
        
                                Karoline Pichler
                                   Agatokles
                            1. Calpurnia an Sulpicien.
                                                           Rom, im December 300.
Welcher Einfall von Sulpicien, in diesen Tagen auf's Land zu gehen, und den
Zeitpunkt, worin die Hauptstadt der Welt in ihrem glänzendsten Lichte erscheint,
auf einer einsamen Villa am Ufer der See zuzubringen, die in dieser Jahreszeit
von Stürmen gepeitscht und mit Nebeln bedeckt ist! Was, um aller Götter willen,
kann sie dort halten? Wie ist es möglich, allen Freuden und Herrlichkeiten der
Saturnalien1 zu entsagen, um in der abgeschiedensten Einsamkeit sich selbst zu
leben?
    Sich selbst! nicht doch. Wer das nicht besser wüsste! Lass immerhin die Welt
ist jene Ausrufungen ausbrechen, und vergebens raten, was dich jetzt in jene
Stille lockt: sie soll und darf die heimlichen Reize nicht kennen, die deine
Verborgenheit verschönern. Das ist recht und in der Ordnung. Aber dass du auch
mir ein Geheimnis daraus machen willst, das kann ich dir nicht verzeihen. Ich
darf ja nur Einen Namen nennen, um dein Gesicht mit dem schönsten Purpur zu
überziehen, und dich, falls du den Brief in Gegenwart einer gewissen Person
liefest, noch reizender zu machen! Aber da würde dir ja ein Dienst damit
geschehen, und das will ich in diesem Augenblicke nicht. Es sei dir genug, zu
wissen, dass ich von Allem unterrichtet bin, und deine Zurückhaltung dir nichts
nützt. Wahrlich, du machst deine Sachen schlau und gut! Unter dem Verwande der
Sorgfalt für deine Landwirtschaft erhältst du von deinem Manne die Erlaubnis,
und einen grossen Dank obendrein, jetzt auf deine Villa zu gehen, um den
nachlässigen Verwalter zu überraschen, und - während der gute Ehemann in Rom die
Emsigkeit seiner Frau nicht genug rühmen kann, hat sie sich nur Gelegenheit
verschafft, ihren Liebling ganz ungestört und nach Gefallen zu sehen.
    Doch Scherz bei Seite, liebe Freundin! Die Sache hat eine viel zu ernste
Seite, als dass ich länger in jenem Tone fortfahren könnte. Wie war es dir
möglich, diesen Schritt zu wagen, und die Augen ganz vor den Folgen, die er
wahrscheinlich haben wird, zu verschliessen? Tiridates ist liebenswürdig, tapfer,
edel, seine königliche Abkunft, sein und seiner Familie Unglück macht ihn
anziehend, und ich begreife wohl, dass er einem feinfühlenden gebildeten Weibe,
besonders einem, das leider in seinem Hause nichts solches aufzuweisen hat,
gefährlich werden kann; ich begreife, dass du ihn liebst: und dass er dich, die
schöne geistreiche Frau, dafür anbetet, ist nicht mehr als seine Schuldigkeit.
Aber muss man darum so halsbrechende Dinge wagen? Du konntest ja den armenischen
Prinzen täglich in deinem Hause sehen. Dein Mann, ich weiss es, schätzt sich's
zur Ehre, den Liebling des Cäsar Galerius2 seinen Freund nennen zu können. Er
prahlt damit, er gibt sich das Ansehen, die Absichten des Prinzen durch sich und
seine Freunde an den Höfen von Mailand und Nikomedien zu unterstützen, und wenn
einst Tiridates den Tron seiner Väter besteigt - gib Acht - dein Serranus lässt
dann nicht undeutlich merken, dass ohne ihn das Alles wohl nicht geschehen wäre.
Was trieb dich denn also fort? Was bewog dich, jetzt nach Bajä zu gehen, wo dein
Umgang mit Tiridates weit mehr auffallen muss, als in Rom, und deine häusliche
Ruhe, deinen Ruf vor der Welt auf's Spiel zu setzen? Wenn dein Mann, der, wie
alle eitle Menschen, eifersüchtig ist, erfährt, was auf seiner Villa vorgeht,
(und wie leicht ist das nicht, da deine Leute darum wissen müssen?) wird er
nicht toben, rasen und ein Aufsehen machen, das dich dem boshaftesten Gelächter
der Stadt Preis geben, dir die Herrschaft über ihn, die allein deine häusliche
Ruhe sichert, entreissen, und dir den Aufentalt bei ihm vollends unerträglich
machen wird? Willst du dich dann von ihm trennen? Wird das dein Vater zugeben,
der in die Verbindung mit der Anicischen Familie seinen Stolz setzt? Und was
steht dir dann für ein Leben bevor?
    Es ist wahr, du kannst in Nom deinen Tiridates weder so oft noch so
ungestört sehen, als dein Herz wünschen mag. Dein Mann, die Freunde deines
Mannes, deine Verwandten, die dich besuchen, sind öfters zugegen. Das ist aber
auch das Einzige, was du zu ertragen hast, und - aufrichtig gesprochen - liegt
nicht selbst in dieser Störung, in diesen Entbehrungen ganz eigentlich die Würze
der Liebe, die wohl ohne sie gewiss nicht halb so warm und reizend sein würde?
    Du nennst mich immer die Leichtsinnige, die Epikuräerin; aber du kennst
entweder die Lehren dieses Weisen nicht in ihrem ganzen Umfange, oder du
schliesst die Augen absichtlich vor ihrem Wert. Kluges Maass, sparsamer Genuss
der Freude, Kraft zur Entbehrung des Liebsten, wenn es die Vernunft fordert, das
ist es, was man in seiner Schule lernt, die bei weitem nicht so leicht, so
locker ist, als du glaubst. Ich an deinem Platze, zum Beispiel, würde nicht nach
Bajä3 gegangen sein, ich würde mir den Genuss der Freuden, die mich dort
erwarteten, aus Grundsätzen versagt haben, und meinen Geliebten lieber seltner,
und mit minderer Freiheit sehen, um ihn immer sehen zu können; den grossen
Vorteil abgerechnet, dass unsre gegenseitige Liebe dann viel länger neu und
anziehend geblieben, und mit dem grossen Reize der Heimlichkeit gewürzt gewesen
wäre.
    Du siehst, meine Sulpicia, dass ich besonnener und klüger bin, als du
glaubst, und jener Leichtsinn, jene Kälte, die du mir so oft vorwirfst, ist
nichts als Ausübung wohl überdachter Grundsätze. Sogar die Lehren der strengen
Stoa, die du einst so warm behauptet, und jetzt so arg verlassen hast, verwerfe
ich nicht. Ich erkenne z.B. ganz die tiefe Wahrheit des Satzes, dass man alle
Güter der Erde an einen solchen Ort stellen soll, woher sie das Schicksal nehmen
kann, ohne das Gebäude unserer Ruhe zu erschüttern4. An diesen Platz nun würde
ich, wenn ich je liebte (und das könnte sich denn wohl ereignen), auch meinen
Geliebten stellen; denn der gehört ja, wie dein Beispiel mich lehrt, ganz
vorzüglich zu den edelsten Gütern des Lebens.
    Doch was helfen alle diese Vorstellungen! Was hälfe die Beredtsamkeit eines
Cicero, gegen die Macht einer Leidenschaft, deren zerstörende Wirkungen ich mit
Bedauern an meinen Freunden erfahre, und vor denen mich die gütigen Götter
bewahren mögen! Ohne also nur im Geringsten zu hoffen, dass mein Brief dich
bekehren werde, will ich bloss hiemit die Pflicht der Freundschaft erfüllt und
dich gewarnt haben, zugleich aber dich versichern, dass, was auch der Ausgang der
Begebenheiten sein möge, mein Herz, meine Liebe zu dir unverändert bleiben wird,
und dass ich meinen Stolz darein setzen werde, wenn - was die Götter verhüten -
die Sache schlimm abläuft, dich nie zu verlassen, und aus allen meinen Kräften
dein böses Schicksal entweder abzuwehren, oder redlich mit dir zu tragen. Leb'
wohl.
 
                                    Fussnoten
1 Die Saturnalien waren eines der glänzendsten und allgemeinsten Feste in Rom,
beinahe das, was jetzt der Carneval ist, und wurden im December gefeiert. Zum
Andenken des goldenen Zeitalters, unter Saturns Herrschaft, schien Alles während
jener Tage in den Zustand ursprünglicher Gleichheit zurückzutreten; die Sclaven
assen mit ihren Gebietern, und aller Unterschied der Stände hörte auf.
2 Zu der Zeit, in welcher dieser Roman spielt, hatte Rom bereits aufgehört, der
Sitz der römischen Kaiser zu sein. Diocletian, der sich aus dem Sclavenstande
zur Würde eines der vornehmst n Offiziers, zum Befehlshaber der k. Leibwache,
und nach dem Tode des Kaisers Numerius auf den Tron desselben geschwungen
hatte, hatte sich in seinem ehemaligen Waffengenossen und Landsmann Maximian
einen Gefährten der Regierung erwählt, und das römische Reich so zwischen ihm
und sich geteilt, dass Maximian die Abendländer von Mailand aus, wo er
residirte, Diocletian hingegen den östlichen Teil des Reichs in Nikomedien,
wohin er seinen Sitz verlegte, beherrschte. Bald darauf fand er nötig, noch
zwei Mitregenten zu erwählen. Maximian gesellte sich den Constantius Chlorus als
Cäsar zu, und Diocletian nahm den Galerius in dieser Würde zu sich. Beide
Cäsaren standen zu ihren Augusten in dem Verhältnis von Söhnen zu ihren Vätern,
auch mussten beide sich von ihren vorigen Gemahlinnen trennen. Maximian gab dem
Constantius seine Tochter zur Ehe, und Diocletian vermählte dem Galerius die
seinige, Valeria.
 Diese vier Beherrscher teilten sich in den weiten Umfang des römischen Reichs.
Constantius besass Gallien, Spanien, Brittannien; Galerius die Ufer der Donau und
die illyrischen Provinzen; Maximian Italien und einen Teil von Afrika;
Diocletian selbst, Aegypten, Trazien, und die asiatischen Provinzen. Jeder
dieser vier Monarchen war unumschränkt in seinem Bezirke, aber ihr vereinigtes
Ansehen erstreckte sich über die ganze Monarchie.
 Man sehe Gibbons Geschichte des Verfalls des römischen Reichs, 2ter Teil,
woraus überhaupt fast alle geschichtlichen Notizen und Züge in diesem Buche
genommen sind.
3 In Bajä, einer der reizendsten Gegenden von Italien, auf dem Wege zwischen Rom
und Neapel, hatten die meisten römischen Grossen ihre Landhäuser, die sie Villa
nannten.
4 Seneca de consolatione.
 
                           2. Sulpicia an Calpurnien.
                                                          Bajä, im December 300.
Du liebst nicht, Calpurnia, du wirst nie lieben. - In diesen Worten liegt der
Aufschluss zu deinem ganzen Betragen, und zugleich die Antwort auf Alles, was mir
deine Freundschaft, die ich mit innigstem Danke erkenne, so wohlmeinend, so
vernünftig vorstellt. Glaube nicht, meine geliebte Jugendgespielin, meine warme
treue Freundin, dass ich den Wert deiner Grundsätze misskenne, oder deinem
schönen Gemüt auch nur um einen Grad weniger Wärme und Eifer für's Gute
zutraue. Du hast Recht - vollkommen - unbestreitbar; aber ich, meine Freundin,
obwohl ich das Widerspiel von dir scheine, ich habe auch nicht Unrecht. Und
warum? Wir sehen Beide uns selbst, die Welt um uns, und unsere Verhältnisse zu
ihr aus einem andern Gesichtspunkte an; wir handeln nach den Regeln, die dieser
uns an die Hand gibt; kurz - wir tun Beide, nicht was wir wollen, sondern was
wir eben nicht lassen können. Last uns doch, liebe Calpurnia, den eiteln Stolz
auf Grundsätze und Systeme aufgeben, in welchen wir ohne Verdienst, bloss dem
Antriebe der Natur folgen! Wir sind nichts, als was die Umstände aus uns machen
wollen. Dich haben sie mit einem leichten Blute, mit vielem Verstande, und einer
so glücklichen Proportion deiner Leibes- und Seelenkräfte ausgestattet, dass das
Gleichgewicht unter ihnen selten gestört, und gestört, leicht wieder hergestellt
wird. Zudem hat dich das Glück in einer grossen reichen Familie geboren werden
lassen. Die Pisonen bedürfen keiner fremden Unterstützung. Dein Vater hat ausser
zwei hoffnungsvollen Söhnen - dem Stolz, und den Stützen seines edeln Hauses -
nur dich, das Ebenbild einer geliebten längst entschlafenen Gattin. In dir lebt
ihm seine Sempronia wieder auf, in dir liebt er Tochter und Weib zugleich, dich
wird er nie zu einem Eheband zwingen, das dein Herz verwirft, und ob er gleich
wünscht, durch dich einen dritten Sohn zu erhalten, drängt er dich doch nie zu
diesem Schritt, und wendet nicht einmal die Waffen der Ueberredung gegen dich
an. Du bist also von Natur und Glück zur Epikuräerin bestimmt, ja du bist die
geborne Schülerin dieses Weisen.
    Mich leitete ein düsteres Temperament, das Unglück eines herabgekommenen
Hauses, der Kummer einer geliebten Mutter, die ihr häusliches Leiden standhaft
trug, der harte Zwang, unter welchem mein Vater nach alt römischer Sitte das
ganze Haus hielt, zu einer ernsteren Schule. Ich glaubte in den Lehren der Stoa
die Kraft zu finden, die mich mein Loos ertragen machen sollte. Ich suchte
meinen Stolz darin, den Göttern das Schauspiel eines starken, mit seinem
feindlichen Schicksal ringenden Gemütes zu geben1, und so folgte ich mit keinem
besondern Widerwillen dem Befehle meines Vaters, als er, ohne mich zu fragen,
laus Rücksichten für seine übrigen Kinder, meine Hand einem Sohne des Anicischen
Hauses verhiess. Serranus Anicius wurde mein Gemahl, und ich glaube, ich hatte
ihn vorher kaum dreimal, und nie anders als in Gegenwart unserer Verwandten
gesehen. Ich fühlte keine besondere Abneigung gegen ihn, aber eine grosse
Neigung, meine Pflichten auf's strengste zu erfüllen. Die Matronen des alten
Roms, jene würdigen grossen Gestalten der Vorwelt, waren meine Vorbilder: ihnen
suchte ich zu gleichen. Wie sie, lebte ich nun in meinem Gynecäum2, versammelte
meine Sclavinnen um mich, arbeitete mit ihnen, und ich kann mit Wahrheit
behaupten, dass in den drei Jahren unserer Ehe mein Mann und ich kein anderes
Gewand trugen, als was durch meine Hände, oder unter meiner Aufsicht gesponnen,
gewoben, genäht oder gestickt wurde. Die volle Zufriedenheit meines Vaters, die
unbegränzte Achtung des Serranus war der Lohn meiner Anstrengungen. Die
Eitelkeit, seine einzige Leidenschaft, war durch den Gedanken geschmeichelt,
eine Frau von ächt römischer Sitte zu besitzen, die sich vor den Meisten ihrer
Zeitgenossinnen auszeichnete. Ich war zufrieden - aber bei weitem nicht
glücklich.
    Da kam Tiridates in unser Haus. Lass mich von dem Eindrucke schweigen, den
seine Gestalt, sein Schicksal auf mich gemacht haben. Du weisst es ohne dies, du
warst grösstenteils Zeugin jener Begebenheiten. Nur das lass mich sagen, dass seit
jenem Augenblicke mein ganzes Wesen verändert und umgestaltet war. Lass mich das
Gleichniss brauchen, das meine Empfindungen am besten erklärt. In mir war es, wie
in einer düstern Nachtgegend, wenn auf einmal Aurora die Pforten des Tages
öffnet, und Licht und Wärme durch die kalte Dunkelheit sich ergiesst. In mir ward
es Licht. Ich wusste, was ich wollte, was mir so lange gefehlt hatte, wozu ich
eigentlich auf der Welt war. Diese Leidenschaft hat das Rätsel meines bis dahin
zwecklosen Daseins gelöset - und was hindert mich, mit frommem Glauben der
Meinung des göttlichen Plato beizupflichten, und überzeugt zu sein, dass ich
jetzt die zweite Hälfte meines Ichs gefunden habe? Was tut's zur Sache, dass
Tiridates an den Ufern des Arares und ich in Rom geboren wurde? Die Seelen, die
sich vor ihrer Herabkunft auf die Erde kannten und liebten, haben sich wieder
gefunden, und nichts als der Tod kann sie scheiden.
    In diesem festen - Glauben? - nein, in dieser unumstösslichen Ueberzeugung
wird und kann mich nichts irre machen, und nichts bewegen, auch nur um einen
Grad kälter, oder besonnener, wie du es nennst, zu handeln. Tiridates oder den
Tod! Es gibt kein Glück, kein Leben, keine Tugend ohne ihn. Mag die Welt sagen,
was sie will - mag Serranus durch Argwohn oder Verrat mein Geheimnis entdecken,
mag er und mein Vater dann über mich verhängen, was sie wollen - es gilt mir
gleich. Achtet der Taucher, der sich in's Meer stürzt, um eine köstliche Perle
zu holen, achtet er der Wogen, die über ihn zusammenschlagen? Muss er sie nicht
über sich ergehen lassen, wenn er seinen Zweck erreichen will?
    Und dann endlich - was kann Serranus von mir fordern, das ich nicht bereit
wäre, ihm immer fort so zu leisten, wie bisher? Sein Hauswesen will ich fortan
mit pünktlicher Treue besorgen, seine Sclaven und Sclavinnen zur Arbeit
anhalten, auf die Wirtschaft, auf seinen Nutzen sehen, wo und wie ich's vermag.
Mehr fordert er nicht - mehr bedarf er nicht. Liebe hat er nie verlangt - ich
nie gegeben - ihm nie geben können. Sein Herz hat keine Bedürfnisse. Worin wäre
er also verkürzt? Ich verletze keine Pflicht gegen ihn, und bin sicher, nie eine
zu verletzen; denn dafür, dass mein Umgang mit Tiridates in den Schranken der
Tugend bleiben soll - bürgt mir meine Denkart. Uebrigens glaube nicht, dass ich
so tief herabsinken würde, ihn zu betrügen. Die Reise nach Bajä war weder mein
Vorwand, noch mein Plan. Sie war sein Wunsch - er ersuchte mich darum, weil die
Anwesenheit eines von uns jetzt schlechterdings auf der Villa notwendig war,
und er sich nicht entschliessen konnte, Rom während der Saturnalien zu verlassen.
Er schickt mich - ich gehe gern - denn Tiridates hält sich seiner Geschäfte
wegen in Puteoli auf. Ich mache mir kein Verdienst aus dieser Reise, ich will
nicht, dass Serranus sie dafür ansehe - es bleibt Alles klar und würdig zwischen
ihm und mir.
    Doch genug von mir. Jetzt auch ein Weilchen von dir, meine Freundin. Wir
haben noch eine kleine Rechnung mit einander abzutun. Ist es wohl recht von
dir, während ich, die Aeltere von uns Beiden, die Matrone, dir, dem Mädchen,
meine Geheimnisse aufdecke, so verschlossen gegen mich zu sein? Woher weisst du
meine Zusammenkünfte mit Tiridates? Woher kömmt dir diese Allwissenheit? Soll
ich glauben, du könntest wie eine tessalische Zauberin das Verborgene erraten?
O halte mich nicht für leichtgläubig, weil ich so offenherzig bin. Soll auch ich
dir einen Namen nennen, um dein Gesicht mit Purpur zu überziehen? Agatokles? -
Nicht? Er, der Freund des armenischen Prinzen, der Sohn des Hegesippus, der
Gastfreund deines Hauses, ist jetzt in Rom, täglich in eurem Hause, ja ich
glaube, er wohnt bei euch. Er ist edel, verständig, und ein düster glühender
Schwärmer für Alles, was ihm Grösse und Tugend scheint. Wie könnte es anders
sein, als dass die schöne blühende Römerin, mit allen Vorzügen, die Natur und
Fleiss einem weiblichen Wesen geben können, geschmückt, den Beifall des feinen
Kenners alles Schönen und Guten erhalten musste, dass der liebenswürdige
Sonderling zuerst Achtung, und dann vielleicht auch eine wärmere Empfindung für
diese seltne Erscheinung fühlte. Erröte nicht, Calpurnia! Agatokles ist deiner
würdig. Wenn ich wieder in Rom sein werde, werde ich dir viel Schönes und
Schätzbares von ihm erzählen, das ich durch Tiridates von ihm erfuhr, das aber
für einen Brief viel zu lang wäre. Leb' wohl, liebe Calpurnia, und zürne mir
nicht, dass ich nicht wollen kann, weise und besonnen sein. Bald hoffe ich bei
dir in Rom zu sein, denn ich denke mit meinen Geschäften hier nicht sehr lange
zu tun zu haben. Ich habe die Villa in einem sehr zerrütteten Zustande
angetroffen - wie es denn bei der gänzlichen Abwesenheit der Gebieter, wo Alles
dem Gesinde überlassen wurde, nicht anders zu vermuten war. Indessen habe ich
mancherlei Anstalten und Einrichtungen getroffen, mit denen Serranus, wie ich
glaube, zufrieden sein wird, und die künftigen Unordnungen vorbeugen sollen.
Sobald Alles in gehörigem Gange ist, eile ich in deine Arme.
 
                                    Fussnoten
1 Seneca de Providentia.
2 So hiess der Ort des Hauses, in welchem die Frauen abgesondert wohnten.
 
                           3. Calpurnia an Sulpicien.
                                                             Rom, im Jänner 301.
Bald hätte mich dein Brief böse gemacht, wenn ich dir überhaupt jemals zürnen
könnte, und wenn mich nicht die feinen Schmeicheleien am Ende wieder besänftiget
hätten. Von dir sage ich also nichts mehr. Du scheinst es nicht zu wollen - und
kannst auch jetzt nicht hören. Dir darzutun, dass die Leidenschaft, die dich
beherrscht, deine gesunde Vernunft gefangen halt, und dich Alles durch das
gefärbte Glas ihrer Eingebungen ansehen lässt, würde eben so vergeblich sein, als
wenn ich mich jetzt an's Ufer des Meeres hinstellte, um den Fischen den Homer
vorzulesen. Alles, was ich hinzufügen will, ist der fromme und gewiss herzliche
Wunsch, dass die Bezauberung, in der ich dich zu meiner Betrübnis sehe, eher
aufhören möge, als es für deine Ruhe zu spät ist.
    Nun also von mir und unserm Gastfreunde. Wie kannst du glauben, dass ich dir
etwas verschweigen wollte? Gewiss, der Gedanke kam nicht in meine Seele. Ich
schrieb dir nicht von ihm, weil - weil ich nicht an ihn dachte, weil deine
Angelegenheit mich zu sehr beschäftigte, um andern Gedanken Raum zu lassen. Du
nennst ihn einen Sonderling, darin hast du vollkommen Recht - aber auch einen
liebenswürdigen ? O da fehlt noch viel! Erstlich ist seine Gestalt, obwohl edel
und bedeutend, doch nichts weniger als schön. Zweitens ist seine Art, sich zu
kleiden, viel zu einfach, ja beinahe nachlässig, und er wird nie zwischen allen
den schöngelockten, geschmückten, von Salben duftenden Jünglingen, die uns
umschwärmen, einen vorteilhaften Eindruck machen. Drittens ist mir seine Tugend
und Philosophie zu rauh, zu düster. Er kömmt auch mit Niemand besser aus, als
mit deinem Vater. Ich wünschte, du wärst einmal gegenwärtig, wenn diese zwei
glühenden Republikaner, diese geschwornen Feinde der Tyrannei, mit einander
eifrig reden. Der Contrast der Wirklichkeit mit ihren Ideen erhitzt ihre
Einbildungskraft noch mehr, sie ergiessen sich in bittern Tadel der jetzigen Zeit
und Sitte, und erheben die Vergangenheits mit den ungemessensten Lobsprüchen.
Dann bekömmt die Haltung unsers Gastfreundes etwas so hohes, edeltrotztges, sein
dunkles Aug' sprüht Funken, sein sonst bleiches Gesicht überzieht eine so feine
Röte, und um seinen Mund, der überhaupt nicht unangenehm ist, bildet sich ein
so lieblicher Zug, dass man in solchen Augenblicken versucht wäre, den
begeisterten Redner für hübsch, und das, was er sagt, für nicht ganz so
abenteuerlich und überspannt zu halten, als sonst. Aber das sind nur
Augenblicke, und so, wie er schweigt, und man Zeit hat, über seine Behauptungen
nachzudenken, sieht man ihre Unstattaftigkeit ein. Ich weiss übrigens wenig -
beinahe nichts von ihm; denn mit mir spricht er nicht viel. Ich stehe viel zu
tief unter den hohen Idealen der Lucretien, Portien u.s.w., die seinem Geiste
vorschweben. Schon der erste Eindruck, den ich auf ihn machte, muss höchst
ungünstig für mich gewesen sein. Mein Vater führte ihn zu mir, als ich eben -
ich muss gestehen - ziemlich nachlässig gekleidet, und ein milesisches Mährchen1
in der Hand, auf meinem Ruhebette lag. Welch ein Abstand von jenen Matronen!
Welche Versündigung an seinen Grundsätzen! Wie könnte ein so leichtfertiges Ding
vor so strengen Augen Gnade finden! Du wirst dein Glück bei ihm machen - und ich
- werde dich sicher nicht beneiden.
    Eins habe ich an ihm bemerkt, und es sollte mir leid tun, wenn ich richtig
gesehen hätte; denn bei allen seinen Sonderbarkeiten halte ich ihn für einen
achtungswürdigen Mann. Er scheint einen geheimen Kummer zu haben. Diese trübe
Ansicht des Lebens, diese strenge Abneigung von allen Freuden der Welt und der
Jugend ist bei einem geistvollen, im Schoss des Glückes gebornen jungen Manne
sonst nicht zu erklären. Auch bestätigen manche seiner Äusserungen diese
Vermutung. Wenn sie gegründet wäre - wie gesagt - es würde mir sehr leid tun.
Erkundige dich doch darüber bei Tiridates, und schreibe mir noch, ehe du Bajä
verlässest. Leb' wohl.
 
                                    Fussnoten
1 Milesische Mährchen hiessen die kleineren Erzählungen und Romane jener Zeiten,
deren Gegenstand die Liebe, und nicht immer die platonische war.
 
                           4. Agatokles an Phocion.
                                                             Rom, im Jänner 301.
Ich bin in Rom. Dass ich dir seit meinem Aufentalte von vierzehn Tagen noch
nicht geschrieben, mag die Neuheit der Dinge, die mich umgibt, und ihre
Einwirkung auf mich entschuldigen. Dass ich aber hier jene Heiterkeit und
Fröhlichkeit nicht gefunden habe, und nicht finden werde, die man sich in
Nikomedien für mich versprach - das fühle ich. Auch ist Rom vielleicht unter
allen Orten der Welt gerade derjenige, wo ich am wenigsten genesen werde. - Bin
ich denn aber krank? Man bildet es sich ein, weil ich nicht leben kann, wie die
Uebrigen um mich herum. Ihre Verkehrteit macht mich seltsam - ihre Torheiten
mich streng und unverträglich erscheinen. Nicht, dass ich das Ungeheure, das
Unmögliche fordere; aber dass Wahrheit und Tugend, Zucht und Sitte ihnen
unmöglich scheint, das ist der eigentliche Grund unseres Streites. Das
Jahrhundert ist krank, nicht der, der kühn genug ist, mit voller Kenntnis der
bessern Vergangenheit es so zu nennen. Wie soll ich es unter diesen Menschen
aushalten!
    Mit der Beschreibung meiner Reise zu Wasser und zu Land will ich dich, aus
Achtung für deine Zeit, verschonen. Dir genügt zu wissen, dass ich gesund und mit
recht heitern offenen Sinnen in der Hauptstadt der Welt ankam. Der Genuss der
unbeschränkten Natur, die Unendlichkeit des Meeres, die Freiheit meiner Musse
hatte mich froh und für jeden guten Eindruck empfänglich gestimmt. Dir, dem
Lehrer meiner Jugend, dem keine meiner Empfindungen fremd ist, darf ich
gestehen, dass ein seltsames Gefühl mich ergriff, als unser Schiff in die Mündung
der Tiber einlief, und nun bald der Schauplatz jener grossen würdigen Scenen, die
mein Gemüt von Kindheit an ergriffen hatten, vor mir erscheinen sollte. Es
glühte in mir, meine Brust schlug stärker. So kam ich in Rom an. Von der Höhe
des Kapitols schienen die Manen der grossen Vorfahren herabzuschweben. Rund umher
war heiliger Boden. Ueberall Erinnerung, - Würde, - Hoheit. Durch die
menschenvollen Strassen führte mich mein Wegweiser in das Haus unsers
Gastfreundes Lucius Piso. An manchem Denkmal ehrwürdiger Vergangenheit, an
manchem Weiser auf einen hellen Punkt der Geschichte, ging ich mit
hochschlagendem Herzen vorüber, mit dem festen Vorsatz, sie alle nächstens zu
besuchen. Am Vorhofe empfing uns eine Schaar reich gekleideter Sclaven. Man
führte mich in's Atrium1. Die Bildsäulen des Pisonischen Hauses, viel
merkwürdige Gestalten, dem Geschichtskundigen wohlbekannt, standen hier. Ihre
erhebende Gegenwart hatte die Länge der Zeit getäuscht. Ich sah erst am
Sonnenzeiger im Hofraume, dass man mich eine ziemliche Weile hatte warten lassen.
Jetzt erschien ein zierlicher Sclave, der vorzüglich schön griechisch sprach -
und führte mich durch viele kostbar geschmückte Gemächer, voll Vasen, Gemälden,
Bildsäulen - zum Lucius Piso. Er ist ein würdiger Mann - an der Gränze des
Greisenalters, kräftig, verständig, edel - weit edler aber ohne den Prunk, der
ihn umgibt, und seinen innern Wert verhüllend mindert. Der Vater gefiel mir -
minder die Söhne. Es sind Jünglinge, nicht ganz so von allen Vorzügen entblösst,
wie die übrigen, die ich hier und zu Hause kennen gelernt habe; aber die Farbe
des Zeitalters hat sich ihnen zu stark mitgeteilt, um sie wahrhaft
achtungswert zu lassen. Vor dem Abendessen stellte mich Piso seiner Tochter
vor. Bei den Göttern, ein reizendes Geschöpf! Das Gerücht hatte mich bereits auf
sie aufmerksam gemacht - ich fand dennoch in jedem Sinne mehr, als ich erwartet
hatte. So viel Schönheit, so viel unaussprechliche Anmut des Körpers und
Umgangs, und so viel Leichtsinn und Verkehrteit der Gesinnungen! Die Tochter
eines der ersten römischen Häuser - die Abkömmlingin so edler Matronen, im Anzug
und den Umgebungen einer griechischen Hetäre2, und dennoch in Reden und
Handlungen vollkommener Anstand und edle Weiblichkeit!
    Besser als alle übrigen Menschen, die ich in Rom kennen gelernt habe, würde
mir Sectus Sulpicius, ein Römer aus einem altadeligen Geschlechte, gefallen,
wenn nicht ein Zug von Härte, und ich fürchte zu sagen, Eigennutz, diesen
Charakter befleckte. Eine liebenswürdige Tochter hat er, ohne auf ihr Glück
Rücksicht zu nehmen, seinen Planen geopfert. Sulpicia soll schön, tugendhaft,
und in der Verbindung mit einem armseligen Weichling aus dem Anicischen Hause
sehr unglücklich sein. Ich freue mich, sie bald kennen zu lernen. Unser Freund
Tiridates ist auch der ihrige. - Ob er ihr noch mehr ist, mag ich nicht
erforschen, weil ich mir die Achtung für sie gern rein erhalten möchte.
    Meinem Vater habe ich bereits zweimal - einmal aus Corint mit einem
zurückgehenden Schiffe, und vor mehreren Tagen aus Rom geschrieben. Die
Ehrfurcht, die ich ihm als Sohn schuldig bin, will ich wissentlich nie
verletzen. Uebrigens kann ich leider von dem, was er wünscht, nichts tun. Ich
kann nicht leben und handeln wie er; denn ich kann nicht denken und fühlen wie
er, und eines festen Gemütes gänzliche Umstimmung ist nicht das Werk der
Ueberredung oder des Zwanges. Umstände, Zeit, Verlockung könnten etwas tun;
aber wo die Ueberzeugung des Rechts so unerschütterlich gegründet ist, wie in
mir, ist auch von dieser nichts für mich zu fürchten, für ihn nichts zu hoffen.
Er hat mich aus Nikomedien fortgeschickt, um in andern Ländern durch Erfahrung
zu lernen, dass meine Denkart abenteuerlich, meine Forderungen an die Menschheit
überspannt, meine Begriffe von öffentlichem Wohl töricht seien. Ich habe ihm
gehorcht. Lass mich gestehn, dass mich dieser Gehorsam nichts kostete; denn in
meinem Innern war eine Stimme, die mir sagte, dass Vater und Sohn nicht so von
einander denken, und wenn sie so denken, nicht beisammen leben sollten. Meine
Ansicht aber wird ewig dieselbe bleiben. Rom wenigstens wird nichts daran
ändern. Wie widerlich mir diese Stadt mit ihren Einwohnern ist, kann ich dir
nicht sagen. Auch glaube ich gern, was schon Tiridates (mit dem ich allein hier
in diesem Sammelplatze von Lastern und Torheiten leben und reden mag) gegen
mich behauptete, dass gerade der scharfe Gegensatz des Einst und Jetzt, der in
diesen verächtlichen Nachkommen würdiger Väter so grell in die Augen springt,
meine Abneigung gegen sie noch vergrössert. Nein, wahrlich, Phocion! mein Vater
hätte mich nicht nach Rom schicken sollen!
    Indes bin ich, im Ganzen genommen, doch nicht ungern hier. Ich lerne viel,
sammle Erfahrungen, sehe manches Denkmal der Kunst und bessern Zeit, und gehe
mit vielen unterrichteten Männern um. Meine Stunden sind regelmässig unter
Geistes- und Körperübungen, Genuss und Anstrengung geteilt. Du weisst, ich
brauche nur Musse, und Freiheit, um zufrieden zu sein. Zufrieden! Mehr kann und
soll ja der Mensch nicht verlangen. Und ist nicht jeder nur so glücklich, als er
sich selbst dafür hält? Wenn auch manchmal trübe Gedanken in meiner Seele
aufsteigen, so ist es Uebung der innern Kraft, sie zu bekämpfen. Der Mensch ist
nicht zum Glück geboren, seine Bestimmung ist, gut zu sein. Zur Güte führt die
Weisheit, zur Weisheit Freiheit von Bedürfnissen. Das lass uns nie vergessen,
daran lass uns festalten, und was dann über uns ergehen mag, mit mutigem Sinn
und heiterer Stirn erwarten.
 
                                    Fussnoten
1 Atrium war eine Art Vorhaus oder Vorsaal, in welchem bei den adeligen Familien
die Bildnisse der Vorfahren aufgestellt waren.
2 Hetäre, ein griechisches Wort, das so viel als Freundin oder Gefährtin
bedeutet, und eine anständige Benennung für eine unanständige Lebensart war.
 
                           5. Derselbe an Denselben.
                                                            Rom, im Februar 301.
Mein Vater war krank, schreibst du mir, aber er ist wieder auf dem Wege der
Besserung. Dank den himmlischen Mächten, die unser Schicksal leiten! Es würde
Mich sehr geschmerzt haben, ihn in den letzten Augenblicken nicht gesehen, und
seinen Segen, seine volle Verzeihung nicht erhalten zu haben. Er ist doch mein
Vater, und was auch zwischen uns obwaltet, so behauptet die Natur in ernsten
Momenten ihre vollen Rechte, und ich fühle an der Freude, welche mir seine
Genesung verursacht, was für Bitterkeit sein entfernter einsamer Tod durch mein
Leben gegossen haben würde.
    Sein Betragen während der Krankheit ist dir so sehr aufgefallen? Mir nicht.
Seine Philosophie ist, wie bei vielen Menschen unsrer Zeit, nie Wirkung von
Grundsätzen, sondern Folge der Bequemlichkeit gewesen. Er hat dem Tempel zu
Delphi einen Dreifuss gelobt, und dem Aesculap einen Hahn geopfert1, er, der
sonst Götter und Götterdienst als leere Schattenbilder verachtete, hingestellt,
um einen blinden Pöbel in Hoffnung und Furcht zu erhalten? Was er getan hat,
werden Tausende tun. Das ist das Verderben der Zeit, dass sie in den Staub
tritt, was der Vorwelt heilig war, und nichts hat, den ungeheuren Verlust zu
ersetzen. Was auch die Meinung des Pöbels von seinen Göttern ist - lass sie ihm,
wenn du ihm nichts Besseres zu geben hast. Und wer hat das? Das Licht, das uns
in den eleusinischen Geheimnissen leuchtete, ist Etwas; aber immer wenig für den
dürstenden Geist, der hier an der Quelle zu trinken sich sehnt und ängstet. Es
ist kein kleiner Teil des Kummers, der oft meine einsamen Stunden verdunkelt,
hier so ganz in Nacht zu tappen. Ich sinne und strebe und kämpfe meinen Geist
müde; und versinke ich in eine Art von Betäubung, dann ist der Gedanke, dass so
viele grosse Männer der Vorzeit nicht mehr wussten, dem ermatteten Sinn
Beruhigung, bis eine neue Anregung meine Zweifel auf's Neue stürmisch
emportreibt, und die Stille meiner Seele stört.
    Wenn nur irgend eine Leidenschaft, ein würdiger Gegenstand des Ehrgeizes,
der Liebe oder Freundschaft meinem unstäten Willen eine bestimmte Richtung,
meinen Kräften einen angemessenen Zweck darböte! Du bist entfernt, du, der
allein mich versteht. Hier bin ich ganz einsam. Tiridates ist unstreitig
liebenswürdig, und ich glaube - hätten wir uns jünger gekannt - wir wären
vielleicht Freunde geworden. Das, was uns jetzt trennt, und unsre vollkommene
Vereinigung hindert, liegt nicht sowohl in unserm Innern, als es von Aussen
angebildet worden ist. Denn über Alles, was dem Menschen, als solchem wert,
unschätzbar, heilig ist, denken wir ganz gleich. Aber der frohmütige
Königssohn, am orientalisch-prächtigen Hof Diocletians, in der Gunst des Cäsar
Galerius, in Hoffnungen auf den Tron seiner Väter erzogen, kann niemals mit dem
unberühmten Sohn des Privatmannes, den Erziehung und Umstände auf einen ganz
andern Standpunkt gestellt haben, die Dinge der Welt in einem gleichen Lichte
sehen. Wir lieben uns, das ist viel, aber nicht genug für mein Herz, nicht genug
für seines, das ausser mir noch Manches bedarf, und auch gesucht und gefunden
hat. Er liebt Sulpicien, das unglückliche - aber bis dahin tugendhafte Weib
eines Andern.
    Calpurnien lerne ich täglich näher kennen, und täglich entfaltet sich ihr
Charakter mehr der ersten Ansicht gemäss, unter der er mir sogleich erschienen
war. Sie ist nicht ohne Verdienst, aber sie ist unbeschreiblich leichtsinnig,
und das Grösste und Würdigste muss, wenn sie die Laune anwandelt, ihrem Witze eben
sowohl zum Spielwerk dienen, als das Gemeine und Lächerliche. Wir sind in ewigem
Streite mit einander, wir scheinen uns zu hassen, doch weiss ich wohl, dass wir
uns im Grunde Beide achten, aber nie - nie nähern werden.
    Ehrenstellen zu suchen, bei dieser Entartung des Gemeinwesens, bei dieser
Auflösung aller heiligen Bande, kann nur Eigennutz oder Ruhmsucht anreizen.
Vaterlandsliebe ist ein leerer Schall, und Wirken zum Besten des Ganzen, ein
kindischer Traum geworden, seit ein Einziger mit unausweichbarer Gewalt alle
Macht in Händen hat, und Senat, Patricier und Volk eine folgsame Heerde Sclaven
ist, dieser Senat, der mit derselben Bereitwilligkeit die Mörder des Caligula
belohnt, und die Vergötterung eines Caracalla2 unterzeichnet! - O Tiber hat ihn
wohl gekannt und verachtet! Und wie tief unter jenem steht noch der jetzige,
dieses willenlose Spielwerk der Laune eines Einzigen, oder des rohen Übermuts
der Prätorianer!
    Ich hasse die Tyrannei, ich fühle mit Schmerz, dass mich das Schicksal um
vier oder fünf Jahrhunderte zu spät geboren werden liess. Dennoch muss ich
Diocletian bewundern, dessen Riesengeist und vorzügliche Herrschergaben nicht
allein den ganzen Erdkreis, so weit ihn gebildete Nationen bewohnen, sondern,
was noch mehr ist, die Leidenschaften derjenigen im Zaum hält, denen Nähe des
Trons und oft wiederholtes Beispiel eine ewige Anreizung zu kühnen Versuchen
sein könnte. Doch scheint mir, die Würde der römischen Macht, die der
ausserordentliche Geist dieses Mannes aus zerfallenden Trümmern herrschend
hervorrief, wird wohl mit diesem Geiste stehen und sinken. Nicht Maximians rohe
Kraft, nicht Galerius düsteres Gemüt, nicht der weiche Constantius sind der
ungeheuren Last gewachsen. Jetzt behauptet Jeder, von des Herrschers Klugheit
wohl gewählt, den angewiesenen Platz mit Ehre, und benagt sich leicht und
kräftig in seinem Kreis. Doch das ist Täuschung. Es sind nicht sowohl zwei
Auguste und zwei Cäsaren, die die römische Welt teilend regieren: es ist ein
gewaltiges Genie, das durch die Andern, wie die Seele durch Organe, wirkt. Was
entstehen wird, wenn einst diese Seele entweicht, liegt im Dunkel der Zukunft
verborgen. Erfreulich kann es auf keinen Fall sein.
    Sieh, das ist unser Unglück, dass wir - Bewohner eines Freistaates - so weit
gekommen sind, den Tod eines Alleinherrschers fürchten zu müssen; dass an Einem
Geiste das Schicksal der Welt hängt, und in dem von Grund aus verderbten Volke,
das einst den ganzen Erdkreis durch seine Helden eroberte, durch seine
Staatsmänner regierte, ein solcher Verlust unersetzlich ist. Sein Tod wird das
künstliche Band zerreissen, womit er die zerfallenden Glieder des Riesenkörpers
wider den Geist der Zeit und der Umstände gewaltsam zusammenhielt, und den
Barbaren, die neidisch und gierig unsere Grenzen umlauern, scheue Ehrfurcht
gebot. Trüb und düster liegt die Zukunft vor mir, die Gegenwart ist schaal, die
Vergangenheit ohne Freuden; denn meine Kindheit und erste Jugend schwand unter
feindlichen Umgebungen hin. Wo soll mein Geist sich hinwenden?
    Phocion! Ich bin nicht glücklich, und mit unendlichem Schmerze fühle ich,
dass die Quelle meines Unglücks nicht sowohl in der Welt um mich, sondern in nur
selbst liegt. Tausende an meinem Platze würden vergnügt sein, sind es wirklich.
Ich trage Begriffe, Forderungen, Gestalten in meiner Brust, die nimmermehr zu
dem passen, was um mich vorgeht. Ich bin in ewigem Kampfe mit der Wirklichkeit,
und sie rächt sich nur zu bitter an dem, der ihre Freuden verschmäht. Und wie
soll ich's ändern? Kann ich mich umgestalten? O warum ward mir nicht ein kleiner
Teil des holden Leichtsinns zum Loose, der die reizende Calpurnia so sanft über
alle Unannehmlichkeiten des Lebens hinwegführt?
    Dem trüben Geist, in quälenden Gedanken versunken, erscheint nur zuweilen
ein einziges Bild aus der Nacht der Vergangenheit, das ihn sanft und freundlich
anlächelt, dann schnell verschwindet, und den brennenden Schmerz in süsse Wehmut
löset.
    Als ich ein Kind war - lange ehe mein Vater mich deiner Leitung übergab -
wohnte dicht an unserm Hause Timantias, ein edler Nikomedier, der eine der
ersten Würden im Staate bekleidete. Mein Vater und er waren Freunde, wenigstens
was man gewöhnlich so nennt, seine Kinder unsre Spielgefährten. Mich hielt ein
schwächlicher Körperbau, das Erbteil einer früh verblichenen Mutter, und meine
Gemütsstimmung von wildern Spielen ab, in denen meine früh verstorbenen Brüder
mit Timantias Söhnen die Jugendkräfte freudig übten. Larissa, Timantias Tochter,
blieb dann bei mir, ihr sanftes Gemüt fand Vergnügen darin, mich nicht zu
verlassen. Wir spielten zusammen, oder sie beredete mit der unwiderstehlichen
Macht der Güte die Uebrigen, ein Spiel ruhigerer Art zu wählen. So sorgte sie
für mich, liebte mich, und erfüllte mein Herz mit süssen Empfindungen. Wir
wuchsen heran, unsere Neigungen wuchsen mit uns. Da trat das Schicksal kalt und
feindlich zwischen uns. Timantias wurde eines Verbrechens wegen angeklagt. Ob
wirkliches Vergehen, oder feine grossen Reichtümer (eine mächtige Versuchung für
den habsüchtigen Proconsul Sisenna Statilius) daran Ursache waren, ist nie
bekannt worden. Er wurde in's Gefängnis geworfen. Mein Vater brach allen Umgang
mit der geächteten Familie ab. Ich und Larissa sahen uns nur verstohlen, und mit
desto grösserer Sehnsucht an den Hecken, die unsre Gärten schieden. Endlich nach
vierzehn Monden gefänglicher Haft wurde Timantias - aus Schonung, wie es hiess,
indem er des Todes schuldig befunden worden - mit seiner Familie verbannt, seine
grossen Güter eingezogen. Sisenna Statilius brachte sein Haus, das neben dem
unsern lag, um einen geringen Preis an sich, und mein Vater unterhielt dieselbe
Freundlichen mit ihm, die er mit Timantias gepflogen hatte. Ich war nicht zu
bereden, das Haus wieder zu betreten, wo mir die Geister der Vertriebenen Rache
fordernd zu schweben schienen. Dieser Eigensinn des achtzehnjährigen Jünglings
war eine von den Hauptquellen des ewigen Zwistes zwischen meinem Vater und mir.
Acht Jahre sind verstrichen, keine Spur von Timantias Schicksal ist mehr zu
erforschen gewesen. Ob Larissa glücklich, ob sie vermählt, ob sie überhaupt noch
am Leben sei - so wichtig mir diese Fragen oft erscheinen, - Niemand weiss sie zu
beantworten. Alle Nachforschungen, die ich anstellte, waren fruchtlos. Doch lebt
ihr Andenken in meiner Brust, als der einzige helle Punkt in meinem Schicksale.
Und auch der musste verschwinden? - Leb' wohl.
 
                                    Fussnoten
1 In Delphi war der berühmteste Tempel des Apoll, und ein Orakel. Die Dreifüsse
waren eine Art von Gefäss oder Schaale, welche auf drei Füssen stand, und dazu
diente, um Rauchwerk darin anzuzünden. Es war eines der gewöhnlichsten Opfer,
das die Frömmigkeit, die Furcht oder die Prachtliebe den Göttern brachte. Dem
Aesculap, dem Gott der Aerzte, pflegte man bei der Genesung einen Hahn zu
opfern.
2 Valerius Asiaticus, dessen Werk vorzüglich der Tod des Caligula war, rühmte
sich seiner Tat im Senat, und forderte eine Belohnung dafür Caracalla wurde von
Macrin getödtet, und die Soldaten, welche unter seiner grausamen Regierung sich
alle Ausschweifungen erlauben durften, und seinen Verlust betrauerten, trotzten
dem Senat seine Vergötterung ab Ueberhaupt war die Macht des Reiches in jenen
Zeiten in der Hand der Armee, oder vielmehr der Prätorianer, der k. Leibwache,
welche von dem Zelte des Imperators, Prätorium genannt, das sie zu bewachen
bestimmt waren, ihren Namen hatten. Wer ihre ungeheuren Forderungen an
Ausgelassenheit und Geld zu stillen versprach, oder ihnen geneigt schien, wurde
von ihnen auf den römischen Tron gesetzt, und durch sie ermordet oder
herabgestossen, wenn er jene Versprechungen nicht erfüllen konnte oder wollte.
Der Senat, diese einst so ehrwürdige und mächtige Versammlung, war zu einem
blossen Schattenbild und Werkzeug der Tyrannei und Anmassung herabgesunken. Der
Präfekt Prätorianer, ihr Anführer oder Kapitän, war die wichtigste Person im
Staate, und sehr oft der Cand dar zur Kaiserwürde, wie denn auch Diocletian von
diesem Posten auf den Tron stieg.
 
                           6. Calpurnia an Sulpicien.
                                                            Rom, im Februar 301.
Nach gerade wird mir dein Aufentalt in Bajä und deine lange Abwesenheit
unerträglich. Ich hätte dir so viel zu sagen, so viel zu erzählen, und muss mich
mit Schreiben, diesem armseligen Behelf für ein volles Herz, begnügen. Auch
Serranus fängt an, über dein Aussenbleiben unmutig zu werden. Zwar weiss er wohl,
dass du weit mehr Geschäfte gefunden hast, und der Zustand eurer Villa weit
zerrütteter ist, als ihr anfänglich glaubtet: dennoch, meint er, könntest du
jetzt fertig sein, oder was allenfalls noch zu tun übrig ist, auf ein andermal
lassen. Es ist doch ein gutes Wesen, dieser Serranus, und dir von Herzen
zugetan. Er weiss, dass du den Prinzen oft in Bajä gesehen hast, und - es
scheint, er freuet sich darüber, dass du doch in deiner Einsamkeit nicht ohne
Umgang warst. Auch schätzt er dich viel zu sehr, um nicht den Gedanken, dein
Verhältnis zu Tiridates könnte etwas mehr als Freundschaft sein, für Hochverrat
an dir zu halten. Wir haben gestern, als er zu mir kam um sich mit mir über
deine Abwesenheit zu beraten und zu beklagen, recht viel mit einander von dir
gesprochen. Er wird dir nächstens schreiben, und dich recht dringend bitten,
nach Hause zu kommen; denn seine Sulpiciola, wie er dich nennt, mangelt ihm
überall.
    Auch mir mangelst du recht sehr. In mir ist eine Art von Veränderung
vorgegangen, über die ich gern mit dir sprechen möchte. Es ist nicht mehr Alles,
wie es war. Ich ärgere mich darüber, und kann doch nicht wünschen, dass es nicht
geschehen sein möchte. Ich bin jetzt manchmal sehr ernst, ich kann stundenlang
über tiefsinnige Dinge recht tiefsinnig sprechen. Ich lache seltener, und finde
sogar Vergnügen an manchen Ideen, die ich sonst, als ich noch ganz Calpurnia
war, als excentrisch und überspannt verspottete. Das macht bloss der Umgang. Man
achte ja diese leise und langsame Gewalt, eben weil sie unbemerkt wirkt, nicht
für gering; man glaube nur ja nicht, sich vor ihrem stillen Einflusse bewahren
zu können. Wie der Bewohner der einen Provinz, in eine andere verpflanzt, nach
und nach, ohne es selbst zu wissen, seine Sitte, seine Tracht, sogar seine
Sprache nach dem Gebrauche und Dialect dieses Landes modelt, und so unvermerkt
mit den Eingebornen sich verschmelzt, so nehmen wir auch leicht und unmerklich
die Gedankenreihe, die Ansichten, ja bis auf die Redensarten unserer Freunde an,
und sehen erst nach einiger Zeit mit Erstaunen die Aenderung, die mit uns
vorgegangen ist.
    Agatokles - wie komme ich eben jetzt auf ihn? - ist recht viel bei mir. Wir
plaudern recht oft - recht lange - recht anziehend mit einander, und meine
Eitelkeit müsste mich ganz schrecklich irre führen, wenn ich nicht glauben
sollte, er finde wenigstens eben so viel Vergnügen an meinem Umgang, als ich an
dem seinen. Vielleicht eben des grellen Abstandes wegen, der im Anfange zwischen
unsern Charakteren zu sein schien? Schien! sage ich mit Vorbedacht; denn es
zeigt sich immer deutlicher, dass wir im Grunde über die meisten und wichtigsten
Dinge, ziemlich gleich denken. Zuweilen entsteht wohl ein kleiner Streit, aber
das dient nur, den Umtausch der Gedanken zu befördern, und die Unterhaltung zu
beleben. Uebrigens schadet es unserer Einigkeit nicht. Agatokles ist, wenn er
bei genauerer Bekanntschaft die spröde Aussenseite ablegt, ein sehr angenehmer
Gesellschafter. Unter andern lieset und declamirt er vortrefflich, und es ist
einer meiner köstlichsten Genüsse, mir von ihm die besten Stellen, aus unsern
Dichtern, die er fast alle auswendig weiss, vorsagen zu lassen. Zuweilen löse ich
ihn auch wohl ab. Du weisst, es war von jeher eine Lieblingsübung von mir. Und
dann, liebe Sulpicia, unter uns gesagt, geht meine Eitelkeit nicht leer aus. Ich
sehe, oder eigentlich, ich fühle wohl, dass die Leserin ihn weit mehr anzieht,
als der Dichter selbst: und je strenger der Mann gewöhnlich ist, je süsser,
schmeichelt es, dieses. Eis am Strahle der Freundschaft schmelzen zu sehen.
Freundschaft! Merke das Wort wohl, liebe Sulpicia! keine Liebe; denn ich bin
seine Vertraute, und weiss, dass sein Herz, wie es einem ächten Schwärmer geziemt,
teils der ganzen Menschheit angehört, teils mit seinen, feineren Neigungen
einem schönen Schattenbilds zugewandt ist, das noch aus den rosigen Tagen der
Kindheit in himmlischem Lichte vor seiner Seele schwebt, und ihn für alle
irdischen Reize unempfindlich macht. Du siehst, ich weiss schon Manches, und habe
damit nicht auf deine Ankunft warten dürfen. Nein, ich habe ihm einen Teil
seiner Geheimnisse mit freundlicher Herzlichkeit abgefragt, ich habe den Kummer
bemerkt, der dies edle Herz drückt, und ihn zu erforschen gesucht, und er hat
sich der ungeheuchelten Teilnahme wahrer Freundschaft nicht verschlossen. Seine
Unzufriedenheit mit dem Zeitalter, seine Besorgnisse für die Zukunft, seine
Trauer um die bessere Vergangenheit - ist jetzt nicht mehr Gegenstand unsers
Streites, und die Zielscheibe meines Scherzes. Seit ich weiss, wie tiefen Anteil
mein Freund an ihnen nimmt, wird über diese Materien ernst und würdig
gesprochen, und mit Vergnügen sehe ich denn am Ende eines solchen Gesprächs die
Gewitterwolken, die im Anfange seine Stirn umzogen, verschwunden, und seinen
Blick mir freundlich und dankbar strahlen. Sogar sein gespanntes Verhältnis zu
seinem Vater hat er - freilich nur leise - berührt, und ich achte seine
Zurückhaltung in diesem Punkte, und dringe nicht weiter in ihn. Scheint es doch,
er hätte willig Alles, worüber er Herr war, der Freundin mitgeteilt, und halte
nur mit dem zurück, was er nicht ganz sein nennen kann!
    Gekannt möchte ich das Mädchen wohl haben, das seine Kindheit und erste
Jugend verschönerte. Schön ist sie nicht gewesen, das sagt er selbst, aber gut
und höchst liebenswürdig. Nun das versteht sich von selbst, wenn ein Liebhaber,
sie schildert. Bis in sein achtzehntes Jahr ist er mit ihr umgegangen, seitdem
hat er sie nicht wieder gesehen. Ob nun gleich die folgenden acht Jahre für
seine Entwickelung sicher die bedeutendsten waren, so ist doch ein Jüngling, wie
Agatokles, mit achtzehn Jahren reif genug, um einen solchen Eindruck auf
Zeitlebens fest zu halten. Das kann ihm bei der Wahl seiner künftigen Gattin
immer schaden, oder auch nützen - wie du willst; denn es wird ihn behutsam und
ekel machen. Ich finde es nicht übel, wenn ein Jüngling ein idealisches Bild von
Würde, Grösse, Tugend in seiner Brust trägt, und die Welt um ihn her an diesem
grossen Maassstabe misst. Er und sie gewinnen dabei, denn er wird nichts Gemeines
und nichts gemein tun. Mag das Ideal nun die Gestalt irgend eines berühmten
Mannes, eines grossen Helden, wie Miltiades dem Temistokles1 war, oder eines
holden Weibes tragen; das ist in Rücksicht der Wirkung einerlei.
    Du siehst, Liebe, wie gelassen, wie wahrhaft philosophisch ich die Sache
betrachte. Hörst du wohl? Philosophisch! Du musst mir das Wort gelten lassen. Es
bezeichnet ganz eigentlich das, was ich andeuten will. Philosophie ist Liebe zur
Weisheit. Und ist der nicht weise zu nennen, der sich bemüht, mit klarer ruhiger
Ueberlegung alle Dinge auf der Welt in den gehörigen Beziehungen und Abständen
von sich zu stellen - und zu erhalten? Das allein führt zur Gemutsruhe, und nur
bei Gemütsruhe kann Weisheit wohnen. Nach dieser Definition, die mir ziemlich
richtig scheint, käme es nun darauf an, zu bestimmen, wer eher Anspruch auf den
Titel eines Philosophen machen kann - Ihr leidenschaftlichen Seelen, die ihr
Alles mit düsterem Ernst betrachtet, die Welt als einen ewigen Kampfplatz der
Tugend mit dem Unglück oder Laster anseht, und Alles schwer ertraget, weil ihr
eben Alles recht schwer nehmt - oder wir andern frohmütigen Geschöpfe, die wir
uns von keiner Sache tiefer bewegen lassen, als sie es verdient, vor allen
Dingen den Erscheinungen in dieser Welt die trügerische Maske abziehn, die ihnen
Vorurteil, Leidenschaft, Phantasie anlegen, und dann, wenn wir den
schrecklichen Riesen auf seine wahre Zwerggestalt herabgebracht haben, zusehen,
wie wir mit ihm fertig werden wollen. Jetzt will ich dir auch eine Stelle aus
deinem ersten Briefe, die mich damals fast ein wenig verdross, parodirend
zurückgeben. »Lass uns den eiteln Stolz auf Systeme aufgeben,« schreibst du. »Wir
sind nicht, was wir wollen, sondern was wir können.« Lass uns, sage ich dir,
nicht hinter Entschuldigungen des Unvermögens flüchten, wo wir tätig sein, und
handeln sollen! Wie oft - ich gebrauche mich der Waffen deines grossen stoischen
Lehrers - wie oft ist Nichtwollen die Ursache, Nichtkönnen der Vorwand!2
    Sieh, Sulpicia, ich fühle, dass Agatokles mehr Bedeutung für mich bekommen
könnte, als nach der Kenntnis, die ich von seinem Herzen und unsern
gegenseitigen Verhältnissen habe, mit meiner Ruhe bestehen kann. Ich sage es
aufrichtig; denn warum sollte ich mich der Neigung zu einem der edelsten
Sterblichen schämen? Aber eben darum werde ich mich und ihn strenge bewachen -
und nie soll Leidenschaft und ausschliessende Liebe die schöne Stille stören, in
der allein mir so wohl ist. Freundschaft, Achtung, zwangloser gebildeter Umgang,
das ist Alles, wessen ich bedarf, um glücklich zu. bleiben. Das wollte ich
suchen, das habe ich gefunden, und will es mir erhalten. Leb' wohl!
 
                                    Fussnoten
1 Temistokles hat bei der Statue des Miltiades, der die Perser überwand, als
Jüngling Tränen des Ehrgeizes geweint, und dann später die Perser, wie jener,
geschlagen.
2 Seneca in seinen Episteln: Nolle in causa est, non posse praetenditur.
 
                           7. Sulpicia an Calpurnien.
                                                           Bajä, im Februar 301.
Was soll ich sagen, Calpurnia? Soll ich mehr das Glück deines frohen Sinnes
bewundern, oder deine ungeheure Anmassung bedauernd anstaunen? Du fängst an zu
lieben, ja du liebst bereits, du bleibst in der Gegenwart des geliebten
Gegenstandes, und darfst es wagen, deinen Gefühlen so nahe, oder überhaupt nur
einige Grenzen setzen wollen? Entweder du irrest schrecklich, und wirst nur zu
früh aus deinem sorglosen Schlummer erwachen, oder - du bist die glücklichste
Sterbliche, die jemals gelebt hat, und leben wird. Aber du, die du unsre
Tragiker auswendig weisst, kennst du die Stelle nicht: Ich fürchte die Götter,
wenn sie allzugünstig sind?1
    Dass du und Agatokles einander näher kommen, dass ihr euch, trotz des
Contrastes, oder eben um des Contrastes eurer Gemüter wegen, wechselseitig
anziehen würdet, das habe ich vorgesehen, als Tiridates mir nebst der
Schilderung seines Freundes, die Nachricht brachte, dass er als Gastfreund in
eurem Hause lebe. Dass du aber auch mit dieser Empfindung, mit der Neigung zu
einem Agatokles, wie bisher mit allen übrigen, nach Gefallen zu spielen, sie
zu' lenken und zu drehen hoffen kannst - das hatte ich nicht erwartet. Was
denkst du denn von der Liebe? Welche Begriffe machst du dir von ihr? O dass die
Stimme einer unglücklichen Freundin die Kraft hätte, dich zu warnen, da es noch
Zeit ist! Ja, die Liebe ist die schönste, die seligste Empfindung, deren das
menschliche Herz fähig ist; sie ist es, die den armen Sterblichen auf
Augenblicke seiner dürftigen Existenz vergessen lässt, und ihn in den Aufentalt
der seligen Götter zu ihren Freuden entzückt. Aber - diese Freuden sind nicht
für den Sohn der harten Erde, für das zu Mühe und Sorgen bestimmte Geschlecht
des Deucalion2 gemacht! Die Götter strafen den Eingriff in ihre Rechte, und
stossen den Frevler, der in dieser sterblichen Hülle sich an ihren Tisch drängen
wollte, in den Tartarus hinab. Sieh hier den wahren Sinn der Fabel des Tantalus,
oder Prometeus, der den himmlischen Funken stahl, um die Gebilde seiner Hand
damit zu beleben! Nicht das stolze, kalte Vorrecht der Vernunft, die Seligkeit
der Liebe, die ganz eigentlich das Glück des denkenden Wesens ausmacht, war es,
womit er seine Geschöpfe weit glücklicher zu machen dachte; aber die Himmlischen
straften den Raub, und Prometeus büsste durch unendliche Martern, was er in
einem schönen Augenblick verbrach.
    Ja, unendliche Martern liegen unter den reizenden Blumen der Liebe
verborgen! Das fühle ich, das wirst auch du fühlen, und darum möchte ich warnen,
rufen, flehen: Ziehe dich zurück, so lange es noch Zeit ist, wenn du nicht die
grösste, Wahrscheinlichkeit eines glücklichen. Erfolges hast; siehst du aber den,
liebt dich Agatokles, wie du ihn, stellt sich eurer Verbindung kein anderes
Hindernis in den Weg - o dann gehe hin, du Liebling der Götter, geniesse deines
Glückes, unbeneidet von der trauernden Freundin, der kein so schönes Loos fiel,
die aber an deiner Freude sich mit freuen wird! Geniesse es, aber gedenke der
Nemesis3, und lass die heilige Scheue, die Furcht, es zu verlieren, dir seine
Dauer versöhnend sichern!
    O meine Calpurnia! Wie will ich mich freuen, wenn ich dich glücklich weiss!
Du bist edel, gut, schön, liebenswürdig: vielleicht haben die Götter dich zu dem
höchsten Glück bestimmt, das ihre Huld dem Menschen geben kann. Sein Abglanz
soll meine Nacht erhellen. Tiridates ist seit vorgestern von hier fort, um nach
Rom zu gehen, und sich auf eine lange Reise zu bereiten. Cäsar Galerius hat ihn
nach Nikomedien beschieden. Es sollen neue Versuche gemacht werden, vom Kaiser
und Senat seine Einsetzung auf den Tron seiner Väter zu bewirken4. Es soll ein
Heer gerüstet werden, den Persern ist der Krieg angekündigt, in Armenien sind
wichtige Dinge vorgefallen, Verschwörungen für und wider das Geschlecht der
Arsaciden. Welche Blitze aus den Wolken brechen werden, die sich von allen
Seiten an unserm Horizont herauf ziehen, wissen nur die Götter. Wir müssen in
geduldiger Ergebung zitternd erwarten, wen und wie der Schlag treffen soll. O
welches traurige Loos, wenn die Liebe eines unglücklichen Paares, in das
Schicksal der Reiche und Nationen verwebt, von ihm stürmisch fortgerissen wird,
und nichts tun kann, als sich blind dem unwiderstehlichen Zuge hingeben!
Calpurnia! Wie bist du auch in diesem Stücke glücklich! Eure Liebe wird kein
Monarch stören, euer Bündnis wird nicht auf der beweglichen Welle der Volksgunst
getragen! Kein ernster Wille einer Nation entscheidet über euer Loos! Ihr dürft
euch im stillen Schatten des Privatlebens lieben, und mit einander leben, bis
der Tod diese Bande sanft löset, und eines nach dem andern in das dunkle Reich
der Nacht führet. O wie gern würde ich der schimmernden Aussicht auf den Tron
der Arsaciden entsagen, wie gern - wenn nur einmal die welken Bande, die mich an
Serranus binden, durch das Machtwort des Augustus gelöset wären - mich mit
Tiridates in irgend einem stillen Winkel der Wett verbergen! Aber darf ich wohl
diese Wünsche laut werden lassen? Darf ich den zum Tron gebornen, den der heisse
Wunsch der bessern Mehrheit seines Volkes, den die Stimme der Weisen unter den
Römern, den endlich sein hohes Gemüt mehr als Alles das zum Herrschen ruft, von
seiner erhabenen Bestimmung ablenken, und ihn um meinetwillen in niedriges
Dunkel begraben? Könnte ich diesen Verrat an der Welt, an seinem Volke
verantworten, und endlich, könnte ich hoffen, dass ein Herz, wie Tiridates, in
dieser stillen Beschränkteit, dieser ruhmlosen Abgeschiedenheit, glücklich sein
würde?
    Und so muss ich schweigen, dulden, tragen, das, was das Aergste für liebende
Herzen ist, Trennung, und Ungewissheit der Zukunft. Seit gestern - wie stille,
wie unendlich einsam ist es um mich her! Nirgends höre ich mehr die Stimme des
Geliebten, nirgends begegnet mir mehr die hohe teure Gestalt in der kalten,
beziehungslosen Umgebung. Von Allem, was uns bevorsteht, kenne ich nur die
Gefahren, die Hindernisse, die Schrecken mit Gewissheit. O meine Liebe! Das sind
Schmerzen, von denen du keinen Begriff hast. Mögen die Götter dich vor ihrer
Kenntnis bewahren! Was ist der Tod im Arm des Geliebten gegen diese Qual? Mit
jedem Augenblicke sterbe ich einmal, denn jeder Augenblick rückt die lange,
gefahrvolle Trennung näher, und so habe ich tausendmal den Tod gefühlt, ehe er
kommen wird, sich meiner wirklich zu erbarmen.
    Calpurnia! Ich bin sehr gebeugt, und zu den Leiden eines zerrissenen
Gemütes gesellt sich seit einigen Tagen ein körperliches Uebelbefinden, ob bloss
Zuwachs des erstern, ob Folge desselben und der vielen Verdriesslichkeiten, die
ich hier mit unsern Leuten und besonders mit Novius, unserm Verwalter, einem
durchaus bösen Menschen hatte, weiss ich nicht. Genug, jetzt, da ich nach mehr
als zwei Monaten wieder in deine Arme zurückkehren, und den Geliebten vor der
unendlichen Trennung vielleicht noch einmal in Rom sehen könnte, scheint meine
zerrüttete Gesundheit mir auch diesen letzten Trost verweigern zu wollen. Ich
habe an Serranus geschrieben, und eine wohlgeschlossene Sänfte bestellt.
Vielleicht kömmt er selbst, oder sendet einen seiner Vertrauten, mich abzuholen.
Das wäre mir sehr angenehm, denn ich fürchte mich, krank und allein zu reisen.
Von den hiesigen Leuten mag ich Niemand mitnehmen, ich habe sie auf einer viel
zu schlechten Seite kennen gelernt. Wäre jene Hoffnung nicht, ich würde ohne
weiteres die Rückkehr meiner Gesundheit und der bessern Jahreszeit hier
erwarten. Aber diese Aussicht ist auch auf ein blosses Vielleicht nicht
aufzugeben, und zwei Tage, mit dem Geliebten vor einer langen - ach wer bürgt
dafür? - vielleicht ewigen Trennung zugebracht, sind mit keiner Krankheit, mit
keinen Schmerzen, ja selbst mit dem Tode nicht zu teuer erkauft.
 
                                    Fussnoten
1 Aus Seneca's Tragödie: Die Trojanerinnen.
2 Deucalion und Pyrrha waren die einzigen Menschen, die nach einer Wasserflut,
in der die übrigen Sterblichen zu Grunde gingen, übrig blieben. Auf Befehl der
Götter warfen sie mit verhülltem Angesichte Steine hinter sich, aus welchen
Menschen entstanden, und die Erde auf's Neue bevölkerten.
3 Nemesis war die Göttin des rechten Maasses, die Richterin des Uebermutes. Man
sehe hierüber des verklärten Herders unübertrefflich schönen Aufsatz: Nemesis,
im zweiten Bande seiner zerstreuten Blätter
4 Armenien war lange Zeit ein unabhängiges Reich, in welchem Könige aus dem
Geschlechte der Arfaciden regierten. Endlich wurde es von den Persern
überwältigt, ihr letzter König Chosroes getödtet, und sein einziger Sohn
Tiridates, als Kind, nur mit Mühe und durch die Treue der Diener seines Vaters
an den römischen Hof gerettet. Hier wurde der Prinz in Hoffnungen auf das Reich
seiner Ahnen erzogen, und zeichnete sich bei jeder Gelegenheit durch persönliche
Tapferkeit und Edelmut aus Nachdem Armenien sechsundzwanzig Jahre lang das
persische Joch getragen hatte, erschien Tiridates, der rechtmässige Erbe, von den
Römern unterstützt, in seinem Vaterlande. Alles eilte zu seinen Fahnen, und er
war bereits wieder Herr seines Reichs, als die Zwistigkeiten in Persien, die
seine Fortschritte bisher begünstigt hatten, sich zu seinem Schaden in einen
Frieden auflösten, und er nun nicht mehr im Stande war, das Erbe seiner Väter
gegen die ungerechte Uebermacht der Perser zu verteidigen. Er floh zum
zweitenmale aus seinem Vaterlande aber die Römer, welche wohl einsahn, wie
wichtig und nützlich es ihnen sein würde, Armenien von Persien zu trennen, und
ihm einen eigenen, ihnen ergebenen Bundesgenossen zum König zu geben, nahmen
sich seiner gerechten Ansprüche auf's Neue an, und der Krieg wurde an Narses,
König von Persien, erklärt.
 
                           8. Calpurnia an Sulpicien.
                                                            Rom, im Februar 301.
Ich habe deiner Ueberkunst wegen gestern mit Serranus sprechen wollen. Ich
sandte zu ihm, aber er ist krank, und wirklich sehr bekümmert, dass er, wie sein
erster Vorsatz beim Empfange deines Briefes war, dich nicht selbst abholen kann.
Es waren wirklich schon alle Anstalten zu seiner Reise getroffen, als er krank
wurde. Jetzt also komme ich, dich abzuholen, mein Vater hat es mir erlaubt,
unser alter treuer Phödo, der Freigelassene meines Vaters, begleitet mich. Leb'
wohl! in vier Tagen bin ich bei dir.
 
                           9. Agatokles an Phocion.
                                                            Rom, im Februar 301.
Tiridates geht nach Mailand zum Cäsar Maximian, von da nach Nikomedien. Zum
persischen Kriege werden eifrige Zurüstungen gemacht, in ihnen sieht Tiridates
den Keim seiner künftigen Grösse, die Hoffnung unumschränkter Herrschaft über das
Reich seiner Väter. Galerius scheint ihn zu lieben, wenn Menschen, wie er, oder
Cäsarn überhaupt, lieben können. Auch Diocletian ist ihm nicht abgeneigt. Sein
schlauer Geist sieht in des Tiridates gegründeten Ansprüchen einen schönen
Vorwand, den Übermut der Perser, die ihm sein Reich vorentalten, zu
demütigen. Narses trotzt auf ungeheure Heere, auf seines Ahnherrn Saphor
allzugünstiges Glück, und die Cäsarn, eingedenk Valerians1 schimpflicher
Gefangenschaft, und seines entehrenden Todes, brennen, die alte Schmach in
Perserblut abzuspühlen. So stehen beide Völker einander gegenüber; und nach der
vorigen Niederlage des Galerius ist das Auge der Welt auf diesen entscheidenden
Kampf gleicher Kräfte ängstlich geheftet. Auch meines, Phocion! und höher
schlägt mein Herz bei dem Bilde künftiger Schlachten, grosser Ereignisse,
verhängnissvoller Taten, die für das Vaterland so wichtig werden können.
    Aber nicht allein des Vaterlandes Schicksal, auch das Schicksal des Freundes
ist's, was mich diesmal lebhafter als je für diesen Krieg bewegt. Tiridates
Glück hängt davon ab. Ich liebe ihn, seine Ansprüche sind gerecht, der Ausgang
kann mir nicht gleichgültig sein. Er gründet noch manche andre Hoffnung auf den
Fortgang seiner Waffen, die ihm wohl sehr teuer, nach meiner Meinung aber nicht
eben so gerecht ist. Sulpicien, die er mit unaussprechlicher Heftigkeit liebt,
denkt er durch eine Scheidung, die er durch die Einwirkung des Galerius zu
erhalten hofft, ihrem Manne zu entziehen, und dann auf den armenischen Tron zu
erheben. Es ist Alles unter ihnen verabredet und sicher bestimmt, nur Zeit und
Gelegenheit wird erwartet. Mir ist diese Sache widerlich, und ich würde einen
vorzüglicheren Ruhm darin finden, gar nicht im Geheimnisse zu sein, wo abraten
vergebens, und zustimmen wider meine Denkart ist. Nicht viel besser, als der
Plan zu einem Raube, scheint mir diese Verabredung, durch überdachte Massregeln
einem Manne dass zu nehmen, was rechtmässig sein ist. Mag immer Serranus
Sulpiciens schätzbaren Eigenschaften kein gleiches Verdienst entgegen zu setzen
haben, und mit eben so viel Leichtsinn als Schwäche über Gebühr an armseligen
Vergnügungen hängen - sie ist nach den Rechten der Väter, nach ihres Vaters
Willen, mit ihrer eigenen Zustimmung sein Weib geworden, und soll es bleiben,
bis gegenseitige Uebereinkunft beider Gatten ein Band, zu lösen für gut findet,
das nicht länger mit ihrem Wohl bestehen kann. Tritt einst dieser Fall ein, dann
mag sie aus seinem Hause in das eines Andern übergehn.
    Was noch mehr als diese heimliche Falschheit mich innerlich verdriesst, ist
der Leichtsinn, mit welchem Calpurnia in diesen Plan eingeht, und ihn, so viel
sie kann, unterstützt. Was könnte dieses Mädchen sein, wenn nicht allzugrosse
Leichtigkeit der Denkart, und ihr Hauptgrundsatz, dass Behaglichkeit und
Vergnügen der einzige und letzte Zweck unsers Daseins sind, sie über manches
Erhabne und Ernste so spielend wegführte. Sie hat viele achtungswerte Vorzüge,
sie ist eines hohen Grades vom Menschenliebe, von Freundschaft fähig, manches
Opfer sogar bringt sie mit festem Willen und heiterm Sinn, und mitten in dieser
würdigen Stimmung geht sie mit unbegreiflichem Leichtsinn zu Torheiten und
Äusserungen über, die mein Gefühl tief verwunden. Aber sie ist schön, Phocion!
Sie ist das schönste Weib, das ich je gesehen habe. Das fühle ich, und zürne mir
selbst, dass ich es so tief fühle. - Wenn sie, hingegossen auf ihr Ruhebett, die
goldne Leier im Arm, durch Ton und Gesang meiner Sinne bezaubert, oder in
begeisterter Stellung, noch unendlich reizender durch den seltenen Ernst, der
ihre Züge erhebt, schöne Stellen aus unsern Dichtern declamirt, oder endlich,
was ich zwar nur ein einziges Mal sah, im pantomimischen Tanz, wie eine
Luftgestalt, daherschwebt, und in jeder Bewegung tausend namenlose Grazien
entfaltet; o Phocion! wie schön ist sie dann! Nur einmal, wie ich dir sagte, sah
ich sie so; denn trotz ihrer epikuräischen Grundsätze hat sie ein sehr seines
Gefühl für Schicklichkeit und weibliche Würde. Es war ein stiller traulicher
Abend, kein fremder Zeuge ausser mir gegenwärtig, als sie auf vieles Bitten ihres
ältern Bruders Lucius, der ihr Liebling zu sein scheint, ihrem Vater, den
Brüdern und mir bei verschlossenen Türen dies unendlich reizende Schauspiel
gab. Sie tanzt vortrefflich, noch anziehender aber sind die Bewegungen ihrer
Arme, ihr Mienenspiel, ihre Geberden, womit sie sprechend und unverkennbar dem
Zuseher die Fabel des Stückes vergegenwärtigt. Ja, Phocion! dieser Eindruck,
wird nie aus meiner Seele schwinden.
    Ist das aber recht? Soll ein Spiel unsrer Sinne, eine angenehme Einwirkung
auf äussere Organe, denen kein deutlicher Begriff zum Grunde liegt, vermögend
sein nicht allein mächtig auf den edlern Teil unseres Selbst zu wirken, sondern
sogar diesen Teil wider seine Ueberzeugung mit sich fortzureissen, und zu
Handlungen zu bestimmen, die vor der prüfenden Vernunft nicht bestehen können?
Was ist der Mensch für ein armes, schwaches Geschöpf! Ein Spiel, nicht allein
des Schicksals, der allgewaltigen Natur, der Leidenschaften - auch ein weit
verächtlicheres seiner Sinne, die selbst bei besseren Menschen sich gegen die
Vernunft empören.
    Unbegreiflicher Zauber der Schönheit! Was bist du! Ein Phantom, ein
conventioneller Begriff, abgeändert nach Clima und Zeit, weder aus der Natur der
Menschen bestimmbar, noch überhaupt unter Regeln zu bringen! An den schönsten
Gestalten Griechenlands geht der Bewohner der beissen Zone ungerührt vorüber, und
was uns widrig erscheinet, entzündet seine Einbildungskraft, und bezwingt sein
Herz. Und was ist endlich Schönheit oder Reiz? Diese oder jene unwillkührliche
Gestaltung des Körpers, die Lage irgend einiger Muskeln, das zartere oder
gröbere Gewebe der Haut, eben so eine blosse Wirkung physischer Kräfte, jedem
Einfluss der Vernunft entzogen, als die Bildung eines Grases, einer Blume, und
eben so ohne Folge für den inneren Wert, der doch allein den Menschen zum
Menschen macht! Tausendmal, Phocion, habe ich mir dies gesagt, tausendmal, wenn
Calpurnia in ihren Reizen vor mir schwebte, mich bemüht, die Natur und Quelle
des mächtigen Eindrucks zu zergliedern, und so die Wirkung des Ganzen
aufzuheben. Es gelang auf einen Augenblick, im nächsten verschwand alle
Speculation vor der allgewaltigen Macht der Schönheit.
    Phocion! ich fange an, mit mir selbst sehr unzufrieden zu werden. Ich weiss
bestimmt, dass Calpurnia ihres Charakters wegen mich nie wahrhaft glücklich
machen kann, und trotz dieser festen Ueberzeugung - - Wie kann ich Tiridates
tadeln, der auch nichts anders tut, als dem Eindrucke nachgeben, dem zu
widerstehn, ihm Kraft und Wille fehlt?
    Wille? Fehlt mir dieser? Nein, Phocion! diese Gerechtigkeit darf ich mir
widerfahren lassen. Ich will widerstehn, und ich hoffe, ich werde es. Ist kein
Schild wider diese Reize in Vernunft und Grundsätzen zu finden: so übrigt die
Flucht, die keinem, der ernstlich will, entstehen kann.
    Calpurnia hat in diesen Tagen einen Beweis gegeben, dass sie nicht allein
liebenswürdig sei, dass sie auch mit Kraft einen edlen Vorsatz auszuführen
vermöge. Sulpicia lag krank in Bajä. Häusliche Verdriesslichkeiten, Einfluss der
Witterung, mehr als dies, verzehrende unglückliche Leidenschaften hatten ihre
Gesundheit erschüttert. Sie fürchtete, allein in blosser Begleitung ihrer Sclaven
nach Rom zurückzukehren. Serranus war selbst krank und konnte sie nicht abholen.
Da entschloss sich Calpurnia, die Freundin nicht zu verlassen. Des Vaters
abgeneigter Wille ward durch Bitten und Flehen bestürmt, und unter dem Schutze
eines treuen Freigelassenen reisete sie im ungünstigsten Wetter, Tag und Nacht,
nach Bajä, und brachte der kranken Freundin Hülfe und Trost. Am folgenden Morgen
kehrte sie in kleinen Tagereisen mit ihr nach Rom zurück. Ich war zugegen, als
sie anlangten. Tiridates, der kurz vorher wenig Hoffnung gehabt hatte, seine
Geliebte noch vor seiner Abreise zu sehen, harrte ihrer mit Sehnsucht und Angst.
Sie traten ein. Phocion! Welche Gewalt auf der Erde kann sich mit der Allmacht
der Liebe messen? Fordre nicht, dass ich dir das Wiedersehen dieser seligen
Unglücklichen beschreibe, dieses Entzücken, diesen Schmerz diese Götterwonne,
diese Verzweiflung! Sie müssen sich trennen, und ihre Zukunft liegt in tiefem
Dunkel. Entzündet und tief erregt von dem Auftritte, dessen Zeuge ich war,
gerührt von Calpurniens Edelmut, wiederholte ich es doch noch einmal: ich will
ihrem Zauber widerstehen, und ich hoffe, ich werde es.
    Ein hohes Bild schwebt in äterischer Klarheit vor meiner Seele. Larissa
erscheint mir oft, hier in Rom, seit ich um Calpurnien lebe, öfter als sonst, im
Wachen, in Träumen - und nicht vergebens! An dieser reinen Flamme verzehrt sich
jede unlautere Begierde, läutert sich der Wille, stählt sich die Kraft. Ich habe
alle Hoffnung verloren, sie wieder zu sehen; dennoch kann ich in manchen
Augenblicken einem heissen Wunsch, einer Ahnung künftiger Vereinigung nicht
widerstehen. Auch das ist einer der Widersprüche in meinem Innern, die mich
beschämen und quälen. Soll ich denn zu keiner Ruhe des Gemüts gelangen? Soll
meine Brust ewig streitenden Neigungen zum Kampfplatze dienen? Oft vertröstet
mich die Hoffnung, die doch keinen Menschen, wie elend er sei, verlässt, auf
meine spätern Jahre; Manneskraft und kälteres Blut wurden bewirken, was jetzt.
Vernunft und Ueberlegung fruchtlos versuchen. Vielleicht hat diese Stimme recht!
Manchmal ist mir aber auch, als wäre, dies Alter zu erreichen, mir nicht
bestimmt, als sollte ein frühzeitiger Tod gewaltsam den Kampf endigen. Ich würde
nicht darüber trauern. Auch hierin kann ich ohne Anmassung und Stolz mit dem
Weisen sagen: Ich gehorche den Göttern nicht, ich stimme ihnen bei2.
    Denn, was ist das Leben, Phocion? Die Bedingung unserer Bestimmung auf
Erden. Wir sind hier, weil wir etwas zu tun, zu schaffen, zu hindern haben, das
in den Plan des grossen Ganzen gehört. Haben wir das verrichtet, so können wir
abtreten. Hierzu ist kein Maass der Jahre bestimmt. Die Vorsicht setzt das
Werkzeug ihrer Absicht in der gehörigen Zeit und den erforderlichen Umständen in
Bewegung. Ist die Wirkung vollbracht, dann zerbricht sie das unnütze Geräte,
und wo wir dann hinkommen? Phocion, das ist das schauerliche Rätsel, das kein
Sterblicher lösen kann. Tartarus, Elysium sind artige Mährchen. Doch hangen
Viele daran, die nichts Höheres zu denken wagen. Darum sollen sie uns öffentlich
heilig sein! Und auch! - es wäre ein schöner Gedanke, die vorangegangenen
Geliebten in stillen Auen des Friedens wieder zu findend! Dort würde ich auch
meine Larissa sehen! Ach wer daran glauben könnte!
    Wie unglücklich ist es, diesen seligen Wahn aufgegeben zu haben, und in
allen Schulen der Philosophen, in allen ihren Büchern nichts zu finden, das
diesen Verlust ersetzt! Ach wer an Elysium glauben könnte! sage ich noch einmal.
    Es ist gar zu traurig, welche düstre entnervende Vorstellungen von unserm
Fortwähren im Hades3 sich die meisten, selbst vernünftigen Menschen machen. Wenn
Hadrian sein Seel'chen bleich und nackt in unbekannte Orte hinwankend denkt, wo
kein Scherz, keine Freude, mehr ist: wenn Achill im Homer lieber Tagelöhner auf
der Oberwelt, als König im Reiche, der Schatten sein möchte; wenn Mäcenas es
wünschenswert findet, unter allen erdenklichen Schmerzen, selbst am Kreuze zu
leben, nur um zu leben - wie müssen die Begriffe der Menschen von ihrem Zustande
nach dem Tode gewesen sein!
    Wer aber gibt uns bessere, die einen Grad von Wahrscheinlichkeit hätten?
Schlafen? Nichts von sich wissen? Was sind das anders, als schonende Namen für
die grauenvolle Idee der Vernichtung, vor der das denkende Wesen
zurückschaudert? - Plato hat schöne Ideen, aber sie befriedigen nicht, sein
Phädon vermag keinen Zweifler zu beruhigen. Die Stoiker und alle übrigen
Philosophen geben Vermutungen. Wer gibt dem dürstenden Geiste Gewissheit? Und
vor Allem, wer gibt dem rohen sinnlichen Volke, das durch losen Spott und
unberufene Lehrer auf die Nichtigkeit seiner Götter aufmerksam geworden ist, und
Ehrfurcht und Scheu als lästige Bande abzuwerfen strebt, einen neuen Zaum? Es
ist schrecklich, sage ich dir, wie weit die Verachtung alles Heiligen und
Ehrwürdigen in Rom nicht bloss in den höhern Ständen, sondern auch unter dem
niedrigsten Pöbel geht. Diese alte Religion sinnlicher, leidenschaftvoller,
diebischer, ehebrecherischer Götter kann nicht mehr den Zauber ausüben, den sie,
unbegreiflich genug, so manches Jahrhundert ausgeübt hat. Die Welt in ihrer
jetzigen Verfeinerung, Ueberverfeinerung und Verderbteit, braucht einen
stärkeren Zaum und würdigere Begriffe von ihrer Bestimmung und von der Gotteit
selbst.
    Es ist unmöglich, bei den Folgen dieses Missverhältnisses der Religion zum
Zeitalter, gleichgültig zu bleiben. Die Zukunft scheint mir schrecklich, ich
fürchte traurige Ereignisse für die Mit- und Nachwelt. Ich kann mich dieser
Gedanken nicht entschlagen, wenn sie mich oft recht peinlich fassen. So leide
ich doppelt. Das ist das unselige Loos von Gemütern, wie das meine, dass das
künftige Uebel sie schon quält, ehe noch das gegenwärtige seine Macht über sie
verloren hat. Beklage mich, Phocion, nur entzieh dem düstern Träumer, den du
schon oft vergebens ermahnt hast, deine Nachsicht und Liebe nicht. Leb' wohl!
 
                                    Fussnoten
1 Der Kaiser Valerianus wurde bei Edessa von den Persern geschlagen, und zum
Gefangenen gemacht. Saphor, ihr mächtiger König, hielt ihn bis an seinen Tod in
schimpflicher Gefangenschaft, und setzte, wenn er sein Pferd bestieg, immer den
Fuss auf den Nacken des unglücklichen Monarchen.
2 Seneca de Tranquillitate.
3 Hades, Tartarus, Namen für die Unterwelt. Die Stellen auf welche weiterhin
angespielt wird, sind folgende:
Animula vagula, blandula,
Hospes, comesque corporis
Quae nunc abibis in loca
Pallidula, rigida, nudula,
Nec ut soles dahis jocos.
-- -- --
Debilem facito manu
Debilem pede, coxa:
-- -- --
-- -- --
Vita dum superest, bene est,
Hanc mihi, vel acuta
Si sedeam cruce, sustine.
 
                          10. Sulpicia an Calpurnien.
                                                               Rom, im März 301.
Dass du, statt meines Besuchs, einen Brief von mir erhältst, dass es mir, drei
Strassen weit von dir, nicht möglich ist, dich zu besuchen; ist das Werk
niedriger harter Menschen, an deren Spitze Serranus, und - ich schaudre es zu
sagen - mein Vater steht. Novius, der Nichtswürdige, der unsre Villa so
unverantwortlich vernachlässigt hat, rächt die Entdeckung seiner Schandtaten
durch niederträchtige Verläumdung an mir, indem er Serranus und meinen Vater von
meinem Verhältnisse zu Tiridates unter dem Gesichtspunkte unterrichtet, aus
welchem ein feiles Gemüt, wie das seinige, eine solche Verbindung zu betrachten
im Stande ist! Um die Gunst seiner alten Gebieter zu gewinnen, hat er nichts
unterlassen, was den Prinzen und mich in ein verhasstes Licht setzen kann, und
aus dem eignen schändlichen Gemüt noch recht viel Abscheuliches und Entehrendes
hinzugesetzt. Was mir aber unbegreiflich bleibt, ist, dass er, die Götter wissen
woher? von Allem weiss, was für die Zukunft zwischen Tiridates, mir und dir
verabredet ist. Mein Vater wütet. Der Gedanke einer Scheidung, einer Verbindung
mit einem barbarischen Tyrannen1, wie er Tiridates nach alter Römersitte nennt,
macht ihn aller Schonung, aller väterlichen Liebe vergessen. Calpurnia! Ich
würde trotz des Kummers und der Kränkungen, die ich ausstehen muss, dennoch diese
Ausbrüche seines Zorns mit kindlicher Ergebung tragen, wenn ich sie als Folgen
wirklicher Schwachheiten und eingewurzelter Vorurteile, die nicht mehr in die
Zeiten passen, ansehen könnte; aber ich fürchte, es liegt dieser
unverhältnissmässigen Wut etwas anders zum Grunde, das vielleicht nicht so edel,
so verzeihlich, - - o lass mich darüber hingleiten! Das Geschlecht der Anicier
ist mächtig, ihr Einfluss am Hofe bedeutend. Mein Vater ist ehrgeizig, er hat
drei Söhne zu versorgen, die zum Teil schon in Hofämtern (wie wenig stimmt das
mit ächtem Republikanismus überein!) dienen, die er gern weiter bringen möchte!
Das empört mich, das macht mir meine hülflose Lage unter diesen Händen
unerträglich!
    Serranus würde sich nicht unterstehen, mich mit bittern Vorwürfen, mit
niederm Verdacht, so wie er tut, zu verfolgen, wenn nicht die Aufreizungen
meines Vaters und sein Ansehn dies schwache unselbstständige Gemüt zu einer ihm
selbst unerreichbaren Härte und Kraft aufregten. So aber stützt sich seine
Armseligkeit auf jenen festen Grund, und er peinigt mich um so mehr, je weher es
tut, sich von Jemand misshandelt zu sehen, den man nicht achten kann, der alle
Augenblicke die gelernte Rolle vergisst, und die Inconsequenz seines Innern durch
unzusammenhängendes Betragen äussert, jetzt schilt, jetzt trauert, in dieser
Stunde mich durch niedrigen Verdacht herabsetzt, in der nächsten die alte Liebe
wieder hervorbrechen lässt, und mich mit Klagen, Bitten und Vorwürfen ärger als
mit Scheltworten martert. Seit acht Tagen währt diese Qual, die im Anfange noch
erträglich, jetzt jeden Tag peinlicher wird, seitdem Serranus, gewiss auf
Anstiften oder Befehl meines Vaters, so weit geht, mich durch meine Sclavinnen
beobachten zu lassen, seitdem ich - o ich erröte, indem ich es schreibe - wie
ein Kind behandelt, nicht einmal allein ausgehen darf, wenigstens nicht zu dir.
Dich hält man für meine Mitverschworne. Man weiss, dass du des Tiridates und meine
Vertraute bist, und man traut dir und mir und dem Prinzen Dinge zu, die zu
wiederholen, mir Stolz und Achtung verbieten. Genug, ich soll dich nicht sehen,
wenigstens nicht allein. Lucia2, die Amme meines Gemahls, oder er selbst
begleiten mich bei jedem Ausgang. Seit ich das fühle, verlasse ich den Umkreis
meiner Wohnung nicht mehr. Ich erkenne meines Vaters unbeugsamen Sinn in diesen
Anstalten, der vor der Verbindung mit dem Prinzen zu erröten vorgibt, aber
nicht errötet, seine Tochter vor ihren Sclaven zu erniedrigen! Calpurnia!
Fühlst du ganz, wie tief ich gesunken, wie elend ich bin? und Tiridates ist
fern, und dein Umgang mir versagt! Ich bin einsam und hülflos, den Händen meiner
Peiniger überlassen! O welcher Gott gibt mir Kraft, dies zu ertragen, oder Mut
und List, meine Ketten zu zerbrechen.
 
                                    Fussnoten
1 Die Römer nannten voll Nationalstolz alle fremden Völker Barbaren, und Tyrann
war im Altertume der Name eines jeden Monarchen, ohne dass man eben den
gehässigen Begriff damit verband, den wir bei diesem Worte denken.
2 Die Ammen der Vornehmen jener Zeit blieben meistens bis an ihren Tod in den
Häusern ihrer Pfleglinge, und spielten manchmal die Rollen der Vertrauten und
Gehülfinnen bei heimlichen Verhältnissen, wie man in den Teaterstücken der
Alten findet.
 
                           11. Agatokles an Phocion.
                                                               Rom, im März 301.
Dieser Brief ist der letzte, den du aus Rom erhältst. Ich verlasse es in wenig
Tagen, um Kriegsdienste zu nehmen, und jetzt, wo das Auge der Welt auf die grosse
Entscheidung geheftet ist, mit und für Tiridates zu streiten. Zeihe mich keiner
Unbeständigkeit, wenn du mich, nach dem, was ich dir unlängst geschrieben habe,
doch diesen Stand, der so viel von seiner ursprünglichen Würde und
Zweckmässigkeit verloren hat, ergreifen siehst! Ich brauche Beschäftigung,
bestimmte, unnachlässige Tätigkeit; denn ich fühle, dass in meiner jetzigen Lage
jene Musse, in der sich sonst meine Seele so wohl befand, Gift für mich wäre.
Calpurnia ist zu reizend und zu leichtsinnig. Um sie zu sein, und sie nicht zu
lieben, ist unmöglich; sie zu besitzen und glücklich zu sein, noch unmöglicher.
So sehr sie mich anzieht, so tief fühle ich, dass wir nicht für einander geboren
sind. Darum ist es Pflicht gegen mich, gegen sie, dass dieser Zauber zerstört
werde, und das kann und wird er sicher durch Entfernung. Weniger als je widert
mir diesmal der Zweck und die Art des angefangenen Krieges. Es gilt keine neue
Eroberung, kein prunkendes Hinzufügen neuer Provinzen zu dem ungeheuern
Staatskörper, um sie eben so zu vernachlässigen und auszusaugen, wie die
vorigen. Dem rechtmässigen Beherrscher soll der Tron seiner Väter erstritten,
und die Schmach vergangener Jahre an übermütigen Barbaren gerochen werden. So
ehrt der Zweck die Mittel, und ich erröte nicht, ich freue mich vielmehr, in
diesem Kriege auch meine Kräfte zu versuchen, und eine edle Absicht mit
Aufopferungen befördern zu helfen. Tiridates ist nach Mailand zum Augustus
Maximian. Ich folge ihm bald, wir schiffen uns in Ravenna ein, und in ein paar
Wochen denke ich in Nikomedien zu sein. Dass ich dich nicht mehr dort treffen
soll, war eine schmerzliche, eine niederschlagende Nachricht für mich, die ich
aus dem Briefe meines Vaters vernahm. Du bist als Lehrer in der Akademie nach
Aten berufen, du verlässest deine Vaterstadt, vielleicht in dem Augenblicke, wo
ich mich anschicke, sie wieder zu sehen. Wie hätte ich mich gefreut, dich noch
dort zu finden! Es sollte nicht sein. So will ich denn auch diese
fehlgeschlagene Hoffnung, wie so viele andere, woran mich mein Geschick von
Jugend an gewöhnte, gelassen ertragen. Mein Vater hat mir geschrieben, so
väterlich, so gütig, wie seit langer Zeit nicht. Ich weiss wohl, und fühle es
dankbar, dass diese Milderung seiner Gesinnungen gegen mich dein Werk, dass es das
schöne Vermächtnis ist, das du scheidend mir im väterlichen Hause zurücklässest.
Habe Dank dafür, jenen innigen aber wortarmen Dank, den du weder verkennst, noch
verschmähst! Ich hoffe endlich meinen Vater, auch in dieser Hinsicht, mit mir
zufrieden zu sehen. Ich habe ihm meinen Entschluss, Kriegsdienste zu nehmen,
geschrieben, und ihn um seine Verwendung gebeten. Er wünschte längst, mich in
irgend einer Laufbahn tätig zu sehen; und so fällt sein Wunsch mit meinen
Absichten zusammen. Trifft dich dieser Brief noch in seinem Hause, so schildere
ihm meine kindliche Dankbarkeit für seine Güte, und sage ihm, dass ich es
nächstens selbst tun werde. Leb' wohl, teurer, väterlicher Freund!
 
                          12. Calpurnia an Sulpicien.
                                                               Rom, im März 301.
Zum erstenmal in meinem Leben setze ich mich mit rotgeweinten Augen, erschöpft
von einer halbdurchwachten Nacht, nieder, um deinen Brief zu beantworten, den
mir deine treue Chromis gestern in der Dämmerung verstohlen brachte, dein
Schicksal mit dir zu beklagen, und, was mich selbst schmerzt, in deinen
mitteilenden Busen auszugiessen. Arme, unglückliche Freundin! Und durch wen
unglücklich, als durch das boshafte Geschlecht, das, zu unserer Qual geschaffen,
uns durch seine Fehler und Tugenden gleich empfindlich martert! O glaube mir,
Sulpicia, ich fühle mit dir. Die Aussicht, einen Freund zu verlieren, dessen
Vorzüge mich eine Weile verblendeten, zeigt mir, was es sein muss, einen
Geliebten zu vermissen. Agatokles ist im Begriffe fortzureisen. Du staunst? -
So plötzlich, so unerwartet, so - wie soll ich sagen? ohne alle hinlängliche
Veranlassung! Sein Eifer für die gute Sache deines Tiridates wurde auf einmal so
brennend, und seine Pflicht, dem Wunsche seines Vaters entgegen zu kommen, so
dringend, dass er sich auf der Stelle entschloss, Kriegsdienste zu nehmen, und den
Feldzug wider, die Perser mitzumachen. Er, dessen Charakter, dessen Denkart nie
diesem Beruf günstig oder gemäss war, er, der in so Manchem, fast in allen
Stücken von seinem Vater verschieden denkt; er hat nun nichts Angelegeneres zu
tun, als sich zur Reise anzuschicken, und einen Ort bald zu verlassen, wo ihn
nichts auf der Welt zurückhält. O! Er hat vollkommen Recht; aber diejenigen, die
sich über seine Entfernung grämen wollten, hatten eben so vollkommen Unrecht.
    Das weiss ich, das fühle ich, und doch, Sulpicia - wie muss ich mich meiner
Schwachheit schämen - doch, gestern, als er es mir ankündigte! Ich war nicht
vermögend, ihm sogleich zu antworten. Meine Kniee wankten, mein Blut schien auf
einen Augenblick stille zu stehen, und ich empfand, dass auch meine
Gesichtsfarbe, wenigstens zum Teil, die Bewegung verraten musste, die in meinem
Innern vorging. Indessen - er war ja so gefasst, so ruhig, so aus freiem Willen
entschlossen! Was hätte ich für ein verworfenes Geschöpf sein müssen, wenn ich
mich nicht an dieser Kälte abgekühlt, an dieser bewunderungswürdigen Kraft
gestärkt hätte! Ich wurde auch stark! Ich fand in ein paar Secunden, ja indes er
noch, ich weiss nicht mehr was, sagte - denn zum Verstehen war ich zu sehr, o
gegen dich darf ich ja den Ausdruck brauchen! zu sehr betäubt - ich fand die
Kraft wieder, ihm mit Gelassenheit, ja sogar scherzhaft zu antworten. Schnell,
mit einer leichten Wendung drehte ich das Gespräch auf Nebensachen, auf die
Anstalten zu seiner Reise, die günstige Witterung u.s.w. Mein Vater und meine
Brüder waren gegenwärtig. Es ward mir leicht, unter einem Vorwande das Zimmer zu
verlassen, und in der Einsamkeit die mühsam zurückgehaltne Erschütterung meines
ganzen Wesens austoben zu lassen. Gern hätte ich auch den Tränen, die Schmerz
und Zorn unaufgehalten hervorriefen, freien Lauf gegeben; aber das durfte ich
nicht wagen, denn die Stunde des Abendessens war nahe, und Agatokles, wie
immer, bei uns. Ich wendete also bloss die einsame Viertelstunde an, um eine
leidentliche Haltung anzunehmen; dann kam ich in's Speisezimmer zurück. Die
Abreise, welche mein Vater und die Brüder recht aufrichtig bedauerten, war, wie
du denken kannst, der Gegenstand aller Gespräche. Ich tat mir Gewalt an, so
viel Gewalt, dass mein Herz heimlich aus allen Tiefen zu bluten anfing; aber ich
erstaunte selbst über meine Kraft, und schien von Allen die Ruhigste, die
Kälteste, sogar kälter als er, und das wollte Viel sagen! Da bemerkte ich denn -
o was sind diese Männer für schwache Geschöpfe! Wie reizt sie so gar nichts, als
was ihnen verwehrt ist! Wie wird die unbedeutendste Sache ihnen, wie den kleinen
Kindern, nur dann lieb, wenn sie sich ihnen entzieht! - ich bemerkte deutlich,
dass Agatokles in eben dem Maasse stiller, nachdenkender, missmutiger schien, je
heiterer und fröhlicher ich wurde. Das verdoppelte meine Kraft; denn es flösste
mir ein Gefühl von Spott ein, und so gelang es mir, bis zu Ende der Mahlzeit die
Rollen ganz umzutauschen. Wir schieden scherzend auseinander. Ich ging auf mein
Zimmer - ich hoffte ruhig bleiben zu können. Da trat deine Chromis ein, und ich
las deinen Brief. Auf einmal fiel die Erinnerung an meine Lage, vermischt mit
dem, was ich für dich empfand, wie eine Centnerlast auf mein Herz. An deinen
Schmerzen erneuerten sich die meinigen, und meine Tränen fingen an so heftig zu
fliessen, dass der Morgen bereits zu dämmern begann, als endlich ein mitleidiger
Schlaf meine Augen schloss. So sind es denn Männer, und immer Männer, die die
höchsten Qualen über unser Leben ausgiessen, sie mögen uns lieben oder hassen!
Serranus liebt dich, dein Vater, so hart er scheint, nimmt doch gewiss innigen
Teil an dir, und Agatokles? O wie oft las ich das Geständnis seiner Liebe in
seinen Augen, seinen entschlüpften Worten! Und doch, doch können sie uns so
grausam peinigen, so aller Rücksichten vergessen, und in der rohen wilden Kraft
ihres Wesens auch nicht von fern ahnen, wie ein Weib fühlt, und was unsre Herzen
bei diesen rauhen Berührungen leiden müssen!
    Was ist es bei Agatokles? Philosophischer Stolz, keiner Leidenschaft zu
unterliegen? Spiel mit einer wachsenden Empfindung, oder lächerliche Treue gegen
ein Schattenbild? Was es immer sei - er befolgt seinen Plan, weil er ihn einmal
entworfen hat, ohne Rücksicht auf die, die Anteil an seinem Schicksal nehmen,
die ihn in jedem Zimmer, bei jedem einsamen Mahle, bei jeder reizlosen Freude
schmerzlich vermissen werden. Er denkt nicht daran. Er will reisen, und so tut
er es. Und ich sollte ihm nachweinen? Nein, Sulpicia, diesen Triumph soll der
kalte ernste Censor1 nicht erleben. O! ich will fröhlich und heiter sein, und
lächeln, wenn er sein Pferd besteigt, und zum letztenmal aus dem Tore unsers
Hauses sprengt. Ich will - denn er verdient es nicht anders!
    Sieh doch, Sulpicia, was Stolz und Unmut für eine Gewalt über den Menschen
haben! Ich habe mit Tränen zu schreiben angefangen, sie sind während des
Briefes noch häufig geflossen; jetzt sind sie getrocknet. Ich weine nicht mehr,
denn ich zürne, und finde in meinem Zorn eine Stütze gegen die unzeitige
Weichheit meines Herzens. O man tadle mir den Zorn nicht! er ist eine erhebende,
eine heldenmütige Empfindung, er hält der lähmenden Wehmut das Gleichgewicht,
und stärkt uns, wenn mir zu unterliegen befürchten müssen.
    Mit deinen zwei Peinigern wollen wir schon auch noch fertig werden. Sie
sollen uns nicht über die Köpfe wachsen. Sind sie hart, wir wollen es noch
härter; sind sie schlau, wachsam, wir wollen es noch mehr sein. Es soll ihnen
nicht gelingen, uns zu trennen. Wir sehen uns bald und ungestört wieder. Leb'
wohl!
 
                                    Fussnoten
1 Censor war eine obrigkeitliche Person in Rom, unter deren Aufsicht die Sitten
und das Vermögen der römischen Untertanen standen.
 
                           13. Sulpicia an Tiridates.
                                                               Rom, im März 301.
Aus einer düstern Einsamkeit, von keinem Trost, von keinem heitern Gedanken
erhellt, nur von den Manen meines ehemaligen Glückes umschwebt, dessen
Erinnerung die Stacheln meiner Leiden schärft, schreibe ich an dich, Tiridates!
Bald vielleicht ist mir auch dieses letzte Gut geraubt. Härte und niedere
Selbstsucht umgibt mich mit hundert feilen Argusaugen. Unser Verhältnis ist auf
eine unwürdige Art vom Unwürdigen enteiligt dem Serranus und meinem Vater
verraten worden. Alles, was strenge, von trüben Ansichten geleitete Härte, was
engherzige Kleinlichkeit und niedrige Eifersucht von Qual und Lasten auf ein
zerrissenes Herz wälzen können, erdulde ich. Man hat gesucht, mich von
Calpurnien zu trennen. Ihre treue Liebe und schlaue Kühnheit hat dies gedrohte
Unglück von mir abgewandt. Sie hat Serranus rufen lassen. Ihr Verstand, ihre
wohlangewandte Freundlichkeit hat ihn gewonnen. Das Geschlecht, aus dem sie
stammt, und ihres Vaters Einfluss hat dem meinigen, Ehrfurcht geboten, und man
wehrt ihr jetzt nicht, mit mir umzugehen. Nur fühle ich wohl, dass mich selbst in
ihren Armen Verdacht und Argwohn umlauert. Man lässt uns selten allein. Immer
weiss man es zu veranstalten, dass noch ein Besuch zu gelegener Zeit kömmt, oder
ein Mitglied der Familie sich etwas in unserm oder den anstossenden Gemächern zu
schaffen macht. Wie klein, wie armselig, wie verächtlich mir das erscheint,
brauche ich dir das wohl zu schildern? O wenn ich hier je hätte lieben können,
die leiseste Empfindung wäre mit der letzten Wurzel durch ein solches Betragen
vertilgt! Und vollends nun - da ich nie liebte, nicht einmal achtete! Man lauert
auf meine Briefe. Diese besorgt Calpurnia selbst, und auch ihre Briefe müssen
durch Umwege an mich gelangen. Wenn nichts mich zum Hass, zur Rache berechtigte,
wäre es nicht schon die fürchterliche Notwendigkeit, in die man mich setzt,
mich zu solchen Schritten herablassen zu müssen?
    Ich bin unaussprechlich unglücklich. Mein Leben ist eine grauenvolle Nacht,
in der bewusstlos hinzuschlummern, jetzt der höchste Wunsch meines gepeinigten
Wesens wäre! Tiridates! Warum musste ich dich kennen lernen? Warum musste dein
Anblick die stille Fassung, worein Gleichgültigkeit und Ueberlegung mein Herz
gebracht hatten, so gewaltsam stören? Warum musste mir das mögliche Ideal
männlicher Vollkommenheit, das bisweilen in einsamen Stunden meine Seele, wie
ein schöner Traum, beschäftigte, in dir auf einmal wirklich erscheinen, in dir,
den Geburt, Vaterland und Verhältnisse mir ewig fremd halten mussten? Welches
grausame Vergnügen findet das Schicksal darin, in den Gebirgen Armeniens und im
glänzenden Rom zwei Seelen ganz für einander zu bilden, sie sich finden zu
lassen, und sich gewaltsam zu trennen? Doch nein, ich klage nicht. Ich habe dich
gefunden, ich habe dich geliebt, das kann mir keine Macht der Erde rauben: und
wenn auch das Glück, dass ich dich kennen gelernt habe, mich von diesem
Augenblicke an ewig elend machen müsste, ich könnte es nicht bedauern, nicht
bereuen; denn ich war selig - selig wie die Götter!
    Und ist denn jede Hoffnung verschwunden? Liegt hinter der grauenvollen
Gegenwart keine bessere Zukunft? Tiridates! ich bin sehr schwach. Es gibt
Augenblicke, wo mein Herz in seinen unendlichen Schmerzen versunken, ihn heftig
ergreift, und von keiner Hoffnung etwas wissen will; wo es sich jeder Aussicht
möglicher Verbesserung verschliesst, und eine Art von dumpfer Beruhigung darin
findet, dass es nie aufhören wird, zu leiden. Dann ist mir, als wäre meine
Rechnung mit dem Schicksal abgeschlossen. Mein Leben, auch das noch kommende,
liegt hinter mir, wie ein vollbrachter Tag. Die Zukunft ist vorüber, ich fürchte
nichts, ich hoffe nichts, nicht einmal den Tod. Ich fühle nur, dass ich elend,
dass ich von dir getrennt bin.
    Und was wird, indessen ich hier leide, dein Schicksal sein? Vielleicht
kämpft dein Schiff mit Sturm und Wogen - ein Blitz trifft es - es sinkt - du
bist im Abgrunde des Meeres begraben! Oder ich sehe dich späterhin im
Schlachtgewühl - ein Pfeil durchbohrt dein Herz, für das zu leben meine einzige
Bestimmung ist! Was soll ich denn auf der Welt? O lass mich dir nacheilen! Lass
mich mit dir in's öde Reich der Nacht hinabsteigen, oder an deiner Seite liegen
und schlafen! Beneidenswertes Loos, wenn uns im Reiche des Lichtes und
fröhlichen Wirkens kein Glück mehr beschieden ist! O schreibe mir bald,
Tiridates! Reiss mich aus dieser Angst, die oft bis zur Verzweiflung steigt! Nur
dies, dass du lebst, dass ich hoffen kann, dich noch einmal zu sehen, macht es mir
möglich zu leben.
    Auch Agatokles hat uns verlassen. Er eilte dir bald nach, um sich mit dir
einzuschiffen. Ich vermisse seinen Umgang, seine tätige warme Freundschaft
recht sehr, obwohl wir über viele und wichtige Punkte nicht gleich dachten. Aber
ich war die Geliebte seines Freundes, und das war genug, ihn für mich zu
gewinnen. Er hat Manches für mich getan, das ihm mein Herz nie vergessen wird.
Er ist sehr edel, aber ich fürchte, er wird nie glücklich werden; denn seine
Begriffe passen nicht in sein Zeitalter Calpurnia hat sicher einen starken
Eindruck auf ihn gemacht; dennoch erlaubte er sich - die Götter mögen wissen
warum - nicht, diesem sanften Zuge zu folgen. Man sah die Gewalt, mit der er
dieser Einwirkung widerstand. Er ist ein sonderbarer Mensch! Bei ihm gilt nicht,
was in ähnlichen Fällen Calpurnien vor heftigen Eindrücken bewahrt -
Leichtigkeit des Sinnes, und ein fröhliches Temperament. Seine Kälte ist Gewalt
über sein Gemüt, seine Gelassenheit die Frucht eines schmerzlichen Kampfes. Die
glückliche Calpurnia! Agatokles war ihr sehr wert. Sie war wohl zu stolz, es
ihm zu zeigen, da sie die strenge Entfernung bemerkte, in der er sich
geflissentlich von ihr hielt. Ich weiss aber, dass sie ihn sehr geliebt hat. Viele
und bittere Tränen sind über seine Abreise in meinen Schoss vergossen worden.
Ich hatte sie noch nie gesehen, als am Tage nach seinem Abschiede. Dennoch nach
drei Tagen kam sie zu mir, ihre Tränen flossen noch bei jeder Erwähnung des
teuren Namens, und - sie hoffte schon auf die Linderung, die ihr die
wohltätige Zeit bringen würde, auf die allmählige Schwächung jedes heftigen
Eindrucks, auf die Kraft der Zerstreuung, der sie sich zu überlassen recht
ernstlich vornahm! O wie glücklich ist sie!
    Soll ich - darf ich sie beneiden? Nein, Tiridates! Ich kann nicht, wenn ich
auch dürfte. Nein, dass ich dich liebe, und so innig, so unaustilgbar, so mit
aller Kraft meines Wesens, ist mein Glück, und wenn es mich auch verzehrt. Du
aber, der du weisst, dass deine Briefe jetzt mein einziger Trost, der einzige
helle Strahl in der Nacht meines Kummers sind: schreibe mir bald, oft, Alles,
was dich betrifft, jede Kleinigkeit, jeden Gedanken, jeden Wunsch. Bedenke, was
mir diese Briefe zu ersetzen haben, für was sie mich entschädigen sollen - und
lass mich nicht verzweifeln.
 
                           14. Agatokles an Phocion.
                                                         Nikomedien, im Mai 301.
Nach einer ziemlich beschwerlichen Seereise, wo unstäte Winde, und ein empörtes
Meer uns beinahe auf immer von dem Ziele unserer Reise, dem holden Vaterlande,
getrennt hätten, langten Tiridates und ich vor acht Tagen in Nikomedien an.
Süsser Zauber der heimatlichen Gefilde! Wie sanft bewegst du unser Herz! Wie
lieblich erscheint die Küste des Vaterlandes nach langer Abwesenheit! Zwar wirst
du mir sagen, nach einer gefahrvollen Seereise wäre uns jedes Ufer erwünscht
erschienen? Doch es ist nicht ganz so. Bei Erblickung dieser Hügel, die ich als
Knabe bestieg, dieses Gestades, an dem ich so oft lag, um Aug' und Gemüt an der
Unermesslichkeit des Meeres zu stärken, und endlich des väterlichen Hauses,
seiner nächsten Umgebungen, wo so Manches vorgefallen war, das noch jetzt süss
und schmerzlich meine verödete Brust bewegt - ich fühle mich ergriffen, und ich
schäme mich nicht, zu gestehen, dass ich die teuren Gegenstände mit einigen
Tränen grüsste, die unwillkührlich über meine Wangen flossen. Auch Tiridates,
obwohl noch fern von seinem Vaterlande, war durch den Anblick des asiatischen
Ufers des Schauplatzes grosser noch unentschiedener Taten, nicht weniger bewegt,
als ich. Wir umfassten uns, und schwuren ernst und heiter, uns selbst und dem
treu zu bleiben, was wir für gut und recht erkannten. So sprangen wir an's Land,
so eilten wir in die Stadt, in meines Vaters Haus. Er kam uns sehr freundlich
entgegen. Die Gesellschaft des Prinzen, des Lieblings zweier Cäsaren, schielt
ihm angenehm für sich, und ehrenvoll für mich. Ich gab mich, ohne weiter zu
grübeln, dem Gefühl des Augenblicks hin, und genoss die Freude, meinen Vater so
zuvorkommend und gütig zu sehen, mit vollen Zügen. Ich durchlebte einen frohen
Tag. Am zweiten ging es schon anders. Wir sollten zum Diocletian. Mein Vater
wollte mich ihm vorstellen. Auch Tiridates billigte diesen Schritt, und schien
ihn notwendig zu finden. Mir widerte das Ansehen von Aufwartung und
Untertänigkeit, das er durch die Umwege und feierlichen Anstalten bekam, die
jetzt nötig sind, um sich dem Imperator zu nähern. Ich dachte an das alte Rom,
an die Hof- oder Haushaltung der ersten Cäsarn, wie selbst der schlaue Octavian,
der edle Marc-Aurel, der tugendhafte Pertinar, aus Biedersinn oder List des
Volkes Meinung schonend, nichts anders als Roms erste Bürger schienen - und mein
Inneres empörte sich. Was musste da herumgeschickt, angefragt, gebeten,
zubereitet werden! Selbst an unserer Kleidung wurde gemustert. Endlich schien
meinem Vater Alles würdig und gehörig bestellt, und wir traten in sehr kostbaren
Gewändern, von vielen Sclaven gefolgt, unsern Weg nach dem Palast an. Ich glühte
vor Schaam und Unwillen. Ich glaubte in den Mienen jedes Vorübergehenden den
verächtlichen Spott über unsere eigennützige Erniedrigung zu lesen. Mir war's,
als schwebten in dem Augenblicke die Schatten der Ahnen um uns, und sehen
verachtend auf die entarteten Enkel nieder, die sich knechtisch vor dem zu
bücken gingen, den sie in ihren Zeiten als einen ihres Gleichen behandelt
hatten. Tiridates nahm es viel gelassener auf. An orientalische Sitte gewöhnt,
bewegte ihn unsere Lage nur zu seinem Spott, mit dem er sich selbst nicht
schonte. So kamen wir in den Palast. Durch eine Reihe Gemächer geführt, in denen
asiatische Wollust und Pracht um den Vorrang stritten, liess man uns endlich in
einem der Innersten unter einer Menge schimmernder Sclaven und Clienten warten -
warten - drei tödtlich lange Stunden, und - schickte uns in der vierten
unverrichteter Dinge nach Hause, weil der Augustus nicht für gut fand, uns
vorzulassen. Nur der ausdrückliche Befehl meines Vaters, und mein fester
Vorsatz, unser scheinbar gutes Einverständnis, so lange ich in Nikomedien
bleiben musste, nicht zu stören, brachte mich dazu, am andern Morgen den
erniedrigenden Versuch zu erneuern. Diesmal dankte ich's dem Einfluss des
Tiridates, dass wir ziemlich bald vorkamen. Aber, o mein Phocion! Welche Wunden
schlug meinem Herzen der blendende Schimmer, die empörende Eitelkeit, das
lächerrlichsteife Ceremoniel1 am Hofe dieser gekrönten Sclaven! Aus dem Staube
der Dienstbarkeit durch eignen Genius, noch mehr durch Umstände und eine
Denkart, der kein Mittel zu schlecht war, auf den Tron erhoben und befestigt,
herrscht er mit einem Trotz und Übermut über die zitternde Welt, der mit
nichts als dem ungeheuren Glücke zu vergleichen ist, das ihn in seiner Laune
erhob, und mit bisher beispielloser Treue hegt und pflegt. Nicht dass ich seine
wahrhaft grossen Geistesanlagen, verkennte, nicht dass ich ihm die Stille nicht
dankte, die während seiner Regierung das erschöpfte Menschengeschlecht geniesst:
aber sehen - sehen muss man so etwas nicht in der Nähe, wenn man unparteiisch
bleiben soll!
    Er empfing uns ziemlich anständig; aber die Tiara, die von seinem Haupte
strahlte, der Tron, auf dem er hoch erhoben, sass, verengten meine Brust, und
schlossen meine Lippen. Mein Vater führte das Wort. Er stellte mich ihm vor, er
bat ihn um einen Platz unter den Truppen für mich. Ich liess Alles geschehen,
ohne eine Sylbe zu sprechen. Mag mich der Tyrann für einfältig oder störrisch
halten, mir gilt es gleich. Doch hat er mich zum Centurio ernannt, und
übermorgen gehe ich mit Tiridates zum Heere ab. Hier brennt der Boden unter
meinen Füssen. So ungewohnt meiner Denkart das wilde Leben im Lager sein wird, so
wird mir doch dort im Freien, im Getümmel, besser sein, als hier.
    Sisenna Statilius hat das Haus neben dem unsrigen wieder verkauft, es gehört
einem unbedeutenden Bürger. Unter einem Vorwande war ich gestern dort. Es ist
noch Vieles unverrückt, wie es vor acht Jahren war. Mir war sehr weh und sehr
wohl zu Mute. Ich erkundigte mich nach seinen ehemaligen Bewohnern. Die Meisten
in Nikomedien erinnerten sich ihrer kaum mehr doch wollen einige gehört haben,
dass Timantius in Syrien, unbekannt, unter einem fremdem Namen gelebt habe, und
vor ein paar Jahren gestorben sei. Die Söhne sind zerstreut, die Tochter - o
Phocion! wie schlug mein Herz - soll geheiratet haben! Geheiratet!! Also bin
ich vergessen! Kann ich es ihr verdenken? Und doch schmerzt es mich! Vielleicht
ist sie auch schon todt! Ich weiss nicht, in welchem Gedanken mehr Qual liegt.
    Sie zu finden ist wohl jede Hoffnung verloren, und nichts ist, was mir
Ersatz gewähren könnte! Calpurnia nun gewiss nicht! Ich habe mich in Rom seltsam
von ihr getrennt. Als ich ihr meine Abreise ankündigte, schien sie - nicht
bewegt, nicht wie eine Freundin betrübt; sie schien beleidigt, gereizt. Ihre
Eitelkeit war gekränkt. Der Sclave, den sie sicher an ihrem Triumphwagen
gekettet glaubte, war noch stark genug, sich loszureissen. Das war ihr unerhört,
unverzeihlich. Sie behandelte mich nun beständig so, bis zum Tage meiner
Abreise, und ich ward sehr ernst durch die Entdeckung dieser Falte in ihrem
Gemüte. So ist auch sie, die so weit über den meisten Weibern steht, von dieser
allgemeinen Schwäche nicht frei, und keiner Freundschaft fähig, wenn Eitelkeit
sich in's Spiel mischt! Nur Ein Weib habe ich gekannt, in deren reinem mildem
Gemüt nichts als Liebe, holde Demut und Selbstvergessenheit war! Nur Eine! Und
wo ist sie? Beim wirklichen Abschiede schien indes Calpurniens besseres Selbst
die Oberhand zu gewinnen. Sie entliess mich, wie die Freundin den werten Freund,
teilnehmend, gütig, gerührt. Wir haben uns zu schreiben versprochen. Die
Erinnerung an ihren Liebreiz, an ihre hohen Vorzüge wird mich, wie die
Erinnerung an einen froh durchlebten Tag, freundlich begleiten: aber ich glaube
versprechen zu können, dass sie meine Freiheit nie stören wird. Dazu sind wir zu
unähnlich. Mögen gute Götter sie beschützen, und bald ein würdiger Gatte ihre
Vorzüge erkennen und mit Liebe vergelten!
    Ich schreibe dir heute nicht mehr. Die Anstalten zu meiner Reise, die ich
mit grosser Eile betreibe, rauben alle meine Musse. Leb' wohl!
 
                                    Fussnoten
1 Diocletian war der erste römische Kaiser, der, vielleicht aus sehr guten
Ursachen, in diesem verderbten Zeitalter jene Popularität ablegte, die längst
aufgehört hatte, mehr als Maske und eine kluge Schonung alter Volksbegriffe von
Republikanismus zu sein. Er führte persisches Ceremoniel ein, trug eine Tiare,
eine mit Perlen besetzte Binde im Haar, und umgab sich mit einer blendenden
Hülle von Pracht, Gefolge und Unzugänglichkeit.
 
                          15. Calpurnia an Sulpicien.
                                                                Rom, im Mai 301.
Mein treuer Phädo bringt dir diesen Brief sammt dem Einschlusse, der dir
freilich lieber sein wird, als Alles, was der meinige entält. Ich will dir's
auch nicht übel nehmen; denn ich würde im umgekehrten Falle eben die Nachsicht,
von dir fordern, wenn ich ihrer bedürfte. Ich bin aber so glücklich, oder so
unglücklich, wenn du willst, dass die Briefe, die ich bekommen soll, ganz frei
und ungehindert zu mir gelangen können, ohne des Einschlusses einer
dienstfertigen Freundin zu bedürfen, die die mir unbemerkt in die Hände spielt.
Vielleicht sind sie aber auch aus dieser Ursache so beschaffen, dass die ganze
Welt sie unbedenklich lesen dürfte. Es ist nun einmal eine Eigenheit des
männlichen Herzens, dass es nur durch das heftig gereizt wird, was ihm verwehrt
ist, und einen Gegenstand nur nach dem Maasse des Kraftaufwandes schätzt, den ihm
sein Besitz kostete. Sie können nicht dafür, die armen Herren der Schöpfung; die
Natur hat diese Triebe in ihr Herz gelegt. Wir wollen sie auch darum nicht
verdammen, aber in Acht sollen und werden wir uns vor ihnen nehmen.
    Wende mir nicht ein, Sulpicia, dass das überhaupt eine Eigenheit des
menschlichen Herzens, und eine Anstalt des Schicksals sei, um unsre Fähigkeiten
zu wecken und zu entwickeln. Ich weiss wohl, dass die Mutter manchmal auch das
schwächliche Kind, das ihr viel Sorgen und Mühe gemacht hat, mehr liebt, als die
übrigen; und wie manche Frau sehen wir nicht in seltsamer Verirrung mit
unauslöschlicher Zärtlichkeit an einem Mann hängen, der ihr durch Leichtsinn und
Untreue nichts als Kummer macht? Doch nie - gewiss nie wendet ihr Gemüt sich
launisch von einem Gegenstande ab, bloss darum, weil es ihr leicht war, ihn zu
erhalten, oder erkaltet in der Dauer und Sicherheit des Genusses. Nein, vielmehr
stärken Gewohnheit und Zeit unsre Neigungen. Was wir lange haben, wird uns darum
werter, und in der Rechtmässigkeit und Würde seiner Gefühle findet das Weib
seinen Stolz und sein stärkstes Band.
    Der Brief von Tiridates an dich war in einem eingeschlossen, den mir
Agatokles bei seiner Rückkunft nach Nikomedien geschrieben hat - ein sehr
verbindliches Danksagungsschreiben für alle Gefälligkeiten, die er in unserm
Hause empfangen, eine kurze Beschreibung seiner Reise, Nachrichten von
Tiridates, Grüsse an dich, an seine übrigen römischen Bekannten u.s.w., ein
Brief, den ich im Forum hätte können anschlagen lassen!
    Und das schreibt Agatokles mir? Es ist also vollkommene Ruhe in seinem
Herzen, und von Allem, was ihn hier so tief zu bewegen schien, jede Spur auf der
glatten Oberfläche seiner Seele verschwunden? Ich muss dir gestehen, dass es mich
überrascht hat, auch mitunter ein Bischen verdrossen. Aber das ist schon
vorüber. Solche Stürme verwehen schnell bei mir, und es bleibt nichts davon
zurück, als die weise Lehre, künftig vorsichtiger zu sein, und vor allen Dingen
kein Wesen auf der Welt in einem andern als dem klaren Tageslichte der
Wirklichkeit anzusehen. Traue nur Niemand den Gestalten, die die Phantasie uns
statt der Dinge an sich unterschiebt. Sie haben meistens nichts von ihren
Originalien, als die äussere Form, und wir würden oft sehr erstaunen, wenn wir
auf einmal statt des idealisirten Phönix den gemeinen Haushahn sehen könnten,
der wirklich vor uns steht: wir würden klüger und demütiger werden. Denn, lass
es uns aufrichtig gestehen, unsere Eitelkeit hat an dergleichen Apoteosen wohl
eben so viel Teil, als unser Herz und unsere Phantasie. Wir möchten gar zu gern
von einem Heros geliebt sein, mit Göttergestalten umgehen, und so nach und nach
selbst zur Göttin werden. Aber es kömmt die liebe Zeit in ihrem Alltagsschritte,
und die gemeine Wirklichkeit. Sie nähern sich dem schönen Phantom, das vor uns
steht. Vor ihrer kräftigen Berührung verschwindet der Nimbus, der es umgab, die
Göttergestalt selbt sinkt zur gewöhnlichen Erdengrösse herab, und die arme
Sterbliche, die sich schon eine Heroin glaubte, ist wieder auf die platte
Menschheit reducirt. Das tut nun freilich weh im ersten Augenblick - im zweiten
verschmerzt man's um den Gewinn an Menschenkenntnis und Erfahrung, und küsst, wie
ein wohlgezogenes Kind, die Rute, die uns für den verwegenem Versuch auf die
Finger klopft.
    Sieh, Liebe, aus diesem gemeinen, aber sehr wahren Lichte sehe ich die
Geschichte zwischen Agatokles und mir an. Auch er ist ein gewöhnlicher Mann,
jedem ersten Eindruck offen, schwach gegen die Macht der Schönheit, achtlos für
weiblichen Wert, leichtsinnig und flatterhaft. Das erkenne ich nun deutlich,
und bin auch seit dieser Erkenntnis wieder ganz in den Besitz der seligen Ruhe
gelangt, die seine Anwesenheit, sein Scheiden gestört haben, und in der doch
allein mir eigentlich wohl ist.
    Könnte ich nur in deine Brust einen Tropfen dieser friedlichen Stille,
dieser behaglichen Gleichgültigkeit übertragen! Könnte ich dich nur ein
einzigesmal die Welt und die Menschen so betrachten machen, wie ich sie ansehe!
Glaube mir, es würden noch Schönheiten genug an der ersten, und Tugenden an den
letztern übrig bleiben, um ihnen recht gut zu sein, und seines Lebens froh zu
geniessen; aber was unsre Leidenschaften in so stürmische Bewegung bringt was uns
das kurze Dasein so oft verbittert, würde wegfallen. Wir würden von Umständen
und Menschen nicht mehr erwarten, als sie leisten können, kein Wesen mehr
schätzen, als es verdient, und jedes nach seiner Art benützen, ohne über die
Uebel, die wir ja zu berechnen wussten, zu klagen.
    Ich meine, mit dieser Art zu denken, hätte ich auch mit deinem Serranus
nichts unglücklich sein wollen! Er kömmt zuweilen zu mir, und ich glaube
beinahe, er hat Lust, mich zur Vertrauten seines beklemmten Herzens zu machen!
Ich kann eben nicht sagen, dass mich das sehr freuen würde, aber die Achtung, die
er mir zeigt, freut mich. Er ist im Grunde ein guter Mensch, nur leichtsinnig
und schwach, durch Erziehung und Beispiel verdorben, und hätte wohl vielleicht,
unter vernünftiger Leitung, ein ganz annehmliches Wesen werden können. Er liebt
dich aufrichtig. Der Verlust deiner Neigung - der arme Mann wiegt sich in den
süssen Traum, sie vor Tiridates Ankunft besessen zu haben - tut ihm sehr weh. Im
Ernst, Sulpicia! glaube mir, so ein Mann ist trotz seiner prosaischen Denkart
weit brauchbarer für's alltägliche Leben, als jene idealisirten Geschöpfe. In
Verbindung mir einem vernünftigen Weibe übernimmt sich so ein Mensch nicht
leicht, überlässt der klügeren Frau die Leitung ihres gemeinschaftlichen Besten,
stört ihre Ruhe durch keine wilden Flüge der Einbildungskraft, reisst sie nicht,
ihrer besseren Vernunft zum Trotz, in überirdische Welten fort, liebt sie
aufrichtig und dankbar - und bleibt ihr treu! O ich lobe mir die Prosa des
Lebens!
    Darum, liebe Sulpicia, um dieser neuen Erfahrungen willen, überhöre die
Stimme der Freundschaft, die schon so oft vergeblich an dein Herz drang, nicht
länger, suche jetzt, da Entfernung und andere Umstände diesen Entschluss
begünstigen, eine Neigung zu besiegen, die dich gewiss unglücklich machen muss:
nicht, weil du mit Anicius vermählt bist - Ehen können getrennt werden, - nicht,
weil deiner Verbindung mit Tiridates Hindernisse im Wege stehen - Mut und
Standhaftigkeit werden sie besiegen - nein, darum, weil kein Mann der Liebe
eines Weibes würdig ist, darum, weil sie Alle, mehr oder minder flatterhaft,
sinnlich, selbstsüchtig sind. Was sie an uns lockt, ist Sinnenreiz, was sie eine
Weile festält, Phantasie, Eitelkeit, Eigensinn. Hören diese Triebfedern auf zu
spielen, so erschlafft die Begierde, mit ihr die Liebe, und wir sind ihnen
nichts mehr.
    Nenne mich nicht grausam, wenn ich dir jetzt etwas sage, das dich hart
dünken wird. Schilt den Arzt nicht, der in Ueberzeugung des Bessern dir bittere
Arznei reicht. Glaubst du wohl, dass ohne deine Schönheit und die ungeheuren
Hindernisse Tiridates Liebe so feurig und treu sein würde? Lass nur den Krieg
glücklich enden, deine Verbindung mit Anicius durch die Macht des Cäsars
getrennt werden, den Prinzen im ruhigen Besitz seines väterlichen Trons und
deiner Hand sein, und dann sieh, wie lange die Flamme noch matt fortglimmen
wird, die jetzt so ungestüm lodert!
    So denken sie Alle - Alle - und diejenige, die einen Einzigen ausnehmen
will, ist betrogen. Was sie aber betrügt, ist nicht der Mann - denn der
Bösewichter, die aus Absichten Liebe heucheln, sind wenige - sondern ihr eigenes
Herz, ihre aufgereizte Einbildungskraft, die es ihr unmöglich macht, den
allgemeinen Geschlechtsbegriff auf den Einzelnen anzuwenden, die Eitelkeit, die
ihr zuflistert, dass sie eine Ausnahme würde gefunden haben, weil - sie eine zu
finden verdiente u.s.w.
    Verzeih, Sulpicia! wenn dich mein Brief schmerzt; verzeih es der
'Freundschaft, die dich so gern vom Abgrund zurückreissen möchte; verzeih es den
Erfahrungen, die ich gemacht habe, und liebe mich darum nicht weniger. Leb'
wohl, teure Freundin! Wir sehen uns nächstens.
 
                          16. Tiridates an Sulpicien.
                          (Im vorigen eingeschlossen.)
                                                         Nikomedien, im Mai 301.
Meere und Länder trennen uns! Zwei unendliche Monate dehnen sich zwischen dem
letzten glücklichen Augenblicke meines Lebens, und den unerträglichen Stunden,
die ich hier Pflanzen gleich verträume! Was ist das Dasein ohne dich? Was ist
das bedeutungslose Atmen einer Luft, in der dein Hauch nicht schwimmt, der
langweilige Verkehr mit Menschen, von denen Keiner dich kennt, Keiner deine
Göttergestalt gesehen, Keiner je das Glück gefühlt hat, den Ton deiner Stimme zu
hören? Sulpicia! Nur die Aussicht auf das Ziel, das meine angestrengtesten
Kräfte jetzt zu erreichen streben, die Hoffnung auf die Befriedigung der
edelsten Leidenschaften, deren die menschliche Brust fähig ist, gibt mir Stärke,
hier auszuhalten. Was sonst als dies kann mich hindern, zurückzueilen, und in
deinen Armen, an deiner Brust die Wonne der Götter zu fühlen? O der Anblick
deiner Reize, der Wohllaut deiner Stimme wird mit dem Leben nicht zu teuer
bezahlt!
    Und all' diese Fülle von Seligkeit wird mein sein! Keine Macht der Welt,
keine unwürdigen Bande, kein Bestreben niederer Eifersucht wird mir deinen
Besitz streitig machen. Mein Arm wird den Tron meiner Väter erkämpfen, und ich
werde ihn nur besitzen, um ihn mit dem schönsten Weibe der Erde zu teilen.
Dann, Sulpicia! dann wird dein Geist seinen angebornen Platz behaupten, und dein
königlicher Sinn in königlichem Wirken sich beglückt und beglückend fühlen. O
eilt, eilt ihr Stunden! Steige früher, Titan, aus dem Flammenmeere, stürze dich
früher in Tetis Arme, und beflügle den trägen Gang der Zeit, bis der helle
Augenblick naht, der allein den Namen des Lebens verdient!
    Ich schwärme, Sulpicia! meine Pulse fliegen, mein Blut kocht, mein ganzes
Wesen entzündet sich bei dem Gedanken dieses Glücks. Dann bist du mein! und all'
der unendliche Liebreiz deiner Gestalt, diese zauberischen Formen, diese
anmutigen Bewegungen, dieser Ton der Stimme, der in den innersten Tiefen meines
Herzens wiederhallt, sind mein - mein ausschliessliches, unbestreitbares
Eigentum! Lass mich abbrechen, lass mich ruhiger werden, sonst kann ich unmöglich
den Brief endigen, und dir sagen, was du zu wissen brauchst!
    Ich habe deinen Brief erhalten. Welche düsteren Bilder, welche quälenden
Vorstellungen beunruhigen dich, meine Geliebte! Fürchte nichts, nichts für
unsere Liebe, nichts für mein Leben! Den Gefahren der Seereise bin ich glücklich
entgangen. Mehr als einmal drohte der Sturm unser Schiff an Felsen zu
zerschellen, er durfte nicht. Der Glückliche, der zur Wonne der Götter in deinen
Armen bestimmt ist, durfte sein Grab nicht in den dunkeln Fluten finden, und
kein Pfeil wird diese Brust treffen, in der dein Bildnis lebt. Diese Zuversicht
steht fest in mir; mir ist, als könnte ich den Zufall kühn herausfordern, und
versichert sein, dass seine ganze Tücke nichts gegen mein Glück vermögen wird. Du
liebst mich, Sulpicia! du hast mich gewählt. Aus fernen Weltgegenden hat uns das
Schicksal zusammengeführt, unsre Wege, die so verschieden lagen, vereinigt, mir
in Cäsar Galerius einen Freund geschenkt, der das einzige Hindernis unserer
Vereinigung, deine Verbindung mit dem schwachen Serranus, zu heben vermag.
Diocletians Politik macht ihn meinen Absichten geneigt, die Armee ist voll des
besten Willens, in Armenien sind meine Freunde tätig gewesen, mein Volk liebt
mich, es liebt nicht mich allein um meiner selbst willen, es segnet und ehrt
noch die Wohltaten und weise Regierung einer langen Reihe von Vätern in dem
letzten Sprössling des edlen Stammes. Das persische Joch hat auch den Nacken der
einst Missvergnügten nun wund gedrückt, sie werden sich mit meinen Freunden
vereinigen, sie werden viel - Alles wagen. Sage mir, Sulpicia! wo ist nun ein
Grund zur Furcht für uns? Mutig, meine Geliebte! O lass mich die freudige
Zuversicht, die meine Brust erfüllt, auch in deinen zarten Busen giessen, und dir
Kraft erteilen, das Einzige, was wir zu fürchten und zu tragen haben, die
Qualen einer langen Trennung, standhaft zu erdulden.
    Agatokles ist nun auch mit mir in den Strudel des geschäftigen Lebens
hineingezogen. Ich glaube, es ist sehr gut für ihn; denn die Musse liess seinem
kräftigen Geiste zu viele Freiheit, in sich hinein mit verderblicher Gewalt zu
wirken. Er hat Calpurnien mehr geliebt, als sie vielleicht glaubt; dennoch hat
er in der Ueberzeugung, dass er nie glücklich mit ihr werden könnte, die Kraft
gehabt, sich von ihr loszureissen. Ich weiss nicht, was ich mehr bewundern soll,
diese Standhaftigkeit oder jene Grille. Genug, es hat ihn einen schweren Kampf
gekostet, aus dem sein besseres Ich, wie er es nennt als Sieger hervorging. Das
hat er mir auf der Reise gestanden, so wie auch das, dass die Erinnerung an seine
erste Geliebte in den gewohnten alten Umgebungen wieder lebhafter geworden ist.
Er hat von Neuem Nachforschungen nach ihr angestellt, und der Eifer, mit dem er
diesem Phantom nachstrebt, und die schöne Wirklichkeit von sich stösst, scheint
mir ein neuer Beweis, wie nötig ihm Zerstreuung und tätige Geschäftigkeit ist,
die ihn aus den Regionen der Phantasie in die Gegenwart einführt. Dennoch liebe
ich ihn herzlich, und fürchte mich auf unsre nahe Trennung; denn ich gehe zum
Cäsar Galerius, der das Centrum kommandiert, und Agatokles als Centurio zu
Demetrius, auf unsern linken Flügel.
    Du aber, meine Geliebte, meine unaussprechlich teure Freundin! beruhige
dich, entferne die düstern Bilder, die dein schönes Gemüt quälen! Die Götter
werden, sie können uns nicht trennen. Was auch niedrige Menschen beginnen mögen,
was sie ersinnen, um unsre Verbindung zu hindern, lass es dir keinen trüben
Augenblick machen. Ich werde den Cäsar in wenig Tagen sprechen. Sein Machtwort
beschwört jeden Sturm, der sich gegen uns erhebt, und mein Arm wird den
Zufluchtsort, von dem aus unsere Liebe der ganzen Welt sicher Trotz bieten kann,
erkämpfen. Diese schöne Hoffnung steht lebhaft vor mir, befeuert meinen Mut,
und macht es mir möglich, ohne dich zu leben. Leb' wohl!
 
                           17. Agatokles an Phocion.
                                                          Edessa, im Junius 301.
Wenn du dir einen Begriff von der verzweiflungsvollen Lage des Verbannten machen
kannst, der nach langem Irren endlich die Küsten des Vaterlandes erblickt, und
im Begriff, das Ende seiner Leiden zu finden, sich auf einmal von einem
furchtbaren Sturm zurückgeworfen, und an das unwirtbare Gestade eines Felsen
getrieben sieht, wo er die heiss ersehnte Gegend, das Ziel seiner Wünsche
beständig im Auge, vor Hunger und Elend umkommen muss, so kannst du dir ein Bild
von meinem Zustande machen. Phocion! Welches unerbittliche Spiel treibt das
Schicksal mit meinen Wünschen? Was hat es mit mir vor, dass es mich durch solche
Prüfungen führt? Ich habe sie gefunden - ich habe Larissen gesehen! Ich lebe mit
ihr unter einem Dache - und habe sie auf ewig verloren! Fassest du den Jammer,
der in diesen Worten liegt? Ich bin zu bewegt, um ordentlich zu schreiben. Lass
mir Zeit, mich zu fassen.
    Ich habe gekämpft, ich habe auf Minuten den Sturm besänftigt, der in meinem
Innern wütet, um dir erzählen zu können. Diese Uebung meiner Seelenkräfte steht
mir jetzt noch oft bevor, ich kann nicht genug eilen, um mich daran zu gewöhnen.
Höre also: Vor acht Tagen kam ich nach dem Befehl des Diocletian zu Edessa bei
dem Demetrius1 an. Das Hauptquartier unsers Flügels ist bei dieser Stadt auf der
Villa eines reichen Bürgers. Zu diesem Feldherrn hatte mich der Wunsch meines
Vaters, die Genehmigung des Augustus bestimmt.
    Alter Kriegsruhm, strenge Zucht und unbescholtene Redlichkeit haben ihn
Beiden empfohlen, damit ich von ihm in Allem unterwiesen, würdig unter eines
würdigen Mannes Anleitung meine erste Schlacht kämpfen sollte. Demetrius empfing
mich, wie ich es erwartet hatte, rauh, trocken, aber mit Anstand. Die
Zerstreuungen und Geschäfte meines neuen Berufs halfen mir in den ersten Pagen
vergessen, was mir öfters schmerzlich einfiel, dass ich allein, von jedem teuren
Wesen losgerissen unter fremden Menschen, in einer ganz ungewohnten Lage lebte.
Die Gemahlin des Feldherrn, die ihren Gemahl aus Gefälligkeit und Achtung für
seinen Willen begleiten sollte, wurde erwartet. Nach drei Tagen langte sie an.
Ihre Gegenwart im Hause wurde durch nichts anders bemerkbar, als eine
ehrerbietige Stille auf dem Flügel, den sie bewohnte, und den öftern Anblick
weiblicher Sclaven die hin und her gingen. Sonst blieb sie im Gynecäum
verschlossen. An der Tafel, wo sie mit ihrem bejahrten Gatten speiste, waren nur
wenige Vertraute zugelassen, und selbst in den Gärten, die weitläufig um die
Villa herumliegen, schien sie eigne Plätze zu wählen, die Düsternheit,
Einsamkeit und ihre Gegenwart die Uebrigen vermeiden machte.
    Vorgestern führten mich meine Träume in eine der wildesten Partien des
Gartens, wo hohe Tannen, mit Epheu umwebt, eine finstre Laube bildeten. Die
Stille, die Düsternheit des Orts lud mich ein. Ich trat in die Laube, in der ich
Niemand sah, und war im Begriff, mich auf die Rasenbank zu werfen, als ein Korb
mit vielen Knäueln von Goldfaden, und einigen Spindeln von Purpurwolle, der auf
dem Tische stand, mir in die Augen fiel. Dieser Anblick, die Einsamkeit der
Scene liess mich vermuten, dass die Gebieterin des Hauses diesen Platz gewählt
habe, und schon wollte ich mich entfernen, als ein zweiter Blick auf den Korb
mich festielt. Eine dunkle wehmütige Erinnerung, süsse halbverwischte Bilder,
die immer lebhafter wurden, wachten in meiner Seele auf. Ich konnte die Augen
nicht von dem Korbe wenden, es war mir, ich hätte ihn schon irgendwo gesehen, er
war mir nicht fremd, und an sein Bild kettete sich eine Reihe von seltsamen
Gedanken und Empfindungen, bis auf einmal die Gewissheit - es war derselbe Korb,
den ich vor mehr als zwölf Jahren selbst geflochten, und Larissen am Geburtstage
voll Blumen gebracht hatte - hell und erschütternd vor mir stand. In der
heftigsten Bewegung ergriff ich den Korb, besah ihn einmal, und war im Begriff,
ihn an meine Lippen zu drücken, als ein kleines Geräusch mich aufmerksam machte.
Ich sah mich um. Eine schlanke weibliche Gestalt, in lange fliessende Gewänder
gekleidet, das Haupt mit einem Schleier bedeckt, trat in den Eingang der Laube,
und schien vor Erstaunen gefesselt stehen zu bleiben. Auf einmal drang eine
Stimme, die mein Innerstes aufregte, in mein Ohr: »Ist's möglich, sehe ich den
Sohn des Hegesippus wieder? Bist du's, Agatokles?« Die Gestalt näherte sich,
und schlug den Schleier zurück. O Götter, allmächtige Götter! Es war Larissa!
Wir flogen einander in die Arme, wir vermochten nicht zu sprechen, wir fühlten
nur das Glück, uns nach acht hoffnungslosen Jahren wieder zu sehen. Auf einmal
richtete sich Larissa in meinen Armen auf, ich sah ihr Gesicht mit einer
tödtlichen Blässe überzogen, sie trat einen Schritt zurück, und sagte mit
gebrochener Stimme: »Ich bin die Frau des Demetrius!« Ich erstarrte - mehr über
ihren Anblick, als den verhängnisvollen Inhalt ihrer Worte. »Meine Larissa!« hob
ich von Neuem an, und wollte mich ihr nähern. Nein! nein! rief sie, und machte
mit der Hand eine Bewegung, als wollte sie mich entfernen. In dem Augenblicke
wurde sie noch bleicher, ihre Kniee zitterten, sie wankte, ich umfasste sie, und
sie glitt aus meinen Armen auf die Rasenbank. »Ach Agatokles!« rief sie
schmerzhaft, »warum haben wir uns jetzt gefunden?« Ich sah, dass sie einer
Ohnmacht nahe war, ich strebte ihr zu helfen, ich wollte ihre Frauen rufen;
»Lass,« rief sie, mit kaum hörbarer Stimme! »Lass uns allein.« Hier brach ihr
Blick und Stimme, und sie sank ganz bewusstlos an meine Brust. O ihr Götter,
welch ein Augenblick! Nach so vielen Leiden, so langer Entbehrung schien sie im
Augenblicke des Wiedersehens an meiner Brust zu vergehen! Was ich getan, um sie
wieder zu erwecken, weiss ich selbst nicht mehr, kaum dass ich es damals wusste.
Endlich schlug sie die Augen auf, sie sah mich an. - O Phocion! Was ist die
Liebe, wenn sie nicht aus diesen Blicken sprach! Und doch -
    Ich schloss sie fest an meine Brust, ich sagte ihr Alles, was mir mein Herz
eingab. Sie hörte mich stumm aber ohne Widerstreben an, ihr Auge hing unverwandt
an den meinigen. Endlich brach sie in Tränen aus. »Du hast mich nicht
vergessen, meine Larissa! du liebst mich noch,« rief ich entzückt. Ihr Blick
wurde auf einmal finster, sie hob ihren Kopf von meiner Schulter auf, sie zog
sich zurück, drückte mich mit dem Arm weg, und sagte mit dumpfer Stimme: »Nein,
ich darf nicht - ich bin verheiratet.« Das Gewicht dieser Worte fiel auf mein
Herz! Ich sah unser Unglück, den Abgrund, an dem wir standen. Aber Tiridates
Hoffnungen strahlten durch die dunkle Nacht meiner Seele, ich näherte mich ihr
wieder: Sollte denn keine Hoffnung zur Vereinigung sein, keine Möglichkeit?
sagte ich mit neuem Mute. »Keine, keine,« rief sie gewaltsam, und ihre Tränen
verdoppelten sich. Ich drang heftig in sie, sich zu erklären. Sie schluchzte,
dass ihre Brust bebte. Nach einer Weile erhob sie sich. »Agatokles,« sagte sie
mit himmlischer Güte, »verlass mich, dringe jetzt nicht in mich, ich bin unfähig,
mit dir zu sprechen. Wenn du mich liebst, Freund meiner Jugend! so gönne mir
Ruhe. Geh', ich werde mich zu fassen suchen. Sende mir in einer Weile meine
Sclavinnen, dass sie mich zurückbegleiten. Ich fühle es, ich bin nicht im Stande,
das Haus zu erreichen.« Ich wollte sprechen, ich wollte sie unterstützen. Mit
gerungenen Händen und einem Blicke, der mehr sagte, als ihr bang geschlossener
Mund, drang sie auf meine Entfernung. Ich verliess sie, und fand mich nach
einiger Zeit in meinem Zimmer wieder. Erst lange darnach vermochte ich den
Begebenheiten, die mir wie ein Traum vorkamen, nachzudenken. Wenig tröstlich
war, was Vernunft und Ueberlegung mir sagten; dennoch schien es mir weder
möglich noch nötig, jede Hoffnung aufzugeben. Wie viele Ehen sind mit
Einwilligung beider Teile getrennt worden! Es ist nicht der Fall Sulpiciens,
die jung und schön den jungen Gatten, dem sie freiwillig die Hand gab, der sein
Glück in ihr findet, verlassen will, um dem später Geliebten zu folgen. Es ist
die Jugendfreundin des Wiedergefundenen, der heilige Rechte an sie hatte, ehe
Demetrius sie kennen lernte: es ist die junge Gemahlin des kalten Greisen, der
unempfindlich für ihre Vorzüge und Tugenden, vielleicht nur seine Haushälterin
in ihr schätzt. Mehr scheint ihm Larissa ja nicht zu sein, und wie bald ist so
ein Platz in einem Hause ersetzt, wo die Frau keinen Platz im Herzen des Mannes
behauptet! So dachte ich, so denke ich noch, und glühte vor Verlangen, mit ihr
zu sprechen, ihr diese Gründe an's Herz zu legen, über unser Schicksal mich mit
ihr zu beraten. Phocion! Welch unbegreifliches Betragen! Welche erstarrende
Kälte! Seit vorgestern habe ich sie, die mit mir in Einem Hause lebt, die mich
einst so sehr liebte, die mich noch zu lieben schien, die wissen muss, welchen
Qualen sie mein Herz preisgibt, mit keinem Auge mehr gesehen! Ich weiss, dass sie
sogar die Gärten, sonst ihren Lieblingsaufentalt, seitdem nicht mehr betreten
hat, um mir nicht zu begegnen! Wie ist dies Benehmen zu erklären, wie zu
verteidigen? Verdiene ich nicht einmal, dass man mit mir spricht, dass man sich
die Mühe nimmt, die dunkeln Rätsel unsers Verhältnisses zu lösen, und nur
wenigstens zu sagen: Lieber Freund! meine Liebe ist erstorben; das, was mich im
ersten Augenblick erschütterte, war Ueberraschung, übrigens haben wir nichts mit
einander zu besprechen, du nichts zu hoffen. Wie ist sie dazu gekommen, einem
Greise, den sie nicht lieben kann, die Hand zu reichen? Was ist aus ihrer
Familie geworden? Man gibt doch dem gleichgültigsten Bekannten aus der
Vaterstadt, den man in der Fremde trifft, freundlichen Bescheid um alte
Verhältnisse und Freunde. Ich will ja nichts mehr, ich will ja nichts mehr von
Larissen, der Frau des Demetrius; nur die Tochter des Timantius, die Nachbarin
soll mir erzählen, was aus der Gespielin meiner Kindheit, aus ihren Eltern,
ihren Brüdern geworden ist. Das kann doch ihre Pflicht gegen Demetrius nicht
verletzen. Sie tut es nicht: also will sie nicht - also bin ich ihr nichts, gar
nichts mehr! - O Phocion! Das ist denn nun die ersehnte Entwicklung lange
verwirrter Schicksale! Leb' wohl!
 
                                    Fussnoten
1 Edessa, eine Stadt in Mesopotamien.
 
                         18. Larissa an Junia Marcella.
                                                          Edessa, im Junius 301.
Mit schwacher, unsichrer Hand, kaum fähig meine Gedanken zu ordnen, schreibe ich
dir, geliebte Freundin! Vielleicht wirst du Mühe haben, die Züge meiner Schrift
zu lesen; aber ich finde eine Art von Beruhigung darin, dir zu sagen, was in mir
vorgeht, und dich in diesen trüben Stunden um Rat und Trost zu bitten. Dies,
und heisse Gebete, unbedingte Unterwerfung unter die Hand desjenigen, der
züchtigt, weil er liebt, ist für jetzt Alles, was mir übrigt, um nicht zu
unterliegen.
    Fünf traurige Jahre der Trennung und mannigfacher Leiden, unter Mangel,
häuslichem Zwist und Härte fremder Menschen waren vergangen, ohne dass es meinen
glühenden Wünschen, meinem heissen Gebete gelungen wäre, das vom Himmel zu
erlangen, was allein mein höchstes Gut ausmachte. Warum es nicht geschah, welche
Leidenschaften, welche Zufälle sich in's Spiel mischten, um das stille Glück
eines armen Herzens zu zerstören, weisst du. Lass mich schweigen! Das Grab bedeckt
unsre Tugenden und unsre Fehler mit gleich dichter Hülle. Genug, es war nicht
Gottes Wille! Da reichte ich am Sterbebette eines unglücklichen Vaters dem
Demetrius meine Hand. Auf Glück und Liebe hatte ich alle Ansprüche aufgegeben.
Warum sollte ich nicht, mit dem Opfer meines verödeten Herzens, meiner
verlassenen Familie eine Stütze, dem sterbenden Vater den letzten Trost, mir
selbst einen anständigen Wirkungskreis für meine Bestimmung als Weib erkaufen?
Drei Jahre lebe ich an der Seite dieses Mannes, drei Jahre erdulde ich
schweigend, was ein herrisches Gemüt und kriegerische Sitten einer Frau von so
verschiedener Denkart Schweres auflegen können. Ich hatte errungen, was ich
suchte - die Achtung meines Gemahls. Ich opferte Gott meine Leiden auf, ich
erhielt von ihm Kraft und Geduld zu meinem Berufe, ich war ruhig; denn in mir
war Friede.
    Vier Tage sind es nun, als ich eines Nachmittags einsam in einer dunkeln
Laube des Gartens sass, der die Villa umgibt, in welcher das Hauptquartier unsers
Heeres, und für jetzt mein Aufentalt ist. Ich war mit Zurechtmachung der Wolle1
zu einem Waffenmantel für Demetrius beschäftigt. Jenes Körbchen, das du kennst,
das einzige Ueberbleibsel einer bessern Zeit, stand neben mir auf dem Tische,
und meine Gedanken irrten in weiten Fernen, als man mich eines Geschäftes wegen
in's Haus zurück rief. Nach einer Weile kam ich wieder, und ging auf die Laube
zu. Der Anblick eines fremden Mannes, der am Tische stand, und meinen
Arbeitskorb betrachtete, machte mich stutzen. Ich liess den Schleier nieder, und
trat näher. O meine Freundin! Wie soll ich dir meine Ueberraschung, meinen
Schrecken, und mein Entzücken schildern, als jeder Blick, jedes nähere
Betrachten mich überzeugte, dass ich Agatokles vor mir sähe! Seine
Aufmerksamkeit auf das Körbchen, das er erkannt haben mochte, hinderte ihn, mich
sogleich zu bemerken. Im ersten Taumel der Freude war ich unfähig, Ueberlegungen
anzustellen. Ich folgte dem Zuge, der mich gewaltsam zu ihm riss, ich rief ihn
beim Namen, er erkannte mich, und ich fühlte in seinen Armen, an seinem
sprachlosen Entzücken, dass mich meine Hoffnungen nicht getäuscht hatten, dass ich
noch eben so sehr in seinem Herzen lebte, wie zu jener Zeit, da wir, als
schuldlose Kinder, ungestört, ungetrennt von ernsten Verhältnissen, mit einander
spielten. Ich weiss nicht, wie lange der glückliche Rausch währte, in welchem
ich, Alles um mich her vergessend, an seiner Brust lag, und kein anderes Gefühl,
als des namenlosen Glückes kannte, den Gegenstand meiner unaussprechlichen Liebe
wieder gefunden zu haben. Warum konnte ich nicht in diesem Augenblicke sterben?
Warum musste ich zum Bewusstsein meines Unglücks erwachen? Demetrius Bild, das
Bild meiner Pflicht stieg schreckend vor mir empor. Dieser plötzliche Uebergang,
und vielleicht die heftige Erschütterung einer so fremden Empfindung, als mir
die Freude ist, schlug meine Kraft nieder, ich fühlte mich einer Ohnmacht nahe.
Von ihm unterstützt, von ihm bedauert, an seiner Brust sank ich bewusstlos hin,
und wäre so glücklich, so gern in seinen Armen vergangen! Seine Stimme, dieser
süsse wohlbekannte Klang, rief mich in's Leben zurück. O meine Junia! in welches
Leben! Die erste Regung des wiederkehrenden Bewusstseins musste ich anwenden, um
ihm zu sagen, dass wir auf ewig getrennt sind. Er verstand mich nicht, ich glaube
es wohl, seine Begriffe sind wahrscheinlich hierin von den meinigen sehr
verschieden. Ich bat ihn, mich zu verlassen, er konnte sich nicht entschliessen.
Ich zitterte vor seinem längern Bleiben, vor der Schwäche meines Herzens, vor
dem Verlöschen des Ueberrestes von Kraft, den ich in mir fühlte. Doch gelang es
mir. Sein schönes Gefühl verstand mich. Er verliess mich. Als er fort war, als
ich das Ende seines Mantels hinter den Hecken verschwinden sah: da - da fühlte
ich erst die ganze Grösse meines Verlustes, mein ganzes Unglück und seines! Meine
Tränen flossen von Neuem so unausshaltsam, dass, als meine Frauen kamen, sie mich
beinahe zurücktragen mussten. Aber, o meine Junia! wie gern wollte ich leiden,
Alles, was Gott über mich zu verhängen für gut fände, wenn ich sein edles Herz
von dieser Last befreien könnte! Der Gedanke, noch so treu, so warm von dem
Besten aller Menschen geliebt zu sein, war in dem ersten Augenblicke mir eine
Quelle unaussprechlicher Freuden - ist's noch manchmal in einer schwachen
Stunde: aber ich kann es vor Gott bezeugen, dass den grössten Teil der Zeit, die
seitdem verflossen ist, mein zerrissenes Gemüt mit inniger Ueberzeugung
wünscht, dass er mich vergessen, dass er seine Ruhe wieder finden, und so
glücklich werden möchte, als sein Herz verdient!
    Was kann - was soll ich jetzt tun? Mein Gewissen ruft mir oft genug zu, dass
jeder leidenschaftliche Gedanke an ihn eine Verletzung meiner Pflichten gegen
Demetrius ist, dem ich vor Gottes Angesicht Treue und Liebe bis an den Tod
geschworen habe. Nun - Liebe konnte ich nicht geben, und Demetrius in seinen
Jahren verlangte sie auch nicht; aber die Treue bin ich verpflichtet zu halten,
und diese bricht nicht bloss das äusserste Vergehen, zu dem ein Weib herabsinken
kann, es bricht sie auch die allzuzärtliche Neigung für einen Andern. Diese
Ueberzeugung und die Achtung für meine Pflicht war bis jetzt lebendig genug, um
mir Kraft zur Befolgung des Weges zu geben, den ich mir als den einzig richtigen
vorgezeichnet habe. Ich habe Agatokles seitdem nicht mehr gesehen. Die
Erschöpfung, in welcher ich mich seit jener Scene befinde, und die
wahrscheinlich an Krankheit grenzt, hat mir bis jetzt zum schicklichen Vorwand
gedient, nirgends zu erscheinen, wo ich ihn treffen könnte. Was das mich kostet,
weiss nur Gott, vor dessen Vaterblicke ich mein wundes Herz entülle, der allein
Zeuge meiner einsamen Tränen ist. Aber wie werde ich es in der Länge behaupten
können? Agatokles dient unter den Truppen, die dem Befehl meines Mannes
gehorchen; er ist seit einigen Tagen zu seinem Legaten ernannt worden, er wohnt
in unserm Hause, ich kann es in die Länge nicht vermeiden, ihn zu sehen, und mit
ihm umzugehen. Demetrius Gemütsart, die sich langsam und schwer an neue
Gegenstände gewöhnt, machte ihn im Anfange auch gegen Agatokles rauh. Du kannst
aus meiner Unwissenheit über seine Gegenwart in unserm Hause schliessen, wie
wenig Aufmerksamkeit ihm Demetrius schenkte. Das fängt an sich zu verlieren. Ich
höre meinen Mann oft, und immer mit grösserer Achtung von den Fähigkeiten, den
vorzüglichen Sitten, der Entschlossenheit u.s.w. seines neuen Legaten sprechen.
So wohl mir dieses Zeugnis für Agatokles Tugenden aus dem Munde eines so
strengen Richters tut, so sehe ich doch den Augenblick herannahen, wo er ihn in
den Kreis der Wenigen ziehen wird, die er mit seinem Vertrauen beehrt, und gern
und oft um sich hat. Was bleibt mir dann für eine Zuflucht übrig! Welche Kämpfe
stehen mir, welche Leiden dem Unglücklichen bevor, dem ich so gern jedes
unangenehme Gefühl ersparen möchte! Es wird nicht dabei stehen bleiben, es wird
zu Fragen, zu Erklärungen kommen, die ich nicht vermeiden, und eben so wenig
ganz nach der Wahrheit geben kann. Das ist's, wovor ich zittere, wovor mein
Innerstes sich entsetzt.
    Ich habe eine Weile angestanden, ob ich Demetrius sagen sollte, dass
Agatokles und ich uns schon als Kinder gekannt hätten. Ich wog die Grunde dafür
und dawider, endlich siegte der Wunsch, kein Geheimnis vor dem Manne zu haben,
dem das erste Recht auf Alles, was mich betrifft, zukömmt, und die Besorgnis,
dass eben die Verheimlichung, wenn ein Zufall uns verriete, ihm Verdacht
einflössen könnte. Ich erzählte ihm Alles offenherzig, und verschwieg nur den
Grad der Empfindung, der uns damals belebte. Das war, glaube ich, eben so sehr
meine Pflicht, besonders bei dem festen Vorsatz des mutigsten Kampfes wider
diese Empfindung. Er nahm diese Entdeckung nach seiner Art recht freundlich auf,
und ich fürchte nur, dass eben diese Kenntnis ihm den Jugendgespielen seiner Frau
noch näher bringen, und den Augenblick des Wiedersehens beschleunigen wird. Dies
ist nun aber nach der Lage der Umstände nicht zu vermeiden, und Gott wird mir
die Kraft geben, eine Last zu tragen, die er mir selbst aufgelegt hat. Er
fordert ja nicht mehr von uns, als wir leisten können. Meine Junia! Nun habe ich
dir Alles treulich erzählt, und es ist mir, als ob ich meinen Kummer leichter
trüge, seit ich ihn dir vertraut habe, seit ich weiss, dass du ihn, wenn du den
Brief wirst gelesen haben, mir tragen helfen wirst. Bete für mich, dass Gott mich
nicht verlässt. Auf ihm allein steht meine Hoffnung, meine Zuversicht. Leb' wohl!
 
                                    Fussnoten
1 Die ehrbaren und wirtlichen Frauen jener Zeit folgten noch dem Beispiele der
vergangenen Jahrhunderte, wo die vornehmsten Matronen, ja selbst Fürstinnen und
Kaiserinnen die Wolle zu den Kleidern und Mänteln ihrer Gatten und Söhne selbst
zum Weben zubereiteten, auch wohl selbst webten. So verfertigte Livia die
Gewänder des Octavianus Augustus als er bereits Herr der Well war. Jeder kennt
aus dem Homer den listigen Fleiss der frommen Penelope, und das Körbchen mit
Spindeln von Purpurwolle, das Helena bei sich stehen hatte, wie Telemachos ihren
Hofbesuchte, um Kunde von seinem entfernten Vater einzuziehen. So ein Körbchen
hiess Calatos oder Calatiskos und war oft ein Gegenstand des Luxus bei
vornehmen Frauen.
 
                           19. Agatokles an Phocion.
                                                          Edessa, im Junius 301.
Das Rätsel ist gelöset. Ich sehe deutlich in die Tiefe des Abgrunds der vor mir
liegt. Ich weiss, dass ich nichts mehr zu fürchten habe, denn ich habe nichts mehr
zu hoffen. Larissa ist unwiederbringlich für mich verloren. Die heiligsten
Gefühle, die zu bestreiten Vermessenheit und Verbrechen wäre, stehen scheidend
zwischen uns. Mein Urteil ist gesprochen.
    Als ich dir das letzte Mal schrieb, regte sich noch mancher Funke von
Hoffnung in meiner Brust. Selbst der Unmut über ihr wunderbar kaltes Betragen
flösste mir Kraft und Willen ein, einen kühnen Schritt zu wagen. Ich kannte
Larissens Lage - ich kannte die Grösse ihrer Gesinnungen, die heiligen
Triebfedern nicht, die sie handeln machen. Ich entwarf einen Plan, der uns
langsam, aber sicher, an's Ziel geführt hätte; meine Phantasie entzündete sich
an den schimmernden Bildern des Glücks, das ich in der Zukunft erblickte. Ich
brannte vor Begierde, mit Larissen zu sprechen, ihr meine Entwürfe mitzuteilen,
und mit ihr Alles zu überlegen, was uns zu tun erlaubt und möglich sei. Unfähig
zu allen übrigen Geschäften und Gedanken, nur auf diesen Punkt, auf diese
einzige Hoffnung festgeheftet, brachte ich noch drei ängstliche Tage zu. Ich
durchstrich hundertmal die Gärten, ich lauschte in den langen Gängen des Hauses
auf ihre Tritte, ich fuhr auf bei dem Anblicke jeder weiblichen Gestalt; denn
jedesmal hoffte ich, sie zu erblicken. Sie kam nicht, sie liess sich nirgends
sehen. Endlich erfuhr ich, dass sie die ganze Zeit über krank gewesen war, und
ihr Zimmer nicht verlassen habe. O Phocion! Ich sage dir nicht, wie mir damals
zu Mute war! War es Wahrheit, Folge der Erschütterung, Zufall, Vorwand? Tausend
Gedanken bestürmten und zerrissen meine Brust. Ich konnte mich nicht länger
halten. Meine Seele war von Kummer gebeugt, mein Herz drohte zu zerspringen. Ich
schrieb ihr; du findest den Brief in der Abschrift beigelegt. Ein alter Diener
des Hauses, der mich liebgewonnen hatte, übernahm die Bestellung. Wahnsinniger!
Ich dachte in dem Augenblick nicht an die Gefahr, der ich sie und mich
blosstellte. Ich dachte, ich fühlte nichts, als dass ich ihr sagen musste, was in
mir vorging, was ich gehofft hatte, für mich, für sie - wenn ihr Herz noch
dasselbe war.
                           Abschrift des Briefes von
                            Agatokles an Larissen.
Sechs Tage sind nun verflossen, seit ein unglaublicher Zufall nach acht Jahren
uns wieder vereinigte! Die Art unsers Wiedersehens liess mich auf einen
Augenblick die Täuschung nähren, Entfernung und Zeit hätten die Gesinnungen der
Freundin - der Geliebten meiner Jugend nicht verändert. Es war nur ein
Augenblick! - Sechs lange Tage haben mich vom Gegenteil überzeugt. Larissa
vermag diese ganze Zeit über mich in ihrer Nähe, in demselben Hause zu wissen -
zu ahnen, welche Unruhe meine Brust erfüllt - und sich mir gänzlich zu
entziehen. Kein Gedanke an meine Qual, kein Wunsch, sie zu lindern, kommt in
ihre streng verschlossene Seele, und in der tiefen Ruhe, deren sie geniesst, wird
des Freundes zerstörender Schmerz nicht geachtet. Nicht einmal das Verlangen der
Neugier, was in acht Jahren mit dem Allbekannten geschehen, oder das leichte
Gefühl der Freude, das des Landsmannes Anblick in der Fremde erweckt, regt sich
in ihrem Busen. Sie ist nichts als die Frau des Demetrius. Nikomedien, ihre
Jugend - Agatokles sind todt für sie. Ist's möglich, Götter! ist's möglich? O
warum habe ich so ein unseliges Gedächtnis! Warum ist nur diese Brust schwach
genug, einen schmerzlichen Eindruck durch acht lange Jahre so unauslöschlich zu
bewahren! Larissa hat mich vergessen, der Zeiten vergessen, wo sie mir Alles -
wo auch ich (die Frau des Demetrius zürne dem kühneren Ausdruck nicht) ihrem
Herzen viel war. Das ist vorbei - so ganz vorbei, wie die Welle des Stroms, die
vor acht Jahren vorübergleitete, nun und nimmer wiederkehrt, und spurlos
verschwunden ist.
    In den ersten Stunden, als die täuschende Hoffnung auf Larissens treueres
Gedächtnis mich belebte, war ich töricht genug, Wünsche zu hegen, und Plane zu
entwerfen, die sie hören, teilen, genehmigen, von denen sie und ich unser Glück
erwarten sollten. Demetrius Jahre, seine Gemütsart, seine wenige
Empfänglichkeit für zartere Gefühle, gaben mir Hoffnung und Mut. Ich wollte ihm
unser Verhältnis gestehen, ich wollte - o ich rechnete damals auf Larissens
Liebe! Kann ich, darf ich denn, ohne mich einer Raserei schuldig zu machen,
jetzt noch auf eine solche Möglichkeit rechnen? Lass mich aufhören - du liebst
mich nicht mehr! Wozu alles Weitere?
    Leb' wohl! Dein künftiges Betragen, deine Antwort auf meinen Brief, wenn du
den Vergessenen einer würdigest, wird mein Schicksal bestimmen. Dein Gatte zeigt
mir Zutrauen genug, dass ich es wagen kann, ihn um eine Anstellung auf einem
fernen Posten zu bitten. Ich werde dich wenig, vielleicht nicht mehr sehen -
nicht, um dich von meinem Anblick zu befreien, der dir wohl keine Unruhe
verursacht, sondern um mir, bei dem Bewusstsein deiner Denkart, den Schmerz des
Wiedersehens zu ersparen. Leb' wohl!
Dies hatte ich ihr geschrieben. Einen martervollen Tag, zwei schlaflose Nächte
brachte ich zu, in gespannter Erwartung des Ausganges meines unüberlegten
Schrittes, dessen ganze Torheit ich erst einsah, als es zu spät war. Heute
endlich, am Morgen des dritten Tages erschien der alte Sclave, und brachte mir
ihre Antwort: sie folgt hier. Lies sie, Phocion, und dann fühle mit mir das
rettungslose Unglück meiner Lage, den unendlichen Verlust eines solchen Herzens!
 
                             Larissa an Agatokles.
                          (Im vorigen eingeschlossen.)
Wenn ich dem Zuge meines Herzens hätte folgen wollen, das mich durch die
natürlichen Triebe der Selbstachtung, der Eitelkeit, wenn du willst, anreizte,
mich in den Augen eines schätzbaren Freundes zu rechtfertigen, und meine
Verteidigung so warm und eifrig zu unternehmen, als seine Vorwürfe waren: so
hättest du bereits gestern Antwort von mir bekommen. Da es mir aber nicht bloss
darum zu tun ist, für den gegenwärtigen Angenblick, sondern auch für die
Zukunft Alles zwischen uns so klar und bestimmt auszumachen, dass auf keiner
Seite ein Zweifel oder eine Furcht vor Rückfällen möglich wäre: so musste ich
zuerst in die Tiefe meiner, nicht erfreulichen Vergangenheit hinabsteigen, und
Begebenheiten hervorrufen, deren Andenken meiner Seele zu unangenehm ist, als
dass ich sie ohne inneren Kampf betrachten, und dir, mein Freund, ordentlich
erzählen könnte. Es ist notwendig, dass du meine Geschichte kennst, um mein
Betragen zu beurteilen, und das deinige darnach einzurichten.
    Als vor acht Jahren mein Vater, an dessen etwas starken Hang zu Pracht und
Wohlleben du dich noch erinnern wirst, durch einen ungerechten Richterspruch
seine bürgerliche Ehre, sein Vermögen, sein Vaterland verlor, und sich arm,
hülflos, verachtet, mit drei unerzogenen Kindern in die weite Welt
hinausgestossen sah; da goss dieses Unglück eine solche Bitterkeit in sein Herz,
und veränderte seine Sinnesart so gänzlich, dass er fast in allen Dingen das
Widerspiel von dem zu sein schien, was er ehemals war. Finster, unfreundlich,
oft sogar hart, flüchtete er mit uns in die Gebirge von Armenien, wo ihm ein
alter Verwandter lebte, der ihm eine Zuflucht im Unglücke versprochen hatte. Man
nahm uns auf, wie unempfindliche Reiche die Armut aufzunehmen pflegen, die bei
ihnen Hülfe sucht - nicht in das Haus meines Gross-Oheims, nicht an seinen Tisch,
viel weniger in sein Herz. Gnadenbrod zu essen, dazu war mein Vater zu stolz, er
wurde also auf ein Landgut des Vetters, als Aufseher, Verwalter, mit vieler
Arbeit und kargem Lohne gesetzt. Hier in einer rauhen Gebirgsgegend, in einer
schlechten Hütte, mit kaum mehr als Sclavenkost genährt, in Sclaventracht
gehüllt, musste der Mann leben, der einst unter dem schönsten Himmelsstrich von
Kleinassen, in einer glänzenden Stadt, ein Leben, durch alle Reize der Kunst und
Pracht verschönert, geführt hatte. Der Abstand war zu grausam. Die letzte Spur
von Gleichmut entfloh aus der Brust meines unglücklichen Vaters.
Missverständnis, Unverträglichkeit, Ungeduld, Mutlosigkeit zogen in unsere Hütte
ein, und es begann ein Leben für uns, das nicht viel von dem Zustande derjenigen
verschieden war, die, wie unsere Vorältern glaubten, die Strafen ihrer Sünden im
Tartarus abbüssen. Lass mich schnell über den trübsten Zeitpunkt meines Lebens
hingleiten! Mein Aufentalt in den Gebirgen von Armenien ist ein grauenvoller
nächtlicher Abgrund, in den zu blicken mir noch jetzt schauderhaft ist.
    Endlich nach drei Jahren schien der Himmel, von welchem wir uns gänzlich
vergessen glaubten, sich unser zu erbarmen. Obwohl in der Einsamkeit seiner
Berge, hatte meines Vaters Geist doch Mittel gefunden, allerlei Bande zwischen
sich und der Welt, die ihn ausgestossen hatte, wieder anzuknüpfen. Er führte
lange Zeit einen geheimen Briefwechsel mit einem Freunde, der in Syrien lebte.
Eines Tages trat er mit einer Miene, die wir lange nicht so freundlich gesehen
hatten, in unsre Hütte. Packt eure Sachen zusammen, rief er, morgen reisen wir
aus diesem Orte des Elends ab. Wohin? wie? warum? das waren Fragen, die, so sehr
sie uns auch drängten, Keines sich zu wachen traute. Es wurde gepackt - die
Armut ist bald fertig - und den andern Tag machten wir uns, mein Vater und die
Brüder abwechselnd auf dem einzigen Maultier, das wir besassen, meine Mutter und
ich in einem schlechten Fuhrwerke auf den Weg. Die Beschwerlichkeiten der Reise,
die Leiden meiner Mutter lass mich ebenfalls übergehen. Genug, wir langten in
Apamäa1 an. Hier mietete mein Vater ein kleines, aber nicht unbequemes Haus,
und aus Quellen, die mir damals unbekannt waren, die ich aber späterhin nicht
ohne Grund der Tätigkeit seiner Freunde in Nikomedien, die die Ueberbleibsel
seines Vermögens gerettet hatten, zuschrieb, flossen uns nach und nach immer mehr
Bequemlichkeiten, und endlich einiger Wohlstand zu. Mein Vater führte einen
fremden Namen, galt für einen Kaufmann aus Armenien, und Tracht und Sprache, die
er sich während jener drei Jahre ganz eigen gemacht hatte, liessen keinen
Verdacht entstehen. Er trieb Handelsgeschäfte, wie es schien; denn wissen
durften wir nichts von seinen Verhältnissen. Uebrigens wäre unsere häusliche
Lage, besonders für mich, deren Wünsche nie gross waren, recht erträglich
gewesen; hätten nur mit der Erweiterung unsers Haushalts sich auch unsere
Gemüter gegen einander aufgeschlossen, Liebe und Eintracht zugleich mit dem
Wohlstand unter uns gewohnt.
    An dich hatte ich im ersten Jahre unserer Verbannung oft, sehr oft
geschrieben, mit banger Ungeduld auf Antwort geharrt - und immer vergebens.
Endlich hörte ich auf zu schreiben, und in der Tiefe meines Kummers blieb mir
nur die leise Hoffnung übrig, dass Briefe aus einem so abgelegenen Winkel der
Erde wohl leicht den Weg verfehlen, und den nicht erreichen konnten, für welchen
sie bestimmt waren. Sobald wir in Apamäa angekommen waren, erneuerte ich meine
Versuche, Nachricht von dir zu erhalten. Ich schrieb wieder, teils gerade an
dich, teils unter verschiedenen Aufschriften an alle alten Bekannten in
Nikomedien, auf deren Wohlwollen und Verschwiegenheit ich zählen konnte. Es war
fruchtlos. Ein ganzes Jahr verging unter steter Abwechslung von Hoffnung und
Niedergeschlagenheit. Ich bekam keine Antwort. Dein Tod oder eine gänzliche
Vergessenheit, das waren die zwei einzigen Möglichkeiten, zwischen denen meinem
bangen Geiste die Wahl blieb, und in beiden lag keine Aufmunterung für ein
tiefgebeugtes Herz. Mit stiller Ergebung, deren ich schon gewohnt war, gab ich
auch diese letzte Aussicht auf, und lebte, in mich gekehrt und geduldig, mein
freudenloses Dasein hin.
    Es kamen immer mehr Fremde in unser Haus, die teils meines Vaters
Geschäfte, teils sein wieder erwachender Hang zum geselligen Leben an uns zog.
Für mich waren die Meisten gar nichts - unbedeutende Gestalten, die höchstens
durch Handelsverhältnisse irgend einen Wert bekamen. Nur zwei Männer
unterschied ich allmählig unter der ziemlich grossen Anzahl Bekannten. Der Eine
war ein ehrwürdiger Greis, der Andere ein Mann von mittleren Jahren, aber in
allem Feuer, aller Kraft der Jugend. Ein angenehmer Umgang, ein vielseitig
gebildeter Verstand und Menschenkenntnis mussten sie Jedem, der mit ihnen umging,
wert machen; für mich hatten sie noch etwas Anziehenderes. Es lag eine sanfte
Heiterkeit, eine schöne Gelassenheit m ihrem Wesen, die bei dem Greise Teophron
die Bitterkeit des Alters milderte, und bei Apelles, dem jüngern, die feurig
aufstrebende Kraft in strengen Schranken hielt. Beide waren mir unendlich
schätzbar, und wenn Apelles Erzählungen von Allem, was er auf weiten Reisen
gesehen und erlebt hatte, die Lebhaftigkeit seines Geistes mich belehrte und
unterhielt, so flösste Teophrons ruhige Weisheit, sein himmelwärts gewendeter
Sinn mir süsse Ruhe und Trost ein. Bald hatte ich auch Gelegenheit zu bemerken,
dass ihre Tugend nicht bloss in schönen Gesinnungen bestand, sondern sich wirksam
durch Menschenliebe, Wohltätigkeit und rastlosen Eifer für die Unglücklichen,
die bei ihnen Hülfe oder Trost suchten, zeigte. Ich war bemüht, mir den Umgang
dieser beiden Männer so viel als möglich zu Nutze zu machen; und nach vier
freudenlosen Jahren, wo, ich kann es mit Wahrheit bezeugen, der Tag mir
glücklich schien, an dem keine neue Ursache meine Tränen fliessen gemacht hatte,
empfand ich zum erstenmal die Regungen eines erheiternden Gefühls, und wagte es,
den würdigen Greis zum Vertrauten, nicht meiner Schicksale, denn die mussten aus
Familienabsichten verschwiegen bleiben, sondern meiner mutlosen gedrückten
Seele zu machen. Agatokles! O dass ich jedem leidenden Herzen die himmlische
Wohltat der Tröstungen verschaffen könnte, die von den Lippen dieses Mannes in
meine wunde Brust strömten! Solche Beruhigungen, solche Aussichten, solche
Stärkungen kann nur der erteilen, der in den erhabenen Geheimnissen
unterrichtet ist, woraus Teophron die seinigen schöpfte. Er leitete meinen
Geist vom Irdischen weg, und eröffnete mir eine Aussicht in die Zukunft jenseits
des Grabes, von einer Art, wie man sie weder in den Begriffen der herrschenden
Volksreligion, noch in den Systemen der Philosophen findet. Er liess die
unglücklich Verbannte, die auf dieser Erde nichts mehr zu hoffen hatte, in eine
schönere Welt des Lichts und unvergänglicher Freuden schauen, die dem milden
Dulder offen stand. Dort sollte ich die hier verlorenen Lieben wieder finden,
dort von keinem feindlichen Geschicke mehr getrennt, sollte im Angesichte des
Allmächtigen in verklärten Leibern, in Betrachtung seiner unendlichen
Eigenschaften, seiner bewundernswürdigen Werke ein Leben beginnen, dessen Gränze
nur die Ewigkeit war. O Freund meiner Jugend! Welche Bilder, welche Hoffnungen!
Wie wäre es möglich, dass ein zerrissenes Herz, das seine Freude nur jenseits des
Grabes finden konnte, sich solchen Lehren hatte verschliessen können? Ich nahm
sie freudig, gläubig an. Bald ging ich weiter. Jetzt von Teophrons sanfter
Weisheit geleitet, und von Apelles feuriger Beredtsamkeit hingerissen, machte
ich grosse Fortschritte in Erkenntnis der neuen Wahrheit, der tröstlichen Lehren
und erhabenen Geheimnisse, worin sie mich unterrichteten. Ich lernte, wie sie,
die Menschen als meine Brüder, als Kinder eines gemeinschaftlichen Vaters
ansehen, ich lernte sogar meine Feinde lieben, und für die beten, die mich
unglücklich gemacht hatten. Mein Herz erweiterte sich, meine Ansichten der
Menschheit und ihrer Schicksale erhoben sich, die Truggestalten niedriggesinnter
Gotteiten, denen ich längst nicht mehr aus Ueberzeugung, nur aus Gehorsam
geopfert hatte, verschwanden vor meinem aufgehellten Blicke. Ein einziger,
allweiser, allmächtiger, allgütiger Geist erschuf, erhielt, und beherrschte die
Welt. Tartarus und Elysium waren nicht mehr - aber dieser grosse Geist lohnte und
strafte als vergeltender Richter nach dem Tode. Diese und noch viele andere
Lehren, die dir mitzuteilen nicht erlaubt ist, entüllten mir Teophron und
Apelles, und ich ward eine Christin! Du wirst ohnedies schon längst erraten
haben, dass die beiden Männer zu jener Secte gehörten, welche seit ein Paar
hundert Jahren von Palästina und Syrien aus, wo ihr göttlicher Stifter,
unbekannt und verfolgt, gelebt und gelehrt hatte, und endlich als Opfer seiner
Feinde fiel, sich über die Welt zu verbreiten angefangen hat. Ja, Agatokles!
Ich ward eine Christin! Die Lehren, die, ehe ich sie kannte, mich mit Schauer
erfüllten, machten jetzt mein Entzücken aus! Ich ergriff sie mit heisser
Begierde. O mein Freund! Das Christentum ist die Religion der Unglücklichen! In
ihren Schoss soll jeder Leidende sich flüchten; sie hat Balsam für alle Wunden,
die keine Menschenhand zu heilen vermag; und wenn sie uns gleich schwere
Pflichten auferlegt, so gibt sie uns doch selbst durch die Grösse ihrer
Forderungen ein erhebendes Gefühl unserer Würde, ein Vertrauen auf unsere Kraft,
und bietet uns durch den Gebrauch mancher ihrer geheimnisvollen Ceremonien so
sanfte Tröstungen, so überirdische Stärkungen an, dass der wahre Christ gewiss
auch immer im Stande sein wird, die Lasten zu tragen, die seine Religion ihm
auferlegt.
    Doch genug von den Beweggründen, die mich zur Annahme meiner Religion
bestimmten, und den Veränderungen, die sie in meiner Denkart machte. Ich wollte
ja nicht dich zum Proselyten machen, ich wollte bloss dir Alles treu und deutlich
vortragen, woraus du dir meine Handlungsweise erklären sollst. Meine Mutter ward
meine Vertraute. Die Ursachen, die mich in den Schoss der Christenheit riefen,
äusserten bald dieselbe Gewalt über sie; auch sie suchte Trost und Stärkung, und
fand sie, wie ich. Wir empfingen Beide von Teophron, der einer von den
Aeltesten der Gemeinde war, die heilige Traufe, und wurden in den Bund der
Kinder Gottes aufgenommen. Dem Vater, der zwar nicht eigentlich am Götterdienst
hing - denn dazu war er zu aufgeklärt - der aber, nach dem Beispiel des Hofs und
der Welt, die christliche Religion als eine Religion der Armen und Unglücklichen
verachtete, musste der Schritt verborgen bleiben. Er konnte es um so leichter, da
mein Vater meist nicht zu Hause war, und sich im Ganzen, wenn nur seine Befehle
vollzogen wurden, wenig um uns bekümmerte. Wir besuchten heimlich die
Versammlungen unserer Kirche, und wohnten den Agapen bei, einer schönen Sitte,
die deinem Herzen gewiss teuer werden wird, wenn ich dir sage, dass die ganze
Gemeinde ohne Unterschied der Stände hier mit einander öffentlich speiset, die
Reichen die Speisen bringen, die Armen Teil daran nehmen lassen, und bei
solchen Gelegenheiten überhaupt Collecten gemacht, und Einrichtungen und
Veranstaltungen zum Besten der Armen und Leidenden aus derselben oder einer
andern Gemeinde, getroffen werden.
    Bei diesen Versammlungen lernte ich zuerst eine andere Christin, Junia
Marcella, eine angesehene Frau in Apamäa, kennen. Mit achtundzwanzig Jahren
Wittwe eines angebeteten Gemahls und Mutter von sechs unerzogenen Kindern,
widmete sie im Bewusstsein ihrer Kraft sich und ihr grosses Vermögen der Erziehung
ihrer Waisen und den Bedürfnissen und Sorgen ihrer Gemeinde. An diesem reichen
Herzen, das Raum genug für die Leiden und Freuden aller seiner Mitmenschen
hatte, an diesem milden und richtigen Verstande erhob sich mein gebeugtes Wesen,
und ich fand endlich, was mir so lange gefehlt hatte, eine weibliche Seele, die
mich ganz verstand, der ich auch jene Gefühle entüllen konnte, die
Verschiedenheit der Jahre und des Geschlechts mich vor Teophron, vor Apelles,
selbst vor meiner Mutter verbergen hiess. O wie wohl ward mir in Juniens Umgange!
Wie erweiterte sich meine gepresste Brust! Wie erschien die erhabene Religion, zu
der auch sie sich bekannte, in ihrem Wesen und Handeln auf eine ganz eigene und
verehrungswürdige Weise! In ihrem Hause sah ich Demetrius zuerst, der ebenfalls
ein Christ war, und zu jener Zeit mit seinen Truppen in Syrien stand. Junia,
obwohl nicht mehr in der Blüte der Jugend, besass Reize genug, um den bejahrten
Helden zu fesseln. Er warb um ihre Hand. Fest entschlossen nur ihrer Pflicht zu
leben, schlug sie diesen Antrag aus. Jetzt richtete Demetrius sein Auge auf
mich, mein Aeusserliches schien ihm die Eigenschaften zu versprechen, die er von
seiner Gattin verlangte. Er fing an unser Haus zu besuchen. Mein Vater ward um
diese Zeit kränklich. Langes Unglück und heftige Leidenschaften hatten seine
Kräfte aufgerieben, er erholte sich nicht, und welkte vor der Zeit dahin. Die
Sorgfalt, mit der mein Vater gepflegt wurde, liess den Demetrius vielleicht für
sein herannahendes Alter gleiche Treue erwarten; er entschloss sich, und liess
durch Apelles um mich werben. Meinem unglücklichen Vater, der seinen Zustand und
die Verlassenheit seiner Familie nach seinem Tode kannte, erschien dies
Anerbieten als das höchste Glück, das er hiernieden noch zu erwarten hatte. Er
willigte sogleich ein, und nur, nachdem Alles zwischen ihm und Demetrius richtig
geworden war, liess er mich rufen, und verkündigte mir mein Schicksal. Ich
erschrak, ich beschwor meinen Vater, sein Wort zurückzunehmen. Nie gewohnt,
unsern Bitten zu weichen, war es auch diesmal vergebens, und nur die Heiligkeit
und Unauflöslichkeit des Ehebandes unter den Christen konnte mich bestimmen,
diesen letzten Versuch zu machen, von dem ich mir im Voraus wenig versprach. Ich
wurde krank. Junia und Teophron besuchten mich treulich, ihnen vertraute ich
meine Leiden. Junia, eingedenk der Seligkeit ihrer Ehe, und fest überzeugt, dass
sie mir in einer so ungleichen Verbindung nicht werden könnte, bot sich an, mit
meinem Vater zu sprechen; auch Teophron und Apelles verhiessen mir ihren
Beistand. Sie taten, was sie konnten - nie wird es ihnen mein Herz vergessen.
Es war fruchtlos. Nun, da jedes Mittel, meinen Vater umzustimmen, versucht, und
vergeblich befunden war, unternahm es Junia, mein Herz auf den wichtigen
Schritt, den ich zu tun hatte, mit Kraft und Entschlossenheit vorzubereiten;
und der würdige Teophron goss so viel Beruhigung in meine zagende Seele, dass ich
nach einigen Tagen gefasst genug war, den Willen meines sterbenden Vaters zu
vollziehen, und mich für die Meinigen zu opfern. So wurde ich Demetrius Frau,
und habe noch bis jetzt keine Ursache gehabt, einen Schritt zu bereuen, den mir
die vergeltende Vorsicht durch das emporsteigende Glück meiner beiden Brüder,
und die Beruhigung meiner Eltern, die mit frohen Aussichten für ihre Kinder
ruhig starben, belohnt hat. Nach meines Vaters Ableben, als man seine Schriften
durchsuchte, fanden sich alle meine Briefe an dich, die er durch den
Freigelassenen, der mein Vertrauter war, aber den Zorn meines Vaters fürchtete,
in die Hände bekommen, und nie abgesandt hatte. So wie nun dieser Mann mir mit
Tränen gestand, war ein tiefer Hass Schuld an diesem Verfahren, den der
Entschlafene gegen deinen Vater trug, indem er ihm, wo nicht einen Teil an
seinem Unglück selbst, doch eine unverzeihliche Lässigkeit im Abwenden desselben,
beimass. Nun wusste ich auch, warum ich durch fünf Jahre nichts mehr von dir
gehört hatte!
    Zwar beruhigte mich der Gedanke, dass du keinen von den Vorwürfen
verdientest, die ich dir oft in bittern Stunden gemacht hatte: aber desto
deutlicher sah ich ein, dass eine so lange Trennung und gänzliche Unwissenheit
über mein Schicksal auch das kleinste Band gelöset haben musste, das dich
vielleicht noch an mich band. Ueberdies war ich die Gattin eines Andern, und
eine Christin. Bei uns sind die Ehen keine bürgerlichen Verträge, es sind
heilige Bündnisse, durch hohe Eide vor dem Altar des Ewigen versiegelt, durch
Priestershand geschlossene Verbindungen für's ganze Leben, ein heiliges
Versprechen, sich nie zu verlassen, Glück und Unglück mit einander zu teilen,
und keine Scheidung findet Statt, als nur durch den Tod. Hier ist nicht bloss
förmliche Untreue, hier ist auch jede zärtliche Empfindung für einen andern
Gegenstand Verbrechen, und in der Brust einer christlichen Gattin darf kein
anderes Bild leben, als das des Gatten, den ihr der Himmel gegeben hat. Das
Alles musste ich dir sagen, Agatokles! damit du mein Betragen seit dem ersten
Augenblicke unsers Wiedersehens verstehen, und richtig beurteilen könnest. Dein
Brief hat mich gerührt und erschüttert. Glaube nicht, Freund meiner Jugend! dass
es mir gleichgültig ist, ob der edelste Sterbliche, den ich je kannte, mich noch
seiner Liebe wert hält oder nicht: aber eben so sehr muss es mir am Herzen
liegen, mich sowohl in seinen Augen zu rechtfertigen, als jeden Versuch zu
machen, den Schmerz, der ein so edles Gemüt ergriffen, zu mindern, und die
Kräfte, die in ihm liegen, hervorzurufen, damit es ein unabänderliches Schicksal
gelassen ertrage. Denke, mein Freund! an die Lehren der weisen Heiden, die wir
einst mit einander bewunderten; erinnere dich der Vorsätze, die du damals oft
mit glühender Seele fasstest, alle äusserlichen Zufälligkeiten, aber zuerst dich
selbst zu besiegen. O, dass ich dir noch dringendere Aufforderungen, die meine
Religion mir bietet, sagen dürfte!
    Wenn es einen Teil deiner Beruhigung ausmachen kann, über meine Lage
unbesorgt zu sein, so wisse, dass du dir von meinem Loose, als Frau des
Demetrius, falsche Begriffe machest. Ich bin nicht unglücklich verheiratet,
mein Gemahl achtet und ehrt mich; das wird dir die Art bezeugen, wie man mir im
Hause begegnet. Liebe kann ich nicht fordern; glaube aber meiner Erfahrung, sie
ist zu unserem Glücke nicht notwendig, und ich bin mit meinem Schicksale
zufrieden. Nur Ein Wunsch bleibt mir jetzt übrig, der - auch dich ruhig zu
wissen. Glaubst du dies durch deine Entfernung bewirken zu können, so tue die
nötigen Schritte. Geh, mein Freund! - Verlass einen Ort, der zu vielen Anlass zur
Unruhe, zu quälenden Erinnerungen für dich entält! Lass mich dann, wenn es dir
gelungen ist, deine Ruhe herzustellen, aus der Ferne diese tröstliche Nachricht
vernehmen, und sei versichert, dass sie nicht wenig zu meiner Zufriedenheit
beitragen wird. Leb' wohl! Antworte mir nicht auf diesen Brief. Es ist weder
nötig, noch gut, dass wir oft von unsern Gefühlen mit einander reden. Gott, der
unser Schicksal auf so unbegreifliche Weise geführet, und unser Wiedersehen
gewiss aus weisen Absichten veranstaltet hat, wenn wir es gleich jetzt nicht
einsehen, wird dich auf deinen Wegen leiten und schützen. Auch mein heisses Gebet
wird dir überall folgen, und wenn einst der höchste, der einzige Wunsch, dessen
mein Herz noch fähig ist, erfüllt werden sollte, wenn die Lehren der Kirche, in
denen ich Beruhigung gefunden habe, auch in deiner Seele Eingang finden könnten:
o Agatokles! wie wollte ich den schmerzlichen Augenblick unsers Wiedersehens
preisen, und die Leiden segnen, die er mich kostete! Leb' wohl!
Das ist Larissens Brief. Es war mir eine süsse, eine traurige Beschäftigung, ihn
für dich abzuschreiben; es war mir ein Trost, aus so manchen Stellen zu ahnen,
zu erraten, dass sie mich nicht vergessen hat; dass sie mich vielleicht eben so
heiss liebt, als ich sie! - aber antworten darf und kann ich nicht. Was sollte
ich ihr auch sagen? Ich kann nichts, als meinen unendlichen Verlust fühlen, der
in jeder Zeile, in der sich dieser reine Sinn, diese himmlische Güte abmalt, mir
schrecklicher erscheint. Aber welche Religion muss das sein, die dem Menschen
solche Begriffe von Pflicht, und einer zarten weiblichen Seele so viel Kraft,
ihr treu zu bleiben, erteilt? Ich verabscheue sie in diesem Augenblicke; denn
sie raubt mir jede Hoffnung - und ich muss sie im nächsten bewundern. Leb' wohl,
Phocion! Wenn ich mich gesammelt habe, wenn ich wieder klar zu denken vermag und
erst eine weite Strecke zwischen mir und der Ewigverlornen sich ausdehnt,
schreibe ich dir wieder.
 
                                    Fussnoten
1 Apamäa, eine Stadt in Syrien.
 
                         20. Larissa an Junia Marcella.
                                                          Edessa, im Junius 301.
Es hat dem Himmel gefallen, meine Junia! mich auf eine schwere Prüfung zu
setzen. Ich darf nicht klagen; denn die Begebenheiten sind zu ausserordentlich,
als dass ich nicht deutlich die Spuren seiner Führung darin erkennen sollte. Es
ist sein Wille, diese Leiden über mich zu verhängen, diese strengen Pflichten
von mir zu fordern. Ich darf nicht fragen, warum? Ich muss nur still tragen,
kämpfen, und leisten, was ich kann. Soll ich in dem Streit bestehen, so wird
Gott mir Kräfte dazu geben. Soll ich untergehen: o dann willkommen, du letzte
süsse Stunde! die so vielen Schmerzen ein Ende machen, und mir eine schönere Welt
eröffnen wird, wo es kein Verbrechen ist, die reine Tugend zu lieben, und ein
schwaches Herz nicht aus alt gewohnten süssen Banden reissen zu können!
    Als ich dir das letzte Mal geschrieben hatte, nahm ich mir vor, die
Gegenwart desjenigen, den ich weder lieben durfte, noch vergessen konnte, so
viel möglich zu vermeiden. Ich hielt den schweren Vorsatz treu durch fünf Tage.
Am Morgen des sechsten brachte mir der treue Anicetas, der mir noch aus meines
Vaters Haus gefolgt ist, sehr geheimnisvoll einen Brief. Ich stand eine Weile
an, ob ich ihn nehmen sollte. Endlich erkannte ich, wie aus dunkler Erinnerung,
die Züge der teuren Schrift. Er war von ihm! Ich bebte - noch einmal drang der
Zweifel, ob ich auch von ihm einen Brief annehmen dürfte, in mein Herz. Aber der
Gedanke an die tiefe Kränkung, der ich ihn aussetzte, und, lass es mich dir
gestehen, Junia, das heisse Verlangen, zu wissen, was er mir sagen würde, überwog
jede Bedenklichkeit. Ich nahm den Brief, ich verschloss mich in mein geheimstes
Zimmer, und las, und fand, was sich mit Flammenzügen in mein Herz grub, was
weder Tränen, noch Kämpfe, noch Zeit je verlöschen werden, die feste
Ueberzeugung, von dem edelsten aller Menschen mit eben der Treue und Wärme, wie
vor acht Jahren, geliebt zu sein, aber auch die Gewissheit, dass er durch diese
Liebe und unser Schicksal unaussprechlich unglücklich sei. Er schmeichelte sich
mit Hoffnungen, er suchte sie auch meiner Brust einzuflössen, er zürnte über
meine Kälte, er wollte fliehen. O meine Junia! Welch ein Brief! Wenn die
Gewissheit, geliebt zu sein, mich mit süssen Gefühlen überströmte, so beugte der
Gedanke an seine Leiden meine Seele bis zur Verzagteit nieder. Agatokles
unglücklich! Was kann die Tugend für Lohn hienieden hoffen, wenn er leidet? Aber
soll sie denn überhaupt ihren Lohn hier finden, oder auch nur erwarten? Nirgends
auf der ganzen Erde sehen wir eine Veranstaltung, die dem Tugendhaften den Lohn
seiner edlen Taten zusicherte. Nur das Christentum lehrt uns, an eine
Einrichtung glauben, die die Vorsehung ganz rechtfertiget. Sie öffnet uns eine
andere Welt, einen würdigen Schauplatz, wo die verschlungenen Knoten unsers
Schicksals entwirret, und die anscheinenden Missverhältnisse zwischen Tugend und
Glück in die schönste Harmonie aufgelöst werden. Dortin, o du Freund meiner
Jugend; dortin muss ich dich verweisen, dort werden wir uns finden, dort dürfen
wir - Was bin ich im Begriffe zu sagen? O Junia! Darf ich denn auch nur diesen
Gedanken und Wünschen Raum geben? Darf ich, die Frau eines Andern, fremde
Flammen in meiner Brust nähren? O Junia, Junia! Ich bin tief gesunken, ich
sündige immer fort, ich erkenne meine Strafbarkeit, und habe doch nicht Kraft,
mich zu besiegen!
    Aber ich wollte dir ja erzählen. Sieh, meine Geliebte! so zerrüttet ist mein
Gemüt, dass es mir Mühe macht, meine Gedanken in Ordnung zu halten, und bei dem
zu bleiben, was ich mir vorgesetzt hatte. Als ich den Brief gelesen hatte,
fühlte ich die Notwendigkeit zu antworten; aber was? und in welchem Ton? Ich
durfte auf keine Weise ihn in mein Herz blicken lassen, und doch konnte ich
unmöglich mit der Kälte antworten, die die Vernunft von mir gefordert hätte.
Ach! konnte ich denn so gleichgültig und vorsetzlich ein Herz verletzen, das so
warm und treu für mich schlug, das so edel war, und ohnedies so tief verwundet?
    Lies die Abschrift des langen Briefes, den ich nach zehn misslungenen
Versuchen endlich in der zweiten Nacht nach Empfang des seinigen mühsam und
unter tausend Tränen zu Stande gebracht habe. Ich glaube, er ist zweckmässig, er
soll ihm die ganze Rettungslosigkeit unserer Lage, aber auch meine und seine
Pflicht vorstellen, und ihn auffordern, stark - ach Junia! stärker zu sein, als
seine unglückliche Larissa.
    Ich habe mir vorsetzlich keine Klage über meine häuslichen Verhältnisse
erlaubt, vielmehr habe ich gesucht, den Gedanken in ihm zu nähren, dass ich
zufrieden sei. Ich glaube, das ist überhaupt meine Schuldigkeit. Demetrius kann
diese Schonung von mir fordern, und dann denke ich auch, es wird den Freund
meiner Jugend beruhigen, es wird ihn trösten, wenn er mich, nicht unglücklich
weiss. Aber, was ist es, Junia! dass diese Rücksicht mich weit mehr antreibt als
jene? Dass der Gedanke, pflichtmässig zu handeln, mir weniger süss ist, als der,
ihm Freude zu machen? Ist das auch recht? Soll mir meine Pflicht nicht das
Heiligste und Erste sein?
    Ach, es ist leider nicht! Rebellisch empört sich mein Herz gegen die
vereinten Stimmen der Vernunft und der Religion. Ich liebe, ich liebe mit
glühender Seele; ich habe, so lange ich lebe, nie ein anderes Bild in meiner
Brust getragen, nie für einen andern Mann eine zärtliche Regung empfunden, als
nur allein für ihn, für ihn, dem mein ganzes Wesen gehört - und ich bin die Frau
eines Andern. O schrecklich, schrecklich! Was soll ich tun, Junia? Wer, hilft
mir, mich vor mir selbst zu retten?
                                                       Am Abend desselben Tages.
Als ich heut Morgens so weit gekommen war, musste ich abbrechen, weil mein Gemüt
zu zerrüttet war, als dass ich weiter hätte schreiben können. Seitdem hat
anhaltende Arbeit und Gebet meinen Geist ein wenig beruhigt, und ich setze meine
Erzählung fort. Den Tag darauf, als ich die Antwort an Agatokles abgesandt
hatte, und mit schwerem Herzen hoffte - ach, dass ich das hoffen muss! - er würde
Gelegenheit finden, seinen Vorsatz auszuführen, und sich zu entfernen, kündigte
mir Demetrius meinen Landsmann, als Gast, zur Tafel an. Die wenige Achtsamkeit,
die er auf seine häuslichen Umgebungen, und auch auf mich zu richten gewohnt
ist, war diesmal mein Glück; sie entzog seinen Augen den Schrecken, den mir
seine Nachricht verursachte, und ich hatte Zeit, mich zu fassen, und hielt mich
für ziemlich vorbereitet, als er ein paar Stunden darauf, mit Agatokles an der
Hand, in den Speisesaal trat. Ach, es war ein Wahn! Der Anblick des Gegenstandes
so vieler Liebe, so vieler Leiden, raubte mir beinahe die Besinnung - wenigstens
im ersten Augenblicke, das Vermögen, zu sprechen. Agatokles feste Stimmung
beschämte mich. Er nahte sich mir mit aller Ruhe und Freundlichkeit eines alten
geschätzten Bekannten, und sprach heiter und gesetzt mit mir. Mein Mann schien
nach seiner Art vergnügt über unser Zusammentreffen, er war gesprächiger als
gewöhnlich, man brachte die Speisen, und wir legten uns zu Tische1. Agatokles
zeigte eine Selbstbeherrschung, eine Kraft, die nach dem, was vorgefallen war,
nach den Briefen, die wir gewechselt hatten, meine höchste Verwunderung erregte,
an der meine Schwäche sich stärkte. Ich erhob mich endlich so weit, dass ich im
Stande war, an den leichten Gesprächen der Geselligkeit Teil zu nehmen. O
Junia! Was ist das für eine Heldenseele! Sie war mein - und ich habe sie auf
ewig verloren!
    Von nun an werde ich Agatokles vielleicht noch öfters sehen müssen. Ob er
sich entfernen kann, oder wird, ist mir jetzt unmöglich zu erfahren; denn ich
kann und wollte auch um Alles in der Welt nicht, mit ihm darüber sprechen. - Und
Demetrius, der, trotz seiner rauhen Aussenseite, für wahres Verdienst nicht
unempfindlich ist, zeichnet ihn vor allen seinen Offizieren aus, er gibt seiner
Entschlossenheit, seinem Eifer öffentlich das schönste Zeugnis, und zieht ihn in
den engen Kreis seiner Vertrauten, der so beschaffen ist, dass jeder seine
Berufung dazu wohl als eine Ehre betrachten kann. Das ist nun der schwerste
Teil meiner Prüfung, das ist's, worüber ich dir im Anfange meines Briefs so
bitter klagte. Ach, ich wollte ja gern Alles anwenden, was in meiner Macht
steht, um mein Herz zu beruhigen, und es nach und nach in das verlassene Geleise
seiner Pflichten zurückzuführen; aber sehen - sehen muss ich ihn dann nicht
immer, nicht aus jedem Munde sein Lob hören, nicht den Ton seiner Stimme, die
Schönheit seiner Seele, die sich in jedem Worte, jedem Zuge malt, täglich im
Innersten meines Herzens fühlen. Er ist stark, unbegreiflich stark; das kann ich
nicht! Ach wir Weiber sind in dieser Rücksicht gar unglückliche Geschöpfe. Wenn
der Mann im Waffengetümmel, im Geschwirre des Gerichtssaals, im Drange der
Geschäfte Augenblicke genug findet, wo seine Leidenschaft schweigt, weil sie
schweigen muss; wenn eben diese anstrengenden Geschäfte, alle seine Geisteskräfte
auffordernd, seiner Phantasie keinen Spielraum lassen, und alle auf ein würdig
grosses Ziel gerichtet, durch diese Tätigkeit ihn ergötzen, und zerstreuen, was
bleibt uns übrig? In der Einsamkeit des Gemachs, nur von dienenden Geschöpfen
umringt, schweift am Webstuhl und Spindel, der Geist ungehindert umher, und
jedes schmerzliche Gefühl hat recht lange und ungehindert Zeit, sich in unsere
Brust einzugraben. Selbst Gebet und Lesen beschäftigt, nur halb, und mitten im
würdigen Fluge der Andacht, oder auf dem Fittige eines schönen Gedankens
entflieht der verwirrte Sinn zu dem Gegenstand, auf den alles Würdige und Schöne
eben erst recht hinweiset.
                                                             Einige Tage später.
Wenn ich nur eine Freundin, einen Ratgeber hier um mich hätte, der meinem
Herzen das wäre, was du und Teophron mir in Apamäa waren! An deiner Stärke
würde ich mich halten; sein himmlischer Sinn würde den meinigen von der Erde und
den irdischen Gegenständen, an denen er strafbar hängt, abziehen, ich würde
Kraft zu meiner Pflicht, und in der Ausübung derselben die Beruhigung finden,
die meine jetzige Stimmung unmöglich gewähren kann. O sollte denn der Ewige ein
Wohlgefallens daran haben, mich Arme ganz sinken zu lassen, und mir in einer
Lage, wo ich so gar nichts zu meiner Rettung tun kann, auch alle fremde Hülfe
entziehen?
    Meine erste Hoffnung auf Agatokles Entfernung ist ganz verschwunden.
Demetrius Zuneigung zu ihm, und mehrere militärische Verhältnisse haben sie
unmöglich gemacht. Dann hoffte ich auf die Zufälle des Kriegs, auf die
Notwendigkeit, dass mich Demetrius vom Schauplatz der Waffen werde entfernen
müssen. Auch dies schlug bis jetzt fehl. Zwar sind mehrere kleine Gefechte
vorgefallen, zweimal, sind die Unsrigen vorgerückt, aber im Ganzen bleibt die
Lage der Dinge immer dieselbe, und jeder Vorfall trägt auf's Neue nach seiner
Art bei, meine Kämpfe zu erschweren. So war die Scene, die gestern vorfiel.
Agatokles kam mit Demetrius aus einem kleinen Gefechte zurück; beide waren
leicht verwundet, und mir wurde die Sorge auferlegt, sie zu verbinden und zu
pflegen. Wie mir da zu Mute war, das verlange nicht von mir zu hören. Hier
versagte auch seine Stärke, und sein dunkel glühender Blick, der, während ich
vor ihm stand, mein tränenvolles Aug' entdeckte, und erschütternd in mein
Innerstes drang, entüllte auch mir die ganze Tiefe seines Herzens. Ich fing an
zu zittern, ich war so ausser mir, dass ich mich setzen musste. Mein Mann schalt
mich; der Anblick des Blutes, glaubte er, habe diese Erschütterung
hervorgebracht. »Du musst, dich überwinden lernen,« rief er; »eine Soldatenfrau
muss Blut sehen können: komm, verbinde meine Wunde.« Ich stand auf, ich
entschuldigte mich, und knieete gefasster hin, um seinen Fuss zu verbinden. Ich
mochte meine Sachen ziemlich geschickt gemacht haben: denn er lobte mich
zuletzt. Wie es aber war, das wüsste ich in jenem Augenblicke der Verwirrung
selbst nicht.
    Als ich aufstand, und mich nach Agatokles umsah, sah ich ihn am Fenster
stehen, die Stirn fest daran gedrückt. Er hörte meine Annäherung nicht, ich
hatte den Verband um seinen Finger noch nicht vollendet, und das musste ich doch.
Ich redete ihn an. Wie erschrocken fuhr er empor, und, ach Junia! ich glaubte
eine Träne in seinem Auge zittern zu sehen. Die meinigen fingen sogleich an
hervorzuquellen. »Komm, Agatokles! sagte ich so gefasst als möglich, ich muss
deine Hand ganz verbinden.« Er folgte mir zu dem Tische, auf dem das Geräte
lag, er setzte sich wieder vor mir hin, ich ergriff seine Hand, sie zitterte wie
die meinige. Jetzt schlug er seine Augen auf mich, ich hatte nicht die Kraft,
diesem Blicke zum zweitenmale auszuweichen. Ich wandte mein Auge nicht ab, ich
liess es ihm in Tränen schwimmend sagen, was in meinem Herzen vorging. Er fasste
meine Hand, und drückte sie an seine Brust. Jetzt brachen meine Tränen so
ungestüm hervor, dass ich nicht mehr sehen konnte, was ich machte! Er schlug den
Arm um mich, und sagte leise: O meine Larissa! wie ist es möglich, dir zu
entsagen? Ich zitterte, dass mir die Sprache versagte. Der Gedanke an Demetrius
Gegenwart, an die Möglichkeit, dass er uns gesehen haben könnte, fiel schreckend
auf mich. Ich sah mich um, er stand zum Glücke abgewendet, aber Agatokles
verstand meine Bewegung. Er zog seinen Arm schnell zurück, sein Blick sank
nieder, er hielt mir still die wunden Finger hin, und ich endigte mein Geschäft.
Schmerzt es dich noch sehr? fragte ich ihn, als ich fertig war, und hielt seine
Hand in meinen Beiden. Jetzt nicht, antwortete er, und sein Blick erklärte mir
den Sinn dieser Worte. Er drückte meine Hand noch einmal, und ging schnell aus
dem Zimmer. Auch ich raffte mein Geräte zusammen, und eilte durch die andere
Türe fort in mein Gemach, wo heisse Tränen dem schmerzlichen und seligen
Andenken dieser Scene flossen.
    Und solche Auftritte stehen mir noch unzählige bevor! Ich sehe keine
Rettung; denn Demetrius, der sehr strenge Begriffe von den Pflichten einer
Gattin hat, und an tausend kleine häusliche Bequemlichkeiten gewohnt ist,
fordert durchaus, dass ich ihn begleite, so lange als es mit meiner persönlichen
Sicherheit bestehen kann. Ich habe von Weitem versucht, ihn von diesem Vorsatze
abzubringen; aber die Heftigkeit, mit der er sich äusserte, zeigte, wie sehr ein
offenbarer Widerspruch ihn aufbringen würde. Das darf ich denn nicht wagen; denn
ich kenne aus Erfahrung die Wirkungen seines Zornes, und auch, dies abgerechnet,
ist es meine Pflicht, ihn zu begleiten, so lange er es fordert; denn ich habe es
ihm vor Gott geschworen. Indessen fallen öfters auch schreckende Ereignisse vor.
Schon zweimal wurde ich - und zwar das eine Mal mitten in der Nacht von einem
grässlichen Lärmen geweckt. Ein Offizier trat unangemeldet in mein Zimmer, und
kündigte mir auf Demetrius Befehl an, dass ich mich fertig machen sollte, in
einer Stunde mit allen meinen Leuten aufzubrechen; denn der Feind nähere sich,
Demetrius sei ihm schon mit den Truppen entgegengegangen, da man aber den
Ausschlag des Gefechtes nicht wissen könne, so fordere es meine Sicherheit, mich
zu entfernen. Ich war so erschrocken, dass ich mich kaum fähig fühlte, die
nötigen Befehle zu geben. Ach, waren nicht Demetrius und Agatokles in
Todesgefahr? Und konnte nicht jeder Augenblick mir einen von ihnen entreissen?
Nachdem aber Alles in Bereitschaft war, und ich nur auf den letzten Befehl
harrte, verkündigte mir ein fröhlicher Tumult, und der Schall unserer Tuben2,
die Rückkehr der Sieger. So ging diesmal die drohende Gefahr an mir vorüber.
Aber wird es immer so sein? O Junia! Es ist kein kleiner Zusatz zu meinem
Leiden, beständig für das zittern zu müssen, was mir das Liebste auf der Welt
ist.
 
                                    Fussnoten
1 Die Alten sassen nicht, sondern lagen auf Ruhebetten um ihre Tische herum, und
meistens drei und drei auf einem Lager, so, dass drei Seiten des Tisches besetzt,
die vierte für den Vorschneider offen blieb.
2 Tuba war eine Art von Blasinstrument, wie unsere Posaunen oder Trompeten,
deren sich die Römer im Felde bedienten.
 
                           21. Agatokles an Phocion.
                                                 Lager vor Nisibis, im Aug. 301.
Es ist eine lange Zeit verflossen, seit mein letzter Brief dich von der
wunderbaren und traurigen Wendung meines Schicksals unterrichtet hat. Seitdem
sind viele schmerzhafte Stunden vergangen, und in durchwachten Nächten ist
mancher fruchtlose Versuch zur Bekämpfung einer Leidenschaft gemacht worden, die
mit jedem Tage neu genährt, und allzu reizend unterhalten, endlich jedes
ohnmächtigen Widerstandes spottet. Feindselig hat das Geschick sich wider mich
verschworen; von allen Seiten umstellt es mich mit unausweichbaren Netzen, in
denen ich mich verwirren, in denen ich fallen muss. Habe ich denn irgend eine
verborgene Schuld meines eigenen Herzens, oder eine alte meines Geschlechtes
abzubüssen, dass, wie in den Dichtungen der Tragiker, die Eumeniden mich rächend
verfolgen, und das Fatum sein Opfer zürnend fordert? Nur zwei Auswege sehe ich
offen, wie mein verworrenes Schicksal sich lösen kann - nur zwei - und Einer ist
finsterer, als der Andere. Aber, wenn hier das Bewusstsein verlorner Unschuld,
zertretener Pflicht den Gefallenen für kurze Seligkeit endlos foltert: so öffnet
dort nach wenig durchkämpften Stunden sich hinter dem finstern Vorhang eine
hoffnungsreiche Aussicht in eine lohnende Welt. Schuld oder Tod! Wie kann das
denkende Wesen zweifelnd anstehen?
    Von allen Seiten umgeben mich hier Menschen und Grundsätze aus einer Sekte,
die ich bisher, angesteckt von den Vorurteilen unserer Schulen, und unsers
öffentlichen Lebens, als ängstlich, die Kraft des Menschen lähmend und
lächerrlich schwärmend verachtete. Ich lebe unter Christen, ich lerne ihr System,
ihre Lehrsätze genauer kennen, und es liegen Begriffe, Ansichten, Hoffnungen
darin, die nicht bloss dem blinden Glauben, die selbst der vorurteilfreien
Vernunft gross, edel, und höchst Wahrscheinlich erscheinen müssen. Tief aus der
Natur des Menschen geschöpft, auf seine mächtigsten Triebe gebaut, und mit
seinen edelsten Kräften wirkend, steht ihr System da, und scheint, so weit ich
es kenne, nichts als das deutlich ausgesprochene Resultat dessen, was unsere
Weisen seit Jahrhunderten, zweifelnd und ahnend, in unzusammenhängenden Sätzen
vortrugen. Wo diese in Dämmerung irrten, zeigt jene ihren Anhängern volles
Licht; lehrt jene sie mit kindlicher Zuversicht glauben, und wer auch nicht von
den Ihrigen ist, fühlt sich hingerissen und versucht, den Trost zu ergreifen,
den sie anbietet. Es ist eine Zukunft, eine Vergeltung nach dem Tode, und unser
Schicksalsgewebe wird erst dort entwirret. Was zaudre ich, der Auflösung
schneller zu nahen? Im Schlachtgetümmel ist der Tod in tausend Gestalten
vorhanden, und auf dem Bette der Ehre, indem ich die Pflicht gegen mein
Vaterland erfüllte, zerreisst ein mitleidiges Feindesschwert die Netze, die mich
gefangen halten, und gibt meinem Geiste die Freiheit, ohne Widerstand glücklich
zu sein! Dann hört der Zwiespalt in meinem Innern auf, das Gefühl des
unheilbaren Schmerzens entströmt mit dem Leben der durchstossenen Brust, das
stille Herz schlägt nicht mehr widerspenstig gegen seine Schranken, aller Streit
ist geendet, aller Kampf Friede geworden! Und ich soll zaudern?
    Wir haben Edessa verlassen. Ein paar Vorteile, die wir über den Feind
errangen, öffneten uns den Weg bis hierher. Wir stehen vor Nisibis, das die
Perser noch besetzt halten. Demetrius belagert es, und denkt es bald
einzunehmen, besonders da er auf eine Verstärkung rechnet, die ihm Galerius
sicher versprochen hat. Auch hierher musste ihm Larissa folgen, muss alle Gefahren
und Beschwerlichkeiten mit ihm teilen, und nicht immer, o nur selten ersetzt
ihr Schonung und Liebe die Ungemächlichkeiten, die wahrlich nur Liebe um der
Liebe willen freudig auf sich nehmen, die die kalte Pflicht stets doppelt
lastend fühlen muss. Das muss ich mit ansehen, fühlen, was sie leidet, mir bewusst
sein, welches Loos sie an meiner Seite erwartet hatte, und schweigen - und oft
noch aus ihrem Munde die Versicherung hören, dass sie nicht unglücklich sei!
Phocion! Ich erkenne die Schönheit ihrer Gesinnungen, die zarte Schonung, die in
dieser Verleugnung liegt, ich weiss, was sie damit erreichen will; aber es dient
nicht, meine Leidenschaft zu mässigen.
    Ich habe es schon in Edessa versucht, von meinem Platze loszukommen, und
eine Bestimmung zu erhalten, die mich aus dem gefährlichen Kreise entfernte, in
den ich mich, wie durch Zauber, gebannt sehe. Demetrius liess mich nicht von
sich, ja er zog mich, unterrichtet von meiner Bekanntschaft mit seiner Frau,
freundlich in den kleinen Zirkel, der ihn stets umgibt. Da sehe ich sie nun
täglich, bin Zeuge ihrer Tugenden, ihres himmlisch schönen Kampfes, oft ihres
Sieges, aber auch - o Phocion! hier liegt die Quelle meines unheilbaren
Unglücks! aber auch zuweilen ihrer Schwäche. Sie liebt mich, ich weiss es, ich
fühle es. Manchmal bricht die mühsam verhaltene Flamme hell und leuchtend aus
ihrer reinen Brust. Als sie mir neulich meine wunde Hand verband, als sie, mit
dem Ausdrucke der zartesten Sorge um mich beschäftigt, mit ihren zitternden
Händen die meinige hielt, ihre Tränen auf meine Wunden flossen, und sie in
diesem Augenblick, aller Verhältnisse vergessend, nur das besorgte liebende Weib
war - o Freund! ich erröte nicht, es zu sagen, dass meine Kraft mich hier
verliess, dass auch mein Herz sich ihr unverhüllt offenbarte. Ich fordere den Mann
heraus, der hier standhaft geblieben wäre. Ich wage es zu behaupten, dass den
seine Tugend nichts kosten kann, denn er kann nicht fühlen.
                                                               Acht Tage später.
Ich habe lange keine Nachricht von dir! Im Getümmel, im Gewirre des Krieges
mögen sich die Briefe wohl leicht verlieren. Noch sind wir vor Nisibis, aber wir
werden es nicht mehr lange sein. Demetrius, der die Stadt schon seit ein paar
Wochen eng eingeschlossen, und vergebens auf eine Verstärkung vom Cäsar Galerius
gewartet hat, will der Ungeduld der Truppen, ihrem lauten Murren, ihrem Wunsch,
die Stadt durch Sturm zu nehmen, nicht länger widerstehen. Auch ist es dringend,
dass ihr Schicksal sich entscheide. Hitze, Durst und Krankheit fangen an unser
Lager zu verheeren. Kommt nicht bald Hülfe, misslingt der Sturm auf Nisibis: so
müssen wir fort, und schimpflich ein Unternehmen aufgeben, das mit grossem Mut,
nicht ohne reife Ueberlegung begonnen, und wahrlich für das Schicksal des ganzen
Krieges entscheidend ist. Fällt Nisibis nicht, so hoffe ich wenig Gutes,
wenigstens für diesen Feldzug mehr. Es ist aber bereits mehr als Vermutung, dass
die alte Feindschaft zwischen Galerius und unserem Feldherrn für Jenen Grund
genug wäre, das Gelingen eines solchen Plans zu zerstören, wenn auch mehr als
die Ehre des Mannes, den er hasst, darüber verloren gehen sollte. Was auch immer
die erste Quelle des Zwiespalts ist, so weiss ich jetzt bestimmt, dass Galerius
Hass gegen die Christen die Kluft zwischen ihm und dem Feldherrn, der dieser
Sekte so treu ergeben ist, immer mehr erweitert. Jener möchte sie verderben, er
verfolgt sie, wo er kann; und liesse Diocletians politische Weisheit, oder seine
gemütslose Gleichgültigkeit gegen Alles, was den Menschen über sich selbst
erheben kann, sich von ihm, wie er's wünscht, erhitzen, so zweifle ich nicht,
dass wir bald eine allgemeine Verfolgung erleben würden.
                                                               Zwei Tage darauf.
Was wir längst fürchteten, und uns selbst nicht zu gestehen wagten, die
Wahrscheinlichkeit, dass keine Verstärkung zu hoffen ist, ist nun zur Gewissheit
geworden. Galerius denkt niedrig genug, das Heer, das Schicksal des Krieges,
seinen Leidenschaften aufzuopfern. Wir sind verlassen, aber Demetrius findet in
seinem festen Willen und in dem Mute der Truppen Kraft genug, das allein zu
tun, wovon ihn Scheelsucht und Rache abzuschrecken vergebens versucht. Morgen
wird gestürmt. Mauerbrecher, Sturmleitern, Wurfmaschinen, Alles ist in
Bereitschaft, das Heer voll guten Willens und freudigen Mutes. Ein Bote, den
ich absende, bringt dir diesen Brief und die beigefügte Rolle, die meinen
letzten Willen, und die kleinen Verfügungen über mein mütterliches Vermögen
entält. Wer weiss, ob wir uns hier je wieder sehen. Mir steht eine ernste Stunde
bevor. Meiner Treue, meinem anhaltenden Bitten, vertraut Demetrius den Posten an
einer der gefährlichsten Stellen, und wenn dies Zutrauen mich ehrenvoll
auszeichnet, so sichert mir die Gefahr des Auftrags entweder künftigen Ruhm oder
Heilung aller meiner Schmerzen. So erwarte ich den kommenden Morgen. Es ist
Mitternacht. Alles ist stille. Vielleicht wacht ausser mir nur noch Ein Auge, das
in diesen ernsten Stunden für mich betend und angstvoll zum Himmel blickt. Auch
deiner, gutes, edles Wesen! harret vielleicht ein besseres Schicksal, wenn
morgen der Tod den unwillig geliebten Freund deinem kämpfenden Herzen entreisst,
und über seiner Asche dein ängstlicher Streit sich in ruhige Wehmut verliert.
Meinen Vater tröste du. Verlass Aten, kehre nach Nikomedien zurück; mein
Testament entält die Verfügungen, die dich für jenen Schritt entschädigen
sollen. Ihm, dem von drei hoffnungsvollen Söhnen nur der ungeliebteste übrig
blieb, wird deine sanfte Gemütsart, dein heiterer Sinn leicht Ersatz für den
ernsten, allzudüstern Sohn werden. So sehe ich wohl Einige, die durch meinen Tod
gewinnen, Niemand, der darunter leiden wird! Und welche Tränen hätte nicht die
Zeit getrocknet? Leb' wohl, Phocion! Dass wir uns wiedersehen, weiss ich gewiss!
Wie, wo, wann - das sind Fragen, die vielleicht morgen ein Pfeil, ein Schwert
befriedigend löset.
 
                         22. Larissa an Junia Marcella.
                                                Lager vor Nisibis, im Sept. 301.
Morgen mit anbrechendem Tage wird Nisibis gestürmt. Alles ist bereit. Demetrius
führt sein Heer an, Agatokles hat er auf sein dringendes Bitten einen der
gefährlichsten Posten übergeben. Ich verstehe Agatokles Wunsch. Ruhm oder Tod!
Die männliche Seele findet in Beiden Beruhigung. Aber was aus mir werden wird?
daran geht die rauhere Kraft achtlos vorüber. Ich kann nicht zusammenhängend
denken, viel weniger schreiben. Von dir habe ich nun auch seit fast zwei Monaten
keine Nachricht. Meine Brust ist fest, fest zusammengedrückt. Bald steht mein
Blut, bald jagt es stürmend durch die Adern. Ich habe viel in meinem Leben
gelitten; solche Angst habe ich nie empfunden. Ich vermag nicht zu beten - nur
hingeworfen auf meine Kniee kann ich jammern. Selbst das Labsal der Tränen
versagt dem geängsteten Herzen! Bete für mich, Junia! Was will ich? Wozu? - Bis
der Brief dich erreicht, ist mein Schicksal längst entschieden.
 
                         23. Larissa an Junia Marcella.
                                                          Nisibis, im Sept. 301.
Der Kelch des bittersten Leidens ist diesmal vorübergegangen. Nisibis ist
erobert, Demetrius und Agatokles leben! Dieser ist gar nicht, mein Gemahl wohl
bedeutend, aber nicht gefährlich verwundet, und in dem beglückten Gefühle, so
grossem Unglücke entgangen zu sein, übersieht das getäuschte Herz die dunkeln
Stellen, deren noch so viel übrig sind. Jetzt will ich sie alle vergessen, ich
will nur Gott danken, der mir diese zwei teuersten Wesen erhielt, und mich vor
Verzweiflung bewahrte. Auch hat es der Vorsicht, deren Fügungen in dem Gange
meines Schicksals immer sichtbarer erscheinen, gefallen, ein neues schönes Band
zwischen dem Freunde meiner Jugend und mir anzuknüpfen, ein Band, das viele
Empfindungen, die ich bisher verdammen musste, rechtfertigt, und mir erlaubt, dem
Zuge meines Herzens ohne so grosse Aengstlichkeit zu folgen. Demetrius dankt der
Treue, dem Mut, der Anhänglichkeit seines Legaten das Leben. O meine Junia!
Welche Seligkeit liegt in diesem Gedanken? Nicht allein die Schönheit der
Handlung selbst, sondern auch die Sicherheit, die sie meinem Geiste gewährt, die
Freiheit, den mit reiner schwesterlicher Liebe lieben zu dürfen, der unsern
gemeinschaftlichen Vater erhalten hat! Ich darf ihn jetzt nicht mehr so scheu
betrachten, ich darf einen Teil meines Gefühls ihm ungehindert zeigen. Die
reine Dankbarkeit, die unschuldige Neigung, die in meinem Herzen liegt, ist kein
Verbrechen. O Junia! Ich bin befriedigt, ich verlange für meine Wünsche kein
höheres Glück. Und wenn es auch nicht lange währen sollte, denn schon sehe ich
Wolken an unserm Horizont heraufsteigen, so war ich doch für kurze Zeit recht
glücklich! Diese Zeit ist mein, diese Erinnerungen kann mir keine Zukunft
rauben, und der helle Zwischenraum in meinem nächtlichen Leben soll mich
stärken, künftige Widerwärtigkeiten mit freudigem Mute zu ertragen.
    Agatokles hatte zuerst auf seinem Posten, welcher der gefährlichste von
allen war, die Mauer erstürmt. Wie es da erging, diese schrecklichen Auftritte,
diese fürchterlichen Gestalten des Todes, die ich erzählen hörte, wirst du mir
zu wiederholen erlassen. Genug, nach einem zweistündigen Gefechte drangen die
Unsrigen, ihren mutigen Führer an der Spitze, in die Stadt ein. Nicht lange
darnach erreichte Demetrius von der andern Seite denselben Zweck. Aber da man
auf dieser schwächern Seite der Stadt den Sturm vermutet hatte, fand er viel
grössern Widerstand, und das Gefecht wurde von beiden Seiten mit der heftigsten
Erbitterung fortgesetzt. So gelangten sie bis auf den Marktplatz, die Besatzung
wich nur Schritt vor Schritt, die Unserigen mussten jeden Fussbreit Boden teuer
erkaufen. - Plötzlich stürzte, als Demetrius mit den Seinen schon auf dem Platze
stand, aus einer Nebenstrasse ein weit überlegener Haufe von feindlichen Soldaten
hervor. Demetrius sah die Seinen um sich her fallen, er stritt fast allein gegen
den wütenden Schwarm. Einer von den Seinigen hatte die Besonnenheit, zu
Agatokles zu eilen, und ihm die Gefahr seines Feldherrn zu melden. Dieser
vergass sogleich jede Rücksicht auf eigenen Ruhm, auf Behauptung seines
errungenen Sieges, und schlug sich mit Wenigen, die ihm mutig folgten, bis zu
seinem Feldherrn durch. Er fing den tödtlichen Hieb, der das Leben meines Gatten
hätte enden können, mit seinem Schwerte auf, er deckte ihn, als er verwundet
niedergesunken war, mit seinem Schilde, und schützte sein Leben auf Gefahr des
eigenen, bis eine Verstärkung der Unserigen ankam, und dem treuen Agatokles
erlaubte, nun auch für die Pflege seines Geretteten zu sorgen. Mit kindlicher
Sorgfalt wachte er über ihn, liess ihn in ein nahes Haus bringen, und alle
Anstalten zu seiner Erhaltung treffen. Sobald die Feinde die Stadt gänzlich
geräumt hatten, sandte er zu mir. Mit der grössten Schonung, in der ich sein Herz
erkannte, wurde mir der Vorfall berichtet, und ich eilte zu Demetrius, den ich
zwar verwundet und erschöpft, aber bei so heiterm Geist, so froh über den
gelungenen Sieg, und so dankbar gegen seinen edlen Retter fand, dass die Pflicht,
seiner zu pflegen, mir doppelt süss wird.
    Den Tag, nachdem ich in Nisibis angekommen war, erhielt ich einen Brief von
dir, den die Veränderungen unsers Aufentalts, oder andere Zufälle verspätet
haben. Er ist mehrere Wochen alt. Du schreibst mir darin mit aller Liebe einer
Freundin, mit aller Strenge einer tugendhaften Christin über mein Verhältnis zu
Agatokles. Du rätst mir nicht bloss, du befiehlst mir die Gefahr zu fliehen, in
der ich sicher untergehen würde. Du findest die einzige Möglichkeit der Rettung
in schneller gänzlicher Trennung, und verlangst, dass ich meine Sicherheit, sogar
mit dem Scheine des Ungehorsams gegen Demetrius, mit der Gefahr, seinen Zorn,
den Vorwurf pflichtwidriger Kälte auf mich zu laden, erkaufen sollte. Ach Junia!
Was du forderst! Es mag möglich sein, dass dies Mittel mich früher hätte retten
können! Es mag möglich sein, so strengen Forderungen der Pflicht zu gehorchen.
Ich glaube auch, dass in deiner Brust die Kraft dazu läge! Aber ich? Zürne nicht,
Junia! Ich kann, ich darf, ich brauche dies einzige grausame Mittel nicht
anzuwenden. Demetrius ist schwer krank, nicht sowohl durch die Art seiner
Verwundung, als durch ein heftiges Fieber, das sich zu seiner Erschöpfung
gesellte. Jetzt ist der Wille des Himmels deutlich ausgesprochen. Ich soll und
werde den kranken Gemahl nicht verlassen. Aber ich bedarf es auch nicht; denn
mein Verhältnis zu Agatokles ist verändert, und der strenge Zwang aufgehoben,
in dem, wie du selbst einsiehest, ein grosser Teil unserer Gefahr, unserer
gespannten Verhältnisse lag, seit ein neues schönes Band sich zwischen uns
angeknüpft hat, und pflichtmässige Dankbarkeit meine Gefühle veredelt und
heiligt.
    Demetrius behandelt ihn, seit dem letzten Vorfalle, mit väterlicher
Zärtlichkeit. Agatokles ist fast immer um ihn, er wünscht es, er verlangt es
sogar deutlich, wir teilen uns in seine Pflege und Unterhaltung, und mein
Gemahl scheint die Hülfleistungen seines treuen Legaten beinahe mit mehr Freude
zu erkennen, als die meinigen. Ach Junia! Das sind dann selige Stunden! Wenn
Demetrius schlummert, dann wallet ein leises herzliches Gespräch zwischen uns,
von alten guten Zeiten; die Geister unserer kindlichen Freuden umschweben uns
rein und unschuldig, vielleicht der Geist seiner vortrefflichen Mutter, der er
und ich so viel zu danken haben, von der der edle Sohn nie ohne Rührung spricht.
Ihre heilige Gegenwart weiht unsere Empfindungen, verbannt alles
Leidenschaftliche daraus, und lässt uns nur die Süssigkeit einer freien
schuldlosen Neigung geniessen. Wacht Demetrius, so erheitert ihn entweder
abwechselndes Vorlesen, oder ein anziehendes Gespräch, dessen Gegenstand oft die
Lehren unserer heiligen Religion sind. Du weisst, welch ein eifriger Christ
Demetrius ist, und wie manchen Verdruss ihm dieser Eifer schon zugezogen hat.
Seit dem letzten Vorfall ist das Bestreben, seinen Freund von einer Lehre zu
überzeugen, die ihm allein in dieser und jener Welt dauerhaftes Glück sichern
kann, eben so natürlich als sichtlich. Und Agatokles! O meine Freundin! Wie
glücklich macht mich oft diese Bemerkung! Agatokles scheint von der Erhabenheit
unserer Lehrsätze weit mehr durchdrungen, als sich mir zu hoffen erlaubt hatte.
    Neulich, als Demetrius, der seinen Zustand als Weiser und Christ mit Ernst
bedenkt, und keinen Täuschungen Raum gibt, das heilige Abendmahl zu geniessen
wünschte: hiess er uns alle gegenwärtig sein, und auch Agatokles durfte nicht
fehlen. Obgleich es ihm nun unmöglich war, den Teil daran zu nehmen, der
Christen erlaubt ist: so sah ich ihn doch von dem erhabenen Zwecke und der
ganzen Ansicht dieser Einrichtung, von unsern Gebräuchen, von unserer stillen
Andacht gerührt. Ex sank mit uns zugleich auf die Kniee, und brachte, wie er mir
hernach gestand, dem unbekannten Gotte den Tribut der Ehrfurcht und Liebe. Ich
sah ihn an. So edel, so unaussprechlich liebenswürdig, als in dieser feierlichen
Stunde, hatte er mir noch nie geschienen. Ich fühlte mich unwiderstehlich zu ihm
hingezogen. O ich hätte ihm, wenn es die Umstände gefordert hätten, in Gegenwart
aller Zeugen eine Liebe gestehen können, die so rein, so fromm war! Als ich ihm
sagte, dass ich für ihn, für sein Glück gebetet hätte, dass ich täglich für ihn
betete: da sah ich Tränen aus seinen Augen dringen. Er ergriff meine Hand in
einer heftigen Bewegung; er wollte sprechen - aber er vermochte es nicht. Er riss
sich los, und eilte hinaus. Hatte er mich verstanden? Fühlte er, was ich sagen
wollte?
    Lass mich nun, Junia! meine Hoffnungen, meine Aussichten, alle meine Freude
und Beruhigung in deine teilnehmende Brust giessen, und zürne mir nicht zu
strenge! Ach, ich war lange genug unglücklich. Missgönne mir den Sonnenstrahl
nicht, an dem mein verdüstertes Wesen sich zutrauensvoll entfaltet, und zu
bessern Tagen auflebt!
    Nichts ist Zufall in der Welt, meine Geliebte! Alles ist Fügung und
Anordnung einer weisen Vorsicht, die der belebten und unbelebten Natur ihre ewig
unverbrüchlichen Gesetze mitgeteilt hat, von denen abzuweichen eben so
unmöglich ist, als den gestrigen Tag zurückzurufen. Alles Zufällige, alles
Ungefähr hört auf, und dass uns etwas so erscheint, ist nur Schuld unserer
beschränkten mangelhaften Ansicht, welche nicht mehr als einen kleinen Teil des
grossen Ganzen zu übersehen im Stande ist. Da wir aber vom Schöpfer mit Vernunft
und Gewissen begabt, und verpflichtet sind, unter Leitung der erstern auf
Antrieb des letztern zu handeln, zu wählen, zu verwerfen; so hört unsere
Zurechnung, und unser freier Wille nicht zugleich auf. Nun aber, weil es
unmöglich ist, etwas zugleich zu tun und zu lassen, weil unter tausend
möglichen Fallen nur Einer in die Wirklichkeit eintreten, und in die Kette der
Begebenheiten eingreifend, selbst zur Ursache unabsehlicher Folgen werden kann:
so ist unsere Entschliessung und ihre Wirkungen vorausgesehen von dem Auge, dem
Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart Ein Tag ist, und wir handeln nach dem
grossen Plan, wie zwanglos, wie vernunftmässig oder sinnlich, wie tugendhaft oder
leidenschaftlich unsere Entschliessung gewesen sein mag, und alles leitet zu
einem schönen Ziel, das weit hinter diesem nächtlichen Erdenleben in lichter
Ferne zuweilen dem redlichen Forscher, oder dem kindlichen Sinne erscheint. Wenn
du mir nun das zugibst, und ich sehe nicht wohl, wie du als Christin und
selbstdenkendes Wesen es bestreiten kannst, so darf ich mich ja wohl dem süssen
Gedanken überlassen, dass die Begebenheiten der letzten Tage eben so von Gott
geordnet, und eben so, wie alles Uebrige in der Welt, Leitung zu einem hohen
edeln Zwecke seien. Warum, meine Liebe! musste Agatokles gerade zu dem Feldherrn
kommen, in dessen Frau er seine Jugendgeliebte findet? Warum zu einer Familie,
die aus lauter Bekennern des Christentums besteht? Warum musste bei'm Sturm auf
Nisibis unter so augenscheinlichen Gefahren sein Leben verschont bleiben, und er
Gelegenheit finden, sich seinem Vorgesetzten so hoch zu verpflichten, ihn zu
seinem Freunde zu machen? Warum kam dein Brief, der mich in Edessa vielleicht
zur Trennung von ihm vermocht hätte, erst jetzt, wo es viel zu spät war? Wie
wäre es, Junia! wenn alle diese scheinbaren Zufälligkeiten sich zu dem Zwecke
vereinigten, Agatokles in den Schoss unserer heiligen Kirche zu führen, und ihm
den einzigen Vorzug zu erteilen, der ihm noch fehlt, um ganz vollkommen zu
sein? Agatokles ein Christ! Junia! Diese strenge Tugend, dieser erhabene Sinn,
durch den Geist des Christentums erhöht, veredelt, verfeinert! O wie gern will
ich dann meine Leiden getragen, und durch acht freudenlose Jahre diesen
Augenblick höchster Seligkeit erkauft haben!
    Dein Brief hat mir die Ankunft meines geehrten Lehrers Apelles hoffen
lassen. Noch ist sie nicht erfolgt, aber ich begreife wohl, dass die Störungen,
die der Krieg in diesen Gegenden verursacht, und die öftere Veränderung unsers
Standorts seine Reise verzögert haben mögen. Wie sehr wünschte ich ihn zu sehen!
Ich würde mir sehr viel von der Gewalt seiner Ueberzeugung, und seiner feurigen
Beredtsamkeit für Agatokles Sinnesänderung versprechen. Ach, es ist schon ein
so schöner Anfang gemacht! Gelingt es Apelles, das Ganze zu vollenden, so wäre
das eine neue Wohltat, die ich deiner Liebe und Teophrons väterlicher Sorge um
mich zu danken hätte. Sage ihm, dem ehrwürdigen Lehrer und Tröster meiner
Jugend, dass ich ihm mit kindlicher, und dir mit schwesterlicher Zärtlichkeit
dafür danke. Mein Gemüt ist jetzt viel stiller und ruhiger, ein heiterer Friede
wohnt in mir, wie er einst die Jahre meiner Kindheit beseligte, und zum
erstenmal nach mehr als acht Jahren blicke ich mit Ruhe auf die Gegenwart, und
ohne Furcht in die Zukunft. Vielleicht hat die gütige Vorsicht mir in spätern
Jahren Ersatz für die verlorene Jugend bestimmt. Was sie auch senden mag, wie
viel, wie wenig es sei, ich will es kindlich hinnehmen, und dem, was sie
verweigert - Junia! es ist etwas Grosses! es hätte mich zum glücklichsten Weibe
auf Erden gemacht! - mit stiller Unterwerfung entsagen.
 
                           24. Agatokles an Phocion.
                                                          Nisibis, im Sept. 301.
Noch lebe ich! Die Ahnung eines nahen Endes aller meiner Kämpfe und Leiden hat
mich getäuscht, und es beginnt ein Dasein für mich, das zwischen der Seligkeit
der Götter und den Qualen des Tartarus oft und plötzlich wechselnd mich entweder
zum Wahnsinn bringen wird, oder die erschöpfte Natur erliegt den unaushaltbaren
Stürmen.
    Es war eine Zeit, wo der Gedanke, Larissen zu sehen, mich zu jedem Wagestück
getrieben, mich jedes Hindernis zu überwältigen gelehrt hätte, wo ich für die
Seligkeit, diese Züge zu erblicken, die so tief in mein Herz gegraben sind, den
Ton dieser Stimme zu hören, die seit den Kinderjahren nicht in meiner Brust
verhallt ist, mein Leben gegeben haben würde. Noch denke, noch fühle ich eben so
- noch ist Larissa mir das Teuerste auf Erden, noch könnte ich für ihren
pflichtmässigen Besitz Alles hingeben, was andere Menschen Glück nennen - und
jetzt - Ich habe das heiss ersehnte Ziel errungen, ich bin bei ihr, ich leb' um
sie, ich sehe sie täglich, ich spreche zwanglos mit ihr, sie flieht mich nicht
mehr, sie hört mich gütig an, sie zeigt mir Zuneigung, Freundschaft, Liebe - und
jetzt, Phocion! jetzt liegen die Qualen des Erebus in diesem Verhältnisse, und
dass sie es nicht ahnet, dass sie, in süsser Täuschung verloren, den Schmerz ganz
allein auf meine Brust häuft, das ist's, was mich zur Verzweiflung bringt.
    Mein letzter Brief sagte dir, dass wir bereit waren, Nisibis mit Sturm zu
nehmen. Es war ein gewagtes Unternehmen, bei dem viel auf der Spitze stand, und
das nur durch den grossen Vorteil, den sein Gelingen gewähren konnte, und die
traurige Lage des Heeres zu rechtfertigen war. Mit sonderbaren Gefühlen nahm
ich, am Abend vorher, von Larissen Abschied. Es war vielleicht der Letzte auf
dieser Erde. Ich darf dir wohl gestehen, dass ich es hoffte; dass sie es zu
fürchten schien, sprach ihr ganzes Wesen deutlich aus, und eine wehmütige
Beruhigung drang bei dem Gedanken, von einem so edlen Herzen so geliebt zu
werden, in meine wunde Brust. Am andern Morgen riefen uns die Tuben zum Sturm.
Du weisst, Phocion! ich bin nicht weich, und habe dem Tode mehr als einmal auf
dem Schlachtfeld in's Antlitz gesehen, mehr wie einem Freund, der uns von
drückenden Lasten befreit, als wie einem Gespenst, das uns vom Schauplatz
unserer Freuden abruft. Aber diese Schrecken, diese grässlichen Gestalten, unter
denen er hier erschien, dies gänzliche Ausziehen aller Menschlichkeit, das ein
eisernes Gebot hier zur Pflicht machte, empörte die Natur, und jedes bessere
Gefühl in mir. Noch ziemlich glücklich erstieg ich auf den Leichen meiner
Freunde, meiner Untergebenen, die neben mir, unter mir, bluteten, röchelten,
starben, mit verwirrtem Geist, mich selbst betäubend, die schwer zu erobernde
Schanze. Was ist die gerühmte Tapferkeit des Helden? O Phocion! Betäubung,
Fühllosigkeit, Glück. Warum traf mich kein Pfeil, verwundete mich kein Wurf,
indes rings um mich hundert sanken, die vielleicht mehr als ich zu leben
gewünscht, verdient, und ihren Platz, als Führer einer kühnen Schaar, wohl eben
so gut behauptet hätten, als ich? Was war's, das mich fortriss, mir Kraft,
Harterzigkeit, Besonnenheit und Schutz verliehen? und warum eben mir? Und zu
welcher Zukunft? O Phocion! dass ich nicht vor Nisibis gefallen bin!
    Als ich in die Stadt drang, den kleinen Haufen, der übrig geblieben war,
hinter mir, ereilte uns in höchster Angst ein Verwundeter, um mir zu sagen,
Demetrius sei auf dem Marktplatz von den Seinen verlassen, von Feinden umringt,
in Todesgefahr. Ich verliess ohne weitere Besinnung den Posten, den ich nach dem
Plane hätte behaupten sollen, und eilte, den Gemahl Larissens zu retten. Die
Vorsicht erhörte meinen Wunsch, der Feind ward zerstreut. Demetrius, der mit
einer Tapferkeit, weit über seine Jahre, fast allein sich gegen eine ziemliche
Anzahl Feinde gewehrt hatte, sank, als ich ihn erreichte, durch Anstrengung und
Wunden erschöpft nieder. Ich hielt die eindringenden Feinde ab, bis eine
Verstärkung der Unserigen kam, und das ungleiche Gefecht, und unsere Gefahr
endigte. Demetrius ward in ein nahes Haus gebracht, und ein Offizier, auf dessen
feines Gefühl ich mich verlassen konnte, abgesandt, um Larissen von dem Unfall
zu unterrichten, und sie nach der Stadt zu geleiten. Sie kam sogleich. Demetrius
empfing sie freundlicher, als ich ihn je gesehen hatte, und stellte mich ihr als
seinen Retter vor. Phocion So sehr ich Larissen liebe, so war ich doch nie
verblendet genug, um ihre Gestalt, die edel und anziehend ist, für schön zu
halten. Aber in diesem Augenblicke, als sie mit offenen Armen, mit glühenden
Wangen auf mich zuging, und im Angesichte ihres Gemahls ihre Arme um mich
schlug, mir zu danken strebte, und statt der Worte nur Tränen hatte, die heftig
aus ihren Augen stürzten, da, Phocion! fand ich sie schön, unwiderstehlich
reizend. Ich zitterte wie ein Verbrecher. Ein verzehrendes Feuer lief durch
meine Adern, ich brannte, sie zu umfassen, sie fest an meine Brust zu drücken,
ihr zu gestehen, was ich fühle. Ich durfte es nicht wagen! Ohne Laut und
Bewegung stand ich in ihren umschlingenden Armen, froh genug, dass ich den Sturm,
der mein Innerstes durchtobte, zu verhehlen, und ihr und Demetrius die wilde
Glut verbergen konnte, die mich durchdrang. Sie begriff mein Verstummen nicht,
oder sie deutete es anders - sie hat keine Ahnung von den Qualen, die seit
diesem Augenblick mein Herz zerreissen.
    Sicher im Bewusstsein der himmlischen Reinheit ihrer Gefühle, getäuscht durch
die Schönheit derselben, nennt sie ihre jetzige Stimmung Dankbarkeit,
schwesterliche Zuneigung, und überlässt sich ihr ohne Zwang und Rückhalt vor den
Augen ihres Gemahls, der in väterlichem Wohlwollen gegen mich es gerne sieht,
dass seine Frau dem Netter, ihres Gatten mit vorzüglicher Achtung begegnet, und
es natürlich findet, dass alte Bekannte, Jugendgespielen in tausend Kleinigkeiten
einander weniger fremd sind. O Phocion! Welcher Frieden, welche Unschuld liegt
in diesem Gemüte, das in der Freude, sich seinen Gefühlen überlassen zu dürfen,
sich über alle Folgen derselben kindlich täuschend, auch nicht von fern
vermutet, welche Leiden sie über mich häufet! Wenn sie, am Lager ihres Gemahls
beschäftigt, mit der Sorgfalt einer Tochter ihm jeden Dienst leistet, jedem
Wunsche zuvorkommt, und nach mancher unruhigen Stunde sich dann ermüdet mir
gegenüber setzt, ihr Blick mit unaussprechlicher Milde auf mir ruht, und ich an
der stillen Zufriedenheit, die aus ihren Zügen strahlt, fühle, wie vergnügt sie
meine Gegenwart macht, wie sie den Lohn ihrer Tugend, die Entschädigung für alle
ihre Sorgen in einem freundlichen Gespräche mit mir findet; wenn ich diese
schöne Mischung von erhabenen Gesinnungen und kindlicher Einfalt, von stillem
Mute und zarter Weiblichkeit sehe, die sich in allen ihren Reden und Handlungen
äussert; wenn ich denke, was sie mir hätte werden können, und was sie nun ist -
und dann im Gefühle, von ihr geliebt zu sein, gelassen ausharren, und die
Flammen unterdrücken soll, die alle Augenblicke aus meiner empörten Brust
hervorzubrechen scheinen: das, Phocion! geht über meine Kräfte. Ich fühle, ich
kann es nicht langer mehr tragen, ich muss sie fliehen, wenn ich bei Sinnen, wenn
ich mir selbst treu bleiben will.
    Demetrius scheint noch eine Absicht damit zu verbinden, dass er mich
beständig um sich hält. Ich müsste mich sehr täuschen, wenn er nicht den Plan
hat, mich zum Christentum nicht zu überreden - aber wohl, mir es durch eine
genauere Kenntnis seiner Lehren und Gebräuche angenehmer und werter zu machen.
Ich habe keine Vorurteile mehr dagegen, seit ich Larissens Denkart und die
Lebensweise der Christen näher kennen gelernt habe. Ich achte sogar einige ihrer
Sätze recht sehr - aber, einer der Ihrigen zu werden - so lange diese Sekte noch
so vielen, nicht ganz gehobenen Vorwürfen ausgesetzt ist, so lange mein Vater
lebt, der sie hasst, würde ich mich schwerlich entschliessen. Es fehlt noch viel,
bis ich volle Ueberzeugung habe: und wer kann einen solchen Schritt ohne diese
tun? Indessen habe ich einigen ihrer Ceremonien beigewohnt, manchmal mit
Ehrfurcht, einige Male mit wahrer Rührung; und Demetrius, wenn das sein Zweck
ist, hat ihn in so weit erreicht. Aber auch hierin liegt eine neue,
unvermeidliche Gefahr für mich. Larissen beten zu sehen, Zeuge der Erhebung
ihres Gemütes, der Verklärung ihres Wesens zu sein, zu wissen, dass sie für mich
betet, und kalt und gelassen bleiben, das ist schlechterdings unmöglich. Später
oder früher muss die Maske fallen, die ich, widerstrebend und kämpfend, nicht
länger zu tragen vermag. Und was kann, was wird für Larissen, für Demetrius, für
mich daraus entstehen? Ich muss fliehen, ich muss! Sobald Demetrius so weit
genesen ist, dass er dieser Unterredung fähig ist, bitte ich ihn ernst und
dringend um meine Entlassung. Weigert er sie mir schlechterdings, dann ende ein
Machtwort des Cäsars, das ich durch Tiridates schnell zu erhalten hoffe, den
Kampf, der meine besten Kräfte verzehrt.
 
                          25. Calpurnia an Agatokles.
                                                              Rom, im Sept. 301.
Es ist schon so lange, mein verehrter Freund! seit du nichts von mir, und ich
nichts von dir gehört habe, dass ich kaum bestimmt sagen kann, ob du mich noch im
Lande der Lebendigen vermutest, oder schon im Elisium glaubst. Auch mir würde
es so ergangen sein, wenn nicht der öffentliche Ruf ersetzte, was unserer losen
Freundschaftsverbindung fehlt, und ich nicht durch ihn erfahren hätte, dass du
lebst, und dich im Kriege mit Ruhm auszeichnest. Der Ruf spricht mit Achtung von
dir, und ich gestehe dir freimütig, dass ich ihm mit Wohlgefallen horche, wenn
er mir von dem Gastfreunde unseres Hauses angenehme und ehrenvolle Dinge
erzählt. Doch hätte ich weder Lust noch Mut, deinen Geist, der, so gewissenhaft
zwischen häuslicher und kriegerischer Pflicht geteilt, den Lohn für diese in
jener suchte, und fand, auch nur einen Augenblick von so anziehenden
Beschäftigungen abzurufen. Dieser wahrlich gewissenhaften Rücksicht musst du es
zuschreiben, wenn ich dich mit keiner Antwort auf deinen ersten und letzten
Brief aus Nikomedien bemühen wollte. Du gingst, wie du mir schriebst, gleich zum
Heere ab, und was sich dort mit dir zutrug, weisst du, und in Rom weiss man es
auch. Jetzt aber fordert eine dringende Pflicht, die Pflicht der Freundschaft
gegen eine edle unglückliche Frau, mich auf, alle anderen Betrachtungen aus den
Augen zu setzen, und deinen Edelmut, deine Redlichkeit anzusprechen, um von dir
Hülfe, oder wenigstens Rat für deine Freundin zu erhalten.
    Es ist mir sehr unangenehm, dass die Art meines Anliegens mir nicht erlaubt,
weder dein Geschlecht überhaupt, noch deine Liebe für einen sonst schätzbaren
Mann zu schonen, gegen den ich eben klagen muss. Schliesse aber daraus, welches
Vertrauen ich auf dein strenges Pflichtgefühl, und deine vorurteilslosen
Ansichten setze, indem ich mich ohne weitere Umschweife in dieser Sache an dich
wende.
    Du weisst, in welchem Verhältnis Sulpicia und Tiridates standen, als dieser
im Frühlinge Rom verliess. Ihre Ansprüche an seine Treue waren vollgültig, durch
ihre grenzenlose Liebe und tausend Aufopferungen wohlverdient, ihre Hoffnungen
auf seine Hand rechtmässig und gegründet, und durch heilige Eide versichert. So
schied er von ihr, und liess sie in häuslichen Verhältnissen zurück, über deren
Schwierigkeit und Unannehmlichkeit er sich unmöglich tauschen konnte, und an
denen doch eigentlich seine Verbindung mit ihr Schuld war. Ein alltägliches
Geschöpf von Ehemann erniedrigt sie durch Verdacht und Auflauren, während ein
harter Vater sie mit Vorwürfen quält, welche nur wirkliche Vergehungen
rechtfertigen könnten, die aber in Sulpiciens Falle, wo bloss das Herz - doch
wozu brauche ich dir ein Verhältnis zu schildern, das du wohl kennst, und einst
mit zu grosser Strenge gerichtet hast? Vielleicht denkst du jetzt auch über
diesen Punkt milder, und spätere Erfahrungen mögen deine Ansichten verändert
haben. Wie aber immer deine Denkart sein mag, so glaube ich, wirst du doch darin
vollkommen mit mir übereinstimmen, dass Treue, ausschliessende Anhänglichkeit, und
festes Verfolgen des abgeredeten Planes, Bedingungen sind, die, wenn sie
gehalten werden, nicht grosses Aufhebens, und wenn sie gebrochen werden, den
allerstrengsten Tadel, ja gar keine Entschuldigung verdienen. Was soll also die
unglückliche Sulpicia denken und fühlen, wenn sie von allen Seiten bestätigen
hört, dass der leichtsinnige Tiridates, versunken in Asiens Wollüste, bestrickt
von verführerischen Weibern, von Einer zur Andern gedankenlos flattert, und, von
den Freuden des Hofes trunken, nicht Zeit hat, sich um so geringfügige Sachen zu
bekümmern, als der Tron seiner Väter, und die Ruhe eines Herzens ist, das sich
ihm ganz und willenlos geopfert hat?
    Wie zerrissen dies schöne, edle Herz ist, wird dir der beigeschlossene Brief
zeigen, den ich aus Bajä von ihr erhielt, wo ihre niedrigen Peiniger sie
eingeschlossen halten, um ihr den letzten Trost, den Umgang mit mir, zu
entziehen. Serran's kleiner Geist fürchtet meinen Einfluss, darum hat er seine
Frau aus Rom entfernt; und Sextus Sulpicius sieht in mir nichts, als eine
schlaue Mittlerin eines verbotenen Verhältnisses. Wie könnte auch seine
grobgeschnjetzte Seele, die an keine weibliche, ja an keine menschliche Tugend,
als allenfalls den Patriotismus glaubt, sich zu dem Gedanken erheben, dass man
einander wirklich lieben, und durch diese Liebe sich recht viel sein kann? Diese
Lage allein wäre schon hinreichend für Sulpicien, das Mitleid und die Schonung
der ganzen Welt aufzufordern, um wie viel mehr die allerzarteste Aufmerksamkeit
desjenigen, für den, um dessentwillen sie so sehr leidet. Aber dieser
leichtsinnige Königssohn vergisst ihrer im Arm asiatischer Hetären, und vermehrt
ihre Qualen noch durch den scharfen Stachel, den seine Untreue, der Gedanke, so
gewissenlos vergessen zu sein, in ihr zerrissenes Herz drückt.
    Zwar will ich gern glauben, dass der immer vergrössernde Ruf auch hier Manches
hinzugesetzt hat, was nicht so ganz wahr ist; indessen, wenn ich auch die Hälfte
abrechne, bleibt noch immer genug übrig, um Tiridates sehr strafbar erscheinen
zu machen. Noch schreibt er ziemlich oft und ziemlich warm an Sulpicien; aber
was ist dies für ein Herz, das von Zweifel und Angst gefoltert wird, und in der
sehr natürlichen Voraussetzung, dass der Prinz wohl so klug sein wird, sich nicht
selbst anzuklagen, seine Briefe schon mit ungünstigem Vorurteil empfängt? Da
wird jedes kühlere Wort, jeder unvorsichtige Ausdruck eine neue Quelle des
Argwohns. Bei einem Brief kommt so viel auf die Stimmung des Lesenden an, sie
gibt die Musik zu den Worten. Was kann der todte Buchstabe, was kann ein treuer
Freund zur Beruhigung sagen, wenn ein krankes Gemüt mit jener geflissentlichen
Grausamkeit, die eben den bessern Seelen eigen ist, in jedem Worte einen Pfeil
finden will, um ihn tiefer in seine Wunden zu drücken? O wahrlich! solche
Gemüter sind sehr zu beklagen, sie sind ewig das Spiel und der Raub der rauhern
stärkern Seelen.
    Bei dieser Lage der Sachen, bei der halben Ungewissheit, in der wir über
Tiridates wahre Gesinnungen schweben, und bei der Unmöglichkeit, im Geringsten
auf ihn wirken zu können, wende ich mich nun an dich, und hoffe von deiner
Denkart, von deiner Achtung für Sulpicien, und hauptsächlich von deiner genauen
Verbindung mit dem Prinzen, noch allein das Wenige, oder Viele, was sich in
dieser Sache tun lässt. Zuerst ersuche ich dich um eine genaue Nachricht von
Tiridates Lebensart und Gesinnungen, so weit du sie zu kennen vermagst. Für's
Zweite überlasse ich deinem Gefühle, deiner Beurteilung, die weitern Schritte
zu bestimmen, die allenfalls noch hierin zu tun wären. Deine Denkart ist mir
Bürge, dass ich meine Freundin hier nicht aussetze, dass nichts geschehen wird,
worüber sie zu erröten, ja, was sie nur von fern ungetan zu wünschen haben
würde. Leite, führe du die Sache, wie du es für gut findest; ich lege mit
Zufriedenheit Sulpiciens Geschick und meine treue Sorge für sie in deine Hand,
und erwarte, wo nicht Hülfe, - denn wer weiss, ob du die gewähren kannst? - doch
wenigstens Trost und Beruhigung für sie von deinem Herzen.
    Mein Vater und meine Brüder, die alle recht wohl und vergnügt sind, grüssen
dich herzlich durch mich. Solltest du zu antworten nötig finden, so sei auch so
gütig, mir den Ort deines Aufentalts zu bemerken. Nicht immer wissen wir in Rom
genau die Standörter unserer Armeen, und nicht immer ist ein Legat so glücklich,
im Hause seines Feldherrn zu leben, und alle seine Leiden und Freuden mit ihm zu
teilen. Leb' wohl.
 
                          26. Sulpicia an Calpurnien.
                          (Im vorigen eingeschlossen.)
                                                             Bajä, im Sept. 301.
Mit unsäglicher Mühe und Aufopferungen, die mich mehr kosten, als ich zu sagen
im Stande bin - denn es gilt hier nicht Geld, oder Geldeswert, sondern
Grundsätze und Gefühle, deren Unterdrückung mein innerstes Leben angreift - habe
ich einen Sclaven auf unserm Landgute, gewonnen, der sich endlich erboten hat,
dir diesen Brief zu bringen. Allmächtige Götter! Zu welchen Erniedrigungen
zwingt mich die verächtliche Gesinnung Anderer, und die Notwehr, die ja auch
dem schwächsten Wurm gegen seinen Peiniger erlaubt ist! Bestechung, Verlockung
von der dem Gebieter geschworenen Treue muss ich mir zu Schulden kommen lassen.
Ich, die ich jeden Winkelzug, jede Unredlichkeit, als meiner Natur widernd,
hasse, ich muss die Betrüger überlisten, weil ich sonst - o Götter, Götter!
welche Lage! - weil ich sonst verzweifeln müsste. Sterben? Kleinigkeit! Tag und
Nacht sind die Pforten des Todes geöffnet, und wer zu sterben weiss, braucht
nicht zu dienen. - Aber sterben wollen, und keines Augenblicks, keiner Bewegung
Herr sein, sich auf jedem Schritt beobachtet, bei jedem Laut behorcht fühlen, zu
wissen, dass alle Schränke und Kisten durchsucht, und alle Mittel zur Flucht
nicht allein aus diesem Aufentalte, sondern auch aus dem Leben genommen sind;
das zu wissen, und mit der Wut der Ohnmacht seine Ketten zu schütteln, ohne sie
zerreissen zu können: das ist die schrecklichste Lage, in der ein Sterblicher
sich befinden kann! Man hat in Rom erkundschaftet, dass ich durch dich Briefe aus
Asien bekam, dass jene unselige Verbindung durch die vorigen Massregeln noch nicht
abgebrochen war, und man schritt nun zum Äussersten. Man schleppte mich in diese
Einsamkeit, man hält mich wie eine Verbrecherin, und man macht sich ein Geschäft
daraus, mir das Leben zu verbittern. Ja, was der Mensch dem Menschen tun kann,
ist das Höchste und Niedrigste. Die grösste Erdenseligkeit und die schrecklichste
Verzweiflung häuft er auf seines Gleichen.
Ja, die höchste Erdenseligkeit und die tiefste Verzweiflung! Vom Schicksal
verfolgt, gemisshandelt, flüchtet das zerrissene Herz an den Busen der Liebe, und
dort, in ihren weichen Armen, von ihren Tränen benetzt, von ihrem Hauche neu
belebt, weiss es nichts mehr von den Tücken des Schicksals, und ist selig in dem
Gedanken, treu und wahrhaft geliebt zu sein. Nein, der Sterbliche ist nicht zu
beklagen, der ein geliebtes Herz ganz besitzt, und in dem seligen Bewusstsein
ruht, was auch sein Loos sei, wie weit Zeit und Raum ihn von diesem Herzen
scheiden, es fühlt für ihn, es schlägt nur für ihn, es achtet kein Opfer, keine
Gefahr, um den Geliebten glücklich zu machen. Lass dann die ganze Natur, lass die
Götter sich wider ihn verschwören, er achtet ihrer Wut nicht, er liebt - und
wird geliebt. O, ich Rasende! dass ich damals klagte, da nichts als eine
Verkettung von Umständen ein geliebtes Wesen schuldlos aus meinen Armen riss!
Damals wähnte ich unglücklich zu sein, und was hin ich jetzt? Sie war Frevel,
diese unzeitige, unmässige Klage; Kleinigkeit, Spiel waren die Leiden, die ich
damals fühlte, gegen die Martern, die mich jetzt verzehren. Damals war ich
geliebt, damals schlug ein Herz treu und ausschliessend für mich. O ihr Götter!
Nehmt, nehmt mir Alles, was noch an meinem Loose wünschenswert sein mag, und
gebt mir jene Schmerzen wieder! Gebt mir sie wieder, die Zeit, wo ich euch durch
voreilige Bitten bestürmte, ich fordere euch heraus, mich unglücklich zu machen,
so lange ich geliebt bin. Aber ich bin nicht geliebt, ich bin nicht geliebt! O
mit brennendem Schmerz reisst dieser Gedanke an meinem Herzen: ich bin nicht
geliebt! Was in diesen Worten liegt, drückt keine Sprache aus, nur die
Verzweiflung in ihrer dumpfen kalten Nacht fühlt die Qualen, die sie entalten.
Zwei Tage trug sich dies Herz mit täuschenden Hoffnungen, jene Nachrichten
könnten Verleumdung sein, eine wohlausgesonnene List meiner Peiniger. Die
bitterste Erfahrung, ganz unzweifelhafte Beweise haben mir gezeigt, dass Alles,
was man mir sagte, Wahrheit, und mein Unglück entschieden sei. Ein gewisser
Marcius Alpinus aus Nikomedien, eines von jenen kaltvernünftigen Wesen, die
nichts tiefer verachten und bespötteln als Gefühl, hat an einen seiner Freunde
geschrieben, und von diesem erhielt mein Bruder Septimius den Brief. Asiatische
Hetären, zwar verheiratete Matronen und vom ersten Range, nichts desto weniger
aber an Gesinnung und Betragen den Verworfensten ihres Geschlechtes gleich,
teilen sich in ein Herz, das ich einst in einem dunkeln verworrenen Traume mein
zu nennen wähnte. Treue, Schwur, Ehre, Ruhm und Tron verschwinden aus den
verblendeten Augen, die nur mit wollüstiger Trunkenheit an schönen Formen
hangen; und gleichgültig opfert man das Glück eines längst vergessenen Herzens
am Altare einer frechen Schönheit.
    O wer gibt mir Dumpfheit, Wahnsinn, Vernichtung! Ich will ja nicht leben,
ich will ja ein zweckloses Dasein nicht länger hinschleppen. Liebst du mich,
Calpurnia! hast du in der grossen Welt nicht auch jede bessere Empfindung
verlernt, so besorge mir nur einen einzigen wohltätigen Tropfen, nur Einen, der
genug ist, mein Leben auszulöschen!
 
                         27. Agatokles an Calpurnien.
                                                           Nisibis, im Oct. 301.
Dein Brief, meine edle Freundin! hat mir ein wahrhaft grosses und ein dreifaches
Vergnügen gemacht. Er hat mich wieder in die schöne Zeit zurückgezaubert, wo ich
in Rom in deines Vaters Hause mit dir und den Deinigen so angenehme Tage
verlebte, deren grösster Reiz in deinem heitern geistvollen Umgang bestand. Er
hat mir Nachricht von lieben Entfernten gegeben, deren Andenken mir unvergesslich
bleiben wird; und endlich hat er mir das erhebende Gefühl gewährt, mich von
einer edlen Seele mit Achtung und Zutrauen behandelt zu sehen. Innig danke ich
dir für jede dieser angenehmen Empfindungen, vorzüglich aber für die letzte, die
zu verdienen und zu rechtfertigen mein tätigstes Bestreben sein soll.
    Du weisst, meine Freundin! du wiederholst es sogar in deinem Briefe, dass die
Verbindung zwischen Sulpicien und dem Prinzen mir nie, weder vernünftig, noch
rechtmässig schien. Indessen, so dachte ich mir den Ausgang nicht, obwohl ich
Tiridates ziemlich genau zu kennen glaubte. Seit wir in Asien sind, haben wir
uns beinahe nicht mehr gesehen, die Reise und ein paar Tage nach unserer Ankunft
in Nikomedien ausgenommen. Wir schreiben uns zuweilen, aber meistens nur über
Angelegenheiten des Kriegs, oder andere Geschäfte. Ich weiss also nichts
Bestimmtes über seine Lebensweise und seinen Umgang. Gerüchte, Sagen laufen
freilich hin und her, über auf sie kann ich kein Urteil bauen. Auch würdest du,
meine Freundin! nicht mit dem zufrieden sein, was ich dir vom Hörensagen
berichten könnte. Sei aber versichert, dass ich Alles tun werde, was in meiner
Macht steht, um hierüber Gewissheit zu erlangen, und dass ich dann so handeln
werde, wie es mein bester Wille, die Umstände, dein edles Zutrauen und
Sulpiciens Lage nur immer von mir fordern können.
    Uebrigens bitte ich dich zu bedenken, dass Tiridates sich durch Geburt,
Schicksal und persönliche Annehmlichkeiten genug auszeichnet, um von der müssigen
Menge bemerkt, besprochen, beneidet, getadelt zu werden; wie auch, dass ein
liebenswürdiger Prinz an einem üppigen Hofe manchen Versuchungen und
Fallstricken ausgesetzt sein muss. Vieles, was geschehen konnte, wird dann als
getan vorausgesetzt, und erzählt; Vieles, was verworfenen Menschen
wahrscheinlich ist, von ihnen als wahr verkündet, und die Welt urteilt schnell,
leichtsinnig und lieblos. Schon, dass er immer in Nikomedien sein soll, ist
Verläumdung. Er befindet sich grösstenteils bei dem Heere des Cäsar Galerius, wo
er sich durch persönliche Tapferkeit und Feldherrn-Talente gleich rühmlich
auszeichnet.
    
    Glaube nicht, dass ich Tiridates hierdurch entschuldigen will. Ich weiss
nichts, und kann also nichts, weder für noch wider ihn, behaupten; bis ich aber
etwas mit Gewissheit erfahre, könnten diese Betrachtungen vielleicht beitragen,
Sulpicien zu beruhigen, und zu verhüten, dass diese unglückliche Frau sich nicht
vergeblich in Gram verzehre. Wenn sie wissen darf, dass du mir geschrieben hast,
so sage ihr, dass mein Herz innig mit ihr fühlt, sie tief betrauert, und, selbst
unglücklich, ihr Leiden wohl zu begreifen, und zu teilen versteht. Marcus
Alpinus ist mir übrigens aus früheren Zeiten als ein Mann bekannt, der mit einem
durchdringenden Verstande, durch den Umgang der grossen verderbten Welt, durch
Wollüste aller Art und eine herzlose Kälte endlich dahin gekommen ist, an keine
Tugend mehr zu glauben, und nichts für würdig und schätzbar zu halten, als was
unsere Sinne auf irgend eine Art in angenehme Bewegung zu setzen vermag. Sein
Urteil wird immer richtig sein, denn er ist sehr verständig; seine Ansichten
aber sind es gewiss selten.
    Noch habe ich einen Punkt zu berühren, den ich, so ungerne ich über
dergleichen Dinge spreche, unmöglich übergehen kann. Du scheinst, meine edle
Freundin! von meinem Schicksale unterrichtet zu sein; aber ich fürchte, es war
nieder nur der Ruf, oder etwas dem ähnliches, der dir nicht ganz getreu
berichtet hat. Ja, ich habe Larissen, die Freundin, die Geliebte meiner Jugend
gefunden. Ein seltsames Verhängnis hat sie als die Gemahlin meines Feldherrn mir
wieder gezeigt. Es würde töricht sein, und deines Verstandes spotten heissen,
wenn ich behaupten wollte, sie sei mir gleichgültig. Nein, Calpurnia ich liebe
sie noch, wie ich sie in meiner ersten Jugend liebte. Aber diese Neigung ist
nicht, wie bei Sulpicien und Tiridates, hoffnungsvoll und gegenseitig. Larissa
behandelt den Freund ihrer Jugend, der ihr Zutrauen nicht verwirkt hat, mit
Achtung und Freundschaft; aber Larissa und Demetrius sind Christen, ihre
Religion weiht die Ehe zu einem unauflöslichen Bande, das nichts als der Tod
trennen kann. Du siehst also, dass ich keine Hoffnung nähren darf. Bedaure mich,
meine Freundin! aber spotte meiner nicht. Nur der Glückliche kann dies ertragen.
    Deinen nächsten Brief, wenn du mir die Freude gönnen willst, mich etwas von
dir, den Deinigen und unserer unglücklichen Freundin wissen zu lassen, sende
nach Nikomedien an meinen Vater. Er weiss immer am ersten und zuverlässigsten, wo
ich mich befinde. Vielleicht bin ich sogar bis dahin selbst dort. Der heisse
Wunsch, einem Verhältnisse zu entfliehen, das sich weder mit meiner Ruhe, noch
meiner Ueberzeugung verträgt, und die Notwendigkeit, selbst mit Tiridates zu
sprechen, wird mich ohne Zweifel bald dahin rufen.
    Nimm noch einmal den wärmsten Dank für dein Vertrauen, und die Versicherung,
und die Versicherung, dass an jedem Orte, und in allen Verhältnissen Nachrichten
von dir und den Deinigen meinem Herzen eine höchst willkommene Erscheinung sein
werden.
 
                         28. Larissa an Junia Marcella.
                                                           Nisibis, im Oct. 301.
So ist denn keine irdische Freude von Bestand, und der Himmel, der sie uns, kaum
empfunden, wieder entzieht, scheint uns immerfort zu ermahnen, dass wir hier
nicht in unserer Heimat sind. Freundliche Gestalten begegnen dem Pilger, die
schnell an ihm vorübergleiten, liebliche Gegenden eröffnen sich ihm, in denen er
so gern verweilen möchte - umsonst! das Schicksal treibt ihn fort, sein Bleiben
ist hienieden nicht, und fern, fern von den reizenden Umgebungen, muss er durch
ein dunkles grauenvolles Tal, um jenseits die sonnige Höhe zu erklimmen, von
deren Gipfel der Kranz der Vollendung strahlt.
    Ja, meine Junia! der kurze Frühlingsschimmer meines Glückes ist
verschwunden. Trübe Wolken steigen herauf, und verfinstern den freundlichen Tag,
in dessen holdem Lichte mein wundes Herz sich zu erholen anfing. Was noch aus
mir werden soll, weiss nur Gott: aber, dass er es weiss, dass ich seiner Vaterhuld
mein Schicksal getrost überlassen darf, das ist für jetzt, und wird wohl für
immer meine einzige Beruhigung sein.
    Demetrius fing an, sich nach und nach zu erholen. Er konnte das Bett wieder
verlassen, und entwarf bereits mit seinen Offizieren weitere Plane für den Rest
dieses, und den Anfang des nächsten Feldzuges. Ich überliess mich sanften
Hoffnungen von der Dauer meines Glückes, als auf einmal ein Befehl des
Diocletian erschien, der meinem Gemahl in unsanften Ausdrücken die allzugewagte
Stürmung von Nisibis vorwarf, und es ihm zum Fehler anrechnete, diese Tat, bei
so weniger Hoffnung auf glücklichen Erfolg gewagt, und so viele Leute geopfert
zu haben. Wenn du indessen wüsstest, wie es mit uns stand, wie das Heer von
Unmut, Krankheit und Mangel aufgerieben, weit mehr dadurch verlor, als durch
den blutigsten Sturm, wie geflissentlich man es ohne Hülfe liess, wie - doch wozu
dies Alles wiederholen, was ich dir doch nicht so umständlich beschreiben kann,
und was jetzt nichts mehr nützt? Genug, mein Mann wurde des Befehls über seine
Armee entoben. Seine hohen Jahre, seine Krankheit dienten zum bessern Vorwand,
und Marcius Alpinus, der ein Liebling des Galerius, und vorher Tribun bei seiner
Leibwache gewesen war, ist schon auf dem Wege, seine Stelle einzunehmen. Wie das
meinen Mann schmerzt, wie es ihn, den kaum Genesenen, von Neuem niederwirft,
sein Gemüt bitter, seine Stimmung reizbar macht, kannst du dir vorstellen; und
dass Alles, was ihn umgibt, und ich zuerst darunter sehr leiden muss, ist wohl
eben so natürlich. Er hat auch sogleich seinen völligen Abschied begehrt, er
will einem Staate nicht langer dienen, der ihn so misskennt. Der Vorwand, unter
dem ihm das Commando genommen worden, dient ihm eben so, seine Entlassung zu
fordern, und wir werden uns in wenig Tagen auf den Weg nach unserer Villa am
Ufer des Bosphorus begeben.
    So wird es mir denn also von den Umständen selbst sehr leicht gemacht,
deinen Rat zu befolgen, und mich von Agatokles zu trennen. Es ist auch in
Rücksicht dieses Verhältnisses schon eine Zeit her nicht mehr Alles, wie es war,
wie es sein sollte. Ich sah schon vorher mit Schmerz, dass Agatokles meine
schöne friedliche Stimmung nicht teilte. Eine unruhige Heftigkeit lag in seinem
Wesen. Sein Blick, den er selten offen auf mich richtete, hing oft verstohlen
mit wilder Glut an mir, und sank scheu nieder, wenn ihn mein Auge traf. Ich sah
ihn bei meiner unverhehlten Herzlichkeit bald feurig auflodern, bald sie mit
starrer Kälte aufnehmen. Jetzt schien er mich mit heisser Liebe zu suchen, jetzt
geflissentlich zu vermeiden; kurz, er war ungleich, launisch, möchte ich sagen,
und der stille Frieden entfloh durch dies Betragen auch endlich aus meiner
Brust. Ich glaubte indessen nichts darin zu sehen, als die längst gemachte
Bemerkung, dass es den Männern so gar nicht möglich ist, eine ruhige sanfte
Neigung zu nähren, und sich mit den Rechten und Empfindungen der Freundschaft zu
begnügen, wenn ihnen der volle ausschliessende Besitz versagt ist, und es tat
mir weh, sogar einen Agatokles nicht frei von den Schwachen seines Geschlechtes
zu finden.
    Aber seit einigen Tagen bemerkte ich, dass er mehrere Briefe aus Rom und
Nikomedien erhielt, und sie sehr angelegentlich beantwortete; auch schien er mir
noch düsterer und tiefsinniger als vorher. Einer dieser Briefe nach Rom war an
eine gewisse Calpurnia. Das erfuhr ich zufällig. Calpurnia heisst die schöne
Tochter des Lucius Piso, bei welchem Agatokles in Rom gewohnt hat, von deren
unwiderstehlichen Reizen ich schon öfters von unverdächtigen Zeugen sprechen
gehört habe. Gestern kündigte er uns an, dass ihn Tiridates nach Nikomedien
beschieden habe, und er Nisibis noch vor uns verlassen müsse. Wie das
zusammenhängt, sehe ich wohl nicht ein, aber dass es zusammenhängt, das fühle
ich, und erkenne es bestimmt aus tausend Kleinigkeiten, die ich wohl zu
vereinbaren wusste. Ich läugne dir nicht, dass es mich tief schmerzt, nicht
allein, dass Agatokles sich, wie es scheint, freiwillig von uns entfernt, und
die kurze Zeit unsers Beisammenseins noch abkürzt, sondern dass er mir, mir,
deren Herz so offen vor ihm lag, mir, der Jugendgespielin, der innigsten
Freundin ein Geheimnis aus den Schritten macht, die er tut.
    Zwei Tage werde ich noch mit ihm zubringen, vielleicht die letzten in meinem
Leben! Es ist sehr ungewiss, ob ich ihn je wieder sehen werde, und die kurze Zeit
meines Glücks wird mir wie ein Traum vorkommen, aus dem ein unfreundlicher
Morgen mich weckte. Und doch soll ich wünschen, von ihm getrennt zu sein! Doch
soll ich die Stunde segnen, die uns - für immer - scheidet? Ach Junia, ich
vermag es nicht! Jetzt, in dem Augenblicke wo der Himmel das Gebet erhört, das
ich in der Angst meines Herzens oft zu ihm sandte, wo der Zweifel an meines
Freundes Offenheit, an seiner ausschliessenden Liebe mir die Trennung erleichtern
sollte, jetzt fühle ich alle Kräfte schwinden, und ich zittere vor dem Gedanken,
ihn nicht mehr zusehen, vor dem Gedanken, dass er mich nicht so ausschliessend
liebt, als ich glaubte. Was wirst du von mir denken, wenn du dich der vielen
Stellen erinnerst, wo ich in plötzlicher Aufwallung von Selbstverläugnung
beteuerte, dass ich es gelassen ansehen wollte, wenn er mich vergässe, um ruhig
und glücklich zu sein? Wie so schwach ist das menschliche Herz, wie so ganz aus
Widersprüchen zusammengesetzt! Wie so gar nichts ist unsere Tugend, wenn die
Vorsicht sie auf eine ernste Probe setzt! Das Schicksal scheint mich bei dem
raschgesprochenen Wort zu nehmen. Es ist möglich, dass er eine Andere liebt - und
ich schaudere vor der Erfüllung rechtmässiger Wünsche, die ich einst so herzlich
wünschte.
    Ach, warum hat ein unvorgesehener Zufall, wie du mir neulich schriebst,
Apelles Ankunft verzögert? Gewiss, Junia! ich wäre nicht so schwach, so elend,
wenn der Geist dieses Mannes meine sinkende Seele aufrecht hielte. Er wird
kommen, schreibst du, ach wann - und nach welchen Auftritten! In fünf Tagen gehe
ich mit meinem Gemahl nach unserm einsamen Landgute Trachene ab. In der
traurigsten Jahrszeit, in ununterbrochener Einsamkeit wird dort mein Leben an
der Seite eines kränklichen, und durch sein Schicksal gebeugten Greises
verfliessen. Könnte mich Apelles dort besuchen, so würden meine Wunden sich
stiller verbluten, und vielleicht eine Spur des Friedens wieder in mein Herz
einkehren, der jetzt vor so viel Stürmen entflohen ist, und den ich einst unter
allen Leiden so sorglich bewahrt habe.
    Sage ihm das, meine Junia! sage ihm, wie es mit mir ist, und wie sehr ich
den Abgang eines weisen, festgesinnten Freundes fühle, dessen richtiger Sinn
mein schwankendes Gemüt in den gehörigen Schranken halte. Deinen nächsten Brief
sende nach Trachene. Leb' wohl.
 
                           29. Agatokles an Phocion.
                                                        Nikomedien, im Nov. 301.
Ich bin von Larissen getrennt! Der Wunsch, den meine Vernunft seit jenem Zufall,
der uns vereinigte, meinem Herzen aufgedrungen hat, ist erfüllt, meine Fesseln
sind zerbrochen, ich bin frei. Keine verführerische Gegenwart macht die stolzen
Vorsätze, die ich in einsamen Stunden fasste, zu nichte, kein mildes, herzliches
Betragen fordert meine Seelenkräfte zum Kampfe auf, es ist nicht mehr die
schreckliche Wahl zwischen Tod und Verrat, die vor mir liegt. Der Weg der
Pflicht steht offen, ich habe ihn mir zum Teile selbst gebahnt, ich habe ihn
mutig betreten, und dennoch - dennoch fühle ich mich sehr unglücklich. Dass ich
nicht mehr beim Heere bin, wird dir der Anfang meines Briefs gezeigt haben. Die
Kabale hat gesiegt, Demetrius ist vom Commando entfernt; das, was auf
Schleichwegen nicht zu erhalten war, ist nun durch einen Machtspruch ertrotzt
worden. Die Feinde des redlichen, vielleicht nur allzu gewissenhaften Demetrius
haben selbst den hellsehenden Diocletian diesmal zu überlisten verstanden. Man
hat ihm die Sache aus dem falschesten Gesichtspunkt gezeigt, und er hat getan,
was sie ihn tun lassen wollten, er hat dem Feldherrn das Commando genommen, und
sein Nachfolger ist auf dem Wege. Demetrius gereiztes Ehrgefühl erlaubte ihm
nicht, eine Würde langer zu behalten, die nichts mehr als ein hohler Name ohne
Einfluss und Wirksamkeit war. Er hat seine Entlassung auf der Stelle gefordert,
erhalten, und sich mit seiner Gemahlin in die Ruhe des Privatlebens
zurückgezogen. Aber noch ehe sie Nisibis verliessen, war der Plan, den ich, ohne
zu ahnen, was das allzugefällige Schicksal für mich tun würde, entworfen hatte,
zur Reise gekommen. Tiridates hatte auf mein Verlangen vom Galerius die
Erlaubnis bewirkt, mich zu sich zu rufen. Ich erhielt den Brief nur um acht Tage
später, als Demetrius den seinigen. Er war nun vergeblich, denn die Trennung von
Larissen stand wir ohnedies bevor. Indessen, so weh es mir tat, die letzten
schönen Tage meines Lebens verkürzen zu müssen, so rief doch eine heilige
Pflicht, die Pflicht der Menschlichkeit gegen eine Unglückliche, und die Gefahr
eines Freundes, der am Rande des Abgrunds stand, mich eilig nach Nikomedien.
Zwei Tage war es mir noch vergönnt, bei Larissen zuzubringen. Ich genoss sie mit
eifersüchtigem Geize, ich war den ganzen Tag um sie, ich labte mich in den
letzten Strahlen der scheidenden Sonne meines Glückes, ich wich nicht von
Larissens Seite, ich verbannte den schmerzlichen Zwang, der mich so lange Zeit
von ihr entfernt gehalten hatte, ich wollte noch einmal ganz glücklich sein -
und sie verstand die heissen Wünsche meines Herzens. Mit dem Zutrauen einer
Schwester, mit der Innigkeit einer Freundin behandelte sie mich, so offen, so
gütige so schonend! O Phocion! Was ist sie für ein Wesen! Hingegeben mit aller
Wärme einer ersten unglücklichen Leidenschaft, und doch so rein, so streng! Die
Engel, die sie glaubt, können nicht sanfter, nicht unschuldiger lieben. Was bin
ich gegen sie! Auf welcher Höhe erscheint der stille Frieden dieser Seele, die
ergebene Geduld, mit der sie ihr schweres Schicksal trägt, der Reichtum ihres
Herzens, das, von eigenen Leiden zerrissen, doch noch Trost und Schonung für den
Freund, noch zärtliche Achtung und kindliche Sorgfalt für einen mürrischen,
kummervollen Greis hat!
    Ich werde sie vielleicht nie wieder sehen. In diesem Bewusstsein haben wir
uns getrennt. Demetrius entliess mich mit väterlicher Liebe, mit Tränen; ich
empfing knieend seinen Segen. Er gab ihn mir als Vater, als Christ, und ich
konnte mich nicht entalten, die Hand, die das Zeichen des Kreuzes (dies Symbol
der Christen) über mein Haupt machte, mit kindlicher, dankbarer Rührung zu
küssen. Es ist keine Täuschung. Das Christentum erhebt den Menschen zu einer
bisher unbekannten Würde, und in diesem selbstsüchtigen Zeitalter, wo alle
höheren Gefühle abgestorben, und die einzige Tugend, die einst die Menschen über
den Staub erhob, die Vaterlandsliebe, ein nichtiges Gespenst geworden ist,
scheint alle Seelen-Grösse, alle Fähigkeit sich über das Sinnliche
emporzuschwingen, in den kleinen Kreis der Christen sich zurückgezogen zu haben.
Sie verzeihen ihren Feinden, sie beten für ihre Verfolger, indessen der grösste
Teil der Menschen Wiedervergeltung für erlaubt hält, und einige philosophische
Secten Zorn und Rachgier als erhabene Äusserungen unserer Seelenkräfte preisen
und empfehlen.
    Ich habe hier in Nikomedien sogleich Geschäfte gefunden, die mich auf eine
unangenehme Art von der wehmütig süssen Beschäftigung mit Larissens Andenken
abriefen. Tiridates allzuweicher Sinn hat nicht vermocht, den Lockungen der
Wollust zu widerstehen. Er war tief, tief gefallen. Es hat mich geschmerzt, ihn
so zu finden. Doch sah ich auch mit Vergnügen, wie viel Kraft in diesem Geiste
ist. Die Stimme der Tugend hat noch Macht über ihn; er hat sich ermannt, er hat
entehrende Fesseln gesprengt, und wird zu seiner Pflicht zurückkehren. Es ist
seltsam, wie in manchen Seelen die widersprechendsten Eigenschaften, die sich
einander aufzuheben scheinen, Platz finden können. Tiridates ist eine von diesen
schwankenden, oder reichen Naturen. Noch eben mit dem Plan zu einem Feldzug, mit
würdigen Unternehmungen für seine künftige Herrschergrösse beschäftigt, achtet er
es nicht zu gering, mit eben so viel Ernst und Eifer den Plan zu einem üppigen
Feste zu entwerfen, liegt jetzt von Salben duftend, bekränzt, auf Persischen
Teppichen ein verächtlicher Weichling, und springt beim Schalle der Tuba auf,
sich zu waffnen, stürzt in die Schlacht, und fordert den gemeinsten Krieger
heraus, Mangel, Ungemach und Gefahren mit grösserer Standhaftigkeit und
gelassenerem Mute zu ertragen. Es ist, als ob zwei Seelen ihn belebten. Die
Ueppigkeit des Hofes, die Buhlerei verworfener Geschöpfe, und der Umgang mit
herzlosen Wollüstlingen hatten die bessere Seele in ihm auf eine Weile
unterdrückt; jetzt hat sie sich wieder mächtig erhoben, er ist sogleich zum
Heere abgegangen, und ich hoffe, es soll mir gelingen, ihn in dieser bessern
Stimmung zu erhalten.
    Mein freundschaftliches Verhältnis zu Calpurnien hat sich wieder angeknüpft,
sie hat mir in einer Angelegenheit geschrieben. Wahrlich, Phocion! sie ist auch
so ein Doppelwesen, ein weiblicher Tiridates in den Beschränkungen und
Verhältnissen, die ihr Geschlecht nötig macht. Ich kann ihr meine Achtung in
gewisser Rücksicht nicht versagen; aber ich kann ihre Art zu denken nicht
billigen. Wie man hier erzählt, soll der Kaiser ihren Vater als Proconsul nach
Nikomedien bestimmt haben, und die ganze Familie im Frühling hierher kommen. Ich
weiss noch nicht, ob ich mich über die Erneuerung dieser Verbindung freuen, oder
sie fürchten soll. Leb' wohl!
 
                          30. Calpurnia an Agatokles.
                                                               Rom, im Nov. 301.
Die seltsamste Begebenheit von der Welt, eine Erscheinung, die schnell wie ein
Blitz kam, und verschwand, und der ich noch staunend nachsehe, ohne recht zu
wissen, ob ich nicht vielleicht geträumt habe, zwingt mich, schon wieder deine
Güte und Freundschaft für meine Sulpicia in Anspruch zu nehmen.
    Sie ist fort - fort aus Bajä, aus Italien - und ich muss eilen, diesen Brief
nachzusenden, und die Götter um günstige Winde anflehen, damit das Schiff, das
ihn bringt, die eilige Flucht eines verliebten Paares überhole, und dich auf
seine Erscheinung vorbereite.
    Vor drei Tagen sass ich gegen Abend in der Dämmerung in meinem Zimmer, als
plötzlich meine Tür hastig aufgerissen wurde, und eine männliche Gestalt, die
ich nicht sogleich erkannte, ungestüm auf mich zueilte. Ich gestehe dir, dass ich
im ersten Augenblick erschrak; denn ich vermutete nichts anders, als einen
Anschlag auf mein Geld, meine Habseligkeiten. Ich sprang daher auf, und lief an
die entgegengesetzte Tür, um meine Sclavinnen zu rufen, als der Fremde mich
erreicht hatte, und mein Name, von einer bekannten Stimme ausgesprochen, meine
Schritte hemmte. Ich fühlte mich bei der Hand ergriffen, der Unbekannte lag zu
meinen Füssen - es war Tiridates. Was bei dem schnellen Wechsel von Erstaunen,
Schrecken und Freude in mir vorging, kann ich dir nicht beschreiben. Um aller
Götter willen, wie kommst du hierher? rief ich. »Lebt Sie - lebt meine
unglückliche Sulpicia noch? Kann sie mir verzeihen? Darf ich sie sehen? O ich
bin hier, um Alles gut zu machen. Ich muss sie befreien, ihr Leiden enden. Sie
muss mit mir fort. Mein Schiff liegt in Ostia. O führe mich zu ihr, versäume
keinen Augenblick!« Dieser ganze Redestrom floss ununterbrochen von seinen
Lippen, ohne dass es mir möglich gewesen wäre, eine Sylbe einzuschalten. Als er
fertig war, sagte ich endlich: Steh doch auf, fasse dich, und erzähle mir
ordentlich und ruhig, wie das Alles! zusammenhängt. Er folgte mir zu einem
Sitze; aber dass er sitzen geblieben wäre! Zehnmal in einer Viertelstunde sprang
er auf, zehnmal setzte er sich wieder hin, und unter Ausrufungen, Verwünschungen
seiner selbst, des Schicksals und der Verwandten Sulpiciens erfuhr ich endlich,
dass du ihm zuerst die Augen über seine Schuld geöffnet, dass deine Freundesstimme
ihn von dem Abgrunde zurückgerufen, an dem er sorglos taumelte, dass du ihn dann
mit Würde und Schonung Sulpiciens Lage erraten lassen, und erst, nachdem sein
Herz von Selbsterkenntnis und Neue über Sulpiciens Leiden durchdrungen war, ihm
ihren Brief gegeben hattest, mit Einem Wort, dass mein Freund so gehandelt hatte,
wie ich es von ihm erwartete, und innigst und gerührt danke. Sehnsucht,
Sulpicien zu sehen, deren Bild, durch deine Schilderungen lebhafter als je in
seiner Brust erwacht war, stürmisches Verlangen, sie aus ihrer drückenden Lage
zu befreien, und sein Unrecht wieder gut zu machen, hatten ihn hierauf zu dem
rasenden Entschluss bestimmt, sogleich nach Italien zu segeln, und sie mit oder
wider ihren Willen zu entführen. Dir hatte er nichts von diesem Vorhaben gesagt,
weil er fürchtete, du möchtest es missbilligen. Das Ungeheure dieses Plans machte
mich ganz stumm; es brauchte eine Weile, bis ich ihn begreifen, und ihm die
Einwürfe machen konnte, die Vernunft und Kenntnis der Umstände mir eingaben.
Umsonst! Wie konnte ich es auch nur versuchen, einem solchen Feuerkopfe Etwas
ausreden zu wollen, oder ihn von einem Vorsatze abzuhalten, der in diesem Gehirn
entsprungen, von diesem Gemüt leidenschaftlich ergriffen worden war? Alles, was
ich erhalten konnte, war das Versprechen, Sulpiciens erschütterte Gesundheit zu
schonen. Noch dieselbe Nacht reiste er ab. Zwei halbtodt gerittene Pferde
bezeugten die unglaubliche Schnelligkeit, mit der er Bajä erreichte. Er wusste,
dass sein Schiff nicht lange warten konnte, und weder in Rom noch Nikomedien
sollte Jemand seine Anwesenheit, oder den Zweck seiner Reise erfahren. Heute
Morgen brachte, ein alter Sclave Sulpiciens mir diesen Brief.
                            Sulpicia an Calpurnien.
Er ist hier. Ich bin geliebt! Er kommt, mich zu befreien, ich folge ihm. Den
Plan ist gewagt, aber göttlich. Wenn du dies liesest, schwimme ich weit von
Italien mit ihm über die Fluten. Du wirst meinen Schritt fassen und nicht
tadeln. Was die Welt sagen mag, kümmert mich nicht. Leb' wohl!
Sie war also fort. Sie hatte eingewilligt. Ich wusste nicht, ob ich mich freuen
oder betrüben sollte. Wenn ich auf der einen Seite den Trost hatte, ihre Lage
geändert, und ihr Herz beruhigt zu wissen, so erschreckte mich auf der andern
die Sorge für ihre Gesundheit auf einer solchen Reise, in einer solchen
Jahreszeit, und die Furcht vor ihrer Zukunft, da sie nun in der weiten Welt
keinen andern Schutz, keine Stütze hatte, als die Liebe und Treue eines so
leidenschaftlichen, leichtsinnigen Menschen, von dessen Wankelmut wir schon
Proben genug haben. O was ist die Liebe, wenn sie einen solchen Grad erreicht,
für ein schreckliches Feuer, das Ueberlegung, Ruhe, Leben, Alles verzehrt, was
dem Menschen sonst lieb und teuer ist.
    Ohne Zweifel wird sie Tiridates nach Nikomedien führen; du wirst sie
vielleicht selbst sehen, oder doch leicht Nachricht erhalten. Lass - dies ist der
eigentliche Zweck meines Briefs, die dringende Bitte der Freundschaft - lass dir
meine Sulpicia empfohlen sein. Wache über sie, wo ihre eigene Leidenschaft oder
fremder Leichtsinn sie schutz- und wehrlos lässt. Sei ihr Freund, ihr Beschützer,
ihr Ratgeber. Ja, wenn es dein Verhältnis zu Larissen gestattet, dessen wahre
Beschaffenheit mir freilich der Ruf nicht ganz getreu mag berichtet haben, so
versuche es, Sulpicien die Bekanntschaft und vielleicht den Schutz dieser Frau
zu verschaffen. Könntest du dies, so wäre mein Herz eines grossen Teils seiner
Sorgen für diese missleitete und bedauernswürdige Freundin los. Ich weiss, du
wirst meine Bitte nicht übel deuten, und der Gedanke, einem hülflosen Wesen so
viel zu sein, als du Sulpicien jetzt in Asien werden kannst, ist reizend genug
für dein Herz, um deine ganze Tätigkeit aufzufordern.
    Es wäre möglich, dass ich selbst bis nächsten Frühling nach Nikomedien käme.
Man spricht davon, dass mein Vater das Proconsulat erhalten soll. Doppelt wichtig
ist mir diese Aussicht jetzt, und ich werde mich sehr freuen, sie erfüllt, und
mich mit so werten Freunden, als du und meine Sulpicia sind, wieder vereinigt
zu sehen. Leb' wohl.
 
                          31. Sulpicia an Calpurnien.
                                                           Corint, im Nov. 301.
Zum ersten Mal nach einer pfeilschnellen Reise von acht Tagen geniesse ich einige
Stunden Erholung, und sie seien dir geweiht, dir, du treue Freundin, du meine
Wohltäterin, meine Retterin! Ja, das bist du, Calpurnia! und mein Herz erkennt
es mit dankbarer Rührung, und wird nie aufhören, dich zu lieben, und seine
Verpflichtungen zu fühlen, selbst wenn Zufall und Umstände uns jede Hoffnung auf
künftiges Wiedersehen rauben sollten.
    Meine Abreise von Bajä, welche die Stimme der Welt nicht unterlassen wird,
Entführung, Flucht zu nennen, war so schnell beschlossen und ausgeführt, dass mir
keine Zeit übrig blieb, dich weitläuftiger zu unterrichten, und dir die Unruhe
der Ungewissheit zu ersparen. Alles, was ich dir senden konnte, waren ein Paar
flüchtige Zeilen. Jetzt, da ich dies schreibe, wirst du bereits mehr wissen;
denn ich zweifle nicht, dass Serranus und mein Vater nicht gesäumt haben werden,
bei meiner Mitverschwornen, wie sie dich nennen, genauere Erkundigungen über
eine Begebenheit einzuziehen, von der sie dich gewiss vollkommen unterrichtet
glauben. Es wird nicht auf die schonendste Art geschehen sein; auch dafür muss
ich deine Verzeihung anflehen, obwohl ich dir nicht ungern eine kleine Busse für
den warmen Schutz gönnte, den du vor einiger Zeit dem Serranus angedeihen
liessest, als du sogar fandest, dass er ein recht erträglicher Mann sei, mit dem
du ganz gut hättest leben können.
    Doch lassen wir Serranus, und Alle, die ihm beistanden. Meine Ketten sind
zerbrochen. Ich bin frei; und es ist nicht die Hand des ernsten Genius, der,
seine Fackel senkend, mitleidig meinem Leiden ein Ende macht - ein schönerer
fröhlicherer Gott hat die Fesseln gelöset, und seine hellleuchtende Fackel
führte, wie das Gestirn der Dioscuren, unser Schiff dem sichern Zufluchtsorte
zu. Und diese namenlose Seligkeit danke ich den drei Wesen, die mir auf der Welt
am teuersten sind, dir, dem edlen Agatokles, und ihm - ihm, der aus der
düstern Nacht der Zweifel und des Misstrauens, schön und glänzend wie das Gestirn
des Tages, hervortrat, alle Schatten verscheuchte, alle Tränen trocknete, und
mich zur höchsten Wonne erhob. O wer nicht unglücklich war, wie ich, weiss einen
solchen Uebergang nicht zu schätzen. Nur der befreite Sclave kennt das Glück,
fessellos zu sein, und ich war Sclavin, Sclavin im engsten, drückendsten Sinne
des Wortes - denn auch mein Geist war gebunden. Jetzt bin ich frei, frei, meine
Calpurnia, und im Arme der Liebe fühle ich die Seligkeit meines Daseins!
    Doch ich soll dir ja erzählen und berichten, was mit mir vorging. Zehn Tage
sind es jetzt, als ich am Morgen nach einer halbdurchweinten Nacht, matt und
krank, auf meinem Bette lag. Da trat meine Chromis ein. Ein fröhlicheres
Gesicht, als ich seit langer Zeit nicht an dieser treuen Seele sah, erweckte
mich zuerst aus meinen düstern Gedanken. Eine Botschaft von dir, vielleicht
Hoffnung auf deine Ankunft war das erste, das mir einfiel. - Was hast du? gute
Nachrichten aus Rom, von Calpurnien? »Mitunter, aber auch von Weitem her, auch
aus Asien.« Aus Asien rief ich heftig, was weisst du aus Asien? »Der Prinz ist
auf dem Wege nach Italien.« Nicht möglich! Warum? Weswegen? - Ich war
aufgesprungen, und stand zitternd vor Chromis. »Fasse dich, meine Gebieterin!«
sagte das gute Mädchen, und leitete mich zurück zu Meinem Bette. »Wie willst du
den Verlauf meiner langen, langen Botschaft anhören, wenn die ersten Worte dich
so erschüttern?« O sprich, sprich! Du tödtest mich durch dein Zaudern. Wo ist
Tiridates? »Nicht weit von hier!« Was will er? Was soll ich? Er wird doch nicht
- nach dem, was vorgefallen ist - »Er kömmt wahrscheinlich, um sich zu
verteidigen, und die bösen Gerüchte zu widerlegen, die man sich über ihn
erzählt.« - Er kommt hierher? Ich soll ihn sehen? O ich kann nicht, ich kann
nicht! - »Doch, meine Gebieterin! Du sollst ihn sehen, anhören, ihm verzeihen! -
- O du verzeihst ihm gewiss. Wer kann ihm denn zürnen, wenn man ihn sieht?« Du
hast ihn gesehen? rief ich in der grössten Erschütterung. Wo ist er - wo? Und ich
sprang auf's Neue auf, und wollte hinaus eilen, als Chromis mich zurück hielt:
»Erlaube mir, meine Gebieterin! dich an die Tageszeit, an deine Gesundheit zu
erinnern. Die Sonne ist kaum aufgegangen, du bist leicht gekleidet, und wir sind
allentalben beobachtet.« Ich blieb stehen, aber Alles brannte und pochte in
mir. Was soll ich denn tun? rief ich endlich halbweinend aus: Was hast du mit
mir vor? - »Wenn du dich beruhigen, wenn du mich gelassen anhören willst, so
will ich dir Alles erzählen.« Was war zu tun? Diesmal musste die Frau der
Sclavin folgen. Ich liess mich wie ein Kind von ihr leiten, und nun erzählte sie
mir, dass man sie gestern Abends, als ich schon schlief, unter dem Vorwand, einer
ihrer Verwandten warte im Gastof des Dorfes auf sie, dahin gerufen habe. Sie
ging, und war sehr erschrocken, statt ihres Vetters, einen vermummten
Unbekannten zu finden, der sie auf eine geheimnisvolle Weise in einen Winkel des
Hauses führte, und sich ihr dort zu erkennen gab. Er war es - mein Tiridates!
mein Befreier, meine rettende Gotteit!
    Er war gekommen, mich zu befreien, er hatte dem stürmischen Meer in dieser
Jahreszeit Trotz geboten, und einen gefährlichen Plan entworfen, um mich zu
retten. O fühle, fühle, Calpurnia! den Himmel, der in dem Gedanken liegt, so
geliebt zu sein! und von einem Wesen, wie mein Tiridates! Mein Tiridates! Ich
sage es mit Stolz und Götterlust - er ist mein! Du, Calpurnia! weisst nicht, was
ich an ihm besitze; du warst nur seine Freundin, nicht seine Geliebte, seine
Braut. Ich weiss, du achtest und liebst ihn; aber es ist nicht möglich, alle
Tiefen dieses reichen, wunderbar ausgestatteten Herzens zu ergründen, wenn uns
nicht die Hand der Liebe leitet. Wie er liebt, mit dieser Stärke und dieser
Zarteit, dieser Kraft und dieser Hingebung, so liebt nur ein Mann und ein
Mädchen zugleich. Er vereinigt beide Empfindungen in seiner Brust, er denkt wie
ein Mann, und fühlt wie ein Weib. Er ist mir Alles - Alles auf der Welt! Und
ohne ihn? O weg mit diesem schrecklichen Gedanken! Ich habe genug gelitten! -
Doch nein, nein! Ich habe nicht genug gelitten. So elend ich war, als Verdacht
und Eifersucht meine Brust zerrissen, und sein Götter-Bild in dunkle Schatten
hüllten, als der Leitstern meines Lebens verschwunden schien - ich war doch
nicht unglücklich genug, um diese Seligkeit erkauft zu haben!
    Und doch hat ihm mein Verdacht nicht ganz Unrecht getan. Er hat mir Alles
bekannt, vor mir auf den Knieen liegend, das schöne Gesicht in meine Hände
verborgen, über die seine glänzenden Locken fielen, unendlich liebenswürdig in
seiner Zärtlichkeit, unwiderstehlich in seiner Reue, hat er mir Alles erzählt.
Ja, er war mir ungetreu; aber sein Herz wusste nichts davon, nur seine Sinnen
waren bestrickt. O dies Herz, das reich genug ist, zehn alltägliche Geschöpfe
aus seiner Fülle überglücklich zu machen, behielt Raum genug für seine bessere
Liebe, während einige gemeine Seelen im Sonnenblicke seines Wohlgefallens nach
ihrer Art selig herumgaukelten. Und doch klagte er sich an, doch hat er sich mit
einer Strenge beurteilt, deren nur das zartfühlendste Weib fähig ist. O
Calpurnia! Was war das für eine Scene? Nur um sie erlebt zu haben, lohnt es der
Mühe, geboren zu sein! Wer sie erfahren hat, kann nie ganz unglücklich werden,
denn er war im Olymp, er hat seinen Lohn voraus, das Schicksal mag später mit
ihm beginnen, was es wolle.
    Vergib, Calpurnia, teure Geliebte, dass ich dir statt einer ordentlichen
Erzählung Ausrufungen und Schilderungen meines Glückes schreibe! Du hast so treu
und tätig meine Leiden geteilt, du hast das erste heiligste Recht auf jede
meiner Freuden.
    Mit Chromis, und nach ihrem Rate, hatte er nun den Plan entworfen, mich
noch denselben Tag zu befreien, wenn ich einwilligen wollte. Und wie hätte ich
nicht sollen, wie nicht können? - Ich ging um die Mittagsstunde mit Chromis
unter dem Vorwande, zu versuchen, ob ich nicht im Meere baden könnte, an's
Gestade hinaus. Ein paar Sclavinnen begleiteten uns, weil man Chromis längst
misstrauete, und sie nirgends allein mit mir hingehen liess. An der schattigen
Bucht, die uns in wärmern Tagen oft zu einem angenehmen Badeplatze gedient
hatte, liess ich, wie gewöhnlich, die Mädchen warten, und ging mit Chromis tiefer
hinein. Man ahnete nichts, und liess uns gehen. Aber am Ufer des Meeres lag ein
Kahn, und in dem Kahn war ein Schiffer - Ach, Calpurnia! Welcher Schiffer!
Vermummt, und jedem Auge unkenntlich konnte er doch das Auge der Liebe nicht
täuschen. Ich sprang in's Schiff - ich lag in seinen Armen. Mit unbegreiflicher
Stärke ruderte er allein den Kahn mit mir und Chromis durch die strudelnde
Brandung, und brachte uns an das grössere Schiff, das nicht weit davon hinter
einem Felsen lag. Hier erst wagte ich es, mich meiner Rettung zu freuen. Hier
erst fühlte ich, was ich ihm dankte, und wie mein ganzes Wesen, meine Freiheit,
mein Leben, mein Glück sein Werk, das Geschenk seiner Hand war. Schön und
lieblich war bisher, der Jahreszeit ungeachtet, unsere Fahrt. Wir haben Corint
ohne das mindeste Ungemach erreicht, und dieser glückliche Anfang soll meinem
Herzen ein Zeichen von der dauernden Gunst der Götter sein. Morgen gehen wir
schon von hier weg. Ein Schiff, das nach Nikomedien bestimmt ist, liegt
segelfertig im Hafen, wir werden es besteigen, und bald hoffe ich dir aus dieser
Stadt zu schreiben, wie glücklich ich bin, und wie ich Agatokles gefunden habe,
der jetzt dort sein soll.
    Fordere nicht, meine teure Freundin! dass ich dir eine Beschreibung der
merkwürdigen Stadt und des heiligen Istmus gebe, auf dem ich mich jetzt
befinde. Für tausend Reisende mag das sehr wichtig sein, mir ist es nichts. Ob
ich auf einer wüsten Insel, oder in Corint lebe, ist mir gleichgültig. Genug,
ich lebe mit Tiridates; er ist meine Welt, und in dieser versunken, verloren,
was kümmert mich das Treiben der Menschen um mich? Was vollends die Geschichten
verflossener Jahrhunderte? Aus Nikomedien hoffe ich dir etwas Bestimmteres über
mein Schicksal sagen zu können. Leb' wohl!
 
                         32. Junia Marcella an Larissa.
                                                            Apamäa, im Nov. 301.
Dieser Brief, meine geliebte Freundin! wird kaum ein paar Tage vor unserm Lehrer
und Freunde Apelles bei dir eintreffen. Endlich haben es seine Geschäfte
erlaubt, den längst versprochenen Besuch bei dir abzulegen. In einer Rücksicht
kommt er nun freilich zu spät; er wird dich in deiner Einsamkeit zu Trachene,
und nicht in der gefährlichen Nähe eines allzugeliebten Freundes finden. Das ist
Fügung der Vorsicht, meine Teure! Hierin erkenne ich ihren Finger, nicht in den
kleinen Zufällen, die sich vereinigten, oder für dich zu vereinigen schienen, um
ein Verhältnis fortdauern zu machen, das zu gefährlich war, als dass du dich
lange hättest darüber täuschen können. Auch hier sah Agatokles schärfer und
weiter, als du. Seine Ungleichheit, sein Trübsinn, über den du klagtest, war
nichts anders, als klare Einsicht in eure Lage, und zarte Schonung für dich, die
er zu warnen nicht kalt genug war. Nun, ihr seid getrennt, die Vorsicht hat sich
eurer erbarmt, und wie ein gütiger Vater die hülflosen Kinder gerettet, die ohne
seine Einwirkung verloren waren. Lass uns ihr dafür innig und herzlich danken.
Ich habe es mit Teophron und Apelles getan, der nun mit viel leichterem Herzen
sich auf den Weg macht, um deinem wunden Gemüte Beruhigung und Trost zu
bringen. Er wird dir manches erzählen, was hier vorgefallen ist. Es steht bei
weitem nicht mehr so, wie es vor vier Jahren stand! Galerius Hass gegen die
Christen hat viele Leiden über unsere Brüder verhängt. Es ist beinahe jetzt ein
Verbrechen, ein Christ zu sein, oder wenigstens ein Grund zu tausend Neckereien.
Daher sind Einige ausgewandert, die Meisten halten sich verborgen. Es gibt nun
mehr, wie sonst, Unglückliche zu trösten, Arme zu unterstützen, und viele
Gelegenheiten, wodurch Einfluss, Geld und Verbindungen den Bedrängten zu Hülfe
geeilt werden muss. Ich tue, was ich kann, und was die Pflichten gegen meine
Kinder erlauben; aber wie wenig ist, was ein Weib, eine Wittwe vermag, wo es
darauf ankommt, ausser dem Umfang ihres Hauses, in den Verhältnissen der Welt zu
wirken! Wie schmerzhaft, fühle ich dann den Verlust eines geliebten Gatten, den
Gottes Ratschluss mir und seinen Kindern, so früh entriss!
    Apelles wird Euch von Allem näher unterrichten, und Demetrius kann, wenn ihm
das Beruhigung gibt, sich mit dem Gedanken aufrichten, dass er tausend
Leidensgefährten hat, die des Cäsars wilder Hass, um ihres Glaubens willen, wie
ihn, verfolgt, neckt, stürzt. Er wird euch auch noch mehr erzählen, und einen
erhabenen Plan mitteilen, den der ehrwürdige strenge Heliodor - du wirst dich
seiner wohl erinnern - entworfen hat. Die barbarischen Nationen umlagern von
allen Seiten das römische Gebiet. Ihre ungezähmte Rohheit, ihre einfachen
Sitten, gleichweit von unserer Cultur und unsern Lastern entfernt, erregtem
längst in Heliodors eifrigem, menschenliebendem Gemüte den Wunsch, diese wilden
Naturen durch das Christentum auf einem edleren Wege zur Bildung zu führen.
Nicht unsere Künste, unsere Bedürfnisse, unsere Ueppigkeit sollen sie zuerst
kennen lernen; die christliche Religion soll vorher in ihren noch unverdorbenen
Herzen Wurzel fassen, ihre rohen Tugenden veredeln, ihre Wildheit zähmen, damit,
wenn sie, wie er vorher zu sehen, vorher zu wissen glaubt, einst über die
gebildete Welt hereinbrechen werden, die Menschheit nicht so viel zu leiden
habe, und das Christentum, von reineren einfacheren Gemütern aufgefasst,
siegend mit den Siegern sich über die Welt verbreite.
    Noch kann ich nichts als den erhabenen Entschluss bewundern, der ihn alle
Beschwerlichkeiten, alle Gefahren, ja den Tod verachten lehrt, um in unbekannten
Wildnissen den Barbaren die heiligen Lehren des Christentums zu bringen; aber
ich sehe weder seine Notwendigkeit ein, noch einen guten Erfolg bevor. Indessen
ist Heliodor ganz durchdrungen von seinem Vorhaben, und sein glühender Eifer
kann kaum den Augenblick erwarten, wo die Anstalten zu seiner Reise getroffen
sein werden. Er geht jetzt nach Nikomedien, wo er sich einzuschiffen, und über
den Euxin zu seiner künftigen Bestimmung zu eilen denkt. Vielleicht siehst du
ihn in Trachene.
    Noch eins habe ich dir mitzuteilen, das ich dir lieber schreiben, als
Apelles anvertrauen wollte. Es gehört nicht unmittelbar zu dem, was er zu wissen
braucht, um dich zu trösten, und in deinem Gemüt den Frieden herzustellen, und
betrifft zu unbekannte Personen, um ohne Prüfung Mehreren mitgeteilt zu werden.
Man sagt - aber ich bitte dich, wohl zu bedenken, liebe Larissa! dass ich dir nur
Gerüchte schreibe - man sagt, dass Agatokles nicht nur in Rom im Hause jener
Calpurnia gelebt habe, dass sie ein sehr schönes, sehr geistreiches, aber
ziemlich leichtsinniges Mädchen sei, sondern auch, dass sie sich beide nicht
gleichgültig geblieben wären, und dass Agatokles nur auf Befehl seines Vaters,
und sehr wider seinen Willen, ihre reizende Gesellschaft verlassen habe. Dass sie
sich schreiben, weisst du, vielleicht aber nicht, dass ihr Vater das Proconsulat
von Bytynien erhalten hat, und nächsten Frühling mit seiner ganzen Familie
dahin kommen wird. Können diese Nachrichten beitragen, dein Gemüt in eine
ruhigere, Verfassung zu bringen, indem sie einen Verlust, den du für
unersetzlich hieltest, in deinen Augen etwas mindern: so bin ich froh, und der
Eifer, mit dem ich jeder Spur seines Verhältnisses nachforschte, ist belohnt.
Sollte es sich fügen, dass ich Gewissheit erhielte, so werde ich nicht säumen, sie
dir mitzuteilen. Wenn sie dich auch im Anfange schmerzet, so denke, dass es
unsere Pflicht ist, überall Wahrheit zu suchen, Alles zu prüfen, und nur nach
richtiger Erkenntnis zu handeln, wenn auch darüber ein schöner Traum zerstört
werden sollte; bedenke ferner, dass es der Anfang deiner völligen Genesung sein
kann, und wenigstens ein sicherer Weg, um auf eine schnellere und ruhigere Art
aus dem Labyrinte zu kommen, in welches dein Herz und die Umstände dich
verflochten haben. Leb' wohl!
 
                         33. Larissa an Junia Marcella.
                                                          Trachene, im Nov. 301.
Da bin ich nun, geliebte Freundin! auf unserm stillen Landgütchen. Die Natur
verliert nach und nach ihre Reize, die Bäume streuen ihr welkes Laub auf den
unbeblümten Boden nieder, kältere Winde regen die stillen Fluten des Bosphorus
auf, und in trüben Tagen, wo der Nebel die gegenüber liegenden Ufer verbirgt,
unterbricht nichts die düstere Stille, als der Schall der stärkeren Brandung,
die lautseufzend an das Gestade schlägt. Stundenlang sitze ich da oft am
Meeresufer, sehe dem Spiel der Wellen zu, betrachte ihr heftiges Treiben, ihr
unruhiges Emporstreben, und wie zuletzt jede wieder zurücksinkt in den dunkeln
Schoss des Meers, wo keine Spur von ihrem Dasein bleibt, das mit allen seinen
Anstrengungen auf ewig versunken ist. Kann man nicht das Menschengeschlecht mit
diesen Wogen vergleichen? Ach so unruhig, so bewegt, so rastlos streben sie nach
einem fernen Glücke, das Jeder anders nennt, und im Grunde Keiner kennt; sie
bemühen sich, sie matten sich ab, und versinken zuletzt alle im Schoss der Erde;
keine Spur bleibt zurück, sie sind dahin, wie ein Schatten - wie Gras auf dem
Felde, das am Morgen grünt, und am Abend verwelkt ist.
    Meines Mannes Laufbahn ist nun aus. Vierzig Jahre sind unter Waffen,
Gefahren, und mancherlei Sorgen und Verfolgungen hingearbeitet worden, wenige
Tage der Erholung, selten ein Augenblick von Freude! Und was ist sein Lohn? Und
was ist mein Loos? Obgleich meine Jahre lange nicht an die Hälfte der seinigen
reichen, was habe ich nicht ertragen, gekämpft, verloren! Einsam, freudenlos,
selten so geliebt, wie mein heisses Herz es wünschte, floss, seit ich denken kann,
mein Leben hin. Der, für den mein Wesen gebildet schien, ward durch das
Schicksal von mir gerissen; der, dem ich angehöre, hat keinen Sinn für das, was
ich bin, und ihm sein möchte. So schwindet mein Dasein zwecklos hin. Still,
vergessen, unbedauert wird es endlich verlöschen, und Niemand darnach fragen,
Niemand darum wissen, dass einst eine unglückliche Larissa lebte.
    Ach wenn ich nur sagen könnte: Dazu war ich auf der Welt! Aber ich weiss ganz
und gar keinen Zweck, warum ich geboren ward, als - einst die Wärterin eines
kränklichen, gebeugten Greises zu werden, der meine Dienste noch meist verkennt,
und fast immer ungütig aufnimmt. Dazu ward mir dies heisse Herz? Dazu führten
alle meine verworrenen Schicksale? Ach Junia! Wie viel Ergebung und Geduld
brauchte ich nicht jetzt, um mich vom Murren zu entalten!
    Agatokles ist fern. Ich werde ihn nie wieder sehen. Das wusste ich, als ich
mich von ihm in Nisibis trennte. Nie wieder sehen! - Nie! - Demetrius und
Agatokles! Trachene und Nisibis! Lass mich einen Vorhang über meine Geschichte
ziehen, die Asche nicht aufrühren, die über der schlecht gedämpften Glut meines
Herzens liegt! Ich soll, ich muss ja vergessen! O wenn es einen Lete gäbe, und
mir ein mitleidiger Engel eine Schaale davon bringen möchte! Ich will ja leiden,
tragen, und alle Geduld mit Unglücklichen haben, die in ihrem Kummer Andere
nicht schonen. Aber an das, was war, muss ich nicht immer erinnert werden, nicht
immer fühlen, wie es ist, und wie es sein könnte.
    Mein Mann hat einen Briefwechsel mit Agatokles verabredet. Er ist zu bequem
zum Schreiben, so hat er mir diesen Auftrag gegeben. Ich soll an Agatokles
schreiben! Ich! Und wie? So wie Demetrius schreiben würde? Das ist unmöglich. So
wie mein Herz es eingibt? Das darf ich nicht! Ich zittre vor dem neuen Sturm,
den meine Weigerung erregen wird. Ja, du hast recht, Junia! Ich war zu schwach,
als ich meine Hand in diese Ketten fügte, aber jetzt - ist nichts mehr zu tun.
    Agatokles hat mir in den letzten Tagen Einiges von Calpurnien erzählt -
vielleicht nicht ganz ohne Veranlassung von meiner Seite. Ach, wie er mir das
erzählte, und wie er überhaupt die letzten zwei Tage sich betrug, das hätte
jeden Funken von Verdacht, auslöschen, und das argwöhnischeste Gemüt entwaffnen
müssen! Ja, ich bin geliebt! - Aber still, still, nichts mehr von jenen Tagen
des Himmels, hier in dem Aufentalte der büssenden Geister! Wenn die schöne
Calpurnia nach Nikomedien kommen soll - so - so will ich mich bemühen, mich
darüber zu freuen. O möchte sie meinen Freund glücklich machen! Mich betrachte
ich als eine schon Verstorbene, und im Grabe hört Eigentum und Eifersucht auf.
Ich will sein, wie der Geist seiner Geliebten, und mich in den Auen des Friedens
freuen, dass mein Agatokles auf der Erde noch glücklich geworden ist. Nein, was
ich für ihn fühle, ist keine sträfliche Leidenschaft. Ich bin ja todt, todt für
ihn, für die Welt, für mich selbst, nur nicht für meine Pflicht!
    Die öffentlichen Nachrichten tragen auch nicht bei, ein düsteres Gemüt
aufzuheitern. Heimlich und verborgen glimmen die Funken der Zwietracht unter
denen, in deren Hände die Vorsicht das Wohl des Menschengeschlechts gelegt hat.
Alle Briefe, die mein Mann von seinen Freunden am Hofe und bei der Armee erhält,
bestätigen die traurige Vermutung, dass es zum Ausbruche bürgerlicher Kriege,
und der Erneuerung jener blutigen Auftritte, die so lange Zeit das Unglück und
die Schande des Römischen Reichs machten, nur an einer bequemen Gelegenheit
fehlt. Zwischen Galerius und Diocletian sollen bedeutende Missverständnisse
walten. Dann sei uns der Himmel gnädig! Bis jetzt erhielt Diocletian wenigstens
Ruhe und Frieden im Innern. Von Aussen drohet uns ohnedies ein anderes Unglück.
Die Goterr, eine von jenen wilden Völkerschaften, zu welchen der fromme
Heliodor zu reisen, und die rohen Gemüter durch die christliche Religion zu
zähmen gedenkt, fangen an, unsere Küsten durch Streifzüge zu beunruhigen1. Sie
kommen auf schlecht gezimmerten Kähnen in kleinerer oder grösserer Anzahl längs
dem Ufer des Euxin herabgefahren, landen an einsamen Plätzen, überfallen kleine
Dörfer, einzelne Häuser, Reisende, rauben, was sie finden, ermorden, was sich
widersetzt, und schleppen dann ihre Beute, auch oft Unglückliche, die lebend in
ihre Hände fallen, mit sich an ihre unwirtbaren Ufer. Ihre Besuche werden immer
häufiger, die Anzahl ihrer Streiter immer grösser, der glückliche Erfolg gibt
ihnen Mut; denn nirgends ist eine militärische Macht in der Nähe, die ihrem
räuberischen Beginnen Einhalt tun könnte. Wir sind ihnen ganz preisgegeben. Ich
habe meinen Mann bereden wollen, unser einsames Landhaus zu verlassen, das so
nahe am Ufer des Meeres, und so entfernt von aller Hülfe liegt; aber er verwarf
diesen Vorschlag mit Verachtung, er hält Alles, was man erzählt, für
Uebertreibungen der Furcht, er kennt die Nordischen Barbaren nicht, und hofft
sie - selbst, wenn sie einen Angriff in unserer Gegend machen sollten, leicht zu
überwinden. Zu dem Ende hat er seine Sclaven bewaffnet, und übt sie regelmässig
alle Tage. Welche Auftritte stehen mir bevor!
    Der einzige freundliche Punkt in dieser düstern Zukunft ist die Ankunft
unseres verehrten Freundes Apelles, den ich nach deinem Briefe jeden Tag
erwarte. Immer wäre mir seine Gegenwart erfreulich gewesen. Jetzt werde ich ihn
als einen Boten des Himmels betrachten, der Licht, Ruhe und Trost in meine
traurige Einsamkeit bringen soll. Du sandtest ihn mir. Habe Dank dafür, Junia!
Du wirst oft der Gegenstand unserer Gespräche sein, mein Herz wird sich wieder
dem sanften Einfluss der Freundschaft öffnen, und ich werde wenigstens auf einige
Zeit minder unglücklich sein. Leb' wohl!
 
                                    Fussnoten
1 Die ersten Raubzüge der Goten, in welchen sie die Europäischen und
Asiatischen Ufer des Euxin plünderten, fielen beinahe ein halbes Jahrhundert
früher vor; aber diese so wie noch einige kleine Abweichungen von der
Geschichte, die man weiterhin finden wird, ist wohl jeder Leser geneigt, einem
Buche zu verzeihen, das gar keinen Anspruch auf gelehrte Genauigkeit macht, und
in welchem die Begebenheiten derselben, oder der nächsten Zeit, nur in der
Rücksicht gewählt wurden, in welcher sie in den Plan des Ganzen passten.
 
                           34. Agatokles an Phocion.
                                                        Nikomedien, im Nov. 301.
Wenn du diesen Brief erhältst, ist mein Schicksal unwiderruflich entschieden,
und Tod oder Leben über mich ausgesprochen. Larissa ist ermordet oder geraubt.
Die Goten haben einen Einfall auf die Ufer des Bosphorus gemacht, wo ihre Villa
liegt. Im ersten Schrecken des Ueberfalls hat sich Demetrius mit seinen Sclaven
zur Wehre gesetzt. Er soll erschlagen, das Haus geplündert, und Alles, was darin
atmete, getödtet, oder in die Knechtschaft geschleppt worden sein. Was an
dieser fürchterlichen Nachricht wahr, was Erdichtung, Uebertreibung ist, eile
ich mit bebendem Herzen zu untersuchen. Die Pferde sind gesattelt. Morgen bin
ich an dem Orte der schaudervollen Entscheidung. Leb' wohl!
 
                         35. Apelles an Junia Marcella.
                                                          Trachene, im Nov. 301.
Ein kleines Geschäft, welches ich auf dem Wege hierher bei einem Freunde
abzutun hatte, verzögerte meine Ankunft um zwei Tage, und setzt mich dadurch in
den Stand, dir, meine verehrte Freundin, Nachricht von mir, von dem Schicksale
der Gegend umher, und den Personen geben zu können, an denen dein Herz gewiss
Anteil nehmen wird. Sehr glücklich würde ich mich schätzen, wenn es dem Himmel
gefallen hätte, diese Schicksale so zu leiten, dass ich dir recht erfreuliche
Nachrichten geben könnte. Leider aber ist hier Manches vorgefallen, das zu
erzählen und mit der gehörigen Schonung und Treue vorzubringen, eine wahrhaft
traurige Freundschaftspflicht ist. Bereite dich, höchst unangenehme, ja
gewissermassen schreckliche Neuigkeiten zu hören; und vergiss nie den grossen
Gedanken, dass ohne Gottes Willen kein Sperling vom Dache, kein Haar von unserm
Haupte fällt, dass unsere Tage gezählt sind, und dass ja nicht diese Erde allein
der Schauplatz der Regierung, der Liebe, der Barmherzigkeit Gottes ist. Lege
jetzt dies Blatt auf einen Augenblick aus der Hand, fasse dich in Ergebung und
Geduld, und dann lies den traurigen Bericht zu Ende, den ich dir zu geben habe.
    Du weisst vielleicht, so wie ich es bei meiner Annäherung in diesen Gegenden
erfuhr, dass die Goten seit einiger Zeit wiederholte Ueberfälle auf den Küsten
des Bosphorus, auf unserer als der Europäischen Seite gewagt haben. Hie und da
erzählte man mir von ihrer Grausamkeit, von ihrer Kühnheit, ihrer Raubsucht sehr
fürchterliche Beispiele, und ich kann dir nicht bergen, dass der Gedanke, an
einen Ort zu reisen, der so nahe an der Meeresküste und ihren Raubzügen so
ausgesetzt ist, mir nicht sehr erfreulich war. Indessen hoffte ich durch meinen
Besuch, ausser dem Troste, den ich Larissen überhaupt in ihrem Leiden zu bringen
hatte, auch noch vielleicht in der Rücksicht etwas Gutes für sie zu bewirken,
dass ich Demetrius zu überreden dachte, diese gefährliche Nachbarschaft zu
verlassen, und den Winter an einem sicherern Orte zuzubringen. Ach, meine
verehrte Freundin! Was sind die Ratschlüsse und Vorsätze der Menschen vor dem
Ratschluss Gottes, der sie wie Spreu vor dem Winde zerstreut! Meine Hoffnungen,
mein Vorhaben, meine Ankunft, Alles, Alles war zu spät. Zwei Tage, ehe ich in
Trachene anlangte, hatten die Barbaren eine Landung gewagt, waren in der Nacht
ausgestiegen und mit wildem Geschrei und Lärmen gerade auf Demetrius Villa
zugeeilt.
    Demetrius, statt sich und die Seinigen durch eine eilige Flucht zu retten,
die vielleicht noch möglich gewesen wäre, ging ihnen mit seinen bewaffneten
Sclaven entgegen. Der Kampf begann, aber die Uebermacht war so sehr auf der
Seite der Feinde, dass die im Hause Zurückgebliebenen keine Zeit hatten, sich vor
den Siegern zu flüchten, oder zu verbergen. Demetrius ward ermordet, seine
Sclaven starben neben ihm, die Goten drangen in's Haus, die zitternden
Sclavinnen, und - aller Wahrscheinlichkeit nach auch ihre unglückliche
Gebieterin - fielen unter den Streichen der durch den heftigen Widerstand bis
zur Raserei erhitzen Barbaren. Das Haus wurde geplündert, ein Teil davon in
Brand gesteckt, und die Horde entfernte sich am Morgen mit wildem Siegsgeschrei
wieder von dem verheerten Ufer. Erst lange nach ihrem Abzüge wagten es die
nächsten Anwohner, zu denen sich ein paar Unglückliche aus der Villa gerettet
hatten, den Schauplatz der Gräuel zu betreten, und zu sehen, ob vielleicht noch
einige Hülfe zu bringen wäre. Sie fanden Alles leer, still - ausgestorben.
Demetrius und seine Sclaven lagen todt auf dem Wahlplatze, aber unter so vielen
Leichen von Barbaren, dass man sah, sie mussten heldenmütig gefochten, und ihr
Leben teuer verkauft haben. In dem Hause fand man noch einige ermordete Sclaven
und Sclavinnen, und in Larissens Gemach eine weibliche Leiche, die durch Wunden
zwar sehr entstellt, aber durch die Kleidung und einen goldreichen Schleier
kenntlich war, der mit Blut bespritzt neben ihr lag. Einige Mädchen und ein paar
Sclaven werden vermisst. Wahrscheinlich haben die Barbaren sie mit sich
fortgeführt, oder sie sind in dem verbrannten Teil des Hauses ein Raub der
Flammen geworden. Wie dem immer sei, es ist mehr als wahrscheinlich, ja, meine
verehrte Freundin! es ist gewiss, dass Gott sich des langen Leidens unserer
unglücklichen Schwester erbarmt, und sie auf eine - freilich für die
Übriggebliebenen schreckliche Art zu sich genommen hat. Sie hat wahrscheinlicher
Weise weniger dabei gelitten, als wenn sie ihr Leben auf einem schmerzlichen
Krankenlager geendigt hatte, eine schreckliche Stunde vielleicht während des
Kampfes, von der sie vorher keine Ahnung hatte, und ein paar schmerzhafte
Augenblicke, bis Wunden und Blutverlust ihrem Leben ein Ende gemacht hatten.
Nach den Aussagen der Sclaven, die die Todten gesehen, und bestattet haben,
waren ihrer Wunden so viel, und von solcher Art, dass sie unmöglich länger, als
ein paar Minuten, kann gelebt haben. Dies muss bei dieser schrecklichen
Catastrophe ihren Uebriggebliebenen zum Troste dienen. Ueberhaupt sind ja selten
die zu beklagen, die hingehen, ein schwankendes Glück mit ewigen Freuden zu
vertauschen; am wenigsten dann, wenn ihr Dasein ohnedies in steten Kämpfen, und
ohne Aussicht auf eine Verbesserung ihres Schicksals dahin floss. Ich will aber
nicht unternehmen, dich zu trösten. Ich sehe die Grösse deines Verlustes zu wohl
ein; denn ich habe unsere Entrissene gekannt, und die Art, wie wir sie verloren,
muss durch ihre Neuheit und Grausamkeit unsere Gemüter erschrecken und tief
verwunden. Doch erwarte ich von deiner Standhaftigkeit, deiner Gottesfurcht und
Teophrons freundschaftlichem Umgang das Beste für deine Beruhigung.
    Ich wäre auf der Stelle wieder umgekehrt, und diesem Briefe gefolgt, den ich
bloss in der Absicht anfing, um den Alles vergrössernden und oft so falschen
Gerüchten, wo möglich, zuvorzukommen, und dich, meine verehrte Freundin! auf
eine schicklichere und bessere Art von dem Schicksale unterrichten; aber den
Morgen nach meiner Ankunft fand sich ein Geschäft, eine Bestimmung für mich, in
deren Würde und Gehalt ich einen Fingerzeig der Vorsicht zu finden glaubte,
warum sie mich gerade jetzt auf diesen Schauplatz der Zerstörung und Trauer
geführt hatte. Abends war ich in Trachene angekommen, und hatte von den
zitternden Nachbarn die Schrecken der vorletzten Nacht erfahren. Man hatte
meinen Anteil an den unglücklichen Bewohnern der Villa gesehen, mir auf mein
Bitten den Schleier Larissens ausgehändigt, den ich dir als das einzige
Vermächtnis dieser teuren Verklärten zu bringen dachte, und versprochen, mich
am Morgen auf die Brandstätte zu führen. Dies geschah auch. Indes wir in dem
verödeten Hause herumgingen, hörten wir auf einmal ein lautes Getöse, wie von
mehreren Pferden. Ich trat an ein Fenster, und sah einen jungen Mann von edler
Gestalt, von mehreren Sclaven zu Pferde begleitet, in den Hof sprengen. Die
Fremden stiegen ab, es sammelten sich Leute um sie, ich sah den jungen Mann in
heftiger Bewegung mit ihnen sprechen, sie befragen. Eine geheime Ahnung sagte
mir, wer es sein könnte. Ich eilte hinaus, um ihn selbst zu berichten. Leider
kam ich zu spät. Agatokles - denn du wirst, wie ich, erraten haben, wer der
Fremde war - lag ohne Besinnung in den Armen seiner Begleiter. Die Leute hatten
ihm die traurige Geschichte ohne Vorsicht und mit allen Vergrösserungen und
Verschlimmerungen erzählt, die solche Menschen dazu zu dichten pflegen. Ich liess
ihn in's Haus bringen. Nach einer Weile erholte er sich, aber sein Blick war
wild, seine Reden unzusammenhängend. Als ich mich genannt hatte, schien ein
Strahl von Ruhe in seine Seele zu fallen; er sah mich an, sank an meine Brust,
und seine Tränen, die zu fliessen anfingen, erleichterten sein gepresstes Herz.
Ich trug ihm nun die Begebenheit so vor, wie ich sie ansah, wie sie eigentlich
war, und wie ich sie dir berichtet habe. Das schien ihn etwas zu beruhigen, er
fasste die Vorstellung begierig auf, dass seine Larissa nicht so viel gelitten
hatte, dass ihr nun besser sei, als ihm. Dennoch blieb eine wilde Schwermut, die
an Verzweiflung grenzte, in seinem Wesen. Endlich stand er auf. »Verzeih, dass
ich dich verlasse, mein Zustand bedarf der Einsamkeit, der Ruhe - in ein paar
Stunden sehen wir uns wieder.« Ich sah ihn zweifelnd an: Fürchte nichts,
antwortete er, indem er mit einem wehmütigen Lächeln meine Hand ergriff: was
dir deine Religion verbietet, erlauben mir meine Grundsätze auch nicht. Ich
schämte mich meines Verdachts, und verliess ihn. Nach einer langen Zeit suchte er
mich wieder auf: Er war gelassener als vorhaben und im Stande, zusammenhängend
über die schreckliche Geschichte und seinen Verlust zu sprechen. Dann ordnete er
an, dass Larissens Schlafgemach mir und ihm zur Wohnung eingerichtet werde. Ich
wollte mich anfänglich diesem Vorhaben, aus Schonung für ihn, widersetzen; aber
ich sah bald, dass sein Herz nicht wie die gewöhnlichen Herzen war. Die
Umgebungen, in denen sie gelebt hatte, die Erinnerung an ihre Tugenden, an ihre
Geduld, an ehre Liebe zu ihm, schienen sein Gemüt zu erheben, statt seinem
Schmerz zu vergrössern. Er fing am andern Morgen an, mit mir in der Gegend
herumzugehen, sich nach Allem was vorgefallen war, zu erkundigen, und tätige,
und sehr zweckmässige Anstalten zur Verhütung eines neuen solchen Unglücks zu
treffen. Die Einwohner wurden angewiesen, ihre besten Sachen in die nächste
Stadt zu bringen. Er liess den Männern Waffen austeilen, ordnete an, wie sie
sich üben, und zur Verteidigung vorbereiten sollen. Er veranstaltete
Lärmsignale auf den Hügeln, wodurch in wenig Augenblicken die ganze Gegend
aufgeschreckt, und unter den Waffen sein kann. Kurz, es schien, als ob sein
eigener Verlust vor der allgemeinen Gefahr verschwunden wäre, und er nur für
Andere denken, für Andere sorgen könnte. Wenn wir dann allein waren, kehrte die
schmerzliche Empfindung freilich mit doppelter Starke zurück; aber ich bin
versichert, dass sie seine Tugend nie überwältigen, nie seine Kraft zum Guten
lähmen wird. Er hat mich gebeten, ihn nach Nikomedien zu begleiten, wohin er
morgen abreiset, um noch kräftigere Anstalten zur Abtreibung der feindlichen
Einfälle zu machen. Ich konnte ihm diese Bitte nicht versagen, denn ich gestehe
dir, dass ich ihn liebe und verehre. Auch Larissens Schleier habe ich ihm
gegeben. Er war dieses Vermächtnisses so würdig als du, und seiner vielleicht
noch mehr bedürftig. Zwar schauderte er bei Erblickung desselben und der Spuren
von Blut, die daran hafteten; seitdem aber, glaube ich, ist er nie wieder von
seiner Brust, auf der er ihn verwahrte gekommen. Ich weiss, meine Freundin! dass
du mir diesen Raub und mein längeres Aussenbleiben verzeihst. Sage dasselbe auch
unserm verehrten Vater Teophron, und erwirke mir von ihm Verlängerung meines
Urlaubs.
 
                          36. Sulpicia an Calpurnien.
                                          Syntium bei Nikomedien, im Febr. 302.
Ich bin in Syntium, meine Geliebte! auf dem Landhause unsers, deines Freundes
Agatokles. Eine angenehme Stille umgibt mich, und wiegt nach einer langen Zeit
voll Zerstreuungen und Erschütterungen meine ermüdeten Sinne in eine wohltätige
Ruhe. Agatokles besucht uns, so oft es seine Geschäfte erlauben, und mein
Tiridates bringt alle Zeit, die er dem Hofe abmüssigen kann, bei mir zu. Ich bin
frei, Galerius hat meine Scheidung bewilligt, und den Befehl darüber an den
Senat von Rom und den Serranus Anicius gesandt. So sind denn alle Plane
ausgeführt, alle Wünsche erfüllt, und ich kann ruhig dem Zeitpunkt entgegen
sehen, wo keine Macht der Welt mich mehr den Armen meines Tiridates wird
entreissen können.
    Nichts stört den vollkommenen Genuss meines Glücks, als die noch fortdauernde
Schwäche meiner Gesundheit, eine Folge den langen Leiden und Kränkungen. Sie
sind verschwunden, aber ihre Wirkungen fühle ich noch. Auch die Jahreszeit hatte
während der Seereise nachteilig auf mich gewirkte. Ich kam krank in Nikomedien
an. Aber, meine Calpurnia! um keinen Preis möchte ich die Erfahrung dieser
Krankheit nicht gemacht haben. Sie hat mir Tiridates Liebe in noch glänzenderem
Lichte gezeigt. Ich bin ganz glücklich. En liess mich ohne weitere Vorbereitung,
fest auf Agatokles Freundschaft rechnend, gerade in sein Haus führen, er trug
mich auf seinen Armen aus der Sänfte in das Zimmer, das uns der freundliche
Wirt selbst anwies. Agatokles bewährt sich auch jetzt, wie immer, als einen
der besten Menschen, er empfing uns mit rührender Freude, und behandelt uns wie
geliebte, Geschwister. Ich finde ihn sehr verändert - doch davon nachher. Jetzt
lass mich dir nur erzählen, dass ich seinen Bemühungen für Alles, was er zur
Erleichterung meiner Lage dienlich fand, und Tiridates zärtlicher Sorgfalt
grösstenteils meine Wiederherstellung verdanke.
    Das Geräusch, die Unruhe in der glänzenden Hauptstadt des Orients wurde mir
bald zur Last. Agatokles erriet meinen Wunsch, und bot mir seine Villa
Syntium, die einige Meilen von Nikomedien liegt, ein Erbteil seiner Mutter,
zum Aufentalt an. Ich nahm es mit Vergnügen an. Das Einzige, was meine Freude
störte, war die Bemerkung, dass Tiridates sich nicht eben so leicht, wie ich, aus
der Hauptstadt entfernte; indessen brachte mir seine Liebe auch dieses Opfer,
und ich lebe hier ganz nach meinem Herzen. Die Villa liegt einsam und verborgen
zwischen waldigen Hügeln, die der Anfang des Gebirges sind, das weiterhin sich
zum Berg Olymp auftürmt. Obgleich die Landstrasse nicht weit vor dem Garten
vorbeigeht, so fällt doch das Haus, das halb zwischen Pinien versteckt und nicht
gross ist, nicht sogleich in die Augen. Die Gärten sind weitläufig, und zeigen in
manchen Anlagen Spuren eines düstern Geistes, der hier in der Einsamkeit seinen
Gefühlen nachhing. Dieser Ausdruck des Ganzen gefällt mir ungemein, und ich
belausche in ungestörter Einsamkeit hier das Erwachen des Frühlings, von dessen
Einfluss ich viel für meine Gesundheit hoffe. Tiridates hat mich den Kaiserinnen
Prisca und Valeria1 vorgestellt, auch mit dem Cäsar Galerius habe ich
gesprochen, und alle haben mich mit Anstand und Guts empfangen. Bei Diocletian
allein war es mir noch nicht möglich, Zutritt zu erhalten; er umgibt sich mit so
viel persischem Pomp und Ceremoniel, dass der Zugang zu ihm überaus schwer ist.
Der Cäsar hat mir seinen Schutz versprochen, und Wort gehalten, wie du weisst;
und so ist meine Zukunft freundlich erheitert, und jede Sorge verschwunden.
    Ich habe dir gesagt, dass ich Agatokles sehr verändert gefunden habe. Der
Verlust, den er erlitten, und die Art desselben werden dir bekannt sein, so wie
sie es mir waren, noch ehe ich in Nikomedien ankam. Ich war folglich
vorbereitet, die Spuren dieser Begebenheit in seinem Aussehen zu finden; dennoch
fand ich mit Trauer weit mehr, als ich erwartet hatte. Seine Züge, die nie den
Ausdruck der Jugendblüte trugen, sind jetzt tief verfallen, sein Blick ist
erloschen, und Alles kündigt ein ganz niedergebeugtes Gemüt an. Ich vermeide
von seinem Unglücke zu sprechen, und er hat Larissens Namen noch nicht genannt,
seit ich hier bin; doch sehe ich vor, dass der Zufall vielleicht einst ein
solches Gespräch herbeiführen wird, und zittere dafür.
    Auch in dieser Rücksicht wäre mir die Beschleunigung deiner Ankunft, nachdem
nun einmal die Bestimmung deines Vaters als Proconsul entschieden ist, sehr
erwünscht, nicht als ob ich eine so geringe Meinung von Agatokles Festigkeit
hätte, um zu glauben, dass dein blosser Anblick hinreichen würde, diese tiefen
Wunden schnell zu heilen, aber ich hoffe viel, und mit der Zeit Alles von deinem
heitern Sinn, von deiner freundlichen Güte, von deinem Verstände, und - von
deiner Schönheit. Wie empfindlich das starke Geschlecht gegen äusserliche Reize
ist, lerne ich immer mehr und mehr einsehen; es wirkt nichts so schnell, so
stark, so bleibend auf sie, und auch die Besten sind hierin bis zum Erstaunen
schwach.
    Nikomedien wird dir gefallen. Es herrscht hier ein geselliger Ton, man liebt
Pracht und Zerstreuung, aber man liebt es mit Geschmack und ziemlichen Anstand.
Dies scheint eine Wirkung des ceremoniösen Hofes und der Denkart der beiden
Kaiserinnen zu sein, die in ihren Grundsätzen sehr streng, und, wie Manche
glauben, heimliche Christinnen sein sollen. Genug, der Schein wird gerettet,
aber im Innern der Häuser hat eine übermässige Ueppigkeit nicht allein auf den
Genuss des Lebens, sondern auch auf die Sitten unsers Geschlechts einen
nachteiligen Einfluss. Die Weiber des Hofes und der Stadt sind fast alle locker
in ihren Grundsätzen und von zweideutigem Rufe; aber sie sind schön! - Ich habe
bei einem Feste eine Versammlung von Gestalten gesehen, über deren Reize, durch
den sinnreichsten Putz, und die geschmackvollste Pracht erhöht, ich wirklich
erstaunte, deren Anblick mir - nicht Neid, dessen hält dein Herz mich nicht
fähig - aber ein Gefühl von Trauer über meine so schnell verwelkte Jugend
einflösste. Ich bin nicht mehr, was ich war, und hier ist Alles so bezaubernd, so
verführerisch, so zudringlich!
    Schreibe mir doch noch, meine Geliebte! ehe du Rom verlässest, und suche
deine Reise zu beschleunigen! Mein Herz schlägt dir mit Sehnsucht und Ungeduld
entgegen. Leb' wohl!
 
                                    Fussnoten
1 Die Häuser der Alten, sowohl in Italien, als vorzüglich im Morgenlande, hatten
selten Fenster auf die Strasse. Man trat durch den Torweg in den Hof, um welchen
herum die Zimmer gebaut waren, deren Fenster und Türen gleichfalls auf den Hof
gingen.
 
                           37. Agatokles an Phocion.
                                                     Nikomedien, im Februar 302.
Es ist lange, mein Freund! dass du meinen letzten Brief1 erhieltest, worin ich
dir meinen unersetzlichen Verlust gemeldet habe. Ich erinnere mich jetzt nicht
mehr bestimmt, was ich dir geschrieben habe. In jener Zeit war es dumpf und
düster in meiner Seele. Indessen weisst du, was ich verlor und wie? Dies genügt,
um dir eine Vorstellung meiner jetzigen Lage zu machen. Keine Betäubung währt
ewig, und so hat sich mein Geist auch aus der emporgerissen, die einige Zeit
nach jenem Ereignisse schwer und entnervend auf mir lag. In Trachene unter
Gefahren und fremden Sorgen blieb mein Geist und Körper aufrecht; erst in
Nikomedien, in der Stille des gewöhnlichen Lebens, im väterlichen Hause, erlagen
beide, und ich ward im eigentlichen Sinne an beiden krank. Wie ich gewesen bin,
und wozu? warum? weiss ich nicht. Aber ich kann wieder schlafen, ich kann Speise
zu mir nehmen, und so kann und wird mein Dasein wohl noch lange währen.
    So zwecklos, so klein, so nichtsbedeutend, wie dies Dasein mir damals
erschien, und noch jetzt zuweilen in seiner ganzen Schaalheit unabsehlich vor
mir liegt, hätte ich es vielleicht von mir geworfen, oder in der nächsten
Schlacht verschleudert; aber das sollen, das dürfen wir nicht. - Ein Strahl
überirdischen Lichtes senkt sich in meine Nacht, und das Leben bekömmt wieder
Gehalt, obwohl nicht für meine Hoffnungen, und nicht für diese Welt.
    Ein Pfad öffnet sich mir, um zur Wahrheit zu gelangen. Es ist des Forschers
Pflicht, darauf fortzuschreiten, und wenigstens zu sehen, wohin er führt, selbst
dann, wenn sicherer Verlust die Folge seiner Forschungen wäre. Könnte er auch
anders? Würde sich nicht die schreckliche Wahrheit selbst Bahn zu ihm machen,
wenn er auch seine Augen vor ihr verschliessen wollte? O es hat schon so manche
traurige Gewissheit den Weg gefunden, um dies Herz unfehlbar zu zerreissen! Jetzt
erscheint sie in mildem Lichte, und ich folge dem leitenden Strahl, der mich in
eine tröstende Helle zu führen verspricht.
    Ein Christ, jener Apelles, den du als den Lehrer und Freund der
vorausgegangenen Jugendgespielin aus ihren Briefen kennst, war das erste Wesen,
das mir in schrecklichen Augenblicken teilnehmend erschien. Menschenfreundlich
und weise behandelte er den Kranken, ihm danke ich zuerst die wiederkehrende
Besinnung, ihm später die Kraft, da nicht zu erliegen, wo menschliche Stärke
allein bei einem sehr reizbaren Gefühl, wie meines, vielleicht nicht zu stehen
vermocht hatte. Seine Tröstungen waren von mehr als gewöhnlicher Art. Er nahm
sie aus den innersten Tiefen des verarmten zerrissenen Herzens, er eröffnete ihm
den Himmel, liess überirdische Strahlen in dasselbe fallen, füllte es mit
Hoffnungen auf Jenseits, und richtete alle Kräfte und Neigungen, denen hier kein
würdiger Gegenstand mehr entsprechen konnte, auf grosse Aussichten und Wirkungen
in die Zukunft. Meine Seelenkräfte kamen nach und nach zurück, und an ihnen
richtete sich der irdische Gefährte auf. Ich genas, und bin wieder fähig zu
denken, zu wirken, wenn auch nicht für mich, doch für Andre.
    Phocion! Ein weiser Christ ist ein erhabenes Wesen, ist vielleicht das
Höchste, was die menschliche Natur erreichen kann, die höchste Vollendung, deren
sie fähig ist. Sie ganz zu erstreben, ist nicht das Loos des Sterblichen, aber
das erhabenste Ziel hat ihnen ihr mehr als menschlich weiser Lehrer gesteckt:
Seid vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist! Kein geringeres
Urbild, als die Gotteit, gab er ihnen nachzuahmen, und welcher Gott ist der
Gott der Christen! Kein leidenschaftliches, sinnliches, allen menschlichen
Schwächen unterworfenes Phantom, wie die Bewohner des alten Olymp, kein müssiger
Zuseher, der in vollkommener Apatie die Welt gehen lässt, wie sie kann, wie die
Götter Epikurs. Es ist ein allmächtiger, durch sich selbst von Ewigkeit
bestehender, allwissender, allgegenwärtiger Geist, der Alles, was da ist, aus
dem Nichts hervorgebracht, und nur darum geschafte hat, um seine Macht und
Liebe zu verklären. Die Geogonie der Christen ist einfach erhaben, und
wenigstens eben so fasslich und wahrscheinlich, als die Systeme unsrer
Philosophen, ja ich getraue mir zu behaupten, dass, in dem gehörigen Lichte
betrachtet, und von dem poetischen Schmucke entkleidet, der diese Erzählung aus
der Kindheit des Menschengeschlechts umgeben muss, du keine den Naturgesetzen
gemässer und vernünftiger finden wirst. Unbeschreiblich schön ist die Geschichte
des sittlichen Verfalls der Menschheit unter einem bald idyllisch-lieblichen,
bald furchtbar-ernsten Bilde dargestellt. Ja, die Erkenntnis des Guten und Bösen
war es, das erwachende Gewissen, das Gefühl des Rechts und Unrechts, das den
schönen Traum ewiger Unschuld und Jugend zerstörte! Du siehst hier ein goldenes
Zeitalter, und die Ursache seines Verschwindens tief und weise in den innersten
Trieben des Menschen aufgesucht und dargestellt. Was in der Fabel von Amor und
Psyche mehr bildliche Darstellung eines platonischen Traumes ist, ist hier die
Geschichte des Menschen, der Menschheit, ihrer individuellen und allgemeinen
Entwickelung zur Cultur.
    Diesen Gott nun, aus dessen Hand die Sonne, die Sterne, alle uns bekannten
Wesen hervorgingen, der ihr Schicksal nach ewigen Gesetzen lenkt, diesen Gott
nennen die Christen ihren Vater. In diesem Kindes-Verhältnis denken sie sich zu
ihm, und nichts ist, womit sie sich ihm gefällig machen können, kein Opfer,
keine Büssung, nichts als ein reiner Sinn, und ein menschlichgutes Herz. Alle
Sterbliche sind ihnen Brüder; sie zu lieben, wie sich selbst, Keinem zu tun,
was man nicht sebst leiden möchte, ist ihr Hauptgesetz. Je mehr man diesem
einfachen Gedanken nachforscht, je mehr muss man den Lehrer bewundern, der in
wenig Worten alle Gesetze der Moral zusammenzufassen wusste, dass in allen Schulen
und Sekten unsrer Philosophen nicht mehr, und nichts Besseres gelehrt wurde.
Liebe Gott über Alles und deinen Nächsten wie dich selbst! Wer kann mehr fordern
als dies? Und was würde die Welt sein, wenn alle Menschen diese einfache
Vorschrift beobachteten? Aber die Christen gehen noch weiter, sie dringen nicht
bloss auf Liebe gegen diejenigen, die wir zu hassen keine Ursache haben, sie
fordern Ueberwindung unsrer Selbst, und Bezähmung der heftigsten Leidenschaften,
Zorn und Rachgier. Segnet, die euch verfolgen, betet für die, die euch hassen.
In welcher Schule, Phocion! ward je reinere Tugend gelehrt?
    Noch einmal, die christliche Moral ist mehr als menschlich! Aber indem sie
eine Höhe fordert, die wir nicht zu erreichen fähig sind, spornt sie uns
wenigstens an, das Äusserste zu tun. Und was kann nicht der Mensch, wenn er
alle seine Kräfte braucht? Das Höchste muss der Mensch sich vorsetzen, wenn er
das Hohe erreichen, und nicht im Gemeinen versinken will; nach dem Unendlichen
muss er streben: dann bewährt er sich als einen unsterblichen Geist, dem diese
Hülle zu eng, dem diese Erde nur eine Herberge ist. Das haben unsre Philosophen
schon gesagt; auch der Christ sagt es, nur unendlich einfacher.
    Aber bei der Schwäche unseres halb sinnlich halb geistigen Wesens, das, zwei
Welten angehörig, ewig zwischen beiden schwankt, was bliebe uns für Hoffnung
übrig, den hohen Befehlen gehorchen, und das Ideal erreichen zu können, das jene
Lehren von uns fordern? Müssten wir nicht daran verzweifeln, den strengen
Gesetzen genug zu tun? Hier könnte das Gewissen uns nicht beruhigen, dort würde
ein unendlich heiliges Wesen den schwachen Sohn der Sinnlichkeit strafend von
sich weisen. Aber liebend und erbarmend tritt die geheimnisvolle Lehre von der
Versöhnung, von einem unbefleckten, heiligen, der ganzen Strenge jener
Forderungen genugtuenden Opfer dazwischen, von einem Opfer, das, die Schuld des
ganzen Menschengeschlechts auf sich nehmend, freiwillig sich der göttlichen
Gerechtigkeit darbot, und für Alle litt, blutete, starb. In seinen Verdiensten
findet der schwache Mensch vollendenden Ersatz für seine unvollkommenen
Bestrebungen, sie eignet er sich zu, und durch ihre Vermittelung darf er dem
Trone des allerreinsten Wesens mit minderer Schüchternheit nahen.
    Du siehst aus diesen leichten Umrissen, die ich dir mitzuteilen im Stande
bin, wie erhaben und den Bedürfnissen des Herzens angemessen diese Lehre ist.
Noch kenne ich sie nicht vollständig; was ich aber kenne, überzeugt meinen
Verstand, und befriedigt mein Gefühl. Und wenn diese Ueberzeugung einst
vollendet sein wird, wer kann mich tadeln, ja, wer kann mich der
entgegengesetzten Handlungsweise fähig halten, wenn ich sie annehme, und ganz
werde, was ich ohnehin schon zum Teile bin? - Uebereilen aber will ich nichts.
Der Schritt ist wichtig, er fordert vollkommene Geistesfreiheit, und
gewissenhafte Prüfung. Die erste fehlt mir noch ganz, mein Gemüt ist nicht
ruhig. Die Erschütterungen der vergangenen Schrecken haben noch nicht aufgehört,
in mir nachzubeben, noch drückt ein zu lastendes Gewicht meinen Geist.
    O mein Freund! Was habe ich verloren? Larissa! Gespielin meiner Kindheit!
Geliebte meiner Jugend! Holdes, sanftes, liebevolles Wesen! Wo bist du jetzt? Wo
schwebt dein reiner Geist? Hast du noch Erinnerung vom Vergangenen? Weisst du,
dass dein unglücklicher Freund hier verlassen trauert? Oder hört mit dem Leben
oder mit der Persönlichkeit, wenn auch der Geist nicht vernichtet wird, alle
Erinnerung, alle Liebe auf? Trostloses System, das das menschliche Herz
verabscheuen, über dem der Unglückliche verzweifeln müsste, wenn es seinen
Anhängern gelingen könnte, es zu beweisen! Was wäre die Unsterblichkeit dann für
ein Vorrecht für das denkende Wesen? Würde sie es nicht mit dem Tiere, der
Pflanze teilen, deren aufgelöseter Körper auch nicht vernichtet, sondern nach
dem Gange der Natur in ursprüngliche Elemente zersetzt werden, bis sie endlich
nach längerer oder kürzerer Zeit wieder in organische Teile einer Pflanze oder
eines Tieres übergehen? Es ist unmöglich! so kann der Kreislauf des göttlichen
Funkens in uns nicht sein.
    Auch hierüber hat das Christentum einen erhebenden schönen Glauben, der
alle Spitzfindigkeiten und Sophismen beschämt! Doch hierüber sollst du ein
andermal wehr hören. Genug, sie liebt, sie weiss um mich, sie liebt mich, wenn
gleich hienieden ihre sanfte Stimme verklungen ist, und nie wieder in den kalten
leeren Räumen mir die holde Gestalt begegnet, nie wieder ihr seelenvolles Auge
mir freundlich strahlen, und kein Herz auf dieser Erde mir das ihrige ersetzen
wird. O Phocion! Ich werde sie niemals, niemals hier wiedersehen! In diesem
Gedanken liegt ein unendlicher Schmerz - aber bevor er wieder die innerste Tiefe
meines Wesens aufregt, lass mich abbrechen. Leb' wohl!
 
                                    Fussnoten
1 Er kommt nicht vor, so wie alle, die nichts zum Gang der Geschichte beitragen,
und deren dennoch wegen des Zusammenhangs erwähnt werden muss.
 
                          38. Calpurnia an Sulpicien.
                                                        Nikomedien, im März 302.
Hier bin ich, in der grossen, geräuschvollen Stadt, unter dem schönsten Himmel
von Kleinasien, und, was noch besser ist, in deiner Nähe, meine teure, geliebte
Freundin! Ich wäre wahrlich gern, statt meines Briefes, selbst zu dir in deine
Einsamkeit geeilt; aber mein Vater bedarf meiner zu seiner häuslichen
Einrichtung, die hier an einem fremden Ort, unter ganz neuen Verhältnissen,
nicht ohne grosse Beschwerlichkeit vollendet werden kann. Es ist mir daher
unmöglich, dich fur's erste zu besuchen. Könntest denn du nicht auf ein paar
Tage in die Stadt kommen? Du bist doch hoffentlich so wohl, dass die kleine Reise
von einigen Meilen keinen üblen Einfluss auf deine Gesundheit haben wird. O wie
freue ich mich, dich nach so langer Trennung wieder zu sehen, und mit dir über
tausend Dinge der Vergangenheit und Zukunft zu sprechen, die trotz aller
Ueberlegung mir nie ganz gleichgültig waren, und unter diesen Umgebungen hier
erst wieder recht lebendig werden!
    Am zweiten Tage nach unsrer Ankunft besuchte uns Agatokles. Dir darf ich es
ja gestehen, dass mir sonderbar zu Mute ward, als ich im Nebenzimmer seine
Stimme hörte, die mir gedämpfter, als sonst vorkam. Er begrüsste meinen Vater mit
herzlicher Ehrfurcht, und erkundigte sich nach mir und meinen Brüdern. Ich
benutzte meine Verborgenheit, um mich in die gehörige Fassung zu setzen, und
trat dann, als mein Vater mich rief, ganz gelassen hinein. Ach, es war wieder
nichts mit dieser Künstelei! Dieses düstere trübe Auge, aus dem die tiefste
Schwermut sprach, die wehmütige Herzlichkeit, mit der er auf mich zuging, und
meine Hand fasste, die weiche Stimme, mit der er mich in seinem Vaterlande
willkommen hiess, und dann der Gedanke, um wessentwillen diese traurige
Veränderung mit ihm vorgegangen war, das Alles bewegte mich so seltsam, dass ich
wohl fühlte, wie meine Fassung mich verliess. Er hatte so viel gelitten; wie
hätte ich ihn durch abgemessene Kälte kränken können! Und doch war mein Stolz
durch eben diese Schwermut, die ich zu zerstreuen wünschte, beleidigt.
    Die Feinheit seines Betragens brachte indes bald wieder einige Ruhe in
unsere Haltung. Mein Vater bemächtigte sich seiner mit einem politischen
Gespräche, in das Agatokles sogleich mit voller Seele einging; und jetzt im
Feuer der Unterhaltung, als er auf Augenblicke seiner Lage vergass, schien er
wieder derselbe zu sein, der er in Rom war. Dies Bild trat vor meine Seele; ich
rief, während die Männer angelegentlich sprachen, die frohen Stunden zurück, die
ich damals genossen hatte, und auf einmal war es mir, als müssten zwei Agatokles
sein; als könnte jener anziehende Schwärmer, dessen Ernst vor meinem Lächeln so
oft gewichen war, dessen Blick hundertmal mit Entzücken an mir hing - und dies
finstere Bild des Kummers, das mir so fremd geworden war, der eine Andre so heiss
geliebt hatte, dass ihr Tod ihn an den Rand des Grabes brachte, unmöglich Eine
und dieselbe Person sein. Ich schauderte, die Vorstellung war mir höchst
peinlich, ich strebte aus allen Kräften, die wunderbare Täuschung zu zernichten.
Es gelang nicht. Auf einmal fühlte ich, dass meine Tränen im Begriff waren,
hervorzubrechen. Ich stand schnell auf und verliess das Zimmer. Sie strömten
heftig, warum? wusste ich selbst nicht, aber ich fand eine Erleichterung darin,
sie fliessen zu lassen. Es kam mir vor, jener Agatokles sei todt, und der, den
ich jetzt gesehen hatte, nur ein Bild, ein Schatten von ihm. Mir ward so weich
um's Herz, wie wenn man nach dem Verlust einer geliebten Person an einem Orte,
wo man sie sonst oft gesehen hatte, nun ihre kalte Bildsäule fände. Diese
Aehnlichkeit im Äußern, und diese Verschiedenheit von Innen, jener warme
Anteil und diese Kälte! Es ergriff mich schmerzlich. Ich fühlte, dass ich mich
in dieser Stimmung nicht vor ihm sehen lassen konnte. Als ich nach einer Weile
wieder hinein ging, war er bereits fort, und hatte versprochen, bald wieder zu
kommen. So hatte ihn also mein Weggehen nicht gekränkt, wie ich im ersten
Augenblick fürchtete, als ich meinen Vater allein fand! So hatte er gar nichts
an mir bemerkt, nichts zu deuten gefunden? Natürlich, ich bin ihm nichts mehr,
als eine alte Bekannte, und einer solchen nimmt man es ja nicht übel, wenn sie
sich entfernt, und den guten Freund in einer Gesellschaft zurücklässt, die ihm
wenigstens eben so lieb ist, als die ihrige!
    Seit dem Augenblick ist ein wunderbarer, aber wahrlich nicht angenehmer
Kampf in meinem Innern. Mitleid mit Agatokles Unglück, Wunsch, seinen Kummer zu
erleichtern, und ein bitteres Gefühl des gewaltigen Abstandes zwischen jener
Zeit in Rom, und diesem kalten Wiedersehen wechselt unaufhörlich in mir. Was
wird hieraus entstehen? Welche Haltung wird mir das gegen ihn geben? Du, meine
teure Freundin! könntest hierin mir den wesentlichsten Dienst leisten. Du
siehst Agatokles so oft, er vertraut dir, das weiss ich, du wirst ungefähr
wissen, wie er von mir denkt. Schreibe mir doch, was er von mir spricht, und
besonders in welchem Ton. Daraus lässt sich viel schliessen, und ein sein
fühlendes Weib ist im Stande, aus der Art, wie ein Mann von einer Andern
spricht, zu erraten, was er für diese empfindet. Hierauf verlasse ich mich
vollkommen, und erwarte deine Nachricht mit Ungeduld. Leb' wohl!
 
                          39. Sulpicia an Calpurnien.
                                                          Syntium, im März 302.
Warum kann ich nicht zu dir fliegen, an deine Brust sinken, und dich mit Tränen
der Freude willkommen heissen? Ach Entbehren und Entsagen war von jeher der
Wahlspruch meines Lebens, und seine Macht bewährt sich fort und fort. Ich bin
krank, meine Geliebte! nicht so krank, dass ich nicht allenfalls im Hause, und an
einem warmen Frühlingstage in dem reizenden Garten unseres Freundes
herumschleichen, und ohne zu grosse Anstrengung meines Kopfes, dir, meine Teure!
schreiben könnte; aber viel, viel zu schwach, um eine Reise von sechs Stunden zu
dir in die Stadt zu unternehmen. Ich habe viel von der Ruhe meiner gegenwärtigen
Lage, von Asiens mildem Himmel und am allermeisten von der Erfüllung meines
höchsten Wunsches gehofft. Es will sich nicht ändern, ich kränkle immerfort, und
so soll ich denn vielleicht im Hafen Schiffbruch leiden, und die Welt zu einer
Zeit verlassen, wo mein Leben erst eigentlich beginnen, und ich nach so vielen
Stürmen an's Ziel gelangen soll. Es war eine Zeit, wo ich den Tod wünschte, wo
er mir als das Ende meiner Qualen erschienen wäre - aber jetzt? - Jetzt ist der
Gedanke, aus Tiridates Armen, aus dem Sonnenschimmer seiner beglückenden Liebe
hinabzusteigen in das Reich wesenloser Schatten - oder des wesenloseren Nichts -
schauderhaft, entsetzlich! Unerfreulich und düster steht die dunkle Welt
jenseits vor dem forschenden Blicke, und nach tausend Zweifeln, eiteln
Spekulationen und nichtigen Erwartungen bleibt dem grübelnden Verstande
höchstens - der Trost der Ungewissheit. Weiter kann er es nicht bringen, weiter
hat es nie ein Weiser gebracht. Was sich wider diese Ueberzeugung in uns empört,
ist der Trieb der Selbsterhaltung, dem der Gedanke der Vernichtung unmöglich zu
fassen ist. Ich sollte von Tiridates scheiden, ihn der düstern Verzweiflung,
oder - schreckliche Wahl - den Tröstungen einer neuen Liebe überlassen, und
hingehen, woher nie Jemand zurückkommt, wo keine Hoffnung des Wiedersehens ist!
O nein, nein! nur jetzt nicht sterben! Die Aerzte geben mir Hoffnung, und ich
ergreife sie begierig; sie sagen, und es ist auch mehr als wahrscheinlich, dass
jene traurigen Erschütterungen, die Beschwerden der Reise, die Veränderung des
Clima's auf meinen geschwächten Körper nachteilig wirken mussten; sie
versprechen mir viel von der Wirkung der Zeit, und der inneren Zufriedenheit;
und so will ich denn geduldig sein, und alle Gedanken und Zweifel verbannen, die
noch zuweilen in mir aufsteigen wollen; ich will recht gelassen, recht ergeben
sein, sogar blind und gefühllos, wenn es die Erhaltung meiner Gesundheit
fordert.
    Du fragst mich, was und wie Agatokles von dir spricht? Du willst dein
Betragen nach meinen Beobachtungen einrichten? So muss ich ja wohl ganz
aufrichtig sein, und nichts als strenge Wahrheit sprechen. Er achtet dich ohne
Zweifel, er will dir herzlich wohl, und wenn ich seinen Kummer zu zerstreuen
wünsche, kann ich es am besten dadurch, dass ich einige Bilder und Scenen aus
seinem römischen Aufentalte vor seine Seele führe. Er erheitert sich dann und
spricht mit Vergnügen von jener Zeit - aber das Alles sehr ruhig, und ohne dass
die geringste Verlegenheit oder höhere Wärme auf eine lebhaftere Empfindung
schliessen liesse. Vergiss aber nicht für meine und deine Erwartungen, und für das
künftige Glück unsers Freundes, dass die Wunde seines Herzens noch frisch und
durch die Art des Verlusts seiner Geliebten wirklich schrecklich ist. Zudem ist
er einer von jenen beneidenswerten Schwärmern, die sich mit einem seligen
Wiedersehen nach dem Tode schmeicheln können. Für ihn ist seine Larissa nicht
todt, sie ist nur vorangegangen, und so muss er ihr wohl die Treue bewahren. Doch
ungeachtet dieser und mancher andern Schwärmereien, die er mir aus den
Lehrsätzen der Christen genommen zu haben scheint: - lass nur einige Zeit
verfliessen, bis die Neuheit des Eindrucks sich verliert; lass die Reize deines
angenehmen Umganges seinen Verstand beschäftigen, sein Gemüt erheitern, lass ihn
den Zauber deiner Schönheit empfinden - und die Liebe zu einem leeren
Schattenbilde wird der Gewalt der Gegenwart weichen.
    Tiridates bringt dir diesen Brief. Er freut sich sehr, dich wieder zu sehen,
so sehr, dass, wärest du weniger, was du bist, ich beinahe besorgt sein müsste. Er
hat mir versprochen, dich und deinen Vater zu bereden, dass ihr mit ihm zu mir
herauskommen sollt, und so erwarte ich denn in wenigen Tagen das allein
ungetrübte Glück der Freundschaft in deinen Armen zu geniessen. Leb' wohl!
 
                           40. Agatokles an Phocion.
                                                        Nikomedien, im März 302.
Die Friedenshoffnungen haben sich zerstreut, und der Kampf beginnt auf's Neue.
Das Heer hat Befehl aufzubrechen, und ich gehe mit Tiridates, unter Galerius
Fahnen zu dienen. Die Zurüstungen sind mit eben so viel Klugheit als Anstrengung
gemacht. Galerius hat unumschränkte Macht, und es ist zu hoffen, dass dieses Jahr
etwas Entscheidenderes vorgehen werde. Immer ist es Gewinn für den Gang her
Angelegenheiten, wenn der höchste Wille, die Macht und die Ausübung sich in
Einem Punkte vereinigen. Wir ziehen an das Ufer des Euphrats, dort wird
wahrscheinlich der erste Schlag geschehen. Ich folge diesmal dem Heere nicht
bloss aus Pflicht, sondern auch in der Hoffnung, strenge Beschäftigung, und in
derselben Aufheiterung zu finden. Einsamkeit und Musse sind nicht für ein Gemüt,
das in dieser Stille nur an Trauer und Verlust zu denken hat.
    Eine viel versprechende, sehr anziehende Bekanntschaft habe ich noch in
diesen Tagen gemacht. Apelles, den ein Befehl seiner Vorgesetzten nach Apamäa
zurückrief, führte mich vorher zu dem Bischofe von Nikomedien, Eutychius. Ich
fand an ihm einen Mann, der seine Lebensart, Menschenkenntnis und priesterliche
Würde wohl zu vereinigen weiss. Ich erriet Apelles Wunsch, Eutychius sollte
vollenden, was er begonnen hatte. Noch kann ich nicht urteilen, ob diese Wahl
gut getroffen ist; aber das öffentliche Zeugnis und Apelles Meinung sprechen für
Eutychius. Als ich zum zweitenmal bei ihm war, trat ein junger Mann, ungefähr
von meinem Alter, ein. Eine hohe männlich schöne Gestalt, Kraft, fester Wille,
beinahe Härte, sprach aus den bedeutenden Zügen, den schmalen festgeschlossenen
Lippen; nur in manchem Blick, in manchem Aufschlag der grossen blauen Augen lag
ein zarter edler Ausdruck, der höchst anziehend den festen Ernst des Ganzen
milderte. Der Sohn des abendländischen Cäsars - Constantin - sagte der Bischof,
als er mich ihm vorstellte, und auch ihm meinen Namen, nebst einigen Umständen
von mir, sagte. Ein forschender Blick, doch nicht ohne freundliche Güte, schien
mein Innerstes durchschauen zu wollen, übrigens nahm er mich sehr anständig auf.
Der Bischof wurde abgerufen, Constantin blieb mit mir allein. Er sprach wenig,
aber gut. Du weisst, ich bin nie sehr gesprächig, am wenigsten mit Höheren: doch
selbst das Wenige, was zwischen uns geredet wurde, reichte hin, uns einander
achtungswert und bekannter zu machen, als man es sonst gewöhnlich in der ersten
Unterredung wird. Als der Bischof zurück kam, fand er uns in einem Gespräch über
Gegenstände, die in der jetzigen Zeit Jedem wichtig sein müssen, der nicht bloss
für den Augenblick lebt. Constantins Unterhaltung straft den ersten Eindruck,
den seine Gestalt macht, nicht Lügen, sie hält mehr, als jener verspricht.
    Wir haben uns seitdem öfters gesehen, und werden es künftig noch mehr; denn
er ist von seinem Vater dem Schutze und Befehl des Cäsar Galerius übergeben, und
wir werden den Feldzug zusammen machen. Diese Aussicht ist ein Reiz mehr für
mich, Nikomedien, seine Musse, und seine Verhältnisse bald zu verlassen. Ich
stehe mit einem tief verwundeten Herzen seltsam unter Menschen, die eine solche
gänzliche Umstaltung des Innern für Schwärmerei halten, und nicht begreifen
können, dass unmöglich mehr Alles so sein kann, wie vor andertalb Jahren. Diese
Forderungen, so leise sie angedeutet werden, fühle ich doch, und sie drücken
mich, besonders dort, wo ich überall kein Recht zu Forderungen sehe, sie
entleiden mir den Umgang, den ich sonst gesucht haben würde, und verschliessen
mir die kleine Aussicht, die ich für Erheiterung und Zerstreuung vor mir sah. O
dass die glücklichen, leichterzigen Menschen so schwer die Bedürfnisse eines
trauernden Gemütes ahnen können! Ihnen ist nur dort wohl, wo Alles so leicht,
so schwebend ist, als in ihrem Innern! Was diesem behaglichen Zustand
widerspricht, was ihn zu stören droht, fliehen sie aus einer Art von natürlicher
Antipatie, und glauben an kein tieferes Gefühl, als das, was sie begreifen
können. Es wird mir sehr wohl sein, wenn ich einmal die Stadt im Rücken haben,
und mit Constantin und Tiridates dem kräftig wechselnden Spiel des Lebens im
Lager zueilen werde. Du lebe recht wohl, und sieh mir freundlich nach, wenn in
den geräuschvollen Stunden, die meiner jetzt warten, meine Briefe seltener und
kürzer sein werden.
 
     41. Eneus Florianus, Centurio der Leibwache des Cäsars Constantius, an
                                  Constantin.
                                                         Eboracum1, im März 302.
Wenn ich dein Herz nicht kennte, und von der Billigkeit sowohl, als dem Ernste
deiner Denkungsart überzeugt wäre: so würde ich gewiss Bedenken tragen, ich, der
Mann, den Jüngling, der Lehrer den Zögling, zum Vertrauten einer Angelegenheit
zu machen, die sonst nur der junge Mann mit seines Gleichen auszumachen haben
sollte.
    Noch mehr sollte mich die Rücksicht abhalten, dass du selbst, obgleich in der
Blüte der Jugend, und mit allen Ansprüchen auf ein Glück begabt, dem, in deinen
Jahren, so Manches aufgeopfert wird, dies nie dafür erkannt, und den Neigungen
von einer weicheren zärtlicheren Art nie Eingang in deine. Seele gestattet hast.
Doch, mit aller dieser Kälte gegen die Liebe weiss ich doch dein Herz der
Freundschaft fähig, und so lege ich meine Sorgen und mein Bekenntnis offen in
deine Hand.
    Du wirst dich des Asinius Ponticus erinnern, den seine Geschäfte oft mit uns
in Verbindung brachten. Als du Britannien verlassen, und mein Herz und meine
Zeit öde gemacht hattest, besuchte ich zuerst aus Bedürfnis der Zerstreuung sein
Haus öfters. Er und seine Frau waren Heiden, aber rechtliche und einfache
Menschen; sie erzogen eine Pflegetochter, Valeria, ein liebliches Geschöpf auf
der Grenze zwischen Kind und Jungfrau, mit grosser Sorgfalt und Liebe. Des
Schulmeisterns gewohnt, zog ich bald dies Kind an mich, und es war mir eine
angenehme Beschäftigung, dieses empfängliche Gemüt zum Guten zu bilden. So
vergingen drei. Jahre in ungestörter Ruhe; aber unbemerkt war während meinen
Anweisungen das Kind ganz verschwunden, und die Jungfrau stand blühend,
verschämt und bedeutend vor mir. Es waren andere Regungen, die nun mein Herz
gegen sie bewegten, und ich fühlte die Notwendigkeit, hier mit Ernst und
Festigkeit abzubrechen. Aber bei dem ersten Versuche entdeckte ich, dass auch das
ihrige sich seiner bewusst zu werden anfing, und dass Dankbarkeit, täglicher
Umgang, und das überströmende Bedürfnis, sich innig an ein teures Wesen
anzuschliessen, alle edleren Neigungen desselben auf den nächsten Gegenstand, den
überraschten Lehrer, geheftet hatten. Mich hatte in Rücksicht ihrer der grosse
Unterschied der Jahre und der Gedanke sicher gemacht, dass ein Mann von meiner
Denkart und meinem Betragen keine Ansprüche an die zärtliche Empfindung eines
Mädchens von sechzehn Jahren machen könnte. Desto heftiger und tiefer war der
Eindruck, den diese Entdeckung in mir hervorbrachte, und ich errötenicht, zu
gestehen, dass ich, im achten Lustrum2 des Lebens, Valeriens Gefühle mit gleichem
Feuer erwiederte. Ich erwog ihre Umstände, die ich genau zu kennen glaubte, ich
stellte ihr Herz auf mehr als Eine Probe, ich durchspähte jede Falte des
meinigen, und nach einer besonnenen Ueberlegung, wie sie dem Manne wohl ziemt,
gab ich mich endlich dem reizenden Zuge hin, der mit jedem Tage mich fester an
das holde Mädchen, sie inniger an mich band.
    Ich dachte nun darauf, sie ganz für mich zu bilden, das heisst, ich versuchte
in dem heiligen und wichtigen Punkte meine Ueberzeugung zu der ihrigen zu
machen. Ihr kindlich frommer Sinn kam mir auf halbem Wege entgegen, und machte
mir das Vorhaben, sie in die Geheimnisse unserer Religion einzuweihen, zum
anziehendsten, aber auch zum bindendsten Geschäfte. Nun erst, als unsre Seelen
zu Einem erhabenen Wesen emporstrebten, und sie Teil an allen Segnungen nahm,
die das schöne Vorrecht der Christen sind, nun erst fühlte ich mich innig und
untrennbar mit ihr vereinigt, und jetzt entdeckte ich den Eltern meine Wünsche.
Der Schrecken, mit dem Asinius meine Bewerbung aufnahm, zeigte mir schnell mein
Unglück. Valeria war nicht die Tochter eines seiner Verwandten, wie ich und die
Welt bisher geglaubt hatten, und ihre Geburt, der Stand ihres Vaters, der noch
lebte, von solcher Art, dass es eben so unmöglich war, ohne sein Wissen über sie
zu bestimmen, als vergeblich, seine Einwilligung zu dieser Verbindung zu hoffen.
Diocletian, als er vor achtzehn Jahren auf einem Zuge nach Britannien gekommen
war, hatte ihre Mutter, die Tochter eines eingebornen Fürsten, kennen gelernt,
und - geliebt kann man wohl von solchen Empfindungen nicht sagen - aber dem
Präfekten der Prätorianer, in dem man mit Recht den künftigen Kaiser ahnete,
widerstand vielleicht selten ein Herz oder eine Tugend. Die Fürstin starb bei
der Geburt des Kindes, und Valeria wurde der geprüften Treue einer Kammerfrau
übergeben. Diese reichte darauf dem Asinius Ponticus ihre Hand, und teilte sich
mit ihm in die Liebe und Pflege dieser Verlassenen, die sie den Mangel der
Eltern so wenig empfinden liessen. Als Diocletian den Tron bestieg, und ihm
Asinius Nachricht von dem Dasein seiner Tochter, und unbezweifelte Beweise für
die Wahrheit dieser Behauptung sandte, gab ihr der Kaiser den Namen, den er
selbst bei der Tronbesteigung angenommen hatte, und befahl, sie in der Stille
und unbekannt zu erziehen, bis es ihm gefallen würde, sie anzuerkennen.
    Ich wusste nun mein Schicksal, und beschloss es männlich zu tragen. Ich
entsagte Valerien, und entdeckte ihr die Ursache. Ihre Liebe war stärker, als
ihre Besinnung. Sie wollte nichts von Trennung wissen, sie war entschlossen, mit
mir zu fliehen, und allen schimmernden Aussichten, die ihre Geburt ihr öffnete,
ohne die geringste Reue zu entsagen. Du wirst nicht fordern, dass ich dir die
Kämpfe und schmerzlichen Siege dieser Zeit, die so tiefe Spuren in meinem
Gemüte hinterlassen haben, genau schildern soll. Der schwerste aus allen war
der gegen Valeriens Liebe und rücksichtslose Aufopferung. Ihre Pflegeeltern
sahen die Gefahr, sie fürchteten von Valeriens allzuheftiger Leidenschaft
vielleicht kühne Schritte, oder zitterten vor denn Zorn des Augustus - Gott
weiss, was die Ursache war - genug, vor fünf Monaten verschwanden sie sammt
Valerien plötzlich aus Eboracum, und sehr wahrscheinlich auch aus der ganzen
Insel. Wenigstens waren alle meine Nachforschungen, durch deines Vaters Ansehen
unterstützt, vergeblich, und ich habe mehr als Einen Grund zu glauben, dass sie
Britannien verlassen haben. Ich wende mich nun an dich. Ich habe alle Hoffnung
aufgegeben, aber ich wünschte Valeriens Schicksal zu kennen. Du bist am Hofe des
Augustus: o so suche nur zu erfahren, ob bloss Besorgnis der Eltern, oder ein
unmittelbarer Befehl des Kaisers die Ursache dieser eiligen Flucht war.
    Ich bin versichert, dass ich Nachrichten erhalten werde, wenn du selbst dir
welche verschaffen kannst. Ich weiss, dass sie zu nichts führen werden, denn ich
habe entsagt: aber es stört meine Ruhe, nichts von einem Wesen zu wissen, das so
innig mit mir verbunden war, das ich als einen Teil meiner selbst betrachte,
und an dessen Unglück ich vielleicht die grössere Hälfte der Schuld trage. Das
ist es, was mich quält. Leb' wohl, Constantin, und erfreue mich bald mit einem
Brief! Wenn er auch nichts von Valerien entält, so finde ich doch dein Herz
darin.
 
                                    Fussnoten
1 In Eboracum, dem heutigen York, war der kaiserliche Palast.
2 Lustrum, ein Zeitraum von fünf Jahren.
 
                       42. Constantin an Eneus Florianus.
                                                       Nikomedien, im April 302.
Es gibt Verhältnisse im menschlichen Leben, besonders in den höheren Regionen
desselben, die, wie die Flügel des Schmetterlings, von weitem mit schönen Farben
prangen, die man aber nicht kräftig anfühlen und untersuchen muss, wenn nicht der
Glanz verschwinden, und ein trübes unscheinbares Gewebe übrig bleiben soll. Von
dieser Art, mein väterlicher verehrter Freund! ist mein Verhältnis an dem
hiesigen Hofe zu den Menschen, die den nächsten und unmittelbarsten Einfluss auf
mein Schicksal haben. Schon lange fühle ich das, und dass ich es weder dir, noch
meinem geliebten Vater entdeckte, war - vielleicht Stolz, vielleicht die
Erkenntnis, dass diese Entdeckung zu nichts führen könnte, als Euch am fernen
Ufer der Tamisis über Umstände zu beunruhigen, die nur der Gegenwärtige mit
Bestimmteit durchschauen, und mit Kraft zu seinem Vorteil lenken kann. Dein
Brief, in welchem du so Manches von meinem Einflusse zu hoffen scheinst, bläst
die Asche vom der verborgenen Glut, und ich zeige dir nun mich selbst, und
meine Verhältnisse, wie sie sind. Mein Vater hat mich dem Schutze, der Sorge des
Cäsar Galerius übergeben, und es sind, seit ich aus deinen Armen schied, drei
ganz leidliche Jahre verstrichen, in welchen er so ziemlich die Rolle eines zwar
strenge, aber besorgten Vaters gegen mich behauptete. Auf die Länge wurde ihm
entweder die Rolle zu lästig, oder er fand den Pflegesohn nicht ganz so
geschmeidig, als er sich im Anfang den unerfahrnen, im Schatten des Privatlebens
aufgewachsenen, brittannischen Jüngling gedacht haben mochte. Die Sorge
verschwand, die Strenge blieb, und aus dem Vater würde nach und nach ein
despotischer Herr geworden sein, wenn nicht zu diesem Verhältnis zwei Wesen
erforderlich wären: ein Gebietendes, und Eines, das sich gebieten lässt. Der Sohn
des abendländischen Cäsars fühlte sich durch Geburt, Natur und Glück nicht so
tief unter dem morgenländischen; er sah eine ruhmwürdigere Aussicht vor sich
aufgetan, als sein Leben im Sonnenschein fremder Hoheit zu verflattern, und
sich mit dem hohlen Ansehen, und kindischen Schimmer zu begnügen, mit dem ihn
Galerius so schlau als verschwenderisch umgab. Das erzeugte Furcht, und Furcht
gebiert den Hass. Galerius hasst mich, aber er fürchtet mich auch. Er umgibt mich
mit Spionen, es kostet manchmal Nachsinnen und gespannte Aufmerksamkeit, einen
Brief von hier aus durch die weiten römischen Provinzen, die seinem Scepter
gehorchen, bis nach Eboracum unentdeckt, unerbrochen zu bringen. Dieser ist
einer von den glücklichen, der seinen Spähern entgehen wird, und darum entalte
er, was viele seiner Vorgänger nicht entalten konnten.
    Du hast in dieser treuen Schilderung meiner Lage zugleich die Ursache, warum
es mir nicht möglich war, in deiner Angelegenheit tätig zu sein. Diocletians
vorzüglichste Tugend ist Verschlosseuheit; indes soll die Kaiserin Prisca mit
der ehemaligen Königin des Olymps nicht bloss die Eigenschaft gemein haben, die
Gattin des Weltgebieters zu sein, und der Augustus soll sich öfters gezwungen
gesehen haben, manche seiner Freuden vor dem Blicke seiner Juno geheim zu
halten. Unter diesen Verhältnissen ist es schwer, Erkundigungen über eine so
verborgene Geschichte einzuziehen, besonders dort, wo jeder Schritt belauscht,
und jeder entdeckte zu den unangenehmsten Verwickelungen führen würde. Ich kann
nur mit der grössten Vorsicht zu Werke gehen, und Alles, was ich bisher erfahren
konnte, ist, dass Asinius Ponticus mit zwei Frauen, die man nicht kannte, bei den
letzten Saturnalien in Coloniä Agrippinä gesehen wurde. Von dort soll er sich
nach Mantua gewendet haben. Sobald ich mehr erfahre, wird es mir das teuerste
Geschäft sein, dich zu benachrichtigen, wo ich mich auch immer befinden möge;
denn wir brechen in drei Tagen auf, um uns zu dem Heere zu begeben. Dein
Vertrauen hat mich sehr geehrt, ich werde desselben würdig zu bleiben streben,
und jede Gelegenheit ergreifen, um dir zu beweisen, wie unauslöschlich das
Gefühl ist, das in meiner Brust gegen dich glüht, dem ich die zwei köstlichsten
Gaben danke, die der Mensch dem Menschen geben kann - freie Liebe, und Anleitung
zum Guten. - Leb' wohl!
 
               43. Calpurnia an ihren Bruder Lucius Piso in Rom.
                                                       Nikomedien, im April 302.
Wenn der Mensch nur nichts erwartete! Wenn man sich nur abgewöhnen könnte, der
Zukunft mehr zuzutrauen, als der Gegenwart! Aber so sind wir nun. Immer blicken
wir in die Ferne, vorwärts, und kein Besitz wirklicher Güter dünkt uns so
reizend, als die schimmernden Freuden, die uns von Weitem im magischen Lichte
der Einbildungskraft entgegenglänzen. Was ich mir mit recht kindischem Sinne für
Vorstellungen von diesem Nikomedien und den Freuden machte, die ich hier finden
würde! Was ich mir für Geschichten erzählte, für Scenen träumte! Es ist nichts,
eitel Nichts. Ich bin hier keinen Augenblick besser daran, als in Rom, schlimmer
vielmehr, denn ich bin hier fremd und allein. O wer mir das gesagt hätte, als
ich mit fröhlichem Mute in das Schiff stieg, als nur der Abschied von dir mich
Tränen kostete, und ich mit hoffnungsreicher Seele die schönen Ufer Hesperiens1
nach und nach verschwinden sah! Ja, das ist's eben, der Mensch ist zur Täuschung
geboren. Das wahre Glück ist nirgends als in seiner Einbildungskraft; in dieser
geniesst er es voraus, so darf er es denn von her lauen unbedeutenden Gegenwart
nicht fordern. Er hat seinen Lohn dahin, wie die Christen zu sagen pflegen.
    Hier gibt es erstaunlich Viele von dieser Secte; selbst die Gemahlin des
Cäsar Galerius, Valeria, soll dazu gehören. Das ist auch eine Ursache mehr, die
mir den hiesigen Aufentalt verleidet. Es sind kopfhängerische traurige
Menschen, die in den unschuldigsten Vergnügungen Gift finden, und sich aus den
unbedeutendsten Handlungen ein Gewissen machen. Auch nur ein Körnchen Weihrauch
auf den Altar einer unsrer Gotteiten zu streuen, auch nur einen Bissen
Opferfleisch zu essen, ist ihnen ein todeswürdiges Verbrechen. Auch leiden ihn
Manche lieber, als sie das tun. Ihr Gott muss ein strenges, eifersüchtiges Wesen
sein. Da lobe ich mir unsre Götter und Göttinnen. Eine unzählbare Menge dieser
harmlosen Wesen bevölkert Himmel, Erde und Meer. Sie streiten nicht unter
einander, sie beneiden einander ihre Opfer nicht, sie nehmen gastfrei jeden
Fremdling ihrer Art aus den entferntesten Gegenden unter den abenteuerlichsten
Gestalten auf, sei es Zwiebel, Sperber, Affe2, ein Ungeheuer mit hundert
Brüsten, oder ein Ideal menschlicher Schönheit. Alles dulden sie, jedem gönnen
sie ein Plätzchen; dafür duldet man auch sie. Glauben kann sie kein vernünftiger
Mensch; aber der Pöbel bedarf dieses Spielwerks. So lasst es ihm, und tut, was
euch euer Herz zu tun erlaubt.
    Doch was ereifere ich mich um Dinge, die mich nichts angehen, die ich mir
eben aus dem Sinne schlagen will? Ach lieber Bruder! das ist die Wirkung der
nikomedischen Luft. Wenn man von nichts als Religionsstreitigkeiten hört, wenn
diese Ideen alle andern verschlingen, jedes Gespräch verderben: so wird man
zuletzt selbst mit hineingezogen, und nimmt, so ungern man es auch tut, doch
endlich Partei, dafür oder dawider.
    Auch Agatokles ist von diesem Schwindel ergriffen, und ich fürchte fast, er
ist weit mehr Christ, als er selbst gesteht. Du solltest ihn jetzt für die
Reinheit und Erhabenheit dieser Lehre, für die beseligenden Wirkungen sprechen
hören, die er sich von ihr für die Menschheit verspricht! Oft muss ich lächeln,
noch öfter ärgere ich mich, zuweilen gelingt es aber dem Schwärmer, mich für
einen Augenblick hinzureissen. Meinen Vater hat er schon ziemlich auf seiner
Seite. Uebrigens hat er nur den Gegenstand gewechselt, und was ihm sonst das
alte Rom und die Republik war, ist ihm jetzt das Christentum, von dessen
Verbreitung er sich Ersatz für jene verlornen Tugenden, und die Anregung aller
bessern Kräfte im Menschen verspricht.
    Uebrigens habe ich ihn sehr verändert gefunden, so verfallen, so bleich, dass
ich über seinen ersten Anblick erschrak. Das hat die Liebe aus diesem Manne
gemacht; und sie sollte eine beglückende Empfindung sein? Nimmermehr! Ich habe
nur erst kürzlich noch ein trauriges Beispiel von ihren Verheerungen gesehen,
und hätte ich sie je für etwas Gutes halten können, so würden Sulpicia und
Agatokles meinen Wahn heilen. Es sind nun zehn Tage, als Tiridates zu uns kam.
Er sieht blühend und schön aus, schöner als ich ihn je sah, und aus den
jugendlichen Zügen strahlt Kraft, Mut und Lebensfreude. Er brachte mir einen
Brief von Sulpicien. Ein seltsames Gemisch von anscheinendem Glücke, und
geheimer Wehmut sprach aus ihm. Sie bat mich, sie das einzig ungetrübte Glück
der Freundschaft geniessen zu machen, und sie zu besuchen. Sie schrieb mir, dass
sie zu krank sei, um zu mir zu kommen. Mein Entschluss war schnell gefasst. Mein
Vater hatte nicht Zeit, mich zu begleiten. Ich sagte dem Prinzen von Armenien,
dass ich am folgenden Tage nach Syntium zurückkehren würde; um aber doch nicht
ganz allein mit ihm zu sein, bat ich Agatokles, mich zu begleiten. Der seltsame
Mensch! Statt sich durch das Vertrauen geehrt zu finden, das ich auf ihn, und
die Achtung, in der er überall steht, zu setzen schien, wagte er es, einige
Bedenklichkeiten gegen die Reise eines jungen Mädchens mit zwei unverheirateten
Jünglingen vorzubringen, und ergab sich nur, als er mich unerschütterlich und
unempfindlich gegen Alles fand, was die Stadt über mich zu klatschen belieben
würde. Dennoch gefiel mir diese Sorge für meinen Ruf, die Freimütigkeit, mit
der er sich äusserte, und mehr noch als vorhin fühlte ich mich, von diesem
Augenblicke an, durch seine Begleitung geehrt, und vor jedem ungerechten Tadel
geschützt. O wie liebenswürdig könnte er sein, wenn er minder vollkommen, minder
überspannt sein möchte!
    Wir reisten nach Syntium. Mich trugen meine Cappadocier3 in einer offenen
Sänfte, meine Gefährten ritten langsam neben mir. Es war ein lieblicher
Frühlingsmorgen, die Gegend um uns freundlich, die Luft lau, der Himmel heiter,
Alles zu Lust und Fröhlichkeit gestimmt. Scherz und Lachen verkürzte die lange
Zeit der Reise, sogar der ernste Freund widerstand nicht dem Zauber, der durch
alle Sinne in sein Herz drang; er gab sich dem fröhlichen Zuge hin, der ihn mit
fortriss; und so kamen wir Alle vergnügt und heiter in Syntium an. Ach, die
schöne Stimmung verschwand bald! Sulpicia kam uns entgegen, ein Bild des
geheimen Grams, in der kurzen Zeit um zehn Jahre gealtert. Nun ward mir auf
einmal Vieles klar. Ich war kaum einige Tage in Nikomedien gewesen, als das
Stadtgeschwätz mich von einigen neuen Liebesgeschichten des leichtsinnigen
Tiridates unterrichtete, und zugleich mit lieblosem Spotte seines
abenteuerlichen Verhältnisses mit einer entlaufenen römischen Matrone erwähnte.
Man wusste nicht, wie nahe mich das Verhältnis anging, sonst würde man wohl vor
mir geschwiegen haben. Hier fand ich die Bestätigung von dem, was ich früher
nicht glauben wollte. Doch muss ich Tiridates die Gerechtigkeit widerfahren
lassen, dass er wenigstens in Sulpiciens Gegenwart keinem Tadel unterliegt. Er
begegnet ihr mit der zartesten Achtung, und der liebevollsten Aufmerksamkeit.
Sie scheint auch vollkommen zufrieden, es entwischt ihr keine Klage, kein Blick,
der auf den wahren Zustand ihres Herzens schliessen liesse. Selbst als wir allein
waren, und ich sie dringend befragte, gestand ihr Mund nichts, aber eine heftige
Bewegung, ein leises Zittern, das ihren ganzen Körper ergriff, zeigte nur zu
deutlich, wie sehr sie ihre Lage kennt und fühlt. Aber gestehen wird sie es nie,
so kenne ich sie, und sich lieber in stillem Gram verzehren, als zugeben, dass
ihr Schritt, mit Tiridates zu entfliehen, unüberlegt war.
    Ich beklage sie herzlich, aber ich kann sie nicht ganz entschuldigen, eben
so wenig, als ich ihn ganz verdammen kann. Sieh, lieber Lucius! ich bin billig,
ich erkenne alle Eure Untugenden, Schwächen und Laster, aber die Wahrheitsliebe
erlaubt mir nicht, alle Schuld auf die männlichen Schultern (die zwar von der
Natur eigentlich darum so stark gebaut scheinen) zu wälzen. Sulpiciens Liebe ist
nicht die leichte heitere Flamme, die überall Leben und Freude verbreitet, jedes
Verhältnis verschönert, den gemeinsten Dingen Bedeutung, den entferntesten eine
angenehme Beziehung gibt, in deren mildem Schein der Mann sein Leben froh
verflattert, und sich selbst in sei- nen Entbehrungen glücklich fühlt. Ihre
Liebe ist ein dunkel loderndes verzehrendes Feuer, das mit eifersüchtigem Stolz
jedes Wort, jeden Blick bewacht, aus Allem Gift saugt, und ohne Rücksicht
dieselbe grenzenlose Hingebung, dieselbe gespannte Aufmerksamkeit fordert, die
sie selbst leistet, und über die sie sich ein hochmütiges Zeugnis gibt. Ach,
Sulpicia kennt Euer Geschlecht nicht, und hört den Rat derjenigen nicht, deren
Erfahrungen sie belehren könnten! Das Weib, das dem Geliebten die ganze Fülle
ihrer Liebe zeigt, handelt höchst unklug; diejenige aber, die von ihm eine
gleiche Stärke und innige Erwiederung fordert, zeigt, dass sie nicht die
geringste Menschenkenntnis hat.
    Tiridates ist jung, schön, beliebt und gesucht, tausend lockende Abenteuer,
tausend üppige Gestalten winken ihm auf allen Seiten, und er soll die
herkulische Kraft besitzen, dem Allem zu widerstehen, und aus diesen
schimmernden Freudenkreisen freudig und ohne Rückblick in die Arme seiner
kränkelnden, verblühten, verstimmten Geliebten zu fliegen? Wahrlich, das ist zu
viel von einem so gebrechlichen Wesen gefordert!
    In wenig Tagen wird er zum Heere abgehen; denn der Feldzug ist schon
eröffnet. Nun wird Sulpiciens Qual verdoppelt beginnen. Ich fürchte mich darauf,
sie nach seinem Abschiede wieder zu sehen, wenn Entfernung, Ungewissheit und
Furcht ihr ohnehin bewegtes Gemüt in noch heftigere Spannung bringen werden.
    Auch Agatokles wird mit ihm Nikomedien verlassen - dann bin ich ganz einsam
in der grossen menschenvollen Hauptstadt. Er eilt diesmal sehr fortzukommen, es
ist, als brennte hier der Boden unter seinen Füssen. Nun wahrlich, von dem Fehler
der Eitelkeit, wenn ich ihn je gehabt hätte, würde ich hier ganz geheilt werden
müssen.
    Schreibe mir bald und oft, lieber Bruder! Deine Briefe werden eine Liebe,
eine höchst notwendige Abwechslung in das tödtende Einerlei bringen, in welchem
mein Leben hier dumpf verschleicht. Wahrlich, wenn sich das nicht bald ändert,
so werde ich meine ganze Munterkeit verlieren, und ein Gegenstück zu Sulpicien
werden. Leb' wohl!
 
                                    Fussnoten
1 Hesperien, ein Name von Italien.
2 In den ägyptischen Tempeln standen Symbole, die unter Tier- und
Pflanzengestalten allerlei Andeutungen, und geheimnisvolle Lehren für die
Eingeweihten entielten. Der Pöbel betete sie als Götter an. Die Diana von
Ephesus, als Sinnbild der allernährenden Natur, wurde als eine hohe Frau mit
vielen Brüsten vorgestellt.
3 Cappadocische Sclaven wurden zum Tragen der Sänften gebraucht.
 
                           44. Agatokles an Phocion.
                                                        Hierapolis1, im Mai 302.
Eine mörderische Schlacht ist vorüber, in der Tausende ihr Leben verloren haben,
in der auch mir der Tod furchtbar nahe war, und ohne Constantins heldenmütige
Liebe mich unter die Myriaden seiner Opfer gerissen hätte. Wir sind geschlagen,
und stehen am rechten Ufer des Euphrats. Das Lager ist bei Hierapolis
aufgeschlagen, ich aber bin meinem Feldherrn, meinem Retter in die Stadt
gefolgt, wohin ihn seine Wunde sich bringen zu lassen nötigte, seine Wunde, die
er für mich empfangen hatte. Er schläft im anstossenden Zimmer, und ich eile dir
Bericht von unserem Schicksal und meinem Leben zu geben, damit kein
vergrösserndes Gerücht dich beunruhigen, und bei der Gewissheit unsrer Niederlage
mein Schweigen dich mit Sorge um mich erfüllen möge.
    Galerius, der schon das vorige Jahr vergebens auf eine Gelegenheit geharrt
hatte, Valerians schimpfliches Ende und die Schmach des römischen Namens durch
einen entscheidenden Sieg an den Persern zu rächen, suchte jetzt, vielleicht mit
mehr Hast als Klugheit, eine Schlacht zu liefern. Ein unglückliches Verhängnis
hiess ihn die unabsehlichen Sandgefilde von Carrhae2 zum Schauplatze wählen, wo
schon einst Crassus mit seinen Legionen in dem verräterischen Boden und der
glühenden Hitze seinen Untergang gefunden hatte. War er falsch berichtet, oder
traute er sich allzuviel zu, genug, er griff wider den Rat aller seiner
Kriegsobersten die weit überlegenen Perser wütend an. Das Gefecht wurde heiss,
die Römer erkannten die Ueberzahl der Feinde, ihre Gefahr, aber auch die Ehre
ihres Namens, und die Schmach, die sie zu rächen hatten. Es wurde mit unerhörter
Tapferkeit gestritten, allein der sandige Boden wich treulos unter unsern Füssen,
und der Sonne senkrechter Strahl entglühte unsre Rüstungen zur unerträglichen
Last. Die Perser, stets durch frische Schaaren ersetzt, erneuten sich
unaufhörlich, wie das Haupt der Hydra, und boten unsern müden Armen immer
frische Gegner dar. Ihre ganze Macht warf sich auf den Mittelpunkt unseres
Heeres, wo Galerius befahl, er wurde durchbrochen, und nun war Verwirrung und
Unordnung allgemein. Nur Constantin hatte Besonnenheit und Mässigung genug, um
seine Schaaren, unverwirrt von dem allgemeinen Lärmen, in festgeschlossenen
Gliedern gegen die Brücke zu ziehen, die über den Euphrat führt, und in ihr die
Hoffnung unsres Rückzugs zu erhalten. Die zerstreuten Haufen flohen jetzt in
wilder Hast dem Strome zu, und Viele fanden in den Fluten ihr Grab. Tiridates,
auf den, als die Hauptursache des Krieges, jeder Perser seine Aufmerksamkeit
gerichtet hielt, und der, zu stolz eine unrühmliche Sicherheit durch Verkleidung
zu erkaufen, an Waffen, Helmbusch und der Heroengestalt vor Allen kenntlich,
auch jetzt noch durch die Reihen sprengte, und erhielt, was noch zu erhalten
war, sah sich auf einmal allein von einem grossen Trupp Perser umringe.
Widerstand war nicht möglich. Er gab dem Pferd die Sporen, und sprengte an den
Euphrat3. Die Feinde hatten ihn ereilt, keine Rettung blieb als in den Wogen. Er
stürzte mit der ganzen Rüstung in die schäumende Flut, ich hielt ihn für
verloren, aber mit Riesenkraft kämpfte er gegen das Element, und erreichte das
ziemlich ferne Ufer, wo ihn die Unsrigen mit lautem Freudengeschrei empfingen.
Jetzt suchten die Perser unserm kleinen Haufen den Uebergang zu erschweren, aber
Constantin verteidigte die Brücke mit eben so viel Besonnenheit als Mut. Da
sprengte der Anführer der Feinde heran, Constantins schlichte Rüstung mochte ihn
getäuscht haben, er hielt mich für seinen Gegner, und in der Hoffnung, die
Spoliae optimae4 zu erbeuten, zuckte er sein Schwert über mich. Ich stand
abgewendet, der gewaltige Streich hatte mich tödten müssen, wenn nicht
Constantin mit Schild und Arm ihn aufgefangen hätte. Im Augenblick der Rettung
erst erkannte ich meine Gefahr, ich wandte mich, und mein Schwert rächte die
Drohung, und Constantins Wunde. Der Perser fiel, die Seinigen zerstreuten sich,
wir sprengten ungehindert über die Brücke, die sogleich hinter uns abgeworfen
wurde, und erst hier, als wir von unsern Pferden sprangen, fand ich den
Augenblick, meinem Retter zu danken. Auch er fühlte erst jetzt seine Wunde, und
sank halb ohnmächtig in meine Arme. Wir hielten uns fest umschlungen. Du bist
mein, rief er, ich habe dich mit meinem Blute erkauft. - Ich drückte ihn an mein
Herz; unsre Seelen, nicht unsere Lippen, schwuren sich ewige Treue. Ich trug ihn
aus dem Gewühle, seine Leute eilten herbei, und was Liebe und Ergebenheit
ersinnen konnte, wurde aufgeboten, um seinen Zustand zu erleichtern. Seine Wunde
ist tief, aber nicht gefährlich. Ich lebe um ihn, ich schlafe an seiner Seite,
tausend kleine Bande knüpfen uns jeden Tag fester, und mein Herz öffnet sich
willig und freudig erhebenden Gefühlen, Aussichten und Planen, die Constantins
Verhältnisse, seine Denkart, seine Freundschaft für mich mir in schönerer
Zukunft zeigen. In weit umfassenden Entwürfen für die Menschheit verliert sich
die Rücksicht auf einzelnen Schmerz, und vor dem lauten Rufe der Pflicht für's
Ganze verstummt die Stimme bitterer Erinnerungen, wenigstens in so langen
Zwischenräumen, dass der Geist Zeit und Kraft gewinnt, um den Satz deutlich zu
erkennen, den man in guten Stunden so leicht ausspricht, und in trüben so
schmerzlich zugibt, den Satz - dass Glückseligkeit nicht der Zweck des Einzelnen
sei, und seine vielen Entsagungen und geringen Ansprüche darnach einzurichten.
 
                                    Fussnoten
1 Hierapolis, eine Stadt am rechten Ufer des Euphrats. Die Schlacht, welche hier
beschrieben wird, findet sich beinahe mit allen Umständen der wirklich
geschichtlichen Personen (Constantin ausgenommen) in dem 13. Kap. von Gibbons
Geschichte. Dass ich sie von dem Jahre 296 auf 302 verlegt habe, wird man in
einem Romane wohl verzeihen.
2 Geschichtlich.
3 Geschichtlich.
4 Spoilae optimae, wurde die Rüstung des feindlichen Heerführers genannt.
 
                       45. Constantin an Eneus Florianus.
                                                      Hierapolis, im Junius 302.
Vielleicht hat das tausendzüngige Gerücht meinen geehrten Vater, und dich,
meinen väterlichen Freund, mit dem Unglücke und der Niederlage unseres Heeres
bekannt gemacht, ehe dieser Brief den weiten Raum zwischen den Ufern des
Euphrats und der Tamasis zurücklegt. Auf jeden Fall werden die amtlichen
Berichte des Diocletian und Galerius meinen Vater schon weitläufig von allen
Umständen dieser unseligen Begebenheit unterrichtet haben; ich entalte mich
also aller näheren Beschreibungen. Und die Ursache unseres Unglücks? Die
Unzufriedenheit der Offiziere und Soldaten flistert sie sich leise in's Ohr. Ich
werde sie Niemand nennen, als meinem Vater und dir, denn nur Ihr kennt mich so,
dass natürlicher Widerwille gegen einen heimlichen Feind die Stimme der
Billigkeit nicht in mir übertäubt. Ich war Zeuge, Teilnehmer der Schlacht. Nur
ein stürmisch heftiges Gemüt, wie Galerius, konnte durch das Andenken an alte
Schmach so erhitzt werden, um mit einem ungleich schwächeren Heere und in
ungünstiger Stellung anzugreifen. Jetzt bereitet der stolze Perser die
schimmernden Gezelte weit diesseits der Gegend aus, wo vor einem Monate die
römischen Adler standen. Wir sind am rechten Ufer des Euphrats.
    Diocletian, der sich zu Anfang des Feldzugs in Antiochien aufhielt, ist
jetzt nach Nikomedien zurückgegangen. Er hat den Cäsar die ganze Schwere seines
Zornes fühlen lassen1. Zu Fuss - im Purpur, der in diesem Augenblick den Stachel
des Schimpfes schärfte, musste der stolze Galerius eine Stunde weit dem Wagen des
Kaisers folgen. Es wäre töricht und anmassend von einem Jünglinge, das Verfahren
verständiger Greise, deren gemeinnützige Klugheit achtzehn glückliche Jahre
bewährt haben, laut tadeln zu wollen. Doch kann ich nicht bergen, dass mir diese
ausserordentliche Bestrafung, die mehr von einem Durst nach Rache, als einer
weisen Absicht zu bessern zeigt, nicht in Diocletians gewöhnlichem Charakter zu
liegen scheint. Entweder hat ihn seine Kränklichkeit reizbarer gemacht, oder es
hat der List und den Ränken gelungen, die langgenährten Funken der Zwietracht
endlich in eine helle Flamme ausbrechen zu machen. Galerius ist schlau und stolz
genug, um seine Demütigung mit Gelassenheit zu ertragen, und vor der Welt durch
Unterwerfung unter den Willen seines Augustus sie als eine väterliche Züchtigung
minder entehrend scheinend zu machen. In ihm kocht Rache und Wut. Er hasst den
Augustus, er hasst auch mich, und ich kann Diocletian eben so wenig lieben, wie
er. So stehen wir einander entgegen, Jeder gerüstet, Jeder misstrauisch, Jeder im
Andern seinen Untergang befürchtend.
    In solchen Verhältnissen ist der Gewinn eines offenen treuen Freundes grösser
und bedeutender als je. Ich habe mir einen erworben. Es ist ein junger
Nikomedier, den ich im Hause des Bischofs kennen lernte. Sein Äußeres, der
Geist, der sich in seinen Reden zeigte, gewann ihm meine Achtung; jetzt hat im
genauern Umgange seine Denkart meine Liebe erworben. Er ist auf dem Wege, ein
Christ zu werden, in seinem Kopfe ist Raum für viel umfassende Plane, in seiner
Brust Liebe und Mut genug, sie auszuführen. Ich suche ihn an mich zu ketten.
Doch wozu dies absichtsvolle Wort? Unsre Herzen finden und verstehen sich von
selbst. In der letzten Schlacht hat gleiche Gefahr im Sturm des Gefechts unsern
Freundschaftsbund, wie ich hoffe, unauflöslich geknüpft. Er ist mein, ich sage
es mit Stolz und Liebe, ich habe ihn mir erworben, und ich glaube in jedem Fall
auf ihn zählen zu können.
    Noch muss ich meinen Vater und dich um Nachsicht bitten, dass dieser Brief so
spät, so lange nach den Gerüchten der Schlacht vor Euch kommen wird. Ich war
verwundet, nicht beträchtlich, doch so, dass es mich einige Zeit im Schreiben
hinderte. Dieser lange Brief und meine Versicherung sollen Bürge für meine
vollkommene Herstellung sein.
                                    Fussnoten
1 Die Hauptzüge dieser Begebenheit sind ganz nach Gibbon.
 
                           46. Agatokles an Phocion.
                                                      Nikomedien, im August 302.
Du wirst erstaunen, mitten im Laufe des Kriegs, wo du mich beim Heere
vermutest, einen Brief von mir aus Nikomedien zu erhalten. Ich bin seit gestern
hier, und erwarte alle Augenblicke abgesandt zu werden. Eine seltsame, eine
glänzende Reihe von Begebenheiten hat sich in den letzten Tagen
zusammengedrängt, und mich aus dem Dunkel meiner Lage hervorgerissen. Dir zu
erzählen, wie rasch, wie erschütternd, wie erhebend Alles auf einander folgte,
soll die Beschäftigung meiner Musse sein, während ich in einem Gemache des
kaiserlichen Palastes auf meine Abfertigung warte.
    Eingedenk der erlittenen doppelten Schmach sann Galerius im finstern Gemüt
darauf, durch einen entscheidenden Schlag dem übermütigen Perser die
verspottete Macht der römischen Heere, und dem ungerechten Augustus den Wert
desjenigen, den er straflos beleidigen zu können geglaubt hatte, mit nie
empfundenem Nachdruck zu zeigen. Er entwarf einen kühnen, aber grossen Plan.
Menschenleben und Forderungen der Natur kamen nicht in Anschlag: sein Weg ging
über sie hin. Durch Sandwüsten und unwirtbare Gegenden führte er das Heer in
überstrengten Märschen und erstaunenswürdiger Eile bis in die Gebirge Armeniens,
und stand auf einmal weit über und hinter den nichts ahnenden Persern jenseits
des Euphrats. Die Erfahrungen dieses Marsches werden mir ewig im Gedächtnisse
bleiben. Sie waren hart, aber gross und erhebend. Constantin, kaum von seiner
Wunde so weit hergestellt, dass er die Bewegung des Reitens vertragen konnte,
Tiridates zu Pracht und Wollust erzogen, selbst Galerius, den Alter und Würde
von den grössern Beschwerden des Kriegesdienstes freisprach, trugen, duldeten und
entbehrten, wie die gemeinsten Krieger. Ihr Beispiel ermunterte das Heer, und
willig und mutig folgte der Soldat dem Führer, der nichts vor ihm voraus hatte,
als die grössere Sorge für die ihm untergebene Schaar. Es war ein römisches Heer,
es war eines Imperators, würdig der vergangenen bessern Zeiten, und freudig
erhob sich der Geist im Anblick dieser kräftigen Gemüter, dieser Anstrengungen
zu einem grossen Zweck, dieses Verschwindens kleiner Absichten vor dem gemeinen
Wohl. Mit Achtung und Freude sah ich Tiridates handeln, mit Ehrfurcht und Liebe
meinen Constantin, mit Bewunderung den betagten Cäsar.
    Ein empfängliches Gemüt wird durch solche Beispiele unwiderstehlich
hingerissen, und oft erwachen Kräfte in ihm, die er vorher selbst nicht kannte.
So gross ist die Macht des Guten und der Tugend! Kundschafter hatten das
persische Heer von unsrer Annäherung unterrichtet, es wandte sich uns eilig
entgegen, aber es vermutete uns nicht so nahe. Unbesorgt um eine Gefahr, die
sie entfernt glaubten, schlugen sie in der Nacht ihre Gezelte auf, und ruhten
von den Beschwerden zweier Tagemärsche aus. Dies hatte Galerius erwartet. Ein
Angriff in, der Nacht ist für die Perser eine halbe Niederlage1. Ihre Pferde
stehen abgesattelt, angebunden, sie selbst, mit dem Tross und Geschleppe der
Bequemlichkeit und Wollust im Lager überhäuft, können sich nicht frei bewegen.
Constantin erhielt den schwersten Posten. Ihm den grössten Teil des Ruhms zu
lassen, war der schöne Vorwand, unter welchem der Cäsar ihm wenige Stunden vor
der Schlacht seine Instruction übergab; vielleicht mochte eine gehässigere
Absicht zum Grunde liegen. Beim Einbruche der Nacht nahte sich Constantin
schweigend und ernst, wie sie, von einer kleinen treuen Schaar, die er sich
selbst erlas, begleitet, dem Lager der Perser. Wir erstiegen den leichten Wall,
der es umgab. Niemand hörte uns. Die äussern Wachen fielen lautlos unter unsern
Streichen; mit Besonnenheit und Vorsicht drangen wir vorwärts, als jetzt auf
zwei Seiten, der Verabredung gemäss, Tiridates und Galerius mit wildem Getöse von
Aussen das Lager stürmten. Auf einmal war Verwirrung und Lärmen allgemein, und
die Perser, die sich nur gegen einen äussern Feind verteidigen zu müssen
glaubten, sahen ihn auf einmal in ihrer Mitte. Die Niederlage war vollkommen.
Das ganze Lager, alle seine Schätze, eine Menge Gefangener, und unter diesen die
Frauen des Narses wurden unsre Beute. Narses selbst entkam verwundet und nur
mühsam den Händen des kühnen Tiridates, der ihn wütend verfolgte. Erst der
anbrechende Tag zeigte unsern ganzen Sieg, die ganze Niederlage der Perser. Aber
auch von den Unsrigen waren viele gefallen. Der Tribun der Cohorte, unter der
meine Centurie stand, sank an meiner Seite; ich übernahm seine Stelle in der
entscheidenden Nacht. Am Morgen gefiel es meinen Gefährten, mich auf dem
Wahlplatze zum Tribun zu erwählen. Ihr Zeugnis war ehrenvoll. Constantin erhielt
vom Cäsar, den Siegeslust und gestillte Rache milder machten, die Bestätigung
dieser Wahl, und den Vorzug für mich, als Siegesbote nach Nikomedien gesandt zu
werden.
    So bin ich mitten in der vorigen Nacht, wenige Tage nach dem Gefecht, in
ununterbrochenem Jagen hier angekommen. Der Kaiser liess mir befehlen, öffentlich
einzuziehen, und schickte eine Abteilung der Jovianer2, Offiziere und Soldaten
in schimmerndem Schmucke, um mich abzuholen, und zu begleiten. Ich bin kein
Freund von öffentlichen Schaustellungen; diesmal indes benahm die allgemeine
Wichtigkeit der Botschaft diesem Auftrag einen Teil seiner Unannehmlichkeit.
Ganz Nikomedien hatte sich vor die Tore und in die Strassen ergossen, um den
Siegesboten zu sehen; mancher Jugendgespiele, mancher alte Bekannte, den Freude
und Neugier herbeigelockt hatte, bewillkommte mich freundlich unter dem
frohlockenden Haufen, der dem Augustus und dem siegreichen Cäsar laut
zujauchzte. Mein Herz war erweitert und angenehmen Eindrücken geöffnet. Von der
Terrasse3 ihres Hauses begrüssten mich Calpurnia und ihr Bruder. Eine seine Röte
überzog ihr Gesicht, als ich ihren freundlichen Gruss mit Achtung und Freude
beantwortete. Mir war wohl, ich gab mich dem schönen Zauber hin, der mich
umfing, bis im Palast des Kaisers die orientalische Despotenpracht mein Herz
beklemmend einengte. Ich kam von einem römischen Heere, gesandt von einem
Imperator, der, würdig der bessern Vergangenheit, nichts als der erste Krieger
seines Heeres war - ich war Zeuge, Genosse jener Anstrengungen und Entbehrungen
gewesen - und wie eine Last drückte das goldne Getäfel, die schimmernden Wände,
die Pracht, die sich um einen Einzigen hier auftürmte, auf meinen Geist. Die
Gegenwart des Proconsuls im Gemache des Kaisers verschafte mir eine Art von
Erquickung. Der Augustus hörte mich gnädig an, und ich muss mir gestehen, dass der
durchdringende Verstand, das scharfe Urteil, die vollkommenen Kenntnisse, die
er in diesem Gespräche äusserte, mir unwillkührlich Achtung abzwangen, und mich
zum Teil meinen Widerwillen gegen seinen Hochmut vergessen machten.
    Sehr verbindlich erkannte er meine Beförderung zum Tribun an, und fügte noch
ein kostbares Geschenk hinzu. Warum musste er das tun? Warum müssen die Grossen
jeden Dienst, der dem Vaterland geschah, abzahlen, und mit einem Geschenk, das,
wie gross es auch für den Beschenkten sein mag, dem Geber nichts mehr gilt, als
ein Sandkorn, das ihm unbewusst von dem aufgetürmten Haufen seiner Güter
herabrollt!
    Lucius Piso behandelte mich mit Liebe und Achtung, er lud mich zu sich, ich
nahm es gern an, denn ausser meinem Vater habe ich ja sonst Niemand mehr in
Nikomedien, der an meinem Schicksal Teil nimmt, dem ich Etwas bin - als sein
Haus. Mein Vater empfing mich mit grosser aber prunkvoller Freude, und bedauerte
nur, dass die kurze Zeit meines Aufentalts ihm nicht gestattete, die glänzendste
Begebenheit seines Hauses durch ein Fest zu feiern; doch nahm er sich vor, das
Versäumte nächstens nachzuholen. Ich widersprach nicht, und bemühte mich in
Allem, was er tat und sagte, nichts als die väterliche Liebe zu sehen, die
seinen Äusserungen zum Grunde lag, die nur die Farbe seines Charakters trug. Er
war so vergnügt; wie hätte ich ihm widersprechen können? Er liebt mich, und ist
das nicht das Beste, das Schönste, was der Mensch dem Menschen geben kann?
    Der Proconsul kam mir schon im Atrium mit Calpurnien und seinem Sohne
entgegen. In die herzliche Freundschaft ihres Betragens mischte sich eine zarte
Achtung, die, statt uns einander fremd zu machen, den Äusserungen gegenseitiger
Zuneigung einen höhern Reiz gab. Die Scheidewand, die Mann und Jüngling trennt,
schien heute zwischen dem Vater und mir gesunken, Calpurniens Bruder behandelte
mich mit achtungsvoller Freundschaft, und sie - höchst sittsam, beinahe
matronenmässig gekleidet, und in heiterer Gesprächigkeit gleich weit von
Ansprüchen entfernt, schien mir ganz liebenswürdig. Ich war vergnügt, und kein
Misston störte die stille Harmonie meiner Seele. Nach Tische entschlüpfte uns
Calpurnia unbemerkt. In einer halben Stunde liess sie uns rufen. Eine junge
Sclavin in Nymphentracht führte uns durch mehrere Gemächer und Gallerien bis in
einen Saal des Hintergebäudes. Wir traten hinein, eine liebliche Dämmerung und
süsse Düfte umfingen uns. Am Ende des Saales war eine Art Bühne, bloss durch
blühende Orangenbäume und Blumengewinde gebildet, und auf eine wunderbare Weise
durch Lampen erleuchtet, die selbst verborgen nur durch ihre zauberische Wirkung
bemerkbar wurden. Eine angenehme Musik ertönte, und Calpurnia in einem Anzuge,
der die ganze Schönheit ihrer Gestalt zeigte, ohne dem strengsten Sittenrichter
Anlass zum Tadel zu geben, schwebte, von Nymphen begleitet, als Venus Urania
herein. In einem sinnreichen Tanz drückte sie die Gesinnungen aus, die ihr als
dieser Göttin zukamen. Die Nymphen brachten ihr Lilien und Orangenblüten, sie
wand weisse Kränze als Sinnbilder der Unschuld daraus. Mitten in diesen
Beschäftigungen ertönte von fern und immer näher und näher dieselbe kriegerische
Musik, die mich heute bei meinem Einzuge in die Stadt begleitet hatte, und in
dem gleichen Augenblicke gaukelte eine Schaar Liebesgötter aus den Gebüschen
hervor. Kränze von Rosen, die sie trugen, Köcher und Pfeile, Schalkheit und
Mutwille charakterisirten sie als die Kinder der gewöhnlichen Cytere. Unwillig
empfing sie Urania. Sie bedeuteten ihr, was diese Musik anzeige, wer komme, und
dass sie dem Zuge entgegen eilen wollten. Urania schien ihr Vorhaben zu
missbilligen, sie zu warnen. Die Knaben eilten achtlos fort, aber nicht lange, so
kamen sie - die Kränze zerrissen, Pfeil und Bogen zerbrochen zurück, schienen
Uranien zu klagen, wie übel sie empfangen worden waren, und entflohen endlich
auf ihr strenges Geheiss. Jetzt sandte sie ihre Nymphen mit den weissen
Blumenketten ab, sie entschwebten in einer lieblichen Gruppe, und Venus Urania
drückte in einem pantomimischen Tanze ihre Erwartung und Ungeduld, wie diese
Sendung aufgenommen werden würde, aus. Auch diese Mädchen kamen traurig zurück,
sie hatten ihre Kränze noch unversehrt, aber sie drückten in ernsten mitleidigen
Stellungen aus, dass auch ihre Geschenke keinen Eingang in ein traurendes Herz
gefunden hatten. Gerührt und mitleidsvoll setzte nun die Göttin sich auf einen
Rasensitz und schien nachzusinnen. Plötzlich sprang sie wie begeistert auf,
winkte den Nymphen, enteilte mit ihnen, und indes die Musik des Marsches
fortwährte, kam sie, jedes Zeichen der Venus Urania abgeworfen, geharnischt und
behelmt, als Göttin Roma4 zurück. Die Victoria in der Rechten, einen
Lorbeerkranz in der Linken haltend, und von ihren Nymphen begleitet, eilte sie
gerade auf mich zu, und erhub die Hand, um mir den Kranz aufzusetzen. Ich war
betroffen, gerührt, erschüttert, und indes eine wehmütige Erinnerung, durch die
Pantomime der zurückkehrenden Nymphen erregt, mein Innerstes durchzuckte,
schlang so viel schmeichelnde Güte, so viel herzliche Achtung sich tröstend und
milde um mein Herz. Aber ihren Kranz konnte nur die Eitelkeit annehmen. Ich wich
zurück, ich wollte ihre Hand ergreifen - da umringten mich die Begleiterinnen,
und indem ein Chorgesang anfing, der mir sagte, dass nicht die Liebe, nicht die
Freundschaft, nur das Vaterland mich lohnen können, und ich starr und wie
bezaubert dastand, wand sie mit beiden schönen Armen mir das Lorbeerreis um's
Haupt. Nun eilten Vater und Bruder auf mich zu - der Chorgesang erhub sich
lauter im Einklange mit der kriegerischen Musik, ich fühlte Tränen in meinen
Augen, ein teures verklärtes Bild schwebte freundlich vor mir, und im Gedränge
so viel gemischter Empfindungen gab ich mich willenlos dem schönen Eindruck hin,
den das Ganze auf mich machte, und der mein Herz nicht verfehlen konnte.
Calpurnia ergriff meine Hand, und führte mich an die Türe, sie öffnete sich,
wir standen im Garten, der im Abendschimmer duftend und glänzend vor uns lag.
Jetzt erst beim Tageslichte sah ich, wie schön sie im Helm und Harnisch - ein
zauberisches Mittelwesen zwischen Venus und Pallas war. Sie behielt ihren Anzug,
sie mochte wohl, wissen, warum - übrigens blieb sie sich gleich, heiter,
freundlich, anspruchslos, und schien den Sinn ihres bedeutungsvollen Schauspiels
ganz vergessen zu haben. Ich konnte das nicht, und so war es mir lange nicht
möglich, den Ton zu finden, in welchem ich mit diesem seltnen, gefährlichen und
doch achtungswürdigen Wesen sprechen sollte. Eben fing ihre Unbefangenheit an,
mir die meine wiederzugeben, als der Befehl des Augustus mich abrief -
vielleicht sehr zur Zeit.
    Noch diese Nacht reise ich ab, und werde Nikomedien so bald nicht wieder
sehen. Ich denke, das muss ich - denn es ist nicht gut, in gewissen Umgebungen
viel zu sein, wenn man beständig weder darin sein kann, noch will. Was in mir
vorgeht, und welchen Eindruck die heutigen Scenen in mir hinterliessen, sollst du
aus dem Lager hören.
 
                                    Fussnoten
1 Ebenfalls geschichtlich, so wie die Folgen dieser Schlacht, Narses Verwundung,
und der durch den Apharban geschlossene Frieden.
2 Jovianer und Herkulianer waren die Benennungen zweier illyrischen Legionen von
geprüfter Treue, welchen Diocletian, um den Übermut der Prätorianer zu
mässigen, den Dienst der Leibwachen übertrug.
3 Die Häuser im Orient hatten, und haben noch grösstenteils platte Dächer, die
in den kühlen Stunden zum Luftschöpfen und Spazierengehen dienen.
4 Rom hatte seine eigene Göttin, der unter diesem Namen Tempel erbaut wurden.
Sie wurde verschieden abgebildet, unter andern aber auch mit einer Victoria in
der Hand.
 
                          47. Calpurnia an Sulpicien.
                                                      Nikomedien, im August 302.
Ich habe einen höchst genussreichen schönen Tag durchlebt, meine liebe Sulpicia!
und mein volles Herz drängt mich, meine Freude in den Busen meiner Freundin zu
ergiessen. So herrlich der Tag war, so lieblich ist sein Abend - und ich habe, um
ihn recht mit allen Sinnen zu geniessen, mir das Schreibgeräte auf das platte
Dach unsers Hauses bringen lassen, das nach orientalischer Sitte mit Blumen und
Orangenbäumen besetzt, einen Garten und recht angenehmen Spazierort für die
kühleren Stunden anbietet. Hier sitze ich unter Düften und Blüten, weiche Lüfte
umspielen mich, vor mir liegt die heilige Meeresflut unermesslich ausgebreitet,
über die der letzte Sonnenstrahl feurig brennende Brücken zieht. Sie selbst
glühend, wie vor Freude in den Erinnerungen des schönen Tages, dem sie
leuchtete, sinkt hinter den Bergen von Europa hinab, deren dunkelblaue
Riesengestalten sonderbar mit den hellen Massen in Luft und Meer kontrastiren.
    Um mich her ist ein freudiges Weben und Schwelgen in ruhigem Genusse. Käfer
und Mücken tanzen im letzten Sonnenstrahl, oder wiegen sich in Blumenkelchen.
Vor den Häusern oder auf ihren Terrassen sitzen die Nachbarn, und wiederholen in
traulichem Geschwätz die Freuden des Tages; hier und dort tönt eine Leier, oder
ein ferner Gesang durch die Stille. O meine Sulpicia! Warum bist du nicht hier,
um das Alles mit zu geniessen! Ja es war ein schöner Tag für mich - für ganz
Nikomedien, und du sollst Alles hören, um dich im Widerschein unsers Vergnügens
zu freuen.
    Schon gestern Abends verbreitete sich ein Gerücht von einem Siege, den
Galerius über die Perser erfochten habe. In der Niedergeschlagenheit, die sich
seit der letzten unglücklichen Schlacht der Gemüter bemächtigt hatte, war diese
Neuigkeit sehr erwünscht, und wurde begierig, obwohl nicht ganz ohne Misstrauen
ergriffen, weil wir leider schon öfters durch falsche Siegeshoffnungen waren
getäuscht worden. Desto grösser war die Freude, als heute mit anbrechendem Tage,
vom kaiserlichen Palaste aus, wohin der Tribun, der die Nachricht gebracht,
vorläufige Botschaft gesandt hatte, sich die frohe Bestätigung durch die ganze
Stadt verbreitete. Der Tribun bekam Befehl, öffentlich in die Stadt einzuziehen.
Die Strassen waren mit einer unzählbaren Menschenmenge bedeckt, deren dumpfes
Geräusch, wie des fernen Meeres, und ihr Hin- und Herfluten mich ergötzte. Ich
war auf die Terrasse über unserm Hause gegangen, wo ich jetzt schreibe, und sah
dem Schauspiel vergnügt, aber ohne besondre Teilnahme zu. Auf einmal
verkündigte ein lebhaftes Geschrei und Jauchzen, der Schall kriegerischer
Instrumente und die heftigere Bewegung der Menschenmasse die Annäherung des
Siegesboten. Alles schrie: Es lebe Diocletian! Es lebe Galerius! Es war ein
Freudentumult, der auch mich unwillkührlich ergriff, mein Herz schneller
schlagen, und Tränen der Freude in meinen Augen schwellen machte - es war mir,
als sollte ich mitrufen: Es lebe der Kaiser! So ansteckend ist das Entzücken.
Jetzt kam der Zug. Voraus ritt eine Schaar ganz gewaffneter und prächtig
geschmückter Krieger, hinter ihnen, von Offizieren umgeben, der Tribun im
Schmucke seines Ranges. Ich hatte schon vorher von meinen Sclavinnen gehört, dass
er sich bei der Schlacht sehr ausgezeichnet, und von seiner Cohorte auf dem
Schlachtfelde zum Tribun erwählt worden war; dies machte mich aufmerksamer auf
ihn. Es war eine schlanke Gestalt, die sich mit Anstand gegen die grüssende Menge
verneigte, aber je näher er kam, je sonderbarer ward mir zu Mute - ich glaubte
bekannte Züge zu entdecken, und - stelle dir meine Ueberraschung, meine Freude
vor - es war wirklich Agatokles. Als er an unser Haus kam, sah er sogleich
empor. So einnehmend, so froh hatte ich ihn nie gesehen. Sein Gesicht glühte,
seine Augen leuchteten vom freudigen Stolze, und doch war eine bescheidne
Haltung in seinem Wesen, die den schimmernden Eindruck lieblich mässigte. Er
grüsste mich sehr freundlich, ich beantwortete seinen Gruss mit so viel Achtung
und teilnehmender Freude, als sich nur in einen Gruss legen lässt, und ergötzte
mich an dem Umsehen, Emporblicken und Flistern der Menge, die dieses Zeichen
meiner genauern Bekanntschaft mit dem Helden des Tages aufmerksam gemacht hatte.
Nach einer Stunde kam mein Vater vom Augustus zurück, auch er war erfreut über
die Auszeichnung, die seinen Gastfreund ehrte. Er rühmte den gütigen Empfang des
Augustus, Agatokles bescheidnes kluges Betragen, und kündigte ihn mir als Gast
zur Tafel an.
    Wie ein Blitzstrahl fuhr mir der Gedanke durch den Kopf, den heutigen Tag
und Agatokles wohlverdienten Ruhm durch ein kleines Fest zu feiern. Gedacht -
getan! Ich liess meine Mädchen, und die jüngsten Sclaven meines Vaters rufen,
ich unterrichtete sie, so gut sich in der Eile tun liess; unser grosser
Gartensaal ward zum Schauplatze eingerichtet, und Alles recht hübsch geordnet.
Noch vor der Essenszeit zog mich ein Geräusch an's Fenster - er war es. Ohne den
Prunk, der ihn zuvor umgeben hatte, zu Fuss, nur von einem Sclaven begleitet, kam
er auf unser Haus zu; aber das Volk lief ihm nach, und begleitete ihn mit
Freudensbezeigungen bis beinahe in's Atrium. Hier empfingen ihn mein Vater, mein
Bruder und ich mit einer herzlichen Freude, in die sich - unwillkührlich etwas
Feierliches mischte. Er gab sich, in dem frohen Gefühle, unserer Freundschaft
hin; er war heiter, gesprächig, sogar munter. O wie liebenswürdig, wie
gefährlich könnte der Mann sein, wenn er immer so heiter wäre! Nun, zum Glücke
für uns arme leichtsinnige Geschöpfe, die nicht so glücklich sind, Larissen zu
sein, kömmt er nicht alle Tage als Siegesbote, und so ist auch keine Gefahr, dass
er alle Tage so liebenswürdig sein wird.
    Nach dem Essen entschlüpfte ich unbemerkt, und nachdem Alles veranstaltet
war, liess ich meinen Vater und ihn in den Gartensaal rufen. Auch für meinen
Vater war mein kleines Fest eine Ueberraschung, um desto besser gelang es, und
ich glaube, dass alle Parteien gleich vergnügt auseinander gingen. Als ich zu
Agatokles trat, ihm den Kranz aufzusetzen, sah ich ihn unwillkührlich
zurücktreten, und eine brennende Röte überflog sein Gesicht. Er hielt meine
Hand zurück, aber ich liess mich nicht stören, und während meine Mädchen sich in
lieblichen Stellungen schwebend und tanzend um ihn gruppirten, wand ich ihm das
Siegeszeichen in die Locken. So stand er bekränzt und betroffen vor mir, und
dankte mir mit einem Blicke und Ton, der mir meine kleine Mühe so vergalt, wie
ich sie vergolten zu haben wünschte, und - zeihe mich immer heimlicher Listen
und Absichten - durch mein Fest vergolten haben wollte.
    Wir gingen in den Garten, mein Vater wurde abgerufen, ich blieb allein mit
Agatokles. Er war nicht ohne Verlegenheit, das sah ich - es freute mich, und
erhielt mir meine ganze Unbefangenheit. Das muss sein, wenn ich nicht auf der
Stelle den erhaltenen Gewinn verlieren, und wieder auf dem Platze mit ihm stehen
will, auf dem ich vor seiner Ankunft stand. Er muss zu denken, auszulegen, zu
enträtseln haben, wenn ich meine Absicht erreichen will, nicht ich - wir müssen
Rollen tauschen. Unsere Unterhaltung war eine Weile einsylbig, dann aber desto
lebhafter, und obwohl sie beständig in den Schranken zwangloser Freundschaft
blieb, war ich doch ganz wohl mit dem Erfolge des Tages zufrieden, und sah ihn
ruhig Abschied nehmen, als er, zum Augustus berufen, dem unwillkommenen Befehl
ziemlich unmutig gehorchte.
    So stehen nun die Sachen. Die nähere Beschreibung des Festes, und eine
Zeichnung, die ich bis jetzt nur entworfen, und nächstens auszuführen im Sinne
habe, bringe ich dir selbst mit, sobald meines Bruders Geschäfte ihm erlauben,
mich zu dir zu begleiten. Der Entwurf ist gelungen, ich hoffe, die Vollendung
soll es auch werden. Aber nun auch kein Wort weiter. Die Sonne ist längst hinab,
und die Dämmerung macht alle Buchstaben vor meinen müden Augen verschwinden.
Schlaf wohl!
 
                       48. Teophania an Junia Marcella.
                                                        Nicäa, im September 302.
Mit welchen Empfindungen, geliebte Freundin! wirst du dieses Blatt in die Hand
nehmen, das dir Nachricht von dem Leben, von dem Schicksale eines Wesens gibt,
dessen Tod deine Freundschaft seit acht Monaten als gewiss beweint hat? Ja, ich
lebe noch! Es hat der Vorsicht gefallen, mein Dasein auf eine unverhoffte,
wunderbare Weise zu erhalten; aber ich würde mich dieser wunderbaren Fügung
durch eine Falschheit unwürdig machen, wenn ich sagen wollte, dass ich sie für
ein Glück erkenne, und jetzt in dieser Lage, in der ich mich befinde, mein
verlängertes Leben für ein wünschenswertes Gut halte. Ich kann mir die
tausenderlei Empfindungen und Fragen vorstellen, die sich aus deinem liebevollen
Herzen nach meinen Schicksalen, meiner Erhaltung, meinem jetzigen Zustande
hervordrängen; aber da ich sie nicht alle zugleich beantworten kann, so genüge
dir indes zu wissen, dass ich gesund und ruhig bin, dass ich zu Nicäa im Schoss
einer sehr rechtschaffenen Familie bei Heliodors Bruder, dem achtungswürdigen
Lysias, lebe, und - lass mich nun langsam und ordentlich die sonderbaren Zufälle
erzählen, die mein Leben erhielten, und bis jetzt fristeten.
    In jener Schreckensnacht, als plötzlich ein grässlicher verwirrter Lärmen die
Bewohner unserer Villa aus dem Schlafe aufschreckte, und Demetrius durch kein
Flehen von seinem Vorhaben, sich den Barbaren zu widersetzen, abzubringen, und
zur Flucht zu bereden war, sah ich mich, nachdem er alle waffenfähigen Männer
mit sich genommen hatte, mit ein paar alten Sclaven und meinen Weibern ganz
allein. Mir war diese Lage nicht unerwartet, ich hatte sie vorher sehen können,
und war darauf vorbereitet. Ich kann nicht sagen, dass ich sehr erschrocken oder
verwirrt gewesen wäre; denn mein Vorsatz war gefasst. Ich liess meine Leute zu mir
kommen, stellte ihnen die Lage der Dinge vor, und überliess es ihrer Wahl, was
sie tun, ob sie den Ausgang des Gefechtes abwarten, oder sich noch in Zeiten
retten wollten. Ich selbst erklärte für mich, dass ich bis zum entscheidenden
Augenblicke meinen Gemahl und die Villa nicht verlassen, und mich nur in der
höchsten Not durch die Flucht retten würde. Nachdem ich ihnen dieses verkündet
hatte, ergriffen Einige die Flucht auf der Stelle, Einige verbargen sich in dem
Garten, Einige blieben im Hause, unter ihnen Melyte, die schönste und jüngste
meiner Sclavinnen, indem sie, verführt durch allerlei Gerüchte, dass die Goten
nichts weniger als unempfindlich gegen die Schönheit wären, und manches
gefangene Mädchen ein glänzendes Glück bei ihnen gemacht habe, nichts
befürchtete. Ich versuchte vergebens, ihr die Torheit dieser Hoffnung
begreiflich zu machen; sie beharrte auf ihrem Entschluss, und von allen meinen
Leuten blieb nur eine Einzige, die treue Evadne, bei mir. Mit dieser begab ich
mich in eines der Gartenhäuser, von wo aus uns im schlimmsten Falle die Rettung
auf das Feld, und dann durch Auen und Gebüsche, die ich wohl kannte, bis zu
einem eine Stunde weit entlegenen Dorfe offen stand. Wir zogen männliche
Sclavenkleider an, steckten einige Kostbarkeiten, und jede ein kurzes Schwert
und einen Dolch zu uns, und so harrten wir, betend in banger Erwartung, der
Entscheidung unsers Schicksals. Ein alter Sclave gab uns von Zeit zu Zeit Kunde
von dem Gefecht, das länger zweifelhaft blieb, als ich Anfangs gedacht hatte.
Endlich überzeugte uns die schreckliche Nachricht, dass mein Gemahl mit den
meisten seiner Leute erschlagen sei, und nur einige Wenige sich durch die Flucht
zu retten suchten, von unsrer drohenden Gefahr. Trotz aller Leiden, die meine
Verbindung mit Demetrius über mich gebracht hatte, erschütterte mich sein Tod
doch auf's Äusserste, ich brach in Tränen aus, und wollte auf's Schlachtfeld,
zu sehen, oh noch Rettung, noch Hoffnung für ihn übrig war. Meine Leute hielten
mich ab, sie stellten mir die Gefahr, ja die Unmöglichkeit des Schrittes vor,
sie drangen in mich, zu entfliehen. Ich folgte ihnen zuletzt. Wir entflohen, und
kamen glücklich beinahe eine Viertelstunde weit durch das Dickicht fort. Wie mir
damals war, kann ich nicht sagen. Tausend schmerzliche Gefühle strebten in
meiner Seele empor, aber das mächtigere der gegenwärtigen Gefahr hielt sie alle
nieder, und richtete alle meine Gedanken nur auf den einzigen Punkt meiner
Rettung. Schon singen wir an einige Hoffnung zu nähren, als plötzlich einige
Barbaren, die sich während des Gefechts in der Gegend zerstreut hatten, uns von
der Seite überfielen. Flucht war unmöglich; wir suchten uns also zu wehren, so
lange wir konnten. Noch begreife ich nicht, woher mir diese Entschlossenheit
kam. Es war nicht der Mut der Verzweiflung, denn ich behielt eine ziemlich
klare Ansicht meiner Lage; aber ich schreibe sie zuerst der Güte Gottes zu, der
ja jedes Wesen mit den zu seiner Erhaltung nötigen Gaben ausgerüstet hat, und
dann, meiner geringen Furcht vor dem Tode. Ich fühlte wohl, dass uns die Barbaren
schonten, dass sie uns lebend zu fangen trachteten; das gab mir Zuversicht. Aber
was sind weibliche Kräfte, und ein Arm, ungeübt, das Schwert zu führen?
Ungeduldig und erzürnt über meinen fruchtlosen Widerstand zückte der Gote
seinen Säbel, und haute nach mir. Ich glaubte den Todesstreich zu empfangen,
aber er wollte mich vermutlich nur wehrlos machen. Sein Streich traf meine
Wange, die sogleich heftig zu bluten anfing, und wie ich erschrocken mit der
Hand darnach fuhr, entriss er mir leicht das Schwert, an das ich in der
Bestürzung nicht gleich dachte. Evadne schrie laut auf, da sie mich bluten sah,
und warf ihr Schwert weg, um mir zu helfen. Ich winkte ihr, uns nicht durch
übertriebene Sorgfalt zu verraten; sie schwieg, aber ich sah Tränen in ihren
Augen, und dieser Anblick gab mir mitten in meiner traurigen Lage ein angenehmes
Gefühl. Jetzt fielen die Goten über uns her, und banden uns die Hände; aber
indes sie noch damit beschäftigt waren, nahte sich ein zweiter Haufe zu Pferd,
an dessen Spitze ein Mann von edlem Ansehen ritt.
    Sie sprengten auf uns zu, sie sprachen unter einander, sie sahen uns öfters
an, wir konnten sehen, dass wir der Gegenstand ihres Gespräches waren. Endlich
näherte sich uns der Anführer, er liess unsere Bande auflösen, und sagte uns in
gebrochenem Griechisch, indem er uns als Knaben anredete, unser Mut hätte ihm
gefallen, er wolle uns nicht binden lassen, er traue unsrer Ehrlichkeit, wir
sollten ihm zu den Schiffen folgen. Jetzt war Alles verloren, und unser Loos das
schlimmste, das uns treffen konnte - Gefangenschaft. Meine einzige Hoffnung,
meine einzige Rettung bestand noch in dem Dolche, den ich auf's sorgfältigste zu
verbergen mich bestrebte. Man führte uns zu den Schiffen. Der ziemlich weite
Gang, die kalte Luft hatten die Schmerzen meiner Wunde sehr vermehrt. Der edle
Fritiger, so hiess der Anführer, sah mir meine Leiden an. Er liess den Zug bei
einer Quelle halten, ein bejahrter Gote trat auf seinen Befehl hinzu, wusch
meine Wunde, legte Kräuter, die er bei sich trug, darauf, und verband sie, so
gut es Eile und Ort erlaubte. Ich fühlte bald einige Linderung, und musste die
Güte der Vorsicht bewundern, die diese Wilden in den rohen Erzeugnissen der
Natur einfache Heilmittel finden lässt. Wir bestiegen die Schiffe - ach, und wie
die Morgenröte anbrach, sah ich die geliebten Ufer der Heimat schon ziemlich
fern in Nebeln sich verlieren. Bei diesem Anblick brachen meine Tränen heftig
hervor, und das ganze Gefühl meines Unglücks, die ganze Uebersicht Alles dessen,
was ich verlor, und die Schrecken, die meiner warteten, fielen auf einmal auf
mich. Ich glaubte zu vergehen. Zweimal zuckte meine Hand nach dem Dolch -
zweimal hielt mich bloss der Gedanke an die Unrechtmässigkeit des Selbstmordes ab.
Doch blieb der Entschluss fest, ihn zu brauchen, sobald mein Geschlecht entdeckt
und meine Ehre in Gefahr sein würde. Dann hielt ich das letzte Rettungsmittel
für erlaubt. Zwei Tage vergingen in diesem trostlosen Zustande auf dem elenden
Kahn, der uns, unbegreiflich genug, dennoch über den unsichern Euxin trug. Am
dritten Abend erschien uns die westliche Küste. Jetzt erwachten alle meine
Schmerzen, welche Ergebung in den Willen der Vorsicht, und das Mitleid unsers
edelmütigen Gebieters etwas besänftigt hatten, wieder. Ich war so erschüttert,
dass ich schwankte. Fritiger sah meine Schwäche, er nahm mich wie ein Kind auf
den Arm, und trug mich an's Land. Hier sprach er mir von Neuem Trost ein. Er
sagte mir, dass ich ihm angehörte, dass ich sein Sclave sei, dass er mich aber
recht gut halten wollte, wenn ich es verdiente. Aus seinen männlichen Zügen
sprach nichts Grausames, aus den grossen blauen Augen sogar Güte. Er war nun das
einzige Wesen auf der Welt, dem ich angehörte, das an mir Teil nahm, das mich
schützen konnte. Ein Grauen überlief mich, aber ich sah die Notwendigkeit ein,
mich in mein Geschick zu ergeben; ich gelobte ihm Gehorsam und Treue, und bat
ihn um Geduld. Er versprach mir, väterlich für mich zu sorgen. Der Zug ging dem
Walde zu, aus dem uns bald mit lautem Freudengeschrei ein grosser Haufe von
Weibern und Kindern entgegeneilte, die Zurückkehrenden zu empfangen. Eine Art
von Freude strahlte in meine Seele, als ich eine schöne grosse Frau von mittleren
Jahren, und drei sehr wohlgebildete Mädchen, deren ältestes etwa fünfzehn Jahr
alt sein mochte, auf meinen Gebieter zueilen, und ihn als Gemahl und Vater
bewillkommen sah. Er stellte ihnen seine beiden Sclaven vor, und ich sah wohl,
dass Evadne, die einem ganz hübschen Jüngling glich, die Aufmerksamkeit und
Teilnahme Gisella's, des ältesten Mädchens, auf sich gezogen hatte. Dort nahm
man uns Beide gütig auf, und wir kamen bald zu den Wohnungen des Stammes und in
Fritigers Hütte.
    Wie diese Hütte aussah, wie hier jede Bequemlichkeit fehlte, an die der
Bewohner des gebildeten Landes gewöhnt ist, und welche Leiden und Entbehrungen
uns daraus entsprangen, wäre überflüssig zu schildern, du kannst es dir
vorstellen. Doch die stille unwiderstehliche Gewalt der Gewohnheit machte uns
zuletzt auch diese Beschwerlichkeiten erträglich. Ich lernte hier unter diesen
einfachen Menschen einsehen, wie wenig die Natur bedarf, wie viele Lasten uns
unsre Bedürfnisse auferlegt haben, und in der Denkungsart und Behandlung unsrer
Gebieter fanden wir Trost und Erleichterung. Ach, meine Liebe! wir schelten
diese Menschen Barbaren, und ich habe Tugenden und Gefühle unter ihnen
angetroffen, die wir in der gebildeten Welt bald nur dem Namen nach kennen
werden. Ihre Sitten sind rauh, aber einfach, ihre Gefühle heftig, aber wahr, und
in diesen starken unverdorbenen Gemütern ist Grossmut, Treue, Aufopferung und
Liebe bis zum Tod keine bewundernswürdige Seltenheit. Ihre meisten Fehler sind
Folgen ihres einsamen Zustandes, ihres Mangels an Beschäftigung. Die Frauen
besorgen den Haushalt, der Männer einziger Beruf ist Jagd und Krieg, und in den
vielen müssigen Stunden, die diese Lebensart mit sich bringt, verfällt der Geist,
der doch immer tätig sein will, auf gefährlichen niedrigen Zeitvertreib. Spiel
und Trunk füllen diese Stunden aus, und da in diesen grossen kräftigen Gemütern
jede Neigung bald zur Leidenschaft wird, so fallen hierdurch oft schreckliche
empörende Auftritte vor. Das sind aber auch die einzigen Laster, die wir ihnen
mit Recht vorwerfen können. Sonst beschämen sie uns in den meisten Tugenden, und
wahrlich, die Frauen hätten vor Allem Ursache, die Sitten dieser sogenannten
Wilden zu preisen. Ihre Weiber sind nicht, wie beinahe im ganzen Orient,
Sclavinnen der Männer, oder höchstens ein Spielwerk, mit dem sie tändeln, so
lange es ihren Augen gefällt. Die Frau des gotischen Kriegers ist seine
Freundin, seine erste Vertraute, die Teilnehmerin aller seiner Entschlüsse, oft
seine Begleiterin in der Schlacht. Dort darf sie hinter dem Treffen seiner
harren, sie verbindet seine Wunden, sie trocknet den Schweiss von seiner
Heldenstirn, sie teilt seinen Ruhm, oder stirbt mit ihm, wenn er fällt, um
seinen Verlust und ihre Freiheit nicht zu überleben. Ach wie oft habe ich mir in
jenen ängstlich schönen Zeiten, als das Heer bei Edessa und Nisibis stand, ein
solches Verhältnis geträumet, ohne zu ahnen, dass es schon wirklich irgendwo
vorhanden sei! Wenn ich damals mit gedurft hätte - wenn ich ihn hätte begleiten,
seine Lanze tragen, meine Brust zu seinem Schilde machen, sein Blut mit meinem
Schleier stillen dürfen - ich würde nicht gezittert haben, alle weibliche
Furchtsamkeit wäre vor dem Gedanken entwichen, bei ihm zu sein, und ihn zu
schützen. Eitle Wünsche! Damals gebot die Pflicht - und jetzt - - Doch ich will
meiner Erzählung nicht vorgreifen.
    Die Güte, womit wir behandelt wurden, die Strenge und Reinheit der Sitten,
in Absicht auf den Umgang der beiden Geschlechter, die ich unter diesem Volke
herrschend sah, und vor Allem Gisella's Empfindungen gegen Evadne, die durch die
fortgesetzte Täuschung immer lebhafter wurden, bewogen mich, der Mutter unser
Geheimnis zu offenbaren, und ihr zu sagen, dass wir Frauen wären. Man nahm diese
Entdeckung mit Erstaunen, aber ohne Widerwillen auf, und die Sorgfalt, die man
von dem Augenblicke an für unsere strenge Absonderung von den männlichen
Bewohnern des Hauses, und für angemessne Kleidung trug, zeigte mir, wie
zweckmässig dieser Schritt war, und wie wenig wir in dieser Hinsicht zu fürchten
hatten. Ich lebte nun ziemlich ruhig, aber in tiefer Schwermut fort. Die
Trennung von allen meinen Lieben, die mannigfaltigen Beschwerden meiner Lage,
und die wenige Hoffnung auf eine Aenderung beugten mich tief.
    So verging der Winter, dessen Macht ich hier erst mit Schrecken und mit
körperlichem Schmerz kennen lernte, als ich den tiefen Schnee die ganze Gegend
unwegsam machen, und die grossen breiten Ströme, von Eis gefesselt, starr und
still stehen sah. Indessen fand mein Gemüt auch in diesen rauhen Tagen eine
Beschäftigung, an der es mit Liebe und Zufriedenheit hing. Ich lehrte meine
Hausgenossinnen allerlei Arbeiten, Vorteile und Annehmlichkeiten des Lebens und
Haushalts kennen, ich und Evadne wurden ihre Meisterinnen, und bald sah ich die
unwiderstehliche Macht der höheren Bildung über rohe aber unverdorbene Gemüter.
Wir bekamen immer mehr Schülerinnen aus den benachbarten Hütten. Sie, die
befehlen konnten, horchten begierig auf unsern Unterricht, sie ehrten uns wie
bessere Wesen, und hätten sich unsere Befehle gefallen lassen, wenn der Wunsch
zu gebieten in meiner oder Evadnens Brust gelegen hätte. Aber wenn ich auch
ihren Gehorsam nicht verlangte, so war es mir doch ein süsses Gefühl, Gutes unter
ihnen verbreitet, und schönen Saamen ausgestreut zu haben, der noch in später
Zukunft Früchte tragen könnte. Du wirst es mir für keine Eitelkeit auslegen,
wenn ich dir sage, dass uns mehr als ein Antrag von gotischen Jünglingen, ja von
einigen ihrer ersten Heerführer gemacht wurde. Eben so leicht wirst du mir auch
glauben, dass es mich weder Ueberwindung noch Ueberlegung kostete, sie
auszuschlagen. Bei Evadnen, deren freies Herz sie nicht nach dem Vaterland
zurückzog, deren Stand ihr manche Härte ihrer jetzigen Lage erträglicher machte
als mir, gelang es dem edlen tapfern Kattwald besser. Er ist Fritigers Neffe,
und wahrlich, ich habe wenig schönere Männer gesehen, als diesen hohen, beinahe
riesenmässig gebauten Jüngling, mit seinen dunkelblauen Augen und seinem goldnen
Gelocke. Er warb um sie, und sie gab ihm nach der Neigung ihres Herzens, nach
dem Rat der Familie, und nach meinem eignen ihre Hand.
    Jetzt war der Frühling gekommen, der tiefe Schnee und das Eis der Flüsse
schmolz zu einem unendlichen Gewässer, das fürchterliche Verheerungen in der
Gegend anrichtete, und in mir die Sehnsucht nach dem schönen Himmel meines
Vaterlandes, nach Allem, was dort lebte, mit solchem Schmerz erregte, dass ich
manchmal wirklich vor Sehnsucht zu sterben fürchtete. O meine Liebe! Wie
schwach, wie töricht war ich! Ich fürchtete mich zu sterben; denn trotz aller
Hindernisse nährte ich die Hoffnung der Rückkehr, der jetzt schuldlosen ewigen
Vereinigung mit dem Freunde meiner Jugend. Das Leben war mir lieb geworden - um
seinetwillen! Ich zitterte vor dem Gedanken, es jetzt zu verlieren, und in
diesem wilden Lande, einsam, von ihm geschieden, zu sterben.
    Die Wasser verliefen, die Gegend stand im Frühlingsschmuck, die Wege wurden
wieder gangbar, und mit ihnen kam uns Kunde, dass Fremde - Christen, Griechen in
der Nachbarschaft wären. Den Eindruck, den mir diese Nachricht machte, kann ich
dir nicht beschreiben. Ich ward krank vor Freude, denn die entzückende Hoffnung,
dass sie um meinetwillen, mich zu suchen, da waren, dass Er unter ihnen sei,
brachte mich fast ausser mir. Immer hatte ich diesen heimlichen Wunsch gehegt,
und ihn, was auch meine Vernunft dagegen einwenden mochte, nie aus dem Sinne
verlieren können. Dass es noch nicht geschehen war, schrieb ich der Jahreszeit,
und den Stürmen des Meeres zu. Diese schöne Täuschung verschwand bald, aber es
blieb noch Stoff genug zur Freude für mich. Es waren Griechen, Landsleute,
dieselben, von denen du mir nach Trachene geschrieben, die aus dem frommen
Endzwecke, das Christentum zu verbreiten, sich in diese rauhen Gegenden, unter
dieses barbarische Volk gewagt hatten. Die Mühseligkeiten und Gefahren, die sie
auf ihren Pilgerfahrten ausgestanden, die Standhaftigkeit, mit der sie Alles
ertrugen, der Eifer, mit dem sie ihre Bequemlichkeit, ihr Leben wagten, rührte
mich tief, und flösste mir heilige Ehrfurcht vor ihnen ein. Auch waren sie schon
so glücklich gewesen, schöne Früchte ihrer Bemühungen zu sehen. Die einfachen
Lehren des Christentums hatten Eingang in die unverdorbenen Herzen gefunden,
und die Milde, womit diese frommen Männer ihre neuen Schüler in den Lehren der
Religion sowohl, als manchen nützlichen Arbeiten und Künsten unterrichteten,
gewann ihnen die Liebe derselben. Sie hatten Ackergeräte, Handwerkszeug,
Sämereien mitgebracht. Sie machten ihnen den Nutzen dieser Dinge, den grossen
Vorteil des Ackerbaues, und einer steten Lebensart einsehen, und schon waren
hie und da kleine Gemeinden errichtet, die dichten Wälder, die dieses Land in
feuchte kalte Schatten hüllen, stellenweise niedergehauen, und das frische
Erdreich mit nützlichem Saamen gebaut, den die Hand der neuen Christen unter
feierlichem Gebete und Segnungen ihrer ehrwürdigen Lehrer in frommem Vertrauen
ausgestreut hatte. Man kündigte auch uns ihren Besuch an, und eine entzückende
Hoffnung auf Rettung durch sie, und Rückkehr in mein Vaterland durchdrang mein
gebeugtes Gemüt, und machte mich unaussprechlich froh. Sie kamen an, es war
Heliodor mit noch zwei Gefährten. Nie werde ich den Eindruck vergessen, den der
Anblick der Landsleute, der Ton der Muttersprache aus ihrem Munde auf mich
machte. Fritiger nahm sie mit Achtung und Liebe auf. Ihr Geschäft gelang auch
hier zum Verwundern gut. Ich hatte das himmlische Vergnügen, die Familie meines
Wohltäters in den Bund der Christen angenommen, und so den Keim zu tausend
künftigem Guten in diesen Gegenden empor wachsen zu sehen.
    Heliodor war seinerseits nicht wenig erstaunt, mich hier zu finden. Ich
entdeckte ihm mein Schicksal, und bat ihn, mich zu retten, und zu den Meinigen
zu bringen. Er versprach zu tun, was er vermöchte; denn er war ohnedies
entschlossen, bald nach Bytynien zurück zu kehren, dem Bischof Nachricht von
dem Fortgang seiner Unternehmungen zu geben, und ihn um Unterstützung in seinem
Geschäfte, und um mehrere Gefährten zu bitten. Er trug Fritigern meine Bitte
vor. Ich hatte nicht den Mut dazu, denn ich wusste wohl, dass man mich nicht gern
ziehen lassen würde. Was ich gefürchtet hatte, geschah. Des Goten ganze
Wildheit brach ungestüm hervor, als man ihm von dem Verluste einer Person
sprach, an die er sich mit Liebe gewöhnt hatte. Heliodors unwiderstehlicher
Beredtsamkeit, seinem ehrwürdigen Ansehen gelang es endlich, das stürmische
Gemüt zu besänftigen; er hörte ihn gelassener an - aber mich fort zu lassen,
dazu war er auf keine Weise zu bewegen. Er liess mich rufen, er schalt, er
drohte, endlich bat er mich mit Tränen, ihn nicht zu verlassen. Ach, das war
ein harter Kampf! Es gehörte alle Macht treuer Liebe dazu, um hier zu
widerstehen. Ich weinte heftig, ich sank vor ihm nieder, küsste seine Hand, wie
die eines Vaters, und wahrlich mit denselben Empfindungen; ich schilderte ihm
Alles, was ich in meinem Vaterlande zurückgelassen hatte, was meiner wartete,
ich sprach endlich seine eigne Vaterlandsliebe an, ich bat ihn, sich an meine
Stelle zu setzen, und für mich zu entscheiden.
    Er stand eine Weile stumm - dann sagte er mit heftigem, aber nicht rauhem
Tone: »Geh hin; ich weiss, du kannst hier nicht glücklich sein, aber wir können
dich auch nicht vergessen.« Ich ergriff seine Hand, drückte sie an mein Herz,
und wollte ihm danken. In dein Augenblicke sagte Heliodor etwas von dem
Lösegelde, das er für mich bestimmen sollte. Ich hatte vorher mit Heliodor
darüber gesprochen, und dabei auf die kleinen Schätze, die ich und Evadne
gerettet und bisher verborgen hatten, und falls diese nicht zureichen sollten,
auf deine und meines Jugendfreundes Reichtümer und Liebe gerechnet; aber ein
geheimes Gefühl erlaubte mir nicht, dieses Anerbietens in diesem Augenblicke zu
erwähnen. Heliodor tat es doch, und Fritiger fuhr wild empor. Zorn sprühte aus
seinem Blick, er entriss mir seine Hand, und stiess mich unsanft weg: »Was denkst
du,« rief er entrüstet, »was wagst du mir anzubieten? Ich kann dich frei lassen,
ich kann dich verschenken - verkaufen werde ich dich nie. Geh in dein Vaterland
zurück, weil du nicht mehr bei uns bleiben willst, und sage deinen Landsleuten,
dass uns Barbaren das, was wir lieben, nicht um Gold feil ist.« Er wandte sich
rasch weg, und wollte sich entfernen. Ich eilte ihm nach, ich ergriff seine
Hand, ich küsste sie, ich beschwor ihn, mich nicht im Zorn zu entlassen, mir zu
sagen, dass er mir vergebe, und mir eine Schuld nicht anzurechnen, die ich nicht
begangen hatte. Er blieb stehen, sah mich ernst, aber ohne Zorn an, drückte mir
endlich die Hand und sagte: »Du bleibst doch meine Tochter, wenn du auch
jenseits des Meeres wohnen wirst.« Ich gelobte es ihm, ja ich gelobte ihm sogar,
wenn ein widriges Schicksal meine Hoffnungen zerstören, wenn ich in meinem
Vaterlande nicht glücklich werden sollte, zu ihm und seiner Familie
zurückzukehren. Und bei Gott, Innia! es scheint, ich werde dieses Versprechen
halten!
    In den wenigen wehmütig frohen Tagen, die wir noch mit einander zubrachten,
wurden alle Anstalten zu unserer Abreise gemacht. Fritiger und sein Neffe
Kattwald besorgten uns ein Schiff, und die geschicktesten Ruderer, die sie unter
ihrem Stamme fanden. Evadnens Herz wurde in seltsamen Widerspruch aufgeregt, als
sie hörte, dass ich mit Heliodor nach unserm gemeinschaftlichen Vaterlande
zurückkehren würde; aber der Gedanke an ihren Gatten besiegte jeden Zweifel,
machte jeden Wunsch verstummen. O was kann ein Weib nicht dem geliebten, dem
liebenden Manne aufopfern! Er wird ihr Vater und Mutter, Heimat und Vaterland,
und wo er ist, findet sie ihr Glück. Welche Hoffnungen, welche Auftritte
schwebten nicht vor meinem Blicke? Was habe ich nicht für Scenen geträumt? Ach,
ja wohl geträumt!
    Unter sehr gemischten, aber doch meist frohen Empfindungen sah ich den Tag
der Abreise sich nähern. Er kam; ich schied mit heissen Tränen von meinem
gütigen Gebieter, von seiner Familie, von meiner treuen Evadne. Nicht allein
Fritigers Haus, alle Nachbarn, sogar manche fern wohnende Familien kamen, uns
noch einmal zu sehen, mich, die sie gekannt und geliebt, und den würdigen
Priester, den sie als einen Gottgesendeten Lehrer verehrt hatten. Er versprach
ihnen, bald wieder zu kommen, und Fritigern und Evadnen Nachricht von mir zu
bringen. Am Ufer knieete ich vor Fritiger und seiner Gemahlin nieder, und bat
sie um ihren Segen. Sie gaben ihn mir im Namen des Gottes, den sie durch
Heliodor hatten kennen gelernt. Nun stiegen wir in's Schiff, und nach einer
ziemlich ängstlichen Fahrt an den Küsten des Euxin herab in einem schlecht
gebauten Kahn, und mit gotischen Ruderern, langten wir in Byzanz an.
    Hier sandten wir unsre Schiffer zurück, so reich beschenkt, als ich es
vermochte, und mit tausend dankbaren Grüssen an unsre Freunde. In der Stadt bat
ich Heliodor, mir sogleich Alles zu verschaffen, was nötig war, um wieder
anständig unter gebildeten Menschen zu erscheinen. O meine Liebe, welchen
zauberischen Reiz gibt lange Entbehrung den gemeinsten Dingen! Wie wenig
erkennen wir den Wert unserer Bequemlichkeiten beim alltäglichen Gebrauche! Mit
wahrer Wollust hüllte ich mich in die gewohnten Gewänder, ordnete mein Haar, und
genoss in dem einfachen Anzug eine Befriedigung, die mir nie der kostbarste Putz
verschafft hatte. Aber dennoch sah ich in dem ersten Spiegel, der seit acht
Monaten mein Gesicht zurück strahlte, mit einigem Schrecken die Veränderung, die
das rauhe Klima und eine ziemlich tiefe Narbe auf meiner Wange hervorbrachte.
Ich war nie schön - ich hatte diesen Vorzug an Andern wohl erkannt, aber nie bei
mir vermisst - ich war ja auch ohne ihn von dem Freund meiner Jugend geliebt, von
einem würdigen Gemahl geachtet worden. Jetzt flösste mir doch die grosse
Veränderung eine Art von Aengstlichkeit ein, und mit zitternder Zuversicht, die
dieser Empfindung einen neuen innigen Reiz gab, hoffte ich auf die unwandelbare
Treue, auf die edle Denkart meines Freundes. Wir fanden ein segelfertiges Schiff
im Hafen, das nach Chalcedon bestimmt war, und landeten glücklich an der
vaterländischen Küste.
    Doch mein Brief ist unmässig lang - ich verspare die Erzählung der ferneren
Begebenheiten, und meiner jetzigen Lage auf einen zweiten. Leb' wohl!
 
                       49. Teophania an Junia Marcella.
                                                        Nicäa, im September 302.
Bis zu meiner Ankunft an der Küste von Bytynien war ich im ersten Briefe
gekommen. - Mit Wonneschauer, mit einem Entzücken, das mir bisher unbekannt
gewesen war, betrat ich den geliebten Strand, wo ich Alles zu finden hoffte, was
mein Leben zur Himmelsseligkeit erhöhen, mir voller Ersatz für so viel
freudenlose Jahre sein sollte. Ich war frei, keine Pflicht hinderte mich mehr,
schuldlos dem süssen Zuge zu folgen, der, seit der Kindheit in mein Wesen
verwebt, mir zur teuren Gewohnheit, zur zweiten Natur geworden war. Heliodors
Jahre und seine strengen Grundsätze, die jede heftigere Neigung für ein Geschöpf
als sündlich, als unserer höhern Bestimmung zuwider verdammten, hielten mich ab,
ihm meine Empfindungen zu entdecken. Ich ehrte seine Grundsätze, weil ich ihren
Ursprung in einem vom Irdischen abgezogenen Gemüt erkannte, weil ich einsah,
dass nur solche Gesinnungen ihm die heilige Achtung für Alles einflössen konnten,
was er für Pflicht hielt, dass er nur durch sie fähig war, das Apostelamt bei
barbarischen Völkern zu übernehmen, jede Bequemlichkeit des Lebens, und das
Leben selbst für gering zu achten. Ich verschloss meine Freuden, mein süsses
Geheimnis in meiner Brust, und genoss sie vielleicht um desto inniger. Mein
Vorsatz war, sogleich nach Nikomedien zu gehen, wo ich Agatokles selbst, oder
doch Nachricht von ihm zu finden hoffte. Wir nahmen Pferde, und auf mein
dringendes Bitten einen Sclaven zur Begleitung. Heliodor war mein Vater, ich
seine Tochter, die Wittwe eines Kaufmanns aus Byzanz. So machten wir uns auf den
Weg. O welche glänzenden, entzückenden Bilder malte mir nicht meine Phantasie?
Welche frohen Geschichten erzählte ich mir nicht in den vielen stillen Stunden
unserer Reise? Ich wusste, dass Syntium, Agatokles Landgut, an der Strasse von
Chalcedon nach Nikomedien liegt. Der Gedanke, dahin zu gehen, ihn vielleicht
dort zu treffen, wenn er im düsteren Schatten seiner Gärten schwermütig ging,
und manches Bild einer bessern Vergangenheit vor seinen Blicken schwebte, ihm
dann zu begegnen, und wenn er erstaunt zurückbebte, an seine Brust zu sinken,
und ihm zu sagen, dass wir glücklich, dass wir vereinigt wären - dieser Gedanke,
diese Aussichten machten mein Herz vor Freude zittern, und so näherten wir uns
den waldigen Hügeln, hinter denen es verborgen liegt. Heliodor'n wagte ich
nicht, meinen geheimen Wunsch zu entdecken, ich gab eine grosse Ermüdung vor, und
bat ihn, weil der Abend einbrach, in dem Dorf, das vor uns lag, zu übernachten.
Wir ritten langsam die Strasse hin, und schon sah ich das Dach des Hauses
freundlich zwischen dunkeln Pinien hervorblicken. Ein Teil des Gartens
erstreckt sich bis an den Weg, gegen welchen er sich in ein grosses Gegitter
endigt, das die Aussicht auf die Strasse und die Gegend umher gewährt. Das wusste
ich noch recht wohl, und freute mich, Alles so zu finden, wie es in den guten
Tagen meiner ersten Jugend gewesen war. Wie wir uns dem Garten näherten, sah ich
zwei Frauenzimmer in häuslicher Tracht, die aber trotz ihrer Einfachheit
Reichtum und hohen Stand verriet, Arm in Arm den Platanengang herabwandeln.
Das Gittertor war offen, unser Anblick hatte sie herbeigezogen, sie traten
heraus. Es waren zwei vollkommen schöne Gestalten; die Eine schlank und
majestätisch gebaut, mit dunkeln Augen und Haaren, schien älter, und ein Zug von
Kummer in dem blassen Gesichte machte sie mir lieber, als ihre jüngere
Gefährtin, die in der Fülle der Jugend und Schönheit neben ihr stand. Die
Erscheinung befremdete mich. Eine unangenehme Empfindung bemächtigte sich
meiner. Hatte Agatokles das Landgut verkauft? Wohnte er nebst diesen schönen
Frauen hier? Mein Herz schlug ängstlich. Jetzt hatten auch sie uns erblickt, und
grüssten uns freundlich. Ich sandte den Sclaven ab, um mich bei ihnen zu
erkundigen, wem die Villa gehöre, und ob wir im Dorf eine Nachterberge finden
könnten. Der Sclave kam bald zurück, und brachte die Antwort, die Villa gehöre
einem kaiserlichen Tribun, im Dorfe würden wir keine anständige Unterkunft
finden; wenn wir ihnen aber das Vergnügen machen wollten, bei ihnen zu bleiben,
so würden sie sich bemühen, uns einen erträglichen Aufentalt für diese Nacht zu
verschaffen. Das Zuvorkommende dieser Einladung, noch mehr aber die Begierde
hier klar zu seien, trieb mich an, das Anerbieten anzunehmen, trotz manches
Widerspruchs meines Begleiters, der gegen die schönen geschmückten Frauen, gegen
den hohen Wohlstand, den hier Alles verriet, Manches einzuwenden hatte. Mein
unseliger Vorwitz siegte. Ach was sollte ich erfahren! Wie bitter wurde meine
Falschheit gegen Heliodor, die Absichtlichkeit meines ganzen Betragens gestraft!
    Wir stiegen ab. Die Frauen empfingen uns sehr freundlich, man erkundigte
sich nach unsrer Reise, und mit vieler Feinheit nach unsern Umständen. Wir
erzählten, was wir bereits verabredet hatten. Mein Mann war in Byzanz gestorben,
ich ging nach seinem Tode mit meinem Vater nach Nikomedien zurück. - Unsere
wahre Geschichte hätte viel unglaublicher geklungen, als diese gewöhnliche
Erdichtung. So kamen wir in den Garten. Ach, tausend Erinnerungen wehten mich
aus den Wipfeln dieser Bäume an, bei jedem Schritte dachte ich den Eigentümer
des Gartens aus einem Gebüsche hervortreten zu sehen - die teure Gestalt zu
erblicken, die stets vor meinen Augen schwebte! Wir setzten uns, das Gespräch
fiel bald auf die Neuigkeiten des Tages; es wurde vom Kriege, von des Cäsars
letztem Siege, von den Hoffnungen des armenischen Prinzen Tiridates, dessen
Ansprüche der Hof von Nikomedien so tätig unterstützte, gesprochen. Heliodor
nahm eifrig Teil an diesen Nachrichten, das Gespräch wurde lebhaft. Die schöne
junge Person lächelte ihre ältere Freundin schalkhaft an, und ein angenehmes
Lächeln, das den trüben Blick dieser zweiten erhellte, zeigte mir, dass des
Prinzen Schicksal sie nahe anging. Bald hörte ich auch ihren Namen. Es war
Sulpicia, jene Römerin, von deren unglücklichen Leidenschaft mir Agatokles
öfters erzählt hatte. Wie sie aber nach Bytynien und auf diese Villa kam, war
mir unerklärlich. Heliodor, der noch einige Anstalten für unsre Reise zu machen
hatte, entfernte sich jetzt. Sulpicia bat ihre Freundin, ihn zu begleiten, und
Alles zu besorgen. Komm dann bald wieder, liebe Calpurnia, rief sie ihr
freundlich nach - Calpurnia! Wie ein Blitzstrahl wirkte dieser Name auf mich,
mein Blut stand still - ich war unvermögend, mich zu regen oder ein Wort zu
sprechen. Erst, als der gefürchtete Gegenstand schon weit von uns war, erwachte
ich aus meiner Betäubung. Also Calpurnia hier - auf dieser Villa! Schwankend wie
die Erinnerung eines Traumes, kam mir nach und nach die Besinnung, dass ich von
dir erfahren hatte, Calpurnia sollte mit ihrem Vater nach Bytynien kommen. Und
sie war hier - sie lebte auf dieser Villa - als was? als was anders als die
Braut - vielleicht die Gattin des Besitzers! Was in mir vorging, als diese
Entdeckungen langsam, aber deutlich sich aus meinen verworrenen Gedanken
entwickelten - o der Tod kann nicht bitterer sein, als diese Gefühle! Darum war
also bei der Ungewissheit meines Schicksals auch nicht Eine Nachforschung nach
mir, nicht Ein Versuch zu meiner Rettung gemacht worden!
    Sulpicia war bei mir zurückgeblieben. Die Sonne sank hinter den Bergen
hinab, ihr letzter Strahl brach durch das Gebüsch, und malte Alles um uns mit
glänzendem Gold. Ich sass verloren in schmerzlichen Gefühlen, und hörte nur halb,
was Sulpicia von der Stille und Schönheit des Abends sprach. Ich muss ihr nichts
geantwortet haben, denn sie legte endlich die Hand auf meinen Arm, und sagte mit
unbeschreiblich gütigem Tone: Du scheinst auch nicht glücklich zu sein, liebe
Fremde! Ich fuhr empor - ich sah sie starr an, ihr Auge wurde feucht, und meine
Tränen brachen hervor. O, ich habe viel - viel verloren - rief ich erschüttert.
»Das glaube ich. Verlust von dieser Art - sie deutete auf mein Trauerkleid -
wird selten oder nie verschmerzt.« Ich war froh, so missverstanden zu werden, ich
liess meinen Tränen freien Lauf, Sulpicia verstand mich, ohne mich zu ergründen;
ich fand eine Art von Beruhigung in ihrer zarten Teilnahme. Ach sie weiss auch,
was ein zerrissenes Herz ist!
    Die Sonne war jetzt hinunter, Calpurnia kam hüpfend zurück, und ermahnte
ihre Freundin, bei der sinkenden Dämmerung ihre Gesundheit zu schonen und in's
Haus zu gehen. Wir standen auf. Im Hineingehen betrachtete ich diese reizende
Gestalt recht aufmerksam. O sie schien mir jetzt, da ich wusste, wer sie war,
noch schöner, noch verführerischer! Jede Bewegung war Anmut - Wohllaut möchte
ich sagen, jedes Wort bedeutend, jeder Blick siegreich. Als wir in einen Saal zu
ebener Erde traten, nahm sie mich auf eine muntere Art bei der Hand, und zog
mich fort, um mir mein Schlafgemach zu zeigen. Es war ein niedliches kleines
Zimmer, mit allen Bequemlichkeiteen des Wohlstandes, ohne Pracht versehen, und
mit der Aussicht in den wildesten Teil der Gärten. Ein Spiegel an der Wand
zeigte mir plötzlich, ich kann sagen, mit Schrecken, unsre beiden Gestalten,
Calpurnia blühend, jugendlich, mit den siegreichen Blicken, den glänzend braunen
Locken, die künstlich geringelt um die weisse Stirn, die rosigen Wangen, den
blendenden Nacken flatterten, in der üppigsten Fülle einer glücklichen Schönheit
- und ich neben ihr, verblüht, von Kummer verzehrt, von Sonne und Luft
verbrannt, mit trüben Blicken und der tiefen Narbe auf den farblosen Wangen. O
Junia! Nur die ungemessenste Eitelkeit oder die lächerrlichste Verblendung hätte
es wagen können, hier sich in einen Wettstreit einzulassen. Ich erkannte
deutlich die Grösse des Abstandes und meinen entschiedenen Verlust. Sie entfernte
sich hierauf, »um mir Ruhe zu lassen,« sagte sie. Ach ja wohl! Sie lässt mir Ruhe
- die Ruhe des Grabes, nachdem ich durch sie Alles verloren habe, was dem Leben
Wert gibt. Ich weinte recht heftig, und weinte mich aus, ich warf mich auf
meine Kniee und demütigte mich unter der Hand des Gottes, der züchtigt, weil er
liebt. Ich bat ihn um Stärke, und fühlte mich wirklich gefasster, als nach einer
Weile eine Sclavin kam, nm sich zu erkundigen, ob ich nichts bedürfe. Ich
verlangte zu ihrer Gebieterin geführt zu werden. Das Mädchen brachte mich in
einen Saal, der angenehm durch einige in schönen Urnen brennende Lampen erhellt
war. Sulpicia lag auf einem Ruhebette, Calpurnia ihr gegenüber hatte die
elfenbeinerne Leier im Arm, auf der sie eben gespielt und dazu gesungen hatte.
Ich bat sie fortzufahren, da griff sie mit den Lilienarmen in die goldenen
Saiten, und sang mit wollüstig schmelzender Stimme ein ziemlich loses Lied
darein. Ich dachte der Zeit, wo ich auch gespielt und gesungen hatte, damals,
als die ersten Gefühle in unsern jungen Herzen erwacht waren, und später in
Edessa und Nisibis, wo mein Gesang oft die müden Wassengenoffen erheiterte,
Demetrius Beifall mich lohnend ermunterte, und ein Auge voll Rührung und
heiliger Liebe an meinen Blicken hing. Aber freilich, so verstehe ich nicht zu
singen - mit so sprechenden Geberden, mit so wollustatmenden Lauten - und keine
so weichen runden Arme bezauberten das trunkne Auge, indes das Ohr dem
Sirenensang lauschte.
    So ward jeder Blick auf sie ein Stachel in meine Seele. Aber ich war noch zu
etwas Härterem bestimmt, ich sollte den Kelch bis auf die Hefen leeren, und in
keinem unaufgehellten Dunkel meines Geschickes den Trost der Ungewissheit, der
möglichen Hoffnung erhalten. Es lagen Zeichnungen auf dem Tische; ich sah sie
durch, es waren verschiedene Gegenstände sehr geschickt ausgeführt. Jetzt
ergriff ich die grösste und letzte - o Gott im Himmel, was erblickte ich? -
Agatokles Bild, zu Pferde, in einer mir bekannten Strasse von Nikomedien, in
vollem kriegerischen Schmucke, und von einer Menge Menschen umgeben. Ich
zitterte, lange hielt ich wie bewusstlos das unglückliche Blatt in der Hand - und
mein Auge sah nur ihn. Es waren seine Züge, seine Haltung so genau, so lebendig!
Meine Seele verlor sich im Anschauen. Calpurniens Stimme weckte mich aus meinem
Traume. Sie fragte mich, wie mir das Blatt gefiele? Vortrefflich - antwortete
ich, und setzte in der schrecklichen Verwirrung hinzu - er ist zum Sprechen
getroffen. »Wie, du kennst den Tribun?« rief sie rasch und sprang auf mich zu,
gleich als hätte meine Bekanntschaft mit ihm mir ein höheres Interesse in ihren
Augen gegeben. O wie lebhaft muss das sein, das sie an ihm, das er an ihr nimmt!
Es war zu spät, meine Unbesonnenheit wieder gut zu machen, ich musste sie nun
schicklich bemänteln. Ist es nicht Agatokles, der Sohn des Hegesippus? sagte
ich. »Ja er ist's,« rief sie fröhlich, »du kennst ihn?« Ich erinnere mich, ihn
vor mehreren Jahren in Nikomedien gesehen zu haben. »Und du findest das Bild
getroffen?« Vollkommen, nur wünschte ich die Bedeutung zu wissen. Nun erfuhr
ich, dass Agatokles sich in der letzten Schlacht ausserordentlich ausgezeichnet
hatte, dass er auf dem Wahlplatze zum Tribun erwählt, und vom Cäsar als
Siegesbote zum Diocletian gesendet worden war. In diesem Augenblicke des
schmeichelnden Volkszurufes hatte sie ihn gezeichnet - sie selbst. Sulpicia
lächelte sein, als Calpurnia mir das erzählte. »Es ist kein Wunder,« sagte sie
endlich, »dass sie ihn so gut getroffen hat; die Phantasie entwirft - und Eros1
führt die Hand.« Ein kleiner scherzhafter Streit begann nun unter den beiden
Römerinnen, ein Streit, dessen Gegenstand Er - und seine Liebe zu Calpurnien
war, - und ich war Zeugin, und ich wurde zuweilen von der freundlichen Sulpicia
aufgefordert, Teil daran zu nehmen! O das war eine der bittersten Stunden
meines Lebens!
    Ich erfuhr durch diese kleine Neckerei endlich so viel, dass zwar Calpurnia
noch nicht seine Gattin, aber seine Geliebte, und nicht viel weniger als seine
Braut war, da ihr Verhältnis schon in Rom angefangen, und in Nikomedien
fortgesetzt wurde, dass er aber jetzt wieder zum Heere abgegangen war, wo die
Friedensunterhandlungen mit den Persern beginnen sollten.
    Ich wusste genug, und entfloh, so bald ich konnte, in die Einsamkeit meines
Zimmers. Kein Schlaf besuchte meine Augen. Ich hatte erlangt, was ich gewünscht
hatte, ich war aus der Gefangenschaft befreit, ich war in meinem Vaterlande, auf
seiner Villa - und wie war ich es, unter welchen Verhältnissen! Wild und
verworren durchkreuzten sich Gedanken, Gefühle und Entwürfe in meiner Seele. Das
allein fühlte ich klar, dass nun mein Lebensplau zerrissen, und ein neuer
notwendig war. Aus dem Kampfe streitender Kräfte, aus dem Chaos schmerzlicher
Empfindungen ging er endlich hervor, wie ein einzigübriger Lebender sich bleich
und schaudernd von dem, Schlachtfelde aufrichten mag, auf dem alle seine Brüder
gefallen sind. Ich entwarf ihn mit klarer Besinnung, und du sollst ihn hören und
billigen.
    An eine Vereinigung mit dem, den ich nicht mehr nennen will, ist nicht zu
denken. Er ist todt für mich, so will ich es auch für ihn sein. Das Schicksal
hat mein Dasein zerstört, es hat mir Stand, Gemahl, Vermögen, Alles geraubt,
alle Lebenshoffnungen zernichtet - so höre denn auch mein Wesen, mein Name auf.
Larissa ist todt - sie ist unter den Ruinen von Trachene begraben. Diese
Teophania (du weisst, dass dies mein Christenname ist), die jetzt arm, verlassen,
einsam zurückkehrt, ist ein anderes Wesen, fremd für die Welt, fremd für jene,
die sie so schnell vergessen konnten. Sie ist nicht in Nikomedien geboren.
Syntium ist der Ort ihrer Entstehung. Sie hat auch nichts mehr in der
glänzenden Hauptstadt zu suchen. Einige Kostbarkeiten, die jene verstorbene
Larissa rettete, und die immer einige Talente2 wert sein mögen, werden ihr ein
beschränktes, aber sorgenfreies Leben sichern. Sie kann entbehren - das
Schicksal hat sie in seine Schule geführt. Sie wird mit Heliodor nach Nicäa
gehen, und dort, entweder in dem Hause seiner Verwandten, oder einer andern
unbescholtenen Christenfamilie Aufnahme und Schutz suchen. Dort wird sie
unbemerkt leben, sterben, oder vielleicht nächstens zu ihren wilden Freunden
zurückkehren, deren unverfeinerte Gemüter nicht fähig sind, jeden Eindruck so
schnell fahren zu lassen.
    Sobald der Tag anbrach, verliess ich mein Zimmer, und stieg in die tauigen
Gärten hinab. Ungestört durchirrte ich die wohlbekannten Gänge, und rief mit
schmerzlicher Lust die Bilder der Vergangenheit zurück. Hier hatte ich als Kind
mit den Gespielen der Kindheit schuldlos und glücklich gespielt, dort in jener
dunkeln Pinienlaube hatten die Gefühle der Jungfrau zuerst Worte bekommen, dort
hatten wir uns ewige Treue geschworen, und von dem Gipfel jenes Hügels wehten
die Palmen im Morgenwind, unter denen seine Mutter uns oft um sich gesammelt,
Lehren der Tugend und Weisheit in unsre Seelen gesenkt, und uns mit einander und
für einander gebildet hatte. Mit schmerzlich süsser Wehmut, mit zerreissenden
Gefühlen durchstreifte ich diese Denkmale einer bessern Vergangenheit. Als ich
mich dem Hause näherte, kam mir Heliodor entgegen. Er hatte mich gesucht, um
mich zur schnellen Abreise zu bestimmen. Ihm war es nicht wohl in diesem
glänzenden Hause, in der Nähe der leichtfertigen Calpurnia. Sein Antrag kam mir
erwünscht, ich ersuchte ihn zugleich den Reiseplan zu ändern, indem ich nicht
mehr wie Anfangs gesonnen sei, nach Nikomedien zu gehen, wohin er mich ohnedies
nur aus Gefälligkeit begleitet hätte. Und wohin willst du? sagte er. Wohin du
gehst, erwiederte ich, nach Nicäa, oder an die Ufer des Borystenes. Er sah mich
sehr erstaunt und forschend an; aber er fragte nicht weiter. »Und was willst du
in Nicäa machen, du bist ganz fremd dort?« »Ich bin es überall,« erwiederte ich,
»du weisst, dass ich nirgends Freunde oder Verwandte habe. Willst du so gütig
sein, mir in deines edlen Bruders Hause eine Freistatt zu verschaffen, so wirst
du dir ein unglückliches heimatloses Geschöpf ewig verpflichten.« Er schien
nicht unzufrieden mit dieser Bitte, er versprach mir, gut und eifrig für mich zu
sorgen; allein ich sah wohl, dass er nur für diesen Augenblick nicht weiter
forschen wollte, dass ihm aber mein geänderter Entschluss sehr auffiel. Ich
fühlte, dass ich seinem strengen Forscherblick nicht entgehen, und früher oder
später mich ihm würde entdecken müssen. Doch gern unterwarf ich mich Allem, um
nur aus dieser Villa, aus der Nähe von Nikomedien zu kommen. Wir nahmen
Abschied. Man schien unzufrieden über unsern schnellen Aufbruch; Sulpicia zeigte
eine wahre Teilnahme, ich sah, dass ich ihr wert geworden war, und dies Gefühl
tat mir, von aller Welt Verlassenen, unendlich wohl. Wir verabredeten, einander
zu schreiben. So schieden wir, und langten in zwei Tagen in Nicäa an. Heliodors
Verwandte nahmen mich auf seine Empfehlung ungemein gütig auf; ich lebe mit
ihnen, ich bin ruhig und verborgen in einem stillen Hause, unter guten Menschen,
unter Christen - und so sind die kleinen Wünsche, die ich noch auf dieser Welt
habe, erfüllt.
 
                                    Fussnoten
1 Eros, ein Name des Amors.
2 Ein Talent galt ungefähr gegen tausend Gulden.
 
                           50. Agatokles an Phocion.
                                                     Samosata, im September 302.
Das Geräusch ist vorüber, es ist wieder still in mir, und so wie die Seele, sich
selbst überlassen, nach und nach in ihre vorige Stimmung zurückkehrt, kehren
auch ihre gewohnten Empfindungen zurück. Der Aufentalt in Nikomedien mit all'
seinem Glanz, seinem prunkenden Geräusch liegt wie der Traum einer kurzen
Sommernacht hinter mir. Die Eindrücke, die er hervorbrachte, verklingen
allmählig, die Bezauberung entflieht, der Geist sieht wieder hell und richtig.
Nein, das ist nicht die Liebe, die mich glücklich machen kann. Ach diejenige,
welche diese Empfindung für mich in dem treuen wahren Herzen trug, schläft unter
dem Hügel von Trachene! Sie hätte mir kein Fest gegeben, sie hätte die kurze
Zeit unsers Beisammenseins nicht durch ein Schauspiel noch mehr verkürzt, in dem
nur ihre Talente und ihre Schönheit staunenden Beifall einernten sollten.
Larissa wäre an meine Brust gesunken, sie hätte nach meinen Gefahren, meinen
Leiden gefragt, sie hätte mich geliebt, und Calpurnia wollte mich blenden und
fesseln.
    Wie war es möglich, diese Deutung in das Fest zu legen, sich als meine
Freundin zu erklären, deren sorgliche Liebe nur den höhern Ansprüchen des
Vaterlandes weicht, und in einer Stunde darauf Alles das rein zu vergessen, oder
wenigstens den Anschein haben zu wollen, als hätte man es mit allen Eindrücken,
die es hervorbringen musste, vergessen? O wenn es Liebe gewesen wäre, was sie
hinriss, sich selbst zu vergessen, und ihr Herz unverhüllt zu zeigen - wie hätte
sie's vermocht, meinem wirklich bewegten Gemüte so kalt und ruhig gegenüber zu
stehen, und wenige Minuten nach dem bedeutungsvollen Fest nichts als eine
leichte fröhliche Gesellschafterin zu sein? Es war Eitelkeit, nichts als
Eitelkeit, sie wollte einen gewaltsamen Eindruck auf mich machen, aber die
Regungen nicht teilen, die er in mir hervorbrachte. Wie klein, wie kalt
erscheint mir ihr Bild! Lass mich davon abbrechen! Ich schäme mich, auch nur für
einen Augenblick dem Zauber unterlegen zu sein.
    Du scheinst, mein väterlicher Freund! nicht ganz zufrieden mit meinen
Ansichten des Christentums, und noch weniger mit meiner Neigung, ein Bekenner
desselben zu werden. Es ist schwer, in Briefen Alles zu erschöpfen, was sich für
oder wider eine Sache von so vieler Wichtigkeit sagen lässt; ich will also nur
einige deiner Einwürfe zu beantworten suchen. Du wirfst diesem System vor, dass
es auf blosse Tradition gebaut, durch Wunder unterstützt, und in
undurchdringliche Geheimnisse gehüllt sei, die des menschlichen Verstandes zu
spotten scheinen. Was die Tradition betrifft, so erging es dem Urheber dieses
Systems nicht anders, als dem weisen Sokrates, Pytagoras und den meisten
Stiftern berühmter Secten und Glaubensformen. Von ihrer Hand besitzen wir wenig
oder nichts. Alles, was aus der Ferne der Zeiten zu uns herübertönt, sind
einzelne Laute, aus ihrem oder ihrer ersten Schüler Mund, aufgezeichnet von
Entfernteren, selten von Zeitgenossen, oder Augenzeugen. Die Christen besitzen
doch wenigstens in den sogenannten Evangelien viele Sprüche, Lehren, Taten und
Meinungen ihres Meisters, seine Biographie von seiner Geburt bis an seinen Tod.
Wenn wir dem Zeugnisse der Geschichte überhaupt Glauben beimessen, so müssen wir
es auch diesen einfachen Erzählungen anspruchloser Menschen, denen es an
Geschicklichkeit sowohl zum bessern Vortrag, als zur listigern Einkleidung
gebrach. Hätten sie zu täuschen vermocht, oder es gewollt, wahrlich, die Gegner
würden weniger einzuwenden haben, und das geflissentlich künstliche Gebäude
weniger Blössen geben. Dass sie es nicht taten, dass der grübelnde Verstand
Manches an diesen nicht ganz gleichlautenden Zeugnissen aufzufinden weiss, was er
haarscharf sichten, und zergliedern will - das bürgt mir für ihre Wahrheit. Die
Jünger sahen ihren göttlichen Lehrer handeln, leiden, sterben, und wie sich
diese Erscheinung in den Augen vier verschiedener einfacher Menschen spiegelte,
wie die Erzählungen jener Begebenheiten, wovon sie nicht selbst Zeugen waren,
mit den gewöhnlichen kleinen Veränderungen Jedem erzählt, und von ihm aufgefasst
wurden: so zeichnete sie Jeder, unbekümmert um das Urteil der Nachwelt und die
scharfe Kritik späterer Gelehrten, zur Erbauung der Gemeinde auf, der er
vorstand.
    Ueber die Wunder kann ich dir nichts sagen. Manche lassen sich natürlich
erklären, bei andern, so wie bei dem Geheimnisse der Geburt und Natur des
Stifters, steht unser Verstand still. Wir können es nicht begreifen - aber
müssen wir es denn begreifen? Wie viele tausend Erscheinungen gehen in der
physischen und moralischen Welt vor, wir fühlen ihre Wirkung, aber wir begreifen
ihre Entstehung nicht. Mit fruchtloser Mühe zerarbeitet sich der menschliche
Witz, diese Beobachtung unter Regeln und in Hypotesen zu bringen - und wie
spottet die Grösse und Erhabenheit der Natur dieser armen Abteilungen,
Unterabteilungen und spitzfindigen Erklärungen durch die geheimnisvolle Art,
wie sie ihre Gesetze befolgt, dass alle Augenblicke Lücken und Blössen in den
künstlich errichteten Systemen entstehen? Werden wir weniger an das Dasein des
Windes, des Donners, der Erderschütterungen glauben, weil wir nicht wissen,
woher sie kommen? Werden wir weniger Massregeln dagegen ergreifen, weil uns ihre
Natur unbekannt ist? Gewiss nicht. Auf unser Verhalten wird der Zweifel, in dem
sie uns lassen, keinen Einfluss haben. Eben so verfährt der redliche Christ. Das,
was für unser Leben anwendbar ist, was uns besser, edler macht, was den Frieden
in uns erzeugt, das ist's, was wir annehmen und befolgen müssen. Das sind die
segensreichen Wirkungen dieser Lehre - das Uebrige ergreift der kindliche
Glaube, ohne sich um seine Ergründung zu bekümmern.
    Ich habe dir bereits in manchen meiner Briefe über die christliche Moral
geschrieben. Ich bin überzeugt, dass sie die reinste ist, die bisher auf der Erde
gelehrt wurde, dass sie so ganz für das jetzige Zeitalter, für den Stand unsrer
Cultur, die gegenwärtige Lage des Menschengeschlechts passt, dass schon hieraus
ihr göttlicher Ursprung sich beweisen liesse, wenn ihn auch keine früheren
Zeugnisse bestätigten. Die Gotteit, die das Schicksal der Menschheit lenkt, die
weiss, zu welcher Zeit, und auf welche Art ihre Schwäche unterstützt, ihrem
Verderben gesteuert werden soll, hat in dieser Epoche diese Religion entstehen
lassen. Sie sandte einen Göttersohn, sie zu lehren. Was finden wir hierin
Sonderbares, wir, die wir unter Myten von Heroen und Göttersöhnen aufgewachsen
sind, die die Menschen zur Zeit der Not retteten, die Erde von Ungeheuern
befreiten, den Zorn der Götter versöhnten? Ist der Begriff eines einzigen Gottes
anstössiger, als der von unzähligen Söhnen unzähliger Götter? Und welche Religion
hätte nicht solche Verkörperungen überirdischer Wesen, die zum Besten der
leidenden Sterblichen den Sitz der Seligen verliessen? O der Gedanke liegt so
tief in dem Herzen des Unglücklichen. Und welcher Sterbliche ist glücklich? Die
Gesetze der Natur, die physischen Revolutionen gehen achtlos über den Ruin
seiner Habe, seines Lebens hin - sie vermag kein Flehen zu beugen, ihrem Gange
setzt keine Klugheit Schranken. Die Laster, die Verderbteit seiner Mitmenschen
züchtigt ihn mit noch schärferen Ruten, er muss büssen, was Andere verschuldet
haben; er wird hingeopfert, weil ein Uebermütiger schwelgen will - weil ein
Rasender das Unmögliche fordert, bluten Myriaden auf dem Schlachtfelde. O wohin
soll der verfolgte geängstete Mensch sich wenden, als zu der unsichtbaren Macht,
die stärker ist, als die Natur und die bösen Menschen? Er flieht dahin, er ringt
im Gebete mit ihr - und sie sendet ihm einen Retter.
    Ströme von Menschenblut haben die Gefilde Hesperiens, die Felder von
Pharsalus, von Gallien, Syrien, von allen Provinzen des römischen Reichs
getränkt. Tausend einzelne Schlachtopfer sind dem Neid und Verdacht der
Triumvirn, der Wut der Prätorianer, der wollüstigen Grausamkeit eines Tiberius
oder Caligula gefallen - und wenn Zehntausende ihr Leben einbüssten, so
verjammerten es Dreissigtausende im Elend oder Schmach, weil sie ihre Stützen,
ihr Glück in Jenen verloren hatten. Der Koloss des unermesslichen Reiches naht
seinem Umsturz. Auf allen Enden kracht das morsche Gebäude, alle Säulen
schwanken, alle Grundvesten sind erschüttert, und mit ungeheurer Kraft dringen
ungeschwächte Horden von Barbaren in Nord und Ost auf die untergrabenen Mauern
los; bald werden sie sie eingestürzt haben, und die schönen Provinzen mit Mord
und Raub erfüllen. Was bleibt dem Menschengeschlecht dann übrig? Werden jene
Truggestalten einer üppigen Phantasie, jene armseligen Erfindungen des
kindischen Weltalters gegen die Schrecken aushalten? Wird der rohe Aberglaube,
der, unbegreiflich genug, neben dem leichtsinnigsten Unglauben besteht, dem
Menschen Trost und Mut gewähren? Kann er, wenn sein Glück zertrümmert ist, mit
Zuversicht Hülfe von den Bildsäulen hoffen, die er mit schwelgerischen
Mahlzeiten, oder lächerlichen Ceremonien ehrt? Werden ihn die Zauberformeln
beruhigen, die tessalischen Weiber für ihn sprechen? Und wenn kein Mahl, kein
Opfer mehr der Götter Zorn stillt, wird er gelassen und freudig in die öden
Wohnungen der Nacht, des Nichts hinabsteigen? Die tägliche Erfahrung zeigt uns,
dass die Volksreligion nicht mehr gegen die eindringenden Uebel Stand halten
kann. Die Menschheit muss wiedergeboren werden durch eine Religion, die dem
Verderbnis der Sitten durch strenge Moral, dem Egoismus durch Einschärfung der
Nächstenliebe, der Verzweiflung durch festen Glauben an eine bessere Welt wehre.
Diese Religion ist das Christentum - und sie leistet Alles, was der
Menschenfreund für das Zeitalter wünschen kann.
    Doch, mein Brief ist eine Abhandlung geworden. Zürne der Weitläuftigkeit
nicht, mit der ich dir gern von jedem Beweggrunde meiner Handlungen und meiner
Ueberzeugung Rechenschaft geben möchte, und lebe wohl, bis ich Zeit finde, dir
noch mehr zu sagen.
 
                        51. Valeria an Eneus Florianus.
                                                       Mantua, im September 302.
Florianus! Florianus! Deine Valeria lebt noch! Sie ruft dir zu - es ist ihr
möglich geworden, dir ein Zeichen ihres Lebens zu geben. O die Verzweiflung war
ihr mehr als einmal nahe, während ein endloses Jahr vorschlich, ohne dass ihre
Liebe und List ein Mittel gefunden hatte, die engen Schranken zu zerbrechen, die
sie fest umschliessen, und so unendlich fern von dir halten. Wund haben sie mein
Herz längst gedrückt. Wenn ich in verzweiflungsvollen Tagen keine Hoffnung sah,
eine Spur meines Daseins bis zu dir zu bringen - wünschte ich sie noch fester,
noch enger, dass sie mich ganz erdrückt hätten! Wirst du mir zürnen, Florianus?
Ich hatte mehr als einen Versuch gemacht, dem Leben, das als eine unerträgliche
Last auf mir lag, zu entfliehen. Es war nicht recht - der Gedanke schreckte mich
zurück. Du hast mich in einer Lehre unterwiesen, die den Selbstmord verdammt. Du
hast es mir in Britannien, als man uns zuerst trennte, als ich dir diese letzte
Rettung so manches edlen Menschen der Vorwelt auch zu unserer vorschlug, streng
verwiesen. Mit einander sterben! Süsses Loos! Es schmerzt nicht, würde ich wie
Arria1 gesagt haben, und gewiss eben so freudig. Aber du wolltest nicht - und ich
brachte dir das grössere Opfer - ich bin von dir getrennt, und lebe noch.
    Durch wie viel Städte man mich geschleppt hat, seit in jener fürchterlichen
Nacht mein Vater an mein Bette trat, mir befahl aufzustehen, mich anzukleiden,
als die Mutter weinend hereintrat, ich Alles zur Abreise fertig sah, der Vater
mir den Mantel überwarf, als keine Frage, keine verzweifelnde Bitte Antwort
erhielt, keine offenbare Widersetzlichkeit der höhern Gewalt zu entfliehen
vermochte, das weiss ich nicht. Als ich aus einer tiefen Ohnmacht erwachte, war
ich auf dem Schiff - sah ich die Küsten der teuren Insel weit hinter mir. Dann
wurde ich krank, sehr schmerzlich, sehr gefährlich, so, dass ich hoffte, sterben
zu können. Von dir sprach mir kein Mensch, so liebevoll sie mich sonst
behandelten, und für alle Fragen, die ich mit verzagender Seele an sie tat,
waren sie taub. Das erste Mal, als ich mit schwankenden Tritten in's Freie
geleitet wurde, sah ich mich in ganz unbekannten Gegenden; man sagte mir, wir
wären am Rheinstrom, und die grosse Stadt, die ich nicht weit davon ihre Zinnen
in seinen Wellen spiegeln sah, wäre Coloniä Agrippinä2. Ach, guter Gott! Wie
fern, wie abgeschnitten durch den weiten Ocean!
    Griffel und Papier, Feder und Tafel3 waren mir entzogen; einige Versuche,
auf ein Stückchen Leinen oder Stoff mit Farbe - mit meinem Blute zu schreiben,
wurden mit unseliger Schlauheit entdeckt, und strenge zernichtet. O warum hätte
ich nicht sterben sollen? Warum musste ich dies elende Leben ertragen! Jetzt sind
wir in einer Stadt von Italien, Mantua nennen sie die Leute. Ich kann mich nicht
in diese Menschen, in ihre Lebensart, in ihr Clima finden. Die unerträgliche
Hitze tut mir weh; mein Körper, den die schwere Krankheit erschöpft hat, leidet
durch die glühende Sonne und die bösen Ausdünstungen der Sümpfe, die die Gegend
umher verpesten. Ich bin der frischen Luft, der kühlen Schatten meiner Insel,
ich bin der Gegenwart des geliebten Gegenstandes gewohnt; hier - muss ich
verschmachten. Du würdest mich kaum erkennen.
    Ach, Florianus! ist es dir nicht möglich, mich zu befreien? O rette, rette
ein unglückliches Wesen, das ohne dich nicht leben, nicht tugendhaft, und dort
nicht selig sein kann! Du hast mich deinen Glauben, den Glauben der Liebe
gelehrt, und jetzt stossest du mich kalt und streng in die vorige Nacht. O wäre
es nicht besser gewesen, mich dort zu lassen? Jupiter hätte nicht gezürnt, wenn
ein freundlicher Strahl mir den Weg aus diesem Leben gebahnt hätte. Minos würde
mein Unglück geehrt, und ein mildes Urteil gesprochen haben. Im Elysium hätten
wir uns wiedergesehen: dort, wo Dido's Schatten zürnend dem Aeneas4 auswich,
wäre ich in deine Arme geeilt! Wie trüb und düster auch diese Reiche sind, ich
wäre mit dir vereinigt gewesen - und sie hätten uns gelächelt! Ich hätte sterben
dürfen! O glückliche Freiheit!
    Florianus, was habe ich gesagt? O, wirst du mir verzeihen können? Nein, ich
kann es nicht bereuen, eine Christin geworden zu sein! Es ist dein Glaube, es
ist der Glaube der Liebe, und Liebe ist sein Symbol, die höchste, die reinste,
die Mutterliebe. Das Kind auf den liebenden Armen, schwebt sie vom Himmel zu uns
herab. Zu ihr wende ich mich auch am öftersten, am liebsten. Ueber Alles
erhaben, gross und furchtbar, steht die Gotteit vor meinem schüchternen Blick.
Aber sie war Weib, war Mutter, sie lebte, sie litt, sie liebte wie ich, sie
versteht meinen Kummer. O, sie hat mich getröstet, wenn ich recht heiss und
zitternd vor ihr geweint hatte, wenn ich sie um Linderung, um Fürbitte bei ihrem
Sohne gestehet hatte; und gewiss ist es ihr Werk, dass ich jetzt ein Mittel
gefunden habe, dir zu schreiben, und den Brief durch den treuen Menschen, den du
wohl kennst, und der morgen von hier nach Eboracum abgeht, abzusenden.
    Man erzählt hier, Constantin, dein Zögling, sei in grossem Ansehen am Hofe
des morgenländischen Augustus, und vermöge sehr viel. Könnte er uns denn nicht
helfen? O wende dich an ihn, schreib ihm - die unglückliche Tochter des Augustus
hat ja einige Ansprüche auf menschliche Hülfe. Oder bin ich nur darum aus der
glücklichen Unwissenheit meines Privatstandes gerissen worden, um zu erfahren,
dass auf dieser Höhe Freundschaft, Teilnahme und Mitleid aufhört?
    O Florianus! Schreibe mir bald, aber nicht so streng, so kalt, wie du in den
letzten Tagen in Eboracum mit mir sprachst. Ich ehre die Grundsätze, die dich so
handeln heissen; aber ich erliege unter der ersten Last, die sie auf mein
allzuweiches Herz legen. Ich kann nicht so heldenmütig sein. Ach ich liebe dich
mit allen Kräften, mit allen Empfindungen meiner Seele! O schreibe mir gütig,
lass mich nur Einmal einen Strahl jener Liebe erblicken, die in jenen goldnen
Tagen mein Leben zum Himmel erhellte! Nur Ein Wort, wie du mir in unsrer Insel
Tausende sagtest! Wenn du schnell antwortest, und deine Antwort dem Boten gibst,
der sie auf einem sichern Weg hierher bringen kann: so trifft sie mich noch
hier, denn wir bleiben bis zu Ende des nächsten Monats in dieser Stadt. Das habe
ich halb durch List, halb durch Zufall erfahren. Asinius Ponticus hat an
Augustus geschrieben, der mein Vater sein soll, und wird die Antwort hier
erwarten. Diese Frist ist vielleicht die einzige, die uns in langen Monaten -
vielleicht in Jahren offen steht. O lass sie nicht fruchtlos verstreichen, und
lass mich die Versicherung hören, dass du mich noch liebst, dass du noch hoffest,
und an Rettung glaubst. Leb' wohl!
 
                                    Fussnoten
1 Als Arria und ihr Gemahl Pätus mit einander zu sterben beschlossen hatten,
senkte sie zuerst den Dolch in ihr Herz, und gab ihn dann ihrem Manne mit den
berühmten Worten: Er schmerzt nicht.
2 Coloniae Agrippinae, das heutige Cöln.
3 Die Römer schrieben bald mir Griffeln auf Tafeln, welche mit Wachs überzogen
waren, bald mit Federn von Rohr auf Pergament und eine Art Papier, das aus einer
ägyptischen Staude bereitet wurde.
4 Als Aeneas bei seiner Höllenfahrt im Elysium dem Schatten der Dido begegnete,
die sich um seiner Untreue willen ermordet hatte, wandte sie sich zürnend von
ihm ab.
 
                           52. Agatokles an Phocion.
                                                        Nisibis, im October 302.
Hier bin ich - in Nisibis. Das Haus, das ich bewohne, liegt in derselben Strasse,
in der ich vor zwölf Monaten mit Demetrius lebte. Es hat den Cäsarn gefallen,
diese Stadt auf der äussersten Grenze des Reichs gegen Persien zum Schauplatz der
Friedensunterhandlungen zu wählen, die Narses nach der erlittenen Niederlage
eröffnet hat, und sehr eifrig zu verlangen scheint. Constantin, als der Sohn des
abendländischen Cäsars, durfte nicht dabei fehlen, und ich folgte meinem
Fürsten, meinem Freunde, weil er es wünschte. So ist es gekommen, dass ich diese
Stadt wieder gesehen, die mir ewig unvergesslich, und ewig zu schmerzlicher
Erinnerung sein wird. Als Constantin zuerst den Wunsch äusserte, dass ich ihn
begleiten möchte, warnte mich eine innere Stimme, dieser Bitte nicht zu
willfahren. Aber ich trotzte auf die Macht der Zeit, die jeden Eindruck
schwächt, auf die Zerstreuung durch die Geschäfte, die meiner hier warteten,
endlich auf die Stärke meines Herzens. Es war töricht, es war vermessen, dies
zu hoffen. Als ich von Weitem diese Mauern erblickte, wo ich so schöne, so
selige, so schmerzliche Stunden verlebt hatte - erwachte die ganze Vergangenheit
und das Gefühl meines Verlustes mit unwiderstehlicher Kraft in mir, und keine
Zerstreuung, keine Beschäftigung hat diesen Eindruck bis jetzt schwächen, kein
Kampf ihn besiegen können. Constantin weiss nicht, was er von mir gefordert hat;
es wäre unedel, es ihm jetzt zu sagen, und seinem Herzen die drückende Last
einer solchen Verbindlichkeit aufzuwälzen. Ueberhaupt ist es wohl eben so
vergeblich als unbillig, Andere, die nichts dazu beitragen können, es wieder
herzustellen, mit dem steten Anblick unsrer trüben Mienen, mit der Anhörung
unsrer alten Klagen zu quälen. So suche ich mich zu beherrschen, und glaube
wenigstens durch diese Uebung meiner Willenskraft einigen Nutzen für mein
besseres Selbst zu finden.
    Es ist seltsam, wie unauslöschlich tief manche Eindrücke bleiben, indessen
andre kaum die Zeit ihrer gegenwärtigen Dauer überleben, und noch seltsamer und
übler für uns Sterbliche, dass jene meistens unter die traurigen gehören, und die
frohen schnell verschwinden. Warum hält des Menschen Sinn den Schmerz so fest,
und vergisst so schnell, was ihm wohlgetan hat? Das ist nicht gut, es führt zur
Undankbarkeit gegen Gott und Menschen, und eben darum ist vielleicht auch die
Begierde nach Rache bei rohen Menschen der mächtigste und unauslöschlichste
Trieb. Für mein Gefühl ist keine Zeit zwischen jenen selig düstern Tagen und dem
gegenwärtigen Augenblick. Alles steht hell vor mir, Alles lebt um mich wie
damals, nur Eins, Eins fehlt, und dies Eine! - Es ist kein Wahn, kein Werk der
erhitzen Einbildungskraft - ich werde dies Eine nie vergessen!
    Warum sind die freundlichen Erinnerungen an meinen letzten Aufentalt in
Nikomedien, an Alles, was sich dort vereinigte, um ihn mir zu einem schönen
hellen Punkte in meinem Leben zu machen, so ganz verschwunden? Warum drängt
sich, wenn ich sie ja zuweilen geflissentlich zurück rufe, um mich zu
zerstreuen, nur der einzige Schatten, der darauf liegt - die Eitelkeit und
Absichtlichkeit des Wesens, das sonst so liebenswürdig ist, mächtig hervor, und
wirft seinen düstern Schein auf das ganze Gemälde, und macht seine fröhlichen
Farben erblassen, und kehrt, indem er mich auf den scharfen Gegensatz zwischen
Calpurnien und meiner verkärten Jugendfreundin hinweiset, den Stachel grausam
gegen mein Herz?
    Doch, wo gerate ich hin? Was ich noch kurz zuvor als löblich und nötig
anpries, unterlasse ich sogleich selbst, und breche gegen dich, mein väterlicher
Freund, was ich gegen Andere zu beobachten mir streng vornehme. Verzeih, wenn
zuweilen ein schnelles Gefühl mich hinreisst! Ich sehe die Zwecklosigkeit und
Lästigkeit ewiger Klagen ein, und es ist mein fester Vorsatz, sie nicht laut
werden zu lassen. Du aber, der du weisst, wie vieler Nachsicht, Geduld und Liebe
mein Herz von jeher bedurfte, um zufrieden zu sein; du, der du sie so oft mit
mir hattest, und mich Verwaisten mitleidsvoll an das deine schlossest, trage sie
noch ferner, und sieh mir gütig nach, was eine schnelle Empfindung, der Vernunft
zum Trotze, verbricht.
    Constantins Freundschaft ersetzt mir viel - und ein stilles Band, das sich
mit jedem Tag mehr und mehr um meine Seele schlingt, kann nicht anders, als uns
noch näher vereinigen. Er ist ein Christ, wie du weisst, und daher stets mit
vielen seiner Glaubensgenossen umgeben, welche sich um ihn als einen festen und
erhabenen Mittelpunkt sammeln. Mit ihm besuche ich ihre Versammlungen, und finde
- ich weiss, dass trotz ihrer Verschiedenheit unsrer Denkart mein Vertrauen dich
nicht beleidigt - immer mehr Grund, die gute Meinung und die schönen Hoffnungen,
die ich von den Wirkungen dieser Lehre auf die Menschheit hege, zu nähren und zu
vergössern.
    Ihr Gottesdienst, so weit ich als Ungeweihter demselben beiwohnen darf -
denn bei der Feier ihrer Mysterien muss nicht allein der Nicht-Christ, sondern
auch der noch auf niedrigen Stufen stehende Glaubensgenosse sich entfernen -
also ihr Gottesdienst, so weit ich Zeuge davon war, besteht in
gemeinschaftlichen Gebeten und Gesängen, Vorlesungen aus ihren heiligen Büchern,
der Lebensgeschichte ihres Meisters, und in zweckmässigen Reden darüber. Wie oft
hat, wenn du mit mir die Reden des Cicero, des Hortendus, des Demostenes
lasest, ein stilles Feuer meine Brust ergriffen, und in schmerzlicher Erinnerung
das Bild jener schönen Zeit vor meine Seele geführt!. Da sah ich die
versammelten Quiriten, ich sah den Redner vor den Rostris1 stehen, und voll
glühender Vaterlandsliebe, mit begeistertem Tone die würdigen Gegenstände, die
das Wohl oder Wehe des ganzen Volkes betrafen, würdig und hinreissend vortragen;
ich sah die Menge an seinen Lippen hangen, jetzt von edlem Unwillen, jetzt von
grossen Entschlüssen bewegt, der Gemütsstimmung des Redners willig folgen, und
in sympatetischer Rührung seine Gefühle teilen. Erhaben und über Alles gross
erschien mir dann dieser Beruf, und göttlich die Macht, ein ganzes Volk nach
eignen Einsichten durch die sanfte aber unwiderstehliche Gewalt der Sprache zu
leiten, der Sprache, dieses Himmelsgeschenks, das ganz eigentlich und allein den
Menschen über das Tier erhebt, worin seine Perfectibilität, seine schönsten
Vorrechte liegen. Das sind die goldnen Ketten, die vom Munde des Hermes fliessen.
Aber verstummt ist der Mund der Suada, verschwunden das kräftige selbstständige
Volk der alten Comitien, die Ketten des Hermes sind verrostet. Nur Sophisten und
Rechtsgelehrte missbrauchen noch zuweilen ihre entweihten Geheimnisse, um vor
Unwürdigen einen unwürdigen Zweck zu erreichen.
    
    Aber in den Tempeln der Christen erhebt sich diese so gesunkene Kunst wieder
in ihrer alten Reinheit und Stärke, und wenn auch die Gegenstände, an denen sie
sich übt, nicht von so allgemein bemerkbarem Einfluss, die Menge, vor der sie
sich zeigt, nicht ein ganzes selbstständiges Volk ist, so sind jene, die sie
wählt, nicht minder würdig und gemeinnützig, und ihre Wirkung auf die
versammelte Gemeinde nicht minder gross und wichtig. Mit erhebendem Gefühl, mit
Rührung habe ich manche dieser Redner gehört, und mich durch Erfahrung
überzeugt, dass jene schimmernden Bilder von der Macht der Beredtsamkeit und
Declamation, die mir damals vorschwebten, kein jugendlicher Traum, keine
Täuschung waren. Es liegt eine sympatetische Kraft in der lebhaften Rede. Noch
ehe uns die vorgebrachten Gründe überzeugt haben, hat das sprechende Auge, die
ausdrucksvolle Miene, der bewegte Ton uns überredet. Es ist ein Mensch, ein
Wesen wie wir, das wir sich freuen, leiden, zürnen sehen; und wir leiden, zürnen
und jubeln mit ihm. Der Mensch spricht zum Menschen, die Natur ergreift uns mit
unsichtbarer Gewalt, und reisst uns fort, wohin zu folgen wir nicht widerstehen
können.
    Ich bin überzeugt, dass, wenn es mir möglich wäre, dich zum Zeugen einer
solchen Feier zu machen, ein grosser Teil deiner Abneigung gegen die Christen
verschwinden würde. Da es nun unsre Pflicht ist, überall Wahrheit zu suchen, und
die Möglichkeit, dich von dieser zu überzeugen, überall in deiner Nähe ist, wo
sich ein Christentempel und ein geschickter Redner befindet, so bitte ich dich
um deiner Liebe zu mir, um der Beruhigung willen, dich meiner Ueberzeugung näher
kommen zu sehen - besuche eine solche Versammlung, höre ihre Redner, und
schreibe mir dann, welche Wirkung dies auf dich hatte. Leb' wohl!
 
                                    Fussnoten
1 Rostra war ein Gebäude auf dem Hauptplatze von Rom, das aus den
Schiffschnäbeln einer besiegten Flotte errichtet worden war, und vor welchem die
öffentlichen Reden gehalten wurden. Hermes oder Merkur ist auch der Gott der
Beredtsamkeit, und wird als solcher mit goldnen Kettchen gebildet, die von
seinem Munde an die Ohren der Zuhörer gehen.
 
                          53. Teophania an Sulpicien.
                                                          Nicäa, im October 302.
Deiner gütigen Aufforderung und dem Wunsche meines Herzens gemäss, schreibe ich
dir, meine liebenswürdige Freundin, aus dem stillen Aufentalte, in welchem ich
endlich nach so manchen Stürmen Ruhe zu geniessen hoffe. Ich bin nicht in
Nikomedien geblieben, wie du aus dem Anfange meines Briefs sehen wirst. Meines
Vaters Geschäfte fordern seine Anwesenheit hier, und ich begleite ihn gern. Der
Heimatlose findet überall sein Vaterland, wo die wenigen guten Menschen wohnen,
die noch einigen Teil an ihm nehmen. Ich habe auf der weiten Welt nun ausser der
kleinen Familie, bei der ich lebe, und einer einzigen Freundin, die aber
gebietende Umstände fern von mir halten, keine Seele mehr, um derentwillen ich
irgend einen Ort zum Aufentalt vorziehen, die um meinetwillen auch nur die
geringste Veränderung in ihrer Lebensweise machen möchte. Ich bin allein. Es ist
ein eignes Gefühl, so ganz einsam in der Welt zu sein, zu wissen, dass unser
Glück kein fremdes Auge erheitert, unser Schmerz keine fremde Träne
hervorlockt. Es ist traurig - aber es liegt dennoch etwas Beruhigendes darin. Es
macht uns die Gegenstände und Verhältnisse ausser uns so gleichgültig, so
beziehungslos, dass wir dadurch in jene stille Fassung kommen, die so viele Weise
des Heidentums als das höchste Gut, das Ziel aller menschlichen Bestrebungen
anpriesen, und die die christliche Religion (ich bin eine Christin, du wirst das
schon lange geahnet haben,) als diejenige Stimmung empfiehlt, die uns am
geschicktesten macht, die Welt, ihre Freuden, und uns selbst zu vergessen, und
an unsrer Veredlung, unserer Heiligung zu arbeiten.
    Doch, so still mein Gemüt auch ist, so sehr ich mich bestrebe, Alles, was
mir diese Erde an Freuden versprach, und an Schmerzen zumass, zu vergessen, so
wird doch der Abend in Syntium nie aus meiner Seele scheiden.
    Ich habe dich kennen gelernt, und wenn mich kein Vorurteil, keine Eitelkeit
verführt, so habe ich an dir eine Frau gefunden, die, selbst mit dem Unglücke
bekannt, Leidende zu verstehen, zu schonen weiss, so ist die unbekannte Reisende,
die sie gastfrei in ihrem Hause aufnahm, nicht ganz aus ihrem Andenken
verschwunden. Diese Hoffnung ist es auch, welche mir Zuversicht gibt, deine
gütige Aufforderung zu einem Briefwechsel für mehr als Artigkeit zu nehmen, und
dir zuweilen Nachricht von dem einsamen vergessenen Wesen zu geben, das einige
Stunden in deiner Nähe verlebte.
    Wenn deine schöne Freundin im Wirbel ihrer bräutlichen Geschäfte und
Freuden, in der Fülle ihres Glückes, mit dem Manne vereinigt zu werden, den ihr
Beide als so edel und liebenswürdig schildert, noch einige Erinnerung an eine
gleichgültige Erscheinung behalten hat, so rufe mein Andenken in ihre Seele
zurück, und vergiss nicht, wenn du mich, wie ich hoffe, mit einer Antwort
erfreuen willst, mir zu sagen, ob sie bereits vermählt ist, oder wann sie es
sein wird. Schreibe mir auch den Tag und die Stunde, wenn du recht gütig sein
willst. Calpurniens Reiz und unwiderstehliche Liebenswürdigkeit, der Umstand,
dass sie deine Freundin ist, macht sie meinem Herzen wert, und es wäre mir sehr
wichtig, die grosse Stunde, die ihr Geschick auf eine solche Art entscheiden
wird, in meiner Einsamkeit nach meiner Stimmung zu feiern.
    Noch hätte ich eine Bitte, aber sie grenzt an Unbescheidenheit, und so fehlt
mir der Mut, sie vorzutragen. Auch betrifft sie nicht dich, sondern die
reizende glückliche Braut. Wüsste ich, dass sie sich meiner mit einiger Teilnahme
erinnerte, und mir nicht zürnte, wenn ich sie um eine grosse Gefälligkeit bäte:
so würde ich in meinem nächsten Brief meinen Wunsch entdecken, und freundliche
Gewährung hoffen. Leb' wohl!
 
                          54. Sulpicia an Teophania.
                                                      Syntium, im November 302.
Was dem ermüdeten Wanderer in der öden Gleichförmigkeit einer weiten wüsten
Ebene der Anblick eines waldigen Hügels ist, der ihm Kühlung, Ruhe und Erholung
verspricht, das war mir dein Brief, meine geliebte Teophania! Mein Leben
schleppt sich so freudenlos, so eintönig hin, mein Herz darbt so sehr an seinen
bessern Freuden, dass die blosse Aussicht, ein Wesen gefunden zu haben, das mich
verstehen, und Geduld und Treue für mich haben könnte, seit dem Tage, als ich
dich kennen lernte, wie ein freundlicher Stern durch die trübe Dämmerung meines
Daseins strahlte. Gern hätte ich schon damals mehr Schritte gegen dich getan,
aber eine zarte Furcht, nicht zudringlich zu scheinen, und meiner Freundschaft
selbst ihren Wert dadurch in deinen Augen zu benehmen, hielt mich ab. Um desto
erfreulicher war mir dein Brief, denn er gab mir Gewissheit über das, was ich im
ersten Augenblick geahnet hatte, über die gleiche Stimmung unserer Seelen, und
einen geheimen Zug, der uns wechselsweise zu einander führt.
    Ja, es bleibt ewig wahr - nur gleiche Denkart macht die Freundschaft fest,
und nur unser Geschick bestimmt unsere Denkart. Wie kann das fröhliche Wesen,
das im Sonnenschein des Glückes sein Freudenleben verflattert, mit dem
Unglücklichen gleich fühlen, den ein ernstes Schicksal von der Wiege an zu
Entbehrungen und Leiden erzogen hat? Ihnen beiden muss notwendiger Weise die
Welt, und Alles um sie her in einem so verschiedenen Lichte erscheinen, dass an
einen festen Zusammenhalt, der gegen Zeit und Stürme ausdauert, nicht zu denken
ist. So lange kein entscheidender Fall eintritt, wo Eines für das Andre auf die
Probe einer schweren Wahl, oder eines grossmütigen Opfers gestellt wird, mag das
Bündnis dauern. Kommt einmal jener Zeitpunkt, so muss die verschiedene Stimmung,
der entgegengesetzte Geschmack, der ihnen ihr Glück in ganz verschiedenen
Gegenständen zeigt, die losen Bande leicht zerreissen. Darum wohl den
gleichgestimmten Seelen, bei denen ähnliche Schicksale - ähnliche Gesinnungen
und ähnliche Wünsche erzeugt haben, die keiner Opfer bedürfen, um auf dem selbst
gut geheissnen Pfade einig mit einander zu wallen!
    Uns dunkeln Gemütern, denen das Schicksal selten lächelt, hat es doch auch
wieder einige Freuden geschenkt. Wir geniessen das Glück der Freundschaft. Keine
Zerstreuung wendet unsere Gedanken so leicht von der Freundin ab, keine
Eitelkeit verleitet uns, auf fremde Kosten zu glänzen, keine Eroberungssucht
bringt uns in Collisionen mit unsern Gespielinnen, uns, die wir nach nichts
Anderem streben, als mit allen Kräften einen Gegenstand auf ewig fest zu halten,
und keinen grössern Schmerz kennen, als ihn zu verlieren, sei es durch den Tod
oder durch Wankelmut. Doch nein - nicht gleichviel! O, meine Teophania, ich
kenne dein Schicksal nicht ganz, aber fast möchte ich dich beneiden! Der Tod
entriss dir den Gemahl, den liebenden, den treuen, in der Zeit, als, nach deinen
Jahren und deiner Trauer zu urteilen, eure Liebe noch in schöner Blüte stand,
und der Quell der Empfindung voll und rein durch eure beiden Herzen floss. Du
liebst ihn noch, obgleich die Urne seine Asche birgt, und du hoffst nach deinem
Glauben, in einer Region des Lichts und unzerstörbaren Freude ihn wieder zu
sehen. Ihr Glücklichen! Eure Liebe hat eure Verbindung, sie hat Euer Dasein
überlebt. O! weh denen, deren Dasein, deren Verbindung ihre Liebe überlebt! Wenn
Eines kalt und abgestorben an des Andern Seite kaum noch den Schatten jener
Entzückungen nachzubilden fähig ist, die es einst hinrissen, wenn jenes Feuer, in
dem sich die trunkenen Seelen zur Götterwonne emporschwangen, zu matten
Äusserungen achtungsvoller Freundschaft herabgekommen ist, wenn die glühende
Brust des länger Getreuen vergebens ihr Feuer in die kalte Asche zu strömen
sucht, und ein ungeheurer Schmerz um das, was war, und nicht mehr werden kann,
die tief erregte Brust zerreisst, die mit allen ihren Wunden, sich nur in
abgemessener Förmlichkeit an einen Marmorbusen gedrückt fühlt - das ist Schmerz,
Teophania! wütender, verzehrender Schmerz, und dass er der letzte ist, ist das
einzig Tröstliche daran!
    Du hast, wie es scheint, meine geliebte Freundin! einen flüchtigen Scherz,
den wir uns in deiner Gegenwart erlaubten, etwas zu ernst genommen. Calpurnia
ist noch nicht Braut, sie ist nur die geachtete vertraute Freundin jenes Mannes,
dessen Bild du gesehen hast. Dass er für sie empfindet, ist wohl nicht
zweifelhaft - aber wer kann auf Männerliebe bauen? Es ist nicht lange, dass er
einen sehr teuren Gegenstand, eine Freundin verloren hat, die er von Jugend auf
mit heftiger und unglücklicher Zärtlichkeit geliebt hat. Dennoch fängt er an,
bei der reizenden Calpurnia seines Verlustes zu vergessen, und der
unbeschreiblichen Gewalt zu weichen, mit der dies gefährliche Mädchen bisher auf
alle Männer wirkte, indes sie selbst unbefangen blieb. Nur bei Agatokles
scheint ihre Stunde auch gekommen zu sein, und wenn keine neuen Hindernisse
eintreten, wenn die Zeit über das Vergangene den mildernden Schleier gezogen
haben wird, so sehe ich diesem Bündnis mit Hoffnung und Freude entgegen. Dir
aber den Zeitpunkt zu bestimmen, ist, wie du selbst einsiehst, nicht möglich.
Agatokles ist mit den Cäsarn in Nisibis, wo der Friede geschlossen wird; wir
hoffen ihn erst in einem Monate zu sehen. Vielleicht kann ich dir dann mehr
sagen. Calpurnien will ich den Anteil, den du an ihrem Schicksal nimmst,
melden; ich weiss, es wird sie freuen, von einer Frau geachtet zu sein, deren
Anblick nichts Gewöhnliches verkündigte, und deren näherer Umgang das
Versprechen des ersten Augenblicks wahr gemacht hat. Was die Bitte betrifft, so
glaube ich sie im Voraus in meiner Freundin Namen zusagen zu können, und so
ersuche ich dich, sie mir mitzuteilen, von was immer für einer Art sie sein
mag. Teophania kann um nichts bitten, dessen Gewährung nicht ihren Freundinnen
zur angenehmen Pflicht würde. Leb' wohl!
 
                       55. Junia Marcella an Teophania.
                                                        Apamäa, im November 302.
O meine Teophania! meine teure unvergessliche Freundin! Du hast Recht, wenn du
im Anfange deines Briefes sagst, dass seltsame Empfindungen und tausenderlei
Gedanken meine Seele durchkreuzen werden, wenn ich deinen Brief eröffnet haben
würde. Schrecken, Freude, und dann Zweifel waren die ersten Regungen meines
Herzens, als ich die Schriftzüge der geliebten Freundin erblickte, die ich
längst unter dem Hügel von Trachene begraben glaubte. Aber als der Inhalt der
ersten Zeilen jede Ungewissheit zerstreut hatte - da, meine Geliebte, war inniger
heisser Dank und ein kindliches Gebet zu dem gütigen Vater, der die Herzen der
Menschen wie Wasserbäche lenkt, und ohne dessen Willen kein Haar von unserm
Haupte fällt, mein dringendstes Gefühl. Dann las ich weiter, und mein Herz
begleitete dein Schicksal mit sympatetischen Gefühlen bis gegen das Ende. Ja,
meine Geliebte! wunderbar und unbegreiflich sind die Fügungen Gottes, der dich
mitten unter Barbaren erhielt, und dir ihre Gemüter geneigt machte, dass sie
nicht allein deines Lebens und deiner Ehre schonten, sondern dich auch in
Frieden ziehen liessen, als die Rettung erschien. Wie sehr hätte ich gewünscht,
diese reine Freude mit unserm ehrwürdigen Vater Teophron zu teilen! Aber sein
verklärter Geist schwebt bereits in höhern Räumen, und er sah wohl längst mit
hellem Blicke das Schicksal seiner Schülerinnen sich hienieden aus
verschlungenen Knoten schön und friedlich auflösen, als du noch in der Hütte
deines edelmütigen Gebieters düster sinnend deiner Zukunft entgegen sahest. Er
starb den vergangenen Frühling, mit der neugebornen Natur wurde auch er
neugeboren, und erwachte aus dem düstern Erdenwinter in Edens Frühlingshainen.
So hatte ich, wie das immer beim Verluste geliebter Menschen geht, nur mich zu
beklagen. Unsre Trauer um Entschlafne ist immer nur Trauer über uns selbst.
Ihnen ist ja besser geworden, als es uns ist.
    So war es auch, als ich dich zehn Monate für todt hielt. Ach, ich konnte
dein Loos nicht beweinen! Wie wenig Freuden hattest du genossen! Aber ich
beweinte mich selbst, ich betrauerte das Schicksal deines Freundes, und hier
komme ich auf jenen Punkt deines Briefs, mit dem ich unmöglich zufrieden sein,
oder dir beistimmen kann. Agatokles - lass mich immerhin diesen Namen nennen,
den du so geflissentlich in deinem Briefe zu vermeiden scheinst - ist, so wie
ich es war, von deinem Tode vollkommen überzeugt. Die Gründe dieser Ueberzeugung
und überhaupt die Wirkung, die diese Catastrophe auf ihn gemacht hat, kannst du
am besten aus dem Briefe unseres Freundes Apelles kennen lernen, den ich dir
hiermit in einer getreuen Abschrift beilege. Er ist aus Trachene, dem Schauplatz
jener unglücklichen Begebenheiten, geschrieben. Wenn du ihn gelesen hast, wirst
du selbst bekennen müssen, dass Agatokles keine Ahnung deines Lebens haben
konnte. Die weibliche, von Wunden entstellte Leiche in prächtigen Kleidern, die
man in deinen Zimmern gefunden, für dich gehalten, und begraben hatte, und die
wahrscheinlich jene Melyte war, deren Eitelkeit sie zu diesem Schritte verleitet
hatte, musste ihm und Apelles jeden Zweifel, jede noch so schwache Hoffnung
benehmen, besonders da die Todten schon begraben, und keine Spur deiner Rettung
zu finden war. Es ist also sehr natürlich, dass Agatokles keine weiteren
Nachforschungen anstellte, und keinen Gedanken mehr nährte, die, die er unter
dem Hügel von Trachene begraben hielt, an den Ufern des Borystenes zu suchen.
So viel zur Beantwortung deiner ersten ungerechten Klagen über diese
vermeintliche Gleichgültigkeit. Dass es eine kleine Falschheit war, mit der du
Heliodor nach Syntium locktest, fühlst du selbst, und ich sage dir nichts
darüber; aber wie magst du so erfinderisch sein, dich selbst zu quälen, und aus
einem freundschaftlichen Scherze, aus dem zufälligen Zusammentreffen einiger
Umstände dir ein ganzes Gewebe von Untreue, Verrat und gewissem Unglücke zu
bilden? Ich weiss von sehr guter Hand, dass nicht Calpurnia, sondern Sulpicia in
Syntium wohnt, dass Agatokles ihr diese Villa aus Freundschaft eingeräumt, und
ihre Freundin sie dort besucht hat, wie sie an jedem andern Ort getan haben
würde. So bedeutete ihre Anwesenheit gar nichts in Rücksicht auf den Besitzer
der Villa; denn ihr Besuch galt nicht ihm, sondern Sulpicien, und es wäre dir
leicht gewesen, durch einige geschickte Fragen die Wahrheit herauszubringen,
wenn dein empörtes Herz dir Unbefangenheit genug hierzu gelassen hätte.
    Ich will hierdurch nicht sagen, dass du keinen Grund hättest, unruhig zu
sein; ich bin vielmehr nach allen Nachrichten, die ich aus Nikomedien erhalte,
beinahe überzeugt, dass Calpurnia einen bedeutenden Eindruck auf ihn gemacht hat,
dass jene Verhältnisse, die schon in Rom anfingen, hier fortgesetzt worden sind,
und durch die Gewissheit, dass jedes frühere Band zerrissen sei, an Stärke und
Rechtmässigkeit gewonnen haben. Sie hat ihm, als er mit der Siegesbotschaft
ankam, ein sinnreiches Fest gegeben, an dessen Schlusse sie ihm einen
Lorbeerkranz um's Haupt wand, und dessen Inhalt ihm ihre Empfindungen für ihn
auf eine eben so feine als schmeichelhafte Weise zu erkennen gab. Das Alles ist
wahr, und deine Besorgnisse nicht zu tadeln; aber ihn - ihn sollst und kannst du
nicht so hart beschuldigen. Er ist ein Mann. Männer haben andre Gefühle, andre
Pflichten als wir. Ihr Wirkungskreis ist der Staat, die Welt; der unsrige sind
unsere Kinder, unser Haus; jenem gehören ihre besten Kräfte. Wir würden die
Ordnung der Natur verkehren, wenn wir einen ausschliessenden Anspruch an alle
ihre Tätigkeit, alle ihre Empfindungen machen wollten. Wenn nun bei dem grossen
Treiben und Regen aller edleren Kräfte des Menschen, im Feld oder in wichtigen
Staatsgeschäften, worin ihn Constantin braucht, bei der Gewissheit deines Todes,
die ihn fast an den Rand des Grabes brachte, bei den unausgesetzten Bestrebungen
der schönen und schlauen Calpurnia, einen Eindruck auf sein wundes Herz zu
machen, wenn, sage ich, bei allen diesen Umständen dein Bild nach und nach in
Schatten zurück weicht, kannst du ihn so hart anklagen, so unnachsichtlich
tadeln? Kannst du dir ein grosses Verdienst aus deiner festern Treue machen, du,
die ihn am Leben weiss, und die durch keine Zerstreuung, keine Verführung von ihm
abgelockt wird?
    Aus allen diesen Gründen kann ich deinen Plan, dich ihm ganz zu entziehen,
und die Rolle der Verstorbenen fortzuspielen, unmöglich billigen. Wie leicht
kann ein Zufall dein Geheimnis entüllen? Wie tief müsste es deinen Freund, wenn
seine Hand noch frei ist, schmerzen, diese Entdeckung nicht dir selbst verdankt
zu haben? Und wenn es zu spät wäre - was würde deine und seine Lage sein! Mich
schaudert vor dem Gedanken. Das überlege wohl, meine Geliebte! ehe du auf dem
begonnenen Wege weiter schreitest. Auf mich kannst du jedoch in jedem Fall
sicher zählen, ich werde dein Geheimnis treu bewahren, obwohl ich nicht mit
deiner Ansicht verstanden bin, und sehr wünsche, dich von der Untunlichkeit und
Gefahr dieser Grille - verzeih meiner Freimütigkeit den Ausdruck - zu
überzeugen. Teophania! Du gehst auf einem schlüpfrig steilen Wege. Er kann dich
an den Rand des Abgrundes, er kann dich in den Abgrund selbst führen, und du
stürzest nicht allein hinein, du reissest auch deinen Freund mit dir.
    Wenn du denn aber wirklich für ihn unsichtbar bleiben willst, so entziehe
dich mir nicht, jetzt, wo keine Pflicht dich mehr abhält, dem Rufe der
Freundschaft zu folgen. Komm zu mir! In meinem Hause sollst du so einsam und
verborgen leben, als in der Zelle eines Eremiten. Komm zu mir, und lass mich das
Glück der Freundschaft geniessen, das ich so lange entbehrt habe. Du weisst, wie
ich dich liebe, und wie glücklich mich deine Zusage machen würde. Leb' wohl!
 
                           56. Florianus an Valerien.
                                                      Eboracum, im November 302.
Du hast verlangt, dass ich dir antworten soll, Valeria! Es scheint, dass du zu
deiner Beruhigung und zur künftigen Leitung deines Betragens dieser Antwort
bedarfst. Ich erfülle den Wunsch meiner Freundin. Denke aber nicht, Valeria, dass
es rätlich, dass es möglich sei, diesen Briefwechsel fortzusetzen. Die innere
Stimme in meiner Brust, der streng geprüfte Ausspruch meiner Vernunft verwirft
jedes Mittel, das nur dazu dienen könnte, ein Verhältnis fortzusetzen, welches
wir Beide, als vom Himmel selbst getrennt, betrachten müssen. Es war eine Zeit,
wo ein verzeihlicher Irrtum uns verleitete, kühne Wünsche und Hoffnungen zu
nähren. Dieser Irrtum ist verschwunden, und mit ihm jede Hoffnung, jede
Entschuldigung für einen spätern Versuch. Der Himmel hat nur zu deutlich
gesprochen. Dieser Brief ist mein Erster an dich seit jenem Tage, der mir die
volle Kenntnis unsers Schicksals gab - er wird auch mein Letzter sein.
    Du kennst mich, Valeria! Es ist unmöglich, dass du in dieser Erklärung die
Sprache des verlarvten Wankelmuts, des flatternden Leichtsinns fürchten
solltest, der heilige Pflichten zum Vorwand sträflicher Kälte missbraucht. Der
Mann, der in so reifen Jahren wählte, hat für den traurigen Rest seines Lebens
gewählt. Doch von mir soll die Rede nicht mehr sein. Ich weiss, du hast Glauben
an mich, aber ich möchte dies schöne Gefühl zum Werkzeug deiner Ruhe, deines
künftigen Glückes gebrauchen.
    Besinne dich, Valeria! Du bist eine Kaisertochter, du bist eine Christin! Es
ziemt dir nicht, so kleinlaut zu verzagen, wenn das Unglück mit kalter Hand in
den Blütengarten deines Glückes greift, und seine lachende Schöpfung zerstört.
Du flüchtest im Gebete zu jener Erhabenen, die so viele Schmerzen, so viele
trübe Erfahrungen gelassen ertrug, und aus jedem Sturme in neuer Würde und
stiller Hoheit hervorging. Flüchte zu ihr, dies Gefühl ist richtig und tadellos;
aber wende dich nicht bloss mit zitterndem Herzen und strömenden Tränen an ihre
Fürbitte. Lerne von ihr dulden und tragen; sie litt weit mehr als du, und weit
standhafter. Halte dir ihr Vorbild gegenwärtig, sie ist nicht bloss das Symbol
unendlicher Liebe, sie ist auch das Urbild weiblicher Geduld und Sanftmut, und
der ergebensten Gottesfurcht. Unterwirf dich mit ruhiger Hoffnung dem vereinten
Willen deines Vaters, deines Kaisers, und der Vorsicht. Nicht umsonst hat sie
dich ihn gerade in diesem Zeitpunkt finden lassen. Nicht ohne ihre Leitung war
dein Geschick bis hierher. Vielleicht - und sehr wahrscheinlich - bist du zu
etwas Grösserem bestimmt, und es wäre Frevel, diese höhern Zwecke, wenn wir sie
gleich nicht kennen, auf dem häuslichen Altar unserer Liebe eigenmächtig zu
opfern. Wir haben die innere Stimme vom Himmel erhalten, um zu wissen, was Recht
ist, die Vernunft, um uns in schwerer Wahl zu leiten, endlich seine göttliche
Lehre, um das einmal gewählte Recht mit Kraft zu ergreifen, und mutig
auszuführen - sollte auch unser Glück darüber zu Grunde gehen. Viel deutlicher
ist noch in diesem Fall sein Wille ausgesprochen. Kein Dunkel kann unsre Wahl
erschweren, kein Zweifel über das Recht bleibt übrig. Dürfen wir anstehen, uns
seinen Fügungen zu unterwerfen? Könnten wir's, wenn wir auch wollten?
    Darum, Valeria, fasse dich, fordre die Kraft auf, die in deinem Busen wohnt,
die ich nur zu wohl kenne. Sei stark, sei geduldig, vor Allem, sei fromm! Lass
mich nie wieder von einem sträflichen Wunsche hören, der meine Seele verwundet
hat. Lass mich nicht fürchten müssen, dass du dich einst so weit verlieren
könntest, Hand an dich selbst zu legen! Weisst du wohl, Valeria, dass wir dann
ewig getrennt wären? Nur im Elysium begegnet die Selbstmörderin dem einst
geliebten Schatten. Aber ein heiliger Gott verwirft den Rasenden, der über sein
Leben gebieten zu können glaubt, und den Feigen, der die auferlegte Last
ungeduldig abwirft, und der Prüfung entflieht. Valeria! wenn ich dich einst dort
mit Wonne empfangen, wenn du mich in einer Welt des Friedens und der Gleichheit
wieder antreffen willst: so trage, was dir die Vorsicht auferlegt, und harre
standhaft aus.
    Valeria! Leb' wohl! Was du auch zu dulden hast, wie viel Schwerter durch
deine Seele gehen mögen, denke, dass dein Freund mit dir leidet, und dein Herz
keine Wunde empfängt, die nicht das meine eben so schmerzlich zerreisst. Schreibe
mir nicht mehr - ich darf dir nicht antworten. Mache keinen Versuch, dich an
Constantin zu wenden. Ich kenne seine Lage - er kann uns nicht helfen, uns ist
nicht zu helfen. Das bedenke - vergiss mich - und lebe wohl!
 
                       57. Teophania an Junia Marcella.
                                                         Nicäa, im November 302.
Wenn du nicht lächeln willst, meine geliebte Freundin, so möchte ich mein Herz
einem klaren Wasserspiegel vergleichen, der zwischen Büschen verborgen das Bild
des schönen Himmels treu in seiner Tiefe bewahrt. Wenn auch Stürme auf eine
Weile seine Oberfläche trüben und empören, dass die Bilder entfliehen oder
verworren auf den unstäten Wellen schwanken, so bringt es doch seine Natur mit
sich, dass er mit allen seinen Kräften wieder in seine vorige Lage zu kommen
strebt, und sich nach und nach selbst beruhigt. Dann sieht der Wanderer, der ihn
in seiner stillen Verborgenheit aufsucht, nicht die Flut selbst, er sieht nur
die Bilder des Ufers und den schönen blauen Himmel, der ihm aus der klaren Tiefe
entgegen strahlt. So ist es mir ergangen, meine Geliebte! Von selbst, ohne
äusseres Zutun, hat sich mein Herz wieder gefunden; der stille Friede und mit
ihm ein teures Bild sind in dasselbe zurückgekehrt. O es war eine traurige
Zeit, als ich ihn nicht mehr lieben zu dürfen glaubte, als ich ihn für
leichtsinnig und flatterhaft halten musste! Es war ein Aufruhr in meiner Natur,
eine gewaltsame Verwirrung derselben. Ich muss ihn lieben, ich muss mit ihm einig
sein, wenn ich es mit mir selbst sein soll. Ich bin es wieder, und das ist das
Kleinod meiner Brust. Jetzt strahlt der stille Spiegel wieder nur sein teures
Bild zurück, und ich darf wohl sagen, es ist mir wie der Flut, die selbst
verschwindet, und nur den Himmel zeigt. Ich will mich gern selbst vergessen,
wenn nur Er glücklich ist.
    Du wirst vielleicht glauben, dass ich ihn gesehen, oder sonst etwas von ihm
gehört hätte. Nein, meine Liebe! Aus meinem Innern, aus den Erinnerungen an
meine Jugend, aus der Zusammenhaltung mehrerer Umstände, aus der Ueberzeugung
von seinem Werte ging die kräftige Beruhigung hervor. Selbst deinen Brief habe
ich erst erhalten, als es bereits stille in mir war. Was er entielt, gab mir
noch höhere Kraft und das angenehme Gefühl der Uebereinstimmung mit der edelsten
Freundin. Ja, meine Liebe, er ist ganz entschuldigt! Er steht rein und tadellos
vor mir, und das macht mich glücklich, so wenig beneidenswert sonst meine Lage
ist. Nur der Gedanke, an ihm zweifeln zu müssen, kann mich wahrhaft unglücklich
machen, denn er stört meinen Frieden. Ihn lieben, und die Tugend lieben, ist
Eins bei mir! Aber wenn auch diese Ueberzeugung die unerlässliche Bedingung
meiner Seelenruhe ist, so ist sein Besitz kein Recht, das ich von der Vorsicht
als ein Eigentum ansprechen darf. Jenes hat sie mir gewährt, weil Seelenfrieden
zu unserm Seelenheile notwendig ist. Unsre Glückseligkeit ist es aber nicht,
und so darf ich diese nicht ansprechen, und tue es auch nicht. O meine Junta!
wie glücklich ich geworden wäre, wenn es Gott gefallen hätte, uns zu vereinigen,
wage ich nicht zu denken. Mir schwindelt vor dieser Höhe von Seligkeit, die
vielleicht für dies Leben zu gross gewesen wäre! In dieser Furcht beruhigt sich
mein Herz, und bescheidet sich, die Wonne des Himmels nicht schon hienieden zu
geniessen.
    Mein Vorsatz, unbekannt zu bleiben, steht daher noch immer fest. Es tragen
manche Nachrichten, manche Ueberlegungen dazu bei, es rührt auch wohl manche
Ansicht aus Heliodors Umgange her. Ich will mich bemühen, dir Alles klar und
deutlich zu machen, so deutlich, als ich es fühle; aber es ist schwer, Gefühlen
Sprache zu geben, und was wir als entschieden wahr empfinden, dem Andern eben so
klar einsehen zu machen.
    Es lebt hier ein gewisser Marcius Alpinus, derselbe, der zum Nachfolger
meines verstorbenen Gemahls bei dem Heere bestimmt war, und dessen Ankunft der
gekränkte würdige Held nicht erwarten wollte. Er kennt mich also nicht
persönlich, so wenig, als ich ihn je gesehen habe; aber er kennt Alles, was in
Nikomedien und am Hofe von einiger Bedeutung ist, und so denn auch das Haus des
Proconsuls, seine schöne Tochter und ihre Verhältnisse. Irre ich nicht, so haben
ihre Reize selbst einigen Eindruck auf ihn gemacht; aber wie das bei solchen
Weltmenschen geht, es gleitet Alles leicht über ihre abgeschliffenen Seelen hin,
und so auch die Liebe. Von ihm habe ich nun durch schickliche Fragen und
Erkundigungen so viel erfahren, dass Calpurniens Verhältnis zu Agatokles kein
Geheimnis ist, und dass man in der grossen Welt ihrer Verbindung als einem sehr
wahrscheinlichen Ereignisse entgegen sieht. Wie soll ich bei diesen
Verhältnissen den Mut haben, hervorzutreten? Wie leicht könnte es geschehen,
dass Agatokles durch mein Dasein mehr erschreckt als erfreut würde, dass er dann
aus Rechtschaffenheit ein Band zerreissen würde, das ihn glücklich machen könnte,
um sich in ein Verhältnis zu schmiegen, das ihm fremd geworden ist, und nicht
anders als drückend sein würde? Und würde ich dann glücklich sein? Nein, meine
Liebe! Viel besser ist's, er erfährt nie, dass ich lebe; so erspare ich ihm
Beschämung, Rene, eine schwere Wahl, oder eine noch mühsamere Treue, die mich
unglücklicher machen würde, als seine Sinnesänderung.
    So bin ich still und fest entschlossen, meinem Plane treu zu bleiben, und
aus eben der Ursache kann ich dein Anerbieten, nach Apamäa zu fliehen, nicht
annehmen. Dort bin ich bekannt, dort könnte es mir nicht gelingen, unter meinem
Christennamen unerkannt zu bleiben, und ich muss diesem Glücke, wie so manchem
andern, entsagen. Ich muss hier, wie so oft in meinem Leben, sagen: Der Herr hat
es gegeben, der Herr hat es genommen, der Name des Herrn sei gebenedeiet. Ach,
wenn ich den Trost nicht hätte, wie könnte ich mein Schicksal ertragen! So viel
zu verlieren, so Vielem zu entsagen, und doch nicht zu verzweifeln - dazu gehört
unmittelbare Unterstützung von oben, Wirkung der göttlichen Gnade, um die ich in
unablässigem Gebete ringe. »Betet, so wird euch gegeben werden!« Ja es wird mir
gegeben werden - nicht das, was mein Herz, vielleicht irrig, für mein Glück
hielt - aber das, was ich bedurfte, um seinem Verluste nicht zu erliegen,
Geduld, Kraft und Frieden.
    Glaube aber nicht, meine Teure, dass mein Gemüt immer so ruhig ist! Nein,
deine arme Freundin ist nicht in jeder Stunde so unbegreiflich stark, um den
Verlust von Agatokles Liebe, und den Entschluss, dein Anerbieten auszuschlagen,
mit stillem Gleichmut zu ertragen. O es ist mir oft, als wollte es mir die
Brust zerreissen, wenn ich bedenke, was ich gehofft habe, und wie es nun geworden
ist! Zuweilen schweben mir Bilder aus der Vergangenheit vor, zuweilen, wenn ich
das stille Glück betrachte, das Fulvia, die Gemahlin des Lysias, geniesst, wenn
ich die Liebe und Achtung bedenke, mit der diese Gatten sich behandeln, die
tausend kleinen Geschäfte des Lebens, die durch Liebe, Zärtlichkeit, Treue und
Aufmerksamkeit so namenlosen Reiz erhalten, und sich mir dann der Gedanke
aufdringt, was ich als Agatokles Gattin hätte werden können - o dann, Junia!
gehört mehr als menschliche Kraft dazu, um nicht zu verzweifeln. Dann bleibt mir
keine Rettung als im Gebete, das oft die Hälfte meiner Nächte einnimmt, und in
Heliodors düster erhabnen Ansichten der Welt und Zukunft. Er reisst mich mächtig
empor, er, der die leidenschaftliche Liebe zu einem Geschöpfe verdammt, während
er sein Leben der Menschheit widmet, er, dem der Landsmann, der Verwandte nicht
näher steht, als der Wilde, für den er eben so willig sein Blut vergisst, er
zeigt mir meine Pflicht in einem wunderbaren, erhabnen kalten Lichte, und so weh
seine Vorstellungen meinem Gefühle tun, so mächtig stärken sie meinen Willen,
und erhöhen meine Kraft.
    Ich habe an Sulpicien geschrieben, mit verstellter Hand, um jeder Entdeckung
vorzubeugen. Ich will mir diesen Weg offen erhalten, um etwas Zuverlässiges von
Calpurniens Verhältnissen zu erfahren. Sie hat mir geantwortet, ganz so, wie ich
es erwartet hatte; ihre Antwort hat nichts an meinem Entschlusse geändert.
Nächstens werde ich ihr wieder schreiben, ich will es wagen, Calpurnien unter
einem schicklichen Vorwande um jene Zeichnung bitten lassen, die mir die volle
Gewissheit meines Unglücks gab. Es ist sein Bild. Ach, ich habe sonst nichts von
ihm, und muss das Einzige von meiner Nebenbuhlerin erbetteln! Ach Junia!
    Ist einst dieses Band, wie es Sulpicia selbst zu erwarten scheint, wirklich
geknüpft, verlassen vielleicht die glücklichen Gatten Asien, was doch möglich
wäre, oder hat die Zeit auch die letzte Spur meines Andenkens in seiner Brust
verlöscht - dann komme ich zu dir, dann birgst du mich im Schatten deines
Hauses, und gönnst mir einen Anteil an der Besorgung deines Hauswesens, an der
Erziehung deiner Kinder, deiner Enkel, die bis dahin deine spätern Jahre
verschönern werden, damit mein Dasein nicht ganz nutzlos verschwinde, und ich,
wenn der milde Befreier der gefangenen Seele erscheint, mit dem Bewusstsein aus
der Welt scheide, doch Einem Menschen Etwas gewesen zu sein. Leb' wohl!
 
                       58. Constantin an Eneus Florianus.
                                                    Nikomedien, im December 302.
Die Zeit wird immer fruchtbarer an Begebenheiten und Saamen für die Zukunft. Der
Krieg mit den Persern ist durch einen glorreichen Frieden geendigt, wir haben
unsern triumphähnlichen Einzug in Nikomedien gehalten, und Diocletian begegnet
dem Galerius mit einer Achtung, die vermutlich die ehemalige schimpfliche
Strafe gut machen soll. Galerius müsste nicht sein, wie er ist, wenn er dies
Gefühl des Unrechts nicht mit gewaltiger Hand ergreifen und zu seinem Besten
nützen sollte. Ich weiss zuverlässig, dass er die Ueberlegenheit, die ihm dies
Gefühl und die sinkenden Kräfte des alternden Augustus geben, missbraucht, um
diesen zu manchem Schritte zu zwingen, oder zu überreden - wer entscheidet das?
- der eine langerprobte Klugheit Lügen zu strafen droht. Man spricht sogar hier
und da, aber nur höchst geheim davon, dass Diocletian freiwillig die Regierung
niederlegen, den mailändischen Augustus zu demselben Schritte bereden, und sich
dann in die Einsamkeit nach Salona, wo er sich in Geheim und lange schon einen
lieblichen Aufentalt zubereiten lässt, begeben wird. Dann würden Galerius und
mein Vater Augustus werden, und wer würde den Rang der Cäsarn einnehmen? Mir
hier keinen Nebenbuhler, keine Kreatur des düstern Galerius vorkommen zu lassen,
soll meine Sorge sein. Ich habe fürstliches Blut und fürstlichen Sinn von meinem
Vater geerbt, und deine Unterweisungen haben mich gelehrt, das, wozu mich Natur
und Geschick beriefen, mit festem Gemüt zu erkennen, und zu ergreifen.
    Marcius Alpinus ist von Galerius entfernt, und Präfect in Nicäa geworden,
er, dieser gewandte Höfling, der Günstling des Cäsars, ein kriechender
Schmeichler, ein erklärter Feind der Christen, und darum seinem Gebieter bis
jetzt scheinbar unentbehrlich. Aber wer wäre dem Galerius unentbehrlich! Genug,
er ist entfernt, und spielt in Nicäa die Rolle des Philosophen, der, des Hofes
und der Welt satt, nur sich allein leben will. Ich habe ihn von jeher verachtet.
Seit er aber bei jeder Gelegenheit, und erst neulich bei Agatokles Beförderung
zum Tribun, diesem mit heimlicher Bosheit entgegen war - ob aus eignem
Widerwillen, oder weil der Sclave auch die Neigungen seines Herrn kriechend
teilt, und mich in meinem Freunde hasst, weiss ich nicht - seitdem habe ich ihn
die Gesinnung, die mir sein Betragen einflösste, deutlich merken lassen, und
seinen Einfluss verachtet. Jetzt in seiner Verbannung hat er, uneingedenk alles
Vorgefallenen, mir seine guten Dienste anbieten lassen. Die verächtliche Seele!
Er weiss viel, sein Einfluss war bedeutend - - was ich zu tun habe, werde ich
sehen. Es ist nichts so gering, so verwerflich, das nicht, an seinen rechten
Platz gestellt, zweckmässig gebraucht werden könnte, und meine Zukunft, folglich
auch meine Massregeln liegen noch in tiefem Dunkel. Dass ich nichts Unwürdiges
tun werde, weisst du. Aber was Notwehr und drängende Verhältnisse fordern, kann
nicht mit dem Maassstabe ruhiger Fassung gemessen werden, und die Moral des
Menschen und des Staats nicht dieselbe sein. Gegen den, der sich Alles erlaubt,
muss die Vernunft selbst alle Mittel ohne Unterschied ergreifen heissen, sonst
sind unsre Waffen nicht gleich, und die gute Sache unterliegt ängstlichen
Rücksichten. Doch, bei Gott! Eneus, bei dem, der für's Wohl der Menschheit sein
Leben gab, nur die Notwehr wird mich solche Mittel ergreifen machen! Auf den
Höhen der Politik kehren wir wieder in den Stand der Natur zurück, wo nur das
Recht des Listigern oder Stärkern gilt. Galerius hasst mich, er hasst die
Christen, er will sie verfolgen. Es wird ein harter, ein gewaltiger Kampf
entstehen; aber ich hoffe, der Himmel und Cato werden dann auf einer Seite
stehen1.
    An meinen teuren Vater habe ich vor zwei Tagen geschrieben, und mich
umständlicher über meine Lage erklärt. Er ist wohl so gut, dir zu erzählen, was
zweimal zu schreiben mir weder meine Neigung, noch meine Zeit erlaubt. Leb'
wohl!
 
                                    Fussnoten
1 Die Stelle, auf welche sich diese Anspielung bezieht, ist aus dem Lucan:
Magno se judice quisque tuetur.
Victrix causa Diis placuit, sed victa Catoni.
 
                           59. Agatokles an Phocion.
                                                    Nikomedien, im December 302.
Es werden beinahe zwei Monate vergangen sein, seit du keinen Brief mehr von mir
erhalten hast, und da jetzt meine Zeit wieder freier ist, hast du wohl
gegründetes Recht, Nachricht von mir zu fordern. Ich bin mit dem Cäsar,
Constantin und Tiridates seit einigen Tagen hier. Der Kaiser hat mich zum Tribun
unter den Jovianern ernannt. Bis in dem Quartiere der Leibwache Platz für mich
gemacht wird, wohne ich bei meinem Vater, der Mich mit besonderer Güte
behandelt, seit mein Verhältnis zu Constantin, und glückliche Umstände mir eine
bedeutendere Existenz verschafft haben. Uebrigens ist mein Leben wie vorhin. Ein
trüber Gedanke verlässt mich nie, und vergebens suche ich ernstlich, mich in dem
Umgange einer liebenswürdigen Freundin zu zerstreuen, deren Vorzüge vermögend
wären, vielleicht in jedem andern Herzen frühere Eindrücke zu verlöschen. Bei
mir ist ihr Zauber verloren. Ich achte ihre Verdienste, ich erkenne die seltne
Macht ihrer Reize, ich fühle mich erheitert, so lange ich um sie bin; aber die
Leere meiner Brust auszufüllen, vermag sie nicht.
    So von der Wirklichkeit abgestossen, und unfähig, in irdischen Gütern Glück
zu suchen und zu finden, ergreift der Geist desto heftiger die Ideen, die sich
ihm darbieten. Und so höre nun, Phocion, was eigentlich mich abhielt, dir schon
längst zu schreiben. Glaube nicht, dass es Mangel an Erinnerung oder minderes
Verlangen war, dir alle meine Gedanken mitzuteilen; es war Unschlüssigkeit,
Furcht, möchte ich beinahe sagen. Es ist eine peinliche Lage, wenn verschiedene
Schicksale zwei Freunde zu sehr verschiedenen Arten der Ausbildung und
Ueberzeugung führen, so, dass dem Einen zuletzt nichts übrig bleibt, als dem
süssen Trost zu entsagen, mit dem geliebten Freunde über den wichtigsten Punkt
der Erkenntnis gleichstimmig zu denken. Dann zögert der Mund, das auszusprechen,
was schon längst in Beider Herzen bereit lag, und die Hand weigert sich, der
Tafel die inhaltschweren Worte einzugraben.
    Doch muss es geschehen. Höre denn, mein Freund mein Geständnis, und lass mich
hoffen, dass der Zwiespalt in unsrer Erkenntnis keinen Zwiespalt in unsern
Empfindungen hervorbringen werde.
    Ich bin ein Christ. Vor vier Wochen habe ich vor einer kleinen Anzahl meiner
Glaubensgenossen feierlich das Bekenntnis jener Wahrheiten und Lehren abgelegt,
die längst schon mein ganzes Wesen mit inniger Ueberzeugung ergriffen hatten.
Dass es so kommen würde, war mir langst gewiss, und auch dir wird diese Nachricht
nicht unerwartet sein; aber meines Vaters wegen bleibe dieser Schritt noch so
lange verborgen, bis nicht dringende Umstände mein öffentliches Bekenntnis
fordern. Das bin ich ihm schuldig.
    Nun habe ich errreicht, was ich so lange als das Ziel dunkler heftiger
Wünsche suchte, das Höchste, Beste, was der Mensch erreichen kann. Ich bin einig
mit mir selbst, gewiss über meine Bestimmung in diesem, mein Loos im andern
Leben; jeder Zweifel ist gelöset, und jede Pflicht liegt klar und deutlich vor
mir.
    Um meine Ueberzeugung so viel als möglich in deinen Augen zu rechtfertigen,
wende ich mich zur Beantwortung der neuen Anklagen und Vorwürfe, die deine
letzten Briefe, welche ich in Nisibis empfing, gegen meinen Glauben entalten.
    Du schilderst mir in dem ersten derselben mit wahrhaft dichterischem Feuer
die Lieblichkeit der griechischen Mytologie, und die schönen Bilder, die sie
den Sinnen in jeder Art der Wahrnehmung darbietet. Nicht fähig, ihren Wert für
die Ueberzeugung und Moralität der Menschen auf der jetzigen Stufe ihrer Bildung
zu beweisen, bemühst du dich, ihnen einen höhern, bessern Sinn unterzulegen und
deutest in diesen Fabeln, was nie darin lag, und was nur Geister, wie der
deinige, die denn ohnedies dieses Behelfes nicht bedürfen, hineinlegen können.
Warum das, mein Freund? Die Myten unserer Voreltern waren in ihrem Ursprung
ganz löbliche und nützliche Erfindungen für die Menschheit in ihrer damaligen
Lage. Sie entielten naturgeschichtliche Wahrheiten, in liebliche Bilder
verhüllt, die Geschichte der Erde, ihre Revolutionen, den Einfluss der Gestirne,
der Jahreszeiten auf ihre Bewohner. So waren sie dem eingeweiheten Priester
ehrwürdige Symbole der Alles erzeugenden Natur, dem Laien aber bald nichts
anders, als widersinnige Repräsentanten eben so vieler über- oder
untergeordneter Gotteiten, die bald einig, bald kämpfend, sich in die
Herrschaft der Welt teilten, und so den erhabnen Begriff eines einzigen
Schöpfers verdrängten. Das heranreifende Menschengeschlecht entwuchs diesen
kindischen Begriffen. Der Weise fing an zu grübeln, die Menge zu spotten; und
nun sind wir dahin gekommen, dass kein verständiger Mensch einen erhebenden Sinn
mit diesen Mährchen verbinden, kein Herz durch ihren Anblick zu höherm Schwunge
geweckt werden könnte, wenn auch alle schönen Künste sich um die Wette
beeiferten, Götterbilder und Tempel mit Allem auszustatten, was die Sinne
reizen, die Einbildungskraft vergnügen kann.
    In wessen Herz strömt jetzt noch ein Tempel, wo die verspottete Gotteit
wohnt, heilige Schauer? Wer fühlt noch etwas Anderes bei dem Anblick eines
schönen Götterbildes, als dass es ein treffliches Werk der Kunst sei? Und selbst
diese Künste! Die Zeiten des Perikles sind dahin, die Jugendblüte der
Menschheit ist vorüber, und mit ihr die Blüte der Kunst. Kein frisches
lebendiges Geschlecht trägt Göttergestalten in seiner Brust, und stellt in
Marmor oder Erz dar, was seine Seele begeisternd erfüllt. An den zügellosen
Hofhaltungen verächtlicher Wollüstlinge oder blutdürstiger Tyrannen verstummen
die Gesänge der heiligen Dichter; und wie könnte ein Imperator, der im wilden
Lager ausgearteter Legionen erzogen wurde, mit Lust und Geschmack den Liedern
horchen, die einst einen August entzückten? Jene Zeiten sind vorbei, und mit
ihnen die Fähigkeit, jene Fabeln und Bilder für etwas zu halten, und sie zu
verehren. Würdest du wohl die Leidenschaft des erwachsenen Jünglings durch den
Aesop oder Phädrus zu zähmen wähnen? Oder könntest du dich mit der Hoffnung
täuschen, die Wut der empörten Prätorianer mit einer Fabel zu beschwören, wie
Minenius Agrippa?1 Andere Zeiten erzeugen andere Sitten, andere Menschen, und
diese haben andere Bedürfnisse. Eins der ersten des aus Geist und Körper
zusammengesetzten Geschöpfes ist Religion. Der Hang dazu liegt in ihm, und
äussert sich bei den rohesten Völkern im kindischesten Weltalter. Ihnen genügt
die todte Natur nicht, sie beseelen sie, und beten den Geist an, den sie ahnend
entdecken. Tiefer als mancher Philosoph, mancher herzlose Spötter wähnt, liegen
diese Gefühle in unsrer Brust, und verkünden sich bald als erhabene
Gottesfurcht, bald als Neigung zum Wunderbaren, Gespensterfurcht, Glauben und
Ahnungen, Träume u.s.w. Der Mensch, seines unsterblichen Gefährtens sich bewusst,
sucht diese wunderbare Vereinigung von Geist und Materie überall, ahnet in jeder
ausserordentlichen Begebenheit viel lieber die Einwirkung eines höhern Wesens,
als die Folge todter kalter Gesetze, und fühlt sich nirgends allein, wenn Alles
um ihn her von einer unsichtbaren denkenden Kraft geleitet wird. Aber die
Dryaden und Hamadryaden, die Nymphen der Quellen, die Satyren und Faunen sind
aus den Wäldern entflohen, zum Teil vor der Stimme der Vernunft, zum Teil vor
dem Hohngelächter, womit der unüberlegte Spott die fromme Einfalt schreckt.
Statt ihnen wohnt in dem einsamen Dunkel der Wälder und in der erhabnen Stille
der Natur das Gefühl der allgegenwärtigen Gotteit, die das Moos am Baume mit
eben der Weisheit schuf, als das Auge des Beobachters, und den denkenden Geist,
der fähig ist, diese Betrachtungen anzustellen. Der einige, allwissende,
allmächtige Schöpfer erfüllet das Ganze, sein Hauch schwebt in den säuselnden
Lüften um uns, seine väterliche Fürsorge offenbaret sich in dem Instinkte jedes
Tiers, dem Bau jedes Nestes. Scheint dir dieser Ersatz zu gering für jene
fabelhaften Wesen? Und warum bemühest du dich, dem Glauben an sie einen neuen
Sinn unterzuschieben? Lass sie entfliehen mit dem Strom der Zeit, der sie der
Vergangenheit zuträgt - sie gehören nicht mehr in unser Zeitalter. Ein neues
besseres System steht da, die Menschheit soll es ergreifen, oder es ergreift sie
mit mächtigem Arm; denn es ist ein Kind des Geistes der Zeit, und
unwiderstehlich wie er.
    Noch habe ich einen Einwurf zu beantworten. Das Christentum, sagst du, ist
den Künsten nicht günstig. Ein Teil der Antwort liegt schon im Vorhergehenden.
Das Zeitalter ist ihnen ungünstig. Es ist wahr, das Christentum duldet nicht
Bilder und Zeichen desjenigen, der weit über alle Vorstellung, über jeden
Begriff erhaben ist. Schliessen doch selbst die wilden Germanier ihre Gotteit
nicht in Tempel, als in eine unwürdige Beschränkung ein: so darf und muss der
Christ auch seinen Gott auf die höchste, reinste Weise verehren. Aber das Rad
der Veränderung wälzt sich unablässig fort, und der menschliche Geist steht nie
stille. Es werden Zeiten kommen, wo in sicherer Ruhe der tätige Trieb sich
erfindend, bildend entfalten wird. Wenn einst nach Jahrhunderten die Stürme
vertobt haben, deren Beginn wir nun erleben, wenn alle wilden Nationen, die
jetzt über die gesittete Welt hereinzubrechen, und Cultur, Künste, Wissenschaft
und Ordnung zu stürzen drohen, sich unter einander bekämpft, verjagt, und blutig
aufgerieben haben werden: dann wird in dem allgemeinen Schrecken nur die
Religion allein aufrecht stehen, sie wird das Heiligste und Höchste des Menschen
bewahren, sie wird dem Übermut roher Barbaren Ehrfurcht gebieten, ihre sanfte
Macht der wilden Gewalt das Gleichgewicht halten, in die Hallen ihrer Tempel
werden sich Künste und Wissenschaften vor dem Sturm retten, und wenn es auf dem
müden Erdkreis stille geworden, wird ein schönerer Tag aus ihnen über die
neugeborne Welt hervorgehen. Leb' wohl!
 
                                    Fussnoten
1 Als das Volk in den ersten Zeiten der Republik einst gegen den Senat und die
Reichen aufgebracht war, und sich ausser Rom auf einem Berge gelagert hatte,
brachte es der Consul Menenius Agrippa durch die bekannte Fabel von dem Magen
und den Gliedern des Leibes wieder zur Ordnung, und in die Stadt zurück.
 
                  60. Marcius Alpinus an Lucius Scribonianus.
                                                         Nicäa, im December 302.
Du willst Nachrichten, Neuigkeiten von mir hören. Was, bei allen Göttern, soll
ich dir aus diesem Neste von Stadt schreiben? Es geht Alles seinen langsamen
regelmässigen Gang fort, und da eine grosse Anzahl der hiesigen Einwohner Christen
sind, so ist dieser Gang so stille und erbaulich, dass Jemand, der aus einem
raschern abwechselndern Leben kömmt, hier Gefahr läuft, vor langer Weile zu
sterben. Zwei Monate bin ich hier - sie dünken mich zwei Jahre - und bin
entschlossen, nicht mehr lange hier zu sein. Es bereiten sich wichtige Vorfälle
im Stillen vor, es sind viele Hände geschäftig. Dass meine Freunde unter der Zahl
sind, ist natürlich. Aber nicht allein, was für mich getan wird, soll mir zum
Nutzen gereichen, auch was meine Feinde wider mich zu tun meinen, soll sich
unter ihren Händen in Waffen gegen sie verkehren. Man hat mich vom Hofe
entfernt, und glaubt mich auch von jeder Einwirkung entfernt zu haben. Ich lasse
sie bei dem Glauben, der sie vergnügt und sicher macht, und spiele hier die
Rolle des gestürzten Günstlings mit Anstand und Demut. Galerius kann meiner
nicht entbehren, das weiss ich. Constantin hasst mich, und braucht mich vielleicht
doch einst. Diocletian ist ein untergehendes Gestirn. Die Christen arbeiten in
Geheim für sich, Galerius offenbar gegen sie, der Augustus schwankt, - ein böses
Anzeichen bei einem Manne, der sonst den Zweifel nicht kannte. Eine Partei muss
siegen. Es kommt nur darauf an, sich die Hände so frei zu erhalten, dass man sie
zur rechten Zeit ohne Schande ergreifen kann, und dafür wollen wir sorgen.
    Du willst wissen, was ich von Galerius Massregeln gegen die Christen denke?
Sie scheinen mir, wo nicht ganz zwecklos, doch zweckwidrig. Sollte es möglich
sein, die christliche Religion auszurotten, woran ich je mehr und mehr zweifle,
nicht aus Achtung für sie - eine solche Abgeschmackteit wirst du mir nicht
zutrauen - sondern weil ich sie zu fest begründet glaube: so müsste es nicht mit
offenbarer Gewalt geschehen. Verfolgung, Strafen, Gefahren exaltiren solche
Menschen noch mehr, sie machen sie eigensinnig, unüberwindlich. Von innen, in
ihren edelsten Teilen müsste diese Secte angegriffen, in sie der Keim des
Verderbens gelegt werden, der dann den ganzen Körper langsam vergiften, und zur
Auflösung bereit machen könnte. Aber ein solches Mittel wird ein Mensch, wie
Galerius, nie ergreifen.
    Constantin wird eine bedeutende Rolle spielen, die Natur hat ihn dazu
bestimmt, er kann nicht untergeordnet bleiben, und es ist ein sicheres Zeichen
seines Scharfblickes, dass er es mit den Christen hält, und also den Geist der
Zeit für sich hat. Das ist auch wohl bei einem so klugen Mann, wie er, der wahre
Beruf zu diesem Glauben. Er sammelt jetzt schon Menschen und Hülfsquellen um
sich, die er zu seiner Zeit in Bewegung setzen wird. Ihm können auch Schwärmer
nützen, und so hat er einen der entschiedensten, jenen Agatokles um sich, den
neulich der Schwindelgeist seiner Kameraden zum Tribun machte. Ich hasse den
Menschen aus mehr als Einem Grunde, und nehme mir vor, ihm nächstens einen
empfindlichen Streich zu spielen. Es ist eine lächerliche Geschichte, die ich
vielleicht in Nikomedien keiner Aufmerksamkeit gewürdigt hätte, die aber dazu
dienen soll, mir die lange Weile zu vertreiben. Ich war kaum acht Tage hier, als
mir eines Morgens in der Nähe eines Christentempels ein Frauenzimmer begegnet,
dessen guter Anstand und tiefe Wittwentrauer meine Blicke flüchtig auf sich
ziehen. Sie kommt näher, ich betrachte sie genauer, und obwohl der schwarze
Schleier ihr Gesicht halb verbirgt, erkenne ich mit Erstaunen Larissa, die
Wittwe des Demetrius, die man schon lange für todt gehalten hatte. Als ich nach
Nisibis kam, um den Heerbefehl zu übernehmen, war sie schon abgereiset; aber ich
kannte sie von frühern Zeiten, und war öfters auf Reisen mit ihr
zusammengetroffen. Wie sie den Händen der Goten entgangen, wie sie hierher
gekommen, weiss ich nicht; im Grunde liegt auch nichts daran. Genuss sie ist hier,
und lebt im Hause eines gewissen Lysias, eines der angesehensten Bürger dieser
Stadt, unter dem Namen Teophania, als Wittwe eines byzantinischen Kaufmanns.
Diese geheimnisvolle Verborgenheit fiel mir auf, denn ich weiss, dass sie die
heissgeliebte Jugendfreundin jenes Agatokles war, der Alles, was er auf Erden
besitzt, darum geben würde, wenn er erfahren könnte, dass sie lebt, und ihn noch
liebt. Ich musste der Sache auf die Spur kommen, und führte mich unter einem
leichten Vorwande bei Lysias ein; da sehe und spreche ich sie nun täglich, ich
stelle mich, als kennte ich sie nicht, begegne ihr mit grosser Achtung, schone
ihre Vorurteile, und habe nun schon so viel herausgebracht, dass sie ihren
Agatokles für untreu hält, und deswegen ihre Verborgenheit nicht verlassen
will. Das hat sie mir nun freilich nicht so geradezu erzählt, aber ihre Fragen
und Erkundigungen sagten mir Alles, was ich wissen wollte. Sie ist leicht zu
betören, wie alle die frommen und arglosen Menschen ihrer Art, aber sie gefällt
mir, und ich hätte Lust, sie in mich verliebt zu machen. Schön ist sie nicht,
aber, beim Jupiter, kein gemeines Geschöpf. Eine kleine Narbe auf der einen
Wange entstellt sie ein wenig, aber ihr Wuchs ist edel, ihr dunkles Auge, das
sich langsam unter seidenen Wimpern wendet, hat einen sehnsüchtigen anziehenden
Ausdruck, ihre Arme sind vorzüglich schön, überdies ist sie eine Christin, und
eine höchst andächtige. Es wäre doch lustig zu sehen, welchen Contrast die
irdische Venus mit allen diesen Erhabenheiten machen würde, und zu versuchen, ob
es nicht möglich wäre, den phantastischen Jugendgeliebten aus ihrem Herzen zu
verdrängen. Der Spass lohnt wohl die Mühe einer kleinen Vorstellung, und
belustigt mich im Voraus. Leb' wohl!
 
                   61. Calpurnia an ihren Bruder Lucius Piso.
                                                    Nikomedien, im December 302.
Stehlen muss ich die Zeit, liebster Bruder, um dir zu schreiben, und meine alte
Schuld abzutragen. Aber du kennst meine Unart. Es kostet mich Mühe, zum
Schreiben zu kommen, wenn ich aber einmal anfange, kostet es mich eben so viele,
wieder aufzuhören. So wirst du zwar wenige, aber desto längere Briefe von mir
bekommen. Wir leben jetzt in einer unruhigen fröhlichen Zeit. Wie Schade ist's,
dass du nicht Teil daran nehmen kannst! Feierlichkeiten und Unterhaltungen jeder
Art wechseln mit einander ab, Hoffeste, Volksfeste, Hochzeitfeste,
Friedensfeste, und deine Schwester spielt bei allen diesen Herrlichkeiten, als
Tochter des Proconsuls, und Freundin der armenischen Königin, eine gar nicht
unbedeutende Rolle. Ich erscheine fast jeden Tag öffentlich bei irgend einem
feierlichen Aufzuge, und ich müsste doch wahrlich kein Mädchen, ich müsste so
etwas von einem Stoiker oder Cyniker sein, wenn es mir nicht eine wahre
Angelegenheit sein sollte, jedesmal in einem so viel wie möglich neuen und
passenden Anzug zu erscheinen. Das kostet Zeit, Nachdenken, Arbeit. Rechne dazu
die vielen Stunden, welche Gastmahle, feierliche Opfer u.s.w. einnehmen, und du
wirst leicht begreifen, dass deiner geschäftigen Calpurnia in ihrem weitläufigen
Hauswesen wenig Zeit übrig bleibt. Zuweilen könnte ich wohl ein Stündchen
finden, aber bald ist ein Freund, bald Braut und Bräutigam da; es wird
geschwatzt, gescherzt - wer kann dem Reiz der geselligen Freuden widerstehen? -
und so verfliegt der Tag, wie eine Minute. Wenn ich dann Abends müde auf mein
Lager sinke, wiederholt Morpheus gefällig die Freuden des Tages in noch schönern
Bildern. Ich bin so vergnügt, wie ich seit Langem nicht mehr war, und fühle, dass
sich in diesen Freuden, als in meinem eigentlichen Elemente, mein ganzes Wesen
auf's leichteste und angenehmste entfaltet.
    Doch ich plaudre in einem fort, ohne zu bedenken, dass du unmöglich wissen
kannst, was ich meine. Nun so will ich denn einmal die flatternde Phantasie beim
Flügel haschen, und sie zwingen, recht sittsam und ordentlich zu erzählen, wie
sich Alles begeben hatte. Vor zwanzig Tagen ungefähr hielten der Augustus,
Galerius und Tiridates ihren feierlichen Einzug in Nikomedien. Es war eins der
glänzendsten Feste, das ich je, selbst in Rom, gesehen hatte. Die angesehensten
Einwohner, alle öffentlichen Autoritäten zogen ihnen im prächtigsten Anzuge und
mit feierlichem Gepränge entgegen; aber Alles verschwand vor der Pracht des
ankommenden Hofes. Der Kaiser zwar und Cäsar Galerius machten trotz des
ausserordentlichen Schimmers, der sie umgab, nicht viel Effekt, wenigstens nicht
auf mich, und ich glaube, halb Nikomedien (so hoch wird sich wohl das weibliche
Geschlecht hier belaufen) war einerlei Meinung mit mir, was auch die sogenannten
Verständigen oder die Schmeichler von ihren bedeutenden Physiognomien, dem
Herrscherblick, den Heldenstirnen sagten. Für mich waren es ein paar alte Herren
ohne alles Interesse. Desto prächtiger nahmen sich dicht hinter ihnen die
Prinzen Constantin und Tiridates aus. So herrlich, so blendend, wie diesmal,
hatte ich sie nie gesehen. Sie ritten auf stolzen Pferden mit allem Anstande
geschickter Reiter, die Sonne zog blendende Funken aus ihren Rüstungen, und die
Helmbüsche wogten auf und nieder, wie sich ihre Pferde tanzend unter ihnen
bewegten. Ihre schönen Gestalten waren durch die schimmernden Umgebungen sehr
erhoben, und die Stimmen zwischen dem edlen Ernst des blonden Britten, und dem
freundlichen Feuer des dunkeln Armeniers geteilt. Nicht weit davon im Gefolge
ihrer ersten Offiziere befand sich Agatokles. Auch sein Anzug war prächtig, wie
es die Feier und sein Stand forderte, aber ich muss dir aufrichtig bekennen, so
wohl er mir damals gefiel, als die Blicke des ganzen Volkes an ihm als
Siegesboten hingen, so verschwand er heute gänzlich vor der Schönheit und dem
Glanz der beiden Fürsten. Was auch die Philosophen sagen mögen, Schönheit und
hohe Geburt sind keine so ganz gleichgültigen Eigenschaften, und wenn sie auch
keine Verdienste verleihen, so dienen sie doch dazu, die, welche schon vorhanden
sind, in ein blendendes Licht zu stellen.
    Tiridates mit allen seinen guten Eigenschaften als der Sohn eines Bürgers,
der etwa durch Unglück sein Vermögen verloren hätte, würde unser Mitleid
erregen, und wir würden uns freuen, wenn ihm der Zufall wieder sein väterliches
Gut zurückgäbe. Aber hier ist ein Fürst, der letzte Sprössling eines erlauchten
Hauses, an dessen Willen einst das Schicksal von Millionen hing, durch einen
Usurpator seines Trons, seiner Rechte beraubt, und verfolgt, nur durch die
Treue eines alten Dieners gerettet. Dieser Fürst hat nun sein Reich mit Hülfe
seiner Freunde erobert. Er ist wieder König, sein Wille lenkt wieder das
Geschick von Tausenden. Wie ganz anders ist dieser Eindruck! Und wenn das Gemüt
durch jene Erzählung vorbereitet ist, den merkwürdigen Mann mit günstiger
Stimmung zu betrachten, dann vollendet noch eine schöne Gestalt den Zauber des
ganzen Bildes. Wer kann sich dessen ganz erwehren? Wer wird läugnen, dass der
schöne Tiridates als Privatmann, oder der Fürst in alltäglicher Bildung nicht
halb so interessant sein würde? Das wissen auch die Dichter, und darum stellen
sie uns so gern Fürsten, Helden, Götter der Erde dar, lassen sie von grossen
Schicksalen gebeugt, oder erhoben werden, und schildern sie uns obendrein als
vollendete Schönheiten.
    Gegen Abend kam er mit Agatokles zu mir. Jetzt war der Zauber verschwunden,
und in der einfachen friedlichen Toga, im freundschaftlichen Gespräch gewann
dieser bald wieder seinen alten Platz neben, oder selbst vor Tiridates in meinem
Geiste. Ich fand ihn etwas heiterer als sonst. Die tiefe Schwermut, die ihn
vorher beinahe zu jeder geselligen Freude unfähig machte, hatte sich in einen
sanften Ernst verwandelt; er war freundlich, aber still, und wortarm. Tiridates
hatte beschlossen, schon den folgenden Tag nach Syntium zu gehen. Ich erhielt
einen Tag Aufschub von ihm, weil ich es notwendig fand, Sulpicien erst auf
diesen Besuch, und das ersehnte Ziel aller ihrer Leiden und Wünsche
vorzubereiten. Am dritten Tag reiste er endlich im Gefolge eines Heeres von
Sclaven, Pferden und Kameelen, die königliche Brautgeschenke trugen, ab, um
seine Braut zu holen. Der Empfang soll ganz so gewesen sein, wie ich dachte,
voll Zärtlichkeit und Achtung auf der einen, voll Entzücken auf der andern
Seite. Sobald Sulpicia sich von dem Freudensturm erholt hatte, wurde sie in
einer prächtigen Sänfte von acht reich gekleideten Cappadociern, die in kleinen
Absätzen von Andern abgelöst wurden, so schonend und so feierlich als möglich
nach Nikomedien gelbracht, und ich empfing sie am Tore des prächtigen Hauses,
das Tiridates schon lange gekauft, und mit königlicher Pracht hat einrichten
lassen.
    Hier blieb sie acht Tage bis zu ihrer Vermählung, und diese wurden
grösstenteils mit Zubereitungen, mit Wahl der kostbarsten Stoffe, Juwelen,
Gerätschaften u.s.w. höchst angenehm zugebracht. Am Tage des Friedensfestes,
das der Augustus sehr feierlich beging, wurde auch die Vermählung des
armenischen Königs vollzogen, und Sulpicia erschien mit einer Pracht, die fast
die Augusta und ihre Tochter, des Cäsars Gemahlin, verdunkelte. So will es
Tiridates, der nichts unterlässt, wodurch er der Welt die Achtung zeigen kann,
mit der er seine Frau behandelt. Seit diesem Tag dauert nun das fröhliche Leben,
von dem ich dir im Anfange schrieb, und nichts stört meinen Genuss, als der trübe
Gedanke, dass es nicht mehr lange währen, und dann eine tödtliche Leere an seine
Stelle treten wird. Tiridates führt seine Frau, so bald die Feste vorüber sind,
nach Ecbatana. Sulpicia hat sich ziemlich erholt, und wird im Stande sein, die
Reise ohne Schaden für ihre Gesundheit zu unternehmen. Ihr Gemüt ist beruhigt,
und so die erste Quelle ihres Uebels gehoben. Ich hoffe jetzt auf ihre gänzliche
Herstellung, aber ich werde ihre Abwesenheit sehr schwer empfinden; ich werde
sie, ich werde Tiridates überall vermissen. Jetzt, wo alle Zweifel verschwunden,
alle ängstlichen Spannungen aufgelöset sind, und sein Geist sich ungehindert und
frei entfalten kann, kannst du dir keinen Begriff machen, welch' ein angenehmer
Gesellschafter er ist, höchst liebend würdig als Fürst und Mensch. Seine
Heiterkeit belebt auch Sulpicien, und unser Umgang ist angenehm und fröhlich.
Freilich wird Agatokles hier bleiben; wird aber sein Ernst, seine wortarme
Unterhaltung im Stande sein, mich für jenen Verlust zu entschädigen? Ich zweifle
sehr. Er ist ein Feind aller lauten Freuden, alles Schimmers, aller öffentlichen
Belustigungen; er war sogar entschlossen, während der Festlichkeiten nach
Syntium zu gehen, und dort ganz allein seinen Gedanken und Schwärmereien zu
leben. Du musst gestehen, dass das doch zu arg war; auch liessen wir ihn diesen
trübsinnigen Vorsatz nicht ausführen, und er ergab sich zuletzt unsern
vereinigten Bitten und Neckereien. Wie er sich dann betragen wird, wenn unsre
Freunde ferne sind, und wieder Alles stille um mich geworden ist, das wissen die
Götter; ich sehe dieser Zeit mit einer Art von Schauer entgegen. Doch weg mit
den trüben Gedanken! Sie sollen mir die gegenwärtige Lust nicht verderben. Und
so leb' wohl, lieber Bruder! Ich eile zu Sulpicien, um im Umgange meiner Freunde
jede düstre Regung zu verscheuchen.
 
                          62. Teophania an Sulpicien.
                                                         Nicäa, im December 302.
Es mag vielleicht unbescheiden von mir scheinen, zu einer Zeit, wo die grosse
Welt mit Allem, was sie Glänzendes verleihen kann, Anspruch auf dich macht, und
du den erhabenen Schauplatz betreten hast, auf dem nicht mehr gesellschaftliche
Verhältnisse, sondern die Schicksale von Tausenden an dein Herz sprechen, dich
an ein unbedeutendes Wesen zu erinnern, das du einmal freundlich aufgenommen
hast. Aber wenn ich mich schon gern bescheide, und wohl weiss, dass die
Beherrscherin von Armenien, und die römische Matrone nicht mehr eine und
dieselben Angelegenheiten haben können, so würde ich doch selbst der Achtung,
die du mir eingeflösst hast, zu nahe treten, wenn ich dich eines unzeitigen
Stolzes, und eines übermütigen Vergessens jener Empfindungen fähig hielte, die
dir noch vor einigen Monaten wichtig waren. In dieser schönen Zuversicht wage
ich es, noch einmal an dich zu schreiben, und vor deiner Abreise von Nikomedien
mein Andenken bei dir zu erneuern.
    Du stehst nun am Ziele deiner Wünsche. Heil dir, meine geschätzte Freundin!
Und möge die Gegenwart und Zukunft deinem Herzen mit Wucher die Leiden der
Vergangenheit lohnen! Dass ich mich innig deines Glückes erfreut, dass ich warme
Gebete für dein Wohl zum Himmel gesandt, wirst du mir glauben; denn du konntest
es voraussetzen. Wenn diese auch vor einem andern Altar, zu einer andern
Gotteit emporstiegen, so wird doch, was auch deine Meinung von ihrem Erfolg
sein mag, deine Meinung über die Absicht derselben gewiss richtig sein. Ja,
dauerndes Glück, wie es dein Herz verdient, hat deine Freundin für dich erflehen
wollen; und wenn mein Gebet nicht ganz verworfen wird, so muss es dir wohl
ergehen.
    In meiner Lage hat sich, seit ich Syntium verliess, wenig geändert. Ich lebe
still und verborgen. Meine Ansprüche auf Glück in jedem Sinne des Wortes sind
längst aufgegeben, ich verlange nichts als Ruhe und Vergessenheit, und das hoffe
ich noch zu erreichen. Meine Freuden bestehen darin, dass ich Zeugin der
häuslichen Zufriedenheit einer schätzbaren Familie bin, die mich als eines ihrer
Glieder betrachtet, und mich mein Alleinsein in der Welt, so wenig als möglich,
fühlen lässt. Ihnen wieder Freude zu machen, ist mir eine süsse Pflicht, und so
wage ich es, dir eine Bitte vorzutragen, deren ich schon in meinem ersten Brief
erwähnte, und deren Erfüllung du mir so gütig zugesichert hast.
    Es war bald nach meiner Ankunft in Nicäa einmal die Rede von dem feierlichen
Tag in Nikomedien, als der Tribun die Siegesbotschaft brachte. Ich erzählte, dass
ich eine wohlgelungene Zeichnung dieser Scene gesehen, und mit Vergnügen die
Richtigkeit der Umgebungen sowohl als den Ausdruck der Leidenschaft auf den
Gesichtern der versammelten Menge bewundert hätte. Mein gütiger Hauswirt, der
selbst Kenner und Künstler ist, äusserte den lebhaften Wunsch, dies Blatt zu
sehen. Ich schwieg, weil ich die Schwierigkeiten wohl einsah, die seiner
Erfüllung im Wege standen; indessen hielt ich es für meine Pflicht, wenigstens
Meldung davon zu machen, und ersuche dich nun, dich für mich, oder vielmehr für
den achtungswerten Lysias bei der schönen Calpurnia zu verwenden, und uns die
Zeichnung für einige Tage zu senden. So bald sie gesehen und bewundert sein
wird, soll es mein angelegentlichstes Geschäft sein, sie so wohlbehalten und
schnell als möglich wieder zurückzustellen. Ich fühle wohl, dass meine Bitte
etwas unbescheiden ist; aber ich hoffe, der Zweck derselben wird sie bei
Calpurnien entschuldigen, und den Unmut mildern, der vielleicht in die Seele
deiner reizenden Freundin gegen mich entstehen könnte. Leb' wohl!
 
                          63. Sulpicia an Teophania.
                                                    Nikomedien, im December 302.
Wenn schon der blosse Anblick deiner Briefe hinreicht, mir ein angenehmes Gefühl
zu geben, so ist ihr Inhalt immer von der Art, um mein Gemüt auf's anziehendste
zu beschäftigen. Der letzte traf mich in einer der seltenen einsamen Stunden, wo
ich, müde von Pracht und gehaltlosem Gepränge, mich mit Lust in mich selbst
versenkte, und die Bilder der Vergangenheit vor mir vorüber gehen liess. Dein
Brief versetzte mich um so lebhafter in jene Zeit. Der schöne Abend in Syntium,
deine freundliche Erscheinung, dein Trübsinn, der meiner Schwermut so
schmeichelnd antwortete. - Alles stand wieder hell vor mir, und ich flog zu
meinem Tische, um dir zu sagen, dass keine Zeit, keine Veränderung meines
Schicksals dein Bild aus meiner Brust vertilgen wird, und wie sehr es mich
freut, dass du mir Achtung genug für's Schöne und Gute zutrauest, um mich keiner
solchen Vergesslichkeit fähig zu halten. Das Alles wollte ich dir schreiben, als
mir deine Bitte einfiel, und ich mich nun bescheiden musste, erst Calpurniens
Ankunft zu erwarten. Sie kam in wenig Stunden zu mir herein gehüpft. Ich trug
ihr deinen Wunsch vor, sie gewährte ihn mit der grössten Willfährigkeit. Es
schien sie zu freuen, dass ihre Arbeit Beifall gefunden hatte, dass man sie zu
sehen wünschte, und in diesem angenehmen Gefühl beschloss sie, die Zeichnung dem
Kenner Lysias, oder vielmehr dir, zum Geschenke zu machen, indem sie noch eine
wohlgelungene Copie davon besitzt, und das Original der Hauptfigur ohnedies
jetzt immer um sie lebt, und ihr ein Porträt überflüssig macht. Sie bittet dich,
es als ein Zeichen ihrer Achtung, und ein Andenken an jenen Abend anzunehmen.
Das Alles war in der ersten Viertelstunde ausgemacht; aber wie hätte, sie in dem
abwechselnden Geräusch von Unterhaltungen und öffentlichem Gepränge Zeit finden
sollen, an ihr Versprechen zu denken? Die Friedensfeier, die Saturnalien, und
meine Vermählung haben Nikomedien in einen Schauplatz der lebhaftesten Bewegung
und der lautesten Fröhlichkeit verwandelt, und in diesen Zerstreuungen, die
einem ernsten Gemüte eher Anlass zum Missvergnügen und zu Betrachtungen geben,
lebt und webt dies leichte liebliche Wesen, wie in seinem natürlichen Elemente.
So vergingen acht volle Tage, ehe ich die Zeichnung von ihr erhalten konnte.
Heute endlich gab sie sie mir, und sogleich geht ein Sclave ab, um sie dir zu
überbringen. Wie schön, wie beglückend wäre es für mich, wenn du dich
entschliessen könntest - wozu der Sclave, der den Brief bringt, Befehl hat, alle
Anstalten zu treffen - wenn du dich entschliessen könntest, mit ihm hierher zu
kommen, und mir noch einmal, wahrscheinlich das letzte Mal in meinem Leben, das
Vergnügen deines Umganges zu gewähren! Ich gehe sehr bald mit meinem König und
Gemahl nach Armenien. Meine Gesundheit ist zwar etwas besser, als sie in
Syntium war, aber doch so gebrechlich, dass ich wenig Hoffnung habe, eine so
weite Reise noch einmal zurück zu machen. Die Aerzte und auch Tiridates
versprechen mir viel von der Veränderung des Klima, von der reinen Luft in den
armenischen Gebirgen. Es ist möglich, dass sie Recht haben, aber es liegt ein
Gefühl in mir, das allen diesen Hoffnungen widerspricht. Der tödtlich verwundete
Baum prangt noch mit Blättern und Früchten, der achtlose Wanderer freut sich des
Schattens, und hofft auf künftigen Genuss; aber von der Sonnenschwüle der
Leidenschaft versengt, vom Gewittersturm im innersten Lebenskeime verletzt,
welkt er langsam seinem Untergange zu. Wie kann er vom lauen Herbst mit seinen
kurzen Tagen, seinen frostigen Lüften sich Heilung versprechen? Nur der milde
Einfluss des Frühlings vermochte es vielleicht, aber - der Frühling des Lebens,
der Frühling der Liebe ist dahin!
    Du hast um dauerndes Wohl für mich zu deinen Göttern gebetet. Mit Rührung
habe ich deiner Liebe gedankt, und dich beneidet, du Glückliche, die in tiefen
Bedrängnissen, wo keine menschliche Kraft mehr ausreicht, ihre Zuflucht gläubig
zu höhern Mächten nehmen kann. Ich kann nicht hoffen, ich kann nicht beten; denn
ich kann nicht glauben. Unsre Gotteiten sind leere Schattenbilder, und an taube
Mächte, die des Sterblichen Loos nach eisernen Gesetzen lenken, kann ich kein
Gebet verschwenden. O komm, Teophania! komm, und bringe mir deine sanften
Tröstungen mit, flösse meinem Herzen deinen beglückenden Glauben ein! Wie gern
will ich mich dir ganz hingeben! Und da dein Herz durch kein süsses Band
hienieden gehalten ist, so ergreife das Einzige, was dir übrig ist, schlinge es
noch fester, und folge mir nach Ecbatana. Dort soll die treueste Freundschaft
sich bemühen, deine Wunden zu heilen, und dir deinen Verlust erträglich zu
machen. Tiridates, dem ich von meinem Wunsch gesagt habe, lässt dich durch mich
seiner Achtung versichern, und vereinigt seine Bitte mit der meinigen. Wie schön
würden die letzten Tage in Nikomedien sein, wie manche Beschwerlichkeiten der
Reise würden verschwinden, wenn du sie mit mir teilen wolltest! Bedenke das,
meine teure Freundin! und lass mich einer günstigen Antwort entgegen sehen.
 
                  64. Marcius Alpinus an Lucius Scribonianus.
                                                           Nicäa, im Jänner 303.
Die todten Massen fangen an sich zu regen, und es kömmt wieder Leben und
Bewegung in mein einförmiges Dasein. Begierde und Widerstand, Vorurteil und
Uebermacht erregen Kampf und Gährung auf dem grossen Schauplatz der Welt, und in
dem Mikrokosmus, der mich hier umgibt. Die Kräfte, die bisher ungebraucht
schliefen, erwachen, da sich ihnen würdige Gegenstände der Tätigkeit darbieten,
und ich werde bald wieder ganz das sein können, wozu mich Natur und Umstände
bildeten. Der lange glimmende Funke ist in Flammen ausgebrochen, der Krieg des
Polyteismus gegen den Christianismus erklärt. Galerius hat die kluge
Gleichmütigkeit des alternden Augustus zum Wanken gebracht, und ihn bewogen,
lange geprüften Grundsätzen zu entsagen. An allen Orten ist den Christen
befohlen worden, ihre Tempel zu schliessen, ihre Opfer einzustellen, keine
Predigten zu halten, und jeder Versuch, Proselyten zu machen, wird mit dem Tode
bestraft1. So neigt sich also wenigstens für den Augenblick das Zünglein der
Wage auf die Seite der alten Ordnung; auf wie lange - wird die Zeit lehren.
Indessen sind meine Freunde tätig gewesen, man hat Galerius meiner denken
gemacht, und ich erwarte nun nächstens einen angemessenen Wirkungskreis zu
erhalten. Ich werde ihn mit Vorsicht benützen, und über der Gegenwart nicht die
Zukunft ausser Acht lassen. Constantin ist ein zu glänzendes Gestirn, um sogleich
nach seinem Aufgange zu verschwinden, und der Plan, das Christentum zu
unterdrücken, oder gar zu vertilgen, wird wohl ein fruchtloser Versuch bleiben.
Indessen, so lange man sein Glück mit Verfolgen machen kann, verfolge man, doch
immer mit gehöriger Klugheit und Feinheit, um den Uebergang zum Gegenteil nicht
unmöglich zu machen. Nie wird ohnedies ein verständiger Mann das rechte Maass
überschreiten - nur Rasende oder Schwärmer stürzen sich über Hals und Kopf in
eine Partei.
    So viel vom Oeffentlichen, worin du nun bald wieder den Namen deines Marcius
wirst nennen hören. Etwas weniger günstig, aber nicht weniger lebhaft, bewegt es
sich in meiner kleinen Welt. Die fromme Teophania ist eigensinnig, und ihre
beschränkte Denkart setzt meinen Wünschen Hindernisse entgegen, die mich nur
heftiger reizen. Sie muss mein werden, auf welche Art es sei. Nicht, dass ich so
sehr verliebt in sie wäre - aber die Erscheinung ist neu, und mich unterhält das
Sonderbare. Die Art der gewöhnlichen Weiber kenne ich auswendig, da ist nichts
mehr, was mir unerwartet wäre, nichts mehr, das meine Phantasie spannen könnte.
Bei Teophanien öffnet sich mir eine neue Welt, und ich fühle seit langer Zeit
zum ersten Mal wieder mit wahrem Behagen alle Triebfedern meines Wesens in eine
angenehme Spannung versetzt. Ich habe allerlei Plane entworfen, und du wirst
nächstens den glücklichen Erfolg meiner Bemühungen hören; denn ich muss eilen,
an's Ziel zu gelangen, ehe meine künftige Bestimmung mich aus ihrer Nähe
wegruft. Leb' wohl!
 
                                    Fussnoten
1 Alles dies, so wie die Stürmung der Kirchen an Einem Tage im ganzen Reiche ist
geschichtlich.
 
                           65. Agatokles an Phocion.
                                                      Nikomedien, im Jänner 303.
Eine heftige Unruhe bewegt mein Innerstes, Furcht und Hoffnung wechseln jede
Secunde, und bringen mich bald der Verzweiflung, bald der Seligkeit nahe. Es ist
möglich - fasse das Entzücken, das in diesem Gedanken liegt! - es ist möglich,
dass Larissa noch lebt; aber es ist auch möglich, dass sie meiner vergessen hat,
dass ein Andrer - nein, das ist nicht möglich! - Es ist Lästerung, dies auch nur
zu denken. Wenn sie noch lebt, so liebt sie mich, wie nächtlich auch ihr
Geschick, wie gebietend die Umstände sein mögen, die sie hindern, mich ihr
Dasein wissen zu lassen. Aber ob sie noch lebt, ob die Luftgestalt, die vor mir
schwebt, mehr als das ist - das liegt noch verhüllt im Schoss der Zukunft. Und
was wird sie mir bringen?
    Vor ungefähr acht Tagen komme ich zu Sulpicien. Calpurnia ist bei ihr, es
ist die Rede von einer Zeichnung, die diese entworfen hat. Ich wünschte sie zu
sehen. Man weigert sich eine Weile, endlich reicht Sulpicia mir ein Blatt, das
neben ihr liegt. Stelle dir meine Ueberraschung, meine Verwirrung vor, als ich
in der Zeichnung jene Scene meines Einzugs als Siegesbote erkenne. Ich war
betroffen, gerührt, beschämt von Calpurniens unverdienter Güte. Auch sie
errötete und war verlegen, aber mit einer unbeschreiblichen Leichtigkeit fand
sie sich bald wieder, und fing so unbefangen an, von der Zeichnung als
Kunstwerk, als schwierige Aufgabe, zu sprechen, die sie sich selbst, um ihre
Kräfte zu versuchen, gegeben habe, dass meine eigene Betroffenheit, aber auch
mein freudiges Gefühl entwich, und nichts übrig blieb, als die Bewunderung ihrer
Kunst und ihrer - Kälte. Endlich rief Sulpicia eine Sclavin, und befahl ihr, das
Blatt einzupacken und abzusenden. Wohin? fragte ich mit sehr natürlicher
Neugierde, und erfuhr nun, dass im vorigen Herbst eine Fremde, die sich
Teophania nannte, die eine Christin, Wittwe eines byzantinischen Kaufmanns war,
und mit ihrem Vater nach Nikomedien reisen wollte, von den beiden Römerinnen im
Vorbeireisen eingeladen worden war, die Nacht auf der Villa zuzubringen. Die
Schwermut der Fremden gewann ihr Sulpiciens Zuneigung. Im vertraulichen
Abendgespräch kam die Rede auf jenes Bild. Die Fremde besah es, schien
erschüttert, und verriet dadurch, dass sie mich kenne. Am andern Morgen, wo
Sulpicia sie sehr blass und verstört fand, erklärte sie, dass ein plötzlicher
Zufall sie zwinge, ihren Reiseplan zu verändern, und nach Nicäa zu gehen. Kein
Bitten der beiden Frauen vermochte sie, nur eine Stunde länger zu verweilen. Sie
reisete alsogleich mit ihrem Vater ab, und lebt nun in Nicäa, im Hause eines
angesehenen Mannes, der sich Lysias nennt. Von hieraus hat sie ein Paarmal an
Sulpicien geschrieben, und sich die Zeichnung ausgebeten. Die Erzählung machte
mich aufmerksam, und erregte seltsame Vermutungen in meiner Seele. Calpurnia
schilderte mir die Gestalt der Fremden. Ach jeder Zug rief ein teures Bild
zurück! Alles traf ein, bis auf eine Narbe auf der Wange, die ich nie an
Larissen bemerkt hatte. Mein Herz schlug heftig, - man zeigte mir ihren Brief.
Da zerfloss die schöne Hoffnung wieder. Die Züge glichen nicht ihrer Schrift;
dennoch glaubte mein einmal erregtes Gemüt zu entdecken, dass die Buchstaben
nicht frei gebildet, sondern wie mit Absicht verstellt seien. Ich äusserte meine
Vermutungen nicht, aber ich eilte zum Präfect der Leibwache, und bat ihn um
Urlaub auf acht Tage. Ich wollte nach Nicäa, in's Haus des Lysias; ich wollte
mich selbst überzeugen, wer diese Teophania sei. Der Präfect schlug meine Bitte
geradezu ab, und gleich als ob er fürchtete, ich möchte ohne seine Erlaubnis
dennoch fortreisen, trug er mir die Wache im kaiserlichen Palaste auf. Ich
knirschte vor Zorn, aber ich musste gehorchen. Mein vertrautester Sclave wurde
nach Nicäa an einen alten Bekannten unsers Hauses gesandt, um sich nach der
Fremden zu erkundigen. Nach sechs langen Tagen kam er, gestern zurück, seine
Nachrichten löseten keinen meiner Zweifel, sie dienten nur, sie noch mehr zu
verwirren. Teophania galt auch hier für die Wittwe eines byzantinischen
Kaufmanns; aber der Greis, der sie begleitet hatte, war nicht ihr Vater, es war
ein christlicher Priester, ein Bruder des Senators Lysias, derselbe, der vor
mehr als einem Jahre als Glaubenslehrer zu den Goten gereiset war. Zu den
Goten! Und von daher war er jetzt mit dieser Fremden gekommen! Hat er sie dort
gefunden? War sie aus Byzanz? Warum nannte sie ihn auf der Reise ihren Vater?
Wie kam er dazu, sie zu begleiten? Wie kam sie in das Haus des Lysias? Der feile
Marcius kömmt täglich hin, er spielt öffentlich ihren Verehrer, er will sie
heiraten, und sie - sie begegnet ihm freundlich. Ist das auch wahr? Kann man
Gerüchten trauen? Marcius Alpinus muss Larissen persönlich kennen, und sie ihn.
Gegen diesen Mann könnte sie ihr Dasein nicht verschweigen, wenn sie mit
Teophanien Eine Person wäre. Oder verbirgt sie sich bloss vor mir, und ist
Marcius ihr Vertrauter, der Einzige, der um ihr Schicksal wissen darf? O
Phocion! Wie glühende Dolche kreuzen sich diese Gedanken in meiner Seele. So
viel ist gewiss, entweder Teophania ist nicht Larissa, oder wenn sie es ist, so
trennt ein böses Schicksal, oder noch bösere Menschen sie auf ewig von mir - so
ist sie nicht viel besser, als für mich verloren, für mich, dem sie sich so
ängstlich verbirgt. O kann sie denn das Entzücken nicht denken, in das mich ihre
Erscheinung versetzen würde? Glaubt sie nicht mehr an meine Treue, weil die
ihrige erloschen ist? O beim Himmel! Wenn das wäre - - dann musste ich den für
meinen Todfeind halten, der mir die Gewissheit gäbe, dass sie den Händen der
Goten entgangen ist, um das Weib jenes Marcius zu werden!
    Und wenn sie nicht Larissa ist? Wenn diese wirklich unter dem Hügel von
Trachene begraben liegt? O die Wahrscheinlichkeit dieses Gedankens drängt sich
mir, wenn meine Phantasie in kühnen Bildern schwelgt, am öftersten, am
lähmendsten auf! Wer weiss, wer diese Teophania ist! Sie ist aus Nikomedien
gebürtig, sie hat mich vor zehn Jahren öfter gesehen, ich sie auch vielleicht,
ohne ihren Namen zu wissen. Wie leicht ist eine gleichgültige Gestalt in zehn
Jahren vergessen! Heliodor hat sie zufällig in Byzanz kennen gelernt, die junge
verlassene Wittwe begibt sich unter den Schutz des ehrwürdigen Priesters, dessen
Alter und Denkart ihr eine anständige Begleitung zusichert. So kommen sie nach
Syntium, so nach Nicäa, wo er sie zu seinen Verwandten bringt. Dort lebt sie
verborgen, bis der verächtliche Wollüstling Marcius die grosse Zahl seiner
Schlachtopfer mit ihr vermehren will. Wie alltäglich, wie allzunatürlich ist
diese Geschichte! Ihre Erschütterung beim Anblick meines Bildes, ihre folgende
Blässe, Verstörteit, der geänderte Reiseplan sind wohl eben so unbedeutende
Umstände, die nur in Sulpiciens Phantasie, welche gern die gewöhnlichsten Dinge
in einem seltsamen patetischen Lichte sehen will, ihren Ursprung haben. So
fallen meine Hoffnungen in ein leeres Nichts zusammen.
    Hundert Mal in einem Tage durchläuft mein bewegtes Gemüt den ganzen Kreis
von Vermutungen, Zweifeln, Absprechungen, die dieser Brief entält. Hundert Mal
entsagt die prüfende Vernunft den leeren Schattenbildern, und eben so oft fasst
sie das Herz mit wehmütiger Freude wieder auf. O wer kann einer solchen
Aussicht entsagen, ehe er bestimmt weiss, dass sie bloss Täuschung ist! Auch steht
mein Entschluss fest, so bald ich kann, nach Nicäa zu eilen, und mir Ueberzeugung
zu verschaffen, falle sie nun aus, wie sie wolle. Ich denke bald Erlaubnis zu
erhalten - bis dahin brennt der Boden unter meinen Füssen.
    Der Staatskunst und dem alten Hass ist sein feindliches Werk gelungen. Die
Christenverfolgung ist ausgebrochen. Aber unsre Feinde werden doch nicht
triumphiren. Es werden tausend Opfer fallen, und das Gebäude der Kirche, benetzt
mit dem Blute unzähliger Bekenner, wird sich schöner und fester aus seinem
Schutt erheben. Auf einer neuen Seite wird mein Gemüt in diesem Zeitpunkt
innerlicher Unruhe von jenen Fällen erschüttert. Ich sehe meine Brüder leiden,
ich sehe die Ungerechtigkeiten, die man sich gegen sie erlaubt, und Schonung
gegen einen dem Grabe nahen Vater verbietet mir, öffentlich aufzutreten, und
mich als ihren Glaubensgenossen zu bekennen, jetzt, wo sie der Verteidiger und
Helfer nicht genug haben könnten.
    Verborgen und heimlich versammeln sich die Gemeinden in Katakomben und
Gräbern, die ihnen schon in früheren Verfolgungen zu Zufluchtsörtern dienten.
Dort halten sie ihren Gottesdienst, beraten sich über ihre Gefahren, und mir
ist der Zutritt vermehrt, weil man mich für einen Heiden, einen Anhänger des
Hofes hält. Wie sehr diese Verstellung das Gewicht meines Kummers vermehrt,
begreifst du leicht, Phocion! Auch werde ich sie bestimmt nur so lange
fortsetzen, bis eine heilige Pflicht gegen meine Brüder und meine Ueberzeugung
jene schonenden Rücksichten aufhebt. Vielleicht hörst du bald mehr von mir -
mein Schicksal muss sich nun schnell entscheiden. Leb' wohl!
 
                       66. Teophania an Junia Marcella.
                                                           Nicäa, im Jänner 303.
Auch in den trübsten Stunden meines Lebens war es mein eifrigstes Bestreben,
mein Herz mit den Fügungen der Vorsicht zufrieden zu sprechen, und mich ihnen
unbedingt in Allem zu unterwerfen. So erhielt ich mir mitten unter Trübsalen den
heiligen Frieden, den unser göttlicher Lehrer seinen Jüngern als das schönste
Geschenk hinterliess. Bisher hatte ich es immer vermocht; denn bisher hatte ich
meine Leiden als unmittelbare Schickungen Gottes betrachten können - ich hatte
noch nicht durch die Bosheit und Verderbteit der Menschen gelitten. Jetzt, wo
diese neue Art von Bedrängnis über mich kommt, und mir das letzte Gut, was ich
auf Erden besitze, meine Verborgenheit und meinen unbescholtenen Ruf zu rauben
droht, jetzt empört sich mein Herz in wilden Schlägen, zum ersten Mal mischt
sich der Zorn in meinen gerechten Schmerz, und die stille Ergebung entflieht aus
meiner Brust. Solltest du es für möglich halten, dass ich den Nachstellungen
eines Bösewichts ausgesetzt bin, dass meine Gestalt die wilde Sinnlichkeit des
verächtlichen Marcius Alpinus gereizt hat, der zuerst sich mir unter der Hülle
der Achtung und Freundschaft näherte, dann seine niedrigen Absichten
durchscheinen liess, und als er entschlossenen Widerstand fand, seine Zuflucht
zur List und Nachstellungen nahm?
    Schon lange merkte ich, dass er mich auszuforschen suchte; seit einigen Tagen
fühle ich mich auf jedem Schritt von seinen Spähern belauscht, beobachtet. Ich
fürchte, er ahnet, wer ich bin. So viel ist gewiss, dass man sich genau nach
meinen Schicksalen, nach meiner Hierherkunft, meinem Verhältnis zur Familie des
Lysias, sogar nach meinem Aufentalt in Syntium erkundigt. Von wem anders, als
von ihm, können diese Verfolgungen herrühren? Er möchte gern Meister meines
Geheimnisses, und mit ihm Meister meines Willens sein. Schlechtdenkend, wie er
ist, kann er, wenn er vermutet, wer ich bin, mir keine andre, als eine niedrige
Ursache oder Absicht meiner Verborgenheit zutrauen, er muss notwendiger Weise
glauben, mich in seine Gewalt zu bekommen, wenn er mein Geheimnis weiss. Das soll
er nicht hoffen, der Bösewicht. Er ist mächtig - sein Einfluss ist wieder gross,
und das Laster findet überall Gehülfen. Dennoch, wer sterben kann, ist
unüberwindlich. Ich werde nie zugeben, dass die Welt und Agatokles mein Dasein
erfahre. Drängt er mich aber, und bleibt mir kein Ausweg übrig, mein Leben oder
mein Geheimnis zu retten; so wird ja wohl der Schöpfer nicht zürnen, wenn das
geängstete Geschöpf zu ihm flieht, und das letzte Mittel, das mich bei den
Goten in gleicher Gefahr hätte retten sollen, mich auch jetzt von den Tücken
dieses Ungeheuers befreit. Bin ich todt, dann mag Agatokles wissen, dass die
vergessene Larissa noch lange genug lebte, um zu erfahren, dass ein Band, das sie
für mehr als Eine Welt geknüpft glaubte, durch die Gewalt einer leichtsinnigen
Schönheit zerrissen werden konnte.
    Sie lieben sich, das ist gewiss, darüber kann auch die kühnste Hoffnung
keinen Zweifel nähren. Ich weiss das aus sichern Quellen, und was ihnen mangelte,
ersetzte Sulpiciens Brief. Sie hat mir die Zeichnung geschickt. Calpurnia macht
mir ein Geschenk damit. O allmächtiger Gott! Sein Bild aus ihrer Hand! Sie
bedarf dessen nicht mehr, schreibt die Königin, da das Original beständig um sie
lebt! Und Calpurnia schwebt, wie eben der Brief sagt, mitten im Geräusch und
Schimmer glänzender Feste, und dortin folgt er ihr! Er, dessen Wesen sonst
dieser Art von Freuden zu widerstreben schien, er verläugnet seine bessere
Ueberzeugung, er ist nicht mehr Agatokles, er ist der gefällige, tändelnde
Liebhaber der reizenden Calpurnia, die er, wie ihr Schatten, überall hin
begleitet!
    Sulpicia hat mir sehr freundschaftlich, aber in einem höchst schwermütigen
Tone geantwortet. So hat denn auch sie der Besitz des Geliebten, der Tron, die
Erfüllung aller ihrer Wünsche nicht glücklich gemacht! Sie lud mich ein, mit ihr
nach Ecbatana zu gehen. Ich erkenne ihre Güte mit dankbarem Gemüt, ich habe ihr
Alles geschrieben, was mein wahrhaft gerührtes Herz mir darüber eingab, aber ich
habe ihr Anerbieten standhaft abgelehnt. Ach, wenn ich meinen Zufluchtsort
verlassen dürfte, wohin auf der weiten Welt würde ich am liebsten fliehen, als
in deine Arme!
                                                               Zwei Tage später.
Und doch muss ich fort. Das erzürnte Schicksal gönnt mir keine Ruhe. O womit habe
ich diese Härte verschuldet! Das Gewitter ist ausgebrochen - auch du wirst seine
Wirkungen empfinden - unsre Kirchen sind geschlossen, viele unsrer vornehmsten
Mitbrüder sind in Verhaft genommen. Auch dem würdigen Lysias, der einer der
Aeltesten der Gemeinde, und ein tätiges, eifriges Mitglied derselben ist, droht
dasselbe Schicksal. Indessen ist er entschlossen zu bleiben, und Alles standhaft
abzuwarten, was Bosheit oder Rachsucht über ihn zu verhängen beschlossen hat. Er
hat Feinde, und weiss nur zu wohl, dass Religionshass nicht zum ersten Male zum
Deckmantel kleinlicher Rache dienen musste. Heliodor geht von hier nach
Nikomedien, wo unter den Augen des Augustus der Verfolgungsgeist minder
gesetzlos wütet. Unter diesen Umständen bleibt dies Haus keine sichere Zuflucht
mehr für mich. Allein zu reisen wage ich nicht, da ich mich so wenig
persönlicher Sicherheit erfreuen kann. Es bleibt mir also kein Ausweg übrig, als
mit Heliodor zu gehen. Marcius Alpinus ist in diesem Augenblick nach Cäsarea zum
Galerius berufen, vielleicht ist dies der einzige Zeitpunkt, der mir zur Flucht
übrig ist. Auch haben Heliodor und Lysias mich überzeugt, dass man in einer
grossen geräuschvollen Stadt viel eher hoffen kann, unbemerkt zu bleiben, als an
einem kleinen Orte, wo jeder Nachbar um jeden Schritt des andern weiss. Ueberdies
werde ich nicht in der Stadt selbst wohnen. Eine Viertelstunde davon, am Eingang
eines kleinen Gehölzes, liegt ein Dörfchen, dessen ich mich noch wohl aus meiner
Kindheit erinnere. Hier von Lärmen und Zerstreuung geschieden, bewohnen einige
christliche Wittwen ein einsames kleines Haus, und widmen, da sie in der Welt
nichts mehr zu wirken und zu hoffen haben, den Rest ihrer Tage den Uebungen der
Frömmigkeit und Menschenliebe. Sie verfertigen die Geräte und Kleidungsstücke
für die Kirchen, und dienen in denselben als Diaconissinnen1; aber ihr schönster
Wirkungskreis ist die Unterstützung der Armen, der Unterricht der Mädchen, die
ihrer Aufsicht übergeben sind, und die Pflege der Kranken, die teils in's Haus
gebracht, teils in ihren Wohnungen von den wohltätigen Frauen besucht werden.
Zu ihnen wird mich Heliodor bringen. In den Mauern dieses Hauses, das ich nicht
verlassen muss, wenn ich nicht will, kann ich ganz unbemerkt und verborgen leben,
und der Beruf dieser Wittwen gibt meinem gehaltlosen Dasein Zweck und Wert.
Morgen reise ich ab. Wir werden, um alle Nachforschungen zu täuschen, die Strasse
nach Apamäa einschlagen, und von dort erst auf einem Umwege nach Nikomedien
gehen. Sobald ich in meiner stillen Freistätte angelangt bin, werde ich dir
schreiben. Leb' wohl!
 
                                    Fussnoten
1 Diaconissinnen waren christliche Wittwen, welche in den Kirchen, besonders bei
der Taufe weiblicher Katechumenen dienten.
 
                           67. Agatokles an Phocion.
                                                     Nikomedien, im Februar 303.
Das Gewitter zieht sich von allen Seiten zusammen. Bald ist es nicht mehr
möglich, seinen Schlägen auszuweichen; so werde ich ihnen denn mit männlichem
Mute begegnen. Gestern liess der Präfect der Leibwache mich rufen. Vielfache
Neckereien, in denen der Sinn des kaiserlichen Edicts überschritten wurde, haben
die lange Geduld der unglücklichen Christen ermüdet. Es sind hie und da unruhige
Auftritte vorgefallen, und diese wahrlich natürlichen Regungen der
Selbsterhaltung brandmarkt die Tyrannei mit dem Namen Rebellion. Man bot die
bewaffnete Macht gegen sie auf - mit ungleichem Erfolge. An einigen Orten wurden
die Verfolgten das Opfer der Uebermacht, an andern musste der kleine Haufe der
Soldaten der Ueberzahl der Unglücklichen weichen, die ihr Teuerstes und
Höchstes mit der Wut der Verzweiflung verteidigten. Man hat nun beschlossen,
wirksamere Massregeln zu ergreifen, und ich sollte mit ein paar Centurien, die
ich mir aus den geprüftesten Kriegern selbst auswählen durfte, nach Cäsarea, wo
die Misshandlungen des Stadtpräfecten dem Bischof, einem ehrwürdigen Greis,
bereits das Leben gekostet, und alle christlichen Einwohner zur Empörung
gezwungen hatten.
    Hier zu schweigen war unmöglich. Aber die Pflicht des Sohnes gebot, das
nicht mehr zu verhehlende Geheimnis dem Vater wenigstens zuerst zu entdecken.
Ich bat mir Bedenkzeit aus, und kündigte meinem Vater meinen Entschluss, den
Auftrag nicht zu übernehmen, und die Ursache desselben an. Er wütete - das
hatte ich vorhergesehen - er drohte mit Enterbung und Fluch - ich war darauf
vorbereitet, es schreckte mich nicht - er verbannte mich zuletzt aus seinen
Blicken, und verbot mir, sein Haus je wieder zu betreten. Ich würde unwahr sein,
wenn ich behaupten wollte, dass mich dies Betragen nicht geschmerzt habe; aber es
schmerzte mich mehr um seinetwillen, denn ich fürchtete die schädliche Wirkung
des Zorns für den abgelebten Greis. Von ihm ging ich zum Präfecten der
Leibwache, und erklärte ihm, warum ich unmöglich gegen die Christen streiten
könnte. Er schien eben so erstaunt als aufgebracht, und nachdem er sich in
Drohungen mit der Ungnade des Kaisers, mit Verlust meiner Stelle, und in leerer
Wiederholung aller der seichten Beschuldigungen gegen das Christentum, die man
gewöhnlich vorbringen hört, erschöpft hatte, machte er zuletzt einen Versuch,
mich zu bekehren. Ich hatte meines Vaters Zorn und Fluch ertragen, kaum konnte
das Beginnen des Präfects mir mehr als ein Lächeln abnötigen. Ich bat ihn zu
tun, was seine Pflicht in diesem Falle von ihm fordern würde, und das Uebrige
meiner Ueberzeugung zu überlassen. So verliess ich ihn.
    Als ich in dem Quartier meiner Kameraden angelangt war, brachten die Sclaven
meines Vaters alle meine Gerätschaften, Bücher, Waffen, Kleider. Mein Vater
wolle nichts mehr von mir wissen, er habe keinen Sohn mehr; diese Botschaft gab
er den Sclaven mit, und dachte mich dadurch sehr tief zu kränken. Mich rührte
die Trauer und Liebe, die diese guten Menschen mir zeigten, und mein Herz
öffnete sich mildern Empfindungen. Am Abend langte ein Brief aus Nicäa an.
Teophania war verschwunden, Niemand wusste wohin. In Lysias Hause wird ein
tiefes Schweigen darüber beobachtet. Heliodor hat sie begleitet. Marcius Alpinus
ist einige Tage vorher nach Cäsarea abgereist. Sollte sie ihm dahin gefolgt
sein? Unmöglich! Heliodor kann die Frau, die sich seinem Schutze übergab, die er
in's Haus seiner Verwandten brachte, nicht einem Marcius Alpinus in die Arme
führen; sei sie übrigens, wer sie wolle! Ihr Geschick beunruhigt mich. Ich kann
den Gedanken, den ich einmal von ihr gefasst habe, nicht aufgeben, und jetzt, da
sie auf's Neue für mich verloren scheint, wird er mir wahrscheinlicher als
jemals.
    Wahrlich, es hätte dieses Zusatzes nicht bedurft, um meine Lage höchst
unangenehm zu machen. Indessen soll nichts mein Bewusstsein erschüttern. Ich
weiss, was ich zu tun habe - ob es schwer oder leicht sei, darf ich nicht fragen
- es muss geschehen! Jeder, der in dieser Zeit sich als Christen bekennt, hat
einen viel härteren Stand, als die längstbekannten Glaubensgenossen. Man sieht
ihn gleichsam als einen trotzigen Rebellen, als einen offenbaren Verächter des
kaiserlichen Gebotes an. So geht es mir - so würde es Constantin gehen, der auch
in diesen entscheidenden Augenblicken dem Augustus seine wahre Gesinnung
entdecken müsste, wäre er nicht der Sohn des Cäsars. Misstrauen und Hass umlauert
uns von allen Seiten, selbst die Briefe sind nicht sicher. Solltest du lange
keinen erhalten, so denke, dass es mir unmöglich war zu schreiben, oder das
Geschriebene sicher abzusenden. Leb' wohl!
 
                       68. Teophania an Junia Marcella.
                                                     Nikomedien, im Februar 303.
Seit zwei Wochen bin ich hier, eine Viertelstunde von Nikomedien entfernt. Von
dem flachen Hausdache sieht mein Auge die nahe Stadt, die Giebel ihrer
prächtigen Tempel, die ehrwürdigen Türme unsrer Kirchen, von denen leider jetzt
kein Laut zu uns herüber tönen darf. Linker Hand gegen das Stadttor zu, das
an's Meeres-Ufer führt, liegt das Quartier der kaiserlichen Leibwache. Dort
wohnt Agatokles. Ich sehe den Rauch aus den Essen steigen, ich höre an stillen
Abenden die kriegerische Musik herüberschallen, ich entdecke zuweilen
schimmernde Schaaren, die durch die Tore ein- und ausziehen. Wie manches Mal
mag Er an ihrer Spitze gewesen sein! Das schärfste Auge könnte in dieser
Entfernung keine Gestalt unterscheiden, aber der Gedanke daran erschüttert mein
Innerstes, und macht jede Nerve beben.
    Unter den Frauen, mit denen ich lebe, ist die Wittwe eines Freigelassenen
aus dem Pisonischen Hause. Verschiedene Schicksale haben sie von Rom hierher
geführt, aber ihre Tochter Drusilla blieb aus Anhänglichkeit freiwillig in
Calpurniens Diensten. Das junge Mädchen, auch eine Christin, besucht ihre Mutter
zuweilen. O meine Junia! Was erzählt uns das Mädchen öfters von der Güte und
Freundlichkeit ihrer Gebieterin, von dem wenigen Credit, in dem das männliche
Geschlecht bei ihr steht, und dass sie nur höchstens Einen, einen Offizier der
Leibwache, den sie schon in Rom gekannt, und nicht ungern gesehen habe, von der
allgemeinen Verdammung ausnehme. Dann beschreibt sie uns manche kleine
Unterhaltung, manches trauliche Symposion1, wobei der geschätzte Freund nicht
fehlen darf. So bekamen wir die Schilderung eines Festes, das Calpurnia ihrem
ruhmbekleideten Geliebten zu Ehren gab. Das Fest muss unausbleiblich einen
gewaltsamen Eindruck auf sein Herz gemacht haben, oder er müsste unempfindlich
gegen so mächtige Reize, und mehr als demütig, er müsste blind gegen seinen
Wert sein. Drusilla hatte selbst eine Rolle dabei, und sie mag sie ganz
geschickt ausgeführt haben, denn es ist ein artiges wohlgebildetes Geschöpf, dem
man die bessere Erziehung ansieht. Das ist Calpurniens Werk, sagt die Mutter,
sie hat sich des Mädchens wie eine ältere Schwester angenommen, und Drusilla ist
ihr auch dafür mit ganzer Seele ergeben.
    Und so ist denn der letzte Strahl von Hoffnung verschwunden! Calpurnia ist
nicht allein höchst reizend und liebenswürdig, sie ist auch edel und schätzbar.
Agatokles wird sich nicht bei näherer Kenntnis ihres Charakters kalt von ihr
wenden, er wird sie immer mehr lieben, je mehr er sie kennen wird, und geistige
Vorzüge werden das Band unauflöslich machen, das körperlicher Reiz und
schmeichelndes Betragen um sein Herz warf. Und darüber traure ich? Es schmerzt
mich, dass Calpurnia gut ist? Ich hätte mich freuen können, dass eine Person, die
mich nie mit Willen beleidigt hatte, unedler Gesinnungen fähig gewesen wäre?
Mich beeinträchtigt das Gute, was ein dankbares Gemüt von ihr erzählt? O Neid
und Eifersucht, ihr Geburten der Eitelkeit und Selbstsucht! So muss auch ich
euren giftigen Einfluss fühlen! So ist denn die Tugend, auf die ich stolz sein zu
dürfen glaubte, nichts als Heuchelei, oder Schein gewesen, der vor einer ernsten
Probe entflieht! O Junia! Wie gebrechlich ist das menschliche Herz! Welche
Hoffnung bliebe ihm auf Verzeihung und Gnade, wenn es nicht mit zitterndem
Vertrauen zu dem väterlichen Erbarmen Gottes flüchten könnte!
    Diese Stimmung darf nicht bleiben, sie ist nicht menschlich gut, viel
weniger einer Christin würdig. Wo meine Kraft nicht ausreicht, halte mich ein
stärkerer Arm. Heliodor kömmt morgen von einer kleinen Reise zurück. So viel
Ueberwindung es mich kosten mag, so wenig Schonung ich von diesem strengen
Richter hoffen darf, so entülle ihm doch ein offenherziges Geständnis den
Zustand meiner Seele, und seine ernste Tugend zeige mir den Weg, auf dem ich
mich wieder erheben, und Selbstachtung gewinnen kann.
                                                             Einige Tage später.
Ich bin viel ruhiger in meinem Innern. Leicht war diese Stille nicht erworben,
doch ich hoffe, sie soll dauerhaft sein. Heliodors Strenge hat mich gebeugt,
vernichtet. Aber wie die Pflanze nach dem schweren Gewitterregen sich am Strahl
der Abendsonne aufrichtet, so richtet sich auch mein Geist durch versöhnende
Reue, und feste Vorsätze gestärkt empor. Ich habe mich selbst überwunden, ich
habe mein innerstes Wesen zum Opfer auf den Altar der Pflicht gebracht, und der
himmlische Lohn folgt auf den Kampf. Ich kann nun zwar nicht mich über
Calpurniens Edelmut und ihre Verbindung mit Agatokles freuen - ach das ist
noch nicht möglich! - aber ich kann bei der Gewissheit, dass ich ihn verloren
habe, einige Beruhigung in dem Gedanken finden, dass er mit ihr glücklich sein
wird.
    Heliodor hat mir zur Sühnung meines Vergehens eine Pflichtübung auferlegt,
die mir wahrlich sehr schwer fällt, die nur die Erkenntnis ihrer
Verdienstlichkeit mich anfangs ertragen machen konnte. Ich war bisher von der
Krankenpflege befreit, meine Erziehung, meine Erfahrung in weiblichen Arbeiten
bestimmte mich zum Unterricht der Schülerinnen, und ich widmete mich gern dieser
Beschäftigung. Jetzt muss ich aus Heliodors Befehl - denn seine Ueberzeugung
spricht sich nicht, wie bei unserm ehrwürdigen Vater Teophron, als Rat oder
Ermahnung aus - ich muss auf seinen Befehl mich der Pflege der Kranken widmen,
und da er mir, meiner vorigen Verhältnisse wegen, Kenntnis in äussern
Verletzungen zutraute - o welche Scenen rief dies Gespräch hervor! - so muss ich
unter seiner und einer betagten Matrone Anleitung die Verwundeten besorgen. O
meine Junia! das war eine schreckliche Aufgabe! Das erste Mal trug man mich
ohnmächtig weg. Aber Heliodor war unerbittlich. In einer unvergesslichen Stunde
führte er mir die Heiligkeit der Pflicht, das Beispiel unsers Erlösers, die
schimmernden Taten so vieler Christen mit einer Beredtsamkeit zu Gemüte, dass
ich endlich, in Tränen zerfliessend, in seine Hand den Schwur niederlegte,
meinem Berufe treu zu bleiben, und sollte es mir Gesundheit und Leben kosten.
    Seit dem geht es merklich besser. Ich habe ziemlich viel Uebung; denn die
Grausamkeit der Heiden lässt es nicht an Unglücklichen fehlen, die der Hülfe
unseres Hauses bedürfen. Mein Widerwille verliert sich, meine Geschicklichkeit
nimmt zu, und ich sehe wohl ein, dass, das Grauen des ersten Anblicks
abgerechnet, bei dieser Art von Kranken viel weniger Gefahr und Beschwerde ist.
So will ich denn mein Loos mit Geduld tragen; aber, so bald mein Schicksal
entschieden - Agatokles vermählt, und das Dasein eines vergessenen Geschöpfes
ganz gleichgültig ist - eile ich in deine Schwesterarme - und ach! ich denke -
ich komme bald - sehr bald!
 
                                    Fussnoten
1 Symposion, ein kleines Gastmahl.
 
                       69. Constantin an Eneus Florianus.
                                                     Nikomedien, im Februar 303.
In einer sehr unruhigen Stimmung sende ich dir, mein väterlicher Freund, diesen
Brief. Noch diese Nacht geht ein verlässlicher Bote damit heimlich auf einem
Fischerkahne aus dem Hafen ab, und bringt ihn nach Byzanz zu unserm Vertrauten,
der ihn dann auf bekannten Wegen weiter befördert. Die Stadt ist gesperrt, und
Alles in dumpfgährender Bewegung. Heute Morgens ist gäh und unerwartet der
Schlag gefallen, den Rache und Parteiwut längst geheim bereitet hatte. Mit
Anbruch des Tages zogen starke Abteilungen von der Leibwache still und
geheimnisvoll durch die Strassen der Stadt, nach allen christlichen Kirchen. Die
gesperrten Türen wurden mit Gewalt aufgesprengt, das Heiligste erbrochen,
hervorgerissen, Geräte, Schriften, Bücher, Alles auf einen Haufen geworfen und
verbrannt, und endlich die Kirchen selbst mit wilder Wut zerstört, und der Erde
gleich gemacht. Schrecken und Betäubung waren die ersten Wirkungen dieses
unerwarteten Vorfalls aus die ohnedies gebeugten Christen. Nach und nach
ermannten sich Einige, die in unüberlegtem Eifer für ihr Heiligstes sich der
Uebermacht zu widersetzen, oder auf den Trümmern ihrer Kirchen zu sterben
beschlossen. Ein solcher Auftritt zog mehrere ähnliche nach sich, in wenig
Stunden war die ganze Stadt in aufrührerischer Bewegung, auf allen Strassen, bei
allen Tempeln stellte sich im Kleinen das Bild des grossen Kampfs des
Polyteismus mit dem Christentume dar, überall sah man Misshandlungen,
Verwundete, Todte. Die Vernünftigern hielten sich in ihren Häusern verschlossen,
selbst die Bessern unter den Heiden sah man keinen Teil an den wilden
Ausbrüchen ihrer Partei nehmen - nur Pöbel wütete gegen Pöbel, aber um so
empörender und frecher.
    Die Ersten von uns erwarteten jeden Augenblick den Befehl, sich vor Gericht
zu stellen. Ich war und bin noch auf jeden Fall bereitet. Es ist mehr als
wahrscheinlich, dass Galerius nicht bloss die Ausrottung einer verhassten
Glaubensform, dass er den Sturz mehrerer Gefürchteten zur Absicht bei diesen
Massregeln hatte, deren Gewaltsamkeit das deutliche Gepräge seines wilden
Gemütes trägt.
    Agatokles teilte meine Vermutungen und meine Besorgnisse. Gebietende
Umstände hatten ihn schon vor mehreren Tagen bestimmt, seinen Glauben öffentlich
zu bekennen. Seine Weigerung, sich wider die Christen gebrauchen zu lassen,
diente dem düstern Galerius zum willkommenen Vorwande. Im Namen des Augustus
ward ihm befohlen, seine Stelle als Tribun niederzulegen. Er gehorchte schnell
und willig. Als die Nachricht in dem Quartier der Soldaten erscholl, entstand
Unruhe und Lärmen unter den Treuen, die den geliebten Anführer nicht missen
wollten. Mit einem Ungestüm, in dem sich noch der Geist der alten Prätorianer
zeigte, drangen sie in den kaiserlichen Palast, und forderten ihren Obersten
zurück. Die Schwäche bewilligte unzeitig, was Uebereilung und Rache eben so
unzeitig verhängt hatte. Auf ihren Schildern, unter lautem Jauchzen, trugen sie
ihren Anführer in seine Wohnung zurück. Hier blieb er eine Weile unangefochten,
man wagte nicht, ihm einen Auftrag von Wichtigkeit zu geben, man fürchtete
kleinherzig, dass er die anvertraute Macht missbrauchen würde. Aber man umgab ihn,
so wie mich, auf allen Seiten mit Lauschern und Spähern. Wir trugen unser
gemeinschaftliches Schicksal gelassen, und hielten uns stille, besonders den
heutigen Tag, an dem jedem klugen Manne Vorsicht ziemte. Gegen Abend verliess
mich Agatokles, um noch vor Einbruch der Nacht in sein ziemlich fernes Quartier
zu gelangen.
    Ein einziger Sclave begleitete ihn, Mantel und Kappe verbargen seine
Kleidung und seinen Stand, und ein kurzes Schwert war seine ganze Sicherheit.
Auf dem Weg trifft ein verwirrter Lärmen und klagende Stimmen sein Ohr. Bekannt
mit den Auftritten des heutigen Tages eilt er dem Getöse zu, und findet einen
Haufen Soldaten und Pöbel schreiend, tobend um den Altar einer heidnischen
Gotteit vor einem kleinen Tempel versammelt, die im Begriffe sind, ein armes
Weib mit einem Kind zum Genuss des Opferfleisches, das ihnen ein fanatischer
Götzendiener aufdringt, zu zwingen. Die Unglückliche weigert sich standhaft.
Jetzt entreisst einer der Barbaren ihr das Kind, und droht, es in die Opferflamme
zu werfen. Die Verzweiflung der Mutter, das Angstgeschrei des Kindes
durchdringen Agatokles Brust, und rissen ihn hin, zu tun, was die Klugheit
nimmer billigen konnte. Er drängt sich in den Kreis, er ruft ihnen im Namen des
Kaisers Friede zu, er stellt ihnen vordass das Edict nur Unterlassung der
christlichen Gebräuche, aber nicht die Annahme der heidnischen befehle. Wann
hört der Pöbel die Stimme der Vernunft? Sie übertäuben seine Rede, und schleppen
das Weib bei den Haaren zum Altar. Da übermannt ihn der Zorn, er entreisst dem
Soldaten das Kind, gibt es der Mutter, und verteidigt sie und den Kleinen gegen
das Andringen der Wütenden. Aber die Menge wächst jeden Augenblick. Von der
Frau und dem Kinde weg, wendet sich ihre Raserei auf den neuen Gegenstand. Mit
Spiessen, Schwertern und allerlei Geräte, womit Zufall und blinder Zorn den
Unverstand bewaffnet, dringen sie auf ihn ein. Er übergibt die Unglückliche,
deren Rettung ihn vielleicht sein Leben kosten wird, dem Sclaven, der ihn
begleitet. Dieser will seinen Herrn nicht verlassen; ein strenger Befehl gebeut
Gehorsam, und man lässt ihn mit seinen Geretteten ungehindert fliehen. Aber
Agatokles wird das Opfer ihrer Wut. Schwer und vielfach verwundet sinkt er
nieder, und wie sein Mantel sich auseinander schlägt - erkennen die Nächsten mit
Schrecken, dass sie einen Offizier der Leibwache getödtet haben. Sie entfliehen,
der erschrockene Haufe zerstreut sich. Agatokles bleibt allein im Blute
schwimmend liegen. Der Sclave war sogleich in das Quartier seines Herrn geeilt,
und verkündete den treuen Soldaten die Gefahr ihres Anführers. Sie stürmen
hinaus - aber wie sie auf den Platz kommen, ist Alles einsam, und mit Schrecken
und Schmerz finden sie seine Leiche. Sie nähern sich - er atmet noch, mit roher
Kunst sucht ihre Liebe das Blut seiner vielen Wunden zu stillen, und einige von
den Soldaten, geheime Christen, beschliessen, ihn an den besten Ort, den sie für
diesen Fall kennen, zu bringen, in das Wittwenhaus der Christen, die sich in der
Nähe der Stadt mit Werken der Wohltätigkeit beschäftigen, und bei denen in
diesen Tagen schon mancher Unglückliche Schutz gefunden hat. Die Wachen am Tor
lassen sie ziehen, da sie ihr Vorhaben hören, und nun eilt der Sclave zurück,
mir die Unglücksbotschaft zu bringen. Mir öffnet mein Name die geschlossenen
Stadttore, ich fliege zu meinem Freund. Bleich, ohne Bewegung, ohne Bewusstsein
finde ich ihn unter den Händen zweier Frauen, von denen die jüngere, in Tränen
zerfliessend, kaum so viel Besonnenheit übrig hatte, um den Verwundeten zu
behandeln. Nie sah ich eine solche Rührung bei einer Unbekannten. Ich trat zu
Agatokles, ich fasste seine Hand, ich nannte seinen Namen, endlich schlug er das
müde Auge auf, blickte starr um sich her, ohne etwas zu erkennen, und schloss es
sogleich wieder. Jetzt schien die Bewegung der Fremden sich noch zu vermehren,
sie zitterte so stark, dass ich ihr riet, sich lieber zu entfernen, wenn ihr der
Anblick vielleicht zu schauderhaft wäre. Sie sah mich starr und wild an. »Um
keinen Preis der Welt - nicht um meine Seligkeit!« antwortete sie heftig mit
bebender Stimme, und fuhr emsiger in ihrem traurigen Geschäft fort. Der Arzt
kam, ein bejahrter Priester, er untersuchte die Wunden, mit Angst sah ich seinem
Urteil entgegen. Blässer als der Verwundete, mit einem Zittern, das ihren
ganzen Körper fieberhaft erschütterte, harrte die Frau auf seinen Ausspruch. Er
erklärte endlich, dass die Wunden zwar bedenklich, aber nicht tödtlich seien.
Hier sank die Unbekannte mit einem Freudengeschrei ohnmächtig nieder, und man
musste sie wegbringen. Ich blieb noch eine Weile, ich erkundigte mich nach der
Fremden, deren Betragen mir so seltsam aufgefallen war. Nichts, was ich hörte,
vermochte mir eine Aufklärung zu geben, oder eine Vermutung zu begründen.
Agatokles erholte sich nicht so weit, dass er eines vollen Bewusstseins fähig
gewesen wäre, und so entfernte ich mich endlich, um nicht meine eigne Sicherheit
in Gefahr zu setzen, und schreibe dir also gleich die Ereignisse dieses
merkwürdigen Tages. Was in meiner Seele vorgeht, kannst du denken; du weisst, was
mir die Sache meiner Glaubensgenossen, meine künftigen Aussichten - und
Agatokles sind.
    Die Nacht ist vorgerückt - der Bote wartet. Leb' wohl!
 
                       70. Teophania an Junia Marcella.
                                                Nikomedien, den 24. Februar 303.
Zitternd, angstvoll, jetzt mit freudigen Schauern, jetzt voll banger Besorgnisse
setze ich mich nieder, dir von dem wunderbarsten, dem teuersten, dem bängsten
Augenblicke meines Lebens Nachricht zu geben. Eine Wand scheidet mich von
Agatokles, ich höre sein leises Atmen, jeden Laut des Schmerzes, den sein
Zustand ihm entreisst. Ich fahre freudig empor, wenn ich glaube, dass er ruft, dass
er meiner bedarf, und ich zittre jedes Mal, dass er trotz der sorgfältigsten
Verhüllung mich erkennen, und diese Erschütterung ihm tödtlich sein könnte. Du
begreifst nicht, wie das zusammenhängt. Ach, wenn es mir möglich ist, mein
tiefbewegtes Gemüt zu sammeln, so will ich mich bemühen, Alles, was seit
gestern geschehen ist, ordentlich zu erzählen. Was noch fehlt, was
unzusammenhängend ist, wird deine Liebe nachsehen.
    Die traurigen Auftritte des gestrigen Tages wirst du mit mir und allen
unsern Glaubensgenossen geteilt haben, indem das Gerücht allgemein verbreitet
ist, dass derselbe Schlag an Einem Tage in allen Städten des Reichs bestimmt war,
die christliche Religion zu zerstören. Ich sage dir also nichts von unsern
Gedanken und Empfindungen. Wir verlassenen Frauen hielten uns stille in unsern
Mauern, brachten die Zeit mit Gebeten und Verpflegung der Unglücklichen zu, die
die blutigen Vorfälle des Tages nur zu häufig zwangen, bei uns Hülfe zu suchen,
und erwarteten jeden Augenblick, dass der Sturm sich bis zu uns verbreiten, und
wir gezwungen sein würden, unsern stillen Aufentalt zu verlassen.
    Müde von den Sorgen und Pflichten des bangen Tages sass ich am Abend, als es
schon ganz finster geworden war, in meinem Zimmer, dessen Fenster gerade auf das
gegenüber stehende Tor1 gehen. Ein heftiges Pochen an demselben erschreckte
mich, ich sah die Pforte sich öffnen, und viele Männer, die ich beim Schein der
Fackeln an ihren Rüstungen für Soldaten erkannte, drangen herein. Ich glaubte
nichts anders, als dass es jetzt um uns geschehen sei, ich eilte an's Fenster,
die Stille, die Ruhe, mit der die Krieger standen, befremdete mich, ich sah
schärfer hin, und entdeckte nun, dass sie eine Bahre niederliessen, auf der ein
Verwundeter lag. Meine erste Angst war verschwunden, aber ein anderes namenloses
Gefühl, eine bange Ahnung ergriff mich. In demselben Augenblicke kam Tabita,
meine Gefährtin bei der Pflege der Verwundeten, um mich zu holen. Ich raffte
meine Geräte mit zitternder Eile zusammen, und folgte ihr beklommen und hastig;
es war, als ob mein Herz mir mein Schicksal verkündete. Ach, es betrog mich
nicht! Als ich an den Torweg kam, als die Soldaten stumm und trauernd
zurückwichen, und ich nun beim Fackelschein Alles erkannte - o Gott - da lag
Agatokles - bleich, leblos, mit geschlossenen Augen in allem seinem Blute vor
mir. Ich sank mit einem lauten Schrei an ihm nieder, ich nannte seinen Namen,
ich versuchte es, ihn in's Leben zurückzurufen. Vergebens. Er schien todt, und
ich weiss nicht, welche Kraft mich in diesem entsetzlichen Augenblick vor der
Ohnmacht bewahrte. Ich raffte mich auf, ich vermochte zu fragen. O Junia! Wenn
es möglich ist, so fühle die Wonne nach, die mitten in der Todesangst mich
durchschauerte. Agatokles war ein Christ! Der Eifer für unsere Religion, und
heldenmütige Menschenliebe hatten ihn in diesen Zustand versetzt. Ich bebte vor
Freude und Angst, aber Gott erhielt mir meine Besinnung so, dass ich für seine
Pflege sorgen konnte. Ich folgte den Kriegern, die ihn schweigend und bestürzt
trugen. O wie tat die Treue, mit der diese rauhen Männer ihren geliebten Führer
ehrten, meinem Herzen so wohl! Nun begann ich mit zitternden Händen seine Wunden
zu waschen, und, so gut es die Eile verstattete, zu verbinden. Ein geheimer
Hoffnungsstrahl drang in meine Seele; so viel ich verstand, konnten diese Wunden
nicht tödtlich sein, und nur der Blutverlust hatte diese Erschöpfung
hervorgebracht. Er lag ohne Laut, ohne Zeichen des Lebens, die Augen wie im
Todesschlummer geschlossen. Aber, o meine Junia! wie schön, wie unaussprechlich
liebenswürdig schien er mir in dieser Blässe, in diesen Wunden! Wie erhaben
stand seine Tugend vor mir!
    Jetzt erwarteten wir alle mit ängstlicher Sorge Heliodors Ankunft, den man
von einem andern Kranken gerufen hatte; denn er versieht mit beispielloser
Anstrengung und Treue das dreifache Amt des Lehrers, Arztes und Priesters bei
der Gemeinde. Auf ein Mal öffnete sich die Türe, und ein schöner junger Mann
trat mit königlichem Anstand ein. Er eilte sogleich auf Agatokles zu. Die
Hastigkeit, mit der er sich nach Allem, was vorgefallen, erkundigte, die Liebe,
mit der er sich um ihn beschäftigte, sein sinkendes Haupt erhob, seine starren
Hände fasste, und drückte, gewannen ihm mein innigstes Wohlwollen. Jetzt kam
Heliodor, er untersuchte die Wunden, er prüfte lange, vorsichtig - mein
Innerstes bebte, ich fühlte, wie ich zitterte, und der Stuhl mit mir schwankte,
an dem ich mich während dieser schweren Minute hielt. Endlich verkündete
Heliodors Ausspruch Leben - und mein Herz, das den ganzen Umfang des Schmerzens
zu fassen im Stande gewesen war, erlag der Freude. Ich sank ohne Bewusstsein zu
Boden. Man brachte mich in's Nebenzimmer. Hier, als ich erwachte, als ich fähig
war zu begreifen, dass die Vorgänge dieses Abends kein Traum gewesen waren, ergoss
sich meine Seele in heissen Gebeten des Danks und der Liebe. Ich fragte nach
Agatokles. Er hatte sich wieder ein paar Mal so weit erholt, dass er die Augen
aufgeschlagen, und einige Worte gesprochen hatte. Man gab mir die beruhigendsten
Hoffnungen, Heliodor hatte meine Ahnung bestätigt; nicht die Wunden, nur der
Blutverlust hatten ihm diese todtähnliche Betäubung zugezogen - sie wird
aufhören, wie seine Kräfte sich erholen.
    Sobald ich einigermassen mein Herz beruhigt fühlte, setzte ich mich hin, dir
zu schreiben, und dir zu sagen, dass es mir nicht möglich ist, meine Blicke vor
den schönen Aussichten, die sich mir eröffnen, mit gehöriger Standhaftigkeit zu
schliessen. Soll es denn blosses bedeutungsloses Zusammentreffen sein, was mich
von den Ufern der Goten bis hierher brachte, was mich gerade jetzt zur Pflege
der Verwundeten bestimmte, und mir den teuren Freund in diesem Augenblick
schenkte? Er ist ein Christ. Wie kann er Calpurnien seine Hand reichen? Wie kann
er, der so hohe Begriffe vom Zusammenklang der Seelen hat, ein Mädchen lieben,
das über den wichtigsten Gegenstand des Menschen ganz verschieden von ihm denkt?
O Junia! Welche beglückenden Folgen liegen in diesen Fragen verborgen! Aber noch
muss ich mein Herz halten, noch darf ich mich ihnen nicht überlassen, und vor
Allem darf Agatokles jetzt noch nicht wissen, wer ich bin. Wie er auch immer
für mich fühle, was sein Verhältnis zu Calpurnien sein mag - eine gähe
Entdeckung könnte sein Leben in Gefahr setzen. Noch muss ich verborgen bleiben,
aber ich hoffe, die Zeit, das Leben in seiner Gegenwart wird bald meine Zweifel
lösen, und dann soll er nach und nach erraten, wer an seinem Lager weinte, und
wachte, oder - ich fliehe mit meinem unauslöschlichen Gram ihn, mein Vaterland,
die Welt, und begrabe mich in einer tiefen Einsamkeit, in die nur deine
Freundschaft zuweilen einen Strahl des Trostes bringen soll.
                                                               Am 24sten Abends.
Die Zweifel sind gelöst - mein Schicksal ist entschieden! O es war töricht,
vermessen, so ungegründeten Hoffnungen auch nur einen Augenblick Raum zu geben!
In welchen Betracht kann die Verschiedenheit der Denkart, der Religion selbst,
von der verzehrenden Flamme einer Leidenschaft kommen, die mit wütender Gewalt
das ergriffene Herz über alle Schranken des Wohlstandes und der Weiblichkeit
hinreisst? Von dieser Macht der Gefühle habe ich keinen Begriff; aber wer so
liebt, muss auch versichert sein, eben so heiss wieder geliebt zu werden. Und was
bleibt dann für die Vergessne, Verstorbne übrig!
    Heute Morgens, als ein luftiger süsser Schlummer voll trügerischer teurer
Gestalten mir die erschöpfte Kraft wieder gegeben hatte, hörte ich Agatokles
leise rufen. Ich zog den schwarzen dichten Schleier fest um mein Gesicht, meine
ganze Gestalt zusammen, und trat mit klopfendem Herzen an sein Lager. Er öffnete
die Augen kaum, und forderte nur mit leiser Stimme zu trinken. Ich reichte ihm
den Becher, meine Hand zitterte. Wo bin ich? sing er nach einer Weile wieder an:
Wo hat man mich hingebracht? Ich legte die Hand auf den Mund, und schwieg. Ich
fürchtete zu reden, da ich in diesem Augenblick gewiss nicht über meine Stimme
gebieten konnte. Ich weiss nicht, ob er mich für stumm, der eigensinnig hielt -
er schloss die Augen wieder, und sank auf die Kissen zurück. Jetzt kam Heliodor,
nach den Wunden zu sehen. Agatokles erwachte wieder, und wiederholte seine
Frage. Heliodor gab ihm Bescheid, er schien sehr zufrieden, und ein freundlicher
Blick, eine Bewegung seiner Hand dankte mir für den Teil, den ich an seiner
Pflege hatte. Seine Wunden waren, so gut sie sein konnten; der ehrwürdige Arzt
empfahl ihm nichts als Ruhe, und stärkende Arzneien. Ich weinte ungesehen
Tränen der reinsten Freude, aber ich wagte es nicht, länger bei ihm zu bleiben,
aus Furcht mich zu verraten. Die Schwäche, die noch von den Erschütterungen des
vorigen Tags an mir sichtbar war, diente mir bei der Vorsteherin des Hauses zur
Entschuldigung, dass ich Tabita mehr für Agatokles zu tun überliess, als ich
selbst zu verrichten wagte. Ach, diese Versagung kam mich schwer genug an. Aber
die Freude konnte ich mir nicht abschlagen, so viel wie möglich im Nebenzimmer
zu sein, und wenigstens seine Stimme zu hören.
    Gegen Abend, als es bereits zu dämmern anfing, wagte ich es hinein zu gehen.
Er sah mich freundlich an, und grüsste mich als seine stumme Wohltäterin. Ich
neigte mich, ohne zu antworten, und beschäftigte mich an einem Tische mit
Zurechtlegen seiner Binden. Jetzt kam eine Aufwärterin des Hauses, und meldete
Agatokles, einer seiner Sclaven sei da, der ihn zu sprechen wünsche. Er liess
ihn kommen. Gerechter Gott! Wer kam? Ein bildschöner Knabe in niedlicher
Sclavenkleidung trat ein. Das hellbraune Haar flatterte in reichen Locken um
seine weisse Stirn und die blühenden Wangen. So schwebte die reizende Gestalt
näher an's Betts - ich erkannte sie jetzt - es war Calpurnia! Auch Agatokles,
der sie vorher verwundert angesehen hatte, erriet die Wahrheit. Er erschrak
sichtbar. Cal - rief er - aber mit unbegreiflicher Fassung fiel ihm die
Leichtfertige in's Wort: Callias, ja, dein treuer Callias ist's, der unmöglich
von der Gefahr seines Gebieters hören konnte, ohne sich selbst davon zu
überzeugen. Bei diesen Worten stand sie an seinem Bette. Er fasste ihre Hand, ich
sah ihn erröten, und wieder erbleichen, ich sah die glühenden Blicke, die sie
auf ihn warf, die selige Trunkenheit, mit der sein leuchtendes Auge über die
reizende Gestalt hingleitete, und die schönen Formen mit Entzücken betrachtete.
Ich hörte ihn jetzt ihr mit gerührter Stimme für ihre Güte danken, und das
Entsetzen, das mich vorher an einer Stelle gefesselt hielt, lösete sich in
wilden Schmerz auf. Ein heftiges Schluchzen übermannte mich, dass die Glücklichen
sich erstaunt nach mir umsahn. Ich entfloh. Ach Gott! So enden sich meine
Hoffnungen!
                                                            Zwei Stunden später.
Ich hatte mir vorgesetzt, ihn nicht wieder zu sehen, sein Zimmer nicht wieder zu
betreten. Ich hätte es auch gehalten; aber Tabita war bei einem andern Kranken
beschäftigt, als Heliodor den Abend kam, um Agatokles zu besuchen, und so musste
ich mit ihm, ihm kleine Handreichungen zu leisten. Mit scheuem Widerwillen
betrat ich das Zimmer - sah ich ihn wieder, den ich einst nie anders, als mit
Entzücken wieder zu sehen dachte, den ich gestern in der traurigsten Lage leblos
und in seinem Blute doch freudig wiedersah! Und warum? Bin ich denn die
Flatterhafte, die Leichtsinnige? Bin ich's, die ihn so tief gekränkt? O Junia!
Warum scheute ich seinen Anblick? In welche seltsame Gestalten verhüllt sich oft
unser Gefühl! Heliodor fand ihn weniger wohl, sein Puls ging fieberhaft. O ich
wusste wohl warum - und zitterte vor Zorn und Schmerz, dass der unbesonnene,
unweibliche Schritt des leichtfertigen Geschöpfes sein Leben in Gefahr setzen
könnte. Noch war unser Geschäft nicht geendet, und meine Angst, in diesem
Augenblick vielleicht durch einen Zufall verraten zu werden, nicht vorbei, als
der schöne Mann eintrat, der den vorigen Abend so viel Anteil an Agatokles
gezeigt hatte. Die Augen des Kranken strahlten vor Freude. Constantin! rief er,
und der Fremde stürzte an seine Brust. Sie hielten sich lange umarmt. - Das war
also Constantin, der Sohn des abendländischen Cäsars, der Agatokles einst das
Leben rettete! Nun war mir seine Teilnahme am vorigen Abend erklärbar. Wie
teuer ward er mir durch diese Liebe! Wie gern wäre ich ihm zu Füssen gesunken,
um ihm für das Leben seines Freundes zu danken! - So liebe ich ihn denn noch? So
wird denn diese Flamme nie erlöschen? So ist kein Leichtsinn, keine Kränkung
fähig, mich zu heilen? O ich bin schwach bis zur Verächtlichkeit - ich verdamme
mich selbst darum - aber ich kann - ich kann nicht anders. Tief in mein Wesen,
in die feinsten Fäden meines Lebens ist diese Liebe verweht - sie wird nur mit
ihnen zerrissen. O zürne mir nicht, Junia! Ich fliehe bald - bald zu dir!
 
                                    Fussnoten
1 Die Häuser der Alten, sowohl in Italien, als vorzüglich im Morgenlande, hatten
selten Fenster auf die Strasse. Man trat durch den Torweg in den Hof, um welchen
herum die Zimmer gebaut waren, deren Fenster und Türen gleichfalls auf den Hof
gingen.
 
                          71. Calpurnia an Sulpicien.
                                                Nikomedien, den 25. Februar 303.
Bald sind es zwei Monate, seit du Nikomedien verlassen hast. Du musst längst in
Ecbatana ganz eingewohnt sein, und noch habe ich ausser einem kleinen Briefchen,
das du mir unterwegs schriebst, und das eben nicht Gemacht war, mich über deinen
Zustand zu beruhigen, keine Nachricht von dir und Tiridates erhalten. Ich bin
sehr um dich bekümmert, und beschwöre dich, wenn meine ängstigenden Gedanken
wahr sein sollten, wenn du zu krank zum Schreiben wärest, mir durch Tiridates,
durch eine Sclavin, durch wen du willst, nur ein paar Zeilen zu senden, die
meine Zweifel endigen.
    Ich selbst bin jetzt in einer sonderbaren Stimmung. Sehen möchte ich die
Miene doch, mit der du diesen Brief lesen wirst, und die Bemerkungen hören, die
du darüber machst. Abenteuer, tragische und zärtliche Scenen, Schrecken,
Verwundungen, Verkleidungen - kurz Alles, was ein milesisches Mährchen anziehend
machen kann, habe ich dir heute zu berichten, und ich hoffe, es wird dir im
Lesen wenigstens die Hälfte von dem Schrecken und dem Vergnügen machen, das es
mir in der Wirklichkeit verursachte. Schon lange hätte es ein hohes Interesse
für mich gehabt, ein kleines Abenteuer zu erfahren, mein Leben floss in gar zu
gewöhnlicher Alltäglichkeit hin. Nun haben die Götter und meine Laune mir eins
beschert, und du sollst Alles getreulich hören.
    Vorgestern war ein trüber unruhiger Tag für Nikomedien. Es galt eigentlich
nur den Christen, deren Tempel auf kaiserlichen Befehl zerstört wurden, um ein
Mal ihrem Unwesen ein Ende zu machen, aber die ganze Stadt fühlte die Wirkungen
dieses Schlags. Allentalben fielen bald tolle, bald blutige Auftritte vor, und
es verging keine Stunde, wo man nicht meinem Vater irgend ein Verbrechen oder
einen Unglücksfall zu berichten kam. Mir war recht unheimlich zu Mut. Wäre ich
eine Schwärmerin, so würde ich dies Gefühl für Ahnung ausgelegt haben; so aber
sehe ich sehr deutlich ein, dass es nichts als eine natürliche Folge der
Begebenheiten dieses Tages war. Ich legte mich spät nieder, und schlief nicht
viel, denn auch die Nacht war nicht stille. Da weckte mich am Morgen das
Geräusch meiner Türe, die leise geöffnet wurde, ich fuhr auf, Drusilla trat
herein - mit einem Gesichte, das schon von Weitem Uebels prophezeite. Was ist's,
rief ich, was ist geschehen? »Erschrick nicht, Gebieterin,« sagte sie nach der
Art dieser Menschen, und goss dadurch kalte Schauer über mich - »es ist ein
grosses Unglück -« ich sprang zitternd am ganzen Leibe aus dem Bette. Mein Vater
- rief ich; denn nichts Geringeres als ein Unfall, der ihn oder uns Alle
betroffen hätte, stand vor mir. »Nein,« sagte Drusilla, »dein Vater ist recht
wohl; bleib nur und höre mich.« Ich war im Begriff fortzueilen. »Agatokles -«
fuhr sie fort, und sah mich ängstlich an. - Auf ein Mal fühlte ich, wie sich die
ganze Natur meiner Empfindungen änderte; ich fühlte noch Bangigkeit, aber nicht
mehr jene fürchterliche Beklemmung, die mir vorher den Hals zugeschnürt hatte.
Agatokles? wiederholte ich. Was ist's mit ihm? »Er ist schwer verwundet,
vielleicht todt.« Jetzt erschrak ich von Neuem - ich zitterte, und musste mich
setzen, ohne sprechen, ohne Drusilla fragen zu können. Sie ersparte mir's, und
berichtete mir mit unerträglicher Weitläuftigkeit, dass er gestern Abends in der
langen Strasse beim Tempel der Ceres sich einer armen Frau angenommen, welche die
Priester der Götter zwingen wollten, ihr zu opfern, dass der wütende Haufe ihn
umringt, übermannt, und mit vielen Wunden für todt auf dem Platze liegen
gelassen. Seine Soldaten hatten ihn gesucht, und brachten ihn endlich in das
Wittwenhaus der Christen. Dort ist er jetzt, ob todt, ob sterbend, wusste
Drusilla nicht zu sagen. Der Sclave, der ihr die Botschaft brachte, wusste selbst
nicht mehr, ein seltsames Gemisch von Empfindungen wogte nun in meiner Brust auf
und ab, Mitleid, Sorge, Aerger über seine Schwärmerei, und Bewunderung seines
Heldenmuts. Endlich siegte das Mitleid, und mit ihm wurde der Wunsch, ihn zu
sehen, ihm den Anteil zu zeigen, den ich an ihm nahm, herrschend. Mein Vater
hatte alsobald hingesandt, um sich nach ihm zu erkundigen. Die Antwort war
beruhigend, er lebe - seine Wunden waren nicht tödtlich. Von Augenblick zu
Augenblick wurde jenes Verlangen stärker in mir, und ein seltsamer aber
interessanter Plan entwickelte sich in meinem Kopfe. Ich wollte Männerkleider
anziehen, und so unerkannt ihn besuchen. Je mehr ich dem Gedanken nachhing, je
reizender schien er mir, und so wurden denn niedliche Sclavenkleider bestellt,
und Alles geheilt und verschwiegen bereitet; denn Niemand, auch mein Vater,
sollte um diesen Schritt wissen, den ich mir, falls er ihn missbilligte, weder
von ihm verwehren lassen, noch geradezu wider seinen Willen tun wollte. Die
Kleider kamen, ich zog sie an, sie sassen vortrefflich. Drusilla ordnete mein
Haar, so gut es gehen wollte, damit mein Kopf dem eines Knaben ähnlich wäre, und
ich musste gestehen, dass der Knabe, der mir da aus dem Spiegel entgegen sah, sein
Lobliedchen wohl eben so gut verdiente, als Batyll oder Antinous1. Nun, als die
Dämmerung kam, warf ich einen grossen Mantel meines Bruders über mich, zog die
Kappe2 tief in's Gesicht, und machte mich mit dem treuen Phädo, der den Kopf
gewaltig über die Mummerei schüttelte, auf den Weg. Das Herz pochte mir wohl ein
wenig, ob vor Angst oder vor Erwartung, weiss ich nicht. Wir kamen glücklich vor
die Stadt, und in das Haus. Hier liess ich mich als einen Sclaven, der seinen
Gebieter zu sprechen wünschte, bei Agatokles melden. Man führte mich in ein
einfaches aber durchaus anständiges Zimmer - ich trat beklommen ein. - Sehr
bleich, erschöpft, aber mit ruhiger Miene und heiterm Auge lag Agatokles auf
dem Bette, sein rechter Arm war mit schneeweissen Binden umwickelt, sonst konnte
ich kein Zeichen von Krankheit oder Verwundung an ihm entdecken. Mir ward
seltsam zu Mut. Jetzt erst, da er nicht mehr zurückzunehmen war, sah ich
lebendig die Sonderbarkeit meines Schrittes und der Rolle ein, die ich spielte.
Doch es war zu spät. Agatokles hatte mich bereits erkannt, ich sah, dass er im
Begriff war, mich zu nennen. Ich erschrak, denn nun erst ward ich eines
schwarzen ganz verschleierten Frauenzimmers gewahr, das an einem Nebentische mit
Leinenzeug beschäftigt war. Ich fasste mich schnell, fiel ihm in die Rede, und
nannte mich Callias - seinen Sclaven. Ich sah, dass er erstaunt und gerührt war;
er fasste meine Hände mit seiner Linken, drückte sie heftig, und sah mich mit
einem Blicke an, der mir tief in die Seele drang. Gerade in diesem Augenblicke
stürzte das schwarze Frauenzimmer mit einem sonderbaren Laut, der wie Schluchzen
klang, zur Tür hinaus. Agatokles wandte sich schnell nach ihr um. - »Was war
das?« - sagte er; »mich dünkt, sie weinte?« So schien es mir auch, erwiederte
ich. »Es ist eine seltsame Frau,« fuhr er nach einer Weile fort. »Seit gestern
pflegt sie meiner mit der grössten Geduld und Sorgfalt, aber ich habe ihr Gesicht
noch nicht gesehen, und ihre Stimme nicht gehört; ich weiss nicht, kann - oder
will sie nicht sprechen.« Ich fing ein anderes Gespräch an, ich fragte ihn um
die Vorfälle des gestrigen Abends, aber er antwortete mir sehr zerstreut, indem
er öfters nach der Türe sah, und es gelang mir nur mit Mühe, ihn von dem
Gegenstand, der seine Aufmerksamkeit so sehr beschäftigte, abzubringen. Er
fragte mich jetzt, welcher sonderbare Zufall mich in dieser Kleidung hierher
führte? - »Kein Zufall, mein Freund!« antwortete ich, »sondern der Wunsch, dich
zu sehen, mich selbst zu überzeugen, wie es dir geht, und ob es in meines
Vaters, oder meiner Macht stehe, deine Lage zu erleichtern, etwas für dich zu
tun.« Er schien bewegt, sein Auge glänzte, er fasste meine Hand, aber schnell
senkte er den Blick wieder, drückte meine Hand an seine Brust, und sagte mit
unterdrückter Stimme: »Ich verdiene diese Güte nicht - gewiss, schöne Calpurnia!
ich verdiene sie nicht.« Ich war ein wenig verlegen über diese Antwort, in die
sich so mancher Sinn hineindeuten liess. Mir fiel die Geschichte mit jener
Teophania und meiner Zeichnung ein. - Aber ich hatte nun einmal die Rotte der
heldenmütigen Freundschaft übernommen, ich musste sie mit Ehren ausspielen. Ich
sagte ihm also, was sich in einer solchen Lage sagen lässt, wo man weder sich,
noch der Freundschaft etwas vergeben, weder seine Güte an einen Undankbaren
verschwenden, noch den geschätzten Freund, den vielleicht nur Bescheidenheit so
reden hiess, kränken will. Ich zog mich zum Verwundern gut aus der Sache, so, dass
ich überzeugt bin, Agatokles weiss bis diese Stunde nicht recht, woran er mit
mir ist, und die Unterredung nahm nach und nach einen ruhigen Gang. Er erzählte
mir nun ganz kurz, und mit manchen Unterbrechungen - denn seine Schwäche
erlaubte ihm nicht viel zu sprechen - die Geschichte des gestrigen Abends. Ich
konnte seinem Edelmut meine volle Achtung nicht versagen; aber der gefährliche
Eindruck, den der interessante Zustand des Erzählers, und der Inhalt der
Geschichte auf mein Herz hätte machen können, wurde mächtig durch die
Schilderung gedämpft, die Agatokles von seinem Zustande machte, als er zu sich
kam, sich bereits für todt, und die Umstehenden für Bewohner einer andern Welt
hielt. Die sonderbare Beleuchtung, fügte er mit sichtlicher Rührung hinzu, der
fremde Ort, die schwarzen Frauen in langen Schleiern, die blassen Gesichter
trügen bei, die Täuschung zu vermehren. Ich glaubte unter den Frauen meine
verstorbene Jugendfreundin zu sehen; mir war, als erkennte ich deutlich ihre
Züge, als hörte ich den Ton ihrer Stimme. - Es war ein Traum, setzte er
tiefsinnig und mit einem schlechtverborgenen Seufzer hinzu - aber es was ein
lieblicher Traum!
    Ich sah, dass ihn das Reden erschöpfte, und kürzte meinen Besuch ab. Er
dankte mir sehr innig für meine unaussprechliche Güte, wie er es nannte; ich
versprach, ihn den folgenden Tag wieder zu sehen, wenn es mir möglich wäre. Er
drückte mir die Hand, schon wollte ich mich entfernen, als sein Arzt, ein
christlicher Priester, hereintrat. Mir waren die Züge dieses Mannes bekannt, ich
sah ihn genauer an. Stelle dir mein Erstaunen vor - es war der Alte von
Syntium, der Vater jener byzantinischen Wittwe, der geheimnisvollen Teophania.
Mir ward ganz sonderbar zu Mut bei dieser Entdeckung. Ist er hier - so ist auch
wohl seine Tochter nicht weit - vielleicht als Wittwe eines Christen hier im
Hause - und, erfährt es Agatokles? - Ich war besonnen genug, nichts von meiner
Verwunderung zu äussern, und froh, dass der Alte mich nicht erkannte, eilte ich
eben nicht sehr, dem Kranken, meine Entdeckung mitzuteilen. Wer weiss, wie viel
oder wenig Besuche ich noch in dem Wittwenhause machen werde! Indessen
beschäftigt das Verhältnis eben, weil es verwickelt und seltsam ist, meinen
Geist und meine Einbildungskraft sehr angenehm, und dass es mein Herz ja nicht
mehr, als meine Ruhe erlaubt, besonders bei der Nähe dieser Teophania,
beschäftigte, darüber soll meine Vernunft und meine richtige Schätzung des
männlichen Geschlechts wachen. Leb' wohl! Ich sehe mit Neugier, mit Ungeduld,
aber wahrlich ohne Sehnsucht der Stunde der Dämmerung entgegen - ich will die
Freude geniessen, so lange sie vernünftiger Weise währen kann, und sie, wenn es
die Vernunft befiehlt, ohne Verdruss oder Reue aufgeben. Leb' wohl!
 
                                    Fussnoten
1 Batyll war Anacreons, Antinous Kaiser Hadrians Liebling; beide sind ihrer
Schönheit wegen berühmt, und die Bildsäulen des letzteren haben zu manchem
gelehrten Streite Anlass gegeben.
2 Die Römer trugen Mäntel wider die Kälte und den Regen, welche von dichtem
Wollenzeuge, und mit einer Kappe versehen waren.
 
                       72. Teophania an Junia Marcella.
                                                Nikomedien, den 26. Februar 303.
Was steht mir bevor! Zu welchem entsetzlichen Schritte will mich der harte
Heliodor zwingen! Ich soll mich Agatokles entdecken, jetzt - in diesen
Verhältnissen, und ohne Verzug. Weigere ich mich, es selbst auf eine schickliche
Art zu tun, so hat er mir gedroht hinzugehen, und ohne alle Schonung - denn was
gilt Liebe und Zartgefühl einer so rauben Tugend? - es ihm geradezu zu sagen.
Was bleibt mir übrig?
    Wiedersehen! O Ton, der sonst meine ganze Seele mit Entzückungen durchbebte!
Wiedersehen! Wie schrecklich, wie schauerlich klingt er jetzt in meinem Ohr!
Ach, als wir uns im Garten zu Edessa trafen - wir waren durch heilige Pflichten
getrennt - aber er liebte mich! Das sagte mir sein Blick, seine ausgebreiteten
Arme, seine sprachlose Freude. Ich sank an seine Brust. Acht Jahre der Trennung
hatten unsre Empfindungen nicht geändert; meine Hand war eines Andern, mein Herz
war sein. O das waren glückliche Tage - die schönsten meines Lebens! Jetzt mit
Scheu und Zittern sehe ich dem fürchterlichen Augenblicke entgegen, dieser
Verwirrung, diesem bangen Schrecken! O seine Bestürzung wird mich vernichten,
seine Beschämung mir qualvoller sein, als ewige Trennung!
    Ich soll mich ihm zeigen, in dieser blassen abgehärmten Gestalt, mit diesen
verweinten Augen, mit der Narbe auf den Wangen, ihm, der täglich das reizendste
Geschöpf der Erde in seine Arme schliesst? Nein, nein, tausendmal lieber sterben!
Und was bleibt mir übrig? - Ich will fliehen! er soll hören, dass ich lebe, aber
er soll mich nicht wieder sehen! Er würde sich Mühe geben, mich artig zu
empfangen, die Veränderung meiner Gestalt nicht zu bemerken, er würde mir recht
viel Verbindliches sagen, wie es ihn freue, mich wieder zu sehen, wie bestürzt
er über die Nachricht meines Todes gewesen u.s.w. Und ich - ich würde
verzweifeln!
    O was hat Heliodor über mich gebracht! In welchen Jammer hat er mich
gestürzt! Und er glaubt noch ein Recht zu haben, mit mir zu zürnen, er sieht
mich für strafbar an! Dahin kommt ein Herz, das sich jedem sanften Gefühl aus
Anlage oder Grundsatz verschlossen hat!
    Diesen Morgen kam er plötzlich und in sehr lebhafter Bewegung zu mir. Er
hatte erst gestern spät den Namen und die Umstände seines Kranken erfahren. Mein
ehemaliges Geständnis fiel ihm ein, er eilte rasch zu mir, um mich um die
Ursache meiner vorsätzlichen Verborgenheit zu fragen, da der Freund meiner
Jugend unter einem Dache mit mir lebte. Seine strenge Tugend hatte sich eine
wohlgefällige Vorstellung dieser Ursache entworfen. Er hatte mir Kälte und
schwärmerische Andacht genug zugetraut, dass ich freiwillig meinen liebsten
Wünschen entsagen, mich den Pflichten des Hauses für immer widmen, und mein
Leben in der ihm so erhaben dünkenden beschaulichen Abgezogenheit zubringen
würde. Er war ganz gerührt von dieser Vorstellung, er fing an, mich zu loben,
sein Auge ruhte mit väterlichem Wohlgefallen auf mir. O wie peinlich war mir
dies Lob! Nicht der ungerechteste Verdacht hätte mich halb so sehr geschmerzt!
Eine Weile schwieg ich, endlich konnte ich's nicht länger ertragend. Ich gestand
ihm unter Tränen Alles, was ich sagen konnte, ohne Calpurniens Besuche und ihre
Verkleidung zu verraten; denn leicht hätte er bei seinen strengen Begriffen ein
Ärgernis daran nehmen, und dem schönen Sclaven den Zutritt verwehren können,
und ich - ach, ich will das Glück der Liebenden nicht stören!
    Er fand es sehr unrecht, dass eine so verzeihliche Untreue, als die des
Agatokles, der mich seit mehr als einem Jahre für todt hielt, mich so
aufbrächte, dass ich ihn gar nicht wieder sehen wollte. Man könnte ja, meinte er,
wenn die Liebe aufgehört habe, noch Freundschaft für einander fühlen, und sich
herzlich gut sein. Es war vergeblich, ihm die Unmöglichkeit dieser
Freundlichkeit begreifen zu machen; er sah es ein, dass das beschämende Gefühl
des Flattersinns und Unrechts, wie verzeihlich es auch sei, das reine Verhältnis
ewig stören, und die verstimmten Saiten nie wieder harmonisch klingen würden.
Als er endlich meinem Eigensinn diese Grille zugestand, fand er doch, dass, wenn
ich auch Agatokles Freundin nicht sein wollte, so würde er doch erfahren
dürfen, dass ich lebe, ja, er würde es, der Natur der Sachen nach, über kurz oder
lang erfahren müssen. Das musste ich zugeben - aber ich sagte zuletzt, als er mit
unaussprechlicher Härte in mich drang, es würde mir nicht so viel daran liegen,
dass Agatokles mein Dasein erfahre, wenn ich nur erst entfernt, und bei dir in
Apamäa wäre. Nun wollte er die Ursache dieser Seltsamkeit wissen. Er forschte,
er fragte, und ach, auf allen Seiten gedrängt, und mit einer grausamen
Consequenz von Schlüssen, Voraussetzungen und Folgen auf's Äusserste getrieben,
bekannte ich endlich, dass mir der Gedanke, mich, so entstellt wie ich bin, neben
der schönen Calpurnia zu zeigen, unerträglich, und schlechterdings unmöglich
sei.
    Das ist's! fuhr er auf ein Mal mit einer Heftigkeit auf, dass ich
zusammenschrak. Das ist's, die Eitelkeit ist's, die euer Geschlecht von jeher
zum Bösen verführt, die den Tod, die Erbsünde, die alle Uebel der Welt über uns
gebracht hat. Aus Eitelkeit sündigte Eva, aus Eitelkeit fallen ihre Töchter. Und
nun ergoss sich ein fürchterlicher Strom von Beredtsamkeit, den ich vergebens zu
unterbrechen suchte. Er hielt mir alle meine Vergehungen vor, seit dem ersten
Augenblick, als er mich bei den Goten gefunden, Falschheit, übermässige
Leidenschaft, Verkehrteit, Bosheit, Eitelkeit - ach Gott weiss, was Alles! Ich
fing an zu weinen und zu zittern. Ich erkannte, dass er in vielen Stücken Recht
hatte; aber so schlimm, als sein Zorn mich machte, bin ich doch nicht. - O Gott!
Meine Absicht war ja schuldlos! Kann es ein Verbrechen sein, nur nicht so ganz
verschmäht und vergessen neben der glücklichen Nebenbuhlerin stehen zu wollen?
Ich will ihnen ja kein Uebels - ach, ich habe es ja sogar schon über mein Herz
vermocht, für Calpurnien zu beten! Kann ich denn gar so strafbar sein? Und doch
legt es mir Heliodor als Busse auf, als unerlässliche Bedingung, unter der allein
mir meine Sünden vergeben werden können, mich Agatokles zu entdecken? Was kann
ich tun?
    Er ging im höchsten Zorn von mir weg. Alles, was ich erhalten konnte, war,
dass er nicht auf der Stelle zu Agatokles eilte, aber ich musste ihm geloben, es
morgen selbst zu tun. O Junia! Das wird ein schrecklicher Tag werden!
 
                                                          Einige Stunden später.
Wie ein Engel, von Gott gesandt, ist mir auf einmal der Gedanke gekommen, mich
an den edlen Constantin zu wenden. Er ist Agatokles Freund, es kann ihm an dem
Zartgefühl nicht fehlen, das die Behandlung dieses Verhältnisses fordert. Ich
werde ihm schreiben, mein Brief wird meine Rettung in Trachene, meine Befreiung
durch Heliodor, meinen Aufentalt in Syntium, in Nicäa, und die Beweggründe
entalten, die mich bisher so handeln machten. Constantin müsste nicht so edel
sein, als ihn der Ruf und seine Gestalt verkündet, wenn er nicht Sinn für meine
Lage, und den festen Willen haben sollte, das peinliche Verhältnis auf die Art
zu lösen, wie es für seinen Freund und mich am besten ist. Er kennt sein Herz,
er wird die Wirkung beurteilen können, die diese Entdeckung auf ihn machen muss.
O wenn er - ich werde ihn dringend darum bitten - wenn er es so einzuleiten
wüsste, dass Agatokles selbst damit zufrieden wäre, mich nie wieder zu sehen! Nie
wiedersehen! Junia! Niemals - niemals, in meinem ganzen Leben nicht wieder
sehen! - Es ist ein schrecklicher Gedanke! - Ich sehe seine Notwendigkeit ein,
aber ich zittere noch davor - ich kann ihn noch nicht ganz fassen. - Niemals.
                                                                         Später.
Der Brief ist geschrieben. Ich erwarte Constantins Ankunft. Mit welchen
Gefühlen! kannst du mir leichter nachempfinden, als ich sagen. O in dem
Augenblicke, da das Loos fallen muss, da wir in die schicksalvolle Urne greifen,
entsetzt sich das Herz, die festesten Entschlüsse wanken noch ein Mal, zum
letzten Mal; und so drückend uns die Ungewissheit dünkte, so heftig ergreifen wir
jeden Augenblick, der sie zu verlängern im Stande ist. Die Nacht ist da.
Calpurnia, die jeden Tag mit der Dämmerung kömmt, ist bereits wieder fort.
Constantin kann jeden Augenblick kommen - dann ist Alles unwiderruflich
geschehen! dann ist mein Stab gebrochen!
    Bei der Gewissheit, dass ich ihn in meinem Leben nicht mehr sehen werde, habe
ich gestern und heute das einzige Glück, das mir übrigt, mit Geiz genossen. Sein
Zimmer zu betreten wagte ich seit acht Tagen nicht mehr, seitdem Calpurniens
erster Besuch mich daraus vertrieb. Tabita hat seine Pflege übernommen, ich
besorge dafür ihre Kranken; aber im Nebenzimmer halte ich mich auf, so viel ich
kann. Da höre ich ihn atmen, reden, seufzen - ach für wen? Es ist eine
schmerzliche Freude, aber es ist meine einzige - meine letzte! Bald werde ich
auch ihr entsagen müssen! Dann wird seine Stimme nie wieder tausend süsse Gefühle
und Erinnerungen in meiner Brust wecken, dann werde ich nichts mehr für ihn zu
sorgen haben - dann ist Alles - Alles verloren! O Junia!
    Vielleicht folge ich diesem Briefe bald - bis morgen ist mein Schicksal
entschieden - ich komme schnell - schnell!
 
                          73. Calpurnia an Sulpicien.
                                                Nikomedien, den 26. Februar 303.
Es ist seltsam, wie ein Abenteuer, eine Beschwerlichkeit, die wir um eines
Freundes willen übernehmen, plötzlich diesem Freunde einen viel höhern Wert in
unsern Augen gibt - wie Gärtnern die Pflanzen am liebsten werden, mit denen sie
die meiste Mühe hatten. Ich habe oft darüber nachgedacht und dir einst in
Rücksicht auf den Flattersinn der Männer darüber geschrieben; jetzt finde ich
diese Beobachtung an mir bestätigt. Zweimal bin ich nun in meiner Sclavenhülle
bei ihm gewesen. Wahrlich ein Mann, der sonst nicht schön ist, wird nicht
reizend dadurch, wenn er bleich und verwundet auf seinem Bette liegt! Dennoch
dünkt mich, er sei mir noch nie so anziehend vorgekommen, als eben jetzt.
Gerade, dass er mir nur die Linke reichen kann, weil sein rechter Arm verwundet
ist, dass ich ihm manchmal bei etwas helfen muss, wozu er zwei Hände brauchte, dass
ihn das so ungeschickt, so hülflos macht, bewegt mich seltsam, und die Blässe
seines Gesichts, der weichere Ton seiner Stimme, die mindere Lebhaftigkeit
seiner Bewegungen rührt mich, ich weiss nicht warum, weit mehr, als wenn er auf
einmal durch die Sprüche einer tessalischen Zauberin in einen Adonis wäre
umgewandelt worden. Das ist seltsam, aber mich dünkt, es ist vollkommen gut, dass
es so ist. Nicht um meinetwillen - lächle nicht spöttisch, wenn du dies liesest;
mein Verhältnis zu Agatokles ist gar nicht von der Art; wie du denkst, und
unsre Gespräche sind von so ernstem Inhalt, dass die sanftern Gefühle scheu davor
zurückbeben müssen - aber ich finde diese Einrichtung für's Ganze gut. Das
Schicksal, die Natur, die Vorsicht, die Götter, oder wie man das Wesen nennt,
das die Sorge für die Anordnung und Erhaltung der Welt über sich genommen hat,
hat diesen Zug mit vieler Weisheit in die Tiefe unsers Herzens gelegt. Die Welt
ist nun einmal so eingerichtet, dass im Physischen wie im Moralischen nichts ohne
Mühe, Anstrengung, Kampf erlangt werden kann. Dem Mutigen hilft das Glück, der
Anstrengung gewähren die Götter Alles. Das sind uralte Sprüche, die jede
Generation von den Vätern übernimmt, und durch ihr Beispiel bestätigt den Enkeln
hinterlässt. Wie weise ist es nun, dass diese warme Anhänglichkeit und Vorliebe
für das Kind unsers Fleisses, unserer Aufopferungen, uns für die vergangene Mühe
entschädigt, zu künftiger spornt, und oft, recht oft unsern einzigen und doch
genügenden Lohn ausmacht.
    Agatokles ist mir sehr wert geworden - durch die schöne Handlung, die ihm
diese Wunden zuzog, und beinahe das Leben gekostet hätte, durch seinen jetzigen
Zustand, und - durch die Torheit, die ich um seinetwillen begangen habe. Noch
mehr, ich laufe vielleicht einige Gefahr, wenn ich meine Besuche fortsetze; denn
ich merke seit gestern, dass mir Jemand nachschleicht, und mich beobachtet. -
Phädo hat es ebenfalls bemerkt. Wer es ist, kann ich nicht erraten. Von meinem
Vater kommt es nicht; denn der würde offen mit mir zu Werke gehen. Ich kann
Verdruss bekommen; auf jeden Fall wird die Geschichte, wenn sie bekannt würde,
mich den Nachreden und Verläumdungen der Stadt aussetzen. Hieran liegt mir
wenig, ich verachte das Geklatsch in Nikomedien, wie ich es in Rom verachtet
habe, und gehe meinen Gang nach meiner Ueberzeugung, ohne mich darum zu kümmern,
was einfältige Weiber, denen, dasselbe zu tun, was sie verlästern, nur Geist
und Mut gebricht, darüber schwatzen mögen. Aber die Sache selbst wird mir
dadurch werter, und die unbekannte Gefahr, die mir drohen mag, bestimmt mich um
so sicherer, heute wieder zu gehen. Zu fürchten habe ich persönlich nichts, denn
Phädo und sein Sohn werden mich bewaffnet begleiten, und in unsern Tagen hört
man von keinen Helenen und Proserpinen1. So dient das Abenteuer nur, mich zu
unterhalten. Uebrigens bin ich ganz ruhig, und es kömmt mir zuweilen vor, als
sähe mein inneres Ich mit Vergnügen einer Comödie zu, in der mein äusseres Ich,
Agatokles, und der unbekannte Späher die Hauptrollen spielen.
    Ein Verdacht ist mir schon gekommen, aber er ist fast zu weit gesucht, zu
ungegründet. Marcius Alpinus ist seit einigen Tagen hier. Du weisst, dass meines
Vaters Einfluss und Vermögen ihm in der ersten Zeit meiner Abwesenheit meine
Person sehr liebenswürdig machte. Er plagte mich damals, ich begegnete ihm, wie
es seine Denkart verdiente. Er hasst Agatokles, das weiss ich, und spielt wieder
eine bedeutende Rolle am Hofe, wo das kriechende listige Insekt recht in seinem
Elemente lebt. Es wäre möglich, aber wie gesagt, nicht wahrscheinlich.
    Agatokles ist sehr strenge geworden. Ich habe gestern einen lebhaften
Streit mit ihm gehabt. Von ungefähr entschlüpfte mir eine leichte Bemerkung, von
der Art wie die vorige, über Gott, Vorsicht, Schicksal. Er nahm das sehr ernst
auf, und verwies mir den sträflichen Leichtsinn (so wagte er es, meine Denkart
zu nennen), mit dem ich die wichtigste Sache des Menschen behandelte. Ich fragte
ihn lachend, ob er etwas davon wisse, ob irgend ein Mensch seit Deucalions
Zeiten etwas Gewisses darüber erfahren, ergrübeln, schliessen habe können? Das
musste er verneinend beantworten. Aber er verwies mich an den Glauben, als das
Teuerste, was der Mensch besitze, das Einzige, was ihn über den Staub erhebe,
und ihm Kraft gebe, Alles, was ihm als einem sinnlichen Wesen wert ist, sein
irdisches Wohlsein, und endlich selbst die letzte Bedingung dieses Wohlseins,
sein Leben aufzugeben, um das Höchste, Grösste zu erringen. Und was ist denn dies
so gepriesene Höchste, Grösste? fragte ich lächelnd in einem wohl zu leichten
Ton; denn ich wollte unserm Gespräch eine fröhlichere Wendung geben.
    Er sah mich streng und forschend an, dann legte er seine Hand auf mein Herz.
»Und sollte dies gute Herz durch den Umgang mit der Welt so erkältet worden
sein, dass es die Antwort auf diese Frage nicht in allen seinen Tiefen
wiederhallen hören sollte?« Ich muss dir gestehen, ich war ein wenig verlegen und
beschämt, und doch lag etwas Angenehmes in diesem Vorwurf. Ich schwieg eine
Weile. Ein Blick auf Agatokles verwundeten Arm, ein Gedanke an die Ursache
desselben machte mich fühlen, dass ich mit meiner Weltphilosophie etwas klein vor
dem Manne stand, der noch vor drei Tagen eben diese letzte Bedingung seines
Wohlseins kaltblütig auf's Spiel gesetzt hatte, um jenes unnennbare Höchste zu
erhalten. Wie nennst du es - Glück - Bewusstsein - Tugend? Er nennt es das Gute,
und seinen ersten, hiernieden vielleicht einzigen Lohn, Seelenfrieden. Ich
verteidigte mich noch ziemlich gut, trotz meiner Verlegenheit, und er fing nun,
um mich ganz zu überzeugen, mit seiner glühenden Beredtsamkeit an, mir die
Erhabenheit der christlichen Moral zu schildern, deren Hauptgesetz höchste
Reinheit des Willens und unablässiges Streben nach dem Guten ist, die ihren
Jüngern auferlegt, so zu leben, dass ihre Handlungsweise zur Richtschnur für die
ganze Welt dienen könnte u.s.w. Ich muss dir gestehen, was er sagte, und wie er's
sagte, war schön und würdig, es rührte, es erhob mich. Aber so denkt auch nur
Agatokles, und auch er vielleicht nur in wenigen Augenblicken. Wer von den
übrigen Christen denkt aber wie er?
    Diese Bemerkung drängte sich mir leider bald darnach auf, als ich ihn
verlassen hatte, und in der Stille meines dunkeln Zurückweges, mir selbst
überlassen, und nicht mehr von einem gewaltigen Geist aus meiner Bahn in einen
fremden Gesichtspunkt gerissen, die Sache wieder in dem gewöhnlichen Lichte
betrachtete. Ach, unsre Voreltern waren ja auch nicht lauter Toren oder
Betrüger, und wenn der Polyteismus so gar verächtlich und untauglich gewesen
wäre, das Menschengeschlecht im Zaum zu erhalten, die Welt hätte nicht so lange
bestanden, das eiserne Zeitalter, das Ovid, als schon ein Mal da gewesen,
besingt, wäre wieder gekommen, der Krieg Aller gegen Alle wäre ausgebrochen, und
das vertilgte Geschlecht hätte eines zweiten Deucalions bedurft. So sank ich
denn allmählig aus den Wolken, oder vielmehr aus Agatokles erhabnem
Christenhimmel langsam wieder auf die Erde herab, und nichts blieb mir übrig,
als reine Hochachtung für den Mann, der nicht allein so zu schwärmen, sondern
auch dieser Schwärmerei gemäss zu handeln fähig ist.
    Als ich kaum ein Paar hundert Schritte von dem Wittwenhause an einem
Gebüsche vorbei war, bemerkte ich dieselbe verhüllte Gestalt, die mich schon auf
dem Hinweg begleitet hatte, und die sich in der Entfernung von ein Paar
Schritten immer an unserer Seite hielt; ich sah, dass sie mir unablässig folgte,
schneller und langsamer, links und rechts ging, wie ich es oft, um sie zu
necken, tat. Ich fand es nicht ratsam, gerade in unser Haus zu gehen; als wir
daher innerhalb der Tore waren, flisterte ich Phädo zu, er möchte mich zu
seinem Bruder führen, der hier ein kleines Kaufmannsgewölbe hat. Er tat es, ich
kann auf die Verschwiegenheit dieser Leute rechnen, und blieb hier so lange, bis
ich mit Wahrscheinlichkeit vermuten konnte, dass mein unbekannter Begleiter, des
Wartens müde, fortgegangen sein mochte. Das war auch wirklich geschehen, und ich
langte endlich ohne weiteres Abenteuer, aber nicht ohne einige Bangigkeit zu
Hause an.
    Ich bin neugierig, wie es heute Abends sein wird. Meine Massregeln sind
getroffen, ich fürchte nichts, und wenn ich auch ein wenig Furcht empfinde, so
würde das Interessante des Abenteuers, und dieser heimlichen Zusammenkünfte sie
weit überwiegen. Leb' wohl, Sulpina! ich bin müde vom Schreiben. Nächstens mehr.
 
                                    Fussnoten
1 Helene wurde zwei Mal, einmal von Teseus, das zweite Mal von Paris entführt.
Proserpinens Entführung durch Pluto ist bekannt.
 
                       74. Teophania an Junia Marcella.
                                                  Nikomedien, den 18. Febr. 303.
Junia, Junia! Ich bin glücklich, ich bin unaussprechlich glücklich! Warum kann
ich diesem Brief nicht Flügel geben, um dich den Augenblick Teil an meiner
Freude nehmen zu lassen! Ich bin glücklich, ich bin es so sehr, so ganz, dass ich
nichts als das Übermass fürchte; denn unmöglich kann meine Seligkeit sich lange
in dieser Stärke und Reinheit erhalten. Höre denn die frohe Erzählung, und freue
dich so herzlich mit mir, als du bis jetzt herzlich mit mir getrauert hast!
    Vorgestern, an dem bangen Tage, wo ich dir das letzte Mal geschrieben hatte,
entwarf ich den Brief an Constantin, und harrte seiner mit hochklopfendem Herzen
im Porticus des Hauses, als er von Agatokles wegging. Calpurnia war vor ihm da
gewesen, sie hatte sich heute nicht so lange aufgehalten, und ihre Unterredung
war nicht so laut und lebhaft als sonst. Jetzt öffnete sich die Türe und
Constantin trat heraus. Ich ging auf ihn zu, ich zitterte, als ich ihm den Brief
überreichte, und ihn bat, ihn zu lesen. Er sah mich verwundert an, und fragte
mich, wer ich wäre? Ich schwieg verlegen. »Mir ist, ich habe dich schon
gesehen,« hub er wieder an, und sein Aug' schien mich zu durchdringen, »ja ganz
gewiss, in jener traurigen Nacht, als Agatokles hierher gebracht wurde.« Ich war
zugegen, antwortete ich. »Du hast damal eine besondere Teilnahme an dem
Verwundeten gezeigt. Er ist dir mehr als ein blosser Bekannter. Darf ich deinen
Namen nicht wissen?« Sein Auge blieb fest auf mich geheftet, es war ein Blick,
den ich nicht auszuhalten vermochte, ein Blick, der des Menschen Innerstes zu
erforschen vermag. Ich sammelte mich mit Mühe. »Erlaube,« stotterte ich endlich
- »dass ich heute noch schweige, und mache auch du für diesen Abend keinen
Gebrauch mehr von dem, was der Brief entält. Das bitte ich dich um deines
Freundes, um einer Unbekannten willen, die als Mensch wenigstens Anspruch auf
deine Schonung hat.« Er hatte den Brief geöffnet. Ein Blick, den er darauf warf,
mochte ihm Namen gezeigt haben, die ihm Licht gaben. »Du bist -« rief er auf
einmal heftig, und ergriff meine Hand. »Lass mich,« rief ich gewaltsam, und riss
mich los. »Heute darf nichts mehr geschehen.« Ich entfloh. Er blieb noch eine
Weile, vermutlich um den Brief zu lesen; nach einer Viertelstunde hörte ich
seinen stolzen schnellen Tritt durch den Porticus bis an's Tor. Dies wurde
geöffnet, und schnell geschlossen, und ich sah nun, dass ich für heute nichts
mehr zu fürchten hatte. O ich hatte so davor gezittert, dass er noch diesen Abend
zu Agatokles eilen, und so kurz vor der Nacht seine Ruhe durch eine solche
Erschütterung stören würde.
    Ich schlief wenig, mein Gemüt war zu bewegt. Am frühen Morgen, als kaum der
Tag angebrochen war, kam Tabita eilig in mein Zimmer, um eine stärkende Arznei
für Agatokles zu holen. Ich erschrak, ich fragte. »Der Prinz ist bei ihm, er
ist sehr zeitlich gekommen, ich hörte sie lange eifrig reden und lesen.
Plötzlich rief der Prinz nach Hülfe - ich eilte in's Zimmer. Agatokles lag ohne
Bewusstsein in seinen Armen - wir brachten ihn mit Mühe zu sich selbst. Heliodor
hat mich um den Balsam geschickt.« Sie eilte fort, ohne mich zu hören, ohne sich
um meinen Zustand zu bekümmern; er grenzte an Bewusstlosigkeit.
    Ich erwachte nur durch Heliodor's Stimme, die mir rauh zurief: Teophania,
folge mir! Agatokles verlangt dich zu sehen. Ich schwankte - kaum vermochte ich
ihm zu gehorchen. O welcher Entscheidung ging ich entgegen!
    An der geöffneten Türe blieb ich zögernd stehen. Heliodor zog mich in's
Zimmer. Ich wusste nicht, wie mir geschah - Himmel und Erde waren mir vergangen -
da weckte mich die Stimme der innigsten Liebe. Larissa, meine Larissa! rief
Agatokles. Ich sah empor, ich sah ihn weit vorgebeugt den Arm nach mir
ausstrecken, als wollte er mir entgegen stürzen. Larissa! rief er noch einmal. -
Jetzt war Alles vergessen. Ich flog an seine Brust, ich wusste nichts mehr von
der Welt, ich wusste nichts, als dass ich geliebt war! Meine Freude wechselte
schnell mit Schrecken. Agatokles lag bleich, mit geschlossenen Augen in meinem
Arm. Ich schrie um Hülfe, da schlug er das Auge auf, und heftete einen Blick auf
mich. - Ach Junia! der ganze Himmel war in diesem Blicke! »Du lebst,« begann er
nun nach einer Weile: »Du lebst - du bist frei, du bist mein!« - Er legte seine
Hand auf meine Stirn, auf meine Schultern, er fasste meine Hände: »Es ist kein
Traum?« sagte er endlich langsam - »Nicht wahr, Constantin! es ist kein Traum?«
Jetzt erst sah ich mit Erröten, dass wir einen Zeugen gehabt hatten; ich trat
zurück. Constantin näherte sich, in seinem edeln Gesichte strahlte der
Wiederschein von der Freude seines Freundes. - »Nein, mein Agatokles!« sagte er
lächelnd, »sie lebt wirklich, du hast sie wieder, und ich freue mich herzlich
darüber.« Er fasste meine Hand: »Ich habe dich schon gestern erkannt - du
fühltest es wohl, ob du es schon nicht gestehen wolltest.« Ich lächelte, und bat
ihn, der Sorge für seinen Freund diese Zurückhaltung zu verzeihen. Agatokles
nahm jetzt unsere beiden Hände in seine Linke, und drückte sie herzlich. »O mein
Constantin! meine Larissa! - Meine Teophania! denn so will ich dich fortan
nennen, mit diesem Namen wurdest du für mich wiedergeboren. So war es auch kein
Traum, als ich deine Gestalt in der ersten Nacht zu sehen, deine Stimme zu hören
glaubte? O wie konntest du so hart sein, mir dies Glück durch vier lange Tage zu
entziehen, und so kalt in meiner Nähe leben, ohne dich zu verraten?« Ich
errötete. »Wenn Constantin dir den Brief ganz gelesen hat - sagte ich endlich -
so weisst du« - Das war nicht geschehen. Agatokles Ungeduld hatte nicht so lange
gewartet. Jetzt las Constantin - ich fühlte, dass heisser Purpur mein Gesicht
bedeckte, meine Tränen flossen, und doch war ich selig. Mit den letzten Worten
des Briefs entfernte sich Constantin schnell. Nun waren wir allein, allein mit
unsern vollen Herzen, mit unserm Glück. Agatokles sagte nichts, er reichte mir
schweigend die Hand, und sah mich mit einem unbeschreiblichen Blicke an. Sein
Auge schimmerte feucht, ich sah Tränen darin. Ach Junia! zürne der
irdisch-gesinnten Freundin nicht, ich fühlte mein Inneres gewaltsam zu ihm
gezogen, ich sank an seine Brust, unsere Lippen berührten sich innig und fest,
unsere Seelen flossen in einander. Ach es war der erste Kuss seit jenem letzten
Abschied an den Hecken in meines Vaters Garten! Aus seinem Arm glitt ich am
Bette auf meine Kniee nieder, ich betete. - O, Gott kann diese schuldlose
Äusserung inniger Liebe nicht verdammen, was auch Heliodor sagen mag; denn ich
konnte beten. Agatokles gab der heftigen Spannung, in der sich meine Seele
befand, eine sanfte Richtung. Er zog die goldene Nadel aus meinen Haaren, und
begann ein süsses Spiel damit, wie in den stillen Tagen unserer ersten Liebe, er
schlang seine Hand in meine Locken, er ordnete sie, und zerstörte tändelnd
wieder, was er erst gemacht hatte. Ich liess ihn gewähren, und war so glücklich!
Ich erzählte ihm von meinem Aufentalt bei dem guten Fritiger, von Syntium, von
meiner Angst meiner Eifersucht. Er lächelte, er gab mir unter tausend
Liebkosungen die heiligsten Versicherungen seiner Treue. O es war schon seit
seinem ersten Worte kein Zweifel mehr in meiner Brust! So schwatzten, so
tändelten wir fort, glücklich wie die Kinder, und sorglos wie sie, bis
Heliodor's Ankunft uns in die Wirklichkeit zurückrief. Agatokles sagte mir nun,
dass sein Uebergang zum Christentum ihn den Segen und die Reichtümer seines
Vaters gekostet habe. Sein Sold als Tribun und sein mütterliches Erbteil war
Alles, was er besass. Stockend trug er es mir vor, ich schauderte bei dem Fluche
seines Vaters - aber wie konnte das Zweite mich rühren? »Wir werden miteinander
leben!« rief er mutig, »wir werden Alles teilen, Glück und Unglück, viel oder
wenig, was Gott sendet! Bist du's zufrieden, Teophania! so gib mir deine Hand
am Altar, so bald ich im Stande bin, dir meine Rechte zu reichen, sobald ich
genese.« Ich drückte seine Hand an meine Brust, mein Auge antwortete ihm.
Heliodor wird uns vereinigen, hub Agatokles an, und sah dem strengen Greis
freundlich in's Gesicht. So eisern ist seine Brust doch nicht, dass ihn eine so
rein menschliche Freude nicht gerührt hätte. Ihr verdient euer Glück! sagte er,
indem er nach einigem Bedenken naher trat, denn ihr seid gut und fromm; und wenn
ihr's denn in der Ehe zu finden glaubt - der Herr hat den Ehestand auch
eingesetzt, und Christus ihn geheiligt - so werdet denn Mann und Frau, ich will
euch trauen. Agatokles schüttelte ihm die Hand, ich küsste sie ihm mit
kindlicher Rührung. So strenge er es mit mir gemeint hatte, so war er doch der
Schöpfer meines Glücks geworden. Er musste selbst lächeln, als ich es ihm
vorerzählte; aber dies Lächeln verschwand bald vor dem gewohnten Ernst. Er fasste
Agatokles Hand: »Dein Blut wallt fieberisch, du bedarfst der Ruhe, Teophania
geht mit mir.« Er ergriff mich bei'm Arm. Nimmermehr! rief Agatokles mit einer
Heftigkeit, die ich ihm kaum zugetraut hätte. Sie ist mein, meine Braut, sie
bleibt bei mir. Er richtete sich schnell auf, und zog mich mit Gewalt zurück;
denn gewohnt, Heliodor'n zu gehorchen, hatte ich mich bereits ein Paar Schritte
entfernt. Heliodor sah uns finster an, dann schleuderte er meine Hand hin: Nun
so treibt eure Abgötterei fort! rief er entrüstet, und ging aus dem Zimmer. Ich
stand verlegen. Furcht vor Heliodor's Zorn, Sorge für die Gesundheit meines
Freundes, und das heisse Verlangen, ihn keinen Augenblick zu verlassen, stritten
in mir. Agatokles sah mich ernst an: »Du wankst?« sagte er, »willst mich
verlassen? So hat dieser finstere Priester mehr Gewalt über dich als dein
Freund?« So hatte Agatokles noch nie mit mir gesprochen. Ich erschrak, ich sank
an seine Brust: »O mache mit mir, was du willst! ich bin dein Geschöpf.« Er
drückte mich fest an sich, er beruhigte mein Herz durch tausend süsse Worte und
teure Namen. O welche himmlischen Augenblicke waren das! dann liess er mich an
sein Bette niedersitzen, und entwickelte mit feuriger Beredtsamkeit und jener
klaren Weisheit, mit welcher einst Apelles meinen jugendlichen Geist überzeugt
hatte, die wahre Ansicht unserer heiligen Lehren. Weit erhabener, weit mehr
eines allweisen, allgütigen Geistes würdig, erschienen sie mir in seiner
Darstellung, als wie Heliodor und viele, mit denen ich in Nicäa und hier lebte,
sie schilderten. Agatokles lehrte mich Menschensatzungen und Ansichten einer
beschränkten Eigentümlichkeit von dem ursprünglichen Sinn derselben
unterscheiden; er zeigte mir, was eigentlich Christentum sei, und welchen
Einfluss es in seiner Reinheit auf das Menschengeschlecht haben müsse. Ich hing
begeistert an seinem Munde. O wenn die Liebe zu Allem, selbst zu falschen
Schritten überreden kann, welche unwiderstehliche Macht muss die erhabenste
Wahrheit in dem Munde des Geliebten haben! Seine Wärme riss mich hin, ich sank
vor seinem Bette auf die Kniee und rief: O sei du mein Lehrer, mein Führer,
Agatokles! Verlass mich nie wieder, ich will dir mit kindlichem Gehorsam folgen,
und lass dann deine Liebe meinen Lohn sein! Er umfasste mich, er hub mich zärtlich
auf, aber ich sah, dass die Erschütterung der Freude und des heftigen Redens ihn
angegriffen hatte - er sank in meinen Arm auf die Kissen zurück. Ich bat ihn
nun, nicht mehr zu sprechen, und sich Ruhe zu gönnen; er folgte mir, drückte
meine Hand, wir schwiegen Beide, nur unsere Augen unterredeten sich, und still
und selig genossen wir das Glück der Wiedervereinigung. Mit dem Anfang der
Dämmerung fiel mir Calpurniens bevorstehender Besuch schwer auf's Herz. Das war
die Zeit, wo sie zu kommen pflegte. Ich sah, dass auch Agatokles etwas unruhig
und in Gedanken schien, obwohl er sich Mühe gab, es zu verbergen, und mein Herz,
dessen Schwäche er kannte, auch nicht durch die leiseste Berührung zu verletzen.
O wie dankte ich ihm für diese Schonung! Nach und nach verschwand meine Furcht,
es ward immer später und der schöne Callias erschien nicht. Mit dem Einbruch der
Nacht trat Constantin ein. In seinen Armen, in inhaltvollen Gesprächen verliess
ich nun meinen Freund, um in der Einsamkeit mich zu sammeln, und Gott für mein
Glück zu danken. Die folgende Nacht liess ich mich die teure Pflicht, meinen
Kranken selbst zu besorgen, ihm jede Arznei, jede Labung zu reichen, und bei ihm
zu wachen, von Niemand rauben, und widerstand Heliodor'n mit Festigkeit, der als
ein Sühnopfer für meine übermässige Freude das Opfer einer freiwilligen
Entfernung von Agatokles forderte. Ich blieb im Nebenzimmer, und bewachte
seinen Schlummer; er war ruhig und erquickend, wie der Schlummer der Unschuld
und Tugend. Am Morgen erwachte er heiter und gestärkt, sein erster Laut war mein
Name. Seitdem bin ich wieder beständig um ihn. Wir haben uns so viel zu
erzählen, zu fragen! Auch heute kam Calpurnia nicht! Sollte sie vermuten oder
wissen, was vorgefallen ist? Agatokles nennt ihren Namen nicht, und Constantin
zu fragen, habe ich nicht den Mut. Er ist jetzt bei ihm, ich habe diese Zeit
benützt, um dir mein Glück zu melden, an dem du, teure treue Freundin, gewiss
den lebhaftesten Anteil nehmen wirst. Leb' wohl!
 
                          75. Sulpicia an Calpurnien.
                                                         Ecbatana, im Febr. 303.
Wie vom düstern Strande des Cocyt und den Reichen der Schatten, kömmt dieser
Brief zu dir. Mühsam bin ich noch diesmal dem Nachen des Charon entronnen, und
zu dem Reste von Leben erwacht, der der zerstörten Maschine noch übrigt. Die
Reise, die Luftveränderung, statt wohltätig auf mich zu wirken, hatte mich ganz
erschöpft. Mit Todesgedanken betrat ich den königlichen Palast, den ich wohl
nicht lebend mehr verlassen werde. Nach einigen Tagen fühlte ich mich so weit
erholt, dass ich, dem Wunsche meines Gemahls zufolge, die Ceremonien der Krönung
mitmachen konnte. Aber sie waren kaum vorüber, so sanken meine Kräfte völlig,
und ich schwebte mehr als einen Monat zwischen Leben und Tod. Ich genas endlich
wieder, das heisst, ich kann in dem sonnigen Porticus meines Palastes und in den
Gärten langsam herumschleichen, die eben jetzt unter dem Hauche des Frühlings zu
erwachen beginnen. Bald wird auch das wieder aufhören, ich fühle das mörderische
Eisen, das die Parze an den morschen Faden meines Lebens legt, und bald wird von
deiner Freundin nichts mehr übrig sein, als was eine Urne füllt.
    Und warum hat ein eisernes Geschick mein Urteil so streng, so
unwiderruflich gesprochen! Warum hat mich seit meiner Kindheit das Unglück
unabtrennbar begleitet? Wie wenig frohe Stunden wurden mir zum Teil? Und jetzt,
wo endlich alle Kämpfe aufgehört haben, alle Hindernisse besiegt sind - jetzt
soll ich sterben? wie hart, wie ungerecht ist dieses Loos! Haben denn nicht alle
Geschöpfe Ansprüche auf Glück? Auch das geringste Insekt ist mit den Fähigkeiten
dazu ausgerüstet, und erfüllt diesen Zweck und ist in sich vollendet. Nur der
Mensch allein darf sich des Vorrechts rühmen, vernünftig und elend zu sein. So
beschämt uns der Wurm, der zu unsern Füssen kriecht, und wir wären tausendmal
glücklicher, wenn wir nichts als den blinden Instinkt von der Natur erhalten
hätten, wenn unsere Wünsche mit unserm Vermögen gleichen Schritt hielten, und
keine Voraussehung uns die Freuden der Gegenwart vergiftete.
    Sage mir, Calpurnia - ich flehe dich darum an - sage mir aus Mitleid, wenn
du es aus Ueberzeugung nicht kannst, dass es jenseits der Urnen noch Etwas gibt -
dass wir nicht ganz vergehen. Ich habe mir den Phädon1 des grossen Plato bringen
lassen. Tiridates selbst las ihn mir vor. Ach so lange die Worte des Weisen mir
durch seine Stimme die Seele berührten, schwiegen die Zweifel, ich hörte ihn,
mein Herz ward aufgeregt, aber mein Verstand blieb müssig. Als ich allein war,
und die Rolle in die Hand nahm, da suchte ich mit Mühe, mit einer Art von Angst,
und fand - Vermutungen, Wahrscheinlichkeiten, individuelle Beruhigungen, die
gerade den Sokrates in seiner Lage und Gemütsstimmung ansprachen, aber nichts,
das meine Zweifel löste. Alt, lebenssatt, von seiner Xantippe geplagt, und von
seinen undankbaren Mitbürgern verkannt, welche Reize konnte die Erde für ihn
haben? Wie leicht konnte er sich über den Abschied von ihr trösten, wie bald mit
einem Zustande zufrieden sein, der so leicht besser sein konnte, als sein
gegenwärtiger? Er hatte keine Jugend, keinen Tron, keinen geliebten Gemahl zu
verlassen!
    Auch du, Calpurnia, bist nicht glücklich! Das sagen mir deine Briefe. Es ist
ein seltsamer Streit in deinem Herzen. Du liebst deinen Freund mehr, als du ihm
zeigen darfst, mehr, als du selbst glaubst, und dennoch hindert dich teils dein
altes System von Unabhängigkeit und Gleichgültigkeit, teils sein unbestimmtes
Betragen, dich dem mächtigen Zuge deines Herzens zu überlassen, der dich trotz
aller jener Hindernisse zu ihm führt. Was bleibt da für Hoffnung übrig, diesen
Streit geschlichtet, und eure Herzen vereinigt zu sehen? Es ist etwas, das sich
stets zwischen Euch legt, und eure Annäherung nie bis über einen gewissen Punkt
gehen lasst. Keines hat den Mut, diese Schranken zu durchbrechen, und so quält
ihr einander wechselseitig. Aber das ist Menschenloos, und ihr tragt die Schuld
eures Geschlechts. Es soll nicht glücklich sein, das steingeborne Wesen, es soll
sein Leben in Kämpfen, Leiden und Entbehren zubringen, und wenn einst das
Geschick, müde seine Launen an ihm zu versuchen, von ihm ablasst, dann nimmt es
der Tod zur letzten Ruhe in seine kalten Arme, und auf dem Scheiterhaufen
verlodert endlich das Herz, das hier stets vergebens glühte. So wird es auch dir
ergehen, wenn einst ein glücklicher Zufall dich ganz mit deinem Freund
vereinigen sollte. Hoffe nichts Besseres, du bist ein Kind der harten Erde! Die
schwarze Gestalt, die schluchzend aus dem Zimmer stürzte, ist euer böser Genius.
Als ich die Stelle las, überlief mich ein unwillkührliches Grauen. Das ist das
Gekrächz der Raben, rief eine Stimme in mir. Ich kann nur wünschen, dass die
Vorbedeutung trügen möge!
    Ueberhaupt ist dein Schritt sehr gewagt, und ich bin weder mit deiner
Kühnheit, noch mit Agatokles Betragen zufrieden. So muss der Mann, um
dessentwillen ein schönes, gesuchtes, edles Mädchen so weit geht, nicht mit ihr
sprechen! Er soll sein Glück fühlen, er soll davon hingerissen sein - aber diese
stolzen Männerseelen erkalten schnell, sobald sie fühlen, dass ihr Unglück, ihre
Vorzüge oder sonst ein Zufall unser Herz für sie erwärmt hat. - O Calpurnia!
Denke der Warnungen, die ich dir noch in Rom schrieb; denke der Fabel des
Tantalus: Wir sind zum Leiden geboren!
    Mein Kopf ist müde, meine Kraft erschöpft. Leb' wohl. Sobald ich kann,
schreibe ich dir wieder, denn ich finde deine Briefe nicht geeignet, sie von
irgend jemand Anderm lesen und beantworten zu lassen, und ich habe dir noch viel
zu sagen.
 
                                    Fussnoten
1 Phädon, ein Gespräch des Photo über die Unsterblichkeit der Seele - genug
bekannt durch die Uebersetzung und Erläuterung des verewigten Mendelssohn.
 
                  76. Marcius Alpinus an Lucius Scribonianus.
                                                        Nikomedien, im März 303.
Du siehst aus der Aufschrift, dass ich in Nikomedien bin. Galerius hat einsehen
gelernt, dass man in der jetzigen Epoche nicht genug tätige Menschen um sich
haben kann, dass besonders ein unwissender Krieger, wie er, überall des
verständigen Weltmannes bedürfe. So bin ich nun wieder für ihn geschäftig. Alles
geht gut - und für's erste dürften wohl Constantins hochfliegende Gedanken etwas
gemässigt werden. Diocletian, der sich seiner aus Politik gegen den übermächtigen
Galerius bisher annahm, wird durch Kränklichkeit und seines Mitregenten
Bestrebungen endlich dahin kommen, den Gedanken einer freiwilligen Abdankung als
sehr natürlich und rätlich, vielleicht sogar als den einzigen Weg anzusehen,
der ihm aus einem Labyrint übrig bleibt, in welches ihn Galerius sehr
zweckmässige Massregeln eingeschlossen haben. Der occidentalische Augustus muss
seinem Beispiel folgen, und die Welt wird die erhabene Komödie mit Lachen oder
Grauen anstaunen. Nach Maximians Entsagung tritt Constantins in seine Würde -
ein wenig furchtbarer Gegner für einen Galerius. Seine schwächliche Gesundheit
wird ihn an jedem kühnen Entschluss hindern, und sollte er zu lange leben, so
weiss Galerius auch für solche Hindernisse Rat. Dem Golde und der Macht ist kein
Weg unzugänglich. Dann übrigt nur Constantin, und - wie unternehmend und
ehrsüchtig er auch sein mag, der Kampf mit dem alleinigen Herrn der gebildeten
Welt wird zu ungleich sein, als dass er nicht erliegen müsste. Doch bis sich dies
Alles entscheidet, kann mancher Zufall tückisch dazwischen treten. Ein Jahr,
vielleicht noch länger, kann darüber hingehen; denn Diocletian, der Rom noch
nicht als Kaiser gesehen hat, will seinen Triumph noch vorher dort feiern - und
übereilt darf nichts werden.
    Du siehst, dass mir das Glück zu lächeln anfängt, und es bleibt sich im
Kleinen wie im Grossen treu. Die andächtige Larissa war mir, wie du weisst,
entflohen, gerade in einem Zeitpunkte, wo ich sie als Christin und Hausgenossin
- vielleicht als Mitverschworne des verdächtigen Lysias in meine richterliche
Gewalt zu bekommen, und natürlicher Weise nur um einen hohen Preis zu entlassen
dachte. Wie leicht wäre es gewesen, ein unbekanntes Geschöpf wie sie, in den
Augen der Welt, und zuletzt in ihren eigenen, als schuldig erscheinen zu machen!
Aber, wie gesagt, sie war entflohen, und keine Spur von dem Wege zu finden, den
sie genommen hatte.
    Endlich erfuhr ich, dass der alte Priester, mit dem sie nach Nicäa gekommen
war, sich hier aufhalte, und dass ihn auf der Reise ein junges Frauenzimmer
begleitet habe. Es ward mir je mehr und mehr unzweifelhaft, dass es Teophania
war, dass sie in Nikomedien sei; aber alle Nachforschungen konnten nichts
entdecken, wo und in welchen Verhältnissen sie hier lebe. Indessen kam der
unruhige Tag, wo die christlichen Kirchen zerstört wurden. Agatokles, der sich
schon einige Zeit vorher als ein Mitglied dieser Secte bekannt und geweigert
hatte, sich gegen sie gebrauchen zu lassen, trat auch jetzt als ihr Verteidiger
auf, und ward ein Opfer seiner Tollheit, und seine andächtigen Mitbrüder
brachten ihn in ein Haus vor der Stadt, in welchem einige alte christliche
Weiber in frommem Müssiggang beisammen leben. Bei dieser Gelegenheit zählte ich
nun sicher daraus, die verborgene Teophania zu entdecken, die, wenn auch sonst
nichts in der Welt, doch wenigstens die Gefahr ihres Freundes bewegen würde,
ihren Schlupfwinkel zu verlassen. Ich hielt mich daher viel in der Gegend dieses
Hauses auf, und sieh da, am Abend des folgenden Tages, als es schon ganz dunkel
geworden war, sah ich eine schlanke Knabengestalt, sorglich in Mantel und Kappe
verhüllt, mit einem etwas ängstlich trippelnden Schritt, von einem alten Mann
begleitet, aus dem Hause treten. Die ganze Haltung des vermeinten Knaben, eine
zarte weibliche Stimme, die dem Begleiter etwas leise zuflüsterte, Alles erregte
Verdacht in mir, und die Mutmassung, dass es Teophania sei, die in dieser
Verkleidung den geliebten Freund besuchte, ward mir beinahe zur Gewissheit. Ich
folgte ihr auf dem Fusse nach, aber unter dem Stadttor verlor ich sie unter
einem grossen Haufen von Menschen, der sich hin und her drängte, und mich lange
Zeit von ihr entfernt hielt. Als ich aus dem Gewühle war, sah ich keine Spur
mehr von ihr, es war Nacht geworden, und ihr Entkommen eben so begreiflich, als
ärgerlich für mich.
    Ich war nun noch begieriger geworden, etwas Bestimmtes zu erfahren. Am
nächsten Tage Abends stellte ich mich wieder auf die Lauer, und richtig kam mein
verkleidetes Bürschchen desselben Weges. Ich vernahm wieder die weibliche
Stimme, obwohl ich nicht verstehen konnte, was sie sagte, und ging ihr voll
Neugierde nach.
    Innerhalb des Tores sähe ich sie durch einige kleine Strassen bis in ein
unscheinbares Haus gehen, ich ziehe mich zurück, um nicht gesehen zu werden, und
wie ich vermuten kann, dass sie in dem Zimmer ist, erkundige ich mich um die
Bewohner. Das Haus gehört einem kleinen Kaufmann, der ein Christ ist, und bei
dem sich seit der Zerstörung der Kirchen einige dieser Fanatiker versammeln, um
ihre Ceremonien und Opfer zu halten. Ich wartete eine Weile vor dem Tore, es
kamen nach und nach Menschen von allerlei Alter und Stand, die alle
geheimnisvoll eingelassen wurden, und ich schloss daraus, dass eben jetzt eine
solche Versammlung gehalten würde, bei welcher die andächtige Teophania zu
erscheinen nicht versäumen konnte. Alles schien sich natürlich und höchst
wahrscheinlich an einander zu reihen, und ich beschäftigte mich in meinem
Hinterhalte bereits mit Entwerfung verschiedener Plane, wie ich die
gesetzwidrige Versammlung auseinander stäuben, und Teophanien zugleich in meine
Gewalt bekommen könnte. Unterdessen war es spät geworden, es kam Niemand mehr,
ich hörte das Tor von innen verschliessen, und da ich nicht so lange warten
wollte, bis die andächtige Gemeinde auseinander gehen würde, verliess ich meinen
Posten mit einem süssen Gefühl naher Rache, und mit einem Kopf voll Anschläge und
Plane. Meine Ungeduld liess mich kaum den folgenden Abend erwarten. Ich war
entschlossen, Teophanien geradezu anzureden, und mich ihrer ersten Bestürzung
zu bedienen, um zu erfahren, was ich vermutete. Nicht weit vom Hause begegnete
sie mir, von zwei Sclaven begleitet, vermutlich weil sie bemerkt hatte, dass man
ihr auflauerte. Sie ging sehr schnell. Ich betrachtete ihre Gestalt aufmerksam,
und je mehr ich sie betrachtete, je mehr überzeugte ich mich, dass dieser
vermeinte Jüngling ein verkleidetes Weib sei. Dass sie etwas kleiner als
Teophania schien, irrte mich nicht, denn ich mass es der männlichen Kleidung
bei, und so trat ich bei einem Gebüsche, weit von den Häusern, wo es ganz einsam
war, plötzlich auf sie zu, fasste sie bei der Hand, und redete sie als Larissa
an; denn ich glaubte meiner Sache ganz gewiss zu sein. Ich weiss nicht mehr, was
ich gesagt habe, aber bei dem Namen Larissa fuhr mein schöner Knabe plötzlich
empor, vergass seine Verkleidung, sah mir starr in's Gesicht, und - stelle dir
meine Verwunderung, mein Erstaunen vor - es war die reizende Calpurnia!
    Sie schien eben so betroffen über meinen Anblick und ihre Entdeckung, als
ich. Sie wollte stolz und verächtlich tun, aber es gelang ihr nicht gegen einen
Mann, der sie in dieser Kleidung, und auf diesem Wege getroffen hatte. Sie
fühlte die Blösse, die sie mir gegeben hatte, und wurde artiger. Dass Larissa
lebte, und hier in Nikomedien, und wahrscheinlich in der Nähe ihres
Jugendfreundes wäre, war ihr sehr unerwartet. Es erschreckte sie, das sah ich
deutlich, und ich benützte diesen Schrecken. Ich erzählte ihr Manches, das
wenigstens so hätte sein können - von Agatokles Treue zu Larissen, von manchem
Schritt, den er getan haben könnte, und - vielleicht auch getan hat. Sie wurde
zusehens stiller, nachdenklicher. An ihrem Hause beurlaubte ich mich von ihr,
und erhielt mit vieler Artigkeit die Erlaubnis, unsere langst abgebrochene
Bekanntschaft wieder zu erneuern, und sie zu besuchen. Was wollte sie auch
Anders? Sie ist in meiner Macht, ich weiss ein Geheimnis von ihr, das sie nicht
gern laut werden lassen wird, sie muss mich scheuen. So knüpfen sich leise Fäden
an, und wir wollen sehen, wohin sie führen.
    Zwei Tage später erfuhr ich denn auch, dass meine Vermutungen nicht ganz
ungegründet gewesen waren, und Teophania in dem Wittwenhause lebte, wohin man
Agatokles nach seiner Verwundung gebracht hatte. Natürlich hatten sie sich
erkannt, und alle alten Verhältnisse waren wieder hergestellt. Ich hätte nicht
geglaubt, dass die Bestätigung einer Sache, die ich als längst geschehen oder
wenigstens als nächstens geschehend, betrachten musste, mich so tief reizen
könnte. Ich wurde ärgerlich, ich fühlte, dass Teophania, vielleicht ihrer
Sonderbarkeit wegen, mir mehr war, als die schöne Calpurnia, und ich entwarf
meinen Plan. Er darf sie nicht besitzen - dies zu verhindern soll meine Sorge
sein.
    Indessen auch Calpurnia ist schön, ihr Vater Proconsul, und von mächtigem
Einfluss, und ich werde vorsichtig genug sein, um über Teophaniens ungewissen
Besitz ein so nahes reizendes Glück nicht zu verscherzen. Ich denke immer, es
sollen sich Beide vereinigen lassen. Nächstens hörst du mehr und bedeutenderes
von mir. Leb' wohl!
 
                          77. Calpurnia an Sulpicien.
                                                        Nikomedien, im März 303.
Hat ein Gott dir mein Geschick geoffenbaret? Ist dir, als du nahe an der Pforte
der Unterwelt warst, die Gabe der Weissagung verliehen worden? Ja, meine
Hoffnungen sind zernichtet, und die schwarze Gestalt ist mein böser Dämon - sie
ist - das Aergste, was für mich auf Erden lebte!
    Dein Brief hat mich sehr traurig gemacht. - So waren auch meine trüben
Ahnungen über dein Schicksal wahr! Du standest am Rande des Grabes, und ich bin
getrennt von dir, und viele Tage vergehen, bis ich Nachricht von dir erhalten
kann! Längst kann ein unglücklicher Zufall die günstige Kunde Lügen gestraft
haben, die ich vielleicht in diesem Augenblicke mit Freuden lese, und indem ich
mit Vergnügen an deine Besserung glaube, hat ein neuer Anfall dich in Gefahr
gesetzt.
    Du sprichst von meinem Verhältnis zu Agatokles mit düsterm, aber nur allzu
wahrem Tone. Ja, es ist entschieden - für immer, und unwiderruflich! Wenn ich
hier noch zweifeln oder hoffen könnte, würde ich dem Wahnsinnigen gleichen, der
sich einbilden könnte, das Schiff, das er in diesem Augenblick vom Sturm an den
Felsen zertrümmern sah, werde in wenig Tagen wohlbehalten mit günstigem Winde in
dem Hafen einlaufen. Jetzt erst, Sulpicia - jetzt, wo Alles klar und entschieden
ist, fühle ich, dass der Eindruck tiefer war, als ich glaubte!
    Larissa ist gefunden, sie und Teophania sind eine Person. Nun ist mir ihr
ganzes Betragen in Syntium, seine Bewegung, als er ihre Briefe sah, seine
Nachforschungen nach der rätselhaften! Fremden begreiflich, in der sein
ahnendes Herz die frühe Geliebte erriet. Sie lebt jetzt mit ihm in einem Hause,
sie pflegt seine Wunden, sie ist den ganzen Tag um ihn, er wird sich
unauflöslich mit ihr verbinden, er wird sein ganzes Glück in ihren Armen finden,
und die übrige Welt wird aus seinen Blicken verschwinden.
    Beim Jupiter! Eine seltsame Geschichte! Und warum muss die Laune des
Schicksals mich, gerade mich in das wunderbare Geschick dieser schwärmerischen
Menschen verwickeln? Warum musste ich ihn kennen lernen? Ich war so glücklich vor
diesem Zeitpunkt. Habe ich ihn nach Rom beschieden, ihn angezogen, dass ich nun
so bitter gestraft worden?
    Du wirst dich erinnern, dass ich mich belauert glaubte, aus Vorsicht nahm ich
das nächste Mal Phädo und seinen Sohn mit mir. Ich fand Agatokles wirklich
gebessert, seine Stimme war stärker, sein Blick heiterer, aber mit der Kraft des
Körpers schien auch die ganze Strenge seiner Gesinnungen wiederzukehren. Er
hatte des Gespräches vom vorigen Abend nicht vergessen, er fing davon an, er
drang mit hohem Ernst in mich, dem Höchsten und Heiligsten, wie er die
Vorstellungen von unserer Bestimmung, der Zukunft, dem Schicksale nennt, meine
ganze Aufmerksamkeit zu widmen. Die Harte in seinen Äusserungen überhaupt, sein
Tadel meines Leichtsinnes, wie er es nannte, hätte mich aufbringen können. Aber
die schöne Warme, der innige Anteil an meinem Wohl, der wie ein milder
Sonnenstrahl aus dieser Strenge hervorbrach, sein Blick, der bald strafend, bald
freundlich auf mir ruhte, bewegte mich wunderbar. Es erhob sich ein unruhiger
Kampf in mir, ich wusste nicht, ob ich ihm zürnen, ob ich von seiner Freundschaft
gerührt werden sollte. Das allein fühlte ich dunkel, was dein Brief so deutlich
ausspricht - so hätte ich nicht von ihm empfangen werden, diese Gespräche hätten
in unserer Lage nicht geführt werden sollen, wenn Alles gewesen wäre, wie es
sollte! Der letzte Grund aller meiner Empfindungen war Schaam und gekränkter
Stolz, dem es an schicklichem Anlass zum Ausbruch mangelte. Er deutete das
Unentschiedene meines Benehmens falsch, er glaubte, mein Verstand schwanke
zwischen meinen und seinen Vorstellungen, indessen Stolz und Zuneigung in meinem
Herzen stritten. Er zog mich näher an sich, er beschwor mich um meiner selbst
willen, um des Anteils willen, den er, so lange er mich kannte, an meinem
wahren Glücke genommen habe, meine Ansichten zu berichtigen, und ernstaft über
so wichtige Gegenstände nachzudenken. Ich wurde gerührt, ich drückte seine Hand
- ich weiss nicht, Sulpicia, wozu der Mann mich in diesem Augenblicke hätte
bereden können! Es war ein seltsames Verhältnis von mir zu ihm. Nicht Er - wie
ich es sonst gewohnt war zu sehen - Ich war der untergeordnete, der
zurechtgewiesene, der nachgebende Teil, und eine Stimme in der innersten Tiefe
meines Herzens erhob sich immer lauter und lauter, um mir zuzurufen, dass ich
noch nie so glücklich gewesen war, als in diesem Augenblicke. Was war das,
Sulpicia? Welche wunderbare, welche unerhörte Erscheinung! Ich setzte mich neben
ihn, meine Hand ruhte in der seinigen, sein glühendes Auge, die seine Röte, die
beim lebhaften Gespräche sein blasses Gesicht überflog, sein rundlächelnder
Mund, unser ganzes Verhältnis - ach, Alles war so anziehend, so gefährlich! Zur
guten Stunde rettete mich Urania! Man meldete den Prinzen. Ich warf Mantel und
Kappe über. »Du kommst doch Morgen wieder?« rief er mit einem Tone, der mehr als
freundlich war. »Gewiss, gewiss, mein teurer Freund!« Ich drückte seine Hand, und
entfloh schnell neben Constantin vorbei, der bereits durch den Porticus herauf
kam.
    Kaum war ich, verloren in tausend süsse Vorstellungen, ein Paar hundert
Schritte gegangen, als die verhüllte Gestalt, die mir schon zweimal gefolgt war,
schnell auf mich zutrat, mich bei der Hand fasste, und mit einer bekannten Stimme
sagte: So trifft man die spröde Larissa, in dieser Kleidung, und um diese Zeit?
- Der Name wirkte in diesem Augenblicke schrecklich auf mich - ich vergass, dass
ich verborgen bleiben wollte. - Larissa! rief ich, fuhr empor, und sah den
Fremden erstaunt an. Er warf in eben dem Augenblicke seine Kappe ab - und so
gerechte Götter! Marcius Alpinus stand vor mir, der Mensch, von dem ich unter
allen Sterblichen am letzten und unliebsten entdeckt werden wollte! Auch er
schien betroffen, mich zu erblicken, es war deutlich, dass er Jemand andern zu
sehen gehofft hatte! Also Larissen. Also lebte sie - also war sie in der Nähe!
Ich fühlte, dass mir eine Ohnmacht nahe war. Marcius Betroffenheit gab mir Zeit,
mich zu sammeln. Ob er die wahre Ursache meiner Verkleidung erriet, weiss ich
nicht, aber ich habe Grund es zu glauben, obwohl der schlaue Höfling sein genug
war, mir eine vollendete Beschämung zu ersparen. O er war sich nur zu gut
bewusst, dass er die Faden des Gewebes, das ihm ein unseliger Zufall in die Hand
spielte, dadurch nur fester um mich zog! Er bot mir seine Begleitung an - wie
konnte ich sie ausschlagen? Es lag mir auch zuviel daran, durch ihn etwas
Bestimmteres von dieser Larissa zu erfahren. Er hatte sie in Nicäa, unter dem
Namen Teophania kennen gelernt, und ich müsste mich sehr irren, wenn sie nicht
einigen Eindruck auf ihn gemacht hat. Wie sie den Händen der Goten und dem Tode
entgangen ist, wusste er nicht zu sagen, oder wollte es nicht. Genug sie lebte,
und trieb mit seiner Kunst ihr Spiel so lange und so geschickt, bis sie endlich,
ohne sich bloss zu geben, in Agatokles Nähe, und zu der Möglichkeit gekommen
war, ihre alten Ansprüche geltend zu machen. Er hat ihr in Nicäa nachforschen
lassen - sie spielte die Spröde, entfloh ihm, um ihn mehr zu reizen - und liess
sich endlich hier von ihm finden. Die Heuchlerin!
    Ich schlief die Nacht wenig. Entgegengesetzte, quälende Empfindungen
durchkreuzten mein Innerstes. Ich beschloss, meinem Vater die ganze Sache zu
entdecken. Er nahm sie so auf, wie ich besorgt hatte - nicht hart, aber streng.
Was mich am tiefsten verwundete, war die Wahrnehmung, dass nicht meine Neigung
für Agatokles, nur mein gewagter Schritt seinen Tadel erregte. Eine unverhehlte
Achtung, eine väterliche Zuneigung sprach sich unwillkührlich in seinen
Äusserungen aus, und ich fühlte mit tiefem Schmerz, dass ihm dieser Schwiegersohn
vor allen Andern lieb gewesen wäre.
    Spät am Abend dieses Tages - du kannst denken, dass ich nicht mehr zu
Agatokles ging - liess sich Constantin melden. Sein Besuch ist eine solche
Seltenheit in unserm Hause, dass mich unter den jetzigen Umständen eine schaurige
Ahnung böser Neuigkeiten überlief. Sie hatte mich nicht getäuscht. Nach einer
artigen Einladung kam er auf die Ursache seines Besuches. Die Gastfreundschaft,
die so lange zwischen unserm und Agatokles Hause bestanden habe, lasse ihn
vermuten, dass wir Alle - merke wohl, Sulpicia, er war zartfühlend genug, um
mich nicht allein zu nennen - wahren Anteil an dem Schicksal unsers Freundes
nehmen würden, und er habe uns eine sehr günstige Wendung desselben zu
berichten. Agatokles habe seine Larissa wieder gefunden, sie sei durch
wunderbare Ereignisse, die er uns ganz vollständig erzählte, dem Tode und der
Gefangenschaft entgangen, habe sich vor den Nachstellungen eines bösen Menschen
hieher in das Wittwenhaus geflüchtet, ihrer Sorgfalt sei Agatokles, der keine
Ahnung von ihrer Gegenwart, und kaum eine von ihrem Leben hatte, übergeben
worden, sie habe drei Tage noch unerkannt mit ihm in demselben Hause zugebracht,
und erst heute sich ihm entdeckt.
    Wer hatte nun die Unwahrheit erzählt, Marcius oder Constantin? Und war nicht
vielleicht Marcius selbst der Bösewicht, dessen Nachstellungen sie entgehen
wollte? Zu gut ist er nicht für diesen Verdacht. Wie dem immer sein mag - genug,
sie lebt, er hat sie wieder. Das Ende der Geschichte lässt sich an den Fingern
abzählen. Einer der interessantesten Menschen seiner Zeit wird sich in dem
alltäglichen Ehemann eines alltäglichen unbedeutenden Geschöpfes verlieren!
    Ich hasse diese Teophania, oder Larissa, die wohl so viel Aussenheiten als
Namen haben mag. Ich halte sie für eine Heuchlerin. Was soll diese Komödie der
Verborgenheit? Wenn sie wahrhaft liebte - wie war es ihr möglich, sich ihm zu
entziehen? Aber sie will verwirren, reizen, anziehen, und da sie wohl fühlt, dass
ihre höchst mittelmässige Gestalt keinen bedeutenden Eindruck machen wird, nimmt
sie ihre Zuflucht zu Künsten. Man muss sich in dichte Schleier hüllen, etwas
Sonderbares, Geheimnisvolles um sich ziehen, man muss die Rolle der
selbstverläugnenden, verkannten Zärtlichkeit spielen, bescheiden entfliehen,
wenn die gefürchtete Nebenbuhlerin eintritt, aber durch ein wohlangebrachtes
Schluchzen die Aufmerksamkeit auf die Entfliehende heften - man muss lange auf
sich warten lassen, um dem Wenigen, was man zu geben hat, mehr Wert zu
verleihen! O ich kenne diese Ränke, diese Miene der duldenden Sanftmut - sie
verbirgt meist ein listiges tückisches Gemüt, das jene Zwecke heimlich zu
erschleichen strebt, die es offenbar nie erreichen würde; ich kenne die
verfeinerte Buhlerei dieser Geschöpfe, die bei der Ohnmacht der Natur ihre
Zuflucht zur Kunst nehmen! Ich habe sie von jeher gehasst, und diese Teophania
am meisten! Sie war mir widerlich, als ich sie zuerst in Syntium sah. Ich bin
offen, froh und heiter, wie mich die Natur gebildet hat; ich liebe und hasse,
wie es mein Herz befiehlt, und verlange nicht eine Neigung zu verbergen, deren
ich mich nicht zu schämen habe. Ich bin zu Agatokles geeilt, als ich ihn in
Gefahr glaubte, ich habe ihm meine Freundschaft unverholen gezeigt, in allem
meinem Wert oder Unwert stand ich vor ihm, von seinem Herzen allein erwartete
ich meine Würdigung, nicht von Schauspielkünsten, die ich verachte und
verschmähe. Aber das wollen die Männer nicht - sie wollen getäuscht, gereizt,
hingehalten sein, und darum, wenn so ein von der Natur vernachlässigtes Geschöpf
einmal sich die Herrschaft über ein Männerherz zu erobern gewusst hat, dann ist
ihre Macht auch unzerstörbar, denn weder Zeit noch Alter, noch Krankheit kann
den Zauber enden, der nicht auf den Einfluss der Sinne gestützt, der bloss in der
Einbildungskraft und dem Gemüte gegründet ist.
    Das ist also das Ende aller jener Aussichten, Hoffnungen - Erwartungen!
Sulpicia! Wer mir das gesagt hätte, als ich ihm bei dem kleinen Feste den Kranz
aufsetzte, als er errötend, gerührt, betroffen, und in dieser Verlegenheit so
liebenswürdig vor mir stand! - O es ist zu arg, zu arg!
 
                           78. Agatokles an Phocion.
                                                        Nikomedien, im März 303.
Constantins Brief, den ich in meinem Namen an dich zu schreiben bat, wird dich
von Allem unterrichtet haben, was seit einigen Wochen mit mir vorgegangen ist.
Jetzt ist meine Wunde am Arm, die unbeträchtlichste von allen, ganz geheilt, und
der erste Gebrauch, den ich von dieser Genesung mache, ist, dir zu sagen, dass
ein wunderbares Verhängnis mich plötzlich an das Ziel geführt hat, das beinahe,
seit ich lebe, der Gegenstand meiner heissesten Wünsche, meines Entzückens, und
oft meiner Verzweiflung war. Larissa ist mein. Sie lebt, sie ist frei, und in
wenig Tagen wird eine heilige Ceremonie die Gefühle weihen und rechtfertigen,
die unsere Herzen seit unserer Kindheit zu Einem Wesen gemacht haben! Wie sie
dem Tod und der Gefangenschaft entgangen ist, warum ihr feines Gefühl sie bewog,
sich durch sechs Monate meiner heissen Sehnsucht zu entziehen, wird dich die
Abschrift ihrer Erzählung belehren, die ich hier beischliesse. O Phocion! Welch
ein Gemüt! Welche himmlische Sanftmut im Handeln, welche stille Kraft im
Dulden der schwersten Schicksale! Nun ist sie mein, und nun sei es meine
heiligste Pflicht, dies zarte Leben, das mir, seit ich denken kann, geweiht war,
zu leiten, zu verschönern, und vor jedem Ungemach treu zu bewahren.
    Es wäre vergeblich, wenn ich dir meine Gefühle schildern wollte, als
Constantin, dem sie sich entdeckt hatte, mir die erste Ahnung ihres Daseins gab,
als er mich nach und nach erraten liess, dass sie Wittwe, dass sie mir
unverbrüchlich treu, in meiner Nähe, unter Einem Dache mit mir sei. Die Schwache
meines damaligen Zustandes, und dies längst aufgegebene Entzücken beraubten mich
des Bewusstseins. Mit heissem Ungestüme verlangte ich sie zu sehen, sobald ich
meiner Sinne mächtig war. Man wollte das nicht, man fürchtete, eine solche Scene
würde nachteilig auf meine Gesundheit wirken.
    O der schwachen Furcht! wie könnte die Vereinigung der zwei Hälften eines
Wesens, die getrennt ohnmächtig traurend dahin schmachteten, etwas Anderes als
ihr höchstes Glück sein! Sie kam. Errötend, zitternd, weinend blieb sie von
ferne stehen. Ach, sie hatte es vermocht, an meiner Treue zu zweifeln! Sie hatte
es vermocht, vier Tage mit mir in Einem Hause zu sein und sich zu verbergen! Ich
rief sie. Mit dem Tone erwachte das Vergangenheit in ihrer Seele. Alles, was
Missverständnis und Bosheit zwischen uns gelegt hatte, verschwand. Sie sank an
mein Herz, unsere Blicke sprachen, jeder Zweifel entwich. Rein, wie entkörperte
Geister ungehindert von irdischen Beschränkungen, senkte mit einem Blick sich
Seele in Seele, verstanden sich die unsterblichen Bewohner unserer Hüllen -
bedurfte es keiner Worte, um sich anschauend zu erkennen, und im eigenen Gemüte
Alles zu finden und zu fühlen, was in dem andern vorging! Sie ist mein - im
höchsten ausschliessendsten Sinne des Worts mein - mein Geschöpf, wie sie sich
selbst nannte!
    Als ich das erste Mal mein Zimmer verlassen durfte, leitete sie meine
Schritte. Sie hatte ein Fest veranstaltet, wie nur die innigste Liebe es
ersinnen kann. Mit allen Blumen, die der Frühling jetzt in's Leben ruft, war das
freundlich helle Gemach geschmückt, in das sie mich führte. Ihre zarten
Gestalten, ihre Düfte umfingen mich ebenfalls in's Leben Zurückgekehrten - und
in welches Leben der Seligkeit! Laue Lüfte, milde Strahlen der Frühlingssonne
drangen aus dem Garten durch die offene Türe in das duftende Zimmer. Hier hatte
sie mir ein Ruhebett bereiten lassen - hier atmete ich an ihrer Brust zum
ersten Mal die freie Luft, traf mich zum ersten Mal der Strahl der
Frühlingssonne.
    Sie hängt an mir mit allen Kräften ihres Wesens, mit allen ihren Gefühlen
und Gedanken. Ich weiss, dass es nur eines Wortes, einer leisen Anregung bedürfte,
um sie zu jedem Opfer zu vermögen; aber eben in dem Bewusstsein dieser
unumschränkten Gewalt über ihr Gemüt liegt für mich die heiligste
Verbindlichkeit, ihrer nie zu missbrauchen, und jeden Schein von Uebergewicht zu
vermeiden. Diese heilige Scheu von einer Seite, und die innigste Hingebung von
der andern erzeugt ein Verhältnis, dessen Reinheit und zartes Leben unserer
Verbindung einen Reiz gibt, den Witz, Schönheit und Leidenschaft vergeblich
nachzuahmen streben würden. Was ist aller Zauber äusserlicher Reize, was die
Lebhaftigkeit eines leichtbeweglichen Sinnes, und die Abwechslung, die nur von
Absicht oder Laune zeugt, gegen die unwiderstehliche Gewalt der Sanftmut, und
des innigsten Zutrauens? Und sie ist auch schön, - sie ist es nicht bloss in
meinen Augen! Mir zu Liebe putzt sie sich wieder. Ich äusserte neulich den
flüchtigen Wunsch, sie einmal anders, als in dem gar zu schlichten Anzuge der
Bewohnerin dieses Hauses zu sehen. Am andern Morgen trat sie zwar einfach, aber
höchst edel gekleidet in den Garten, wo ich ihrer Ankunft länger als gewöhnlich
geharrt hatte. Ein goldner Gürtel fasste das blendendweisse Gewand unter dem
keusch verhüllten Busen, goldne Spangen umzirkelten die schönen Arme, und über
den hellbraunen Locken floss ein nebelartiger Schleier bis zu ihren Füssen nieder,
und folgte ihr bei jedem Schritte in langsamen Bewegungen, Freude und Liebe
hatten ein feines Röt über ihre Wangen gehaucht, das grosse dunkle Auge strahlte
Seligkeit und Ruhe. So stand sie vor mir, und erweckte zartes Verlangen, und
stille Hoffnung, aber keine Begierde.
    Mein Vater ist noch nicht versöhnt, er hat den Fluch noch nicht von meinem
Haupte genommen, und Teophaniens reine Seele zittert vor einer Verbindung, die
unter solchen Vorbedeutungen geschlossen werden soll. Es ist mir heilige
Pflicht, sie zu beruhigen, und so will ich zu meinem Vater gehen, und wenn noch
ein Funken väterlicher Liebe in seiner Brust lebt, ich will ihn finden, und
wieder erwecken. Was ich vielleicht um meiner selbst willen nicht tun würde,
muss um Teophaniens willen geschehen. Ich habe geschaudert, als mein Vater
seinen Zorn so fürchterlich aussprach, aber mein Herz gab mir das Zeugnis, dass
ich ihn nicht verdiente, dass es eine höhere Pflicht gäbe, als selbst die
kindliche, die, der einmal gefassten Ueberzeugung von Recht und Wahrheit treu zu
bleiben.
    Dann bleibt noch ein seltsames Verhältnis zu lösen übrig - das von Calpurnia
zu mir. Am ersten Tage, nach jener Nacht, wo ich verwundet in das Haus der
gütigen Pflegerinnen gebracht wurde trat sie unvermutet in Knabenkleidern, ich
kann wohl sagen, zu meinem Schrecken in's Zimmer. Im ersten Augenblicke
fürchtete ich, zu grosse Güte gegen mich, Mitleid, Ueberraschung, habe sie
hingerissen, diesen gewagten Schritt zu tun. Ihr leichter Ton, ihr munteres
Betragen zeigte mir bald, dass nur eine unverzeihliche Eitelkeit von meiner Seite
diesen Gedanken hätte festalten können. Liebe - solche Liebe, die ein Wagnis
dieser Art rechtfertigen könnte, wohnt nicht in dieser luftigen Brust, in der
jede Laune, jeder augenblickliche Eindruck offenen Eingang und willige Aufnahme
finden! Calpurnia liebt nur sich selbst, und Andere nur, in so weit sie ihr
angenehme Empfindungen, Zerstreuung u.s.w. gewähren. Kein ernsterer Gedanke,
keine bessere Ansicht vermag etwas über ihr leicht flatterndes Wesen. So habe
ich sie hundertmal, so jetzt wieder erkannt, und alle Macht ihrer Reize gleitet
von meinem Herzen ab. In jenen Augenblicken des rührenden Wiedersehens, wie
hätte ein liebendes Weib sich betragen! Sie tat den ungeheuern Schritt, um
etwas Seltsames zu tun. Die einzige Triebfeder, die ihn entschuldigen konnte,
fehlte, so bleibt er nichts als eine Wirkung der Laune und Absicht. Ihr
Leichtsinn ist unbegreiflich, es gibt durchaus nichts, das ihren flatternden
Geist festalten könnte. Constantin hat auf mein Bitten mit ihr gesprochen, und
ihr erzählt, dass ich meine Teophania wieder gefunden habe; seitdem habe ich sie
nicht mehr gesehen, und erwarte jetzt nicht ohne unangenehmes Gefühl die
Entscheidung dieses Verhältnisses.
    Meine Hand ist müde, ich habe zwei Tage an diesem Briefe zugebracht, denn
ich kann weder oft noch anhaltend den Griffel führen. So bald ich, mehr
schreiben darf, sollst du wieder von deinem glücklichen Freunde hören.
 
                           79. Agatokles an Phocion.
                                                       Nikomedien, im April 303.
Seit acht Tagen bin ich mit meiner Teophania vermählt. Der höchste Wunsch, der
meine Brust bewegte, ist erfüllt, und wenn Sterbliche sagen können, dass sie
glücklich sind, so können wir es, wenigstens sind wir es ganz in uns. Kein
leises Verlangen, keine Ahnung nach höherer Seligkeit lässt irgend eine Saite
unserer Herzen leer und unberührt. Alle beben in vollen Schwingungen, alle
vereinigen sich zur reinsten Harmonie, und unser Leben könnte ein Bild jenes
goldenen Zeitalters werden, an dessen Dasein der Mensch, von den Greueln der
Wirklichkeit ermüdet, und voll Sehnsucht nach einem vollkommenern Zustand, so
gern glaubt.
    Aber dazu ist der Pilger dieser Erde nicht bestimmt, und damit er nie sich
übernehme, fehlt es auch in seinen glücklichsten Lagen nicht an dunkeln
Schatten, die den allzuhellen Glanz mässigen. Unser Loos ist Arbeit und Kampf mit
uns, mit der Welt, damit es uns und den Brüdern besser werde. Wohl dem, der das
erste bestanden, der Friede mit sich selbst hat, und in seinen Wünschen,
Ansichten und Grundsätzen ein beschlossenes Ganzes findet! Ich hoffe, wenigstens
zum Teil diese Stufe erreicht zu haben. Es ist stille in mir. Larissens Besitz
war eine wesentliche Bedingung dieses Friedens, ohne sie war mein Dasein halb
und unvollendet. Sie allein versteht mich ganz, ihr kindlicher Sinn fasst, was
der Verstand sonst würdiger Männer, in Weltansichten verstrickt, nicht immer zu
begreifen fähig ist. Auch Constantin, der nächst dir mein Innerstes am tiefsten
erkannte, und in den wichtigsten Dingen mit mir gleich denkt, empfindet nicht
gleich mit mir.
    Du weisst, dass ich gesonnen war, Alles anzuwenden, um meinen Vater zu
versöhnen. Es ist keiner der unbedeutendsten Vorzüge des Christentums, dass es
unter seinen göttlichen Gesetzen eines ausspricht, das sonst nie eine Religion
gab, ein Gebot, das, wenn wir die menschliche Natur und den Gang der
Empfindungen betrachten, höchst weise und nützlich ist; auch ist es das Einzige,
das Verheissung hat. Ehre Vater und Mutter, auf dass es dir wohlgehe, und du lange
lebest auf Erden. So spricht das Gesetz, das Gott auf Sinai unter den Schrecken
des Gewitters und seiner Herrlichkeit dem sinnlichen Volke der Wüste verkündigen
liess. Väter- und Mutterliebe hat die Natur in unsere Herzen gepflanzt, sie
braucht kein Gesetz einzuschärfen. Aber der erwachsene Zweig sondert sich vom
Mutterstamm, wurzelt für sich allein, und wird zum Baume. Das junge Tier
entläuft der älterlichen Pflege, so bald es fähig ist, sich selbst zu erhalten;
denn der Trieb der Natur wirkt vorwärts, nicht zurück. Nur der Mensch steht
höher, von ihm fordert die Welt und sein Schöpfer mehr, er soll, wenn er
selbstständig ist, die Urheber seines Lebens nicht vergessen, er soll die Pflege
seiner Jugend ihrem Alter vergelten, und da kein eingepflanzter Trieb ihn hierzu
führt, so müssen Dankbarkeit, Ehrfurcht, Gewohnheit, Alles bewirken. Darum
erweiterten die Gesetzgeber das Ansehen der Eltern bis zum Rechte über Leben und
Tod; aber Furcht gebiert keine Neigung, und nur in edeln Gemütern treibt
Dankbarkeit zur Wiedervergeltung. Da gab die höchste Weisheit dem Menschen das
Gesetz der Liebe und Achtung für die Eltern, knüpfte den Lohn daran, der für die
Stufe der Entwickelung, auf welcher damals das Menschengeschlecht stand, der
höchste war, und ordnete das Gesetz, das Ehrfurcht für die sichtbaren Urheber
des Lebens gebot, unmittelbar nach den Gesetzen, die die Verehrung für den
unsichtbaren Urheber desselben entalten.
    So trieb nebst Teophaniens Wunsch auch das Gefühl der Pflicht mich zu
diesem Schritt, aber ich wollte es nicht wagen, mich unvorbereitet dem erzürnten
Vater zu zeigen, den selbst der drohende Tod nicht an das Dasein seines Sohnes
erinnert hatte. Constantin ging zu ihm. Er fand ihn seltsam, nicht erzürnt,
zuweilen sogar gerührt, aber unschlüssig, wankend - so dass er seine Antwort erst
am folgenden Tage zu schicken versprach. Sie lautete also: Wenn ich mich
entschliessen könnte, gesetzmässig und feierlich allen Ansprüchen auf sein
Vermögen zu entsagen, weil er nicht gesonnen sei, seine Reichtümer zum Besten
einer Christengemeinde verwenden zu lassen: so wollte er mich wieder als seinen
Sohn erkennen, und seine Einwilligung zu meiner Vermählung geben. Meine Wahl
blieb keinen Augenblick zweifelhaft. Ich unterschrieb das Instrument, das mir
Constantin unwillig gab, und noch denselben Abend eilte ich, meine vollkommene
Verzeihung selbst von meinem Vater zu erhalten. Ich liess mich in einer Sänfte
hintragen; ich trat in's Atrium, und befahl dem Sclaven, mich zu melden. Der
Anblick unserer Ahnenbilder, die in langen Reihen die Halle zierten, das
Andenken an meine Jugend, an meine teure Mutter, an so manche Scenen, die hier
vorgefallen waren, das Sonderbare meiner jetzigen Lage, vielleicht auch die
höhere Reizbarkeit meines Wesens, eine Folge meiner überstandenen Gefahr,
stimmten mich zu ungewöhnlicher Rührung, und als endlich, statt des Sclaven, den
ich erwartete, um mich zu meinem Vater zu führen, dieser selbst mit sichtbarer
Eile in's Atrium trat, auf mich zuging, und mit Mühe die tiefe Bewegung verbarg,
die dennoch jede seiner Mienen verriet - da überwältigte mich mein Gefühl, ich
zog meines Vaters Hand an meine Lippen, eine Träne fiel darauf, ich war nicht
fähig, meinen Dank auszusprechen; aber er verstand meine wortlose Rührung. Als
er selbst sich gesammelt hatte, erkundigte er sich höchst gütig nach meiner
Gesundheit, meinem Zustande, er fand mich noch sehr bleich und entkräftet, und
fasste meinen Arm, um mich zu unterstützen, und in die inneren Gemächer zu
führen. Er tat dies mit so sichtbarer Schonung meiner Wunden, dass ich wohl
fühlte, er sei von meiner Lage viel besser unterrichtet, als er scheinen wollte.
Ich war unaussprechlich gerührt, ich küsste seine Hand von Neuem, ich drückte sie
an meine Brust. Er schien mit Gewalt seine eigene Bewegung zu unterdrücken,
dennoch nannte er mich sein Kind - eine Benennung, die lange nicht zwischen uns
gehört worden war - er liess mich an seiner Seite niedersitzen, er überhäufte
mich mit allen Bequemlichkeiten und Erfrischungen, die er mir in diesem
Augenblick verschaffen konnte, und entliess mich erst nach zwei Stunden mit dem
Auftrag, ihm des andern Tages meine Braut vorzustellen. Des Instruments wurde
nicht gedacht, es schien, als scheute sich mein Vater, seiner zu erwähnen. Irre
ich nicht ganz, so waren hier Ratgeber und Freunde tätig, die ihn zu einem
Schritte beredet haben, den er selbst vor seinem Gfühl nicht rechtfertigen kann.
    So glücklich, so kindlich froh, als Teophania durch die Nachricht von
meiner Aufnahme bei meinem Vater wurde, hatte ich sie niemals gesehen. Eine
drückende Last schien von ihrer Seele genommen, sie scherzte, sie tändelte, und
diese Äusserungen einer schuldlos reinen Freude, je seltener sie bei ihr sind,
gaben ihrem ganzen Wesen einen neuen eigentümlichen Reiz. Der Abend, den ich
mit ihr zubrachte, war einer der schönsten meines Lebens. Sein Andenken wird,
wie ein strahlender Stern, künftig durch meine Vergangenheit glänzen, und das
Bild seines Glückes vielleicht manche trübe Stunde der Zukunft erhellen.
    Am andern Morgen schickte mein Vater Larissen sehr kostbare Geschenke.
Mehrere Sclaven brachten sie. Die väterliche Liebe wusste das selbstgegebene
Gesetz zu umgehen; was dem Sohne nicht werden durfte, sollte die künftige
Tochter erhalten. Es waren reiche Gewände, Geschmeide aller Art, köstliche
Schleier u.s.w. Auf mein Bitten schmückte sich Teophania sogleich damit, und
wir traten in Umgebungen, wie ich sie den Wünschen und Ansichten meines Vaters
am entsprechendsten fand, unsern Weg zu ihm an. Er schien angenehm durch
Teophaniens Gestalt und Betragen überrascht, das man ihm vermutlich ganz
anders geschildert haben mochte. Er empfing sie als die Wittwe des Demetrius mit
unverstellter Achtung, und als seine künftige Tochter mit eben so unverkennbarem
Wohlwollen. Mir trug er an, so bald ich ganz hergestellt, und der sorgsamen
Pflege nicht mehr bedürftig sein würde, in seinem Hause zu wohnen. Das war ich
beinahe, und so nahm ich mit Dankbarkeit seine Güte an, so wenig mich die
Entfernung von Teophanien freuen konnte, die vor der Hand bis zu ihrer
Vermählung in dem Wittwenhause blieb. Ich begleitete sie also bloss zurück, und
kehrte zu meinem Vater wieder, wo ich bereits meine gewohnten Gemächer mit allen
meinen Sachen, die er schnell aus dem Quartier der Leibwache hatte abholen
lassen, und noch überdies mit allen Bequemlichkeiten versehen fand, die meine
Lage jetzt vielleicht notwendig machen konnte.
    Mein Vater machte glänzende Anstalten zu unserer Vermählung. Teophania und
ich hätten uns mit dem zehnten Teil aller dieser Pracht begnügt, aber wir
hatten uns vorgenommen, in allen solchen äusserlichen Dingen ihm, der hierin
einen so grossen Teil seines Glückes setzt, gar nicht zu widersprechen. Sobald
Alles gehörig bereitet war, führte ich Teophanien, als meine Gattin, in das
väterliche Haus. Heliodor hatte uns getraut; aber mein Vater äusserte sehr
bestimmt, dass er die Braut seines Sohnes auf alt Römische Art in sein Haus
aufzunehmen wünschte. Wir fügten uns auch diesem Wunsche, und so wurden
Teophanien die Schlüssel des Hauses übergeben1, Feuer und Wasser überreicht,
die Sclaven vorgestellt u.s.w.; und bis auf das Opfer am Altar der Laren, das
ihre Religion verbot, verrichtete sie Alles mit einem Anstand und einer
Liebenswürdigkeit, die, das sah ich wohl, ihr das Herz meines Vaters gewann.
Seit der schwere Druck des Unglücks nicht mehr auf diesem zarten Gemüte liegt,
erhebt sie sich in stiller Heiterkeit, und einem reizenden Frohsinn, der sie zu
einem von der ehemaligen Larissa ganz verschiedenen Wesen macht. Sie führt das
grosse Hauswesen meines Vaters mit Leichtigkeit und Ordnung, und der frohe Greis
scheint sich in dem Umgange seiner Kinder, deren Glück er als sein Werk
betrachtet, zu verjüngen. So bin ich unaussprechlich glücklich.
    Nur Constantin ist mit mir unzufrieden. Mein schnelles Verzichtleisten auf
die Reichtümer meines Vaters erregte einen Streit zwischen uns. Constantin's
Geist, der grosse Absichten durch kräftige Mittel zu erreichen strebt, glaubt
diese zum Teil in beträchtlichen Reichtümern zu finden. Er hat nicht Unrecht,
aber mein Ziel liegt nicht ganz bei dem seinigen; und der geliebte Sohn eines
sehr gütigen Vaters, den nie ein Missverständnis von seinem Herzen riss, hat keine
Vorstellung von dem Preise, um welchen ein vernachlässigtes Kind die väterliche
Zuneigung gern wieder erkauft. So bleiben unsere schuldlosesten, unsere
heiligsten Freuden nicht rein. Ich habe Constantin seit jenem Streite nicht
wieder gesehen.
    In einigen Tagen denke ich nach Syntium zu gehen, und dort in einsamer
Stille und reiner Luft meine Kräfte ganz zu erholen. Mein Vater hat versprochen,
mich oft zu besuchen. Dort, wo meine treffliche Mutter lebte, wo ihr schönes
Dasein so früh zerriss, wo wir als Kinder um sie spielten, werde ich mit Larissen
leben - aber selbst im Arm der Liebe werde ich nie vergessen, dass du von mir
getrennt bist, und Constantin mir zürnt.
 
                                    Fussnoten
1 Bei den Hochzeitfeierlichkeiten der Römer wurden der Braut beim Eintritt in
das Haus ihres Gemahls die Schlüssel des Hauses, und Feuer und Wasser, als
Symbole ihrer künftigen Herrschaft im Hause, dargereicht.
 
                     80. Calpurnia an ihren Bruder Lucius.
                                                       Nikomedien, im April 303.
Einst war eine Zeit, wo ich Tränen und Kummer nur aus fremder Erfahrung kannte,
oder ein seltner trüber Augenblick, eine leichte Sorge, ein bald zerstreuter
Schmerz nur die hellen Farben in dem Gemälde meines Lebens durch seinen Schatten
desto blendender erhob. O goldene Zeit, wo bist du hin? Mir ist, als hätte ich
bis jetzt in dem schönen Traume der Kindheit gelebt, und wäre erst hier in Asien
zur Wirklichkeit, zur reisen Besinnung erwacht. Hesperien! Schönes mütterliches
Land! Wie so ganz anders war es dort! Wie glücklich, wie beglückend war dort
mein Leben! Und wie reizlos, wie düster ist es hier!
    Meine arme Sulpicia werde ich schwerlich wieder sehen. Ihren letzten Brief
erhielt ich vor einem Monate in eben der Zeit, wo ein frisch zerrissenes Band
anderer Art mein Herz in trübe Stimmung versetzt hatte. Er entielt Ahnungen
ihres nahen Todes. Ich hatte das beinahe gefürchtet, als ich sie im vorigen
Frühling in dem unseligen Syntium wieder sah. Ihr Zustand verschlimmert sich
jetzt täglich, sie ist nicht mehr im Stande, zu schreiben. Vielleicht während
ich dir dies sage, lebt sie nicht mehr. O meine Sulpicia! Unglückliches,
schuldloses Opfer einer allzutreuen Zärtlichkeit! Vorgestern habe ich einen
Brief von Tiridates erhalten, er war im Tone der düstersten Verzweiflung
geschrieben. Jetzt, da er auf dem Punkte steht, sie auf ewig zu verlieren, ist
seine Leidenschaft in ihrer ganzen Stärke erwacht. Ach, war es nicht ihr
Verlöschen, was sie an den Rand des Grabes gebracht hat? - Welcher Widerspruch
im männlichen Herzen!
    Die Aerzte, sagt er mir, geben beinahe alle Hoffnung auf. Beinahe! An diesem
schwachen Faden hält sich seine verzweifelte Liebe doch noch fest, und manchmal
schimmert ein Hoffnungsstrahl durch das Dunkel seiner Seele. Armer Tiridates! Er
ist sehr unglücklich, und trotz aller seiner Schuld und seines Leichtsinnes kann
ich ihn jetzt nur beklagen; denn er leidet unaussprechlich, um so mehr, da sein
Herz ihm heimlich Vorwürfe machen muss.
    So leiden denn alle guten Menschen, alle sind gequäkt. Und warum sind wir
denn gut? Warum tut nicht jeder für sich, was ihm die Klugheit rät, ohne sich
um die Andern zu bekümmern? O die Selbstsüchtigen sind die Glücklichsten, und je
länger ich in der Welt lebe, je mehr sehe ich die Rechtmässigkeit und Klugheit
ihres Verfahrens ein. Krieg gegen Krieg, List gegen List, Kälte gegen Kälte! Wer
am längsten aushält, ist der Glücklichere, und dann auch in seinen und der Welt
Augen der Bessere, der Verständigere. Ist nicht in der ganzen Natur das Recht
des Stärkern gültig? So denn auch in der gesitteten Welt, nur mit dem
Unterschied, dass hier Verstand und Geschicklichkeit statt der körperlichen Kraft
eintritt. Hier ist der Klügere der Stärkere. So lass uns denn klug sein, und
nichts als klug, so lange das Flämmchen des Lebens brennt. Dann fasst uns die
Urne, und wir sind Staub, wir mögen für uns allein gesorgt, oder uns um Anderer
willen hingeopfert haben.
    Als ich dich verliess, als ich mit frohem Mute das Schiff bestieg - o warum
hat kein Gott mir damals mein Geschick verkündet, kein unglückliches Wahrzeichen
mich zurückgehalten an dem vaterländischen Ufer! Zu welchen Erfahrungen bin ich
nach Bytinien gekommen? Die ich liebe, muss ich entbehren und verlieren, die ich
hasse, verfolgen mich, die ich vergessen möchte, ruft mir das Schicksal mit
immer neuer Lebhaftigkeit zurück. Agatokles ist verheiratet, und lebt in
Syntium. O wie viele Erinnerungen drängen sich in das einige Wort! Um seines
Vaters Einwilligung zu seiner Heirat zu erhalten, hat er seinem Erbteil
entsagt. Du weisst, ich bin nicht habsüchtig, aber es ist keine Kleinigkeit, wenn
man im Überfluss erzogen worden ist, alle die tausend Bequemlichkeiten und
Genüsse zu entbehren, die der Reichtum sichtbar und unsichtbar um seine
Günstlinge verbreitet. Sein Vater hat dies Opfer nicht um ihn verdient, schon
darum nicht, weil er diese Forderung machen konnte: dennoch bringt es
Agatokles. Ich konnte seinen Schritt nicht billigen, als ich es hörte, aber ich
musste ihn achten. Noch war die Bewegung, die jene Nachricht in meinem Innern
erregt hat, nicht ganz gestillt, als neue Kränkungen und neue Erinnerungen mir
sein Bild in einem noch glänzendern, noch gefährlichern Lichte vor die Seele
riefen. Ich bin ihm sehr verpflichtet geworden, und dass diese Schuld, die ich
einst so gern übernommen haben würde, mich nun drückt, kannst du wohl denken.
Der verächtliche Marcius Alpinus, von dem ich nun bestimmt weiss, dass er in Nicäa
niedrige Absichten auf Teophanien gehabt hat, hat vermutlich berechnet, dass es
nicht so übel wäre, den Proconsul Lucius Piso zum Schwiegervater zu haben, und
ist seit jenem unseligen Abend, wo er mich auf dem Wege nach Nikomedien fand,
mein erklärter Verehrer und Freier. Er peinigte mich mit seiner Zudringlichkeit,
er wandte sich an meinen Vater, an den Bruder, an einige Freunde, ich wurde von
allen Seiten mit törichten Erzählungen von seiner Leidenschaft, von den Qualen,
die er um meinetwillen, und durch meine Härte leide, geplagt. Als mir diese Art
von Peinigung zu viel wurde - o ich war in dieser Zeit so wenig gestimmt, mit
Anderer Bosheit oder Torheit Geduld zu haben! - erklärte ich ihm ein Mal
geradezu, dass ich nun und nimmer die Seinige werden könnte.
    Ich war im Anfange ganz artig, aber der niedrige Mensch glaubte in dieser
Schonung eine geheime Neigung, oder Furcht zu sehen - die Götter mögen wissen,
was - genug, er wurde zudringlich, ungestüm; er trotzte auf Rechte, er wollte
Ansprüche geltend machen. Da übermannte mich der Unwille, und ich zeigte ihm
meine ganze tiefe Abneigung und Verachtung. Glaubst du, dass der Bösewicht
dadurch beleidigt oder entrüstet worden wäre? Nicht im Geringsten! Lächelnd, mit
einer Miene, die mein ganzes Wesen empörte, neigte er sich, und sagte: »Die
schöne Calpurnia kleidet auch der Zorn, aber ich bitte sie nicht zu vergessen,
dass diejenige, die in Männerkleidern einem grausamen Geliebten nachläuft, kein
Recht hat, in diesem Tone mit einem Manne zu sprechen, der ehrliche Absichten
auf sie hat. Bisher habe ich aus Schonung geschwiegen, aber die Geschichte
dieser Verkleidung ist zu lustig, um sie der schönen Welt in Nikomedien länger
zu entziehen.« Er neigte sich und ging. Mich hatte Schaam, Zorn, und Erstaunen
stumm gemacht. Erst als er entfernt war, vermochte ich den ganzen Umfang seiner
Bosheit, und meine Gefahr einzusehen. Ich war ausser mir. Ich wagte nicht mit
meinem Vater zu sprechen, ich zitterte vor seiner gerechten Ahndung, und
fürchtete zugleich, dass vielleicht irgend eine gewaltsame Maassregel, die ihn die
Sorge für die Ehre seiner Tochter ergreifen machen würde, das Uebel ärger machen
könnte. Am Abend des folgenden Tages kam Quintus mit glühendem Gesicht und
funkensprühenden Augen zu mir. Der Bösewicht Marcius hatte seine Drohung bereits
ausgeführt, und in einer lustigen Gesellschaft seiner Zechbrüder meine
Geschichte, meinen und Agatokles Namen preisgegeben. Einer von den Gästen hatte
es unter dem Scheine des Zweifels, und als ein unglaubliches Mährchen meinem
Bruder erzählt. Ich brachte die Nacht in einem qualvollen Zustande zu, nicht
besser war der folgende Tag. Ich zitterte, so oft Jemand eintrat, so oft man
meinem Vater einen Besuch meldete, dass jetzt wieder die unselige Geschichte
erwähnt werden würde.
    Plötzlich am dritten Tage war Marcius aus Nikomedien verschwunden, doch
nicht ohne vorher seine vorige Erzählung als einen Scherz, dessen Veranlassung
eigentlich eine tolle Wette unter ihm und einem seiner Freunde gewesen wäre,
ernstlich und feierlich widerrufen zu haben. So war das Gewitter diesmal
vorübergegangen, und ich konnte nicht begreifen, wie? bis ein Paar Tage darauf
Quintus durch denselben Centurio, der ihm die Geschichte zuerst erzählt hatte,
erfuhr, dass Agatokles in grösster Eile von Syntium gekommen, und bei Marcius
abgestiegen war, dass man sie sehr lebhaft streiten gehört habe, dass Marcius
sogleich seine Pferde zu satteln, und den Sclaven, sich reisefertig zu machen,
befohlen habe, und noch denselben Abend, wenige Stunden nach Agatokles, der
sogleich wieder auf seine Villa zurückgekehrt war, die Stadt verlassen habe.
    So war denn die Rettung meines guten Namens Agatokles Werk, so bin ich ihm
dafür verpflichtet! Und er äussert nichts gegen mich, er entzieht sich meinem
Dank, er weiss vielleicht gar nicht, dass mir die ganze Sache bekannt ist. O mein
Lucius! Ist es möglich, dies zu denken, ein fühlendes Herz, und einst so
lachende Hoffnungen gehabt zu haben, und jetzt ruhig oder kalt zu sein? Was wird
noch aus mir werden?
    Ein Entschluss steht fest in meiner Seele. Wenn mein Schicksal fortfährt,
Qual auf Qual, Beschämung auf Beschämung über mich zu häufen, so will ich seinen
Launen weichen, ich will den Ort verlassen, an den ich unter so unglücklichen
Vorbedeutungen gekommen bin, und meinen Vater bitten, dass er mich nach Rom zu
dir und meiner Tante Sempronia zurückschicke. Hier kann ich es nicht länger
aushalten.
 
                  81. Marcius Alpinus an Lucius Scribonianus.
                                                            Cäsarea, im Mai 303.
Haben die Eumeniden mir diesen Agatokles zur Strafe meiner Vergehungen gesandt?
Lebt der Mensch nur, um mir überall, wo ich ihn am wenigsten vermute, in den
Weg zu treten? Sein Fanatismus, die Eitelkeit des Einen, die Schwäche des
Andern, Alles muss sich vereinigen, um Plane zu zerstören, die weit klüger
angelegt waren, als diese schwachen Seelen es je auch nur träumen konnten.
    Sein Vater hat ihm verziehen, und Alles, was ich seit Monaten mit Verstand
und Vorsicht bereitete, wird nun an dem langsamen Feuer häuslicher, kindlicher
Zärtlichkeit schmelzen. Wer hätte auch an die ungeheuere Torheit glauben
sollen, dass ein Mensch, der fünf gesunde Sinne hat, um die Einwilligung seines
Vaters zum Besitz eines Weibes, das ihm jederzeit gewiss war, zu erhalten, ein
Vermögen von mehr als hundert Talenten ausschlagen würde!
    Als ich sicher war, dass Teophania nicht bloss in Nikomedien, dass sie unter
einem Dache mit ihm lebte, und mir den Schluss der Tragicomödie an den Fingern
abzählen konnte, war es natürlicher Weise notwendig, Alles vorzukehren, was
diese Verbindung entweder gleich trennen, oder wenigstens auf so lange Zeit
verschieben konnte, dass mir Musse und Gelegenheit übrigte, allerlei andere
Hindernisse herbeizuführen.
    Hegesippus ist schwach, eitel - und darum sehr lenkbar. Er hatte im ersten
Anfall des Zorns seinem Sohne den Fluch gegeben, als er von ihm hörte, dass er
ein Christ sei; ich durfte also nur auf diesem Grund fortbauen, und tat es mit
Klugheit und gutem Erfolg. Bei der Nachricht von der Gefahr seines Sohnes bekam
zwar der schwache Alte eine Art Rückfall, aber ich machte ihm begreiflich, wie
sehr er sein Ansehen vor der Welt und bei Hofe auf's Spiel setzen würde, wenn er
jetzt nachgäbe, und den Sohn anerkannte, der sich geradezu als Rebell gegen den
kaiserlichen Befehl gezeigt hatte, und ich brachte es dahin, dass er wenigstens
öffentlich sich gar nicht um ihn zu bekümmern schien. Aber freilich, wie das bei
Menschen dieser Art geht, ich konnte nicht hindern, dass nicht täglich ein Sclave
heimlich in das Wittwenhaus abgefertigt wurde, der sich unter fremdem Namen nach
allen Umständen des Sohnes erkundigen musste. Ich liess die Torheit hingehen,
weil ich sie für unschädlich hielt; aber man soll keinen, auch nicht den
unbedeutendsten Umstand ausser Acht lassen, besonders wenn man mit
unzusammenhängenden Gemütern zu tun hat.
    Ein Paar Wochen waren still vergangen, da erschien plötzlich Constantin, und
wandte sich im Namen seines Freundes an Hegesippus, und bat ihn um seine
Einwilligung, und seinen Segen zur Heirat. Der Alte war bestürzt,
geschmeichelt, gerührt. Er hatte auf dies Zeichen von Liebe und Unterwerfung gar
nicht mehr gerechnet, und Agatokles hätte den Botschafter nicht besser wählen
können. Der Sohn des Abendländischen Cäsars, der als Client im Namen seines
Sohnes, seines innigsten Freundes vor ihm stand! Zum Glück besann sich der
schwachsinnige Greis noch so viel, dass er nicht auf der Stelle Ja sagte, sondern
die Antwort den folgenden Tag zu geben versprach. Er liess mich rufen, ich war
selbst überrascht. - Wer hätte diese neue Torheit von Agatokles vermuten
sollen? Da er mir aber so gutmütig die Waffen gegen ihn in die Hand gab, wäre
es Wahnsinn gewesen, sie nicht zu brauchen. Ich stimmte dem Alten, was überhaupt
nicht schwer ist, und liess ihn in der Ferne eine Aussicht sehen, vor der ihm
graute, sein Vermögen zum Nutzen und zur Emporbringung einen Secte angewendet,
die er hasste und verachtete, die ihm schon so viel Herzeleid gemacht hatte. Der
Entschluss war bald gefasst, Hegesippus gab seine Einwilligung, aber nur
bedingungsweise - nur dann nämlich, wenn Agatokles allen Ansprüchen auf sein
Vermögen entsagte. Ich konnte mir nicht denken, dass er diese Bedingungen
eingehen würde, und eben so wenig, dass die andächtige Teophania, deren
Einwirkung ich in jenem Schritte deutlich erkannte, sich entschliessen würde, ihm
wider oder ohne des Vaters Einwilligung ihre Hand zu geben. Es war also vorerst
ein Hindernis zwischen ihnen und dem Ziele ihrer Wünsche aufgetürmt, und ich
fing an gute Hoffnung zu nähren.
    Da zerstörte der rasende Schritt des fanatischen Menschen den ganzen Plan.
Er unterzeichnete die Entscheidung. Der Alte wurde gerührt, weichherzig. Er nahm
den zurückgekehrten Sohn mit grösster Zärtlichkeit auf, und überschüttete die
fromme Schwiegertochter mit prächtigen Geschenken. So sucht seine Erbärmlichkeit
den Sinn der Bedingung, die er selbst gegeben hat, töricht zu umgehen. Wie
verächtlich sind diese Geschöpfe!
    Recht beim Lichte besehen, ist Agatokles vielleicht feiner als ich dachte;
wenigstens hätte er sich, wenn er mich zu überlisten gesonnen war, nicht anders
betragen können. Er hofft vielleicht, nachdem er nun einmal jetzt die
Einwilligung des Vaters erschlichen hat, durch Unterwerfung und kindlichen
Gehorsam eines Tages dem weichherzigen Alten auch noch die Erbschaft
abzuschwatzen. Doch dafür soll Sorge getragen werden. Leucippus, ein Neffe des
Alten, der, wenn er ohne Kinder stürbe, sein natürlicher Erbe wäre, ist durch
mich bereits von dem Fall unterrichtet, und hundert Talente Goldes, die ihm
zufallen, verlohnen schon der Mühe, dass man dem Oheim mit Fleiss und Klugheit den
Hof mache.
    Doch nicht diese einzige Sache ist's, die meine Galle gegen ihn rege gemacht
hat. Er hat mich vor einigen Tagen auf eine Art beleidigt und gereizt, die ich
ihm zu vergelten mir fest und sicher vorgenommen habe. Die Zeit wird die
Gelegenheit herbeiführen, bis dahin bleibt Alles still und ruhig. Du weisst, dass
ich mich seit jenem seltsamen Zusammentreffen Calpurnien von Neuem genähert
habe. Sie ist schön, sie ist reich, ihr Vater hat bedeutenden Einfluss. Aber mein
Gesicht schien ihr nicht zu behagen, ihr Herz war noch zu voll von dem Bilde des
christlichen Schwärmers. Genug, sie begegnete mir zuerst kalt, dann übermütig,
dann verächtlich. Ich hatte mich darüber hinausgesetzt, wenn ich hätte hoffen
können, auf diese Art zum Ziele zu gelangen. Aber Calpurnia ist eigensinnig, sie
reizte mich immer mehr und mehr, da übernahm mich endlich der Zorn, und in einer
schwachen Stunde liess ich mich hinreissen, nicht allein ihr zu drohen, dass ihr
guter Ruf seit jener Zusammenkunft in meiner Gewalt sei, sondern auch noch
denselben Abend, von Mein und Zorn erhitzt, unter einer frohen Gesellschaft die
Geschichte zu erzählen.
    Zwei Tage darauf meldet man mir Agatokles. Ich glaubte, der Sclave habe den
Namen nicht recht verstanden. Er war es wirklich. In seinen dunkelglühenden
Blicken, in seiner ganzen Haltung lag der kalte Übermut, den diese Menschen
Tugendstolz nennen. Mit empörendem Ton stellte er mich über mein Betragen gegen
Calpurnien zur Rede, das er, die Götter mögen wissen wie? erfahren hatte. Mein
Blut kochte, ich bezwang mich mit Mühe so weit, dass ich ihn gelassen fragte, was
ihn das anginge, und woher ihm das Recht zu dieser Frage käme? Nun brachen die
Schleussen seiner Beredtsamkeit los, er sprach von Niederträchtigkeit, von
hämischer Rache, von der Pflicht jedes ehrlichen Mannes, sich der beleidigten
Ehre seines Nebenmenschen anzunehmen u.s.w., wie die Gemeinplätze der schönen
Seelen alle heissen. Meine Geduld riss endlich, und ich erklärte ihm geradezu, dass
ich seine Beleidigungen und sein Geschwätz nicht länger dulden wollte. Da trat
er zurück, sah mich mit einem Blicke an, den ich mir noch jetzt nicht
vergegenwärtigen kann, ohne jeden Tropfen Bluts in Aufruhr zu fühlen, und sagte
mit empörender Kälte: »Marcius! Wie kannst du es wagen, diese Sprache zu führen?
Weisst du nicht, dass es in meiner Macht steht, dich zu verderben?« und nun fing
er an von Dingen zu sprechen, die ihm die Furien eingegeben haben mussten. Er war
von Vorfällen unterrichtet, die ich in tiefes Dunkel vergraben glaubte, er wusste
Dinge, die aus einem andern Mund als dem meinen zu hören mir die Haare empor
sträubte. Hatte Constantin sie erfahren? Hatte mein böser Dämon mich verraten?
Die Götter mögen es wissen. Genug, ich muss ihn fürchten, und schonen. Knirschend
vor Wut, leistete ich ihm das versprechen, die Erzählung als eine Posse zu
widerrufen, und mich Calpurnien nie wieder zu nähern. Er ging, und ich verliess
Nikomedien noch denselben Tag.
    Aber er soll nicht umsonst das Alles wissen, und mir gedroht haben. Ich
werde mich rächen. Wie und wann? wird der Zufall, die Klugheit bestimmen; aber
sein Haupt ist den Unterirdischen geweiht. Leb' wohl!
 
                       82. Teophania an Junia Marcella.
                                                           Syntium, im Jun. 303
Du sollst dich nicht mehr zu beklagen haben, meine geliebte Freundin, dass ich
dir, seit ich glücklich bin, so selten schreibe. Wir sind jetzt seit einigen
Tagen auf unserem stillen Landhause, und meine Zeit ist freier. So lange ich in
Nikomedien im Hause meines Schwiegervaters lebte, war ein grosser Teil meiner
Stunden der Besorgung seines sehr weitläufigen Hauswesens, und der Unterhaltung
dieses gütigen Greises geweiht, der aber leider wie die meisten Menschen, die in
der Zeit ihrer Jugend und vollen Kraft nur immer ausser sich und in steter
Zerstreuung gelebt haben, nun, da Alter und Schwächlichkeit ihm dies einzige
Element, in dem sein Wesen sich fühlte, unzugänglich macht, sehr schwer zu
unterhalten, und fast nie zu befriedigen ist.
    Hier bin ich sehr vergnügt. Hier im Schatten blühender Haine, im Gedüft von
tausend Blumen, im Genusse der fröhlichsten Einsamkeit leben wir uns selbst und
unserer Liebe. An Agatokles Hand durchstreife ich die Scenen meiner
Jugendfreuden, die Vergangenheit schmilzt in wunderbarem Zauber mit der
Gegenwart zusammen, alles Trübe, Nächtliche, was zwischen unserer frohen
Kindheit und dem seligen Jetzt lag, ist verschwunden, wir sind wieder, was wir
damals waren, fröhliche, glückliche Kinder, und in seinem engelreinen Geiste ist
nichts, was diesen schönen Traum störte, nichts, als die Erhabenheit seiner
Ansichten, und die Fülle seiner Empfindungen, mit der er das Wohl seiner
Glaubensgenossen, der ganzen Welt heiss umfasst, und die zuweilen, wie ein
leuchtender Blitz des Himmels, über die Blumengefilde unserer Liebe erhaltend,
erhebend fährt.
    In einsamen Stunden, wenn der Hain um mich rauscht, wenn ein reges
Frühlingsleben durch alle Wesen webt und schauert, und ich im Gefühl meines
Glückes selig zerfliesse, dann fühle ich den Hauch der allgegenwärtigen Gotteit,
und mein inniges Entzücken löset sich in stillen Dank auf gegen den, der das
Dunkel meines Schicksals so väterlich erhellte, und durch finstere Pfade mich zu
diesem Lichte geführet hat. Ist es möglich, dass Menschen so selig sein und
bleiben können, als ich es bin? Ist diese Stille alles Verlangens, dieses
Bewusstsein ganz erfüllter Wünsche nicht zusehr Vorgeschmack unsers Zustandes in
bessern Welten, um auf dieser einheimisch zu sein? Ach so frage ich mich oft,
und mein erschüttertes Herz zittert vor der Wahrscheinlichkeit einer nahen
Veränderung. Aber ich weise diese Gedanken nicht zurück, ich segne diese
heilsamen Warner vor Übermut, die gewiss mein Schutzgeist mir sendet. Sie
lehren mich meines Glückes in Demut freuen, und seinen ungetrübten Genuss durch
kindliche Ergebung heiligen.
    Unsere Lebensweise ist bequem, aber von dem Ueberflusse entfernt, unserer
Sclaven sind wenig, unsere Speisen sind einfach; aber wir fühlen bestimmt, dass
die Reichtümer unseres Vaters unser Glück nicht erhöhen, dass sie es vielleicht
durch die tausend kleinen und grossen Verbindlichkeiten und Sorgen, die der
Reichtum auferlegt, nur stören würden. Jetzt würzt kurze Entsagung den
erkauften Genuss, jetzt freut das Selbsterworbene, das Erübrigte mehr, als was
das Glück mit vollen Händen achtlos ausstreut. O wüsste das Constantin, er würde
seine Begriffe von Glück, wenigstens für unsere Lage, verändern, und meinem
Agatokles nicht mehr zürnen! Dieser Zwiespalt ist es, der den einzigen Tropfen
Bitterkeit in unsern Freudenkelch giesst. Ich sehe, dass Agatokles mehr darunter
leidet, als er aus Schonung mir gesteht. O dass ich einen Weg vor mir sähe,
Constantin zu versöhnen! Aber er ist mächtig, der Sohn des Cäsars, ein künftiger
Augustus, und jetzt ist die Kluft zwischen dem Herrscher und Beherrschten nicht
mehr so unbedeutend, als in den Zeiten eines Octavians oder Mark Aurels. Das ist
das Böse an unserm Verhältnis - wir sind nicht gleich.
    Und diese Gleichheit in allen Empfindungen, in allen Richtungen des Geistes
ist es, welche allein und dauerhaft das Glück einer Verbindung sichert.
Agatokles und ich wurden schon als Kinder mit und für einander gebildet, jeder
Eindruck gemeinschaftlich aufgefasst, jede Empfindung von einem Herzen dem andern
beantwortet. Wir lebten, wir lasen, wir lernten gemeinschaftlich. Selbst in
Edessa unter dem Geräusch der Waffen wusste er Stunden zu gewinnen, um mit mir zu
lesen, über das Gelesene, über die Ereignisse des Tages zu sprechen, unsere
Gefühle und Gedanken umzutauschen, und so nicht bloss mein Herz, sondern auch
meinen Verstand mit dem seinigen in Einklang zu bringen. Wie segenreich, wie
beglückend ist jetzt diese Uebereinstimmung für mich! Nicht weil Verfassung und
Religion den Mann zum Haupt des Weibes erheben und ihm eine Gewalt einräumen,
die manches rohe Gemüt missbraucht, sondern, weil zwei Menschen ein schönes
Ganzes ausmachen, und als Einheit dastehen und wirken sollen, sollen auch ihre
Geister gleichförmig gebildet sein, und nur die Verschiedenheit des
Geschlechtscharakters und der daraus folgenden Bestimmung und Pflichten darf
eine reizende Abwechslung in den schönen Einklang bringen. Aber wenn die
verschiedenen Charaktere sich selbstständig zu unterscheiden, und jeder als ein
vollendetes Ganzes dazustehen streben, wer soll entscheiden, welcher von Beiden
im Fall eines Streites nachgeben, und seine Individualität aufopfern soll? - die
hergebrachte Sitte? - dann muss das Weib ewig der unterdrückte Teil sein - die
Vernunft? - Und wer bestimmt, auf wessen Seite sie steht, wenn jedes die Sache
aus seinem Gesichtspunkt ansieht und mit Gründen unterstützt? - O nur die Liebe,
die Liebe kann das bewirken, und sie bewirkt es sicher. Sie führt auf tausend
stillen Wegen die Gemüter zu einander, sie zeigt uns den Gesichtspunkt, aus dem
der geliebte Gegenstand die Welt betrachtet, als den richtigsten, sie macht uns
teurer, was ihm lieb ist, und ohne Opfer, ohne Nachgeben verschmelzen zwei
Willen in Einen. So ist mein Verhältnis zu Agatokles - und wenn du wir oft in
frühern Zeiten meinen Mangel an Festigkeit und mein Bedürfnis, mich an ein
liebendes Herz anzuschmiegen, als Schwäche vorwarfst, so versichere ich dich,
dass gerade jetzt aus dieser Schwäche, wie du es nennst, mein schönstes Glück
entspringt.
    Leb' wohl, Junia! Ich weiss, du freust dich meiner Seligkeit, und meine
Briefe, wenn sie auch arm an Vorfällen sind, werden sie dir doch manchen
vergnügten Augenblick machen, wenn du in ihnen die Schilderung meines Glückes
findest.
 
                     83. Calpurnia an ihren Bruder Lucius.
                                                         Nikomedien, im Jul. 303
Ich komme von Syntium. Von Syntium? höre ich dich rufen. Wie kamst du dahin? -
aus eigenem Willen, lieber Bruder! aus festem Vorsatz, den ersten Schritt zu
tun, und ein Zusammentreffen selbst schicklich einzuleiten, dem für beständig
auszuweichen, nun einmal vernünftiger Weise für Bewohner einer Stadt nicht
möglich war. Wenn ich Agatokles, seit er verheiratet ist, nicht mehr sehen
wollte, wenn ich von dem Augenblick, als er Teophanien gefunden hatte, seinen
Anblick floh, berechtigte ich ihn nicht zu dem stolzen Gedanken, sein Verlust
schmerze mich tief, und ich könne die Gegenwart einer glücklicheren
Nebenbuhlerin nicht vertragen? O diese blosse Möglichkeit empörte mein Herz. Was
habe ich denn zu scheuen? Den Göttern sei Dank! die Rücksicht, die Teophania
zur Verborgenheit bewegen konnte, brauche ich nicht zu nehmen; und so war es
Pflicht, die ich mir selbst, meinem Ruf und der Achtung, die er für mich haben
soll, schuldig war, diese Gedanken nie in ihm aufkommen zu lassen, und ihm zu
beweisen, dass ich nur seine Freundin war, weil ich es auch jetzt blieb. So musste
es zwischen uns stehen, wenn ich ruhig sein, und sein unvermuteter Anblick mir
nicht einst drückend werden sollte.
    Und überdies, war ich ihm nicht innigen Dank schuldig? Er hatte, auf welche
Art konnte ich nicht erfahren, mich von der Bosheit und Zudringlichkeit des
Marcius befreit, ich musste diese Schuld abtragen. Ich fühlte das, und tat es
gern; aber nicht bloss mit Worten, mit Taten wollte ich es tun.
    Die Bedingung seines Vaters, unter der er ihm seine Einwilligung zusagte,
schien mir immer sehr hart, sehr unväterlich, ich glaubte Agatokles keinen
grössern Dienst leisten zu können, als wenn ich es dahin brächte, seinen Vater
zum Widerruf zu vermögen. Ich sprach mit unserm davon, er fand einige
Bedenklichkeiten - er kann alten Hegesippus nicht wohl leiden. Aber für mich
bekam mein Plan, je langer ich ihm nachsann, je mehr Reize, und so erhielt ich
denn endlich halb durch Ueberredung, halb durch die Vorstellung, dass ein solcher
Schritt notwendig sei, um Agatokles von der Ruhe meines Herzens zu überzeugen,
die Erlaubnis, mein Vorhaben auszuführen.
    Ich kenne die alten Herren. Wenn sie für keine Frau oder Tochter mehr zu
fürchten haben, finden sie eben keine so strenge Sitte, und ängstliche
Verhüllung nötig, wie sie mancher junge Mann, wahrlich auch nur aus Eifersucht,
von seinem Mädchen fordert - und ich kleidete mich daher etwas weniger
matronenmässig, als ich wohl ehedem zu tun pflegte, wenn ich seinen Sohn zu
sehen hoffte. Es klingt lächerrlich, dies zu sagen, aber können wir Weiber dafür,
dass die Männer in der Jugend aus Selbstsucht eifersüchtig, und im Alter aus
Selbstsucht verliebte Gecken sind? So sandte ich hin, und liess ihn um eine
Stunde bitten, wo ich ihn sprechen könnte. Ich wusste, dass er das nicht annehmen,
und selbst kommen wurde. Er kam auch - nur etwas spät; aber als er einträt, sah
ich die Ursache dieser Verspätung wohl ein. Der alte Herr hatte sich in grosse
Unkosten von Pracht und Niedlichkeit gesetzt, er duftete wie alle Würzen
Arabiens, und sein Bart (wenn es möglich ist, so war es ein falscher) hätte
einer Büste des Plato Ehre gemacht. Verwunderung und Neugier malten sich auf
seinem Gesicht, und ich sah, welche Mühe es ihn kostete, sie unter den Schranken
der guten Lebensart zu halten. Aus Mitleid liess ich ihn nicht lange warten,
sondern rückte so eilig, als es die etwas sonderbare Art meines Geschäfts
erlaubte, mit meiner Bitte heraus. Sein Erstaunen wurde nun noch grösser, obwohl
er sich bestrebte, es zu verbergen, und in diesem Erstaunen und einigen
entschlüpften Worten las ich deutlich seine Meinung über mein Verhältnis zu
seinem Sohne, das wohl so ziemlich die Meinung der ganzen Stadt sein mag. Um so
lieber war es mir, durch diesen Schritt ihn und die Welt vom Gegenteil zu
überzeugen.
    Ich sprach mit Wärme von den vorzüglichsten Eigenschaften seines Sohnes,
seiner Schwiegertochter. (Ich vermochte das, Lucius, in einer Aufwallung von
Grossmut, über die ich selbst erstaunte.) Ich suchte ihm darzutun, dass alle
Schritte, die Agatokles bisher getan, nur Wirkungen derselben Tugenden und
jenes allzustrengen Pflichtgefühls wären, das wir, auf andere Gegenstände
angewendet, an einem Curtius, Cocles, Cato bewundert hatten. Ich liess ihn die
Freundschaft des Armenischen Königs und Constantins Liebe für seinen Sohn, die
Achtung, in der er allgemein steht, im schimmernden Lichte sehen, und hinter
diesem Schimmer sein eigenes Bild, auf das der Ruhm seines Sohnes keinen
unbedeutenden Ganz warf. Im Eifer des Gesprächs waren die Locken Um meinen
Nacken losgegangen, sie sanken auf die Brust herab, ich musste sie
zurückstreichen, und verschob dadurch den Schleier, so, dass auf einen Augenblick
ein Teil des Busens sichtbar wurde. Ich strebte das Unglück zu verbessern, aber
indem ich den Arm über die Schulter legte, fiel auch das faltenreiche Gewand
zurück, und der Arm erschien beinahe ganz unverhüllt. Hegesipps Auge folgte
leuchtend meinen Bewegungen, und er war auf einige Augenblicke so mit Schauen
beschäftigt, dass er mir ganz verkehrt antwortete. Ich nutzte diese Stimmung, ich
drang nun mit Bitten in ihn, und was früher Vernunftgründe nicht erschüttert
hatten, fiel nun durch die vereinte Wirkung eines rührenden Tons, einer
flehenden Miene und eines Paars unverhüllter Arme, die bittend gefaltet vor
seinen Augen spielten. Ganz verklärt und mit jugendlicher Munterkeit sagte er
mir, es sei unmöglich mir zu widerstehen - er müsste bekennen, dass ich etwas
Grosses fordere, er habe sein Wort heilig verpflichtet, und hasse übrigens seinen
Sohn nicht - doch einer solchen Vorbitterin sei nichts abzuschlagen, und
Agatokles habe sein Glück nur mir allein zu verdanken. So ging er fort, um die
Schrift zu holen, und war in einer halben Stunde wieder damit bei mir, Und nun
in der Freude meines Herzens gab ich dem guten Alten einen recht kindlich
dankbaren Aus, den er nun freilich nicht mit väterlicher Würde aufnahm, sondern
mit aller Geckenhaftigkeit eines grauen Liebhabers. So lächerrlich mir das war,
so gab ich mir doch Mühe, ernstaft zu scheinen, und wir schieden als die besten
Freunde.
    Ich zeigte meinem Vater im Triumph die Schrift. Er schüttelte abermals den
Kopf, und schien nicht zufrieden mit der ganzen Geschichte. Indessen, das Grösste
war geschehen, und ich wollte nicht auf halbem Wege stehen bleiben; so bat ich
denn den Bruder, mich zu begleiten, und fuhr nach Syntium. Es sind über sechzig
Stadien1. Wir fuhren mit anbrechendem Tage ab, um die Hitze zu vermeiden. Du
kennst die Lage der Villa nicht, sie ist äusserst angenehm, nur etwas düster
zwischen waldigen Hügeln versteckt. Wie wir näher kamen, wie ich die obere
Säulenhalle zwischen den Cedern und Pinien hindurch schimmern sah, wie ich die
Platanenallee erblickte, in der ich so oft mit Sulpicien gewandelt hatte, mit
ihr, deren Rest vielleicht nun schon die Urne füllt, das Gittertor, an welchem
ich vor einem Jahre die gegenwärtige Gebieterin der Villa tiefgebeugt gesehen
und empfangen hatte - da ward mir sonderbar zu Mut, und Tränen drangen in
meine Augen. Sulpiciens Andenken, tausend andere Erinnerungen stürmten auf mich
ein, und ich hätte grosse Lust gehabt, umzukehren, wenn man nicht schon von der
Villa aus den Wagen gesehen, und erkannt hätte haben können. Während dieser
Ueberlegungen lenkte unser Wagenführer in den Platanengang ein. Sogleich sah ich
Leute aus der Villa kommen - ein Paar Sclaven, wie es schien, und kaum waren wir
noch einige Schritte gefahren, als Agatokles selbst uns eilig entgegen kam.
    Er bewillkommte uns mit einer Freude, die zusehr das Gepräge der
Herzlichkeit trug, um auch nur einen Augenblick für Künstelei gehalten zu
werden. Als er uns an einen schattigen Platz geführt hatte, ging er, seine Frau
zu holen. Sie kam, ich war begierig gewesen, sie zu sehen, aber ich hatte Mühe,
in dieser jugendlich bluhenden Frau mit den grossen heitern Augen, der zarten
Röte auf den Wangen, in dem geschmackvollen häuslichen Anzug jene abgehärmte
Trauergestalt, in die dichten faltenreichen Schleier gewickelt, zu erkennen. Die
Arglistige wusste auch, trotz ihrer Heiligkeit, das geltend zu machen, was die
Natur ihr Schönes gegeben hatte. Ein durchsichtiges indisches Gewebe zeigte den
Oberteil des Armes mehr, als es ihn verhüllte, und wo dies endigte, erhöhten
zierliche Armbänder seine natürliche Weisse und Ründung. Auch erschien ihr
schlanker Wuchs vorteilhaft in dem seinem fliessenden Gewande; kurz, man sah,
dass sie ihren Anzug mit Geschmack wählte. Aber über allen Putz machte sie und
ihren Gemahl das Vergnügen liebenswürdig, das aus allen ihren Reden, Blicken,
Handlungen sprach. Besonders scheint sie nur für ihn zu leben. Die Glückliche!
Auch er war verändert, sein Auge strahlte von jugendlichem Feuer und Lebenslust,
und das freundliche Lächeln, das seinen feingespaltenen Lippen einen so
eigentümlichen Reiz gibt, verlässt ihn jetzt eben so selten, als es ihn sonst
erheiterte.
    Unsere Unterredung fiel bald auf meine unglückliche Sulpicia. Teophaniens
unverstellte Teilnahme, die zarte Achtung, mit der sie von ihr sprach, nahmen
einen Stachel nach dem andern aus meiner Brust, ich fing an, sie nach und nach
ohne geheimen Widerwillen, und endlich mit Wohlwollen zu betrachten. Ich
benutzte eine Zeit, wo sie nicht zugegen war, und erklärte mich gegen ihn über
die Absicht meines Besuchs, indem ich ihm zugleich mit Wärme für meine Rettung
von Marcius Alpinus dankte, und ihm die Schrift überreichte. Er wollte erst eine
Weile nichts von dieser Rettung wissen, und als ich ihm endlich die zuverlässige
Quelle nannte, von der meine Nachricht gekommen war, lehnte er meinen Dank mit
Würde und Feinheit ab. Lebhafter bewegt und erstaunt war er über die Schrift und
die Art, wie sie in weine Hände gekommen war; aber Alles, was ihn daran zu
freuen schien, war mein guter Wille und die neue Bestätigung von der Vergebung
seines Vaters. Er bat mich, und zwang mich zuletzt, der wunderbare Mensch, die
Schrift wieder mitzunehmen, sie seinem Vater wieder zurückzustellen, und ihm zu
sagen, ihm genüge sein Wort, und seine Liebe, und zwischen ihnen sollte es nie
eines solchen Instrumentes bedürfen. Ich tat es ungern, denn ich fürchte die
Gewalt, welche böse Menschen in einer üblen Stunde über den schwachen Hegesippus
erhalten könnten. Doch musste ich Agatokles Gründen weichen, und seine
Versicherung, dass ihn die Aussicht auf so glänzende Reichtümer nicht
glücklicher machen könnte, als er es jetzt schon sei, war so sehr von Allem, was
ihn umgibt, was er tut, bestätigt, dass ich zuletzt die Rolle beschämt in den
Busen stecken, und gestehen musste, Agatokles sei in seinen einfachen
Verhältnissen weit glücklicher, als wir in allem Schimmer, der uns umgibt.
Seitdem gefällt mir unser Haus in Nikomedien nicht wehr so ganz; mich dünkt, es
wären da zu viel Glanz, zu viel Menschen, Geräte, Gebräuche, zu wenig Genuss, zu
wenig Möglichkeit, wahrhaft zu geniessen. Sollte die Ansicht wahr sein, die in
Syntium so lebhaft vor meine Seele trat, dass nur Frieden und Liebe wahrhaft
glücklich machen? Sollte dies das Element sein, in dem unser Wesen sich am
leichtesten, am vollständigsten entwickelte? O ich versichere dich, lieber
Lucius, seit gestern gehen mir diese Zweifel nicht aus dem Kopfe, und das Bild
eines stillen häuslichen Lebens an der Seite eines Mannes, wie - Ich weiss nicht,
was mir fehlt; eine Träne tritt in meine Augen. Leb' wohl für heute, Lucius!
Ich mag nicht weiter schreiben - ich war in meinem Leben nicht so wehmütig
gestimmt, und doch so still und ruhig.
                                                              Am folgenden Tage.
Wie ich überlese, was ich geschrieben habe, sehe ich eben, dass ich noch ganz am
Anfange meiner Erzählung stehen geblieben bin; aber gestern war ich durchaus zu
nichts mehr aufgelegt.
    Teophania kam zurück, eben als ich die Schrift von Agatokles empfangen
hatte, und lud mich ein, in das Bad zu gehen, das sie für mich hatte bereiten
lassen. Alles im ganzen Hause, der Badesaal, die Sclavinnen, das Geräte, das
Wollenzeug2 trug das Gepräge der Einfachheit, aber der höchsten Reinlichkeit und
Bequemlichkeit. Recht erquickt kehrte ich aus dem schönen Saale zurück, dessen
höhe Fenster auf den Wald hinaus gehen, und vor welchen die rauschenden Zweige,
vom Winde bewegt, Sonnenblicke und tanzende Schatten über das Marmorbecken und
die spiegelreine Flut hinstreuten. Jetzt führten mich die glücklichen Gatten in
ihrem kleinen Eigentum umher. Ich hatte öfters ganze Tage in Syntium
zugebracht, aber bei Sulpiciens düsterer Lebensweise nichts als ein Paar
Gemächer und einen Teil der Gärten gesehen. Alles, was zur anhaltenden
Beschäftigung gehört, Alles, was das Hauswesen betraf, war ihr, seit dem die
unglückliche Leidenschaft ihr Herz eingenommen hatte, fremd und lästig geworden.
Ich fand Alles niedlich und in schönster Ordnung; ein liebenswürdiger Geist,
Agatokles Mutter, von der er stets mit höchster Verehrung spricht, hatte Alles
angelegt, und sein stilles, klares, zweckmässiges Walten kündigte sich überall
an.
    In den warmen Stünden des Mittags ruhten wir in der lieblichen Kühlung eines
Marmorsaals. Eine Öffnung in der Kuppel liess nur angenehmes Licht, aber keinen
Sonnenstrahl hereindringen3, ein Springbrunnen in der Ecke erfrischte unablässig
die Luft, und keine Ahnung der glühenden Hitze, die jetzt die Gefilde draussen
versengte, drang in diesen stillen halbdämmerigen Zufluchtsort. Hier wurde das
Mahl aufgetragen, einfache Speisen, meist Erzeugnisse der Villa selbst, Wer so
einladend bereitet, und auf dem mit duftenden Kräutern und Blumen bestreuten
Tische geordnet, dass ich nie ein lieblicheres Mahl genossen zu haben glaubte. Du
kennst den guten eifrigen Quintus, er vergass, in welchem Hause er war, und
ergriff beim Anfange der Mahlzeit den Becher, um dem Jupiter eine Libation4
auszugiessen. Ich winkte ihm, Agatokles bemerkte meinen Blick. Lass dich nicht
stören, Quintus! sagte er: tue, was du für Pflicht hältst, und glaube nicht,
dass wir uns daran ärgern. Dein, grösster, bester Jupiter5 ist auch eine der
dichteren oder leichteren Hüllen, unter welchen das Gemüt des Menschen den
Weltenschöpfer erkennt, und du ehrst diesen, wenn du jenem mit kindlichem Sinn
opferst. Aber du wirst auch unser nicht spotten, wenn wir dem, der uns erhält
und nährt, auf unsere Weise danken. Und nun stand er mit Teophanien auf, seine
Sclaven lauter Christen, stellten sich in einiger Entfernung um ihn her, Alle
machten das Zeichen des Kreuzes ihr Symbol über Stirn und Brust, alle beteten
leise, mit gefalteten Händen in ehrfurchtsvollen Stellungen. Ich gestehe dir,
ich war weit entfernt, das lächerrlich zu finden. Es war mir ein zu schöner
Anblick, wie hier Quintus dem Jupiter die Libation verrichtete, und dort
Agatokles mit seinen Christen zu ihrem Gott, und sie Alle im Grunde zu dem
Einen unbekannten Wesen beteten, dessen Dasein Niemand beweisen kann, das
glauben zu können gewiss eine Art von Glück sein muss. Es war mir sogar
schmerzlich, dass ich dies Glück nicht teilen konnte, und mein Herz da kalt
bleiben musste, wo, jene in süssen Empfindungen des Dankes schlugen.
    Es entspann sich nun sogleich zwischen Quintus und Agatokles ein lebhaftes
Gespräch über ihre Religionen.
    Agatokles hiess die Sclaven hinausgehen, und fing an des Bruders
Behauptungen mit Waffen zu widerlegen, denen dieser nicht gewachsen schien. Er
schilderte, ohne sich einen spottenden Ausdruck zu erlauben, die Nichtigkeit
unserer Gotteiten, wie sie jeder denkende Mensch fühlen muss, die schädliche
Wirkung des Mangels an allgemein verehrlichen würdigen Gegenständen auf ein
Volk, das grösstenteils nicht durch langsame Fortschritte zu einer seinen
Geisteskräften angemessenen Cultur gekommen, sondern über das die Wollüste, die
Ueppigkeit und die Kenntnisse unterjochter weichlicher Nationen, als Beute der
Sieger, wie ein Strom unvorbereitet hereingebrochen waren, auf ein Volk, bei dem
sich schnell die alte rauhe Tugend mit den verfeinerten Wollüsten Asiens und
Griechenlands vermischte, und das nun durch die eben so schnell erreichte
Ueberreifheit des Geistes Alles, was einer bessern Vorwelt heilig war,
mutwillig und lüstern in den Staub tritt. Er suchte uns endlich zu beweisen,
dass nur die Einführung einer Religion, die statt der erloschenen Tugenden, statt
Vaterlandsliebe, strenger Sitte u.s.w., überirdische Beweggründe zum Handeln
angibt, und die reinste Sittlichkeit fordert, dem allgemeinen Verderbnis und der
Auflösung des Ungeheuern Staatskörpers wirksam entgegen arbeiten könne.
    Während dieses Gesprächs, das mich, obwohl ich bei Weitem nicht mit Allem
verstanden war, doch sehr anzog und beschäftigte, war die Sonne gesunken, wir
traten aus dem Speisesaal in's Freie, der Mond ging hinter dem Cedernwald auf,
und wir wollten Abschied nehmen. Aber unsere gütigen Wirte liessen uns nicht so
schnell von sich. Besonders drang Teophania mit einer Herzlichkeit in mich, der
ich unmöglich widerstehen konnte. Wir blieben mit dem angenehmen Gefühl, mit dem
man sich unter guten liebenden Menschen befindet, und mein Widerwille gegen
Teophania hatte sich, ich weiss nicht wie, ganz aus meinem Herzen verloren. Wir
durchwandelten die Gärten in der Kühlung des Abends und der kommenden Nacht,
Gespräche, Saitenspiel und Gesang verkürzten die Stunden, auch Teophania singt
und spielt, und ich kann dich versichern, mit bedeutender Fertigkeit und Anmut.
Zwei freundliche Zimmer, vor deren Fenstern Orangenbäume im Nachtwind säuselten,
nahmen uns endlich auf, und ein leichter luftiger Schlummer schloss meine Augen,
und hinderte jeden ernsten Rückblick auf den in so vieler Hinsicht merkwürdigen
Tag. Als Aeos mit Rosenfingern erwachte, erweckte ihr rötlicher Glanz zwischen
Blätterschatten um mich spielend, meine Sinne aus dem erquickenden Schlafe. Ich
wagte es um meines Vaters willen nicht länger zu bleiben, so wohl es mir hier in
dieser Wohnung des Friedens und der Liebe gefiel. Wir nahmen herzlichen Abschied
von den edlen Bewohnern des Hauses, mussten ihnen versprechen, bald wieder zu
kommen, und so langte ich denn gestern in seltsamen Gefühlen und Gedanken hier
an, die mich noch nicht verlassen haben, deren Eindruck, wie ich glaube, so bald
nicht aus meiner Brust verschwinden wird. Leb' wohl!
 
                                    Fussnoten
1 Stadium war ein Längenmaass der Alten.
2 Die Alten kannten den Gebrauch der Leinwand nicht so wie wir, sie bedienten
sich meistens wollener Stoffe, wozu die Wolle oft auf ihren eigenen Gütern, von
ihren Heerden gezogen, dann von ihren Sclavinnen gesponnen, gewebt, und zu dem
verschiedenen Gebrauch, den man davon machen wollte, bearbeitet wurde.
3 Das warme Klima in den Ländern, welche die Griechen und Römer bewohnten,
machte es ihnen notwendig, auf Schutz vor Hitze und Sonnenbrand in ihren
Häusern zu sehen. Es waren also manche Gemächer, wie auch heut zu Tage in den
Häusern der Morgenländer, die ihr Licht bloss von oben empfingen, und in welchen
ein springendes Wasser die Kühlung erhielt.
4 Die Alten gossen am Anfange der Mahlzeit ihren Göttern etwas Wein zum Opfer auf
die Erde. Dies hiess die Libation.
5 Optimus Maximus, war ein gewöhnlicher Beiname des Jupiters.
                         84. Agatokles an Constantin.
                                                           Syntium, im Aug. 303
Nicht an den Fürsten - der Genügsame bedarf dessen nicht - nicht an den Retter
meines Lebens, das dem Sohne des Abendländischen Cäsars, wie dem unberühmten
Sohne des Hegesipps nie Zweck, nur Mittel zu höheren Zwecken sein kann - aber an
den geliebten, ewig teuren Freund, der mich im Unwillen verlassen, und nun seit
Monden mich vergessen zu haben scheint, wendet sich mein Herz noch einmal. Gegen
keinen andern Sterblichen würde ich diesen Schritt tun. Bei dir bin ich sicher,
dass du, wenn auch deine Liebe gestorben ist, doch Achtung für mich bewahrst, und
mich nicht verkennst.
    Ich kann nichts von dem bereuen, was ich getan habe, ich würde es noch
einmal tun, wenn die Gelegenheit wieder einträte: aber ich fühle, dass mein
Leben selbst in Teophaniens Armen ohne dich nicht vollendet ist. Das schöne
Urbild vollkommenen Seeleneinklangs, das mir in den Gefilden von Carrhä erhaben
und stolz vor die Seele trat, ist entflohen, wie die meisten seiner Brüder. Ein
verklärtes himmlisches Gebild, ist es zum Himmel zurückgekehrt, aus dem es
stammte, nachdem es meine Brust eine Weile entflammt, und manchen nicht
unwürdigen Keim entwickelt hatte. So musste es sein, und in der Verkettung der
Dinge war auch diese Läuterung notwendig. Aber die Liebe ist zurückgeblieben,
rein und warm, wie sie in meinem Herzen entsprang, als ich dich das erstemal
sah. Ich schäme mich nicht, es dir zu gestehen, ich schäme mich nicht, als der
erste die Hand zur Versöhnung zu bieten. Das, was bei gewöhnlichen
Freundschaften das Zartgefühl von diesem Schritte abhalten könnte, deine und
meine bürgerlichen Verhältnisse, kann bei uns nicht in Anschlag kommen. Für mich
bist du nur Constantin, nur der, in dessen Brust ich die himmlische Flamme hell
auflodern sah, an der auch mein Leben sich gern verzehrt.
    Ich lebe in Syntium. Wo du dich jetzt befindest, weiss ich nicht bestimmt.
Ich sende diesen Brief nach Nikomedien in den kaiserlichen Palast. In acht
Tagen, wo immer du dich auf einer der deinigen, oder der kaiserlichen Villa
aufhältst, kann ich Nachricht haben. Kömmt mir keine, so werde ich mich
bescheiden, und mit der Kraft, mit der ich schon so Manches in diesem Leben
ertrug, auch dies ertragen lernen; dich aber soll kein Wort, weder bittend noch
vorwerfend, an alte Bande erinnern, die in demselben Augenblicke gegenseitig
abgeworfen werden müssen, wo sie den Einen Teil zu drücken anfangen. Leb' wohl.
 
                       85. Teophania an Junia Marcella.
                                                         Syntium, im Sept. 303.
Mein Leben ist still und einfach, und mag in den Augen der Welt wohl einförmig
erscheinen, aber in seinem verborgenen Schoss liegt ein Reichtum von kleinen
Begebenheiten, von reger Abwechselung für das Herz, die uns die Geschichte
manches Tages merkwürdig und unvergesslich macht.
    Einen solchen Tag verschafte uns neulich ein Besuch, den ich wahrlich nicht
vermutet, von dem ich mir das Angenehme nicht versprochen hätte, das er mir
gewährte. Calpurnia war bei uns. Ich kann dir nicht beschreiben, wie seltsam mir
zu Mute war, als Agatokles in mein Zimmer trat, um sie mir anzukündigen. Ich
fühlte, dass meine innere Bewegung sich in meinen Zügen malte; Agatokles
bemerkte es wohl, und eine innige Umarmung sollte mich beruhigen. »Empfange sie
gütig, meine Geliebte! Sie ist, trotz ihrer von uns verschiedenen Denkart, ein
edles Mädchen.« Ich fasste mich schnell. Dass Agatokles es wünschte, war mir
genug, und dass sie ihn geliebt, verloren, und an mich verloren hatte, stimmte
mein Herz zu ihrem Vorteil. Ich fühlte, dass ich in einer Schuld gegen sie war,
und dass ich ihr durch die grösste Freundlichkeit und Zuvorkommung nur einen
kleinen Teil derselben abtragen konnte. So empfing ich sie, und was ich um
meiner selbst willen gewünscht hatte, gelang mir vollkommen. Sie ward mir gut. O
gewiss, zwei Herzen, die sich so genau, so innig in ihrer Liebe für ein Drittes
begegnen, denen ein gleiches Urbild von Liebenswürdigkeit vorschwebt, können
unmöglich anders, als ähnlich fühlen.
    Wie ganz anders erschien sie mir nun damals, wie sie mich zum erstenmale
sah! Noch war sie reizend im höchsten Grade, aber dieser Reiz hatte nicht mehr
den Anstrich von Leichtsinn und Flatterhaftigkeit, der mich einst so empörte. Es
war ein leichter Schleier von Ernst darüber gebreitet, und manchmal glaubte ich
sogar ein Wölkchen der Wehmut in ihren schönen Augen schwimmen zu sehen. Ach
wenn ich dachte, diese sanfte Trauer könnte einem verlorenen Gute gelten, das
ich ihr entrissen hatte, dann schwoll mein Herz von Mitleid, und ich hätte ihr
um den Hals fallen, und das anmutige Wesen um Vergebung bitten können.
    Noch zwei Tage klangen die süssen Gefühle in uns nach, die Calpurniens und
ihres Bruders, eines sehr edlen Jünglings, Umgang in uns geweckt hatte. Ich sah,
dass Agatokles froher atmete, seit dem seinem Herzen die Versicherung ward, ein
liebenswürdiges Wesen, das sich vielleicht von ihm gekränkt glauben konnte, habe
diesen Wahn aufgegeben, und ihre Achtung sei ihm unverloren. Auch sein Vater
fährt fort, ihn mit grosser Güte und Liebe zu behandeln, er war schon zweimal bei
uns, und es scheint, als ob die Natur mit ihren einfachen Freuden ihr
unverjährbares Recht selbst über die allzuverfeinerten, von ihr entfremdeten
Menschen ausübte. Er scheint, so wie Calpurnia, sich auf dem Lande zu gefallen;
vielleicht ist es eben um der Neuheit der Gegenstände und des scharfen
Contrastes willen.
    Die grösste, die reinste Freude war uns noch vorbehalten. Am schwersten unter
allen ertrug Agatokles seine Trennung von Constantin. Ich sah deutlich, wie
dieser Gedanke an seinem Herzen nagte, und seine stillsten, süssesten Freuden
störte. Seine Liebe hielt diese Spannung nicht mehr länger aus, er suchte einen
Anlass, den ersten Schritt zur Versöhnung tun zu können, so sehr auch das Recht
auf seiner Seite war. Es fand sich keiner, und so tat er ihn denn endlich
unveranlasst, weil er liebte. Er schrieb an den Fürsten, und ich konnte wohl
bemerken, wie gespannt sein ganzes Wesen auf den Erfolg dieses Briefes war. Er
hatte acht Tage festgesetzt, binnen welchen er die Antwort erwarten wollte. Am
Abend des Zweiten gingen wir durch tauende Gefilde von einem Spaziergange in
unser Haus zurück, als plötzlich aus dem nahen Gebüsch Constantin hervorstürzte,
und heftig an Agatokles Brust sank. Fest, innig, als wollten sie sich für die
Ewigkeit halten, umschlangen sich die beiden Freunde, kein Laut entweihte die
stille Feier dieser Scene. Endlich richtete sich Constantin auf, er wollte Etwas
von Verzeihung, von Entschuldigung sagen - Agatokles legte ihm den Finger auf
den Mund. »Still davon, mein Getreuer! Lass uns das Vergangene völlig vergessen.
Du liebst mich noch, du hast mich nicht aus deinem Herzen geschlossen - das ist
Alles, was ich zu wissen brauche, um ganz glücklich zu sein.« Sie umarmten sich
von Neuem. Ich sah Tränen in Agatokles Augen, die untergehende Sonne hatte nie
aus schöneren Tropfen wiedergestrahlt. Ich war tief bewegt, meine Hände falteten
sich unwillkührlich, und ich bemerkte erst, dass ich in betender Stellung
dagestanden hatte, als Agatokles zu mir trat, den Arm um mich schlang, und
Constantin meine Hand mit herzlichem Drucke ergriff. In ihrer Mitte kehrte ich
in die Villa zurück. Constantin blieb drei Tage bei uns, und nie habe ich meinen
Agatokles so glücklich gesehen, als in diesen drei Tagen. So wächst meine
Zufriedenheit mit jedem Tage, und in frohen Ahnungen sieht mein Herz noch
schönern Zeiten entgegen. Dich noch einmal zu sehen, ist jetzt der einzige
heftige Wunsch meiner sonst stillen beglückten Brust, und wer weiss, ob es mir
nicht moglich wird, in Gesellschaft meines Agatokles den nächsten Frühling in
deine Arme zu eilen? Dann bin ich vollkommen glücklich.
 
                         86. Calpurnia an Lucius Piso.
                                                       Nikomedien, im Sept. 303.
Was wird sich noch mit mir zutragen? Wohin wird das launenhafte Schicksal mich
noch führen? Sulpicia ist todt! Ihr trauriges freudenloses Dasein ist geendigt.
Was ich längst als gewiss voraus sah, war nun geschehen, es überraschte mich
nicht - aber es schmerzte mich tief. Du weisst, wie ich sie geliebt habe, und wie
sehr ich strebte, ihr Herz vor Eindrücken zu bewahren, deren zerstörende Folgen
ich dunkel im Voraus ahnete. Tiridates selbst brachte die Trauerbotschaft, er
ist hier. Dieser Verlust, seine Anwesenheit, sein Schmerz, die Pflicht der
Freundschaft, ihn zu trösten und aufzuheitern - Alles vereinigt sich, um mich
mir selbst zu entreissen, und mein Leben aus jenem behaglichen Gleichmut zu
bringen, in dem mir durch neunzehn Jahre so wohl war, den ich mir aus allen
Kräften zu erhalten strebte.
    Agatokles war vermählt. Alle Empfindungen, die um seinetwillen mein Gemüt
in irgend eine angenehme oder widrige Spannung brachten, mussten auf Befehl der
Vernunft schweigen, jede lebhafte Regung zur stillen Neigung, jede schmerzliche
Erinnerung zum stachellosen Andenken an einen entschwundenen Traum werden. Meine
Philosophie, oder mein Leichtsinn - - nenne es wie du willst; was liegt am
Namen, wenn nur die Wirkung bleibt? - war in diesen Bestrebungen schon ziemlich
weit gekommen. Der Gedanke, dass ich ihn ohne Rückkehr durch seine eigene Wahl
verloren, hob die Unruhe der Ungewissheit auf, kein Rätsel blieb zu lösen, kein
Wort, keine Begegnung zu deuten. So hörte sein Bild auf, die Beschäftigung
meiner einsamen Stunden zu sein. Ich verglich mich mit Teophanien, ganz
unparteiisch, Bruder, ich versichere dich, und ich fand bei aller Gerechtigkeit,
die ihr mein Herz willig widerfahren liess, dass der Mann, der mit ihr zufrieden
sein konnte, es unmöglich mit mir sein, unmöglich auf die Dauer mich hätte
glücklich machen können.
    So hatte ich nach und nach mein Herz, das die Vorfälle der letzten Zeit
gewaltsam aufgeregt hatten, zu beschwichtigen angefangen. Es ward wieder stille
in mir, und ich sass eben vor mehreren Tagen am Rahmen, um einen Schleier für
Teophanien zu sticken, und ihr so alle die zarten Aufmerksamkeiten und
Gefälligkeiten zu vergelten, womit sie mich überhäuft, mir die schönsten Blumen,
die schönsten Früchte ihrer Villa schickt, als plötzlich die Vorhänge meines
Gemachs sich rauschend teilten, und ein Mann in schimmernder orientalischer
Kleidung, von einer grossen Anzahl eben so glänzender Sclaven gefolgt, die im
Vorsaale standen, in mein Zimmer trat. Ich sprang auf, ich erkannte den Fremden
nicht sogleich. Da eilte er auf mich zu: Sie ist todt! - rief eine schmerzliche
bekannte Stimme, und ich sah mich in Tiridates Armen. Sie ist todt! wiederholte
er noch einmal, riss sich schnell los, warf sich auf das Ruhebett, verbarg das
Gesicht in die Kissen, und schluchzte laut auf. Ich begriff nun, was diese
plötzliche Erscheinung bedeutete. Sulpicia hatte geendet, und ihr unglücklicher
Gemahl hatte nicht vermocht, an dem Orte zu bleiben, wo ihn Alles an seinen
Verlust erinnerte. Mein Herz war von einer Menge schmerzlicher Empfindungen auf
einmal ergriffen. Sulpiciens Tod, Tiridates Erschütterung, die Erinnerung an so
manche vergangene Tage, wo ich den, der nun tief gebeugt, schluchzend,
unglücklich vor mir lag, in allem Schimmer seines Standes, in königlichem
Wirken, in frohem Lebensmute gesehen hatte, presste meine Brust gewaltsam, und
nur ein Tränenstrom machte meiner Beklemmung Luft. Als er mich weinen hörte,
richtete er sich auf, und - o mein lieber Bruder, wie unwiderstehlich war er in
seinem Schmerze! Das sprühende Feuer seiner Augen brach schön gemässigt durch
einen Schleier von Tränen, die üppige Jugendfülle seiner Züge war verschwunden,
seine Farbe war blasser geworden, und der Ausdruck des tiefsten Kummers erhöhte
auf eine wunderbare Art die Bedeutenheit dieser edlen Formen. Denke dir noch
dazu die prächtige orientalische Kleidung, die Gehänge von den kostbarsten
Steinen über die Brust, den breiten majestätischen Kopfputz von blendendweissem
Stoffe mit schimmernden Edelsteinen aufgebunden, diese Tracht, die so sehr
gemacht scheint, eine edle Gestalt noch edler zu zeigen - ich war so überrascht,
so seltsam bewegt, dass ich eine Weile stumm und weinend vor ihm stand. Er nahm
meine Hand. Ach, wer hätte das gedacht, fing er endlich aus tiefer Brust an, als
ich vor einem Jahre mit ihr aus Italien entfloh! So hatte endlich sein Schmerz
Worte gefunden. Ich war froh darüber, ich setzte mich an seine Seite, er
erzählte mir von unserer Verlornen, den Gang ihrer Krankheit, die letzten
Stunden, die letzten Worte meiner teuren Sulpicia.
    Meine Tränen begleiteten oft seine Erzählung, aber die seinigen hatten
aufgehört zu fliessen, und ich sah mit Freuden, dass diese ungestörte Ergiessung
sein Herz erleichtert hatte.
    Seit dem bringt er fast alle Stunden, die ihm seine Verhältnisse, sein
Aufentalt am Hofe übrig lassen, wo ihn Diocletian mit ausgezeichneter Pracht
und Freundschaft empfangen hat, bei uns, oder eigentlich bei mir zu. Wir waren
gestern, von meinem Vater begleitet, in Syntium.
    Der erste Anblick seines Freundes, den er seit seinem Verlust nicht gesehen
hatte, erweckte seinen Schmerz wieder, und das Glück der beiden Gatten,
Teophaniens Gestalt, die ihren Gemahl zu Hoffnungen berechtigt, welche dem
kindlosen letzten Fürsten seines Stammes so unendlich wichtig wären, erinnerten
ihn schmerzlich an sein zerstörtes Glück. Doch richtete sich sein Geist auch
diesmal mächtig auf. Die Freude, Agatokles so glücklich zu wissen, und
anziehende Gespräche zerstreuten ihn angenehm. Ich finde, dass seitdem seine
Heiterkeit mit jedem Tage zunimmt, und das Bild der trüben Vergangenheit je mehr
und mehr in Schatten zurücktritt.
    Das ist's auch eigentlich, was ein vernünftiger Mann tun soll. Nur
Schwärmer oder unselbstständige Gemüter halten einen schmerzlichen Eindruck mit
stolzem Eigensinn fest, und finden eine Art Wollust oder Ruhm darin, unglücklich
zu sein, oder es wenigstens zu scheinen. Tiridates hat seiner Frau sowohl
während ihrer Krankheit, als nach ihrem Tode die befriedigendsten Zeichen seiner
Treue und Liebe gegeben. Er hatte sie in den letzten Tagen keinen Augenblick
mehr verlassen. In seinem Arm war sie gestorben, sein Mund empfing ihren letzten
Hauch, und es kostete seinen Freunden, so wie seine Begleiter erzählen, Mühe,
ihn von der Leiche zu entfernen, und wieder an seine vorige Lebensweise, an den
Anblick der Menschen zu gewöhnen, die er in Schmerz versenkt unwillig floh. Das
ist Alles, was die Vernunft, die Liebe, was selbst Sulpicia, wenn bei den
Schatten noch Erinnerung ist, von ihm fordern kann. Das Andenken an ihre Liebe,
an die schönen Stunden, die sie ihm gab, wird nie aus seiner Seele schwinden.
Aber sein Reich, seine Verhältnisse zu den Höfen von Nikomedien und Persien
fordern seine Aufmerksamkeit mit gebietender Strenge, sein Volk sieht einer
zweiten Verbindung, die ihm einen Tronerben, und dem Reiche seine künftige Ruhe
zusichert, mit Verlangen entgegen. Er kann nicht handeln, wie ein Einzelner, und
so darf er auch nicht trauern, wie ein Einzelner. Der Massstab, mit dem man
gewöhnliche Menschen misst, darf nicht für Herrscher gebraucht werden, die nicht
für sich allein stehen, an deren Entschliessungen das Wohl von Myriaden hängt. So
müssen seine Freunde froh sein, wenn sein erster wilder Schmerz sich in sanfte
Wehmut, und diese in stillen Ernst auflöset.
    Hier in Nikomedien hat mit seiner Ankunft wieder ein regeres Leben
angefangen. Der Augustus gibt seinem königlichen Gaste zu Ehren glänzende Feste,
Schauspiele u.s.w. Viele, schöne, viele bedeutende Frauen und Mädchen erscheinen
dabei, einige benachbarte Fürsten sind mit ihren Familien hier, man kann wohl
denken, in welcher Absicht. Ein Tron, eine Gestalt und ein Herz wie Tiridates,
der auch als Privatmann so achtungs- und liebenswert sein würde, verdienen wohl
die Anstrengungen, die freilich etwas zu sichtlich dafür gemacht werden. Meine
Zeit ist jetzt wieder sehr beschränkt. Tiridates zeigt uns deutlich, dass meines
Vaters und meine Gegenwart ihm die Freuden jener Feste erhöhen, und ihn für
manchen Zwang, dem er sich unterwerfen muss, entschädigen. Ich lebe daher
ziemlich zerstreut, und habe vier volle Tage an diesem Briefe zugebracht, dem du
es wohl abmerken wirst, dass er nicht in derselben Stimmung geschrieben worden
ist. Leb' wohl.
 
                           87. Agatokles an Phocion.
                                                        Nikomedien, im Oct. 303.
Es ist möglich, mein teurer Freund! dass wir uns bald sehen. Ich werde
Nikomedien, wo mich wenig mehr zurückhält, wahrscheinlich mit den Meinigen auf
lange Zeit verlassen. Meinen gütigen geliebten Vater hat vor wenigen Tagen ein
gäher Tod uns entrissen. Hohes Alter und zunehmende Schwäche hatten uns zwar
längst auf diesen Fall vorbereitet, dennoch erfüllte er uns mit eben so viel
Trauer und Schrecken, als wäre er in der Blüte der Jahre gewesen. Denn wie sehr
der Mensch sich auch auf einen bösen Zufall gewaffnet glaubt, so ist doch ein
unendlicher Abstand zwischen der festbestimmten Wirklichkeit, die nichts mehr
erschüttert, und jenem zitternden Zustand, in den noch stets und unbewusst sich
leise Hoffnung mischt. Er hat mir verziehen, er hat mich mit schwacher
sterbender Hand gesegnet, und sein liebes Kind genannt. Das ist der einzige
Punkt, auf dem meine Seele mit Beruhigung verweilt. Er hat sogar sein Testament
zurückgenommen, und seine grossen Reichtümer auf eine für sich sehr parteiische
Weise zwischen mir und seinem Neffen Leucippus, dem sie vorher ganz bestimmt
waren, geteilt. Leucippus ist ein guter Mensch; eine Verbindung, die er wider
den Willen seines Vaters, meines Oheims, traf, hatte ihm die Liebe und das
Vermögen seines Vaters entzogen. Diese Rücksicht, eine zahlreiche Familie und
mancherlei Unglücksfälle machten, dass ich mit Freuden das Schicksal eines
würdigen gekränkten Verwandten durch diese Verfügung erleichtert sah. Er war
edel genug, sogleich zu mir zu kommen, und freiwillig auf ein Geschenk Verzicht
leisten zu wollen, wodurch er mir mein Eigentum zu entziehen fürchtete. Mir
wäre der blosse Wille meines Vaters hinreichend gewesen, wenn er mich auch hart
getroffen hätte, um nie den geringsten Anspruch auf einen Besitz zu machen,
dessen Werteilung ganz von ihm abhing, auf den ich kein Recht zu haben erkenne.
Leucippus ist sehr glücklich, ich habe einen treuen dankbaren Freund gewonnen,
und so muss ich doppelt meines Vaters Verfügung segnen. Wenn ich nach Europa
komme, so werde ich unmöglich die Küsten eines Landes, wo du schon lange von mir
getrennt bist, betreten können, ohne dich zu sehen. Wie gross auch der Umweg sein
mag, ich eile sicher von Byzanz in deine Arme, und bringe dir meine Teophania.
Mich führen die Angelegenheiten meiner Glaubensgenossen durch Dacien und
Noricum, vielleicht sogar bis nach Britannien zu dem abendländischen Cäsar.
Galerius Untergebene wüten in den Provinzen, die seiner Macht anvertraut sind,
ganz im Sinne ihres Gebieters gegen die Christen. Constantin hat vom Diocletian,
der ihn seit einiger Zeit mit grösserer Auszeichnung behandelt, ein Edict
erhalten, worin das Verfahren bei den Untersuchungen, die Zwangsmittel und
Strafen genauer bestimmt, und der Willkühr nicht mehr so viel Raum gelassen
wird. Dies ist hauptsächlich für jene Provinzen bestimmt, in denen Galerius
befiehlt. Nicht viel besser geht es jenen, die unter dem Zepter des rohen
Maximian stehen. Nur in Spanien, Gallien und Britannien schützt Constantins
milder Geist die unglücklichen Verfolgten. Viele hart bedrängte Familien
flüchten daher aus jenen Provinzen in diese stillen Freistätten, und da man sie,
besonders die Reichen, nicht gern ziehen lasst, so entstehen hieraus tausend
Misshelligkeiten und Zwiste, die nur eines Anlasses bedürften, um in volle
Flammen auszubrechen.
    Alles gährt in wildem Missmute, Alles ist bereit, offenen Krieg zu erklären,
die Zeiten der Ruhe sind vorbei, die dumpfe Stille, die noch jetzt herrscht, ist
Täuschung und Schein. Sobald Diocletian, dessen Gesundheit und Geisteskraft
sichtbar abnehmen, die Augen schliesst, treten die schrecklichen Scenen ein, die
vor seiner Regierung das Reich, die Welt verwüsteten. Das sind die Ahnungen, die
bereits vor zwei Jahren meinen Geist düster umwölkten, wenn ich dem Gange der
Begebenheiten nachsann, und seit jener Zeit hat nicht das geringste Ereignis
meine Furcht Lügen gestraft, vielmehr jedes dazu beigetragen, sie zu bestätigen.
Aber nicht mehr rettungslos erscheint mir jetzt, wie damals, die Lage des
Menschengeschlechts, es gibt eine Hoffnung, es lebt ein Retter. Das Christentum
muss herrschende Volksreligion werden, die Römische Welt Ein Oberhaupt haben, die
alten Formen müssen zerbrochen, der Sitz der Regierung wo anders hin verlegt,
die Macht der Prätorianer, dieser nie zu löschende Vulkan, aus dessen Schoss
alle die unseligen Stürme hervorbrechen, zerstört werden. Und wer, wer unter
allen Menschen, die jetzt auf dem Schauplatz der grossen Begebenheiten leben und
wirken, könnte diese schöne, beglückende Idee in Wirklichkeit einführen, wer
anders als Constantin, er, den die Vorsicht ganz dazu bestimmt, und mit allen
Gaben, die dieser hohe Beruf erfordert, ausgerüstet zu haben scheint? Ost in
stillen unvergesslichen Stunden war der Entwurf und die mögliche Ausführung
dieses Plans unser feuriges Gespräch, unser glühender Wunsch. Vieles ist
abgeredet, angelegt, vorbereitet worden, und ich gehe jetzt mit freudigem Mute
hinüber auf den Schauplatz künftiger grosser Ereignisse. Jene Angelegenheiten,
von denen ich dir schrieb, die Verfolgungen meiner Brüder, sind, so wichtig sie
meinem Herzen bleiben, doch für jetzt nur Nebenzweck und Vorwand, der die
eigentliche Ursache meiner Sendung und meiner Geschäfte verbergen muss. Ein
grösserer wichtigerer Zweck fordert alle meine Aufmerksamkeit. Tausend geheime
Fäden müssen angeknüpft, tausend Anstalten im Verborgenen getroffen werden,
damit, wenn die Catastrophe, die aller Wahrscheinlichkeit nach nicht mehr fern
ist, eintritt, Constantin alle Mittel zur Hand, Heere geworben. Schätzel,
Freunde gesammelt, nichts dem Zufall überlassen, und so alle Kräfte bereit
finde, um den grossen Plan zu begründen, und zu befestigen.
 
                       88. Teophania an Junia Marcella.
                                                        Nikomedien, im Oct. 303.
Fünf Monate sind nun im stillen Genusse der reinsten Seligkeit verflossen, ich
war glücklich - glücklich, wie vielleicht Menschen es sonst nie oder nur auf
kurze Augenblicke sind. Ich habe dieses Glück durch fünf Monate genossen, ich
darf nicht klagen, wenn es jetzt zum Teil aufhört, und düstere Wolken hier und
da emporsteigen, und die Zukunft meiner Vergangenheit gleich zu machen drohen.
Mein Schwiegervater ist gestorben, das war die erste Störung unseres stillen
Glücks. Er hat meinem Gemahl völlig verziehen, er hat ihn in den letzten
Augenblicken mit rührender Zärtlichkeit behandelt, er hat sein erstes Testament
zurückgenommen, und nur einen Teil seines Vermögens einem edlen aber
unglücklichen Verwandten zugewendet, den die Familie vorher tief gekränkt, und
im Elende beinahe hätte untergehen lassen, wenn ihn nicht Agatokles nach allen
seinen Kräften unterstützt hätte, ohne dass Leucippus jemals erfahren konnte, wer
sein unbekannter Wohltäter sei. Nun hat Hegesippus letzter Wille sie auch
öffentlich vereinigt, und Agatokles behandelt den neuen Freund wie einen
geliebten Bruder.
    Aber seine Stimmung war ernst und düster, und wurde es immer mehr.
Constantin kam oft zu uns, sie unterredeten sich lange und angelegentlich, sie
liessen mich oft Teil an ihrem Gespräche nehmen. Ich musste die Wichtigkeit ihrer
Entschlüsse, und ihren ernsten Willen zum Guten bewundern, aber mein Herz
zitterte in Geheim vor den mancherlei Verhältnissen, Verwirrungen,
Anstrengungen, die sie nach sich zogen, vor dem gewaltigen Treiben der Welt, das
meinen Gemahl jetzt wieder ergreifen und mitten in seine Wirbel reissen würde.
Ich konnte alle diese schönen grossen Entwürfe für nichts anders, als den
Schwanengesang meines stillen Glückes halten. Aber unsere Seelen verstehen sich
zu gut, um auch nur Einen Gedanken, eine Regung ungeteilt zu bewahren. Er
erriet mich, er verwies mir liebreich diese Anwandlung vom Egoismus, dem
herrschenden Geiste der Zeit, er stellte mir vor, dass ich eine Römische
Bürgerin, eine Christin sei. Ach, ich erkannte die Wahrheit aller seiner Gründe,
aber dennoch schauderte ich bei jedem Gedanken an die unruhige, ungewisse
Zukunft!
    Nun wurde endlich beschlossen, dass Agatokles nach Europa, und vielleicht
bis nach Britannien gehen sollte. Er kündigte es mir an, und tröstete mich
zärtlich und liebevoll. Ich beteuerte ihm, dass ich den Gedanken der Trennung
nicht ertragen könne. Ich erklärte ihm, ich würde ihn begleiten, wohin er ginge,
bis an die Säulen des Herkules, bis an's äusserste Tule1; keine Entbehrung,
keine Beschwerlichkeit der Reise würde mir so hart, so schmerzlich werden, als
ein Leben im Schoss der Bequemlichkeit und des Ueberflusses ohne ihn. Er gab
endlich meinen Bitten nach, nachdem er mir vorher Alles, was ich zu dulden, zu
fürchten haben konnte, mit den lebendigsten Farben gemalt hatte; und als ich
endlich weinend an seine Brust sank, und ihm sagte, ich könnte nicht leben ohne
ihn, da schloss er mich heftig und mit nassen Augen an sein Herz, und gestand
mir, dass es sein heisser Wunsch gewesen sei, sich nicht von mir trennen zu
dürfen, dass er vor meinem Ausspruch gezittert, und nur aus ängstlicher Sorge für
meine Gesundheit und seine Vaterhoffnungen sich verpflichtet gefühlt habe, mir
Alles vorzustellen, was ich wagte, und unternahm. O Junia! Welche Leiden, welche
Beschwerlichkeiten müssten das sein, die ich nicht mit Freuden ertrüge, um seine
Gegenwart, das Glück, mit ihm zu leben, damit zu erkaufen!
    So war denn unsere Abreise fest bestimmt, als plötzlich, ich kann eben nicht
sagen, ein unerwartetes, aber doch ein überraschendes Ereignis sie noch eine
Weile verschob. Die Königin von Armenien endigte vor einigen Monaten ihr
schwermutvolles Leben, und wenn ich mir denke, wie wenig glücklich sie sich
selbst bei der Erfüllung aller ihrer Wünsche fand, so kann ich bei diesem
Verlust, wie du mir einst sagtest, wieder nur die Zurückgelassenen bedauern, und
auch diese in dem gegenwärtigen Falle nicht tief. Der König kam vor zwei Monaten
hieher, um seinem Schmerz zu entfliehen, um sich zu zerstreuen, und wirklich sah
ich noch nie einen Menschen, dem dies Bestreben so bald und vollständig gelungen
wäre, als ihm. Die schöne Calpurnia, die Freundin seiner verstorbenen Frau, war
natürlicher Weise die erste Person, bei welcher er Trost und Beruhigung suchte.
Sie weinte mit ihm, sie hörte seine Klagen an, in der Liebe für die Entrissene
begegneten sich ihre Seelen, und was können die Seelen dafür, wenn ein solches
Zusammentreffen länger währt, als gerade der Schmerz erforderte, wenn man sich
einander wieder, und abermals wieder zu begegnen wünscht, und wenn endlich die
Seelen in so reizende Hüllen eingeschlossen sind, dass sie vor Vergnügen,
einander in diesen Hüllen zu bewundern, gar nicht mehr von einander scheiden
wollen? Ich muss gestehen, Tiridates ist vielleicht die schönste männliche
Gestalt, die ich je gesehen habe; die Art und die ausnehmende Pracht seiner
Kleidung trägt noch mehr bei, sie im vorteilhaftesten, im wahren königlichen
Glanz und Anstand zu zeigen. Dennoch glaube ich, wenn ich noch in der Blüte
meiner Jugendgefühle wäre, diese kolossalen Formen, diese lebhaft und munter
blitzenden Augen, dieser Ausdruck von Lebenslust und Fröhlichkeit würde mich nie
angezogen haben. Calpurnia denkt anders. Nur kann ich nicht recht fassen, wie
der Ausdruck so entgegengesetzter Gemüter, so ganz verschiedene Erscheinungen,
als Agatokles und der König sind, so schnell hintereinander dieselbe Person in
derselben Stärke rühren konnten. Doch wer ergründet das menschliche Herz in
seinen Widersprüchen und Inconsequenzen! Es ist hierüber nichts zu sagen, und
Niemand zu tadeln, weil er auf eine Weise fühlt, die wir nicht begreifen können.
    Schon bei dem ersten Besuch, den sie uns einige Tage nach Tiridates Ankunft
auf der Villa machten, war es mir sehr wahrscheinlich, der König werde sich bei
Calpurnien über seinen Verlust trösten, und sie den ihrigen gern und leicht über
einen so schimmernden Ersatz vergessen. Er hatte nichts beobachtet. Du weisst,
Männeraugen sehen in dergleichen Dingen nie scharf, nur in unsere Seelen hat die
Natur über solche Dinge ein gar zu feines, sicheres Gefühl gelegt. Wir ahnen,
wir erkennen diese Erscheinungen bei uns und Andern leicht, wenn wir auch von
den Gründen oder Merkmalen keine deutliche Rechenschaft zu geben wissen. Bei der
zweiten, dritten Zusammenkunft blieb mir kein Zweifel übrig. Tiridates redete
mit meinem Gemahl von unserm Glück, von unsern Hoffnungen, mit feuriger, nicht
wehmütiger Begeisterung, er sprach von der Notwendigkeit, seines Volkes Glück
durch eine unbestreitbare ruhige Tronfolge zu sichern; von dem traurigen Loose
der Regenten, die so selten den Neigungen ihres Herzens folgen dürften, von der
Notwendigkeit, seine liebsten Gefühle, den gerechtesten Schmerz zu besiegen,
wenn es höhere Rücksichten fordern u.s.w., und Calpurnia ward von dieser Zeit an
von der Augusta und des Cäsars Gemahlin mit vorzüglicher Aufmerksamkeit
behandelt. Indessen verbreitete sich das Gerücht, und wurde bald zur Gewissheit,
Diocletian wolle das zwanzigste Jahr seiner glücklichen Regierung, und den Sieg
über die Perser durch einen feierlichen Triumph in Rom, das er, wie ich glaube,
als Augustus gar noch nicht gesehen hat, feiern. Es wurden glänzende Anstalten
dazu gemacht, der Abendländische Augustus ebenfalls dazu aufgefordert, und
Tiridates fand es nun nötig, einen Entschluss, der langst schon fest in seiner
Seele lag, öffentlich zu erklären, bevor der Kaiser Nikomedien verliesse. Er warb
feierlich um Calpurnia bei ihrem Vater, und dem Kaiser, der den Proconsul
ausserordentlich schätzt, und seine Einwilligung so schnell und freudig gab, dass
es wohl scheint, diese Anwerbung sei nichts als eine Förmlichkeit, und die Sache
selbst schon vorher unter den Hauptpersonen verabredet gewesen. Als er mit
freundlicher Wärme in Algatokles drang, seine Abreise zu verschieben, um Zeuge
eines Zeitpunkts zu sein, der für das Glück seines Freundes so wichtig wäre,
mochte er wohl fühlen, dass diese schnelle Wahl, diese noch schnellere
Vollziehung Agatokles befremdete. Mit leichtem Ton, und noch leichterem Sinn
entschuldigte er diese Uebereilung durch seine Verhältnisse, die Forderungen der
Pflicht, die gähe Abreise des Kaisers, und sagte, dass, da er nun einmal hätte
wählen müssen, alte Freundschaft, Achtung für Sulpiciens Andenken, und des
Proconsuls bedeutender Einfluss seine Wahl auf Calpurnien gelenket hätte.
Agatokles widersprach nicht, er nahm mit unverstellter Freude Teil an dem
Glücke seiner Freunde, und so bleiben wir noch eine Weile hier, und ich sehe
nicht ohne Widerwillen einer unruhigen Zeit voll Schimmer, Geräusch und
Zerstreuung entgegen, welche die Vermählungs-Feierlichkeiten mit sich bringen
werden. Mein stilles Glück ist gestört, wie ich dir sagte, und es beginnt eine
neue Epoche meines Lebens, auf deren ungewissere Schicksale ich mein Herz in
stiller Ergebung vorbereite. Leb' wohl!
 
                                    Fussnoten
1 Die Säulen des Herkules, das jetzige Gibraltar - und Tule, der äusserste Ort,
den man damals gegen Norden kannte, wurden insgemein für die Grenzen der damals
bekannten Erde, oder der Erde überhaupt genommen.
 
                  89. Calpurnia an ihren Bruder Lucius in Rom.
                                                        Nikomedien, im Oct. 303.
Lieber Bruder! Was wirst du sagen, wenn du diesen Brief erhältst? Ich bin Braut
- und bald, sehr bald vermählt. Und mit wem? O du errätst es wohl. Es wäre mir
auch nicht möglich, dir Alles so genau und regelmässig zu erzählen, wie es sich
machte. Wie könnte ich es auch? Ich weiss selbst kaum, wie es kam - so schnell,
so unvermutet, dass ich jetzt noch manchmal Alles für einen Traum halte.
    Genug, ich bin Tiridates Braut, und werde in Kurzem Königin von Armenien
sein. Es wird mich im Anfange Mühe kosten, mich in alle die Formen und
Steifheiten des Orientalischen Ceremoniels zu fügen; aber ich weiss eben so
bestimmt, dass es mir gelingen wird, und ich mit eben so viel Anstand Königin
sein werde, als ich bis jetzt mit Anmut ein Römisches Mädchen war, und mit
Würde eine Nikomedische Matrone geworden wäre, wenn es die Götter so gefügt
hätten.
    Das taten sie nun aber nicht, und so wurde ich zuerst aus der Vertrauten
die Freundin, aus der Freundin die Geliebte, aus der Geliebten die Braut des
edelsten, liebenswürdigsten Fürsten! Denn ich muss dir sagen, es gibt kein
gefährlicheres Amt für ein junges Mädchen, als die Vertraute und Trösterin eines
schönen Unglücklichen zu sein. Das Mitleid ist eine gar zu verräterische
Empfindung. Wir wurden einander mit jedem Tage lieber, notwendiger, ich fand
Zerstreuung und Freude in seinem lebhaften Umgange; er beweinte mit mir seinen
Verlust, erzählte mir von den ersten Tagen seiner Liebe, seines Glückes, und
fand es zuletzt unmöglich, ohne dieses Glück zu leben. Äussere Umstände trafen
nun auch zusammen. Des Augustus schnelle Abreise machte eine übereilte Erklärung
nötig, wenn wir nicht mit unserer Verbindung bis zu Diocletians Wiederkunft,
die vielleicht in einem Jahre Statt haben könnte, warten wollten. Du kennst die
Verhältnisse der verbündeten Fürsten zu dem römischen Hof, du kennst Armeniens
Lage in Rücksicht der Perser. Es liegt Alles daran, die Tronfolge bestimmt und
unbestreitbar festzusetzen. Diocletian selbst schien dies zu wünschen. Die Zeit
war kurz, Tiridates entschloss sich, er fragte mich, und konnte ich wohl Nein
sagen? Was, um aller Götter willen, hätte ich gegen ihn einwenden können? Dass
unsere Verbindung übereilt sei? Ach, ich kannte ihn seit zwei Jahren genauer,
als wenn er diese ganze Zeit über sich um mich beworben hätte; denn ich sah ihn
ohne Vorurteil, und er hatte keine Ursache, sich vor mir zu verstellen. Dass ich
ihn nicht mit der Leidenschaft liebte, die manche Menschen zum Glücke einer
Verbindung für nötig halten? Das ist Grille. Ich achte ihn, weil er es durch
tausend Vorzüge wohl verdienet, und seine Gestalt gefällt mir. Das ist Alles,
was ich zu meinem Glücke bedarf. Meine Forderungen an Euer Geschlecht waren
immer mässig. Milesische Mährchen kann man träumen, in der wirklichen Welt geht
Alles anders zu.
    Es ist überdies auch kein unbedeutender Vorzug, Königin, wenn auch nur
Königin eines verbündeten Staates zu werden. Augustus gibt es höchstens zwei,
und zwei Cäsarn; da ist nur Raum für vier Römische Jungfrauen oder Matronen.
Auch ist der Augustus gewöhnlich nicht mehr in der Blüte der Jahre. Wie
unbändig müsste der Ehrgeiz einer Römerin sein, die, wenn selbst Diocletian sich
zugleich mit Tiridates um ihre Hand bewürbe, den alternden, rauhen Illyrier vor
dem jugendlich blühenden Fürsten wählen könnte, den alle Grazien schmücken?
    So ist denn mein Schicksal bestimmt, unwiderruflich, wenn nicht
ausserordentliche Ereignisse dazwischen treten! Seltsam! Wenn ich mir das recht
lebhaft denke, so wandelt mich eine Art von Grauen an. Heiraten - mein Loos in
die Hand eines Mannes legen, ihm in ein fernes Land folgen, wo er unumschränkt
gebeut, wo Niemand ist, der ihm Widerstand leisten darf - wahrlich, der Schritt
ist ernst, so ernst, dass, hätte ich Alles das früher so bedacht, ich ihn
vielleicht nicht getan hätte!
    Nun ist nichts mehr zu ändern. Meine Verbindung ist öffentlich erklärt, der
Augustus selbst hat über meine Hand entschieden. Tiridates ist trunken vor
Freuden. Er liebt mich leidenschaftlich, und er ist keiner Verstellung fähig.
Aber wie lange wird das währen? Und wie kann ich mich vor dem Loose meiner
Freundin schützen, oder wie kann ich erwarten, ihm zu entgehen? Und auf diesen
Punkt wird einst so Vieles ankommen. Hier ist es nötig, alle Kraft des
Verstandes, alle Macht über sich und Andere, alle Erfahrung zu Hülfe zu nehmen.
Mein Schicksal wird in seiner Hand liegen, Niemand wird, Niemand kann sich
meiner annehmen, ich muss mir selbst Alles sein, ich muss mich schützen, ich muss
fest stehen, und das kann ich nur, wenn ich mich nie vergesse. Nie wisse, nie
fühle er sich meines Herzens ganz sicher, und im uneingeschränkten Besitze
desselben, nie verliere mein Geist die Herrschaft über sein Herz. Zwar so lange
er noch etwas zu wünschen, zu hoffen, zu fürchten hat, so lange er liebt, wird
es leicht sein, auf ihn zu wirken; aber wie klug ich mich auch betragen mag, so
wird die Zeit noch kommen, wo fremde frischere Reize, oder allmählige Gewöhnung
diese Art von Zauber zerstören. Bis also die gefährliche Epoche eintritt, muss
seine Achtung für meinen Charakter, für meinen Verstand so fest gegründet sein,
dass die Freundin keines von den Rechten verliert, die die Geliebte hatte, und
seine Untreue nichts weiter für mich sein kann, als ein flatterndes Spiel, das
ich ihm gern zu seiner Unterhaltung gönne.
    Nie werde ich mich in die Angelegenheiten seines Reiches mischen, wenigstens
nie unmittelbar. Sucht er in manchen Fällen den Rat der Freundin, kann es sein
Herz erleichtern, wenn er seine Sorgen zuweilen in meine Brust niederlegt, so
will ich ihm redlich tragen, und sorgen, und denken helfen. Nie werde ich meine
engbegrenzte Sphäre verlassen; aber auch nie soll er vergessen, dass ich meinem
schönen Vaterlande, dem Leben im Schoss einer edlen ruhmvollen Familie, die
mich zärtlich liebt, entsagt habe, um ihm in seine Gebirge zu folgen, und die
Gattin eines barbarischen Tyrannen zu werden, wie sich Sulpiciens Vater
ausdrückte. Ueber einige dieser Punkte habe ich mit dem meinen mehrere ernste
feierliche Unterredungen gehabt, und nie werde ich der weisen Lehren vergessen,
die er mir mit Rührung, mit väterlichen Tränen gab. Ach, er freut sich wohl,
mich so glänzend, und an einen so würdigen Gatten verheiratet zu wissen;
dennoch fühle ich, dass der Gedanke, ein Kind zu verlieren, an dessen stäten
Umgang er so gewohnt war, ihn manchmal wehmütig macht. Dann ergreift diese
Stimmung auch mich, aber ich bemühe mich, sie wie jede weiche ihrer Art, zu
verscheuchen. Wenn ich nicht als Vestale leben und sterben will, steht mir diese
Trennung immer bevor, und ich könnte mir doch unter allen Männern keinen denken,
um dessentwillen ich sie lieber ertrüge, als Tiridates.
    Keinen? - Man muss nie falsch sein. Das, was ich für Tiridates empfinde, ist
viel anders, als was ehedem meine Brust so unruhig, so unablässig bewegte. Doch
kömmt dieser Unterschied vielleicht wohl nur von der Art des Verhältnisses, und
nicht von dem Gegenstand desselben her. Ehemals war ich ungewiss, zweifelhaft,
meine Phantasie aufgeregt, alle Seelenkräfte in Spannung; jetzt ist Alles stille
und sicher, und so ist mein Gefühl nur ruhiger, aber vielleicht nicht kälter.
    Sei dem, wie ihm wolle. Ich mag nicht darüber grübeln, es nützt zu nichts,
und kann nur schaden. Agatokles wird Zeuge unserer Verbindung sein; ich habe
den Gedanken, ihn darum zu bitten, in Tiridates erregt, ohne dass er meinen
Wunsch erriet. Ich weiss nicht, welche Art von stolzer Befriedigung ich darin
suche; genug, ich wünsche es, und sehe es als einen Teil der Freuden jenes
wichtigen Tages an, dass Er gegenwärtig sei.
    Leb' wohl, lieber Bruder! Meine Lebensart ist jetzt sehr beschäftigt, sehr
zerstreut; du wirst es diesem Briefe abgemerkt haben. Bevor ich Nikomedien
verlasse, und mich noch um viele, viele Meilen weiter von dir entferne, schreibe
ich dir sicher noch einmal.
 
                         90. Constantin an Agatokles.
                                                         Salona1, im Jänner 304.
Als wir uns in Byzanz trennten, du mit deiner liebenswürdigen Frau nach Aten
gingst, und ich dem Augustus auf seinen Befehl nach Rom folgte, um Zeuge seines
Triumphs zu sein, da dachte ich nicht, dass jene Ereignisse, von denen wir, als
in ferner Zukunft möglich, sprachen, schon so bald ihre dunkeln verhängnisvollen
Schatten über unsere Gegenwart werfen, und uns nötigen würden, Plane und
Entschlüsse, deren grösseres Verdienst doch wohl Reifheit und besonnene
Vorbereitung ist, vielleicht mehr als gut ist, zu beschleunigen. Wie Galerius
die Zurücksetzung ertrug, dass nur die beiden Auguste den Triumph feiern, er und
mein Vater hingegen von diesem Ruhme ganz ausgeschlossen sein sollten, hast du
schon in Nikomedien gesehen, als nach den Hochzeitsfeierlichkeiten des Königs
von Armenien sich alles zum Aufbruche anschickte, und auch er bereit schien, den
Augustus nach Rom zu begleiten, und an dem Triumph Anteil zu nehmen, den er
durch seine Tapferkeit wohl verdient hatte. Die alte Sitte, welche die
Verdienste der Cäsaren ihren Vätern zuschrieb2, obwohl sie dem Diocletian zum
günstigen Vorwande diente, befriedigte den Stolz des wilden Cäsars nicht, der
sich wohl bewusst war, dass diesmal nicht sein kleineres kriegerisches Verdienst
vor dem grössern des Augustus zu verschwinden hatte, der es tief fühlte, dass
durch seinen Arm allein die Lorbeeren errungen worden waren, mit denen sich der
langgehasste, lebensvolle Augustus nun in Rom schmücken sollte. Dass er nicht
wütete, dass er diese Kränkung so gelassen, mit so schmeichelnder Ergebung
ertrug, diese stumpfe ahnungsvolle Stille liess mich eben mit grösserm Rechte ein
heranziehendes Gewitter fürchten. Wie sicher musste Galerius seines Erfolges
sein, da er den rauhen Krieger unter dem geschmeidigen Hofmanne zu verbergen
wusste!
    Ich teilte dir damals meine Besorgnisse mit, du schienst es nicht so
anzusehen, und ich verwies dich auf die Zukunft. So langte ich mit dem Augustus
in der Hälfte des Novembers nach einer sehr glücklichen Fahrt in Ostia an. Die
Feierlichkeiten des Triumphs, die Spiele, Schauspiele u.s.w. - wirst du mir zu
beschreiben erlassen. Mancher Griffel setzte sich deswegen ohnedies in Bewegung,
und du wirst sie entweder schon gelesen haben, oder noch zu lesen bekommen. Bald
nach ihrer Beendigung verliess Diocletian schnell und unvermutet die alte
Hauptstadt der Welt, die er nur erst betreten hatte, empört durch die
Zudringlichkeit und Ausgelassenheit des Römischen Pöbels3. Wir reiseten am Ende
des Decembers mitten in den Saturnalien ab; aber schon in Aquileja wurde
Diocletian von einer plötzlichen Schwäche, die mit mehreren seltsamen Symptomen
begleitet war, überfallen. Er musste einige Tage dort stille liegen, und konnte
seitdem die Reise in dieser ungünstigen Jahreszeit nur in sehr kleinen
Tagemärschen fortsetzen. Gerade nach Nikomedien zu gehen war ganz unmöglich; um
also einen milden und zugleich ruhigen Aufentalt zu finden, wählte er Salona,
wo ohnedies schon seit einiger Zeit an einem Palast, an Bädern und Gärten, mit
einem Wort, an einem sehr prächtigen Wohnort für ihn gebaut wird, und zwar mit
einer Emsigkeit und Vorliebe, die mich in manchen meiner Vermutungen bestärkt.
So sind wir nun hier, und da Diocletian vielleicht aus besondern Ursachen, mir
jetzt seine Gunst immer deutlicher und offenbarer beweiset, und überhaupt mich
sehr gern um sich zu haben scheint, so wird es mir nicht möglich, ihn zu
verlassen, und ich werde nur mit ihm nach Nikomedien zurückkehren.
    Hier hörten wir denn auch, dass Galerius in Syrmium4 die Feier der
Vieennalien mit so viel Pracht, lauter Freude und schmeichlerischer Huldigung
gegen den Augustus verherrlicht habe, dass mir seine bösen Absichten, und der
stille Triumph seiner Rache beinahe unzweifelhaft werden. Rechne noch dazu, dass
Diocletians jetziger Leibarzt vorher im Dienste des Galerius stand, dass dieser
ihm denselben vor einiger Zeit gleichsam aus kindlicher Ergebung und Sorge für
des Augustus Gesundheit aufdrang, und dass dieser Arzt noch jetzt, wie ich sicher
weiss, einen ansehnlichen Jahrgehalt von seinem vorigen Herrn geniesst, und du
wirst über manches anders und richtiger urteilen können, als die Welt.
    Du denkst wohl leicht, dass ich keinen dieser Umstände ausser Acht lasse. Mein
ruhiger Sinn, mein leidenschaftloses Gemüt, das so oft in traulichen Gesprächen
deinen und deiner Teophania leichten Spott erfahren musste, kömmt mir in diesen
Umgebungen trefflich zu Statten. Es darf nichts gering geachtet, nichts übereilt
nichts unter, nichts über seinen Wert und Einfluss geschätzt werden, und wie
mehr uns die Ereignisse zu drängen, und in Gährung zu bringen scheinen, je
nötiger ist es, seine ruhige Fassung und den einzigen Punkt, auf den Alles
ankömmt, nie aus den Augen zu verlieren.
    Mein Vater war sehr gekränkt durch jene auffallende Hintansetzung. Es mag
sein, dass er mit dulden musste, was eigentlich nur seinem Gefährten galt.
Indessen trug er es wie ein grossgesinnter Fürst, wie ein edler Mann. In Eboracum
sind die Vicennalien mit anständiger Pracht, wie in allen Hauptstädten des
Reichs begangen worden. Keine heuchelnde Geschmeidigkeit, keine überlaute Freude
entwürdigte das Verhältnis und das Betragen meines Vaters. Er hat mir
geschrieben, sein Brief ist voll zärtlicher Besorgnis um mich, er kennt des
Galerius Gesinnungen, er weiss von der Krankheit des Augustus, und fürchtet, wenn
eine entscheidende Catastrophe eintreten sollte, Alles für mich in diesen
Provinzen, die ganz dem Scepter des düstern Cäsars unterworfen, und eben darum
mit seinen Centurien angefüllt sind. Ich bin ziemlich unbesorgt, weil ich die
Umstände, meine Gefahr, und die möglichen Rettungsmittel sehr genau kenne; aber
ich begreife, dass in einer so grossen Entfernung bei den unsichern Gerüchten
seine Liebe leicht besorgt werden kann.
    Er will mir den treuen Lehrer meiner Kindheit, den edlen Florianus, senden,
der mir teils schriftlich, teils mündlich verschiedene Nachrichten und
Warnungen bringen soll, die zu meinen Absichten unentbehrlich, und bei der
jetzigen Lage der Umstände keinem Briefe anzuvertrauen sind. Ich freue mich
sehr, ihn nach so langer Zeit wieder zu sehen, und fürchtete nur, ihn viel
veränderter zu finden. Du weisst die Geschichte, die sein sonst so stilles
schönes Leben vergiftet hat. Sieh' hier eine neue Veranlassung, mich der Kälte
meines Herzens, wie ihr es nennt, zu rühmen und zu freuen. Was könnte Florianus
sein, und was ist er? So viel Macht hat die Leidenschaft! So gefährlich ist's,
von ihrem süssen Gifte nur zu kosten, selbst im reifen männlichen Alter!
    Solltest du ihn in Laureacum5 sehen, wie ich nicht zweifle, so freue dich im
Voraus, eines der edelsten Gemüter, der reinsten Herzen, deinen Freund nennen
zu können. Das wird er sein, das ist er schon, denn er kennt dich durch mich.
Grüsse deine liebenswürdige edle Teophania herzlich von mir, und leb' wohl.
 
                                    Fussnoten
1 Ein unberühmtes Dorf in Dalmatien trägt noch heut zu Tage den Namen, welchen
einst ein prächtiger Palast und Gärten, Tempel, Bäder, kurz Alles, womit
Diocletian seine Einsamkeit verschönerte, trug.
2 Dass die Verdienste der Cäsaren den Augusten, als ihren Vätern, zugeschrieben
worden sind, ist geschichtlich.
3 Geschichtlich.
4 Syrmium war die Residenz des Galerius in dem Teile des Reichs, der damals
Illyrien hiess. Vicennalien, das Fest wegen der zwanzigjährigen Regierung des
Diocletian.
5 Laureacum, das heutige Enns in Oberösterreich.
 
                       91. Teophania an Junia Marcella.
                                                          Laureacum, im Mai 304.
Sechs Monate bin ich nun in einem andern Weltteile, weit, weit von dir, weit
von meinem Vaterlande entfernt. Hier ist kein mildes Clima, wie in den schönen
Gefilden Kleinasiens, hier weht keine laue Luft durch immergrünende Gebüsche,
und bringt den tausendfachen Balsamduft aus bunten Blumenkelchen gehaucht, kein
ungetrübter Himmel lächelt über Pinien und Cederhainen. Eine düstere, wilde,
aber selbst in ihrer Düsterheit erhabene Natur umgibt mich hier, und sie ist mir
nicht so fremd, als meinem Agatokles, denn ich habe manche ihrer Scenen in noch
ungestörterer Furchtbarkeit an den Ufern des Borystenes kennen gelernt. Auch
diesen Gegenden fehlt es nicht an eigentümlichen Reizen, und ein Gemüt, das
Sinn für stille Grösse, und den ernstern Ausdruck der Naturscenen hat, kann
leicht in den Umgebungen, in denen ich jetzt lebe, Etwas finden, das sie ihm
lieber und anziehender machte, als jene lachende Gefilde, auf die der Himmel
ohne Zutun oder Anstrengung des menschlichen Fleisses aus immer reichem Füllhorn
seine milden Gaben giesst.
    Diese Provinzen, die nicht seit sehr lange unter römischer Herrschaft
stehen, tragen überall das Gepräge kühner fesselloser Natur, die der Hand des
Fleisses nur einem kleinen Teil zur Befriedigung ihrer ersten Bedürfnisse
abgekämpft hat. Das ganze Land ist mit Gebirgen bedeckt, nur jenseits des
breiten Stroms, der in einiger Entfernung von uns gegen Osten hinabströmt, ist
der Boden flächer, und auch Laureacum liegt in einer Ebene, wo der Anasus1, nach
einem langen mühevollen Laufe durch Schluchten und Wälder, über Felsentrümmer
und Bergstürze sich endlich ruhig in der sonnigen Ebene ausbreitet. Ein
wehmütiges Bild! Dort unten fliesst schon der grosse Strom, in dessen Fluten er
sich bald verliert. Nur kurze Zeit war ihm vergönnt, der Ruhe zu geniessen, und
die müden Wellen, kaum vom heitern Sonnenstrahl erwärmt, stürzen dort schon in
die Gewässer, in denen sie Namen und Dasein verlieren. Wie manchem Sterblichen
sah ich ein gleiches Loos fallen! Wenn sein hartes Schicksal endlich abliess, ihn
zu verfolgen, wenn seine stillen, gerechten Wünsche erhört schienen, dann rief
ihn der Tod aus dem Kreise seiner Freuden ab, gleich als wäre hienieden nicht
Raum für solch' ein Glück, das nur in bessern Wellen zu blühen bestimmt ist.
    Agatokles hat mit mir manche kleine Reise in diese düstern Wildnisse
gemacht, aus denen der Anasus, und alle die Ströme herkommen, die sich in den
Danubius verlieren. An ihren Ufern winden sich die Strassen aufwärts, ihren
Quellen entgegen, sie zeigen dem Wanderer den Pfad in die geheimen Täler, aus
denen sie herabkommen, und der Weg, den die lebendige Flut bei der ersten
Gestaltung dieser Erde nahm, die Tiefen, durch welche sie sich Bahn machte, um
heraus in die Ebene zu gelangen, sind meist auch der einzige Weg, auf dem man
hineingelangen kann. Dicht verwachsene Wildnisse empfangen den Wanderer, in
denen vielleicht noch nie eine Art erschollen ist, nie ein Fusstritt gewandelt
hat; himmelanstrebende Felsen tragen selbst jetzt im Frühling noch Schnee auf
ihren kahlen Häuptern, wilde Bergströme stürzen sich brausend von jähen Höhen;
dann öffnet sich ein geheimes Tal, und im Schoss waldiger Berge und schroffer
Felsen liegt ein stiller Wasserspiegel weit ausgebreitet, dessen einsames Ufer
nur Vögel oder verirrte Gemsen besuchen. Keine Menschenspur ist Zu finden, nur
die Laute der Natur tönen hier, wir sind allein mit ihr, die in ungebrochener
Kraft um uns waltet, allein mit ihr, und unserm gemeinschaftlichen Schörfer.
Seine erhabene Gegenwart wird doppelt fühlbar in dieser einsamen Wildnis, sein
Hauch erhält und trägt sie und uns, hier ergreift seine Nähe uns mit Schauer,
Ehrfurcht und Liebe. Die tausendjährigen Eichen verschlingen die kühngeformten
Aeste zum lustigen hohen Dach, und bilden einen würdigen Tempel; überall ist
Hoheit, Einfalt, Stille und Grösse.
    Unwillkührlich wirkt diese Umgebung auf unser Innerstes. Ich fühle es, dass
ich hier ernster geworden bin, als ich in Syntium war. Der Himmel ist hier sehr
oft trübe, in seltsamen Gestalten ziehen sich die Nebel, die aus dem Strom und
den dichten Wäldern aufsteigen, um die dunkeln Berge herum, die nördlichere
Sonne vermag sie nicht immer zu zerstreuen; dann sammeln sie sich, verdecken das
freundliche Blau, oder ergiessen sich in unaufhörlichen Regengüssen über die
winterlich düstere Landschaft. Solche trüben Tage machen unsere Ansichten
ebenfalls trübe, ohne dass wir uns dessen bewusst sind, und überdies tragen die
täglichen Begebenheiten auch nicht dazu bei, ein ernster gestimmtes Gemüt zu
erheitern. Es sind zu traurige, zu gräuelvolle Scenen in diesen Gegenden
vorgefallen, man hört von allen Seiten zu viel von dem Missbrauch des gewaltigen
Übermuts, von der Grausamkeit des Parteigeistes, und den tausendfachen
Neckereien, Leiden, Qualen und Todesarten, die hier die verfolgte Unschuld von
ihren Drängern erdulden muss, als dass man seines Lebens recht froh werden könnte,
selbst wenn ein Paradies um uns her lachte. Es sind doch im Grunde nur die
Menschen, die uns die Erde lieb oder leid machen können, und ein glückliches
Paar, wie Agatokles und ich, würde auch in noch düsterern Gegenden, als diese
sind, selig leben, wenn es möglich, wenn es billig wäre, Aug' und Herz vor den
Leiden seiner Brüder zu verschliessen.
    Ich habe hier unter manchen seltsamen und anziehenden Gegenständen, die mir
diese Gegenden schon zeigten, auch die Bekanntschaft eines Mädchens gemacht, die
ganz zu diesen Umgebungen passt, die in sich das treuste Bild der Natur um sich
her darstellt. Es ist jene Valeria, die Frucht einer geheimen Liebe Diocletians,
welche in Britannien geboren und erzogen worden war. Ich erinnere mich, dir
einen Teil ihrer Geschichte geschrieben zu haben, wie ich sie von Constantin
erzählen hörte. Ein stiller tiefer Kummer liegt auf diesem schönen Gesicht,
dessen blendende Weisse kaum durch einen leichten Anflug des zartesten Rots
belebt wird. Grosse dunkelblaue Augen bewegen sich langsam unter langen seidenen
Wimpern, und die Farbe der Augen wiederholt sich lieblich in dem feinen Geäder,
das die blendende Haut durchschimmert. Ihre lange schlanke Gestalt ist nicht
stolz, kaum aufrecht, das schöne Köpfchen, von goldnem Gelocke umflossen, sinkt
beständig auf die Brust, ihre ganze Haltung zeugt von tiefem Kummer. So erschien
sie mir, als ich sie das erste Mal sah, das anziehendste Bild der Schwermut und
stillen Ergebung. Seit zwei Jahren hat sie keine Nachricht mehr von ihrem Lehrer
und Freund. Er wollte nicht, dass sie ihm noch schreiben sollte, und sein Wunsch
ist ihr Gesetz, sie verehrt seinen Willen, seine Entschlüsse mit jener
Heiligkeit, mit der vielleicht nur die ersten Jünger die Gebote ihres Meisters
ehrten und hielten. Treu und unauslöschlich bewahrt sie sein Bild in ihrer
Brust, Religion, Tugend und die Glut der ersten Liebe verklären es in
himmlischem Glanz, und nicht inniger hängt sie an den Lehren unsers göttlichen
Stifters, als an den Aussprüchen ihres Freundes.
    Ihre Pflegeeltern haben sie auf Befehl ihres Vaters hierher geführt; denn
seit man sie aus ihrer heimatlichen Insel, von der sie nie ohne wehmütige
Begeisterung, ohne Tränen spricht, entfernt hat, ist ihr Leben sehr unstät, und
ihr Aufentalt überall nur kurz. Sie ergibt sich in dies schwere Schicksal,
nachdem mancher vergebliche Kampf, mancher vereitelte Versuch zur Flucht sie
belehrt hat, dass eine höhere Macht über sie waltet, der zu entfliehen sie zu
schwach ist. Uebrigens liebt sie ihre Pflegeeltern, die mit schwerem Herzen die
Befehle des Augustus an ihrem geliebten Schutzbefohlenen üben, und dies einzige
Gefühl, sagte sie mir neulich, schützt sie vor Verzweiflung.
    Ich sehe wichtigen und erschütternden Auftritten entgegen. Agatokles weiss,
dass Florianus auf dem Wege hierher ist, um nach Salona zu gehen, und dort mit
Constantin zu sprechen. Noch ahnet Valeria nichts davon, und ich weiss nicht, ob
ich es ihr sagen oder verbergen, und ihre Pflegeeltern bitten soll, sich mit ihr
zu entfernen. Ich würde sie sehr schmerzlich vermissen, wenn ich sie verlieren
sollte; denn ich bin ihres Umgangs schon sehr gewohnt, und ich fühle wohl, dass
auch sie mit Liebe und innigem Vertrauen an Agatokles und mir hängt.
    Von meinem häuslichen Glücke sage ich dir nichts; du kennst es, es ist
grösser, als ich es je dachte, je hoffen konnte. Ein gesunder blühender Knabe
knüpft seit etlichen Monaten ein neues inniges Band zwischen uns. Agatokles,
meine teure Junia! ist der beste Vater, wie er der zärtlichste Gemahl, der
treueste Freund ist, und mir bleibt keine Sorge für diese Welt, als Gott zu
bitten, dass er mir mein Glück, und die stille Scheu erhalte, mit der ich es
zitternd, aber selig geniesse.
 
                                    Fussnoten
1 Anasus, der alte Name des Ennsflusses.
 
                         92. Agatokles an Constantin.
                                                       Laureacum, im Junius 304.
Grosse Gemüter hat, wie ich glaube, und wie die Geschichte lehrt, die Vorsicht
darum von Zeit zu Zeit erweckt, und mit vorzüglichen Gaben ausgerüstet, dass sie
gleich himmelanstrebenden Felsen die Gewitter, welche das Menschengeschlecht
treffen, mit höherm Haupt tragen, und so den Uebrigen zum Schutz und zum
Beispiel dienen sollen, woran ihre Schwäche sich erhebe und stärke. Noch
erhebender wird solch ein Muster, wenn jenes starke Gemüt zugleich ein zum
Herrscher berufenes ist, und sich sein göttlicher Beruf, Andre zu leiten und zu
zügeln, zuerst an der Macht offenbart, die es über sich selbst und seine
edelsten Triebe ausübt. So, o mein Constantin! kenne ich dich seit dem ersten
Augenblicke, wo wir uns sahen, so hast du dich stets bewährt, und so wirst du es
bei der Nachricht tun, die ich dir zu geben habe. Wir erwarteten seit einiger
Zeit die Ankunft deines verehrten Lehrers und Freundes, des Centurio Eneus
Florianus, hier in Laureacum. Ein Zufall wollte, dass gerade jetzt auch Valeria
mit ihren Pflegeeltern sich hier befand. Von dir unterrichtet teilte ich dem
Asinius Ponticus meine Nachricht mit, und überliess es ihm zu tun, was seine
Pflicht erheischen würde. Er machte auch wirklich in aller Stille Anstalten zur
Abreise, aber unvermutet traf Florianus um mehrere Tage früher ein, und
Aquilinus, der Präfect der Stadt, ein Geschöpf und treues Werkzeug des grausamen
Galerius, liess ihn auf der Stelle als einen Ausspäher, als einen verdächtigen
Abgesandten des Constantins verhaften, und ihm abnehmen, was er an Briefen und
Schriften für dich und Diocletian nach Salona bei sich hatte. Vergebens wandte
ich Alles an, was in meiner Macht stand, um dem Präfecten die Ungerechtigkeit,
die Gefahr seines widerrechtlichen Unternehmens einsehen zu machen, und
Florianus zu befreien, mit dem mir sogar nicht erlaubt wurde zu sprechen. Sie
Ruhe, mit der der Präfect auf seinem Beginnen bestand, die Sicherheit, mit der
er verfuhr, liess mich bald fürchten, dass er nicht ohne höhern Befehl handle, dass
das, was mir Anfangs ein Ausbruch unverständiger Härte schien, lange bereitete,
geheissene Maassregel war, wodurch sich Galerius Einsicht in alle unsere Plane,
und Rache an dir verschaffen wollte. Sein widriges Vorhaben misslang doch zum
Teil. Florianus war besonnen genug gewesen, die geheimsten Briefe auf seiner
Brust zu verwahren. Er verlangte mit mir zu sprechen, man verweigerte es ihm
durchaus. Asinius Ponticus, der, so lange Florianus verhaftet war, keine Gefahr
für Valerien sah, blieb in Laureacum, und wandte Alles an, um seinen alten
Freund zu befreien, oder ihn wenigstens zu sehen; auch seine Bemühungen waren
fruchtlos. Valeria schwebte zwischen Furcht und Hoffnung, Freude und
Verzweiflung. Da fasste, als er keine Möglichkeit sah, seine Briefe, seine
Nachrichten, den ganzen Zweck seiner wichtigen Sendung an dich und den Augustus
in treue Hände niederzulegen, Florianus endlich mutig den Entschluss, sie zu
vertilgen. Unbemerkt, wie er hoffte, und langsam war er dahin gekommen, an der
Flamme der Lampe, die sein Gefängnis erhellte, und zu der er, damals noch
ungefesselt, mit einiger Mühe zu gelangen gewusst hatte, die Briefe zu
verbrennen. Sein Beginnen ward entdeckt. Die Gewissheit, dass er noch geheimere
Briefe besessen, und der Verdruss darüber, dass er sie den Augen seiner Feinde zu
entziehen gewusst hatte, entfesselte nun den ganzen Grimm des Aquilinus, und liess
ihn ohne Schonung gegen seinen Gefangenen wüten. Unter nichtigen Vorwänden,
denen man eine Art von rechtlicher Form zu geben suchte, ward er vor das
Tribunal gezogen, dessen Beisitzer, würdige Gehülfen des Präfects, das Urteil
schon gefällt hatten, ehe noch der Angeklagte erschienen war. Er ward zum Tode
verurteilt.
    Ich eilte zum Aquilinus, ich versuchte Alles, was in meiner Macht stand, um,
wo nicht das Leben deines Freundes, doch wenigstens unter allerlei scheinbaren
Vorwänden einen Aufschub von ihm zu erhalten, bis der Eilbote, den ich gleich
bei Florianus Gefangennehmung an dich abgefertigt hatte, zurück sein würde. Sei
es nun, dass Aquilinus meine Absicht merkte, sei es, dass er gemessene Befehle von
seinem Gebieter hatte - mit der grössten Urbanität und unter steten
Versicherungen seiner Achtung und seines Bedauerns, dass er meinen Wünschen nicht
willfahren könnte, schlug er mir meine Bitten ab. Ich ging tief bekümmert weg.
Am zweiten Tage liess er mich rufen. Mit glatten Worten und Schmeicheleien, die
mich empörten, da ich sie für nichts anders halten konnte, als für die Hülle
niedriger Bosheit und Tücke, sagte er mir, aus Rücksicht gegen mich, und aus
wahrer Achtung gegen seinen Gefangenen, dessen edles Betragen ihn innigst
bewege, wolle er das letzte, das einzige Mittel versuchen, das ihm zu seiner
Rettung bliebe, obwohl er gestehen müsse, dass er nichts Geringes wage, und diese
Nachgiebigkeit ihm vielleicht bedeutenden Verdruss zuziehen könnte. Florianus
sollte, wie schon Viele vor ihm in diesen Gegenden getan, seinen Glauben
abschwören, der dem Galerius so verhasst sei, und er hoffe dann, dass der Cäsar
dieses Opfer nicht mit Unwillen ansehen, und es ihm, dem Aquilinus, verzeihen
werde, dass er ihn dafür frei gelassen, und das Leben geschenkt habe.
    Was ich geantwortet habe, was ich antworten konnte, weisst du im Voraus, und
auch Florianus tut, was ich und du nicht anders erwarten konnten. Aber der
Wunsch, ein Leben, das er nicht mehr erhalten konnte, das er auch ohne diesen
schimpflichen Preis längst nicht mehr zu erhalten wünschte, wenigstens nicht
nutzlos hinzuopfern, bewog ihn zum Schein, sich jener entehrenden Bedingung zu
fügen. Er täuschte mit schlauer Klugheit seine Verfolger, und erbot sich, an dem
von ihnen bestimmten Tag öffentlich auf dem Forum der Stadt ihr Verlangen zu
erfüllen. Das Gerücht von seiner Willfährigkeit, von dem Schauspiel, das man zu
erwarten hatte, lief in Laureacum und der Gegend schnell umher. Es gelangte auch
zu uns, und zu der unglücklichen Valeria. Wir glaubten es nicht, wir ahneten
Etwas von dem Vorhaben des unglücklichen, edlen Mannes, ohne jedoch Alles
erraten zu können. Valeria war am gewissesten, am hoffnungslosesten von seinem
sichern Tode überzeugt. Sie hatte durch List und Gold sich ohne unser Wissen
schon ein Mal den Weg in seinen Kerker gebahnt, sie hatte verkleidet mit ihm
gesprochen, ihr hatte er, so viel sie es fassen konnte, die Aufträge an dich
mitgeteilt, und du wirst von mir erhalten, was ich durch dieses treue,
bedauernswürdige Wesen, als ein heiliges Vermächtnis ihres über Alles
verehrenden Freundes für dich erhielt.
    Der Tag des grossen ängstlichen Schauspiels brach an. Noch muss ich dir vorher
sagen, dass die Grausamkeit des Galerius und seiner Werkzeuge in diesen Gegenden
bereits bedenkliche Folgen für das Christentum hatte. Viele haben lieber ihr
Leben, als ihren Glauben geopfert, aber auch Viele - und wer kann dem grossen,
meist ungebildeten Haufen dies wohl streng verargen? - Viele haben, müde der
Neckereien, die ihr ganzes irdisches Glück zerstörten, geschreckt durch die
unerhörten Martern, unter denen die Mutigern ihr Leben lassen mussten, das
einzige Rettungsmittel ergriffen, das die List ihrer Verfolger ihnen liess - sie
haben den Göttern geopfert, und solch Abschwörungen, wie man sie deinem
verehrten Freunde zumutete, waren nichts Neues in dieser Zeit.
    Desto nötiger, desto wirksamer war jetzt ein Beispiel, und zwar ein grosses,
in die Augen fallendes, ein Beispiel an einem Manne, den Rang, Verhältnisse und
persönliches Verdienst ohne dies auf einen erhabenen Standpunkt gestellt hatten.
Das mochte dein edler Freund wohl erkannt, und seinen Plan darauf gegründet
haben. Eine unzählige Menge Volkes, und darunter sehr viele Christen, waren
versammelt. Florianus erschien, im ganzen feierlichen Schmucke seines Standes,
eine edle, ehrfurchtgebietende Gestalt, in der vollen Reise des männlichen
Alters. Alle Augen waren auf ihn geheftet, Mitleid, Liebe, Neugier, Bewunderung
und Missbilligung malte sich auf den Gesichtern, je nachdem sein Vorhaben oder
die Vorstellung, die man sich von ihm machte, die Gemüter verschieden bewegte.
Das Opferfeuer vor einem Götterbilde wurde angezündet, der Priester reichte dem
Centurio das Rauchfass, und mit Anstand stieg er die Stufen hinauf, von denen er
die Versammlung leicht übersehen konnte. Jetzt, statt zu opfern, wandte er sich
gegen das Volk, und mit hinreissender Beredtsamkeit, und einem Ton der Stimme,
der tief in die Herzen drang, mit flammendem Blick, die Glut des edelsten
Zornes auf der dunkeln Wange, Hub er an, seinen Abscheu vor der ihm zugemuteten
Handlung, die Niedrigkeit des Götterdienstes, die Würde seiner Religion, und die
hohe Belohnung der mutigen Bekenner zu schildern. Der Präfect gebot ihm
Stillschweigen, aber das Volk, das den kühnen Redner zu hören wünschte,
überstimmte den Befehl. Florianus fuhr fort, er ermahnte seine Brüder zur
Standhaftigkeit, er verwies sie auf ein besseres Leben. Da drangen die
Prätorianer ungestüm von allen Seiten herbei, ein wilder Tumult erhob sich, der
Präfect, von Zorn ausser sich, gab schnell Befehl zu seinem Tode, die Wache
bemächtigte sich des Gefangenen, der ihrer Wut überlassen wurde, das Volk
suchte ihn zu befreien, aber seine Bemühungen waren vergeblich. Um keine Zeit zu
verlieren, um keine Möglichkeit zur Rettung übrig zu lassen, schleppten die
wütenden Soldaten ihn auf die Brücke, und stürzten ihn von dort in die Fluten
des Anasus, der eben von heftigen Regengüssen im Gebirge geschwellt, strudelnd
und schäumend daher brauste, und sein Opfer gierig verschlang1.
    So endete dein trefflicher Freund ein Leben, das, stets der Tugend geweiht,
auch noch in den letzten Augenblicken nur diesen Zweck hatte, und schied mit dem
Bewusstsein aus dieser Welt, ein hohes Beispiel gegeben, und einen Eindruck in
den Gemütern hinterlassen zu haben, der bald segensvolle Früchte der Treue, des
Muts tragen würde.
    Ich setze nichts weiter hinzu. Alles, was ich sagen könnte, würde den
Eindruck, den die einfache Erzählung bei dir sicher hervorbringen muss, nur
schwächen oder stören. Ihm ist wohl, und selig derjenige, der einst mit solchem
Bewusstsein, zu solchem Zwecke, wie Florianus, sein Leben hingeben kann! Leb'
wohl.
 
                                    Fussnoten
1 Der heilige Florian ist einer der bekanntesten und am meisten verehrten
Volksheiligen in Oesterreich. Die Legende erzählt von ihm, dass er - ein
römischer Offizier von bedeutendem Range - nach Laureacum, dem heutigen Enns,
gekommen, um dort entweder die Christen zur Standhaftigkeit zu ermahnen, oder
selbst zum Muster zu dienen, und für seinen Glauben zu sterben. Der Präfect
Aquilinus ermahnte ihn, den Götzen zu opfern, er weigerte sich, und wurde in die
Enns gestürzt. Hier soll nun eine christliche Matrone, mit Namen Valeria, seinen
Körper aus dem Strom ziehen, und auf einem mit Ochsen bespannten Wagen bis an
jenen Platz haben führen lassen, wo jetzt das bekannte schöne Stift Florian
steht. Ich habe diese Geschichte so zu benutzen gesucht, wie sie in meinen Plan
zu taugen schien, und die wunderbare Erzählung von der Entstehung einer Quelle
am Fusse des Berges, um die müden Tiere zu laben, die den Wagen nicht mehr
weiter ziehen wollten, auf etwas andere Art eingeflochten.
 
                       93. Teophania an Junia Marcella.
                                                       Laureacum, im Julius 304.
Ich habe sehr trübe Tage durchlebt, meine Junia! Schon seit ich Noricum betrat,
verging vielleicht keine Woche, wo nicht irgend ein Beispiel unerhörter
Grausamkeit von Seiten unserer Verfolger, oder schimpflicher Weichheit und
niedrigen Eigennutzes von Seiten so mancher Abtrünnigen mein Herz mit Trauer,
meine Einbildungskraft mit düstern Bildern erfüllte. Das traurigste von Allen
erlebte ich hier in Laureacum. Florianus ist todt. Er fiel, ein Opfer des
Hasses, ein strahlendes Beispiel für so Manche seiner Brüder, schmerzlich und
ewig von dem zärtlichsten Herzen betrauert, das vielleicht je in einer
weiblichen Brust schlug.
    Sie erfuhr seine Nähe, seine Anwesenheit an dem Orte, wo sie sich zufälliger
Weise befand, nur durch die Nachricht von seiner Gefangennehmung, von seiner
dringenden Gefahr. Er war nicht fern, er atmete eine Luft mit ihr, nach drei
hoffnungslosen Jahren hatte ihn ein günstiges Geschick in ihre Nähe gebracht,
und - er war gefangen und die Möglichkeit, ihn noch ein Mal zu sehen, zu
sprechen, für die sie noch vor wenig Monaten den Rest ihres Lebens hingegeben
hätte, lag nun so nahe, und war ihr durch undurchdringliche Mauern, durch den
strengen Befehl des Präfects, keinen Menschen mit dem Gefangenen sprechen zu
lassen, verwehrt. Es ist schlechterdings unmöglich, den Zustand zu beschreiben,
in welchem sich Valeria in dieser Zeit befand. Ich fürchtete, dass er ihr Leben
aufreiben werde. Diese gespannte Tätigkeit, diese glühende Liebe, diese
schwärmerische Verehrung, und diese Ueberzeugung ewiger Trennung! All' ihr Gold,
alle Versuche, die sie auf jedem nur ersinnlichen Wege machte, um den Präfect
mit Recht und Unrecht für ihren heissen Wunsch zu gewinnen, bewirkten ihres
Freundes Freiheit nicht. Sie erhielt nicht ein Mal die Erlaubnis, ihn in
Gegenwart von Zeugen zu sprechen. Eine finstere Stille trat nun auf ein Mal an
die Stelle ihrer vorigen Lebhaftigkeit. Man sah, dass sie über einem Entschluss
brütete. Gott weiss, woher diesem sonst so sanften, so schüchternen Mädchen die
List, die Kühnheit kam, Alles das in's Werk zu setzen, was sie tat. Genug, an
einem Abend trat sie bleich, verstört, mit verweinten Augen, und einer unruhigen
Heftigkeit in ihrem ganzen Wesen in mein Zimmer, sie sah sich überall ängstlich,
scheu herum. Sind wir allein? fragte sie mit dumpfer hastiger Stimme, dann warf
sie sich an meine Brust, und mit einem schmerzlichen Schrei rief sie: Ich habe
ihn gesehen! - nun will ich sterben - er stirbt auch!
    Es war ihr auf Wegen, über die ich erstaunte, als sie späterhin uns Alles zu
erzählen vermochte, gelungen, die Wachen zu bestechen, und verkleidet in sein
Gefängnis zu dringen. O welch' ein Wiedersehen nach drei Jahren! Sie war der
Verzweiflung nahe. Aber Florianus Geist erhub und stärkte sie. Noch ein Mal vor
dem gewissen Tode erlaubte er sich, den Regungen seines Herzens ganz zu folgen,
noch ein Mal schwelgten ihre Seelen in den leidenschaftlichen Ergiessungen
unglücklicher Zärtlichkeit, noch ein Mal wiederholte er ihr, was durch drei
Jahre sein Mund streng verschwiegen hatte, das Geständnis seiner grenzenlosen
Liebe, seiner Trauer um sie, seiner heissen Sehnsucht nach diesem Augenblick, den
er, ach! nicht so bald, und nicht auf diese Art zu erleben glaubte. In ihre
treue Brust legte er seine Geheimnisse nieder. Sie presste in dem kurzen Raum von
ein paar Stunden, der ihnen vergönnt war, alle Leiden, alle Hoffnungen, alle
bitteren Erfahrungen von drei traurigen Jahren, und alle wehmütige Seligkeit
eines solchen Wiedersehens zusammen. Sie genoss dies traurige Glück mit vollen
Zügen. Sie riss sich endlich halb ohnmächtig aus seinen Armen, und mit dem festen
Bewusstsein, ihn nie wieder auf dieser Erde zu sehen, und kam in diesem Zustande
zu mir.
    Nie werde ich den Eindruck dieser Stunde vergessen. Eine Art von Schauer
überfiel mich, der Gedanke, wie mir zu Mute wäre, wenn ich an Valeriens Stelle
wäre, und eben so von Agatokles scheiden müsste, drängte sich mir mit einer
marternden Lebhaftigkeit auf, und ich weiss nicht, was es ist, Junia! aber ich
kann ihn seit dem nicht wieder los werden. Bei jeder Veranlassung, oft sogar
ohne dieselbe steigt er in meinem Gemüte empor, umzieht meine Seele mit düstern
Schatten, und erscheint nicht selten in ängstenden Träumen unter tausenderlei
Gestalten und Zusammenstellungen wieder. So bleibt, wenn an einem trüben
Herbstmorgen die Sonne endlich das schwere Gewölk zerteilt, noch hier und dort
auf den Bergen der düstre Nebelflor, die Ueberbleibsel der Nacht, gelagert, und
ach! oft noch, ehe die Sonne sinkt, steigt er herauf, und begräbt den kurzen Tag
in schnelle Schatten! O meine Junia! Wenn das nur keine Ahnungen sind! Ich darf
meinem Agatokles nichts davon sagen, er verweiset sie in das Reich der Träume,
aber ich habe mehr als eine Ursache, für meine Zukunft besorgt zu sein.
Florianus heldenmütiger Tod, seine letzte Ermahnung an die Christen, die
gesegneten Folgen, die man wirklich schon in dem Betragen unsrer Brüder fühlt,
ihre grössere Standhaftigkeit, ihre mutige Verachtung irdischer Vorteile haben,
wie ich fürchte, einen gefährlichen Funken in Agatokles Seele geworfen!
    Den Tag, wo Florianus starb, sah ich ihn zum ersten und letzten Male. Der
Zug ging in höchster Feierlichkeit, denn das Volk vermutete nichts weniger als
seinen Tod, vor unserm Hause vorüber. Er kam - im vollen Schmucke seines Ranges,
ungefesselt an der Seite des Präfects, ein schöner Mann in der vollen Reife der
Jahre, gross, edel, kräftig. Sein dunkles Auge war mit einem Ausdruck von
Wohlwollen und innerer Hoheit bald auf das Volk, das ihn umgab, bald auf seinen
Begleiter gerichtet, mit dem er ruhig und, wie es schien, von gleichgültigen
Dingen sprach. Nur ein paar Mal sah ich ihn den Blick zum Himmel richten; dann
aber war auch eine Verklärung darinnen, die mehr als Alles, was ich wusste, den
nahen Bürger einer bessern Welt verkündigte, der im Begriff war, sein Leben für
seine Ueberzeugung aufzuopfern. Alles, was ich vorhin von ihm gehört hatte, und
jetzt sah, machte es mir sehr wahrscheinlich, dass er eine solche Leidenschaft in
Valeriens Herzen hatte entzünden können.
    Er hatte den Götzen nicht geopfert, seine Religion nicht abgeschworen, wie
es das getäuschte Volk erwartete - in dem beigeschlossenen Blatt findest du die
weitläufige Erzählung des ganzen Vorfalls - und endigte nun in den Fluten des
Anasus sein Leben. Valeria war auf Alles vorbereitet. Sobald die schauerliche
Scene vorüber, und der unwürdige Präfekt in seinem Palast angelangt war, eilte
sie zu ihm, und ihr Gold erhielt, was ihren rührendsten Bitten nicht gewährt
wurde, die traurige Gunst, den Leichnam ihres geliebten Freundes im Anasus
suchen, und auf eine anständige Art bestatten zu lassen.
    Der Strom war von einem Gewitterregen in den Gebirgen zu einer
ausserordentlichen Höhe angeschwollen, und tobte in seinen Ufern strudelnd und
reissend dahin. Kein Schiffer wollte es wagen, einen Kahn durch die wilden
Fluten zu drängen - aber was wäre der Liebe und dem Golde unmöglich! Valeria
bestieg selbst einen Fischernachen, eine übermässige Belohnung verschafte ihr
ein Paar kühne Ruderer, sie zwangen den Kahn mitten durch die schäumende Flut,
und fanden bald unweit der Brücke unter den Gesträuchen des Ufers den teuren
Rest, den sie suchten. Valeria weinte nicht, als ihn die Schiffer vor sie hin in
den Kahn legten, kein Seufzer, keine Träne erleichterte ihren dumpfen Schmerz.
So blieb sie diesen und den folgenden Tag, bis die fromme Sorge einiger Christen
der verehrten Leiche alle Dienste, der Treue erwiesen hatte. In der Gegend
umher, die ziemlich flach ist, hatte Valeriens Liebe schon seit dem letzten
Gespräch mit ihrem Freund zu diesem Vorhaben eine schickliche geheime Stelle
gesucht und gefunden. Unfern von Laureacum erheben sich in Südwesten einige
kleine Hügel mit Laubwäldern bedeckt. Hinter einem derselben in einem stillen
Tale, an einer frischen Quelle, der einzigen, die diese wasserarmen Gefilde
netzt und erquickt, wollte sie sein verborgenes Grab machen lassen. Ihre Liebe
hatte sinnreich gewählt. An dem Ort, der allein Leben ausspendete, sollte das
Kostbarste verwahrt werden, das sie besass, von seiner Ruhestätte aus sollte sich
Segen verbreiten, und die fromme Dankbarkeit vielleicht einst in fernen
Jahrhunderten, wo so gern alle Geschichten die Gestalt der Fabel und des
Wunderbaren annehmen, diese einzige Quelle als ein Geschenk des verehrten Mannes
betrachten, der hier nach seinem heldenmütigen Tod Ruhe gefunden hatte.1
    Sie selbst begleitete die geliebte Hülle an den einsamen Ort. Hier begruben
ihn ihre Begleiter, trauernde Christen, unter frommen Gebeten und heiligen
Gefühlen. Als der Hügel erhöht, und ein einfaches Kreuz darauf gepflanzt, und
nun jede Spur der teuren Gestalt von der Erde verschwunden war, da brach
Valeriens gewaltsame Spannung, und ihre Kraft verliess sie. Mit einem lauten
Schrei sank sie ohnmächtig auf das Grab, keine Bemühung vermochte sie wieder zu
erwecken - man brachte sie bewusstlos nach Laureacum zurück. Eine tödtliche
Krankheit, die sie bald mit ihrem Freunde zu vereinigen versprach, stürzte ihre
Pflegeeltern und alle ihre Freunde in die tiefste Bekümmernis. Ihre Jugend
überwand endlich den Sturm, und sie genas langsam dem Körper nach. Ihr Herz wird
nie genesen.
    Sie ist viel bei uns, wir tun, was wir können - aber was vermag die treuste
Freundschaft gegen einen Schmerz, wie Valeriens? Ich bin überzeugt, Junia, dass
dies der grösste ist, den je ein menschliches Herz fühlen kann, ich war nahe
daran ihn zu empfinden, und ich glaube, oder eigentlich ich hoffe, ich würde ihn
nicht überleben. Lass mich abbrechen, es ist nicht gut, in einer Zeit, wo fremdes
Leiden unsre Tätigkeit, unsre Geisteskräfte auffordert, diese durch geträumte
Schmerzen und mögliche Schreckbilder zu lähmen. Leb' wohl.
 
                                    Fussnoten
1 Nicht weit von der Stelle, wo der Sage nach der Körper des h. Florianus
begraben worden, steht jetzt das Stift der regulirten Chorherren zu St. Florian
auf einem Hügel. An seinem Fusse entspringt jene Quelle, wirklich die einzige mit
frischem guten Wasser, in dieser sonst so fruchtbaren, aber wasserarmen Gegend.
Das Stift zeichnet sich durch äussere Schönheit der Bauart, durch eine treffliche
Verfassung, noch mehr aber durch sein würdiges Oberhaupt, den gegenwärtigen
Herrn Probst, einen eben so kenntnissreichen als edlen Mann, und durch viele
gelehrte schätzbare Mitglieder vor den meisten Stiftern in Oesterreich und
Deutschland sehr vorteilhaft aus.
 
                           94. Agatokles an Phocion.
                                                       Laureacum, im August 304.
Seit wir uns zu Aten auf meiner Hieherreise sahen, ist mein Leben eine
ununterbrochene Kette von eben so wichtigen als unangenehmen Geschäften gewesen.
Die wenigen Briefe, die ich dir senden konnte, werden dir schon ziemlich eine
Vorstellung von meinen Verhältnissen gegeben haben; so brauche ich dir nur zu
sagen, dass sie noch immer fortwähren, und dass ich nicht absehe, wann und wie sie
aufhören werden. Ich habe in diesen Gegenden für Constantin und meine
Glaubensgenossen viel zu sorgen, zu wirken und zu bereiten. Es kommt die Zeit,
sie ist vielleicht näher, als wir denken, wo grosse Entschlüsse reifen, Alles
umfassende Veränderungen eintreten, und die neue Form der Dinge ganz neue
Massregeln erfordern wird. Diocletian liegt noch krank in Salona, wo Constantin
seiner mit Achtung und kindlicher Sorge pflegt. Galerius verstärkt seine Macht
täglich auf geheimen und offenen Wegen. Es ist Constantin in seiner Lage nicht
möglich, das Gleiche zu tun, ohne Verdacht zu erregen, da er nur des Cäsars
Sohn, nicht wirklich Cäsar ist. Was geschehen kann, und unabänderlich geschehen
muss, wenn nicht alle Plane scheitern sollen, muss also teils in Geheim durch
ihn, teils durch seinen Vater geschehen. Es ist schon Vieles getan, aber noch
weit mehr zu tun übrig, und ich hoffe mit Zuversicht viel Gutes und Grosses für
die Menschheit von dem, was jetzt bereitet wird.
    Du zwar, mein geliebter Freund! wirst nicht ganz in unsere Plane einstimmen.
Deine Ansichten sind verschieden. Ich werde es nicht unternehmen, sie zu
bekämpfen, noch weniger sie unrichtig zu nennen, aber ich fühle mein Herz
erleichtert, wenn ich dir die Beweggründe, die mich handeln machen, genau
auseinanderlegen, und so mein Inneres dir, dem Lehrer und Leiter meiner Jugend,
unverhüllt zeigen kann.
    Du hast mir in deinem letzten Briefe zugegeben, dass Religion für die
Menschen überhaupt notwendig, und dass sie, weil der Mensch auch im rohesten
Zustand Spuren von übersinnlichen Begriffen zeigt, gewissermassen in seiner Natur
gegründet sei. Aber du liessest ihn, den unsichtbaren Urheber des Ganzen, den
Schleuderer des Blitzes, den Spender der Ernten nur mit dem Verstande aufsuchen
und finden, und bist überzeugt, dass jene Vermutungen, auf welche die
freiwirkende Vernunft des Menschen durch blosse Betrachtung der Natur führt,
folglich die blosse Idee eines höchsten Wesens und einer Fortdauer nach dem Tode,
hinreichend zur Sittlichkeit und Glückseligkeit des Menschen auf jeder Stufe der
Cultur sei.
    Ich will nichts davon sagen, dass bis jetzt weder die ältere noch neuere
Geschichte uns ein Beispiel eines, wenn auch noch so kleinen, Volkes aufstellt,
das sich mit dieser blossen Vernunft-Religion begnügt hätte! Ich bitte dich bloss
umherzusehen, und unter den Menschen, welche sich gesittet, gebildet, gelehrt
nennen, mit scharfer Prüfung diejenigen auszusondern, deren Seelen erhaben und
reich genug wären, um zum Guten und Schönen keines andern Antriebes, als der
heiligen Stimme in ihrer reinen Brust zu bedürfen. Wie klein wird diese Anzahl
sein! Und kann es wohl mehr als ein schöner Traum genannt werden, wenn wir
hoffen wollten, die ganze Menschheit einst auf einer hohen Stufe der Cultur zu
sehen? Würden nicht selbst in dieser mehr als platonischen Republik die Menschen
noch immer dem Irrtum der Sinne, den Grübeleien, den Täuschungen der Vernunft
unterworfen, dem Einfluss und der Gewalt der Elemente, der Naturwirkungen hülflos
bloss gestellt sein? Was können spitzfindige Systeme gegen die Macht des
Unglücks? Was vermag die so oft irrende Vernunft, die über die wichtigsten
Punkte nichts als Vermutungen hat, gegen die furchtbare Gewalt des nagenden
Zweifels, wenn er einmal angefangen hat, die Grundfesten unserer Ruhe zu
untergraben? O Phocion! Denke deinem Schicksale nach - meine Hand würde zittern,
wenn ich jene alten, vielleicht jetzt nicht ganz geheilten Wunden berühren
sollte - denke deinem Schicksale nach, und wenn du wünschest, dass das
Menschengeschlecht nur durch Vernunft zu fester Ruhe und Sittlichkeit gelange,
so erinnere dich jener Stunden, in welchen die Hand des Geschicks schwer auf
deinem Herzen lag, dies Herz durch keine Vernunftgründe sich vor stechenden
Zweifeln schützen konnte, und alle Systeme der Philosophen, die dein
vielgebildeter Geist sich gegenwärtig hielt, nicht hinreichen, dir Beruhigung zu
verschaffen, weil eben dein hoher Geist ihre Lücken und Blössen schmerzlich in
diesem Augenblick erkannte.
    Nein, Phocion, es ist nicht möglich! Diesem vielgestaltigen, jeder Täuschung
unterworfenen, jeder Form sich anschmiegenden Wesen kann die Vorsicht unsere
Ruhe, unser Glück nicht allein anvertraut haben. Denke an die erst genannten
Secten, deren jede nachfolgende die vorhergehenden aufzuheben, und Alles, was
vergangne Alter mit Mühe ersannen und für wahr hielten, Lügen zu strafen
scheint; denke an die Versammlungen des Senats, an jede noch so kleine
Verbindung mehrerer Menschen, wo jeder mit gleich starken Gründen den Satz
verteidigt, der ihm wahr und ausgemacht ist, und jeder sich rühmt, die Vernunft
auf seiner Seite zu haben! Sollte es wirklich diese vielgetäuschte und
vieltäuschende Erkenntnis sein, in der wir Alles suchen und finden müssen, was
wir zu unserer Beruhigung so notwendig bedürfen?
    O nein, Phocion, es muss etwas Anderes sein, Etwas, das in allen Menschen
gleich ist, das in dem wilden Goten, wie in dem weichlichen Bewohner Asiens, in
einem Caligula, wie in einem Sokrates liegt, und nur durch Clima, Erziehung und
Gewohnheit gestimmt, sich stärker oder schwächer äussert - das Gemüt, das, was
wir mit einem metaphorischen Ausdrucke das Herz, den Sitz aller Empfindung,
alles Willens, des innersten Lebens nennen! Hierin sind alle Sterblichen gleich.
Alle fliehen sie den Schmerz, Alle suchen sie die Lust, sie mögen sie nun
setzen, in was sie wollen; Alle streben glücklich, ruhig zu sein, wie das Wasser
aus jeder Störung durch jedes Hindernis nach seiner horizontalen Lage strebt -
Alle hassen, Alle lieben auf gleiche Art, nur verborgener oder offenbarer,
stärker oder schwächer, je nachdem Sitte oder Wildheit, Unschuld oder
Verstellung ihrem Gefühl Schranken auferlegt, und in das Herz, in das Gemüt des
Menschen hat der Schöpfer die Religion gelegt. Mit dem Gemüte sollen wir ihn
suchen, und mit festem Glauben ergreifen, wenn er sich uns durch sinnliche und
übersinnliche Wege offenbart. Die Vernunft soll nur dazu dienen, das, was jene
geheimen Stimmen sagten, durch ihre kalten Erfahrungen zu bestätigen. So ist
unser Glaube an Unsterblichkeit, an einen allweisen Schöpfer des Ganzen, an
seine nie schlummernde Vatersorge, an eine künftige Vergeltung, an eine
allgemeine Brüderschaft des ganzen Menschengeschlechts nicht bloss Resultat
grübelnder Untersuchungen und kalter Schlüsse; es ist ein lebendiger Glaube,
eine feste Ueberzeugung, die keine neuerfundene Teorie wankend machen kann,
denn sie ist aus mehr als menschlichen Quellen geflossen, und in dem Ewigen und
Heiligen unserer Brust niedergelegt.
    Wenn jetzt der Frühling dem Christen in der rings erwachenden Natur das
wiederkehrende Leben zeigt, wie Alles neu entsteht, und vom Winterschlafe sich
fröhlich losringt, dann lockt ihn nicht gereizte Sinnlichkeit, nur überall den
Trieb der Liebe zu suchen und zu erkennen, er feiert keine Nachtfeier der Venus1
mit üppigen Gesängen und Tänzen. Ihm ersteht die todte Natur in neues Leben, ihm
keimt Unsterblichkeit aus dem Grabe, ihm erhebt sie sich in der Person seines
göttlichen Meisters und Lehrers mit dem Strahl der Morgensonne siegreich aus der
umschliessenden Felsengruft. So belebt jeder kommende Frühling mit neuer Kraft
die hohe Zuversicht in seiner Brust, und durch sinnliche Wahrnehmungen und
vernünftige Schlüsse wird der Glaube in ihm fest und unerschütterlich.
    Ich könnte dir in unsern übrigen Glaubenssätzen, in unsern Offenbarungen
noch mehr Beispiele dieser Art liefern, wenn eine solche Auseinandersetzung
nicht für einen Brief zu weitläufig würde. Kann es mir auch nicht gelingen, dich
ganz zu überzeugen, so wünsche ich doch, dir meine Handlungsweise und die
Gründe, die mich dazu bewegen, in einem solchen Lichte zu zeigen, dass du
bekennen müsstest, mein Ziel sei würdig des Strebens, und dass deine Freundschaft,
wenn ich vielleicht unter diesen Bestrebungen erliegen sollte, mir einst das
Zeugnis gebe: sein Wille war gut. Leb' wohl.
 
                                    Fussnoten
1 Die Nachtfeier der Venus des Catull wird nach Bürgers Uebersetzung wohl den
Meisten bekannt sein.
 
                          95. Valeria an Teophanien.
                                                         Byzanz, im October 304.
Man hat mich von deiner Seite gerissen, von dem einzigen Herzen, das auf dieser
Welt noch für mich empfindet, um mich in die Arme meines Vaters zu führen, den
ich nie gesehen, und seit ich denken kann, nur aus den Wirkungen seiner Macht,
und den Eingriffen in meine Wünsche kennen gelernt habe.
    Ich schreibe dir in einem Augenblick der höchsten Bewegung. Der Kaiser ist
von seinem langen Aufentalte in Salona, wo sich seine Kräfte nur wenig erholt
haben, endlich gestern nach einer langsamen Reise hier angekommen. Mich hat man,
um ihn hier zu erwarten, von dem Orte weggeschleppt, wo sich Alles befindet, was
über und unter der Erde noch Wert für mich hat.
    Morgen soll ich ihm vorgestellt werden. Ein ängstliches Gemisch streitender
Empfindungen wühlt in meiner Brust. Ach, darf ich es dir gestehen, dass Abneigung
und Furcht am hellsten aus dem verworrenen Haufen hervortreten?
    Warum hat man mich nicht in der glücklichen Dunkelheit gelassen, in der ich
lebte! Heimatliche Insel! Ihr frischgrünenden Fluren, ihr hallenden Bäche, ihr
duftigen Nebelgestalten! Warum hat man mich von Euch getrennt? Ach dort, wo es
so trüb war, war ich so glücklich! Was soll mir die Pracht der Kaisertochter,
was der blendende Glanz des Mittags? Dortin will ich, dortin, wo der düstre
Himmel über unermesslichen Waldungen schwebt, wo eine lichte Gestalt einst diese
trübe Natur zum Paradies um mich her verklärte, in das einfache Haus, das seine
Gegenwart zum Tempel weihte, dortin, wo ich geliebt ward, und wieder unendlich
liebte, wo meine Seele an seinen Lippen hing, mein Geist, dem Körper entflohen,
nur in seinen Gedanken und Gefühlen sich empfand! Oder lasst mich an dem waldigen
Hügel bleiben, wo er unter grünem Nasen schläft! Da ist jetzt mein Vaterland,
und sonst auf der weiten Erde keine Heimat mehr für mich.
    Ach, Teophania, ich war einst sehr glücklich! Kein Mensch kann sich einen
Begriff von jener stillen Seligkeit machen. Alles in mir war Harmonie, Friede,
Genuss. Du verstehst mich, im Arm deines Agatokles fühlst du mir nach, was ich
nicht zu erklären vermag - fühlst es mir doch nicht nach - denn Agatokles war
nicht dein Lehrer. Alles, was du bist, ist nicht sein Werk - nicht sein Mund
entüllte dir die Geheimnisse der Seligkeit, nicht sein Geist schloss die Welt
und den Himmel vor dir auf! Und nun! - -
    Leb' wohl, Teophania! Ich habe nach diesem Nun nichts mehr hinzuzusetzen,
denn ich habe nichts mehr zu denken, zu hoffen. Mein Leben, mein ganzes Wesen
hat mit ihm aufgehört.
                                                               Zwei Tage später.
Die gefürchtete Stunde ist vorüber, und ich atme freier. O Natur und Religion!
Welche Macht der Erde gleicht eurer siegenden Gewalt! Vater! Verzeih ihnen, denn
sie wissen nicht, was sie tun! Einst, als ich an Florianus Seite sitzend aus
seinem Munde die Erzählung des Versöhnungstodes vernahm, als sein strahlendes
Auge Flammen in meiner Seele entzündete, seine stolze Haltung mich
unwillkührlich emporzog, er nun mit einer Stimme der edelsten Begeisterung diese
Worte des sterbenden Gottmenschen aussprach, und sein ganzes Wesen so deutlich
sagte: Auch ich kann so verzeihen - ach, da sprang ich bebend vor Liebe und
Andacht auf, und wollte an seine Brust sinken; aber ein scheues Gefühl hielt
mich zurück, ich ergriff seine Hand und drückte sie an meine Lippen, an mein
Herz. Er verstand mich - o welch' ein Augenblick war dies!
    Vorgestern Abends rang ich im heissen Gebet um Kraft zu der bevorstehenden
Prüfung, um Geduld und ein kindliches Herz. Müde und weinend schlief ich endlich
sehr spät gegen den Morgen ein. Ein lieblicher Traum kam, meine nassen Augen zu
trocknen. Ich sah ihn - so hell, so lebendig, wie ich ihn noch nie in meinen
Träumen, in denen sein Bild so oft erscheint, gesehen hatte. Ein seltsames
Gefühl bewegte mich. Das Bewusstsein, dass er todt war, und die Ueberzeugung, ihn
dennoch vor mir zu sehen, ein geheimes Grauen, und eine unaussprechlich
wehmütige Freude ergriffen wechselweise mein Herz. Ich eilte in seine Arme, und
bebte vor dem Gedanken, nur ein Schattenbild zu umarmen. Aber es war kein
Schatten, er war es wirklich. Er schloss mich an seine Brust, ich fühlte das
Klopfen seines Herzens. Da erhob er die Linke feierlich, und sagte mit seiner
schönen Stimme, deren Klang so tief in meiner Seele liegt: Vater! Verzeih ihnen,
denn sie wissen nicht, was sie tun. Da blickte ich ihn an und sah sein Gesicht
in hoher Verklärung strahlen, allmählig wurde es zu lauter Schimmer - ich
wollte, von Grauen und Seligkeit überwältigt, vor ihm niedersinken, und
erwachte. Noch lange bebte in meiner wunderbar bewegten Brust der Eindruck des
Traumgesichtes nach, und meine Tränen flossen heftig und schmerzlich um den
entrissenen Freund, bis mir plötzlich die Bestimmung des kommenden Tages
einfiel, und der furchtbare Mann, der mein Vater hiess, und Alles, was ich durch
ihn gelitten hatte, was ich noch leiden würde. Da erklang Florianus Stimme
wieder in meinem Innersten: Vater! Verzeih ihnen, denn sie wissen nicht, was sie
tun. Auf ein Mal fiel es mir wie ein Schleier von den Augen, auf ein Mal war
ich wie verwandelt. Ich konnte verzeihen, ich konnte entschuldigen, ich fühlte,
dass ich sogar würde lieben können, wo ich bis jetzt nur gezittert hatte. Der
Kaiser kannte ja mein stilles Verhältnis nicht, als er mich aus Britannien
wegführen liess, er hat es gut mit mir gemeint, mich nach seinem Begriffe
glücklich machen wollen. Ach, es gibt so wenig Menschen, die glücklich zu machen
verstehen, so wenig, die es über sich gewinnen können, jene, die sie lieben,
nach ihrer Weise froh werden zu lassen! Der Mensch nimmt so gern seine Wünsche
zum Massstab für die übrige Welt - und wie klein, wie unbedeutend müsste dem
Augustus, selbst, wenn er sie gekannt hätte, die Liebesangelegenheit eines
jungen Mädchens vorkommen, ihm, der das Wohl und Weh der ganzen Welt in seinem
Herzen trägt! So dachte ich, oder vielmehr, so entwickelte der Engel, der mir
auf Erden in einer teuren Gestalt erschienen war, der jetzt im Traum vor mir
gestanden, und die bedeutenden Worte gesprochen hatte, die Gedankenreihe in
meiner Seele. Ja, Teophania! Es war mein Schutzgeist! Um mich den Weg des Heils
zu leiten, nahm er einst die schöne Bildung meines Freundes an, und ist jetzt
wieder in den Himmel zurückgekehrt, wo ich ihn finden werde, wenn ich seiner
würdig bleibe. O Teophania! Lass mir den süssen Glauben - er hält mich aufrecht!
    Mir ward leichter um's Herz, nachdem jene Ideen und Empfindungen in mir klar
geworden waren. Mit ergebener Fassung, ja sogar mit einer Art von angenehmer
Erwartung, den zu sehen, an den mich so heilige Bande knüpften, liess ich mich
mit all' dem Geschmeide belasten, das mein Vater mir gesandt hatte, und folgte
meinem Führer in den Palast.
    In der Einsamkeit und Einfachheit meiner Kindheit, fern von Allem, was mir
richtige Begriffe von dem Leben und Wesen der Grossen dieser Erde hätte geben
können, standen ihre Bilder, wenn ich sie mir dachte, in beinahe
übermenschlicher Hoheit und Glanz vor mir. Als späterhin mein Schicksal von dem
Ersten unter ihnen so unsanft berührt, und in den wilden Wirbel der Welt gezogen
worden war, da gesellte sich ein Schein von Furchtbarkeit zu jenen riesenhaften
Gestalten, und die Herren der Erde erschienen mir mit den Zügen unerbittlicher,
strenger Richter. O meine Liebe! Wie so ganz verschieden fand ich die Wahrheit
von diesen Bildern meiner Phantasie! In einem Lehnstuhl sass oder lag vielmehr
ein kranker abgezehrter Greis, dessen Blick und Haltung eher Alles, als den
Gebieter von Myriaden verkündigte. Freilich umhüllte ein Purpurgewand diese
zitternden Glieder, aber es schien mit seiner Pracht und jugendlichen Farbe nur
dieses Alters, dieser Hinfälligkeit zu spotten. Ist das der Herr der Erde?
dachte ich. O Vorsicht! Was sind die Könige vor deinem Tron! Mich bewegte eine
seltsame Empfindung, sie war nicht mehr Furcht, sie war dem Mitleid verwandt,
und so trat ich ein paar Schritte näher. Da streckte er mir die Hand entgegen,
und richtete sich, von Zweien seines Gefolges unterstützt, mühsam auf. Komm,
mein Kind! sagte er: komm näher, dass ich dich recht ansehe. Der leise gütige Ton
der väterlichen Stimme, die ich jetzt zum ersten Mal hörte, überwältigte jeden
Rest von Scheu, ich eilte hinzu, sank vor ihm nieder, und drückte die zitternde
Vaterhand fest an meine Lippen, an mein Herz. Ich war zu bewegt, um zu sprechen,
und auch mein Vater schien erschüttert. Bald aber fasste er sich wieder, hiess
mich aufstehen, und betrachtete mich genau, indem er meine Züge mit einem Bilde
verglich, das ihm ein sehr schöner junger Mann, dessen Gesicht ganz allein unter
allen, die ich hier sah, einen freundlichen Eindruck auf mich machte, von einem
Tische herüber gelangt hatte. Ach, es war wahrscheinlich das Bild meiner nie
gekannten Mutter! Der Gedanke ergriff mich sehr, und ich fing an zu weinen. Da
winkte mir einer der glänzenden Herren, und ich verstand, dass ich mich bezwingen
sollte, weil allzugrosse Rührung dem Kranken schädlich sein konnte. Ich musste
also im ersten Augenblick der Ergiessung mein volles Herz verschliessen, und meine
Tränen verschlingen. Ach, da offenbarte sich der Fluch, der auf Macht und
Hoheit liegt, an mir. Ich begann, in meine alten Gedanken zurückzusinken, als
mein Vater das Bild bei Seite legte, und mich sehr liebreich über allerlei
Umstände meines früheren Lebens befragte, auch mit einer Schonung, für die ich
ihm ewig danken werde, Alles vermied, was mich an mein grösstes Unglück erinnern
konnte. Endlich stellte er mir mit einem bedeutenden aber nicht strengen Blick,
den schönen jungen Mann, als meinen Landsmann - Constantin vor. Ach, ich hatte
es dunkel geahnet, als ich ihn sah, ich hatte wenigstens gewünscht, ihn so zu
finden. Nun ward mir viel leichter. Ich hatte nebst meinem teuren Vater noch
ein Herz in dieser freudenlosen Welt gefunden, das Teil an mir nahm, mich
verstand, und über das, was mir allein wichtig ist, gleich mit mir dachte.
    So endigte der erste Besuch viel besser, als ich gehofft hatte; ich soll
nun, so gebeut es mein Vater, ihn täglich besuchen, so lange er in Byzanz
bleibt, dann mit ihm nach Nikomedien gehen, und ihn nie wieder verlassen.
    Leb' wohl, Teophania! Ich muss mich bereiten, am Hofe zu erscheinen. Einer
Kaisertochter wird es nicht so gut, wie der Tochter des gemeinsten Handwerkers,
dass sie ihrem Vater unvorbereitet, und mit ihrem alltäglichen Anzuge, an die
Brust fliegen könnte.
 
                         96. Constantin an Agatokles.
                                                        Nikomedien, im März 305.
Nach einer sehr langsamen, und sehr unangenehmen Reise bin ich endlich vor
einigen Wochen mit dem Augustus hier eingetroffen. Sein Zustand ist bedenklich,
obwohl für den jetzigen Augenblick ohne Gefahr. Die Aerzte oder vielmehr sein
Leibarzt, der durch sie spricht, derselbe, den ihm Galerius überlassen hat,
erklären, dass nur Entfernung von allen Geschäften, wenigstens auf einige Zeit,
nur vollkommene Ruhe seine ganz zerrüttete Gesundheit wieder herstellen kann. Ob
sie in der Tiefe ihrer Kunst, oder in der Politik des Galerius diese Kunde
geschöpft haben, entscheide ich nicht. Dieser, der uns von Syrmium auf dem Fusse
hierher gefolgt ist, um keinen Augenblick zu versäumen, und überall selbst
gegenwärtig zu sein, steigert seinen Ton und sein Betragen an Bestimmteit und
Hoheit mit jeder schlimmen Nachricht von des Augustus Befinden, und zwischen den
Höfen von Nikomedien und Mailand waltet ein ununterbrochener Briefwechsel.
    Nicht umsonst wird Salona, wie ich mich selbst überzeugt habe, mit
kaiserlicher Pracht erbaut und eingerichtet. Es ist ein äusserst lieblicher
Aufentalt, reizend zwischen sanften Hügeln und dem Meer, in der schönsten
Gegend von Dalmatien gelegen. Diocletian schien mit auffallender Vorliebe und
allem Eifer, den ihm seine Schwachheit übrig liess, die Vollendung dieses Baues
zu betreiben, der so ganz das Gepräge einer stillen Freistatt nach den Stürmen
und Mühseligkeiten eines tatenvollen Lebens trägt. Ich sehe im Geiste Alles
vor, es ist, als ob eine geheime Stimme mir es zuflisterte. Freiwillig oder
halbgezwungen, aus Philosophie, oder um das untergehende Gestirn dem bösen
Einfluss des gewaltsam empordringenden zu entziehen, wird Diocletian die Zügel
der Regierung niederlegen, Galerius - Augustus heissen, und wie Diocletian, Herr
der Welt sein wollen. Auch spricht man am Hofe und in der Stadt zu viel, zu
allgemein, zu laut von dieser wahrscheinlichen Zukunft, als dass dies Gerücht
bloss der aufgetriebene Schaum des Müssigganges und der Langeweile sein sollte,
die schon so manches Gerede erzeugt haben. Heimliche Boten sind ausgesendet, um
im Gespräch gleichsam zufällig die Nachricht zu verbreiten, und die Welt auf das
seltsam wichtige Schauspiel vorzubereiten. Man erwartet das jüngst kaum
Geglaubte, das halb Unmögliche, fast schon als gewiss. Der Ehrgeiz, die
Ruhmsucht, der Eigennutz in seinen innersten Tiefen durch neue Hoffnungen,
Besorgnisse und Aussichten geweckt, kommt in gährende Bewegung, die Neugierde
zermartert sich in Vermutungen und Erwartungen, und der müssige Pöbel des Hofes
und der Stadt sieht mit gespannter Aufmerksamkeit dem grossen Ereignis, wie einem
interessanten Schauspiel, entgegen, von dem er sich Zerstreuung und Zeitkürzung
erwartet. So stehen die Sachen hier. Seit dem diese Gerüchte anfangen laut zu
werden, und vom Hofe aus ihnen Niemand widerspricht, handelt und befiehlt
Galerius als Einer, der bald allein zu handeln und zu befehlen haben wird. Er
möchte sich doch verrechnet haben. Der Titel eines morgenländischen Augustus
entält noch nicht den Titel des Herrschers der Welt, nicht jeder Augustus ist
ein Diocletian, und gerechte Ansprüche zu sichern, und von ihnen geleitet und
geschützt so weit zu gehen, als Sterblichen möglich ist, ist der hohe Beruf, den
die Natur in manche Seelen legte, und den zu überhören, sie eben so unwürdig als
unmöglich dünken würde.
    Was mein Vater für mich im Stillen bereitet hat, was mir aus jenen Gegenden
droht, und was ich dort durch seine und deine rastlose Sorge und Anstrengungen
zu hoffen habe, habe ich teils durch deine geheimen Briefe, die mir der treue
Vipsanius aus Laureacum brachte, teils durch die mündlichen Nachrichten
erfahren, die mir die edle Valeria, als das letzte Vermächtnis ihres und meines
sterbenden Freundes, mitgeteilt hat. Ich habe sie in Byzanz gesehen, und auf
den ersten Blick die Landsmännin in ihr erkannt. Solche schlanke weisse
Gestalten, so gelbes Haar, so dunkelblaue Augen erzeugt nur Britanniens lieblich
düsterer Himmel. Sie ist sehr unglücklich. Eine ihrer ersten Bitten an mich, dem
sie als einem Bruder sich mit schöner Zuversicht offen nahte, war, wenn sie
stürbe, ihre Ueberreste nach Laureacum zu senden, und sie an unsers verehrten
Lehrers Seite begraben zu lassen. Sie scheint nur Raum für diesen Gedanken zu
haben, und in ihm allen Trost zu finden, dessen ihre Lage fähig ist. Schmerzlich
hatte ihr Anblick, ihr Gespräch jene alten Wunden wieder in mir erneuert, ihr
Umgang mich weich und wehmütig gestimmt, und ich fand es bald nötig, meine
Einbildungskraft mit Gewalt von diesen Bildern abzuziehen, deren lähmende
Wirkung ich mit Verdruss in meiner Empfindungs-und Handlungsweise empfand. Die
hiesigen Angelegenheiten boten mir bald würdige Gegenstände, und Valeria, die
ich übrigens so sehr achte, als es ihre Vorzüge und ihr Unglück verdienen, wird
mich, wie ich hoffe, nicht verkennen, und nicht glauben, dass das Andenken unsers
verklärten Freundes darum in meiner Seele schwächer fortlebt, weil ich selten
und mit mehr Ruhe, als sie vermag, von ihm spreche.
    So wie es scheint, haben ihr wirklich grosser Reiz und ihre sanften Tugenden
das Herz ihres Vaters ganz gewonnen; man sagt, er denke sie in seine Einsamkeit
mit zu nehmen, und habe sie deswegen schon vor einem halben Jahre zu sich kommen
lassen, und als seine Tochter anerkannt. Ein neuer Beweis, dass der Plan, dem
Trone zu entsagen, schon lange in seiner Seele gelegen, und er Alles geheim und
langsam dazu vorbereitet hat. So handelt der kluge, der vorsichtige Mann, und
gibt uns ein nachahmungswürdiges Beispiel. Auch wir sollen langsam und geheim
bereiten, was der entscheidende Augenblick plötzlich in seiner ganzen Grösse und
Vollendung der erstaunten Welt entüllen muss. Hindernisse spornen den Eifer, und
wichtige Gegner lehren uns unsre Blicke schärfen, und alle Kräfte anstrengen, in
deren lebendiger Tätigkeit dem rüstigen starken Mann erst recht wohl wird.
Galerius ist auch tätig, ich weiss es wohl, aber jeder Augenblick wird zeigen,
wer sichere, und bessere Massregeln genommen hat.
    Sende mir das nächste Mal Nachricht, wie es mit den Legionen steht, die mein
Vater in Britannien bei sich hat. In Gallien sind mehrere Legionen, teils
Römer, teils Eingeborne zerstreut, auf deren Treue ziemlich sicher zu zählen
ist, und die sich, wenn es nötig ist, leicht versammeln lassen. Es muss auf
Alles gedacht, nichts dem Zufalle überlassen, und auf den schlimmsten Fall uns
ein würdiger Rückzug gedeckt sein, der keiner Flucht gleiche, und uns nur die
Musse verschaffe, mit erneuerter Kraft einst wieder hervorzutreten. Auch in
Italien habe ich meine Zeit nicht vergebens zugebracht. Unter Maximians Augen in
seinen Provinzen wird, ohne dass er es ahnet, an dem Plane gearbeitet, dessen
Vollendung den Erdkreis neu gestalten soll. Der römische Senat hat längst
aufgehört zu sein, in dem Sinne, in welchem ihn einst die versammelten Vater und
der staunende Erdkreis kannten. Warum sollen wir aus altem Wahn, oder unzeitiger
Schonung eine Form behalten, die längst nichts mehr als eine leere Hülle ist,
aus der der Geist entfloh? Der römische Staat ist reif zur Wiedergeburt; so
werde er wiedergeboren, und eine neue Aera1 beginne für die erneuerte Welt.
    Vor allen Dingen ist es nötig, um jede Wurzel des Alten zu vertilgen, dass
der Sitz des Reichs an eine neue Stelle komme. Dein Vorschlag wegen Byzanz
scheint mir sehr klug und ausführbar. Ich habe an Ort und Stelle Alles überlegt
und bedacht, was du mir früher schriebst. Wie gar kein anderer Punkt in der Welt
eignet sich dieser zur Hauptstadt des Ganzen, hier, wo zwei Erdteile einander
berühren, und das freie Meer ein unmittelbares Verkehr mit dem Dritten eröffnet.
Aber - Eine Hauptstadt - Ein Reich - Ein Herrscher - Ein Gott!
    Ganz neu muss Alles werden, und von dem Alten auch keine Spur mehr übrig
bleiben, die zur Vergleichung mit Ehemals oder zum Schlupfwinkel für
Widerspenstige dienen könne. Erstaunt und betäubt sollen sie sich zuerst in der
neuen Schöpfung umsehen, und dann, bis sie sich erholt haben, wird die neue
Ordnung ihnen nicht mehr fremd sein. Nur so kann man hoffen, den Keim alles
alten Unglücks, das Schwankende der Verfassung, und die tausend Missverhältnisse
einer geteilten Gewalt zu heben.
    Wenn dann die alte Regierungsform mit kühner Hand zerschlagen ist, folgen
ihr die zertrümmerten Götzenbilder und Altäre, und ein neuer würdiger Cultus
erhebe sich über der gereinigten Erde.
    So steht das Bild vor mir, gross, erhaben, und alle Kräfte aufzubieten, die
mir zu Gebote stehen, ist mir nicht allein Freude, ist, wie ich glaube, Pflicht,
vom Schöpfer mir auferlegt, der mit diesen Kräften mir auch den Beruf zu diesem
Werke gab. Leb' wohl!
 
                                    Fussnoten
1 Zeitrechnung.
 
                          97. Tiridates an Constantin.
                                                             Amida, im März 305.
Die wichtigen Ereignisse, die sich bei Euch in Nikomedien zubereiten, und die
noch wichtigeren Folgen, die daraus entspringen können, haben mich bestimmt,
nach Bitynien zu gehen, wo ich in ungefähr acht Tagen einzutreffen hoffe. Die
Gunst und die Macht des Cäsar Galerius hat bisher meine Rechte unterstützt und
aufrecht erhalten; es kann sein, dass der künftige Augustus dieselben Gesinnungen
beibehält, aber es kann auch sein, dass Politik oder Laune ihn umstimmen, und so
glaube ich, dass es auf jeden Fall gut ist, bei der wichtigen Catastrophe
gegenwärtig zu sein. Dir, mein Constantin, brauche ich die unbestreitbaren
Ansprüche eines eingebornen Fürsten auf den Tron seiner Voreltern nicht an's
Herz zu legen. Nicht bloss deine Gesinnungen gegen mich, auch deine Denkart im
Allgemeinen bürgt mir dafür, dass du sie jederzeit ehren und anerkennen wirst;
und so kann ich auch, ohne den Vorwurf der Heuchelei zu verdienen, dich
versichern, dass ich es für eine sehr günstige Wendung des Schicksals ansehen
würde, wenn es dich bei den bevorstehenden Veränderungen an einen Platz stellen
möchte, auf dem dein gerechter Sinn, deine Klugheit und Kraft, die Macht des
römischen Staates aufrecht erhalten, und die Ruhe der letzten zwanzig Jahre
fortsetzen kann.
    Meine Calpurnia war sehr vergnügt, als ich ihr meinen Entschluss mitteilte.
Die Aussicht, ihren Vater, ihren Bruder, so viel werte Freunde wieder zu sehen,
erfüllte sie mit so reger Munterkeit und Tätigkeit, dass sie selbst unter ihren
Augen alle Anstalten zur Abreise treffen liess. Wir sind in Amida, wie du aus der
Ueberschrift des Briefs gesehen hast, und folglich an der Grenze des Reichs.
Sobald Calpurnia und mein Sohn, den ich mitbringe, sich in etwas von den
Beschwerden einer schnellen Reise erholt haben werden, setzen wir sie
ununterbrochen fort, und denken in wenig Tagen dir mündlich zu sagen, wie sehr
wir Beide dich lieben und schätzen. Leb' wohl!
 
                         98. Agatokles an Constantin.
                                                         Laureacum, im März 305.
Ein sehr verlässlicher Bote bringt dir diesen Brief, er entält die näheren
Angaben von Allem dem, was du zu wissen verlangst, und was dein Vater dir melden
lässt. Alles ist bereit, der Legionen in Gallien, Spanien und Britannien bist du
durch deinen Vater sicher, hier in Noricum, durch Pannonien und ganz Dacien ist
so viel geschehen, als möglich war, und du wirst mit mir zufrieden sein. Die
Christen, die sich unter ihnen befinden, bindet Religion und gerechter Hass gegen
ihren Verfolger Galerius an dich, die übrigen zieht das Beispiel der grössern
Anzahl und mehr noch die Zuversicht auf den jungen mutigen Führer dir nach,
dessen Heldentaten die Fama von Carrhäs Gefilden, und aus den Gebirgen von
Armenien bis hierher geschäftig trug. Sobald Diocletian den Purpur ablegt, und
Maximian, wie es allgemein heisst, zu einem gleichen Schritte bewegt oder zwingt,
sind dein Vater und Galerius Augustus, und du der Sohn des abendländischen, sein
geborner, berufener, würdiger Cäsar. Mag Galerius sich in den Morgenländern,
oder unter den illyrischen Bauern1 einen Nachfolger wählen, du hast ihn nicht zu
fürchten. Der Geist der Zeit, der sich allmählig vom Heidentume zu einer
vernünftigen Religion hinüber neigt, ist auf deiner Seite, er kämpft mit deinen
Schaaren, er zieht die Menschheit in dein Interesse, und vergebens stemmt die
alte morsche Form sich das letzte Mal gegen die siegende Gewalt des bessern
Neuen. Ja, er wird ausgeführt werden der schöne grosse Plan, den wir in stillen
Stunden der Begeisterung entworfen; stolz blickt mein Geist auf den Anteil hin,
den meine Anstrengung, meine Tätigkeit daran hatte, und nichts - gar nichts auf
der Welt würde mir zu kostbar sein, um es nicht mit Freuden für die Sicherung
desselben hinzugeben.
    Seit ich den edlen Florianus sterben sah, schwebt das Bild - nicht der
Marterkrone im gewöhnlichen Sinn, wie es oft übelverstandner Eifer und falscher
Religionsbegriff sich ausmalt - nein, eines freiwilligen Todes zum Besten der
Menschheit, zur Sicherstellung und Ausführung eines grossen, beglückenden Werkes
mit schimmerndem Glanz vor meiner Seele.
    Wie ich meine Teophania liebe, was sie mir ist, weisst du, und was ein Sohn,
vom ihr geboren, meinem Herzen sein kann, welche Begriffe ich von meinen
Vaterpflichten habe, kannst du dir denken, ohne dass ich nutzlose Worte
verschwende. Mein ganzes Erdenglück ruht auf ihnen; so lange ich sie besitze,
bin ich sicher, in jeder Lage glücklich zu sein, ohne sie ist keine Macht der
Welt, keine Hoheit, keine Gewalt vermögend, mein Herz auch nur einen Augenblick
zu rühren. Dennoch - ich habe mich geprüft, strenge, oft - in der Einsamkeit,
und wenn ich sie in meinen Armen hielt - es gibt ein höheres, ein grösseres Gut,
um dessentwillen ich auch ihnen entsagen könnte! Vielleicht traue ich mir zu
viel zu, und fern sei der Frevel von mir, das Schicksal auf diesen blutigen
Kampf herauszufordern; aber ich glaube, ich würde Kraft haben, sie zu opfern,
wenn ich mit Ueberzeugung die Notwendigkeit davon einsähe. Ich glaube - aber
ich bete, Constantin! dass mich die Vorsicht nicht auf diese schreckliche Probe
setze - mein Herz würde durch ihren Verlust eher brechen, als durch den
Todesstreich.
    Ich darf keinen dieser Gedanken laut werden lassen, Teophaniens zarte Seele
hat in jener Zeit, wo Florianus Tod uns Alle weich und finster stimmte, nur zu
viel in der meinigen gelesen. Sie versteht mich so ganz, dass es keines Wortes,
keiner noch so leisen Äusserung bedarf, um Alles zu wissen, was in mir vorgeht.
Ja, aus Einem Stoffe, aus denselben Fäden sind unsre Herzen gewoben, und keiner
kann in dem Einen erschüttert werden, ohne dass sie alle in dem Andern mit beben.
Das macht jetzt unser höchstes Glück, und macht vielleicht einst das Unglück
desjenigen, dem die Vorsicht ein längeres Leben bestimmt.
    Du, mein Constantin, bist glücklich oder weise genug, nichts von diesen
Gefühlen zu wissen. Zu einem andern Zwecke bestimmt, hat dich der Schöpfer mit
andern Gaben ausgerüstet, auf einen andern Platz gestellt, den du würdig und
allgemein beglückend behaupten wirst. Das ist mir entschieden gewiss, und so darf
ich dir nichts empfehlen, als was eben grösseren Gemütern oft so nötig ist,
Vorsicht, und kluge Schätzung möglicher Gefahren. Sollte der Augustus den
entscheidenden Schritt wirklich tun, dann bedenke, dass dein alter Feind
unumschränkter Herr in jenen Gegenden wird, dass du sein erster, aber immer sein
Untertan bist, und was dem freisteht, der mit der höchsten Gewalt zügellose
Rachbegierde und offene Verachtung alles desjenigen verbindet, was dem Menschen
teuer und heilig ist. Sichre dir eine schnelle Flucht, und bestimme über mich
und Alles, was mein ist, zur Ausführung jedes deiner Plane. Leb' wohl.
 
                                    Fussnoten
1 Diocletian und Maximian waren ihrer Herkunft nach Illyrische Bauern, wie denn
überhaupt sehr viele Kaiser jener Zeit aus den untersten Ständen waren.
 
                         99. Constantin an Agatokles.
                                                        Nikomedien, im März 305.
Es ist entschieden. Diocletian legt den Purpur ab. Was hier noch vorgefallen
ist, um ihm diesen Entschluss, der vielleicht bei zunehmender Krankheit seit
längerer Zeit in seiner Seele lag, so schnell, so plötzlich zu entreissen, vermag
Niemand mit Gewissheit zu bestimmen. Galerius hat viele - lange, und öfters
heftige Unterredungen mit ihm gehabt. Genug, der erste Mai ist zu dem feierlich
ernsten verhängnisvollen Schauspiel bestimmt. Von allen Seiten zieht Neugier,
Erwartung, Furcht und Hoffnung, Fremde und Einheimische in die Stadt. Auch der
edle König von Armenien ist mit seiner Gemahlin von zwei Tagen hier angelangt.
Sie ist, das sage ich dir im Vertrauen, und um dich zur nötigen Stärke
aufzufordern, falls noch ein Ueberrest alter Neigung in dir wohnt - schöner als
je, besonders in der üppigen reichen Kleidung ihres neuen Vaterlandes. Er sieht
mit Grund den Folgen des wichtigen Ereignisses nicht ohne Besorgnis entgegen.
Was ist sich von der alten Zuneigung eines Mannes, wie Galerius, zu versprechen,
der mehr als das Interesse eines Bundesgenossen, der das Wohl des eigenen Staats
- seinen wilden Begierden zu opfern im Stande wäre? Ich werde mich verwahren;
das habe ich längst als höchst nötig erkannt, das hat deine treue Bruderliebe
mir neuerdings an's Herz gelegt. Auch sind schon alle Anstalten getroffen. So
wie Diocletian vom Trone steigt, und dem Galerius die Zügel übergibt - ist
Nikomedien kein sicherer Aufentalt mehr für mich. Du aber komm, komm schnell,
du musst Zeuge jenes Tags sein, du musst hier zurückbleiben, um für mich zu
wirken, wenn meine persönliche Sicherheit mich des Galerius gefährliche Nähe
fliehen heisst. Die beigeschlossene geheime Schrift entält alle Massregeln, die
du auf dem Wege hierher für mich zu treffen hast, damit ich denselben Pfad
zurück bis nach Britannien sicher und schnell machen könne, wo ein geliebter
Vater mir wichtige und würdige Geschäfte bereitet hat. Ich erwarte und bitte
dich, in so kurzer Zeit, als möglich ist, mit Teophania und deinem Sohne den
Weg von Laureacum bis hierher zu machen. Leb' wohl.
 
                       100. Teophania an Junia Marcella.
                                                           Byzanz, im April 305.
Da bin ich wieder, im Angesichte des teuren Vaterlandes. Gegen mir über liegt
die Küste von Bitynien. Bald, in wenig Stunden werde ich sie betreten, und ein
geheimer Schauder ergreift mich bei dem Gedanken an Alles das, was ich dort
schon erfahren habe, was ich vielleicht noch zu erfahren haben werde. Warum kann
ich mich nicht freuen? Warum erfüllt, was ich von der nächsten Zukunft weiss, die
Abdankung des Diocletians, Constantins Massregeln, seine hochfliegenden kühnen
Plane mein Herz mit geheimer Angst? Ach, Agatokles und sein Wohl, und so auch
das meine sind zu tief, zu innig mit Allem diesem verwebt, um mir einen freien,
frohen Blick in die wildverworrene Ferne zu gestatten. Dunkle Gestalten regen
sich im Hintergrunde, wilde Leidenschaften gähren sich in grauenvoller Stille,
und nur das Auge, vor dem die Nächte sonnenhell, und tausend Jahre wie einer
unserer Tage sind, weiss, wie sich diese düstere Zukunft entwickeln wird.
    Ach wie glücklich war ich in Syntium! Warum konnte ich es nicht lange,
nicht immer bleiben? Ich erkenne die Würdigkeit des Zweckes, den Constantin und
Agatokles sich vorsetzen, ich muss ihre Anstrengungen loben, ihre Massregeln
billigen, aber ich fürchte, mein stilles Glück geht in dem grossen Kampf
gewaltiger Massen unter.
    So werde ich Nikomedien nicht mit fröhlichem Herzen wiedersehen, und unter
trüben Vorbedeutungen naht sich mir zum zweiten Mal der Zeitpunkt, der jedem
Weibe so wichtig ist, der jedes Mal über Leben und Tod entscheiden kann. Sollte
ich dies Mal minder glücklich sein, als das erste Mal? Sollte das neugeborne,
und das noch kaum lallende Kind mutterlose Waisen werden? - O die Trennung von
ihnen und Agatokles ist das Einzige, was mir jenen düstern Uebergang
schrecklich machen könnte. Ich kann hier nicht glücklich sein ohne sie - wie
könnte ich dort der Seligkeit geniessen?
    Und wenn Gott über mich gebeut - mit schaudernder Ergebung unterwerfe ich
mich - dann sei du meinen Verlassenen Mutter, bis ihre reifern Jahre sie zu
keiner unerträglichen Last mehr für ihren teuren, unglücklichen Vater machen.
    Ich werde ruhiger sterben, wenn diese Aussicht mir die Trennung von meinen
Lieben versüsst, ich werde mit dem Gefühl erfüllter Pflicht sterben, mit dem der
Krieger im Schlachtfeld fällt. Ich sterbe in und wegen meiner Pflicht. So
wenigstens erscheint mir der Tod eines Weibes über der Geburt eines neuen
Menschen, eines Weltbürgers, eines künftigen Christen.
    Leb' recht wohl, meine Geliebte! Aus Nikomedien schreibe ich dir nächstens,
und ausführlicher. Unsere Reise gleicht diesmal einem Fluge, und schon kömmt
man, mich zu ermahnen, weil das Schiff, das uns an's bitynische Ufer bringen
soll, die Segel lösen will. Leb' wohl!
 
                  101. Marcius Alpinus an Lucius Scribonianus.
                                                       Nikomedien, im April 305.
Die Würfel liegen, die Hand des Zufalls greift nach der Scheere, um das letzte
Haar abzuschneiden, welche das blosse Schwert über den wichtigsten von Galerius
Feinden aufgehoben hält. Doch ohne Bilder, mein Freund! denn ich liebe sie
nicht, weil sie mich unbequem dünken, meine Gedanken, die nichts als klare
Wahrnehmungen entalten, auszudrücken. Im vergangnen Monat hat sich der kaum
hergestellte Kaiser dem Volke zum ersten Mal wieder gezeigt, und wer ihn lange
nicht sah, hatte Mühe, ihn wieder zu erkennen. Seine Gesundheit ist ganz
zerrüttet, seine Kraft gebrochen, dieser Schatten des ehemaligen Diocletians
taugt nicht mehr zu dem Geschäfte, das einen starken Arm und ungeschwächten Mut
fordert. Er fühlt es, oder ist klug genug zu tun, als fühle er's, und - legt
die Regierung nieder. Die Welt wird das lächerrlich ernste Schauspiel als eine
Wirkung hoher Philosophie, einer ruhmwürdigen Gleichgültigkeit gegen die
höchsten Güter der Erde anstaunen, die Klugen werden insgeheim lachen oder
fürchten, je nachdem sie zu einer Partei gehören, und Galerius allein gewinnt,
denn seine Plane sind ausgeführt, und das still bereitete Werk mancher Jahre ist
nun reif. Maximian wird mit Diocletian zugleich den Purpur ablegen, Constantius
ist nicht zu fürchten, so bleibt Galerius die Herrschaft über die Welt so
ziemlich sicher und allein, wenn Einer, nur Einer noch aus dem Wege geräumt ist,
den seine Geburt, und mehr noch als diese, ein unternehmender Ehrgeiz zu einem
fürchterlichen Nebenbuhler machen, obwohl er bis jetzt seine Plane und Ansprüche
unter dem Schein vollkommener Ruhe und Gleichgültigkeit verbirgt. Er ist sein,
doch gibt es Menschen, die ihn durchschauen, denn was hätte nicht schon Gold und
Bestechung geoffenbart und bewirkt! Er muss fallen, wenn Galerius sicher sein
soll - er wird fallen, denn er ist in der Hand seines Feindes, und dieser Feind
ist in wenig Tagen unumschränkter Herr der Erde.
    Das ist er klug genug, selber zu berechnen, und darum hat er seine Anstalten
sehr zweckmässig gemacht. Jetzt, mein Freund! ist es für dich Zeit zu wirken, und
deinen bescheidnen Teil an dem grossen Plane zu nehmen. Wir wissen, dass in
Chalcedon Anstalten zur heimlichem Abreise, oder vielmehr zur Flucht einer
bedeutenden Person gemacht werden; es ist ein Schiff bereit, und in dem Hause
eines gewissen Clemens, bei welchem sich seit jenem Edicte die Christen zuweilen
versammeln, sind Vorkehrungen zu ihrem Empfange getroffen. Ueberdies wissen wir,
dass in Constantius Ställen beständig gezäumte Pferde stehen. Wenn es Zeit sein
wird, soll ein fliegender Bote dich benachrichtigen. Du als Präfect von
Chalcedon umringst mit deiner Wache das Haus, in welchem gesetzwidrige
Versammlungen gehalten werden, und was sich darin befindet, ist dein Gefangener.
Du erstaunst über die Bedeutenheit der Person, von deren Anwesenheit du keine
Ahnung gehabt hast, und wenn er entlassen zu werden fordert, so entschuldigst du
dich mit der Strenge deines Befehls, und der Sonderbarkeit des Falles. Du
versprichst in aller Demut, sogleich nach Nikomedien zu schreiben, tust es
auch, und für das Uebrige lass uns hier sorgen. Er soll Britannien, ja die Küste
von Europa nie wieder sehen. Nun leb' wohl, mache deine Sachen geschickt, und
rechne auf die Dankbarkeit des künftigen Augustus.
 
                     102. Calpurnia an ihren Bruder Lucius.
                                                         Nikomedien, im Mai 305.
Das grosse Schauspiel ist vorüber, auf welches die Welt seit ein paar Monaten mit
der gespanntesten Aufmerksamkeit wartete. Heute Morgens waren die Einwohner von
Nikomedien, viele Fremde, die die Neugier oder Privatabsichten hierher gezogen
haben, der ganze Hof, die Priester, die öffentlichen Autoritäten, Alles in
grösstem Schmucke auf einer weiten Ebene vor der Stadt versammelt. Für die
Augusta, des Cäsars Gemahlin, ihre Tochter, mich und einige angesehene Matronen
war ein eigner Ort bestimmt, wo wir unbelästigt von dem Gedränge zusehen
konnten. Das Erste, was mir hier in die Augen fiel, war Teophania, und an ihrer
Seite ein sehr schönes, aber blasses Mädchen, Diocletians neue Tochter Valeria.
Wir begrüssten uns als alte Bekannte, sie war erst vor ein paar Tagen aus den
Abendländern hier angekommen, und eben so wie ich mit dem, was heute geschehen
sollte, angelegentlich beschäftigt. Nur nahm sie nach ihrer Weise die Sache sehr
ernstaft, und schien eine böse Zukunft zu fürchten. Uebrigens ist sie, das
sieht man in jedem ihrer Blicke, in jedem Worte, noch unaussprechlich glücklich,
sie hat einen Sohn von ungefähr andertalb Jahren, und sieht der Ankunft eines
zweiten Kindes entgegen. Indessen wir schwatzten, kam der Wagen des Augustus
langsam von der Stadt herab gefahren, von einer Menge Männer zu Pferde
begleitet. Galerius, Tiridates, Constantin und Agatokles waren unter ihnen. Ich
hatte diesen seit andertalb Jahren nicht mehr gesehen, ich bin verheiratet
nach meinem Wunsche, mit einem würdigen Gemahl - warum klopfte mein Herz
dennoch, als ich ihn von seinem mutigen Rosse, das sich unter ihm bäumte,
abspringen, und in der schimmernden Rüstung stolz und ernst seinen angewiesenen
Platz einnehmen sah? Seltsame Bewegung, wunderbarer Zug des Herzens, dessen ich
nie ganz mächtig werden kann.
    Jetzt war der Wagen des Augustus an der Tribüne angekommen, die für ihn
bereitet war. Von zwei Personen unterstützt, stieg er mühsam die wenigen Stufen
hinan, und hielt eine wohl ausgesonnene, und wie mir schien, künstlich geordnete
Rede an's Volk; er erinnerte es an die mancherlei Wohltaten, die es in der
langen Zeit seiner Regierung genossen hatte, an die gewonnenen Schlachten, den
Triumph über die Perser u.s.w. Er hielt öfters inne, ob aus Schwäche, oder um zu
sehen, welche Wirkung seine Rede machen würde, weiss ich nicht. Sie machte keine,
oder wenigstens nicht die, die er vielleicht erwartet hatte. Keine Stimme erhob
sich, ihm zu danken, kein Mensch schien an dem Vorgange ein anderes Interesse
als das der Neugier zu haben. Endlich kam er auf seinen jetzigen Zustand, und
die Unmöglichkeit, mit so geschwächten Kräften länger die grosse Last der
Staatsverwaltung zu tragen, er kündigte seinen Entschluss an, sich dieser Bürde
zu entziehen, und das Ruder des Staates jüngeren, stärkeren Händen
anzuvertrauen. Er hielt von Neuem inne - es regte sich Niemand. Da rief er den
Cäsar Galerius zu sich, stellte ihn dem Volke als den künftigen Augustus vor,
zog den Purpur aus, mit dem er sogleich seinen Nachfolger bekleidete, und
verliess die Tribüne. Nun erhob sich ein lautes Beifallrufen, von dem man nicht
recht wusste, ob es der Abdankung des alten, oder der Wahl des neuen Augustus
gelte. Galerius nahm auf der Stelle den Platz seines Vorfahrers ein, dieser
stieg mit seiner Tochter in den Wagen, und fuhr schnell in die Stadt zurück, wo
bereits Alles zu seiner schleunigen Abreise nach Salona bereitet ist.
    So endigte die grosse Komödie, und ich muss dir bekennen, dass sie meine
Achtung für das Menschengeschlecht nicht vermehrt hat. Ueberhaupt habe ich, seit
der Zufall mich zur Gattin eines Königs machte, in dieser Rücksicht widerliche
Erfahrungen gemacht, und meine kalte, nüchterne Ansicht der Welt ist noch viel
kälter geworden. Wie armselig sind die meisten Menschen! An was für elenden
Faden werden sie gezogen!
    
    Wäre ich vielleicht nicht glücklicher gewesen, wenn ich das nie erkannt
hätte? Es gibt doch menschliche Verhältnisse, wo die Verächtlichkeit des
Geschlechts sich nicht so unverhüllt zeigt, wie an Höfen, wo vielleicht bei
wenigeren Anlockungen auch weniger Böses geschieht, und unversucht sich stille
Tugenden entwickeln. Ein solches Loos hätte einst mein werden können, wenn nicht
ein neidisches Schicksal mich tückisch verfolgt hätte. Ich bin nicht
unglücklich, aber ich kann der Erinnerung nicht verbieten, zuweilen ihren welken
Blumenkranz neben meine schimmernde Tiare zu legen, und verborgner Schmerz im
Innersten meiner Seele löst sich dann in einen Seufzer auf.
 
                          103. Agatokles an Phocion.
                                                         Nikomedien, im Mai 305.
Nun ist der wichtige Schritt geschehen. Gestern Morgens hat Diocletian auf eine
sehr feierliche Art der Regierung entsagt, und den Purpur an Galerius übergeben,
und diese Nacht ist Constantin von hier fort. Eher war es nicht möglich, ohne
auffallend Verdacht zu erregen, und morgen möchte es vielleicht nicht mehr
möglich sein, weil Galerius bereits Schritte getan hat, um sich seiner Person
zu versichern. Um die Rechtmässigkeit selbst, um den Vorwand zu dieser empörenden
Greueltat kümmert sich ein Augustus, wie der, nicht, und die Geschichte liefert
genug Beispiele solcher Taten, wenn Beispiele ein Verbrechen entschuldigen
können. Die Anstalten zu Constantins Entweichung sind zweckmässig getroffen, und
ich erwarte mit Ungeduld einen Boten aus Chalcedon, der mir die Nachricht
bringen soll, dass er das Schiff bestiegen hat. Von Byzanz aus ist sodann Alles
geheim bereitet. Nichts wird seine Reise aufhalten, er kann ungehindert bis nach
Lutetien1, oder nach Eboracum gelangen, wo immer er seinen Vater zu treffen
hofft, und dieser wird als Augustus den Sohn zum Cäsar ernennen. So ist dann die
notwendige erste Stufe erstiegen, und das Künftige wird Klugheit und Glück
sichern.
                                                                 Am andern Tage.
Der Bote von Chalcedon ist noch nicht zurück. Dreissig tödtlich lange Stunden
sind vorüber, er könnte längst da sein. Meine Brust ist voll banger Unruhe, und
trübe Ahnungen sinken, wie Mitternächte, über meinen Geist herab. Was ist
geschehen? Was haben wir zu fürchten? Ich sende den Brief nicht ab, bis ich dir
etwas Bestimmtes sagen kann. Gott gebe, dass es nichts Schlimmes ist.
 
                                    Fussnoten
1 Lutetiä, das heutige Paris.
 
                  104. Marcius Alpinus an Lucius Scribonianus.
                                                         Nikomedien, im Mai 305.
Der Vogel geht in die Schlinge. Nun ist es an dir, sie geschickt zuzuziehen. Der
Bote, der dir diesen Brief bringt, ist um einige Stunden vor Constantin voraus.
Er bildet sich ein, den Augustus überlistet zu haben, und wir lassen ihm die
Freude, sich eine Weile an dem stolzen Gedanken zu ergötzen. Einige Drohungen,
und ein ziemlich merklicher Versuch des Galerius, ihn mit Gewalt hier zu
behalten, haben seinen Entschluss bestimmt. Du ergreifst ihn, und schickest ihn
unter starker Bedeckung, und unter dem strengsten Geheimnis zurück; denn das
Volk liebt ihn, und die Armee hängt an ihm. Leb' wohl.
 
                          105. Teophania an Phocion.
                                                         Nikomedien, im Mai 305.
                  Einschluss in dem hundert und dritten Briefe.
Alles ist verloren, Phocion! Was wird aus uns, was wird aus meinem Gemahl,
meinen Kindern werden? Constantin ist in Chalcedon ergriffen, und vor einer
Stunde gefesselt, und stark bewacht in den kaiserlichen Palast zurück gebracht
worden. Ein vertrauter Sclave brachte Agatokles diese Nachricht. Ich sah ihn
erbleichen, zittern, ohne Laut, ohne Antwort auf alle meine Fragen riss er sich
von mir los, und ging auf sein Zimmer. In einer halben Stunde ungefähr kam er
verstört und todtenbleich zurück, drückte mich und sein Kind heftig, fast
schreiend an seine Brust, und trug mir auf, den Brief zu schliessen, und dir zu
melden, was vorgefallen ist. Kein Bitten, kein Fragen hielt ihn auf. O mein
Gott, was soll das bedeuten! Ich tue, was er mir befahl; aber meine Hand
zittert, indem ich den Brief schliesse.
 
                     106. Calpurnia an ihren Bruder Lucius.
                                                         Nikomedien, im Mai 305.
Welche unerhörte Sachen geschehen hier! Es ist, als ob man sich den Mauern
dieser unseligen Stadt nur nähern dürfte, um sogleich in den Strudel der
Verwirrung, der Angst und Qual gezogen zu werden, der den grössten Teil der
Einwoher immerwährend mit sich fortreisst. Ach, Bruder, mein Herz hat richtig
geahnet, und richtig empfunden, als es beim ersten Anblick des unvergesslichen
Freundes stärker als je bei eines andern Mannes Anblick schlug! Was habe ich um
seinetwillen schon gelitten! Was werde ich noch zu leiden haben! Der Streit
zwischen Constantin und Galerius ist offenbar ausgebrochen - dieser hat Jenem,
wie man sagt, nach dem Leben gestrebt. Constantin ist hierauf entflohen, aber in
Chalcedon ergriffen, und wieder nach Nikomedien gebracht worden, und Galerius
hat einen lauten Schwur getan, ihn öffentlich hinrichten zu lassen. So standen
die Sachen gestern. Agatokles hört diese Nachricht - er erkennt die Gefahr
seines Freundes, und reisst sich aus den Armen eines geliebten Weibes, aus dem
Schoss des häuslichen Glückes, besticht die Wachen, die den Constantin lieben,
und ohnedies den verehrten Feldherrn unwillig in dem schmählichen Gefängnisse
und zum Tode bestimmt sahen, und beredet diesen, an seiner Statt und in seinen
Kleidern den Kerker zu verlassen, indem er sich für ihn dem Tode weiht.
Constantin nimmt das ungeheure Opfer an, entflieht, und ist jetzt schon
vielleicht in Byzanz. Galerius wütet über den Betrug, der ihm gespielt wurde,
und hat öffentlich erklärt, dass kein Mensch bei Lebensstrafe sich erkühnen
dürfe, auch nur ein Wort für Agatokles Leben zu sprechen, den er jetzt noch
ärger als Constantin hasst, und zu verderben geschworen hat; und der schändliche
Marcius Alpinus unterlässt nichts, was in seiner Macht steht, um die alte Nache
am Agatokles zu kühlen. So wird der edelste Sterbliche, den ich je gekannt, ein
Opfer seiner überspannten Begriffe, und der Bosheit niedriger Menschen, und es
übrigt kein Strahl von Hoffnung, um ihn zu retten.
    Vorgestern noch war er bei mir, so fröhlich, so heiter, dass unwillkührlich
die schönen Stunden in Rom vor meine Seele zurückkehrten - und heute? Tiridates
war der erste, der die Schreckensbotschaft hörte. Agatokles fand die
Möglichkeit, einen Soldaten von der abgehenden Wache zu ihm zu senden, und ihm
sein Weib, seine Kinder zu empfehlen. Ich habe Tiridates nie liebenswürder
gesehen, als in dem Augenblick, wo er tief erschüttert und mit Tränen mir die
Gefahr seines Freundes ankündigte, und mich bat, die unglückliche Frau auf die
schreckliche Nachricht vorzubereiten, und sie in ihrem Schmerz nicht zu
verlassen. Ich fiel ihm weinend um den Hals, und wir gelobten uns mit Tränen,
Alles zu tun, was zur Rettung oder zur Erleichterung des edlen unglücklichen
Paares in unserer Macht stand.
    Ich liess mich sogleich zu Teophanien führen. Ich fand sie in
unbeschreiblicher Angst; denn Agatokles war vor mehreren Stunden fortgegangen,
ohne dass sie wusste, wohin - aber in einer Fassung, die sie Alles fürchten liess.
Langsam und nach und nach liess ich sie mehr erraten als hören, was geschehen
war, und nun fing sie heftig an zu zittern, eine Todtenblässe überzog ihr
Gesicht, und sie sank leblos von dem Stuhle herab. Es brauchte mehr als eine
Stunde Zeit, bis sie wieder ein Zeichen des Lebens gab, dann aber wechselten
Ohnmacht und halber Wahnsinn mit einander ab, und in diesem bedauernswürdigen
Zustande ist sie noch. Die Aerzte fürchten sehr für ihr Leben, besonders wenn
die erschütterte Natur den Zeitpunkt, der ihr nahe bevorsteht, beschleunigen
sollte. Ich habe mir vorgenommen, sie nicht zu verlassen, und werde es halten;
es ist vielleicht der letzte Beweis wahrer, treuer Freundschaft, den ich meinem
verlornen Freunde geben kann. Leb' wohl.
 
                          107. Agatokles an Phocion.
                                                         Nikomedien, im Mai 305.
Kerkermauern umschliessen mich, ein matter Lichtstrahl fällt von oben herab durch
das Gegitter, und beleuchtet sparsam den Brief - vielleicht den letzten, den ich
an den treuesten ältesten Freund auf dieser Erde schreibe. An mein Weib, habe
ich gestern geschrieben. Sie und mein Kind - bald vielleicht meine Kinder! -
sind die einzigen Gegenstände, die ich mit Schmerz verlasse, aber o mit welchem
Schmerz! Das weiss nur der, der dies Herz so weich, so empfindlich für das
unaussprechliche Glück der Liebe gebildet hat, der es ihm in vollem Maasse zu
geniessen gab, und es jetzt mit strengem Ernst von demselben abruft! Sein Wille
geschehe!
    Ich habe getan, was meine Pflicht gebot. Kein Zweifel, keine Unruhe kommt
in meine Seele. Da war nicht zu wählen, nicht anzustehen. Jede Stimme, selbst
die der Liebe musste verstummen. Es blieb kein Ausweg. Er oder ich! Fiel
Constantin, so war alle Aussicht für die Verbesserung, die Rettung der
Menschheit verloren, jede Hoffnung im Keim zerstört. Der wütende Galerius
behielt den Erdkreis in seinen blutigen Händen, das Christentum würde, wo nicht
vertilgt, doch jede seiner Segnungen vielleicht auf Jahrhunderte hinaus
vernichtet sein. Und was verlor die Welt an mir? Zwar weiss ich, dass Teophaniens
Herz brechen wird - aber es wird mit meinem brechen, wir werden uns wiedersehen!
Zwei gebrochene Herzen, zwei Sterbende - für einen geretteten Erdkreis!
    Ich verliess mein Weib, ohne ihr zu sagen, was ich vorhatte. Ganz wusste ich's
in diesem Augenblicke selbst nicht, aber ich ahnete, dass mir ein grosser Schritt
bevorstand, und Alles auf einen schnellen Entschluss ankam. Ich traf alle
Anstalten, um eine zweite Flucht Constantins zu sichern, dann öffnete mir mein
Gold den Weg zu ihm. Ich fand ihn - vernichtet kann ich wohl sagen, und doch in
manchen Augenblicken ganz mutvoll, Alles zu wagen, wenn nur die Riegel seines
Gefängnisses gesprengt würden. Ich entdeckte ihm den Plan, den ich entworfen
hatte. Er schauderte, es brauchte lange, bis die Ansicht, die Grösse, die
Gemeinnützigkeit jener Entwürfe, die seit zwei Jahren das leuchtende Ziel aller
unserer Bestrebungen und Anstrengungen waren, aber seine Liebe zu mir und die
Freundschaft siegte. Er ergriff meinen Mantel, hüllte sich ein, schloss mich mit
dumpfen Seufzern an seine Brust, und entfloh. Die Türe schmetterte krachend
hinter ihm zu, und ich fühlte mich lebend begraben. Alles, Alles war für mich
verloren. Teophaniens Bild trat in allen Reizen vor mich hin, ich - weinte, ich
schäme mich nicht, es zu bekennen, mein Zustand grenzte an Verzweiflung.
    Da fiel ein Strahl himmlischen Lichts in die umnachtete Brust. Himmlisch!
Keine Vernunft, keine menschliche Ueberzeugung bewirkt diesen Frieden, diese
Klarheit. Seitdem ist es stille in mir geworden. Ich weiss, was meiner wartet,
ich weiss aber auch, welche helle Zukunft hinter diesen dunkeln Stunden liegt.
Ich sterbe nicht um meines Glaubens willen, wie so Viele, die mit blindem Eifer
sich zur Marterkrone drängen, und in ihr vollen Ersatz für ein sonst
unverdienstliches Leben und jede versäumte Pflicht finden. Ich sterbe für meinen
Glauben, weil er das höchste Glück der Menschheit ist, weil nur durch seine
Verbreitung das Glück allgemein werden kann, und weil - wenigstens so weit meine
und vieler Erfahrnen Einsicht reicht, - nur in Constantin sich alle
Eigenschaften vereinigen, um diesen Zweck siegreich auszuführen.
    So muss auch jener Zweifel, der sich mir im Anfange zuweilen aufdrang,
verstummen, als hätte blinde Freundschaft für Constantin mich hingerissen, die
höhern Pflichten gegen Weib und Kind zu verletzen. Nein, ich liebe Constantin,
ich liebe ihn mit aller Stärke, die Dankbarkeit, gleiche Gesinnung, und hohe
Ueberzeugung von seinem Wert gibt; aber wie unendlich tiefer ist die Liebe zu
dem engelgleichen Geschöpfe, das ich liebe, seit ich lebe, in das Innerste
meines Wesens verwebt! O Teophania! Reines, liebevolles, ewig teures Weib! Von
dir zu scheiden ist schwerer als zu sterben; dich zu verlieren, ist schon Tod
für mich! Dennoch verlasse ich dich - denn meine Ueberzeugung befiehlt, und du
selbst kannst mir nicht zürnen, wenn auch dein Herz darunter bricht.
    Ich habe an Tiridates geschrieben, und ihn gebeten, sich ihrer anzunehmen.
Er soll meinen Verlassenen Gatte und Vater sein, bis eine glückliche Wendung der
Umstände Constantin erlaubt, diese heilige Pflicht, die er mir im letzten
Augenblicke vor Gott gelobt hat, zu erfüllen. Ich hoffe, Galerius wird sich mit
meinem Leben begnügen, und die Schuldlosen nicht mit mir in's Verderben ziehen.
Ist aber keine Möglichkeit, den Wüterich zu erweichen, so führe eine schöne
Stunde uns zusammen in ein besseres Leben, und der Tod wird keine Schrecken mehr
für mich haben!
    Phocion! Eine grosse Schwäche bleibt in meiner Brust zurück, und ich vermag
nicht, sie ganz zu bekämpfen. Ist dem Sterbenden keine erlaubt? In manchen
Augenblicken wünsche ich, dass der Tyrann mir die Schuldlosen nachsende, oder
Teophaniens Zustand, der aller Wahrscheinlichkeit nach jetzt bedenklich sein
muss, sie sammt dem ungebornen Pfand ihrer Liebe mit mir vereinige. O Teophania!
Ich weiss ja, wie unglückselig dich mein Tod machen, wie freudenlos dein Leben
ohne mich sein wird! - Darf ich dir die Wohltat nicht wünschen, mit mir zu
sterben? So flisterte mir die Stimme der Selbstsucht zu, und ich habe nicht
immer Kraft genug, sie schweigen zu heissen.
    Ich habe auch an mein Weib geschrieben. Du kannst denken, dass ich keinen
dieser selbstsüchtigen Wünsche laut werden liess. Nur in deine Brust giesst sich
mein volles blutendes Herz aus; aber diese Ergiessung ist ihm unentbehrlich, in
ihr allein liegt die Möglichkeit, dieses schreckliche Dasein geduldig zu tragen,
bis der letzte Streich gefallen ist. Vor diesem Augenblicke schreibe ich dir
noch, wenn anders es mir vergönnt ist; denn wer weiss, wie lange mich meine
Henker leben lassen werden.
 
                        108. Agatokles an Teophanien.
                                                         Nikomedien, im Mai 305.
Tiridates treue Freundschaft hat mir Nachricht von deinem Zustande gegeben, und
durch ihn erhältst du diesen Brief. Mein Weib! Mutter meiner Kinder! Heilige,
verehrte Namen, aber noch mehr - Christin und Bürgerin einer Welt, die auch an
deine Kräfte Anspruch macht! Du leidest, du leidest unaussprechlich, und mein
ist die Schuld dieser Schmerzen, mein Werk ist dein schrecklicher Zustand! Ich
hätte dir ihn ersparen können, es war mein Entschluss, mein Wille, mich für
Constantin zu opfern, und den Dolch in deine Brust zu stossen, von dessen
tödtlicher Schärfe ich überzeugt war!
    Wärest du nicht die, die du bist, nimmermehr würde ich so mit dir sprechen,
nimmermehr die unverhüllte Wahrheit vor einem blöden Auge erscheinen lassen, das
ihre Strahlen nicht zu ertragen vermag. Ich hätte entweder den langen Klagen,
den unerschöpflichen Tränen eines schwachen Weibes, oder den Vorwürfen eines
heftig gereizten Gemütes entfliehen, und sie in wohltuender Täuschung lassen
müssen. Das Alles habe ich von dir nicht zu fürchten. Du, meine Teophania!
wirst weder das Schicksal, noch deinen Freund anklagen, in deiner zarten Seele
ist Mut genug, Alles zu ertragen, was die Tugend dir zu ertragen gebeut!
    Unsere Entwürfe sind dir bekannt. Vor dir hatte ich kein Geheimnis, auch das
Wichtigste, das deiner weiblichen Bestimmung Fremdeste besprach ich mit dir,
meinem ersten Freunde! Constantin, mit deinem Werte bekannt, vertraute dir
unbedingt, und du warst mehr als ein Mal Zeugin unserer Verabredungen, oft
unsere kluge, sanfte Ratgeberin. Aus das Alles führe ich dich geflissentlich
zurück, um dir die Wichtigkeit, die unabänderliche Notwendigkeit jener
Massregeln anschaulich darzustellen, an denen du so lebhaften Teil nahmst.
Jetzt galt es, entweder ihre segenreiche Erscheinung in der Welt, oder ihre
gänzliche Vernichtung. Constantin war gefangen, Galerius hatte seinen Tod
geschworen, er konnte ihn nicht leben lassen. Das wusste ich, du, er selbst - und
eben so gut wussten wir, dass kein Mittel, als eine glückliche List, ihn befreien
konnte. Ein Opfer musste für das andre untergeschoben, und die Grausamkeit, der
Hüter getäuscht werden. Das Alles stand klar vor mir, bei jedem Verzug war
Gefahr. Dir entdeckte ich meine Absicht nicht, weil ich teils noch nicht recht
über die Ausführung einig war, teils weil ich mein Herz vor dem grossen
Augenblicke der Tat nicht zu sehr erweichen wollte. Was hierauf geschah, weisst
du. Ich sage dir nichts über meine Empfindungen, als Constantin entfernt, und
mein Schicksal unwiderruflich beschlossen war.
    Ein heisses Gebet, kindliche Unterwerfung, und kindlicher Glaube an Den, der
auch freiwillig für seine Brüder starb, bewahrte mich vor Verzweiflung, und ich
warf Mich gestärkt und ruhiger auf Constantins Lager, zog seinen Mantel über
mich, und schien zu schlafen, als der Wächter kam, das Abendessen zu bringen.
Vor dem folgenden Morgen durfte die Täuschung nicht bekannt werden, wenn nicht
das Opfer vergeblich, und Constantin mit mir zugleich verloren sein sollte. Am
andern Tage, als ich Gewissheit hoffen konnte, dass Constantin in Sicherheit sein
würde, und keine Möglichkeit war, mich länger zu verbergen, gab ich mich dem
Kerkermeister zu erkennen. Er erstarrte. Ein seltsames Gemisch von Schrecken,
Bedauern, Zorn und Achtung zeigte sich in seinen finstern Zügen. Er musste es dem
Augustus melden. Ich trieb ihn selbst an, seine Pflicht zu tun. Du bist
verloren, sagte er. Ich wusste es ohne dies. Er ging, seitdem habe ich eine Art
von Freund oder wenigstens einen innigen Teilnehmer an meinem Schicksal in ihm
erworben. Es ist auch Trost - Trost, den der Himmel sendet!
    Nun weisst du Alles, und in deine Brust, die ich zerrissen habe, lege ich
meine Rechtfertigung. Kannst du wünschen, dass ich anders gehandelt hätte?
Findest du Constantins und des Christentums Alleinherrschaft zu teuer mit dem
Opfer unsers ganzen Erdenglücks erkauft? Regt sich in deiner Brust ein Unwille,
ein Vorwurf gegen mich, der es freiwillig zerstörte? Was hättest du mir
geraten, wenn es mir möglich gewesen wäre, dich vorher zu befragen?
    Ich weiss deine Antwort, und so bin ich ganz ruhig; ich bitte dich nicht, mir
zu vergeben, was du selbst mich tun geheissen hättest, was du in dem Augenblick,
wo du dieses liesest, billigest und segnest. Du bist unaussprechlich
unglücklich, ich weiss es, dein Leben ist vergiftet, nie wird eine heitre Stunde
dich mehr beglücken, die Vergangenheit hat nichts als Qualen für dich, und die
Zukunft starrt dich finster an, wie ein Grab. Dir wäre es besser, mit mir zu
sterben; du wünschest es, das weiss ich, und wenn auf dieser Erde mir noch eine
Freude erscheinen kann, so wäre es die, in deinen Armen zu vergehen. Dennoch
fordere ich dich auf, zu leben. Ich fordere dich auf im Namen unserer Liebe,
unserer Kinder, unserer Pflicht, im Namen Gottes, der diese Pflichten von uns
heischt. Nicht, weil ich das Leben für ein Gut halte - für dich ist es keines -
nicht, weil ich an die Möglichkeit einer Heilung durch die Zeit für dich glaube
- ich kenne dich, und weiss, dass deine Liebe und dein Schmerz mit deinem Wesen
Eins geworden ist - aber weil es Pflicht ist, weil Gott dir Kinder gegeben hat,
und in einem ernsten Augenblick ihr Glück von deiner Hand fordern wird, weil die
Religion uns verbeut, den Platz zu verlassen, auf dem wir Gutes wirken können,
weil endlich der leidende Christ in diesen Zeiten der Entnervung seinen Brüdern
das Beispiel hoher Geduld und standhaften Mutes schuldig ist.
    Du wirst leben, Teophania! du wirst Alles anwenden, dein Leben so lange zu
fristen, als es möglich ist, um unsern Kindern ihre Mutter zu erhalten, bis sie
erzogen sind, und deiner nicht mehr bedürfen. Dann folgst du mir gewiss, ein
sanfter Tod löset die morschen Bande der längst erschütterten Hülle, die dein
Geist ungern trug, und dein Freund, der dich unsichtbar umschwebte, der dein und
unsrer Kinder Schutzgeist war, empfängt dich in den Auen des Friedens. O
Augenblick der Wonne, wenn jede Pflicht erfüllt, jedes Opfer, auch das des
langen Lebens gebracht ist, und du, zitternd vor Lust, in meine Arme eilst. Er
kömmt, er kömmt gewiss, und bis dahin wollen wir ihn nicht beschleunigen, sondern
verdienen.
    Nun lehe wohl, Geliebte! diese Blätter werden nicht das letzte sein, was du
von mir erhältst. Ich hoffe dir noch einmal schreiben, vielleicht - dich noch
einmal umarmen zu können. O mitten in den ernsten Gedanken welche die Nähe des
Todes in mir weckt, schauert mein Herz vor Freude bei der Hoffnung - ich werde
dich hier noch ein Mal, und bald wieder sehen, ich werde dir meinen letzten
Abschied, unserm Sohne den letzten Segen bringen!
 
                     109. Calpurnia an ihren Bruder Lucius.
                                                         Nikomedien, im Mai 305.
Trübe und langsam schleicht die gelähmte Zeit hin, ein Tag reiht sich an den
andern, keiner bringt Rettung, keiner Hoffnung, so töricht auch oft das Herz
auf eine Möglichkeit hofft, wo nicht die geringste Wahrscheinlichkeit einer
Aenderung vorhanden ist. Galerius ist wütend über den Ungeheuern Betrug, der
ihm gespielt worden. Er hatte dem Constantin nachsetzen lassen, aber dieser
hatte durch die kluge Standhaftigkeit seines Freundes bereits einen zu starken
Vorsprung, und wir wissen sicher, dass er weit über Byzanz hinaus sich den
Grenzen Illyriens nähert. Bis ihm dort die Diener, des Tyrannen nachfolgen
können, hat er wohl schon Gallien, oder das Meer erreicht, und ist in
Sicherheit. Nun fällt der ganze Zorn des Augustus auf seinen unglücklichen
grossmütigen Freund. Er war im eigentlichen Sinne ausser sich vor Wut, er
schäumte, brüllte, und misshandelte Alle, die sich ihm näherten. Er befahl,
Agatokles auf der Stelle das Urteil zu sprechen, und ihn - mich schaudert, es
zu schreiben - im Circus den wilden Tieren vorzuwerfen. Alle Freunde des
Unglücklichen, alle bessern Menschen in Nikomedien fanden sich durch dies
unmenschliche Urteil empört, und vereinigten sich, dem Tyrannen Vorstellungen
zu machen. Das würde indessen wenig gefruchtet haben, wenn nicht die Jovianer,
deren Tribun der edle Verurteilte war, sich laute Klagen, und ganz
unzweideutige Zeichen der Unzufriedenheit erlaubt hatten. Tiridates wagte, was
seit Constantins Flucht Niemand gewagt hatte, er ging zu dem wütenden Galerius
nach Cäsarea, wo dieser sich gewöhnlich aufhält, und wusste ihm die üble Stimmung
des Volks, den gährenden Unmut der Leibwache, und die Gefahren, die das Alles
für eine neue Regierung haben konnte, so geschickt vorzustellen, dass Galerius
von seinem rachedürstenden Ausspruch abstand. Das Leben des teuren Freundes zu
erbitten, war unmöglich. Alles, was Tiridates noch erhielt, war eine Frist von
einigen Tagen, die Erlaubnis, Agatokles zu besuchen, und die Hoffnung, dass auch
diesem vergönnt werden würde, sein unglückliches Weib und seine übrigen Freunde
noch ein Mal zu sehen.
    O wie lernt der Mensch genügsam sein, wenn ihn das Unglück in seiner harten
Schule erzieht! Wie schienen diese geringen Vergünstigungen uns so bedeutend!
Wie freudig eilte ich zu der bedauernswürdigen Frau, um ihr diese Hoffnungen
anzukünden, und ihr den Trost zu geben, dass Agatokles nicht ganz einsam und
verlassen sei, dass mein Mann ihn täglich besuchen würde. Seit dem Augenblicke,
wo sie durch mich die Schreckensnachricht hörte, war ich fast beständig bei ihr,
und fand eine Art von Beruhigung und Erleichterung darin, Alles für die Gattin
des edeln Unglücklichen zu tun, was in meiner Macht stand. Aber was vermag die
treueste Freundschaft über einen so gerechten, so unendlichen Schmerz! Ich
fürchtete wirklich für ihr Leben, und manchmal für ihren Verstand, bis endlich
gestern ein Brief von ihrem Manne eine Veränderung bei ihr bewirkte, von deren
Möglichkeit ich keinen Begriff gehabt hatte. Eine Purpurrröte übergoss die
todtblassen Wangen, ein heftiges Zittern ergriff ihre Glieder, sie drückte den
Brief mit stummem Entzücken an ihre Lippen, an ihre Brust, und ihr zum Himmel
emporgeschlagenes Auge zeigte mir, dass sie ihrem Gott ein inniges Dankgebet
brachte. Dann las sie, aber sie brauchte so lange, dass ich glaube, sie muss den
Brief dreimal durchgelesen haben. Jetzt stürzten wohltätige Tränen, die
ersten, die sie seit der Zeit ihres Unglücks vergossen hatte, aus ihren Augen,
und man sah deutlich, wie dieser Ausbruch ihr gepresstes Herz erleichterte. Ich
störte sie nicht, ich weinte still mit ihr. Als sie sich Luft gemacht hatte,
stand sie auf, und sagte mit einer Würde und Festigkeit in Haltung und Ton, die
ich lange nicht an ihr gesehen hatte: »Er hat mir geboten zu leben, so will ich
ihm und der Tugend gehorchen, ich will das Leben ertragen.« Ich sah, dass sie aus
dem Zimmer gehen wollte, ich unterstützte sie, und fragte, wohin sie wollte? »Zu
meinem Sohne!« antwortete sie. »Der Vater befiehlt, mich für das Kind zu
erhalten.« Ich bat sie ruhig zu sein, und schickte um das Kind. Der Kleine kam.
Die Scene, die nun vorfiel, wird nie aus meinem Gedächtnisse schwinden, sie war
in demselben Grade erhebend und schmerzlich. Wahrlich, es muss ein grosses Gefühl
sein, was diese Menschen Glauben nennen, denn es gibt ihnen mehr als menschliche
Kräfte. Seit dem fasst sie sich mit einer Stärke und Geduld, die Alles
übersteigt, was ich je gesehen habe. Sie pflegt ihr Kind, so viel es ihre
Schwäche erlaubt, sie folgt allen Vorschriften des Arztes, sie spricht mehr, sie
strengt sich sogar an, zu tun, als könnte sie an etwas Anderm Teil nehmen. So
hat sie gestern von Sulpicien zu sprechen angefangen, ich ergriff dies Gespräch
gern, weil ich dachte, es wäre ihr nützlich, sich zu zerstreuen, aber mitten im
Reden, wo vielleicht irgend ein Wort, eine Nebenidee sie an ihr Unglück
erinnerte, verstummte sie plötzlich, brach in Tränen aus und schwieg.
    Und das Alles ist Wirkung ihrer Liebe, ihrer Liebe zu einem Manne, der sie
seinem Freunde so auffallend nachsetzt, und ihr Glück, ihr Leben für die
Freiheit des Andern aufopfert! O welche unselige Macht der Leidenschaft! Und
welcher ungeheure Missbrauch, den Euer Geschlecht von der Gewalt macht, die
hergebrachte Sitte und unsere zu grosse Nachgiebigkeit euch über uns einräumen!
Eher wird kein Weib zum Besitz ihrer natürlichen Rechte kommen, bis sie es über
sich vermag, den tiefgewurzelten, durch tausend Vorurteile genährten Wahn
auszurotten, dass wir nur in der Liebe, und also nur durch Euch glücklich werden
können. Und wann wird diese goldne Zeit erscheinen, wo diese kühne Wahrheit
allgemeine Ueberzeugung werden wird?
 
                       110. Teophania an Junia Marcella.
                                                         Nikomedien, im Mai 305.
Agatokles stirbt. In wenig Tagen bin ich Wittwe. Ich setze nichts hinzu, du
kannst meinen Schmerz ermessen, du weisst, wie ich liebte, obwohl du nicht weisst,
wie ich geliebt wurde. Die um mich sind, fürchten für meinen Verstand, ich merke
es wohl. O diese grosse Wohltat wird mir nicht zu Teil, so wenig als der Tod!
    Der Tod? Ich soll ja leben. Er will es. Ach sterben für den Geliebten, wer
könnte es wagen, dies etwas Schweres, Grosses zu nennen? Es ist nichts - ein
trüber Augenblick zum Preise unendlicher Freuden! Aber leben, leben ohne ihn,
und auf sein Geheiss, das ist das Schwerste, was die Liebe fordern kann!
    Wie ein weiter, düstrer, uferloser Ocean umgibt mich das Leben, in dem ich
versinke ohne Hoffnung der Rettung, ohne Hoffnung des Todes. Es sind gute
Menschen um mich, Calpurnia und ihr Gemahl; sie haben mir, und dem, den ich bald
verlieren werde, viel Liebes, Herzliches erwiesen. Ihnen danke ich die einzigen
Tröstungen, deren ich fähig bin, aber Calpurnia möchte mir gern noch andre
geben. Ich kann sie nicht annehmen, denn ich kann sie nicht fassen. Sie ist
vielleicht stärker als ich - vielleicht auch nur kälter.
    Mein ganzes Wesen, jeder Gedanke, jede Regung ist ein unendliches Weh. So
muss dem Menschen zu Mute sein in der Todesstunde, wenn sich die innigsten Bande
des Lebens lösen, und der bessere Teil sich gewaltsam von der morschen Hülle
losreisst. Auch meines Lebens innigste Bande lösen sich jetzt, mein besserer
Teil schwebt verklärt und selig der Heimat zu, und lässt die todte Hülle im
Grabe. Das ist die Welt für mich. Dort, dort ist Leben, wo er hingeht, und mich
streng und unerbittlich zurückstösst!
    Warum Agatokles stirbt, um welches Zweckes willen er mich, sich, unser
Lebensglück opfert, kann ich dir jetzt nicht sagen; auch wage ich es nicht, in
dieser Zeit so etwas einem Briefe anzuvertrauen. Calpurnia und der König
glauben, er habe sich für Constantin geopfert, und die Welt urteilt eben so. Es
ist viel höher, viel schöner, und mitten unter schmerzlichen Schauern muss ich
seinen Entschluss billigen und verehren.
    Er hat mir geschrieben. Dieser Brief kömmt nie wieder von meinem Herzen. Ich
habe mich bestrebt, ihm eine Antwort zu senden, die seine unendliche Liebe für
mich, seinen Edelmut vergelte. Ich habe mich beherrscht, kein Wort der Klage
ist mir entschlüpft, nur gegen dich öffnet sich das Herz, und mein Blut strömt
gewaltsam aus den verhaltnen Wunden. O wenn nur er zufrieden mit mir ist, wenn
nur der Gedanke, dass er mich ruhig gesprochen hat, auch Ruhe in seiner Seele
verbreitet! Das zu bewirken, ist jetzt der Punkt, auf den alle Kräfte meines
erschütterten Wesens gerichtet sein müssen - seine letzten Augenblicke zu
erheitern! O allmächtiger Gott! Agatokles letzte Augenblicke!
    Er ist so jung, es lag ein so langes, so schönes Leben vor uns! Er entreisst
sich ihm, und ich darf nicht klagen!
    Leb' wohl, meine Junia! Leb' wohl. O warum bist du nicht bei mir! Wie
wohltätig wäre es mir in diesen Augenblicken, eine treue Freundin von ganz
gleicher Sinnesart um mich zu haben! Calpurnia ist sehr gut, ich verkenne gewiss
weder ihre Vorzüge, noch was ich ihr jetzt schuldig bin, aber sie ist keine
Christin, und - sie ist Königin. Auf dem Tron verlernt sich so Manches, dessen
das Herz in den Beziehungen des gewöhnlichen Lebens so sehr bedarf.
    Ein Gerücht hat mir gestern verkündigt, Apelles sei in der Nähe, und halte
sich in Nicäa auf. Tiridates, der, um des teuren Verlornen willen, mir innig
wohl will, hat kaum meinen Wunsch erraten, als er schon einen Eilboten nach
Nicäa abfertigte. O wenn Apelles käme, mich in den Stunden, die mir bevorstehen,
zu stärken, und zu erhalten, ich würde Tiridates treuer Freundschaft eine der
grössten Wohltaten danken!
 
                         111. Teophania an Agatokles.
                                                         Nikomedien, im Mai 305.
Ja, mein einzig geliebter Freund, ich werde leben. Du sollst dich nicht an mir
getäuscht haben. Du befiehlst es, die Tugend befiehlt es durch dich. Glaube
nicht, dass je der frevelhafte Gedanke in meine Brust gekommen sei, mein Dasein
gewaltsam abzukürzen; aber dass ich gewünscht habe zu sterben, das kannst du, das
kann Gott selbst nicht dem schwachen zerrissenen Herzen zur Schuld anrechnen.
    Jetzt werde ich aber auch diesen Wunsch unterdrücken; er könnte zu lebhaft
werden, und Unterlassungen erzeugen, die mittelbar auf jenen Zweck hinwirkten.
Ich werde nicht zu sterben wünschen, bis unser Sohn erzogen, bis des Vaters
vielgeliebtes hohes Bild in seiner Seele noch ein Mal dargestellt ist. Ich werde
Mut haben zu leben, und den Entschluss, den du gefasst hast, zu billigen. Du
sollst mich nicht umsonst deinen einzigen Freund nennen. Ich werde dein Zutrauen
rechtfertigen, es erhebt mich über meinen Schmerz, über mich selbst, über mein
Geschlecht. Ja, Agatokles! du hast recht getan - ich klage nicht.
    Was ich fühlen muss, wie öde mein Leben ist, weisst du. Du kennst mich, vor
dir lag von jeher meine ganze Seele offen, ich könnte dir diese Gewissheit nicht
entziehen, selbst wenn ich es aus falscher Grossmut wollte; aber ich gelobe dir
bei unserer Liebe, bei unserm Kinde, bei Gott, der unsere Herzen für einander
gebildet hat, und dessen heiligen Willen ich selbst in dieser Trennung erkenne,
dass ich dies öde Leben ertragen werde.
    Mit fester Zuversicht erwarte ich von Gott die Kraft, welche mir hierzu
nötig sein wird. Er hat sie dem redlichen Willen, der kindlichen Unterwerfung
noch nie versagt, und ich werde viel brauchen!
    Noch ein heisser Wunsch liegt in den Tiefen meines bekümmerten Herzens. Ich
möchte dich noch ein Mal sehen, nur ein Mal, ein Mal noch auf dieser Erde! Ich
habe etwas Wichtiges, sehr Ernstes mit dir zu sprechen - Etwas, was
schlechterdings keinem Briefe, keinem, auch noch so treuen fremden Munde
anzuvertrauen ist. Gern würde ich zu dir kommen, es liesse sich leicht tun, in
Männerkleidern, als Tiridates Sclave, dem ja deines Kerkers Tore sich stets
öffnen; aber - ich weiss, ich erschrecke dich nicht, und sage dir auch nichts
Unerwartetes - meine Gesundheit hat etwas gelitten, und ich sehe nicht ohne
Besorgnis der Erscheinung eines Wesens entgegen, das unter solchen Umständen
geboren, entweder das Licht gar nicht sehen, oder ein trauriges Dasein nicht
lange geniessen wird. So sagen es mir die Aerzte vor, und ich gehorche ihnen,
denn ich gehorche dir, deinem Wunsch nach meiner Erhaltung. Es ist aber gewiss
nicht unmöglich, selbst von dem grausamen Galerius die Erlaubnis zu erhalten,
unter allen möglichen Vorsichtsmaassregeln, die deine Henker nach Gefallen nehmen
mögen, dein Weib, dein Kind, vielleicht deine Kinder, von denen du keinen
Abschied nahmst, nur ein Mal noch zu sehen. Ich habe Tiridates gebeten, sich für
diesen heissen Wunsch zu verwenden, ich habe an meine Valeria geschrieben, diese
Bitte ihrem Vater vorzutragen; vielleicht erhalten wir sein Fürwort. Dem Vater,
dem Wohltäter so vieler Cäsarn, wird doch der begünstigte Sohn, dem er erst das
ungeheure Geschenk der unumschränkten Herrschaft machte, diese Nachgiebigkeit
nicht verweigern. Fürchte diese Zusammenkunft nicht, auf meine Gesundheit wird
sie gewiss keine nachteilige, auf mein Gemüt die beste Wirkung haben; auch
sollst du keine zaghaften Klagen, keine unerschöpflichen Tränen sehen. Nur
sehen, nur sehen muss ich dich noch ein Mal, noch ein Mal die teuren Züge mit
heissen Blicken betrachten, in mich aufnehmen, noch ein Mal den Ton deiner Stimme
in meinem Innern wiederhallen hören, noch ein Mal Stärke, Freudigkeit, Ruhe und
Kraft, ach! für eine lange, einsame Zukunft aus deinem Umgange schöpfen! Schlage
mir diese letzte Bitte nicht ab, sie ist heilig, wie die Bitte einer Sterbenden.
Ist es denn nicht Tod, nicht mehr als Tod, wenn unser besseres Selbst von uns
scheidet? Und über dies, es hängt davon eine Erfüllung ab, die mir unendlich
teuer, so teuer wie meine Seligkeit ist.
    Du kömmst gewiss, ich weiss es, du kömmst. Aber noch Eins, geliebter Freund!
Ich habe besondere Ursachen, um zu wünschen, dass du nicht ohne heilige
Vorbereitung kommest, ich wünschte, dass du deine reine Seele auch von dem
kleinsten irdischen Flecken vorher reinigen, und dich in die Verfassung setzen
möchtest, um das Abendmahl würdig zu empfangen. Forsche nicht um die Ursache
dieser Bitte; du wirst Alles erfahren, und du trauest mir zu, dass ich nichts
Unbilliges fordern werde, nichts, was deiner und derjenigen unwürdig wäre, die
den Stolz geniesst, dein Weib zu sein. Leb' wohl - Leb' wohl!
 
                          112. Valeria an Teophanien.
                                                             Byzanz, im Mai 305.
Unglücksgefährtin! Empfange den einzigen Trost, den ich dir geben kann, diesen
Brief meines Vaters an den Galerius! Mein unendliches Mitleid, meine Tränen
hattest du seit dem Augenblick, als Constantin auf seiner Flucht durch diese
Gegenden heimlich und unerkannt zu meinem Vater kam. O gütiger Gott! Was ist das
für eine Welt, was sind das für Menschen! Ist es denn der Mühe wert zu leben,
um unter Larven zu wandeln, die die hohlen Gesichter nach Gefallen auf diese
oder jene Seite wenden, wie es die Rolle fordert? Ich war so glücklich, ehe ich
diese Welt kannte, die mich nun auf ein Mal mit ihren kalten feindlichen Armen
ergreift und drückt, und peinigt.
    Constantin sprach mit aller Macht der Beredtsamkeit für seinen unglücklichen
Freund bei meinem Vater. Er hat, er beschwor ihn, sein Ansehen dahin zu
verwenden, dass ihm Galerius Freiheit und Leben schenke. Er stirbt für mich! rief
er ein Paar Mal in einem Ton, der mir durch die Seele drang. Sein Schmerz war
unverstellt, und der Schmerz eines Mannes, eines Feldherrn wie Constantin,
erschüttert tiefer, als das Leiden gewöhnlicher schwächerer Menschen. Aber ich
konnte mich des Gedankens nicht erwehren: Warum hast du ihn sterben lassen,
warum hast du es zugegeben? Für dich hatte der Tron höhern Wert als die Liebe!
    Das ist das Unglück der Welt, dass ihr die Liebe so wenig gilt. O liebten die
Menschen, wie sie sollten, wie Jesus Christus geliebt hat, wie er uns zu lieben
befahl! Mit dieser Liebe, die Alles trägt, Alles duldet, nie das Ihrige sucht,
und nie zu ermüden ist, was könnte die Erde sein! Aber Constantin sucht auch das
Seinige, und über dem Suchen verliert der edelste Freund das Leben, und das
beste Weib auf Erden ihr ganzes Glück. So dachte ich mit Bitterkeit, und wandte
mich von Constantin ab.
    Mein Vater - du glaubst nicht Teophania! wie viel schöne Gelassenheit in
diesem Charakter liegt, den vielleicht nur der hohe Platz, auf dem er stand, der
Menge unkenntlich machte - schien wirklich gerührt von Constantins Bitten. Aber
o mein Gott! was ist das für eine Welt? muss ich wieder ausrufen. Er erklärte ihm
gerade zu, er könne wenig oder nichts tun. Ich bin nicht mehr Kaiser, sagte er,
und der blosse Name ohne Gewalt vermag nichts über die Menschen, in deren Herzen
die Dankbarkeit keine Stimme hat. Constantin reiste ab, wie er gekommen war,
tief gebeugt, verkleidet, und in grösster Eile. Nun übernahm ich sein Geschäft,
aber mein Vater hiess mich schweigen mit jenem Ernst, den ich nur zu wohl kenne,
und ich sah, dass nichts zu hoffen war. Indessen kam ein Brief des Königs von
Armenien an ihn, und deiner an mich. Nicht Rettung, das erkanntet ihr
unglücklichen Freunde des edlen Gefangenen wohl selbst für unmöglich, aber
Aufschub, und die Erlaubnis, dass Agatokles dich und sein Kind noch ein Mal
sehen dürfte, verlangtet ihr mit tiefer Wehmut. Dies Mal war Diocletian tief
gerührt, besonders durch deinen Brief, den ich ihm gab. Er schrieb an Galerius,
und ich schliesse den Brief bei, den er mir freundlich und mit dem Wunsche gab,
dass er etwas bewirken möchte. Nun eile ich, ihn dir zu senden. Der Eilbote
wartet, und zu unsrer Abreise nach Salona sind alle Anstalten getroffen. Ich
setze nichts hinzu, um teils jenen nicht aufzuhalten, teils weil ich nichts zu
sagen weiss, was deinen tiefen Schmerz nicht noch tiefer machen müsste. Leb' wohl.
 
                        113. Apelles an Junia Marcella.
                                                         Nikomedien, im Mai 305.
Ein Brief des Königs von Armenien hat mich schnell hieher beschieden, um deiner
unglücklichen Freundin den kleinen Trost zu bringen, dessen sie fähig ist, den
Trost des Umgangs mit einem Glaubensgenossen. Ich habe sie sehr gebeugt, aber
ganz in den Willen der Vorsicht ergeben gefunden. Vorgestern gab sie wider alles
Vermuten - denn Jedermann fürchtete für sie und ihr Kind - einem gesunden,
schönen Mädchen das Leben, und befindet sich so wohl, als es in ihrer Lage
möglich ist. Sie folgt mit kindlichem Zutrauen jeder Vorschrift des Arztes,
jedem Wunsch, den ihre Freunde für ihre Gesundheit äussern. Du kennst die Quelle
dieser Sorgfalt, und wirst die Gewalt, die sie über sich selbst hat, in diesem
sonst so zarten Wesen mit mir bewundern.
    Gestern war der merkwürdige Tag, wo endlich, nachdem der abgegangene
Augustus, Tiridates, der Präfekt der Jovianer, und viele andere Menschen von
Bedeutung sich bei dem Galerius verwendet hatten, dem Gefangenen die Erlaubnis
zu bewirken, dass er seine Frau noch ein Mal sehen dürfte - dieser traurige
Besuch Statt hatte. Teophania begehrte am Morgen zu beichten. Ich fand dies
Begehren etwas seltsam, da ihr körperliches Befinden nicht die mindeste
Veranlassung dazu gab; doch wollte ich ihr die Beruhigung nicht versagen. Sie
verrichtete die heilige Handlung mit Heiterkeit und Stärke. Als die Stunde
nahte, wo sie ihren Gemahl erwartete, sah ich sie unruhig werden, sie erblasste
bei jedem Geräusch, wurde zerstreut und immer ängstlicher und ängstlicher. Da
trat die Königin ein. Ein kleines Zittern, das ich trotz ihrer gehaltenen
Fassung an ihr bemerkte, eine ungewöhnliche Blässe in ihrem blühenden Gesichte
kündigte mir den gefürchteten Augenblick an. Sie näherte sich Teophanien, und
sagte mit mühsam erzwungener Gelassenheit, dass Agatokles wahrscheinlich bald
kommen würde. Er kommt! rief Teophania jetzt mit einer fürchterlichen
Heftigkeit, die ich nie von ihr gesehen hatte - er kommt! O mein Gott! -
Calpurniens Zittern nahm immer mehr zu. Du kennst, meine Freundin, fuhr sie
langsam fort, die armselige Furcht des Tyrannen, er glaubt sich seines Opfers
nicht sicher genug. Es sind zwei Offiziere vorausgekommen, die Befehl haben, zu
untersuchen, ob hier keine Möglichkeit, kein Anschlag zur Befreiung vorhanden
sei. O lass sie kommen, rief Teophania - sie sollen tun, was sie wollen, was
sie müssen, aber mich lass nur nicht lange auf ihn warten! Calpurnia ging, und
kam sogleich mit zwei Centurionen wieder, die mit grösster Achtung die Kranke um
Entschuldigung ihrer schweren Pflicht baten, und dann das Zimmer und die
Umgebungen schonend, aber aufmerksam untersuchten. Hierauf stellte sich der Eine
ausserhalb der zweiten Türe, die in ein andres Gemach führte, der Zweite ging
zurück, um Agatokles herein zu führen. Jetzt richtete sich Teophania auf, sie
zitterte, dass ihre Hände zusammenschlugen, eine Leichenblässe bedeckte ihr
Gesicht, während ihr Auge vor Freude strahlte. Beinahe eben so zitternd hielt
die Königin sie umfasst. Nun hörten wir ausser der Türe eine Kette fallen, dann
noch eine, die beiden Frauen schrieen laut auf - und Agatokles trat ein.
Teophania nannte seinen Namen mit einem heftigen Schrei, und beugte sich mit
ausgebreiteten Armen gegen ihn; er stürzte auf sie zu, und schloss sie fest an
seine Brust. Nun riss sich die Königin laut schluchzend von der Gruppe los, und
eilte in's andere Zimmer. Ich folgte ihr, sie warf sich auf das Ruhebette, und
weinte heftig, ohne zu sprechen, ohne etwas anzuhören, was ich ihr zu sagen
versuchte.
    Im Zimmer der Gatten war Alles still und ruhig. Nach einer Stunde ungefähr
rief mich ein Sclave, ich ging hinein. Welche Veränderung in der kurzen Zeit!
Still, gefasst sass Teophania an die Brust ihres Mannes gelehnt, eine himmlische
Freude war über ihre Züge ausgegossen, das jüngere Kind lag in ihrem Arm, das
ältere hing an des Vaters Hand, und spielte mit seinem Gewande. Agatokles
Gesicht trug neben den Spuren eines mühsamen Kampfes alle Zeichen erstrittener
Ruhe, und männlicher Kraft. Nur wenn sein Blick auf die Kinder fiel, durchzuckte
ein wehmütiger Zug sein Gesicht, und er sah mitleidig auf seine Frau. Er
reichte mir die Hand entgegen. Wir sehen uns zum zweiten Mal in einer wichtigen
Minute, sagte er, und ich werde dir dies Mal, wie das erste, hoch verpflichtet
sein. Teophania ersuchte mich, ihr und ihrem Gemahl das heilige Abendmahl zu
reichen, das sie noch nicht empfangen hatten. Er ist vorbereitet, fügte sie
hinzu, als ich sie etwas befremdet ansah. Die Kinder wurden entfernt, und die
beiden Gatten empfingen mit Rührung und allgemeiner Fassung die heilige Speise.
Agatokles stand vom Boden auf, wo er gekniet hatte, und jetzt sah ich, dass er
zitterte, und sich an dem nebenstehenden Tisch anhalten musste, sein Gesicht
wurde zusehens blässer, sein Auge war starr auf die Wasseruhr1 geheftet, die ihm
gegenüber an der Wand stand. Der Offizier trat ein, und erinnerte ihn, dass die
Zeit, die ihm vergönnt war, vorüber sei. Vorüber! rief Teophania, und alle
Unruhe und Heftigkeit der vorigen Stunden kam wieder in ihr Gesicht. Vorüber!
wiederholte er mit dumpfer Stimme: »Ich komme den Augenblick!« Er verneigte sich
gegen den Centurio, der das Zimmer alsogleich verliess, und ich ging aus der
andern Türe, um es der Königin zu melden, wie sie mir befohlen hatte. Ich sah
sie erstarren, sie stand auf, aber sie bedurfte meiner Unterstützung, um den
Porticus hinab bis in's Atrium zu gehen, wo wir Agatokles bereits wieder
gefesselt an einer Säule gelehnt fanden. Dumpfe Laute, halb Seufzer, halb
Schluchzen, tönten einzeln und heftig aus seiner Brust. Calpurnia winkte uns,
sie einen Augenblick mit ihm allein zu lassen - ich ging mit den Centurionen,
die ihr ehrfurchtsvoll gehorchten, hinaus. Bald darauf kam Agatokles mit
bleichem verstörten Gesicht aus dem Atrium, er trat zu mir, bot mir die Hand,
und empfahl mir seine Frau, seine Kinder. Die Offiziere naheten sich ihm, er
eilte rasch in ihrer Mitte fort.
    Teophania fand ich ohne Bewusstsein, und sie hat seitdem nur wenig helle
Augenblicke gehabt. Wenn es erlaubt wäre, so etwas zu wünschen, so würde ich ihr
vom Himmel zu erbitten suchen, dass dieser Zustand der Bewusstlosigkeit bis über
jenen fürchterlich-ernsten Augenblick dauern möge, dem Agatokles in der
künftigen Nacht entgegen geht; denn längern Aufschub von Galerius zu erhalten,
war unmöglich. So bald ich dir etwas Besseres oder Bestimmteres zu schreiben
habe, sollst du Nachricht erhalten.
 
                                    Fussnoten
1 Die Alten hatten, um die Zeit zu messen, keine Uhren wie die unsrigen, sondern
bedienten sich der Sonnen-, Wasser- und ähnlichen Uhren, in welchen eine
bestimmte Quantität Materie in einer bestimmten Zeit ablief, wie z.B. in unsern
Sanduhren.
 
                          114. Agatokles an Phocion.
                                                         Nikomedien, im Mai 305.
Die letzte Stunde naht, und mit vollem Bewusstsein, in der Fülle der Jugend und
Gesundheit, gehe ich ihr entgegen. Es ist seltsam, es ist ganz anders, wenn in
des Greisen verwelktem Körper sich längst Alles zur Auflösung neigt, und die
letzte Stunde nur der letzte Tod ist;1 anders, wenn eine Krankheit die
künstliche Maschine zerstört, oder gewaltsam zerrüttet, und in peinlichen
Gefühlen, oder dumpfer Betäubung der letzte Augenblick ein Leben endet, das
diesen Namen nicht mehr verdient. Morgen um diese Zeit bin ich todt! Das konnte
ich mir, das müssen sich viele tausend Menschen sehr oft denken, denn wer weiss,
wie lange ihm zu leben bestimmt ist; aber im gewöhnlichen Leben mischt sich die
Vorstellung der Ungewissheit und die tägliche Erfahrung des Gegenteils mächtig
zu diesem Gedanken, und er verliert sich in ein dunkles Vielleicht, das nur bei
dem Ernsteren eine lebhaftere Betrachtung des Todes, und den Entschluss erzeugt,
stets wachsam und vorbereitet zu sein.
    Ich weiss aber bestimmt, dass morgen um diese Zeit meine letzte Stunde bereits
vorüber, und der dunkle Vorhang aufgezogen sein wird, der die Geheimnisse der
Geisterwelt vor unsern Blicken verhüllt. Morgen um diese Zeit ist dieser Körper,
in dem ich jetzt noch denke, handle, als eine starre, kalte Masse zu nichts gut,
als in dem Schoss der Erde in seine Elemente zurückzukehren. Agatokles ist
nicht mehr. Sein Wirken hat aufgehört, kein Freundesauge erblickt ihn mehr, kein
Ohr vernimmt den Ton seiner Stimme.
    Und der Geist? - Mit Entsetzen wendet sich in diesen ernsten Augenblicken
die schaudernde Seele von dem Gedanken der Vernichtung hinweg, hinweg von allen
spitzfindigen Systemen der Philosophie, und umfasst mit Innigkeit und kindlichem
Glauben die trostvollen Verkündigungen der Religion. Ja, ich werde leben! Noch
sehe ich die Bedingungen meines künftigen Seins nicht ein. Wir stehen aber vor
der geschlossenen Pforte, und quälen und mühen uns ab, Möglichkeiten und
Wahrscheinlichkeiten zu ersinnen; wie es aber sein wird, ob der Blindgeborne
sich eine richtige Vorstellung von den Farben hat machen können, die, wenn sein
Auge geöffnet wird, mit der Wahrheit übereinstimmt? Das ist eine Frage, die der
menschliche Verstand beinahe mit Gewissheit verneinen kann. Alles, was wir mit
grossem Rechte erwarten können, ist, dass es dem, dessen Wille redlich war, besser
gehen muss, als hier.
    Und war mein Wille redlich? - Ja, er war es. Dies Zeugnis gibt dem
Sterbenden sein Gewissen, und in diesen furchtbaren Augenblicken fällt jede
Maske, auch die der Selbsttäuschung. Ich habe eine grosse Idee im Herzen
getragen, ich habe ihrer Verwirklichung Alles aufgeopfert, was Menschen teuer
ist. Habe ich geirrt, so trage ich die Schuld der Menschheit. Aber ich habe
nicht bloss mein, ich habe noch eines andern - über Alles edeln Wesens Glück auf
jenem ernsten Altar geschtachtet - das Glück meines Weibes! - Durfte ich das? -
O barmherziger Gott! Wenn ich das nicht durfte! - Wenn jene Idee dieses Opfers
nicht wert war! Wenn - mein Geist verliert sich in Zweifel und Unruhe, und ist
in solchen Augenblicken der Verzweiflung nahe - aber leuchtend und siegreich
erhebt sich der Gedanke wieder: Mein Wille war gut, und wie der Leitstern den
Schiffer in stürmischen Nächten, führt er mich aus Angst und Dunkel heraus in
lichte Klarheit und stillen Frieden.
    Mein Zeitliches ist besorgt. Ich habe an Constantin geschrieben, und ihm
noch ein Mal mein Weib und meine Kinder empfohlen, wenn er einst das Ziel
erreicht, zu dem er rasch hinstrebt. Mein Grab ist die erste Stufe, von der er
sich mächtig aufwärts schwingt - so habe ich wohl ein Riecht, seinen Schutz
anzusprechen.
    Tiridates und Calpurnia, die edlen Freunde, deren Liebe ich so viel
verdanke, haben mir tätige Hülfe versprochen, sie haben sich angeboten, meine
Wittwe, meine Waisen mit sich in ihr Reich zu nehmen, wenn ich es wünschte, wenn
ich sie dort vielleicht sicherer glaubte. Aber Teophania sehnet sich, den Rest
ihrer Tage unter Christen, an der Seite einer langgeprüften Freundin, die sie
vor Jahren hat kennen lernen, zuzubringen? Welchen Schutz kann ihr auch ein
bundesverwandter König gewähren, wenn es dem blutigen Galerius einfiele, seine
Wut und Rache auch auf sie auszudehnen? Ist wohl Bundesgenosse mehr, als ein
tönender Name für Untertan? So wird sie in Apamäa nicht weniger sicher sein,
als in Ecbatana; sie ist seinen Augen entrückt, das ist alle Sicherheit, die sie
hoffen kann.
    Ich habe sie noch ein Mal gesprochen, und meine Kinder noch ein Mal
gesegnet. Nächtlich und furchtbar, und dennoch, so unaussprechlich teuer kehrt
die Erinnerung an diese heilige Stunde nur zu oft in meine Seele zurück. Zu oft!
denn ich soll ruhig sein, ich soll, durch keine irdische Bande mehr gefesselt,
nur der Vorbereitung auf die grosse Zukunft leben. Aber das Herz behauptet mit
unwiderstehlicher Kraft sein Recht. Ich liebe, Phocion! jetzt an der Schwelle
der Ewigkeit liebe ich stärker als je, denn höher als je steht das Bild meines
Weibes vor mir!
    Gestern ward es mir vergönnt, sie zu sehen. Mit hochschlagendem Herzen trat
ich den Weg an. Im Atrium erblickte ich von Weitem die Königin, aber sie floh
bei meinem Anblicke in's Innere des Hauses. Ich folgte langsam mit heimlichem
Beben, da öffnete sich die Türe, und Teophania, bleich, zitternd, in
fürchterlicher Bewegung, sank schreiend an meine Brust. Calpurnia entfloh zum
zweiten Mal schluchzend, und liess mich mit der Ohnmächtigen allein. Meine Liebe,
meine Stimme brachte sie zu sich selbst, und nun begann eine Scene, deren
Erinnerung noch in jener Welt mein Herz zerreissen wird, wenn anders dort unsre
Empfindungen den irdischen gleichen.
    Selbst tiefgebeugt, selbst von dem Anblicke Alles dessen, was ich so heiss
liebte, und so bald verlassen sollte, verwundet, musste ich Stärke für sie und
mich haben, ich musste ihr Trost zusprechen, ich musste sie zur Ergebung bereiten.
Es gelang doch. O der ernste Wille ist allmächtig, er ist der Gott in unserer
Brust! Und, Phocion! bei dieser reinen Seele, bei diesem kindlichen Glauben an
Gottes weise Fügung, bei diesem heiligen Streben nach dem Guten, um des Guten
willen, war es nicht so schwer, als ich fürchtete. Sie begriff mich, sie fasste
sich, sie war fähig, ihre Gedanken von sich selbst hinweg auf etwas Andres zu
richten, und wieder jene schöne Glut zu empfinden, die oft in unvergesslichen
Stunden, wenn Constantin und ich mit ihr von unsern Planen sprachen, ihre Seele
begeistert hatte. Sie war nicht bloss Gattin und liebendes Weib, sie war Christin
im erhabensten Sinn des Worts. Ach, sterben für ein Ideal - für einen grossen,
Menschen beglückenden, Plan - es ist schwer, es ist gross, wenn man Geliebte
zurücklässt! Aber leben, leben ohne dich - rief sie, indem sie mich heftig
umschlang - das ist weit schwerer, es ist unaufhörlicher Tod! Ich fühlte die
Wahrheit dieser Klage, und dieser Ausdruck der Liebe und des Schmerzens
überwältigte mich, ich hielt meine Tränen nicht zurück. Sie sah sie fliessen.
Jetzt umfasste sie mich noch inniger, und bei dem herben Schmerz der Trennung,
bei dem Bewusstsein, wie elend wir Beide ohne einander sein würden, beschwor sie
mich, ihr eine Bitte zu gewähren, die sie schon lange im Herzen trüge, die
allein es ihr möglich gemacht habe, ihr Leid zu ertragen. Ich versprach es ihr
unbedingt; denn was konnte dies reine Gemüt wohl verlangen, was nicht mit der
Tugend übereinstimmte? Schüchtern und behutsam, in leisen aber kühnen
Mutmassungen über die Möglichkeit des Zusammenhangs im Geisterreiche über den
Zustand nach dem Tode, über die Macht der Sympatie, entwickelte sie zu meinem
Erstaunen ein schönes seltsames System, das aus christlichen und platonischen
Ideen zusammengesetzt, mich durch seine Consequenz überraschte, und in mir
zugleich die süssesten Hoffnungen erregte, deren Wahrscheinlichkeit ich nichts
entgegen zu setzen wusste, als den Mangel an solchen Erfahrungen. Nun drang sie
mit heisser Liebe in mich, ich sollte ihr versprechen, wenn es möglich wäre, ihr
sichtbar zu erscheinen, oder falls dies ausser den Grenzen meiner Macht wäre, sie
doch nie zu verlassen, und um sie und unsre Kinder zu schweben, damit sie den
süssen Trost geniesse, meine Gegenwart zu ahnen, und vielleicht in jenen leisen
Einwirkungen, wie aufmerksame Fromme sie wohl kennen, gewahr zu werden. Ihre
Schwärmerei riss mich hin, es war mir in diesem Augenblicke mehr als möglich, es
war mir beinahe gewiss, dass wir uns einander so nahe bleiben könnten - und - noch
ist der hohe Zauber dieser Hoffnungen nicht entkräftet, und weder Philosophie
noch Religion erheben sich siegreich gegen sie. So lass sie mich halten und
pflegen. Morgen um diese Zeit ist Alles klar.
    Ich hatte meinem Weibe den heiligen Schwur getan; aber ich sollte auch das
Abendmahl mit ihr zugleich zur Besieglung dieses Bundes empfangen. Dies, hoffte
sie, würde mein Versprechen unwiderruflich, und für die Geisterwelt bindend
machen. Ich versprach ihr auch dies - o was hätte ich diesem so liebenden, durch
mich so tief verwundeten Herzen versagen können! Nun ganz zufrieden, ganz gefasst
liess sie unsre Kinder bringen. Sie legte mir das jüngste, das ich noch nicht
gesehen hatte, in die Arme, ich sollte es segnen. Welch' ein Augenblick für das
Vaterherz! Dies Kind, das in der Geburt schon verwaiset war, jener
hoffnungsvolle Knabe, dessen Erziehung der süsseste Wunsch meines Herzens gewesen
war, dieses Weib, an deren Seite zu leben, seit meiner Kindheit mir die höchste
Stufe irdischer Seligkeit geschienen hatte - und nun Alles - Alles das verlassen
und aufgeben zu müssen!
    Es erhob sich ein Sturm in meiner Seele; aber Ein Blick auf mein Weib, das
still und ergeben das Kind am Mutterbusen hielt, auf dies Gesicht, im das ich
den Frieden zurückgeführt hatte, gab mir Kraft, ihn nicht wieder zu zerstören.
Jetzt trat Apelles ein, er reichte uns das Abendmahl. Vielleicht war es seit
seiner Einsetzung nicht mit mehr Wehmut und Rührung empfangen worden! Auch hier
schied der Liebende von Geliebten in Erwartung eines nahen gewissen Todes.
    Als ich aufstand, fiel mein Blick auf die Wasseruhr. Die letzte glückliche
Stunde auf Erden war vorüber. Der Offizier trat ein, und jetzt war meine und
Teophaniens Standhaftigkeit dahin. Mit einer krampfhaften Heftigkeit
umschlangen wir uns und wünschten und dachten Eins an des Andern Brust zu
vergehen. Ich drückte die Kinder an mein Herz, es schien mir unmöglich, mich
loszureissen, das Verhängnis gebot - der Centurio kam zum zweiten Mal -
Teophania sank mit einem lauten Schrei in Ohnmacht, ich legte sie in die Arme
ihrer herbei geeilten Sclavinnen, und floh.
    Im Atrium fand ich mich wieder schluchzend an eine Säule gelehnt, als eine
bekannte Stimme mich beim Namen rief. Es war die Königin, auf dem ernsten Wege
zum Tode erschien sie mir noch ein Mal. Sie winkte den Zeugen, sich zu
entfernen, sie trat auf mich zu, schlug ihre Arme um mich, und gestand mir, dass
sie mich von dem ersten Augenblicke unserer Bekanntschaft an geliebt, dass sie
mich jedem andern Manne vorgezogen habe, und dass ich ihr noch jetzt über Alles
in der Welt teuer sei. Welcher Moment, zu welchem Geständnis! So war ich
bestimmt, zwei der edelsten Herzen zu brechen! Und warum sagte sie mir das?
Warum goss sie diesen bittern Tropfen noch in die Schale, die ohnedies so voll
war? Das hätte Teophania nicht vermocht. Sie hätte ihr Geheimnis mit in's Grab
genommen, wenn seine Entüllung dem Freunde so schmerzlich sein musste.
    Aber ich habe ihr verziehen, ich ehre ihre Vorzüge, und danke ihr die Liebe
und Sorge für mein teures unglückliches Weib, gleichviel aus welcher Quelle sie
fliessen mag.
    Und so ist mein Tagwerk vollendet. Mit Scheu, aber dennoch mit Zuversicht
nahe ich mich dem Trone des allsehenden Richters. Unendlich ist unsre Schwäche,
aber auch seine Güte ist unendlich, und wenn auf der richtenden Wage die
schimmerndsten Tugenden in nichtigen Staub zerflattern, und so mancher geheime
Gedanke in schrecklicher Blösse vor uns stehen, und wider mich zeugen wird - dann
flüchtet der zagende Sohn des Staubes zu dem erbarmenden Vaterherzen; denn von
dem Blut, das auf Golgata strömte, floss auch ein Tropfen der Entsühnung für
mich. Das ist unser Erbteil - wir sind Erlöste!
    Nun lebe wohl, teurer Phocion! Wenn du diese Tafel in deiner Hand halten
wirst, ruht meine Hülle längst im Schoss der Erde, und die Verwesung verzehrt
die Gestalt, unter welcher dein Freund, dein Schüler, dir erschien. Aber, er
stirbt dir nicht! Auch jenseits wird ihn dein Andenken begleiten, und der Dank
für so manche mir geweihte Stunde, so manche Lehre, und so manches wirksamere
Beispiel wird in jener Welt vielleicht noch reiner und stärker gegen dich
entglühen. Am offenen Grabe lass ihn mich dir noch ein Mal wiederholen, mein
Lehrer, mein zweiter Vater! und sei versichert, wenn es die Vorsicht erlaubt,
und die furchtbaren Gesetze der Geisterwelt, so wird nicht Teophania allein ein
Zeichen meines Daseins erhalten.
    Es ist Mitternacht. Die kleine Lampe, die mir leuchtete, erlischt - so
erlischt bald mein Leben. Ich gehe zur Ruhe, der Schlaf behauptet seine Rechte
auf den erschöpften Körper - morgen schläft er einen unweckbaren. Leb' wohl.
                                    Fussnoten
1 Mors non ultima venit, quae rapit ultima mors est.
                                                                         Seneca.
 
                     115. Calpurnia an ihren Bruder Lucius.
                                                         Nikomedien, im Mai 305.
Es ist vorüber - er ist todt! In der Nacht dem Auge des Volkes verborgen, weil
man kleinherzig die Rache der Jovianer fürchtete, floss das edelste Blut, das je
vielleicht auf der Erde ein menschliches Herz bewegt hatte. Ich habe mich seines
Betragens nicht zu rühmen. Manche meines Geschlechts würde nie verziehen haben,
was er an mir tat; dennoch sage ich mit Stolz, ich habe ihn geliebt, wie ich
noch nie einen andern Mann geliebt habe, wie ich nie einen lieben werde.
    Zwei Tage vorher sah ich ihn zum letzten Mal. Er kam, Abschied von seiner
Frau zu nehmen. Und wenn ich Titons1 Jahre erreichte, so würde keine Zeit die
Erinnerung dieses Anblicks aus meiner Brust vertilgen, wie er bleich, gefesselt,
aber in diesen Fesseln stolz und frei zwischen den Centurionen in's Atrium trat.
So mögen einst die gefangenen Könige vor den Wagen der Triumphatoren gegangen
sein. Das Herz wendete sich mir in der Brust, ein ungeheurer Schmerz zerriss mein
Innerstes. Ich eilte zu Teophanien - ich wollte Zeugin des Wiedersehens sein.
Er folgte mir auf dem Fusse, in meiner Seele wiederhallte der Klang seiner
Ketten. Er trat ein, er stürzte mit dem Ton des wildesten Schmerzens in die Arme
seines Weibes. Ich wurde gar nicht bemerkt, und entfloh, denn es war mir nicht
möglich, hier auszuhalten.
    Eine tödtlich lange Stunde verschlich - die schwerste in meinem Leben, bis
man endlich kam, mir zu melden, dass sich Agatokles entferne. Ich hatte es
verlangt, denn ich wollte ihn noch ein Mal sprechen. Ich eilte in's Atrium. Da
stand er an einer Säule gelehnt, ich rief ihn, er hörte mich nicht, nur einzelne
Töne des Schmerzens drangen aus seiner Brust hervor. Meine Liebe erwachte in
ihrer alten Macht; ich eilte auf ihn zu, und schlang die Arme um ihn. Was hatte
ich zu fürchten! Er stand am offenen Grabe, und nahm mein Geheimnis mit sich. Er
sah sich nach mir um, und eine Mischung von Erstaunen und sanfter Rührung malte
sich in den zerstörten wilden Zügen. Er wollte seinen Arm um mich schlagen,
seine Ketten verhinderten es, ich schlang sie um mich, und so von klirrenden
Fesseln umgeben, und selbst durch die Seltenheit dieser Lage noch mehr gespannt,
warf ich mich von Neuem an seine Brust. Lange vermochte er nicht zu sprechen -
endlich fand er Worte, und dankte mir für die Liebe und Sorgfalt, die ich seiner
Frau, für die Freundschaft, die ich ihm bis an seinen Tod bewiesen. Nicht
Freundschaft, hub ich mit ernster fester Stimme an, nicht Freundschaft!
Agatokles! Der Tod hebt alle Verstellung auf, und ich kenne deinen Edelmut.
Lass mich dir ein Geständnis tun, das ich unter keinen andern Umständen gewagt
haben würde, lerne mich ganz kennen, und dann beurteile den Wert dessen, was
ich für dich tat. Ich habe dich geliebt, Agatokles! von dem ersten Augenblicke
unserer Bekanntschaft an mit leidenschaftlicher Wärme geliebt! - Ich schwieg,
und sah ihm ernst in's Gesicht.
    Er schlug die Augen nieder, und liess die Arme sinken, die Ketten klirrten
wieder, und ihr Schall klirrte in meiner Brust nach. Ein schmerzhaftes Lächeln
zuckte um seinen Mund. So habe ich denn auch deinen Kummer mir vorzuwerfen! fing
er nach einer Pause an. Vergib, Calpurnia! Er reichte mir die Hand. Vergib, wenn
ich manche Stunde deines schönen heitern Lebens getrübt habe, wenn ich dich
missverstand, wenn vielleicht mein Betragen selbst dich berechtigte, mich falsch
zu deuten! Vergib!
    Diese Antwort war mir unerwartet. Ich schwieg verlegen. Es ward klar und
kühl in meiner Seele, der Rausch des Entusiasmus war verschwunden - aber ich
musste ihn achten. Ich reichte ihm die Hand, und sagte mit Herzlichkeit: »Glaube
nicht, Agatokles, dass diese Erklärung so gemeint war. Ich mache dir keine
Vorwürfe - ich habe nichts zu vergeben.« Er drückte meine Hand an sein Herz: »Du
bist immer gütig, immer freundlich! Habe Dank für jede schöne Stunde, die ich in
deinem Umgange genoss, für jeden Beweis der Freundschaft, den du mir und meinem
Weibe gegeben hast! Entziehe sie der Unglücklichen nicht, nimm sie als deine
Freundin, als mein einziges teuerstes Vermächtnis auf!« Mit Tränen der
innigsten Rührung, aber gewiss ohne Leidenschaft, gelobte ich ihm, Teophanien
als meine Schwester zu betrachten. Ich war jetzt wirklich seine Freundin
geworden. O was hätte der Mann aus mir machen können, wenn keine frühere
Verbindung eine unübersteigliche Kluft zwischen uns eröffnet hätte! Und er ist
todt! -
    Tiridates und Apelles, ein christlicher Priester, waren den letzten Tag viel
bei ihm. Er war gefasst, und sogar heiter, wenn die Rede nicht auf seine Frau
fiel. Den Abend wendete er an, um Briefe zu schreiben, legte sich dann schlafen,
und schlief noch sehr ruhig, als Tiridates gegen den Morgen in sein Gefängnis
trat. Die Lictoren kamen bald darauf. Eine leichte Bewegung ward in Agatokles
Zügen sichtbar, dann stand er ruhig auf, umarmte seine Freunde, gab Tiridates
ein letztes Lebewohl an seine Hinterlassenen auf, und folgte den Lictoren. Seine
vertrauten Sclaven empfingen ihn an der Tür des Gefängnisses, die Treuen
wollten ihren geliebten Herrn noch ein Mal sehen. Er redete gütig mit ihnen, gab
den Meisten die Freiheit, und verwies sie auf sein Testament, das er im Kerker
geschrieben hatte, und jetzt Tiridates übergab. Dann bestieg er das
Todesgerüste, betete mit stiller Rührung - und so verliess der Schatten des
edelsten Mannes die Erde, die seiner nicht wert war! O mein Bruder! Nie, nie
wird dieser ungeheure Verlust seinen Verlassenen, seinen Freunden ersetzt
werden!
    Teophania war, seit dem Abschied ihres Mannes, wenig bei sich gewesen, wir
wünschten sehr, dass dieser Zustand noch eine Weile dauern, und die traurige
Catastrophe ihr unbewusst vorübergehen möchte. Aber es ist seltsam, obwohl es
nichts als Zufall sein kann; in der Nacht seines Todes, gegen den Morgen fuhr
sie auf ein Mal aus dem Schlummer empor, nannte seinen Namen, sah uns Alle starr
an, und sagte: Jetzt ist er todt. Wir suchten ihr diese Vorstellung zu benehmen,
sie blieb ruhig auf ihrer Behauptung, fragte, welche Zeit es wäre, und schwieg
zuletzt mit einem sonderbaren Lächeln. Als Apelles eintrat, sagte sie ihm die
Stunde, in der ihrer Meinung nach ihr Mann geendet hatte. Er war erstaunt, denn
sie traf ziemlich mit der Wahrheit zusammen. Apelles musste ihr alle Umstände,
jeden Blick, jedes Wort, jede Bewegung ihres Gemahls wiederholen. In dieser
traurigen Beschäftigung, die mir so ganz zweckwidrig vorkam, schien sie Trost zu
suchen, und fand ihn wirklich. Seitdem ist sie sich immer gegenwärtig, sie fasst
sich mit unglaublicher Kraft, sie ist still, beinahe wortlos, aber sie ist bei
Weitem nicht so gebeugt, und zernichtet, als ich es bei ihrem Charakter
fürchtete. Woher kommt diesem sonst so zagenden Wesen dieser Mut, woher die
Kraft, ohne den zu leben, der ihr einst so ganz unentbehrlich zu ihrem Dasein
schien? Sollte ich glauben, dass dies die Wirkung der Schwärmerei, der Religion
sei? Wie kann sie das? Wie kann der Glaube an die Götter, oder an einen Gott
solche Umwandlungen, solche Wunder hervorbringen? Wenn es aber wirklich so ist,
so muss die Religion der Christen von ganz anderm Einfluss auf die Gemüter sein,
als die unsrige.
    Tiridates und ich haben ihr angeboten, sie mit nach Ecbatana zu führen; denn
ich liebe - und verehre sie wirklich, und ihre Gesellschaft wäre mir äusserst
erwünscht. Sie zieht aber vor, nach Syrien zu einer Freundin zu gehen, die sie
lange kennt und liebt, und mit der viele alte Bande, auch der Religion, sie
verknüpfen. Hiergegen konnte ich nichts einwenden, - und so sehe ich mit Wehmut
dem Augenblicke der Trennung entgegen. Es wird mich schmerzen, von Allem zu
scheiden, was einst dem teuren Freund noch angehörte, und nichts - gar nichts
mehr für ihn an seinen Verlassenen tun zu können. Ach ich fand bei dem
unendlichen Verlust einen kleinen Ersatz darin, das, was ich ihm nicht sein
konnte, den Seinigen zu werden! O Lucius! Er war mir so viel, so viel! - Noch
kann ich mich nicht an den Gedanken gewöhnen, dass er todt ist, noch kann ich es
nicht fassen, dass ich ihn nie - nie wieder sehen soll!
    Leb' wohl, lieber Bruder! Sobald Teophania im Stande ist, ihre Reise
anzutreten, brechen auch wir auf. Mein Vater geht nach Rom zurück, und ich habe
es geschworen, die Umgebungen dieser Stadt, in der das edelste Blut vergossen
ward, deren Annäherung mir nichts als Unheil gebracht hat, nie wieder zu
betreten.
 
                                    Fussnoten
1 Titon, Aurorens Gemahl der von den Göttern zwar das Geschenk der
Unsterblichkeit, aber nicht der ewigen Jugend erhielt, und daher endlich aus
Mitleid in eine Heuschrecke verwandelt wurde.
 
                        116. Apelles an Junia Marcella.
                                                      Nikomedien, im Junius 305.
In drei Tagen, meine teuerste Freundin, wird unsre arme Teophania sich mit
ihren Waisen auf den Weg zu dir machen, und ich werde sie begleiten. Seit dem
Tode ihres Mannes habe ich sie wenig verlassen, und vielfach Gelegenheit gehabt,
die geheime Kraft ihrer Seele, und ihre Ergebung in den Willen des Schöpfers,
und ihres Gemahls zu bewundern. Er hat sie gebeten, zu leben - er hat gewünscht,
dass sie sich für ihre Kinder erhalte. Das war genug für sie. Das Dasein ist ihr
unzweifelbar eine drückende Last, alle ihre Gedanken wohnen im Grabe, und
dennoch hat sie sich aufgerafft, und ihre liebsten Neigungen bekämpft, und ihre
Gesundheit gepflegt, wie wenn das Leben das wünschenswerteste Gut für sie wäre.
Sie spricht oft und am liebsten - und fast nur von ihm - und diese Gespräche
dienen nicht, wie in ähnlichen Fällen, ihren Zustand zu verschlimmern, sie
scheinen vielmehr ihre gepresste Brust zu erleichtern. Ach, ihre Wunden können
nicht aufgerissen werden, denn sie haben noch keinen Augenblick aufgehört zu
bluten!
    Darum kann ich auch kein langes Leben für sie hoffen, und ich müsste wahrlich
die Selbstsucht bis zur Grausamkeit treiben, wenn ich es ihr wünschen könnte.
Wir und ihre Kinder werden unendlich durch ihren Tod verlieren, denn wie ein
guter Geist waltet sie sanft, beruhigend und erheiternd, selbst jetzt in allen
ihren Schmerzen unter uns, und die fremdartigsten Gemüter bezwingt und fesselt
ihre unwiderstehliche Güte, ihr tiefer innerlicher Wert. Aber sie ist nur mehr
halb auf dieser Erde. Ihre bessere Hälfte, so sagt sie selbst, ist
hinübergegangen, und der traurige Rest muss verwelken, wie der Baum abstirbt, dem
ein Sturmwind oder die Art des Landmanns alle seine Aeste geraubt, und den
grössten Teil des Stammes zersplittert hat. So lange die matten Säfte noch
auf-und absteigen, grünt die Rinde noch, und sprossen noch einzelne Blätter
hervor; aber jeden Frühling weniger, und immer weniger, bis, wenn einst der
Wanderer kömmt, und ihn sucht, er ihn dürr und abgestorben findet, und mitleidig
die morschen Ueberbleibsel zu den längst gefällten Teilen gesellt.
    Nur ein Punkt ist ausser ihren Kindern auf der Welt, der ihr lebhafte
Teilnahme einflösst - Constantins Schicksal. Sie hat vor zwei Tagen durch den
König einen Brief von ihm erhalten. Er ist Augustus. Als er an der gallischen
Küste ankam, fand er seinen Vater schwer krank, und im Begriff, sich nach
Britannien bringen zu lassen. Kaum in Eboracum angelangt, starb er in den Armen
seines Sohns. Die Legionen standen keinen Augenblick an, zwischen dem würdigen
Sohne ihres geliebten Kaisers, und irgend einem Fremden, den ihnen Galerius
aufdringen würde, zu wählen, und riefen ihn einmütig zum Augustus und Imperator
aus.1 Dies Alles meldete ihr Constantin mit der Genauigkeit und dem edlen
Zutrauen eines Freundes, und in dem Ton eines Mannes, dem ein doppelter Verlust
für diesen Augenblick den Glanz des Purpurs verdüstert, und ihn für nichts als
den Schmerz für Vater und Freund empfänglich gemacht hat. Teophania ergriff
diese Nachrichten mit Wärme, ja ich kann sagen mit Heftigkeit. Sie brach in
Tränen aus, faltete die Hände und schlug den leuchtenden Blick zum Himmel. O
mein Agatokles! rief sie dann mit lebhafter Zärtlichkeit: Du hast es gewusst! Du
weisst es auch jetzt - und das ist dein Lohn!
    Sie entfernte sich bald darauf, und schloss sich in ihr Zimmer ein. Lange
darauf kam sie sehr bleich, und wie es schien, erschöpft, aber mit einer
unaussprechlich milden Heiterkeit wieder zu uns. Ihre Tränen flossen beinahe den
ganzen Abend, aber es schienen keine Tränen des Unglücks zu sein. Ueberhaupt
ist es zuweilen, als hätte sie Tröstungen, die weit über unsre Begriffe und alle
Macht der menschlichen Natur erhaben wären. Ihr scheint Agatokles nicht ganz
todt zu sein, sie fühlt sich manchmal nicht völlig von ihm getrennt; es ist, als
beglücke sie noch ein unsichtbares Band, als walte ein geheimnisvoller
Zusammenhang zwischen ihnen. Ich kann nicht bestimmen, wie vielen Anteil an
diesen Vorstellungen, Religion, Schwärmerei, Wirklichkeit, oder ein durch so
lange heftige Leiden geschwächter Geist hat. Sei es immer Wahn - er ist
wohltätig für sie, und ich werde mich sehr hüten, ihn durch Zergliederung und
Vernunftschlüsse zu zerstören. Und wer von uns kennt denn die Gesetze der
Geisterwelt, und die unerforschten. Kräfte der Natur? Wer wagt es auszusprechen,
dass eine seltsame, unerhörte Sache, darum nicht möglich sei, weil sie bisher
noch nicht in dem Kreis unserer Erfahrungen lag? Die höchste Weisheit ist, zu
bekennen, dass wir hierüber, wie über so viele andere Dinge, Nichts wissen, und
so müssen wir wünschen und hoffen, dass unsere unglückliche Freundin diese
beruhigenden Vorstellungen so lange hege und nähre, bis es dem Schöpfer gefällt,
die schwachen Bande zu lösen, die ihren Geist an die welkende Hülle binden, und
sie ganz und auf ewig mit dem zu vereinigen, mit dem ihr Wesen, seit ihrer
Kindheit, nur Eins ausgemacht hat, und von dem sie, wie es beinahe scheint,
selbst der Tod nicht völlig zu trennen vermochte.
So weit die Geschichte des unglücklichen Paares, die der Inhalt dieser Blätter
war. Sechs Jahre darauf starb Galerius; aber nur erst nach einem langen
Zwischenräume von Kampf und Elend, nachdem mehr als sechs auf einander folgende
Auguste und Cäsarn um die Herrschaft der Welt gestritten und geblutet hatten,
ging aus Krieg und Zerrüttung über den stillen Gräbern der ersten Opfer für
Constantins Rettung jener Zeitpunkt von Ruhe und stille hervor, um dessentwillen
so Vieles geschehen, und so manches edle Herz gebrochen worden war.
    Constantin wurde Herr der ganzen römischen Welt. Er verlegte den Sitz der
Regierung nach Byzanz, das er mit vieler Pracht zur Hauptstadt erhob, und nach
seinem Namen Constantinopel nannte. Das Christentum, als die laut bekannte
Religion des Kaisers, ward bald herrschend im ganzen Staate, alle spätern
Versuche, sie zu stürzen, waren vergeblich, und die Nachwelt kennet die Folgen
dieser wichtigen Veränderung aus der Geschichte.
 
                                    Fussnoten
1 Geschichtlich nach Gibbon.
 
    