
        
                                 Sophie Mereau
                               Amanda und Eduard
                              Ein Roman in Briefen
                                   Erster Teil
                                   Erster Brief
                                Amanda an Julien
Ich habe den geliebten, vaterländischen Boden wieder betreten, und bin Dir nun
wieder um vieles näher, meine Julie! Wer durch mehr als hundert Meilen getrennt
war, dem scheint eine Entfernung von zwanzig nur ein unbedeutender Zwischenraum
zu sein, obgleich nicht selten sich hier grössere Schwierigkeiten in den Weg
stellen, als selbst bei jenen. - Du und Deine Liebe sind mir noch um vieles
werter geworden, denn meine nähere Bekanntschaft mit den Menschen hat mich den
Wert und die Seltenheit einer Neigung, die sich nicht auf äussere Verhältnisse
sondern auf unsere Persönlichkeit gründet, sehr innig fühlen lassen. - Ich freue
mich darauf, Dir, da ich hier sehr ruhig leben zu können hoffe, von Zeit zu Zeit
manches aus der Geschichte dieser letzten, im Geräusch verlebten, Jahre
nachholen zu können. Meine bisherigen flüchtigen Briefe müssen Dir nur einen
sehr unvollkommenen Abriss meiner Lage gegeben haben. Alles war mir neu, Gegend,
Menschen, Verhältnisse, und ich gestehe Dir, dass ich mich oft mit geheimem
Vergnügen, oft auch mit Bangigkeit, daran erinnerte: »ich stehe nun wirklich auf
dem Schauplatze der Welt, die ich mir sonst in mancher stillen Jugendphantasie
verworren geträumt hatte.« Doch zuweilen schien das Gewühl von Menschen und der
glänzende Schein, der mich umgab, meine Eigentümlichkeit ganz verschlungen zu
haben, und es kostete mir beinah Mühe, mich zu überzeugen, dass ich jenes stille,
einfach erzogene Mädchen sei, welches die Welt und die Menschen nur aus ihren
Büchern kannte. Mein ganzes, voriges Leben wich immer mehr in einen neblichen
Hintergrund zurück, und selbst Dein Bild, meine Julie, schien an seiner
Lebhaftigkeit verloren zu haben. Aber dann kam ein Brief von Dir, Du warst noch
immer die Alte. Ganz und in Allem Deinen vorigen Ideen getreu, lebtest Du noch
ungestört in jenem glücklichen Ländchen, dessen Andenken mir immer mehr zu
verschwinden drohte. Mit Dir erschienen die Geister aller vergangenen,
freundlichen Jugendscenen, und so waren Deine Briefe das Band, das über Berg und
Tal zu mir reichte, und mich an sanften, seidenen Fäden zu einem unversiegbaren
Quell von Ruhe und milder Besonnenheit zurückführte. - Ach! ich hatte oft
nötig, aus diesem Quell zu schöpfen, wenn ich nicht unter den wechselnden
Eindrücken von Vergnügen und Sorge, Neigung und Wiederwillen, mich selbst und
alle innre Uebereinstimmung auf ewig verlieren wollte! - Der erste Eintritt in
das Haus meines Mannes, als wir unsre Reise vollendet hatten, überraschte mich
auf das angenehmste. Der Glanz, den ich dort allentalben herrschen sah, war mir
neu, und berauschte mich mit Vergnügen. Ich wiegte mich mit Lust auf den
seidnen, schwellenden Polstern, ich strich gern vor den Spiegelwänden vorüber,
ich horchte mit Aufmerksamkeit auf das melodische Spiel einer Flötenuhr, welches
die Stunden angenehm bezeichnete. So geschwind auch die Lebhaftigkeit dieses
Eindrucks verlosch - denn das Auge gewöhnt sich bald an die Reize einer
prächtigen Umgebung, und Bewunderung ermüdet leicht - so wusste doch Albret durch
Neuheit und Abwechselung ihn immer wieder anzufrischen. Er führte mich in eine
Welt voll glänzenden Scheins, und munterte mich unaufhörlich auf, hier alle
andre zu verdunkeln. Die Art, wie ich mich, auf sein Verlangen, allentalben
zeigen musste, war mir oft lästig, so sehr sie auch der Eitelkeit schmeichelte.
Ueberall, wo ich erschien, zog ich die Blicke der Neugierde auf mich, öfterer
folgten selbst Frauen mir nach; besonders gab es Einige, die mich mit einer
seltsamen, unangenehmen Teilnahme beobachteten. Einst, als wir aus einem
glänzenden Zirkel zurückgekommen waren, wo diese mir, oder meiner Umgebung,
geweihte Aufmerksamkeit ihren höchsten Gipfel erreicht zu haben schien, fiel mir
Albret mit Innigkeit um den Hals. »Holdes Weib, rief er entzückt, wie sehr hast
du mich zu deinem Schuldner gemacht! ich sehe es, ich bin durch dich gerächet!«
- Diese Äusserung freute und betrübte mich. Ich fühlte, dass ich sie nicht mir
selbst, sondern einer fremden, mir unbekannten Ursache zuzuschreiben hatte, und
doch rührte es mich, ihn endlich einmal herzlich mit mir sprechen zu hören.
»Lieber Albret, sagte ich, und lehnte mich an seine Brust, wolltest du mich nur
näher kennen lernen, so würdest du, wie ich hoffe, ganz andere Ursachen finden
mit mir zufrieden zu sein, als diese, von denen ich mir nichts zueignen kann.«
    Er sah mich einige Augenblicke lang mit zweifelhaftem Ausdruck an, und
schien bewegt. Aber bald war es, als schämte er sich seiner Empfindung, er
verliess mich, und blieb so verschlossen, wie vorher. Ach! Julie, wenn ich diesen
sonderbaren Mann zuweilen Sätze aufstellen hörte, die meiner heitern Ansicht von
Welt und Menschen gänzlich Hohn sprachen, wenn ich sein peinliches Misstrauen in
Alle und auch in mich vergebens zu mildern versuchte, und vor diesem
verschlossnen Herzen ewig unerhört stand, dann wurden mir meine Tage oft
unerträglich, und die Erinnerung an das Gute, das ich ihm verdankte, sank wie
eine erdrückende Last auf mein Herz! - Freilich habe ich dies alles auch oft
genug vergessen. Meine Wünsche waren nicht eigensinnig an einen einzigen
Gegenstand gebunden, meine Sinne standen jedem Eindruck offen, und so konnte es
mir in meiner Lage nicht an Veranlassungen fehlen, meinen Kummer zu vergessen.
Nur das Verlangen nach einer vertrauten Seele, nach dem Genuss einer
gegenseitigen Mitteilung, eines arglosen, innigen Umgangs, liess sich nie ganz
unterdrücken.
    Und wo hätte ich dies Glück eher suchen sollen, als bei Albret? - Aber ach!
meine Julie, an welches unerklärliche, furchtbare Wesen hat mich das Schicksal
gebunden! - Du scheinst hievon weniger überzeugt zu sein, und Deine schon oft
geäusserte Meinung, dass meine Klagen über unsere wenige Uebereinstimmung wohl
überspannt sein möchten, bewegt mich, Dir ein Geheimnis zu entdecken, das
vielleicht bei mir auf ewig vergraben bleiben sollte. Du bist das einzige Wesen
auf der Welt, dem ich es anvertraue, das einzige, in dessen Herzen ich alle
meine Sorgen niederlege.
    Wenn ich nicht irre, so habe ich Dir schon längst in einem meiner Briefe von
dem Markese * geschrieben, der meine nähere Bekanntschaft sehr eifrig zu suchen
schien. Bei dem zerstreuten, geselligen Leben, welches wir führten, ward es ihm
nicht schwer, Zutritt in unserm Hause zu finden; er sah mich fast täglich, und
bald hörte ich das Geständnis seiner Liebe von ihm. Ich hörte es ohne Entrüstung
- und ohne Vergnügen an. Ich schätzte den Markese; seine Unterhaltung war mir
von grossem Wert; doch Liebe fühlte ich nicht. Natürlich dass ich ihm dies sagte,
er aber schien es nur halb zu glauben. »O! Sie werden, Sie müssen mich lieben,
rief er feurig aus, meine Beharrlichkeit soll sie dazu zwingen. Die Natur will
mein Leben; ohne Liebe sterbe ich, und ich kann Niemand lieben, als Sie.« Was
ich auch gegen diese Behauptung einwandte, so konnte es ihn doch für den
Augenblick nicht überzeugen, und nur die Folge bewies zu seinem Schmerz, mit
welchem Recht ich widersprochen hatte. Doch gestehe ich Dir, dass ich mich selbst
oft im Stillen über die eigensinnige Unempfindlichkeit meines Herzens gegen
diesen liebenswürdigen Mann wundern musste. Das allgemeine Urteil nannte ihn
schön, ich selbst erkannte gern so viele Vorzüge in ihm an, und gleichwol fehlte
meiner Empfindung für ihn jener geheimnisvolle, harmonische Zug, ohne welchen
mir nun einmal jede Liebe gemein erschien. Unser Umgang, den Jedermann für ein
Liebesverständniss hielt, dauerte auf diese Weise fort, ohne dass unser
gegenseitiges Glück sehr dabei gewonnen hätte. Die Offenherzigkeit, mit der ich
meinem Freunde den Zustand meines Herzens mitteilte, schien ihn nur fester an
mich zu binden. Er zerriss, zu seinem Nachteil, manches andere Verhältnis, und
fuhr fort, mir mit einer hartnäckigen Anhänglichkeit ergeben zu sein. Albret
schien auf alles dies nicht zu merken, er beschränkte unsern Umgang nicht, und
legte durchaus keine Spur seines Missfallens an den Tag.
    Einst an einem schönen Abend war ich mit dem Markese im Garten, der unser
Haus umgab. Das laue, schmeichelnde Wehen der Lüfte, und die balsamischen
Gerüche, die aus tausend Blumen und Pflanzen stiegen, bewegten mein Herz auf
ungewohnte Weise. Was ich empfand, war nicht Erinnerung des Vergangenen; nicht
Genuss des Gegenwärtigen; es war eine Ahnung, ein Sehnen nach etwas Fernem,
Unnennbarem. Es schien mir, als müsste ich die ganze Welt mit Innigkeit, mit
Liebe umfassen; nur das Nahe, Gegenwärtige war mir fremd. Auch der Markese war
ungewöhnlich bewegt, jedoch von ganz andern Empfindungen, als ich. Wir gingen
schweigend neben einander durch die duftenden, halberhellten Alleeen. »Wenn Sie
nur liebten, rief er endlich, mit schmerzlichem Ausdruck, wenn auch nicht mich!
- Aber Sie lieben nicht, und werden ewig nicht glücklich sein! - O! der nagende
Schmerz, diese Blume, die schönste, welche je die Natur hervorbrachte, traurig
verblichen, an dem kalten Herzen eines Mannes vergehen zu sehen, der keinen Sinn
für ihre Vortrefflichkeit hat! - und o! fuhr er fort, indem er mir schmerzlich
die Hand drückte, dass eine Zeit kommen wird, wo Sie dies alles lebhafter, aber
vergebens, mit ewiger Reue empfinden werden!« - - Mich schauderte, indem er dies
sprach. Ich fühlte, dass eine Wahrheit in seinen Worten lag, die ach! nur zu sehr
mit meinen eignen Empfindungen zusammen traf. Meine Gedanken flogen weit hinweg;
überall fanden sie eine trostlose Leere, und kehrten quälender zurück. So, ohne
Gegenstand, verworren träumend, wusste ich es kaum, dass wir uns in einer Laube
niedergesetzt hatten, und dass der Markese mir zu Füssen gesunken war, und mich
mit einem Arm umschlungen hielt.
    In diesem Augenblick trat Albret vor uns. - Er fuhr betroffen zurück, doch
war er bald gefasst. »Gut, sagte er mit kaltem aber schneidendem Ton, ich habe es
erwartet.« Und hierauf, als wäre nichts geschehen, verschwand er in einen
Seitengang. Der Markese sprang auf, er drückte mich mit Heftigkeit an sich, dann
trennten wir uns stumm und beängstigt. Ich suchte Albret auf seinem Zimmer; ich
wünschte so sehnlich, ihm den wahren Zusammenhang dieser Scene entdecken zu
können. Er war nicht da, und als ich ihn am andern Morgen wieder sah, blickte er
mich so kalt und entfernend an, dass es unmöglich war, diese Scheidewand
hinwegzuschieben. Er war noch bei mir, als man uns die Nachricht brachte, der
Markese sei am vorigen Abend, nicht weit von unserm Garten, ermordet gefunden
worden. Todesschauer überfiel mich bei dieser Nachricht und ein grässlicher
Argwohn zuckte mir wie ein Dolchstich durch die Seele. O! Albret! rief ich mit
leichenblassem Gesicht, und bebender Stimme. Mein Mann heftete lange einen
festen Blick auf mich, und schien den schrecklichen Gedanken ohne grosse
Befremdung in meinem Auge zu lesen. Es lag etwas furchtbares in seinem Blick,
aber zugleich eine gewisse Hoheit, der ich nicht widerstehen konnte. Unsre
Abreise erfolgte bald darauf, und ich blieb in dieser schauderhaften
Ungewissheit, deren Quaalen nur durch die Veränderung der Gegenstände, und durch
den gänzlichen Mangel einer, jenen Verdacht bestärkenden, Bestätigung, gemildert
worden sind.
    Doch, frage Dich selbst, ob mir nicht, wenn ich darüber nachdenke, immer
noch Gründe genug zu ängstlichen, entfernenden Zweifeln gegen Albrets Carakter
übrig bleiben? - Was soll, was kann ich von diesem geheimnisvollen Wesen denken?
und ist nicht vielleicht diese erhabene, in allen Fällen sich gleichbleibende,
Fassung selbst ein Beweis, dass gewisse schreckliche Grundsätze ihm ganz zur
Natur geworden sind?
    Ich verlasse Dich, um mich zu zerstreuen, und diese Gedanken so viel als
möglich aus meiner Seele zu verbannen. Wollte ich ihnen nachhängen, so müsste ja
aller Frieden und aller Glauben an Menschlichkeit auf ewig daraus scheiden.
 
                                 Zweiter Brief
                                Eduard an Barton
Seitdem Du mich verlassen, mein Barton, habe ich schon oft den waldigen Hügel
erstiegen, wo ich zum letztenmal Deines vertrauten, freundschaftlichen Umgangs
genoss. Du warst damals in einer ungewöhnlich feierlichen Stimmung, und Dein Auge
schaute voll tiefer Rührung herunter in die heitere, weit um uns verbreitete
Welt. »Welches Leben, welche Wirksamkeit in der ganzen Natur! sagtest Du. Stete
Umschaffung, Verarbeitung, Veränderung, und eine Kraft, die immer bleibt; denn
nur das Bleibende kann sich verändern. Aber was sie ist, diese Kraft, welche die
Räder des Ganzen zusammen hält, dass kein Teil sich aus seinen Fugen
herausreissen darf, die den Geist mit Formen bekleidet, und das Aufgelösete, nach
Ruhe strebende, zu neuem Leben, neuer Tätigkeit zwingt? - Forsche nicht
darnach; nur das, was sich verändert, können wir wahrnehmen, und das Bleibende
erkennen wir, wie unser eignes Wesen, aus seinen Wirkungen. Ja, Eduard, fuhrst
Du fort, wir lernen unser inneres Leben immer deutlicher und schöner kennen, je
wirksamer wir in dem äussern sind. Lass uns dem grossen, guten All aufs innigste
angehören, und unser Selbst nur in dem Ganzen wiederfinden. Der Mensch fängt
damit an, Alles von Andern zu erwarten, und soll damit enden, Andern so viel er
kann zu gewähren. Es gibt eine Zeit, wo er sich unglücklich fühlt, wenn Andere
ihm nichts sein wollen, und wieder eine andere, wo es ihm Bedürfnis ist, der
Welt etwas zu sein. Du hast den Weg bis dahin natürlich und gut vollendet; ich
gebe Dich mit frohem Mut der Welt; und verlasse Dich, weil Du es wert bist,
allein zu stehen.« - Dieses, und noch manches andere fällt mir ein, so oft ich
den Hügel ersteige, und ich liebe diese Erinnerungen. - O! ich begreife wohl
Deine Absicht, Teurer! Du sahest meine Anhänglichkeit an Dich, meine feurige
Bewundrung Deiner seltnen Eigenschaften, und Du fürchtetest, meine
Eigentümlichkeit könnte bei diesen Empfindungen leiden, das Lebendige, Wahre in
mir könnte zu einer künstlichen, nachgeahmten Tugend herabsinken, die immer
unfruchtbar bleibt, so vortrefflich auch ihr Vorbild sein mag. Deshalb hättest
Du mich verlassen, auch wenn keine andre Geschäfte Deine Gegenwart verlangt
hätten. Aber Dein Bild wird nie aus meinen Gedanken weichen, und in den Stunden
des Unmuts, wie in Stunden der Weihe, wird es, wie ein freundlicher Genius,
tröstend oder teilnehmend vor meiner Seele schweben. Ja, Du hast mich der Welt
gegeben, ein heitres gutgebildetes Wesen, stehe ich vor ihr, und blicke mit Lust
in die weite, lebensvolle Sphäre hin, wo auch ich mit wirken soll und will.
Eindrücke aller Art strömen mit Macht an mein Herz, und ich brenne vor
Verlangen, dem Ganzen, durch Wort und Tat, das wieder zu geben, was es so
wohltuend in mir erweckte. Ich kann Dir nicht beschreiben, Barton, wie sehr
mich ein frohes Selbstgefühl zuweilen emporhebt, und glücklich macht. So war ich
am gestrigen Abend in einer Gesellschaft junger Männer, die sich versammelt
hatten, um fröhlich zu sein. Wir hatten Musik, tranken, und die herrschende Idee
eines Jeden mahlte sich bald lebendiger und stärker im freien Gespräch. Barton!
hier fühlte ich recht meinen Wert; ich fühlte mich voll Kraft, reich an
Erfindung eine ganze Welt zu beglücken, stark an Entschliessung, trotz allen
Verhältnissen, der Natur getreu zu leben. Ich sah um mich her - die meisten
schienen mir kraftlos, künstlich, verstimmt - nicht Einer, der sich zu meinen
Gefühlen hätte emporheben können. Mitleid und Stolz bestürmten mich
wechselsweise so sehr, dass ich es nicht aushalten konnte. Hinaus in die
freundliche Abendwelt lief ich, und an den einsamen Ufern des Stroms, wo nur die
Abendwinde mit geistigen Stimmen mich umsäuselten, fand ich mich inniger,
glücklicher wieder. Ich sank auf die Kniee und küsste die Blumen und die Erde, im
Gefühl einer namenlosen Liebe. - O! was sind alle Genüsse der Sinne gegen das
Entzücken eines solchen Augenblicks! - ein dumpfes, unterbrochenes Geräusch
störte meine Begeisterung. Es kam aus dem Wasser, und ich entdeckte bald durch
die Gesträuche etwas Lebendiges in dem Strom. Ein Knabe war es, der noch spät am
Ufer geangelt hatte, und unvorsichtig in die Flut hinabgegleitet war. Er
kämpfte noch matt gegen die Wellen. Ich sprang sogleich hinein, und brachte ihn,
ohne Gefahr, leicht und glücklich ans Ufer. Seine Besinnung kehrte nach einiger
Mühe bald zurück, und ich führte ihn zu seinen, um ihn besorgten, Aeltern, deren
Wohnung er mir beschrieb. Das Kind hatte ein bedeutendes Gesicht, und selbst die
Keckheit, womit er sich heimlich an den Fluss geschlichen hatte, gefiel mir; es
freute mich doppelt, ihn gerettet zu haben. Hierauf ging ich zurück an den
Strom, entkleidete mich, und tauchte von neuem in die lauen Fluten. Der
gewölbte Himmel mit Mond und allen leuchtenden Sternen stand in unermesslicher
Tiefe unter mir im Wasser. Ich durchkreuzte die Fluren des Himmels und verwirrte
der Sterne ewige Bahnen. Ueber mir, unter mir und in mir war Himmel.
    Ein einziges tut mir weh, Barton! dass sich mein Vater so lange von mir
trennt, dass ich in manchen Augenblicken nicht zu ihm eilen kann, zu ihm, dem ich
mein ganzes Glück verdanke, und dem mein Anblick gewiss belohnend sein müsste.
-Jetzt erst fange ich an zu begreifen, wie er auf mich gewirkt hat. In vielem,
wo ich sonst nur das planlose Spiel des Zufalls fand, ahne ich jetzt die
wohltätige Einwirkung eines vernünftigen heitern Geistes, der die Umstände
gerade so für mich zusammenreihte. Mein Vater hielt mir nie langweilige
Vorstellungen meiner Lebenspflichten, die nur den Verstand berühren und das Herz
unbewegt lassen; nur durch lebendige Eindrücke suchte er mich zu bilden, und so
blieb die Eigen-tümlichkeit und Freiheit meines Gemüts ungekränkt. Wenn ich in
die Zeiten meiner Kindheit zurückgehe, wie eine lachende Welt mich, von der
Wiege an, umfing, und alles einen Quell von Lebenslust in meine Brust senkte,
der wie ich hoffe, unversiegbar sein wird. - Selbst das Zimmer, worin ich lebte,
der erste Schauplatz meiner Erfahrungen und meiner Spiele, hat ein angenehmes
Bild von Harmonie und Fröhlichkeit in mir zurückgelassen, und ich weiss noch ganz
genau, welche Farben, welche Gemälde es zierten, welche Aussicht es gewährte.
Mein Auge gewöhnte sich an heitre, liebliche Formen, und mein kindisches Herz
war mit unsichtbarer Gewalt an das Schöne gebunden; ich unterliess das Schlechte,
nicht weil es böse, sondern weil es hässlich war. So ward die Sinnlichkeit zuerst
in mir gebildet, und mir eine Freundin an ihr erzogen, bis ich älter ward, und
mein Verstand erwachte. Von dem glücklichen Wahn erfüllt, dass man Alles lernen,
Alles begreifen könne, war ich unermüdet in Fragen, und vielleicht ward meine
Wissbegierde noch geflissentlich gereizt. So lernte ich Sprachen, Matematik,
Naturwissenschaft, Geschichte, mit immer neuer Lust und dankbarem Gefühl, und
der Baum der Erkenntnis trug mir nur süsse Früchte, bis ein reiferes Alter mir
durch das Gefühl meines beschränkten Wissens auch die bittern darreichte. Aber
jetzt brach ein neues Leben für mich an. Mein Vater, hiess es, müsste eine Reise
in verschiedene Gegenden Europa's tun, und ich sollte ihn begleiten. Das heitre
Bild menschlicher Tätigkeit wuchs vor meinen Augen immer mehr, wie der Raum um
mich her. Unter der Menge neuer, lebendiger Vorstellungen verlohr ich das
Andenken an mich selbst; meine erwachende Phantasie umgab die Natur mit einem
äterischen Schimmer; die Strahlen der Kunst berührten meine Seele mit heiliger
Ahnung, und eine Welt von neuen Gestalten bildete sich in meinem Busen aus. Ich
dachte nur so viel als gerade nötig war, um meine Genüsse schöner und an
ziehender zu machen, und so genoss ich Glücklicher! alle Freuden der Jugend, von
Phantasie, Gefühl und Geschmack zu Allem begleitet, und nur dann verloren sie
ihren Reiz für mich, wenn die Grazien sich von ihnen weggewandt hatten. - -
Freilich bin ich stolz geworden. Diesen Nacken hat noch kein Unglück gebeugt,
immer hat ein günstiger Zufall mir, wenn ich sorgen wollte, die Hand geboten,
und selten habe ich einen Wunsch verfehlt. Ja, ich traue mir Kraft genug zu, die
Gewährung meiner Wünsche, so hoch sie fliegen mögen, der Welt abzuzwingen, und
von dem Schicksal die Erfüllung meines Berufes zum Glück zu fordern. Aber
Barton, mein Gefühl ist lebendig und gut; es gibt Menschen, die ich hasse, aber
ich könnte sie dennoch beglücken, stände es in meiner Macht; und selbst die,
welche ich verachten muss, bedaure ich zugleich. Meine Leidenschaften sind
heftig, ich weiss es, aber sie brechen sich in sanfte Farben, wie Regentropfen im
Sonnenstral, vor dem allmächtigen Schönheitssinn, der mein ganzes Wesen
durchdringt und emporhebt. - Und ist nicht dieser Sinn, wenn wir frei genug
denken, ihn aufs Ganze zu verbreiten, das grösste, heiligste in uns? - wie weit
erhebt er uns über eine engherzige Sinnlichkeit! Diese zieht nur einen kleinen
Zirkel um uns, wählt wankelmütig bald dies, bald jenes, und selbst das höchste
Interesse, das sie an Andere binden kann, wird durch den Tod zerrissen. Aber
jenes Gefühl, dessen heilige Rührung durch die ganze Gattung gefühlt wird, durch
welches eine wahrhaft schöne Handlung, eine grosse Empfindung, die vor
Jahrhunderten verübt oder gefühlt ward, und auf unser persönliches Wohl oder Weh
keinen Einfluss hat, Tränen des reinsten Wohlgefallens in unser Auge lockt -
dies Gefühl entstand mit der Menschheit, erhielt sich und dauert fort.
    Du siehst, mein Lieber, dass ich Deine Auffoderung, Dir viel, und viel von
mir selbst zu schreiben, treulich in Erfüllung setze. Ich habe jetzt mehr als je
über mich nachgedacht, und ich hoffe, dies soll nicht ohne Nutzen gewesen sein.
Ja, Barton, ich erwarte viel von mir selbst. In dieser jugendlichen Freudigkeit
gedeihen gute Entschlüsse, und die Kräfte, die ich in mir fühle, sollen eine
wohltätige Erscheinung werden, und die Fackel der Tätigkeit auch in fremden
Gemütern anzünden. Das handelnde Leben, ohne welches die edelsten Gesinnungen
unfruchtbar bleiben, und alle Kraft des Gedankens verschwindet, reizt mein
Verlangen, und ich brenne vor Sehnsucht mein eignes Wesen, in Wort und Tat,
wieder zu finden.
    Leb wohl, mein Freund, und lass mich bald von Dir hören.
 
                                 Dritter Brief
                                Eduard an Barton
Liegt es in meiner gegenwärtigen Stimmung, oder ist es ein besondrer Reiz dieser
Gegend, was mir diese Stadt so angenehm macht, dass ich sie ungern verlassen
würde, auch dann, wenn mir der nähere Umgang des vortrefflichen Mannes, dem ich
empfohlen bin, nicht so viel wahren Vorteil gewährte, als er wirklich tut? -
Ich denke mir oft, hier sollte ich eigentlich geboren sein, und lebhaft sehnte
ich mich schon sonst in diese Gegend, gleichsam als wären Teile in mir, die
hier erst ihr wahres Vaterland finden würden. Und so viel ist gewiss - bin ich
gleich nicht unter dem Einfluss dieses schöneren südlichen Himmels geboren, so
wird doch vieles hier in mir erzeugt, was mir ein neues schöneres Dasein
gewährt. Ein unbeschreibliches glückliches Gefühl steht mit mir auf, winkt mir
ins Freie, belebt mir jede Ansicht. Blühende Mandelbäume, schmeichelnde Lüfte,
muntre Vögel, die in den zarten Schatten des sprossenden Gesträuchs frölich
umher hüpfen, alles, alles erhebt mein Herz mit freudiger Ahnung. Viele Stunden,
die nicht ernstere Beschäftigungen einnehmen, weihe ich der Musik. Die
Mitternacht findet mich oft im Genuss dieser bezauberten Welt, und kaum bin ich
des Morgens wach, so tragen mich die lockenden Töne bald wieder in ihr
geheimnisvolles Vaterland hin.
    Vor einigen Wochen ist Nanette Sensy hier angekommen. Sie hatte meine
Wohnung bald erfahren, und kam, anstatt mich zu sich rufen zu lassen, selbst zu
mir. Wir waren seit mehrern Jahren getrennt, und unser Wiedersehen war so
fröhlich, herzlich, so kindlich, als Du Dir nur denken magst. Erinnerungen an
das väterliche Haus, an unsere Jugendspiele, und ein lustiges Verwundern über
jede kleine Veränderung, die wir gegenseitig an uns bemerkten, erfüllten die
ersten Stunden, und seitdem vergeht kein Tag, wo wir nicht, allein oder in
Gesellschaft, zusammen sind. Ich finde sie sehr liebenswürdig, und es ist mir
herzlich wohl bei ihr. Sie ist jetzt Witwe und ist, wo möglich, noch heitrer,
mutwilliger, unbefangner geworden, als sie vor ihrer Verheiratung war. Es
leben hier in der Nähe mehrere ihrer Verwandten, und da ihr die Gegend gefällt,
so gedenkt sie lange hier zu bleiben.
    Gestern hatten wir ganz in der Frühe, noch mit einigen Andern, eine
Wallfahrt nach einem ziemlich fern gelegenen Dorfe getan, dessen Lage uns sehr
romantisch beschrieben wurde, und es auch wirklich war. Nanette war sehr
ermüdet, als wir zurückkamen und wollte die noch übrigen Stunden des Tages
allein sein. Ich hingegen fühlte mich noch sehr munter, und da der Abend schön
war, liess ich mein Pferd satteln und suchte das Freie. Sehnsucht nach
menschlichem Anblick lockte mich auf die Landstrasse, wo ich in jeden Wagen, der
mir begegnete, neugierig hinein sah und mich damit belustigte, aus dem Aussehen
der Reisenden auf ihren Stand, Gewerbe, Charakter und Vorhaben zu schliessen. In
dem letzten, den ich sah - denn für die folgenden hatte ich kein Auge mehr -
schlummerte in einer Ecke des Wagens eine unbeschreiblich schöne, weibliche
Gestalt. Du weisst, wie mich Schönheit, wenn und wo ich sie auch finde,
unwiderstehlich anzieht, - wie musste sie in diesem Moment auf mich wirken, da
sie mich so empfänglich gegen jeden Eindruck fand! - Ich wandte um, der Wagen
fuhr langsam, und ich hatte Zeit, sie ruhig zu betrachten. Der Schlaf goss eine
liebliche Unbestimmteit über die schönen Züge, in denen kein herrschender
Ausdruck sichtbar war, und mich dünkt, ein wahrhaft schönes Gesicht dürfe auch
nie einen andern Ausdruck haben, als den, einer reinen Harmonie, welchen es von
der Natur empfängt. - Die schöne Schläferin erwachte endlich, und nun fielen
meine Blicke auch auf ihre Begleitung, auf die ich zuvor gar nicht geachtet
hatte. Es war ein bejahrter Mann, mit einem sehr bedeutenden Gesicht, welches
wunderbar anziehend und zurückstossend war. Ein leichter Gram schien um die Augen
zu schweben, und flösste Teilnahme ein, doch ein kaltes verächtliches Lächeln
bewachte den Mund und zerstörte schnell jenen Eindruck wieder. Die Stirne zeigte
Hoheit und das Auge schien geübt, in fremden Seelen zu lesen. Ich sah bald dass
meine Blicke ihm lästig waren, und fühlte selbst das Unschickliche derselben.
Ich nahm nun einen andern Weg, und träumte noch viel über die beiden. Nie
schienen mir zwei Geschöpfe sich so unähnlich zu sein, wie diese, und der
Gedanke dass sie wohl auf irgend eine Art zusammen gehören möchten, machte mich
beinah traurig. Aber der holde Eindruck des Schönen beherrschte mich bald wieder
rein und ungeteilt. - Schönheit gleicht dem Genie; sie ist freie Gabe der
Götter, und als solche hat der Wille der Menschen keinen Teil daran. Was selbst
erworbner Reiz des Betragens langsam hervorbringt, ist bei ihr das Werk eines
Augenblicks: die angenehme Rührung, welche mein Herz bewegte, goss einen höhern
Reiz über die ganze Natur um mich her. Der Glanz der Abendsonne schien mit
überirdischer Klarheit auf den Baumwipfeln zu ruhen - der Rheinstrom und die
romantische Ferne, die einsamen Höhen und der frische duftige Wiesengrund mit
dem lebendigen Gewühl von Menschen und Tieren - das zarte Laub, das, kaum
entfaltet, freudig im Abendwind flüsterte.-Alles schien verklärt, harmonisch,
ahnungsvoll. - O! ich bin so glücklich, mein Freund! - Mein einziger Wunsch ist,
dass ich tausend Leben haben, tausend Formen beleben, alle Verhältnisse
durchirren, alle mögliche frohe Empfindungen fühlen könnte, und meine einzige
Sorge, dass irgend eine Fähigkeit ungeweckt in meiner Seele schlummern, irgend
eine Freude ungefühlt vor mir vorüber rauschen möchte!
 
                                 Vierter Brief
                                Amanda an Julien
Dein Brief hat mich angenehm gerührt. Du schilderst mir Deine Lage so
gefühlvoll, Du bist so harmonisch mit Dir und Deiner Welt, Deine folgsame
Phantasie führt Dich nicht über Deinen Kreis hinaus, und haucht nur ein
blühenderes Kolorit über die Bilder des gewöhnlichen Lebens. Wie glücklich bist
Du, meine Julie! - komm zu mir und lehre mich in meiner Lage zu sein, was Du in
der Deinigen bist. Dein Anblick wird die stillen Bilder unserer frühen Jugend an
Blumenketten der Erinnerung vor meine Seele führen, und meine gespannte Stimmung
wohltätig mildern. - Wenn wir uns allein fühlen, mag sich dann der lieblichste
Sonnenschein in goldnen Wellen über die Gegend ergiessen; ein gleichgültiger Tag
nach dem andern vergeht, und die Freude wird Wehmut für den, der sie nicht
teilen kann. Und ich bin allein! allein in der lebendigsten Natur, über deren
fröhlichste Bilder dies Gefühl einen schwermütigen Schleier zieht. Diese
duftenden Lauben wollen ein liebendes Gespräch, diese reizenden Irrgänge wollen
eine Bedeutung. - Ach! vielleicht trennt nur ein blühendes Gebüsch, ein leichter
Pfad den Gegenstand von mir, der es würdig wäre, meine Gefühle zu teilen!
vielleicht wandelt auch er allein, mit dem schönen, unbefriedigten Herzen,
erstaunt, die todte Natur so lebendig, und die lebendige Welt so todt zu finden!
Er weiss es nicht, dass die, welche einzig ihn verstehen kann, so nahe bei ihm
ist; er flieht das Glück, das er sucht - ein schadenfroher Dämon führt ihn ewig
bei mir vorbei!
    Du lächelst über meine Schwärmereien, Julie, aber lass mir sie, die allein
mir Bürge sind, dass ich noch glücklich sein kann. Glücklich ist der Mensch nur
in seinem Gefühl. Er kann zufrieden sein, mit sich, mit der Welt, durch
Vernunft, durch reine Würdigung der Dinge - aber jene göttlichen Momente, wo der
schöne Eindruck nur Bilder und keine Begriffe in uns erweckt, jene Augenblicke
voll Unendlichkeit die wir undeutlich nennen, weil die Sprache für sie zu arm
ist - diese liegen nur in unserm Gefühl. Zu lange, o! zu lange hat mein Sinn an
den Reizen einer zufälligen Umgebung gehangen, zu lange habe ich unter den
Freuden des Lebens mit kalter Ueberlegung gewählt, ich möchte nicht mehr wählen,
ich möchte hingerissen sein. Die Seligkeit, die in dem Tausch der Seelen, in dem
Gedanken liegt, die Welt in einem fremden Herzen schöner zu geniessen, diese süsse
Trunkenheit der Gefühle, warum versagt sie mir das Schicksal, nur mir allein? -
In früher Jugend stand das Bild eines solchen Glücks lebhaft vor meiner Seele;
Jahre lang schien es verschwunden zu sein, aber jetzt stellen Einsamkeit und
Phantasie es mir mit neuen Reizen dar. Soll ich sterben, ohne je geliebt zu
haben? und habe ich dies Glück nicht durch eigene Schuld verscherzt? - Wenn dies
so ist, Julie, so werde ich ewig über mein Geschick trauern müssen, ohne deshalb
unzufrieden mit mir selbst sein zu können, denn die Gründe meiner Handlungen
konnten irrig sein, aber unrecht waren sie nicht. - Damals als ich mit Albret
bekannt wurde, warst Du nicht bei mir, und ich glaube dass ich jene Tage mit
Recht für den Zeitpunkt halten kann, wo Du in Deinem ganzen Leben den wenigsten
Anteil an mir genommen hast. Es war unsre erste Trennung. Du reis'test mit
Deinem jungen, kaum zum Gatten gewordnen, Liebhaber nach Deinem neuen Wohnorte,
und natürlich dass Dir da im ersten süssen Rausch einer ganz aus Liebe geschlossnen
Verbindung, wohl wenig Zeit, an Deine Freundin zu denken, übrig blieb. Es hat
mir, die gerade in diesen Momenten fester an Dir hing, als je, manche Träne
gekostet; desto erfreulicher ist mir jetzt der Gedanke, dass eine Zuneigung,
welche dieser Klippe, der gefährlichsten, die weiblicher Freundschaft drohet, zu
trotzen wusste, auf der ganzen Reise des Lebens keinen Schiffbruch mehr zu
besorgen hat. Ich blieb allein, und bemerkte zum erstenmal, nicht ohne
Befremdung, dass unsre Denkungsart nichts weniger als gleichförmig sei. Ich
dachte mir Dich als unaussprechlich glücklich, und grämte mich recht sehr, dass
ich es auf Deinem Wege nicht sein und nie werden zu können glaubte. Ich hielt
Dich für besser, weil Du glücklicher warest, und glaubte fast, ich verdiene von
Dir vergessen zu sein. Unser gemeinschaftlicher Freund, der redliche Brenda,
besuchte mich oft, und suchte mir Deine Abwesenheit vergessen zu machen, aber es
wollte ihm nie recht gelingen. Er schien sich immer fester an mich zu ketten,
und auch ich glaubte Neigung für ihn zu fühlen, - vielleicht nur, weil Du mir
gesagt hattest, dass Du es wünschtest. Aber diese Neigung erfüllte mein Herz
nicht so sehr, dass darinnen nicht tausend Phantasieen noch Raum gefunden hätten.
Es war mir süss, wenn ich an die Zukunft dachte, wie Kinder bei halbgeschlossnen
Augen, eine Menge rosiger, goldner, verworrner Gestalten vor mir hinschweben zu
sehen. Ich konnte mir das Leben unmöglich wie einen geraden, offnen Weg denken,
wo man schon beim Eintritt das Ende übersehen kann; vielmehr liebte ich mir
einen, verschlungenen seltsamen Pfad voll romantischer Stellen und wechselnden
Lichts zu träumen. Unser Freund, das wusste ich, war für diese Ideen nicht
gestimmt, sie betrübten ihn sogar und verursachten manches Missverständnis
zwischen uns; demohngeachtet blieb er der einzige Gegenstand meiner jugendlichen
Anhänglichkeit. - Jetzt kam Albret in unsre Stadt. Sein erster Anblick machte
einen tiefen aber unangenehmen Eindruck auf mich. Zwar konnte er, obgleich nicht
mehr jung, mit allem Recht auf den Namen eines schönen Mannes Anspruch machen,
aber in seinen Zügen war etwas so zerstörtes, gewaltsames, willkührliches, das
allen den sanften fröhlichen Bildern, die ich mir von Liebe und Lebensgenuss
gezeichnet hatte, grausam Hohn zu sprechen schien. Mein Vater hatte viel
Geschäfte für ihn zu besorgen, er sagte mir, dass er ihn schon ehedem, auf Reisen
an verschiednen Orten kennen gelernt hätte, und hegte von seinem Charakter eine
eben so hohe Meinung, wie von seinen Reichtümern. Ich sah ihn oft, und lernte
ihn nie kennen; denn er hatte in seinem Wesen etwas so entfernendes,
willkührliches und planmässiges, dass es mir nicht möglich war, etwas anders, als
dass er unergründlich sei, von ihm zu wissen. Indessen übte die Reife seiner
Urteile, und die Sicherheit, der Gleichmut seines Betragens über meinen
Verstand eine stille Gewalt aus, ohne dass die Kluft, welche die Verschiedenheit
unserer Gefühle zwischen uns legte, dadurch ausgefüllt worden wäre. - In jener
Zeit sah ich meinen Vater von einer, mir unbekannten Unruhe gequält; sein
Betragen gegen mich ward weicher und zärtlicher als je, und wenn er mich
betrachtete, traten ihm oft die Tränen in die Augen. Einst kam er zu mir - ich
sehe es noch, wie er vor mir stand - die ganze ehrwürdige, alternde Gestalt,
Ausdruck des Kummers, und der schöne Zug reiner Güte in seinem Gesicht, mit
Rührung und Unruhe vermischt. - »Mein Kind, sagte er, Unglücksfälle haben unser
kleines Glück vernichtet; mein Vermögen ist verloren, und auch selbst dies
kleine Eigentum, worinnen wir bis jetzt frei und zufrieden lebten, müssen wir
verlassen. Ich zittre nicht für die wenigen Tage, die ich noch zu durchleben
habe, aber dein Schicksal bricht mir das Herz. Die Umstände vergönnten mir
nicht, dir eine Erziehung zu geben, welche die, in dir vielleicht schlummernden
Talente hätte gehörig entwickeln können, damit du jetzt in ihrer Ausbildung
Mittel zu einem leichten und anständigen Unterhalt finden möchtest. Aber du
lebtest bis jetzt in freien, sorgenlosen Verhältnissen, und dein eignes Wesen
ist mehr für Freiheit als Dienstschaft gemacht; du giebst lieber als du
empfängst, und du kannst nur glücklich sein, wenn es in deiner Macht steht,
glücklich zu machen. Was sollen dir diese Eigenschaften, die dein Schmuck sein
würden, wenn du reich wärest, in deiner nunmehrigen Lage? wie wirst du, armes
Kind, nun die Dienstbarkeit, das Eingeschränkte, Kümmerliche ertragen können?« -
Ich war betroffen, denn ich hatte, leichtgesinnt wie eine freie, unverkümmerte
Jugend immer ist, nie an die Quellen meines sorgenfreien Lebens und also auch
nie an ihre Versiechung gedacht, und fühlte jetzt mit Erröten, dass ich wirklich
sogleich kein Mittel wusste, die Sorge für meine Erhaltung selbst zu übernehmen.
Indessen kam mir das alles nicht so grausend vor, wie meinem Vater, und tröstend
sagte ich ihm: Nein! bester Vater, wir werden nicht ganz unglücklich sein! es
werden mir Mittel einfallen, ich werde Aussichten finden - - Es hat sich eine
gefunden, sprach er wieder, und wenn es dir möglich ist, dieser zu folgen, so
bittet dich dein Vater, tue es! Albret verlangt deine Hand; er wird dir ein
heitres, genussvolles Leben, deinem Vater ein sichres, sorgenfreies Auskommen
verschaffen. Du wirst von Einem Menschen abhängen, aber in übrigen frei sein.
Bedenke, wie selten Liebe allein eine ehliche Verbindung schliesst, wie selten
vorzüglich ein Weib in ihrer abhängigen Lage darauf Anspruch machen kann!
bedenke, dass du Bedürfnisse und Wünsche hast, welche ein freies, nicht von
ängstlichen Sorgen bekümmertes Leben verlangen, und dass jene Freiheit, welche
uns in den Stand setzt, den äussern Verhältnissen, mehr und mehr eine
selbstbeliebige Form zu geben, am leichtesten durch Reichtum erreicht wird. Ich
verlasse dich jetzt; aber Albret verlangt schnelle und entscheidende Antwort;
bedenke dass die Ruhe deines Vaters davon abhängt.
    Und so, Julie - denn mein Herz wiederstand dem bittenden Vater nicht, und
ich hielt es für verdienstlich das dunkle, traurige Gesicht zu überwinden,
welches mich von dieser Verbindung zurückzuziehen schien - ward ich in wenig
Tagen Albrets Gattin, denn er verlangte die schnelle Vollziehung unsrer
Verbindung mit einem Eifer, den ich für wahre herzliche Liebe zu mir nahm. -
Ach! dies war es nicht! ganz andre Wünsche, andre Zwecke fesselten ihn an ferne,
mir unbekannte Gegenstände und zogen ihn in andre Gegenden, und unsre
Verheiratung ward nur darum so beschleunigt, damit er sogleich nach seinen, bei
Florenz gelegnen Gütern reisen konnte, wohin ihn ein heftiges Verlangen trieb.
Die allen meinen Wünschen zuvorkommende Artigkeit meines Gatten, tröstete mich
anfangs über den Mangel an Vertrauen und Herzlichkeit, welchen ich nur allzubald
fühlte, und ich schmeichelte mir mit der Hoffnung, ihm durch mein Betragen sein
Zutrauen abzugewinnen und selbst an seinem Wesen, vielleicht manches umändern zu
können - und erst dann, als ich wahrgenommen, dass er mich zu wenig achtete, um
mir seine Geheimnisse mitzuteilen, ja, dass er mich oft als Mittel zu mir
unbekannter Absichten brauchte, ist diese Hoffnung gänzlich von mir gewichen.
Bald nach unsrer Trauung ward mein Vater gefährlich krank, und ich bemerkte mit
tiefem Schmerz, dass Albrets Bekümmernis, mehr dem Verdruss, unsre Reise verzögert
zu sehn, als dem Anteil an dem geliebten Alten zuzuschreiben war.
    Er starb, der zärtlichste der Väter, dem in der liebenden Brust seines
Kindes, ein stilles aber unvergängliches Denkmal seiner Herzensgüte und seiner
Liebe zurückgeblieben ist. - Mit aller Mühe konnte ich Albrets Einwilligung zu
einer Reise zu Dir nicht erlangen, und nur dass er selbst sich gezwungen sah,
noch einige notwendige Geschäfte abzutun, bestimmten ihn endlich dazu. Da kam
ich zu Dir, meine Julie, mit allen meinen Leiden, meinen Sorgen, meinem Wahn und
meinen Hoffnungen. Unsre Herzen fanden sich bald wieder; Deine heitre Stimmung
teilte sich mir unvermerkt wieder mit, und Deine ruhige Vorstellungsweise half
mir an meiner Lage manche neue, angenehme Seite entdecken. Doch gestehe ich Dir
auch, Julie, dass ich Dich oft beneidete, wenn ich Dich traulich an der Seite
eines Mannes sah, mit dem Dich nur Neigung verbunden hatte. Eure Torheiten
kamen mir zuweilen belachenswert vor, ich schalt Dich damals oft, wegen Deiner
gänzlichen Hingebung, der sorglosen Nachlässigkeit Deines Betragens, aber ich
fand Dich glücklich. In euren kleinen Zänkereien selbst, die oft entstanden,
weil ihr euch einander ganz ohne allen Schein, alle Verstellung zeigtet, lag
etwas, das mit gefiel. Die Erinnerung an eure Liebe vereinigte euch bald von
neuem, und die stille Harmonie eurer Herzen hielt das Band fest, das Leichtsinn
und Laune umsonst zu zerreissen drohten. Vielleicht verschönerte sich Dein Glück
in meiner Phantasie, aber ich gestehe dies, so oft ich daran dachte, ward ich
traurig, und fühlte es mit schmerzlicher Lebhaftigkeit, dass Harmonie sich nicht
erkünsteln lässt.
    Diese bei Dir verlebte Zeit hatte mir jedoch dazu verholfen, dass ich die
Reise nach Florenz nun mit neuem Mut und neuer Lebenslust antreten konnte. Der
Schmerz über den Verlust meines Vaters war gemildert; vorige Träume und Wünsche
kehrten zurück, und die Phantasie stellte meinem neu auflebenden, ahnungsvollen
Herzen in die Ferne manches reizende Gemälde hin. Mit Vergnügen erinnere ich
mich noch jetzt der ersten Tage unsrer Reise. Der volle Farbenschimmer des
Herbstes war über die Gegend verbreitet, kleine Büsche wallten goldnen Locken
ähnlich, die Hügel hinab; weisse Gewebe flogen über den Boden, und der Himmel
war in zarte silberne Dünste gehüllt. Nie bin ich heitrer gewesen, als da, habe
nie freier, jugendlicher gefühlt, nie der Tage, die mich erwarteten, mit
froherer Zuversicht entgegen gesehn. An den Gedanken, die Welt zu sehen, knüpfte
sich alles, was Phantasie, Hang zum Vergnügen und Verlangen nach reiferen
Begriffen sich nur wunderbares, liebliches und belehrendes zu denken vermögen.
    Doch so blieb es nicht lange. Ich dachte oft an Dich, meine gute Julie, und
nie hab' ich Dich schmerzlicher vermisst, nie hat mir ein teilnehmendes Herz so
sehr gefehlt, als wenn wir durch neue bezaubernde Gegenden kamen - Gegenden, bei
denen ich, obgleich an die liebliche Hoheit meiner vaterländischen Ansichten
gewöhnt, in ein tiefes, wonnevolles Staunen geriet - und Albret bei allem ganz
kalt blieb, und meine Entzückungen beinah verächtlich belächelte. Immer schien
sein Sinn mit Ungeduld in die Zukunft zu streben; die meiste Zeit war er still
und in sich gekehrt, und nie ging ihm die Reise schnell genug. Ich suchte alles
hervor, was mich über sein Betragen trösten konnte, und gewiss habe ich viele
frohe, sehr frohe Momente gehabt. Viel jugendliche Träume, viel Wünsche sind mir
erfüllt worden, ich war oft glücklich, nur mein Herz war nie hingerissen, nie
befriedigt! Und Julie! sollte ich vielleicht diesen Träumen nicht einmal
nachhängen? - aber warum erinnert mich denn Alles daran, dass Liebe das höchste
Glück des Lebens ist, warum muss ich allentalben sehn, wie sie die niedrigste
Lage veredeln, und der Dürftigkeit und Abgeschiedenheit selbst ein zauberisches,
beneidenswertes Ansehen leiht? - Meine Fenster gehen auf der einen Seite in
einen benachbarten Garten, den ein Gärtner mit ein paar jungen Töchtern bewohnt.
Die Welt wird wohl nie ihren Namen nennen, niemand als die nächsten Nachbarn
kennen sie, ihr Anzug, ihre Beschäftigungen verraten ihren Mangel an allen
Gütern des Glücks, aber die Liebe hat sich ihrer angenommen. Bei frühem Morgen,
wenn noch alles schläft, schleicht die eine von ihnen an die Planke, und öfnet
leise die Türe. Unruhig erwartend geht sie auf und ab, und fährt bei jedem
Geräusch zusammen, das der Morgenwind an der halbofnen Türe macht. Bald
erscheint ein junger wohlgebildeter Mann, sie hüpft ihm entgegen - sie sind so
jugendlich, so froh, und sie geniesst in diesen Augenblicken die reichste
Entschädigung für alles, was ihr die Laune des Glücks versagte! ich gestehe Dir,
dass ich ihre frohen Unterhaltungen schon öfter mit dem höchsten Interesse
belauscht habe - doch hinter der Jalousie, damit mein Anblick ihre Freude nicht
störte.
 
                                 Fünfter Brief
                                Amanda an Julien
Dies kleine, niedliche Städtchen gefällt mir mit jedem Tage mehr. Das ruhige
Leben welches ich hier führe, lässt mich meinen Träumen ungestört nachhängen, und
mildert manches traurige Bild, das sich mir, als ich im Geräusch lebte, sehr
oft, mit schreienden Farben und bitterm Contrast unerwartet darstellte. Hier ist
alles was mich umgibt, Luft, Gegend, Frühling, in ein weiches Colorit getaucht,
und unvermerkt verschmelzen hier auch die Bilder meiner Gedanken, traurige und
fröhliche, in ein mildes, übereinstimmendes Ganze. Könnte ich nur diese
Sehnsucht nach einem verwandten Wesen, nach jener, vielleicht nur erträumten
Seelenharmonie, die mich jetzt oft lebhafter als je ergreift, könnte ich nur
diese vergessen, so würde ich ganz glücklich sein. Ich seh' es ein, dass mir so
vieles ward von dem, was die Wünsche des Menschen reizt. In der Blüte der
Jahre, in der vollen Kraft der Gesundheit gewährte mir ein günstiges Schicksal
so manche fröhliche Genüsse, schöne Beziehungen des Lebens, die Andre unter
ewigen Wünschen, unter Sorgen und Gram erst spät, viele nie erreichen. Frei und
ohne mein Sorgen bieten sich mir alle Mittel dar, das Leben zu geniessen, warum
fehlt mir doch oft der Sinn dafür? Warum fliegen alle meine Wünsche
unauf-haltbar dem Einen nach, was mir fehlt, da mich das Mannigfaltige, was ich
besitze, genug beschäftigen könnte? - Ja, ich will allein sein, meine Julie! -
ist es denn so unmöglich, dass ein Weib sich selbst genug sein kann? - sind unsre
Herzen durchaus dazu geschaffen, in einem einzigen Gefühl die ganze Welt zu
geniessen, und warum sollten wir dies Gefühl nicht über die ganze Welt verbreiten
können? - Wenn ich die Liebe, die ich ungeteilt im Herzen verschliesse, auf
viele Gegenstände übertrage, wenn ich einzeln und zerstreut die schönen Blumen
breche, die das Schicksal nun einmal nicht für mich in einen Straus
zusammenband, werde ich da nicht glücklich sein?
    Ich habe, seitdem ich mich in dieser Stimmung zu erhalten suche, schon viele
frohe Augenblicke gehabt. Kaum sind es einige Wochen, seit ich hier bin, und
dennoch seh' ich mich bereits mit einer Innigkeit geliebt, die mir nichts mehr
zu wünschen übrig lässt. Mein Liebhaber ist ein wunderliches Geschöpf, das jede
Stimmung willig von mir annimmt und sich ganz davon beherrschen lässt, ohne sich
im geringsten darum zu bekümmern, ob er mich dagegen auch beherrscht, und ohne
deshalb von seiner Originalität zu verlieren, der, ob er gleich das sinnlichste
Wesen von der Welt ist, bei stundenlangem Alleinsein, auch die Eifersucht selbst
nicht zum leisesten Missvergnügen reizen würde, der mich ungestört meinen Launen
nachhängen lässt und mich nie um meine Geheimnisse fragt. - Willst Du diesen
seltnen Liebhaber, ohne Herrschsucht, voll Unschuld und Bescheidenheit näher
kennen lernen, so sage ich Dir, dass es ein kleiner, sieben oder achtjähriger
Knabe ist, der meiner Wirtin angehört. Das Kind hat etwas edles, bedeutendes in
seinem Wesen, das ich unbeschreiblich anziehend finde. In den ersten Tagen
meines Hierseins traf ich ihn meist auf der Hausflur, wo er mit einem zahmen
Vogel spielte, den er immer mit sich herum trug, und ausserordentlich zu lieben
schien. Lange konnte ich ihm keine Rede abgewinnen, und nur dadurch, dass ich
seinem kleinen Liebling alle Tage eine Handvoll Körner brachte, und auf ihn gar
nicht zu achten schien, erwarb ich mir sein Zutrauen. Seitdem bringt er den
grössten Teil des Tages bei mir zu, und die Aussicht etwas zur Verschönerung
seines innern und äussern Lebens beitragen zu können, ist mir unbeschreiblich
angenehm. - Ach! warum kann Albret dies Vergnügen nicht teilen! wie unglücklich
ist das Herz, das sich so unschuldigen Gefühlen nicht hin zu geben wagt! Albret
traf den Kleinen auf meinem Zimmer, und sein liebenswürdiges Wesen schien auch
seine Aufmerksamkeit zu erregen. Er betrachtete ihn - beinah wohlwollend,
spielte mit ihm - ja er war, wie ich ihn noch nie gesehen. Aber unerwartet
schien ein schneller Unwille gegen das Kind in ihm rege zu werden; er bat mich,
ihn zu entfernen, wunderte sich über meine Gedult mit dem unartigen Knaben, und
sagte so viel Hartes und unfreundliches über ihn, dass Wilhelm - so heisst der
Kleine - scheu aus dem Zimmer sprang. Ist diese, so oft hervorbrechende
Bitterkeit Werk der Natur, oder ist sie das Symptom eines vom Schicksal oder
Menschen tief gekränkten Herzens?-O! dass ich das letzte glauben dürfte, wie gern
wollte ich teilen, was auf diesem Herzen lastete! - Aber umsonst suche ich mir
sein Vertrauen zu erwerben; er verschmäht den Anteil, den ihm jetzt freilich
nur mein Blick noch zu zeigen wagt!
    Aber wie mild doch jede Naturscene die Seele zu stimmen, und über das harte
Gemälde des Menschenlebens ein weiches, geistiges Colorit zu hauchen vermag! -
ich stand am Fenster, und meine Blicke tauchten sich träumend in die nächtliche
Gegend hin. Ueber den Bergen erhob sich ein wankender Schein, der sich immer
weiter und weiter verbreitete. Das Schweigen der Lüfte, die feierliche Erwartung
der Natur, des Himmels wachsender Glanz, verkündete die nahende Erscheinung
einer Gotteit. - Und nun stieg sie herauf, im Glanz gehüllt, die Beherrscherin
der Nacht, und ein silbernes Licht strömte aus ihren Augen über die dunkle Erde
hin. In Träume aufgelösst, und von dem langen Wiegenlied der Grillen in tiefe
Selbstvergessenheit gesungen, sah ich dem leichten Tanz der Wolken um unsern
Erdkreis zu, und überliess mich ganz dem Genuss einer unbestimmten, ahnungsvollen,
freundlichen Schwärmerei, die eigentlich nur das Eigentum der frühen Jugend
ist. O! wer sollte nicht wünschen, dass es möglich wäre, in diesem Blütenraum
der Jugend, wo die Zukunft wie ein Feenland vor uns liegt, und ein ewiges
Morgenrot der Hoffnung unsre Aussicht bekränzt, das ganze flüchtige Leben
wegträumen zu können? Warum treibt der scharfe Hauch der Zeit uns so schnell aus
diesen Blumentälern hinweg, wohin kein Weg zurückführt? - Die Fähigkeit zu
allen süssen, allen traurigen Empfindungen ruht in der Kindheit noch unentwickelt
in dem kleinen Herzen, und es empfindet da bei der einfachsten Veranlassung noch
ungeteilt, alles, was es jemals, verteilt, bei den mannigfaltigsten Eindrücken
zu fühlen vermag. Jedes Bild tritt neu und ungetrübt vor die jugendliche
Phantasie, und der lebendige Eindruck ergiesst sich mit sanfter Gewalt durch alle
Saiten des erwachenden Gefühls. Deshalb umfasst es die kleine Welt, die es
umgibt, mit einer Innigkeit, die sich nicht durch Worte ausdrücken kann. Die
liebliche Magie der Unerfahrenheit überwebt Ursprung und Ende jeder schönen
Empfindung wie mit einer Wolke, dass sie auf einmal in ihrer ganzen Fülle
dasteht, unbegreiflich und mächtig wie das Erscheinen einer Gotteit. Dies alles
verschwindet, wenn der reifer gewordne Verstand, nun heller um sich schaut, und
den leisen Gang der Eindrücke die das Saitenspiel des Herzens bewegen, zu
verfolgen vermag. - Aber, Julie, gibt es keine Zeit im Leben, wo diese
jugendliche Begeisterung in ihrer ganzen Stärke und Einheit, nur noch inniger,
schöner, heiliger zurückkehrt? und welche Zeit kann dies anders sein, als die,
wo wir lieben? - O! Julie, dies Bild wird ewig, wie ein verlornes Paradies, vor
meiner Seele schweben!
    Ich habe bis jetzt wenig gelesen; in frühen Jahren lernte ich nur wenige,
meist unterrichtende Bücher kennen, und Bücher zärtlichen Inhalts blieben mir
fast ganz fremd. - Jetzt lese ich, unter andern, für mich neue Schriften, auch
zum erstenmal Rouseau' s Briefe zweier Liebenden. Was ich empfinde bei manchem
von Juliens Briefen - denn nur sie, sie nur liebt, nicht St. Preux - vermag ich
nicht, Dir zu beschreiben. So, denke ich, könnte ich auch lieben, und seufze
über das Geschick, das mir Alles gab, ausser dem Einen und in dem Einen mir
alles versagte.
 
                                 Sechster Brief
                                Eduard an Barton
Nicht immer, mein Freund, fühle ich mich so glücklich als an dem Tage wo ich Dir
zuletzt schrieb. Unruhe überfällt mich zuweilen, und treibt mich rastlos umher.
Vergebens rauschen die muntern Freuden des Lebens dann an mir vorüber; ihr
schmeichelnder Fittig weckt die Sehnsucht meines Herzes nicht. Und doch ist die
jugendliche Glut des Geistes nicht im mindesten erloschen; vielmehr umfasse ich
die Gegenstände stärker, inniger, obgleich seltner. Oft dünkt es mich, als
fehlte mir ein hellerer Aufblick in die eigentliche Oeconomie des Lebens, und
das Gemälde menschlicher Wünsche und Handlungen wirkt in gewissen Augenblicken
verworren und drückend auf meinen Geist. Es ist mir, als stünde ich noch unter
den Uneingeweihten, als fehlte mir noch das Wort, der Aufschluss, die mir das
Rätsel des Lebens und der Welt erklären sollten. Sehe ich dann einen Mann, mit
verständigem, bestimmten Gesicht, wo Leidenschaften geherrscht, aber nicht
verwüstet haben, der das freie Spiel der Unterhaltung nicht mit seinen Ideen
gewaltsam beherrschen will, sondern es geschickt, und wie wir gern es mögen, zu
lenken weis; so fühl' ich mich sanft zu ihm hingezogen, und möcht' ihn bitten:
»o Du! der Du die geheimen Irrgänge des Herzens beobachtetest und selbst
durchwandeltest, ihre Erscheinungen auf dem grossen Schauplatz des tätigen
Lebens zu erkennen und zu würdigen weisst, o schliesse den Reichtum Deiner
Erfahrungen vor mir auf, und befriedige meine ungeduldige Sehnsucht!« - denn was
kann wohl schöner sein, Barton, als in dem vorüberrauschenden Strom des Lebens,
wo so viele nur ein wildes Spiel der Wogen sehen, eine hohe Harmonie zu
vernehmen, und mit geläuterten Sinnen die schönen Töne des Gefühls zu
unterscheiden, die aus dem todten Stoff der Umstände lebendig hervorquellen? Wer
dies vermag, dem kann es dann auch gelingen, die bunten Gaukeleien des Zufalls
nach seinem Gefallen zu ordnen, und dem verwornen Stoff eine bestimmte Form zu
geben. Mit schöpferrischer Hand drückt er selbst der todten Natur Spuren eines
freien, denkenden Wesens ein, und in Stunden ernster Begeisterung gehen die
ewigen Zwecke des Lebens fasslich und rein seiner Seele vorüber.
    Meine Hoffnung ist auf die Zeit gerichtet, wo mein Vater seine, mir zum
Teil noch unbekannte Pläne mit mir, ausführen will, auf die Zeit, wo mich
vielleicht eine andere Hemisphäre aufnehmen und mit ihren Wundern erfreuen wird.
Diese Idee, die ich freilich nur ahne, ist meine Geliebte, die mich durch ihr
zauberisches Halbdunkel unaufhörlich reizt, und anzieht; und ich bitte Dich,
mein Freund, wenn Du etwas beitragen kannst, mich diesem Ziel näher zu bringen,
so tue es, und mache Deinen Eduard sobald als möglich glücklich.
    Ich komme eben von einem weiten Spaziergang zurück, und weihe Dir noch die
letzten Augenblicke dieses Tages. - Neues Leben regt sich durch die Natur; ein
frisches Grün breitet sich über den Grund, die Bäume schwellen von junger
Lebenskraft. Mit welcher Lust sah ich, als ich die bekannten Höhen hinaufstieg,
den Raum unter mir, immer mehr an Leben und Mannigfaltigkeit gewinnen! - Wäre es
doch möglich, dachte ich, so immer höher zu steigen, und dann, in heiliger
Einsamkeit, die ganze Erde, ihren einfachen Gesetzen gemäss, dahin wandeln zu
sehen, dann immer weiter den unersättlichen Durst nach Wissen zu folgen, und den
Sonnen und Sternen ihre ewigen Geheimnisse abzulauschen! - Ach! dass es einen
Punkt gibt, wo alles in Nebel verschwindet, wo der Blick des menschlichen
Auges, des äussern und innern, traurig an der Gränze haftet, welche eine
unbegreifliche Macht seiner durstigen Wissbegier vorschob! - Hier, wo sonst alles
in der Natur den Zweck erreichen kann, zu dem seine innern Kräfte es bestimmen,
wo alles in friedlicher Notwendigkeit die beschriebene Bahn durchläuft, wo für
jedes Bedürfnis des sichern Instinkts gesorgt ist; was soll hier des Menschen
freier, unauslöschlicher Durst, nach Wissen, der nie befriedigt wird, und ihn
gleichwol zwingt, lieber, ewig unbefriedigt, vor der geheimnisvollen lezten
Ursache alles Lebens, aller Wirkung stehen zu bleiben, ehe er, mit den
Erscheinungen zufrieden, ruhig den kurzen Traum des Erdenlebens geniesst? - Und
doch, mein Barton, wäre der Streit über unser eignes Wesen entschieden, der
geheimnisvolle Schleier der Natur zerrissen; so wäre ein Stillstand aller
Tätigkeit, alles Strebens in uns. Ewig müssen wir suchen, indes ein jeder das
Geheimnis seines Wesens und seiner Hoffnungen, unerkannt und ahnungsvoll in
seinem eigenen Busen trägt. Lebe wohl. Morgen reise ich nach dem Landgut des
Herrn von W * *, wo er eine vorzügliche Sammlung phisikalischer Instrumente
aufbewahrt, und wo ich mir für meinen Geist reichlichen Genuss verschaffen darf.
 
                                Siebenter Brief
                                Amanda an Julien
Ein guter Genius hat mir seit einigen Wochen die angenehmste Gefährtin zugeführt
- und dass ich Dir so lange nicht schrieb, ist wohl der stärkste Beweis, wie
anziehend sie mich beschäftigt. Sie ist ein leichtes zierliches Wesen, das
gleich den Schmetterlingen nur auf Blumen verweilt, und ohne sich zu verletzen,
den Dornen des Lebens vorüber flattert; eine immer fröhliche Laune, und das
glücklichste Talent, allentalben das Angenehme leicht und sicher
herauszufinden, scheint sie in jede Lage zu begleiten. Ein solcher Umgang ist
gewiss ein grosser Schatz für Menschen, die, gleich mir, noch unruhig und
strebend, oft das Gute verschmähen, weil sie nach dem Vollkommenen schmachten. -
Nanette Sensy - dies ist der Name meiner neuen Freundin - lebte nur wenige Tage
in der Ehe, die bloss Convenienz geschlossen hatte, und ist jetzt Wittwe. Der
Wunsch, einige vormalige Bekannte wieder zu sehen, führte sie hieher ins Bad, wo
es ihr nun sehr zu gefallen scheint. Ich sah sie zum erstenmal auf einem Ball.
Wir waren beide fremd, hatten uns durch ein Spiel des Zufalls auf gleiche Art
gekleidet, fanden, dass wir in der Gestalt viel Aehnliches hatten, und dies alles
- Du weist, dass solche kleine Umstände oft ein Band knüpfen können - beredete
uns, dass wir einander mehr als den Uebrigen angehörten. Sie kam mir mit der
angenehmsten Art von der Welt entgegen, und zeigte in Allem was sie sagte und
tat, etwas so unbefangenes und dabei so vollendetes, dass ich gleich sehr
lebhaft für sie eingenommen ward, und ihren Umgang eifrig zu suchen beschloss.
Seitdem sehen wir uns täglich, und sie hat mich dazu vermogt, - was ich bis
jetzt nicht habe tun mögen, - unter der, hier immer mehr anströmenden Menge von
Fremden mehrere Bekanntschaften zu machen, und an ihrer Seite herum zu
schwärmen. Aber die liebsten Stunden, sind mir die, welche ich mit Nanetten
allein zubringe. Es gibt so vieles aus unserm vergangnen Leben, was wir uns
gern mitteilen mögen, und Nanette hat eine so harmlose, leichte Art, die Dinge
zu betrachten, dass ich, seit diese Silphide mich umgaukelt, meine jugendliche
Heiterkeit ganz zurückkehren fühle. Wie sehr können zwei weibliche Wesen sich
gegenseitig beglücken, bei ihrer zarten Empfindung, dem leisen Erraten, der
schnellen, reizbaren Phantasie, die ihnen eigen ist, wenn sie nur standhaft alle
Eifersucht von sich entfernt zu halten wissen! - Da wir häufig das Freie suchen,
so haben wir die Gegend umher schon ziemlich genau kennen lernen, und wir sind
bei unsern kleinen Ausflügen stets äusserst froh. Ueberlass ich mich in manchen
Augenblicken zu sehr den Lockungen einer schwermütigen Träumerei, so weiss sie
meine Blicke immer sehr glücklich auf die angenehmen Seiten meines Lebens zu
lenken, oder sie neckt mich auch wohl, und zerstreut mich, indem sie mit Laune
und Feinheit, meine Empfindlichkeit rege macht. Eine Scene, die gestern vorfiel,
muss ich Dir schildern, denn ich weiss, Du liebst das idyllenhafte - und der ganze
Tag ist wohl einer Beschreibung wert. Es war ein liebliches Wetter; die Luft
atmete so warm, so wohltuend, dass Alles ihren Einfluss fühlte. Meine
Gärtnermädchen sangen mit frühem Morgen, Frühlingslieder, und selbst ein paar
wilde, junge Menschen, die nicht weit von mir wohnen, waren aus ihrer
Fühllosigkeit erwacht, und stimmtem ihre rauhen Töne zu sanften Gesängen um. Wir
fühlten uns ungewöhnlich heiter, und Nanette schlug vor, die Familie eines
Pächters zu besuchen, die sie auf ihrer Reise zufälligerweise hatte kennen
lernen, und die in einer vorzüglich schönen, selten besuchten Gegend wohnen
sollte. Bald war alles in Ordnung; wir nahmen Wilhelm mit uns, und es war uns
dreien recht herzlich wohl. Wir fuhren seitwärts durch die Gebirge in ein
freundliches Tal; die waldigen Höhen wichen immer mehr zurück, und bekränzten
zuletzt nur noch in weiter Entfernung die lieblichste Ebene, die je dem Auge
gelacht. Eine Menge zierlicher Dörfer sahen munter und anmutsvoll aus ihren
blühenden Gärten hervor; weite Saatfelder säuselten in grünen Wogen vorüber,
trauliche Gruppen von Bäumen bekränzten kleine spiegelhelle Seen, oder wölbten
sich über schnelle, lautmurmelnde Bäche. Wir freuten uns der mahlerischen
Krümmungen, an denen uns unser Weg durch viele Dörfer und Büsche führte, und
priesen die Reise durchs Leben, welche eben so sanft abweichend und abwechselnd
zum Ziele führt. Es war Mittag als wir ankamen; ich fand, ein schönes,
reinliches Landhaus, worinnen alles Ordnung, Betriebsamkeit und Fröhlichkeit
atmete, und eine schlanke, weibliche Gestalt, mit Vergissmeinnichtaugen uns
zuerst bewillkommte. Sie sagte uns bald, unaufgefodert, dass sie die Braut eines
von den Söhnen des Hauses sei, mit dem sie in wenig Tagen getraut werden würde.
Sie schien sich schon ganz als ein Mitglied der Familie zu betrachten, auf
nichts bedacht zu sein, als alle Geschäfte in dem Sinn derselben zu verrichten,
und ihr ganzes Wesen zeigte den Ausdruck einer muntern, ruhigen Aufmerksamkeit.
Bald kamen auch die Uebrigen herbei, die durch unsern Besuch überrascht, aber
nicht im mindesten verlegen waren. Es war eine sehr zahlreiche Familie von sehr
verschiedenem Alter und Ansehen; alle schienen mit ihrer Lage zufrieden, und die
Reden der Alten waren so vollwichtig und gediegen, wie die schweren, silbernen
Löffel, die uns an der wohlbesetzten Tafel gereicht wurden. Nach Tische giengen
wir in den Garten, der etwas erhöht, die Aussicht über das ganze Dorf gewährte.
Eine warme, fühlbare Luft trug uns auf ihren schmeichelnden Flügeln die würzigen
Düfte tausend blühender Pflanzen und Bäume entgegen. Mein Herz bebte in
wunderbarer Rührung, von Vergnügen und Wünschen geteilt. Hier der trauliche
Schatten, hoher, wehender Bäume, der sichtbar Kühlung verbreitete - dort das
blühende, fröhliche Weib, das sorgenlos spielend mit ihrem Kind auf dem Arm, in
der kleinen Tür stand - die hohe Linde am Kirchhof, die ihre Schatten und
Blätter friedlich über die Grabhügel streute - mit ihrem Korbe voll Klee die
muntre Dirne, die mit raschem Gang durch die sonnige Wiese schritt - alles dies
gab mir ein Bild von Unabhängigkeit und Ruhe, von heiterm, schuldlosen
Lebensgenuss, und natürlicher, leichter Erfüllung aller menschlichen Pflichten,
das mich innig rührte. Sind nicht, dachte ich, diese ruhigen, phantasielosen
Menschen, mit ihrer heitern Luft und ihrem heitern Herzen, ihrem eingeschränkten
Wissen, und ihrem eingeschränkten Wünschen, glücklicher und näher der Natur, als
wir, die sie verbessern, um uns im Gebiet der Einbildung unendliche Freuden aber
auch unendliche Qualen zu holen, wir, die erst nach Schmerzen und Verirrungen zu
ihrer heitern Beschränkteit zurückkehren können?
    Unser Wirt hatte mehrere erwachsene Söhne, die, obgleich wohl gebildet,
doch blosse Landleute waren, und sich mit nichts anderm zu beschäftigen schienen,
als die weitläuftige Wirtschaft ihres Vaters bestellen zu helfen. Der eine von
ihnen hatte mich immer mit aufmerksamen, vergnügten Blicken angesehen; doch als
beim Mahl, der Genuss des fröhlichen Weins, den alten jovialischen Vater zu etwas
rohem Scherz begeistert hatte, und ich eine kleine Verstimmung, nicht verbergen
konnte, war er hinweggegangen. Jetzt ging ich einige Augenblicke allein, in
einen von den schattigen Gängen, und hier kam er mir nach. Mit wahrer Feinheit,
sagte er mir: »mein Vater hat ihnen nicht gefallen, aber sein sie uns darum
nicht böse, ich will ihn bitten, dass er nicht wieder so spricht.« Dann trat er
mir ehrerbietig aber zutraulich näher, legte seine Hand auf meinen Arm und
sagte: »werden sie zürnen, wenn ich sie um einen Kuss bitte?« Sein Ton war weich
und bescheiden, seine Miene ehrlich und gefühlvoll; ich zürnte nicht. Julie ich
küsste ihn, und ich kann Dir sagen, dass ich ihm im Herzen recht innig wohl
wollte. Er verliess mich schnell, sein Auge glänzte von reiner Freude, und wer
weis, ob mein Kuss irgend jemand einen glücklicheren Moment gewähren könnte, als
diesen Jüngling.
    Als wir zurückfuhren glänzten die Wiesen im Abendtau, ein rötliches Licht
wankte um die Gipfel des Waldes, und als dies verschwand, blickte der Mond
heller durch die Gebüsche.
    Ich erzählte Nanetten mein kleines Abendteuer, und sie lachte, wie ich
vermuten konnte, mich recht herzlich aus. Sie sah in dem Jüngling nichts
weiter, als einen hübschen jungen Landmann, der sich in mich verliebt habe, und
alles andre, was ich in ihm fand, nannte sie eine meiner gewöhnlichen
Schwärmereien. Und doch liebe ich sie darum nicht minder, so wenig auch ihre
Art, die Dinge anzusehen, mit der meinigen übereinstimmt. Ihr gelingt es, keinen
Eindruck so stark werden zu lassen, dass er das Gleichgewicht ihres Gemüts
stört, und dadurch, dass sie von Allem spricht, und Alles aus dem gefährlichen
Halbdunkel der Gedanken ans Licht der Sprache hervorzieht, entwindet sie der
Phantasie ihrem mächtigsten Zauber, der Deiner Amanda oft so gefährlich zu
werden droht. Ja zuweilen fühle ich es recht lebhaft, wie verschieden meine Art,
die Dinge anzusehen, von der euren ist. Wie vieles ängstigt und entzückt mich,
wobei ihr andern ganz gleichgültig und gelassen bleibt. Dafür aber bewahrt ihr
in eurem Gemüt eine gewisse Klarheit, deren ich mich nicht zu erfreuen habe;
denn - was es ist, weis ich nicht - aber vieles liegt noch dunkel und
ahnungsvoll in meiner Seele.
    So harmlos gehen mir jetzt mehrere Tage hin, und auch Nanette versichert,
dass sie sich kein bessres Leben wünscht. Freilich muss ich fürchten, dass
vielleicht der Reiz der Neuheit die Flüchtige am stärksten anzieht, und dass sie,
wenn dieser verloschen ist, mich leicht für eine neue Bekanntschaft hingeben
könnte. Denn sagte sie nicht selbst: »mein Herz schmachtet ohne Aufhören nach
Neuheit; durch sie allein wiederholen wir uns den süssen, allzuflüchtigen Traum
der Jugend, wo uns alles neu ist?« -
    Albret sehe ich jetzt wenig; er scheint sehr beschäftigt; aber Wilhelm kömmt
fast nie von meiner Seite. Herzlich erfreut mich sein dankbares Lächeln, jede
freundliche Äusserung, womit er mir die angenehmen Empfindungen, die ich ihm
verschaffe lohnt, und ich würde seine Dankbarkeit ungern entbehren. Nenne dies
nicht eigennützig; es ist ein so süsses, menschliches Gefühl, sich als den
Schöpfer fremder Freuden betrachten zu dürfen, und von einem unschuldigen,
liebevollen Herzen dafür anerkannt zu sehen; so wie es in meinen Augen eine
unnatürliche Grösse ist, die nahe an Bitterkeit und Härte gränzt, allein und
unerkannt Gutes schaffen, und das dankbare Gefühl des Andern als überflüssig
entbehren zu wollen!
 
                                  Achter Brief
                                Amanda an Julien
Meine Julie, ich habe neue traurige Stunden verlebt, und fast trage ich
Bedenken, Dir davon zu schreiben. Denn soll ich ewig klagen? Muss ich mich nicht
schämen, dass ich zum Leben zu ungeschickt bin, und dass meine Verhältnisse mir
eher dunkler und schwerer werden, da sie mir leichter und klärer werden sollten?
- Doch was Du auch von meinem Verstand denken magst, ich kann, ich will mich
nicht gegen Dich verstellen, und finde in der Wahrheit meiner Äusserungen einen
Genuss, der das Bewusstsein, von andern für vorzüglich gehalten zu werden, mir
zehnfach aufwiegt. Du kennst die weiche Stimmung worin ich jetzt bin - alle
meine Briefe sprechen sie nur all zu deutlich aus. Mein Herz, das in Liebe
zerschmilzt, gleicht einer reifen Frucht, die über einen Strom hängt. Bricht sie
nicht irgend ein Kühner, wenn auch mit Lebensgefahr, so sinkt sie und begräbt
sich in die Flut; denn brechen muss sie. Höre - und sag selbst, wie ist es
möglich, meine Wünsche mit meinen Verhältnissen in Uebereinstimmung zu bringen?
    Ich stand heute hinter meinen Jalousien, und bemerkte Albret in einer nahe
stehenden Laube, neben ihm den kleinen Wilhelm. Er glaubte sich ungesehn, und
ich sah, wie er mit einem ungewöhnlichen Ausdruck seines Gesichts, den Knaben in
seinen Armen empor hielt, und ihm bewegt ins Gesicht sah. Dass dieser Kleine in
irgend einer Verbindung mit ihm stehen müsse, war mir längst gewiss, und ich
beschloss schnell, diesen köstlichen Moment, wo ich sein Herz bewegt, wo ich ihn
menschlich, fühlend und leidend zu sehen glaubte, nicht unergriffen vorüber
gehen zu lassen. - Ich eilte zu ihm hinab und lehnte mich schmeichelnd an seine
Brust. »Liebster,« sagte ich, »was soll diese unselige Verschlossenheit? lass
mich von diesem teuren Herzen die grausame Rinde ablösen, worunter es beinah
erliegt. - Vergönne mir Teil zu nehmen an Deiner Freude und an Deinem Schmerz,
und verheele nicht länger die Empfindungen, die ein treues Weib mit Dir teilen
will.« - »Eben weil es ein Weib ist, verheele ich sie,« sagte er, und sah mich
mit einem Blick an, als befremde es ihn, dass ich glauben könne, er leide.
»Vertändle du dein Leben, Amanda, und kümmere dich nicht um ernste Dinge. Wenn
ihr nur spielt, seid ihr wenigstens nicht schädlich, wenn ihr ernstaft sein
wollt, seid ihr es immer. Handle du nach Laune und überlass es dem Mann nach
Vernunft zu handeln.« - Mein Gefühl entbrannte bei diesen Worten. »Warum,« rief
ich schmerzhaft aus, »wähltest du ein fühlendes Weib zur Gefährtin deines
Lebens, wenn du sie nicht zu würdigen vermagst? warum bereitest du einem
schuldlosen Herzen, das dich achtet, und dir Alles sein möchte, die kränkende
Ueberzeugung, dass es für dich nichts sein kann? - War es recht, ein dir gleiches
Wesen bloss Mittel sein zu lassen, zu Zwecken, welche du ihm nie bekannt zu
machen gedachtest?« - »Wer nicht selbst Zwecke haben soll und kann, wird immer
nur Mittel sein,« sagte er nun schon ganz gefasst. »Ich hoffe nicht, dass du dich
über mich zu beklagen hast. Verschliesst dein Herz Wünsche, so sage sie, und wenn
sie nicht unmöglich sind, sollen sie sicher befriedigt werden. Nur wenn du an
meiner Denkungsart zu ändern hofst, so -« Er brach hier ab, und gab mir eine
beträchtliche Summe Geld, wobei er mich mit vieler Artigkeit bat, bei
Gelegenheit einiger bevorstehenden Lustbarkeiten meinen Anzug so glänzend
einzurichten, als ich es mit vollem Recht tun könnte. Sein Gesicht hatte sich
nun ganz wieder in die feinen, verschlossnen Falten gezogen, die es gewöhnlich
hat, und er verlies mich. Ich fühlte, es war vorbei; er sah meine schwimmenden
Augen und konnte mich verlassen. Ich fühlte mich in diesem Augenblick ganz
einsam; alle Gegenstände schienen weit von mir zurückzuweichen, und ein
unermesslicher Abgrund von Leere sich neben mir zu öfnen. - Ich lies mein Mädchen
ausgehen, und meine Tür blieb vor der ganzen Welt, selbst vor dem Knaben,
verschlossen. Ein bittrer, unmässiger Gram durchdrang das Innerste der Seele.
Ach! auf der ganzen Welt kannte ich kein liebendes Herz, das mich in den trüben
Strom gereizter Empfindlichkeit erhalten, und durch freundliche Teilnahme
wieder zum Licht der Hoffnung empor gehoben hätte! - Selbst Du, meine Julie,
entferntest Dich von mir! ich fühlte nur allzuwohl, was ich Dir sei, obgleich
ich Dir Alles bin, was ich Dir sein kann. Du hast Deinen Gatten, Deine Kinder,
und Dein Herz zerschmilzt in Liebe für die Gegenwärtigen, während es für die
Entfernte nur ein freundliches Andenken hat. - Anders war es, als wir zusammen
lebten, und unsre Freuden und Leiden, wie verschlungne Ranken zusammen
aufwuchsen. Damals, umgab mich die wahre, herzliche Liebe meines Vaters, gleich
einem wohltätigen Schutzgeist, damals schien es mir, hingen so viele an mir,
schlug mir so manches Herz entgegen, und jetzt - Ich ging ans Fenster und kühlte
meine brennenden Augen in der milden Abendluft. Es war ein lieblicher Abend, und
alles suchte das Freie. Mit welcher Sehnsucht sah ich auf die Vorübergehenden;
ach! Alle schienen mir glücklicher als ich. - Die Gärtnertöchter gingen in den
schattigen Gängen mit einem jungen Mann. Sie waren dürftig gekleidet, ohne
Grazie, ohne Liebenswürdigkeit, aber sie gingen so traulich; ihre Herzen waren
leicht wie die Lüfte und übereinstimmend wie die Farben des Abendhimmels - mit
welcher quälenden Wehmut sah ich ihnen nach!
    Sieh! so strebe ich, während die hier immer mehr anwachsende Menschenmenge
sich munter um mich her treibt, und alles dem Vergnügen sich ergibt, mit
grausamer Erfindsamkeit mich selbst zu quälen und wie ein eigensinniges Kind
alles Glück, das sich mir anbietet, zu verschmähen, weil mir das Einzige, nach
dem ich mich sehne: geliebt zu werden, so wie ich mir es träume, versagt ist.
Doch fühle ich, dass mir während dem Schreiben unvermerkt wieder leichter
geworden ist, und dass der Quell der Hoffnung und Lebenslust, wie in jeder
Menschenseele, unversiegbar auch in mir lebt. - Aber was soll ich tun? ich
fühle was ich einem andern sein könnte, und darum ist es mir so schmerzlich,
Nichts für den zu sein, dem ich viel sein möchte. Warum kann ich den Weg zu
seinem Vertrauen nicht finden, und stehe ewig fremd und unverstanden vor ihm? -
Als ich Albret kennen lernte, glaubte ich an ihm einen furchtbaren Gleichmut,
eine kalte Erhabenheit über Leidenschaften und Wünsche wahrzunehmen, die ihn in
meiner Phantasie zu einem höhern Wesen erhoben und meine Ehrfurcht erregten.
Aber in der Folge bemerkte ich, dass diese Stille von aussen, nur destomehr innre
Stürme verbarg, Stürme, deren Natur mir nur Wiederwillen erregte - und da sah
ich es gern, dass unsre Lebensart uns von einander entfernt hielt. Doch jetzt, da
ich überzeugt zu sein glaubte, dass er menschlich empfindet, dass er leidet, dass
er vielleicht mehr unglücklich als hart ist, jetzt, meine Julie, fing ich an,
ihn zu lieben! - Noch einmal den Versuch zu machen, mich in seine Geheimnisse
einzudringen, halte ich für unwürdig, aber der Knabe ist mir nun noch lieber
geworden. Es ist unverkennbar, dass hier ein, ihm nahe liegendes Geheimnis
verborgen ist, und, wie es auch sei, dies Kind soll mir als das Pfand einer
vergangenen, wahrscheinlich für ihn glücklichen Zeit vorzüglich wert sein. -
Gute Nacht, meine Julie, mein Herz schlägt ruhiger nach diesem Brief.
 
                                 Neunter Brief
                                Eduard an Barton
Ich schreibe Dir nur, um Dir Dein langes Schweigen vorzuwerfen, Du Saumseliger!
- Als wenn Du nicht wüsstest, dass ich ohne Dich, ohne Zusammenhang mit Dir, noch
nicht im Leben auskommen kann, nicht wüsstest, dass ich nur durch Dich, von dem
mir alles Gute kömmt, auch Nachrichten von dem teuren Vater erhalte, nach denen
ich mich immer sehne! - Ich verlasse morgen diesen ländlichen Aufentalt wieder,
von dem ich viel Nützliche und angenehme Erinnerungen mit hinweg nehme. Einige
Ideen über Dinge, die ich hier erlernt und überdacht, lege ich Dir noch
besonders bei, und da ich weiss, wie sehr Du Eigentümlichkeit zu schätzen weisst,
in welcher Gestalt sie sich auch zeigen mag, so will ich Dir, da ich selbst
heute nicht zum Schreiben tauge, einen Brief von Nanetten abschreiben, den ich
vor ein paar Tagen erhielt.
    »Eduard,« schreibt sie, »wenn Du nicht im Augenblick Dein Altes verwünschtes
Schloss, und Deine Kenntnisse und sogenannten Zwecke, mit denen Du Dir selbst und
andern, doch nie eine einzige frohe Minute machen wirst, verlässt, und hieher
eilst, wo alles frohes, warmes, erquickliches Leben atmet, so sterbe ich vor
Ungeduld. Du musst sie sehen, und hast keinen Augenblick zu verlieren. Eine
schöne, junge, reiche Frau, deren Mann älter, in seinen eignen verwickelten
Händeln ganz vergraben, und ohne alles Gefühl zu sein scheint; kannst Du Dir für
junge Männer etwas anziehenderes denken? - Ohne Gefahr können sie hier ihre
zärtlichen Lügen bis aufs äusserste treiben, was sich, wenn sie bloss jung und
schön wäre, doch nicht so unbedingt tun liess. - Freilich hoffe ich, und sie
wird von ihrer Seite, diese unschätzbare Situation nicht unbenutzt lassen; ihrer
Eitelkeit mit ein paar Dutzend Männerherzen ein angenehmes Opfer bringen, und so
Betrug mit Betrug vergelten. - Ich wenigstens tue alles, um sie dafür zu
stimmen, denn ich liebe sie recht von Grund des Herzens, ob ich gleich
eigentlich gar nicht begreifen kann, was mir so an ihr gefällt, da ich fast
alles was sie denkt und tut, abgezogen, dass sie es tut, höchst lächerrlich
finde. Denn wie man bei einem lermenden, allerliebsten Ball voll eleganter
Tänzer und Tänzerinnen, an die, im Menschen liegende, geheimnisvolle Neigung zur
Harmonie, denken, und von einem Manne eine unerklärliche, süsse Uebereinstimmung,
kurz etwas anders verlangen kann, als - Mittel gegen die lange Weile und das
angenehme Gefühl unsrer Verstandsüberlegenheit - das ist mir ganz unbegreiflich!
Ich hasse alles, was nur von fern einer Träumerei ähnlich sieht, und die listige
Miene einer artigen Modehändlerin, die sich beständig mit Geschmack zu kleiden
versteht, und dadurch die Käuferinnen anlockt, ist mir viel interessanter als
die tiefsinnigste Reflexion, die in nichts eingreift und nichts bewirkt. Frisch,
munter hingelebt, sein Dasein nach allen Seiten hin, sorgenlos ausgebreitet, so
viel Freude genossen, als möglich; gegen andre, nicht gut, sondern klug sich
betragen; sich nur an die Aussenseite gehalten, um das Innere nicht bekümmert,
denn dies ergründet doch keiner; uns als die Seele des Ganzen - die Männer, als
die gröbern Werkzeuge betrachtet, die wir nach Gefallen regieren können - mit
dieser Weisheit, oder Torheit hoffe ich auszukommen; ja ich hoffe noch so viel
angenehme Kleinigkeiten zu tun, so viel Neid und Liebe zu erregen, so viel
fremde Torheiten zu belachen, dass ich gar keine Zeit habe, an meine eigenen zu
denken.«
    »Ja! ich weis es doch, was mich eigentlich so an Amanden fesselt. - Sie
afektirt nicht; so wie sie ist, so ist es ihre Natur - und dies ist unschätzbar!
denn wenn irgend etwas der verständigen Plumpheit der Männer beikömmt, so ist es
die unverständige Ziererei der Weiber.«
    »So komm denn, ich erwarte Dich.
                                                                 Deine Nanette.«
 
                                 Zehnter Brief
                                Amanda an Julien
Ich komme eben aus dem Garten. Ein heitres, schimmerndes Morgenlicht ergoss sich
über die Gegend; die Stauden und Blumen hauchten ihren Geist in den süssesten
Gerüchen aus. Alle Lauben dufteten, alle Vögel sangen - Himmel und Erde umfassten
mich mit freundlicher Liebe. Ich fühlte mich an Körper und Geist unaussprechlich
wohl, und empfänglich für jeden Eindruck.
    Nur Eins noch, ihr Götter, rief ich in fröhlicher Begeisterung, und ich bin
selig wie ihr!
    Was mein Gemüt in diese freie, empfängliche Stimmung versetzt hat, dass mir
alles neu verklärt, in einem schönern Licht erscheint, ist, ich fühle es, wohl
etwas besseres als die flüchtige Anwandlung einer heitern Laune. Es ist der
Nachklang einer höhern Harmonie, die gestern, mit göttlicher Hand alle Saiten
meines Herzens berührte. Nanette liess in ihrem Gartensaal eine Musik aufführen.
Die geschmackvolle Einrichtung des Gartens, der freundliche Himmel, die muntre,
liebenswürdige Wirtin, alles dies öfnete bald die Herzen für jeden gefälligen
Eindruck. Ein paar fremde Virtuosen, Bekannte von Nanetten, die ganz in ihrer
Kunst lebten, führten, von den übrigen gut unterstützt, verschiedene der besten
Compositionen, meisterhaft aus. Bei einer der schönsten Stellen fiel mein Blick
auf einen jungen Mann, der ganz in den Tönen zu leben schien. Denke Dir einen
wahren Geniuskopf, und um diesen Kopf die Glorie inniger Entzückung. Die Töne
verklärten sich in dem schönen Auge und schwebten wie Geister auf den feinen
Lippen. Er hatte für nichts anders Sinn; seine ganze Seele war der Harmonie
hingegeben; und dass ihn nichts stören konnte, war es eben, was mich ganz störte.
- Diese schöne Rührung, der höchste Triumph der Kunst, die ich selbst in
unharmonischen Zügen nie unbewegt wahrnehmen kann, wie mussten sie sich auf einem
solchen Gesicht verherrlichen! - Ich konnte und wollte meine Augen nicht von der
holden Gestalt wegwenden, und fand ein unbeschreibliches Vergnügen darinnen, mir
die reine entzückte Stimmung dieser harmonischen Seele auf das lebhafteste zu
denken. - Welch eine Wonne ist es, Julie, das Beschränkte unserer Natur zu
vergessen, und mit der Einbildungsgewalt in fremde Seelen einzudringen! - So
hatte ich, ganz in diese Betrachtungen vertieft, nicht eher wahrgenommen, dass
das Spiel zu Ende war, bis ich den Jüngling fortgehen und unter die Spielenden
treten sah. Er nahm mit freimütigem, gebildetem Wesen ein Notenblatt; die Musik
begann von neuem; er sang. Nie habe ich eine reinere, lieblichere Stimme gehört;
er sang mit einer Wahrheit, Biegsamkeit, mit einer Seele, die unwiderstehlich in
alle Herzen drang; auch die Gleichgültigsten wurden bewegt. Sein Gesang
bezauberte mich so sehr, dass ich ihn selbst darüber vergass; mein Herz zerschmolz
in schmerzlich süsser Wehmut, und überliess sich ganz einem Gefühl, das ich nie
zuvor empfunden, das eine wunderbare Mischung von Ahnung und Erinnerung, nicht
blosses Wohlgefallen an der Kunst war.
    Als die Musik geendigt hatte, führte Nanette den Sänger zu mir, und stellte
mir ihn als ihren sehr nahen Verwandten vor, der eben jetzt von einer kleinen
Reise zurück gekommen sei. Ich erinnerte mich nun, dass ich sie unter dem Namen
Eduard schon mehrmals hatte von ihm sprechen und vieles von ihm erzählen hören.
- Unser Gespräch lenkte sich natürlich auf den nächstliegenden Gegenstand, die
Musik, und gewann gar bald Leben und Bedeutung, besonders da wir mit Vergnügen
in unserm Geschmack viel Uebereinstimmendes bemerkten. Nanette horchte einige
Zeit mit mutwilliger Miene zu, aber bald, des ernstern Gesprächs überdrüssig,
unterbrach sie es mit einer Neckerei, nahm Eduard am Arm, und hüpfte mit ihm
weg. Sie beschäftigte sich auch den ganzen Abend sehr angelegentlich mit ihm,
und schien in seiner Unterhaltung unendlich viel Vergnügen zu finden. Ich fühlte
mich weniger teilnehmend wie sonst; doch freute ich mich im Stillen an dem
anmutsvollen Wesen, das in Allem, was Eduard sagte und tat, sichtbar ward.
Warum besitze ich nicht die Kunst, Dir sein Bild durch einige genievolle Züge
lebendig vor Augen zaubern zu können? - - Sicher würdest Du mit Lust darauf
verweilen, und Dich von diesem Auge, aus welchem Dir eine Welt von schönen
Gefühlen entgegen strahlt, dieser hellen, geistvollen Stirn, diesem ganzen
ausdrucksvollen Gesicht nur mit Mühe wieder wegwenden können.
    Auch Albret schien von dem ersten, allgemeinen günstigen Eindruck, nicht
ausgenommen. Doch als ich ihn schärfer beobachtete, bemerkte ich bald, dass er
etwas, dem jungen Mann nachteiliges, in seinem Gemüt verschloss, so sehr er es
auch mit seiner gewöhnlichen Feinheit zu verdecken wusste; denn er hat sich so
sehr in seiner Gewalt, dass nur sein Auge denen, die ihn genau kennen, die wahre
Stimmung seiner Seele ahnen lässt. Wie bewundrungswürdig ist doch dieser Ausdruck
des Auges, und worinnen besteht er eigentlich? - Hier ist alles unendlich
zärter, feiner, geistiger als in den übrigen Teilen des Gesichts, wo sich das,
was in der Seele vorgeht, durch Röte oder Blässe, oder Zusammenziehen der Haut
entweder leicht verrät, oder bei festen Muskeln geschickt verheelen lässt. Aber
das Auge ist unter allen das, was zunächst an Begeisterung, ans Unbeschreibliche
gränzt - es ist hier, wo die Seele am unmittelbarsten zu wirken scheint.
    Doch, ist es nicht seltsam, dass ich im engen Zimmer sitze und schreibe,
indes mich im Freien alles zum fröhlichsten Leben und Empfinden einladet? - Lebe
wohl, und freue Dich, Du teilnehmendes Wesen, dass Deiner Freundin heute ein
sehr heit'rer Tag aufgegangen ist.
Da der Brief noch nicht fort ist, muss ich Dir noch einmal schreiben. Ich habe
diesen ganzen Tag allein zugebracht; selbst Nanetten habe ich nicht gesehen, und
doch war mir so wohl, doch fühle ich mich so glücklich, meine Julie! - Eine
leichte duftige Sommernacht schwebt' über der Landschaft. Der Himmel mit allen
seinen glänzenden Augen blickte heiter herab. Der Mond strahlt mit halbem
Antlitz, und wirft ein leichtes Nebelmeer zwischen die Berge hin. Kleine
Johanniskäfer fliegen wie herabgefallene Sterne durch die dunkeln Büsche. Eine
neue, muntre Welt umgibt mich; alle Verhältnisse scheinen mir leicht, von
freundlichen Genien gewoben. Die Gegenwart begränzt meine Wünsche, ich erwarte,
ich verlange nichts. Und wenn ich mich frage, woher diese Stimmung, weiss ich es?
- woher - doch ich kann dies nicht verschweigen - ja! ich habe ihn heute
gesehen.
    Meinem Garten gegenüber liegt eine kleine, anmutige Anhöhe, da ging er in
der lieblichen Abendkühlung. Er blieb stehen und betrachtete rings die Gegend,
und zuletzt, da ihn das einsame Plätzchen anzuziehen schien, warf er sich auf
den frischen Rasen nieder; halb verbarg ihn ein blühendes Gesträuch, und ich
sah, dass er ein Buch hervorzog. - Es ist nichts, ich weis es; leicht möglich,
dass er nicht einmal bemerkte, wer ihm gegenüber stand, aber ich fühle, dass meine
heitre Stimmung durch dies Nichts gewonnen hat.
 
                                  Elfter Brief
                                Eduard an Barton
Ich beklagte mich in meinem letzten Brief über Dein Schweigen, und nun gebe ich
Dir Ursache über das Meinige zu klagen. Aber sind wir uns gleich? - Du kannst
meine Briefe entbehren, Du liesest sie vielleicht nur um meinetwillen; mir sind
die Deinigen unentbehrlich, ja sie machen einen Teil meines Lebens aus.
    Ich habe seit ich Dir zuletzt schrieb, Nanettens Freundin, die sie mir in
ihrem Brief schilderte, kennen lernen, und in ihr jene Unbekannte wieder
gefunden, die ich in den ersten Tagen meines Hierseins, neben dem ältlichen Mann
im Wagen schlummern sah, und deren unbefangene Schönheit ich Dir schilderte.
Eine nähere Bekanntschaft hat mich nur noch mehr zu ihr hingezogen, und ich
überlasse mich willig den Eindrücken die sie auf mich macht, - unbekümmert, ob
sie meine flüchtige Neigung wird fesseln können, oder nicht. Du selbst rietest
mir oft, mich dem verfeinerten Teil der Weiber, der gleichsam ein andres
Geschlecht ausmacht, zu nähern, und ich hätte es gern getan, wenn mich nicht
meine natürliche Ungeschicklichkeit immer davon zurückgehalten hätte. Doch jetzt
fühle ich lebhafter als je den Wunsch, von diesem wunderbaren Wesen mehr zu
erfahren, und ihre mächtige Einwirkung auf unsere Bildung und Zufriedenheit an
mir selbst zu empfinden. Glaube jedoch nicht, dass mich der weibliche Umgang
ausschliessend beschäftigen und von allem andern, was mir bis jetzt wichtig war,
abziehen werde, denn noch gedenke ich lebhaft der Stunde, wo Du mir einst
sagtest: Nichts hindert die Bildung besserer Menschen mehr als Liebeleien.
Leidenschaften können zerrütten und erheben; die Seele, die sich ganz der Liebe
hingeben kann, ist zu jeder Grösse fähig, aber sie werden nur selten empfunden,
und kleinlich ist es, ihren Schein zu erkünsteln.
    Auch müsste ich wohl sehr eitel sein, wenn ich glauben wollte, auf Amandens
Herz einen bedeutend tiefen Eindruck machen zu können; denn sie ist reizend,
sehr reizend, ein jeder fühlt das, der sie sieht, und ein wunderbarer Zauber,
von tiefem, lebhaften Gefühl, der sie umgibt, zieht Männer und Weiber mit Liebe
zu ihr hin. Und doch, Barton! - ich möchte gegen Dich, um alles in der Welt
nicht Heuchler sein - wenn ich alles bedenke, so, - wie mich auch ihre Phantasie
ihr vielleicht darstellt - wie ich auch auf sie gewirkt haben mag - genug! ich
muss es glauben, dieses Weib, dem Alles huldigt, das ich anbeten muss - sie liebt
mich!
    Höre was ich Dir zu sagen habe, und urteile selbst. Nanette hat sich in der
Nähe ein Gut gekauft, weil ihr das hiesige Leben so sehr gefällt, dass sie
jährlich einige Zeit in dieser Gegend zubringen will. Sie lud uns ein, mit ihr
dahin zu fahren, Amanda, mich und noch einige Bekannte, die ich Dir ein andermal
schildern will. Ich sage Dir nichts von der Reise, obgleich Witz und Vergnügen
sie zu der angenehmsten erheben, und obgleich schon da ein unsichtbares,
unnennbares Band sich zwischen mir und Amanda webte. Als wir ankamen war es
bereits Nacht. Nanette, von der Hitze des Tages und ihrer eigenen Lebhaftigkeit
ermüdet, sehnte sich nach Ruhe, und da Amanda, die, unveränderlich wie eine
Göttin, noch wie am Morgen voll Geist und Leben war, sich gleichwol nicht von
ihrer Freundin trennen wollte, so liessen wir übrigen sie allein und gingen in
der heitersten Laune und mit der angenehmen Aussicht auf ein paar glückliche
Tage in die uns angewiesene Zimmer. Ich erwachte früh am andern Morgen; im Hause
war noch alles still, und ich eilte hinaus in die Landschaft, auf welche eben
die ersten Strahlen des Morgens fielen. - Die Schönheit der Gegend überraschte
mich, denn die glückliche Stellung der Gebirge, die sich um das schöne Tal
ziehen, bildete sehr romantische Partien und einen reizenden Grund, wovon ich
am Abend nicht das Mindeste geahnet hatte.
    Ich verlor mich seitwärts in den Wald, der sich sanft den einen Berg
hinaufzog; die frischen Waldgerüche durchdrangen und stärkten mich, und die
Vögel wirbelten mit ihrer wilden, frohen Musik, mich zu neuer, rascher
Lebenslust empor. Unvermerkt hatte ich die Höhe erreicht, und trat nun aus dem
Dunkel des Waldes heraus. Ein wildes Klippengemisch sank unter mir ins Tal
herab. Ringsumher waren alle Berge mit Wald bedeckt, der bald scharfe, dunkle
Umrisse zog, bald gefällig wie mit grünen Wellen herabsank. Die Morgensonne
glänzte mit heiligen Strahlen über die Berge, und meine Seele erklang wie
Memnons Bildsäule, beim Wiedersehen der Mutter. Lange, lange stand ich da, das
schöne Bild mit Wollust in mich aufzunehmen, und meine Gedanken hiengen an dem
freudigen Wehen der Bäume, und an dem Leben, das aus ihren Zweigen in heiterer
Ungebundenheit rauschte. Ueberall sah' ich eine unaussprechliche Freiheit und
Liebe verbreitet. Wie in einem glücklichen, wohl organisirten Staat gedieh' hier
alles, hinderte sich nichts, wuchs alles nach Kräften empor. - Mitten in diesen
Bildern fühlte ich mein Herz von einer seltsamen Wehmut durchschnitten. Hier,
wo alles sich zu kennen, sich zu fassen schien, und fröhlich in Eins zerschmolz,
schien ich mir ganz unzusammenhängend, ganz allein, dazustehen, und erschrack
fast vor meiner eigenen Gestalt. - Ich breitete meine Arme aus, und fühlte mich
so innig mit der Natur verwandt, hätte ein Mitglied dieser Bäumerepublik werden
mögen! Ach, das ängstliche Klopfen meines Herzens störte keinen in seiner Ruhe,
und eine Träne presste sich mir ins Auge, indem ich die unübersteigliche
Scheidewand fühlte, die mich von den Wesen, welche mich umgaben, trennte. - In
diesem Augenblick sah ich nicht weit von mir, unter Felsen und wildem Gesträuch,
eine weibliche Figur sitzen, die ich im ersten Augenblick für Amanda erkannte.
Sie sah zu mir herauf, sie blickte mich seelenvoll an, und mir ward wohl,
jugendlich wohl. - O! Leben, rief ich - und sprang über die Felsen zu ihr hinab,
welch ein liebes, freundliches Geschenk bist du! - Mit innigen Vergnügen hörte
ich, wie sie mir zurief, nicht diesen Weg, der allzugefährlich sei, zu kommen.
Ich sah sie schöner, himmlischer als je, eine überirdische Glut loderte in ihren
Blicken, und jeder Zug ihres Gesichts, jede Bewegung, war Anmut und Seele. -
Meine Amanda! dachte ich - und merkte erst an ihrem überraschten Blick, dass ich
es auch gesagt hatte. Aber wer hätte bei dieser Umgebung, in solcher Stimmung,
und bei ihr, wohl an Verhältnisse, oder nur an etwas Entferntes denken können? -
Die Gegenwart war so allbeseligend, und eine fröhliche Begeisterung, gab allen
Gegenständen um uns her eine neue, schönre Bedeutung. Ich schlang meinen Arm
dicht um den ihrigen; mein Blick durchirrte die Gegend nicht mehr, und so oft
auch sie mich anblickte, mit ihrem Auge voll Geist und Liebe, flog ein heiliger,
nie gefühlter Schauer durch meine Seele.
    Nach diesem Morgen war alles ganz anders, zwischen ihr und mir. Ueberall
schienen wir uns zusammen zu gehören, und ein geheimes Verständnis leitete uns,
ohne dass davon zwischen uns die Rede gewesen wäre. Wir blieben einige Tage auf
dem Lande. Am letzten war Amanda trübe, aber diese Schwermut war reizender als
alle Freude der Welt. Wir alle hatten den schönen Abend in der Laube des Gartens
zugebracht. Die andern giengen weg; sie verspätete sich einen Augenblick: O! dass
ich sie zu erheitern vermöchte! sagte ich, dass ich ihnen nur etwas sein könnte!
- Eduard, sagte sie, sie können mir Viel sein! Und in diesem Augenblick fühlte
ich einen leisen Druck ihrer Hand, der meine ganze Seele erschütterte.
    Was wirst Du mir schreiben, Barton? ich erwarte Deinen Brief mit der
höchsten Ungeduld. Wie? wenn ich vor Dir da stände, wie einer jener Gecken, die
ich immer so bitter gehasst habe, die jedes freundliche Wort eines Weibes, jeden
leichten, vorübergehenden Scherz für Liebe halten! - Tage sind vergangen, ich
habe sie nicht gesehen, und jene seltsame, freudige Gewissheit, ist nicht mehr in
meiner Brust; ja fast schäme ich mich, dass einige Blicke, halbe Worte, und ein
Händedruck, mir sie erregen konnten. Und doch! - - O! sag' Du mir Deine Meinung,
aber bald! ich bin entschlossen, sie nicht wieder zu sehen; denn, wenn die
Gewalt eines Weibes so gross ist, dass sie uns mit uns selbst entzweit, so ist sie
mir furchtbar.
 
                                 Zwölfter Brief
                                Amanda an Julien
Hab' ich bis jetzt geträumt? oder sendet eine höhere Sonne nur zuweilen einen
flüchtigen, aber göttlichen Blick auf unser düstres Leben? - Was für Stunden
sind mir geworden! Das erste goldne Alter der Menschheit ist zurückgekehrt, alle
Missverhältnisse sind verschwunden, alle Fesseln zerbrochen, und ungehindert
folgen die Herzen dem süssen Zug der Harmonie. Ich trage in meiner Seele ein
hohes Bild; ich denke an nichts, kein Mensch hat Recht auf meine Teilnahme, ich
lebe jetzt nur mir, nur meinem Himmel. Zu welcher Höhe von Glück bin ich auf
einmal emporgestiegen? Welch ein göttlicher Frühlingshauch hat alle Blüten
meines Gefühls entfaltet? Julie! wenn Du jetzt nicht mit mir fühlst! - Du
sagtest mir es oft - und ich bestritt es zuweilen - wenn zwei gleichgestimmte
Herzen sich fänden, das sei die lieblichste Blüte des Lebens. O! freue Dich mit
mir, holde Jugendgespielin! Lass Dich von keiner Sorge, keiner Bedenklichkeit
zurückhalten. - Wahrheit des Gefühls, wo und wenn sie auch erscheint, und wie
sie sich auch äussert, ist immer ehrwürdig, immer heilig! -
    Ich begleitete Nanetten auf ihr neuerkauftes Gut, das in einer mässigen
Entfernung von hier liegt. Sie hatte noch einige ihrer Bekannten eingeladen, und
in unserm Wagen fuhr ihr Vetter Eduard, und noch ein andrer junger Mann, der zu
unserm nähern Umgang gehört. Nanette war ausgelassen lustig; aber diese Laune
ist bei ihr stets von einer gewissen Kindlichkeit begleitet, wodurch sie für
mich erst reizend wird. Sie neckte und plagte die Männer auf mancherlei Weise.
Eduard machte sie Vorwürfe über seine Sentimentalität, mit welcher er eigentlich
nur seine gränzenlose Eitelkeit zu verdecken strebe, und sein unliebenswürdiges
Betragen gegen die Weiber. Sie schloss mit der Prophezeihung, dass es mit ihm noch
ganz anders werden würde. »Mein Herz, sagte Eduard lächelnd, ist gleich dem
Diamant, den kein Feuer zerschmelzen kann, ausser die reinen Strahlen der
Sonne.« Er sah mich flüchtig, aber ausdrucksvoll an, und Nanette fuhr fort, ihm
zu sagen, dass er ihr wohl auf vier Wochen lang gefährlich werden könnte; sie
schlug ihm vor, den Verliebten zu spielen, und ermahnte ihn, seine Rolle aufs
natürlichste vorzutragen. - Dann fieng sie Händel mit unserm andern Begleiter
an, der immer viel von Verhältnissen und Uebereinstimmung sprach. Er nannte ihre
Laune einen schönen Auswuchs, der eigentlich nur bewies, dass sie in ihrem Innern
nicht ganz harmonisch sei. »Was das für phantastische Grillen sind! rief sie
aus. Wie, ich sollte die gute, freundliche Stimmung, die mir stets ungerufen und
unerwartet vom Himmel kommt, grämlich von mir weisen, weil sie sich nicht zu
allen meinen innern und äussern Verhältnissen schickt! - Ich bitte, verschonen
sie mich mit ihrer Uebereinstimmung, und lassen sie mir meine Fragmente, die mir
auch das Fremde, Unharmonische ertragen lehren.!«
    Der Abend war unbeschreiblich schön, und ich schlug vor, den Rest des Weg's
zu Fuss zu machen. Eduard stimmte mir sogleich bei; doch Nanettens Bequemlichkeit
war stärker als ihre vorgenommene Liebe zu ihm; sie lies ihn unter tausend
scherzhaften Verhaltungsregeln, mit mir allein wandern und blieb im Wagen. - Der
Weg ging durch ein verwachsenes, süss duftendes Gehölz. Julie! was war es, was
ich empfand? - hast Du es je gefühlt, was, ganz von dem gewohnten Gang der
Gedanken getrennt, verschieden, mit zarten, leisen Schwingen, alle Saiten Deines
Herzens rührt? - was Deinen Sinn von der Weiblichkeit abschneidet, und mit
geheimnissvollem Zug, Dich in ein fremdes, himmlisches Leben führt, wo selbst die
Flügel des Gedankens nicht hinreichen? - welch' eine Wehmut, eine Ahnung quoll
mir aus den Abendgerüchen des Waldes, den betauten Pflanzen, aus der zarten
Dämmerung, die schon durch die fernen Sträuche hervordrang, entgegen! Ich hatte
so manches Gespräch anknüpfen, Eduard über manches fragen wollen, aber ich war
stumm, doch ohne missvergnügt darüber zu sein. Eduard schien meine Gefühle zu
teilen, doch, vielleicht mehr gewohnt mit Eindrücken zu spielen, suchte er sich
und mich, auf eine angenehme Weise zu zerstreuen, und ich wusste es ihm Dank,
denn ich kam gefasster zu den Uebrigen zurück. Wir hatten von gleichgültigen
Dingen gesprochen, und doch schien es, als hätte dieser Gang uns einander näher
gebracht. Was ist das, Julie, was ohne Worte, die Seelen leise zusammen bindet?
hast Du es je erklären können?
    Es ward Nacht, wir waren angekommen, und ohne Müdigkeit zu fühlen, war ich
froh, allein zu sein. Die Bilder des Tages giengen lächelnd vor meiner Seele
vorüber; aber bald tat es mir unbeschreiblich weh, dass ich mit Eduard nicht
mehr gesprochen hatte. Ich wusste noch so wenig von ihm; seine ganze
Vergangenheit war todt für mich, seine Zukunft konnte uns leicht auf immer
trennen, und ich lies die kurzen Augenblicke der Gegenwart unbenützt vorbei! -
Es schien mir in meiner Unruhe, als könnte diese schöne Gelegenheit nie wieder
kommen, und doch beschloss ich sie wieder zu suchen. - Ich erwachte mit dem Tag,
die Morgenröte erschien mit ihrer Rosenstirn und ihren goldnen Füssen. Alles zog
mich ins Freie; und ich folgte gern. Wie verändert war alles! Der Duft der
Ahnung ruhte nicht mehr auf dem Tal, die Begeisterung hatte ihren Schleier
aufgerollt, aber ein Glanz, ein Leben, eine Herrlichkeit schwebte über der
Gegend, die ich nicht zu beschreiben vermag.
    Ich war wie von unsichtbaren Händen empor getragen, mein ganzes Wesen, war
leichte, freie, süsse Freude. Lange schwelgte ich auf der Höhe in reinem
Luftstrohm, dann lies ich mich die Felsen herab, und stand nun da, in einsam
lieblicher Wildnis. Vor mir wehte und wogte die Gegend in sichtbarem Aeter;
Himmelswärme spielte um meine Wangen, Begeisterung küsste meine Seele, und frohe
Schauer durchbebten mich. - Augenblicke voll unendlicher Seligkeit giengen mir
vorüber; dann kehrten meine Gedanken zur Erde zurück, ich fühlte mich angenehm
beschränkt, meine Wünsche überflogen diese Höhen nicht; ich hatte alles was ich
wünschte - denn ich liebte. Da sah ich auf, und die schöne Gestalt die in meinem
Herzen wohnte, stand lebendig vor mir. Nachdenkend, mit schönem Ausdruck, stand
er auf der Höhe und bemerkte mich lange nicht. Endlich aber, wie von Zephirs
getragen, kam er herab, leicht und glücklich über die gefährlichsten Stellen.
Was soll ich Dir noch sagen, Julie? - Dieser Morgen band meine Seele auf ewig an
die seine. - Alles um uns her blühte schöner, ein zarter, heimlicher Sinn
säuselte in jedem Lüftchen, das uns küsste. Das Herz war des Herzens gewiss, jedes
unsrer Worte war voll Geist und Leben, ein hoher Genius trug alles weit über das
Mittelmässige empor. - Ich zwang mich nicht. Was mir ins Herz kam, das sagte, das
tat ich. Ach! wie lange, wie innig hatte ich mich nach einem verwandten Wesen
gesehnt, wie bitter mir die gestrige, verlorne Stunden vorgerückt - jetzt von
der ganzen Natur zur Freude eingeladen, von allem Zwange fern, an seinem Arm,
der heiss ersehnte Augenblick - denk' Dir, was ich empfand!
    Wir kommen wieder unter Menschen. Etwas Unnennbares hatte ihn an mich
gefesselt, hielt ihn ganz an mich gebannt. Die gleichgültigste Kleinigkeit, wie
erhielt sie durch seine Gegenwart ein besonderes, unbeschreibliches Interesse! -
in Allem was wir sprachen, lag ein geheimer Sinn, den der Scharfsinn des Andern
immer leicht und glücklich zu finden wusste; ein zufriedenes Lächeln war dann die
Belohnung. - Ohne Geist, welche traurige Liebe! Aber wenn das Auge von
Begeisterung glänzt, und ein süsses Staunen über die Vorzüge des Geliebten die
Seele erhebt, dann- Himmel! o Entzückung!
    O, Julie! - die süsse erfinderische Liebe! - Eben kömmt Wilhelm, dessen
Anhänglichkeit an mich sich nicht mindert, und immer stärker zu werden scheint,
zu mir. Ich höre ihn hastig die Treppe herauf springen; die Mutter hält ihn auf;
fragt, wo er die schönen Blumen her habe? Gefunden, ruft er dreist und schnell,
macht sich los und schlüpft zu mir herein. Er hält mir einen grossen, mahlerisch
schönen Rosenzweig, mit voll entfalteten und noch halb geschlossnen Blüten
entgegen, und aus der kleinen festgeschlossnen Hand zieht er ein feines Blatt
Papier hervor, das in leicht geschriebenen Zügen, folgendes entält: »Ein
reizender Knabe spielt an meinem Garten. Sein Anblick erfreut mich; ich finde
Mittel ihn gesprächig zu machen, und erfahre, dass er in Amanda's Nähe lebt, dass
er sie liebt- wie könnt' er anders? - Ich breche die schönsten Rosen meines
Gartens; wie ihr Duft umschwebt mich das Andenken an die schönsten Tage, aber
wie ihr Stachel, verwundet mich der Zweifel, ob sie auch je wiederkehren? - Bote
der Liebe! bringe sie der Gebieterin, und wenn ihr der Duft gefällt, wenn sie
den Zweifel zu heben würdigte, vielleicht durch Dich - o! dann eile schneller
als ein Gott und segnender, zu dem Sehnsuchtsvollen zurück!« O! wie schmeichelt
dieser Duft, dieses Geschenk der Liebe aus eines Amors Hand - wie mich die Nähe
des Gottes ergreift!
    Der Kleine hat mir noch vieles von dem schönen, jungen Mann erzählt, vieles,
was mich entzückte. - Leb' wohl. Ich sende - ja ich sende ihn zurück. Der
nächste Augenblick und mein Herz mag entscheiden, mit welcher Antwort.
 
                               Dreizehnter Brief
                                Amanda an Julien
Ich sitz' allein in meinem Zimmer, von den seligsten Träumen umgaukelt. Die
Kleider, welche ich heute trug, liegen zerstreut umher. Ich küsse sie, ich
drücke sie an mein Herz - seine Blicke, sein Hauch haben sie umschwebt und
geheiligt. Ach, Julie! wie liebe ich diese Erinnerungen! wie süss ist diese
Träumerei! Endlich, endlich bin ich glücklich! - Die Stunden hüpfen wie
silberklare Wellen um mein Dasein; aus dem verworrenen Spiel menschlicher
Wünsche, tönt eine leise Harmonie zu mir her - die ganze Natur ist ein schöner,
ewig ungetrübter Spiegel, der mir heiter nur mein eignes Glück zurückstrahlt!
    Wenn ich Dir sagen werde, was heute geschehen ist, und was ich fühle, so
wirst Du vielleicht erstaunen, und wie in Deinem vorigen Briefe fragen, ob ich
noch dieselbe Amanda bin, und ein so weises Misstrauen in sie setzte? - Aber,
Julie, so lange wir noch nicht geliebt haben, dürfen wir nicht hoffen, uns
selbst recht zu kennen. Eine fremde, höhere Macht bestimmt dann unsere
Handlungen, ja sie reicht bis in das Heiligtum unserer Gedanken und wir freuen
uns noch ihrer Allgewalt. Wahre Liebe ist nicht möglich ohne das vollkommenste
Vertrauen; wir haben keine Gründe dazu, aber wir bedürfen auch keine. Unser
Gefühl reicht weiter, als unsre Ueberzeugung, und ein heiliger Glaube bürgt uns
für das fremde Herz, wie für unser eignes.
    Ich schrieb Dir zuletzt, auf welche Art ich von Eduard Nachricht erhalten.
Vom Schreibtisch ging ich zu den Blumen, die einen kleinen Garten vor meinen
Fenstern bilden, und suchte bei ihnen eine Antwort, denn diese Sprache hatte mir
etwas so liebliches, dass auch ich sie wählen wollte. Ich brach einen schönen,
frischen Myrtenzweig, und umwand ihn dicht mit Stundenblumen, deren schöne,
vergängliche, aber sich schnell wieder erholende Blüte Du wohl kennst. Dann
schrieb ich auf ein Blättchen: »Liebe hält das Flüchtige fest und erneuert das
Vergangene.« Der Kleine sprang vergnügt und schnell mit seinem Auftrage fort.
Eduard wiederholte auf diese Weise seine Erinnerungen öfterer; wir sahen uns
zwar zuweilen, aber stets in Gesellschaft, wo, eben der geheime Wunsch, einander
näher zu sein, uns mehr von einander entfernte. Ich antwortete einigemal, und
der Knabe vollzog seine Aufträge mit einer Geschicklichkeit und Besonnenheit,
die mich in Erstaunen setzte. Aber bald befremdeten sie mich nicht allein; sie
erschreckten mich. Diese früh geübte Verstellung musste ja eine Rinde um sein
Herz legen, die vielleicht nie ein Strahl der Wahrheit zu durchdringen fähig
war. Durfte diese zarte Seele mit einem Geheimnis belastet werden, diese
Unbefangenheit etwas zu verheelen haben, und sind Verschwiegenheit und Tugenden
für Kinder? Nein! um diesen Preis konnte ich meine Freunde nicht erkaufen, und
was ich auch dabei verlor, so schrieb ich dies doch Eduard, und verbot ihm, mir
ferner auf diesem Wege Nachricht von sich zu geben.
    So giengen mehrere Tage traurig hin, an denen ich nichts von ihm hörte, und
mein Herz war weit entfernt, in dem Gedanken: gut gehandelt zu haben, Beruhigung
und Freude finden zu können; ja es warf mir vielmehr meine Bedenklichkeit und
Unempfindlichkeit bitter vor.
    Heute war es, wo ich, wie ich oft zu tun pflege, allein spazieren ging.
Ich ging durch blühende Alleen, zwischen Hecken und über gemäheten Wiesen;
    unachtsam auf das was um mich her vorgieng und ganz meinen Träumen
hingegeben, war ich weit gegangen, als ich sah, dass eine dunkle Wolke sich tief
in die Täler hereinneigte, und bereit schien, sie mit ihrem Seegen zu tränken.
Die Linden hauchten starke, begeisternde Gerüche aus, eine laue, zärtliche Luft
drang mir entgegen, und die ganze Natur erschien mir wie die Geliebte des
Himmels, die ahnend den Tränen der Liebe entgegen harrt. - Jetzt stand ich ganz
nah vor einem Garten; die kleine Tür, von grünen Ranken und blauen Blumen
beinah verdeckt, stand halb offen, und ich trat, vor den nahen Stürmen
flüchtend, eilig hinein. Meine Blicke suchten nach einem Obdach, als ein junger
Mann mir entgegen kam, den ich sogleich für Eduard erkannte. Er selbst war der
Bewohner dieses Gartens, und wir fühlten uns durch dies wunderliche Spiel des
Zufalls unbeschreiblich überrascht und befangen. Es war das erstemal seit jenen
schönen Tagen auf dem Lande, dass wir uns allein sahen, und es schien, als wären
wir uns durch die Briefe selbst, nur fremder geworden. Und - es ist gewiss -
Liebe verträgt keine fremde Mitteilung, so wie sie keine andre Nahrung als sich
selbst bedarf. Was sollen Zeichen, die der Verstand erfand, wo keine Begriffe
auszudrücken sind, wo nur ein Blick aus dem verklärten Auge des Geliebten, der
Seele die Gewissheit, dass ihr unnennbares Gefühl auch von dem verwandten Wesen
verstanden und empfunden wird? -
    Wir giengen durch einige Gänge, die nach dem Gartenhaus führten, als eine
Nische von Acazienbäumen und Rosen beinah' verschlossen, meine Aufmerksamkeit
erregte. Ich bog die Zweige zurück und ging hinein. Die Bildsäule eines Amors,
fein und richtig gearbeitet stand in reizender Gestalt da. Sein Bogen und seine
Pfeile lagen zerbrochen vor ihm; keine Binde verdeckte seine Augen, Aber mit
ernster Schalkheit legte er den Finger auf den Mund. - Ein hoher Rosenstock, der
noch in voller Blüte stand, verbreitete ein rötliches, unbeschreibliches
Licht. Hier, sagte Eduard, vor diesem Gott, der verschwiegen, aber nicht blind
ist, und gern auf ewig seinen Waffen entsagte, bete ich täglich die Göttin an,
die selbst ich nicht darzustellen wagte.
    Laut rauschte es jezt durch die Blätter und grosse Regentropfen fielen herab.
Wir mussten eilen, in das kleine Zimmer zu kommen, das uns in seine freundliche
Einsamkeit aufnahm. Könnte ich Dir doch den Eindruck mitteilen, den dieser
reizende Aufentalt der Ruhe und des Vergnügens, auf Deine bewegte Amanda
machte! - Alles schien mir zu sagen, dass eine harmonische Seele hier ihre
schönsten Stunden verlebe. Ueberall sah ich gefällige, zusammenstimmende Farben;
wenige, aber mit Sinn gewählte Gemählde erhoben die Wände, überall dufteten
Blumen aus den zierlichsten Gefässen, köstliche Früchte wie unter hesperischem
Himmel gereift, schimmerten unter frischen Blättern hervor, eine Laute lag
weichlich auf den Polstern, und nicht fern davon grünte noch der Myrtenzweig,
wie durch Zauberei erhalten.
    Hier, wo so viele Bilder erweckt, und das berauschte Herz sich angenehm aus
seiner Träumerei gezogen fühlte, fanden wir uns bald mit Gesprächen, wie mit
Blumenketten, verschlungen. Ein jedes zeigte frei seinen Geschmack, seine
Meinungen, die oft wie labyrintische Pfade durch Blumentäler von einander
abwichen, und doch am Ziel in schöner Harmonie sich immer wiederfinden. - Was
soll ich Dir noch sagen, Julie? - Ach! Deine glückliche Amanda, vergass ganz, dass
es Verhältnisse, Klugheit und Misstöne in der Welt gibt, und das selige Gefühl,
ihren schönsten Traum erfüllt zu sehen, und endlich das gleichgestimmte Herz
gefunden zu haben, das sie ganz zu verstehen vermag, durchatmete ihr ganzes
Wesen!
    Der Regen hatte aufgehört. Die grünen, getränkten Bäume schimmerten, frisch
und lachend in die Fenster herein, und ein glühendes Licht wankte durch die
bebenden Zweige an den zierlichen Wänden. Wir traten ans Fenster und atmeten
die gereinigte Lüfte. Ach, Julie! welch ein Abend! Erst jetzt habe ich Worte für
die Bilder, die ich da nur mit stummem Entzücken in mich sog! Die Sonne sandte
einen stillen, aber brennenden Blick über die Gegend. Fröhlich flatterten
Schwalben, mit glänzender, silberner Brust, wie weisse Blüten, durch den
Sonnenblick, der golden und blendend durch die Berge hervorschoss, und alles, was
er berührte, mit überirdischem Reiz verklärte. Das ferne Bergschloss hüllten
düstre Schatten, aber weit hinter demselben glühte der entlegendste Berg, wieder
in rötlichem Gold. Der Sonnenblick zog weiter; das Tal versank schwermütig in
den Bergschatten, indes sich von dem Schloss, der Schleier wegzog. Ein heiliger
Glanz lag nun auf dem grauen, verfallenen Gestein, den kleinen, aufblühenden
Gebüschen, die es umgaben, und dem ganzen düstern Bergprofiel. Graue
Regenwolken, von der Abendsonne mit goldenen Flecken zerstreut, zogen wie
flammende Wagen, flüchtig an den Höhen vorüber; in Westen glänzte ein endloses
Aetermeer, und ein dunkles Gewölk, mit vergoldetem Rand, schwamm wie ein
glückliches Eiland darinnen, und war immer goldner und strahlender, je weiter
die Sonne hinabsank. - Ach, Julie! was war es, was mich, verloren in diesen
Anblick, ganz von der Erde hinwegzog, in ein unbekanntes Land, von fremden
seligen Gefühlen, und mein Auge mit unnennbaren Tränen erfüllte? - Nur dunkel,
dachte ich: O! dort in dem strahlenden Wolkenland, von Menschen entfernt, und
von der Unendlichkeit umgeben, mit dem Geliebten zu sein in ewiger Jugend und
Liebe! - Da blickte ich auf, und sah Eduard, der in einiger Entfernung von mir
stand. Ich kehrte aus meiner wunderbaren Entzückung zurück, und fühlte mich
wieder freundlich an die Erde gefesselt. Wir waren fröhlich und sprachen viel,
nur von dem, worüber wir hätten sprechen sollen, nehmlich: auf welche Weise wir
uns künftig sehen oder schreiben wollten, kein Wort. Erst beim Abschied dachten
wir daran, aber dieser Abend schien uns zu schön, zu heilig, als von dergleichen
Dingen zu sprechen; wir überliessen alles den Göttern und trennten uns wehmütig,
aber unendlich glücklich.
    Ich ging zurück. Alles war still um mich. Ich bewunderte dies weite
Schweigen in der Natur. So, dachte ich, war es im Anfang aller Dinge; aber die
Liebe erschien, und alles war belebt. Ich kam nach Hause, und erstaunte, alle
Gesichter noch eben so gleichgültig zu finden, als ich sie verlassen. War ich es
denn allein, deren Augen von Vergnügen glänzten, deren Seele mit Wonne an den
vergangenen Momenten hieng? - Ist denn die Welt so arm an Freuden? Ich blieb
allein; mein Mädchen bat um die Erlaubnis einige Bekannte zu besuchen, und ich
gab sie ihr gern. Vielleicht erwartet sie ein liebendes Gespräch, und ich würde
mich mit ihr freuen; sie ist ein gutes Geschöpf. In der ganzen Welt sehe ich nur
Liebe, allentalben Liebe, und ich begreife nicht, wie ohne sie etwas der Rede
wert sein könne? - Ich habe mich ans offene Fenster gesetzt, und die zärtliche,
warme Luft, zu mir herein wallen lassen. - Du weisst nun alles, und ich verlasse
Dich, um von neuem zu träumen.
 
                               Vierzehnter Brief
                                Eduard an Barton
Dein Brief würde mich sehr beruhigt haben, wenn es nicht schon zuvor die Liebe
getan hätte. Du schreibst es mir - o! und ich habe es gefühlt! - mit meinem
Entschluss sie nicht mehr zu sehen, sei es mir nicht Ernst. - Tor, der ich war!
Die schönsten Freuden meines Lebens frevelnd von mir weisen zu wollen, eines
elenden Stolzes wegen! - O, Freund! es ist geschehen! Alle Zweifel sind gelöst;
die Welt steht in schöner Klarheit vor mir, und das Leben liegt erwacht in
meinen Armen!
    Ich bin wieder auf einige Tage auf dem Gute des Herrn von V -, und bin
hieher gereist, um Dir zu schreiben, denn dort, ich gestehe Dir es aufrichtig -
in ihrer Nähe, ist an keinen Brief zu denken. - Anfangs sahen wir uns nur selten
und schüchtern; aber jetzt bin ich fast täglich in ihrem Hause; wir sehen uns
bei Lustbarkeiten, und allein; Albret scheint keinen Widerwillen zu haben, und
ich begleite sie fast allentalben hin.O, Freund! wie ist das alles so anders
geworden! Was war das kalte, leere Wohlgefallen an ihr, gegen das glühende
Gefühl, das jetzt in mir lebt! - Oft muss ich mich vor ihr niederwerfen und
anbeten, wenn sie in ihrer Unbefangenheit so hohe Dinge sagte, die wie Gestalten
aus einer andern Welt, mich mit süssem Schauer berührten. Mit Erstaunen höre ich
sie oft, mit ungekünstelter Eigentümlichkeit und Klarheit, Gedanken aufstellen,
die den grössten Scharfsinn entalten. Sie sind nicht das Resultat eines langen,
mühsamen Nachdenkens, wie bei den Männern, nein! sie sind vielmehr der leichte,
glückliche Fund eines reinen, unfehlbaren Sinns, der die Wahrheit nicht erst
durch Dunkel suchen darf, sondern dem sie sich gleich im heitern, schimmernden
Lichte zeigt. - Und so, dünkt es mir, sollen überhaupt die Weiber immer auf das
merken, was ihnen schnell einfällt, ohne viel darüber nachzudenken, denn bei
ihnen kommen die Resultate immer zuerst. Auch wenn sie schreiben, müssten sie
dies beobachten, und stets die schnell herabfallenden Funken achten. Aber sie
sollen überhaupt nicht schreiben; sie sollen nichts als leben und - lieben.
    O, Freund! Du sagtest mir vieles, dessen Wahrheit ich schon erfuhr, aber das
sagtest Du mir nie, dass das Leben so unaussprechlich reizend sein kann! oder
solltest Du selbst es vielleicht nie empfunden haben? sind vielleicht nur wenige
Sterbliche von den Göttern dazu ausersehen, und ergriff das Glück, das stets
nach Laune wählt, gerade mich in meinem seligsten Moment? - Erst hier, von ihr
getrennt, werd' ich mir ganz meines Reichtums bewusst; denn es geht mit unserm
Glück wie mit Gemählden; erst in der gehörigen Entfernung können wir die
Schönheit derselben künstlerisch wahrnehmen und geniessen. Welche Genüsse, welche
Freuden, schmiegen sich bei diesen Rückerinnerungen um mein Herz! Alle
Verhältnisse meines Lebens, legen sich lieb und schmeichelnd um mich, als wären
es weichliche Gewänder, von Frühlingsdüften gewoben. Jetzt erscheint sie mir
erst in all ihrer Schönheit, in all ihrer Liebe, und ich kann es kaum begreifen,
wie so schnell, wie so schön wir uns gefunden haben. O Tag! o Abend, den ich nie
vergessen will und kann! - Alles um mich her, war mir nicht mehr bedeutend,
sondern ausgesprochen; alles war da, nicht fliehend und nicht kommend; alle
Sehnsucht ruhte in der Gegenwart, die unendlich war. Als sie mich verlassen
hatte, war ich nicht traurig - nein! die lebendigste Freude hatte mein Herz
geöffnet, ich fühlte mich ganz für die Welt gebildet, kindlich nahm ich an Allem
Teil, und sah in Allem den heitersten Sinn. Die Knaben belustigten mich, die an
meinem Garten, hinter der grünen Umbüschung eines Teichs, mit komischer,
wirklich empfundener Angst, nach einem Bret warfen, und es, als wäre es ein
feindliches Schiff, durch Steine vom Ufer abzuhalten suchten, und in den rohen
Gesängen einiger wilden Gesellen, vermochte ich durch alle Misslaute hindurch,
mit Vergnügen die einzelnen Spuren einer wilden Geniealität wahrzunehmen, und
mich derselben zu erfreuen. -
    Und als nach einer kurzen Schattennacht, der schwärmerische Tag des Mondes
aufgieng, und die Bäume ihre Gipfel träumend in dem zärtlichen Licht wiegten, da
fühlte ich mich ihr so nahe, war ihres Andenkens so gewiss, dass ich von neuem
glücklich war.
    Und so ist es nun noch immer mit mir. - Sieh diesen Morgen! wie die Berge
hoch an ihren Scheitel den goldnen Schimmer empor heben, der Wald begierig die
süssen Stralen einsaugt! o schöne, reizende Erde! Alles, in und ausser mir, ist
Uebereinstimmung, Hoffnung und Liebe! In der ganzen Natur, sah ich keinen andern
Zweck, als sie; sie ist der äterische Kranz, in dem alle Wesen verflochten
sind. Den stillen Drang der Notwendigkeit, und den freien Flug des Willens, ist
kein anderes Ziel vorgesteckt; sie ist das Einzige, was uns glücklich macht,
weil sie, bei aller Unendlichkeit der Empfindung, doch alle unsere Wünsche
beschränkt.
    Ich habe Dir nun alles gesagt; Du weisst nun, dass ich glücklich bin. Morgen
reise ich wieder von hier ab. Länger von ihr getrennt sein, wäre Tod; ich muss
sie sehen, denn mein Leben hängt an ihren Blicken. - O, ihr Horen! die ihr den
Himmel der Götter verschliesst und eröffnet, fliegt, fliegt und eröffnet auch mir
meinen Himmel! Zieht die Wolke hinweg, die mir die Göttin verbirgt!
 
                               Funfzehnter Brief
                                Amanda an Julien
Monden sind vergangen, und zu sehr mit der glücklichen Gegenwart beschäftigt,
hatte mein Herz für die entfernte Freundin, nur Gedanken, aber keine Worte.
    Deine Briefe allein, meine Julie, sie, die ich sonst immer mit freudiger
Rührung las, haben jetzt zuweilen mein Glück gestört. Wo ist der freie Blick,
der milde, menschliche Sinn, der sonst Dein Urteil über die Menschen leitete,
und Dich ihre Handlungen mit ihren Schicksalen gutmütig und richtig vergleichen
lehrte?
    Kann ich dafür, dass mir die Liebe nicht auf Deinem Wege entgegen kam? und
hast Du vergessen, dass, wie ich jetzt fühle, Du ehmals gefühlt hast? - Julie,
bedenke es, dass, wir mögen noch so redlich streben, Keinem Unrecht zu tun, wenn
unser Gefühl nicht zart genug ist, die feinen Nuancen des Herzens zu bemerken,
und es uns an Phantasie fehlt, lebhaft die Tage eines andern zu empfinden; so
werden wir dennoch oft andern weh tun, und keinen um uns her glücklich machen
können. - Nein! störe den Frieden meines Herzens nicht mehr, und verlange nicht,
dass ich mir Gewalt antun soll. Wer sein natürlich reines Gefühl bewahrt hat,
kann sich die undankbare Mühe ersparen, seine Neigungen bekämpfen zu wollen; sie
führen ihn recht; er darf sich ihnen überlassen.
    Du verkennest meinen Freund, wenn Du glaubst, er werde mich leichtsinnig und
ohne Bedenken tausend Unannehmlichkeiten aussetzen. Er selbst hat es durch sein
geschicktes Benehmen so einzuleiten gewusst, dass wir uns nun mit grösster
Leichtigkeit so oft sehen, als wir wollen. O! Du solltest es sehen, wie er auf
Andere zu wirken versteht! Ueberall, so jung er auch ist, erregt er
unwillkührliche Achtung. Seine Ueberlegenheit muss ein jeder, freiwillig oder
nicht, anerkennen. Er bittet - und man weiss es ihm Dank, denn man fühlt, dass er
befehlen könne. - Und Albret? - O! ich rechte nicht mehr mit ihm! sein
Verhängnis führte ihn, wie mich das Meinige. Dass ich mit einem Herzen voll Liebe
vergebens nach seinem Vertrauen rang, dass ich in seinen Ideenkreis mich nicht zu
stellen vermochte, was kann er, was kann ich dafür? - Mein Schicksal führte mich
einen blumigen Pfad; es sandte mir die gleichgestimmte Seele, wo ich ihrer am
bedürftigsten und am würdigsten war. Denn meine Liebe ist nicht die betäubende,
ungewisse Glut der ersten Neigung; sie ist der reinste Genuss des Herzens, mit
den edelsten Blüten des Lebens verwebt und verbunden. - Gern sagte ich alles,
was ich empfinde; denn kann es ihm weh tun, da er mich nicht liebt? Aber würde
ihm nicht mein Vertrauen vielleicht kindisch erscheinen, ihm lästig sein? - Er
verlangt ja nur Schein von mir, nur - ach! ich weiss nicht, was er verlangt! Lass
mich immer töricht sein, Julie, diese Momente werden nie wiederkommen. - Ich
will jetzt alles vergessen, ich will! - und ich fühle mich dabei weise und gut.
    Wir werden wegen den Unruhen des Kriegs, diesen ganzen Winter, und
vielleicht noch länger, hier bleiben. Seit einiger Zeit ist auch der Graf von L
- hier, dessen Bekanntschaft ich schon in Italien machte.
    Albret sieht es gern, wenn ich bei den Festen, die er veranstaltet,
erscheine, und ich füge mich leicht in seinen Sinn, denn mit Freuden ergreife
ich die Gelegenheit, ihn zu verbinden, und - allentalben finde ich Eduard.
    Du fragst mich nach Nanetten - und ich fühle ganz den Vorwurf, der in dieser
Frage liegt; wie lange ist es, dass ich ihrer, die ich doch so herzlich zu lieben
versicherte, gar nicht gegen Dich gedachte! Ach! wohl lässt sie uns alles
vergessen, diese gebieterische Leidenschaft! und so war es natürlich, dass ich
Dir zu schreiben vergass, wie sie schon seit einem Monat zu einer Verwandtin
gereist ist, die sie sehr angelegentlich zu sich einlud. Aber sie hat
versprochen, bald wieder hieher zu kommen, und wir erwarten sie täglich.
    Und wolltest Du, meine Freundin, Du allein, Deine Freundin betrüben, während
Zufall, Liebe und Wahrheit sich zu ihrem Glück vereint haben? - O! gedenk' an
unsre jugendlichen Träume, an unsere Hoffnungen, an unsere milden, unschuldig
freien Grundsätze! Bedenk', dass die Sterblichen zwar oft das erreichen, was sie
wünschen, aber selten oder nie, gerade zu dem Zeitpunkt, wo sie es wünschten.
Julie, es kann schwach und unrecht sein, die Verhältnisse, worinnen wir einmal
sind, leichtsinnig zu verletzen, aber es ist stark und gerecht, sie zu seinem
Glück zu vergessen, ohne sie zu verletzen.
 
                               Sechzehnter Brief
                                Eduard an Amanda
Ich muss Sie verlassen, Amanda, wenn ich meine Abreise so nennen kann, da ich nie
von Ihnen mehr zu trennen bin. Barton ist hier, und überbringt mir die Bitte
meines Vaters, unverzüglich zu ihm zu kommen. Mein Vater schreibt, dass er nicht
versteckt vor mir handeln, nicht seine Gründe in den Schleier des Geheimnisses
hüllen, aber mir nur alles mündlich sagen wolle, dann soll ich urteilen, und
nur bis dahin seiner Versichrung trauen, dass er nicht willkührlich mit mir
verfährt. - Meine Abreise soll für Albret ein Geheimnis bleiben. Warum? das weiss
ich noch nicht, doch diese geheimnisvollen Wesen, die jetzt über mich gebieten,
sollen mir von Allem Rechenschaft geben. Schon morgen reise ich; darum vergönne
mir heute, Dich ungestört zu sehen. Freudig will ich die letzten köstlichen
Tropfen der Gegenwart trinken. Ich bin glücklich; ich habe keinen Sinn für
Trennung und für Schmerz. Wir werden uns bald, freudig und liebend wiedersehn.
 
                              Siebenzehnter Brief
                                Amanda an Eduard
Sie erschrecken mich. - Ich hatte mich so sehr an mein Glück gewöhnt, dass ich,
wie ein Kind glaubte, es könne nie anders werden. Und nun, schon jetzt? - Ach!
diese Trennung ist nicht gut! keine ist es. Kommen Sie bald, damit Ihre
Gegenwart mir Alles klärer und heitrer mache.
 
                               Achtzehnter Brief
                                Amanda an Julien
Es ist vorbei! - Zwei Wesen sind getrennt, die ohne einander nicht leben können.
Abgerissen sind die Fäden, die mein Herz an das gesellige Leben banden, und alle
Freuden erscheinen mir ohne ihn, wie entseelte Körper. - O! allmächtiges Gefühl
der Liebe, das im Innersten des Herzens wohnt, und mit unbekannter Kraft, Trauer
oder Freude über die ganze Welt ausgiesset, vergebens müht sich der bildende
Verstand, Dir die Erscheinungen nach seinem Gefallen darzustellen, vergebens
strebt die meisternde Vernunft, Dich in ihre Formen zu giessen - in hoher
Freiheit, waltest Du, unumschränkt nach Deinem Willen. Deine Wahl ist die ewige
Harmonie der Natur, der geheime Zusammenklang lebendig fühlender Wesen. Ewig
suchst Du darnach, und, wo Du sie findest, aller Schranken und Hindernisse
spottend, da ist einzige, ewige Wahrheit. Oft weisst Du in der Tiefe des
Unglücks, Dir Deinen Triumpf zu bereiten, nach dem vergebens das glücklichste
Leben sich sehnt. Und weh' dem, dem es gelingt, mit Dir den kalten Bund zu
schliessen, dass Du folgsam Dich den niedern Bedingungen des Verstandes
anschmiegst; denn bald schweigst Du ihm ganz, und er steht da, ein kaltes,
trauriges Monument, des einst in ihm wohnenden Lebens! -
    O! Julie! ich war glücklich! glücklich, wie es wohl nie eine Sterbliche war,
und werden wird! - Stunden hoher Begeisterung und ruhiger Einfalt, der
geistigsten, schönsten Poesie, und bescheidner, nüchterner Lebensfreuden,
schlossen sich reizend an einander. Ja! es gab Momente, wo uns das Herz so gross
ward, wo uns Phantasie, Liebe und Naturgenuss, ganz über alle gewöhnliche
Verhältnisse hinweg, ins Gebiet der Ideale empor hob, wo wir alles andere
verachteten, und zu sterben wünschten, weil nach solchen Augenblicken, kein
irdisches Glück mehr unsrer Sehnsucht wert schien. Aber es gab auch Stunden,
Tage, wo wir friedlich auf dem sanften Strom des gewöhnlichen Lebens
hinabgleiteten, uns in den mannigfaltigen Beziehungen der Menschen, in
geselligen Verhältnissen glücklich fühlten, und mit freundlicher Ruhe einander
ins Auge blickten. - Das war es eben, was uns so selig machte, dass wir uns
allentalben begegneten, auf den ewigen Höhen der Begeisterung, und in den
flüchtigen Wellen des Augenblicks, allentalben uns einander nahe fühlten. - Und
dies alles ist vorbei! Julie, wenn Du dies je gefühlt hast, wenn Du es nur ahnen
kannst, so komm zu mir, und lehre mich, mich selbst ertragen! - Eine stürmische
Sehnsucht ruft mich weg in ferne Gegenden, wo ich ihm zu begegnen hoffe. Wilde
Phantasien umschwärmen mich; es ist der sanfte Ton der Empfindung nicht mehr,
der in nahem Bezug, auf die Gegenwart allein, meinen Träumen die fröhlichste
Bedeutung lieh. Die Welt ist tod für mich, und in der ganzen Natur, bewegt kein
erfreuender Ton mehr mein Herz mit leisem Widerklang.
Dass Eduard von mir getrennt, weisst Du, aber warum so schnell, und so
geheimnisvoll? - Das wusste er selbst nicht, und wird es erst aus dem Munde
seines Vaters erfahren. Sein Freund Barton, den er so oft verehrte, kam hieher,
um Eduard's Angelegenheiten in Ordnung zu bringen, und vielleicht auch, wie ich
fast vermute - mich näher zu beobachten. Es ist ein Mann, der die Welt sehr zu
kennen scheint, und den eine gewisse Sicherheit und Schicklichkeit im Betragen,
überall willkommen sein lässt. In seinem Gesicht hat sich, um den Mund, noch ein
leiser Zug von Gutmütigkeit erhalten, aber die Augen sprechen viel Klugheit,
beinah Schlauheit aus. Er ist in unserm Haus bekannt geworden, und ich sehe ihn
öfters, aber noch kann ich kein Vertrauen zu ihm fassen. Und wie sollte ich? er
scheint zu verständig, um mich verstehen zu können.
    Albret hat sich jetzt, wie immer, auf eine eigentümliche Weise benommen.
Nach unsrer Trennung, bei der auch Eduard trostloser war, als er selbst erwartet
hatte, sagte ich ihm alles was ich fühlte. Der Schmerz macht aufrichtig, und das
bestürmte Gemüt kannte keine Schranken, keine Rücksichten mehr. - Er hörte mich
gelassen an, ohne ein Zeichen von Ueberraschung, mit einem Lächeln, wie man die
Träume eines Kindes belächelt. »Amanda,« sagte er, als ich schwieg, »Du kennst
Dich selbst, Du kennst die Menschen nicht. Unbedachtsam hälst Du die hinfällige
Pflanze, die einen Frühling lebt, für den Sprössling eines Baumes, der allen
Wettern trotzen, und mit den Zeiten wachsen wird. Zu späte Reue ist schrecklich;
bedenke das! - du bist mir wert.« Diese Äusserung reizte meine
Empfindlichkeit. Ich fühlte mich so gross, so unendlich in meiner Liebe, dass
jeder Zweifel an ihrer Dauer, ihrer Stärke, mir Lästerung zu sein schien. -
Indessen, was mir auch darinnen missfällig sein konnte, so fand ich doch, Albrets
Benehmen, in diesem Fall untadelich, ja! edel. - Seitdem
    hat er nie wieder über diesen Gegenstand, mit mir gesprochen, aber täglich
verwickelt er mich absichtlich, immer mehr in einen Wirbel von Zerstreuung und
Lustbarkeiten, wo ich ihm nicht glänzend genug erscheinen kann. Ich gestehe Dir,
dass ich nicht weiss, was ich davon denken soll. Bin ich das Spielzeug seiner
Eitelkeit, oder neuer, mir unbekannter Absichten? - - Ach! die Liebe macht mich
für alles andere ungeschickt, und raubt mir alles Urteil!
Eduard hat mir geschrieben. Seitdem weiss ich, dass die Welt noch Reiz für mich
hat; ich ahne wieder einen leisen Einklang im Spiel des Lebens, und bin mir
selbst wieder gegeben. Seine Klagen haben mich geweckt, und die Sorge, ihn zu
trösten, führt meinem eignen Herze Beruhigung zu. Wie sehr wünschte ich, meine
Julie, dass Deine Einrichtung, Dir jetzt verstattete, zu mir zu kommen. Deine
Gegenwart ist mir nie so notwendig gewesen, und sie würde das begonnene Werk
vollenden. - Nanette ist seit einiger Zeit wieder hier, aber sie scheint sich
von mir zu entfernen, wenigstens ist sie so unbefangen nicht mehr, wie vormals.
Zuweilen blickt sie mich liebevoll an, und ein fremder Zwang scheint ihren Mund
zu verschliessen; dann aber glaub' ich auch, Misstrauen und Zweifel in ihren Augen
zu lesen. - Und, soll ich Dirs gestehen? - beinah' ist es mir jetzt
gleichgültig. - Ach! seit ich ihn verloren habe, welchen Verlust kann ich noch
fürchten?
 
                               Neunzehnter Brief
                                Eduard an Amanda
Wir halten hier in einem elenden Ort, weil mein Bedienter krank geworden ist.
Nur mit Mühe konnte sich Barton, der mich einige Tagereisen mit begleitet,
entschliessen, diese Nacht hier zuzubringen, denn rastlos lies er mit mir dahin
jagen, und der Wagen flog ihm nie schnell genug. Ich lasse mir alles gefallen,
ich habe keine Kraft, keinen Willen mehr. Amanda, Amanda, was ist aus mir
geworden? - O! wie wenig wusste ich, was Trennung war, wie frevelnd war der Mut,
mit dem ich sie zu ertragen hofte! - Ich fürchte in eine gänzliche Melancholie
zu verfallen, und wird es nicht besser mit mir, so kehre ich, trotz allen
Gründen, allen Verhältnissen zu Dir zurück. Du bist das einzige Wesen auf der
Welt, dem ich ausschliessend angehöre. Andre bildeten mich zum Menschen, aber Du
erhobst mich zum Gott; von Dir getrennt, sinke ich tiefer hinab, je höher ich
stand. - Die ganze Natur scheint fühllos gegen meine Qual. Der blaue Himmel und
die lachenden Fluren, spotten meines Kummers, die Menschen können mein
unendliches Leid nicht fassen, und ihre unselige Kunst, entfernt mich schnell,
und immer schneller von dem Ort, der all' meine Liebe, mein Leben, meine
Freiheit in sich schliesst. - Vergolde nur immer, Abendsonne! die träumende Erde,
du vergoldest die Träume meines Herzens nicht mehr! Ich bin tod, ohne gestorben
zu sein. Der magische Ring. ist zerbrochen, womit mein Sinn alle Erscheinungen
in lieblicher Einheit zusammen hielt, und die Harmonie des Weltalls, ist mit der
Harmonie meiner Seele entwichen. Die Unendlichkeit hat Grenzen, und ein kaltes
Schicksal ist in dem Kreis meiner Gedanken an die Stelle der göttlich freien
Willkühr getreten. Ich hasse die Welt, und in der Welt mich selbst am meisten.
Amanda! schöne Seele! - Deine Wirkungen sind allgegenwärtig, wie die Gotteit
und begegnen mir da, wo ich es nicht im geringsten vermutete. Eine arme
Vertriebene, die tiefer als viele andere ihres Gleichen gebeuget zu sein schien,
kam zu uns, und klagte uns ihr Leid. Als sie aus einer unscheinbaren Brieftasche
eine kleine Schrift hervorzog, die als Beglaubigungsschein ihres Unglücks gelten
sollte, entfaltete sich ein andres Papier, worauf ich Deine Hand zu erkennen
glaubte. Kaum bemerkte sie meine Aufmerksamkeit, als sie mir es überreichte, und
mit ungewöhnlicher Rührung Dein Lob anstimmte. Ich las Deine freundlichen Worte,
deren feine Wendung ein grössrer Balsam auf die Wunde der Unglücklichen war, als
selbst Dein ansehnliches Geschenk. Ich küsste die geliebte Schrift; es war das
erste, was ich seit unsrer Trennung von Dir sah; ich wünschte, sie zu besitzen,
und bot der Frau eine beträchtliche Summe. Sie schlug sie aus, jedoch mit
sichtbarer Resignation. Ach! es ist traurig, wenn das feinere Gefühl gegen
Mangel zu kämpfen hat! - Ich gab ihr das Geld, und liess ihr Deine Schrift,
jedoch auch nicht ohne Resignation.
Wir sind wieder weiter gereisst, da der Kranke sich bald gebessert hatte. Unsre
Pferde laufen unerträglich schnell vorwärts, und der Raum schmilzt vor unsrer
fliegenden Eil behende hinweg, indes er zwischen mir und Dir immer mehr
anwächst. Ach! Amanda, ich kann die Trennung von Dir, immer weniger ertragen!
Meine Gesundheit leidet, und nur die Hoffnung auf einen Brief von Dir, hält mein
fliehendes Leben noch fest. - Doch, sorge nicht, Geliebte, ängstige Dich nicht!
es wird besser werden, oder ich kehre, so bald ich meinen Vater ein einzigmal
umarmt habe, unaufhaltsam zu Dir zurück.
    Ich bin so stolz geworden, und so demütig, dass ich mich selbst nicht mehr
kenne. Stolz - denn ich habe Barton, ihn, der mir sonst alles war, noch nicht
gewürdigt, mit ihm von Dir zu sprechen, so sicher er es wohl erwartet hatte, und
mit Recht erwarten konnte. Ach, er weiss es doch nicht, was Du bist, und kann es
nicht fassen - auch konnte ich es ihm nicht beschreiben. Ich möchte eine eigne
Sprache haben, um von Dir sprechen zu können. So kränke ich meinen Freund, dem
ich so vieles verdanke, vorsätzlich, durch die eigensinnigste Verschlossenheit,
und gleichwol ist er mir unentbehrlich. Ich bitte ihn, bei mir zu bleiben, wenn
er weggehen will; er darf mich keinen Augenblick verlassen. Es ist so
unaussprechlich schauerlich, sich Allein zu fühlen - ich habe das nie gefühlt,
und müsste ich es nur auch jetzt nicht! - Ich war ein Uebermütiger, der der
ganzen Welt trotzen zu können glaubte - jetzt scheint mir jeder Dank zu
verdienen, der mich erträgt.
    Heute hab' ich Dein Bild zum erstenmal angesehen, das war ein seliger
Augenblick! - bis jetzt erlaubte ich mir es nicht, weil ich mich selbst
fürchtete. Die Tränen stürzen mir aus den Augen, aber es waren wohltätige,
süsse Tränen. Es ist so wenig von Dir, und mir doch so unendlich viel.
Hier, im Wirtshaus ist ein kleines Mädchen, das Deinen Namen führt. Wie ich
erschrack, als ich den Namen nennen hörte, wie rasch ich mich wandte! - Das Kind
darf mich nun nicht mehr verlassen, es ist ein liebliches Geschöpf, und hat
einen Zug um den Mund, der ihm viel Aehnlichkeit mit Dir gibt. Ich betrachte es
mit süssem Schmerz, und träume mir viel. - Zuweilen wünsche ich - verzeih'! - es
möchte Dein Kind sein, dessen Dasein vielleicht ein Geheimnis bleiben sollte,
und das nun, durch Zufälle hieher gekommen sei. Dann wird mir das Mädchen so
heilig, ich drücke sie mit Wollust an mein Herz, und ihre Augen schienen mir
verklärter als vorher. Mich dünkt, es würde mir um vieles besser sein, wenn ich
das Kind immer um mich haben könnte. Ich habe schon diese Idee gegen die Aeltern
geäussert, und ernstaft mit ihnen darüber gesprochen, aber sie wollen nichts
davon hören.
    Barton treibt schon wieder zum Aufbruch. Er schildert mir meinen harrenden
Vater, wie er meiner Ankunft mit unruhiger Sehnsucht entgegen sieht. Amanda,
ach! wie kann ich weiter, da mich alles, alles zurückzieht? - Diese Qualen
kennst Du nicht. -
    Was macht Wilhelm? Denkt er noch an mich? Was gäb' ich darum, ihn bei mir zu
haben! Er hieng mit so treuer, warmer Liebe an Dir, und ich war oft
eifersüchtig, wenn - o Bilder, o Erinnerung! -
                                                                      Ganz Dein.
 
                               Zwanzigster Brief
                                Amanda an Eduard
Umwehe mich, Abendluft, und hauche mir Frieden in die beklommene Brust! - Ich
tauche mich in dem kühlenden Luftstrom, ich atme die Düfte der Nacht, aber sie
mildern die Sehnsucht des Herzens nicht. In der Dämmerung, im Lüftchen, im
Blumenduft, überall wohnen Erinnerungen; überall bist Du und bist Du nicht! - O!
dass ich Dich verlieren musste! -
    Es ist unbegreiflich, wie Deine Gegenwart in mein ganzes Leben verschlungen
war. Alles war durch sie geweiht, und allmächtig hauchte sie Leben und
Begeisterung, auch in die gleichgültigsten Dinge. Jetzt tritt mir allentalben
eine unerträgliche Leerheit entgegen. Gefühllos seh' ich, wie sich die Menschen
um mich her bewegen; gefühllos tue ich, was Andre von mir begehren. Mein Herz
ist tod; mit Dir hat mich mein bessres Selbst verlassen. Und dennoch regt sich in
mir ein unendliches Verlangen nach Glück. Ach! ich hatte es gefunden, und ich
liess es entfliehen, das einzige Glück, welches für mich blühte! - Eduard! ich
teile Deine jugendlichen Hoffnungen nicht, mir ahnet eine lange, grauenvolle
Trennung. Jetzt erst denke ich: ach! warum reisete ich nicht mit ihm? O! kalte,
unerträgliche Rücksichten, die mich noch jetzt zurückhalten! - Der Mensch denkt
sich oft in seinem Kreise so wichtig, so unentbehrlich, und kaum hat er ihn
verlassen, so sieht er, wie ein andrer ihn leicht, und oft weit besser ausfüllt.
Aber da, wo ein höheres Leben für ihn blüht, wo sein heiligstes Dasein, an dem
göttlichen Hauch harmonischer Freiheit und Liebe, sich mit den schönsten Blüten
entfaltet, die ganze Welt sich seinem Aug' verklärt, und er gut sein muss, weil
ihm alles andre gut erscheint, da ist er an seiner Stelle, da muss er sich, aller
Hindernisse trotzend, ewig zu erhalten suchen.
    Ich fuhr gestern spazieren, und wählte den Weg, den Du gereist bist. Es war
mir, als käme ich Dir näher; ja, einige Augenblicke lang, dauerte die süsse
Täuschung, als eilte ich in Deine Arme. Es ward Abend; die Natur lag in ruhigen
Träumen, still und frei vor mir; das graue Bergschloss, das Deinem Gärtchen
gegenüber liegt, lächelte, wehmütig zärtlich in die Abendglut; die Fenster, der
ländlichen, umher zerstreuten Hütten, glänzten Ruhe und Einfalt. Komm, o! komm,
rief ich laut, die Sehnsucht tödtet Deine Amanda! - Ach! da zerrann die
Täuschung, und als ich wieder zurück fuhr, lebten alle Qualen der Trennung,
tausendfach in mir auf.
    Und so war es denn ein Traum, das ganze wunderbare Glück unsrer Liebe? Eine
Erscheinung, die flüchtig wie alles andere, und bedeutungslos verschwindet? -
Ist es möglich, frage ich mich oft mit kindischem Zweifel, dass man so glücklich
sein kann, wie wir es waren? so glücklich im Genuss der Gegenwart? -
Vergangenheit umzieht ihre Freuden mit äterischem Duft, und reizt die
Sehnsucht, nach unmöglichen Genüssen; die Zukunft kleidet ihre Bilder, in das
blendende Gewand der Täuschung; die Phantasie zieht sich aus einer fremden Welt
Paradiese herab, die nie sein werden - aber Gegenwart, Wahrheit; wenn auch diese
so beseligen, so begeistern, dann, ja! dann ist es nur das Werk der Liebe, der
Allesvermögenden! Aber wie selten finden sich so gleichgestimmte Seelen, wie
selten vereinigt sie ein so wunderbares Band! - Ach! unendlich wie mein Glück,
soll auch mein Schmerz es sein! Wie gern gäb' ich noch eine solche Zeit, wie
diese war, zu leben, mein Dasein, mit allen übrigen Genüssen, dafür hin, und
stürbe, mit dem letzten Kuss beglückt, in Deinen Armen!
Ich habe Deinen Brief! Wie süss hab' ich geweint, als ich ihn las! - O! Allgewalt
der Liebe, auch getrennt umwindest du deine Lieblinge, mit äterischen Blüten
des Entzückens! - Ich hatte mich sehr auf diesen Tag gefreut, und wohl mir, dass
die Hoffnung mich nicht betrog! Sie täuschet also doch nicht immer, diese
Trösterin der Getrennten? - Wie wächst mein Vertrauen nach dieser Ueberzeugung!
    Beruhige Dich, Eduard, wir werden uns wiedersehen. Bekämpfe diese
Heftigkeit, die Deine Gesundheit untergräbt; ach! sie ängstet mich
unaussprechlich! - Hoffe Alles - die Zeit - unser Wille - ich bin ruhig - Nein,
Eduard! ich kann Dir nicht heucheln, der schöne Bund der Aufrichtigkeit, den wir
zusammen schlossen, soll unter keinem Vorwand, auch den gutmütigsten nicht von
mir verletzt werden. Ich bin nicht ruhig. - Hoffnung und Zweifel belebt und
tödtet mich; mein Geist entflammt in Sehnsucht, und das Leben ist Qual ohne
Dich. -Wie wird sich das geheimnisvolle Benehmen Deines Vaters lösen? - Welche
Pläne verschliesst sein Busen, die Dich vielleicht weit, weit von mir entfernen?
und soll ich Dich vielleicht nie wiedersehn?
Wilhelm, der einst unser kleine Vertraute war, spricht oft von Dir. Er kann die
Stunden, die er bei Dir zugebracht hat, nicht genug rühmen, und wird oft
ungeduldig, wenn ich ihm auf seine Fragen, mit trübem Blick versichre, dass Du
noch immer nicht wiederkömmst. Der Knabe ist jetzt mein einziger Trost. In den
ersten Tagen der Trennung, wo ich für Alles tod war, war auch er mir
gleichgültig geworden, aber sein süsses Geschwätz, und der Gegenstand desselben,
hat mir bald Teilnahme abzulocken gewusst. Seine Bildung beschäftigt mich nun
wieder, das heisst, ich pflege die zarten Blumen, die die Natur in das kindliche
Herz pflanzte, Wohlwollen, Frohsinn, Wahrheitsliebe. Du weisst, wie bittre
Vorwürfe ich mir einst machte, dass ich ihm Verstellung abgedrungen hatte; ich
suche es jetzt durch die einfachsten Erklärungen wieder gut zu machen, und jede
Spur einer Handlung zu vertilgen, die nur die Liebe entschuldigen konnte.
    Täglich, stündlich ruht mein Blick auf den Lauben, den Schattengängen, wo
wir beide oft, in lieblicher Einsamkeit, die schönsten Stunden unsers Lebens
verträumten. Eduard! diese leise flüsternde Bäume, die stumm wankenden Schatten,
haben eine Sprache, die bis in das Innerste meiner Seele dringt! Dann fühle ich
mich oft so frei, so hoffnungsvoll, wie in den Tagen der Liebe. Aber bald fehlt
mir der Einzige, und es stürmt von neuem in der Seele.
    Und keiner, keiner, der mein Leiden mit empfinden könnte! - Nur Du leidest
in der Ferne mit mir. Einsam trauren wir beide, und der süsse Trost der
Mitteilung ist uns versagt. Gute Nacht! ganz Dein.
 
                           Ein und zwanzigster Brief
                                Eduard an Amanda
Nun bin ich hier in dem geräuschvollen * *, und statt meines Vaters, dessen
Anblick allein einen Strahl von Freude in mein Herz zu senken vermogt hätte,
fand ich bloss einen Brief von ihm. Er ist nach England gereis't, weil, wie er
schreibt, Geschäfte, auf denen das Wohl von vielen beruht, dort seine Gegenwart
verlangen. Nur den dringendsten Beweggründen, fährt er fort, vermöchte er seinen
liebsten Wunsch, noch länger aufzuopfern. Er bittet mich um meine Nachsicht, und
rechnet ganz gewiss darauf, in wenig Wochen wieder hier zu sein. - Und so muss ich
nun ausharren, denn erwartete ich die Ankunft meines Vaters nicht: ich kehrte
ohne Verzug zu Dir zurück. Ach, Amanda! ich bin so fern davon, ruhiger zu sein,
dass meine Sehnsucht nach Dir, vielmehr mit jedem Tage zunimmt! - Täglich bin ich
in Gesellschaft; die Menschen sind gefällig, zuvorkommend gegen mich; manches
weibliche Auge glänzt mir entgegen, aber ich bin für alles kalt und fühllos. Wie
anders, ach! wie ganz anders war es, wenn ich bei Dir war, welche Stunden der
Weihe, der Begeisterung, der Liebe! Du weisst es nicht, was Du bist, Amanda, und
dies macht Dich eben so schön! wie eine Heilige verehre, bet' ich Dich an!
    Du glaubst nicht, wie schwer es mir oft wird, in Gesellschaft die nötige
Fassung zu behalten. Meine Seele ist jetzt in einem so hohen Grad zur Wehmut
gestimmt, dass alles, was nur den leisesten Bezug auf Dich hat - und wo fände ich
ihn nicht? - mich unbeschreiblich erschüttert. Gestern sagte einer bei Tische
die Stelle aus Carlos:
»Gehört die süsse Harmonie, die in
Dem Saitenspiele schlummert, seinem Käufer,
Der es mit taubem Ohr bewacht? Er hat
Das Recht erkauft, in Trümmern es zu schlagen,
Doch nicht die Kunst, den Silberton zu rufen,
Und in des Liedes Wonne zu zerschmelzen.
Die Wahrheit ist vorhanden für den Weisen,
Die Schönheit für ein fühlend Herz.
Sie beide gehören für einander.«
Dies ergrif mich so gewaltig, dass ich hinaus gehen musste. So geht es mir sehr
oft, und das Schrecklichste dabei ist, dass ich dann noch Vorwände suchen muss,
wenn ich nicht für einen Toren gehalten sein will. Dann bringe ich bald der
Wirtin Blumen, oder werfe irgend eine sonderbare Frage auf, und muss so noch an
kalte Gesellschaftsregeln denken, indes meine ganze Seele von Sehnsucht nach Dir
glüht!
    Endlich Nachricht von Dir - das ist der erste, lichte Moment meines ganzen,
fern von Dir verträumten Daseins. Jeder Buchstabe von Dir, ist mir heilig. Was
für ein Himmel liegt in Deiner Liebe, einzige, geliebte Amanda! Ich bin
eifersüchtig auf Dich, denn gewiss hat Dir mein Brief nicht das Entzücken
gewährt, wie mir der Deinige. In Allem möchtest Du mich übertreffen, nur
hierinnen solltest Du mich nicht zurücklassen. Und dennoch möchte ich um Alles
in der Welt nicht, dass Dein Brief mir weniger Freude gemacht hätte. So ist kein
Zustand im Leben so voll Widersprüche, wie der Zustand der Liebe; die Zeit der
Liebe ist nicht die Zeit der Ruhe. Wie ist es doch möglich, dass wir bei diesen
Widersprüchen, bei dieser Unruhe so glücklich sind?
    Ich beneide Dich, Amanda, obwol ich Dir es gönne, obwol ich alle Freuden
meines Daseins hingeben möchte, um Dich froher zu wissen. Ich beneide Dich, dass
Du dort lebst, wo jede Aussicht, jedes Plätzchen neue Schwärmereien weckt, und
süsse Qualen nährt. Was gäbe ich darum, wenn ich ungestört meinen Träumen
nachhängen könnte! Du weisst, wie wenig ich über die Äusserungen meiner
herrschenden Stimmung zu gebieten vermag, und hier, im Kreise meiner Verwandten
und ältern Bekannten, muss ich es fast immer. Mein einziger Trost ist oft, von
Dir zu sprechen, so wie sich nur die entfernteste Gelegenheit darbietet. Alle
kleine, von Dir gesammelten Züge, alles Freie, Hohe, Interessante, Schöne, wird
erzählt, und da ich nicht von einer Einzigen sprechen will, so verteile ich
Deine Vorzüge auf alle die Weiber, die in Deinem Kreise leben, und es ist für
alle genug, reicht vollkommen hin, um hier die weibliche Eitelkeit durch eure
Unerreichbarkeit zu kränken. Sieh', meine Amanda so reich bist Du; und dass man
Dir das erst sagen muss, das macht Dich eben noch reicher.
    Aufrichtigkeit - wie hat mich das Wort ergriffen, als ich es in Deinem
Briefe fand! Jener Stunde, worinnen Du Dich so schön hierüber erklärtest,
gedenke ich noch oft und gern. Ich lag auf den Knieen vor Dir, das Herz voll
Qualen der Eifersucht. Es war spät; ich hatte Dich aus einem glänzenden Zirkel
nach Hause begleitet, wo Dein Reiz, Deine Anmut, alle Weiber überstrahlt, alle
Männer geblendet hatte. Ich sah die trunknen Blicke nach Dir hintaumeln, und wie
selbst kältere Herzen, Dir unwiderstehlich zuflogen, als Du mit seelenvollem
Ausdruck, zu den schmelzenden Tönen einer Laute sangst. Ich stand in einiger
Entfernung, und atmete kaum. Meine Blicke irrten auf Deiner Gestalt umher, und
liebten alles, bis auf die schimmernden Ketten, die Deine Arme umschlossen.
Diese schöngebildete Hand ist mein, sagte ich mir freudig, dieser Arm, dieser
Nacken, diese Wange, dieser Mund - und mir schwindelte vor Entzücken. - Aber es
wird, es kann nicht mein bleiben, dachte ich weiter. Die Ansprüche, die ein
jeder an sie tut, ihr jugendlicher Sinn, ihr vorzüglicher Geist - genug, ich
sagte Dir alles, was mich quälte, als wir allein waren, und Deine süssesten
Versicherungen konnten mich nicht beruhigen. Da sprachst Du: Vertrauen ist das
einzige Band, was die liebenden Seelen in fester, zarter Gemeinschaft erhält.
Aller Zauber der Phantasie, vermag nichts über die Herzen, wenn nicht Wahrheit
des Gefühls zum Grunde liegt. Sollte ich je anders für Dich fühlen, als jetzt -
was mir unmöglich scheint, so sage ich Dir es frei, und auch Dich halte keine
vermeinte Zarteit ab, die immer Falschheit bleibt, mir alles, was in Dir
vorgeht, zu vertrauen. - Da gelobten wir einander stete Aufrichtigkeit, und es
tröstete und labte mich dieser Bund über Alles.
    Barton hat mir geschrieben, doch was ich so sehnlich von seinem Briefe
wünschte und erwartete, fand ich nicht. Er schreibt wenig und nichts
Befriedigendes von Dir; aber wie sollte er anders? - Habe ich nicht durch meine
hartnäckige Verschlossenheit seinen Unwillen verdient? Ist es nicht an mir,
alles wieder gut zu machen? - Dagegen schreibt er mir von Nanetten, mit einer
feurigen Beredsamkeit, die mir an ihm fremd ist, und mir eine sonderbare Art von
Freude macht. - »Bei ihr,« schreibt er, »finde ich noch die liebe alte
Fröhlichkeit, die, von uns entflohen, einst der Genius besserer Zeiten war, die
nicht erst lange fragt, warum? und ob mit Grund? und ob alles in der ganzen Welt
dazu passt? nein, frei aus dem Herzen herausquillt, und gleich einer erwärmenden
Frühlingssonne, auch in Andern, manche ferne, erstorbene Freude weckt. Nanette
plagt sich nicht mit Vorbereitungen zum Leben - sie lebt. Von andern wenig
fodern, auf sich selbst rechnen, übrigens so wenig als möglich, an sich denken,
und lustig fortleben, dies ist ihre Weisheit, die einzigen Regeln, die sie
befolgt.«
    Ich danke Dir, Amanda, dass Du mir nichts von Albret schreibst, denn ich
verheele Dirs nicht, dass sein Name mir stets, wie ein glühendes Eisen, durchs
Herz fährt. Ich verehre Deine Handlungsart, aber das vermindert meine Schmerzen
nicht, ich werde kalt und warm, und taumle zwischen Wehmut und Ungestüm, wenn
ich an ihn denke. - O! warum warst Du so fremd, mit Deinem eignen Herzen? Und,
warum mussten wir uns jetzt erst finden? -
    In wenig Tagen reise ich aufs Land, an den Ort, wo ich die ersten, goldnen
Tage des Lebens zubrachte. Dort werde ich auch meinen Vater einen Tag früher
sehen können, der mit seiner Ankunft mir schon viel zu lang zögert. Aber ich
habe nicht den Mut, mich darauf zu freuen, vielmehr fürchte ich, irgend ein
Hindernis könnte mir dort die Nachrichten von Dir, länger vorentalten, und
diese sind jetzt das höchste Ziel meiner Sehnsucht. Schreibe mir Verbannten
bald. Gute Nacht, mein Leben, meine Seligkeit, mein Alles - ach! warum
antwortest Du nicht? -
 
                           Zwei und zwanzigster Brief
                                Amanda an Eduard
Eduard! ich bin allein - die romantische Stille der Nacht, ruht auf allen Wesen.
Vor gerissnen, dunklen Wolken, steht einsam der Stern der Liebe; Ein geistiger
Schein verklärt das ferne Gebirge, indes tiefe ambrosische Nacht, das vor mir
liegende Tal bedeckt.
    Ach! aus allen Wesen ist die Bedeutung gewichen; ein kaltes Licht strömt von
dem Stern hernieder, und in den leisen, durch die Nacht verstreuten Tönen, liegt
Trauer und Wehmut. - Eduard, ist dies die Welt, die einst so schön, so heiter
war? - Welch ein allmächtiger Zauber lag in Deiner Nähe! - Du wusstest es nicht,
nein! Du wusstest nicht, wie Du geliebt wurdest. - Die Luft hauchte mir Deinen
Atem, in dem Geflüster der Blätter hörte ich Deine Stimme, der Mond beleuchtete
nur Deinen Pfad. Ich wusste es, eine solche Nacht liess Dich nicht ruhen. Du
eiltest hinaus, in die Natur, vor Deinen Augen entfaltete sich eine neue Welt,
himmlische Freiheit und Liebe empfing Dich, und die heiligen Stimmen der Nacht,
riefen wunderbare Bilder vor Dein Gemüt.
    Dann, ach! das wusste ich auch - zog Dich ein allmächtiger Zug zu mir hin. Du
wandeltest durch blühende Haine, blühender und lebendiger als sie, und eine
stärkere Sehnsucht entflammte Dich. Wenn ich dann hinaus sah, in die nächtliche,
liebeatmende Welt, und hinter jedem Gesträuch Dich ahnen durfte, wie ward mir
dann die Gegend so lieb, so heilig! Wie strömte aus Deinen Blicken ein neuer,
himmlischer Reiz über sie hin! - Deine Wünsche waren jugendlich wie die
Frühlingsblumen, Deine Phantasie himmlisch, wie das Licht der Sterne, Deine
Gefühle lebendig, wie der rauschende Bach. - Jetzt überfällt mich namenlose
Wehmut, wenn ich die blühende Natur um mich erblicke, und mich von Dir
getrennt, in dieser blühenden Natur. Vergebens sage ich mir, dass jedes Glück -
auch die Liebe, enden muss, besser gewaltsam durch Trennung als langsam durch die
Zeit - das Innerste des Herzens widerspricht, und meine Tränen strafen mich
Lügen.
    Seit einigen Tagen ist Julie hier, und wie wohl mir ihre Gegenwart tut,
wirst Du fühlen, da Du weisst, wie ich sie liebe; doch habe ich manches an ihr
anders gefunden, als ich mir es dachte. - Sie will um ihre, nicht ganz feste
Gesundheit, zu stärken, diesen Sommer das hiesige Bad brauchen, und hat sich
gefreut, dies mit meinem Wunsch, sie bei mir zu seh'n, vereinigen zu können. Die
Jahre, während wir uns nicht sahen, haben den Duft der Jugend von ihrem Geist
abgestreift, und sie hat manches in ihrem Wesen, was mir weh tut, was ich hart
nennen möchte, wenn ich es nicht wegen der Uebereinstimmung des Ganzen gern
ertrüge. Sie ist ganz das, was sie sein wollte, eine Frau, die Vergangenheit und
Zukunft, stets im Bezug auf die Gegenwart denkt, mit ihren Verhältnissen in
Eintracht lebt, den Lebensgenuss weise verteilt, um damit bis ans Ende
auszureichen, und die Befriedigung des, allen Menschen eignen Triebes nach
Glück, mehr von dem Verstand als dem Gefühl erwartet. Freilich lässt sich von
einem solchen Gemüt schwerlich Billigung und lebhafte Teilnahme an einer
Leidenschaft erwarten, die wie die unsrige, alle Verhältnisse des Lebens
vergisst, den ganzen Himmel in Momente zusammen fasst, und aus dem geheimnisvollen
Quell der Gefühle, unendliche Freuden und unendliche Qualen schöpft. Gleichwol
liebe ich sie, weil sie mir gibt, was sie mir geben kann, weil Jugendgefühle,
Erinnerungen, mich an sie binden, und ich ehre sie, weil sie unbefangen das ist,
was sie sein kann, und sich für nichts anders gehalten wissen will. -
Verschieden werden die Menschen geboren, und mag doch immer jeder seine
Eigentümlichkeit, - nur in einer schönen Form - zu erhalten suchen! Wie töricht
begehren Manche die unendlich reiche Mannigfaltigkeit der Naturen mit der
flachen Einförmigkeit einer einzigen Form vertauscht zu sehen!
Eduard! Deine Klagen dringen mir ans Herz. Verbanne diese wilde Traurigkeit, die
mich ängstigt; ich verlange, ich fodre es. - Auch ich will ruhiger sein; und bin
es schon. Ich habe Augenblicke, Stunden, wo ich mit gefasstem Gemüt, über unsre
Trennung nachzudenken vermag. - Mühsam suche ich dann alle Gründe hervor, um
Vorteile für Dich darinnen zu finden. Der vorzügliche Mensch, sage ich mir,
soll harmonisch ausgebildet werden; das Gefühl darf nicht die Oberhand
behaupten, nicht das schöne Gleichgewicht verletzen, und dann in allen
Verhältnissen des Lebens, sich eine despotische Herrschaft über die andern
Geisteskräfte, anmaassen. Ach! aber dann fällt es mir schwer aufs Herz, dass wir
das, was in der Zukunft vielleicht noch reifen wird, mit den geliebtesten
Freuden der Gegenwart erkaufen; das Schöne dem Nützlichen, das Freie dem Gesetz
aufopfern, und wie gefallne Engel den hohen Pfad verlassen mussten, der uns,
vereinigt, zu mehr als irdischem Glück und Hoheit führte. - Warum mussten wir so
viel besitzen? - Ach! dem, der einmal den Himmel besass, dünkt ein gleichgültiger
Zustand schon Verdammung zu sein. - Doch, Eduard! wo gerate ich hin!
    Ich beneide Dich um die Neuheit, das fremde Leben, welches Dich umgibt, wie
Du mich um meine stillen Träume. Jedes hält den Andern für glücklicher, wünscht
sich an seine Stelle, und gönnt ihm doch seine vermeinte, bessere Lage. - Ach! in
dem fremdesten Gewühl, und in der einsamsten Hütte, wird das treue Herz von
Sehnsucht gequält!
    Es beunruhigt mich oft, dass ich Dir nicht öfterer schreiben kann, und dass
meine Briefe Dich erst so spät erreichen. - Ich zittre für jeden Aufschub, und
möchte Dir gern jede Unruhe, jede Sorge ersparen. Zuweilen, Freund, durchfliegt
mich eine himmlische Zuversicht. Weissagend, verheisst mir eine innre Stimme: wir
sind nicht für einander verloren! - Der stille Gang der Schicksale führt uns
wieder zusammen, diese Sehnsucht bleibt nicht ungestillt, aber wenn und wie?
noch weiss ichs nicht! - O! ist nur erst der Schleier des Geheimnisses hinweg
gerollt, der über Deinen Verhältnissen ruht! - Dass er dann bald erscheine, jener
selige Moment des Wiedersehens! - bald, wenn noch die Glut der Gefühle ihn
unendlich macht, und die himmlischen Geister der Phantasie um die Wahrheit ihre
Blütenkränze flechten!
Oft erfreut es uns, Julien und mich, auf die verschlungnen Pfade der
Vergangenheit, wie von einer Höhe herabzusehen. Erst dann, wenn Jahre dazwischen
liegen, wird erst bemerkt, was in der Gegenwart sich zu nahe vor die Augen
drängte. Schon frühe trennten sich unsre Wege, aber wir bemerkten es nicht. Wenn
wir von der Zukunft träumten, und Julie bald ein Ruheplätzchen zu finden
wünschte, wenn ihre Phantasie sich kaum einige Meilen weit wagte, und sie das
reinliche Landhaus, und ein stilles, regelmässiges Leben bald festielt, so
reizte mich der Gedanke: mehr von der Erde zu sehen, ganz unaussprechlich; die
unbestimmte Ferne zog mich an, und als das höchste Glück, dachte ich mir stets,
an der Seite eines geliebten Mannes, ein schönes, vielseitiges Dasein zu
geniessen, tausendfach zu leben. - Ihr, der Gnügsamen, ward, was sie wünschte,
und sie erfüllte die Lage, die sie so oft sich dachte; mich trieb das Streben,
das hohe, was ich kannte, in Einem vereinigt zu finden, rastlos im Gebiet des
Lebens umher, und als es mir ward, als ich kaum das harmonische Dasein fühlte,
das alle Wünsche begränzte - ach! da verschwand der Himmel, und einsam und
verlassen fand ich mich auf der Erde wieder!
Du schriebst mir lange nicht, Eduard! Dein Schweigen ängstet mich. Schon einige
Posttage sind vergangen, wo ich Seligkeit erwartete, und alle Bitterkeit
getäuschter Sehnsucht fand. Ach! Dein Bild webt sich in alle meine Träume, und
meine süssesten Hoffnungen ruh'n in Deinem Herzen! Oft überflieg' ich, was uns
trennt, und lebe dann mit Dir, ein neues, schönes Leben. Und teilst Du sie mit
mir, diese Sehnsucht nach Wiedersehn? - wie soll ich mir Dein Schweigen
erklären? - wie, wenn Du Dich der Freude überliessest, während ich voll Trauer
jede Freude verschmähe, und Dich stets allentalben vermisse? - Ich bat Dich
ruhig zu sein, und müsste verzweifeln, wenn Du es wärest. Nur das kann mich
beruhigen - wenn Du mir nichts verheelst, Dich durch keine Spizfindigkeit des
Verstandes, keinen Trugschluss der Vernunft verleiten lässt, das hohe Gesetz des
Vertrauens zu brechen, das, wie durch Zauberei, Eins in des Andern Seele lesen
lässt.
 
                           Drei und zwanzigster Brief
                                Eduard an Amanda
Ich bin nun hier auf dem Gute meines Vaters, und habe zum erstenmal einen Busen
voll Sturm in diese friedlichen Fluren gebracht. Hier war ich als Knabe -
glücklich ohne es zu wissen, eine heitre Welt stand vor meinem Blick, mein Leben
war Genuss und Tätigkeit. Hier war ich oft als Jüngling, mit Wunsch und Gefühl.
Oefters weinte ich da an einem schönen Abend oder Morgen, Tränen, deren Quelle
ich nicht kannte. Ach! es waren schon damals Tränen der Sehnsucht, die ich Dir
weinte, obwol ich Dich nicht kannte, einzige Amanda! warum sah ich Dich damals
nicht, warum verband uns nicht Ein Himmel, Eine Flur? - Und als ich Dich endlich
fand, als mich die Liebe mit Dir vereinigte, wie war es möglich, Dich wieder zu
verlassen? - Ich habe viel darüber nachgedacht, was mich ans Leben hält, und was
überhaupt den Menschen so ans Leben fesselt, und ich weiss es, ich habe es
gefunden, es ist die Liebe, einzig sie allein. Wenn ich aufhöre zu lieben, so
höre ich auch gewiss auf zu leben. Nur Liebe oder Eigennutz sind die Bande, die
alle menschliche Gesellschaft zusammen halten, und wenn ich mich in schwarzen
Stunden der Selbstqual ungeliebt und ohne Liebe denke, so schaudert mir, und ich
ergreife rasch Dein Bild oder Deine Briefe. - Ich bin jung, und habe wenig
Leiden erprüft, aber doch nicht selten schmerzlich die Nichtigkeit aller Freude
gefühlt. Meine lebhafte Phantasie zauberte mich in alle noch ungeprüfte Lagen
bis zur Wirklichkeit hinein. Ehe ich Dich kannte, fühlte ich öfters
unbeschreibliches Verlangen, banges Gefühl von Alleinsein. Die Natur war damals
meine Geliebte. Wie oft bin ich auf die Knie gesunken, den Busen voll Sturm, das
Auge voll Tränen, und habe die Blumen geküsst und die Erde! - Dann schwärmte ich
rastlos umher, und ich brauche Dir nicht zu sagen, dass es kein gemeiner Taumel,
kein gewöhnlicher Durst nach Vergnügen war. Eine Art von Verzweiflung jagte
mich, und bei allem Reichtum meiner Gefühle, dünkte ich mich arm. Da führte
mein Genius Dich zu mir - und alles, was ich je empfunden, wiederholte sich
schöner bei Dir. Der Sehnsucht Träne, der Wehmut Seligkeit, die tiefe
Ehrfurcht, das stumme Entzücken, - das alles gab ich nun Dir, und Du warst
reicher als die Natur, Du nahmst und gabst. - O! Einklang der Seelen!
Mitteilung ohne Worte! O! selige, selige, selige Zeit! - Gleich einer
glücklichen Insel ragt sie aus dem Strom des Lebens hervor. Die Liebe leitete
uns auf geheimnissvollem Weg dahin; aber wir mussten sie verlassen, unser Weg hat
weiter keinen Zusammenhang mit ihr, und einsam und getrennt treibt der Strom den
öden Nachen hinab. - Was soll ich nun allein auf den dunklen Wellen, wo Du,
leuchtendes Gestirn! mir fehlst? - Ach! ich bin so kleinmütig! und das macht
die Entfernung allein, die Entbehrung, die mich alles Sinnes und Mutes beraubt!
- Die Welt weicht von mir zurück. Leiser, und immer leiser verhallen in dem
weiten All die Töne der Liebe, der Freude, unvermerkt löset sich ein Band nach
dem andern, und an dem grossen Accord menschlicher Wünsche und Freuden schliesst
sich der Ton meines Herzens nicht mehr an.
Dein Brief taut Balsam auf mein wundes Herz, und gräbt die Wunde doch tiefer.
Ich denke mich bis zum Wahnsinn in alle verschiedenen Lagen hin, worinnen ich
Dich so oft gesehn. Ach! dass ich die Träume, die die Sehnsucht Deinem Auge
entlockt, wenn Du einsam in die nächtliche Gegend blickst, nicht von Deinen
Wangen küssen kann! dass ich nicht mehr gegenwärtig bin, um die Musik Deiner Rede
zu vernehmen, wenn Deine Lippen sich so anmutsvoll bewegen, dass ich oft selbst
das Hören darüber vergass! - Kann der todte Buchstabe mir ersetzen, was einst so
lebensvoll, so göttlich vor mir stand? - Nein! meine Empfindung gleicht der
Empfindung eines Greises, der aus dem Schatten der Ruhe noch einmal auf den
schimmernden Blumenpfad seiner Jugend zurückblickt. Alles Glück liegt hinter
ihm, und vor ihm, eine stille, leere, dunkle Gegend.
    Ein Plätzchen habe ich hier gefunden, heimlich zwischen Bergen und
Gesträuch, dem Garten ähnlich, wo einst Engel zu mir herabstiegen. Hier will ich
mir eine kleine Kapelle bauen, einfach, prunklos und mit weichem Boden, dass man
leise geht, wie der verstohlne Tritt der Liebe. Ueber dem Altar hängt Dein Bild;
auf ihm liegt alles, was ich je in seligen Stunden von Bändern, Blumen und
Briefen von Dir erhielt. Vier Säulen sind darinnen, der Phantasie, Erinnerung,
Hoffnung und Liebe geweiht, und jede trägt das Gemälde einer Sonne aus der
kurzen Blütezeit meines Glücks. Zuweilen muss ich auch einen Menschen mit mir
dahin führen, um dort zu beten, denn welcher Genuss ist ungeteilt? - Aber
behutsam, sehr behutsam werde ich sein in meiner Wahl, und wohl manches Jahr wird
hingehen, dass keiner in den Tempel meiner Allgegenwärtigen tritt. Und wenn auch
einer der Erste seines Jahrhunderts wäre, so müsste er dennoch geliebt, glücklich
geliebt haben, wenn er mich begleiten dürfte. Aber grosse Menschen werden nicht
ohne Liebe; sie allein bringt uns den Vollkommnen näher. - Wäre nur meine
Kapelle schon fertig, dass ich mich in den heissen Augenblicken der Unruhe und
der Sehnsucht, dahin verbergen könnte!
Amanda! ich bin in Verzweiflung! - In meiner Zerstreuung hab' ich vergessen, dem
Boten, der Briefe in die Stadt trägt, diesen Brief an Dich mitzugeben. Das
Aussenbleiben desselben wird Dich beunruhigen, und ich kann diesen Gedanken
nicht ertragen. Ich lasse das schnellste Pferd satteln, und fliege in die Stadt,
um die Post noch zu erreichen. O! dass es so unbändig wäre und sich nicht halten
liesse, und mich ohne Rast zu Dir hintrüge!
Ich bin wieder besser, meine Amanda, ich bin ganz gesund. - Ach! was habe ich
gelitten, dass ich Dich so lange in dieser Ungewissheit lassen musste, aber die
Krankheit übermannte mich mit unbeschreiblicher Stärke und Schnelligkeit; ein
heftiges Fieber raubte mir das Bewusstsein, und vergönnte mir nur selten einen
leichten Augenblick; ich habe viel phantasirt, und bin sehr glücklich gewesen.
Ganz deutlich erinnere ich jetzt mich dessen, was meiner Krankheit vorher ging,
und ich will es Dir erzählen, weil ich Dir nichts verheelen darf. - Ich ritt,
nachdem ich Dir zuletzt geschrieben, mit fliegender Eil, um noch vor Abgang der
Post in der Stadt zu sein. Auf meinem Weg lag eine Fähre, die ich passiren
musste. Es war so früh, dass man auf der andern Seite niemand vermutete, und ich
musste lange warten. Die Luft wehte kalt, der Himmel sah schwarz umzogen, und
meine Ungedult war fürchterlich. Schon wollte ich mich in die Wogen stürzen und
hinüberschwimmen, als ein alter Schäfer herbei kam, und mich gutmütig
festielt. Er stellte mir die Gefahr bei dem herannahenden Sturm so lebhaft vor,
dass ich einige Augenblicke lang schwankte, und ein kleines Gespräch mit ihm
anknüpfte. Und hier - so bitter war meine Stimmung - war ich recht bemüht,
diesem Menschen, der mit seinem Dasein zufrieden schien, das Traurige desselben
mit wilder Lebhaftigkeit aufzudecken. In dieser öden Gegend, wo Stunden weit
keine menschliche Wohnung, nur Sand und dünner Graswuchs zu sehen ist, musste
dieser Mensch zwei mal 24 Stunden lang - allein mit seinem Hund die Schaafe
hüten, wo dann ein andrer ihn ablöste. Bitter fragte ich den Mann: Wie magst du
nur das Leben ertragen? - Aber er begriff mich nicht, und erzählte mir nur, wie
er dann Einen Tag in seiner Hütte zubrächte, und mit seinem Weibe des kleinen
Lohns sich freue, und sein Gärtchen bestelle. - Dies Gespräch machte mich noch
ungeduldiger, und da die Fähre noch immer nicht gekommen war, so nahm ich keine
Gründe mehr an. Ich verliess mich auf mein gutes Pferd und meine Kräfte, und
wünschte, dass ein verzweifelter Kampf mit den, Wogen, dem Leben, das in manchen
Augenblicken keinen Reiz mehr für mich hat, wiederum Wert geben möchte. -
Glücklich erreichte ich das Ufer, und nun weiter nach der Stadt. Ich kam zu
spät, und das brachte mein Blut noch mehr in Wallung; eine unnatürliche Glut
rann durch meine Adern; ich fühlte die Krankheit, aber ich fasste die Idee, sie
zu bekämpfen, und ihr durchaus nicht unterliegen zu wollen. Unverzüglich ritt
ich wieder fort, durch eine dunkle, stürmische Nacht. Aber mir war wohl, sehr
wohl. Das Ungewisse der Schatten, erhöhete meinen gespannten Zustand.
Allmächtig, wie ein Gott, wandelte ich allein in einer unendlichen Welt. Die
ganze Natur schien mir untertan, ich fürchtete, ich hofte nichts; Leben und Tod
lag in meiner Hand. Auf einer unermesslichen Nebelbahn kam mir ein ferner,
freundlicher Lichtstrahl entgegen. Du warst es; wie eine leuchtende Sonne
nahtest Du mir, und wir stiegen höher, immer höher. - Gegen Morgen kam ich an
das Wasser und dachte mit Vergnügen der gestern überstandnen Gefahr. Diesmal
fand ich die Fähre und liess mich gleichgültig übersetzen. Meine Verwandten
erschracken, als ich nach Hause kam. Ich sprach unbeschreiblich viel in Prosa
und Versen, mit der grössten Lebhaftigkeit. Nach einigen Stunden gelang es ihnen,
mich ins Bett zu bringen, und von diesem Augenblick an weiss ich wenig mehr. -
Mehrere Wochen sind mir ohne helles Bewusstsein vergangen, doch war Dein Bild in
allen meinen Träumen. Sie sagen: ich soll noch nicht ausser Gefahr sein, doch
fühle ich jetzt meine Kräfte täglich mehr zurückkehren, und meine einzige Sorge
ist Deine Bekümmernis. Fürchte nur nichts mehr, Geliebte! Du liebst mich und ich
lebe.
 
                           Vier und zwanzigster Brief
                                Amanda an Eduard
O Du bist krank, Eduard! Du bist es noch immer! Dein Brief trägt unverkennbare
Spuren Deines zerrütteten Zustandes. Weh mir, dass ich so Dich wissen und
entfernt von Dir bleiben muss! Diese innre Notwendigkeit bei aller äussern
Freiheit ist das Schrecklichste, was sich fühlen lässt, ist die grösste Qual
meines Lebens! - Ich möchte, wie Clärchen, als sie Egmont im Kerker weiss, und
ihn nicht retten kann, ich möchte gebunden sein, an allen Gliedern gelähmt,
lieber, als so frei herum gehn zu können, und doch fern von Dir bleiben zu
müssen! - O! jetzt - bei dem heiligen Gefühl der Liebe, beschwöre ich Dich -
schone Dein! gedenke des liebenden Herzens, dessen Qualen Dein Werk sind.
Verbanne alle Schwärmereien, bändige Deine Phantasie, bedenke, dass mit der
Gesundheit auch die Freude, mit dem Leben die Hoffnung verfliegt. - Wie heftig
bist Du in Allem - o! sei ruhig, vertraue dem Herzen der Geliebten, der Du Alles
bist, lass uns der Zeit vertrauen, die das Verworrene still lösen wird. Noch hab'
ich selten an unsre Zukunft gedacht, und wohin das alles wohl führen sollte.
Fragst Du den Strom, wohin er seinen Lauf zu nehmen gedenkt? Allmächtig wogt er
dahin, wie Naturgesetz und Kraft es ihm gebieten. - Wie nahe, wie lebendig hat
mich noch heute Dein Andenken umschwebt! einsam ging ich in den dunklen Gängen
des Gartens! sehnsuchtsvoll breitete ich meine Arme aus, und nannte leise Deinen
geliebten Namen. Ach! da war es mir, als müsste ich Dich aus Deiner Ferne zu mir
herüberziehen, und mir ward wohl und weh bei dieser Täuschung. - Und nun noch
einmal, Eduard! einzig Geliebter! schone Dein Leben, Deine Gesundheit! - Julie
ist zurückgereist; Albret ist krank; ich bin allein - o! wenn Du meine Unruhe
kenntest!
 
                           Fünf und zwanzigster Brief
                                Amanda an Julien
Ich komme mit der alten Freundschaft und mit neuer Unruhe zu Dir, geliebte
Freundin! - Wohl uns, dass wir uns verstanden, uns aufs neue gefunden haben! Der
Sonnenstrahl der Nähe, hat alle die verhüllten Blütenknospen der
Jugendfreundschaft und Erinnerung, in unsern Herzen wieder aufgeschlossen; ein
neuer Lenz hat sich unserm Gefühl entfaltet, dessen heitern Himmel keine
Missverständnisse, keine Klugheit, keine kleinlichen Rücksichten getrübt haben,
und unsre Herzen waren gegen einander noch rein und ohne Falsch, wie in den
Tagen der Kindheit. Du hast mich weicher, fühlender - jugendlicher verlassen;
mich hast Du klärer, menschlicher, hoffnungsvoller zurückgelassen. Und nun
vergönne mir den tröstenden Genuss der Mitteilung, und lass mich Dir sagen, was
seit Deiner Abreise mit mir vorgegangen ist.
    Du weisst, dass Albret von einer heftigen Krankheit überfallen ward; sein
Zustand schien gefährlich. Ich tat für ihn, was Dankbarkeit, was menschliches
Gefühl, was mir mein Herz gebot, und er schien weicher und vertrauungsvoller
gegen mich zu sein als je. Einst liess er mich zu sich rufen. »Amanda,« sagte er
mit schwacher Stimme, »mein Leben, ich fühle es, ist bald dahin. Willst du meine
letzten Lebensstunden erheitern, und dir selbst die Ruhe deiner Zukunft
sichern?« - »O! rede frei,« rief ich, schon ganz erweicht, »alles was ich kann,
will ich gern, gern für deine Zufriedenheit tun! -« »Du liebst Eduard,« fuhr er
fort »diesen Jüngling, der heftig, ehrgeizig, unzuverlässig, undankbar ist, kurz
alle Fehler der Jugend in hohem Maass besitzt; dein Glück, deine Ruhe,
zertrümmert der Wilde unausbleiblich. Entsage ihm jetzt, da es noch Zeit ist,
brich allen Umgang mit ihm ab; versprich es mir, und du verbreitest Frieden über
mein gequältes, hinsinkendes Leben! -« Mein Herz zerfloss in tiefen Schmerz, und
mein Auge in Tränen; - ach! es gelang ihm nur zu gut, alle Saiten meines
Gefühls zu tiefer Trauer zu bewegen - aber ich war entschlossen. Jene rauhe
Tugend, die Alles seinen Grundsätzen aufzuopfern befiehlt, mögen auch alle andre
darüber zu Grunde gehen, kenne ich zwar nicht; sie ist mir fremd; aber diesen
Betrug, diese Herabwürdigung dessen, was mir das Liebste, das Heiligste ist - O!
wie hätte ich ein solches Versprechen über meine Lippen bringen können? - Nein!
sagte ich fest, und nur dieses einzige kann ich Dir nicht gewähren! - Albret gab
seinen Plan so leicht nicht auf; er suchte alles hervor, was mich zu erschüttern
vermochte, und nur spät überzeugte er sich, dass es vergebens war. »Nun wohl,«
sagte er hierauf, »bist du seines Herzens, ist er des deinigen so gewiss, so
kannst du nichts dabei wagen, wenn ich ihn auf eine, nicht allzu schwere Probe
stelle; und dies Verlangen wirst du mir, ohne Ungerechtigkeit, nicht
unbefriedigt lassen können. Versprich mir nur vier Monate lang, ihm keine Zeile,
kein Wort von deiner Hand lesen zu lassen, und dann entscheide selbst über ihn.
Fühlt er wirklich so, wie du glaubst, was vermag eine so kurze Zeit, was
vermöchte die grösste Wahrscheinlichkeit, gegen die freudige Gewissheit seiner
Liebe? gegen sein Vertrauen zu dir?« - Er fügte noch manches hinzu, und Julie -
ich versprach es. Ich versprach es und werde es halten, was es mir auch schon
jetzt kostet. Denn diese Probe, was soll sie? - Verträgt sich die Klugheit einer
solchen Prüfung mit der Einfalt, der heiligen Kindlichkeit der Liebe? - Ach!
schon bin ich sehr unruhig! Dem Sterblichen sollte Wahrheit über alles heilig
sein! Eine einzige Abweichung - und Du kannst die Folgen nicht berechnen. Kaum
ist die Handlung geschehen, so geht ihre Wirkung ins Unendliche; unaufhaltsam
stürmen die raschen Mächte des Schicksals mit deiner Tat dahin, und nie
bekommst Du sie mehr in Deine Gewalt!
 
                          Sechs und zwanzigster Brief
                                Eduard an Barton
Barton! ich habe Dich beleidigt, schwer beleidigt - ich weiss es, und allen
Deinen Briefen fühle ich meine Schuld und Deinen Kaltsinn an. Eigenmächtig, ohne
Grund, entzog ich Dir mein Vertrauen. Du warst mir wenig mehr, weil mir Amanda
Alles war. Vergiss es jetzt, ich selbst kann es Dir noch nicht erklären - und
vielleicht kannst Du es besser als ich; beurteile mich im Ganzen, als
Erscheinung, wie Du sonst wohl tatest, und Du wirst sehen, es wird sich alles
ausgleichen.
    Ich bin kaum genesen und es stürmt so vieles auf mich ein. Mein Vater ist
hier, und hat mir Alles gesagt. Ich weiss es nun, dass er von Albret tödlich
gehasst wird, und aus welchen Gründen; weiss es, dass dieser stolze, rachedürstende
Mann seinen Groll auch auf mich übertrug, und dass mein Vater, der in seiner Nähe
für mich fürchtete, sogar mein Leben in Gefahr glaubte, deshalb so schleunig, so
unbiegsam auf meine Abreise drang. Seine Liebe erfreut mich, aber die Gefahr,
worinnen er mich geglaubt, rührt mich weit weniger, als, wie ihr das furchtbare
Gemüt dieses Mannes kennen, und es so gleichgültig zu ertragen vermochtet, dass
Amanda bei ihm lebt. Wie? habt ihr Herzen? oder hat die Welt schon euren Sinn so
eng zusammen gezogen, dass nur euer eignes Schicksal euch rühren kann, und ihr
das Wohl und Weh eines fremden Wesens - o Gott! und des vollkommensten -
gelassen und untätig, in seine eignen Hände gebt? - Und ihr seid ja die bessern
unter den Menschen! - Doch davon hernach: jetzt das Wichtigste.
    Amanda schreibt mir nicht - was geht dort vor? - das ist es, was ich von Dir
wissen muss. Einer meiner dortigen Bekannten erzählt mir in seinem Brief ganz
unbefangen, dass man sie sehr oft mit dem Grafen * * zusammen sehe; dass seine
heftige Leidenschaft für sie kein Geheimnis sei, und Amanda ihr Gehör zu geben
scheine. Ich glühe, wenn ich mir das denke. Kanntest Du jemals diese Qualen der
Eifersucht, die mir, wütender Flammen gleich, verheerend durch die Seele
zucken. - Warum vernichten sie ohne zu tödten? - Und warum soll sie keine Freude
mehr geniessen, ohne mich: ihre ganze Existenz gedultig in die meinige auflösen?
- Kann ich, will ich diesen Seelenmord verlangen? Ja! ich darf Alles von ihr
fodern, weil ich ihr Alles zu geben bereit bin; mein Gefühl ist natürlich, ist
gerecht! - Ein heiliges Gesetz, dass Liebe nur Liebe - verlangt und gibt, liegt
ihm zu Grunde. Ist sie mir nicht Alles? Möchte ich nicht, von ihr getrennt, jede
Freude nur darum geniessen, um sie, treu aufbewahrt und verschönert, ihrer
Phantasie wieder zu geben?
    Vergleiche ich nun die stillen Äusserungen Deiner Briefe damit, die auch
ihrer oft in Verbindung mit dem Grafen erwähnen, so stossen sie mir den Dolch ins
Herz, und doch kann ich nicht sagen, dass du mir weh tust. Du schreibst mir kein
Urteil, nur trockne Wahrheit; bloss die äussre Erscheinung, nichts von
Vermutung, selbst das nicht, wie es auf Dich wirkte. Das tust Du, eben weil Du
weisst, wie tief es mich angeht. »Ich rate niemand in Sachen des Gefühls,«
sagtest Du einst, »denn ich kann so gut irren, wie der Andere. Aber ich stelle
ihm die Sache hin, rein und natürlich, wie sie mir erscheint, um vielleicht
durch eine neue Ansicht sein Urteil unbefangen zu machen.« - Aber, Freund! mit
dieser kalten Klarheit richtest Du jetzt nichts aus, jetzt nicht gegen mein
leidenschaftliches, gequältes Herz. Ich fodre Dein Urteil, ganz bestimmt, Alles
was Du von ihr, ihrem Wesen, ihren Verhältnissen und ihrer Liebe zu mir, denkst.
- Ach! dass ich so kalt, so fremd, so gemein, von ihr, von dem sprechen muss, was
mir das Nächste, das Heiligste, das Unaussprechlichste war! - Wie anders, wie
ganz anders gestalten sich diese göttlichen Bilder, durch diesen Zweifel, diese
unwürdige Verhandlung! - Wie! ich hätte vielleicht geträumt? - und dies alles
könnte enden, wie das Gemeinste endet? und es wäre Wahn gewesen, Rausch des
Vergnügens, kurz, irgend etwas, was man erklären kann, was ich so einzig, so
göttlich in mir fühlte? - O! vielleicht haben meine letzten Briefe, oder die
ihrigen, ein unglückliches Schicksal gehabt, und ein gemeiner Zufall verführt
mich zu den frevelhaftesten Äusserungen! - Genug, schreibe mir bald und
deutlich. Ich warte zwei Posttage auf Deinen Brief, und warte ich vergebens, so
siehst Du mich vor Dir!
 
                          Sieben und zwanzigster Brief
                                Eduard an Barton
Gut! ich habe nun Deinen Brief, und Du bist mit mir abgefunden. Du handelst
rechtlich, und ob gleich ich Dich hier lieber fühlend hätte handeln sehen, so
darf ich doch nichts dagegen sagen. - Du schreibst mir, dass Dich Albret einst
aus einer der grössten Verlegenheiten Deines Lebens befreit hat, dass Du ihm grosse
Verbindlichkeiten schuldig bist, und damals den unverbrüchlichen Vorsatz gefasst
hast, niemals auf keine Veranlassung, und in keinem Verhältnis, gegen ihn zu
handeln. Treue gegen Deinen Entschluss, und noch überdies, die Ueberzeugung, dass
man sich nie in fremde Herzensangelegenheiten mischen dürfe, hielten Dich also
ab, an meinem Verhältnis mit Amanda, auch nur entfernt, Teil zu nehmen, und
alles was Du jetzt für mich tun konntest, war, dass Du Nanetten fragtest, ob ihr
vielleicht der Grund von Amandas Schweigen bekannt sei? - Und er war es! -
Amanda hat mir auf Albrets Bitte feierlich entsagt! Sei der Bewegungsgrund
welcher er wolle, sie hat mir entsagen können, was lässt sich dagegen einwenden?
- Und nicht von ihr selbst sollte ich dies erfahren - denn ich habe keinen Brief
darüber von ihr, so unbegreiflich dies ist. Vielleicht, dass irgend ein Geheimnis
hier verborgen ist, aber wie es auch sei - Nanette hat es ja von Albret selbst
gehört. - Entsagt! nein! mein Stolz erwacht, und was es auch kosten mag, ich
reisse Liebe und Hoffnung und Glück, auf ewig aus meinem Herzen!
    In einigen Tagen wird mein Vater mit Privataufträgen des * * schen Hofs nach
* * gehen. Er will, dass ich ihn begleiten, mancherlei Geschäfte übernehmen, und
mich nun selbst mit Welt und Menschen bekannt machen soll; und ich werde, so
viel ich kann, mich in seine Wünsche fügen; aber mein Sinn, meine Stimmung,
treibt mich jetzt fast unwiederstehlich dazu, Kriegsdienste zu nehmen, und ich
werde alles tun, um ihn für diesen Wunsch zu gewinnen. Sonderbar ist es mir zu
Mute, wenn ich jetzt an meine frühern Wünsche zurück denke, wo ich mir kein
grösser Glück denken konnte, als meines Vaters Freund zu sein, und viele Länder
und Menschen kennen zu lernen. Und nun bin ich fast der Vertraute meines Vaters
geworden; ich sehe ihn, der sonst vor meiner Phantasie immer in heiliges Dunkel
gehüllt war, ganz nahe und klar vor mir handeln; nun ist der Augenblick
gekommen, der sonst eine Gränze für alle meine Hoffnungen zog. Und wenn ich mich
nun doch so voll Unruhe und Sehnsucht fühle, da erscheint mir der Mensch wie ein
Wandrer, der einen Berg ersteigen will, und wenn er die eine Höhe, die er für
die letzte hielt, erstiegen hat, so wächst der Berg vor seinen Augen, und er
steigt mit steter Sehnsucht, so weit er kann, ohne je den Gipfel erreichen zu
können. Unsre Wünsche verlieren sich ins Unendliche, wie alle unsre
Vorstellungen; denn wir können uns das Grösste und das Kleinste, das
Unbeschränkte und Beschränkteste nicht denken. Nur Einen Zustand im Leben gibt
es, welcher Ruhe gewährt ohne Ersterbung, der das Unendliche umspannt, und alle
Sehnsucht befriedigt. Es ist der kurze, glühende Sonnenblick, den eine höhere
Sonne, vorübergehend, auf das dunkle, flüchtige Leben des Sterblichen wirft.
Aber er geht vorüber, und alles sinkt ihm noch in tiefere Schatten! - Ohne
Hoffnung blicke ich in mein zukünftiges Leben hin; das Glück liegt hinter mir,
und ich lebe dafür nicht mehr. Und wofür denn sonst? - zum Wohl des Ganzen soll
ich wirken? und weiss ich denn, worinnen dies eigentlich besteht? zeige mir, wo
ich das wahre Ziel zu suchen habe: - und wenn ich es nicht weiss, nicht wissen
darf, so treibt mich eine ewige Notwendigkeit, auch ohne mein Zutun dahin. -
Ach! das hat mich schon öfters gequält! - Rollt die Menschheit mit allen ihren
äussern und innern Revolutionen, ewig wie ein ungeheures Rad, mit Nacht und
Traum bedeckt, in dem Strom der Zeit dahin? Das Rad rollt unablässig durch die
Feuersäule hindurch, und was beschienen wird, erwacht auf einen Augenblick zum
Leben, zum Bewusstsein. Aber alles eilt hindurch und schwindet in Nacht; bis es
einst vielleicht wiederum unter einer andern Gestalt eben so flüchtig den
Feuerstrahl durchrollt. O! dann wünscht' ich trostlos, von diesem unendlichen,
einförmigen, zwecklosen Reif herabspringen zu können, wäre es auch, um in das
ewige Nichts zu versinken! - Oder steigen wir auf der unermesslichen Linie der
Zeit einem vorgesteckten Ziel entgegen? aber was es ist, und wo es endet? - O!
warum streben unsre Wünsche ewig dieser Gränze zu, wo eine fremde Macht sie kalt
zurückreisst; warum können wir nicht, wie Mückenschwärme im Abendgold, uns des
flüchtigen Sonnenblicks unbesorgt erfreuen, bis er verloschen ist?
Ich habe * * verlassen; die Trennung von dieser Gegend, hat mich lebhaft an eine
andre erinnert, und ein Augenblick hat mich belehrt, wie sehr mein Herz an
seiner Liebe hängt. Beinah' dünkte es mir unmöglich, diese Gegend zu verlassen,
und mich noch weiter von ihr zu entfernen. Nein! ich war zu rasch, und will
nicht so von ihr getrennt sein! Ich will schreiben, und Nanette den Brief
zuschicken, da Du es nicht übernehmen kannst. Ich muss, ich muss sie wieder sehn,
mit ihr leben! - O! ewig würde dies schöne Bild, wie ein verlornes Paradies,
meiner Seele vorschweben, und alle Freuden durch seine Erscheinung in Qualen
verwandeln, wenn ich nicht alles täte, um es mit Wahrheit zu beleben! - Wie?
ich sollte nie mit ihr glücklich sein? unsre Bekanntschaft wäre ohne
Zusammenhang mit unserm ganzen übrigen Leben, und die Harmonie unsrer Herzen
nichts als der Traum einer erregten Phantasie? - Und wie kann sie ohne mich
glücklich sein? - kein Andrer kann ihr das sein, keiner ihre Gefühle so
verstehen wie ich, keiner sie so erwiedern! öde und leer wird uns beiden das
Leben, das uns so frisch, so verständlich, so blütenvoll sein könnte. - Nein!
sie soll alles wissen was in mir vorgeht; unser Glück will ich ganz in ihre
Hände, in ihren Willen legen. Und wissen soll sie, welch ein Herz der Mann, an
welchen sie das Schicksal band, im Busen trägt. Denn mich banden ja die
Bedenklichkeiten nicht, welche Euch zurückhalten, und ich darf ihr frei sagen,
dass Albret, als ein unversöhnlicher Feind meines Vaters, seinen Hass auch auf
mich Unschuldigen übertrug, ja, dass mein Leben nicht sicher in seiner Nähe war,
und mein, um mich besorgter Vater, deshalb auf meine Entfernung so eifrig, so
ohne Aufschub drang. Ja ich muss ihr das alles sagen, und wie konnte ich nur so
lange schweigen? - welche Verblendung ist es, die den Menschen oft verführt,
gegen einen falschen Stolz, kleinliche Bedenklichkeit oder ein übereilt
gegebenes Wort, sein Liebstes, sein Heiligstes aufs Spiel zu setzen?
 
                                 Zweiter Teil
                                   Erster Brief
                                Amanda an Julien
Seit langer Zeit, Julie, ist dies der erste Augenblick, wo ich Dir wieder
schreiben kann. Zu welchem Wechsel von Gefühlen ist mein Leben bestimmt! - ich
wandle wie in einem dichten, düstern Hain, wo nur zuweilen die wankenden Zweige
sich öffnen, und mir die Aussicht auf ein fernes glänzendes Tal zeigen. Aber
schnell schliessen sie sich wieder, und ungewiss, ob mich der Weg in eine Einöde,
oder in jene lichte Gegend führt, gehe ich im Dunkel weiter, wie das Schicksal
es mir gebietet.
    Ich schrieb Dir, dass Albrets Krankheit gefährlich gewesen sei, und sie ist
es noch. Sein Gemüt scheint in gewissen Augenblicken, vielleicht zum erstenmal,
von Vertrauen gegen ein fremdes Wesen durchdrungen, und eine wunderbare
Weichheit nimmt dann die Stelle seiner gewohnten Fühllosigkeit ein. In solchen
Momenten hat er mir Vieles aus seinem frühern Leben vertraut. Da war es, wo mir
von ihm entdeckt ward, dass Wilhelm sein Kind sei; dass er einst eine heftige
Leidenschaft für dessen Mutter gefühlt, sie aber bald darauf wieder ganz
verlassen habe. - Sie sei, fuhr er fort, wahrscheinlich aus Gram darüber,
gestorben; er habe das Kind hier erziehen lassen, und der Wunsch es zu sehen,
wäre unter andern Gründen, mit eine Veranlassung gewesen, warum er an diesen Ort
gereist sei. »Sorgfältig, setzte er hinzu, war ich bisher bemüht, Dir aus diesem
Verhältnis ein Geheimnis zu machen, denn, Amanda, ob gleich ich in Dir das
vorzüglichste Weib verehre, das ich je habe kennen lernen - aber, sei so edel Du
willst; frag Dich selbst, ob Du nach dieser Entdeckung nicht ein Recht über mich
zu haben glaubst? und wer kann mir bürgen, dass Du diese Gewalt nie misbrauchen
wirst? - o! die Gewalt über uns, ist für ein Weib das schönste Ziel, nach dem
sie ringt, und dem Vergnügen, dann nach Laune und Willkühr verfahren zu können,
opfert sie mit Freuden jede andere Rücksicht auf!«
    Wie seltsam ich bei diesen Scenen bewegt war, kann ich Dir nicht
beschreiben. Es war mir genugtuend, diesem verödeten HerzenEtwas sein zu
können, es durch mich mit leisen Banden des Vertrauens, des Wohlwollens wieder
an das Leben gebunden zu sehen. Aber dann war mir dieser Mann wieder so fremd;
seine lange Verschlossenheit, sein Argwohn, seine kalten Berechnungen stiessen
mein Gefühl zurück, und machten mir seine Nähe schauderhaft. Ja, Julie, diese
Verschiedenheit unsrer Ansichten, unsrer Empfindungen, liegt wie ein tiefer
Abgrund, den wir nicht überschreiten können, zwischen uns beiden; vergebens
sende ich die Blüten der Innigkeit, der Mitempfindung, mit weichem Herzen zu
ihm hinüber; kaum Eine derselben erreicht ihn; die meisten flattern in die
Tiefe, und ich fühle nur die dunkle Leere, die uns trennt. - Und doch muss ich so
innig das Herz bedauern, das seine schönsten Gefühle zu verbergen strebt, weil
es fürchtet, in die Gewalt eines Andern zu geraten, das unablässig, ferne,
dunkle Zwecke verfolgt, die ihn doch nie glücklicher machen, und sein Auge für
das nahe, helle Leben um ihn her verschliessen; doch bleibt mir der Wunsch immer
lebendig, ihn durch Wahrheit und Gefühl mit dem Leben wieder auszusöhnen, und
das verschlossene Gemüt den Empfindungen der Menschlichkeit wieder zu eröffnen.
    Und so bin ich denn jetzt ganz allein gelassen, mit diesen wechselnden
Gefühlen? Du bist fern, und ich kann und will Deine Gegenwart nicht fodern.
Nanette ist zu ihren Verwandten gereist, und wer weiss wann sie zurückkehrt.
    Barton hat schleunig diesen Ort verlassen, wahrscheinlich um mit Eduards
Vater, ich weiss nicht wo? zusammen zu treffen. Und Eduard - ach! wie entfremdet
ist mir dieser Name geworden! wie anders, wie so ganz anders sind die Bilder,
die jetzt mein Gemüt erfüllen! - Schon sind beinahe drei Monate verflossen,
ohne dass ich die geringste Nachricht von ihm erhalten hätte, und Alles was mir
so nah, was so ganz Mein zu sein schien, droht wie ein wesenloser Traum zu
verschwinden. - O! warum musste der Liebe kindlicher Glaube, das heitre
Vertrauen, so leicht dem beleidigten Stolz, dem unverständlichen Schein,
weichen? - Warum vertraute er mir nicht? - Schreibe mir bald, ich bedarf es.
Alles ist mir fern und dunkel, und ich stehe allein in dem fremd gewordenen
Gebiete des Lebens.
Albret ist nicht mehr! - Der stille Genius des Todes hat nun dies Herz
beruhig't, und alles Widersprechende in sanftem Frieden aufgelöst. - Wie ein
aufgerolltes Gemälde liegt das farbige Spiel seiner irdischen Freuden und Leiden
vor meinem Blick, und auf der Rückseite steht mit schwarzen Zügen das Grab. -
    Ich weiss es, Julie, dass er selten wahrhaft gegen mich war, dass ihm mein
ganzes Dasein bloss für ein Opfer seiner Absichten galt, dass bei ihm auf jede
wahre Äusserung seines Gefühls nur Reue folgte, aber ich fühle in diesen
Augenblicken nichts, als dass er unglücklich war. Ach! ist dieser Kampf, diese
Mischung von Wahrheit und Lüge, von Hölle und Himmel, nicht in jedem Menschen,
wie in ihm, nur mit etwas mildern Farben? - lass mein Urteil über ihn, immer so
weich als möglich sein, es ist gewiss ein gutes menschliches Gefühl, was uns so
mild gegen die Todten macht, die sich nun nicht mehr verteidigen, nicht mehr
sagen können, wie oft sie misverstanden worden, und wie schmerzlich ihnen
vielleicht oft eben dann zu Mute war, wann sie Andern hart und gefühllos
erschienen! -
    Ich erwarte sehnlich einen Brief von Dir. Eine Menge Geschäfte, die alle
Geistesgegenwart erfordern, drängen sich in trauriger Verwirrung um mich her; so
bald ich kann, schreibe ich Dir wieder.
 
                                 Zweiter Brief
                                Amanda an Julien
Nur mit Mühe, meine Freundin, vermag ich mich aus dieser Verwirrung von
prosaischen Dingen heraus zu reissen. Albrets Angelegenheiten sind zum Teil in
grosser Unordnung; und doch möchte ich dem Vertrauen, mit welchem er mir die
Berichtigung derselben übertrug, gern auf das Vollständigste entsprechen.
Täglich kommen Briefe; täglich gibt es neue Geschäfte abzutun. - Wie
verändert, wie tief verändert ist alles um mich her! - Wohin sind die lieblichen
Bilder, die himmlischen Träume, geliebte Schmerzen? - Oft dünkt es mir, ich sei
mit kalten Blicken in die todte Sphäre hinüber getreten, wo alles in das öde
Gebiet des Irrdischen versinkt, wo die klingenden Spiele der Phantasien
schweigen, kein Zauberduft die Wesen mehr umwallt, und die Notwendigkeit nicht
mehr durch den Schleier des Schönen verhüllt, offen und vernehmlich ihre
Ansprüche geltend macht. - O! warum ist das Leben denn ein immerwährender Kampf!
- Frei tritt der Mensch in die Welt; noch wird seine Jugend von dem Wiederschein
einer höhern Sonne beglänzt; aber überall lauern die unterirdischen Geister, die
Sorgen der Erde, ihn zu sich herab zu ziehen; wohin er flieht, verfolgen sie
ihn, und rettet er sich auf die Höhen der Liebe und Phantasie; so dringen die
Stürme des Himmels die Pfeile des Schicksals auf ihn ein, und beängstigen sein
schlagendes Herz!
Wilhelm soll mich nun nie verlassen; er war mir immer lieb, aber nun ist er mir
heilig. Mit sonderbarem Gefühl betrachte ich ihn, als ein Wesen, das mir so ganz
hingegeben ist, und fühle dann mit ruhigem Selbstbewusstsein, dass er sich dieses
Looses wohl erfreuen darf. - Ich werde für seine künftige Bildung sorgen, so gut
ich kann, das heisst, ich werde ihm seine Eigentümlichkeit zu erhalten suchen.
Denn die Menschen werden verschieden geboren. Wie die Pflanze, das Tier, jede
Erscheinung, eine besondere Form hat; so auch sie. Keiner darf deshalb zürnen,
wenn ihm die Natur vorzügliche Gaben versagte, denn jeder erscheint, wie er
kann, und ist darum für sich nicht schlechter, wenn er sich nur den Sinn erhält,
über seine Verhältnisse zu den Andern frei denken zu können. - Der Mensch, so
denke ich, Julie, soll immerhin Alles um sein selbst willen tun, aber man kann
ihn lehren, sein eigenes Glück darin zu finden, dass er für Andre lebt. Diese
einfache Idee spricht unmittelbar an das Herz, und ist dem Kinde, dem
ungebildeten Menschen, verständlich. Jede Aufopferung für einen Andern, die
nicht aus Neigung geschieht, ist unnatürlich; sie zerwühlt das eigene Herz und
steht fruchtlos im Äußern da. Menschen sollen recht gegen einander handeln,
aber nicht grossmütig. Grossmut ist anmaassend, weil sie nur höhern Wesen
zukömmt, und grausam, weil sie Andere erniedrigt. -
    Könnte nur, - ich wiederhole es - ein jeder seine Natur verstehen lernen!
Und glücklich der, dessen Neigungen ein freies, angemessenes Gebiet im Leben
finden, wo sie sich äussern können, denn die Neigungen sind immer gut!
    Sehr oft sehe ich auch jetzt den Grafen * *, der sehr bekannt mit Albrets
Angelegenheiten ist, und mir in meiner verwickelten Lage, viele Dienste leistet.
- Manches von dem, was er mir aus Albrets Leben erzählt, gibt mir Aufschluss
über Vieles, was mir so lange dunkel geblieben ist, und neue Veranlassung über
die unselige Verschlossenheit dieses Mannes zu trauern. - Denn ich weiss es wohl,
Julie, dass Aufrichtigkeit nicht immer eine gesellige Tugend genannt werden kann;
dass der Mensch, der für Andere und mit Andern leben will, oft etwas von der
Wahrheit seines eigenen Wesens aufopfern muss, um des Ganzen willen. Auch möchte
ich nicht gern zu denen gehören, die bitter auf die Klugheit schimpfen, weil sie
zu ungeschickt sind, ihr eigenes Leben, so wie sie gern es wollten,
durchzuführen. Aber, ich fühle es jetzt innig in der Seele, geoffenbart: nichts
kann beruhigen als Wahrheit, nichts erfreuen, nichts beglücken, als sie. - Und
darum ist - die Zeit der Liebe, auch die schönste, glücklichste Zeit des Lebens,
weil da reine, ewige Wahrheit ist; denn niemals werde ich so töricht sein, das
Unendliche, Himmlische - Wahn, und das Irrdische, Beschränkte, - Wahrheit zu
nennen.
 
                                 Dritter Brief
                                Amanda an Julien
Die Natur lebt wieder auf; die letzten dürren Blätter säuseln in den singenden
Strom hernieder; ein frisches Grün breitet sich über den Grund, und die Rebe
weint schon dem Frühling ihre süssen Tränen. Durch das Dunkel der Tannenwälder,
schimmern die lichten, grünen Gruppen der jungen aufsprossenden Birken, wie
freudige Erinnerungen die Schwermut eines trauernden Gemüts unterbrechen. -
Mit dem Frühling erwacht mein Herz aus seinem Schlummer, und die Zeit der Ruhe
ist, wie ein leichtes Gewölk, weit über mir dahin gezogen. - Vergebens nehme ich
ein Buch, um mich zu zerstreuen; - ich kann nicht lesen. Mein Auge kann sich von
den erfreulichen Bildern nicht losreissen. Die verklärten Bäume, die rötlichen
Wolken, die den Himmel durchfliegen; die blühenden Büsche, welche Felder und
Wiesen, wie Perlen, umfassen - in allen sieht mein treuloses Herz sein Bild!
Vergebens rufe ich Stolz und Leichtsinn zu Hülfe; in meine einsamsten Stunden,
drängen sich Bilder aus der Vergangenheit, und mit der ambrosischen Luft, atme
ich neue Wünsche, neue Phantasien ein. O! ihr holden Genien des Lebens, rufe ich
dann, Liebe, Hoffnung und Freude, solltet ihr mir auf immer entwichen sein?
Sollte kein Tropfen eurer Götterschaale jemals wieder das verödete Herz
erquicken? - Und doch, Julie, wenn ich seine Briefe lese - ach! ich lese sie
öfterer, als ich selbst will! - und mich das Innige derselben bis zum Zerstöhren
ergreift - dann wird mir der Gedanke kalte, tödtende Pein, dass auch dies enden
konnte, auch dies, wie Alles endet! - Nein! wie es auch sei, ich kann ihm dieses
Schweigen, dies Ersterben, ich kann es ihm nie verzeihen! - Denn was steht in
meiner Macht zu tun, da ich nicht einmal seinen Aufentalt weiss? - Und wenn ich
auch handeln könnte, würde ich es wollen? Nein! nur dem Mann, dem Machtvollen,
kömmt es zu, die Begebenheiten zu schaffen, alles Aeussre nach seinem Gefallen zu
lenken. - Doch - was ich auch denken mag - bald kehrt die Erinnerung, des
höchsten, einzigen Glücks, wieder siegreich in meine Seele zurück, und Er
erscheint mir wieder ganz wie vormals. - Dann klage ich; warum bist du mir fern,
Geliebter! in dieser heiligen Abenddämmerung, hier, wo alles die Sehnsucht nach
dir erneut? - Wie ein Dolchstich fährt es mir durchs Herz, wenn ich dann
bedenke, wie glücklich wir sein könnten, und jede Minute, die ich ohne ihn
verleben muss, dünkt mich ein unersetzlicher Verlust. -Ja! alle bessere Seelen,
haben Momente des höhern Lebens, der Begeisterung. Diese Momente verschwinden,
und sie steigen zur Nüchternheit des Gewöhnlichen wieder herab; aber wenn zwei
Seelen sich in solchen Momenten finden, wenn sie sich da begegnen, dann ist der
Himmel zwischen den beiden. - O! da auch dies enden musste, wie Alles, was hält
denn den flüchtigen Geist noch hier? Wo erwartet denn nun noch das Herz,
Befriedigung seiner unendlichen Sehnsucht? - Weh mir, dass ich unsterbliche
Gefühle in mir nähren, und nur sterbliche erwecken konnte, dass mein Leben in dem
Herzen des Geliebten aufhörte, und doch die Liebe unsterblich in mir lebt!
 
                                 Vierter Brief
                                Eduard an Barton
Wir leben nun hier in der Residenz, und ich bin ganz ruhig. Es ist vieles in mir
anders geworden; ich komme mir klüger, aber auch schlechter vor, und ich kann
meinen vorigen Gemütszustand, nicht ohne eine gewisse Art von Ehrfurcht
betrachten. - Du weisst, dass ich an Amanda schreiben wollte, und ich tat es mit
aller Innigkeit meiner Liebe. Ich schickte diesen Brief an Nanetten, die ihn mit
einem eignen begleitete. Aber keine Antwort von Amanda erfolgte, und nur von
Fremden habe ich die Nachricht erhalten, dass Albret todt ist, dass sie noch immer
in B * * lebt, und der Graf ihr einziger und steter Gesellschafter ist. Nun,
Barton, was kann ich denn noch zu wissen begehren? Ist es nun nicht klar, dass
ihre Liebe zu mir nur ein Sommertraum war, der Nachhall einer schönen Phantasie,
die nun den Gegenstand gewechselt hat? Sie ist ruhig, und hat mich vergessen.
Ich kann sie nicht tadeln, nur erscheint sie mir anders wie ehemals, doch auch
jezt noch unaussprechlich liebenswürdig. - Sie ist eine von jenen schönen,
heitern Naturen, welche gleich den Blumen, mit jedem Frühling neue Wünsche, wie
Blüten hervor treiben, wo sie dann den Sommer hindurch wachsen und grünen, bis
sie bei dem leichtesten Sturme des Schicksals dahinwelken und sterben, so lange
kein neuer Lenz, neue Blüten und neue Wünsche erweckt. - O! wenn sie die
Geistesstärke gehabt hätte, mir das alles freimütig selbst zu sagen, ich hätte
sie ewig! göttlich in meinem Herzen verehren müssen! dann wäre sie bei der
liebenswürdigsten Natur, auch die edelste gewesen. Denn die Weiber, die durch
ihre Neigung zur Güte, Aufopferung für Andere geführt werden, können nur dann
edel sein, wann sie wahr und selbstständig sind, und ihre Weichheit besiegen,
die sie leicht zur Verschlossenheit und Anhängigkeit geneigt macht.
    Wie sonderbar fällt es mir jezt auf, dass die kurze Zeit von einigen Jahren,
und ein paar Erfahrungen, so viel an unsern Ansichten verändern können! Ich
hätte es nie geglaubt, denn die Bilder, die ich in mir trug, schienen mir alle
ewig und unveränderlich. - Freilich weiss ich, dass ich ohne den Umgang meines
Vaters, lange mit schweren Zweifeln hätte kämpfen müssen, und vielleicht auf
immer, bitter und ungerecht gegen Welt und Menschen, oder ein kränkelnder
Phantast geblieben wäre. Wie bewundre ich diesen Mann, der eine so reiche
Imagination, mit einem so grossen praktischen Verstand verbindet, und dem es so
oft im Leben gelungen ist, die geistigen Blüten der Phantasie und Liebe, und
die irrdischen Früchte mühevoller Tätigkeit zu brechen, und in zwei Gebieten zu
geniessen. - Auch ich stehe nun erheitert im Leben da, und entschlossen, das
Ruder meines Schicksals, so viel ich kann, selbst zu lenken, ohne mich, und
überhaupt den einzelnen Menschen, für ausserordentlich wichtig, aber auch eben so
wenig, für vergessen zu halten. Ein grosser Verstand beherrscht das Ganze; und es
ist klein und eitel, sich als Zweck desselben zu denken. Das ist die Freiheit
des Menschen und sein Wert, dass er mit Weisheit in die Umstände eingreift, die
ihn umgeben; und wohl ihm, wenn er es versteht, sie mit seinem eigentlichen
Wesen in Harmonie zu bringen! - Ich strebe darnach, mir feste Ideen zu bilden,
nach denen ich handle; denn wären sie auch falsch, so machen sie doch das Leben
zu einem Ganzen, da Erfahrung allein nicht zum Leitstern unserer Handlungen
taugt, weil man fast bei allen Zweifeln, die uns im Leben aufstossen, Erfahrungen
dafür und dagegen anführen kann. Andere werde ich immer nach mir selbst
beurteilen, denn ein jeder kann sich selbst der Repräsentant der Menschheit
sein, wenn er Geistesjugend und Freiheit genug besitzt, um Menschen und Welt im
Allgemeinen denken zu können, und nicht in dem engen Kreise einer ängstlichen,
kurzsichtigen Selbstsucht fest gebannt ist.
 
                                 Fünfter Brief
                                Eduard an Barton
Ich ging vor einigen Monaten aufs Land. Mein Vater selbst riet es mir, weil er
meine Gesundheit nicht für ganz befestigt hielt. Aber während der ersten Tage,
die ich in der freien Natur zubrachte, war mir sehr weh zu Mute. Hier erst,
fühlte ich schmerzhaft den Unterschied zwischen jetzt und ehmals, fühlte, dass
die Musik in meiner Seele verstummt war. Ein Schleier schien zwischen mir und
der Natur herunter gefallen zu sein; ich hörte die sehnende Nachtigall nicht,
sah unbewegt die neubelebte Gegend. Oft lief ich weit, und strebte mit Ungeduld
an einen Ort zu kommen, und wenn ich nun da war, so hatte ich keinen Zweck
gehabt; alles war stumm, und ich musste rastlos weiter. - Da drang das Andenken
an Amanda, an ihre unnennbare Liebenswürdigkeit, mit voller, siegender Gewalt in
mein Herz. O! süsses, süsses Glück der Liebe! rief ich einsam, du einziges nicht
zu vergleichendes Gut! O, könnten alle meine Seufzer, alle meine Tränen, Flügel
werden, und ich so, Dich wieder erreichen! - Aber, Freund, ich fühlte bald das
Gefährliche dieser Stimmung, und ich hatte nun schon Kraft genug, mich heraus zu
reissen. Ich beschloss in der Gegend Bekanntschaft zu suchen; vielleicht konnte
ich hier finden, was ich so sehr bedurfte - neues Leben, neue Liebe. Denn
Barton, was ist denn das Leben, ohne weiblichen Umgang? - Warum sollte ich es
nicht sagen: das Weib ist die Seele von Allen. Sie sind die innersten, feinsten
Triebfedern des grossen Kunstwerks, alles menschlichen Tuns und Beginnens; wir
sind die äusseren Räder, und natürlich, dass unsre stärkern Bewegungen immer
sichtbar sind, während jene, meist ungesehn, und nur dem geschärften Auge
bemerkbar wirken.
    Ich suchte mich also, mit der Gegend und ihren Bewohnerinnen, bekannt zu
machen.
    Bald führte mich das Ungefähr in eine Gegend, die mich unbeschreiblich
anzog. Mitten im Walde, lag die schönste Ruine, die ich je gesehen habe. Die
ganze Stelle hatte eine wunderbare Mischung, von süsser, weichlicher
Ländlichkeit, und reizender romantischer Wildheit; nie hab' ich etwas
Lieblicheres gesehen. Ich stand vor den Ruinen, in der dunkelsten, angenehmsten
Schwärmerei vertieft, und ward nur durch das Haus des Amtmanns, darinnen
gestöhrt, das recht unschicklich in die edlen Trümmer hineingebaut war, als ich
an einem Fenster desselben, ein frisches, weibliches Gesicht erblickte. - Es ist
nicht zu leugnen, dass der Anblick eines artigen Mädchens, in einer einsamen,
schönen Gegend, einen tiefen Eindruck auf die Einbildung macht, und ich empfand
dies um so mehr, da mir unwillkührlich Werters Amtmanns Tochter, dabei einfiel.
- Auch hatte ich schon vorher im Wirtshause, von der Schönheit dieses Mädchens
gehört, und, dass schon viele, sich, ihr zu gefallen, hier aufgehalten hätten. -
Da ich jetzt so ganz Herr meiner Zeit war; so entstand der Plan sehr leicht,
einige Zeit in dem Orte zu leben, und es war nicht schwer, in dem Amtause
selbst aufgenommen zu werden, um so mehr, da das ausserordentliche, schlechte
Wirtshaus des Orts, meine Bitte vollkommen rechtfertigte.
    Ich wohnte nun da, und konnte täglich, so viel ich wollte, den Anblick eines
wirklich schönen Mädchens geniessen, die, mit ein paar jüngern Geschwistern,
ihrem Vater, einem freundlichen, verbindlichen Mann, der für vieles Sinn zu
haben schien, und der Mutter, einer geschäftigen Hausfrau, das reizendste,
liebenswürdigste Gemälde von der Welt darstellte. - Ich fühlte mich wirklich
glücklich, weil ich unter Menschen lebte, die es zu sein, und es zu verdienen
schienen, und wär' ich bald wieder abgereist, so hätte ich eine reine, schöne
Erinnerung für mein Leben gewonnen; so aber blieb ich, und zerstöhrte meine
angenehme Illusion.
    Es entgieng mir nicht, als einige Wochen vorbei waren, dass ich von Agnes, -
dies war der Name des schönen Waldmädchens - mit günstigem Auge angesehen wurde.
Sie hörte meine Gespräche mit der ungeteiltesten Aufmerksamkeit an, und ihr
schönes Auge lächelte mir immer den süssesten Beifall zu. Sie selbst sprach nicht
viel, aber alles was sie sagte, schien mir einfach, gefühlvoll und zärtlich -
genug, es gefiel mir, denn es lag fast immer etwas Schmeichelhaftes für mich
darinnen. Beinah' glaubte ich, sie im Ernst zu lieben. Schon malte mir in
manchen Stunden, meine Phantasie, ein reizendes Bild der Zukunft. Hier - in
lieblicher Wildnis, beglückt durch die Liebe der schönen, unschuldigen
Geliebten, in Einsamkeit, das Leben zu verträumen - konnte dies Glück, das mir
so freundlich entgegen kam, nicht das unruhige Herz befriedigen? - Ach! nur
quälte es mich, dass ich bei allem diesen, so leicht die Gränze sah, dass ich
hinter den Armen der Liebe, der jugendlichen Begeisterung, die um das ganze
Landleben ein frisches, entzückendes Colorit verbreiteten, gleich die dumpfe,
leere Einförmigkeit, das Drückende der Eingeschränkteit, musste hervorblicken
sehen! - Auch Agnes schien mir nicht ganz zufrieden, oft hörte ich ihre stillen
Seufzer, und ich dachte mir sogleich, dass Sehnsucht, nach einem geliebten Wesen,
der Grund dieser kleinen Verstimmung sein müsste, denn nur eine schöne Trauer,
war mir bei ihr denkbar. Und wenn ich dann diese Vermutung leise äusserte, dann
bestärkte mich ein süsses Lächeln, das halb zufrieden, halb verlegen war, ganz
fest in meinen Ideen. - Soll ich Dir sagen, dass ich mir oft, dem Mädchen
gegenüber, die so sanft und tief zu fühlen schien, bittere Vorwürfe darüber
machte, dass ich, aller vorigen Sehnsucht, all' der schönen Bilder, die mich
umgaben, zum Trotz, oft eine tiefe, unerträgliche Leere in meinem Herzen
empfand? - Ach! dachte ich, und meine eigenen Gedanken stimmten mich zur
Wehmut, du kömmst mir entgegen, liebende Seele, mit allen deinen Blütenträumen
von Lebensglück, die vom schmeichelnden Hauch der Hoffnung verführt, zum
erstenmal lieblich erwachen - und die Kälte, die oft wie ein schneller
Nachtfrost aus meinem einst so tief gekränkten Herzen dringt, wird vielleicht
die schönsten dieser Blüten verderben!
    Nach einiger Zeit, erhielt Agnes einen Besuch aus dem benachbarten
Städtchen; es war ein Mädchen, die sie ihre vertrauteste Freundin nannte. Sie
schien von einem neuen Geist belebt, nie war sie mir so schön, so lebhaft, so
anziehend erschienen. Das halblaute Geschwätz, die Neckereien, das frohe
Gelächter der beiden Mädchen, nahm kein Ende, und kaum war das Mittagsmahl
vorbei, so sprangen sie beide in den Wald. Wie süss, wie reizend dünkte mich der
frohe Sinn dieser harmlosen Geschöpfe! und wie freute ich mich, diese einzige,
liebe Gabe des Himmels, auch bei dem geliebten, von der Natur so reich
ausgestatteten, Mädchen zu finden!
    Ich ging von einer andern Seite gleichfalls in den Wald, und suchte mir ein
romantisches Plätzchen zu meinem Ruheheert. Ich lag auf weichen Rasen, und ein
dichter Busch, entzog mich allen Blicken. Der wohlbekannte, frische, geliebte
Waldduft kam mir entgegen, und drang in mich mit allen den stillen, dunkeln
Bildern von Einsamkeit, von ländlichem Leben und einfachem Glück, und mit der
Gegenwart, schmolz die Vergangenheit in meinem Sinn wunderbar zusammen. - Ich
fühlte auf Augenblicke ganz das süsse, reine Leben, das nichts will, und alles in
sich trägt. - Da hörte ich Stimmen, und erkannte bald Agnes und ihre Freundin.
Es freute mich, etwas von ihrem schuldlosen, vertrauten Geschwätz zu erfahren.
Sie sprachen sehr lebhaft, und blieben nicht weit von mir stehn. O! ja, sagte
Agnes, ich bin Wilhelm gewiss sehr gut, aber sage mir selbst, was habe ich denn
für Aussichten mit ihm? - wer weiss, ob er die Stelle bekömmt, und wenn auch -
soll ich mich denn ewig auf dem Lande begraben? Warum soll ich denn nicht auch
das Leben geniessen, wie die Mädchens und Weiber in grossen Städten, wovon mir so
viele erzählt haben? - Nein! ich muss Dir sagen, ich sehne mich recht von hier
weg; und ich glaube, was mir auch schon viele versichert haben, dass ich ganz für
die Stadt geschaffen bin. Ach! schweig nur, sagte die andere, Wilhelm gefällt
dir nicht mehr, weil du den Fremden lieber hast. - Nein, antwortete Agnes
lebhaft, ich kann dir versichern, dass ich Wilhelm weit mehr liebe, als ihn. Aber
die Mutter hat erfahren, dass der Fremde sehr reich, und der Sohn eines vornehmen
Mannes ist, und wenn er mir nun wirklich gut wäre; so könnte ich ja durch ihn,
ein sehr grosses Glück machen - und Wilhelm, könnte ich deswegen doch immer noch
sehen.
    Wie schneidend dies Gespräch mit meinen Gefühlen und mit dem einfachen Reiz
der Waldgegend abstach, brauche ich Dir nicht zu beschreiben. - Mit meiner Liebe
war es aus. Dieses Mädchen war Alles das, nur noch unausgebildet, was verdorbene
Weiber in grossen Städten vollendet sind. Die schaale Bewunderung, der
Flittertand, die leeren, rauschenden Freuden, galten ihr für das Höchste, wofür
sie alles hingeben möchte. Ihre Seufzer, die mir so süss, so gefühlvoll
geschienen hatten, galten der Einsamkeit, welche sie hinderte, ihre Vorzüge zu
zeigen, die, wie sie meinte, hier keinen würdigen Schauplatz hätten, und für die
Reize ihrer Lage, für die Freuden des Gefühls, der Einfachheit, hatte sie keinen
Sinn. Das kluge Mädchen war mir nun ganz zuwider geworden; ich lachte über meine
Menschenkenntnis, meine Eitelkeit und reis'the bald geheilt hinweg. - Aber, ist
es denn gleichwohl nicht traurig, Barton, dass da, wo wir die schönste Wahrheit
zu umfassen glauben, oft nur eine hässliche Lüge, ihr Gaukelspiel mit uns treibt?
Und dürft' ich denn so streng mit ihr rechten, da mein eigenes Herz, nicht rein
von Betrug gegen sie war? - Denn, lass uns ehrlich sein, Barton, leider ist es
wahr, dass die meisten Weiber alles aus Eitelkeit tun, dass die Reden der
Geistreichen, wie das Schweigen der Geistlosen nur darauf berechnet ist, und dass
all' ihr süsses Wesen gegen uns, was wir für Liebe nehmen, grösstenteils nur
eitle, selbstsüchtige Zwecke zum Grund hat, aber, Freund! was tun wir?
 
                                 Sechster Brief
                                Amanda an Julien
Ich habe eine angenehme Entdeckung gemacht, die ich Dir mitteilen will, und die
gewiss ein freudiges Bild in Dir auffrischen wird, wie sie es bei mir getan hat.
    Seit einiger Zeit ging ich fast täglich, an dem einen Ufer des Flusses
spazieren, wo ich die Aussicht auf einen Garten vor Augen hatte, der mir nach
und nach merkwürdig wurde. Täglich sah ich einen jungen Mann emsig darinnen
beschäftigt; er grub, pflanzte, begoss, verrichtete alle Arbeiten eines Gärtners,
aber alles mit einem eigentümlichen, leichten und anständigen Wesen. Nur des
Sonntags sah' ich einen kleinen Kreis von gutgebildeten Menschen in dem Garten,
um welchen Kinder spielten, und der stets aus denselben Personen zu bestehen
schien. Ich betrachtete nun den Garten aufmerksamer, und fand ihn, bei aller
Hinsicht auf Nutzen, so artig eingerichtet, dass sein Anblick mir wohl tat. Der
grössere Teil desselben, der zierlich mit Blumen, die bis zu mir herüber
dufteten, eingefasst, und mit schmalen, reinlichen Gängen durchschnitten war,
diente zum Küchengarten, und alle Gewächse darinnen, schienen wohlgepflegt und
von edler Art. Vorn nach dem Flusse zu, stand dichtes Buschwerk mit Blumen-Ranken
überblüht, und eine Laube, die so schattig, duftend und behaglich dastand, dass
sie mich oft, wenn es heiss war, fast unwiderstehlich zu sich hinüber zog. Weiter
hinten, lag ein Baumgarten mit frischem, reinlichem Gras und schönen
Fruchtbäumen, den ein einziger schmaler Weg durchlief, und der sich an das Haus
anschloss, das eben so anspruchlos, geordnet und nett wie das übrige, aus der
Umarmung blühender Obstbäume hervorsah. - Du weisst, welchen Reiz eine gute
Einrichtung für jedes weibliche Auge hat, wie uns hier selten das Kleinste
entgeht, und wir immer nach der Schöpferin dieses Kunstwerks spähen, und Du
wirst es also sehr natürlich finden, dass ich mich bald näher nach den Besitzern
des Hauses erkundigte.
    Und höre nun, die kleine rührende Geschichte, die Du eher wissen musst, als
das, wie es gekommen ist, dass ich jetzt in der Laube sitze, zu der ich mich so
oft hinüber sehnte, und aus ihrer Umschattung an Dich schreibe. Charlotte war
die Tochter eines sehr reichen Beamten, der aber durch den Krieg, den grössten
Teil seines Vermögens und seine Stelle verlor, und mit seiner Familie in einer
Eingeschränkteit leben musste, die gegen die vorigen Zeiten, Dürftigkeit war.
Charlotte lebte eine Zeitlang, bei Verwandten in der Residenz. Sie war äusserst
reizend, und alle die Annehmlichkeiten für die Gesellschaft, welche ihre
vormalige Lage zu fodern schien, waren ihr in einem ungewöhnlichen, hohen Grade
eigen. Sie erregte die allgemeine Aufmerksamkeit; jedermann warb um ihren
Umgang, und ein sehr reicher, vornehmer Mann, um ihre Hand. Die Verwandten
wünschten Glück, die Eltern waren erfreut, aber der Mann war bei seinem
unermesslichen Reichtum, unermesslich arm; er war roh, von dumpfen,
eingeschränktem Geist, und von widrigem Äußern. Lieben konnte ihn Charlotte
nie, und ihn bloss als ein Mittel, sich eine glänzende Lage zu versichern, zu
betrachten, widersprach ihrem Gefühl; sie schlug also seine Anträge, ganz
bestimmt, und unwiderruflich aus, was man ihr auch dagegen einwenden mochte.
Nach einiger Zeit kehrte sie wieder zu ihren Eltern zurück, in deren Hause sie
einen jungen Offizier fand, der wegen einer sehr gefährlichen Augenkrankheit,
den Dienst hatte verlassen müssen, und sich jetzt durch die Hülfe eines
geschickten Arztes, wieder herzustellen hoffte. Es war ein sehr vorzüglicher,
junger Mann, voller Talente und Geschicklichkeiten, aber fast ohne Vermögen.
Charlotte übernahm die Pflege des Kranken; ihr Herz zerschmolz in Wehmut, wenn
sie sein Geschick bedachte, das ihn, in der schönsten Blüte des Lebens und der
Wirksamkeit, zur Untätigkeit verdammte, und sie überliess sich gern den schönen
Regungen ihres Gefühls. Aber vielleicht dachte sie, wenn sie die Augen ihres
Freundes mit der heilenden Binde verhüllte, und sich ungestöhrt dem Anschauen,
seiner schönen, sprechenden Züge überliess, so oft an die Binde des Liebesgottes,
bis er ihr endlich selbst den magischen Schleier um die Augen schlang. Genug,
aus der Wohltäterin des schönen Kranken, ward sie seine Geliebte. Sie liebten
sich zärtlich, treu, über alles, und nach einiger Zeit verheiratete sie sich
mit ihm, was man ihr auch hier wiederum dagegen sagen mochte. Die Augen des
jungen Mannes wurden besser, aber blieben schwach, und den Dienst konnte er
nicht wieder antreten. Mit dem Ueberrest seines kleinen Vermögens, welches die
Kur, beinah ganz aufgezehrt hatte, kauften sie sich in diesem Städtchen ein
kleines Eigentum. Charlotte richtete alles in dem Sinn ein, wie es ihr für ihre
Lage zu passen schien; es fiel ihr nie ein, einen ihrer vorigen vornehmen
Bekannten sehen, oder benutzen zu wollen. Sie vermied allen zwecklosen Umgang,
erhielt sich und ihren Mann durch ihre Tätigkeit, sah' mit jedem Jahr ein neues
Pfand ihrer Liebe und war glücklich. - Und gerade deshalb, tut der Anblick
ihrer kleinen Einrichtung so wohl, weil Wille und Kraft darinnen unverkennbar
ist. Täglich sieht man Weiber unter der Last einer sorgenvollen Haushaltung
beinah erliegen und sich aufopfern, und es tut einem weh, ist sogar widrig.
Denn diese haben bloss die Umstände dahin gebracht, sie sind, was sie sind mit
Unmut und Schwäche, und träumen sich eine andre Lage, als ein hohes Glück, das
sie nur nicht erreichen können. Aber hier ist Leben, Geist, Bewusstsein und
Klugheit, und dies erfrischt jeden, der es sieht; und ermuntert ihn, in seiner
Lage und nach seiner Neigung eben so zu handeln. - Ihr Mann fühlt ganz den Wert
ihrer Liebe und Vortreflichkeit, ohne jedoch sich selbst deshalb gering zu
schätzen; denn er weiss, dass auch er sie liebt, wie keiner lieben würde, und dass
ihm, den Verlust seiner Liebe, nichts in der Welt ersetzen könnte. Er war der
junge Mann, den ich täglich mit so viel Eifer und Anmut der Pflege seines
Gartens obliegen sah, weil ihm seine noch immer schwachen Augen wenig andere
Beschäftigungen verstatteten, und dies nun ein wichtiger Erwerbszweig, für sie
geworden ist.
    Gewiss hat Dir diese kleine Zeichnung gefallen, und ich hoffe, Du wirst Dir
alles, Personen, Haus, Garten, recht lebendig denken können; aber ganz
einheimisch wirst Du werden, wenn ich Dir sage, dass diese edelmütige Frau,
Charlotte M ..... ist, deren Vater, als er noch reich war, in unsrer
Nachbarschaft wohnte, und die damals als ein liebenswürdiges Kind, mit ihren
schönen Kleidern und lieblichem Wesen, oft das Ideal unsrer kindischen
Nachahmungssucht war.
    Ich suchte Gelegenheit Charlotten zu sehen, und sie fand sich. Wir erkannten
uns beide sogleich wieder, und sie hatte Scharfsinn genug, um mich richtig zu
beurteilen, und sich nicht von mir zurück zu ziehen, obgleich man mich reich
nannte, und sie sonst die Reichen flieht. Und sie hat im Allgemeinen wohl Recht
es zu tun! Denn der Reichtum, der nur die Neigungen befreien, nur dem Menschen
dienen sollte, ihn über kleine, enge Rücksichten wegzuheben, und ihm an Andern
ein feineres, edleres Interesse nehmen zu lassen, eben weil er andere weniger
braucht, wie ganz unerträglich ist er an denjenigen, die dennoch ganz in ihren
Geistesbanden bleiben, sich nur mehr in Sorgen und Zwang vergraben, sich gegen
andere ganz verhärten, und es recht unableugbar zeigen, dass sie zu Sclaven
geboren sind!
    Sie und der Graf sind jetzt mein einziger Umgang, wenn ich mich entschliessen
kann, die Einsamkeit, die mir unendlich lieb geworden ist, zu verlassen. Ach!
ich war einst zu berauscht, zu seelig, als dass ich das bloss Angenehme des Lebens
recht herzlich fühlen konnte. Doch, wenn ich mich selbst, wenn ich alles einzeln
vergesse, und bloss das Ganze in meiner Seele fühlen kann, dann habe ich den
Mut, ohne Liebe hinauszugehen, in die lieberfüllte Natur, wo Luft und Stauden,
Bäche und Vögel, alle noch wie ehemals Liebe hauchen und Liebe singen. Dann gebe
ich mich ganz dahin, wo alles stille, grosse, harmonische Einfalt ist. Meine
Sorgen klage ich den zärtlichen Lüften, mein Vertrauen weihe ich der ewigen
Ordnung, mein Glück suche ich in dem allmächtigen Liebeshauch, der die Stauden
und die Sonnen durchdringt. - Die Natur wirkt auf mich mit ihren grossen
Beziehungen, sie hebt mich empor mit ihren Flügeln, und wenn es süss ist, Ein
verwandtes Herz zu verstehen, und sich von ihm verstanden zu fühlen; so ist es
heilig, sich ganz den Empfindungen hinzugeben, wo aller Menschen Herzen, nah'
oder fern in ihren reinsten Momenten zusammentreffen!
 
                                Siebenter Brief
                                Amanda an Julien
Ich habe mir seit Kurzem eine neue Wohnung gemietet, welche mir durch ihre
äusserst schöne romantische Lage schon längst gefiel, und es beschäftigt mich
immer mehr, meine ganze Umgebung nach den Bildern zu gestalten, die ich schon
lange im Sinne trage, und bisher nie, ungestöhrt ausführen konnte. Die
Ungebundenheit meines Lebens; die Klarheit, mit der ich die Welt um mich
erblicke; die stille Wirksamkeit die ich übe, macht mich zufrieden, und wenn
ichs recht bedenke; so ist mein jetziger Zustand das Ideal einer Lage, welche
ich mir oft jugendlich träumte. Mein stilles Leben fasst weit mehr in sich, und
gewährt mir ein mannigfaltigeres Dasein, als meine vormalige lebendigste Lage. -
Ein schöner, freier Kreis, das fühle ich lebhaft in heitern Stunden, liegt vor
mir da; und indes mir in meiner Sphäre nichts entgeht, nichts zu gering ist,
ergreift meine Phantasie alle ferne schönen Beziehungen des Lebens.
    Und welch ein liebes Geschenk gaben mir die Götter mit Wilhelm! Du glaubst
nicht, wie innig er mir ergeben ist, und wie seine liebenswürdige Natur jede
Mühe belohnt, die man sich zu ihrer Ausbildung geben kann! Er hatte manches von
seiner kleinen Geschichte erfahren, und ich hielt es fürs Beste, ihm das Ganze,
der Wahrheit gemäss, zu sagen. Er hörte es still und nachdenklich an, dann
schlang er sich mit Innigkeit um meinen Arm, und sagte freudig gerührt:
    »O! du warst mir schon längst Alles, warst mir, vom ersten Anblick an, da
ich dich sah, mehr als Vater und Mutter!« - Mit jedem Tag, wird er auch mir
lieber, glaube ich, sein stilles und feuriges Gemüt besser zu verstehen, und
wenn ich in sein schönes, bedeutendes Auge blicke, finde ich mich mit den
liebsten Erinnerungen und Träumen umgeben. - Auch den Grafen sehe ich oft und
seh' ihn gerne. Wir leben ein ruhiges Leben, und ich bin so weit davon entfernt,
Zärtlichkeit für ihn zu fühlen, dass ich auch diese Empfindung gar nicht bei ihm
voraussetzen kann; denn er ist zu vernünftig und zu erfahren, als ohne Hoffnung
auf Erwiedrung zu lieben, und so finde ich in seinem Bestreben mir gefällig zu
sein, weiter keine Bedeutung, als dass ihm meine Umgebung gefällt, und er meinen
Umgang sucht, weil er ihm Vergnügen macht. -
    So lösen sich leise und natürlich alle Verwirrungen auf, wenn wir selbst
ruhig sind, und nur der eigene gespannte und leidenschaftliche Zustand, macht
alle unsere Verhältnisse schwer und verworren. - Weil er Albret so genau kannte,
so weiss er viel von meinem vorigen Leben, vieles was ich selbst nicht wusste; und
ich höre mit seltsamer Empfindung manches von meiner eigenen Geschichte, die nun
hinter mir versunken ist, so tief versunken, dass ich mich oft selbst kaum
überzeugen kann, eine, der in seiner Erzählung spielende Person zu sein. -
    Vieles hat er mir von Biondina di Monforte erzählt, einer heissen, stolzen,
grausamen Italienerin, die auf Albrets Gemüt den mächtig traurigsten Einfluss
gehabt hat, und die von Übermut, Herrschsucht und Rache zu Handlungen
getrieben wurde, die uns sanften, weichmütigen Deutschen beinah' unglaublich
vorkamen. Sie galt in ihrer Blüte für die erste Schönheit in Florenz, und auch
im reifern Alter, wusste sie durch Kunst, Lebhaftigkeit des Geistes und Klugheit
in der Welt den Rang zu behaupten, welcher für ihre Eitelkeit und Sinnlichkeit
unentbehrlich geworden war, und ohne welchen sie sich höchst elend gefühlt haben
würde. In ihrer Kindheit hatte sie unter sehr drückenden Verhältnissen gelebt,
und so hatte sich Härte und Klugheit in ihrem Charakter ausgebildet. Sie liebte
heftig, aber sie hasste noch heftiger. Einen Plan durchzusetzen, galt ihr mehr
als Alles; unerschütterlich verfolgte sie ihn, und wenn sie selbst dabei hätte
zu Grunde gehen sollen. Wie viel weniger schonte sie das Leben, die
Glückseligkeit Anderer! Mehrere, die das Unglück hatten, sie zu beleidigen,
mussten es mit ihrem Leben büssen, denn durch Schönheit, Rang, Reichtum und
Einfluss war ihr Vieles möglich. - Frühzeitig, unumschränkte Gebieterin eines
grossen Vermögens, würden ihr die Männer durch ihre ewigen Schmeicheleien
gleichgültig geworden sein, wenn nicht Vergnügen und Stolz, männlichen Umgang
ihr zum Bedürfnis gemacht hätten. Was sie am meisten an einem Mann reizen
konnte, war Verschwendung, Pracht, Leidenschaftlichkeit und blinde Ergebung in
ihren Willen. Aber dabei verstand auch sie allen Leidenschaften der Männer, mit
so viel Klugheit und Einsicht zu schmeicheln, dass selbst die, welche sich von
ihr losgerissen hatten, ihr heimlich ergeben blieben, und sich von ihrer
Meinung, ihren Willen noch lange abhängig fühlten. - Mit Albret hatte sie eine
Zeitlang in den engsten Verständnissen gelebt, um ihrentwillen hatte er den
grössten Teil seines Vermögens verschwendet, und Verhältnisse zerrissen, für die
er sonst viele Rücksichten gehabt hatte. Sie war die einzige, die er geliebt
hatte, die ihm als eine seltene Ausnahme ihres Geschlechts gross erschien; alle
andere Weiber hielt er für kleinlich, kindisch, verächtlich, und diesen
Gesinnungen gemäss, hatte er sie immer behandelt. Und als seine Leidenschaft für
sie, weniger heftig brannte, da ward es das Ziel seines Stolzes, ihren Ränken
mit noch grösserer List und Gewandheit zu begegnen, und sich, selbst wider ihren
Willen, wenigstens den Schein eines engen Verständnisses zu erhalten. Aber seine
Bemühungen waren vergebens, und er musste es geschehen lassen, dass sie einen
Andern ihm vorzog, auf eine Art, die seinen Stolz eben so sehr, wie seine
Leidenschaft kränkte. Nunmehr trat Hass und Begierde nach Rache ganz an die
Stelle der Liebe; bittre Verschlossenheit und verachtendes Misstrauen, wozu er
immer Anlage gehabt hatte, erfüllten nun ganz sein Gemüt. Doch auch gehasst,
blieb sie ihm stets der Mittelpunkt der Welt, die geheime Beherrscherin seiner
Handlungen, das einzige Wesen, bei dem er sein Andenken erhalten, und sein
Dasein für wichtig gehalten wissen wollte. Er wusste, wie sehr ihr Stolz durch
den Anschein von Gleichgültigkeit zu verletzen war, nur musste dieser Schein ganz
die Gestalt der Wahrheit haben, wenn er ihren Scharfsinn täuschen wollte. - Er
verheiratete sich mit mir, und es gelang ihm wirklich, ihre Empfindlichkeit
rege zu machen. Das Aufsehen, welches er zu erregen, auf alle Weise bemüht war,
reizte sie noch mehr, und es war die höchste Zeit, dass er sich entfernte, denn
der Todesstreich, welcher den unglücklichen Marchese traf, war, wie es hernach
klar geworden ist, Albret von ihrer Hand zugedacht. - Wie gut war es, Julie, dass
ich meinen Argwohn gegen Albret, der sich doch nur auf eine blosse Vermutung
gründete, und durch nichts bestätigte, in meinem Herzen nicht lange Raum gab,
und meinen Glauben an seine Menschlichkeit, so sehr sie auch durch seine
Grundsätze leiden mochte, deshalb nicht ganz zurücknahm! - Doch lass mich von
diesen Gegenständen schweigen! Es ist ein peinliches Gefühl, mit welchem ich auf
jene Zeit der Verwirrung und der Missverhältnisse zurücksehe. Die wunderbarste
Beleuchtung, die seltsamste Mischung von Licht und tiefen Schatten, ruht auf
jenen Tagen, und nur dann kann ich ruhig sein, wenn ich das alles vergesse, wenn
ich mich überzeuge, dass alles dies tief hinter mir versunken ist, und ich nun
frei und einfach mein Leben fortführen kann.
    Seit einiger Zeit ist unser kleiner Kreis durch die Gesellschaft eines
jungen Mannes vermehrt worden, der für mehrere Künste ausgezeichnete Talente
besitzt, und sich Antonio nennt. Seine seltne Kunst im Portraitmalen machte hier
Aufsehen, und ich liess mich auf Wilhelms unablässiges Bitten, für diesen von ihm
malen; und da Wilhelm selbst für die Malerei viel Anlage und Lust bezeigt; so
beschloss ich, diese Gelegenheit nicht ungenutzt vorbei zu lassen. Auf diese
Weise ist er uns näher bekannt geworden, und wir haben bald einstimmig
entschieden, dass seine Manier im Umgang, für uns eben so angenehm ist, wie in
Gemälden, und dass er eben so viel Charakter, als Talente besitzt. - Er hat in
seinen frühern Lebensjahren mit vielen Unannehmlichkeiten zu kämpfen gehabt,
sich aber unter allen unverrückt, zu dem gebildet, was er ist, und weil ihm
seine Verhältnisse bald in die Einsamkeit, bald unter viele Menschen geführt
haben; so hat er beides gebildet, Charakter und Talente; denn jener bildet sich
in der Einsamkeit, diese mehr in der Gesellschaft. - Endlich ist ihm der Genuss
eines freieren Daseins geworden, und er, der still und verborgen unter dem Druck
der Umstände fortgeblüht hat, steht nun vollendet da, wie die Schneeblume,
sobald der Schnee zerschmolzen ist. - Er lebt jetzt im ganzen Sinn des Worts;
die Welt gefällt ihm, und an allem kann er eine schöne poetische Seite finden.
Das Einzige was ihn bisweilen unzufrieden macht, so hoch es ihm wieder in andern
Augenblicken beseeligt, ist seine Liebe zu den Künsten. - Vieles, und auch das
quält den Künstler, dass er sein Werk, was er schaffen will, nicht mit Einemmal
vollendet hinstellen kann, sondern erst das Mechanische überwinden, tausend
kleine Schritte tun, geduldig den immer wiederkehrenden Abschnitt von Tag und
Nacht durchgehen muss, und so seine heissgefasste Idee, das schnell gebohrne Kind
seines Geistes, langsam, wie eine irrdische Pflanze durch die Zeit wachsen
sieht, da er sie schon vollendet, als ein himmlisches Kind der Unendlichkeit, in
seinem Geiste trug.
    Lebe nun wohl, ich weiss Du wirst Dich über meine jetzige Stimmung freuen.
Doch, Julie, wenn Du glauben wolltest, dass mein Gemüt immer so ruhig wäre, wie
es vielleicht der Ton dieses Briefes sein mag, so würdest Du Dich sehr irren. -
Sehr oft überfällt mich eine dunkle, quälende Unruhe; ich fühle mich
unzufrieden, fremd mit mir selbst, und es ist mir, als gäb' es für mich noch
viele Rätsel im Leben, die der Auflösung bedürften, als müsste ich ahndungsvoll
noch irgend eine Begebenheit erwarten. - Und ich weiss es wohl was es ist - ich
werde ihn wiedersehn, das ist mir fast gewiss - aber wenn? und wo? und muss ich
dies, obgleich es in manchen Momenten mir als das süsseste Glück, der hellste
Punkt meines Lebens erscheint, muss ich es nicht fürchten? - Ach! die Seelen der
Liebenden, finden sich nie wieder! Einmal getrennt, sind sie es auf immer. - Ihr
haltet noch das Bild des Geliebten fest, und erstaunt ein fremdes Wesen wieder
zu finden, die Zeit verändert euch und ihn, und das eigensinnige Herz verblutet
sich da, wo einst der Gegenwart himmlische Rosen blüten, vergebens an den
Dornen der Erinnerung.
 
                                  Achter Brief
                                Eduard an Barton
Es ist tiefe Nacht. - Der Mond malt die Umrisse der Fenster bloss auf den Boden
hin. Ich tauchte mich in die nächtliche Luft, die lieblich kühlend mir entgegen
quoll, und eine dunkle Unruh überfiel mich, als ich an dem nächtlichen Himmel
die wechselnde Gestalt der bleichen Wolken, das sonderbar gebrochne Licht des
Mondes betrachtete. - Aber es war die zärtliche Schwärmerei nicht mehr, die wohl
einst in glücklicher Zeit mich in solchen Stunden, mit Sehnsucht und Wehmut
ergriff - es war vielmehr das lästige Gefühl eines beschränkten Wissens, das in
gewissen Momenten den Menschen so mächtig ergreift. - Ich dachte mir, wie die
frühen Generationen der Sterblichen schon auf die Erscheinung der Himmelskörper
geachtet hätten, wie sie in stillen Nächten ihren Gang beobachtet, und mit der
süssen Hoffnung einst ganz mit ihnen bekannt zu werden erfüllt, ihnen ihre
geheimnisvolle stille Ordnung abgelauscht hätten - bis dann die Menschen sich
auf einmal vor der Gränze fanden, wo jede Spur verschwindet. Keiner stieg in den
Stern hinauf, keiner stieg herab. Sie durften nicht fragen: warum befolgt ihr
diesen Gang, diese ewige, gesetzmässige Gleichförmigkeit? - Von ihrer eignen
Schwere festgehalten, bleiben die Menschen an die Erde gefesselt, und nur auf
den Schwingen der Phantasie können sie dieselbe verlassen. - Die Wolken flogen
auseinander, und mit siegreichem Glanz standen die Sterne in ihrer blauen,
unermesslichen Klarheit da. - Dort oben also, ewiges Licht, und abwärts nur
Dünste und zweifelhafter Schein? - Warum wirkt ihr auf mich, warum beunruhigt
ihr mich, ihr geheimnisvollen Wesen, deren Natur ich vielleicht nie zu ergründen
vermag? -
    Wenn Du diese traurigen Gedanken gelesen hast, mein lieber Freund, so wirst
Du mir es vielleicht kaum glauben, dass ich unmittelbar vorher, von der
zärtlichen Unterhaltung, einer schönen Geliebten, nach Hause gekommen war. Und
doch ist es so; aber meine Liebe, ist wie sie selbst, nur der Gegenwart
geheiligt, aber auch in dieser gleich ihr, unendlich beglückend.
    Ich will Dir nicht leugnen, dass jenes Abenteuer, mit dem schönen
Waldmädchen mich doch im Grunde gewaltig verstimmt hatte. Die Ueberzeugung, dass
nur meine Umgebung allein, so vielen Reiz für sie gehabt hatte, war mir sehr
empfindlich, und ich kam mir in manchen Augenblicken recht gedemütigt vor. -
Denn gewiss dünkt es doch einem jeden schön, - und ist es auch - um seiner
Persönlichkeit willen geliebt oder geehrt zu werden, und so gern auch Viele sich
im Notfall hinter die Schutzwehr ihres Ranges oder ihres Reichtums verstecken,
so schmeichelt ihnen doch nichts mehr, als wenn sie glauben, man übersehe dies
alles, und achte nur ihr eigentümliches Verdienst. Und wie unangenehm würden
Manche, die so zuversichtlich alle Huldigung auf Rechnung ihres persönlichen
Werts schreiben, überrascht werden, wenn ihnen ihre artigen Umgebungen, denen
eigentlich die andern schmeicheln, auf einmal genommen würden, und sie nun mit
einemmale alles um sich her verändert sähen! Ich war menschenscheu geworden und
vergrub mich eine Zeitlang in Arbeiten, in denen mein Vater mir es nicht fehlen
liess, bis ich mein Selbstgefühl wieder so sehr gestärkt fand, dass ich wieder
heiter und empfänglich in die muntre Welt, die mich hier umgibt, treten konnte.
Mitten im bunten Getümmel begegnete ich bald darauf einem Mädchen, deren Umgang
im Kurzen das Ziel meines Bestrebens ward. Ich fand sie in den besten
Gesellschaften, und überall, wo Vergnügen, Geschmack und Lebhaftigkeit wohnte,
und durfte sie bald, so oft sie nur selbst wollte, in dem geschmackvollsten
Zimmer, und der niedlichsten Umgebung allein sehen. Dir zu schildern, was sie
eigentlich ist, vermag ich nicht, obgleich ich sie in manchen Augenblicken ganz
zu verstehen glaube, aber wie es auch sei, so viel ist gewiss, dass mich ihr
Wesen, so oft ich sie sehe, ganz froh und glücklich macht. Ich möchte sagen, dass
sie von allen Freuden des Lebens nur das feinste und flüchtigste, wie den bunten
Staub auf den Schmetterlingsflügeln, abstreift, und über alles Tiefe,
Nachdenkliche, im Leben leicht und ahndungslos hinwegschlüpft, wie ein Zephir
nur die Spitzen der Blumen berührt. Für mich ist sie sehr poetisch, obgleich sie
selbst nichts davon wissen will, denn die Poesie, sagt sie, ist ein Traum aus
einer andern Welt, und ich schlafe nicht; ich wache. - Uebrigens mein Lieber,
bemühe ich mich auch eben nicht sonderlich, mein Urteil über sie recht ins
volle Licht zu setzen, und sie unter irgend eine schulgerechte Regel bringen zu
wollen. Denn schon oft sind mir die meisten Urteile der Männer über Weiber
recht herzlich zuwider gewesen. Fast ein jeder hat sein System, und hält nun,
wie an einer Silberprobe jedes weibliche Geschöpf, das ihm im Leben begegnet; er
künstelt an dem unschuldigen Wesen, um es in sein System zu passen, und nennt es
dann verschroben, wann es seiner Eigentümlichkeit nach anders ist, als er sich
es dachte. - Ich bin zufrieden, dass es mir vergönnt ist, in den Spiegel dieses
heitern, empfänglichen Gemüts zu schauen, welches alle Strahlen der Welt
auffasst, und in den lieblichsten Farben zurückstrahlt so, dass mir nun vieles,
was mir sonst öd' und todt war, mit frischen Reizen in die Seele herein scheint.
-
    Wir hatten uns schon oft und viel gesehen, ohne sonderlich auf einander zu
achten, als mir mit einemmale die Augen aufzugehen schienen. Ich war in der
reinsten Stimmung, das Leben erschien mir unbedeutend und wichtig zugleich; ich
nahm mir vor, nichts Bedeutendes zu erwarten, und die Freude frisch zu
ergreifen, wo sie mir entgegen lächeln würde. Und so hatte ich den
entschiedensten Sinn für ihre Liebenswürdigkeit. Wir wurden sehr schnell
bekannt, und ich konnte ihr frei meine Neigung entdecken. Sie antwortete nicht
darauf, blieb in ihrem Betragen unverändert, und schien es gar nicht zu achten.
Aber einst, als ich allein bei ihr war, und sie mir mehr als gewöhnlich reizend
erschien, nahm sie eine frische Granatblüte von ihrer Brust, und gab sie mir.
Diese Blüten sind der Gegenliebe geweiht, sagte sie, und blickte mich mit
feuriger Schwärmerei an. - In diesem Styl ist alles was sie tut, leicht,
willkührlich und fein, nur dass es von Blick und Geberde begleitet sein muss, und,
wie sie selbst sich schöner sehen, als beschreiben lässt.
    Sonderbar ist es, dass mich ihr Gesang, - denn sie übt' diese Kunst wie
manche andere mit glücklichem Erfolg - stets in meiner Zufriedenheit stöhrt. -
Auf seinen Flügeln trägt mich der Gesang dann in ein anderes, fernes Land, wo
liebliche Gestalten verworren vor mir scherzen. Und gebe ich mich ihnen hin, so
dünkt es mich, ich finde bekannte Wesen, die ich schon einst gesehen; es sind
die Schatten meiner vorigen Freuden, meine Wünsche, meine Lieblingsträume. -
Dann vergesse ich auf Augenblicke alles um mich her, und mein Herz weiss von
keinem grössern Glück, als sich an diesen Wunden verbluten, in Wehmut sterben
zu können, - Und so ist es wohl gewiss, Barton, dass es Eindrücke gibt, die
unauslöschlich sind; und die Töne sind die wunderbaren Fäden, die von der
Geisterwelt gesponnen, durch alle Zeiten reichen und mit geheimnisvoller
Wahrheit uns mit unsern eigentlichen Wünschen bekannt machen, und unsichtbar
daran festalten.
 
                                 Neunter Brief
                                Amanda an Julien
O! Julie, dieser Antonio ist mir sehr viel geworden! - Sein heitrer, umfassender
Geist zaubert eine schöne Gegenwart um mich her, seine feurige Phantasie trägt
mich auf ihren Schwingen in das himmlische Land der Dichtung, wo alles auf ewig
in dem entzückenden Duft jugendlicher Begeisterung getaucht ist! - Und dahin
will ich mich flüchten, aus dem öden verworrnen Gewebe irrdischer Pläne und
Verirrungen, dahin auf ewig mit reinem, liebenden Herzen! Ich fühle es, ich muss
ihm alle meine Zweifel, meine Schmerzen, mein ganzes Leben muss ich ihm
anvertrauen. - An den heitern Sinn dieses Mannes, schmiegt sich mein Herz
vertrauungsvoll an, und die Welt lächelt mir neu in dem Wiederschein seines
Geistes. Durch Antonio werde ich mit den schönsten Erzeugnissen der Poesie
bekannt, die mir bis jetzt meist fremd geblieben sind, und indem ich mich ganz
dieser himmlischen, ewig in Morgenrot schimmernden Welt hingebe, und gar nicht
mehr nach Deutlichkeit in der irrdischen strebe, geht eine neue Wahrheit, ein
neuer Glanz in meiner Seele auf. - Selbst der Gedanke an Eduard, an die schöne
untergegangene Liebe, der so lange meine Seele mit dunkeln, niederschlagenden
Erinnerungen beängstigte, fängt an, bei dieser Veränderung meiner Ansichten,
eine lichtere Gestalt anzunehmen. Im Vergänglichen lerne ich das Unvergängliche
ahnden; und wenn ich über die Irrungen des Verstandes trauere, erscheint mir die
Würde und die Unfehlbarkeit des Gefühls desto herrlicher. - Und auch dies dank'
ich dem Freunde, der mit einem so weichen, fühlenden Herzen, den hellsten,
freiesten Geist vereinigt. Was für Morgen, was für Abende vergehen uns!
Ahndungsvoll und heiter, wehmütig und freundlich spricht die Natur in einer
neuen Sprache zu meinem Gemüt:
Blumen düften
in den lauen Lüften,
sieh! dort in den blauen Himmelsraum
lauschen Wölkchen, wie ein Frühlingstraum.
Und die Hoffnung, - über Tal und Hügel
kömmt die Holde mit smaragdnem Flügel,
und ich fühl', in Lust verloren,
mich, wie neu geboren!
Beschreiben soll ich Dir diesen Antonio? Das verlangst Du schon in zwei Deiner
Briefe. - Aber verzeih mir, wenn ich gar keine Lust dazu habe, weil ich ihn für
unbeschreiblich halte, und begnüge Dich deshalb bloss mit einigen, leicht
hingeworfenen Zügen. Er ist nicht schön, ob gleich ich glaube, dass er bis zur
Anbetung gefallen kann; er ist jugendlich, ohne noch Jüngling zu sein; heiter,
ohne Flachheit; sinnig, ohne Trübsinn; witzig, ohne Bitterkeit; gefühlvoll, ohne
Affektation. Seine Fehler, - denn Du wirst mir wohl zutrauen, dass ich ihn davon
nicht frei spreche - sind nicht gemein, nicht unerträglich, sondern sie tragen
das Gepräge eines genialischen Geistes, unverkennbar an sich.
    Heute fand ich auf meinem Schreibtisch einige Strophen, welche ich Dir hier
mitteile. Ich irre mich gewiss nicht, wenn ich glaube, dass Antonio der Verfasser
derselben ist; - ganz sicher sind sie von ihm, aber welche Glut des Gefühls auch
aus ihnen atmet, so glaube ich doch, Antonios Sinn zu gut zu verstehen, als dass
ich nicht zugleich das leichte Spiel der Phantasie darinnen wahrnehmen sollte:
Eine Seele möcht' ich kennen
eine treue Seele nur!
wollte stets in Liebe brennen,
glühender als Kuss und Schwur.
Eine Seele, treu ergeben
mir mit Wahrheit zugetan,
treu im Lieben, und im Leben
sonder falschen, eitlen Wahn.
O! wie wollt' ich mich ihr weihen,
froh mit innigem Gemüt!
Liebe sollte sie erfreuen
Liebe, wie sie nie geglüht!
Alles wollt' ich, Alles wagen,
immer freudig, gleich gesinnt,
wollte nie die Schmerzen klagen,
die der Liebe Nahrung sind.
Geh' ich durch das Frühlingsblühen,
atme Blumendüfte schwer,
wähn' ich in der Lüfte Glühen,
wandle Liebe zu mir her.
Ist vergebens all' mein Wähnen?
Fällt die Blüte fruchtlos ab,
zieht mein liebevolles Sehnen
nie die Treue, mir herab?
Soll ich nie die Seele kennen,
eine treue Seele nur?
soll ich nie in Lieb' entbrennen,
glühender als Kuss und Schwur?
                                 Zehnter Brief
                                Eduard an Barton
Ich weiss es selbst nicht, Barton, warum mich der Inhalt Deines letzten Briefs so
ungewöhnlich bewegt, ja befremdet hat. Du schreibst mir, dass Du Dich mit
Nanetten verheiraten wirst; dass Ihr beschlossen habt, ihr bei** gelegenes Gut
zu bewohnen, und dort abwechselnd dem Ländlichen und der Geselligkeit zu leben.
Du schreibst mir das, mich dünkt, mit einem gewissen Stolz; Du freust Dich
Deines Looses mit so ruhiger Freude, als wenn das alles sich so hätte begeben
müssen, weil Du es gewollt hast. - Beinah' glaube ich, dass es eine Art von Neid
ist, was sich dabei so seltsam in mir regt. Auch mein Schicksal ist jetzt auf
gewisse Weise entschieden. Ich sehe mit Zufriedenheit fast alle meine
jugendlichen Wünsche erfüllt, meine Pläne der Reife, und meinen Ehrgeiz seiner
Befriedigung nah'n, und doch - doch sehne ich mich oft ganz unaussprechlich in
jene Zeiten der Wünsche, des Unvollendeten zurück, wo mir, verhüllt in das
schöne Geheimnis der Liebe, der Genuss der schönsten Poesie meines Lebens, die
Gewissheit der in mir wohnenden Gotteit vergönnt ward. Und dann fühle ich in
tiefer Seele, dass eigentlich ein Loos den Deinen ähnlich, das Ideal meiner
Wünsche war. - Doch wie es auch sei, ich gönne Dir Dein Glück. - Schon mehrmals
habe ich meine Ansicht von Dir geändert, aber der wahre Gehalt Deines Wesens,
und das, was ich Dir verdanke, blieb mir zuletzt ganz unveränderlich. In frühern
Jahren sah' ich Dich nur mit einer gewissen Glorie umgeben, Du schienst mir
unerreichbar, und ich verehrte Dich wie einen der Ueberirdischen.
    Dann aber kam eine Zeit, die Zeit wo alles vor mir schwankte, ich an allem
zweifelte, und da verschwand auch der Nimbus, der Dich verherrlichte, und Dein
ganzes Wesen kam mir sogar zweideutig vor. Hat er sein Spiel mit mir getrieben?
dachte ich oft. Was sollen mir diese hohen Ideen, diese Ansprüche, die nie
befriedigt werden, die mich mit der Welt unzufrieden und mich für sie untauglich
machen? - Warum gab er, der die Menschen kannte, mir nicht lieber Wahrheit, wenn
sie auch bitter war, für dieses zauberhafte Licht, bei dessen Verschwinden mich
nur ein tiefes Dunkel umfängt? - Aber bald ward es mir heller; ich erkannte die
höhere Wahrheit, in dem, was ich für Täuschung hielt, ich erkannte Dich als
einen Menschen, den das Leben gebildet hat, und der nun wiederum das Leben
bildet, der die Welt versteht, und seine eignen Erfahrungen auch für andre aufs
beste zu benutzen strebt. So blieb Dein eigentümlicher Wert nun klar vor mir
stehen und auch Dein Verhältnis gegen mich. - Ich fühle, dass Du mich erzogen
hast, denn Erziehung, wie ich dies Wort nehme, heisst nicht den Menschen
bestimmen, sondern ihm Gelegenheit geben, seine angebohrnen Fähigkeiten zu üben
und zu entwickeln; ihm Gelegenheit geben sich selbst zu bestimmen. Jeder, der
nicht seinen Anlagen gemäss leben kann, fühlt sich unglücklich und unbestimmt.
Der weisere Mensch, merkt diese Anlagen frühzeitig bei der Entwickelung des
Kindes, und tut dann das Seine, es in eine ihm angemessene Lage zu bringen,
denn erst dann, wann der Mensch seiner Eigentümlichkeit gemäss leben kann,
vermag er auch für andre viel zu sein. - Das Leben ist nichtig und ein jeder hat
Momente, wo er es fühlt, wo er fragen muss: aller Zweck, alles Streben, wozu
führt es? - Aber dann treibt die Lust zu wirken, zu schaffen, wieder in den
Schauplatz, der uns allein zur Uebung unserer Kräfte gegeben ist, und wir fragen
nicht mehr, was soll es? sondern wir mischen uns mit Eifer unter die Menge, wo
wir nicht die Ungeschicktesten sein wollen, und wenn wir auch heimlich das Ganze
als Spiel betrachten, so dünkt es uns doch würdig, das Spiel mit allem Ernst
durch zu führen. - Nur soll ein jeder seine Individualität kennen lernen, hat er
dann ein richtiges Bild von sich selbst gefasst; so kann er mit diesem Bilde in
die Welt eintreten und ruhig und sicher handeln. - Denn was man auch sagen mag;
so ist es doch gewiss, dass sich die äussern Umstände öfterer nach dem Menschen
formen, als er sich nach ihnen. Seine Art zu denken, zu empfinden, sein
Geschmack, seine Irrtümer ziehn die Verhältnisse um ihn herum, und der Wunsch
sie verändert zu sehen, ist vergebens, wenn er sich nicht selbst ändern will und
kann. - War bei allen bittern Klagen, die Rousseau über die Menschen ausstiess,
er es nicht immer selbst, der zu dieser Behandlung Veranlassung gab? - Er, der
sich gegen alle so sonderbar und ungewöhnlich betrug, musste auch ein
ungewöhnliches Betragen von andern erfahren, und wär' er aufrichtig gewesen, so
hätte er doch wahrscheinlich gestehen müssen, dass er nirgends so glücklich hätte
sein können, kein Zustand für ihn so passend war, wie gerade seine Verbannung,
wo er von allen Verhältnissen frei, seinen Träumereien ganz ungestöhrt leben
konnte.
    Aus dem, was ich Dir hier geschrieben habe, wirst Du vermuten, dass gerade
jetzt ein Zeitpunkt meines Lebens ist, wo ich über meine Verhältnisse zu der
Welt, mehr als gewöhnlich nachgedacht habe; und Du hast recht. - Ein jeder,
glaube ich, hat Momente, wo er das Bestreben fühlt, aus seinem Leben, ein
Ganzes, eine Geschichte zu bilden, und wenn er dies nicht kann, wenn er den
Faden, der seine kleinen und grossen, innern und äussern Begebenheiten
zusammenhält, gänzlich verliert, oder wenn er ihm zerrissen wird, so ist er
unglücklich und zerstückt. - Bisher habe ich dies Bedürfnis nie lebhaft gefühlt;
denn, weil ich so verschiedene Ansichten hatte, und mit ihnen wechselte; so fand
ich scheinbar, oft wenig Zusammenhang mit den Vorhergehenden. - Doch jetzt, da
ich auf einer Art von Ruhepunkt stehe, und mein Leben wie einen bunt gewirkten
Teppich vor mir liegen sehe, und übersehe, merke ich einen leisen Zusammenhang,
und einen Faden, der aus mir selbst herausgesponnen, das Einzelne verbindet. -
Ich bin nicht unzufrieden mit mir und der Welt, nur das Einzige schmerzt mich,
und wird mich ewig schmerzen, dass das Höchste meines Lebens, die Zeit, wo sich
die Blüte meines Lebens entfaltete, wo alles auf etwas Einfaches, Grosses
hinzudeuten schien, doch am Ende in Unverständlichkeit vergieng. O Barton! ich
wiederhole es, nur der kleinste Umstand meines Lebens durfte anders sein, und
Vernunft und Glück mussten unvermeidlich der Quaal dieses Gedankens erliegen!
    Ich weiss nicht, ob ich Dir es schon geschrieben habe, dass ich ohngeachtet
meiner Jugend nun als ** hier angestellt bin. Dies ist eine Stelle, die sich
mein jugendlicher Ehrgeitz oft als das schönste Ziel dachte. Teils in
Geschäften meines Vaters, teils um noch manche, mir nötige Kenntnisse und
Geschicklichkeiten zu erwerben, werde ich, eh' ich die Stelle antrete, noch ein
Jahr lang reisen. Komme ich dann zurück, so wird es nur von mir abhängen, mich
mit Cölestinen, - so heisst das reizende Geschöpf, die Du aus meinem Briefe
kennst, - auf immer zu verbinden. - Auf dieser Reise werde ich auch zu Dir
kommen, verlass Dich darauf! Wahrscheinlich wirst Du dann schon Dein Landgut
bewohnen. - Ich muss Dich, ich muss Amanda wiedersehen! Wie sollte ich mir diesen
wunderbaren Moment, der schon jetzt mein Herz erbeben lässt, nicht in mein Leben
herein bannen? - Wie wird sie mir, wie wird mir alles um sie her erscheinen?
    Du wirst glücklich sein, Barton! - Ich muss immer wieder hierauf
zurückkommen. Du wirst das heiterste, lebendigste Leben führen, und von
Nanettens stets gegenwärtigem Gemüt, Deinen weiter strebenden Sinn, stets
freundlich an dem Augenblick gefesselt fühlen! Eben weil ihr wenig Aehnlichkeit
habt, werdet ihr so sehr für einander passen, denn die Liebe wird oft durch das
Verlangen genährt, das, was uns fehlet, durch den geliebten Gegenstand ersetzt
zu finden, und bei vollkommener Gleichheit des Gemüts mangelt ihr grösster Reiz.
Der Morgen meiner Abreise ist gekommen, und in wenig Augenblicken sitze ich im
Wagen. Ich habe lange keine Frühstunden genossen, und überhaupt alle
Naturerscheinungen, unempfindlich vor mir vorüber gehen lassen, weil ich mich
nicht den Eindrücken hingab, sondern sie beherrschte. - Nie dünkt es mich, habe
der Hahn so melodisch sein Morgenlied gesungen; nie die Vögel so laut und kühn
dem Tag entgegen gejauchzt; die Landschaft habe nie so frisch aus den
nächtlichen Regenschauer hervor geschaut; die Sonne nie so freudig über die
dunkeln Wolken gesiegt, als heute. Ich ahnde es, - auch meinem Leben ist noch
ein Morgen aufgegangen - noch Ein Morgen, und wüsste ich auch, dass mit diesem
Tage ich selbst mich leise neigen würde, so könnte es mich doch nicht stöhren in
meiner freudigen Hoffnung.
 
                                  Elfter Brief
                                Amanda an Julien
Dein letzter Brief hat mir sehr viel Freudiges gesagt. In Deinen Urteilen über
mich und mein Leben, finde ich eben so viel Klugheit als Zarteit, und Du
versicherst mir es so ehrlich, dass ich es glauben muss, wie meine Briefe immer
sehnlich von Dir erwartet würden, wie sie für Dich weit mehr Leben und
Interesse, als das schönste Buch hätten, ja, wie sie das einzige Poetische in
Deinem Leben wären. - Dies alles ist mir nun sehr willkommen, denn mir ist es
nun einmal Bedürfnis geworden, Dir meine Klagen, meine Erinnerungen und meine
Freuden, ohne Zwang und Rücksicht zu vertrauen, und Du bist auch die Einzige,
gegen die ich es kann. - Ja, Julie, was auch die Zeit an den glänzenden Farben
jener Vergangenheit verwischen mag, so glücklich ich mich jetzt durch Antonios
Gegenwart fühle, so viele schöne Beziehungen ich um mich vereine; so kann sich
mein Herz doch nie ganz von jenem Zauberlande losreissen, und selbst jedes
fröhlichere Gefühl, das mein Herz bewegt, scheint mir nur ein Bote von dort zu
sein, der mich wieder lebhaft in die alten Fesseln zieht. - Oft fühle ich es so
unruhig und so gewiss, dass ich ihn wiedersehn werde - aber bald spricht eine
feindliche Stimme dazwischen: er hat Dich vergessen - und alles ist verändert.
Die säuselnden Lüfte, die Berge mit ihren waldigen Scheiteln, der Fluss mit
seinen rauschenden Wellen, alle sagen es nach: er hat Dich vergessen! die
Sehnsucht seiner Liebe umschwebt uns nicht mehr! - Oft wenn ich hinblicke unter
die Schatten der Bäume, und aus ihrer freundlichen Dämmerung, viele halbvergessne
Jugendbilder hervortreten, und von ihren flüsternden Zweigen seelige Träume auf
mein Herz einsinken; dann schwebt die entflohene Liebe, wie ein verlohrnes
Paradies vor meiner Seele, und eine Träne des Schmerzes verdunkelt mein Auge. -
Aber dann reisse ich meine Blicke gewaltsam von jenen Bildern los, und schaue
mit verschlossnem Weh in die lichte, offne Ebene hin, und weite, fröhliche
Entwürfe, heiter wie die Ferne, dämmern vor mir auf; dann umweht mich neue
Lebenslust, und ich freue mich meines Muts, dass ich, nach dem Verlust
desjenigen, was mir Alles war, noch zu leben wage. - Und Julie, so schwankt mein
Gemüt noch oft zwischen den Eindrücken, einer allzu schönen Vergangenheit, und
einer heitern Gegenwart.
    Du kennst aus meinen Briefen die Menschen, die ich täglich sehe, es ist
Antonio, der Graf, Charlotte, ihr Mann und Wilhelm; mein Leben verfliesst jetzt
gleichförmig und anmutsvoll, und nur kleine Begebenheiten, nichts Grosses,
Erschütterndes, bezeichnet die Spur der fliehenden Tage. Unter diese gehört auch
folgendes, was unserm Kreis, zu Bemerkungen und Gesprächen viel Veranlassung
gab. Wilhelm hatte eine kleine Reise, in eine nahgelegene, wild-schöne Gegend
getan, und als er zurückgekommen war, spielte uns der Zufall ein Lied in die
Hände, das er dort gedichtet hatte. Hier ist es:
Es seufzen bedeutend
die Winde und stumm,
die Wolken ziehn leidend,
am Himmel herum.
Sie quellen, sie fliehen
die Täler entlang,
und Träume durchziehen
den Busen so bang.
Der Tag ist verschwunden
tief schweiget die Nacht,
im Dunkel dort unten
der Hammer nur wacht.
Da klagt eine Flöte
ihr Leid durch die Nacht,
das stets mit der Röte
des Abends erwacht.
Es stürzet der Reuter
den Waldsturz hinab,
und weiter und weiter
erreicht ihn sein Grab.
O! Mutter nun weine
die Trän' über ihn,
dann glänzet im Scheine
dir froher das Grün.
Wenn Frühling besäumet
den Hügel mit Flor,
in Blumen dann keimet
sein Geist dir empor.
Sie blicken wie Augen
sie suchen dich doch;
sie winken und hauchen
und lieben dich noch.
Was mich bei diesen Strophen am meisten rührte, war die Stimmung, die ich
darinnen durchschimmern sah. Ich fand eine Schwermut, die ich ungern in diesem
jungen Gemüte bemerkte. Aber auf der andern Seite musste ich auch das Talent
anerkennen, das ohngeachtet der Verworrenheit und den Mängeln die in dem Liede
herrschen, doch unleugbar sich zeigt, und deutlich das Bestreben wahrnehmen
lässt, die Eindrücke, die Bilder, die um ihn sind zu einem Ganzen zu gestalten
und einen Sinn in sie zu legen. - Diese Strophen gaben zu einem Gespräch über
Poesie im Allgemeinen Anlass, welches ich aufgezeichnet habe, weil es meine
Freunde sehr genau charakterisirt und reich an auffallenden Bemerkungen ist,
aber da ich nicht weiss, ob Dir der Gegenstand wichtig genug ist, ein langes
Gespräch darüber nicht ungelesen bei Seite zu legen: so will ich erst Deine
Entscheidung darüber abwarten, bevor ich Dir es schicke.
 
                                 Zwölfter Brief
                                Amanda an Julien
Ich weiss nicht, ob ich Dir schon in einem meiner Briefe geschrieben habe, dass
ich einer baldigen Trennung von Antonio entgegen sähe. Seine Verhältnisse machen
ihm eine Reise notwendig, und diese bevorstehende Entfernung lässt es mich erst
fühlen, wie nahe er mir ist. Ja, Julie, mein Leben, das so lange dunkel war,
erhellt sich wieder, und ich fühle meine Jugend schöner zurückkehren. Oft schien
es mir, als sei ich von aller Liebe frei, und nun liebe ich mehr als jemals. Und
wie sollt' ich anders? Des Weibes Natur ist Liebe; die Liebe befreit sie von
allen quälenden, unedlen Neigungen, und sie lernt das Göttliche verehren, weil
sie in dem Geliebten das Bild der Gotteit anbetet. - Die Stimmung, welche mein
Gemüt durch Antonios Umgang, durch seine schönen, freien Ansichten vom Leben
erhalten hat, dünkt mich reizender und freudiger, als die schönste, jugendliche
Begeisterung. - Mit jedem Tage erscheint mir Antonio schöner, liebenswürdiger,
und ein milder Zauber schmilzt sein Bild mit Eduards Andenken zusammen. Es ist
nicht Bewunderung, nicht Achtung, Freundschaft mehr, was mich zu ihm zieht; es
ist die süsse Gewalt der Neigung, die mich an ihn bindet. - Und so, Julie, seh'
ich freudig seiner Zurückkunft entgegen. Zwar ist mir noch manches in seinen
Verhältnissen dunkel geblieben, aber ich habe ein so entschiedenes Vertrauen zu
ihm, dass es mir durchaus keine Unruhe macht. Ich hingegen habe schon längst
keine Geheimnisse mehr für ihn, und Eduard war oft der Gegenstand unserer
innigsten Gespräche. O! Julie! wie glücklich werde ich sein, wenn ich auf immer
mit Antonio verbunden bin; denn die Ehe ist für gebildete Menschen, die sich
lieben, gewiss der freieste und glücklichste Zustand! - Spottend wies ich lange
alle Hoffnung auf Glück von mir, und nun winkt es mir so nahe, so freundlich;
nun sehe ich mich geliebt, wie ich stets geliebt zu sein mich sehnte! - Ich kann
Dir heute nichts mehr schreiben; meine Seele ist allzu verwirrt, betäubt von
angenehmen, wunderbaren Bildern, aber ich lege Dir hier ein Liedchen bei, das
Dir die Stimmung meiner Seele vielleicht deutlicher auszusprechen vermag.
Es flieht das süsse Leben
vom himmlischen umgeben,
es hemmt kein träger Zwang
des Geistes frohen Drang,
und wehret den Gefühlen
in Tönen sich zu kühlen
in holder Verwirrung mich Stunden umspielen,
wie Weste, im Frühling die Blüten durchwühlen.
Schon floh'n des Lebens Sterne,
die Heimat schien so ferne,
in banger Sorge Grab
zog's grausend mich hinab.
Nun ist die Welt erheitert,
des Lebens Bahn erweitert,
und frei wie die Bienen im Blumental schweben,
fliegt heiter mein Sinn durch das blumige Leben.
Nur du hast mich gerettet,
auf Rosen mich gebettet,
der Liebe heil'ge Glut!
du gabst der Seelle Mut,
die Hoffnung die nie altet,
die Freude schön gestaltet,
und alle die Himmlischen sangen mir wieder,
seit du mir erschienen, die goldenen Lieder.
Geweiht zu hohem Leben,
sie mich nun stets umgeben,
gescheucht von ihrem Licht,
nah't mir die Sorge nicht.
Nur du, mit leisem Schauer
der Sehnsucht heil'ge Trauer,
du nah'st, und entzündest, zu höheren Leben
die liebende Seele mit himmlischen Streben.
 
                               Dreizehnter Brief
                                Eduard an Barton
Hier an den Ufern des Arno, nicht weit von dem blühenden Florenz, schreibe ich
Dir, nach langem Schweigen wieder. Welch' eine reizende Umgebung verbreitet sich
um mich her! Unter dem sanften Himmelsstrich prangt hier die Erde in der Fülle
der reichsten Vegetation; dicht belaubte Büsche, schimmernd grüne Rasenplätze,
schlängelnde Pfade, wechseln in der anmutigsten Mischung mit einander ab. Eine
grosse Volksmenge versammelt sich jetzt im Freien, um die schönen Herbsttage zu
geniessen, die in diesem Lande unaussprechlich schön sind. Gruppen einzelner
Menschen und ganze Familien, umschwärmt von ihren Kleinen, lagern sich im
Schatten, auf den glänzend grünen Rasen, und dieser Anblick gewährt ein
liebliches Bild von Ruhe und heiterm schönen Genuss der Gegenwart. O! wie beneide
ich dies Volk, das unter dem Einfluss eines milden Himmels geboren, sein Dasein
in jedem Moment auf das lebendigste geniesst, und nichts als Lebenslust, Ruhe,
und frohen Genuss der fliehenden Tage atmet, indes wir Armen, im nordischen
Klima Erzeugten, ewig mit Kälte und Melancholie kämpfen, und statt, den Genuss
des Lebens zu fühlen, den Genuss verstehen wollen! Alle die Schrecknisse der
Phantasie, welche den ungebildeten Teil der Nordländer, und auch den
Gebildeten, so häufig das Leben verbittern, sind diesen Bewohnern südlicher
Gegenden gänzlich unbekannt; nicht wie bei jenen durch die Ungemächlichkeiten
des Klima, aus den Regionen des Lebens hinweg gedrängt, kann ihre Phantasie
ruhig auf den Gegenständen der wirklichen Welt verweilen, und findet hier den
reichsten Stoff sich zu beschäftigen. Auch die Ideen des Aufhörens, der
Verwesung suchten diese Glücklicheren stets so leise als möglich zu berühren,
und wenn es scheint als habe das rauhe, nordische Klima seine Bewohner schon im
Leben mit ihren Gedanken zum Grabe hingedrängt, und sie mit den furchtbarsten
Gegenständen, die man sonst kaum zu denken wagte, ganz vertraut gemacht, so
suchten jene die Gestalt des Todes, mit einem mildernden Schleier zu verdecken,
oder diese Idee durch weiche, liebliche Bilder minder furchtbar zu machen. Ja,
auch jetzt, so verschieden auch die neuen Göttergestalten, von den ältern
Göttern sein mögen; so sichtbar sind auch jetzt noch die Spuren des Geistes, der
in jener poetischen, aus Griechenland hieher verpflanzten Religion atmete,
welche wie die Dichtungen Homers, ihres Sängers, erhaben, schön und beglückend
war. - Nie vermag ich, ohne die innigste Rührung den Abendgesang der heiligen
Jungfrau zu hören, welcher hier den müden Arbeiter zum ersehnten Feierabend
ruft. In ihm ertönt das Lob der Maria, »die mit den Sternen gekrönt ist und den
Mond zu ihren Füssen hat; die ohne Mackel und ohne Flecken, mit der Klarheit der
Sonne umkleidet ist; die grosse Ausspenderin von den Schätzen des Himmels;
golden, heisst es, ist das Haar der Himmelskönigin, und Licht ist ihr Gewand!
Maria, du schön Gebildete, ich wünsche im Paradiese zu deinem Anschauen zu
kommen!« - Und hört man in dieser Zusammensetzung, das sanfte Madre d'amore! so
wähnt man auf Augenblicke, ganz in das schöne Altertum versetzt zu sein.
Doch so sehr ich mich auch bestrebe, der Stimmung dieses Volks gemäss, alle
Erscheinungen vor mir übergehn zu lassen, ohne Reflexionen darüber anzustellen;
mich immer mehr auf den Moment zu beschränken, und mir nicht, mehr die
vergebliche Mühe zu geben, die labyrintischen Verwickelungen des Lebens
enträtseln zu wollen, so will es mir doch nicht immer gelingen. Eine
unbeschreibliche Sehnsucht ergreift mich hier, wo alles, Genuss und Befriedigung
atmet. - Der angenehme Müssiggang der Reise, die Entfernung von bindenden
Geschäften, von der prosaischen Zerstreuung des gesellschaftlichen Lebens, diese
haben mich ganz wieder in das Land der Jugend und der Wünsche zurückgeführt.
Alles Streben, alles Treiben der Menschen - wie unnütz erscheint es mir - und
nur die Liebe allein dünkt mich der Sehnsucht wert! - Ja, sie war es, sie
allein, die einst einen südlichen Himmel in meine Seele zauberte, die mich die
Sprache der Natur verstehen lehrte, und mir das Gefühl einer heiligen
überirrdischen Begeisterung gab, die mir das Unsterbliche ahnden liess und mein
Gemüt mit frommen Glauben entzündete! - O! wie verschwanden und entblätterten
sich alle Resultate des Verstandes, alles Kalte, Gesuchte, was von vielen Moral
genannt wird, wie verschwanden sie bei dieser warmen gläubigen Religion der
Liebe, durch die ich mich unsterblich und göttlich fühlte! - Könnt' ich Amanda
an meine Brust drücken, könnt' ich hier mit ihr leben, wo mir nun oft ein
schneller Gedanke an sie, die Freude selbst verbittert, weil sie Amanda nicht
mit mir teilt, und weil ich nun einmal glaube, dass sie ohne mich nicht
glücklich sein kann! - Dass Amanda in dieser Gegend, wo ich jetzt lebe, auch eine
geraume Zeit zugebracht hat, vergegenwärtigt mir ihr Andenken noch mehr. Ich
habe schon Mehrere gesprochen, die sie gekannt haben, die sich ihrer noch sehr
lebhaft erinnerten, und ihrer Schönheit, ihrem Edelsinn und ihrer Anmut einige
Lobreden hielten. - O! Barton, Du wirst sie sehen! Schreibe mir von ihr, so bald
Du sie gesehen hast. Auch ich will sie sehen; ich bin es Cölestinen, ich bin es
meinem künftigen Leben schuldig. Ich muss es wissen, ob das, was ich jetzt für
sie fühle, nur ein leichter, wesenloser Traum ist, vom Zauber der Entfernung,
vom Einfluss dieses Himmels und trügerischem Spiel der Phantasie erzeugt, oder ob
ein wahres, tief in mein ganzes Wesen eingewebtes Gefühl zum Grunde liegt. -
Bald eile ich über die Alpen, dann in jene Gegend, wo auch milde Lüfte
schmeicheln, auch Mandelbäume blühen, und Rebenhügel winken, und wo mehr ist als
italiänischer Himmel, weil Amanda dort lebt!
Dem ausdrücklichen Verlangen meines Vaters Genüge zu leisten, musste ich hier
auch Biondina di Monforte sehen, eine Bekanntschaft, die ich sonst gern
vermieden haben würde. Ich wurde von ihr mit ausgezeichneter Güte aufgenommen,
und ohngeachtet meines Widerwillens gegen sie, konnte ich mich nicht entalten,
die Reize zu bewundern, die, trotz des herangenahten Alters, noch jetzt an ihr
sichtbar sind, und die, was auch die Kunst für Teil daran haben mag, von einer
seltnen Begünstigung der Natur zeugen. Jedoch fand ich auch dagegen, einen
Ausdruck in ihrem Gesicht und in ihrem ganzen Wesen, der mich unwiderstehlich
von ihr zurückzog, und der, wie ich fest überzeugt bin, auch bei der schönsten
Blüte feuriger Jugend eben dasselbe Gefühl in mir hervorgebracht haben würde.
Mit inniger Befremdung, erinnerte ich mich daher in diesen Augenblicken so
mancher Scene, wo mein Vater, nach einer mehr als zehnjährigen Entfernung seines
Umgangs mit ihr, als der schönsten Zeit seines Daseins mit einem Entusiasmus,
einer Rührung gedacht hatte, der an diesem sonst so sanften und gleichgestimmten
Manne doppelt auffallend war. Bedenke ich aber, wie er hier, in diesem
Paradiese, noch vom Abendrot der Jugend beglänzt, von Liebe und Stolz zu süssem
Genuss eingeladen, sich einem seeligen Rausche hingab, der ihm die magische Binde
so fest um die Augen legte, dass er die unweibliche Anmaassung und Herrschsucht
dieser Frau nicht sah, und alle ihre Fehler den Umständen und der Umgebung
aufbürdete; so wird es mir wiederum sehr begreiflich, dass ihm die hier verlebte
Zeit stets für die Blüte seines Lebens galt. Diese Frau war es, welche meinem
Vater vor Albret den entschiedensten Vorzug gab, und durch diese Kränkung in das
stolze und heftige Gemüt dieses Mannes einen unauslöschlichen Hass gegen den
Begünstigten pflanzte. Dieser Hass ward durch mich, in dessen Anblick er die Züge
seines Feindes wieder fand, aufs neue belebt, und die Begierde, sich durch den
Sohn, an dem Vater gerächt zu sehen, liess ihn mancherlei Pläne entwerfen, deren
Ausführung ihm um so mehr am Herzen lag, da Amanda, deren seltnen Wert er
unwillkührlich anerkennen musste, ihn durch ihr Betragen gegen mich, immer mehr
mit Hass und Rache entflammte. O! wie willkommen, wird ihm in mancher Rücksicht
der Befehl meines Vaters gewesen sein, wodurch er auf meine schnelle Abreise
drang, ohne damals mir selbst die Gründe dieses Verlangens anzugeben! - Und dem
Hass dieses Mannes konnte Amanda ihre Liebe aufopfern? Auf seine Bitten, welche
die Furcht, sie früh oder spät mit dem Sohn seines Todfeindes verbunden zu
sehen, ihm eingab, konnte sie durch ein feierlich gegebenes Wort mir auf immer
entsagen? - Sieh' Barton, wenn ich mir denke, wie Albret selbst das Gelingen
seines Plans triumphirend verbreitete, wie Amanda es Nanetten bestätigte, wie
ich auf meinem letzten, dringend an sie geschriebenen Brief, voll feuriger
Liebe, keine Antwort erhielt, dann glüh' ich von neuem, wie in den ersten Zeiten
jener unseeligen Auflösung; selbst der Anblick des südlichen Himmels, und der
milden, lachenden Natur, die mich hier umgibt, vermehrt nur die Bitterkeit,
womit ich jener nordischen Kälte und Unnatur gedenke, die mich, ach! all zu
früh! aus dem schönsten Wahn meines Lebens weckte, und ich eile, mich zwischen
engen, düstern Wänden einzuschliessen, weil ich den Contrast der heitern, mich
umgebenden Welt, mit der zerstöhrten, die ich im Busen trage, da minder lebhaft
zu fühlen glaube!
                               Vierzehnter Brief
                                Amanda an Julien
Ich schreibe Dir in der seltsamsten Mischung von Wehmut, Ueberraschung,
Schmerzen und Freuden. Ein Augenblick, ein Zufall hat mir so viel Aufschluss über
Zweifel gegeben, die lange mein Leben verbitterten; hat so viele Bilder der
Vergangenheit lebhaft vor meinem Geist geführt, dass ich vor Unruhe und Träumen
kaum zu mir selbst kommen kann. Und warum jetzt diese Entwickelung, diese oft
mit heisser Sehnsucht gewünschte Befriedigung? Warum jetzt erst? Warum sehen wir
das, was wir so sehnlich wünschten, meist erst dann geschehen, wann unsre Freude
darüber nicht mehr ganz rein sein kann? Doch dürfen Klagen nur das herrliche
Gefühl, den süssesten Genuss des Herzens verbittern, der in dem Gedanken der
Ueberzeugung liegt, uns von einem Wesen geliebt zu sehen, welches uns selbst das
Geliebteste war? - Nein! ohne Rücksicht auf Vergangenheit und Gegenwart, ohne
ängstliches Untersuchen, dessen was ist, und was hätte sein können, will ich
mich, dankbar und frei, jetzt ganz diesem schönen Gefühl hingeben, eines der
seeligsten, welches das Menschenherz zu empfinden vermag! -
    Vor einigen Tagen, erhielt ich von Nanetten, die mehrere Jahre lang für mich
so gut, wie aus der Welt verschwunden war, einen Brief, in welchem sie mir,ohne
sich über ihr langes Schweigen zu rechtfertigen, oder unsre vorigen Verhältnisse
zu berühren, eine leichte Skitze ihres bisherigen Lebens gab, und mir dann auf
eine lustige Art ankündigte, wie sie in kurzer Zeit, von ihrem Mann begleitet,
den sie mir aber nicht nannte, auf ihr so lang verlassenes Gut reisen wollte, wo
sie mich ganz gewiss zu sehen hoffe.
    Meine Freude, diese fröhliche, liebe Gestalt aus einer schönen, längst
entflohenen Zeit mir auf einmal wieder erscheinen zu sehen, war äusserst lebhaft,
und ich entwarf sogleich einen Plan, wie ich sie auf eine ihr angenehme Art
empfangen und überraschen wollte. Um meine Ideen auszuführen, musste ich auf das
Gut reisen, um dort vor ihrer Ankunft die nötigen Anstalten zu treffen. Die
Zubereitungen zur Reise, gaben mir Veranlassung, noch einige von Albrets
Papieren zu ordnen, welche ich noch undurchgesehen, aufbewahrt hatte. Ich tat
es, und ein Brief von Eduards Hand fiel mir in die Augen. Mit lautpochendem
Herzen, las ich die an mich gerichtete Ueberschrift - ein schlimmes Verhältnis
hatte ihn in Albrets Hände gegeben. - O! Julie, was fand ich! - Wahrheit,
Irrtum, Sehnsucht, Liebe, - o! unendliche Liebe! - Ich kann Dir nichts weiter
sagen, ich bin verwirrt, beklommen! -Wie Unrecht habe ich ihm, habe ich mir
getan! Lies hier einige Strophen, die ich in Eduards Briefe gefunden habe.
Diese Blüten seiner lieberfüllten Phantasie, werden Dir am lebhaftesten
schildern können, was ich jetzt empfinde:
                                   An Amanda
                                       1.
Oefters wünscht' ich mir schon in seeligen Stunden der Liebe,
- an ihr bebendes Herz, leise das Haupt hingesenkt, -
öfters wünscht' ich mir dann des Todes freundliche Nähe,
rätselhaft fühlet das Herz welches die Liebe erfüllt!
wünscht' ich feig, und voll Furcht, an ihrer Seite zu sterben,
dass ich der Schmerzen vergess', über den Himmel um mich?
Oder erzeugten den Wunsch des Dankes zarte Gefühle,
gern zu vergehen auch da, wo ich zu leben begann?
oder erlieget der Geist dem süssen Taumel der Liebe
wähnet im seeligsten Wahn, länger ertrage ichs nicht?
                                       2.
Immer sind wir vereinigt, so fern das Schicksal uns trennte,
Liebste! ich komme zu dir, oder ich rufe dich her.
Ist mir's im Herzen so weh, und füllen mir Tränen das Auge
eil' ich geistig zu dir - lieblicher Tröstung gewiss.
Schlägt mir voll Freude das Herz, und lieb' ich das freundliche Dasein,
ruf' ich, Amanda! dich her, - höherer Freude gewiss!
                                       3.
Einst, o! zürntest du mir, dass einer Andern ich kos'the,
aber es waren doch stets, Auge und Seele bei dir.
Mit verstohlenem Blick, hieng ich am zürnenden Auge,
schuf mir durch liebende Qual, grausam der Liebe Genuss.
                                       4.
Oft erscheinest du mir, ein überirrdisches Wesen,
das nur Seegnungen hier, spendet in Menschengestalt.
Aber gedenk ich des Bundes, der uns're Herzen verbindet,
wähn' ich, stolzer, dass hier, dich nur die Liebe verweilt.
                                       5.
»Wende, so bat ich dich einst, nie wieder dein Auge voll Seele
nach dem Himmel hinauf, ach! ich erliege dem Blick!
Leben und Liebe, und Hoffnung, ach! Alles wohnt dir im Auge,
was nur belebet und stärkt, alles was freut und erquickt.
Ungenügliche! willst du die Geister, die Engel, den Himmel,
was kein Auge noch sah', auch noch vermählen dem Aug?
Wend', ich bitte nicht wieder, zur Heimat dein himmlisches Auge,
ich ertrage das nicht, willst du denn sterben mich seh'n?«
                                       6.
Herzlich hass ich der Menschen Gewühl, seit ich, Liebste dich kenne,
meinem Herzen so nah, bist du dort immer so fremd.
Einsam war es um uns, da lernt' ich dich, Einzige kennen,
Einsamkeit! mache aufs neu, uns mit einander bekannt!
 
                               Funfzehnter Brief
                                Amanda an Julien
Heute erhielt ich diesen Brief von Eduard selbst. - Wie sonderbar, ist in meinem
Leben, das Licht verteilt! Welche lange, tiefe Schatten, und welche zauberisch
glänzende Beleuchtung! - Und so ist es; wir harren Jahre lang auf einem einzigen
Moment, und dann überrascht er uns doch unerwartet, und im Gedränge von Andern
nicht minder wichtigen. Ich bin in Verwirrung, und doch bin ich ganz frei von
jeder Schuld. Ich liebe Antonio; mein Herz, von seiner Liebenswürdigkeit, seinem
Wert durchdrungen, hat sich der süssen Neigung hingegeben. Für ihn belebt mich
wahres inniges, gegenwärtiges Gefühl, für Eduard vielleicht nur der Nachklang
eines ehemaligen, ein Spiel der Phantasie. Und doch, wie schlug mein Herz, als
ich die Züge seiner Hand erkannte, wie ergriff, durchglühte mich, der Inhalt
seines Briefs! - O! warum bist du selbst mir jetzt fremd, mein einziger bester
Freund! - Komm, eile zu mir, du, dem ich mehr, als mir selbst vertraue, der mir
Jugend und Liebe wiedergab, komm, Antonio, löse alle Zweifel, mit deinem reinen,
umfassenden, menschlich fühlenden Gemüt!
    Lass mich ruhig sein, Julie, lass mich hoffen, dass die Stille meiner Seele
zurückkehrt, und glauben, dass sich alles lösen wird.
    Was ich so tief empfand und als richtig erkannte:dass Wahrheit jedes
Verhältnis rein erhält, und auch das Verworrenste leicht und natürlich löset,
das will ich nun auch üben und durch die Tat beweisen. Alle meine Verhältnisse
sind rein, und sie sollen es bleiben.
    Bald schreibe ich Dir wieder.
 
                               Sechszehnter Brief
                                Eduard an Amanda
Die Auferstehung der Todten ist mir seit diesen Tagen gewiss geworden! - Oder,
ist das nicht eine Auferstehung zu nennen, wenn der Geist und die Liebe, welche
eh'mals den Gegenstand unsrer zärtlichsten Neigung zu beseelen schienen, nach
einer langen Verborgenheit, wo sie sich in undurchdringliche Schleier hüllten,
wieder lebendig werden in der lieblichsten Verklärung, der vollen Glorie des
Wahren und Schönen? - O! es liegt eine Seeligkeit darinnen, sich getäuscht zu
haben, wenn uns die Wahrheit in solchen reinen Formen erscheint!
    Sie erstaunen, Amanda! und wissen nicht, ob ich in frommer Begeisterung oder
in verworrenen Träumen spreche, aber ich bin noch nicht am Ende.
    Denken Sie sich das Bild der Geliebten, in der Seele eines innigen,
unverdorbenen Jünglings; denken Sie es sich in aller Bezauberung einer
ungetrübten Phantasie, in der Unschuld und Liebe des ersten, aufkeimenden
Seelengefühls - denken Sie sich dann dies Bild durch Missverständnisse, durch den
Nebel unglücklicher Verhältnisse, getrübt und entstellt; lassen Sie es so, als
eine Schreckensgestalt, eine Zeitlang die edelsten Ahndungen und Kräfte des
Jünglings zerstöhren - und auch, durch Zeit und Anstrengung von diesem Zustande
geheilt, ihm immerfort wie eine dunkle Wolke, seine heitersten Pläne und
Empfindungen trüben - - und nun zerreissen Sie auf einmal den Nebel,
durchblitzen Sie die Finsternis, dass er die holde Gestalt in ihrer vorigen
Klarheit und Schöne wieder erkennt; - so haben Sie mein Gefühl der Auferstehung,
meine Seeligkeit im Wiederfinden der Wahrheit, Sie haben den Schlüssel zu diesem
Allen, in - meiner Bekanntschaft mit Antonio!
    Ja! Amanda! er ist es, der Dich mir wieder gegeben hat, und mit Dir, Jugend,
Glauben und Liebe! - Ja, als er mir alles, was er von Dir wusste, einfach und
ehrlich gesagt hatte, und nun Dein Bild, rein wie die Gestalt der Madonna vor
Raphäls Geist, wieder vor mir stand, da ward es mir so heilig in der Seele, und
das leise Ahnden einer unsichtbaren Macht erfüllte mich mit Schauer. Wieder, wie
eh'mals belebt mich jenes Vertrauen, jene Liebe, die uns über die Erde erheben.
So folgte ich mechanisch einer Menge Menschen, die sich in einer Kirche
versammelten, wo das Fest eines Heiligen gefeiert ward. Des Tempels
majestätischer Bau, die Musik, das grosse Schauspiel eines zahlreichen, in
Andacht versunknen Volks, alles dies musste mich nur noch mehr beflügeln; mein
Herz vereinigte sich mit der Rührung der Andern, ich fühlte die Gegenwart
himmlischer Mächte, und die Liebe machte mich zum innigsten, glaubensvollsten
Beter, unter der ganzen hier versammelten Menge.
    O! Amanda! ich eile, ich fliege zu Dir! Fühlst Du noch Liebe für mich, so
lass uns vereint in dies Land zurückkehren, hier wollen wir leben, und eine
glühende Gegenwart soll das Andenken einer kalten Vergangenheit auf ewig aus
unsrer Seele vertilgen!
 
                               Siebzehnter Brief
                                Eduard an Barton
Nein! sie ist mit Nichts zu vergleichen, die Gewalt der Liebe! - Wohl ist das
eine Gotteit zu nennen, was alles um und in uns in einem Augenblick verändern,
dem wüsten, kalten Leben einen heitern, glühenden Sinn geben kann! - Und nun
will ich ihr auch ewig ergeben bleiben, ewig ihr ehrfurchtsvoll huldigen, der
Göttlichen, der Herzerhebenden!
    Was geschehen ist, fragst Du erstaunt? - Nichts! - Nichts und doch Alles;
denn fühl' ich nicht, wie Alles um mich her verändert ist, wie die Bäume und die
Blumen wieder, wie ehedem vor meinem Blick in freudigen Tänzen sich bewegen, wie
ich in dem Leben der Menschen, Geschichte und Zusammenhang sehe, und überall mir
wieder Licht und Ordnung erscheint! -
    Ach! diese schöne Begeisterung war so fern, so fern von mir versunken, und
es schien mir ganz unmöglich, jemahls wieder diese Höhe des Gefühls zu
erreichen! So vieles Irrdische, Todte, hielt mich lange, dicht umfangen; ich war
oft ganz darinnen vergraben, und sah nun überall keinen Ausweg, keinen Zweck,
keinen Geist! - Schon hatte ich alles aufgegeben, und nun! - steh' ich nicht mit
einemmal wieder auf jenen heitern Höhen der Begeisterung, und betrachte von da
die Welt, die mir nun lauter liebliche oder rührende Bilder zeigt, und woraus
alles Harte, Verworrene, Gemeine verschwunden ist? Fühl' ich mich nicht empor
gehoben wie eh'mals, über die Menge, die sich da unten um taube Nüsse zerquält;
und hasst, und liebt nicht mein frömmer gewordnes Herz die Menschen inniger, je
mehr ich sie übersehe? - Und wenn ich Dir alles erzähle, so wirst Du vielleicht
lächeln, und wohl viele würden es. Auch kann ich mich recht gut in Deine Ansicht
versetzen, aber dann bitte ich Dich, das einzige zu bedenken, was Dir alles
ehrwürdig machen wird, nehmlich, dass alles, was ich empfinde, unwillkührliche,
tief aus dem Herzen hervorquellende Wahrheit ist.
Seit einiger Zeit, hatte ich die Bekanntschaft eines Fremden gemacht, der,
gleich mir, auch erst seit Kurzem aus Deutschland, ob gleich aus einer ganz
andern Gegend hier angekommen war. Wir waren bei Betrachtung der Kunstwerke in
den Pallästen des Grossherzogs öfterer zusammengetroffen, und hier, wo unser Sinn
von den Eindrücken des Schönen eröffnet war, hatte sich eine schnelle
Bekanntschaft zwischen uns entsponnen, die mit jedem Tage inniger wird.
Wenigstens fühlte ich mich, durch den Geist und die Anmut meines neuen
Bekannten, so sehr angezogen und gefesselt, dass ich es kaum wahrnahm, wie ich
ihm unvermerkt das Merkwürdigste meines vergangenen Lebens mitgeteilt hatte,
ohne dafür von seinen Verhältnissen etwas mehr erfahren zu haben, als dass ich
ihn oft mit feuriger Beredsamkeit, aber im-mer nur im Allgemeinen von seinem
Aufentalt in Deutschland hatte sprechen hören. - Er hatte meine Klagen und
meine Unzufriedenheit, mit dem Leben und den Menschen oft angehört, ohne viel
darauf zu erwidern, aber als ich gestern von einem solchen Moment ergriffen,
wiederum ausrief: »O! schöner Himmel und lachende Erde! O Leben und Liebe! warum
seid ihr mir so fremd geworden? Mein Herz ist todt und vernimmt eure schöne
Sprache nicht mehr!« da sagte er mit einer seltsamen Zuversicht: ich will Sie
dem Leben zurückgeben; Morgen sollen Sie geheilt sein.
    Heute kam er zu mir und sagte, dass er mich in eine sehr angenehme Gegend
führen wolle. Wir kamen an eine Stelle, die romantisch schön war. Eine Grotte,
aus deren Tiefe ein Quell mit kühlendem, klaren Wasser hervor sprudelte. Der
grüne, unbeschreiblich frische Rand des Ufers, und die rötliche Felswand der
Grotte, welche mit überhangendem, grünen Gesträuch bewachsen war, spiegelten
sich in der klaren Flut, und bildeten einen reizenden malerischen Anblick. Hohe
Pinien, die mit ihren schlanken, königlichen Wuchs und dunkelgrünen, schön
geründeten Kronen, jedem Ort, wo sie stehen, ein romantisches, feierliches
Ansehen geben, verschlossen die Aussicht, bis auf eine kleine Öffnung, durch
welche der Blick auf weite, helle Gegenden fiel, wo dichte Wälder von
Fruchtbäumen, mit Saatfeldern vermischt, sich zeigten, wo das hohe Korn im
Schatten der Bäume schwankte, und die Weinranken wie Kränze, von einem Baum zum
andern voll Trauben hiengen, und eine immer fortgehende Laube bildeten. - Hier
verweilten wir, und nach einem kurzen Schweigen sagte Antonio: »Ich habe ihnen
ein Gemälde mitgebracht, und wenn es diesem nicht gelingt, ihr Gemüt zu
erheitern, und sie wieder mit sich selbst zu vereinigen, so gibt es keinen Rat
mehr für sie.« - Hier zog er eine Rolle hervor, die er sorgfältig auseinander
wickelte, und dann an eine lichte Stelle der Grotte hielt, wo das Licht von oben
herab, darauf fiel, und es mit einer unbeschreiblichen Glorie umgab. - Ich sah,
und - erwarte nicht, Barton, dass ich Dir schildern soll, was in mir vorgieng! -
es war Amanda! es war ihr Bild! - ihr Auge, in dessen wunderbare, süsse Nacht ich
mich einst so gern verloren hatte, blickte mich mit heiliger Liebe und
Sehnsucht an, und wiederum ganz wie vormals, hatte ich alles andre vergessen,
sah' und fühlte in der ganzen Welt nichts mehr, als diesen Blick, der mich zu
ihren Füssen warf. Als ich nach einiger Zeit wieder zu mir selbst gekommen war,
erhielt ich von Antonio alle Aufschlüsse, die ich nur wünschen konnte. Er
erzählte mir, wie er Amanda's Bekanntschaft gemacht, wie er ihr Freund geworden
sei, dem sie mit schöner Offenherzigkeit, die Geschichte ihres Lebens und ihrer
Empfindung vertraut habe. Er wusste mir ihre Handlungsweise, wodurch ich mich für
so tief und bitter gekränkt hielt, in ein so helles, richtiges Licht zu stellen,
dass alle Wolken, die mir ihr Bild so lange verdunkelt hatten, auf einmal
zerrissen, und mir ihr Wesen, wieder so rein, so wahr, so menschlich erschien,
wie in den glücklichsten Stunden meines Lebens. - Mein letzter Brief an sie,
worinnen ich sie so herzlich um Aufschluss gebeten, muss durch Zufall, Gott weiss,
in welche Hände geraten sein, denn sie hat nie einen solchen Brief erhalten,
und so fanden wir uns beide durch ein unwürdiges, wesenloses Missverständnis
gekränkt und getrennt, das nur durch die Entfernung, Wesen und Gestalt erhalten
konnte. - Doch warum noch länger an dieser quälenden Vergangenheit denken, da
nun alles so neu, so schön und glücklich ist? -
    Herrlich erscheint mir nun das Leben, jede Freude, jeder Eindruck findet
mein Herz offen und fühlbar, seitdem ich es weiss, dass die alte Liebe in ihrem
Herzen immer neu geblieben ist!
Antonio ist mein Nebenbuhler und ich würde ihn fürchten, wenn ich mich jetzt
nicht allzu glücklich fühlte; aber dem Glücklichen, wohnt Stolz und Kühnheit in
der Brust. - Vor einigen Tagen sagte er mir mit einem scherzhaften Ernst, der
ihm sehr wohl stand: »Mit der Vergangenheit sind sie nun abgefunden, aber nicht
mit der Gegenwart. Denn sie wissen, oder könnten es doch leicht gemerkt haben,
dass mir selbst das Herz für Amanda geglüht. Es dulden, dass Amanda in einem
schiefen, ungünstigen und unwahren Licht vor Ihnen erschiene, dies konnte und
wollte ich nicht. Auch wünschte ich sie von einem Irrtum zu heilen, der noch
immer wie eine dunkle Wolke über Ihrem Leben hieng, aber weiter wollte ich
nichts. Von diesem Augenblick an, wollen wir nichts mehr von einander wissen,
denn zwei Nebenbuhler können nie Freunde bleiben. Ein jeder versuche nun, sich
der Neigung der Geliebten zu versichern, und wir sind einander wieder eben so
fremd wie vorher.« - Mit diesen Worten verliess er mich, und ich habe ihn seitdem
nicht wieder gesehn.
 
                               Achtzehnter Brief
                                Amanda an Julien
Mein ganzes Wesen wird jetzt von einer unbeschreiblichen, nie gefühlten
Reizbarkeit beherrscht, die, wenn sie Krankheit ist, wie Manche behaupten, mich
glücklicher, als die vollkommenste Gesundheit macht. Ich denke fast gar nicht an
meine Verhältnisse und an die Zukunft; meine ganze Seele fühlt nur das schöne
Bild von Antonios Wert und seiner Liebe, fühlt nur das Glück zu wissen, dass
Eduard lebt, und dass er nicht der Liebe unwert war. Empfänglich gibt mein
Gemüt sich jedem Eindruck, jeder Erinnerung hin, wie das leichte Gesträuch der
Birke, zärtlich bei jedem Lüftchen flüstert. - Ich bin hier auf Nanettens Gut;
in wenig Tagen wird sie mit ihrem Gemahl hier ankommen; und ich will sie hier
mit einem ländlichen Fest empfangen. Wie wird sie meine Gegenwart, meine
Erklärung überraschen! Wie ist nun alles zwischen uns wieder so neu, so
jugendlich geworden! Eine Menge Freuden sind wie junge Blumen, um mich
aufgesprosst! Gönne mir das Vergnügen, Dir mit froher Umständlichkeit, meine
kleine Reise zu schildern.
    Ich reis'the gestern Morgen von *** ab; der muntre Ton des Postorns bewegte
wieder mein Herz wie sonst; ich sah das Leben wieder in dem schönen Gewand der
Jugend, der Ahndung, der Liebe, und meine Sinne konnten die Sprache der Natur
verstehen. - Nach einer langen, verheerenden Trockenheit, war jetzt gerade der
erste Regen gefallen, und ein unnennbar frisches Grün labte mein Auge. Die
klaren Regentropfen hiengen an den Bäumen, wie Freudentränen. Wir kamen durch
Buchenwälder, die mich in grosser, schauerlicher Majestät umwölbten. In den
Tälern zogen Wolken, weiss und dicht, wie Schnee; oft sahen hoch oben, noch
Bäume hindurch, und der Himmel schien herabgefallen, die Erde hinangestiegen zu
sein.
    Aber von dem sehr heftigen Regen war der Fluss schnell angeschwollen, und wir
waren genötigt, einen weiten Umweg zu machen, der uns sehr verspätete, und wo
wir uns von einer ganz andern Seite dem Ziel meiner Reise näherten. Schauerlich
krümmte sich der Weg durch einen unendlichen Wald. Hoch stiegen düstre Tannen an
der einen Seite gen Himmel; unabsehbar auf der andern in die Tiefe. Endlich ward
es lichter; die Strasse senkte sich, und wir hielten vor einem kleinen
Wirtshause still. - Ich sah mich um, und es war als rauschten Schleier hinweg.
Auf der einen Seite kühne, grosse Bergmassen; auf der andern ein seeliges Tal,
von Bächen umarmt, aus dessen Mitte ein Eichenwald würdevoll empor stieg. - O,
Julie! was fühlte ich, als ich es nun gewiss wusste, dass ich in *** war, dem Ort,
wo ich mich einst so seelig fühlte! Ein wunderbarer Wahnsinn befiel mich; alle
Büsche, alle Felsen verklärten sich; aus den Wolken, aus den Blumen sah' die
Liebe mich mit trunknen Augen an, in mir tönten freundliche Melodien, und ich
konnte nicht mehr anders als in Rhytmus denken. Die Wirtin erinnerte sich,
mich gesehen zu haben; ich erkannte sie wohl, sie war mir sehr lieb! - Ich
setzte mich in dem dunkeln Buchengang, nicht weit vom Hause, der zu zärtlichen
Gesprächen einzuladen schien. Der Mond warf aus seiner Wolke einen Silberblick
auf den Berg, dass der weisse Fels am Gipfel desselben, wo ich einst Eduard
gesehen, mir wie ein weisses Blütenblatt der Vergangenheit in die Seele schien;
Alles erhöhete meine Stimmung. Und als nun später der Wirtin Mann zurückkam,
und ein liebliches Kind ihm entgegen lief, er es liebevoll im Arm nahm, und die
beiden in schöner Freundlichkeit vor der kleinen Tür des Hauses sassen, da
schien es mir, als blickten selbst die Sterne zärtlich über diese Gebürge, und
es war wohl kein Wunder, dass ich die ganze Nacht von Wiedersehn und Freude
träumte? - Welch ein seeliger Morgen war der folgende! - Ich setzte mich unter
eine hohe Linde, in deren weiten, grünen Welt ein fröhliches Summen lebte. Die
heitre Herbstluft strich durch die Täler, und strahlte in der Ferne, wie
Silber. Es war Sonntag; die rührende Stimme der ländlichen Glocke tönte durch
die stillen Ebnen und rief die Bewohner der niedern Dörfer herauf. - Der Wald
lockte mich unwiderstehlich mit seiner Kühlung, und ich ging hinein. Ueber mir
blickte die Sonne nur verstohlen, wie durch grüne Wolken hindurch, aber mein
Herz war mit so freudigen Bildern erfüllt, dass ich die tiefe Einsamkeit und das
wunderliche Rufen der Waldvögel nicht achtete, und ohne Furcht den Weg
verfolgte. Und bald, bald stand ich wieder da, unter den Klippen wie einst, und
unter mir der herrliche Grund in einem Meer von Sonnenstrahlen schwimmend. Dicht
neben den Klippen, plauderte ein Maienwäldchen, mit dessen kindischen Zweigen
und Blättern ein leichter Morgenwind sein Spiel trieb. Ich blickte auf sie
hinüber, wie in das Land der Kindheit; die Klippen, die undeutlich und wild sich
um mich drängten, wurden mir zur Allegorie der späteren Zeit, und ich flüchtete
mich schnell in die leichten Schatten des Wäldchens, wo ich mit dem lebendigsten
Bewusstsein, alle holden Träume des Kinderlebens mir zurückrief.
    Ich ging weiter. Am Fluss stand ich lange still, von dem Geräusch der Wellen
angenehm betäubt. Träumend sah ich an den hohen Bäumen des Ufers hinab, und ihr
kräftiges Ansehen, das Leichte, Gefällige ihrer Blätter, bewegte mich mit
freudiger Rührung. Die festen, starken Stämme, standen ruhig in der sichern
Erde, indes die hohen, leicht bewegten Gipfel in reinerm Aeter und Sonnenschein
sich wiegten. So, dachte ich, ist der vollendetere Mensch; mit seinem Willen
fest auf sich selbst gestützt, steht er im Leben da, indes die feinsten Getriebe
der Seele, die holden Kinder der Phantasie und des Geschmacks, leicht, wie die
Blätter und Blüten in höhern Regionen säuseln und leben dürfen!
    Ich kam nach Hause, und mein freundliches Stübchen umfieng mich. Mir war
sehr wohl! Es war in mir das Gefühl des freudigsten Wiedersehens. Ich hatte
meine liebsten Wünsche, meine glücklichsten Träume, meine schönsten Bilder, ich
hatte mich selbst wieder gefunden. -
»Wieder mich wähnend,
droben in Jugend,
in der vertaumelten lieblichen Zeit,
in den umduftenden
himmlischen Blüten,
in den Gerüchen, seeliger Wonne
die der Entzückten, der Schmachtenden ward!«
Diese Worte kamen mir so lebhaft und unwillkührlich in den Sinn, dass ich sie
laut sagen musste. Sie begeisterten mich; es war, als flögen die Wände des
Stübchens auf, und es ward zum Tempel. Zauberische Irrgänge, Myrtenhaine und
ein griechischer Himmel umgaben mich von allen Seiten; in der Mitte des Tempels
erschien der Genius der Liebe mit flammen der Fackel; schön bekränzte Jünglinge
und Mädchen tanzten im frohen Gewühl durch einander. - Und sieh'! das ist die
Gewalt des Dichters, dass er durch Eine wahre Empfindung, die er in das
Zauberkleid der Dichtung hüllt, und an ein fremdes Schicksal knüpft, in dem
ähnlich empfindenden Gemüte, eine schöne Kette von Bildern, ein magisches
Gemisch von Wahn und Wirklichkeit hervorrufen kann! -
    Ich dachte nun mit Ernst an die Anordnung der Feierlichkeiten. Die Erfindung
einiger Inschriften, die Verteilung einzelner Gruppen, die Wahl der Plätze und
der Vergnügungen kostete mir wirklich des Nachdenkens genug, denn ich wollte
nicht allein Nanettens Geschmack huldigen, sondern sie sollte auch meinen
eigenen, in diesen Anstalten finden; und beides war nicht eben leicht zu
vereinigen. Indessen hoff' ich doch, dass es mir ziemlich geglückt ist. Die
reizende Gegend hat mir herrliche Dienste getan; manche Stellen scheinen ganz
eigen für meine Ideen geschaffen zu sein, und auf der andern Seite lebt hier so
ein muntres, lustiges Volk, das sich mit ganzem Herzen, einem frohen Tage
hingeben kann, so dass Nanette ohne Zweifel nach Wunsch an die Wirklichkeit
erinnert werden soll. - Bis sie kommen, will ich mich noch ganz an den Reizen
dieser Gegend sättigen; denn nach meinem Sinn, kann ich eine schöne Natur
weniger geniessen, wenn ich sie in geliebter Begleitung sehe. Der reine Genuss der
Natur, ist für Einsamkeit, für Erinnerung und Hoffnung, und da wird selbst die
Sehnsucht zur Wollust.
Sie sind nun da, und uns vergehen die schönsten Tage. Ich genoss die Genugtuung,
Nanetten sogar einige Augenblicke lang gerührt zu sehen. Aber bald erlangte sie
ihre alte Dreistigkeit wieder, mit der sie über Alles scherzen kann. Ihre
Ansichten sind, wie ihr Ansehen, unverändert geblieben, alles Lebendige,
Geschmackvolle, Scherzhafte reizt sie, gefällt ihr, ja sie behauptet sich in
ihren Ideen fast mit grösserer Heftigkeit, aber mit noch eben so viel Anmut, wie
vor dem. - Sie liebt Umgang, und kann nicht ohne ihn leben; doch treibt sie ihre
Laune oft an, über Andre zu spotten; aber sie tut dies mit so viel Witz und
Gutmütigkeit, dass diese Neigung an ihr ein neuer Reiz wird, so sehr auch andre
oft durch sie verunstaltet werden. - Denn öfters habe ich Menschen, die stets
von fremden Fehlern sprachen, geistreich nennen hören, die mir immer äusserst
geistarm vorkamen. Denn wie viel leichter ist es, die Unterhaltung mit dem Tadel
andrer, zu würzen, da dadurch der geheimen Schadenfreude andrer, und dem süssen
Wahn der Ueberlegenheit geschmeichelt wird - als Gespräche zu führen wissen, die
ohne diesen Kunstgriff reizen und unterhalten. Nein, nur wer mit so viel Laune,
Geist und Virtuosität wie Nanette zu spotten weiss, nur der sollte es sich
erlauben!
    Recht sehr überrascht fand ich mich, als ich in Nanettens mir noch
unbekannten Gatten, eine wohlbekannte Gestalt wiederfand. Barton war es, er, den
ich von allen Männern am wenigsten an Nanettens Seite zu sehen erwartet hätte!
Wie sehr sich Nanette an meiner Befremdung ergötzte, kannst Du Dir denken. Sie
scheinen sehr glücklich zu sein; Barton ist ein feiner Mann, der mir jetzt weit
besser gefällt, sei's, weil unsre Verhältnisse oder meine Forderungen an die
Menschen sich geändert haben. Es ist nun alles zwischen uns zur Sprache
gekommen. Und Eduard! - O Julie! wie wahr, wie innig hat er mich geliebt! - Auch
alles, wie er sich nachher benommen hat, da er von meiner Unzuverlässigkeit
überzeugt war, ist ganz so wie es mir gefällt. - Er ist ganz, das geworden, wie
ich mir ihn stets gewünscht, stets gedacht habe. - O! beschützt ihn, gute
Geister der Ferne! beschützt meinen Freund! dass ich ihn nur einmal sehen, einmal
noch in seiner Nähe atmen kann! -
    Und nun Julie! siehst Du, wie alles aus jener Zeit der Verwirrung so licht,
so geordnet geworden ist? O! lass immer das Gefühl walten, es erwählt stets das
Wahre, das Sichre! - Lass uns diese Sphäre lieben, und lächeln, wenn ein Teil
der Männer mit stolzem Mitleid, uns darauf beschränkt glauben. - Mann und Weib
erscheint mir oft, wie Musik und Malerei. Der Mann muss alles aufzuhellen
streben, und sein Wesen deutlich und schön darstellen, indes das Weib ihr Gefühl
in heiliges Dunkel hüllt, und mit kindlichem Vertrauen, ihrem Schicksal entgegen
geht!
Heute erhielt ich diesen sonderbaren Brief von Wilhelm, der, wie ich Dir
vielleicht schon geschrieben habe, seit einiger Zeit mich verlassen hat, um sich
in einer andern Stadt auf eine zweckmässigere Weise, auszubilden:
                                 Liebe Mutter!
»Ich bin nun von Dir getrennt, weil Du es wolltest, und wenn dies nicht wäre,
und ich mir nicht so oft sagte, dass es Dein Wille ist, so wäre ich schon längst
zurückgekehrt. - Ich fühle es täglich, dass ich in der Welt keinen Menschen, als
Dich habe, für den ich lebe, dass ich nichts, gar nichts in der Welt habe, als
meine Liebe zu Dir, in der ich aber so reich bin. - O! ich hoffe, ich darf Dir
alles schreiben, was ich fühle, denn ich habe ja Niemanden, dem ich mich
mitteilen möchte; nicht aus Demut, sondern aus Stolz. Es ist mir oft, wenn ich
Andern meine Empfindungen sagen will, als wollt' ich Bettlern oder Unwissenden,
Banknoten hingeben, und sie müssten mich auslachen, weil sie glaubten, ich wollte
ihrer, mit dem Papier, wofür sie sich kein Brod kaufen können, spotten. - Sieh'
so steh't es mit mir; Du, liebe Mutter, bist das einzige Wesen, dem ich
angehören kann. Lass mich Dir ewig dienen in dem schönen Gewande, das Du mir um
die Schultern gelegt hast, und das mit vollen malerischen Falten über ein Herz
herunter wallt, worein Dein Bild so lieblich und treu gezeichnet ist, und das so
gut ist, als Du Dir nur denken magst. -Ja mein Herz, ist mein einziger Stolz,
mein einziger Trost, es müsste dann Deine Liebe verlieren, dann - ja, dann wäre
ohnedies alles verloren. Aber Du wirst Dein Geschöpf nie aufgeben, und ich darf
also sagen, dass mein Herz, in welchem Du lebst, mein einziger Trost, so wie mein
Kopf, meine einzige Stütze werden soll. - Mutter! ich werde Dir dann ähnlicher
sein - welch' eine Wollust ist mir der Gedanke, Dir ähnlicher! - Auch Dir ist
Dein Herz, einziger Trost gewesen, und Dein Kopf mit der freundlichen Stirn, mit
der hohen, feinen Miene, und der Schwermut in den schwarzen Augen, und der
Liebe, der süssen und ernsten Liebe auf den Lippen. - Zwar habe ich Deine Leiden
nie einsehen können, denn Du wurdest ja immer von allen geliebt, was Dich umgab,
und durftest wählen, und konntest doch alle entbehren, weil Du in Dir selbst so
reich warst, aber doch habe ich gefühlt, dass Du littest, und wie gross muss Dein
Herz sein, dass Du bei Deinen eignen, vielleicht sehr verwickelten Verhältnissen,
allen Deinen Freunden mit Deinem Rat und Deiner Liebe dienen konntest, als
wär'st Du selbst von allen Sorgen gänzlich frei! - Auch ich hatte an dieser
Vorsorge Anteil, und o! ich bitte Dich nochmals dringend! lass sie nie enden,
lass mich nie frei sein! Diese Freiheit ist mir schrecklich, frei wie ein
Einsiedler! - O! Mutter! Es wird Dir gewiss einst wohltun, einen Menschen, dem
Du so viel gegeben hast, durch Dich und um Dich gross und gut werden zu sehen! -
O könnte ich die Seeligkeit des Gefühls mit Dir teilen, das sich jetzt in
meinem Herzen voll und wohltätig ausbreitet! In diesem Moment fühl' ich innig,
wie viel besser, wie sehr gut ich schon durch Dich geworden bin. Dank, ewigen
Dank! - Das Band, welches mich an Dich bindet, kann nicht mehr zertrümmern, denn
Du hast so unendlich viel in mir erschaffen, was nicht aufhören, sondern immer
wachsen muss. Du hast durch Deine Vortrefflichkeit, jede Art von Liebe in mir
erregt. Ich ehre und liebe die Natur, die ein Geschöpf, wie Dich hervorbringen,
die eine solche Schöpferin schaffen konnte. - O! dass Du einst mit Freuden auf
mich, als Dein Werk sehen mögtest! Schreibe mir nur wenige Worte, ob es Dir
wohlgeht, denn sonst muss ich gleich zu Dir hin, weil mich die Angst der
Ungewissheit tödten würde! - Und, dann schreib mir auch, ob Dir mein Brief
gefällt, und was Du nicht gerne von mir hörst, damit ich Dir mit freiem und un
gedrücktem Herzen wieder schreiben kann, denn ich würde gewiss ewig jede Zeile
beweinen, mit der ich Dir Verdruss gemacht hätte!«
                                                                        Wilhelm.
Ich gestehe Dir Julie, dass ich diesen Brief nicht ohne Tränen habe lesen
können. - Es ist eine Innigkeit darinnen, die unverkennbar aus dem Herzen kömmt,
aber, was mich so unendlich schmerzt, - aus einem beklommenen Herzen. - So wert
mir Wilhelm immer war; so wenig hab' ich doch, wie mir nun klar wird, auf das,
was in ihm vorgieng, geachtet. - Seine innige Anhänglichkeit, nahm ich für die
natürliche Ergebenheit eines dankbaren Kindes, sein Schweigen, seine stille
Trauer in der spätern Zeit, für Ruhe oder Ge fühllosigkeit. - So entüllt doch
meist erst die Entfernung, was in der Gegenwart verborgen blieb, und der
Buchstabe kann oft leichter verkünden, was der Mund sich zu bekennen weigert!
Indessen seh' ich keine nachteiligen Folgen für den Jüngling voraus - Ich stand
ja vor ihm in allen den Beziehungen da, die nur die schönsten Gefühle des
Herzens erwecken können, so dass das seinige wohl natürlich sich so an mich
gebunden fühlen musste; und diese frühe Neigung, glücklich geleitet, vermag über
sein ganzes Leben den schönsten zauberischen Duft zu hauchen, der alle Blüten
desselben mit höhern Reizen beleben, und vieles Schädliche von ihm entfernt
halten wird. Und zuletzt - wird irgend ein äussrer oder innrer Umstand diese
Ewigkeit zertrümmern, wohl ihm, wenn ihm dann die Innigkeit der Empfindung
bleibt, ob gleich er mit dem Gegenstand wechselt!
    Ich scheide mit heiterm Herzen von Dir! - alle unangenehmen Eindrücke sind
weit von mir entrückt, die Natur umfasst mich, entüllt, und verhüllt die Welt
vor meinem Blick! Ich fühle es innig, das ist die süsse, reine Gegenwart, das
wahre Leben, das nichts will, und alles in sich fasst, und das ich nicht
beschreiben mag, denn wer es je besass, der kennt es, und würde es vielleicht
nicht wieder erkennen, wenn er es beschrieben fände.
 
                               Neunzehnter Brief
                                Amanda an Julien
Ich bin, seit ich Dir nicht geschrieben habe, sehr ernstlich krank gewesen, und
der Arzt hat mir als Mittel zur Wiederherstellung meiner Gesundheit, eine Reise
verordnet, die ich in wenig Tagen, anzutreten gedenke. Es war wohl kein Wunder,
dass die Erschütterungen meines Gemüts, auch auf den Körper Einfluss hatten, aber
was man mir auch von dem Bedenklichen meines Zustandes sagen mag, so fühle ich
doch meinen Geist unbeschreiblich heiter und frei, und meine ganze Stimmung
ungewöhnlich erhöht und freudig. - Ich werde nach Lausanne reisen, weil ich mir
von den Reizen des dortigen Klimas und der Gegend den angenehmsten Genuss
versprechen darf, und eine geheime Sehnsucht mich wieder nach diesem Ort, den
ich schon kenne, hinzieht.
Ich endige diesen angefangenen Brief an Dich, erst auf der Reise. Ich bin in * *
* und habe heute gewiss einen der merkwürdigsten Tage meines Lebens verlebt.
Meine Reise bis hieher war glücklich, zwar hatte die Trennung von jener Gegend
und meinen Freunden mich tief gerührt; auch die andern überliessen sich der
heftigsten Trauer, und Nanette war in einer Bewegung, wie ich sie nie gesehen
habe. Doch hat mir der wohltätige Einfluss der Reise, meine vorige Heiterkeit
zurückgegeben, und ich hoffe, dass auch meine Freunde nun wieder freudig an mich
denken werden. Doch nun zur Schilderung des heutigen Tages, dessen Eindrücke
noch meine ganze Seele beschäftigen.
    Ich wollte diesen Ort nicht verlassen, ohne die Einsiedelei besucht zu
haben, die vor mehr als hundert Jahren von einem Eremiten in einer kleinen
Entfernung von der Stadt angelegt worden ist, und noch jetzt von einem Kapuciner
bewohnt und unterhalten wird. Romantischer als die Gegend, worin diese
Einsiedelei liegt, vermag die fruchtbarste Einbildungskraft sich nichts zu
denken. Hohe, steile Felsenwände, die von der Allmacht eines Gottes aus einander
zerrissen zu sein scheinen, umschliessen ein enges, tiefes Tal, das aber nichts
Furchtbares, nichts Beängstigendes hat, weil es, nach beiden Seiten hin,
freundlich geöffnet, sich in einem fernen, lachenden Grund zu endigen scheint.
Ueber das tiefe Bett eines reissenden Bachs, führte von einem Felsen zum andern,
eine Brücke zu der Wohnung des frommen Einsiedlers. In der kleinen niedlichen
Hütte atmete alles Ruhe, Andacht und Genügsamkeit; nutzbare Pflanzen und
Kräuter blühten in dem Gärtchen vor der Wohnung, und einige sorgfältig
gepflanzte Blumen, besonders Rosen, gaben dieser Wildnis einen unbeschreiblich
rührenden Reiz. Ich fühlte meine Seele von dem heiligen Einfluss dieser Stelle
durchdrungen, der noch mächtiger wurde, als ich die ehrwürdige Gestalt des
Einsiedlers erblickte, der mich mit stiller Freundlichkeit begrüsste. Die Ruhe in
seinen Zügen, die hohe Freudigkeit in seinem reinen, himmelblauen Auge, war
nicht Stumpfheit oder Zerstöhrung aller menschlichen Gefühle und Wünsche, nicht
wesenlose, kranke Schwärmerei - nein! es war die glückliche Auflösung aller
Zweifel des Lebens, die Sicherheit vor jedem innern Kampf, die freudige
Entscheidung der den Menschen wichtigsten Fragen, die Ahndung einer schönen
Zukunft. - Meine Begleiter waren am Fuss des Felsens zurückgeblieben, und ich
setzte mich mit dem Einsiedler auf die Rasenbank vor der kleinen Hütte, wo
unschuldige Blumen uns umrankten, und die heiterste Bergluft uns umsäuselte. -
Hier fanden wir uns bald in Gesprächen vertieft, wie sie nur von Menschen
geführt werden können, deren Inneres ohne Falsch ist, und die sich durchaus in
keinen Verhältnissen des Lebens berühren, als in solchen, welche den Menschen
allgemein und heilig sind. - Ich konnte ihm alle meine Ideen, meine Zweifel und
Hoffnungen über Leben und Tod, alle meine Wünsche und Neigungen frei entdecken,
und fand in seinen einfachen Gegenreden, Beruhigung, Sicherheit und Freude. Dir
alle unsre Gespräche, der Folge nach, mitzuteilen, ist mir unmöglich, obgleich
meine ganze Seele, noch mit ihnen erfüllt ist, aber ich will hier einige
Fragmente seiner Gespräche hinschreiben, in welchen Du seinen Sinn aufs
getreueste übergetragen findest, wenn es auch seine Worte nicht immer sein
sollten.
Es gibt Eine Religion, sagte der fromme Einsiedler, welche allen andern
Religionen vorhergieng und zum Grunde liegt, und wer sie erkennt, dem geht eine
Klarheit auf, in welcher er den Zusammenhang Aller einsieht, und welche Licht
über alle Verhältnisse sterblicher Wesen verbreitet. - Die Gotteit hat ihren
Dienst selbst geoffenbaret; es war eine Zeit, wo Götter mit den Menschen
umgiengen, wo wirkliche Göttergestalten lebten. Daher die Heiligkeit des fernen
Altertums; je höher hinauf, je mehr Grösse, Einfachheit, Göttlichkeit; alles
deutet darauf hin. Das, was wir Myte nennen, ist nur der ferne vielmal
gebrochne Widerhall einer ehemaligen Wahrheit, nicht die Menschen erfanden es,
sondern es war, und ich hoffe, dies wird einst bewiesen werden; diese Wahrheit,
welche die fromme Vorwelt glaubte, und die Mitwelt vergisst, wird einst das
sichre, klare Resultat der Nachforschung, der Wissenschaft, der Weisheit sein! -
Erstaunt werden die Menschen dann mit Ueberzeugung anerkennen müssen, dass das
Morgenland die Wiege der Menschen, der Aufentalt der Götter war, welche die
Menschen einst ihre unmittelbaren Offenbarungen würdigten, und dass alle
Religionen dieses Ursprungs des einzig Wahren, sind!
    Und warum sollten Offenbarungen nicht möglich, nicht wirklich sein? - Ich
selbst habe die Stimme Gottes, öfters laut in meiner Seele vernommen, ein
unwiderstehlicher, seeliger Drang, hat mich hinaufgezogen in den blauen,
endlosen Aeter, wo eine Stimme mir zurief: »Hier bin ich! hier ist Wahrheit!« -
Ich weiss es gewiss, dass ich ein Teil seines Wesens bin. So wie der Aeter durch
die Feinheit seiner Teile überall eindringt, ohne verletzt zu werden; so bleibt
der allentalben gegenwärtige Geist in Allen, ohne verändert zu werden; und wie
eine einzige Sonne die ganze Welt erleuchtet, so erhellt der Weltgeist alle
Körper. Diejenigen, welche mit den Augen ruhiger Weisheit wahrnehmen, dass Körper
und Geist also unterschieden sind, und dass es für den Menschen eine endliche
Trennung von der animalischen Natur gibt, die gehen in das höchste Wesen über.
Auch die werden mit ihm vereinigt, deren Werke nur ihn zum Gegenstand haben, die
ihn als das höchste Wesen betrachten, ihm einzig dienen, allem persönlichen
Vor-teil entsagen, und ohne Hass unter den Menschen leben.
    Doch soll der Mensch nicht untätig, ohne Anteil, und als wäre er ohne
Sinne, seine Tage auf der Erde verleben. Der Mensch soll handeln; er darf seinen
natürlichen Neigungen folgen, seine Wünsche zu erfüllen streben, und die Freuden
der Erde unschuldig geniessen. Und nur dann wird er schuldig, wann er sein Gemüt
ganz dem Irrdischen und Vergänglichen hingibt, das ihn immer mehr mit Unruhe
und niedrigen, dunkeln Leidenschaften erfüllt, und ihn, des in ihm wohnenden
Gottes, und seiner eigentlichen Heimat ganz vergessen lässt. Der Mensch
hingegen, welcher bei Erfüllung seiner Lebenspflichten, fern von eigennützigen
Bewegungsgründen, ohne ängstliche Unruhe wegen des Erfolgs seiner Handlungen,
nur das höchste Wesen vor Augen hat, der bleibt, mitten im Geräusch der Welt,
rein, wie die Alpenrose von Klippen und Verheerung umgeben, unberührt ihre
reinen und süssen Düfte aushauchet. Ein solcher praktischer Mensch, welcher die
Pflichten seines Lebens, bloss durch seinen Verstand, sein Gemüt und seine Sinne
vollzieht, ohne dass dadurch die Ruhe seiner Seele gestöhrt wird, der, um seiner
innern Reinheit willen, allen persönlichen Vorteil entsagt, und den Erfolg der
Handlung nicht achtet, der gelangt zu einer unendlichen Glückseeligkeit, während
der Unbeschäftigte, welcher dabei irdische Wünsche in seinem Herzen trägt, in
den Banden der Sklaverei bleibt.
    O! es wird eine Zeit kommen, wo alle Menschen wiederum niederfallen, vor dem
ewigen Wesen, das
    alle Religionen versteht! und ich ahnde, hoffend, dass sie nicht fern ist!
    Geniesse die kurze Zeit, die dir noch vergönnt ist, sagte er, - indem er mir
mit einem wunderbaren Ausdruck von Rührung und Mitleid ins Auge sah, - der Erde
und der Gegenwart. Folge deinen Neigungen, wenn sie wahr und natürlich sind,
aber verehre in deiner Seele, unermüdet, das Göttliche, was du in dir fühlst,
und lass dein Gemüt, nicht von den irrdischen Sorgen und Freuden mit Unruh
erfüllt, und herniedergezogen werden.
Es war spät geworden, als ich den heiligen Bewohner der Einsiedelei verliess. Die
Sonne ging mit namenloser Herrlichkeit unter, und strahlte einen überirdischen,
goldnen Schimmer an die Häupter der fernen Schneegebürge! »Sonne! - sagte der
fromme Bruder, mit sanft erhöhter Stimme, aber immer gleicher, ruhiger Miene, -
Du bist mir das Bild der Gotteit! und du reiner Aeter, der, allgegenwärtig
Alles durchdringt! und wie der Liebende das Bild seiner Geliebten verehrt, also
ich euch!«
    Ich bat meine Begleiter unter dem Vorwand einer kleinen Unpässlichkeit - und
wirklich fühlte ich mich körperlich nicht ganz wohl - mir meinen Beitrag zur
Unterhaltung für heute zu erlassen, und kam schweigend, aber voll ernster,
wunderbarer Eindrücke nach Hause.
 
                               Zwanzigster Brief
                                Amanda an Julien
Ich bin nun in Lausanne am Ziel meiner Reise angelangt, wo ich mehrere Monate
zubringen werde. Der Himmel ist mir so freundlich, dass er die schönsten
Herbsttage herabsendet, die nur je die Erde mit ihren blühenden Kindern, für den
nahen Abschied der geliebten Sonnenwärme, schadlos gehalten haben. - Ich fühle
mich unbeschreiblich wohl, ob gleich ich es, der Behauptung meiner Begleiterin
nach, nicht sein soll. - Gestern fuhr ich auf dem Spiegel des Sees, und genoss
eines wunderbar schönen Abends. Das leuchtende Auge des Tages blickte, nach
einem, für diese Jahrszeit ganz ungewöhnlich heissen Tage, noch einmal durch
dunkle Wolken über die glühende Erde, und verbarg sich hinter die Gebirge; nur
an den hohen Berghäuptern schimmerte der feurige Schein. Drohende Gewitterwolken
zogen wie ein furchtbares Kriegsheer vorüber, und schauten übermütig herab, auf
die reifen, schwellenden Früchte, und die bunten, lächelnden Blumen, die sie in
einem Augenblick zertrümmern konnten. Schwer atmeten die Geister der Lüfte, die
Vögel waren verstummt. Da nahte der freundliche Abend, und schlang um die
glühende Erde seine leichten Schattenarme. Die Natur schöpfte wieder Atem und
verhüllte sich in den zarten Schleier der Dämmerung. Der See schien zu
verweilen; Phöbe blickte im Glanz ihrer Gotteit in die Wellen und nur leise
Schatten und ein dreimal süsseres Düften der Pflanzen und Bäume, bezeichneten den
ambrosischen Hauch der Nacht. Ganz den Eindrücken der Natur hingegeben, erfüllte
sich mein Herz mit heiliger Sehnsucht. Ihr goldnen Stralen, dachte ich, ihr
Stimmen der Lüfte, ihr aus den Wäldern hervorquellenden Ahndungen, ihr seid
Bilder einer andern Welt! ihr lockt das Gemüt von der Erde hinweg - und du,
schöne Liebe! was bist du anders, als ein Wiederschein aus jener schönern Welt!
- O! zu sterben im seeligen Gefühl der glücklichen Liebe, welcher Tod könnte
schöner sein? - Dann schwänge sich die Seele auf feurigen Wolken gen Himmel, wie
einst Auserwählte, Lieblinge der Gotteit, und empfände den Tod nicht!
Ich habe seit Kurzem mehrere Briefe von Antonio erhalten, die so schön sind, dass
ich sie Dir gern mitteilen würde, wenn ich mich von ihnen trennen könnte, und
zum Abschreiben jetzt nicht zu träge wäre. Alles, was er mir schreibt, atmet
die innigste Liebe, hohe Geistesfreiheit, reine natürliche Ansicht unsers
Verhältnisses. Ich fühle, dass ich diesen Mann anbeten und lieben muss, und warum
sollte ich nicht? - Die Behauptung, dass wir nur Einmal, nur Einen einzigen
Gegenstand lieben können, ist ein phantastischer, ja schädlicher Irrtum. Wir
begegnen im Leben mehrern Wesen, zu denen uns die Neigung hinzieht, und die wir
lieben könnten, wenn die Mächte des Schicksals die zarte Blume zur Reife
brächten, denn diese Neigung allein ist nicht Liebe zu nennen. Freilich wird
derjenige seltner gerührt, dessen eignes Wesen seltner ist, freilich rührt uns
ein Gegenstand schneller, ein andrer langsamer, und wir werden desto stärker
angezogen, je mehr wir in dem fremden Wesen, Eigenschaften finden, die uns die
liebsten sind, und dann ist die Liebe am schönsten und vollkommensten, wo das
Schönste, Edelste im Menschen bewegt und befriedigt wird. Aber Fehler selbst
können Liebe erregen, und fester verbinden.
O Julie! wie soll ich Dir sagen, was geschehen ist! - Er ist hier, Eduard ist
hier! Er atmet wieder in meiner Nähe! - Er war auf der Reise nach ***;
unterweges erfährt er, dass ich hier in Lausanne bin; er eilt hierher;
unvermutet treffen wir uns - o! wie sollte ich es wagen, Dir diesen Augenblick
schildern zu wollen? - Alles, Alles ist vergessen, und ich sehe ihn
liebenswürdiger, liebender und geliebter als je! Wir leben wieder, und
glücklicher, in jener glücklichen Zeit; die Jahre, die dazwischen liegen, sind
eingesunken, über ihre Trümmer drängen sich die Blumenranken jener Zeit frisch
und unversehrt hervor, und alle Knospen entfalten sich, zu den vollsten,
herrlichsten Blumen. - Welch eine Gegenwart! - Lass mich schweigen; denn die
Sprache kann zwar das Glück der Vergangenheit und Zukunft schildern, aber die
Seeligkeit des Augenblicks entzieht sich ihrem Ausdruck, gleich einem heiligen
Geheimnis, das nicht ausgesprochen werden darf.
Ich muss Dir schreiben, Julie, - die Tage entfliehen - aber erwarte nur Fragmente
von mir. Ich bin verwirrt, seelig berauscht! - Oft fühl' ich mich den
Himmlischen nahe, und vernehme die Sprache freundlicher, unsichtbarer Mächte,
leise, aber zuversichtlich in meiner Seele! Ganz in Liebe und Harmonie
aufgelös't, tönet die erhabene Musik der Sterne und Welten, in mein Gemüt, die
leichte Scheidewand verweht, und entkörpert tauche ich mich in das unendliche
Meer der Liebe, worinnen die Wesen unsterblich sind! -
    Gestern - Dir das zu erzählen ist heute der Zweck meines Schreibens -
gestern fuhren wir nach Hindelbank, um das berühmte Grabmal von Nahl zu sehen. -
Auf der Reise machte Eduard unsre Verbindung zum Gegenstand aller unsrer
Gespräche. Stolz, feurig und leidenschaftlich, wie er ist, war ich schon die
ganze vorhergehende Zeit mit Bitten, bald, ohne Verzug darein zu willigen, von
ihm bestürmt worden; aber, immer stellte sich Antonios Bild, seinen Wünschen
entgegen; ich musste diesem schreiben; wollte einen Brief von ihm erwarten, und
so hatte ich mutig widerstanden. - Wir kamen an das Grabmal, und da man die
Vorsicht gebraucht hatte, schon vorher die nötigen Läden zu öffnen - was sonst
oft den vollen Eindruck stöhrt - so sahen wir es gleich bei'm Eintritt gehörig
beleuchtet, und empfanden den ganzen Eindruck dieses Kunstwerks. - Ich hatte es
vorher noch nie gesehen, und würde Dir es zu schildern versuchen, wenn es nicht
schon so oft beschrieben worden wäre. Wehmütig gerührt stand ich vor dieser
himmlischen Gestalt, die im Leben für eine der schönsten ihres Landes galt. Die
Nähe des geliebten Mannes, der im blühenden Leben vor mir stand, erfüllte mich
in diesen Augenblicken, mit schmerzlicher Freude; ich fühlte mich glühender, als
je zu ihm hingezogen, und wunderbare Bilder und Ahndungen von Leben, Tod und
Unsterblichkeit, zogen mich in eine tiefe, namenlose Betäubung hin, in der ich
lange schweigend dastand. Die geliebte Stimme weckte mich endlich wie der Ruf
der Engel die Todten. »Teure Amanda,« sagte diese Stimme, die mir in's Herz
drang, sieh' das Leben ist flüchtig, und das Schönste vergänglich, kannst du
noch zögern wollen? - Ich konnte nichts antworten, die Welt verschwand mir, und
ich sank an seine Brust.
Wir sind verbunden. Hier, ganz so wie es Eduard wünschte, war unsre Trauung;
hier ward auch für Andre der Bund bestätigt, den Neigung, Vertrauen, Phantasie
und Wahrheit, nur selten so schön schlingen, der Bund, der - ich glaube es fest
- nur selten in seiner wahren Bedeutung und Reinheit, zwei so glückliche Seelen
verband. - O! Julie, so war es keine Täuschung? kein vergänglicher Wahn der
Jugend? - Nein! es gibt Ahndungen, die durch das Leben gehen! - Sie sind die
Stimmen eines höhern Geistes, der in uns wohnt, und das ergebne Gemüt vernimmt
sie, und folgt ihnen! -- Ich muss weinen, Julie, denn ich bin zu glücklich.
Welche Tage hab' ich verlebt, welche erschütternde Scenen! - Ich will Dir es
schildern, so lange es mir die heftige Bewegung, in der ich noch bin,
verstattet.
    Ich halte mich für krank, so lang ich allein bin, aber kaum seh ich Eduard,
so fühl' ich keine Schmerzen mehr.
    Wir hatten beschlossen, in Gesellschaft einiger Freunde, eines der
merkwürdigsten Gebürge dieser Gegend zu besteigen. Zwar fühlte ich vorher,
einige Anwandlung von Krankheit, doch verbarg ich sie vor den andern und vergass
sie über den Freuden und der wohltätigen Anspannung der Reise bald selbst. Wir
hatten uns mit allem versehen, was uns die Beschwerlichkeiten des Wegs versüssen
konnte; unsre Begleitung war munter und jovialisch und die mannichfaltigen
Genüsse und Freuden unsrer Unternehmung liessen uns die Mühseligkeiten derselben,
gänzlich vergessen, obgleich diese, ich gestehe Dir's gern, nicht unbedeutend
waren. Oft musste ich mich sorgfältig hüten, irgend einen neugierigen oder
ängstlichen Blick in die schaudervolle Tiefe an meiner Seite hinunter zu tun,
weil ich dann schwindelnd, leicht dem Blick selbst, hätte folgen können, und
beinah schien es mir unmöglich, die letzten steilen Pfade, die zum Gipfel
führten, hinauf zu klimmen. Doch tat ich es mit Anstrengung aller Kräfte. Und
als ich nun oben stand, und alle Berge entschleiert, alle Täler entnebelt, und
die zahllos um mich verbreiteten Wunder sah, da fand ich mehr, als die reichste
Entschädigung. Keine Sprache vermag die Empfindungen des Erstaunens, des
Entzückens und des Entsetzens auszusprechen, die durch diese Aussicht erregt
wurden, und keine Kunst das unermessliche Naturgemälde zu fassen, das hier nach
allen Seiten hin, sich ausbreitet. - Eduard und ich erinnerten uns jetzt
lebhafter als je, aller Scenen unsers ehemaligen Umgangs, jedes
gemeinschaftlichen Genusses der Natur, jeder einsamen und geselligen Freude, und
sahen nun mit inniger Begeisterung, wie das Schicksal uns jede vormalige Freude,
nun freier, romantischer, feuriger und begeisternder wiedergab.
    Als wir zurückgiengen - o Julie! wie werde ich Dir das schildern können, da
ich schon bei der Erinnerung, mein Blut in den Adern erstarren fühle? - Wir
hatten einen andern Weg zurück genommen, der aber bald zu unserm Entsetzen,
grausenvolle Abgründe zur Seite hatte, und bei jedem Schritt uns mit
Lebensgefahr drohte. Auf einmal sah' ich Eduard, der vor mir hergieng,
ausgleiten, und in die fürchterliche Tiefe verschwinden. - Besinnung und Leben
entwich mir in diesem grässlichen Augenblick, und ich kam nicht eher wieder zu
mir selbst, als am Fuss des Berges, wo ich mich auf dem Rasen sitzend, und den
Geliebten lebend an meiner Seite wieder fand. Er hatte im Fallen, noch
glücklicher Weise ein Felsstück ergriffen, das fest genug lag, um nicht mit ihm
hinabzustürzen, und war so mit einigen, nicht gefährlichen Verletzungen, der
schrecklichen Lebensgefahr entkommen. Mich hatte mein Führer bei'm Hinsinken
noch schnell genug ergriffen, und mich so bewusstlos, mit vieler Mühe den Berg
hinunter getragen. - Doch ich fühle, wie ich bei dieser Erinnerung von neuem, in
eine kranke, heftige Erschütterung geraten bin, und ich muss eilen durch die
Gegenwart des Freundes wieder zu genesen.
Dies waren die letzten Briefe, welche Amanda an ihre Freundin schrieb. Das
heftige Schrecken bei der Gefahr ihres Freundes, zog ihr ein Fieber zu, das bei
ihrer schon vorher wankenden Gesundheit, gefährlich, und in wenig Tagen tödtlich
ward. Sie starb in den Armen ihres Geliebten, in dem seeligen Gefühl des
höchsten Glücks, der vollsten Blüte ihres Lebens, und fühlte den Tod nicht.
Wenige Stunden vorher schrieb sie an Eduard noch diese Strophen nieder:
Ich lasse Dich - doch bald siehst Du mich wieder,
Die trennt kein Tod, die wahres Leben band,
im Irisbogen, steig ich zu Dir nieder
in Frühlingssprossen biet' ich Dir die Hand,
und rühren Dich der Saiten goldne Lieder,
es ist mein Geist, der Dir dies Spiel erfand.
So wird Dein Schutzgeist nie von Dir sich trennen,
und wenn Du stirbst, wirst Du mich froh erkennen.
Diese Briefe kamen in meine Hände, und ich hielt sie für interessant genug, sie,
nach einigen vorhergegangenen, nötigen Abänderungen, der lesenden Welt
mitzuteilen; sie mag verzeihen, wenn ich in meinem Urteile zu voreilig gewesen
bin. Eduards Gemüt, war tief zerrüttet; denn er hatte, mit der ganzen Innigkeit
seines Wesens geliebt; doch vom Untergang rettete ihn die Gesundheit seiner
Seele. Allgemeine, grosse Ansichten des Lebens breiteten um ihn die mächtigen
Schwingen, und linderten seinen brennenden Schmerz; aber das Glück war für ihn
verloren; er begehrte es auch nicht mehr, und eine tiefe Sehnsucht, eine schöne
Trauer, wohnte von dieser Zeit an, in seiner sonst so heitern Seele.
    Von Antonios Leben, ist mir nichts weiter bekannt geworden; aber Wilhelm ist
zu einem sehr vorzüglichen Menschen herangewachsen. Der Tod seiner von ihm
angebeteten Mutter, brachte ihn am Rand des Wahnsinns; aber ihr Andenken, ist
der Genius seines Lebens geblieben.
 
    