
        
                             Johann Wolfgang Goete
                            Die Wahlverwandtschaften
                                   Ein Roman
                                   Erster Teil
                                  Erstes Kapitel
Eduard - so nennen wir einen reichen Baron im besten Mannesalter - Eduard hatte
in seiner Baumschule die schönste Stunde eines Aprilnachmittags zugebracht, um
frisch erhaltene Pfropfreiser auf junge Stämme zu bringen. Sein Geschäft war
eben vollendet; er legte die Gerätschaften in das Futteral zusammen und
betrachtete seine Arbeit mit Vergnügen, als der Gärtner hinzutrat und sich an
dem teilnehmenden Fleisse des Herrn ergetzte.
    »Hast du meine Frau nicht gesehen?« fragte Eduard, indem er sich
weiterzugehen anschickte.
    »Drüben in den neuen Anlagen«, versetzte der Gärtner. »Die Mooshütte wird
heute fertig, die sie an der Felswand, dem Schloss gegenüber, gebaut hat. Alles
ist recht schön geworden und muss Euer Gnaden gefallen. Man hat einen
vortrefflichen Anblick: unten das Dorf, ein wenig rechter Hand die Kirche, über
deren Turmspitze man fast hinwegsieht, gegenüber das Schloss und die Gärten.«
    »Ganz recht,« versetzte Eduard; »einige Schritte von hier konnte ich die
Leute arbeiten sehen.«
    »Dann«, fuhr der Gärtner fort, »öffnet sich rechts das Tal, und man sieht
über die reichen Baumwiesen in eine heitere Ferne. Der Stieg die Felsen hinauf
ist gar hübsch angelegt. Die gnädige Frau versteht es; man arbeitet unter ihr
mit Vergnügen.«
    »Geh zu ihr«, sagte Eduard, »und ersuche sie, auf mich zu warten. Sage ihr,
ich wünsche die neue Schöpfung zu sehen und mich daran zu erfreuen.«
    Der Gärtner entfernte sich eilig, und Eduard folgte bald.
    Dieser stieg nun die Terrassen hinunter, musterte im Vorbeigehen
Gewächshäuser und Treibebeete, bis er ans Wasser, dann über einen Steg an den
Ort kam, wo sich der Pfad nach den neuen Anlagen in zwei Arme teilte. Den einen,
der über den Kirchhof ziemlich gerade nach der Felswand hinging, liess er liegen,
um den andern einzuschlagen, der sich links etwas weiter durch anmutiges Gebüsch
sachte hinaufwand; da, wo beide zusammentrafen, setzte er sich für einen
Augenblick auf einer wohlangebrachten Bank nieder, betrat sodann den
eigentlichen Stieg und sah sich durch allerlei Treppen und Absätze auf dem
schmalen, bald mehr bald weniger steilen Wege endlich zur Mooshütte geleitet.
    An der Türe empfing Charlotte ihren Gemahl und liess ihn dergestalt
niedersitzen, dass er durch Tür und Fenster die verschiedenen Bilder, welche die
Landschaft gleichsam im Rahmen zeigten, auf einen Blick übersehen konnte. Er
freute sich daran in Hoffnung, dass der Frühling bald alles noch reichlicher
beleben würde. »Nur eines habe ich zu erinnern,« setzte er hinzu, »die Hütte
scheint mir etwas zu eng.«
    »Für uns beide doch geräumig genug,« versetzte Charlotte.
    »Nun freilich,« sagte Eduard, »für einen Dritten ist auch wohl noch Platz.«
    »Warum nicht?« versetzte Charlotte, »und auch für ein Viertes. Für grössere
Gesellschaft wollen wir schon andere Stellen bereiten.«
    »Da wir denn ungestört hier allein sind«, sagte Eduard, »und ganz ruhigen,
heiteren Sinnes, so muss ich dir gestehen, dass ich schon einige Zeit etwas auf
dem Herzen habe, was ich dir vertrauen muss und möchte, und nicht dazu kommen
kann.«
    »Ich habe dir so etwas angemerkt,« versetzte Charlotte.
    »Und ich will nur gestehen,« fuhr Eduard fort, »wenn mich der Postbote
morgen früh nicht drängte, wenn wir uns nicht heut entschliessen müssten, ich
hätte vielleicht noch länger geschwiegen.«
    »Was ist es denn?« fragte Charlotte freundlich entgegenkommend.
    »Es betrifft unsern Freund, den Hauptmann,« antwortete Eduard. »Du kennst
die traurige Lage, in die er, wie so mancher andere, ohne sein Verschulden
gesetzt ist. Wie schmerzlich muss es einem Manne von seinen Kenntnissen, seinen
Talenten und Fertigkeiten sein, sich ausser Tätigkeit zu sehen und - ich will
nicht lange zurückhalten mit dem, was ich für ihn wünsche: ich möchte, dass wir
ihn auf einige Zeit zu uns nähmen.«
    »Das ist wohl zu überlegen und von mehr als einer Seite zu betrachten,«
versetzte Charlotte.
    »Meine Ansichten bin ich bereit dir mitzuteilen,« entgegnete ihr Eduard. »In
seinem letzten Briefe herrscht ein stiller Ausdruck des tiefsten Missmutes; nicht
dass es ihm an irgendeinem Bedürfnis fehle, denn er weiss sich durchaus zu
beschränken, und für das Notwendige habe ich gesorgt; auch drückt es ihn nicht,
etwas von mir anzunehmen, denn wir sind unsre Lebzeit über einander
wechselseitig uns so viel schuldig geworden, dass wir nicht berechnen können, wie
unser Kredit und Debet sich gegeneinander verhalte - dass er geschäftlos ist, das
ist eigentlich seine Qual. Das Vielfache, was er an sich ausgebildet hat, zu
andrer Nutzen täglich und stündlich zu gebrauchen, ist ganz allein sein
Vergnügen, ja seine Leidenschaft. Und nun die Hände in den Schoss zu legen oder
noch weiter zu studieren, sich weitere Geschicklichkeit zu verschaffen, da er
das nicht brauchen kann, was er in vollem Masse besitzt - genug, liebes Kind, es
ist eine peinliche Lage, deren Qual er doppelt und dreifach in seiner Einsamkeit
empfindet.«
    »Ich dachte doch,« sagte Charlotte, »ihm wären von verschiedenen Orten
Anerbietungen geschehen. Ich hatte selbst um seinetwillen an manche tätige
Freunde und Freundinnen geschrieben, und soviel ich weiss, blieb dies auch nicht
ohne Wirkung.«
    »Ganz recht,« versetzte Eduard; »aber selbst diese verschiedenen
Gelegenheiten, diese Anerbietungen machen ihm neue Qual, neue Unruhe. Keines von
den Verhältnissen ist ihm gemäss. Er soll nicht wirken; er soll sich aufopfern,
seine Zeit, seine Gesinnungen, seine Art zu sein, und das ist ihm unmöglich. Je
mehr ich das alles betrachte, je mehr ich es fühle, desto lebhafter wird der
Wunsch, ihn bei uns zu sehen.«
    »Es ist recht schön und liebenswürdig von dir,« versetzte Charlotte, »dass du
des Freundes Zustand mit soviel Teilnahme bedenkst; allein erlaube mir, dich
aufzufordern, auch deiner, auch unser zu gedenken.«
    »Das habe ich getan,« entgegnete ihr Eduard. »Wir können von seiner Nähe uns
nur Vorteil und Annehmlichkeit versprechen. Von dem Aufwande will ich nicht
reden, der auf alle Fälle gering für mich wird, wenn er zu uns zieht, besonders
wenn ich zugleich bedenke, dass uns seine Gegenwart nicht die mindeste
Unbequemlichkeit verursacht. Auf dem rechten Flügel des Schlosses kann er
wohnen, und alles andere findet sich. Wieviel wird ihm dadurch geleistet, und
wie manches Angenehme wird uns durch seinen Umgang, ja wie mancher Vorteil! Ich
hätte längst eine Ausmessung des Gutes und der Gegend gewünscht; er wird sie
besorgen und leiten. Deine Absicht ist, selbst die Güter künftig zu verwalten,
sobald die Jahre der gegenwärtigen Pächter verflossen sind. Wie bedenklich ist
ein solches Unternehmen! Zu wie manchen Vorkenntnissen kann er uns nicht
verhelfen! Ich fühle nur zu sehr, dass mir ein Mann dieser Art abgeht. Die
Landleute haben die rechten Kenntnisse; ihre Mitteilungen aber sind konfus und
nicht ehrlich. Die Studierten aus der Stadt und von den Akademien sind wohl klar
und ordentlich, aber es fehlt an der unmittelbaren Einsicht in die Sache. Vom
Freunde kann ich mir beides versprechen; und dann entspringen noch hundert
andere Verhältnisse daraus, die ich mir alle gern vorstellen mag, die auch auf
dich Bezug haben und wovon ich viel Gutes voraussehe. Nun danke ich dir, dass du
mich freundlich angehört hast; jetzt sprich aber auch recht frei und umständlich
und sage mir alles, was du zu sagen hast; ich will dich nicht unterbrechen.«
    »Recht gut,« versetzte Charlotte; »so will ich gleich mit einer allgemeinen
Bemerkung anfangen. Die Männer denken mehr auf das Einzelne, auf das
Gegenwärtige, und das mit Recht, weil sie zu tun, zu wirken berufen sind, die
Weiber hingegen mehr auf das, was im Leben zusammenhängt, und das mit gleichem
Rechte, weil ihr Schicksal, das Schicksal ihrer Familien an diesen Zusammenhang
geknüpft ist und auch gerade dieses Zusammenhängende von ihnen gefordert wird.
Lass uns deswegen einen Blick auf unser gegenwärtiges, auf unser vergangenes
Leben werfen, und du wirst mir eingestehen, dass die Berufung des Hauptmannes
nicht so ganz mit unsern Vorsätzen, unsern Planen, unsern Einrichtungen
zusammentrifft.
    Mag ich doch so gern unserer frühsten Verhältnisse gedenken! Wir liebten
einander als junge Leute recht herzlich; wir wurden getrennt; du von mir, weil
dein Vater, aus nie zu sättigender Begierde des Besitzes, dich mit einer
ziemlich älteren, reichen Frau verband; ich von dir, weil ich, ohne sonderliche
Aussichten, einem wohlhabenden, nicht geliebten, aber geehrten Manne meine Hand
reichen musste. Wir wurden wieder frei; du früher, indem dich dein Mütterchen im
Besitz eines grossen Vermögens liess; ich später, eben zu der Zeit, da du von
Reisen zurückkamst. So fanden wir uns wieder. Wir freuten uns der Erinnerung,
wir liebten die Erinnerung, wir konnten ungestört zusammenleben. Du drangst auf
eine Verbindung; ich willigte nicht gleich ein, denn da wir ungefähr von
denselben Jahren sind, so bin ich als Frau wohl älter geworden, du nicht als
Mann. Zuletzt wollte ich dir nicht versagen, was du für dein einziges Glück zu
halten schienst. Du wolltest von allen Unruhen, die du bei Hof, im Militär, auf
Reisen erlebt hattest, dich an meiner Seite erholen, zur Besinnung kommen, des
Lebens geniessen; aber auch nur mit mir allein. Meine einzige Tochter tat ich in
Pension, wo sie sich freilich mannigfaltiger ausbildet, als bei einem ländlichen
Aufentalte geschehen könnte; und nicht sie allein, auch Ottilien, meine liebe
Nichte, tat ich dortin, die vielleicht zur häuslichen Gehülfin unter meiner
Anleitung am besten herangewachsen wäre. Das alles geschah mit deiner
Einstimmung, bloss damit wir uns selbst leben, bloss damit wir das früh so
sehnlich gewünschte, endlich spät erlangte Glück ungestört geniessen möchten. So
haben wir unsern ländlichen Aufentalt angetreten. Ich übernahm das Innere, du
das Äussere und was ins Ganze geht. Meine Einrichtung ist gemacht, dir in allem
entgegenzukommen, nur für dich allein zu leben; lass uns wenigstens eine Zeitlang
versuchen, inwiefern wir auf diese Weise miteinander ausreichen.«
    »Da das Zusammenhängende, wie du sagst, eigentlich euer Element ist,«
versetzte Eduard, »so muss man euch freilich nicht in einer Folge reden hören
oder sich entschliessen, euch recht zu geben; und du sollst auch recht haben bis
auf den heutigen Tag. Die Anlage, die wir bis jetzt zu unserm Dasein gemacht
haben, ist von guter Art; sollen wir aber nichts weiter darauf bauen, und soll
sich nichts weiter daraus entwickeln? Was ich im Garten leiste, du im Park, soll
das nur für Einsiedler getan sein?«
    »Recht gut!« versetzte Charlotte, »recht wohl! Nur dass wir nichts
Hinderndes, Fremdes hereinbringen! Bedenke, dass unsre Vorsätze, auch was die
Unterhaltung betrifft, sich gewissermassen nur auf unser beiderseitiges
Zusammensein bezogen. Du wolltest zuerst die Tagebücher deiner Reise mir in
ordentlicher Folge mitteilen, bei dieser Gelegenheit so manches dahin Gehörige
von Papieren in Ordnung bringen und unter meiner Teilnahme, mit meiner Beihülfe
aus diesen unschätzbaren, aber verworrenen Heften und Blättern ein für uns und
andere erfreuliches Ganze zusammenstellen. Ich versprach, dir an der Abschrift
zu helfen, und wir dachten es uns so bequem, so artig, so gemütlich und
heimlich, die Welt, die wir zusammen nicht sehen sollten, in der Erinnerung zu
durchreisen. Ja, der Anfang ist schon gemacht. Dann hast du die Abende deine
Flöte wieder vorgenommen, begleitest mich am Klavier; und an Besuchen aus der
Nachbarschaft und in die Nachbarschaft fehlt es uns nicht. Ich wenigstens habe
mir aus allem diesem den ersten wahrhaft fröhlichen Sommer zusammengebaut, den
ich in meinem Leben zu geniessen dachte.«
    »Wenn mir nur nicht«, versetzte Eduard, indem er sich die Stirne rieb, »bei
alle dem, was du mir so liebevoll und verständig wiederholst, immer der Gedanke
beiginge, durch die Gegenwart des Hauptmanns würde nichts gestört, ja vielmehr
alles beschleunigt und neu belebt. Auch er hat einen Teil meiner Wanderungen
mitgemacht; auch er hat manches, und in verschiedenem Sinne, sich angemerkt: wir
benutzten das zusammen, und alsdann würde es erst ein hübsches Ganze werden.«
    »So lass mich denn dir aufrichtig gestehen,« entgegnete Charlotte mit einiger
Ungeduld, »dass diesem Vorhaben mein Gefühl widerspricht, dass eine Ahnung mir
nichts Gutes weissagt.«
    »Auf diese Weise wäret ihr Frauen wohl unüberwindlich,« versetzte Eduard,
»erst verständig, dass man nicht widersprechen kann, liebevoll, dass man sich gern
hingibt, gefühlvoll, dass man euch nicht weh tun mag, ahnungsvoll, dass man
erschrickt.«
    »Ich bin nicht abergläubisch«, versetzte Charlotte, »und gebe nichts auf
diese dunklen Anregungen, insofern sie nur solche wären; aber es sind
meistenteils unbewusste Erinnerungen glücklicher und unglücklicher Folgen, die
wir an eigenen oder fremden Handlungen erlebt haben. Nichts ist bedeutender in
jedem Zustande als die Dazwischenkunft eines Dritten. Ich habe Freunde gesehen,
Geschwister, Liebende, Gatten, deren Verhältnis durch den zufälligen oder
gewählten Hinzutritt einer neuen Person ganz und gar verändert, deren Lage
völlig umgekehrt wurde.«
    »Das kann wohl geschehen«, versetzte Eduard, »bei Menschen, die nur dunkel
vor sich hinleben, nicht bei solchen, die, schon durch Erfahrung aufgeklärt,
sich mehr bewusst sind.«
    »Das Bewusstsein, mein Liebster,« entgegnete Charlotte, »ist keine
hinlängliche Waffe, ja manchmal eine gefährliche für den, der sie führt; und aus
diesem allen tritt wenigstens soviel hervor, dass wir uns ja nicht übereilen
sollen. Gönne mir noch einige Tage, entscheide nicht!«
    »Wie die Sache steht,« erwiderte Eduard, »werden wir uns auch nach mehreren
Tagen immer übereilen. Die Gründe für und dagegen haben wir wechselsweise
vorgebracht; es kommt auf den Entschluss an, und da wär es wirklich das Beste,
wir gäben ihn dem Los anheim.«
    »Ich weiss,« versetzte Charlotte, »dass du in zweifelhaften Fällen gerne
wettest oder würfelst; bei einer so ernstaften Sache hingegen würde ich dies
für einen Frevel halten.«
    »Was soll ich aber dem Hauptmann schreiben?« rief Eduard aus; »denn ich muss
mich gleich hinsetzen.«
    »Einen ruhigen, vernünftigen, tröstlichen Brief,« sagte Charlotte.
    »Das heisst soviel wie keinen,« versetzte Eduard.
    »Und doch ist es in manchen Fällen«, versetzte Charlotte, »notwendig und
freundlich, lieber nichts zu schreiben, als nicht zu schreiben.«
 
                                Zweites Kapitel
Eduard fand sich allein auf seinem Zimmer, und wirklich hatte die Wiederholung
seiner Lebensschicksale aus dem Munde Charlottens, die Vergegenwärtigung ihres
beiderseitigen Zustandes, ihrer Vorsätze sein lebhaftes Gemüt angenehm
aufgeregt. Er hatte sich in ihrer Nähe, in ihrer Gesellschaft so glücklich
gefühlt, dass er sich einen freundlichen, teilnehmenden, aber ruhigen und auf
nichts hindeutenden Brief an den Hauptmann ausdachte. Als er aber zum
Schreibtisch ging und den Brief des Freundes aufnahm, um ihn nochmals
durchzulesen, trat ihm sogleich wieder der traurige Zustand des trefflichen
Mannes entgegen; alle Empfindungen, die ihn diese Tage gepeinigt hatten, wachten
wieder auf, und es schien ihm unmöglich, seinen Freund einer so ängstlichen Lage
zu überlassen.
    Sich etwas zu versagen, war Eduard nicht gewohnt. Von Jugend auf das
einzige, verzogene Kind reicher Eltern, die ihn zu einer seltsamen, aber höchst
vorteilhaften Heirat mit einer viel älteren Frau zu bereden wussten, von dieser
auch auf alle Weise verzärtelt, indem sie sein gutes Betragen gegen sie durch
die grösste Freigebigkeit zu erwidern suchte, nach ihrem baldigen Tode sein
eigner Herr, auf Reisen unabhängig, jeder Abwechslung, jeder Veränderung
mächtig, nichts Übertriebenes wollend, aber viel und vielerlei wollend,
freimütig, wohltätig, brav, ja tapfer im Fall - was konnte in der Welt seinen
Wünschen entgegenstehen!
    Bisher war alles nach seinem Sinne gegangen, auch zum Besitz Charlottens war
er gelangt, den er sich durch eine hartnäckige, ja romanenhafte Treue doch
zuletzt erworben hatte; und nun fühlte er sich zum erstenmal widersprochen, zum
erstenmal gehindert, eben da er seinen Jugendfreund an sich heranziehen, da er
sein ganzes Dasein gleichsam abschliessen wollte. Er war verdriesslich,
ungeduldig, nahm einigemal die Feder und legte sie nieder, weil er nicht einig
mit sich werden konnte, was er schreiben sollte. Gegen die Wünsche seiner Frau
wollte er nicht, nach ihrem Verlangen konnte er nicht; unruhig wie er war,
sollte er einen ruhigen Brief schreiben; es wäre ihm ganz unmöglich gewesen. Das
Natürlichste war, dass er Aufschub suchte. Mit wenig Worten bat er seinen Freund
um Verzeihung, dass er diese Tage nicht geschrieben, dass er heut nicht
umständlich schreibe, und versprach für nächstens ein bedeutenderes, ein
beruhigendes Blatt.
    Charlotte benutzte des andern Tags auf einem Spaziergang nach derselben
Stelle die Gelegenheit, das Gespräch wieder anzuknüpfen, vielleicht in der
Überzeugung, dass man einen Vorsatz nicht sicherer abstumpfen kann, als wenn man
ihn öfters durchspricht.
    Eduarden war diese Wiederholung erwünscht. Er äusserte sich nach seiner Weise
freundlich und angenehm; denn wenn er, empfänglich wie er war, leicht
aufloderte, wenn sein lebhaftes Begehren zudringlich ward, wenn seine
Hartnäckigkeit ungeduldig machen konnte, so waren doch alle seine Äusserungen
durch eine vollkommene Schonung des andern dergestalt gemildert, dass man ihn
immer noch liebenswürdig finden musste, wenn man ihn auch beschwerlich fand.
    Auf eine solche Weise brachte er Charlotten diesen Morgen erst in die
heiterste Laune, dann durch anmutige Gesprächswendungen ganz aus der Fassung, so
dass sie zuletzt ausrief: »Du willst gewiss, dass ich das, was ich dem Ehemann
versagte, dem Liebhaber zugestehen soll.
    Wenigstens, mein Lieber,« fuhr sie fort, »sollst du gewahr werden, dass deine
Wünsche, die freundliche Lebhaftigkeit, womit du sie ausdrückst, mich nicht
ungerührt, mich nicht unbewegt lassen. Sie nötigen mich zu einem Geständnis. Ich
habe dir bisher auch etwas verborgen. Ich befinde mich in einer ähnlichen Lage
wie du und habe mir schon eben die Gewalt angetan, die ich dir nun über dich
selbst zumute.«
    »Das hör ich gern,« sagte Eduard; »ich merke wohl, im Ehestand muss man sich
manchmal streiten, denn dadurch erfährt man was voneinander.«
    »Nun sollst du also erfahren,« sagte Charlotte, »dass es mir mit Ottilien
geht, wie dir mit dem Hauptmann. Höchst ungern weiss ich das liebe Kind in der
Pension, wo sie sich in sehr drückenden Verhältnissen befindet. Wenn Luciane,
meine Tochter, die für die Welt geboren ist, sich dort für die Welt bildet, wenn
sie Sprachen, Geschichtliches und was sonst von Kenntnissen ihr mitgeteilt wird,
so wie ihre Noten und Variationen vom Blatte wegspielt; wenn bei einer lebhaften
Natur und bei einem glücklichen Gedächtnis sie, man möchte wohl sagen, alles
vergisst und im Augenblicke sich an alles erinnert; wenn sie durch Freiheit des
Betragens, Anmut im Tanze, schickliche Bequemlichkeit des Gesprächs sich vor
allen auszeichnet und durch ein angebornes herrschendes Wesen sich zur Königin
des kleinen Kreises macht, wenn die Vorsteherin dieser Anstalt sie als kleine
Gotteit ansieht, die nun erst unter ihren Händen recht gedeiht, die ihr Ehre
machen, Zutrauen erwerben und einen Zufluss von andern jungen Personen
verschaffen wird, wenn die ersten Seiten ihrer Briefe und Monatsberichte immer
nur Hymnen sind über die Vortrefflichkeit eines solchen Kindes, die ich denn
recht gut in meine Prose zu übersetzen weiss: so ist dagegen, was sie schliesslich
von Ottilien erwähnt, nur immer Entschuldigung auf Entschuldigung, dass ein
übrigens so schön heranwachsendes Mädchen sich nicht entwickeln, keine
Fähigkeiten und keine Fertigkeiten zeigen wolle. Das wenige, was sie sonst noch
hinzufügt, ist gleichfalls für mich kein Rätsel, weil ich in diesem lieben Kinde
den ganzen Charakter ihrer Mutter, meiner wertesten Freundin, gewahr werde, die
sich neben mir entwickelt hat und deren Tochter ich gewiss, wenn ich Erzieherin
oder Aufseherin sein könnte, zu einem herrlichen Geschöpf heraufbilden wollte.
    Da es aber einmal nicht in unsern Plan geht und man an seinen
Lebensverhältnissen nicht soviel zupfen und zerren, nicht immer was Neues an sie
heranziehen soll, so trag ich das lieber, ja ich überwinde die unangenehme
Empfindung, wenn meine Tochter, welche recht gut weiss, dass die arme Ottilie ganz
von uns abhängt, sich ihrer Vorteile übermütig gegen sie bedient und unsre
Wohltat dadurch gewissermassen vernichtet.
    Doch wer ist so gebildet, dass er nicht seine Vorzüge gegen andre manchmal
auf eine grausame Weise geltend machte! Wer steht so hoch, dass er unter einem
solchen Druck nicht manchmal leiden müsste! Durch diese Prüfungen wächst
Ottiliens Wert; aber seitdem ich den peinlichen Zustand recht deutlich einsehe,
habe ich mir Mühe gegeben, sie anderwärts unterzubringen. Stündlich soll mir
eine Antwort kommen, und alsdann will ich nicht zaudern. So steht es mit mir,
mein Bester. Du siehst, wir tragen beiderseits dieselben Sorgen in einem treuen,
freundschaftlichen Herzen. Lass sie uns gemeinsam tragen, da sie sich nicht
gegeneinander aufheben!«
    »Wir sind wunderliche Menschen,« sagte Eduard lächelnd. »Wenn wir nur etwas,
das uns Sorge macht, aus unserer Gegenwart verbannen können, da glauben wir
schon, nun sei es abgetan. Im ganzen können wir vieles aufopfern, aber uns im
einzelnen herzugeben, ist eine Forderung, der wir selten gewachsen sind. So war
meine Mutter. Solange ich als Knabe oder Jüngling bei ihr lebte, konnte sie der
augenblicklichen Besorgnisse nicht los werden. Verspätete ich mich bei einem
Ausritt, so musste mir ein Unglück begegnet sein; durchnetzte mich ein
Regenschauer, so war das Fieber mir gewiss. Ich verreiste, ich entfernte mich von
ihr, und nun schien ich ihr kaum anzugehören.«
    »Betrachten wir es genauer,« fuhr er fort, »so handeln wir beide töricht und
unverantwortlich, zwei der edelsten Naturen, die unser Herz so nahe angehen, im
Kummer und im Druck zu lassen, nur um uns keiner Gefahr auszusetzen. Wenn dies
nicht selbstsüchtig genannt werden soll, was will man so nennen! Nimm Ottilien,
lass mir den Hauptmann, und in Gottes Namen sei der Versuch gemacht!«
    »Es möchte noch zu wagen sein,« sagte Charlotte bedenklich, »wenn die Gefahr
für uns allein wäre. Glaubst du denn aber, dass es rätlich sei, den Hauptmann mit
Ottilien als Hausgenossen zu sehen, einen Mann ohngefähr in deinen Jahren, in
den Jahren - dass ich dir dieses Schmeichelhafte nur gerade unter die Augen sage
-, wo der Mann erst liebefähig und erst der Liebe wert wird, und ein Mädchen von
Ottiliens Vorzügen?«
    »Ich weiss doch auch nicht,« versetzte Eduard, »wie du Ottilien so hoch
stellen kannst! Nur dadurch erkläre ich mir's, dass sie deine Neigung zu ihrer
Mutter geerbt hat. Hübsch ist sie, das ist wahr, und ich erinnere mich, dass der
Hauptmann mich auf sie aufmerksam machte, als wir vor einem Jahre zurückkamen
und sie mit dir bei deiner Tante trafen. Hübsch ist sie, besonders hat sie
schöne Augen; aber ich wüsste doch nicht, dass sie den mindesten Eindruck auf mich
gemacht hätte.«
    »Das ist löblich an dir,« sagte Charlotte, »denn ich war ja gegenwärtig; und
ob sie gleich viel jünger ist als ich, so hatte doch die Gegenwart der ältern
Freundin so viele Reize für dich, dass du über die aufblühende, versprechende
Schönheit hinaussahst. Es gehört auch dies zu deiner Art zu sein, deshalb ich
so gern das Leben mit dir teile.«
    Charlotte, so aufrichtig sie zu sprechen schien, verhehlte doch etwas. Sie
hatte nämlich damals dem von Reisen zurückkehrenden Eduard Ottilien absichtlich
vorgeführt, um dieser geliebten Pflegetochter eine so grosse Partie zuzuwenden;
denn an sich selbst in bezug auf Eduard dachte sie nicht mehr. Der Hauptmann war
auch angestiftet, Eduarden aufmerksam zu machen; aber dieser, der seine frühe
Liebe zu Charlotten hartnäckig im Sinne behielt, sah weder rechts noch links und
war nur glücklich in dem Gefühl, dass es möglich sei, eines so lebhaft
gewünschten und durch eine Reihe von Ereignissen scheinbar auf immer versagten
Gutes endlich doch teilhaft zu werden.
    Eben stand das Ehepaar im Begriff, die neuen Anlagen herunter nach dem
Schloss zu gehen, als ein Bedienter ihnen hastig entgegenstieg und mit
lachendem Munde sich schon von unten herauf vernehmen liess: »Kommen Euer Gnaden
doch ja schnell herüber! Herr Mittler ist in den Schlosshof gesprengt. Er hat uns
alle zusammengeschrieen, wir sollen sie aufsuchen, wir sollen Sie fragen, ob es
not tue.
    Ob es not tut, rief er uns nach, hört ihr? aber geschwind, geschwind!«
    »Der drollige Mann!« rief Eduard aus; »kommt er nicht gerade zur rechten
Zeit, Charlotte? - Geschwind zurück!« befahl er dem Bedienten; »sage ihm, es tue
not, sehr not! Er soll nur absteigen. Versorgt sein Pferd; führt ihn in den
Saal, setzt ihm ein Frühstück vor! Wir kommen gleich.
    Lass uns den nächsten Weg nehmen!« sagte er zu seiner Frau und schlug den
Pfad über den Kirchhof ein, den er sonst zu vermeiden pflegte. Aber wie
verwundert war er, als er fand, dass Charlotte auch hier für das Gefühl gesorgt
habe. Mit möglichster Schonung der alten Denkmäler hatte sie alles so zu
vergleichen und zu ordnen gewusst, dass es ein angenehmer Raum erschien, auf dem
das Auge und die Einbildungskraft gerne verweilten.
    Auch dem ältesten Stein hatte sie seine Ehre gegönnt. Den Jahren nach waren
sie an der Mauer aufgerichtet, eingefügt oder sonst angebracht; der hohe Sockel
der Kirche selbst war damit vermannigfaltigt und geziert. Eduard fühlte sich
sonderbar überrascht, wie er durch die kleine Pforte hereintrat: er drückte
Charlotten die Hand, und im Auge stand ihm eine Träne.
    Aber der närrische Gast verscheuchte sie gleich. Denn dieser hatte keine Ruh
im Schloss gehabt, war spornstreichs durchs Dorf bis an das Kirchhoftor geritten,
wo er still hielt und seinen Freunden entgegenrief: »Ihr habt mich doch nicht
zum besten? Tuts wirklich not, so bleibe ich zu Mittage hier. Haltet mich nicht
auf! Ich habe heute noch viel zu tun.«
    »Da Ihr Euch so weit bemüht habt,« rief ihm Eduard entgegen, »so reitet noch
vollends herein; wir kommen an einem ernstaften Orte zusammen; und seht, wie
schön Charlotte diese Trauer ausgeschmückt hat!«
    »Hier herein«, rief der Reiter, »komm ich weder zu Pferde, noch zu Wagen,
noch zu Fusse. Diese da ruhen in Frieden, mit ihnen habe ich nichts zu schaffen.
Gefallen muss ich mirs lassen, wenn man mich einmal, die Füsse voran,
hereinschleppt. Also ists Ernst?«
    »Ja,« rief Charlotte, »recht Ernst! Es ist das erstemal, dass wir neuen
Gatten in Not und Verwirrung sind, woraus wir uns nicht zu helfen wissen.«
    »Ihr seht nicht darnach aus,« versetzte er, »doch will ichs glauben. Führt
ihr mich an, so lass ich euch künftig stecken. Folgt geschwinde nach! Meinem
Pferde mag die Erholung zugut kommen.«
    Bald fanden sich die dreie im Saale zusammen; das Essen ward aufgetragen,
und Mittler erzählte von seinen heutigen Taten und Vorhaben. Dieser seltsame
Mann war früherhin Geistlicher gewesen und hatte sich bei einer rastlosen
Tätigkeit in seinem Amte dadurch ausgezeichnet, dass er alle Streitigkeiten,
sowohl die häuslichen als die nachbarlichen, erst der einzelnen Bewohner, sodann
ganzer Gemeinden und mehrerer Gutsbesitzer zu stillen und zu schlichten wusste.
Solange er im Dienste war, hatte sich kein Ehepaar scheiden lassen, und die
Landeskollegien wurden mit keinen Händeln und Prozessen von dorter behelliget.
Wie nötig ihm die Rechtskunde sei, ward er zeitig gewahr. Er warf sein ganzes
Studium darauf und fühlte sich bald den geschicktesten Advokaten gewachsen. Sein
Wirkungskreis dehnte sich wunderbar aus; und man war im Begriff, ihn nach der
Residenz zu ziehen, um das von oben herein zu vollenden, was er von unten herauf
begonnen hatte, als er einen ansehnlichen Lotteriegewinst tat, sich ein mässiges
Gut kaufte, es verpachtete und zum Mittelpunkt seiner Wirksamkeit machte, mit
dem festen Vorsatz oder vielmehr nach alter Gewohnheit und Neigung, in keinem
Hause zu verweilen, wo nichts zu schlichten und nichts zu helfen wäre.
Diejenigen, die auf die Namensbedeutungen abergläubisch sind, behaupten, der
Name Mittler habe ihn genötigt, diese seltsamste aller Bestimmungen zu
ergreifen.
    Der Nachtisch war aufgetragen, als der Gast seine Wirte ernstlich vermahnte,
nicht weiter mit ihren Entdeckungen zurückzuhalten, weil er gleich nach dem
Kaffee fort müsse. Die beiden Eheleute machten umständlich ihre Bekenntnisse;
aber kaum hatte er den Sinn der Sache vernommen, als er verdriesslich vom Tische
auffuhr, ans Fenster sprang und sein Pferd zu satteln befahl.
    »Entweder ihr kennt mich nicht,« rief er aus, »ihr versteht mich nicht, oder
ihr seid sehr boshaft. Ist denn hier ein Streit? Ist denn hier eine Hülfe nötig?
Glaubt ihr, dass ich in der Welt bin, um Rat zu geben? Das ist das dümmste
Handwerk, das einer treiben kann. Rate sich jeder selbst und tue, was er nicht
lassen kann. Gerät es gut, so freue er sich seiner Weisheit und seines Glücks;
läufts übel ab, dann bin ich bei der Hand. Wer ein Übel los sein will, der weiss
immer, was er will; wer was Bessers will, als er hat, der ist ganz starblind -
Ja ja! lacht nur - er spielt Blindekuh, er ertappts vielleicht; aber was? Tut,
was ihr wollt: es ist ganz einerlei! Nehmt die Freunde zu euch, lasst sie weg:
alles einerlei! Das Vernünftigste habe ich misslingen sehen, das Abgeschmackteste
gelingen. Zerbrecht euch die Köpfe nicht, und wenns auf eine oder die andre
Weise übel abläuft, zerbrecht sie euch auch nicht! Schickt nur nach mir, und
euch soll geholfen werden. Bis dahin euer Diener!«
    Und so schwang er sich aufs Pferd, ohne den Kaffee abzuwarten.
    »Hier siehst du,« sagte Charlotte, »wie wenig eigentlich ein Dritter
fruchtet, wenn es zwischen zwei nah verbundenen Personen nicht ganz im
Gleichgewicht steht. Gegenwärtig sind wir doch wohl noch verworrner und
ungewisser, wenns möglich ist, als vorher.«
    Beide Gatten würden auch wohl noch eine Zeitlang geschwankt haben, wäre
nicht ein Brief des Hauptmanns im Wechsel gegen Eduards letzten angekommen. Er
hatte sich entschlossen, eine der ihm angebotenen Stellen anzunehmen, ob sie ihm
gleich keineswegs gemäss war. Er sollte mit vornehmen und reichen Leuten die
Langeweile teilen, indem man auf ihn das Zutrauen setzte, dass er sie vertreiben
würde.
    Eduard übersah das ganze Verhältnis recht deutlich und malte es noch recht
scharf aus. »Wollen wir unsern Freund in einem solchen Zustande wissen?« rief
er. »Du kannst nicht so grausam sein, Charlotte!«
    »Der wunderliche Mann, unser Mittler,« versetzte Charlotte, »hat am Ende
doch recht. Alle solche Unternehmungen sind Wagestücke. Was daraus werden kann,
sieht kein Mensch voraus. Solche neue Verhältnisse können fruchtbar sein an
Glück und an Unglück, ohne dass wir uns dabei Verdienst oder Schuld sonderlich
zurechnen dürfen. Ich fühle mich nicht stark genug, dir länger zu widerstehen.
Lass uns den Versuch machen! Das einzige, was ich dich bitte: es sei nur auf
kurze Zeit angesehen. Erlaube mir, dass ich mich tätiger als bisher für ihn
verwende und meinen Einfluss, meine Verbindungen eifrig benutze und aufrege, ihm
eine Stelle zu verschaffen, die ihm nach seiner Weise einige Zufriedenheit
gewähren kann.«
    Eduard versicherte seine Gattin auf die anmutigste Weise der lebhaftesten
Dankbarkeit. Er eilte mit freiem, frohem Gemüt, seinem Freunde Vorschläge
schriftlich zu tun. Charlotte musste in einer Nachschrift ihren Beifall
eigenhändig hinzufügen, ihre freundschaftlichen Bitten mit den seinen
vereinigen. Sie schrieb mit gewandter Feder gefällig und verbindlich, aber doch
mit einer Art von Hast, die ihr sonst nicht gewöhnlich war; und was ihr nicht
leicht begegnete, sie verunstaltete das Papier zuletzt mit einem Tintenfleck,
der sie ärgerlich machte und nur grösser wurde, indem sie ihn wegwischen wollte.
    Eduard scherzte darüber, und weil noch Platz war, fügte er eine zweite
Nachschrift hinzu: der Freund solle aus diesen Zeichen die Ungeduld sehen, womit
er erwartet werde, und nach der Eile, womit der Brief geschrieben, die
Eilfertigkeit seiner Reise einrichten.
    Der Bote war fort, und Eduard glaubte seine Dankbarkeit nicht überzeugender
ausdrücken zu können, als indem er aber- und abermals darauf bestand, Charlotte
solle zugleich Ottilien aus der Pension holen lassen.
    Sie bat um Aufschub und wusste diesen Abend bei Eduard die Lust zu einer
musikalischen Unterhaltung aufzuregen. Charlotte spielte sehr gut Klavier,
Eduard nicht ebenso bequem die Flöte; denn ob er sich gleich zuzeiten viel Mühe
gegeben hatte, so war ihm doch nicht die Geduld, die Ausdauer verliehen, die zur
Ausbildung eines solchen Talentes gehört. Er führte deshalb seine Partie sehr
ungleich aus, einige Stellen gut, nur vielleicht zu geschwind; bei andern wieder
hielt er an, weil sie ihm nicht geläufig waren, und so wär es für jeden andern
schwer gewesen, ein Duett mit ihm durchzubringen. Aber Charlotte wusste sich
darein zu finden; sie hielt an und liess sich wieder von ihm fortreissen und
versah also die doppelte Pflicht eines guten Kapellmeisters und einer klugen
Hausfrau, die im ganzen immer das Mass zu erhalten wissen, wenn auch die
einzelnen Passagen nicht immer im Takt bleiben sollten.
 
                                Drittes Kapitel
Der Hauptmann kam. Er hatte einen sehr verständigen Brief vorausgeschickt, der
Charlotten völlig beruhigte. Soviel Deutlichkeit über sich selbst, soviel
Klarheit über seinen eigenen Zustand, über den Zustand seiner Freunde gab eine
heitere und fröhliche Aussicht.
    Die Unterhaltungen der ersten Stunden waren, wie unter Freunden zu geschehen
pflegt, die sich eine Zeitlang nicht gesehen haben, lebhaft, ja fast
erschöpfend. Gegen Abend veranlasste Charlotte einen Spaziergang auf die neuen
Anlagen. Der Hauptmann gefiel sich sehr in der Gegend und bemerkte jede
Schönheit, welche durch die neuen Wege erst sichtbar und geniessbar geworden. Er
hatte ein geübtes Auge und dabei ein genügsames; und ob er gleich das
Wünschenswerte sehr wohl kannte, machte er doch nicht, wie es öfters zu
geschehen pflegt, Personen, die ihn in dem Ihrigen herumführten, dadurch einen
üblen Humor, dass er mehr verlangte, als die Umstände zuliessen, oder auch wohl
gar an etwas Vollkommneres erinnerte, das er anderswo gesehen.
    Als sie die Mooshütte erreichten, fanden sie solche auf das lustigste
ausgeschmückt, zwar nur mit künstlichen Blumen und Wintergrün, doch darunter so
schöne Büschel natürlichen Weizens und anderer Feld- und Baumfrüchte angebracht,
dass sie dem Kunstsinn der Anordnenden zur Ehre gereichten. »Obschon mein Mann
nicht liebt, dass man seinen Geburts- oder Namenstag feire, so wird er mir doch
heute nicht verargen, einem dreifachen Feste diese wenigen Kränze zu widmen.«
    »Ein dreifaches?« rief Eduard. - »Ganz gewiss!« versetzte Charlotte; »unseres
Freundes Ankunft behandeln wir billig als ein Fest; und dann habt ihr beide wohl
nicht daran gedacht, dass heute euer Namenstag ist. Heisst nicht einer Otto so gut
als der andere?«
    Beide Freunde reichten sich die Hände über den kleinen Tisch. »Du erinnerst
mich«, sagte Eduard, »an dieses jugendliche Freundschaftsstück. - Als Kinder
hiessen wir beide so; doch als wir in der Pension zusammenlebten und manche
Irrung daraus entstand, so trat ich ihm freiwillig diesen hübschen, lakonischen
Namen ab.«
    »Wobei du denn doch nicht gar zu grossmütig warst,« sagte der Hauptmann.
»Denn ich erinnere mich recht wohl, dass dir der Name Eduard besser gefiel, wie
er denn auch, von angenehmen Lippen ausgesprochen, einen besonders guten Klang
hat.«
    Nun sassen sie also zu dreien um dasselbe Tischchen, wo Charlotte so eifrig
gegen die Ankunft des Gastes gesprochen hatte. Eduard in seiner Zufriedenheit
wollte die Gattin nicht an jene Stunden erinnern, doch entielt er sich nicht zu
sagen: »Für ein Viertes wäre auch noch recht gut Platz.«
    Waldhörner liessen sich in diesem Augenblick vom Schloss herüber vernehmen,
bejahten gleichsam und bekräftigten die guten Gesinnungen und Wünsche der
beisammen verweilenden Freunde. Stillschweigend hörten sie zu, indem jedes in
sich selbst zurückkehrte und sein eigenes Glück in so schöner Verbindung doppelt
empfand.
    Eduard unterbrach die Pause zuerst, indem er aufstand und vor die Mooshütte
hinaustrat. »Lass uns«, sagte er zu Charlotten, »den Freund gleich völlig auf die
Höhe führen, damit er nicht glaube, dieses beschränkte Tal nur sei unser Erbgut
und Aufentalt; der Blick wird oben freier und die Brust erweitert sich.«
    »So müssen wir diesmal noch«, versetzte Charlotte, »den alten, etwas
beschwerlichen Fusspfad erklimmen; doch, hoffe ich, sollen meine Stufen und
Steige nächstens bequemer bis ganz hinauf leiten.«
    Und so gelangte man denn über Felsen, durch Busch und Gesträuch zur letzten
Höhe, die zwar keine Fläche, doch fortlaufende, fruchtbare Rücken bildete. Dorf
und Schloss hinterwärts waren nicht mehr zu sehen. In der Tiefe erblickte man
ausgebreitete Teiche, drüben bewachsene Hügel, an denen sie sich hinzogen,
endlich steile Felsen, welche senkrecht den letzten Wasserspiegel entschieden
begrenzten und ihre bedeutenden Formen auf der Oberfläche desselben abbildeten.
Dort in der Schlucht, wo ein starker Bach den Teichen zufiel, lag eine Mühle
halb versteckt, die mit ihren Umgebungen als ein freundliches Ruheplätzchen
erschien. Mannigfaltig wechselten im ganzen Halbkreise, den man übersah, Tiefen
und Höhen, Büsche und Wälder, deren erstes Grün für die Folge den füllereichsten
Anblick versprach. Auch einzelne Baumgruppen hielten an mancher Stelle das Auge
fest. Besonders zeichnete zu den Füssen der schauenden Freunde sich eine Masse
Pappeln und Platanen zunächst an dem Rande des mittleren Teiches vorteilhaft
aus. Sie stand in ihrem besten Wachstum, frisch, gesund, empor und in die Breite
strebend.
    Eduard lenkte besonders auf diese die Aufmerksamkeit seines Freundes. »Diese
habe ich«, rief er aus, »in meiner Jugend selbst gepflanzt. Es waren junge
Stämmchen, die ich rettete, als mein Vater, bei der Anlage zu einem neuen Teil
des grossen Schlossgartens, sie mitten im Sommer ausroden liess. Ohne Zweifel
werden sie auch dieses Jahr sich durch neue Triebe wieder dankbar hervortun.«
    Man kehrte zufrieden und heiter zurück. Dem Gaste ward auf dem rechten
Flügel des Schlosses ein freundliches, geräumiges Quartier angewiesen, wo er
sehr bald Bücher, Papiere und Instrumente aufgestellt und geordnet hatte, um in
seiner gewohnten Tätigkeit fortzufahren. Aber Eduard liess ihm in den ersten
Tagen keine Ruhe; er führte ihn überall herum, bald zu Pferde, bald zu Fusse, und
machte ihn mit der Gegend, mit dem Gute bekannt; wobei er ihm zugleich die
Wünsche mitteilte, die er zu besserer Kenntnis und vorteilhafterer Benutzung
desselben seit langer Zeit bei sich hegte.
    »Das erste, was wir tun sollten,« sagte der Hauptmann, »wäre, dass ich die
Gegend mit der Magnetnadel aufnähme. Es ist das ein leichtes, heiteres Geschäft,
und wenn es auch nicht die grösste Genauigkeit gewährt, so bleibt es doch immer
nützlich und für den Anfang erfreulich; auch kann man es ohne grosse Beihülfe
leisten und weiss gewiss, dass man fertig wird. Denkst du einmal an eine genauere
Ausmessung, so lässt sich dazu wohl auch noch Rat finden.«
    Der Hauptmann war in dieser Art des Aufnehmens sehr geübt. Er hatte die
nötige Gerätschaft mitgebracht und fing sogleich an. Er unterrichtete Eduarden,
einige Jäger und Bauern, die ihm bei dem Geschäft behülflich sein sollten. Die
Tage waren günstig; die Abende und die frühsten Morgen brachte er mit
Aufzeichnen und Schraffieren zu. Schnell war auch alles laviert und illuminiert,
und Eduard sah seine Besitzungen auf das deutlichste aus dem Papier wie eine
neue Schöpfung hervorgewachsen. Er glaubte sie jetzt erst kennenzulernen, sie
schienen ihm jetzt erst recht zu gehören.
    Es gab Gelegenheit, über die Gegend, über Anlagen zu sprechen, die man nach
einer solchen Übersicht viel besser zustande bringe, als wenn man nur einzeln,
nach zufälligen Eindrücken, an der Natur herumversuche.
    »Das müssen wir meiner Frau deutlich machen,« sagte Eduard.
    »Tue das nicht!« versetzte der Hauptmann, der die Überzeugungen anderer
nicht gern mit den seinigen durchkreuzte, den die Erfahrung gelehrt hatte, dass
die Ansichten der Menschen viel zu mannigfaltig sind, als dass sie, selbst durch
die vernünftigsten Vorstellungen, auf Einen Punkt versammelt werden könnten.
»Tue es nicht!« rief er, »sie dürfte leicht irre werden. Es ist ihr wie allen
denen, die sich nur aus Liebhaberei mit solchen Dingen beschäftigen, mehr daran
gelegen, dass sie etwas tue, als dass etwas getan werde. Man tastet an der Natur,
man hat Vorliebe für dieses oder jenes Plätzchen; man wagt nicht, dieses oder
jenes Hindernis wegzuräumen, man ist nicht kühn genug, etwas aufzuopfern; man
kann sich voraus nicht vorstellen, was entstehen soll, man probiert, es gerät,
es missrät, man verändert, verändert vielleicht, was man lassen sollte, lässt, was
man verändern sollte, und so bleibt es zuletzt immer ein Stückwerk, das gefällt
und anregt, aber nicht befriedigt.«
    »Gesteh mir aufrichtig,« sagte Eduard, »du bist mit ihren Anlagen nicht
zufrieden.«
    »Wenn die Ausführung den Gedanken erschöpfte, der sehr gut ist, so wäre
nichts zu erinnern. Sie hat sich mühsam durch das Gestein hinaufgequält und
quält nun jeden, wenn du willst, den sie hinaufführt. Weder nebeneinander noch
hintereinander schreitet man mit einer gewissen Freiheit. Der Takt des Schrittes
wird jeden Augenblick unterbrochen; und was liesse sich nicht noch alles
einwenden!«
    »Wäre es denn leicht anders zu machen gewesen?« fragte Eduard.
    »Gar leicht,« versetzte der Hauptmann; »sie durfte nur die eine Felsenecke,
die noch dazu unscheinbar ist, weil sie aus kleinen Teilen besteht, wegbrechen,
so erlangte sie eine schön geschwungene Wendung zum Aufstieg und zugleich
überflüssige Steine, um die Stellen heraufzumauern, wo der Weg schmal und
verkrüppelt geworden wäre. Doch sei dies im engsten Vertrauen unter uns gesagt;
sie wird sonst irre und verdriesslich. Auch muss man, was gemacht ist, bestehen
lassen. Will man weiter Geld und Mühe aufwenden, so wäre von der Mooshütte
hinaufwärts und über die Anhöhe noch mancherlei zu tun und viel Angenehmes zu
leisten.«
    Hatten auf diese Weise die beiden Freunde am Gegenwärtigen manche
Beschäftigung, so fehlte es nicht an lebhafter und vergnüglicher Erinnerung
vergangener Tage, woran Charlotte wohl teilzunehmen pflegte. Auch setzte man
sich vor, wenn nur die nächsten Arbeiten erst getan wären, an die Reisejournale
zu gehen und auch auf diese Weise die Vergangenheit hervorzurufen.
    Übrigens hatte Eduard mit Charlotten allein weniger Stoff zur Unterhaltung,
besonders seitdem er den Tadel ihrer Parkanlagen, der ihm so gerecht schien, auf
dem Herzen fühlte. Lange verschwieg er, was ihm der Hauptmann vertraut hatte;
aber als er seine Gattin zuletzt beschäftigt sah, von der Mooshütte hinauf zur
Anhöhe wieder mit Stüfchen und Pfädchen sich emporzuarbeiten, so hielt er nicht
länger zurück, sondern machte sie nach einigen Umschweifen mit seinen neuen
Einsichten bekannt.
    Charlotte stand betroffen. Sie war geistreich genug, um schnell einzusehen,
dass jene recht hatten; aber das Getane widersprach, es war nun einmal so
gemacht; sie hatte es recht, sie hatte es wünschenswert gefunden, selbst das
Getadelte war ihr in jedem einzelnen Teile lieb; sie widerstrebte der
Überzeugung, sie verteidigte ihre kleine Schöpfung, sie schalt auf die Männer,
die gleich ins Weite und Grosse gingen, aus einem Scherz, aus einer Unterhaltung
gleich ein Werk machen wollten, nicht an die Kosten denken, die ein erweiterter
Plan durchaus nach sich zieht. Sie war bewegt, verletzt, verdriesslich; sie
konnte das Alte nicht fahren lassen, das Neue nicht ganz abweisen; aber
entschlossen wie sie war, stellte sie sogleich die Arbeit ein und nahm sich
Zeit, die Sache zu bedenken und bei sich reif werden zu lassen.
    Indem sie nun auch diese tätige Unterhaltung vermisste, da indes die Männer
ihr Geschäft immer geselliger betrieben und besonders die Kunstgärten und
Glashäuser mit Eifer besorgten, auch dazwischen die gewöhnlichen ritterlichen
Übungen fortsetzten, als Jagen, Pferdekaufen, -tauschen, -bereiten und
-einfahren, so fühlte sich Charlotte täglich einsamer. Sie führte ihren
Briefwechsel auch um des Hauptmanns willen lebhafter, und doch gab es manche
einsame Stunde. Desto angenehmer und unterhaltender waren ihr die Berichte, die
sie aus der Pensionsanstalt erhielt.
    Einem weitläufigen Briefe der Vorsteherin, welcher sich wie gewöhnlich über
der Tochter Fortschritte mit Behagen verbreitete, war eine kurze Nachschrift
hinzugefügt nebst einer Beilage von der Hand eines männlichen Gehülfen am
Institut, die wir beide mitteilen.
                          Nachschrift der Vorsteherin
»Von Ottilien, meine Gnädige, hätte ich eigentlich nur zu wiederholen, was in
meinen vorigen Berichten entalten ist. Ich wüsste sie nicht zu schelten, und
doch kann ich nicht zufrieden mit ihr sein. Sie ist nach wie vor bescheiden und
gefällig gegen andere; aber dieses Zurücktreten, diese Dienstbarkeit will mir
nicht gefallen. Euer Gnaden haben ihr neulich Geld und verschiedene Zeuge
geschickt. Das erste hat sie nicht angegriffen, die andern liegen auch noch da,
unberührt. Sie hält freilich ihre Sachen sehr reinlich und gut und scheint nur
in diesem Sinn die Kleider zu wechseln. Auch kann ich ihre grosse Mässigkeit im
Essen und Trinken nicht loben. An unserm Tisch ist kein Überfluss; doch sehe ich
nichts lieber, als wenn die Kinder sich an schmackhaften und gesunden Speisen
satt essen. Was mit Bedacht und Überzeugung aufgetragen und vorgelegt ist, soll
auch aufgegessen werden. Dazu kann ich Ottilien niemals bringen. Ja, sie macht
sich irgendein Geschäft, um eine Lücke auszufüllen, wo die Dienerinnen etwas
versäumen, nur um eine Speise oder den Nachtisch zu übergehen. Bei diesem allen
kommt jedoch in Betrachtung, dass sie manchmal, wie ich erst spät erfahren habe,
Kopfweh auf der linken Seite hat, das zwar vorübergeht, aber schmerzlich und
bedeutend sein mag. Soviel von diesem übrigens so schönen und lieben Kinde.«
                              Beilage des Gehülfen
»Unsere vortreffliche Vorsteherin lässt mich gewöhnlich die Briefe lesen, in
welchen sie Beobachtungen über ihre Zöglinge den Eltern und Vorgesetzten
mitteilt. Diejenigen, die an Euer Gnaden gerichtet sind, lese ich immer mit
doppelter Aufmerksamkeit, mit doppeltem Vergnügen; denn indem wir Ihnen zu einer
Tochter Glück zu wünschen haben, die alle jene glänzenden Eigenschaften
vereinigt, wodurch man in der Welt emporsteigt, so muss ich wenigstens Sie nicht
minder glücklich preisen, dass Ihnen in Ihrer Pflegetochter ein Kind beschert
ist, das zum Wohl, zur Zufriedenheit anderer und gewiss auch zu seinem eigenen
Glück geboren ward. Ottilie ist fast unser einziger Zögling, über den ich mit
unserer so verehrten Vorsteherin nicht einig werden kann. Ich verarge dieser
tätigen Frau keinesweges, dass sie verlangt, man soll die Früchte ihrer Sorgfalt
äusserlich und deutlich sehen; aber es gibt auch verschlossene Früchte, die erst
die rechten, kernhaften sind und die sich früher oder später zu einem schönen
Leben entwickeln. Dergleichen ist gewiss Ihre Pflegetochter. Solange ich sie
unterrichte, sehe ich sie immer gleichen Schrittes gehen, langsam, langsam
vorwärts, nie zurück. Wenn es bei einem Kinde nötig ist, vom Anfange anzufangen,
so ist es gewiss bei ihr. Was nicht aus dem Vorhergehenden folgt, begreift sie
nicht. Sie steht unfähig, ja stöckisch vor einer leicht fasslichen Sache, die für
sie mit nichts zusammenhängt. Kann man aber die Mittelglieder finden und ihr
deutlich machen, so ist ihr das Schwerste begreiflich.
    Bei diesem langsamen Vorschreiten bleibt sie gegen ihre Mitschülerinnen
zurück, die mit ganz andern Fähigkeiten immer vorwärtseilen, alles, auch das
Unzusammenhängende, leicht fassen, leicht behalten und bequem wieder anwenden.
So lernt sie, so vermag sie bei einem beschleunigten Lehrvortrage gar nichts;
wie es der Fall in einigen Stunden ist, welche von trefflichen, aber raschen und
ungeduldigen Lehrern gegeben werden. Man hat über ihre Handschrift geklagt, über
ihre Unfähigkeit, die Regeln der Grammatik zu fassen. Ich habe diese Beschwerde
näher untersucht: es ist wahr, sie schreibt langsam und steif, wenn man so will,
doch nicht zaghaft und ungestalt. Was ich ihr von der französischen Sprache, die
zwar mein Fach nicht ist, schrittweise mitteilte, begriff sie leicht. Freilich
ist es wunderbar: sie weiss vieles und recht gut; nur wenn man sie fragt, scheint
sie nichts zu wissen.
    Soll ich mit einer allgemeinen Bemerkung schliessen, so möchte ich sagen: sie
lernt nicht als eine, die erzogen werden soll, sondern als eine, die erziehen
will; nicht als Schülerin, sondern als künftige Lehrerin. Vielleicht kommt es
Euer Gnaden sonderbar vor, dass ich selbst als Erzieher und Lehrer jemanden nicht
mehr zu loben glaube, als wenn ich ihn für meinesgleichen erkläre. Euer Gnaden
bessere Einsicht, tiefere Menschen- und Weltkenntnis wird aus meinen
beschränkten, wohlgemeinten Worten das Beste nehmen. Sie werden sich überzeugen,
dass auch an diesem Kinde viel Freude zu hoffen ist. Ich empfehle mich zu Gnaden
und bitte um die Erlaubnis, wieder zu schreiben, sobald ich glaube, dass mein
Brief etwas Bedeutendes und Angenehmes entalten werde.«
Charlotte freute sich über dieses Blatt. Sein Inhalt traf ganz nahe mit den
Vorstellungen zusammen, welche sie von Ottilien hegte; dabei konnte sie sich
eines Lächelns nicht entalten, indem der Anteil des Lehrers herzlicher zu sein
schien, als ihn die Einsicht in die Tugenden eines Zöglings hervorzubringen
pflegt. Bei ihrer ruhigen, vorurteilsfreien Denkweise liess sie auch ein solches
Verhältnis, wie so viele andre, vor sich liegen; die Teilnahme des verständigen
Mannes an Ottilien hielt sie wert; denn sie hatte in ihrem Leben genugsam
einsehen gelernt, wie hoch jede wahre Neigung zu schätzen sei in einer Welt, wo
Gleichgültigkeit und Abneigung eigentlich recht zu Hause sind.
 
                                Viertes Kapitel
Die topographische Karte, auf welcher das Gut mit seinen Umgebungen nach einem
ziemlich grossen Massstabe charakteristisch und fasslich durch Federstriche und
Farben dargestellt war und welche der Hauptmann durch einige trigonometrische
Messungen sicher zu gründen wusste, war bald fertig; denn weniger Schlaf als
dieser tätige Mann bedurfte kaum jemand, so wie sein Tag stets dem
augenblicklichen Zwecke gewidmet und deswegen jederzeit am Abende etwas getan
war.
    »Lass uns nun«, sagte er zu seinem Freunde, »an das übrige gehen, an die
Gutsbeschreibung, wozu schon genugsame Vorarbeit da sein muss, aus der sich
nachher Pachtanschläge und anderes schon entwickeln werden. Nur Eines lass uns
festsetzen und einrichten: trenne alles, was eigentlich Geschäft ist, vom Leben!
Das Geschäft verlangt Ernst und Strenge, das Leben Willkür; das Geschäft die
reinste Folge, dem Leben tut eine Inkonsequenz oft not, ja sie ist liebenswürdig
und erheiternd. Bist du bei dem einen sicher, so kannst du in dem andern desto
freier sein, anstatt dass bei einer Vermischung das Sichre durch das Freie
weggerissen und aufgehoben wird.«
    Eduard fühlte in diesen Vorschlägen einen leisen Vorwurf. Zwar von Natur
nicht unordentlich, konnte er doch niemals dazu kommen, seine Papiere nach
Fächern abzuteilen. Das, was er mit andern abzutun hatte, was bloss von ihm
selbst abhing, es war nicht geschieden, so wie er auch Geschäfte und
Beschäftigung, Unterhaltung und Zerstreuung nicht genugsam voneinander
absonderte. Jetzt wurde es ihm leicht, da ein Freund diese Bemühung übernahm,
ein zweites Ich die Sonderung bewirkte, in die das eine Ich nicht immer sich
spalten mag.
    Sie errichteten auf dem Flügel des Hauptmanns eine Repositur für das
Gegenwärtige, ein Archiv für das Vergangene, schafften alle Dokumente, Papiere,
Nachrichten aus verschiedenen Behältnissen, Kammern, Schränken und Kisten
herbei, und auf das geschwindeste war der Wust in eine erfreuliche Ordnung
gebracht, lag rubriziert in bezeichneten Fächern. Was man wünschte, ward
vollständiger gefunden, als man gehofft hatte. Hierbei ging ihnen ein alter
Schreiber sehr an die Hand, der den Tag über, ja einen Teil der Nacht nicht vom
Pulte kam und mit dem Eduard bisher immer unzufrieden gewesen war.
    »Ich kenne ihn nicht mehr,« sagte Eduard zu seinem Freund, »wie tätig und
brauchbar der Mensch ist.« - »Das macht,« versetzte der Hauptmann, »wir tragen
ihm nichts Neues auf, als bis er das Alte nach seiner Bequemlichkeit vollendet
hat; und so leistet er, wie du siehst, sehr viel; sobald man ihn stört, vermag
er gar nichts.«
    Brachten die Freunde auf diese Weise ihre Tage zusammen zu, so versäumten
sie abends nicht, Charlotten regelmässig zu besuchen. Fand sich keine
Gesellschaft von benachbarten Orten und Gütern, welches öfters geschah, so war
das Gespräch wie das Lesen meist solchen Gegenständen gewidmet, welche den
Wohlstand, die Vorteile und das Behagen der bürgerlichen Gesellschaft vermehren.
    Charlotte, ohnehin gewohnt, die Gegenwart zu nutzen, fühlte sich, indem sie
ihren Mann zufrieden sah, auch persönlich gefördert. Verschiedene häusliche
Anstalten, die sie längst gewünscht, aber nicht recht einleiten können, wurden
durch die Tätigkeit des Hauptmanns bewirkt. Die Hausapoteke, die bisher nur aus
wenigen Mitteln bestanden, ward bereichert und Charlotte sowohl durch fassliche
Bücher als durch Unterredung in den Stand gesetzt, ihr tätiges und hülfreiches
Wesen öfter und wirksamer als bisher in Übung zu bringen.
    Da man auch die gewöhnlichen und dessen ungeachtet nur zu oft überraschenden
Notfälle durchdachte, so wurde alles, was zur Rettung der Ertrunkenen nötig sein
möchte, um so mehr angeschafft, als bei der Nähe so mancher Teiche, Gewässer und
Wasserwerke öfters ein und der andere Unfall dieser Art vorkam. Diese Rubrik
besorgte der Hauptmann sehr ausführlich, und Eduarden entschlüpfte die
Bemerkung, dass ein solcher Fall in dem Leben seines Freundes auf die seltsamste
Weise Epoche gemacht. Doch als dieser schwieg und einer traurigen Erinnerung
auszuweichen schien, hielt Eduard gleichfalls an, so wie auch Charlotte, die
nicht weniger im allgemeinen davon unterrichtet war, über jene Äusserungen
hinausging.
    »Wir wollen alle diese vorsorglichen Anstalten loben,« sagte eines Abends
der Hauptmann; »nun geht uns aber das Notwendigste noch ab, ein tüchtiger Mann,
der das alles zu handhaben weiss. Ich kann hiezu einen mir bekannten
Feldchirurgus vorschlagen, der jetzt um leidliche Bedingung zu haben ist, ein
vorzüglicher Mann in seinem Fache, und der mir auch in Behandlung heftiger
innerer Übel öfters mehr Genüge getan hat als ein berühmter Arzt; und
augenblickliche Hülfe ist doch immer das, was auf dem Lande am meisten vermisst
wird.«
    Auch dieser wurde sogleich verschrieben, und beide Gatten freuten sich, dass
sie so manche Summe, die ihnen zu willkürlichen Ausgaben übrigblieb, auf die
nötigsten zu verwenden Anlass gefunden.
    So benutzte Charlotte die Kenntnisse, die Tätigkeit des Hauptmanns auch nach
ihrem Sinne und fing an, mit seiner Gegenwart völlig zufrieden und über alle
Folgen beruhigt zu werden. Sie bereitete sich gewöhnlich vor, manches zu fragen,
und da sie gern leben mochte, so suchte sie alles Schädliche, alles Tödliche zu
entfernen. Die Bleiglasur der Töpferwaren, der Grünspan kupferner Gefässe hatte
ihr schon manche Sorge gemacht. Sie liess sich hierüber belehren, und
natürlicherweise musste man auf die Grundbegriffe der Physik und Chemie
zurückgehen.
    Zufälligen, aber immer willkommenen Anlass zu solchen Unterhaltungen gab
Eduards Neigung, der Gesellschaft vorzulesen. Er hatte eine sehr wohlklingende,
tiefe Stimme und war früher wegen lebhafter, gefühlter Rezitation dichterischer
und rednerischer Arbeiten angenehm und berühmt gewesen. Nun waren es andre
Gegenstände, die ihn beschäftigten, andre Schriften, woraus er vorlas, und eben
seit einiger Zeit vorzüglich Werke physischen, chemischen und technischen
Inhalts.
    Eine seiner besondern Eigenheiten, die er jedoch vielleicht mit mehrern
Menschen teilt, war die, dass es ihm unerträglich fiel, wenn jemand ihm beim
Lesen in das Buch sah. In früherer Zeit, beim Vorlesen von Gedichten,
Schauspielen, Erzählungen, war es die natürliche Folge der lebhaften Absicht,
die der Vorlesende so gut als der Dichter, der Schauspieler, der Erzählende hat,
zu überraschen, Pausen zu machen, Erwartungen zu erregen; da es denn freilich
dieser beabsichtigten Wirkung sehr zuwider ist, wenn ihm ein Dritter wissentlich
mit den Augen vorspringt. Er pflegte sich auch deswegen in solchem Falle immer
so zu setzen, dass er niemand im Rücken hatte. Jetzt zu dreien war diese Vorsicht
unnötig; und da es diesmal nicht auf Erregung des Gefühls, auf Überraschung der
Einbildungskraft angesehen war, so dachte er selbst nicht daran, sich sonderlich
in acht zu nehmen.
    Nur eines Abends fiel es ihm auf, als er sich nachlässig gesetzt hatte, dass
Charlotte ihm in das Buch sah. Seine alte Ungeduld erwachte, und er verwies es
ihr, gewissermassen unfreundlich: »Wollte man sich doch solche Unarten, wie so
manches andre, was der Gesellschaft lästig ist, ein für allemal abgewöhnen! Wenn
ich jemand vorlese, ist es denn nicht, als wenn ich ihm mündlich etwas vortrüge?
Das Geschriebene, das Gedruckte tritt an die Stelle meines eigenen Sinnes,
meines eigenen Herzens; und würde ich mich wohl zu reden bemühen, wenn ein
Fensterchen vor meiner Stirn, vor meiner Brust angebracht wäre, so dass der, dem
ich meine Gedanken einzeln zuzählen, meine Empfindungen einzeln zureichen will,
immer schon lange vorher wissen könnte, wo es mit mir hinaus wollte? Wenn mir
jemand ins Buch sieht, so ist mir immer, als wenn ich in zwei Stücke gerissen
würde.«
    Charlotte, deren Gewandteit sich in grösseren und kleineren Zirkeln
besonders dadurch bewies, dass sie jede unangenehme, jede heftige, ja selbst nur
lebhafte Äusserung zu beseitigen, ein sich verlängerndes Gespräch zu
unterbrechen, ein stockendes anzuregen wusste, war auch diesmal von ihrer guten
Gabe nicht verlassen: »Du wirst mir meinen Fehler gewiss verzeihen, wenn ich
bekenne, was mir diesen Augenblick begegnet ist. Ich hörte von Verwandtschaften
lesen, und da dacht ich eben gleich an meine Verwandten, an ein paar Vettern,
die mir gerade in diesem Augenblick zu schaffen machen. Meine Aufmerksamkeit
kehrt zu deiner Vorlesung zurück; ich höre, dass von ganz leblosen Dingen die
Rede ist, und blicke dir ins Buch, um mich wieder zurechtzufinden.«
    »Es ist eine Gleichnisrede, die dich verführt und verwirrt hat,« sagte
Eduard. »Hier wird freilich nur von Erden und Mineralien gehandelt, aber der
Mensch ist ein wahrer Narziss; er bespiegelt sich überall gern selbst, er legt
sich als Folie der ganzen Welt unter.«
    »Jawohl!« fuhr der Hauptmann fort; »so behandelt er alles, was er ausser sich
findet; seine Weisheit wie seine Torheit, seinen Willen wie seine Willkür leiht
er den Tieren, den Pflanzen, den Elementen und den Göttern.«
    »Möchtet ihr mich,« versetzte Charlotte, »da ich euch nicht zu weit von dem
augenblicklichen Interesse wegführen will, nur kürzlich belehren, wie es
eigentlich hier mit den Verwandtschaften gemeint sei?«
    »Das will ich wohl gerne tun,« erwiderte der Hauptmann, gegen den sich
Charlotte gewendet hatte, »freilich nur so gut, als ich es vermag, wie ich es
etwa vor zehn Jahren gelernt, wie ich es gelesen habe. Ob man in der
wissenschaftlichen Welt noch so darüber denkt, ob es zu den neuern Lehren passt,
wüsste ich nicht zu sagen.«
    »Es ist schlimm genug,« rief Eduard, »dass man jetzt nichts mehr für sein
ganzes Leben lernen kann. Unsre Vorfahren hielten sich an den Unterricht, den
sie in ihrer Jugend empfangen; wir aber müssen jetzt alle fünf Jahre umlernen,
wenn wir nicht ganz aus der Mode kommen wollen.«
    »Wir Frauen«, sagte Charlotte, »nehmen es nicht so genau; und wenn ich
aufrichtig sein soll, so ist es mir eigentlich nur um den Wortverstand zu tun;
denn es macht in der Gesellschaft nichts lächerlicher, als wenn man ein fremdes,
ein Kunstwort falsch anwendet. Deshalb machte ich nur wissen, in welchem Sinne
dieser Ausdruck eben bei diesen Gegenständen gebraucht wird. Wie es
wissenschaftlich damit zusammenhänge, wollen wir den Gelehrten überlassen, die
übrigens, wie ich habe bemerken können, sich wohl schwerlich jemals vereinigen
werden.«
    »Wo fangen wir aber nun an, um am schnellsten in die Sache zu kommen?«
fragte Eduard nach einer Pause den Hauptmann, der, sich ein wenig bedenkend,
bald darauf erwiderte:
    »Wenn es mir erlaubt ist, dem Scheine nach weit auszuholen, so sind wir bald
am Platze.«
    »Sein Sie meiner ganzen Aufmerksamkeit versichert,« sagte Charlotte, indem
sie ihre Arbeit beiseitelegte.
    Und so begann der Hauptmann: »An allen Naturwesen, die wir gewahr werden,
bemerken wir zuerst, dass sie einen Bezug auf sich selbst haben. Es klingt
freilich wunderlich, wenn man etwas ausspricht, was sich ohnehin versteht; doch
nur indem man sich über das Bekannte völlig verständigt hat, kann man
miteinander zum Unbekannten fortschreiten.«
    »Ich dächte,« fiel ihm Eduard ein, »wir machten ihr und uns die Sache durch
Beispiele bequem. Stelle dir nur das Wasser, das Öl, das Quecksilber vor, so
wirst du eine Einigkeit, einen Zusammenhang ihrer Teile finden. Diese Einung
verlassen sie nicht, ausser durch Gewalt oder sonstige Bestimmung. Ist diese
beseitigt, so treten sie gleich wieder zusammen.«
    »Ohne Frage,« sagte Charlotte beistimmend. »Regentropfen vereinigen sich
gern zu Strömen. Und schon als Kinder spielen wir erstaunt mit dem Quecksilber,
indem wir es in Kügelchen trennen und es wieder zusammenlaufen lassen.«
    »Und so darf ich wohl«, fügte der Hauptmann hinzu, »eines bedeutenden
Punktes im flüchtigen Vorbeigehen erwähnen, dass nämlich dieser völlig reine,
durch Flüssigkeit mögliche Bezug sich entschieden und immer durch die
Kugelgestalt auszeichnet. Der fallende Wassertropfen ist rund; von den
Quecksilberkügelchen haben Sie selbst gesprochen; ja ein fallendes geschmolzenes
Blei, wenn es Zeit hat, völlig zu erstarren, kommt unten in Gestalt einer Kugel
an.«
    »Lassen Sie mich voreilen,« sagte Charlotte, »ob ich treffe, wo Sie
hinwollen. Wie jedes gegen sich selbst einen Bezug hat, so muss es auch gegen
andere ein Verhältnis haben.«
    »Und das wird nach Verschiedenheit der Wesen verschieden sein,« fuhr Eduard
eilig fort. »Bald werden sie sich als Freunde und alte Bekannte begegnen, die
schnell zusammentreten, sich vereinigen, ohne aneinander etwas zu verändern, wie
sich Wein mit Wasser vermischt. Dagegen werden andre fremd nebeneinander
verharren und selbst durch mechanisches Mischen und Reiben sich keinesweges
verbinden; wie Öl und Wasser, zusammengerüttelt, sich den Augenblick wieder
auseinander sondert.«
    »Es fehlt nicht viel,« sagte Charlotte, »so sieht man in diesen einfachen
Formen die Menschen, die man gekannt hat; besonders aber erinnert man sich dabei
der Sozietäten, in denen man lebte. Die meiste Ähnlichkeit jedoch mit diesen
seelenlosen Wesen haben die Massen, die in der Welt sich einander
gegenüberstellen, die Stände, die Berufsbestimmungen, der Adel und der dritte
Stand, der Soldat und der Zivilist.«
    »Und doch!« versetzte Eduard; »wie diese durch Sitten und Gesetze vereinbar
sind, so gibt es auch in unserer chemischen Welt Mittelglieder, dasjenige zu
verbinden, was sich einander abweist.«
    »So verbinden wir«, fiel der Hauptmann ein, »das Öl durch Laugensalz mit dem
Wasser.«
    »Nur nicht zu geschwind mit Ihrem Vortrag!« sagte Charlotte, »damit ich
zeigen kann, dass ich Schritt halte. Sind wir nicht hier schon zu den
Verwandtschaften gelangt?«
    »Ganz richtig,« erwiderte der Hauptmann; »und wir werden sie gleich in ihrer
vollen Kraft und Bestimmteit kennenlernen. Diejenigen Naturen, die sich beim
Zusammentreffen einander schnell ergreifen und wechselseitig bestimmen, nennen
wir verwandt. An den Alkalien und Säuren, die, obgleich einander entgegengesetzt
und vielleicht eben deswegen, weil sie einander entgegengesetzt sind, sich am
entschiedensten suchen und fassen, sich modifizieren und zusammen einen neuen
Körper bilden, ist diese Verwandtschaft auffallend genug. Gedenken wir nur des
Kalks, der zu allen Säuren eine grosse Neigung, eine entschiedene
Vereinigungslust äussert! Sobald unser chemisches Kabinett ankommt, wollen wir
Sie verschiedene Versuche sehen lassen, die sehr unterhaltend sind und einen
bessern Begriff geben als Worte, Namen und Kunstausdrücke.«
    »Lassen Sie mich gestehen,« sagte Charlotte, »wenn Sie diese Ihre
wunderlichen Wesen verwandt nennen, so kommen sie mir nicht sowohl als
Blutsverwandte, vielmehr als Geistes- und Seelenverwandte vor. Auf eben diese
Weise können unter Menschen wahrhaft bedeutende Freundschaften entstehen; denn
entgegengesetzte Eigenschaften machen eine innigere Vereinigung möglich. Und so
will ich denn abwarten, was Sie mir von diesen geheimnisvollen Wirkungen vor die
Augen bringen werden. - Ich will dich«, sagte sie, zu Eduard gewendet, »jetzt im
Vorlesen nicht weiter stören und, um so viel besser unterrichtet, deinen Vortrag
mit Aufmerksamkeit vernehmen.«
    »Da du uns einmal aufgerufen hast,« versetzte Eduard, »so kommst du so
leicht nicht los; denn eigentlich sind die verwickelten Fälle die
interessantesten. Erst bei diesen lernt man die Grade der Verwandtschaften, die
nähern, stärkern, entferntern, geringern Beziehungen kennen; die
Verwandtschaften werden erst interessant, wenn sie Scheidungen bewirken.«
    »Kommt das traurige Wort,« rief Charlotte, »das man leider in der Welt jetzt
so oft hört, auch in der Naturlehre vor?«
    »Allerdings!« erwiderte Eduard. »Es war sogar ein bezeichnender Ehrentitel
der Chemiker, dass man sie Scheidekünstler nannte.«
    »Das tut man also nicht mehr«, versetzte Charlotte, »und tut sehr wohl
daran. Das Vereinigen ist eine grössere Kunst, ein grösseres Verdienst. Ein
Einungskünstler wäre in jedem Fache der ganzen Welt willkommen. - Nun so lasst
mich denn, weil ihr doch einmal im Zug seid, ein paar solche Fälle wissen!«
    »So schliessen wir uns denn gleich«, sagte der Hauptmann, »an dasjenige
wieder an, was wir oben schon benannt und besprochen haben. Zum Beispiel was wir
Kalkstein nennen, ist eine mehr oder weniger reine Kalkerde, innig mit einer
zarten Säure verbunden, die uns in Luftform bekannt geworden ist. Bringt man ein
Stück solchen Steines in verdünnte Schwefelsäure, so ergreift diese den Kalk und
erscheint mit ihm als Gips; jene zarte, luftige Säure hingegen entflieht. Hier
ist eine Trennung, eine neue Zusammensetzung entstanden, und man glaubt sich
nunmehr berechtigt, sogar das Wort Wahlverwandtschaft anzuwenden, weil es
wirklich aussieht, als wenn ein Verhältnis dem andern vorgezogen, eins vor dem
andern erwählt würde.«
    »Verzeihen Sie mir,« sagte Charlotte, »wie ich dem Naturforscher verzeihe,
aber ich würde hier niemals eine Wahl, eher eine Naturnotwendigkeit erblicken,
und diese kaum; denn es ist am Ende vielleicht gar nur die Sache der
Gelegenheit. Gelegenheit macht Verhältnisse, wie sie Diebe macht; und wenn von
Ihren Naturkörpern die Rede ist, so scheint mir die Wahl bloss in den Händen des
Chemikers zu liegen, der diese Wesen zusammenbringt. Sind sie aber einmal
beisammen, dann gnade ihnen Gott! In dem gegenwärtigen Falle dauert mich nur die
arme Luftsäure, die sich wieder im Unendlichen herumtreiben muss.«
    »Es kommt nur auf sie an,« versetzte der Hauptmann, »sich mit dem Wasser zu
verbinden und als Mineralquelle Gesunden und Kranken zur Erquickung zu dienen.«
    »Der Gips hat gut reden,« sagte Charlotte; »der ist nun fertig, ist ein
Körper, ist versorgt, anstatt dass jenes ausgetriebene Wesen noch manche Not
haben kann, bis es wieder unterkommt.«
    »Ich müsste sehr irren,« sagte Eduard lächelnd, »oder es steckt eine kleine
Tücke hinter deinen Reden. Gesteh nur deine Schalkheit! Am Ende bin ich in
deinen Augen der Kalk, der vom Hauptmann, als einer Schwefelsäure, ergriffen,
deiner anmutigen Gesellschaft entzogen und in einen refraktären Gips verwandelt
wird.«
    »Wenn das Gewissen«, versetzte Charlotte, »dich solche Betrachtungen machen
heisst, so kann ich ohne Sorge sein. Diese Gleichnisreden sind artig und
unterhaltend, und wer spielt nicht gern mit Ähnlichkeiten! Aber der Mensch ist
doch um so manche Stufe über jene Elemente erhöht, und wenn er hier mit den
schönen Worten Wahl und Wahlverwandtschaft etwas freigebig gewesen, so tut er
wohl, wieder in sich selbst zurückzukehren und den Wert solcher Ausdrücke bei
diesem Anlass recht zu bedenken. Mir sind leider Fälle genug bekannt, wo eine
innige, unauflöslich scheinende Verbindung zweier Wesen durch gelegentliche
Zugesellung eines dritten aufgehoben und eins der erst so schön verbundenen ins
lose Weite hinausgetrieben ward.«
    »Da sind die Chemiker viel galanter,« sagte Eduard; »sie gesellen ein
viertes dazu, damit keines leer ausgehe.«
    »Jawohl!« versetzte der Hauptmann; »diese Fälle sind allerdings die
bedeutendsten und merkwürdigsten, wo man das Anziehen, das Verwandtsein, dieses
Verlassen, dieses Vereinigen gleichsam übers Kreuz wirklich darstellen kann, wo
vier bisher je zwei zu zwei verbundene Wesen, in Berührung gebracht, ihre
bisherige Vereinigung verlassen und sich aufs neue verbinden. In diesem
Fahrenlassen und Ergreifen, in diesem Fliehen und Suchen glaubt man wirklich
eine höhere Bestimmung zu sehen; man traut solchen Wesen eine Art von Wollen und
Wählen zu und hält das Kunstwort Wahlverwandtschaften für vollkommen
gerechtfertigt.«
    »Beschreiben Sie mir einen solchen Fall!« sagte Charlotte.
    »Man sollte dergleichen«, versetzte der Hauptmann, »nicht mit Worten abtun.
Wie schon gesagt: sobald ich Ihnen die Versuche selbst zeigen kann, wird alles
anschaulicher und angenehmer werden. Jetzt müsste ich Sie mit schrecklichen
Kunstworten hinhalten, die Ihnen doch keine Vorstellung gäben. Man muss diese tot
scheinenden und doch zur Tätigkeit innerlich immer bereiten Wesen wirkend vor
seinen Augen sehen, mit Teilnahme schauen, wie sie einander suchen, sich
anziehen, ergreifen, zerstören, verschlingen, aufzehren und sodann aus der
innigsten Verbindung wieder in erneuter, neuer, unerwarteter Gestalt
hervortreten: dann traut man ihnen erst ein ewiges Leben, ja wohl gar Sinn und
Verstand zu, weil wir unsere Sinne kaum genügend fühlen, sie recht zu
beobachten, und unsre Vernunft kaum hinlänglich, sie zu fassen.«
    »Ich leugne nicht,« sagte Eduard, »dass die seltsamen Kunstwörter demjenigen,
der nicht durch sinnliches Anschauen, durch Begriffe mit ihnen versöhnt ist,
beschwerlich, ja lächerrlich werden müssen. Doch könnten wir leicht mit
Buchstaben einstweilen das Verhältnis ausdrücken, wovon hier die Rede war.«
    »Wenn Sie glauben, dass es nicht pedantisch aussieht,« versetzte der
Hauptmann, »so kann ich wohl in der Zeichensprache mich kürzlich zusammenfassen.
Denken Sie sich ein A, das mit einem B innig verbunden ist, durch viele Mittel
und durch manche Gewalt nicht von ihm zu trennen; denken Sie sich ein C, das
sich ebenso zu einem D verhält, bringen Sie nun die beiden Paare in Berührung: A
wird sich zu D, C zu B werfen, ohne dass man sagen kann, wer das andere zuerst
verlassen, wer sich mit dem andern zuerst wieder verbunden habe.«
    »Nun denn!« fiel Eduard ein; »bis wir alles dieses mit Augen sehen, wollen
wir diese Formel als Gleichnisrede betrachten, woraus wir uns eine Lehre zum
unmittelbaren Gebrauch ziehen. Du stellst das A vor, Charlotte, und ich dein B;
denn eigentlich hänge ich doch nur von dir ab und folge dir wie dem A das B. Das
C ist ganz deutlich der Kapitän, der mich für diesmal dir einigermassen entzieht.
Nun ist es billig, dass, wenn du nicht ins Unbestimmte entweichen sollst, dir für
ein D gesorgt werde, und das ist ganz ohne Frage das liebenswürdige Dämchen
Ottilie, gegen deren Annäherung du dich nicht länger verteidigen darfst.«
    »Gut!« versetzte Charlotte. »Wenn auch das Beispiel, wie mir scheint, nicht
ganz auf unsern Fall passt, so halte ich es doch für ein Glück, dass wir heute
einmal völlig zusammentreffen und dass diese Natur-und Wahlverwandtschaften unter
uns eine vertrauliche Mitteilung beschleunigen. Ich will es also nur gestehen,
dass ich seit diesem Nachmittage entschlossen bin, Ottilien zu berufen; denn
meine bisherige treue Beschliesserin und Haushälterin wird abziehen, weil sie
heiratet. Dies wäre von meiner Seite und um meinetwillen; was mich um Ottiliens
willen bestimmt, das wirst du uns vorlesen. Ich will dir nicht ins Blatt sehen,
aber freilich ist mir der Inhalt schon bekannt. Doch lies nur, lies!« Mit diesen
Worten zog sie einen Brief hervor und reichte ihn Eduarden.
 
                                Fünftes Kapitel
                             Brief der Vorsteherin
»Euer Gnaden werden verzeihen, wenn ich mich heute ganz kurz fasse; denn ich
habe nach vollendeter öffentlicher Prüfung dessen, was wir im vergangenen Jahr
an unsern Zöglingen geleistet haben, an die sämtlichen Eltern und Vorgesetzten
den Verlauf zu melden; auch darf ich wohl kurz sein, weil ich mit wenigem viel
sagen kann. Ihre Fräulein Tochter hat sich in jedem Sinne als die Erste
bewiesen. Die beiliegenden Zeugnisse, ihr eigner Brief, der die Beschreibung der
Preise entält, die ihr geworden sind, und zugleich das Vergnügen ausdrückt, das
sie über ein so glückliches Gelingen empfindet, wird Ihnen zur Beruhigung, ja
zur Freude gereichen. Die meinige wird dadurch einigermassen gemindert, dass ich
voraussehe, wir werden nicht lange mehr Ursache haben, ein so weit
vorgeschrittenes Frauenzimmer bei uns zurückzuhalten. Ich empfehle mich zu
Gnaden und nehme mir die Freiheit, nächstens meine Gedanken über das, was ich am
vorteilhaftesten für sie halte, zu eröffnen. Von Ottilien schreibt mein
freundlicher Gehülfe.«
                               Brief des Gehülfen
»Von Ottilien lässt mich unsre ehrwürdige Vorsteherin schreiben, teils weil es
ihr, nach ihrer Art zu denken, peinlich wäre, dasjenige, was zu melden ist, zu
melden, teils auch, weil sie selbst einer Entschuldigung bedarf, die sie lieber
mir in den Mund legen mag.
    Da ich nur allzuwohl weiss, wie wenig die gute Ottilie das zu äussern imstande
ist, was in ihr liegt und was sie vermag, so war mir vor der öffentlichen
Prüfung einigermassen bange, um so mehr, als überhaupt dabei keine Vorbereitung
möglich ist, und auch, wenn es nach der gewöhnlichen Weise sein könnte, Ottilie
auf den Schein nicht vorzubereiten wäre. Der Ausgang hat meine Sorge nur zu sehr
gerechtfertigt; sie hat keinen Preis erhalten und ist auch unter denen, die kein
Zeugnis empfangen haben. Was soll ich viel sagen? Im Schreiben hatten andere
kaum so wohlgeformte Buchstaben, doch viel freiere Züge; im Rechnen waren alle
schneller, und an schwierige Aufgaben, welche sie besser löst, kam es bei der
Untersuchung nicht. Im Französischen überparlierten und überexponierten sie
manche; in der Geschichte waren ihr Namen und Jahrzahlen nicht gleich bei der
Hand; bei der Geographie vermisste man Aufmerksamkeit auf die politische
Einteilung. Zum musikalischen Vortrag ihrer wenigen bescheidenen Melodien fand
sich weder Zeit noch Ruhe. Im Zeichnen hätte sie gewiss den Preis davongetragen;
ihre Umrisse waren rein und die Ausführung bei vieler Sorgfalt geistreich.
Leider hatte sie etwas zu Grosses unternommen und war nicht fertig geworden.
    Als die Schülerinnen abgetreten waren, die Prüfenden zusammen Rat hielten
und uns Lehrern wenigstens einiges Wort dabei gönnten, merkte ich wohl bald, dass
von Ottilien gar nicht und, wenn es geschah, wo nicht mit Missbilligung, doch mit
Gleichgültigkeit gesprochen wurde. Ich hoffte, durch eine offne Darstellung
ihrer Art zu sein einige Gunst zu erregen, und wagte mich daran mit doppeltem
Eifer, einmal, weil ich nach meiner Überzeugung sprechen konnte, und sodann,
weil ich mich in jüngeren Jahren in eben demselben traurigen Fall befunden
hatte. Man hörte mich mit Aufmerksamkeit an; doch als ich geendigt hatte, sagte
mir der vorsitzende Prüfende zwar freundlich, aber lakonisch: Fähigkeiten werden
vorausgesetzt, sie sollen zu Fertigkeiten werden. Dies ist der Zweck aller
Erziehung, dies ist die laute, deutliche Absicht der Eltern und Vorgesetzten,
die stille, nur halb bewusste der Kinder selbst. Dies ist auch der Gegenstand der
Prüfung, wobei zugleich Lehrer und Schüler beurteilt werden. Aus dem, was wir
von Ihnen vernehmen, schöpfen wir gute Hoffnung von dem Kinde, und Sie sind
allerdings lobenswürdig, indem Sie auf die Fähigkeiten der Schülerinnen genau
achtgeben. Verwandeln Sie solche übers Jahr in Fertigkeiten, so wird es Ihnen
und Ihrer begünstigten Schülerin nicht an Beifall mangeln.
    In das, was hierauf folgte, hatte ich mich schon ergeben, aber ein noch
Übleres nicht befürchtet, das sich bald darauf zutrug. Unsere gute Vorsteherin,
die wie ein guter Hirte auch nicht eins von ihren Schäfchen verloren oder, wie
es hier der Fall war, ungeschmückt sehen möchte, konnte, nachdem die Herren sich
entfernt hatten, ihren Unwillen nicht bergen und sagte zu Ottilien, die ganz
ruhig, indem die andern sich über ihre Preise freuten, am Fenster stand: Aber
sagen Sie mir, um's Himmels willen! wie kann man so dumm aussehen, wenn man es
nicht ist? Ottilie versetzte ganz gelassen: Verzeihen Sie, liebe Mutter, ich
habe gerade heute wieder mein Kopfweh, und ziemlich stark. - Das kann niemand
wissen! versetzte die sonst so teilnehmende Frau und kehrte sich verdriesslich
um.
    Nun es ist wahr: niemand kann es wissen; denn Ottilie verändert das Gesicht
nicht, und ich habe auch nicht gesehen, dass sie einmal die Hand nach dem Schlafe
zu bewegt hätte.
    Das war noch nicht alles. Ihre Fräulein Tochter, gnädige Frau, sonst lebhaft
und freimütig, war im Gefühl ihres heutigen Triumphs ausgelassen und übermütig.
Sie sprang mit ihren Preisen und Zeugnissen in den Zimmern herum und schüttelte
sie auch Ottilien vor dem Gesicht. Du bist heute schlecht gefahren! rief sie
aus. Ganz gelassen antwortete Ottilie: Es ist noch nicht der letzte Prüfungstag.
- Und doch wirst du immer die Letzte bleiben! rief das Fräulein und sprang
hinweg.
    Ottilie schien gelassen für jeden andern, nur nicht für mich. Eine innere,
unangenehme, lebhafte Bewegung, der sie widersteht, zeigt sich durch eine
ungleiche Farbe des Gesichts. Die linke Wange wird auf einen Augenblick rot,
indem die rechte bleich wird. Ich sah dies Zeichen, und meine Teilnehmung konnte
sich nicht zurückhalten. Ich führte unsre Vorsteherin beiseite, sprach ernstaft
mit ihr über die Sache. Die treffliche Frau erkannte ihren Fehler.
    Wir berieten, wir besprachen uns lange, und ohne deshalb weitläufiger zu
sein, will ich Euer Gnaden unsern Beschluss und unsre Bitte vortragen: Ottilien
auf einige Zeit zu sich zu nehmen. Die Gründe werden Sie sich selbst am besten
entfalten. Bestimmen Sie sich hiezu, so sage ich mehr über die Behandlung des
guten Kindes. Verlässt uns dann Ihre Fräulein Tochter, wie zu vermuten steht, so
sehen wir Ottilien mit Freuden zurückkehren.
    Noch eins, das ich vielleicht in der Folge vergessen könnte: ich habe nie
gesehen, dass Ottilie etwas verlangt oder gar um etwas dringend gebeten hätte.
Dagegen kommen Fälle, wiewohl selten, dass sie etwas abzulehnen sucht, was man
von ihr fordert. Sie tut das mit einer Gebärde, die für den, der den Sinn davon
gefasst hat, unwiderstehlich ist. Sie drückt die flachen Hände, die sie in die
Höhe hebt, zusammen und führt sie gegen die Brust, indem sie sich nur wenig
vorwärts neigt und den dringend Fordernden mit einem solchen Blick ansieht, dass
er gern von allem absteht, was er verlangen oder wünschen möchte. Sehen Sie
jemals diese Gebärde, gnädige Frau, wie es bei Ihrer Behandlung nicht
wahrscheinlich ist, so gedenken Sie meiner und schonen Ottilien.«
Eduard hatte diese Briefe vorgelesen, nicht ohne Lächeln und Kopfschütteln. Auch
konnte es an Bemerkungen über die Personen und über die Lage der Sache nicht
fehlen.
    »Genug!« rief Eduard endlich aus; »es ist entschieden, sie kommt! Für dich
wäre gesorgt, meine Liebe, und wir dürfen nun auch mit unserm Vorschlag
hervorrücken. Es wird höchst nötig, dass ich zu dem Hauptmann auf den rechten
Flügel hinüberziehe. Sowohl abends als morgens ist erst die rechte Zeit,
zusammen zu arbeiten. Du erhältst dagegen für dich und Ottilien auf deiner Seite
den schönsten Raum.«
    Charlotte liess sichs gefallen, und Eduard schilderte ihre künftige
Lebensart. Unter andern rief er aus: »Es ist doch recht zuvorkommend von der
Nichte, ein wenig Kopfweh auf der linken Seite zu haben; ich habe es manchmal
auf der rechten. Trifft es zusammen und wir sitzen gegeneinander, ich auf den
rechten Ellbogen, sie auf den linken gestützt und die Köpfe nach verschiedenen
Seiten in die Hand gelegt, so muss das ein Paar artige Gegenbilder geben.«
    Der Hauptmann wollte das gefährlich finden. Eduard hingegen rief aus:
»Nehmen Sie sich nur, lieber Freund, vor dem D in acht! Was sollte B denn
anfangen, wenn ihm C entrissen würde?«
    »Nun, ich dächte doch,« versetzte Charlotte, »das verstünde sich von
selbst.«
    »Freilich,« rief Eduard; »es kehrte zu seinem A zurück, zu seinem A und O!«
rief er, indem er aufsprang und Charlotten fest an seine Brust drückte.
 
                                Sechstes Kapitel
Ein Wagen, der Ottilien brachte, war angefahren. Charlotte ging ihr entgegen;
das liebe Kind eilte, sich ihr zu nähern, warf sich ihr zu Füssen und umfasste
ihre Kniee.
    »Wozu die Demütigung!« sagte Charlotte, die einigermassen verlegen war und
sie aufheben wollte. »Es ist so demütig nicht gemeint,« versetzte Ottilie, die
in ihrer vorigen Stellung blieb. »Ich mag mich nur so gern jener Zeit erinnern,
da ich noch nicht höher reichte als bis an Ihre Kniee und Ihrer Liebe schon so
gewiss war.«
    Sie stand auf, und Charlotte umarmte sie herzlich. Sie ward den Männern
vorgestellt und gleich mit besonderer Achtung als Gast behandelt. Schönheit ist
überall ein gar willkommener Gast. Sie schien aufmerksam auf das Gespräch, ohne
dass sie daran teilgenommen hätte.
    Den andern Morgen sagte Eduard zu Charlotten: »Es ist ein angenehmes,
unterhaltendes Mädchen.«
    »Unterhaltend?« versetzte Charlotte mit Lächeln; »sie hat ja den Mund noch
nicht aufgetan.«
    »So?« erwiderte Eduard, indem er sich zu besinnen schien, »das wäre doch
wunderbar!«
    Charlotte gab dem neuen Ankömmling nur wenig Winke, wie es mit dem
Hausgeschäfte zu halten sei. Ottilie hatte schnell die ganze Ordnung eingesehen,
ja, was noch mehr ist, empfunden. Was sie für alle, für einen jeden insbesondre
zu besorgen hatte, begriff sie leicht. Alles geschah pünktlich. Sie wusste
anzuordnen, ohne dass sie zu befehlen schien, und wo jemand säumte, verrichtete
sie das Geschäft gleich selbst.
    Sobald sie gewahr wurde, wieviel Zeit ihr übrigblieb, bat sie Charlotten,
ihre Stunden einteilen zu dürfen, die nun genau beobachtet wurden. Sie arbeitete
das Vorgesetzte auf eine Art, von der Charlotte durch den Gehülfen unterrichtet
war. Man liess sie gewähren. Nur zuweilen suchte Charlotte sie anzuregen. So
schob sie ihr manchmal abgeschriebene Federn unter, um sie auf einen freieren
Zug der Handschrift zu leiten; aber auch diese waren bald wieder scharf
geschnitten.
    Die Frauenzimmer hatten untereinander festgesetzt, französisch zu reden,
wenn sie allein wären, und Charlotte beharrte um so mehr dabei, als Ottilie
gesprächiger in der fremden Sprache war, indem man ihr die Übung derselben zur
Pflicht gemacht hatte. Hier sagte sie oft mehr, als sie zu wollen schien.
Besonders ergetzte sich Charlotte an einer zufälligen, zwar genauen, aber doch
liebevollen Schilderung der ganzen Pensionsanstalt. Ottilie ward ihr eine liebe
Gesellschafterin, und sie hoffte, dereinst an ihr eine zuverlässige Freundin zu
finden.
    Charlotte nahm indes die älteren Papiere wieder vor, die sich auf Ottilien
bezogen, um sich in Erinnerung zu bringen, was die Vorsteherin, was der Gehülfe
über das gute Kind geurteilt, um es mit ihrer Persönlichkeit selbst zu
vergleichen. Denn Charlotte war der Meinung, man könne nicht geschwind genug mit
dem Charakter der Menschen bekannt werden, mit denen man zu leben hat, um zu
wissen, was sich von ihnen erwarten, was sich an ihnen bilden lässt, oder was man
ihnen ein für allemal zugestehen und verzeihen muss.
    Sie fand zwar bei dieser Untersuchung nichts Neues, aber manches Bekannte
ward ihr bedeutender und auffallender. So konnte ihr zum Beispiel Ottiliens
Mässigkeit im Essen und Trinken wirklich Sorge machen.
    Das Nächste, was die Frauen beschäftigte, war der Anzug. Charlotte verlangte
von Ottilien, sie solle in Kleidern reicher und mehr ausgesucht erscheinen.
Sogleich schnitt das gute, tätige Kind die ihr früher geschenkten Stoffe selbst
zu und wusste sie sich mit geringer Beihülfe anderer schnell und höchst zierlich
anzupassen. Die neuen, modischen Gewänder erhöhten ihre Gestalt; denn indem das
Angenehme einer Person sich auch über ihre Hülle verbreitet, so glaubt man sie
immer wieder von neuem und anmutiger zu sehen, wenn sie ihre Eigenschaften einer
neuen Umgebung mitteilt.
    Dadurch ward sie den Männern, wie von Anfang so immer mehr, dass wir es nur
mit dem rechten Namen nennen, ein wahrer Augentrost. Denn wenn der Smaragd durch
seine herrliche Farbe dem Gesicht wohltut, ja sogar einige Heilkraft an diesem
edlen Sinn ausübt, so wirkt die menschliche Schönheit noch mit weit grösserer
Gewalt auf den äussern und innern Sinn. Wer sie erblickt, den kann nichts Übles
anwehen; er fühlt sich mit sich selbst und mit der Welt in Übereinstimmung.
    Auf manche Weise hatte daher die Gesellschaft durch Ottiliens Ankunft
gewonnen. Die beiden Freunde hielten regelmässiger die Stunden, ja die Minuten
der Zusammenkünfte. Sie liessen weder zum Essen, noch zum Tee, noch zum
Spaziergang länger als billig auf sich warten. Sie eilten, besonders abends,
nicht so bald von Tische weg. Charlotte bemerkte das wohl und liess beide nicht
unbeobachtet. Sie suchte zu erforschen, ob einer vor dem andern hiezu den Anlass
gäbe; aber sie konnte keinen Unterschied bemerken. Beide zeigten sich überhaupt
geselliger. Bei ihren Unterhaltungen schienen sie zu bedenken, was Ottiliens
Teilnahme zu erregen geeignet sein möchte, was ihren Einsichten, ihren übrigen
Kenntnissen gemäss wäre. Beim Lesen und Erzählen hielten sie inne, bis sie
wiederkam. Sie wurden milder und im ganzen mitteilender.
    In Erwiderung dagegen wuchs die Dienstbeflissenheit Ottiliens mit jedem
Tage. Je mehr sie das Haus, die Menschen, die Verhältnisse kennenlernte, desto
lebhafter griff sie ein, desto schneller verstand sie jeden Blick, jede
Bewegung, ein halbes Wort, einen Laut. Ihre ruhige Aufmerksamkeit blieb sich
immer gleich, so wie ihre gelassene Regsamkeit. Und so war ihr Sitzen,
Aufstehen, Gehen, Kommen, Holen, Bringen, Wiederniedersitzen ohne einen Schein
von Unruhe, ein ewiger Wechsel, eine ewige angenehme Bewegung. Dazu kam, dass man
sie nicht gehen hörte; so leise trat sie auf.
    Diese anständige Dienstfertigkeit Ottiliens machte Charlotten viele Freude.
Ein einziges, was ihr nicht ganz angemessen vorkam, verbarg sie Ottilien nicht.
»Es gehört«, sagte sie eines Tages zu ihr, »unter die lobenswürdigen
Aufmerksamkeiten, dass wir uns schnell bücken, wenn jemand etwas aus der Hand
fallen lässt, und es eilig aufzuheben suchen. Wir bekennen uns dadurch ihm
gleichsam dienstpflichtig; nur ist in der grössern Welt dabei zu bedenken, wem
man eine solche Ergebenheit bezeigt. Gegen Frauen will ich dir darüber keine
Gesetze vorschreiben. Du bist jung. Gegen Höhere und Ältere ist es Schuldigkeit,
gegen deinesgleichen Artigkeit, gegen Jüngere und Niedere zeigt man sich dadurch
menschlich und gut; nur will es einem Frauenzimmer nicht wohl geziemen, sich
Männern auf diese Weise ergeben und dienstbar zu bezeigen.«
    »Ich will es mir abzugewöhnen suchen,« versetzte Ottilie. »Indessen werden
Sie mir diese Unschicklichkeit vergeben, wenn ich Ihnen sage, wie ich dazu
gekommen bin. Man hat uns die Geschichte gelehrt; ich habe nicht soviel daraus
behalten, als ich wohl gesollt hätte; denn ich wusste nicht, wozu ichs brauchen
würde. Nur einzelne Begebenheiten sind mir sehr eindrücklich gewesen, so
folgende:
    Als Karl der Erste von England vor seinen sogenannten Richtern stand, fiel
der goldne Knopf des Stöckchens, das er trug, herunter. Gewohnt, dass bei solchen
Gelegenheiten sich alles für ihn bemühte, schien er sich umzusehen und zu
erwarten, dass ihm jemand auch diesmal den kleinen Dienst erzeigen sollte. Es
regte sich niemand; er bückte sich selbst, um den Knopf aufzuheben. Mir kam das
so schmerzlich vor, ich weiss nicht, ob mit Recht, dass ich von jenem Augenblick
an niemanden kann etwas aus den Händen fallen sehn, ohne mich darnach zu bücken.
Da es aber freilich nicht immer schicklich sein mag und ich«, fuhr sie lächelnd
fort, »nicht jederzeit meine Geschichte erzählen kann, so will ich mich künftig
mehr zurückhalten.«
    Indessen hatten die guten Anstalten, zu denen sich die beiden Freunde
berufen fühlten, ununterbrochenen Fortgang. Ja täglich fanden sie neuen Anlass,
etwas zu bedenken und zu unternehmen.
    Als sie eines Tages zusammen durch das Dorf gingen, bemerkten sie missfällig,
wie weit es an Ordnung und Reinlichkeit hinter jenen Dörfern zurückstehe, wo die
Bewohner durch die Kostbarkeit des Raums auf beides hingewiesen werden.
    »Du erinnerst dich,« sagte der Hauptmann, »wie wir auf unserer Reise durch
die Schweiz den Wunsch äusserten, eine ländliche sogenannte Parkanlage recht
eigentlich zu verschönern, indem wir ein so gelegenes Dorf nicht zur Schweizer
Bauart, sondern zur Schweizer Ordnung und Sauberkeit, welche die Benutzung so
sehr befördern, einrichteten.«
    »Hier zum Beispiel«, versetzte Eduard, »ginge das wohl an. Der Schlossberg
verläuft sich in einen vorspringenden Winkel herunter; das Dorf ist ziemlich
regelmässig im Halbzirkel gegenüber gebaut; dazwischen fliesst der Bach, gegen
dessen Anschwellen sich der eine mit Steinen, der andere mit Pfählen, wieder
einer mit Balken und der Nachbar sodann mit Planken verwahren will, keiner aber
den andern fördert, vielmehr sich und den übrigen Schaden und Nachteil bringt.
So geht der Weg auch in ungeschickter Bewegung bald herauf, bald herab, bald
durchs Wasser, bald über Steine. Wollten die Leute mit Hand anlegen, so würde
kein grosser Zuschuss nötig sein, um hier eine Mauer im Halbkreis aufzuführen, den
Weg dahinter bis an die Häuser zu erhöhen, den schönsten Raum herzustellen, der
Reinlichkeit Platz zu geben und durch eine ins Grosse gehende Anstalt alle
kleine, unzulängliche Sorge auf einmal zu verbannen.«
    »Lass es uns versuchen!« sagte der Hauptmann, indem er die Lage mit den Augen
überlief und schnell beurteilte.
    »Ich mag mit Bürgern und Bauern nichts zu tun haben, wenn ich ihnen nicht
geradezu befehlen kann,« versetzte Eduard.
    »Du hast so unrecht nicht,« erwiderte der Hauptmann; »denn auch mir machten
dergleichen Geschäfte im Leben schon viel Verdruss. Wie schwer ist es, dass der
Mensch recht abwäge, was man aufopfern muss gegen das, was zu gewinnen ist, wie
schwer, den Zweck zu wollen und die Mittel nicht zu verschmähen! Viele
verwechseln gar die Mittel und den Zweck, erfreuen sich an jenen, ohne diesen im
Auge zu behalten. Jedes Übel soll an der Stelle geheilt werden, wo es zum
Vorschein kommt, und man bekümmert sich nicht um jenen Punkt, wo es eigentlich
seinen Ursprung nimmt, woher es wirkt. Deswegen ist es so schwer, Rat zu
pflegen, besonders mit der Menge, die im Täglichen ganz verständig ist, aber
selten weiter sieht als auf morgen. Kommt nun gar dazu, dass der eine bei einer
gemeinsamen Anstalt gewinnen, der andre verlieren soll, da ist mit Vergleich nun
gar nichts auszurichten. Alles eigentlich gemeinsame Gute muss durch das
unumschränkte Majestätsrecht gefördert werden.«
    Indem sie standen und sprachen, bettelte sie ein Mensch an, der mehr frech
als bedürftig aussah. Eduard, ungern unterbrochen und beunruhigt, schalt ihn,
nachdem er ihn einigemal vergebens gelassener abgewiesen hatte. Als aber der
Kerl sich murrend, ja gegenscheltend mit kleinen Schritten entfernte, auf die
Rechte des Bettlers trotzte, dem man wohl ein Almosen versagen, ihn aber nicht
beleidigen dürfe, weil er so gut wie jeder andere unter dem Schutze Gottes und
der Obrigkeit stehe, kam Eduard ganz aus der Fassung.
    Der Hauptmann, ihn zu begütigen, sagte darauf: »Lass uns diesen Vorfall als
eine Aufforderung annehmen, unsere ländliche Polizei auch hierüber zu
erstrecken! Almosen muss man einmal geben; man tut aber besser, wenn man sie
nicht selbst gibt, besonders zu Hause. Da sollte man mässig und gleichförmig in
allem sein, auch im Wohltun. Eine allzu reichliche Gabe lockt Bettler herbei,
anstatt sie abzufertigen, dagegen man wohl auf der Reise, im Vorbeifliegen,
einem Armen an der Strasse in der Gestalt des zufälligen Glücks erscheinen und
ihm eine überraschende Gabe zuwerfen mag. Uns macht die Lage des Dorfes, des
Schlosses eine solche Anstalt sehr leicht; ich habe schon früher darüber
nachgedacht.
    An dem einen Ende des Dorfes liegt das Wirtshaus, an dem andern wohnen ein
Paar alte, gute Leute; an beiden Orten musst du eine kleine Geldsumme
niederlegen. Nicht der ins Dorf Hereingehende, sondern der Hinausgehende erhält
etwas; und da die beiden Häuser zugleich an den Wegen stehen, die auf das Schloss
führen, so wird auch alles, was sich hinaufwenden wollte, an die beiden Stellen
gewiesen.«
    »Komm,« sagte Eduard, »wir wollen das gleich abmachen; das Genauere können
wir immer noch nachholen.«
    Sie gingen zum Wirt und zu dem alten Paare, und die Sache war abgetan.
    »Ich weiss recht gut,« sagte Eduard, indem sie zusammen den Schlossberg wieder
hinaufstiegen, »dass alles in der Welt ankommt auf einen gescheiten Einfall und
auf einen festen Entschluss. So hast du die Parkanlagen meiner Frau sehr richtig
beurteilt und mir auch schon einen Wink zum Bessern gegeben, den ich ihr, wie
ich gar nicht leugnen will, sogleich mitgeteilt habe.«
    »Ich konnte es vermuten,« versetzte der Hauptmann, »aber nicht billigen. Du
hast sie irregemacht; sie lässt alles liegen und trutzt in dieser einzigen Sache
mit uns; denn sie vermeidet davon zu reden und hat uns nicht wieder zur
Mooshütte eingeladen, ob sie gleich mit Ottilien in den Zwischenstunden
hinaufgeht.«
    »Dadurch müssen wir uns«, versetzte Eduard, »nicht abschrecken lassen. Wenn
ich von etwas Gutem überzeugt bin, was geschehen könnte und sollte, so habe ich
keine Ruhe, bis ich es getan sehe. Sind wir doch sonst klug, etwas einzuleiten!
Lass uns die englischen Parkbeschreibungen mit Kupfern zur Abendunterhaltung
vornehmen, nachher deine Gutskarte! Man muss es erst problematisch und nur wie
zum Scherz behandeln; der Ernst wird sich schon finden.«
    Nach dieser Verabredung wurden die Bücher aufgeschlagen, worin man jedesmal
den Grundriss der Gegend und ihre landschaftliche Ansicht in ihrem ersten, rohen
Naturzustande gezeichnet sah, sodann auf andern Blättern die Veränderung
vorgestellt fand, welche die Kunst daran vorgenommen, um alles das bestehende
Gute zu nutzen und zu steigern. Hievon war der Übergang zur eigenen Besitzung,
zur eignen Umgebung und zu dem, was man daran ausbilden könnte, sehr leicht.
    Die von dem Hauptmann entworfene Karte zum Grunde zu legen, war nunmehr eine
angenehme Beschäftigung; nur konnte man sich von jener ersten Vorstellung, nach
der Charlotte die Sache einmal angefangen hatte, nicht ganz losreissen. Doch
erfand man einen leichtern Aufgang auf die Höhe; man wollte oberwärts am Abhange
vor einem angenehmen Hölzchen ein Lustgebäude aufführen; dieses sollte einen
Bezug aufs Schloss haben; aus den Schlossfenstern sollte man es übersehen, von
dorter Schloss und Gärten wieder bestreichen können.
    Der Hauptmann hatte alles wohl überlegt und gemessen und brachte jenen
Dorfweg, jene Mauer am Bache her, jene Ausfüllung wieder zur Sprache. »Ich
gewinne,« sagte er, »indem ich einen bequemen Weg zur Anhöhe hinaufführe, gerade
soviel Steine, als ich zu jener Mauer bedarf. Sobald eins ins andre greift, wird
beides wohlfeiler und geschwinder bewerkstelligt.«
    »Nun aber«, sagte Charlotte, »kommt meine Sorge. Notwendig muss etwas
Bestimmtes ausgesetzt werden; und wenn man weiss, wieviel zu einer solchen Anlage
erforderlich ist, dann teilt man es ein, wo nicht auf Wochen, doch wenigstens
auf Monate. Die Kasse ist unter meinem Beschluss; ich zahle die Zettel, und die
Rechnung führe ich selbst.«
    »Du scheinst uns nicht sonderlich viel zu vertrauen,« sagte Eduard.
    »Nicht viel in willkürlichen Dingen,« versetzte Charlotte. »Die Willkür
wissen wir besser zu beherrschen als ihr.«
    Die Einrichtung war gemacht, die Arbeit rasch angefangen, der Hauptmann
immer gegenwärtig und Charlotte nunmehr fast täglich Zeuge seines ernsten und
bestimmten Sinnes. Auch er lernte sie näher kennen, und beiden wurde es leicht,
zusammen zu wirken und etwas zustande zu bringen.
    Es ist mit den Geschäften wie mit dem Tanze: Personen, die gleichen Schritt
halten, müssen sich unentbehrlich werden, ein wechselseitiges Wohlwollen muss
notwendig daraus entspringen, und dass Charlotte dem Hauptmann, seitdem sie ihn
näher kennengelernt, wirklich wohlwollte, davon war ein sicherer Beweis, dass sie
ihn einen schönen Ruheplatz, den sie bei ihren ersten Anlagen besonders
ausgesucht und verziert hatte, der aber seinem Plane entgegenstand, ganz
gelassen zerstören liess, ohne auch nur die mindeste unangenehme Empfindung dabei
zu haben.
 
                               Siebentes Kapitel
Indem nun Charlotte mit dem Hauptmann eine gemeinsame Beschäftigung fand, so war
die Folge, dass sich Eduard mehr zu Ottilien gesellte. Für sie sprach ohnehin
seit einiger Zeit eine stille, freundliche Neigung in seinem Herzen. Gegen
jedermann war sie dienstfertig und zuvorkommend; dass sie es gegen ihn am meisten
sei, das wollte seiner Selbstliebe scheinen. Nun war keine Frage: was für
Speisen und wie er sie liebte, hatte sie schon genau bemerkt; wieviel er Zucker
zum Tee zu nehmen pflegte und was dergleichen mehr ist, entging ihr nicht.
Besonders war sie sorgfältig, alle Zugluft abzuwehren, gegen die er eine
übertriebene Empfindlichkeit zeigte und deshalb mit seiner Frau, der es nicht
luftig genug sein konnte, manchmal in Widerspruch geriet. Ebenso wusste sie im
Baum- und Blumengarten Bescheid. Was er wünschte, suchte sie zu befördern, was
ihn ungeduldig machen konnte, zu verhüten, dergestalt dass sie in kurzem wie ein
freundlicher Schutzgeist ihm unentbehrlich ward und er anfing, ihre Abwesenheit
schon peinlich zu empfinden. Hiezu kam noch, dass sie gesprächiger und offener
schien, sobald sie sich allein trafen.
    Eduard hatte bei zunehmenden Jahren immer etwas Kindliches behalten, das der
Jugend Ottiliens besonders zusagte. Sie erinnerten sich gern früherer Zeiten, wo
sie einander gesehen; es stiegen diese Erinnerungen bis in die ersten Epochen
der Neigung Eduards zu Charlotten. Ottilie wollte sich der beiden noch als des
schönsten Hofpaares erinnern; und wenn Eduard ihr ein solches Gedächtnis aus
ganz früher Jugend absprach, so behauptete sie doch, besonders einen Fall noch
vollkommen gegenwärtig zu haben, wie sie sich einmal bei seinem Hereintreten in
Charlottens Schoss versteckt, nicht aus Furcht, sondern aus kindischer
Überraschung. Sie hätte dazusetzen können: weil er so lebhaften Eindruck auf sie
gemacht, weil er ihr gar so wohl gefallen.
    Bei solchen Verhältnissen waren manche Geschäfte, welche die beiden Freunde
zusammen früher vorgenommen, gewissermassen in Stocken geraten, so dass sie für
nötig fanden, sich wieder eine Übersicht zu verschaffen, einige Aufsätze zu
entwerfen, Briefe zu schreiben. Sie bestellten sich deshalb auf ihre Kanzlei, wo
sie den alten Kopisten müssig fanden. Sie gingen an die Arbeit und gaben ihm bald
zu tun, ohne zu bemerken, dass sie ihm manches aufbürdeten, was sie sonst selbst
zu verrichten gewohnt waren. Gleich der erste Aufsatz wollte dem Hauptmann,
gleich der erste Brief Eduarden nicht gelingen. Sie quälten sich eine Zeitlang
mit Konzipieren und Umschreiben, bis endlich Eduard, dem es am wenigsten
vonstatten ging, nach der Zeit fragte.
    Da zeigte sich denn, dass der Hauptmann vergessen hatte, seine
chronometrische Sekundenuhr aufzuziehen, das erstemal seit vielen Jahren; und
sie schienen, wo nicht zu empfinden, doch zu ahnen, dass die Zeit anfange, ihnen
gleichgültig zu werden.
    Indem so die Männer einigermassen in ihrer Geschäftigkeit nachliessen, wuchs
vielmehr die Tätigkeit der Frauen. Überhaupt nimmt die gewöhnliche Lebensweise
einer Familie, die aus den gegebenen Personen und aus notwendigen Umständen
entspringt, auch wohl eine ausserordentliche Neigung, eine werdende Leidenschaft
in sich wie ein Gefäss auf, und es kann eine ziemliche Zeit vergehen, ehe dieses
neue Ingrediens eine merkliche Gärung verursacht und schäumend über den Rand
schwillt.
    Bei unsern Freunden waren die entstehenden wechselseitigen Neigungen von der
angenehmsten Wirkung. Die Gemüter öffneten sich, und ein allgemeines Wohlwollen
entsprang aus dem besonderen. Jeder Teil fühlte sich glücklich und gönnte dem
andern sein Glück.
    Ein solcher Zustand erhebt den Geist, indem er das Herz erweitert, und
alles, was man tut und vornimmt, hat eine Richtung gegen das Unermessliche. So
waren auch die Freunde nicht mehr in ihrer Wohnung befangen. Ihre Spaziergänge
dehnten sich weiter aus, und wenn dabei Eduard mit Ottilien, die Pfade zu
wählen, die Wege zu bahnen, vorauseilte, so folgte der Hauptmann mit Charlotten
in bedeutender Unterhaltung, teilnehmend an manchem neuentdeckten Plätzchen, an
mancher unerwarteten Aussicht, geruhig der Spur jener rascheren Vorgänger.
    Eines Tages leitete sie ihr Spaziergang durch die Schlosspforte des rechten
Flügels hinunter nach dem Gastofe, über die Brücke gegen die Teiche zu, an
denen sie hingingen, soweit man gewöhnlich das Wasser verfolgte, dessen Ufer
sodann, von einem buschigen Hügel und weiterhin von Felsen eingeschlossen,
aufhörte, gangbar zu sein.
    Aber Eduard, dem von seinen Jagdwanderungen her die Gegend bekannt war,
drang mit Ottilien auf einem bewachsenen Pfade weiter vor, wohl wissend, dass die
alte, zwischen Felsen versteckte Mühle nicht weit abliegen konnte. Allein der
wenig betretene Pfad verlor sich bald, und sie fanden sich im dichten Gebüsch
zwischen moosigem Gestein verirrt, doch nicht lange; denn das Rauschen der Räder
verkündigte ihnen sogleich die Nähe des gesuchten Ortes.
    Auf eine Klippe vorwärts tretend, sahen sie das alte, schwarze, wunderliche
Holzgebäude im Grunde vor sich, von steilen Felsen sowie von hohen Bäumen
umschattet. Sie entschlossen sich kurz und gut, über Moos und Felstrümmer
hinabzusteigen, Eduard voran; und wenn er nun in die Höhe sah und Ottilie leicht
schreitend, ohne Furcht und Ängstlichkeit, im schönsten Gleichgewicht von Stein
zu Stein ihm folgte, glaubte er ein himmlisches Wesen zu sehen, das über ihm
schwebte. Und wenn sie nun manchmal an unsicherer Stelle seine ausgestreckte
Hand ergriff, ja sich auf seine Schulter stützte, dann konnte er sich nicht
verleugnen, dass es das zarteste weibliche Wesen sei, das ihn berührte. Fast
hätte er gewünscht, sie möchte straucheln, gleiten, dass er sie in seine Arme
auffangen, sie an sein Herz drücken könnte. Doch dies hätte er unter keiner
Bedingung getan, aus mehr als einer Ursache: er fürchtete sie zu beleidigen, sie
zu beschädigen.
    Wie dies gemeint sei, erfahren wir sogleich. Denn als er nun herabgelangt,
ihr unter den hohen Bäumen am ländlichen Tische gegenübersass, die freundliche
Müllerin nach Milch, der bewillkommende Müller Charlotten und dem Hauptmann
entgegen gesandt war, fing Eduard mit einigem Zaudern zu sprechen an:
    »Ich habe eine Bitte, liebe Ottilie; verzeihen Sie mir die, wenn Sie mir sie
auch versagen! Sie machen kein Geheimnis daraus, und es braucht es auch nicht,
dass Sie unter Ihrem Gewand, auf Ihrer Brust ein Miniaturbild tragen. Es ist das
Bild Ihres Vaters, des braven Mannes, den Sie kaum gekannt und der in jedem
Sinne eine Stelle an Ihrem Herzen verdient. Aber vergeben Sie mir: das Bild ist
ungeschickt gross, und dieses Metall, dieses Glas macht mir tausend Ängste, wenn
Sie ein Kind in die Höhe heben, etwas vor sich hintragen, wenn die Kutsche
schwankt, wenn wir durchs Gebüsch dringen, eben jetzt, wie wir vom Felsen
herabstiegen. Mir ist die Möglichkeit schrecklich, dass irgendein unvorgesehener
Stoss, ein Fall, eine Berührung Ihnen schädlich und verderblich sein könnte. Tun
Sie es mir zuliebe, entfernen Sie das Bild, nicht aus Ihrem Andenken, nicht aus
Ihrem Zimmer; ja geben Sie ihm den schönsten, den heiligsten Ort Ihrer Wohnung;
nur von Ihrer Brust entfernen Sie etwas, dessen Nähe mir, vielleicht aus
Übertriebener Ängstlichkeit, so gefährlich scheint!«
    Ottilie schwieg und hatte, während er sprach, vor sich hingesehen; dann,
ohne Übereilung und ohne Zaudern, mit einem Blick mehr gen Himmel als auf Eduard
gewendet, löste sie die Kette, zog das Bild hervor, drückte es gegen ihre Stirn
und reichte es dem Freunde hin mit den Worten: »Heben Sie mir es auf, bis wir
nach Hause kommen! Ich vermag Ihnen nicht besser zu bezeugen, wie sehr ich Ihre
freundliche Sorgfalt zu schätzen weiss.«
    Der Freund wagte nicht, das Bild an seine Lippen zu drücken, aber er fasste
ihre Hand und drückte sie an seine Augen. Es waren vielleicht die zwei schönsten
Hände, die sich jemals zusammenschlossen. Ihm war, als wenn ihm ein Stein vom
Herzen gefallen wäre, als wenn sich eine Scheidewand zwischen ihm und Ottilien
niedergelegt hätte.
    Vom Müller geführt, langten Charlotte und der Hauptmann auf einem bequemeren
Pfade herunter. Man begrüsste sich, man erfreute und erquickte sich. Zurück
wollte man denselben Weg nicht kehren, und Eduard schlug einen Felspfad auf der
andern Seite des Baches vor, auf welchem die Teiche wieder zu Gesicht kamen,
indem man ihn mit einiger Anstrengung zurücklegte. Nun durchstrich man
abwechselndes Gehölz und erblickte nach dem Lande zu mancherlei Dörfer, Flecken,
Meiereien mit ihren grünen und fruchtbaren Umgebungen; zunächst ein Vorwerk, das
an der Höhe mitten im Holze gar vertraulich lag. Am schönsten zeigte sich der
grösste Reichtum der Gegend, vor- und rückwärts, auf der sanfterstiegenen Höhe,
von da man zu einem lustigen Wäldchen gelangte und beim Heraustreten aus
demselben sich auf dem Felsen dem Schloss gegenüber befand.
    Wie froh waren sie, als sie daselbst gewissermassen unvermutet ankamen! Sie
hatten eine kleine Welt umgangen; sie standen auf dem Platze, wo das neue
Gebäude hinkommen sollte, und sahen wieder in die Fenster ihrer Wohnung.
    Man stieg zur Mooshütte hinunter und sass zum erstenmal darin zu vieren.
Nichts war natürlicher, als dass einstimmig der Wunsch ausgesprochen wurde,
dieser heutige Weg, den sie langsam und nicht ohne Beschwerlichkeit gemacht,
möchte dergestalt geführt und eingerichtet werden, dass man ihn gesellig,
schlendernd und mit Behaglichkeit zurücklegen könnte. Jedes tat Vorschläge, und
man berechnete, dass der Weg, zu welchem sie mehrere Stunden gebraucht hatten,
wohlgebahnt in einer Stunde zum Schloss zurückführen müsste. Schon legte man in
Gedanken unterhalb der Mühle, wo der Bach in die Teiche fliesst, eine
wegverkürzende und die Landschaft zierende Brücke an, als Charlotte der
erfindenden Einbildungskraft einigen Stillstand gebot, indem sie an die Kosten
erinnerte, welche zu einem solchen Unternehmen erforderlich sein würden.
    »Hier ist auch zu helfen,« versetzte Eduard. »Jenes Vorwerk im Walde, das so
schön zu liegen scheint und so wenig einträgt, dürfen wir nur veräussern und das
daraus Gelöste zu diesen Anlagen verwenden, so geniessen wir vergnüglich auf
einem unschätzbaren Spaziergange die Interessen eines wohlangelegten Kapitals,
da wir jetzt mit Missmut, bei letzter Berechnung am Schlusse des Jahrs, eine
kümmerliche Einnahme davon ziehen.«
    Charlotte selbst konnte als gute Haushälterin nicht viel dagegen erinnern.
Die Sache war schon früher zur Sprache gekommen. Nun wollte der Hauptmann einen
Plan zu Zerschlagung der Grundstücke unter die Waldbauern machen; Eduard aber
wollte kürzer und bequemer verfahren wissen. Der gegenwärtige Pachter, der schon
Vorschläge getan hatte, sollte es erhalten, terminweise zahlen, und so
terminweise wollte man die planmässigen Anlagen von Strecke zu Strecke vornehmen.
    So eine vernünftige, gemässigte Einrichtung musste durchaus Beifall finden,
und schon sah die ganze Gesellschaft im Geiste die neuen Wege sich schlängeln,
auf denen und in deren Nähe man noch die angenehmsten Ruhe- und Aussichtsplätze
zu entdecken hoffte.
    Um sich alles mehr im einzelnen zu vergegenwärtigen, nahm man abends zu
Hause sogleich die neue Karte vor. Man übersah den zurückgelegten Weg und wie er
vielleicht an einigen Stellen noch vorteilhafter zu führen wäre. Alle früheren
Vorsätze wurden nochmals durchgesprochen und mit den neuesten Gedanken
verbunden, der Platz des neuen Hauses gegen dem Schloss über nochmals gebilligt
und der Kreislauf der Wege bis dahin abgeschlossen.
    Ottilie hatte zu dem allen geschwiegen, als Eduard zuletzt den Plan, der
bisher vor Charlotten gelegen, vor sie hinwandte und sie zugleich einlud, ihre
Meinung zu sagen, und, als sie einen Augenblick anhielt, sie liebevoll
ermunterte, doch ja nicht zu schweigen; alles sei ja noch gleichgültig, alles
noch im Werden.
    »Ich würde«, sagte Ottilie, indem sie den Finger auf die höchste Fläche der
Anhöhe setzte, »das Haus hieher bauen. Man sähe zwar das Schloss nicht, denn es
wird von dem Wäldchen bedeckt; aber man befände sich auch dafür wie in einer
andern und neuen Welt, indem zugleich das Dorf und alle Wohnungen verborgen
wären. Die Aussicht auf die Teiche, nach der Mühle, auf die Höhen, in die
Gebirge, nach dem Lande zu ist ausserordentlich schön; ich habe es im Vorbeigehen
bemerkt.«
    »Sie hat recht!« rief Eduard. »Wie konnte uns das nicht einfallen! Nicht
wahr, so ist es gemeint, Ottilie?« - Er nahm einen Bleistift und strich ein
längliches Viereck recht stark und derb auf die Anhöhe.
    Dem Hauptmann fuhr das durch die Seele, denn er sah einen sorgfältigen,
reinlich gezeichneten Plan ungern auf diese Weise verunstaltet; doch fasste er
sich nach einer leisen Missbilligung und ging auf den Gedanken ein. »Ottilie hat
recht,« sagte er; »macht man nicht gern eine entfernte Spazierfahrt, um einen
Kaffee zu trinken, einen Fisch zu geniessen, der uns zu Hause nicht so gut
geschmeckt hätte? Wir verlangen Abwechselung und fremde Gegenstände. Das Schloss
haben die Alten mit Vernunft hieher gebaut denn es liegt geschützt vor den
Winden und nah an allen täglichen Bedürfnissen; ein Gebäude hingegen, mehr zum
geselligen Aufentalt als zur Wohnung, wird sich dortin recht wohl schicken und
in der guten Jahrszeit die angenehmsten Stunden gewähren.«
    Je mehr man die Sache durchsprach, desto günstiger erschien sie, und Eduard
konnte seinen Triumph nicht bergen, dass Ottilie den Gedanken gehabt. Er war so
stolz darauf, als ob die Erfindung sein gewesen wäre.
 
                                 Achtes Kapitel
Der Hauptmann untersuchte gleich am frühsten Morgen den Platz, entwarf erst
einen flüchtigen und, als die Gesellschaft an Ort und Stelle sich nochmals
entschieden hatte, einen genauen Riss nebst Anschlag und allem Erforderlichen. Es
fehlte nicht an der nötigen Vorbereitung. Jenes Geschäft wegen Verkauf des
Vorwerks ward auch sogleich wieder angegriffen. Die Männer fanden zusammen neuen
Anlass zur Tätigkeit.
    Der Hauptmann machte Eduarden bemerklich, dass es eine Artigkeit, ja wohl gar
eine Schuldigkeit sei, Charlottens Geburtstag durch Legung des Grundsteins zu
feiern. Es bedurfte nicht viel, die alte Abneigung Eduards gegen solche Feste zu
überwinden; denn es kam ihm schnell in den Sinn, Ottiliens Geburtstag, der
später fiel, gleichfalls recht feierlich zu begehen.
    Charlotte, der die neuen Anlagen, und was deshalb geschehen sollte,
bedeutend, ernstlich, ja fast bedenklich vorkamen, beschäftigte sich damit, die
Anschläge, Zeit- und Geldeinteilungen nochmals für sich durchzugehen. Man sah
sich des Tages weniger, und mit desto mehr Verlangen suchte man sich des Abends
auf.
    Ottilie war indessen schon völlig Herrin des Haushaltes, und wie konnte es
anders sein bei ihrem stillen und sichern Betragen. Auch war ihre ganze
Sinnesweise dem Hause und dem Häuslichen mehr als der Welt, mehr als dem Leben
im Freien zugewendet. Eduard bemerkte bald, dass sie eigentlich nur aus
Gefälligkeit in die Gegend mitging, dass sie nur aus geselliger Pflicht abends
länger draussen verweilte, auch wohl manchmal einen Vorwand häuslicher Tätigkeit
suchte, um wieder hineinzugehen. Sehr bald wusste er daher die gemeinschaftlichen
Wanderungen so einzurichten, dass man vor Sonnenuntergang wieder zu Hause war,
und fing an, was er lange unterlassen hatte, Gedichte vorzulesen, solche
besonders, in deren Vortrag der Ausdruck einer reinen, doch leidenschaftlichen
Liebe zu legen war.
    Gewöhnlich sassen sie abends um einen kleinen Tisch auf hergebrachten
Plätzen: Charlotte auf dem Sofa, Ottilie auf einem Sessel gegen ihr über, und
die Männer nahmen die beiden andern Seiten ein. Ottilie sass zu Eduarden zur
Rechten, wohin er auch das Licht schob, wenn er las. Alsdann rückte sich Ottilie
wohl näher, um ins Buch zu sehen, denn auch sie traute ihren eigenen Augen mehr
als fremden Lippen; und Eduard gleichfalls rückte zu, um es ihr auf alle Weise
bequem zu machen, ja er hielt oft längere Pausen als nötig, damit er nur nicht
eher umwendete, bis auch sie zu Ende der Seite gekommen.
    Charlotte und der Hauptmann bemerkten es wohl und sahen manchmal einander
lächelnd an; doch wurden beide von einem andern Zeichen überrascht, in welchem
sich Ottiliens stille Neigung gelegentlich offenbarte.
    An einem Abende, welcher der kleinen Gesellschaft durch einen lästigen
Besuch zum Teil verloren gegangen, tat Eduard den Vorschlag, noch beisammen zu
bleiben. Er fühlte sich aufgelegt, seine Flöte vorzunehmen, welche lange nicht
an die Tagesordnung gekommen war. Charlotte suchte nach den Sonaten, die sie
zusammen gewöhnlich auszuführen pflegten, und da sie nicht zu finden waren,
gestand Ottilie nach einigem Zaudern, dass sie solche mit auf ihr Zimmer
genommen.
    »Und Sie können, Sie wollen mich auf dem Flügel begleiten?« rief Eduard, dem
die Augen vor Freude glänzten. »Ich glaube wohl,« versetzte Ottilie, »dass es
gehen wird.« Sie brachte die Noten herbei und setzte sich ans Klavier. Die
Zuhörenden waren aufmerksam und überrascht, wie vollkommen Ottilie das
Musikstück für sich selbst eingelernt hatte, aber noch mehr überrascht, wie sie
es der Spielart Eduards anzupassen wusste. Anzupassen wusste ist nicht der rechte
Ausdruck; denn wenn es von Charlottens Geschicklichkeit und freiem Willen
abhing, ihrem bald zögernden, bald voreilenden Gatten zuliebe hier anzuhalten,
dort mitzugehen, so schien Ottilie, welche die Sonate von jenen einigemal
spielen gehört, sie nur in dem Sinne eingelernt zu haben, wie jener sie
begleitete. Sie hatte seine Mängel so zu den ihrigen gemacht, dass daraus wieder
eine Art von lebendigem Ganzen entsprang, das sich zwar nicht taktgemäss bewegte,
aber doch höchst angenehm und gefällig lautete. Der Komponist selbst hätte seine
Freude daran gehabt, sein Werk auf eine so liebevolle Weise entstellt zu sehen.
    Auch diesem wundersamen, unerwarteten Begegnis sahen der Hauptmann und
Charlotte stillschweigend mit einer Empfindung zu, wie man oft kindische
Handlungen betrachtet, die man wegen ihrer besorglichen Folgen gerade nicht
billigt und doch nicht schelten kann, ja vielleicht beneiden muss. Denn
eigentlich war die Neigung dieser beiden ebensogut im Wachsen als jene, und
vielleicht nur noch gefährlicher dadurch, dass beide ernster, sicherer von sich
selbst, sich zu halten fähiger waren.
    Schon fing der Hauptmann an zu fühlen, dass eine unwiderstehliche Gewohnheit
ihn an Charlotten zu fesseln drohte. Er gewann es über sich, den Stunden
auszuweichen, in denen Charlotte nach den Anlagen zu kommen pflegte, indem er
schon am frühsten Morgen aufstand, alles anordnete und sich dann zur Arbeit auf
seinen Flügel ins Schloss zurückzog. Die ersten Tage hielt es Charlotte für
zufällig; sie suchte ihn an allen wahrscheinlichen Stellen; dann glaubte sie ihn
zu verstehen und achtete ihn nur um desto mehr.
    Vermied nun der Hauptmann, mit Charlotten allein zu sein, so war er desto
emsiger, zur glänzenden Feier des herannahenden Geburtsfestes die Anlagen zu
betreiben und zu beschleunigen; denn indem er von unten hinauf, hinter dem Dorfe
her, den bequemen Weg führte, so liess er, vorgeblich um Steine zu brechen, auch
von oben herunter arbeiten und hatte alles so eingerichtet und berechnet, dass
erst in der letzten Nacht die beiden Teile des Weges sich begegnen sollten. Zum
neuen Hause oben war auch schon der Keller mehr gebrochen als gegraben und ein
schöner Grundstein mit Fächern und Deckplatten zugehauen.
    Die äussere Tätigkeit, diese kleinen, freundlichen, geheimnisvollen Absichten
bei innern, mehr oder weniger zurückgedrängten Empfindungen liessen die
Unterhaltung der Gesellschaft, wenn sie beisammen war, nicht lebhaft werden,
dergestalt dass Eduard, der etwas Lückenhaftes empfand, den Hauptmann eines
Abends aufrief, seine Violine hervorzunehmen und Charlotten bei dem Klavier zu
begleiten. Der Hauptmann konnte dem allgemeinen Verlangen nicht widerstehen, und
so führten beide mit Empfindung, Behagen und Freiheit eins der schwersten
Musikstücke zusammen auf, dass es ihnen und dem zuhörenden Paar zum grössten
Vergnügen gereichte. Man versprach sich öftere Wiederholung und mehrere
Zusammenübung.
    »Sie machen es besser als wir, Ottilie!« sagte Eduard. »Wir wollen sie
bewundern, aber uns doch zusammen freuen.«
 
                                Neuntes Kapitel
Der Geburtstag war herbeigekommen und alles fertig geworden: die ganze Mauer,
die den Dorfweg gegen das Wasser zu einfasste und erhöhte, ebenso der Weg an der
Kirche vorbei, wo er eine Zeitlang in dem von Charlotten angelegten Pfade
fortlief, sich dann die Felsen hinaufwärts schlang, die Mooshütte links über
sich, dann nach einer völligen Wendung links unter sich liess und so allmählich
auf die Höhe gelangte.
    Es hatte sich diesen Tag viel Gesellschaft eingefunden. Man ging zur Kirche,
wo man die Gemeinde im festlichen Schmuck versammelt antraf. Nach dem
Gottesdienste zogen die Knaben, Jünglinge und Männer, wie es angeordnet war,
voraus; dann kam die Herrschaft mit ihrem Besuch und Gefolge; Mädchen,
Jungfrauen und Frauen machten den Beschluss.
    Bei der Wendung des Weges war ein erhöhter Felsenplatz eingerichtet; dort
liess der Hauptmann Charlotten und die Gäste ausruhen. Hier übersahn sie den
ganzen Weg, die hinaufgeschrittene Männerschar, die nachwandelnden Frauen,
welche nun vorbeizogen. Es war bei dem herrlichen Wetter ein wunderschöner
Anblick. Charlotte fühlte sich überrascht, gerührt und drückte dem Hauptmann
herzlich die Hand.
    Man folgte der sachte fortschreitenden Menge, die nun schon einen Kreis um
den künftigen Hausraum gebildet hatte. Der Bauherr, die Seinigen und die
vornehmsten Gäste wurden eingeladen, in die Tiefe hinabzusteigen, wo der
Grundstein, an einer Seite unterstützt, eben zum Niederlassen bereit lag. Ein
wohlgeputzter Maurer, die Kelle in der einen, den Hammer in der andern Hand,
hielt in Reimen eine anmutige Rede, die wir in Prosa nur unvollkommen
wiedergeben können.
    »Drei Dinge«, fing er an, »sind bei einem Gebäude zu beachten: dass es am
rechten Fleck stehe, dass es wohl gegründet, dass es vollkommen ausgeführt sei.
Das erste ist eigentlich die Sache des Bauherrn; denn wie in der Stadt nur der
Fürst und die Gemeine bestimmen können, wohin gebaut werden soll, so ist es auf
dem Lande das Vorrecht des Grundherrn, dass er sage: hier soll meine Wohnung
stehen und nirgends anders.«
    Eduard und Ottilie wagten nicht, bei diesen Worten einander anzusehen, ob
sie gleich nahe gegen einander über standen.
    »Das dritte, die Vollendung, ist die Sorge gar vieler Gewerke; ja wenige
sind, die nicht dabei beschäftigt wären. Aber das zweite, die Gründung, ist des
Maurers Angelegenheit und, dass wir es nur keck heraussagen, die
Hauptangelegenheit des ganzen Unternehmens. Es ist ein ernstes Geschäft, und
unsre Einladung ist ernstaft; denn diese Feierlichkeit wird in der Tiefe
begangen. Hier innerhalb dieses engen, ausgegrabenen Raums erweisen Sie uns die
Ehre, als Zeugen unseres geheimnisvollen Geschäftes zu erscheinen. Gleich werden
wir diesen wohlzugehauenen Stein niederlegen, und bald werden diese mit schönen
und würdigen Personen gezierten Erdwände nicht mehr zugänglich, sie werden
ausgefüllt sein.
    Diesen Grundstein, der mit seiner Ecke die rechte Ecke des Gebäudes, mit
seiner Rechtwinkligkeit die Regelmässigkeit desselben, mit seiner wasser- und
senkrechten Lage Lot und Waage aller Mauern und Wände bezeichnet, könnten wir
ohne weiteres niederlegen; denn er ruhte wohl auf seiner eignen Schwere. Aber
auch hier soll es am Kalk, am Bindungsmittel nicht fehlen; denn so wie Menschen,
die einander von Natur geneigt sind, noch besser zusammenhalten, wenn das Gesetz
sie verkittet, so werden auch Steine, deren Form schon zusammenpasst, noch besser
durch diese bindenden Kräfte vereinigt; und da es sich nicht ziemen will, unter
den Tätigen müssig zu sein, so werden Sie nicht verschmähen, auch hier
Mitarbeiter zu werden.«
    Er überreichte hierauf seine Kelle Charlotten, welche damit Kalk unter den
Stein warf. Mehreren wurde ein Gleiches zu tun angesonnen und der Stein alsobald
niedergesenkt, worauf denn Charlotten und den übrigen sogleich der Hammer
gereicht wurde, um durch ein dreimaliges Pochen die Verbindung des Steins mit
dem Grunde ausdrücklich zu segnen.
    »Des Maurers Arbeit,« fuhr der Redner fort, »zwar jetzt unter freiem Himmel,
geschieht, wo nicht immer im Verborgnen, doch zum Verborgnen. Der regelmässig
aufgeführte Grund wird verschüttet, und sogar bei den Mauern, die wir am Tage
aufführen, ist man unser am Ende kaum eingedenk. Die Arbeiten des Steinmetzen
und Bildhauers fallen mehr in die Augen, und wir müssen es sogar noch guteissen,
wenn der Tüncher die Spur unserer Hände völlig auslöscht und sich unser Werk
zueignet, indem er es überzieht, glättet und färbt.
    Wem muss also mehr daran gelegen sein, das, was er tut, sich selbst recht zu
machen, indem er es recht macht, als dem Maurer? Wer hat mehr als er das
Selbstbewusstsein zu nähren Ursach? Wenn das Haus aufgeführt, der Boden geplattet
und gepflastert, die Aussenseite mit Zieraten überdeckt ist, so sieht er durch
alle Hüllen immer noch hinein und erkennt noch jene regelmässigen, sorgfältigen
Fugen, denen das Ganze sein Dasein und seinen Halt zu danken hat.
    Aber wie jeder, der eine Übeltat begangen, fürchten muss, dass, ungeachtet
alles Abwehrens, sie dennoch ans Licht kommen werde, so muss derjenige erwarten,
der insgeheim das Gute getan, dass auch dieses wider seinen Willen an den Tag
komme. Deswegen machen wir diesen Grundstein zugleich zum Denkstein. Hier in
diese unterschiedlichen gehauenen Vertiefungen soll verschiedenes eingesenkt
werden zum Zeugnis für eine entfernte Nachwelt. Diese metallnen zugelöteten
Köcher entalten schriftliche Nachrichten; auf diese Metallplatten ist allerlei
Merkwürdiges eingegraben; in diesen schönen gläsernen Flaschen versenken wir den
besten alten Wein, mit Bezeichnung seines Geburtsjahrs; es fehlt nicht an Münzen
verschiedener Art, in diesem Jahre geprägt: alles dieses erhielten wir durch die
Freigebigkeit unseres Bauherrn. Auch ist hier noch mancher Platz, wenn irgendein
Gast und Zuschauer etwas der Nachwelt zu übergeben Belieben trüge.«
    Nach einer kleinen Pause sah der Geselle sich um; aber wie es in solchen
Fällen zu gehen pflegt: niemand war vorbereitet, jedermann überrascht, bis
endlich ein junger, munterer Offizier anfing und sagte: »Wenn ich etwas
beitragen soll, das in dieser Schatzkammer noch nicht niedergelegt ist, so muss
ich ein paar Knöpfe von der Uniform schneiden, die doch wohl auch verdienen, auf
die Nachwelt zu kommen.« Gesagt, getan! und nun hatte mancher einen ähnlichen
Einfall. Die Frauenzimmer säumten nicht, von ihren kleinen Haarkämmen
hineinzulegen; Riechfläschchen und andre Zierden wurden nicht geschont; nur
Ottilie zauderte, bis Eduard sie durch ein freundliches Wort aus der Betrachtung
aller der beigesteuerten und eingelegten Dinge herausriss. Sie löste darauf die
goldne Kette vom Halse, an der das Bild ihres Vaters gehangen hatte, und legte
sie mit leiser Hand über die anderen Kleinode hin, worauf Eduard mit einiger
Hast veranstaltete, dass der wohlgefugte Deckel sogleich aufgestürzt und
eingekittet wurde.
    Der junge Gesell, der sich dabei am tätigsten erwiesen, nahm seine
Rednermiene wieder an und fuhr fort: »Wir gründen diesen Stein für ewig, zur
Sicherung des längsten Genusses der gegenwärtigen und künftigen Besitzer dieses
Hauses. Allein indem wir hier gleichsam einen Schatz vergraben, so denken wir
zugleich, bei dem gründlichsten aller Geschäfte, an die Vergänglichkeit der
menschlichen Dinge; wir denken uns eine Möglichkeit, dass dieser festversiegelte
Deckel wieder aufgehoben werden könne, welches nicht anders geschehen dürfte,
als wenn das alles wieder zerstört wäre, was wir noch nicht einmal aufgeführt
haben.
    Aber eben, damit dieses aufgeführt werde: zurück mit den Gedanken aus der
Zukunft, zurück ins Gegenwärtige! Lasst uns nach begangenem heutigem Feste unsre
Arbeit sogleich fördern, damit keiner von den Gewerken, die auf unserm Grunde
fortarbeiten, zu feiern brauche, dass der Bau eilig in die Höhe steige und
vollendet werde und aus den Fenstern, die noch nicht sind, der Hausherr mit den
Seinigen und seinen Gästen sich fröhlich in der Gegend umschaue, deren aller
sowie sämtlicher Anwesenden Gesundheit hiermit getrunken sei!«
    Und so leerte er ein wohlgeschliffenes Kelchglas auf einen Zug aus und warf
es in die Luft; denn es bezeichnet das Übermass einer Freude, das Gefäss zu
zerstören, dessen man sich in der Fröhlichkeit bedient. Aber diesmal ereignete
es sich anders: das Glas kam nicht wieder auf den Boden, und zwar ohne Wunder.
    Man hatte nämlich, um mit dem Bau vorwärtszukommen, bereits an der
entgegengesetzten Ecke den Grund völlig herausgeschlagen, ja schon angefangen,
die Mauern aufzuführen, und zu dem Endzweck das Gerüst erbaut, so hoch, als es
überhaupt nötig war.
    Dass man es besonders zu dieser Feierlichkeit mit Brettern belegt und eine
Menge Zuschauer hinaufgelassen hatte, war zum Vorteil der Arbeitsleute
geschehen. Dort hinauf flog das Glas und wurde von einem aufgefangen, der diesen
Zufall als ein glückliches Zeichen für sich ansah. Er wies es zuletzt herum,
ohne es aus der Hand zu lassen, und man sah darauf die Buchstaben E und O in
sehr zierlicher Verschlingung eingeschnitten: es war eins der Gläser, die für
Eduarden in seiner Jugend verfertigt worden.
    Die Gerüste standen wieder leer, und die leichtesten unter den Gästen
stiegen hinauf, sich umzusehen, und konnten die schöne Aussicht nach allen
Seiten nicht genugsam rühmen; denn was entdeckt der nicht alles, der auf einem
hohen Punkte nur um ein Geschoss höher steht!
    Nach dem Innern des Landes zu kamen mehrere neue Dörfer zum Vorschein, den
silbernen Streifen des Flusses erblickte man deutlich, ja selbst die Türme der
Hauptstadt wollte einer gewahr werden. An der Rückseite, hinter den waldigen
Hügeln, erhoben sich die blauen Gipfel eines fernen Gebirges, und die nächste
Gegend übersah man im ganzen. »Nun sollten nur noch«, rief einer, »die drei
Teiche zu einem See vereinigt werden; dann hätte der Anblick alles, was gross und
wünschenswert ist.«
    »Das liesse sich wohl machen,« sagte der Hauptmann; »denn sie bildeten schon
vorzeiten einen Bergsee.«
    »Nur bitte ich, meine Platanen- und Pappelgruppe zu schonen,« sagte Eduard,
»die so schön am mittelsten Teiche steht. Sehen Sie,« - wandte er sich zu
Ottilien, die er einige Schritte vorführte, indem er hinabwies - »diese Bäume
habe ich selbst gepflanzt.«
    »Wie lange stehen sie wohl schon?« fragte Ottilie. »Etwa so lange,«
versetzte Eduard, »als Sie auf der Welt sind. Ja, liebes Kind, ich pflanzte
schon, da Sie noch in der Wiege lagen.«
    Die Gesellschaft begab sich wieder in das Schloss zurück. Nach aufgehobener
Tafel wurde sie zu einem Spaziergang durch das Dorf eingeladen, um auch hier die
neuen Anstalten in Augenschein zu nehmen. Dort hatten sich auf des Hauptmanns
Veranlassung die Bewohner vor ihren Häusern versammelt; sie standen nicht in
Reihen, sondern familienweise natürlich gruppiert, teils, wie es der Abend
forderte, beschäftigt, teils auf neuen Bänken ausruhend. Es ward ihnen zur
angenehmen Pflicht gemacht, wenigstens jeden Sonntag und Festtag diese
Reinlichkeit, diese Ordnung zu erneuern.
    Eine innere Geselligkeit mit Neigung, wie sie sich unter unseren Freunden
erzeugt hatte, wird durch eine grössere Gesellschaft immer nur unangenehm
unterbrochen. Alle vier waren zufrieden, sich wieder im grossen Saale allein zu
finden; doch ward dieses häusliche Gefühl einigermassen gestört, indem ein Brief,
der Eduarden überreicht wurde, neue Gäste auf morgen ankündigte.
    »Wie wir vermuteten,« rief Eduard Charlotten zu; »der Graf wird nicht
ausbleiben, er kommt morgen.«
    »Da ist also auch die Baronesse nicht weit,« versetzte Charlotte.
    »Gewiss nicht!« antwortete Eduard; »sie wird auch morgen von ihrer Seite
anlangen. Sie bitten um ein Nachtquartier und wollen übermorgen zusammen wieder
fortreisen.«
    »Da müssen wir unsere Anstalten beizeiten machen, Ottilie!« sagte Charlotte.
    »Wie befehlen Sie die Einrichtung?« fragte Ottilie.
    Charlotte gab es im allgemeinen an, und Ottilie entfernte sich.
    Der Hauptmann erkundigte sich nach dem Verhältnis dieser beiden Personen,
das er nur im allgemeinsten kannte. Sie hatten früher, beide schon anderwärts
verheiratet, sich leidenschaftlich liebgewonnen. Eine doppelte Ehe war nicht
ohne Aufsehn gestört; man dachte an Scheidung. Bei der Baronesse war sie möglich
geworden, bei dem Grafen nicht. Sie mussten sich zum Scheine trennen, allein ihr
Verhältnis blieb; und wenn sie Winters in der Residenz nicht zusammen sein
konnten, so entschädigten sie sich Sommers auf Lustreisen und in Bädern. Sie
waren beide um etwas älter als Eduard und Charlotte und sämtlich genaue Freunde
aus früher Hofzeit her. Man hatte immer ein gutes Verhältnis erhalten, ob man
gleich nicht alles an seinen Freunden billigte. Nur diesmal war Charlotten ihre
Ankunft gewissermassen ganz ungelegen, und wenn sie die Ursache genau untersucht
hätte: es war eigentlich um Ottiliens willen. Das gute, reine Kind sollte ein
solches Beispiel so früh nicht gewahr werden.
    » Sie hätten wohl noch ein paar Tage wegbleiben können,« sagte Eduard, als
eben Ottilie wieder hereintrat, »bis wir den Vorwerksverkauf in Ordnung
gebracht. Der Aufsatz ist fertig, die eine Abschrift habe ich hier; nun fehlt es
aber an der zweiten, und unser alter Kanzellist ist recht krank.« Der Hauptmann
bot sich an, auch Charlotte; dagegen waren einige Einwendungen zu machen. »Geben
Sie mirs nur!« rief Ottilie mit einiger Hast.
    »Du wirst nicht damit fertig,« sagte Charlotte.
    »Freilich müsste ich es übermorgen früh haben, und es ist viel,« sagte
Eduard. »Es soll fertig sein,« rief Ottilie und hatte das Blatt schon in den
Händen.
    Des andern Morgens, als sie sich aus dem obern Stock nach den Gästen
umsahn, denen sie entgegenzugehen nicht verfehlen wollten, sagte Eduard: »Wer
reitet denn so langsam dort die Strasse her?« Der Hauptmann beschrieb die Figur
des Reiters genauer. »So ist ers doch,« sagte Eduard; »denn das Einzelne, das du
besser siehst als ich, passt sehr gut zu dem Ganzen, das ich recht wohl sehe. Es
ist Mittler. Wie kommt er aber dazu, langsam und so langsam zu reiten?«
    Die Figur kam näher, und Mittler war es wirklich. Man empfing ihn
freundlich, als er langsam die Treppe heraufstieg. »Warum sind Sie nicht gestern
gekommen?« rief ihm Eduard entgegen.
    »Laute Feste lieb ich nicht,« versetzte jener. »Heute komm ich aber, den
Geburtstag meiner Freundin mit euch im stillen nachzufeiern.«
    »Wie können Sie denn soviel Zeit gewinnen?« fragte Eduard scherzend.
    »Meinen Besuch, wenn er euch etwas wert ist, seid ihr einer Betrachtung
schuldig, die ich gestern gemacht habe. Ich freute mich recht herzlich den
halben Tag in einem Hause, wo ich Frieden gestiftet hatte, und dann hörte ich,
dass hier Geburtstag gefeiert werde. Das kann man doch am Ende selbstisch nennen,
dachte ich bei mir, dass du dich nur mit denen freuen willst, die du zum Frieden
bewogen hast. Warum freust du dich nicht auch einmal mit Freunden, die Frieden
halten und hegen? Gesagt, getan! Hier bin ich, wie ich mir vorgenommen hatte.«
    »Gestern hätten Sie grosse Gesellschaft gefunden, heute finden Sie nur
kleine,« sagte Charlotte. »Sie finden den Grafen und die Baronesse, die Ihnen
auch schon zu schaffen gemacht haben.«
    Aus der Mitte der vier Hausgenossen, die den seltsamen, willkommenen Mann
umgeben hatten, fuhr er mit verdriesslicher Lebhaftigkeit heraus, indem er
sogleich nach Hut und Reitgerte suchte: »Schwebt doch immer ein Unstern über
mir, sobald ich einmal ruhen und mir wohltun will! Aber warum gehe ich aus
meinem Charakter heraus! Ich hätte nicht kommen sollen, und nun werd ich
vertrieben. Denn mit jenen will ich nicht unter einem Dache bleiben; und nehmt
euch in acht: sie bringen nichts als Unheil! Ihr Wesen ist wie ein Sauerteig,
der seine Ansteckung fortpflanzt.«
    Man suchte ihn zu begütigen, aber vergebens. »Wer mir den Ehstand angreift,«
rief er aus, »wer mir durch Wort, ja durch Tat diesen Grund aller sittlichen
Gesellschaft untergräbt, der hat es mit mir zu tun; oder wenn ich sein nicht
Herr werden kann, habe ich nichts mit ihm zu tun. Die Ehe ist der Anfang und der
Gipfel aller Kultur. Sie macht den Rohen mild, und der Gebildetste hat keine
bessere Gelegenheit, seine Milde zu beweisen. Unauflöslich muss sie sein; denn
sie bringt so vieles Glück, dass alles einzelne Unglück dagegen gar nicht zu
rechnen ist. Und was will man von Unglück reden? Ungeduld ist es, die den
Menschen von Zeit zu Zeit anfällt, und dann beliebt er sich unglücklich zu
finden. Lasse man den Augenblick vorübergehen, und man wird sich glücklich
preisen, dass ein so lange Bestandenes noch besteht. Sich zu trennen gibts gar
keinen hinlänglichen Grund. Der menschliche Zustand ist so hoch in Leiden und
Freuden gesetzt, dass gar nicht berechnet werden kann, was ein Paar Gatten
einander schuldig werden. Es ist eine unendliche Schuld, die nur durch die
Ewigkeit abgetragen werden kann. Unbequem mag es manchmal sein, das glaub ich
wohl, und das ist eben recht. Sind wir nicht auch mit dem Gewissen verheiratet,
das wir oft gerne los sein möchten, weil es unbequemer ist, als uns je ein Mann
oder eine Frau werden könnte?«
    So sprach er lebhaft und hätte wohl noch lange fortgesprochen, wenn nicht
blasende Postillons die Ankunft der Herrschaften verkündigt hätten, welche wie
abgemessen von beiden Seiten zu gleicher Zeit in den Schlosshof hereinfuhren. Als
ihnen die Hausgenossen entgegeneilten, versteckte sich Mittler, liess sich das
Pferd an den Gastof bringen und ritt verdriesslich davon.
 
                                Zehntes Kapitel
Die Gäste waren bewillkommt und eingeführt; sie freuten sich, das Haus, die
Zimmer wieder zu betreten, wo sie früher so manchen guten Tag erlebt und die sie
eine lange Zeit nicht gesehn hatten. Höchst angenehm war auch den Freunden ihre
Gegenwart. Den Grafen sowie die Baronesse konnte man unter jene hohen, schönen
Gestalten zählen, die man in einem mittlern Alter fast lieber als in der Jugend
sieht; denn wenn ihnen auch etwas von der ersten Blüte abgehn möchte, so erregen
sie doch nun mit der Neigung ein entschiedenes Zutrauen. Auch dieses Paar zeigte
sich höchst bequem in der Gegenwart. Ihre freie Weise, die Zustände des Lebens
zu nehmen und zu behandeln, ihre Heiterkeit und scheinbare Unbefangenheit teilte
sich sogleich mit, und ein hoher Anstand begrenzte das Ganze, ohne dass man
irgendeinen Zwang bemerkt hätte.
    Diese Wirkung liess sich augenblicks in der Gesellschaft empfinden. Die
Neueintretenden, welche unmittelbar aus der Welt kamen, wie man sogar an ihren
Kleidern, Gerätschaften und allen Umgebungen sehen konnte, machten gewissermassen
mit unsern Freunden, ihrem ländlichen und heimlich leidenschaftlichen Zustande
eine Art von Gegensatz, der sich jedoch sehr bald verlor, indem alte
Erinnerungen und gegenwärtige Teilnahme sich vermischten und ein schnelles,
lebhaftes Gespräch alle geschwind zusammenverband.
    Es währte indessen nicht lange, als schon eine Sonderung vorging. Die Frauen
zogen sich auf ihren Flügel zurück und fanden daselbst, indem sie sich
mancherlei vertrauten und zugleich die neuesten Formen und Zuschnitte von
Frühkleidern, Hüten und dergleichen zu mustern anfingen, genugsame Unterhaltung,
während die Männer sich um die neuen Reisewagen, mit vorgeführten Pferden,
beschäftigten und gleich zu handeln und zu tauschen anfingen.
    Erst zu Tische kam man wieder zusammen. Die Umkleidung war geschehen, und
auch hier zeigte sich das angekommene Paar zu seinem Vorteile. Alles, was sie an
sich trugen, war neu und gleichsam ungesehen und doch schon durch den Gebrauch
zur Gewohnheit und Bequemlichkeit eingeweiht.
    Das Gespräch war lebhaft und abwechselnd, wie denn in Gegenwart solcher
Personen alles und nichts zu interessieren scheint. Man bediente sich der
französischen Sprache, um die Aufwartenden von dem Mitverständnis
auszuschliessen, und schweifte mit mutwilligem Behagen über hohe und mittlere
Weltverhältnisse hin. Auf einem einzigen Punkt blieb die Unterhaltung länger als
billig haften, indem Charlotte nach einer Jugendfreundin sich erkundigte und mit
einiger Befremdung vernahm, dass sie ehstens geschieden werden sollte.
    »Es ist unerfreulich,« sagte Charlotte, »wenn man seine abwesenden Freunde
irgend einmal geborgen, eine Freundin, die man liebt, versorgt glaubt; eh man
sichs versieht, muss man wieder hören, dass ihr Schicksal im Schwanken ist, und
dass sie erst wieder neue und vielleicht abermals unsichre Pfade des Lebens
betreten soll.«
    »Eigentlich, meine Beste,« versetzte der Graf, »sind wir selbst schuld, wenn
wir auf solche Weise überrascht werden. Wir mögen uns die irdischen Dinge und
besonders auch die ehlichen Verbindungen gern so recht dauerhaft vorstellen, und
was den letzten Punkt betrifft, so verführen uns die Lustspiele, die wir immer
wiederholen sehen, zu solchen Einbildungen, die mit dem Gange der Welt nicht
zusammentreffen. In der Komödie sehen wir eine Heirat als das letzte Ziel eines
durch die Hindernisse mehrerer Akte verschobenen Wunsches, und im Augenblick, da
es erreicht ist, fällt der Vorhang, und die momentane Befriedigung klingt bei
uns nach. In der Welt ist es anders; da wird hinten immer fortgespielt, und wenn
der Vorhang wieder aufgeht, mag man gern nichts weiter davon sehen noch hören.«
    »Es muss doch so schlimm nicht sein,« sagte Charlotte lächelnd, »da man
sieht, dass auch Personen, die von diesem Teater abgetreten sind, wohl gern
darauf wieder eine Rolle spielen mögen.«
    »Dagegen ist nichts einzuwenden,« sagte der Graf. »Eine neue Rolle mag man
gern wieder übernehmen, und wenn man die Welt kennt, so sieht man wohl: auch bei
dem Ehestande ist es nur diese entschiedene, ewige Dauer zwischen soviel
Beweglichem in der Welt, die etwas Ungeschicktes an sich trägt. Einer von meinen
Freunden, dessen gute Laune sich meist in Vorschlägen zu neuen Gesetzen
hervortat, behauptete: eine jede Ehe solle nur auf fünf Jahre geschlossen
werden. Es sei, sagte er, dies eine schöne, ungrade, heilige Zahl und ein
solcher Zeitraum eben hinreichend, um sich kennenzulernen, einige Kinder
heranzubringen, sich zu entzweien und, was das Schönste sei, sich wieder zu
versöhnen. Gewöhnlich rief er aus: Wie glücklich würde die erste Zeit
verstreichen! Zwei, drei Jahre wenigstens gingen vergnüglich hin. Dann würde
doch wohl dem einen Teil daran gelegen sein, das Verhältnis länger dauern zu
sehen, die Gefälligkeit würde wachsen, je mehr man sich dem Termin der
Aufkündigung näherte. Der gleichgültige, ja selbst der unzufriedene Teil würde
durch ein solches Betragen begütigt und eingenommen. Man vergässe, wie man in
guter Gesellschaft die Stunden vergisst, dass die Zeit verfliesse, und fände sich
aufs angenehmste überrascht, wenn man nach verlaufenem Termin erst bemerkte, dass
er schon stillschweigend verlängert sei.«
    So artig und lustig dies klang und so gut man, wie Charlotte wohl empfand,
diesem Scherz eine tiefe moralische Deutung geben konnte, so waren ihr
dergleichen Äusserungen, besonders um Ottiliens willen, nicht angenehm. Sie wusste
recht gut, dass nichts gefährlicher sei als ein allzufreies Gespräch, das einen
strafbaren oder halbstrafbaren Zustand als einen gewöhnlichen, gemeinen, ja
löblichen behandelt; und dahin gehört doch gewiss alles, was die eheliche
Verbindung antastet. Sie suchte daher nach ihrer gewandten Weise das Gespräch
abzulenken; da sie es nicht vermochte, tat es ihr leid, dass Ottilie alles so gut
eingerichtet hatte, um nicht aufstehen zu dürfen. Das ruhig aufmerksame Kind
verstand sich mit dem Haushofmeister durch Blick und Wink, dass alles auf das
trefflichste geriet, obgleich ein paar neue, ungeschickte Bedienten in der
Livree staken.
    Und so fuhr der Graf, Charlottens Ablenken nicht empfindend, über diesen
Gegenstand sich zu äussern fort. Ihm, der sonst nicht gewohnt war, im Gespräch
irgend lästig zu sein, lastete diese Sache zu sehr auf dem Herzen, und die
Schwierigkeiten, sich von seiner Gemahlin getrennt zu sehen, machten ihn bitter
gegen alles, was eheliche Verbindung betraf, die er doch selbst mit der
Baronesse so eifrig wünschte.
    »Jener Freund«, so fuhr er fort, »tat noch einen andern Gesetzvorschlag:
Eine Ehe sollte nur alsdann für unauflöslich gehalten werden, wenn entweder
beide Teile oder wenigstens der eine Teil zum drittenmal verheiratet wäre. Denn
was eine solche Person betreffe, so bekenne sie unwidersprechlich, dass sie die
Ehe für etwas Unentbehrliches halte. Nun sei auch schon bekannt geworden, wie
sie sich in ihren frühern Verbindungen betragen, ob sie Eigenheiten habe, die
oft mehr zur Trennung Anlass geben als üble Eigenschaften. Man habe sich also
wechselseitig zu erkundigen; man habe ebensogut auf Verheiratete wie auf
Unverheiratete achtzugeben, weil man nicht wisse, wie die Fälle kommen können.«
    »Das würde freilich das Interesse der Gesellschaft sehr vermehren,« sagte
Eduard; »denn in der Tat jetzt, wenn wir verheiratet sind, fragt niemand weiter
mehr nach unsern Tugenden noch unsern Mängeln.«
    »Bei einer solchen Einrichtung«, fiel die Baronesse lächelnd ein, »hätten
unsere lieben Wirte schon zwei Stufen glücklich überstiegen und könnten sich zu
der dritten vorbereiten.«
    »Ihnen ists wohl geraten,« sagte der Graf; »hier hat der Tod willig getan,
was die Konsistorien sonst nur ungern zu tun pflegen.«
    »Lassen wir die Toten ruhen,« versetzte Charlotte mit einem halb ernsten
Blicke.
    »Warum?« versetzte der Graf, »da man ihrer in Ehren gedenken kann. Sie waren
bescheiden genug, sich mit einigen Jahren zu begnügen für mannigfaltiges Gute,
das sie zurückliessen.«
    »Wenn nur nicht gerade«, sagte die Baronesse mit einem verhaltenen Seufzer,
»in solchen Fällen das Opfer der besten Jahre gebracht werden müsste!«
    »Jawohl,« versetzte der Graf, »man müsste darüber verzweifeln, wenn nicht
überhaupt in der Welt so weniges eine gehoffte Folge zeigte. Kinder halten
nicht, was sie versprechen, junge Leute sehr selten, und wenn sie Wort halten,
hält es ihnen die Welt nicht.«
    Charlotte, welche froh war, dass das Gespräch sich wendete, versetzte heiter:
»Nun! wir müssen uns ja ohnehin bald genug gewöhnen, das Gute stück- und
teilweise zu geniessen.«
    »Gewiss,« versetzte der Graf, »Sie haben beide sehr schöner Zeiten genossen.
Wenn ich mir die Jahre zurückerinnere, da Sie und Eduard das schönste Paar bei
Hof waren; weder von so glänzenden Zeiten noch von so hervorleuchtenden
Gestalten ist jetzt die Rede mehr. Wenn Sie beide zusammen tanzten, aller Augen
waren auf Sie gerichtet, und wie umworben beide, indem Sie sich nur ineinander
bespiegelten!«
    »Da sich so manches verändert hat,« sagte Charlotte, »können wir wohl soviel
Schönes mit Bescheidenheit anhören.«
    »Eduarden habe ich doch oft im stillen getadelt,« sagte der Graf, »dass er
nicht beharrlicher war; denn am Ende hätten seine wunderlichen Eltern wohl
nachgegeben; und zehn frühe Jahre gewinnen ist keine Kleinigkeit.«
    »Ich muss mich seiner annehmen,« fiel die Baronesse ein. »Charlotte war nicht
ganz ohne Schuld, nicht ganz rein von allem Umhersehen, und ob sie gleich
Eduarden von Herzen liebte und sich ihn auch heimlich zum Gatten bestimmte, so
war ich doch Zeuge, wie sehr sie ihn manchmal quälte, so dass man ihn leicht zu
dem unglücklichen Entschluss drängen konnte, zu reisen, sich zu entfernen, sich
von ihr zu entwöhnen.«
    Eduard nickte der Baronesse zu und schien dankbar für ihre Fürsprache.
    »Und dann muss ich eins«, fuhr sie fort, »zu Charlottens Entschuldigung
beifügen: der Mann, der zu jener Zeit um sie warb, hatte sich schon lange durch
Neigung zu ihr ausgezeichnet und war, wenn man ihn näher kannte, gewiss
liebenswürdiger, als ihr andern gern zugestehen mögt.«
    »Liebe Freundin,« versetzte der Graf etwas lebhaft, »bekennen wir nur, dass
er Ihnen nicht ganz gleichgültig war, und dass Charlotte von Ihnen mehr zu
befürchten hatte als von einer andern. Ich finde das einen sehr hübschen Zug an
den Frauen, dass sie ihre Anhänglichkeit an irgendeinen Mann solange noch
fortsetzen, ja durch keine Art von Trennung stören oder aufheben lassen.«
    »Diese gute Eigenschaft besitzen vielleicht die Männer noch mehr,« versetzte
die Baronesse; »wenigstens an Ihnen, lieber Graf, habe ich bemerkt, dass niemand
mehr Gewalt über Sie hat als ein Frauenzimmer, dem Sie früher geneigt waren. So
habe ich gesehen, dass Sie auf die Fürsprache einer solchen sich mehr Mühe gaben,
um etwas auszuwirken, als vielleicht die Freundin des Augenblicks von Ihnen
erlangt hätte.«
    »Einen solchen Vorwurf darf man sich wohl gefallen lassen,« versetzte der
Graf; »doch was Charlottens ersten Gemahl betrifft, so konnte ich ihn deshalb
nicht leiden, weil er mir das schöne Paar auseinandersprengte, ein wahrhaft
prädestiniertes Paar, das, einmal zusammengegeben, weder fünf Jahre zu scheuen,
noch auf eine zweite oder gar dritte Verbindung hinzusehen brauchte.«
    »Wir wollen versuchen«, sagte Charlotte, »wieder einzubringen, was wir
versäumt haben.«
    »Da müssen Sie sich dazuhalten,« sagte der Graf. »Ihre ersten Heiraten«,
fuhr er mit einiger Heftigkeit fort, »waren doch so eigentlich rechte Heiraten
von der verhassten Art, und leider haben überhaupt die Heiraten - verzeihen Sie
mir einen lebhafteren Ausdruck - - etwas Tölpelhaftes; sie verderben die
zartesten Verhältnisse, und es liegt doch eigentlich nur an der plumpen
Sicherheit, auf die sich wenigstens ein Teil etwas zugute tut. Alles versteht
sich von selbst, und man scheint sich nur verbunden zu haben, damit eins wie das
andere nunmehr seiner Wege gehe.«
    In diesem Augenblick machte Charlotte, die ein für allemal dies Gespräch
abbrechen wollte, von einer kühnen Wendung Gebrauch; es gelang ihr. Die
Unterhaltung ward allgemeiner, die beiden Gatten und der Hauptmann konnten daran
teilnehmen; selbst Ottilie ward veranlasst sich zu äussern, und der Nachtisch ward
mit der besten Stimmung genossen, woran der in zierlichen Fruchtkörben
aufgestellte Obstreichtum, die bunteste, in Prachtgefässen schön verteilte
Blumenfülle den vorzüglichsten Anteil hatte.
    Auch die neuen Parkanlagen kamen zur Sprache, die man sogleich nach Tische
besuchte. Ottilie zog sich unter dem Vorwande häuslicher Beschäftigungen zurück;
eigentlich aber setzte sie sich nieder zur Abschrift. Der Graf wurde von dem
Hauptmann unterhalten; später gesellte sich Charlotte zu ihm. Als sie oben auf
die Höhe gelangt waren und der Hauptmann gefällig hinuntereilte, um den Plan zu
holen, so sagte der Graf zu Charlotten: »Dieser Mann gefällt mir
ausserordentlich. Er ist sehr wohl und im Zusammenhang unterrichtet. Ebenso
scheint seine Tätigkeit sehr ernst und folgerecht. Was er hier leistet, würde in
einem höhern Kreise von viel Bedeutung sein.«
    Charlotte vernahm des Hauptmanns Lob mit innigem Behagen. Sie fasste sich
jedoch und bekräftigte das Gesagte mit Ruhe und Klarheit. Wie überrascht war sie
aber, als der Graf fortfuhr: »Diese Bekanntschaft kommt mir sehr zu gelegener
Zeit. Ich weiss eine Stelle, an die der Mann vollkommen passt, und ich kann mir
durch eine solche Empfehlung, indem ich ihn glücklich mache, einen hohen Freund
auf das allerbeste verbinden.«
    Es war wie ein Donnerschlag, der auf Charlotten herabfiel. Der Graf bemerkte
nichts; denn die Frauen, gewohnt, sich jederzeit zu bändigen, behalten in den
ausserordentlichsten Fällen immer noch eine Art von scheinbarer Fassung. Doch
hörte sie schon nicht mehr, was der Graf sagte, indem er fortfuhr: »Wenn ich von
etwas überzeugt bin, geht es bei mir geschwind her. Ich habe schon meinen Brief
im Kopfe zusammengestellt, und mich drängts, ihn zu schreiben. Sie verschaffen
mir einen reitenden Boten, den ich noch heute abend wegschicken kann.«
    Charlotte war innerlich zerrissen. Von diesen Vorschlägen sowie von sich
selbst überrascht, konnte sie kein Wort hervorbringen. Der Graf fuhr
glücklicherweise fort, von seinen Planen für den Hauptmann zu sprechen, deren
Günstiges Charlotten nur allzusehr in die Augen fiel. Es war Zeit, dass der
Hauptmann herauftrat und seine Rolle vor dem Grafen entfaltete. Aber mit wie
andern Augen sah sie den Freund an, den sie verlieren sollte! Mit einer
notdürftigen Verbeugung wandte sie sich weg und eilte hinunter nach der
Mooshütte. Schon auf halbem Wege stürzten ihr die Tränen aus den Augen, und nun
warf sie sich in den engen Raum der kleinen Einsiedelei und überliess sich ganz
einem Schmerz, einer Leidenschaft, einer Verzweiflung, von deren Möglichkeit sie
wenig Augenblicke vorher auch nicht die leiseste Ahnung gehabt hatte.
    Auf der andern Seite war Eduard mit der Baronesse an den Teichen
hergegangen. Die kluge Frau, die gern von allem unterrichtet sein mochte,
bemerkte bald in einem tastenden Gespräch, dass Eduard sich zu Ottiliens Lobe
weitläufig herausliess, und wusste ihn auf eine so natürliche Weise nach und nach
in den Gang zu bringen, dass ihr zuletzt kein Zweifel übrigblieb, hier sei eine
Leidenschaft nicht auf dem Wege, sondern wirklich angelangt.
    Verheiratete Frauen, wenn sie sich auch untereinander nicht lieben, stehen
doch stillschweigend miteinander, besonders gegen junge Mädchen, im Bündnis. Die
Folgen einer solchen Zuneigung stellten sich ihrem weltgewandten Geiste nur
allzugeschwind dar. Dazu kam noch, dass sie schon heute früh mit Charlotten über
Ottilien gesprochen und den Aufentalt dieses Kindes auf dem Lande, besonders
bei seiner stillen Gemütsart, nicht gebilligt und den Vorschlag getan hatte,
Ottilien in die Stadt zu einer Freundin zu bringen, die sehr viel an die
Erziehung ihrer einzigen Tochter wende und sich nur nach einer gutartigen
Gespielin umsehe, die an die zweite Kindesstatt eintreten und alle Vorteile
mitgeniessen solle. Charlotte hatte sichs zur Überlegung genommen.
    Nun aber brachte der Blick in Eduards Gemüt diesen Vorschlag bei der
Baronesse ganz zur vorsätzlichen Festigkeit, und um so schneller dieses in ihr
vorging, um desto mehr schmeichelte sie äusserlich Eduards Wünschen. Denn niemand
besass sich mehr als diese Frau, und diese Selbstbeherrschung in
ausserordentlichen Fällen gewöhnt uns, sogar einen gemeinen Fall mit Verstellung
zu behandeln, macht uns geneigt, indem wir soviel Gewalt über uns selbst üben,
unsre Herrschaft auch über die andern zu verbreiten, um uns durch das, was wir
äusserlich gewinnen, für dasjenige, was wir innerlich entbehren, gewissermassen
schadlos zu halten.
    An diese Gesinnung schliesst sich meist eine Art heimlicher Schadenfreude
über die Dunkelheit der andern, über das Bewusstlose, womit sie in eine Falle
gehen. Wir freuen uns nicht allein über das gegenwärtige Gelingen, sondern
zugleich auch auf die künftig überraschende Beschämung. Und so war die Baronesse
boshaft genug, Eduarden zur Weinlese auf ihre Güter mit Charlotten einzuladen
und die Frage Eduards, ob sie Ottilien mitbringen dürften, auf eine Weise, die
er beliebig zu seinen Gunsten auslegen konnte, zu beantworten.
    Eduard sprach schon mit Entzücken von der herrlichen Gegend, dem grossen
Flusse, den Hügeln, Felsen und Weinbergen, von alten Schlössern, von
Wasserfahrten, von dem Jubel der Weinlese, des Kelterns und so weiter, wobei er
in der Unschuld seines Herzens sich schon zum voraus laut über den Eindruck
freute, den dergleichen Szenen auf das frische Gemüt Ottiliens machen würden. In
diesem Augenblick sah man Ottilien herankommen, und die Baronesse sagte schnell
zu Eduard, er möchte von dieser vorhabenden Herbstreise ja nichts reden; denn
gewöhnlich geschähe das nicht, worauf man sich so lange voraus freue. Eduard
versprach, nötigte sie aber, Ottilien entgegen geschwinder zu gehen, und eilte
ihr endlich, dem lieben Kinde zu, mehrere Schritte voran. Eine herzliche Freude
drückte sich in seinem ganzen Wesen aus. Er küsste ihr die Hand, in die er einen
Strauss Feldblumen drückte, die er unterwegs zusammengepflückt hatte. Die
Baronesse fühlte sich bei diesem Anblick in ihrem Innern fast erbittert. Denn
wenn sie auch das, was an dieser Neigung strafbar sein mochte, nicht billigen
durfte, so konnte sie das, was daran liebenswürdig und angenehm war, jenem
unbedeutenden Neuling von Mädchen keineswegs gönnen.
    Als man sich zum Abendessen zusammengesetzt hatte, war eine völlig andre
Stimmung in der Gesellschaft verbreitet. Der Graf, der schon vor Tische
geschrieben und den Boten fortgeschickt hatte, unterhielt sich mit dem
Hauptmann, den er auf eine verständige und bescheidene Weise immer mehr
ausforschte, indem er ihn diesen Abend an seine Seite gebracht hatte. Die zur
Rechten des Grafen sitzende Baronesse fand von daher wenig Unterhaltung,
ebensowenig an Eduard, der, erst durstig, dann aufgeregt, des Weines nicht
schonte und sich sehr lebhaft mit Ottilien unterhielt, die er an sich gezogen
hatte, wie von der andern Seite neben dem Hauptmann Charlotte sass, der es
schwer, ja beinahe unmöglich ward, die Bewegungen ihres Innern zu verbergen.
    Die Baronesse hatte Zeit genug, Beobachtungen anzustellen. Sie bemerkte
Charlottens Unbehagen, und weil sie nur Eduards Verhältnis zu Ottilien im Sinn
hatte, so überzeugte sie sich leicht, auch Charlotte sei bedenklich und
verdriesslich über ihres Gemahls Benehmen, und überlegte, wie sie nunmehr am
besten zu ihren Zwecken gelangen könne.
    Auch nach Tische fand sich ein Zwiespalt in der Gesellschaft. Der Graf, der
den Hauptmann recht ergründen wollte, brauchte bei einem so ruhigen, keineswegs
eitlen und überhaupt lakonischen Manne verschiedene Wendungen, um zu erfahren,
was er wünschte. Sie gingen miteinander an der einen Seite des Saals auf und ab,
indes Eduard, aufgeregt von Wein und Hoffnung, mit Ottilien an einem Fenster
scherzte, Charlotte und die Baronesse aber stillschweigend an der andern Seite
des Saals nebeneinander hin und wider gingen. Ihr Schweigen und müssiges
Umherstehen brachte denn auch zuletzt eine Stockung in die übrige Gesellschaft.
Die Frauen zogen sich zurück auf ihren Flügel, die Männer auf den andern, und so
schien dieser Tag abgeschlossen.
 
                                Eilftes Kapitel
Eduard begleitete den Grafen auf sein Zimmer und liess sich recht gern durchs
Gespräch verführen, noch eine Zeitlang bei ihm zu bleiben. Der Graf verlor sich
in vorige Zeiten, gedachte mit Lebhaftigkeit an die Schönheit Charlottens, die
er als ein Kenner mit vielem Feuer entwickelte: »Ein schöner Fuss ist eine grosse
Gabe der Natur. Diese Anmut ist unverwüstlich. Ich habe sie heute im Gehen
beobachtet; noch immer möchte man ihren Schuh küssen und die zwar etwas
barbarische, aber doch tief gefühlte Ehrenbezeugung der Sarmaten wiederholen,
die sich nichts Besseres kennen, als aus dem Schuh einer geliebten und verehrten
Person ihre Gesundheit zu trinken.«
    Die Spitze des Fusses blieb nicht allein der Gegenstand des Lobes unter zwei
vertrauten Männern. Sie gingen von der Person auf alte Geschichten und Abenteuer
zurück und kamen auf die Hindernisse, die man ehemals den Zusammenkünften dieser
beiden Liebenden entgegengesetzt, welche Mühe sie sich gegeben, welche
Kunstgriffe sie erfunden, nur um sich sagen zu können, dass sie sich liebten.
    »Erinnerst du dich,« fuhr der Graf fort, »welch Abenteuer ich dir recht
freundschaftlich und uneigennützig bestehen helfen, als unsre höchsten
Herrschaften ihren Oheim besuchten und auf dem weitläufigen Schloss
zusammenkamen? Der Tag war in Feierlichkeiten und Feierkleidern hingegangen; ein
Teil der Nacht sollte wenigstens unter freiem, liebevollem Gespräch
verstreichen.«
    »Den Hinweg zu dem Quartier der Hofdamen hatten Sie sich wohl gemerkt,«
sagte Eduard. »Wir gelangten glücklich zu meiner Geliebten.«
    »Die«, versetzte der Graf, »mehr an den Anstand als an meine Zufriedenheit
gedacht und eine sehr hässliche Ehrenwächterin bei sich behalten hatte; da mir
denn, indessen ihr euch mit Blicken und Worten sehr gut unterhieltet, ein höchst
unerfreuliches Los zuteil ward.«
    »Ich habe mich noch gestern,« versetzte Eduard, »als Sie sich anmelden
liessen, mit meiner Frau an die Geschichte erinnert, besonders an unsern Rückzug.
Wir verfehlten den Weg und kamen an den Vorsaal der Garden. Weil wir uns nun von
da recht gut zu finden wussten, so glaubten wir auch hier ganz ohne Bedenken
hindurch und an dem Posten, wie an den übrigen, vorbei gehen zu können. Aber wie
gross war beim Eröffnen der Türe unsere Verwunderung! Der Weg war mit Matratzen
verlegt, auf denen die Riesen in mehreren Reihen ausgestreckt lagen und
schliefen. Der einzige Wachende auf dem Posten sah uns verwundert an; wir aber,
im jugendlichen Mut und Mutwillen, stiegen ganz gelassen über die ausgestreckten
Stiefel weg, ohne dass auch nur einer von diesen schnarchenden Enakskindern
erwacht wäre.«
    »Ich hatte grosse Lust zu stolpern,« sagte der Graf, »damit es Lärm gegeben
hätte; denn welch eine seltsame Auferstehung würden wir gesehen haben!«
    In diesem Augenblick schlug die Schlossglocke zwölf.
    »Es ist hoch Mitternacht,« sagte der Graf lächelnd, »und eben gerechte Zeit.
Ich muss Sie, lieber Baron, um eine Gefälligkeit bitten: führen Sie mich heute,
wie ich Sie damals führte; ich habe der Baronesse das Versprechen gegeben, sie
noch zu besuchen. Wir haben uns den ganzen Tag nicht allein gesprochen, wir
haben uns solange nicht gesehen, und nichts ist natürlicher, als dass man sich
nach einer vertraulichen Stunde sehnt. Zeigen Sie mir den Hinweg, den Rückweg
will ich schon finden, und auf alle Fälle werde ich über keine Stiefel
wegzustolpern haben.«
    »Ich will Ihnen recht gern diese gastliche Gefälligkeit erzeigen,« versetzte
Eduard; »nur sind die drei Frauenzimmer drüben zusammen auf dem Flügel. Wer
weiss, ob wir sie nicht noch beieinander finden, oder was wir sonst für Händel
anrichten, die irgendein wunderliches Ansehn gewinnen.«
    »Nur ohne Sorge!« sagte der Graf; »die Baronesse erwartet mich. Sie ist um
diese Zeit gewiss auf ihrem Zimmer und allein.«
    »Die Sache ist übrigens leicht,« versetzte Eduard und nahm ein Licht, dem
Grafen vorleuchtend eine geheime Treppe hinunter, die zu einem langen Gang
führte. Am Ende desselben öffnete Eduard eine kleine Türe. Sie erstiegen eine
Wendeltreppe; oben auf einem engen Ruheplatz deutete Eduard dem Grafen, dem er
das Licht in die Hand gab, nach einer Tapetentüre rechts, die beim ersten
Versuch sogleich sich öffnete, den Grafen aufnahm und Eduarden in dem dunklen
Raum zurückliess.
    Eine andre Türe links ging in Charlottens Schlafzimmer. Er hörte reden und
horchte. Charlotte sprach zu ihrem Kammermädchen: »Ist Ottilie schon zu Bette?«
- »Nein,« versetzte jene, »sie sitzt noch unten und schreibt.« - »So zünde Sie
das Nachtlicht an,« sagte Charlotte, »und gehe Sie nur hin: es ist spät. Die
Kerze will ich selbst auslöschen und für mich zu Bette gehen.«
    Eduard hörte mit Entzücken, dass Ottilie noch schreibe. Sie beschäftigt sich
für mich! dachte er triumphierend. Durch die Finsternis ganz in sich selbst
geengt, sah er sie sitzen, schreiben; er glaubte zu ihr zu treten, sie zu sehen,
wie sie sich nach ihm umkehrte; er fühlte ein unüberwindliches Verlangen, ihr
noch einmal nahe zu sein. Von hier aber war kein Weg in das Halbgeschoss, wo sie
wohnte. Nun fand er sich unmittelbar an seiner Frauen Türe, eine sonderbare
Verwechselung ging in seiner Seele vor; er suchte die Türe aufzudrehen, er fand
sie verschlossen, er pochte leise an, Charlotte hörte nicht.
    Sie ging in dem grösseren Nebenzimmer lebhaft auf und ab. Sie wiederholte
sich aber- und abermals, was sie seit jenem unerwarteten Vorschlag des Grafen
oft genug bei sich um und um gewendet hatte. Der Hauptmann schien vor ihr zu
stehen. Er füllte noch das Haus, er belebte noch die Spaziergänge, und er sollte
fort, das alles sollte leer werden! Sie sagte sich alles, was man sich sagen
kann, ja sie antizipierte, wie man gewöhnlich pflegt, den leidigen Trost, dass
auch solche Schmerzen durch die Zeit gelindert werden. Sie verwünschte die Zeit,
die es braucht, um sie zu lindern; sie verwünschte die totenhafte Zeit, wo sie
würden gelindert sein.
    Da war denn zuletzt die Zuflucht zu den Tränen um so willkommner, als sie
bei ihr selten stattfand. Sie warf sich auf den Sofa und überliess sich ganz
ihrem Schmerz. Eduard seinerseits konnte von der Türe nicht weg; er pochte
nochmals, und zum drittenmal etwas stärker, so dass Charlotte durch die
Nachtstille es ganz deutlich vernahm und erschreckt auffuhr. Der erste Gedanke
war, es könne, es müsse der Hauptmann sein; der zweite, das sei unmöglich. Sie
hielt es für Täuschung, aber sie hatte es gehört, sie wünschte, sie fürchtete es
gehört zu haben. Sie ging ins Schlafzimmer, trat leise zu der verriegelten
Tapetentür. Sie schalt sich über ihre Furcht. Wie leicht kann die Gräfin etwas
bedürfen! sagte sie zu sich selbst und rief gefasst und gesetzt: »Ist jemand da?«
Eine leise Stimme antwortete: »Ich bins.« - »Wer?« entgegnete Charlotte, die den
Ton nicht unterscheiden konnte. Ihr stand des Hauptmanns Gestalt vor der Tür.
Etwas lauter klang es ihr entgegen: »Eduard!« Sie öffnete, und ihr Gemahl stand
vor ihr. Er begrüsste sie mit einem Scherz. Es ward ihr möglich, in diesem Tone
fortzufahren. Er verwickelte den rätselhaften Besuch in rätselhafte Erklärungen.
»Warum ich denn aber eigentlich komme,« sagte er zuletzt, »muss ich dir nur
gestehen. Ich habe ein Gelübde getan, heute abend noch deinen Schuh zu küssen.«
    »Das ist dir lange nicht eingefallen,« sagte Charlotte. »Desto schlimmer,«
versetzte Eduard, »und desto besser!«
    Sie hatte sich in einen Sessel gesetzt, um ihre leichte Nachtkleidung seinen
Blicken zu entziehen. Er warf sich vor ihr nieder, und sie konnte sich nicht
erwehren, dass er nicht ihren Schuh küsste, und dass, als dieser ihm in der Hand
blieb, er den Fuss ergriff und ihn zärtlich an seine Brust drückte.
    Charlotte war eine von den Frauen, die, von Natur mässig, im Ehestande ohne
Vorsatz und Anstrengung die Art und Weise der Liebhaberinnen fortführen. Niemals
reizte sie den Mann, ja seinem Verlangen kam sie kaum entgegen; aber ohne Kälte
und abstossende Strenge glich sie immer einer liebevollen Braut, die selbst vor
dem Erlaubten noch innige Scheu trägt. Und so fand sie Eduard diesen Abend in
doppeltem Sinne. Wie sehnlich wünschte sie den Gatten weg; denn die Luftgestalt
des Freundes schien ihr Vorwürfe zu machen. Aber das, was Eduarden hätte
entfernen sollen, zog ihn nur mehr an. Eine gewisse Bewegung war an ihr
sichtbar. Sie hatte geweint, und wenn weiche Personen dadurch meist an Anmut
verlieren, so gewinnen diejenigen dadurch unendlich, die wir gewöhnlich als
stark und gefasst kennen. Eduard war so liebenswürdig, so freundlich, so
dringend; er bat sie, bei ihr bleiben zu dürfen, er forderte nicht, bald ernst
bald scherzhaft suchte er sie zu bereden, er dachte nicht daran, dass er Rechte
habe, und löschte zuletzt mutwillig die Kerze aus.
    In der Lampendämmerung sogleich behauptete die innre Neigung, behauptete die
Einbildungskraft ihre Rechte über das Wirkliche: Eduard hielt nur Ottilien in
seinen Armen, Charlotten schwebte der Hauptmann näher oder ferner vor der Seele,
und so verwebten, wundersam genug, sich Abwesendes und Gegenwärtiges reizend und
wonnevoll durcheinander.
    Und doch lässt sich die Gegenwart ihr ungeheures Recht nicht rauben. Sie
brachten einen Teil der Nacht unter allerlei Gesprächen und Scherzen zu, die um
desto freier waren als das Herz leider keinen Teil daran nahm. Aber als Eduard
des andern Morgens an dem Busen seiner Frau erwachte, schien ihm der Tag
ahnungsvoll hereinzublicken, die Sonne schien ihm ein Verbrechen zu beleuchten;
er schlich sich leise von ihrer Seite, und sie fand sich, seltsam genug, allein,
als sie erwachte.
 
                                Zwölftes Kapitel
Als die Gesellschaft zum Frühstück wieder zusammenkam, hätte ein aufmerksamer
Beobachter an dem Betragen der einzelnen die Verschiedenheit der innern
Gesinnungen und Empfindungen abnehmen können. Der Graf und die Baronesse
begegneten sich mit dem heitern Behagen, das ein Paar Liebende empfinden, die
sich nach erduldeter Trennung ihrer wechselseitigen Neigung abermals versichert
halten, dagegen Charlotte und Eduard gleichsam beschämt und reuig dem Hauptmann
und Ottilien entgegentraten. Denn so ist die Liebe beschaffen, dass sie allein
recht zu haben glaubt und alle anderen Rechte vor ihr verschwinden. Ottilie war
kindlich heiter, nach ihrer Weise konnte man sie offen nennen. Ernst erschien
der Hauptmann; ihm war bei der Unterredung mit dem Grafen, indem dieser alles in
ihm aufregte, was einige Zeit geruht und geschlafen hatte, nur zu fühlbar
geworden, dass er eigentlich hier seine Bestimmung nicht erfülle und im Grunde
bloss in einem halbtätigen Müssiggang hinschlendere. Kaum hatten sich die beiden
Gäste entfernt, als schon wieder neuer Besuch eintraf, Charlotten willkommen,
die aus sich selbst herauszugehen, sich zu zerstreuen wünschte; Eduarden
ungelegen, der eine doppelte Neigung fühlte, sich mit Ottilien zu beschäftigen;
Ottilien gleichfalls unerwünscht, die mit ihrer auf morgen früh so nötigen
Abschrift noch nicht fertig war. Und so eilte sie auch, als die Fremden sich
spät entfernten, sogleich auf ihr Zimmer.
    Es war Abend geworden. Eduard, Charlotte und der Hauptmann, welche die
Fremden, ehe sie sich in den Wagen setzten, eine Strecke zu Fuss begleitet
hatten, wurden einig, noch einen Spaziergang nach den Teichen zu machen. Ein
Kahn war angekommen, den Eduard mit ansehnlichen Kosten aus der Ferne
verschrieben hatte. Man wollte versuchen, ob er sich leicht bewegen und lenken
lasse.
    Er war am Ufer des mittelsten Teiches nicht weit von einigen alten
Eichbäumen angebunden, auf die man schon bei künftigen Anlagen gerechnet hatte.
Hier sollte ein Landungsplatz angebracht, unter den Bäumen ein architektonischer
Ruhesitz aufgeführt werden, wonach diejenigen, die über den See fahren, zu
steuern hätten.
    »Wo wird man denn nun drüben die Landung am besten anlegen?« fragte Eduard.
»Ich sollte denken, bei meinen Platanen.«
    »Sie stehen ein wenig zu weit rechts,« sagte der Hauptmann. »Landet man
weiter unten, so ist man dem Schloss näher; doch muss man es überlegen.«
    Der Hauptmann stand schon im Hinterteile des Kahns und hatte ein Ruder
ergriffen. Charlotte stieg ein, Eduard gleichfalls und fasste das andre Ruder;
aber als er eben im Abstossen begriffen war, gedachte er Ottiliens, gedachte, dass
ihn diese Wasserfahrt verspäten, wer weiss erst wann zurückführen würde. Er
entschloss sich kurz und gut, sprang wieder ans Land, reichte dem Hauptmann das
andre Ruder und eilte, sich flüchtig entschuldigend, nach Hause.
    Dort vernahm er, Ottilie habe sich eingeschlossen, sie schreibe. Bei dem
angenehmen Gefühle, dass sie für ihn etwas tue, empfand er das lebhafteste
Missbehagen, sie nicht gegenwärtig zu sehen. Seine Ungeduld vermehrte sich mit
jedem Augenblicke. Er ging in dem grossen Saale auf und ab, versuchte allerlei,
und nichts vermochte seine Aufmerksamkeit zu fesseln. Sie wünschte er zu sehen,
allein zu sehen, ehe noch Charlotte mit dem Hauptmann zurückkäme. Es ward Nacht,
die Kerzen wurden angezündet.
    Endlich trat sie herein, glänzend von Liebenswürdigkeit. Das Gefühl, etwas
für den Freund getan zu haben, hatte ihr ganzes Wesen über sich selbst gehoben.
Sie legte das Original und die Abschrift vor Eduard auf den Tisch. »Wollen wir
kollationieren?« sagte sie lächelnd. Eduard wusste nicht, was er erwidern sollte.
Er sah sie an, er besah die Abschrift. Die ersten Blätter waren mit der grössten
Sorgfalt, mit einer zarten weiblichen Hand geschrieben, dann schienen sich die
Züge zu verändern, leichter und freier zu werden; aber wie erstaunt war er, als
er die letzten Seiten mit den Augen überlief! »Um Gottes willen!« rief er aus,
»was ist das? Das ist meine Hand!« Er sah Ottilien an und wieder auf die
Blätter, besonders der Schluss war ganz, als wenn er ihn selbst geschrieben
hätte. Ottilie schwieg, aber sie blickte ihm mit der grössten Zufriedenheit in
die Augen. Eduard hob seine Arme empor: »Du liebst mich!« rief er aus, »Ottilie,
du liebst mich!« und sie hielten einander umfasst. Wer das andere zuerst
ergriffen, wäre nicht zu unterscheiden gewesen.
    Von diesem Augenblick an war die Welt für Eduarden umgewendet, er nicht
mehr, was er gewesen, die Welt nicht mehr, was sie gewesen. Sie standen
voreinander, er hielt ihre Hände, sie sahen einander in die Augen, im Begriff,
sich wieder zu umarmen.
    Charlotte mit dem Hauptmann trat herein. Zu den Entschuldigungen eines
längeren Aussenbleibens lächelte Eduard heimlich. O wie viel zu früh kommt ihr!
sagte er zu sich selbst.
    Sie setzten sich zum Abendessen. Die Personen des heutigen Besuchs wurden
beurteilt. Eduard, liebevoll aufgeregt, sprach gut von einem jeden, immer
schonend, oft billigend. Charlotte, die nicht durchaus seiner Meinung war,
bemerkte diese Stimmung und scherzte mit ihm, dass er, der sonst über die
scheidende Gesellschaft immer das strengste Zungengericht ergehen lasse, heute
so mild und nachsichtig sei.
    Mit Feuer und herzlicher Überzeugung rief Eduard: »Man muss nur Ein Wesen
recht von Grund aus lieben, da kommen einem die übrigen alle liebenswürdig vor!«
Ottilie schlug die Augen nieder, und Charlotte sah vor sich hin.
    Der Hauptmann nahm das Wort und sagte: »Mit den Gefühlen der Hochachtung,
der Verehrung ist es doch auch etwas Ähnliches. Man erkennt nur erst das
Schätzenswerte in der Welt, wenn man solche Gesinnungen an Einem Gegenstande zu
üben Gelegenheit findet.«
    Charlotte suchte bald in ihr Schlafzimmer zu gelangen, um sich der
Erinnerung dessen zu überlassen, was diesen Abend zwischen ihr und dem Hauptmann
vorgegangen war.
    Als Eduard ans Ufer springend den Kahn vom Lande stiess, Gattin und Freund
dem schwankenden Element selbst überantwortete, sah nunmehr Charlotte den Mann,
um den sie im stillen schon soviel gelitten hatte, in der Dämmerung vor sich
sitzen und durch die Führung zweier Ruder das Fahrzeug in beliebiger Richtung
fortbewegen. Sie empfand eine tiefe, selten gefühlte Traurigkeit. Das Kreisen
des Kahns, das Plätschern der Ruder, der über den Wasserspiegel hinschauernde
Windhauch, das Säuseln der Rohre, das letzte Schweben der Vögel, das Blinken und
Widerblinken der ersten Sterne: alles hatte etwas Geisterhaftes in dieser
allgemeinen Stille. Es schien ihr, der Freund führe sie weit weg, um sie
auszusetzen, sie allein zu lassen. Eine wunderbare Bewegung war in ihrem Innern,
und sie konnte nicht weinen.
    Der Hauptmann beschrieb ihr unterdessen, wie nach seiner Absicht die Anlagen
werden sollten. Er rühmte die guten Eigenschaften des Kahns, dass er sich leicht
mit zwei Rudern von einer Person bewegen und regieren lasse. Sie werde das
selbst lernen, es sei eine angenehme Empfindung, manchmal allein auf dem Wasser
hinzuschwimmen und sein eigner Fähr-und Steuermann zu sein.
    Bei diesen Worten fiel der Freundin die bevorstehende Trennung aufs Herz.
Sagt er das mit Vorsatz? dachte sie bei sich selbst. Weiss er schon davon?
vermutet ers? Oder sagt er es zufällig, so dass er mir bewusstlos mein Schicksal
vorausverkündigt? Es ergriff sie eine grosse Wehmut, eine Ungeduld; sie bat ihn,
baldmöglichst zu landen und mit ihr nach dem Schloss zurückzukehren.
    Es war das erstemal, dass der Hauptmann die Teiche befuhr, und ob er gleich
im allgemeinen ihre Tiefe untersucht hatte, so waren ihm doch die einzelnen
Stellen unbekannt. Dunkel fing es an zu werden; er richtete seinen Lauf dahin,
wo er einen bequemen Ort zum Aussteigen vermutete und den Fusspfad nicht entfernt
wusste, der nach dem Schloss führte. Aber auch von dieser Bahn wurde er
einigermassen abgelenkt, als Charlotte mit einer Art von Ängstlichkeit den Wunsch
wiederholte, bald am Lande zu sein. Er näherte sich mit erneuten Anstrengungen
dem Ufer, aber leider fühlte er sich in einiger Entfernung davon angehalten; er
hatte sich festgefahren, und seine Bemühungen, wieder loszukommen, waren
vergebens. Was war zu tun? Ihm blieb nichts übrig, als in das Wasser zu steigen,
das seicht genug war, und die Freundin an das Land zu tragen. Glücklich brachte
er die liebe Bürde hinüber, stark genug, um nicht zu schwanken oder ihr einige
Sorgen zu geben; aber doch hatte sie ängstlich ihre Arme um seinen Hals
geschlungen.
    Er hielt sie fest und drückte sie an sich. Erst auf einem Rasenabhang liess
er sie nieder, nicht ohne Bewegung und Verwirrung. Sie lag noch an seinem Halse;
er schloss sie aufs neue in seine Arme und drückte einen lebhaften Kuss auf ihre
Lippen; aber auch im Augenblick lag er zu ihren Füssen, drückte seinen Mund auf
ihre Hand und rief: »Charlotte, werden Sie mir vergeben?«
    Der Kuss, den der Freund gewagt, den sie ihm beinahe zurückgegeben, brachte
Charlotten wieder zu sich selbst. Sie drückte seine Hand, aber sie hob ihn nicht
auf. Doch indem sie sich zu ihm hinunterneigte und eine Hand auf seine Schultern
legte, rief sie aus: »Dass dieser Augenblick in unserm Leben Epoche mache, können
wir nicht verhindern; aber dass sie unser wert sei, hängt von uns ab. Sie müssen
scheiden, lieber Freund, und Sie werden scheiden. Der Graf macht Anstalt, Ihr
Schicksal zu verbessern; es freut und schmerzt mich. Ich wollte es verschweigen,
bis es gewiss wäre; der Augenblick nötigt mich, dies Geheimnis zu entdecken. Nur
insofern kann ich Ihnen, kann ich mir verzeihen, wenn wir den Mut haben, unsre
Lage zu ändern, da es von uns nicht abhängt, unsre Gesinnung zu ändern.« Sie hub
ihn auf und ergriff seinen Arm, um sich darauf zu stützen, und so kamen sie
stillschweigend nach dem Schloss.
    Nun aber stand sie in ihrem Schlafzimmer, wo sie sich als Gattin Eduards
empfinden und betrachten musste. Ihr kam bei diesen Widersprüchen ihr tüchtiger
und durchs Leben mannigfaltig geübter Charakter zu Hülfe. Immer gewohnt, sich
ihrer selbst bewusst zu sein, sich selbst zu gebieten, ward es ihr auch jetzt
nicht schwer, durch ernste Betrachtung sich dem erwünschten Gleichgewichte zu
nähern; ja sie musste über sich selbst lächeln, indem sie des wunderlichen
Nachtbesuches gedachte. Doch schnell ergriff sie eine seltsame Ahnung, ein
freudig bängliches Erzittern, das in fromme Wünsche und Hoffnungen sich
auflöste. Gerührt kniete sie nieder, sie wiederholte den Schwur, den sie
Eduarden vor dem Altar getan. Freundschaft, Neigung, Entsagen gingen vor ihr in
heitern Bildern vorüber. Sie fühlte sich innerlich wiederhergestellt. Bald
ergreift sie eine süsse Müdigkeit und ruhig schläft sie ein.
 
                              Dreizehntes Kapitel
Eduard von seiner Seite ist in einer ganz verschiedenen Stimmung. Zu schlafen
denkt er so wenig, dass es ihm nicht einmal einfällt, sich auszuziehen. Die
Abschrift des Dokuments küsst er tausendmal, den Anfang von Ottiliens kindlich
schüchterner Hand; das Ende wagt er kaum zu küssen, weil er seine eigene Hand zu
sehen glaubt. O dass es ein andres Dokument wäre! sagt er sich im stillen; und
doch ist es ihm auch schon die schönste Versicherung, dass sein höchster Wunsch
erfüllt sei. Bleibt es ja doch in seinen Händen! und wird er es nicht immerfort
an sein Herz drücken, obgleich entstellt durch die Unterschrift eines Dritten?
    Der abnehmende Mond steigt über den Wald hervor. Die warme Nacht lockt
Eduarden ins Freie; er schweift umher, er ist der unruhigste und der
glücklichste aller Sterblichen. Er wandelt durch die Gärten; sie sind ihm zu
enge; er eilt auf das Feld, und es wird ihm zu weit. Nach dem Schloss zieht es
ihn zurück; er findet sich unter Ottiliens Fenstern. Dort setzt er sich auf eine
Terrassentreppe. Mauern und Riegel, sagt er zu sich selbst, trennen uns jetzt,
aber unsre Herzen sind nicht getrennt. Stünde sie vor mir, in meine Arme würde
sie fallen, ich in die ihrigen, und was bedarf es weiter als diese Gewissheit!
Alles war still um ihn her, kein Lüftchen regte sich; so still wars, dass er das
wühlende Arbeiten emsiger Tiere unter der Erde vernehmen konnte, denen Tag und
Nacht gleich sind. Er hing ganz seinen glücklichen Träumen nach, schlief endlich
ein und erwachte nicht eher wieder, als bis die Sonne mit herrlichem Blick
heraufstieg und die frühsten Nebel gewältigte.
    Nun fand er sich den ersten Wachenden in seinen Besitzungen. Die Arbeiter
schienen ihm zu lange auszubleiben. Sie kamen; es schienen ihm ihrer zu wenig
und die vorgesetzte Tagesarbeit für seine Wünsche zu gering. Er fragte nach
mehreren Arbeitern; man versprach sie und stellte sie im Laufe des Tages. Aber
auch diese sind ihm nicht genug, um seine Vorsätze schleunig ausgeführt zu
sehen. Das Schaffen macht ihm keine Freude mehr; es soll schon alles fertig
sein, und für wen? Die Wege sollen gebahnt sein, damit Ottilie bequem sie gehen,
die Sitze schon an Ort und Stelle, damit Ottilie dort ruhen könne. Auch an dem
neuen Hause treibt er, was er kann; es soll an Ottiliens Geburtstage gerichtet
werden. In Eduards Gesinnungen wie in seinen Handlungen ist kein Mass mehr. Das
Bewusstsein, zu lieben und geliebt zu werden, treibt ihn ins Unendliche. Wie
verändert ist ihm die Ansicht von allen Zimmern, von allen Umgebungen! Er findet
sich in seinem eigenen Hause nicht mehr. Ottiliens Gegenwart verschlingt ihm
alles; er ist ganz in ihr versunken, keine andre Betrachtung steigt vor ihm auf,
kein Gewissen spricht ihm zu; alles, was in seiner Natur gebändigt war, bricht
los, sein ganzes Wesen strömt gegen Ottilien.
    Der Hauptmann beobachtet dieses leidenschaftliche Treiben und wünscht den
traurigen Folgen zuvorzukommen. Alle diese Anlagen, die jetzt mit einem
einseitigen Triebe übermässig gefördert werden, hatte er auf ein ruhig
freundliches Zusammenleben berechnet. Der Verkauf des Vorwerks war durch ihn
zustande gebracht, die erste Zahlung geschehen, Charlotte hatte sie der Abrede
nach in ihre Kasse genommen. Aber sie muss gleich in der ersten Woche Ernst und
Geduld und Ordnung mehr als sonst üben und im Auge haben; denn nach der
übereilten Weise wird das Ausgesetzte nicht lange reichen.
    Es war viel angefangen und viel zu tun. Wie soll er Charlotten in dieser
Lage lassen! Sie beraten sich und kommen überein, man wolle die planmässigen
Arbeiten lieber selbst beschleunigen, zu dem Ende Gelder aufnehmen und zu deren
Abtragung die Zahlungstermine anweisen, die vom Vorwerksverkauf zurückgeblieben
waren. Es liess sich fast ohne Verlust durch Zession der Gerechtsame tun; man
hatte freiere Hand; man leistete, da alles im Gange, Arbeiter genug vorhanden
waren, mehr auf einmal und gelangte gewiss und bald zum Zweck. Eduard stimmte
gern bei, weil es mit seinen Absichten übereintraf.
    Im innern Herzen beharrt indessen Charlotte bei dem, was sie bedacht und
sich vorgesetzt, und männlich steht ihr der Freund mit gleichem Sinn zur Seite.
Aber eben dadurch wird ihre Vertraulichkeit nur vermehrt. Sie erklären sich
wechselseitig über Eduards Leidenschaft, sie beraten sich darüber. Charlotte
schliesst Ottilien näher an sich, beobachtet sie strenger, und je mehr sie ihr
eigen Herz gewahr worden, desto tiefer blickt sie in das Herz des Mädchens. Sie
sieht keine Rettung, als sie muss das Kind entfernen.
    Nun scheint es ihr eine glückliche Fügung, dass Luciane ein so
ausgezeichnetes Lob in der Pension erhalten; denn die Grosstante, davon
unterrichtet, will sie nun ein für allemal zu sich nehmen, sie um sich haben,
sie in die Welt einführen. Ottilie konnte in die Pension zurückkehren, der
Hauptmann entfernte sich wohlversorgt; und alles stand wie vor wenigen Monaten,
ja um so viel besser. Ihr eigenes Verhältnis hoffte Charlotte zu Eduard bald
wiederherzustellen, und sie legte das alles so verständig bei sich zurecht, dass
sie sich nur immer mehr in dem Wahn bestärkte: in einen frühern, beschränktern
Zustand könne man zurückkehren, ein gewaltsam Entbundenes lasse sich wieder ins
Enge bringen.
    Eduard empfand indessen die Hindernisse sehr hoch, die man ihm in den Weg
legte. Er bemerkte gar bald, dass man ihn und Ottilien auseinanderhielt, dass man
ihm erschwerte, sie allein zu sprechen, ja sich ihr zu nähern, ausser in
Gegenwart von mehreren; und indem er hierüber verdriesslich war, ward er es über
manches andere. Konnte er Ottilien flüchtig sprechen, so war es nicht nur, sie
seiner Liebe zu versichern, sondern sich auch über seine Gattin, über den
Hauptmann zu beschweren. Er fühlte nicht, dass er selbst durch sein heftiges
Treiben die Kasse zu erschöpfen auf dem Wege war; er tadelte bitter Charlotten
und den Hauptmann, dass sie bei dem Geschäft gegen die erste Abrede handelten,
und doch hatte er in die zweite Abrede gewilligt, ja er hatte sie selbst
veranlasst und notwendig gemacht.
    Der Hass ist parteiisch, aber die Liebe ist es noch mehr. Auch Ottilie
entfremdete sich einigermassen von Charlotten und dem Hauptmann. Als Eduard sich
einst gegen Ottilien über den letztern beklagte, dass er als Freund und in einem
solchen Verhältnisse nicht ganz aufrichtig handle, versetzte Ottilie
unbedachtsam: »Es hat mir schon früher missfallen, dass er nicht ganz redlich
gegen Sie ist. Ich hörte ihn einmal zu Charlotten sagen: Wenn uns nur Eduard mit
seiner Flötendudelei verschonte! Es kann daraus nichts werden und ist für die
Zuhörer so lästig. Sie können denken, wie mich das geschmerzt hat, da ich Sie so
gern akkompagniere.«
    Kaum hatte sie es gesagt, als ihr schon der Geist zuflüsterte, dass sie hätte
schweigen sollen; aber es war heraus. Eduards Gesichtszüge verwandelten sich.
Nie hatte ihn etwas mehr verdrossen; er war in seinen liebsten Forderungen
angegriffen, er war sich eines kindlichen Strebens ohne die mindeste Anmassung
bewusst. Was ihn unterhielt, was ihn erfreute, sollte doch mit Schonung von
Freunden behandelt werden. Er dachte nicht, wie schrecklich es für einen Dritten
sei, sich die Ohren durch ein unzulängliches Talent verletzen zu lassen. Er war
beleidigt, wütend, um nicht wieder zu vergeben. Er fühlte sich von allen
Pflichten losgesprochen.
    Die Notwendigkeit, mit Ottilien zu sein, sie zu sehen, ihr etwas
zuzuflüstern, ihr zu vertrauen, wuchs mit jedem Tage. Er entschloss sich, ihr zu
schreiben, sie um einen geheimen Briefwechsel zu bitten. Das Streifchen Papier,
worauf er dies lakonisch genug getan hatte, lag auf dem Schreibtisch und ward
vom Zugwind heruntergeführt, als der Kammerdiener hereintrat, ihm die Haare zu
kräuseln. Gewöhnlich, um die Hitze des Eisens zu versuchen, bückte sich dieser
nach Papierschnitzeln auf der Erde; diesmal ergriff er das Billet, zwickte es
eilig, und es war versengt. Eduard, den Missgriff bemerkend, riss es ihm aus der
Hand. Bald darauf setzte er sich hin, es noch einmal zu schreiben; es wollte
nicht ganz so zum zweitenmal aus der Feder. Er fühlte einiges Bedenken, einige
Besorgnis, die er jedoch überwand. Ottilien wurde das Blättchen in die Hand
gedrückt, den ersten Augenblick, wo er sich ihr nähern konnte.
    Ottilie versäumte nicht, ihm zu antworten. Ungelesen steckte er das
Zettelchen in die Weste, die, modisch kurz, es nicht gut verwahrte. Es schob
sich heraus und fiel, ohne von ihm bemerkt zu werden, auf den Boden. Charlotte
sah es und hob es auf und reichte es ihm mit einem flüchtigen Überblick. »Hier
ist etwas von deiner Hand,« sagte sie, »das du vielleicht ungern verlörest.«
    Er war betroffen. Verstellt sie sich? dachte er. Ist sie den Inhalt des
Blättchens gewahr worden, oder irrt sie sich an der Ähnlichkeit der Hände? Er
hoffte, er dachte das letztre. Er war gewarnt, doppelt gewarnt; aber diese
sonderbaren, zufälligen Zeichen, durch die ein höheres Wesen mit uns zu sprechen
scheint, waren seiner Leidenschaft unverständlich; vielmehr, indem sie ihn immer
weiter führte, empfand er die Beschränkung, in der man ihn zu halten schien,
immer unangenehmer. Die freundliche Geselligkeit verlor sich. Sein Herz war
verschlossen, und wenn er mit Freund und Frau zusammenzusein genötigt war, so
gelang es ihm nicht, seine frühere Neigung zu ihnen in seinem Busen wieder
aufzufinden, zu beleben. Der stille Vorwurf, den er sich selbst hierüber machen
musste, war ihm unbequem, und er suchte sich durch eine Art von Humor zu helfen,
der aber, weil er ohne Liebe war, auch der gewohnten Anmut ermangelte.
    Über alle diese Prüfungen half Charlotten ihr inneres Gefühl hinweg. Sie war
sich ihres ernsten Vorsatzes bewusst, auf eine so schöne, edle Neigung Verzicht
zu tun.
    Wie sehr wünschte sie, jenen beiden auch zu Hülfe zu kommen! Entfernung,
fühlte sie wohl, wird nicht allein hinreichend sein, ein solches Übel zu heilen.
Sie nimmt sich vor, die Sache gegen das gute Kind zur Sprache zu bringen; aber
sie vermag es nicht; die Erinnerung ihres eignen Schwankens steht ihr im Wege.
Sie sucht sich darüber im allgemeinen auszudrücken; das Allgemeine passt auch auf
ihren eignen Zustand, den sie auszusprechen scheut. Ein jeder Wink, den sie
Ottilien geben will, deutet zurück in ihr eignes Herz. Sie will warnen und
fühlt, dass sie wohl selbst noch einer Warnung bedürfen könnte.
    Schweigend hält sie daher die Liebenden noch immer auseinander, und die
Sache wird dadurch nicht besser. Leise Andeutungen, die ihr manchmal
entschlüpfen, wirken auf Ottilien nicht; denn Eduard hatte diese von Charlottens
Neigung zum Hauptmann überzeugt, sie überzeugt, dass Charlotte selbst eine
Scheidung wünsche, die er nun auf eine anständige Weise zu bewirken denke.
    Ottilie, getragen durch das Gefühl ihrer Unschuld, auf dem Wege zu dem
erwünschtesten Glück, lebt nur für Eduard. Durch die Liebe zu ihm in allem Guten
gestärkt, um seinetwillen freudiger in ihrem Tun, aufgeschlossener gegen andre,
findet sie sich in einem Himmel auf Erden.
    So setzen alle zusammen, jeder auf seine Weise, das tägliche Leben fort, mit
und ohne Nachdenken; alles scheint seinen gewöhnlichen Gang zu gehen, wie man
auch in ungeheuren Fällen, wo alles auf dem Spiele steht, noch immer so
fortlebt, als wenn von nichts die Rede wäre.
 
                              Vierzehntes Kapitel
Von dem Grafen war indessen ein Brief an den Hauptmann angekommen, und zwar ein
doppelter, einer zum Vorzeigen, der sehr schöne Aussichten in die Ferne darwies;
der andre hingegen, der ein entschiedenes Anerbieten für die Gegenwart entielt,
eine bedeutende Hof- und Geschäftsstelle, den Charakter als Major, ansehnlichen
Gehalt und andre Vorteile, sollte wegen verschiedener Nebenumstände noch
geheimgehalten werden. Auch unterrichtete der Hauptmann seine Freunde nur von
jenen Hoffnungen und verbarg, was so nahe bevorstand.
    Indessen setzte er die gegenwärtigen Geschäfte lebhaft fort und machte in
der Stille Einrichtungen, wie alles in seiner Abwesenheit ungehinderten Fortgang
haben könnte. Es ist ihm nun selbst daran gelegen, dass für manches ein Termin
bestimmt werde, dass Ottiliens Geburtstag manches beschleunige. Nun wirken die
beiden Freunde, obschon ohne ausdrückliches Einverständnis, gern zusammen.
Eduard ist nun recht zufrieden, dass man durch das Vorauserheben der Gelder die
Kasse verstärkt hat; die ganze Anstalt rückt auf das rascheste vorwärts.
    Die drei Teiche in einen See zu verwandeln, hätte jetzt der Hauptmann am
liebsten ganz widerraten. Der untere Damm war zu verstärken, die mittlern
abzutragen und die ganze Sache in mehr als einem Sinne wichtig und bedenklich.
Beide Arbeiten aber, wie sie ineinanderwirken konnten, waren schon angefangen,
und hier kam ein junger Architekt, ein ehemaliger Zögling des Hauptmanns, sehr
erwünscht, der teils mit Anstellung tüchtiger Meister, teils mit Verdingen der
Arbeit, wo sichs tun liess, die Sache förderte und dem Werke Sicherheit und Dauer
versprach; wobei sich der Hauptmann im stillen freute, dass man seine Entfernung
nicht fühlen würde. Denn er hatte den Grundsatz, aus einem übernommenen
unvollendeten Geschäft nicht zu scheiden, bis er seine Stelle genugsam ersetzt
sähe. Ja er verachtete diejenigen, die, um ihren Abgang fühlbar zu machen, erst
noch Verwirrung in ihrem Kreise anrichten, indem sie als ungebildete Selbstler
das zu zerstören wünschen, wobei sie nicht mehr fortwirken sollen.
    So arbeitete man immer mit Anstrengung, um Ottiliens Geburtstag zu
verherrlichen, ohne dass man es aussprach oder sichs recht aufrichtig bekannte.
Nach Charlottens obgleich neidlosen Gesinnungen konnte es doch kein
entschiedenes Fest werden. Die Jugend Ottiliens, ihre Glücksumstände, das
Verhältnis zur Familie berechtigten sie nicht, als Königin eines Tages zu
erscheinen. Und Eduard wollte nicht davon gesprochen haben, weil alles wie von
selbst entspringen, überraschen und natürlich erfreuen sollte.
    Alle kamen daher stillschweigend in dem Vorwande überein, als wenn an diesem
Tage, ohne weitere Beziehung, jenes Lustaus gerichtet werden sollte, und bei
diesem Anlass konnte man dem Volke sowie den Freunden ein Fest ankündigen.
    Eduards Neigung war aber grenzenlos. Wie er sich Ottilien zuzueignen
begehrte, so kannte er auch kein Mass des Hingebens, Schenkens, Versprechens. Zu
einigen Gaben, die er Ottilien an diesem Tage verehren wollte, hatte ihm
Charlotte viel zu ärmliche Vorschläge getan. Er sprach mit seinem Kammerdiener,
der seine Garderobe besorgte und mit Handelsleuten und Modehändlern in
beständigem Verhältnis blieb; dieser, nicht unbekannt sowohl mit den
angenehmsten Gaben selbst als mit der besten Art, sie zu überreichen, bestellte
sogleich in der Stadt den niedlichsten Koffer, mit rotem Saffian überzogen, mit
Stahlnägeln beschlagen und angefüllt mit Geschenken, einer solchen Schale
würdig.
    Noch einen andern Vorschlag tat er Eduarden. Es war ein kleines Feuerwerk
vorhanden, das man immer abzubrennen versäumt hatte. Dies konnte man leicht
verstärken und erweitern. Eduard ergriff den Gedanken, und jener versprach, für
die Ausführung zu sorgen. Die Sache sollte ein Geheimnis bleiben.
    Der Hauptmann hatte unterdessen, je näher der Tag heranrückte, seine
polizeilichen Einrichtungen getroffen, die er für so nötig hielt, wenn eine
Masse Menschen zusammenberufen oder - gelockt wird. Ja sogar hatte er wegen des
Bettelns und andrer Unbequemlichkeiten, wodurch die Anmut eines Festes gestört
wird, durchaus Vorsorge genommen.
    Eduard und sein Vertrauter dagegen beschäftigten sich vorzüglich mit dem
Feuerwerk. Am mittelsten Teiche vor jenen grossen Eichbäumen sollte es abgebrannt
werden; gegenüber unter den Platanen sollte die Gesellschaft sich aufhalten, um
die Wirkung aus gehöriger Ferne, die Abspiegelung im Wasser, und was auf dem
Wasser selbst brennend zu schwimmen bestimmt war, mit Sicherheit und
Bequemlichkeit anzuschauen.
    Unter einem andern Vorwand liess daher Eduard den Raum unter den Platanen von
Gesträuch, Gras und Moos säubern, und nun erschien erst die Herrlichkeit des
Baumwuchses sowohl an Höhe als Breite auf dem gereinigten Boden. Eduard empfand
darüber die grösste Freude. Es war ungefähr um diese Jahrszeit, als ich sie
pflanzte. Wie lange mag es her sein? sagte er zu sich selbst. Sobald er nach
Hause kam, schlug er in alten Tagebüchern nach, die sein Vater, besonders auf
dem Lande, sehr ordentlich geführt hatte. Zwar diese Pflanzung konnte nicht
darin erwähnt sein, aber eine andre häuslich wichtige Begebenheit an demselben
Tage, deren sich Eduard noch wohl erinnerte, musste notwendig darin angemerkt
stehen. Er durchblättert einige Bände, der Umstand findet sich. Aber wie
erstaunt, wie erfreut ist Eduard, als er das wunderbarste Zusammentreffen
bemerkt! Der Tag, das Jahr jener Baumpflanzung ist zugleich der Tag, das Jahr
von Ottiliens Geburt.
 
                              Funfzehntes Kapitel
Endlich leuchtete Eduarden der sehnlich erwartete Morgen, und nach und nach
stellten viele Gäste sich ein; denn man hatte die Einladungen weit
umhergeschickt, und manche, die das Legen des Grundsteins versäumt hatten, wovon
man soviel Artiges erzählte, wollten diese zweite Feierlichkeit um so weniger
verfehlen.
    Vor Tafel erschienen die Zimmerleute mit Musik im Schlosshofe, ihren reichen
Kranz tragend, der aus vielen stufenweise übereinander schwankenden Laub-und
Blumenreifen zusammengesetzt war. Sie sprachen ihren Gruss und erbaten sich zur
gewöhnlichen Ausschmückung seidene Tücher und Bänder von dem schönen Geschlecht.
Indes die Herrschaft speiste, setzten sie ihren jauchzenden Zug weiter fort, und
nachdem sie sich eine Zeitlang im Dorfe aufgehalten und daselbst Frauen und
Mädchen gleichfalls um manches Band gebracht, so kamen sie endlich, begleitet
und erwartet von einer grossen Menge, auf die Höhe, wo das gerichtete Haus stand.
    Charlotte hielt nach der Tafel die Gesellschaft einigermassen zurück. Sie
wollte keinen feierlichen, förmlichen Zug, und man fand sich daher in einzelnen
Partieen, ohne Rang und Ordnung, auf dem Platz gemächlich ein. Charlotte zögerte
mit Ottilien und machte dadurch die Sache nicht besser; denn weil Ottilie
wirklich die letzte war, die herantrat, so schien es, als wenn Trompeten und
Pauken nur auf sie gewartet hätten, als wenn die Feierlichkeit bei ihrer Ankunft
nun gleich beginnen müsste.
    Dem Hause das rohe Ansehn zu nehmen, hatte man es mit grünem Reisig und
Blumen, nach Angabe des Hauptmanns, architektonisch ausgeschmückt; allein ohne
dessen Mitwissen hatte Eduard den Architekten veranlasst, in dem Gesims das Datum
mit Blumen zu bezeichnen. Das mochte noch hingehen; allein zeitig genug langte
der Hauptmann an, um zu verhindern, dass nicht auch der Name Ottiliens im
Giebelfelde glänzte. Er wusste dieses Beginnen auf eine geschickte Weise
abzulehnen und die schon fertigen Blumenbuchstaben beiseitezubringen.
    Der Kranz war aufgesteckt und weit umher in der Gegend sichtbar. Bunt
flatterten die Bänder und Tücher in der Luft, und eine kurze Rede verscholl zum
grössten Teil im Winde. Die Feierlichkeit war zu Ende, der Tanz auf dem geebneten
und mit Lauben umkreiseten Platze vor dem Gebäude sollte nun angehen. Ein
schmucker Zimmergeselle führte Eduarden ein flinkes Bauermädchen zu und forderte
Ottilien auf, welche danebenstand. Die beiden Paare fanden sogleich ihre
Nachfolger, und bald genug wechselte Eduard, indem er Ottilien ergriff und mit
ihr die Runde machte. Die jüngere Gesellschaft mischte sich fröhlich in den Tanz
des Volks, indes die Ältern beobachteten.
    Sodann, ehe man sich auf den Spaziergängen zerstreute, ward abgeredet, dass
man sich mit Untergang der Sonne bei den Platanen wieder versammeln wolle.
Eduard fand sich zuerst ein, ordnete alles und nahm Abrede mit dem Kammerdiener,
der auf der andern Seite in Gesellschaft des Feuerwerkers die Lusterscheinungen
zu besorgen hatte.
    Der Hauptmann bemerkte die dazu getroffenen Vorrichtungen nicht mit
Vergnügen; er wollte wegen des zu erwartenden Andrangs der Zuschauer mit Eduard
sprechen, als ihn derselbe etwas hastig bat, er möge ihm diesen Teil der
Feierlichkeit doch allein überlassen.
    Schon hatte sich das Volk auf die oberwärts abgestochenen und vom Rasen
entblössten Dämme gedrängt, wo das Erdreich uneben und unsicher war. Die Sonne
ging unter, die Dämmerung trat ein, und in Erwartung grösserer Dunkelheit wurde
die Gesellschaft unter den Platanen mit Erfrischungen bedient. Man fand den Ort
unvergleichlich und freute sich in Gedanken, künftig von hier die Aussicht auf
einen weiten und so mannigfaltig begrenzten See zu geniessen.
    Ein ruhiger Abend, eine vollkommene Windstille versprachen das nächtliche
Fest zu begünstigen, als auf einmal ein entsetzliches Geschrei entstand. Grosse
Schollen hatten sich vom Damme losgetrennt, man sah mehrere Menschen ins Wasser
stürzen. Das Erdreich hatte nachgegeben unter dem Drängen und Treten der immer
zunehmenden Menge. Jeder wollte den besten Platz haben, und nun konnte niemand
vorwärts noch zurück.
    Jedermann sprang auf und hinzu, mehr um zu schauen als zu tun; denn was war
da zu tun, wo niemand hinreichen konnte. Nebst einigen Entschlossenen eilte der
Hauptmann herbei, trieb sogleich die Menge von dem Damm herunter nach den Ufern,
um den Hülfreichen freie Hand zu geben, welche die Versinkenden herauszuziehen
suchten. Schon waren alle teils durch eignes, teils durch fremdes Bestreben
wieder auf dem Trocknen, bis auf einen Knaben, der durch allzu ängstliches
Bemühen, statt sich dem Damm zu nähern, sich davon entfernt hatte. Die Kräfte
schienen ihn zu verlassen, nur einigemal kam noch eine Hand, ein Fuss in die
Höhe. Unglücklicherweise war der Kahn auf der andern Seite, mit Feuerwerk
gefüllt, nur langsam konnte man ihn ausladen, und die Hülfe verzögerte sich. Des
Hauptmanns Entschluss war gefasst, er warf die Oberkleider weg, aller Augen
richteten sich auf ihn, und seine tüchtige, kräftige Gestalt flösste jedermann
Zutrauen ein; aber ein Schrei der Überraschung drang aus der Menge hervor, als
er sich ins Wasser stürzte, jedes Auge begleitete ihn, der als geschickter
Schwimmer den Knaben bald erreichte und ihn, jedoch für tot, an den Damm
brachte.
    Indessen ruderte der Kahn herbei, der Hauptmann bestieg ihn und forschte
genau von den Anwesenden, ob denn auch wirklich alle gerettet seien. Der
Chirurgus kommt und übernimmt den totgeglaubten Knaben; Charlotte tritt hinzu,
sie bittet den Hauptmann, nur für sich zu sorgen, nach dem Schloss
zurückzukehren und die Kleider zu wechseln. Er zaudert, bis ihm gesetzte,
verständige Leute, die ganz nahe gegenwärtig gewesen, die selbst zur Rettung der
einzelnen beigetragen, auf das heiligste versichern, dass alle gerettet seien.
    Charlotte sieht ihn nach Hause gehen, sie denkt, dass Wein und Tee und was
sonst nötig wäre, verschlossen ist, dass in solchen Fällen die Menschen
gewöhnlich verkehrt handeln; sie eilt durch die zerstreute Gesellschaft, die
sich noch unter den Platanen befindet. Eduard ist beschäftigt, jedermann
zuzureden: man soll bleiben; in kurzem gedenkt er das Zeichen zu geben, und das
Feuerwerk soll beginnen. Charlotte tritt hinzu und bittet ihn, ein Vergnügen zu
verschieben, das jetzt nicht am Platze sei, das in dem gegenwärtigen Augenblick
nicht genossen werden könne; sie erinnert ihn, was man dem Geretteten und dem
Retter schuldig sei. »Der Chirurgus wird schon seine Pflicht tun,« versetzte
Eduard. »Er ist mit allem versehen, und unser Zudringen wäre nur eine
hinderliche Teilnahme.«
    Charlotte bestand auf ihrem Sinne und winkte Ottilien, die sich sogleich zum
Weggehen anschickte. Eduard ergriff ihre Hand und rief: »Wir wollen diesen Tag
nicht im Lazarett endigen! Zur barmherzigen Schwester ist sie zu gut. Auch ohne
uns werden die Scheintoten erwachen und die Lebendigen sich abtrocknen.«
    Charlotte schwieg und ging. Einige folgten ihr, andere diesen; endlich
wollte niemand der letzte sein, und so folgten alle. Eduard und Ottilie fanden
sich allein unter den Platanen. Er bestand darauf, zu bleiben, so dringend, so
ängstlich sie ihn auch bat, mit ihr nach dem Schloss zurückzukehren. »Nein,
Ottilie!« rief er, »das Ausserordentliche geschieht nicht auf glattem,
gewöhnlichem Wege. Dieser überraschende Vorfall von heute abend bringt uns
schneller zusammen. Du bist die Meine! Ich habe dirs schon so oft gesagt und
geschworen; wir wollen es nicht mehr sagen und schwören, nun soll es werden.«
    Der Kahn von der andern Seite schwamm herüber. Es war der Kammerdiener, der
verlegen anfragte, was nunmehr mit dem Feuerwerk werden sollte. »Brennt es ab!«
rief er ihm entgegen. »Für dich allein war es bestellt, Ottilie, und nun sollst
du es auch allein sehen! Erlaube mir, an deiner Seite sitzend, es
mitzugeniessen.« Zärtlich bescheiden setzte er sich neben sie, ohne sie zu
berühren.
    Raketen rauschten auf, Kanonenschläge donnerten, Leuchtkugeln stiegen,
Schwärmer schlängelten und platzten, Räder gischten, jedes erst einzeln, dann
gepaart, dann alle zusammen und immer gewaltsamer hintereinander und zusammen.
Eduard, dessen Busen brannte, verfolgte mit lebhaft zufriedenem Blick diese
feurigen Erscheinungen. Ottiliens zartem, aufgeregtem Gemüt war dieses
rauschende, blitzende Entstehen und Verschwinden eher ängstlich als angenehm.
Sie lehnte sich schüchtern an Eduard, dem diese Annäherung, dieses Zutrauen das
volle Gefühl gab, dass sie ihm ganz angehöre.
    Die Nacht war kaum in ihre Rechte wieder eingetreten, als der Mond aufging
und die Pfade der beiden Rückkehrenden beleuchtete. Eine Figur, den Hut in der
Hand, vertrat ihnen den Weg und sprach sie um ein Almosen an, da er an diesem
festlichen Tage versäumt worden sei. Der Mond schien ihm ins Gesicht, und Eduard
erkannte die Züge jenes zudringlichen Bettlers. Aber so glücklich wie er war,
konnte er nicht ungehalten sein, konnte es ihm nicht einfallen, dass besonders
für heute das Betteln höchlich verpönt worden. Er forschte nicht lange in der
Tasche und gab ein Goldstück hin. Er hätte jeden gern glücklich gemacht, da sein
Glück ohne Grenzen schien.
    Zu Hause war indes alles erwünscht gelungen. Die Tätigkeit des Chirurgen,
die Bereitschaft alles Nötigen, der Beistand Charlottens, alles wirkte zusammen,
und der Knabe ward wieder zum Leben hergestellt. Die Gäste zerstreuten sich,
sowohl um noch etwas vom Feuerwerk aus der Ferne zu sehen, als auch um nach
solchen verworrnen Szenen ihre ruhige Heimat wieder zu betreten.
    Auch hatte der Hauptmann, geschwind umgekleidet, an der nötigen Vorsorge
tätigen Anteil genommen; alles war beruhigt, und er fand sich mit Charlotten
allein. Mit zutraulicher Freundlichkeit erklärte er nun, dass seine Abreise nahe
bevorstehe. Sie hatte diesen Abend so viel erlebt, dass diese Entdeckung wenig
Eindruck auf sie machte; sie hatte gesehen, wie der Freund sich aufopferte, wie
er rettete und selbst gerettet war. Diese wunderbaren Ereignisse schienen ihr
eine bedeutende Zukunft, aber keine unglückliche zu weissagen.
    Eduarden, der mit Ottilien hereintrat, wurde die bevorstehende Abreise des
Hauptmanns gleichfalls angekündigt. Er argwohnte, dass Charlotte früher um das
Nähere gewusst habe, war aber viel zu sehr mit sich und seinen Absichten
beschäftigt, als dass er es hätte übel empfinden sollen.
    Im Gegenteil vernahm er aufmerksam und zufrieden die gute und ehrenvolle
Lage, in die der Hauptmann versetzt werden sollte. Unbändig drangen seine
geheimen Wünsche den Begebenheiten vor. Schon sah er jenen mit Charlotten
verbunden, sich mit Ottilien. Man hätte ihm zu diesem Fest kein grösseres
Geschenk machen können.
    Aber wie erstaunt war Ottilie, als sie auf ihr Zimmer trat und den
köstlichen kleinen Koffer auf ihrem Tische fand! Sie säumte nicht, ihn zu
eröffnen. Da zeigte sich alles so schön gepackt und geordnet, dass sie es nicht
auseinanderzunehmen, ja kaum zu lüften wagte. Musselin, Batist, Seide, Schals
und Spitzen wetteiferten an Feinheit, Zierlichkeit und Kostbarkeit. Auch war der
Schmuck nicht vergessen. Sie begriff wohl die Absicht, sie mehr als einmal vom
Kopf bis auf den Fuss zu kleiden; es war aber alles so kostbar und fremd, dass sie
sichs in Gedanken nicht zuzueignen getraute.
 
                              Sechzehntes Kapitel
Des andern Morgens war der Hauptmann verschwunden und ein dankbar gefühltes
Blatt an die Freunde von ihm zurückgeblieben. Er und Charlotte hatten abends
vorher schon halben und einsilbigen Abschied genommen. Sie empfand eine ewige
Trennung und ergab sich darein; denn in dem zweiten Briefe des Grafen, den ihr
der Hauptmann zuletzt mitteilte, war auch von einer Aussicht auf eine
vorteilhafte Heirat die Rede, und obgleich er diesem Punkt keine Aufmerksamkeit
schenkte, so hielt sie doch die Sache schon für gewiss und entsagte ihm rein und
völlig.
    Dagegen glaubte sie nun auch die Gewalt, die sie über sich selbst ausgeübt,
von andern fordern zu können. Ihr war es nicht unmöglich gewesen, andern sollte
das gleiche möglich sein. In diesem Sinne begann sie das Gespräch mit ihrem
Gemahl, um so mehr offen und zuversichtlich, als sie empfand, dass die Sache ein
für allemal abgetan werden müsse.
    »Unser Freund hat uns verlassen,« sagte sie; »wir sind nun wieder
gegeneinander über wie vormals, und es käme nun wohl auf uns an, ob wir wieder
völlig in den alten Zustand zurückkehren wollten.«
    Eduard, der nichts vernahm, als was seiner Leidenschaft schmeichelte,
glaubte, dass Charlotte durch diese Worte den früheren Witwenstand bezeichnen
und, obgleich auf unbestimmte Weise, zu einer Scheidung Hoffnung machen wolle.
Er antwortete deshalb mit Lächeln: »Warum nicht? Es käme nur darauf an, dass man
sich verständigte.«
    Er fand sich daher gar sehr betrogen, als Charlotte versetzte: »Auch
Ottilien in eine andere Lage zu bringen, haben wir gegenwärtig nur zu wählen;
denn es findet sich eine doppelte Gelegenheit, ihr Verhältnisse zu geben, die
für sie wünschenswert sind. Sie kann in die Pension zurückkehren, da meine
Tochter zur Grosstante gezogen ist; sie kann in ein angesehenes Haus aufgenommen
werden, um mit einer einzigen Tochter alle Vorteile einer standesmässigen
Erziehung zu geniessen.«
    »Indessen«, versetzte Eduard ziemlich gefasst, »hat Ottilie sich in unserer
freundlichen Gesellschaft so verwöhnt, dass ihr eine andere wohl schwerlich
willkommen sein möchte.«
    »Wir haben uns alle verwöhnt,« sagte Charlotte, »und du nicht zum letzten.
Indessen ist es eine Epoche, die uns zur Besinnung auffordert, die uns ernstlich
ermahnt, an das Beste sämtlicher Mitglieder unseres kleinen Zirkels zu denken
und auch irgendeine Aufopferung nicht zu versagen.«
    »Wenigstens finde ich es nicht billig,« versetzte Eduard, »dass Ottilie
aufgeopfert werde, und das geschähe doch, wenn man sie gegenwärtig unter fremde
Menschen hinunterstiesse. Den Hauptmann hat sein gutes Geschick hier aufgesucht;
wir dürfen ihn mit Ruhe, ja mit Behagen von uns wegscheiden lassen. Wer weiss,
was Ottilien bevorsteht; warum sollten wir uns übereilen?«
    »Was uns bevorsteht, ist ziemlich klar,« versetzte Charlotte mit einiger
Bewegung, und da sie die Absicht hatte, ein für allemal sich auszusprechen, fuhr
sie fort: »Du liebst Ottilien, du gewöhnst dich an sie. Neigung und Leidenschaft
entspringt und nährt sich auch von ihrer Seite. Warum sollen wir nicht mit
Worten aussprechen, was uns jede Stunde gesteht und bekennt? Sollen wir nicht
soviel Vorsicht haben, uns zu fragen, was das werden wird?«
    »Wenn man auch sogleich nicht darauf antworten kann,« versetzte Eduard, der
sich zusammennahm, »so lässt sich doch soviel sagen, dass man eben alsdann sich am
ersten entschliesst abzuwarten, was uns die Zukunft lehren wird, wenn man gerade
nicht sagen kann, was aus einer Sache werden soll.«
    »Hier vorauszusehen,« versetzte Charlotte, »bedarf es wohl keiner grossen
Weisheit, und soviel lässt sich auf alle Fälle gleich sagen, dass wir beide nicht
mehr jung genug sind, um blindlings dahin zu gehen, wohin man nicht möchte oder
nicht sollte. Niemand kann mehr für uns sorgen; wir müssen unsre eigenen Freunde
sein, unsre eigenen Hofmeister. Niemand erwartet von uns, dass wir uns in ein
Äusserstes verlieren werden, niemand erwartet, uns tadelnswert oder gar
lächerrlich zu finden.«
    »Kannst du mirs verdenken,« versetzte Eduard, der die offne, reine Sprache
seiner Gattin nicht zu erwidern vermochte, »kannst du mich schelten, wenn mir
Ottiliens Glück am Herzen liegt? und nicht etwa ein künftiges, das immer nicht
zu berechnen ist, sondern ein gegenwärtiges? Denke dir aufrichtig und ohne
Selbstbetrug Ottilien aus unserer Gesellschaft gerissen und fremden Menschen
untergeben - ich wenigstens fühle mich nicht grausam genug, ihr eine solche
Veränderung zuzumuten.«
    Charlotte ward gar wohl die Entschlossenheit ihres Gemahls hinter seiner
Verstellung gewahr. Erst jetzt fühlte sie, wie weit er sich von ihr entfernt
hatte. Mit einiger Bewegung rief sie aus: »Kann Ottilie glücklich sein, wenn sie
uns entzweit, wenn sie mir einen Gatten, seinen Kindern einen Vater entreisst?«
    »Für unsere Kinder, dächte ich, wäre gesorgt,« sagte Eduard lächelnd und
kalt; etwas freundlicher aber fügte er hinzu: »Wer wird auch gleich das Äusserste
denken!«
    »Das Äusserste liegt der Leidenschaft zu allernächst,« bemerkte Charlotte.
»Lehne, solange es noch Zeit ist, den guten Rat nicht ab, nicht die Hülfe, die
ich uns biete. In trüben Fällen muss derjenige wirken und helfen, der am klarsten
sieht. Diesmal bin ichs. Lieber, liebster Eduard, lass mich gewähren! Kannst du
mir zumuten, dass ich auf mein wohlerworbenes Glück, auf die schönsten Rechte,
auf dich so geradehin Verzicht leisten soll?«
    »Wer sagt das?« versetzte Eduard mit einiger Verlegenheit.
    »Du selbst,« versetzte Charlotte; »indem du Ottilien in der Nähe behalten
willst, gestehst du nicht alles zu, was daraus entspringen muss? Ich will nicht
in dich dringen; aber wenn du dich nicht überwinden kannst, so wirst du
wenigstens dich nicht lange mehr betriegen können.«
    Eduard fühlte, wie recht sie hatte. Ein ausgesprochnes Wort ist
fürchterlich, wenn es das auf einmal ausspricht, was das Herz lange sich erlaubt
hat; und um nur für den Augenblick auszuweichen, erwiderte Eduard: »Es ist mir
ja noch nicht einmal klar, was du vorhast.«
    »Meine Absicht war,« versetzte Charlotte, »mit dir die beiden Vorschläge zu
überlegen. Beide haben viel Gutes. Die Pension würde Ottilien am gemässesten
sein, wenn ich betrachte, wie das Kind jetzt ist. Jene grössere und weitere Lage
verspricht aber mehr, wenn ich bedenke, was sie werden soll.« Sie legte darauf
umständlich ihrem Gemahl die beiden Verhältnisse dar und schloss mit den Worten:
»Was meine Meinung betrifft, so würde ich das Haus jener Dame der Pension
vorziehen aus mehreren Ursachen, besonders aber auch, weil ich die Neigung, ja
die Leidenschaft des jungen Mannes, den Ottilie dort für sich gewonnen, nicht
vermehren will.«
    Eduard schien ihr Beifall zu geben, nur aber, um einigen Aufschub zu suchen.
Charlotte, die darauf ausging, etwas Entscheidendes zu tun, ergriff sogleich die
Gelegenheit, als Eduard nicht unmittelbar widersprach, die Abreise Ottiliens, zu
der sie schon alles im stillen vorbereitet hatte, auf die nächsten Tage
festzusetzen.
    Eduard schauderte, er hielt sich für verraten und die liebevolle Sprache
seiner Frau für ausgedacht, künstlich und planmässig, um ihn auf ewig von seinem
Glücke zu trennen. Er schien ihr die Sache ganz zu überlassen; allein schon war
innerlich sein Entschluss gefasst. Um nur zu Atem zu kommen, um das bevorstehende
unabsehliche Unheil der Entfernung Ottiliens abzuwenden, entschied er sich, sein
Haus zu verlassen, und zwar nicht ganz ohne Vorbewusst Charlottens, die er jedoch
durch die Einleitung zu täuschen verstand, dass er bei Ottiliens Abreise nicht
gegenwärtig sein, ja sie von diesem Augenblick an nicht mehr sehen wolle.
Charlotte, die gewonnen zu haben glaubte, tat ihm allen Vorschub. Er befahl
seine Pferde, gab dem Kammerdiener die nötige Anweisung, was er einpacken und
wie er ihm folgen solle, und so, wie schon im Stegreife, setzte er sich hin und
schrieb.
                              Eduard an Charlotten
»Das Übel, meine Liebe, das uns befallen hat, mag heilbar sein oder nicht, dies
nur fühle ich: wenn ich im Augenblicke nicht verzweifeln soll, so muss ich
Aufschub finden für mich, für uns alle. Indem ich mich aufopfre, kann ich
fordern. Ich verlasse mein Haus und kehre nur unter günstigern, ruhigern
Aussichten zurück. Du sollst es indessen besitzen, aber mit Ottilien. Bei dir
will ich sie wissen, nicht unter fremden Menschen. Sorge für sie, behandle sie
wie sonst, wie bisher, ja nur immer liebevoller, freundlicher und zarter. Ich
verspreche, kein heimliches Verhältnis zu Ottilien zu suchen. Lasst mich lieber
eine Zeitlang ganz unwissend, wie ihr lebt; ich will mir das Beste denken. Denkt
auch so von mir. Nur, was ich dich bitte, auf das innigste, auf das lebhafteste:
mache keinen Versuch, Ottilien sonst irgendwo unterzugeben, in neue Verhältnisse
zu bringen! Ausser dem Bezirk deines Schlosses, deines Parks, fremden Menschen
anvertraut, gehört sie mir, und ich werde mich ihrer bemächtigen. Ehrst du aber
meine Neigung, meine Wünsche, meine Schmerzen, schmeichelst du meinem Wahn
meinen Hoffnungen, so will ich auch der Genesung nicht widerstreben, wenn sie
sich mir anbietet.«
Diese letzte Wendung floss ihm aus der Feder, nicht aus dem Herzen. Ja, wie er
sie auf dem Papier sah, fing er bitterlich an zu weinen. Er sollte auf
irgendeine Weise dem Glück, ja dem Unglück, Ottilien zu lieben, entsagen! Jetzt
fühlte er, was er tat. Er entfernte sich, ohne zu wissen, was daraus entstehen
konnte. Er sollte sie wenigstens jetzt nicht wiedersehen; ob er sie je
wiedersähe, welche Sicherheit konnte er sich darüber versprechen? Aber der Brief
war geschrieben; die Pferde standen vor der Tür; jeden Augenblick musste er
fürchten, Ottilien irgendwo zu erblicken und zugleich seinen Entschluss vereitelt
zu sehen. Er fasste sich; er dachte, dass es ihm doch möglich sei, jeden
Augenblick zurückzukehren und durch die Entfernung gerade seinen Wünschen näher
zu kommen. Im Gegenteil stellte er sich Ottilien vor, aus dem Hause gedrängt,
wenn er bliebe. Er siegelte den Brief, eilte die Treppe hinab und schwang sich
aufs Pferd.
    Als er beim Wirtshause vorbeiritt, sah er den Bettler in der Laube sitzen,
den er gestern nacht so reichlich beschenkt hatte. Dieser sass behaglich an
seinem Mittagsmahle, stand auf und neigte sich ehrerbietig, ja anbetend vor
Eduarden. Eben diese Gestalt war ihm gestern erschienen, als er Ottilien am Arm
führte; nun erinnerte sie ihn schmerzlich an die glücklichste Stunde seines
Lebens. Seine Leiden vermehrten sich; das Gefühl dessen, was er zurückliess, war
ihm unerträglich; nochmals blickte er nach dem Bettler: »O du Beneidenswerter!«
rief er aus; »du kannst noch am gestrigen Almosen zehren und ich nicht mehr am
gestrigen Glücke!«
 
                              Siebzehntes Kapitel
Ottilie trat ans Fenster, als sie jemanden wegreiten hörte, und sah Eduarden
noch im Rücken. Es kam ihr wunderbar vor, dass er das Haus verliess, ohne sie
gesehen, ohne ihr einen Morgengruss geboten zu haben. Sie ward unruhig und immer
nachdenklicher, als Charlotte sie auf einen weiten Spaziergang mit sich zog und
von mancherlei Gegenständen sprach, aber des Gemahls, und wie es schien
vorsätzlich, nicht erwähnte. Doppelt betroffen war sie daher, bei ihrer
Zurückkunft den Tisch nur mit zwei Gedecken besetzt zu finden.
    Wir vermissen ungern gering scheinende Gewohnheiten, aber schmerzlich
empfinden wir erst ein solches Entbehren in bedeutenden Fällen. Eduard und der
Hauptmann fehlten, Charlotte hatte seit langer Zeit zum erstenmal den Tisch
selbst angeordnet, und es wollte Ottilien scheinen, als wenn sie abgesetzt wäre.
Die beiden Frauen sassen gegeneinander über; Charlotte sprach ganz unbefangen von
der Anstellung des Hauptmanns und von der wenigen Hoffnung, ihn bald
wiederzusehen. Das einzige tröstete Ottilien in ihrer Lage, dass sie glauben
konnte, Eduard sei, um den Freund noch eine Strecke zu begleiten, ihm
nachgeritten.
    Allein da sie von Tische aufstanden, sahen sie Eduards Reisewagen unter dem
Fenster, und als Charlotte einigermassen unwillig fragte, wer ihn hieher bestellt
habe, so antwortete man ihr, es sei der Kammerdiener, der hier noch einiges
aufpacken wolle. Ottilie brauchte ihre ganze Fassung, um ihre Verwunderung und
ihren Schmerz zu verbergen.
    Der Kammerdiener trat herein und verlangte noch einiges. Es war eine
Mundtasse des Herrn, ein paar silberne Löffel und mancherlei, was Ottilien auf
eine weitere Reise, auf ein längeres Aussenbleiben zu deuten schien. Charlotte
verwies ihm sein Begehren ganz trocken: sie verstehe nicht, was er damit sagen
wolle; denn er habe ja alles, was sich auf den Herrn beziehe, selbst im
Beschluss. Der gewandte Mann, dem es freilich nur darum zu tun war, Ottilien zu
sprechen und sie deswegen unter irgendeinem Vorwande aus dem Zimmer zu locken,
wusste sich zu entschuldigen und auf seinem Verlangen zu beharren, das ihm
Ottilie auch zu gewähren wünschte; allein Charlotte lehnte es ab, der
Kammerdiener musste sich entfernen, und der Wagen rollte fort.
    Es war für Ottilien ein schrecklicher Augenblick. Sie verstand es nicht, sie
begriff es nicht; aber dass ihr Eduard auf geraume Zeit entrissen war, konnte sie
fühlen. Charlotte fühlte den Zustand mit und liess sie allein. Wir wagen nicht,
ihren Schmerz, ihre Tränen zu schildern. Sie litt unendlich. Sie bat nur Gott,
dass er ihr nur über diesen Tag weghelfen möchte; sie überstand den Tag und die
Nacht, und als sie sich wiedergefunden, glaubte sie, ein anderes Wesen
anzutreffen.
    Sie hatte sich nicht gefasst, sich nicht ergeben, aber sie war nach so grossem
Verluste noch da und hatte noch mehr zu befürchten. Ihre nächste Sorge, nachdem
das Bewusstsein wiedergekehrt, war sogleich, sie möchte nun, nach Entfernung der
Männer, gleichfalls entfernt werden. Sie ahnte nichts von Eduards Drohungen,
wodurch ihr der Aufentalt neben Charlotten gesichert war; doch diente ihr das
Betragen Charlottens zu einiger Beruhigung. Diese suchte das gute Kind zu
beschäftigen und liess sie nur selten, nur ungern von sich; und ob sie gleich
wohl wusste, dass man mit Worten nicht viel gegen eine entschiedene Leidenschaft
zu wirken vermag, so kannte sie doch die Macht der Besonnenheit, des
Bewusstseins, und brachte daher manches zwischen sich und Ottilien zur Sprache.
    So war es für diese ein grosser Trost, als jene gelegentlich mit Bedacht und
Vorsatz die weise Betrachtung anstellte: »Wie lebhaft ist«, sagte sie, »die
Dankbarkeit derjenigen, denen wir mit Ruhe über leidenschaftliche Verlegenheiten
hinaushelfen! Lass uns freudig und munter in das eingreifen, was die Männer
unvollendet zurückgelassen haben; so bereiten wir uns die schönste Aussicht auf
ihre Rückkehr, indem wir das, was ihr stürmendes, ungeduldiges Wesen zerstören
möchte, durch unsre Mässigung erhalten und fördern.«
    »Da Sie von Mässigung sprechen, liebe Tante,« versetzte Ottilie, »so kann ich
nicht bergen, dass mir dabei die Unmässigkeit der Männer, besonders was den Wein
betrifft, einfällt. Wie oft hat es mich betrübt und geängstigt, wenn ich
bemerken musste, dass reiner Verstand, Klugheit, Schonung anderer, Anmut und
Liebenswürdigkeit selbst für mehrere Stunden verlorengingen und oft statt alles
des Guten, was ein trefflicher Mann hervorzubringen und zu gewähren vermag,
Unheil und Verwirrung hereinzubrechen drohte! Wie oft mögen dadurch gewaltsame
Entschliessungen veranlasst werden!«
    Charlotte gab ihr recht, doch setzte sie das Gespräch nicht fort; denn sie
fühlte nur zu wohl, dass auch hier Ottilie bloss Eduarden wieder im Sinne hatte,
der zwar nicht gewöhnlich, aber doch öfter, als es wünschenswert war, sein
Vergnügen, seine Gesprächigkeit, seine Tätigkeit durch einen gelegentlichen
Weingenuss zu steigern pflegte.
    Hatte bei jener Äusserung Charlottens sich Ottilie die Männer, besonders
Eduarden, wieder herandenken können, so war es ihr um desto auffallender, als
Charlotte von einer bevorstehenden Heirat des Hauptmanns wie von einer ganz
bekannten und gewissen Sache sprach, wodurch denn alles ein andres Ansehn
gewann, als sie nach Eduards frühern Versicherungen sich vorstellen mochte.
Durch alles dies vermehrte sich die Aufmerksamkeit Ottiliens auf jede Äusserung,
jeden Wink, jede Handlung, jeden Schritt Charlottens. Ottilie war klug,
scharfsinnig, argwöhnisch geworden, ohne es zu wissen.
    Charlotte durchdrang indessen das einzelne ihrer ganzen Umgebung mit
scharfem Blick und wirkte darin mit ihrer klaren Gewandteit, wobei sie Ottilien
beständig teilzunehmen nötigte. Sie zog ihren Haushalt ohne Bänglichkeit ins
Enge; ja, wenn sie alles genau betrachtete, so hielt sie den leidenschaftlichen
Vorfall für eine Art von glücklicher Schickung. Denn auf dem bisherigen Wege
wäre man leicht ins Grenzenlose geraten und hätte den schönen Zustand
reichlicher Glücksgüter, ohne sich zeitig genug zu besinnen, durch ein
vordringliches Leben und Treiben, wo nicht zerstört, doch erschüttert.
    Was von Parkanlagen im Gange war, störte sie nicht. Sie liess vielmehr
dasjenige fortsetzen, was zum Grunde künftiger Ausbildung liegen musste; aber
dabei hatte es auch sein Bewenden. Ihr zurückkehrender Gemahl sollte noch genug
erfreuliche Beschäftigung finden.
    Bei diesen Arbeiten und Vorsätzen konnte sie nicht genug das Verfahren des
Architekten loben. Der See lag in kurzer Zeit ausgebreitet vor ihren Augen und
die neuentstandenen Ufer zierlich und mannigfaltig bepflanzt und beraset. An dem
neuen Hause ward alle rauhe Arbeit vollbracht, was zur Erhaltung nötig war,
besorgt, und dann machte sie einen Abschluss da, wo man mit Vergnügen wieder von
vorn anfangen konnte. dabei war sie ruhig und heiter; Ottilie schien es nur;
denn in allem beobachtete sie nichts als Symptome, ob Eduard wohl bald erwartet
werde oder nicht. Nichts interessierte sie an allem als diese Betrachtung.
    Willkommen war ihr daher eine Anstalt, zu der man die Bauerknaben
versammelte und die darauf abzielte, den weitläufig gewordenen Park immer rein
zu erhalten. Eduard hatte schon den Gedanken gehegt. Man liess den Knaben eine
Art von heiterer Montierung machen, die sie in den Abendstunden anzogen, nachdem
sie sich durchaus gereinigt und gesäubert hatten. Die Garderobe war im Schloss;
dem verständigsten, genausten Knaben vertraute man die Aufsicht an; der
Architekt leitete das Ganze, und ehe man sichs versah, so hatten die Knaben alle
ein gewisses Geschick. Man fand an ihnen eine bequeme Dressur, und sie
verrichteten ihr Geschäft nicht ohne eine Art von Manöver. Gewiss, wenn sie mit
ihren Scharreisen, gestielten Messerklingen, Rechen, kleinen Spaten und Hacken
und wedelartigen Besen einherzogen, wenn andre mit Körben hinterdrein kamen, um
Unkraut und Steine beiseitezuschaffen, andre das hohe, grosse, eiserne Walzenrad
hinter sich herzogen, so gab es einen hübschen, erfreulichen Aufzug, in welchem
der Architekt eine artige Folge von Stellungen und Tätigkeiten für den Fries
eines Gartenhauses sich anmerkte; Ottilie hingegen sah darin nur eine Art von
Parade, welche den rückkehrenden Hausherrn bald begrüssen sollte.
    Dies gab ihr Mut und Lust, ihn mit etwas Ähnlichem zu empfangen. Man hatte
zeiter die Mädchen des Dorfes im Nähen, Stricken, Spinnen und andern weiblichen
Arbeiten zu ermuntern gesucht. Auch diese Tugenden hatten zugenommen seit jenen
Anstalten zu Reinlichkeit und Schönheit des Dorfes. Ottilie wirkte stets mit
ein, aber mehr zufällig, nach Gelegenheit und Neigung. Nun gedachte sie es
vollständiger und folgerechter zu machen. Aber aus einer Anzahl Mädchen lässt
sich kein Chor bilden wie aus einer Anzahl Knaben. Sie folgte ihrem guten Sinne,
und ohne sichs ganz deutlich zu machen, suchte sie nichts, als einem jeden
Mädchen Anhänglichkeit an sein Haus, seine Eltern und seine Geschwister
einzuflössen.
    Das gelang ihr mit vielen. Nur über ein kleines, lebhaftes Mädchen wurde
immer geklagt, dass sie ohne Geschick sei und im Hause nun ein für allemal nichts
tun wolle. Ottilie konnte dem Mädchen nicht feind sein, denn ihr war es
besonders freundlich. Zu ihr zog es sich, mit ihr ging und lief es, wenn sie es
erlaubte. Da war es tätig, munter und unermüdet. Die Anhänglichkeit an eine
schöne Herrin schien dem Kinde Bedürfnis zu sein. Anfänglich duldete Ottilie die
Begleitung des Kindes; dann fasste sie selbst Neigung zu ihm; endlich trennten
sie sich nicht mehr, und Nanny begleitete ihre Herrin überallhin.
    Diese nahm öfters den Weg nach dem Garten und freute sich über das schöne
Gedeihen. Die Beeren-und Kirschenzeit ging zu Ende, deren Spätlinge jedoch Nanny
sich besonders schmecken liess. Bei dem übrigen Obste, das für den Herbst eine so
reichliche Ernte versprach, gedachte der Gärtner beständig des Herrn und
niemals, ohne ihn herbeizuwünschen. Ottilie hörte dem guten alten Manne so gern
zu. Er verstand sein Handwerk vollkommen und hörte nicht auf, ihr von Eduard
vorzusprechen.
    Als Ottilie sich freute, dass die Pfropfreiser dieses Frühjahrs alle so gar
schön gekommen, erwiderte der Gärtner bedenklich: »Ich wünsche nur, dass der gute
Herr viel Freude daran erleben möge. Wäre er diesen Herbst hier, so würde er
sehen, was für köstliche Sorten noch von seinem Herrn Vater her im alten
Schlossgarten stehen. Die jetzigen Herren Obstgärtner sind nicht so zuverlässig,
als sonst die Kartäuser waren. In den Katalogen findet man wohl lauter honette
Namen. Man pfropft und erzieht und endlich, wenn sie Früchte tragen, so ist es
nicht der Mühe wert, dass solche Bäume im Garten stehen.«
    Am wiederholtesten aber fragte der treue Diener, fast so oft er Ottilien
sah, nach der Rückkunft des Herrn und nach dem Termin derselben. Und wenn
Ottilie ihn nicht angeben konnte, so liess ihr der gute Mann nicht ohne stille
Betrübnis merken, dass er glaube, sie vertraue ihm nicht, und peinlich war ihr
das Gefühl der Unwissenheit, das ihr auf diese Weise recht aufgedrungen ward.
Doch konnte sie sich von diesen Rabatten und Beeten nicht trennen. Was sie
zusammen zum Teil gesäet, alles gepflanzt hatten, stand nun im völligen Flor;
kaum bedurfte es noch einer Pflege, ausser dass Nanny immer zum Giessen bereit war.
Mit welchen Empfindungen betrachtete Ottilie die späteren Blumen, die sich erst
anzeigten, deren Glanz und Fülle dereinst an Eduards Geburtstag, dessen Feier
sie sich manchmal versprach, prangen, ihre Neigung und Dankbarkeit ausdrücken
sollten! Doch war die Hoffnung, dieses Fest zu sehen, nicht immer gleich
lebendig. Zweifel und Sorgen umflüsterten stets die Seele des guten Mädchens.
    Zu einer eigentlichen, offnen Übereinstimmung mit Charlotten konnte es auch
wohl nicht wieder gebracht werden. Denn freilich war der Zustand beider Frauen
sehr verschieden. Wenn alles beim alten blieb, wenn man in das Gleis des
gesetzmässigen Lebens zurückkehrte, gewann Charlotte an gegenwärtigem Glück, und
eine frohe Aussicht in die Zukunft öffnete sich ihr; Ottilie hingegen verlor
alles, man kann wohl sagen alles; denn sie hatte zuerst Leben und Freude in
Eduard gefunden, und in dem gegenwärtigen Zustande fühlte sie eine unendliche
Leere, wovon sie früher kaum etwas geahnet hatte. Denn ein Herz, das sucht,
fühlt wohl, dass ihm etwas mangle; ein Herz, das verloren hat, fühlt, dass es
entbehre. Sehnsucht verwandelt sich in Unmut und Ungeduld, und ein weibliches
Gemüt, zum Erwarten und Abwarten gewöhnt, möchte nun aus seinem Kreise
herausschreiten, tätig werden, unternehmen und auch etwas für sein Glück tun.
    Ottilie hatte Eduarden nicht entsagt. Wie konnte sie es auch, obgleich
Charlotte klug genug, gegen ihre eigne Überzeugung die Sache für bekannt annahm
und als entschieden voraussetzte, dass ein freundschaftliches, ruhiges Verhältnis
zwischen ihrem Gatten und Ottilien möglich sei. Wie oft aber lag diese nachts,
wenn sie sich eingeschlossen, auf den Knieen vor dem eröffneten Koffer und
betrachtete die Geburtstagsgeschenke, von denen sie noch nichts gebraucht,
nichts zerschnitten, nichts gefertigt. Wie oft eilte das gute Mädchen mit
Sonnenaufgang aus dem Hause, in dem sie sonst alle ihre Glückseligkeit gefunden
hatte, ins Freie hinaus, in die Gegend, die sie sonst nicht ansprach. Auch auf
dem Boden mochte sie nicht verweilen. Sie sprang in den Kahn und ruderte sich
bis mitten in den See; dann zog sie eine Reisebeschreibung hervor, liess sich von
den bewegten Wellen schaukeln, las, träumte sich in die Fremde, und immer fand
sie dort ihren Freund; seinem Herzen war sie noch immer nahe geblieben, er dem
ihrigen.
 
                              Achtzehntes Kapitel
Dass jener wunderlich tätige Mann, den wir bereits kennengelernt, dass Mittler,
nachdem er von dem Unheil, das unter diesen Freunden ausgebrochen, Nachricht
erhalten, obgleich kein Teil noch seine Hülfe angerufen, in diesem Falle seine
Freundschaft, seine Geschicklichkeit zu beweisen, zu üben geneigt war, lässt sich
denken. Doch schien es ihm rätlich, erst eine Weile zu zaudern; denn er wusste
nur zu wohl, dass es schwerer sei, gebildeten Menschen bei sittlichen
Verworrenheiten zu Hülfe zu kommen als ungebildeten. Er überliess sie deshalb
eine Zeitlang sich selbst; allein zuletzt konnte er es nicht mehr aushalten und
eilte, Eduarden aufzusuchen, dem er schon auf die Spur gekommen war.
    Sein Weg führte ihn zu einem angenehmen Tal, dessen anmutig grünen,
baumreichen Wiesengrund die Wasserfülle eines immer lebendigen Baches bald
durchschlängelte, bald durchrauschte. Auf den sanften Anhöhen zogen sich
fruchtbare Felder und wohlbestandene Obstpflanzungen hin. Die Dörfer lagen nicht
zu nah aneinander, das Ganze hatte einen friedlichen Charakter, und die
einzelnen Partieen, wenn auch nicht zum Malen, schienen doch zum Leben
vorzüglich geeignet zu sein.
    Ein wohlerhaltenes Vorwerk mit einem reinlichen, bescheidenen Wohnhause, von
Gärten umgeben, fiel ihm endlich in die Augen. Er vermutete, hier sei Eduards
gegenwärtiger Aufentalt, und er irrte nicht.
    Von diesem einsamen Freunde können wir so viel sagen, dass er sich im stillen
dem Gefühl seiner Leidenschaft ganz überliess und dabei mancherlei Plane sich
ausdachte, mancherlei Hoffnungen nährte. Er konnte sich nicht leugnen, dass er
Ottilien hier zu sehen wünsche, dass er wünsche, sie hieher zu führen, zu locken,
und was er sich sonst noch Erlaubtes und Unerlaubtes zu denken nicht verwehrte.
Dann schwankte seine Einbildungskraft in allen Möglichkeiten herum. Sollte er
sie hier nicht besitzen, nicht rechtmässig besitzen können, so wollte er ihr den
Besitz des Gutes zueignen. Hier sollte sie still für sich, unabhängig leben; sie
sollte glücklich sein und, wenn ihn eine selbstquälerische Einbildungskraft noch
weiter führte, vielleicht mit einem andern glücklich sein.
    So verflossen ihm seine Tage in einem ewigen Schwanken zwischen Hoffnung und
Schmerz, zwischen Tränen und Heiterkeit, zwischen Vorsätzen, Vorbereitungen und
Verzweiflung. Der Anblick Mittlers überraschte ihn nicht. Er hatte dessen
Ankunft längst erwartet, und so war er ihm auch halb willkommen. Glaubte er ihn
von Charlotten gesendet, so hatte er sich schon auf allerlei Entschuldigungen
und Verzögerungen und sodann auf entscheidendere Vorschläge bereitet; hoffte er
nun aber von Ottilien wieder etwas zu vernehmen, so war ihm Mittler so lieb als
ein himmlischer Bote.
    Verdriesslich daher und verstimmt war Eduard, als er vernahm, Mittler komme
nicht von dorter, sondern aus eignem Antriebe. Sein Herz verschloss sich, und
das Gespräch wollte sich anfangs nicht einleiten. Doch wusste Mittler nur zu gut,
dass ein liebevoll beschäftigtes Gemüt das dringende Bedürfnis hat, sich zu
äussern, das, was in ihm vorgeht, vor einem Freunde auszuschütten, und liess sich
daher gefallen, nach einigem Hin- und Widerreden diesmal aus seiner Rolle
herauszugehen und statt des Vermittlers den Vertrauten zu spielen.
    Als er hiernach auf eine freundliche Weise Eduarden wegen seines einsamen
Lebens tadelte, erwiderte dieser: »O, ich wüsste nicht, wie ich meine Zeit
angenehmer zubringen sollte! Immer bin ich mit ihr beschäftigt, immer in ihrer
Nähe. Ich habe den unschätzbaren Vorteil, mir denken zu können, wo sich Ottilie
befindet, wo sie geht, wo sie steht, wo sie ausruht. Ich sehe sie vor mir tun
und handeln wie gewöhnlich, schaffen und vornehmen, freilich immer das, was mir
am meisten schmeichelt. dabei bleibt es aber nicht; denn wie kann ich fern von
ihr glücklich sein! Nun arbeitet meine Phantasie durch, was Ottilie tun sollte,
sich mir zu nähern. Ich schreibe süsse, zutrauliche Briefe in ihrem Namen an
mich, ich antworte ihr und verwahre die Blätter zusammen. Ich habe versprochen,
keinen Schritt gegen sie zu tun, und das will ich halten. Aber was bindet sie,
dass sie sich nicht zu mir wendet? Hat etwa Charlotte die Grausamkeit gehabt,
Versprechen und Schwur von ihr zu fordern, dass sie mir nicht schreiben, keine
Nachricht von sich geben wolle? Es ist natürlich, es ist wahrscheinlich, und
doch finde ich es unerhört, unerträglich. Wenn sie mich liebt, wie ich glaube,
wie ich weiss, warum entschliesst sie sich nicht, warum wagt sie es nicht, zu
fliehen und sich in meine Arme zu werfen? Sie sollte das, denke ich manchmal,
sie könnte das. Wenn sich etwas auf dem Vorsaale regt, sehe ich gegen die Türe.
Sie soll hereintreten! denk ich, hoff ich. Ach! und da das Mögliche unmöglich
ist, bilde ich mir ein, das Unmögliche müsse möglich werden. Nachts, wenn ich
aufwache, die Lampe einen unsichern Schein durch das Schlafzimmer wirft, da
sollte ihre Gestalt, ihr Geist, eine Ahnung von ihr vorüberschweben,
herantreten, mich ergreifen, nur einen Augenblick, dass ich eine Art von
Versicherung hätte, sie denke mein, sie sei mein.
    Eine einzige Freude bleibt mir noch. Da ich ihr nahe war, träumte ich nie
von ihr; jetzt aber, in der Ferne, sind wir im Traume zusammen, und sonderbar
genug: seit ich andre liebenswürdige Personen hier in der Nachbarschaft
kennengelernt, jetzt erst erscheint mir ihr Bild im Traum, als wenn sie mir
sagen wollte: Siehe nur hin und her! du findest doch nichts Schöneres und
Lieberes als mich. Und so mischt sich ihr Bild in jeden meiner Träume. Alles,
was mir mit ihr begegnet, schiebt sich durch- und übereinander. Bald
unterschreiben wir einen Kontrakt; da ist ihre Hand und die meinige, ihr Name
und der meinige; beide löschen einander aus, beide verschlingen sich. Auch nicht
ohne Schmerz sind diese wonnevollen Gaukeleien der Phantasie. Manchmal tut sie
etwas, das die reine Idee beleidigt, die ich von ihr habe, dann fühl ich erst,
wie sehr ich sie liebe, indem ich über alle Beschreibung geängstet bin. Manchmal
neckt sie mich ganz gegen ihre Art und quält mich; aber sogleich verändert sich
ihr Bild, ihr schönes, rundes, himmlisches Gesichtchen verlängert sich: es ist
eine andre. Aber ich bin doch gequält, unbefriedigt und zerrüttet.
    Lächeln Sie nicht, lieber Mittler, oder lächeln Sie auch! O ich schäme mich
nicht dieser Anhänglichkeit, dieser, wenn Sie wollen, törigen, rasenden Neigung.
Nein, ich habe noch nie geliebt; jetzt erfahre ich erst, was das heisst. Bisher
war alles in meinem Leben nur Vorspiel, nur Hinhalten, nur Zeitvertreib, nur
Zeitverderb, bis ich sie kennenlernte, bis ich sie liebte und ganz und
eigentlich liebte. Man hat mir nicht gerade ins Gesicht, aber doch wohl im
Rücken den Vorwurf gemacht: ich pfusche, ich stümpere nur in den meisten Dingen.
Es mag sein; aber ich hatte das noch nicht gefunden, worin ich mich als Meister
zeigen kann. Ich will den sehen, der mich im Talent des Liebens übertrifft.
    Zwar ist es ein jammervolles, ein schmerzen -, ein tränenreiches; aber ich
finde es mir so natürlich, so eigen, dass ich es wohl schwerlich je wieder
aufgebe.«
    Durch diese lebhaften, herzlichen Äusserungen hatte sich Eduard wohl
erleichtert; aber es war ihm auch auf einmal jeder einzelne Zug seines
wunderlichen Zustandes deutlich vor die Augen getreten, dass er, vom
schmerzlichen Widerstreit überwältigt, in Tränen ausbrach, die um so reichlicher
flossen, als sein Herz durch Mitteilung weich geworden war.
    Mittler, der sein rasches Naturell, seinen unerbittlichen Verstand um so
weniger verleugnen konnte, als er sich durch diesen schmerzlichen Ausbruch der
Leidenschaft Eduards weit von dem Ziel seiner Reise verschlagen sah, äusserte
aufrichtig und derb seine Missbilligung. Eduard - hiess es - solle sich ermannen,
solle bedenken, was er seiner Manneswürde schuldig sei, solle nicht vergessen,
dass dem Menschen zur höchsten Ehre gereiche, im Unglück sich zu fassen, den
Schmerz mit Gleichmut und Anstand zu ertragen, um höchlich geschätzt, verehrt
und als Muster aufgestellt zu werden.
    Aufgeregt, durchdrungen von den peinlichsten Gefühlen, wie Eduard war,
mussten ihm diese Worte hohl und nichtig vorkommen. »Der Glückliche, der
Behagliche hat gut reden,« fuhr Eduard auf; »aber schämen würde er sich, wenn er
einsähe, wie unerträglich er dem Leidenden wird. Eine unendliche Geduld soll es
geben, einen unendlichen Schmerz will der starre Behagliche nicht anerkennen. Es
gibt Fälle, ja, es gibt deren! wo jeder Trost niederträchtig und Verzweiflung
Pflicht ist. Verschmäht doch ein edler Grieche, der auch Helden zu schildern
weiss, keineswegs, die seinigen bei schmerzlichem Drange weinen zu lassen. Selbst
im Sprüchwort sagt er: Tränenreiche Männer sind gut. Verlasse mich jeder, der
trocknen Herzens, trockner Augen ist! Ich verwünsche die Glücklichen, denen der
Unglückliche nur zum Spektakel dienen soll. Er soll sich in der grausamsten Lage
körperlicher und geistiger Bedrängnis noch edel gebärden, um ihren Beifall zu
erhalten, und, damit sie ihm beim Verscheiden noch applaudieren, wie ein
Gladiator mit Anstand vor ihren Augen umkommen. Lieber Mittler, ich danke Ihnen
für Ihren Besuch; aber Sie erzeigten mir eine grosse Liebe, wenn Sie sich im
Garten, in der Gegend umsähen. Wir kommen wieder zusammen. Ich suche gefasster
und Ihnen ähnlicher zu werden.«
    Mittler mochte lieber einlenken als die Unterhaltung abbrechen, die er so
leicht nicht wieder anknüpfen konnte. Auch Eduarden war es ganz gemäss, das
Gespräch weiter fortzusetzen, das ohnehin zu seinem Ziele abzulaufen strebte.
    »Freilich«, sagte Eduard, »hilft das Hin- und Widerdenken, das Hin- und
Widerreden zu nichts; doch unter diesem Reden bin ich mich selbst erst gewahr
worden, habe ich erst entschieden gefühlt, wozu ich mich entschliessen sollte,
wozu ich entschlossen bin. Ich sehe mein gegenwärtiges, mein zukünftiges Leben
vor mir; nur zwischen Elend und Genuss habe ich zu wählen. Bewirken Sie, bester
Mann, eine Scheidung, die so notwendig, die schon geschehen ist; schaffen Sie
mir Charlottens Einwilligung! Ich will nicht weiter ausführen, warum ich glaube,
dass sie zu erlangen sein wird. Gehen Sie hin, lieber Mann, beruhigen Sie uns
alle, machen Sie uns glücklich!«
    Mittler stockte. Eduard fuhr fort: »Mein Schicksal und Ottiliens ist nicht
zu trennen, und wir werden nicht zugrunde gehen. Sehen Sie dieses Glas! Unsere
Namenszüge sind dareingeschnitten. Ein fröhlich Jubelnder warf es in die Luft;
niemand sollte mehr daraus trinken, auf dem felsigen Boden sollte es
zerschellen; aber es ward aufgefangen. Um hohen Preis habe ich es wieder
eingehandelt, und ich trinke nun täglich daraus, um mich täglich zu überzeugen,
dass alle Verhältnisse unzerstörlich sind, die das Schicksal beschlossen hat.«
    »O wehe mir,« rief Mittler, »was muss ich nicht mit meinen Freunden für
Geduld haben! Nun begegnet mir noch gar der Aberglaube, der mir als das
Schädlichste, was bei den Menschen einkehren kann, verhasst bleibt. Wir spielen
mit Voraussagungen und Träumen und machen dadurch das alltägliche Leben
bedeutend. Aber wenn das Leben nun selbst bedeutend wird, wenn alles um uns sich
bewegt und braust, dann wird das Gewitter durch jene Gespenster nur noch
fürchterlicher.«
    »Lassen Sie in dieser Ungewissheit des Lebens,« rief Eduard, »zwischen diesem
Hoffen und Bangen dem bedürftigen Herzen doch nur eine Art von Leitstern, nach
welchem es hinblicke, wenn es auch nicht darnach steuern kann.«
    »Ich liesse mirs wohl gefallen,« versetzte Mittler, »wenn dabei nur einige
Konsequenz zu hoffen wäre, aber ich habe immer gefunden: auf die warnenden
Symptome achtet kein Mensch, auf die schmeichelnden und versprechenden allein
ist die Aufmerksamkeit gerichtet und der Glaube für sie ganz allein lebendig.«
    Da sich nun Mittler sogar in die dunklen Regionen geführt sah, in denen er
sich immer unbehaglicher fühlte, je länger er darin verweilte, so nahm er den
dringenden Wunsch Eduards, der ihn zu Charlotten gehen hiess, etwas williger auf.
Denn was wollte er überhaupt Eduarden in diesem Augenblicke noch entgegensetzen?
Zeit zu gewinnen, zu erforschen, wie es um die Frauen stehe, das war es, was ihm
selbst nach seinen eignen Gesinnungen zu tun übrigblieb.
    Er eilte zu Charlotten, die er wie sonst gefasst und heiter fand. Sie
unterrichtete ihn gern von allem, was vorgefallen war; denn aus Eduards Reden
konnte er nur die Wirkung abnehmen. Er trat von seiner Seite behutsam heran,
konnte es aber nicht über sich gewinnen, das Wort Scheidung auch nur im
Vorbeigehn auszusprechen. Wie verwundert, erstaunt und, nach seiner Gesinnung,
erheitert war er daher, als Charlotte ihm in Gefolg so manches Unerfreulichen
endlich sagte: »Ich muss glauben, ich muss hoffen, dass alles sich wieder geben,
dass Eduard sich wieder nähern werde. Wie kann es auch wohl anders sein, da Sie
mich guter Hoffnung finden.«
    »Versteh ich Sie recht?« fiel Mittler ein. »Vollkommen,« versetzte
Charlotte. »Tausendmal gesegnet sei mir diese Nachricht!« rief er, die Hände
zusammenschlagend. »Ich kenne die Stärke dieses Arguments auf ein männliches
Gemüt. Wie viele Heiraten sah ich dadurch beschleunigt, befestigt,
wiederhergestellt! Mehr als tausend Worte wirkt eine solche gute Hoffnung, die
fürwahr die beste Hoffnung ist, die wir haben können. Doch«, fuhr er fort, »was
mich betrifft, so hätte ich alle Ursache, verdriesslich zu sein. In diesem Falle,
sehe ich wohl, wird meiner Eigenliebe nicht geschmeichelt. Bei euch kann meine
Tätigkeit keinen Dank verdienen. Ich komme mir vor wie jener Arzt, mein Freund,
dem alle Kuren gelangen, die er um Gottes willen an Armen tat, der aber selten
einen Reichen heilen konnte, der es gut bezahlen wollte. Glücklicherweise hilft
sich hier die Sache von selbst, da meine Bemühungen, mein Zureden fruchtlos
geblieben wären.«
    Charlotte verlangte nun von ihm, er solle die Nachricht Eduarden bringen,
einen Brief von ihr mitnehmen und sehen, was zu tun, was herzustellen sei. Er
wollte das nicht eingehen. »Alles ist schon getan,« rief er aus. »Schreiben Sie!
ein jeder Bote ist so gut als ich. Muss ich doch meine Schritte hinwenden, wo ich
nötiger bin. Ich komme nur wieder, um Glück zu wünschen; ich komme zur Taufe.«
    Charlotte war diesmal, wie schon öfters, über Mittlern unzufrieden. Sein
rasches Wesen brachte manches Gute hervor, aber seine Übereilung war schuld an
manchem Misslingen. Niemand war abhängiger von augenblicklich vorgefassten
Meinungen als er.
    Charlottens Bote kam zu Eduarden, der ihn mit halbem Schrecken empfing. Der
Brief konnte ebensogut für Nein als für Ja entscheiden. Er wagte lange nicht,
ihn aufzubrechen, und wie stand er betroffen, als er das Blatt gelesen,
versteinert bei folgender Stelle, womit es sich endigte:
    »Gedenke jener nächtlichen Stunden, in denen du deine Gattin abenteuerlich
als Liebender besuchtest, sie unwiderstehlich an dich zogst, sie als eine
Geliebte, als eine Braut in die Arme schlossest. Lass uns in dieser seltsamen
Zufälligkeit eine Fügung des Himmels verehren, die für ein neues Band unserer
Verhältnisse gesorgt hat in dem Augenblick, da das Glück unseres Lebens
auseinanderzufallen und zu verschwinden droht.«
    Was von dem Augenblick an in der Seele Eduards vorging, würde schwer zu
schildern sein. In einem solchen Gedränge treten zuletzt alte Gewohnheiten, alte
Neigungen wieder hervor, um die Zeit zu töten und den Lebensraum auszufüllen.
Jagd und Krieg sind eine solche für den Edelmann immer bereite Aushülfe. Eduard
sehnte sich nach äusserer Gefahr, um der innerlichen das Gleichgewicht zu halten.
Er sehnte sich nach dem Untergang, weil ihm das Dasein unerträglich zu werden
drohte; ja es war ihm ein Trost zu denken, dass er nicht mehr sein werde und eben
dadurch seine Geliebten, seine Freunde glücklich machen könne. Niemand stellte
seinem Willen ein Hindernis entgegen, da er seinen Entschluss verheimlichte. Mit
allen Förmlichkeiten setzte er sein Testament auf; es war ihm eine süsse
Empfindung, Ottilien das Gut vermachen zu können. Für Charlotten, für das
Ungeborne, für den Hauptmann, für seine Dienerschaft war gesorgt. Der wieder
ausgebrochene Krieg begünstigte sein Vorhaben. Militärische Halbheiten hatten
ihm in seiner Jugend viel zu schaffen gemacht; er hatte deswegen den Dienst
verlassen. Nun war es ihm eine herrliche Empfindung, mit einem Feldherrn zu
ziehen, von dem er sich sagen konnte: unter seiner Anführung ist der Tod
wahrscheinlich und der Sieg gewiss.
    Ottilie, nachdem auch ihr Charlottens Geheimnis bekannt geworden, betroffen
wie Eduard, und mehr, ging in sich zurück. Sie hatte nichts weiter zu sagen.
Hoffen konnte sie nicht, und wünschen durfte sie nicht. Einen Blick jedoch in
ihr Inneres gewährt uns ihr Tagebuch, aus dem wir einiges mitzuteilen gedenken.
 
                                  Zweiter Teil
                                  Erstes Kapitel
Im gemeinen Leben begegnet uns oft, was wir in der Epopöe als Kunstgriff des
Dichters zu rühmen pflegen, dass nämlich, wenn die Hauptfiguren sich entfernen,
verbergen, sich der Untätigkeit hingeben, gleich sodann schon ein Zweiter,
Dritter, bisher kaum Bemerkter den Platz füllt und, indem er seine ganze
Tätigkeit äussert, uns gleichfalls der Aufmerksamkeit, der Teilnahme, ja des
Lobes und Preises würdig erscheint.
    So zeigte sich gleich nach der Entfernung des Hauptmanns und Eduards jener
Architekt täglich bedeutender, von welchem die Anordnung und Ausführung so
manches Unternehmens allein abhing, wobei er sich genau, verständig und tätig
erwies und zugleich den Damen auf mancherlei Art beistand und in stillen,
langwierigen Stunden sie zu unterhalten wusste. Schon sein Äusseres war von der
Art, dass es Zutrauen einflösste und Neigung erweckte. Ein Jüngling im vollen
Sinne des Wortes, wohlgebaut, schlank, eher ein wenig zu gross, bescheiden ohne
ängstlich, zutraulich ohne zudringend zu sein. Freudig übernahm er jede Sorge
und Bemühung, und weil er mit grosser Leichtigkeit rechnete, so war ihm bald das
ganze Hauswesen kein Geheimnis, und überallhin verbreitete sich sein günstiger
Einfluss. Die Fremden liess man ihn gewöhnlich empfangen, und er wusste einen
unerwarteten Besuch entweder abzulehnen oder die Frauen wenigstens dergestalt
darauf vorzubereiten, dass ihnen keine Unbequemlichkeit daraus entsprang.
    Unter andern gab ihm eines Tages ein junger Rechtsgelehrter viel zu
schaffen, der, von einem benachbarten Edelmann gesendet, eine Sache zur Sprache
brachte, die, zwar von keiner sonderlichen Bedeutung, Charlotten dennoch innig
berührte. Wir müssen dieses Vorfalls gedenken, weil er verschiedenen Dingen
einen Anstoss gab, die sonst vielleicht lange geruht hätten.
    Wir erinnern uns jener Veränderung, welche Charlotte mit dem Kirchhofe
vorgenommen hatte. Die sämtlichen Monumente waren von ihrer Stelle gerückt und
hatten an der Mauer, an dem Sockel der Kirche Platz gefunden. Der übrige Raum
war geebnet. Ausser einem breiten Wege, der zur Kirche und an derselben vorbei zu
dem jenseitigen Pförtchen führte, war das übrige alles mit verschiedenen Arten
Klee besäet, der auf das schönste grünte und blühte. Nach einer gewissen Ordnung
sollten vom Ende heran die neuen Gräber bestellt, doch der Platz jederzeit
wieder verglichen und ebenfalls besäet werden. Niemand konnte leugnen, dass diese
Anstalt beim sonn- und festtägigen Kirchgang eine heitere und würdige Ansicht
gewährte. Sogar der betagte und an alten Gewohnheiten haftende Geistliche, der
anfänglich mit der Einrichtung nicht sonderlich zufrieden gewesen, hatte nunmehr
seine Freude daran, wenn er unter den alten Linden, gleich Philemon, mit seiner
Baucis vor der Hintertüre ruhend, statt der holprigen Grabstätten einen schönen,
bunten Teppich vor sich sah, der noch überdies seinem Haushalt zugute kommen
sollte, indem Charlotte die Nutzung dieses Fleckes der Pfarre zusichern lassen.
    Allein desungeachtet hatten schon manche Gemeindeglieder früher
gemissbilligt, dass man die Bezeichnung der Stelle, wo ihre Vorfahren ruhten,
aufgehoben und das Andenken dadurch gleichsam ausgelöscht; denn die
wohlerhaltenen Monumente zeigen zwar an, wer begraben sei, aber nicht, wo er
begraben sei, und auf das Wo komme es eigentlich an, wie viele behaupteten.
    Von ebensolcher Gesinnung war eine benachbarte Familie, die sich und den
Ihrigen einen Raum auf dieser allgemeinen Ruhestätte vor mehreren Jahren
ausbedungen und dafür der Kirche eine kleine Stiftung zugewendet hatte. Nun war
der junge Rechtsgelehrte abgesendet, um die Stiftung zu widerrufen und
anzuzeigen, dass man nicht weiterzahlen werde, weil die Bedingung, unter welcher
dieses bisher geschehen, einseitig aufgehoben und auf alle Vorstellungen und
Widerreden nicht geachtet worden. Charlotte, die Urheberin dieser Veränderung,
wollte den jungen Mann selbst sprechen, der zwar lebhaft, aber nicht allzu
vorlaut seine und seines Prinzipals Gründe darlegte und der Gesellschaft manches
zu denken gab.
    »Sie sehen,« sprach er nach einem kurzen Eingang, in welchem er seine
Zudringlichkeit zu rechtfertigen wusste, »Sie sehen, dass dem Geringsten wie dem
Höchsten daran gelegen ist, den Ort zu bezeichnen, der die Seinigen aufbewahrt.
Dem ärmsten Landmann, der ein Kind begräbt, ist es eine Art von Trost, ein
schwaches hölzernes Kreuz auf das Grab zu stellen, es mit einem Kranze zu
zieren, um wenigstens das Andenken so lange zu erhalten, als der Schmerz währt,
wenn auch ein solches Merkzeichen, wie die Trauer selbst, durch die Zeit
aufgehoben wird. Wohlhabende verwandeln diese Kreuze in eiserne, befestigen und
schützen sie auf mancherlei Weise, und hier ist schon Dauer für mehrere Jahre.
Doch weil auch diese endlich sinken und unscheinbar werden, so haben Begüterte
nichts Angelegeneres, als einen Stein aufzurichten, der für mehrere Generationen
zu dauern verspricht und von den Nachkommen erneut und aufgefrischt werden kann.
Aber dieser Stein ist es nicht, der uns anzieht, sondern das darunter
Entaltene, das daneben der Erde Vertraute. Es ist nicht sowohl vom Andenken die
Rede als von der Person selbst, nicht von der Erinnerung, sondern von der
Gegenwart. Ein geliebtes Abgeschiedenes umarme ich weit eher und inniger im
Grabhügel als im Denkmal, denn dieses ist für sich eigentlich nur wenig; aber um
dasselbe her sollen sich wie um einen Markstein Gatten, Verwandte, Freunde
selbst nach ihrem Hinscheiden noch versammeln, und der Lebende soll das Recht
behalten, Fremde und Misswollende auch von der Seite seiner geliebten Ruhenden
abzuweisen und zu entfernen.
    Ich halte deswegen dafür, dass mein Prinzipal völlig recht habe, die Stiftung
zurückzunehmen; und dies ist noch billig genug, denn die Glieder der Familie
sind auf eine Weise verletzt, wofür gar kein Ersatz zu denken ist. Sie sollen
das schmerzlich süsse Gefühl entbehren, ihren Geliebten ein Totenopfer zu
bringen, die tröstliche Hoffnung, dereinst unmittelbar neben ihnen zu ruhen.«
    »Die Sache ist nicht von der Bedeutung,« versetzte Charlotte, »dass man sich
deshalb durch einen Rechtshandel beunruhigen sollte. Meine Anstalt reut mich so
wenig, dass ich die Kirche gern wegen dessen, was ihr entgeht, entschädigen will.
Nur muss ich Ihnen aufrichtig gestehen: Ihre Argumente haben mich nicht
überzeugt. Das reine Gefühl einer endlichen allgemeinen Gleichheit, wenigstens
nach dem Tode, scheint mir beruhigender als dieses eigensinnige, starre
Fortsetzen unserer Persönlichkeiten, Anhänglichkeiten und Lebensverhältnisse. -
Und was sagen Sie hierzu?« richtete sie ihre Frage an den Architekten.
    »Ich möchte«, versetzte dieser, »in einer solchen Sache weder streiten noch
den Ausschlag geben. Lassen Sie mich das, was meiner Kunst, meiner Denkweise am
nächsten liegt, bescheidentlich äussern. Seitdem wir nicht mehr so glücklich
sind, die Reste eines geliebten Gegenstandes eingeurnt an unsere Brust zu
drücken, da wir weder reich noch heiter genug sind, sie unversehrt in grossen,
wohlausgezierten Sarkophagen zu verwahren, ja da wir nicht einmal in den Kirchen
mehr Platz für uns und für die Unsrigen finden, sondern hinaus ins Freie
gewiesen sind, so haben wir alle Ursache, die Art und Weise, die Sie, meine
gnädige Frau, eingeleitet haben, zu billigen. Wenn die Glieder einer Gemeinde
reihenweise nebeneinander liegen, so ruhen sie bei und unter den Ihrigen; und
wenn die Erde uns einmal aufnehmen soll, so finde ich nichts natürlicher und
reinlicher, als dass man die zufällig entstandenen, nach und nach
zusammensinkenden Hügel ungesäumt vergleiche und so die Decke, indem alle sie
tragen, einem jeden leichter gemacht werde.«
    »Und ohne irgendein Zeichen des Andenkens, ohne irgend etwas, das der
Erinnerung entgegenkäme, sollte das alles so vorübergehen?« versetzte Ottilie.
    »Keineswegs!« fuhr der Architekt fort; »nicht vom Andenken, nur vom Platze
soll man sich lossagen. Der Baukünstler, der Bildhauer sind höchlich
interessiert, dass der Mensch von ihnen, von ihrer Kunst, von ihrer Hand eine
Dauer seines Daseins erwarte; und deswegen wünschte ich gut gedachte, gut
ausgeführte Monumente, nicht einzeln und zufällig ausgesäet, sondern an einem
Orte aufgestellt, wo sie sich Dauer versprechen können. Da selbst die Frommen
und Hohen auf das Vorrecht Verzicht tun, in den Kirchen persönlich zu ruhen, so
stelle man wenigstens dort oder in schönen Hallen um die Begräbnisplätze
Denkzeichen, Denkschriften auf. Es gibt tausenderlei Formen, die man ihnen
vorschreiben, tausenderlei Zieraten, womit man sie ausschmücken kann.«
    »Wenn die Künstler so reich sind,« versetzte Charlotte, »so sagen Sie mir
doch: Wie kann man sich niemals aus der Form eines kleinlichen Obelisken, einer
abgestutzten Säule und eines Aschenkrugs herausfinden? Anstatt der tausend
Erfindungen, deren Sie sich rühmen, habe ich immer nur tausend Wiederholungen
gesehen.«
    »Das ist wohl bei uns so,« entgegnete ihr der Architekt, »aber nicht
überall. Und überhaupt mag es mit der Erfindung und der schicklichen Anwendung
eine eigne Sache sein. Besonders hat es in diesem Falle manche Schwierigkeit,
einen ernsten Gegenstand zu erheitern und bei einem unerfreulichen nicht ins
Unerfreuliche zu geraten. Was Entwürfe zu Monumenten aller Art betrifft, deren
habe ich viele gesammelt und zeige sie gelegentlich; doch bleibt immer das
schönste Denkmal des Menschen eigenes Bildnis. Dieses gibt mehr als irgend etwas
anders einen Begriff von dem, was er war; es ist der beste Text zu vielen oder
wenigen Noten; nur müsste es aber auch in seiner besten Zeit gemacht sein,
welches gewöhnlich versäumt wird. Niemand denkt daran, lebende Formen zu
erhalten, und wenn es geschieht, so geschieht es auf unzulängliche Weise. Da
wird ein Toter geschwind noch abgegossen und eine solche Maske auf einen Block
gesetzt, und das heisst man eine Büste. Wie selten ist der Künstler imstande, sie
völlig wiederzubeleben!«
    »Sie haben, ohne es vielleicht zu wissen und zu wollen,« versetzte
Charlotte, »dies Gespräch ganz zu meinen Gunsten gelenkt. Das Bild eines
Menschen ist doch wohl unabhängig; überall, wo es steht, steht es für sich, und
wir werden von ihm nicht verlangen, dass es die eigentliche Grabstätte bezeichne.
Aber soll ich Ihnen eine wunderliche Empfindung bekennen? Selbst gegen die
Bildnisse habe ich eine Art von Abneigung; denn sie scheinen mir immer einen
stillen Vorwurf zu machen; sie deuten auf etwas Entferntes, Abgeschiedenes und
erinnern mich, wie schwer es sei, die Gegenwart recht zu ehren. Gedenkt man,
wieviel Menschen man gesehen, gekannt, und gesteht sich, wie wenig wir ihnen,
wie wenig sie uns gewesen, wie wird uns da zumute! Wir begegnen dem
Geistreichen, ohne uns mit ihm zu unterhalten, dem Gelehrten, ohne von ihm zu
lernen, dem Gereisten, ohne uns zu unterrichten, dem Liebevollen, ohne ihm etwas
Angenehmes zu erzeigen.
    Und leider ereignet sich dies nicht bloss mit den Vorübergehenden.
Gesellschaften und Familien betragen sich so gegen ihre liebsten Glieder, Städte
gegen ihre würdigsten Bürger, Völker gegen ihre trefflichsten Fürsten, Nationen
gegen ihre vorzüglichsten Menschen.
    Ich hörte fragen, warum man von den Toten so unbewunden Gutes sage, von den
Lebenden immer mit einer gewissen Vorsicht. Es wurde geantwortet: weil wir von
jenen nichts zu befürchten haben und diese uns noch irgendwo in den Weg kommen
könnten. So unrein ist die Sorge für das Andenken der andern; es ist meist nur
ein selbstischer Scherz, wenn es dagegen ein heiliger Ernst wäre, seine
Verhältnisse gegen die Überbliebenen immer lebendig und tätig zu erhalten.«
 
                                Zweites Kapitel
Aufgeregt durch den Vorfall und die daran sich knüpfenden Gespräche, begab man
sich des andern Tages nach dem Begräbnisplatz, zu dessen Verzierung und
Erheiterung der Architekt manchen glücklichen Vorschlag tat. Allein auch auf die
Kirche sollte sich seine Sorgfalt erstrecken, auf ein Gebäude, das gleich
anfänglich seine Aufmerksamkeit an sich gezogen hatte.
    Diese Kirche stand seit mehrern Jahrhunderten, nach deutscher Art und Kunst
in guten Massen errichtet und auf eine glückliche Weise verziert. Man konnte wohl
nachkommen, dass der Baumeister eines benachbarten Klosters mit Einsicht und
Neigung sich auch an diesem kleineren Gebäude bewährt, und es wirkte noch immer
ernst und angenehm auf den Betrachter, obgleich die innere neue Einrichtung zum
protestantischen Gottesdienste ihm etwas von seiner Ruhe und Majestät genommen
hatte.
    Dem Architekten fiel es nicht schwer, sich von Charlotten eine mässige Summe
zu erbitten, wovon er das Äussere sowohl als das Innere im altertümlichen Sinne
herzustellen und mit dem davorliegenden Auferstehungsfelde zur Übereinstimmung
zu bringen gedachte. Er hatte selbst viel Handgeschick, und einige Arbeiter, die
noch am Hausbau beschäftigt waren, wollte man gern so lange beibehalten, bis
auch dieses fromme Werk vollendet wäre.
    Man war nunmehr in dem Falle, das Gebäude selbst mit allen Umgebungen und
Angebäuden zu untersuchen, und da zeigte sich zum grössten Erstaunen und
Vergnügen des Architekten eine wenig bemerkte kleine Seitenkapelle von noch
geistreichern und leichtern Massen, von noch gefälligern und fleissigern Zieraten.
Sie entielt zugleich manchen geschnitzten und gemalten Rest jenes älteren
Gottesdienstes, der mit mancherlei Gebild und Gerätschaft die verschiedenen
Feste zu bezeichnen und jedes auf seine eigne Weise zu feiern wusste.
    Der Architekt konnte nicht unterlassen, die Kapelle sogleich in seinen Plan
mit hereinzuziehen und besonders diesen engen Raum als ein Denkmal voriger
Zeiten und ihres Geschmacks wiederherzustellen. Er hatte sich die leeren Flächen
nach seiner Neigung schon verziert gedacht und freute sich, dabei sein
malerisches Talent zu üben; allein er machte seinen Hausgenossen fürs erste ein
Geheimnis davon.
    Vor allem andern zeigte er versprochenermassen den Frauen die verschiedenen
Nachbildungen und Entwürfe von alten Grabmonumenten, Gefässen und andern dahin
sich nähernden Dingen, und als man im Gespräch auf die einfachern Grabhügel der
nordischen Völker zu reden kam, brachte er seine Sammlung von mancherlei Waffen
und Gerätschaften, die darin gefunden worden, zur Ansicht. Er hatte alles sehr
reinlich und tragbar in Schubladen und Fächern auf eingeschnittenen, mit Tuch
überzogenen Brettern, so dass diese alten, ernsten Dinge durch seine Behandlung
etwas Putzhaftes annahmen und man mit Vergnügen darauf wie auf die Kästchen
eines Modehändlers hinblickte. Und da er einmal im Vorzeigen war, da die
Einsamkeit eine Unterhaltung forderte, so pflegte er jeden Abend mit einem Teil
seiner Schätze hervorzutreten. Sie waren meistenteils deutschen Ursprungs:
Brakteaten, Dickmünzen, Siegel und was sonst sich noch anschliessen mag. Alle
diese Dinge richteten die Einbildungskraft gegen die ältere Zeit hin, und da er
zuletzt mit den Anfängen des Drucks, Holzschnitten und den ältesten Kupfern
seine Unterhaltung zierte und die Kirche täglich auch, jenem Sinne gemäss, an
Farbe und sonstiger Auszierung gleichsam der Vergangenheit entgegenwuchs, so
musste man sich beinahe selbst fragen, ob man denn wirklich in der neueren Zeit
lebe, ob es nicht ein Traum sei, dass man nunmehr in ganz andern Sitten,
Gewohnheiten, Lebensweisen und Überzeugungen verweile.
    Auf solche Art vorbereitet, tat ein grösseres Portefeuille, das er zuletzt
herbeibrachte, die beste Wirkung. Es entielt zwar meist nur umrissene Figuren,
die aber, weil sie auf die Bilder selbst durchgezeichnet waren, ihren
altertümlichen Charakter vollkommen erhalten hatten, und diesen, wie einnehmend
fanden ihn die Beschauenden! Aus allen Gestalten blickte nur das reinste Dasein
hervor; alle musste man, wo nicht für edel, doch für gut ansprechen. Heitere
Sammlung, willige Anerkennung eines Ehrwürdigen über uns, stille Hingebung in
Liebe und Erwartung war auf allen Gesichtern, in allen Gebärden ausgedrückt. Der
Greis mit dem kahlen Scheitel, der reichlockige Knabe, der muntere Jüngling, der
ernste Mann, der verklärte Heilige, der schwebende Engel, alle schienen selig in
einem unschuldigen Genügen, in einem frommen Erwarten. Das Gemeinste, was
geschah, hatte einen Zug von himmlischem Leben, und eine gottesdienstliche
Handlung schien ganz jeder Natur angemessen. Nach einer solchen Region blicken
wohl die meisten wie nach einem verschwundenen goldenen Zeitalter, nach einem
verlorenen Paradiese hin. Nur vielleicht Ottilie war in dem Fall, sich unter
ihresgleichen zu fühlen.
    Wer hätte nun widerstehen können, als der Architekt sich erbot, nach dem
Anlass dieser Urbilder die Räume zwischen den Spitzbogen der Kapelle auszumalen
und dadurch sein Andenken entschieden an einem Orte zu stiften, wo es ihm so gut
gegangen war. Er erklärte sich hierüber mit einiger Wehmut; denn er konnte nach
der Lage der Sache wohl einsehen, dass sein Aufentalt in so vollkommener
Gesellschaft nicht immer dauern könne, ja vielleicht bald abgebrochen werden
müsse.
    Übrigens waren diese Tage zwar nicht reich an Begebenheiten, doch voller
Anlässe zu ernstafter Unterhaltung. Wir nehmen daher Gelegenheit, von
demjenigen, was Ottilie sich daraus in ihren Heften angemerkt, einiges
mitzuteilen, wozu wir keinen schicklichern Übergang finden als durch ein
Gleichnis, das sich uns beim Betrachten ihrer liebenswürdigen Blätter aufdringt.
    Wir hören von einer besondern Einrichtung bei der englischen Marine.
Sämtliche Tauwerke der königlichen Flotte, vom stärksten bis zum schwächsten,
sind dergestalt gesponnen, dass ein roter Faden durch das Ganze durchgeht, den
man nicht herauswinden kann, ohne alles aufzulösen, und woran auch die kleinsten
Stücke kenntlich sind, dass sie der Krone gehören.
    Ebenso zieht sich durch Ottiliens Tagebuch ein Faden der Neigung und
Anhänglichkeit, der alles verbindet und das Ganze bezeichnet. Dadurch werden
diese Bemerkungen, Betrachtungen, ausgezogenen Sinnsprüche und was sonst
vorkommen mag, der Schreibenden ganz besonders eigen und für sie von Bedeutung.
Selbst jede einzelne von uns ausgewählte und mitgeteilte Stelle gibt davon das
entschiedenste Zeugnis.
                            Aus Ottiliens Tagebuche
Neben denen dereinst zu ruhen, die man liebt, ist die angenehmste Vorstellung,
welche der Mensch haben kann, wenn er einmal über das Leben hinausdenkt. »Zu den
Seinigen versammelt werden« ist ein so herzlicher Ausdruck.
    Es gibt mancherlei Denkmale und Merkzeichen, die uns Entfernte und
Abgeschiedene näher bringen. Keins ist von der Bedeutung des Bildes. Die
Unterhaltung mit einem geliebten Bilde, selbst wenn es unähnlich ist, hat was
Reizendes, wie es manchmal etwas Reizendes hat, sich mit einem Freunde streiten.
Man fühlt auf eine angenehme Weise, dass man zu zweien ist und doch nicht
auseinander kann.
    Man unterhält sich manchmal mit einem gegenwärtigen Menschen als mit einem
Bilde. Er braucht nicht zu sprechen, uns nicht anzusehen, sich nicht mit uns zu
beschäftigen; wir sehen ihn, wir fühlen unser Verhältnis zu ihm, ja sogar unsere
Verhältnisse zu ihm können wachsen, ohne dass er etwas dazu tut, ohne dass er
etwas davon empfindet, dass er sich eben bloss zu uns wie ein Bild verhält.
    Man ist niemals mit einem Porträt zufrieden von Personen, die man kennt.
Deswegen habe ich die Porträtmaler immer bedauert. Man verlangt so selten von
den Leuten das Unmögliche, und gerade von diesen fordert mans. Sie sollen einem
jeden sein Verhältnis zu den Personen, seine Neigung und Abneigung mit in ihr
Bild aufnehmen; sie sollen nicht bloss darstellen, wie sie einen Menschen fassen,
sondern wie jeder ihn fassen würde. Es nimmt mich nicht wunder, wenn solche
Künstler nach und nach verstockt, gleichgültig und eigensinnig werden. Daraus
möchte denn entstehen, was wollte, wenn man nur nicht gerade darüber die
Abbildungen so mancher lieben und teuren Menschen entbehren müsste.
    Es ist wohl wahr, die Sammlung des Architekten von Waffen und alten
Gerätschaften, die nebst dem Körper mit hohen Erdhügeln und Felsenstücken
zugedeckt waren, bezeugt uns, wie unnütz die Vorsorge des Menschen sei für die
Erhaltung seiner Persönlichkeit nach dem Tode. Und so widersprechend sind wir!
Der Architekt gesteht, selbst solche Grabhügel der Vorfahren geöffnet zu haben,
und fährt dennoch fort, sich mit Denkmälern für die Nachkommen zu beschäftigen.
    Warum soll man es aber so streng nehmen? Ist denn alles, was wir tun, für
die Ewigkeit getan? Ziehen wir uns nicht morgens an, um uns abends wieder
auszuziehen? Verreisen wir nicht, um wiederzukehren? Und warum sollten wir nicht
wünschen, neben den Unsrigen zu ruhen, und wenn es auch nur für ein Jahrhundert
wäre?
    Wenn man die vielen versunkenen, die durch Kirchgänger abgetretenen
Grabsteine, die über ihren Grabmälern selbst zusammengestürzten Kirchen
erblickt, so kann einem das Leben nach dem Tode doch immer wie ein zweites Leben
vorkommen, in das man nun im Bilde, in der Überschrift eintritt und länger darin
verweilt als in dem eigentlichen lebendigen Leben. Aber auch dieses Bild, dieses
zweite Dasein verlischt früher oder später. Wie über die Menschen, so auch über
die Denkmäler lässt sich die Zeit ihr Recht nicht nehmen.
 
                                Drittes Kapitel
Es ist eine so angenehme Empfindung, sich mit etwas zu beschäftigen, was man nur
halb kann, dass niemand den Dilettanten schelten sollte, wenn er sich mit einer
Kunst abgibt, die er nie lernen wird, noch den Künstler tadeln dürfte, wenn er
über die Grenze seiner Kunst hinaus in einem benachbarten Felde sich zu ergehen
Lust hat.
    Mit so billigen Gesinnungen betrachten wir die Anstalten des Architekten zum
Ausmalen der Kapelle. Die Farben waren bereitet, die Masse genommen, die Kartone
gezeichnet; allen Anspruch auf Erfindung hatte er aufgegeben; er hielt sich an
seine Umrisse: nur die sitzenden und schwebenden Figuren geschickt auszuteilen,
den Raum damit geschmackvoll auszuzieren, war seine Sorge.
    Das Gerüste stand, die Arbeit ging vorwärts, und da schon einiges, was in
die Augen fiel, erreicht war, konnte es ihm nicht zuwider sein, dass Charlotte
mit Ottilien ihn besuchte. Die lebendigen Engelsgesichter, die lebhaften
Gewänder auf dem blauen Himmelsgrunde erfreuten das Auge, indem ihr stilles
frommes Wesen das Gemüt zur Sammlung berief und eine sehr zarte Wirkung
hervorbrachte.
    Die Frauen waren zu ihm aufs Gerüst gestiegen, und Ottilie bemerkte kaum,
wie abgemessen leicht und bequem das alles zuging, als sich in ihr das durch
frühern Unterricht Empfangene mit einmal zu entwickeln schien, sie nach Farbe
und Pinsel griff und auf erhaltene Anweisung ein faltenreiches Gewand mit soviel
Reinlichkeit als Geschicklichkeit anlegte.
    Charlotte, welche gern sah, wenn Ottilie sich auf irgendeine Weise
beschäftigte und zerstreute, liess die beiden gewähren und ging, um ihren eigenen
Gedanken nachzuhängen, um ihre Betrachtungen und Sorgen, die sie niemanden
mitteilen konnte, für sich durchzuarbeiten.
    Wenn gewöhnliche Menschen, durch gemeine Verlegenheiten des Tags zu einem
leidenschaftlich ängstlichen Betragen aufgeregt, uns ein mitleidiges Lächeln
abnötigen, so betrachten wir dagegen mit Ehrfurcht ein Gemüt, in welchem die
Saat eines grossen Schicksals ausgesäet worden, das die Entwicklung dieser
Empfängnis abwarten muss und weder das Gute noch das Böse, weder das Glückliche
noch das Unglückliche, was daraus entspringen soll, beschleunigen darf und kann.
    Eduard hatte durch Charlottens Boten, den sie ihm in seine Einsamkeit
gesendet, freundlich und teilnehmend, so aber doch eher gefasst und ernst als
zutraulich und liebevoll, geantwortet. Kurz darauf war Eduard verschwunden, und
seine Gattin konnte zu keiner Nachricht von ihm gelangen, bis sie endlich von
ungefähr seinen Namen in den Zeitungen fand, wo er unter denen, die sich bei
einer bedeutenden Kriegsgelegenheit hervorgetan hatten, mit Auszeichnung genannt
war. Sie wusste nun, welchen Weg er genommen hatte, sie erfuhr, dass er grossen
Gefahren entronnen war; allein sie überzeugte sich sogleich, dass er grössere
aufsuchen würde, und sie konnte sich daraus nur allzusehr deuten, dass er in
jedem Sinne schwerlich vom Äussersten würde zurückzuhalten sein. Sie trug diese
Sorgen für sich allein immer in Gedanken und mochte sie hin und wider legen, wie
sie wollte, so konnte sie doch bei keiner Ansicht Beruhigung finden.
    Ottilie, von alledem nichts ahnend, hatte indessen zu jener Arbeit die
grösste Neigung gefasst und von Charlotten gar leicht die Erlaubnis erhalten,
regelmässig darin fortfahren zu dürfen. Nun ging es rasch weiter, und der azurne
Himmel war bald mit würdigen Bewohnern bevölkert. Durch eine anhaltende Übung
gewannen Ottilie und der Architekt bei den letzten Bildern mehr Freiheit; sie
wurden zusehends besser. Auch die Gesichter, welche dem Architekten zu malen
allein überlassen war, zeigten nach und nach eine ganz besondere Eigenschaft;
sie fingen sämtlich an, Ottilien zu gleichen. Die Nähe des schönen Kindes musste
wohl in die Seele des jungen Mannes, der noch keine natürliche oder
künstlerische Physiognomie vorgefasst hatte, einen so lebhaften Eindruck machen,
dass ihm nach und nach auf dem Wege vom Auge zur Hand nichts verlorenging, ja dass
beide zuletzt ganz gleichstimmig arbeiteten. Genug, eins der letzten Gesichtchen
glückte vollkommen, so dass es schien, als wenn Ottilie selbst aus den
himmlischen Räumen heruntersähe.
    An dem Gewölbe war man fertig; die Wände hatte man sich vorgenommen einfach
zu lassen und nur mit einer hellern bräunlichen Farbe zu überziehen; die zarten
Säulen und künstlichen bildhauerischen Zieraten sollten sich durch eine dunklere
auszeichnen. Aber wie in solchen Dingen immer eins zum andern führt, so wurden
noch Blumen und Fruchtgehänge beschlossen, welche Himmel und Erde gleichsam
zusammenknüpfen sollten. Hier war nun Ottilie ganz in ihrem Felde. Die Gärten
lieferten die schönsten Muster, und obschon die Kränze sehr reich ausgestattet
wurden, so kam man doch früher, als man gedacht hatte, damit zustande.
    Noch sah aber alles wüste und roh aus. Die Gerüste waren durcheinander
geschoben, die Bretter übereinander geworfen, der ungleiche Fussboden durch
mancherlei vergossene Farben noch mehr verunstaltet. Der Architekt erbat sich
nunmehr, dass die Frauenzimmer ihm acht Tage Zeit lassen und bis dahin die
Kapelle nicht betreten möchten. Endlich ersuchte er sie an einem schönen Abende,
sich beiderseits dahin zu verfügen; doch wünschte er, sie nicht begleiten zu
dürfen, und empfahl sich sogleich.
    »Was er uns auch für eine Überraschung zugedacht haben mag,« sagte
Charlotte, als er weggegangen war, »so habe ich doch gegenwärtig keine Lust
hinunterzugehen. Du nimmst es wohl allein über dich und gibst mir Nachricht.
Gewiss hat er etwas Angenehmes zustande gebracht. Ich werde es erst in deiner
Beschreibung und dann gern in der Wirklichkeit geniessen.«
    Ottilie, die wohl wusste, dass Charlotte sich in manchen Stücken acht nahm,
alle Gemütsbewegungen vermied und besonders nicht überrascht sein wollte, begab
sich sogleich allein auf den Weg und sah sich unwillkürlich nach dem Architekten
um, der aber nirgends erschien und sich mochte verborgen haben. Sie trat in die
Kirche, die sie offen fand. Diese war schon früher fertig, gereinigt und
eingeweiht. Sie trat zur Türe der Kapelle, deren schwere, mit Erz beschlagene
Last sich leicht vor ihr auftat und sie in einem bekannten Raume mit einem
unerwarteten Anblick überraschte.
    Durch das einzige hohe Fenster fiel ein ernstes, buntes Licht herein; denn
es war von farbigen Gläsern anmutig zusammengesetzt. Das Ganze erhielt dadurch
einen fremden Ton und bereitete zu einer eigenen Stimmung. Die Schönheit des
Gewölbes und der Wände ward durch die Zierde des Fussbodens erhöht, der aus
besonders geformten, nach einem schönen Muster gelegten, durch eine gegossene
Gipsfläche verbundenen Ziegelsteinen bestand. Diese sowohl als die farbigen
Scheiben hatte der Architekt heimlich bereiten lassen und konnte nun in kurzer
Zeit alles zusammenfügen. Auch für Ruheplätze war gesorgt. Es hatten sich unter
jenen kirchlichen Altertümern einige schön geschnitzte Chorstühle vorgefunden,
die nun gar schicklich an den Wänden angebracht umherstanden.
    Ottilie freute sich der bekannten, ihr als ein unbekanntes Ganze
entgegentretenden Teile. Sie stand, ging hin und wider, sah und besah; endlich
setzte sie sich auf einen der Stühle, und es schien ihr, indem sie auf- und
umherblickte, als wenn sie wäre und nicht wäre, als wenn sie sich empfände und
nicht empfände, als wenn dies alles vor ihr, sie vor sich selbst verschwinden
sollte; und nur als die Sonne das bisher sehr lebhaft beschienene Fenster
verliess, erwachte Ottilie vor sich selbst und eilte nach dem Schloss.
    Sie verbarg sich nicht, in welche sonderbare Epoche diese Überraschung
gefallen sei. Es war der Abend vor Eduards Geburtstage. Diesen hatte sie
freilich ganz anders zu feiern gehofft. Wie sollte nicht alles zu diesem Feste
geschmückt sein! Aber nunmehr stand der ganze herbstliche Blumenreichtum
ungepflückt. Diese Sonnenblumen wendeten noch immer ihr Angesicht gen Himmel,
diese Astern sahen noch immer still bescheiden vor sich hin, und was allenfalls
davon zu Kränzen gebunden war, hatte zum Muster gedient, einen Ort
auszuschmücken, der, wenn er nicht bloss eine Künstlergrille bleiben, wenn er zu
irgend etwas genutzt werden sollte, nur zu einer gemeinsamen Grabstätte geeignet
schien.
    Sie musste sich dabei der geräuschvollen Geschäftigkeit erinnern, mit welcher
Eduard ihr Geburtsfest gefeiert; sie musste des neugerichteten Hauses gedenken,
unter dessen Decke man sich soviel Freundliches versprach. Ja das Feuerwerk
rauschte ihr wieder vor Augen und Ohren, je einsamer sie war, desto mehr vor der
Einbildungskraft; aber sie fühlte sich auch nur um desto mehr allein. Sie lehnte
sich nicht mehr auf seinen Arm und hatte keine Hoffnung, an ihm jemals wieder
eine Stütze zu finden.
                            Aus Ottiliens Tagebuche
Eine Bemerkung des jungen Künstlers muss ich aufzeichnen: »Wie am Handwerker so
am bildenden Künstler kann man auf das deutlichste gewahr werden, dass der Mensch
sich das am wenigsten zuzueignen vermag, was ihm ganz eigens angehört. Seine
Werke verlassen ihn so wie die Vögel das Nest, worin sie ausgebrütet worden.«
    Der Baukünstler vor allen hat hierin das wunderlichste Schicksal. Wie oft
wendet er seinen ganzen Geist, seine ganze Neigung auf, um Räume
hervorzubringen, von denen er sich selbst ausschliessen muss! Die königlichen Säle
sind ihm ihre Pracht schuldig, deren grösste Wirkung er nicht mitgeniesst. In den
Tempeln zieht er eine Grenze zwischen sich und dem Allerheiligsten, er darf die
Stufen nicht mehr betreten, die er zur herzerhebenden Feierlichkeit gründete, so
wie der Goldschmied die Monstranz nur von fern anbetet, deren Schmelz und
Edelsteine er zusammengeordnet hat.
    Dem Reichen übergibt der Baumeister mit dem Schlüssel des Palastes alle
Bequemlichkeit und Behäbigkeit, ohne irgend etwas davon mitzugeniessen. Muss sich
nicht allgemach auf diese Weise die Kunst von dem Künstler entfernen, wenn das
Werk wie ein ausgestattetes Kind nicht mehr auf den Vater zurückwirkt? Und wie
sehr musste die Kunst sich selbst befördern, als sie fast allein mit dem
Öffentlichen, mit dem, was allen und also auch dem Künstler gehörte, sich zu
beschäftigen bestimmt war!
    Eine Vorstellung der alten Völker ist ernst und kann furchtbar scheinen. Sie
dachten sich ihre Vorfahren in grossen Höhlen ringsumher auf Tronen sitzend in
stummer Unterhaltung. Dem Neuen, der hereintrat, wenn er würdig genug war,
standen sie auf und neigten ihm einen Willkommen. Gestern, als ich in der
Kapelle sass und meinem geschnitzten Stuhle gegenüber noch mehrere umhergestellt
sah, erschien mir jener Gedanke gar freundlich und anmutig. »Warum kannst du
nicht sitzenbleiben?« dachte ich bei mir selbst, »still und in dich gekehrt
sitzenbleiben, lange, lange, bis endlich die Freunde kämen, denen du aufstündest
und ihren Platz mit freundlichem Neigen anwiesest.« Die farbigen Scheiben machen
den Tag zur ernsten Dämmerung, und jemand müsste eine ewige Lampe stiften, damit
auch die Nacht nicht ganz finster bliebe.
    Man mag sich stellen, wie man will, und man denkt sich immer sehend. Ich
glaube, der Mensch träumt nur, damit er nicht aufhöre zu sehen. Es könnte wohl
sein, dass das innere Licht einmal aus uns herausträte, so dass wir keines andern
mehr bedürften.
    Das Jahr klingt ab. Der Wind geht über die Stoppeln und findet nichts mehr
zu bewegen; nur die roten Beeren jener schlanken Bäume scheinen uns noch an
etwas Munteres erinnern zu wollen, so wie uns der Taktschlag des Dreschers den
Gedanken erweckt, dass in der abgesichelten Ähre soviel Nährendes und Lebendiges
verborgen liegt.
 
                                Viertes Kapitel
Wie seltsam musste nach solchen Ereignissen, nach diesem aufgedrungenen Gefühl
von Vergänglichkeit und Hinschwinden Ottilie durch die Nachricht getroffen
werden, die ihr nicht länger verborgen bleiben konnte, dass Eduard sich dem
wechselnden Kriegsglück überliefert habe. Es entging ihr leider keine von den
Betrachtungen, die sie dabei zu machen Ursache hatte. Glücklicherweise kann der
Mensch nur einen gewissen Grad des Unglücks fassen; was darüber hinausgeht,
vernichtet ihn oder lässt ihn gleichgültig. Es gibt Lagen, in denen Furcht und
Hoffnung eins werden, sich einander wechselseitig aufheben und in eine dunkle
Fühllosigkeit verlieren. Wie könnten wir sonst die entfernten Geliebtesten in
stündlicher Gefahr wissen und dennoch unser tägliches, gewöhnliches Leben immer
so forttreiben.
    Es war daher, als wenn ein guter Geist für Ottilien gesorgt hätte, indem er
auf einmal in diese Stille, in der sie einsam und unbeschäftigt zu versinken
schien, ein wildes Heer hereinbrachte, das, indem es ihr von aussen genug zu
schaffen gab und sie aus sich selbst führte, zugleich in ihr das Gefühl eigener
Kraft anregte.
    Charlottens Tochter, Luciane, war kaum aus der Pension in die grosse Welt
getreten, hatte kaum in dem Hause ihrer Tante sich von zahlreicher Gesellschaft
umgeben gesehen, als ihr Gefallenwollen wirklich Gefallen erregte und ein
junger, sehr reicher Mann gar bald eine heftige Neigung empfand, sie zu
besitzen. Sein ansehnliches Vermögen gab ihm ein Recht, das Beste jeder Art sein
eigen zu nennen, und es schien ihm nichts weiter abzugehen als eine vollkommene
Frau, um die ihn die Welt so wie um das übrige zu beneiden hätte.
    Diese Familienangelegenheit war es, welche Charlotten bisher sehr viel zu
tun gab, der sie ihre ganze Überlegung, ihre Korrespondenz widmete, insofern
diese nicht darauf gerichtet war, von Eduard nähere Nachricht zu erhalten;
deswegen auch Ottilie mehr als sonst in der letzten Zeit allein blieb. Diese
wusste zwar um die Ankunft Lucianens; im Hause hatte sie deshalb die nötigsten
Vorkehrungen getroffen; allein so nahe stellte man sich den Besuch nicht vor.
Man wollte vorher noch schreiben, abreden, näher bestimmen, als der Sturm auf
einmal über das Schloss und Ottilien hereinbrach.
    Angefahren kamen nun Kammerjungfern und Bediente, Brancards mit Koffern und
Kisten; man glaubte schon eine doppelte und dreifache Herrschaft im Hause zu
haben; aber nun erschienen erst die Gäste selbst: die Grosstante mit Lucianen und
einigen Freundinnen, der Bräutigam gleichfalls nicht unbegleitet. Da lag das
Vorhaus voll Vachen, Mantelsäcke und anderer lederner Gehäuse. Mit Mühe sonderte
man die vielen Kästchen und Futterale auseinander. Des Gepäckes und Geschleppes
war kein Ende. Dazwischen regnete es mit Gewalt, woraus manche Unbequemlichkeit
entstand. Diesem ungestümen Treiben begegnete Ottilie mit gleichmütiger
Tätigkeit, ja ihr heiteres Geschick erschien im schönsten Glanze; denn sie hatte
in kurzer Zeit alles untergebracht und angeordnet. Jedermann war logiert,
jedermann nach seiner Art bequem, und glaubte gut bedient zu sein, weil er nicht
gehindert war, sich selbst zu bedienen.
    Nun hätten alle gern, nach einer höchst beschwerlichen Reise, einige Ruhe
genossen; der Bräutigam hätte sich seiner Schwiegermutter gern genähert, um ihr
seine Liebe, seinen guten Willen zu beteuern; aber Luciane konnte nicht rasten.
Sie war nun einmal zu dem Glücke gelangt, ein Pferd besteigen zu dürfen. Der
Bräutigam hatte schöne Pferde, und sogleich musste man aufsitzen. Wetter und
Wind, Regen und Sturm kamen nicht in Anschlag; es war, als wenn man nur lebte,
um nass zu werden und sich wieder zu trocknen. Fiel es ihr ein, zu Fusse
auszugehen, so fragte sie nicht, was für Kleider sie anhatte und wie sie
beschuht war: sie musste die Anlagen besichtigen, von denen sie vieles gehört
hatte. Was nicht zu Pferde geschehen konnte, wurde zu Fuss durchrannt. Bald hatte
sie alles gesehen und abgeurteilt. Bei der Schnelligkeit ihres Wesens war ihr
nicht leicht zu widersprechen. Die Gesellschaft hatte manches zu leiden, am
meisten aber die Kammermädchen, die mit Waschen und Bügeln, Auftrennen und
Annähen nicht fertig werden konnten.
    Kaum hatte sie das Haus und die Gegend erschöpft, als sie sich verpflichtet
fühlte, rings in der Nachbarschaft Besuch abzulegen. Weil man sehr schnell ritt
und fuhr, so reichte die Nachbarschaft ziemlich fern umher. Das Schloss ward mit
Gegenbesuchen überschwemmt, und damit man sich ja nicht verfehlen möchte, wurden
bald bestimmte Tage angesetzt.
    Indessen Charlotte mit der Tante und dem Geschäftsträger des Bräutigams die
innern Verhältnisse festzustellen bemüht war und Ottilie mit ihren Untergebenen
dafür zu sorgen wusste, dass es an nichts bei so grossem Zugang fehlen möchte, da
denn Jäger und Gärtner, Fischer und Krämer in Bewegung gesetzt wurden, zeigte
sich Luciane immer wie ein brennender Kometenkern, der einen langen Schweif nach
sich zieht. Die gewöhnlichen Besuchsunterhaltungen dünkten ihr bald ganz
unschmackhaft. Kaum dass sie den ältesten Personen eine Ruhe am Spieltisch
gönnte: wer noch einigermassen beweglich war - und wer liess sich nicht durch ihre
reizenden Zudringlichkeiten in Bewegung setzen? -, musste herbei, wo nicht zum
Tanze, doch zum lebhaften Pfand-, Straf- und Vexierspiel. Und obgleich das
alles, so wie hernach die Pfänderlösung, auf sie selbst berechnet war, so ging
doch von der andern Seite niemand, besonders kein Mann, er mochte von einer Art
sein, von welcher er wollte, ganz leer aus; ja es glückte ihr, einige ältere
Personen von Bedeutung ganz für sich zu gewinnen, indem sie ihre eben
einfallenden Geburts- und Namenstage ausgeforscht hatte und besonders feierte.
dabei kam ihr ein ganz eignes Geschick zustatten, so dass, indem alle sich
begünstigt sahen, jeder sich für den am meisten Begünstigten hielt: eine
Schwachheit, deren sich sogar der Älteste in der Gesellschaft am
allermerklichsten schuldig machte.
    Schien es bei ihr Plan zu sein, Männer, die etwas vorstellten, Rang,
Ansehen, Ruhm oder sonst etwas Bedeutendes für sich hatten, für sich zu
gewinnen, Weisheit und Besonnenheit zuschanden zu machen und ihrem wilden,
wunderlichen Wesen selbst bei der Bedächtlichkeit Gunst zu erwerben, so kam die
Jugend doch dabei nicht zu kurz; jeder hatte sein Teil, seinen Tag, seine
Stunde, in der sie ihn zu entzücken und zu fesseln wusste. So hatte sie den
Architekten schon bald ins Auge gefasst, der jedoch aus seinem schwarzen,
langlockigen Haar so unbefangen heraussah, so gerad und ruhig in der Entfernung
stand, auf alle Fragen kurz und verständig antwortete, sich aber auf nichts
weiter einzulassen geneigt schien, dass sie sich endlich einmal, halb unwillig
halb listig, entschloss, ihn zum Helden des Tages zu machen und dadurch auch für
ihren Hof zu gewinnen.
    Nicht umsonst hatte sie so vieles Gepäcke mitgebracht, ja es war ihr noch
manches gefolgt. Sie hatte sich auf eine unendliche Abwechselung in Kleidern
vorgesehen. Wenn es ihr Vergnügen machte, sich des Tages drei -, viermal
umzuziehen und mit gewöhnlichen, in der Gesellschaft üblichen Kleidern vom
Morgen bis in die Nacht zu wechseln, so erschien sie dazwischen wohl auch einmal
im wirklichen Maskenkleid, als Bäuerin und Fischerin, als Fee und Blumenmädchen.
Sie verschmähte nicht, sich als alte Frau zu verkleiden, um desto frischer ihr
junges Gesicht aus der Kutte hervorzuzeigen; und wirklich verwirrte sie dadurch
das Gegenwärtige und das Eingebildete dergestalt, dass man sich mit der Saalnixe
verwandt und verschwägert zu sein glaubte.
    Wozu sie aber diese Verkleidungen hauptsächlich benutzte, waren
pantomimische Stellungen und Tänze, in denen sie verschiedene Charaktere
auszudrücken gewandt war. Ein Kavalier aus ihrem Gefolge hatte sich
eingerichtet, auf dem Flügel ihre Gebärden mit der wenigen nötigen Musik zu
begleiten; es bedurfte nur einer kurzen Abrede, und sie waren sogleich in
Einstimmung.
    Eines Tages, als man sie bei der Pause eines lebhaften Balls auf ihren
eigenen heimlichen Antrieb gleichsam aus dem Stegereife zu einer solchen
Darstellung aufgefordert hatte, schien sie verlegen und überrascht und liess sich
wider ihre Gewohnheit lange bitten. Sie zeigte sich unentschlossen, liess die
Wahl, bat wie ein Improvisator um einen Gegenstand, bis endlich jener Klavier
spielende Gehülfe, mit dem es abgeredet sein mochte, sich an den Flügel setzte,
einen Trauermarsch zu spielen anfing und sie aufforderte, jene Artemisia zu
geben, welche sie so vortrefflich einstudiert habe. Sie liess sich erbitten, und
nach einer kurzen Abwesenheit erschien sie, bei den zärtlich traurigen Tönen des
Totenmarsches, in Gestalt der königlichen Witwe, mit gemessenem Schritt, einen
Aschenkrug vor sich hertragend. Hinter ihr brachte man eine grosse schwarze Tafel
und in einer goldenen Reissfeder ein wohlzugeschnjetztes Stück Kreide.
    Einer ihrer Verehrer und Adjutanten, dem sie etwas ins Ohr sagte, ging
sogleich den Architekten aufzufordern, zu nötigen und gewissermassen
herbeizuschieben, dass er als Baumeister das Grab des Mausolus zeichnen und also
keineswegs einen Statisten, sondern einen ernstlich Mitspielenden vorstellen
sollte. Wie verlegen der Architekt auch äusserlich erschien - denn er machte in
seiner ganz schwarzen, knappen, modernen Zivilgestalt einen wunderlichen
Kontrast mit jenen Flören, Kreppen, Fransen, Schmelzen, Quasten und Kronen -, so
fasste er sich doch gleich innerlich, allein um so wunderlicher war es anzusehen.
Mit dem grössten Ernst stellte er sich vor die grosse Tafel, die von ein paar
Pagen gehalten wurde, und zeichnete mit viel Bedacht und Genauigkeit ein
Grabmal, das zwar eher einem longobardischen als einem karischen König wäre
gemäss gewesen, aber doch in so schönen Verhältnissen, so ernst in seinen Teilen,
so geistreich in seinen Zieraten, dass man es mit Vergnügen entstehen sah und,
als es fertig war, bewunderte.
    Er hatte sich in diesem ganzen Zeitraum fast nicht gegen die Königin
gewendet, sondern seinem Geschäft alle Aufmerksamkeit gewidmet. Endlich, als er
sich vor ihr neigte und andeutete, dass er nun ihre Befehle vollzogen zu haben
glaube, hielt sie ihm noch die Urne hin und bezeichnete das Verlangen, diese
oben auf dem Gipfel abgebildet zu sehen. Er tat es, obgleich ungern, weil sie zu
dem Charakter seines übrigen Entwurfs nicht passen wollte. Was Lucianen betraf,
so war sie endlich von ihrer Ungeduld erlöst; denn ihre Absicht war keineswegs,
eine gewissenhafte Zeichnung von ihm zu haben. Hätte er mit wenigen Strichen nur
hinskizziert, was etwa einem Monument ähnlich gesehen, und sich die übrige Zeit
mit ihr abgegeben, so wäre das wohl dem Endzweck und ihren Wünschen gemässer
gewesen. Bei seinem Benehmen dagegen kam sie in die grösste Verlegenheit; denn ob
sie gleich in ihrem Schmerz, ihren Anordnungen und Andeutungen, ihrem Beifall
über das nach und nach Entstehende ziemlich abzuwechseln suchte und sie ihn
einigemal beinahe herumzerrte, um nur mit ihm in eine Art von Verhältnis zu
kommen, so erwies er sich doch gar zu steif, dergestalt dass sie allzuoft ihre
Zuflucht zur Urne nehmen, sie an ihr Herz drücken und zum Himmel schauen musste,
ja zuletzt, weil sich doch dergleichen Situationen immer steigern, mehr einer
Witwe von Ephesus als einer Königin von Karien ähnlich sah. Die Vorstellung zog
sich daher in die Länge; der Klavierspieler, der sonst Geduld genug hatte, wusste
nicht mehr, in welchen Ton er ausweichen sollte. Er dankte Gott, als er die Urne
auf der Pyramide stehn sah, und fiel unwillkürlich, als die Königin ihren Dank
ausdrücken wollte, in ein lustiges Tema, wodurch die Vorstellung zwar ihren
Charakter verlor, die Gesellschaft jedoch völlig aufgeheitert wurde, die sich
denn sogleich teilte, der Dame für ihren vortrefflichen Ausdruck und dem
Architekten für seine künstliche und zierliche Zeichnung eine freudige
Bewunderung zu beweisen.
    Besonders der Bräutigam unterhielt sich mit dem Architekten. »Es tut mir
leid,« sagte jener, »dass die Zeichnung so vergänglich ist. Sie erlauben
wenigstens, dass ich sie mir auf mein Zimmer bringen lasse und mich mit Ihnen
darüber unterhalte.« - »Wenn es Ihnen Vergnügen macht,« sagte der Architekt, »so
kann ich Ihnen sorgfältige Zeichnungen von dergleichen Gebäuden und Monumenten
vorlegen, wovon dieses nur ein zufälliger, flüchtiger Entwurf ist.«
    Ottilie stand nicht fern und trat zu den beiden. »Versäumen Sie nicht,«
sagte sie zum Architekten, »den Herrn Baron gelegentlich Ihre Sammlung sehen zu
lassen; er ist ein Freund der Kunst und des Altertums; ich wünsche, dass Sie sich
näher kennenlernen.«
    Luciane kam herbeigefahren und fragte: »Wovon ist die Rede?«
    »Von einer Sammlung Kunstwerke,« antwortete der Baron, »welche dieser Herr
besitzt und die er uns gelegentlich zeigen will.«
    »Er mag sie nur gleich bringen!« rief Luciane. »Nicht wahr, Sie bringen sie
gleich?« setzte sie schmeichelnd hinzu, indem sie ihn mit beiden Händen
freundlich anfasste.
    »Es möchte jetzt der Zeitpunkt nicht sein,« versetzte der Architekt.
    »Was!« rief Luciane gebieterisch, »Sie wollen dem Befehl Ihrer Königin nicht
gehorchen?« Dann legte sie sich auf ein neckisches Bitten.
    »Sein Sie nicht eigensinnig!« sagte Ottilie halb leise.
    Der Architekt entfernte sich mit einer Beugung; sie war weder bejahend noch
verneinend.
    Kaum war er fort, als Luciane sich mit einem Windspiel im Saale herumjagte.
»Ach!« rief sie aus, indem sie zufällig an ihre Mutter stiess, »wie bin ich nicht
unglücklich! Ich habe meinen Affen nicht mitgenommen; man hat es mir abgeraten;
es ist aber nur die Bequemlichkeit meiner Leute, die mich um dieses Vergnügen
bringt. Ich will ihn aber nachkommen lassen, es soll mir jemand hin, ihn zu
holen. Wenn ich nur sein Bildnis sehen könnte, so wäre ich schon vergnügt. Ich
will ihn aber gewiss auch malen lassen, und er soll mir nicht von der Seite
kommen.«
    »Vielleicht kann ich dich trösten,« versetzte Charlotte, »wenn ich dir aus
der Bibliotek einen ganzen Band der wunderlichsten Affenbilder kommen lasse.«
Luciane schrie vor Freuden laut auf, und der Folioband wurde gebracht. Der
Anblick dieser menschenähnlichen und durch den Künstler noch mehr
vermenschlichten abscheulichen Geschöpfe machte Lucianen die grösste Freude. Ganz
glücklich aber fühlte sie sich, bei einem jeden dieser Tiere die Ähnlichkeit mit
bekannten Menschen zu finden. »Sieht der nicht aus wie der Onkel?« rief sie
unbarmherzig, »der wie der Galanteriehändler M-, der wie der Pfarrer S-, und
dieser ist der Dings-, der - leibhaftig. Im Grunde sind doch die Affen die
eigentlichen Incroyables, und es ist unbegreiflich, wie man sie aus der besten
Gesellschaft ausschliessen mag.«
    Sie sagte das in der besten Gesellschaft, doch niemand nahm es ihr übel. Man
war so gewohnt, ihrer Anmut vieles zu erlauben, dass man zuletzt ihrer Unart
alles erlaubte.
    Ottilie unterhielt sich indessen mit dem Bräutigam. Sie hoffte auf die
Rückkunft des Architekten, dessen ernstere, geschmackvollere Sammlungen die
Gesellschaft von diesem Affenwesen befreien sollten. In dieser Erwartung hatte
sie sich mit dem Baron besprochen und ihn auf manches aufmerksam gemacht. Allein
der Architekt blieb aus, und als er endlich wiederkam, verlor er sich unter der
Gesellschaft, ohne etwas mitzubringen und ohne zu tun, als ob von etwas die
Frage gewesen wäre. Ottilie ward einen Augenblick - wie soll mans nennen? -
verdriesslich, ungehalten, betroffen; sie hatte ein gutes Wort an ihn gewendet,
sie gönnte dem Bräutigam eine vergnügte Stunde nach seinem Sinne, der bei seiner
unendlichen Liebe für Lucianen doch von ihrem Betragen zu leiden schien.
    Die Affen mussten einer Kollation Platz machen. Gesellige Spiele, ja sogar
noch Tänze, zuletzt ein freudeloses Herumsitzen und Wiederaufjagen einer schon
gesunkenen Lust dauerten diesmal, wie sonst auch, weit über Mitternacht. Denn
schon hatte sich Luciane gewöhnt, morgens nicht aus dem Bette und abends nicht
ins Bette gelangen zu können.
    Um diese Zeit finden sich in Ottiliens Tagebuch Ereignisse seltner
angemerkt, dagegen häufiger auf das Leben bezügliche und vom Leben abgezogene
Maximen und Sentenzen. Weil aber die meisten derselben wohl nicht durch ihre
eigene Reflexion entstanden sein können, so ist es wahrscheinlich, dass man ihr
irgendeinen Heft mitgeteilt, aus dem sie sich, was ihr gemütlich war,
ausgeschrieben. Manches Eigene von innigerem Bezug wird an dem roten Faden wohl
zu erkennen sein.
                            Aus Ottiliens Tagebuche
Wir blicken so gern in die Zukunft, weil wir das Ungefähre, was sich in ihr hin
und her bewegt, durch stille Wünsche so gern zu unsern Gunsten heranleiten
möchten.
    Wir befinden uns nicht leicht in grosser Gesellschaft, ohne zu denken, der
Zufall, der so viele zusammenbringt, solle uns auch unsre Freunde herbeiführen.
    Man mag noch so eingezogen leben, so wird man, ehe man sichs versieht, ein
Schuldner oder ein Gläubiger.
    Begegnet uns jemand, der uns Dank schuldig ist, gleich fällt es uns ein. Wie
oft können wir jemand begegnen, dem wir Dank schuldig sind, ohne daran zu
denken!
    Sich mitzuteilen ist Natur; Mitgeteiltes aufzunehmen, wie es gegeben wird,
ist Bildung.
    Niemand würde viel in Gesellschaften sprechen, wenn er sich bewusst wäre, wie
oft er die andern missversteht.
    Man verändert fremde Reden beim Wiederholen wohl nur darum so sehr, weil man
sie nicht verstanden hat.
    Wer vor andern lange allein spricht, ohne den Zuhörern zu schmeicheln,
erregt Widerwillen.
    Jedes ausgesprochene Wort erregt den Gegensinn.
    Widerspruch und Schmeichelei machen beide ein schlechtes Gespräch.
    Die angenehmsten Gesellschaften sind die, in welchen eine heitere
Ehrerbietung der Glieder gegeneinander obwaltet.
    Durch nichts bezeichnen die Menschen mehr ihren Charakter als durch das, was
sie lächerrlich finden.
    Das Lächerliche entspringt aus einem sittlichen Kontrast, der auf eine
unschädliche Weise für die Sinne in Verbindung gebracht wird.
    Der sinnliche Mensch lacht oft, wo nichts zu lachen ist. Was ihn auch
anregt, sein inneres Behagen kommt zum Vorschein.
    Der Verständige findet fast alles lächerrlich, der Vernünftige fast nichts.
    Einem bejahrten Manne verdachte man, dass er sich noch um junge Frauenzimmer
bemühte. »Es ist das einzige Mittel,« versetzte er, »sich zu verjüngen, und das
will doch jedermann.«
    Man lässt sich seine Mängel vorhalten, man lässt sich strafen, man leidet
manches um ihrer willen mit Geduld; aber ungeduldig wird man, wenn man sie
ablegen soll.
    Gewisse Mängel sind notwendig zum Dasein des einzelnen. Es würde uns
unangenehm sein, wenn alte Freunde gewisse Eigenheiten ablegten.
    Man sagt: »Er stirbt bald«, wenn einer etwas gegen seine Art und Weise tut.
    Was für Mängel dürfen wir behalten, ja an uns kultivieren? Solche, die den
andern eher schmeicheln als sie verletzen.
    Die Leidenschaften sind Mängel oder Tugenden, nur gesteigerte.
    Unsre Leidenschaften sind wahre Phönixe. Wie der alte verbrennt, steigt der
neue sogleich wieder aus der Asche hervor.
    Grosse Leidenschaften sind Krankheiten ohne Hoffnung.
    Was sie heilen könnte, macht sie erst recht gefährlich.
    
    Die Leidenschaft erhöht und mildert sich durchs Bekennen. In nichts wäre die
Mittelstrasse vielleicht wünschenswerter als im Vertrauen und Verschweigen gegen
die, die wir lieben.
 
                                Fünftes Kapitel
So peitschte Luciane den Lebensrausch im geselligen Strudel immer vor sich her.
Ihr Hofstaat vermehrte sich täglich, teils weil ihr Treiben so manchen erregte
und anzog, teils weil sie sich andre durch Gefälligkeit und Wohltun zu verbinden
wusste. Mitteilend war sie im höchsten Grade; denn da ihr durch die Neigung der
Tante und des Bräutigams soviel Schönes und Köstliches auf einmal zugeflossen
war, so schien sie nichts Eigenes zu besitzen und den Wert der Dinge nicht zu
kennen, die sich um sie gehäuft hatten. So zauderte sie nicht einen Augenblick,
einen kostbaren Schal abzunehmen und ihn einem Frauenzimmer umzuhängen, das ihr
gegen die übrigen zu ärmlich gekleidet schien, und sie tat das auf eine so
neckische, geschickte Weise, dass niemand eine solche Gabe ablehnen konnte. Einer
von ihrem Hofstaat hatte stets eine Börse und den Auftrag, in den Orten, wo sie
einkehrten, sich nach den Ältesten und Kränksten zu erkundigen und ihren Zustand
wenigstens für den Augenblick zu erleichtern. Dadurch entstand ihr in der ganzen
Gegend ein Name von Vortrefflichkeit, der ihr doch auch manchmal unbequem ward,
weil er allzuviel lästige Notleidende an sie heranzog.
    Durch nichts aber vermehrte sie so sehr ihren Ruf als durch ein
auffallendes, gutes, beharrliches Benehmen gegen einen unglücklichen jungen
Mann, der die Gesellschaft floh, weil er, übrigens schön und wohlgebildet, seine
rechte Hand, obgleich rühmlich, in der Schlacht verloren hatte. Diese
Verstümmlung erregte ihm einen solchen Missmut, es war ihm so verdriesslich, dass
jede neue Bekanntschaft sich auch immer mit seinem Unfall bekannt machen sollte,
dass er sich lieber versteckte, sich dem Lesen und andern Studien ergab und ein
für allemal mit der Gesellschaft nichts wollte zu schaffen haben.
    Das Dasein dieses jungen Mannes blieb ihr nicht verborgen. Er musste herbei,
erst in kleiner Gesellschaft, dann in grösserer, dann in der grössten. Sie benahm
sich anmutiger gegen ihn als gegen irgendeinen andern; besonders wusste sie durch
zudringliche Dienstfertigkeit ihm seinen Verlust wert zu machen, indem sie
geschäftig war, ihn zu ersetzen. Bei Tafel musste er neben ihr seinen Platz
nehmen; sie schnitt ihm vor, so dass er nur die Gabel gebrauchen durfte. Nahmen
Ältere, Vornehmere ihm ihre Nachbarschaft weg, so erstreckte sie ihre
Aufmerksamkeit über die ganze Tafel hin, und die eilenden Bedienten mussten das
ersetzen, was ihm die Entfernung zu rauben drohte. Zuletzt munterte sie ihn auf,
mit der linken Hand zu schreiben; er musste alle seine Versuche an sie richten,
und so stand sie, entfernt oder nah, immer mit ihm in Verhältnis. Der junge Mann
wusste nicht, wie ihm geworden war, und wirklich fing er von diesem Augenblick
ein neues Leben an.
    Vielleicht sollte man denken, ein solches Betragen wäre dem Bräutigam
missfällig gewesen; allein es fand sich das Gegenteil. Er rechnete ihr diese
Bemühungen zu grossem Verdienst an und war um so mehr darüber ganz ruhig, als er
ihre fast übertriebenen Eigenheiten kannte, wodurch sie alles, was im mindesten
verfänglich schien, von sich abzulehnen wusste. Sie wollte mit jedermann nach
Belieben umspringen, jeder war in Gefahr, von ihr einmal angestossen, gezerrt
oder sonst geneckt zu werden; niemand aber durfte sich gegen sie ein Gleiches
erlauben, niemand sie nach Willkür berühren, niemand auch nur im entferntesten
Sinne eine Freiheit, die sie sich nahm, erwidern; und so hielt sie die andern in
den strengsten Grenzen der Sittlichkeit gegen sich, die sie gegen andere jeden
Augenblick zu übertreten schien.
    Überhaupt hätte man glauben können, es sei bei ihr Maxime gewesen, sich dem
Lobe und dem Tadel, der Neigung und der Abneigung gleichmässig auszusetzen. Denn
wenn sie die Menschen auf mancherlei Weise für sich zu gewinnen suchte, so
verdarb sie es wieder mit ihnen gewöhnlich durch eine böse Zunge, die niemanden
schonte. So wurde kein Besuch in der Nachbarschaft abgelegt, nirgends sie und
ihre Gesellschaft in Schlössern und Wohnungen freundlich aufgenommen, ohne dass
sie bei der Rückkehr auf das ausgelassenste merken liess, wie sie alle
menschlichen Verhältnisse nur von der lächerlichen Seite zu nehmen geneigt sei.
Da waren drei Brüder, welche unter lauter Komplimenten, wer zuerst heiraten
sollte, das Alter übereilt hatte; hier eine kleine, junge Frau mit einem grossen,
alten Manne; dort umgekehrt ein kleiner, munterer Mann und eine unbehülfliche
Riesin. In dem einen Hause stolperte man bei jedem Schritt über ein Kind; das
andre wollte ihr bei der grössten Gesellschaft nicht voll erscheinen, weil keine
Kinder gegenwärtig waren. Alte Gatten sollten sich nur schnell begraben lassen,
damit doch wieder einmal jemand im Hause zum Lachen käme, da ihnen keine
Noterben gegeben waren. Junge Eheleute sollten reisen, weil das Haushalten sie
gar nicht kleide. Und wie mit den Personen, so machte sie es auch mit den
Sachen, mit den Gebäuden wie mit dem Haus- und Tischgeräte. Besonders alle
Wandverzierungen reizten sie zu lustigen Bemerkungen. Von dem ältesten
Hautelisseteppich bis zu der neusten Papiertapete, vom ehrwürdigsten
Familienbilde bis zum frivolsten neuen Kupferstich, eins wie das andre musste
leiden, eins wie das andre wurde durch ihre spöttischen Bemerkungen gleichsam
aufgezehrt, so dass man sich hätte verwundern sollen, wie fünf Meilen umher
irgend etwas nur noch existierte.
    Eigentliche Bosheit war vielleicht nicht in diesem verneinenden Bestreben;
ein selbstischer Mutwille mochte sie gewöhnlich anreizen; aber eine wahrhafte
Bitterkeit hatte sich in ihrem Verhältnis zu Ottilien erzeugt. Auf die ruhige,
ununterbrochene Tätigkeit des lieben Kindes, die von jedermann bemerkt und
gepriesen wurde, sah sie mit Verachtung herab; und als zur Sprache kam, wie sehr
sich Ottilie der Gärten und der Treibhäuser annehme, spottete sie nicht allein
darüber, indem sie uneingedenk des tiefen Winters, in dem man lebte, sich zu
verwundern schien, dass man weder Blumen noch Früchte gewahr werde, sondern sie
liess auch von nun an so viel Grünes, so viel Zweige und was nur irgend keimte,
herbeiholen und zur täglichen Zierde der Zimmer und des Tisches verschwenden,
dass Ottilie und der Gärtner nicht wenig gekränkt waren, ihre Hoffnungen für das
nächste Jahr und vielleicht auf längere Zeit zerstört zu sehen.
    Ebensowenig gönnte sie Ottilien die Ruhe des häuslichen Ganges, worin sie
sich mit Bequemlichkeit fortbewegte. Ottilie sollte mit auf die Lust- und
Schlittenfahrten, sie sollte mit auf die Bälle, die in der Nachbarschaft
veranstaltet wurden; sie sollte weder Schnee noch Kälte noch gewaltsame
Nachtstürme scheuen, da ja soviel andre nicht davon stürben. Das zarte Kind litt
nicht wenig darunter, aber Luciane gewann nichts dabei; denn obgleich Ottilie
sehr einfach gekleidet ging, so war sie doch, oder so schien sie wenigstens
immer den Männern die Schönste. Ein sanftes Anziehen versammelte alle Männer um
sie her, sie mochte sich in den grossen Räumen am ersten oder am letzten Platze
befinden; ja der Bräutigam Lucianens selbst unterhielt sich oft mit ihr, und
zwar um so mehr, als er in einer Angelegenheit, die ihn beschäftigte, ihren Rat,
ihre Mitwirkung verlangte.
    Er hatte den Architekten näher kennen lernen, bei Gelegenheit seiner
Kunstsammlung viel über das Geschichtliche mit ihm gesprochen, in andern Fällen
auch, besonders bei Betrachtung der Kapelle, sein Talent schätzen gelernt. Der
Baron war jung, reich; er sammelte, er wollte bauen; seine Liebhaberei war
lebhaft, seine Kenntnisse schwach; er glaubte in dem Architekten seinen Mann zu
finden, mit dem er mehr als Einen Zweck zugleich erreichen könnte. Er hatte
seiner Braut von dieser Absicht gesprochen; sie lobte ihn darum und war höchlich
mit dem Vorschlag zufrieden, doch vielleicht mehr, um diesen jungen Mann
Ottilien zu entziehen - denn sie glaubte so etwas von Neigung bei ihm zu
bemerken -, als dass sie gedacht hätte, sein Talent zu ihren Absichten zu
benutzen. Denn ob er gleich bei ihren extemporierten Festen sich sehr tätig
erwiesen und manche Ressourcen bei dieser und jener Anstalt dargeboten, so
glaubte sie es doch immer selbst besser zu verstehen; und da ihre Erfindungen
gewöhnlich gemein waren, so reichte, um sie auszuführen, die Geschicklichkeit
eines gewandten Kammerdieners ebensogut hin als die des vorzüglichsten
Künstlers. Weiter als zu einem Altar, worauf geopfert ward, und zu einer
Bekränzung, es mochte nun ein gipsernes oder ein lebendes Haupt sein, konnte
ihre Einbildungskraft sich nicht versteigen, wenn sie irgend jemand zum Geburts-
und Ehrentage ein festliches Kompliment zu machen gedachte.
    Ottilie konnte dem Bräutigam, der sich nach dem Verhältnis des Architekten
zum Hause erkundigte, die beste Auskunft geben. Sie wusste, dass Charlotte sich
schon früher nach einer Stelle für ihn umgetan hatte; denn wäre die Gesellschaft
nicht gekommen, so hätte sich der junge Mann gleich nach Vollendung der Kapelle
entfernt, weil alle Bauten den Winter über stillstehn sollten und mussten; und es
war daher sehr erwünscht, wenn der geschickte Künstler durch einen neuen Gönner
wieder genutzt und befördert wurde.
    Das persönliche Verhältnis Ottiliens zum Architekten war ganz rein und
unbefangen. Seine angenehme und tätige Gegenwart hatte sie wie die Nähe eines
ältern Bruders unterhalten und erfreut. Ihre Empfindungen für ihn blieben auf
der ruhigen, leidenschaftslosen Oberfläche der Blutsverwandtschaft; denn in
ihrem Herzen war kein Raum mehr; es war von der Liebe zu Eduard ganz gedrängt
ausgefüllt, und nur die Gotteit, die alles durchdringt, konnte dieses Herz
zugleich mit ihm besitzen.
    Indessen je tiefer der Winter sich senkte, je wilderes Wetter, je
unzugänglicher die Wege, desto anziehender schien es, in so guter Gesellschaft
die abnehmenden Tage zuzubringen. Nach kurzen Ebben überflutete die Menge von
Zeit zu Zeit das Haus. Offiziere von entfernteren Garnisonen, die gebildeten zu
ihrem grossen Vorteil, die roheren zur Unbequemlichkeit der Gesellschaft, zogen
sich herbei; am Zivilstande fehlte es auch nicht, und ganz unerwartet kamen
eines Tages der Graf und die Baronesse zusammen angefahren.
    Ihre Gegenwart schien erst einen wahren Hof zu bilden. Die Männer von Stand
und Sitten umgaben den Grafen, und die Frauen liessen der Baronesse Gerechtigkeit
wider fahren. Man verwunderte sich nicht lange, sie beide zusammen und so heiter
zu sehen; denn man vernahm, des Grafen Gemahlin sei gestorben, und eine neue
Verbindung werde geschlossen sein, sobald es die Schicklichkeit nur erlaube.
Ottilie erinnerte sich jenes ersten Besuchs, jedes Worts, was über Ehestand und
Scheidung, über Verbindung und Trennung, über Hoffnung, Erwartung, Entbehren und
Entsagen gesprochen ward. Beide Personen, damals noch ganz ohne Aussichten,
standen nun vor ihr, dem gehofften Glück so nahe, und ein unwillkürlicher
Seufzer drang aus ihrem Herzen.
    Luciane hörte kaum, dass der Graf ein Liebhaber von Musik sei, so wusste sie
ein Konzert zu veranstalten; sie wollte sich dabei mit Gesang zur Gitarre hören
lassen. Es geschah. Das Instrument spielte sie nicht ungeschickt, ihre Stimme
war angenehm; was aber die Worte betraf, so verstand man sie so wenig, als wenn
sonst eine deutsche Schöne zur Gitarre singt. Indes versicherte jedermann, sie
habe mit viel Ausdruck gesungen, und sie konnte mit dem lauten Beifall zufrieden
sein. Nur ein wunderliches Unglück begegnete bei dieser Gelegenheit. In der
Gesellschaft befand sich ein Dichter, den sie auch besonders zu verbinden
hoffte, weil sie einige Lieder von ihm an sie gerichtet wünschte, und deshalb
diesen Abend meist nur von seinen Liedern vortrug. Er war überhaupt, wie alle,
höflich gegen sie, aber sie hatte mehr erwartet. Sie legte es ihm einigemal
nahe, konnte aber weiter nichts von ihm vernehmen, bis sie endlich aus Ungeduld
einen ihrer Hofleute an ihn schickte und sondieren liess, ob er denn nicht
entzückt gewesen sei, seine vortrefflichen Gedichte so vortrefflich vortragen zu
hören. »Meine Gedichte?« versetzte dieser mit Erstaunen. »Verzeihen Sie, mein
Herr,« fügte er hinzu; »ich habe nichts als Vokale gehört und die nicht einmal
alle. Unterdessen ist es meine Schuldigkeit, mich für eine so liebenswürdige
Intention dankbar zu erweisen.« Der Hofmann schwieg und verschwieg. Der andre
suchte sich durch einige wohltönende Komplimente aus der Sache zu ziehen. Sie
liess ihre Absicht nicht undeutlich merken, auch etwas eigens für sie Gedichtetes
zu besitzen. Wenn es nicht allzu unfreundlich gewesen wäre, so hätte er ihr das
Alphabet überreichen können, um sich daraus ein beliebiges Lobgedicht zu
irgendeiner vorkommenden Melodie selbst einzubilden. Doch sollte sie nicht ohne
Kränkung aus dieser Begebenheit scheiden. Kurze Zeit darauf erfuhr sie, er habe
noch selbigen Abend einer von Ottiliens Lieblingsmelodien ein allerliebstes
Gedicht untergelegt, das noch mehr als verbindlich sei.
    Luciane, wie alle Menschen ihrer Art, die immer durcheinander mischen, was
ihnen vorteilhaft und was ihnen nachteilig ist, wollte nun ihr Glück im
Rezitieren versuchen. Ihr Gedächtnis war gut, aber, wenn man aufrichtig reden
sollte, ihr Vortrag geistlos und heftig, ohne leidenschaftlich zu sein. Sie
rezitierte Balladen, Erzählungen und was sonst in Deklamatorien vorzukommen
pflegt. dabei hatte sie die unglückliche Gewohnheit angenommen, das, was sie
vortrug, mit Gesten zu begleiten, wodurch man das, was eigentlich episch und
lyrisch ist, auf eine unangenehme Weise mit dem Dramatischen mehr verwirrt als
verbindet.
    Der Graf, ein einsichtsvoller Mann, der gar bald die Gesellschaft, ihre
Neigungen, Leidenschaften und Unterhaltungen übersah, brachte Lucianen
glücklicher - oder unglücklicherweise auf eine neue Art von Darstellung, die
ihrer Persönlichkeit sehr gemäss war. »Ich finde«, sagte er, »hier so manche
wohlgestaltete Personen, denen es gewiss nicht fehlt, malerische Bewegungen und
Stellungen nachzuahmen. Sollten sie es noch nicht versucht haben, wirkliche,
bekannte Gemälde vorzustellen? Eine solche Nachbildung, wenn sie auch manche
mühsame Anordnung er fordert, bringt dagegen auch einen unglaublichen Reiz
hervor.«
    Schnell ward Luciane gewahr, dass sie hier ganz in ihrem Fach sein würde. Ihr
schöner Wuchs, ihre volle Gestalt, ihr regelmässiges und doch bedeutendes
Gesicht, ihre lichtbraunen Haarflechten, ihr schlanker Hals, alles war schon wie
aufs Gemälde berechnet; und hätte sie nun gar gewusst, dass sie schöner aussah,
wenn sie still stand, als wenn sie sich bewegte, indem ihr im letzten Falle
manchmal etwas störendes Ungraziöses entschlüpfte, so hätte sie sich mit noch
mehrerem Eifer dieser natürlichen Bildnerei ergeben.
    Man suchte nun Kupferstiche nach berühmten Gemälden, man wählte zuerst den
Belisar nach van Dyck. Ein grosser und wohlgebauter Mann von gewissen Jahren
sollte den sitzenden blinden General, der Architekt den vor ihm teilnehmend
traurig stehenden Krieger nachbilden, dem er wirklich etwas ähnlich sah. Luciane
hatte sich, halb bescheiden, das junge Weibchen im Hintergrunde gewählt, das
reichliche Almosen aus einem Beutel in die flache Hand zählt, indes eine Alte
sie abzumahnen und ihr vorzustellen scheint, dass sie zuviel tue. Eine andre, ihm
wirklich Almosen reichende Frauensperson war nicht vergessen.
    Mit diesen und andern Bildern beschäftigte man sich sehr ernstlich. Der Graf
gab dem Architekten über die Art der Einrichtung einige Winke, der sogleich ein
Teater dazu aufstellte und wegen der Beleuchtung die nötige Sorge trug. Man war
schon tief in die Anstalten verwickelt, als man erst bemerkte, dass ein solches
Unternehmen einen ansehnlichen Aufwand verlangte und dass auf dem Lande mitten im
Winter gar manches Erfordernis abging. Deshalb liess, damit ja nichts stocken
möge, Luciane beinah ihre sämtliche Garderobe zerschneiden, um die verschiedenen
Kostüme zu liefern, die jene Künstler willkürlich genug angegeben hatten.
    Der Abend kam herbei, und die Darstellung wurde vor einer grossen
Gesellschaft und zu allgemeinem Beifall ausgeführt. Eine bedeutende Musik
spannte die Erwartung. Jener Belisar eröffnete die Bühne. Die Gestalten waren so
passend, die Farben so glücklich ausgeteilt, die Beleuchtung so kunstreich, dass
man fürwahr in einer andern Welt zu sein glaubte, nur dass die Gegenwart des
Wirklichen statt des Scheins eine Art von ängstlicher Empfindung hervorbrachte.
    Der Vorhang fiel und ward auf Verlangen mehr als einmal wieder aufgezogen.
Ein musikalisches Zwischenspiel unterhielt die Gesellschaft, die man durch ein
Bild höherer Art überraschen wollte. Es war die bekannte Vorstellung von
Poussin: Ahasverus und Ester. Diesmal hatte sich Luciane besser bedacht. Sie
entwickelte in der ohnmächtig hingesunkenen Königin alle ihre Reize und hatte
sich klugerweise zu den umgebenden, unterstützenden Mädchen lauter hübsche,
wohlgebildete Figuren ausgesucht, worunter sich jedoch keine mit ihr auch nur im
mindesten messen konnte. Ottilie blieb von diesem Bilde wie von den übrigen
ausgeschlossen. Auf den goldnen Tron hatten sie, um den Zeus gleichen König
vorzustellen, den rüstigsten und schönsten Mann der Gesellschaft gewählt, so dass
dieses Bild wirklich eine unvergleichliche Vollkommenheit gewann.
    Als drittes hatte man die sogenannte »Väterliche Ermahnung« von Terburg
gewählt, und wer kennt nicht den herrlichen Kupferstich unseres Wille von diesem
Gemälde! Einen Fuss über den andern geschlagen, sitzt ein edler, ritterlicher
Vater und scheint seiner vor ihm stehenden Tochter ins Gewissen zu reden. Diese,
eine herrliche Gestalt im faltenreichen, weissen Atlaskleide, wird zwar nur von
hinten gesehen, aber ihr ganzes Wesen scheint anzudeuten, dass sie sich
zusammennimmt. Dass jedoch die Ermahnung nicht heftig und beschämend sei, sieht
man aus der Miene und Gebärde des Vaters; und was die Mutter betrifft, so
scheint diese eine kleine Verlegenheit zu verbergen, indem sie in ein Glas Wein
blickt, das sie eben auszuschlürfen im Begriff ist.
    Bei dieser Gelegenheit nun sollte Luciane in ihrem höchsten Glanze
erscheinen. Ihre Zöpfe, die Form ihres Kopfes, Hals und Nacken waren über alle
Begriffe schön, und die Taille, von der bei den modernen antikisierenden
Bekleidungen der Frauenzimmer wenig sichtbar wird, höchst zierlich, schlank und
leicht, zeigte sich an ihr in dem älteren Kostüm äusserst vorteilhaft; und der
Architekt hatte gesorgt, die reichen Falten des weissen Atlasses mit der
künstlichsten Natur zu legen, so dass ganz ohne Frage diese lebendige Nachbildung
weit über jenes Originalbildnis hinausreichte und ein allgemeines Entzücken
erregte. Man konnte mit dem Wiederverlangen nicht endigen, und der ganz
natürliche Wunsch, einem so schönen Wesen, das man genugsam von der Rückseite
gesehen, auch ins Angesicht zu schauen, nahm dergestalt überhand, dass ein
lustiger, ungeduldiger Vogel die Worte, die man manchmal an das Ende einer Seite
zu schreiben pflegt: »Tournez s'il vous plaît«, laut ausrief und eine allgemeine
Beistimmung erregte. Die Darstellenden aber kannten ihren Vorteil zu gut und
hatten den Sinn dieser Kunststücke zu wohl gefasst, als dass sie dem allgemeinen
Ruf hätten nachgeben sollen. Die beschämt scheinende Tochter blieb ruhig stehen,
ohne den Zuschauern den Ausdruck ihres Angesichts zu gönnen; der Vater blieb in
seiner ermahnenden Stellung sitzen, und die Mutter brachte Nase und Augen nicht
aus dem durchsichtigen Glase, worin sich, ob sie gleich zu trinken schien, der
Wein nicht verminderte. - Was sollen wir noch viel von kleinen Nachstücken
sagen, wozu man niederländische Wirtshaus- und Jahrmarktsszenen gewählt hatte!
    Der Graf und die Baronesse reisten ab und versprachen, in den ersten
glücklichen Wochen ihrer nahen Verbindung wiederzukehren, und Charlotte hoffte
nunmehr, nach zwei mühsam überstandenen Monaten, die übrige Gesellschaft
gleichfalls loszuwerden. Sie war des Glücks ihrer Tochter gewiss, wenn bei dieser
der erste Braut- und Jugendtaumel sich würde gelegt haben; denn der Bräutigam
hielt sich für den glücklichsten Menschen von der Welt. Bei grossem Vermögen und
gemässigter Sinnesart schien er auf eine wunderbare Weise von dem Vorzuge
geschmeichelt, ein Frauenzimmer zu besitzen, das der ganzen Welt gefallen musste.
Er hatte einen so ganz eigenen Sinn, alles auf sie und erst durch sie auf sich
zu beziehen, dass es ihm eine unangenehme Empfindung machte, wenn sich nicht
gleich ein Neuankommender mit aller Aufmerksamkeit auf sie richtete und mit ihm,
wie es wegen seiner guten Eigenschaften besonders von älteren Personen oft
geschah, eine nähere Verbindung suchte, ohne sich sonderlich um sie zu kümmern.
Wegen des Architekten kam es bald zur Richtigkeit. Aufs Neujahr sollte ihm
dieser folgen und das Karneval mit ihm in der Stadt zubringen, wo Luciane sich
von der Wiederholung der so schön eingerichteten Gemälde sowie von hundert
andern Dingen die grösste Glückseligkeitversprach, um so mehr, als Tante und
Bräutigam jeden Aufwand für gering zu achten schienen, der zu ihrem Vergnügen
erfordert wurde.
    Nun sollte man scheiden, aber das konnte nicht auf eine gewöhnliche Weise
geschehen. Man scherzte einmal ziemlich laut, dass Charlottens Wintervorräte nun
bald aufgezehrt seien, als der Ehrenmann, der den Belisar vorgestellt hatte und
freilich reich genug war, von Lucianens Vorzügen hingerissen, denen er nun schon
so lange huldigte, unbedachtsam ausrief: »So lassen Sie es uns auf polnische Art
halten! Kommen Sie nun und zehren mich auch auf! und so geht es dann weiter in
der Runde herum.« Gesagt, getan: Luciane schlug ein. Den andern Tag war gepackt,
und der Schwarm warf sich auf ein anderes Besitztum. Dort hatte man auch Raum
genug, aber weniger Bequemlichkeit und Einrichtung. Daraus entstand manches
Unschickliche, das erst Lucianen recht glücklich machte. Das Leben wurde immer
wüster und wilder. Treibjagen im tiefsten Schnee, und was man sonst nur
Unbequemes auffinden konnte, wurde veranstaltet. Frauen so wenig als Männer
durften sich ausschliessen, und so zog man jagend und reitend, schlittenfahrend
und lärmend von einem Gute zum andern, bis man sich endlich der Residenz
näherte; da denn die Nachrichten und Erzählungen, wie man sich bei Hofe und in
der Stadt vergnüge, der Einbildungskraft eine andere Wendung gaben und Lucianen
mit ihrer sämtlichen Begleitung, indem die Tante schon vorausgegangen war,
unaufhaltsam in einen andern Lebenskreis hineinzogen.
                            Aus Ottiliens Tagebuche
Man nimmt in der Welt jeden, wofür er sich gibt; aber er muss sich auch für etwas
geben. Man erträgt die Unbequemen lieber, als man die Unbedeutenden duldet.
    Man kann der Gesellschaft alles aufdringen, nur nicht, was eine Folge hat.
    Wir lernen die Menschen nicht kennen, wenn sie zu uns kommen; wir müssen zu
ihnen gehen, um zu erfahren, wie es mit ihnen steht.
    Ich finde es beinahe natürlich, dass wir an Besuchenden mancherlei
auszusetzen haben, dass wir sogleich, wenn sie weg sind, über sie nicht zum
liebevollsten urteilen; denn wir haben sozusagen ein Recht, sie nach unserm
Massstabe zu messen. Selbst verständige und billige Menschen entalten sich in
solchen Fällen kaum einer scharfen Zensur.
    Wenn man dagegen bei andern gewesen ist und hat sie mit ihren Umgebungen,
Gewohnheiten, in ihren notwendigen, unausweichlichen Zuständen gesehen, wie sie
um sich wirken oder wie sie sich fügen, so gehört schon Unverstand und böser
Wille dazu, um das lächerrlich zu finden, was uns in mehr als einem Sinne
ehrwürdig scheinen müsste.
    Durch das, was wir Betragen und gute Sitten nennen, soll das erreicht
werden, was ausserdem nur durch Gewalt oder auch nicht einmal durch Gewalt zu
erreichen ist.
    Der Umgang mit Frauen ist das Element guter Sitten.
    Wie kann der Charakter, die Eigentümlichkeit des Menschen, mit der Lebensart
bestehen?
    Das Eigentümliche müsste durch die Lebensart erst recht hervorgehoben werden.
Das Bedeutende will jedermann, nur soll es nicht unbequem sein.
    Die grössten Vorteile im Leben überhaupt wie in der Gesellschaft hat ein
gebildeter Soldat.
    Rohe Kriegsleute gehen wenigstens nicht aus ihrem Charakter, und weil doch
meist hinter der Stärke eine Gutmütigkeit verborgen liegt, so ist im Notfall
auch mit ihnen auszukommen.
    Niemand ist lästiger als ein täppischer Mensch vom Zivilstande. Von ihm
könnte man die Feinheit fordern, da er sich mit nichts Rohem zu beschäftigen
hat.
    Wenn wir mit Menschen leben, die ein zartes Gefühl für das Schickliche
haben, so wird es uns angst um ihretwillen, wenn etwas Ungeschicktes begegnet.
So fühle ich immer für und mit Charlotten, wenn jemand mit dem Stuhle schaukelt,
weil sie das in den Tod nicht leiden kann.
    Es käme niemand mit der Brille auf der Nase in ein vertrauliches Gemach,
wenn er wüsste, dass uns Frauen sogleich die Lust vergeht, ihn anzusehen und uns
mit ihm zu unterhalten.
    Zutraulichkeit an der Stelle der Ehrfurcht ist immer lächerrlich. Es würde
niemand den Hut ablegen, nachdem er kaum das Kompliment gemacht hat, wenn er
wüsste, wie komisch das aussieht.
    Es gibt kein äusseres Zeichen der Höflichkeit, das nicht einen tiefen
sittlichen Grund hätte. Die rechte Erziehung wäre, welche dieses Zeichen und den
Grund zugleich überlieferte.
    Das Betragen ist ein Spiegel, in welchem jeder sein Bild zeigt.
    Es gibt eine Höflichkeit des Herzens; sie ist der Liebe verwandt. Aus ihr
entspringt die bequemste Höflichkeit des äussern Betragens.
    Freiwillige Abhängigkeit ist der schönste Zustand, und wie wäre der möglich
ohne Liebe.
    Wir sind nie entfernter von unsern Wünschen, als wenn wir uns einbilden, das
Gewünschte zu besitzen.
    Niemand ist mehr Sklave, als der sich für frei hält, ohne es zu sein.
    Es darf sich einer nur für frei erklären, so fühlt er sich den Augenblick
als bedingt. Wagt er es, sich für bedingt zu erklären, so fühlt er sich frei.
    Gegen grosse Vorzüge eines andern gibt es kein Rettungsmittel als die Liebe.
    Es ist was Schreckliches um einen vorzüglichen Mann, auf den sich die Dummen
was zugute tun.
    Es gibt, sagt man, für den Kammerdiener keinen Helden.
    Das kommt aber bloss daher, weil der Held nur vom Helden anerkannt werden
kann. Der Kammerdiener wird aber wahrscheinlich seinesgleichen zu schätzen
wissen.
    Es gibt keinen grössern Trost für die Mittelmässigkeit, als dass das Genie
nicht unsterblich sei.
    Die grössten Menschen hängen immer mit ihrem Jahrhundert durch eine
Schwachheit zusammen.
    Man hält die Menschen gewöhnlich für gefährlicher, als sie sind.
    Toren und gescheite Leute sind gleich unschädlich. Nur die Halbnarren und
Halbweisen, das sind die Gefährlichsten.
    Man weicht der Welt nicht sicherer aus als durch die Kunst, und man
verknüpft sich nicht sicherer mit ihr als durch die Kunst.
    Selbst im Augenblick des höchsten Glücks und der höchsten Not bedürfen wir
des Künstlers.
    Die Kunst beschäftigt sich mit dem Schweren und Guten.
    Das Schwierige leicht behandelt zu sehen, gibt uns das Anschauen des
Unmöglichen.
    Die Schwierigkeiten wachsen, je näher man dem Ziele kommt.
    Säen ist nicht so beschwerlich als ernten.
 
                                Sechstes Kapitel
Die grosse Unruhe, welche Charlotten durch diesen Besuch erwuchs, ward ihr
dadurch vergütet, dass sie ihre Tochter völlig begreifen lernte, worin ihr die
Bekanntschaft mit der Welt sehr zu Hülfe kam. Es war nicht zum erstenmal, dass
ihr ein so seltsamer Charakter begegnete, ob er ihr gleich noch niemals auf
dieser Höhe erschien. Und doch hatte sie aus der Erfahrung, dass solche Personen,
durchs Leben, durch mancherlei Ereignisse, durch elterliche Verhältnisse
gebildet, eine sehr angenehme und liebenswürdige Reife erlangen können, indem
die Selbstigkeit gemildert wird und die schwärmende Tätigkeit eine entschiedene
Richtung erhält. Charlotte liess als Mutter sich um desto eher eine für andere
vielleicht unangenehme Erscheinung gefallen, als es Eltern wohl geziemt, da zu
hoffen, wo Fremde nur zu geniessen wünschen oder wenigstens nicht belästigt sein
wollen.
    Auf eine eigne und unerwartete Weise jedoch sollte Charlotte nach ihrer
Tochter Abreise getroffen werden, indem diese nicht sowohl durch das
Tadelnswerte in ihrem Betragen als durch das, was man daran lobenswürdig hätte
finden können, eine üble Nachrede hinter sich gelassen hatte. Luciane schien
sichs zum Gesetz gemacht zu haben, nicht allein mit den Fröhlichen fröhlich,
sondern auch mit den Traurigen traurig zu sein und, um den Geist des
Widerspruchs recht zu üben, manchmal die Fröhlichen verdriesslich und die
Traurigen heiter zu machen. In allen Familien, wo sie hinkam, erkundigte sie
sich nach den Kranken und Schwachen, die nicht in Gesellschaft erscheinen
konnten. Sie besuchte sie auf ihren Zimmern, machte den Arzt und drang einem
jeden aus ihrer Reiseapoteke, die sie beständig im Wagen mit sich führte,
energische Mittel auf; da denn eine solche Kur, wie sich vermuten lässt, gelang
oder misslang, wie es der Zufall herbeiführte.
    In dieser Art von Wohltätigkeit war sie ganz grausam und liess sich gar nicht
einreden, weil sie fest überzeugt war, dass sie vortrefflich handle. Allein es
missriet ihr auch ein Versuch von der sittlichen Seite, und dieser war es, der
Charlotten viel zu schaffen machte, weil er Folgen hatte und jedermann darüber
sprach. Erst nach Lucianens Abreise hörte sie davon; Ottilie, die gerade jene
Partie mitgemacht hatte, musste ihr umständlich davon Rechenschaft geben.
    Eine der Töchter eines angesehenen Hauses hatte das Unglück gehabt, an dem
Tode eines ihrer jüngeren Geschwister schuld zu sein, und sich darüber nicht
beruhigen noch wiederfinden können. Sie lebte auf ihrem Zimmer beschäftigt und
still und ertrug selbst den Anblick der Ihrigen nur, wenn sie einzeln kamen;
denn sie argwohnte sogleich, wenn mehrere beisammen waren, dass man untereinander
über sie und ihren Zustand reflektiere. Gegen jedes allein äusserte sie sich
vernünftig und unterhielt sich stundenlang mit ihm.
    Luciane hatte davon gehört und sich sogleich im stillen vorgenommen, wenn
sie in das Haus käme, gleichsam ein Wunder zu tun und das Frauenzimmer der
Gesellschaft wiederzugeben. Sie betrug sich dabei vorsichtiger als sonst, wusste
sich allein bei der Seelenkranken einzuführen und, soviel man merken konnte,
durch Musik ihr Vertrauen zu gewinnen. Nur zuletzt versah sie es; denn eben weil
sie Aufsehn erregen wollte, so brachte sie das schöne, blasse Kind, das sie
genug vorbereitet wähnte, eines Abends plötzlich in die bunte, glänzende
Gesellschaft; und vielleicht wäre auch das noch gelungen, wenn nicht die
Sozietät selbst aus Neugierde und Apprehension sich ungeschickt benommen, sich
um die Kranke versammelt, sie wieder gemieden, sie durch Flüstern,
Köpfezusammenstecken irregemacht und aufgeregt hätte. Die zart Empfindende
ertrug das nicht. Sie entwich unter fürchterlichem Schreien, das gleichsam ein
Entsetzen vor einem eindringenden Ungeheuren auszudrücken schien. Erschreckt
fuhr die Gesellschaft nach allen Seiten auseinander, und Ottilie war unter
denen, welche die völlig Ohnmächtige wieder auf ihr Zimmer begleiteten.
    Indessen hatte Luciane eine starke Strafrede nach ihrer Weise an die
Gesellschaft gehalten, ohne im mindesten daran zu denken, dass sie allein alle
Schuld habe, und ohne sich durch dieses und andres Misslingen von ihrem Tun und
Treiben abhalten zu lassen.
    Der Zustand der Kranken war seit jener Zeit bedenklicher geworden, ja das
Übel hatte sich so gesteigert, dass die Eltern das arme Kind nicht im Hause
behalten konnten, sondern einer öffentlichen Anstalt überantworten mussten.
Charlotten blieb nichts übrig, als durch ein besonder zartes Benehmen gegen jene
Familie den von ihrer Tochter verursachten Schmerz einigermassen zu lindern. Auf
Ottilien hatte die Sache einen tiefen Eindruck gemacht; sie bedauerte das arme
Mädchen um so mehr, als sie überzeugt war, wie sie auch gegen Charlotten nicht
leugnete, dass bei einer konsequenten Behandlung die Kranke gewiss herzustellen
gewesen wäre.
    So kam auch, weil man sich gewöhnlich vom vergangenen Unangenehmen mehr als
vom Angenehmen unterhält, ein kleines Missverständnis zur Sprache, das Ottilien
an dem Architekten irregemacht hatte, als er jenen Abend seine Sammlung nicht
vorzeigen wollte, ob sie ihn gleich so freundlich darum ersuchte. Es war ihr
dieses abschlägige Betragen immer in der Seele geblieben, und sie wusste selbst
nicht warum. Ihre Empfindungen waren sehr richtig; denn was ein Mädchen wie
Ottilie verlangen kann, sollte ein Jüngling wie der Architekt nicht versagen.
Dieser brachte jedoch auf ihre gelegentlichen leisen Vorwürfe ziemlich gültige
Entschuldigungen zur Sprache.
    »Wenn Sie wüssten,« sagte er, »wie roh selbst gebildete Menschen sich gegen
die schätzbarsten Kunstwerke verhalten, Sie würden mir verzeihen, wenn ich die
meinigen nicht unter die Menge bringen mag. Niemand weiss eine Medaille am Rand
anzufassen; sie betasten das schönste Gepräge, den reinsten Grund, lassen die
köstlichsten Stücke zwischen dem Daumen und Zeigefinger hin und her gehen, als
wenn man Kunstformen auf diese Weise prüfte. Ohne daran zu denken, dass man ein
grosses Blatt mit zwei Händen anfassen müsse, greifen sie mit einer Hand nach
einem unschätzbaren Kupferstich, einer unersetzlichen Zeichnung, wie ein
anmasslicher Politiker eine Zeitung fasst und durch das Zerknittern des Papiers
schon im voraus sein Urteil über die Weltbegebenheiten zu erkennen gibt. Niemand
denkt daran, dass, wenn nur zwanzig Menschen mit einem Kunstwerke hintereinander
ebenso verführen, der einundzwanzigste nicht mehr viel daran zu sehen hätte.«
    »Habe ich Sie nicht auch manchmal«, fragte Ottilie, »in solche Verlegenheit
gesetzt? Habe ich nicht etwan Ihre Schätze, ohne es zu ahnen, gelegentlich
einmal beschädigt?«
    »Niemals,« versetzte der Architekt, »niemals! Ihnen wäre es unmöglich; das
Schickliche ist mit Ihnen geboren.«
    »Auf alle Fälle«, versetzte Ottilie, »wäre es nicht übel, wenn man künftig
in das Büchlein von guten Sitten nach den Kapiteln, wie man sich in Gesellschaft
beim Essen und Trinken benehmen soll, ein recht umständliches einschöbe, wie man
sich in Kunstsammlungen und Museen zu betragen habe.«
    »Gewiss«, versetzte der Architekt, »würden alsdann Kustoden und Liebhaber
ihre Seltenheiten fröhlicher mitteilen.«
    Ottilie hatte ihm schon lange verziehen; als er sich aber den Vorwurf sehr
zu Herzen zu nehmen schien und immer aufs neue beteuerte, dass er gewiss gerne
mitteile, gern für Freunde tätig sei, so empfand sie, dass sie sein zartes Gemüt
verletzt habe, und fühlte sich als seine Schuldnerin. Nicht wohl konnte sie ihm
daher eine Bitte rund abschlagen, die er in Gefolg dieses Gesprächs an sie tat,
ob sie gleich, indem sie schnell ihr Gefühl zu Rate zog, nicht einsah, wie sie
ihm seine Wünsche gewähren könne.
    Die Sache verhielt sich also. Dass Ottilie durch Lucianens Eifersucht von den
Gemäldedarstellungen ausgeschlossen worden, war ihm höchst empfindlich gewesen;
dass Charlotte diesem glänzenden Teil der geselligen Unterhaltung nur
unterbrochen beiwohnen können, weil sie sich nicht wohl befand, hatte er
gleichfalls mit Bedauern bemerkt. Nun wollte er sich nicht entfernen, ohne seine
Dankbarkeit auch dadurch zu beweisen, dass er zur Ehre der einen und zur
Unterhaltung der andern eine weit schönere Darstellung veranstaltete, als die
bisherigen gewesen waren. Vielleicht kam hierzu, ihm selbst unbewusst, ein andrer
geheimer Antrieb: es ward ihm so schwer, dieses Haus, diese Familie zu
verlassen, ja es schien ihm unmöglich, von Ottiliens Augen zu scheiden, von
deren ruhig freundlich gewogenen Blicken er die letzte Zeit fast ganz allein
gelebt hatte.
    Die Weihnachtsfeiertage nahten sich, und es wurde ihm auf einmal klar, dass
eigentlich jene Gemäldedarstellungen durch runde Figuren von dem sogenannten
Präsepe ausgegangen, von der frommen Vorstellung, die man in dieser heiligen
Zeit der göttlichen Mutter und dem Kinde widmete, wie sie in ihrer scheinbaren
Niedrigkeit erst von Hirten, bald darauf von Königen verehrt werden.
    Er hatte sich die Möglichkeit eines solchen Bildes vollkommen
vergegenwärtigt. Ein schöner, frischer Knabe war gefunden; an Hirten und
Hirtinnen konnte es auch nicht fehlen; aber ohne Ottilien war die Sache nicht
auszuführen. Der junge Mann hatte sie in seinem Sinne zur Mutter Gottes erhoben,
und wenn sie es abschlug, so war bei ihm keine Frage, dass das Unternehmen fallen
müsse. Ottilie, halb verlegen über seinen Antrag, wies ihn mit seiner Bitte an
Charlotten. Diese erteilte ihm gern die Erlaubnis, und auch durch sie ward die
Scheu Ottiliens, sich jener heiligen Gestalt anzumassen, auf eine freundliche
Weise überwunden. Der Architekt arbeitete Tag und Nacht, damit am
Weihnachtsabend nichts fehlen möge.
    Und zwar Tag und Nacht im eigentlichen Sinne. Er hatte ohnehin wenig
Bedürfnisse, und Ottiliens Gegenwart schien ihm statt alles Labsals zu sein;
indem er um ihretwillen arbeitete, war es, als wenn er keines Schlafs, indem er
sich um sie beschäftigte, keiner Speise bedürfte. Zur feierlichen Abendstunde
war deshalb alles fertig und bereit. Es war ihm möglich gewesen, wohltönende
Blasinstrumente zu versammeln, welche die Einleitung machten und die gewünschte
Stimmung hervorzubringen wussten. Als der Vorhang sich hob, war Charlotte
wirklich überrascht. Das Bild, das sich ihr vorstellte, war so oft in der Welt
wiederholt, dass man kaum einen neuen Eindruck davon erwarten sollte. Aber hier
hatte die Wirklichkeit als Bild ihre besonderen Vorzüge. Der ganze Raum war eher
nächtlich als dämmernd und doch nichts undeutlich im Einzelnen der Umgebung. Den
unübertrefflichen Gedanken, dass alles Licht vom Kinde ausgeht, hatte der
Künstler durch einen klugen Mechanismus der Beleuchtung auszuführen gewusst, der
durch die beschatteten, nur von Streiflichtern erleuchteten Figuren im
Vordergrunde zugedeckt wurde. Frohe Mädchen und Knaben standen umher, die
frischen Gesichter scharf von unten beleuchtet. Auch an Engeln fehlte es nicht,
deren eigener Schein von dem göttlichen verdunkelt, deren äterischer Leib vor
dem göttlich - menschlichen verdichtet und lichtsbedürftig schien.
    Glücklicherweise war das Kind in der anmutigsten Stellung eingeschlafen, so
dass nichts die Betrachtung störte, wenn der Blick auf der scheinbaren Mutter
verweilte, die mit unendlicher Anmut einen Schleier aufgehoben hatte, um den
verborgenen Schatz zu offenbaren. In diesem Augenblick schien das Bild
festgehalten und erstarrt zu sein. Physisch geblendet, geistig überrascht,
schien das umgebende Volk sich eben bewegt zu haben, um die getroffnen Augen
wegzuwenden, neugierig erfreut wieder hinzublinzen und mehr Verwunderung und
Lust als Bewunderung und Verehrung anzuzeigen, obgleich diese auch nicht
vergessen und einigen ältern Figuren der Ausdruck derselben übertragen war.
    Ottiliens Gestalt, Gebärde, Miene, Blick übertraf aber alles, was je ein
Maler dargestellt hat. Der gefühlvolle Kenner, der diese Erscheinung gesehen
hätte, wäre in Furcht geraten, es möge sich nur irgend etwas bewegen; er wäre in
Sorge gestanden, ob ihm jemals etwas wieder so gefallen könne.
Unglücklicherweise war niemand da, der diese ganze Wirkung aufzufassen vermocht
hätte. Der Architekt allein, der als langer, schlanker Hirt von der Seite über
die Knieenden hereinsah, hatte, obgleich nicht in dem genauesten Standpunkt,
noch den grössten Genuss. Und wer beschreibt auch die Miene der neugeschaffenen
Himmelskönigin? Die reinste Demut, das liebenswürdigste Gefühl von
Bescheidenheit bei einer grossen, unverdient erhaltenen Ehre, einem unbegreiflich
unermesslichen Glück bildete sich in ihren Zügen, sowohl indem sich ihre eigene
Empfindung, als indem sich die Vorstellung ausdrückte, die sie sich von dem
machen konnte, was sie spielte.
    Charlotten erfreute das schöne Gebilde, doch wirkte hauptsächlich das Kind
auf sie. Ihre Augen strömten von Tränen, und sie stellte sich auf das
lebhafteste vor, dass sie ein ähnliches liebes Geschöpf bald auf ihrem Schosse zu
hoffen habe.
    Man hatte den Vorhang niedergelassen, teils um den Vorstellenden einige
Erleichterung zu geben, teils eine Veränderung in dem Dargestellten anzubringen.
Der Künstler hatte sich vorgenommen, das erste Nacht- und Niedrigkeitsbild in
ein Tag- und Glorienbild zu verwandeln, und deswegen von allen Seiten eine
unmässige Erleuchtung vorbereitet, die in der Zwischenzeit angezündet wurde.
    Ottilien war in ihrer halb teatralischen Lage bisher die grösste Beruhigung
gewesen, dass ausser Charlotten und wenigen Hausgenossen niemand dieser frommen
Kunstmummerei zugesehen. Sie wurde daher einigermassen betroffen, als sie in der
Zwischenzeit vernahm, es sei ein Fremder angekommen, im Saale von Charlotten
freundlich begrüsst. Wer es war, konnte man ihr nicht sagen. Sie ergab sich
darein, um keine Störung zu verursachen. Lichter und Lampen brannten, und eine
ganz unendliche Hellung umgab sie. Der Vorhang ging auf, für die Zuschauenden
ein überraschender Anblick: das ganze Bild war alles Licht, und statt des völlig
aufgehobenen Schattens blieben nur die Farben übrig, die bei der klugen Auswahl
eine liebliche Mässigung hervorbrachten. Unter ihren langen Augenwimpern
hervorblickend, bemerkte Ottilie eine Mannsperson neben Charlotten sitzend. Sie
erkannte ihn nicht, aber sie glaubte die Stimme des Gehülfen aus der Pension zu
hören. Eine wunderbare Empfindung ergriff sie. Wie vieles war begegnet, seitdem
sie die Stimme dieses treuen Lehrers nicht vernommen! Wie im zackigen Blitz fuhr
die Reihe ihrer Freuden und Leiden schnell vor ihrer Seele vorbei und regte die
Frage auf: Darfst du ihm alles bekennen und gestehen? Und wie wenig wert bist
du, unter dieser heiligen Gestalt vor ihm zu erscheinen, und wie seltsam muss es
ihm vorkommen, dich, die er nur natürlich gesehen, als Maske zu erblicken? Mit
einer Schnelligkeit, die keinesgleichen hat, wirkten Gefühl und Betrachtung in
ihr gegeneinander. Ihr Herz war befangen, ihre Augen füllten sich mit Tränen,
indem sie sich zwang, immerfort als ein starres Bild zu erscheinen; und wie froh
war sie, als der Knabe sich zu regen anfing und der Künstler sich genötiget sah,
das Zeichen zu geben, dass der Vorhang wieder fallen sollte!
    Hatte das peinliche Gefühl, einem werten Freunde nicht entgegeneilen zu
können, sich schon die letzten Augenblicke zu den übrigen Empfindungen Ottiliens
gesellt, so war sie jetzt in noch grösserer Verlegenheit. Sollte sie in diesem
fremden Anzug und Schmuck ihm entgegengehn? Sollte sie sich umkleiden? Sie
wählte nicht, sie tat das letzte und suchte sich in der Zwischenzeit
zusammenzunehmen, sich zu beruhigen, und war nur erst wieder mit sich selbst in
Einstimmung, als sie endlich im gewohnten Kleide den Angekommenen begrüsste.
 
                               Siebentes Kapitel
Insofern der Architekt seinen Gönnerinnen das Beste wünschte, war es ihm
angenehm, da er doch endlich scheiden musste, sie in der guten Gesellschaft des
schätzbaren Gehülfen zu wissen; indem er jedoch ihre Gunst auf sich selbst
bezog, empfand er es einigermassen schmerzhaft, sich so bald und, wie es seiner
Bescheidenheit dünken mochte, so gut, ja vollkommen ersetzt zu sehen. Er hatte
noch immer gezaudert, nun aber drängte es ihn hinweg; denn was er sich nach
seiner Entfernung musste gefallen lassen, das wollte er wenigstens gegenwärtig
nicht erleben.
    Zu grosser Erheiterung dieser halb traurigen Gefühle machten ihm die Damen
beim Abschiede noch ein Geschenk mit einer Weste, an der er sie beide lange Zeit
hatte stricken sehen, mit einem stillen Neid über den unbekannten Glücklichen,
dem sie dereinst werden könnte. Eine solche Gabe ist die angenehmste, die ein
liebender, verehrender Mann erhalten mag; denn wenn er dabei des unermüdeten
Spiels der schönen Finger gedenkt, so kann er nicht umhin, sich zu schmeicheln,
das Herz werde bei einer so anhaltenden Arbeit doch auch nicht ganz ohne
Teilnahme geblieben sein.
    Die Frauen hatten nun einen neuen Mann zu bewirten, dem sie wohlwollten und
dem es bei ihnen wohl werden sollte. Das weibliche Geschlecht hegt ein eignes,
inneres, unwandelbares Interesse, von dem sie nichts in der Welt abtrünnig
macht; im äussern, geselligen Verhältnis hingegen lassen sie sich gern und leicht
durch den Mann bestimmen, der sie eben beschäftigt; und so durch Abweisen wie
durch Empfänglichkeit, durch Beharren und Nachgiebigkeit führen sie eigentlich
das Regiment, dem sich in der gesitteten Welt kein Mann zu entziehen wagt.
    Hatte der Architekt, gleichsam nach eigener Lust und Belieben, seine Talente
vor den Freundinnen zum Vergnügen und zu den Zwecken derselben geübt und
bewiesen, war Beschäftigung und Unterhaltung in diesem Sinne und nach solchen
Absichten eingerichtet, so machte sich in kurzer Zeit durch die Gegenwart des
Gehülfen eine andere Lebensweise. Seine grosse Gabe war, gut zu sprechen und
menschliche Verhältnisse, besonders in bezug auf Bildung der Jugend, in der
Unterredung zu behandeln. Und so entstand gegen die bisherige Art zu leben ein
ziemlich fühlbarer Gegensatz, um so mehr, als der Gehülfe nicht ganz dasjenige
billigte, womit man sich die Zeit über ausschliesslich beschäftigt hatte.
    Von dem lebendigen Gemälde, das ihn bei seiner Ankunft empfing, sprach er
gar nicht. Als man ihm hingegen Kirche, Kapelle und was sich darauf bezog, mit
Zufriedenheit sehen liess, konnte er seine Meinung, seine Gesinnungen darüber
nicht zurückhalten. »Was mich betrifft,« sagte er, »so will mir diese
Annäherung, diese Vermischung des Heiligen zu und mit dem Sinnlichen keineswegs
gefallen, nicht gefallen, dass man sich gewisse besondere Räume widmet, weihet
und aufschmückt, um erst dabei ein Gefühl der Frömmigkeit zu hegen und zu
unterhalten. Keine Umgebung, selbst die gemeinste nicht, soll in uns das Gefühl
des Göttlichen stören, das uns überallhin begleiten und jede Stätte zu einem
Tempel einweihen kann. Ich mag gern einen Hausgottesdienst in dem Saale gehalten
sehen, wo man zu speisen, sich gesellig zu versammeln, mit Spiel und Tanz zu
ergötzen pflegt. Das Höchste, das Vorzüglichste am Menschen ist gestaltlos, und
man soll sich hüten, es anders als in edler Tat zu gestalten.«
    Charlotte, die seine Gesinnungen schon im ganzen kannte und sie noch mehr in
kurzer Zeit erforschte, brachte ihn gleich in seinem Fache zur Tätigkeit, indem
sie ihre Gartenknaben, welche der Architekt vor seiner Abreise eben gemustert
hatte, in dem grossen Saal aufmarschieren liess, da sie sich denn in ihren
heitern, reinlichen Uniformen, mit gesetzlichen Bewegungen und einem
natürlichen, lebhaften Wesen sehr gut ausnahmen. Der Gehülfe prüfte sie nach
seiner Weise und hatte durch mancherlei Fragen und Wendungen gar bald die
Gemütsarten und Fähigkeiten der Kinder zutage gebracht und, ohne dass es so
schien, in Zeit von weniger als einer Stunde sie wirklich bedeutend unterrichtet
und gefördert.
    »Wie machen Sie das nur?« sagte Charlotte, indem die Knaben wegzogen. »Ich
habe sehr aufmerksam zugehört; es sind nichts als ganz bekannte Dinge
vorgekommen, und doch wüsste ich nicht, wie ich es anfangen sollte, sie in so
kurzer Zeit, bei so vielem Hin-und Widerreden, in solcher Folge zur Sprache zu
bringen.«
    »Vielleicht sollte man«, versetzte der Gehülfe, »aus den Vorteilen seines
Handwerks ein Geheimnis machen. Doch kann ich Ihnen die ganz einfache Maxime
nicht verbergen, nach der man dieses und noch viel mehr zu leisten vermag.
Fassen Sie einen Gegenstand, eine Materie, einen Begriff, wie man es nennen
will; halten Sie ihn recht fest; machen Sie sich ihn in allen seinen Teilen
recht deutlich, und dann wird es Ihnen leicht sein, gesprächsweise an einer
Masse Kinder zu erfahren, was sich davon schon in ihnen entwickelt hat, was noch
anzuregen, zu überliefern ist. Die Antworten auf Ihre Fragen mögen noch so
ungehörig sein, mögen noch so sehr ins Weite gehen, wenn nur sodann Ihre
Gegenfrage Geist und Sinn wieder hereinwärts zieht, wenn Sie sich nicht von
Ihrem Standpunkte verrücken lassen, so müssen die Kinder zuletzt denken,
begreifen, sich überzeugen, nur von dem, was und wie es der Lehrende will. Sein
grösster Fehler ist der, wenn er sich von den Lernenden mit in die Weite reissen
lässt, wenn er sie nicht auf dem Punkte festzuhalten weiss, den er eben jetzt
behandelt. Machen Sie nächstens einen Versuch, und es wird zu Ihrer grossen
Unterhaltung dienen.«
    »Das ist artig,« sagte Charlotte; »die gute Pädagogik ist also gerade das
Umgekehrte von der guten Lebensart. In der Gesellschaft soll man auf nichts
verweilen, und bei dem Unterricht wäre das höchste Gebot, gegen alle Zerstreuung
zu arbeiten.«
    »Abwechselung ohne Zerstreuung wäre für Lehre und Leben der schönste
Wahlspruch, wenn dieses löbliche Gleichgewicht nur so leicht zu erhalten wäre!«
sagte der Gehülfe und wollte weiter fortfahren, als ihn Charlotte aufrief, die
Knaben nochmals zu betrachten, deren munterer Zug sich soeben über den Hof
bewegte. Er bezeigte seine Zufriedenheit, dass man die Kinder in Uniform zu gehen
anhalte. »Männer«, so sagte er, »sollten von Jugend auf Uniform tragen, weil sie
sich gewöhnen müssen, zusammen zu handeln, sich unter ihresgleichen zu
verlieren, in Masse zu gehorchen und ins Ganze zu arbeiten. Auch befördert jede
Art von Uniform einen militärischen Sinn sowie ein knapperes, strackeres
Betragen, und alle Knaben sind ja ohnehin geborne Soldaten; man sehe nur ihre
Kampf- und Streitspiele, ihr Erstürmen und Erklettern.«
    »So werden Sie mich dagegen nicht tadeln,« versetzte Ottilie, »dass ich meine
Mädchen nicht überein kleide. Wenn ich sie Ihnen vorführe, hoffe ich Sie durch
ein buntes Gemisch zu ergötzen.«
    »Ich billige das sehr,« versetzte jener. »Frauen sollten durchaus
mannigfaltig gekleidet gehen, jede nach eigner Art und Weise, damit eine jede
fühlen lernte, was ihr eigentlich gut stehe und wohl zieme. Eine wichtigere
Ursache ist noch die, weil sie bestimmt sind, ihr ganzes Leben allein zu stehen
und allein zu handeln.«
    »Das scheint mir sehr paradox,« versetzte Charlotte; »sind wir doch fast
niemals für uns.«
    »O ja!« versetzte der Gehülfe, »in Absicht auf andere Frauen ganz gewiss. Man
betrachte ein Frauenzimmer als Liebende, als Braut, als Frau, Hausfrau und
Mutter, immer steht sie isoliert, immer ist sie allein und will allein sein. Ja
die Eitle selbst ist in dem Falle. Jede Frau schliesst die andre aus, ihrer Natur
nach; denn von jeder wird alles gefordert, was dem ganzen Geschlechte zu leisten
obliegt. Nicht so verhält es sich mit den Männern. Der Mann verlangt den Mann;
er würde sich einen zweiten erschaffen, wenn es keinen gäbe; eine Frau könnte
eine Ewigkeit leben, ohne daran zu denken, sich ihresgleichen hervorzubringen.«
    
    »Man darf«, sagte Charlotte, »das Wahre nur wunderlich sagen, so scheint
zuletzt das Wunderliche auch wahr. Wir wollen uns aus ihren Bemerkungen das
Beste herausnehmen und doch als Frauen mit Frauen zusammenhalten und auch
gemeinsam wirken, um den Männern nicht allzu grosse Vorzüge über uns einzuräumen.
Ja, Sie werden uns eine kleine Schadenfreude nicht übelnehmen, die wir künftig
um desto lebhafter empfinden müssen, wenn sich die Herren untereinander auch
nicht sonderlich vertragen.«
    Mit vieler Sorgfalt untersuchte der verständige Mann nunmehr die Art, wie
Ottilie ihre kleinen Zöglinge behandelte, und bezeigte darüber seinen
entschiedenen Beifall. »Sehr richtig heben Sie«, sagte er, »Ihre Untergebenen
nur zur nächsten Brauchbarkeit heran. Reinlichkeit veranlasst die Kinder, mit
Freuden etwas auf sich selbst zu halten, und alles ist gewonnen, wenn sie das,
was sie tun, mit Munterkeit und Selbstgefühl zu leisten angeregt sind.«
    Übrigens fand er zu seiner grossen Befriedigung nichts auf den Schein und
nach aussen getan, sondern alles nach innen und für die unerlässlichen
Bedürfnisse. »Mit wie wenig Worten«, rief er aus, »liesse sich das ganze
Erziehungsgeschäft aussprechen, wenn jemand Ohren hätte zu hören!«
    »Mögen Sie es nicht mit mir versuchen?« sagte freundlich Ottilie.
    »Recht gern,« versetzte jener; »nur müssen Sie mich nicht verraten. Man
erziehe die Knaben zu Dienern und die Mädchen zu Müttern, so wird es überall
wohlstehn.«
    »Zu Müttern,« versetzte Ottilie, »das könnten die Frauen noch hingehen
lassen, da sie sich, ohne Mütter zu sein, doch immer einrichten müssen,
Wärterinnen zu werden; aber freilich zu Dienern würden sich unsre jungen Männer
viel zu gut halten, da man jedem leicht ansehen kann, dass er sich zum Gebieten
fähiger dünkt.«
    »Deswegen wollen wir es ihnen verschweigen,« sagte der Gehülfe. »Man
schmeichelt sich ins Leben hinein, aber das Leben schmeichelt uns nicht. Wieviel
Menschen mögen denn das freiwillig zugestehen, was sie am Ende doch müssen?
Lassen wir aber diese Betrachtungen, die uns hier nicht berühren!
    Ich preise Sie glücklich, dass Sie bei Ihren Zöglingen ein richtiges
Verfahren anwenden können. Wenn Ihre kleinsten Mädchen sich mit Puppen
herumtragen und einige Läppchen für sie zusammenflicken, wenn ältere Geschwister
alsdann für die jüngern sorgen und das Haus sich in sich selbst bedient und
aufhilft, dann ist der weitere Schritt ins Leben nicht gross, und ein solches
Mädchen findet bei ihrem Gatten, was sie bei ihren Eltern verliess.
    Aber in den gebildeten Ständen ist die Aufgabe sehr verwickelt. Wir haben
auf höhere, zartere, feinere, besonders auf gesellschaftliche Verhältnisse
Rücksicht zu nehmen. Wir andern sollen daher unsre Zöglinge nach aussen bilden;
es ist notwendig, es ist unerlässlich und möchte recht gut sein, wenn man dabei
nicht das Mass überschritte; denn indem man die Kinder für einen weiteren Kreis
zu bilden gedenkt, treibt man sie leicht ins Grenzenlose, ohne im Auge zu
behalten, was denn eigentlich die innere Natur fordert. Hier liegt die Aufgabe,
welche mehr oder weniger von den Erziehern gelöst oder verfehlt wird.
    Bei manchem, womit wir unsere Schülerinnen in der Pension ausstatten, wird
mir bange, weil die Erfahrung mir sagt, von wie geringem Gebrauch es künftig
sein werde. Was wird nicht gleich abgestreift, was nicht gleich der
Vergessenheit überantwortet, sobald ein Frauenzimmer sich im Stande der
Hausfrau, der Mutter befindet!
    Indessen kann ich mir den frommen Wunsch nicht versagen, da ich mich einmal
diesem Geschäft gewidmet habe, dass es mir dereinst in Gesellschaft einer treuen
Gehülfin gelingen möge, an meinen Zöglingen dasjenige rein auszubilden, was sie
bedürfen, wenn sie in das Feld eigener Tätigkeit und Selbständigkeit
hinüberschreiten; dass ich mir sagen könnte: in diesem Sinne ist an ihnen die
Erziehung vollendet. Freilich schliesst sich eine andere immer wieder an, die
beinahe mit jedem Jahre unsers Lebens, wo nicht von uns selbst, doch von den
Umständen veranlasst wird.«
    Wie wahr fand Ottilie diese Bemerkung! Was hatte nicht eine ungeahnte
Leidenschaft im vergangenen Jahr an ihr erzogen! Was sah sie nicht alles für
Prüfungen vor sich schweben, wenn sie nur aufs Nächste, aufs Nächstkünftige
hinblickte!
    Der junge Mann hatte nicht ohne Vorbedacht einer Gehülfin, einer Gattin
erwähnt; denn bei aller seiner Bescheidenheit konnte er nicht unterlassen, seine
Absichten auf eine entfernte Weise anzudeuten; ja er war durch mancherlei
Umstände und Vorfälle aufgeregt worden, bei diesem Besuch einige Schritte seinem
Ziele näher zu tun.
    Die Vorsteherin der Pension war bereits in Jahren; sie hatte sich unter
ihren Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen schon lange nach einer Person umgesehen,
die eigentlich mit ihr in Gesellschaft träte, und zuletzt dem Gehülfen, dem sie
zu vertrauen höchlich Ursache hatte, den Antrag getan, er solle mit ihr die
Lehranstalt fortführen, darin als in dem Seinigen mitwirken und nach ihrem Tode
als Erbe und einziger Besitzer eintreten. Die Hauptsache schien hiebei, dass er
eine einstimmende Gattin finden müsse. Er hatte im stillen Ottilien vor Augen
und im Herzen; allein es regten sich mancherlei Zweifel, die wieder durch
günstige Ereignisse einiges Gegengewicht erhielten. Luciane hatte die Pension
verlassen, Ottilie konnte freier zurückkehren; von dem Verhältnisse zu Eduard
hatte zwar etwas verlautet, allein man nahm die Sache, wie ähnliche Vorfälle
mehr, gleichgültig auf, und selbst dieses Ereignis konnte zu Ottiliens Rückkehr
beitragen. Doch wäre man zu keinem Entschluss gekommen, kein Schritt wäre
geschehen, hätte nicht ein unvermuteter Besuch auch hier eine besondere Anregung
gegeben, wie denn die Erscheinung von bedeutenden Menschen in irgendeinem Kreise
niemals ohne Folge bleiben kann.
    Der Graf und die Baronesse, welche so oft in den Fall kamen, über den Wert
verschiedener Pensionen befragt zu werden, weil fast jedermann um die Erziehung
seiner Kinder verlegen ist, hatten sich vorgenommen, diese besonders
kennenzulernen, von der soviel Gutes gesagt wurde, und konnten nunmehr in ihren
neuen Verhältnissen zusammen eine solche Untersuchung anstellen. Allein die
Baronesse beabsichtigte noch etwas anderes. Während ihres letzten Aufentalts
bei Charlotten hatte sie mit dieser alles umständlich durchgesprochen, was sich
auf Eduarden und Ottilien bezog. Sie bestand aber- und abermals darauf: Ottilie
müsse entfernt werden. Sie suchte Charlotten hiezu Mut einzusprechen, welche
sich vor Eduards Drohungen noch immer fürchtete. Man sprach über die
verschiedenen Auswege, und bei Gelegenheit der Pension war auch von der Neigung
des Gehülfen die Rede, und die Baronesse entschloss sich um so mehr zu dem
gedachten Besuch.
    Sie kommt an, lernt den Gehülfen kennen, man beobachtet die Anstalt und
spricht von Ottilien. Der Graf selbst unterhält sich gern über sie, indem er sie
bei dem neulichen Besuch genauer kennengelernt. Sie hatte sich ihm genähert, ja
sie ward von ihm angezogen, weil sie durch sein gehaltvolles Gespräch dasjenige
zu sehen und zu kennen glaubte, was ihr bisher ganz unbekannt geblieben war. Und
wie sie in dem Umgange mit Eduard die Welt vergass, so schien ihr in der
Gegenwart des Grafen die Welt erst recht wünschenswert zu sein. Jede Anziehung
ist wechselseitig. Der Graf empfand eine Neigung für Ottilien, dass er sie gern
als seine Tochter betrachtete. Auch hier war sie der Baronesse zum zweitenmal
und mehr als das erstemal im Wege. Wer weiss, was diese in Zeiten lebhafterer
Leidenschaft gegen sie angestiftet hätte! Jetzt war es ihr genug, sie durch eine
Verheiratung den Ehefrauen unschädlicher zu machen.
    Sie regte daher den Gehülfen auf eine leise, doch wirksame Art klüglich an,
dass er sich zu einer kleinen Exkursion auf das Schloss einrichten und seinen
Planen und Wünschen, von denen er der Dame kein Geheimnis gemacht, sich
ungesäumt nähern solle.
    Mit vollkommener Beistimmung der Vorsteherin trat er daher seine Reise an
und hegte in seinem Gemüte die besten Hoffnungen. Er weiss, Ottilie ist ihm nicht
ungünstig; und wenn zwischen ihnen einiges Missverhältnis des Standes war, so
glich sich dieses gar leicht durch die Denkart der Zeit aus. Auch hatte die
Baronesse ihn wohl fühlen lassen, dass Ottilie immer ein armes Mädchen bleibe.
Mit einem reichen Hause verwandt zu sein, hiess es, kann niemanden helfen; denn
man würde sich selbst bei dem grössten Vermögen ein Gewissen daraus machen,
denjenigen eine ansehnliche Summe zu entziehen, die dem näheren Grade nach ein
vollkommeneres Recht auf ein Besitztum zu haben scheinen. Und gewiss bleibt es
wunderbar, dass der Mensch das grosse Vorrecht, nach seinem Tode noch über seine
Habe zu disponieren, sehr selten zugunsten seiner Lieblinge gebraucht und, wie
es scheint, aus Achtung für das Herkommen nur diejenigen begünstigt, die nach
ihm sein Vermögen besitzen würden, wenn er auch selbst keinen Willen hätte.
    Sein Gefühl setzte ihn auf der Reise Ottilien völlig gleich. Eine gute
Aufnahme erhöhte seine Hoffnungen. Zwar fand er gegen sich Ottilien nicht ganz
so offen wie sonst; aber sie war auch erwachsener, gebildeter und, wenn man
will, im allgemeinen mitteilender, als er sie gekannt hatte. Vertraulich liess
man ihn in manches Einsicht nehmen, was sich besonders auf sein Fach bezog. Doch
wenn er seinem Zwecke sich nähern wollte, so hielt ihn immer eine gewisse innere
Scheu zurück.
    Einst gab ihm jedoch Charlotte hierzu Gelegenheit, indem sie in Beisein
Ottiliens zu ihm sagte: »Nun, Sie haben alles, was in meinem Kreise heranwächst,
so ziemlich geprüft; wie finden Sie denn Ottilien? Sie dürfen es wohl in ihrer
Gegenwart aussprechen.«
    Der Gehülfe bezeichnete hierauf mit sehr viel Einsicht und ruhigem Ausdruck,
wie er Ottilien in Absicht eines freieren Betragens, einer bequemeren
Mitteilung, eines höheren Blicks in die weltlichen Dinge, der sich mehr in ihren
Handlungen als in ihren Worten betätige, sehr zu ihrem Vorteil verändert finde,
dass er aber doch glaube, es könne ihr sehr zum Nutzen gereichen, wenn sie auf
einige Zeit in die Pension zurückkehre, um das in einer gewissen Folge gründlich
und für immer sich zuzueignen, was die Welt nur stückweise und eher zur
Verwirrung als zur Befriedigung, ja manchmal nur allzuspät überliefere. Er wolle
darüber nicht weitläufig sein; Ottilie wisse selbst am besten, aus was für
zusammenhängenden Lehrvorträgen sie damals herausgerissen worden.
    Ottilie konnte das nicht leugnen; aber sie konnte nicht gestehen, was sie
bei diesen Worten empfand, weil sie sich es kaum selbst auszulegen wusste. Es
schien ihr in der Welt nichts mehr unzusammenhängend, wenn sie an den geliebten
Mann dachte, und sie begriff nicht, wie ohne ihn noch irgend etwas
zusammenhängen könne.
    Charlotte beantwortete den Antrag mit kluger Freundlichkeit. Sie sagte, dass
sowohl sie als Ottilie eine Rückkehr nach der Pension längst gewünscht hätten.
In dieser Zeit nur sei ihr die Gegenwart einer so lieben Freundin und Helferin
unentbehrlich gewesen; doch wolle sie in der Folge nicht hinderlich sein, wenn
es Ottiliens Wunsch bliebe, wieder auf so lange dortin zurückzukehren, bis sie
das Angefangene geendet und das Unterbrochene sich vollständig zugeeignet.
    Der Gehülfe nahm diese Anerbietung freudig auf; Ottilie durfte nichts
dagegen sagen, ob es ihr gleich vor dem Gedanken schauderte. Charlotte hingegen
dachte Zeit zu gewinnen; sie hoffte, Eduard sollte sich erst als glücklicher
Vater wiederfinden und einfinden, dann, war sie überzeugt, würde sich alles
geben und auch für Ottilien auf eine oder die andere Weise gesorgt werden.
    Nach einem bedeutenden Gespräch, über welches alle Teilnehmenden
nachzudenken haben, pflegt ein gewisser Stillstand einzutreten, der einer
allgemeinen Verlegenheit ähnlich sieht. Man ging im Saale auf und ab, der
Gehülfe blätterte in einigen Büchern und kam endlich an den Folioband, der noch
von Lucianens Zeiten her liegengeblieben war. Als er sah, dass darin nur Affen
entalten waren, schlug er ihn gleich wieder zu. Dieser Vorfall mag jedoch zu
einem Gespräch Anlass gegeben haben, wovon wir die Spuren in Ottiliens Tagebuch
finden.
                            Aus Ottiliens Tagebuche
Wie man es nur über das Herz bringen kann, die garstigen Affen so sorgfältig
abzubilden! Man erniedrigt sich schon, wenn man sie nur als Tiere betrachtet;
man wird aber wirklich bösartiger, wenn man dem Reize folgt, bekannte Menschen
unter dieser Maske aufzusuchen.
    Es gehört durchaus eine gewisse Verschrobenheit dazu, um sich gern mit
Karikaturen und Zerrbildern abzugeben. Unserm guten Gehülfen danke ichs, dass ich
nicht mit der Naturgeschichte gequält worden bin; ich konnte mich mit den
Würmern und Käfern niemals befreunden.
    Diesmal gestand er mir, dass es ihm ebenso gehe. »Von der Natur«, sagte er,
»sollten wir nichts kennen, als was uns unmittelbar lebendig umgibt. Mit den
Bäumen, die um uns blühen, grünen, Frucht tragen, mit jeder Staude, an der wir
vorbeigehen, mit jedem Grashalm, über den wir hinwandeln, haben wir ein wahres
Verhältnis; sie sind unsre echten Kompatrioten. Die Vögel, die auf unsern
Zweigen hin und wider hüpfen, die in unserm Laube singen, gehören uns an, sie
sprechen zu uns von Jugend auf, und wir lernen ihre Sprache verstehen. Man frage
sich, ob nicht ein jedes fremde, aus seiner Umgebung gerissene Geschöpf einen
gewissen ängstlichen Eindruck auf uns macht, der nur durch Gewohnheit
abgestumpft wird. Es gehört schon ein buntes, geräuschvolles Leben dazu, um
Affen, Papageien und Mohren um sich zu ertragen.«
    Manchmal, wenn mich ein neugieriges Verlangen nach solchen abenteuerlichen
Dingen anwandelte, habe ich den Reisenden beneidet, der solche Wunder mit andern
Wundern in lebendiger, alltäglicher Verbindung sieht. Aber auch er wird ein
anderer Mensch. Es wandelt niemand ungestraft unter Palmen, und die Gesinnungen
ändern sich gewiss in einem Lande, wo Elefanten und Tiger zu Hause sind.
    Nur der Naturforscher ist verehrungswert, der uns das Fremdeste, Seltsamste
mit seiner Lokalität, mit aller Nachbarschaft jedesmal in dem eigensten Elemente
zu schildern und darzustellen weiss. Wie gern möchte ich nur einmal Humboldten
erzählen hören!
    Ein Naturalienkabinett kann uns vorkommen wie eine ägyptische Grabstätte, wo
die verschiedenen Tier- und Pflanzengötzen balsamiert umherstehen. Einer
Priesterkaste geziemt es wohl, sich damit in geheimnisvollem Halbdunkel
abzugeben; aber in den allgemeinen Unterricht sollte dergleichen nicht
einfliessen, um so weniger, als etwas Näheres und Würdigeres sich dadurch leicht
verdrängt sieht.
    Ein Lehrer, der das Gefühl an einer einzigen guten Tat, an einem einzigen
guten Gedicht erwecken kann, leistet mehr als einer, der uns ganze Reihen
untergeordneter Naturbildungen der Gestalt und dem Namen nach überliefert; denn
das ganze Resultat davon ist, was wir ohnedies wissen können, dass das
Menschengebild am vorzüglichsten und einzigsten das Gleichnis der Gotteit an
sich trägt.
    Dem einzelnen bleibe die Freiheit, sich mit dem zu beschäftigen, was ihn
anzieht, was ihm Freude macht, was ihm nützlich deucht; aber das eigentliche
Studium der Menschheit ist der Mensch.
 
                                 Achtes Kapitel
Es gibt wenig Menschen, die sich mit dem Nächstvergangenen zu beschäftigen
wissen. Entweder das Gegenwärtige hält uns mit Gewalt an sich, oder wir
verlieren uns in die Vergangenheit und suchen das völlig Verlorene, wie es nur
möglich sein will, wieder hervorzurufen und herzustellen. Selbst in grossen und
reichen Familien, die ihren Vorfahren vieles schuldig sind, pflegt es so zu
gehen, dass man des Grossvaters mehr als des Vaters gedenkt.
    Zu solchen Betrachtungen ward unser Gehülfe aufgefordert, als er an einem
der schönen Tage, an welchen der scheidende Winter den Frühling zu lügen pflegt,
durch den grossen, alten Schlossgarten gegangen war und die hohen Lindenalleen,
die regelmässigen Anlagen, die sich von Eduards Vater herschrieben, bewundert
hatte. Sie waren vortrefflich gediehen in dem Sinne desjenigen, der sie
pflanzte, und nun, da sie erst anerkannt und genossen werden sollten, sprach
niemand mehr von ihnen, man besuchte sie kaum und hatte Liebhaberei und Aufwand
gegen eine andere Seite hin ins Freie und Weite gerichtet.
    Er machte bei seiner Rückkehr Charlotten die Bemerkung, die sie nicht
ungünstig aufnahm. »Indem uns das Leben fortzieht,« versetzte sie, »glauben wir
aus uns selbst zu handeln, unsre Tätigkeit, unsre Vergnügungen zu wählen, aber
freilich, wenn wir es genau ansehen, so sind es nur die Plane, die Neigungen der
Zeit, die wir mit auszuführen genötigt sind.«
    »Gewiss,« sagte der Gehülfe; »und wer widersteht dem Strome seiner
Umgebungen? Die Zeit rückt fort und in ihr Gesinnungen, Meinungen, Vorurteile
und Liebhabereien. Fällt die Jugend eines Sohnes gerade in die Zeit der
Umwendung, so kann man versichert sein, dass er mit seinem Vater nichts gemein
haben wird. Wenn dieser in einer Periode lebte, wo man Lust hatte, sich manches
zuzueignen, dieses Eigentum zu sichern, zu beschränken, einzuengen und in der
Absonderung von der Welt seinen Genuss zu befestigen, so wird jener sodann sich
auszudehnen suchen, mitteilen, verbreiten und das Verschlossene eröffnen.«
    »Ganze Zeiträume«, versetzte Charlotte, »gleichen diesem Vater und Sohn, den
Sie schildern. Von jenen Zuständen, da jede kleine Stadt ihre Mauern und Gräben
haben musste, da man jeden Edelhof noch in einen Sumpf baute und die geringsten
Schlösser nur durch eine Zugbrücke zugänglich waren, davon können wir uns kaum
einen Begriff machen. Sogar grössere Städte tragen jetzt ihre Wälle ab, die
Gräben selbst fürstlicher Schlösser werden ausgefüllt, die Städte bilden nur
grosse Flecken, und wenn man so auf Reisen das ansieht, sollte man glauben, der
allgemeine Friede sei befestigt und das goldne Zeitalter vor der Tür. Niemand
glaubt sich in einem Garten behaglich, der nicht einem freien Lande ähnlich
sieht; an Kunst, an Zwang soll nichts erinnern; wir wollen völlig frei und
unbedingt Atem schöpfen. Haben Sie wohl einen Begriff, mein Freund, dass man aus
diesem in einen andern, in den vorigen Zustand zurückkehren könne?«
    »Warum nicht?« versetzte der Gehülfe; »jeder Zustand hat seine
Beschwerlichkeit, der beschränkte sowohl als der losgebundene. Der letztere
setzt Überfluss voraus und führt zur Verschwendung. Lassen Sie uns bei Ihrem
Beispiel bleiben, das auffallend genug ist. Sobald der Mangel eintritt, sogleich
ist die Selbstbeschränkung wiedergegeben. Menschen, die ihren Grund und Boden zu
nutzen genötigt sind, führen schon wieder Mauern um ihre Gärten auf, damit sie
ihrer Erzeugnisse sicher seien. Daraus entsteht nach und nach eine neue Ansicht
der Dinge. Das Nützliche erhält wieder die Oberhand, und selbst der
Vielbesitzende meint zuletzt auch das alles nutzen zu müssen. Glauben Sie mir:
es ist möglich, dass Ihr Sohn die sämtlichen Parkanlagen vernachlässigt und sich
wieder hinter die ernsten Mauern und unter die hohen Linden seines Grossvaters
zurückzieht.«
    Charlotte war im stillen erfreut, sich einen Sohn verkündigt zu hören, und
verzieh dem Gehülfen deshalb die etwas unfreundliche Prophezeiung, wie es
dereinst ihrem lieben, schönen Park ergehen könne. Sie versetzte deshalb ganz
freundlich: »Wir sind beide noch nicht alt genug, um dergleichen Widersprüche
mehrmals erlebt zu haben; allein wenn man sich in seine frühe Jugend
zurückdenkt, sich erinnert, worüber man von älteren Personen klagen gehört,
Länder und Städte mit in die Betrachtung aufnimmt, so möchte wohl gegen die
Bemerkung nichts einzuwenden sein. Sollte man denn aber einem solchen Naturgang
nichts entgegensetzen, sollte man Vater und Sohn, Eltern und Kinder nicht in
Übereinstimmung bringen können? Sie haben mir freundlich einen Knaben
geweissagt; müsste denn der gerade mit seinem Vater im Widerspruch stehen?
zerstören, was seine Eltern erbaut haben, anstatt es zu vollenden und zu
erheben, wenn er in demselben Sinne fortfährt?«
    »Dazu gibt es auch wohl ein vernünftiges Mittel,« versetzte der Gehülfe,
»das aber von den Menschen selten angewandt wird. Der Vater erhebe seinen Sohn
zum Mitbesitzer, er lasse ihn mitbauen, -pflanzen und erlaube ihm, wie sich
selbst, eine unschädliche Willkür. Eine Tätigkeit lässt sich in die andre
verweben, keine an die andre anstückeln. Ein junger Zweig verbindet sich mit
einem alten Stamme gar leicht und gern, an den kein erwachsener Ast mehr
anzufügen ist.«
    Es freute den Gehülfen, in dem Augenblick, da er Abschied zu nehmen sich
genötigt sah, Charlotten zufälligerweise etwas Angenehmes gesagt und ihre Gunst
aufs neue dadurch befestigt zu haben. Schon allzulange war er von Hause weg;
doch konnte er zur Rückreise sich nicht eher entschliessen als nach völliger
Überzeugung, er müsse die herannahende Epoche von Charlottens Niederkunft erst
vorbeigehen lassen, bevor er wegen Ottiliens irgendeine Entscheidung hoffen
könne. Er fügte sich deshalb in die Umstände und kehrte mit diesen Aussichten
und Hoffnungen wieder zur Vorsteherin zurück.
    Charlottens Niederkunft nahte heran. Sie hielt sich mehr in ihren Zimmern.
Die Frauen, die sich um sie versammelt hatten, waren ihre geschlossenere
Gesellschaft. Ottilie besorgte das Hauswesen, indem sie kaum daran denken
durfte, was sie tat. Sie hatte sich zwar völlig ergeben; sie wünschte für
Charlotten, für das Kind, für Eduarden sich auch noch ferner auf das
dienstlichste zu bemühen; aber sie sah nicht ein, wie es möglich werden wollte.
Nichts konnte sie vor völliger Verworrenheit retten, als dass sie jeden Tag ihre
Pflicht tat.
    Ein Sohn war glücklich zur Welt gekommen, und die Frauen versicherten
sämtlich, es sei der ganze leibhafte Vater. Nur Ottilie konnte es im stillen
nicht finden, als sie der Wöchnerin Glück wünschte und das Kind auf das
herzlichste begrüsste. Schon bei den Anstalten zur Verheiratung ihrer Tochter war
Charlotten die Abwesenheit ihres Gemahls höchst fühlbar gewesen; nun sollte der
Vater auch bei der Geburt des Sohnes nicht gegenwärtig sein; er sollte den Namen
nicht bestimmen, bei dem man ihn künftig rufen würde.
    Der erste von allen Freunden, die sich beglückwünschend sehen liessen, war
Mittler, der seine Kundschafter ausgestellt hatte, um von diesem Ereignis
sogleich Nachricht zu erhalten. Er fand sich ein, und zwar sehr behaglich. Kaum
dass er seinen Triumph in Gegenwart Ottiliens verbarg, so sprach er sich gegen
Charlotten laut aus und war der Mann, alle Sorgen zu heben und alle
augenblicklichen Hindernisse beiseitezubringen. Die Taufe sollte nicht lange
aufgeschoben werden. Der alte Geistliche, mit einem Fuss schon im Grabe, sollte
durch seinen Segen das Vergangene mit dem Zukünftigen zusammenknüpfen; Otto
sollte das Kind heissen; es konnte keinen andern Namen führen als den Namen des
Vaters und des Freundes.
    Es bedurfte der entschiedenen Zudringlichkeit dieses Mannes, um die
hunderterlei Bedenklichkeiten, das Widerreden, Zaudern, Stocken, Besser - oder
Anderswissen, das Schwanken, Meinen, Um- und Wiedermeinen zu beseitigen, da
gewöhnlich bei solchen Gelegenheiten aus einer gehobenen Bedenklichkeit immer
wieder neue entstehen und, indem man alle Verhältnisse schonen will, immer der
Fall eintritt, einige zu verletzen.
    Alle Meldungsschreiben und Gevatterbriefe übernahm Mittler; sie sollten
gleich ausgefertigt sein, denn ihm war selbst höchlich daran gelegen, ein Glück,
das er für die Familie so bedeutend hielt, auch der übrigen mitunter
misswollenden und missredenden Welt bekanntzumachen. Und freilich waren die
bisherigen leidenschaftlichen Vorfälle dem Publikum nicht entgangen, das ohnehin
in der Überzeugung steht, alles, was geschieht, geschehe nur dazu, damit es
etwas zu reden habe.
    Die Feier des Taufaktes sollte würdig, aber beschränkt und kurz sein. Man
kam zusammen, Ottilie und Mittler sollten das Kind als Taufzeugen halten. Der
alte Geistliche, unterstützt vom Kirchdiener, trat mit langsamen Schritten
heran. Das Gebet war verrichtet, Ottilien das Kind auf die Arme gelegt, und als
sie mit Neigung auf dasselbe heruntersah, erschrak sie nicht wenig an seinen
offenen Augen; denn sie glaubte in ihre eigenen zu sehen; eine solche
Übereinstimmung hätte jeden überraschen müssen. Mittler, der zunächst das Kind
empfing, stutzte gleichfalls, indem er in der Bildung desselben eine so
auffallende Ähnlichkeit, und zwar mit dem Hauptmann, erblickte, dergleichen ihm
sonst noch nie vorgekommen war.
    Die Schwäche des guten alten Geistlichen hatte ihn gehindert, die
Taufhandlung mit mehrerem als der gewöhnlichen Liturgie zu begleiten. Mittler
indessen, voll von dem Gegenstande, gedachte seiner frühern Amtsverrichtungen
und hatte überhaupt die Art, sich sogleich in jedem Falle zu denken, wie er nun
reden, wie er sich äussern würde. Diesmal konnte er sich um so weniger
zurückhalten, als es nur eine kleine Gesellschaft von lauter Freunden war, die
ihn umgab. Er fing daher an, gegen das Ende des Akts mit Behaglichkeit sich an
die Stelle des Geistlichen zu versetzen, in einer muntern Rede seine
Patenpflichten und Hoffnungen zu äussern und um so mehr dabei zu verweilen, als
er Charlottens Beifall in ihrer zufriedenen Miene zu erkennen glaubte.
    Dass der gute alte Mann sich gern gesetzt hätte, entging dem rüstigen Redner,
der noch viel weniger dachte, dass er ein grösseres Übel hervorzubringen auf dem
Wege war; denn nachdem er das Verhältnis eines jeden Anwesenden zum Kinde mit
Nachdruck geschildert und Ottiliens Fassung dabei ziemlich auf die Probe
gestellt hatte, so wandte er sich zuletzt gegen den Greis mit diesen Worten:
»Und Sie, mein würdiger Altvater, können nunmehr mit Simeon sprechen: Herr, lass
deinen Diener in Frieden fahren; denn meine Augen haben den Heiland dieses
Hauses gesehen.«
    Nun war er im Zuge, recht glänzend zu schliessen, aber er bemerkte bald, dass
der Alte, dem er das Kind hinhielt, sich zwar erst gegen dasselbe zu neigen
schien, nachher aber schnell zurücksank. Vom Fall kaum abgehalten, ward er in
einen Sessel gebracht, und man musste ihn ungeachtet aller augenblicklichen
Beihülfe für tot ansprechen.
    So unmittelbar Geburt und Tod, Sarg und Wiege nebeneinander zu sehen und zu
denken, nicht bloss mit der Einbildungskraft, sondern mit den Augen diese
ungeheuern Gegensätze zusammenzufassen, war für die Umstehenden eine schwere
Aufgabe, je überraschender sie vorgelegt wurde. Ottilie allein betrachtete den
Eingeschlummerten, der noch immer seine freundliche, einnehmende Miene behalten
hatte, mit einer Art von Neid. Das Leben ihrer Seele war getötet; warum sollte
der Körper noch erhalten werden?
    Führten sie auf diese Weise gar manchmal die unerfreulichen Begebenheiten
des Tags auf die Betrachtung der Vergänglichkeit, des Scheidens, des Verlierens,
so waren ihr dagegen wundersame nächtliche Erscheinungen zum Trost gegeben, die
ihr das Dasein des Geliebten versicherten und ihr eigenes befestigten und
belebten. Wenn sie sich abends zur Ruhe gelegt und im süssen Gefühl noch zwischen
Schlaf und Wachen schwebte, schien es ihr, als wenn sie in einen ganz hellen,
doch mild erleuchteten Raum hineinblickte. In diesem sah sie Eduarden ganz
deutlich, und zwar nicht gekleidet, wie sie ihn sonst gesehen, sondern im
kriegerischen Anzug, jedesmal in einer andern Stellung, die aber vollkommen
natürlich war und nichts Phantastisches an sich hatte: stehend, gehend, liegend,
reitend. Die Gestalt, bis aufs kleinste ausgemalt, bewegte sich willig vor ihr,
ohne dass sie das mindeste dazu tat, ohne dass sie wollte oder die
Einbildungskraft anstrengte. Manchmal sah sie ihn auch umgeben, besonders von
etwas Beweglichem, das dunkler war als der helle Grund; aber sie unterschied
kaum Schattenbilder, die ihr zuweilen als Menschen, als Pferde, als Bäume und
Gebirge vorkommen konnten. Gewöhnlich schlief sie über der Erscheinung ein, und
wenn sie nach einer ruhigen Nacht morgens wieder erwachte, so war sie erquickt,
getröstet; sie fühlte sich überzeugt, Eduard lebe noch, sie stehe mit ihm noch
in dem innigsten Verhältnis.
 
                                Neuntes Kapitel
Der Frühling war gekommen, später, aber auch rascher und freudiger als
gewöhnlich. Ottilie fand nun im Garten die Frucht ihres Vorsehens; alles keimte,
grünte und blühte zur rechten Zeit; manches, was hinter wohlangelegten
Glashäusern und Beeten vorbereitet worden, trat nun sogleich der endlich von
aussen wirkenden Natur entgegen, und alles, was zu tun und zu besorgen war, blieb
nicht bloss hoffnungsvolle Mühe wie bisher, sondern ward zum heitern Genusse.
    An dem Gärtner aber hatte sie zu trösten über manche durch Lucianens
Wildheit entstandene Lücke unter den Topfgewächsen, über die zerstörte Symmetrie
mancher Baumkrone. Sie machte ihm Mut, dass sich das alles bald wieder herstellen
werde; aber er hatte zu ein tiefes Gefühl, zu einen reinen Begriff von seinem
Handwerk, als dass diese Trostgründe viel bei ihm hätten fruchten sollen. So
wenig der Gärtner sich durch andere Liebhabereien und Neigungen zerstreuen darf,
so wenig darf der ruhige Gang unterbrochen werden, den die Pflanze zur dauernden
oder zur vorübergehenden Vollendung nimmt. Die Pflanze gleicht den eigensinnigen
Menschen, von denen man alles erhalten kann, wenn man sie nach ihrer Art
behandelt. Ein ruhiger Blick, eine stille Konsequenz, in jeder Jahrszeit, in
jeder Stunde das ganz Gehörige zu tun, wird vielleicht von niemand mehr als vom
Gärtner verlangt.
    Diese Eigenschaften besass der gute Mann in einem hohen Grade, deswegen auch
Ottilie so gern mit ihm wirkte; aber sein eigentliches Talent konnte er schon
einige Zeit nicht mehr mit Behaglichkeit ausüben. Denn ob er gleich alles, was
die Baum- und Küchengärtnerei betraf, auch die Erfordernisse eines ältern
Ziergartens, vollkommen zu leisten verstand, wie denn überhaupt einem vor dem
andern dieses oder jenes gelingt, ob er schon in Behandlung der Orangerie der
Blumenzwiebeln, der Nelken- und Aurikelnstöcke die Natur selbst hätte
herausfordern können, so waren ihm doch die neuen Zierbäume und Modeblumen
einigermassen fremd geblieben, und er hatte vor dem unendlichen Felde der
Botanik, das sich nach der Zeit auftat, und den darin herumsummenden fremden
Namen eine Art von Scheu, die ihn verdriesslich machte. Was die Herrschaft
voriges Jahr zu verschreiben angefangen, hielt er um so mehr für unnützen
Aufwand und Verschwendung, als er gar manche kostbare Pflanze ausgehen sah und
mit den Handelsgärtnern, die ihn, wie er glaubte, nicht redlich genug bedienten,
in keinem sonderlichen Verhältnisse stand.
    Er hatte sich darüber nach mancherlei Versuchen eine Art von Plan gemacht,
in welchem ihn Ottilie um so mehr bestärkte, als er auf die Wiederkehr Eduards
eigentlich gegründet war, dessen Abwesenheit man in diesem wie in manchem andern
Falle täglich nachteiliger empfinden musste.
    Indem nun die Pflanzen immer mehr Wurzel schlugen und Zweige trieben, fühlte
sich auch Ottilie immer mehr an diese Räume gefesselt. Gerade vor einem Jahre
trat sie als Fremdling, als ein unbedeutendes Wesen hier ein; wieviel hatte sie
sich seit jener Zeit nicht erworben! aber leider wieviel hatte sie nicht auch
seit jener Zeit wieder verloren! Sie war nie so reich und nie so arm gewesen.
Das Gefühl von beidem wechselte augenblicklich miteinander ab, ja durchkreuzte
sich aufs innigste, so dass sie sich nicht anders zu helfen wusste, als dass sie
immer wieder das Nächste mit Anteil, ja mit Leidenschaft ergriff.
    Dass alles, was Eduarden besonders lieb war, auch ihre Sorgfalt am stärksten
an sich zog, lässt sich denken; ja warum sollte sie nicht hoffen, dass er selbst
nun bald wiederkommen, dass er die fürsorgliche Dienstlichkeit, die sie dem
Abwesenden geleistet, dankbar gegenwärtig bemerken werde?
    Aber noch auf eine viel andre Weise war sie veranlasst für ihn zu wirken. Sie
hatte vorzüglich die Sorge für das Kind übernommen, dessen unmittelbare
Pflegerin sie um so mehr werden konnte, als man es keiner Amme übergeben,
sondern mit Milch und Wasser aufzuziehen sich entschieden hatte. Es sollte in
jener schönen Zeit der freien Luft geniessen; und so trug sie es am liebsten
selbst heraus, trug das schlafende, unbewusste zwischen Blumen und Blüten her,
die dereinst seiner Kindheit so freundlich entgegenlachen sollten, zwischen
jungen Sträuchen und Pflanzen, die mit ihm in die Höhe zu wachsen durch ihre
Jugend bestimmt schienen. Wenn sie um sich her sah, so verbarg sie sich nicht,
zu welchem grossen, reichen Zustande das Kind geboren sei; denn fast alles, wohin
das Auge blickte, sollte dereinst ihm gehören. Wie wünschenswert war es zu
diesem allen, dass es vor den Augen des Vaters, der Mutter aufwüchse und eine
erneute, frohe Verbindung bestätigte!
    Ottilie fühlte dies alles so rein, dass sie sichs als entschieden wirklich
dachte und sich selbst dabei gar nicht empfand. Unter diesem klaren Himmel, bei
diesem hellen Sonnenschein ward es ihr auf einmal klar, dass ihre Liebe, um sich
zu vollenden, völlig uneigennützig werden müsse; ja in manchen Augenblicken
glaubte sie diese Höhe schon erreicht zu haben. Sie wünschte nur das Wohl ihres
Freundes, sie glaubte sich fähig, ihm zu entsagen, sogar ihn niemals
wiederzusehen, wenn sie ihn nur glücklich wisse. Aber ganz entschieden war sie
für sich, niemals einem andern anzugehören.
    Dass der Herbst ebenso herrlich würde wie der Frühling, dafür war gesorgt.
Alle sogenannten Sommergewächse, alles, was im Herbst mit Blühen nicht enden
kann und sich der Kälte noch keck entgegenentwickelt, Astern besonders, waren in
der grössten Mannigfaltigkeit gesäet und sollten nun, überallhinverpflanzt, einen
Sternhimmel über die Erde bilden.
                            Aus Ottiliens Tagebuche
Einen guten Gedanken, den wir gelesen, etwas Auffallendes, das wir gehört,
tragen wir wohl in unser Tagebuch. Nähmen wir uns aber zugleich die Mühe, aus
den Briefen unserer Freunde eigentümliche Bemerkungen, originelle Ansichten,
flüchtige geistreiche Worte auszuzeichnen, so würden wir sehr reich werden.
Briefe hebt man auf, um sie nie wieder zu lesen; man zerstört sie zuletzt einmal
aus Diskretion, und so verschwindet der schönste, unmittelbarste Lebenshauch
unwiederbringlich für uns und andre. Ich nehme mir vor, dieses Versäumnis
wiedergutzumachen.
    So wiederholt sich denn abermals das Jahresmärchen von vorn. Wir sind nun
wieder, Gott sei Dank! an seinem artigsten Kapitel. Veilchen und Maiblumen sind
wie Überschriften oder Vignetten dazu. Es macht uns immer einen angenehmen
Eindruck, wenn wir sie in dem Buche des Lebens wieder aufschlagen.
    Wir schelten die Armen, besonders die Unmündigen, wenn sie sich an den
Strassen herumlegen und betteln. Bemerken wir nicht, dass sie gleich tätig sind,
sobald es was zu tun gibt? Kaum entfaltet die Natur ihre freundlichen Schätze,
so sind die Kinder dahinterher, um ein Gewerbe zu eröffnen; keines bettelt mehr,
jedes reicht dir einen Strauss; es hat ihn gepflückt, ehe du vom Schlaf
erwachtest, und das Bittende sieht dich so freundlich an wie die Gabe. Niemand
sieht erbärmlich aus, der sich einiges Recht fühlt, fordern zu dürfen.
    Warum nur das Jahr manchmal so kurz, manchmal so lang ist, warum es so kurz
scheint und so lang in der Erinnerung! Mir ist es mit dem vergangenen so, und
nirgends auffallender als im Garten, wie Vergängliches und Dauerndes
ineinandergreift. Und doch ist nichts so flüchtig, das nicht eine Spur, das
nicht seinesgleichen zurücklasse.
    Man lässt sich den Winter auch gefallen. Man glaubt sich freier auszubreiten,
wenn die Bäume so geisterhaft, so durchsichtig vor uns stehen. Sie sind nichts,
aber sie decken auch nichts zu. Wie aber einmal Knospen und Blüten kommen, dann
wird man ungeduldig, bis das volle Laub hervortritt, bis die Landschaft sich
verkörpert und der Baum sich als eine Gestalt uns entgegendrängt.
    Alles Vollkommene in seiner Art muss über seine Art hinausgehen, es muss etwas
anderes, Unvergleichbares werden. In manchen Tönen ist die Nachtigall noch
Vogel; dann steigt sie über ihre Klasse hinüber und scheint jedem Gefiederten
andeuten zu wollen, was eigentlich singen heisse.
    Ein Leben ohne Liebe, ohne die Nähe des Geliebten ist nur eine »Comédie à
tiroir«, ein schlechtes Schubladenstück. Man schiebt eine nach der andern heraus
und wieder hinein und eilt zur folgenden. Alles, was auch Gutes und Bedeutendes
vorkommt, hängt nur kümmerlich zusammen. Man muss überall von vorn anfangen und
möchte überall enden.
 
                                Zehntes Kapitel
Charlotte von ihrer Seite befindet sich munter und wohl. Sie freut sich an dem
tüchtigen Knaben, dessen vielversprechende Gestalt ihr Auge und Gemüt stündlich
beschäftigt. Sie erhält durch ihn einen neuen Bezug auf die Welt und auf den
Besitz. Ihre alte Tätigkeit regt sich wieder; sie erblickt, wo sie auch
hinsieht, im vergangenen Jahre vieles getan und empfindet Freude am Getanen. Von
einem eigenen Gefühl belebt, steigt sie zur Mooshütte mit Ottilien und dem
Kinde; und indem sie dieses auf den kleinen Tisch als auf einen häuslichen Altar
niederlegt und noch zwei Plätze leer sieht, gedenkt sie der vorigen Zeiten, und
eine neue Hoffnung für sie und Ottilien dringt hervor.
    Junge Frauenzimmer sehen sich bescheiden vielleicht nach diesem oder jenem
Jüngling um, mit stiller Prüfung, ob sie ihn wohl zum Gatten wünschten; wer aber
für eine Tochter oder einen weiblichen Zögling zu sorgen hat, schaut in einem
weitern Kreis umher. So ging es auch in diesem Augenblick Charlotten, der eine
Verbindung des Hauptmanns mit Ottilien nicht unmöglich schien, wie sie doch auch
schon ehemals in dieser Hütte nebeneinander gesessen hatten. Ihr war nicht
unbekannt geblieben, dass jene Aussicht auf eine vorteilhafte Heirat wieder
verschwunden sei.
    Charlotte stieg weiter, und Ottilie trug das Kind. Jene überliess sich
mancherlei Betrachtungen. Auch auf dem festen Lande gibt es wohl Schiffbruch;
sich davon auf das schnellste zu erholen und herzustellen, ist schön und
preiswürdig. Ist doch das Leben nur auf Gewinn und Verlust berechnet! Wer macht
nicht irgendeine Anlage und wird darin gestört! Wie oft schlägt man einen Weg
ein und wird davon abgeleitet! Wie oft werden wir von einem scharf ins Auge
gefassten Ziel abgelenkt, um ein höheres zu erreichen!
    Der Reisende bricht unterwegs zu seinem höchsten Verdruss ein Rad und gelangt
durch diesen unangenehmen Zufall zu den erfreulichsten Bekanntschaften und
Verbindungen, die auf sein ganzes Leben Einfluss haben. Das Schicksal gewährt uns
unsre Wünsche, aber auf seine Weise, um uns etwas über unsere Wünsche geben zu
können.
    Diese und ähnliche Betrachtungen waren es, unter denen Charlotte zum neuen
Gebäude auf der Höhe gelangte, wo sie vollkommen bestätigt wurden. Denn die
Umgebung war viel schöner, als man sichs hatte denken können. Alles störende
Kleinliche war ringsumher entfernt, alles Gute der Landschaft, was die Natur,
was die Zeit daran getan hatte, trat reinlich hervor und fiel ins Auge, und
schon grünten die jungen Pflanzungen, die bestimmt waren, einige Lücken
auszufüllen und die abgesonderten Teile angenehm zu verbinden.
    Das Haus selbst war nahezu bewohnbar, die Aussicht, besonders aus den obern
Zimmern, höchst mannigfaltig. Je länger man sich umsah, desto mehr Schönes
entdeckte man. Was mussten nicht hier die verschiedenen Tagszeiten, was Mond und
Sonne für Wirkungen hervorbringen! Hier zu verweilen war höchst wünschenswert,
und wie schnell ward die Lust zu bauen und zu schaffen in Charlotten wieder
erweckt, da sie alle grobe Arbeit getan fand! Ein Tischer, ein Tapezier, ein
Maler, der mit Patronen und leichter Vergoldung sich zu helfen wusste, nur dieser
bedurfte man, und in kurzer Zeit war das Gebäude im Stande. Keller und Küche
wurden schnell eingerichtet; denn in der Entfernung vom Schloss musste man alle
Bedürfnisse um sich versammeln. So wohnten die Frauenzimmer mit dem Kinde nun
oben, und von diesem Aufentalt, als von einem neuen Mittelpunkt, eröffneten
sich ihnen unerwartete Spaziergänge. Sie genossen vergnüglich in einer höheren
Region der freien, frischen Luft bei dem schönsten Wetter.
    Ottiliens liebster Weg, teils allein, teils mit dem Kinde, ging herunter
nach den Platanen auf einem bequemen Fusssteig, der sodann zu dem Punkte leitete,
wo einer der Kähne angebunden war, mit denen man überzufahren pflegte. Sie
erfreute sich manchmal einer Wasserfahrt, allein ohne das Kind, weil Charlotte
deshalb einige Besorgnis zeigte. Doch verfehlte sie nicht, täglich den Gärtner
im Schlossgarten zu besuchen und an seiner Sorgfalt für die vielen
Pflanzenzöglinge, die nun alle der freien Luft genossen, freundlich
teilzunehmen.
    In dieser schönen Zeit kam Charlotten der Besuch eines Engländers sehr
gelegen, der Eduarden auf Reisen kennengelernt, einigemal getroffen hatte und
nunmehr neugierig war, die schönen Anlagen zu sehen, von denen er soviel Gutes
erzählen hörte. Er brachte ein Empfehlungsschreiben vom Grafen mit und stellte
zugleich einen stillen, aber sehr gefälligen Mann als seinen Begleiter vor.
Indem er nun bald mit Charlotten und Ottilien, bald mit Gärtnern und Jägern,
öfters mit seinem Begleiter und manchmal allein die Gegend durchstrich, so
konnte man seinen Bemerkungen wohl ansehen, dass er ein Liebhaber und Kenner
solcher Anlagen war, der wohl auch manche dergleichen selbst ausgeführt hatte.
Obgleich in Jahren, nahm er auf eine heitere Weise an allem teil, was dem Leben
zur Zierde gereichen und es bedeutend machen kann.
    In seiner Gegenwart genossen die Frauenzimmer erst vollkommen ihrer
Umgebung. Sein geübtes Auge empfing jeden Effekt ganz frisch, und er hatte um so
mehr Freude an dem Entstandenen, als er die Gegend vorher nicht gekannt und, was
man daran getan, von dem, was die Natur geliefert, kaum zu unterscheiden wusste.
    Man kann wohl sagen, dass durch seine Bemerkungen der Park wuchs und sich
bereicherte. Schon zum voraus erkannte er, was die neuen, heranstrebenden
Pflanzungen versprachen. Keine Stelle blieb ihm unbemerkt, wo noch irgendeine
Schönheit hervorzuheben oder anzubringen war. Hier deutete er auf eine Quelle,
welche, gereinigt, die Zierde einer ganzen Buschpartie zu werden versprach, hier
auf eine Höhle, die, ausgeräumt und erweitert, einen erwünschten Ruheplatz geben
konnte, indessen man nur wenige Bäume zu fällen brauchte, um von ihr aus
herrliche Felsenmassen aufgetürmt zu erblicken. Er wünschte den Bewohnern Glück,
dass ihnen so manches nachzuarbeiten übrigblieb, und ersuchte sie, damit nicht zu
eilen, sondern für folgende Jahre sich das Vergnügen des Schaffens und
Einrichtens vorzubehalten.
    Übrigens war er ausser den geselligen Stunden keineswegs lästig; denn er
beschäftigte sich die grösste Zeit des Tags, die malerischen Aussichten des Parks
in einer tragbaren dunklen Kammer aufzufangen und zu zeichnen, um dadurch sich
und andern von seinen Reisen eine schöne Frucht zu gewinnen. Er hatte dieses
schon seit mehreren Jahren in allen bedeutenden Gegenden getan und sich dadurch
die angenehmste und interessanteste Sammlung verschafft. Ein grosses
Portefeuille, das er mit sich führte, zeigte er den Damen vor und unterhielt sie
teils durch das Bild, teils durch die Auslegung. Sie freuten sich, hier in ihrer
Einsamkeit die Welt so bequem zu durchreisen, Ufer und Häfen, Berge, Seen und
Flüsse, Städte, Kastelle und manches andre Lokal, das in der Geschichte einen
Namen hat, vor sich vorbeiziehen zu sehen.
    Jede von beiden Frauen hatte ein besonderes Interesse, Charlotte das
allgemeinere, gerade an dem, wo sich etwas historisch Merkwürdiges fand, während
Ottilie sich vorzüglich bei den Gegenden aufhielt, wovon Eduard viel zu erzählen
pflegte, wo er gern verweilt, wohin er öfters zurückgekehrt; denn jeder Mensch
hat in der Nähe und in der Ferne gewisse örtliche Einzelheiten, die ihn
anziehen, die ihm seinem Charakter nach, um des ersten Eindrucks, gewisser
Umstände, der Gewohnheit willen besonders lieb und aufregend sind.
    Sie fragte daher den Lord, wo es ihm denn am besten gefalle und wo er nun
seine Wohnung aufschlagen würde, wenn er zu wählen hätte. Da wusste er denn mehr
als eine schöne Gegend vorzuzeigen und, was ihm dort widerfahren, um sie ihm
lieb und wert zu machen, in seinem eigens akzentuierten Französisch gar
behaglich mitzuteilen.
    Auf die Frage hingegen, wo er sich denn jetzt gewöhnlich aufhalte, wohin er
am liebsten zurückkehre, liess er sich ganz unbewunden, doch den Frauen
unerwartet, also vernehmen:
    »Ich habe mir nun angewöhnt, überall zu Hause zu sein, und finde zuletzt
nichts bequemer, als dass andre für mich bauen, pflanzen und sich häuslich
bemühen. Nach meinen eigenen Besitzungen sehne ich mich nicht zurück, teils aus
politischen Ursachen, vorzüglich aber, weil mein Sohn, für den ich alles
eigentlich getan und eingerichtet, dem ich es zu übergeben, mit dem ich es noch
zu geniessen hoffte, an allem keinen Teil nimmt, sondern nach Indien gegangen
ist, um sein Leben dort, wie mancher andere, höher zu nutzen oder gar zu
vergeuden.
    Gewiss, wir machen viel zu viel vorarbeitenden Aufwand aufs Leben. Anstatt
dass wir gleich anfingen, uns in einem mässigen Zustand behaglich zu finden, so
gehen wir immer mehr ins Breite, um es uns immer unbequemer zu machen. Wer
geniesst jetzt meine Gebäude, meinen Park, meine Gärten? Nicht ich, nicht einmal
die Meinigen: fremde Gäste, Neugierige, unruhige Reisende.
    Selbst bei vielen Mitteln sind wir immer nur halb und halb zu Hause,
besonders auf dem Lande, wo uns manches Gewohnte der Stadt fehlt. Das Buch, das
wir am eifrigsten wünschten, ist nicht zur Hand, und gerade, was wir am meisten
bedürften, ist vergessen. Wir richten uns immer häuslich ein, um wieder
auszuziehen, und wenn wir es nicht mit Willen und Willkür tun, so wirken
Verhältnisse, Leidenschaften, Zufälle, Notwendigkeit und was nicht alles.«
    Der Lord ahnete nicht, wie tief durch seine Betrachtungen die Freundinnen
getroffen wurden. Und wie oft kommt nicht jeder in diese Gefahr, der eine
allgemeine Betrachtung selbst in einer Gesellschaft, deren Verhältnisse ihm
sonst bekannt sind, ausspricht! Charlotten war eine solche zufällige Verletzung
auch durch Wohlwollende und Gutmeinende nichts Neues; und die Welt lag ohnehin
so deutlich vor ihren Augen, dass sie keinen besondern Schmerz empfand,
wenngleich jemand sie unbedachtsam und unvorsichtig nötigte, ihren Blick da -
oder dortin auf eine unerfreuliche Stelle zu richten. Ottilie hingegen, die in
halb bewusster Jugend mehr ahnete als sah und ihren Blick wegwenden durfte, ja
musste von dem, was sie nicht sehen mochte und sollte, Ottilie ward durch diese
traulichen Reden in den schrecklichsten Zustand versetzt; denn es zerriss mit
Gewalt vor ihr der anmutige Schleier, und es schien ihr, als wenn alles, was
bisher für Haus und Hof, für Garten, Park und die ganze Umgebung geschehen war,
ganz eigentlich umsonst sei, weil der, dem es alles gehörte, es nicht genösse,
weil auch der, wie der gegenwärtige Gast, zum Herumschweifen in der Welt, und
zwar zu dem gefährlichsten, durch die Liebsten und Nächsten gedrängt worden. Sie
hatte sich an Hören und Schweigen gewöhnt, aber sie sass diesmal in der
peinlichsten Lage, die durch des Fremden weiteres Gespräch eher vermehrt als
vermindert wurde, das er mit heiterer Eigenheit und Bedächtlichkeit fortsetzte.
    »Nun glaub ich«, sagte er, »auf dem rechten Wege zu sein, da ich mich
immerfort als einen Reisenden betrachte, der vielem entsagt, um vieles zu
geniessen. Ich bin an den Wechsel gewöhnt, ja er wird mir Bedürfnis, wie man in
der Oper immer wieder auf eine neue Dekoration wartet, gerade weil schon so
viele dagewesen. Was ich mir von dem besten und dem schlechtesten Wirtshause
versprechen darf, ist mir bekannt; es mag so gut oder so schlimm sein, als es
will, nirgends find ich das Gewohnte, und am Ende läuft es auf eins hinaus, ganz
von einer notwendigen Gewohnheit oder ganz von der willkürlichsten Zufälligkeit
abzuhangen. Wenigstens habe ich jetzt nicht den Verdruss, dass etwas verlegt oder
verloren ist, dass mir ein tägliches Wohnzimmer unbrauchbar wird, weil ich es muss
reparieren lassen, dass man mir eine liebe Tasse zerbricht und es mir eine ganze
Zeit aus keiner andern schmecken will. Alles dessen bin ich überhoben, und wenn
mir das Haus über dem Kopf zu brennen anfängt, so packen meine Leute gelassen
ein und auf, und wir fahren zu Hofraum und Stadt hinaus. Und bei allen diesen
Vorteilen, wenn ich es genau berechne, habe ich am Ende des Jahres nicht mehr
ausgegeben, als es mich zu Hause gekostet hätte.«
    Bei dieser Schilderung sah Ottilie nur Eduarden vor sich, wie er nun auch
mit Entbehren und Beschwerde auf ungebahnten Strassen hinziehe, mit Gefahr und
Not zu Felde liege und bei soviel Unbestand und Wagnis sich gewöhne, heimatlos
und freundlos zu sein, alles wegzuwerfen, nur um nicht verlieren zu können.
Glücklicherweise trennte sich die Gesellschaft für einige Zeit. Ottilie fand
Raum, sich in der Einsamkeit auszuweinen. Gewaltsamer hatte sie kein dumpfer
Schmerz ergriffen als diese Klarheit, die sie sich noch klarer zu machen
strebte, wie man es zu tun pflegt, dass man sich selbst peinigt, wenn man einmal
auf dem Wege ist, gepeinigt zu werden.
    Der Zustand Eduards kam ihr so kümmerlich, so jämmerlich vor, dass sie sich
entschloss, es koste, was es wolle, zu seiner Wiedervereinigung mit Charlotten
alles beizutragen, ihren Schmerz und ihre Liebe an irgendeinem stillen Orte zu
verbergen und durch irgendeine Art von Tätigkeit zu betriegen.
    Indessen hatte der Begleiter des Lords, ein verständiger, ruhiger Mann und
guter Beobachter, den Missgriff in der Unterhaltung bemerkt und die Ähnlichkeit
der Zustände seinem Freunde offenbart. Dieser wusste nichts von den Verhältnissen
der Familie; allein jener, den eigentlich auf der Reise nichts mehr
interessierte als die sonderbaren Ereignisse, welche durch natürliche und
künstliche Verhältnisse, durch den Konflikt des Gesetzlichen und des
Ungebändigten, des Verstandes und der Vernunft, der Leidenschaft und des
Vorurteils hervorgebracht werden, jener hatte sich schon früher und mehr noch im
Hause selbst mit allem bekannt gemacht, was vorgegangen war und noch vorging.
    Dem Lord tat es leid, ohne dass er darüber verlegen gewesen wäre. Man müsste
ganz in Gesellschaft schweigen, wenn man nicht manchmal in den Fall kommen
sollte; denn nicht allein bedeutende Bemerkungen, sondern die trivialsten
Äusserungen können auf eine so missklingende Weise mit dem Interesse der
Gegenwärtigen zusammentreffen. »Wir wollen es heute abend wiedergutmachen,«
sagte der Lord, »und uns aller allgemeinen Gespräche entalten. Geben Sie der
Gesellschaft etwas von den vielen angenehmen und bedeutenden Anekdoten und
Geschichten zu hören, womit Sie Ihr Portefeuille und Ihr Gedächtnis auf unserer
Reise bereichert haben!«
    Allein auch mit dem besten Vorsatze gelang es den Fremden nicht, die Freunde
diesmal mit einer unverfänglichen Unterhaltung zu erfreuen. Denn nachdem der
Begleiter durch manche sonderbare, bedeutende, heitere, rührende, furchtbare
Geschichten die Aufmerksamkeit erregt und die Teilnahme aufs höchste gespannt
hatte, so dachte er mit einer zwar sonderbaren, aber sanfteren Begebenheit zu
schliessen und ahnete nicht, wie nahe diese seinen Zuhörern verwandt war.
                        Die wunderlichen Nachbarskinder
                                    Novelle
Zwei Nachbarskinder von bedeutenden Häusern, Knabe und Mädchen, in
verhältnismässigem Alter, um dereinst Gatten zu werden, liess man in dieser
angenehmen Aussicht miteinander aufwachsen, und die beiderseitigen Eltern
freuten sich einer künftigen Verbindung. Doch man bemerkte gar bald, dass die
Absicht zu misslingen schien, indem sich zwischen den beiden trefflichen Naturen
ein sonderbarer Widerwille hervortat. Vielleicht waren sie einander zu ähnlich.
Beide in sich selbst gewendet, deutlich in ihrem Wollen, fest in ihren
Vorsätzen; jedes einzeln geliebt und geehrt von seinen Gespielen; immer
Widersacher, wenn sie zusammen waren, immer aufbauend für sich allein, immer
wechselsweise zerstörend, wo sie sich begegneten, nicht wetteifernd nach einem
Ziel, aber immer kämpfend um einen Zweck; gutartig durchaus und liebenswürdig
und nur hassend, ja bösartig, indem sie sich aufeinander bezogen.
    Dieses wunderliche Verhältnis zeigte sich schon bei kindischen Spielen, es
zeigte sich bei zunehmenden Jahren. Und wie die Knaben Krieg zu spielen, sich in
Parteien zu sondern, einander Schlachten zu liefern pflegen, so stellte sich das
trotzig mutige Mädchen einst an die Spitze des einen Heers und focht gegen das
andre mit solcher Gewalt und Erbitterung, dass dieses schimpflich wäre in die
Flocht geschlagen worden, wenn ihr einzelner Widersacher sich nicht sehr brav
gehalten und seine Gegnerin doch noch zuletzt entwaffnet und gefangengenommen
hätte. Aber auch da noch wehrte sie sich so gewaltsam, dass er, um seine Augen zu
erhalten und die Feindin doch nicht zu beschädigen, sein seidenes Halstuch
abreissen und ihr die Hände damit auf den Rücken binden musste.
    Dies verzieh sie ihm nie, ja sie machte so heimliche Anstalten und Versuche,
ihn zu beschädigen, dass die Eltern, die auf diese seltsamen Leidenschaften schon
längst achtgehabt, sich miteinander verständigten und beschlossen, die beiden
feindlichen Wesen zu trennen und jene lieblichen Hoffnungen aufzugeben.
    Der Knabe tat sich in seinen neuen Verhältnissen bald hervor. Jede Art von
Unterricht schlug bei ihm an. Gönner und eigene Neigung bestimmten ihn zum
Soldatenstande. Überall, wo er sich fand, war er geliebt und geehrt. Seine
tüchtige Natur schien nur zum Wohlsein, zum Behagen anderer zu wirken, und er
war in sich, ohne deutliches Bewusstsein, recht glücklich, den einzigen
Widersacher verloren zu haben, den die Natur ihm zugedacht hatte.
    Das Mädchen dagegen trat auf einmal in einen veränderten Zustand. Ihre
Jahre, eine zunehmende Bildung und mehr noch ein gewisses inneres Gefühl zogen
sie von den heftigen Spielen hinweg, die sie bisher in Gesellschaft der Knaben
auszuüben pflegte. Im ganzen schien ihr etwas zu fehlen, nichts war um sie
herum, das wert gewesen wäre, ihren Hass zu erregen. Liebenswürdig hatte sie noch
niemanden gefunden.
    Ein junger Mann, älter als ihr ehemaliger nachbarlicher Widersacher, von
Stand, Vermögen und Bedeutung, beliebt in der Gesellschaft, gesucht von Frauen,
wendete ihr seine ganze Neigung zu. Es war das erstemal, dass sich ein Freund,
ein Liebhaber, ein Diener um sie bemühte. Der Vorzug, den er ihr vor vielen gab,
die älter, gebildeter, glänzender und anspruchsreicher waren als sie, tat ihr
gar zu wohl. Seine fortgesetzte Aufmerksamkeit, ohne dass er zudringlich gewesen
wäre, sein treuer Beistand bei verschiedenen unangenehmen Zufällen, sein gegen
ihre Eltern zwar ausgesprochnes, doch ruhiges und nur hoffnungsvolles Werben, da
sie freilich noch sehr jung war: das alles nahm sie für ihn ein, wozu die
Gewohnheit, die äussern, nun von der Welt als bekannt angenommenen Verhältnisse
das Ihrige beitrugen. Sie war so oft Braut genannt worden, dass sie sich endlich
selbst dafür hielt, und weder sie noch irgend jemand dachte daran, dass noch eine
Prüfung nötig sei, als sie den Ring mit demjenigen wechselte, der so lange Zeit
für ihren Bräutigam galt.
    Der ruhige Gang, den die ganze Sache genommen hatte, war auch durch das
Verlöbnis nicht beschleunigt worden. Man liess eben von beiden Seiten alles so
fortgewähren, man freute sich des Zusammenlebens und wollte die gute Jahreszeit
durchaus noch als einen Frühling des künftigen ernsteren Lebens geniessen.
    Indessen hatte der Entfernte sich zum schönsten ausgebildet, eine verdiente
Stufe seiner Lebensbestimmung erstiegen und kam mit Urlaub, die Seinigen zu
besuchen. Auf eine ganz natürliche, aber doch sonderbare Weise stand er seiner
schönen Nachbarin abermals entgegen. Sie hatte in der letzten Zeit nur
freundliche, bräutliche Familienempfindungen bei sich genährt, sie war mit
allem, was sie umgab, in Übereinstimmung; sie glaubte glücklich zu sein und war
es auch auf gewisse Weise. Aber nun stand ihr zum erstenmal seit langer Zeit
wieder etwas entgegen: es war nicht hassenswert; sie war des Hasses unfähig
geworden, ja der kindische Hass, der eigentlich nur ein dunkles Anerkennen des
inneren Wertes gewesen, äusserte sich nun in frohem Erstaunen, erfreulichem
Betrachten, gefälligem Eingestehen, halb willigem halb unwilligem und doch
notwendigem Annahen, und das alles war wechselseitig. Eine lange Entfernung gab
zu längeren Unterhaltungen Anlass. Selbst jene kindische Unvernunft diente den
Aufgeklärteren zu scherzhafter Erinnerung, und es war, als wenn man sich jenen
neckischen Hass wenigstens durch eine freundschaftliche, aufmerksame Behandlung
vergüten müsse, als wenn jenes gewaltsame Verkennen nunmehr nicht ohne ein
ausgesprochnes Anerkennen bleiben dürfe.
    Von seiner Seite blieb alles in einem verständigen, wünschenswerten Mass.
Sein Stand, seine Verhältnisse, sein Streben, sein Ehrgeiz beschäftigten ihn so
reichlich, dass er die Freundlichkeit der schönen Braut als eine dankenswerte
Zugabe mit Behaglichkeit aufnahm, ohne sie deshalb in irgendeinem Bezug auf sich
zu betrachten oder sie ihrem Bräutigam zu missgönnen, mit dem er übrigens in den
besten Verhältnissen stand.
    Bei ihr hingegen sah es ganz anders aus. Sie schien sich wie aus einem Traum
erwacht. Der Kampf gegen ihren jungen Nachbar war die erste Leidenschaft
gewesen, und dieser heftige Kampf war doch nur, unter der Form des
Widerstrebens, eine heftige, gleichsam angeborne Neigung. Auch kam es ihr in der
Erinnerung nicht anders vor, als dass sie ihn immer geliebt habe. Sie lächelte
über jenes feindliche Suchen mit den Waffen in der Hand; sie wollte sich des
angenehmsten Gefühls erinnern, als er sie entwaffnete; sie bildete sich ein, die
grösste Seligkeit empfunden zu haben, da er sie band, und alles, was sie zu
seinem Schaden und Verdruss unternommen hatte, kam ihr nur als unschuldiges
Mittel vor, seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Sie verwünschte jene
Trennung, sie bejammerte den Schlaf, in den sie verfallen, sie verfluchte die
schleppende, träumerische Gewohnheit, durch die ihr ein so unbedeutender
Bräutigam hatte werden können; sie war verwandelt, doppelt verwandelt, vorwärts
und rückwärts, wie man es nehmen will.
    Hätte jemand ihre Empfindungen, die sie ganz geheimhielt, entwickeln und mit
ihr teilen können, so würde er sie nicht gescholten haben; denn freilich konnte
der Bräutigam die Vergleichung mit dem Nachbar nicht aushalten, sobald man sie
nebeneinander sah. Wenn man dem einen ein gewisses Zutrauen nicht versagen
konnte, so erregte der andere das vollste Vertrauen; wenn man den einen gern zur
Gesellschaft mochte, so wünschte man sich den andern zum Gefährten; und dachte
man gar an höhere Teilnahme, an ausserordentliche Fälle, so hätte man wohl an dem
einen gezweifelt, wenn einem der andere vollkommene Gewissheit gab. Für solche
Verhältnisse ist den Weibern ein besonderer Takt angeboren, und sie haben
Ursache sowie Gelegenheit, ihn auszubilden.
    Je mehr die schöne Braut solche Gesinnungen bei sich ganz heimlich nährte,
je weniger nur irgend jemand dasjenige auszusprechen im Fall war, was zugunsten
des Bräutigams gelten konnte, was Verhältnisse, was Pflicht anzuraten und zu
gebieten, ja was eine unabänderliche Notwendigkeit unwiderruflich zu fordern
schien, desto mehr begünstigte das schöne Herz seine Einseitigkeit; und indem
sie von der einen Seite durch Welt und Familie, Bräutigam und eigne Zusage
unauflöslich gebunden war, von der andern der emporstrebende Jüngling gar kein
Geheimnis von seinen Gesinnungen, Planen und Aussichten machte, sich nur als ein
treuer und nicht einmal zärtlicher Bruder gegen sie bewies und nun gar von
seiner unmittelbaren Abreise die Rede war, so schien es, als ob ihr früher
kindischer Geist mit allen seinen Tücken und Gewaltsamkeiten wiedererwachte und
sich nun auf einer höheren Lebensstufe mit Unwillen rüstete, bedeutender und
verderblicher zu wirken. Sie beschloss zu sterben, um den ehemals Gehassten und
nun so heftig Geliebten für seine Unteilnahme zu strafen und sich, indem sie ihn
nicht besitzen sollte, wenigstens mit seiner Einbildungskraft, seiner Reue auf
ewig zu vermählen. Er sollte ihr totes Bild nicht loswerden, er sollte nicht
aufhören, sich Vorwürfe zu machen, dass er ihre Gesinnungen nicht erkannt, nicht
erforscht, nicht geschätzt habe.
    Dieser seltsame Wahnsinn begleitete sie überallhin. Sie verbarg ihn unter
allerlei Formen; und ob sie den Menschen gleich wunderlich vorkam, so war
niemand aufmerksam oder klug genug, die innere, wahre Ursache zu entdecken.
    Indessen hatten sich Freunde, Verwandte, Bekannte in Anordnungen von
mancherlei Festen erschöpft. Kaum verging ein Tag, dass nicht irgend etwas Neues
und Unerwartetes angestellt worden wäre. Kaum war ein schöner Platz der
Landschaft, den man nicht ausgeschmückt und zum Empfang vieler froher Gäste
bereitet hätte. Auch wollte unser junger Ankömmling noch vor seiner Abreise das
Seinige tun und lud das junge Paar mit einem engeren Familienkreise zu einer
Wasserlustfahrt. Man bestieg ein grosses, schönes, wohlausgeschmücktes Schiff,
eine der Jachten, die einen kleinen Saal und einige Zimmer anbieten und auf das
Wasser die Bequemlichkeit des Landes überzutragen suchen.
    Man fuhr auf dem grossen Strome mit Musik dahin; die Gesellschaft hatte sich
bei heisser Tageszeit in den untern Räumen versammelt, um sich an Geistes- und
Glücksspielen zu ergötzen. Der junge Wirt, der niemals untätig bleiben konnte,
hatte sich ans Steuer gesetzt, den alten Schiffsmeister abzulösen, der an seiner
Seite eingeschlafen war; und eben brauchte der Wachende alle seine Vorsicht, da
er sich einer Stelle nahte, wo zwei Inseln das Flussbette verengten und, indem
sie ihre flachen Kiesufer bald an der einen, bald an der andern Seite
hereinstreckten, ein gefährliches Fahrwasser zubereiteten. Fast war der sorgsame
und scharfblickende Steurer in Versuchung, den Meister zu wecken, aber er
getraute sichs zu und fuhr gegen die Enge. In dem Augenblick erschien auf dem
Verdeck seine schöne Feindin mit einem Blumenkranz in den Haaren. Sie nahm ihn
ab und warf ihn auf den Steuernden. »Nimm dies zum Andenken!« rief sie aus.
»Störe mich nicht!« rief er ihr entgegen, indem er den Kranz auffing; »ich
bedarf aller meiner Kräfte und meiner Aufmerksamkeit.« - »Ich störe dich nicht
weiter,« rief sie; »du siehst mich nicht wieder!« Sie sprachs und eilte nach dem
Vorderteil des Schiffs, von da sie ins Wasser sprang. Einige Stimmen riefen:
»Rettet! rettet! sie ertrinkt.« Er war in der entsetzlichsten Verlegenheit. Über
dem Lärm erwacht der alte Schiffsmeister, will das Ruder ergreifen, der jüngere
es ihm übergeben, aber es ist keine Zeit, die Herrschaft zu wechseln: das Schiff
strandet, und in eben dem Augenblick, die lästigsten Kleidungsstücke wegwerfend,
stürzte er sich ins Wasser und schwamm der schönen Feindin nach.
    Das Wasser ist ein freundliches Element für den, der damit bekannt ist und
es zu behandeln weiss. Es trug ihn, und der geschickte Schwimmer beherrschte es.
Bald hatte er die vor ihm fortgerissene Schöne erreicht; er fasste sie, wusste sie
zu heben und zu tragen; beide wurden vom Strom gewaltsam fortgerissen, bis sie
die Inseln, die Werder weit hinter sich hatten und der Fluss wieder breit und
gemächlich zu fliessen anfing. Nun erst ermannte, nun erholte er sich aus der
ersten zudringenden Not, in der er ohne Besinnung nur mechanisch gehandelt; er
blickte mit emporstrebendem Haupt umher und ruderte nach Vermögen einer flachen,
buschichten Stelle zu, die sich angenehm und gelegen in den Fluss verlief. Dort
brachte er seine schöne Beute aufs Trockne; aber kein Lebenshauch war in ihr zu
spüren. Er war in Verzweiflung, als ihm ein betretener Pfad, der durchs Gebüsch
lief, in die Augen leuchtete. Er belud sich aufs neue mit der teuren Last, er
erblickte bald eine einsame Wohnung und erreichte sie. Dort fand er gute Leute,
ein junges Ehepaar. Das Unglück, die Not sprach sich geschwind aus. Was er nach
einiger Besinnung forderte, ward geleistet. Ein lichtes Feuer brannte, wollne
Decken wurden über ein Lager gebreitet, Pelze, Felle und was Erwärmendes
vorrätig war, schnell herbeigetragen. Hier überwand die Begierde zu retten jede
andre Betrachtung. Nichts ward versäumt, den schönen, halbstarren, nackten
Körper wieder ins Leben zu rufen. Es gelang. Sie schlug die Augen auf, sie
erblickte den Freund, umschlang seinen Hals mit ihren himmlischen Armen. So
blieb sie lange; ein Tränenstrom stürzte aus ihren Augen und vollendete ihre
Genesung. »Willst du mich verlassen,« rief sie aus, »da ich dich so
wiederfinde?« - »Niemals,« rief er, »niemals!« und wusste nicht, was er sagte
noch was er tat. »Nur schone dich,« rief er hinzu, »schone dich! denke an dich
um deinet- und meinetwillen.«
    Sie dachte nun an sich und bemerkte jetzt erst den Zustand, in dem sie war.
Sie konnte sich vor ihrem Liebling, ihrem Retter nicht schämen; aber sie entliess
ihn gern, damit er für sich sorgen möge; denn noch war, was ihn umgab, nass und
triefend.
    Die jungen Eheleute beredeten sich; er bot dem Jüngling und sie der Schönen
das Hochzeitskleid an, das noch vollständig dahing, um ein Paar von Kopf zu Fuss
und von innen heraus zu bekleiden. In kurzer Zeit waren die beiden Abenteurer
nicht nur angezogen, sondern geputzt. Sie sahen allerliebst aus, staunten
einander an, als sie zusammentraten, und fielen sich mit unmässiger Leidenschaft,
und doch halb lächelnd über die Vermummung, gewaltsam in die Arme. Die Kraft der
Jugend und die Regsamkeit der Liebe stellten sie in wenigen Augenblicken völlig
wieder her, und es fehlte nur die Musik, um sie zum Tanz aufzufordern.
    Sich vom Wasser zur Erde, vom Tode zum Leben, aus dem Familienkreise in eine
Wildnis, aus der Verzweiflung zum Entzücken, aus der Gleichgültigkeit zur
Neigung, zur Leidenschaft gefunden zu haben, alles in einem Augenblick - der
Kopf wäre nicht hinreichend, das zu fassen; er würde zerspringen oder sich
verwirren. Hiebei muss das Herz das Beste tun, wenn eine solche Überraschung
ertragen werden soll.
    Ganz verloren eins ins andere, konnten sie erst nach einiger Zeit an die
Angst, an die Sorgen der Zurückgelassenen denken, und fast konnten sie selbst
nicht ohne Angst, ohne Sorge daran denken, wie sie jenen wiederbegegnen wollten.
»Sollen wir fliehen? sollen wir uns verbergen?« sagte der Jüngling. »Wir wollen
zusammenbleiben,« sagte sie, indem sie an seinem Hals hing.
    Der Landmann, der von ihnen die Geschichte des gestrandeten Schiffs
vernommen hatte, eilte, ohne weiter zu fragen, nach dem Ufer. Das Fahrzeug kam
glücklich einhergeschwommen; es war mit vieler Mühe losgebracht worden. Man fuhr
aufs ungewisse fort, in Hoffnung, die Verlornen wiederzufinden. Als daher der
Landmann mit Rufen und Winken die Schiffenden aufmerksam machte, an eine Stelle
lief, wo ein vorteilhafter Landungsplatz sich zeigte, und mit Winken und Rufen
nicht aufhörte, wandte sich das Schiff nach dem Ufer, und welch ein Schauspiel
ward es, da sie landeten! Die Eltern der beiden Verlobten drängten sich zuerst
ans Ufer; den liebenden Bräutigam hatte fast die Besinnung verlassen. Kaum
hatten sie vernommen, dass die lieben Kinder gerettet seien, so traten diese in
ihrer sonderbaren Verkleidung aus dem Busch hervor. Man erkannte sie nicht eher,
als bis sie ganz herangetreten waren. »Wen seh ich?« riefen die Mütter. »Was seh
ich?« riefen die Väter. Die Geretteten warfen sich vor ihnen nieder. »Eure
Kinder!« riefen sie aus, »ein Paar.« - »Verzeiht!« rief das Mädchen. »Gebt uns
Euren Segen!« rief der Jüngling. »Gebt uns Euren Segen!« riefen beide, da alle
Welt staunend verstummte. »Euren Segen!« ertönte es zum drittenmal, und wer
hätte den versagen können!
 
                                Eilftes Kapitel
Der Erzählende machte eine Pause oder hatte vielmehr schon geendigt, als er
bemerken musste, dass Charlotte höchst bewegt sei; ja sie stand auf und verliess
mit einer stummen Entschuldigung das Zimmer; denn die Geschichte war ihr
bekannt. Diese Begebenheit hatte sich mit dem Hauptmann und einer Nachbarin
wirklich zugetragen, zwar nicht ganz wie sie der Engländer erzählte, doch war
sie in den Hauptzügen nicht entstellt, nur im einzelnen mehr ausgebildet und
ausgeschmückt, wie es dergleichen Geschichten zu gehen pflegt, wenn sie erst
durch den Mund der Menge und sodann durch die Phantasie eines geist-und
geschmackreichen Erzählers durchgehen. Es bleibt zuletzt meist alles und nichts,
wie es war.
    Ottilie folgte Charlotten, wie es die beiden Fremden selbst verlangten, und
nun kam der Lord an die Reihe zu bemerken, dass vielleicht abermals ein Fehler
begangen, etwas dem Hause Bekanntes oder gar Verwandtes erzählt worden. »Wir
müssen uns hüten,« fuhr er fort, »dass wir nicht noch mehr Übles stiften. Für das
viele Gute und Angenehme, das wir hier genossen, scheinen wir den Bewohnerinnen
wenig Glück zu bringen; wir wollen uns auf eine schickliche Weise zu empfehlen
suchen.«
    »Ich muss gestehen,« versetzte der Begleiter, »dass mich hier noch etwas
anderes festält, ohne dessen Aufklärung und nähere Kenntnis ich dieses Haus
nicht gern verlassen möchte. Sie waren gestern, Mylord, als wir mit der
tragbaren dunklen Kammer durch den Park zogen, viel zu beschäftigt, sich einen
wahrhaft malerischen Standpunkt auszuwählen, als dass Sie hätten bemerken sollen,
was nebenher vorging. Sie lenkten vom Hauptwege ab, um zu einem wenig besuchten
Platze am See zu gelangen, der Ihnen ein reizendes Gegenüber anbot. Ottilie, die
uns begleitete, stand an zu folgen und bat, sich auf dem Kahne dortin begeben
zu dürfen. Ich setzte mich mit ihr ein und hatte meine Freude an der Gewandteit
der schönen Schifferin. Ich versicherte ihr, dass ich seit der Schweiz, wo auch
die reizendsten Mädchen die Stelle des Fährmanns vertreten, nicht so angenehm
sei über die Wellen geschaukelt worden, konnte mich aber nicht entalten, sie zu
fragen, warum sie eigentlich abgelehnt, jenen Seitenweg zu machen; denn wirklich
war in ihrem Ausweichen eine Art von ängstlicher Verlegenheit. Wenn Sie mich
nicht auslachen wollen, versetzte sie freundlich, so kann ich Ihnen darüber wohl
einige Auskunft geben, obgleich selbst für mich dabei ein Geheimnis obwaltet.
Ich habe jenen Nebenweg niemals betreten, ohne dass mich ein ganz eigener Schauer
überfallen hätte, den ich sonst nirgends empfinde und den ich mir nicht zu
erklären weiss. Ich vermeide daher lieber, mich einer solchen Empfindung
auszusetzen, um so mehr, als sich gleich darauf ein Kopfweh an der linken Seite
einstellt, woran ich sonst auch manchmal leide. Wir landeten, Ottilie unterhielt
sich mit Ihnen, und ich untersuchte indes die Stelle, die sie mir aus der Ferne
deutlich angegeben hatte. Aber wie gross war meine Verwunderung, als ich eine
sehr deutliche Spur von Steinkohlen entdeckte, die mich überzeugt, man würde bei
so einigem Nachgraben vielleicht ein ergiebiges Lager in der Tiefe finden.
    Verzeihen Sie, Mylord, ich sehe Sie lächeln und weiss recht gut, dass Sie mir
eine leidenschaftliche Aufmerksamkeit auf diese Dinge, an die Sie keinen Glauben
haben, nur als weiser Mann und als Freund nachsehen; aber es ist mir unmöglich,
von hier zu scheiden, ohne das schöne Kind auch die Pendelschwingungen versuchen
zu lassen.«
    Es konnte niemals fehlen, wenn die Sache zur Sprache kam, dass der Lord nicht
seine Gründe dagegen abermals wiederholte, welche der Begleiter bescheiden und
geduldig aufnahm, aber doch zuletzt bei seiner Meinung, bei seinen Wünschen
verharrte. Auch er gab wiederholt zu erkennen, dass man deswegen, weil solche
Versuche nicht jedermann gelängen, die Sache nicht aufgeben, ja vielmehr nur
desto ernstafter und gründlicher untersuchen müsste, da sich gewiss noch manche
Bezüge und Verwandtschaften unorganischer Wesen untereinander, organischer gegen
sie und abermals untereinander offenbaren würden, die uns gegenwärtig verborgen
seien.
    Er hatte seinen Apparat von goldnen Ringen, Markasiten und andern
metallischen Substanzen, den er in einem schönen Kästchen immer bei sich führte,
schon ausgebreitet und liess nun Metalle, an Fäden schwebend, über liegende
Metalle zum Versuche nieder. »Ich gönne Ihnen die Schadenfreude, Mylord,« sagte
er dabei, »die ich auf Ihrem Gesichte lese, dass sich bei mir und für mich nichts
bewegen will. Meine Operation ist aber auch nur ein Vorwand. Wenn die Damen
zurückkehren, sollen sie neugierig werden, was wir Wunderliches hier beginnen.«
    Die Frauenzimmer kamen zurück. Charlotte verstand sogleich, was vorging.
»Ich habe manches von diesen Dingen gehört,« sagte sie, »aber niemals eine
Wirkung gesehen. Da Sie alles so hübsch bereit haben, lassen Sie mich versuchen,
ob es mir nicht auch anschlägt.«
    Sie nahm den Faden in die Hand, und da es ihr Ernst war, hielt sie ihn stet
und ohne Gemütsbewegung; allein auch nicht das mindeste Schwanken war zu
bemerken. Darauf ward Ottilie veranlasst. Sie hielt den Pendel noch ruhiger,
unbefangener, unbewusster über die unterliegenden Metalle. Aber in dem
Augenblicke ward das Schwebende wie in einem entschiedenen Wirbel fortgerissen
und drehte sich, je nachdem man die Unterlage wechselte, bald nach der einen,
bald nach der andern Seite, jetzt in Kreisen, jetzt in Ellipsen, oder nahm
seinen Schwung in graden Linien, wie es der Begleiter nur erwarten konnte, ja
über alle seine Erwartung.
    Der Lord selbst stutzte einigermassen, aber der andere konnte vor Lust und
Begierde gar nicht enden und bat immer um Wiederholung und Vermannigfaltigung
der Versuche. Ottilie war gefällig genug, sich in sein Verlangen zu finden, bis
sie ihn zuletzt freundlich ersuchte, er möge sie entlassen, weil ihr Kopfweh
sich wieder einstelle. Er, darüber verwundert, ja entzückt, versicherte ihr mit
Entusiasmus, dass er sie von diesem Übel völlig heilen wolle, wenn sie sich
seiner Kurart anvertraue. Man war einen Augenblick ungewiss; Charlotte aber, die
geschwind begriff, wovon die Rede sei, lehnte den wohlgesinnten Antrag ab, weil
sie nicht gemeint war, in ihrer Umgebung etwas zuzulassen, wovor sie immerfort
eine starke Apprehension gefühlt hatte.
    Die Fremden hatten sich entfernt und, ungeachtet man von ihnen auf eine
sonderbare Weise berührt worden war, doch den Wunsch zurückgelassen, dass man sie
irgendwo wieder antreffen möchte. Charlotte benutzte nunmehr die schönen Tage,
um in der Nachbarschaft ihre Gegenbesuche zu enden, womit sie kaum fertig werden
konnte, indem sich die ganze Landschaft umher, einige wahrhaft teilnehmend,
andre bloss der Gewohnheit wegen, bisher fleissig um sie bekümmert hatten. Zu
Hause belebte sie der Anblick des Kindes; es war gewiss jeder Liebe, jeder
Sorgfalt wert. Man sah in ihm ein wunderbares, ja ein Wunderkind, höchst
erfreulich dem Anblick, an Grösse, Ebenmass, Stärke und Gesundheit; und was noch
mehr in Verwunderung setzte, war jene doppelte Ähnlichkeit, die sich immer mehr
entwickelte. Den Gesichtszügen und der ganzen Form nach glich das Kind immer
mehr dem Hauptmann, die Augen liessen sich immer weniger von Ottiliens Augen
unterscheiden.
    Durch diese sonderbare Verwandtschaft und vielleicht noch mehr durch das
schöne Gefühl der Frauen geleitet, welche das Kind eines geliebten Mannes, auch
von einer andern, mit zärtlicher Neigung umfangen, ward Ottilie dem
heranwachsenden Geschöpf soviel als eine Mutter oder vielmehr eine andre Art von
Mutter. Entfernte sich Charlotte, so blieb Ottilie mit dem Kinde und der
Wärterin allein. Nanny hatte sich seit einiger Zeit, eifersüchtig auf den
Knaben, dem ihre Herrin alle Neigung zuzuwenden schien, trotzig von ihr entfernt
und war zu ihren Eltern zurückgekehrt. Ottilie fuhr fort, das Kind in die freie
Luft zu tragen, und gewöhnte sich an immer weitere Spaziergänge. Sie hatte das
Milchfläschchen bei sich, um dem Kinde, wenn es nötig, seine Nahrung zu reichen.
Selten unterliess sie dabei, ein Buch mitzunehmen, und so bildete sie, das Kind
auf dem Arm, lesend und wandelnd, eine gar anmutige Penserosa.
 
                                Zwölftes Kapitel
Der Hauptzweck des Feldzugs war erreicht und Eduard, mit Ehrenzeichen
geschmückt, rühmlich entlassen. Er begab sich sogleich wieder auf jenes kleine
Gut, wo er genaue Nachrichten von den Seinigen fand, die er, ohne dass sie es
bemerkten und wussten, scharf hatte beobachten lassen. Sein stiller Aufentalt
blickte ihm aufs freundlichste entgegen; denn man hatte indessen nach seiner
Anordnung manches eingerichtet, gebessert und gefördert, so dass die Anlagen und
Umgebungen, was ihnen an Weite und Breite fehlte, durch das Innere und zunächst
Geniessbare ersetzten.
    Eduard, durch einen raschen Lebensgang an entschiedenere Schritte gewöhnt,
nahm sich nunmehr vor, dasjenige auszuführen, was er lange genug zu überdenken
Zeit gehabt hatte. Vor allen Dingen berief er den Major. Die Freude des
Wiedersehens war gross. Jugendfreundschaften wie Blutsverwandtschaften haben den
bedeutenden Vorteil, dass ihnen Irrungen und Missverständnisse, von welcher Art
sie auch seien, niemals von Grund aus schaden und die alten Verhältnisse sich
nach einiger Zeit wiederherstellen.
    Zum frohen Empfang erkundigte sich Eduard nach dem Zustande des Freundes und
vernahm, wie vollkommen nach seinen Wünschen ihn das Glück begünstigt habe. Halb
scherzend vertraulich fragte Eduard sodann, ob nicht auch eine schöne Verbindung
im Werke sei. Der Freund verneinte es mit bedeutendem Ernst.
    »Ich kann und darf nicht hinterhaltig sein,« fuhr Eduard fort; »ich muss dir
meine Gesinnungen und Vorsätze sogleich entdecken. Du kennst meine Leidenschaft
für Ottilien und hast längst begriffen, dass sie es ist, die mich in diesen
Feldzug gestürzt hat. Ich leugne nicht, dass ich gewünscht hatte, ein Leben
loszuwerden, das mir ohne sie nichts weiter nütze war; allein zugleich muss ich
dir gestehen, dass ich es nicht über mich gewinnen konnte, vollkommen zu
verzweifeln. Das Glück mit ihr war so schön, so wünschenswert, dass es mir
unmöglich blieb, völlig Verzicht darauf zu tun. So manche tröstliche Ahnung, so
manches heitere Zeichen hatte mich in dem Glauben, in dem Wahn bestärkt, Ottilie
könne die Meine werden. Ein Glas mit unserm Namenszug bezeichnet, bei der
Grundsteinlegung in die Lüfte geworfen, ging nicht zu Trümmern; es ward
aufgefangen und ist wieder in meinen Händen. So will ich mich denn selbst, rief
ich mir zu, als ich an diesem einsamen Orte soviel zweifelhafte Stunden verlebt
hatte, mich selbst will ich an die Stelle des Glases zum Zeichen machen, ob
unsre Verbindung möglich sei oder nicht. Ich gehe hin und suche den Tod, nicht
als ein Rasender, sondern als einer, der zu leben hofft. Ottilie soll der Preis
sein, um den ich kämpfe; sie soll es sein, die ich hinter jeder feindlichen
Schlachtordnung, in jeder Verschanzung, in jeder belagerten Festung zu gewinnen,
zu erobern hoffe. Ich will Wunder tun mit dem Wunsche, verschont zu bleiben, im
Sinne, Ottilien zu gewinnen, nicht sie zu verlieren. Diese Gefühle haben mich
geleitet, sie haben mir durch alle Gefahren beigestanden; aber nun finde ich
mich auch wie einen, der zu seinem Ziele gelangt ist, der alle Hindernisse
überwunden hat, dem nun nichts mehr im Wege steht. Ottilie ist mein, und was
noch zwischen diesem Gedanken und der Ausführung liegt, kann ich nur für nichts
bedeutend ansehen.«
    »Du löschest«, versetzte der Major, »mit wenig Zügen alles aus, was man dir
entgegensetzen könnte und sollte; und doch muss es wiederholt werden. Das
Verhältnis zu deiner Frau in seinem ganzen Werte dir zurückzurufen, überlasse
ich dir selbst; aber du bist es ihr, du bist es dir schuldig, dich hierüber
nicht zu verdunkeln. Wie kann ich aber nur gedenken, dass euch ein Sohn gegeben
ist, ohne zugleich auszusprechen, dass ihr einander auf immer angehört, dass ihr
um dieses Wesens willen schuldig seid, vereint zu leben, damit ihr vereint für
seine Erziehung und für sein künftiges Wohl sorgen möget.«
    »Es ist bloss ein Dünkel der Eltern,« versetzte Eduard, »wenn sie sich
einbilden, dass ihr Dasein für die Kinder so nötig sei. Alles, was lebt, findet
Nahrung und Beihülfe; und wenn der Sohn nach dem frühen Tode des Vaters keine
bequeme, so begünstigte Jugend hat, so gewinnt er vielleicht ebendeswegen an
schnellerer Bildung für die Welt, durch zeitiges Anerkennen, dass er sich in
andere schicken muss, was wir denn doch früher oder später alle lernen müssen.
Und hievon ist ja die Rede gar nicht: wir sind reich genug, um mehrere Kinder zu
versorgen, und es ist keineswegs Pflicht noch Wohltat, auf Ein Haupt so viele
Güter zu häufen.«
    Als der Major mit einigen Zügen Charlottens Wert und Eduards lange
bestandenes Verhältnis zu ihr anzudeuten gedachte, fiel ihm Eduard hastig in die
Rede: »Wir haben eine Torheit begangen, die ich nur allzuwohl einsehe. Wer in
einem gewissen Alter frühere Jugendwünsche und Hoffnungen realisieren will,
betriegt sich immer; denn jedes Jahrzehnt des Menschen hat sein eigenes Glück,
seine eigenen Hoffnungen und Aussichten. Wehe dem Menschen, der vorwärts oder
rückwärts zu greifen durch Umstände oder durch Wahn veranlasst wird! Wir haben
eine Torheit begangen; soll sie es denn fürs ganze Leben sein? Sollen wir uns
aus irgendeiner Art von Bedenklichkeit dasjenige versagen, was uns die Sitten
der Zeit nicht absprechen? In wie vielen Dingen nimmt der Mensch seinen Vorsatz,
seine Tat zurück, und hier gerade sollte es nicht geschehen, wo vom Ganzen und
nicht vom Einzelnen, wo nicht von dieser oder jener Bedingung des Lebens, wo vom
ganzen Komplex des Lebens die Rede ist!«
    Der Major verfehlte nicht, auf eine ebenso geschickte als nachdrückliche
Weise Eduarden die verschiedenen Bezüge zu seiner Gemahlin, zu den Familien, zu
der Welt, zu seinen Besitzungen vorzustellen; aber es gelang ihm nicht,
irgendeine Teilnahme zu erregen.
    »Alles dieses, mein Freund,« erwiderte Eduard, »ist mir vor der Seele
vorbeigegangen, mitten im Gewühl der Schlacht, wenn die Erde vom anhaltenden
Donner bebte, wenn die Kugeln sausten und pfiffen, rechts und links die
Gefährten niederfielen, mein Pferd getroffen, mein Hut durchlöchert ward; es hat
mir vorgeschwebt beim stillen nächtlichen Feuer unter dem gestirnten Gewölbe des
Himmels. Dann traten mir alle meine Verbindungen vor die Seele; ich habe sie
durchgedacht, durchgefühlt; ich habe mir zugeeignet, ich habe mich abgefunden,
zu wiederholten Malen, und nun für immer.
    In solchen Augenblicken, wie kann ich dirs verschweigen, warst auch du mir
gegenwärtig, auch du gehörtest in meinen Kreis; und gehören wir denn nicht schon
lange zueinander? Wenn ich dir etwas schuldig geworden, so komme ich jetzt in
den Fall, dir es mit Zinsen abzutragen; wenn du mir je etwas schuldig geworden,
so siehst du dich nun imstande mir es zu vergelten. Ich weiss, du liebst
Charlotten, und sie verdient es; ich weiss, du bist ihr nicht gleichgültig, und
warum sollte sie deinen Wert nicht erkennen! Nimm sie von meiner Hand, führe mir
Ottilien zu! und wir sind die glücklichsten Menschen auf der Erde.«
    »Eben weil du mich mit so hohen Gaben bestechen willst,« versetzte der
Major, »muss ich desto vorsichtiger, desto strenger sein. Anstatt dass dieser
Vorschlag, den ich still verehre, die Sache erleichtern möchte, erschwert er sie
vielmehr. Es ist, wie von dir, nun auch von mir die Rede, und so wie von dem
Schicksal, so auch von dem guten Namen, von der Ehre zweier Männer, die, bis
jetzt unbescholten, durch diese wunderliche Handlung, wenn wir sie auch nicht
anders nennen wollen, in Gefahr kommen, vor der Welt in einem höchst seltsamen
Lichte zu erscheinen.«
    »Eben dass wir unbescholten sind,« versetzte Eduard, »gibt uns das Recht, uns
auch einmal schelten zu lassen. Wer sich sein ganzes Leben als einen
zuverlässigen Mann bewiesen, der macht eine Handlung zuverlässig, die bei andern
zweideutig erscheinen würde. Was mich betrifft, ich fühle mich durch die letzten
Prüfungen, die ich mir auferlegt, durch die schwierigen, gefahrvollen Taten, die
ich für andere getan, berechtigt, auch etwas für mich zu tun. Was dich und
Charlotten betrifft, so sei es der Zukunft anheimgegeben; mich aber wirst du,
wird niemand von meinem Vorsatze zurückhalten. Will man mir die Hand bieten, so
bin ich auch wieder zu allem erbötig; will man mich mir selbst überlassen oder
mir wohl gar entgegen sein, so muss ein Extrem entstehen, es werde auch, wie es
wolle.«
    Der Major hielt es für seine Pflicht, dem Vorsatz Eduards solange als
möglich Widerstand zu leisten, und er bediente sich nun gegen seinen Freund
einer klugen Wendung, indem er nachzugeben schien und nur die Form, den
Geschäftsgang zur Sprache brachte, durch welchen man diese Trennung, diese
Verbindungen erreichen sollte. Da trat denn so manches Unerfreuliche,
Beschwerliche, Unschickliche hervor, dass sich Eduard in die schlimmste Laune
versetzt fühlte.
    »Ich sehe wohl,« rief dieser endlich, »nicht allein von Feinden, sondern
auch von Freunden muss, was man wünscht, erstürmt werden. Das, was ich will, was
mir unentbehrlich ist, halte ich fest im Auge; ich werde es ergreifen und gewiss
bald und behende. Dergleichen Verhältnisse, weiss ich wohl, heben sich nicht auf
und bilden sich nicht, ohne dass manches falle, was steht, ohne dass manches
weiche, was zu beharren Lust hat. Durch Überlegung wird so etwas nicht geendet;
vor dem Verstande sind alle Rechte gleich, und auf die steigende Waagschale lässt
sich immer wieder ein Gegengewicht legen. Entschliesse dich also, mein Freund,
für mich, für dich zu handeln, für mich, für dich diese Zustände zu entwirren,
aufzulösen, zu verknüpfen! Lass dich durch keine Betrachtungen abhalten; wir
haben die Welt ohnehin schon von uns reden machen; sie wird noch einmal von uns
reden, uns sodann, wie alles übrige, was aufhört neu zu sein, vergessen und uns
gewähren lassen, wie wir können, ohne weitern Teil an uns zu nehmen.«
    Der Major hatte keinen andern Ausweg und musste endlich zugeben, dass Eduard
ein für allemal die Sache als etwas Bekanntes und Vorausgesetztes behandelte,
dass er, wie alles anzustellen sei, im einzelnen durchsprach und sich über die
Zukunft auf das heiterste, sogar in Scherzen erging.
    Dann wieder ernstaft und nachdenklich fuhr er fort: »Wollten wir uns der
Hoffnung, der Erwartung überlassen, dass alles sich von selbst wieder finden, dass
der Zufall uns leiten und begünstigen solle, so wäre dies ein sträflicher
Selbstbetrug. Auf diese Weise können wir uns unmöglich retten, unsre allseitige
Ruhe nicht wiederherstellen; und wie sollte ich mich trösten können, da ich
unschuldig die Schuld an allem bin! Durch meine Zudringlichkeit habe ich
Charlotten vermocht, dich ins Haus zu nehmen, und auch Ottilie ist nur in Gefolg
von dieser Veränderung bei uns eingetreten. Wir sind nicht mehr Herr über das,
was daraus entsprungen ist, aber wir sind Herr, es unschädlich zu machen, die
Verhältnisse zu unserm Glücke zu leiten. Magst du die Augen von den schönen und
freundlichen Aussichten abwenden, die ich uns eröffne, magst du mir, magst du
uns allen ein trauriges Entsagen gebieten, insofern du dirs möglich denkst,
insofern es möglich wäre: ist denn nicht auch alsdann, wenn wir uns vornehmen,
in die alten Zustände zurückzukehren, manches Unschickliche, Unbequeme,
Verdriessliche zu übertragen, ohne dass irgend etwas Gutes, etwas Heiteres daraus
entspränge? Würde der glückliche Zustand, in dem du dich befindest, dir wohl
Freude machen, wenn du gehindert wärst, mich zu besuchen, mit mir zu leben? Und
nach dem, was vorgegangen ist, würde es doch immer peinlich sein. Charlotte und
ich würden mit allem unserm Vermögen uns nur in einer traurigen Lage befinden.
Und wenn du mit andern Weltmenschen glauben magst, dass Jahre, dass Entfernung
solche Empfindungen abstumpfen, so tief eingegrabene Züge auslöschen, so ist ja
eben von diesen Jahren die Rede, die man nicht in Schmerz und Entbehren, sondern
in Freude und Behagen zubringen will. Und nun zuletzt noch das Wichtigste
auszusprechen: wenn wir auch unserm äussern und innern Zustande nach das
allenfalls abwarten könnten, was soll aus Ottilien werden, die unser Haus
verlassen, in der Gesellschaft unserer Vorsorge entbehren und sich in der
verruchten, kalten Welt jämmerlich herumdrücken müsste! Male mir einen Zustand,
worin Ottilie ohne mich, ohne uns glücklich sein könnte, dann sollst du ein
Argument ausgesprochen haben, das stärker ist als jedes andre, das ich, wenn
ichs auch nicht zugeben, mich ihm nicht ergeben kann, dennoch recht gern aufs
neue in Betrachtung und Überlegung ziehen will.«
    Diese Aufgabe war so leicht nicht zu lösen, wenigstens fiel dem Freunde
hierauf keine hinlängliche Antwort ein, und es blieb ihm nichts übrig, als
wiederholt einzuschärfen, wie wichtig, wie bedenklich und in manchem Sinne
gefährlich das ganze Unternehmen sei, und dass man wenigstens, wie es anzugreifen
wäre, auf das ernstlichste zu bedenken habe. Eduard liess sichs gefallen, doch
nur unter der Bedingung, dass ihn der Freund nicht eher verlassen wolle, als bis
sie über die Sache völlig einig geworden und die ersten Schritte getan seien.
 
                              Dreizehntes Kapitel
Völlig fremde und gegeneinander gleichgültige Menschen, wenn sie eine Zeitlang
zusammenleben, kehren ihr Inneres wechselseitig heraus, und es muss eine gewisse
Vertraulichkeit entstehen. Um so mehr lässt sich erwarten, dass unsern beiden
Freunden, indem sie wieder nebeneinander wohnten, täglich und stündlich zusammen
umgingen, gegenseitig nichts verborgen blieb. Sie wiederholten das Andenken
ihrer früheren Zustände, und der Major verhehlte nicht, dass Charlotte Eduarden,
als er von Reisen zurückgekommen, Ottilien zugedacht, dass sie ihm das schöne
Kind in der Folge zu vermählen gemeint habe. Eduard, bis zur Verwirrung entzückt
über diese Entdeckung, sprach ohne Rückhalt von der gegenseitigen Neigung
Charlottens und des Majors, die er, weil es ihm gerade bequem und günstig war,
mit lebhaften Farben ausmalte.
    Ganz leugnen konnte der Major nicht und nicht ganz eingestehen; aber Eduard
befestigte, bestimmte sich nur mehr. Er dachte sich alles nicht als möglich,
sondern als schon geschehen. Alle Teile brauchten nur in das zu willigen, was
sie wünschten; eine Scheidung war gewiss zu erlangen; eine baldige Verbindung
sollte folgen, und Eduard wollte mit Ottilien reisen.
    Unter allem, was die Einbildungskraft sich Angenehmes ausmalt, ist
vielleicht nichts Reizenderes, als wenn Liebende, wenn junge Gatten ihr neues,
frisches Verhältnis in einer neuen, frischen Welt zu geniessen und einen
dauernden Bund an soviel wechselnden Zuständen zu prüfen und zu bestätigen
hoffen. Der Major und Charlotte sollten unterdessen unbeschränkte Vollmacht
haben, alles, was sich auf Besitz, Vermögen und die irdischen wünschenswerten
Einrichtungen bezieht, dergestalt zu ordnen und nach Recht und Billigkeit
einzuleiten, dass alle Teile zufrieden sein könnten. Worauf jedoch Eduard am
allermeisten zu fussen, wovon er sich den grössten Vorteil zu versprechen schien,
war dies: Da das Kind bei der Mutter bleiben sollte, so würde der Major den
Knaben erziehen, ihn nach seinen Einsichten leiten, seine Fähigkeiten entwickeln
können. Nicht umsonst hatte man ihm dann in der Taufe ihren beiderseitigen Namen
Otto gegeben.
    Das alles war bei Eduarden so fertig geworden, dass er keinen Tag länger
anstehen mochte, der Ausführung näherzutreten. Sie gelangten auf ihrem Wege nach
dem Gute zu einer kleinen Stadt, in der Eduard ein Haus besass, wo er verweilen
und die Rückkunft des Majors abwarten wollte. Doch konnte er sich nicht
überwinden, daselbst sogleich abzusteigen, und begleitete den Freund noch durch
den Ort. Sie waren beide zu Pferde, und in bedeutendem Gespräch verwickelt
ritten sie zusammen weiter.
    Auf einmal erblickten sie in der Ferne das neue Haus auf der Höhe, dessen
rote Ziegeln sie zum erstenmal blinken sahen. Eduarden ergreift eine
unwiderstehliche Sehnsucht; es soll noch diesen Abend alles abgetan sein. In
einem ganz nahen Dorfe will er sich verborgen halten; der Major soll die Sache
Charlotten dringend vorstellen, ihre Vorsicht überraschen und durch den
unerwarteten Antrag sie zu freier Eröffnung ihrer Gesinnung nötigen. Denn
Eduard, der seine Wünsche auf sie übergetragen hatte, glaubte nicht anders, als
dass er ihren entschiedenen Wünschen entgegenkomme, und hoffte eine so schnelle
Einwilligung von ihr, weil er keinen andern Willen haben konnte.
    Er sah den glücklichen Ausgang freudig vor Augen, und damit dieser dem
Lauernden schnell verkündigt würde, sollten einige Kanonenschläge losgebrannt
werden und, wäre es Nacht geworden, einige Raketen steigen.
    Der Major ritt nach dem Schloss zu. Er fand Charlotten nicht, sondern
erfuhr vielmehr, dass sie gegenwärtig oben auf dem neuen Gebäude wohne, jetzt
aber einen Besuch in der Nachbarschaft ablege, von welchem sie heute
wahrscheinlich nicht so bald nach Hause komme. Er ging in das Wirtshaus zurück,
wohin er sein Pferd gestellt hatte.
    Eduard indessen, von unüberwindlicher Ungeduld getrieben, schlich aus seinem
Hinterhalte durch einsame Pfade, nur Jägern und Fischern bekannt, nach seinem
Park und fand sich gegen Abend im Gebüsch in der Nachbarschaft des Sees, dessen
Spiegel er zum erstenmal vollkommen und rein erblickte.
    Ottilie hatte diesen Nachmittag einen Spaziergang an den See gemacht. Sie
trug das Kind und las im Gehen nach ihrer Gewohnheit. So gelangte sie zu den
Eichen bei der Überfahrt. Der Knabe war eingeschlafen; sie setzte sich, legte
ihn neben sich nieder und fuhr fort zu lesen. Das Buch war eins von denen, die
ein zartes Gemüt an sich ziehen und nicht wieder loslassen. Sie vergass Zeit und
Stunde und dachte nicht, dass sie zu Lande noch einen weiten Rückweg nach dem
neuen Gebäude habe; aber sie sass versenkt in ihr Buch, in sich selbst, so
liebenswürdig anzusehen, dass die Bäume, die Sträuche ringsumher hätten belebt,
mit Augen begabt sein sollen, um sie zu bewundern und sich an ihr zu erfreuen.
Und eben fiel ein rötliches Streiflicht der sinkenden Sonne hinter ihr her und
vergoldete Wange und Schulter.
    Eduard, dem es bisher gelungen war, unbemerkt so weit vorzudringen, der
seinen Park leer, die Gegend einsam fand, wagte sich immer weiter. Endlich
bricht er durch das Gebüsch bei den Eichen, er sieht Ottilien, sie ihn; er
fliegt auf sie zu und liegt zu ihren Füssen. Nach einer langen, stummen Pause, in
der sich beide zu fassen suchen, erklärt er ihr mit wenig Worten, warum und wie
er hieher gekommen. Er habe den Major an Charlotten abgesendet, ihr gemeinsames
Schicksal werde vielleicht in diesem Augenblick entschieden. Nie habe er an
ihrer Liebe gezweifelt, sie gewiss auch nie an der seinigen. Er bitte sie um ihre
Einwilligung. Sie zauderte, er beschwur sie; er wollte seine alten Rechte
geltend machen und sie in seine Arme schliessen, sie deutete auf das Kind hin.
    Eduard erblickt es und staunt. »Grosser Gott!« ruft er aus, »wenn ich Ursache
hätte, an meiner Frau, an meinem Freunde zu zweifeln, so würde diese Gestalt
fürchterlich gegen sie zeugen. Ist dies nicht die Bildung des Majors? Solch ein
Gleichen habe ich nie gesehen.«
    »Nicht doch!« versetzte Ottilie; »alle Welt sagt, es gleiche mir.« - »Wär es
möglich?« versetzte Eduard, und in dem Augenblick schlug das Kind die Augen auf,
zwei grosse, schwarze, durchdringende Augen, tief und freundlich. Der Knabe sah
die Welt schon so verständig an; er schien die beiden zu kennen, die vor ihm
standen. Eduard warf sich bei dem Kinde nieder, er kniete zweimal vor Ottilien.
»Du bists!« rief er aus, »deine Augen sinds. Ach! aber lass mich nur in die
deinigen schaun. Lass mich einen Schleier werfen über jene unselige Stunde, die
diesem Wesen das Dasein gab. Soll ich deine reine Seele mit dem unglücklichen
Gedanken erschrecken, dass Mann und Frau entfremdet sich einander ans Herz
drücken und einen gesetzlichen Bund durch lebhafte Wünsche enteiligen können?
Oder ja, da wir einmal so weit sind, da mein Verhältnis zu Charlotten getrennt
werden muss, da du die Meinige sein wirst, warum soll ich es nicht sagen? Warum
soll ich das harte Wort nicht aussprechen: dies Kind ist aus einem doppelten
Ehbruch erzeugt! es trennt mich von meiner Gattin und meine Gattin von mir, wie
es uns hätte verbinden sollen. Mag es denn gegen mich zeugen, mögen diese
herrlichen Augen den deinigen sagen, dass ich in den Armen einer andern dir
gehörte; mögest du fühlen, Ottilie, recht fühlen, dass ich jenen Fehler, jenes
Verbrechen nur in deinen Armen abbüssen kann!
    Horch!« rief er aus, indem er aufsprang und einen Schuss zu hören glaubte,
als das Zeichen, das der Major geben sollte. Es war ein Jäger, der im
benachbarten Gebirg geschossen hatte. Es erfolgte nichts weiter; Eduard war
ungeduldig.
    Nun erst sah Ottilie, dass die Sonne sich hinter die Berge gesenkt hatte.
Noch zuletzt blinkte sie von den Fenstern des obern Gebäudes zurück. »Entferne
dich, Eduard!« rief Ottilie. »So lange haben wir entbehrt, so lange geduldet.
Bedenke, was wir beide Charlotten schuldig sind. Sie muss unser Schicksal
entscheiden, lass uns ihr nicht vorgreifen. Ich bin die Deine, wenn sie es
vergönnt; wo nicht, so muss ich dir entsagen. Da du die Entscheidung so nah
glaubst, so lass uns erwarten. Geh in das Dorf zurück, wo der Major dich
vermutet. Wie manches kann vorkommen, das eine Erklärung fordert. Ist es
wahrscheinlich, dass ein roher Kanonenschlag dir den Erfolg seiner
Unterhandlungen verkünde? Vielleicht sucht er dich auf in diesem Augenblick. Er
hat Charlotten nicht getroffen, das weiss ich; er kann ihr entgegengegangen sein,
denn man wusste, wo sie hin war. Wie vielerlei Fälle sind möglich! Lass mich!
Jetzt muss sie kommen. Sie erwartet mich mit dem Kinde dort oben.«
    Ottilie sprach in Hast. Sie rief sich alle Möglichkeiten zusammen. Sie war
glücklich in Eduards Nähe und fühlte, dass sie ihn jetzt entfernen müsse. »Ich
bitte, ich beschwöre dich, Geliebter!« rief sie aus, »kehre zurück und erwarte
den Major!« - »Ich gehorche deinen Befehlen,« rief Eduard, indem er sie erst
leidenschaftlich anblickte und sie dann fest in seine Arme schloss. Sie umschlang
ihn mit den ihrigen und drückte ihn auf das zärtlichste an ihre Brust. Die
Hoffnung fuhr wie ein Stern, der vom Himmel fällt, über ihre Häupter weg. Sie
wähnten, sie glaubten einander anzugehören; sie wechselten zum erstenmal
entschiedene, freie Küsse und trennten sich gewaltsam und schmerzlich.
    Die Sonne war untergegangen, und es dämmerte schon und duftete feucht um den
See. Ottilie stand verwirrt und bewegt; sie sah nach dem Berghause hinüber und
glaubte Charlottens weisses Kleid auf dem Altan zu sehen. Der Umweg war gross am
See hin; sie kannte Charlottens ungeduldiges Harren nach dem Kinde. Die Platanen
sieht sie gegen sich über, nur ein Wasserraum trennt sie von dem Pfade, der
sogleich zu dem Gebäude hinaufführt. Mit Gedanken ist sie schon drüben wie mit
den Augen. Die Bedenklichkeit, mit dem Kinde sich aufs Wasser zu wagen,
verschwindet in diesem Drange. Sie eilt nach dem Kahn, sie fühlt nicht, dass ihr
Herz pocht, dass ihre Füsse schwanken, dass ihr die Sinne zu vergehen drohn.
    Sie springt in den Kahn, ergreift das Ruder und stösst ab. Sie muss Gewalt
brauchen, sie wiederholt den Stoss, der Kahn schwankt und gleitet eine Strecke
seewärts. Auf dem linken Arme das Kind, in der linken Hand das Buch, in der
rechten das Ruder, schwankt auch sie und fällt in den Kahn. Das Ruder entfährt
ihr nach der einen Seite und, wie sie sich erhalten will, Kind und Buch nach der
andern, alles ins Wasser. Sie ergreift noch des Kindes Gewand; aber ihre
unbequeme Lage hindert sie selbst am Aufstehen. Die freie rechte Hand ist nicht
hinreichend sich umzuwenden, sich aufzurichten; endlich gelingts, sie zieht das
Kind aus dem Wasser, aber seine Augen sind geschlossen, es hat aufgehört zu
atmen.
    In dem Augenblicke kehrt ihre ganze Besonnenheit zurück, aber um desto
grösser ist ihr Schmerz. Der Kahn treibt fast in der Mitte des Sees, das Ruder
schwimmt fern, sie erblickt niemanden am Ufer, und auch was hätte es ihr
geholfen, jemanden zu sehen! Von allem abgesondert, schwebt sie auf dem
treulosen, unzugänglichen Elemente.
    Sie sucht Hülfe bei sich selbst. So oft hatte sie von Rettung der
Ertrunkenen gehört. Noch am Abend ihres Geburtstags hatte sie es erlebt. Sie
entkleidet das Kind und trocknets mit ihrem Musselingewand. Sie reisst ihren
Busen auf und zeigt ihn zum erstenmal dem freien Himmel; zum erstenmal drückt
sie ein Lebendiges an ihre reine nackte Brust, ach! und kein Lebendiges. Die
kalten Glieder des unglücklichen Geschöpfs verkälten ihren Busen bis ins
innerste Herz. Unendliche Tränen entquellen ihren Augen und erteilen der
Oberfläche des Erstarrten einen Schein von Wärme und Leben. Sie lässt nicht nach,
sie überhüllt es mit ihrem Schal, und durch Streicheln, Andrücken, Anhauchen,
Küssen, Tränen glaubt sie jene Hülfsmittel zu ersetzen, die ihr in dieser
Abgeschnittenheit versagt sind.
    Alles vergebens! Ohne Bewegung liegt das Kind in ihren Armen, ohne Bewegung
steht der Kahn auf der Wasserfläche; aber auch hier lässt ihr schönes Gemüt sie
nicht hülflos. Sie wendet sich nach oben. Knieend sinkt sie in dem Kahne nieder
und hebt das erstarrte Kind mit beiden Armen über ihre unschuldige Brust, die an
Weisse und leider auch an Kälte dem Marmor gleicht. Mit feuchtem Blick sieht sie
empor und ruft Hülfe von daher, wo ein zartes Herz die grösste Fülle zu finden
hofft, wenn es überall mangelt.
    Auch wendet sie sich nicht vergebens zu den Sternen, die schon einzeln
hervorzublinken anfangen. Ein sanfter Wind erhebt sich und treibt den Kahn nach
den Platanen.
 
                              Vierzehntes Kapitel
Sie eilt nach dem neuen Gebäude, sie ruft den Chirurgus hervor, sie übergibt ihm
das Kind. Der auf alles gefasste Mann behandelt den zarten Leichnam stufenweise
nach gewohnter Art. Ottilie steht ihm in allem bei; sie schafft, sie bringt, sie
sorgt, zwar wie in einer andern Welt wandelnd, denn das höchste Unglück wie das
höchste Glück verändert die Ansicht aller Gegenstände; und nur, als nach allen
durch gegangenen Versuchen der wackere Mann den Kopf schüttelt, auf ihre
hoffnungsvollen Fragen erst schweigend, dann mit einem leisen Nein antwortet,
verlässt sie das Schlafzimmer Charlottens, worin dies alles geschehen, und kaum
hat sie das Wohnzimmer betreten, so fällt sie, ohne den Sofa erreichen zu
können, erschöpft aufs Angesicht über den Teppich hin.
    Eben hört man Charlotten vorfahren. Der Chirurg bittet die Umstehenden
dringend, zurückzubleiben, er will ihr entgegnen, sie vorbereiten; aber schon
betritt sie ihr Zimmer. Sie findet Ottilien an der Erde, und ein Mädchen des
Hauses stürzt ihr mit Geschrei und Weinen entgegen. Der Chirurg tritt herein,
und sie erfährt alles auf einmal. Wie sollte sie aber jede Hoffnung mit einmal
aufgeben! Der erfahrne, kunstreiche, kluge Mann bittet sie nur, das Kind nicht
zu sehen; er entfernt sich, sie mit neuen Anstalten zu täuschen. Sie hat sich
auf ihren Sofa gesetzt, Ottilie liegt noch an der Erde, aber an der Freundin
Kniee herangehoben, über die ihr schönes Haupt hingesenkt ist. Der ärztliche
Freund geht ab und zu; er scheint sich um das Kind zu bemühen, er bemüht sich um
die Frauen. So kommt die Mitternacht herbei, die Totenstille wird immer tiefer.
Charlotte verbirgt sichs nicht mehr, dass das Kind nie wieder ins Leben
zurückkehre; sie verlangt es zu sehen. Man hat es in warme wollne Tücher
reinlich eingehüllt, in einen Korb gelegt, den man neben sie auf den Sofa setzt;
nur das Gesichtchen ist frei; ruhig und schön liegt es da.
    Von dem Unfall war das Dorf bald erregt worden und die Kunde sogleich bis
nach dem Gastof erschollen. Der Major hatte sich die bekannten Wege
hinaufbegeben; er ging um das Haus herum, und indem er einen Bedienten anhielt,
der in dem Angebäude etwas zu holen lief, verschafte er sich nähere Nachricht
und liess den Chirurgen herausrufen. Dieser kam, erstaunt über die Erscheinung
seines alten Gönners, berichtete ihm die gegenwärtige Lage und übernahm es,
Charlotten auf seinen Anblick vorzubereiten. Er ging hinein, fing ein
ableitendes Gespräch an und führte die Einbildungskraft von einem Gegenstand auf
den andern, bis er endlich den Freund Charlotten vergegenwärtigte, dessen
gewisse Teilnahme, dessen Nähe dem Geiste, der Gesinnung nach, die er denn bald
in eine wirkliche übergehen liess. Genug, sie erfuhr, der Freund stehe vor der
Tür, er wisse alles und wünsche eingelassen zu werden.
    Der Major trat herein; ihn begrüsste Charlotte mit einem schmerzlichen
Lächeln. Er stand vor ihr. Sie hub die grünseidne Decke auf, die den Leichnam
verbarg, und bei dem dunklen Schein einer Kerze erblickte er nicht ohne geheimes
Grausen sein erstarrtes Ebenbild. Charlotte deutete auf einen Stuhl, und so
sassen sie gegeneinander über, schweigend, die Nacht hindurch. Ottilie lag noch
ruhig auf den Knieen Charlottens; sie atmete sanft; sie schlief, oder sie schien
zu schlafen.
    Der Morgen dämmerte, das Licht verlosch, beide Freunde schienen aus einem
dumpfen Traum zu erwachen. Charlotte blickte den Major an und sagte gefasst:
»Erklären Sie mir, mein Freund, durch welche Schickung kommen Sie hieher, um
teil an dieser Trauerszene zu nehmen?«
    »Es ist hier,« antwortete der Major ganz leise, wie sie gefragt hatte - als
wenn sie Ottilien nicht aufwecken wollten -, »es ist hier nicht Zeit und Ort,
zurückzuhalten, Einleitungen zu machen und sachte heranzutreten. Der Fall, in
dem ich Sie finde, ist so ungeheuer, dass das Bedeutende selbst, weshalb ich
komme, dagegen seinen Wert verliert.«
    Er gestand ihr darauf ganz ruhig und einfach den Zweck seiner Sendung,
insofern Eduard ihn abgeschickt hatte, den Zweck seines Kommens, insofern sein
freier Wille, sein eigenes Interesse dabei war. Er trug beides sehr zart, doch
aufrichtig vor; Charlotte hörte gelassen zu und schien weder darüber zu staunen
noch unwillig zu sein.
    Als der Major geendigt hatte, antwortete Charlotte mit ganz leiser Stimme,
so dass er genötigt war, seinen Stuhl heranzurücken: »In einem Falle, wie dieser
ist, habe ich mich noch nie befunden, aber in ähnlichen habe ich mir immer
gesagt: Wie wird es morgen sein? Ich fühle recht wohl, dass das Los von mehreren
jetzt in meinen Händen liegt; und was ich zu tun habe, ist bei mir ausser Zweifel
und bald ausgesprochen. Ich willige in die Scheidung. Ich hätte mich früher dazu
entschliessen sollen; durch mein Zaudern mein Widerstreben habe ich das Kind
getötet. Es sind gewisse Dinge, die sich das Schicksal hartnäckig vornimmt.
Vergebens, dass Vernunft und Tugend, Pflicht und alles Heilige sich ihm in den
Weg stellen: es soll etwas geschehen, was ihm recht ist, was uns nicht recht
scheint; und so greift es zuletzt durch, wir mögen uns gebärden, wie wir wollen.
    Doch was sag ich! Eigentlich will das Schicksal meinen eigenen Wunsch,
meinen eigenen Vorsatz, gegen die ich unbedachtsam gehandelt, wieder in den Weg
bringen. Habe ich nicht selbst schon Ottilien und Eduarden mir als das
schicklichste Paar zusammengedacht? Habe ich nicht selbst beide einander zu
nähern gesucht? Waren Sie nicht selbst, mein Freund, Mitwisser dieses Plans? Und
warum konnte ich den Eigensinn eines Mannes nicht von wahrer Liebe
unterscheiden? Warum nahm ich seine Hand an, da ich als Freundin ihn und eine
andre Gattin glücklich gemacht hätte?
    Und betrachten Sie nur diese unglückliche Schlummernde! Ich zittere vor dem
Augenblicke, wenn sie aus ihrem halben Totenschlafe zum Bewusstsein erwacht. Wie
soll sie leben, wie soll sie sich trösten, wenn sie nicht hoffen kann, durch
ihre Liebe Eduarden das zu ersetzen, was sie ihm als Werkzeug des wunderbarsten
Zufalls geraubt hat? Und sie kann ihm alles wiedergeben nach der Neigung, nach
der Leidenschaft, mit der sie ihn liebt. Vermag die Liebe, alles zu dulden, so
vermag sie noch viel mehr, alles zu ersetzen. An mich darf in diesem Augenblick
nicht gedacht werden.
    Entfernen Sie sich in der Stille, lieber Major. Sagen Sie Eduarden, dass ich
in die Scheidung willige, dass ich ihm, Ihnen, Mittlern die ganze Sache
einzuleiten überlasse, dass ich um meine künftige Lage unbekümmert bin und es in
jedem Sinne sein kann. Ich will jedes Papier unterschreiben, das man mir bringt;
aber man verlange nur nicht von mir, dass ich mitwirke, dass ich bedenke, dass ich
berate.«
    Der Major stand auf. Sie reichte ihm ihre Hand über Ottilien weg. Er drückte
seine Lippen auf diese liebe Hand. »Und für mich, was darf ich hoffen?« lispelte
er leise.
    »Lassen Sie mich Ihnen die Antwort schuldig bleiben,« versetzte Charlotte.
»Wir haben nicht verschuldet, unglücklich zu werden, aber auch nicht verdient,
zusammen glücklich zu sein.«
    Der Major entfernte sich, Charlotten tief im Herzen beklagend, ohne jedoch
das arme abgeschiedene Kind bedauern zu können. Ein solches Opfer schien ihm
nötig zu ihrem allseitigen Glück. Er dachte sich Ottilien mit einem eignen Kind
auf dem Arm, als den vollkommensten Ersatz für das, was sie Eduarden geraubt; er
dachte sich einen Sohn auf dem Schosse, der mit mehrerem Recht sein Ebenbild
trüge als der abgeschiedene.
    So schmeichelnde Hoffnungen und Bilder gingen ihm durch die Seele, als er
auf dem Rückwege nach dem Gastofe Eduarden fand, der die ganze Nacht im Freien
den Major erwartet hatte, da ihm kein Feuerzeichen, kein Donnerlaut ein
glückliches Gelingen verkünden wollte. Er wusste bereits von dem Unglück, und
auch er, anstatt das arme Geschöpf zu bedauern, sah diesen Fall, ohne sichs ganz
gestehen zu wollen, als eine Fügung an, wodurch jedes Hindernis an seinem Glück
auf einmal beseitigt wäre. Gar leicht liess er sich daher durch den Major
bewegen, der ihm schnell den Entschluss seiner Gattin verkündigte, wieder nach
jenem Dorfe und sodann nach der kleinen Stadt zurückzukehren, wo sie das Nächste
überlegen und einleiten wollten.
    Charlotte sass, nachdem der Major sie verlassen hatte, nur wenige Minuten in
ihre Betrachtungen versenkt; denn sogleich richtete Ottilie sich auf, ihre
Freundin mit grossen Augen anblickend. Erst erhob sie sich von dem Schosse, dann
von der Erde und stand vor Charlotten.
    »Zum zweitenmal« - so begann das herrliche Kind mit einem unüberwindlichen,
anmutigen Ernst - »zum zweitenmal widerfährt mir dasselbige. Du sagtest mir
einst, es begegne den Menschen in ihrem Leben oft Ähnliches auf ähnliche Weise
und immer in bedeutenden Augenblicken. Ich finde nun die Bemerkung wahr und bin
gedrungen, dir ein Bekenntnis zu machen. Kurz nach meiner Mutter Tode, als ein
kleines Kind, hatte ich meinen Schemel an dich gerückt; du sassest auf dem Sofa
wie jetzt; mein Haupt lag auf deinen Knieen, ich schlief nicht, ich wachte
nicht; ich schlummerte. Ich vernahm alles, was um mich vorging, besonders alle
Reden sehr deutlich; und doch konnte ich mich nicht regen, mich nicht äussern
und, wenn ich auch gewollt hätte, nicht andeuten, dass ich meiner selbst mich
bewusst fühlte. Damals sprachst du mit einer Freundin über mich; du bedauertest
mein Schicksal, als eine arme Waise in der Welt geblieben zu sein; du
schildertest meine abhängige Lage und wie misslich es um mich stehen könne, wenn
nicht ein besondrer Glücksstern über mich walte. Ich fasste alles wohl und genau,
vielleicht zu streng, was du für mich zu wünschen, was du von mir zu fordern
schienst. Ich machte mir nach meinen beschränkten Einsichten hierüber Gesetze;
nach diesen habe ich lange gelebt, nach ihnen war mein Tun und Lassen
eingerichtet zu der Zeit, da du mich liebtest, für mich sorgtest, da du mich in
dein Haus aufnahmst, und auch noch eine Zeit hernach.
    Aber ich bin aus meiner Bahn geschritten, ich habe meine Gesetze gebrochen,
ich habe sogar das Gefühl derselben verloren, und nach einem schrecklichen
Ereignis klärst du mich wieder über meinen Zustand auf, der jammervoller ist als
der erste. Auf deinem Schosse ruhend, halb erstarrt, wie aus einer fremden Welt
vernehm ich abermals deine leise Stimme über meinem Ohr; ich vernehme, wie es
mit mir selbst aussieht; ich schaudere über mich selbst; aber wie damals habe
ich auch diesmal in meinem halben Totenschlaf mir meine neue Bahn vorgezeichnet.
    Ich bin entschlossen, wie ichs war, und wozu ich entschlossen bin, musst du
gleich erfahren. Eduards werd ich nie! Auf eine schreckliche Weise hat Gott mir
die Augen geöffnet, in welchem Verbrechen ich befangen bin. Ich will es büssen;
und niemand gedenke mich von meinem Vorsatz abzubringen! Darnach, Liebe, Beste,
nimm deine Massregeln. Lass den Major zurückkommen; schreibe ihm, dass keine
Schritte geschehen. Wie ängstlich war mir, dass ich mich nicht rühren und regen
konnte, als er ging. Ich wollte auffahren, aufschreien: du solltest ihn nicht
mit so frevelhaften Hoffnungen entlassen.«
    Charlotte sah Ottiliens Zustand, sie empfand ihn; aber sie hoffte durch Zeit
und Vorstellungen etwas über sie zu gewinnen. Doch als sie einige Worte
aussprach, die auf eine Zukunft, auf eine Milderung des Schmerzes, auf Hoffnung
deuteten: »Nein!« rief Ottilie mit Erhebung; »sucht mich nicht zu bewegen, nicht
zu hintergehen! In dem Augenblick, in dem ich erfahre, du habest in die
Scheidung gewilligt, büsse ich in demselbigen See mein Vergehen, mein
Verbrechen.«
 
                              Funfzehntes Kapitel
Wenn sich in einem glücklichen, friedlichen Zusammenleben Verwandte, Freunde,
Hausgenossen, mehr als nötig und billig ist, von dem unterhalten, was geschieht
oder geschehen soll, wenn sie sich einander ihre Vorsätze, Unternehmungen,
Beschäftigungen wiederholt mitteilen und, ohne gerade wechselseitigen Rat
anzunehmen, doch immer das ganze Leben gleichsam ratschlagend behandeln, so
findet man dagegen in wichtigen Momenten, eben da, wo es scheinen sollte, der
Mensch bedürfe fremden Beistandes, fremder Bestätigung am allermeisten, dass sich
die einzelnen auf sich selbst zurückziehen, jedes für sich zu handeln, jedes auf
seine Weise zu wirken strebt und, indem man sich einander die einzelnen Mittel
verbirgt, nur erst der Ausgang, die Zwecke, das Erreichte wieder zum Gemeingut
werden.
    Nach so viel wundervollen und unglücklichen Ereignissen war denn auch ein
gewisser stiller Ernst über die Freundinnen gekommen, der sich in einer
liebenswürdigen Schonung äusserte. Ganz in der Stille hatte Charlotte das Kind
nach der Kapelle gesendet. Es ruhte dort als das erste Opfer eines ahnungsvollen
Verhängnisses.
    Charlotte kehrte sich, soviel es ihr möglich war, gegen das Leben zurück,
und hier fand sie Ottilien zuerst, die ihres Beistandes bedurfte. Sie
beschäftigte sich vorzüglich mit ihr, ohne es jedoch merken zu lassen. Sie
wusste, wie sehr das himmlische Kind Eduarden liebte; sie hatte nach und nach die
Szene, die dem Unglück vorhergegangen war, herausgeforscht und jeden Umstand
teils von Ottilien selbst, teils durch Briefe des Majors erfahren.
    Ottilie von ihrer Seite erleichterte Charlotten sehr das augenblickliche
Leben. Sie war offen, ja gesprächig, aber niemals war von dem Gegenwärtigen oder
kurz Vergangenen die Rede. Sie hatte stets aufgemerkt, stets beobachtet, sie
wusste viel; das kam jetzt alles zum Vorschein. Sie unterhielt, sie zerstreute
Charlotten, die noch immer die stille Hoffnung nährte, ein ihr so wertes Paar
verbunden zu sehen.
    Allein bei Ottilien hing es anders zusammen. Sie hatte das Geheimnis ihres
Lebensganges der Freundin entdeckt; sie war von ihrer frühen Einschränkung, von
ihrer Dienstbarkeit entbunden. Durch ihre Reue, durch ihren Entschluss fühlte sie
sich auch befreit von der Last jenes Vergehens, jenes Missgeschicks. Sie bedurfte
keiner Gewalt mehr über sich selbst; sie hatte sich in der Tiefe ihres Herzens
nur unter der Bedingung des völligen Entsagens verziehen, und diese Bedingung
war für alle Zukunft unerlässlich.
    So verfloss einige Zeit, und Charlotte fühlte, wie sehr Haus und Park, Seen,
Felsen- und Baumgruppen nur traurige Empfindungen täglich in ihnen beiden
erneuerten. Dass man den Ort verändern müsse, war allzu deutlich, wie es
geschehen solle, nicht so leicht zu entscheiden.
    Sollten die beiden Frauen zusammenbleiben? Eduards früherer Wille schien es
zu gebieten, seine Erklärung, seine Drohung es nötig zu machen; allein wie war
es zu verkennen, dass beide Frauen mit allem guten Willen, mit aller Vernunft,
mit aller Anstrengung sich in einer peinlichen Lage nebeneinander befanden? Ihre
Unterhaltungen waren vermeidend. Manchmal mochte man gern etwas nur halb
verstehen, öfters wurde aber doch ein Ausdruck, wo nicht durch den Verstand,
wenigstens durch die Empfindung missdeutet. Man fürchtete sich zu verletzen, und
gerade die Furcht war am ersten verletzbar und verletzte am ersten.
    Wollte man den Ort verändern und sich zugleich, wenigstens auf einige Zeit,
voneinander trennen, so trat die alte Frage wieder hervor, wo sich Ottilie
hinbegeben solle. Jenes grosse, reiche Haus hatte vergebliche Versuche gemacht,
einer hoffnungsvollen Erbtochter unterhaltende und wetteifernde Gespielinnen zu
verschaffen. Schon bei der letzten Anwesenheit der Baronesse und neuerlich durch
Briefe war Charlotte aufgefordert worden, Ottilien dortin zu senden; jetzt
brachte sie es abermals zur Sprache. Ottilie verweigerte aber ausdrücklich,
dahin zu gehen, wo sie dasjenige finden würde, was man grosse Welt zu nennen
pflegt.
    »Lassen Sie mich, liebe Tante,« sagte sie, »damit ich nicht eingeschränkt
und eigensinnig erscheine, dasjenige aussprechen, was zu verschweigen, zu
verbergen in einem andern Falle Pflicht wäre. Ein seltsam unglücklicher Mensch,
und wenn er auch schuldlos wäre, ist auf eine fürchterliche Weise gezeichnet.
Seine Gegenwart erregt in allen, die ihn sehen, die ihn gewahr werden, eine Art
von Entsetzen. Jeder will das Ungeheure ihm ansehen, was ihm auferlegt ward;
jeder ist neugierig und ängstlich zugleich. So bleibt ein Haus, eine Stadt,
worin eine ungeheure Tat geschehen, jedem furchtbar, der sie betritt. Dort
leuchtet das Licht des Tages nicht so hell, und die Sterne scheinen ihren Glanz
zu verlieren.
    Wie gross und doch vielleicht zu entschuldigen ist gegen solche Unglückliche
die Indiskretion der Menschen, ihre alberne Zudringlichkeit und ungeschickte
Gutmütigkeit! Verzeihen Sie mir, dass ich so rede; aber ich habe unglaublich mit
jenem armen Mädchen gelitten, als es Luciane aus den verborgenen Zimmern des
Hauses hervorzog, sich freundlich mit ihm beschäftigte, es in der besten Absicht
zu Spiel und Tanz nötigen wollte. Als das arme Kind bange und immer bänger
zuletzt floh und in Ohnmacht sank, ich es in meine Arme fasste, die Gesellschaft
erschreckt, aufgeregt und jeder erst recht neugierig auf die Unglückselige ward,
da dachte ich nicht, dass mir ein gleiches Schicksal bevorstehe; aber mein
Mitgefühl, so wahr und lebhaft, ist noch lebendig. Jetzt kann ich mein Mitleiden
gegen mich selbst wenden und mich hüten, dass ich nicht zu ähnlichen Auftritten
Anlass gebe.«
    »Du wirst aber, liebes Kind,« versetzte Charlotte, »dem Anblick der Menschen
dich nirgends entziehen können. Klöster haben wir nicht, in denen sonst eine
Freistatt für solche Gefühle zu finden war.«
    »Die Einsamkeit macht nicht die Freistatt, liebe Tante,« versetzte Ottilie.
»Die schätzenswerteste Freistatt ist da zu suchen, wo wir tätig sein können.
Alle Büssungen, alle Entbehrungen sind keineswegs geeignet, uns einem
ahnungsvollen Geschick zu entziehen, wenn es uns zu verfolgen entschieden ist.
Nur wenn ich im müssigen Zustande der Welt zur Schau dienen soll, dann ist sie
mir widerwärtig und ängstigt mich. Findet man mich aber freudig bei der Arbeit,
unermüdet in meiner Pflicht, dann kann ich die Blicke eines jeden aushalten,
weil ich die göttlichen nicht zu scheuen brauche.«
    »Ich müsste mich sehr irren,« versetzte Charlotte, »wenn deine Neigung dich
nicht zur Pension zurückzöge.«
    »Ja,« versetzte Ottilie, »ich leugne es nicht; ich denke es mir als eine
glückliche Bestimmung, andre auf dem gewöhnlichen Wege zu erziehen, wenn wir auf
dem sonderbarsten erzogen worden. Und sehen wir nicht in der Geschichte, dass
Menschen, die wegen grosser sittlicher Unfälle sich in die Wüsten zurückzogen,
dort keineswegs, wie sie hofften, verborgen und gedeckt waren? Sie wurden
zurückgerufen in die Welt, um die Verirrten auf den rechten Weg zu führen; und
wer konnte es besser als die in den Irrgängen des Lebens schon Eingeweihten! Sie
wurden berufen, den Unglücklichen beizustehen; und wer vermochte das eher als
sie, denen kein irdisches Unheil mehr begegnen konnte!«
    »Du wählst eine sonderbare Bestimmung,« versetzte Charlotte. »Ich will dir
nicht widerstreben; es mag sein, wenn auch nur, wie ich hoffe, auf kurze Zeit.«
    »Wie sehr danke ich Ihnen,« sagte Ottilie, »dass Sie mir diesen Versuch,
diese Erfahrung gönnen wollen. Schmeichle ich mir nicht zu sehr, so soll es mir
glücken. An jenem Orte will ich mich erinnern, wie manche Prüfungen ich
ausgestanden und wie klein, wie nichtig sie waren gegen die, die ich nachher
erfahren musste. Wie heiter werde ich die Verlegenheiten der jungen Aufschösslinge
betrachten, bei ihren kindlichen Schmerzen lächeln und sie mit leiser Hand aus
allen kleinen Verirrungen herausführen. Der Glückliche ist nicht geeignet,
Glücklichen vorzustehen; es liegt in der menschlichen Natur, immer mehr von sich
und von andern zu fordern, je mehr man empfangen hat. Nur der Unglückliche, der
sich erholt, weiss für sich und andere das Gefühl zu nähren, dass auch ein mässiges
Gute mit Entzücken genossen werden soll.«
    »Lass mich gegen deinen Vorsatz«, sagte Charlotte zuletzt nach einigem
Bedenken, »noch einen Einwurf anführen, der mir der wichtigste scheint. Es ist
nicht von dir, es ist von einem Dritten die Rede. Die Gesinnungen des guten,
vernünftigen, frommen Gehülfen sind dir bekannt; auf dem Wege, den du gehst,
wirst du ihm jeden Tag werter und unentbehrlicher sein. Da er schon jetzt seinem
Gefühl nach nicht gern ohne dich leben mag, so wird er auch künftig, wenn er
einmal deine Mitwirkung gewohnt ist, ohne dich sein Geschäft nicht mehr
verwalten können. Du wirst ihm anfangs darin beistehen, um es ihm hernach zu
verleiden.«
    »Das Geschick ist nicht sanft mit mir verfahren,« versetzte Ottilie, »und
wer mich liebt, hat vielleicht nicht viel Besseres zu erwarten. So gut und
verständig als der Freund ist, ebenso, hoffe ich, wird sich in ihm auch die
Empfindung eines reinen Verhältnisses zu mir entwickeln; er wird in mir eine
geweihte Person erblicken, die nur dadurch ein ungeheures Übel für sich und
andre vielleicht aufzuwiegen vermag, wenn sie sich dem Heiligen widmet, das, uns
unsichtbar umgebend, allein gegen die ungeheuren zudringenden Mächte beschirmen
kann.«
    Charlotte nahm alles, was das liebe Kind so herzlich geäussert, zur stillen
Überlegung. Sie hatte verschiedentlich, obgleich auf das leiseste, angeforscht,
ob nicht eine Annäherung Ottiliens zu Eduard denkbar sei; aber auch nur die
leiseste Erwähnung, die mindeste Hoffnung, der kleinste Verdacht schien Ottilien
aufs tiefste zu rühren, ja sie sprach sich einst, da sie es nicht umgehen
konnte, hierüber ganz deutlich aus.
    »Wenn dein Entschluss,« entgegnete ihr Charlotte, »Eduarden zu entsagen, so
fest und unveränderlich ist, so hüte dich nur vor der Gefahr des Wiedersehens.
In der Entfernung von dem geliebten Gegenstande scheinen wir, je lebhafter
unsere Neigung ist, desto mehr Herr von uns selbst zu werden, indem wir die
ganze Gewalt der Leidenschaft, wie sie sich nach aussen erstreckte, nach innen
wenden; aber wie bald, wie geschwind sind wir aus diesem Irrtum gerissen, wenn
dasjenige, was wir entbehren zu können glaubten, auf einmal wieder als
unentbehrlich vor unsern Augen steht. Tue jetzt, was du deinen Zuständen am
gemässesten hältst; prüfe dich, ja verändre lieber deinen gegenwärtigen
Entschluss: aber aus dir selbst, aus freiem, wollendem Herzen. Lass dich nicht
zufällig, nicht durch Überraschung in die vorigen Verhältnisse wieder
hineinziehen; dann gibt es erst einen Zwiespalt im Gemüt, der unerträglich ist.
Wie gesagt, ehe du diesen Schritt tust, ehe du dich von mir entfernst und ein
neues Leben anfängst, das dich wer weiss auf welche Wege leitet, so bedenke noch
einmal, ob du denn wirklich für alle Zukunft Eduarden entsagen kannst. Hast du
dich aber hierzu bestimmt, so schliessen wir einen Bund, dass du dich mit ihm
nicht einlassen willst, selbst nicht in eine Unterredung, wenn er dich
aufsuchen, wenn er sich zu dir drängen sollte.« Ottilie besann sich nicht einen
Augenblick, sie gab Charlotten das Wort, das sie sich schon selbst gegeben
hatte.
    Nun aber schwebte Charlotten immer noch jene Drohung Eduards vor der Seele,
dass er Ottilien nur so lange entsagen könne, als sie sich von Charlotten nicht
trennte. Es hatten sich zwar seit der Zeit die Umstände so verändert, es war so
mancherlei vorgefallen, dass jenes vom Augenblick ihm abgedrungene Wort gegen die
folgenden Ereignisse für aufgehoben zu achten war; dennoch wollte sie auch im
entferntesten Sinne weder etwas wagen noch etwas vornehmen, das ihn verletzen
könnte, und so sollte Mittler in diesem Falle Eduards Gesinnungen erforschen.
    Mittler hatte seit dem Tode des Kindes Charlotten öfters, obgleich nur auf
Augenblicke, besucht. Dieser Unfall, der ihm die Wiedervereinigung beider Gatten
höchst unwahrscheinlich machte, wirkte gewaltsam auf ihn; aber immer nach seiner
Sinnesweise hoffend und strebend, freute er sich nun im stillen über den
Entschluss Ottiliens. Er vertraute der lindernden, vorüberziehenden Zeit, dachte
noch immer die beiden Gatten zusammenzuhalten und sah diese leidenschaftlichen
Bewegungen nur als Prüfungen ehelicher Liebe und Treue an.
    Charlotte hatte gleich anfangs den Major von Ottiliens erster Erklärung
schriftlich unterrichtet, ihn auf das inständigste gebeten, Eduarden dahin zu
vermögen, dass keine weiteren Schritte geschähen, dass man sich ruhig verhalte,
dass man abwarte, ob das Gemüt des schönen Kindes sich wieder herstelle. Auch von
den spätern Ereignissen und Gesinnungen hatte sie das Nötige mitgeteilt, und nun
war freilich Mittlern die schwierige Aufgabe übertragen, auf eine Veränderung
des Zustandes Eduarden vorzubereiten. Mittler aber, wohl wissend, dass man das
Geschehene sich eher gefallen lässt, als dass man in ein noch zu Geschehendes
einwilligt, überredete Charlotten, es sei das beste, Ottilien gleich nach der
Pension zu schicken.
    Deshalb wurden, sobald er weg war, Anstalten zur Reise gemacht. Ottilie
packte zusammen, aber Charlotte sah wohl, dass sie weder das schöne Köfferchen
noch irgend etwas daraus mitzunehmen sich anschickte. Die Freundin schwieg und
liess das schweigende Kind gewähren. Der Tag der Abreise kam herbei; Charlottens
Wagen sollte Ottilien den ersten Tag bis in ein bekanntes Nachtquartier, den
zweiten bis in die Pension bringen; Nanny sollte sie begleiten und ihre Dienerin
bleiben. Das leidenschaftliche Mädchen hatte sich gleich nach dem Tode des
Kindes wieder an Ottilien zurückgefunden und hing nun an ihr wie sonst durch
Natur und Neigung, ja sie schien durch unterhaltende Redseligkeit das bisher
Versäumte wieder nachbringen und sich ihrer geliebten Herrin völlig widmen zu
wollen. Ganz ausser sich war sie nun über das Glück, mitzureisen, fremde Gegenden
zu sehen, da sie noch niemals ausser ihrem Geburtsort gewesen, und rannte vom
Schloss ins Dorf, zu ihren Eltern, Verwandten, um ihr Glück zu verkündigen und
Abschied zu nehmen. Unglücklicherweise traf sie dabei in die Zimmer der
Maserkranken und empfand sogleich die Folgen der Ansteckung. Man wollte die
Reise nicht aufschieben; Ottilie drang selbst darauf; sie hatte den Weg schon
gemacht, sie kannte die Wirtsleute, bei denen sie einkehren sollte; der Kutscher
vom Schloss führte sie; es war nichts zu besorgen.
    Charlotte widersetzte sich nicht; auch sie eilte schon in Gedanken aus
diesen Umgebungen weg, nur wollte sie noch die Zimmer, die Ottilie im Schloss
bewohnt hatte, wieder für Eduarden einrichten, gerade so wie sie vor der Ankunft
des Hauptmanns gewesen. Die Hoffnung, ein altes Glück wiederherzustellen, flammt
immer einmal wieder in dem Menschen auf, und Charlotte war zu solchen Hoffnungen
abermals berechtigt, ja genötigt.
 
                              Sechzehntes Kapitel
Als Mittler gekommen war, sich mit Eduarden über die Sache zu unterhalten, fand
er ihn allein, den Kopf in die rechte Hand gelehnt, den Arm auf den Tisch
gestemmt. Er schien sehr zu leiden. »Plagt Ihr Kopfweh Sie wieder?« fragte
Mittler. »Es plagt mich,« versetzte jener; »und doch kann ich es nicht hassen,
denn es erinnert mich an Ottilien. Vielleicht leidet auch sie jetzt, denk ich,
auf ihren linken Arm gestützt, und leidet wohl mehr als ich. Und warum soll ich
es nicht tragen wie sie? Diese Schmerzen sind mir heilsam, sind mir, ich kann
beinah sagen, wünschenswert; denn nur mächtiger, deutlicher, lebhafter schwebt
mir das Bild ihrer Geduld, von allen ihren übrigen Vorzügen begleitet, vor der
Seele, nur im Leiden empfinden wir recht vollkommen alle die grossen
Eigenschaften, die nötig sind, um es zu ertragen.«
    Als Mittler den Freund in diesem Grade resigniert fand, hielt er mit seinem
Anbringen nicht zurück, das er jedoch stufenweise, wie der Gedanke bei den
Frauen entsprungen, wie er nach und nach zum Vorsatz gereift war, historisch
vortrug. Eduard äusserte sich kaum dagegen. Aus dem wenigen, was er sagte, schien
hervorzugehen, dass er jenen alles überlasse; sein gegenwärtiger Schmerz schien
ihn gegen alles gleichgültig gemacht zu haben.
    Kaum war er allein, so stand er auf und ging in dem Zimmer hin und wider. Er
fühlte seinen Schmerz nicht mehr, er war ganz ausser sich beschäftigt. Schon
unter Mittlers Erzählung hatte die Einbildungskraft des Liebenden sich lebhaft
ergangen. Er sah Ottilien allein oder so gut als allein auf wohlbekanntem Wege,
in einem gewohnten Wirtshause, dessen Zimmer er so oft betreten; er dachte, er
überlegte, oder vielmehr er dachte, er überlegte nicht; er wünschte, er wollte
nur. Er musste sie sehn, sie sprechen. Wozu, warum, was daraus entstehen sollte,
davon konnte die Rede nicht sein. Er widerstand nicht, er musste.
    Der Kammerdiener ward ins Vertrauen gezogen und erforschte sogleich Tag und
Stunde, wann Ottilie reisen würde. Der Morgen brach an; Eduard säumte nicht,
unbegleitet sich zu Pferde dahin zu begeben, wo Ottilie übernachten sollte. Er
kam nur allzuzeitig dort an; die überraschte Wirtin empfing ihn mit Freuden; sie
war ihm ein grosses Familienglück schuldig geworden. Er hatte ihrem Sohn, der als
Soldat sich sehr brav gehalten, ein Ehrenzeichen verschafft, indem er dessen
Tat, wobei er allein gegenwärtig gewesen, heraushob, mit Eifer bis vor den
Feldherrn brachte und die Hindernisse einiger Misswollenden überwand. Sie wusste
nicht, was sie ihm alles zuliebe tun sollte. Sie räumte schnell in ihrer
Putzstube, die freilich auch zugleich Garderobe und Vorratskammer war, möglichst
zusammen; allein er kündigte ihr die Ankunft eines Frauenzimmers an, die hier
hereinziehen sollte, und liess für sich eine Kammer hinten auf dem Gange
notdürftig einrichten. Der Wirtin erschien die Sache geheimnisvoll, und es war
ihr angenehm, ihrem Gönner, der sich dabei sehr interessiert und tätig zeigte,
etwas Gefälliges zu erweisen. Und er, mit welcher Empfindung brachte er die
lange, lange Zeit bis zum Abend hin! Er betrachtete das Zimmer ringsumher, in
dem er sie sehen sollte; es schien ihm in seiner ganzen häuslichen Seltsamkeit
ein himmlischer Aufentalt. Was dachte er sich nicht alles aus, ob er Ottilien
überraschen, ob er sie vorbereiten sollte! Endlich gewann die letztere Meinung
Oberhand; er setzte sich hin und schrieb. Dies Blatt sollte sie empfangen.
                               Eduard an Ottilien
»Indem du diesen Brief liesest, Geliebteste, bin ich in deiner Nähe. Du musst
nicht erschrecken, dich nicht entsetzen; du hast von mir nichts zu befürchten.
Ich werde mich nicht zu dir drängen. Du siehst mich nicht eher, als du es
erlaubst.
    Bedenke vorher deine Lage, die meinige. Wie sehr danke ich dir, dass du
keinen entscheidenden Schritt zu tun vorhast; aber bedeutend genug ist er. Tu
ihn nicht! Hier, auf einer Art von Scheideweg, überlege nochmals: Kannst du mein
sein, willst du mein sein? O du erzeigst uns allen eine grosse Wohltat und mir
eine überschwengliche.
    Lass mich dich wiedersehen, dich mit Freuden wiedersehen. Lass mich die schöne
Frage mündlich tun und beantworte sie mir mit deinem schönen Selbst. An meine
Brust, Ottilie! hieher, wo du manchmal geruht hast und wo du immer hingehörst!«
Indem er schrieb, ergriff ihn das Gefühl, sein Höchstersehntes nahe sich, es
werde nun gleich gegenwärtig sein. Zu dieser Türe wird sie hereintreten, diesen
Brief wird sie lesen, wirklich wird sie wie sonst vor mir dastehen, deren
Erscheinung ich mir so oft herbeisehnte. Wird sie noch dieselbe sein? Hat sich
ihre Gestalt, haben sich ihre Gesinnungen verändert? Er hielt die Feder noch in
der Hand, er wollte schreiben, wie er dachte; aber der Wagen rollte in den Hof.
Mit flüchtiger Feder setzte er noch hinzu: »Ich höre dich kommen. Auf einen
Augenblick leb wohl!«
    Er faltete den Brief, überschrieb ihn; zum Siegeln war es zu spät. Er sprang
in die Kammer, durch die er nachher auf den Gang zu gelangen wusste, und
augenblicks fiel ihm ein, dass er die Uhr mit dem Petschaft noch auf dem Tisch
gelassen. Sie sollte diese nicht zuerst sehen; er sprang zurück und holte sie
glücklich weg. Vom Vorsaal her vernahm er schon die Wirtin, die auf das Zimmer
losging, um es dem Gast anzuweisen. Er eilte gegen die Kammertür, aber sie war
zugefahren. Den Schlüssel hatte er beim Hineinspringen heruntergeworfen, der lag
inwendig; das Schloss war zugeschnappt, und er stund gebannt. Heftig drängte er
an der Türe; sie gab nicht nach. O wie hätte er gewünscht, als ein Geist durch
die Spalten zu schlüpfen! Vergebens! Er verbarg sein Gesicht an den Türpfosten.
Ottilie trat herein, die Wirtin, als sie ihn erblickte, zurück. Auch Ottilien
konnte er nicht einen Augenblick verborgen bleiben. Er wendete sich gegen sie,
und so standen die Liebenden abermals auf die seltsamste Weise gegeneinander.
Sie sah ihn ruhig und ernstaft an, ohne vor - oder zurückzugehen, und als er
eine Bewegung machte, sich ihr zu nähern, trat sie einige Schritte zurück bis an
den Tisch. Auch er trat wieder zurück. »Ottilie,« rief er aus, »lass mich das
furchtbare Schweigen brechen! Sind wir nur Schatten, die einander
gegenüberstehen? Aber vor allen Dingen höre! es ist ein Zufall, dass du mich
gleich jetzt hier findest. Neben dir liegt ein Brief, der dich vorbereiten
sollte. Lies, ich bitte dich, lies ihn! und dann beschliesse, was du kannst.«
    Sie blickte herab auf den Brief, und nach einigem Besinnen nahm sie ihn auf,
erbrach und las ihn. Ohne die Miene zu verändern, hatte sie ihn gelesen, und so
legte sie ihn leise weg; dann drückte sie die flachen, in die Höhe gehobenen
Hände zusammen, führte sie gegen die Brust, indem sie sich nur wenig vorwärts
neigte, und sah den dringend Fordernden mit einem solchen Blick an, dass er von
allem abzustehen genötigt war, was er verlangen oder wünschen mochte. Diese
Bewegung zerriss ihm das Herz. Er konnte den Anblick, er konnte die Stellung
Ottiliens nicht ertragen. Es sah völlig aus, als würde sie in die Kniee sinken,
wenn er beharrte. Er eilte verzweifelnd zur Tür hinaus und schickte die Wirtin
zu der Einsamen.
    Er ging auf dem Vorsaal auf und ab. Es war Nacht geworden, im Zimmer blieb
es stille. Endlich trat die Wirtin heraus und zog den Schlüssel ab. Die gute
Frau war gerührt, war verlegen, sie wusste nicht, was sie tun sollte. Zuletzt im
Weggehen bot sie den Schlüssel Eduarden an, der ihn ablehnte. Sie liess das Licht
stehen und entfernte sich.
    Eduard im tiefsten Kummer warf sich auf Ottiliens Schwelle, die er mit
seinen Tränen benetzte. Jammervoller brachten kaum jemals in solcher Nähe
Liebende eine Nacht zu.
    Der Tag brach an; der Kutscher trieb, die Wirtin schloss auf und trat in das
Zimmer. Sie fand Ottilien angekleidet eingeschlafen, sie ging zurück und winkte
Eduarden mit einem teilnehmenden Lächeln. Beide traten vor die Schlafende; aber
auch diesen Anblick vermochte Eduard nicht auszuhalten. Die Wirtin wagte nicht,
das ruhende Kind zu wecken, sie setzte sich gegenüber. Endlich schlug Ottilie
die schönen Augen auf und richtete sich auf ihre Füsse. Sie lehnt das Frühstück
ab, und nun tritt Eduard vor sie. Er bittet sie inständig, nur ein Wort zu
reden, ihren Willen zu erklären. Er wolle allen ihren Willen, schwört er; aber
sie schweigt. Nochmals fragt er sie liebevoll und dringend, ob sie ihm angehören
wolle. Wie lieblich bewegt sie mit niedergeschlagenen Augen ihr Haupt zu einem
sanften Nein! Er fragt, ob sie nach der Pension wolle. Gleichgültig verneint sie
das. Aber als er fragt, ob er sie zu Charlotten zurückführen dürfe, bejaht sies
mit einem getrosten Neigen des Hauptes. Er eilt ans Fenster, dem Kutscher
Befehle zu geben; aber hinter ihm weg ist sie wie der Blitz zur Stube hinaus,
die Treppe hinab in dem Wagen. Der Kutscher nimmt den Weg nach dem Schloss
zurück; Eduard folgt zu Pferde in einiger Entfernung.
 
                              Siebzehntes Kapitel
Wie höchst überrascht war Charlotte, als sie Ottilien vorfahren und Eduarden zu
Pferde sogleich in den Schlosshof hereinsprengen sah! Sie eilte bis zur
Türschwelle. Ottilie steigt aus und nähert sich mit Eduarden. Mit Eifer und
Gewalt fasst sie die Hände beider Ehegatten, drückt sie zusammen und eilt auf ihr
Zimmer. Eduard wirft sich Charlotten um den Hals und zerfliesst in Tränen; er
kann sich nicht erklären, bittet, Geduld mit ihm zu haben, Ottilien beizustehen,
ihr zu helfen. Charlotte eilt auf Ottiliens Zimmer, und ihr schaudert, da sie
hineintritt; es war schon ganz ausgeräumt, nur die leeren Wände standen da. Es
erschien so weitläufig als unerfreulich. Man hatte alles weggetragen, nur das
Köfferchen, unschlüssig, wo man es hinstellen sollte, in der Mitte des Zimmers
stehengelassen. Ottilie lag auf dem Boden, Arm und Haupt über den Koffer
gestreckt. Charlotte bemüht sich um sie, fragt, was vorgegangen, und erhält
keine Antwort.
    Sie lässt ihr Mädchen, das mit Erquickungen kommt, bei Ottilien und eilt zu
Eduarden. Sie findet ihn im Saal; auch er belehrt sie nicht. Er wirft sich vor
ihr nieder, er badet ihre Hände in Tränen, er flieht auf sein Zimmer, und als
sie ihm nachfolgen will, begegnet ihr der Kammerdiener, der sie aufklärt, soweit
er vermag. Das übrige denkt sie sich zusammen und dann sogleich mit
Entschlossenheit an das, was der Augenblick fordert. Ottiliens Zimmer ist aufs
baldigste wieder eingerichtet. Eduard hat die seinigen angetroffen, bis auf das
letzte Papier, wie er sie verlassen.
    Die dreie scheinen sich wieder gegeneinander zu finden, aber Ottilie fährt
fort zu schweigen, und Eduard vermag nichts, als seine Gattin um Geduld zu
bitten, die ihm selbst zu fehlen scheint. Charlotte sendet Boten an Mittlern und
an den Major. Jener war nicht anzutreffen, dieser kommt. Gegen ihn schüttet
Eduard sein Herz aus, ihm gesteht er jeden kleinsten Umstand, und so erfährt
Charlotte, was begegnet, was die Lage so sonderbar verändert, was die Gemüter
aufgeregt.
    Sie spricht aufs liebevollste mit ihrem Gemahl. Sie weiss keine andere Bitte
zu tun als nur, dass man das Kind gegenwärtig nicht bestürmen möge. Eduard fühlt
den Wert, die Liebe, die Vernunft seiner Gattin; aber seine Neigung beherrscht
ihn ausschliesslich. Charlotte macht ihm Hoffnung, verspricht ihm, in die
Scheidung zu willigen. Er traut nicht; er ist so krank, dass ihn Hoffnung und
Glaube abwechselnd verlassen; er dringt in Charlotten, sie soll dem Major ihre
Hand zusagen; eine Art von wahnsinnigem Unmut hat ihn ergriffen. Charlotte, ihn
zu besänftigen, ihn zu erhalten, tut, was er fordert. Sie sagt dem Major ihre
Hand zu auf den Fall, dass Ottilie sich mit Eduarden verbinden wolle, jedoch
unter ausdrücklicher Bedingung, dass die beiden Männer für den Augenblick
zusammen eine Reise machen. Der Major hat für seinen Hof ein auswärtiges
Geschäft, und Eduard verspricht, ihn zu begleiten. Man macht Anstalten, und man
beruhigt sich einigermassen, indem wenigstens etwas geschieht.
    Unterdessen kann man bemerken, dass Ottilie kaum Speise noch Trank zu sich
nimmt, indem sie immerfort bei ihrem Schweigen verharrt. Man redet ihr zu, sie
wird ängstlich; man unterlässt es. Denn haben wir nicht meistenteils die
Schwäche, dass wir jemanden auch zu seinem Besten nicht gern quälen mögen?
Charlotte sann alle Mittel durch, endlich geriet sie auf den Gedanken, jenen
Gehülfen aus der Pension kommen zu lassen, der über Ottilien viel vermochte, der
wegen ihres unvermuteten Aussenbleibens sich sehr freundlich geäussert, aber keine
Antwort erhalten hatte.
    Man spricht, um Ottilien nicht zu überraschen, von diesem Vorsatz in ihrer
Gegenwart. Sie scheint nicht einzustimmen; sie bedenkt sich; endlich scheint ein
Entschluss in ihr zu reifen, sie eilt nach ihrem Zimmer und sendet noch vor Abend
an die Versammelten folgendes Schreiben.
                              Ottilie den Freunden
»Warum soll ich ausdrücklich sagen, meine Geliebten, was sich von selbst
versteht? Ich bin aus meiner Bahn geschritten, und ich soll nicht wieder hinein.
Ein feindseliger Dämon, der Macht über mich gewonnen, scheint mich von aussen zu
hindern, hätte ich mich auch mit mir selbst wieder zur Einigkeit gefunden.
    Ganz rein war mein Vorsatz, Eduarden zu entsagen, mich von ihm zu entfernen.
Ihm hofft ich nicht wieder zu begegnen. Es ist anders geworden; er stand selbst
gegen seinen eigenen Willen vor mir. Mein Versprechen, mich mit ihm in keine
Unterredung einzulassen, habe ich vielleicht zu buchstäblich genommen und
gedeutet. Nach Gefühl und Gewissen des Augenblicks schwieg ich, verstummt ich
vor dem Freunde, und nun habe ich nichts mehr zu sagen. Ein strenges
Ordensgelübde, welches den, der es mit Überlegung eingeht, vielleicht unbequem
ängstiget, habe ich zufällig, vom Gefühl gedrungen, über mich genommen. Lasst
mich darin beharren, solange mir das Herz gebietet. Beruft keine Mittelsperson!
Dringt nicht in mich, dass ich reden, dass ich mehr Speise und Trank geniessen
soll, als ich höchstens bedarf. Helft mir durch Nachsicht und Geduld über diese
Zeit hinweg. Ich bin jung, die Jugend stellt sich unversehens wieder her. Duldet
mich in eurer Gegenwart, erfreut mich durch eure Liebe, belehrt mich durch eure
Unterhaltung; aber mein Innres überlasst mir selbst!«
Die längst vorbereitete Abreise der Männer unterblieb, weil jenes auswärtige
Geschäft des Majors sich verzögerte. Wie erwünscht für Eduard! Nun durch
Ottiliens Blatt aufs neue angeregt, durch ihre trostvollen, hoffnunggebenden
Worte wieder ermutigt und zu standhaftem Ausharren berechtigt, erklärte er auf
einmal, er werde sich nicht entfernen. »Wie töricht,« rief er aus, »das
Unentbehrlichste, Notwendigste vorsätzlich, voreilig wegzuwerfen, das, wenn uns
auch der Verlust bedroht, vielleicht noch zu erhalten wäre! Und was soll es
heissen? Doch nur, dass der Mensch ja scheine, wollen, wählen zu können. So habe
ich oft, beherrscht von solchem albernen Dünkel, Stunden, ja Tage zu früh mich
von Freunden losgerissen, um nur nicht von dem letzten, unausweichlichen Termin
entschieden gezwungen zu werden. Diesmal aber will ich bleiben. Warum soll ich
mich entfernen? Ist sie nicht schon von mir entfernt? Es fällt mir nicht ein,
ihre Hand zu fassen, sie an mein Herz zu drücken; sogar darf ich es nicht
denken, es schaudert mir. Sie hat sich nicht von mir weg, sie hat sich über mich
weg gehoben.«
    Und so blieb er, wie er wollte, wie er musste. Aber auch dem Behagen glich
nichts, wenn er sich mit ihr zusammenfand. Und so war auch ihr dieselbe
Empfindung geblieben; auch sie konnte sich dieser seligen Notwendigkeit nicht
entziehen. Nach wie vor übten sie eine unbeschreibliche, fast magische
Anziehungskraft gegeneinander aus. Sie wohnten unter Einem Dache; aber selbst
ohne gerade aneinander zu denken, mit andern Dingen beschäftigt, von der
Gesellschaft hin und her gezogen, näherten sie sich einander. Fanden sie sich in
Einem Saale, so dauerte es nicht lange, und sie standen, sie sassen
nebeneinander. Nur die nächste Nähe konnte sie beruhigen, aber auch völlig
beruhigen, und diese Nähe war genug; nicht eines Blickes, nicht eines Wortes,
keiner Gebärde, keiner Berührung bedurfte es, nur des reinen Zusammenseins. Dann
waren es nicht zwei Menschen, es war nur Ein Mensch im bewusstlosen, vollkommnen
Behagen, mit sich selbst zufrieden und mit der Welt. Ja, hätte man eins von
beiden am letzten Ende der Wohnung festgehalten, das andere hätte sich nach und
nach von selbst, ohne Vorsatz, zu ihm hinbewegt. Das Leben war ihnen ein Rätsel,
dessen Auflösung sie nur miteinander fanden.
    Ottilie war durchaus heiter und gelassen, so dass man sich über sie völlig
beruhigen konnte. Sie entfernte sich wenig aus der Gesellschaft, nur hatte sie
es erlangt, allein zu speisen. Niemand als Nanny bediente sie.
    Was einem jeden Menschen gewöhnlich begegnet, wiederholt sich mehr, als man
glaubt, weil seine Natur hiezu die nächste Bestimmung gibt. Charakter,
Individualität, Neigung, Richtung, Örtlichkeit, Umgebungen und Gewohnheiten
bilden zusammen ein Ganzes, in welchem jeder Mensch wie in einem Elemente, in
einer Atmosphäre schwimmt, worin es ihm allein bequem und behaglich ist. Und so
finden wir die Menschen, über deren Veränderlichkeit so viele Klage geführt
wird, nach vielen Jahren zu unserm Erstaunen unverändert und nach äussern und
innern unendlichen Anregungen unveränderlich.
    So bewegte sich auch in dem täglichen Zusammenleben unserer Freunde fast
alles wieder in dem alten Gleise. Noch immer äusserte Ottilie stillschweigend
durch manche Gefälligkeit ihr zuvorkommendes Wesen, und so jedes nach seiner
Art. Auf diese Weise zeigte sich der häusliche Zirkel als ein Scheinbild des
vorigen Lebens, und der Wahn, als ob noch alles beim alten sei, war verzeihlich.
    Die herbstlichen Tage, an Länge jenen Frühlingstagen gleich, riefen die
Gesellschaft um eben die Stunde aus dem Freien ins Haus zurück. Der Schmuck an
Früchten und Blumen, der dieser Zeit eigen ist, liess glauben, als wenn es der
Herbst jenes ersten Frühlings wäre; die Zwischenzeit war ins Vergessen gefallen.
Denn nun blühten die Blumen, dergleichen man in jenen ersten Tagen auch gesäet
hatte; nun reiften Früchte an den Bäumen, die man damals blühen gesehen.
    Der Major ging ab und zu; auch Mittler liess sich öfter sehen. Die
Abendsitzungen waren meistens regelmässig. Eduard las gewöhnlich, lebhafter,
gefühlvoller, besser, ja sogar heiterer, wenn man will, als jemals. Es war, als
wenn er, so gut durch Fröhlichkeit als durch Gefühl, Ottiliens Erstarren wieder
beleben, ihr Schweigen wieder auflösen wollte. Er setzte sich wie vormals, dass
sie ihm ins Buch sehen konnte, ja er ward unruhig, zerstreut, wenn sie nicht
hineinsah, wenn er nicht gewiss war, dass sie seinen Worten mit ihren Augen
folgte.
    Jedes unerfreuliche, unbequeme Gefühl der mittleren Zeit war ausgelöscht.
Keines trug mehr dem andern etwas nach; jede Art von Bitterkeit war
verschwunden. Der Major begleitete mit der Violine das Klavierspiel Charlottens,
so wie Eduards Flöte mit Ottiliens Behandlung des Saiteninstruments wieder wie
vormals zusammentraf. So rückte man dem Geburtstage Eduards näher, dessen Feier
man vor einem Jahre nicht erreicht hatte. Er sollte ohne Festlichkeit in
stillem, freundlichem Behagen diesmal gefeiert werden. So war man, halb
stillschweigend halb ausdrücklich, miteinander übereingekommen. Doch je näher
diese Epoche heranrückte, vermehrte sich das Feierliche in Ottiliens Wesen, das
man bisher mehr empfunden als bemerkt hatte. Sie schien im Garten oft die Blumen
zu mustern; sie hatte dem Gärtner angedeutet, die Sommergewächse aller Art zu
schonen, und sich besonders bei den Astern aufgehalten, die gerade dieses Jahr
in unmässiger Menge blühten.
 
                              Achtzehntes Kapitel
Das Bedeutendste jedoch, was die Freunde mit stiller Aufmerksamkeit
beobachteten, war, dass Ottilie den Koffer zum erstenmal ausgepackt und daraus
verschiedenes gewählt und abgeschnitten hatte, was zu einem einzigen, aber
ganzen und vollen Anzug hinreichte. Als sie das übrige mit Beihülfe Nannys
wieder einpacken wollte, konnte sie kaum damit zustande kommen; der Raum war
übervoll, obgleich schon ein Teil herausgenommen war. Das junge habgierige
Mädchen konnte sich nicht satt sehen, besonders da sie auch für alle kleineren
Stücke des Anzugs gesorgt fand. Schuhe, Strümpfe, Strumpfbänder mit Devisen,
Handschuhe und so manches andere war noch übrig. Sie bat Ottilien, ihr nur etwas
davon zu schenken. Diese verweigerte es, zog aber sogleich die Schublade einer
Kommode heraus und liess das Kind wählen, das hastig und ungeschickt zugriff und
mit der Beute gleich davonlief, um den übrigen Hausgenossen ihr Glück zu
verkünden und vorzuzeigen.
    Zuletzt gelang es Ottilien, alles sorgfältig wieder einzuschichten; sie
öffnete hierauf ein verborgenes Fach, das im Deckel angebracht war. Dort hatte
sie kleine Zettelchen und Briefe Eduards, mancherlei aufgetrocknete
Blumenerinnerungen früherer Spaziergänge, eine Locke ihres Geliebten und was
sonst noch verborgen. Noch eins fügte sie hinzu - es war das Porträt ihres
Vaters- und verschloss das Ganze, worauf sie den zarten Schlüssel an dem goldnen
Kettchen wieder um den Hals an ihre Brust hing.
    Mancherlei Hoffnungen waren indes in dem Herzen der Freunde rege geworden.
Charlotte war überzeugt, Ottilie werde auf jenen Tag wieder zu sprechen
anfangen; denn sie hatte bisher eine heimliche Geschäftigkeit bewiesen, eine Art
von heiterer Selbstzufriedenheit, ein Lächeln, wie es demjenigen auf dem
Gesichte schwebt, der Geliebten etwas Gutes und Erfreuliches verbirgt. Niemand
wusste, dass Ottilie gar manche Stunde in grosser Schwachheit hinbrachte, aus der
sie sich nur für die Zeiten, wo sie erschien, durch Geisteskraft emporhielt.
    Mittler hatte sich diese Zeit öfters sehen lassen und war länger geblieben
als sonst gewöhnlich. Der hartnäckige Mann wusste nur zu wohl, dass es einen
gewissen Moment gibt, wo allein das Eisen zu schmieden ist. Ottiliens Schweigen
sowie ihre Weigerung legte er zu seinen Gunsten aus. Es war bisher kein Schritt
zu Scheidung der Gatten geschehen; er hoffte das Schicksal des guten Mädchens
auf irgendeine andere günstige Weise zu bestimmen; er horchte, er gab nach, er
gab zu verstehen und führte sich nach seiner Weise klug genug auf.
    Allein überwältigt war er stets, sobald er Anlass fand, sein Räsonnement über
Materien zu äussern, denen er eine grosse Wichtigkeit beilegte. Er lebte viel in
sich, und wenn er mit andern war, so verhielt er sich gewöhnlich nur handelnd
gegen sie. Brach nun einmal unter Freunden seine Rede los, wie wir schon öfter
gesehen haben, so rollte sie ohne Rücksicht fort, verletzte oder heilte, nutzte
oder schadete, wie es sich gerade fügen mochte.
    Den Abend vor Eduards Geburtstage sassen Charlotte und der Major Eduarden,
der ausgeritten war, erwartend beisammen; Mittler ging im Zimmer auf und ab;
Ottilie war auf dem ihrigen geblieben, den morgenden Schmuck auseinanderlegend
und ihrem Mädchen manches andeutend, welches sie vollkommen verstand und die
stummen Anordnungen geschickt befolgte.
    Mittler war gerade auf eine seiner Lieblingsmaterien gekommen. Er pflegte
gern zu behaupten, dass sowohl bei der Erziehung der Kinder als bei der Leitung
der Völker nichts ungeschickter und barbarischer sei als Verbote, als
verbietende Gesetze und Anordnungen. »Der Mensch ist von Hause aus tätig,« sagte
er; »und wenn man ihm zu gebieten versteht, so fährt er gleich dahinter her,
handelt und richtet aus. Ich für meine Person mag lieber in meinem Kreise Fehler
und Gebrechen so lange dulden, bis ich die entgegengesetzte Tugend gebieten
kann, als dass ich den Fehler los würde und nichts Rechtes an seiner Stelle sähe.
Der Mensch tut recht gern das Gute, das Zweckmässige, wenn er nur dazu kommen
kann; er tut es, damit er was zu tun hat, und sinnt darüber nicht weiter nach
als über alberne Streiche, die er aus Müssiggang und langer Weile vornimmt.
    Wie verdriesslich ist mirs oft, mit anzuhören, wie man die Zehn Gebote in der
Kinderlehre wiederholen lässt. Das vierte ist noch ein ganz hübsches,
vernünftiges, gebietendes Gebot. Du sollst Vater und Mutter ehren. Wenn sich das
die Kinder recht in den Sinn schreiben, so haben sie den ganzen Tag daran
auszuüben. Nun aber das fünfte, was soll man dazu sagen? Du sollst nicht töten.
Als wenn irgendein Mensch im mindesten Lust hätte, den andern totzuschlagen! Man
hasst einen, man erzürnt sich, man übereilt sich, und in Gefolg von dem und
manchem andern kann es wohl kommen, dass man gelegentlich einen totschlägt. Aber
ist es nicht eine barbarische Anstalt, den Kindern Mord und Totschlag zu
verbieten? Wenn es hiesse: Sorge für des andern Leben, entferne, was ihm
schädlich sein kann, rette ihn mit deiner eigenen Gefahr; wenn du ihn
beschädigst, denke, dass du dich selbst beschädigst: das sind Gebote, wie sie
unter gebildeten, vernünftigen Völkern stattaben und die man bei der
Katechismuslehre nur kümmerlich in dem Was ist das? nachschleppt.
    Und nun gar das sechste, das finde ich ganz abscheulich! Was? Die Neugierde
vorahnender Kinder auf gefährliche Mysterien reizen, ihre Einbildungskraft zu
wunderlichen Bildern und Vorstellungen aufregen, die gerade das, was man
entfernen will, mit Gewalt heranbringen! Weit besser wäre es, dass dergleichen
von einem heimlichen Gericht willkürlich bestraft würde, als dass man vor Kirch
und Gemeinde davon plappern lässt.«
    In dem Augenblick trat Ottilie herein. »Du sollst nicht ehebrechen,« fuhr
Mittler fort. »Wie grob, wie unanständig! Klänge es nicht ganz anders, wenn es
hiesse: Du sollst Ehrfurcht haben vor der ehelichen Verbindung; wo du Gatten
siehst, die sich lieben, sollst du dich darüber freuen und teil daran nehmen wie
an dem Glück eines heitern Tages. Sollte sich irgend in ihrem Verhältnis etwas
trüben, so sollst du suchen, es aufzuklären; du sollst suchen, sie zu begütigen,
sie zu besänftigen, ihnen ihre wechselseitigen Vorteile deutlich zu machen, und
mit schöner Uneigennützigkeit das Wohl der andern fördern, indem du ihnen
fühlbar machst, was für ein Glück aus jeder Pflicht und besonders aus dieser
entspringt, welche Mann und Weib unauflöslich verbindet?«
    Charlotte sass wie auf Kohlen, und der Zustand war ihr um so ängstlicher, als
sie überzeugt war, dass Mittler nicht wusste, was und wo ers sagte, und ehe sie
ihn noch unterbrechen konnte, sah sie schon Ottilien, deren Gestalt sich
verwandelt hatte, aus dem Zimmer gehen.
    »Sie erlassen uns wohl das siebente Gebot,« sagte Charlotte mit erzwungenem
Lächeln. »Alle die übrigen,« versetzte Mittler, »wenn ich nur das rette, worauf
die andern beruhen.«
    Mit entsetzlichem Schrei hereinstürzend rief Nanny: » Sie stirbt! Das
Fräulein stirbt! Kommen Sie! Kommen Sie!«
    Als Ottilie nach ihrem Zimmer schwankend zurückgekommen war, lag der
morgende Schmuck auf mehreren Stühlen völlig ausgebreitet, und das Mädchen, das
betrachtend und bewundernd daran hin und her ging, rief jubelnd aus: »Sehen Sie
nur, liebstes Fräulein, das ist ein Brautschmuck, ganz Ihrer wert!«
    Ottilie vernahm diese Worte und sank auf den Sofa. Nanny sieht ihre Herrin
erblassen, erstarren; sie läuft zu Charlotten; man kommt. Der ärztliche
Hausfreund eilt herbei; es scheint ihm nur eine Erschöpfung. Er lässt etwas
Kraftbrühe bringen; Ottilie weist sie mit Abscheu weg, ja sie fällt fast in
Zuckungen, als man die Tasse dem Munde nähert. Er fragt mit Ernst und Hast, wie
es ihm der Umstand eingab, was Ottilie heute genossen habe. Das Mädchen stockt;
er wiederholt seine Frage; das Mädchen bekennt, Ottilie habe nichts genossen.
    Nanny scheint ihm ängstlicher als billig. Er reisst sie in ein Nebenzimmer,
Charlotte folgt, das Mädchen wirft sich auf die Kniee, sie gesteht, dass Ottilie
schon lange so gut wie nichts geniesse. Auf Andringen Ottiliens habe sie die
Speisen an ihrer Statt genossen; verschwiegen habe sie es wegen bittender und
drohender Gebärden ihrer Gebieterin, und auch, setzte sie unschuldig hinzu, weil
es ihr gar so gut geschmeckt.
    Der Major und Mittler kamen heran; sie fanden Charlotten tätig in
Gesellschaft des Arztes. Das bleiche himmlische Kind sass, sich selbst bewusst,
wie es schien, in der Ecke des Sofas. Man bittet sie, sich niederzulegen; sie
verweigerts, winkt aber, dass man das Köfferchen herbeibringe. Sie setzt ihre
Füsse darauf und findet sich in einer halb liegenden, bequemen Stellung. Sie
scheint Abschied nehmen zu wollen, ihre Gebärden drücken den Umstehenden die
zarteste Anhänglichkeit aus, Liebe, Dankbarkeit, Abbitte und das herzlichste
Lebewohl.
    Eduard, der vom Pferde steigt, vernimmt den Zustand, er stürzt in das
Zimmer, er wirft sich an ihre Seite nieder, fasst ihre Hand und überschwemmt sie
mit stummen Tränen. So bleibt er lange. Endlich ruft er aus: » Soll ich deine
Stimme nicht wieder hören? Wirst du nicht mit einem Wort für mich ins Leben
zurückkehren? Gut, gut! ich folge dir hinüber; da werden wir mit andern Sprachen
reden!«
    Sie drückt ihm kräftig die Hand, sie blickt ihn lebevoll und liebevoll an,
und nach einem tiefen Atemzug, nach einer himmlischen, stummen Bewegung der
Lippen: »Versprich mir zu leben!« ruft sie aus, mit holder, zärtlicher
Anstrengung; doch gleich sinkt sie zurück. »Ich versprech es!« rief er ihr
entgegen, doch rief er es ihr nur nach; sie war schon abgeschieden.
    Nach einer tränenvollen Nacht fiel die Sorge, die geliebten Reste zu
bestatten, Charlotten anheim. Der Major und Mittler standen ihr bei. Eduards
Zustand war zu bejammern. Wie er sich aus seiner Verzweiflung nur hervorheben
und einigermassen besinnen konnte, bestand er darauf, Ottilie sollte nicht aus
dem Schloss gebracht, sie sollte gewartet, gepflegt, als eine Lebende behandelt
werden; denn sie sei nicht tot, sie könne nicht tot sein. Man tat ihm seinen
Willen, insofern man wenigstens das unterliess, was er verboten hatte. Er
verlangte nicht, sie zu sehen.
    Noch ein anderer Schreck ergriff, noch eine andere Sorge beschäftigte die
Freunde. Nanny, von dem Arzt heftig gescholten, durch Drohungen zum Bekenntnis
genötigt und nach dem Bekenntnis mit Vorwürfen überhäuft, war entflohen. Nach
langem Suchen fand man sie wieder, sie schien ausser sich zu sein. Ihre Eltern
nahmen sie zu sich. Die beste Begegnung schien nicht anzuschlagen, man musste sie
einsperren, weil sie wieder zu entfliehen drohte.
    Stufenweise gelang es, Eduarden der heftigsten Verzweiflung zu entreissen,
aber nur zu seinem Unglück; denn es ward ihm deutlich, es ward ihm gewiss, dass er
das Glück seines Lebens für immer verloren habe. Man wagte es ihm vorzustellen,
dass Ottilie, in jener Kapelle beigesetzt, noch immer unter den Lebendigen
bleiben und einer freundlichen, stillen Wohnung nicht entbehren würde. Es fiel
schwer, seine Einwilligung zu erhalten, und nur unter der Bedingung, dass sie im
offenen Sarge hinausgetragen und in dem Gewölbe allenfalls nur mit einem
Glasdeckel zugedeckt und eine immerbrennende Lampe gestiftet werden sollte, liess
er sichs zuletzt gefallen und schien sich in alles ergeben zu haben.
    Man kleidete den holden Körper in jenen Schmuck, den sie sich selbst
vorbereitet hatte; man setzte ihr einen Kranz von Asterblumen auf das Haupt, die
wie traurige Gestirne ahnungsvoll glänzten. Die Bahre, die Kirche, die Kapelle
zu schmücken, wurden alle Gärten ihres Schmucks beraubt. Sie lagen verödet, als
wenn bereits der Winter alle Freude aus den Beeten weggetilgt hätte. Beim
frühsten Morgen wurde sie im offnen Sarge aus dem Schloss getragen, und die
aufgehende Sonne rötete nochmals das himmlische Gesicht. Die Begleitenden
drängten sich um die Träger, niemand wollte vorausgehn, niemand folgen,
jedermann sie umgeben, jedermann noch zum letztenmale ihre Gegenwart geniessen.
Knaben, Männer und Frauen, keins blieb ungerührt. Untröstlich waren die Mädchen,
die ihren Verlust am unmittelbarsten empfanden.
    Nanny fehlte. Man hatte sie zurückgehalten, oder vielmehr man hatte ihr den
Tag und die Stunde des Begräbnisses verheimlicht. Man bewachte sie bei ihren
Eltern in einer Kammer, die nach dem Garten ging. Als sie aber die Glocken
läuten hörte, ward sie nur allzubald inne, was vorging, und da ihre Wächterin
aus Neugierde, den Zug zu sehen, sie verliess, entkam sie zum Fenster hinaus auf
einen Gang und von da, weil sie alle Türen verschlossen fand, auf den Oberboden.
    Eben schwankte der Zug den reinlichen, mit Blättern bestreuten Weg durchs
Dorf hin. Nanny sah ihre Gebieterin deutlich unter sich, deutlicher,
vollständiger, schöner als alle, die dem Zuge folgten. Überirdisch, wie auf
Wolken oder Wogen getragen, schien sie ihrer Dienerin zu winken, und diese,
verworren, schwankend, taumelnd, stürzte hinab.
    Auseinander fahr die Menge mit einem entsetzlichen Schrei nach allen Seiten.
Vom Drängen und Getümmel waren die Träger genötigt, die Bahre niederzusetzen.
Das Kind lag ganz nahe daran; es schien an allen Gliedern zerschmettert. Man hob
es auf, und zufällig oder aus besonderer Fügung lehnte man es über die Leiche,
ja es schien selbst noch mit dem letzten Lebensrest seine geliebte Herrin
erreichen zu wollen. Kaum aber hatten ihre schlotternden Glieder Ottiliens
Gewand, ihre kraftlosen Finger Ottiliens gefaltete Hände berührt, als das
Mädchen aufsprang, Arme und Augen zuerst gen Himmel erhob, dann auf die Kniee
vor dem Sarge niederstürzte und andächtig entzückt zu der Herrin hinaufstaunte.
    Endlich sprang sie wie begeistert auf und rief mit heiliger Freude: »Ja, sie
hat mir vergeben! Was mir kein Mensch, was ich mir selbst nicht vergeben konnte,
vergibt mir Gott durch ihren Blick, ihre Gebärde, ihren Mund. Nun ruht sie
wieder so still und sanft; aber ihr habt gesehen, wie sie sich aufrichtete und
mit entfalteten Händen mich segnete, wie sie mich freundlich anblickte! Ihr habt
es alle gehört, ihr seid Zeugen, dass sie zu mir sagte: Dir ist vergeben! Ich bin
nun keine Mörderin mehr unter euch, sie hat mir verziehen, Gott hat mir
verziehen, und niemand kann mir mehr etwas anhaben.«
    Umhergedrängt stand die Menge; sie waren erstaunt, sie horchten und sahen
hin und wider, und kaum wusste jemand, was er beginnen sollte. »Tragt sie nun zur
Ruhe!« sagte das Mädchen; »sie hat das Ihrige getan und gelitten und kann nicht
mehr unter uns wohnen.« Die Bahre bewegte sich weiter, Nanny folgte zuerst, und
man gelangte zur Kirche, zur Kapelle.
    So stand nun der Sarg Ottiliens, zu ihren Häupten der Sarg des Kindes, zu
ihren Füssen das Köfferchen, in ein starkes eichenes Behältnis eingeschlossen.
Man hatte für eine Wächterin gesorgt, welche in der ersten Zeit des Leichnams
wahrnehmen sollte, der unter seiner Glasdecke gar liebenswürdig dalag. Aber
Nanny wollte sich dieses Amt nicht nehmen lassen; sie wollte allein, ohne
Gesellin bleiben und der zum erstenmal angezündeten Lampe fleissig warten. Sie
verlangte dies so eifrig und hartnäckig, dass man ihr nachgab, um ein grösseres
Gemütsübel, das sich befürchten liess, zu verhüten.
    Aber sie blieb nicht lange allein; denn gleich mit sinkender Nacht, als das
schwebende Licht, sein volles Recht ausübend, einen helleren Schein verbreitete,
öffnete sich die Türe, und es trat der Architekt in die Kapelle, deren fromm
verzierte Wände bei so mildem Schimmer altertümlicher und ahnungsvoller, als er
je hätte glauben können, ihm entgegendrangen.
    Nanny sass an der einen Seite des Sarges. Sie erkannte ihn gleich; aber
schweigend deutete sie auf die verblichene Herrin. Und so stand er auf der
andern Seite, in jugendlicher Kraft und Anmut, auf sich selbst zurückgewiesen,
starr, in sich gekehrt, mit niedergesenkten Armen, gefalteten, mitleidig
gerungenen Händen, Haupt und Blick nach der Entseelten hingeneigt.
    Schon einmal hatte er so vor Belisar gestanden. Unwillkürlich geriet er
jetzt in die gleiche Stellung; und wie natürlich war sie auch diesmal! Auch hier
war etwas unschätzbar Würdiges von seiner Höhe herabgestürzt; und wenn dort
Tapferkeit, Klugheit, Macht, Rang und Vermögen in einem Manne als
unwiederbringlich verloren bedauert wurden, wenn Eigenschaften, die der Nation,
dem Fürsten in entscheidenden Momenten unentbehrlich sind, nicht geschätzt,
vielmehr verworfen und ausgestossen worden, so waren hier soviel andere stille
Tugenden, von der Natur erst kurz aus ihren gehaltreichen Tiefen hervorgerufen,
durch ihre gleichgültige Hand schnell wieder ausgetilgt, seltene, schöne,
liebenswürdige Tugenden, deren friedliche Einwirkung die bedürftige Welt zu
jeder Zeit mit wonnevollem Genügen umfängt und mit sehnsüchtiger Trauer vermisst.
    Der Jüngling schwieg, auch das Mädchen eine Zeitlang; als sie ihm aber die
Tränen häufig aus dem Auge quellen sah, als er sich im Schmerz ganz aufzulösen
schien, sprach sie mit so viel Wahrheit und Kraft, mit so viel Wohlwollen und
Sicherheit ihm zu, dass er, über den Fluss ihrer Rede erstaunt, sich zu fassen
vermochte und seine schöne Freundin ihm in einer höhern Region lebend und
wirkend vorschwebte. Seine Tränen trockneten, seine Schmerzen linderten sich,
knieend nahm er von Ottilien, mit einem herzlichen Händedruck von Nanny
Abschied, und noch in der Nacht ritt er vom Orte weg, ohne jemand weiter gesehen
zu haben.
    Der Wundarzt war die Nacht über ohne des Mädchens Wissen in der Kirche
geblieben und fand, als er sie des Morgens besuchte, sie heiter und getrosten
Mutes. Er war auf mancherlei Verirrungen gefasst; er dachte schon, sie werde ihm
von nächtlichen Unterredungen mit Ottilien und von andern solchen Erscheinungen
sprechen, aber sie war natürlich, ruhig und sich völlig selbstbewusst. Sie
erinnerte sich vollkommen aller früheren Zeiten, aller Zustände mit grosser
Genauigkeit, und nichts in ihren Reden schritt aus dem gewöhnlichen Gange des
Wahren und Wirklichen heraus als nur die Begebenheit beim Leichenbegängnis, die
sie mit Freudigkeit oft wiederholte: wie Ottilie sich aufgerichtet, sie
gesegnet, ihr verziehen und sie dadurch für immer beruhigt habe.
    Der fortdauernd schöne, mehr schlaf- als todähnliche Zustand Ottiliens zog
mehrere Menschen herbei. Die Bewohner und Anwohner wollten sie noch sehen, und
jeder mochte gern aus Nannys Munde das Unglaubliche hören; manche, um darüber zu
spotten, die meisten, um daran zu zweifeln, und wenige, um sich glaubend dagegen
zu verhalten.
    Jedes Bedürfnis, dessen wirkliche Befriedigung versagt ist, nötigt zum
Glauben. Die vor den Augen aller Welt zerschmetterte Nanny war durch Berührung
des frommen Körpers wieder gesund geworden; warum sollte nicht auch ein
ähnliches Glück hier andern bereitet sein? Zärtliche Mütter brachten zuerst
heimlich ihre Kinder, die von irgendeinem Übel behaftet waren, und sie glaubten
eine plötzliche Besserung zu spüren. Das Zutrauen vermehrte sich, und zuletzt
war niemand so alt und so schwach, der sich nicht an dieser Stelle eine
Erquickung und Erleichterung gesucht hätte. Der Zudrang wuchs, und man sah sich
genötigt, die Kapelle, ja ausser den Stunden des Gottesdienstes die Kirche zu
verschliessen.
    Eduard wagte sich nicht wieder zu der Abgeschiedenen. Er lebte nur vor sich
hin, er schien keine Träne mehr zu haben, keines Schmerzes weiter fähig zu sein.
Seine Teilnahme an der Unterhaltung, sein Genuss von Speis und Trank vermindert
sich mit jedem Tage. Nur noch einige Erquickung scheint er aus dem Glase zu
schlürfen, das ihm freilich kein wahrhafter Prophet gewesen. Er betrachtet noch
immer gern die verschlungenen Namenszüge, und sein ernsteiterer Blick dabei
scheint anzudeuten, dass er auch jetzt noch auf eine Vereinigung hoffe. Und wie
den Glücklichen jeder Nebenumstand zu begünstigen, jedes Ungefähr mit
emporzuheben scheint, so mögen sich auch gern die kleinsten Vorfälle zur
Kränkung, zum Verderben des Unglücklichen vereinigen. Denn eines Tages, als
Eduard das geliebte Glas zum Munde brachte, entfernte er es mit Entsetzen
wieder; es war dasselbe und nicht dasselbe; er vermisst ein kleines Kennzeichen.
Man dringt in den Kammerdiener, und dieser muss gestehen, das echte Glas sei
unlängst zerbrochen und ein gleiches, auch aus Eduards Jugendzeit,
untergeschoben worden. Eduard kann nicht zürnen, sein Schicksal ist
ausgesprochen durch die Tat; wie soll ihn das Gleichnis rühren? Aber doch drückt
es ihn tief. Der Trank scheint ihm von nun an zu widerstehen; er scheint sich
mit Vorsatz der Speise, des Gesprächs zu entalten.
    Aber von Zeit zu Zeit überfällt ihn eine Unruhe. Er verlangt wieder etwas zu
geniessen, er fängt wieder an zu sprechen. »Ach!« sagte er einmal zu dem Major,
der ihm wenig von der Seite kam, »was bin ich unglücklich, dass mein ganzes
Bestreben nur immer eine Nachahmung, ein falsches Bemühen bleibt! Was ihr
Seligkeit gewesen, wird mir Pein; und doch, um dieser Seligkeit willen bin ich
genötigt, diese Pein zu übernehmen. Ich muss ihr nach, auf diesem Wege nach; aber
meine Natur hält mich zurück und mein Versprechen. Es ist eine schreckliche
Aufgabe, das Unnachahmliche nachzuahmen. Ich fühle wohl, Bester, es gehört Genie
zu allem, auch zum Märtyrertum.«
    
    Was sollen wir bei diesem hoffnungslosen Zustande der ehegattlichen,
freundschaftlichen, ärztlichen Bemühungen gedenken, in welchen sich Eduards
Angehörige eine Zeitlang hin und her wogten? Endlich fand man ihn tot. Mittler
machte zuerst diese traurige Entdeckung. Er berief den Arzt und beobachtete,
nach seiner gewöhnlichen Fassung, genau die Umstände, in denen man den
Verblichenen angetroffen hatte. Charlotte stürzte herbei; ein Verdacht des
Selbstmordes regte sich in ihr; sie wollte sich, sie wollte die andern einer
unverzeihlichen Unvorsichtigkeit anklagen. Doch der Arzt aus natürlichen und
Mittler aus sittlichen Gründen wussten sie bald vom Gegenteil zu überzeugen. Ganz
deutlich war Eduard von seinem Ende überrascht worden. Er hatte, was er bisher
sorgfältig zu verbergen pflegte, das ihm von Ottilien Übriggebliebene in einem
stillen Augenblick vor sich aus einem Kästchen, aus einer Brieftasche
ausgebreitet: eine Locke, Blumen, in glücklicher Stunde gepflückt, alle
Blättchen, die sie ihm geschrieben, von jenem ersten an, das ihm seine Gattin so
zufällig ahnungsreich übergeben hatte. Das alles konnte er nicht einer
ungefähren Entdeckung mit Willen preisgeben. Und so lag denn auch dieses vor
kurzem zu unendlicher Bewegung aufgeregte Herz in unstörbarer Ruhe; und wie er
in Gedanken an die Heilige eingeschlafen war, so konnte man wohl ihn selig
nennen. Charlotte gab ihm seinen Platz neben Ottilien und verordnete, dass
niemand weiter in diesem Gewölbe beigesetzt werde. Unter dieser Bedingung machte
sie für Kirche und Schule, für den Geistlichen und den Schullehrer ansehnliche
Stiftungen.
    So ruhen die Liebenden nebeneinander. Friede schwebt über ihrer Stätte,
heitere, verwandte Engelsbilder schauen vom Gewölbe auf sie herab, und welch ein
freundlicher Augenblick wird es sein, wenn sie dereinst wieder zusammen
erwachen.
 
    