
        
                            Friederike Helene Unger
                        Bekenntnisse einer schönen Seele
                           Von ihr selbst geschrieben
                                     An Cäsar
Die Lage, worin ich mich gegenwärtig befinde, ist recht eigentlich dazu gemacht,
meiner Phantasie einen ganz neuen Schwung zu geben. Abgeschnitten von Ihrem
interessanten Umgang, mein angenehmer Freund, und auf mehrere Wochen getrennt
von meiner teuren Eugenie, bin ich, mehr als jemals, auf mich selbst zurück
geworfen. Die süsse Gewohnheit, mich Ihnen oder meiner Freundin mitzuteilen,
würde für mich zur Folter werden, böte mir die Schriftsprache keinen Ausweg dar.
Wenn ich mich lieber an Sie, als an meine Freundin, wende, so geschieht dies,
weil ich aufs bestimmteste weiss, dass Sie nur allzu oft gewünscht haben, die
Geschichte meiner Entwickelung vollständig zu vernehmen. Wie vollendet Ihre
Diskretion auch sein mag, mein angenehmer Freund, dieser Wunsch musste in Ihnen
entstehen, so oft Sie sich die Frage vorlegten: Woher es doch kommen möge, dass
Ihre Mirabella, trotz ihrem Alter und ihrer Jungfrauschaft, noch immer ihren
Platz in der Gesellschaft behauptet, und sogar ein Gegenstand der Zuneigung und
Achtung bleibt? Gestehen Sie nur, dass Sie sich einige Mühe gegeben haben, dies
Rätsel zu lösen, wäre es auch nur geschehen, um begreiflich zu finden, wie ich,
zwischen einem Philosophen Ihres Schlages und einer so gebildeten Frau, als
unsere gemeinschaftliche Freundin ist, in der Mitte stehend, ein Band abgeben
kann, das man als notwendig empfindet, und immer ein wenig ungern zerreissen
sehen wird. Ich müsste Sie aber sehr wenig kennen, wenn ich nicht vorher wissen
sollte, dass die Hauptfrage, welche Sie sich in Hinsicht meiner vorgelegt haben,
ohne sie jemals vollständig beantworten zu können, immer die gewesen ist: Wie
ich mit den körperlichen und geistigen Eigenschaften, in deren Besitz ich
gewesen und allenfalls auch noch bin, eine Jungfrau habe bleiben können? In
Wahrheit, dies ist das Hauptproblem, das gelöset werden muss, wenn man mich in
meiner Individualität begreifen will.
    Nun, mein angenehmer Freund, jegliche Frage, die Sie sich, während unserer
zehnjährigen Bekanntschaft, in Beziehung auf mich vorgelegt haben mögen, soll
Ihnen durch die nachfolgende Erzählung beantwortet werden. Ich will den Zufall,
der mir die Feder in die Hand gegeben hat, recht eifrig benutzen, Sie mir für
immer zu verbinden. Erst nach drei Wochen kann Eugenie zurückkehren. Bis dahin
gehöre ich Ihnen, so viel ich die mit dem Schreiben unauflöslich verbundene
Arbeit ertragen kann. Mein Wille ist der beste von der Welt; auch an Heiterkeit
und Laune gebricht es mir nicht; denn der lange Winter, den wir seit einigen
Wochen überstanden haben, macht einem so angenehmen Frühlinge Platz, dass das
Gefühl des inneren Lebens mit verdoppelter Stärke zurückkehrt.
    Erwarten Sie aber in meiner Erzählung keine Abenteuer; ich habe nie zu
denjenigen gehört, denen dergleichen begegnen können. Was in meiner Geschichte
Ausserordentliches ist, bleibt noch immer in der Regel, wenn man die
Eigentümlichkeit der Personen ins Auge fasst, welche einen so wesentlichen
Einfluss auf meine Entwickelung hatten. Im Übrigen wissen Sie, mein angenehmer
Freund, dass es wenig Menschen gibt, die mit ihrem Geschick zufriedener sind,
als ich. Die Natur wollte nun einmal, dass in der Reihe der Wesen auch ein
solches Geschöpf existiren sollte, wie ich bin. Eben so weit davon entfernt,
mich als Muster darstellen zu wollen, als ich entfernt bin, meine eigene
Anklägerin zu werden, will ich mich also nur in meiner Eigentümlichkeit
schildern. Ob diese gut sei, oder nicht, darüber mögen Andere entscheiden. Ich
selbst bin, wenn ich die Wahrheit gestehen darf, dahin gelangt, dass mich nichts
so sehr in Verlegenheit setzt, als die Frage: Ob dies oder jenes gut sei? und
nehme, sowohl für mich selbst als für Andere, meine Zuflucht sehr gern zu dem
Grundsatz: What ever is, is right.
    Auch Sie, mein angenehmer Freund, werden mich so nehmen; und unter dieser
Voraussetzung will ich Ihnen alles bekennen, was nur von einigem Interesse für
Sie sein kann.
 
                                  Erstes Buch
Wer meine Eltern gewesen sind, vermag ich nicht zu sagen; denn ich habe sie nie
kennen gelernt. In einer gewissen Periode meines Lebens lag mir sehr viel daran,
hinter das Geheimnis meiner Geburt zu kommen; allein so viel Mühe ich mir auch
zu diesem Endzweck gegeben habe, so hab' ich mit aller angewandten Sorgfalt doch
nur zu der Vermutung aufsteigen können: Meine Existenz sei die Wirkung eines
Missbündnisses, welches entweder durch meine Geburt, oder bald nach derselben
aufgehoben wurde.
    Meine Erinnerungen reichen bis zu meinem sechsten Lebensjahre herab. - Wo
ich auch vorher existirt haben mag, in diesem Alter brachte man mich, nach einer
Reise, welche wenigstens drei Tage dauerte, in die Wohnung eines französischen
Geistlichen, der mit seiner Schwester auf dem Lande lebte. Ich wunderte mich
darüber, dass man mich auch hier Mirabella nannte, sobald ich aus dem Reisewagen
gestiegen war; denn ich konnte nicht begreifen, wie ganz fremde Personen mich
kennen könnten. Wesen und Namen war für mich noch einerlei.
    Welche Richtungen mein Inneres auch bis dahin erhalten haben mochte, so lag
es in der Natur der Sache, dass sie durch die neue Lage verdrängt wurden; denn so
lange der Mensch noch der Entwickelung fähig ist, bestimmt er sich nach seiner
Umgebung, die um so kräftiger auf ihn einzuwirken pflegt, je abhängiger er in
jedem Betracht von ihr ist. Eigenen Charakter darf man nur solchen Personen
zuschreiben, die sich zu Meistern ihrer Umgebung gemacht haben.
    Meine Erzieher waren, nach den Bildern, die mir von ihnen übrig geblieben
sind, sehr achtungswerte Personen. Der Geistliche war nämlich ein Mann von
mannigfaltigen Talenten, und in jeder Hinsicht so gesetzt und verständig, dass
man hätte in die Versuchung geraten können, ihn für einen Deutschen zu halten;
ja, ich muss bemerken, dass er mir von allen französischen Geistlichen, die mir
jemals vorgekommen sind, immer als der einzige erschienen ist, der ein
lebendiges Gefühl von der Würde seines Berufs hatte. Seine Schwester war seiner
würdig. Höchst reinlich in ihrem ganzen Wesen, geschickt in allem, was zu den
Verrichtungen einer guten Hausmutter gehört, sanft und nachgiebig, weil sie in
ihrem Verstande immer die nötigen Hülfsmittel fand, war sie das baare
Gegenteil von dem, was Französinnen zu sein pflegen. Dieselbe Deutschheit,
welche ihren Bruder zu einem Mann machte, gab ihr die ächte Weiblichkeit, die
man bei so wenigen Französinnen antrifft, weil sie immer erst dann einen Wert
errungen zu haben glauben, wenn sie aus ihrem Geschlecht getreten sind.
Gleichwohl sprachen diese beiden Personen unter sich immer französisch. Hätte
die Sprache ihr Wesen bestimmen können, so würden sie Franzosen gewesen sein;
aber dies vermag keine Sprache in der Welt. Nur der Umgang, oder die Totalität
gleichartiger Eindrücke, bestimmt die Individualität.
    In dem Hauswesen herrschte die grösste Ordnung. Der Bruder bewegte sich in
seinem Kreise, die Schwester in dem ihrigen. Beide Kreise berührten sich; aber
sie griffen nie in einander, weil dies der Freiheit der Bewegung geschadet haben
würde. Es war in der Tat eine Freude, zu sehen, wie diese Geschwister sich
gegenseitig achteten. Grossmütig durch sein ganzes Wesen, fand der Bruder nie
den Widerspruch der Schwester, wenn seine Liberalität ihrer Sparsamkeit in den
Weg trat. Nicht minder entging der ökonomische Geist der Schwester der Kritik
des Bruders. Beide schienen, ohne förmliche Verabredung, darin überein gekommen
zu sein, dass sie sich als vernünftige Wesen in ihrem Tun und Treiben
respektiren wollten, da es in der Natur der Sache lag, dass sie sich gegenseitig
ergänzen mussten, wenn sie den Charakter der Menschlichkeit in der Staatsbürgerei
retten wollten, von welcher sich Niemand ganz losreissen kann. Des Bruders
einzige Liebhaberei war eine Baumschule; allein auch in dieser Liebhaberei
folgte er nur seinem Hange zur Grossmut und zum Wohltun. Da er von seinen
Einkünften nichts verschenken konnte, ohne sich zu schaden; so wollte er
wenigstens die Produkte seines Fleisses verschenken. Die ganze Nachbarschaft
versorgte er mit jungen Baumstämmen von der edelsten Gattung, ohne jemals eine
Entschädigung in baarem Gelde dafür anzunehmen.
    Je mehr der ganze Gang des Hauswesens den Bedürfnissen meines Alters
entsprach, desto leichter gewöhnte ich mich daran; und da meine Pflegeeltern
unter sich selbst so einig waren, dass alles, was Leidenschaft genannt werden
mag, aus ihrem Bezirk verbannt war, so konnte es nicht fehlen, dass ich in diese
ihre Stimmung hineingezogen wurde. In so fern Liebe ein bestimmtes Gefühl ist,
das zur Aufopferung treibt, war dies Gefühl nicht in mir; aber ich teilte die
Harmonie des Hauses, und teilte sie um so mehr, weil ich von allen Hausgenossen
gleichmässig behandelt wurde, und die Entstehung dessen, was man Eigensinn zu
nennen pflegt, in mir ganz unmöglich war. Was mir immer vorgehalten werden
mochte, ich nahm es als Beschäftigung des Tätigkeitstriebes, und fand daher
meine Rechnung eben so sehr im Lehrzimmer, als in der Küche und im Garten. Nur
in Hinsicht der Autorität unterschied ich meine Umgebung. Die meines
Pflegevaters gab den Ausschlag über jede andere. Ihn betrachtete ich im
eigentlichen Sinne des Worts als das Haupt, und wo sein Ausspruch einmal erfolgt
war, da galt mir kein anderer. Hätte man mir damals gesagt: Es ist ein
Unterschied zwischen Wahrheit und Meinung, so würde ich, vorausgesetzt, dass zwei
so abstrakte Dinge nicht ganz für mich verloren gewesen wären, auf der Stelle
geantwortet haben: Das weiss ich recht gut; denn die Wahrheit ist bei meinem
Vater und die Meinung bei den Andern. Das Geschlecht, zu welchem ich gehörte,
gab mir diese Deferenz. Wär ich ein Knabe gewesen, so würde die Autorität meiner
Pflegemutter entschieden haben.
    Ich habe oft gedacht, dass die Erziehung jedes menschlichen Wesens, das nur
einigermassen geraten soll, höchst einfach sein müsse. Es kommt zuletzt doch nur
darauf an, dass man eine achtunggebietende Individualität gewinne. Wie will man
aber zu einer solchen gelangen, wenn es durchaus nicht gestattet ist, bleibende
Falten zu schlagen, die, sie mögen nun in Gefühlen oder in Ideen zum Vorschein
treten, allein den Charakter ausmachen? In Städten, vorzüglich aber in
Hauptstädten, besteht die Erziehung eigentlich darin, dass der eine Eindruck
sogleich durch den andern vernichtet werde, so dass der Zögling am Ende in einem
leeren Nichts dasteht; dies ist eine notwendige Folge der allzuweit getriebenen
Zusammengesetzteit der Richtungen, welche der Zögling (ob mit oder ohne
Absicht, gilt hier gleich viel) in den Städten erhält. Auf dem Lande kann so
etwas durchaus nicht statt finden; da der Richtungen an und für sich wenigere
sind, so ist die ganze Erziehung einfacher, und die natürliche Folge davon ist,
dass das Innere des Zöglings eine bestimmte Form annimmt, die sich zuletzt von
selbst gegen alle Unform verteidigt, und im Kampfe mit derselben zu einer
höheren Entwickelung führt.
    Ganz unstreitig verdanke ich nicht nur den grössten, sondern auch den besten
Teil meines Wesens der Erziehung, die ich in dem Hause meines Pflegevaters
erhielt. Die Gewöhnung zur Reinlichkeit musste mir die Reinlichkeit zum Bedürfnis
machen; und indem der materielle Schmutz ein Gegenstand des innigsten Abscheues
für mich wurde, konnte der immaterielle, vermöge des Zusammenhanges, worin das
Physische mit dem Geistigen im Menschen steht, keinen Eingang bei mir finden.
Mit der Liebe zur Reinlichkeit aber stand die Schamhaftigkeit in der
vollkommensten Harmonie. Da das Wohnhaus geräumig genug war, so hatte jedes
Mitglied der Familie sein eigenes Schlafzimmer; dabei erforderte eine
hergebrachte Sitte, nicht anders als vollkommen angekleidet aus demselben zu
treten. Jene Einrichtung und diese Sitte brachten die Wirkung hervor, dass, wie
ungezwungen der Umgang im Übrigen auch sein mochte, doch Keiner von uns begriff,
wie es möglich sei, sich in Gegenwart eines Andern aus- oder anzukleiden. Ich
mochte ein Alter von zehn Jahren erreicht haben, als der Anblick eines
achtjährigen Knaben, der sich in meiner Gegenwart die Strümpfe aufband, mich in
eine solche Verlegenheit setzte, dass ich nicht im Zimmer bleiben konnte; und der
blosse Umstand, dass ich diese Scene niemals habe vergessen können, beweiset mehr,
als alles, was ich darüber zu sagen vermag, wie sehr die Schamhaftigkeit in mein
Wesen übergegangen war. Dies verhinderte indessen nicht, dass ich den Umgang mit
Knaben, so oft dazu Gelegenheit war, nicht unendlich interessanter gefunden
hätte, als den mit jungen Mädchen. Ein geheimer Zug tat hier alles; allein wie
unwiderstehlich er immer sein mochte, so folgte ich ihm doch, ich will nicht
sagen, mit Vorsichtigkeit - denn diese war für mich gar nicht vorhanden -
sondern mit Beibehaltung alles dessen, was mir einmal zur Gewohnheit geworden
war, und worüber ich nicht weiter Herr werden konnte. Und so geschah es, dass ich
selbst in einem Alter, dem die Herrschsucht ganz fremd ist, die widerstrebende
Natur meiner Gespielen männlichen Geschlechts in den Strudel meiner
Individualität zog, und diese rettete, ohne für sie zu kämpfen. Fremde Personen
nannten mich nicht selten die gesetzte Mirabella; meinen Pflegeeltern hingegen
war eine solche Benennung eben so fremd, als mir; unstreitig weil sie einsahn,
dass mit dieser Gesetzteit keine Art des Zwanges oder des Calculs verbunden war.
Ich bewegte mich minder lebhaft, weil die Freiheit mir habituell war, und ich
folglich keine Aufforderung hatte, mich zu übernehmen.
    Mein Pflegevater lehrte mich Zeichnen, Rechnen, Lesen, Schreiben; und
nachdem ich ein Alter von zwölf Jahren erreicht hatte, kam der Unterricht in der
Naturgeschichte und Geographie hinzu. Wie sehr er auch Geistlicher war, so
befasste er sich doch nicht mit der Unterweisung in der Religion; unstreitig aus
keinem anderen Grunde, als weil er noch kein bestimmtes Dogma in mich
niederlegen wollte. Auch trug er mir nie eine förmliche Moral vor; und deute ich
sein Wesen recht, so hatte er dazu den sehr vernünftigen Grund, dass die Liebe
keiner Regulative bedarf, und dass der Hass sie verachtet. Seine Urteile über
Menschen und menschliche Verhältnisse waren die eines gebildeten Mannes, der
zwar an Unverstand, aber nicht an Bosheit glaubt, und sich daher immer zur
Nachsicht und Schonung berufen fühlt. Nie hab' ich ihn in Leidenschaft gesehen;
und wenn der Charakter eines Weisen in der Apatie entalten ist, so war er mehr
als tausend Andere ein Weiser.
    Von meiner Pflegemutter lernte ich Stricken, Nähen, Brodiren; alles dieses
in einem hohen Grade von Vollkommenheit. Wie sehr auch meine Lehrerin in ihren
Wirtschaftsangelegenheiten versenkt schien, so fehlte es ihr doch durchaus
nicht an Kunstsinn. Die Gewalt des Wahren war für sie eben so wenig vorhanden,
als für irgend ein Weib; aber die Gewalt des Schönen offenbarte sich in allen
ihren Schöpfungen, in so fern sie alles verabscheuete, was den ewigen Gesetzen
der Harmonie widersprach. Zwar sagt man: »Nur das Wahre sei schön«; allein, so
weit meine Beobachtung reicht, gilt dieser Ausspruch nur in Beziehung auf
Männer; für Weiber ist nur das Schöne wahr, das heisst, sie wollen immer und ewig
nur das Schöne, unbekümmert um das Wahre. Vielleicht rührt dieser Unterschied
der Geschlechter daher, dass bei den Männern sich die Phantasie dem Verstande,
bei den Weibern hingegen der Verstand der Phantasie unterordnet. Wie dem aber
auch sein mag, noch immer soll das Weib geboren werden, bei welchem die
Schönheit des Euclideischen Systems Sache der Empfindung oder Anschauung ist.
    Unbemerkt wuchs ich unter so wohltätigen Einflüssen, als meine Pflegeeltern
waren, heran. Meine Entwickelung ging um so glücklicher von statten, da nichts
vorhanden war, was sie hätte stören oder verhindern können. In einem Alter von
funfzehn Jahren war mein Wuchs vollendet, und meinem Umriss nach hätte man mich
für ein junges Mädchen von achtzehn bis zwanzig Jahren halten können. Über das
Mittelmaass hinaus gross und von einer anziehenden Fülle, vereinigte ich
Brünetteit mit einer blendenden Weisse, und keiner von meinen Gesichtszügen
widersprach der Weiblichkeit. Wer mich sah, verweilte mit Wohlgefallen bei
meinem Anblick; was man aber ganz laut bewunderte, war die Üppigkeit meines
kastanienbraunen Haarwuchses; ich hätte ihn als Schleier gebrauchen können, so
lang und dicht war er. Die Aufmerksamkeit, welche mir alle Fremden bewiesen,
führte mich vor den Spiegel, der mir bisher durchaus gleichgültig gewesen war;
ich suchte den Grund dieser Aufmerksamkeit, und wer will es mir verargen, dass
ich ihn in dem Abstich fand, den meine Gestalt von denen meiner Umgebung machte?
Mit Wahrheit aber kann ich versichern, dass mich das öftere Hintreten vor den
Spiegel nicht eitel machte; diese Beschauung gewährte mir nur ein Bild von mir
selber, und mit dem Bilde die Überzeugung, dass ich, wo nicht schön, doch
wenigstens hübsch sei; zu Ansprüchen und zur Coketterie verleitete sie nicht,
und konnte sie nicht verleiten, weil meine Vorzüge mir von Niemand bestritten
wurden. Man könnte glauben, ich sei in meiner Jugend sehr eitel gewesen, da mir
ein so bestimmtes Bild von mir selbst geblieben ist; allein das ist das
Eigentümliche der weiblichen Einbildungskraft, dass sie im Stande ist, die
Bilder fest zu halten, welche derselbe Gegenstand in seinen verschiedenen
Entwickelungsperioden gegeben hat. Schwerlich wird irgend ein Mann die Gestalt,
welche er als Jüngling hatte, in späteren Jahren bei sich selbst zur Anschauung
bringen können; ein Weib aber kann dies ohne alle Mühe, und wenn sie sich auf
Malerei versteht, so muss an der Wahrheit des Bildes, das sie von ihrem früheren
Wesen entwirft, auch nicht das Geringste abgehen, vorausgesetzt nur, dass ihre
Einbildungskraft nicht durch Eitelkeit verdorben worden ist.
    Es war um diese Zeit öfters davon die Rede, dass meine Erziehung nur in der
Hauptstadt vollendet werden könnte; und da mir die Notwendigkeit einer höheren
Ausbildung nicht einleuchtete, so rief der Gedanke an eine nahe Trennung von
meinen Pflegeeltern die ersten traurigen Gefühle auf, die ich bis jetzt gehabt
hatte. Ob ich diese meine Pflegeeltern liebte oder nicht, war mir bisher eben so
unbekannt geblieben, als dem wirklich Gesunden das Gefühl der Gesundheit. Jetzt,
wo ich der süssen Gewohnheit mit ihnen zu leben, entsagen sollte, wurde mir
zuerst klar, wie innig ich mit allen meinen Neigungen an ihnen hing. Meine
Traurigkeit war um so tiefer, je grösser meine Unerfahrenheit war, und je weniger
ich folglich der Lockung folgen konnte, welche mit der Aussicht auf neue
Verhältnisse in der Regel verbunden ist. Dieselbe Stimmung waltete bei meinen
Pflegeeltern ob; es lag nur allzu sehr am Tage, dass auch sie sich seit neun
Jahren verwöhnt hatten, und dass es ihnen Mühe machte, dem natürlichen Bedürfnis
des Menschen, zu lieben und geliebt zu werden, schnell zu entsagen. Selbst mein
Pflegevater verlor einen guten Teil seiner gewöhnlichen Heiterkeit, während
seine Schwester, den edleren Teil ihres Wesens hinter dem unedleren verbergend,
nicht aufhörte zu bedauern, dass ihr für ihre Wirtschaft eine so zuverlässige
Stütze entrissen würde, als sie seit drei Jahren an mir gehabt.
    Das Schicksal nahm sich der ganzen Familie dadurch an, dass mein Pflegevater
als Prediger in die Hauptstadt berufen wurde. Ich sage: »das Schicksal,« weil
ich mich nicht anders ausdrücken kann. Unstreitig ging auch dies sehr natürlich
zu, und allen meinen späteren Vermutungen nach, hatte mein Pflegevater seine
Berufung bei weitem mehr dem Verhältnis zu verdanken, in welchem er zu mir
stand, als seinen persönlichen Eigenschaften, wie achtungswert diese auch sein
mochten. Dem sei indes wie ihm wolle, es war uns allen herzlich lieb, dass wir
zusammen bleiben konnten.
    Das einzige Problem, das noch zu lösen war, bestand in der Trennung von dem
Grund und Boden, auf welchem wir bisher gelebt hatten, die Nachbarschaft mit
inbegriffen. Vorzüglich fiel es meinem Pflegevater schwer, sich von seiner
Baumschule zu trennen, die ihm um so teurer sein musste, weil die Entwickelung
in ihr nach solchen Gesetzen erfolgte, deren sich die Willkühr vollkommen
bemächtigen kann. Er pflegte öfters zu sagen: Er habe nie heiraten mögen, weil
er nichts so sehr verabscheut habe, als den Gedanken an ein ungeratenes Kind;
aber er freue sich darüber, dass er ein Gärtner geworden sei, weil die Gärtnerei
ihm jede Schadloshaltung gewähre, die der Kinderlose wünschen könne. Dem
ungeachtet gab das Menschliche in ihm den Ausschlag über das Räsonnement, so oft
beide in Opposition gerieten; und dies zeigte sich auch gegenwärtig, da die
grossmütige Zuneigung, die er für mich gefasst hatte, ihn den Kummer überwinden
liess, der mit einer ewigen Trennung von seiner geliebten Baumschule unauflöslich
verbunden war. Wie sehr sie ihm am Herzen lag, zeigte sich in der Folge sehr
häufig, indem sein Gemüt ihn in den Abendstunden regelmässig den Gedanken an
seine Baumschule zurückrief, bis er nach einigen Jahren die Nachricht erhielt,
dass sie durch die gänzliche Vernachlässigung seines Nachfolgers eingegangen sei.
Der Seufzer, der ihm bei dieser Gelegenheit entfuhr, sagte sehr deutlich, wie
viel er mir aufgeopfert hatte; in der Tat um so mehr, je uneigennütziger und
anspruchsloser er in jeder Hinsicht war.
    Nach unserer Ankunft in der Hauptstadt sollte ich vor allen Dingen Musik und
Tanz lernen. Beides würde ich mit grosser Leichtigkeit gelernt haben, hätte ich
solche Lehrer gefunden, als mein Pflegevater war. Es fehlte mir weder an Lust,
noch an Fähigkeit; aber die Eigentümlichkeit meiner Lehrer verhinderte alle
Fortschritte, die ich hätte machen können, und wurde auf diese Weise die
Ursache, warum zwei Talente, die ich erwerben konnte, mir immer fremd geblieben
sind.
    Mein Lehrer in der Musik galt für einen Meister in seiner Kunst. Wäre er
bloss Künstler gewesen, so würde von seinem Wesen so viel auf mich übergegangen
sein, als sich mit meiner Natur vertrug; allein da er zugleich ein galanter Mann
sein wollte, so musste das, was er seine Artigkeit nannte, ihm einen so
lächerlichen Anstrich bei mir geben, dass wesentliche Fortschritte in der Musik
unter seiner Leitung für mich unmöglich wurden. Alles ging vortrefflich, so
lange er mich für eine junge Person seines Standes hielt; sobald er aber gehört
hatte, dass man mich Fräulein Mirabella nannte, veränderte er seine Metode auf
Kosten seiner Kunst. Bis dahin hatte er ganz treuherzig gesagt: So und so muss es
sein. Jetzt bat er, dass es mir belieben möchte, es so und so zu machen. Griff
ich f statt fis, so bat er sich ein gnädiges fis aus. Überhaupt war seine
Deferenz gegen das Vorurteil des Geburtsadels so gross, dass er es nicht
offenbaren konnte, ohne mich aus allen meinen Angeln zu heben. Unbeschreiblich
weh tat mir diese Wegwerfung; und um den unangenehmen Gefühlen zu entgehen,
welche so wie der Mann nun einmal war, von dem Unterricht nicht getrennt werden
konnten, gebrauchte ich den Ausweg, ihn allein ans Clavier zu setzen, und das zu
singen, was er spielte. Auf diese Weise bildete ich meinen Sinn für Musik aus,
ohne jemals die gewöhnliche Fertigkeit zu erwerben, welche sich durch die
Fingerspitzen offenbaret; und ich weiss nicht, ob diese Ausbildung nicht die
vorzüglichere war, da sie hinreichte, um zur Kenntnis dessen zu gelangen, was
wahre Musik ist, und mich im Übrigen von jener Virtuosität, welche die
Weiblichkeit vernichtet, entfernt hielt. Im Grunde hab' ich nie bedauert, dass
ich keine grösseren Fortschritte gemacht habe.
    Mein Tanzmeister war das vollkommenste Gegenteil von meinem Lehrer in der
Musik. Ein geborner Franzose, lebte und webte er in seiner Kunst, welche in
seinem Urteil das Complement aller menschlichen Vollkommenheiten war. Ich sage
nicht zuviel, wenn ich behaupte, dass er auf das allervollkommenste in ihr
untergegangen war; denn nichts verdiente seine Schonung, was der vollendeten
Ausübung der Tanzkunst in den Weg trat. Wie wurde mir gleich in der ersten
Lection zu Mute, als er, nach den ersten Vorzeigungen, mich unsanft bei der
Schulter fasste, um meinen Füssen durch die seinigen die kunstmässige Stellung zu
geben! Alles, was Gemüt genannt werden kann, wurde in mir aufgeregt, und hätte
ich nicht die Idee eines Lehrers festgehalten, so würde ich auf der Stelle die
verletzte Schamhaftigkeit gerächt haben. Mit glühenden Wangen kehrte ich auf
mein Zimmer zurück, als die Lection geendigt war; und als meine Pflegemutter
mich fragte, was mich in einen solchen Aufruhr gesetzt habe, war ich
schlechterdings nicht im Stande, ihr irgend eine Antwort zu geben; so gross war
meine Verworrenheit. Zagend ging ich in die zweite Lection. Dass meine
Geschicklichkeit dadurch nicht gewann, versteht sich ganz von selbst. Mein
Lehrer sprach mir den Mut ein, der die grosse Mehrheit aufrichtet, mir aber gar
nicht fehlte. Die Übung wurde fortgesetzt, wiewohl ich schon halb betäubt war.
Anstatt zu rechter Zeit abzubrechen, geriet der Meister in den gemeinen
Kunsteifer; und indem er sagte, dass eine so edle Figur, wie die meinige, sich
auch edel bewegen müsse, stürzte er auf mich zu, und bog, weil ich die Füsse
nicht auswärts genug setzte, meine Knie mit den seinigen aus einander. Dies war
aber mehr, als ich ertragen konnte. Eine Beleidigung meiner Schamhaftigkeit
hatte ich verschmerzt; einen Angriff auf dieselbe glaubte ich ahnden zu müssen.
Ich sprang also unmittelbar nach geschehener Tat auf den Meister zu, gab ihm
eine Ohrfeige und lief atemlos auf mein Schlafzimmer. Jetzt musste die Sache zur
Sprache kommen. Der Meister, der nicht wusste, wie er zu der Ohrfeige gekommen
war, beklagte sich darüber bei meinem Pflegevater, und als mich dieser zur
Rechenschaft forderte, kam mit meiner Unschuld die seinige freilich an den Tag,
die Lectionen aber waren einmal für allemal abgebrochen, weil ich erklärte, dass
ich lieber gar nicht tanzen lernen, als allein unterrichtet werden wollte. Diese
Erklärung hatte die Folge, dass man noch einige andere junge Mädchen in die
Lectionen zog; aber wie sehr mein Gefühl dadurch auch erleichtert werden mochte,
so konnte ich mich doch nie gewöhnen, das Tanzen als eine freie Kunst zu nehmen.
Mit brennenden Wangen ging ich in den Tanzsaal; mit brennenden Wangen verliess
ich ihn. Es war mehr ein Abäschern gegen den Willen des Gemüts, als eine
Bewegung auf Geheiss desselben, was ich Tanzen nennen musste; und daher ist es
unstreitig gekommen, dass ich mein ganzes Leben hindurch so gleichgültig gegen
dies Vergnügen geblieben bin, dem Andere so bereitwillig Gesundheit und Leben
aufopfern. Auch bin ich in dieser Hinsicht immer eine Stümperin gewesen.
    Obgleich die Lektüre damals noch nicht zu den Dingen gehörte, welche die
Elemente einer weiblichen Erziehung ausmachen; so war ich doch durch meinen
Pflegevater von meinem funfzehnten Jahre an mit drei französischen Dichtern
bekannt geworden, die ich unablässig las und beinahe auswendig lernte. Es waren
de la Fontaine, Peter Corneille und Racine. Die Fabeln des erstern zogen mich
unendlich an, weil in ihnen eine Welt entalten ist, worein ein jugendlicher
Geist sich nur mit Entzücken verlieren kann. Corneille und Racine beschäftigten
mich gleich sehr; und ob man gleich glauben sollte, dass ich, als Frauenzimmer,
meine Rechnung nur bei dem letzteren gefunden haben könne, so gestehe ich doch
ohne Bedenken, dass die Stärke Corneille's mir wenigstens eben so zusagte, als
die Sentimentalität Racine's; ja dass ich dem ersteren um des kräftigen Gemütes
willen, das aus ihm spricht, im Ganzen den Vorzug gab, wie eifrig auch die
Männer darauf bestehen mochten, dass ich nur den letzteren lieben könnte und
dürfte. Ich müsste mich sehr irren, oder ein Schriftsteller interessirt immer nur
in so fern, als seine Gedanken Abgründe entalten, in welche man nur schwindelnd
blickt. Mit der natürlichen Vorliebe, welche der Mensch für das Grosse und Starke
hat, hab' ich in der Folge versucht, mir auch Shakspears Geist anzueignen;
allein dies hat mir nie gelingen wollen, und hab' ich mich anders gehörig
beobachtet, so ist es der Mangel an Züchtigkeit in den Werken des Engländers,
was mich beständig von ihm zurückgeschreckt hat. Shakspear hat nur für Männer
geschrieben, und Weiber, welche seine Trauerspiele und Lustspiele mit Vergnügen
lesen, verderben nichts mehr an sich selbst, wenn sie Pferde zureiten, Armeen
kommandiren, und jedes andere Geschäft verrichten, das die Natur dem Manne
zugeteilt hat. Sie haben ihren Lohn dahin, indem sie der Weiblichkeit entsagt
haben.
    So lange ich auf dem Lande gelebt hatte, waren mir gewisse Empfindungen ganz
unbekannt geblieben. Dahin gehörten die des Mitleids und Erbarmens, für welche
es auf dem Dorfe, das ich in der Gesellschaft meiner Pflegeeltern bewohnte,
keine Gegenstände gab, weil der Überfluss an Naturgütern wohl zur Gefälligkeit,
aber nicht zur Grossmut führen kann. In die Hauptstadt versetzt, fand ich nur
allzubald Gelegenheit, aus mir selbst heraus zu treten, um mich mit der
zahllosen Menge derjenigen zu identifiziren, welche, ausgeschlossen von den
Vorteilen der gesellschaftlichen Arbeit, ihre Zuflucht zu der menschlichen
Milde nehmen müssen. Je weniger ich auf den Anblick des Kummers und der Ohnmacht
vorbereitet war, desto heftiger wirkte er auf mich ein. Ich gab, was ich nur
einigermassen entbehren konnte, und tat mir nicht eher genug, als bis ich die
Entdeckung gemacht hatte, dass man für Hülfsbedürftige nichts tut, so lange man
ihnen nicht gerade das gibt, was ihnen notwendig ist. Von jetzt an gewann mein
Mitgefühl den Charakter der Tätigkeit; und ob es gleich dadurch an innerer
Stärke verlor, so war doch jeder Akt der Milde mit desto mehr Vergnügen für mich
verbunden, je bestimmter ich mir sagen konnte, wodurch ich ihn zu Stande
gebracht hatte. Jenes müssige Wohltun, wodurch man sich zuletzt entweder von
einem unangenehmen Gefühl loskauft, oder sich die eigene Unbedürftigkeit klar
macht, ist mir seitdem immer fremd geblieben; und was die Verteidiger der
Selbsteit auch immer zur Rechtfertigung ihres Systemes sagen mögen, so hab' ich
immer an mir selbst zu bemerken geglaubt, dass ausser der Selbsteit noch etwas
anderes im Menschen ist, das, mag man es doch nennen wie man wolle, allein zu
Aufopferungen und Anstrengungen für die Gesellschaft führen kann. Es war, wenn
ich nicht irre, eine Französin, welche über ihre Türe schrieb: Sparsamkeit ist
die beste Quelle der Grossmut; aber diese Frau empfand bei weitem richtiger, als
Helvetius dachte, der in seinen Werken etwas Bewundernswürdiges geleistet haben
würde, wenn er das Problem seiner eigenen herrlichen Natur gelöset hätte.
    Der Zeitpunkt war gekommen, wo ich in die Gemeinschaft der Christen durch
einen förmlichen Akt aufgenommen werden musste. Mein Pflegevater selbst wollte
diesen Akt verrichten, und bereitete mich daher auf das sorgfältigste dazu vor.
So viel ich mich seines Unterrichts noch jetzt erinnern kann, unterschied er
Christentum von christlicher Religion. Das erstere setzte er in eine
gewissenhafte Anwendung des Moralprincips auf alle die gesellschaftlichen
Verhältnisse, in welchen sich das Individuum befindet; in der letzteren
erblickte er eine Sammlung von Anschauungen des Inneren der menschlichen Natur,
welche die Dumpfheit des Mittelalters in Mysterien verwandelt hatte. Nach ihm
war z.B. die Lehre von der Dreieinigkeit mit einer Art von Notwendigkeit aus
dem Innern des Menschen hervorgegangen. »Von jeher,« sagte er, »war das
Bestreben des menschlichen Geistes darauf gerichtet, das Unbegreifliche zu
begreifen. Hierbei konnte es nicht fehlen, dass der Mensch sich zuletzt selbst an
die Stelle der ersten Ursache aller Erscheinungen setzte. Da eine Kraft in ihm
vorhanden war, aus welcher alle seine Schöpfungen hervorgingen, so stellte er
diese Kraft (den Geist) symbolisch als den Vater dar. Eine andere Kraft in ihm
(das Gemüt) entielt die ewigen Aufforderungen zu neuen Schöpfungen; und wie
hätte diese Kraft schicklicher personifizirt werden können, als unter dem Bilde
des Sohnes, der den Vater liebt und von ihm geliebt wird? Die dritte Kraft ging
aus dem Verhältnisse der beiden ersteren hervor, und war in sich selbst das
Bewusstsein der grösseren oder geringeren Harmonie der beiden ersteren Kräfte (
Gewissen); daher die symbolische Bezeichnung derselben durch den heiligen Geist,
der von Vater und Sohn ausgeht. Die Lehre von der Dreieinigkeit lag also
wesentlich im Menschen, und ist im Grunde genommen die umfassendste Reflection,
die der Mensch jemals über sich selbst gemacht hat. Ein Gegenstand des blinden
Glaubens und des spottenden Zweifels, so lange das Innere noch nicht erwacht
ist, wird sie ein Gegenstand der unmittelbaren Anschauung und der innigsten
Überzeugung, so bald man anfängt, sein eigenes Wesen zu zergliedern. Wie viele
Spötter unserer Zeit würden plötzlich verstummen, wenn es möglich wäre, ihnen
den wahren Sinn des neuen Testaments und der ersten Kirchenväter einzuimpfen!
Man findet es gegenwärtig ehrenvoll ein Ateist zu sein; aber nur weil man nicht
weiss, was ein Ateist ist. Sei man es immerhin in Beziehung auf den Gott der
Priester, und so bald von einer furchtbaren Weltursache die Rede ist; aber ist
die Weltursache von beiden nicht wesentlich verschieden? In Beziehung auf diese
ist es an und für sich unmöglich ein Ateist zu sein, und versteht man das neue
Testament auch nur einigermassen, so entdeckt man eine auffallende Harmonie
zwischen Schrift und Vernunft. Was kann das Christentum besser charakterisiren,
als der Ausspruch: Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die Liebe treibet die
Furcht aus? Und was ist zugleich erhabener und umfassender, als der Satz: Gott
ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibet, der bleibet in Gott und Gott in ihm
? Wir müssen nur nicht ausser uns suchen, was nur in uns sein kann; und wir sind
alles, was wir werden können, wenn unser Geist mit unserem Gemüte in einer
solchen Harmonie stehet, dass die Verletzung desselben uns als eine Vernichtung
unsers ganzen Wesens erscheinen muss.«
    Auf diese Weise erklärte mir mein Pflegevater jedes andere Dogma der
christlichen Religion, mir das Geheimnis meines Inneren entschleiernd und mir
Achtung vor mir selbst einflössend. Ein Ausspruch, der für ihn einen tiefen Sinn
entielt, und den er mir oft wiederholte, um ein bleibendes Ideal in mich
niederzulegen, war der Ausspruch, wodurch der Stifter des Christentums seine
Schüler aufforderte: Klug zu sein, wie die Schlangen, und ohne Falsch, wie die
Tauben. Auch ist mir dieser immer gegenwärtig geblieben.
    Der Sitte jener Zeiten gemäss, durfte ein junges Mädchen nicht eher
öffentlich erscheinen, als bis sie durch die Confirmation dazu berechtigt war;
durch diese erhielt man gleichsam ein Beglaubigungsschreiben der Zulässigkeit
und Würdigkeit, und ich gestehe, dass ich diese Einrichtung ungern habe zu Grunde
gehen gesehen, weil doch einmal eine gewisse Reife erfordert wird, um das
sociale Interesse zu teilen. Mein erster Eintritt in die gesellschaftlichen
Kreise der Hauptstadt war ohne allen Eclat. Nach den Vorbereitungen, die ich
erhalten hatte, war ich nichts weniger, als verlegen; aber von allen den
gesellschaftlichen Eigenschaften, wodurch man in die allgemeine Stimmung
eingreift, war auch keine einzige in mir. Mein Äusseres schien in dieser Hinsicht
bei weitem mehr zu versprechen, als mein Inneres zu halten im Stande war. Man
brachte mich auf allerlei Witz- und Kitzelproben; ich bestand keine einzige
derselben, weil mein Geist dazu durchaus nicht abgerichtet war. Dagegen trat
mein Inneres bei jeder Gelegenheit so ungeschminkt, gesund und kräftig hervor,
dass ich denjenigen, die mich durchaus nach sich modeln wollten, alle Lust
benahm, ein hartes Urteil über mich zu fällen. Ich hatte sehr bald das
Vergnügen, zu bemerken, dass man sich in allen ernstaften Dingen vorzugsweise an
mich wandte, und mir also den Mangel an Witz um der höheren Verständigkeit
willen verzieh, die mir beiwohnte. Wie viel meine gute Miene dazu beitrug, die
Gemüter mit meiner Eigentümlichkeit zu versöhnen, will ich nicht berechnen; so
ausgemacht es auch ist, dass die Anspruchslosigkeit eines sonst klaren und
regelmässig gebildeten Gesichtes immer damit endigen muss, die Herzen zu gewinnen.
Mehr als alles Übrige pronirte mich der Beifall bejahrter Frauen in der Meinung
des Publikums. Es konnte nicht fehlen, dass ich mit den soliden Eigenschaften,
die ich von meiner ersten Jugend an zu erwerben Gelegenheit gehabt hatte, ihnen
unendlich mehr Berührungspunkte darbot, als andere junge Mädchen oder Frauen;
und indem sie die schwer erworbene Solidität des Alters in mir wiederfanden, und
sich also in mir verjüngt erblickten, blieb ihnen schwerlich etwas anderes
übrig, als mir das Wort zu reden, wofern sie sich nicht selbst herabsetzen
wollten.
    Es kam auf diesem Wege nur allzubald dahin, dass ich von Allen gesucht wurde.
Man möchte nun glauben, dass ich ein Gegenstand des Neides für andere Mädchen
meines Alters geworden sei; dies war aber durchaus nicht der Fall. Da ich keiner
in den Weg trat, so wurde ich mit meiner Gutmütigkeit ein Stützpunkt für alle,
so dass selbst diejenigen von ihnen, welche die meisten Ansprüche auf
Wertschätzung machten, mir gegenüber diese Ansprüche fahren liessen, und sich,
wenn sie uneins mit sich selbst geworden waren, auf mein Urteil und meine
Entscheidung bezogen. In Wahrheit, es mochte keine alltägliche Erscheinung sein,
ein junges Mädchen von siebzehn bis achtzehn Jahren, das, wo nicht schön, doch
wenigstens nichts weniger als hässlich war, in physischer und moralischer Kraft
den Ausschlag über ihres gleichen geben, und sich doch niemals überheben zu
sehen. Das Rätselhafte dieser Erscheinung wurde durch meine Erziehung gelöset;
allein diese Erziehung wurde wiederum dadurch zum Rätsel, dass die wenigsten
Menschen - weil es einmal das Eigentümliche der menschlichen Natur mit sich
bringt, sich vor allen Dingen mit sich selbst zu beschäftigen - die Fähigkeit
haben, solche Charaktere, als meine Pflegeeltern, zur Anschauung zu bringen. Ich
blieb also immerdar ein Rätsel, das man nicht anders lösen zu können glaubte,
als durch Voraussetzung einer höheren Natur, welche die Morgengabe meiner Geburt
gewesen.
    Ich selbst fing an, mir unbegreiflich zu werden, so wie ich in der Meinung
Anderer höher emporstieg. Dem Abstich, den ich durch meine Individualität
bildete, die Deferenz, welche man mir von allen Seiten her bewies,
zuzuschreiben, dazu war ich mit aller Verständigkeit doch noch zu unschuldig. Da
ich nun in Zeiten lebte, wo man noch gar keine Ahnung davon hatte, dass eine
vornehme Geburt nichts geben, wohl aber sehr viel nehmen kann, wenn nicht von
staatsbürgerlichem, sondern von rein-menschlichem Wert die Rede ist; so geriet
ich auf die natürlichste Weise von der Welt auf den Gedanken, dass ich über mich
selbst unfehlbar ins Reine gekommen sein würde, so bald ich mir die nötigen
Aufschlüsse über meine Abkunft verschafft hätte. Ich wunderte mich, dass ich
einen so gesunden Gedanken nicht längst gehabt hätte. »Man nennt dich,« sagte
ich zu mir selbst, »allentalben Fräulein Mirabella; dies setzt voraus, dass
deine Eltern von Adel gewesen sind. Warum ist aber nie von deinen Eltern die
Rede? Du kannst doch kein isolirter Strahl sein. Die ganze Welt um dich her
gibt zu, dass du es nicht bist, und doch wirst du wiederum durch die ganze Welt
gezwungen, dich dafür zu halten.« Mit solchen Ideen wandte ich mich an meinen
Pflegevater, zum voraus überzeugt, dass er mir kein Geheimnis aus meiner Geburt
machen würde, wofern er nur selbst davon unterrichtet wäre. »Sie wissen, mein
teuerster Vater,« redete ich ihn an, »wie grenzenlos meine Liebe und Achtung
für Sie ist. Hatte je ein menschliches Geschöpf Ursach, mit seinem Geschick
zufrieden zu sein, so hab' ich alle möglichen Bewegungsgründe, das meinige zu
segnen; der Zufall, der mich Ihrer Pflege übergab, war in jedem Betracht ein
beglückender. Allein, da ich nur Ihre geistliche Tochter bin, und von der ganzen
Welt, Sie selbst nicht ausgenommen, als solche behandelt werde: so sagen Sie mir
doch endlich, wer die eigentlichen Urheber meines Daseins sind. Ich weiss nicht,
ob ich irgend etwas für sie werde empfinden können; denn alles, was von
Dankbarkeit und Liebe in mir ist, haben Sie und meine teure Pflegemutter
unstreitig für immer in Beschlag genommen. Aber mich drückt das Geheimnisvolle
meiner Geburt; und der Wunsch, den Schleier, der auf ihr ruht, gelüpft zu sehen,
wird um so lebhafter, je öfter ich bemerke, welchen hohen Wert man auf die
Abkunft legt, und wie man auch mich, um meiner vorausgesetzten guten Abkunft
willen, auszeichnet. Es ist mir, als wenn mein Inneres gewinnen würde, so bald
die Ungewissheit, worin ich über diesen Punkt bisher gelebt habe, beendigt sein
wird.«
    Mein Pflegevater hörte mich, seinem Charakter gemäss, sehr ruhig an, und
nachdem er mich auf einen Sessel hingezogen hatte, der neben seinem Lehnstuhl
stand, antwortete er mir folgendes: »Dein Ursprung, meine geliebte Tochter, ist
mir selbst immer ein Geheimnis geblieben. Es war der geheime Rat von K..., der
mir deine Erziehung antrug. Von ihm hab' ich sehr regelmässig die Gelder
erhalten, welche bei der ersten schriftlichen Verhandlung stipulirt wurden. Ob
er aber im Stande ist, Auskunft über deine Geburt zu geben, weiss ich nicht; ich
habe es aber immer vermutet, weil er dich in seinen Schreiben immer Fräulein
Mirabella nannte. Wenn du von mir verlangst, dass ich ihn um Erörterungen bitten
soll, so kann ich nicht umhin, dir eine abschlägige Antwort zu geben. Meiner
Einsicht nach, wirst du wohl tun, wenn du die ganze Sache fürs erste auf sich
beruhen lässt. Ich gebe zu, dass diese Ungewissheit dich drückt; ich gebe sogar zu,
dass es gut sein würde, wenn diese Ungewissheit gehoben werden könnte. Allein so
lange deine Eltern nicht von selbst zum Vorschein treten, wirst du dich
vergeblich bemühen, sie kennen zu lernen und dich nur unglücklich machen. Zu
deiner Beruhigung kann ich dir noch das sagen, dass (der Schleier, der auf deiner
Geburt ruht, mag gelüpft werden, oder nicht) dein Schicksal wenigstens in sofern
gesichert ist, als du Vermögen genug hast, mit Freiheit in der Gesellschaft
dazustehen. Diese Notiz verdanke ich den Erklärungen des geheimen Rats. Ich
füge nur noch hinzu: dass die Welt dich immer nach deinem Werte nehmen wird, und
dass es also nur von dir abhängt, das Allerhöchste zu sein.«
    Die Bemerkung, womit mein Pflegevater seine Antwort beschloss, sprach mich
ungemein wohltätig an; sie machte auf mich ungefähr eben den Eindruck, den ein
kühlendes Lüftchen auf den erhitzen Wanderer macht. Ich fasste ihre Wahrheit
sogleich, wiewohl ich in keine geringe Verlegenheit geraten sein würde, wenn
ich sie auf der Stelle hätte zergliedern sollen. Da mein Pflegevater mir
unmittelbar vorhergesagt hatte, dass mein Schicksal vollkommen gesichert wäre; so
würde ich mich, seinem Wunsch gemäss, beruhigt haben, hätte er mir nicht zu
verstehen gegeben, dass der geheime Rat von K... allein im Stande sei, das
Dunkel aufzuhellen, das auf meiner Geburt ruhete. Auf eine sehr natürliche Weise
erhielt meine Neugierde eine Bundesgenossin an der Eitelkeit. Was meinem
Pflegevater nicht gelungen war, das könnte, dachte ich, mir gelingen; und da mir
die besondere Aufmerksamkeit, womit der geheime Rat mich beehrte, so oft wir an
irgend einem dritten Orte zusammentrafen, nicht entgangen war, so nahm ich mir
vor, ihn, der mir, unter anderen Umständen, ewig gleichgültig bleiben musste, so
für mich zu interessiren, dass er von selbst mit dem Geheimnis hervorträte. Mir
schlug das Herz, indem ich diesen Vorsatz fasste; allein wie bestimmt ich auch
fühlen mochte, dass er meiner unwürdig sei, so hatte ich doch nicht den Mut, ihm
zu entsagen, oder ihn nicht in Ausübung zu bringen. Wie wenig kannte ich die
Welt! Derselbe Mann, der mir vorher in allen Dingen zuvorgekommen war, und, um
mich liebkosen zu können, seinen Ernst beseitigt hatte, nahm die
allerabschreckendste Amtsmiene an, so bald er bemerkt hatte, dass ich ihm näher
trat. Was blieb mir nun noch anderes übrig, als dem Rate meines Pflegevaters zu
folgen? Die Lektion, die mir für meine Eitelkeit geworden war, tief empfindend,
fasste ich den Entschluss, gar nicht weiter an meine Geburt zu denken. Dies gelang
mir auch so gut, dass ich nur durch den Tod des geheimen Rats (der ungefähr ein
halbes Jahr darauf erfolgte) an die Neugierde zurück erinnert wurde, die mich
einen Monat hindurch so eigentümlich gequält hatte. Als ich die Nachricht von
diesem Tode erhielt, war mir zu Mute, wie einem, der nicht in den Besitz des
versprochenen Schatzes gelangt ist, weil seine Wünschelrute nichts taugte.
    Ich war um so gelassener, weil um diese Zeit mein Kopf in eben den Wirbel
gezogen wurde, worin sich die Köpfe aller jungen Mädchen von meiner
Bekanntschaft dreheten. Nichts ergreift eine weibliche Einbildungskraft so
heftig und sicher, als die lebendige Vorstellung des schönen Zukünftigen. Die
ganze Gegenwart versinkt, wenn von etwas Schönen die Rede ist, das mit Gewissheit
erwartet werden kann; ist dies Schöne aber vollends ein Mann, so dürfte in der
Zusammensetzung des Weibes schwerlich etwas entalten sein, das verlorne
Gleichgewicht sogleich wieder herzustellen. Wie fest ich auch war, und wie noch
weit fester ich mich auch glaubte, so verlor ich doch die Tramontane, so bald
ich nicht umhin konnte, die Freude zu teilen, welche das Fräulein Z... über die
Zurückkunft ihres Bruders aus Italien empfand. Dies hing auf folgende Weise
zusammen:
    Ungefähr um eben die Zeit, wo meine Pflegeeltern mit mir in die Hauptstadt
gezogen waren, hatte sich die Frau von Z... mit ihrer Tochter daselbst
niedergelassen. Das Fräulein war von meinem Alter, und ihre nächste Bestimmung
fiel mit der meinigen zusammen, in sofern wir unsere letzte Ausbildung in der
Nähe eines Hofes erhalten sollten, der in dem Rufe stand, der allergesittetste
in Deutschland zu sein. Unsere Bekanntschaft war bald gemacht, und die
Verschiedenheit unserer Charaktere brachte es mit sich, dass wir Freundinnen
wurden. Unruhig, heftig, witzig, in ihrem Witze nicht selten beleidigend, und
aus allen diesen Gründen zusammengenommen eben so oft von sich selbst, als von
der Welt verlassen, bedurfte Adelaide (so hiess meine junge Freundin) einer
Stütze, die sie nur in einem so sanften, stetigen und verständigen Wesen finden
konnte, als ich nun einmal war. Ich meiner Seits bedurfte eines starken Reizes,
um mir, bei dem gänzlichen Mangel glänzender Eigenschaften, der inneren Güte
meiner Natur bewusst zu werden; und da ich diesen Reiz vorzüglich in Adelaiden
fand, so suchte ich sie wenigstens eben so sehr, als ich von ihr gesucht wurde.
Unsere Freundschaft war weit davon entfernt, eine leidenschaftliche zu sein;
aber gerade weil ihr dieser Charakter fehlte, war sie nur um so zuverlässiger
und traulicher. Bisweilen musste es das Ansehn gewinnen, als ob ich für Adelaiden
alles dasjenige wäre, was der Mann, als Intelligenz und moralische Kraft
genommen, dem Weibe ist; allein da das Weib, seinem geistigen Wesen nach, nie
ein Mann werden kann, so geschah es nicht selten, dass sich unser Verhältnis
umkehrte. Es waren zwei Talente in Adelaiden, welche dies bewirkten: nämlich das
musikalische und das poetische. Ich fühle, dass ich mich hier sehr unvollkommen
ausdrücke; aber ich will versuchen, die Sache selbst ohne Kunstausdrücke zu
fixiren.
    Adelaide hatte eine ungemeine Fertigkeit auf dem Claviere, und liebte es,
Proben ihrer Geschicklichkeit abzulegen. In dieser Hinsicht passten wir
vortreflich zusammen; denn da ein solches Talent nicht in mir war, und meine
Liebe für Musik darunter gar nicht litt, so halfen wir uns vortreflich aus,
Adelaide mir, indem sie mir etwas vorspielte, ich Adelaiden, indem ich mich
ihrer Kunst hingab, und diese von Zeit zu Zeit durch meine Stimme verschönerte.
Ausserdem fand meine Freundin sehr viel Vergnügen am Versemachen. Dies war, genau
genommen, ihre schwache Seite; allein da das, was unsere schwache Seite
ausmacht, uns immer am meisten am Herzen liegt, so suchte Adelaide für diesen
Teil ihrer Beschäftigung - soll ich sagen Bewunderung und Lob, oder
Entschuldigung und Nachsicht? und ein sehr richtiger Instinkt sagte ihr, dass sie
eins wie das andere nie erhalten könnte, wenn sie einen Mann zu ihrem Vertrauten
machte. Es mochten Verse sein, was sie meiner Beurteilung vorlegte; Poesie aber
war es gewiss nicht. Adelaidens ganze Zusammensetzung verhinderte sie, eine
Dichterin zu werden; es fehlte ihr vor allen Dingen an dem Phlegma, das dazu,
wie zur Ausübung jeder anderen schönen Kunst, erforderlich ist; mit allen
poetischen Ideen, die ihr beiwohnten, konnte sie nie dahin gelangen, auch nur
ein erträgliches lyrisches Ganze zu schaffen. Indessen passten wir auch in dieser
Hinsicht herrlich zusammen. War in ihr die Erhebung, welche zu freien
Schöpfungen führt, so war in mir die Ruhe, welche diese Schöpfungen vollendet;
und nachdem ich das Mechanische des Versbaues weg hatte, fehlte es mir nicht an
Kraft, meiner Freundin da nachzuhelfen, wo sie von ihrer Unvollkommenheit in
Stich gelassen wurde. Auf diese Weise lebten wir ohne alle Eifersucht, mehr als
Schwestern, denn als Freundinnen, bis die Ankunft ihres Bruders unseren
gegenseitigen Gefühlen eine andere Wendung zu geben versprach.
    Von diesem Bruder war dann und wann die Rede gewesen; aber ohne bemerkbare
Wärme und ohne Entusiasmus, ungefähr so, wie man von Personen spricht, die man
zwar liebt, mit denen man aber zufälligerweise in solchen Verhältnissen lebt,
dass es eine Torheit sein würde, den Empfindungen nachzugeben, welche man für
sie unterhält. Gegenwärtig, wo Moritz (so hiess dieser Bruder) seine baldige
Zurückkunft angemeldet hatte, veränderte sich die Sprache. Seine Mutter, deren
Liebling er immer gewesen war, brannte vor Ungeduld, ihn wieder zu sehen; allein
sie sprach nicht davon, unstreitig weil die jungen Mädchen, welche ihre Tochter
besuchten, sehr wenig geeignet waren, ihre Gefühle zu teilen. Adelaide
hingegen, wie wenig sie auch in Beziehung auf ihren Bruder empfinden mochte,
sprach unaufhörlich von ihm; und hätte ich damals die Erfahrungen haben können,
welche mir ein fortgesetztes Studium der menschlichen Natur gegeben hat, so
hätte mir einleuchten müssen, dass meine Freundin jenes Ideal, das jedes junge
Mädchen in seinem Kopfe trägt, treuherzig auf ihren Bruder anwandte; voll von
der Voraussetzung, dass ein dreijähriger Aufentalt in Italien ihm alle die
Eigenschaften werde gegeben haben, welche den Mann vollenden. Da ich diese
Erfahrungen nicht hatte, so konnte es schwerlich fehlen, dass Adelaide, zum
erstenmale seit unserer Bekanntschaft, mit mir durchging. Wie alle übrigen
jungen Mädchen, welche in das Familieninteresse eingeweiht waren, glaubte ich an
die Wirklichkeit dessen, was Adelaide von ihrem Bruder sagte, und unter uns
allen war gewiss keine Einzige, die nicht mit klopfendem Herzen den Augenblick
herbeigewünscht hätte, in welchem entschieden werden musste, welcher der schönste
und liebenswürdigste der Männer - denn in diesem Lichte erschien uns der Herr
von Z... - den Vorzug geben würde. Für einen ruhigen Zuschauer würde es
unstreitig ein grosses Vergnügen gewesen sein, zu sehen, wie Adelaide durch die
Art und Weise, wie sie über ihren Bruder sprach, zur Königin des ganzen
Mädchenkreises erhoben wurde. Da war auch keine ihrer Launen, der man nicht
nachgegeben hätte; ja, selbst ihre Sarkasmen verloren die scharfe Spitze,
wodurch sie sonst verletzt hatten; und hätte sie den Vorteil des Augenblicks
benutzen wollen, mit Tyrannei über uns alle zu walten, so würde sie es
ungestraft gekonnt haben. Ich selbst, obgleich von allen am wenigsten von
Schwärmerei ergriffen, war in dieser Periode die Nachgiebigkeit selbst, und
würde eine ganze Nacht durchwacht haben, um in einen ihrer poetischen Versuche
einen erträglichen Sinn zu bringen.
    Die Täuschung, worein uns Adelaidens Phantasie gesetzt hatte, hörte nicht
auf, als der von Z... wirklich angelangt war. Zwar sagte uns der Augenschein,
dass er dem Bilde nicht entsprach, welches wir uns von seinen körperlichen
Vorzügen entworfen hatten; allein körperliche Vorzüge sind etwas, das in der
Phantasie des Weibes unter allen Umständen der Liebenswürdigkeit weichen muss,
und diese blieb unbestritten, so lange keine Beweise vom Gegenteil vorhanden
waren. Aus dem Adonis, der Adelaidens Bruder sein sollte, war ein Mann von
mittler Grösse, festem Baue und einem Gesicht geworden, das, obgleich nicht ohne
interessante Züge, sehr wesentlich von den Blattern verunstaltet war, und sich
zuletzt nur durch eine sehr feine Nase und ein Paar grosser schwarzer Augen
auszeichnete. Auch seine Liebenswürdigkeit war ganz anderer Art, als wir sie uns
gedacht hatten. Artig gegen alle, schien er keine einzige zu bemerken; und
wiewohl wir alle Ursache hatten, mit einem so klugen Benehmen zufrieden zu sein,
so war doch jede gleich sehr davon empört, weil jede sich einbildete, dass er,
ohne ungerecht zu sein, ihr den Vorzug nicht versagen könnte. Indessen wurden
wir alle in Atem erhalten; und diejenigen von uns, bei welchen das Temperament
den Ausschlag über den Verstand gab, legten es recht augenscheinlich darauf an,
Entscheidung herbei zu führen. Einen solchen Wettstreit zu teilen, hielt ich
nicht für ratsam, nicht weil ich mein persönliches Verdienst in einen allzu
geringen Anschlag gebracht hätte, sondern weil ich das Unweibliche einer
Bewerbung fühlte. Mich zurückziehend, überliess ich den sämmtlichen Freundinnen
Adelaidens das Vergnügen, sich um einen Mann zu zanken, von welchem ich aufs
bestimmteste ahnete, dass etwas in ihm sein müsse, wodurch er gegen die
Aufmerksamkeit, die ihm von dem schönsten Teile meiner Bekanntschaft bewiesen
wurde, gleichgültiger war, als seine Jahre es mit sich brachten.
    Wenn Alles um uns her Politik treibt, so gibt es unstreitig kein sicherers
Mittel, unseren Concurrenten den Rang abzulaufen, als stilles Zurückbleiben und
ruhiges Abwarten des vorteilhaften Augenblicks, wo die Übrigen verzweifeln. Ich
sage damit nicht, dass ich dieser Maxime gemäss handelte, als ich mich aus dem
Kreise zurückzog, der Adelaiden umgab; ich folgte dabei keiner Idee, sondern nur
einem Gefühl. Allein die Idee hätte mich nicht sicherer leiten können, als das
Gefühl mich leitete. Kaum war Herr von Z... der Bewerbungen überdrüssig geworden,
deren Gegenstand er war, so zog er sich in die Einsamkeit zurück; und kaum war
er den Augen seiner Bewerberinnen entschwunden, so stürzte der Tron zusammen,
auf welchem Adelaide bis dahin die Huldigung aller ihrer Gespielen erhalten
hatte. Verlassen und auf sich selbst zurückgebracht, konnte diese meiner nicht
länger entbehren; und als sie zu mir zurückkehrte, fand sie alles, was sie
ehemals an mir besessen hatte, um so eher wieder, weil kein förmlicher Bruch uns
getrennt hatte. Ich wollte, als sie mich aufforderte, ihren Besuch recht bald zu
erwiedern, meine Entschuldigung von dem Aufentalte ihres Bruders in dem Hause
ihrer Mutter hernehmen; allein sie kam meinen Ausflüchten dadurch zuvor, dass sie
eingestand: Sie habe sich bei der Beurteilung des wahren Charakters ihres
Bruders nicht wenig geirrt. »Ich kenne ihn gar nicht wieder,« sagte sie.
»Ehemals lauter Feuer, ist er jetzt lauter Eis. Wer sollte glauben, dass man sich
auf einer Reise durch Italien in die Matematik verlieben könnte! Und doch ist
dies sein Fall. Tag und Nacht brütet er über seinen Folard, und alle
Exaltationen, deren er noch fähig ist, beziehen sich auf das verwünschte
Kriegeshandwerk. Ich würde ihn hassen müssen, wenn er nicht mein Bruder wäre.
Dir, liebe Freundin, aber kann ich mit vollkommner Wahrheit sagen, dass weder
deine Jugend noch dein guter Name die mindeste Gefahr läuft, wenn du zu uns
zurückkehrst; alle Leute kennen ihn nach gerade als einen harmlosen Sonderling,
der Keinem etwas zu Liebe noch zu Leide tut; ausserdem ist die Frage: Wie lange
er noch bei uns verweilen wird. Denn es ist ihm hier viel zu enge, und ich stehe
gar nicht dafür, dass er nicht über kurz oder lang Soldat wird.«
    Adelaiden so reden zu hören, kam mir freilich unerwartet; allein da ich mich
auf die Wahrheit ihrer Aussage verlassen konnte, so trug ich auch nicht weiter
Bedenken, mich in ein Haus zurück zu wagen, das von einem so harmlosen jungen
Manne bewohnt wurde. Die erstenmale war ich mit Adelaiden allein, und ich
gestehe, dass mich dies ein wenig beleidigte. Das drittemal fand sich indessen
der junge Herr von Z... bei uns ein; und da wir gerade von Racine's Phädra
sprachen, so nahm er Gelegenheit, uns über das Eigentümliche der französischen
Poesie zu belehren. Er gab zu, dass dies eines der interessantesten Stücke wäre,
die jemals aus der Feder eines korrekten Dichters geflossen; »allein,« fuhr er
fort, »was ist Korrekteit gegen das Wesen der Poesie gehalten! Wie stolz auch
die Franzosen auf ihre Dichter sein mögen, und wie selbstgenügsam auch einer
ihrer Didaktiker die italiänische Poesie Schellengeklingel nennen mag, dennoch
bin ich sehr geneigt, die wahre Poesie nur bei den Italiänern zu suchen. Ich
will, wenn die Wirklichkeit mir nicht länger behagt, eine von ihr durchaus
verschiedene Welt, und diese finde ich durchaus nicht in den Werken
französischer Dichter, wohl aber in denen der italiänischen. Welche Schöpfung
ist in dem befreieten Jerusalem entalten; und wo ist der Franzose, welcher
behaupten dürfte, eine ähnliche sei von ihm ausgegangen? Der rasende Roland -
welches Meisterstück für denjenigen, dessen Geist nicht in den Convenienzen des
Lebens untergegangen ist! So hundert andere Dichterwerke der Italiäner, welche
hier aufzuzählen am unrechten Orte sein würde. Was will ich denn, wenn ich einen
Dichter in die Hand nehme? Nicht Wahrheit will ich, sondern Schönheit,
Übereinstimmung mit sich selbst, Harmonie in der höchsten Bedeutung des Worts.
Wahrheit ist die Sache des Verstandes, und kann gelernt werden; Schönheit
hingegen ist Sache des Gefühls und der Anschauung, und eben deshalb über das
Lernen hinaus. Ich gebe zu, dass Wahrheit zuletzt auch schön ist; aber deswegen
ist Schönheit nicht wahr, und so lange es noch einen Dichter auf der Welt gibt,
d.h. so lange der letzte Funke der Phantasie noch nicht im menschlichen
Geschlecht erloschen ist, verlange ich von dem, der sich mir als Dichter
darstellt, dass er mir Vergnügen mache, ohne dass jemals in seinem Werke von
Wahrheit die Rede sei. Gerade darin liegt die Schwäche der französischen Poesie
verborgen, dass die Franzosen das Wahre vom Schönen nicht zu trennen wissen, und
das eine nicht ohne das andere geben wollen. Boileau's rien n'est beau que le
vrai ist das Siegel des poetischen Unvermögens der Franzosen, die, wenn sie
jemals Dichter werden wollen, von neuem geboren werden müssen. Es ist zuletzt
nur die höhere Kraft des Menschen, die ihn zum Dichter macht, und in Hinsicht
dieser Kraft stehen die Franzosen bei weitem den Italiänern nach, die, so lange
sie eine grosse Einheit bildeten, die ganze Welt eroberten, und als sich diese
Einheit in Trennung auflösete, das Gefühl ihrer vorigen Grösse so lange in sich
konzentrirten, bis es endlich losbrach und idealische Welten schuf. Ich möchte
nicht gern übertreiben; allein soll ich meiner Überzeugung gemäss reden, so waren
die Italiäner zur Zeit ihrer Horaze und Virgile, welche die Welt einzig
bewundert, noch Barbaren; zur Zeit ihrer Ariosto's, Tasso's und Guarini's
hingegen ein hoch kultivirtes Volk.«
    Adelaide war, so wie ich, nicht wenig über diese Erklärung erstaunt. Wir
kämpften für unsern Corneille und Racine und Voltaire, so viel wir konnten;
allein über diesen Punkt fand für den Herrn von Z... kein Capituliren statt. Als
wir zuletzt, nicht ohne uns zu schämen, eingestanden, dass wir nicht berechtigt
wären, Dinge zu bestreiten, die uns nie berührt hätten, und zugleich zu erkennen
gaben, wie sehr wir in die Geheimnisse der italiänischen Poesie eingeweiht zu
werden wünschten: so war unser Antagonist sogleich erbötig, unser Mystagog zu
sein. Wirklich nahm der Unterricht im Italiänischen gleich am folgenden Tage den
Anfang, und unsere Fortschritte waren, wie unser Lehrer sie nur immer wünschen
konnte. Ob Adelaide mich, oder ich Adelaiden fortriss, konnte nicht in
Betrachtung kommen, da wir unter den verschiedensten Antrieben standen; sie,
indem sie sich in ihrem Lieblingselement, der Poesie, bewegte; ich, indem ich
die Autorität eines Mannes ehrte, der mir durch die Eigentümlichkeit seiner
Urteile täglich bedeutender wurde. Übrigens hatten wir uns kaum acht Wochen
ausschliessend mit dem Italiänischen beschäftigt, als uns die ganze poetische
Literatur der Franzosen ein Greuel war. Wie viel von diesem Abscheu auf Rechnung
unseres Lehrers kam, war etwas, das wir nicht weiter untersuchten; aber
schwerlich würden wir durch uns selbst, oder unter der Leitung irgend eines
anderen Lehrers, zu unserer entschiedenen Vorliebe für die italiänische Poesie
gelangt sein, und Adelaide namentlich ihre ganze französische Bibliotek für
eine gute Ausgabe des Aminta von Tasso feilgeboten haben. Solche Keckheit, wenn
man sie in Weibern findet, ist immer das Produkt männlichen Einflusses, und
beruhet, so weit meine Beobachtung reicht, zuletzt nur auf Autorität, nicht auf
Gefühl und Anschauung.
    Wenn ich in meinen Urteilen vorsichtiger war, so hatte diese Vorsichtigkeit
ihren Grund nicht in einem schwächeren Gefühl, sondern in dem Verhältnis, worin
das Göttliche der italiänischen Poesie mit Adelaidens Bruder für mich stand. Auf
eine ganz eigentümliche Weise waren beide für mich eins; denn indem ich die
erstere nur durch den letzteren in mich aufnehmen konnte, musste es mir
vorkommen, als wäre jene nur in diesem vorhanden. Dasselbe würde Adelaiden
begegnet sein, wäre Moritz nicht ihr Bruder gewesen. Sie konnte von der
italiänischen Poesie an und für sich sprechen; ich hingegen musste immer den
Herrn von Z... ins Spiel ziehen, und weil ich dadurch mein Geheimnis verraten
haben würde, so schwieg ich lieber. Mein Geheimnis aber bestand darin, dass ich
den Herrn von Z... über alle Männer setzte, die mir jemals vorgekommen waren.
Ausser meinem Pflegevater, dessen moralische Heiligkeit - wenn ich mich so
ausdrücken darf - ungefähr eben so auf mich einwirkte, als das Licht, und den
ich aus Gewohnheit hochachtete, hatten mich bisher alle Männer so gleichgültig
gelassen, dass ich mit Wahrheit von mir sagen konnte: das ganze männliche
Geschlecht sei gar nicht für mich vorhanden. Wodurch sich Herr von Z... von
meinem Pflegevater unterschied, war mir nicht auf der Stelle klar; aber irgend
eine Ahnung sagte mir, dass bei ihm ausser dem Lichte auch Wärme sei. Es war, mit
einem Worte, die Phantasie, wodurch er mich so unwiderstehlich an sich zog. Was
ich damals nicht begriff, was mir aber seitdem sehr deutlich geworden ist, war:
dass ein Weib an einem Manne zuletzt nie etwas anderes lieben kann, als jene
schaffende Kraft, wodurch er, das Geschöpf, wiederum zum Schöpfer wird. Was
Platon die irdische Liebe nennt, ist immer nur ein Abglanz der himmlischen, und
ohne diese würde jene gar nicht vorhanden sein, wenigstens nicht in einer
weiblichen Brust. Ich habe viele Weiber gekannt, die man ausschweifende nannte
und als solche verabscheute. Die Unglücklichen fanden nur nie, was sie suchten.
Sie wollten nicht den physischen Genuss; sie wollten jene Wärme, die das Weib
empfindet, wenn es, befreit von den Banden des Egoismus, ganz in Anderen lebt,
und dadurch seine Bestimmung vollendet. Wie ganz anders würden sie geraten
sein, hätte der Zufall sich ihrer erbarmt! Von diesem verlassen, und ohne jemals
einen entwickelten Begriff von dem Gegenstande ihres rastlosen Strebens gehabt
zu haben, konnten sie freilich nicht anders endigen, als so, dass sie zuletzt als
Abschaum der Gesellschaft dastanden; aber was sie zuerst in Bewegung setzte, war
dieselbe göttliche Flamme, durch welche allein Veredelung zu hoffen ist. Ein
Weib, das einmal einen Mann in der wahren Bedeutung des Wortes fand, ist der
Untreue eben so unfähig, als ein Weib, das an einen Lotterbuben geriet, mit den
allerbesten Vorsätzen von der Welt sich nicht in den Schranken der Treue
erhalten kann, so bald ein Mann ihr unter die Augen tritt. Dies beruht auf einem
Naturgesetz, dem alle gesellschaftliche Institutionen weichen müssen; und wer
sich jemals in der Welt umgesehen hat, kann sich hieraus erklären, wie die
schönsten Weiber an die (physisch) hässlichsten Männer geraten, und woher das
Übergewicht rührt, das alle ächte Künstler über das weibliche Geschlecht
ausüben.
    Ich ging, ich bekenne es, nach und nach in Adelaidens Bruder so vollkommen
unter, dass ich nur in ihm lebte und webte. War aber jemals ein Mann unfähig,
diese vollendete Hingebung auf eine unedle Weise zu benutzen, so war es Moritz.
Wie teuer ich ihm war, leuchtete aus seinem ganzen Betragen gegen mich hervor,
das schwerlich liebevoller und zärtlicher sein konnte; allein er schien mir
dadurch nur beweisen zu wollen, dass, wenn irgend ein weibliches Wesen ihn
fesseln könnte, ich dies weibliche Wesen sein würde. Frei von aller
Leidenschaft, hatte seine Hinneigung zu mir mehr den Charakter des Wohlwollens,
als den der Liebe; wenigstens fehlte ihr diejenige Stärke, welche zwei Wesen so
verschmilzt, dass sie nur in gegenseitiger Anschauung leben. Ich fühlte dies; und
es schmerzte mich, die Wahrheit zu gestehen, um so tiefer, je unendlicher meine
Liebe für Moritz war. Allein was konnte, was musste geschehen, wenn es anders
werden sollte? Ich grübelte in den Augenblicken, wo ich mir selbst wieder
gegeben war, recht emsig darüber nach; aber ich sagte mir zuletzt immer, dass
alle diese Grübeleien vergeblich sein würden, so lange ich die unbekannte
Gewalt, welche Moritzen von mir zurückzog, nicht genauer kennen gelernt hätte.
Wie sehr fürchtete ich, dass sie in mir selbst sein könnte! Wie gewissenhaft
erwog ich alle meine Äusserungen und in ihnen mein ganzes Wesen! Vergeblich für
meinen Endzweck; ich mochte mich betrachten von welcher Seite ich wollte, alles
führte mich zu dem Resultat, dass ich gut und edel sei; und in dieser Überzeugung
wurde ich nicht wenig bestärkt, als Adelaide, der mein innerer Zustand nicht
entgangen war, mir gelegentlich sagte, dass ihr Bruder nicht ohne Wärme und
Entusiasmus von mir spreche. War aber jene unbekannte Gewalt ausser mir - worin
bestand sie? Ich schloss auf eine frühere Verbindung, auf ein gegebenes Wort und
dergleichen zurück.
    Um hierüber ins Reine zu kommen, erkundigte ich mich bei Adelaiden mit aller
nur möglichen Schonung nach den Verhältnissen, worin ihr Bruder stehe; aber ihre
Antwort war so beschaffen, dass mein Zustand dadurch nur verschlimmert wurde.
»Glaube mir,« sagte sie, »über diesen sonderbaren Menschen kommen wir nur
dadurch ins Reine, dass wir annehmen, er sei mit allen seinen herrlichen
Eigenschaften doch nur ein kalter Egoist, den nichts berührt, was nicht ganz
unmittelbar in seine Ideen und Entwürfe eingreift. Ich wenigstens werde sonst
nicht klug aus ihm. Dafür kann ich dir einstehen, dass er in keinen Verbindungen
lebt, welche der Freiheit Abbruch tun. Sollte man nicht glauben, er habe die
eine oder die andere Bekanntschaft auf seinen Reisen gemacht, welche einer
tätigen Zurückerinnerung wert wäre? Allein, wie erwiesen es auch ist, dass er
mit den allerinteressantesten Personen gelebt hat, so hat er doch seit seiner
Zurückkunft, d.h. seit mehr als vier Monaten, bis jetzt an keine lebendige Seele
geschrieben. Was in ihm vorgeht, mag Gott wissen. Jeder Augenblick, den er dem
Umgange entziehen kann, ist noch immer dem Studium der militairischen
Wissenschaften gewidmet. Die sonderbarste Liebhaberei von der Welt, wofern er
nicht damit umgeht, sich auf seinen Gütern zu verschanzen! Ich möchte nur
wissen, wie alle diese Zahlen und Linien - denn mit etwas anderem beschäftigt er
sich gar nicht - ihn wach erhalten können. So etwas muss ja den Geist abstumpfen
und tödten; aber weit gefehlt, dass er dies zugeben sollte, besteht er, so oft
ich hierüber mit ihm anbinde, darauf, dass dies nur eine andere Art der Poesie
sei, die ihre Grundlage in der Wirklichkeit habe, und den Vorzug besitze, für
das gesellschaftliche Leben, das durch meine Poesie zu Grunde gerichtet werde,
neues Interesse einzuflössen. Mehr bring' ich nicht aus ihm heraus; und wenn
seine Behauptungen nicht Unsinn sein sollen, so muss er sie vor denjenigen
verteidigen, die etwas mehr davon verstehen, als ich.«
    Nach diesen Aufschlüssen musste ich annehmen, dass die Matematik meine
Nebenbuhlerin sei; allein wie hätte ich dazu kommen sollen, dieser Voraussetzung
Wahrheit zuzuschreiben, da Moritz höchstens 25 Jahre zählte? Der Reiz der
Wissenschaft sei noch so gross, so ist er doch nicht früher vorhanden, als der
Besitz. Was uns aber zur Erwerbung treibt, ist nie die Wissenschaft, sondern
irgend etwas Menschliches, dem sie als Mittel dienen soll. Was trieb nun meinen
Moritz?
    Ich war der Katastrophe, welche das Geschick meines Lebens entscheiden
sollte, bei weitem näher, als ich glaubte; ehe ich aber der Aufschlüsse erwähne,
welche mir Moritz über sein Inneres gab, muss ich von den Zeiten reden, in
welchen dies vorfiel.
    Der siebenjährige Krieg war seit andertalb Jahren begonnen, und nicht bloss
Deutschlands, sondern auch des ganzen Europa Augen waren auf den verwegenen
Friedrich gerichtet, der lieber einen Kampf mit den grössten Mächten des festen
Landes eingehen, als nur einen Fingerbreit von dem einmal Erworbenen zurückgeben
wollte. Die Urteile über seinen Charakter waren verschieden, je nachdem sie von
der Schwäche oder der Stärke ausgesprochen wurden. Die grosse Mehrheit, welcher
innere Grösse ein unauflösliches Rätsel ist, verdammte ihn bis in den tiefsten
Abgrund, als einen Räuber und als einen Tyrannen seiner eigenen Völker; indessen
fehlte es nicht an Einzelnen, welche auf die Notwendigkeit eingingen, worin
sich der Monarch befand, und, seinen Mut bewundernd, zugleich seine Einsicht
priesen. Wenn jene ihn nicht schnell genug zerschmettert sehen konnte, weil er
sich gleich bei Eröffnung des Feldzuges Sachsens bemächtigt hatte; so wünschten
diese seinen Unternehmungen jeden glücklichen Erfolg, überzeugt, dass das Genie
nur dann zerstört, wenn es aufbauen will, und fest versichert, es werde doch
noch einmal eine schöne Welt durch ihn ins Dasein gerufen werden. Der Ausgang
des wunderbaren Kampfes, in welchem der Verstand gegen die Masse zu Felde zog,
beschäftigte alle Köpfe; und nicht selten geschah es, dass man sich in einer und
derselben Familie über eine von Friedrich gewonnene oder verlorne Schlacht
freute und härmte, je nachdem die Mitglieder derselben ihm wohl oder übel
wollten. So sehr war seine Angelegenheit die des ganzen Deutschlands, dass seine
Taten selbst in die entferntesten Kreise drangen, und wenigstens die muntere
Jugend für den Helden ihrer Zeit begeisterten.
    Der Hof, in dessen Nähe ich lebte, war nicht bloss durch die Bande der
Verwandtschaft an das preussische Haus gefesselt, sondern auch durch
Charakterschwung und Genie dem grossen Friedrich besonders zugetan. In unserer
Hauptstadt galt also nur das preussische Interesse. Wer sich von demselben
losgesagt hätte, würde nicht sowohl für einen schlechten Bürger, als vielmehr
für einen Einfältigen gegolten haben, der das Edlere und Bessere nicht zu fassen
vermögte. So lebendig war die Teilnahme an Friedrichs Siegen, dass sie von
Privatpersonen in Familien-Zirkeln gefeiert wurden. Die Neugierde war
unersättlich, wenn einmal von dem preussischen König die Rede war. Alles, was zu
seiner Umgebung gehörte, wurde als Bestandteil seines Wesens betrachtet; und so
erhielten die Namen seiner vorzüglichsten Generale eine Illustration, welche sie
schwerlich auf irgend einem anderen Wege erworben haben würden.
    Kein Jahr war reicher an Glückswechseln, als das Jahr 1757. Im Anfang
desselben Sieger, so dass Maria Teresia sich in Wien selbst nicht sicher
glaubte, wurde Friedrich bald darauf aus Böhmen vertrieben. Von seinen
Bundesgenossen verlassen, von allen Seiten mit Feinden umringt, dem Verderben
blosgestellt, ermannte er sich zu neuen Triumphen. Die Schlachten bei Rosbach
und Leuten setzten ganz Europa in Erstaunen; vorzüglich die letztere, in
welcher eine selbstgeschaffene Taktik dem dreimal stärkeren Feinde den Sieg
entriss. Die Wiedereroberung Schlesiens folgte diesem Siege. Gern hätte Friedrich
auf seinen Lorbeern ausgeruht; denn der Krieg war gegen alle seine Wünsche
erfolgt, und die Fortsetzung desselben störte ihn in edleren Entwürfen. Allein
wie tief auch seine Feinde das Übergewicht seines Genies empfunden haben
mochten, so fühlten sie sich noch nicht erschöpft, und ihre Kampflust gebot
seinen Neigungen.
    Ich befand mich bald nach der Schlacht bei Leuten eines Nachmittags in dem
Hause der Frau von Z... Es war die Rede von dem neuen herrlichen Siege, den die
preussische Tapferkeit erfochten hatte, und mit tiefgefühlter Teilnahme sprach
man von Friedrichs misslicher Lage bei seiner Ankunft in Schlesien, und von der
Art und Weise, wie er, wenige Tage vor der Schlacht, seinen Generalen in einem
Kriegsrat den Zustand seines Gemütes offenbaret. Plötzlich sprang Moritz, der
während dieser Unterhaltung stumm und in sich selbst vertieft da gesessen hatte,
von seinem Lehnstuhl auf, und, in die Mitte des Zimmers tretend, sprach er,
starren Blickes und festen Tones, uns allen unerwartet, folgenden Monolog:
    »Könnt' ich etwas an diesem Friedrich tadeln, so würde es die Vorliebe sein,
die er für französischen Geist und französische Sitte zeigt. Wie wenig kennt er
sich selbst, wenn er Formen ehrt, die keine andere Grundlage haben, als die
Flachheit selbst! Doch er gebehrde sich, wie er wolle, nie wird er das Gemüt
eines Deutschen ganz verleugnen können. Durch dies kräftige, reiche Gemüt
gebietet er selbst den Franzosen, deren Schöngeisterei vor seinem Genie
verstummt, und deren Hinterhaltigkeit vor seiner Ehrlichkeit erbebt. Ja, er ist
das Grösste, was das Schicksal diesen Zeiten verleihen konnte; der einzige Mann
seines Jahrhunderts, bestimmt, ein neues Geschlecht zu gründen, und in der
Weltgeschichte mit unverwelklichem Lorbeer zu prangen. Wer seine Rechtlichkeit
anklagt, vergisset, dass das Genie die unversiegliche Quelle neuen Rechtes ist,
und jeglichen Beruf aus sich selber nimmt. Alle kräftigen Naturen, so viel ihrer
in Deutschland übrig geblieben sind, sollten Kreis um ihn schliessen und seine
Sache zu der ihrigen machen. Was ist das Leben ohne Liebe, und wie kann man das
Leben höher ausbringen, als wenn man grosse Entwürfe befördern hilft! Ich weiss,
dass diese Zieten und Seidlitz und Keit nur Maschinen sind; allein war jemals
der Mensch etwas anderes, als Werkzeug in den Händen des Schicksals, und was ist
das Schicksal selbst, wenn es seinen letzten Grund nicht in der Idee eines
vielumfassenden Kopfes hat? Friedrichs Planen dienen, ist die höchste
Bestimmung, die man sich geben kann. Je grösser er der Nachwelt erscheint, desto
mehr Verdienst hat man sich um die Mitwelt erworben; denn nur dadurch kann er
wahrhaft gross werden, dass man kein Bedenken trägt, sich ihm aufzuopfern.
Magnetisch fühl' ich mich an ihn angezogen, und verdorben ist meine ganze
Existenz, wenn ich nicht dahin gelange, mich in seinem Geiste zu spiegeln. Mich
seiner würdiger zu machen, hab' ich es nicht an Anstrengungen fehlen lassen.
Jetzt hat die Stunde der Vollbringung geschlagen. Keinen Augenblick will ich
verlieren.«
    Es war uns sonderbar zu Mute bei diesem Monolog; denn so rücksichtslos
wurde er gesprochen, dass unsere erste Ahnung keine andere sein konnte, als die,
dass Moritz von Sinnen gekommen sei. Adelaide, welche neben mir sass, umschlang
mich mit ihrer Linken und starrte auf ihren Bruder hin. Ob auch ich auf ihn
hinstarrte, oder die Augen niederschlug, weiss ich nicht; aber das weiss ich, dass
ich nun mit einemmale gefunden hatte, was ich bisher vergebens suchte. Es war
also Friedrich der Grosse, der sich zwischen mich und meinen Moritz in die Mitte
stellte und unsere Vereinigung verhinderte. Einen solchen Nebenbuhler hatte ich
nicht erwartet. Sollte ich ihm zürnen? Ich konnte es nicht. Er stand ja nur als
Idol da; und war er wohl das meinige minder, als Moritzens? Ich begriff den
inneren Zustand des jungen Mannes auf der Stelle; und wie sehr ich ihn anbeten
mochte, so fühlte ich doch, nach einem solchen Aufschluss, nicht das kleinste
Verlangen, ihn an der Ausführung seines Entwurfes zu verhindern. Wie Liebe ohne
Eigennutz bestehen könne, begreifen wenige; aber noch weit wenigere haben die
Kraft, sich eine leidenschaftslose Liebe zu denken. Ich möchte in diesen
Bekenntnissen um keinen Preis zu viel oder zu wenig von mir sagen; aber das wag'
ich zu behaupten, dass, wenn der Eigennutz meiner Liebe für Moritz immer fremd
geblieben war, die Leidenschaft von Stund an daraus verschwand. Ich kannte das
Schöne, ehe ich seine Bekanntschaft gemacht hatte; er versinnlichte es mir und
wurde mir dadurch unendlich teuer. Jetzt, wo ich ihn in Regionen aufsteigen
sah, die ich nie geahnet hatte, jetzt wurde er für mich eben so das Symbol des
Herrlichen, wie das Kruzifix in den Händen eines gläubigen Catoliken das Symbol
jeder Tugend ist. Was ich hier sage, können nicht Alle zur Anschauung bringen;
aber wie soll ich es sagen, um mich deutlich zu machen? Genug, ich verliess das
Haus der Frau von Z... mit ganz anderen Empfindungen, als diejenigen waren, mit
welchen ich gekommen war; und ich behaupte, dass es unmöglich ist, zugleich
ruhiger zu sein, und einen gegebenen Mann bestimmter anzubeten, als beides bei
mir der Fall war. Gelassen zog ich mich aus, nachdem ich zu meinen Pflegeeltern
zurückgekommen war; eben so gelassen ging ich zu Bette; und als ich am folgenden
Morgen nach einem sanften Schlaf erwachte, war mein erster Gedanke: Moritz ist
der erste aller Männer. Ich wollte mir die Gefahren vergegenwärtigen, denen er
entgegenging; aber damit wollte es mir durchaus nicht gelingen; die Stimmung, in
welcher ich mich einmal befand, brachte es mit sich, an keine Gefahr in
Beziehung auf Moritz zu glauben, und diese Idee, wie sonderbar sie auch
erscheinen mag, war gewiss eine sehr richtige.
    Es wird nach allem, was ich bisher gesagt habe, schwerlich auffallen, wenn
ich hinzufüge, dass ich nicht unterliess, meine Freundin, wie bisher, zu besuchen,
und mich dadurch dem Herrn von Z... zu nähern; ich konnte dies jetzt um so eher
tun, da das Verhältnis, worin ich mit ihm stand, durch die Bestimmteit, welche
seine letzte Erklärung ihm gegeben hatte, eine Unschuld gewann, die es zu einem
kindlichen machte. Von dem Auftritte des vorhergehenden Tages war nicht weiter
die Rede, nachdem Moritz über das Patos, womit er seinen inneren Zustand
verraten, gelächelt hatte. Über andere Gegenstände wurde gescherzt; ja irgend
eine Freude, die ich nicht beschreiben kann, die aber das unmittelbare Resultat
der aufgehobenen Spannung war, herrschte in allen Gesichtern und sprach aus
allen Gedanken, als Moritz, ich weiss nicht ob am dritten oder vierten Tage nach
der oben beschriebenen Scene, die augenblickliche Abwesenheit seiner Mutter und
Schwester benutzend, meine Hand ergriff und folgende Rede an mich richtete:
    »Ich gestehe Ihnen, meine Teure, dass ich vor ungefähr einer Woche an den
König von Preussen geschrieben habe, um ihm meine Dienste anzutragen. Schon lange
war dies mein geheimer Entschluss; allein ehe ich ihn zur Ausführung bringen
konnte, bedurfte es mehrerer Vorbereitungen, mit welchen ich erst jetzt zu
Stande gekommen bin. Viele werden diesen Schritt tadeln; allein ich bleibe
ruhig, wenn ich weiss, dass Sie, meine Teure, nicht zu meinen Tadlern gehören.
Sagen Sie selbst, ob mir etwas anderes übrig blieb? Fünf und zwanzig Jahre alt,
befinde ich mich in dem Wechselfall, entweder Civildienste zu nehmen, oder auf
meine Güter zu gehen, wenn ich durchaus nicht Soldat werden soll. Civildienste -
wohin können sie fuhren? Meiner Berechnung nach nur zur Erbärmlichkeit. Jedes
einzelne Geschäft, das man als Civilbeamter betreibt, vorausgesetzt, dass man
nicht an der Spitze eines Departements steht, ist zuletzt nichts weiter, als
eine anständigere Art von Besenbinderei, die, wie gut sie auch remunerirt werden
mag, den inneren Menschen tödtet, indem sie den Staatsbürger belebt. Soll ich
Prozesse instruiren, oder Landesverordnungen entwerfen, oder Kammerherrendienste
tun? Meine Kraft würde mich von jedem Subalternposten, den man mir geben
könnte, verdrängen. Ich habe nicht Atem genug, die lange Dienstcarriere zu
ertragen. Mich interessirt das in einander greifende staatsbürgerliche Leben,
aber nur im Grossen, nicht im Kleinen; um das Detail lieb zu gewinnen, müsst' ich
vor allen Dingen meinem ganzen Wesen entsagen, d.h. aufhören, ein Edelmann zu
sein. Wahr ist, ich könnte mich auf meine Güter begeben und Herrscher in meinen
eignen Staaten sein. Aber zu welchem Zweck? Meine Vorfahren haben genug
erworben, um mich zufrieden zu stellen. Ich will erhalten, was auf mich vererbt
worden ist; aber ich will es weder vermehren, noch ängstlich darauf bedacht
sein, Schätze zu sammeln. Kommt Zeit, kommt Rat. Fürs Erste will ich mich zum
Bewusstsein meiner Existenz erheben; und da dies nur im Felde möglich ist, so
will ich in den Krieg ziehen. Mich lockt dazu vor allen Dingen die Grösse des
Helden, der unbezwungen gegen ganz Europa ankämpft. Je kritischer seine ganze
Lage ist, desto stärker ist mein Beruf, ihn mit meinen Kräften zu unterstützen.
Ich werde keinen materiellen Vorteil davon haben, das weiss ich vorher; aber es
wird mich in Atem setzen, und das ist mir genug. Werd' ich meinen Wünschen
gemäss angestellt, so komme ich in seine Nähe und finde Gelegenheit, den grössten
Charakter unseres Jahrhunderts zu studiren. Und was will ich mehr? Der Rückzug
auf meine Güter steht mir immer offen. Trete ich ihn nach einigen Jahren an, so
habe ich, bis dahin wenigstens, mein Leben hoch ausgebracht und mich mit
seltenen Erfahrungen bereichert. Diese Gründe, meine Teure, haben mich
bestimmt. Sollten Sie etwas dagegen einzuwenden haben?«
    Meine Antwort auf diese Frage war: »Sie haben sich, mein edler Freund, durch
diese Analyse vor sich selbst zu rechtfertigen gesucht; aber ich glaube nicht,
dass es einer solchen Rechtfertigung bedarf. Es war genug, dass Ihr Gemüt so
entschieden hatte. Friedrichs Wesen umschliesst alles, was Sie gross und edel
nennen; darum drängen Sie sich in seine Nähe, wie ich mich in die Ihrige
gedrängt habe. Ich verstehe Sie vollkommen; und weil ich Sie verstehe, muss ich
Ihre Schritte billigen. Wie konnten Sie erwarten, dass wir hierin verschiedener
Meinung sein würden? Dies sind wir nie gewesen, dies können wir niemals werden.
Der Streit ist nur für diejenigen vorhanden, die sich einander nicht begreifen;
wir aber können, dünkt mich, nur zusammen sprechen, nicht mit einander
disputiren. Ich, die Ihnen so viel verdankt, ich sollte dieselben Ideen, die Sie
in mich niedergelegt haben, gegen Sie wenden? Wie wäre dies nur möglich! Ich
habe nicht das Allermindeste gegen Ihren Entschluss vorzubringen; erlauben Sie
nur, Ihnen zu sagen, dass Sie im Schlachtgetümmel mir eben so gegenwärtig sein
werden, als Sie es in diesem Augenblicke sind.«
    Um keinen Preis hätte ich eine andere Antwort geben können, und ihre
Wahrheit ergriff den Herrn von Z... so sehr, dass er in ein tiefes Nachdenken
versank. Mutter und Schwester kehrten zu uns zurück, und nun war von anderen
Dingen die Rede. Schwerlich ist jemals eine Liebeserklärung in dieser Form
gemacht worden; und schwerlich meinten es gleichwohl zwei Liebende ernstlicher
und redlicher mir einander. Mit welchem Feuer würden wir uns umfasst haben, hätte
es keinen Friedrich den Zweiten gegeben! Wir fühlten auf das deutlichste, dass
wir für einander da waren, aber wir fühlten zugleich, dass der Augenblick unserer
Verbindung noch nicht gekommen sei.
    Ein Eilbote überbrachte in einem königlichen Handschreiben die Nachricht von
Moritzens Anstellung im Gefolge des Monarchen nach einem monatlichen
Garnisondienst. Die Anstalten zur Abreise wurden unverzüglich gemacht. Mein Herz
klopfte bei dem Anblick derselben, und eine schwarze Ahnung bemächtigte sich
meines Gemüts; aber ich half beim Einpacken, indem ich Pflicht nannte, was ich
zu meiner Zerstreuung tat. Moritz war wechselsweise exaltirt und
niedergeschlagen, und ich sah nur allzudeutlich, wie er sich zugleich an mich
angezogen und von mir zurückgehalten fühlte. Einmal sagte er mir: »Es bleibt
eine ewige Wahrheit, dass die Ruhe nur in dem Gemüte der Weiber ist.« Ich hatte
nicht das Herz darauf zu antworten, wiewohl ich für den Augenblick sehr viel
gegen diese ewige Wahrheit einzuwenden hatte.
    Die Stunde der Trennung rückte immer näher. Ich wollte einem förmlichen
Lebewohl ausweichen, weil ich mich nicht stark genug dazu glaubte; allein Moritz
hatte meine Absicht allzugut erraten, um sie nicht zu vereiteln. Überraschend
erschien er in meiner Wohnung, und mit einer Miene, welche mir seinen inneren
Zustand als sehr aufgeregt darstellte, überreichte er mir, ausser einem Ringe,
sein Bildnis im Kleinen an einer leichten goldenen Kette mit der Bitte, beides
zu seinem Andenken zu tragen. Ich nahm Ring und Bildnis mit dem Versprechen an,
dass ich sie tragen wollte, und fragte den Geber: Ob er gleiches Unterpfand von
mir zu besitzen wünschte? Auf seine bejahende Antwort verabredeten wir den Ort,
wohin ich beides schicken sollte. Moritz zauderte noch. Ich legte ihm die Frage
vor: Ob er noch etwas wünsche? »Einen Kuss, Mirabella!« war seine Antwort.
»Wiewohl es der erste ist,« entgegnete ich, »den ein Mann von mir erhält; so bin
ich doch nicht berechtigt, dieses Zeichen weiblichen Wohlwollens dem
vorzuentalten, den ich für den ersten der Männer halte.« Mit diesen Worten
reichte ich ihm meine Lippen. Meine Tränen ergossen sich; die seinigen nicht
minder. Und so schieden wir aus einander, hoffend, dass wir uns wiedersehen
würden.
    Moritz hörte nicht auf, mir gegenwärtig zu sein, weil er abwesend war. Ring
und Bildnis hatten nur eine untergeordnete Kraft, die sich bisweilen ganz
verlor. Eine höhere lag in der italiänischen Poesie; denn noch immer dauerte die
Täuschung fort, vermöge welcher diese für mich mit Moritz einerlei war. So oft
ich das befreiete Jerusalem in die Hand nahm, unterhielt ich mich nicht mit
Tasso - dieser war gar nicht für mich vorhanden - sondern mit dem Geliebten,
durch welchen sich in mir die Fähigkeit entwickelt hatte, in diesem Gedicht ein
Meisterwerk zu schätzen. Vermöge eines besonderen Mechanismus meines Inneren
fing ich die Lektüre nie mit der Betrachtung des Bildnisses an, das Moritz mir
zurückgelassen hatte; wohl aber endigte ich mit derselben. Und diese
Eigentümlichkeit ist mir mein ganzes Leben hindurch geblieben; ich kann noch
immer keinen Vers eines italiänischen Dichters hören oder lesen, ohne sogleich
an Moritz zu denken und mir die ganze Periode zu vergegenwärtigen, in welcher
ich seine erste Bekanntschaft machte, und durch ihn Richtungen erhielt, die mir
eine ganze Ewigkeit hindurch bleiben mussten.
    Moritz schrieb häufig an mich und die Seinigen. Am liebsten sprach er von
dem grossen König, der ihn in seinen Strudel gezogen hatte. In einem seiner
Briefe drückte er sich folgendermassen aus: »Über Friedrichs ganzes Wesen ist ein
unwiderstehlicher Zauber verbreitet, der eben so sehr aus seinen grossen blauen
Augen, als von seinen kleinen geschlossenen Lippen spricht. Eine Folge dieses
Zaubers ist, dass er in dem Urteil seiner Umgebung immer Recht hat. Viele hassen
ihn, weil sie nicht von ihm geliebt werden; aber sie vollbringen seine Befehle
deshalb nicht langsamer, als ob die feurigste Liebe sie beseelte. Um als Diener
eines solchen Monarchen in keinem Widerspruche mit sich selbst zu stehen, muss
man auf Gegenliebe Verzicht leisten können; denn er hat sie nicht in seiner
Gewalt. Das grosse Ganze mit seinem Gemüte umspannend, kann er zu Individuen
nicht mit Liebe herabsteigen, ohne sein Wesen zu zerstören. Sie gelten ihm
etwas, aber nur im Vorbeigehn, nur im Fluge, nur in so weit sie sich deutliche
Begriffe von seinem Geschäfte machen und keine Ansprüche an den Menschen bilden,
die der Monarch nicht erfüllen kann, ohne seiner Pflicht zu entsagen. Wer dies
nicht fassen kann, weil es ihm an Kraft fehlt, aus sich selbst heraus zu gehen
und sich gewissermassen mit dem Könige zu identifiziren, der ist verloren,
wenigstens in sofern sein Verhältnis zu dem Könige nie ein angenehmes für ihn
werden kann. Wie neu mir auch der Dienst noch ist, so erkenne ich doch schon
aufs deutlichste, dass ich, um jedem Widerspruch zu entgehen, in welchen ich mit
mir selbst geraten könnte, von vorn herein allem Egoismus entsagen und nur in
der Liebe leben muss; und um mir die Auflösung dieses schweren Problems zu
erleichtern, wiederhole ich mir unaufhörlich, dass Friedrich nichts anderes ist,
als die allgemeine Intelligenz des Staates, an dessen Spitze er steht, und dass
ich für alle Dienste, die ich ihm leisten kann, hinlänglich belohnt bin, wenn
ich ihn als allgemeine Intelligenz begriffen habe. In der Tat, das ist das
grosse Ziel, das ich mir vorgesetzt habe. Erreiche ich es jemals, so hat die
Stunde meines Abschiedes in eben dem Augenblick geschlagen, wo ich es erreicht
habe. Eben so unbefangen, ehrlich und uneigennützig, als ich in Friedrichs
Dienste getreten bin, verlasse ich dieselben, indem ich dem Monarchen melde, dass
ich die Reife erhalten habe, die ich beim Eintritt in seine Dienste suchte. Die
Urteile um mich her berühren mich nicht, weil ich die Quelle derselben
aufgefunden habe; wenn das Gemüt die Stelle des Verstandes vertritt, so ist
Schiefheit und Verwirrung unvermeidlich. Man muss, einem Friedrich gegenüber,
nicht als Mensch, sondern nur als Staasdiener gelten wollen; man muss sich mit
ihm identifiziren, ohne jemals zu verlangen, dass er sich mit uns identifizire.«
    Moritz, welcher, unmittelbar nach der Übergabe von Schweidnitz, in die Nähe
des Königs gekommen war, begleitete sein Idol als Adjutant auf dem Zuge nach
Mähren. Viele unvorhergesehene Hindernisse hemmten den Lauf der
Kriegsoperationen. Als alle endlich überwunden waren und Olmütz belagert werden
konnte, fehlte es an den Belagerungsmitteln, weil es den Österreichern gelungen
war, einen grossen Teil derselben zu zerstören. Die Lage des preussischen Heeres
in Mähren war um so kritischer, da Laudon eine solche Stellung genommen hatte,
dass der Rückzug nach Schlesien wo nicht unmöglich, doch wenigstens sehr
gefährlich geworden war. Nur Friedrichs überlegenes Genie konnte hier Rettung
bringen. Ein Marsch, auf den der österreichische General nicht gerechnet hatte,
weil er über lauter Gebirge führte, brachte das preussische Heer in verschiedenen
Abteilungen durch Böhmen und die Grafschaft Glatz dennoch nach Schlesien
zurück. Gewiss waren die Mühseligkeiten dieses Marsches für jeden
unbeschreiblich; aber, wie andere sie mehr oder weniger empfinden mochten, für
Moritz waren sie, wenigstens seinen Briefen nach, gar nicht vorhanden. Überhaupt
war es auffallend, dass er nie von den Beschwerden seiner Existenz, sondern nur
immer von den neuen Ideen sprach, womit sie ihn bereicherte.
    Bekanntlich waren die Russen, während Friedrich in Mähren verweilte, aus
Preussen, welches sie als Eigentum verschonten, verheerend nach Pommern und der
Mark vorgedrungen. Küstrin, dessen Festung sie allein verhindern konnte, in das
Herz des preussischen Staates einzudringen, wurde von ihnen belagert und in einen
Aschenhaufen verwandelt. Der Sturm, womit der russische General die Festung
bedrohete, sollte anheben, als sich die Nachricht von der Ankunft des Königs
verbreitete. Mit vierzehntausend Mann war Friedrich aus Schlesien aufgebrochen,
den Barbaren, die nur zerstören konnten, das Handwerk zu legen. In einem
verhältnissmässig kurzen Zeitraum hatte er unter grossen Beschwerden sechzig
deutsche Meilen zurückgelegt; und so wie er sich dem Kriegesschauplatz genähert
hatte, war sein Gemüt von den Brandstätten und Trümmern ergriffen worden,
welche den verheerenden Zug der Russen bezeichneten. Die Stimmung, worin er sich
befand, ging, wie ein elektrischer Strahl, auf seine Krieger über. In allen
entwickelte sich der Gedanke: dass Verschonung eines solchen Feindes
ahndungswürdiger Frevel sei, den man an der Menschheit selbst begehe.
Racheschnaubend näherten sich die Preussen den Russen, und in dem Heere der
letzteren erfuhr man nur allzubald, dass die ersteren keinen Pardon geben würden.
Eine mörderische Schlacht lag im Hintergrunde.
    Sie wurde bei Zorndorf geliefert. Was Andere vor mir beschrieben haben, mag
ich nicht wiederholen. Genug, diese Schlacht war die Verklärung der preussischen
Tapferkeit. Der König selbst stürzte sich in jegliche Gefahr. Um ihn her fielen
seine Adjutanten, seine Pagen. Gleich einer ehernen Mauer stand der linke Flügel
der Russen da, als der rechte bereits geschlagen war. Was diesem geschehen war,
musste auch jenem zu Teil werden, wenn Friedrich seine Staaten mit Erfolg retten
wollte. Seidlitz eröffnete das Gemetzel, indem er die russische Reiterei warf.
Es wurde vollendet; aber indem Moritz als Adjutant hiehin und dortin flog, fiel
er, von einer Flintenkugel, welche der Zufall leitete, ereilt, eine halbe Stunde
vor dem Ausgang einer der merkwürdigsten Schlachten des siebenjährigen Krieges,
mit vielen anderen Edlen, welche im Kampfe fürs Vaterland hier ihr Grab fanden.
Erst am folgenden Tage fand man ihn unter den Todten. Die Kugel war durchs Herz
gefahren. Den Tod hatte er also nicht empfunden.
    Seine Briefe blieben aus. Eine schwarze Ahnung trat in unsere Seelen. Die
Sache selbst war gewiss, ehe die Bestätigung erfolgte. Endlich erfolgte auch
diese. Die Mutter war trostlos; denn es war ihr einziger Sohn, den sie verloren
hatte, und dieser einzige Sohn war um so mehr ihr Stolz, je unerreichbarer ihr
die Höhe war, auf welcher er als geistiges Wesen stand. Adelaide weinte; allein
ihr Kummer war weder tief, noch von Dauer; die Wandelbarkeit ihres Wesens
rettete sie von einem langen Schmerze. Ich - - Was soll ich von mir sagen? Dass
es keinen Ersatz für mich gebe, fühlte ich tief; aber in der Grösse meines
Verlustes selbst lag ein Trost, der, wenn ich ihn auch auf niemand übertragen
konnte, doch aufs bestimmteste von mir empfunden wurde. Nur das begränzte Etwas
kann ein Gegenstand menschlicher Empfindung werden, und das Gemüt in angenehme
oder unangenehme Bewegungen setzen; das unendliche Alles ist immer nur ein
Gegenstand des Geistes, und kann daher nie auf die Empfindung zurückwirken. Weil
ich in Moritz untergegangen war, konnte ich nicht um ihn weinen. Eine zweite
Alceste, hätte ich für ihn eben so bereitwillig sterben können, als er für sein
eigenes Ideal gestorben war; aber seinen Verlust bejammern konnte ich nicht. Er
war ja nicht der Meinige, wie ich die Seinige war. Dem Gemahl hätte ich folgen
müssen in den Tod; den Bräutigam konnte ich um so eher überleben, weil es sehr
problematisch war, ob das Verhältnis, worin ich mit ihm stand, so modifizirt
werden konnte, dass aus dem Bräutigam ein Gemahl wurde. Denn nur seinem Ideale
hatte Moritz gelebt. Wollte er sich mit mir verbinden, so musste er aus seinem
Wesen heraustreten. Konnte er das, wenn er es auch wollte? Konnte er es nicht,
so musste zwischen uns eine Kluft befestigt bleiben, welche durch nichts
auszufüllen war; und die natürlichste Folge davon war, dass ich mich in einer
ewigen Sehnsucht verzehrte. Und hatte ich durch seinen Tod das Mindeste an ihm
verloren? In sofern er für mich das Symbol des Schönen und Edlen war, existirte
er für mich noch immer. Auf ihn musste ich zurückkommen, so oft ich einen
Massstab gebrauchte, das unsichtbare Grosse nach allen seinen Dimensionen zu
erforschen. War er gleich nie der Meinige gewesen, und war es gleich jetzt
physisch unmöglich geworden, ihn als Gemahl zu besitzen; so konnte ich doch nie
aufhören, die Seinige zu sein und ihn mit aller der Hingebung zu lieben, die
meiner durch ihn veredelten Natur eigen war.
    Ich sage nicht, dass ich in jenen Unglückstagen, wo Mutter und Schwester
durch die Bestätigung seines schönen Todes zu Boden geworfen wurden, so dachte;
aber ich sage, dass ich so empfand, wenn es anders erlaubt ist, diesen Ausdruck
da zu gebrauchen, wo Ruhe und Resignation obwalten. So also, und nicht anders,
hätte ich mich gegen den Vorwurf der Fühllosigkeit verteidigen müssen, wäre er
mir gemacht worden. Ich würde sehr Wenigen verständlich geworden sein; aber alle
diejenigen, welchen ein über die gewöhnlichen Schranken hinausgehendes
Verhältnis nicht ganz unbegreiflich gewesen wäre, würden den Mut verloren
haben, mich zu verdammen. Aller Widerspruch, den man an mir entdeckt zu haben
wähnen konnte, lag nicht in mir, sondern in den mangelhaften Vorstellungen
derer, die davon beleidigt waren. Man hätte mich, man hätte Moritz ganz kennen
müssen, um zu begreifen, wie ich bei seinem Tode gelassen sein konnte. Ich bin
versichert, dass Moritz, wäre mir sein Schicksal zu Teil geworden, auch ruhig
geblieben sein würde, wiewohl ich von allen weiblichen Geschöpfen das einzige
war, dem er wohlwollen konnte. Nur da, wo eine Identifikation zweier Wesen
vorhergegangen ist, kann eine Trennung mit tödtlichen Schmerzen verbunden sein;
nicht da, wo sie noch im Hintergrunde der Zukunft liegt und aus weiter Ferne
winkt. Übrigens war es, in Beziehung auf Moritzens Mutter und Schwester, ein
Glück für mich, dass ich mich genug für sie interessiren konnte, um mit ihnen zu
weinen - nicht um Moritz, sondern aus jener reinen Sympatie, welche sich bei
allen besseren, von keiner Art des Egoismus zusammen geschrumpften Menschen
wiederfindet, so oft sie Tränen des Kummers oder der Freude vergiessen sehen.
Was beide beklagten, war für mich noch kein Gegenstand der Klage; aber sie
selbst waren Gegenstände des Mitleids, und so vermischten sich unsere Zähren,
während der edlere Teil meines Selbst eben so unumwölkt blieb, als, nach dem
Ausdruck des ersten aller Sänger, der Wohnsitz der seligen Olympier ist. So
wenig war ich in meinem ganzen Wesen gestört, dass kein einziges meiner Geschäfte
stockte. Es kam mir zwar vor, als wäre ich in vielen Dingen hurtiger und
bestimmter geworden; und in sofern dies wirklich der Fall war, konnte meine
grössere Hurtigkeit und Bestimmteit nur daher rühren, dass mich das Problem,
Moritz zu dem Meinigen zu machen, weniger beschäftigte. Ich kann aufs Heiligste
versichern, das ich bei der Auflösung dieses Problems nie an seiner
Rechtlichkeit zweifelte; durch diese musste er mir zu Teil werden. Das Einzige,
was mir immer zweifelhaft blieb, war: Ob seine höhere Natur ihn, seinen Wünschen
gemäss, zu mir hinführen würde? Und bei diesem Zweifel musste ich notwendig sehr
viel von meiner natürlichen Klarheit einbüssen.
 
                                  Zweites Buch
Mein Verhältnis mit dem Herrn von Z... hatte mich seit Jahr und Tag sehr
isolirt; allein die gute Meinung, welche man vorher von mir gehabt hatte, war
sich gleich geblieben; und so fand ich bei meinem Zurücktritt in die
gesellschaftlichen Zirkel, welche ich ehemals besucht hatte, denselben Empfang
wieder, womit man mir in allen Dingen zuvor zu kommen gewohnt war. Die etwanigen
Bewegungen des Neides, wenn ja dergleichen in dem Busen der einen oder der
andern meiner Gespielen vorhanden gewesen waren, hatte Moritzens Tod zum
Stillstand gebracht; man näherte sich mir mit desto mehr Freundschaft, je
bestimmter man voraussetzte, dass dieser Tod mich sehr unglücklich gemacht hätte.
Ich sprach, ganz der Überzeugung gemäss, welche das Anschaun mit sich führt, mit
Entusiasmus von dem Vollendeten; aber ich überliess es Anderen, mein Schicksal
zu beklagen, weil ich mich hiermit nicht befassen konnte, ohne zur Lügnerin zu
werden, was ich aus allen Kräften verabscheuete. Dafür hatte ich denn freilich
den Verdruss, Condolenzen über Condolenzen annehmen zu müssen, von welchen die
eine noch abgeschmackter war, als die andere. Überhaupt bemerkte ich bei diesem
meinen Zurücktritt in die Gesellschaft, dass ich seit Jahr und Tag eine so spröde
Individualität gewonnen hatte, dass ich für den Umgang unendlich weniger taugte,
als vorher. Ich untersuchte nicht, ob die Personen, mit welchen ich gerade zu
schaffen hatte, über oder unter meinem Horizont waren; allein ich fühlte, dass
zwischen mir und ihnen irgend eine Antipatie obwaltete, die, sie mochte nun
gegründet sein, worin sie wollte, die grösste Aufmerksamkeit auf mich selbst
nötig machte, da ich als ein unverheiratetes Frauenzimmer nicht berechtigt
war, den Ausschlag zu geben. Selbst mit dem grössten Wohlwollen und den hellsten
Ideen kann man dahin kommen, die Gesellschaft zu fliehen; ja, in solchen
Eigenschaften liegt zuletzt der stärkste Bewegungsgrund zur Isolirung, oder
wenigstens zur Beschränkung auf einige Wenige, da einmal kein Einzelner
verlangen kann, dass alle Übrigen sich in seine Form schmiegen sollen, und es von
der anderen Seite doch etwas sehr Wesentliches ist, seine Individualität zu
retten. Sind wir einmal breit getreten, so mag es immerhin etwas Gutes sein,
aller Menschen Freund sein zu können; allein so lange wir es noch nicht sind,
müssen wir alles, was unseren Charakter ausmacht, als das köstlichste Kleinod
bewahren, weil eine kräftig ausgesprochene Individualität zuletzt mehr wert
ist, als die ganze Gesellschaft. Ich sollte dies nicht sagen, weil ich ein Weib
bin; aber meine Rechtfertigung liegt in dem Stillschweigen, welches die Männer
in Beziehung auf diese Wahrheit behaupten.
    Adelaide, welche mir unter diesen Umständen besonders teuer wurde, nicht
weil der Unterschied, den die Natur selbst zwischen uns gelegt hatte, durch die
Länge der Zeit aufgehoben war, sondern weil die Gewohnheit des Beisammenseins
den Ausschlag über diesen Unterschied gab - Adelaide sah sich seit dem Tode
ihres Bruders, der sie zu einer sehr reichen Erbin gemacht hatte, von Bewerbern
umgeben, welche den Augenblick, wo sie sich für den einen oder den anderen von
ihnen erklären würde, nicht zeitig genug erleben konnten. Das Unglück des armen
Mädchens bestand recht eigentlich darin, dass unter diesen Bewerbern kein
einziger war, der ihr Achtung abgewinnen konnte. Ich habe immer bemerkt, dass
diejenigen Frauenzimmer, welche im Besitze bestimmter Talente sind, in die
grösste Verlegenheit geraten, so bald es darauf ankommt, über ihre Person zu
disponiren; und in dieser Verlegenheit befand sich auch Adelaide. Was ihre
Freier am meisten in Betrachtung zogen, ihr Vermögen, war gerade das, worauf sie
den geringsten Wert legte. Dagegen brachte sie ihre Fertigkeit in der Musik und
Poesie, oder vielmehr im Clavierspielen und Versemachen, in einen desto höheren
Anschlag; und wo nun unter den jungen Männern ihres Standes denjenigen finden,
den sie der Erwerbung solcher Talente in ihrer Person würdig gehalten hätte? Es
gab Einen, der sich nur hätte zeigen dürfen, um mit offenen Armen von ihr
empfangen zu werden; aber dieser Eine war fern, im Kriegesstrudel umgetrieben,
vollkommen unbekannt mit der Schönen, welche ihn über alle Männer ehrte; es war
der berühmte Kleist, dessen einzelne Gedichte damals anfingen bekannter zu
werden, und der, wenig Monate darauf, in der Schlacht bei Cunersdorf verwundet,
sein Leben nur rettete, um es im Lazaret auszuhauchen. Alle Übrigen mochten sie
noch so sehr loben; da ihr die Idee blieb, dass sie von der Sache selbst nichts
verständen, so konnte sie nicht umhin, sie sammt und sonders als ein Pack feiler
Schmeichler zu verachten. Mir leuchtete schon damals ein, dass Adelaide für eine
Ehe so gut als verdorben sei. Hätte sie kein bedeutendes Vermögen gehabt, so
hätte es nur gewisser Umstände bedurft, um ihr die Weiblichkeit wiederzugeben,
welche die Talente ihr genommen hatten; durch die Herrschaft, welche sie als
reiche Eigentümerin über die Umstände ausübte, musste sie ewig verhindert
werden, in die volle Weiblichkeit zurück zu treten. Sie war klug genug, um nur
dem Manne, dessen Anspruchslosigkeit ihr vollendete Freiheit versprach, ihre
Hand zu geben; allein, weil bei ihr alles ins Unendliche ging, so bedurfte sie
für ihre Eigentümlichkeit eines Beschränkers, und da sie diesen in ihrem Gatten
nicht fand, so war es wohl kein Wunder, wenn sie in der Folge von der
Sonderbarkeit zur Seltsamkeit und von dieser zur Albernheit überging.
    Herr von M..., den sie wählte, war ein begüterter Landedelmann, von gesundem
Geist und guten Sitten. Er war unstreitig die beste Partie, die Adelaide machen
konnte; das Schlimme war nur, dass es für Adelaiden keine gute Partie gab.
Vermöge der Eigentümlichkeit ihres Geistes standen ihre Mittel nie in einem nur
erträglichen Verhältnis zu ihren Zwecken. Man hätte mit grosser Wahrheit von ihr
sagen können: Sie setze einen Ocean in Bewegung, um eine Feder fortzuschaffen.
Die Liebe ihres Gatten zu gewinnen, glaubte sie sich die Hochachtung der ganzen
Welt erwerben zu müssen. Wie bot sie alles auf, um die Meinung zu erwerben, dass
sie eine Frau von grossem Verstande sei, und wie blieb sie immer und ewig hinter
ihrer Erwartung zurück! Ein besonderes Unglück für sie war ihre Kinderlosigkeit.
Diese setzte sie in eine Art von Wut, welche sich dadurch offenbarte, dass sie
alles vereinigen wollte, was nur immer ein Gegenstand des menschlichen Wissens
ist. Nachdem sie alle Zweige der Naturgeschichte studirt hatte, endigte sie mit
dem Studium der Matematik; aber ihr armer Mann wurde ihr in eben dem Maasse
unausstehlicher, in welchem sie selbst gelehrter wurde. Eine Scheidung, die aus
allen Gründen notwendig geworden war, erfolgte, so bald Herr von M...
eingesehen hatte, dass seine Individualität sich nur auf diesem Wege retten liess.
Adelaide zog in eine Hauptstadt, um den Biblioteken und Gelehrten näher zu
sein, als sie es bisher gewesen war; aber auch diese Art der Existenz wurde ihr
nur allzubald lästig und abgeschmackt. Sie warf sich in die sogenannte schöne
Kunst, und um diesem Studium mit desto besserem Erfolge obzuliegen, ging sie
nach Italien, wo sie grosse Summen verschwendete. Die Briefe, die ich von Zeit zu
Zeit von ihr erhielt, sagten mir, wie über Alles reizend ihr diejenige Periode
ihrer Jugend erschiene, in welcher sie meine Bekanntschaft gemacht, und wie
alles, was sie unternähme, um sich zu zerstreuen, doch nicht die Kraft habe, sie
über die Dauer weniger Stunden zu beglücken. Es würde Torheit gewesen sein, ihr
mit einem guten Rat an die Hand zu gehen, von welchem sie keinen Gebrauch
machen konnte; auch sah sie selbst sehr deutlich ein, dass sie nicht mehr genesen
konnte. Den Hang nach ewiger Bewegung befriedigte sie dadurch, dass sie von einem
Lande in das andere reisete. Von England aus meldete sie mir: Die europäische
Welt mache ihr Langeweile, und darum sei sie fest entschlossen, nach Asien zu
gehen. - Seit dem hab' ich nichts von ihr erfahren. Mehreren Anzeigen zufolge
ist sie auf ihrer Reise nach Ostindien am Kap der guten Hoffnung gescheitert.
Anders, aber nicht besser, konnte eine Person endigen, in welcher die Phantasie
den Ausschlag über den Verstand gab, indes das Schicksal dafür gesorgt hatte,
dass es ihr nicht an Mitteln fehlte, jeden noch so seltsamen Einfall ins Werk zu
richten. Ihre ganze Geschichte hab' ich, der Zeit vorgreifend, an diesem Orte
conzentrirt, um nicht auf sie zurückkommen zu dürfen, nachdem wir uns einmal
getrennt hatten, und nur neben nicht mit einander gehen konnten.
    Um eben die Zeit, wo Adelaide sich mit dem Herrn von M.... verband, wurde
mir die Stelle einer Gesellschaftsdame bei der jüngsten Tochter unseres Fürsten
angetragen, welche damals ein Alter von funfzehn Jahren erreicht hatte. Dieser
Antrag war um so ehrenvoller, weil ich berechtigt war, ihn als das Resultat der
guten Meinung zu betrachten, in welche ich mich bei dem Publikum gesetzt hatte.
Mehr indessen, als die Ehre, bestimmte mich die Liebenswürdigkeit der jungen
Prinzessin, über welche nur Eine Stimme war. Das Einzige, was mich von der
Annahme abschrecken konnte, war meine eigene Individualität, die, wie es mir
vorkam, sehr schlecht zu den Verhältnissen passte, welche ein Hof in sich selbst
zu erzeugen pflegt. Als dieser Punkt zwischen meinem Pflegevater und mir zur
Sprache kam, beruhigte mich dieser durch folgende Vorstellungen, die mir immer
gegenwärtig geblieben sind:
    »In dem Leben mit Seinesgleichen,« sagte er, »hat man entweder gar keinen,
oder nur einen sehr schwachen Antrieb, die eigene Individualität zu verbergen;
und indem man sie mit Unbefangenheit Preis gibt, läuft man beständig Gefahr,
dadurch anzustossen, weil jeder einmal die seinige retten will. Nicht so im
Umgange mit Vornehmeren. Hier kommt es darauf an, solche Formen zu gewinnen, dass
man selbst die kräftigste Individualität rettet, ohne jemals dadurch zu
beleidigen. Es ist wahr, dass es Personen gibt, die zuletzt nichts weiter haben,
als die Form; allein dies ist nicht sowohl die Wirkung des Hoflebens, als
vielmehr die einer ursprünglichen Leerheit, welche sich hinter Repräsentation
verkriecht. Wer einmal inneren Gehalt und eigentlichen Kern hat, für den ist das
Untergehen in der Form unmöglich; dagegen gewinnt er durch die Form eben das,
was der Diamant durch die Politur erhält. Vollendet ist zuletzt doch nur
derjenige Mensch, der mit der gefälligsten Form den meisten inneren Gehalt
verbindet, den das Individuum erwerben kann. Und gehe von diesem Grundsatz aus,
so gibt es für dich, meine liebe Mirabella, keine bessere Schule, als den Hof.
In ihr soll dir das Siegel der Vortrefflichkeit aufgedrückt werden; denn in ihr
sollst du lernen, wie man, ohne weder seiner Individualität zu entsagen, noch
durch dieselbe anzustossen, allen Menschen ohne Ausnahme gebietet. Könnt' ich
befürchten, dass du zu lauter Form würdest, so würde ich der Erste sein, der dich
von der Annahme des dir gemachten Antrages zurückschreckte; denn nichts ist mir
in der Welt so sehr zuwider, als ein gehaltloser Mensch, wenn ein solcher noch
Mensch genannt werden kann. Aber indem ich dies ganz und gar nicht befürchte,
erwarte ich nichts Geringeres von dir, als eine Vereinigung oder vielmehr
Verschmelzung der schönen Form mit einem reichen Wesen; gerade wie bei dem
Diamant, um bei dem einmal gebrauchten Bilde zu bleiben. Besorge nicht, dass man
dir irgend eine Gewalt antun werde. Alle tugendhaften Neigungen, die in dir
sind, wirst du befriedigen können, wenn du Verstand genug hast, deine Pflichten
scharf ins Auge zu fassen. Selbst deinen Gewohnheiten brauchst du nicht zu
entsagen, wofern du nicht für gut befindest, neue anzunehmen. Sehr bald wirst du
die Entdeckung machen, dass man sich auch bei Hofe nicht von dem allgemeinen
Gesetze dispensiren kann, den Menschen nur nach seinem inneren Wert zu
schätzen, und dass es neben dir noch manche Andere gibt, die davon nicht weniger
haben, weil sie gefällige Manieren damit verbinden. Das beste Mittel, dich auf
der Stelle geltend zu machen, ist, dich an diese anzuschliessen, und dabei deine
Stellung so zu nehmen, dass du immer aus der Schussweite der Parteien bleibst. Da
ich deine Gutmütigkeit kenne, so warne ich dich vor nichts so ernstlich, als
vor allem Befassen mit Empfehlungen. Verbinde so viel Bedürftige, als du immer
kannst, das heisst, so viel deine Einkünfte und deine Kräfte überhaupt erlauben;
aber setze deine Freunde nicht in Contribution, weil du sie dadurch zu
Gegengefälligkeiten berechtigen würdest, die zu sehr unangenehmen Verwickelungen
führen könnten. Das grosse Problem, das du zu lösen hast, besteht, so weit ich
diese Region kenne, darin, dass du von Allen abzuhängen scheinest, und immer
deine volle Freiheit behauptest. Man nennt den Boden, den du betreten sollst,
schlüpfrich; er mag es auch im Ganzen genommen sein. Allein wer in einem
natürlichen Gleichgewicht mit sich selbst stehet, bewegt sich zuletzt selbst auf
einer spiegelglatten Eisfläche mit Leichtigkeit und Anmut; und meiner Mirabella
darf ich es zutrauen, dass sie da nicht fallen werde, wo sich so viele Andere vor
ihr aufrecht erhalten haben.«
    Diese Bemerkungen meines Pflegevaters beruhigten mich, indem sie mir
zugleich die Vermutung zuführten, dass Alles vorher mit ihm verabredet worden
sei. Wenigstens geriet ich auf den Gedanken, dass seine Connivenz, ausser dem
pädagogischen Zwecke, den er nicht verhehlte, auch einen politischen haben
könnte, da er, seiner Gewohnheit ganz entgegen, in dieser Angelegenheit bei
weitem entschlossener war, als ich ihn bei minder wichtigen kennen gelernt
hatte. Wie dem aber auch sein mochte, so hatten alle meine Bedenklichkeiten nach
dieser Unterredung ein Ende; und vertrauensvoll trat ich meine neue Laufbahn an.
    Sowohl der Fürst als dessen Gemahlin empfingen mich mit einer
ausgezeichneten Huld, welche mir um so mehr wohltat, da sie sich weniger in
Lobsprüchen, als in - ich möchte sagen elterlicher Affection offenbarte, und mir
zuraunte, dass es nur von mir abhange, um am Hofe wie zu Hause zu sein.
Prinzessin Caroline ihrer Seits kam mir mit aller der Naivetät entgegen, wodurch
sie der Zauber aller ihrer Bekannten war. Da sie mich schon sonst gesehen hatte,
so lag in meinem Wesen nichts Fremdes für sie; und dies musste mir notwendig um
so lieber sein, weil in meiner Miene sehr viel Ernstaftes war, wodurch ich
leicht zurückschrecken konnte. Ich befand mich gegenwärtig in einem Alter von
drei und zwanzig Jahren, und die höhere Cultur, die mir durch Studium und
Schicksale zu Teile geworden war, konnte mich, einer so jungen Person, als
Prinzessin Caroline, gegenüber, nur allzuleicht zu einer Verwechselung der
Gesellschaftsdame mit der Gouvernante verführen. Um diesem Übelstand
auszuweichen, nahm ich mir vor, alles zu vermeiden, was einer förmlichen Lehre
oder Zurechtweisung ähnlich sähe, mich, wie man es gegenwärtig nennt, gehen zu
lassen, und immer nur auf die Unterhaltung der Prinzessin, wenn gleich so
bedacht zu sein, dass ich nicht von ihr gezogen würde. Der Erfolg rechtfertigte
meine Maximen. Ohne nur ein einzigesmal auf Albernheiten oder Fadaisen
eingegangen zu sein, wurde ich der Prinzessin so notwendig, dass sie nicht von
meiner Seite wich, so lange es ihre übrigen Verhältnisse erlaubten, in meiner
Gesellschaft zu sein. Da ich mich zugleich in einer gewissen Zurückgezogenheit
hielt, und alle, mit welchen ich, oder welche mit mir zu tun hatten, mit
gleicher Aufmerksamkeit behandelte; so gewann man mich in kurzer Zeit lieb.
Vielleicht wusste man nicht, was man von mir denken sollte; allein mir war es
auch nur darum zu tun, dass Niemand Nachteiliges von mir denken möchte.
    Ich wünschte, meine Gewohnheiten mit denen des Hofes in Harmonie zu setzen;
und dies wurde mir nicht schwer, so bald die Tagesordnung des Hofes mir geläufig
geworden war. Seit meinem sechsten Jahre gewohnt, um fünf Uhr des Morgens, im
Winter wie im Sommer, aufzustehen, behielt ich diese Sitte bei, indem ich mir
berechnete, dass die drei bis vier Stunden, die ich auf diesem Wege gewann, nicht
übel angewendet sein würden, wenn ich sie meinen Privatangelegenheiten widmete.
Mochte ich also auch noch so spät ins Bette kommen - und dies war, ich gestehe
es, Anfangs keine geringe Beschwerde für mich - so war ich immer zu derselben
Zeit aus dem Bette. Mein erstes Geschäft war alsdann, mich mit kaltem Wasser zu
waschen, und mein nächstes, mich vollständig für den Vormittag anzuziehen. War
ich damit fertig, so las oder schrieb ich im Winter, und verrichtete für mich
oder für andere irgend eine weibliche Handarbeit im Sommer. Immer war es mein
Stolz gewesen, den grössten Teil meiner Bekleidung selbst verfertigen zu können;
und diesen Stolz behielt ich bei, weil er mir niemals schaden konnte. So lange
ich bei meinen Pflegeeltern lebte, war ich nie allein, wenn ich auch noch so
früh aufstand; denn meine Pflegemutter wenigstens war immer schon vor mir aus
dem Bette. Es kam mir daher anfangs ein wenig schauerlich an, wenn ich,
besonders im Winter, wo die Natur um fünf Uhr selbst noch schläft, das einzige
wachende Wesen im ganzen Schloss war; doch, da ich einmal durchaus nicht im
Bette bleiben konnte, wenn ich ausgeschlafen hatte, so suchte ich das
unangenehme Gefühl des Alleinseins durch eine verdoppelte Tätigkeit zu
zerstreuen, und dies gelang mir so gut, dass es sich nach und nach gänzlich
verlor. Sobald die Prinzessin aufgestanden war, frühstückte ich mit ihr, und von
diesem Augenblick an war ich in allem, was Gewohnheit war, au courant des Hofes,
ohne mir auch nur die kleinste Abweichung zu gestatten.
    In Hinsicht meiner Neigungen hatte ich grössere Mühe, mich in den Hof zu
schicken. Es gab besonders zwei Punkte, worin ich sehr gern meinem Genius allein
gefolgt wäre, hätte es in meiner Gewalt gestanden, die Bedingungen zu machen.
Der eine war der Tanz, der andere das Spiel.
    Um den Tanz zu lieben, fehlte es mir offenbar an Temperament; und da man
nicht mit Erfolg tanzen kann, wenn man nicht gern tanzt, so war ich in einer
desto grösseren Verlegenheit. Es kam aber noch dazu, dass die Prinzessin Caroline
über diesen Punkt ganz entgegengesetzter Neigung war, und nicht aufhörte, mich
in ihr Interesse ziehen zu wollen. Ich tat zuletzt, was in meinen Kräften
stand, und erreichte dadurch alles, was ich zu erreichen nur wünschen konnte.
Aber im Ganzen genommen blieb mir der Tanz zuwider, und mein liebster Trost war
immer, dass die Gelegenheit dazu nicht täglich wiederkehrte.
    Spielen hatte ich nie gelernt, wiewohl es mir auch dazu nicht an Gelegenheit
gefehlt hatte. An den Hof versetzt, sah' ich sehr bald ein, dass Fertigkeit in
dieser Beschäftigung eine von den Haupttugenden sei, die ich mir erwerben müsste.
Allein wie in den Besitz dieser Fertigkeit gelangen? Ich liess mich unterrichten,
und ohne Mühe fasste ich die Regeln des Spiels. Doch wie wenig hatte ich dadurch
gewonnen! Die Hauptsache war und blieb, diese Regeln mit Leichtigkeit und Grazie
anzuwenden; und dahin konnte ich es nicht bringen. Es fehlte mir ganz offenbar
der Spielgeist. Um ihn zu erhalten, sagte ich zu mir selbst: »das Spiel, so wie
es am Hofe getrieben wird, ist ein pis aller; weil es unmöglich ist, eine grosse
Gesellschaft auf eine edle Weise in Tätigkeit zu setzen, so hat man diesen
Ausweg erfunden, sie nicht ganz unbeschäftigt zu lassen. Ohne Spiel würde man in
den Hofzirkeln von der Langenweile zu Tode gemartert werden, und jeder den Hof
fliehen; eben deswegen aber muss jeder, der dem Hofe keine Schande machen will,
sich auf das Spiel verstehen.« Allein, wie ich mich auch stacheln mochte, ich
kam in der Sache selbst nicht weiter; ich war und blieb zerstreut, verlor mein
Geld, und würde gern das Doppelte verloren haben, wenn ich nur hätte dispensirt
bleiben können. Endlich schlug sich der Fürst selbst grossmütig ins Mittel; und
indem er erklärte, dass es künftig immer von mir abhängen sollte zu spielen oder
nicht zu spielen, fand ich in meiner Abneigung von dem Spiele den Keim zu einer
seltenen Tugend, die ich genauer analysiren muss.
    Wie ich sie nennen soll, weiss ich nicht; ihrem Wesen nach aber bestand sie
darin, dass, indem ich für alle Nichtspielenden die Gesellschaftsdame machte, ich
die in der Tat nicht leichte Kunst lernte, mich mit allen Menschen, wenn ich
mich so ausdrücken darf, zu ihrer und meiner Zufriedenheit aus einander zu
finden. Es war zuletzt die Langeweile, die mich zur Unterhaltung hintrieb; aber,
indem ich diesem Stosse folgte, abstrahirte ich sehr bald, dass man, um mit Erfolg
zu unterhalten, so wenig als möglich von dem Seinigen geben, und so viel als
möglich von dem Fremden empfangen müsse. In wenigen, sehr bestimmt ausgedrückten,
das Individuum, welches man vor sich hat, tief ergreifenden Fragen muss die Kraft
entalten sein, nicht nur Mitteilung überhaupt, sondern auch diejenige Art der
Mitteilung zu erzwingen, welche den sämmtlichen Verhältnissen des Hofes
entspricht. Die Fragen an und für sich würden nichts bewirken, wenn sie nicht
unter solchen Wendungen gemacht und von solchen Manieren begleitet wären, dass,
während das Gemüt in den Fesseln des Fragenden einhergeht, der Geist in
Freiheit gesetzt wird. Vor allen Dingen kommt es darauf an, den Stolz, der in
der Frage selbst liegt, so zu verschleiern, dass er gar nicht sichtbar wird. Eine
Kunst, auf welche sich nur sehr Wenige verstehen, die aber, wenn ich nicht irre,
das Criterion der gesellschaftlichen Bildung ist. Das ganze Manövre, welches man
in dieser Hinsicht macht, setzt den allerschnellsten und feinsten Takt voraus;
denn der kleinste Fehlgriff zerstört das Werk, weil man sogleich aus der
Stellung gehoben wird, in welcher man sich notwendig befinden muss, um Anderen
die Täuschung zuzuführen, dass man nur mit ihnen beschäftigt sei. Wer sich nicht
ganz in seiner Gewalt hat, wird von seiner eigenen Kunst über den Haufen
geworfen; denn es kommt nicht nur darauf an, dass man schicklich anfange und gut
fortfahre, sondern auch, dass man vortrefflich endige. Die ganze Unterhaltung muss
ein Sonnet sein, in welchem ein interessanter Gedanke so verarbeitet wird, dass
die Hauptidee den Beschluss macht. In der Tat, jene italiänischen
Improvisatoren, welche jedes beliebige Tema so ausbilden, dass es mit allen
Farben der Poesie zum Vorschein tritt, haben die grösste Ähnlichkeit mit wirklich
ausgebildeten Hofleuten; und der Zauber, welche beide in den Gemütern
zurücklassen, ist vollkommen derselbe. Alle Saiten sanft berühren, und aus dem
Instrument, worauf wir spielen, eine solche Harmonie hervorlocken, wodurch wir
selbst nie beleidigt werden, das Instrument selbst aber entzückt wird - dies ist
es, worauf wir ausgehen müssen, und was wir gewiss erreichen, wofern es uns nicht
an der scheinbaren Entsagung fehlt, die alles Eigentümliche nur deshalb in den
Hintergrund stellt, damit es desto unerreichbarer bleibe. Ob Überlegenheit des
Geistes die unerlassliche Bedingung der besten Ausübung dieser Kunst sei, möcht'
ich weder bejahen, noch verneinen, da sie es bei den einen wirklich, bei den
anderen gar nicht ist. Ich glaube wenigstens bemerkt zu haben, dass man, wie in
vielen anderen Dingen, so auch in dieser Kunst, durch gewisse Eigenschaften des
Gemütes eben so weit kommt, als durch die des Geistes; und der grösste Teil
ihrer Ausüber dürfte sie wohl durch die ersteren erwerben. Vielleicht ist dies
aber nur Schein, und wenn in irgend einer Kunst, so muss in dieser Geist und
Gemüt in dem vollkommensten Gleichgewicht stehen.
    In welcher bestimmten Individualität ich auch als Weib dastehen mochte, so
gab die Weiblichkeit in mir doch den Ausschlag über alles; und da der
Grundcharakter des Weibes Resignation ist, so wurde mir die Erlernung jener
nahmenlosen Kunst, die ich so eben beschrieben habe, dadurch nicht wenig
erleichtert. Für mich selbst gewann ich dabei auf eine doppelte Weise; einmal
indem jene spröde Eigentümlichkeit, die ich an den Hof gebracht hatte, sich
nach und nach verlor, ohne dass mein Charakter im Wesentlichen dabei litte;
zweitens indem sich mein Gesichtskreis durch alle die Ideen erweiterte, welche
mir durch die Mitteilung ganz absichtslos zugeführt wurden. In Beziehung auf
den ganzen Hof aber füllte ich eine Lücke aus, die man vor meiner Ankunft mehr
empfunden als deutlich gedacht hatte. Hätte ich in jenem zarten Alter über diese
Beziehung raisonnirt; so würde ich auf das Resultat gestossen sein, dass der ganze
Hof, als geistiger Mittelpunkt genommen, in mir conzentrirt wäre; allein daran
dacht' ich damals eben so wenig, als irgend einer von denen, die ich in den
Stand setzte, ihren Neigungen rücksichtsloser zu folgen.
    Die Oberhofmeisterin war im Besitz aller der Formen, welche ihr Geschäft mit
sich führte; aber sie war zugleich so sehr in der Repräsentation untergegangen,
dass sie, auch wenn sie noch einer Erhebung fähig gewesen wäre, allen Geist für
eine Todsünde erklärt haben würde. Man nannte sie in der Regel Madame Etiquette;
und diese Benennung beleidigte sie nie, teils weil sie sich bewusst war, als
Repräsentantin der Etiquette einen hohen Wert zu haben, teils weil sie keine
Ahnung davon hatte, dass es neben dem staatsbürgerlichen Wert noch einen anderen
gibt, der zuletzt alles entscheidet. Das einzige Menschliche, was in ihr
zurückgeblieben war, bestand in einer Art von Witz, wodurch sie zwar sehr zum
Lachen reizte, wobei es aber sehr unentschieden blieb, ob sich das Lachen mehr
auf ihre Einfälle, oder auf den Widerspruch bezog, in welchem diese Einfälle mit
ihrer Person und ihrem Geschäfte als Oberhofmeisterin standen. Es war nämlich
eine gute Mundvoll Zweideutigkeiten, wodurch sie sich auszeichnete: eine üble
Angewohnheit, die sie unstreitig ihrer ersten Erziehung zu verdanken hatte, um
so übler, weil sie längst über das Alter hinaus war, wo der weiblichen
Erfahrenheit ein freieres Wort verziehen wird. - Aus allen diesen Gründen nun
konnte kein Abstich auffallender sein, als der, den ich gegen sie bildete. Ich
sage in der Tat nicht zuviel, wenn ich behaupte, dass in ihr und mir zwei
Extreme einander gegenüber standen, von welchen man das eine die vollendete
Unweiblichkeit, das andere die höchste Jungfräulichkeit nennen konnte. Dieser
Gegensatz blieb nicht unbemerkt; und wenn man sich auch nicht darüber äusserte,
so lag die Sache selbst doch dadurch an dem Tag, dass man, aus überwiegender
Achtung für mich, eine Frau vernachlässigte, welche, dem Range nach, die erste
nach der Fürstin selbst war. Mir war dabei oft sehr peinlich zu Mute; allein,
wie sehr man sich auch an mich anschliessen mochte, so sah die gute
Oberhofmeisterin darin immer nur die grössere Freiheit, welche sie als
leidenschaftliche Lhombrespielerin für sich gewann, und das Höchste, was ihr
Neid ihr auszupressen vermochte, war: dass ich in ihrem Alter auf gleicher Linie
mit ihr stehen würde; eine Prophezeihung, welche niemals eintreffen konnte, weil
ich mit meinen Eigenschaften darüber hinaus war, ihre Erfahrungen zu machen.
Abgesehen von dieser Opposition, wirkte die Stellung, welche ich genommen hatte,
dadurch sehr eigentümlich auf mich zurück, dass ich, indem ich für alle
vorhanden sein musste, für keinen Einzelnen vorhanden sein konnte. Selbst wenn
Moritzens Bild mir - wie dies wirklich der Fall war - nicht als Ideal
vorgeschwebt hätte, so würde ich durch das Problem, dessen Auflösung ich einmal
übernommen hatte, von allem, was Liebe im engeren Sinne des Wortes genannt wird,
entfernt geblieben sein. Ich hatte mich, trotz meines jugendlichen Alters, von
der Liste der fühlenden Wesen gestrichen, um mich auf die der Intelligenzen
setzen zu können.
    Mein Pflegevater freuete sich nicht wenig über diese Verwandlung meines
Wesens; sie entsprach seinen Erwartungen von mir eben so sehr, als seinen
Wünschen. Unstreitig würde sie noch vollkommner gewesen sein, hätte nicht mein
Verhältnis zu der Prinzessin Caroline meinen ursprünglichen Charakter, d.h.
denjenigen, mit welchem ich an den Hof gekommen war, auf das wesentliche
festgehalten.
    Wie der ganze übrige Hof, so war auch die Prinzessin von der Verbindung
belehrt, in welcher ich mit dem Herrn von Z... gestanden hatte; und da sie sich
in einem Alter befand, worin keine Unterhaltung willkommner ist, als diejenige,
welche einen Liebeshandel zum Gegenstand hat, so bat sie mich in den
Augenblicken, wo wir allein waren, sehr oft, ihr etwas von meiner Geschichte zu
erzählen. In sofern ich selbst die Heldin derselben war, würd' ich es schwerlich
der Mühe wert gehalten haben, den Mund zu öffnen; aber da ich das Andenken an
meinen Moritz liebte, so liess ich mich immer bereitwillig finden, der Prinzessin
mitzuteilen, was ihn in seiner eben so kräftigen als edlen Individualität
darstellte. Merkwürdig war der Erfolg meiner Erzählung dadurch, dass niemals eine
von uns beiden dadurch gerührt wurde, dies Wort in seinem gewöhnlichen Sinne
genommen. Meine Erzählung entielt gewiss alle Elemente des Tragischen; aber auf
unsere Tränendrüsen wirkten diese nie zurück. Ich selbst war wie begeistert,
und mein Zustand riss die Prinzessin zu einem ähnlichen hin; doch alles, was sich
mit Wahrheit von uns sagen liess, war: dass wir uns im höchsten Grade interessirt
fühlten, ohne in unserem Gemüte im Mindesten verwirrt zu sein.
    Ich kann bei dieser Gelegenheit nicht umhin, eine artistische Bemerkung zu
machen, die, wie sehr sie auch den gewöhnlichen Teorien widersprechen mag, mir
vollkommen richtig scheint. Sie ist: »dass die wahre Tragödie das Gemüt nicht
foltern, sondern heben müsse, so dass der Zuschauer, nachdem der Vorhang
gefallen, nicht mit beklommenem, sondern mit freudigem Herzen die Bühne
verlässt.« Es ist gewiss nur immer die Schuld des Dichters, wenn dies nicht der
Fall ist. Wer sich eines tragischen Stoffes so zu bemächtigen versteht, dass er
die Entwickelung in ihrer Notwendigkeit fortführen kann, der befriediget
zugleich unser Gemüt und unseren Verstand; und dabei ist die volle Heiterkeit
des ganzen Menschen nicht nur möglich, sondern sogar notwendig. Wer hingegen
den tragischen Stoff zerreisset, und aus poetischem Unvermögen die
Einbildungskraft der Zuschauer nötigt, das Ganze, das er selbst nicht zu Stande
bringen konnte, an seiner Stelle zu schaffen; der kann nicht anders als
verwirren, ängstigen und foltern. Will man wissen, wer der eigentliche Meister
in der tragischen Kunst ist? Derjenige unstreitig, der alles so anzuordnen weiss,
dass das Notwendige immer mit Freiheit vollzogen wird, so dass das Schicksal nie
über den Helden, dieser hingegen beständig über jenes siegt, sogar alsdann, wenn
er vom Schicksal zerschmettert wird. Wer dies nicht kann, der ist und bleibt ein
Pfuscher in der Tragödie, gut genug für den Pöbel, dem es immer nur um
Gemütsbewegung zu tun ist, aber zu schlecht für gebildete Menschen, welche die
Freiheit im Kampf mit der Notwendigkeit obsiegen sehen wollen. Wollte man
sagen, dass ich hier als Aristokratin spreche, so würde meine Antwort sein: »Die
grösste Aristokratin ist die Kunst selbst, die sich nur in der Region des Idealen
bewegen will, weil sie weiss, dass sie, ohne abgeschmackt zu werden, diese Region
nicht verlassen kann.« Doch ich lenke wieder ein.
    Indem ich der Prinzessin gegenüber meine ganze Individualität festielt, so
konnte es schwerlich fehlen, dass, vermöge der achtungsvollen Anhänglichkeit, die
sie für mich empfand, von meinem ganzen Wesen sehr viel auf sie überging. Ich
möchte nicht sagen, dass ich mich zu ihr herabliess; dies war durchaus unnötig,
da alle ihre Anlagen von einer solchen Beschaffenheit waren, dass ich sie mit
Leichtigkeit zu mir heraufziehen konnte. Es kam dahin, dass wir Studien und
Vergnügungen gemein hatten und in einer solchen Harmonie lebten, dass man uns für
geborne Schwestern hätte halten können. Im Scherz nannte mich die Prinzessin
bisweilen ihren Moritz; und dies mochte ich auch in der Tat sein, wenn nur von
dem geistigen Verhältnis die Rede ist, das zwischen ihr und mir statt fand. Ob
ich durch Übertragung meiner Eigentümlichkeit der Prinzessin nützlich oder
schädlich wurde, war etwas, woran ich gar nicht denken konnte, da die
Verhältnisse, in welche sie zu treten bestimmt war, tief im Hintergrunde lagen;
wenn ich aber auch daran gedacht hätte, so würde mich keine Klugheit abgehalten
haben, meinen ganzen Charakter zu behaupten, weil dieser zuletzt doch das
Einzige ist, was der Mensch sein nennen kann, und jede künstliche Modifikation
desselben baare Narrheit genannt werden muss. Ich habe mich hinterher, ich
gestehe es, sehr häufig über die Unbefangenheit gewundert, womit der Fürst seine
einzige Tochter eine Entwickelung gewinnen sah, welche sie in ihren künftigen
Verhältnissen nur unglücklich machen konnte; allein mir selbst hab' ich nie den
mindesten Vorwurf darüber gemacht, dass ich die Urheberin dieser Entwickelung
war; denn ehe man mich zur Gesellschaftsdame wählte, hätte man ausmachen sollen,
ob meine Wahl nicht schädliche Folgen haben könnte. Es ging hierin, wie es in
der Welt gewöhnlich geht: An das Wesentliche dachte man nicht, und nachdem der
Schaden einmal geschehen war, konnte er nicht wieder gut gemacht werden. War es
aber auch meine oder der Prinzessin Schuld, dass diejenigen, welche, ihrem Stande
nach, zu uns hätten passen sollen, als ob sie für uns geboren gewesen wären,
nicht zu uns passten? Wir konnten unserm Wesen nicht entsagen, ohne uns
herabzuwürdigen; aber diejenigen, mit welchen wir zu schaffen hatten, konnten
dies sehr wohl; und alles Unglück, das uns begegnete, rührte nur daher, dass sie
in ihren Gewohnheiten allzu tief versunken waren, um das Edlere und Bessere zu
lieben.
    Ehe ich die Rätsel löse, welche in dem vorhergehenden Abschnitt entalten
sind, muss ich, aus Achtung für die Zeitfolge, noch des Todes meines Pflegevaters
erwähnen. Er starb, nachdem ich ungefähr drei Jahre am Hofe gelebt hatte. Über
sein Hinscheiden weiss ich nur das zu sagen, dass es das Hinscheiden eines ächten
Christen war, der, wenn seine letzte Stunde geschlagen hat, mit Ergebung in den
Mittelpunkt der Gesellschaft zurücksinkt, welcher er sich, sein ganzes Leben
hindurch, nützlich zu machen gestrebt hat. Das Testament, welches er zurückliess,
war ganz eigentümlichen Inhalts, in sofern er seiner eigenen Schwester den
kleinsten, mir hingegen den grössten Teil seines Vermögens mit dem Zusatze
vermachte, dass davon nie etwas auf seine Verwandten zurückfallen sollte. Ich
erbte auf diesem Wege von ihm nicht weniger als dreissigtausend Taler; eine
ungleich grössere Summe, als wofür man sein Vermögen bis dahin angenommen hatte.
Das Wahre von der Sache aber war unstreitig, dass die eben genannte Summe nicht
zu seinem Vermögen gehörte, sondern ihm nur von denjenigen anvertrauet war, die
es für gut befanden, meine Abkunft zu verschleiern. Immer hatte ich so viel
gewonnen, dass ich, ohne mein Kapital anzugreifen, von den Zinsen desselben mit
Anstand und Freiheit leben konnte. Dies war die Ansicht, welche ich fasste,
sobald ich mich über den Hintritt meines Pflegevaters beruhigt hatte; und dieser
Ansicht gemäss nahm ich mir vor, nie zu heiraten, indem ich noch immer daran
verzweifelte, einen Mann zu finden, wie der Herr von Z... gewesen war. Auf meine
Verhältnisse am Hofe wirkte die Unabhängigkeit, die ich durch mein Vermögen
erworben hatte, nicht weiter zurück; denn diese waren so gut, als sie werden
konnten, da ich mich schon vorher durch meine innere Kraft frei gemacht hatte.
    Ich war kaum mit meiner Erbschaft im Reinen, als das ...sche Fürstenhaus um
die Hand der Prinzessin Caroline für den Erbprinzen Carl werben liess. Ohne
gerade glänzend zu sein, war dieser Antrag ehrenvoll; auch wurde er keinesweges
zurückgewiesen. Was man von dem Erbprinzen sagte, war so beschaffen, dass er zu
den frohesten Erwartungen berechtigte; man schilderte ihn nämlich als einen
schönen jungen Mann von den besten Sitten und den herrlichsten Eigenschaften des
Gemüts und des Geistes. Der ganze Hof schätzte die Prinzessin glücklich, einen
solchen Bewerber gefunden zu haben; und sie selbst gab sich der süssen Täuschung,
alle ihre Wünsche nach kurzer Frist erfüllt zu sehen, nur allzu bereitwillig
hin. Da unser Hof den Rang vor dem ...schen hatte, so wurde nur die Bedingung
gemacht, dass der Erbprinz sich in eigner Person bewerben möchte, und diese
Bedingung zu erfüllen, erschien derselbe andertalb Monate darauf. Eine schöne
Figur, mit einem Gesichte, dem es weniger an Adel, als an bestimmten Ausdruck
fehlte! So wie sich der Prinz zum erstenmale produzirte, musste er gefallen. Die
Prinzessin Caroline war eben so bezaubert von seinem Betragen, als von seiner
Gestalt. Mir entging, bei einer fortgesetzten Aufmerksamkeit auf den Prinzen,
nicht, dass eine gewisse Heftigkeit in ihm war, die sich auf den ersten besten
Gegenstand wirft, weil sie denjenigen noch nicht gefunden hat, der sie anhaltend
beschäftigen könnte; allein, wie wichtig mir meine Entdeckung um der Prinzessin
willen sein mochte, so hielt ich es doch nicht der Mühe wert, darüber ein Wort
fallen zu lassen, da sie einen Fehler betraf, der sehr leicht zu verbessern ist.
Die Vermählung würde ohne Carolinens Einwilligung beschlossen und vollzogen
worden sein; aber dies war so wenig notwendig, dass in dem vorliegenden Falle
das Herz recht eigentlich im Bunde mit der Politik zu sein schien, oder vielmehr
wirklich war. Das Einzige, was die Prinzessin sich ausbedung, war, dass es ihr
erlaubt sein möchte, mich als Gesellschaftsdame mit an den ...schen Hof zu
nehmen; eine Bedingung, die man sehr gern gestattete.
    Von der Vermählung der Prinzessin, welche einige Monate darauf an unserem
Hofe vollzogen wurde, kein Wort; denn sie war, wie dergleichen immer zu sein
pflegen. Vierzehn Tage darauf erfolgte die Abreise. Während der Reise hatte ich
mehr als eine Gelegenheit, die Bemerkung zu machen, dass meine erste Entdeckung
in Betreff des Erbprinzen eine sehr richtige gewesen sei, und ich gestehe, dass
ich jetzt anders darüber urteilte, als vorher; allein wenn mir die Mitteilung
meiner Entdeckung früher nicht der Mühe wert geschienen hatte, so war sie jetzt
zu spät, und mein Vorsatz konnte kein anderer sein, als mich mit der grössten
Behutsamkeit zu betragen, im Fall meine Freundin selbst aus ihrer bisherigen
Täuschung erwachen sollte. Diesem Vorsatze gemäss betrug ich mich so, dass ich die
junge Fürstin zu keiner Vertraulichkeit aufforderte, wie bestimmt ich es ihr
auch schon am vierten Tage nach unserer Abreise ansah, dass sie ihren Busen gegen
mich auszuschütten wünschte. Als wir endlich an Ort und Stelle angelangt waren,
wurden wir zwar mit allem Pomp empfangen, der bei solchen Gelegenheiten
herkömmlich ist; aber über Täuschungen dieser Art erhaben, wie wir einmal waren,
rekognoszirten wir nur das Terrain, worein uns das Schicksal geworfen hatte. Ein
jeder warf sich, wie sich dies von selbst versteht, in seine besten Atours, und
die Erscheinung einer so liebenswürdigen Prinzessin, als Caroline war, trug
gewiss nicht wenig dazu bei, dass alle Bewillkommungen und Glückwünsche nur desto
besser von statten gingen; bei allem dem aber konnten wir nicht verfehlen, die
Entdeckung zu machen, dass irgend ein düsterer Geist über diesem Hof walten
müsse, ein unmittelbares Gefühl sagte uns dies, ohne alle künstliche
Vernunftschlüsse.
    Die nächsten vierzehn Tage klärten unsere Ahnung - denn mehr war unsere
Entdeckung nicht - gänzlich auf. Alles beruhete auf einem Missverhältnis der
Herzogin zu dem Herzoge. Von Gewissenszweifeln geängstigt und im höchsten Grade
abergläubisch, war die erstere (ihre Kinder allein ausgenommen, welche sie aus
unbezwingbarem Instinkt liebte) sich selbst und allen Menschen abhold, während
der letztere, wenn gleich nicht minder zum Aberglauben geneigt, mit einer
gesünderen Constitution die Freuden, welche er im eigenen Familienkreis nicht
finden konnte, ausserhalb desselben suchte, und, weil er sie auch da nicht fand,
in der Regel mürrisch und auffahrend war, und dadurch alles von sich
zurückschreckte. Dies hatte auf Carolinens Gemahl in sofern zurückgewirkt, als
er in dem vergeblichen Bestreben, seinen sich selbst so ungleichen Eltern genug
zu tun, zuletzt ungeduldig und über die Gebühr heftig geworden war. Unfähig
seinen Vater zu lieben, und eben so unfähig sich mit seiner Mutter zu
identifiziren, war er, von seinem eigenen Herzen verleitet, die Beute aller
derjenigen geworden, in deren Arme er sich geworfen hatte. Wie gesund auch sein
Verstand in seinen Anlagen war, so hatte er ihn doch nie in den Besitz der
Mittel führen können, durch welche man sich seiner ganzen Umgebung bemächtigt;
und je mehr er zwischen hundertfältigen Rücksichten dahin schwankte, desto
unzufriedener war er mit seiner ganzen Lage. Vor seiner Vermählung mit einem
liebenswürdigen Fräulein verbunden, hatte er dieser Verbindung entsagen müssen,
ohne seinen Neigungen entsagen zu können; und wie diese Schwäche von allen
denjenigen gemissbraucht wurde, welche, aus früherer Zeit her, im Besitz seines
Vertrauens waren, lässt sich ohne Mühe denken. Kurz der ganze Hof war ein
Vereinigungspunkt der Antipatien, und, was immer damit verbunden ist, der
Intriguen. Keine einzige klare Seele, an welche man sich verdachtlos hätte
anlehnen können! Und die Quelle von diesem allen war der Aberglaube in dem
Geiste der Herzogin und des Herzogs, der von dem ersten Hofgeistlichen kräftigst
unterstützt wurde. Ich habe seitdem sehr oft Gelegenheit gehabt, die Bemerkung
zu machen, dass fürstliche Personen ungemein zum Aberglauben hinneigen; und so
oft ich mir diese Erscheinung zu erklären versucht habe, bin ich immer auf das
Resultat gekommen, dass, während alles, was ihnen untergeordnet ist, nur sie
fürchtet und verehrt, sie ihrer Seits auch etwas fürchten und verehren wollen,
weil es ihnen unmöglich fällt, der menschlichen Gebrechlichkeit diesen Tribut zu
versagen. Nur wenige dürften hiervon eine Ausnahme machen.
    Indem ich diese Entdeckungen machte, nahm ich mich wohl in Acht, darüber mit
der Erbprinzessin zu sprechen. Ich bot vielmehr meine ganze Heiterkeit auf, sie
glauben zu machen, dass ich ganz unbefangen sei und bleibe. Es war mir, ich
gestehe es, ein wenig peinlich, meiner Freundin gegenüber der Offenheit zu
entsagen, womit ich sie bisher behandelt hatte; allein ich sagte mir wiederum,
dass dies ein Opfer sei, das ich höheren Verhältnissen bringen müsse. Sehr
deutlich leuchtete mir ein, dass hier nichts zu verbessern sei, dass man aber aus
übel leicht ärger machen könnte. Ich nahm mir also vor, meine Stellung immer so
zu nehmen, dass ich, so viel an mir wäre, die Sachen in einem erträglichen Gange
erhielte. Auf keinen Fall war ich gesonnen, die erste Confidenz zu machen; und
war es irgend möglich, die Erbprinzessin von Confidenzen gegen mich zurück zu
halten, so wollte ich es nicht an mir fehlen lassen. Am meisten fürchtete ich
den Charakter der Herzogin, welche, nachdem ihre Schwiegertochter einmal mit
eigenen Augen gesehen hatte, sehr leicht auf den unglücklichen Einfall geraten
konnte, sich vor ihr zu rechtfertigen, und mich darüber zum Zeugen zu nehmen.
Ich sah dies so bestimmt vorher, dass ich vorläufig auf den Gedanken verfiel,
nichts zu tun, was der Herzogin Vertrauen zu mir einflössen könnte. In der Tat,
ich war sehr übel daran. An unserem Hofe hatte ich mit der grössten Freiheit
gelebt; hier hingegen war ich von allen Seiten her so eingeklemmt, dass ich mich
durchaus nicht bewegen konnte, ohne anzustossen und Quetschungen und Schrammen
davon zu tragen. Meiner ganzen Natur nach ohne Falsch und ohne Hehl, war ich
gegen meinen Willen zur Politik hingezogen. Hätte mich das Interesse für meine
Freundin nicht aufrecht erhalten, so würde ich, gleich der Tochter Ludwigs des
Funfzehnten von Frankreich, den Aufentalt in irgend einem Carmeliterkloster der
meschanten Lage vorgezogen haben, in welcher ich an diesem Hofe war. Der
auffallende Entschluss jener Prinzessin hat mich nie in Erstaunen gesetzt, weil
ich selbst erfahren habe, wie abgeschmackt und langweilig das Hofleben unter
gewissen Bedingungen werden kann.
    Die Erbprinzessin verstand mich vollkommen; auch in den zartesten
Empfindungen und Ideen begegnete sie mir mit einem Takt, der, wenn ein Dritter
als Zuschauer zwischen uns in der Mitte gestanden hätte, diesen notwendig hätte
bezaubern müssen. Wir, die wir drei Jahre hindurch in der vollkommensten
Freundschaft gelebt hatten, welche auf Erden möglich ist, verabredeten jetzt
stillschweigend unter uns, dass, obgleich unsere Unschuld dieselbe sei, es
dennoch Geheimnisse gäbe, welche wir Ursache hätten, uns gegenseitig zu
verbergen. Hieraus entwickelte sich ein eigentümliches Verhältnis, das freilich
nie Consistenz gewinnen konnte, aber, so lange es dauerte, unseren inneren
Zustand so modifiziren musste, dass unsere gegenseitige Anhänglichkeit an einander
verstärkt wurde. Sonst hatte sich die Erbprinzessin in ihrer Liebe zu mir eben
so frei gefühlt, als ich mich in der meinigen zu ihr. Jetzt hingegen, wo die in
ihrem Gemahl eingeschlossene zurückstossende Kraft sie in Ansehung des Spielraums
liebender Gefühle so wesentlich beschränkte, und wo ich meiner Seits durch die
Erbärmlichkeit des Hofes ganz auf mich selbst zurückgeworfen wurde, jetzt
konnten wir den Stützpunkt, dessen wir bedurften, nur eine in der anderen
finden. Wir würden glücklich gewesen sein, hätten wir dem Zuge folgen dürfen,
der uns zu vereinigen versprach; aber gerade darin lag das Verzweifelnde unserer
Lage, dass wir diesem Zuge nicht folgen durften; wenigstens nicht mit der
Rücksichtslosigkeit, welche die Freundschaft gebietet. Wir beide ahneten, dass
ein Zeitpunkt eintreten würde, wo wir dem Verderben nur durch festes
Aneinanderschliessen entrinnen könnten; aber wir wollten diesen Zeitpunkt nicht
beschleunigen, welches unvermeidlich war, sobald wir zum voraus
gemeinschaftliche Sache machten. Mochte das Problem, das wir uns aufgegeben
hatten, immerhin nicht zu lösen sein; genug wir wollten, was die Klugheit gebot,
so lange ehren, als es wahrer Freundschaft unbeschadet geschehen könnte.
    Den übrigen Mitgliedern des Hofes war ich ein unerklärbares Rätsel. Was sie
durchaus nicht begreifen konnten, war, wie man an einem Hofe fremd und doch so
abgeneigt sein könnte, sich an irgend eine Partei anzuschliessen. Diese meine
Eigentümlichkeit war ihnen um so unbegreiflicher, da ich, dem Anscheine nach,
ganz isolirt dastand, und selbst von der Prinzessin, deren Gesellschaftsdame ich
sein sollte, vernachlässigt war. Gern hätte mich die eine oder die andere
Partei für sich gewonnen; aber gerade das, was mich zum Gegenstand so
mannichfaltiger Bewerbungen machte, musste mich behutsam und vorsichtig machen.
Dies war nämlich das bisschen Verstand, wodurch ich mich auszeichnete. Wie
bescheiden ich selbst auch darüber denken mochte, so konnte ich mir doch nicht
verhehlen, dass ein Amalgam mit diesen Personen für mich unmöglich sei. Es war
vor allen Dingen ihre unbeschreibliche Flachheit, die mich von ihnen
zurückschreckte. In der Tat, man erweiset den Hofleuten in der Regel allzuviel
Ehre, wenn man von ihrer Intrigue mit irgend einer Art von Achtung spricht,
sollte diese Achtung sich auch nur durch Missbilligung und Abscheu ausdrücken. In
keiner Sache tief, sind sie es eben so wenig in der Intrigue. An dem Kitzel
fehlt es ihnen nicht, wohl aber an dem Geiste, der sich ein Ziel setzet und
seine Mittel demselben anpasst. Es würde wenigstens eine Art von Poesie in das
Hofleben gebracht werden, wenn dieser Geist vorherrschte; allein dies ist so
wenig der Fall, dass es immer und ewig nur die leidige Prose bleiben kann. Es ist
wahr, jeder hat sein besonderes Interesse, dem er nachgeht; doch, indem man sich
mehr von irgend einem Instinkt als vom Verstande leiten lässt, vertrödelt man das
Leben, ohne jemals ans Ziel zu gelangen; und daher die grosse Zahl der
Unzufriedenen, die, wenn sie endlich aus allen ihren Erwartungen herausgefallen
sind, wenigstens ihre Rechtlichkeit retten wollen, und, indem sie von
unerkannten Diensten sprechen, die sie geleistet haben, sich nur immer selbst
verdammen. Kurz: die eigentliche Gemeinheit, in sofern sie mit Flachheit eins
und dasselbe ist, wird nirgend sicherer und allgemeiner angetroffen, als an den
Höfen, vorzüglich aber an den kleinen deutschen Höfen. Und dies gerade war, was
mir in meiner neuen Lage eine Behutsamkeit gebot, welche man unbegreiflich
nannte.
    Mich zu erforschen schickte man das Factotum des Hofes, den Herrn
Hofcapellan, an mich ab. Dieser Mann, der, seinem Berufe nach, der rechtlichste
und edelste des ganzen Hofes sein sollte, war, wie es zu geschehen pflegt, nur
der feinste und eigennützigste; und so gross war die Verkehrteit aller
Mitglieder des Hofes, dass man ihn gerade um derjenigen Eigenschaften willen
achtete, die ihn vor jedem intelligenteren Richterstuhle verdammen mussten. Seine
Erscheinung kam mir nicht ganz unerwartet, wiewohl ich in dem Augenblick, wo er
sich melden liess, auf seinen Empfang nichts weniger als vorbereitet war. Der
Zufall wollte, dass Klopstocks Messiade aufgeschlagen vor mir lag, als er in mein
Zimmer trat. Der hochwürdige Herr konnte, nachdem die ersten Begrüssungen vorüber
waren, nicht umhin, einen neugierigen Blick auf meine Lektüre zu werfen; und als
er Klopstocks Messiade erblickte, die er wenigstens von Hörensagen kannte, war
seine erste Frage: Ob mir diese Lektüre Vergnügen mache? »Unendliches,« war
meine Antwort; »ich erblicke in der Messiade eine Welt, wie sie sich noch keinem
schaffenden Geist aufgeschlossen hat. Alles ist gross und erhaben, und weil man
das Grosse und Erhabene nicht betrachten kann, ohne dem Kleinen und Niedrigen zu
entsagen, so wäre wohl zu wünschen, dass Klopstocks Schöpfung sich in Jedermanns
Händen befände. Aber ich bin versichert, fügte ich hinzu, dass dies Gedicht,
anstatt wie andere Werke in dem Zeitstrom unterzugehen, einer ganzen Ewigkeit
von Entwickelung trotzen und in eben dem Maasse an Wert gewinnen wird, in
welchem es als reine Poesie dasteht.« Dieser Gedanke fiel dem Herrn Capellan
auf; und weil er ihn wirklich nicht verstand (was mir sehr wahrscheinlich
geworden ist, seitdem ich andere seines Gelichters kennen gelernt habe), oder
weil er gute Ursache hatte, ihn nicht verstehen zu wollen, legte er mir die
naive Frage vor: Wie ich das meinte? »Ich meine,« erwiederte ich, »dass wenn der
religiöse Geist, welcher die Messiade dictirt hat, längst verflogen sein wird,
dies Heldengedicht nicht nur noch bezaubern, sondern auch um so mehr bezaubern
wird, je weniger sich der Glaube, oder vielmehr der Unglaube, bei der Lektüre
ins Spiel mischet.« Der Capellan, der mich noch immer nicht verstand, liess
irgend etwas Albernes fallen, wodurch er zu verstehen gab, dass er von mir
voraussetze, nur Religiosität treibe mich zur Lektüre der Messiade; und als ich
hierauf nicht antwortete, nahm er sogleich Gelegenheit, über die Irreligiosität
des Zeitalters (welche ihm bei weitem vollendeter erschien, als sie wirklich
war) ein Langes und Breites zu sprechen, und sich so eine Brücke zu bauen, um
zur Herzogin zu kommen, die er als das Muster aller Fürstinnen vorstellte. Eine
nähere Bekanntschaft mit ihr, meinte er, würde mir zeigen, wie sehr es zu
wünschen wäre, dass ihr Geist den ganzen Hof durchströmen möchte; und hierauf
erfolgten neben den Lobeserhebungen, welche der Herzogin gemacht wurden, mehrere
Winke, welche mich orientiren sollten. Ich liess den hochwürdigen Herrn ausreden,
und als er das Bedürfnis fühlte, wieder zu Atem zu kommen, setzte ich das
Gespräch durch einige Bemerkungen fort, worin ich zu verstehen gab, dass, allen
meinen Beobachtungen zufolge, der Hof wirklich von dem Geiste der Herzogin
durchdrungen sei. »Ach wie viel fehlt daran,« antwortete der Hofcapellan; »da
ist z.B. der Kammerherr unseres geliebten Erbprinzen, ein Mann, dem ausser seinem
Vorteile nichts heilig ist, und gegen den sich der ganze Hof verschwören
sollte, da er es so geflissentlich darauf anlegt, die liebenswürdigste
Prinzessin verhasst zu machen, um ....« »Still! still, Herr Hofcapellan! fiel ich
ihm in die Rede; dies sind Dinge, über welche wir nicht berechtigt sind zu
sprechen. Die Wendung, welche Sie der Unterhaltung zu geben geruhen, ist mir so
neu als interessant, aber ich darf darauf nicht eingehen, wenn ich nicht einmal
für allemal aus der Bahn weichen will, die ich mir vorgezeichnet habe.« Der
Hofcapellan sah mich mit so dummen Augen an, als wenn von Verschmitzheit und
Ränkesucht nie eine Spur in ihm gewesen wäre. Offenbar erstaunte er darüber, an
ein Wesen geraten zu sein, dem er nicht gewachsen war; und ob er sich gleich
alle Mühe gab, in sein voriges Gleichgewicht zurückzutreten, und seinen Besuch
recht absichtlich verlängerte, um mir irgend einen Vorteil abzugewinnen, der
alles, was zwischen uns vorgefallen war, wieder ins Gleiche bringen möchte, so
schieden wir zuletzt doch so auseinander, dass von einer Gemeinschaft zwischen
uns beiden, was auch immer ihr Gegenstand sein möchte, nicht wieder die Rede
sein konnte.
    Was den Kammerherrn des Erbprinzen betraf, so hatte ich längst bei mir
ausgemacht, dass er bei weitem unschuldiger sei, als er in der Darstellung des
Hofcapellans erschien. Sein Hauptverbrechen war, der Liebling des Erbprinzen zu
sein, dessen Gunst er durch nichts so sehr erobert hatte, als durch seine
Polsterartigkeit, wenn man mir diesen Ausdruck gestatten will. Es ist wahr, es
fehlte ihm nicht an Verstand; allein sein Verstand war nicht der schöpferische,
der Anderen gebietet, indem er ihnen Richtungen gibt, die sie aus sich selbst
zu nehmen allzuschwach sind, sondern der legale, der nur immer den fremden
Willen bearbeitet, und folglich gar nicht für und durch sich existirt. Des
Kammerherrn höchster Grundsatz war: der Erbprinz ist der Herr. Diesem Grundsatz
gemäss wagte er es nie, dem Erbprinzen zu widersprechen. Hätte dieser seine
Gemahlin lieben können, so würde er nichts dagegen einzuwenden gehabt haben; da
aber der Erbprinz dies nicht konnte, so hatte der Kammerherr auch wiederum
nichts dagegen, dass er seine Verbindung mit einer früheren Geliebten fortsetzte,
und tat, was in seinen Kräften stand, die Wünsche des Prinzen in dieser
Hinsicht zu befriedigen. Er meinte es gewiss mit der ganzen Welt gut; aber da es
einmal unmöglich ist, der ganzen Welt zu genügen, so hielt er es nur mit dem,
dem er seine Dienste einmal gewidmet hatte. Seine Furchtbarkeit war gewiss nicht
weit her; indessen erschien er allen denjenigen furchtbar, welche in Erwägung
zogen, dass es, nach dem Tode des Herzogs, nur von ihm abhängen werde,
Premier-Minister zu sein. Einem solchen Schlag zuvorzukommen, wollte man ihn so
zeitig als möglich verdrängen. Wenn man mich in die Cabale zu verflechten
wünschte, so geschah dies um der guten Meinung willen, die man von meinem
Verstande gefasst hatte. Nichts beabsichtigte man weniger, als eine Vereinigung
des Prinzen mit der Prinzessin, und der Hofcapellan hatte sich nur in das
Complott ziehen lassen, weil er erfahren hatte, dass eben dieser Kammerherr im
Punkt der Religion ein wenig locker sei. Indem ich also in dem Gegenstande des
Parteihasses keinen Widersacher der Prinzessin erblickte, konnte ich unmöglich
geneigt werden, mich mit den Übrigen zur Entfernung eines Mannes zu vereinigen,
der zuletzt der Unschuldigste von Allen war.
    Ich konnte dies um so weniger, weil mir immer deutlicher einleuchtete, dass
das Missverhältnis zwischen dem Erbprinzen und seiner Gemahlin eben so sehr durch
die Individualität der letzteren als durch die des ersteren gehalten wurde. Es
ist gewiss sehr zu bedauern, wenn die Tugend selbst die Quelle unseres
Missgeschicks und unserer Leiden wird; allein dies ist unter gewissen Umständen
eben so notwendig, als dass das Gegenteil der Tugend zum Missvergnügen mit sich
selbst und zur Opposition gegen die ganze Welt führen muss. Es war ganz offenbar
die Liebenswürdigkeit der Erbprinzessin, was sie ihrem Gemahl so verhasst machte.
Wäre der Prinz in den Besitz seiner Gemahlin gekommen, ohne vorher in einem
ernstaften Verhältnis mit einer anderen Person gestanden zu haben; so würde er,
bezaubert von der Liebenswürdigkeit seiner Gemahlin, vielleicht sein ganzes
Leben hindurch an keine Untreue gedacht haben. Da dies nicht nur nicht der Fall
war; da die ehemalige Geliebte noch immer ihren Platz in seinem Gemüte
behauptete, und, von den Eigenschaften der Gemahlin unterrichtet, es sich
vielleicht doppelt angelegen sein liess, die Zuneigung des Prinzen zu fesseln; so
konnte es schwerlich fehlen, dass dieser, von seinen Neigungen auf der einen, und
von seinen Pflichten auf der anderen Seite gedrängt, in eine Leidenschaft
geriet, wie sie dem Menschen nur einmal eigen ist, so oft er sich zwischen zwei
Feuern befindet. Erleichterung für sich selbst konnte der Prinz unter diesen
Umständen nur dadurch erhalten, dass seine Gemahlin Eigenschaften offenbarte,
welche die Untreue wo nicht rechtfertigen, doch wenigstens entschuldigen; da
diese aber immer in derselben moralischen Schönheit dastand, und, ohne weder zur
Rechten noch zur Linken aus der einmal vorgezeichneten Bahn zu weichen, nur
immer darauf dachte, wie sie die Weiblichkeit retten wollte, so blieb ihm
zuletzt nichts anderes übrig, als entweder sich selbst, oder diejenige zu
hassen, die ihn, wenn gleich gegen ihren Willen, in einem solchen Widerspruch
mit sich selbst erhielt. In der Tat, mehr, als alles andere, war dies die
Quelle der heftigen Ausbrüche, welche sich der Erbprinz gegen seine Gemahlin
erlaubte; und welche Wahrscheinlichkeit, dass sich dies jetzt noch abändern
lassen werde! Um anhaltend zu hassen, darf man nur beleidigen; und wen es
befremdet, dass fürstliche Personen bei weitem tiefer in ihrem Hasse sind, als
andere Erdensöhne und Töchter, der darf nur bedenken, dass jenen die Beleidigung
unendlich mehr kostet, als diesen, weil sie sich auf die Kunst des Ausweichens
bei weitem besser verstehen, und, nur im höchsten Drange der Not und nie ohne
ihrem Wesen zu entsagen, zu dem, was man Unhöflichkeit nennt, gebracht werden
können. Fasset man dies gehörig, so hat man den Schlüssel zu sehr viel
Erscheinungen, welche in der Regel äusserst schlecht interpretirt werden. Um nur
nicht unhöflich sein, oder beleidigen zu müssen, (und beides ist zuletzt
einerlei) hat man sich, wer weiss wie oft, durch eine Vergiftung aus der Affaire
gezogen. Dies ist besonders an grossen Höfen der Fall gewesen, wo man noch weit
mehr Ursach hatte, die Folgen eines Skandals in Erwägung zu ziehen, als an
kleineren, wo die Bürgerei zuletzt, wenn gleich in einer etwas veredelten
Gestalt, ihr Wesen forttreibt. Wäre von den Scenen, welche täglich zwischen dem
Prinzen und seiner Gemahlin statt fanden, nur eine einzige an dem französischen
oder spanischen Hofe vorgefallen, so wäre eine Trennung - gleich viel unter
welcher Form - unvermeidlich gewesen. Ich will damit nicht sagen, dass ihre
Feindschaft in der Periode, von welcher hier die Rede ist, den höchsten Gipfel
erstiegen hatte; allein es gibt Verhältnisse, bei welchen es gleich viel ist,
welchen Grad der Verschlimmerung sie erreicht haben, so bald man sagen muss, dass
sie aufgehört haben gut zu sein. Die Erbprinzessin fühlte sich warlich nicht
minder unglücklich, weil ihr Gemahl noch einige Rücksichten nahm, die unter
Personen fürstlichen Standes nie wegfallen dürfen, wenn sie nicht zu dem Pöbel
herabsinken wollen.
    Ich machte sehr bald die Bemerkung, dass ein weit höheres Maass von Kraft
erfordert wird, die Dinge in einem gegebenen Zustande zu erhalten, als sie zu
leiten. Das Erstere ist in der Regel ganz unmöglich; die menschliche Natur ist
es, was diese Unmöglichkeit hervorbringt. Das letztere lässt sich
bewerkstelligen; nur erfordert es eine Überlegenheit des Geistes, wodurch man
den Ausschlag über seine ganze Umgebung gibt. Nichts war dadurch gewonnen
worden, dass ich mich neutralisirt hatte; allein wie meine Taktik so verändern,
dass ich das Verlorne wieder gewann? Diese Aufgabe war schlechterdings nicht zu
lösen, da ich es mit Personen zu tun hatte, durch welche sich kein einziger von
den Planen ausführen liess, die ich entwerfen konnte. Unaussprechlich leiden sah
ich die Prinzessin, und eben so unaussprechlich blutete mein Herz bei diesem
Anblick; aber wie ich sie retten, oder wenigstens erleichtern sollte, darüber
konnt' ich durchaus nicht mit mir selbst ins Reine kommen. Der Zufall tat
zuletzt mehr, als ich erwartet hatte.
    Es war an einem von den schönen Tagen, durch welche der Frühling zum Sommer
übergeht, als die Prinzessin mich gegen Abend zu sich rufen liess. Ich eilte in
ihre Nähe; wir waren allein. Der Vertrag, den wir stillschweigend geschlossen
hatten, dauerte fort, und keine von uns beiden beabsichtigte einen Bruch
desselben. Die Prinzessin bat mich indessen neben ihr Platz zu nehmen, und
redete mich hierauf folgendermassen an: »Ich kenne jetzt keine angenehmere
Zerstreuung, als die der italiänischen Dichter, weil diese mich am schnellsten
in die Regionen führen, wo ich die Wirklichkeit vergesse. Aber ich bin nicht
länger im Stande, dies hohe Vergnügen allein zu geniessen. Sie, meine geliebte
Mirabella, sollen es mit mir teilen. Wenn ich Sie ersuche, meine Vorleserin zu
sein, so leitet mich dabei der besondere Eigennutz, die Musik der italiänischen
Poesie durch Ihre Stimme erhöht zu fühlen. Wählen Sie, welches Gedicht Sie
wollen, und lesen Sie mir vor, was Ihnen beliebt.« Mit der besonderen
Zärtlichkeit, die ich noch immer für Tasso's befreites Jerusalem hatte, wählte
ich dies göttliche Gedicht; und da der Charakter der Erminia mich immer vor
allen übrigen weiblichen Charakteren, die in demselben entfaltet sind, angezogen
hatte, so las ich den sechsten Gesang vor. Ich war bis an die Stelle gekommen,
wo Erminia auf ihrer Flucht beim Anblick des Lagers der Christen in folgende
Klagen ausbricht:
O belle agli occhi miei tende Latine,
Aura spira da voi che mi recrea,
E mi conforta, pur che m'avvicine.
Cosi a mia vita combattuta e rea
Qualche onesto riposo il Ciel destine,
Come in voi solo il cerco: e solo parme,
Che trovar pace io possa in mezzo all' arme.
Raccogliete me dunque, e in voi si trove
Quella pietà, che mi promise Amore etc.
Als die Prinzessin, von ihren Gefühlen überwältigt, in die Worte ausbrach: »O
wäre doch auch für mich eine Flucht möglich!« und unmittelbar darauf dem
gepressten Herzen durch einen Strom von Tränen Luft machte. Mir fiel bei diesem
Anblick das befreiete Jerusalem aus den Händen, und, meiner früheren Vorsätze
uneingedenk, warf ich mich zu den Füssen der Prinzessin nieder, sie beschwörend,
dass sie mir nichts verhehlen möchte. »Ich bin ganz die Ihrige,« rief ich aus,
»so bald Sie verlangen, dass ich es sein soll.«
    Die Prinzessin sah mich mit der Miene der Rührung an, und nachdem sie sich
gefasst hatte, sprach sie folgendes:
    »Ich habe Sie nur allzugut erraten, Mirabella; um nicht zu verschlimmern,
was sich nicht verbessern liess, nahmen Sie diese Stellung an, worin Sie die
Dinge sich selbst überliessen. Aber ich hätte Sie nie kennen lernen müssen, wenn
ich auch nur einen Augenblick an Ihrer Bereitwilligkeit, alles was in Ihren
Kräften steht, für mich zu leiden und zu tun, hätte zweifeln sollen. In dem
gegenwärtigen Augenblicke folgen Sie mehr Ihrem Gemüte, als Ihrem Verstande;
aber dies liegt so sehr in der Natur der Sache, dass Sie mir dadurch nur um so
teurer werden. Wie die Lage der Sachen ist, wissen Sie, ohne dass wir jemals
darüber gesprochen haben. Auch jetzt wollen wir nicht ausführlich darüber
werden. Genug, dass ich die Verlassenheit, worin ich mich befinde, nicht länger
ertragen kann. An irgend ein menschliches Wesen muss ich mich anschliessen können,
wenn das Leben einen Wert für mich behalten soll. Mein Gemahl kann es nicht
sein, und wer bleibt mir übrig, als Sie? Ich stehe für nichts, wenn Sie sich mir
noch länger entziehen. Berechnen Sie hiernach, was Sie tun müssen. Die Politik,
von welcher Sie sich bisher leiten liessen, hat Ihrem guten Herzen zuletzt am
meisten Wehe getan. Warum wollen Sie ihr noch länger folgen? Verderben lässt
sich nicht, was schon im höchsten Grade verdorben ist. Ich verzeihe Alles, und
verzeihe mit der höchsten Freudigkeit des Gemüts; aber meine Bedingung ist, dass
Sie sich fester, als jemals, an mich anschliessen. Ihnen gegenüber werd' ich die
Kraft haben, Alles zu ertragen, was mir noch bevorsteht; oder vielmehr, ich
werde von nun an gar nichts mehr zu ertragen haben, und meines Daseins von neuem
froh werden. Hätt' ich von mir allein abgehangen, wer weiss, ob ich jemals in ein
Verhältnis getreten wäre, wodurch eine Scheidewand zwischen uns errichtet werden
musste? Da dies einmal geschehen ist, so wollen wir lieber gar nicht daran
zurückdenken. Gewiss, wir sind uns selbst genug; nur müssen wir fest
zusammenhalten, und auf die Wirklichkeit um uns her so wenig als immer möglich
zurückblicken. Was hab' ich von meiner Freundin, von meiner Mirabella, zu
erwarten?«
    Meine Antwort auf diese Frage war, wie sie nach einer solchen Scene sein
konnte; ich wiederholte mein: »Ich bin die Ihrige mit Allem, was in mir ist;«
denn ob sich gleich die Folgen dieser Vereinigung nicht berechnen liessen, so
wollte ich doch lieber aus Heroismus edel, als aus Feigheit klug handeln.
    Es war von diesem Augenblick an gleich viel, wo wir existirten; aber um der
Prinzessin einige Erleichterung zu verschaffen, entwarf ich den Plan zu einem
Sommeraufentalt auf einem drei Meilen von der Hauptstadt gelegenen
Lustschlosse, welches seit vielen Jahren unbewohnt geblieben war. Voraussehen
liess sich, dass dieser Plan grosse Schwierigkeiten finden würde; vorzüglich von
Seiten der Herzogin, welche seit einiger Zeit ihre Schwiegertochter liebgewonnen
hatte, weil sie wenigstens eben so unglücklich war, als die Herzogin selbst.
Allein alle diese Schwierigkeiten liessen sich überwinden, sobald es mir gelang,
den Kammerherrn des Erbprinzen in mein Interesse zu verflechten. Ich trat zu
diesem Ende mit ihm in Unterhandlungen, und so bald er eingesehen hatte, dass für
ihn selbst nichts dabei zu wagen sei, bestimmte er den Erbprinzen, seine
Genehmigung zu geben. Es gewann für den grossen Haufen der Hofleute das Ansehen,
als sei eine Versöhnung zwischen dem Erbprinzen und seiner Gemahlin erfolgt,
weil ich darauf bestand, dass der Erbprinz, um den Schein zu retten, uns
begleiten sollte, und er sich wirklich dazu hergab. Doch, von dem Nachmittag des
zweiten Tages an, waren wir uns ganz selbst überlassen, und so wenig um die
Folgen unserer Isolirung bekümmert, dass wir nur daran dachten, wie wir recht
angenehm leben wollten. Ein ziemlich hoher Berg lag zwischen der Hauptstadt und
dem Lustschlosse, und mehr bedurfte es nicht, uns glauben zu machen, dass wir von
der ganzen Welt geschieden in dem Paradiese selbst lebten.
    Die Lage des Lustschlosses war die reizendste, die man sich denken kann. Auf
einer Anhöhe gelegen, war es rechts durch unabsehbare Wiesen und links durch
einen dunklen Tannenwald begränzt. Vorn dehnte sich ein geräumiger Garten aus,
den man anzubauen nicht vernachlässigt hatte, und in welchem eine zahlreiche
Orangerie neben den Treibhäusern hin ihre Wohlgerüche verbreitete. Hinten war
ein dicht verwachsener Park mit zahmen Wildprett angefüllt, und an den Park
lehnte sich eine Meierei mit hohen Lindenbäumen bepflanzt. Der Aufentalt war
über alle unsere Ertwartungen romantisch und bequem. Ihn durch nichts zu
verderben, hatten wir von der Dienerschaft nur diejenigen mitgenommen, die uns
unentbehrlich waren. Ein halb geöffneter Wagen mit zwei Pferden war unsere
einzige Equipage; aber auch von ihm wollten wir nur selten Gebrauch machen.
Unsere Genüsse sollten zugleich einfach und ausgesucht sein; und dazu war vor
allen Dingen nötig, dass der Tisch nie befrachtet, die Bibliotek hingegen mit
allen den Dichtern angefüllt war, die uns jemals entzückt hatten; denn da die
Wirklichkeit uns einmal verhasst war, so wollten wir ihr auf allen möglichen
Fittigen entfliehen. Unser Leben sollte, wenigstens für den nächsten Sommer, ein
wahres Idyllenleben sein, und um diese Idee immer gegenwärtig zu haben, nannte
mich die Prinzessin in eben dem Augenblick Chloe, wo sie mir gebot, sie selbst
Daphne zu nennen.
    Es fehlte uns beiden nicht an Erfindungskraft. Die ersten Morgenstunden
wurden im Garten oder im Park verlebt, wo wir mit irgend einer leichten Arbeit
in der Hand, mehr empfindend als denkend, uns nach allen Richtungen hin
bewegten. Ward die Sonnenhitze uns allzustark, so begaben wir uns in einen
Pavillon, wo wir abwechselnd vorlasen. Der Anfang wurde mit Gesners Idyllen
gemacht; allein wir legten sie bald zurück, weil es uns vorkam, als ob der
grösste Reiz, den sie gewähren könnten, nicht in den Gemälden, sondern in der
Einfassung entalten sei. Ich hatte seit ungefähr einem halben Jahre einen Teil
meiner Musse auf das Studium der spanischen Sprache und schönen Literatur
gewendet, und die Prinzessin mit dieser Liebhaberei angesteckt. Indem wir
frühere Fortschritte gegenwärtig zu unserem Vergnügen benutzen wollten,
verfielen wir auf die Diana des Montemayor, und machten sehr bald die
Entdeckung, dass dies Meisterstück der sogenannten Schäferpoesie ohne Gleichen
dasteht, und allen modernen Idyllendichtern zum Muster dienen muss, wofern der
wahre Dichter eines Musters bedarf. Das dritte Buch der Diana, welches die
Geschichte der unglücklichen Belisa entält, bezauberte uns vor allen; wir
wurden nicht müde es zu lesen und wieder zu lesen, bis wir ganz davon
durchdrungen waren. Bezauberte uns Montemayors Einfachheit, so entzückte uns
Boscan's und Garcilaso's kunstreiches Genie nicht minder. Es kam uns vor, als ob
der Strom der Gedanken und Empfindungen in diesen Dichtern etwas ganz
Eigentümliches habe, wodurch er von Anfang bis zu Ende aufs innigste
zusammenhange und immer nur Ein Erguss sei. Noch andere spanische und
italiänische Dichter wechselten mit diesen ab. War die Lektüre geendigt; so
kehrten wir in das Lustschloss zurück, wo wir, im rechten Flügel, der lachendsten
und unabsehbarsten Aussicht gegenüber, zu Mittag assen, und uns auf diese Weise
selbst das Materielle vergeistigten. Nur die einfachsten Gerichte durften auf
unserer Tafel erscheinen, und junges Geflügel war die einzige Fleischspeise, die
wir uns erlaubten. Die schwülen Mittagsstunden wurden verschlafen, oder
verträumt, wofern dieser Ausdruck auf Personen anzuwenden ist, welche
gewissermassen nie aus ihrem Traum erwachten. Gegen Abend fuhren wir aus. Die
ganze umliegende Gegend wurde von uns besucht, und wo wir Gelegenheit fanden,
unsere liebenden Gefühle zu ergiessen, da blieb sie nicht unbenutzt. Ein leichtes
Abendessen empfing uns bei unserer Zurückkunft, und unmittelbar darauf erfolgte
jener süsse Schlummer, den Gesundheit und Unschuld geben.
    In diesem Kreislauf von Beschäftigungen und Vergnügen verstrich ein Tag nach
dem andern, bis ein Schreiben von dem Kammerherrn des Erbprinzen mir zu
verstehen gab, dass ich die Achtung für den Schein, auf welcher ich vor meiner
Abreise in Beziehung auf die Prinzessin so nachdrücklich bestanden, seit meiner
Ankunft auf dem Lustschlosse in Beziehung auf den Prinzen ganz aus den Augen
gesetzt hätte. Der Vorwurf war gerecht; und wie schwer es uns auch fallen
mochte, aus unserer Idyllenwelt, wär' es auch nur auf wenige Stunden,
herauszutreten, so musste doch irgend etwas geschehen, den begangenen Fehler
wieder gut zu machen. Ungefähr vierzehn Tage nach unserer Ankunft auf dem
Lustschlosse fuhren wir also in die Hauptstadt zurück, um an dem Hofe zu mittag
zu essen, und unmittelbar darauf in unsere Einsamkeit zurückzukehren. Ich
befürchtete bei dieser Gelegenheit, dass die Erbprinzessin alle die Ungeduld
beweisen würde, welche dann einzutreten pflegt, wenn wir uns von geliebten
Formen losreissen müssen; allein meine Befürchtung war sehr überflüssig, und ich
bemerkte jetzt zum erstenmale, wie meine Freundin, seit ihrer förmlichen
Wiedervereinigung mit mir, eine Ruhe gewonnen hatte, die sich durch nichts
stören oder unterbrechen liess. Ein Seufzer aus der äussersten Tiefe der Brust, so
bald wir das Stadttor im Rücken hatten, war alles, was zum Vorschein trat, um
ihre Liebe für Freiheit, Offenheit und Unschuld zu beurkunden; und als wir an
Ort und Stelle angekommen waren, drängte sich das Geständnis hervor: dass sie nur
an meiner Seite glücklich leben könne.
    Derselbe Besuch wurde alle vierzehn Tage wiederholt, und zur Abwechselung
erhielten wir auch wohl auf einige Stunden die Ehre, von dem Herzog oder dem
Erbprinzen selbst besucht zu werden. So wie aber die Zeit vorrückte, fingen wir
an, den Winter zu fürchten, den wir uns als diejenige Jahreszeit dachten, in
welcher die künftige Freiheit durch die drückendste Sklaverei erkauft werden
müsste. Wohlmeinender, liebender und schuldloser konnten schwerlich zwei andere
Wesen sein; allein dies alles rettete uns nicht vor der Langenweile, der
Kränkung und dem Argwohn. Mit unseren Eigenschaften mussten wir das Schicksal
mancher anderer Weiber teilen, die nur deswegen verkannt werden, weil man ihre
Eigentümlichkeit nicht zu begreifen vermag. Den Klang des Silbers kann man nur
durch Silber erforschen; und eben so bedarf es einer sympatetischen Seele, um
den wahren Gehalt eines edlen Gemüts kennen zu lernen. Warlich nicht alle
Weiber sind lächerrlich, die in die Regionen der Kunst und des Schönen streben.
Wie können sie es vermeiden, wenn ihre bescheidensten Ansprüche auf die
Wirklichkeit unerfüllt bleiben? Zuletzt will jede von uns, die nicht von der
Wiege an verdorben ist, nur ihren rechtmässigen Teil an häuslicher
Zufriedenheit; aber wenn auch dieser versagt wird, bleibt dann etwas anderes
übrig, als das wirkliche Glück durch ein eingebildetes zu ersetzen? Manche, die
von einem bösen Dämon getrieben zu werden scheint, so lange sie disseits der
Schwelle ihres Hauses verweilt; manche Andere, welche nur in der schönen Kunst
lebt und alle ihre Nerven zerreisset, um als Schriftstellerin zu glänzen,
würden, wenn sie an den rechten Mann gekommen wären, das baare Gegenteil von
dem geworden sein, was sie jetzt sind. In der Begränzteit der meisten Männer
liegt für Weiber, die nur einigermassen einer Entwickelung fähig sind, eine zur
Verzweiflung treibende Kraft. Das Weib will bewahren, was es instinktmässig für
sein Herrlichstes erkennt, die Weiblichkeit; aber durch die Einseitigkeit des
Mannes aus sich selbst heraus getrieben, schwärmt es umher, die verlorne Stütze
zu suchen, und findet es sie nicht in der Kunst, so muss es Ruhe in der
Zerstörung seines Wesens finden. So endigen die meisten.
    Unaufhaltbar näherte sich der Winter. Wir mussten unser Paradies verlassen
und in die Hauptstadt zurückkehren. Die Verhältnisse am Hofe waren noch
dieselben; aber das Gemüt der Erbprinzessin hatte durch den Aufentalt auf dem
Lustschlosse eine Verwandlung erfahren, welche nicht ohne Folgen bleiben konnte.
So lange ihr Gemahl die einzige Stütze war, die es für sie gab, musste sie sich
ihm, wenn gleich gegen ihren Willen und gegen alle ihre Neigungen, unaufhörlich
nähern; und da konnte es denn nicht fehlen, dass sie zurückgestossen und einmal
über das andere beleidigt wurde. Jetzt, wo sie in mir, oder vielmehr in ihrer
Liebe für die schöne Kunst, eine Stütze gefunden hatte, jetzt war ihr der Gemahl
so gleichgültig, als ob er gar nicht vorhanden gewesen wäre. Der Erbprinz mochte
sich hierüber nicht wenig wundern; aber selbst dann, wenn er über diese
Verwandlung gar nicht nachdachte, musste es ihm sehr empfindlich sein, dass er in
seiner Gemahlin keinen Gegenstand des Hasses mehr hatte, während er eines
solchen für seine anderweitigen Verhältnisse bedurfte. Immer ruhig, immer
gelassen und heiter, ohne irgend eine Spur von beleidigtem Stolze zu zeigen, und
ohne irgend einen Anspruch zu bilden, wodurch sie den Neigungen ihres Gemahls in
den Weg getreten wäre, stellte sich die Erbprinzessin beständig in den edelsten
Formen dar, eben so sehr ein Gegenstand der Verzweiflung für denjenigen, der ihr
etwas anhaben wollte, als der liebenden Huldigung für Alle, welche unbefangenen
Gemütes auf sie hinblickten. Dies musste zu neuen Entwickelungen führen; ich sah
es vorher und zitterte vor dem Ausgange, aber ich begriff den ersten Anfang
nicht eher, als bis er gemacht war.
    Von den Eigenschaften seiner Schwiegertochter bezaubert, und, weil eben
diese Schwiegertochter mit allem Glanze der Gesundheit und Schönheit bisher
unfruchtbar geblieben war, nicht ohne Sorge für seine Descendenz, wollte der
Herzog von den Ursachen belehrt sein, welche den Erbprinzen und dessen Gemahlin
von einander entfernt hielten. Da fehlte es nun nicht an Personen, welche, sich
der Erbprinzessin annehmend, alle Schuld auf das Verhältnis schoben, worin ihr
Gemahl noch immer mit seiner ersten Geliebten stand. Der Herzog war vor der
Vermählung seines Sohnes von diesem Verhältnisse unterrichtet gewesen, hatte
sich aber gar nicht träumen lassen, dass es noch immer fortdauerte. In Harnisch
gesetzt durch die Entdeckung, wozu man ihm verholfen hatte, hielt er es für
seine Pflicht, diesem Unwesen auf dem Wege der Gewalt sogleich ein Ende zu
machen. Ohne also auf die Individualität seines Sohnes die mindeste Rücksicht zu
nehmen, und ohne irgend eine von den Folgen, welche dieser Schritt nach sich
ziehen konnte, schärfer ins Auge zu fassen, erteilte er Knall und Fall den
Befehl, dass Fräulein von M... nicht nur die Hauptstadt, sondern sogar seine
Staaten innerhalb vier und zwanzig Stunden räumen sollte. Ich würde alles
aufgeboten haben, diesen Streich abzuwenden, wäre ich davon unterrichtet
gewesen; allein er fiel so plötzlich, dass er bereits vollendet war, als ich die
erste Nachricht davon bekam. Wie sehr ich auch wünschen mochte, dass es für die
Erbprinzessin eine wahre Ehe geben möchte, so sah ich doch sehr deutlich ein,
dass die Gewalt sie nie herbeiführen werde. Mir war daher sehr übel zu Mute, als
mich der Herzog einige Tage darauf zu sich berufen liess, und mir erklärte, dass,
nachdem von seiner Seite alles geschehen sei, um ein gutes Verhältnis zwischen
der Erbprinzessin und seinem Sohne zu begründen, er nun auch von mir erwartete,
dass ich das Meinige tun würde, um die Sachen in das gehörige Geleis zu bringen.
So musste freilich der Herzog sprechen, der, weil er im Besitz der Gewalt war,
alles nur in dem Lichte der Pflicht betrachten konnte; allein so konnte
derjenige nicht sprechen, der das Wort zum Rätsel hatte und zu beurteilen
verstand, welche Hindernisse in der Erbprinzessin zurückblieben, nachdem alle
Hindernisse in dem Erbprinzen aus dem Wege geräumt waren. Ich versicherte - und
gewiss mit Wahrheit - dass es nie an mir gelegen habe, den Erbprinzen in dem
Besitz seiner liebenswürdigen Gemahlin beglückt zu sehen; ich fügte aber
zugleich hinzu, dass man es der Zeit überlassen müsse, diejenige Vereinigung der
Gemüter hervorzubringen, ohne welche eine Ehe nicht denkbar sei. »Das sind
Chimären,« erwiederte der Herzog. »Was bedarf es hier der Zeit? Die
Erbprinzessin ist hübsch; mein Sohn ist nicht hässlich. Daraus folgt, dass sich
beide lieben können. Ich bin zufrieden, wenn ich vor meinem Tode einen wackern
Enkel habe.« Gegen eine solche Sprache lässt sich nie etwas einwenden, und ohne
dem Herzog noch irgend eine Bemerkung zu machen, welche seine Logik
kompromittirt hätte, entfernte ich mich mit dem Versprechen, dass ich für die
Erfüllung seiner Wünsche alles tun würde, was in meinen Kräften stände.
    Die Erbprinzessin war gegen die Maassregel ihres Schwiegervaters so
gleichgültig geblieben, als ob sie tausend Meilen von ihr entfernt genommen
worden wäre. Das Einzige, was sie dabei zu befürchten schien, war, dass der
Prinz, der gewaltsamen Richtung folgend, welche sein Vater ihm gegeben hatte,
sich ihr wieder nähern könnte. Sie war weit davon entfernt, ihn zu hassen;
allein sie war eben so weit davon entfernt, ihn zu lieben. So teuer waren ihr
seit Jahr und Tag ihre Beschäftigungen geworden, dass sie keinen anderen Wunsch
hatte, als sich selbst überlassen, d.h. ganz ungestört zu bleiben. Ich, meiner
Seits, stand als die Urheberin dieser Vorliebe für das Schöne da, die sich ihrem
ganzen Wesen so tief eingefugt hatte. Nie hatte ich eine andere Absicht gehabt,
als ihr einen temporären Ersatz für das zu geben, was sie entbehren musste. Wenn
das, wobei ich immer nur an ein pis aller gedacht hatte, vermöge der
Vortrefflichkeit ihrer Anlagen, etwas ganz Anderes geworden war - wer konnte die
Schuld tragen, wenn sie nicht von eben diesen Anlagen übernommen wurde? Wie
achtungswert, ja wie liebenswürdig sogar, die innere Notwendigkeit sein
mochte, worin die Prinzessin meinen Blicken erschien; so konnte ich mir doch
nicht verhehlen, dass diese Notwendigkeit eben so eisern sei, als jede andere.
Denn wie die Ideale, in welchen sie lebte und webte, wieder aus ihr verdrängen?
So lange sie in ihrem bisherigen Geleise blieb, war für die Wünsche des Herzogs
nichts von ihr zu hoffen. Es würde mir nichts gekostet haben, mein eigenes Werk
in ihr zu zerstören, weil ich wohl einsah, dass es zerstört werden musste, wenn
die Prinzessin wieder in ihr emporkommen sollte; allein wie diese Zerstörung
einleiten? Ich verzweifelte, so oft ich hierüber nachdachte; ich verzweifelte um
so mehr, weil ich mich selbst genug kannte, um das Notwendige in mir in einigen
Anschlag zu bringen.
    Da aber von meiner Seite irgend Etwas geschehen musste, so glaubte ich nicht
besser zum Ziele kommen zu können, als wenn ich mich mit dem Kammerherrn des
Erbprinzen zur Wiedervereinigung der beiden fürstlichen Personen verbände. Ich
ging von der Voraussetzung aus, dass er, als ein Mann von Verstand, vor allen
Anderen mich verstehen müsse, so bald ich ihm über das Wesen der Prinzessin die
Aufschlüsse gäbe, die Niemand geahnet hatte. Ehe aber diese Aufschlüsse
erfolgten, sondirte ich ihn über die Gesinnungen des Erbprinzen in Beziehung auf
dessen Gemahlin. Was ich erfuhr, entsprach meinen Wünschen und übertraf alle
meine Erwartungen; denn der Kammerherr sagte mir geradezu, dass der Erbprinz
durch die Maassregel seines Vaters zwar politisch beleidigt, aber nicht
menschlich gekränkt worden sei, da er es schon seit längerer Zeit darauf
angelegt habe, sich aus der Klemme zu ziehen, worin er sich bisher befunden. Er
fügte hinzu, der Erbprinz würde schon seit mehreren Monaten zu seiner Gemahlin
zurückgekehrt sein, hätte diese ihn nicht eine niederschlagende Gleichgültigkeit
blicken lassen, wodurch sein Stolz notwendig hätte geweckt werden müssen. Ich
rückte hierauf mit meinen Aufschlüssen über das Wesen der Erbprinzessin hervor.
Der Kammerherr sah mich bei dieser Analyse mit so grossen Augen an, als ob von
den sieben Wundern der Welt die Rede gewesen wäre. Unstreitig verstand er mich
nicht, ob er sich gleich das Ansehn gab, als hätte er dies längst vermutet.
»Indem nun,« fuhr ich fort, »die Kräfte so einander entgegen wirken, begreifen
Sie sehr leicht, dass unser Plan, in so weit er auf Vereinigung des Erbprinzen
mit seiner Gemahlin abzweckt, nur auf einem einzigen Wege durchgetrieben werden
kann. Alles ist verloren, wofern die Individualität beider gleich sehr
respektirt wird. Von dem, was die Pflicht gebietet, kann hier gar nicht die Rede
sein; denn hat sie nicht immer geboten und ist sie nicht immer unter die Füsse
getreten worden? Sie müssen von der Voraussetzung ausgehen, dass die Neigungen
Ihres Herrn die Erbprinzessin in die Form hineingedrängt haben, worin sie jetzt
erscheint, und alles aufbieten, was in Ihren Kräften steht, den Erbprinzen so zu
stimmen, dass er keine unzeitigen Ansprüche an die Gemahlin macht, die das Weib
in ihr verwerfen muss. Meine Sache wird es sein, die Erbprinzessin aus dem
geistigen Schwerpunkt, in welchem sie versunken ist, wieder heraus zu heben und
den Engel in ihr von neuem zu verkörpern. Gemeinschaftlich müssen wir dahin
arbeiten, den Erbprinzen in eine Achtung zu setzen, die er bis jetzt noch nicht
gefunden hat. Da ich mich nie über ihn erklärt habe, so kann ich, ohne mich mit
mir selbst in Widerspruch zu bringen, alles Gute von ihm sagen. Sorgen Sie ihrer
Seits dafür, dass es mir dazu nicht an Veranlassung fehle. Wir Weiber achten an
den Männern nichts so sehr, als die staatsbürgerlichen Tugenden, und ich stehe
Ihnen dafür, dass ich die Prinzessin in den Prinzen verliebt mache, so bald
dieser aufhört, seine Bestimmung nur von Seiten der Genüsse zu schätzen, welche
damit verbunden sind. Über kurz oder lang tritt er an die Stelle seines Vaters;
bewegen Sie ihn doch, sich dazu in jeder Hinsicht vorzubereiten. Ganz neue
Gefühle müssen in der Erbprinzessin erwachen, wenn sie, welche nie abfiel,
sondern nur verdrängt wurde, wieder an den Gemahl angezogen werden soll.«
    Entwürfe dieser Art können nur dann gelingen, wenn sie zwischen einer
Palatine und einem Kardinal von Retz verabredet werden. Ich sage wohl nicht zu
viel, wenn ich behaupte, dass der veredelte Geist der Palatine auf mir ruhete,
als ich diese Vorschläge tat; aber der Kammerherr war weit davon entfernt, ein
Kardinal von Retz zu sein. Es war seine Legalität, was ihn unfähig machte, mit
mir vereinigt zu wirken. Gegen den Zweck hatte er nichts einzuwenden; eben so
wenig konnte er die Mittel missbilligen; die Moralität unseres Entwurfs war über
allen Zweifel erhaben. Aber woher den Mut nehmen, seinem Herrn eine Richtung zu
geben! Dies war die Klippe, an welcher alles scheitern musste; und ich gestehe,
dass, wenn ich diese Klippe geahnet hätte, ich meinen ganzen Entwurf für mich
behalten haben würde. Der grosse, wenn gleich sehr verzeihliche, Fehler, den ich
beging, bestand darin, dass ich Verstand und Genie verwechselte. Ich glaubte an
dem Kammerherrn einen tüchtigen Gehülfen gefunden zu haben, weil er ein Mann von
Verstand war; aber ich bedurfte eines Mannes von Genie, und davon war, genau
genommen, keine Spur in dem Kammerherrn. Mochte er noch so sehr versichern, dass
er mich vollkommen verstanden habe; er konnte meine Idee nur verderben.
    Da meine Operationen von denen des Kammerherrn abhingen; so war ich auf
nichts so aufmerksam, als auf das Betragen des Prinzen gegen seine Gemahlin.
Gewisse Modifikationen in demselben zeigten mir an, dass eine Unterredung statt
gefunden haben müsse; aber diese Modifikationen hatten noch keinen so bestimmten
Charakter, dass ich mit Sicherheit auf den Gehalt der Unterredung zurückschliessen
konnte. Mir schlug das Herz vor Ungeduld; in mehreren Billets zeigte ich dem
Kammerherrn an, dass keine Zeit zu verlieren sei. Dieser mochte seiner Seits den
besten Willen von der Welt haben; da er aber seiner Einsicht unterlag, so konnte
er sein Geschäft nur verderben. Unfähig, einen solchen Charakter, wie der der
Prinzessin nun einmal war, zur Anschauung zu erheben, und sich unstreitig
einbildend, dass das, was wir erreichen wollten, sich auf mehr als einem Wege
erreichen lasse, gab er seinem Herrn lauter solche Anschläge, dass dieser sich in
der Achtung der Prinzessin noch weiter zurücksetzen musste. Soll ich das Betragen
des Prinzen mit Einem Worte charakterisiren, so muss ich sagen, dass es ein
galantes war. Was in aller Welt konnte aber die Prinzessin mehr empören, als
dieses Gemisch von Ehrerbietung und Verachtung, zusammengehalten durch Heuchelei
und Niederträchtigkeit? Sie hätte zu den allergemeinsten Naturen gehören müssen,
wenn ihr der Prinz auf diesem Wege achtungswert geworden wäre. Auch fühlte sie
sich tief verwundet; und ob sie gleich kein Wort fallen liess, wodurch sie ihren
inneren Zustand offenbaret hätte, so zeigte doch eine gewisse unbeschreibliche
Traurigkeit, wie heftig der Schmerz war, der ihr Innerstes durchwühlte. Es lag
am Tage, dass der Kammerherr sich nicht hatte von der Idee losreissen können, die
er von der Gebrechlichkeit des weiblichen Geschlechts hatte; und wollen wir ihm
hier Vorwürfe darüber machen, dass er in dieser Hinsicht auf Einer Linie mit den
meisten Männern stand, welche nie begreifen können, wie es ausser ihrer Realität
noch eine andere geben könne?
    Es versteht sich von selbst, dass ich neutralisirt war, so bald die Sache
diese Wendung genommen hatte; denn ich hatte mich nur zur Nachhülfe anheischig
gemacht, und diese konnte nicht statt finden, so bald das ganze Werk verdorben
war. Dies war indessen etwas, wovon sich der Kammerherr nicht überzeugen konnte.
Da er sich einem so schwierigen Geschäfte einmal unterzogen hatte, so wollte er
dies auch mit Verstand getan haben. Hierüber fand kein Capituliren mit ihm
statt; und weil ich ungern zankte, so blieb ich weit davon entfernt, ihm auch
den glimpflichsten Vorwurf zu machen. Er selbst trat mit Vorwürfen hervor, so
bald er sah, dass die Sache, anstatt von der Stelle zu rücken, nur
schwerkräftiger und schlimmer wurde. Mir war hierbei sehr übel zu Mute; denn
ich sah sehr deutlich ein, dass ich mich in die fatalste Lage von der Welt
gesetzt hatte. Es konnte nämlich nicht fehlen, dass ein Ungewitter von Gemeinheit
über meinem Haupte losbrach, sobald die von mir zuerst entworfene
Wiedervereinigung des Erbprinzen mit seiner Gemahlin nicht wirklich erfolgte.
Was blieb mir aber, wenn dies durchaus geschehen musste, anderes übrig, als
entweder meinem Gehülfen den Prozess machen, oder meinem ganzen Wesen zu entsagen
und der Prinzessin eine Gemeinheit aufdringen, die mir selbst fremd war, und die
sie ewig verabscheuen musste? Zu beidem war ich gleich unfähig; ich konnte daher
nur die Hände in den Schoss legen, und den Donner, der mich vernichten sollte,
voll Ergebung erwarten. In der Tat, mein Geschlecht ist in jeder Hinsicht sehr
übel daran. Werden die Plane eines Biedermannes vereitelt, so darf er sich
deshalb rechtfertigen, und je kräftiger er die Wahrheit sagt, desto mehr ehrt
man seine Tugend. Ein edles Weib hingegen kann die allertriftigsten Gründe der
Rechtfertigung haben; sie darf davon immer nur innerhalb der Schranken der
Weiblichkeit Gebrauch machen, wenn sie nicht alles verlieren will. Wie viele
weibliche Tränen würden unvergossen bleiben, wenn dem weiblichen Geschlecht die
Sprache des Gemüts gestattet wäre!
    Was ich mit so viel Bestimmteit vorhergesehen hatte, blieb nicht lange aus.
Die ganze Schuld des Misslingens fiel auf mich zurück, ob ich gleich nicht dahin
gelangt war, auch nur einen Finger in der Sache selbst in Bewegung setzen zu
können. Es kam nur noch darauf an, sich das Wie zu erklären. Man erschöpfte sich
in Vermutungen über die Natur meines Verhältnisses mit der Prinzessin; und da
es unmöglich war, das Wort zum Rätsel zu finden, so machte man es wie immer:
das Heiligste wurde bis zur Scheusslichkeit enteiligt. Man sprach ganz laut von
Lastern, die uns selbst dem Namen nach unbekannt waren. Und welche
Bewegungsgründe legte man mir unter! Nach Einigen hatte ich es darauf angelegt,
die Mätresse des Prinzen zu werden; nach dem Urteil Anderer war ich damit
umgegangen, den Kammerherrn zu erobern, um, nach dem Tode des Herzogs,
gemeinschaftlich mit ihm das Land zu regieren. Ein Paar Familien, welche seit
hundert und funfzig Jahren im Besitz grosser Vorrechte waren, und sich steif und
fest einbildeten, dass von der Behauptung dieser Vorrechte nicht nur die
Wohlfahrt des Herzogtums, sondern auch die des ganzen heiligen römischen Reichs
abhange, nannten mich eine Verderberin der guten Sitten, weil ich eine Fremde
war und meine Gesellschaftsdamen-Stelle nicht ihrer Grossmut verdankte. Der Herr
Hofcapellan, auf dessen Intriguen ich nicht hatte eingehen wollen, vereinigte
sich mit den Übrigen, und eröffnete den förmlichsten Kreuzzug gegen mich, indem
er über den Text predigte: Es ist besser, dass Einer umkomme, denn dass das ganze
Volk verdorben werde. Rache, Neid und Bosheit liehen der Verleumdung ihre
Waffen, um mich zu Grunde zu richten, und nie wirkte eine Verschwörung, in
welcher nichts verabredet war, conzentrirter. Hätte man wenigstens die
Erbprinzessin verschont! Doch um mich zu stürzen, glaubte man die ganze Hölle in
Bewegung setzen zu müssen.
    Verworren und dumpf hallten zu der Prinzessin und zu mir die Gerüchte
herüber, die man auf unsere Kosten verbreitete. Was sollte, was musste geschehen,
um das Ungewitter abzuleiten? Ich gestehe, dass es Augenblicke gab, in welchen
ich mich zermalmt fühlte; aber diese Augenblicke gingen um so schneller vorüber,
weil meine Liebe für die Prinzessin immer die Oberhand behielt. Noch hatte sie
kein Wort von dem Entwurf erfahren, welcher zwischen dem Kammerherrn und mir zu
ihrer Wiedervereinigung mit dem Erbprinzen war verabredet worden. Ich hielt es
für meine Pflicht, sie gegenwärtig damit bekannt zu machen, weil in diesem
Entwurfe alle die Unfälle eingewickelt lagen, die seitdem über uns
zusammengeschlagen hatten. Sie lächelte, als meine Erzählung geendigt war. »Mein
Wille war rein,« fuhr ich fort; »meine Absicht edel; meine Mittel auf die
herrliche Natur meiner Freundin berechnet.« »Dies ist es nicht,« erwiederte die
Prinzessin, »was mir ein Lächeln abdringt; ich lächle nur darüber, dass meine
Mirabella auch nur einen Augenblick an die Besieglichkeit der Gemeinheit glauben
konnte. Doch was geschehen ist, lässt sich nicht ändern, fuhr sie fort; und die
Hauptsache ist und bleibt, welche Massregeln wir ergreifen müssen, um aus diesem
Kerker ins Freie zu kommen? Was meinen Sie?«
    Ich sah es der Prinzessin an, dass sie grosse Lust hatte, mein Geschick zu
teilen; allein dies war etwas, das ich aus allen Kräften, wenigstens für den
Augenblick, abwenden musste. Ich sagte ihr also: Ich nähme mit Freuden die ganze
Schuld auf mich, und würde mich darüber an Ort und Stelle schon zu verantworten
wissen. Da man es nur auf meine Entfernung anlegte, so wollte ich auch die
Einzige sein, welche das Terrain räumte, ein noch grösserer Triumph wäre zu viel
Ehre für diese erbärmlichen Seelen. Der Besiegte hätte in den Augen der Welt
immer Unrecht, und darum müsse die Prinzessin nicht als besiegt erscheinen. Ich
gäbe zu, dass ihr der Aufentalt an diesem Hofe unerträglich sein würde, so bald
ich mich entfernt hätte; allein es käme auch nur darauf an, einen besseren
Vorwand zu finden, und dieser würde nicht zu teuer erkauft, wenn die peinliche
Lage der Prinzessin noch einige Monate fortdauerte. Am Ende hätte sie es doch
immer in ihrer Gewalt, mit gebietender Herrlichkeit hervorzutreten, so bald sie
es für gut befände; denn all dies Volk, das sie in dem gegenwärtigen Augenblick
um meinetwillen verunglimpfe, würde sie anbeten, so bald sie es verlangte. »Ob
Egoismus, oder Liebe für meine Freundin,« fuhr ich fort, »meine Schritte leitet,
darüber kann wohl kein Zweifel statt finden. Alles, was ich vernünftiger Weise
bezwecken kann, ist: Rettung derjenigen, die ich gegen alle meine Absichten
unglücklich gemacht habe. Ich will bleiben, so bald Sie mir beweisen können, dass
mein Bleiben sicherer zum Ziele führt. Allein davon werd' ich mich nie
überzeugen; denn der Kampf, in welchen wir geraten sind, ist von einer so
seltsamen Beschaffenheit, dass wir, selbst mit dem höchsten Mute, die Flucht
ergreifen müssen, wenn wir uns nicht für immer besudeln wollen. Sagen Sie
selbst, meine Freundin, wodurch wollen wir die Gerüchte niederschlagen, die man
gegen uns in Gang gebracht hat? Der blosse Versuch würde uns brandmarken. In uns
beiden ist so Vieles entalten, was sich durchaus nicht vor Gericht stellen
lässt; und wer würden unsere Richter sein, wenn wir es auch in unserer Gewalt
hätten, unsere Gegner zu fassen? Das Leben gilt mir alles in Beziehung auf Sie;
aber eben deshalb möchte ich nicht vor der Zeit untergehen. Hier können wir uns
nur durch das Gefühl unserer Ohnmacht vernichten. Hab' ich mich aber einmal aus
dem Strudel gerettet, der uns in seinen Abgrund zu ziehen droht, so bekomm' ich
meine ganze Freiheit wieder; und meine Energie wird um so grösser sein, je
ehrwürdiger mir das Ziel ist, das ich verfolge. Erlauben Sie mir, zu Ihren
Eltern zurück zu reisen, um diesen die nötigen Aufschlüsse über Ihre Lage zu
geben.«
    Die Prinzessin empfand, dass ich Recht hatte. Es war nun nur noch davon die
Rede, wie meine Entfernung einzuleiten sei. »Ich habe,« sagte ich, »nur von
Ihnen abgehangen, und kann daher meinen Abschied nur aus Ihren Händen erhalten.«
Die Prinzessin setzte sich sogleich nieder, um dem Herzog und ihrem Gemahl zu
melden, dass sie für gut befunden habe, mich zu entlassen, nachdem ich selbst
darauf angetragen. Unter stummen Umarmungen schieden wir von einander, nicht
ohne Tränen, diesen ewigen Symbolen der Ohnmacht. Mein Reisekoffer war bald
gepackt, und nach zwei Stunden befand ich mich auf dem Wege nach W..., freier
atmend, mit tausend Entwürfen für die Zukunft beschäftigt, das Bild der
geliebten Prinzessin immer vor Augen habend.
    Ich kam wohlbehalten an. Mit meinem Berichte fand ich Eingang, so weit die
elterlichen Gefühle reichten; da diese aber bei fürstlichen Personen durch
politische Verhältnisse in sehr engen Schranken gehalten werden, so war das
letzte Resultat meiner grossmütigen Unternehmung, dass man das Schicksal einer
geliebten Tochter beklagte, und es ihrem Verstande überliess, die Gewalt
desselben zu brechen. Vergeblich sagte ich, dass dies nur dadurch geschehen
könne, dass die Prinzessin zur Gemeinheit herabsänke. Die einzige Antwort, die
ich hierauf erhielt, war: dass man sich nach seiner Umgebung bequemen müsse.
Unstreitig bedachten diejenigen, die mir diese Antwort gaben, nicht, wie
abscheulich sie war; ich aber musste fortan den Mut verlieren, mich noch einmal
zu verwenden. Zwar blieb ich in der Nähe des Hofes, und so oft ich an demselben
erschien, wurde ich auf eine Art empfangen, welche sehr deutlich anzeigte, dass
man mich um der Ideale willen ehrte, die aus mir sprachen; allein, da alle
Berührungspunkte, in welchen ich ehemals gestanden hatte, wegfielen, so
beschlich mich die Langeweile, und um dieser zu entrinnen, gab es keinen
besseren Ausweg, als die Einsamkeit. Mit der Prinzessin blieb ich in Verbindung.
Posttäglich empfing ich Briefe von ihr, worin sie mich mit den Begebenheiten des
...schen Hofes bekannt machte; posttäglich antwortete ich ihr, und jeder meiner
Briefe entielt irgend eine Aufforderung, ihren Charakter zu behaupten. Denn ich
konnte mich durchaus nicht von der Idee losreissen, dass ein menschliches
Geschöpf alles preisgibt, wenn es dem Heiligsten entsagt, das in ihm ist. Über
diesen Punkt war ich mit mir selbst vollkommen im Reinen; und wenn nur diese
Denkungsart eine männliche genannt werden kann, so ist es die meinige nicht bloss
gewesen, sondern auch immer geblieben.
    Geschahe es, um meine Einsamkeit aufzuheitern, oder liebenden Gefühlen einen
unmittelbaren Gegenstand zu verschaffen, dass ich mich um diese Zeit eines von
seinen Eltern verlassenen liebenswürdigen Kindes annahm? Vielleicht war noch
etwas Höheres dabei im Spiele. Der Mensch hört nicht auf, die Unschuld zu
lieben, welche im Fortgange seiner Entwickelung so notwendig als
unwiderbringlich verloren geht. Nun hatte ich zwar die meinige bisher bewahrt;
allein je teurer sie mir zu stehen kam, desto mehr wünschte ich, recht viel an
ihr zu besitzen. Sie mir nach ihrem ganzen Werte zu vergegenwärtigen, gab es
unstreitig kein besseres Mittel, als die symbolische Repräsentation derselben in
einem Kinde. Ich müsste mich sehr irren, oder es ist nichts als verlorne
Unschuld, was so viele Menschen so allmächtig zu Kindern hinzieht; in diesen
wollen sie wiederfinden, was für sie selbst nicht mehr vorhanden ist; in diesen
wollen sie sich die Möglichkeit einer vom gesellschaftlichen Leben unbefleckten
und selbst in ihrer höchsten Entwickelung schuldlos gebliebenen Seele denken. So
etwas wirkte freilich nicht in mir; aber, ohne den ersten Anflug davon, würd'
ich schwerlich dahin gekommen sein, mich mit einem Wesen zu verbinden, das in
jeder Hinsicht ein Kind war. Von Ideen der Nützlichkeit wurde ich durchaus nicht
geleitet; das Nützliche ordnete sich in mir dem Schönen ganz von selbst unter.
Um übrigens mein Wesen auf meinen Liebling zu übertragen, erzog ich ihn nach
eben den Maximen, welche meiner eigenen Erziehung zum Grunde gelegen hatten. Vor
allen Dingen flösste ich ihm die Liebe zur Reinlichkeit und Ordnung ein.
Überhaupt dachte ich mir den Körper immer als den Abglanz der Seele; und so wie
ich selbst von dem Bedürfnis der physischen Sauberkeit zu dem einer
metaphysischen aufgestiegen war, so sollte dies auch bei meinem Zögling der Fall
werden. Dies ist mir auch ganz nach Wunsch gelungen, und hätte das Schicksal
nicht gewollt, dass meine Luise vor mir hinsterben sollte, so könnt' ich auf die
Frau des Professors D... als auf ein Muster aller weiblichen Tugenden hinweisen,
diejenigen gar nicht ausgenommen, die zu üben ich selbst nie Gelegenheit gehabt
habe. Ich kann von meinem edukatorischen Verdienste jetzt nicht ausführlicher
sprechen, wenn ich meine eigene Entwickelungsgeschichte nicht allzuweit aus den
Augen verlieren soll.
    Während ich mich in Luisen - so hiess mein Zögling - zum zweitenmale erzog,
und, weil ich mir selbst lebte, auf keine Weise in der Stimmung gestört wurde,
die mich zur Harmonie mit der ganzen Welt führte, geriet die Erbprinzessin aus
einer misslichen Lage in die andere. Von ihren fürstlichen Eltern verlassen,
jeder anderen Stütze beraubt, den Intriguen des ...schen Hofes blosgestellt,
und, weil sie überall dieselbe Gemeinheit fand, zuletzt an sich selbst
verzweifelnd, schwankte sie so lange hin und her, bis sie sich zu einer
Aussöhnung mit ihrem Gemahle entschloss. Von welcher Art diese Aussöhnung war,
ist leicht zu erraten; zwei so ungleiche Naturen können nie zu einem
dauerhaften Einverständnis zusammenschmelzen, nie diejenige Einheit bilden, ohne
welche die Ehe nur ein leerer Schall ist. Immer war indessen die Partie, welche
die Prinzessin genommen hatte, die beste, die sie den Umständen nach nehmen
konnte; denn so lange sie auf ihrem Eigensinn beharrte, musste sie den Hof in
einer verderblichen Gährung erhalten, nicht zu gedenken, dass der Erbprinz von
allen Personen ihrer Umgebung zuletzt noch die zuverlässigste und edelste war.
Die Prinzessin trug einiges Bedenken, mich in diesem Schritte preiszugeben;
allein ich selbst hob alle die Gewissensskrupel, welche sie sich hierüber
machte. In der Tat, was konnte es mir, nachdem ich mein Schicksal einmal von
dem der Prinzessin getrennt hatte, noch verschlagen, dass man mich am ...schen
Hofe eine Furie nannte, welche sich zwischen dem Erbprinzen und dessen Gemahlin
in die Mitte gestellt und den Frieden des Hofes gestört hätte? Ich kannte nach
gerade die Welt allzugut, um nicht zu wissen, dass es den wenigsten Sterblichen
verliehen ist, den Kern von der Schaale, das Wesen von den Formen desselben zu
unterscheiden. »Wie man sich auch über mich erklären mag,« schrieb ich der
Prinzessin, »so ersuche ich Sie, keine Notiz davon zu nehmen. Mich treffen diese
Urteile nicht; und eben deswegen dürfen sie Ew. Durchlaucht nicht berühren. Die
Hauptsache ist und bleibt, dass die ewigen Oscillationen des Hofes zum Stillstand
gebracht werden; und wenn dies durch Aufopferung meiner Renommée zu Stande
gebracht werden kann, so bin ich damit sehr zufrieden; ich schätze mich sogar
glücklich, dass ich mich in Gedanken an die nicht unbedeutende Anzahl der
besseren Menschen anschliessen kann, die man für Verbrecher oder Wahnsinnige
hielt, weil man sie durchaus nicht verstand. Übrigens bin ich unbesorgt für
meine Freundin und Beschützerin. Wie auch ihre Umgebung sei, sie wird den
Idealen nicht ungetreu werden, die sie bisher zwar gemartert, aber auch hoch
beglückt haben; und denke ich mir vollends, dass ihr im Verlaufe der Zeit die
Verwandlung ihres Gemahls gelingen werde, so möchte ich die Stunde segnen, wo
ich mich freiwillig aus ihrer beglückenden Gegenwart verbannete, um ihr ein
besseres Geschick vorzubereiten. Es ist höchst selten der Fall, dass die Dinge
gerade die Wendung nehmen, die wir ihnen geben möchten; aber dafür nehmen sie
oft eine weit glänzendere.«
    Dieser Schluss meines Briefes drückte mehr meine Wünsche als meine Hoffnungen
aus. Wie hätte ich auch das Mindeste hoffen können, da sich nicht begreifen
liess, wie eine solche Verwandlung des Erbprinzen zu Stande kommen könnte? Hat
sich das Zarte einmal in eine Verbindung mit dem Starken eingelassen, so muss es
sich auch darauf gefasst machen, in ihm unterzugehen. Ich konnte nicht an die
Prinzessin zurückdenken, ohne mich der unglücklichen Johanna von Castilien zu
erinnern, welche, mit dem Erzherzog Philipp vermählt, so lange mit der Stärke
ihres Gemahls rang, bis alle ihre Nerven rissen. Der unbesiegliche Teil des
Erbprinzen war jene Heftigkeit, vermöge welcher erschütternde Sensationen ihm
allein lieb und wert waren. Er konnte der Mann, aber nie der Gemahl der
Prinzessin werden; denn um das letztere zu werden, hätte er sie begreifen und
verstehen lernen müssen, wozu auch nicht die mindeste Anlage in ihm war, ob man
gleich nicht mit Wahrheit behaupten konnte, dass es ihm an gesundem Verstande und
an einem gewissen Adel in den Gesinnungen fehle. Auf jeden Fall musste die
körperliche Schönheit der Prinzessin für dies Verhältnis das Beste tun, und die
Sinnlichkeit des Erbprinzen die Vermittlerin einer Harmonie werden, die, wie
lange sie auch dauern mochte, ihre Dauer nie über die den körperlichen Reizen
von der Hand der Natur selbst gesetzten Schranken hinaus erstrecken konnte. Auch
quälte mich in Beziehung auf die Prinzessin nichts so sehr, als der Gedanke an
ein trostloses Alter, und mit Schaudern dachte ich an ihre Schwiegermutter
zurück, die, bei einem weit geringeren Grad von hellen Gedanken und bestimmten
Empfindungen, so nahmenlos unglücklich geworden war, dass man ihr Schicksal
verabscheuen musste.
    Noch war seit unserer Trennung kein Jahr verstrichen, als mir die Prinzessin
meldete, dass sie sich schwanger fühle. Wie viel Mühe es ihr auch gekostet haben
mochte, die mit diesem Geständnis für sie verbundene Schaamröte zu überwinden,
so durchblitzte mich doch bei dieser Nachricht ich weiss selbst nicht welche
Ahnung eines besseren Geschickes für meine Freundin. Nicht als hätte ich
künftige Mutterfreuden in einen hohen Anschlag gebracht; wie hätte ich dies tun
können, da ich aus Erfahrung wusste, dass die Kinder fürstlicher Personen nur
einen politischen Wert haben, und eben deswegen als Unterpfänder gegenseitiger
Liebe wenig oder gar nicht auf ihre Eltern zurückwirken? Sondern weil ich mir
sagte, dass der Zweck der ursprünglichen Verbindung meiner Freundin mit dem
Erbprinzen jetzt erfüllt würde, und dass sich von dieser Erfüllung ein höheres
Maass von Freiheit für die vom Schicksal Verfolgte erwarten liesse. Meine Ahnung
war, wie die Folge zeigen wird, sehr richtig; was mir aber für den Augenblick
die höchste Genugtuung gewährte, war: dass der ganze ...sche Hof, von dem ersten
Augenblick der erklärten Schwangerschaft der Erbprinzessin an, um meine Freundin
Kreis schloss, dass der alte Herzog ausser sich war vor Freuden, seinen letzten
Wunsch in Erfüllung gehen zu sehen, dass selbst die Herzogin zu einem neuen Leben
erwachte, als sie die erfahrne Ratgeberin machen konnte. Dazu kam noch, dass,
ausser den Jagdpartien, welchen die Erbprinzessin gegen alle ihre Neigungen
hatte beiwohnen müssen, noch alle übrigen geräuschvollen und heftigen
Zeitvertreibe eingestellt wurden, welche ihren gegenwärtigen Zustand gefährlich
machen konnten. Der ganze Hof wurde durch die Erwartung der Dinge, die da kommen
sollten, in eine Stimmung gebracht, welche dem ruhigen, von keinen
Leidenschaften zersetzten Gemüt meiner Freundin entsprach; und unaussprechlich
war die Freude, als sie, nach Ablauf der gewöhnlichen Zeit, von einem so starken
als schönen Prinzen genass. Sie selbst meldete mir, wenig Tage nach ihrer
Niederkunft, ihre Entbindung, und forderte mich auf, gegenwärtig zu ihr
zurückzukehren, weil sie es in ihrer Gewalt habe, mich vor allen Verfolgungen zu
sichern. Hätte ich dem Zuge des Instinkts folgen wollen, der mich unablässig zu
meiner Freundin hintrieb; so hätte ich, wie lieb mir auch meine Einsamkeit
geworden war, keinen Augenblick verlieren dürfen, mich auf den Weg zu machen.
Allein ich zog in Betrachtung, dass die temporelle Ergebenheit des Hofes gegen
die Erbprinzessin, wie gross sie auch sein möchte, keine wesentliche Veränderung
in seinen Ideen und Tendenzen hervorgebracht haben könnte; und, wie wenig ich
auch mein eigenes Selbst in Anschlag bringen mochte, so blieb es noch immer
problematisch, ob meine Wiedererscheinung nicht das Gegenteil von dem wirken
würde, was die Erbprinzessin sich davon versprach. In diesem Sinne schrieb ich
meine Entschuldigungen nieder; und um der Prinzessin, welche nicht aufhörte,
sich nach mir zurück zu sehnen, nicht auf einmal alle Hoffnung zu rauben,
versprach ich zu kommen, so bald der Erbprinz seinem Vater in der Regierung
gefolgt sein würde.
    Dieser Zeitpunkt stellte sich weit früher ein, als ich es geglaubt hatte;
denn der alte Herzog starb wenige Monate darauf. Da die Prinzessin mich an mein
Versprechen erinnerte, so machte ich mich auf den Weg, so bald ihr Gemahl mich
in einem eigenhändigen Schreiben dazu aufgefordert hatte. Ich kam früh genug an
Ort und Stelle, um den Festlichkeiten der Succession beizuwohnen. Die junge
Herzogin empfing mich mit all dem Entusiasmus, welcher ihrer schönen Seele
eigen war; aber eben dieser Entusiasmus sagte mir auch, dass hier alles noch
beim Alten sei; denn die Wiedererscheinung der Freundin musste minderen Eindruck
machen, wenn zwischen Gemahl und Gemahlin eine wirkliche Harmonie statt fand.
Ich sollte mich auf der Stelle entschliessen, den Posten einer Oberhofmeisterin
bei der jungen Herzogin anzunehmen; allein wie hätte ich dies gekonnt, ohne dem
warnenden Genius entgegen zu streben, der mir zuflüsterte, dass hier kein
Gedeihen für mich sei? Im Grunde war ich nur gekommen, das Terrain zu
rekognosziren. Ich bat also, dass man mir Zeit lassen möchte; und ich tat wohl
daran, mich nicht zu übereilen. Der Geist des Hofes war durchaus derselbe. Kaum
war es bekannt geworden, dass ich bestimmt sei, Oberhofmeisterin zu werden, als
jene Paar Familien, von welchen oben die Rede gewesen ist, alles aufboten, um
mich zu kränken und wieder zu entfernen. Ich war aufrichtig genug, darüber mit
der Herzogin zu sprechen. Sie zog die Schultern, und eine Träne des
ohnmächtigen Unwillens drang aus ihren schönen Augen.
    »Sie haben Recht, Mirabella,« sagte sie, »hier kein Gedeihen zu erwarten;
und könnten Sie noch in meiner Achtung gewinnen, so würde es durch die Entsagung
geschehen, womit Sie in Beziehung auf sich selbst zu Werke gehen, indem Sie die
Stelle der Ersten Dame von sich ablehnen. Ich muss es ganz Ihrem Gutbefinden
überlassen, ob Sie bei mir bleiben wollen oder nicht. Welche Partie Sie aber
auch ergreifen mögen, nie werd' ich an Ihnen irre werden, so lange noch etwas in
mir ist, wodurch ich das Edle von dem Gemeinen, das Schöne von dem Hässlichen zu
unterscheiden im Stande bin. Ich habe, um alles mit einem Worte zu sagen, weder
das Recht, Sie unglücklich zu machen, noch die Befugnis, von Ihnen zu verlangen,
dass Sie mich durch engeres Anschliessen an meine Person noch unglücklicher machen
sollen, als ich gegenwärtig bin; denn dies ist es doch zuletzt, was Sie allein
vermeiden wollen.«
    Es gibt, behaupte ich, kein angenehmeres Gefühl, als sich in einer
grossmütigen Idee erraten zu sehen. Und wären mir, während meines kurzen
Aufentalts am ...schen Hofe, die grössten Beleidigungen widerfahren; so würd'
ich sie in diesem Augenblick vergessen haben. Ich küsste die Hand der Herzogin
voll stummer Wehmut, während sie mit einem Blick, aus welchem etwas Göttliches
strahlte, mich ihre ewig teure Mirabella nannte.
    Um mir meinen Aufentalt in der Nähe eines so herrlichen Wesens nicht
unnötig zu verbittern, sorgte ich dafür, dass es noch an demselben Tage bekannt
wurde, dass ich die Stelle einer Oberhofmeisterin abgelehnt hätte. Die Wirkungen
dieser Nachricht zeigten sich bald. Um die Achtung der meisten Menschen zu
gewinnen, darf man ihnen nur unbegreiflich werden. Je weniger man darauf
gerechnet hatte, dass ich eine so einträgliche und ehrenvolle Stelle ausschlagen
würde, desto emsiger drängte man sich zu mir, um das Warum zu erforschen. Wie
geschmeidig waren nun mit einemmale alle die Kreaturen, welche sich noch kurz
vorher so trotzig und boshaft bewiesen hatten! Dem Kammerherrn muss ich indessen
die Gerechtigkeit widerfahren lassen, dass er sich auch jetzt seinem legalen
Charakter gemäss bewies. Kaum konnte ich mich bei seinem Anblick des Lachens
entalten, so feist und glänzend hatte ihn seine Legalität gemacht, die in ihm,
wie in allen anderen Menschen, sich ganz vortrefflich mit der goldenen
Mönchsregel vertrug: »dass man seine Pflicht handlich erfüllen, den Herrn Abt in
Ehren halten und die Welt gehen lassen müsse, wie sie nun einmal gehen will.« Es
war eine Lust, zu sehen, wie der ehrliche Kammerherr, von seiner Corpulenz
gedrückt, auf einem Lehnstuhl da sass, die Ellenbogen auf die Lehnen gestützt,
die Daumen um einander schiebend, und von Zeit zu Zeit so tief aufatmend, als
ob die Bürde der Weltregierung auf ihm lastete. Und diesen Ehrenmann hatte ich
einmal in meine Ideale verwickeln wollen; und diesem Manne hatte ich zugemutet,
einem jungen Prinzen Erhebung und bleibenden Antrieb fürs Edle zu geben!
Fehlgriffe dieser Art werden in der Welt nicht selten gemacht; aber sehr selten
lacht man darüber, weil man nicht auf die Kontraste merkt, zu welchen sie
führen. Ich wollte einen Versuch machen, mit dem guten Kammerherrn über unseren
ehemaligen Entwurf zu plaisantiren; allein ich hatte kaum davon zu sprechen
angefangen, als der Schweiss aus allen seinen Poren hervorbrach; unstreitig weil
er sich noch sehr lebhaft der Folter erinnerte, auf die ich ihn gesetzt hatte.
    Der bewaffneten Neutralität, in welcher ich den Hofleuten gegenüber dastand,
verdankte ich es, dass der Rest meines Aufentalts am Hofe sehr angenehm war.
Lange durft' ich aber nicht bleiben, wofern ich nicht Misstrauen und Eifersucht
erregen wollte. Ich trennte mich also von der Herzogin, so bald ich es nur über
mich erhalten konnte. »Wir sehen uns wieder,« sagte sie beim Abschied; »und so
Gott will, kommt nun die Reihe des Aufsuchens an mich.« Ich verstand dies so,
als ginge sie damit um, ihre Eltern zu besuchen, und antwortete in diesem Sinne.
Nähere Verabredungen wurden unter uns nicht genommen. Ich trat meine Rückreise
mit frohem Herzen an, weil mir volle Genugtuung zu Teil geworden war. Was ich
nach meiner Zurückkunft unserem Hofe berichtete, machte um so mehr Vergnügen,
weil es eine indirekte Lobrede auf die Weisheit entielt, womit man die Dinge
sich selbst überlassen hatte. Mit Vergnügen trat ich in meine Einsamkeit zurück,
welche nicht mehr einsam war, seitdem sie durch ein junges Geschöpf belebt
wurde, das sich täglich herrlicher entwickelte. Die Tage verstrichen mir als
Minuten; aber sie dehnten sich desto mehr in der Erinnerung aus; ein sicheres
Zeichen, dass sie weder gedanken- noch empfindungslos verlebt wurden. Das
einzige, was mein Gemüt in einer unangenehmen Spannung erhielt, waren die
Briefe der Herzogin voll bitterer Klagen über ihr Geschick. Doch, ohne hierüber
in ein Detail einzugehen, begnüge ich mich, im Allgemeinen zu erzählen, wie sich
ihr Geschick entwickelte, und wie wir gegen alle unsere Erwartungen ganz
plötzlich wieder vereiniget wurden.
    Das höhere Maass von Freiheit, welches der Herzog durch den Tod seines Vaters
gewonnen hatte, wirkte in sofern nachteilig auf seine häuslichen Verhältnisse
zurück, als es ihn zu Liebeshändeln aufgelegt machte, welche sein Ansehn
kompromittirten. Seine Gemahlin war nicht sehr geneigt, davon Notiz zu nehmen;
allein, indem einzelne Hofleute, die schwache Seite des Herrn benutzend, sich
ein Verdienst daraus machten, ihm behülflich zu sein, so konnte es nicht fehlen,
dass alle die Spaltungen erneuert wurden, welche den ...schen Hof in einer
früheren Periode zu einem so unangenehmen Aufentalte gemacht hatten, und dass
selbst die Herzogin litte. Es kam aber noch dazu, dass, während sie auf der einen
Seite durch das Dasein eines Erbprinzen ihre Bestimmung erfüllt hatte, der
Herzog auf der anderen seiner Gemahlin gegenüber eine Scham empfand, die zu
überwinden er zuletzt allzugut war. Es war besonders dieser letzte Umstand, der
das edelste Weib, das je die Sonne beschienen hat, lästig, wo nicht gar verhasst,
machte. Die Herzogin fühlte dies, wusste sich aber nicht eher zu raten noch zu
helfen, als bis sie auf den gesunden Gedanken geriet, ihren Gemahl um die
Erlaubnis zu einer Reise nach der Schweiz und Italien zu bitten. Ihr Vorschlag
wurde auf der Stelle angenommen, und eine hinlängliche runde Summe zur
Bestreitung der Reisekosten ausgemittelt. So wurde die Ahnung erfüllt, die mich
bei der ersten Nachricht von der Schwangerschaft der Herzogin durchblitzte.
    Zwei Jahre mochten seit meiner Zurückkunft verstrichen sein, als ich ganz
unerwartet ein Schreiben voll Jubels von der Herzogin erhielt, worin sie mir
nicht nur den Ausgang des langen Kampfes meldete, den sie gekämpft hatte,
sondern auch sagte, dass sie, um bequemer zu reisen, nicht den ganzen Aufwand
machen würde, den die eigennützige Grossmut ihres Gemahls ihr zu machen erlaube.
Übrigens verstände es sich von selbst, dass ich sie begleiten sollte. »Nur auf
diese Weise,« schrieb sie, »konnten wir uns wieder vereinigen, und ich schätze
mich glücklich, dass ich endlich zum Ziel gelangt bin.« Ich hatte Mühe mich von
meinem Erstaunen zu erholen; allein indem ich die Sache nahm, wie sie einmal da
lag, fand ich mich darin, und machte meine Reiseanstalten mit allem Eifer, den
meine Liebe für die Herzogin mit sich führte. Meine Luise nicht an Andere
abzutreten, beschloss ich, sie mit mir zu nehmen.
    Ich war, als dies geschah, ein und dreissig Jahre alt; die Herzogin sechs
Jahre jünger. Gesundheit und Erfahrung besassen wir in gleichem Maasse; unsere
Köpfe hatten dieselbe Richtung genommen. War irgend ein Unterschied, den
physischen nicht in Anschlag gebracht, zwischen uns, so bestand er darin, dass
bei der Herzogin, welche durch eine weit härtere Schule gegangen war, als ich,
die Empfindungen mehr Tiefe hatten, während ich, ohne deshalb nur im Mindesten
leichtsinnig zu sein, die ersten Eindrücke bei weitem leichter überwinden und
zur Sprache bringen konnte. Selbst vermöge dieses Unterschiedes passten wir
herrlich zusammen; denn indem die Herzogin in ihrer stillen Grösse blieb und sich
nur selten aussprach, war ich gewissermassen ihr Dollmetsch, und ihr selbst um so
willkommner, weil ich ihre Empfindungen in Ideen verwandelte.
    Wenige Wochen nach ihrem letzten Schreiben kam sie bei ihren Eltern an.
Diese waren wiederum sehr zufrieden mit der Wendung, welche das Schicksal ihrer
Tochter genommen hatte. Sie freueten sich herzlich, sie wieder zu sehen; sie
freueten sich aber noch weit mehr der bedeutenden Pension, welche ihr Gemahl ihr
ausgeworfen hatte. Es wurden Feste veranstaltet, welche frohe Gefühle wecken
sollten, aber, wie immer, nur Langeweile erregten. Die Herzogin konnte den
Augenblick nicht erwarten, wo sie in meiner Gesellschaft ihre Reise nach der
hochgepriesenen Schweiz antreten sollte. Endlich schlug die Stunde, und wir
reiseten in einer wenig zahlreichen Begleitung ab.
 
                                  Drittes Buch
Befürchten Sie nicht, mein angenehmer Freund, dass ich in meinen Bekenntnissen
von Dingen sprechen werde, welche Sie weit besser wissen, als ich. Mein
Reise-Journal liegt zwar neben mir; allein ich werde mich wohl in Acht nehmen,
Ihnen durch die Mitteilung desselben Langeweile zu machen. Alles, was ich Ihnen
mitzuteilen habe, sind einzelne Bemerkungen, hergenommen von dem Eindruck, den
Gegenstände der Natur und Kunst, oder auch sehr interessante Personen, während
meiner Reise auf mich gemacht haben. Auf diese Weise werd' ich dem Alltäglichen
entrinnen, und die Geschichte meiner Entwickelung beendigen, ohne auch nur ein
einziges Mal in den unverzeihlichen Fehler der Geschwätzigkeit verfallen zu
sein. Ich selbst finde meine Rechnung bei diesem Verfahren; denn das Schreiben
ist in sich selbst eine so grosse Beschwerde, dass ich gar nicht begreife, wie
Leute sie überwinden können, die, um mich des gewöhnlichen Ausdrucks zu
bedienen, durchaus nichts auf ihrem Herzen und Gewissen haben. Doch zur Sache!
    Wenn die meisten Reisenden gar keinen Beruf zum Reisen haben, so haben dafür
diejenigen Individuen den allerbestimmtesten Beruf, die aus dem Kampf mit der
Gesellschaft eine Empfindlichkeit davon getragen haben, vermöge welcher sie, in
bleibenden Verhältnissen, nur beleidigen oder beleidigt werden können. Auf
Reisen hat man es in seiner Gewalt, seine ganze Eigentümlichkeit zu behaupten;
denn von dem Augenblick an, wo sie bekämpft wird, reiset man weiter; und da dem
Reisenden, besonders dem bemittelten Reisenden, alles entgegen kommt, so fehlt
es nie an Gelegenheit zu neuen Verhältnissen, die alsdann wiederum so lange
dauern, als sie können.
    In dieser Hinsicht war mein Bedürfnis zu reisen bei weitem nicht so stark,
als das der Herzogin; allein da ich nur an meinen Idealen hing und in der
Herzogin die Repräsentantin derselben liebte, so war es mir vollkommen
gleichgültig, an welchem Orte ich existirte; und auf diese Weise begegneten die
Wünsche meiner Freundin vortrefflich meinen Neigungen. Selbst die Reise nach der
Schweiz liess ich mir sehr gern gefallen, ob ich gleich für dieses Land nie die
mindeste Zärtlichkeit empfunden hatte. Die Vorliebe der Herzogin für dasselbe
gründete sich von der einen Seite auf die hohe Achtung, welche sie für Haller
unterhielt, von der anderen auf die Urteile jüngerer Dichter, welche die
Schweiz als das Land der Freiheit und des Ruhmes besungen hatten. Um keinen
Preis hätte sie sich von einer Reise dahin abwendig machen lassen.
    Ich gestehe, dass, nachdem wir an Ort und Stelle angelangt waren, die
Naturwunder der Schweiz einen starken Eindruck auf mich machten; allein wenn
dieser Eindruck zur Erhebung führte, so führte er zugleich zur
Niedergeschlagenheit; mit einem Worte: Er verwirrte das Gemüt und raubte die
innere Freiheit, ohne welche es unmöglich ist, sich wohl zu befinden. Herrliche
Einfassungen, eine üppige Vegetation und - was immer damit zusammenhängt - eine
kräftige Animalität zeichnen die Schweiz vor allen Ländern Europa's aus; hat sie
aber das, was der gebildete Mensch unaufhörlich sucht - Menschen von höherer
Entwickelung? Ich möchte nicht gern darüber absprechen; das aber kann ich mit
Wahrheit behaupten, dass ich dergleichen in der Schweiz nicht gefunden habe. Eben
deswegen ist mir dies Land immer als ein schöner Rahmen mit einem schlechten
Bildnis erschienen. Ich habe nicht den Mut gehabt, dies jemals öffentlich zu
sagen, weil ich mich auf den allgemeinsten Widerspruch gefasst machen musste;
allein deshalb würde ich, wenn es einmal gölte, mein Urteil nicht minder
standhaft verteidigen. Worin die grosse Beschränkteit der Schweizer ihren
letzten Grund hat, ob in ihrer Umgebung, oder in ihrer Verfassung, das mögen
Andere entscheiden; genug dass sie allgemein ist, und dass, wenn man sich mit der
Schweizerheit selbst nicht identifiziren kann, eigentlich kein Interesse für
diese Nation möglich ist. Selbst die Herzogin, so gross auch ihre Vorliebe für
die Schweiz war, trat zuletzt mit dem Geständnis hervor, dass es ihr
problematisch geworden sei, ob man die Schweizer zu den Menschen rechnen könnte,
da sie immer und ewig auf demselben Punkt blieben, und die Entwickelung des
übrigen Europa kaum im Widerschlage teilten. »Ich würde mich,« sagte sie, »auf
das tödtlichste langweilen, wenn die todte Natur hier nicht den Ausschlag über
die lebendige gäbe; um jener willen muss man dieser etwas nachsehen; es versteht
sich ja auch von selbst, dass da, wo Adel ist, auch Gemeinheit sein muss.«
    Nach meiner Zurückkunft in Deutschland hab' ich, um meine Urteile über die
Schweizer zu berichtigen, ihre Geschichte studirt; allein ich muss gestehen, dass
mich mein Studium in diesen Urteilen nur bestärkt hat. Und hier kann ich nicht
umhin, die Bemerkung zu machen, dass die Vorurteile über die Schweiz in dem
gegenwärtigen Augenblick so allgemein sind, dass sie sich selbst über den
neuesten Geschichtschreiber dieses Volks erstrecken. Wie dieser Mann zu seiner
Reputation gelangt ist, begreife ich durchaus nicht. Seine Art zu komponiren hat
für mich so viel Widerwärtiges, als ob ich mit entblössten Füssen über scharfe
Kiesel laufen müsste. Ich bin so leicht nicht abzuschrecken, wenn es Belehrung
gilt; aber es ist mir nicht möglich, acht Blätter von ihm hintereinander zu
lesen, ohne mich ermüdet zu fühlen, und ich fordere alle Leute von Geschmack und
Bildung auf, mir zu sagen, ob es ihnen besser gelingt? Ich will nicht sagen, dass
die Affektation selbst bei der Abfassung den Vorsitz geführt habe, wiewohl ich
nicht begreife, wie man ohne der Einfachheit den förmlichsten Abschied gegeben
zu haben, so schreiben kann; allein, wenn der Styl in historischen Compositionen
auch noch so gleichgültig sein sollte, so entsteht noch immer die Frage: Wo hier
die historische Composition sei? Dieser Mann muss auch nicht die
allerentfernteste Idee von einem Kunstwerk haben. Alle guten Geschichtsbücher,
die ich bisher gelesen habe, entielten in der Darstellung selbst so viel
Notwendiges, dass mein Geist wider seinen Willen angezogen und fortgerissen
wurde; in der sogenannten Geschichte der schweizerischen Eidgenossenschaft
hingegen mag ich anfangen wo ich will, mein Interesse ist immer und ewig
dasselbe, d.h. gleich null; und wenn es nicht vorher ausgemacht ist, dass die
Schwerkraft der Schweizer eben so wenig eine eigentliche Geschichte gestattet,
als die der Felsenwände, wovon sie umgeben sind, so kann die Schuld nur an der
Unfähigkeit des Geschichtschreibers liegen, der es nicht versteht, die Notizen
zu Tatsachen zu erheben, und durch die abgemessene Zusammenstellung dieser
Tatsachen ein anziehendes Ganze zu bilden. Doch was geht mich die Kritik an?
Ich bitte allen Grazien die Sünde ab, die ich hier begangen habe; dabei
versichere ich aber, dass ich sie nicht begangen haben würde, wenn ich es dem
Deutschen verzeihen könnte, dass er sich in seinem Götzendienst immer gleich
bleibt, nicht ahnend, dass er von allen Bestandteilen des menschlichen
Geschlechts zuletzt der einzige wahre Gott ist und allein Verehrung verdient.
    Wie es sich aber auch mit der Schweiz und ihren Bewohnern verhalten mag,
immer bleibt es ausgemacht, dass man sich für Italien, als das Land der schönen
Kunst, nicht besser vorbereiten kann, als durch einen längeren Aufentalt in der
Schweiz. Schwerlich gibt es zwei Länder, die sich in jeder Hinsicht noch mehr
entgegen gesetzt wären. In der Schweiz sind die Menschen nichts; in Italien
hingegen sind sie alles. Mag das Weltgeschick die Bewohner dieses schönen
Erdstrichs für den Augenblick noch so sehr niedergedrückt haben; deshalb haben
sie nicht aufgehört, die Herrn der Erde zu sein; ihr ganzes Wesen kündigt an,
dass sie es gewesen sind, und dass es nur begünstigender Umstände bedarf, damit
sie es von neuem werden. Auf keinem Erdfleck hat es seit drei bis vier
Jahrhunderten so viel Revolutionen gegeben, als in Italien; und ob man gleich,
diesen langen Zeitraum hindurch, nie den rechten Punkt getroffen hat, so folgt
doch daraus nicht, dass man ihn niemals treffen werde. Eine bessere politische
Verfassung ist es, was den Völkern Italiens fehlt, und ist diese nur erst
vorhanden, so wird sich die alte Grösse ganz von selbst wieder herstellen.
Mailand und Toskana ausgenommen, hat die Natur im Ganzen genommen sehr wenig für
die Bewohner Italiens getan; aber gerade dieser Umstand ist es, dem die
Italiäner diesen hohen Grad von Entwickelung zu verdanken haben, in dessen
Besitz sie sich befinden.
    Wir gingen nach einem zweijährigen Aufentalt in den verschiedenen
Hauptstädten der Schweiz nach Italien. Da die Kunst der Magnet war, welcher uns
zog, so eilten wir nach der Hauptstadt des Kirchenstaates, wo wir mehrere Jahre
verweilen wollten. Unser Weg führte uns durch das Mailändische nach Florenz.
Hier machten wir die Bekanntschaft der Gräfin Luisa Stolberg d'Albania, Gemahlin
des Prinzen Stuart, Prätendenten von England; und mehr bedurfte es nicht, um uns
auf der Stelle Fesseln anzulegen, die wir Mühe hatten wieder abzustreifen.
    Denn welche eigentümliche Richtungen wir auch in unserer Ausbildung
genommen hatten, so zeigte uns doch jetzt die Erfahrung, dass wir nicht die
Einzigen unserer Gattung waren. Die Gräfin Luisa d'Albania war Unseresgleichen;
auch hatten wir uns kaum kennen gelernt, als wir mit aller der
Unzertrennlichkeit an einander hingen, welche gleichgestimmten Gemütern eigen
ist. Das Einzige, wodurch die Gräfin sich von uns unterschied, war ihre
Religiosität; da diese aber mit dem, was man kirchlichen Glauben nennt, durchaus
nichts gemein hatte, so bildete sie auch keinen trennenden Unterschied. Es gibt
offenbar Dinge, welche über alle Beschreibung hinaus sind; und zu diesen Dingen
gehört eine solche Religiosität, als die der Gräfin war. Ihrem Wesen nach, so
weit ich dasselbe habe beobachten können, bestand sie in einem unablässigen
Streben nach Harmonie mit dem Universum. In ihr war also alles begriffen, was
Philosophie und Poesie genannt werden kann; nicht etwa diejenige Philosophie,
welche darauf ausgeht, einen dynamischen obersten Grundsatz für das All der
Welterscheinungen aufzufinden, sondern diejenige, welche über alles, was
Erscheinung ist, hinaus strebt, und sich in das Wesen der Dinge versenkt und mit
Poesie einerlei ist. Wie die Gräfin zu dieser Entwickelung gelangt war, weiss ich
nicht mit Bestimmteit anzugeben; unstreitig aber hatte ihre Verbindung mit
einem so prosaischen Prinzen, als ihr Gemahl war, das Meiste dazu beigetragen.
Zwischen beiden fand eben das Verhältnis statt, welches mehrere Jahre hindurch
die Herzogin gedrückt hatte; und da die Unmöglichkeit einer Trennung aus
staatsbürgerlichen Gründen für die Gräfin eine unwiderstehliche Gewalt erhalten
hatte; so war ihr nichts anderes übrig geblieben, als die freieren Sitten
Italiens zu einer Verbindung zu benutzen, welche ihrem ins Unendliche
hinstrebenden Geiste zwar eine Stütze gewährte, allein doch bei weitem mehr
versprach als wirklich leistete.
    Der Mann, mit welchem die Gräfin in Verbindung stand, war der Graf Vittorio
Alfieri d'Asti, ein Piemontese, dessen Tragödien in Deutschland jetzt bekannter
zu werden anfangen. Nie hab' ich einen Sterblichen kennen gelernt, der mir das
Bild, das ich mir immer von dem jüngeren Brutus, dem Mörder Cäsars, entworfen
habe, getreuer repräsentirt hätte. Ich kann mit Wahrheit sagen, dass er ein Römer
im höchsten Sinne des Worts war; eine Natur, wie man sie in unseren Zeiten gar
nicht mehr erwarten sollte. Eine lange, hagere Gestalt, bewegte er sich langsam,
mit starrem, auf die Erde geheftetem Blick. Sein Gesicht war blass, seine Lippen
fein und geschlossen, seine Zähne weiss und scharf, seine Nase regelmässig
gebildet, seine Augen dunkelblau, seine Stirne gross, aber schön gewölbt. In
seiner Miene lag neben unbegränztem Wohlwollen eine Wut, die auch das Äusserste
nicht scheuet; und dies war so ganz der Charakter seines Gemütes, in welchem
die sanftesten Empfindungen neben den allerheftigsten bestanden. In seinem
Geiste flossen die Geister des Tacitus, Macchiavelli und J. J. Rousseau
zusammen. Wie in einem der edelsten Römer aus den besten Zeiten der Republik,
war in ihm Alles auf das Politische hingerichtet. Er hatte keinen Begriff davon,
wie die Poesie sich selbst Zweck sein könnte; und darum wollte er ihr einen
politischen Zweck geben. Alle Monarchien der Welt zu stürzen, darauf arbeitete
er in seinen Trauerspielen hin, und ohne diesen Zweck würde er es nicht haben
über sich erhalten können, eine Feder anzusetzen. Gewissermassen war dies der
böse Dämon der ihn trieb; aber er war weit davon entfernt, ihn dafür
anzuerkennen, und würde wütend geworden sein, hätte man einen Versuch gemacht,
ihm das Falsche seiner Idee zu zeigen. Was man gemeiniglich unter einem
Aristokraten versteht, gibt nur eine schwache Idee von seinem Wesen, und ich
sage nicht zu viel, wenn ich behaupte, dass er die Repräsentation der
Aristokratie in der höchsten Potenz war, gerade so, wie jeder alte Römer,
nachdem die Universalherrschaft errungen war. Was er ewig bedauerte, war, in
diesen elenden Zeiten geboren zu sein, die keinen freien Aufflug durch Taten
gestatteten, und in dem Schreiben allein eine Entschädigung erlaubten. »Ich
setze mich an den Schreibtisch, nur um meinem Unwillen Luft zu machen und meine
Galle zu verdünnen,« sagte er mir mehr denn zehnmal, und ich glaubte es ihm,
weil dies mit seinem ganzen Wesen zusammenhing. Ein höchst charakteristischer
Zug von ihm war, dass er, um ungehinderter schreiben zu können, oder, wie er sich
auszudrücken pflegte, per poter scemar la bile, seiner Schwester einen sehr
wesentlichen Teil seines grossen Vermögens abgetreten hatte.
    Man hätte glauben sollen, dass die Gräfin Luisa d'Albania und der Graf
Vittorio Alfieri mit so entgegengesetzten Eigenschaften sehr wenig für einander
vorhanden gewesen wären. Allein, indem die Gräfin mit der unendlichen Liebe, die
in ihr war, einen Gegenstand der Hochachtung suchte, musste der Graf ihr teuer
werden; und indem dieser mit seinem gränzenlosen Unwillen gegen das Verderbnis
seiner Zeiten doch Etwas lieben wollte, gab es für ihn keinen anderen
Gegenstand, als ein Weib von Luisa's Gepräge. Beide bewunderten sich um so mehr,
je weniger sie sich begriffen. War der Graf Brutus, so war die Gräfin Portia.
Dies Verhältnis wurde zuerst durch unsere Dazwischenkunft abgeändert. Die
Herzogin, welche einmal für allemal mit dem männlichen Geschlecht gebrochen
hatte, schloss sich enger an Luisen an, weil sie in ihr die eigene Vollendung zu
erblicken glaubte. Ich hingegen fühlte mich an Vittorio Alfieri angezogen,
unstreitig weil er nach Moritz der einzige Mann war, den ich achten konnte. Mir
entging die Schwärmerei nicht, die aus ihm wirkte, und um keinen Preis hätte ich
die Seinige werden mögen; allein, da die Phantasie zuletzt das Einzige ist, was
ein Weib an einem Mann lieben kann, so huldigte ich in meiner Hinneigung zu dem
Grafen, soll ich sagen der Schwäche meines Geschlechtes, oder dem ewigen Gesetz,
unter welchem es steht? Übrigens war niemals eine Verbindung unter vier Personen
inniger und schuldloser, als die unsrige.
    Ich lernte nach und nach den Grafen ganz kennen. Selbst aus seinem besondern
Antriebe zum Schreiben machte er mir kein Geheimnis, und es war warlich nicht
seine Schuld, wenn ich seinen Tyrannenhass nicht teilte. Diese Trauerspiele der
Freiheit (wie er seine Tragödien nannte), die einander so ähnlich sind, dass sie
dem unbefangenen Auge nur als Variationen desselben Tema's erscheinen müssen,
hatten alle nur einen und denselben Zweck, nämlich Verunglimpfung der
Fürstenmacht. Aus der Emsigkeit und Anstrengung, womit der Graf arbeitete, hätte
man schliessen sollen, dass ihm die Kunst über Alles teuer wäre; und doch war
dies gar nicht der Fall. In ihm ordnete sich der Künstler dem Grafen, oder, wenn
man lieber will, dem Aristokraten, auf das allerbestimmteste unter; in der Tat
so sehr, dass er sich selbst verachtet haben würde, wenn er in sich nur den
Künstler gesehen hätte. Was ihn unaussprechlich verwundete, war die
Unempfindlichkeit seiner Zeitgenossen gegen den Zweck seiner Schöpfungen.
Erraten sollten sie ihn und zu einem unendlichen Fürstenhass hingerissen werden;
und da weder das eine noch das andere erfolgte, indem die Zuschauer und Leser
nur bei dem tragischen Schicksal seiner Helden verweilend, lieber dem Mitleid
als dem Unwillen Raum gaben, so wurde der Graf bisweilen zu einer Verzweifelung
getrieben, worin es keinen anderen Trost für ihn gab, als die Idee eines
unbegränzten Ruhmes, der seiner in besseren Zeiten harrete. Mit
unbeschreiblicher Wollust erfüllte ihn dagegen alles, was die Wahrheit seiner
Grundidee auch nur von fernher bestätigte. Die Nordamerikanische Revolution war
für ihn eine Erscheinung von unberechenbarer Wirksamkeit für den
gesellschaftlichen Zustand von Europa; und so bestimmt sah er durch sie alle
Tronen umgestürzt, dass er in einem Washington den Heiland der Welt verehrte.
Was ihn zu seiner eigenen Gattung machte, war diese innige Vereinigung des
Schönen mit dem Politischen, die sein Wesen so einzig bestimmte. Ob die Idee,
von welcher er ausging, probehältig war, oder nicht, das kann und mag ich nicht
bestimmen; das weiss ich aber, dass sie in ihm eine philantropische war. Giebt es
für die wahre Grösse keinen anderen Massstab, als die Ideen, womit ein Individuum
sich unablässig beschäftigt; so stand Vittorio Alfieri in einer Grösse da, welche
die Mehrzahl gigantisch zu nennen gezwungen ist. Und welche Kindlichkeit bei
dieser Grösse! Eben der Mann, dessen Kopf in politischer Hinsicht einem Vulkan
glich, war durchaus unfähig, irgend ein Individuum zu kränken, selbst dann
nicht, wenn er es verachten musste. Er selbst sprach hierüber, als über einen
ewigen Widerspruch zwischen seinem Herzen und seinem Kopf, und war nur allzuoft
ungewiss, ob er sich für einen Tersites oder Achilles halten sollte; dies rührte
aber nur daher, dass er in seinem Unwillen und Hass die Liebe verkannte, welche
die Quelle derselben war. In sich selbst war er ein Ganzes, wie die Natur es
selten hervorbringt; allein, indem er sich nicht als ein solches erschien,
konnte er, anstatt sich seiner Individualität zu freuen, sich nur zerreiben und
vor der Zeit zerstören. Bewundernswürdig waren seine Affektionen in Beziehung
auf einzelne Zweige der Kunst. Wäre er bloss Künstler gewesen, so würde die Kunst
für ihn eine einige gewesen sein; denn er hätte in den Künstlern nur immer die
Poeten sehen können. Weil er aber Graf und Künstler zugleich war, so schied er
die Poesie von allen übrigen Künsten, und mehrere derselben berührten ihn gar
nicht. So waren z.B. Malerei und Bildhauerei durchaus nicht für ihn vorhanden,
oder ihm wohl gar verhasst, weil sie der staatsbürgerlichen Grösse dienten. Die
Musik hingegen liebte er sehr, ob gleich auch nicht um ihr selbst willen,
sondern weil sie ihn in einen Zustand versetzte, worin seine herrschende
Stimmung sich in Harmonie auflösete. Überall war der Adel seiner Natur auf eine
ganz eigentümliche Weise mit demjenigen verschwistert, den er seiner Geburt
verdankte, und was er am wenigsten ins Reine bringen konnte, war: wie viel von
seinem Wesen er sich selbst und wie viel er dem gesellschaftlichen Zustand
verdankte? Nichts wollte er dem letzteren zu verdanken haben, und vielleicht
hätte er nie eine Tragödie geschrieben, wenn ihm zeitig genug klar geworden
wäre, auf welchen Bedingungen seine ganze geistige Natur beruhete, oder, mit
anderen Worten, wenn er sich als Aristokraten hätte zur Anschauung bringen
können.
    Sobald ich den Grafen genauer kennen gelernt hatte, verzieh ich ihm Alles,
weil ich in ihm nur den verfehlten Monarchen sah. Ich konnte ihm nicht werden,
was die Gräfin d'Albania ihm gewesen war und noch war; dazu fehlte es mir an
Einbildungskraft. Allein, indem ich mich zwischen beiden in die Mitte stellte,
nahm ich der eisernen Notwendigkeit, in welcher er dastand, das Lästige, das
bis dahin von ihr unzertrennlich gewesen war. Er selbst fühlte sich durch mich
nicht wenig erleichtert; und ob er gleich nicht angeben konnte, worin diese
Erleichterung bestand, so lag es doch nur allzusehr am Tage, dass er in seinem
Wirken durch mich an Freiheit gewonnen hatte. Wir kamen täglich zusammen, bald
bei der Gräfin d'Albania, bald bei der Herzogin. Des Grafen Sache war, uns seine
Compositionen mitzuteilen. Was er seine Poesie nannte, war freilich sehr wenig
für uns vorhanden; allein wir fanden dabei dennoch unsere Rechnung auf eine
doppelte Weise. Einmal konnten wir nicht umhin, über das reiche Gemüt eines
Mannes zu erstaunen, der, unbekümmert um die gewöhnlichen Hülfsmittel der
tragischen Kunst, seinen Personen eine solche innere Stärke gab, dass die
Handlung sich mit gleichem Interesse zum Ziele fortbewegte, ohne dass mehr als
vier bis fünf Werkzeuge dazu beitrugen; und in der Tat werden seine Tragödien
von dieser Seite immer bewundernswürdig bleiben. Zweitens wurden während der
Vorlesung alle die schauerlichen Gefühle in uns geweckt, welche den religiösen
so nahe verwandt und doch so wesentlich von ihnen verschieden sind; wir glaubten
uns von lauter Gespenstern umgeben, und ich erinnere mich auf das bestimmteste,
dass, als der Graf an einem stürmischen Herbstabend seinen Orestes vorlas, die
Herzogin sich fest an ihre Freundin anklammerte und starren Blicks auf den
Grafen hinschaute, als wollte sie begreifen, wie eine Elektra oder Clytemnestra
sich in seinem Gehirn hätte entwickeln können. Dergleichen Vorlesungen endigten
sich in der Regel mit einem Streit über die tragische Kunst. Der Graf sprach
gern über diesen Gegenstand, weil er nur etwas Vortreffliches liefern wollte;
allein da sich, wie ich schon oben bemerkt habe, der Künstler in ihm dem Grafen
so wesentlich unterordnete, so war über diesen Punkt kein Einverständnis mit ihm
möglich; der eigentümliche Zweck seiner Tragödien verhinderte die
Vortrefflichkeit derselben, ohne dass es möglich war, ihn davon zu überzeugen.
Ich hatte schon damals eine Ahnung davon, dass die wahre Tragödie das Gemüt des
Zuschauers oder Lesers nicht martern, sondern erheben müsse, und ohne Rückhalt
äusserte ich diese Ahnung; allein der Graf war hierüber durchaus
entgegengesetzter Meinung, und ob er gleich die Weinerlichkeit von ganzem Herzen
verabscheute, so bestand er doch auf Erzeugung eines grossen Unwillens, indem er
sich einbildete, dass das Gemüt nur durch Gefühle, nicht durch Ideen, erhoben
werden könnte. Dies war ein Punkt, auf welchem er standhaft beharrete; und auf
welchem er freilich beharren musste, wenn er nicht seinem ganzen Wesen entsagen
wollte. Überhaupt war es mehr die Individualität des Grafen, als seine Kunst,
was an ihm beschäftigen konnte. Am reinsten sprach sich diese Individualität in
seinen Sonnetten aus, welche vielleicht die schönsten sind, die Italien
aufweisen kann. Hätte der Graf den Unterschied der lyrischen und dramatischen
Poesie in Beziehung auf seine Natur gekannt, so hätte er es schwerlich jemals
darauf angelegt, durch die letztere unsterblich zu werden.
    Zwei Jahre waren auf diese Weise verstrichen, als die Herzogin sich nach Rom
zu sehnen begann. Die Gräfin d'Albania versprach uns dahin zu begleiten; der
Graf Vittorio Alfieri hingegen, welcher seine Mirrha angefangen hatte, wollte
sich nach Siena begeben, um seinen republikanischen Ideen in diesem kleinen
Freistaat ungehinderter nachhängen zu können. Es wurde die Verabredung genommen,
dass der Graf uns, während des nächsten Winters, in Rom auf einen Monat besuchen
sollte, und dass wir gegen den nächstfolgenden Winter wieder in Florenz
zusammentreffen wollten. Ein florentinischer Maler hatte die Gefälligkeit, uns
begleiten zu wollen. Die Reise ging vor sich, wir kamen wohlbehalten in Rom an,
und wurden, von der liebenswürdigen Gräfin eingeführt, allentalben unserem
Stande gemäss empfangen.
    Obgleich der ausschliessende Zweck unseres Aufentalts in Rom die Kunst und
nahmentlich die Malerei war; so konnten wir doch nicht umhin, auch auf die
Menschen einzugehen, von welchen wir uns umgeben sahen. Man nennt die Römer
schlau und fein; allein man vergisst, dass sie mit diesen Eigenschaften eine
Unschuld verbinden, welche erst dann aufhört, wenn eine gewisse Rohheit
Forderungen an sie macht, die sie nicht befriedigen können, ohne ihrem Wesen zu
entsagen. Einem vielseitig ausgebildeten Menschen muss, allen meinen Erfahrungen
zufolge, in Rom sehr wohl zu Mute sein, weil er allentalben auf seines
Gleichen stösst. Dem vornehmeren Teil der Römer besonders ist ein
Entwickelungsgrad eigen, wie man ihn, ausserhalb des Kirchenstaates, schwerlich
auf irgend einem Erdfleck antrifft. Je unbestimmter und schwankender die
gesellschaftlichen Verhältnisse in Italien, besonders aber im Kirchenstaate,
sind, desto stärker ist die Aufforderung, welche jeder Einzelne hat, in diesem
Kampfe aller gegen alle seine Existenz zu sichern. Daher die Feinheit, womit man
sich gegenseitig behandelt. Schon von der frühesten Jugend an nimmt das Studium
menschlicher Kräfte und Eigentümlichkeiten seinen Anfang; es ist also kein
Wunder, wenn man es hierin zu einem hohen Grade der Vollendung bringt. Das
Verhältnis der Kirche zum Staate, oder vielmehr das Verhältnis des Mittelpunkts
der Teokratie zu der Welt trägt nicht wenig dazu bei, dem Geiste der Römer eine
Gewandteit zu geben, wie man sie sonst nirgend findet; eine Gewandteit, die,
obgleich ursprünglich nur in den ersten Repräsentanten der Kirche vorhanden, von
diesen selbst auf die untersten Volksklassen übergeht. Mit Vergnügen erinnere
ich mich einer Unterredung mit dem berühmten Cesarotti, der, als von dem
Charakter der Römer unter uns die Rede war, mir Folgendes zur Aufhellung
desselben sagte:
    »Unser ganzes gegenwärtiges Wesen besteht aus drei Elementen, die, wie
verschiedenartig sie auch scheinen mögen, den innigsten Zusammenhang unter
einander haben. Das erste ist die Messerträgerei; eine Folge des unvollkommenen
gesellschaftlichen Zustandes, in welchem wir leben. Das zweite ist unsere
Religiosität, welche mit unserer physischen Trägheit in enger Verbindung steht,
und durch nichts so sehr gehalten wird, als durch den Umstand, dass von Rom aus
aller kirchlicher Impuls geschieht. Das dritte ist unsere Kunst, wodurch wir,
abgesehen von der Kraft selbst, welche sie möglich macht, nichts weiter
beabsichtigen, als Sicherstellung unserer Eigentümlichkeit. Man zerstöre eines
dieser Elemente in uns, so sind die beiden anderen zugleich zerstört. Auf den
ersten Anblick sollte man freilich glauben, dass die Messerträgerei dem hohen
Aufschwunge, welcher in das Gebiet der Kunst führet, nicht gerade notwendig
sei. Ich will auch nicht im Allgemeinen behaupten, dass ohne Messerträgerei keine
Kunst statt finden könne. Aber etwas anderes ist Kunst überhaupt, und etwas
anderes römische Kunst insbesondere. Die letztere kann nur dadurch möglich
werden, dass das Gemüt dem Geiste eine Erhebung gibt, wie sie nun einmal
erforderlich ist, um das Ausserordentliche zu Stande zu bringen. Hätten wir eine
regelmässige, nur für den Kirchenstaat vorhandene Regierung, beschäftigte sich
diese Regierung nur mit der Beglückung der Untertanen, und fände Jeder im
Ackerbau, in der Ausübung irgend eines Handwerks, in Fabrikarbeit und
dergleichen, was zur Leibesnahrung und Notdurft gehört; so wären wir gewiss eben
so moralisirt, als die Bürger anderer Staaten. Da wir keine solche Regierung
haben, und auch alle übrige Bedingungen geradezu wegfallen; so sind wir nicht
moralisirt, aber wir sind Römer, und, was man auch zu unserem Nachteil im
Auslande sagen mag, unseren grossen Vorfahren bei weitem mehr verwandt, als die
Kurzsichtigkeit es begreifen kann. Was unsere Vorfahren durch eine mit
physischer Gewalt verbundene List vollzogen, das vollziehen wir durch die reine
List. Die römische Universalmonarchie hat deshalb noch nicht aufgehört, weil es
keine römische Imperatoren mehr gibt; die Bande, durch welche die Welt an Rom
gefesselt ist, sind nur geistiger geworden. Wollen Sie leugnen, dass dies grosse
Eigenschaften von Seiten der Römer voraussetze? Der würde ein Tor sein, der
unseren gesellschaftlichen Zustand als Muster empfehlen wollte; wer ihm aber
alle Kraft abspricht, der versündigt sich an der Wahrheit. Das staatsbürgerliche
Elend, das hier vielleicht grösser ist, als in irgend einem anderen europäischen
Staate, muss vorhanden sein, damit es einzelnen Menschen gelinge, über die ganze
Menschheit hervorzuragen. Das Wesen eines Römers ist auf ein ungemeines Maass von
Kraft berechnet. Wer im Besitze desselben ist, der emergirt, und muss als ein
Repräsentant der Römerheit betrachtet werden; wer es nicht ist - nun der gehört
zum Pöbel, zu den Lastträgern der Gesellschaft. Von einem höheren Standpunkt aus
betrachtet, ist die Kraft immer dieselbe, und der Unterschied besteht nur in der
temporellen Richtung, die sie genommen hat. Dasselbe Individuum, dass Sie heute
als Bildhauer oder Maler in seiner Werkstätte bewundern, ist vielleicht nach
acht Tagen ein Cardinal, und als solcher nicht minder bewundernswert. Jene
Universalität, welche zu jedem ausgezeichneten Lebensgeschäft geschickt macht,
finden Sie nur in dem Römer; und man möchte sagen, sie sei ihm angeboren, so
bestimmt geht sie aus seinem ganzen Wesen hervor. Anderwärts zerquetschen
staatsbürgerliche Klemmen tausend und aber tausend Kräfte; hier ist dies nicht
der Fall, weil die Idee des Rechts uns fremd ist, und wir gewissermassen
fortgesetzt im Zustande der Natur leben. Wer dem anderen ein Bein unterschlagen
kann, hat auch die Befugnis dazu, und niemand frägt, ob er ungrossmütig
gehandelt habe. Jeder will der Erste sein; jeder sich zum Mittelpunkt machen. Er
tue es auf seine Gefahr; gelingen kann es ihm immer nur in sofern, als er allen
Übrigen zusammengenommen gewachsen ist. Möglich, dass unser Wesen in der
Folgezeit sehr bedeutend abgeändert wird; aber so lange Rom das Centrum der
Teokratie bleibt, wird es auch Römer geben, und überall begreife ich nicht, was
den Römer aus der Welt verbannen könnte, da sein Wesen nicht an eine einzelne
Form gebunden, sondern immer in der Kraft gegründet ist. Es ist vielleicht sogar
wünschenswert, dass irgend eine Revolution erfolge, die uns aus dem Schwerpunkt
hebe, worin wir gegenwärtig stehen. Ich fürchte sie nicht, und überlasse es
kurzsichtigen Toren ihren Eintritt zu bejammern. Die Stützen meines Mutes sind
diese sieben unfruchtbaren Hügel, welche so viele Jahrhunderte hindurch
unendlich mehr stützten.«
    Ich habe hier alles zusammengefasst, was ich über die Römer zu bemerken
hatte, damit ich ungestörter in meiner Erzählung fortschreiten möchte. Sowohl
die Herzogin als die Gräfin d'Albania wurden sehr wenig von den Menschen um sie
her berührt; die erstere, weil sie nur nach der Weihe strebte, welche die Kunst
verleiht, die letztere, weil sie sich durch den Umgang in dem Fluge gehemmt
fühlte, den ihre Einbildungskraft zum Universum genommen hatte. Fleissig wurden
die Tempel der Kunst besucht, deren Rom so viele hat; aber verschieden waren die
Eindrücke, welche die Schöpfungen der auserlesensten Geister auf uns machten.
Die Gräfin d'Albania begrüsste sie als Jugendgespielen, an welche wir uns selbst
dann noch hingezogen fühlen, wenn wir in unserer Entwickelung weit über sie
hinausgegangen sind; sie war seit vielen Jahren mit ihnen vertraut, da sie aber
ihrer Bildung zum Grunde lagen, so konnten sie nicht mehr in dieselbe
eingreifen. Die Herzogin trat in die Sixtinische Capelle, in welche wir zuerst
geführt wurden, mit der holden Verwirrung einer Jungfrau, die sich plötzlich in
einen Kreis wunderschöner Jünglinge versetzt sieht; errötend starrte sie hin
auf die dem Pinsel entquollenen Gestalten, als ob alle diese Bilder von jeher in
ihrer Seele gelegen hätten, ohne dass ihr die Kraft geworden, sie selbst zu
erzeugen. Was mich selbst betrifft, so empfand ich zwar das Ausserordentliche
dieser Schöpfungen; allein sie übten keine anziehende Kraft an mir aus, es sei
nun, weil der Verstand in mir den Ausschlag über die Einbildungskraft gab, oder
weil Vittorio Alfieri's Geist stärker auf mich eingewirkt hatte, als ich mir
selbst gestehen mochte; wenigstens muss ich bekennen, dass ich mich oft
instinktmässig nach ihm umsah, um sein Urteil zu erfahren.
    Diese verschiedene Empfänglichkeit für die Wunder der Kunst führte zu
eigentümlichen Entwickelungen. Während die Gräfin darüber hinaus war, und ich
dahinter zurückblieb, ging die Herzogin darin unter. Eine längere Zeit hindurch
schwankte sie zwischen verschiedenen Meistern hin und her; ihr Zustand konnte
eine ästetische Betäubung genannt werden, so wie die Allgewalt des Schönen ihn
erzeugen muss. Als sie sich aber nach und nach wieder sammelte und mit Bewusstsein
zu empfinden begann, da erklärte sie sich mit allem, was in ihr war, für Raphael
. Nie hat eine reinere Seele diesem unsterblichen Meister feuriger gehuldigt.
Sie wurde nicht müde, seine Werke zu betrachten, und seine Schöpfungen
verdrängten aus ihr alle anderen Bilder, von welcher Art sie auch sein mochten.
Hab' ich sie anders gehörig beobachtet, so fühlte sie sich allzuschwach, die
Individualität der Gräfin in sich aufzunehmen; aber Raphaels Begränzung
entsprach der ihrigen. Ihn begriff sie in allen seinen Bildungen, und wunderbar
waren die Commentare, die sie darüber machte. Sie wusste z.B. alle Widersprüche
zu lösen, welche einzelne Kritiker in Raphaels Verklärung anzutreffen geglaubt
haben, und nannte dies Werk die Apoteose des Künstlers. Denn ihrer Versicherung
nach, waren die beiden Handlungen, die man in diesem Gemälde erblickt, aufs
innigste für einander vorhanden, und das Wunder der Verklärung nur durch die
fehlgeschlagene Heilung des besessenen Knaben bedeutend und idealisch. dabei
rühmte sie die tiefe Menschenkenntnis, welche Raphael dadurch offenbaret, dass er
den schönsten der Apostel in einer Unterredung mit Weibern, die übrigen im
Gespräch mit Männern dargestellt habe; und was die in gleicher Linie laufenden
Arme der Apostel betrifft, so behauptete sie, dass, die kunstgerechte Anordnung
möchte sich noch so heftig dagegen erklären, die Symmetrie der Composition sie
notwendig mache. Um übrigens immer von Raphael umgeben zu sein, setzte sie sich
in den Besitz der besten Copien, vorzüglich in Kupferstichen; und so konnte es
schwerlich fehlen, dass dieser Künstler nach und nach der einzige Gegenstand
ihrer Liebe wurde.
    Es ist unstreitig schon öfter der Fall gewesen, dass ein hingeschiedener
Geist einen noch vorhandenen einzig beschäftigt hat; allein schwerlich ist dies
jemals auf eine so eigentümliche Weise geschehen, als in der Liebe der Herzogin
für Raphael. So weit eine rein geistige Ehe denkbar ist, vermählte sie sich auf
das förmlichste mit ihm. Es war zuletzt nicht der Künstler, es war der Mann, den
sie in ihm erblickte, die schaffende Kraft, die sie in ihm anbetete. Die Folgen
fürchtend, welche eine so eigentümliche Wendung ihres Geistes nach sich ziehen
konnte, suchte man ihren Entusiasmus dadurch zu vermindern, dass man ihr
Anekdoten von Raphaels Liederlichkeit erzählte. Vergeblich; so keusch sie auch
war, so wurde sie dadurch doch nicht beleidigt. »Wie konnte, erwiederte sie,
Raphael anders sein? Was ihr Liederlichkeit nennt, war bei ihm die Folge einer
üppigen Fülle. Zugegeben, dass er länger gelebt hätte, wenn er haushälterischer
mit seinen Kräften umgegangen wäre, entsteht noch immer die Frage, ob diese
Ökonomie ihm möglich war? Und hat er etwa weniger gelebt, weil er im sechs und
dreissigsten Jahre gestorben ist? Seine Schöpfungen sagen, dass er viel gelebt
hat, und was wir ihm alle beneiden sollten, ist, dass er die Kraftlosigkeit und
Erschöpfung des Alters nie empfand, sondern wie Achilles zu den Unsterblichen
gewandert ist. Sagt mir, Raphael sei siebzig Jahre alt geworden, weil er
durchaus verständig gewesen sei, und ihr werdet euren Zweck erreichen. Was ihr
seine Liederlichkeit nennt, redet ihm bei mir das Wort; denn wer das Schöne so
darstellt, wie Raphael es dargestellt hat, der kann nur das Schöne lieben und -
nur in dem Schönen untergehn.«
    Und indem die Herzogin auf diese Weise ihrer Leidenschaft für Raphael das
Wort redete, verzehrte die innere Glut, womit sie empfand, ihre physischen
Kräfte zusehends. Es war ein eigentümliches Schauspiel, das der Gräfin und mir
in dieser Hinsicht gewährt wurde; denn wir sahen eine Verklärung von statten
gehen, wie man sie selten erlebt. Ohne dass irgend ein Lebensorgan angegriffen
war, wurde die Herzogin nach und nach zu einem Schemen. Alles, was Kraft genannt
werden kann, blitzte aus ihren grossen blauen Augen und sprach von ihren Lippen;
aber andere Kennzeichen des Lebens waren nicht in ihr vorhanden. Sie selbst
hatte keine Ahnung von ihrem nahen Hintritt, und sprach zu uns nur immer von
ihrer Liebe; Ort und Zeit aber war darin untergegangen. In uns erstickte eine
gewisse Feierlichkeit alle die gewöhnlichen Gefühle des Mitleides, des Bedauerns
u.s.w. Immer musste es uns schmerzen, eine solche Freundin zu verlieren; aber wie
hätten wir sie beklagen können, da sie nur in einem Übermaass von innerem Leben
ihren Untergang finden konnte? Noch ruhiger, als ich, war die Gräfin d'Albania.
Sobald sie wahrgenommen hatte, dass der Herzogin nicht mehr zu helfen sei,
versetzte sie sich in diejenige Stimmung, wodurch sie dem hohen Flug ihrer
Phantasie innerhalb des Gebietes der Kunst nachhalf. Wirklich wurden die letzten
Augenblicke der Herzogin dadurch nicht nur aufgeheitert, sondern auch
verlängert, und der Ankunft des Grafen Vittorio Alfieri war es aufbehalten, den
kritischen Moment herbeizuführen.
    Er hatte seine Myrrha vollendet, als er bei uns ankam. Seiner eigenen
Vorstellung nach war dies von allem, was er je gearbeitet hatte, das Beste. Er
brannte vor Begierde, diese Tragödie vorzulesen, weil er es darin ausschliessend
auf eine Huldigung der Gräfin angelegt hatte. Meinen Wünschen nach sollte die
Herzogin entfernt werden; aber dazu war keine Gelegenheit. Die Vorlesung nahm
ihren Anfang, sobald es dunkel geworden war. Wir sassen dem Vorleser gegenüber.
Die Herzogin teilte unsere Spannung nicht, wiewohl sie nicht ganz unaufmerksam
war. So wie indessen der Charakter der Myrrha, in welchem des Heldenmütigen
genug, des Weiblichen aber nur allzuwenig ist, sich mehr entwickelte, nahm die
Unruhe der Herzogin zu. Beim vierten Akt sank sie ganz unerwartet in die Arme
der Gräfin. Wir vermuteten nichts weniger als plötzlichen Tod; allein ihre
Augen erhielten die Richtung der Verklärten, und zwei Zuckungen, welche
unmittelbar darauf erfolgten, vollendeten den Hintritt.
    Hatte Alfieri's Vorlesung die Herzogin getödtet, so war Alfieri dabei ganz
unschuldig. Es gibt Krankheiten, in welchen ein kaltes Lüftchen die Kraft hat,
die leidende Maschine einmal für allemal zu zerrütten. Eine ähnliche Bewandtnis
musste es mit dem Zustande der Herzogin haben. Die Gräfin, wie tief sie auch von
dem Tode unserer gemeinschaftlichen Freundin verwundet war, behielt ihre ganze
Klarheit und vergoss daher keine Träne. Was mich betrifft, so gesteh' ich, dass
die Plötzlichkeit des Todesfalles verwirrend auf mich zurückwirkte, und das
Gefühl der Ohnmacht so bestimmt in mir aufregte, dass ich weinen musste, um mir
wieder klar zu werden. Unendlich mehr, als ich, war der Graf Vittorio ergriffen;
die Kindlichkeit seines Gemütes zeigte sich bei dieser Gelegenheit in ihrer
ganzen Stärke. Er, der in seinen Trauerspielen den Tod so oft vorbereitet hatte,
dass man hätte glauben sollen, er sei in der Wissenschaft der Gesetze, nach
welchen der Tod erfolgen muss, abgehärtet worden - er ertrug den vorliegenden
Fall so ungeduldig, als ob er unter uns das einzige Weib gewesen wäre. So wenig
hatte er das Wesen der Herzogin ergründet, dass er darauf bestand, sie lebe noch,
und durch diese kühne Behauptung uns in die Notwendigkeit setzte, die
geschicktesten Ärzte herbei zu rufen. Überflüssige Maassregel! Sie, die kein Arzt
hätte retten können, weil ihre Krankheit über alle Hülfe hinaus war, wurde von
den Ärzten für vollkommen todt erklärt, und wohl hatte die Gräfin Recht, wenn
sie sagte: »Wie konnte sie noch länger leben, da sie am Ziele war?« Auch bin ich
überzeugt, dass die Herzogin, wenigstens in den letzten Tagen ihres Daseins, eine
Ahnung von dem nahen Aufhören desselben hatte; denn, obgleich ihre ehemaligen
Verhältnisse mit ihrem Gemahl ganz in ihrer Erinnerung untergegangen waren, so
gedachte sie doch noch des Sohnes, dem sie das Leben geschenkt hatte, und
schmeichelnd bat sie mich, Erkundigungen von seinem Befinden einzuziehen. Dies
würde nicht geschehen sein, hätte sie nicht die Abnahme ihrer physischen Kräfte
gefühlt, und hätte dies Gefühl sie nicht getrieben, der Mütterlichkeit den
letzten Tribut zu bringen; denn es ist nun doch einmal die Mutter, die in einem
vollendeten Weibe zuletzt stirbt.
    Von der Leichenbestattung der Herzogin kein Wort, so glänzend sie auch war,
da die Fürstin für eine gute Catolikin ausgegeben wurde, und die römische
Geistlichkeit keine Ursache fand, diese Unwahrheit zu bestreiten. Ihr Tod wirkte
vorzüglich in sofern auf mich zurück, als er das Verhältnis zerriss, in welchem
ich bisher mit Vittorio Alfieri gestanden hatte. Nicht dass ich ihm nicht teuer
geblieben wäre; ich blieb ihm alles, was ich ihm jemals gewesen war. Allein die
Gräfin war der Zeit nach seine erste Liebe, und musste es auch dem Range nach
bleiben, weil die Unendlichkeit, die in ihr war, durch kein anderes Weib ersetzt
werden konnte. Auch die Gräfin ihrer Seits fühlte sich wieder an Vittorio
angezogen, da die Herzogin nicht mehr war. Ich stand von nun an zwischen beiden
in der Mitte, gleichsam als Dolmetsch ihres gegenseitigen Interesses. Sie baten
mich, mit ihnen nach Florenz zurück zu gehen, und ich tat es in Ermangelung
eines besseren Schicksals. Mehrere Jahre blieb ich bei ihnen, und war ein Zeuge
von Alfieri's steigender Verwirrung und Luisa's wachsender Klarheit. In diesem
Zeitraume verheiratete ich meine Pflegetochter mit dem Professor D..., einem
Deutschen, dessen Bekanntschaft ich in Rom gemacht hatte, wo er jene lieb gewann
und nicht eher rastete, als bis ich ihm erlaubte, sie zu ehelichen und mit nach
Deutschland zurück zu nehmen.
    Der Prätendent von England war indes gestorben und bald darauf die
französische Revolution ausgebrochen. Die Felsenmasse die bisher auf Vittorio
Alfieri's Brust gelegen hatte, wurde durch diese beiden Ereignisse versprengt;
denn das erstere erfüllte alle die Wünsche, die er in Beziehung auf die Gräfin
unterhalten hatte, und durch das letztere glaubte er alle seine politischen
Ideale der Realisirung nahe. Den Coturn von sich schleudernd, fasste er den
Entschluss, nach Frankreich zu gehen und ein Bürger der neuen Republik zu werden.
Die Gräfin d'Albania war leicht beredet, ihm dahin zu folgen; denn von allen
gleichgültigen Dingen war der Ort ihrer Existenz ihr das gleichgültigste. Auch
ich sollte mit nach Frankreich gehen; da mir aber die Franzosen noch immer
zuwider waren, und alles, was ich jetzt noch lieben konnte, sich in Deutschland
befand, so entschuldigte ich mich so gut, als möglich, indem ich versprach, dass
ich erst eine Reise in mein Vaterland machen und alsdann meine Freunde in Paris
aufsuchen wollte. Beide gingen über Turin nach Lyon, von wo aus sie ihre
Wallfahrt nach der Hauptstadt des Reiches fortsetzten. Ich begab mich in die
pisanischen Bäder, um daselbst neue Bekanntschaften anzuknüpfen, und mit diesen
nach Deutschland zurück zu gehen. Hier war es, wo ich meine Eugenia zuerst
kennen lernte. Ehe ich aber in meiner eigenen Geschichte fortfahre, muss ich noch
einen Blick auf die Gräfin d'Albania und den Grafen Vittorio Alfieri werfen.
    Nur Weniges hab' ich seit meiner Trennung von beiden erfahren. Die erstere
kehrte nach Italien zurück, sobald die Revolution eine blutige Wendung genommen
hatte. Der letztere blieb in Paris, bis alle seine Erwartungen getäuscht waren.
In einer feurigen Ode besang er die Zerstörung der Bastille; in einer noch
feurigern den Umsturz des Trones. Als aber der Schrecken eintrat, da siegte
seine Menschlichkeit über alle seine Ideale. So gross wurde sein Abscheu vor
allem, was um ihn her vorging, dass er sich mehr, als jemals, in der Einsamkeit
begrub. Sich zu zerstreuen, lernte er Griechisch, und hätte ein Künstler aus ihm
werden können, so würde es unter diesen Umständen geschehen sein. Doch die
heitere Region der Kunst sollte ihm ewig verschlossen bleiben. Anstatt sich von
den Schlacken der Aristokratie zu reinigen, wurde er trübsinnig und
schwermütig; und wie konnte dies ausbleiben, da von allem, was er geahnet
hatte, das Gegenteil erfolgte und sein ganzes System über den Haufen geworfen
wurde? Nach einem achtjährigen Aufentalte in Frankreich kehrte er nach Florenz
zurück, wo die Gräfin d'Albania unterdessen gestorben war. Hier lebte er seitdem
zerbrochenen Herzens als ein von seinen Idealen Verlassener. Hat er nicht selbst
die Dauer seines Lebens abgekürzet, so ist er wenigstens nicht ungern gestorben.
Wenige Menschen haben im Kampfe mit sich selbst mehr gelitten. In einem Sonnet,
das ich sorgfältig aufbewahre, weil er es zu einer Zeit machte, wo er mit sich
selbst höchst unzufrieden war, redet er sich also an:
                           Uom, sei tu grande, o vil?
Und seine Antwort ist:
                               Muori; il saprai.
Aber der unglückliche Mann ist nie hinter das Geheimnis gekommen, das ihn einzig
beschäftigte; denn nie konnte er seiner Verwirrung Meister werden; sie musste ihn
tödten. Ich habe oft gedacht, dass Alfieri in jenen Zeiten, wo das Feudalwesen in
seiner Blüte dastand, ein herrlicher, hoch hervorragender Mann gewesen sein
würde. Nicht die Feder, sondern Lanze und Schwert waren ihm, allen seinen
Anlagen nach, vom Schicksal beschieden; sein grosses Unglück war dass seine
Existenz in Zeiten fiel, wo sich von beiden kein Gebrauch mehr machen lässt.
Sanft ruhe seine Asche; sie ruhe um so sanfter, weil alle Stürme, die sein
Dasein zerrütteten, innere Stürme waren, deren Wut sich nicht beschwichtigen
liess. Selbst Bonaparten, der das Problem der französischen Revolution so
vollständig gelöset hat, musste Alfieri hassen, weil er nicht an seiner Stelle
war.
    Gleich bei der ersten Bekanntschaft fühlte ich mich unwiderstehlich an
Eugenien angezogen. Es war ihre Physiognomie, was mir die Versicherung gab, dass
wir Freundinnen werden könnten; und da dieser Bürge sich in diesem, wie in jedem
anderen Falle, bewährt hat, so so seh' ich mich genötigt, hier einen Teil
meines Systemes in Ansehung freundschaftlicher Verbindungen zu entüllen. Ich
werde von der einen Seite sehr viel Mühe haben, mich deutlich zu machen, und von
der andern, gegen alle meine Neigungen, zu einer (wenn gleich kurzen)
Dissertation über das Verhältnis der Physiognomie zur Freundschaft hingerissen
werden. Allein ich muss mich jener Beschwerde und diesem Übelstande unterwerfen,
wofern meine Bekenntnisse nur einigermassen vollständig ausfallen sollen.
    Eine längere Zeit hindurch folgte ich in freundschaftlichen Verbindungen
einem gewissen Instinkte, welcher mir sagte, dass mit diesen oder jenen Personen
ein gutes Verhältnis für mich möglich oder unmöglich sei, weil ihre Physiognomie
irgend eine Wendung hatte, die mich anzog oder zurückschreckte. Das Wunderbare
hierbei war, dass sich, bei genauerer Bekanntschaft mit eben diesen Personen,
beständig fand, dass die Aussage meines Instinktes eine sehr zuverlässige gewesen
war. Eben deswegen wünschte ich alles Dunkle aus diesem Instinkte zu verbannen.
Allein wie das, was bisher blosses Gefühl, und zwar ein sehr verworrenes Gefühl,
gewesen war, in eine Formel verwandeln, die ich auf jede mir vorkommende neue
Physiognomie anwenden könnte?
    Dass die Physiognomie selbst nur etwas Symbolisches sei, leuchtete mir sehr
bald ein. Eben so begriff ich ohne Mühe, dass sie als etwas Symbolisches nur auf
das Gefühl wirken könnte. Wollte ich nun das Gefühl in Idee und den Instinkt in
haltbare Formel verwandeln, so blieb mir nichts anderes übrig, als das
Symbolische aus der Physiognomie fortzuschaffen, und, wo möglich, in ihr den
inneren Zustand des einzelnen Menschen, dessen blosser Typus sie war, zu erkennen
und zu begreifen. Ich sagte mir selbst, dass dies nur auf dem Wege einer sehr
genauen Analyse aller meiner Erfahrungen über einzelne Menschen geschehen
könnte.
    Indem ich nun über diesem Gedanken rastlos brütete, gelangte ich dahin, zwei
Grundkräfte im Menschen zu unterscheiden, die eine durch Gemüt, die andere
durch Geist zu bezeichnen, und die letzte Bestimmung jedes menschlichen
Individuums in die Harmonie dieser beiden Grundkräfte zu setzen. Die Menschen
unterschieden sich demnach sehr wesentlich von einander, je nachdem sie mehr
Gemüt, oder mehr Geist, oder Gemüt und Geist in Harmonie gesetzt, waren. Da,
wo das Gemüt den Ausschlag gab, musste ein rastloses Streben nach
freundschaftlichen Verbindungen statt finden; allein, da in dem Gemüte keine
regulirende Kraft entalten ist, so konnten die Gemütreichen weder diskrete,
noch standhafte und zuverlässige Freunde werden; sie mussten, vermöge ihrer
ganzen Eigentümlichkeit, immer zu unerfüllbaren Ansprüchen aufsteigen, und sich
und ihre Freunde dadurch um den Genuss der eigentlichen Freundschaft bringen; es
waren, um alles mit einem Worte zu sagen, nur Passaden in der Freundschaft mit
ihnen möglich. Da, wo der Geist den Ausschlag gab, war an gar keine
freundschaftliche Verbindung zu denken; denn der Geist ist sich unter allen
Umständen selbst genug, und, von dem Gemüte getrennt, mehr eine
umherschweifende, als regulirende Kraft. Nur da, wo Gemüt und Geist in Harmonie
gesetzt sind, war eigentliche Freundschaft möglich, wiewohl nur immer unter der
Bedingung, dass zwei gleichartige Wesen zusammen trafen; denn das blosse Gemüt
des Freundes würde eben so zerstörend auf die Harmonie zurück gewirkt haben, als
der blosse Geist desselben.
    Mit diesen Grundbegriffen war ich im Stande, mir alle physiognomische
Rätsel zu lösen. Die Idee festaltend, dass die Physiognomie immer nur etwas
Symbolisches oder Typisches sei, sagte ich zu mir selbst: »Da, wo das Gemüt
vorherrscht, muss die Physiognomie unregelmässig und verworren sein; aus keinem
anderen Grunde, als weil es an der regulirenden Kraft gebricht, welche einen
bestimmten Charakter wirkt. Da, wo der Geist, vom Gemüte verlassen, wild
umherschweift, wird freilich keine Unregelmässigkeit und Verworrenheit sichtbar
werden, allein der Physiognomie wird es an allem Adel fehlen, und ihre
anziehende Kraft gänzlich vernichtet sein. Nur da, wo Gemüt und Geist in
Harmonie stehen, wird man im Antlitz des Menschen das Siegel seiner
Oberherrlichkeit entdecken; und was auch der Zufall tun mag, ein solches
Meisterstück der plastischen Natur zu verunstalten, so wird es ihm doch nie
gelingen, den Charakter desselben aufzuheben, weil dieser auf etwas Innerem
beruhet, das über allem Zufall erhaben ist.«
    Man urteile über dies Räsonnement, wie man wolle, für mich ist es so
hinreichend, dass ich aufrichtig bekenne, es vertrete bei mir die Stelle
matematischer Evidenz. Nie hat es mich irre geleitet, und eine grosse Menge von
Erscheinungen hab' ich mir nur auf diesem Wege erklären können.
    Dahin gehört, dass eben die Nation, der wir das schöne Ideal verdanken, für
die Freundschaft so ausschliessend vorhanden war, dass sie mit einem besonderen
Sinne dafür ausgestattet schien. Allerdings hatte sie diesen besonderen Sinn;
aber er lag in der Harmonie des Gemüts und des Geistes, welche den Griechen
eigen und unstreitig das Resultat ihrer gesellschaftlichen Institutionen war.
Dieselbe Harmonie aber, wodurch sie der wahren Freundschaft empfänglich wurden,
wirkte auf ihre Gesichtsbildung und auf ihren ganzen Körperbau so zurück, dass
sie vorzugsweise in den Besitz der physischen Schönheit kommen mussten, und einer
ihrer Philosophen vollkommen berechtigt wurde, zu behaupten: »Eine schöne Seele
könne nur in einem schönen Körper wohnen.«
    Wie verschieden von der griechischen Physiognomie ist die italiänische und
die französische! In der ersteren lauter Carrikatur, wenn gleich nicht selten
erhabene und höchst interessante Carrikatur; meiner Teorie nach, aus keiner
anderen Ursache, als weil in dem Italiäner, von alten Zeiten her, das Gemüt den
Ausschlag gegeben hat. In der letzteren bei weitem weniger Carrikatur, aber
zugleich auch beinahe gar keine Spur von Erhebung und innerer Grösse, weil in dem
Franzosen das Gemüt dem Geiste weicht, und dieser, von dem Gemüte verlassen,
sich immer nur in witzigen Combinationen, nie in grossen, viel umfassenden Ideen
offenbaret. Vermöge dieses wesentlichen Unterschiedes ist der Italiäner für die
Freundschaft unendlich empfänglicher, als der Franzose; nur dass jener durch die
Heftigkeit seines Gemütes sie unaufhörlich zerstört, während dieser sie zu
einem Spielwerk macht, worüber der Mutwille schaltet. Die edelste französische
Physiognomie, welche mir jemals vorgekommen ist, hat Racine, so wie er von den
Künstlern gewöhnlich dargestellt wird. Auch bin ich vollkommen überzeugt, dass
dieser Mann der wahren Freundschaft fähig war. Wäre ich seine Zeitgenossin
gewesen, so würde ich mich mit ihm verbunden haben, hätte ihn gleich die ganze
Welt treulos und falsch genannt; er konnte es nicht sein, sobald er einen
Gegenstand antraf, an welchem sich die Harmonie seines Gemütes und Geistes,
wovon seine Physiognomie immer nur das Symbol war, offenbaren konnte.
    Um bei diesem Gegenstande nicht allzulange zu verweilen, will ich nur noch
eine artistische Bemerkung machen, die mir von einiger Bedeutung scheint. Sie
besteht darin, dass der Streit, ob die Schönheit oder der Charakter der
eigentliche Vorwurf der schönen Kunst sei? ein sehr unnützer Streit ist, weil
es, nach allem bisher Gesagten, am Tage liegt, dass die Schönheit als etwas
Sichtbares, nur immer das Resultat einer inneren Harmonie ist, die in sich
selbst einen Charakter bildet, und zwar den höchsten, den es geben kann. Der
Charakter ist also eben so sehr ein Vorwurf der schönen Kunst, als die
Schönheit, oder vielmehr, beide sind in Beziehung auf die schöne Kunst eins und
dasselbe, so dass der Künstler nie etwas anderes tut, als das Symbol der inneren
Harmonie zwischen Gemüt und Geist darstellen. Das Ideal des Schönen wäre
demnach nichts weiter, als der Abdruck dessen, was von der inneren Harmonie
äusserlich sichtbar wird, und daber versteht sich ganz von selbst, dass jeder
Charakter, dessen Wesen nicht mehr auf innerer Harmonie beruht, aufhört, ein
Vorwurf der schönen Kunst zu sein; denn sonst würde Carrikatur und Hässlichkeit
mit Harmonie und Schönheit einerlei werden müssen.
    Genug von meiner Lebensphilosophie und meinem Kunsttakt. Es kam bloss darauf
an, begreiflich zu machen, wie ich mich für Eugenien so lebhaft interessiren
konnte, ohne sie jemals gesehen oder von ihr gehört zu haben. Die anziehende
Kraft, die sie an mir ausübte, brachte uns sehr bald näher; und ich glaube mit
Wahrheit behaupten zu können, dass wir Freundinnen waren, ehe wir uns dem Namen
nach kannten. Erst am dritten Tage unserer Bekanntschaft entdeckte sichs, dass
wir beide geborne Deutsche waren; denn bis dahin hatten wir nur Französisch
gesprochen, und uns in dieser Sprache über jedes höhere Interesse, das Menschen
an einander kettet, einverständigt. War es mir angenehm, in Eugenien ein Weib
kennen zu lernen, dem ich mich aufschliessen konnte; so war die Freude Eugeniens
über diese Entdeckung in Beziehung auf mich nicht geringer. Ob ich gleich um
mehrere Jahre älter war, als meine neue Freundin; so verschwand doch der
Unterschied des Alters vor unseren Augen. Was unserer Verbindung eine so
plötzliche Innigkeit gab, dass wir von dem ersten Momente unserer Bekanntschaft
an unzertrennlich waren, ist etwas, das sich nur dann wird sagen lassen, wenn
die menschliche Sprache einen weit höheren Grad von innerer Vollkommenheit
erreicht haben wird. Genug, dass das Interesse, welches wir an einander fanden,
von dem gewöhnlichen wesentlich verschieden war. Wären wir Männer gewesen, so
würden wir uns gegenseitig achten gelernt haben; in dieser Achtung aber hätte
unser Verhältnis seinen höchsten Charakter gefunden. Da wir Weiber waren, so
musste zu der Achtung sich noch die Liebe gesellen und unsere Freundschaft um so
vollkommner werden. Denn für den Mann, der, es sei durch welches Talent es
wolle, immer seinen Stützpunkt in der ganzen Gesellschaft hat, ist die
Freundschaft mehr Luxus als Bedürfnis, während sie für ein Weib, das in der
ganzen Gesellschaft nie einen Stützpunkt haben soll, ein um so stärkeres
Bedürfnis ist, wenn das Weib auch der männlichen Unterstützung ermangelt.
Freundschaft unter Weibern ist nur darum so selten, weil sie in der Regel in der
Geschlechtsliebe untergeht; ein Fall, in welchem sich keine von uns beiden
befand.
    Wenn Personen sich einander mit Vertrauen nähern, so ist das Erste, dass sie
sich gegenseitig ihre Geschichte erzählen; und ob dies gleich in der Regel sehr
absichtslos geschieht, so offenbart sich doch auch hierin das Eigentümliche der
menschlichen Natur, die, weil sie nicht auf einmal wird, was sie werden kann,
über sich selbst nur dadurch Aufschluss zu geben vermag, dass sie aussagt, wie sie
allmählig zu Stande gebracht worden ist. Auch zwischen Eugenien und mir fand
diese Art von Mitteilung statt, und Eugeniens Entwickelungsgeschichte war im
Wesentlichen folgende:
    Mit grosser Sorgfalt erzogen, hatte sie sich in einem Alter von siebzehn
Jahren durch ihre Mutter bereden lassen, einem funfzigjährigen Manne, der sich
in ihre Unschuld verliebte, ihre Hand zu geben. »Auch mein Herz,« fügte sie
hinzu, »würd' ich hingegeben haben, wenn dies von meinem Willen abgehangen
hätte. Nicht als hätte ich einen Anderen geliebt; denn in einem solchen Falle
würde keine Macht der Welt im Stande gewesen sein, mir eine meinen Neigungen
entgegen strebende Richtung zu erteilen. Sondern weil der Unterschied der Jahre
ins Mittel trat, und ich an meinem Manne nicht lieben konnte, was er an mir
liebte. Dies verschlug indessen für die Solidität unsers Verhältnisses sehr
wenig. Da mein Mann in jedem Betracht achtungswürdig war, so fand er meine ganze
Hochachtung; und in so weit die Liebe durch diese ersetzt werden kann, hat er
gewiss nie das Mindeste entbehrt. Etwas Eigentümliches an ihm war, dass er nicht
aufhörte, sich über meine Kälte zu beklagen; allein diese Klage berührte mich
sehr wenig von dem Augenblick an, wo ich einsah, dass das, was er meine Kälte
nannte, seiner Wärme sehr notwendig war, und wo ich mich über unser Verhältnis
hinlänglich orientirt hatte, um zu wissen, was sich daraus machen liesse, und was
nicht. Im Grunde war es auch nur eine Art von Laune, welche meinem Manne diese
Klagen eingab; denn im Ganzen genommen lebten wir zufrieden und vergnügt, bis
der Moment eintrat, der uns für immer trennen sollte. Dies geschah, nachdem wir
eilf Jahre zusammen verlebt hatten. War es nun die Überzeugung, dass ich nie an
einen anderen Mann geraten könnte, der mich aufrichtiger liebte, als er, oder
lag seiner Forderung irgend eine andere moralische oder religiöse Idee zum
Grunde, die mir nicht ganz deutlich geworden ist - genug mein Mann verlangte auf
seinem Sterbebette, dass ich mich nie wieder vermählen sollte; und sobald ich ihm
mein Wort gegeben hatte, band er an die gewissenhafte Erfüllung desselben den
Besitz seines ganzen Vermögens, von welchem mir nur ein bedeutender Teil werden
konnte, wenn die Ansprüche einiger Verwandten in Betrachtung gezogen wurden.
Nach seinem Tode entstand die Frage, ob ich verbunden sei, mein Versprechen zu
halten. Die Jurisprudenz sprach mich davon los, weil die ganze Sache meinem
Gewissen überlassen war; da ich aber mein Versprechen nicht aus Eigennutz
gegeben hatte, und in mir selbst auch nicht die allermindeste Versuchung
wahrnahm, über die freiwillig gesetzte Schranke hinauszugehen, so mochten mich
meine Verwandten noch so sehr für den einen oder den andern Bewerber
interessiren, ich blieb meinem Vorsatz, Wittwe zu sein, nicht minder getreu.
Einmal sagte ich zu mir selbst, dass derjenige, der ein freiwillig geleistetes
Versprechen, das er halten kann, nicht hält, gewissermassen zum Mörder seiner
Moralität wird. Zweitens war es mir sehr problematisch, ob ich in einer zweiten
Ehe finden würde, was ich in der ersten hatte entbehren müssen. Zwar hatte ich
es jetzt in meiner Gewalt, zu verhindern, dass der Unterschied der Jahre die
Gleichheit der Gefühle nicht aufhob; allein lag nicht in dem Mittel, das ich zu
diesem Endzweck anwenden konnte, ein anderes noch wesentlicheres Hindernis der
Gleichheit? Ehemals hatten persönliche Eigenschaften mich wählbar gemacht. Diese
waren zwar nicht verschwunden; allein neben ihnen standen staatsbürgerliche
Vorzüge von solcher Bedeutung, dass es ungewiss wurde, welche von beiden in einen
höheren Anschlag gebracht würden. Ich verabscheuete aber nichts so sehr, als den
Gedanken, einen Mann so sehr in Widerspruch mit sich selbst zu setzen, dass ein
Heuchler aus ihm werden musste. Überall konnt' ich nie gewinnen, wohl aber
verlieren. Dies gerade machte mich vorsichtig. Um aber meinen Vorsatz desto
leichter auszuführen, fasste ich den Entschluss, bis zu einem gewissen Alter
nirgend häuslich zu sein; und kraft dieses Entschlusses haben Sie mich zu Pisa
angetroffen, nachdem ich schon seit einigen Jahren umhergereiset bin, die Welt,
die ich sonst nur in dem kleinsten Fragment gekannt habe, mehr im Grossen kennen
zu lernen. Es ist nicht die zweite Ehe, der ich aus dem Wege gehe, sondern die
unglückliche Ehe; denn die Ehe selbst ist nach allen Erfahrungen, die ich
darüber zu machen Gelegenheit gehabt habe, so wie das natürlichste und
einfachste, so auch das genussreichste und edelste aller Verhältnisse, in welches
ich ohne Bedenken zurücktreten würde, wenn ich glauben könnte, dass es für mich
einen so unschuldigen Gatten gäbe, als ich eine unschuldige Gattin sein würde.«
    Die letzte Bemerkung Eugenia's bezog sich auf neue Heiratsvorschläge,
welche ihr in Pisa waren gemacht worden. Ob sie darauf eingehen sollte, oder
nicht, darüber war sie nicht länger zweifelhaft, sobald der Zufall uns zusammen
gebracht, und eine gewisse Sympatie uns mit einander verbunden hatte. Da sie
keinen Beruf fühlte, noch länger in Italien zu verweilen, und ich von einer
unbestimmten Sehnsucht in mein Vaterland zurückgetrieben wurde; so vereinigten
wir uns leicht, durch das Tyrolische nach Wien zu gehen. Unsere Abreise ging vor
sich, sobald die Badezeit vorüber war. Wir kamen ohne Abenteuer in der
Kaiserstadt an; und weil der Aufentalt in den Hauptstädten für Personen, die
der Beobachtung noch nicht überdrüssig geworden sind, immer mit grossen Reizen
verbunden ist, so nahmen wir uns vor, einige Jahre unter den Wienern zu
verleben.
    Schwerlich hätten wir uns an irgend einem anderen grossen Orte so teuer
werden können, als in der Hauptstadt der österreichischen Staaten. Hier lebten
wir gewissermassen wie in einer Einöde. Denn nicht genug, dass die Kraft der
Hauptstadt eben so auf uns zurückwirkte, als auf die übrigen Bewohner derselben,
in sofern sie uns isolirte, fanden wir durch Alles, was wir unsere
Eigentümlichkeit nennen konnten, ein besonderes Hindernis freundschaftlicher
Verbindungen. Dies war die mit Recht verschriene Sinnlichkeit des Volks, unter
welchem wir lebten; eine Sinnlichkeit, über welche wir hinaus waren, und die wir
eben deswegen weder teilen noch achten konnten. Ist von den geselligen Tugenden
der Wiener die Rede, so lasse ich ihnen alle Gerechtigkeit widerfahren; sie sind
gastfreundschaftlich und bieder, wie kein anderes Volk, das ich kennen gelernt
habe. Allein in diesem Kreise dürften auch alle ihre Vorzüge eingeschlossen
sein; denn sobald von etwas Höherem die Rede ist, strengen sie sich vergeblich
an, es zu fassen, und erliegen ihrem geistigen Unvermögen nur allzubald. Mit dem
besten Willen, nur Deutsche zu frequentiren, sahen wir uns genötigt, unseren
Geselligkeitstrieb im Umgange mit französischen Ausgewanderten zu stillen,
wofern wir nicht ganz auf uns zurückgebracht sein wollten.
    Jahr und Tag war auf diese Weise verflossen, als die französische Gräfin
C... sich enger an uns anzuschliessen begann. Hätte sie es mit mir allein zu tun
gehabt, so würde ihr die Lust dazu nach den ersten Versuchen vergangen sein;
denn meine physiognomische Formel sagte mir gleich bei der ersten Bekanntschaft,
dass diese Frau, obgleich, vermöge ihres sehr gebildeten Verstandes, für den
Umgang wie geschaffen, zu denjenigen gehöre, mit welchen man sich in kein
bleibendes Verhältnis einlassen muss, weil sie seiner unwürdig sind. Da Eugenia
aber zwischen uns beiden stand, so war von ihrer Seite der Versuch zu wagen, von
der meinigen zu erdulden. Ich war höchst begierig, die Triebfedern kennen zu
lernen, welche sie in Bewegung gesetzt hatten; allein wie gespannt auch meine
Aufmerksamkeit auf alle ihre Reden sein mochte, so konnte ich doch eine längere
Zeit hindurch nichts Unedles entdecken; und da meine Freundin mir den Vorwurf
machte, dass ich in meinem Misstrauen zu weit ginge, so wurde ich nach und nach
sogar geneigt, an der Wahrheit meiner Regel wenigstens in sofern zu zweifeln,
als ich einzelne Ausnahmen gestattete.
    Die Gräfin war weit häufiger bei uns, als wir bei ihr; die Ursache lag in
ihrer gegenwärtigen Lage, welche eine strenge Ökonomie notwendig machte. Wie
selten wir uns aber auch bei ihr zeigen mochten, so hatten wir doch nie das
Vergnügen, irgend eine Spur von Reinlichkeit und Ordnung bei ihr zu finden.
Eugenia verzieh auch dies, wiewohl sie eingestand, dass alles anders sein würde,
wenn die Gräfin aus Einem Stücke wäre. Ich mochte also noch so deutlich zu
erkennen geben, dass wir durch eine engere Verbindung mit dieser Frau unserem
Wesen entsagten; meine Winke waren verloren, und Eugenia schien sogar ein
gewisses Ergötzen daran zu finden, dass sie eine Frau kennen gelernt hatte,
welche alle Weiblichkeit in den Wind schlug und das Gemüt unter die Füsse trat.
    Wir mochten unsere Besuche drei bis viermal wiederholt haben, als wir bei
der Gräfin eine gewisse Aurora kennen lernten, welche, um alles mit einem Worte
zu sagen, die Gräfin in Ungebundenheit des Geistes noch übertraf, wiewohl es mir
nicht entgehen konnte, dass sie sich, uns gegenüber, nicht wenig Gewalt antat.
Talentvoller und einschmeichelnder kann übrigens kein Weib sein, als diese
Aurora es war. Zu einer Tassonischen Armida fehlte ihr die Schönheit; allein wer
hätte diesen Mangel nicht verziehen, wenn er nur ein einzigesmal ein Zeuge ihrer
heitern Laune, ihres sprudelnden Witzes, ihrer Sarkasmen auf sich selbst und der
Kindlichkeit war, womit sie gelobte sich zu bessern? Alle Männer waren von
Auroren wie bezaubert, und die Weiber trösteten sich mit dem Besitz soliderer
Eigenschaften, welche Aurora keiner von ihnen streitig machte.
    Wir wurden auf die Bekanntschaft des Chevalier de B... vorbereitet, und
nicht lange darauf führte die Gräfin ihn bei uns ein. Ein schöner Mann, wenn von
blossem Wuchse die Rede ist! In seinen Mienen lag etwas Hartes, das er vergeblich
durch Geschliffenheit und gut gewandte Phrasen zu mildern suchte. Er behauptete
- und seine Manieren bewiesen es unwidersprechlich - dass er bis zum Ausbruche
der Revolution in den besten Cirkeln der Hauptstadt gelebt und mit dem Hofe
durch die Prinzessin Lamballe in der engsten Verbindung gestanden habe; aber
seine Auswanderung motivirte er so schlecht, dass er dem Titel eines Chevaliers
die grösste Schande machte. Übrigens war seine Partie gleich nach der ersten
Bekanntschaft genommen. Um nämlich Eugenien mit Erfolg den Hof machen zu können,
glaubte er mich mit tausend Artigkeiten überschütten zu müssen. Was ihm durchaus
nicht klar werden wollte, war das Verhältnis, worin wir standen. Denn anstatt
Eugeniens Freundin in mir zu sehen, betrachtete er mich fortgesetzt in dem
Lichte einer Duenna, und indem er mich als eine solche behandelte, konnte er
nicht verfehlen, mir alle Vorsichtigkeit einer Duenna einzuflössen und sich
dadurch selbst zu schaden. Nur allzuoft ist es im Leben der Fall, dass die
Combinationen der Listigen in sich selbst zusammenstürzen, weil sie nicht umfasst
haben, was sie zu ihrem eigenen Gedeihen umfassen sollten; und es ist mehr als
merkwürdig, dass es, um solche Menschen mit Erfolg zu beherrschen und zu seinen
Zwecken zu leiten, nur einer Ehrlichkeit bedarf, die alle List überflüssig
macht.
    Für einen unbefangenen Einsichtsvollen hätte es ein Schauspiel ganz eigener
Art sein müssen, zwei deutsche Frauen ihre Eigentümlichkeit gegen die Angriffe
verteidigen zu sehen, welche von zwei sehr gewiegten Französinnen, die von
einem eben so gewiegten Franzosen unterstützt waren, darauf gemacht wurden. Ich
will unsere Gegner nicht beschuldigen, dass sie es darauf anlegten, uns zu
demoralisiren; eine solche Absicht zu haben, hätten sie sich in ihrer wahren
Gestalt erkennen müssen, welches durchaus nicht der Fall war. Allein die
Demoralisation musste ganz von selbst erfolgen, sobald wir nachgiebig genug
waren, uns von ihnen gebieten zu lassen. Und wie dies vermeiden? Die
Unwiderstehlichkeit der Franzosen besteht gerade darin, dass sie es in der Kunst
des Ausweichens so weit gebracht haben; sie respektiren, dem Scheine nach, jede
ihnen gegenüberstehende Individualität, weil sie wissen, dass man sich ihrer
durch nichts so leicht bemächtigt, als durch diesen scheinbaren Respekt. Am
allergefährlichsten war Aurora. Nach einem gewissen Massstab genommen, gab es
für sie gar keine Tugend; allein sie beschönigte alle ihre Laster oder Schwächen
dadurch, dass sie kein Geheimnis daraus machte, und so oft die Sache ernstaft zu
werden begann, über sich selbst plaisantirte. Zwischen der Gräfin und dem
Chevalier in der Mitte stehend, war sie ein ausgesuchtes Werkzeug zur Erreichung
jedes egoistischen Zweckes; denn so vollkommen war alles edlere Gemüt in ihr
ausgestorben, dass sie sich den grössten Abscheulichkeiten preisgegeben haben
würde, ohne nur eine Ahnung davon zu haben, dass es Abscheulichkeiten wären.
Bewundernswürdig war es, dass alle diese Personen sich mit Idealen trugen, welche
nie von ihnen wichen; allein sie blickten darauf hin, wie auf das goldene
Zeitalter, und Asträa war für sie auf immer entflohen. Unparteiisch gesagt,
fanden sie alles, was einen Wert in ihren Augen haben konnte, in uns wieder,
und die Art des Interesses, welches sie für uns fühlten, mochte zuletzt nur
darauf beruhen, dass wir ihre Gegensätze waren; allein, um dies anzuerkennen,
hätten sie aus dem Gespinnst heraustreten müssen, womit sie sich umgeben hatten;
und so weit reichte ihre Kraft nicht.
    Über alle Veredelung hinaus, konnten sie es immer nur darauf anlegen, uns in
ihren Wirbel zu ziehen; und für uns bestand die Aufgabe darin, wie wir uns in
unserem eigenen Wirbel halten möchten. Eugenien schien die Gefahr minder gross,
als mir. Als ich sie eines Tages auf das Verhältnis aufmerksam machte, worein
wir geraten waren, antwortete sie mir: »Wir hätten es ja in unserer Gewalt,
dies Verhältnis aufzuheben, sobald wir es für gut befänden. Sie selbst sähe sehr
deutlich ein, dass sie dadurch nie gewinnen könnte; allein so lange der Verlust
erträglich wäre, würde sie nicht brechen, weil sie doch einigen Ersatz in dem
Geistesreichtum dieser Personen fände. Überall begriffe sie nicht, wie wir den
längeren Aufentalt in der Kaiserstadt ohne diesen Umgang ertragen wollten. Das
Casperle zu besuchen, fühlten wir uns zu gut, und ganz und gar in die Einsamkeit
zurück zu treten, wäre weder heilsam noch unseren Planen entsprechend. Wie wenig
Terrain der Chevalier bei ihr gewönne, davon wäre ich selbst Zeuge. Nur Aurora
amüsire sie, als ein Wesen, das mit der ganzen Gesellschaft gebrochen habe und
noch immer den Ausschlag geben wollte. Es gäbe ja zuletzt kein anderes Mittel,
zum Gefühl seines Wertes zu gelangen, als der Umgang mit Personen dieser Art,
die sich so treuherzig beredeten, die Geburt habe alles für sie getan.«
    So lange Eugenia dieser Ansicht getreu blieb, konnte ich ganz ruhig sein.
Ich störte also den Chevalier auf keine Weise in seinen Bewerbungen um meine
Freundin, und sah es ruhig an, wie Aurora, anstatt die Ungebundenheit zu
predigen, sie auf das allerliebenswürdigste repräsentirte. Meine ganze
Aufmerksamkeit war nur darauf gerichtet, welche Wendung diese Verbindung nehmen
werde, um einen bestimmteren Charakter zu gewinnen.
    Die Gräfin liess mich nicht lange warten. Nachdem sie einigemale in der
Gesellschaft gegähnt hatte, brachte sie das Kartenspiel in Vorschlag. Der
Chevalier und Aurora waren nicht abgeneigt davon; und da Eugenia und ich die
Wirte waren, so durften wir uns nicht versagen, wie fremd uns auch der
Spielgeist sein mochte. Als aber die Sache einmal in Gang gebracht war, fand
kein Stillstand statt. Wie bedeutend auch unsere Verluste sein mochten, so
durften wir sie nur in dem Lichte solcher Tribute betrachten, welche der
Freundschaft dargebracht wurden. Dies war indessen der geringste Nachteil, den
wir von unserer Nachgiebigkeit hatten. Ein nicht zu berechnender stand uns
dadurch bevor, dass wir uns durch das Spiel mit unseren Gegnern identifiziren
mussten. Es ist nun einmal das Eigentümliche des menschlichen Geistes, immer
dahin zu neigen, wo er die meiste Beschäftigung findet, sollte er sich auch
dadurch zerstören. So lange der Austausch von Ideen und Gefühlen unsere einzige
Unterhaltung gewesen war, fanden Eugenia und ich darin das Mittel, unsere
Individualität gegen jeden Angriff zu verteidigen. Sobald hingegen alle
Unterhaltung in Spiel ausgeartet war, kamen wir in eine so unvorteilhafte
Stellung, dass aller Widerstand vergeblich wurde und in sich selbst verging. In
der Tat, man braucht nur aus Neigung zu spielen, um das Gefühl seines Wertes
zu verlieren und jeder Erhebung unfähig zu werden; denn indem der Geist seine
ganze Kraft auf das Spiel richtet, büsset er sie in Beziehung auf alle edleren
Gegenstände ein, auf die sie gerichtet werden könnte.
    Indem ich diese Reflektionen machte, war ich auch auf den Rückzug bedacht.
Aber wie ihn einleiten? Eugenien zurücklassen und sie dem allerschlimmsten
Schicksal preisgeben, war eins; und dies vermochte ich nicht über meine Liebe
für sie. Eugenien die Augen öffnen, war misslich, da das Spiel, welches sie
liebgewonnen hatte, zwischen ihr und mir in der Mitte stand, und der
freundschaftlichen Wärme, womit sie mir sonst entgegen zu kommen pflegte, nur
allzuviel Abbruch tat. Ich machte den Anfang meiner Operationen damit, dass ich
mich vom Spiele ausschloss und dadurch gewissermassen aus der Schussweite setzte.
Dies musste sehr übel aufgenommen werden; und dies wurde auch wirklich der Fall.
Ohne mich indessen daran zu kehren, spielte ich die Beobachterin. Mir selbst
zurückgegeben, bemerkte ich mit Entsetzen, welche Fortschritte durch das Spiel
in der Familiarität gemacht waren. Aurora fand es gar nicht mehr der Mühe wert,
ihre Gebrechen zu verschleiern; sie sprach darüber, als ob es unmöglich wäre,
Verstand zu haben und anders zu sein, als sie. Der Chevalier hatte das Bischen
Galanterie, das ihm vorher eigen gewesen war, an den Nagel gehangen, und behielt
nur noch die Manieren eines Glücksritters. Die Gräfin gebot mit einer
Unverschämteit, als ob alle Vorrechte in ihr vereinigt worden wären. Und
Eugenia blieb bei allen diesen widerwärtigen Äusserungen immer gelassen, weil sie
für den Augenblick die Schärfe des Gefühls verloren hatte, wodurch man gegen
fremde Anmassung empört wird. Ich schauderte vor dem Abgrund zurück, in welchen
ich meine Freundin stürzen sah; aber ich hatte nicht den Mut, sie darauf
hinzuweisen, so lange sie nicht aus ihrer Gleichgültigkeit hervortrat.
    Indessen hatten die Ausgewanderten nicht sobald wahrgenommen, dass ich ihrem
Interesse abhold sei, als sie es darauf anlegten, Eugenien von mir zu trennen.
Aurora wurde dazu gebraucht, dies Meisterstück der Intrigue zu Stande zu
bringen. Niemand hatte dazu mehr Geschicklichkeit; denn niemand war um den
Unterschied zwischen Lüge und Wahrheit weniger verlegen, und niemand verstand
sich auf die Kunst des Lächerrlichmachens besser, als Aurora. Um aber noch von
einer anderen Seite her zu wirken, verstärkten sich die Gräfin und der Chevalier
dadurch, dass sie mehrere andere Ausgewanderte bei uns einführten. Dies mochte
sich zuletzt ganz von selbst machen, da der Gewinn, den man von Eugenien zog,
die Lockspeise war; indessen wurde dadurch immer eine grosse Mehrheit zu Stande
gebracht, in welcher sich Eugenia als die einzige Fremde erscheinen und alle
Lust zum Widerstande verlieren musste. Es war zum Erstaunen, mit welcher Freiheit
sich alle diese Personen um meine Freundin hinbewegten. Sie, welche für alle der
Mittelpunkt hätte sein sollen, war nichts mehr und nichts weniger, als die
Schussscheibe des Geldinteresses. So vollkommen war man hierüber mit sich selbst
einig, dass man aus Poissardensinn gar kein Geheimnis mehr machte.
    Ich sah alle diese Manövres mit Gelassenheit an, weil meine Stunde noch
nicht geschlagen hatte. Um Eugenien von diesen Vampyren zu befreien, musste ich
den Zeitpunkt abwarten, wo sie sich davon beschwert fühlte. Dieser Zeitpunkt
konnte möglicherweise nicht eher eintreten, als bis meine Freundin in
Geldverlegenheit geriet und ihre Zuflucht zu meiner Casse nahm. Ich entielt
mich das erstemal aller Bemerkungen über ihre allzuweit getriebene
Nachgiebigkeit; aber das zweitemal legte ich ihr ganz unverholen die Frage vor:
Ob sie denn dieses eckelhaften Einerleies nicht überdrüssig würde? Sie
betrachtete mich nicht ohne Verwunderung; und als ich kühn genug war, meine
Frage zu widerholen, anwortete sie: »Was soll ich machen? Verstrickt, wie ich
einmal bin, muss ich mein Schicksal ertragen. Ich selbst fühle wohl, dass ich mich
von meiner Höhe herabgeworfen habe; allein wie kann ich es anfangen, sie noch
einmal zu erreichen?«
    Ohne weder die Gräfin, noch den Chevalier, noch Auroren, noch irgend einen
von den Übrigen anzuklagen, stellte ich sie Eugenien als Bedürftige dar, welche
sie, aus irgend einem Instinkt, eben so behandelten, als sie ehemals den Hof
behandelt hätten, und auf gleiche Weise von ihr abfallen würden, sobald sie
nichts mehr zu geben hätte. »Es ist,« fügte ich hinzu, »ganz offenbar die
Parasitenkunst, die sie treiben; die eckelhafteste von allen Künsten, die es
geben kann, weil sie ihre Grundlage weder im Verstande, noch im Gefühl, sondern
in einem dumpfen Egoismus hat, der sich nicht besser zu verschleiern weiss, als
dadurch, dass er die Miene annimmt, für das Vergnügen Anderer zu sorgen, während
er nur den gröbsten Vorteil im Auge hat. Mag es doch in der Gesellschaft
Personen geben, denen ihr Recht widerfährt, wenn sie von einem Parasitenheer
umlagert werden; allein zu ihnen zu gehören, kann weder angenehm sein, so lange
man die Wahrheit noch von der Lüge zu unterscheiden weiss, noch ehrenvoll, so
lange man noch nicht in leerer Repräsentation untergegangen ist. Meine Freundin
muss zu einem neuen Leben erwachen; und dies kann nur dadurch geschehen, dass sie
solchem Volke den Rücken weiset und es seinem Schicksal überlässt. Man muss die
Kraft haben, einem Umgange zu entsagen, durch welchen man nicht veredelt werden
kann; denn sonst läuft man Gefahr, wo nicht selbst verunedelt zu werden, doch
wenigstens solche Schrammen und Quetschungen davon zu tragen, dass es unmöglich
wird, noch einmal zu einem heitern Lebensgenuss aufzusteigen.«
    Recht absichtlich drückte ich mich mit dieser Stärke aus, um einen tiefen
Eindruck zu machen. Meinem Vorsatze nach wollte ich mich von Eugenien trennen,
so bald sie dadurch beleidigt würde. Dies war aber so wenig der Fall, dass nur
von den Mitteln die Rede war, sich aus der Schlinge zu ziehen.
    Eugenia wollte sogleich abreisen; dagegen aber hatte ich Mehreres
einzuwenden. Vor allen Dingen sollte meine Freundin die Kaiserstadt mit eben so
unumwölkter Seele verlassen, als sie in dieselbe eingetreten war. Ausserdem aber
sollten diese Ausgewanderten, deren Rache ich vorhersah, nicht Raum gewinnen,
hinter unserem Rücken zu sagen, was sie für gut befinden würden. Zu diesem
doppelten Endzweck schlug ich Eugenien eine Reise in die Gebirgsgegenden Böhmens
vor, deren bezaubernde Mannigfaltigkeit alle die peinlichen Gefühle zerstreuen
musste, die ihre Wangen mit Schaamröte überzogen; zugleich aber bat ich sie,
davon nicht eher ein Wort zu sagen, als bis alle Reiseanstalten gemacht sein
würden, und alsdann der Gräfin in einem kurzen Billet ausser der Abreise zugleich
den Tag der Zurückkunft anzuzeigen. Eugenia gab sich meinen Anordnungen mit der
Entsagung vertrauender Freundschaft hin. Nach wenig Tagen waren wir reisefertig.
Welchen Eindruck unsere plötzliche Abreise auf die edle Gesellschaft machte,
lässt sich nur dann berechnen, wenn man sie in ihrer Gemeinheit kannte. Sie
mochte davon eben so betroffen sein, als die National-Versammlung von der Flucht
Ludwigs des Sechzehnten.
    Unsere Reise brachte alle die Wirkungen hervor, die ich beabsichtigt hatte,
und Eugenia dankte dem Himmel für die Freiheit, die ihr zu Teil geworden war.
Zur festgesetzten Zeit kehrten wir nach Wien zurück. Die Ausgewanderten
unterliessen nicht, sich wieder bei uns einzufinden, sobald sie unsere Ankunft
erfahren hatten; allein wir hatten es jetzt in unserer Gewalt, jede beliebige
Stellung gegen sie anzunehmen. Aurora stellte sich zuerst ein, und ganz offenbar
legte sie es darauf an, uns durch ihre Familiarität in das alte Geleise zurück
zu führen. Doch die Feierlichkeit, die wir ihr entgegensetzten, verwirrte sie
so, dass sie sich ein Dementi über das andere gab, bis sie mit Bekenntnissen
hervortrat, auf welche wir gar nicht gefasst waren. Ihrer Aussage zufolge war
unter allen diesen Personen keine einzige ehrliche Seele. Was sie von jeder
einzeln sagte, soll mit Stillschweigen übergangen werden. Genug, wir wurden,
wenn auch nur die Hälfte von Aurorens Offenbarungen Glauben verdiente,
hinlänglich überzeugt, dass wir es mit eigentlichem Auswurf zu tun hatten, der
es wohl verdiente, von der Welt verlassen zu sein und sich selbst zu bekämpfen.
Aurora selbst wünschte sich an uns anschliessen zu können; allein wir lehnten
ihre Bitte ab, weil, wie gut auch ihre Vorsätze für den Augenblick sein mochten,
ihr Inneres durch langen Missbrauch allzusehr verdorben war, um noch einmal zu
genesen. Wir verweilten noch einige Wochen in Wien, um der Welt zu zeigen, dass
es zwischen uns und den Ausgewanderten zu einem förmlichen Bruch gekommen wäre,
den wir selbst zu Stande gebracht hätten. Alle Billets der Gräfin, des Chevalier
u. s. w., die während dieser Zeit ankamen, wurden angenommen, aber nicht
beantwortet. Der Verlust, den Eugenia gelitten hatte, war bedeutend genug;
indessen liess er sich ertragen, wenn man in Anschlag brachte, dass sie bestimmt
war, noch weit mehr zu verlieren, und nicht nur ihr Vermögen, sondern auch ihre
Moralität und ihre Ehre einzubüssen. Hierüber hatte uns Aurora so vollständige
Aufschlüsse gegeben, dass die Sache keinem Zweifel unterworfen war. Wien
verliessen wir mit der traurigen Reflektion, dass, mit allem guten Willen uns an
Deutsche anzuschliessen, wir unsere Zuflucht zu egoistischen Franzosen hatten
nehmen müssen, die in uns nur die leichte Beute schätzten.
    Wir durchreiseten einen grossen Teil des deutschen Reichs, um einen
Aufentalt zu finden, der unseren Neigungen entspräche; allein wir kamen nicht
eher zur Ruhe, als bis Eugenia sich entschloss, in der Nähe von W... das Gut zu
kaufen, das wir noch immer bewohnen.
    Seit dieser Zeit leben wir in unserer eigenen Welt, hinlänglich geschieden
und hinlänglich berührt von unserer Umgebung, um in voller Freiheit zu
existiren. Unsere Sorge ging gleich Anfangs dahin, das Nützliche dem Schönen so
unterzuordnen, dass dieses ein hinreichendes Fundament in jenem erhielte; und
dies ist uns über alle Erwartung gelungen. Unser Gütchen ist der Wohnsitz der
Reinlichkeit, der Ordnung, der Bequemlichkeit und Gastfreundlichkeit; und in
sofern diese Schöpfung von uns ausgegangen ist, macht sie, hoff ich, unserem
Verstande keine Unehre. Die Angelegenheiten der Wirtschaft sind unter uns so
geteilt, dass jede von uns ihren eigenen Wirkungskreis hat, ohne gleichwohl
dadurch so beschäftigt zu sein, dass wir ausser Stande wären, uns im Notfall zu
ersetzen; denn wir haben das Geheimnis aufgefunden: Alles so zu ordnen, dass es
nur eines leichten Impulses bedarf, um das Ganze im Gange zu erhalten. Den
Frieden neben die Tätigkeit zu stellen, dies ist die grosse Kunst bei allen
Organisationen; und diese Kunst ist von uns ausgeübt worden.
    Wir würden noch immer glücklich sein, wenn wir auch ganz von der Welt
getrennt lebten. Dies ist aber nicht der Fall; wir leben vielmehr mitten in der
Welt. Es kam darauf an, eine solche Stellung zu gewinnen, dass wir von dem
Geräusch um uns her nur gerade so viel berührt würden, als sich mit der
Bestimmung vertrug, die wir uns selbst gegeben hatten. Zu diesem Endzweck
konnten wir uns nur dem Umgange solcher Personen hingeben, die wirklich zu uns
passten; allein, indem wir in dieser Hinsicht so klug als vorsichtig waren,
brachten wir es dahin, dass wir die ganze Welt durch wenige Personen in einem
kurzen Auszuge um uns herstellten. Wer sich mit dem Volumen befasst, wird davon
erdrückt; wer hingegen Verstand genug hat, nur nach der Quintessenz zu streben,
behält seine ganze Freiheit und wird durch die höchsten Genüsse belohnt.
    Durch Sie, mein teurer Cäsar, wurde ich von neuem in die deutsche Literatur
eingeweiht, die mir seit vielen Jahren fremd geworden war; und dafür danke ich
Ihnen, wenn es eines Dankes bedarf. Ich habe mich überzeugt, dass die Deutschen
in jeder Kunst und Wissenschaft seit ungefähr dreissig Jahren Riesenschritte
gemacht haben; und weit entfernt, an einen nahen Stillstand zu glauben, erwarte
ich vielmehr von der Zukunft noch glänzendere Perioden. Mag doch die grosse
Mehrheit der Schriftsteller in gar keine Betrachtung kommen; dies verschlägt
demjenigen nichts, welcher einsieht, wie notwendig sie sind, um einen
ausgezeichneten hervor zu bringen. Auch das Gold erzeugt sich nur in Bleistufen;
und wer verlangt es, dass kein Blei existiren soll? Alle materielle Industrie ist
die Bedingung der immateriellen, und in dieser Ansicht mögen wir jene wohl
verzeihen.
    In der Tat, ich freue mich, die Zeit erlebt zu haben, in welcher Göte's
natürliche Tochter erscheinen konnte. Höher als jedes andere Produkt desselben
Meisters setz' ich dieses. Mag die Mitwelt darüber urteilen wie sie wolle, die
Nachwelt wird darin nur ein Dokument unseres gegenwärtigen Culturgrades
erblicken; und auf diese Weise erwarte ich nichts Geringeres, als dass die
natürliche Tochter die Zeiten, in welchen wir leben, verherrlichen werde. Was
ist es denn zuletzt, was die Lektüre eines Reineke Fuchs so anziehend macht?
Meinem Urteile nach nichts anderes, als die Entdeckung, dass in diesem Gedichte
eine grosse Welt dargestellt ist, die so und so gegen oder für einander wirkte.
Das Feudalwesen in seiner Glorie; dies ist der Inhalt des Reineke Fuchs, und es
wäre unendlich zu bedauern, wenn der Verfasser nicht allegorisirt hätte. Das
Feudalwesen in seinem Verfall und nahen Zusammensturz; dies ist der Inhalt der
natürlichen Tochter, und es wäre eben so unendlich zu bedauern, wenn der
Verfasser keinen König, keinen Herzog, keinen Grafen, keinen Weltgeistlichen,
keinen Mönch, keinen Gouverneur u.s.w. aufgeführt hätte. Beide Kunstwerke
bezeichnen also bestimmte Entwickelungsepochen, und haben in dieser Hinsicht,
wie verschieden sie auch ihrem Inhalte nach sein mögen, gleichen Wert. Ist von
der Kraft die Rede, durch welche beide ins Dasein gerufen wurden, so möchte ich
behaupten, dass sie in beiden Verfassern gleich gross war; so dass ich mich gar
nicht darüber wundere, wie Göte der Übersetzer des Reineke Fuchs werden konnte;
ein Werk, das mich bezaubert, und dessen sorgfältiges Studium mich zu meiner
Ansicht der natürlichen Tochter geführt hat.
    Man rühmt es als einen grossen Vorzug der letzteren, dass die edlen Formen der
Griechen in ihr conzentrirt sind. Was mich betrifft, so bin ich der Meinung, dass
die natürliche Tochter als Kunstwerk erbärmlich wenig sein würde, wenn nur die
Formen in Betrachtung gezogen werden sollen. Auch ohne jemals den Aeschylus und
Sophokles gelesen zu haben, musste Göte, vermöge seines Verstandes, solche
Formen erzeugen. Der Geist, welcher in der natürlichen Tochter lebt und webt,
ist aber über den der Griechen so unendlich erhaben, dass ich zweifle, Aeschylus
und Sophokles würden die natürliche Tochter verstehen, wenn sie ihnen in die
Hände gegeben werden könnte.
    Da ich einmal ein wenig in das Götische Kunstwerk verliebt bin; so müssen
Sie mir, mein angenehmer Freund, verzeihen, wenn ich zu diesen Bemerkungen noch
einige andere hinzufüge, von welchen ich glaube, dass sie zur Sache gehören.
    Mir war bei der Lektüre der natürlichen Tochter eben so zu Mute, als bei
der Betrachtung der Verklärung Raphaels. Anfangs wusste ich nicht, wodurch ich in
diese Stimmung geraten war; als ich aber tiefer nachdachte, entdeckte ich
zwischen beiden Kunstwerken eine auffallende Ähnlichkeit, welche darin bestand,
dass in beiden eine doppelte Handlung vorgeht, welche die höchste Einheit mit
sich führt. Wollen Sie sich gefälligst desjenigen erinnern, was ich weiter oben
über das Raphaelsche Kunstwerk als Urteil meiner verewigten Freundin bemerkt
habe; so müssen Sie gestehen, dass das Wunder der Verklärung zu der
fehlgeschlagenen Heilung des besessenen Knaben in eben dem Verhältnisse steht,
worin sich die Revolution zu Eugenia's Schicksal befindet. Vereinigung des
Epischen mit dem Dramatischen war wie Raphaels so auch Göte's Zweck, und beide
haben ihn auf das allervollkommenste erreicht, indem sie die doppelte Handlung
so stellten, dass die eine die andere beleuchtet und aufklärt. Ist nicht alles,
was der Götischen Eugenia begegnet, von einer solchen Beschaffenheit, dass es in
dumpfes Erstaunen setzt, wofern man nicht an das zurückdenkt, was der ganzen
Gesellschaft, zu welcher sie gehört, bevorsteht? Nur auf diese Weise liess sich
eine grosse Revolution auf die Bühne bringen; aber indem sie im Hintergrunde
gehalten werden musste, so konnte es schwerlich fehlen, dass alle diejenigen
(Zuschauer oder Leser), denen es an Einbildungskraft gebrach, von der Handlung
sehr wenig ergriffen werden, und dass Göte in dieser Hinsicht Raphaels Schicksal
teilte, an dessen Verklärung die gewöhnliche Critik zur Tadlerin werden musste.
    Grosse, hocherhebende Gefühle wollte der Dichter erzeugen, und solche hat er
in allen denen erzeugt, die ihn zu fassen Kraft genug haben. Doch auf die Menge
konnte er nicht einwirken. Dieser musste es sogar problematisch werden, ob sein
Kunstwerk für eine wahre Tragödie zu achten sei, da sie sich in derselben durch
nichts gemartert und gefoltert fühlte. Mit tiefer, alles umfassender
Menschenkenntnis hatte der Dichter gezeigt, wie aus Eugenia's nicht
gesetzmässiger Geburt sich, mit ihren seltenen Talenten und ungemeinen
Eigenschaften, ihre Ansprüche auf anerkannte Hoheit und ihre Schicksale
entwickelten; allein sich mit einem solchen Wesen, wie diese Eugenia ist, zu
identifiziren, ist der grossen Menge unmöglich; und da sie die Heldin des Drama's
nicht vor ihren Augen vernichtet sieht, so entgeht ihr diejenige Vernichtung,
welche Eugenia dadurch erfährt, dass die Flammen der Revolution über alle ihre
Wünsche, Hoffnungen und Ideale zusammenschlagen. Nur dem gebildeten Zuschauer
oder Leser ist es einerlei, ob er eine Iphigenia in Aulis zum Opferaltare
führen, oder eine Eugenia ein Missbündniss eingehen sieht; und wie sehr der
Dichter auf diese höhere Bildung gerechnet habe, liegt darin am Tage, dass er den
Schmerz über Eugenia unglückseliges Geschick nicht besser besänftigen zu können
glaubte, als wenn er ihrem letzten Schritte Vaterlandsliebe zum Grunde legte,
und sie noch obendrein zur Gattin eines achtbaren Mannes machte. Wäre Göte's
Empfindsamkeit allen Zuschauern und Lesern seiner Eugenia eigen, so müssten sie
in eben die melancholische Stimmung geraten, in welcher er sein Kunstwerk
schuf. Es ist also nur das Missverhältnis, worin Göte, als Culturgeschöpf, zu
der Welt, auf welche er einwirken möchte, steht, was alle die schiefen Urteile
zu verantworten hat, die über seine Eugenia, wie über seine übrigen Dramen,
gefällt worden sind. Ob dies Verhältnis immer dasselbe bleiben werde, mag ich
nicht entscheiden; kommt aber die Welt auf ihrem Entwickelungsgange so weit, dass
sie Göten fassen lernt, so muss das Schicksal seiner Eugenia eben so tiefe
Rührungen hervorbringen, als alles, worüber das Publikum gegenwärtig in Tränen
zerfliesset; nur mit dem Unterschiede, dass man sich in Göte's Dramen zugleich im
Gemüte verwirrt und im Geiste erleuchtet, zugleich niedergedrückt und gehoben
fühlen wird.
    So wie die Sachen gegenwärtig stehen, ist dies unmöglich. Denn - um bei der
natürlichen Tochter stehen zu bleiben - es ist nicht Eugenia's Individualität
allein, was den grössten Teil der Zuschauer oder Leser unberührt lässt; die
übrigen Personen des Drama's sind ihnen nicht minder unbegreiflich. Um in diesem
Herzog den schwankenden Vasallen neben dem gefühlvollen Vater, in diesem
Sekretär das egoistische Werkzeug eines fremden Willens, in dieser Hofmeisterin
die verzweifelnde Jungfrau, in diesem Gouverneur das Geschöpf militairischer
Disciplin, in dieser Äbtissin die durch die weltliche Macht beschränkte Frau, in
diesem Mönch den religiösen Schwärmer, in diesem Gerichtsrat den über sein
Geschäft hoch erhabenen, das Recht idealisirenden Menschen zu fassen, muss man
etwas mehr von der Welt begriffen haben, als die grosse Mehrheit, der alles, was
gesellschaftliches Verhältnis genannt werden mag, ein unauflösliches Rätsel
ist. Ohne Zweifel hing es nur von dem Dichter ab, sein Kunstwerk dennoch der
grossen Mehrheit angenehm zu machen; aber alsdann hätte er eben die Wege
einschlagen müssen, welche Schakespear einschlug, so oft es ihm darauf ankam,
ungemeinen Charakteren Eingang zu verschaffen; nämlich viel Teatergeräusch in
nächtlichen Erscheinungen, Zweikämpfen u.s.w. Da Göte dies nicht getan hat, so
müssen wir annehmen, dass er dergleichen Behelfe verachtet; und wie kann man
anders als sie verachten, wenn man nicht zu dem grossen Haufen gehört, oder für
ihn lebt? Die Unsterblichkeit sichert man sich nur dadurch, dass man die eigene
Individualität vor allen Verunstaltungen bewahrt; und wenn Alfieri über irgend
einen Punkt Recht hatte, so war es in der Behauptung, dass nur diejenige
Schriftstellerei einen Wert haben könne, deren Inzentiv ein grosser, ewig
dauernder Ruhm ist. Ich stelle mir vor, dass es mir an Göte's Stelle Vergnügen
machen würde, in meinen dramatischen Werken die Verzweiflung der Schauspieler
und Kritiker zu erblicken.
    So viel über Göte's Eugenia, deren Lektüre mir unaussprechliches Vergnügen
gemacht hat; ein Kunstwerk, das sich in jedem Betracht den ersten Meisterwerken
aller Nationen zur Seite stellen kann, ohne durch die Vergleichung zu leiden,
und das ganz unstreitig das allervollkommenste ist, das der deutsche Geist
jemals geschaffen hat.
    Ich komme nach dieser Abschweifung auf mich selbst zurück.
    Durch die Lektüre auserlesener Geisteswerke erhalte ich meinem eigenen
Geiste die jugendliche Kraft, wodurch ich mich von anderen Personen meines
Alters unterscheide. Allen meinen Erfahrungen nach, gibt es kein besseres
Mittel, dem Alter auszuweichen. Eine Sammlung wirklich geistreicher Schriften
hat den Vorzug selbst vor der besten Gesellschaft. Einmal behält man seiner
Bibliotek gegenüber die vollste Freiheit, welche notwendig verloren geht, wenn
man sich, im persönlichen Umgange, fremden Individualitäten anschmiegen muss.
Zweitens hat man den Vorteil, die Geister in ihren Sonntagsschmuck zu sehen,
d.h. nicht verunstaltet durch Launen, Antipatien und alle die Wirkungen
momentaner Eindrücke, welche die Mitteilung hemmen; denn wer sich einmal an
sein Pult gesetzt hat, um mit der Welt zu sprechen, befindet sich gewiss in der
ihm vorteilhaftesten Verfassung. Drittens hat man es in seiner Gewalt,
aufzurufen welchen Geist man will, nur ihm zu leben, und ihm nur so lange zu
leben, als man es für gut befindet. In der Tat, ich wundere mich, wie so viele
Personen, welche auf Bildung Anspruch machen, diese Vorzüge verkennend, den
Geselligkeitstrieb nur dann zu befriedigen glauben, wenn sie sich durch den
Umgang auf die Folter spannen lassen.
    Da von meinen Schicksalen nicht weiter die Rede sein kann, so bleibt mir nur
noch übrig, von meiner Lebensweise und meinen Erwartungen zu sprechen.
    Ich habe die Gewohnheiten und Neigungen meiner Jugend immer beibehalten; ich
konnte es, weil sie in jeder Hinsicht leicht und bequem waren, und tat es, weil
ich mich dabei wohl befand. Meiner Mässigkeit verdanke ich, dass ich nie krank
gewesen bin. Aber ich kann mit gleicher Wahrheit sagen, dass ich mich nie
unglücklich gefühlt habe; und dies bedeutet etwas mehr. Vielleicht sind die
Gemütskräfte nie so stark in mir gewesen, dass sie mich zu inneren Widersprüchen
führen konnten; vielleicht aber auch hat die frühe Gewöhnung, ihren Anfällen zu
begegnen, die Wirkung hervorgebracht, dass ich mir zu allen Zeiten klar und
gleich bleiben konnte. Dem sei wie ihm wolle - denn hierüber ganz ins Reine zu
kommen, ist vielleicht unmöglich - indem ich Anderen eben so sehr gelebt habe,
als mir selbst, habe ich immer einer beneidenswerten Ruhe und Heiterkeit
genossen. Jungfrau bin ich geblieben, weil nach Moritz sich mir kein Mann
dargestellt hat, dem ich meine Freiheit aufzuopfern der Mühe wert gehalten
hätte; ich muss mich so ausdrücken, ob ich gleich bei mir überzeugt bin, dass
meine Jungfrauschaft nicht die Folge des Raisonnements bei mir gewesen ist. Wäre
ich Gattin und Mutter geworden, so würde ich diesen Verhältnissen keine Schande
gemacht haben; denn Treue und Liebe lagen in meinem Wesen eingehüllt. Als eine
geborne Catolikin würd' ich mich nach Moritzens Tode entschlossen haben, in
irgend ein Kloster zu gehen; schwerlich aber wäre dann aus mir geworden, was ich
jetzt bin, und in sofern ich einen Wert auf mich setze, freue ich mich auch,
eine Protestantin zu sein. Ich fürchte weder den Verfall, noch den Tod. Den
ersteren betrachte ich als eine Folge des mangelnden Reizes, und so lange mir
noch mein Bewusstsein bleibt, werd' ich dafür sorgen, dass dieser Mangel mich
nicht treffe. In dem letzteren seh' ich nur den Stillstand einer Maschine, die
nicht für die Ewigkeit geschaffen wurde. So lange ich lebe, werd' ich mich auch
wohlbefinden. Mein Arkanum in dieser Hinsicht ist sehr einfach. Es heisst: Fliehe
den Umgang mit alten und langweiligen Personen. Nichts verbittert das Leben so
bestimmt und tödtet so sicher, als das überhandnehmende Gefühl der Langenweile.
Gewissen Anzeigen nach, werd' ich aber ein hohes Alter erreichen, ohne dass ich
dies gerade wünsche. Denn blick' ich auf die Vergangenheit zurück, so dehnt sie
sich unermesslich vor mir aus, welches durchaus nicht der Fall sein könnte, wenn
der langweiligen Tage, Wochen, Monate in ihr sehr viele gewesen wären. Ich
glaube nämlich die Bemerkung gemacht zu haben, dass es in jedem Menschen ein von
allen künstlichen Zeitmaassen ganz unabhängiges gibt, nach welchem das
Fortschreiten der Zeit durch Gefühle und Ideen bezeichnet wird. Vermöge dieses
natürlichen Zeitmaasses muss eben die Zeit, welche im Durchleben sehr rasch
vorüber zu fliegen scheint, in der Zurückerinnerung eine grosse Ausdehnung
gewinnen, und umgekehrt die träg vorüber schleichende Zeit in der Erinnerung
zusammen schrumpfen. Da ich aber die letzte Erfahrung durchaus noch nicht an mir
selbst gemacht habe, so muss ich daraus schliessen, dass noch ein hohes Maass von
Lebenskraft in mir ist, und ich für eine ungewöhnlich lange Dauer bestimmt bin.
Doch dies komme, wie es wolle, ich werde mit meinem Geschick künftig eben so
zufrieden sein, als ich es gegenwärtig bin. Das Einzige, warum ich den Himmel
bitten möchte, ist die Erhaltung der letzten Freunde, die er mir zuführte.
Bessere werd' ich niemals wiederfinden, und ein freundloses Leben hat so viel
Abscheuliches für mich, dass ich lieber gar nicht mehr existiren will, wenn die
nackte Existenz durch sich selbst bedingt ist.
Und nun, mein teurer Cäsar, hab' ich Ihnen alles mitgeteilt, was Sie wissen
mussten, um mich nach meinem ganzen Wesen zu begreifen. Von grösserer
Ausführlichkeit haben mich zwei Rücksichten abgehalten. Einmal wollte ich Ihnen
so wenig Langeweile machen, als mir immer möglich wäre, und Ihnen
schlechterdings nichts von dem wiederholen, was sonst wohl zwischen uns beiden
zur Sprache gekommen ist. Zweitens - ich weiss, Sie verzeihen, dass ich bei einem
so unangenehmen Geschäfte, als das Schreiben nun einmal ist, auch an mich
gedacht habe - wollte ich mir durch alle diese Bekenntnisse nur die Abwesenheit
meiner Freundin erträglicher machen, und folglich nur bis zu ihrer Zurückkunft
an meinem Pulte kleben. Ich habe das Vergnügen, Ihnen zu melden, dass Eugenia
übermorgen ganz unfehlbar wieder eintreffen wird. Unstreitig werden Sie bald zu
uns kommen, und dann Ihre Mirabella mit ganz anderen Augen betrachten, als es
bisher der Fall war. Nun, es wird sich zeigen, ob ich durch meine Aufrichtigkeit
bei Ihnen gewonnen oder verloren habe. Immer war es meine Sache, für nichts mehr
und nichts weniger gelten zu wollen, als was ich wirklich bin. Adieu.
 
    