod hatte, und, an
ein beständiges Herumlaufen gewöhnt, zu aller sitzenden Arbeit verdorben wurde,
daher es auch niemand einfiel, mich als Magd in den Dienst zu nehmen. Ich hatte
mehrere Jahre so verlebt, als es mir einmal schwer aufs Herz fiel, dass ich doch
nirgend zu Hause sei, keinen Anhang habe, von niemand geliebt, höchstens aus
Mitleid geduldet werde. Ich weiss es noch, es war an einem Sonntag, die Mädchen
aus der Stadt gingen geputzt nach der Kirche, ich hatte nichts in meinem
Vermögen, als einen schlechten Rock und eine zerrissene Schürze; ich sah betrübt
auf die Letztre und trocknete mir die nassen Augen damit. Ein hübscher Knabe
ging, mit dem Gesangbuch unter dem Arm, recht sittsam vorbei, und sagte sein:
Gott grüss, Jungfer! so gutmütig, dass ich ihm zurief: beten Sie für mich, liebes
Kind, ich darf doch nicht in die Kirche hinein. Warum nicht? fragte eine etwas
rauhe Stimme. Es war Anton, den ich zum erstenmal in meinem Leben sah. Ich
schämte mich, vor einem fremden Menschen zu klagen, und schwieg. Er mochte wohl
was Arges denken, denn er wandte sich ab, als wolle er gehn, da sagte ich ihm,
dass ich zu arm sei, um mir anständige Kleider zu kaufen, und so abgerissen nicht
neben Andren sitzen wolle. Er schüttelte den Kopf, drückte mir aber doch ein
blankes Stück Geld in die Hand und ging, ohne ein Wort zu sagen. Ich begegnete
ihm nach der Zeit oft. Er grüsste jedesmal und sah mir lange nach, wenn ich die
Strassen entlang schwere Lasten für geringen Lohn tragen musste. Einmal bot er mir
die Hand, erzählte mir, dass er einen kleinen Posten, ein Häuschen unb eine
Strecke Landes zu einem Garten bekommen habe, hier draussen ganz allein wohne,
und mich, da er höre, dass ich fromm und ehrlich sei, frage, ob ich mit ihm
hinausziehn und als seine Frau bei ihm leben wolle? Ich fiel wie aus den Wolken,
besah mich selbst verwundert, und wusste nicht, was ich denken sollte. Er merkte
wohl, dass ich nicht nein sagen würde, und redete nun weitläuftiger über alles.
Wir wurden bald einig; ich hatte von da an keinen Willen als den seinen, und
hörte und sah auch überdem nichts, da mir das Häuschen und der Garten immer vor
Augen schwebten. Ich dachte wohl an meinen Vater und dankte Gott recht aus
zufriednem Herzen. Meine ehemaligen Wohltäter schenkten uns allerlei zur
Einrichtung und wir zogen nach kurzer Zeit hierher. - Der arme Anton sah bald so
gut wie ich, dass es mit der Herrlichkeit nicht weit her und das Brod für zwei
knapp zugeschnitten sei. Er ist heftigen Gemüts und erbittert sich selbst, wenn
es nicht so geht wie er denkt; darum verzweifelt er gar zu bald und hat keinen
rechten Glauben. Es ging denn auch freilich schlecht, ein schweres Wochenbett
machte mich zu harter Arbeit untüchtig, und nun kam das lange Leiden mit dem
Kinde; es ging alles zurück, wir machten Schulden und gerieten in grosse Not.
Bis heute blieb ich indes voll Zuversicht; wenn ich so recht aus Herzensgrund
geweint hatte, dann fiel mir mein Vater ein, und der liebe Gott, der alles wohl
macht, und ich hoffte gleich aufs neue wieder. Aber vor ein paar Stunden, da
brach mit Mariechens Augen mein Herz und aller Mut zusammen. Ich wünschte mir
recht sündlich den Tod - und nun - ach du Herzenskind, sagte sie, und
betrachtete es mit Blicken, die Luisen in den Himmel erhoben. Julius und Anton
kamen jetzt zurück. Sieh doch, sieh! rief die Frau Letzterm entgegen, und zeigte
auf die Kleine, welche mit sichtlicher Lust von einem Zwieback ass. Dahin hat es
die liebe, schöne Dame in so kurzer Zeit gebracht. Julius betrachtete Luisen,
die, mit dem Kinde im Arme, wie ein Engel da sass und ihr verklärtes Auge freudig
auf ihn richtete. Anton hingegen lächelte ungläubig und sagte, das wird nicht
lange währen, Angst und Not sind nun einmal bei uns eingekehrt und kommen immer
wieder. Schäme Dich, lispelte die Frau leise, vertraust Du nicht mehr auf Gott?
- Luise sah ungern ihr Gefühl gestört, drückte dem zagenden Mann ein paar
Goldstücke in die Hand und eilte mit Julius zu dem Wagen, der sie unten
erwartete. Ihr war unbeschreiblich leicht und wohl ums Herz. Sie umfasste noch
einmal die langen Leiden der armen Frau, die gleichwohl ihre Gefühle nicht
einengen und die Gemeinschaft mit Gott nicht aufheben konnten, und drückte dann
voll Dankbarkeit Julius Hand, der sie einer sorgenfreien, heitern, Zukunft
entgegenführte. Ihr war, als sähe ihre Mutter auf sie herunter und wiederhole
jene Worte: Wie sollte ich an Deinem Glücke zweifeln, wie solltest Du je etwas
Wünschenswerteres begehren können!
    So mit sich und ihrem Loose zufrieden, setzte Luise ihre Reise fort, während
sie mit Julius jede Möglichkeit erwog, wie den armen Leuten dauernd zu helfen
sei, und den kleinen Unfall segnete, der so viel Glück herbeigeführt hatte.
Julius schämte sich seiner vorigen Heftigkeit, daher ging er um so eher in
Luisens Pläne ein, das kleine Unrecht auf diese Weise vor sich selbst wieder gut
zu machen.
    Es war indes spät geworden. Der Mond stand hoch am Himmel, von den Wiesen
stieg ein frischer Dampf herauf, der sich wie ein Flor über die grüne Fläche
hinzog. Glühwürmchen leuchteten, herabgefallnen Sternen gleich, aus den Büschen,
und kreisend durchzogen einzelne Vögel die Luft, um dann von den letzten
Geschäften des Tages auszuruhen. Luise fuhr unwillkührlich zusammen, als Julius
freudig rief: das ist der Falkenstein! Sie blickte auf. Graue Türme sahen im
bleichen Mondenlicht zwischen Felsenwänden und dunklen Tannen hervor. Das ist
der Falkenstein, wiederholte sie langsam. Sie fuhren jetzt einem Wasserfall
vorüber, der sich in einen breiten Graben ergoss. Eine wohlerhaltne Zugbrücke
führte über letztern in den Schlosshof hinein. Luise trat mit wankenden Knien aus
dem Wagen, in das weite Portal, wo die Dienerschaft des Hauses sie unter tausend
Glückwünschen erwarteten. Willkommen, meine Luise! rief Julius aus bewegter
Brust; willkommen! tönte es von mehrern Stimmen durch die gewölbten Hallen.
Luise neigte sich freundlich gegen Alle und folgte Julius die Steintreppe hinauf
zu Violas Zimmer, die er, als die heitersten und schönsten, für sie bestimmt
hatte. Sie ward angenehm überrascht, als sie in einen kleinen wohlerleuchteten
Saal trat, dessen Wände, grün, mit Basreliefs von der auserlesensten Arbeit
verziert waren. Ringsumher standen, auf kleinen Fussgestellen, hohe Vasen mit
Blumen, dazwischen Statuen, Abgüsse der besten Meister. Einem grossen Spiegel
gegenüber sah man durch eine geöffnete Glastür in einen blühenden anmutigen
Garten, der am Abhange des Felsen angelegt war. Mariane, eilig bemüht alle
Herrlichkeiten in Augenschein zu nehmen, trat voll Freude aus demselben hervor,
und begrüsste Luisen wie eine liebe Bekannte. Alles gewann hier ein lustiges,
vertrauliches Ansehn. Der düstre Eindruck des alten Gebäudes verschwand, jede
Spur, jede Erinnerung daran war durch Violas Andenken verwischt. Mit liebevoller
Ehrfurcht nahm Luise von den übrigen Gemächern Besitz, die noch aller Zauber
ihrer ehemaligen Bewohnerin erfüllte. Ahndungen und Sorgen waren vergessen.
Matilde und die Gräfin schienen ihr überall zur Seite zu gehn und sie zu jedem
reinen Genuss zu ermuntern.
    Die schöne Zeit, wo der Mensch mit erwachender Lebenslust eine neue Laufbahn
betritt, wo die Seele sich in den weitren Kreisen dehnt und jede Kraft mutiger
übt, hob auch Luisen über innre Störungen hinaus und öffnete ihr ein frisches
tätiges Leben, das der reinste Wille und die andächtige Feier entschwundner
Geliebten mehr und mehr veredelte. Die arme Familie im Walde wurde in dieser
Stimmung am wenigsten vergessen. Ihre Segnungen tönten in Luisens Herzen wie der
Ruf des Himmels zu neuen guten Werken.
    Julius ging indes seinen einsamen Weg. Zu Anfang war es wohl, als wenn
Luisens erheitertes Dasein auch erfrischend durch ihn hinzöge; allein er fiel
bald wieder in sich selbst zurück. Die Sorge für die Dauer ihres Glückes
beschäftigte ihn ängstlich, und machte ihn über die Mittel, es zu erhalten,
unschlüssig. Gleichwohl vermochte er nicht, mit ihr darüber zu reden, weil er
überall dem innern Reichtum seiner Gefühle keine Worte leihen konnte, weshalb
er in ihrer Gegenwart einsilbig, oft verlegen blieb. Dieser innre Druck ward
noch dadurch vermehrt, dass ihn Luise, so oft sie bei einander waren, drängte,
ihr etwas vorzulesen, Klavier zu spielen, oder auf einem Spaziergange den Mönch
aufzusuchen, den sie oftmals antrafen, und für den sie eine grosse Anhänglichkeit
gewann. Julius fühlte wohl, dass die Armut seiner Unterhaltung nach und nach
alle gegenseitige Mitteilung hemmen und Luisens lebendigen Sinn mit Gewalt nach
Aussen treiben werde. Er versuchte es daher mit der gutmütigsten Anstrengung,
sich freier und lebendiger zu zeigen; allein die Natur widersteht jeder
Absichtlichkeit, und nur in einzelnen Augenblicken, wenn irgend eine Saite
seines Innren ungewohnt berührt ward, rauschte der Klang erschütternd durch ihn
hin, und sprengte die Bande, die den edelsten Geist gefesselt hielten. Der Mönch
verstand es fast allein, solche Momente herbeizuführen. Durch ihn lernten Beide
die Bibel kennen, die sie bis dahin nur, als ein notwendiges Glied in der
Stufenfolge menschlicher Entwicklung, geschichtlich, betrachtet hatten. Er sagte
ihnen oft: wenn es nur zu wahr ist, dass der schwankende Mensch äussrer Anregungen
bedarf, wo kann er sie würdiger finden, als grade hier? Das Leben, fuhr er fort,
ist reich in Vergangenheit und Gegenwart, die Entwicklung des einen, ewigen,
Geistes in Natur und Menschen sichtbar; allein dies in jeder Zeit wahrzunehmen,
erfordert einen wachen, geübten Blick. Das halbgeöffnete Auge schweift an den
grossen Offenbarungen vorüber, die, wie einzelne Chiffern, nur dem eine lesbare
Schrift sind, der ihren Sinn erkannt in sich trägt. Die leisere Fühlbarkeit, das
schnelle Erfassen und Vereinen vorüberfliegender Töne, ist nur einem sehr
reichen, in sich beweglichen Gemüt gegeben, einem solchen, dem alles
durchsichtig erscheint, und das ohne fremde Kraft die äterischen Regionen
durchzieht, die sein eigentliches Lebenselement sind. Die Meisten wollen einen
lauten, ans Herz dringenden Ruf, der sie fast unwillkührlich erweckt. Sie sind
verloren, wenn sie sich hingebend und erwartend eignen Einwirkungen überlassen.
Ich fühle das oft beschämt, und flüchte zur Bibel, als dem vollsten und
reichsten Schatz ans Licht getretner Herrlichkeit. Was die Geschichte im Aeussren
und Allgemeinen darstellt, den Menschen in der Folgereihe fortlaufender
Begebenheiten, das Zusammenfallen grosser Naturerscheinungen und innrer
Umwälzungen, das tritt hier wie ein Blitz der Offenbarung unmittelbar, und in
der beredtsten, dem Herzen verwandtesten, Sprache aus dem Innren hervor. Luise
fühlte besonders die Wahrheit des Letztren, denn sie konnte nie ohne tiefe
Rührung die Worte der Schrift lesen, und blieb noch lange nachher in einer
weichen, jedem bessren Eindruck offnen, Stimmung.
    Um diese Zeit traf Carl, seinem Versprechen gemäss, bei ihnen ein, und
beredete sie freundlich, ihn auf eine kleine Lustreise zu dem Landsitz seines
Onkels zu begleiten. Es sei dort, setzte er hinzu, jetzt bunter als jemals;
Gelehrte und Ungelehrte, Pharisäer und Leviten, Jude und Teufel, alles ginge
Hand in Hand. Luise fürchtete ein wenig die Baronin; allein Julius sah es als
eine Art von Schuldigkeit an, sie dieser vorzustellen, und willigte um so lieber
ein, da er sich von Carls Gesellschaft und seinen naiven Anmerkungen manche
Freude versprach.
    Schon des andern Tages machten sie sich bei heiterm Wetter und der besten
Laune auf den Weg. Carl ward nicht müde, von dem glänzenden Kreis zu reden, in
den sie eintreten wollten, und dabei die Gelehrten und Dichter zu verspotten,
welche Letztre er nun einmal in den Tod hasste und gradehin für Lückenbüsser in
der menschlichen Gesellschaft erklärte. Ich habe nicht viel gelernt, setzte er
mit komischer Zuversicht hinzu; allein ich gehe meinen Weg rüstig fort, und
stosse ich auf irgend ein Hindernis, so räume ich es weg, oder kehre still um,
ohne die ganze Welt zum Zeugen aufzurufen; solch Himmelskind hingegen weiss
niemals ob es fest auftreten darf, und fasst bei aller Gelegenheit nach einem
tüchtigen Arm an den es sich halten kann. Julius lächelte, ohne Carls Meinung
anzugreifen, da sie ihm vielleicht notwendig war, um ruhig in den Schranken
auszuhalten, die seine individuelle Natur ihm gesteckt hatte. Allein Luise
sagte, Sie nannten die Dichter vielleicht mit Recht Himmelskinder; gönnen Sie
ihnen also ihre eigne Welt, und wundern Sie sich nicht, wenn sie der unsrigen
fremd bleiben. So sind die Frauen, rief Carl ungeduldig aus, solch
unzusammenhängendes Wesen gefällt ihnen. Liebe, schöne Gräfin, wer in den Himmel
will, muss auch auf der Erde zu Hause sein, sonst hätte ihn unser Herr Gott
weggelassen. Und übrigens sind die Herren auch nicht so himmlisch wie es in den
Büchern aussieht; sie greifen mit allen Sinnen umher wie jeder andre Erdensohn,
und geniessen wo es etwas Gutes gibt. Wenn so einer von Nektar schlürfen redet,
denn weiss ich schon was die Glocke geschlagen hat. Die Seligkeit kenne ich auch,
wo alles blau ist wie der Himmel über uns! Diese Gleichstellung des
phantastischen Dichterrausches mit den gemeinen Wirkungen des Weines brachte
alle zum Lachen, und niemand stritt weiter mit Carl, der im Zuge des Erzählens
blieb. Sie werden, fuhr er fort, bei dem Onkel wunderliche Heilige erblicken, zu
deren Sekte ich mich nun einmal nicht bekennen mag. Einer ist indes unter ihnen,
den ich ausnehme. Ein braver, excellenter Junge, ehemaliger hannöverscher
Offizier, der bei der Auflösung der Armee auch um seinen Degen kam, und nun vor
Angst und Kummer Dichter geworden ist. Seitdem klagt er ein bisschen zu viel über
sein eigen Leid; allein das gehört nun einmal zu seinem Gewerbe, sonst ist er
noch eben so gut und anspruchlos wie ehemals. Auch hat die Tante eine gewisse
Vorliebe für ihn, weil er von guter Familie ist, denn bei aller Verachtung
andrer Vorurteile hält man doch in dem Hause gewaltig auf den alten Erbadel,
als ein Ueberbleibsel des Rittertums, das jetzt wieder bei den Gelehrten in
Ansehn kommt.
    Sie hatten indes mehrere Meilen zurückgelegt, und sahen nun von fern das
Ziel ihrer Reise, ein schönes, im modernen Styl erbautes Landhaus, von hohen
italienischen Pappeln und Schwarztannen beschattet. Unmittelbar daran schloss
sich ein englischer Garten, an welchem sie jetzt vorüberfuhren, und die
Gesellschaft auf einem frischen Rasenplatz, zwischen verschiednen Gruppen
ausländischer Bäume, beim Tee versammelt fanden. Luise bemerkte zuerst eine
junge Blondine, die mit gefälligem Wesen zu mehrern jungen Männern redete und
sie fast allein zu beschäftigen schien, während sie nachlässig mit ihnen unter
den Bäumen hin und her ging. Ihr Haar war vorzüglich schön geordnet und
schmiegte sich lockig an die weichen Umrisse des Gesichtes. Das ist Emilie, rief
Carl, der werden die Poeten auch noch den Kopf verrücken! Der hübsche, junge
Mann an ihrer Seite ist jener Offizier, von welchem ich ihnen zuvor sprach, ein
Herr von Stein, in der Gelehrtenwelt Reinhold genannt; ihm zunächst geht ein
Engländer mit einem Juden, der ihm die deutsche Dichtkunst um ein Billiges
ablässt. - Hier trat ihnen die Baronin, von ihrer Ankunft benachrichtigt,
entgegen. Luise ward durch die Schönheit und Würde ihrer Gestalt überrascht.
Ohnerachtet sie von Matildens Alter zu sein schien, war die fast plastische
Ruhe ihrer Züge, durch ein gleichförmig fortlaufendes Leben, ungestört
geblieben, und ihre Schönheit über die Zeit hinausgehoben. Sie redete mit der
einfachen Sicherheit, die ein längerer Umgang mit der Welt fast einem Jeden
gibt. Vor Julius hatte sie eine Art von Ehrfurcht, weil er über die Gränzen
Deutschlands hinausgekommen war, was sie ihm auch, durch bescheidne
Zurückhaltung, die seinem Verdienst den Vorzug einzuräumen schien, bezeigte.
Luise ward einigen Damen aus der Nachbarschaft vorgestellt, und dann von
Emilien, die sie mit besondrer Herzlichkeit empfing, in den Kreis um den
Teetisch eingeführt. Ihr zunächst sass eine hübsche junge Frau, die lebhaft mit
einem bleichen, sehr ruhig scheinenden, Mann redete, und sich oftmals ärgerlich
von ihm abwandte, ohnerachtet sie es nicht lassen konnte, immer wieder hin zu
hören, so oft er mit einem weichen, fast leisen Organ, etwas Beissendes sagte,
was sie unwillkührlich zur Antwort reizte. Der Baron war indes mit einigen
andern Herren hinzugekommen. Herr Werner, sagte die junge Dame zu einem
derselben, tritt heute aufs neue wie der Baum der Erkenntnis zwischen die
unschuldigsten Genüsse der Menschen, und ist bemüht uns durch die Früchte seines
Witzes die Augen zu öffnen. Ich wiederhole nur, erwiederte jener, gleichgültig
mit seinen Lünetten spielend, die er eben abgenommen hatte, um Emiliens
Stickerei genauer zu betrachten, ich wiederhole nur, was die öffentlichen
Blätter sagen. Ein von der gnädigen Frau beschütztes Buch, Rodrich, ist darin
wie ein Rezept zu einer Torte zerlegt, so und so viel Orangenblüten, Citronen
nach Belieben, mehrere poetische Süssigkeiten, einige ergreifende Scenen als
pikante Gewürze, und zuletzt zur Dekoration die Gruppe des Laokoon. Was meinen
Sie dazu, Herr Professor, unterbrach ihn die Dame heftig, sich zu demjenigen
wendend, welchen sie zuvor anredete, ich bitte Sie, was heisst das? - So viel als
nichts, erwiederte dieser, das könnte man so ziemlich von den mehrsten Romanen
sagen, die im Süden spielen; das bezeichnet äussre Zufälligkeiten, die
keinesweges die Idee des Ganzen darstellen. Allein wer diese richtig auffasst und
sie angreift, ist meiner Meinung. - Werner lachte in sich. Ihrer Meinung?
wiederholte die hübsche kleine Frau ganz betroffen, und stand von ihrem Stuhl
auf, als wolle sie jenes nachteilige Urteil fliehn. Räume ihnen nicht das
Feld, liebe Auguste! rief Emilie, verteidige den armen Rodrich, Du weisst wohl -
Gnädige Frau, hub der Professor aufs neue an, Sie forderten mich auf; ich kann
nicht anders als wahr sein. Nun denn, erwiederte Auguste, auf alles gefasst, so
sagen Sie nur was Sie denken. Ich denke, fuhr jener fort, was Ihrem Scharfsinn
bei näherer Betrachtung nicht entgehen kann, wenn der erste Eindruck mancher
anziehenden Verhältnisse verwischt sein wird. Es ist in dem Buche nicht sowohl
die Rede von der Nichtigkeit des menschlichen Tun und Treibens in seinen
verworrenen Richtungen, sondern ein völlig abwärts gehendes Streben bei früh
erkanntem Ziel. Der Sündenfall nach der Erkenntnis. Rosalie personifizirt das
Ganze, absichtlicher Wahnsinn. Alle sind klug, besonnen, ermessen und prüfen,
heben sich über sich selbst hinaus, und neigen sich am Ende zur gemeinen
Alltäglichkeit herab. Das kann ich so strenge nicht tadeln, sagte Werner, das
bezeichnet eine Ansicht wie eine Seite des Lebens; warum soll die nicht
ausgesprochen werden? Störender ist mir, dass das Buch weder ein Roman, noch eine
Novelle oder ein Mährchen ist; diese äusserliche Unvollkommenheit verrückt alle
Augenblick den Standpunkt, aus welchem man es betrachten soll, und verwirrt es
in sich selbst. Noch bemerke ich, dass die sogenannten poetischen Situationen
gekünstelt und absichtlich erscheinen, und die einzige Wahrheit des Gefühls in
der anspruchlosen Aline niedergelegt ist. Das eben, das eben, unterbrach ihn der
Professor, ist das frevelhafte Spiel, was durch das ganze Buch geht. Das
Heiligste wird niedergetreten, weil es schwach, ohnmächtig, abhängig, erscheint,
indes die reichste Kraft sich in sich selbst zernichtet.
    Für mich ist es immer schwer, von diesem Buche reden zu hören, sagte
Reinhold, im Guten sowohl als im Bösen, denn ich möchte gegen Beides anstreiten,
und gerate deshalb unausbleiblich ins Gefecht, oft gar auch in ein kreuzendes
Feuer, wie es mir zum Beispiel hier gehen würde. Aber eine blosse
Gefühlsäusserung, die keinen Anspruch auf irgend eine richtende Kraft hegt, zieht
wohl als ein friedlicher Gesandter durchhin, und ich will es daher nur dreist
heraussagen, dass ich von dem Rodrich tief angesprochen werde, dann wieder
unendlich hart abgestossen, dann wieder zum allerkühnsten Spott gereizt. Oft
tritt er ganz fremd vor mich hin, als wäre gar keine Berührung zwischen uns
Beiden, treibt mich durch gezierte Gesellschaften vornehm umher, erinnert mich
an andre Bücher, die eben so vornehm tun und die ich nicht leiden kann, der
Unwille runzelt meine Stirn, der Hohn schwebt auf meiner Lippe - und plötzlich
brechen die Stralen des reinsten, seligsten Friedens hervor; das Wehmütigste
aus meinem Leben, das Lieblichste aus meiner Kindheit tritt vertraulich kosend
auf mich zu; ich zürne über meinen Hochmut, über meinen Spott, und lösche mit
linden Tränen Rodrichs und meine Fehler zugleich aus. Gottlob! rief Auguste,
das ist doch etwas Andres, als der blosse Verstand, das empfind' und begreife ich
zugleich! Luise blickte zufrieden auf das edle Gesicht des jungen Mannes, das
eine fromme, fast demütige, Rührung überzog. Lieber Reinhold, hub Werner an,
Sie sagten mit Unrecht, dass Ihre poetische Ergiessungen wie ein Friedensbote
durch jene Urteile hingingen; sie gehen darüber hin und schwemmen die einfache
Wahrheit derselben in ein unsichres Rauschen der Gefühle weg. O! nichts weiter,
sagte Auguste ungeduldig, wir wollen uns lieber auf dem warmen Strom seiner
Gefühle hin und her schwingen, als mühsam an Ihre Weisheit hinanklimmen! Die
Baronin, der das Gespräch schon lange nicht angenehm war, weil es durch seinen
Gegenstand kein allgemeines Interesse gewinnen konnte, schlug der Gesellschaft
einen Spaziergang vor, und man machte sich bereits auf den Weg, als Herr Aaron,
wie vor sich selbst redend, bemerkte, dass man dem Buch zu viel getan habe, da
es doch wirklich mehrere glückliche Momente und eine grosse Pracht und Reichtum
der Phantasie entalte. Ich lasse mich hängen, flüsterte Carl Luisen zu, wenn
das alles nicht eine abgeredete Karte ist; der Jude steckt mit dem Buchhändler
unter einer Decke und hat den Andren zugeredet, das närrische Zeug anzugreifen,
damit man neugierig werden und es lesen möchte. Carl, sagte Luise sehr
ernstaft, Ihr Vorurteil macht Sie boshaft. Nehmen Sie sich in Acht, Ihre
Gutmütigkeit läuft Gefahr, von einem hässlichen Gifte befleckt zu werden.
Emilie, die herzu gekommen war, drückte ihr die Hand und sagte (einen strafenden
Blick auf Carl), wie ist es möglich, dass Sie Herrn von Stein fähig halten - O
ich weiss, ich weiss, unterbrach sie jener, Reinhold nicht beachtend, der ihn in
dem Augenblick gutmütig umfasste und durch einige freundliche Worte beschämt in
sich selbst zurückdrängte. Trauen Sie dem wilden Jäger nicht, er geht auf eine
gefährliche Jagd aus, lispelte Werner im Vorübergehen. Gefährliche Jagd?
wiederholte Carl; was soll das heissen. Gott weiss, sagte Reinhold, aus dem wird
niemand klug; aber lassen Sie ihn nur, er meint es nicht böse.
    Luise dachte anders, sie konnte sich einer innern Scheu nicht erwehren, die
ihr Werners höhnende Ruhe aufdrang. Uebrigens gefiel sie sich ganz wohl in dem
gemischten Kreise und beantwortete Emiliens vertrauliche Liebkosungen, wie der
Baronin feines Zuvorkommen, mit dankbar frohem Herzen. Bei einer grossen
Empfänglichkeit für fremde Eindrücke, ward es ihr leicht, den herrschenden Ton
der Gesellschaft aufzufassen, wodurch sie, zu ähnlich freier Mitteilung
angeregt, sehr bald vorteilhaft ausgezeichnet wurde. Der kleine Triumph entging
ihr nicht, so wenig wie Augustens Empfindlichkeit darüber, die sich verstimmt
zurückzog, indes die unbefangne Emilie nur noch liebreicher und heitrer wurde.
Gewohnt, Huldigungen zu empfangen, war diese niemals bemüht, irgend eine
Aufmerksamkeit gewaltsam an sich zu reissen, sondern alles gehen zu lassen wie es
gehen wollte und konnte, weshalb sie auch das Wohlwollen der Männer, bei ganz
veränderter Beziehung des Gefühls, immer rein erhielt.
    Ein kleiner Regen trieb die Gesellschaft in die Zimmer zurück. Emilie
verbarg sich unter Luisens Shawl, und, indem sie sich Beide umschlangen, rannten
sie schnell dem Hause zu. Der weiche indische Stoff, der sich um die schlanke
Gestalten schmiegte, bildete eine Gruppe, die von allen Herren unter lautem
Beifallruf bewundert wurde. Nun nur schnell Musik! rief Auguste im Hereintreten,
durch jenes Lob verletzt, die Worte tödten uns sonst heute in der ängstlichen
Stubenluft; Herr von Stein, Sie versagen mir es nicht! Reinhold, immer bereit,
Andren Freude zu machen, trat zum Clavier; Werner stellte sich zu Augusten, und,
während er die Gruppe von vorhin in farbigem Papier sehr geschickt ausschnitt,
lockte er ihr unter künstlichen Wendungen die Ursach ihrer trüben Laune ab. Die
andern hörten indes auf folgendes Lied:
Ein weiches Herz im Busen,
Ein krieg'risch glüh'nder Sinn,
Manch holder Wink der Musen,
Das ward mir zum Gewinn.
Und früh besonnte Bahnen,
Sie schlossen mir sich auf;
Beifällig sah'n die Ahnen
Auf ihres Enkels Lauf.
Wie schnell, wie hart geendet!
Wie nah' der Freude Grab!
Vom weichen Herzen wendet
Die kluge Welt sich ab.
Die ehmals tapfre Klinge
Bljetzt matt in Trümmern auf,
Und wenn ich Lieder singe,
Wer hört in Liebe drauf? -
Zwar edle Kränze rauschen
Fernher zu meinem Preis;
Die möcht' ich gerne tauschen
Um ein demüt'ges Reis.
Um's Reis der süssen Minne,
Das welkend mir verblich.
Umsonst! Im stillen Sinne
Verzehrt mein Sehnen mich. - -
Emilie reichte mit ihrer gewohnten Gutmütigkeit, Reinhold, nachdem er geendet,
die Hand, und liess ganz rücksichtslos die Rührung blicken, welche jene Worte in
ihr erregten. So viel Teilnahme überraschte ihn. Er drückte die schönen Finger
an seine Lippen, während er, über ihren Stuhl gelehnt, einen langen, fragenden
Blick auf sie richtete. Luisens Herz klopfte unwillkürlich. Eine seltsam dunkle
Ahndung stieg in ihr auf, ihr Atem stockte, helle Tränen drangen aus ihren
Augen; da unterbrach Werner die augenblickliche Stille mit einem lauten
Gelächter und zeigte auf den Professor, der in einer Ecke des Sophas in guter
Ruhe schlief. Geschwind, Herr Professor, rief Auguste, geschwind eine Vorlesung
über die Trägheit der Menschen. Der kleine Mann rieb sich die Augen, sprang mit
einem Satze auf, als treibe ihn angeborne Schnellkraft, während er sich mit
zusammengebissnen Zähnen die Sporen gab, setzte sich mitten ins Zimmer und hub
dann mit einer Stimme, die noch heiser vom Schlafe war, folgendermassen an.
    »Keine Gefahr steht dem Menschen näher, als zu jener trägen Dumpfheit
herabzusinken, die, indem sie die Regsamkeit der Sinne hemmt, oder doch nur
einseitig und mechanisch übt, den innern Reichtum der Gefühle einengt, den
Blick verdunkelt und den Geist mit bleiernen Gewichten zu dem kurzgesteckten
Ziele hinabdrängt.«
    Alle lachten, denn seine Augen schienen noch jetzt von diesen bleiernen
Gewichten herabgezogen. Der Engländer aber meinte, es gehe ihm wie den
Somnambülen, die im Schlafe das Beste zu Tage fördern; denn, setzte er hinzu, im
Grunde hat er doch eine Saite angeschlagen, die jeden mehr oder weniger trifft.
Wahr ist es am Ende, dass wir alle nach und nach von der innern Regsamkeit
verlieren, und dass selbst das wackerste, mit Lust und Liebe unternommne Geschäft
den Mehrsten unter den Händen zum abschmeckenden Einerlei wird. Das müde Auge
heftet sich dann auf irgend einen befreundeten Gegenstand, und starrt ihn so
lange gedankenlos an, bis es gar nichts mehr sieht und alle Dinge in einem
trüben Dämmerlichte vor ihm hinziehn.
    Der Professor ward von einem kleinen Froste überfallen, den ein
unterbrochner Schlaf allemal zurücklässt; er schüttelte sich gähnend und sagte
dann, um die an ihn gerichtete Rede einigermassen zu beantworten: was sich nicht
unaufhörlich aus sich selbst erzeugt, das gehört einer fremden Gewalt an, die
mit tausend Händen nach uns greift und uns ohne Leben und Bewegung in ihren
Banden gefesselt hält. Viele schmachten, sich selbst unbewusst, in diesem
Zustande, indes Andre den innren Funken im eignen Dunstkreis ersticken und sich
überreden, Eines sei wie das Andre und das Nächste das Beste. Eines ist wie das
Andre, sagte Werner kalt; der Rangstreit, dächte ich, wäre lange abgemacht.
Freilich, erwiederte der Professor, durch diesen Widerspruch schnell aufgeregt,
freilich alles ist schön und herrlich, wie es der wache Sinn erkannt und geprüft
in sich trägt, aber das innre Licht soll in tausend Blitzen durch den festen
Kern glühen und ihn überstralen, dass man es inne werde, welch ein Geist hier
waltet. In der Liebe, sagte Reinhold, Emiliens Hand, die er noch immer in der
seinigen hielt, sanft drückend, wird das jedem anschaulich. Alles ist ihr
Zeichen, Hindeutung überschwenglicher Fülle; unter ihrer Berührung erweitert
sich das beschränkteste Dasein und ruft Kräfte hervor, die sonst wohl ewig
schliefen. Bei den Mehrsten, fiel der Engländer ein, währt dieser Zustand des
innern Wachens nur nicht lange. Sie sinken sogleich in den vorigen Traum von
Leben und Tätigkeit zurück und blicken höchst vornehm auf die wenigen lichten
Punkte ihrer dunklen Wirksamkeit. Wer es nicht scheut, fuhr er fort, in sich
selbst zurückzugehn, wird über die kunstreichen Wiegenlieder erstaunen, mit
denen man sich selbst in träge Ruhe singt. Das ist es aber eben, erwiederte der
Professor, was fast ein jeder scheut. Das Denken ist dem ungeübten Denker
wirklich eine Last. Wie sich die dunkle Flut von Ahndungen, Begriffen,
Empfindungen und Ideen regt, reisst sie das blöde Auge mit sich fort, bis es sich
angstvoll verschliesst und nur den gewohnten Kreisen eröffnet. Ohne gewaltsamen
äussren Stoss wiederholt selten jemand ähnliche Versuche, bis die innre
Beweglichkeit immer mehr stockt und der Geist zuletzt nur noch bang an die enge
Klause anpocht und sich durch ein gespenstisches Rauschen verkündet. Das gilt
doch nur von einzelnen Augenblicken, sagte Reinhold, in andren regt sich in
eines jeden Brust irgend ein Laut, der sein innerstes Wesen kund gibt. Bei dem
Tode eines geliebten Freundes, oder beim Erwachen der Natur durchzieht ihn ein
wehmütiger Ruf, den er versteht, wie man Gott fühlt und empfindet, ohne
eigentliche Worte für dies Gefühl zu haben.
    Werner, dem jene Rührung in Luisens Seele nicht entgangen war, hatte sich
indes zu ihr gestellt und fragte sie um ihre Meinung über den eben behandelten
Gegenstand. Sie dachte an ihre Mutter und die Bibel, und sagte mit bewegter
Stimme, dass, wenn den Frauen auch das eigentlich künstliche Denken fremd sei,
sie dennoch in Religion und Liebe eine stete innre Anregung fänden, der sie sich
nur überlassen dürften, um vor der gefürchteten Dumpfheit sicher zu sein! -
Indem trat der Baron mit einem jungen Mann in das Zimmer, den er der
Gesellschaft als Künstler und Freund des Hauses vorstellte, welcher, nach
geendigten Reisen, in seine Heimat zurückkehre. Es war der Sohn des Pfarrers
aus dem Dorfe, von dem Baron früh hervorgezogen, und, bei der Entdeckung eines
aufblühenden Talents, auf alle Weise begünstigt. Emilie begrüsste ihn herzlich
und machte ihn sogleich mit allen Anwesenden bekannt. Der junge Mann hörte nicht
sobald, dass sich der Graf Falkenstein hier befinde, als er aus seiner
Brieftasche ein Schreiben hervorzog, welches er Julius sogleich einhändigte. Von
Fernando! rief dieser, angenehm bei dem Anblick der Schriftzüge überrascht. Wo
verliessen sie ihn? In Wien, erwiederte der Maler, wohin wir von Venedig mit
einander reisten. Dort, setzte er lächelnd hinzu, wird er nun wohl so lange
bleiben, als ihn seine Grillen fesseln.
    Julius hatte indes das Siegel erbrochen und stellte sich hinter Luisens
Stuhl, so dass Beide folgende Worte lasen.
    »Du weissst, lieber Julius, ich liebe die Coltsequenz im Leben. Du hast
geheiratet, und das ist weise; ich durchziehe die Welt, und das ist ebenfalls
weise. Jetzt bin ich hier, die deutsche Häuslichkeit zu bewundern, von der ihr
selbst viel Aufhebens und einige schlechte Schauspiele gemacht habt. Dass ich
nächstens nach Deinem Hexensteine komme, begreifst Du wohl; der Himmel bewahre
mich dort nur vor Bezaubrung.«
    Luise entfärbte sich etwas, und sagte, ohne das Ende des Briefes abzuwarten,
sie wünsche, dass er in Wien bleibe, da sie auf seine Bekanntschaft weiter nicht
begierig sei. Julius fragte indes den Maler, indem er den Brief zusammenfaltete,
was Fernando abgehalten habe, ihn sogleich zu begleiten. Eine Begebenheit seiner
Art, erwiederte dieser. Die Blicke der Gesellschaft richteten sich bei dem
Worte, das immer etwas Ungewöhnliches erwarten lässt, auf den jungen Mann, und
schienen eine nähere Erklärung zu verlangen. Er fuhr auch sogleich fort: Es war
wenig Tage vor meiner Abreise, als wir bei dem Herausgehn aus dem Schauspiel
einen Knaben begegneten, welcher auf seiner schnarrenden Leier unaufhörlich
dasselbe Lied spielte und die Vorübergehenden so um Almosen ansprach. Fernando
warf ihm ein Stück Geld hin und bat ihn, zu schweigen; allein der Knabe folgte
uns durch eine lange Strasse, immer dasselbe leiernd. Fernandos Ohr ward aufs
äusserste verletzt; er wandte sich ungeduldig, um den Knaben zu fassen, der
angstvoll vor ihm hinrannte - indem öffnete sich die Tür eines ansehnlichen
Hauses, an welchem beide streiften; der Knabe drängte sich hinein und riss
Fernando in seinem Grimme nach. Gleich darauf fiel die Türe wieder zu, die
Leier ertönte einen Augenblick, dann ward alles still, der Knabe trat allein
heraus und ging frisch und fröhlich an mir vorüber. Ich war noch voll
Verwundrung über den seltsamen Zufall, als ich einen Mann in einem dunklen
Mantel auf das Haus zueilen sah. Ich zog mich sogleich hinter einen
hervorspringenden Pfeiler zurück, und bemerkte dass der Unbekannte an dem
Schloss drehte, dann unmutig mit dem Fusse stampfte und sich auf der andern
Seite der Tür hinter einem ähnlichen Pfeiler verbarg. Wir mochten beide
ohngefähr eine halbe Stunde auf diese Weise gestanden haben, als mir, bei einer
unvorsichtigen Bewegung, der Stock aus der Hand fiel und mit ziemlichem Geräusch
auf den Steinen hinrollte. Mein ungekannter Feind bog sich, auf den nahen Lärm,
sogleich hervor, und da er mich in einer peinlich-lauernden Stellung wahrnahm,
sprang er ungestüm auf mich zu und fragte keck nach der Ursach meines Dortseins.
Ich war nicht in der Stimmung, ihm auf eine geschickte Weise auszuweichen, noch
weniger Rechenschaft von meinem Tun und Lassen abzulegen, daher antwortete ich
eben so heftig, ohne eigentlich zu antworten. Das Gespräch erhitzte sich immer
mehr und riss uns vom Gegenstand desselben zu persönlichen Beleidigungen fort.
Während der Zeit war Fernando unbemerkt aus der Türe geschlüpft. Von dem, was
ihm eben begegnet war, konnte er sehr leicht auf die Veranlassung unsers
Wortwechsels schliessen. Er trat daher zu uns, und nachdem er sich für meinen
Reisegefährten und uns beide für Fremdlinge in dieser Stadt erklärt hatte,
bewies er dem armen Betrognen, dass wir uns bei verschiednen, von einander
abweichenden, Geschäften in dieser Gegend dies ausgezeichnete Haus, zum
Wahrzeichen gemeinschaftlichen Zusammentreffens, ausersehen hätten. - Eine Flut
von Worten und feinen Wendungen drückte jeden Zweifel in unserm Gegner nieder,
der sich am Ende beschämt und reuig zurückzog. Kaum waren wir allein, so riss
mich Fernando, unter tollem Lachen, nach einem nahgelegnen Kaffeehause. Hier
machte er endlich seinem Herzen Luft, und, während er seine eigne kleine
Geschichte als eine fremde Begebenheit erzählte, zog er die Aufmerksamkeit
mehrerer Anwesenden auf sich. Der Zusammenhang war übrigens nicht schwer zu
erraten. Die Leier hatte das Ende des Schauspiels und den Augenblick einer
verabredeten Zusammenkunft anzeigen sollen. Fernandos Ungeduld verwirrte alles,
indem er den Knaben mit Gewalt zu seinem Ziele drängte. Bei Annäherung der Töne
sprang die Türe auf, Fernando fuhr hinein, eine weiche kleine Hand drückte sich
schmeichelnd auf seine Lippen und zwang ihn, zu schweigen. Er stand einen
Augenblick unschlüssig; allein als dieselbe kleine Hand ihn ungeduldig fortzog,
folgte er in der Dunkelheit durch mehrere Zimmer, bis ihn seine Führerin am
Eingang eines schwach erleuchteten Vorsaals verliess. Alles war hier still,
nichts regte sich, er blickte neugierig umher und sah endlich durch einen
gegenüber hangenden Spiegel eine zierliche Gestalt, die sich, fast schwebend,
auf den Zehen, in der Tür eines anstossenden Cabinets hielt und ihm winkte, sich
zu nähern. Er tat, wie man ihm gebot. Ein lauter Schrei empfing ihn, den er
indes, wie er lächelnd hinzusetzte, bald zu unterdrücken und die arme Kleine
überall zu trösten verstand. Fernando gefiel sich so wohl in diesem Abenteuer,
dass er auch noch das Ende desselben und das Zusammentreffen mit dem wahren
Geliebten wiederholte, worüber ein kleiner, sehr weiss gepuderter Herr, der ein
besondres Behagen an der Geschichte fand, fast vor Lachen sticken wollte. Er
konnte sich gar nicht wieder von Fernando losreissen und nötigte uns beim
Weggehn, den Abend bei ihm zuzubringen. Wir willigten ein, und er führte uns zu
unserm Erstaunen in dasselbe Haus, das nun einmal der Schauplatz der
lächerlichsten Begebenheiten bleiben sollte. Wir traten endlich in das bekannte
Cabinet, wo uns der Herr Rat mit vieler Artigkeit seiner halbtodt erschrockenen
Gemahlin vorstellte. Fernandos geschickte Haltung beugte indes jeder
Unvorsichtigkeit vor und erhielt uns den Abend in der besten Laune. Er hat nun
einmal Zutritt bei der Familie und reisst sich vielleicht nicht so schnell wieder
los, da ihn alles, was von der hergebrachten Weise abweicht, fesselt.
    Luise war aufgestanden und redete mit der Baronin sehr eifrig über eine vor
ihr liegende Handarbeit, die nach französischem Dessein gemacht war, Werner aber
hörte nicht auf, von Fernando zu reden, und warnte Emilien vor seiner
Bekanntschaft. Nach dem, was wir eben gehört, fiel Luise schnell ein, setzen Sie
den Geist wie das Zartgefühl des Fräuleins durch solche Warnung sehr herab, da
sie gewiss etwas Edleres zu würdigen versteht. Werner zuckte spöttisch mit der
Oberlippe, und meinte, sie gerade lasse dem Fräulein keine Gerechtigkeit
wiederfahren, da es ihren Reizen wohl gegeben sei, solchen Unbeständigen zu
fesseln. Nach der Annahme des Aristophanes beim Platon, fuhr er fort, der ich
nun einmal zugetan bin, waren die Korper ursprünglich sphärisch geformt und
beschrieben ungestört ihre Bahnen. Nach dem Fall der ganzen Welt wurden sie
mitten von einander geteilt und laufen irrend umher, bis ein jedes seine Hälfte
findet. Wer sagt uns nun, dass Fräulein Emilie nicht die Hälfte ist, welche der
interessante Fremde unter tausend vergeblichen Bemühungen aufzusuchen strebt? -
Emilie lachte. Wer ist denn eigentlich dieser Fernando? fragte die Baronin. Ein
in der Tat sehr liebenswürdiger Mann, erwiederte Julius, von den seltensten
Anlagen, aus guter Familie und von einem Vermögen, das ihm eine unabhängige
Existenz sichert. - Hm - sagte die Baronin beifällig. - Carl aber fragte
schnell, ob er auch ein Dichter oder sonst so etwas sei. Mein Gott! rief Emilie,
und zuckte die kleinen, beweglichen Schultern, lassen Sie ihn doch sein was er
will; es ist ja noch die Frage, ob wir ihn jemals sehen, er gefällt sich so gut
in Wien. Alle lachten über ihre naive Ungeduld. Luise blieb indes unruhig und
verbarg es sich auch weiter nicht, dass sie eine Scheu vor Fernandos Ankunft
habe, die sie hinderte, an der Heiterkeit der Gesellschaft Teil zu nehmen,
weshalb sie des andern Tages auch gern ihre Rückreise antrat und sich von den
neuen Bekannten, in der Erwartung, sie nächstens auf dem Falkenstein zu sehen,
ohne sonderlichen Kummer trennte.
    Sie fuhren durch ein trübes, feuchtes Wetter hin. Der graue Nebel lag schwer
auf Luisens Seele. Sie sprach wenig; auch Julius war einsilbig. So trat sie,
beklommen, mit einer ängstigenden Leere im Innren, in ihre Zimmer. Julius ging
seinen Geschäften nach; sie blieb allein, ohne ein lebendiges Wesen, ausser die
bewegliche Flamme im Kamine, um sich zu haben. Gedankenvoll trat sie an das
Feuer, und warf einzelne Blumen, die sie aus einer nahstehenden Vase zog,
hinein. Da hörte sie einen Postillon blasen; ein Wagen rollte in den Hof, hielt
vor der Tür. Sie fühlte im Augenblick, wer es sei, und blieb unbeweglich, den
Kopf zwischen beiden Händen auf dem Kamin gestützt, in dunklen Ahndungen
verloren. Julius trat mit einem jungen, schönen Mann herein, welcher sie auf den
ersten Blick Fernando erkennen liess.
 
                                  Drittes Buch
In einem Gemisch von Bangigkeit und Ueberraschung begrüsste Luise ihren Gast,
mehr kalt als würdig; er hingegen mass sie mit einem seltsam lächelnden Blick,
der sich gleich darauf unter den schönsten Wimpern senkte, und dem beweglichen
Mienenspiel einen Anflug von bescheidner Zurückhaltung gab. Julius Augen ruheten
forschend auf Luisen. Er fürchtete jedes störende Gefühl in ihrer Seele und eben
deshalb ihr Missfallen über Fernandos Ankunft. Allein sie verbarg alles was in
ihr vorging unter einer scheinbaren Gleichgültigkeit, und beschäftigte sich
angelegentlich bei dem Teetisch, den man vor den Kamin gestellt hatte. Fernando
setzte sich ihr gegenüber; die Unterhaltung blieb einsilbig. Julius fühlte wohl,
dass sein gewandter Freund leise auftrat, um erst den herrschenden Geist seiner
Umgebungen aufzufassen; er suchte ihn daher durch die Frage: was ihn so schnell
zu einer Reise nach Deutschland bewogen habe? mehr auf sich selbst zurück, und
zugleich einen Gegenstand herbeizuführen, über welchen beide öfter schon mit
vieler Laune gestritten hatten. Sonst, fuhr er fort, lag Dir solch ein Gedanke
sehr fern; Berlin und Novazembla stellten sich Dir ziemlich unter einem Bilde
dar. Du hast unmöglich, erwiederte Fernando ernstaft und mit weicher Stimme, Du
kannst keinen Begriff von einem Gemüt haben, was ewig zu suchen und nie zu
finden verdammt ist. Luise sah ihn zum erstenmal genauer an. Er hatte sich etwas
vorgebeugt, so dass die Flamme aus dem Kamin einen hellen Schein auf sein Gesicht
warf und den Glanz seiner Augen erhöhte. Mich, fuhr er fort, schleudert das
Schicksal vielleicht noch durch ganz Europa, indes Dich das schönste Glück
gefesselt hält. Ein Loos wie das Deinige könnte mich auf ewig mit mir selbst
entzweien, da ohnehin die Täuschungen der Jugend immer schneller und gedrängter
an mir vorübergehn! Seit Wien -? fragte Julius lächelnd. O mein Gott! rief
jener, aufspringend, solche Erinnerungen können wohl niemand bis hieher
begleiten, am wenigsten finden sie in diesem Zimmer Raum. Luise blickte
unwillkührlich auf. Dasselbe zweideutige Lächeln schwebte um seinen
halbgeöffneten Mund und wandte sie schnell wieder von ihm ab. Ueberall, fuhr er
fort, sie scharf ins Auge fassend, möchte ich die Vergangenheit unberührt
lassen, sie passt nicht zur Gegenwart, und ich will in dieser gern ganz und
ungeteilt leben.
    Luisens Verlegenheit ward jetzt noch vermehrt, da man Julius abrief und sie
nun allein mit dem gefürchteten Fremden blieb. Es fiel ihr schwer aufs Herz, dass
solche Augenblicke oft wiederkehren und sie der peinlichsten Unruhe aussetzen
würden. Sie beschloss daher bei sich, noch diesen Abend die Baronin dringend zu
einem Gegenbesuch einzuladen, und die dortige bunte Welt um sich zu versammeln.
Fernando weidete sich schweigend an der Verwirrung, die über ihr ganzes Wesen
ausgegossen war. Er sah wohl, dass sie auf eine gleichgültige Anrede sann, die
das Gespräch anknüpfen sollte; er wusste eben so wohl, dass es ihm ein kleines
Wort kostete, um dieses in den Gang zu bringen; allein er sah ruhig zu, wie sie
die Tassen hin und her rückte, übermässig Zucker hineinschüttete, für weit mehr
Menschen Tee eingoss, als ihr kleiner Cirkel in sich fasste und endlich höchst
trocken fragte: ob er den deutschen Maler schon lange kenne, da er ihn sich zum
Reisegefährten gewählt habe? Ich kenne, erwiederte Fernando, die Menschen
entweder gar nicht, oder sehr lange. Sie gehn unbemerkt neben mir hin, oder ein
unwiderstehlicher Zug reisst mich ihnen nach; dann schliesst sich meine ganze
Seele auf, und strömt wie eine Feuerflut in die ihrige über, so dass ich sie
plötzlich durchdringe und kenne. - Er hatte sich Luisen genähert und fasste ihre
Hand, die spielend das siedende Wasser in den Teetopf tröpfeln liess. Ich bitte
Sie, fuhr er fort, schöne Gräfin, vergessen Sie es nicht, dass ich ein Fremdling
in ihrem Norden bin, messen Sie mich nicht mit dem gewohnten Massstab Ihrer
einmal angenommenen Weise. Die deutschen Frauen, sagt man, sind sehr ernst und
an einen ruhigen, besonnenen Umgang gewöhnt; übersehen Sie daher die Funken, die
bei der leisesten Berührung aus diesem glühenden Innern sprühen, und denken Sie
darum nicht nachteiliger von mir als - Julius trat herein. Ich habe, fuhr er
fort, diesem die andre Hand reichend, nur kurze Zeit in einem Familienkreis
verlebt und wenige Erinnrungen aus meiner Kindheit von so friedlichen
Augenblicken gerettet; allein sie wollen hier wieder erwachen, und ich bitte
zwei gute Menschen, mich auf eine Zeitlang in ihre Mitte aufzunehmen. Julius
umarmte ihn gerührt; Luise sagte mit unsichrer Stimme; sie wünsche, dass er sich
in den einförmigen Umgebungen gefallen könne, und eilte dann in ihr Cabinet,
folgende Zeilen an Emilien zu schreiben.
    »Sie ahnden schwerlich, dass ich Ihnen aufs neue den Nahmen jenes
berüchtigten Fremden nennen, und Sie von dessen plötzlicher Erscheinung benach
richtigen will. Er ist wirklich hier, und was noch mehr ist, gesonnen, lange
hier zu bleiben. Sein Anblick hat den Eindruck nicht verwischen können, den sein
früher aufgefasstes Bild in mir zurück liess. Ich weiss es nicht, warum mir alles,
auch das Einfachste in ihm, zweideutig und falsch erscheint; allein in dieser
Stimmung muss ich befangen und wir alle drei müssen in einem gespannten
Verhältnis bleiben. Vielleicht wirkt er auf Andre günstiger, vielleicht sehe ich
auch hier in meiner Einsamkeit zu ängstlich auf ihn und lasse mich von
Kleinigkeiten stören, die sonst wohl unbemerkt hingingen. Ich wage es daher,
liebe Emilie, Ihre Mutter an die Erfüllung ihres Versprechens zu erinnern, und
erwarte Sie mit allen Ihren Gästen in diesen Tagen auf dem Falkenstein. Sagen
Sie ihr, dass ich, an die Leitung der besten Mutter gewöhnt, ihrer feinen
Gewandteit und Weltkenntnis bedürfe, um eine schickliche Haltung zu gewinnen,
und dass ich sie dringend bitte, mir den Beistand nicht zu versagen, den sie mir
so mütterlich zugesichert habe.
    Leben Sie wohl, beste Emilie. Empfehlen Sie mich Ihrer gelehrten Welt und
dem guten Carl, wenn er noch bei Ihnen ist. Vergessen Sie auch nicht, den Maler
mitzubringen, der Fernando vielleicht am besten unter uns allen kennt.«
    Als Luise siegelte, hörte sie im Hofe ein italienisches Lied singen;
gleichwohl war Julius mit seinem Freunde im Nebenzimmer. Francesca - dachte sie,
und sprang zum Fenster. Ein finstres, ältliches Gesicht sah ihr zwischen zwei
Mantelsäcken entgegen, die Fernandos Bedienter auf beiden Schultern geladen, dem
Hause singend entgegen trug. Sie holte tief Atem. - Warum auch nicht? fragte
sie beschämt. Warum? - wiederholte sie heftig - welche Unschicklichkeit! wenn er
hier - - Sie mochte den Gedanken nicht festalten, und eilte zu ihrem kleinen
Geschäft zurück. Julius unterbrach sie auf's neue, indem er sie freundlich
erinnerte, Fernando nicht so geflissentlich zu meiden, was ihn notwendig
verletzen müsse. Sie machte ihn darauf mit ihrem Vorhaben bekannt, mehrere
Menschen um ihren Gast zu versammeln, der ohnehin wohl die deutsche Häuslichkeit
sehr todt finden werde. Julius war es gern zufrieden, worauf sie beide in den
Saal zurückgingen.
    Fernandos lebendiger Sinn durchbrach sehr bald die Schranken überlegter
Zurückhaltung, die er sich für den Augenblick selbst gezogen hatte. Er konnte
den gewohnten Gang der Unterhaltung, den ruhigen Strom der Worte, die in
gegenseitiger Mitteilung still hinfliessen, und in ihrem Lauf Gedanken und
Gefühle allmählig entwickeln; er konnte das nicht ertragen, ohne wie ein
ungeduldiges Kind einen Stein hinein zu werfen, dass die Wellen kreisend über
einander schlugen und sich alles verwirrte. Ueberdem wusste er, dass solch
plötzliches Unterbrechen, solch gewagter Wurf oft die klarsten Gemüter befängt,
und man bei kühnem Vordringen leicht den Platz einnimmt, den man behaupten will.
Er liess sich daher von seiner Phantasie ungestört forttragen, und bemerkte nicht
ohne innre Lust Luisens Kampf, mit dem sie gegen das Feuer seiner Unterhaltung
anstritt, um sich vor sich selbst in ihrer angenommenen Kälte zu behaupten.
    Als sie am folgenden Abend bei dem Wasserfall nicht weit vom Schloss sassen
und sich alle Drei unwillkührlich in das stille Rauschen verloren, ohne die
innren Gefühle laut werden zu lassen, sagte Julius endlich: Du hast uns immer
noch so wenig von Deinem eignen Leben erzählt, lieber Fernando, und dennoch ist
es sicher reich an merkwürdigen Begebenheiten. Mein Leben? erwiederte dieser,
wie aus sich selbst erwachend, das besteht aus Fragmenten, aus nichts als
Fragmenten! es hat sich mir so unter den Händen zerstückelt; ich finde seit
Kurzem selbst keinen Zusammenhang darin. Er sah auf Luisen, zu deren Füssen er
auf einem Stein sass, so dass ihr Kleid bei einer kleinen Bewegung seine Locken
streifte. Dies luftige Berühren ging wie ein elektrischer Funke durch sein
Innres; er bog sich noch mehr zurück und drückte einen leisen Kuss auf den
weichen Musselin. Fragmente? wiederholte Julius - Nun wenn sie rechter Art sind,
so entalten sie dennoch ein Ganzes. Gieb uns nur immer einige derselben zum
Besten. Seltsam! rief Fernando aus, dass jetzt, grade jetzt einer der
furchtbarsten Momente vor mich hintritt. Er war aufgesprungen, und heftete seine
Blicke, wie unwillkührlich angezogen, auf einen Fleck. Luisens Herz klopfte, sie
erwartete ängstlich, dass er das Schweigen breche. Du weissst, hub er endlich an,
sich zu Julius wendend, dass ich nach dem Tode meiner Eltern, die ich niemals
sah, in Neapel bei einer Verwandten erzogen und späterhin, in Begleitung eines
deutschen Gelehrten, auf Reisen geschickt ward. Du hast es so wenig als ich
verstanden, warum mich mein Mentor nicht nach seinem Vaterlande, sondern nach
Paris führte, womit ich übrigens ganz zufrieden war und mir dabei so wohl
gefiel, dass ich meiner Tante sehr missfiel und nur eilen musste, sie durch eine
baldige Rückkehr zu versöhnen. Die liebe, gütige Frau herrschte mit einer so
unwiderstehlich sanften Gewalt über mich, dass ich den Gedanken ihres Unwillens
nie ertragen konnte, und es jedesmal herzlich bereute, sie gekränkt zu haben.
Meine Bereitwilligkeit, zu ihr zurückzukehren, entzückte sie; jede Spur des
Unwillens war bei meiner Ankunft verwischt. Sie betrachtete mich mit rührendem
Wohlwollen und führte mich durch tausend teilnehmende Fragen so leicht und
gefällig in den Kreis meiner verlassenen Freuden zurück, dass ich sie noch einmal
an ihrer Seite heraufführte und mit froherm Sinn genoss. So schwatzten wir die
ersten Abende bis tief in die Nacht hinein. An einem derselben, als sie gefällig
auf jedes kleine Abenteuer hörte, ward noch ganz spät ein Fremder bei ihr
gemeldet, der ihr zugleich ein Blatt überschickte, auf welchem ich griechische
Schriftzüge wahrnahm. Sie überflog es schnell, schlug beide Hände in höchster
Bewegung zusammen, indem sie wiederholt ausrief: er lebt! - er lebt, Fernando,
um Gottes Willen! Ein ältlicher Mann, von hoher, etwas gebeugter, Gestalt trat
hier in das Zimmer. Er trug ein langes, graues Oberkleid, das mit einem
weisslichen Gürtel zusammengehalten war; sein gebleichtes Haar hing noch voll und
lockig über grosse tiefliegende Augen, die sich unverwandt auf mich hefteten. Es
war etwas Fremdes, Auffallendes, in dieser Erscheinung, was mich unwillkührlich
anzog. Die Markise schrie laut auf und riss mich zu dem Fremden, der uns Beide
fest umschlang, ohne ein Wort zu sagen, als fürchte er, aus einem glücklichen
Traum zu erwachen. Ich wusste nicht wie mir war, mein Herz klopfte ungestüm;
alles Geheimnisvolle war mir von je her ängstlich. Ich hätte gern das dumpfe
Schweigen durch eine dreiste Frage unterbrochen; allein ein Blick auf den
Fremden hielt mich gefangen. Meine Tante flüsterte zuerst einige Worte, wir
traten auseinander; die Beiden sprachen leise und heftig in einem Fenster, ich
ging wie auf glühenden Kohlen auf und nieder. Todt? - rief der Fremde plötzlich.
- Grosser Gott, ich wusste es, und dennoch -! Der klagende Ton ging mir durch die
Seele. Ich näherte mich ihm; er streckte mir beide Arme entgegen und weinte
heftig an meiner Brust. Morgen, lieber Fernando, sagte meine Tante, mich sanft
wegdrängend, morgen sollst Du - Heute lass uns - Ich ging zur Tür; ein leises
Wimmern riss mich noch einmal zurück. Der Fremde lag, das Gesicht mit beiden
Händen verdeckt, zusammengesunken in einem Stuhl und klagte in zerreissenden
Tönen. Die Markise winkte mir; ich ging still nach meinem Zimmer, ohne etwas
Deutliches zu denken, ohne mich selbst einem bestimmten Gefühl zu überlassen.
Die Luft ward mir hier zu enge; ich öffnete das Fenster und starrte in die
dunkle Nacht hinein. Morgen, dachte ich - Morgen! warum nicht jetzt, nicht
diesen Augenblick? Was soll die geheimnisvolle Weise, was will der bekümmerte
Alte? Ich hatte grosse Lust, die ganze Begebenheit zu verspotten und in einigen
lustigen Ausfällen die wehmütige Unruhe von mir zu werfen, die mir fremd und
drückend war; allein es ging nicht, meine Brust zog sich ängstlich zusammen, ich
fand nirgend Ruhe. Nach einer Weile hörte ich eine Tür öffnen, die aus dem
Cabinet meiner Tante in den Garten ging. Ich lehnte mich weit aus dem Fenster,
konnte indes in der Dunkelheit keinen Gegenstand unterscheiden. Ein leises
Rauschen, wie ferne menschliche Tritte, ging über den Rasen hin; dann ward alles
wieder still. Ich warf mich halb ärgerlich, halb erschöpft, aufs Bett, ohne
gleichwohl schlafen zu können. Nach einigen Stunden wiederholte sich dasselbe
Geräusch. Türen knarrten, Fusstritte gingen durch das Haus, alles leise, kaum
hörbar. Zu Anfang strengte ich meine Aufmerksamkeit an, etwas Wahres zu
unterscheiden; allein es war, als senke sich der Schlaf bleiern auf meine Augen;
ich widerstand nicht lange und schlief fest, als mich am Morgen ein furchtbares
Angstgeschrei erweckte. Mein erster Blick traf das versammelte Hausgesinde der
Markise, das voll Entsetzen zu mir hereinstürzte. Ich sprang wie betäubt unter
sie; verworrene, dunkle Worte, Tränen, lautes Jammern umfing mich von allen
Seiten und riss mich zu dem Cabinet meiner Tante. Nein, niemals, niemals wird
mich das Entsetzen jenes Augenblickes verlassen! - Er fasste Luisens beide Hände
und bedeckte sein Gesicht, auf welchem alle Schrecken jener Erinnrung lagen. Ich
fand sie todt - sagte er nach einem augenblicklichen Schweigen, mit stockender,
verhaltener Stimme, todt - ermordet, die schönen Hände gebunden, alle Zeichen
eines gewaltsamen Ueberfalls und der schändlichsten Beraubung ihrer
Kostbarkeiten um sie her. Der Fremde, der Fremde, tönte es wie aus einem Munde
von den Umstehenden. Ich weiss nicht, warum mich dieser Verdacht mehr als die
Tat empörte. In der höchsten Wut stritt ich dagegen, sank indes bald darauf
erschöpft und bewusstlos zu den Füssen meiner geliebten Freundin, von der man
mich, ohne ein Zeichen des Lebens, den Gefahren einer langen Krankheit
entgegenführte. Als ich endlich genas und die Erinnrungen des Vergangnen langsam
wieder hervortraten, sagten mir meine Freunde, jene grauenvolle Tat wiederhole
sich auf ähnliche Weise, fast jede Nacht, in den angesehensten Häusern Neapels.
Eine ängstigende Scheu liege auf den bleichen Gesichtern der Einwohner, die
still auf den Strassen hinschlichen, ohne Lust und Mut, einander anzureden.
Niemand traue dem geliebtesten Freunde, die Häuser blieben verschlossen, und
gleichwohl glaube man an eine unsichtbare Gewalt, die dem angstvoll Schlafenden
überfalle und das frischeste Leben schnell beende. Nötigen Vorkehrungen gemäss,
habe man auf blossen Verdacht hin, eine Menge Personen in Verhaft gezogen, ohne
gleichwohl irgend eine zuverlässige Spur aufzufinden. Ich dachte sogleich an den
Unbekannten, und mit einer Angst, die unbeschreiblich ist, forschte ich, ob er
sich unter den Beschuldigten befände. Allein niemand wusste etwas von ihm. Die
Leute im Hause meinten, er sei gar nicht sichtbar in der Stadt geworden, kein
Mensch wolle ihn gesehn haben. Ich ward wieder ruhiger, und liess in einer Art
von Dumpfheit, die wohl noch Folge meiner Krankheit war, alles um mich her
geschehen, ohne sonderlichen Anteil zu nehmen, als eines Tages die Haushälterin
der Markise im höchsten Unwillen zu mir hereintrat und mit Tränen sagte: das
Maass der Leiden dieser armen Stadt sei gefüllt, da auch die geprüfteste Unschuld
nicht mehr vor erniedrigendem Verdacht sicher sei. Sogar der arme Schuster, fuhr
sie fort, hier im Nebenhause, dessen stilles, heiliges Leben wohl manchem ein
Vorwurf sein mochte, ist diesen Morgen, da er sich zufällig mit mehrern seines
Gewerbes in der Herberge befand, aufgegriffen und eingezogen worden. Ich kannte
den Mann sehr wohl; er gehörte zu den Frommen Neapels, und war sowohl wegen
seines strengen, entaltsamen, Wandels berühmt, als wegen der erschütternden
Reden, die er öfters dem Volke auf den Strassen hielt. Er redete in wahrhafter
Verzückung mit einem Feuer und in so phantastischen Bildern, dass man
unwillkührlich hingerissen ward, weshalb er denn auch in den vornehmsten Häusern
Zutritt fand. Ich tröstete die bekümmerte Frau, der er wohl oft das Herz mochte
erweicht haben, mit der allgemeinen Achtung, die Antonio genoss, und versprach
ihr, mich noch persönlich wegen seiner Freilassung zu verwenden. Der Gang des
Rechts ist indes langsam, die Anhäufung der Klagen und Fürbitten war so gross,
die ganze Verhandlung so dunkel, dass es mir erst nach vierzehn Tagen gelang,
Antonio zu befreien. Seine Anhänger erwarteten ihn mit stürmischer Freude an den
Türen des Gefängnisses. Er trat mit ernster Ruhe unter sie, und duldete es
nicht, als man ihn im Triumph nach Hause führen wollte; indes geschahen mehrere
Tage hindurch förmliche Wallfahrten nach seiner dunklen, öden Wohnung, in der er
sich eingeschlossen hielt. Man nahm allgemeinen Anteil an dieser kleinen
Begebenheit, und ward eben so sehr allgemein bestürzt, als es verlauten wollte,
dass der Verdacht gegen den Schuster aufs neue erwache, da während der ganzen
Zeit seiner Gefangenschaft kein Mord geschehen, die blutige Tat indes an einem
der vornehmsten Richter in der Nacht nach Antonios Freilassung verübt sei. Ich,
wie Mehrere, erklärten dies für einen Zufall. Man ward dennoch aufmerksam,
beobachtete ihn, forschte nach seinem Tun und Treiben, ohne jedoch etwas zu
entdecken. Ein fremder Rechtsgelehrter hatte den Einfall, den Angeklagten mitten
in der Nacht überfallen, aus dem Bett reissen und vor das Gericht führen zu
lassen. Halb vom Schlaf befangen, aus den unruhigen Träumen eines bewegten
Gemütes in die fremde Wirklichkeit hinübergezogen, trat Antonio vor die ernste
Versammlung der Richter. Sein Gleichmut verliess ihn, er fand keinen Ausweg, und
bekannte, dass er seit zwei Monaten fast jede Nacht, allein, ohne eines Menschen
Wissen, in die Häuser der Reichen, deren geheime Zugänge er kenne, gedrungen,
sie ermordet und beraubt habe. Eine so ungewohnte Erscheinung veranlasste tausend
Nachforschungen, was diesen Frevel in ihm veranlasst habe. Er sagte darauf immer
dasselbe: vom Guten zum Bösen, wie von der Demut zum Übermut, führe oft nur
ein Schritt. Die Eitelkeit habe ihn in des Teufels Arme gelockt. Als er keine
Rettung sah, stiess er sich den Kopf an den Mauern seines Gefängnisses ein.
    Als Fernando hier endigte, die Eindrücke der Erzählung in eines Jeden Brust
hin und her wogten, und niemand ein beruhigendes Bild festalten und den innern
Aufruhr stillen konnte, bemerkte Julius ihnen gegenüber den Mönch, der, mit
verschränkten Armen an einem Baumstamme gelehnt, wohl schon lange dort in
stiller Beschauung mochte gestanden haben. Er ging ihm, wie gewöhnlich, mit
herzlicher Freude entgegen. Fernando achtete nicht viel darauf. Er war um Luisen
beschäftigt, die, heftig erschüttert, ihre Tränen nicht zurückhalten konnte.
Hätte ich früher, sagte er leise, einen Begriff von dieser zarten Regsamkeit
gehabt, wäre es mir überall gegeben, in Ihrer Nähe lange zu überlegen, glauben
Sie sicher, ich würde jene grauenvolle Erscheinung nie an Ihnen vorübergeführt
haben. Werden Sie mir verzeihen? fragte er schmeichelnd. Luise lächelte
freundlich unter ihren Tränen, und nickte wiederholt mit dem Kopfe, ohne ein
Wort sagen zu können. Werden Sie mich eben so wenig roh und ungeschickt nennen,
fuhr er fort, wenn ich die rührende Beweglichkeit ihres Sinnes nicht ganz
verstehe, und Sie frage, was Sie eigentlich so ungewohnt bewegt? Ich weiss es
nicht, erwiederte sie, sich fassend, ich weiss es durchaus nicht; allein mir ist,
als wären mir einige der erwähnten Personen nicht fremd, als ginge es mich mit
an. Als ginge es Sie mit an? unterbrach sie Fernando, ihre Worte falsch deutend;
Luise - Sie stand auf und wandte sich zu Julius, der mit dem Mönch auf sie
zutrat. Guten Abend, lieber Vater! rief sie dem Letztren zu. Dieser blieb einen
Augenblick in sich versunken, dann sagte er mit bewegter Stimme: der Herr segne
und behüte Euch! und schlug einen andren Weg zum Kloster ein.
    Was war das, rief Fernando! seltsam! wie sich heute alles in mir verwirrt! -
    Sie traten Alle jetzt den Rückweg zum Schloss an, und trennten sich dann
alle drei in eignen Vorstellungen befangen.
    Luise warf sich geängstet in ihrem Bett hin und her, ohne einen Augenblick
Ruhe zu finden. Die Scheu gegen Fernando, und das Misstrauen, das ihr früher sein
Lächeln eingeflösst, kämpften peinlich mit Wohlwollen und Bewundrung. Umsonst
suchte sie ihre gestrige Stimmung hervorzurufen, umsonst blieb sie bei jeder
zweideutigen Aeussrung stehn, umsonst drängte sie sein Bild von sich weg, es rang
sich tief aus der gepressten Brust herauf, und riss sie in einen Wirbel
widersprechender Gefühle fort. Die Nacht dehnte sich in ewig langen Stunden hin,
in denen der unsichre Blick, durch nichts Aeussres angezogen, hin und her
schweifte, und, wie in Fieberträumen, immer nur das Gefürchtete sah. Am Morgen
endlich raffte sie sich aus dem Taumel empor. Mit den ersten Lichtstralen ward
es klarer in ihrer Seele, die bangen Vorstellungen wichen immer weiter und
weiter zurück. Der junge Tag sah ihr wie ein neues Leben frisch und freudig
entgegen. Lieber Gott, sagte sie bewegt, gieb mir einen stillen Sinn, deinen
Frieden rein in meiner Brust zu bewahren. So sah sie, wohl noch etwas
schwankend, aber doch mit offner empfänglicher Seele ins Freie, als man ihr
folgenden Brief der Baronin überbrachte.
    »Erlauben Sie, meine junge Freundin, dass ich Ihre gütige Zeilen in Emiliens
Nahmen beantworte. Vieles darin ist ohnehin an mich gerichtet, und ich will
sogleich von dem Vorrechte Gebrauch machen, welches Sie mir, mit der
liebenswürdigsten Hingebung, einräumen. Man beschuldigt jeden, dessen
Wirksamkeit beschränkt ist, und vorzüglich Frauen in meinen Jahren, dass sie gern
Rollen in fremden Angelegenheiten übernehmen, und sich sehr wichtig auf dem
Platze erscheinen, den ihnen Alter und Erfahrung ganz natürlich anweisen. Die
Eitelkeit schleicht sich wohl oft unbemerkt in unsre Herzen, und wirft einen
vornehmen Schein über nichtswürdige Motive; dennoch kann ich hier wohl mit
Wahrheit versichern, dass mich die allerherzlichste Teilnahme an Ihnen zu der
freien Mitteilung meiner Gesinnungen zwingt, zur der Sie mich gewissermassen
auffordern.
    Ich kann es Ihnen nicht verhehlen, Ihr Brief hat mich erschreckt. Es ist ein
gewisses unsichres Herumfassen nach fremder Hülfe darin sichtbar, eine Angst vor
sich selbst, die sich unter unnatürlichem Hass gegen einen Unbekannten verbirgt.
Was reizt Sie zu dieser Heftigkeit, die Sie in sich selbst irre macht? Glauben
Sie mir, es ist den Frauen selten etwas gefährlicher, als einem ausschliessenden
Gefühl für irgend einen Mann, der nicht der ihrige ist, Raum zu geben, am
wenigsten aber dürfen Sie es sich und Andren so klar und mit dieser
Leidenschaftlichkeit aussprechen. Hass und Liebe berühren sich schon darin, dass
uns der Gegenstand beider Empfindung niemals gleichgültig ist, und gleichgültig
sollte Ihnen der fremde Jüngling billig sein. Was haben Sie mit seinen Fehlern
und Tugenden zu schaffen? Lassen Sie ihn ruhig neben sich hingehen, Ihre Wege
sind ohnehin von einander geschieden. Und von mir, liebes Kind, von meinem Rat
erwarten Sie die schickliche Haltung in Ihrer misslichen Lage? Fühlen Sie
wirklich diese schon in irgend einem Augenblick verloren zu haben? Welch Gefühl,
ich bitte Sie, ist so mächtig in Ihre Brust, dass es die grosse Ehrfurcht vor dem
äussren Anstand, vor Ihrer ganzen Lage und Ihren Verhältnissen, nur in mindesten
schwächen könnte? Bewahren Sie doch um Alles das ruhige Gleichgewicht Ihres
Seins und Wirkens, ohne welches Sie die strenge vorgezeichnete Bahn leicht
übertreten könnten. Ich sollte vielleicht schweigen, und Sie ruhig neben dem
Abgrund fortgehen lassen. Vielleicht sicherte Sie eigne angeborne Kraft,
vielleicht sähen Sie selbst noch klarer die Gefahr. Ich würde es darauf ankommen
lassen, wenn Ihre freundliche Einladung und das Drängen meiner Hausgenossen, sie
anzunehmen, mich nicht zu reden zwänge. Sie wissen, wen ich Ihnen zuführe. Sein
Sie auf Ihrer Hut. Morgen Abend umarme ich Sie, und hoffe im voraus Verzeihung
für meinen treuherzig mütterlichen Rat, den meine Liebe und Teilnahme allein
entschuldigen können.« -
    Luise ward unangenehm durch den Inhalt dieser Zeilen ergriffen, so als wenn
man unversehens eine wunde Stelle berührt und den ungeahndeten Schmerz
hervorruft. Was ist denn geschehen, fragte sie sich selbst, das diese ernste,
eindringliche Worte veranlasst. Schicklichkeit - äussrer Anstand! nein, nein, das
nicht! Dein heiliger Wille, mein Gott, der ist es, den ich nicht verletzen darf,
und der zum Glück noch laut und vernehmlich genug in meiner Seele spricht, um
ihn nie zu überhören.
    Guten Morgen, liebe Luise! rief hier Julius, der eben unter ihrem Fenster,
an welches sie sich gedankenvoll lehnte, vorüberging. Sie fuhr unwillkührlich
zusammen. Seine Stimme traf sie wie ein innrer Vorwurf. Er sah so gut, so
herzensgut, aus, die Tränen traten ihr in die Augen. Guten Morgen! rief sie aus
voller Seele, als er in dem Augenblick zu ihr hereintrat. Er hatte ihr heut
tausend Dinge zu sagen. Sein Herz öffnete sich wie unter freundlicher Berührung;
es war klar, irgend etwas Aeussres regte ihn ungewöhnt an. Luise lenkte das
Gespräch auf den gestrigen Abend, und bemerkte bald, dass er auch in ihm einen
Eindruck zurückgelassen, der noch jetzt fortwirkte. Es ist nicht jene
Geschichte, sagte Julius, ihre Fragen beantwortend, was mich bewegt. Ich möchte
ihren Inhalt vergessen können, der die Möglichkeit des plötzlichen Sündenfalls
in einer bis dahin frommen und reinen Seele, so schauderhaft, in dieser blutigen
Verzerrung hinstellt. Nein, es ist der Mönch, den ich nicht vergessen kann. Wie
verzückt sah er auf eine Stelle, als ich zu ihm hintrat, und ohne meinen Gruss zu
beachten, sagte er vor sich hinredend: unbegreifliches, unbegreifliches
Schicksal! dann fragte er mit einer Heftigkeit, die ich ihm niemals kannte, seit
wie lange der fremde Jüngling bei mir sei? Ich gab ihm in einigen Worten
Auskunft über unsre Bekanntschaft und Fernandos unstätem Herumstreifen. Er
machte eine schnelle Bewegung zu diesem hin, wandte sich aber wie von deiner
Stimme aufgeschreckt, von uns ab, und ging still dem Walde zu. Beide fanden das
höchst sonderbar, und Luise erschöpfte sich, nach Frauenart, in tausend
Mutmassungen, als Fernando zum Frühstück hereintrat. Er war ernst und einsilbig,
allein so, dass man nicht recht wusste, ob ihn Kummer oder Missmut verstimme.
    Als er späterhin mit Luisen allein war, bemerkte er teilnehmend, dass sie
bleich aussähe, und in ihren Augen Spuren vergossener Tränen. Sie lehnte seine
Fragen ziemlich unbefangen ab, und erzählte ihm von den Gästen, die sie morgen
erwarte, unter denen sie Emilien sehr anziehend heraushob. Er schien nicht viel
darauf zu merken, als sie aber fortfuhr, die Vortrefflichkeit einiger Mitglieder
der Gesellschaft zu schildern, und der Baronin einfaches, würdiges Wesen rühmte,
sagte er höhnisch, sie wollten wohl den Teufel durch fromme Geister bannen.
Luise entfärbte sich und fühlte mit Unmut, dass sie, wie sie es auch anfangen
möchte, ihm gegenüber immer auf irgend eine Weise in Verlegenheit geraten
müsse. Gestehn Sie es nur, fuhr er fort, die Bekannten und Freunde sollen doch
den lästigen Fremdling nur übertragen helfen; Luise, was habe ich Ihnen getan,
dass Sie mich hassen. Jenes Berühren von Hass und Liebe, in dem Briefe der
Baronin, fiel ihr plötzlich ein. Mein Gott, sagte sie schnell, nein, ich hasse
Sie nicht, gewiss nicht! Warum fürchten Sie mich denn? fragte er ernst. Mit
vollen Schwingen hob sich bei diesen Worten die eingeborne Würde der
Weiblichkeit in Luisens Seele. Sie sah ihn ruhig an, und sagte fester, als sie
es vor einem Augenblick noch gekonnt hätte, wie sollten Sie mir furchtbar sein,
ich kenne Sie weder im Guten noch Bösen. Fernando wollte einlenken, allein Luise
blieb für jetzt gefasst und sicher, weshalb er sich denn auch verletzt zurückzog,
und gedankenlos am nächsten Fenster in einem Buche blätterte. Einige Anordnungen
nötigten sie, sich zu entfernen; als sie wieder hereintrat, fand sie das Zimmer
leer; allein, zu ihrem grossen Schreck, den Brief der Baronin, den sie bei Julius
Eintritt in ein Buch gelegt hatte, offen auf demselben Fenster, an dem sie
Fernando verlassen. Ich bin verloren, sagte sie, das Blatt in tausend Stücke
reissend, wenn er ihn gelesen hat. O über meine Torheit, jedem Gefühl, das
flüchtig durch meine Seele hinzieht, Worte zu leihen, und dadurch so unnütze, so
verderbliche Erklärungen zu veranlassen! Und nun noch diese Unachtsamkeit! - Sie
blieb den ganzen Tag in der peinlichsten Unruhe, die Fernandos zweideutiges
Wesen noch vermehrte. Recht von Herzen fühlte sie sich daher am folgenden Abend
erleichtert, als nun endlich die ersehnte Gesellschaft eintraf. Sie begrüsste
jeden der Angekommenen mit sichtlicher Freude, und hatte selbst denjenigen, die
ihr bis dahin gleichgültig geblieben waren, etwas Verbindliches zu sagen. Emilie
sah sehr reizend in einem kleinen Strohhut aus, der zwar das schöne Haar
verbarg, allein übrigens zu der zierlichen Gestalt sehr wohl stand. Es mussten
sie schon häufige Neckereien über Fernando getroffen haben, denn sie konnte sich
eines kleinen Lächelns nicht erwehren, als sie diesen begrüsste und ihre Blicke
zufällig denen ihrer Reisegefährten begegneten.
    Zu Anfang blieb man einander fremd, ohnerachtet der Cirkel nur klein war, da
der Baron mit dem Professor und dessen beiden Anhängern, dem Engländer und Herrn
Aaron, die Uebrigen nicht begleitet hatten. Fernando beschäftigte sich
ausschliessend mit dem Maler, und andrer Seits hatte man das Ansehen, auch nicht
viel auf ihn zu merken. Doch nach und nach ward die Unterhaltung allgemeiner,
wenigstens verschmähete es keiner, in das Gespräch des Andern einzugehn. Stein
konnte sich nicht genugsam über die Herrlichkeit des altväterlichen Gebäudes und
dessen romantische Umgebungen auslassen. Nur blickte er mit einer Art von Unmut
auf den modernen Glanz, der ihn umgab. Das ist deutsche Sitte heutiger Zeit,
sagte der Maler, das sollte Sie nicht mehr befremden. Warum, fragte Fernando,
machen Sie den Deutschen allein diesen Vorwurf, da er jede Europäische Nation
fast in gleichem Maasse trifft? Finden Sie in Italien nicht auch das Alte mit dem
Neuen gepaart, ohne dass es unangenehm auffällt? Das ist ganz etwas andres,
unterbrach ihn Stein. Dort ist Vegetation, Kultur, Kunstsinn, ja der Charakter
der Kunst, durch viele Jahrhunderte gleich geblieben, keine der heutigen
Erscheinungen ist in sich widersprechend mit ihren Umgebungen; aber wenn wir zu
unsern alten, auf rauhem Boden erwachsnen, Eichen, zwischen den Steinmassen, die
ein Riesengeist auftürmte, die Griechheit hinüberziehn und diese noch mit
französischem Schimmer bedecken wollen, so ist das wohl ein Uebelstand zu
nennen. Dann werden wir nur die ehrenwerten Denkmäler schleifen müssen, sagte
Werner, denn in der Nachbarschaft wird sich bald ein Häuschen finden, das, nach
modernem Massstab erbauet, nicht zu ihm passt. Niemand darf sich einfallen lassen,
es bewohnen zu wollen, denn niemand schickt sich dort hinein, nicht der
Hausherr, nicht die Frau, nicht die Gäste. Was hülfe es Ihnen, wenn hier alles
nach alter Weise, derb und tüchtig zugeschnitten wäre, und wir mit den
französischen Kleidern und den Pigmäengestalten herumliefen, die Damen mit
griechischem Kopfputz und üppigen Gewändern am Arm. Julius sagte hierauf, dass er
sie alle mit Rüstungen und Waffen versehen könne, da sich noch eine vollständige
Rüstkammer im Schloss befinde, worüber Stein eine grosse Freude hatte, die noch
erhöht ward, als er auch von einem künstlich ausgelegten Schrein hörte, welcher
teils alte Handschriften, teils schon gedruckte Erzählungen und Legenden
entalte. Er versprach sich davon eine reiche Ausbeute für den folgenden Tag,
welche Äusserung Carl mit einem mitleidigen Achselzucken begleitete, und sich
ordentlich mit einer Art von Geringschätzung von ihm abwandte.
    Die Baronin fand bald Geschmack an Fernandos Unterhaltung, der sich sehr
eifrig um sie und Emilien bemühte. Je länger sie ihn ansah und sein Lächeln und
Mienenspiel beachtete, desto auffallender fand sie eine Aehnlichkeit zwischen
ihm und der verstorbenen Gräfin Falkenstein, was sie auch Luisen sogleich
mitteilte. Mit Viola, dachte diese - ihre Augen hefteten sich unwillkührlich
auf die seinigen, und das kleine Bild aus der Kapsel schien wachsend und belebt
vor sie hinzutreten, so dass die beiden Gestalten sich auf eine ängstende Weise
in ihrer Phantasie verschmolzen. Die Worte der Baronin sollten nun einmal auf
alle Weise ihre Unruhe vermehren. Alles was sie von Julius Mutter hörte, ihre
Liebe und ihre Leiden, der ganze herbe Kampf ihres Lebens, alles erwachte in
ihr. Als sie allein war, warf sie sich auf ein Ruhebett, das Viola besonders
liebte, und den Kopf in die Kissen verbergend, dachte sie, wie viel tausend
Tränen mögen hier geflossen sein, wie oft mag das arme Herz hier umsonst Ruhe
gesucht haben. Sie bemühete sich, das Bild der Gräfin festzuhalten; allein
Fernando trat unaufhörlich dazwischen. O warum, warum! rief sie aufspringend,
warum diese unglückliche Aehnlichkeit! bedurfte es dieser Täuschung noch? Sie
wollte sich so gern überreden, dass die Baronin falsch gesehen und sie mit in den
Irrtum befangen habe, daher eilte sie, nach dem elfenbeinernen Kästchen zu
fragen, das sie bis dahin vergessen hatte; allein es fand sich, dass es in den
Zimmern ihrer Mutter stehn geblieben war, welche niemand wieder nach deren Tode
betreten hatte. Diese Erinnrungen, das Andenken an den ernsten, furchtbarsten
Moment ihres Lebens, weckten andre Vorstellungen in Luisens Seele. Sie weinte
still vor sich hin, weich und hingebend, ohne eigentlichen Vorsatz und Willen,
aber doch in reinem, heiligem Gefühl.
    Am andren Morgen war Carl der Erste, welcher sich von den angekommnen
Fremden sehen liess. Mit grossen Schritten ging er im Vorhofe auf und nieder, bis
ihn Julius nötigte, herauf zu kommen. Nein, sagte er im Hereintreten, lieber
will ich in einer Synagoge schlafen, als neben solchem welschen Teufel; hat er
nicht gestern Abend mit seinem Schurken von Bedienten geschabbert, dass mir noch
die Ohren gellen, so will ich nicht selig werden. Zu Anfang liess ich mirs
gefallen; wie aber das ausländsche Geleiere nicht aufhörte, warf ich meinen
Pantoffel gegen die Tür, dass alles so krachte; glauben Sie, dass sie sich stören
liessen? recht wie die Mäuse, waren sie einen Augenblick still, und dann ging es
wieder, hast du nicht, so siehst du nicht. Luise musste trotz ihrer innren
Verstimmung über diesen komischen Zorn lachen. Na, fuhr er fort, und wie der
Bediente heraus war, kam der Maler hinein, da wisperten sie eine Weile leise,
nachher ging es aber wieder lustig zu, doch sprachen sie deutsch, denn ich hörte
die Baronin nennen, und den Italiener sagen, ich bin der Frau grössere
Verbindlichkeiten schuldig als irgend jemand ahndet; dann kam was von Aufruhr in
der Seele, und Kampf und Sieg, das war mir zu gelehrt, ich zog die Bettdecke
über den Kopf und schlief über dem Gesumse ein.
    Luisens Wangen glühten bei diesen letzten Worten, die recht wie ein
unerwarteter Schlag ihr Innres trafen. Da erschien Emilie an Fernandos Arm, der
ihr zufällig auf der Treppe begegnet war, und sie frisch und freudig in das
Zimmer führte. Die kleine hingebende Blondine nahm sich recht wohl an der Seite
des schönen Jünglings aus. Beider Anblick machte einen angenehmen Eindruck, das
konnte sich auch Luise nicht verhehlen, ohnerachtet sie ein peinliches Gefühl
dabei ergriff.
    Nach und nach versammelte sich die übrige Gesellschaft. Stein hatte die
ganze Nacht von den alten Helden und Geistern des Schlosses geträumt, und viel
wunderliche Gestalten gesehn. Er erzählte, dass ihm vorzüglich ein kleiner grauer
Mann auf einem weisslichen Pferde einen seltsamen Schauer eingeflösst habe. Dieser
sei unaufhörlich um den Felsen umhergeritten, ohne dem Pferde Ruhe zu gönnen,
welches dabei stark gehinkt, als habe es ein Eisen verloren. Werner schlug vor,
ein jeder solle die Träume, Eingebungen und Begebenheiten dieser Nacht erzählen,
wobei sicher recht seltsame Bilder ans Licht treten würden. Nun, sagte Carl, ich
bin bald fertig damit, denn ich habe die ganze Nacht eine Wassermühle gehört,
die so brummte und sauste, dass mir noch der Kopf wehe tut. Alle lachten über
den seltsamen Contrast mit Reinholds Erscheinungen, ohnerachtet nur Luise und
Julius den eigentlichen Sinn dieser Worte verstanden.
    Fernando hatte indes nicht so bald von Emilien gehört, dass Stein Dichter und
musikalisch sei, als er ihn bat, die Gesellschaft mit einem Liede zu erfreuen,
worauf dieser, durch einen Blick von Emilien bestimmt, folgende Worte zur
Guitarre sang, auf welcher ihn Fernando sogleich accompagnirte.
Der Sklave singt am Ruder,
Auf wogender Galeere,
Ein Spiel empörter Meere,
Vom Vaterlande fern.
Sein Leiden hört kein Bruder,
Er folgt dem strengen Herrn,
Oft rinnt die heisse Zähre!
Doch auf Gesanges Wogen,
Schwebt süsse Täuschung nieder,
schafft ihm die Heimat wieder,
Und trautes, festes Land,
Wo er, noch nie betrogen,
Die Welt so freundlich fand;
O holder Geist der Lieder!
So tanzt um mich Gesänge,
Ihr immer neu erglühten,
Und treibt empor zu Blüten,
Die Bilder meiner Brust.
Stürm' nur du Weltgedränge!
Lock' nur du Sinnenlust!
Mich soll das Lied behüten.
Man drang darauf in Fernando, ebenfalls zu singen. Er meinte, er wisse kein
passendes Lied auswendig, wenn man ihm indes erlauben wollte, seinem Gefühle in
seiner Muttersprache Worte zu leihen, so werde er wohl eine angemessene Musik
dazu auffinden. Man war das gern zufrieden. Er stimmte daher einen Gesang an,
den Werner nachher also übersetzte:
Lang auf fremden Seen geschwommen,
Lang durchzogen fremde Nacht,
War der Sänger heimgekommen,
Wo Italiens Sonne lacht.
Wie er von den Alpenzinnen,
Froh ins Land hinunterschaut,
Lehnt an ihn, in süsses Sinnen
Ganz verloren, seine Braut.
Aus des hohen Nordens Pforten,
Hat er mit sie hergeführt,
Und sie spricht mit leisen Worten,
Von des Südens Hauch berührt.
»Lieber, welch ein grosser Garten,
Welch erquicklich Blumenspiel,
Ihn zu hüten und zu warten,
Braucht es wohl der Gärtner viel?«
»Schöne, nur der Sonne Lächeln,
Hütet unsre Blumenflor.
Gärtner ist der Lüfte Fächeln,
Lockt sie überall hervor.«
»Und die Häuserchen dahinter,
Hell mit Farb und Gold geschmückt!
Doch was birgt Euch, wenn nun Winter,
Hart auf Eure Fluren drückt?«
»Nie so grämlichen Bekannten,
Triffst du an auf dieser Flur,
Denn wir spotten des Verbannten
Lieblingskinder der Natur.«
»Wie viel schön umkränzte Bräute,
Wie Musik sich hören lässt!
Dort im lust'gen Tanz die Leute!
Sicher gibt's ein hohes Fest.«
»Kränze, Lieder, lustge Reigen,
Sind uns immer frisch und wach.
Vor der heitren Sonne Steigen,
Wird zum Fest ein jeder Tag.«
»Oft ist mir dein Lied erklungen,
Von Elysiums Lorbeerwald,
Hast uns wohl emporgeschwungen,
Zu der Sel'gen Aufentalt?«
»Schöne, nein, wir sind auf Erden,
Ziehn in unsre Heimat ein;
Doch Elysium ganz zu werden,
Braucht sie nur der Liebe Schein.«
Die Baronin hatte indes leise mit Luisen geredet, welche halb auf sie, halb auf
die Musik hörte, dennoch zuletzt, durch die Wendung des Gesprächs, gezwungen
ward zu antworten. Sie verzeihen mir also, sagte die warnende Freundin, wenn
meine Besorgnisse ungegründet waren? O gewiss, von ganzem Herzen, erwiederte
Luise. Und sind nun ganz in der ruhigen Stimmung, fuhr die Erstre fort, in der
ich Sie wünschte? Luisen fiel eine Stricknadel aus der Hand, welche sie langsam
aufhob, während sie die schönen Locken über das glühende Gesicht fallen liess, in
der ruhigsten von der Welt, erwiederte sie kaum hörbar. So - sagte die Baronin
etwas trocken. Gleichwohl scheint eine Art von Missverständnis zwischen Ihnen und
Ihrem Gast obzuwalten, er meidet Sie auf eine seltsame Weise. O, fiel Luise halb
verletzt, halb geängstigt, ein, das ist so seine Art, er ist heftigen Gemütes
und ergreift alles Neue mit ausschliessender Aufmerksamkeit. Liebes Kind, sagte
die erfahrne Frau, woher kennen Sie ihn denn so genau? Sein Sie doch unbefangen
im Gefühl Ihres eignen Wertes mit mir, wie mit der ganzen Welt. Glauben Sie
nur, Ihre kleine Verlegenheiten entgehen ihm nicht, er treibt ein leichtfertiges
Spiel damit.
    Die Musik schwieg hier. Die Baronin erinnerte, dass es Zeit sei, Toilette zu
machen, und führte die von Myrtenhainen und Kränzen träumende Emilie mit sich
fort.
    Luise empfand eine Art Scheu vor dem kalten Blick dieser Frau, der wie ein
Senkblei in ihr Herz fiel. Sie schrak vor ihr zusammen, so oft sie sie jene
Ueberlegenheit und die Entfernung des Platzes fühlen liess, auf welchem sie
eigentlich stehn sollte. Die Aufforderung, unbefangen zu sein, konnte sie am
wenigsten erfüllen, da sie die ernste Beobachterin fürchtete, und nur noch
unsichrer in ihrem Betragen ward.
    Die Zeit verfloss indes fast auf ähnliche Weise. Fernando hatte nur Augen und
Sinn für Emilien, wodurch er wechselsweise Luisens Stolz hob, und ihr Gefühl
zerriss.
    An einem Nachmittage, als eine zahlreiche Gesellschaft aus der Nachbarschaft
sich noch zu der des Schlosses gesellte, und alle im Freien versammelt waren,
zog ein Trupp Bergleute singend den Harz hinunter. Sie trugen vielfache
musikalische Instrumente und schienen bereit, sie in Bewegung zu setzen, als
Fernando vorschlug, ob man, da es schon spät und dunkel werde, nicht nach dem
Schloss zurückkehren und dort einige Stunden nach der lustigen Musik dieser
Leute tanzen wolle. Alle stimmten freudig ein. Man machte sich sogleich auf den
Weg. Die Bergleute gingen spielend voran, und das bunte Gemisch von Frauen und
Männern zog, durch eine dunkle Tannenallee, dem lustigen Saale zu, der Luisen
bei ihrem Eintritt zuerst mit ihrer neuen Wohnung versöhnt hatte. Fernando
walzte sogleich mit Emilien. Die Kleine schmiegte sich mit einer anmutigen
Bewegung des Kopfes lächelnd in seine Arme, und schien sich und die ganze Welt
zu vergessen. Stein sah an einem Pfeiler gelehnt, dem Spiele wehmütig zu; er
war im Begriff, Luisen seine Hand zu reichen, und im allgemeinen Taumel die
Schmerzen seiner Brust zu betäuben, als sich dieser einer der neuangekommnen
Gäste, ein schon längst bemerkter und bewunderter Fremder, nahete, und sie auf
eine feine, sittige Weise zum Tanze führte. Er war russischer Obrist, von hohem,
edlem Wuchs, und jener Gewandheit, welche die höhern Stände seiner Nation
auszeichnet. Eine Sendung seines Hofes nach einer nahen Residenz führte ihn in
diese Gegend, zu einem Teil seiner Familie, der sich in Deutschland
niedergelassen hatte, und auf die Weise kam er heute nach dem Falkenstein. Es
sah schön, ja königlich aus, wie sich die beiden herrlichen Gestalten langsam,
nach Norddeutscher Sitte, durch den Saal bewegten. Die dunkelgrüne,
geschmackvoll verzierte, Uniform passte wohl zu Luisens einfachem weissen Kleide
und dem grünen Zweige, der sich durch ihre Locken wand. Fernando betrachtete sie
mit einem tiefen, düstren Blick, der dann, wild auflodernd, ihre Brust wie zwei
Flammen traf. Sie hatte kaum geendet und sich gegen ihren schönen Tänzer
verneigt, als Fernando auf sie zutrat und sie, nach einigen flüchtigen Worten,
umschlingend, in raschem kreisendem Wirbel mit sich fortriss. Die rauschende
Musik, das dunkle, in sich zurückgezogne Feuer seiner Augen, die ganz eigne,
unruhige Heftigkeit in Mienen und Bewegungen ergriff sie so sehr, dass sie sich
nach einigen Augenblicken halb ohnmächtig an ihn lehnen und ihn bitten musste,
aufzuhören. Er drückte sie leise an die glühende Brust und liess sie dann
schweigend aus seinen Armen. Sich kaum noch besinnend, trat sie in die offne
Gartentür, und eilte von da weiter den Felsengang hinauf, zu einem Sitz, der in
dem Stein gehauen und von einer überhangenden Buche versteckt war. Nicht lange
darauf hörte sie neben sich reden; die Stimmen kamen näher, und sie erkannte
bald Stein und Werner, die, sich an den Baum lehnend, mit einander sprachen.
Also wirklich, wirklich, sagte der Erstre, Sie glauben nicht, dass er Emilien
liebt? Mein Gott, erwiederte Werner, das liegt ja so klar am Tage, wie der Zweck
des ganzen Spieles! Nein, nein! fiel jener heftig ein, das nicht, das gewiss
nicht! Werner lachte laut. Nun wahrhaftig, sagte er, Sie sind von einer seltnen
Unschuld des Sinnes. Was liegt denn darin so Unerhörtes? Es könnte in der Tat
interessant werden, wie der ganze Mensch, der grosse Anlagen hat, wenn er sich
nicht selbst zur abgerichteten Puppe wie sein Unternehmen zu einer auswendig
gelernten Posse machte. Auch will ich wohl wetten, dass er den bekannten Weg hier
nicht zum letztenmal einschlägt! Reizend ist bei allem dem dies Ringen einer
schuldlosen Seele, in der die Welt und Sinnenlust plötzlich hervorbricht und sie
hin und her treibt, dass sie nach allen Seiten fasst und greift und zwischen
Himmel und Hölle schwebt. Hier zwar wird nun der Kampf nicht lange unentschieden
sein, denn die ganze Richtung des Gemütes spricht sich bei der schönen Frau in
Gestalt und Wesen aus. Sie erscheint recht wie eine erhabene Sünderin, die im
stolzen, kühnen Fluge hinaufstrebt und durch die Eigentümlichkeit ihrer Natur
alle Augenblicke einmal das edle Haupt senkt und sich von den irdischen Banden
umstricken lässt. Daher ist auch ein eigner Streit von Stolz und Hingebung in
ihrem äussren Erscheinen, und ich bin sehr überzeugt, dass in diesem Streit ihr
ganzes Leben hinfliessen wird. Sie haben eine ordentliche Freude, sagte Stein, an
solcher innren Verwirrung. Nein, entgegnete Werner; allein ich muss so lange
forschen und beobachten, bis ich einen jeden auf den Platz gestellt habe, wo er
eigentlich stehen muss, sonst bin ich in mir selbst unsicher. Beide gingen
hierauf weiter. Luise sass lange Zeit in dumpfer Betäubung da. Endlich raffte sie
sich auf, und eilte, ohne den Saal zu betreten, durch einen Umweg dem Schloss
zu. Sie musste, um zu ihren Zimmern zu gelangen, durch einen langen, schmalen
Gang, an dessen Wänden mehrere Familiengemälde hingen. Der Mond schien hell
durch die hohen Fenster und beleuchtete vorzüglich das Bild einer Dame, die als
Leiche gemalt war, und aus einem reichen Schmuck dunkler, mit Perlen
durchflochtener Haare, bleich und etwas verzerrt hervorsah. Man glaubte
allgemein im Schloss, es sei das Bild der Ahnfrau, was auch eine Vergleichung
der Züge mit dem im Kloster wahrscheinlich machte. Eine Bewegung der Bäume vor
den Fenstern bewegte auch jetzt den Schein auf dem Bilde so, als rege sich das
Gesicht und öffne den ohnehin verzognen Mund. Luise verhüllte die Augen und
stürzte laut schreiend in ihr Cabinet. Hier lag sie, heftig weinend, ohne klares
Bewusstsein, mit einem tiefen, schneidenden Schmerz im Innern, lange Zeit auf
ihren Knieen, als eine warme Hand leise die ihrige berührte. Jesus! rief sie,
aufspringend. Fernando stand vor ihr. Luise, sagte er mit einem wehmütigen Ton,
verdiene ich denn wirklich nur Ihren Abscheu? - Ich weiss es nicht, stammelte
sie, Gott allein weiss es; allein jetzt bitte ich Sie, verlassen Sie mich. O bei
allem was Ihnen heilig ist, verlassen Sie mich! Sie stossen mich also ganz und
auf immer von sich? fragte er, ihre Hand an sein Herz drückend. Auf ein
Vorurteil hin verdammen Sie mich, zwingen Sie sich selbst, mich zu hassen!
Luise versuchte, sich zu entfernen. Nein, nein! rief er, ich lasse Sie nicht,
jetzt nicht, ich will einmal in meinem Leben wenigstens zu Ihnen reden; rechnen
Sie es dem glühenden, heftigen Jüngling nicht zu gering an, dass er die ganze
Zeit über schwieg, dass er ein Feuer in sich zurückdrängte, was Sie erschrecken
würde, wenn es einmal ungehindert aufflammte. Beide schwiegen einen Augenblick.
Was tat ich Ihnen, sagte er darauf, um dies abstossende, geringschätzige
Betragen zu verdienen? Mussten Sie mich niedertreten, um sich zu heben? Fand Ihr
Stolz Nahrung in den lauten Äusserungen eines ungerechten Hasses? Jener Brief -
O Gott! o Gott! rief Luise ganz erschöpft; ihr Kopf senkte sich und heisse
Tränen flossen auf die schönen Hände, die sich kreuzend auf der Brust falteten.
Wer hat Sie, rief Fernando, so in sich selbst aufgeschreckt, dass Sie aufhörten,
der einfachen Richtung Ihres Gefühls nachzugehn? Warum strafen Sie mich, so oft
eine mildere Regung aus Ihren Augen spricht; warum reizen Sie sich zu einem
unnatürlichen Kampf, der Sie und mich zerstört? Luise, ich habe seit dem Tode
jener Frau, die meine Jugend bildete, niemand auf Erden, der mit einem reinen
heiligen Gefühl an mir hinge; ich habe auch niemand gefunden, dem ich mein
ganzes Dasein so ungeteilt hingegeben hätte. In Ihre Hände allein lege ich es,
wenn Sie meine Freundin, meine Schutzheilige sein wollen! Ich bin nicht
schlecht! bei dem ewigen Gott, ich bin nicht schlecht! Wollen Sie? fragte er
weich und schmeichelnd. Auf Luisens Augen schwebte ein zitterndes Ja. Ihre Augen
schlossen sich an seine Brust, indem er sie leise auf die Stirn küsste.
    Wie die ewige Versöhnung tönte das Wort Freundin in ihre Seele. Der schwere
Kampf schien geschlichtet, Gott und Menschen versöhnt. Ist es denn wahr, sagte
sie aufblickend, ich soll das nicht scheuen und verdammen, was ich mit
unsäglicher Angst - Meine Luise, unterbrach sie Fernando, wie glücklich konnten
wir lange sein, wenn Sie sich früher selbst verstanden! Ein Geräusch im
Nebenzimmer machte ihn aufmerksam. Er führte Luisen zu einem Stuhl und stand ihr
gegenüber, am Clavier gelehnt, als die Tür aufging, und Georg, mit zwei Lichten
in der Hand, hereintrat. Immer aufmerksam auf alles, was seinem Dienst anging,
hatte er sich erinnert, dass diese Zimmer noch nicht erleuchtet waren und dass
sich die Gräfin, da er sie nicht in der Gesellschaft fand, wohl hieher könne
begeben haben. Auf Fernandos Stirn lag der tiefste Unmut über die unwillkommne
Störung; er ging heftig auf und nieder, während der alte Diener alles gehörig
ordnete, die Fensterladen schloss, und sich bei manchem kleinen Geschäft
verweilte. Luise schien von allem nichts zu bemerken; in der seligsten innern
Stille liess sie ihre Tränen ungehindert fliessen. Georg betrachtete Beide
kopfschüttelnd, und ging in der Ueberzeugung hinaus, dass der wüste Fremde seiner
jungen Herrschaft recht zur Qual und Ärgernis hier sei. Bei dem Oeffnen der
Tür schallte die Musik hell aus den Nebenzimmern herüber. Luise ward durch die
Töne aufgeschreckt. Gehn Sie, lieber Fernando! rief sie eilig, gehn Sie zur
Gesellschaft, ich folge Ihnen sogleich! Ist das die erste Bitte, Luise, fragte
er verletzt, die Sie dem neuen Freunde zu tun hatten? Werde ich nie andre Worte
aus Ihrem Munde hören? Gilt es denn immer nur, mich zu entfernen? Mein lieber
Fernando, erwiederte sie, wenn Sie wüssten - Aber Sie sollen sehn, fiel er rasch
ein, selbst einen neuen Ueberfall fürchtend, Sie sollen sehn, dass mir Ihr Wille
in jedem Augenblick heilig ist, ich gehe; allein, Luise, wenn ich Sie jetzt
ruhiger verlasse, wenn die Rührung Ihrer Engelseele mich entzückte, wenn ich
mich einen Augenblick einer glücklichen Zukunft überliess, werden Sie fest
bleiben? werden Sie nicht auf's neue, durch tausend Grillen erschreckt, wanken,
und ein flüchtiges Wohlwollen bereuen, was mich auf ewig an Sie kettet? Nein,
nein! rief sie aus vollem Herzen, ach nein, ich kann ja nicht anders als Ihnen
vertrauen! Werden Sie das immer? fragte er, auch wenn Zweifel Sie ängsten, auch
wenn weise Ratgeberinn - O still, still! unterbrach ihn Luise, und drängte ihn
bittend zur Tür.
    Als sie zur Gesellschaft zurückkam, fand sie Emilien zwischen Carl und dem
Maler, nachlässig auf einen Stuhl geworfen und ziemlich unwillig über den
allzuoffnen Vetter, der sie, ohne Rücksicht auf ihren Nachbar, mit Fernandos
Vernachlässigung und scheinbarer Erkaltung neckte. Sehn Sie! rief er, da sitzt
er wahrhaftigen Gotts, tiefsinnig wie ein Engländer! er sieht nicht, er hört
nicht. Wissen Sie was, wir wollen einmal mit einander walzen, vielleicht sieht
er das, er wird eifersüchtig - Auf Sie? fragte Emilie spöttisch. Cousinchen,
erwiederte Carl, werfen Sie die deutschen Männer nicht weg, es ist Verlass auf
sie; die Fremden sind Zugvögel, sie bauen sich hier keine Nester. Der Maler
wollte sticken vor Lachen. Emilie stand endlich auf und ging zu ihrer Mutter,
die sehr eifrig mit Stein redete. Der ernste Russe hatte sich zu Luisen gesetzt,
und sprach verbindlich und mit vieler Einsicht über das Charakteristische
deutscher Geselligkeit. Bei der unvermeidlichen Annahme und notwendigen
Verschmelzung fremder Sitten, meinte er, sei eine eingeborne Würde, ein gewisses
häusliches Zusammenhalten und meistenteils grössere Tiefe des Gefühls ganz
unverkennbar, was vorzüglich die Frauen sehr anmutig zwischen die
Engländerinnen und Französinnen stelle, und auch den Umgang der Männer,
ohnerachtet ihres frühen Zurückziehens von aller geselligen Mitteilung, dennoch
interessant mache. Sie war genötigt, so verbindliche Worte aufmerksam
anzuhören, und, indem sie sie schicklich erwiederte, das Gespräch länger als sie
wünschte fortzusetzen. Fernando hatte sich ihr indes genähert, und flüsterte,
über ihren Stuhl gebeugt: Sie ahnden nicht, wie wehe Sie mir tun; müssen Ihre
Freunde so schnell zurückstehn? Sie ward höchst verlegen, antwortete höchst
einsilbig und unpassend, worauf der Obrist auch geschickt abbrach und sich
zurückzog.
    Mehrere der Fremden hatten noch einen weiten Weg zu machen; man trennte sich
daher nach und nach, und die Baronin, die durch ihr Gespräch verstimmt schien,
erklärte, dass es überall Zeit sei, der Ruhe zu geniessen, worauf alles für heute
auseinander ging.
    Fernando hatte mit Recht neue Erschütterungen in Luisens Seele vorausgesehn.
Sie war nicht sobald allein, als sie eine Bangigkeit befiel, die Hand in Hand
mit der eingebornen Scheu vor dem Unrecht geht. Es regte sich jenes Zagen in
ihr, was zuerst die Bilder lockender Erinnrung unruhig hin und her wirft, bis
das verlangende Auge nicht mehr darauf haften kann. Und wie dann alles so
innerlich erzittert, so fliehen die Ahndungen höherer Liebe, die ein Gott uns
einhaucht, die Erde öffnet ihren Schoos und zeigt uns alle Schrecken, die unsrer
warten. Dazwischen hörte Luise Werners zernichtende Worte. Alles fiel ihr
plötzlich zusammen. Sie erschien sich strafbarer, verlorner, als sie war; sie
wusste nicht, wie sie sich selbst entfliehen sollte. Ach es war ja so wahr, so
unwidersprechlich wahr; sie liebte ihn mit allen Kräften ihres empörten Herzens.
Unter tausend Qualen war sie spät am Morgen eingeschlafen, als Julius vor ihr
Bett trat. Sie schreckte bei dem leisen Geräusch auf. Ich wollte Dich nicht
stören, sagte er, gutmütig besorgt, aber ich bin Deinetwegen beunruhigt, liebe
Luise, und muss Dich endlich fragen, was so schwer auf Deiner Seele drückt? was
Dich so ausschliessend beschäftigt, dass Du fast für nichts ausser dem Sinn hast?
Liebe, liebe Luise, verhehle mir doch nichts; glaube nur, ich habe Deine
Schmerzen, ohne sie zu kennen, zerreissend gefühlt. Ach ich trage ja kein andres
Leben in mir, als Dein Glück, Deine Ruhe. Sie sank weinend in seine Arme. O wäre
er mein Bruder, dachte sie. Erinnerst Du Dich, fuhr er fort, was die Mutter
sagte: Luise hat nun niemand auf Erden als dich, verlasse sie nie, stehe ihr im
entscheidenden Augenblick zur Seite. Meine Luise, sei offen. - Wie Himmelstau
fielen diese Worte in ihr Herz; sie rang noch einen Augenblick mit der Furcht,
Julius durch ein freimütiges Geständnis wehe zu tun; dann aber siegte die
Wahrheit, ihr Innres schloss sich auf, die Worte schwebten auf ihren Lippen; da
stürzte Mariane herein und sagte eilig, der Herr Jagdjunker und Herr Werner
seien im Vorzimmer in heftigem Wortwechsel und sie habe von Schiessen und
Schlagen gehört. Julius sprang auf; er fürchtete Carls Ungestüm, und eilte,
einem Unglück vorzubeugen. Nach einer Weile kam er sehr bleich und erschüttert
zurück. Es ist nichts, sagte er angestrengt; ein Missverständnis, das sich schon
wieder aufgeklärt hat. Sonst nichts? fragte Luise, wirklich nichts? Nein, nein,
wirklich nicht, erwiederte er und ging dann schweigend auf und nieder. Luise
erwartete mit klopfendem Herzen, dass er das vorige Gespräch wieder anknüpfen und
auf's neue in sie dringen sollte. Allein Julius sagte kein Wort. Sie selbst
hatte nicht den Mut, wieder anzufangen. Ueberdem war der rechte Augenblick
vorüber, und so blieb es zwischen Beiden still, bis Mehrere hinzukamen und im
Allgemeinen ein leidliches Gespräch in den Gang brachten. Ein flüchtiger Blick
zeigte Fernando die Wolken auf Julius Stirn und Luisens trübe, gesenkte Augen.
Er neigte sich daher zu Emilien und redete auf's neue angelegentlich mit ihr.
Werner trat zu Stein, der in einem alten Buche, das er in jenem Schreine fand,
verblichene, kaum noch kenntliche, Holzschnitte betrachtete. Die Worte darunter
schienen häufig gelesen, denn zwischen den feinen Blättern lagen mehrere
Zeichen, Goldfäden, auch Stückchen farbiger Stoffe, die wohl eine längst
vertrocknete Hand da hinein gelegt hatte. O lassen Sie sehn! rief er, als
Reinhold eben ein Blatt umschlagen wollte und er die Worte in kunstreich
gezirkelten Buchstaben las: Von getreuer und sittsamer Minne. Die Andren
näherten sich nach und nach auch. Man ward begierig, die Bedeutung der Bilder zu
wissen. Eine innre Ehrfurcht vor den alten, ehrenwerten Gestalten, ja vor dem
Buche selbst, das wie ein edler, fremder Geist mitten unter ihre neue Ansichten
und Gefühle trat, verscheuchte jede Spötterei. Man drang in Stein, die kleine
Geschichte vorzutragen, und er, ohne sich lange bitten zu lassen, fing sogleich
an:
                       Von getreuer und sittsamer Minne.
»Ein sehr edler und schöner Ritter hatte sich in die Tochter des Königs
verliebt, die unter allen fürstlichen Jungfrauen weit und breit, nicht allein
als die anmutigste und liebreizendste, sondern auch als die sittigste und in
aller wohlanständigen Geschicklichkeit erfahrenste, berühmt war. Wie nun die
Liebe von keiner Macht in der Welt Gesetze annehmen will, half es auch ihm
nichts, dass er sich die Schwierigkeiten, ja die Torheit eines solchen
Beginnens, unablässig vor Augen stellte. Jemehr er sich schalt, um desto mehr
entbrannte er in den gewaltigen Flammen, von denen sein ganzes Gemüt durchhjetzt
war, und es hätte wohl noch ein frühes Ende mit seinem Leben genommen, wenn ihm
nicht ein günstiger Zufall, (so deren viele, sagt man, im Solde des Liebesgottes
stehn sollen,) zu Hülfe gekommen wäre. Auf einem grossen Jagen nämlich, als er
sich in den tiefsten Wald begeben hatte, um seinen schwermütigen Gedanken
nachzuhängen, begab es sich, dass er auf die Prinzessin traf, indem sie durch
ihren scheuen Zelter weit von dem ganzen Hofgefolge auf ungebahnten Wegen
fortgerissen ward. Er tat dem wilden Tiere Einhalt, und nachdem er die schöne
Jungfrau herabgehoben hatte, wollte sie sich nicht wieder der einmal bestandnen
Gefahr anvertrauen, sondern zog es vor, sich von dem jungen Helden zu Fuss nach
dem Schloss heimgeleiten zu lassen. In dem dunkelgrünen, sonnendurchbljetzten
Laubholz schlug dem Ritter das Herz immer höher und höher; er sing an zu
bedenken, dass, wenn es doch einmal umgekommen sein müsse, der Schrecken ein
schnellres und leichteres Ende bescheere, als der Gram, und dass er lieber an der
Grausamkeit seiner Dame, als an der eignen Zaghaftigkeit sterben wolle.
Deshalben begann er erst mit stotternder, dann mit überströmender Zunge und
weinenden Augen, der Schönen sein Leid zu klagen. Sie gedachte ihn anfänglich
zum Schweigen zu verweisen, aber weil der einsame Weg so gar lang währte, konnte
sie letztlich das Heben und Senken ihrer zarten Brüstlein, das Erröten ihrer
Wangen, das Blitzen ihrer Augen sich und dem Ritter nicht länger verbergen. Sie
gestand ihm, dass sie vor allen Männern auf der ganzen Erde nur ihn allein mit
herzlicher Treue meine, und hiermit zu ihrem Verlobten auserwähle. Als sich nun
der Liebhaber recht versann, dass er nicht etwa dergleichen bloss im Traum, oder
sonst in phantastischen Gesichtern erblicke, sondern in der Tat die schöne
Königstochter ihm ihre Liebe gewähre, dachte er vor Freuden zu sterben, wie noch
wenige Stunden früher vor Herzeleid. Kaum aber dass er sich ein wenig erholt
hatte, so schlug er eine Menge Mittel vor, wie sie beide recht bald zu dem
ehrlichen Ziel ihres Liebhabens in einer vergnügten Ehe gelangen möchten. Die
kluge Jungfrau aber sagte: Lasst es uns wohl bedenken, mein herzlieber Herr
Adelhof, (denn also war der Ritter bei seinem Taufnamen geheissen,) dass wir auf
ein gar ängstliches und gefährliches Unternehmen ausgehn. Mein Vater, wie Euch
nicht fremd sein kann, ist gar ein ernster und hochtrachtender Herr, eines recht
fürstlichen Heldengemütes, der nimmermehr zugeben wird, dass seine Tochter einem
Vasallen zu Teil werde, es sei denn, dass sich dieser durch unerhörte Taten den
regierenden Häuptern gleich zu stellen wisse. Nun aber habe ich das gute
Vertrauen zu meinem Gott (wohl spürend, dass meine Liebe keusch und rein, und
seines heiligen Schutzes wert sei), dass er Euch eine Gelegenheit geben wird,
Euern schon erprobten Rittermut zum Heil des Königs und des lieben deutschen
Landes auf eine solche Weise leuchten zu lassen, dass Euch meine Hand als ein
billiger Ehrenpreis nicht versagt werden mag. Wollet deshalb damit zufrieden
bleiben, süsser Freund, dass meine unsterbliche Seele, nächst Gott, Euch allein
angehört, und in Geduld stehen, bis sich eine günstigere Zeit offenbart. Auch
wollet nichts von heimlichen Zusammenkünften oder dergleichen Leichtfertigkeiten
begehren, sintemal das Euerm eignen künftigen Eheweib eine grosse Schmach sein
würde.
    Unter dergleichen liebevollen, doch frommen, Gesprächen waren sie zu dem
Schloss gekommen, wo der König eine grosse Freude über die Rettung seiner
Prinzessin Tochter bezeugte, ohne nur im geringsten zu ahnen, was sie im Walde
mit dem Ritter Adelhof könne verabredet haben.
    Von diesem Tage an lebten die beiden jungen Leute in aller züchtigen Liebe
und Ergötzlichkeit unterschiedliche Monden hintereinander sonder Störung fort.
Wenn es auch bisweilen geschah, dass bei dem Ritter, wie es der Männer Art ist,
ein ungeduldiges Feuer aufgehn wollte, so wussten doch alsbald die
sittigfreundlichen Blicke der Jungfrau die ungestüme Lohe dergestalt zu
bezähmen, dass nur ein stiller, labender Schein daraus übrig blieb, dessen
niemand als sie selbst wahrnehmen mochte. Der Ritter ward mit jedem Tage frömmer
und linder gegen Menschen sowohl als jede andre Kreaturen, und wenn er einen
deutsamen Gruss von seiner Herzliebsten gewonnen hatte, schien es gar, als lächle
der Himmel selbst aus allen Zügen seines Antlitzes.
    Ein so recht paradiesisches Erquicken jedoch kann auf unsrer Erde nicht von
langem Bestand sein. Es verbreitete sich nach kurzer Zeit das Gerücht, als habe
der König seine Tochter an einen benachbarten Prinzen verlobt, welcher auch
gleich darauf selbst an den Hof kam, öffentlich in den Farben der schönen
Jungfrau prangend, und überhaupt weder seine Werbung noch die Begünstigung des
Brautvaters im geringsten verhehlend. Wie da dem armen Ritter Adelhof zu Mut
gewesen sei, kann leichtlich ein jeder selbst ermessen, sofern er nur einmal die
ergötzlichen und doch auch oft so schmerzlichen Blumenketten der Minne getragen
hat. Wenn dem Ritter auch kein Zweifel an die Beständigkeit seiner tugendhaften
Liebschaft in den Sinn kam, so wusste er doch auch recht gut, wie weit eines
gekrönten Königs Arm reiche, und wie schwer es halten müsse, durch einen so
hartnäckigen und vielfach unterstützten Willen zu brechen. Doch tröstete er sich
damit, dass es auch kein Leichtes sei, getreuer Liebe einen Kampf abzugewinnen,
und dass seine Gegner daher wenigstens eben so schwieriges Spiel vorfänden, als
er. Entschlossen, das Alleräusserste mit tausend Freuden zu wagen, trachtete er
nur darnach, wie er seiner geliebten Prinzessin von diesen Gedanken Nachricht
geben und gehörige Abrede treffen möchte.
    Auf einem Turniere, das man dem fremden Brautmann zu Ehren angestellt hatte,
gebrauchte sich der Ritter Adelhof so männlich, dass man ihm vor allen Anwesenden
den Preis zuerkennen musste, und zugleich die Ehre, am Abende den Reihen mit der
Prinzessin zu beginnen. Das war es eben, was er so eifrig gesucht hatte, und
während nun die Musik recht kunstreich und gewaltig durch den Saal schmetterte,
er aber mit zierlichgemessenen Schritten neben der Jungfrau hertanzte, nahm er
Gelegenheit, ihr auf eine geschickte Weise zuzuflüstern, wie er Willens sei, sie
am folgenden Abend zu entführen, der Hoffnung, dass sich jenseit des Meeres
Sicherheit und ein bessres Glück antreffen lasse. Sie aber entgegnete voller
Schrecken: Wie sollte ich ein so grosses Uebel tun, und als eine unverehelichte
Magd heimlich mit Dir aus dem Hause meines Vaters wegziehn! - Adelhof sagte mit
herzlichem Bedauern: ich merke leider schon, wo das hinaus will. Die Pracht des
Fremden hat Dein Gemüt befangen, und Du möchtest des armen Edelmanns nun gern
entledigt sein. - Nicht also, sprach die Jungfrau. Keinem andern Mann als Dir
will ich jemals angehören, aber auch ein reines, fleckenloses Weib bleiben, so
weit es einem sündigen Menschenkinde möglich ist. - Ach, bedenke Dich wohl, was
du tust, sagte der Ritter. Du stössest ein getreues Herze von Dir, denn wenn Du
nicht einwilligest, mit mir von hinnen zu ziehn, so erwähle ich mir selbst die
Verbannung aus diesen Landen, allen glatten Worten unvertrauend, die so übel mit
der Tat zusammenstimmen. - Was recht und ehrlich ist, soll geschehn, mehr aber
nicht, sagte die Jungfrau, und damit hatte eben der Tanz ein Ende genommen. Sie
mussten von einander gehn, ohne dass sie die Gelegenheit finden konnten, ihre
Angelegenheiten des weitern zu besprechen. Der Ritter sah die Jungfrau wohl
bisweilen flehend an, in Hoffnung, irgend eine günstigere Entscheidung aus ihren
Augen zu schöpfen; aber ob sich diese gleich vielmals mit recht perlenglänzenden
Tränen füllten, wiegte sich doch das schöne Haupt dabei leise verneinend hin
und her, daraus wohl abzunehmen stand, wie es bei dem einmal gefassten Entschluss
bleibe.
    Sich selbst und Alle scheltend, die jemals ihr Vertrauen auf das eitle
Gemüt eines Weibes gesetzt, verliess der Ritter den Tanz, in Willens, mit dem
frühsten Morgen davon zu reiten, je weiter je lieber, von einer Gegend, wo es
ihm mit seinen liebsten Wünschen so widerwärtig gegangen war. Dessungeachtet
kamen ihm mit dem hellen Morgenrorh andre Gedanken zurück. Er meinte, wie doch
immer Licht aus Nacht entspriesse, möge es auch wohl mit seinen Schicksalen
ergehn, die Jungfrau habe sich vielleicht ihr furchtsames Verweigern schon
längst gereuen lassen, und es komme nur auf einen kühnen Versuch an, sie für
seinen Entwurf zu gewinnen. Dieses Vertrauens voll, richtete er Alles zur Reise
ein, ohne sich dabei einer lebendigen Seele anzuvertrauen, erhandelte auch unter
anderm Vorwand einen leichten Zelter mit bequemem Geschirr für seine schöne
Genossin, und harrte ganz allein, die beiden Rosse am Zügel, unter ihren
Fenstern, bis er an dem Lampenschimmer vermerken konnte, sie sei nun von dem
Nachtmahle zurück gekehret und allein in ihrem Gemach. Da begann er folgende
Verse zu singen:
Nicht allzuhoch die Fensterwand,
Strickleiter in des Liebsten Hand;
Ein Wink aus Liebchens Fensterlein,
So stiegt die seidne Trepp' hinein,
Und will sie dran hernieder gleiten
So können, eh' der Morgen graut,
Von stiller Nacht allein beschaut,
Zum Meerstrand die Verliebten reiten.
Er sah wohl, dass sich die Schöne dem Fenster zu nähern schien, und sang deshalb
in froher Hoffnung fort:
Was ist der ächten Minne gleich?
Nicht Fürstentum, nicht Königreich.
Zwei Herzen fromm, zwei Herzen treu,
Sie ziehn sich an in süsser Scheu,
Mit Mond und Stern im frohen Bunde
Wird ihnen Nacht zum heitern Tag,
Das Waldesgrün zum sichern Dach.
O Liebchen komm, gut ist die Stunde.
Die Jungfrau stand an dem Schieber, es war schon, als wolle sie das Fenster
öffnen; aber mit einemmale liess sie den Vorhang herunter rollen und floh zurück.
Der Ritter sang mit weinenden Augen:
O schwacher Sinn! O falsches Herz!
Du wählst und giebst für Freude Schmerz!
Warst doch allein all' meine Lust,
Trug nur Dein Bildnis in der Brust,
Und soll Dich nun so gar entbehren,
Trüb scheiden, der so fröhlich kam.
Ach Gott, erstärk' nur meinen Gram,
So wird er früher mich verzehren.
Es kam ihm vor, als sähe er durch die Vorhänge, wie die Prinzessin mit vor den
Augen gehaltnen Händen heftig weine, ja als vernähme er ihr leises Schluchzen;
plötzlich aber löschte sie ihr Licht und es liess sich keine Regung in dem
dunklen Zimmer mehr vernehmen. Da riss er in wildem Unmut den Zügel von des
Zelters Hals und jagte ihn von sich, während er auf seinen Streitengst sprang
und diesen mit wilden Sporenstössen in den Wald hinein trieb.
    Eine lange Zeit hindurch zog er in fremden Landen umher, in solchen am
liebsten, wo man gar nichts von der lieben deutschen Muttersprache verstand, auf
dass er nur von aller Erinnerung an die Jungfrau befreit werden möchte. Ja, so
oft sie ihm des Nachts in Träumen vorkam, pflegte er am folgenden Tage recht
geflissentlich Festlichkeiten oder Gefechte aufzusuchen, um seine Betrübnis
gleichsam in derlei ungestümen Meeren zu ertränken. So geschah es, dass er
endlich am Hofe einer italischen Fürstin bekannt ward, die von allen Hofleuten
sowohl, als auch von den kunstreichsten Bildhauern und Malern für die schönste
Person auf der ganzen Welt gehalten ward. Der Ritter Adelhof meinte, wenn er
deren Minne verdienen könne, sei er auf's beste an der Königstochter gerächt,
und müsse es ihr zum absonderlichen Kummer gereichen, ihren verstossnen Liebhaber
so glänzend entschädigt zu wissen. In dieser Absicht strebte er nach allen
Kräften, die Gunst der schönen Italienerin zu gewinnen; da er aber (wie sich
leichtlich denken lässt) eine grosse Schaar von mannlichen und schönen Mitwerbern
vorfand, konnte er sich nie vergewissern, wie er eigentlich bei der Dame stehe,
ob er gleich täglich auf das freundlichste empfangen ward, ja sich sogar mancher
sehr günstigen Blicke und Worte zu rühmen hatte.
    Viele Ritter und Herren, denen es auf gleiche Weise erging, wurden endlich
eins, die Schöne um eine bestimmte Erklärung anzugehn, und wenn sie auch noch
von keiner bestimmten Wahl hören wollte, sie doch wenigstens um die Aufgabe
irgend einer Tat oder eines Geschenkes zu bitten, wodurch man des Glückes ihrer
Minne teilhaftig werden könne; des vergeblichen Harrens und Seufzens, wie aller
fortdauernden Ungewissheit, sei man nun einmal durchaus überdrüssig. Man brachte
ihr auch diese Willensmeinung vor, obgleich mit den allerzierlichsten und
verbindlichsten Worten, welche sich nur erdenken lassen. Die Schöne aber
entgegnete den versammelten Werbern: Ihr Herren, meine Antwort wird kurz sein,
wie Ihr Euch denn die Aufgabe leicht selbst hättet machen können, wenn irgend
etwas Wahres an Eurer Bewundrung meiner Schönheit zu finden wäre. Ist die
Gestalt, in welche es dem Himmel beliebt hat, mich zu kleiden, so gänzlich
makellos, als Ihr zu glauben vorgebt, wie ist es dann noch Keinem eingefallen,
dass einer solchen auch ein makelloses Gewand gebühre? Was ich aber bis jetzt von
Seide, Stoff, Leinen, Flor und irgend andern Kleidungsstücken gesehn habe, trug
beständig irgend einen Mangel an sich. Auf dann, Ihr Werber, mir ein Gewebe
sonder Fehl zu verschaffen, und wem es damit gelingt, der soll mich in eben
diesem Kleide zur Trauung führen.
    Die Ritter standen eine Zeitlang bestürzt, vermeinend, man würde ihnen eher
ein kühnes Wagstück aufgegeben haben, als das Erkiesen eines tadelfreien
Gewebes, worauf sich die Wenigsten von ihnen verstehn mochten. Demohngeachtet
grübelten sie nicht allzulange; wollten sie die Braut haben, so mussten sie nach
deren Willen tanzen, weshalb sie auch mit dem nächsten Tage nach allen vier
Weltgegenden hinauszogen.
    Der junge Deutsche Weigand Adelhof nahm seine Richtung noch weiter gegen
Mittag, des Glaubens, wie die Lüfte klarer, die Flüsse heller, die Sonnenstralen
lichter würden, müssten auch die Werke aller Menschenkinder an Zierlichkeit und
Zarteit zunehmen.
    Ein heilsames Verirren brachte ihn jedoch bald darauf in dunkler Nacht zu
der Hütte eines Klausners, der ihn gastlich aufnahm, und während des mässigen
Mahles ungefragt durch ihn selbst (wie denn das der Jugend Art zu sein pflegt)
von seiner Reise und ihrem Ziel umständlich benachrichtigt ward.
    Ei, rief der Siedler am Ende der Geschichte aus, Ihr kommt mir vor wie ein
sehr törichter Gesell. Nicht allein, dass Ihr Eurer Spinne selber die Gewebe
zutragt, darin sie Euch desto besser fangen möge, sucht Ihr auch das noch auf
ganz verkehrten Wegen! Seid Ihr ein geborner deutscher Edelmann und wisst noch
nicht, dass in Eurem Land fast einzig und allein die rechte ernste Freudigkeit
und Treue, vermöge deren man kunstreiche Arbeiten verfertiget, daheim sind?
Halte dafür, Eure fremden Nebenbuhler wissen besser Bescheid, und haben gewiss
sämmtlich ihre Richtung nach der deutschen Gränze genommen.
    Herr Adelhof schämte sich sehr, dass er dieser Zurechtweisung bedurfte, und
machte sich in aller Frühe und Eilfertigkeit auf den Weg nach Deutschland.
    In der Tat war er auch kaum einige Tage lang in dem guten Lande Tyrol, als
er schon von einer wundersamen Frau hörte, welche Gewande zu weben und zu
sticken verstehe, dergleichen man in der ganzen weiten Welt nicht finde. Sie
wohne, sagte man ihm ferner, bei einer alten Hirtenfrau im Gebirge, welche ihr
vor etwa zwei Jahren aus Erbarmen, fast ungern, Obdach gestattet habe, nun aber
sich durch die Arbeiten der Fremden in einen grossen Wohlstand versetzt befinde.
Das meiste ihres reichlichen Gewinnstes wende jedoch die fromme Weberin auf
Capellen und Kirchen, deren sie schon unterschiedliche in dem sonst wilden Tale
mit aller Pracht und Zierlichkeit habe erbauen lassen. Sie selbst führe ein
wahres Klosterleben, und erlaube nur ihrer alten Wirtin den Eintritt in ihre
Zelle. Der Ritter, voller Ungeduld, das Ziel seines Suchens zu erreichen, kam
noch selben Abends vor der Meierei der Hirtenfrau an, von welcher die Klause,
darin die gottesfürchtige Fremde ihr einsames Wesen trieb, etwa fünfhundert
Schritt oder mehr entlegen sein mochte. Die alte Wirtin nahm ihn zwar
anfänglich ganz willig auf, als er aber sein Begehren nur kund zu tun anfing,
unterbrach sie ihn sogleich, versichernd, die Gedanken daran könne er sich auf
alle Weise vergehn lassen. Es seien schon viele reiche und edle Herren in der
nämlichen Absicht hier gewesen; da habe die fromme Dame erklärt: um kein Geld,
noch Gut, noch Ehrenbezeigung, wolle sie die Hand für die Befriedigung solch
toller Eitelkeit anlegen, die sich ja in der Tat an Übermut den Einfällen
vergleiche, womit ehemals Feien und andre böse Heidinnen die Welt geplagt
hätten, wie man davon manche furchtbare Geschichte vernehme. Der Ritter Adelhof
ward zwar über diese Weigerung sehr bestürzt, jedoch wollte er nicht minder als
seine Nebenbuhler versucht haben, und drang daher in die Alte, sein Anbringen
doch wenigstens der Dame vorzutragen. Man müsse alles zu seinem Glücke aufs
fleissigste anstellen, meinte er; niemand wisse, was grade ihm aufgehoben sei,
und schlage es auch alsdann gänzlich fehl, so dürfe man doch nicht auf sich
selber schelten. Die Alte konnte ihm hierin nicht gänzlich Unrecht geben, und
verfügte sich daher nach der Klause, wobei sie indes beständig den Kopf als in
vielem Zweifeln schüttelte. In der höchsten Verwundrung aber kam sie zurück, so
schnell es ihre wenigen Kräfte erlaubten, die Hände zusammenschlagend, und
ausrufend: Ihr tut wahrhaftig wohl, Eurer Fortuna zu vertrauen, denn Ihr seid
ein unstreitiges Glückskind. Zum erstenmale, seit ich die fromme Dame kenne, hat
sie ihren Entschluss geändert. Sobald ich Euren Namen und Begehr vorgetragen
hatte, entgegnete sie: sag' ihm, dass ich in diesem Augenblick an die Arbeit
gehe, dass ein tadelfreies Gewebe binnen neun Tagen vollendet sein soll, und dass
er so lange bei Dir herbergen mag, um es alsdann gleich mitzunehmen und seiner
wunderschönen Braut zu überbringen. Störe mich aber in dieser Zeit mit keinem
Worte. Ich bedarf eines frommen, gesammelten Gemütes und vieles Betens, um eine
solche Arbeit zu Ende zu führen.
    Der Ritter wunderte sich selbst über die unvermutete Gewährung seiner
Wünsche; da ihn aber eine grosse Ungeduld nach Welschland zurück trieb, dachte er
nur daran, es ins Ungewisse stellend, woher ihm ein so grosses Glück aufgegangen
sei, und ergab sich während der langen neun Tage fast in einem fort dem
Zeitvertreib des Jagens, wie es denn einem so rüstigen und vornehmen Herrn auch
wohl geziemte. Eines Abends kam er ganz spät aus dem Forste zurück, und, indem
ihn sein Weg zufälliger Weise an der Klause vorbei führte, hörte er darin
singen. Er stand neugierig still und vernahm folgende Worte:
O schwacher Sinn! O falsches Herz!
Du wählst und giebst für Freude Schmerz.
Warst doch allein all' meine Lust,
Drug nur Dein Bildnis in der Brust,
Und soll Dich nun so gar entbehren,
Trüb scheiden, der so fröhlich kam.
Ach Gott, erstärk' nur meinen Gram,
So wird er früher mich verzehren.
Er wusste nicht, ob er wache oder träume, denn ihm waren diese Verse, welche er
am Abende seines Abschieds von der Königstochter gesungen hatte, noch wohl im
Sinn geblieben. Nach Endigung des Liedes hörte er die Dame bitterlich weinen und
sagen: o mein herzallerliebster Freund, wie grosses Unrecht hast Du mir mit
solchen Klagen getan, und wie viel besser passen sie nun für mich. Damit ward
sie wieder stille, und man vernahm nichts mehr, als den Gang des fleissig
angeregten Webestuhls.
    Es ward dem Ritter unheimlich zu Mut; er musste beinah glauben, dass die
Königstochter vielleicht gestorben sei, und ihm nun mit gespenstischem Treiben
verfolge, denn wie sollte sie lebendig, von Vater und Bräutigam weg, allein in
dieses Gebirge gekommen sein, und wem hinwiederum war das Abschiedslied bekannt,
als ihm und ihr? - In solcher Zweifelhaftigkeit verging ihm die Nacht, und auch
ein Teil des folgenden Tages, ohne dass er sich der Klause wieder näher gewagt
hätte, als er aber im Forste einen Jäger antraf, mit dem er schon vor einem Paar
Tagen Bekanntschaft gemacht hatte, konnte er nicht umhin, ihn wegen der
Königstochter zu befragen, ob man nicht in deutschen Landen höre, wie lange sie
schon mit dem Fürsten verheiratet sei, und wie es ihr mit ihm ergehe?
    Ei mein Gott, wisst Ihr das nicht? sagte der Jäger. Da ist an keine Heirat
zu denken, und wer weiss, ob das schöne Fräulein nicht längst in Not und Elend
vergangen ist. Der König bestand wohl auf diesen Eidam, sie aber soll einen
Andern im Herzen getragen haben, oder der Bräutigam war ihr sonst zuwider. Da
gebot ihr der König kraft seiner väterlichen sowohl als herrschaftlichen Gewalt,
sie solle sich des nächsten Sonntages in der Kirchen einstellen, geschmückt, wie
es einer fürstlichen Braut gezieme. Sie kam auch dem Befehl mit allem Gehorsam
nach, vom Priester aber befragt, entgegnete sie laut vor allem Volke, wie sie
zwar wohl wisse, dass sich keine Magd ohne Vergunst ihres Vaters verehelichen
dürfe, dass sie aber auch ein so heiliges Sakrament, als die Ehe, nicht durch
eine lieblose, aus weltlichen Rücksichten gegebne, Einwilligung, entweihen
könne. Bitte derohalben um Erlaubnis, dieser Verbindung überhoben zu sein, und
sich erst dann einem Gemahl zu ergeben, wenn solcher, als ein vom Himmel
beschiedner, dem Willen ihres Herrn Vaters und ihrem eignen Gemüte gleich
angenehm sei. - Alle Leute verwunderten sich und erfreuten sich über die
sittsame Festigkeit, mit welcher sie diese Worte vorzubringen wusste. Der
Bräutigam aber ritt im Zorne davon, und der König zog seine Hand gänzlich von
ihr ab. Sie könne heiraten wem sie wolle, erklärte er feierlichst, solle sich
aber bei Todesstrafe nicht länger an seinen Hoflager sehn lassen. Nachdem sie
mit demütigen Tränen auf's unterwürfigste Abschied genommen, hat zum grössten
Leidwesen der Untertanen Niemand erfahren können, wohin sie gekommen sei, ob
sie noch zu den Lebendigen, oder schon lange zu den Todten gehöre.
    Hiermit schloss der Jäger seinen Bericht, und Adelhof, von einem heissen
Reumut durchdrungen, dachte nur daran, wie er seine verkannte und verlassne
Geliebte, (denn als solche erkannte er nun die fromme Weberin wohl) nach Gebühr
an ihm selbst rächen wolle. Als daher die Alte nach Verlauf der neun Tage ihm
das Gewand einhändigte, bat er, sie möge, da ihm die Dame doch so gnädig gewesen
sei, ihr noch seine Bitte um mündliche Empfehlung und Danksagung vortragen. Die
Alte berichtete zurück, wie die schöne Dame sehr betrübt gewesen sei, und nach
einem schweren Seufzer gesagt habe: Herr Gott, auch das noch! aber er mag nur
kommen.
    Adelhof fand sie in tiefe Schleier gewickelt, in welchen sie ihm unerkannt
zu bleiben meinte; er aber liess sich vor ihr auf ein Knie nieder, und während er
ihr seinen Dolch darreichte, sprach er: Wollet zu der mir erzeigten Huld auch
noch die fügen, schöne Königstochter, einem törichten, undankbaren, aber
bereuenden Jüngling mit Euern Händen den verdienten Tod zu geben, und ihm
solchermassen zur Ruhe zu verhelfen. Ich habe schwer an Euch gesündigt, und wohl
wissend, wie ich Eurer gänzlich unwert bin, erbitte ich mir nur noch diese
einzige Milderung meines Elends. Sie aber schlug die Schleier zurück, und, ihn
in all ihrer Schönheit und Frömmigkeit anlächelnd, sagte sie: willkommen sei,
mein süsser Freund und Gemahl. Mein Vater hat mich der Schuldigkeit entbunden,
die mich von Dir geschieden hielt. Hast Du mich nun noch lieb, so ist mein Leid
in Freude verwandelt, und wir wollen als liebevolle Eheleute mit einander leben,
das Eine jedoch bedungen, dass Du aller Klag' und Schmähung gegen meinen
Herzgeliebten, den edlen Ritter Adelhof, entsagst. - Hierauf breitete sie ihm
ihre zarten Arme entgegen, und er, sie umfangend, sagte: O lieber, getreuer
Gott, wen Du auf Erden froh, im Himmel selig haben willst, dem gieb zur
Geleiterin eine fromme deutsche Frau.
    Der welschen Fürstin ward fortan unter den Beiden nicht mehr gedacht, und
nach langem, freudvollen Ehestande hinterliessen sie ein zahlreiches und höchst
ruhmwürdiges Geschlecht.«
Als Stein geendet hatte, legte er das Buch schweigend aus der Hand. Niemand
redete. Manchem hatte die Erzählung Langeweile gemacht, Andren riefen jene
einfache Töne alter fester Zeit wehmütige Vergleiche mit der zerfallnen,
zerstückelten, Gegenwart herauf. Luise allein lebte ganz in den vorübergeführten
Begebenheiten. Diese stille Sicherheit, im schwersten Kampf zwischen Neigung und
Pflicht, dies reine Wollen und Vollbringen, ja die ganze prunklose Tugend
altdeutscher Sitte, der ungetrübte Spiegel einer jungfräulichen Seele, warf
einen so klaren Schein zurück, dass sie scheu in sich zurückbebte. Ich will
fliehen, dachte sie, weit weg von hier, zu dem Grabe meiner Mutter. Ach meine
Mutter! sie schlug die schönen Augen gen Himmel, rufe mich zu dir, sagte sie
leise, wo keine Sünde ist, und kein Verbrechen dein schwaches Kind irre leitet!
    Wollen wir noch einen Gang im Freien machen? sagte die Baronin aufstehend.
Die Luft wird Allen nach dem gestrigen Tanze wohltun. Sie hatte nicht viel auf
die Vorlesung geachtet, ihr lagen andre Dinge im Sinne, daher sie auch, sobald
sie einige Schritte mit Luisen vorausgerückt war, anhub: Wir verlassen Sie
diesen Nachmittag, liebes Kind, es ist Zeit, glauben Sie mir, auch für Emilien!
- Fürchten Sie, fiel Luise ein, dass Fernando? - hierüber bin ich eben so wenig
als irgend jemand im Irrtum, erwiederte sie etwas heftig, allein, Emilie wird
unsicher in sich selbst, und das könnte ihrem Gefühl grade eine Richtung geben,
die mir nicht willkommen wäre. Wenn ich sie bis jetzt mit scheinbarer
Sorglosigkeit sich selbst überliess, so geschahe das auf die Ueberzeugung hin,
dass ich sie in jedem Augenblick verstehe, und bei der Gewalt, die ich über sie
habe, einlenken kann wenn ich will. Emilie ist sehr unbefangen hingebend, aber
auch eben so fügsam in die Notwendigkeit äussrer Verhältnisse. Sie schliesst sich
an, und wendet sich ab, wenn es die Umstände gebieten, ohne sonderlichen Kummer
zu empfinden. Mein Gott, unterbrach sie Luise, fürchten Sie denn nicht, dass, bei
diesem steten Herumschweifen, ihr eigentliches Gefühl zu Grunde geht? Ihr
eigentliches Gefühl? erwiederte die Baronin; verwechseln Sie doch damit ein
flüchtiges Wohlwollen nicht. Die jungen Leute halten gemeinhin Eins für das
Andre, und wenn man denn recht viel Aufhebens damit macht, so künsteln sie sich
eine Leidenschaft zusammen, die sie und Andre erschreckt. Ueber die grosse Ruhe,
ja Nichtachtung, mit der ich jede Bewegung in Emiliens Herzen kommen und
schwinden sah, ist es bei ihr niemals recht zur Sprache gelangt, und ich denke,
sie soll die Tiefe und den Umfang ihres eigentlichen Gefühles, wie Sie sagen,
unter ernstren Beziehungen kennen lernen. Hier ist sie indes in einer misslichen
Lage. Wenn Fernando ein künstliches Feuerwerk vor ihr aufsteigen lässt, so ruft
Stein mit seinen bilderreichen mystischen Worten Irrlichter aus der Tiefe, die
sie vollends verwirren. Er hat gestern lange mit mir über sie geredet. Ich habe
eine herzliche Achtung vor ihm, allein für Emilien passt er nicht. Seine Welt ist
nicht die ihrige, und eben, dass sie sich für einen Augenblick in jene könnte
hinüberziehn lassen, machte unsre Abreise notwendig. Von hier aus trennen wir
uns alle. Stein geht mit Herrn Werner nach Berlin, Carl zu seinem Fürsten, und
der Maler bleibt bei Fernando zurück. Luise sagte noch einige höfliche Worte, um
sie länger zurückzuhalten. Lassen wir das, erwiederte jene, unsre Gegenwart hat
Ihnen nicht wohl getan; allein besser, wir reden davon nicht weiter! ich hätte
vielleicht überall besser getan, zu schweigen. Doch war es bei Ihnen ganz
anders als bei Emilien. Die leidenschaftliche Heftigkeit Ihres Gemütes war
früher durch den steten Kampf aufgeregt, zu dem Sie eine verfehlte Wahl
verdammt. - Bis dahin hatte es Luise noch nie gewagt, klar zu denken, dass sie
besser hätte wählen können. Wie eine schwere, drückende, Kette schlang sich
plötzlich das Band, das sie an Julius fesselte, um ihr Herz. Tausend frevelhafte
Wünsche flogen kreuzend an ihr vorüber; das Unmögliche zeigte sich aus der Ferne
erreichbar; es trat immer näher und näher auf sie zu. Verzeihen Sie, sagte die
Baronin, wenn diese Worte Sie verletzen. Sie sind nicht glücklich, liebes Kind;
aber eben darum müssen Sie auf sich achten und Ihr Gefühl vor der Welt
verbergen. Ein Wort, Luise, um Gotteswillen, ein Wort, flüsterte Fernando, der
sich an sie herangedrängt hatte, ich kann den Druck nicht länger ertragen, der
bittre Schmerz liegt auf Ihren gesenkten Augen, auch Julius - was ist
vorgegangen? Gleich, lieber Fernando, erwiederte sie, in der tödtlichsten Angst,
dass die Baronin alles hören werde, - so bald wir allein sind. Wann werden wir
das sein, fragte er unmutig, es umringt Sie ja immer die halbe Dienerschaft;
wann denn, Luise; wann meinen Sie? Bald, bald; diesen Abend, sagte sie, sich
schnell wieder zu ihrer aufmerksamen Gefährtin wendend. Nun denn! rief er, bis
dahin! Die Baronin hatte sich zu Emilien gekehrt, und Carl trat in ihre Stelle
an Luisens Seite. Liebe Gräfin, sagte er, ich habe Sie noch um Vergebung zu
bitten, wegen des Lärmens von heute Morgen. O ich weiss, unterbrach sie ihm, ich
weiss alles. Sie wissen? fragte er, Sie? Nein, Sie wissen nicht, Sie sollen auch
nicht wissen, bewahre Gott, das fehlte noch! Nein, setzte er hinzu, es war nur
von dem kleinen Schreck die Rede. Ich hatte nicht auf die Kammerfrau gemerkt,
die im Vorzimmer das Frühstück besorgte, sie hat denn auch mehr davon gemacht,
als dran war. Julius kam sehr ungerufen dazu! Na, es ist vorbei, alles ist gut,
Sie sind es doch auch? Gewiss, mein guter Carl, erwiederte Luise. Er hatte sie
bei der Hand gefasst, und ging einige Schritte mit ihr voraus. Nun, und Julius,
fuhr er fort, hat auch weiter keinen Unwillen gegen den Italiener? Gegen
Fernando? fragte Luise, die es wie eine Ahndung anflog, dass Werner etwas in
Beziehung auf ihn und sie könne gesagt haben. Um's Himmelswillen, ist er denn
auch in dem Streit vermischt? Nun, so halb, erwiederte Carl. Ich bitte Sie,
sagte Luise dringend, was ist vorgefallen? Nichts, nichts, antwortete er, was
Sie jetzt noch ängstigen darf. O ich weiss es dennoch! rief sie ganz trostlos.
Fernando - Herr Werner hat von mir und ihm - sie barg das Gesicht in den Tuch
und weinte. Wenn Sie es denn doch wissen, sagte Carl, so will ich es weiter
nicht leugnen; ja, er sagte so etwas, mit dem kalten, spitzen Ton, was ich nicht
ganz verstand, was doch aber so zweideutig klang, und wie ich es nicht leiden
mag, dass man über Sie redet. Ich bat mir eine Erklärung aus. Da lachte er
höhnisch, und meinte, die läge in der Natur der Sache, wie er sich denn immer so
gelehrt ausdrückt. Ich versicherte ihn aber, ich verstände ihn noch nicht. Mein
Himmel, sagte er, was ist denn Dunkles darin, dass ein hübscher, junger Mann sein
Glück bei einer hübschen Frau versucht? Nun verstand ich ihn freilich, aber es
kochte auch alles in mir, ich hätte ihn mögen zum Fenster 'raus werfen. Er blieb
aber fest und keck bei seinem Satz, und, wie nachher Julius herzukam und sich
nach der Ursach unsers Streites erkundigte, wiederholte er auf eine recht
geschickte Manier beinahe dasselbe, so dass er eigentlich nichts widerrief und
man ihm auch nichts anhaben konnte; dabei sah er unverändert so ruhig und blass
aus, wie immer, indes ich über und über glühete. Wir gingen darauf ruhig
auseinander, aber Julius kriegte doch einen Stich weg, das merkte ich ihm an. Er
zuckte ein paarmal mit der Oberlippe, konnte aber kein Wort hervorbringen.
    Armer, armer Julius, dachte sie, als sie eben wieder das finstre Schloss
betraten, und ihr eignes Leid und das seine ihr doppelt schwer auf's Herz
fielen. Sie wollte fort, nach dem Landhause ihrer Mutter; von dort aus wollte
sie Fernando schreiben und ihn dringend bitten, diese Gegend zu verlassen. Ihr
ödes, freudloses Leben, hoffte sie, solle so nicht lange währen. Sie machte im
Geheim alle Anstalten zu ihrer Reise, und als ihre Gäste sie nun endlich gegen
Abend verliessen, suchte sie Julius auf, und sagte ihm so ruhig als sie konnte,
dass sie schon längst den Wunsch gehegt habe, das Grab ihrer Mutter zu besuchen,
und daher gesonnen sei, auf ein paar Tage nach ihrem kleinen Dörfchen
zurückzukehren. Julius drückte ihr gerührt die Hand und sagte: geh' nur, meine
Luise, wohin Dein guter Geist Dich ruft. Der Maler und Fernando kamen darauf,
sie zu einem Spatziergang abzuholen, und alle Viere bestiegen die nahen Berge.
Luise, sagte Fernando, als sich Julius, eben mit dem jungen Künstler in einem
Gespräch verwickelt, abwärts wandte, ich erinnre Sie an Ihr Versprechen. Hoffen
Sie nicht, mir zu entgehn. Bei allem was heilig ist, ich muss Sie sprechen. Sie
zögern - Bei dem ew'gen Gott, Sie wissen nicht was Sie tun! Ich zerreisse alle
Bande, ich ehre kein Gesetz, nichts mehr. Auf diesen Armen trage ich Sie weit,
weit weg von hier, wo keine Pflicht Sie bindet, wo Sie nichts hindert, mein zu
sein - jetzt - Luise - jetzt in diesem Augenblick! - Er trat mit einer
Heftigkeit auf sie zu, dass sie zusammenfuhr und ihre Hände flehend gegen ihn
aufhob. - Um Gotteswillen, eine Entscheidung! ich ertrag' es nicht länger! Der
Traum von Freundschaft ist hin, ich fühle nichts als die glühendste,
zerstörendste Leidenschaft; ich muss Sie sprechen, heute noch - gewiss, Luise,
heute noch - oder wir sehen uns nie wieder, oder dieser Augenblick ist der
letzte meines Lebens. Er trat dicht an den Abhang des Felsens; den Kopf weit
vorgebeugt, sah er schwindelnd in den Abgrund. Ich will, ich will Sie ja
sprechen! rief Luise. O, mein Gott, wann! fragte er mit einem wilden Blick. Ich
weiss es nicht, sagte sie zitternd. Ach Gott! wie soll ich in der Todesangst -
Nun denn, hub er milder an, diesen Abend, wenn alles schläft, dann erwarte ich
Sie da drüben in dem stillen Buchengange vor dem Kloster. Luise schauderte
zusammen. Fernando hatte sich schnell zu dem rückkehrenden Julius gesellt. Sie
hatte nicht die Kraft, den Fuss von der Stelle zu bewegen. Wie gebannt stand sie
an die Felswand gelehnt. Luise! rief Julius, Du wirst Dich in der feuchten
Abendluft erkälten. Sie schwankte unsicher an seiner Seite zum Schloss zurück.
    Als nun in der Nacht die Uhr, welche die Todesstunde ihrer Mutter anzeigte,
Eins schlug, hüllte sie sich in einen Shawl und ging, die Hölle in der Brust,
dumpf und zagend zur Gartentür hinaus. Sie warf einen scheuen Blick auf Julius
Fenster. Das Licht brannte hell dahinter. O Gott, dachte sie, wenn er ahndete -
Sie lief, ohne sich umzusehen, mit klopfender Brust, bis sie plötzlich vor dem
Mönch zurückprallte, der ihr wie ein Geist aus dem Gebüsch entgegentrat. So
spät, sagte er verwundert, in dem kalten Nebel! - Ich muss, guter Vater,
erwiederte sie, ohne zu wissen was sie sagte; ich muss, ich kann nicht schlafen -
Armes Kind! rief er ihr wehmütig nach. Armes Kind, wiederholte sie; ja wohl,
armes, armes Kind! Sie weinte heftig, als ihr plötzlich der Anblick des nahen
Klosters ein unbeschreibliches Grausen einflösste. Hier! rief sie, ohne zu wissen
was sie mit diesem Hier ausdrückte. Fernando trat ihr entgegen. Sie sank
schweigend an seine Brust. Täusche Dich nicht, meine Luise, sagte er sanft, Dir
ist dieser Augenblick so erwünscht als mir; du hast ihn durch schwere, unnütze,
Kämpfe erkauft. Die kleine Unruhe wird sich legen. Es war Luisen, als zupfe sie
etwas am Kleide. Sie sah sich um; der Hund ihrer Mutter sprang spielend um sie
her. Wie vor einem menschlichen Auge schreckte sie bei dem Anblick des kleinen
Tieres zusammen. Ihr war, als müsse er Zeugnis der dunklen, verbotnen Tat
ablegen. Ach Fernando! rief sie angstvoll, verbirg mich vor mir selber. Ja,
Unglückliche! rief eine bekannte Stimme, verbirg Dich in die innerste Tiefe
Deiner Seele. Luise erkannte, laut schreiend, Julius. Wie das rächende Schicksal
trat er vor Beide. Alle zurückgedrängte Glut seiner entzündeten Brust flammte
lodernd auf. Er griff Fernando heftig beim Arm. Verflucht! rief er, verflucht
sei die Stunde, wo Dich Deine Mutter gebahr, unwürdiger Freund! Lösche Dein
Verbrechen mit Deinem oder meinem Blute. Er warf ihm ein Pistol hin. Fernando
hob es still auf. Sie stellten sich gegenüber. Luise sank sprachlos zu Boden,
indem sie ihre Arme flehend gegen Beide aufhob. Um aller Heiligen Willen! rief
der Mönch herzustürzend, haltet ein, ihr seid Brüder, Fernando ist mein, ist
Violas Sohn; ich bin Eduard von Mansfeld! Der Knall beider zugleich abgedrückten
Pistolen fuhr schneidend durch die Luft, ehe er noch endete; Fernando fiel
blutend in seine Arme.
 
                                Zweites Bändchen
                                   Erstes Buch
Nach langem Todesschlaf blickte Luise zuerst, wie durch einen Zauberspiegel, in
die Umgebungen ihrer Kinderwelt. Hell, wie der Morgen des Lebens, stralten ihr
die blassroten Wände ihres kleinen Zimmers in der mütterlichen Wohnung entgegen.
Alles stand und lag hier wie ehemals. Die reiche Sammlung bunter Schmetterlinge,
die Julius mit unsäglicher Liebe in der Schweiz und Italien für sie sammelte und
in Rahmen von seltnen Holzarten einfassen liess, hing wie sonst an den Pfeilern
umher. Vom Kamin glänzten noch all die bunten Steinchen, Kristallspitzen und die
tausend Spielereien, die er ihr ebenfalls von den Alpen und seinen andren Reisen
mitbrachte. Ach! und die vielen Schildereien, unter denen sein Bild und das ihre
so still aus jenen Tagen herübersahn, dass Luise unbewusst lächelte und durch die
schneeweissen Gardinen des jungfräulichen Bettes wie in leichten, wogenden
Morgenduft hineinsah.
    Ihr Innres war zusammengestürzt. Die Vergangenheit lag in dunkler Tiefe
verschüttet, keine Spur führte dahin zurück, der gewaltige Schlag lag betäubend
auf allen ihren Sinnen. Da traf ein leises Wimmern ihr Ohr. Sie richtete sich
schnell in die Höhe, und sah Marianen, wie an jenem Tage, als der erste Schmerz
ihr nahete, unter stillem Weinen an ihrem Bette stehn. Luise sah sie starr an,
dunkle Gestalten schwebten an ihr vorüber, sie wollte sie festalten, behielt
aber nichts als das Bild des Todes. Schaudernd sank sie in die Kissen zurück.
Allein das tiefe Schweigen ihrer Brust war nun gebrochen, die erstorbne Welt
regte sich darin, und zahllose Erinnrungen fuhren wie Geister aus ihren Gräbern
herauf. Von allen Seiten fasste es sie mit unnennbarer Angst, so dass sie laut
aufschrie und die Arme fest auf der Brust zusammenschlang, als wolle sie das
beginnende Leben darin ersticken.
    Ihr banger Ruf hatte mehrere der Umstehenden herbeigelockt. Unter ihnen trat
der alte Geistliche zunächst zu ihr hin, und fragte sie leutselig: ob sie irgend
einen Schmerz empfinde. Aber Luise antwortete nicht, sondern ergriff mit
Heftigkeit seine Hand, die sie vor wenig Monaten an Julius Seite einsegnete.
Zufällig heftete sie den Blick auf die verschlungnen Hände. Der Trauring glänzte
hell an ihrem Finger, und mahnte sie, wie das leuchtende Antlitz des Greises, an
den gebrochnen Eid. O mein Gott! o mein Gott! stammelte sie wiederholt, und
verhüllte unter lautem Schluchzen ihr Gesicht in die Decke. Der fromme Alte sah
sie verwundert an. Ihm war wenig von der Veranlassung ihres Kummers bekannt, und
wäre er auch davon unterrichtet gewesen, er würde schwerlich Luisen verstanden
haben, da er durch ein langes, gedrängtes Leben jeder Widerwärtigkeit nur mit
stillem Sinn zu begegnen wusste. Wenn Sie sich etwas sammeln könnten, hub er nach
einer Weile an, ein Brief des Herrn Grafen wartet schon so lange auf Sie,
vielleicht würde Sie dieser beruhigen. Luise sah auf, ihre Tränen stockten, ihr
war, als bräche das Strafgericht über sie ein. Zitternd, ohne Mut, das
unvermeidlich scheinende abzuwenden, sass sie aufgerichtet im Bette. Der Prediger
hielt diese beredte Zeichen für eine stille Einwilligung. Den Brief vor sie
hinlegend, stand er auf, und eilte, durch ein Amtsgeschäft berufen, sich für den
Augenblick zu entfernen. Luise erbrach das Siegel, ohne recht zu wissen was sie
tat, und las Folgendes:
    »Lass Dich nicht von dem Anblick dieser Zeilen erschrecken, liebe Luise. Es
steht alles besser als Du denkst. Fernando lebt, und wird im Kloster bei den
frommen Brüdern bald genesen. Ich bin ja nun auch nicht so unglücklich, als ich
hätte werden können; und doch liegt es so schwer, so entsetzlich schwer auf
meiner Seele, ich weiss auch nicht, wie das jemals anders werden soll! Ueberhaupt
kann ich nicht mehr an den nächsten Augenblick denken. Es ist alles so
losgerissen, so dunkel; ich weiss mich in nichts zu finden. Du eiltest auch so
schnell vom Falkenstein! Ach Du hattest wohl Recht! Was solltest Du auch bei
mir! Ich war Dir nichts, konnte Dir nie etwas sein! Ich habe das immer mit
unsäglichem Schmerz gefühlt; aber es musste so kommen, damit ich es Dir wie mir
gestand. Nun ist alles aus; der lange, schöne Traum meines Glückes ist aus! Ach
und ich habe Dich doch so sehr, so sehr geliebt. Sieh, ich könnte denken Du
seist meine Schwester, und mit Dir reden wie ehemals. Aber dann fällt mir's mit
Todesangst ein, dass du das nicht bist, dass es sonst anders war, und ich frage
mich und Gott und die Natur, was Du mir bist. Sage mir, Luise, was bist Du mir
denn? Ich könnte über die Frage den Verstand verlieren! Zuweilen ist's auch, als
verwirrten sich mir alle Begriffe. Ich fodre Dich dann mit bittrem Trotz vom
Schicksal, als mein heiligstes Eigentum; ich will hin zu Dir, ich will Dich
fragen, ob Du ein teuer gelobtes Wort brechen, ob Du alle göttliche Ordnung
verhöhnen darfst? Ach ich vergesse, dass mein Glück wie mein Recht nur in dem
kunstreichen Gewebe zweier geschäftigen Frauen erwuchs, dass mein Sinn zufällig
in die Dichtung verstrickt ward, während der Deine sie weit überflog, dass nichts
von dem allen wirklich bestand, als meine Liebe, meine qualvolle Liebe, die nun,
da die bunten Fäden zerschnitten sind, in meiner Brust ihr Grab findet. Ach
Luise, Luise, wie elend sind wir! Ja, Du bist es auch; ich fühle es wohl, wie
Reue und Sehnsucht zerstörend um Dich kämpfen, wie alles in der Zukunft Dich
anzieht und abstösst, wie Du zwischen mir und Fernando, zwischen dem alten,
befreundeten Jugendgespielen, dem Liebling Deiner Mutter, und dem heissersehnten,
durch Blut und Sünde erkauften, Geliebten dastehst, und bei keinem, keinem die
Ruhe Deines Herzens wiederfindest. Armes Kind! wärst Du hier, Dir wäre doch wohl
besser! Denn ich - sieh, ich würde Dich in meine Arme nehmen und mit Dir weinen;
wir ständen dann Beide an den Trümmern unsers Glückes! Aber nein, nein, bleib, o
bleibe! Ich kann Dich nun nicht wiedersehn. Ich müsste Dich ja fragen, was Du mir
bist? und das weissst Du nicht, und ich nicht, und kein Gott kann mir's sagen.
    Mir war leichter, als ich anfing mit Dir zu zu reden. Nun zieht sich wieder
alles dicht um mich her; ich kann kaum atmen! Lebe wohl! ach lebe tausendmal
wohl, Du schöne Frühlingsblume meines Lebens, Du hast Dir wie mir gelogen, der
Sommer bleibt wohl ewig fern! Wärst Du todt, ich könnte sagen, was vergangen,
ist dennoch gewesen; aber so ist nichts vergangen und nichts gewesen, und das
süsseste Glück meines Lebens, ja mein ganzes Dasein, ist nur ein neckendes
Traumgesicht. Noch schwebe ich oft am goldnen Saum des Traumes zwischen Wachen
und Schlafen; wenn nun aber der volle bleibende Tag hereinbricht, dann muss ich
vergehn wie alle Truggestalten der Nacht. O es ist erschrecklich, Luise, wenn
uns die Vergangenheit so zur Lüge wird und wir hinter uns in das öde Nichts
sehn!
    Ich sollte Dir das alles wohl nicht sagen, aber Du fühlst es, um der
Wahrheit willen, die in Deiner Seele ist und die nichts daraus verdrängen kann.
Auch bestand ja von je mein lebendigstes Denken aus innren an Dich gerichteten
Worten. Gönne mir noch eine Zeitlang die liebe Gewohnheit, sie ist mir zur Natur
geworden.
    Vielleicht freuet es Dich, wenn ich Dir sage, dass der Mönch seine Liebe und
Sorgfalt zwischen mir und dem wiedergefundnen Sohne teilt. Du weissst ja wohl?
oder weissst Du nicht? Er meint ja, Du habest die letzten Worte gehört, und
seist erst, nachdem Fernando fiel, verschwunden. Ja wohl, verschwunden!
Vergebens strecke ich meine Arme nach Dir aus; das Luftbild ist zerronnen, meine
Luise bleibt ewig fern.
    Man sagt, Du seist krank. Ich kann das wohl begreifen; und doch
erschrickt's mich nicht wie sonst. Der Tod scheint mir so wünschenswert, so
lösend und beruhigend. Ganz anders fühl' ich die Schmerzen Deiner Seele.«
    Luise ward für den Augenblick ruhiger. Fernando lebte, Julius redete zu ihr,
keines seiner Worte verdammte sie, ihr Vergehn erschien ihr weniger gross, seit
der Ausgang der letzten Begebenheiten milder war als sie fürchtete.
    Nach und nach ward es heller in ihrer Seele. Sie konnte das Einzelne
festalten, ansehn und erkennen. Nur war ihr die Zeit zwischen jenem blutigen
Ereignis im Walde und ihrem jetzigen Erwachen ganz entfallen. Sie sann lange
darauf, wie sie hieher gekommen sei, konnte aber nichts als einzelne
vorüberfliegende Erinnrungen auffinden.
    Mariane sass indes unermüdet zu ihren Füssen und schien bereit, das lange
Schweigen auf den ersten Wink zu brechen. Daher schöpfte sie tief Atem, als
Luise sie nach den nähern Umständen ihrer Reise befragte, und erwiederte,
nachdem sie die letzten Ereignisse noch einmal überflog: Lieber Himmel, gnädge
Gräfin, das ging alles so wunderlich zu, dass ich's noch heute am Tage nicht zu
erklären weiss. Es war fast Mitternacht, als ich Sie vorigen Mittewochs
ausgekleidet hatte, und mich ebenfalls anschickte, schlafen zu gehen, da trat
Georg noch zu mir in die Stube, setzte sich still in einen Winkel und sagte
lange kein Wort. Ich wusste nicht, was das zu bedeuten hatte, und sah ihn
verwundert an. Jungfer, sagte er endlich halblaut, es geht hier was vor, es ist
seit einiger Zeit ein gewaltiges Gepolter in den langen Gängen. Gestern fiel's
in der Rüstkammer, dass der Boden dröhnte. Ich sagte es heute Morgen dem Herrn
Grafen. Wir gingen hinein, und fanden das breite Schwerdt mit dem Siegelring am
Knopf, von dem ich Ihnen oft erzählte, halb aus der Scheide heraus, am Boden
liegen. Der Herr Graf nahm's auf, besah's und hing's still wieder an, aber der
Nagel war in der Mauer los geworden und fiel heraus. Da hat's der Herr Graf mit
auf sein Zimmer genommen. Jungfer, das ist ein Unglückszeichen. Der Todesengel
wird kommen und sich's abfordern. Sagen Sie, dass ich's gesagt habe. Heute ist's
nun schon dreimal um das Schloss geritten, und so oft ich hinaus sah, war nichts
da. Gott bewahre uns! rief ich, was sind das für wunderliche Grillen! aber ich
zitterte, wie ich das sagte, und konnte den alten Georg nicht ansehn, der mir in
der Angst ganz fremd vorkam. Da rief er mit einemmale: Herr Jesus, was war das!
Ich hatte nichts gehört und nichts gesehn; aber ich erschrak so, dass ich mir mit
beiden Händen die Augen zuhielt und nicht eher wieder aufsah, als bis der Jäger
fluchend hereintrat und den fremden Herrn verwünschte, der nichts als Teufeleien
im Schloss anfange, wodurch ehrliches Gesinde geschoren werde. Er solle, sagte
er, noch spät in der Nacht mit einem Handpferde nach Harzgerode reiten und dort
Order erwarten. Der Herr Graf sei auch noch ausgegangen, das alles gelte sicher
so ein italienisches Stückchen, eine Streiferei im Gebürge, die der Fremde
angezettelt habe. Georg sass während dem immer noch mit gefalteten Händen, sein
kleines schwarzes Mützchen weit über die Augen gezogen, ohne ein Wort zu sagen.
Ja, ja, der Fremde! rief er jetzt, schob sich die Mütze aus den Augen und wankte
zur Tür. Der Jäger folgte ihm. Ich war nun ganz allein, und so angst und bange,
dass ich mich aufs Bett warf und die Decke dicht über den Kopf zog. Zuletzt
mochte ich wohl eingeschlafen sein, als ich's leise um mich herum gehen hörte.
Der Atem stockte mir, ich zitterte am ganzen Leibe, und konnte nicht einmal
beten, so schnürte mir's die Brust zusammen. Da hörte ich meinen Nahmen; es zog
erst sacht, dann stärker an meiner Decke, eine Hand fuhr mir über die Augen, so
dass ich sie halb öffnen musste; da standen Sie, gnädige Gräfin, nein niemals
werde ich's vergessen, Sie standen in den langen, dunkelroten Shawl gewickelt,
blass wie der Tod neben mir, und sagten mit zitternder Stimme: steh auf, Mariane,
lass anspannen, wir müssen fort, geschwind, geschwind. Ich weiss nicht, wie ich
auf die Beine und zur Tür hinaus kam. Im Flur stiess ich auf Georg. Ich
wiederholte ihm Ihren Befehl. Schon gut, sagte er, ohne weiter zu fragen, als
wisse er alles. Ich konnte mich lange nicht finden, endlich erinnerte ich mich,
dass Sie schon am Vorabend Anstalten zur Reise machten, dass ich eingepackt hatte
und noch mancherlei besorgen müsse. Als ich nach einer Weile zu Ihnen
zurückkehrte, standen Sie noch, wie zuvor, an mein Bett gelehnt, ohne sich um
etwas zu bekümmern oder weiter zu befehlen. Endlich fuhr der Wagen vor. Auf sein
erstes Geräusch gingen Sie zur Tür. Georg öffnete sie und sagte: es ist nun so
weit. Im Hofe fanden wir das Gesinde versammelt. Der Jäger hielt zu Pferde
mitten unter ihnen. Im Walde, hörten wir, sei ein Schuss gefallen, einer sei
verwundet, der Herr Graf sei auch dabei; mehr konnten wir in der Eil nicht
erfahren, denn Sie, gnädige Gräfin, riefen wiederholt: fort, um Gotteswillen
fort! Ich und die Andern glaubten Anfangs, Sie wollten nach dem Walde fahren,
der Kutscher lenkte auch dahin; aber als wir bei dem Wasserfall vorbei kamen,
sagten Sie aufs neue: Mariane, mach' dass wir nach Quedlinburg kommen, aber bald,
recht bald! Wir nahmen den Weg dahin. Sie legten darauf den Kopf auf meine
Schulter und schienen einzuschlafen. Da ward mir nun vollends erst recht
beklommen. Sie lagen so kalt und unbeweglich in meinen Armen, dazu ward die
Nacht immer finstrer, ich konnte nicht vor, nicht neben mir sehen, und wenn wir
denn so hart an den Bäumen hinfuhren und die langen, dürren Zweige oft raschelnd
an die Wagenfenster schlugen, dann fuhr ich zusammen und wusste vor Angst nicht
meines Bleibens. So lange wir im Gebürge reisten, kam mir's immer so vor, als
ritte jemand neben dem Wagen, ich konnte aber nichts erkennen. Gegen Morgen zu
hörte ich auch einmal ein Pferd dicht neben mir schnauben, dabei pfiff es wie
ein kalter Wind durch den Wagen. Mir schauderte, wenn ich an alles zurückdachte.
Als wir endlich in die Stadt kamen, redeten Sie ein paar Worte. Wir mussten
Pferde wechseln, und Sie verlangten ausdrücklich, hierher gebracht zu werden.
Nach einigen Stunden wurden Sie aber ganz still. Ihre Augen schlossen sich, die
Brust flog wie im heftigsten Krampfe. So kamen wir hier an. Ich konnte vor Angst
und Tränen kaum sprechen. Wir brachten Sie gleich in das nächste Zimmer und
schickten eilends zum Doktor, der auch diese Tage immer hier blieb, während Sie
im stärksten Fieber und dem ängstlichsten Schlaf dalagen und von nichts wussten,
was um Sie vorging. In vorletzter Nacht ward der Doktor abgerufen. Er sagte, er
müsse fort, versprach aber, heute vor Abend hier zu sein. Ich bin, so lange er
fort ist, ganz trostlos gewesen. Ich glaubte gewiss, Sie müssten nun sterben. Ach
Gott! was wäre dann aus mir geworden. Sie beugte sich bei diesen Worten über
Luisens Hand, die sie unter stillen Tränen küsste.
    Mariane hatte kaum geendet, als ein Wagen in den Hof fuhr, aus welchem Carl
und der Doktor stiegen. Luise erfuhr nicht so bald, wer angekommen sei, als sie
eine tiefe Beschämung fühlte, Jemand wiederzusehn, mit dem sie die letzten Tage
auf dem Falkenstein verlebte. Sie war noch unschlüssig, ob sie nicht Carls
Besuch abweisen sollte, als dieser schon hereintrat. Gottlob! rief er, Sie eben.
Aber lieber Himmel, wie sehn Sie aus! Er blieb eine Weile schweigend vor ihr
stehen. Ich möchte mir eine Kugel durch den Kopf jagen, fuhr er fort, wenn ich
denke, dass ich an allem dem Schuld bin! Und doch ist's so; mein verfluchter
Streit mit dem Werner hat Sie erst recht in's Elend gestürzt. Und dazu verliessen
wir Sie wie feige Buben. Sie hatten nun die Qual im Herzen und Angst und Gefahr
von allen Seiten, da mussten Sie sich wohl an den Gott sei bei uns selber wenden.
Denn dass Sie unschuldig sind, darauf verwette ich meine Seligkeit! Lieber Carl,
sagte Luise sehr erschüttert, lassen Sie das Vergangene ruhen. Es lässt mich aber
nicht ruhen, fiel er heftig ein. Ich kann an nichts anders denken, und Sie, wenn
Sie aufrichtig sein wollen, haben zuverlässig auch keinen andren Gedanken. Zu
was sollen wir einander hintergehn und hin und her sprechen, während uns ganz
andre Dinge im Sinne liegen. Ich kann mir wohl vorstellen, wie Sie sich
innerlich abquälen und doch gegen alle, die um Sie sind, nichts äussern dürfen.
Gewiss, Ihre Lage ist recht trostlos!
    Der Doktor näherte sich jetzt, nachdem er draussen überall weitläuftige
Erkundigungen eingezogen hatte. Nun es geht ja gut, sagte er, Luisens Hand
ergreifend. Sein Blick ruhete dabei mit seltsam zurückgedrängter Neugier bald
auf Carl, bald auf Luisen. Sie müssen nur Ihr Gemüt beruhigen, fuhr er fort,
denn was sich da verletzt und zerstört, kann ich nicht ausheilen, und das hat
einen ganz erstaunlichen Einfluss auf den Körper. Das ist wohl leicht gesagt,
unterbrach ihn Carl, aber beruhige einer mal, wenn es so recht wurmt und sticht.
Der Doktor zuckte die Achseln. Der Wille tut viel, sagte er, indem er den Mund
etwas nach der Seite und die Augenbraunen zusammen zog, was er gewöhnlich tat,
wenn er gerührt war, und dennoch die äussre, mit seinen Geschäften verbundene,
Ruhe behaupten wollte. Der Wille - wiederholte Carl, den hat erst alles recht
zum Besten, Menschen, Umstände und so mancherlei in uns, was ich nicht nennen
kann, was aber recht wie der Teufel hinterm Busche 'rausguckt und einen anpackt,
dass man nicht wieder los kann. Das, dächte ich, hätten wir erst gestern gesehn.
So ein gescheuter Mann, so fest und ruhig, und nun hin, dass es ein Erbarmen ist.
Der Doktor winkte hier Carl bedeutend. Ja so! sagte dieser, und trat einige
Schritte zurück. Der Doktor redete hierauf noch einiges mit Luisen und setzte
sich dann, eine Zeitschrift aus der Tasche ziehend, in ein Nebenzimmer, um zu
lesen.
    Carl, sagte Luise, der jener Wink nicht entgangen war, ist es Julius, den
Sie eben jetzt meinten? Ich bitte Sie um Gotteswillen, sagen Sie mir die
Wahrheit, ist er krank? gefährlich krank? Weiss der Himmel! rief jener nach
kurzem Besinnen, wie mir's bei Ihnen mit meinen Geheimnissen geht! Wenn ich
einmal unversehens anschlage, so kommen Sie gewiss gleich auf die rechte Spur und
erfahren allemal was Sie nicht wissen sollen, denn ableugnen kann ich nicht, und
auf solche Kunststückchen, Sie auf falsche Fährte zu locken, verstehe ich mich
gar nicht. Also ist es so! rief Luise ganz ausser sich. O Gott, auch das noch!
Beunruhigen Sie sich nicht vor der Zeit, sagte Carl, das Schlimmste ist noch
nicht da, ist vielleicht noch sehr entfernt; aber wahr ist's, Julius leidet
viel. Ich traf gestern den Doktor auf dem Falkenstein, wohin ihn Georg in der
Herzensangst rufen liess. Julius hat ein paarmal heftige Fieberanfälle gehabt und
sieht sich kaum noch ähnlich. Ich erschrak, als ich zu ihm hineintrat. Er sass
da, bleich und abgefallen, wie ein Schatten. Guter Carl, sagte er, als ich ihm
die Hand gab, Du hast es immer ehrlich mit mir gemeint, in unsern Kinderspielen
wie im Leben selbst; ich danke Dir. Mir gingen diese Worte durch die Seele. Sie
klangen wie ein Abschiedsgruss. Ich betrachtete ihn schweigend. So kurze Zeit,
und diese Verändrung. Ich kam mir selber steinalt vor. Meine ganze Jugend sah
ich mit ihm zu Grabe gehn. Du weissst doch, fuhr er fort, und die Welt weiss es
wohl auch schon, was ich gefunden und verloren habe. Wollte Gott, rief ich, Du
hättest nichts gefunden, so hättest Du auch nichts verloren! Das mag ich nicht
denken, sagte er, immer gleich sanft und ergeben, Gott wollte sicher alles ganz
anders, aber ein jeder von uns bat, wie es so oft im Leben geschieht, den eignen
Wünschen gefolgt, und nun kreuzt sich's so bunt durcheinander. Du gutes, treues
Herz! rief ich unaussprechlich gerührt, was hast Du denn dabei verschuldet? So
manche Ahndung, sagte er ernst, flog warnend an mir vorüber, ich habe sie
überhört, und selbst das Netz geschürzt, worin ich nun gefangen liege. Ich
fragte ihn, wie er das meine; allein er schüttelte schweigend den Kopf, und sah
vor sich hin, ohne weiter auf mich zu merken. Mir schossen die Tränen in die
Augen, so oft ich ihn ansah. Deshalb ging ich hinunter in den Garten. Aber da
war es nun vollends erst recht traurig. Das Laub ist in den wenigen Tagen ganz
gelb geworden, vieles liegt vertrocknet auf dem Boden, dort in den langen Alleen
rauschte es unter meinen Füssen, oder zitterte knisternd an den Zweigen. Ich ging
rasch an dem Rasensitz vorüber, wo wir den Tag versammelt waren, als die
Bergleute kamen, es war mir gar zu wehmütig, an die kurze Freude zu denken;
aber wo ich ging und stand ward mir zu Mute, als käme ich Nachts an einen
Kirchhof. Ihre Blumentöpfe lagen meist vom Winde umgeworfen. Von dem einen
Myrtenbaume hing die abgebrochne Krone am Bande, womit er angebunden war, und
schlenkerte in der nassen Luft hin und her. Ich mochte nicht zu Ihren Fenstern
aufsehn, und machte dass ich wieder in das Schloss zurückkam. Auf der Treppe
begegnete ich dem Doktor. Ich befragte ihn über Julius. Er meinte, es sei in dem
Augenblick vielleicht weniger Gefahr als man denke; allein es arbeite so vieles
in seinem Innren, was über den Ausgang nicht entscheiden lasse.
    Als ich am Abend mit Julius allein war, redete er sehr viel, und so schnell
und heftig, wie ich es nie von ihm gehört hatte. Aber immer kam er auf den
Vorgang im Walde zurück, und konnte sich nicht von den Erinnrungen losmachen,
die ihn sichtlich ängsteten. Mir selbst ward ein paarmal ganz wunderlich, wenn
er mich mit beiden Händen fasste und ausrief: Carl, denke Dir's doch, denke
Dir's, es war ja mein Bruder, auf den ich zielte; Herr Jesus, wenn ich ihn
getroffen hätte! Ich fragte ihn darauf, wie ihm das Pistol auch sogleich in die
Hand und er in den Wald gekommen sei. Ich weiss nicht, erwiederte er, wie ich mir
selbst vorkomme, wenn ich an alles zurückdenke! Werners Worte lagen mir immer im
Sinn und befleckten und zerrissen mir alles, was mir bis dahin allein lieb war,
weniger um das, worauf sie deuteten, als dass sie überall laut werden konnten.
Mir war den ganzen Tag, als sei der Boden unter mir aufgewühlt, ich konnte
nirgend fest auftreten. Nach langem Hin- und Hersinnen nahm ich mir vor, mit
Fernando recht offen zu reden, und zu überlegen, was so unberufne Urteile könne
veranlasst haben. Ich ging in dieser Absicht den Abend spät nach seinem Zimmer.
Die Tür war angelehnt, er nicht darin, wohl aber der Maler, was mich
befremdete, schlafend im Nebenzimmer. So wird Luise vielleicht noch wachen,
dachte ich, und wandte mich dortin. Sie wollte am andern Morgen verreisen, und
ich muss die arme zagende Seele zuvor noch beruhigen. Allein auch hier fand ich
die Tür, die nach dem Vorsaal geht, nur angelehnt. Ich trat hinein, alles war
still, Luisens Kleider hingen über einem Stuhl, ihr Bett war noch unberührt, sie
selbst nirgend zu finden. In dem Augenblick überfiel mich eine Angst, dass ich
mich kaum aufrecht erhalten konnte. Ich stellte das Licht auf Luisens offnen
Schreibtisch und lehnte mich an einen davor stehenden Stuhl, um Atem zu
schöpfen. Meine Blicke fielen zufällig auf zerstreut liegende Papiere, deren
Schriftzüge ich lange anstarrte, ohne zu wissen was ich las; doch nach und nach
traten die Worte wie Nachtgesichte vor mich hin und fuhren schneidend in mein
Innres. Ich besann mich; es waren fliegende Blätter aus Luisens Tagebuch, die
vor mir lagen. Ihr Inhalt schüttelte mich wach. Ich erkannte damals, wie jetzt,
die Qual, mit der sie rang, und beschloss, sie zu retten, gleichviel wie. Mit den
Pistolen unter dem Arm, stürzte ich aus dem Hause. Im Hofe traf ich den Jäger,
der aus dem Walde zurückkam. Ich fragte ihn, ob er dem Fremden begegnet sei. Ja
wohl, sagte er, der muss was auf der Spur haben; ich sah ihn, durch die Schonung
kommend, rechts über den Graben setzen und dann den Weg nach dem Kloster nehmen.
Nach dem Kloster? fragte ich. Mich schüttelte es wie Fieberfrost. Sattle zwei
Pferde! rief ich, reite nach Harzgerode und erwarte dort Nachricht. Ich weiss
nicht recht, warum ich das sagte; ich dachte wohl an ein Unglück, an mögliche
Flucht für Fernando; deutlich war mir nichts, selbst nicht mein Wille. Am
Eingang der Buchenallee, die zum Kloster führt, sprang mir Luisens Hund
entgegen. Er lief hin und her, bald vor- bald rückwärts. Ich folgte ihm
atemlos, mit klopfender Brust, wie ein Getriebener. Plötzlich stand ich vor
Beiden. O erlass mir - ich bitte Dich - - Er schwieg. Ach Gott, ich wusste ja das
Uebrige und weinte aus Herzensgrunde mit ihm.
    Luise hatte nicht den Mut, die Augen aufzuschlagen. Carls Worte fielen
schonungslos in ihre Seele. Seine treue Schilderung zeigte ihr die Dinge wie sie
waren, und gestatteten durchaus kein Verkleiden der Wahrheit, die sie derb
anfasste, und zwang, ihr in das strenge Antlitz zu sehen. Hier stand es mit
Flammenzügen, die keine Macht der Erde auslöschte, sie habe das Böse herauf
beschworen, dadurch, dass sie sich seinen frühesten Lockungen zagend hingab.
Jetzt, das fühlte sie, hatte es sie berührt, und alles was ihr lieb war, bis auf
die heiligsten Erinnrungen befleckt.
    Der arme Julius, hub Carl auf's neue an, hat nun seit dem nirgend Ruhe. Er
sagte mir einmal, was ihn am meisten quäle, sei, dass er nicht wisse, wo er mit
den eignen Gedanken hin solle. In der Vergangenheit sei ihm alles
zusammengestürzt, die vertrautesten Bilder sehen ihn fremd an, er suche und
suche, und finde weder Kindheit noch Jugend. Die Zukunft aber stehe wie ein
bleiches Gespenst da; ihn schaudre wenn er darauf hinblicke. Ich sprach ihm Mut
ein, und sagte, es könne ja noch alles besser werden. Was soll werden? fragte
er; es ist ja nichts da, was werden könnte! Das ist mein Elend, dass nichts,
nichts von allem dem wirklich ist, worin ich lebte, und ich nur wie eine dunkle
Wolke an Luisens Himmel hinziehe. Es muss wohl so sein, wie er sagt, denn recht
von Herzen ging es ihm, mir ward fast wie ihm dabei zu Mut.
    Der Doktor war indes, mit einem Licht in der Hand, vor die tausendmal
gesehenen und besprochnen Schildereien getreten. Julius Bild, als Knabe gemalt,
sprang in voller Beleuchtung hervor. Das Kind sah sinnend und sehr ernst aus
grossen etwas tief liegenden Augen hervor. Schlichtes Haar, nur an den Spitzen
gekräuselt, teilte sich auf der Stirn, so dass diese, fast frei werdend, eine
Falte über den Augenbrauen sehen liess, die dem Gesichtchen etwas Ungewöhnliches,
überaus Hohes, gab. Nur um den Mund schwebte ein kindliches Lächeln, das man
fast schmerzlich nennen konnte, so wehmütig fühlte man sich davon ergriffen.
Ganz erstaunt getroffen, sagte der Doktor halbleise zu Marianen, die mit ihrer
Arbeit zunächst dem Bilde sass; nicht wahr? zum sprechen. Luise hielt sich nicht
länger. Ja, ja, es spricht! rief sie. Du liebes, frommes Kind, öffne nur den
verschlossnen Mund, und nenne mein Leid und das Deine! Der Doktor wandte sich
erschrocken zu ihr. Er glaubte sie zu sehr im Gespräch mit Carl vertieft, um auf
jene rücksichtslos gesprochnen Worte zu achten. Luise begegnete seinen Blicken,
die sich voll gutmütiger Teilnahme auf sie richteten. Lassen Sie immerhin Ihr
Gefühl laut werden, mein alter Freund, sagte sie gerührt, das Schweigen ist nun
gebrochen; ach! und es liegt ja auch ohnehin alles so hell am Tage, mein Unglück
und mein Vergehn!
    Der Doktor ward lebhaft von der grossen Störung eines ruhig bürgerlichen
Verhältnisses ergriffen, das früher unter seinen Augen entstanden und in seiner
Gegenwart bestätigt war. Diese Störung mehr als das persönliche Leid in's Auge
fassend, sagte er mit finsterm Ernst: mein Gott, wer hätte dies vor einem halben
Jahre denken sollen, als wir alle das letztemal hier versammelt waren. Ich
ahndete es lange, erwiederte der alte Geistliche, der von den Andren unbemerkt
schon eine Weile im Zimmer war. Mir stellten sich recht wider Willen unheimliche
Ahndungen in den Weg, und im entscheidenden Augenblick ging ich zum erstenmal im
Leben zagend an meinen Beruf. Tod und Leben begegneten einander so wunderbar auf
demselben Wege Die befangnen Sinne fassten alles unsicher auf, Niemand verstand
sich selbst, der Schmerz riss Alle im Taumel fort. So im Streit mit Gottes Willen
und den eignen Wünschen soll der Mensch nicht über sich bestimmen wollen. Die
Liebe sollte siegen, aber der Tod mit seinen Qualen drängte sie zurück.
    Carl stand mit gefalteten Händen vor dem Greise. Reden Sie nicht mehr vom
Tode, sagte er erschüttert, ich habe ihn seit gestern immer vor Augen, und das
ängstet mich entsetzlich. Der Alte sah den frischen lebenslustigen Jüngling an,
nahm seine Hand und sagte: nun, so wollen wir vom Engel des Friedens reden, der
alle bösen Träume und auch den Tod verjagt. Er sei uns hier und dort nahe.
    Alle schwiegen. Luisen fasste ein leiser, wonniger Schauer. Der Friedensengel
neigte sich zu ihr und küsste ihre wunde Brust. Dort und hier? dachte sie. Was
birgt das dunkle Jenseit? Sollen dort Blumen blühen, die mir hier fremd waren?
Ist der Himmel nicht der ewig Eine? Still dämmernd brach ein neuer Morgen in
ihre Seele herein. Sie fühlte eine unaussprechliche Sehnsucht nach Julius, der
versöhnend aus der Ferne winkte und das feuchte Auge voll Schmerz und Liebe auf
sie heftete. Dahin, dahin, dachte sie, führt der Weg zum Himmel.
    Haben Sie gelesen? fragte der Prediger, auf Julius Brief zeigend. Ja, ach
ja, erwiederte Luise. Und soll ich - fragte er weiter, soll ich - Nein,
unterbrach sie ihn, ich will selbst schreiben, diesen Abend noch, gleich. Das
ist recht, fiel Carl ein, das kann vieles wieder gut machen! O! ich hoffte es
immer. Hm - sagte der Doktor kopfschüttelnd, und wandte sich ab. Der Riss ist
einmal geschehn. Alle Teile sind aus ihren Fugen gesprengt, es hält schwer, so
etwas wieder einzurichten. Ich weiss nicht, hub der Prediger an, was Ihre Worte
bewirken sollen; aber rufen Sie einen stillen Sinn ans Licht, und den Willen,
der zugleich demütig ist und kühn, so machen Sie vieles gut. Luise drückte ihm
schweigend die Hand. Bald darauf äusserte sie den Wunsch, allein zu sein, worauf
sie Carl dringend bat, ihm ihre Aufträge nach dem Falkenstein mitzugeben, da er
noch diese Nacht den Weg dahin antrete, und alsdann zum Onkel gehe, um dort den
Klugen die Köpfe zurecht zu setzen. Die Baronin, setzte er hinzu, habe ihm
gleich nach des Malers Rückkehr den fatalen Vorfall gemeldet. Ihre Worte haben
wohl traurig, aber doch spitz und vornehm geklungen, weshalb er auch gleich
hingewollt, zuerst aber doch zusehen müssen, wie die Dinge eigentlich stehen.
Nun werde er wohl Rede und Antwort geben und die Seitenhiebe pariren können. Er
ermahnte Luisen noch einmal, alles anzuwenden, das Geschehene ungeschehen zu
machen und die Dinge ins vorige Geleis zu bringen. Was mich anbetrifft, setzte
er treuherzig hinzu, ich werde keine Mühe sparen, wobei er ihr zuversichtlich
die Hand schüttelte und den Andren folgte.
    Sie war nicht so bald allein, als sie mit möglichster Anstrengung das Bett
verliess und zum Schreibtisch eilte. Ihr Herz klopfte ängstlich, als sie die
Feder ergriff. Voll Reue und Vertrauen wollte sie sich dem einzigen Wesen
hingeben, das sie auf dieser Welt über alles liebte. Wahr, wie vor Gott, im
Bekenntnis ihrer Schuld an die treueste Brust sinken und den verhaltnen Schmerz
und die Kämpfe der zagenden Seele laut werden lassen. Demütig barg sie ihr
Gesicht in die gefaltnen Hände und betete noch einmal still. Als sie aufsah,
fielen ihre Augen zufällig auf ein Packet ineinander geworfener Papiere. Die
Worte zogen sie unwillkührlich an. Es war ihr Tagebuch, welches Mariane in der
Nacht ihrer Abreise vom Falkenstein gedankenlos mit andern Sachen
zusammengerafft und hier in den offen gefundnen Schreibtisch geworfen hatte.
Ach! jene Blätter, die Julius den Todesstoss gaben, lagen obenauf. Der bange Ruf
aus jener Zeit riss sie fort. Sie las gleich zuerst:
    »Was bedeutet die Angst, die mich bei des Fremden Anblick, ja bei seinem
Nahmen, befällt! Alte Sagen sprechen viel vom Basilisken, dessen Blick
vergiftend die fremde Brust berührt. Ich spüre etwas Aehnliches. Der seine zieht
mein Herz zusammen. Und warum? Julius liebt ihn, er ist sein Freund. Was geht
mich alles andre an! Und dennoch! Mir ist so bang, so wehmütig! Ich möchte
weinen über die schöne stille Zeit, die so rasch verflossen und so widrig
gestört ist!
    Kann die Natur auch lügen, oder sich in sich selbst widersprechen? Wozu all
die Schönheit und Fülle und Herrlichkeit des Geistes, wenn alles ein Gaukelspiel
ist und die Sünde und Arglist im Hinterhalt lauern! Ich war auch wohl nur eine
Törin! Das Fremde berührte mich vielleicht nur fremd. Ich werde mich versöhnen
lernen.
    Nein, nein, es ist vergebens! Ich finde nirgend Ruhe. Es peinigt mich die
innre Unsicherheit und die wechselnden Eindrücke, die mich hin und her werfen
zwischen Hass und Wohlwollen. Zuweilen besänftigt mich die leise, schmeichelnde
Stimme, es wird still in mir, ich vergesse mich selbst und höre aufmerksam auf
die Begebenheiten eines reichen Lebens. Dann fährt das Lächeln, das höhnende
Lächeln, schneidend durch mich hin; ich erschrecke und fliehe wie vor dem bösen
Feind.
    Hass und Liebe! - O hätte die erfahrne Frau doch nie gesprochen! Dies also,
dies war die Todesangst? Und er weiss es, was mich quält und sieht vornehm
darüber hin! Ich wusst' es nicht, ach nein, ich wusst' es nicht, darum mein Gott
lass mich's auch bald vergessen!
    Ich glaubte, es solle besser werden, die vielen Menschen um mich her werden
mich zerstreuen; Ja wohl zerstreuen! das haben sie getan. Weniger gesammelt als
je, verliere ich mich in bangen unsichern Ahndungen. Anfangs war mir leichter,
ich konnte freier reden zu allen denen die nicht wussten wie mir zu Sinne ist.
Jetzt aber, jetzt -! O Gott im Himmel, du siehst die Angst die mich aus allen
Sinnen drängt. Fremd, verlegen, sitze ich in dem bunten Kreise, ohne Mut mich
selbst zu behaupten, ohne Kraft, heimlichen Angriffen zu widerstehn. Wie gebannt
liege ich in den Schlingen, die eine freche Hand über mich zusammenzieht.
Zuweilen mahnt mich noch ein innrer Ruf, ich reisse mich aus der eignen
Erniedrigung empor, ich stemme mich gegen die Gewalt, die auf mich eindringt,
ach, und wenn dann mein scheuer Blick den seinen streift, der so kalt und hoch
über mich hinfährt, dann sinke ich wie ein Kind zusammen, und beweine mein Elend
und meine Torheit. Es ist gewiss, seit er mich hasst, fühl' ich doppelt was mir
ewig ein Geheimnis bleiben sollte. Wüsst' ich nur, wohin ich fliehen, an welche
treue Brust ich mich verbergen könnte. Julius geht so still, so ruhig neben mir
hin. Mein Julius - ach Gott bewahre mich vor dem Frevel, Dein reines Herz mit
diesem Misston zu verletzen! Die Baronin drängt sich wohl an mich, aber sie weiss
nicht was sie tut. Ein Spiel, mein Kind, sagte sie diesen Morgen, ein freches
Spiel treibt er mit ihnen. O fühlt sie's nicht, wie das die wunde Seele vollends
zerreisst! Soll ich denn mit Gewalt verachten, was ich mit unsäglicher Qual und
Verzweiflung liebe?
    Es ist geschehen! Der Schleier ist zerrissen! Das innre Gift und meine
Tränen nagten unaufhörlich an dem luftigen Gewebe. Was es verdeckte, liegt nun
offen dar. Es ist laut geworden ihm und mir, was tief in Nacht das Licht
scheuete. Was ist die Kraft, was der Stolz edler Naturen, wenn fremde Mächte so
mit uns spielen! In sein Herz legte ich alle meine Sorgen nieder! Mir war so
wohl, so unaussprechlich wohl. Der Friede lachte mir nach langem Streit. Ich war
mit allem ausgesöhnt, ich scheuete Niemand, auch Julius nicht. Ach, ich hätte
ihn umfangen und mit voller Wahrheit an meine Brust drücken mögen! Kann der
Himmel auch die Hölle bergen? Um ein paar vorüberfliegende Sonnenblicke zu
erhaschen, gab ich Ruhe und Glück, ja das Leben selbst hin. Denn ist das ein
Leben zu nennen, was unaufhörlich das Leben zerreisst? Wie Grabesnacht sehen mich
meine Umgebungen an, und drüber hinaus zieht es wie ein buntes Spiel, das nicht
zu mir gehört. O Erinnrungen, könnte ich euch ersticken, dass ihr nicht mit euren
Zauberklängen die Sinne wach erhieltet! Aber immer, immer werde ich die Stimme
hören, die bald schmeichelnd, bald drohend mein Ohr berührte. Sie riss mich fort;
ich musste folgen! Ich muss auch jetzt - O Julius, Julius! das herbste Gift ward
Dir durch mich bereitet. Jetzt musst Du alles wissen, das ist das härteste von
allem, ich darf Dich nicht mehr schonen. Ach schonungslos zerriss ich ja Dich wie
mich! -«
    Luise legte das Blatt still vor sich hin. Das also, dachte sie, hat Julius
gelesen; so unverstellt lag die Wahrheit da, dass ihm kein Zweifel, ach nicht
eine arme Hoffnung übrig blieb. Was kann ich ihm jetzt noch sagen, als dass wir
Beide untergehn und einer wie der Andre das Leben beweinen müssen!
    Sie blieb lange Zeit nachdenkend, als Carl auf's neue zu ihr hereintrat und
sie ungeduldig fragte, ob sie geschrieben habe und ihn nun mit ihren Befehlen
beehren wolle, da er im Begriff sei, abzureisen. Grüssen Sie Julius, lieber Carl,
erwiederte sie verlegen, sagen Sie ihm, wie Sie mich gefunden haben; ich kann
heute nicht schreiben, mir ist alles noch so verworren, ich brauche Zeit. Also
nicht? unterbrach sie Carl; das ist Schade! Ich habe mich so gefreut! Und Julius
weiss nun nichts von Ihnen; denn was soll ich ihm sagen, als dass Sie betrübt sind
und nicht schreiben mögen? Guter Mensch, erwiederte Luise, ihm dankbar die Hand
reichend, Julius weiss wohl mehr von mir, als Sie und ich ihm sagen können. Aber
beruhigen Sie sich, er soll dennoch bald von mir hören, recht bald. Gewiss?
fragte Carl. Gewiss, sagte sie, worauf er sich voll neuer Hoffnungen von ihr
trennte.
    Am andern Morgen sprach Luise noch einige Augenblicke den Doktor, der, ohne
sie nach ihrem Wohlsein zu fragen, viel von der eignen Schlaflosigkeit und den
beunruhigenden Gedanken erzählte, die er seit den traurigen Begebenheiten nicht
los werden könne. Und wie er sich unaufhörlich der verstorbenen Mutter erinnere,
die, nur in der Zukunft lebend, alles so wohl darin begründet glaubte, dass sie
ohne Sorgen diese Welt verliess. Luise drängte ihn über diese Betrachtungen mit
der Bitte hinaus, ihr oft und bald Nachricht von Julius zu geben. Er zuckte bei
diesen Worten unsicher die Schultern, und meinte, darüber lasse sich jetzt noch
nichts Bestimmtes sagen, die Natur sei noch in der Arbeit, sie müsse erst selbst
den Weg angeben, wo man ihr näher treten könne. Indes zog er aus einer
Brieftasche eine Pergament-Tafel, auf welcher er gewöhnlich alle bevorstehende
Geschäfte, Krankenbesuche, Aufträge u.s.w. anzeigte, um auch jetzt Luisens
Wunsch anzumerken und dem überhäuften Gedächtnis zu Hülfe zu kommen. Das früher
Aufgeschriebene laut, und durch Nachsinnen unterbrochen, noch einmal überlesend,
nannte er - Kloster Augustin. - Luise machte eine rasche Bewegung. Dort war
Fernando. Eine flammende Röte überzog ihr Gesicht, doch erstarb die Frage auf
ihren Lippen. Hm - sagte der Doktor, ihre Erschütterung flüchtig beachtend, da
steht es gut. Es war nur eine Streifwunde in der rechten Seite unter den Rippen
weg. Die Mönche greifen uns in's Handwerk, und da es sogenannte Heilige sind,
darf man nichts sagen. Hier, wo es nun nicht viel auf sich hatte, ging es mit
der natürlichen Heilkunde wohl so ab, sonst haben dergleichen Pfuschereien schon
manchem sein Grab bereitet. Der Herr Graf, fuhr er fort, indem er die
Brieftasche schloss, und wieder zu sich steckte, der Herr Graf forderten mich
auf, als ich auf dem Falkenstein war, dem Kranken einen Besuch zu machen. Ich
tat es ungern, indes bin ich belohnt worden. Es ist ein ganz scharmanter Mann,
von überaus feiner Bildung, sehr zuvorkommend, und dabei von vielen und grossen
Kenntnissen. Er sagte dies Letztre teils aus Ueberzeugung, teils um Luisen,
die er durch frühere Äusserungen verletzt glaubte, wieder zu versohnen, wobei er
gutmütig verschlagen lächelte, der frühern schmerzlichen Rückblicke und
sorgenvollen Äusserungen uneingedenk. Als aber Luise ernst vor sich hinblickte,
wechselte er auch schnell Ton und Mienen; wie aus einem augenblicklichen
Vergessen aufgeschreckt und zutraulich ihre Hand fassend, sagte er: Gott stärke
Sie. Ihre Gesundheit beunruhigt mich weiter nicht. Sie sind jung, fest, die
Natur beruhigt, das hat nichts auf sich; aber, aber -! Nun leben Sie wohl! Er
blieb noch einmal vor Julius Bild stehen und ging dann mit den Worten: es ist
doch Schade, sehr Schade! aus dem Zimmer.
    Luise blieb von da an still und in sich gekehrt, wie jemand, auf dem das
Leben gewaltsam lastet und der im Innern keinen Ausweg zu finden weiss. Sie sah,
sie sprach Niemand. Viele Tage vergingen ihr so, ohne dass sie den Mut hatte,
ihr Zimmer zu verlassen. Die Welt, ja die äussre lebendige Natur schien ihr fremd
geworden, sie gehörte nicht mehr zu ihr, sie hatte sie ausgestossen um der Frevel
jener sinnverwirrenden Leidenschaft willen. An ihre Mutter konnte sie nur mit
Bangigkeit denken, und nichts hätte sie vermocht, den Fuss in das stille Wäldchen
zu setzen, das ihr Grab beschattete. Der Prediger kam wohl von Zeit zu Zeit zu
ihr und brachte ihr Blumen, die er mit vieler Liebe aufzog; allein er setzte sie
schweigend an ihr Fenster, und ging, ohne ihr düstres Sinnen zu unterbrechen.
Einmal indes, als sie ihm die Hand reichte und ihn mit dankbarem Blick begrüsste,
sagte er: es arbeitet recht schwer in Ihrer Seele, ob durch Gottes oder fremde
Macht, das muss sich zeigen, ich will's indes nicht stören, da ich weder etwas
nehmen noch geben kann. Doch lassen Sie es bald Tag in sich werden.
    Noch am nemlichen Tage rief Luise Marianen zu sich. Ich muss ihn sehn, sagte
sie, ich kann nicht eher ruhig sein, darum wollen wir fort, morgen oder heute
noch - aber ganz in der Stille; hörst Du? Wohin denn? fragte Mariane zagend.
Wohin? wiederholte Luise; kannst Du fragen? nach dem Falkensteine. Mariane
schlug freudig in die Hände. Gottlob! rief sie, Gottlob! nun wird alles wieder
wie zuvor, nun gehen die schönen Tage wieder an, das wird ein Jubel sein! Die
schönen Tage? sagte Luise wehmütig; ach, armes Kind, die sind längst
untergegangen. Ich will nur noch einmal beten, damit ich ruhig die Augen
schliessen möge. Liebe Mariane, wie könnte ich sterben, wenn ich mich nicht zuvor
in Julius Armen mit Gott versöhnte! Doch, Mariane, Niemand darf wissen, wohin
wir gehn. Nenne meinen Leuten den ersten, besten Ort; sage, Geschäfte zwängen
mich zu einer Reise. In der nächsten Station nehme ich Postpferde; kein Mensch
weiss dann, auf welchem Wege wir sind.
    Mariane war so voll Hoffnung, dass sie alles schnell betrieb, und sie nach
wenigen Stunden schon im Wagen sassen. Bei den trüben herbstlichen Tagen und
schlechten Wegen konnten sie indes nur langsam reisen. Luisens Herz klopfte voll
banger Ungeduld. Oft beugte sie sich zum Schlage hinaus und maass mit unruhigen
Blicken den Raum, der sie noch vom Ziele ihrer Reise trennte. Am Abend des
folgenden Tages kamen sie endlich in die Nähe vom Falkenstein. Als Luise die
Türme der alten Burg erblickte, liess sie halten. Den übrigen Weg wollte sie zu
Fuss zurücklegen, deshalb stieg sie, von Marianen begleitet, aus, und befahl dem
Postillon, sie zu erwarten. Wie sie ging, rauschten die Wipfel der alten Tannen
in wunderlich gebrochnen Tönen; ein feuchter Wind blies ihr unbehaglich entgegen
und jagte das Gewölk über einzelne hervorblickende Sterne, so dass es oft ganz
dunkel um sie her ward und die zagende Mariane nichts als den Schleier ihrer
Gebieterin sah, der, vom Winde gehoben, Luisens Gestalt umspielend, wie eine
weisse Wolke vor ihr hin zog.
    Als sie in den Schlosshof traten, leuchteten ihnen einzelne Lichte matt aus
dem obern Stockwerk entgegen. Das weite Portal stand offen, die Torflügel
schlugen knarrend im Winde hin und her, kein lebendiges Wesen begegnete ihnen.
Einen Augenblick blieb Luise am Eingang stehen, dann aber eilte sie durch die
langen Gänge hin in eine Gallerie zunächst an Julius Zimmer, welches, den innern
Raum eines der Schlosstürme einnehmend, so weit von Aussen hervorsprang, dass man
von der Gallerie zu den Fenstern hinein in das Innre desselben sehen konnte.
Luisens erster Blick traf den bleichen Julius, zusammengesunken, in einem
Armsessel sitzend, den Kopf in die Hand gestützt, während die andre matt zu dem
kleinen Hunde hinabhing, der neben ihm auf einem niedren Tabouret lag, und von
Zeit zu Zeit liebkosend an ihm aufblickte. Nach einer Weile fuhr Julius wie aus
einem Traume auf. Er stand auf, schwankte zum Clavier, auf welchem er einzelne
tiefe Akkorde anschlug, deren bebende Töne Luisen zu rufen schienen. Ohne
weiteres Besinnen öffnete sie in dem Augenblick die Tür und sank sprachlos vor
Julius nieder. Ach Luise, meine Luise! rief dieser in der heftigsten
Erschüttrung. O Gott im Himmel, so sehe ich Dich wieder! Steh' auf, Du armes,
liebes Kind! steh' auf, meine Luise! Er fasste sie in seine Arme, er kniete neben
ihr. Die Stirn an seine Brust gelehnt, vergoss sie stille, selige Tränen. Weine
nicht, weine nicht, bat er sie dringend; Du weissst ja, das brach mir von je das
Herz; ach es ist noch darin wie ehemals! Ehemals! wiederholte Luise schluchzend.
Julius sah sie fremd an - ja freilich, sagte er, langsam aufstehend, es ist
anders wie ehemals! weit, weit anders! Er reichte ihr die Hand und führte sie
zum nächsten Stuhl. Beide sassen eine Weile schweigend neben einander. Es ist
doch schön von Dir, hub er endlich an, dass Du gekommen bist. Er stockte auf's
neue. Plötzlich liess er ihre Hand fahren, barg das Gesicht in sein Taschentuch
und rief wiederholt: nein, nein, es ist nicht gut, dass Du gekommen bist! ach
nein, es war so besser! Jede freundliche Täuschung flieht vor Deinem Anblick.
Ich will auch gleich wieder fort, lieber Julius, sagte Luise; ich bin nur
gekommen, Dich noch einmal zu sehn, meine Angst war so gross, ich konnte nicht
mehr leben, bis Du wieder zu mir gesprochen hattest; der Friede, dacht' ich -
Ach Julius, wir sind Beide recht unglücklich! Sie wandte sich ab, um ihren
Tränen freien Lauf zu lassen. Wie gut Du bist! sagte Julius; Du dachtest so
viel an mich, Du kommst sogar zu mir! Ich habe das wohl geglaubt und recht gut
gefühlt, wie viel Du littest. Du wirst auch nicht eher ruhig sein, bis Du mich
zufriedner weissst. Deshalb will ich fort aus dieser Gegend, Deine Nähe tut mir
nicht wohl, die meine drückt Dich. Ich will in der Welt umherstreifen, fremde
Menschen suchen, wie jemand, der nirgend zu Hause ist. Seh' ich doch all mein
Gut verschüttet, meine Heimat verödet; ich fliehe wie ein Vertriebener. Du gute
Seele, fuhr er mildernd fort, als er Luisens heftigen Schmerz sah, Du treibst
mich nicht; mein eignes, trübes Loos. Wir gehören nun einmal nicht zu einander.
Ich wollte Dich vom Schicksal ertrotzen; den Trotz muss ich büssen. Sage das
nicht, Julius, fiel Luise ein, sage das nicht, wir gehörten doch wohl zu
einander, alles andre war ein Wahn. Nein, ach nein, erwiederte er sinnend. - Und
wenn es dennoch wäre, fuhr er schneller fort - wenn - Herr Gott im Himmel! es
war wohl alles nur ein Traum, Du kamst, mich zu wecken; wie schön Du bist,
Luise, wie fromm und bittend Dein Auge! - Er hielt lange inne, als bekämpfe er
sich selbst. - Geh', gutes Kind, sagte er plötzlich mit verändertem Ton, geh' -
Du tust mir wehe, unaussprechlich wehe. Luise stand scheu und zagend auf. Wohin
gehst du? fragte er sanft. Zu meiner einsamen Wohnung, erwiederte sie, wo ich
Niemand, ach Niemand mehr habe als meinen Gram. O Julius! rief sie, vor ihm
niederknieend, Du weissst, ich bin nun ganz allein, gieb mir Deinen Segen, sage,
dass Du mir nicht fluchst, damit Dein Andenken wieder rein in mir leben und Du
mir dennoch schützend zur Seite stehn mögest! Niemals, niemals! rief er, sie
heftig an seine Brust drückend, wird dies Herz eine feindliche Regung kennen!
Wie sollte ich Dir fluchen, ohne mich selbst nicht tausendfach zu verwunden! Wie
könnte ich Dein Bild vergiften, was mich, wie der Maienmorgen unsrer Kindheit,
hell und friedlich ansieht! Nein, Du armes, verwaistes Kind, meine Liebe kann
Dich nie verlassen! sie erfleht Dir den Segen des Himmels, der Dich jetzt
geleiten möge! Er sagte diese letzten Worte leise, mit erstickter Stimme, indem
er sich sanft aus ihren Armen wand. Luise schwankte zur Tür. Lebe wohl, ach
lebe wohl, Du schönes Traumgesicht! rief er noch einmal im heftigsten Kampf.
Luise machte eine Bewegung, zu ihm zurückzukehren; aber er verhüllte das
Gesicht, als scheue er ihren Anblick. Lebe wohl, mein Julius, sagte sie, in
stiller Ergebung das Zimmer verlassend. Wie sich die Tür nun hinter ihr schloss,
da schrie Julius, seines Schmerzes nicht mehr mächtig, laut auf. Luise
schauderte zusammen, und dennoch hatte sie nicht den Mut, jene Tür wieder zu
öffnen, wohl fühlend, dass es nicht die dünne Scheidewand, welche sie mit einem
Fingerdruck wegräumen konnte, sei, die sie von seinem Herzen trennte. Sie fasste
Marianen schweigend unter den Arm und zog diese mit sich aus der Gallerie. Also
doch fort? fragte das weinende Mädchen, und wohin denn in der finstren Nacht? Zu
dem ehrlichen Anton, im Walde, erwiederte Luise; doch komm, ich bitte Dich!
Julius, der arme Julius! Hörtest Du nicht, wie ihn meine Nähe ängstet?
    Sie eilten unbemerkt hinunter. Im Hofe warf Luise noch einen schmerzlichen
Blick hinter sich und ging dann, still weinend, zu ihrem Wagen.
    Nach einer Stunde hielten sie vor Antons Tür. Der Postillon fragte sie, ob
sie hier übernachten wolle, in welchem Falle er seiner Wege reiten werde. Luise
war es zufrieden, indem sie des andern Tages Pferde aus Ballenstädt bekommen
konnte. Auf das Geräusch war die Frau aus dem Hause getreten. Sie erkannte nicht
sobald Luisen, als sie freudig aufschrie und sie liebkosend in das bekannte
kleine Stübchen führte.
    Luise ward im Hereintreten seltsam von einer Gestalt ergriffen, die ihr das
helle Kaminfeuer in unsichrem, flackernden Lichte zeigte. Es war ein alter, sehr
bleicher Bergmann, der, der Flamme gegenüber, eine Citer im Arm, mit
geschlossnen Augen, fast regungslos da sass. Zu seinen Füssen spielte die kleine
Marie, die, in die Händchen klopfend, wiederholt rief: mehr, mehr singen! worauf
der Alte die Saiten rührte, und, die erstorbnen Lippen öffnend, folgende Worte
sang:
Im Tannenschatten ganz allein
Den Berg hinan auf öden Wegen,
Wenn Sterne seh'n zum Wald herein,
Zu Hauf' in Wolken zeucht der Regen,
Da mag ich doch zum liebsten sein.
Ich klopf' an' Berg, ich sag' ein Wort
Davor sich's regt in seinem Herzen.
Mein Bub' erwacht am dunklen Ort
Und ruft nach mir, und will mich herzen,
Nur will die Steinwand noch nicht fort.
Musst fort zuletzt, du Stein, so hart;
Mein Spruch kann härtre Ding' erweichen.
Horch! wie der Bub' schon drinnen scharrt.
Er wird den seltnen Schatz mir reichen,
Der ihm im Berg' zu Teile ward.
Ich weiss den Schatz, ich nenn' ihn nicht,
Er ist ein Gold ohn' alle Schlacken,
Und kenntet ihr sein süsses Licht,
Ihr Leut', ihr kämt mit Spat' und Hacken,
Und fändet doch den Holden nicht.
Ihn kann aus seinem finstren Grab
Nur ein sündlos Geschöpf erwecken,
Drum fuhr mein frommer Bub' hinab.
Im Anfang tät's mich doch erschrecken,
Nun schüttl' ich alles Bangen ab.
Die Frau hatte indes, das Lied wenig beachtend, Stühle herbei geschoben,
abgewischt und Luisen wiederholt zum Sitzen genötigt, als diese sie unter
innrem Schauern fragte, wer der wunderliche Alte sei. Es ist der wahnsinnige
Claus, erwiederte diese leise. Sollten Sie den nicht auf dem Falkenstein gesehn
haben? Er ist des alten Georgs Bruder, und streift überall umher. Ostern werden
es vier Jahr, da verlor er sein einzig Kind, einen bildschönen Buben von
funfzehn Jahren, der im Schacht verschüttet ward. Seitdem ist er irre geworden.
Zu Anfang sass er Nacht und Tag auf der Felswand und pochte an, und hoffte, der
Knabe solle ihm antworten. Damals mocht' er wohl das Lied zuerst singen, was er
zeiter gehend und stehend hören lässt. Nun geht er nur ab und zu nach dem Berge,
wo das Unglück geschah. Er sagt, es sei noch nicht an der Zeit. O er spricht
Ihnen so vernünftig darüber, dass man wirklich denken sollte, es wäre alles so,
wie's ihm vorkommt. Er tut keinem Menschen etwas. Zur Winterzeit kommt er zu
den Leuten in die Häuser; da hängen sich die Kinder ordentlich an ihn, und
keines sagt ihm ein Leidwort. Da oben hinauf, im Gebürge, erzählen sie, er sei
von je absonderlich gewesen, und habe wunderliche Dinge gesprochen von dem was
unter der Erde vorgeht.
    Marie war indes an den Alten hinangeklettert, und strich mit ihren kleinen
Fingern die Saiten der Citer. Du! sagt' er ernst, schweig' jetzt, hörst Du
nicht wie's im Feuer klingt? Ei, lasst's klingen, sagte die Frau, indem sie das
Kind von seinen Knieen hob, und rückt Euch da ein Bischen von der Seite, damit
die gnäd'ge Frau auch Platz finde. Der Alte sah sie finster an. Ihr sprecht, wie
Ihr's versteht, sagte er; die Elemente reden seltsamlich mit einander, und geben
Kunde von dem, was hier und dort vorgeht. Hat sie doch der alte Schlund geboren,
der nun ächzt und stöhnt nach den rebellischen Kindern. Die kreisen derweil, und
formiren in den Lüften und üben Gewalt über die Kreatur, die sie nicht mehr
versteht und ihrer nicht Herr werden kann. Dann aber hat Gott Erbarmen und
sendet seine Engel, die wilde Brut mit dem alten Geist zu versöhnen, damit
Friede werde im Himmel wie auf Erden. Mein Knab' war einer von diesen, er musste
hinunter in die Tiefe, und wenn er wiederkehrt, bringt er zum Unterpfand den
reichen Schatz an's Tageslicht. Mein Knab' war schön wie die Engel sind, er
verstand die Sprache der Tiere und jeden Laut in der Natur. Er hat mir's
seitdem zu Nachts gelehrt, dass ich nun weiss was kommen wird, und ruhig bin. Des
Alten Blicke leuchteten, während er sprach, er hob sich immer mehr und mehr, so
dass er gerade und feierlich da sass, als er mit gehobner Stimme sagte: vernehmt
Ihr des Windes Rauschen und das Schwirren der Vögel, die langsam durch den Wald
hinziehn? Dazu bricht sich die Flamme in wunderlichen Farben und zischt wie der
alten Schlange Ruf. Es nahet irgend ein sündbeladnes Haupt, und drüber hin zieht
der Tod.
    Luisen fasste ein entsetzliches Grausen. Mariane war schon längst hinter
einen grossen Schrank geflüchtet und verhüllte Aug' und Ohren. Da trat Anton
herein; die Anwesenden flüchtig grüssend, wandte er sich zu seiner Frau, und
sagte ihr, dass ihm ein Fremder auf den Fuss folge, der sich im Walde verirrt habe
und hier den Aufgang des Mondes abwarten wolle. Er zündete dabei eine kleine
Handlaterne an, und machte sich bereit, wieder hinaus zu gehn, um, wie er sagte,
den Leuten und Pferden des Reisenden ein Obdach im nächsten Holzschuppen zu
suchen, derweil die Frau für das Abendessen sorgen solle.
    Luise fürchtete auf irgend einen Bekannten zu stossen, und bereuete sehr,
nicht nach Ballenstädt gefahren zu sein, wo sie im Gastofe ein einsames Zimmer
finden konnte. Sie trat daher zu Marianen, dieser ihre Besorgnisse mitzuteilen,
während ihre Wirtin draussen beschäftigt war. Von dem altväterlichen, weit
hervorspringenden Schrank verdeckt, redeten Beide mit einander, als die Tür
aufging, und der angekündigte Gast, im dunklen, weiten Reisemantel und mit
heruntergeschlagnem Hute, eintrat. Ei, sieh da! rief er, zum Bergmann tretend,
alter Gesell, treff' ich Dich hier? Wie steht's mit dem Golde, ist es bald
heraufbeschworen? Die Sünde, sagte dieser, hat das Gold verflucht; Ihr müsst Euch
erst entsündigen, ehe ich den Schatz hebe! Da wird's Weile haben! rief jener
lachend, und warf Mantel und Hut auf den nächsten Sessel. Herr Gott im Himmel!
schrie Luise, die beim ersten Ton der fremden Stimme bebte, und jetzt mit
Entsetzen Fernando vor sich sah. Dieser wandte sich betroffen zu ihr. Von dem
eignen Geschick ergriffen, welches ihn unwillkürlich zu dem trieb, was er
vermeiden wollte, blieb er eine Zeit lang unbeweglich vor ihr stehen, dennoch
aber, sich bald darauf fassend, sagte er mit unsichrer Stimme, welche die innre
Bewegung seines Gemütes verriet: Sie sehn, schöne Luise, wir können einander
nicht entfliehn. Da sei Gott vor! rief sie heftig, indem sie eine Bewegung
machte, als wolle sie den frechen Ausspruch Lügen strafen. Wo wollen Sie hin?
fragte Fernando schmeichelnd. In der Dunkelheit können Sie unmöglich weiter
reisen. Luise erinnerte sich, dass sie den Postillon fortgeschickt, und sich,
unbewusst, die schmerzlichste Verlegenheit bereitet hatte. Wie gebannt stand sie
nun in dem engen Stübchen, von der erwachenden Liebe und allen Schrecknissen
ihrer Lage hin und her geworfen. Vor ihr Fernando mit der süssen, lockenden
Gestalt, daneben der wahnsinnige Alte, der, mit geschlossnen Augen, wie im
Traume, seltsame Töne auf der Citer anschlug. Ihre Sinne schwankten verworren
umher. Lassen Sie mich! lassen Sie mich! rief sie wiederholt, als solle Fernando
sie frei geben. Luise, sagte dieser sehr ernst, ich fühle was Sie sich, was Sie
der Welt schuldig sind, sein Sie versichert, ich fühle das. An mir ist es zu
gehn. Ich zögre auch nicht, so bald Sie's wollen. Nur hören Sie mich zuvor einen
Augenblick. Er führte sie zu einer kleinen Bank im nächsten Fenster, und sich
behend auf den Rand derselben zu ihr setzend, fuhr er leiser fort: missverstehn
Sie sich nicht, liebe Luise, Sie sind aufgeschreckt, in sich zerrissen,
unsicher, Sie wollen mir, sich selbst entfliehn! Geben Sie Acht, dass Sie sich
nicht ganz elend machen. Glauben Sie mir, Ihr Streben ist fruchtlos, Sie reissen
sich nicht von mir los. Das ist das Vorrecht reiner Seelen, dass sie nur ein Bild
in dem klaren Spiegel ihres Innren dulden können und es für alle Zeit darin
bewahren. Das ist so wahr, dass Sie jetzt, jetzt, wo Sie mich zu hassen meinen,
dennoch einer zärtlichern Regung nicht Herr werden können, die aus Ihren
Blicken, ja aus dem süssen Zittern Ihres ganzen Wesens, spricht. Sie erschrecken;
aber ich muss es dennoch sagen, liebe Luise: wir können nicht anders, wir müssen
einander ewig lieben. Luise wollte hier aufstehn; allein er hielt sie bittend
zurück. Hören Sie mich aus, sagte er; ich gehe, so gewiss ich Sie liebe, wenn Sie
es dann noch wollen. Wir sind nicht umsonst durch tausend schmerzhafte und herbe
Aufopferungen verbunden, um uns, wie zwei feindliche Kräfte, zu fliehen, die,
nach zufälliger Berührung, in ihrem Grimm auseinander sprengen. Sagen Sie
selbst, ist in Ihrem Herzen wohl ein recht wahres Gefühl, das mich verdammt? Was
ist denn auch so Unerhörtes geschehn, das den Fluch des Himmels herabzöge! Die
Natur ist mächtiger als alle menschliche Weisheit, daher verspottet sie jene
kränkliche Verträge, die man ein Band der Gesellschaft nennt. Meine Luise, sei
stärker als die Zeit in der Du lebst; gestehe Dir's nur, Du gehörst mir, mir,
keinem Andern! O wie viel Jammer hätte uns meine Mutter erspart, wenn sie, die
Formen verachtend, freier, ja freimütiger handelte. Sieh, was davon herkommt,
geselligen Verträgen zu Lieb, sich selbst und die Wahrheit seiner Gefühle
aufzuopfern! Schone sie, schmeichle Du ihnen jetzt immerhin, Du bist doch mit
ihnen zerfallen. Die Welt verdammt Dich, Julius ist für Dich todt. Luise
schauderte schmerzlich zusammen, ein tiefer Seufzer drang aus ihrer Brust; sie
fühlte es wohl, sie war verloren. Wie eine abgerissne Blüte hing sie in der
frechen Hand, die sie um alle Hoffnungen des Lebens betrog. Unfähig, zu reden,
lehnte sie den Kopf abwärts an das kleine Fenster, und die Stirn fest an die
kalten Scheiben drückend, starrte sie hinaus in die Nacht. Fernando neigte sich
vertraulich zu ihr, so dass der warme Hauch seiner Lippen sie wie ein leiser Kuss
berührte. Wie Musik umspielte sie dabei das weiche Flüstern seiner Stimme, das
unwillkührlich ihre Tränen hervorlockte. Du weinst, Luise? fragte er sanft; Du
zitterst? erschrickst Du vor dem Gedanken, Niemand als mich zu haben, in dessen
Brust Du die Welt, den Frieden und die Unschuld Deiner Seele wiederfinden
kannst? Sieh um Dich, Du bist allein, ganz allein unter Menschen, die Dich nicht
verstehn, nicht verstehn wollen. Im Kampf mit Dir selbst, zerreissst Du ein
Leben, das so seelig, so unaussprechlich seelig sein könnte! Sei doch mitleidig
gegen Dich selbst. Komm, fliehe mit mir. Dieser Augenblick entscheidet für uns
Beide. Sieh, ich führe Dich in mein Vaterland, wo Du geliebt, wo Du glücklich
sein wirst. Hier -? Was suchst Du hier? Was erwartest Du von Verhältnissen, die
Dich hohl und kalt ansehn? Glaubst Du, die Freunde werden es Dir verzeihn, dass
Du einen andern Weg gingst, als den sie Dir mit ihren Alltagsblicken
vorzeichneten. Hoffst Du, Julius sei mehr als ein Mensch? Er verschmäht ein
Herz, das sich und ihn belog. Komm denn, komm mit mir, Luise.
    Georg! Georg! rief der Alte im Schlaf, lass Deine Tränen nicht so über die
grauen Wimpern fliessen! Sie tragen Dich auch bald hinunter. Hör nur, wie der
Todtenvogel krächzt.
    Mit schwerem Fittig fuhr jetzt eine Eule schreiend am Fenster vorüber. Luise
sprang auf. Das Entsetzen gab ihr Kraft. Bleich stand sie vor Fernando. Sie
müssen fort, stammelte sie. Die Natur hat eine Sprache, die ich fühle, wenn ich
sie gleich nicht klar verstehe. Umsonst häuft sie so nicht ihre Schrecken. Sie
hat mich geweckt. Ich weiss es, Sie müssen fort. Der Tod trat zwischen uns. Wir
scheiden. Geben Sie, eilen Sie, Fernando. Ist das Ihr Ernst? fragte er. Mein
heiligster, erwiederte sie. Nun dann! rief er, auf Wiedersehn in einer andren
Welt! Ich gehe in französische Kriegsdienste. Ich hatte dies beschlossen, ehe
ich Sie hier traf. Ihr Anblick erschütterte mich. Das Leben sah mich noch einmal
lockend an. Ich glaubte einen Augenblick an eine friedlichere Bestimmung. Sie
wollen's anders. Ich gehorche. Sein Sie glücklich, recht glücklich. Mich reisst
mein Schicksal fort! Ich stürze mich hinein, wie jemand der nicht vor, nicht
hinter sich sehen mag, gleichviel wie's endet! Ich habe oft mit dem Leben
gespielt, sagte er, bitter lachend; nun spielt es mit mir! Stürmen Sie nicht so
wild in die dunkle Nacht hinein, unterbrach ihn Luise sanft; scheiden Sie
milder, Fernando. Ach Gott! ich habe es wohl um Sie verdient. Mein Sinn ist
wild, erwiederte er; unsre Liebe war's auch. Sie wissen ja, sie will ein blutig
Ende, darum schicken Sie mich in den Krieg. O Fernando, Fernando! rief Luise
erschüttert. Er stand erwartend vor ihr. Seine Blicke lagen gespannt auf den
ihren. Sie zitterte heftig, und hatte kaum noch Kraft, sich aufrecht zu
erhalten. Eine rasche Bewegung, als wolle er sie umfangen, schreckte sie auf. Um
Gottes Willen! rief sie, lassen Sie mich! Sie haben es gelobt, Sie müssen, ja
Sie müssen mich verlassen. In ihrem scheuen Blick, in dem Entsetzen, das über
das bleiche Gesicht hinfuhr, lag etwas Gebietendes. Fernando gedachte
unwillkührlich jener Nacht im Walde. Nun denn, alter Camerad! rief er, den
Bergmann aus dem Schlaf rüttelnd, so komm, geleite mich durch den Wald. Du
kennst ja Wege und Stege. Lass die dumpfe Citer vor uns her klingen. Der
wahnsinnige Greis taumelte vom Schemel, und Fernando unter den Arm fassend,
schwankten Beide hinaus. Luise barg den Kopf an Marianens Brust, um die
vorüberklingenden Töne der Citer nicht zu hören, die noch lange vernehmlich
durch den Wald hinzogen. Wie sie fernab rauschten und endlich verstummten, ward
es auch stiller in ihr; der innre Sturm sänftigte sich. Sie holte aus tiefer
Brust Atem und blickte seit lange zum erstenmal ruhig gen Himmel.
    Die Wirtin trat bald darauf mit dem Abendessen herein, fast ärgerlich, dass
sie der vornehme Gast so schnell verlassen habe. Luise gewann nach und nach
Fassung genug, mit der gesprächigen Frau über vieles zu reden, was dieser lieb
war, und als Anton späterhin hinzukam, hörte sie teilnehmend ihren aufblühenden
Wohlstand rühmen, dessen Schöpferin sie war. So von sich selbst abgezogen, auf
die stille Wirksamkeit einer glücklichen Familie gelenkt, stellte sich das innre
Gleichgewicht ihrer erschütterten Sinne wieder her. Sie schlief die Nacht über,
wie jemand, der einer grossen Gefahr entronnen ist, und sich nun der Ruhe
hingeben darf. In diesem Gefühl trat sie auch am folgenden Morgen die Rückreise
an, von tausend Segenswünschen ihrer freundlichen Wirte begleitet. Als sie
indes Abends spät so allein und verlassen die verödete Wohnung wieder betrat,
und nun in dem engen Bezirk das Ziel wie den Ausgangspunkt ihrer früh
beschlossnen Laufbahn umfasste, da fiel ihr trübes Loos centnerschwer auf die
zagende Seele. Alle freudige Gestaltungen ihres Lebens, die frühen Verheissungen
von Liebe und Glück, alles, alles wich vor dem trüben Einerlei zurück, was ihr
aus den menschenleeren, unbewohnten Zimmern entge entrat, die man sorglich bis
zu ihrer Rückkehr verschlossen hatte. Ihr war, als öffne sich ein Gefängnis, wie
sich der Schlüssel drehte und die verhaltne Luft aus der geöffneten Tür drang.
So jung und so früh beendet, dachte sie, und sah betrübt im nahen Spiegel die
blühende Gestalt, die in aller Frische der Jugend Anforderungen an ein
freudigeres Dasein machte. Fernandos Worte drangen aus dem Grunde ihres Herzens
herauf, und schienen eine Entsagung zu verspotten, der Schmerz und Reue folgten.
Wehmütig gedachte sie der vorüberrauschenden Klänge der Citer. Hier war alles
stumm und todt. Nur die trägen Schritte ihrer müssigen Diener unterbrachen die
tiefe Stille um sie her.
    Wochenlang schleppte sie dies beengte, dumpfe, Leben mühsam mit sich fort,
als ein schöner Herbsttag mit seinen sinkenden Nebeln und der hell
hervorbrechenden Sonne sie unwillkürlich in's Freie lockte. Ein klarer Luftstrom
zog erfrischend durch das gepresste Herz. Sie blickte um sich. Jenseits des Sees
rollten sich die Dünste wie fallende Schleier zusammen, und zeigten ihr ein
schönes, sonst so oft besuchtes Birkenwäldchen, das heut mit seinem goldgelben
herbstlichen Schmuck fast fremd wie ein unbekanntes Eiland vor ihr lag. Sie ging
den See entlang und trat in eine Fähre, die, durch ein Seil regiert, in das
Wäldchen führte. Von dem ruhigen Wasserspiegel getragen, ward ihr leichter; die
trübe Welt schien von ihr abgeschnitten, die kleinen kreisenden Wellen führten
sie spielend in eine neue Heimat. So betrat sie das Ufer, und ging zwischen den
Bäumen hin, der Landstrasse zu, die hier vorüberführte. Ein lauer Wind trug vom
nahen Dorfe einzelne Töne eines Kirchenliedes zu ihr her. Sie erinnerte sich,
dass es Sonntag und die Gemeine um den frommen Greis versammelt sei. Eine Liebe,
dachte sie, wehet durch diese Stimmen. O mein Gott, du bist so gross und gut, du
sänftigst in einem Augenblick alle Schmerzen einer trüben, langen Woche! lass
deinen Frieden auch über mich kommen. Da raschelte etwas neben ihr in den welken
Blättern. Ein Reisender wollte vorübergehen. Georg! rief Luise, ihn erkennend,
Georg! wie finde ich Dich hier? Der Alte stand alsobald mit einem Briefe vor
ihr, und reichte ihr denselben, ohne ein Wort zu sagen. Schnell das Siegel
erbrechend, las Luise Folgendes:
    »Liebe Luise! Ich versprach Dir bei Deinem Hiersein, bald diese Gegend zu
verlassen. Ich halte schneller Wort, als ich es damals glaubte. In wenig Stunden
trete ich eine lange, weite, Reise an. Mir ist wohl und wehe, nun es so weit
kommt. Ach wir werden uns wohl so bald nicht wiedersehn! Lebe denn wohl, meine
Luise! Lebe wohl, mein höchstes Glück auf Erden.«
    Wie denn, Georg, sagte Luise, und er blieb zurück? Der Alte senkte weinend
die Augen zur Erde. Wollte er mich doch nicht mitnehmen, stammelte er leise.
Ging er denn so weit von uns? fragte Luise. Ach ja! ach ja! wimmerte Georg, weit
hin! - wohin ihn die zunehmende Krankheit zeiter unablässig rief, in den Tod!
der hat ihn nun gefasst! O mein Gott! seufzte Luise. Beide konnten lange nicht
reden. Schweigend wankten sie neben einander an das Ufer hin, und traten in die
Fähre, ohne recht zu wissen, was sie taten. Ueber das Wasser hin klangen die
Töne aus der Kirche immer vernehmlicher. Georg faltete andächtig die Hände, und
während Luise im dumpfen Schmerz das schlaffe Seil des Fahrzeugs aufrollte,
begleitete er die fernen Stimmen folgendermassen:
Noch schauen wir im dunklen Wort;
Noch reisst uns mancher Irrtum fort,
Und unser wankender Verstand
Hat abgewandt
Von Gott, oft Gottes Rat verkannt.
 
                                  Zweites Buch
Ein Band nach dem andren hatte sich jetzt von Luisens Herzen gelöst. Die
ausgestorbne Welt lag wie ein öder Kirchhof um sie her, in dessen kaltem
Grabeshauch sie wie eine einsame Blume traurig hin und her schwankte. Ohne
Liebe, ohne Hoffnung barg das Leben nichts mehr von allem, was allein Leben
gibt. Jedes Geheimnis der innersten Seele schien ausgesprochen, jede Frage
beantwortet, alles an seinem Ziel zu sein. Was sie tat und was sie dachte,
kehrte beziehungslos in sie selbst zurück, und drängte das Bild ihres verwaisten
Daseins immer peinigender vor sie hin. Dazu verscheuchte der hereinbrechende
Winter noch die letzten Spuren lebendiger Regsamkeit. Ueberall, überall war
nichts als der Tod. Die einsamen Abende, die ewig langen Nächte, wanden sich
drückend an der beklommnen Luise hin, die alles, bis auf die Träume, floh. Als
lege sich der schwarze Saum der Nacht auf ihre Brust, so sah sie den Tag sinken
und versank mit in die gestaltlose Dunkelheit.
    Aber wie auch Wünsche und Erwartungen welken, so dass sie wie dürre Halme
höhnend auf den entschwundnen Frühling hinweisen, so regt sich dennoch tief an
ihrer Wurzel die ewige Sehnsucht, die erst leise, dann immer mächtiger sich
dehnend, das Innre plötzlich mit solcher Gewalt erfasst, dass sich's, auf's neue
aus sich herausgedrängt, mit schmerzlichem Verlangen in die bunte Welt stürzt
und das ungekannte Gut an sich reissen möchte. Luise konnte sich tausendmal
sagen, es ist vorbei, es ist alles vorbei! so ergriff sie dabei eine Angst und
eine Ungeduld, die zerstörend mit der gänzlichen Trostlosigkeit und dem Druck
ihrer Lage stritt. Unwillkührlich sann sie auf Rettung, mass und erwog, überflog
augenblicklich die scharfgezognen Linien weiblicher Beschränkteit, träumte sich
in ferne Länder, unter fremde Menschen, die ein helleres, freudigeres, Dasein an
das ihre anknüpften und so eine neue Welt um sie her schufen. Nach Italien
wandte sich am liebsten ihr Blick. Dort, dachte sie, wehen laue Lüfte, dort
müssen die innren Schmerzen heilen und alle Sorgen vor dem ewig reinen Himmel
fliehen. Aber auch hier schreckte sie Fernandos Bild wie eine Aegide zurück. Und
dennoch säuselten die lauen Lüfte so schmeichelnd und lockten sie hinüber in
wunderliche, verworrne Träume, in denen Wille und Verlangen seltsam kämpften.
    So in Widersprüchen verstrickt, fiel ihr Auge einst auf das elfenbeinerne
Kästchen, welches Violas Bild und jene versiegelten Papiere entielt. Luise
öffnete es, als einzige Besitzerin von allem, was Julius zugehörte, und als
Teilhaberin eines Geheimnisses, das hier nur näher bestätigt sein konnte. Wie
sie die Haarflechte löste und die Blätter einzeln in ihre Hand fielen, zeigten
ihr sogleich die ersten Worte, dass es Briefe der Markise an Viola waren, in
welchen sie Fernandos nur zu oft gedachte. Mehrere durchlesend, fand sie einen,
der sie mehr als alle andre ergriff, und folgendermassen lautete:
    »Wie dauerst Du mich, arme Viola! in Deinem strengen, farblosen Norden, wenn
ich den reichen Schmuck und die Fülle und die Glut unsrer blumigen Heimat
betrachte! Kenne ich doch den lieben, beweglichen Sinn, der Dich wohl abwärts
trieb, weil man ihn binden wollte, einst aber kosend, wie unsre erfrischende
Seelüfte, über den bunten Schmelz des Lebens hinzog. Armes Herz! und Du sollst
nun welken und vergehn unter den schweren Wolken eines fremden Himmels! Ich
schreibe Dir aus meiner Villa, von dem wohlbekannten, niedren Balkon, nach der
Wasserseite. Ach Viola! wie muss ich hier unsrer Jugend gedenken, und wie nun
alles, alles so anders kam, als wir damals träumten! Erinnerst Du Dich der
stillen Nächte, wenn wir von hier, über den Golf hinaus, nach den fernen Küsten
schauten, und Dein Gesang Dich, halb sehnsüchtig, halb in frohem Übermut, zu
den ungekannten Ländern trug, und Du vermessen aus der Ferne Dein Liebesglück
heraufbeschworst. Es nahete Dir, aber von einer andern Seite, als Dir es
ahndete. Noch sehe ich, unter den Pinien dort, den schlanken, blondlockigen,
Nordländer hervortreten, und sein Erscheinen sittig und schmeichelnd mit dem
Zauber Deiner Töne entschuldigen, die ihn unwillkührlich angelockt. Lieber,
unglücklicher Eduard! wo irrst Du jetzt umher, jene Nächte verwünschend, wie Du
sie einst segnetest! Viola, das Myrtenreis ist nicht wieder gewachsen, was
damals brach, als er sich zuerst zu dem Balkon aufschwang. Dein schöner Knabe
tritt jetzt auf den halbtrocknen Stamm und arbeitet sich zu mir herauf, um mich
zum Spielen zu zwingen. Er wendet sich unwillig ab, da er mich schreiben sieht,
was er in den Tod hasst, geht nach dem Ufer, sich zu baden, und ich Törin
überwinde mich kaum, ihn gehn zu lassen. Du tadelst es, dass er uns alle
beherrscht. Aber sieh nur den süssen Trotz in Aug' und Mienen, das schmeichelnde
und gebietende Lächeln; Du widerständest auch nicht. Und lass es doch! Wem die
Natur das Herrscherstegel so aufgedrückt, der herrscht, wie man ihn auch
demütige. Vor so einem beugt sich die Welt, und wo ihm das Geschick
entgegensteht, da zertritt oder überspringt er es, und wird dennoch nicht
unglücklich. Du willst ihn also nicht sehn? Er soll nie Curen deutschen Boden
betreten? Du selbst wagst Dich nicht in Dein Vaterland zurück? Und dies alles um
eines Traumes willen? Wie bist Du so anders geworden. Wehet dieser Geist in
Euren Wäldern? Du quälst und arbeitest Dich ab, eine Zukunft zu berechnen, die
Dir so furchtbar in ihrer Dunkelheit ist. Liebe Viola, der Wurf ist getan, Du
setzest ihm kein Ziel. Stelle und sträube Dich, umbaue und verbirg Dich, tue
was Du willst, das Unvermeidliche ereilt Dich dennoch! Und Zeit und Ordnung
überfliegend, wagst Du, das tief verborgne Geheimnis zweier kindlichen Herzen
auszusprechen? Im Saamen bestimmst Du die Frucht; vor der Entwicklung die Reife?
Viola, erinnre Dich, dass das Glück solche flieht, die es mit Gewalt erfassen
wollen. Weissst Du, ob, was Du bindest, sich nicht ewig meiden wird? Was soll
Dein trübsehender, in Schmerz und Reue erzeugter Julius mit der reizenden
kleinen Luise, die Dir, wie Du selbst sagst, so ähnlich ist, bei deren heitrem
Lächeln Du Dein eignes freudigeres Dasein noch einmal aufgehn siebst. Lass den
armen Knaben Deine Schuld allein abbüssen und schicke mir das muntre Kind, damit
ihr an Fernandos Seite ein blühenderes Loos werde. Aber ich tadle Dich und
möchte eben jetzt dem Schicksal vorgreifen! Was kommen soll, wird geschehn!
Niemand weiss, wie er endet! O könntest Du nur, wie ich, unsern holden Liebling
sehn, wie er hier vor mir die schönen Glieder auf dem weissen Schnee der
bläulichen Wellen wiegt, wie alles, Licht und Luft und die kleinen kreisenden
Fluten, mit ihm zu spielen scheint, und er dann von Zeit zu Zeit das Köpfchen
hebt, die dunklen Locken schüttelt und unter den hohen Brauen zu mir hinsteht,
als wolle er das ernstre Geschäft bannen und mich unwiderstehlich zu sich
herabziehn. Armer Eduard! Arme Viola!«
    O vermessne, höchst vermessne Viola! rief Luise, mit blutendem, gewaltsam
bewegtem Herzen. Wie hast Du Dich an das Heiligste gewagt, und uns alle in Dein
finstres Loos verstrickt! So nahe also, so ganz nahe lag mir mein Glück, und nun
-! Ihr war, als hätten die Worte der Markise jene oft beweinten, immer noch
lebendigen, Gefühle gerechtfertigt; ja sie sah sich als die frühere Verlobte
Fernandos an, dem man sie absichtlich, widerrechtlich entrissen habe. Von da an
wich jede stillere Ergebung, alle Süssigkeit sanfter, auflösender Schmerzen aus
ihrer Seele. Verzweifelnd sträubte sie sich gegen die Hand des Schicksals, die
fremde Gewalten vernichtend auf sie gelegt. Jener einzige Blick in eine hellere
Welt zog ihre Umgebungen so eng zusammen, dass sie oft schreiend aus der
gepressten Brust atmete. Einzig beruhigte es sie, sich augenblicklich in die von
der Markise flüchtig angedeuteten Verhältnisse zu versetzen. Die bange Zeit
zurückdrängend, ging sie, ein glückliches Kind, spielend an Fernandos Hand, dem
weiten Meer entlang, das so lockend und sehnsüchtig aus der Ferne herübersah.
Leicht bewimpelte Fahrzeuge segelten vorüber, auf ihnen, Männer in fremder
Tracht, oder leicht verschleierte Frauen. Von der Landseite beugten sich hohe
Orangen zu ihnen herüber; Fernando wand sich behend den schlanken Stamm hinan
und liess die glühenden Früchte in ihren Schoos fallen. Zwischen hin erschien die
Markise, eine milde weibliche Gestalt, an deren Herzen beide ohne Schmerz und
ohne Störung heranwuchsen und vereint die erweiterten Kreise einer geahndeten,
unaussprechlich reizenden Welt betraten. Wie anders! rief sie dann, von der
nackten, dürren Gegenwart aufgeschreckt, wie anders wär' es so gekommen! Und
warum durft' es nicht so sein? - Sie konnte über die Frage nicht hinaus, und
verhärtete und erbitterte ihr Gemüt gegen alles, was das Leben ihr noch
Trostreiches geben konnte.
    So umgewandelt, schroff und herbe, sich gegen das unvermeidliche Verhängnis
auflehnend, sank ihr Innres immer mehr zusammen, ohne dass ein lebendes Wesen,
ein vertrauliches Wort es erfrischend berührte. Die leichtgeknüpften, frühern
Verbindungen hatte Julius Tod meist gelöst, entferntere Bekannte schwiegen,
verlegen, wie sie ihre Teilnahme äussern sollten, ohne der störenden
Missverhältnisse zu gedenken. Der alte Geistliche lag krank, schon seit Monaten
mit eignen Leiden kämpfend. Luise hatte es immer verschoben, ihn zu besuchen,
weil sie, wie so viele Unglückliche, von jedem Tage etwas Neues, Ungewöhnliches,
erwartete und mit beruhigterm Gemüt an das stille Lager zu treten hoffte. Als
aber alles blieb wie es war, und das Verlangen nach dem sanften Trost ihres
alten Freundes sie einmal recht lebendig erfasste, machte sie sich auf den Weg,
und trat durch das sauber geschnitzte, von dunkler Vinca umrankte Gitter des
Pfarrhofes, als folgende Worte einer weiblichen Stimme aus dem Hause
herüberklangen:
Weiss auf weissem Grund gewoben,
Blumen, seid so bleich und fremd,
Hab' zum Brautschmuck euch erhoben,
Webte ja kein Todtenhemd.
Ach, ihr blasset, bunte Seiden,
Von der kranken Hand berührt,
Die im Spiel die eignen Leiden
Mühsam so herauf geführt.
Tau'ge Perlen, senkt euch nieder
Auf das luftige Gewand;
Schlingt euch um die Blumen wieder
In ein helles Tränenband.
Luise war indes hineingegangen, und öffnete, da die Stimme schwieg, die Tür der
Wohnstube, in deren Grunde ein schönes, bleiches Mädchen an einem Stickrahmen
sass, und, überrascht durch ihr Erscheinen, von der Arbeit aufsah. Luise erkannte
auf den ersten Blick eine frühere Gespielin, des Predigers Nichte, die vor
mehrern Jahren sein Haus verlassen hatte, und jetzt, Luisen unbewusst, darin
zurückgekehrt war. Willkommen, liebes Minchen! rief sie, von allen lieben
Erinnrungen der Kindheit durchbebt, wie finde ich Sie so unerwartet hier? Sie
kennen mich also dennoch wieder? fragte jene wehmütig lächelnd. Wie sollte ich
nicht, fiel Luise schnell ein; mir ist in diesem Augenblick, als sei noch alles
wie sonst! wenn ich so kam und Sie abholte, und wir die ersten Veilchen auf dem
Kirchhofe suchten. Ich werde das nie vergessen! Ich sehe noch die kleinen
Kränze, die wir dann an die Linden über die Kirchmauer hingen, und uns freueten,
wenn sie nach mehrern Tagen noch frisch und duftend im Winde spielten. Beide
wandten sich unwillkührlich nach dem Fenster, der Mauer gegenüber. Die alte
Linde streckte ihre nackten Zweige in den kalten Winter hinaus, weisser Reif
überzog sie und hing in starken Tropfen herunter. Wie in einem Spiegel den
trüben Wechsel ihres eignen Lebens erkennend, senkten Beide die Blicke zur Erde.
Sie hatten eine Schwester, hub Luise endlich wieder an, ein schönes, frohes
Kind. Sie ist recht freudig herangewachsen, entgegnete Wilhelmine, und feiert in
Kurzem ihr Hochzeitfest. Ich sticke eben jetzt das Brautkleid. Also nicht das
Ihre? fragte Luise. Ein leises nein, o nein! bebte auf Wilhelminens Lippen. Sie
war zum Rahmen getreten, und rollte in grosser Bewegung den feinen Musselin
auseinander, um Luisen die Arbeit zu zeigen. Die weissen, leicht hingeworfnen
Blumen riefen dieser die trüben Worte des Liedes zurück. Es ist wohl recht
mühsam? fragte sie, ihre Erschütterung zu verbergen. Gar nicht, erwiederte
Minchen, wieder gefasst und freundlich. Ich kann nur bei Tage so wenig dabei
bleiben; ich muss dem Onkel fast immer vorlesen, wenn er nicht schläft, wie
jetzt, daher arbeite ich meist des Nachts. Des Nachts? fragte Luise, so feine
Stickerei? Warum nicht, entgegnete jene, dann ist alles so still und heimlich,
Lottchen steht wie ein freundlicher Geist vor mir, ich sehe ihre hellen Blicke,
und denke wie schön sie in dem Kleide sein wird, und alles geht leicht und gut.
Der Alte rief aus dem Nebenzimmer. Wilhelmine eilte schnell zu ihm, kehrte indes
sogleich zurück, um Luisen zu dem guten Onkel zu führen, der herzlich nach ihr
verlangte.
    Während das sorgsame Mädchen, teils um den Kranken, teils in häuslichen
Verrichtungen, auswärts beschäftigt war, sagte Luise dem Prediger, wie es sie
überrascht habe, die alte Jugendfreundin so unerwartet zu finden, und wie sie
sich freue, die liebreiche Pflegerin bei ihm zu wissen. Das fromme Herz! rief
jener gerührt. Sie ringt so still mit dem grossen Leid, das an ihr nagt, und
überfliegt es oft, indem sie sich unaufhörlich in die tätigste Wirksamkeit für
Andre verliert. Sie drückt der Schmerz nicht; er hebt sie und zieht sie
unwiderstehlich zu denen, die noch etwas vom Leben erwarten, und denen sie
freudig ihr ganzes Dasein opfert, ja sie schilt sich, wenn ihr eigne Sorgen den
Sinn verfinstern und sie nicht mit der ganzen, lebendigen Kraft ihre seelige
Bestimmung verfolgt. Und das ist alles so lieb und natürlich und so klar
empfunden. Ich wüsste nicht, fuhr er nach einer Weile mit erheitertem Blicke
fort, ich wüsste nicht was ich auf Erden noch wünschen könnte, als in den Armen
dieses Engels zu sterben. Wilhelmine trat hier, mit einem Blumentopf im Arm,
herein, und ihn auf ein Tischchen neben dem Bette des Kranken setzend, sagte
sie: die Veilchen hat mir Gärtners Riekchen so mühsam gezogen, und nun ist sie
noch früher als die kleinen Blumen verblüht. Also doch gestorben? fragte der
Prediger; Du hofftest gestern noch. Ja, sagte sie, die Augen waren so klar und
sie kannte mich auch; aber das war auch das letzte Aufblitzen des kleinen
Lichtchens. Die beiden andern Kleinen bringen mir eben den Blumentopf, und
bitten mich um ein Krönchen für die Schwester. Das liebe Kind! Sie starb so
fromm, und wusste recht eigen um ihren Tod und dachte an mich und an Albert, von
dem ich ihr gesagt, dass er im Himmel auf uns warte! Das liebe, liebe Kind! Grosse
Tropfen fielen aus Wilhelminens Augen. Sie wandte sich ab und ging still zur
Tür, als der Onkel sie fragte, wo sie hin wolle. Zu den Kleinen, erwiederte
sie, die warten auf mich, sie wollen die Krone mitnehmen; ich muss sie nur
winden, die arme Mutter verlangt es nach dem letzten Schmuck ihres Kindes.
    Wer ist Albert? fragte Luise, als Minchen sie verlassen hatte. Ein junger
Arzt, erwiederte der Alte, dem das arme Mädchen verlobt war. Ihre stillen
Gemüter schlossen sich während einer langen Krankheit, aus der der milde Freund
Wilhelminens Mutter rettete, fest aneinander. Derselbe Zug durch die
Bedürftigkeit und Sorgen des Lebens hin den einzelnen Freuden nachzugehen und
die arme Menschenbrust augenblicklich von dem grossen Druck eines beengten
Daseins zu erretten, führte sie zusammen, und machte ihre Verbindung zu der
innerlichsten und heiligsten, als der Tod ihn wenig Tage vor der Hochzeit aus
ihren Armen riss. Sie trug das herbe Geschick mit grosser Kraft, und ist seitdem
nur noch fester und innerlicher geworden, da sie nun nichts mehr auf dieser Welt
für sich hofft. Aber in dem Maasse, wie sie sich in sich selbst abschliesst, gibt
sie sich Andren hin. Sie ermüdet nicht, jedem die Hand zu reichen, um ihn
schnell durch die dunklen Gewinde irdischer Mühseligkeit durchzuhelfen, den
klaren Blick dabei auf ein höheres Ziel richtend, dem sie still entgegengeht,
wie sehr sie auch Schmerz und Sehnsucht oft beengen.
    Der Alte redete noch lange so fort und erfrischte sich an dem reinen Stral
des milden Gestirns, das den Abend seines Lebens erhellte, als Luise durch den
sinkenden Tag an ihre Rückkehr erinnert ward. Wie sie zu Wilhelminen kam, fand
sie diese mit dem Kranze beschäftigt. Die beiden Kinder standen vor ihr und
spielten mit der kleinen Fahne von Zittergold, worauf eben Riekchens Nahme
eingeschnitten war. Luise sah den blassgrünen Rossmarin in einander flechten, und
drüber hin in den spitzen Blättern flockige Purpurseide, wie den letzten Stral
des sinkenden Abendrots spielen. Ach Minchen! rief sie bewegt, an ihre Brust
sinkend, Todtenkronen und Brautkleider gehen durch Deine Hände, Du umwindest Dir
selbst den Pfeil, den Du so immer tiefer in die wunde Brust drückst.
    Dies also, dachte sie im Gehen, ist nun aller Lohn und aller Genuss des
Lebens? Schmerzenslust! Wonne unter blutigen Tränen! Wer sieht euer doppeltes
Antlitz und bebt nicht vor seinem eignen Loose zurück! Ein lautes Geräusch
weckte sie indes aus ihren Betrachtungen. Sie sah einen stattlichen Reisewagen
an sich vorüber in ihren Hof fahren. Halb erfreut, halb verlegen, beflügelte sie
die Schritte und trat fast zugleich mit zwei Damen in das Haus, in denen sie
nicht ohne Erstaunen Augusten und Emilien erkannte Die Erstere ging ihr etwas
feierlich entgegen, und sagte mit gehaltnem Ton, wie die kurze Bekanntschaft
keinesweges ein so unerwartetes Erscheinen rechtfertige wohl aber die innigste
Teilnahme, die ein Band sei, welches über Zeit und Verhältnisse hinausreiche.
Emilie hingegen sank ihr weinend in die Arme und versicherte ihr liebkosend, dass
sie so oft an sie gedacht und sich so herzlich nach ihr gesehnt habe, dass sie
dem Wunsche nicht widerstehen könne, sie bei ihrer Durchreise zu begrüssen. Die
Herzlichkeit des anschmiegenden Mädchen tat Luisen wohl, und milderte
einigermassen die Verwirrung, welche Augustens Gegenwart in ihr erregte. Diese
hatte sich ihr vormals mehr abstossend als liebreich gezeigt, und sie war daher
um so mehr verlegen, sich jetzt in ihrer Nähe zu befinden. Allein Luisens
veränderte Lage war es gerade, was sie in Augustens Augen hob, welche es für
eine Art zu lösender Aufgabe ansah, der Gefallnen ihren Schutz angedeihen zu
lassen und deshalb willig in Emiliens Vorschlag einging, hier einen Tag zu
verweilen.
    Sie haben den Frühling um sich her gezaubert, sagte Auguste, im Hereintreten
Luisens reichen Blumenflor beachtend. Sie taten sicher wohl, denn die kleinen
Zungen reden oft wahrer zu uns, als die schwankenden Menschenworte. Ja wohl!
rief Emilie, ich muss bei ihrem Anblick an Alles denken, was ich lieb habe. Luise
seufzte, und ein welkes Blatt zerdrückend, sagte sie: der Tod spricht nur so
unmittelbar aus ihnen, wie schnell zerstiebt die Farbenpracht zwischen unsern
Fingern, und wir sehen wehmutig dem blassen Staube nach! Das höchste Entzücken,
fiel Auguste ein, ist schmerzlich. Das liegt im Wechsel der Erscheinungen, den
wir im flüchtigen Genuss vorempfinden, und über den hinaus wir das Ewige binden
möchten. Aber dieser Wechsel, liebe Freundin, fuhr sie fast vertraulich fort,
sollte dem wahrhaften Menschen eigentlich nichts anhaben. Wer die volle,
gesammte Einheit in sich trägt, der könne, dünkt mich, dem Spiel der bunten
Oberfläche ruhig zusehn. Er kennt die tief verborgne Bedeutung desselben und
sieht in jedem Schmerz das Saamenkorn neuer Offenbarungen. Ich für mein Teil
habe keinen Begriff von der Ewigkeit, der Trauer und jenem sehnsüchtigen
Schmachten, das einen welken Schein über die ganze Schöpfung ausgiesst, die
Menschen in kränkliche Träume wiegt und sie in träger Hingebung mit Andacht und
Frömmigkeit äfft, statt dass ein frischer Lebenshauch den Phönix aus der Asche
erweckt.
    Wie schön Du redest, sagte Emilie, die während dem beifällig mit dem Kopf
genickt und Luisen wiederholt ihr Entzücken mitgeteilt hatte. Es wundert mich
nicht, dass Du den kalten Sir Artur gewannest. Du könntest Steine beleben. Aber
Sie wissen wohl nicht, liebe Luise, fuhr sie fort, dass unsre Freundin mit dem
jungen Engländer verlobt ist, den Sie bei meinen Eltern sahen.
    Luise wusste es nicht, und erinnerte sich kaum ein flüchtiges Zeichen der
Zuneigung zwischen Beiden bemerkt zu haben.
    Die arme Auguste, sagte Emilie weiter, hat sich jetzt auf mehrere Monate von
dem Geliebten getrennt, der erst kommenden Herbst, und vielleicht noch später,
aus seinem Vaterlande zurückkehrt. Ich begreife kaum, wie sie den Schmerz der
Trennung so überwindet. Den Menschen, hub Auguste sinnend an, den wir einmal
wahrhaft sahen, den sahen wir, den werden wir ewig sehen! Zeit und Raum sind in
dieser Hinsicht höchst untergeordnete Begriffe, die dem Wesen tief empfundner
Liebe entgegenstehn.
    Emilie bewunderte auf's neue diese Stärke der Gesinnung, und sagte sehr
naiv, dass sie den Geliebten entweder gar nicht aus ihren Armen gelassen, oder
ihn gleich aufgegeben hätte, denn sie kenne sich und die Menschen, und wisse,
dass über den ersten, entsetzlichen Schmerz der Trennung hinaus, die Welt gar zu
lockend und lieblich auf die Herzen eindringe, die solch gegebnes Wort nur
peinlich hin und her zerre. Von hier ging sie freudig zu den Verhältnissen zur
Welt im Allgemeinen über, lobte das beweglichere Leben in den Städten, erzählte
von ihrem nahen Aufentalt in der Residenz, und schloss damit, Luisen dringend um
ihre Begleitung dortin zu bitten. Wider alles Vermuten stimmte Auguste mit in
diese Einladung, und bot ihr sehr gastlich einen schicklichen Aufentalt in
ihrem Hause an. Hierdurch wurden notwendig Luisens frühere Verhältnisse
berührt. Teilnahme erweckt Vertrauen. Das weibliche Herz erschliesst sich um so
leichter, je dringender ihm in manchen Augenblicken Mitteilung wird. Emiliens
liebreiches Entgegenkommen rührte Luisen, und wenn ihr auch die Denksprüche und
geformelten Phrasen der belesenen Auguste fremd blieben, so klangen sie doch
gewichtig, und zwangen sie mit einer Art von Achtung zu der Rednerin aufzusehn,
deren Urteil sie ihre Unerfahrenheit unterwarf, und daher ohne Rückhalt zu
Beiden sprach.
    So verging dieser Tag und ein folgender, ohne dass sich Luise gleichwohl über
jenen getanen Antrag bestimmte. Allein Emilie hörte nicht auf, sie mit Liebe
und Bitten zu bestürmen, und sagte ihr endlich in einem Augenblick, in welchem
sie Auguste verlassen hatte, dass sie ihrer Teilnahme in einer ziemlich
misslichen Lage bedürfe, dass Auguste ihr zu fern stehe, und nur ein Herz wie das
ihre sie verstehn könne. Hierauf entdeckte sie ihr ohne Weiteres ihre Liebe für
den jungen Maler, die seit ihrer frühesten Kindheit ihr Herz erfüllte. Zugleich
aber auch, wie lange Trennungen dies Verhältnis unterbrochen und ihre
gegenseitige Zuneigung oftmals abwärts gelenkt hätten, weshalb auch ihre Mutter
lange keinen Verdacht gehegt, neuerlich aber durch ein unvorsichtig verwahrtes
Billet hinter die Wahrheit gekommen sei, und, ohne einen grossen Zorn blicken zu
lassen, nur erklärt habe, dass, da sie das Geschehene nicht ungeschehen machen
könne, sie allein den Anstand für die Zukunft retten und so schnell als möglich
eine schickliche Partie für sie suchen werde. Diese Partie, setzte Emilie hinzu,
ist nun gefunden, und da wir Beide von der Unmöglichkeit einer gesetzlichen
Verbindung nur zu sehr überzeugt sind, und die Gründe dagegen anerkennen müssen,
so habe ich Steins Hand angenommen, der grade seine Bewerbung bei meiner Mutter
erneuerte. Stein! rief Luise ganz entrüstet; Emilie, wo denken Sie hin, dies
edle Gemüt wollen Sie hintergehn! Gott bewahre mich, erwiederte jene, ich will
ihn gewiss recht glücklich machen. Mit diesem geteilten Herzen? fragte Luise. O
das wird schon ruhiger schlagen lernen, entgegnete Emilie; und dann sagt Mutter,
Pflicht und Gewohnheit ersetzten jede heftigere Neigung, und wenn ich sie selbst
betrachte, so bin ich sehr geneigt, es zu glauben; sie lebte immer zufrieden an
meines Vaters Seite, und ich bin gewiss, sie hat ihn nie geliebt. Aber Ihre
Mutter selbst, unterbrach sie Luise, war früher so entschieden gegen eine
Verbindung mit Stein. So lange nur, erwiederte Emilie, als sie fürchtete, seine
Leidenschaft könne mich unnatürlich entzünden, und, wie sie sagt, unversehens in
eine Welt zaubern, in der ich höchst unbehaglich zu mir selbst kommen würde.
Jetzt aber, da ich ihn mit ruhigem Gemüt allein aus Vernunft heiraten will,
sieht sie weiter keine Gefahr für mich, und ist sehr gewiss, dass ich immer die
Verschiedenheit unsrer Wege anerkennen, und durch Notwendigkeit gehalten, den
meinen recht still fortgehn werde. Luise ward lebhaft von der Herabwürdigung der
allerheiligsten Verbindung ergriffen, die man hier, wie so oft im Leben,
augenblicklichen Zwecken unterordnete, und rief daher, ganz rücksichtslos auf
die Baronin: liebe Emilie, man täuscht Sie! man täuscht Sie absichtlich! Sie
wissen nicht, was es beisst, eine verfehlte Wahl; Sie ahnden den Kampf
gutgearteter Naturen nicht, die vielleicht ein langes Leben hindurch mit
Teilnahme und Mitleid und den eignen qualvollen Wünschen ringen müssen. Noch
viel weniger fühlen Sie, was dadurch in Ihnen verloren geht. Das Unschuldigste
wird Ihnen unter den Händen zur Schuld; Frevel und Sünde treten Ihnen
unversehens immer näher und näher, und fassen und halten Sie, bis die Ruhe und
das Glück Ihres Lebens auf ewig vergiftet sind. Freilich, freilich! sagte
Emilie, einigermassen erschüttert; aber Mutter behauptet, einer Frau, die das
Pflichtmässige ihrer Verhältnisse nicht von selbst vor jeder Gefahr sichre, sei
überhaupt nicht zu helfen. Kleine Abweichungen von der gewohnten Ordnung gehören
der ungebundnen Jugend an. Wie wir aber in die wirkliche Welt treten, fasse uns
der Ernst unsrer Bestimmung unwillkührlich an, und dränge uns unbewusst in den
gemessnen Gang häuslicher Tätigkeit; die Gewohnheit fände sich von selbst ein,
und das ganze geträumte Wesen der Jugend liege plötzlich weit, weit hinter uns.
O mein Gott! sagte Luise, so ist denn die Ehe nichts als ein bürgerlicher
Verein, so wie noch tausend Andre, in denen Absichtlichkeit und Gesetz die
Menschen zusammenhalten. Ihr reines Element wird ein trüber Sumpf, und die
freieste Gabe des Herzens ein knechtisches Naturgebot! Aber wenn Sie sich auch
finden lernen, fuhr sie gemässigter fort, was soll aus dem Unglücklichen werden,
dem sie so zuversichtlich die schwere Kette über den Nacken werfen? Wagen Sie
es, auch für ihn gut zu sagen? Liebe Emilie, hoffen Sie nicht, ihn in den
breiten Weg der Alltäglichkeit hineinzuziehn! In Steins Seele ist ein heller Tag
aufgegangen; er macht andre Anforderungen an das Leben, als Sie es wünschen; ein
volles, inniges Dasein will er mit Ihnen teilen. O Emilie, wenn diese höchst
einfachen Anforderungen Sie drücken, und Sie das treue, begehrliche Herz durch
Unvermögen, es zu begreifen, zerreissen werden, hoffen Sie dann noch, Ihren Weg
still und ungestört fortzugehn? Wahrhaftig, sagte die Kleine halb weinend, Sie
machen mich ganz bange! Ich habe das immer dunkel gefühlt. Aber es ist ja auch
noch nicht alles verloren. Verlassen Sie mich nur nicht, beste Luise, ich bitte
Sie, versagen Sie uns Ihre Begleitung nicht. Auguste kam hier auch herzu, und
sagte noch vieles und manches über das unsichre Schwanken unsers Willens, und
wie unersprieslich es sei, einen Entschluss zu verschieben, zu dem uns die innre
Neigung vielleicht längst aufgefordert habe, so dass sich Luise entschied, und
der folgende Tag zu ihrer Aller Abreise bestimmt ward.
    Das ganze Haus geriet bei dieser Nachricht in freudige Bewegung. Mariane
sah nach monatlicher Trauer mit Entzücken einer willkommnen Veränderung
entgegen, und auch für Luisen hatte die kleine Reise und die Aussicht in ein
beweglicheres Leben, etwas Erfreuliches, ohnerachtet eine innre Bangigkeit sie
wohl zuweilen die Neuheit ungewohnter Verhältnisse vorempfinden liess.
    Als sie am folgenden Morgen früh im halben Dämmerlicht an des Predigers
Wohnung vorüberfuhren, öffnete Minchen schnell die Vorhänge und winkte Luisen
noch ein herzliches Lebewohl zu. Diese ward innig dadurch gerührt. Der zitternde
Tagesschein, der die Gegenstände mehr in einander schmolz, als bezeichnete, gab
der Gestalt etwas schattenartiges, das Luisen unwillkührlich ergriff. Nur den
tiefen Schmerz, den sie Minchen kannte, glaubte sie in ihren bleichen Zügen
gesehen zu haben. Ihr war, als haben die weissen Arme, die sie grüssend bald hob
und neigte, gestrebt, sie zurückzuhalten. Ihre Bewegung entging ihren
Begleiterinnen nicht. Sie drangen in sie, und Luise sprach mit Wärme von
Minchens Leiden und der stillen Ergebung, mit der sie sie trage, was Emilien
häufige Tränen entlockte, Augusten aber in ein augenblickliches Nachdenken
versenkte, aus welchem sehr bald folgende Worte hervorgingen. Mich dünkt doch,
hub sie an, es sei keine rechte Einheit in diesem Gemüt! Entweder sie erwartet
noch etwas vom Leben, oder sie begibt sich aller Ansprüche daran. Ist das
Erstere der Fall, warum dehnt sie die fruchtlose Trauer über das Grab des
Geliebten hinaus? Warum? fragte Luise; lieber Himmel, kann sie denn anders?
Darüber kann sie freilich nur selbst entscheiden, entgegnete Auguste, aber dann
sollte sie auch nur konsequent sein, und sich gleich mit in das kühle Grab
legen, das nun einmal das Ziel ihrer Wünsche umfasst. Was will sie in der Welt?
Sie zerreisst sich mutwillig. Beschränkte Naturen tun am Besten, sich gleich zu
ergeben, da es ihnen an Kraft gebricht, die Notwendigkeit zur Freiheit zu
erheben. Beschränkte Naturen! rief Luise verletzt. O fühlen Sie denn nicht wie
eine Schranke nach der andern vor diesen Augen fiel, die, ein höheres Ziel
erfassend, mutig den dornigen Weg überschauen, der ausgebreitet daliegt? Kann
sie den zarten Gliedern gebieten, nicht zu bluten, wenn die Dornen sie wund
ritzen? Und sehen Sie nicht, wie der Schmerz, als ihr irrdisch Erbteil, immer
mehr hinter ihr zusammensinkt, und sie sich auf mächtigen Schwingen über sich
selbst erhebt? Ich halte von solchen Kämpfen nicht viel, sagte Auguste kalt.
Stehn ihr die Schwingen wirklich zu Gebot, wie Sie glauben, was überfliegt sie
nicht gleich den mühseligen Weg, und erreicht so früher das Ziel? Weil sie,
erwiederte Luise, ihre Kraft erst im Schmerze prüfte; weil ein wahrhaftes Leid
den Menschen erschüttert und ihm alle Tiefen der Seele eröffnet, in denen er
sich und die Welt und seine Bestimmung verstehen lernt. Glauben Sie das nicht,
fiel Auguste ein, wer das Rechte von Anfang will, der findet es auch, der will
denn auch nur das Eine in jeder wechselnden Gestaltung der Dinge, das ist seines
Daseins ewiges unwandelbares Gebot.
    Unter diesen und ähnlichen Gesprächen setzten sie ihre Reise fort. Luise
fühlte sich sehr unbehaglich auf ihrem Platze. Emilie schlief, oder verlor sich
doch mit geschlossnen Augen in lustige Träume; Auguste redete freilich, verletzte
sie indes unaufhörlich durch ihre dürre Sentenzen. Tausendmal ihren raschen
Entschluss bereuend, sich der fremdartigen Gesellschaft angeschlossen zu haben,
beugte sie den Kopf aus dem Wagenfenster, um, wo möglich, in den äussren
Gegenständen eine erfreulichere Unterhaltung zu finden. Nicht lange, so bemerkte
sie eine Chaise, die ihnen bald in geringer, bald in weiter Entfernung folgte,
je nachdem der träge Gang der abgetriebnen Postpferde es gestattete.
Unwillkührlich wendete sich Luise noch mehr zurück, um wo möglich zu entdecken,
wer in dem Wagen sitze; allein er war dicht verschlossen, und sie musste
unbefriedigt von ihren wiederholten Versuchen abstehn. Zufällig traf es sich,
dass jener Wagen, beim erneueten Wechseln der Pferde, jedesmal vor dem Postause
still hielt, wenn sie wieder abfuhren, wodurch auch die Neugier der beiden
andren Damen erregt ward.
    Da sie nun unterwegs übernachten mussten, und der Ort, den sie dazu
bestimmten, wenig Ausbeute zur geselligen Unterhaltung gewähren konnte, so
scherzten sie gegenseitig über die Möglichkeit, in ihrer unbekannten Begleitung
irgend eine interessante Bekanntschaft zu machen. Wirklich waren sie kaum in den
Gastof eingezogen, als ein Wagen vor die Tür rollte, den Luise, ohnerachtet
der fast hereingebrochnen Dunkelheit, für den besagten erkannte. Ein junger
Mann, in einen weiten Pelz gewickelt, sprang heraus, und die dienstfertig
entgegenkommende Wirtin bei der Hand fassend, sagte er: es ist verteufelt kalt,
schöne Frau! Mein Zimmer, geschwind mein Zimmer! In drei Sätzen war er die
Treppe herauf; eine Tür neben ihnen ward aufgeschlossen und er trat singend und
lachend in das anstossende Gemach. Die Stimme klang weich und fremd, die
Leichtigkeit, das Benehmen liess auf äussre Gewandheit und Lebenserfahrung
schliessen. Ohnerachtet der hohen Ruhe, mit welcher Auguste das bunte Spiel der
Oberfläche betrachtete, fühlte sie doch keine geringe Begier, die neue
Erscheinung näher in Augenschein zu nehmen. Sie empfahl indes ihren Gefährtinnen
die höchste Aufmerksamkeit, um durch kein Geräusch dem neuen Ankömmling ihre
Anwesenheit zu verraten, wodurch sie sich einigermassen vor sich selbst
rechtfertigen wollte, und zugleich auch den Fremden besser zu beobachten hoffte.
    Nicht lange darauf hörten sie die Wirtin auf's neue hineingehn. Tassen
klapperten, ein wohlunterhaltenes Feuer knisterte im Kamin; der Fremde ward
sichtlich mit Aufmerksamkeit bedient, während sie noch an allem Mangel litten,
worüber Auguste fast alle Haltung verlor. Ein lautes, wiederholtes Kichern
zeigte, wie wohl sich die Wirtin in ihren Geschäften befand, und dass sie vor
der Hand noch nicht an sie denken werde. So wohl versehen und schon ganz
behaglich eingewohnt, hörten sie ihren Nachbar nach einer Weile eine Kiste
öffnen, einige Griffe auf einer Guitarre tun, und sich zu folgenden Worten auf
dem Instrument begleiten:
Zierliche Blondine
Ging heut früh' zu Walde,
Wollt' beimkehren balde,
Pflückte Blümchen hier.
Sonnenhelle Miene,
Mund voll frischer Rosen,
Süss des Auges Kosen,
Freud'ges Liederspiel!
Traurige Blondine
Kam heut' Abend wieder
Ohne lust'ge Lieder,
Seufzte tief und schwer.
»Was so trübe Miene?
Fandst Du keine Blumen?
Ach! ich brauch' nicht Blumen,
Brauch' kein Kränzlein mehr.«
Mein Gott, was ist Ihnen! rief hier Emilie, auf Luise zueilend, Sie sind bleich
wie mein Tuch! Lassen Sie nur, sagte jene leise, es ist nichts, sicher nichts,
eine vorübergehende Erschütterung. Die Worte, die dort herüberklangen; sie
lehnte den Kopf an Emiliens Brust; ich hörte sie nur von Fernando, er selbst hat
sie aus seiner Muttersprache in's Deutsche übertragen, aber das beweist nichts,
gar nichts. Die beiden Andren wurden hierdurch ebenfalls überrascht. Wenn er's
wäre, sagte Emilie, grade hier, mit uns auf einem Wege, es wäre doch fatal! Es
ist unmöglich, unterbrach sie Luise schnell, ich sagte Ihnen ja, er sei in
französische Kriegsdienste gegangen, was soll er hier wollen? Was sichert Sie
denn, fiel Auguste ein, dass dies Vorhaben ausgeführt, ja dass es im Ernst gefasst
ward. Ich dächte, Sie wüssten, was von Äusserungen aus diesem Munde zu halten
sei. Hier trat endlich die Wirtin, von Marianen begleitet, und mit allem zu
ihrer Bequemlichkeit Erforderlichen versehen, hinein. Kennen Sie den Fremden
schon länger? fragte sie Auguste spöttisch, dass Sie ihm so viel Vorzüge vor
Ihren übrigen Gästen einräumen? Gott nein! erwiederte jene betreten, es ist ja
ein Ausländer, aber der Herr sind so ungestüm, dass man nur eilen muss, ihn zu
befriedigen. Ein Ausländer? wiederholte Emilie; wissen Sie nicht, von welcher
Nation? Ein Franzose, glaube ich, erwiederte sie. I, mein Gott, dass ich recht
sage, ein Italiener; ja, ja, ein Italiener, man kunfundirt sich so leicht, und
denn die Uniform! Eine Uniform? fragten alle Drei. Ja, ich weiss selbst nicht, ob
es eine ist, sagte sie, aber es sieht so aus. Wenn es Ihnen gefällig wäre, fuhr
sie fort, so könnten Sie miteinander speisen, die gnädigen Damen würden gewiss
Unterhaltung finden. Gott bewahre uns! scholl es aus einem Munde; wir bitten Sie
sogar, setzte Auguste hinzu, unsrer auf keine Weise gegen den Herrn zu erwähnen.
Nun, wie Sie befehlen, sagte die Wirtin, durch ihre Heftigkeit aufmerksam
gemacht, und wenig geneigt, der letzten Äusserung zu achten.
    Je mehr ich nachdenke, sagte Luise, als sie allein waren, je
unwahrscheinlicher ist's mir, dass Fernando ohne alles Gefolge, ohne allen äussren
Glanz, in der Residenz erscheinen würde. Er fordert so viel vom Leben, er selbst
tut so viel dafür; wie sollte er sich in dieser unbedeutenden Aussenseite unter
das bunte Gewühl einer Hauptstadt mengen! Sie vergessen, sagte Auguste, dass er
mehrere Rollen hat; kennen Sie seine jetzigen Zwecke? Luise fuhr indes fort,
Gründe aufzusuchen, sich und die Andren vom Gegenteil zu überführen und die
bange Wahrscheinlichkeit wo möglich durch einige Zweifel anzugreifen. Der Abend
verging auf diese Weise schnell genug. Bei ihren Nachbar war es indes ganz still
geworden. Er schlafe, so schien es den Damen, welche auch früher als gewohnlich
Ruhe suchten. Luise warf sich indes noch lange im Bette hin und her, als die
leisen, gemessnen Atemzüge ihrer Gefährtinnen von ihrem glücklichen Schlafe
zeugten. Jetzt, da ihr Niemand widersprach, da sie keine neuen Gründe mehr
aufzufinden wusste, jetzt kam es ihr ganz glaublich vor, dass Fernando nur durch
eine dünne Wand von ihr geschieden, nahe bei ihr lebe und atme; ja es ward ihr
mit jedem Augenblick gewisser. Von dieser Vorstellung geschreckt, von tausend
quälenden Erinnrungen gemartert, warf sie die lästige Decke von sich, und
schlich zum Fenster, um reine Luft zu schöpfen. Ohne innres, festes Denken,
starrte sie zerstreut in die dunkle Nacht hinein, als ein leises Schluchzen,
dicht neben ihr, sie erschreckte. Das Haus war für den Nutzen erbaut, kein Raum
verloren, die Fenster daher nur durch sehr schmale Pfeiler getrennt. Luise
erkannte leicht, dass jener Ton aus dem ebenfalls geöffneten Fenster des
Nebenzimmers komme. Aufs höchste gespannt, unterschied sie bald einzelne Worte
in italienischer Sprache, die flüsternd durch die Dunkelheit hinschwirrten;
plötzlich hörte sie deutlich wie in Unmut sagen: Fernando, Fernando! wohin
verirrst Du Dich! Was suchst Du? was kannst Du hoffen? bist Du denn auf ewig
verloren! Kalter Nachtwind fuhr hier schneidend an den Häusern vorüber. Die
Stimme schwieg; bald ward auch das Fenster geschlossen. Luise hörte nichts mehr;
unbeweglich auf ihrem Platze, wiederholte sie sich jene Worte, die sie mit der
peinlichsten Unruhe erfüllten. Unglücklich also, dachte sie. Sie erkannte ihn
ganz in dieser schmerzlichen Heftigkeit, in diesem Unmut über sich selbst. Was
drückt ihn aber so sehr? Was suchte er jetzt? Wüsste er vielleicht -? Dies
seltsame Zusammentreffen! Die gleiche Richtung ihres Weges! Wenn er unerkannt in
ihrer Nähe lebte! Wenn er sie immer beobachtete! Wenn er dennoch treu ergeben -
- Eine Bewegung der schlafenden Auguste zog sie unwillkührlich zu ihrem Bette
zurück. Halb träumend sank sie in die Kissen. Bald darauf war ihr, als sei von
dem allen nichts geschehen. Sie musste sich besinnen, ob sie wirklich am Fenster
gestanden habe. Dann fiel es ihr plötzlich ein, dass es gar nicht Fernandos
Stimme war, die sie hörte, dass wohl wohl alles ein Blendwerk sein könne; und
dennoch drang Fernandos Name, den sie doch bestimmt vernommen, immer wieder in
ihr herauf und neckte und quälte sie, bis sie verzweifelnd die Augen schloss und
die bange Seele dem dumpfen Schlafe hingab.
    Nach wenigen Stunden ward es wieder lebendig um sie. Auguste trieb zum
frühen Aufbruch an, da sie gern vor Abends das Ziel ihrer Reise erreichen
wollte. Sie reisten ab, ohne das mindeste von dem Fremden gehört zu haben, der,
nach der Wirtin Aussage, wohl noch tief schlafe. Erst in dem Tore der Residenz
trafen sie mit dem Wagen des Unbekannten wieder zusammen, der an ihnen vorüber,
in eine Seitengasse hineinfuhr. Luisens Herz klopfte gewaltsam. Die neue Welt
schloss sich ihr in einem Augenblick auf, wo alle alte, mühsam niedergekämpfte,
Anforderungen an Fernando wieder in ihr erwachten. Jede ungewohnte Erscheinung
fiel so gewichtiger in ihr aufgeregtes Innre. Die bunte Menschenmasse wogte in
vielfachem Treiben durch die Strassen hin, und zog sie mit in ihr verworrenes
Gewühl hinein. Hohe Häuser, geschmückte Läden, weite Plätze, erhabne Kunstwerke,
aller Prunk, wie jeder erhöhete Wille des Lebens, redete zu ihr, und überglänzte
die bleiche Dürftigkeit und den frostigen Hunger, der langsam neben ihr
hinschlich.
    Auguste wohnte in der gesuchtesten Gegend der Stadt. Alles atmete hier
verfeinerten Lebensgenuss. Die elegante Welt zog in tausendfachen Gestaltungen
vor Luisens stets angeregten Blicken hin, und liess sie zu keiner eigentlichen
Anschauung oder innren Betrachtung kommen.
    Nach wenigen Stunden erschien die Baronin, von Emiliens Ankunft
benachrichtet, diese abzuholen. Luisens Unglück hatte sie versöhnt. Alles, was
sie deshalb gesagt und nicht gesagt hatte, war eingetroffen; ihr tiefer Blick in
die verworrnen Weltändel gerechtfertigt, und sie selbst als weise
Menschenkennerin anerkannt. Ihres hohen Ansehns bei Luisen gewiss, empfing sie
diese mit leutseliger Herablassung, und lud sie sogar zu einer Abendversammlung
des kommenden Tages bei sich ein, welche sie, wie sie hinzusetzte, sogleich in
die rechte Bahn bringen und mit dem Besten, was es in der Stadt gebe, bekannt
machen würde. Nur Eins, Liebe, fuhr sie belehrend fort, muss ich Ihnen zuvor noch
sagen, weil es einen entschiednen Einfluss auf Ihren Success in der Gesellschaft
haben wird; versäumen Sie es ja nicht, den ältren Frauen mit der gesuchtesten
Aufmerksamkeit entgegenzutreten, weil sie es sind, die den Ruf der Jüngern
gründen und ihn allein bei den schwankenden, durch augenblickliche Eindrücke
bedingten, Meinungen erhalten. Die Männer werden unbewusst von diesen
Orakelsprüchen beherrscht, die erst als vielfach bearbeitete allgemeine Stimme
der Welt zu ihnen dringen und den die hellsehendern, jüngern Frauen nicht zu
widersprechen wagen. Luise wusste nicht recht, ob sich ihre Beschützerin zu der
Classe der Matronen zähle, und vermied daher, anders als durch eine dankende
Verbeugung, zu antworten, da sie doch in sich sehr entschlossen war, die Achtung
keines Menschen zu erschleichen, und alles dem günstigen oder ungünstigen
Eindruck überlassen wollte, den ihr Erscheinen auf die Herzen machen werde.
    Nicht ohne Verlegenheit trat sie indes des andern Tages an der Baronin Hand
in den glänzenden Kreis. Eine Menge unbekannter Namen überhörend, welche ihr die
gastliche Wirtin nannte, bemerkte Luise nichts als dasselbe höfliche Lächeln,
das von Mund zu Mund nach jedem Bewillkommungsgrusse flog, und wie ein gebrochner
Stral über alle Gesichter zuckte, ohne eine bleibende Spur zurückzulassen.
Vergebens suchte Luise ein Auge, auf welchem das ihre ruhen könne. Dieselbe
teilnahmlose Hingebung an die oft genossnen, wiederkehrenden Freuden trieb die
Blicke gleichsam hin und her, und goss einen Schein des Gleichartigen über alle
Gestalten. Um sie bekümmerte man sich nach der ersten Begrüssung weiter nicht.
Sie war weder Ausländerin, noch unter der schützenden Aegide dieser Gesellschaft
erzogen; ein deutscher, unbefreundeter Name verhallte wie er genannt war.
Auguste und Emilie mussten alte Bekannte aufsuchen; die Baronin war vielfach
beschäftigt. Zum erstenmal im Leben empfand Luise eine demütigende
Zurücksetzung. Im Kampf mit dem Streben, eine würdige Haltung zu behaupten, und
dem Gefühl, dass diese in der wachsenden Verlegenheit immer mehr schwinde, trat
Stein zu ihr. Ein herzliches Wort, das unmittelbar aus dieser offnen, reinen
Seele in die ihre überging, rückte sie schnell über den Druck des Augenblicks
hinaus. Sie sprach innig und frei, indes das tonlose Rauschen der Menge sie
umschwirrte.
    Die Baronin hatte dennoch, ihrer Menschenkenntnis vertrauend, einiges über
Luisens Schicksal fallen lassen, wodurch sie diese den Gemütern ganz unvermerkt
näher rückte, und ihre Aufmerksamkeit gewann! Die alten Damen sahen in ihr ein
unglückliches Opfer heutiger Verderbnis, die jüngern fanden sie sehr
interessant, den Zug stiller Schwermut um den schön geschweiften Mund
unwiderstehlich, und die Männer bemerkten, ein frühzerstörtes häusliches Glück
sei eine Brücke, die über das weite Meer conventioneller Formen und lästiger
Versuche, unmittelbar in die Gunst der Frauen führe. Desto besser, sagte ein
junger Offizier, dem eine Dame Luisens Geschichte schon ziemlich verstellt
erzählte, desto besser,
La vertu est une isle escarpée et sans bord
On n'y peut plus rentrer, dès qu'on en est dehors.
Abscheulich! rief die Dame, konnte sich aber doch nicht entalten, dem
liebenswürdigen Freigeist einen schmeichelnden Blick zuzuwerfen.
    Unvermerkt hatte sich indes um Luisen ein kleiner Kreis von Frauen und
Männer versammelt, die, im Gespräch mit Emilien, sich an sie und Stein
anschlossen. Mit Bewundrung bemerkte Luise unter ihnen eine schöne weibliche
Gestalt, deren edle Haltung und Züge ihr bekannt schienen, und sie dunkel in die
Vergangenheit zurückführten. Eine grosse innere Bewegung arbeitete unverkennbar
auf dem feinen Gesichtchen, und trieb ihre Blicke unwillkührlich zu einen
zartgebildeten, schlanken Mann, dessen weiches abgespanntes Wesen seltsam gegen
die Uniform abstach, die er auch nur des herkömmlichen Gebrauches wegen zu
tragen schien. An einen Pfeiler geschmiegt, gleichsam um sich selbst tragen zu
helfen, sagte er mit vorgebeugtem Kopfe und leiser Stimme zu Emilien: Sie sind
so glücklich gewesen, einige Zeit in der Einsamkeit auf dem Lande zuzubringen,
während mich das Leben hier fast erdrückte.
    Noch immer die alte Unzufriedenheit! rief Emilie lachend. Wie kann es anders
sein, erwiederte jener, dies abgenutzte Treiben hier, das mich wie ein Ball hin
und her wirft und alle Ruhe und allen Genuss raubt, presst mir oft die Brust so
zusammen, dass ich mein ganzes Verhältnis zerbrechen und in irgend einen Winkel
der Erde fliehen möchte, wo ich wenigstens allein sein könnte, wenn ich will!
Aber mein Gott, Sie ungalanter Mensch, was quält Sie denn bei uns? fragte
Emilie. Alles! rief er; mein Stand, die ganze Welt, alles was Ansprüche an mich
zu haben glaubt und mir meine Ruhe missgönnt. Seine Blicke gleiteten während dem
nachlässig an Luisen hin, und fielen wie von ohngefähr auf die schöne Frau, die,
eine Träne zerdrückend, angelegentlich mit Stein zu sprechen schien. Auf Ehre!
Horst, rief jener freigesinnte, Offizier, schon mehreremal von Emilien als der
hübsche Baron Roll erwähnt, der seiner höhern Taktik zu Folge Luisen näher
gerückt war, auf Ehre, Sie werden ein Menschenfeind! Was haben Sie nun gegen
unsere Stadt? Mich dünkt, Sie und ich hätten nicht über sie zu klagen; oder
rechnen Sie den reichen Schatz von Erfahrungen, den wir gegen ein paar
missmütige Stunden eintauschten, für nichts? Auf Ehre, ich gebe ihn um meinen
ganzen Credit nicht weg, der denn doch der eigentliche Point unsrer Existenz
ist. Und, Luisen fixirend, ohne sich ihr gleichwohl vorstellen zu lassen, fuhr
er, wie unter bekannter Voraussetzung fort: Sie, Frau Gräfin, werden mir gewiss
in Kurzem Recht geben, wenn Sie unsre Welt mehr kennen lernen. Sie waren noch
nicht im hiesigen Teater? - Sie sahen noch nicht Richter und die schöne Antonie
spielen? Luise hatte kaum Zeit es zu verneinen, als er, sich zu Stein wendend,
aufs neue anhub: A propos, man will uns ja den Shakespear nun auch goutiren
lehren; ich denke man spricht von einer Vorstellung Heinrich des Vierten. Da
werden wir Offiziere nur gleich Urlaub nehmen müssen, um den Schluss zu hören,
denn solch Stück spielt seine 24 Stunden in einer Angst weg. Er lachte laut über
den glücklichen Einfall, der den Andern schon bekannt war, und als vielfach
bewundert, das Patent des Witzes erhalten hatte. Ich glaube selbst, entgegnete
Stein, dass sich der Shakespear weder für unsre Bühne, noch unser Publikum passt.
Des Komischen wegen? fiel Auguste ein. Sein Sie versichert, wir verstehn die
privilegirten wie die anderweitigen Spassmacher zu würdigen. Roll verschmerzte
den Stich, und wandte sich ausschliessend an Luise, die er mit einem Heer
unbedeutender Fragen bestürmte. Horst schwankte indes mit unsichren,
schleichenden Schritten zu der Dame, welche Luisens Aufmerksamkeit früher
erregte. So in Gedanken, Frau von Seckingen? fragte er lächelnd, was beschäftigt
Sie so ausschliessend? Der Wechsel der Dinge, entgegnete sie, nicht ohne
Heftigkeit. Unbesonnene, flüsterte er, und wandte sich unwillig ab.
    Eine kleine Bewegung in der Gesellschaft liess hier auf die Ankunft eines
neuen Mitgliedes derselben schliessen. Luisens Herz klopfte unwillkührlich; sie
dachte dunkel an den Unbekannten, an Fernando, als Frau von Seckingen ausrief:
ach, mein Bruder! und die Baronin in dem Augenblick, von dem russischen Obristen
begleitet, vor Luise trat, erfreut, ihr einen alten Bekannten zuzuführen. Ohne
irgend eine schmerzliche Erinnrung zu berühren, begnügte sich der gewandte Mann,
den gegenwärtigen Augenblick allein herauszuheben und eine Reihe froher Bilder
einer glücklichen Zukunft daran anzuschliessen, welche ihm Luisens Anwesenheit in
der Residenz versprach; dann das Gespräch immer leichter und freier
verschlingend, zog er bald die anmutige Schwester mit hinein, deren Herz sich
willig so freundlicher Berührung öffnete, seit sie nichts mehr unmittelbar
störte, da Horst gleich nach des Obristen Ankunft verschwand. Luise fühlte sich
in der kunstlosen, wie von selbst fortlaufenden, Unterhaltung immer behaglicher,
und trat zwischen den beiden edlen Gestalten fest und sicher auf die glatte
Fläche der neuen Welt hin, die sie vor wenig Augenblicken noch erschreckte.
Allein je mehr ihre Teilnahme für beide Geschwister wuchs, je mehr beunruhigte
sie das Schicksal der bekümmerten Frau, welches ihr noch drückender schien, seit
der Obrist sagte: Liebe Sophie, Dich erwarten Briefe von Deinem Mann. Er hat mir
auch geschrieben, und sagt, dass seine Geschäfte ihn noch lange in Paris
aufhalten könnten. Der Mann lebt noch? dachte Luise; also wieder eine missratene
Ehe! und sicher ein edles Herz, das sich selbst täuscht! - Dieser Gedanke fiel
störend in ihre Freude, und hätte fast die alte Wehmut wieder angeregt, da sie
in demselben Augenblick Stein an Emiliens Seite, mit allen Zeichen
unbefriedigter Sehnsucht, wahrnahm, und hier auf beiden Gesichtern auf's neue
das Aushängeschild einer verfehlten Wahl sehen musste; allein des Obristen
freundliches Bemühen hob sie bald über jene beunruhigende Betrachtungen hinaus.
Diese hohe, klare Erscheinung, auf der ein vielfachgestaltetes Leben keine Spur
zerreissender Leidenschaften oder verfehlten Strebens zurückgelassen hatte,
schien, in ihrem milden Ernst, recht dazu geeignet, Luisens Achtung zu
erzwingen, die sich auch bald eines kindischen, durch zufällige Verirrungen
angeregten, Unglaubens schämte, und sich voll Heiterkeit den beseligenden
Einflüssen einer entstehenden Freundschaft hingab, ein Wechsel, der Augusten
nicht entging, und ihr für diesen und viele folgende Tage Anlass zu Neckereien
und nicht immer ganz schmeichelhaften Anmerkungen gab. So nannte sie Sophie
ziemlich unzart eine phantastische Törin, die unaufhörlich die Liebe mit dem
Gegenstande derselben verwechsle, und ihr daher bald Altäre, bald Gräber erbaue.
Ich verstehe Sie nicht, sagte Luise empfindlich. Nun, entgegnete sie, alle
Frische, Kraft und Göttlichkeit des Gefühls meint sie in dem geliebten Manne zu
finden, und wenn denn nun nach und nach die mangelhafte Natur hervorsieht, und
das Traumbild ein ordinärer Mensch wird, dann erhebt sie ein Geschrei und hüllt
sich in Trauerschleier, und klagt über das trügerische Spiel der Liebe. Warum
sieht sie im Sperling den Paradiesvogel? Ich begreife, fuhr sie fort, dass ein
ungeprüfter, vielleicht überall stumpfer Blick sie verwirren kann; aber was
quält sie sich denn noch nach erkannter Täuschung? und warum will sie diese mit
Gewalt auf Kosten ihres eignen natürlichen Gefühls erhalten? Was ist es denn
weiter? sie hat sich geirrt; lasse sie den Irrtum fahren und sehe sich nach
Wahrheit um. Luise hatte es sich längst des Streitens mit ihr begeben. Sie
schwieg, und begnügte sich, wie herabsetzend auch jene Worte klangen, sich nur
fester und vertrauender an Sophie anzuschliessen, deren zarter Sinn und treue
Anhänglichkeit für das einmal Erwählte sie, trotz des sichtlichen Missgriffs
ihrer Wahl, höchst liebenswürdig machte. Luise übersah oder schob auf die
allgemeine Verwirrung menschlicher Gefühle und Verhältnisse, was sie nicht
billigen konnte, und neigte sich ohne Rückhalt zu einem Herzen, das im
Missverstehn selbst noch so gross und tief empfand.
    Mehrere Zeit hatte es Luise vermieden, in das Schauspiel zu gehn, aus
geheimer Furcht, in dem Unbekannten Fernando wiederum anzutreffen. Endlich musste
sie indes den wiederholten Bitten ihrer Bekannten nachgeben, und so liess sie
sich wirklich von Auguste in ihre Loge führen. Das erste Störende, was sie von
hier aus erblickte, war Werner, der, sie erkennend, ohne Zeichen der mindesten
Verlegenheit zu ihnen eilte, und sie ganz in seinem gewohnten Ton begrüsste.
Diese Ruhe drückte die ganze Vergangenheit in die dunkelste Tiefe. Luisen war,
als sei eine lange Reihe von Jahren verflossen, seit sie Werner sah, und die
damals gehemmte Ordnung längst wieder im alten Geleis. Nicht lange darauf trat
auch Baron Roll zu ihnen in die Loge. Er tat sehr vertraut mit Werner, der ihn
mit komischer Freundlichkeit empfing, gleichsam als tue es ihm wohl, die
geschärften Blicke eine Zeitlang auf jener flachen Unbedeutendheit ausruhen zu
lassen. Das Stück hätte allenfalls Aufmerksamkeit verdient, allein Roll liess es
bei Keinem, ausser bei Augusten, um die er sich niemals bekümmerte, zu einen
gesunden Gedanken kommen. Sehn Sie um Gottes Willen! rief er ganz empört, hat
die Reinhart nicht rote Schuhe an! bei dem grossen Fuss! Es ist, auf Ehre,
unbegreiflich! Sein Mund verzog sich fast wehmütig. Das allerliebste Mädchen!
rief er, und so schimpfirt! Kaum gewann ein Lieblingsschauspieler so viel über
ihn, dass er einige Augenblicke schwieg; dann aber beugte er sich zu Werner und
sagte ihm vertrauend: wenn ich so glücklich sein könnte, den Richter nur einmal
zu frisiren, er sollte wahrhaftig anders aussehn! Hm - entgegnete jener ganz
kalt, das liesse sich vielleicht machen. Luise konnte sich trotz ihres Ingrimms
des Lachens nicht erwehren, ein Mutwille, den Roll sehr bald, ohne es zu
wissen, rächte, indem er zu Werner sagte: haben Sie schon gehört, dass unser
hübscher Italiener wieder hier ist? Luise fuhr unwillkührlich zusammen. Werner
bemerkte es, und sich gegen das Innre des Hauses vorbeugend, sagte er: in der
Tat, da sitzt er ja! Luise war seinen Blicken gefolgt, die sich nach dem
Parterre richteten, und ohne zu wissen wen er meine, heftete sie ihre ganze
Aufmerksamkeit auf einen jungen Mann, der, in nachlässiger Stellung, halbliegend
sass, den Arm auf die Lehne des benachbarten Sitzes gestützt, und so, das
abgewandte Gesicht in der aufwärts gerichteten Hand ruhend, angelegentlich mit
einer hübschen Nachbarin sprach. Ich werde ihn morgen bei der Seckingen
einführen, sagte hierauf Roll, er wird unsere Damen mit seinen kleinen Talenten
amüsiren. Das tun Sie doch, erwiederte Werner, und verliess, da das Stück bald
zu Ende war, gleich darauf mit Roll die Loge.
    Vergebens hatte Luise bis dahin auf eine Wendung des ängstlich beobachteten
Kopfes gewartet; jetzt, da alles aufstand und das Gedränge immer mehr zunahm,
schwankten die Gestalten verworren und unsicher umher. Sie konnte nichts
bestimmt unterscheiden; allein je mehr ihr die Mittel fehlten, sich zu
überzeugen, je überzeugter ward sie in sich. Es war Fernandos Stellung, sein
dunkel gelocktes Haar; sie durfte nicht zweifeln. Halb entschlossen, die
morgende Gesellschaft nicht zu besuchen, gedachte sie mit Unruhe des Obristen,
und erwog, wie seltsam, wenn es Fernando wirklich sei, man ihr Ausbleiben
deuten, wie auffallend es erscheinen müsse, dass sie früher von seiner
Anwesenheit unterrichtet gewesen. Das Für und Wider abwechselnd annehmend, fuhr
sie endlich des folgenden Abends sehr spät zu ihrer neuen Freundin. Es ward
getanzt, und sie fand alles in fröhlicher Bewegung, als sie mit gesenktem Blick,
flüchtig durch die Zimmer hin, in ein kleines Cabinet eilte, wo sie nur ältere
Damen am Spieltisch wusste. Bleich und zerstreut setzte sie sich neben die
Baronin, welche diese Auszeichnung als eine schuldige Aufmerksamkeit gütig
aufnahm. Indem trat Emilie, erhitzt vom Tanzen, herein, und flüsterte ihr leise
zu: wissen Sie, wer hier ist? Ich weiss, ich weiss, entgegnete sie in tödtlicher
Angst. Sie wissen? woher denn? fragte Emilie. Gestern - erwiederte Luise; ich
kann jetzt nicht. - Denken Sie sich, fuhr jene fort, die Wirtin hat uns dennoch
verraten; er sah den Abend, als wir assen, durch die Tür, welche die Wirtin
ein wenig auf liess. Er hat mir's selbst gesagt; gleich auf den ersten Blick hat
er mich erkannt - Sie? fragte Luise, Sie allein? Nun, er wird Sie auch erkennen,
erwiederte Emilie; aber sehn Sie, da ist er. Luise hatte nicht das Herz, die
Augen zu heben. Rolls Stimme zwang sie endlich, aufzublicken. Sie hörte einen
unbekannten Namen, sah ein ganz fremdes Gesicht, eine zarte, fast unausgebildete
Gestalt. Kaum gewann sie so viel Fassung, ihr Befremden zu verbergen und einige
wohlgewandte an sie gerichtete Worte des Fremden zu beantworten.
    Wen aber, liebe Emilie, meinten Sie denn zuvor? fragte sie diese, noch ganz
unsicher und verlegen, als die beiden Herren sie verliessen. Wen? Nun mein Gott,
erwiederte jene, den jungen Cesario, unsern Reisegefährten, den Unbekannten im
Gastofe; wen anders? Dieser also war es! - sagte Luise zerstreut. Gott ja, fiel
Emilie ein, ich glaubte Sie wüssten - Freilich, freilich, erwiederte Luise, ohne
zu wissen was sie sagte. Dieser also! wiederholte sie mehreremale vor sich. Es
ist doch seltsam! - Sie erinnerte sich der Worte, die er gesprochen, und dass er
bestimmt Fernandos Namen genannt hatte. Sein Freund also, dachte sie, und ein
besorgter, zärtlicher Freund! Aber wie wagt er sich mit dieser Jugend und
Unerfahrenheit so allein in die Welt und auf die unsichre Spur eines so
beweglichen, ewig getriebnen Menschen!
    Des Obristen Blicke, die sie schon längst gesucht, trafen sie hier. Er
näherte sich schnell, und fragte fast bekümmert: warum kamen Sie doch so spät?
Ich hatte mich so auf diesen Abend gefreut und nun ist alles voller
Widersprüche! Sophie ist plötzlich unpässlich geworden, und hat sich entfernt;
auch Sie sehn bleich und angegriffen aus. Darf Ihr Freund wissen, was Sie
beunruhigt? Doch, setzte er lächelnd hinzu, wir sollten uns hüten, die
Geheimnisse der Frauen an uns zu reissen, sie verletzen uns oft, ohne dass wir sie
verstehn. Weil sie zu unwichtig oder zu bedeutend sind? fragte Luise. Gewiss das
Letztre, erwiederte er. Ihr ganzes Innre ist ein unendlich zartes,
geheimnissreiches Gewebe, dessen luftige Fädchen sich so wunderlich verschlingen,
dass sie oft ein gewagter Blick zerreisst, und sie sich, wie die Blumen, vor so
rauher Berührung verschliessen; der eigentliche Schmuck, der Blütenstaub ihres
Innern, bleibt uns daher fast immer fremd. Ihren Blick, sagte Luise sinnend, wie
aus voller Ueberzeugung, würde ich niemals scheuen. Gewiss? fragte er; auch dann
nicht, wenn ich Sie bäte, mir zu sagen, was Sie gestern so ängstigend im
Schauspiel beschäftigte, da Sie niemand, auch Ihre Freunde nicht, erkannten, und
noch beim Herausgehn meinen Gruss unerwiedert liessen? Auch dann nicht, erwiederte
Luise nach augenblicklichem Nachdenken, nur fragen Sie jetzt nicht weiter;
morgen, oder wenn Sie wollen. Nein, meine gütige Freundin, erwiederte er bewegt,
ich werde nicht weiter fragen. Glauben Sie mir, diesmal habe ich Sie verstanden.
Unsre Organe werden feiner, wenn wir sie in das reine Element der Liebe tauchen.
Luise errötete; er selbst schwieg, wie erschreckt, über das rasch entschlupfte
Wort. Nach einer Weile fragte er sie, um sich selbst zu entgehn, ob sie nicht
tanze. Nie wieder, sagte sie schnell, in der Erinnrung jenes Abends, da sie
Fernando in wilder Heftigkeit von seiner Seite riss. Nie wieder? entgegnete er;
auch hier, fuhr er fort, liegt Ihr reines Herz so offen da, dass ich Sie um keine
Erklärung zu bitten habe. Mich beunruhigt Ihre Schwester, sagte Luise verlegen;
wollten Sie mich wohl zu ihr begleiten? Sie nahm des Obristen Arm, und eilte in
Sophiens Cabinet, wo sie die schöne Frau sehr zerstört, und in sichtlicher
Anstrengung, sich wieder herzustellen, fanden. Der Obrist schloss sie gerührt in
seine Arme und verliess schweigend das Zimmer; aber Sophiens Schmerz brach in
unzähligen Tränen aus. Klagend sank sie an Luisens Herz. Sie sprach von Horst,
ihrer Liebe, seinem jetzigen schneidenden Betragen, und zog zuletzt ein Billet
hervor, das sie eben erst, nach vielen vergeblichen Botschaften, als
Entschuldigung seines Ausbleibens, von ihm erpresst hatte. Luise las Folgendes:
    »Je déteste les propos du monde, je n'aime pas à ètre cité, voilà la raison
de ma conduite«
    Wollen Sie mit Ihrem Blut dies welke Herz nähren? rief sie empört. O um
Gottes Willen, achten Sie sich doch höher. Sehn Sie nur, wie die conventionelle
Sprache selbst den groben Sinn nicht verbergen konnte, der sicher nie in Ihr
Innres drang! Ach sie sind Alle, Alle nicht anders! jammerte Sophie. Alle?
fragte Luise; auch Ihr Bruder? - Dieser trat eben jetzt wieder herein. Wenn es
Dir doch möglich wäre, sagte er, sich zwischen beide Freundinnen setzend, zur
Gesellschaft zurückzukehren, man vermisst Dich überall. Du leidest, fuhr er fort;
ich darf nicht fragen, was Dich quält. Liebe Sophie, sei weniger verschlossen!
Sieh! hier habe ich noch eine Schwester, die meine Teilnahme nicht zurückstösst.
Er hatte Luisen bei der Hand gefasst und blickte gerührt auf sie hin.
    Muss ich denn, sagte Sophie sanft, mein Innres nicht vor mir selbst
verschliessen? Und was gewönnest Du, in die Verwirrung hineinzusehn, wo eines das
andre zerstört und keines das rechte ist? Ganz anders ist es mit Luisen; ein
grosser Schlag des Schlag des Schicksals hob sie über so peinigende Kämpfe
hinaus. Für sie beginnt ganz eigentlich ein neues Dasein, dem sie mit
jugendlicher Ungeduld eine sichre Richtung zu geben sucht. Ihr Gemüt ist frisch
und wach, deshalb versteht sie Dich, und scheuet Deinen Blick so wenig, dass es
ihr vielmehr wohl tut, ihm zu begegnen. Luise reichte sittig, vor den Obristen
hingebeugt, ihre Hand der Freundin, die, bei eignem getrübten Denken, die fremde
Brust dennoch klar durchschaute. Mit tiefer, innrer, Bewegung fühlte der Obrist
die schöne Gestalt seinem Herzen so nahe. Wie aus sich herausgedrängt, sagte er,
die dargebotne Hand schnell erfassend: wenn es wahr wäre, liebe Luise, wenn Sie
mich verstanden, wenn Sie mich auch jetzt verstehn -? Heiliges, fast demütiges,
Entzücken zitterte durch Luisens Seele. Sie hob ihre Augen zu den hellen
Blicken, die sie so wahr in ihrem eignesten Wesen auffanden; nichts trübte,
nichts vervielfachte auch jetzt ihr friedliches Licht; ein Bote des Himmels
hatte zu ihr geredet. Einen Augenblick schwieg sie, durch so wundersame Fügungen
ergriffen. Nein gewiss, sagte sie endlich, gewiss, ich kann Sie nicht missverstehn!
O Gott! rief der Obrist, beide geliebte Wesen sanft umschlingend, so lass mich
sterben! Ihr armen, wunden Seelen, heilt Euch in meiner Liebe, deren stilles
Feuer ewig so rein glühen wird.
 
                                  Drittes Buch
Jedes, was in unsichtbarem Zusammenhange, unvorbereitet, in das Leben eines
Menschen eingreift, und das über dasselbe für den Augenblick bestimmt, scheint
die Vergangenheit gänzlich von der Gegenwart loszureissen, und aus dieser eine
neue beginnende Welt hervorzurufen. So schwanden auch jetzt alle frühere
Störungen aus Luisens Seele. Ohne Kampf, wie ohne grosse innere Bewegung, gab sie
sich der stillen Gewalt einer Neigung hin, die, wie alles Schöne und Herrliche,
aus der Wurzel des Daseins entspringend, ihr Gemüt erweiterte und erhellte. Sie
sann und erwog weniger als je, aber das Beste stand ihr immer ganz nahe, und sie
erkannte und ergriff es mit frischem Sinn. So fügte sich in des Obristen heitrer
Nähe alles wie von selbst, und ihr Verhältnis zu ihm, ohne gerade eine bestimmte
äussre Form zu haben, ward durch so milden Einfluss unwillkührlich dichter und in
sich unauflöslich.
    Ein auf solche Weise heilig gehaltener, innrer Verein konnte indes den Augen
der Welt nicht entgehn. Der Obrist war eine zu bedeutende Erscheinung in ihr,
seine Verbindungen blieben nicht unbeobachtet, und es konnte daher nicht fehlen,
dass eine grosse Auszeichnung als entschiedne Wahl angenommen ward. Allein diese
Auszeichnung hob auch Luisen sogleich über jedes Schwanken der Meinungen hinaus.
Ihr Platz in der Gesellschaft, durch die Gunst des Schicksals bezeichnet, war
nun eingenommen; jeder Zweifel schnell gelöst, jede Mutmassung beseitigt. Die
Männer schwiegen da, wo nur eine bedeutende Stimme das Recht hatte, zu sprechen;
und die Frauen durch Klugheit gehalten, räumten willig Vorzüge ein, wo ein Tadel
ihr Urteil verdächtig gemacht hätte. Alles trat daher Luisen schmeichlend
entgegen. Selbst Auguste hörte auf zu spötteln und liess sie ruhig gewähren. Aber
vor allen war die Baronin bemüht, ihren Beifall zu äussern. Durch häusliche
Sorgen und Verwicklungen geängstet, wandte sie sich gern zu der wiederkehrenden
Ordnung eines vormals so verworrnen Daseins, und nicht ohne innre Behaglichkeit
schrieb sie der eignen Mitwirkung einen Teil dieser heilsamen Veränderung zu.
Luise gönnte ihr gern diese kleine Beruhigung, da ohnehin so manches ihren
Erwartungen und Plänen entgegenstrebte. Denn es war nicht zu verkennen, wie
rücksichtslos auf Stein und andre Verhältnisse sich Emilie einer entstehenden
Neigung für den jungen Cesario hingab. Ein launenhaftes, zweideutiges Wesen, das
weich und schmeichelnd in die Gunst der Frauen hineinschlüpfte, und sie bald
darauf, wie die ganze übrige Welt, in düstrem Ernst zurückwies. Niemand konnte
bestimmen, ob innre Unhaltbarkeit oder irgend eine Absicht diesem wechselnden
Spiele zum Grunde lag. Allein, wie man auch tadeln musste, so fühlte sich doch
ein Jeder auf irgend eine Weise davon angesprochen. Oft erschien er so mild, aus
den feuchten Blicken drang eine Sehnsucht, die sich unwillkührlich an jedes Herz
legte. Aber plötzlich sprühete ein wunderliches Feuer aus Aug' und Mienen, er
drang mit Ungestüm aus sich selbst heraus, sang, improvisirte, zog die
Gesellschaft in seine bunte Phantasieen hinein, indem er sinnvolle Tänze und
Pantomimen anordnete, denen er einen ganz eignen Charakter von Wehmut und Lust
zu geben verstand. Alles strömte dann aus den fernsten Spielzimmern herbei. Man
stand in gedrängten Kreisen um ihn, und rief ihm laut und ungeteilt Beifall zu.
Nur der Obrist betrachtete ihn schweigend, voll mitleidsvollem Ernst, und sagte
einst zu Luisen gewandt: fühlt denn niemand, wie sich das zarte, fast noch
kindische, Geschöpfchen zerreisst, um ein innres Uebel zu ertödten! Luise
gedachte ihres ersten Zusammentreffens im Gastause. Diese Erinnrungen, wie
überall die ganze rätselhafte Erscheinung, mussten sie drücken. Es war ihr
unmöglich, Cesario ohne ein ängstigendes Gefühl zu betrachten, das vergebens
einen bestimmten Eindruck aufsuchte und sich dennoch nicht gleichgültig abwenden
konnte.
    Was sie indes störte, zog Emilien um so bestimmter an. Ihr kleines Herz liess
sich gern von den neckenden Widersprüchen hin und her werfen. Der Wechsel war
ihr rechtes Lebenselement, dem sie freudig Ruhe, häuslichen Frieden, ja selbst
den äussren Anstand, aufopferte. Ihre eigenste Natur schien sich in dem Umgange
mit Cesario nur erst recht zu entwickeln. Wie ihre zarte, biegsame Gestalt und
die Weichheit und Rundung ihrer Bewegungen sie zu seiner steten Gefährtin bei
Spielen und Tänzen machte, so fügte sie sich mit der gleichen Leichtigkeit in
die scharfen Uebergänge seiner jedesmaligen Stimmung. Ja, sie teilte nicht etwa
nur seine Schmerzen und Freuden, sie nahm sie ganz in sich auf, und empfand sie
völlig und innig wie er.
    Stein trug ein klares Bild von Emilien in seiner Brust. Er konnte es sich
nicht bergen, wie viel ihr alles Neue, wie wenig er ihr war. Allein die Liebe zu
ihr lähmte jeden kräftigen Entschluss. Er weilte in ihrer Nähe, sich überredend,
er hoffe auf irgend eine günstige Veränderung; was überall wandelbar sei, könne
sich ja auch zu ihm wenden, und vielleicht sei dann der bunte Kreislauf
vollendet, und das Bleibende erzeuge sich von selbst. Dennoch wagte er es nicht,
eine festere Verbindung für den Augenblick zu wünschen, ja er rückte den
Gedanken daran in die bessere Zukunft hinaus, an die er nicht glauben, auf die
er nicht hoffen konnte. So hielt er sich in einem selbst geschürzten Netz
gefangen, erwartend und verzweifelnd, mit wundem Herzen und überreiztem Gemüt,
das nur einer bestimmten Veranlassung bedurfte, um alle verhaltne Bitterkeit
gegen den überlästigen Cesario auszuströmen.
    Bei weitem ruhiger schien der Maler Emiliens doppelte Treulosigkeit
anzusehn. Für den Winter in die Residenz zurückgekehrt, lebte er allein der
Kunst, wenig bekümmert um irgend etwas ausser ihr. Allein Werners geschärfter,
mehr spürender als forschender Blick, der jedes, was er im Laufe des Lebens
irgendwo berührte, wieder anfassen und an sich ziehn musste, hatte ihn in seiner
Stille aufgefunden. Er drängte sich an ihn, und führte ihn, unter mehrern
Bekannten, auch zu Augusten. Hier hatte Luise öfters Gelegenheit, den Gleichmut
des jungen Künstlers zu bewundern, da niemand, ausser ihr, mit seinen
Verhältnissen bekannt, es vermied, über Emilien und ihre Verirrungen zu reden.
Selbst Auguste schonte ihrer Freundin so wenig, dass sie sich lachend über den
Spott des Schicksals ausliess, welches gewollt, dass ein unbärtiger Knabe das
Gewebe der klugen Sybille höchst keck zerreisse, und sie zwinge, das Töchterchen
in die Arme des ungekannten Fremdlings zu legen, um dem lästigen Gerede Einhalt
zu tun. Der Maler schwieg meist ohne ein Zeichen besondrer Teilnahme; nur
diesmal erwiederte er: dahin wird es nicht kommen. Sein Sie versichert, Emilie
täuscht sich, und muss in Kurzem selbst davon überzeugt werden. Er sagte das sehr
gefasst, und mit einer Zuversicht, die Werners Aufmerksamkeit erregte. Allein da
er sogleich wieder abbrach, so liessen auch die Andren das Gespräch fallen, ohne
dass es zu einer nähern Erörterung kam.
    Wenn Luise die Menschen um sich her, in ihren verschiednen Beziehungen zu
einander, betrachtete, und dann auf sich selbst zurücksah, so musste sie oft
erstaunen, wie ganz anders, milder, verwandter, ihr alle erschienen. Recht wie
Gestalten, die uns am Vorabend, bei hereinbrechender Nacht, mit unheimlichen
Schauern erfüllten, und nun am vollen Tage klar und befreundet auf uns zutreten.
Was sie sonst erschreckte und die innre Unsicherheit mehrte, fiel, wie von
selbst, von dem vielen Guten und Erfreulichen ab, was sie wohltuend zu der Welt
zog und den Frieden mit ihr begründete. Selbst mit Werner war sie im Herzen
versöhnt, seit sie ihm auf keine Weise scheuen durfte. Cesario allein liess sie
niemals frei von jener früher empfundnen Bangigkeit deren sie, mit aller
Anstrengung, nicht Herr werden könnte.
    Als sie sich einmal recht lebhaft dieser Schwäche schämte, da erinnerte sie
sich, wie leicht ein geheim gehaltenes Gefühl dem schönsten Verhältnis Gefahr
drohe, und wie wohl grösseres Vertrauen ihr und Julius Glück gesichert hätte. Sie
konnte nicht anstehn, in des Freundes treue Brust die letzte, kleine Sorge
niederzulegen. Dennoch geschah es nicht ohne einige Verlegenheit, dass sie ihrer
frühesten Bekanntschaft mit Cesario und des belauschten Selbstgesprächs im
Gastofe gegen den Obristen gedachte. Seitdem, fuhr sie mit gesenkten Augen
fort, befällt mich eine Unruhe, so oft ich ihn sehe, die jene zurückruft, weiche
lange das Unglück meines Lebens machte. Der Obrist hatte ihre Hand gefasst, und
sah mit leutseligem Ernst in ihr anmutig verschämtes Gesicht. Meine Luise,
sagte er, es ist ja dies ihr eigentümliches Wesen, dass Sie niemand in
Ungewissheit über sich lassen können, als den, der sich selbst täuscht. Sie sagen
mir daher nichts Neues. Ich habe Sie immer verstanden. Wie sollte es mir
entgangen sein, dass Ihnen Cesario, durch irgend eine innre Ideenverbindung,
Fernandos Bild zurückwirft. Ich möchte Sie beruhigen können, wenn ich Ihnen
sage, dass die Unklarheit der Erscheinung es ist, welche den trüben Eindruck
erzeugt. Offenbar ist etwas da, was Sie anspricht, aber Sie wissen es weder in
noch ausser sich in einem bestimmten Zusammenhang zu denken. Es steht losgerissen
da, und schwankt nach den entgegengesetztesten Richtungen. Das ist es, was Sie
verwirrt. Denn gewiss ist es das Unzusammenhängende allein, was uns im Leben
stört. Könnten wir die Geschichte der Welt und jedes einzelnen Wesens in ihrer
natürlichen Verbindung zu einander entstehn und fortschreiten sehn, der Faden
des verworrnen Knäuels liesse sich, ganz leicht, ohne willkührliches Abreissen und
Verknüpfen, abrollen, und der Mensch hörte auf, so einzeln und so feindlich der
Natur und sich gegenüber zu stehn. Deshalb lassen Sie sich auch jetzt nicht
beunruhigen. Haben Sie überall nur Acht auf das, was in Ihnen vorgeht, und
können Sie das scheinbar Störende in irgend einen Einklang mit sich selbst
bringen, so lassen Sie es ruhig walten. Sie drängen es vergebens weg, wie
unbequem es auch die gewohnte Weise durchkreuzt.
    Luise erinnerte sich ähnlicher Worte Fernandos, zwar in ganz individueller
Beziehung gesprochen, aber dennoch geeignet, sie für den Augenblick in eine
höchst verwerfliche Ruhe zu wiegen. Wie leicht, unterbrach sie ihn, hintergehn
wir uns aber selbst, und sehen das als zu uns gehörig an, was uns zerreisst und
zerstört.
    Dann, erwiederte der Obrist, kehren wir nur das eigentliche Verhältnis um.
Wir geben uns dem Fremdartigen blindlings hin, und verleugnen uns so vor uns
selbst. Der besonnene Mensch hingegen lässt das Ungekannte auf sich zu kommen,
und wie es sich an sein innerstes Leben wagt, fasst er es mit scharfen Blicken
an; ach liebe Luise! und wie bald zeigt es sich dann, was in höherer Natur über
unser Wissen und Wollen gebietet. Mit welchem Rechte sagen wir daher, wir müsse
der Stimme des Herzens folgen. Was man insgemein so nennt, das ist es nun
freilich wohl nicht, was ich meine. Es spricht so vieles auf den Menschen
hinein, dass er sich zuletzt selbst nicht mehr erkennt. Aber was so recht
eigentlich aus dem Herzen heraufdringt, dem widersteht sicher Niemand. Wie wahr,
fuhr er, sie umschlingend, fort, und wie höchst seltsam hat mich diese Stimme
geführt! In welchem Augenblicke drückte sich Ihr Bild in mein Innres! Alles
gebot mir, es daraus zu verdrängen. Ich versuchte es oft, aber als es immer
wiederkehrte, habe ich es heilig gehalten, und treu bewahret wie ein liebes
Geschenk des Himmels, das mich still entzücken und nie wieder verlassen sollte!
    Luise hatte den Kopf in grosser Rührung an seine Brust gelehnt. Er drückte
sie fester an sich, und sagte, über sie hingebeugt: hier wird es nun ewig leben!
Wie es auch kommen möge, dies Bild nimmt mir keine Gewalt der Erde, denn es ist
mein geworden durch einen friedlichen Bund mit mir selbst.
    Was soll kommen? fragte Luise besorgt; was mein lieber, lieber Freund, soll
uns trennen?
    Ach, liebe Luise, erwiederte der Obrist, wer darf das wissen wollen? Die
Bedingungen unsers Daseins wie unsers Glückes greifen in Vor- und kommende Zeit
hinein, und dennoch ist unser Gesichtskreis so eng gezogen, wir verstehn die
Zukunft nie aus der Vergangenheit. Da liegt alles dunkel und in sich
verschlungen. Wir dürfen es nicht anrühren, wenn wir die flüchtige Gegenwart
nicht verscheuchen wollen.
    Luise blieb einen Augenblick nachdenkend. Wäre es möglich, sagte sie darauf,
dass meine zu grosse Offenheit Sie beunruhigt hätte?
    Behüte mich der Himmel vor solcher Schwäche, fiel der Obrist schnell ein.
Nein, o Gott nein! wie sollte mich beunruhigen, was der schönste Bürge meiner
Ruhe ist. Liebe Luise, missverstehn Sie mich doch ja nicht. Der Mensch tut nur
wohl daran, im Uebermasse des Glücks sich den möglichen Wechsel als möglich zu
denken.
    Das war es nicht allein, sagte Luise, es war mehr als das. Ihr Ton drang so
wehmütig durch mein Herz, als ginge er von trüber Ahndung aus.
    Jeder Blick in die Zukunft, erwiederte er, erinnert uns an die Wandelbarkeit
des Glückes. Eben weil wir dort nichts Bestimmtes sehen, so tritt uns so vieles
entgegen, wovon eines das andre zernichtet. Aber, was verderben wir denn die
lieben, freundlichen Stunden durch so wunderliche Betrachtungen!
    Luise war indes in sich aufgeschreckt. Sie konnte sich nicht wiederfinden.
Die Möglichkeit, den geliebten Freund zu verlieren, trat ihr plötzlich so nahe,
dass sie ihn gar nicht von sich lassen wollte. Sie fürchtete, jeder Augenblick
könne ihn ihr entreissen. Und als er nun ging, und sie ihm aus dem geöffneten
Fenster, die Strasse hinunter, lange nachsah, bis er sich unter fremde Gestalten
verlor, da war ihr, als sei die Strasse der vor ihr liegende Lebensweg, auf dem
ihr alles unbekannt erschien, bis auf das eine geliebte Wesen, das sich nun auch
abwandte und sie verliess. Sie verlor sich immer mehr in diese Vorstellung, und
ward nicht eher wieder froh, als bis der Obrist des folgenden Tages in einem
reich verzierten Schlitten vor ihrer Tür hielt. Das Geläut der Glöckchen hatte
sie an das Fenster gelockt. Sie schlug freudig in die Hände, als der schöne Mann
von dem leichten Fahrzeuge springend, zu ihr hineilte.
    Ich komme, meine Luise, sagte er im Hineintreten, Sie zu fragen, ob Sie sich
wohl eine Stunde meiner Führung anvertrauen, und mich auf einer Spatzierfahrt
begleiten wollen. Der klare stille Wintertag erinnert mich so lebhaft an mein
Vaterland. Ich möchte diese Erinnerungen gern mit meinen liebsten Freuden
vereinen. Könnten Sie sich wohl für Augenblicke mit Ihrem Freunde in den starren
Norden versetzen?
    Luise willigte ohne Weiteres ein, und in Pelz und Schleier gehüllt, eilte
sie, an seinem Arm, der lustigen Fahrt entgegen. Zwei russische Knaben, fremd an
Ansehn und Tracht, hielten zu Pferde neben dem Schlitten. Luise setzte sich
hinein. Der Obrist breitete ein Tigerfell über ihre Füsse, dessen Zipfel
Goldfranzen einfassten. Er selbst nahm sodann seinen Platz hinter ihr, und die
Zügel leicht hebend, flogen sie pfeilschnell durch die Strassen und Tore der
Stadt. Bald war diese weit hinter ihnen. Der geebnete Weg führte nach einem
Walde, der sie plötzlich wie eine veränderte Welt umschloss. Ungleich türmte
sich der Schnee in grossen Massen zwischen den Bäumen, die zum Teil ihre nackten
Zweige starr in die eisige Luft streckten, oder die herabgezogenen Wipfel über
einander neigten. Ueberall schien das Leben gewichen, hin und her sah man auf
der weissen Decke die Spur einzelnen Wildes. Freudig sprengten die Knaben mit
wunderlich dumpfem Geschrei voran. Mein Russland, rief der Obrist lebhaft! und
lenkte den Schlitten immer tiefer in den wildesten Teil des Waldes.
    Luise befand sich in einer Gegend, die sie früher nie betrat. Die Täuschung
gewann immer mehr Gewalt über sie. Es war ihr wirklich, als ständen Vaterland
und Freunde in unerreichbarer Weite, und alle losgerissne Banden schlängen sich
einzig um den geliebten Mann, dem sie vertrauend unter rauhe Himmelsstriche
folge. Sie zog den Schleier dicht an sich, und in einer Art behaglicher
Selbstvernichtung liess sie ihr Dasein sinnend in ein Fremdes übergehn. Vergeben
Sie mir, sagte der Obrist, durch ihr Schweigen aufmerksam gemacht, vergeben Sie
mir meine törige Freude, die Sie so wenig teilen können. Ist denn der Mensch
wie eine Pflanze an den heimatlichen Boden, wie an den eignen Leib gebunden?
Und ist nicht ein freies, höheres Verhältnis zum Leben, wie ein zweiter Leib zu
betrachten, den er sich mit Wahl und Besonnenheit selbst schafft, durch den er
zur Welt gehört und sich ihr kund gibt? Warum streckt uns denn das Vaterland
seine tausend Arme nach, und strebt uns in seine Mitte zurückzuziehen.
    Luise war in ihren Träumen verloren. Sie hatte einen grossen Teil dieser
Worte überhört, und fühlte nur des Obristen Hand, welche schmeichelnd die ihrige
ergriffen hatte. Ihr Herz war voll der innigsten Liebe, und in dem Sinne sagte
sie: gewiss, es ist überall schön, wo uns auch die Natur ein getrübtes Antlitz
zuwendet.
    Es soll bald wieder heitrer werden, entgegnete der Obrist, der schon früher
einen Nebenweg eingeschlagen, und nun über einzelne Hügel, welche die nahe Ebne
verbarg, aus dem Walde bog. Eine breite, spiegelglatte Eisfläche lag hier vor
ihnen, hinter welcher sich das fürstliche Schloss mit seinen vergoldeten Dächern
und weissen Säulen feenartig erhob. Heller Lichtglanz war über die ganze Gegend
ausgegossen, die in so magischer Beleuchtung das überraschte Auge blendete. Wie
herrlich! rief Luise, indem sie aufstand und mit der einen Hand den gehobnen
Schleier hielt, während die andre auf des Obristen Schulter vertrauend ruhte.
Der Schlitten gleitete indes leicht über den festen Eisrücken des Stromes zu dem
jenseitigen Ufer, an welches die Schlossgärten stiessen. Lebhaft wurden hier
Luisens Blicke durch halbgeöffnete Sonnenhäuser angezogen, die beim
Vorüberfahren ihre innren Schätze ahnden liessen. Der Obrist schlug ihr vor,
einige Augenblicke unter den Blumen auszuruhen, was sie dankbar annahm und in
seiner Begleitung in die kunstreich geordneten Säle trat. Wie neugeboren
begrüsste sie das frische Grün, das ihr aus den seltensten Gewächsen entgegen
duftete. Der Gärtner trat höflich auf sie zu, sogleich bemüht, durch nähere
Erklärungen die Eigentümlichkeit der merkwürdigsten Pflanzen und Stauden
anzugeben. Luise ergötzte sich an Allem. In froher Hast eilte sie den Andren
voran, sah und bewunderte jedes zuerst, und trat so allein in ein kleines
Cabinet, welches hohe Granaten und fruchttragende Orangen am Ende des Gebäudes
bildeten. Das frischeste Moos bedeckte den Boden in einer Höhe, dass es zu den
Seiten stehende Blumenbehältnisse verbarg, und so das Ansehn gewann, als lasse
es den lachenden Blütenteppich aus seinem Schoos hervorgehn. Die goldnen
Früchte schienen Luisen recht eigentlich zu winken. Sie fühlte sich auf das
Anmutigste angezogen. Alte Mährchen von verzauberten Schlössern wurden wach in
ihr. dabei musste sie an die Markise und Viola denken. Sie glaubte zu träumen.
Der öde Wald, das starre Eis, und nun alle südliche Herrlichkeit! Sie konnte
sich eines lauten Freudenrufs nicht erwehren. Da war es, als bewegten sich
hinter ihr die Zweige; sie wandte sich, und bemerkte einen Mann, der schnell zu
einer Seitentür hinauseilte, ohne dass sie sein Gesicht sehen konnte. An der
saubergestickten Uniform und dem dunkel gelockten Haar glaubte sie Cesario zu
erkennen. Ihre Blicke waren noch auf die Tür geheftet, als ein Wagen an dem
Hause vorüberfuhr, und sie unwillkührlich zum Fenster zog; aber die
verschlungnen grünen Zweige lagen wie ein Gewebe davor, und hinderten sie, etwas
zu erkennen.
    Sie haben wohl öfter Besuch, sagte der Obrist, mit dem Gärtner hinzutretend.
An solchen Tagen, erwiederte dieser, sind die Säle fast nie leer, besonders
finden sich Ausländer und Fremde häufig ein, durch die Freiheit des Zutritts in
allen fürstlichen Gebäuden angelockt.
    Der Blumenduft betäubte Luisen; sie fühlte sich unwohl, und trieb zur
Rückkehr ins Freie, wo sie alsbald den Weg nach der Stadt auf einer heitren,
vielfach befahrnen Landstrasse nahmen.
    Der Obrist sprach während des Fahrens noch viel über das Edle und Gefällige
in der Bauart des Schlosses und seiner Umgebungen. Er machte Luisen aufmerksam
auf die königliche Grösse des Ganzen, welches doch keinesweges drückend sei für
die nahestehenden Gegenstände, was er allein als Wirkung höherer Kunst angab.
Denn diese, sagte er, kann niemals etwas für sich allein betrachten, sondern
findet nur in dem innren Zusammenhang aller notwendigen Bedingungen das
richtige Verhältnis für jedes Einzelne, während die blosse Pracht alles um sich
her vernichtet. Dies zeigt sich am auffallendsten im Orient, wo ein an sich
untergeordneter Zweck alle höheren Strebungen beherrscht. Selbst die Denkmäler
alter Kunst sind dort störend geworden, weil sie, losgerissen von Zeit und Ort,
keinen gnügenden Eindruck gewähren, sondern dem unbefriedigten Gemüt
schmerzliche Betrachtungen entreissen, was dem Wesen der Kunst zuwider ist, die
sonst unsre innre Gesammteit, Fülle und Kraft hervor ruft, und den ganzen
Menschen göttlicher und freier macht.
    In diesem Sinne war die Kunst wahrhaft in ihn übergegangen, und seine Liebe
zu ihr konnte daher nur von denen ermessen werden, die ihn in allen Beziehungen
seines Lebens verstanden.
    Luise suchte während dem sich selbst zu entgehn, und liess es an lebhaften
Aeusseruugen nicht fehlen, die das Gespräch nur mehr in seinem Lauf fortdrängen
sollten. Allein sie war niemals frei genug in sich selbst, um irgend etwas, das
sie zufällig berührte, für Augenblicke liegen zu lassen, und mit Besonnenheit
mehreres aufzufassen. Eines beschäftigte sie alsdann so ausschliessend, dass sie
für alles andre entweder gar nicht da war, oder doch zerstreut und kalt
erschien. So konnte sie es jetzt nicht aus den Gedanken bringen, warum Cesario
ihr gerade in dem Moment habe nahe sein müssen? und weshalb sein Erscheinen, oft
so halb und versteckt, sie in Ungewissheit, selbst darüber lasse, ob er es sei
oder nicht? Ihr fiel ein, dass, gleich wie ganz verschiedenartige Menschen, die
späterhin einen gewichtigen Einfluss auf unser Schicksal haben, sich früher in
unsrer Erinnrung zusammen stellen, ohne dass wir sie in irgend einer Beziehung zu
einander dachten, die Natur der Umgebungen und die Stimmung, welche diese in uns
erwecken, gleichfalls bedeutend sei für das Zusammentreffen mit diesem oder
jenem. Sie sann vergeblich, auf welche Weise Cesario mit in ihr Leben
verflochten sein könne, und hatte zugleich eine Scheu, es zu entdecken, da sie
überall so ungelegen von ihm gestört ward.
    Der nächste Morgen verjagte indes diese Wolken. Sie war die folgenden Tage
heitrer als je, vielleicht weil sie sich von mehrern ihrer Bekannten
zurückgezogen hatte, und allein in des Obristen und Sophiens Gesellschaft lebte.
Diese schien auch wieder ruhig und gefasst. Luise bemerkte leicht, dass nur eine
Aussöhnung mit Horst dies bewirkt habe, obgleich dieser in ihrem engeren
Familienkreis keinen Zutritt hatte. Sie begriff eben so bald, wie sehr ein
solches Gefühl geschont sein wolle, und ohne dagegen zu eifern, begnügte sie
sich, ihre Freundin in einer vertrauten Stunde zu fragen, wie sie nur dies
Verhältnis mit ihren sonstigen Ansichten und Begriffen vereine.
    Das ist nun so, entgegnete jene. Ich rede ungern darüber. Vieles kommt in
Anregung, was besser verschwiegen wird. Doch glaube mir, gutes Kind, Vergehn aus
Liebe begangen, büssen sich nur durch Treue ab. Dies ist weder so leicht, als
eine herzhafte Rückkehr zur Pflicht schwer ist. Zu dem Letztren bewegt uns oft
gerade das, was uns früher verlockte, Sehnsucht nach einem Herzen, das uns
versteht und verstehn will. Wir glauben so leicht, es gefunden zu haben, während
es uns in allen Verhältnissen ziemlich gleich unerreichbar ist. Ueber die ersten
poetischen Träumen der Jugend hinaus, halten es die Männer kaum der Mühe wert,
in das innre Geheimnis unsers Wesens einzudringen, dessen Selbstständigkeit sie
nie anerkennen, dessen höhere Natur sie sich gern verbergen, um der
gewöhnlichsten und natürlichsten Rücksichten überhoben zu sein. Da es denn nun
überall auf die Aufopferung unsrer selbst angesehen ist, was zaudern wir, dies
Opfer da zu bringen, wo wir in der Bewahrung und dem Heilighalten der Liebe uns
vor uns selbst bewahren? Ich wenigstens bin resignirt, und kann mich in dieser
Resignation nur mit mir und meinem Vergehn aussöhnen.
    Du bringst Dich also der Liebe und nicht dem Geliebten zum Opfer? fragte
Luise.
    Sage mir, erwiederte jene, wie soll ich die eine ohne den andren denken,
ohne auf immer mit meinem Gewissen zu zerfallen? Soll ich um ein Geringeres, als
die höchste Bedingung meines Lebens, Schwur und Pflicht verletzt haben? Und wenn
ich mich täuschte, war es nicht die Liebe, welche den Zauber hervorrief? Aber es
ist falsch, dass die Liebe uns täusche. Sie, das einzig, ewig Wahre, zeigt uns
die Menschen allein wie sie sind. Von ihr durchdrungen, haben sie für Momente
wirklich erreicht, wonach sie, früher und später, durch den ganzen Kreislauf
eines langen, beschwerlichen Lebens ringen. Nur wie die Aussenwelt wieder nach
ihnen greift und ihre Täuschungen auf sie zurückwirft, sinkt die Liebe in die
stille Nacht ihres verborgnen Lebens zurück. Allein, ich habe ja doch den
geliebten Mann in jenen göttlichen Momenten gesehn, und so will und werde ich
ihn immer sehn.
    Der Obrist unterbrach sie hier, indem er ihnen die Ankunft der Baronin
meldete, welche auch sogleich eintrat.
    Endlich! sagte diese gutmütig, zu Luisen gewandt, finde ich Sie. Böses
Kind! Nun sollen Sie mir nicht wieder entgehn. Ich entführe Sie sogleich. Alle
Freunde und Bekannte sind bei mir versammelt. Alle haben beschlossen, Sie der
Einsamkeit zu entreissen. Man hat wichtige Dinge vor. Ich habe geloben müssen,
Sie aufzuheben, wo ich Sie finde. Luise warf bittende Blicke auf den Obrist und
Sophien. Dort suchen Sie vergebens Beistand, sagte die Baronin, ihre Gedanken
erratend; diese sind auch meine Gefangenen. Ich lasse Niemand entschlüpfen. Sie
müssen alle sogleich mit mir fort.
    Beide Geschwister versprachen, der Einladung in Kurzem zu folgen. Luise
musste es aber geschehn lassen, dass sie die Baronin ohne weiteres zu ihrem Wagen
führte, und sie, so bald sie sich hier allein sahen, mit kaum verhaltner
Heftigkeit in ihre Familien-Angelegenheiten hineinzog. Es ist mir lieb, hub sie
sogleich an, Sie zuerst ohne Zeugen zu sprechen; Sie müssen mir einen wichtigen
Dienst leisten. Es gilt hier, Stein zu einem schnellen Entschluss zu bewegen. Er
muss Emilien bald, gleich, seine Hand geben. Sie können ihn dazu durch Gründe
bewegen, die mir nicht geziemen, anzuführen. Lassen Sie mich ausreden, fuhr sie,
jeder Unterbrechung vorbeugend, fort. Es ist gewiss, es ist nicht alles so, wie
es sein könnte; allein, ohne mich geradezu in Emilien verrechnet zu haben,
tragen zum Teil die Umstände die Schuld jener ungünstigen Wendung. Ich habe
nicht immer ganz freie Hand gehabt. Viel Fremdartiges hat in meine Pläne
eingegriffen; des Barons Ansichten und Gesellschaften, eine gewisse
Freigeisterei in allem Herkömmlichen und Bestehenden, welches die unglückselige
Poesie an den Tag bringt, und mehr als alles, Ihr Schicksal, mein liebes Kind,
haben mir bei Emilien entgegengearbeitet. Es ist meist das Leben Andrer, das
plötzlich einen Funken in ein junges Gemüt wirft und sehr zur Unzeit darin Tag
werden lässt. Dies ist indes alles geschehn. Wir können nichts, als grösserem
Uebel vorbeugen. Stein hätte schon so manches hindern können, wenn er mir und
sich selbst mehr vertrauete. Er nimmt das Spiel mit dem halbkindischen Cesario
zu hoch, wenigstens gibt er ihm ein zu ernstes Ansehn vor der Welt. Ueberall
erscheinen ihm die geringfügigsten Dinge so gewichtig, dass er fast unter ihrer
Last erliegt. Ich begreife nur nicht, unterbrach sie hier Luise, warum Ihre Wahl
grade auf ihn gefallen ist. Aufrichtig gesagt, erwiederte die Baronin, ich weiss
jetzt keinen Bessren. Dem knabenhaften Abenteurer wollen wir sie doch nicht etwa
geben? Andrer Unschicklichkeiten der Art nicht zu gedenken. Auch ist Stein im
Grunde lenksam, Emilie hat viel Gewalt über ihn, unter meiner Leitung wird sich
alles machen. Nur haben wir keine Zeit zu verlieren. In vierzehn Tagen gehe ich
auf's Land, Stein muss uns sogleich folgen, und die Hochzeit schnell und still
gefeiert werden. Dahin müssen Sie ihn durch die einfachsten und natürlichsten
Bewegungsgründe zu führen suchen, die zum Teil in seiner Liebe zu Emilien, zum
Teil in der Achtung vor dem äussren Anstand liegen, da er diesen durch die
schnelle Beendigung unberufner Gerüchte am sichersten rettet.
    Aber Emilie? - fragte Luise.
    Nun? entgegnete die Baronin, die hat wohl keine Wahl. Was bleibt ihr noch
übrig? Sie wissen wohl am besten, was die Klugheit in solchen Fällen rät. Sie
selbst haben, mit mehr Ruhe als ich Ihnen zutraute, durch einen kräftigen
Entschluss Ihren erschütterten Ruf wieder hergestellt. Denn mich wollen Sie doch
wohl nicht, wie die Welt, überreden, das kaum beruhigte Herz habe sich auf's
neue einer grossen gewaltigen Neigung überlassen. So etwas liegt ausser allen
Gränzen der Möglichkeit. Aber Sie handelten weise, und deshalb kann ich auch um
so sichrer auf Ihren Beistand rechnen.
    Luise hatte nicht Zeit, ein Wort zu erwiedern. Der Wagen hielt vor der
Baronin Hause, die Bedienten öffneten den Schlag, und sie musste ihrer steten
Quälerin ohne weiteres in die Gesellschaftszimmer folgen.
    Obgleich jene Worte sie recht empfindlich trafen und sie auf's neue in sich
verwirrten, so ward sie doch bei Emiliens Anblick von sich auf andere
Betrachtungen gezogen. Es musste sie überraschen, diese ganz vertraut zwischen
Cesario und dem Maler, vor einem Tischchen sitzend und mit beiden über vor ihnen
liegende Zeichnungen beratschlagend, zu finden. Baron Roll beugte sich zwischen
sie durch, und schien seinen Beifall zu bezeigen, indem er mit wohlgefälligem
Lächeln seine ausgespreizten Finger auf ein aufgerolltes Blatt drückte, welches
der Maler mit beiden Händen sauber hielt und wohl vor weitrer Verletzung sichern
wollte. Werner und Auguste standen zur Seite, wie gewöhnlich, in Streit
verwickelt.
    Als Emilie die Eintretenden bemerkte, schlug sie freudig in die Hände, und
ohne ihre Stellung zu verändern, rief sie Luisen zu: geschwind kommen Sie, uns
Ihren Rat zu geben. Wir quälen uns schon seit einer Stunde, und kein Mensch
bringt etwas Gescheutes heraus. Der Fürst gibt einen Maskenball, und wir sind
versammelt, etwas ganz Neues, Ungewöhnliches für den Abend zu ersinnen, denn die
Griechen, und Ritter und Genien und Musen sieht man sich nun schon seit lange
zum Überdruss. Auguste schlug so eben einen Sphärentanz nach alt Aegyptischer
Weise vor. Allein weder sie noch irgend Jemand weiss diesen recht eigentlich
anzugeben, so wenig wie die ganz frühe Tracht dieses Volkes, denn die
Zeichnungen hier, nach einigen Kunstwerken aus der grauen, versteinten Zeit,
können doch nicht zu Modellen dienen sollen. Ich würde eher, sagte Werner,
Gegenstand und Charakter aus irgend einem bekannten Mährchen der Tausend und
eine Nacht vorschlagen. Sinnreiche Erfindungen und Pracht liessen sich so leicht
vereinigen. Ach! fiel Emilie ein, dann gibt es wieder Turban und Schleier ohne
Ende und das alte Lied wird nur mit Variationen angestimmt.
    Was schicken wir dem kurzweiligen Spiel so beschwerliche Beratschlagungen
voran, rief Cesario, ungeduldig aufspringend. Ihr fasst ja das Vergnügen so derb
an, und dreht und handhabt den flüchtigen Genuss, dass aller Reiz verschwindet. Ob
neu oder alt, ob selten oder oft gesehn, die Freude trägtimmer ein frisches,
jugendliches Gesicht. Nehme sie jeder, wie sie sich ihm zeigt. Ich für mein
Teil halte mich in der komischen Familie meines Vaterlandes, Arlechino altert
nie, und Sie Emilie, Sie verlassen mich nicht.
    Emilie willigte ein, die Maske der Colombine zu nehmen. Werner verstand sich
zu der des Pantalon, und Baron Roll ward ohne weitere Anfrage zum Brighella
erwählt.
    Bei eigentümlicher Gewandheit und Laune, sagte der Maler, kann das
phantastische Spiel immer neu erscheinen, und zu manchem lustigen Spass Anlass
geben.
    Insbesondere, fiel Werner ein, wenn mehr als eine dieser Familien zugleich
aufträten, und so durch stete Verwirrungen und Verwechselungen eigne und fremde
Pläne durchkreuzten.
    Man fand den Gedanken lustig, ohne ihn gleichwohl festzuhalten. Auguste
verwarf ihn ganz und setzte ziemlich trocken hinzu; wenn Ihr Euch alle von den
Aegyptern abwendet, so will ich dennoch dem tiefen, geheimnissreichen Volke treu
bleiben, und wenn nicht auf alte, doch auf neue Weise. Ich wähle eine
Zigeuner-Maske. Hütet Euch. Ich sehe in die Vergangenheit und Zukunft, und werde
manches Geheimnis entüllen. Die Vorstellung des nahen Festes beschäftigte alle
angenehm. Viele spielten ihre Rolle schon in Gedanken durch, und diejenigen,
welche noch keine Masken gewählt hatten, sannen auf passende und anmutige
Erfindungen. Stein, welcher bis dahin abgewandt in einem entfernten Teil des
Zimmers beim Clavier sass, und zwischen den weitläuftigen Verhandlungen und
Streitigkeiten manch stilles Liedchen leise sang, trat nun auch zu Luisen, und
befragte sie über die Wahl ihrer Maske. Sie war noch unschlüssig, und bat den
Obristen, der nicht längst gekommen war, für sie zu entscheiden. Ich weiss nicht,
sagte dieser, ob ich Unrecht habe, wenn ich wünsche, Sie in altdeutscher,
fürstlicher Tracht zu sehen, sehr einfach, dennoch höchst edel und prächtig, und
zwar in einer mehr innerlichen, gediegnen als strahlenden Pracht. Viele würden
Sie lieber in den üppigen Orient versetzen, und den glühenden Schimmer des
südlichen Himmels um Sie verbreiten; ich glaube selbst, Sie ziehen das Letztere
vor, aber die hohe, in sich beschlossene, und eben dadurch gebietende
Weiblichkeit liegt doch auch in Ihrer Seele. Ja, was noch mehr ist, macht das
Wesentliche derselben aus.
    Es ist sonderbar, sagte Luise, in meinen frühern Jahren fanden mehrere
meiner Bekannten eine grosse Aehnlichkeit mit mir und einigen Bildern
altnordischer Königinnen, und gleichwohl habe ich eher mit Schauder als
Sehnsucht auf jene Zeit zurückgesehn.
    Wir sträuben uns oft, erwiederte der Obrist, grade gegen dasjenige, was doch
zuletzt Recht über uns behält.
    Nun, rief Luise lachend, für den Abend sollen Sie es wenigstens behalten.
Ich unterwerfe mich Ihrer Entscheidung.
    Wohlan, sagte er, so sind wir beide Ihre Ritter. Ich trug immer ein
Schwerdt, und lege es auch im Spiele nicht gern von mir. Werden Sie mir es
vergönnen, fragte Stein, fast wehmütig, wohl als ein überflüssiger, aber doch
treuer Diener, meinen Platz an Ihre Seite zu suchen? Luise reichte ihm voll
herzlicher Teilnahme die Hand, und alle drei redeten sofort das Nähere mit
einander ab.
    Als bald darauf die Gesellschaft auseinander ging, vertrauete Auguste
Luisen, dass sie fruher, als Werner, einen ähnlichen Gedanken gehegt habe, und
gesonnen sei, zuerst zwar als Zigeunerin, sodann aber als eine zweite Colombine
aufzutreten, und dem Liebespaar und seinen Helfershelfern manchen hinterlistigen
Streich zu spielen. Luise misstrauete überall ihren Absichten, und konnte auch an
dieser Neckerei keinen Gefallen finden, über die sie weiter nicht redeten,
sondern von da an, ein jedes nur mit eigenen Einrichtungen beschäftigt blieben.
Frau von Seckingen allein war durch nichts zur Teilnahme an dem Feste zu
bewegen. Sie scheue, sagte sie, die freigegebene, ungebundene Fröhlichkeit. Wo
alle Rücksichten schwänden, träte die unbewachte Individualität oft abstossend
hervor, und das sei gefährlich für diejenigen, die nur ein bestimmtes, lang
gehegtes und gepflegtes Bild festalten möchten. Es sei nicht das erstemal, fuhr
sie fort, dass dergleichen Festlichkeiten Entdeckungen veranlassten, welche ein
ruhiges Verhältnis aufgelöst und Menschen getrennt hätten, welche durch diese
Trennung um nichts besser geworden wären. Ihr sei es notwendig, nur das für
wahr zu halten was nach höhern Gesetzen wahr sein müsste, und sich so wenig als
möglich darum zu bekümmern, was unter äussren Bedingungen sich als bestehend
erweise, und für die Welt allein Wirklichkeit habe. Luise verstand sie wohl, und
drang nicht weiter in sie, ohnerachtet sie solche ängstigende Sicherstellung als
den wahren Tod und den eigentlichen Gegensatz aller Liebe ansah.
    Am Vorabend des Balles trat der Obrist ungewöhnlich spät in Luisens Zimmer.
Sie sass am Stickrahmen, und war noch mit einer Arbeit für den folgenden Tag
beschäftigt, als er sich zu ihr setzte, und nachdem er eine Zeitlang die
Sauberkeit und den Fleiss des kleinen Kunstwerks bewundert und schweigend
beobachtet hatte, wie lange die geschäftigen Finger den Faden hin und wieder
lenken müssen, ehe nur der hundertste Teil des Ganzen kenntlich hervortrete,
rief er fast ungeduldig: Welch mühseliges Vorbereiten zu dem flüchtigen Genuss!
Aber, fuhr er fort, das scheint wohl auch nur so. Für Sie ist es wirklich nicht
mühevoll. Sie haben bei jedem Stich das Ganze vor Augen, und leben so den
Augenblick tausendfältig, den Sie sich erst schaffen wollen. Warum ist das nicht
im Grossen wie im Kleinen. Wie leicht vergessen wir bei einem sauern Gange das
Ziel, wohin er führt! Und ist nicht am Ende das ganze Leben ein solcher Gang,
den wir uns recht eigentlich erschweren, da wir gewöhnlich nur auf die nächsten
Schritte vor uns sehen?
    Was macht Sie denn heut so ungewöhnlich ernst? fragte Luise. Ich verstehe
Sie nicht, lieber Freund! Die lustige Spielerei will kein so trübes Gesicht.
    Er beugte sich schweigend auf ihre Hand, die nachlässig mit den goldnen
Fädchen der Stickerei spielte. Wie denn? sagte sie ernster, ist das nicht bloss
Zufall? lieber, lieber Freund, ist Ihnen etwas begegnet? haben Sie Kummer?
    Ja wohl, rief er sehr bewegt, ja wohl, ich habe Kummer! ach meine Luise! Sie
sollten mich nicht so schwach sehen. Der Mann muss dem Verhängnis fest
entgegentreten. Ich werde mich auch sogleich wiederfinden. Ihr lieber freudiger
Blick fiel nur so zerreissend in meine bewegte Brust. Ich wollte Ihnen heute,
auch morgen, noch nichts sagen, und nun überrascht mich das so. Vergeben Sie
mir, Luise. O um's Himmels Willen, unterbrach sie ihn, nur geschwind, was ist es
denn, was kann es denn sein!
    Ein Befehl meines Hofes ist es, entgegnete er, der mich, da mein Geschäft
hier so weit eingeleitet ist, um es einem Andren zu übertragen, nach Petersburg
zurückruft, und zu einer neuen Mission nach Persien vorbereitet.
    Beide schwiegen eine Weile. Mir bleibt nichts übrig, als zu gehorchen, fuhr
er sodann fort. Ich gehöre meinem Vaterlande, und darf mich ihm auf keine Weise
entziehn.
    Nun, fiel Luise schnell ein, warum erschrecken wir denn auch! Was hindert
uns dennoch, ungetrennt zu bleiben? Ich folge Ihnen, wohin Ihr Beruf Sie führt.
Das wollten Sie, Luise? fragte er gerührt, das könnten Sie wollen? So grosses
Opfer dürfte Ihr Freund kaum annehmen.
    Lieber, unterbrach sie ihn, wie nennen Sie nur ein Opfer, was so natürlich
ist, und kaum einer Ueberlegung bedarf, da ich ohne Schmerz ein Vaterland hinter
mir lasse, das nichts als trübe Erinnrungen einschliesst.
    Er drückte freudig ihre beiden Hände an sein Herz. Ich habe das nicht
glauben, ich habe es nicht hoffen mögen! rief er; und nun - gewiss, in der Liebe
wird den Frauen eine Kraft und ein Wille, der den Glauben der Männer weit
überfliegt. Aber wenn nun fremde Sitten, wunderliche, ungewohnte Erscheinungen,
plötzlich eine Scheidewand zwischen Ihnen und die heimatliche, befreundete Welt
ziehen, meine Luise, werden Sie immer an diesem Herzen Trost und Ersatz suchen?
    Sie sagte ihm darauf recht wahr und zuversichtlich, wie sie es empfand, dass
sie in seiner Nähe allein noch Ruhe und Schutz gegen oft erwachende, innre
Störungen finden könne, dass seine Milde und Klarheit keinen Zweifel und keine
Besorgnis in ihr aufkommen lasse, und die Zukunft sich recht hell vor ihr
ausdehne.
    So innig und durcheinander beruhigt, mit dem festem Blick auf ein vereint
heitres Leben, schickten sie sich beide zu dem Feste des kommenden Tages an, und
teilten recht freudig die allgemein empfundene Lust.
    Sorgfältig und höchst edel gekleidet, traten sie zur bestimmten Zeit in die
vielfach gemischte Welt. Ein wunderliches Grauen überfiel Luisen, als die
schwirrenden, lispelnden Töne aus den starren Lippen zu ihr hindrangen. Die
grössere Beweglichkeit der Gestalten und der Tod auf ihren Gesichtern, hatte
etwas so Widriges für sie, dass sie kaum die gaukelnden Neckereien des zierlichen
Arlechino bemerken, noch die Pracht anderer Erscheinungen gehörig würdigen
konnte. Die Zigeunerin streifte an ihr vorbei, und Cesarios Hand fassend, sagte
sie mit komischer Geberde:
Ich sage Dir wahr,
Mein Auge ist klar,
Der Trug liegt versteckt,
Ich hab' ihn entdeckt.
Drum leih' mir Dein Ohr,
Und sieh' Dich wohl vor,
Wenn Dirs geglückt,
Bist Du berückt.
Was Du umfasst,
Es wird Dir zur Last,
Neckt Dich und quält,
Wie Du 's erwählt.
Euch allen droht List.
In kürzerer Frist
Als Ihr's erwogen,
Seid Ihr betrogen.
Es drängten sich mehrere Masken dazwischen. Luise sah nur die verworrene Menge
hin und her wogen und ward gedankenlos mit fortgerissen. In dem wachsenden
Gedränge lispelte eine Stimme dicht an ihr Ohr: Hat die Büssende in dem
Treibhause Blumen für Julius Grab gesammelt; oder will sie sich mit neuen
Myrten schmücken? Sie wandte sich erschrocken nach der Seite des Sprechenden,
ein dichter Haufe schwarzer Dominos arbeitete sich durcheinander hin, Cesario
stand in einer entfernten Loge und sah der lustigen Verwirrung eine Weile müssig
zu. Lassen Sie uns dem Magier dort näher treten, sagte Stein, ich wette, es ist
der Maler. Luise sah überall nur den ungeschmückten Grabhügel und jene fremde
Hand, die sie so frostig darauf hinwies. Stein hatte indes den Magier angeredet
und ihn befragt: ob er ihm die Tiefen seines verworrenen Schicksals aufdecken
wolle. Das Furchtbarste, erwiederte eine dumpfe Stimme, fasst Dich schon mit
beiden Händen, das Gefürchtete ist ein Unding. Ein neuer Strom eindringender
Masken drängte sie auseinander. Das Spiel, sagte der Obrist, wird immer bunter
und lustiger, recht nach Masken-Weise, dort treibt Arlechino auf's neue sein
tolles Wesen; horen wir doch, was der Magier Colombinen sagt, sie nahen jetzt
einander. Niemals! rief der prophetische Alte der Kleinen zu, niemals findest
Du, was Du hier suchst, aber der Dich sucht, wird Dich finden. Wir suchen
einander wohl nicht, sagte Cesario, Stein vertraulich unter den Arm fassend.
Aber lassen Sie uns unter der sichtbaren Maske, die uns das fremde Spiel gibt,
jene unsichtbare abwerfen, die wir uns selbst gaben, ich wette, wir werden auf
der Stelle die besten Freunde. Für jetzt, erwiederte Stein, haben wir nur den
Charakter festzuhalten, den uns das Spiel vorzeichnet, der meinige ist trockner
Ernst, der Ihrige, possenhafte Torheit. Mein guter Ritter! rief Arlechino, Ihr
Ernst ist die tollste Posse von der Welt, und dient mir zu dem lustigsten Spass.
Steins Worte fielen von da an immer gewichtiger, Cesarios leichter, höhnender,
und wurden eben daher aufs höchste verletzend; er hatte sich recht mutwillig in
das eigne Netz verstrickt, sein Gegner hielt ihn unerbittlich fest, und forderte
die strengste Genugtuung. Arlechino sah mit komischer Gebehrde auf sein
hölzernes Schwerdt, und bat Brighella um Beistand. Der Obrist wollte sich
vedriesslich von dem ungleichen Streit abwenden, allein sie befanden sich alle in
einer Ecke des Saals zusammen gepresst, Niemand konnte einen Schritt weichen. Auf
morgen! rief Stein in grosser Erbitterung. Was beginnst Du, sagte eine schwarze
Maske, Arlechino bei der Hand fassend; welche neue Unbesonnenheit, Francesca!
Jesus Maria! Fernando! rief diese, Du hier! Er hatte die Larve abgenommen, und
sah mit unbeschreiblicher Anmut um sich her. Der vermeinte Cesario, sagte er
lächelnd, ist ein schönes Mädchen, das die Tapferkeit mehr liebt, als besitzt;
ich denke, Sie befreien das arme Herz gern von der Angst, die so viel Übermut
mutlos macht. So steht das Spiel? sagte Stein; das ändert freilich alles. Sie
haben Recht; was kann ich anders wollen, als in des Herzens Qual meine Rache
finden. Er sah Emilien scharf an, die sich an den Magier lehnte und von ihm
fortgezogen ward. Das Schattenbild Cesario verschwindet nun, sagte Arlechino,
zürne niemand der armen Francesca. Stein verlor sich unter die Menge. Es ward
plötzlich leer um Luisen, nur Fernando stand, mit fest auf sie gerichteten
Blicken, vor ihr, und schien jeden ihrer Gedanken zu bewachen. Der Obrist fühlte
ihre Hand in der seinen zittern. Lassen Sie uns eilen, sagte er leise, die
sonderbare Verwirrung übt ihre Gewalt über uns alle. Ja wohl, ja wohl,
erwiederte sie zerstreut. Aber es ist ja ohnehin zu Ende; nicht wahr? es ist
alles vorbei. Ich glaube, sagte er bewegt, darum lassen Sie uns gehn.
    Am Ausgange stiessen sie auf Werner, der Augusten als Colombine, ohne sie zu
kennen, führte. Der Spass flüsterte diese Luisen zu, ist über Erwarten gelungen.
Ich bin hinter die lustigsten Geheimnisse gekommen. Jetzt führt er mich zur
Baronin, die wir vergebens im ganzen Saale suchten. Dort muss sich notwendig
alles aufklären. Ich denke, ich habe sie allesammt gehörig angeführt.
    Mehrere Masken traten zwischen sie. Gute Nacht, meine Luise, sagte eine
bekannte Stimme kaum hörbar, ja mein, wie Du Dich und mich und die Welt auch
betörst. Wir treffen einander wohl wieder, und Du bekennst mir, wogegen Du Dich
jetzt vergebens sträubst.
    Luise stürzte in ihren Wagen, ohne sich umzusehn, ja, ohne des Obristen
freundliches Lebewohl zu erwiedern.
    Es war tief in der Nacht, als sie in ihr Zimmer trat. Mariane war
eingeschlafen, die Lichter brannten trübe, und warfen einen unsichren Schein
umher. Sie ging, ohne sich umzukleiden, in grosser Bewegung auf und ab, ihr
ganzes Wesen war im heftigsten Aufruhr, eine nie gefühlte Verzweiflung lehnte
sich plötzlich gegen das Feindliche ihres Schicksals auf Ihr ganzes Leben trat
in gedrängten, entscheidenden Momenten vor sie hin. Welt und Menschen, alles
schien nur da, um sie und das was sie liebte, in's Verderben zu stürzen. Von
ungefähr fiel ihr Blick in einen Spiegel. Sie erschrak vor sich selbst. Die
fremde, veraltete Tracht, ihr bleiches, fast verzognes, Gesicht rief ihr das
Bild der Ahnfrau vom Falkenstein zurück. Je mehr sie hinsah, je deutlicher
glaubte sie alle Züge zu erkennen. Ha! rief sie, ich bin die Letzte des
verloschnen Namens! soll ich büssen, was jene verbrach, und so die Schuld lösen?
Da stand es klar, wie von höherer Macht gesprochen, vor ihrer Seele: so ist es,
kinderlos, ohne Liebe, in Reue über das Vergangene; fern von jeder Hoffnung für
die Zukunft, sollst Du eigne und fremde Tat büssen. Entsage freiwillig, denn Du
begehrst vergebens, was Dir Dein Schicksal verweigert. So ist es, ja so ist es,
wiederholte sie mehrmals. Alle Fäden der Hoffnung waren zerschnitten. Das
Unabänderliche senkte sich tief in ihr Innres. Niemals, das fühlte sie, konnte
sie in der Verwirrung des Lebens Ruhe finden vor der feindlichen Gewalt, die
sichtbar und unsichtbar nach ihr griff, und alle Blüten eines kaum erschlossnen
Daseins höhnend zerstörte. Und hat er denn nicht Recht? sagte sie. Betöre ich
mich nicht selbst? Was ist es denn, was mich in ihm erschreckt und
zusammenwirft, wie das zagende Verbrechen, wenn es nicht die unselige Liebe ist,
die wie ein Fluch auf mir liegt. Die erdrückt nun und zertritt die letzte
Hoffnung. Alles, alles ist vorbei. Ich muss dem höhern Rufe folgen.
    Sie sah den Gedanken so lange und fest an, bis er sie durchleuchtete wie ein
stiller Tag, in welchem kein Wechsel ist und kein Schmerz. Aus der vollesten
innren Ueberzeugung erwuchs ihr Wille und Kraft. Sie übersah die Zukunft mit
festem Blick. Nichts konnte sich ändern, nichts den Schluss des Schicksals nach
eigner Willkühr lenken. Alles blieb wie es war, bis an das Ende ihrer Tage; aber
da trat der Tod wie ein seliger Engel zu ihr und drückte ihr die müden Augen zu,
die nicht länger aus ihren dunklen Hölen sahen, sondern den Blick nach innen
richteten, wo sich eine wundervolle Welt voll nie geahndeter Herrlichkeiten
auftat. Sie sah das alles wirklich und versank in höchster Entzückung, halb
schlummernd, in die heiligen Tiefen des Unsichtbaren.
    Als sie erwachte, war es Tag geworden. Die Lichte brannten nicht mehr. In
den Gassen lebt' es und regte sich's wieder. Mariane war auch munter geworden,
und räumte im Zimmer umher. Allein die Erinnrung jener Seligkeit war ihr so
lebhaft geblieben; sie glaubte so fest an eine höhere Offenbarung, die sie in
der Stille der Nacht wahrhaft empfangen habe, dass das erwachende Leben sie nicht
stören konnte. Und als sie nun gezwungen war, auf's neue in dasselbe mit
einzugreifen und sich um das nächste Aeussre zu bekümmern, ward ihr Vorsatz nur
noch fester. Ohne sich grade ängstlich zu drängen und zu treiben, sah sie ruhig
alles kommen, wie es nun kommen musste.
    Ein Billet der Baronin war das Erste, was sie an die tausendfältigen
Verwirrungen der Welt erinnerte. Diese schrieb ihr:
    »Ich könnte besorgt wegen Emilien sein, wenn ich nicht voraussetzte, dass sie
meiner ruhigen Vernunft traute, und allenfalls darauf hin eine Unbesonnenheit
wagen zu dürfen glaubt. Sie ist noch nicht zu mir zurückgekehrt. Wahrscheinlich
ist sie bei Ihnen und Augusten. Ich bitte Sie, mir darüber Auskunft zu geben, so
wie über die Veranlassung ihres Wegbleibens. Auf jeden Fall soll sie meine
Missbilligung fühlen. Sagen Sie ihr das, ich ersuche Sie darum.«
    Luise erinnerte sich jetzt erst an Augustens letzte Worte, und wie sie
gesonnen gewesen sei, zu der Baronin zu fahren, wo sich die ganze Verwicklung
auflösen sollte. Sie begriff nicht, was sie daran verhindert und zugleich
bewogen habe, Emilien bei sich zu behalten. Sie wollte zu ihr gehn, um sie
deshalb zu befragen, als ihr Mariane sagte, dass die Leute im Hause ihre
Herrschaft vergeblich bis jetzt erwarteten, und Niemand wisse, was er er davon
denken solle. In grosser Besorgnis schrieb daher Luise der Baronin, was sie
selbst durch Augusten erfahren hatte, und wie sie diese noch zuletzt an Werners
Arm auf dem Wege zu ihr gesprochen habe, weshalb man bei Werner allein die
nötigen Erkundigungen einziehen könne. Von Emilien aber wisse sie nichts, und
begreife ihr Verschwinden so wenig wie das von Augusten.
    Nach einigen Stunden trat Stein bleich und zerstört in Luisens Zimmer. Eine
ungeheure Torheit oder Niederträchtigkeit, rief er, ist in dieser Nacht
vorgefallen. Werner, der Maler, Emilie und Auguste, alle sind fort! Alle
Nachforschungen sind vergeblich, Niemand will etwas von ihnen wissen. Ich komme
sogar von Francesca. Sie schwört, der ganze Handel sei ihr fremd. Sie habe wohl
den Maler in Italien gekannt, und ihn deshalb hier in ihr Interesse ziehn
müssen, ohne gleichwohl seine weiteren Verbindungen und Pläne zu kennen.
Geschienen habe es ihr freilich, als liebe er Emilien, und trachte im Stillen,
seinen Wünschen nachzugehn, auch Emilien sei oft etwas Aehnliches entfallen,
doch könne sie das alles auf keine Weise verbürgen. Luise konnte ihm nicht
länger verhehlen, was sie selbst darüber wusste. Dennoch sahen beide nicht, wie
das Ganze zusammenhing, besonders, in wie weit Werner und Auguste darin
verwickelt waren. Was suchen wir, sagte Stein, den Grund einer Torheit auf, die
so grundlos in sich selbst ist, dass sie, wie sie entstanden, auch zerfällt. Ich
wende mich auf immer von dem verächtlichen Spiel, und lasse sie sich
wechselseitig verderben.
    In dem Augenblicke fuhr die Baronin, in einem völlig gepackten Reisewagen,
vor das Haus. Sie kam auf wenige Augenblicke zu Luisen, und kündigte ihr an, dass
sie im Begriff sei, auf ihr Landgut zu gehn. Es sei dies ein Mittel, das Gerede
der Welt zu verwirren, und eben dadurch in den Augen der Meisten unzuverlässig
zu machen. Durch ihre Abreise gewinne es das Ansehn, als habe sie die fehlenden
Personen begleitet. Wenigstens würden das Manche glauben, und ehe man der Sache
auf den Grund käme, wäre wohl alles längst schon im alten Gleise. Und Sie, Herr
von Stein, setzte sie hinzu, gewinnen auch dadurch Musse, ihre Nachforschungen
geheim und mit möglichster Schonung zu betreiben. Ich möchte ungern weiter
forschen, erwiederte dieser. Gönnen Sie mir meine Unwissenheit. Ich fürchte,
gnädige Frau, Sie wünschen sie sich auch in Kurzem zurück. Die Baronin lief
Gefahr, alle Fassung zu verlieren. Stein fasste sanft ihre Hand. Es ist so
leicht, sagte er, dass mir jetzt ein verletzendes Wort entfällt, und ich würde
mir es nicht verzeihen, Sie gekränkt zu haben. Lassen Sie uns daher nicht weiter
über einen Gegenstand reden, der mir fremd bleiben soll, fremd bleiben muss. Zum
erstenmal sah Luise Tränen in der Baronin Auge. Sie suchte sie zu verbergen,
konnte sich dennoch einer grossen Rührung nicht erwähren, als sie Luisen umarmte,
und nun so allein und verlassen zu dem geräumigen Wagen ging, und den
leergebliebenen Platz neben sich betrachtete. Stein konnte lange das Bild der
gedemütigten, schwer gekränkten Mutter nicht los werden. Er kämpfte mit sich,
ob er ihr nicht nacheilen, und ihr wenigstens seinen Beistand zusichern solle.
Allein er fühlte bald, dass er sich in nichts einlassen dürfe, und nur eilen
müsse, sich der nachteiligen Erinnerungen zu entschlagen.
    Der Obrist trat bald darauf hinein, wodurch das Gespräch auf's neue auf die
unerklärliche Begebenheit dieser Nacht gelenkt ward. Roll hatte die Geschichte,
welche er von den Leuten der Baronin sehr zeitig erfuhr, mit grosser
Geschäftigkeit herumgetragen, und hinzugesetzt, die Familie sei gesonnen,
Augusten, als Urheberin des Complots, öffentlich zu zitiren. Unbegreiflich,
setzte der Obrist hinzu, sei es jedermann, welches Augustens Teilnahme an
dieser Sache sei, die völlig ihrer Art zu denken widerspräche. Ein
Missverständnis, erwiederte Luise, kann ihr allein nur ein so böses Spiel
bereitet, und sie unwillkührlich fortgezogen haben. Freilich, fügte sie hinzu,
wird es ihr schwer sein, wieder einzulenken, da es so weit gekommen ist.
    Es ist überall misslich mit dem Einlenken, erwiederte Stein.
    Wenn man die Notwendigkeit davon einsieht, sagte Luise, muss es dennoch
geschehn.
    Was ist aber so absolut notwendig, fragte jener?
    Das Würdige allein, erwiederte sie, was jedem auf seine Weise zu tun
geziemt. Sagen Sie mir, beginnt das Verhängnis eines Menschen erst mit seiner
Geburt? oder ist es nicht vielmehr in einer Reihe vor und nach ihm lebender
Wesen begründet, mit denen es sich in die Unendlichkeit fortschlingt? Gewiss,
sagte der Obrist, der Punkt, auf dem ein jeder von uns steht, ist kein
zufälliger, sondern durch die Natur seines und des Daseins aller genau bestimmt.
    Und ein Schritt über oder unter diesen Punkt, fiel Luise schnell ein,
verwirrt uns und andre. Und ist es denn nun nicht die höchste Freiheit, wenn wir
uns mit Besonnenheit, und dadurch aus eigner Wahl dahin stellen, wohin uns
unentgehbare Ereignisse, nach einem zerrissenen, verpfuschten Leben,
zurückwerfen?
    Der Obrist betrachtete sie forschend, während sie einen Augenblick
gedankenvoll in sich zurücksah. Was gewinnen wir, fuhr sie nach einer Weile
fort, wenn wir uns so viel und mancherlei überreden, und einen Wahn pflegen, den
wir zuletzt mit aller Anstrengung nicht festalten können; was bleibt uns
anders, als ein wehmütiger Blick auf ein verfehltes Streben?
    Ja wohl, ja wohl! sagte Stein erschüttert. Dennoch greifen die Elemente
unsers Daseins oft so wunderbar in einer Brust zusammen, und mischen und
gestalten sich so verschieden, dass ihr Wesen nicht immer sogleich zu verstehn
ist. Deshalb tadle Niemand die stillen Kämpfe eines vielfach gestörten Gemütes,
ehe es durch sich selbst erfährt, was es kann und soll.
    Er reichte beiden die Hand, und verliess in grosser Bewegung das Zimmer.
    Muss ich meinem Gefühle trauen, Luise, fragte der Obrist, habe ich sie
verstanden?
    Niemand, erwiederte sie, kann weniger in Zweifel über mich sein, als Sie.
Ja, Sie verstanden mich gewiss. Ach! Sie fühlen es auch, ich darf nicht glücklich
sein wollen.
    Und ich? fragte er. - Sie werden es nicht bereuen, entgegnete sie, eine
Freundin gesucht und gefunden zu haben. Glauben Sie mir, wir waren einander nie
näher, als in diesem Augenblick, wo ich Ihnen aus voller Ueberzeugung sage, dass
ich meinen Weg allein gehn muss. Mein edler Freund, es muss, gewiss, es muss so
sein!
    Das ist es nun also, sagte er sinnend. Es lag dunkel in meiner Seele. Nun
ist es ausgesprochen. Ja, Sie haben Recht, es muss so sein. Wie wunderbar, dass
uns die Wahrheit so nahe liegt, ohne dass wir sie sehen mögen! Und gleichwohl ist
es schön, dass uns ihr unerwartetes Erscheinen jetzt nicht erschreckt. Nein, Sie
sollen mich nicht kleiner sehen, als Sie es erwarteten. Ihr Mut, der nicht
Leichtsinn ist und nicht Verzweiflung, hebt mich zu Ihnen hinauf. Und wer muss
denn nicht am Ende die liebsten Wünsche unter die Trümmer seiner Hoffnungen
begraben? Aber wenn Sie nun so alles von sich gedrängt haben, Liebe, und jeden
freudigen Genuss des vielfach gestalteten Lebens, was erwarten Sie denn noch von
diesem Leben?
    Innre Stille - erwiederte Luise. - Und erschrecken Sie nicht vor dieser
Grabesstille? fragte er, sie mitleidsvoll betrachtend. Luise, wenn Sie sich
täuschten, wenn Sie so um so sichrer Ihre Bestimmung verfehlen. - Lieber Freund,
unterbrach sie ihn, die ist verfehlt, und kann nur auf dem umgekehrten Wege
wieder errungen werden. In dem Leben der Frauen muss alles den einfachsten,
ruhigsten Gang gehen. Weder grosse Kämpfe noch heftige Leidenschaften dürfen es
verwirren, sonst geht die Richtung verloren, die in scheinbarer Beschränkteit
das Herrlichste erzielt. Wie die Gestirne ihre abgeschlossnen Bahnen still
vollenden, so muss der Kreislauf weiblicher Wirksamkeit nach einem ewigen Gesetz
gleichmässig fortlaufen, die innre, oder Schattenseite des Lebens beschreiben,
und nur unsichtbar in die mannigfache Gestaltung der Dinge eingreifen. Wie das
Fremdartige sie zu nahe berührt, ist dieser ruhige Lauf unterbrochen, und sie
schwanken und fassen nach dem verlornen Gleichgewicht umher, das sie nur in dem
freiwilligen Hingeben alles dessen, was ihnen nicht mehr gehört, wiederfinden.
In der Liebe geht den Frauen der Himmel auf. Wo diese aber mit der Natur in
Streit ist, da müssen die betörten Herzen in Reue und Busse erst den Himmel und
in ihm die Liebe suchen. Das ist so wahr, fuhr sie lebhaft fort, das habe ich in
dieser Nacht durch höhere Eingebung erfahren, und das steht nun so fest in
meiner Seele, dass ich eher sterben, als es verleugnen könnte. O glauben Sie mir,
es gibt Ahndungen, die unser dunkles Dasein durchblitzen, die wir festalten,
denen wir unbedingt folgen müssen.
    Sie redeten von da an sehr klar und bestimmt über ihre beiderseitige
Zukunft. Der Obrist versicherte, es könne ihr Entschluss ihn nicht abhalten, sie
sobald als möglich wieder aufzusuchen. Weshalb, sagte sie, sollten wir einander
auch fliehen? Der Friede, der in dieser Stunde über uns kommt, der kommt von
Gott, der gründet sein stilles Reich in ewiger, heiliger Erinnrung. Ich werde
Ihr liebes Auge nie vergessen, das so mild und schonend in mein gestörtes Innre
blickte.
    Als sie sich am Abend von einander trennten, wandte sich der Ob ist noch
einmal zu Luisen, und sie mit festem Blicke betrachtend, sagte er: nicht wahr,
meine Freundin, es muss so sein! Ja Lieber, entgegnete sie bewegt. Lassen Sie uns
auf das innre Wort achten, und es durch ein treues, wahrhaftes Leben
aussprechen.
    Am folgenden Tage kam Frau von Seckingen zu Luisen. Ihre verweinten Augen
und die zitternde Stimme bestätigten dieser, was sie geahndet. Er ist fort?
fragte sie. Ja, rief Sophie mit verhülltem Gesicht, und Du hast ihn einer Grille
wegen hingegeben, von Dir gestossen; hätte er Dich doch nie gesehen! So sagte er
nicht, erwiederte Luise sanft, er kennt mich besser. O nenne keine Grille, was
mein ganzes Wesen so lebhaft und dringend heischt! Und wie missverstehst Du mich
denn? Kannst Du verkennen, was eine nähere Verbindung zwischen uns unmöglich
macht? Siehst Du nicht, wie ein früherer Eindruck jeden stillen Genuss meines
Lebens vergiftet! Soll ich die Ruhe des edelsten Herzen einem Ungefähr, einem
zufälligen Zusammentreffen mit dem Erbfeinde meines Glückes aussetzen? O Du
solltest gerechter sein!
    Ich bin nicht unbillig, erwiederte Sophie. Ich finde Dich nur inconsequent.
Liebst Du jenen, warum verkennst Du den Wink der Natur, warum zögerst Du? - Die
Natur ist ewig, unterbrach sie Luise, vergiss es nicht, dass ihr Reich nicht
allein von dieser Welt ist. Was hier die Notwendigkeit versagt, erringt dort
die Freiheit wieder! Hier tritt Julius Schatten zwischen mir und ihn. Und
dennoch liebst Du ihn? fragte Sophie. Ja, ach Gott ja, ich liebe ihn. Eine
unbegreifliche Gewalt zieht mich zu ihm hin; ich weiss nicht, woher? ich weiss
nicht weshalb? aber es ist so, und dennoch dürfen die unsichtbaren Bande nicht
sichtbar werden, ja ich muss streben, so viel an mir ist, sie zu zerreissen. Dann
sind alle versöhnt, dann ruhen die Leiber in ihren Gräbern, und alle seligen
Geister freuen sich des Lichtes.
    Frau von Seckingen sah sie fremd an. Du schwärmst, Luise, sagte sie, gewiss
Du hättest besser getan, Dich einem sichren Führer auf der einfachen Strasse des
Lebens anzuvertrauen, als auf eine so unnatürliche Höhe allein hinaufzusteigen.
    Luise fühlte, dass sie ihr nichts erwiedern könne. Sie versuchte noch
einigemal, von dem Obristen zu reden; allein Sophie wich ihr verstimmt aus, und
sie schieden zum erstenmal, jedes in sich zurückgedrängt und entfremdet.
    Sie erkaltet wohl nun auch, sagte Luise betrübt. Sie hat eine Andre in mir,
nur um des Bruders Willen, geliebt. So fällt eines nach dem Andren ab, und
zerstreut sich in einem Leben, das ich fliehen muss. Sie lehnte sich gedankenvoll
an's Fenster, und sah dem wegrollendem Wagen nach, als Fernando, in reicher
Uniform, an Francescas Seite vorüber ritt. Er redete mit dieser, und blickte auf
zu Luisen, welche schnell zurücktrat. So hatte sie beide in Julius frühester
Schilderung zuerst gesehen. Das war das erste Bild, das sich von beiden in ihre
Seele drückte. Der Kreis ihres damals beginnenden Lebens schien nun geschlossen.
Jetzt wie damals ging er, einer Erscheinung gleich, an ihr vorüber. Von nun an,
sagte sie, will ich ihn nicht wieder sehen. Sie wusste durch den Obristen, dass er
französischer Offizier, und nicht aus eignem Triebe, sondern in Aufträgen, in
der Residenz war. Sie beschloss, diese so schnell als möglich zu verlassen, und
sich für immer in den dichten Mauern des Falkensteins vor jeder neuen Störung zu
bewahren.
    Noch am selben Abend ward ihr Minchens Ankunft gemeldet. Diese kam, sie von
des Onkels Tod zu benachrichtigen, und sich sodann bei der einzigen Verwandtin
ihrer Mutter hier in der Stadt aufzuhalten.
    Liebes Kind, sagte ihr Luise, wir sind wohl beide mit unsren Anforderungen
an die Welt fertig. Wir bleiben nun zusammen, und flechten, wie ehemals,
Veilchen- und Cyanenkränze, und lassen sie nun über Julius stilles Grab in den
Zweigen spielen. Das bescheidene Mädchen hatte nie so grosse Hoffnungen gehegt,
und ähnliche auffliegende Wünsche schnell unterdrückt. In grosser Rührung fühlte
sie sich jetzt zu der Jugendgespielin hingezogen, die ihr so liebreichen Schutz
anbot. Luise aber sah in das bleiche Gesicht ihrer neuen Gefährtin, wie in den
Mond, der eine stille Winternacht erhellet. Der flüchtige Tagesschein ihres
jungen Lebens war beiden untergegangen. Wünsche und Erwartungen, ruheten in dem
heiligen Schoss des innren Daseins, aus welchem späterhin der neue Morgen
hervorgehen soll; aber Minchens Blick und Gruss rührte die stille Nacht an, und
warf einen milden Silberschein über die schlafende Welt, die nun in Erinnerungen
fortträumte, und ihr innigstes Leben nicht verbergen konnte.
    Noch vor ihrer Abreise erhielt Luise folgenden Brief von Augusten:
    »Ich müsste verzweifeln, wenn sich der Mensch überall selbst verlieren
könnte. Aber das drückendste im Leben ist, sich zu kleinen Zwecken in fremder
Willkühr gehalten zu sehn.
    Sie kennen meine schuldlose Spielerei an jenem Abend. Wem das Böse fremd
ist, der ahndet es auch da nicht, wo es ihm ganz nahe tritt. Ich begegnete
Ihnen, in der Absicht, mit Werner zur Baronin zu fahren. Die Nacht war dunkel,
keine Laternen brannten mehr in den Strassen, mein Begleiter unterhielt mich mit
grosser Lebhaftigkeit, und verwickelte sich immer mehr durch neue Entdeckungen,
an denen ich mich dergestalt ergötzte, dass es mir entging, als wir aus dem Tore
auf abgelegenem Wege fuhren. Endlich hielt der Wagen. Ich sah der Entdeckung mit
grosser Lust entgegen, als der Maler an den Schlag trat, und ungeduldig rief:
schnell Werner, wir haben keine Zeit zu verlieren. Dieser bot mir den Arm, und
ohnerachtet mich jene Worte befremdeten, so stieg ich dennoch in der Erwartung
aus, die Sache nun beendigt zu sehn. Es war so dunkel, dass man keine Hand vor
Augen sah. Geschwind, geschwind, rief der Maler auf's neue. Nun, erwiederte
Werner, mich zu ihm führend, mässigen Sie Ihre Ungeduld, da ist sie. Was zum
Teufel, schrie jener, noch Eine! Noch Eine -? fragte Werner bestürzt. Nun ja,
sagte der Maler, Emilie ist dort im andern Wagen. Wir haben uns vollkommen
verständigt. Sie willigt in Alles. Ich hatte die Maske abgenommen, und sagte mit
meiner natürlichen Stimme: Erschrecken Sie nicht, Herr Werner, ich habe nur
Ihren Gedanken ausgeführt, und als zweite Colombine Ihre Pläne und Absichten
durchkreuzt! Auguste! riefen beide zugleich! - Das ist eine schöne Geschichte,
sagte Werner, unmässig lachend. Ja, gnädige Frau, fuhr er fort, Sie erinnern
sich, dass ich ein gegenseitiges Durchkreuzen der Pläne beabsichtigte. Dem sind
Sie nun hülfreichst entgegen gekommen. Wir sind Alle in demselben Gewebe
gefangen. Sie dürfen wir nicht freilassen. Sie müssen uns nun schon weiter
begleiten, da Sie einmal bis hieher kamen. Sie wollten uns anführen, wir müssen
Sie entführen, und zwar nach Italien, wohin unser Weg geht. Ich schrie bei
diesen Worten aus Leibeskräften um Hülfe, allein beide Männer fassten mich unter
die Arme, und schleppten mich in den Wagen, der, ehe ich mich besinnen konnte,
unaufhaltsam fortrollte.
    So führten sie mich nun, von Station zu Station, wie eine Gefangene, aus
Furcht, dass ich sie verraten werde, mit sich fort. Heute, da Emilie des Malers
Frau geworden ist, und sie überdem einen grossen Vorsprung gewonnen haben, hat
man mir erlaubt, zu schreiben, weil es mir unmöglich ist, ohne Geld allein
zurück zu kehren. Ich bin durch Not an diese elende Seelen gebunden, die durch
Betrug erringen, was der kühne Sinn in offner Tat erzwungen hätte. Eilen Sie
daher, mir durch meinen Sachwalter Geld nach Venedig zu schicken, von wo aus der
Maler verspricht, es in meine Hände zu besorgen, da er mir weder über die
Richtung unseres Weges, noch über den Ort unseres Aufentalts, etwas Näheres
sagen will.
    Emilie ist kindisch mit allem Neuen was sie sieht, beschäftigt, und hofft
nach einem Jahre auf die Verzeihung und Einwilligung ihrer Eltern.
    Ich gönne ihr diese Hoffnung, von der es mir übrigens gleich ist, ob sie
erfüllt wird, oder nicht, da sie in sich nichts bedeutet. Ganz anders
beschäftigt mich meine Rückkehr, die ich Sie, so sehr als möglich, zu
beschleunigen bitte.«
    Luise besorgte den erhaltenen Auftrag, und sandte Stein sodann diesen Brief,
der mit kalter Hand jede Erinnerung an Emilien niederschlug.
    Ohne jene oft empfundene Scheu, in einer Art seeligem Erwarten, hatte Luise
ihre Reise angetreten und zurückgelegt. Tage und Wochen waren ihr auf dem
Falkensteine verflossen, mit dessen einsamen Schauern sie sich immer mehr
befreundete. Das Dunkle, Fremdartige, war ihr näher getreten. Sie freuete sich
selbst an den Bildern, die sie vormals schreckten. Deshalb war sie oft, in den
weniger verzierten Zimmern nach der Waldseite, mit allem beschäftigt, was sie
eine kurz verflossene Gegenwart vergessen machte. Wunderbar ergriff sie das
Rauschen der hohen Tannen, jene dumpfe, hallende Töne einer verschollenen
Natursprache, dem Menschen nur noch in wehmütigen Ahndungen vernehmlich.
Dazwischen murmelte der nahe Wasserfall aus dem geöffneten Mund der grauen
Felsen, und darüber hin zogen Sterne herauf, in ihren bedeutsamen Bildern. Alles
redete sie an, ernst, aber tief aus dem Herzen des Daseins hervor. Aber
seltsamer und reicher gestaltete sich ihr die Nacht. Unaufhörlich träumte sie
von den vormaligen Bewohnern des Schlosses. Ritter und Frauen, reich geschmückt
oder in häuslicher Tracht, in Freude und Schmerz, bei festlichen Gelagen oder
Kämpfen, immer traten sie, auf irgend eine Weise mit in ihr Leben verflochten,
vor sie hin, und immer erschien sie selbst handelnd unter ihnen. Oft kehrten
dieselben Gestalten wieder, unter ihnen besonders eine verschleierte Frau, die
langsam durch die Zimmer des Schlosses schritt, und wenn sie vor das grosse Bild
der Ahnfrau trat, die Schleier auseinder schlug, und Luisen in ihrer hohlen
Brust ein blutiges, zitterndes Herz zeigte, um welches zwei kleine schwarze
Schatten flogen und es unaufhörlich an- und abstiessen. Sie erwachte dann wohl,
von ängstigenden Tönen aufgeschreckt, und wenn sie sich recht besann, so war es
der wahnsinnige Claus, der mit seiner Citer durch die Berge zog, oder auch an
des alten Georg Fenster pochte, und ihn zu sich in die dunkle Nacht rief. Wie
ein Schatten der vormaligen Zeit schlich dann am folgenden Morgen Georg durch
das Schloss, und murmelte unzusammenhängende Worte. Luise fühlte sich wenig
hierdurch gestört. Sie gewöhnte sich an Alles, ja die Träume wurden ihr lieb,
sie setzten sie in geheime Verbindung mit der Vorwelt, die sie so wunderbar zu
sich zurück zog.
    Minchen hingegen, immer still und tätig wirkend, war längst der müssigen
Beschauung entflohen. Der Frühling öffnete allmählich seine hellen Augen, und
lockte den bunten Blumenschmuck aus der Erde. Minchen war vertraut mit dem
zarten Leben der kleinen Pflanzen. Unter ihrer Pflege sprossen Krokos und
Anemonen schneller hervor. Aufmerksam lauschte sie auf jede neue Entwickelung,
und durchlief Feld und Garten und Wald, mit der unermüdlichen Teilnahme eines
Herzens, das alles freuet und bewegt, was zur Lust und dem Heil der Menschen da
ist. Als sie Luisen die ersten Veilchen brachte, sanken sie einander sprachlos
in die Arme. Beide durchdrang das gleiche Gefühl. Es war ja der alte Frühling
wieder, der sie heute wie ehemals, mit seiner süssen Milde berührte. Die Natur,
gross und ewig, war ihren stillen Gang fortgegangen, unbekümmert um die
widersprechenden kleinen Wünsche der Menschen. Und sollen wir nicht, sagte
Minchen, durch stetes ruhiges Walten, uns selbst treu bleiben, wie die alte
weise Führerin es lehrt! Die innigste Liebe trieb sie dann auf's neue hinaus.
Sie säete und pflanzte und ordnete, mit des Gärtners Hülfe, alles zu Luisens
Freude. dabei sammelte sie heilbringende Kräuter, die sie zu bereiten verstand,
und rastete nicht eher, bis sie Kranke und Leidende fand, denen sie helfen, die
sie heilen und pflegen konnte. Luise ward unwillkührlich in dies regsamere Leben
mit hineingezogen. Nur gestaltete sich unter ihren Händen alles anders, grösser,
umfassender, als es Minchen, an beschränktere Mittel gewöhnt, wünschen durfte.
Schon bei dem Anblick der fast sterbenden Marie, war es ihr anschaulich
geworden, wie man das Leben und die Gesundheit der Menschen bei weitem nicht
heilig genug halte, und durch Unachtsamkeit auf den bedürftigern Teil
derselben, manchen Mord begehe. Besonders hatte sie auf dem Lande genugsam
Gelegenheit gehabt, zu sehen, dass ansteckende Krankheiten, aus Mangel an Raum,
den Kern so manches Daseins für immer vergifteten. Sie beschloss daher, am Fusse
des Schlossberges, auf einem freien, und dennoch geschützten Platze, ein Gebäude
zur Aufnahme hülfsbedürftiger Kranken errichten zu lassen; darneben sollte ein
Garten angelegt werden, teils zur Erheiterung der Genesenden, teils darin
Klima und Boden angemessene Heilpflanzen und Kräuter zu ziehen. Die innre
Oekonomie des Ganzen sollte bejahrten Männern und Frauen anvertraut werden,
welche auf die Weise, zu gröberer Arbeit untauglich, hinreichenden Unterhalt
fänden. Minchen berechnete sogleich, wie man auch verwaiste Kinder bei der
Anstalt versorgen, und zu nützlicher Tätigkeit anführen könne, und zwar, indem
man den Knaben die Bearbeitung des Gartens, den Mädchen aber das Spinnen und
Weben der nötigen Wäsche für die Kranken übertrüge. Je näher beide den Entwurf
betrachteten, je lebhafter ward der Wunsch in ihnen, die Ausführung desselben
ins Werk zu richten. Luise fühlte indes bald, dass sie trotz allem Aufwand von
Kräften, dennoch fremder Hülfe dazu bedürfe. Sie wandte sich daher an ihren
alten Freund, den Arzt, dem ausser den erforderlichen Kenntnissen seines Faches,
eine umfassende Bildung, und besonders Anschaulichkeit und Maass für die
verschiedenen Verhältnisse äussrer Anordnung, ja eine grosse mechanische
Tüchtigkeit ganz zu eigen war. Seine Vorschläge waren durchdacht, standen auf
allen Seiten fest. Luise hatte ihn ganz auf seinen Platz gestellt. Ihr Antrag
ehrte ihn, und er leitete die Arbeit mit Genauigkeit und Fleiss. Minchen fand
bald verlassene Kinder und freundliche Alte, die für ihren Zweck passten. Alles
war eingeleitet, und Eines trieb frisch und freudig das Andere. Luise sah mit
steigender Freude den Fortschritten des Baues zu. Nach Monaten stand endlich
das helle, freundliche Haus da. Keine Inschrift, keine Spur der Eitelkeit zog
die Aufmerksamkeit des müssigen Beschauers auf sich. Still sah es zwischen hohen
Bäumen hindurch, die es von der Nord- und Ost-Seite schützten, südlich zog sich
der Garten hin, von lebendigen Hecken eingefasst; alles höchst einfach und
anspruchslos. Unmittelbar hinter diesem breitete sich eine frische Wiese aus,
die dem Auge einen weiten, freien, Horizont eröffnete. Nach dieser Seite zu,
lagen die Krankenzimmer, geräumige Säle, an deren Fenster sich Wein und Epheu
hinaufrankte, ohne jedoch die Aussicht ganz zu verdecken. Die Wände waren grün
gemahlt, oberhalb in schmale weisse Felder geteilt, welche Frucht- und
Blumen-Kränze einfassten, in diesen Feldern standen Biblische Sprüche sehr gross
geschrieben, zur Erbauung und zum Troste der Leidenden.
    Zu grosse Entfernung hinderte den Arzt, fortwährend Teil an dem glücklich
eingeleiteten Geschäfte zu nehmen. Er empfahl daher Luisen einen Mann von reifen
Jahren, einen Chirurgus des nächsten Städtchens, der im Druck und der
Beschränkteit sein Gemüt befestigt, und seinen Geist still fortgebildet hatte.
In einem hohen Grade mild und selbstverläugnend, passte er sich ganz zum steten
Beobachter vieler Unglücklichen, die Trost und Heil von ihm erwarteten. In
dankbarer Rührung nahm er Luisens Vorschlag an, worauf er sofort ein Zimmer in
dem neuerbauten Hause bezog. Minchen ging ihm fleissig an die Hand,
Aufmerksamkeit und Erfahrung hatten sie schon zu so manchem richtigen Schluss
geführt. Besonders verstand sie sich auf die Anwendung selbstgezogener Kräuter,
und Bereitung von Säften und Getränken. Luise konnte nicht sowohl selbst Hand
anlegen, als mit schnellem Blick das Fehlende erkennen, und ihm durch gehörige
Anordnungen abhelfen. Dennoch brachte sie viele Stunden des Tages bei den
Kranken zu. Ihr blosses Erscheinen, und der sanfte ergebene Ernst in ihren Zügen
wirkte wohltuend auf die Gemüter. Auch kam sie selten mit leeren Händen. Immer
fand sie etwas aus, was den Ermatteten erquicken, den Schmrrz des Leidenden
lindern, oder den Mutlosen überraschend anregen konnte. Willig las sie denen
aus der Bibel vor, die gern den gesunkenen Sinn in den Quell des Lebens
erfrischen mögten. Besonders aber war sie den Kindern eine liebe Mutter, die ihr
schon immer von fern die Händchen entgegenstreckten, um die mitgebrachten Bilder
und Spielereien in Empfang zu nehmen.
    Der Ruf einer so milden Stiftung, auf der sichtlich Gottes Segen ruhete, da
alles den erwünschtesten Erfolg hatte, musste sich hald verbreiten. Von nah- und
fernen Ortschaften schleppten sich Kranke herbei, oder liessen sich fahren und
tragen, um nur unter den segensvollen Händen der Dame vom Schloss zu heilen.
Luise musste bald eine strenge Auswah! unter ihnen treffen, und konnte nur
diejenigen aufnehmen, welchen wahrhaft äussre Mittel zu ihrer Wiederherstellung
fehlten, um nicht über das Maass ihrer Kräfte hinausgetrieben zu werden. Dennoch
ward sie als Heilige geehrt und blieb immer gleich gesucht.
    Unter so frommem Wirken ging die Zeit unmerklich an Luisen vorüber. Die
Jahreszeiten wechselten, aber das stille Leben blieb ununterbrochen dasselbe.
Zuweilen erhielt sie Briefe vom Obristen, der, recht im Gegensatz mit ihr,
scharf und entscheidend in die Weltändel eingriff, und jetzt auf auf einem Zuge
gegen die Kaukasische Tartaren vorrückte. Er fürchtete, lange nicht nach Europa
zurückzukehren, wohin ihn doch Luisens Andenken unverändert rief. Sie erzählte
ihm dafür gern alles, was auf den wieder errungenen Frieden ihres Herzens Bezug
hatte, und betrachtete überall diesen Briefwechsel als eine liebe Zugabe ihres
anderweitigen, heitren Lebens. Weniger erfreulich waren ihr die Nachrichten,
welche sie von Zeit zu Zeit von ihren Freunden aus der Stadt erhielt. Auguste
hatte bei ihrer Rückkehr mit aller Anstrengung und allem Gewicht ihrer Sentenzen
nichts gegen die Stimme der Welt ausrichten können. Der Schein war gegen sie;
man glaubte sie in den bösen Handel verstrickt, und alles, selbst der Engländer,
der vor ihr angekommen war, wandte sich von ihr ab. Sie schrie und schimpfte und
hasste nun die englische Nation, wie sie sie vormals geliebt hatte. Die Baronin
blieb ihre ärgste Feindin, da diese sich mit scheinbarer Kälte auch von der
eignen Tochter wenden zu müssen glaubte, um ihr Gewicht in der Meinung der
Menschen nicht zu verlieren. Von Emilien erfuhr man wenig, da die Mutter nie,
und die Welt selten noch von ihr sprach. Frau von Seckingen war endlich durch
den Tod ihres Mannes in den Stand gesetzt, Horst ihre Hand zu geben. Sie besassen
nun beide, was sie wünschten, und schleppten ein nüchternes Dasein neben
einander hin. Luise betrachtete mit Wehmut all die mannichfachen Verirrungen,
und wie so viel gute Menschen sich selbst täuschen. Sie redete einst mit Minchen
darüber. Allein diese erwiederte: ich weiss nicht recht, was das eigentlich
heisst, wenn man von der Liebe eines Menschen sagt, er täusche sich selbst. Was
doch so recht innig und lebhaft das ganze Wesen erschüttert, das ist doch da,
und wirklich, wo ist denn nun die Täuschung? Am wenigsten mag ich es leiden,
wenn die Leute selbst nach kurzer Frist ein Gefühl so nennen, was ihnen doch für
Augenblicke höher als ihr eignes Leben war. Ich glaube, erwiederte Luise, man
kann jeden Missgriff wohl mit Recht eine Täuschung nennen. Das Gefühl selbst ist
kein trügerisches Spiel, aber seine Beziehung kann falsch sein, und man darf in
den vielen vorüberrauschenden Neigungen nichts Ewiges sehen, als die unendliche
Sehnsucht nach einer unwandelbaren Liebe. Aber, fiel Minchen ein, sollen die
armen Betrognen erst Menschenalter durchleben, um zu wissen, welches die rechte
Liebe sei? Das ist ein Geheimnis, sagte Luise, welches die Liebe jedem in sich
selbst offenbart.
    Während sie so redeten, trat der Mönch unerwartet zu ihnen in's Zimmer. Er
war lange in Geschäften seines Ordens verreist gewesen, auch hatte Luise ihn bis
dahin vermieden, aus Furcht, schlafende Erinnrungen zu erwecken. Sie musste
heftig weinen, als sie ihn sah. Zugleich aber strömte auch in seiner Nähe
mancher verhaltne Schmerz aus. Sie fühlte sich bald erfrischt und gestärkt. Er
verstand sie wohl. Auch in ihm regte sich die Vergangenheit lebendiger bei ihrem
Anblick. Liebes Kind, sagte er in grosser Rührung, glaube es nur, der rechte
Mensch in uns altert nie! Was Dich bewegt, das zittert noch durch meine ganze
Seele. Luise betrachtete ihn lange schweigend. Es war das erstemal, dass sie ihn
nach jener Entdeckung wiedersah. Eduard von Mansfeld, sagte sie, an das kleine
Miniaturbild und die Schilderung der Markise denkend, wie anders, und doch
wieder so ganz derselbe. Was sind denn Zeit und Jahre; klingt doch die alte
Liebe immer wieder aus den Tiefen des Herzens herauf. Alles in ihr zog sie von
da zu dem geliebten Verwandten, der sie gern aufsuchte und mit Liebe in ihren
tätigen, beglückenden, Beruf eingriff. Und wenn das fromme Tagewerk nun
vollendet war, so sassen sie die Abende vertraut bei einander, und keiner
scheuete, in sich zurückzublicken, und die geheimsten Gedanken auszusprechen.
Eduard erzählte oft von seinen Reisen, seinem langen Aufentalte in Aegypten,
und wie ihm dort Violas Tod so gewiss geworden sei, dass er nie mehr daran
gezweifelt habe. Ein Eid, sagte er, den Violas Eltern ihn abgedrungen, sich nur
in höchst entscheidenden Momenten, wo es das Leben des Einen oder Andern gelte,
als Vater des Kindes zu erkennen zu geben, habe ihn immer von Fernando entfernt
gehalten. Aber, fuhr er fort, des Menschen Vorsicht ist eitel, der Himmel macht
sie meist zu Schanden. Wie lebendig, hub er nach einer Weile auf's neue an,
steht hier immer die Jugendzeit meiner Liebe vor mir! Es ist Violas Geist, der
so wunderlich, so bunt und ernst in dem Schmuck und Zierrat der Zimmer lebt. Es
ist, als sähe sie aus den übrigen dunklen Umgebungen, wie aus dem Grabe, nach
mir hin. Er redete noch viel von ihr, und seine junge Freundinnen hörten ihm
teilnehmend zu, als ein heftiger Knall im Zimmer sie alle aufschreckte. Wie sie
sich umsahn, nahmen sie einen grossen Riss in der Tapete wahr, die, an zwei
Stellen geplatzt, sich weit auseinander rollte. Minchen trat mit einem Lichte
näher. Seht doch! rief sie, wie seltsam! Sie fanden ein hohes, schwarzes
Cruzifix, das in die Wand eingelassen war. Daneben sah man auf hölzernen Feldern
Heiligen- und Märtyrerbilder, im ältesten Styl gemalt. Bei genauer Besichtigung
entdeckten sie unterhalb einen kleinen eingemauerten Schrein, dessen Türen sich
leicht aufschieben liessen. Hier lag, neben Weihgefässen und einem Rosenkranz, ein
kleines Büchelchen, mit silbernen Nesteln zugehakt. Luise öffnete es zuerst.
Unter Gebeten und Sprüchen, fiel ihr auf der innern Seite des Deckels eine feine
Handschrift auf, die so lautete:
    »Hier hab ich Gott all mein Herze gesagt und Trost erfunden in mancher
Stund. Doch ist des Leides kein End', denn der Herr mag nicht wehren das Böse,
bis es selbst versöhnt die eignen Schulden. Aber eine Zeit wird kommen, davon
ist gesagt, dass ein frommes Auge mit heissen Tränen Aller Schuld abwaschen und
Busse an Leib und Seele üben werde. Dann soll die Lust und die Ehre aus diesen
Mauern ausziehn, und der Name Falkenstein verhallen, und Friede sein und Ruhe in
den Gräbern. Denn der Herr zählet die Seufzer und Tränen, und gibt den Seinen
was ihnen werden muss. - Gertrud von Falkenstein.«
    Das ist der Name der Ahnfrau, sagte der Mönch, der unter dem steinernem
Bilde in Kloster eingegraben ist. Luise heftete ihre Augen noch immer auf die
vor ihr liegenden Worte. Niemand sagte weiter etwas. Jeder war mit eigenen
Gedanken beschäftigt, bei dem Anblick des Cruzifixes und seiner Ausschmückungen,
die fast gewaltsam aus der alten Welt hervordrangen. In Luisen besonders
bildeten sich längst gehegte Vorstellungen noch fester aus. Schon lange waren
ihre Traumgesichte seltner und milder geworden. Die verschleierte Gestalt zeigte
ihr meist ihr Gesicht, das unendlich wehmütig und hold auf sie blickte. Alles
deutete ihr die nahe Versöhnung.
    Der Krieg war indes fast in ganz Deutschland ausgebrochen, und trieb Luisen
viel Unglückliche zu, die ihre Aufmerksamkeit mehr als jemals in Anspruch
nahmen. Unter den gehäuften Beschäftigungen hörte sie dennoch teilnehmend, dass
Stein mit den Kämpfenden war, und sich mit allem neu erwachtem Lebensmut
auszeichnete.
    Trotz der allgemeinen Unruhen blieb ihre Einsamkeit von Störungen verschont.
Sie musste ihr stilles Loos seegnen, das ihr so glücklich den Schutz der
Bedrängten gewährte, ohne sie in den wilden Wirbel mit hinein zu ziehn. Der
Mönch hingegen, ward lebhafter durch die nächste Ereignisse angesprochen.
Fernando war auf's neue in seiner Nähe. Er wünschte und fürchtete ihn zu sehn.
Als darauf aber der Friede geschlossen war, und der siegreiche Feind dennoch
weilte, hoffte er mit wachsender Sehnsucht auf die letzte Umarmung seines
Sohnes. Luise blieb sehr entfernt von ähnlichen Gedanken. Seit der Krieg ihr
jedes Mittel, von den Obristen Nachricht zu erhalten, abschnitt, bekümmerte sie
sich wenig mehr um Dinge, die ausser ihrem Kreise lagen. Sie fragte nicht, und
erfuhr daher auch selten, was Tausende unruhig beschäftigte.
    Als sie eines Tages ihre Kranken besuchte, und einem schönen, eben
genesenden, Knaben liebkosete, und ihm allerlei Spielwerk mitbrachte, bat sie
dieser, mit ihm in Garten zu gehn, wo so viel schöne Blumen blüheten. Es war ein
warmer Maitag, und sie mochte ihm wohl den Gefallen tun. Das Kind war aber noch
matt, und konnte nicht weit gehn. Sie führte ihn also in eine Laube, und nachdem
sie ihm hohe Wasserlilien und Kalmus gepflückt hatte, setzte sie sich zu ihm,
lehrte ihn von den gespaltenen Stielen und langen Blättern schöne Ketten machen,
und erzählte ihm da von dem Jesuskinde aus einem bekannten Volksbuche, wie es so
gern mit andern Kindern gespielt, und dabei alles zum Besten gewandt und den
Bekümmerten geholfen habe. Einst, sagte sie, war Jesus nah bei einem Brunnen und
setzte sich auf einen Stein, da kam ein Kind mit einem Kruge, um Wasser zu
schöpfen, aber es liess den Krug fallen, und der Krug zerbrach in tausend Stücke.
Als das Kind nun so sehr weinte, und sich vor seiner Mutter fürchtete, da
streichelte ihn Jesus mit den kleinen Händchen, und sagte, weine nicht, ich will
dir helfen, geh nur und hole mir die Scherben, und da diese nun vor Jesum lagen,
da machte er den Krug wieder ganz, so dass man nicht sehen konnte, dass er
zerbrochen gewesen war. Eben wie sie die letzten Worte sagte, fiel nicht weit
von ihr ein Schuss. Der kranke Knabe schreckte heftig zusammen, und barg den Kopf
in ihren Schoss. Luise redete ihm zu, und suchte ihn auf alle Weise zu
beruhigen, als sie selbst durch ein ungewöhnliches hin und her Laufen ausserhalb
des Gartens verstört ward. Sie wollte nach der Tür eilen, konnte aber wegen des
Knaben nur langsam gehen. Dieser hatte mit einer Hand seine Blumenbüsche
zusammen gefasst, und hielt mit der andern die Kette und Luisens Kleid. So
schlichen sie an der Hecke entlang, als plötzlich hinter derselben ein Mann,
wild und verstört, vor Luisen hinstürzte, und heftig rief: Sie werden mir
fluchen, Sie müssen mir fluchen, gewiss, gewiss, ich habe ihn ja ermordet! - Sie
erkannte schaudernd den Jagdjunker, und wie ein Blitz fuhr der Sinn seiner Worte
durch ihre Seele. - Fernando! rief sie. Ja, ja schrie Carl, da tragen sie ihn
hin. Luise sah auf, zwei Männer hoben eine Tragbahre in das Haus hinein. Tod?
fragte sie sanft, und aller Schmerz eines langen Lebens presste sich in einzelne
herabrollende Tränen zusammen. - Noch nicht, aber bald, erwiederte Carl. Sie
reichte ihm die Hand. Lassen sie mich ihn noch einmal sehen, sagte sie, jetzt
habe ich nichts mehr zu scheuen, die Stunde versöhnt uns alle. Der Knabe drängte
sich furchtsam an sie, er wollte nicht von ihr weichen, und sie konnte ihn jetzt
am wenigsten hart zurückweisen. So traten sie in das Krankenzimmer. Fernando lag
auf einem Sessel der Tür gegenüber. Er richtete sich völlig auf, als Luise
nahete. Gott mein Gott! rief er die Arme ausbreitend, so finden wir uns dennoch
wieder! aber wiederkehrende Schmerzen überwältigten ihn bald, und rissen ihn
wimmernd auf sein Lager zurück. Luise kniete neben ihm, der Knabe reichte dem
Kranken unaufhörlich seine Blumen hin, und sagte, er solle nur still sein, Jesus
werde ihn bald helfen, der habe ihm auch geholfen. Fernando musste endlich die
Blumen nehmen, ihr frischer Duft belebte ihn für einen Augenblick, er küsste des
Knaben Stirn, welcher ihm auch nun die schöne Kette zeigte, und sie spielend um
ihn und Luisen schlang. Jesus Christus sei gelobt! rief Fernando, Luisens Hand
ergreifend, sein Auge brach, er sagte nichts mehr. - Da trat der Mönch herzu, er
legte seine Hand segnend auf des Sohnes Stirn, und liess ihn still an seiner
Brust verscheiden.
    Als er nun neben Julius begraben, und alles ruhiger und seliger in Luisen
war, erfuhr sie durch Carl, wie eine unbedeutende Neckerei, beide bei zufälligem
Zusammentreffen im nächsten Städtchen aneinander brachte, dass Fernando darauf
nach dem Kloster geritten, Carl ihm aber in seinem Grimm gefolgt sei, und der
hitzigste Wortwechsel zuletzt Blut gefordert habe. Fernando war an derselben
Stelle gefallen, wo ihn Julius früher verwundet hatte. Gott hat es so gewollt,
tröstete ihn Luise. Das war schon längst bestimmt, und Sie ein unschuldiges
Werkzeug ewiger Vergeltung.
    Sie lebte von da noch viele Jahre ein stilles, erbauliches Leben, durch
nichts unterbrochen, weder in übergrosser Freude noch Schmerz. Der Obrist ward
durch seinen Beruf und Familienverhältnisse gezwungen, von ihr entfernt, im
Nördlichen Asien, den wichtigen Posten eines Gouverneurs dortiger Provinzen zu
übernehmen. Er bewahrte immer eine treue Liebe für Luisen, und starb endlich
unvermählt. Minchen blieb Luisens treue Gefährtin. Einst erschien dieser nach
langer Zeit die Ahnfrau wieder im Traume, jugendlich und reich geschmückt, wie
sie sich zu ihr neigte, und sie küsste. Noch selbigen Tages schloss Luise die
müden Augen, nachdem sie ihre fromme Stiftung dem Kloster vermacht, und Minchen
zur Vorsteherin derselben ernannt hatte.
 
    